The Project Gutenberg EBook of Moderne Geister, by Georg Brandes

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Title: Moderne Geister
       Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert

Author: Georg Brandes

Release Date: August 4, 2015 [EBook #49603]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MODERNE GEISTER ***




Produced by Jana Srna, Norbert Mller and the Online
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[Illustration: Portaits]




                           MODERNE GEISTER.

                        LITERARISCHE BILDNISSE
                               AUS DEM
                       NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERT

                                 VON

                            GEORG BRANDES.

            VIERTE, VON NEUEM DURCHGESEHENE UND VERMEHRTE
                               AUFLAGE.


                        MIT EINEM GRUPPENBILD.


                            FRANKFURT A/M.
                         LITERARISCHE ANSTALT
                           RTTEN & LOENING
                                1901.


_Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung vorbehalten._




                               VORWORT.


Es ist bekannt, wie zu Anfang dieses Jahrhunderts mehrere hervorragende
Dnen das Brgerrecht in der deutschen Litteratur zu erwerben gesucht
haben. Seitdem ist der Versuch von keinem dnischen Schriftsteller mehr
wiederholt worden. Ganz zu geschweigen von der politischen Spannung
zwischen Deutschland und Dnemark, sind jene Beispiele theils nicht
verlockend, theils nicht massgebend gewesen. Der grosse Neugestalter
der dnischen Sprache, Oehlenschlger, legte dem deutschen Publikum
seine Arbeiten in einem Deutsch vor, das so vllig allen Reizes
entbehrte, dass er es hier zu Lande nur zu dem Ansehen eines Dichters
dritten Ranges brachte. Die Erfolge aber, welche geringere Geister,
die Baggesen und Steffens errangen, waren bei dem Einen durch eine
wahre Chamleonsnatur und ein in seiner Art einziges Sprachtalent, bei
dem Zweiten durch die vollstndige Lostrennung von der Muttersprache
bedingt.

Der Verfasser dieses Buches, der durchaus kein Chamleon ist und
seine Muttersprache keineswegs aufgegeben hat, vielmehr mitten in
der litterarischen Bewegung steht, welche die nordischen Lnder seit
einiger Zeit erfasst hat, weiss recht wohl, dass der Mensch nur da
wo er geboren, wo er durch und fr die Verhltnisse gebildet ist,
erheblichen Einfluss ausben kann. Er hat auch nicht den Ehrgeiz, ein
deutscher Schriftsteller im eigentlichen Sinne sein zu wollen. In dem
vorliegenden Buch, wie in anderen Schriften, ist seine Absicht einfach
die gewesen, in deutscher Sprache fr Europa zu schreiben, d.h. seine
Stoffe anders zu behandeln als er es fr ein bloss skandinavisches
Publikum thun wrde. Er verdankt der Poesie, der Philosophie und
der systematischen Aesthetik Deutschlands unendlich viel, da er
sich aber speciell als Kritiker nicht als Schler der deutschen
Litteraturhistorie fhlt, so gibt er sich der Hoffnung hin, einen wenn
auch kleinen Theil seiner Schuld an Deutschland abtragen zu knnen.

Die Aufstze, aus welchen dieser Band besteht und von denen auch die
bereits frher in Zeitschriften verffentlichten eine Umarbeitung
erfahren haben, sind nicht als Sphne aus der Werkstatt eines
Kritikers zu betrachten, es sind sorgfltig behandelte litterarische
Portraits, welche durch ein geistiges Band verbunden sind. Allerdings
lsst sich eine lebendige Gegenwart noch nicht bersehen wie eine
fertige, vergangene Epoche, aber vielleicht liefert man auch von der
Gegenwart ein Bild im Ganzen und trifft ihre Gesammtphysiognomie, wenn
man einige ihrer typischen Gestalten so treu und lebhaft wie mglich
charakterisirt.

Die Behandlungsweise ist in diesen Essays sehr verschiedenartig.
In einigen wird die Individualitt des Schriftstellers mglichst
erschpfend dargestellt, in anderen wird nur versucht, den Menschen,
wie er leibt und lebt, dem Leser vor Augen zu fhren; einige sind rein
psychologisch, andere bieten ein Stck Aesthetik, wieder andere sind
vorzugsweise biographisch und geschichtlich. In allen enthlt die
Charakteristik der einzelnen Gestalt allgemeine Ideen.

Auch die geschilderten Persnlichkeiten sind sehr verschiedener Art.
Sie gehren nicht weniger als sechs Nationalitten an. Allen gemeinsam
ist jedoch ein Etwas, das sich leichter empfinden als definiren lsst:
es sind moderne Geister. Ich will damit nicht sagen, dass sie alle ohne
Ausnahme mit vollem Bewusstsein und von ganzem Herzen dem Modernen in
Kunst und Ideen gehuldigt haben, sondern nur, dass sie, wenn auch in
sehr ungleichem Grade -- was fr den Beobachter den Reiz erhht -- die
moderne Geistesart vertreten.

    _BERLIN, im October 1881._

       *       *       *       *       *

Die in der Vorrede zur ersten Auflage dieses Buches ausgesprochene
Hoffnung, man mge dem Verfasser, obwohl einem Fremden, in der
deutschen Litteratur einen kleinen Platz einrumen, hat sich seitdem
insofern erfllt als er in den deutsch lesenden Lndern ein Publikum
gefunden hat. Nur mischt sich fr ihn viel Bitterkeit in diese Freude.
Der Umstand, dass die dnische Regierung sich fortwhrend weigerte,
der Berner Convention beizutreten, hatte fr ihn die Folge, dass die
meisten Bcher, die mit seinem Namen versehen in der deutschen Sprache
existiren, nur in grober Verunstaltung durch gewissenlos besorgte
Privatausgaben vorliegen, die seine eigenen Ausgaben aus dem Markte
vertrieben haben. Es ist fr den Schriftsteller gewiss nicht angenehm,
des usseren Lohns fr seine Arbeit beraubt zu werden; viel schlimmer
ist es jedoch, diese Arbeit selbst von Pfuscherarbeiten, die seinen
Namen tragen, verdrngt zu sehen.

Schon seit einigen Jahren ist die zweite Auflage dieses Buches
ausverkauft gewesen. In den fnfzehn Jahren, die vergangen sind,
seit es zum ersten Mal erschien, hat sich Manches verndert, und die
Geister, die damals noch als _modern_ betrachtet werden mussten, knnen
kaum mehr so genannt werden. Ihr Werth hngt jedoch nicht davon ab,
ob neuere Geister und Richtungen seither entstanden sind, und der
Autor hat gethan was er vermochte, um Mangelhaftes zu berichtigen,
Undeutliches zu verschrfen und Fehlendes zu ergnzen. So ist das Buch
genau durchgesehen, bedeutend vergrssert und erheblich verbessert
worden.

    _KOPENHAGEN, im November 1896._

       *       *       *       *       *


Die vierte Auflage ist noch einmal besonders mit Bezug auf die
Sprachform durchgesehen und die beiden letzten Aufstze nicht wenig
vermehrt worden.

    _KOPENHAGEN, im November 1900._

                                   _GEORG BRANDES._




                               INHALT.


                                                        Seite

  Paul Heyse                                                1

  Max Klinger                                              57

  Ernest Renan                                             73

  Gustave Flaubert                                        133

  Edmond und Jules de Goncourt                            181

  Iwan Turgenjew                                          218

  John Stuart Mill                                        248

  Hans Christian Andersen                                 274

  Esaias Tegnr                                           333

  Bjrnstjerne Bjrnson                                   417

  Henrik Ibsen                                            475




Druck von Reinhold Mahlau, Fa. Mahlau & Waldschmidt, Frankfurt a. M.




                             PAUL HEYSE.

                               (1875.)


Woher kommt es, fragte ich neulich einen ausgezeichneten Portraitmaler,
dass Sie, der Sie frher mit Erfolg sich in mehreren andern
Kunstfchern versucht haben, zuletzt sich ganz auf das Portrait
beschrnkten?

Ich glaube daher, antwortete er, weil es mich am meisten ergtzt, so
ein Ding, das nie dagewesen ist und nie wieder kommen wird, zu studiren
und festzuhalten.

Er schien mir mit diesen Worten schlagend das Interesse zu bezeichnen,
das Einen zu der einzelnen Persnlichkeit, der innern wie der
ussern, hinzieht. Auch fr den Kritiker ist das Individuum ein
besonders verlockender Gegenstand; auch fr ihn ist die Ausfhrung
eines Portraits eine seltsam fesselnde Beschftigung. Leider stehen
seine Mittel nur allzusehr hinter denen des Malers zurck. Was kann
schwieriger und vergeblicher sein, als das rein Individuelle in Worten
ausdrcken zu wollen -- das, was seiner Natur nach jeder Wiedergabe
durch Worte spottet! Ist die Persnlichkeit in ihrem ununterbrochenen
Flusse nicht das wahre _perpetuum mobile_, das sich nicht construiren
lsst?

Und doch reizen und locken diese unlslichen Aufgaben Einen immer
auf's neue. Wenn man allmhlich mit einem Schriftsteller vertraut
geworden ist, sich in seinen Schriften frei bewegt, dunkel fhlt,
dass gewisse Charakterzge bei ihm die andern beherrschen, und dann
von Natur einen kritischen Hang hat, so lsst es Einem keine Ruhe,
bevor man sich selbst ber seinen Eindruck Rechenschaft gegeben und
sich das undeutliche Bild eines fremden Ich, das sich in unserm Innern
gebildet, klar gemacht hat. Man hrt oder liest Urtheile ber einen
Schriftsteller und findet sie albern. Warum sind sie albern? Andere
Aeusserungen ber ihn dnken uns halbwahr. Was fehlt ihnen, um vllig
wahr zu sein? Ein neues grosses Werk von ihm erscheint. Wie ist es von
den frheren schon vorbereitet? Man wird fast neugierig, zu erfahren,
wie man selbst sein Talent charakterisiren wrde -- und man befriedigt
seine Neugier.


                                  I.

Wer einen Blick auf die lange Reihe enggedruckter Bnde wirft, die
_Paul Heyse's_ gesammelte Werke bilden, und sich erinnert, dass der
Geburtstag des Verfassers in das Jahr 1830 fllt, wird vermuthlich
zuerst ausrufen: Welcher Fleiss! Unwillkrlich wird er diese
staunenswerthe Productivitt auf eine Willenskraft von seltener
Ausdauer zurckfhren. Nichts desto weniger entstammt sie einer selten
glcklichen Natur. Diese Natur war an und fr sich von so ppiger
Fruchtbarkeit, dass sie, ohne Willensanspannung oder Kraftanstrengung
ihre Ernte geliefert hat; sie hat sie so mannigfach geliefert, dass man
glauben mchte, sie sei nach einem bestimmten Plane und mit sorgsamem
Willen gepflegt worden; es war ihr jedoch augenscheinlich vergnnt,
vllig frei zu walten. Die Natur walten, sich gehen zu lassen,[1]
das war, wie man fhlt, von Anfang an Heyse's Wahlspruch, und so kommt
es, dass er mit Eigenschaften, die zu einer zerstreuten, sprlichen
und fragmentarischen Production zu fhren pflegen, jedes Unternehmen
vollendet und abgerundet, dass er lyrische und epische Gedichte, ein
grsseres Epos (Thekla), ein Dutzend Dramen, mehr als fnfzig Novellen,
und zwei grosse Romane geschrieben hat. Er begann frhzeitig, schon
als Schler trat er seine literarische Laufbahn an. Und sorglos wie
ein Fusswanderer, sein Lied vor sich hinpfeifend, nie sich bereilend,
aus jeder Quelle trinkend, stillstehend vor den Struchern am Wege,
und Blumen wie Beeren pflckend, im Schatten ausruhend und im Schatten
wandernd,hat er nach und nach eine Bahn durchschritten, die nur
mglich scheint, wenn man das Auge bei athemlosem Marschiren fest auf
das Ziel heftet.

Die Stimme, der Heyse als Schriftsteller folgt, ist unzweifelhaft
die Stimme des Instincts. Nichts liegt ihm, obwohl er Norddeutscher
ist, ferner als Instinctlosigkeit und Absichtlichkeit. Obgleich
in Berlin geboren, fasst er in Mnchen Wurzel und findet in der
vollbltigen sddeutschen Race und dem sftereichen sddeutschen Leben
die Umgebungen, die mit seiner Anlage bereinstimmen; obgleich in
Sddeutschland zu Hause, fhlt er sich immer nach Italien hingezogen,
wie nach dem Lande, wo die Menschenpflanze ein von der Reflexion
noch weniger gestrtes, schneres und ppigeres Wachsthum erreicht
hat, und wo die Stimme des Blutes am klarsten und strksten spricht.
Diese Stimme ist die Sirenenstimme, die ihn lockt. Natur! Natur!
klingt es in seinem Ohre. Deutschland hat Schriftsteller, die fast
instinctlos scheinen, und die nur ein krftiger norddeutscher Wille zu
dem, was sie geworden, gemacht hat (wie Karl Gutzkow z. B.), andere
(wie Fanny Lewald), deren Werke vor Allem das Geprge eines krftigen
norddeutschen Verstandes tragen. Nicht wollend oder berlegend, sondern
seinem inneren Drange folgend, schafft und formt Heyse seine Werke.

Es ist fr manchen Dichter eine Versuchung, dem Leser ein etwas anderes
Bild von sich, als das wirkliche, mitzutheilen. Er stellt sich gerne
als das, was er zu sein _wnschte_ dar, in frheren Tagen entweder
als empfindsamer oder melancholischer, in neuerer Zeit bisweilen
als erfahrener oder klter oder rauher, als er ist. Mehr als ein
ausgezeichneter Dichter scheut sich, wie Mrime oder Leconte de
Lisle, so sehr seine Gefhle zur Schau zu stellen, dass er umgekehrt
dahin gelangt, eine Gefhllosigkeit an den Tag zu legen, die ihm
nicht ganz natrlich ist. Man setzt eine Ehre darin, erst jenseits
der Schneelinie, wo das Menschliche endet, recht frei und leicht zu
athmen, und aus Verachtung derer, die dort unten das Mitleid der Menge
in Anspruch nehmen, erliegt man der Versuchung, sich selbst zu einer
Hhe emporzuschrauben, wohin nicht der Instinct, sondern der Stolz zu
steigen gebietet. Fr Heyse existirt diese Versuchung nicht. Er hat
nie einen Augenblick sich in eine grssere Wrme oder Klte als die,
welche er empfand,hinein schreiben knnen oder wollen. Er hat sich
nie geberdet, als ob er mit seinem Herzblut schreibe, wenn er ruhig
als Knstler formte, und er hat sich geduldig darin gefunden, dass
die Kritik ihm Mangel an Wrme vorwarf. Er hat auf der andern Seite
nie, wie so viele von Frankreichs vorzglichsten Schriftstellern, eine
furchtbare oder emprende Handlung mit derselben stoischen Ruhe und
in demselben Tone berichten knnen, mit welchem man erzhlt, wo ein
Mann von Welt seine Cigarren kauft oder wo man den besten Champagner
erhlt. Er strebt weder nach dem Flammenstil der feurigen Temperamente,
noch nach der Selbstbeherrschung des Weltmanns. Im Vergleich mit
Swinburne scheint er khl, und im Vergleich mit Flaubert naiv. Aber der
schmale Pfad, auf welchem er wandelt, ist genau derjenige, welcher ihm
vom Instincte seines Innern, von dem rein individuellen und doch so
complicirten Wesen angewiesen wird, das seine _Natur_ ausmacht.


                                 II.

Die Macht, der man selbst als Knstler gehorcht, wird nothwendig die
Macht, welche man in seinen Werken auf den Ehrenplatz erhebt. Daher
verherrlicht Heyse als Schriftsteller die Natur. Nicht, was der Mensch
denkt oder will, sondern was er von Natur ist, interessirt Heyse an
ihm. Die hchste Pflicht ist fr ihn, die Natur zu ehren und ihrer
Stimme zu folgen, die wahre Snde ist Snde gegen die Natur. Man lasse
sie gewhren und walten!

Es gibt darum nicht viele Schriftsteller, die so ausgeprgte
Deterministen wie Heyse sind. An den freien Willen im berlieferten
Sinne des Wortes glaubt er nicht, und steht augenscheinlich ganz ebenso
skeptisch, wie sein Edwin oder Felix, Kant's kategorischem Imperativ
gegenber.[2] Aber glaubt er auch nicht an angeborene Ideen, so glaubt
er doch an den angeborenen Instinct, und dieser Instinct ist ihm
heilig. Er hat in seinen Novellen geschildert, wie unglcklich sich die
Seele fhlt, wenn dieser Instinct entweder gestrt oder unsicher ward.
In der Novelle Kenne Dich selbst ist die Intelligenz, in der Reise
nach dem Glck die Moral der Friedensstrer.

In der ersteren Novelle hat Heyse die Qual dargestellt, welche aus
einem zu frhen oder absichtlichen Eingreifen in das instinctive
Leben der Seele hervorgeht. Jene schne Dumpfheit der Jugend,
jene trumerische unbewusste Flle, die reine Genusskraft der noch
unerschpften Sinne gingen dem jungen Franz ber seinem vorzeitigen
Ringen nach Selbstgewissheit verloren.[3] Er schildert hier die
Schlaflosigkeit des Geistes, die ebenso gefhrlich fr die Gesundheit
der Seele ist, wie wirkliche Schlaflosigkeit fr das Wohl des Krpers,
und zeigt, wie der Reflexionskranke jenen heimlichen dunklen Kern
verliert, welcher der Kernpunkt unserer Persnlichkeit ist.

In der Novelle Die Reise nach dem Glck ist es die herkmmliche
Moral, welche durch Verdrngung des Instincts die Seele zersplittert
hat. Ein junges Mdchen hat mit Ueberwindung ihres eigenen
Herzenstriebes aus eingeprgten Sittlichkeitsrcksichten in spter
Nacht den Geliebten fortgewiesen und ist dadurch die unschuldige
Ursache seines Todes geworden. Nun verfolgt die Erinnerung an dieses
Unglck sie bestndig. Wenn Einem nicht das eigene Herz den Weg weist,
luft man immer in die Irre. Ich bin schon einmal elend geworden, weil
ich nicht hren wollte, ob auch mein Herz noch so laut schrie. Jetzt
will ich aufmerken, wenn es nur halblaut flstert, und fr alles Andere
kein Ohr haben. (G. W. V., 199.)

In dem Instinct ist die ganze Natur gegenwrtig. Ist nun die innere
Zersplitterung, die dort eintritt, wo der Instinct seine leitende
Kraft verloren hat, fr Heyse das tiefste Unglck, so besteht
umgekehrt fr die Charaktere, welche er mit Vorliebe schildert, das
Lebensgefhl, d.h. das tiefste Glcksgefhl, in dem Genusse der
Ganzheit und Harmonie ihrer Naturen. Heyse ist natrlicherweise nicht
geneigt, die Selbstreflexion ohne Weiteres als ein fr das gesunde
Lebensgefhl feindliches Princip anzusehen. Es scheint ungefhr seine
eigene Ansicht zu sein, welche der Kranke in Kenne Dich selbst mit
den Worten ausspricht: ebenso angenehm, wie es ihm sei, in der Nacht
aufzuwachen, sich zu besinnen und zu wissen, dass er noch weiter
schlafen knne, ebenso herrlich scheine es ihm, sich aus traumhaften
Glckszustnden aufzuwecken, sich zu sammeln, zu reflectiren und dann
sich gleichsam auf die andere Seite zu legen und weiter zu geniessen.
Wenigstens hat er in seinem Roman Kinder der Welt Balder, den am
idealsten angelegten Charakter des Buches, diesen letzten Gedanken noch
gewichtvoller ausfhren lassen. Schwermthige Betrachtungen sind eben
ausgesprochen worden, Betrachtungen ber die Sonne, die gleichgltig
ber Ungerechte scheine und Gerechte und mehr Elend als Glck sehe,
ber die endlose, sich stets erneuernde Noth des Lebens u.s.w.
Franzel, der junge socialistische Buchdrucker, hat eben entwickelt, wie
der, welcher das allgemeine Loos der Menschen bedenke, am wenigsten
im Stande sei zur Ruhe zu kommen, und hat in seinem Schmerz das Leben
ein Unglck und eine Lge genannt, als Balder ihm zu zeigen sucht,
wie ein Leben, worin man zur Ruhe kme, berhaupt nicht mehr diesen
Namen verdienen wrde. Er erklrt ihm dann, worin der Lebensgenuss
fr ihn bestehe, nmlich darin, Vergangenheit und Zukunft in Eins
zu empfinden. Hchst eigenthmlich hebt er hervor, dass er nicht
geniessen knne, wenn er sich nicht ganz empfinde, und dass er in den
stillen Augenblicken der Betrachtung alle die zerstreuten Elemente
seines Wesens in einen Accord vereine. So oft ich wollte, das heisst,
so oft ich mir ein rechtes Lebensfest machen und mein bischen Dasein
aus dem Grunde geniessen wollte, habe ich so zu sagen alle Lebensalter
zugleich in mir erweckt, meine lachende, spielende Kindheit, wo ich
noch ganz gesund war, dann das erste Aufglnzen des Denkens und der
Gefhle, die ersten Jnglingsschmerzen, die Ahnung, was es um ein
volles, gesundes Mannesleben sein msste, und zugleich auch die
Entsagung, die sonst nur ganz alten Menschen leicht zu werden pflegt.
Fr eine solche Lebensauffassung ist das Menschenleben nicht in
Augenblicke zerklftet, die verschwinden und deren Verschwinden beklagt
wird, auch nicht im Dienste sich gegenseitig widerstrebender Triebe und
Gedanken zersplittert; fr eine solche Fhigkeit, in jedem Augenblick
Anker zu werfen, die Ganzheit und Wirklichkeit seines Wesens zu fhlen,
kann das Leben nicht wie ein bser Traum zerrinnen. Glaubst Du nicht,
sagt Balder, dass der, welcher in jedem Moment, wenn er nur will,
eine solche Flle des Daseinsgefhls in sich erzeugen kann, es fr
ein leeres Wort halten muss: nicht geboren zu sein, wre besser?[4]
Man beachte, dass es ein todtkranker Krppel ist, welcher diese Worte
spricht und noch dazu ein Krppel, den der Dichter augenscheinlich
in dem Bilde des so verschieden denkenden Leopardi's geformt hat.
Die eigenthmliche Art von Genussphilosophie, die in denselben
ausgesprochen wird, und die durch eine synthetische Reflexion die ganze
Zeit im ewigen Jetzt sammelt, weist auf die eigene Lebensanschauung des
Dichters zurck. Es ist das Lauschen der harmonisch angelegten Natur
auf ihre eigenen Harmonien. Alles geben die unendlichen Gtter ja ihren
Lieblingen ganz, alle die unendlichen Freuden und alle die unendlichen
Schmerzen ganz. Diese Lebensphilosophie nimmt selbst den Missklang
des unendlichen Schmerzes in ihre innere Harmonie auf und vermag ihn
fr sich aufzulsen. Hier ist der Punkt, wo Heyse sich am schrfsten
von Turgenjew und den andern grossen modernen Pessimisten der Poesie
scheidet. Er wagt es, seinen Lieblingspersonen selbst sehr unschne und
abschreckende Vergehen beizumessen, um ihnen nach allerlei Prfungen
und Qualen den innern Frieden wiederzugeben. Der junge Baron in dem
Roman Im Paradiese ist ein Beispiel. Eine Snde gegen sein besseres
Ich lastet auf seinem Gewissen. Die innere Harmonie mit dem eigenen
Gefhl, auf die Alles ankommt, ist ihm verloren gegangen. Es zeigt
sich im Laufe der Erzhlung, dass er sich durch jenes Vergehen noch
dazu gegen seinen besten Freund vergangen. Aber durch alle Irrungen
und alles Unglck, das hieraus erwchst, findet er sich wieder. Die
Harmonie der Natur war nur zeitweise aufgehoben, nicht, wie er es
frchtete, heillos zerstrt.

Unmittelbar ist der Instinct die Stimme des Blutes. Daher kommt es,
dass die Individuen bei Heyse tief in Stamm und Race wurzeln. Sie
scheinen wie das Gesetz Mosis zu lehren, dass die Seele im Blute
ist. Sie folgen der Stimme des Blutes und appelliren an sie. Die
unentwickelten sind der krftige Ausdruck eines Racentypus; die
entwickelten unter ihnen kennen ihre Natur und respectiren sie; sie
nehmen sie als gegeben mit dem Gefhle, dass sie sich nicht ndern
lsst; sie werden ebenso durchgngig von ihrem Naturinstinct geleitet,
wie die Charaktere Balzac's vom Eigennutze. Um zu verdeutlichen, was
ich meine, fhre ich ein paar Stellen aus den Kindern der Welt an:
Als Edwin in Toinette heftig verliebt ist, geht sein Bruder Balder
ohne sein Wissen zu ihr, um sie zu bitten, nicht aus einer Grille oder
im Leichtsinn den Bruder zurckzuweisen und sich an einen Fremden
wegzuwerfen. Hierauf bekommt er die Antwort, dass sie erst jetzt
erfahren und begriffen habe, woran es liege, dass sie kein Glck im
Leben gewinnen knne. Sie hat das Geheimniss ihrer Herkunft entdeckt,
dass nmlich ihre unglckliche Mutter nur gezwungen in die Gewalt
ihres Vaters kam, und daraus erklrt sie sich's nun, dass sie, wie
sie glaubt, nicht lieben kann: Mein Freund, sagt sie, ich glaube,
dass Sie es gut mit mir meinen, Sie und Ihr Bruder. Aber es wre ein
Verbrechen, wenn ich mir einredete, Sie knnten mir helfen, jetzt, da
ich so klar Alles einsehe, von meinem Schicksal weiss, dass es mir nun
einmal im _Blute liegt_. (Die Worte sind im Texte gesperrt.) Dies ist
fr sie der letzte unwiderlegliche Beweisgrund. Und bei allen Personen
des Buches tritt dieser an Aberglauben grenzende Respect vor der
Natur hervor. Wie er sich bei Toinette findet, so bei ihrem Gegenpol
Lea. Sie contrastiren in allen Punkten; nur in dieser einen Hinsicht
stimmen sie berein. Als Lea, die Edwin's Frau geworden ist, erfahren
hat, wie viel Macht die Erinnerung an Toinette noch ber sein Herz
besitzt, und als sie whrend ihrer Trauer einen Augenblick, in einem
Buche Edwin's lesend, sich damit trstet, wie gut sie Vieles von dem,
was er geschrieben und was manchem anderen Weibe zu hoch sein wrde,
versteht, wirft sie pltzlich das Buch wieder fort, denn es fhrt ihr
durch den Sinn, wie ohnmchtig alles Einverstndniss der _Geister_
sei gegen den blinden, unvernnftigen, elementaren Zug der _Naturen_,
der alle Freiheit knechtet und die Weisesten bethrt. Sie ist ein
scheinbar rein intellectuell angelegtes Weib. Ein lebhafter Drang
nach Wissen und geistiger Klarheit hat sie zu Edwin geleitet, er hat
sie in -- der Philosophie unterrichtet. Man knnte also glauben, dass
sie jetzt ihrerseits einen Kampf gegen jene magische Macht des Blutes
durch einen Appell an die Geistesmchte, die sie so lange mit Edwin
verbunden haben, versuchen wrde. Im Gegentheil! Weit entfernt, nur als
strebender Geist charakterisirt zu sein, ist sie vor Allem eine Natur.
Sie hat ihn immer glhend geliebt, aber sie hat gefrchtet, dass seine
Liebe, weniger heiss als die ihrige, durch Ausbrche ihrer Leidenschaft
verscheucht werde, und doch hat sie -- die Philosophin -- in ihrer
Einsamkeit zu sich selbst gesagt: Liebe ist Thorheit -- seliger Unsinn
-- Lachen und Weinen ohne Sinn und Verstand. So habe ich ihn immer
geliebt, bis zum Vergehen und Vergessen aller Vernunft. Jetzt, da
das Glck ihrer Ehe auf dem Spiel steht, bricht sie in die Worte aus:
Wenn er merkt, dass ich das Blut meiner Mutter in den Adern habe,
heisses, alttestamentarisches Blut, -- vielleicht kommt er dahinter,
dass er sich sehr verrechnet hat, als er mit einem solchen Wesen eine
'Vernunftehe' schliessen zu knnen glaubte. Vielleicht kommt der Tag,
wo ich ihm Alles sagen darf, weil er selbst nicht mehr genug hat an
einem bescheidenen Lebensglck, wo er etwas Stolzeres, Uebermthigeres,
Ueberschwnglicheres verlangt -- und dann kann ich ihm sagen: Du hast
nicht weit zu suchen, die stillen Wasser sind tief.[5] Alles ist hier
charakteristisch, sowohl die Zurckfhrung auf Abstammung und Race, wie
der Protest der heissen, leidenschaftlichen Natur gegen die Verkleidung
der unmittelbaren Leidenschaft als vernnftige Hingebung. Nur wer mit
diesem Grundzuge Heyse's vertraut ist, wird das rechte Verstndniss
und Interesse fr eins seiner Dramen haben, das sonst sein schwchstes
sein drfte, und das aus mehreren Ursachen mir seiner nicht ganz wrdig
erscheint; ich meine Die Gttin der Vernunft. Oder ist es nicht
hchst eigenthmlich, dass Heyse Angesichts der ganzen riesenhaften
franzsischen Revolution sich aus ihr gerade diesen Stoff zurecht legt,
und ihn gerade so behandelt? Mancher Dichter wrde mit der Wahl eines
solchen Gegenstandes sich ein Organ fr das Pathos, der Revolution
suchen oder er wrde die reine Begeisterung der Vernunftgttin im
historischen Augenblick eine gedankenlose und unwrdige Vergangenheit
adeln lassen, die sich dennoch tragisch rcht. Ein Dichter wie
Hamerling knnte vielleicht etwas Ansprechendes aus diesem Gegenstande
machen. Heyse erstaunte, seiner Naturanlage gemss, bei dieser
Erscheinung: ein Weib, ein Stck Natur mit weiblichem Instinct und
weiblicher Leidenschaft, wird fr die Vernunft, die Vernunftgttin,
d.h. die trockene, steife, rationalistische Vernunft des 18.
Jahrhunderts ausgegeben! Und er dichtet dann ein Weib, das kraft der
Tiefe ihrer Natur (im Grunde ihrer Zeit vorausgeeilt) von dem Gefhl
ergriffen ist, dass das ungeheure All-Leben sich auf keine Schulformel
zurckfhren lsst, ein Weib, das liebt und frchtet, leidet und hofft,
das fr das Leben ihres Vaters und ihres Geliebten zittert, das vor
Qual, von dem Geliebten verkannt zu werden, verzweifelt, und lsst dann
dies Weib, das als ein echtes Kind ihres Dichters gesagt hat: Mir ist
das Hchste: Nichts zu thun, was mich mit mir selbst entzweit, mit
allen Fibern vor Leidenschaft bebend, in persnlicher Verzweiflung,
ohne einen Gedanken an das Allgemeine und Abstracte, an Republik oder
Geistesfreiheit, und whrend ihr Vater vor der Kirchenthr getdtet
wird, -- nothgedrungen vom Altare herab das neue Vernunft-Evangelium
verknden, das sie selbst einmal spttisch als das Weltgesetz, dass
zwei mal zwei vier sind, bezeichnet hat. Viel werthvoller, als in
poetischer Hinsicht, scheint mir dies Stck als Beitrag zur Psychologie
seines Dichters.

Man wrde Heyse indess sehr Unrecht thun, wenn man aus dem bis jetzt
Hervorgehobenen schliessen wrde, dass er nichts Hheres als die
elementare Natur und ihre Triebe anerkenne. Mit dem Worte Instinct ist
hier etwas von dem _einzelnen_ Triebe vllig Verschiedenes gemeint. Der
Instinct ist der Drang, sich ganz zu bewahren. Darum kann Heyse auch
sehr wohl eine freie Sympathie ber die Bande des Blutes und selbst
ber das nchste Verwandtschafts-Verhltniss triumphiren lassen. In der
Novelle Der verlorene Sohn versteckt und pflegt eine Mutter, ohne es
zu wissen, den unschuldigen Mrder ihres Sohnes, und als dieser durch
seine Liebenswrdigkeit sowohl das Herz der Mutter wie der Tochter
gewinnt, lsst der Dichter ihn die Tochter als Braut heimfhren. Der
verlorene Sohn wurde in ehrlicher Nothwehr getdtet und sein Gegner
hat nicht einmal seinen Namen gekannt. Selbst als die Mutter das
Nhere ber den Tod des Sohnes erfhrt, legt sie darum der Heirath
kein Hinderniss in den Weg, sondern trgt allein und ohne Jemand ihr
Geheimniss zu vertrauen, das Unglck, das sie getroffen hat. Hier ist
also mit voller Zustimmung des Charakters ein rein geistiges Band an
die Stelle der Blutsbande getreten; die Mutter nimmt den als ihren
Sohn an, durch dessen Hand ihr eigener Sohn gefallen ist; aber indem
sie das thut, handelt sie in Uebereinstimmung mit ihrer tiefsten Natur
und bewahrt ihre Seele ungetheilt. Das Gleiche gilt in allen Fllen,
wo bei Heyse die Persnlichkeit aus Pflichtrcksichten eine wirkliche
Leidenschaft, eine tiefe Liebe zurckdrngt. Wo es geschieht (wie im
Drama Marie Moroni, in der Novelle Die Pfadfinderin, oder in dem
Romane Die Kinder der Welt), da geschieht es eben, um die Treue gegen
sich selbst zu bewahren, um nicht die Ganzheit und Gesundheit seines
eigenen Wesens einzubssen, und man sieht die Pflicht dem eigenen
Born der Natur entstrmen, indem als hchstes Pflichtgesetz das Gebot
gilt, nicht in Zwiespalt mit dem eigenen Ich zu gerathen. So weit ist
Heyse davon entfernt, die Natur als feindlich gegen Geist und Pflicht
aufzufassen.

Fr ihn ist sie alles: Alles was in unserer Macht steht, was wir
ausfhren oder vollbringen, trgt, insofern es etwas werth ist,
untrglich ihren Stempel, und ber alles, was nicht in unserer Macht
steht, ber unser ganzes angeborenes Schicksal gebietet sie direct,
unmittelbar, allmchtig und unumschrnkt. Selbst die unglcklichste
Persnlichkeit, die er geschildert hat, findet, wie bel sie auch vom
Schicksal behandelt worden ist, einen Trost darin, dass sie ein Kind
der Natur, d.h. dass sie nicht _beeintrchtigt_ worden ist. Wenn
die Elemente meines Wesens, die mich vom Glck ausschliessen, durch
eine grosse blinde Fgung des Weltlaufes sich gefunden und vereinigt
haben und ich an dieser Constellation zu Grunde gehen muss -- so ist
das fatal, aber kein unertrglicher Gedanke. Ein Gottvater aber, der
mich unseliges Geschpf _de coeur lger_ oder auch aus pdagogischer
Weisheit so traurig zwischen Himmel und Erdeherumlaufen liesse, um
mir spter einmal fr die verpfuschte Zeit eine Gratification in der
Ewigkeit zukommen zu lassen -- nein, lieber Freund, alle durchlauchtige
und undurchlauchtige Theologie kann mir das nicht plausibel machen.[6]

So nimmt bei Heyse selbst der, dessen Leben am qualvollsten verfehlt
ist, seine Zuflucht zum Naturbegriff wie zum letzten beruhigenden
Gedanken, und so hat er selbst in den schmerzlichsten Stunden seines
Lebens dazu seine Zuflucht genommen, und die wunderbaren Gedichte
Marianne und Ernst, das Tiefste und Ergreifendste, was er
geschrieben hat, sind als Zeugnisse davon zurckgeblieben. Die Natur
ist sein Ausgangspunkt und sein Endziel, die Quelle seiner Poesie und
ihr letztes Wort, sein Eins und Alles, sein Trost, sein Credo.


                                 III.

Was er verehrt, anbetet und darstellt ist also, ganz allgemein
ausgedrckt, die Natur. Aber wie er seiner eigenen Natur folgt, so
stellt er auch seine eigene Natur dar, und ihr Grundzug ist der,
ursprnglich harmonisch zu sein. Eine solche Bezeichnung ist sehr weit
und vag. Sie lsst, unbestimmt wie sie ist, Heyse wohl nchstens als
einen Nachfolger Goethe's erscheinen und passt eben so gut auf den
grossen Meister. Jene Harmonie ist indessen, nher bestimmt, nicht
eine weltumspannende, sondern eine verhltnissmssig enge, sie ist
eine aristokratische Harmonie. Es gibt Vieles, das sie ausschliesst,
Vieles, das sie nicht vershnt, ja nicht einmal berhrt. Nicht als
Naturforscher, sondern als Schnheitsanbeter betrachtet Heyse das bunte
Treiben des Lebens. Es ist ersichtlich genug, dass er nicht begreift,
wie man Lust dazu verspren kann, als Knstler mit Vorliebe solche
Gestalten zu schildern, denen man im Leben seine Thr verschliessen
wrde; ja er hat selbst mit grosser Offenheit ausgesprochen, dass
er nie eine Figur habe zeichnen knnen, die nicht irgend etwas
Liebenswrdiges gehabt htte, nie einen weiblichen Charakter, in den
er nicht bis zu einem gewissen Grade verliebt gewesen wre.[7] Darum
besteht auch seine ganze Gestaltengallerie mit wenigen Ausnahmen (wie
Lorinser oder Jansen's Frau) aus gleichartigen Wesen. Sie haben nicht
blos Race, sondern edle Race, d.h. angeborenen Adel. Ihre gemeinsame
Eigenschaft ist, was Heyse selbst als _Vornehmheit_ bezeichnet. Er
nimmt das Wort in dem Sinne, dass die Vornehmheit bei allen seinen
Charakteren die angeborene Unfhigkeit ist, etwas Niedriges oder
Schmutziges zu begehen, bei dem Naturkinde durch die einfache Gte und
Gesundheit der Seele bedingt, bei dem Culturmenschen mit dem bewussten
Gefhl seines Menschenwerthes, mit der Ueberzeugung von dem Rechte
eines vollen und krftigen Menschenlebens versetzt, das seine Norm und
seinen Richterstuhl in sich selber hat und mehr vor Halbheit als vor
Irrthum schaudert. Heyse hat selbst einmal seinen Lieblingsterminus
definirt. Im Salamander heisst es[8]:

    Ich habe meiner Tugenden und Fehler
    Mich nie geschmt, mit jenen nie geprunkt,
    Und meiner Snden macht' ich nie den Hehler.
    Denn dies vor Allem, dnkt mich, ist der Punkt,
    Wo Freigeborne sich vom Pbel scheiden,
    Der feig und heuchlerisch herumhallunkt.
    Den nenn' ich vornehm, der sich streng bescheiden
    Die eigne Ehre gibt und wenig fragt,
    Ob ihn die Nachbarn lstern oder neiden.

Und mit fast hnlichen Worten spricht die frher von aristokratischem
Schein geblendete Toinette diesen Grundgedanken aus: Es gibt
nur Eine wahre Vornehmheit: sich selber treu zu bleiben. Gemeine
Menschen kehren sich an das, was die Leute sagen, und bitten Andere
um Auskunft darber, wie sie selbst eigentlich sein sollen. Wer Adel
in sich hat, lebt und stirbt von seinen eigenen Gnaden und ist also
souvern.[9] Diese Art von Adel ist denn der Stempel, den die ganze,
diesem Dichtergehirn entsprungene Menschenrace trgt. Sie besitzen
ihn alle, vom Bauer bis zum Philosophen, und vom Fischermdchen bis
zur Grfin. Die einfache Kellnerin in der Reise nach dem Glck
spricht eine Lebensansicht aus, die genau mit der eben angefhrten
zusammenfllt[10], und wer sich nur die Mhe geben mag, die Schriften
Heyse's zu durchblttern, wird entdecken, dass das kleine Wort
vornehm oder ein Aequivalent dafr immer eins von den ersten ist,
die er anbringt, sobald es gilt zu charakterisiren oder zu preisen.
Man sehe z. B. in einem einzigen Band der Novellen die Anwendung
des Wortes vornehm, um die ussere Erscheinung, Blick und Haltung
zu bezeichnen (in Mutter und Kind, in Am todten See, in Ein
Abenteuer VIII. 44, 246, 331). Oder man durchblttere, um sich von der
durchgreifenden Bedeutung dieses Charakterzuges zu berzeugen, Heyses
zwei erste Romane. In Kinder der Welt bezeichnen alle die dem Leser
sympathischen Personen sich gegenseitig als adlige Geister: Franzelius
nennt Edwin und Balder die wahren Aristokraten der Menschheit, Edwin
findet in der hchsten Schwrmerei der Leidenschaft kein hheres Lob
fr Toinette und Lea als das, dass sie das Adelsgeprge tragen, und
da Toinette nach der Begegnung mit Lea diese als die wrdige Gattin
Edwin's anerkennt, ist es wieder derselbe Ausdruck, der sich ihr zu
allererst darbietet; sie bezeichnet in ihrem Briefe Lea als Edwin's
so _vornehme_, kluge und holdselige Lebensgefhrtin.[11] Und in
dem Roman Im Paradiese, dessen ersten Entwurf wir vermuthlich in
dem versificirten Fragmente Schlechte Gesellschaft haben, steht
durchgngig die sogenannte schlechte Knstlergesellschaft als die
wahrhaft gute und vornehme der sogenannten vornehmen Gesellschaft
gegenber.[12] Von den Knstlern ist keiner im gewhnlichen Sinne des
Wortes Aristokrat. Ihre Herkunft ist, wie die der Helden in Kinder der
Welt, durchgehends usserst unansehnlich. Aber die Vornehmheit liegt
ihnen im Blute, sie gehren zu den Auserkorenen, die gut und richtig
handeln, nicht aus Pflichtgefhl oder durch mhsame Ueberwindung
schlechter Triebe, sondern aus Natur. Was Toinette irgendwo den
redlichen Willen, der Menschheit keine Schande zu machen nennt, hat
auch der Roman Im Paradiese als den natrlichen Adel im Gegensatze zu
der auf knstlichen Principien beruhenden Noblesse aufgestellt.

Wenige Dichter haben deshalb eine solche Reihe von Charakteren ohne
Falsch und ohne Gemeinheit geschildert, wie Heyse. Niemand hat einen
besseren Glauben an die Menschen gehabt. Den triftigsten Beweis
dafr, wie lebendig sein Bedrfniss ist, berall das edle Erz in der
Menschennatur hervorzuheben, liefert der Umstand, dass, wo bei ihm
ein Umschlag im Charakter des Handelnden dem Leser oder dem Zuschauer
eine Ueberraschung bereitet, die Enttuschung immer darauf beruht,
dass die Erwartung bertroffen wird und die Persnlichkeit sich
weit besser und tchtiger, weit edelgesinnter erweist, als Jemand
geahnt hatte. Bei fast allen andern Dichtern ist die Enttuschung die
entgegengesetzte. In den Novellen, wie z. B. in Barbarossa oder Die
Pfadfinderin, wird die Vershnung dadurch bewirkt, dass die schlechte
Person der Erzhlung zuletzt in sich geht, und da der Kern ursprnglich
gut ist und der Betreffende wohl manchen hitzigen und schlechten,
aber keinen eigentlich bsen Blutstropfen in sich hat, kommt eine
Art Friedensschluss zwischen ihm und dem Leser, zur Verwunderung des
letzteren, zu Stande. Weit bedeutsamer jedoch als in den Novellen tritt
dieser charakteristische Optimismus in Heyse's Dramen hervor. Sie
verdanken ihm ohne Frage ihre besten und wirkungsvollsten, vielleicht
ihre entschieden dramatischsten Scenen. Ich will ein paar Beispiele
anfhren. In Elisabeth Charlotte hat der Chevalier von Lorraine
unedle Mittel aller Art benutzt, um die Heldin zu strzen und die
mnnliche Hauptperson des Stckes, den deutschen Gesandten Grafen Wied,
aus Frankreich zu entfernen. Von dem Grafen gefordert, ist er schwer
verwundet worden, und als jener von politischen Intriguen umstrickt,
in die Bastille geschickt worden ist, tritt er im fnften Act im
Audienzzimmer des Knigs auf. Was kann er wollen? Den Grafen noch rger
anklagen? Sein unehrenhaftes Betragen fortsetzen, das seinem Gegner
schon so viel Unglck und ihm selbst eine Wunde eingetragen hat? Wird
er sich rchen, die Lage ausnutzen? Nein, er kommt, um die feierliche
Erklrung abzugeben, dass der Graf wie ein echter Edelmann gehandelt
hat, und dass er selbst an dem Duelle Schuld ist. Er wnscht sogar,
selbst in die Bastille gesandt zu werden, damit sein Gegner nicht
glaube, er htte ehrlos einen unrichtigen Grund des Duells angegeben;
mit anderen Worten: sogar in diesem verderbten Hofmanne lebt das
Ehrgefhl als Rest des altfranzsischen Rittergeistes, ersetzt bis zu
einem gewissen Grad das Gewissen, und zwingt ihn im entscheidenden
Augenblick sich von seinem Schmerzenslager zu erheben, um zu Gunsten
des Feindes einzuschreiten, den er rachschtig und rcksichtslos
verfolgt hat. -- In dem schnen und volksthmlichen Schauspiel Hans
Lange findet sich eine Scene, die bei der Auffhrung die Zuschauer
in athemloser Spannung hlt, und deren Ausgang immer vielen Augen
Thrnen entlockt: es ist die Scene, wo das Leben des Junkers auf dem
Spiele steht. Er ist verloren, wenn die Reiter ahnen, dass er es ist,
der als Sohn des Juden verkleidet auf der Bank liegt. Da tritt der
Grossknecht Henning auf, von Reitern gefhrt, die ihn im Stalle haben
brummen hren, er wisse wohl, wo der Hase im Pfeffer liege. Henning
ist vom Junker verdrngt worden; bevor dieser nach Lanzke kam, war er
wie ein Kind im Hause, jetzt ist er weniger als Stiefkind geworden und
er hat immer einen Groll auf den Vorgezogenen gehabt. Mit grsster
Kunst wird die Scene nun so gefhrt, dass Henning trotz der Bitten und
Verwnschungen der Eingeweihten immer deutlicher zu verstehen gibt,
dass er sich an dem Junker rchen wolle, dass er wisse, wo derselbe
sei, und dass keine Macht in der Welt ihn davon abhalten werde, seinen
Feind zu verrathen -- bis er, feurige Kohlen auf des Anderen Haupt
sammelnd und sich mit dem eingejagten Schrecken begngend, endlich
das Blatt vom Munde nimmt, um die ihm jetzt natrlich blindlings
vertrauenden Verfolger vollstndig auf die falsche Spur zu bringen.
-- Und genau von derselben Natur ist endlich die entscheidende und
schnste Scene in dem patriotischen Drama Colberg. Es wird Kriegsrath
gehalten, aber auch die Brger sind berufen, denn die Wichtigkeit
des Augenblicks macht es wnschenswerth, dass alle Stimmen gehrt
werden. Alle Hoffnung fr die belagerte Stadt scheint aus zu sein.
Der franzsische General hat ein Schreiben gesandt, um Gneisenau zu
einer ehrenhaften Capitulation aufzufordern. Das ganze Officiercorps
erklrt sofort, dass von Uebergabe der Festung keine Rede sein kann,
und Gneisenau legt dann der Brgerschaft die Frage vor, ob man sich
vom Feinde eine Frist erbitten solle um den Brgern, Frauen und
Kindern den Auszug aus der allen Schrecken preisgegebenen Stadt zu
sichern. Da erhebt sich der alte pedantische Schulmeister Zipfel, ein
echter altmodischer deutscher Philologe, um im Namen der Brgerschaft
die Antwort zu ertheilen. Mit vielen Umschweifen, mit lateinischen
Redensarten spinnt er unter allgemeiner Ungeduld seine Rede aus. Man
unterbricht ihn, man gibt ihm zu verstehen, dass man wohl wisse, er
denke nur daran, dem Commandanten und den Truppen die gefhrliche
Vertheidigung der Stadt zu berlassen -- endlich gelingt es ihm, die
Ansicht zu erklren, die er mit der langen Erzhlung vom grossen
Perserkriege und Leonidas mit seinen Spartanern im Sinne gehabt; die
Ansicht nmlich, dass es Allen, ohne Unterschied gebhre, dazubleiben
und zu sterben. Diese Scene hat Heyse _con amore_ geschrieben. Sie
enthlt, so zu sagen, sein ganzes System. Denn nirgends triumphirt sein
guter Glaube an die Menschheit so, wie dort, wo er im Spiessbrger den
Helden enthllen, im armen Pedanten den unbeugsamen Mann aufweisen
kann, den kein Anderer in ihm gefunden htte als der Dichter allein,
der es weiss, dass jede seiner Gestalten im tiefsten Grunde der Seele
ein unauslschliches Adelsgeprge trgt.


                                 IV.

Den Schriftstellern, die, wie Spielhagen z. B., am hufigsten bei
den Kmpfen des Bewusstseins und des Willens verweilen, und die am
liebsten die grossen socialen und politischen Conflicte schildern,
werden selbstverstndlich die Mnnerfiguren besser gelingen als die der
Frauen. Ein Mannescharakter wie Leo in dem Romane In Reih' und Glied
sucht seines Gleichen, aber eine ebenso vorzgliche Frauengestalt
hat Spielhagen nicht gezeichnet. Der dagegen, dessen Geist den
Adel und die Anmuth des unmittelbar Natrlichen, die sichtbare und
seelische Schnheit sucht, wird selbstverstndlich lieber und besser
Frauen schildern, als Mnner. Hierin ist Heyse seinem Meister Goethe
hnlich. In fast allen seinen Productionen steht der Frauencharakter
im Vordergrunde, und die mnnlichen Gestalten dienen hauptschlich
dazu, ihn hervorzuheben oder zu entwickeln. Da die Frauennatur in der
Liebe ihr verborgenes Wesen entfaltet und die schnste Blthe treibt,
da in der Liebe die Natur als Natur durch tausend Illusionen zum Geist
geadelt wird, so verherrlicht Heyse vorzugsweise die Liebe des Weibes.
Er feiert die Liebe und er feiert das Weib, aber es ist seine hchste
Freude, diese beiden Grossmchte im Kampfe mit einander darzustellen.
Denn wenn die Liebe siegt, wenn sie als die Macht erscheint, deren
Gebot das Frauenherz nicht Trotz zu bieten vermag, strahlt sie, den
Widerstand berwltigend, wie eine Allmacht, und indem sie die Wirkung
hat, dass das Weib unter ihrem Einflusse, im Trotz gegen sie, im Kampf
wider sie, von ihr beseelt, sich im ganzen Stolz ihres Geschlechtes
zusammenrafft, verleiht die Liebe ihr jene aristokratische Schnheit,
welche Heyse am besten darstellt.

Der angeborene Mdchenstolz ist fr Heyse das Schnste in der
Natur. Eine ganze Gruppe seiner Novellen knnte die Ueberschrift
Mdchenstolz fhren. Kierkegaard nennt irgendwo das Wesen des
Weibes _eine Hingebung, deren Form Widerstand ist_. Dies ist wie aus
Heyse's Herzen gesprochen, und dieser Widerstand ist es, der als
Merkmal der adeligen Natur ihn interessirt und bezaubert. Es ist
das ewig Festungsartige im weiblichen Gemth, das ihn fesselt, das
Sphinxartige, dessen Rthsel er immer wieder errathen muss. Der ssse
Kern ist doppelt sss in seiner harten Schale, der feurige Champagner
doppelt heiss in seiner Umwallung von Eis. Es liegt um die weibliche
Natur, wie Heyse sie schildert (von L'Arrabbiata bis Julie und Irene
im Paradies) ein Eispanzer, der verbirgt, abweist, irre fhrt,
zerbricht und schmilzt. Die Frau behauptet ihren Adel, indem sie so
lange wie mglich sich weigert, ihr Ich aus den Hnden zu geben,
indem sie den Schatz ihrer Liebe aufspart und aufbewahrt. Sie erhlt
sich ihren Adel, indem sie ihr Ich ausschliesslich in die Hnde eines
Einzigen legt und der brigen Welt gegenber abweisend dasteht. Sie ist
keiner blinden Macht unterworfen. Ist der Mdchenstolz gebrochen und
besiegt, so findet sie sich selbst auf der anderen Seite des Schlundes,
und gibt sich frei, naturfrei mchte ich sagen. Nie kommt bei Heyse
eine Verfhrung vor; wird eine solche ein einziges Mal als vergangenes
Ereigniss erwhnt (Mutter und Kind), so dient sie nur dazu, die
stolze Selbstbehauptung und die ebenso stolze, bewusste Selbsthingebung
in das schrfste Licht zu stellen.

Diese Selbstbehauptung, diese Widerstandskraft (Rabbia) wird in der
Schilderung auf's mannigfaltigste variirt: Atalante in dem Drama
Meleager hat die ganze frische Wildheit des Amazonentypus; sie zieht
das Leben und das Spielen in der freien Natur, Wettlauf, Speerkampf und
das Geschft des Waidwerks weichlicher Zrtlichkeit und schmeichelnder
Liebkosung, den Siegeskranz dem Brautkranze vor. In Syritha wird
die erste Schamhaftigkeit geschildert, die aufgescheucht von der
Hochzeit entflieht; in L'Arrabbiata der Mdchenstolz, der es weiss,
wie nahe bei der schchternen Bitte in der Seele des Mannes das rohe
Verlangen liegt; im Mdchen von Treppi die instinctive Weigerung der
Jungfrulichkeit; in Marianne (Mutter und Kind) der Frauenstolz,
der bei dem sogenannten gefallenen Weibe sich unter dem Gefhl der
unverschuldeten Schmach verdoppelt; in Madeleine (Die Reise nach
dem Glck) das Pflichtgefhl gegen den von Kindheit an eingeprgten
Sittlichkeitsbegriff; in Lore (Lorenz und Lore) das Schamgefhl
des jungen Mdchens, dem Angesichts des Todes das Liebesgestndniss
entschlpft ist; in Lottka die melancholische Verschlossenheit im
Gefhl angeerbter Erniedrigung; im schnen Kthchen der verzweifelte
Unwille darber, Allen zu gefallen, welcher alle Bewunderer und die
eigene Schnheit zum Kukuk wnscht; in Lea die Scheu des entwickelten
und reservirten Weibes, ihre Schwche ahnen zu lassen; in Toinette
der Abscheu des eingefrorenen Herzens, eine Leidenschaft zu heucheln,
die es noch nicht fhlt; in Irene die Sittenstrenge einer kleinen
Prinzessin; in Julie die Klte einer Cordelia-Natur -- bis der
Augenblick kommt, da alle diese Bande gesprengt werden, da alle diese
Herzen flammen, da der Mnnerhass der Amazone und die Schchternheit
des Mdchens und die Schamhaftigkeit der Jungfrau und der Stolz der
Frau und die Pflicht der Strengerzogenen und die Schwermuth der
Erniedrigten und die Hlle der Schneeknigin, Alles, Alles als Holz
eines einzigen ungeheuren Scheiterhaufens in sssem Rauch auf dem
Altare des Liebesgottes aufgeht.

Denn nicht im Widerstande, der nur Form und Schleier ist, sondern in
der Hingebung sieht Heyse das Wesen des Weibes und ihre wahre Natur;
und Naturanbeter, wie er ist, preist er Eros als den Unwiderstehlichen,
der alle Schranken durchbricht. Das Weib bereut es nie, sich seiner
Macht unterworfen zu haben, aber es kann seinen Trotz bereuen. Bettina
sagt irgendwo in ihren Briefen ungefhr so: Die Erdbeeren, die ich
pflckte, hab' ich vergessen, aber die, welche ich stehen liess,
brennen mir noch auf der Seele. Heyse hat mehr als eine Variation
dieses Themas gegeben: nachdem das Mdchen von Treppi sieben Jahre
hindurch ihre jugendliche Sprdigkeit bereut hat, berwindet sie, als
der Geliebte durch einen Zufall wieder in ihr Dorf kommt, kraft einer
begeisterten und aberglubischen Ueberzeugung von der Macht und dem
Recht ihrer Liebe, alle usseren und inneren Hindernisse, die sich
ihrem Glcke in den Weg stellen, sogar die Gleichgltigkeit und die
Klte des Zurckgekehrten. Madeleine in der Reise nach dem Glck
hat, wie oben erwhnt, in einer Nacht ihren Geliebten von ihrer Thr
fortgewiesen, und da er in der Finsterniss wegreisen muss, ist er
mit dem Pferde gestrzt und auf der Stelle gestorben. Die Reue ber
ihren Trotz gegen die Liebe lsst ihr keine Ruhe: Was half mir
meine Tugend? sagt sie; sie war heil und ganz, und durchaus nicht
fadenscheinig, und doch fror mich darin bis in's innerste Herz.[13]
Doch nicht genug damit, dass sie es bereut, der herkmmlichen Moral
gefolgt zu sein: das Bild des Todten verfolgt sie Jahr aus Jahr
ein; eiferschtig scheint er ber sie zu wachen. Jedes Mal in ihrem
Leben, wenn sie glaubt, das Geschehene vergessen und das Glck auf's
neue finden zu knnen, hrt sie den Finger des Todten an die Thr
klopfen, wie er klopfte in der Nacht, als er abgewiesen wurde. Streng
straft Eros den, der nicht auf seinem Altare opfert. Und Heyse fhrt
in anderen Dichtungen diesen Gedanken noch weiter aus. Hier hat der
abgewiesene Liebhaber den Tod doch nur als zufllige Folge der Strenge
gefunden, welche die Heissbegehrte gegen ihn erwiesen hat. Lasst
uns den Fall setzen, dass er sich nicht als Bittender, sondern als
Gewaltthter nhert, und dass der Widerstand des stolzen Weibes statt
auf einem Pflichtgefhl zu beruhen, das die Versuchung besiegt, nur
Nothwehr gegen eine gefrchtete Ueberrumpelung ist, was dann? Auch dann
straft Eros wie ein eifriger Gott. Das Drama Die Sabinerinnen hat
Heyse augenscheinlich um einer einzigen Gestalt willen geschrieben.
Wie konnte er sonst darauf verfallen, diesen fr die Tragdie so wenig
geeigneten, rein burlesken Stoff sich zu tragischer Behandlung zu
whlen! Jene Gestalt ist Tullia, die sabinische Knigstochter. Von
einem rmischen Krieger geraubt, in seinem Hause eingeschlossen, tdtet
sie ihn, da er in der Brautnacht es wagt, sich ihr zu nhern. Wenn
ein tragisches Leid jetzt als Rache der Rmer die Tollkhne trfe,
wrde sich Niemand darob wundern; aber die psychologische Pointe ist
in Uebereinstimmung mit der ganzen Erotik Heyse's die, dass sie durch
Ermordung ihres Gatten die erwachenden Triebe ihres eigenen Herzens zu
tdten versucht und sich dadurch irreligis gegen Eros emprt hat.

                                Er neigte
    Sein Angesicht herab zu meiner Stirn,
    Dass mich des Athems Hauch umrieselte,
    Und seine leise Stimme mir wie Gift
    Schleichend durch alle Adern rann.

Jetzt schaudert sie mit zersplitterter Seele ber ihre so echt
weibliche, so tief berechtigte That. Die Erscheinung des Todten
verfolgt sie berall, aber noch mehr als der Anblick seiner Leiche die
Erinnerung an seine Liebkosungen. Nur Tag und Nacht, sagt sie, ist's
her, dass jene That vollbracht wurde, und doch liegt's hinter mir, wie
tausend Jahre und tausend Tode. Eins nur ist gegenwrtig und ich werd'
es immer empfinden: sein Kuss auf meiner Wimper, seine Hand in meiner.
Gegen den Schluss spricht sie dann zu ihrer Schwester die Grundidee des
Stckes in diesen Worten aus:

                          Flieh' vor der Liebe nicht,
    Sie holt dich dennoch ein. Geh' ihr entgegen
    Und beuge dich vor ihr. Denn tdtlich zrnt sie
    Dem der ihr trotzt, und saugt das Blut ihm aus.
    Hat nicht der grimme Gott die Jungfrau'n alle
    Sich unterworfen? Ich allein, o Schwester,
    Entgelt' es, dass ich frei mich aufgelehnt.[14]

Selbst den Gewaltthter kann die Jungfrau nicht hassen. Er brach
den Frieden; aber was thut Liebe anders? Er berlistete; aber die
Liebe ist listig. Er hhnte: aber spottet nicht die Liebe selbst des
Gewaltigsten und Freiesten? Mit andern Worten: ist nicht Eros selbst
ein Gewaltthter ohne Scheu und Scham, ein Verbrecher, der alle
herkmmlichen Gesetze sprengt?

Alle? Das ist zu viel gesagt. Heyse hat wohl bisweilen, wie in
den angefhrten Fllen, eine an Kleist erinnernde Neigung zu rein
pathologischen erotischen Problemen, aber er ist allzu harmonisch
angelegt, allzu reif und allzu deutsch-national, um ohne weiteres die
Leidenschaft als Ordnung und Gesetz der Gesellschaft durchbrechend zu
schildern. Er ist entwickelt genug um einzusehen, dass die Gesetze
der Leidenschaft und die Gesetze der Gesellschaft zwei hchst
ungleichartige Dinge sind, die sehr wenig mit einander gemein haben;
aber er bezeigt letzteren die Verehrung, die sie verdienen, d.h.
eine bedingte. Seit seiner frhesten Jugend hat es ihn gereizt und
gelockt, die nur relative Wahrheit und den nur bedingten Werth dieser
Gesetze darzustellen, Flle zu erdichten, wo sie auf solche Weise
bertreten werden, dass die Ausnahme gegen die Regel Recht zu haben
scheint, und sogar der verhrtetste Spiessbrger sich bedenken wird,
hier zu verurtheilen. In seiner Besorgniss, der Ausnahme volles,
unumstssliches Recht zu geben, hat Heyse bisweilen -- wie in seinem
ersten, in die gesammelten Werke nicht aufgenommenen Drama Francesca
von Rimini -- vllig barocke Ausnahmen aufgesucht; aber durchgehends
ist es sein Bestreben, den Fall so mit Pallisaden zu umzunen, dass
kein Sturmlauf der gewhnlichen Moral diese Schutzwehr umstrzen
knne. Wenn Goethe Egmont und Clrchen zusammenfhrt, stellt er das
Verhltniss nicht dar, als ob es einer Entschuldigung bedrfe; das
Verhltniss wird durch seine Schnheit vertheidigt. Heyse, der minder
grossartige, ebenso vorsichtige als khne Dichter, hat immer ein Auge
auf die conventionelle Moral geheftet und bestrebt sich stets, sie
zu vershnen, entweder dadurch, dass er ihr so zu sagen Recht gibt
in allen andern Fllen als eben diesem einen, wo ihre Uebertretung
unvermeidlich war, oder dadurch, dass er das Vergehen wider die
Sittenlehre shnt, indem die Persnlichkeit mit Wissen und Willen das
verbotene Glck um einen so hohen Preis erkauft, dass es, so theuer
bezahlt, keinen Philister locken wrde.

In Francesca von Rimini liegt der Fall so: Lanciotto ist hsslich,
roh und verderbt, sein Bruder Paolo edel und schn. Lanciotto entbrennt
leidenschaftlich fr Francesca. Durch Bruderliebe zu dem durchaus
unwrdigen Lanciotto verleitet, hat sich Paolo dazu missbrauchen
lassen, nicht nur als Liebeswerber, sondern sogar auf dem Hochzeitstage
als Brutigam verkleidet, den Bruder zu vertreten, welcher befrchtet,
dass seine Hsslichkeit nie das Jawort des Mdchens erringen knne.
Erst im Dunkel des Brautgemachs wagt Lanciotto sich seiner Braut zu
nhern. Aber auch Paolo liebt Francesca, wie sie ihn wieder liebt. Es
ist also kein Wunder, dass die junge Frau, als sie den plumpen Betrug
entdeckt, dessen Beute sie geworden, sich durch die Liebkosungen ihres
Gatten entehrt fhlt, und weit entfernt davon, ihre Liebe zu Paolo als
Snde zu betrachten, sie als berechtigt und heilig ansieht:

    Der Kuss von Deinem Munde war die Hostie
    Die den entehrten Mund mir neu gereinigt.

Um seine Verschanzung recht tchtig zu bauen, hat also der Dichter
in dieser naiven Jugendarbeit sich den unmglichsten, an den Haaren
herbeigezogenen Fall construirt; denn was kann ungereimter sein,
als dass Paolo aus purer einfltiger Gutmthigkeit gegen einen
verchtlichen Bruder, seine Geliebte dem gemeinsten Betruge preisgibt,
der noch dazu sein eigenes Lebensglck vernichtet. Aber man findet
in diesem grellen Beispiel den Typus, nach welchem in Heyse's so
zahlreichen spteren tactvollen und feinen Arbeiten die moralische
Collision construirt wird. Ich greife auf's Gerathewohl einige
Beispiele heraus: in Beatrice ist die gesetzliche Ehe, welche die
Liebesgeschichte durchbricht, eine Zwangsehe, ebenso unheilig, wie
die Ehe Francesca's, obschon besser motivirt. In Cleopatra wehrt
der junge Deutsche sich so hartnckig gegen die Liebe der schnen
Aegypterin, wie Graf Wetter von Strahl bei Kleist sich gegen die
Leidenschaft des Kthchens von Heilbronn. Erst als die Sehnsucht
nach ihm, Cleopatra dem Tode nahe bringt, entsteht zwischen ihnen
das Liebesverhltniss. Die stolze Gabriele, in der Novelle Im
Grafenschlosse lsst sich erst dann zu ihrer Gewissensehe mit dem
Grafen berreden, als er sein Leben ihretwillen aufs Spiel gesetzt
hat. Die junge Frau in Rafael erkauft sich einige Stunden des
Zusammenseins mit dem Geliebten fr lebenslngliche Einsperrung im
Kloster: die Hingebung Garcinde's und Lottka's wird geadelt, indem das
nach aussen gebundene, aber innerlich freie Ich sich eine Hingebung,
welche die Verhltnisse verbieten, unter keiner anderen Bedingung
denken kann, als unter der, dass sie den Tod zur Folge hat. Das Anrecht
zum Glcke eines flchtigen Augenblicks wird durch Selbstmord erworben.

Den Glcksbecher, den diese Persnlichkeiten leeren, hat ihr Schicksal
mit Gift gewrzt. Heyse behauptet mithin fr diese _heroischen_
Seelen das Recht, einen Streit der Pflichten anders zu lsen, als
der ngstliche, von kleinen Gewohnheiten und Rcksichten eingeengte
Mittelschlag der Philister es zu thun pflegt, und in der Einleitung
zu seiner Beatrice[15] hat er selbst seine ethische Ketzerei mit
diesen Worten theoretisch formulirt: Geniale Naturen, die auf sich
selbst beruhen, erweitern durch ihre Handlungen, indem sie das Maass
ihrer innern Kraft und Grsse als ein Beispiel vorleuchten lassen,
eben so sehr die Grenzen des sittlichen Gebiets, wie geniale Knstler
die hergebrachten Schranken ihrer Kunst durchbrechen und weiter
hinausrcken. Und was an Uebermass und Uebermuth des Selbstgefhls in
jenen heroischen Seelen sich rhren mag, wird es nicht eben durch den
tragischen Untergang gelutert und gebsst?

Nicht weniger als durch diese immer nahe liegende Association mit
Untergang und Tod adelt Heyse die Liebe, legitim oder illegitim, wie
oben berhrt, durch die Art der Hingebung. Sie ist immer bewusst. Diese
Weiber lassen sich nie hinreissen, sie verschenken sich als eine freie
Gabe -- wenn sie sich berhaupt verschenken. So schon in Arbeiten aus
Heyse's frher Jugend, wie Der Kreisrichter,[16] so in Rafael,
in Lottka und so vielen andern Novellen in Prosa und Versen.
Ueberall ist die Selbstherrlichkeit und das Selbstbestimmungsrecht
des Individuums gewahrt. Frei gibt das Weib sich dem Geliebten hin,
frei geht es der Vernichtung entgegen oder gibt sich mit eigener
Hand den Tod, und wo das Liebesglck nicht geadelt wird, durch den
Preis, den es kostet, da wird es wenigstens durch den Stolz, womit es
verschenkt und genossen wird, erhht. Kraft dieses Stolzes fhlt sich
die Persnlichkeit, selbst von der strksten Naturmacht beherrscht,
unabhngig und souvern in dem Behaupten ihrer Herrscherwrde. In dem
Roman Im Paradiese hat Heyse aber zum ersten Male principiell die
Freiheit der Liebe im Gegensatz zu den Gesetzen der Gesellschaft als
Problem behandelt und als Recht vertheidigt. Die Grundidee des Romans
ist keine andere als die, dass die Sittlichkeit und Wrde der Liebe
zwischen Mann und Frau von der usseren Besttigung des Ehebundes
unabhngig sei. Nach seiner Gewohnheit hat Heyse den hier gegebenen
Fall mit den krftigsten Beweggrnden versehen: Jansen kann nicht,
ohne seinen Freund zu beschmen, von seiner verchtlichen Frau sich
befreien, und ohne Julie wird er als Knstler und Mensch verkmmern.
Doch als Julie in der Gegenwart aller Freunde, mit dem Myrthenkranze
geschmckt, sich frei mit Jansen vermhlt, wird ganz entschieden
ein Angriff auf die gewhnliche Moral der Gesellschaft gerichtet,
obwohl der Vorgang nicht als Beispiel zur Nachfolge hervortritt. Der
Dichter, der in Kinder der Welt seinen Zeitgenossen es eindringlich
an's Herz legte, dass die Moralitt des Einzelnen nicht von seinen
metaphysischen Ueberzeugungen abhnge, hat im Paradiese lehren
wollen, dass die Reinheit und Wrde eines Liebesverhltnisses sich
nicht nach dem usseren Sittengesetze beurtheilen lasse, sondern dass
die Liebe ausserhalb und innerhalb der Ehe wahr und unwahr, sittlich
und unsittlich sein knne. Auf den Adel des Herzens kommt bei ihm Alles
an.


                                  V.

Ich habe schon gesagt, dass Heyse als Dichter unmittelbar von
Eichendorff ausgeht. Wie der Held in seiner Novelle Ein Abenteuer,
scheint er in seinen ersten Wanderjahren sich den romantischen
Taugenichts zum Begleiter erwhlt zu haben. Wo er in einer seiner
Novellen (Lottka) sich selbst als Jngling einfhrt, singt er in der
Eichendorff'schen Tonart, und man erkennt, dass er sehr frh die
romantischen Melodien mit seltener Gelufigkeit nachgepfiffen. In der
Sammlung romantischer Kindermrchen, die er als Schler unter dem
Titel Der Jungbrunnen herausgab, ist Musje Morgenroth ein leiblicher
Bruder des berhmten Eichendorff'schen Helden. Das Buch ist die Arbeit
eines Kindes, hat aber doch ein gewisses Interesse, da es den ersten
Standpunkt des Dichters bezeichnet. Man sieht daraus, mit welchen
Gaben er von Anfang an ausgerstet war: die knabenhafte aber nie
geschmacklose Prosa fliesst leicht, und die Verse, die bedeutend hher
stehen, sind mit all' ihren Nachklngen unaffectirt, sicher geformt
und frisch. Er singt nach, aber er singt rein; es ist die gewhnliche
romantische Tonart, aber mit jugendlicher Frische und Anmuth
angeschlagen. In den Flegeljahren _naiv_ zu produciren, heisst schon
ein Phnomen sein, und die ungewhnliche angeborne Herrschaft ber
die Sprache htet den dichtenden Schler vor Forcirtheit und Manier.
Der, wie es scheint, vom Vater, dem bekannten Philologen, ererbte
Sprachsinn entwickelt sich bei dem Sohne zu einer Sprachfertigkeit,
einer Leichtigkeit, mit Worten und Rhythmen umzuspringen, die schon im
ersten Jnglingsalter nicht weit von Virtuositt entfernt war. Diese A.
W. Schlegel und Rckert bertreffende Sprachfertigkeit bedingte als
ein Grundelement in Heyse's Begabung die brigen Eigenthmlichkeiten,
die er nach und nach entwickelt hat. Er sang von Anfang an, nicht
weil er mehr auf dem Herzen hatte als alle Uebrigen, sondern weil es
ihm weit natrlicher und leichter als Anderen fiel das auszusagen,
dessen sein Herz voll war. Da nicht starke innere Umwlzungen oder
eingreifende ussere Begebenheiten erforderlich waren, um seine Lippen
zu ffnen, wie sonst wohl, um die Erzeugungslust derer zu wecken,
denen das Formgeben schwierig ist und denen es nur in den Augenblicken
der Leidenschaft gelingt, die Schtze des Innern an's Tageslicht zu
heben, so blickte er nicht nach Innen, sondern nach Aussen, grbelte
nur wenig ber sein Ich, seinen Beruf und seine Fhigkeiten, sondern
sich wohl bewusst, dass er in seiner Seele einen klaren Spiegel trug,
der aus der Umgegend Alles auffing, was ihn ansprach, liess er mit der
Empfnglichkeit und dem Schaffensdrange eines bildenden Knstlers den
Blick nach allen Seiten umherschweifen.

Eines bildenden Knstlers, sag' ich; denn nicht lange fuhr er fort, die
romantische Musik anzustimmen. Er hat selbst gesagt:

    Schn ist romantische Poesie,
    Doch was man nennt beaut de nuit.

Die rechten Mnner, meint Heyse, verstehen ihre Gedanken _ jour_ zu
fassen, und er ist in allzu hohem Grade ein Sonnenkind, als dass er
im romantischen Zwielicht htte stehen bleiben knnen. Lyriker war
er berhaupt nicht, und die Romantik hat naturgemss und nothwendig
ihre Strke in der Lyrik. Die Naturumgebungen flssten ihm auch
kein selbstndiges poetisches Interesse ein: eine solche Frische
des Meeres und der Landschaft, wie sie z. B. die dnischen Novellen
Blicher's berhaucht, wird man in den seinen nicht finden; er ist
kein Landschafter und hat stets die Landschaft nur als Hintergrund
benutzt. Was am ersten und frhesten seinem Blicke begegnete, sobald
er genug entwickelt war um mit eigenen Augen zu sehen, war der Mensch;
und wohlgemerkt, nicht der Mensch als eine von Organen bediente
Intelligenz, oder als ein auf zwei Beinen gehender Wille, oder als
psychologische Merkwrdigkeit, sondern als plastische Gestalt. Zu
allererst hat er, nach meiner Auffassung, ganz wie der Bildhauer oder
Gestaltenmaler, sobald er seine Augen schloss, seinen Gesichtskreis
mit Konturen und Profilen bevlkert gesehen. Schne ussere Formen
und Bewegungen, die Haltung eines anmuthigen Kopfes, eine reizende
Eigenthmlichkeit in Stellung oder Gang haben ihn ganz auf dieselbe
Weise beschftigt, wie sie den bildenden Knstler erfllen, und sind
von ihm mit derselben Vorliebe, ja bisweilen fast mit technischen
Ausdrcken wiedergegeben worden. Und nicht nur der Erzhler, auch
die auftretenden Personen fassen oft genug auf dieselbe Weise auf.
So sagt z. B. die Hauptperson in der Novelle Der Kreisrichter:
Die Jugend hier ist gesund, und das ist in jungen Jahren die halbe
Schnheit. Auch haben sie noch Race. _Achten Sie auf die feine Form
der Kpfe und die zarte Bildung der Schlfen, und im Gang und Tanz
und Sitzen die natrliche Anmuth_.[17] Ein schlagendes Beispiel
dieser Anschauungsweise des Dichters findet man in der Novelle Die
Einsamen, wo sein Missmuth darber, mit den Mitteln seiner Kunst nur
so unvollkommen malen zu knnen, folgendermassen zu Worte kommt: Nur
den Umriss! wthete er vor sich hin, ein paar Dutzend Linien nur!
Wie sie auf dem Eselchen einhertrabt, das eine Bein ber den Rcken
des Thieres, flach und sicher ruhend, das andere mit der Spitze des
Fusses fast den Boden streifend; und den rechten Ellenbogen auf das
ruhende Knie niedergesttzt, die Hand leicht unter dem Kinn, mit
der Halskette spielend, das Gesicht hinausgewendet nach dem Meer;
welche Last schwarzer Flechten im Nacken! Es leuchtet roth darin; ein
Korallenschmuck -- nein, frische Granatblthen. Der Wind spielt mit
dem lose angeknpften Tuch; wie dunkel brennt die Wange, und wie viel
dunkler das Auge![18]

Es sind solche Bilder, plastische Figuren, einfache malerische
Situationen, mit denen die Phantasie Heyse's von Anfang an operirt
hat, und die ihren einen Ausgangspunkt bilden. Und ob man noch so sehr
fhlt, wie viel vernnftiger es ist, einen Dichter zu schildern als
ihn zu loben, so kann man doch nicht einen Ausbruch der Bewunderung
darber zurckhalten, wie vorzglich es berall Heyse gelungen
ist, seine Gestalten, freilich besonders die Frauengestalten, dem
Auge darzustellen. Er gehrt nicht zu der beschreibenden Schule,
er charakterisirt nicht weitlufig wie Balzac noch sorgfltig wie
Turgenjew, sondern schildert mit wenigen Zgen; aber seine Gestalten
bleiben uns doch in der Erinnerung, aus dem sehr einfachen Grunde,
weil sie alle Stil haben. Ein Bauernmdchen aus Neapel oder Tyrol,
ein Dienstmdchen oder ein junges Frulein aus Deutschland erhalten,
von ihm gemalt, ein hheres, unwirkliches und doch unvergessliches
Leben, weil sie alle durch die streng idealistische Methode und Kunst
der Darstellung geadelt sind. Sie sind formvollendet wie Statuen, sie
haben eine Haltung wie Kniginnen. Niemand, ausser dem Maler Leopold
Robert, an den einige von Heyse's italienischen Arbeiten erinnern, hat
meines Wissens einen so bewussten Stil in der Zeichnung von Bauern und
Fischern an den Tag gelegt. Und wie die Formen der usseren Gestalt,
so sind diejenigen des Gemthslebens stilvoll. Wenn der Ausdruck nicht
allzu gewagt wre, mchte ich sagen, dass Heyse die Liebe plastisch
schildert. Die Romantiker fassten sie immer lyrisch auf. Vergleicht
man aber die Liebesnovellen Heyse's mit romantischen Liebesnovellen,
so wird man finden, dass, whrend die Romantiker ihre Strke darin
haben, die romantische Entzcktheit als solche zu analysiren und den
seltsamsten, sonst namenlosen Stimmungen Namen zu geben, sich bei
Heyse gleich jedes psychologische Moment in einer Miene oder Geberde
spiegelt; Alles wird bei ihm gleich Anschauung und sichtbares Leben.


                                 VI.

Ich bemerkte, dass die Fhigkeit, Gestalten festzuhalten und zu
idealisiren, den _einen_ Ausgangspunkt der Phantasie dieses Dichters
bilde. Sie hat noch einen andern. Gewiss fast eben so ursprnglich
wie seine Fhigkeit, Charaktere darzustellen, ist seine Lust
Abenteuer zu erleben und zu erdichten. Unter Abenteuern verstehe
ich Begebenheiten eigenthmlicher, ungewhnlicher Art, die -- was bei
wirklichen Abenteuern fast nie der Fall ist -- eine sichere Kontur,
einen so bestimmten Anfang, Mitte und Schluss haben, dass sie der
Phantasie wie ein von einem Rahmen umschlossenes Kunstwerk erscheinen.
Aus irgend einer usseren oder inneren Beobachtung -- dem Bruchstck
eines Traumes, einer Begegnung auf der Strasse, dem Anblick der
mittelalterlichen Thrme einer alten Stadt im Abendsonnenschein --
entspringt ihm durch die rapideste Ideenassociation eine Geschichte,
eine Verkettung von Begebenheiten, und da er so streng knstlerisch
angelegt ist, nimmt diese Begebenheitsreihe stets eine rhythmische
Form an. Sie hat deutliche, feste Umrisse und inneres Gleichgewicht
wie die Gestalten. Sie hat ihr Knochengerst, ihre Fleischesflle,
vor Allem ihre wohlmarkirte und schlanke Taille. Die Fhigkeit,
eine Geschichte in knapper und geschlossener Form mitzutheilen, sie
so zu sagen harmonisch zu rhythmisiren, entspringt unmittelbar aus
Heyse's durch und durch harmonischer Natur. Die Novellenform, wie er
sie zugeschnitten und ciselirt hat, ist eine vllig originale und
selbstndige Schpfung, sein wahres Eigenthum. Darum ist er auch
besonders durch die Prosanovelle populr geworden. Seine Novelle
hat immer usserst wenige und einfache Factoren, die Anzahl der
Personen ist gering, die Handlung gedrngt und mit einem einzigen
Blick berschaubar. Aber die Fabel ist nicht allein um der Personen
willen da, wie in den modernen franzsischen Novellen, die nur ein
psychologisches oder physiologisches Interesse befriedigen wollen;
sie hat ihren eigenthmlichen Entwicklungsgang und ihr selbstndiges
Interesse. Eine Novelle wie die durch die altvterliche Anmuth des
Stils so reizende Abendscene Christian Winther's[19] hat den Mangel,
dass nichts in ihr geschieht. Die Novelle ist bei Heyse nicht ein
kleines Zeitbild oder Genrebild; es _geschieht_ Etwas, und es geschieht
immer etwas Unerwartetes. Die Handlung ist in der Regel so angelegt,
dass an einem gewissen Punkt ein unvorhergesehener Umschlag eintritt,
eine Ueberraschung, die, wenn der Leser zurckdenkt, sich immer als
in dem Vorhergehenden grndlich und sorgfltig motivirt erweist. An
diesem Punkt spitzt sich die Handlung zu; hier laufen ihre Fden in
einen Knoten zusammen, aus welchem sie in entgegengesetzter Richtung
sich weiter spinnen. Der Genuss des Lesers beruht auf der Kunst, womit
der Zweck, den die Handlung erstrebt, gradweise immer mehr und mehr
verschleiert und verdeckt wird, bis die Hlle pltzlich fllt. Seine
Ueberraschung beruht auf der Gewandtheit, mit welcher er anscheinend
mehr und mehr von dem gerade ber dem Ausgangspunkt liegenden
Endpunkte entfernt wird, bis er schliesslich entdeckt, dass er in
einer Spirallinie gefhrt worden ist und sich direkt ber dem Punkte
befindet, wo die Erzhlung anfing.

Heyse hat selbst in der Einleitung zu seinem Deutschen Novellenschatz
sich ber das Princip ausgesprochen, dem er in der Novellencomposition
huldigt. Hier wie in der Einleitung zur Stickerin von Treviso,
macht er denen gegenber, die das ganze Gewicht auf Stil und Vortrag
legen wollen, darauf aufmerksam, dass die Erzhlung als Erzhlung,
was Kinder die Geschichte nennen, doch die nothwendige Grundlage der
Novelle ist und bleibt und ihre eigenartige Schnheit hat. Er betont,
dass er nach seiner Aesthetik _der_ Novelle den Vorzug gebe, deren
Grundmotiv sich am deutlichsten abrundet und -- mehr oder weniger
gehaltvoll -- etwas Eigenartiges, Specifisches schon in der ersten
Anlage verrth. _Eine starke Silhouette_, fhrt er fort, drfte dem,
was wir im eigentlichen Sinn Novelle nennen, nicht fehlen.[20] Mit dem
Ausdruck Silhouette meint Heyse den Grundriss der Geschichte, wie eine
gedrngte Inhaltsangabe ihn nachweist, und er veranschaulicht durch ein
treffendes Beispiel und eine treffende Bezeichnung seinen Gedanken. Er
fhrt die Inhaltsangabe einer Novelle Boccaccio's an:

Federigo degli Alberighi liebt, ohne Gegenliebe zu finden; in
ritterlicher Werbung verschwendet er all' seine Habe und behlt nur
noch einen einzigen Falken; diesen, da die von ihm geliebte Dame
zufllig sein Haus besucht und er sonst nichts hat, ihr ein Mahl zu
bereiten, setzt er ihr bei Tische vor. Sie erfhrt, was er gethan,
ndert pltzlich ihren Sinn und belohnt seine Liebe, indem sie ihn zum
Herrn ihrer Hand und ihres Vermgens macht.

Heyse hebt hervor, dass in diesen wenigen Zeilen alle Elemente einer
rhrenden und erfreulichen Novelle liegen, in der das Schicksal
zweier Menschen durch eine ussere Zufallswendung, die aber die
Charaktere tiefer entwickelt, auf's liebenswrdigste sich vollendet,
und er fordert darum auch den modernen Erzhler auf, selbst bei dem
innerlichsten oder reichhaltigsten Stoffe sich zuerst zu fragen, wo
der Falke sei, das Specifische, das diese Geschichte von tausend
andern unterscheidet.

Er hat in der Forderung, die er an die Novelle richtet, insbesondere
die Aufgabe charakterisirt, die er sich selbst gestellt und die er
erfllt hat. Er zieht den bizarren Fall dem typisch alltglichen vor.
Man kann in der Regel so sicher sein in seinen Prosaerzhlungen einen
Falken zu finden, wie jener Untersuchungsrichter es war, hinter
jedem Verbrechen eine Frau zu entdecken. In L'Arrabbiata ist der
Biss in die Hand der Falke, im Bild der Mutter die Entfhrung, in
Vetter Gabriel der aus dem Briefsteller fr Liebende abgeschriebene
Brief. Der Leser kann, wenn er selbst bei Heyse nach besagtem wilden
Vogel suchen will, sich einen Einblick in die Compositionsweise des
Dichters verschaffen. Nicht immer ist er so leicht zu fangen, wie
in den angefhrten Fllen. Mit einer Erfindsamkeit, einer behenden
Grazie, die bei einem Nicht-Romanen usserst selten ist, hat Heyse es
verstanden, den Knoten der Ereignisse zu schrzen und zu entwirren, das
psychologische Problem zu stellen und zu lsen, das er in der Novelle
_isolirt_. Er vermag den einzelnen eigenthmlichen Fall rein und scharf
novellistisch von dem allgemeinen Cultur- und Gesellschaftszustande,
in welchem er ein Glied ist, abzuheben, ohne wie die romantischen
Novellendichter, den Vorgang ins Unwirkliche und Mrchenhafte
hinberspielen und ohne ihn jemals in eine blos epigrammatische Pointe
auslaufen zu lassen. Seine Novellen sind weder kurze Romane, noch lange
Anekdoten. Sie haben zugleich Flle und streng geschlossene Form. Und
so knapp diese Form auch ist, hat sie sich geschmeidig genug erwiesen,
um den verschiedenartigsten Stoff in sich aufnehmen zu knnen. Die
Novelle Heyse's schlgt viele Saiten an, wohl am hufigsten die zarten
und seelenvollen, aber auch die komischen (wie in dem amsanten Schwank
Die Wittwe von Pisa), die phantastischen (wie in der Hoffmanniade
Cleopatra), ja ein vereinzeltes Mal die schaurigen (in dem peinlichen
Nachtstck Der Kinder Snde der Vter Fluch). Die Novelle, wie er
sie behandelt, grenzt an die Gebiete Alfred de Musset's, Mrime's,
Hoffmann's und Tieck's, hat aber doch ihre ganz besondere Domne, wie
ihr ganz eigenthmliches Profil.


                                 VII.

Indessen, so willfhrig ich bin, die Bedeutung jenes scharfen Profils
als individuelles Merkmal der Heyse'schen Novelle und die Bedeutung
desselben fr die Novelle als Kunstart anzuerkennen, so schwer fllt es
mir, dasselbe als entscheidende Norm fr die Schtzung der einzelnen
Erzhlung gelten zu lassen.

Die Novelle ist ja, wie jedes Kunstwerk, ein Organismus, in welchem
schne, von einander relativ unabhngige Verhltnisse hchst
verschiedener Art zum Totaleindrucke beitragen. Wir verweilten bei
den Charakteren und der Handlung; der Stil ist das dritte Element.
Nach meiner Ueberzeugung sind diese drei Elemente einander nicht
untergeordnet, sondern nebengeordnet, und jedes von ihnen bereitet,
wenn es zur Meisterschaft entwickelt ist, dem Leser einen gleich
vollkommenen Genuss.

Zwar kann, wie Heyse hervorhebt, die einseitige Entwicklung des
Vortrags zu geistreichen Capriccio's ohne Thema fhren; wer aber
allzugrosses Gewicht auf die Geschichte legt, kann ja auf der anderen
Seite der blossen Unterhaltungslitteratur verfallen.

Frhlingsfluthen von Turgenjew ist eine Novelle, deren Handlung
unbefriedigend verluft -- den Stil im engeren Sinne kann ich nicht
beurtheilen, da ich die Erzhlung nicht in der Originalsprache kenne
-- aber bedeutet dieser Mangel viel bei einem solchen Meisterwerk
individueller Charakterzeichnung? Wiegt die Schilderung der
italienischen Familie nicht an und fr sich jede Unvollkommenheit in
der Motivirung der Begebenheiten auf? Was thut es, dass der Leser
vielleicht sich den Schluss lieber anders vorstellt und nicht zum
zweiten Mal lesen mag, wenn er drei viertel der Novelle mit dem
gleichen Genuss immer wieder liest?

Blicher's Tagebuch eines Dorfksters ist eine Novelle, in welcher
die Handlung wenig zu bedeuten hat und die meisten Charaktere durch
ihre Rohheit abstossend wirken; aber sie ist deshalb doch ein Werk
von hchstem Kunstwerthe; ihre Hauptstrke liegt im Stile, in der
meisterhaft durchgefhrten, fast zweihundert Jahre alten Sprachweise
des braven Ksters. Diese Sprachweise ist uns eine Brgschaft fr die
schneidende Wahrheit der Erzhlung, eine Wahrheit, zu der man nicht auf
dem Wege des Idealismus gelangt, und die darum von Heyse weder gesucht,
noch erreicht wird, ich meine jene Wahrheit, die von den Franzosen als
_la vrit vraie_ bezeichnet wird.

Und knnte man nicht Heyse mit seinen eigenen Waffen schlagen? Ich
glaube es. Er will mit seiner Betonung dessen, was die Novelle in
der Novelle ist, zugleich gegen die Ueberschtzung des Stils und des
ideellen Gehalts Front machen. Aber von allen seinen versificirten
Novellen scheint mir Der Salamander am hchsten zu stehen, von seinen
Prosanovellen ist Der letzte Centaur mir eine der liebsten, und
jene scheint mir wegen des Vortrags, diese wegen der Idee den Preis
davonzutragen.

Man gebe sich keine Mhe damit, im Salamander nach einem Falken
zu suchen: Handlung gibt es da nicht, die Charaktere entwickeln sich
so gut wie gar nicht, und doch wird jeder empfngliche Leser unter
dem Einflsse des Zaubers dieser Terzinen einen so lebhaften Genuss
empfinden, dass es ihm vorkommt, als htte das Gedicht ausser seinen
eigenen Vorzgen noch alle die, die ihm abgehen. Von der epischen Ruhe,
von dem objectiven Stil, der Heyse's eigentliches Ideal im Novellenfach
ist, wird man hier nicht viel finden. Diese epische Ruhe passt
vielleicht berhaupt weniger fr den unruhigen Geist unserer Zeit.
Vollstndig ist die Verwirklichung dieses Ideals Heyse wohl eigentlich
auch nur gelungen in den wenigen Prosanovellen, die das moderne
Culturleben gar nicht berhren, wie in den genialen Pastichen aus der
Vorzeit: Die Stickerin von Treviso und Geoffroy und Garcinde, wo
der edel einfltige Stil der altitalienischen oder provencalischen
Erzhlungen idealisirt ist, oder bei denjenigen Stoffen, die dem Leben
des Volkes in Italien oder Tyrol entnommen sind; denn das Volk scheint
ihm in jenen Lndern selbst ein naives und aus _einem_ Guss geformtes
Stck Mittelalter. Eine Erzhlung wie das kleine Juwel L'Arrabbiata,
das Heyse's Ruhm begrndete, kommt erst durch ihre schlichte, strenge
Einfassung zu ihrem Rechte; mit stilistischen Verzierungen oder mit
psychologisch zugeschliffenen Facetten ausgestutzt, wrde sie ihre
ganze Schnheit verlieren, wenn nicht unmglich sein. Ebenso ist Die
Stickerin von Treviso, die wohl nach der eben genannten Novelle den
grssten Beifall geerntet hat, in ihrer rhrenden Einfachheit und
Grsse auf solche Weise eins mit ihrer Chronikform, dass sie ohne diese
gar nicht denkbar ist. Aber wo ganz moderne Eigenschaften und Scenen
dargestellt werden, da kann der Stil kaum zu individuell und nervs
sein. Heyse selbst kann es nicht unterlassen, sich in dieser Hinsicht
nach seinem Stoffe zu richten; wie fieberhaft ist die Darstellung in
der hbschen Krankengeschichte in Briefen Unheilbar! Indess lsst
er sich augenscheinlich nur widerstrebend oder unfreiwillig zu einem
so leidenschaftlich wogenden und zitternden Stil wie im Salamander
hinreissen. Diese Novelle ist lauter Vortrag, ihre Schnheit beruht
ganz und gar auf der bestrickenden Anmuth der metrischen Diction und
doch findet sich hier kein Wort, das nicht zur Sache gehrt. Alles
ist hier lebendiges Leben, jede stilistische Wendung tiefgefhlt und
durchsichtig; die kmpfende Seele des Schreibenden liegt offen vor
dem Leser. Die Situationen sind unbedeutend und alltglich; keine
bengalische Beleuchtung, nicht einmal in einem Schlusstableau. Aber
diese merkwrdigen, unglaublich schnen, naturwidrig leichten, nervs
leidenschaftlichen Terzinen verleihen mit ihrem Fragen und Antworten,
Scherzen, Singen und Klagen der theatralisch natrlichen, beherrscht
verliebten, blasirt koketten Heldin und der Leidenschaft, die sie
einflsst, einen solchen Reiz, dass keine spannende Geschichte mit
Angel- und Wendepunkt fesselnder sein knnte. Zum Abschluss tnen diese
seltenen Terzinen, welche durch die Behandlung ein ganz neues Versmass
geworden sind, ebenso berraschend wie genial und khn, in die Accorde
dreier naturfrischer Ritornelle aus. Allen Theorien zum Trotz behauptet
eine Dichtung wie diese ihren Platz.

Es will mich berhaupt bednken, als mache Heyse sich einen unrichtigen
Begriff von der Bedeutung des poetischen Stils. Theoretisch frchtet
er dessen selbstndige Entwickelung und mag keine Werke, die lauter
Vortrag und Stil sind. Nichtsdestoweniger hat er in Gedichten wie Das
Feenkind und noch mehr in einem Gedichte wie Frauenemancipation
selbst solche Productionen geliefert. Das erste von diesen Gedichten
ist fein und grazis, aber der Scherz dauert reichlich lange -- von
Schlagsahne isst man nicht gern allzu viel; das andere, dessen Tendenz
brigens die beste ist, leidet an einer Plauderhaftigkeit ohne Salz.
Aber ein ausgeprgter Stil ist ja auch nicht dasselbe wie die formelle
Virtuositt des Vortrags. Dass ein Sprachknstler wie Heyse, der
Uebersetzer Guisti's, der Troubadours, der italienischen und spanischen
Volkslieder, diese im vollsten Masse besitzt, versteht sich von selbst.
Allein der in Wahrheit knstlerische Stil ist nicht die formelle
Anmuth, die sich gleichmssig ber alles verbreitet: Stil im hchsten
Sinne des Wortes ist Durchfhrung, in allen Punkten durchgefhrte
Form. Wo Sprachfarbe, Ausdruck, Diction, persnlicher Accent noch
eine gewisse abstracte Gleichartigkeit haben, wo es nicht gelungen
ist, in jedem Moment die Seele sich in allen diesen usseren Formen
prgen zu lassen, dahngt die sprachliche Draperie, aus wie leichtem
Gewebe sie auch bestehen mag, steif und todt um die Persnlichkeit des
Sprechenden. Der vollkommene moderne Stil dagegen umschliesst diese,
wie das Gewand den griechischen Redner, die Haltung des Krpers und
jede Bewegung hervorhebend. Der virtuosenhafte Vortrag kann, selbst
wenn er glnzend ist, herkmmlich und alltglich sein; der echte Stil
ist das nie. An der Erzhlungsweise in Heyse's Novellen habe ich nicht
viel auszusetzen; seine dramatische Diction spricht mich nicht so an.

Mancher wird vielleicht meinen, wenn einige der historischen Dramen
Heyse's nicht die Anerkennung, wie seine Novellen, gewonnen haben, so
liege es daran, dass sie zu wenig Handlung und zu viel Stil besitzen.
Wenn das Wort Stil aber verstanden wird, wie ich es hier bestimme, so
muss man gewiss eher sagen, dass ihre Jambenform abgetragen war und
dass sie nicht Stil genug haben. Die Diction in Elisabeth Charlotte
z. B. trgt weder hinlnglich die Farbe des Zeitalters, noch der
Person, welche spricht. Man vergleiche nur die hinterlassenen derben
Memoiren der Prinzessin. Der Dichter hat bei seiner fabelhaften
Fertigkeit, sich in jedes poetische Genre hinein zu finden, ein Drama
ebenso leicht zu Stande zu bringen, wie er eine Geschichte erzhlt,
sich die Arbeit etwas zu bequem gemacht. Die kleine Tragdie Maria
Moroni, die unter den Schauspielen den Novellen am nchsten steht,
knnte sowohl durch Plan wie durch Charakterzeichnung den italienischen
Dramen Alfred de Musset's, an die es erinnert, wrdig zur Seite stehen,
wenn sie in der Sprachfarbe nicht so viel trockener wre. Der Dialog
Musset's funkelt nicht nur von Witz, sondern lodert zugleich von
Innigkeit und Leben. Heyse ist in seinen Dramen nicht so persnlich mit
seiner ganzen Seele an jedem Punkte zugegen gewesen. Aber dies: an
jedem Punkte ist der Stil.

Wie ich also wegen der Vorzglichkeit des Vortrags den Salamander
unter den versificirten Novellen am hchsten schtze, so wrde ich um
der Idee willen unter den Prosaerzhlungen dem Letzten Centaur einen
hohen Platz geben, obwohl diese Novelle ebenfalls zu denen gehrt,
die der Definition am fernsten stehen. Es handelt sich in ihr nmlich
nicht um eine Begebenheit oder einen Conflict in einem bestimmten
Lebenskreise, nicht um einen besonderen psychologischen Fall, berhaupt
nicht um ein Stck Leben, sondern um das Leben selbst; sie lsst
gleichsam das ganze moderne Leben innerhalb eines engen Rahmens sich
abspiegeln. Ein Schuss in das Centrum ist so erquickend. Warum es
leugnen? Der peripherische Charakter einzelner anderen Arbeiten Heyse's
ist Schuld daran, dass sie weniger interessiren. Wenn man eine lange
Reihe Novellen durchgelesen hat, kann man nicht wohl umhin, sich nach
Kunstformen zu sehnen, die bedeutungsvollere, allgemeingltigere Ideen
und Probleme in poetische Form fassen.


                                VIII.

Heyse's Dramen sind hchst verschiedenartig: brgerliche Tragdien,
mythologische, historisch-patriotische Schauspiele von sehr
verschiedener Kunstrichtung; sein Talent ist so biegsam, dass er sich
an jede Aufgabe wagen darf. Einen starken Drang zum Historischen
hat Heyse nicht gehabt; die geschichtlichen Dramen sind alle einem
patriotischen Gefhl entsprungen und wirken am meisten durch dies
Gefhl. Die fr den Dichter bezeichnendste von diesen Dramengruppen
ist die, welche antike Stoffe behandelt. Zu der Zeit, da man berall
in dem hheren Schauspiel politische moderne Action verlangte, hat
man in Deutschland ber diese Beschftigung mit altgriechischen und
rmischen Stoffen unverstndig lamentirt oder gespottet. Man fragte,
was in aller Welt den Dichter und uns an einem Gegenstande wie Raub der
Sabinerinnen oder Meleager oder Hadrian zu interessiren vermchte. Fr
den, welcher kritisch liest, ist es klar genug, was Heyse zu diesen
Sujets hat hinziehen knnen. Sie verkrpern ihm seine Lieblingsideen
ber Frauenliebe und Frauenloos, sein eigenes Wesen spiegelt sich in
ihnen. Wer das heissbltige Drama Meleager mit Swinburne's Atalanta
in Kalydon, das denselben Stoff behandelt, vergleichen will, wird
zu manchen interessanten Beobachtungen ber die Eigenthmlichkeit
der beiden Dichter Anlass finden. Hadrian hat wol am meisten die
Kritik verwirrt. Was den Dichter zu einem uns so fremdartigen, noch
dazu an die Schattenseiten des antiken Lebens erinnernden Verhltniss,
wie dem zwischen Hadrian und Antinous locken knnte, schien fast
unbegreiflich. Ich betrachte unter Heyse's Dramen Hadrian als eins
der besten, und zwar weil dies Stck das persnlichste und am tiefsten
empfundene ist. Es ist mir unmglich gewesen, diese Tragdie von dem
jungen, schnen Aegypter, der, vom Weltbeherrscher so leidenschaftlich
geliebt, von aller Herrlichkeit und Pracht des Hofes umgeben, frei in
jeder Hinsicht, nur an seinen kaiserlichen Bewunderer gebunden, nach
vollstndiger Freiheit schmachtet, zu lesen ohne an einen gewissen
jungen Dichter zu denken, der, schon in frhester Jugend an einen
sddeutschen Hof berufen, bald der Liebling eines liebenswrdigen und
verstndigen Knigs, als Gnstling des Glckes beneidet ward, und doch
heimlich in manchem Augenblick sich weit weg vom Hofe wnschen und
in mancher gebundenen Stunde es fhlen musste, wie wenig selbst die
Gunst des besten Herrn die Freiheit des ganz Unbeschtzten aber ganz
Unabhngigen aufwiegt.

In diesem Drama ist ausnahmsweise alles Scenische von der hchsten
Wirkung. Die eigentliche Ursache, warum Heyse bei seiner grossen
Befhigung fr die Bhne doch sonst nicht entschieden durchdrungen
hat, ist vielleicht die, dass er das eigentliche deutsche Pathos,
das Schiller'sche, nicht besitzt. Erst wenn ein Pathos gebrochen,
wenn das Pathetische halb pathologisch ist, vermag er es mit voller
Ursprnglichkeit zu behandeln. Das dramatische Pathos aus voller Brust
wird bei ihm leicht unknstlerisch-national, patriotisch und ein
bisschen alltglich. Hierzu kommt, dass die Darstellung der eigentlich
mnnlichen Action nicht seine Sache ist. In wie hohem Grade er auch
in seiner Poesie ber die passiven Eigenschaften des Mnnlichen, wie
Wrde, Ernst, Ruhe, Unverzagtheit, gebietet, es fehlt doch ihm, wie
Goethe, ganz das active Moment. Ein krftig eingreifendes Handeln,
das ein Ziel verfolgt, ist so wenig der Kern seiner Dramen wie seiner
Novellen und Romane. Kommt ab und zu eine energische Handlung vor,
so geschieht sie aus Verzweiflung oder Wuth: das Individuum ist in
eine Enge getrieben, wo es keinen andern Ausweg erblickt als den, das
Aeusserste zu wagen. (Man vergleiche die Handlung des jungen Frsters
in Mutter und Kind, als er den Sohn seiner Geliebten raubt, oder die
Entfhrung in Das Bild der Mutter.) Im Paradiese ist die Scene,
wo Jansen in seiner Erbitterung ber all' die Halbheiten, in denen
er sein Leben verbracht hat, die Modelle seiner Heiligen zu Scherben
schlgt, ein gutes Beispiel. Es war unmnnlich von Jansen, eine
Heiligenfabrik zu unterhalten -- die ganze Idee ist als flchtiger
Scherz amsant, lsst sich aber nicht festhalten, ohne den Charakter zu
entstellen -- es ist indess noch unmnnlicher, ja weibisch gehandelt,
seinen Zorn ber die todten Gypsgestalten ausgehen zu lassen. Obwohl
nun aus dem angefhrten Grund der eigentliche dramatische Nerv wohl
immer Heyse's Arbeiten fehlen wird, sind die Hindernisse, die sich dem
entscheidenden Erfolg des Dichters auf der Bhne in den Weg stellen,
nicht so bedeutend, dass er sie nicht mit der Zeit berwinden und einen
scenischen Triumph feiern knnte. Vorlufig ist er vor einigen Jahren
zur allgemeinen Verwunderung in einer Dichtungsart aufgetreten, die ihm
ganz fern zu liegen schien, in der er aber in kurzer Zeit einen grossen
Erfolg errang.

Es ist noch in frischer Erinnerung, welches Aufsehen die Kinder der
Welt in Berlin erweckten, als der Roman zuerst in der Spener'schen
Zeitung erschien. Man sprach einen Monat lang berall von diesem
Feuilleton. Pltzlich hatte der unschuldige, dem Weltleben entfremdete
Novellist sich als ein rein moderner Geist enthllt, der einen
philosophischen Roman mit Hlderlin's Worten schloss:

    Verlass mit Deinem Gtterschilde,
    Verlass o Du, der _Khnen_ Genius,
    Die Unschuld nie!

Man hatte offenbar bisher bersehen, dass durch Heyse's
einschmeichelnde Poesie ein heftiger Freiheitsdrang ging, eine vllige
Unabhngigkeit von Dogmen und conventionellen Banden. Darum wurde man
jetzt viel mehr als es sich gebhrte, berrascht. Der Dichter ist
von gemischter Herkunft: von seinem germanischen Vater hat er das
Positive in seinem Wesen, die Flle und Schnheit des Gemthes geerbt,
von der Mutter, die Jdin war, eine kritische Ader. Zum ersten Male
wurden beide Seiten seines Wesens dem grossen Publikum offenbart. Es
musste eine bedeutende Wirkung auf die Gemther machen, dass dieser
Fabius Cunctator, der sich so lange von den Problemen der Zeit fern
gehalten hatte, jetzt den Augenblick gekommen fhlte, um seine Position
unter denen einzunehmen, die den Kampf der Zeit kmpften. Der Roman
ist ein wrdiger und vornehmer Protest gegen die, welche noch in
unseren Tagen die Denk- und Lehrfreiheit fesseln wollen. Er hat alle
Polemik gegen die Dogmen hinter sich. Er lsst alle Hauptpersonen mit
klarem Bewusstsein in der Atmosphre freier Ideen leben, welche die
Lebensluft der neuen Zeit ist. Es ist eins von den Werken, welche die
Innigkeit eines lange zurckgehaltenen, spt gereiften persnlichen
Bekenntnisses haben, und darum eine Lebensfhigkeit besitzen, der
keine formelle Ungeschicklichkeit, kein formeller Mangel Abbruch
thun kann. Es fehlt dem Buch als erstem Versuche Manches dazu, ein
echter Roman zu sein: es gebricht, wie zu erwarten war, dem Helden an
Entschlossenheit, an activer Manneskraft; das Buch sammelt sich nicht
um ein einzelnes, unbedingt herrschendes geistiges Interesse; die Alles
verschlingende Erotik lsst die Idee nicht klar und central, wie sie
vom Dichter gedacht ist, hervortreten. Die entscheidende Wendung des
Buches scheint hervorzustehen, wo Franzelius nach Balder's Beerdigung
auf die Denunciation Lorinser's in's Gefngniss geworfen worden ist.
Hier sagt Edwin ausdrcklich:[21] Sie wollen den offenen Krieg, sie
fordern ihn selbst heraus, und es wird nicht eher Frieden geben, bis
man ihn ehrlich durchgefochten hat. Aber der _offene Krieg_ bleibt
aus, Edwin und die ganze kleine Schaar der Hauptpersonen begngen sich
mit der Defensive, und als Edwin endlich mit seinem epochemachenden
Werke fertig wird, ist der Roman zu Ende. -- In nahem Zusammenhang
mit diesem Mangel steht die zu grosse Weichheit der Gefhle in den
Partien, die von Balder handeln. Das strenge Beobachten von Mass und
Grenze, das Heyse's Novellen auszeichnet, wird hier vermisst. Aber
wie wre es mglich, dass grosse Vorzge bei einer so umfangreichen
Arbeit nicht durch einige Mngel erkauft wrden! Nicht allein haben die
feinen Frauengestalten hier dieselben Vorzge, wie in den Novellen: der
Dichter hat hier noch dazu sein Gebiet in hohem Grade erweitert; eben
die am wenigsten idealen Figuren: Christiane, Mohr, Marquard, sind am
besten gelungen. Und welche Strmung echter allseitiger Bildung enthlt
er! Es ist nicht nur ein muthvolles, es ist ein erbauliches Buch.

Bei den einzelnen schmutzigen Angriffen, die es seinem Verfasser
zugezogen hat, will ich nicht verweilen. Die Denunciationen in ein paar
deutschen Winkelblttern interessiren mich nur, weil der norwegische
Uebersetzer von Goethe's Faust einen dieser Schmhartikel, der den
Inhalt des Buches so wiedergab, als handle es sich darin um lauter
roheste Sinnlichkeit, mit einer Einleitung abdrucken liess, die alle
norwegischen Familienvter warnte, das Buch ber ihre Schwelle kommen
zu lassen[22].

Auf einen kleinen Hieb von Frankreich aus musste Heyse fglich gefasst
sein. Er kme nicht unverdient: denn die in seinem Roman vorkommenden
Aeusserungen ber franzsische Literatur und Geistesrichtung sind
ganz im Stil der blichen deutschen Anschauung gehalten; aber der
Hieb htte ritterlicher und geschickter ausfallen sollen als der, vom
Nationalhasse und Selbsterhaltungstriebe dictirte, sehr unedle und
beschrnkte Artikel von Albert Rville in der Revue des deux mondes.

Die Freiheit des Gedankens war die Grundidee der Kinder der Welt. Die
Sittenfreiheit ist der Grundgedanke des Romans Im Paradiese, doch
nicht so, dass er unbedingt als Vertheidigungs-Eingabe zu betrachten
sei; denn wenn die Gedankenfreiheit als unbedingt behauptet werden
muss, so ist die Freiheit der Sitten doch nur relativ, und der Dichter
hat ihnen nicht mehr als eine relative Freiheit behaupten wollen.
Im Paradiese ist aber auch ein Werk von ganz anderer Art als der
erstere Roman. Schon der Umstand, dass jener im verstandesscharfen
Berlin, dieser im heiteren und sinnlichen Mnchen vorgeht, deutet
den Unterschied an. Whrend Kinder der Welt ein philosophischer
Roman genannt werden konnte, ist Im Paradiese eine Art _roman
comique_, leicht, grazis und voll mit Ernst gemischten Scherzes. Er
hat vielleicht seinen grssten Werth als Psychologie einer ganzen
bedeutenden Stadt und als Portrt ihrer gesellschaftlichen und
knstlerischen Zustnde. Ganz Mnchen ist in diesem Buche enthalten,
und den Hauptplatz nimmt selbstverstndlich das Knstlerleben der
Kunststadt ein. Die Gesprche und Reflexionen ber Kunst haben hier
nicht das mssige und abstracte Geprge wie in den gewhnlichen
Knstlerromanen; man fhlt, dass es kein Theoretiker sondern ein Kenner
ist, der spricht, und ein wahrer Ateliergeruch ist ber alle diese
Partien des Buches verbreitet. Die ganze Aesthetik des Verfassers lsst
sich in Ingres' alter Definition zusammenfassen: _l'art c'est le nu_.

Was die Schlingung und Composition der Handlung betrifft, bezeichnet
Im Paradiese einen unzweifelhaften Fortschritt. Das Interesse wird
hier berall erhalten, und, was mehr ist, es ist immer im Steigen;
ein Lob, das man Kinder der Welt nicht spenden konnte. Ab und zu
sind zwar noch die Mittel, die die Handlung vorwrts bringen, ein
wenig ungeschickt benutzt. So ist besonders die ganze Rolle, die der
Hund Homo als _deus ex machina_ spielt, etwas stark bertrieben.
Er erinnert mit seinem bermenschlichen Scharfblick an jene Lwen,
welche die Sculptur der Zopfkunst mit menschlichen und majesttischen
Gesichtern darstellte, von Mhnen umrahmt, die in Wirklichkeit
Allongenperrcken allzu hnlich sahen. Doch in deutschen Romanen ist
nicht die Handlung, sondern die Charakteristik die Hauptsache, und in
fast allen Nebenfiguren offenbart dieses Buch eine ganz neue Seite von
Heyse's Talent. Gestalten wie Angelica, Rosenbusch, Kohle, Schnetz,
haben ein spielendes, mannigfaltiges Leben, das von Heyse's Stilart
sonst fast ausgeschlossen war. Heyse's Geist hat mit einem Wort Humor
gewonnen, den Humor des reifen Mannesalters, der vierziger Jahre
kann man vielleicht sagen; aber einen feinen, stillen Humor, der die
Begabung des Dichters vervollstndigt und seinen Farben den chten
Schmelz verleiht.


                                 IX.

Wir haben den Kreis von Ideen und Formen durchlaufen, in welchen dieser
Dichtergeist seinen Ausdruck gefunden hat. Wir sahen, wie Heyse zuletzt
im Roman den bewegenden Gedanken der modernen Zeit gerecht ward,
denen die Novellenform nicht Raum zu geben vermochte. Ich hob indess
eine Novelle hervor, die sich durch ihren Grundgedanken nicht weniger
auszeichnet, als Der Salamander durch den Stil.

Jedes Mal, wenn Heyse es versucht hat, den alten Mythen ein modernes
Interesse abzugewinnen, hat er Glck gehabt. Das kleine, reizende
Jugendgedicht Die Furie gehrt zum Besten, was er geschrieben.
In einem kleinen Drama Perseus (in die gesammelten Werke nicht
aufgenommen) hat er eine neue Auslegung des Medusamythus gegeben: er
hat mit der armen, schnen Medusa Mitleid gefhlt, der das grausame
Schicksal, auf Jedermann versteinernd zu wirken, beschieden ward, und
er belehrt uns, dass nur die Eifersucht neidischer Gttinnen auf ihre
Liebe zu Perseus Schuld daran ist. Ihr Kopf fllt vor der Hand ihres
eigenen Geliebten, whrend sie, um ihm nicht durch den unheilvollen
Blick zu schaden, ihr Gesicht in den Sand begrbt. Heyse hat aus dem
Mythus ein originelles und trauriges Mrchen gemacht.

Die Geschichte vom Centaur ist heiter und tiefsinnig. Man wundert
sich nicht, wenn Im Paradiese uns mittheilt, dass diese Novelle
den Maler Kohle zu seinen lieblichen Fresken begeistert hat. Der
Pilgergang unserer lieben Frau von Milo, den man als Bild vor
seinen Augen zu sehen glaubt, so lebhaft ist die Freske beschrieben,
ist als Gedicht mit dem letzten Centaur gar innig verwandt. Der
letzte Centaur! Das klingt fast wie der letzte Mohikaner! Was weiss
Heyse vom letzten Centauren? Wie hat er ihn in eine regulre Novelle
einfhren knnen? O, das geschieht mit vieler Kunst und doch auf
die natrlichste Weise. Er zieht erst, so zu sagen, zwei Kreise in
einander, dann einen dritten Kreis, und in diesem beschwrt er den
Centauren herauf. Der erste Kreis ist die Welt der Lebendigen, der
zweite die Welt der Todten, der dritte schliesst leicht und natrlich
das Reich des Uebernatrlichen ein. Die Erzhlung hebt, wider Heyse's
Gewohnheit, rein selbstbiographisch, also mit einem mglichst starken
Wirklichkeitselemente, an: der Verfasser kommt eines spten Abends
an einer Weinstube vorbei, wo er in seiner Jugend einmal wchentlich
seine liebsten Freunde und Kameraden zu treffen pflegte, und jetzt
lsst er diese, welche alle gestorben sind, in der Erinnerung Revue
passiren. Dann tritt er in die Weinstube ein, fhlt sich mde, und --
pltzlich ist es ihm, als werde er aufgefordert, in dem alten Kreise
sich einzufinden, und als die Thr geffnet wird, siehe! da sitzen
sie alle beisammen. Aber keiner von ihnen bietet dem Eintretenden die
Hand, es ist in ihren Mienen ein Zug von Fremdheit, Ernst und Kummer.
Dann und wann trinken sie einen langen Zug aus dem Weinglase, dann
glhen fr einen Augenblick die bleichen Wangen und matten Augen,
aber gleich darauf sitzen sie wieder starr und stumm und stieren in's
Glas. Nur Einer von ihnen ist ungebeugt von dem Schicksal, das sie
getroffen hat, und von welchem nach stillschweigender Abrede in der
Gesellschaft nicht gesprochen wird. Es ist Genelli, der ausgezeichnete
Maler, dessen Centauren in der Schackschen Sammlung zu Mnchen alle
Reisenden bewundern. Einer von der Gesellschaft bemerkt, solch' ein
Genellisches Fabelwesen sehe so lebendig aus, dass man fast glauben
mchte, der Knstler wre selbst dabei gewesen. Und als der Meister
ruhig die Antwort gibt: Er ist auch dabei gewesen, gleiten wir
unmerklich aus dem Reiche der Todten in die Fabelwelt hinber. Er hat
den Centauren gesehen, mit eigenen Augen gesehen, wie dieser eines
schnen Sommernachmittags, ohne an etwas Bses zu denken, in ein
kleines Tyrolerdorf hineintrabte, wo Genelli bei seinem Weinglase sass.
In alten Zeiten war der Centaur Landarzt von Profession gewesen, hatte,
whrend eines Ritts in seiner Praxis ber die Berge ermdet, sich in
einer Gletscherhhle schlafen gelegt, war dann eingefroren -- und jetzt
erst, nach Verlauf von Jahrtausenden, ist das Eis um ihn geschmolzen,
und er kann mit verwunderten Augen sich in der verwandelten Welt
umsehen. Es ist Sonntag und eben Kirchweih, da er mit seinem mchtigen
Krper -- oben ein farnesischer Herkules, unten ein prachtvoller
heroischer Streithengst -- mit wehender Mhne und lang nachschleppendem
Rossschweif, einen kleinen Rosenzweig im dichten Haar hinter dem Ohre,
durch die leeren Strassen trabt, nur ab und zu ein altes Weib, das
mit Geschrei vor der Erscheinung flchtet, erschreckend. Er sieht die
Kirchenthr offen, das Gebude voll Menschen und eine wunderschne
Frau mit einem Kind auf dem Arme ber dem Altare gemalt. Neugierig,
nichts Arges denkend, trabt er durch das Portal und schnurstraks ber
die Steinfliessen, die von seinem mchtigen Hufschlag drhnen, auf den
Altar zu. Man begreift, welcher Lrm ber dies geradewegs der Hlle
entstiegene Ungeheuer entsteht. Der Pfarrer schreit laut, schwingt,
was er Geweihtes in der Hand hat, gegen ihn und ruft: Apage! Apage!
(was der Centaur versteht, weil es Griechisch ist). Die Gemeinde
schlgt ein Kreuz ber das andere; verwundert trabt das Fabelthier
dann zur Kirche hinaus, und von allen alten Weibern und allen Kindern
des Dorfes begleitet, die natrlich sehr erschrocken sind, den hohen
Reisenden so leicht gekleidet zu sehen, bewegt es sich nach dem
Dorfkruge hin, wo Genelli auf dem Altane sitzt. Der Meister belehrt
dann den Centauren, dass dieser ein Paar hundert Jahre zu spt oder
zu frh wieder zum Leben erwacht ist. Zur Zeit der Renaissance wrde
man ihn vermuthlich wohl empfangen haben. Aber heutzutage und unter
dieser engbrstigen, breitstirnigen, verschneiderten und verschnittenen
Lumpenbagage, die sich die moderne Welt nennt! Genelli wagt es nicht,
ihm ein heiteres Horoskop zu stellen. Wo Ihr Euch sehen lasst, in
Stdten oder in Drfern, werden Euch die Gassenbuben nachlaufen und
mit faulen Aepfeln bewerfen, die alten Weiber werden Zeter schreien
und die Pfaffen Euch fr den Gottseibeiuns ausgeben u.s.w. Und es
geht, wie er geweissagt hat. Whrend der biedere Centaur gutmthig, wie
der Starke ist, vom Publikum sich anglotzen, sein sammetweiches Fell
befhlen lsst, whrend er gemthlich eine Flasche Wein nach der andern
leert und ber die Brstung der Laube sie dem hbschen Schenkmdchen,
dem er sofort seine Rose geschenkt hat, zurckreicht, lauern Hass und
Neid auf sein Verderben. Eine ganze Verschwrung hat sich gegen ihn
gebildet. An der Spitze stand natrlich die hochwrdige Geistlichkeit,
die es fr das Seelenheil ihrer Pfarrkinder sehr nachtheilig fand,
sich mit einem gewiss ungetauften, vllig nackten und wahrscheinlich
sehr unsittlichen Thiermenschen nher einzulassen. Ebenso aufgebracht
zeigte sich ein Italiener, der auf dem Markte ein ausgestopftes Kalb
mit zwei Kpfen und fnf Beinen vorwies. Den Rossmenschen sah man
gratis, er war lebendig und trank und schwatzte, und wer wusste, ob er
sich nicht noch bewegen liess, einige Kunstreiterstckchen zum Besten
zu geben. Das Kalb dagegen war ein ruhiges Genie und machte zu solchen
Extravaganzen durchaus keine Miene. In die Concurrenz kann sich der
Italiener nicht finden. Es sei ein Unterschied, setzt er dem Pfarrer
auseinander, zwischen einem znftigen, von der Polizei approbirten
Naturspiel und einer ganz unwahrscheinlichen nie dagewesenen
Missgeburt, die ohne Pass und Gewerbeschein das Land unsicher machte
und ehrlichen fnfbeinigen Klbern das Brot vor dem Maule wegstehle.
Aber der leidenschaftlichste Gegner des Centauren ist doch der kleine,
schiefbeinige Dorfschneider, der Brutigam des hbschen Schenkmdchens.
Auch der Schneider klagt dem Pfarrer seine Noth, die neue Mode die der
Unbekannte eingefhrt, msse das ganze Schneiderhandwerk ruiniren und
berdies alle Begriffe von Anstand und guter Sitte ber den Haufen
werfen.

Whrend nun der Centaur in seiner heiteren Stimmung eben in dem
Hofe des Wirthshauses die schne Nanni auf seinem Rcken tragend
die Umstehenden mit einem hchst grazisen und eigenthmlichen Tanz
unterhlt, kommen alle die Verschworenen mit berittenen Gensdarmen,
um ihn zu fangen. Ohne sie der geringsten Aufmerksamkeit zu wrdigen,
fhrt er seinen Tanz fort, und die Hnde des Mdchens sanft an seine
Brust drckend, setzt er mit einem prachtvollen Sprung ber die Kpfe
der Bauern weg. Pistolenkugeln knallen um ihn, ohne ihn zu treffen,
und bald steht er frei auf dem nchsten Bergabhang. Da lsst er,
von dem klglichen Flehen des Mdchens gerhrt, sie sacht zur Erde
niedergleiten. So sehr ihr die ritterliche Huldigung des Fremden
geschmeichelt hatte und eine so traurige Figur ihr Schatz neben ihm
spielte -- eine solide Versorgung konnte sie von diesem reitenden
Auslnder nicht erwarten. Ihre praktische Natur trgt den Sieg davon,
und wie eine gejagte Gemse springt sie von Stein zu Stein, ihrem
Schneider in die Arme. Ein Ausdruck gttlichen Hohnes gleitet ber
die Mienen des Centauren hin, man sieht ihn sich entfernen, und bald
nachher verschwindet er den nachstarrenden Blicken.

Hier schweigt Genelli, der kleine Kreis bricht auf, und der Dichter
erwacht in der Vorstube des Weinhndlers.

Alle Eigenschaften, die das Lesen eines Dichterwerkes zu einem Genusse
machen, scheinen mir in diesem Mrchen vereint: ein hoher Humor, der
einen milden Schimmer ber alle Einzelheiten wirft, die zartesten
Halbtne und das feinste Helldunkel das die Handlung vom Lichte des
Tages in einen Traum von lauter Verstorbenen hinbergleiten lsst, um
dann wieder das Zwielicht der Schattenwelt von einem Sonnenstrahl des
alten Hellas erhellen zu lassen. Hierzu kommt eine tiefe, fr ihren
Dichter ganz eigenthmliche Idee. Denn dieser Scherz ist ja in vollem
Ernste ein Hymnus auf die Freiheit in der Kunst wie im Leben, und auf
die Freiheit, wie Heyse sie immer aufgefasst hat. Fr ihn besteht die
Freiheit nicht (wie z. B. fr Henrik Ibsen) im Kampfe fr die Freiheit,
sondern sie ist auf dem religisen Gebiete der Protest der Natur gegen
das Dogma, auf dem gesellschaftlichen und sittlichen Gebiete der
Protest der Natur gegen die Convenienz. Durch Natur zur Freiheit! das
ist sein Weg und seine Losung. So wird der Centaur als halb Naturwesen,
halb Gottheit seiner Phantasie ein theures Sinnbild. Wie schn ist der
Centaur in seiner stolzen Kraft durch den Rest altgriechischen Blutes,
das er in seinen Adern bewahrt hat! Was muss er nicht Alles ertragen,
der Arme, fr den Rest Heidenthum, das in ihm wiedererstanden ist,
das einige tausend Jahre eingefroren war, aber in unseren Tagen, da
die Gletscher zu schmelzen beginnen, aufs Neue erwacht ist und sich
an's Tageslicht hinaus wagt! Viel lehrreicher, viel gesetzter und
moralischer findet die ganze civilisirte Umgebung seine interessanten
Rivalen, die ausgestopften Klber mit zwei Zungen und fnf durchaus
nicht zum Fortschreiten bestimmten, hchst conservativen und ihren
Platz conservirenden Beinen. _Diese_ Merkwrdigkeiten bertreten nie
eine brgerliche Sitte, lassen sich nur mit Erlaubniss der Obrigkeit
und Geistlichkeit sehen, und sind darum nicht minder ungewhnlich. Sie
werden ewig die Rivalen des Centauren bleiben, von Einigen als ihm
ebenbrtig, von Vielen als ihn weit berstrahlend betrachtet.

Und ist der Dichter auf seinem Flgelrosse in dieser kleinlichen
modernen Gesellschaft nicht leibhaftig der letzte Centaur?


                                  X.

Ich habe einige Aeusserungen ber Heyse aufgezeichnet, gnstige und
ungnstige durcheinander, chte Stimmen aus dem Publikum.

Heyse, sagte Einer, Das ist der Frauenarzt, der deutsche Frauenarzt,
der das Goethe'sche Wort:

    Es ist ihr ewig Weh und Ach
    So tausendfach u.s.w.

grndlich verstanden hat. Dass er kein Dichter fr Mnner ist, das hat
Frst Bismarck richtig gefhlt.

Im Gegentheil, sagte ein Anderer, Paul Heyse ist sehr mnnlich. Man
findet ihn weich, weil er anmuthig ist, weil eine vollendete Grazie
seinen Schpfungen ihr Geprge verliehen hat. Man ahnt nicht, wie viel
Kraft erforderlich ist, um diese Anmuth zu haben!

Was ist Heyse?, sagte ein Dritter, ein Kleinstdter, der so lange
mit Berlin, dem Weltleben und der Politik Verstecken gespielt hat,
dass er sich unserer Gegenwart entfremdet hat und sich nur unter
Troubadouren in der Provence zu Hause fhlt. Ich wittere immer aus
seinen Schriften den Provenalen und Provinzialisten heraus.

Dieser Heyse, bemerkte ein Vierter, hat trotz seiner fnfzig Jahre
und seiner dichterischen Reife die Schwche, uns durchaus berreden zu
wollen, dass er ein unmoralischer, lsterner Poet sei. Aber kein Mensch
glaubt es ihm. Das ist seine Strafe.

Ich bin in meinem Leben nie so beneidet worden, sagte in meiner
Gegenwart eine alte Jugendfreundin Heyse's, wie heute, als in einer
hheren Tchterschule, die ich besuchte, sich das Gercht verbreitet
hatte, ich wrde heute Abend mit ihm in einer Gesellschaft zusammen
treffen. Die Backfische haben mir einstimmig aufgetragen, ihm ihre
begeisterten Grsse zu bringen. Wie gerne wren sie ihm smmtlich um
den Hals gefallen! Er ist und bleibt der vergtterte Lieblingsdichter
der jungen Mdchen.

Man kann, sagte ein Kritiker, Paul Heyse als den
Mendelssohn-Bartholdy der deutschen Poesie definiren. Er erscheint wie
Mendelssohn nach den grossen Meistern. Sein Wesen ist wie dasjenige
Mendelssohns ein deutsches lyrisches und sinniges Naturell mit der
feinsten, sdlndischen Bildung durchdrungen. Beiden fehlt der grosse
Pathos, die durchgreifende Gewalt, der Sturm des dramatischen Elements;
aber beide haben natrliche Wrde im Ernst, reizende Liebenswrdigkeit
und Anmuth im Scherz, beide sind sie durchgebildet in der Form,
Virtuosen in der Ausfhrung.




                             MAX KLINGER.

                               (1882.)


                                  I.

In der Berliner permanenten Kunstausstellung erregten im Frhling
1878 eine Reihe Federzeichnungen Aufmerksamkeit. Sie waren betitelt:
Phantasien ber einen gefundenen Handschuh, der Dame, die ihn
verlor, gewidmet. Ihre Originalitt war so tief und so barock, sie
waren so unhnlich Allem, was man frher in dieser Art gesehen,
dass kein Besucher gleichgiltig daran vorbeiging. Der gewhnliche
Berliner war allerdings nicht ganz klar darber, ob dies Genialitt
oder Wahnwitz sei; ein und der andere Siebengescheidte murmelte
Fliegende Bltter-Illustrationen zwischen den Zhnen; aber mehrere
von den Knstlern und Kritikern, deren Kunstsinn nicht durch das
Althergebrachte bestimmt wird, stutzten, vertieften sich in die Bilder
und bewunderten das Talent, das in diesem ersten Aufleuchten sich fast
blendend offenbarte. Der Name des Knstlers war Max Klinger, und er war
erst 21 Jahre alt.

Diese Bltter sind voriges Jahr erschienen in einem Cyclus meisterhaft
ausgefhrter Radierungen Ein Handschuh. Rad. Op. VI ausnahmsweise im
Selbstverlag des Knstlers, da er kein grosses allgemeines Interesse
an einer Arbeit von so persnlichem Charakter erwarten konnte. Hier
eine kurze Beschreibung davon.

1. und 2. Berlins Skating-Rink, die Gesellschaft, die damals diesen
Sport betrieb, genau portrtirt -- darunter der Knstler selbst, hoch,
von militrischer Haltung, mit seinen dichten, gekrausten Haaren, die
den Kopf wie eine Pelzmtze bedecken -- und eine junge ausgezeichnet
schne Dame, eine Brasilianerin, die in jener Zeit durch ihre Schnheit
und ihr grazises Laufen das Interesse der Zuschauer auf sich lenkte.
Die junge Dame verliert beim Dahinsausen einen langen weissen Handschuh
mit sechs Knpfen; der junge Knstler bckt sich im Laufen und hebt ihn
auf, vermuthlich, um ihn in der Tasche zu bergen, die dem Herzen am
nchsten ist.

3. Ein niedlicher kleiner Cupido sitzt halb abgewandt neben einem
Rosenbusch, von welchem schwere, grosse Rosen herabhngen. In ihrem
Schatten ruht der feine, schmale Damenhandschuh. Cupido bewacht den
weichen, duftigen Fund, Rosenbltter fallen darauf herab.

4. Max Klinger in seinem Bett; er wirft sich im Schlaf unruhig auf
seinem schmalem Lager herum. Auf dem Nachttisch liegt der Handschuh,
aber ber dem Haupte des Schlafenden schwebt er wieder, vom Traum zu
einer ungeheuren Hand ausgedehnt, die nach dem Monde greift und droht,
ihn vom Himmel herunterzureissen. Und sieh! links vor dem Bette beginnt
das offene Meer; und draussen auf seiner Flut erheben sich mit wildem
Geschrei und Geberden schwimmende, ertrinkende Gestalten, darunter
Meerungeheuer, und noch weiter draussen nhern sich grosse, gekrmmte,
angsteinflssende Handschuhhnde. Kein Wunder, dass der Schlafende vor
Schreck in dem Bette die Beine unter sich hinaufzieht.

5. Das Erwachen. Der Handschuh liegt ruhig auf dem Bett, aber der
Knstler ist zusammengekauert, das Gesicht in die Hnde gesenkt, und
trumt wachend weiter: Eine weitgestreckte Landschaft mit Bergen im
Hintergrund offenbart sich; im Vordergrund erheben sich ber dem
Handschuh phantastische, ganz mit Blumen bedeckte Traumbume auf hohen,
dnnen Stengeln. Unterhalb derselben, doch fern, fern auf einem Weg und
nicht grsser als dass eine Fliege die Gestalt decken knnte, indessen
an der charakteristischen Haltung leicht wieder erkennbar -- die schne
Dame vom Skating-Rink.

6. Sturm auf dem Meere. Mitten auf der Flut ein Segelboot, vom Winde
stark auf die Seite geworfen; aus dem Boote beugt sich die Gestalt des
jungen Knstlers, mit einem ungeheuer langen Enterhaken versehen. Der
Handschuh ist ber Bord gefallen, es gilt, ihn aufzufischen. Wir sehen
ihn sinken, fhlen die verzweifelte Anstrengung, ihn mit dem spitzen
Eisen wieder zu erhaschen.

7. Wieder Wasser, doch wie verschieden! in grossen, sichern
Rundungen und Voluten stilisirt, wie ein griechisches Basrelief. Ein
Gespann Meerpferde im strengsten hellenischen Stil zieht langsam
und majesttisch einen niedrigen Triumphwagen ber die Wogen; den
Sitzkasten bildet eine Muschel, die sich ffnet wie ein schwarzer,
leuchtender Blumenkelch, und in ihr ruht blendend weiss -- der
Handschuh, der die Zgel hlt und das Gespann lenkt.

8. Was ist dies? Zwei verzweiflungsvolle nackte Mannesarme, die sich
durch eine Fensterscheibe Bahn gebrochen haben, dass sie in Scherben zu
Boden fllt; die Hnde greifen nach einem fortflatternden Gegenstand,
der sich im nchtlichen Dunkel verliert. Ach, es ist wieder der
Handschuh! Durchs Fenster ist er geflogen; eine hssliche unnatrlich
grosse Fledermaus hat ihn in der Schnauze und schwebt mit ihm davon.
Und vergeblich streckt der Phantasirende seine blutenden zerschnittenen
Hnde danach zum Fenster hinaus.

9. Da ist er wieder. Und diesmal besser verwahrt. Jetzt wird er nicht
so leicht mehr entwischen. Ein gerumiger Saal. An allen Wnden
hngende Tapeten; doch genauer betrachtet, sind diese Tapeten lauter
vielfach vergrsserte, paarweis verbundene 6knpfige Damenhandschuhe,
die von der Decke bis zum Boden reichen. Mitten in diesem Saal ein
kokettes Tischchen, das als Altar dient. Und auf dem Altar liegt
der Schatz selber in natrlicher Grsse, fein, schmal, von allen
Seiten sichtbar. Doch in einer Ecke des Gemaches ist die Tapete etwas
unregelmssig; denn ein wildes Thierhaupt mit flammenden Augen hebt
einige von den grossen Handschuhfingern in die Hhe und glotzt herein;
es ist der Drache mit seinen hsslichen Klauen und dem geschlngelten
Schweif, der das Heiligthum bewacht und den Schatz htet.

10. Wieder eine flache, sandige Kste. Am Strande brennen zwei feine,
antike Lampen auf hohen Stativen. Zwischen ihnen liegt auf einem Kissen
der gefundene Handschuh und das Meer leckt zu ihm empor, ohne sich
ihm jedoch mit der Dreistigkeit zu nhern, mit der es einst Knud des
Grossen Fuss berhrte. Im Gegentheil! der Ocean huldigt diesem Kleinod
des Liebenden: all' die steigenden Wogenkmme splen Rosen an den
Strand, schleudern Rosen nach dem Handschuh; in allen Wellenfurchen
fliessen sie; all' der gischende Wogenschaum lst sich in Rosen auf.


                                 II.

Im Winter vor jener Frhlingsausstellung lernte ich in Berlin einen
kleinen Kreis junger Knstler kennen. Sie wohnten, oder versammelten
sich in einem Atelier, das sich im 5. Stock eines Hauses der
aristokratischen Hohenzollernstrasse befand. Es war ein Eckhaus mit
schner freier Aussicht ber das Schneberger Ufer, aber diese Aussicht
war auch das prchtigste an der ganzen Wohnung. Ein und derselbe
grosse Raum diente als Atelier und Schlafzimmer. Die Mbel waren ein
zerrissenes Sopha und ein mchtiger, mit losen Skizzenblttern, Mappen
und Kaffeebereitungs-Requisiten bedeckter Tisch, dessen Grsse und
Soliditt ich eben im Begriffe stand zu beneiden, als ich entdeckte,
dass es gar kein Tisch war und dass man nur ber ein paar Holzblcke
Bretter gelegt hatte. An allen Wnden Studienkpfe, unter Gussow's
Leitung ausgefhrt, auch viele originelle Versuche.

Der Portier, der auf den wohlklingenden Namen Piefke hrte, sorgte fr
die Insassen des Ateliers wie eine Mutter. Selbst wider ihren Willen
nahm er sich ihres Wohles an. Einer von ihnen hatte eine Reise vor
und vermisste lngere Zeit vorher seine schnsten Hemden. Herr Piefke
war's, der sie bei Seite gerumt hatte, damit sie zu der Reise frisch
gewaschen seien und sein Schtzling sich unter den Fremden sehen lassen
knne. Eigenthmlich genug wurde er zuletzt von der knstlerischen
Atmosphre im 5. Stock so angesteckt, dass er drunten in seinem
Kellergelass selbst zu malen anfing, und das Gelungenste war, dass er
wirklich etwas Talent besass, mehr als manche Berhmtheit, sagten die
Maler. Ja, einer von ihnen hielt ein Gemlde von Herrn Piefke fr das
eines Kameraden, als er es eines Tages im Atelier aufgestellt fand.
Ich selbst sah zwei Marinebilder von Herrn Piefke, Schiffe im Sturm
darstellend, deren Interesse dadurch erhht wurde, dass der Knstler
niemals das Meer gesehen hatte, so dass die Phantasie um so grsseren
Spielraum fand.

Einer von den jungen Malern ersuchte mich, ihm zu sitzen; dadurch
lernte ich die Gesellschaft kennen. Es waren -- selbstverstndlich
-- lauter eifrige Nihilisten, Socialisten, Atheisten, Naturalisten,
Materialisten und Egoisten. Sie docirten einstimmig Ansichten, die
fr die Gesellschaftsordnung und den Frieden des Nchsten hchst
gefhrlich waren. Sie huldigten der Politik der Pariser Commune;
Jeden, der behauptete, dass er selbst, oder berhaupt Jemand, sich
von einem andern Motiv als dem rcksichtslosesten Egoismus leiten
lasse, verachteten sie als einen Heuchler, der sie zum Besten haben
wollte. Sie waren, nachdem sie mich kennen gelernt, sehr berrascht
ber meine Zahmheit. Sie hatten sich etwas ganz andres erwartet.
Sie fhlten Ekel (Verachtung ist ein zu schwaches Wort dafr) vor
der ganzen anerkannten deutschen Kunst, vor der Akademie, ihren
Mitschlern, den berhmten Namen (mit Ausnahme von Bcklin, Menzel und
Gussow). Sie hatten das Leben durchschaut. Sie liessen Alles gehen,
wie es wollte. Es gab nichts zu wirken und nichts zu hoffen. Es galt,
so schmerzlos als mglich die Zeit todtzuschlagen; sie waren zu alt,
um Leidenschaften zu hegen -- darber waren sie hinaus -- zu blasirt,
um Illusionen nachzujagen, zu kunstverstndig, um sich selbst Genie
zuzutrauen, zu stolz, um sich um Lob oder Ruhm zu kmmern; es galt,
den einen Tag hinzubringen wie den andern: ein wenig zu malen, eine
Partie Tarok zu spielen, recht lange zu schlafen. Kurzum sie waren
jung, jung! im Beginn der Zwanzig, genussschtig, ehrgeizig, fanatisch
fr die Kunst begeistert, weissglhend vor Verachtung der Heuchelei,
so leidenschaftslos, dass der eifrigste Anbeter der Indolenz unter
ihnen erst vor Kurzem von den Folgen eines Selbstmordversuches, den
er aus unglcklicher Liebe machte, geheilt worden war und so eifrig,
das Evangelium des Egoismus zu predigen, dass sie in vollstndigem
Communismus lebten, einander halfen, fr einander hungerten und
einander liebten.

Sie waren Alle begabt; doch sobald man mit Einem von ihnen allein
war, erzhlte er sofort mit einem Gemisch von Zrtlichkeit und
Ehrfurcht, dass Einer unter ihnen ein Genie sei. Er war ihr Stolz,
ihre Bewunderung. Sie setzten ihre egoistische Freude darein, sein
Lob nach allen Seiten auszuposaunen, berall und mit Jedem von seinen
Arbeiten zu sprechen, ohne eine Silbe von ihren eignen zu sagen; fragte
man nach diesen, so antworteten sie, das sei nur Broderwerb. Sie
trugen ihren Benjamin auf den Hnden und schworen, dass er den Ruhm
aller jetzt lebenden deutschen Knstler in Schatten stellen werde.
Mittlerweile ging er gross und schlank mit seinen dicht wachsenden,
gekrausten, rothen Haaren still und verschlossen unter ihnen, stimmte
mit einem Nicken, doch ohne sich weiter auszulassen, in ihre Theorien
ein, im Voraus berzeugt, dass nur die extremste Anschauung die wahre
sein knne und im Uebrigen so verloren in sein inneres Walten, so
in Anspruch genommen von seinen fruchtbaren Trumen, so unablssig,
fabelhaft productiv, dass er nur wenig Zeit zum Philosophiren fand.


                                 III.

Max Klinger ist in Leipzig am 18. Februar 1857 geboren. Er ist der
Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Er studirte die Malerei in
Carlsruhe und Berlin unter dem durch seinen energischen Realismus
bekannten Maler Carl Gussow, aber ohne das lernen zu knnen, worin
dieser Lehrer seine besondere Strke hat: die genaue Wiedergabe des
Modells. Er lernte niemals die ussere Wirklichkeit copiren: dafr
war seine innere Welt zu eigenthmlich und zu reich. Sein Gedchtniss
war so treu, dass es von Formen und Eindrcken berfllt war, seine
gnostisch sinnliche, ideen- und bildersprudelnde Einbildungskraft
war felsenfest von ihrer innern Logik berzeugt. Wie bizarr sie sich
auch im Schaffen usserte und wie tollkhn sie auch mit einer Aufgabe
tummelte, machte sie dennoch etwas in knstlerischem Sinne Vernnftiges
daraus, und sein Stimmungsleben war so vollstndig, so vielstimmig
bewegt, dass jede seiner Schpfungen auf die Nerven wirkte wie Musik,
Stimmung in sich hatte und Stimmung mit sich brachte.

Der Stamm, aus dem diese fruchtbare Phantasie ihre Blthen trieb, war
ein fester, entschlossener und hartnckiger Charakter, beharrlich in
seinem Streben und in seinen Entschlssen und bereit, Zeit, Krfte,
unbedingt Alles dafr zu opfern; er war ferner ein usserst nervses,
bis zum Uebermass sensibles Temperament, eines jener Temperamente,
welche die Leidenschaften bis auf den Grund erschttern, doch nicht
wie verheerende Strme, sondern wie tropische Gewitter, nach denen das
Erdreich doppelt ppig wuchert.

Im Frhling 1878 stellte Klinger eine Reihe von 8 Zeichnungen aus,
welche die Geschichte Christi illustrirten. Obgleich diese Zeichnungen
nicht zu Klinger's besten Arbeiten gehren, wohl zunchst deshalb, weil
das Historische nicht sein Fach ist und weil die Aufgabe berhaupt
zu gross fr seine Jugend war, so wurden sie doch beachtet. Der
damalige Kritiker der Gegenwart, einer von den Wenigen, die wirklich
Kunstverstndniss hatten, schrieb: Von der Ausstellung 1878 wird man
in Zukunft sagen: Hier stellte Max Klinger zum ersten Male aus; und
nicht lange danach wurden die Zeichnungen von der Nationalgalerie
angekauft. Ihr Verdienst lag hauptschlich in dem vollstndigen,
entschiedenen Bruch des Knstlers mit allen abgedroschenen
Ueberlieferungen in der Behandlung der ursprnglich christlichen Typen.
Mit jugendlichem Ernst suchte er seinen eigenen Weg.

Der Christustypus ist bei ihm unklar, verschieden in den verschiedenen
Zeichnungen, weil er selbst ber seine Grundauffassung noch unklar
ist. Doch die Begebenheiten sind dem Beschauer nahe gerckt. Z.
B. Die Jnger klimmen mhsam den Hgel empor, wo die Bergpredigt
gehalten werden soll; ihnen folgen neugierige, schreiende Knaben,
hinkende alte Weiber, Gichtbrchige, Phariser und Soldaten. Alle
wenden uns den Rcken; einer von den Aposteln dreht sich um und will
einen Knaben ohrfeigen, wird aber von einem andern daran gehindert.
Der Eindruck ist humoristisch. An einer andern Zeichnung, wo sie den
Berg hinabschreiten, ist Alles feierlich. Die Sonne brennt auf den
heissen Sand. Einer hinter dem andern gesenkten Hauptes folgen die
Apostel ihrem Meister. Dieser nhert sich den Zuschauern. Das edle,
feine Gesicht mit dem weichen schwarzen Haar und Bart blickt starr zu
Boden. Er sieht trotz seiner Jugend so ehrfurchtgebietend aus, dass
der rmische Centurio, der hergesandt ist, um ihn zu beobachten,
unwillkrlich Front macht; steif und unbeweglich, entblssten Hauptes
steht er da, als Christus an ihm vorbeischreitet. In diesen Zeichnungen
ist ein tapferer, wahrheitsliebender Kampf gegen das Hergebrachte. Auf
dem Blatte wo Christus mit der Dornenkrone dem Volke gezeigt wird,
ist z. B. der Ausrufer nicht das gewhnliche brutale Ungeheuer, das
in Vergngen ber seine eigene Gemeinheit schwelgt; wir sehen ein
schlfriges arabisches Profil, dessen Besitzer mit eintniger Stimme
ganz mechanisch eine Reihe Worte ausschreit, die er auswendig gelernt
hat, weil herzuplappern sein Beruf ist.

Auf derselben Ausstellung befand sich auch ein kleines Gemlde von
Klinger, Spaziergnger betitelt, interessant durch sein spannendes
Thema. Die Scene ist ein des Feld nchst der Hasenhaide bei Berlin,
bekannt als unsichere Gegend. Eine lange, unendlich lange und
melancholische Friedhofmauer zieht sich in das Bild hinein. Daran lehnt
ein junger Mann. Er hat einen Revolver aus der Tasche gezogen und
hlt ihn mit ruhigem beobachtenden Blick vor sich hin; denn von drei
Seiten nhern sich unheimliche, zerlumpte Gestalten mit dicken Knppeln
in den Hnden. Sie sind stehen geblieben, augenscheinlich ungewiss,
was sie zunchst beginnen sollen, da sie merken, der Andere sei
vorbereitet. Einer dieser Vorstadt-Proletarier bckt sich, ungeduldig
ber das Warten, und hebt einen grossen Stein auf. Ueber dem Bilde
blauer Himmel, Sonnenschein und Sommerluft. -- Der Kritiker Ludwig
Pietsch besprach dieses Bild, ebenso wie die Handschuh-Radirungen, voll
Bewunderung.

So grosses Aufsehen machten diese ersten Versuche, dass der Neid rege
wurde. Der Kritiker der Gegenwart wurde in seinem eigenen Blatte
angegriffen und der Artikel von der Redaction desavouirt. Es sei
Snde, hiess es allgemein, einem jungen Knstler durch Lob den Kopf
zu verdrehen, besonders fgte man gerne hinzu, da wahrscheinlich
nichts aus ihm werde; und als kurz danach Klinger's Kunst zu
stocken schien, da er fr zwei ganze Jahre aus Berlin verschwand und
sehr zurckgezogen zuerst in Brssel, dann in Mnchen lebte, eine
langwierige erschpfende Krankheit durchmachte, hatte es wirklich eine
Zeit lang den Anschein, als ob die ungnstigen Prophezeiungen Recht
behalten sollten.

Doch zu Anfang 1880 kamen in Brssel 13 _Eaux-fortes_, Randglossen
zu Ovid, heraus, die einen grossen Fortschritt in der Entwicklung
des Knstlers verriethen. Es waren Illustrationen, oder richtiger
begleitende Phantasien zu den Erzhlungen der Metamorphosen von Apollo
und Daphne, Pyramus und Thisbe, vermischt mit Intermezzo's pathetischer
oder humoristischer Natur. Das einleitende Blatt ist in grossem,
prachtvollen Stil ausgefhrt. Eine schne gebirgige Kstenlandschaft.
Zur Linken, mit einer mchtigen Bergwand im Hintergrund, erblickt man
eine griechische Colossalbste, wie in einem Nest von Rosen angebracht.
Den untersten Theil des Blattes nimmt die Platte an dem Arbeitstisch
des Knstlers nebst Leuchtern und Zeichnengerthschaften ein; rechts
unten strecken zwei gefaltete Hnde sich betend empor. Sie rufen den
Geist der Antike an. Man muss die reine Hoheit in dem Ausdrucke des
Colossalhauptes und die zitternde, nervse Inbrunst in den gefalteten
Hnden, endlich die Landschaft mit dem kleinen, rauchenden Altar
und einem Opfernden davor gesehen haben, um die ergreifende Wirkung
zu verstehen. Die Landschaften insbesondere sind in diesem Cyclus
bezaubernd; berhaupt besitzt Klinger eine gleichmssigere Strke
in der Landschaft als in den Figuren, deren Zeichnung nicht selten
verfehlt ist, und bei denen sich das Barocke und Hssliche zuweilen
strend neben vielem Reizenden und Genialen offenbart. Die Landschaften
hier, mythologische Landschaften, die etwas Paradiesisches und doch
gar nichts Akademisches an sich haben, erinnern in ihrem Stil an
Bcklin, der berhaupt der Maler sein drfte, der den tiefsten
Eindruck auf Klinger gemacht hat. Diejenigen unter meinen Lesern,
die solche Bilder von Bcklin gesehen, verstanden und gefhlt haben,
wie die beiden in der Schack'schen Gallerie zu Mnchen, welche den
Namen Die Villa fhren und dieselbe altgriechische Landschaft, bei
Tag und Nacht gesehen, vorstellen, knnen sich einen Begriff von der
tiefen, ergreifenden Poesie in Klinger's bald berppigen, bald durch
ihre wilde Unfruchtbarkeit melancholischen Landschaften machen. Es
sind keine Landschaften, die sich fr die civilisirte Menschheit der
Gegenwart eignen. Sie passen zum Aufenthaltsort fr langhaarige Faune,
fr fltenspielende, ziegenfssige Satyre, fr das erste liebende
Menschenpaar der Urzeit. Und doch ist der Knstler der Modernste unter
den Modernen, der Freieste unter den Freien -- antik nur desshalb,
weil er ursprnglich ist, mythologisch nur, weil etwas von dem
Urmenschlichen, das in den Mythen seinen Ausdruck fand, in ihm ist.
Er spielt mit Ovid so frei, wie Ovid mit dem Glauben einer lteren
Zeit spielte, aber mit tieferem Sinne fr das Seelische darin, mit
khnerer Phantasie und mit dem Hang des innerlich Einsamen, Gedanken
und Rthsel in sein Werk niederzulegen. Welch' ein Blatt das, welches
uns Apollo und den Knstler zeigt, die sich in der fremden Welt
entgegengehen, jener mit der vielfach vergrsserten Feder, dieser mit
der vergrsserten Radiernadel in der Hand. Welche stolz-bescheidene
Haltung der ernsten Gestalt im antiken Gewande!

Wie in sein Zimmer eingemauert, ohne mit einem einzigen Menschen zu
verkehren, ohne im Verlauf von fnf Monaten nur ein einziges Mal
seinen Fuss in die Pinakothek zu setzen, die er nie gesehen hatte,
lebte Klinger in Mnchen, ausschliesslich der Ausarbeitung seines
grossen Werkes Amor und Psyche. Es ist Apuleius' alte Legende,
verschwenderisch mit Holzschnitten und Radirungen illustrirt. Mit
wahrer dichterischer Erfindungsgabe hat Klinger in den Vignetten die
Grundzge der Mythe motivirt; und jeder empfngliche Beschauer wird
sich der Feinheit und des Humors in der Vignettenreihe, wo Amor die 12
Herkules-Arbeiten ausfhrt, freuen und die vollendete Schnheit und
Pracht bewundern, wie am Schlusse Venus vor den Gttern auf dem Olymp
tanzt. Die grossen Bilder und Figuren stehen durchgehends dahinter
zurck. Klinger ist noch kein Meister in der eigentlichen Zeichnung,
und es ist zweifelhaft, ob er es jemals wird. Denn obschon in manchem
Punkt das, was er hervorbringt, nicht besser gemacht werden kann, so
muss man in andern Punkten frchten, dass er unverbesserlich ist. Er
gehrt nicht zu denen, die schrittweise lernen; er geht im Sprung
voran oder er behlt seine Fehler. Jedoch die kleinen Bilder sind
unvergleichlich anmuthig. Eines ist darunter, das Psyche einsam in
Amor's Palast darstellt, wie sie von der Musik der Geister getrstet
wird; es ist hingehaucht und ideal schn wie ein Gedicht von Shelley.


                                 IV.

Ja, Klinger ist Dichter, ein naturanbetender, unberechenbar
phantastischer Poet, der mit der Radirnadel und dem Pinsel dichtet.
Er malt z. B. eine sdliche Landschaft mit heiterer Luft, im
Hintergrunde das Meer; ein Strauch voll rother Rosen zur Linken; eine
junge, nackte weibliche Gestalt mit einem Rosenkranz um die Stirn
liegt ausgestreckt auf dem feinen, weissen Sand und sttzt sich auf
den Ellbogen. Von rechts nhern sich mit steifer Gravitt zuerst
ein feuerrother Flamingo, dann in einiger Entfernung zwei grosse,
barocke, breitschnblige Vgel, die der Schnheit ihre Huldigung
darzubringen scheinen. Das ebenso vorzglich erfundene wie schlecht
gemalte Bild trgt die Aufschrift: Deputation. Oder er zeichnet
einen Mephistopheles, der, in Faust's Mantel gehllt, auf den Besuch
des Studenten wartet. Nicht eine Spur von dem traditionellen
Mephisto-Typus ist zurckgeblieben. Aber wie ist dies schne, kluge
Gesicht unter dem Barett berlegen, raffinirt, in jeder Fiber von Hohn
durchzuckt; eine vampyrische Wollust ist in diesen Zgen. Der grosse
Sptter schlgt den warmen Pelzmantel um sich, als ob er friere. Es ist
der blutlose Vampyr, der erfahrene Weltmann, der auf die vollbltige
Unbedeutendheit, die unheilige Einfalt von der Schule wie auf seine
sichere Beute wartet.

Die letzte Reihe von Radirungen, die Klinger herausgegeben, scheinen
mir den Hhepunkt dessen zu bezeichnen, was er erreicht hat; sie haben
nur ein einziges misslungenes Blatt aufzuweisen und bertreffen an
Reife alles frhere. Der Titel ist Eva und die Zukunft. Es sind 6
Bltter. Eva erwacht neugeschaffen in einem Paradiesgarten, der durch
die Ueppigkeit seiner Vegetation an den Garten in Zola's La faute de
l'abb Mouret erinnert. Das nchste Blatt Die Zukunft zeigt einen
schmalen Bergpfad zwischen zwei nackten, senkrechten Klippenwnden,
der emporfhrt; und zu oberst, wo wir Evashne und Evatchter alle
vorbei mssen, wenn wir berhaupt vorbei kommen, -- hockt, auf die
Vordertatzen gesttzt, mit granitener Ruhe ein Riesentieger und wartet,
wartet wie das unvermeidliche Entsetzen, das Jedem vorbehalten ist. Das
nchste Blatt Die Schlange stellt Eva nackt dar, wie sie sich brstet
und auf den Zehen erhebt, um ihr Gesicht besser im Spiegel sehen zu
knnen, den die Schlange vom Baume der Erkenntniss ihr entgegenhlt.
Dies Blatt gefllt mir am wenigsten; aber Die Zukunft, die das
Seitenstck zu Die Schlange bildet, ist um so viel interessanter. Es
wirkt durch etwas unaussprechlich Stimmungsvolles: ein Dmon, der Dmon
aller Versuchungen, fliesst mit einer Harpune in der Hand, seltsam
lchelnd, auf dem Rcken eines Delphins an dem Beschauer vorber. Die
beiden letzten Bltter sind in hohem Grade fesselnd. Das eine stellt
die Vertreibung Adam's und Eva's aus dem Paradiese vor und ist betitelt
Adam; im Hintergrund des Gartens reiche Laubbume und der durch ein
primitives Portal von hohen, unbehauenen Steinen, doch ohne Thorbogen,
bezeichnete Ausgang. Im Vordergrund Adam, der Eva auf seinen Armen
hinaustrgt in die Welt der steinernen Wirklichkeit. Man braucht nur
angesichts dieser Radirung einen Namen zu nennen wie Gustave Dor,
um die ursprngliche Frische Klinger's recht augenfllig zu machen;
er ist ebenso echt und ursprnglich, wie der Franzose allmlig
conventionell und theatralisch geworden ist. Die Zukunft, die das
Gegenstck zu diesem Blatte bildet, wird Niemand, der sie sah, so
leicht vergessen! Jean Paul gebraucht irgendwo von dem Tod den Ausdruck
der Pflasterer. Dieser Ausdruck gab Klinger, die Idee zu einem Bilde
in mittelalterlichem Geist, auf dem man den Knochenmann erblickt, ein
Gewimmel von schreckgelhmten Huptern, die aus der Erde ragen, unter
sich; und whrend sich die sonderbaren Klauen seiner Fsse in die Haare
einiger Kpfe verwickeln und er ein Geheul des Entzckens anstimmt,
schwingt er seine krftige Pflasterersjungfrau hoch in seinen Armen und
lsst sie mit Wonne auf die Hirnschalen hinabfallen.


                                  V.

Es ist wahrscheinlich, dass ein Knstler, der bis zu seinem 24. Jahre
schon so viel hervorbrachte, im Laufe der Zeit einen weitverbreiteten
Ruf erlangen wird. Ich glaube nicht, dass es ihm gelingt, sich eine
ebenso grosse Herrschaft ber die Mittel der Malerkunst zu erwerben,
wie ber die der Radirkunst. Seine verschiedenartigen Versuche
bisher waren versprechend, doch nicht entscheidend. Als das, was er
vorlufig ist, d.h. als Maler-Radirer, ist er ein grosser Componist
und ein wahrer Dichter in seiner Kunst. Er scheint mir besonders darum
interessant, weil er, zu dessen Glaubensbekenntniss es gehrt, kein
Nationalgefhl zu haben, er, der von dem Spanier Goya und dem Deutschen
Bcklin fast gleich tief beeinflusst ist, der mit Ausnahme von Gussow
und Menzel nur franzsische Malerkunst schtzt und selten ein modernes
deutsches Buch zur Hand nimmt, sondern entweder den Simplicissimus
oder moderne franzsische Schriftsteller wie Zola oder noch lieber
die Brder Goncourt liest, -- dass er trotz alledem so tief national
ist. Es steckt etwas Urdeutsches in ihm, etwas von der metaphysischen
Phantastik Jean Paul's und E. Th. A. Hoffmann's (von welch' Ersterem
er ein grosser Bewunderer ist), etwas von der Innigkeit und dem tiefen
Schnheitssinn Franz Schubert's, den er spielt und liebt; und dabei
hat er doch sein eignes, weit mehr modernes Element, neue Formen fr
eine neue Innigkeit, neue Ausdrcke fr Sehnsucht, Wollust, Humor,
Selbstironie und das grosse melancholische Pathos. Wenn jeder Stoff,
den er berhrt, sich verjngt, wenn er Amor, den man doch Grund hatte,
lediglich als Zopf zu betrachten, von neuem lebendig und mglich
machte, so beruht dies auf der persnlichen, nervsen Art, mit der er
den Stoff anpackt; und diese Form von Nervositt kommt erst in der
letzten Hlfte des 19. Jahrhunderts vor.

Klinger ist ein ausgezeichneter Beobachter, der treu nach der
Wirklichkeit studirt, der Mann vollendeter Beobachtung. Man sehe z. B.,
wie er in seinen schlafenden Gestalten den Schlaf studirt hat; man sehe
die Haltung und Bewegung seiner Vgel; man sehe die Geberde, mit der
Amor's und Psyche's kleiner Sohn dem Jupiter in die Stirnhaare greift.
Klinger ist sogar unbarmherzig in seiner Treue gegen die Wirklichkeit;
er erspart den Nerven des Betrachters nicht die volle Pein des
Eindrucks: oft scheint es, dass er sich gleichsam ber die hergebrachte
Geziertheit und Zurckhaltung in der Darstellung des Natrlichen lustig
mache; so stark fhlt er es, dass der Knstler, wenn er sich den Normen
der guten Gesellschaft anbequemt, sowohl komischer als ernst wirkender
Effecte verlustig geht, dass ganze Stsse von seinen Zeichnungen --
darunter verschiedene, welche die Nationalgallerie in Berlin gekauft
hat -- der Oeffentlichkeit nicht vorgelegt werden knnen. Man muss zu
Huysmanns und Guy de Maupassant gehen, um literarische Seitenstcke zu
finden. Insofern ist er Naturalist bis in die Fingerspitzen.

Aber im Herzen ist er Pantheist. Seine Phantasie bohrt sich gleichsam
in den Mittelpunkt, von dem die schwellende Flle des Lebens ausgeht,
schafft mit, schafft um, bildet neue Organismen, neue Fabelthiere, neue
Ausdrcke fr Gefhle, neue oder erneute Sinnbilder fr Glckseligkeit,
Entbehren, Schrecken und Vernichtung. Er wre der Mann, der durch
geistvolle Illustrationen Gustave Flaubert's Versuchung des heiligen
Antonius zu einem anziehenden Werk machen knnte. Er hat an der Quelle
gestanden, welcher die ltesten Phantasien ber die Natur entstrmten,
und er hat von dieser Quelle getrunken.




                            ERNEST RENAN.

                               (1880.)

Ich hatte nicht die Absicht, Renan aufzusuchen, als ich die Monate
April bis September 1870 in Paris verbrachte; ich habe immer einen
wahren Schrecken davor gehabt, unter dem Vorwand der Bewunderung
berhmten Mnnern ihre Zeit zu rauben. Als aber Taine, der nchste
Freund Renan's, mich wiederholt aufforderte, seinen Freund, den
Philologen zu besuchen, fasste ich mir ein Herz und fand mich, mit
einem Empfehlungsschreiben von Taine versehen, eines Tages in dem Hause
Rue de Vannes ein, wo Renan drei Treppen hoch wohnte. Seine Wohnung
war einfach. Seit ihm der hebrische Lehrstuhl im Collge de France
genommen wurde, war er ohne jegliche feste Einnahme, und nur seine
erste populre Schrift war sehr eintrglich gewesen.

Nach den Werken und den Portraits Renan's hatte ich ihn mir ungefhr
als einen feineren Jules Simon vorgestellt, philanthropisch, milde, den
Kopf ein bischen schrg; ich fand ihn bestimmt, kurz und khn in seinen
Aeusserungen, entschieden in seinen Meinungen; er hatte Etwas von der
Verschmtheit des Gelehrten, aber noch mehr von der Sicherheit und
Ueberlegenheit des Weltmannes. Renan war damals 47 Jahre alt. Ich sah
an dem Arbeitstisch einen kleinen, breitschulterigen, etwas gebeugten
Mann mit einem schweren grossen Kopf. Das glattrasirte Gesicht mahnte
daran, dass Renan ursprnglich zum Geistlichen bestimmt gewesen; grobe
Zge, die Haut unrein, tiefblickende, blaue Augen, die sich nur ab und
zu auf einen richteten, und ein kluger, auch im Schweigen beredter
Mund. Das unschne aber anziehende Gesicht mit dem Ausdruck des hohen
Verstandes und des angestrengten Fleisses war von langen braunen, an
den Schlfen in's Weisse bergehenden Haaren eingefasst. Seine Person
erinnerte mich an einen Satz von ihm selbst: _La science est roturire_.


                                  I.

In ganz jungen Jahren hatte ich mich von Renan's Werken zurckgestossen
gefhlt; er ist berhaupt kein Schriftsteller fr die Jugend. Sein
Leben Jesu, das mir zuerst in die Hnde fiel, ist ausserdem wohl
sein schwchstes Werk; seine Sentimentalitt, eine hier bisweilen
strend hervortretende Salbung, dieser letzte Rest einer priesterlichen
Erziehung, alles das, was einem Jngling entweder weichlich oder
unecht erscheinen musste, liess mich nicht zur gerechten Wrdigung
seiner grossen schriftstellerischen Eigenschaften kommen. Jener erste
Eindruck hatte sich spter verloren; die schne Sammlung tudes
d'histoire religieuse hatte meine Augen fr das fast weibliche
Feingefhl geffnet, das nur einem jugendlichen, noch sprden Geist
wie dem meinen, oder einer revolutionren, ungeduldigen Jugend wie der
des heutigen Italien, als etwas Unmnnliches erscheinen kann, und ich
fand es ganz natrlich, dass er, den man mit Recht den Furchtsamsten
unter den Khnen genannt hat, sich nicht ohne Wehmuth ber seine
Ausnahmestellung aussprach: Die schlimmste Qual, durch welche der
Mann, der sich zu einem Leben im Gedanken durchgekmpft hat, fr seine
Ausnahme-Stellung bsst, ist die, aus der grossen religisen Familie,
der die besten Seelen der Erde gehren, sich ausgeschlossen zu sehen,
und von den Wesen, mit denen er am liebsten in geistiger Vereinigung
leben mchte, als ein verderbter Mensch betrachtet zu werden. Man muss
seiner selbst sehr sicher sein, um nicht erschttert zu werden, wenn
die Frauen und die Kinder die Hnde falten und einem sagen: O glaube
wie wir!

Ich hatte mich jedoch in der Annahme geirrt, dass etwas von diesem
elegischen Ton in Renan's alltglicher Redeweise durchklnge. Der
Grundzug seiner Unterhaltung war eine vollstndige geistige Freiheit,
die grossartige Flottheit des genialen Weltkindes. Der Nerv seiner
Worte war eine so unbegrenzte Verachtung der Menge und des Haufens,
wie ich sie nie frher bei Jemanden getroffen hatte, der weder
Menschenhass noch Bitterkeit spren liess. Schon das erste Mal, da
ich ihn sah, fhrte er das Gesprch auf die menschliche Dummheit; er
sagte, augenscheinlich um dem jngeren Commilitonen Gemthsruhe in
den kommenden Strmen des Lebens einzuflssen: Die meisten Menschen
sind gar nicht Menschen, sondern Affen, aber er sagte es ohne Zorn.
Gruzez's Wort fiel mir ein: _L'ge mr mprise avec tolrance_. Man
sprt diese ruhige Verachtung in seinen Vorreden; sie erhielt viele
Jahre spter einen dichterischen Ausdruck in seiner Fortsetzung von
Shakespeare's Der Sturm; aber in seinem Aufsatze ber Lamennais hat
er sie fast definirt. Er schreibt hier: Es findet sich bei Lamennais
allzu viel Zorn und nicht genug Verachtung. Die literarischen Folgen
dieses Fehlers sind sehr ernst. Der Zorn hat Declamation, Plumpheit,
oft grobe Injurien zur Folge, die Verachtung dagegen bringt fast
immer einen feinen und wrdigen Stil hervor. Der Zorn hat das
Bedrfniss, sich getheilt zu fhlen. Die Verachtung ist eine feine und
durchdringende Wollust, die der Theilnahme Anderer nicht bedarf; sie
ist diskret, sich selbst genug.

Die Gesprchsweise Renan's hatte einen gewissen Schwung, etwas
Lebhaftes und Ueberstrmendes, ohne welches Niemand bei den Franzosen
zu dem Lobe kommt, das in Paris immer Renan ertheilt wird, in Verkehr
und Gesprch charmant zu sein. Von dem Feierlichen, das sein Stil
oft hat, war in seiner mndlichen Form nichts brig. Er hatte gar
nichts Priesterartiges und gar nichts von dem Pathos eines Mrtyrers
des freien Gedankens. Er leitete gern eine Einwendung mit seinem
Lieblingsausruf _Diable!_ ein, und war so weit entfernt, bittere
und elegische Tne anzuschlagen, dass sein Gleichgewicht eher etwas
olympisch Heiteres hatte. Wer die kindisch gehssigen Angriffe kannte,
denen er tglich von orthodoxer Seite ausgesetzt war, und wer wie
ich in dem Journalistenkreise Veuillot's Zeuge gewesen war, wie man
dazwischen schwankte, ob das Aufgeknpft- oder das Erschossenwerden
die gerechte Strafe fr seine Ketzerei sei, dem lag es nahe, zu
fragen, ob Renan nicht recht viel fr seine Ueberzeugung ausgestanden
habe. Ich, lautete die Antwort, nicht das Geringste. Ich verkehre
nicht mit Katholiken, ich kenne nur einen; wir haben nmlich einen
in der _Acadmie des inscriptions_, und wir sind sehr gute Freunde.
Die Predigten, die gegen mich gehalten werden, hre ich nicht; die
Broschren, die gegen mich geschrieben werden, lese ich nicht. Welchen
Schaden sollten sie mir denn zufgen? Nach Renan's Ansicht wrden die
glubigen Katholiken Frankreichs ungefhr ein Fnftel der Bevlkerung
ausmachen und diese seien weit fanatischer als die katholischen
Orthodoxen anderswo, weil der Katholizismus in Spanien und Italien fast
als Gewohnheitssache zu betrachten sei, whrend er in Frankreich durch
die intelligente Opposition gereizt werde.

Ich fand Renan im Juni 1870 durch die Begebenheiten in Rom sehr
erheitert. Man sollte Pius IX. eine Statue errichten, sagte er, er
ist ein ausserordentlicher Mann. Seit Luther hat Niemand der religisen
Freiheit so grosse Dienste geleistet wie er. Er hat die Sachen um
dreihundert Jahre gefrdert. Ohne ihn htte der Katholizismus wie in
einem geschlossenen Raum mit seinem Spinngewebe und seinem dicken
Staub sich sehr gut noch dreihundert Jahre unverndert erhalten
knnen. Jetzt lften wir aus, und Jedermann sieht, dass der Raum leer
ist, und nichts darin steckt. Er hatte die Furcht gehegt, dass man
whrend der Verhandlungen ber die Unfehlbarkeit des Papstes noch im
letzten Augenblick irgend ein Kompromiss abschliessen wrde, durch
welches Alles faktisch so bliebe, wie es sei; diese Mglichkeit war
aber eben in jenen Tagen verschwunden, und es liess sich voraussehen,
dass man keine Konsequenz scheuen werde, nicht einmal die von Renan
angenommene, dass man eine hnliche Zersplitterung innerhalb des
Katholizismus hervorbringe wie die, in welcher der Protestantismus
sich befindet. Es hat sich gezeigt, dass die Politik der katholischen
Kirche richtiger war, als ihre Gegner im ersten Augenblick meinten.
Die eingetretene Spaltung ist weder tief noch bedeutend gewesen und
zu einer Zersplitterung, die sich nur annhernd mit dem Sektenwesen
des Protestantismus vergleichen liesse, ist nicht die geringste
Aussicht vorhanden. Renan, der am meisten an Frankreich dachte, hoffte
aber besonders, dass der franzsische Brgerstand, der seit der
Februarrevolution sich ganz in die Arme der Kirche geworfen hatte, und
mit unruhigen Blicken dem kulturfeindlichen Auftreten der ppstlichen
Macht zuschaute, endlich die Augen aufmachen werde.

In dem schnen, gediegenen Roman Ladislaus Bolski hat Victor
Cherbuliez einen milden Spott mit gewissen Lieblingstheorien Renan's
getrieben, indem er dem gutmthigen aber zum Handeln ganz unfhigen
Mentor des Helden die Renan'schen Lehren von der zarten Natur der
Wahrheit und von der daraus fliessenden Nothwendigkeit, nur mit der
ussersten Vorsicht und Umsicht sich ihr zu nhern, in den Mund
gelegt hat. George Richardet glaubt wie Renan, dass es berall auf
die Nuance ankommt, dass die Wahrheit nicht einfach weiss oder
schwarz, sondern eine Schattirung ist, und scheitert daran, dass
man nicht in Schattirungen handeln kann. George Richardet will im
Leben die Idee verwirklichen, die Renan an einer Stelle unter vielen
so ausgedrckt hat: Man knnte ebenso gut ein geflgeltes Insekt
mit einer Keule zu treffen versuchen, als mit den groben Klauen des
Syllogismus die Wahrheit in einer Geisteswissenschaft fassen wollen.
Die Logik ergreift die Nuancen nicht, aber die moralischen Wahrheiten
beruhen ganz und vllig auf Nuancen. Es ntzt deswegen nichts mit der
plumpen Gewaltsamkeit eines wilden Schweines sich auf die Wahrheit
loszustrzen; die flchtige und leichte Wahrheit entschlpft und
man verliert nur seine Mhe. Wer mit Renan's schriftstellerischer
Wirksamkeit vertraut ist, weiss, wie vollstndig dieser Gedanke ihm
gegenwrtig ist, wenn er schreibt. Wenn er aber spricht, wo sind
dann seine lieben Nuancen! Whrend Taine, der in seinen Schriften
so derb ist, im Gesprch unaufhrlich moderirt und dmpft, sich
nur von den strengsten Gerechtigkeits- und Billigkeitsrcksichten
leiten lsst, geht Renan, wenn er spricht, zum ussersten und ist
durchaus nicht der Ritter der Nuance. Nur in einem Punkte waren sie
beide gleich entschieden in ihren Ausdrcken. Das war, wenn das
Gesprch auf jene spiritualistische Philosophie Frankreichs kam,
die ihre Strke in ihrer Allianz mit der Kirche und ihrer Erhebung
zur officiellen Staatsphilosophie gesucht hat, die ursprnglich das
Herz der Familienvter dadurch gewann, dass sie Dogmen und Tugend in
ihrem Schilde fhrte und die statt der Entdeckung neuer Wahrheiten
die Versehung des ganzen Landes mit guten Sitten als Frucht ihrer
wissenschaftlichen Fortschritte versprach. Sie hatte ja damals noch
alle Lehrsthle Frankreichs inne. In der Sorbonne war sie von Janet und
Caro vertreten, von welchen Janet als der feinere und geschmackvollere
Geist die Gegner zu verstehen und ihnen gerecht zu sein bestrebt war,
whrend Caro (Bellac in Pailleron's _Le monde, o l'on s'ennuie_)
als chte Mittelmssigkeit mit priesterlichen Armbewegungen und
krftigen Schlgen gegen seinen breiten Brustkasten, durch Appelliren
an die Freiheit des Willens und den Glauben an Gott, den Beifall der
Zuhrer errang. Fr Renan, der doch in einem so eleganten Essay Cousin
als Redner und Schriftsteller gelobt hat, war die ganze eklektische
Philosophie mndlich nur offizielle Suppe, Kinderbrei, Produkt
der Mittelmssigkeiten, fr die Mittelmssigkeit berechnet. Ja, so
hartnckig war er in diesem Punkte, dass er, der Frsprecher der
Nuancen, sich niemals ausreden lassen wollte, dass der Spiritualismus
unbedingt falsch sei. Fr Taine dagegen hegte er eine Bewunderung, die
fast leidenschaftlich war. _Taine, c'est l'homme du vrai, l'amour de la
vrit mme._ Trotz der so in's Auge springenden Verschiedenheit ihrer
Naturen -- Taine's Stil hat die Kraft eines Springbrunnens, Renan's
Stil fliesst aus der Quelle wie der Vers Lamartine's -- erklrte Renan
sich mit dem Freund in allen Hauptfragen einig. Und als ich eines
Tages einen in Paris oft errterten Gegenstand zur Sprache brachte,
die Frage, wie weit die allgemeine Stimmung Recht habe, die immer ber
Frankreichs geistigen Niedergang klagte, kam Renan wieder auf Taine
zurck: Niedergang! was heisst das? Alles ist relativ. Ist Taine z. B.
nicht bedeutender als Cousin und Villemain zusammen? Es ist noch viel
Geist in Frankreich, und er wiederholte mehrmals diese Worte: _Il y a
beaucoup d'esprit en France._

Wie die meisten gebildeten Franzosen war Renan ein fast
ehrfurchtsvoller Bewunderer George Sand's. Diese ausgezeichnete
Frau hatte vermocht, ihre Herrschaft ber die jngeren Generationen
Frankreichs auszudehnen, ohne deswegen ihren Jugendidealen untreu zu
werden. Einen Idealisten wie Renan gewann sie durch ihren Idealismus,
einen Naturalisten wie Taine durch die geheimnissvolle Naturmacht
ihres Wesens, der jngere Dumas, von dem man glauben sollte, dass die
Helden und Heldinnen George Sand's, ber die seine Dramen manchmal
eine bittere Kritik ben, ihm ganz besonders zuwider seien, war
vielleicht derjenige unter den nachromantischen Schriftstellern, der
ihr persnlich am nchsten stand. Dumas' Begeisterung fr George Sand
war nur eine Folge seiner literarischen Empfnglichkeit berhaupt, der
Enthusiasmus Renan's war von tieferer Art. Ebenso stark wie er Branger
hassen muss, in dem er eine Personifikation all' des Leichtfertigen
und Prosaischen in dem franzsischen Volkscharakter sieht, und
dessen philisterhafter _Dieu des bonnes gens_ dem Herder'schen,
pantheistischen Denker und Trumer ein Dorn im Auge ist, ebenso
lebhafte Sympathien musste er naturgemss fr die Verfasserin von
Llia, Spiridion und so vieler anderen schwrmerischen Schriften
haben.

Trotz seines weiten Blicks ist Renan jedoch in seinen literarischen
Sympathien nicht ohne nationale Beschrnkung. Er hatte in einem
Gesprche ber England durchaus nichts Gutes ber Dickens zu sagen;
nicht einmal fr Billigkeit war er gestimmt. Der anspruchsvolle Stil
von Dickens sagte er, macht auf mich denselben Eindruck, wie der Stil
einer Provinzial-Zeitung. Sein bekannter ungerechter Artikel ber
Feuerbach setzt Einen weniger in Erstaunen, wenn man hrt, in welchem
Grade er ber die Mngel bei Dickens dessen Vorzge bersieht. Er ist
derselbe bis zum Krankhaften entwickelte Sinn fr eine klassische
und temperirte Ausdrucksweise, der Renan die humoristischen, an die
Shakespearischen Clowns gemahnenden Sonderbarkeiten in Dickens' Stil
und die leidenschaftliche Form bei Feuerbach antipathisch macht; die
geniale Manierirtheit des Englnders kommt ihm provinziell vor, die
Gewaltsamkeit des Deutschen scheint ihm einen so zu sagen tabaksartigen
Beigeschmack von der Pedanterie des studentischen Atheismus zu haben.
Er ist in seinem literarischen Geschmack Romane und Pariser, classisch
und gedmpft.


                                 II.

Renan stand im Vorsommer 1870 in Begriff, eine Reise nach Spitzbergen
in Begleitung des Prinzen Napoleon anzutreten. Kurz vor dieser Reise
sprach er eines Tages von Politik. Sie knnen, sagte er, den Kaiser
vollstndig durch seine Schriften kennen lernen.[23] Er ist ein
Journalist auf dem Thron, ein Publicist, der immer die ffentliche
Meinung ausfragt. Da seine ganze Macht auf ihr beruht, braucht er trotz
seines geringeren Gehalts mehr Kunst als Bismarck, der sich ber alles
hinwegsetzen kann. Bis jetzt ist er nur krperlich, nicht geistig
geschwcht, aber er ist usserst vorsichtig geworden (_extrmement
cauteleux_) und hat ein Misstrauen in sich selbst, das er frher nicht
kannte. Renan urtheilte ber Napoleon ungefhr wie Sainte-Beuve in dem
bekannten nach seinem Tode herausgegebenen Fragment ber Das Leben
Csars, in welchem er die Csaren zweiter Classe schildert, jene die
im Purpur oder neben dem Purpur geboren sind und etwas Gequltes,
Ausgearbeitetes, Fabricirtes an sich haben. Ollivier, den Renan schon
sehr lange kannte und der eben in jenen Tagen seine kurze Rolle als
anscheinend constitutioneller Premierminister spielte, beurtheilte er
mit Strenge. Er sagte: Er und der Kaiser passen vorzglich zusammen.
Sie sind geistig verstanden Verwandte, sie haben dieselbe Art von
ehrgeiziger Mystik, sind so zu sagen durch die Chimre verschwgert.
Schon im Jahre 1851 hatte Ollivier oft zu Renan gesagt: Sobald ich ans
Ruder komme, sobald ich Premier-Minister werde ....

Wenn ich nun in diesen Gesprchen mit meinem damaligen einfachen
politischen Grundgedanken, der Nothwendigkeit des Schulzwangs,
des unentgeltlichen oder doch usserst billigen Unterrichts auch
fr Frankreich, hervorrckte, einem Gedanken, den ich berall zu
vertheidigen Anlass hatte und der berall wie eine Ungereimtheit oder
eine alte lngst aufgegebene Schrulle behandelt wurde, war Renan
nach meinen Vorstellungen so paradox, dass ich kaum an seinen Ernst
glauben konnte. Seine Argumente haben besonders deswegen Interesse,
weil man sie (nur in anderer Form) allenthalben in Frankreich von den
Mnnern des zweiten Kaiserreichs vorbringen hrte. Renan behauptete
erstens, gezwungener Unterricht sei eine Tyrannei. Ich habe selbst,
sagte er ein kleines Kind, das gebrechlich ist. Wie despotisch,
es von mir zu nehmen, um es zu unterrichten! Ich entgegnete, dass
es durch das Gesetz Ausnahme gbe. Dann wrde Niemand die Kinder
in die Schule schicken, antwortete er. Sie kennen nicht unsere
franzsischen Bauern. Sie wrden sich nie was daraus machen. Lassen
Sie sie die Erde bauen und ihre Steuern zahlen oder geben Sie ihnen
ein Gewehr in die Hand und einen Sack auf den Rcken, und sie sind
die besten Soldaten der Welt. Aber was fr die eine Race passt,
passt fr die andere nicht. Frankreich ist kein Land wie Schottland
oder Skandinavien; die puritanischen und germanischen Gewohnheiten
finden hier keinen Boden. Frankreich ist z. B. kein religises Land
und jeder Versuch, es dazu machen zu wollen, wird scheitern. Es ist
ein Land, das zwei Sachen hervorbringt; was gross und was fein ist
(_du grand et du fin_). Die respektable Mittelmssigkeit wird nie
hier gedeihen. In diesen zwei Worten ist das ideale Bedrfniss der
Bevlkerung ausgedrckt; im Uebrigen will sie nur eins, sich amsiren,
durch Vergngungen empfinden, dass sie lebt. Und endlich, glauben Sie
mir, es ist meine feste Ueberzeugung, dass der elementare Unterricht
geradezu ein Uebel ist. Was ist ein Mensch, der lesen und schreiben
kann, ich meine: ein Mensch, der nicht mehr als lesen und schreiben
kann? Ein Thier, ein dummes und _eingebildetes_ Thier. Geben Sie den
Menschen einen Unterricht von 15 bis 20 Jahren, wenn Sie es knnen,
sonst Nichts! Was dazwischen liegt, ist so fern davon, sie klger zu
machen, dass es nur ihre liebenswrdige Natrlichkeit, ihren Instinkt,
ihre gesunde Vernunft verdirbt, und sie unertrglich macht. Gibt es
etwas Schlimmeres, als von Seminaristen regiert zu werden? Die einzige
Ursache, warum wir uns jetzt mit dieser Frage beschftigen mssen, ist,
weil dieser Haufen Gassenbuben (_ce tas de gamins_) uns zu seiner Zeit
das allgemeine Stimmrecht aufzwang. Nein, seien wir darber einig,
dass nur bei den Hochgebildeten die Bildung ein Gutes ist und dass die
Halbgebildeten nur wie unntze und hochmthige Affen zu betrachten
sind. Ich sprach von Dezentralisation, davon, die Provinzialstdte,
Lyon z. B. zu heben. Lyon, brach er in vollem Ernste aus, es wrde
doch wohl Niemanden einfallen, die Provinzial-Hauptstdte zu geistigen
Brennpunkten zu machen, sie kmen sogleich unter die Bischfe. Nein,
fgte er mit drolliger Ueberzeugung hinzu, in solchen Stdten wird
man nie etwas anderes als Dummheiten machen. Man wird nach diesen
Aeusserungen des Mannes in Frankreich, der mehr als irgend ein anderer
fr eine Reform des hheren Unterrichtswesens gekmpft hat, vielleicht
besser verstehen, warum da zu Lande die Gleichgltigkeit der Liberalen
Hand in Hand mit dem Eifer der katholischen Geistlichkeit ging,
wenn die Rede davon war, jener Unwissenheit der niedrigeren Klassen
abzuhelfen, die sich spter so gefhrlich fr die ussere und innere
Sicherheit des Landes zeigte. Der alte Philarte Chasles, der doch
wahrlich kein Chauvinist war, machte sich eines Abends im Mai 1870 bis
zu dem Grad ber mein Vertrauen in die wirksame Kraft des gezwungenen
Unterrichts lustig, dass er ihn mein _Revalenta arabica_ nannte und
behauptete, ich hoffe, durch ihn das Menschengeschlecht fr alle Zeiten
glcklich zu machen. Auch er fragte mich, ob ich nicht meinte, dass
die Bauern ohne Schulmeister hinlnglich gute Familienvter und gute
Soldaten seien. Der Krieg lehrte bald diese Mnner, dass es eine bis
dahin nicht genug beachtete Strke des Soldaten ist, dass er lesen und
schreiben kann. Merkwrdig war es aber, zu sehen, wie Ideen, von denen
man versucht war, sie ausschliesslich der katholischen Geistlichkeit
zuzuschreiben, wie z. B. diese Idee von der unbedingten Schdlichkeit
unvollstndiger Kenntnisse, nach und nach eine solche Autoritt in
einem von dem Katholizismus durchdrungenen Lande gewonnen hatten, dass
sie mit einer geringen Formvernderung selbst die ausgesprochensten,
entschiedensten Gegner des katholischen Glaubens beherrschten.

Eine andere, ebenso interessante Anwendung der Renan'schen Lehre:
dass, was in Deutschland oder im Norden gut sei, nicht desshalb fr
Frankreich tauge, hrte ich eines Tages -- Renan selbst war nicht
zugegen -- in seinem Landhaus in Svres. Das Gesprch fiel auf die
franzsische Convenienzehe. Seine Gattin, eine geborene Deutsche,
die Tochter des Malers Henri Scheffer, die jedoch ganz von seinen
Ideen durchdrungen war, vertheidigte die franzsische Weise, auf eine
Verabredung zwischen dem Freiwerber und den Eltern hin, nach ganz
wenigen pflichtschuldigen Besuchen die Hochzeit zu halten. Diese Weise
die Ehen zu schliessen, sagte sie, wrde nicht existiren, wenn sie
nicht ihren guten Grund htte. Obwohl in Frankreich erzogen, habe ich,
die ich deutsch geboren bin, mich nicht so verheirathet. So oft man
mir vorschlug, einen Freier in Augenschein zu nehmen, erklrte ich ihn
nicht sehen zu wollen; schon dass er als Freier kam, war genug, um ihn
in meinen Augen abscheulich zu machen. Ich habe meinen Mann viele Jahre
vor unserer Verheirathung gekannt. Wer kann aber etwas einwenden, wenn
man sieht, wie ich es bei so vielen unserer Freunde gesehen habe --
sie nannte diesen und jenen -- dass man eine Woche vor der Hochzeit
einander vorgestellt worden, und dass eine solche Ehe sich glcklich
und befriedigend fr beide Parteien gestaltet hat!

Whrend ich in diesen Worten halbwegs eine Ausflucht sah, um
nicht die Verhltnisse naher Freunde beurtheilen zu mssen,
halbwegs ein Anzeichen der franzsischen Eigenschaft, jede
Nationaleigenthmlichkeit, wie unglcklich sie auch sei, als
unabnderliches Racenmerkmal darstellen zu wollen, legte ein
Anwesender, einer der vorurtheilsfreiesten franzsischen Schriftsteller
seine Hand auf den Kopf seiner kleinen Tochter, eines Kindes von zwei
Jahren und sagte: Sie meinen also, ich sollte mein kleines Mdchen
dem ersten besten Manne geben, der, ohne sich an uns, ihre Eltern zu
wenden, sich ihr Herz erschleichen knnte. Erinnern Sie sich doch, wie
gross die Unerfahrenheit eines jungen Mdchens ist, vergessen Sie doch
nicht die Beschaffenheit der wirklichen Welt, nicht, welche Schufte es
gibt, nicht, welche Vorzeit, welche Krankheiten, welche bestialischen
Neigungen ein junger Mann haben kann, Eigenschaften, die das Auge eines
Vaters ahnt, deren Anwesenheit aber das unschuldige Gemth eines jungen
Mdchens nicht fr denkbar halten kann oder darf. Die Welt ist ein
Feind. Sollte ich denn nicht nach Krften meine kleine Tochter gegen
den Feind vertheidigen? Wenn einmal in fnfzehn Jahren sich Freiwerber
fr sie anmelden, so wollen wir, wenn wir bis dahin am Leben sind,
uns solcherweise betragen: wir werden die aussondern, die nicht in
Betracht kommen knnen entweder wegen ihrer brgerlichen Stellung oder
wegen moralischer oder krperlicher Schwchen, wir werden eine Auslese
(triage) unternehmen, und erlauben dann im Uebrigen, wie alle Eltern,
dem jungen Mdchen, zu whlen, wie es will. Als Voraussetzung dieser
Betrachtungsweise muss man sich der abgesperrten Erziehung der Tchter
in dem Kloster oder in der Pension erinnern. Mit dieser -- selbst
wenn jede Rcksicht auf die grssere Feurigkeit und Sinnlichkeit der
romanischen Nationen genommen wird -- ungereimten Voraussetzung vor
Augen, wird die gezogene Folgerung vielleicht vernnftig.


                                 III.

Ich hielt mich zur Zeit der deutsch-franzsischen Kriegserklrung in
London auf und da ich das Glck hatte, dort mit einigen unparteiischen
Mnnern von grosser politischer Einsicht zu verkehren, ahnte ich frher
als meine franzsischen Bekannten all' das Missgeschick, das der
Krieg ber Frankreich bringen wrde. Bei meiner Rckkehr nach Paris
war man dort voller Hoffnung und Zuversicht, ja man legte bekanntlich
sogar einen Uebermuth an den Tag, der jeden Fremden unheimlich
berhren musste. Dieser Uebermuth wurde jedoch nicht von den Mnnern
der Wissenschaft getheilt. Noch war es zu keiner Schlacht gekommen;
aber schon die Nachricht von dem Selbstmord Prvost-Paradol's in
Nordamerika hatte einen Jeden, der ihn kannte und es wusste, wie genau
die Vorbereitungen und Hilfsquellen Frankreichs dem Verfasser von
La France nouvelle bekannt seien, mit den peinlichsten Vorgefhlen
erfllt. Denn Niemand bezweifelte, dass er, wenn auch nach einem
Fieberanfall, so doch mit vollem Bewusstsein und vollem Vorsatz Hand
an sich gelegt habe. Dass er nicht einfach sein Abschiedsgesuch als
Gesandter eingab, hatte -- so schien es -- darin seinen Grund, dass
er allzu stolz war, um berhaupt jemals einen Irrthum einzurumen;
er that es nicht einmal in einem Wortwechsel; und jetzt hatte
er den dreifachen Irrthum begangen: an die Aufrichtigkeit der
konstitutionellen Bestrebungen des Kaisers zu glauben, den Posten
als Gesandter in Washington zu suchen und endlich diesen Posten
nicht sogleich aufzugeben, als die hssliche Komdie der allgemeinen
Abstimmung im Mai bewies, was die konstitutionellen Velleitten des
Kaisers zu bedeuten hatten. Jetzt kam die Kriegserklrung, die ihm
mit dem Untergang Frankreichs gleichbedeutend vorkam, und er zog den
Tod einer Stellung vor, in der er nicht verbleiben konnte, und aus
welcher er sich nicht ohne eine Demthigung, die ihm schlimmer als
der Tod war, zu ziehen vermochte. Aber dieser einsame Pistolenschuss,
der ber den Ocean als ein Signalschuss der vielen Hunderttausende
schrecklicher Salven ertnte, erschtterte alle die Jugendfreunde
und Genossen Prvost-Paradol's. Taine, der eine kurze Reise nach
Deutschland gemacht hatte um Materialien fr einen Aufsatz ber
Schiller zu sammeln, der durch den Krieg vereitelt wurde, war durch
den Gedanken an das Bevorstehende schmerzlich bewegt. Ich komme eben
aus Deutschland, sagte er, und habe mit so vielen arbeitsamen,
zum Theil ausgezeichneten Mnnern gesprochen. Wenn ich bedenke, wie
viel Mhe es kostet, ein Menschenkind zu gebren, es zu pflegen, zu
erziehen, zu unterrichten und auszustatten, wenn ich ferner bedenke,
wie viele Kmpfe und Beschwerden es selbst aushalten muss, um sich fr
das Leben vorzubereiten, und dann erwge, wie alles dieses jetzt als
ein Haufe blutigen Fleisches in eine Gruft geworfen werden soll, wie
kann ich dann anders als trauern! Mit zwei Regenten von der Art Louis
Philippe's htten wir dem Krieg entgehen knnen; mit zwei _Capitaines_,
wie Bismarck und Louis Napoleon, war er nothwendig. Er war damals der
erste Franzose, den ich die Mglichkeit der deutschen Ueberlegenheit in
Betracht ziehen hrte.

Dann kamen Schlag auf Schlag die ersten Nachrichten von grossen
Niederlagen, nur gleich nach der Botschaft von der Schlacht bei
Weissenburg durch falsche Siegesgerchte unterbrochen. Dster und
traurig war die Stimmung der Stadt an den Tagen, als die Proklamationen
an den Strassenecken von geschlagenen Heeren und verlorenen Schlachten
erzhlten, aber frchterlicher noch war die Stimmung in Paris an jenem
6. August, da die erste Hlfte des Tages in tollem Siegesrausche, die
andere Hlfte in verschmter Abspannung verging -- wie gross wrde
erst die Beschmung gewesen sein, wenn man von der in derselben Stunde
gelieferten Schlacht bei Wrth etwas geahnt htte! Als sich am frhen
Morgen die Nachricht von einem grossen gewonnenen Siege verbreitete,
bedeckte ganz Paris sich mit Fahnen; alle Leute gingen mit kleinen
Flaggen an dem Hut; alle Pferde hatten kleine Flaggen an der Stirn. Ich
sass vor einem Caf dem Htel de Ville gegenber und betrachtete die
mit Hunderten von Fahnen geschmckten Huser des Platzes, als pltzlich
durch das Fenster eines mir nahen Hauses eine Hand sich zeigte, die
eine herausgestellte Fahne zurckzog. Ich werde nie diese Hand und
diese Bewegung vergessen. So gering der Vorgang war, er machte mich
stutzig, denn diese Hand hatte etwas so trauriges, so enttuschtes
in ihrer Bewegung, dass mir augenblicklich der Gedanke kam: Die
Siegesnachricht muss falsch sein! ... Bald zeigten sich ringsum in den
Fenstern Hnde, die Fahnen hereinzogen, und in einer Viertelstunde war
der ganze Flaggenschmuck wie weggeweht: Wie nackt die Huser aussahen!
Eine Proklamation der Regierung hatte eben erklrt, dass heute
durchaus nichts vom Kriegsschauplatz verlaute und dass die Polizei auf
den Spuren der Verbreiter falscher Nachrichten sei, um sie strengstens
zu bestrafen. Die Verbreiter falscher Nachrichten! Als ob nicht die
hungernde Phantasie und die schmachtende Sehnsucht der grossen Stadt
die einzigen Schuldigen wren!

Ungefhr eine Woche spter, am 12. August, traf ich Renan, der vor der
festgesetzten Zeit vom hohen Norden zurckgekommen war. Er fasste meine
Hand und drckte sie mit beiden Hnden. Ich habe ihn nie so bewegt
gesehen. Drauf nahm er meinen Arm und ging eine volle Stunde mit mir
Strasse auf Strasse ab. Er war verzweifelt, dies triviale Wort ist
das einzig passende. Er war ausser sich vor Erbitterung. Nie, sagte
er, wurde ein unglckliches Volk so wie das unsrige von Dummkpfen
regiert. Man sollte glauben, dass der Kaiser einen Anfall von Wahnsinn
gehabt htte. Aber er ist von den verchtlichsten Schmeichlern
umringt; ich kenne hohe Offiziere, die es sehr wohl wussten, dass die
preussischen Kanonen unsere gepriesenen Mitrailleusen bertreffen,
die es aber dem Kaiser zu sagen nicht wagten, weil er sich mit diesen
Sachen selbst beschftigt, ein bischen an den Entwrfen gezeichnet
hat, was in der offiziellen Sprache so ausgedrckt wird, dass er der
Erfinder des Geschtzes ist. Nie war so wenig Kopf (_si peu de tte_)
in einem Ministerium des Kaisers; er hat es selbst eingesehen; ich
kenne Jemand, dem er es gesagt hat, und dann fhrt er Krieg mit solch
einem Ministerium. Hat man jemals solche Tollheit gesehen, ist es
nicht herzzerreissend? Wir sind ein Volk, das fr lange Zeiten aus dem
Sattel geworfen ist. Und nun zu denken, dass alles, was wir Mnner
der Wissenschaft in fnfzig Jahren aufzubauen bestrebt waren, mit
einem Schlage zusammengestrzt ist, die Sympathien zwischen Volk und
Volk, das gegenseitige Verstndniss, das fruchtbare Zusammenarbeiten.
Wie tdtet ein solcher Krieg die Wahrheitsliebe! Welche Lge, welche
Verlumdung des einen Volkes wird nun nicht auf's neue in den nchsten
fnfzig Jahren mit Begierde von dem andern geglaubt werden und sie fr
unberschauliche Zeiten von einander trennen! Welche Verzgerung des
europischen Fortschritts! In hundert Jahren werden wir nicht wieder
auffhren knnen, was diese Menschen an einem Tage heruntergerissen
haben. Mehr als irgend einen andern musste die Spaltung der beiden
grossen Nachbarn Renan schmerzen, der in Frankreich so lange als
Vertreter der deutschen Bildung gestanden hatte. Niemand konnte sich
auch mit grsserer Dankbarkeit ber die deutsche Kultur aussprechen als
Renan. Einer seiner Lieblingswendungen war: Es gibt nichts, das so
viel bergen kann, wie ein deutscher Kopf. Er stellte in Abrede, dass
die Deutschen als Volk von irgend einer Rechtsidee beseelt seien, er
schien sie persnlich wenig zu mgen, aber von ihrer hohen Intelligenz
sprach er immer mit Achtung. Nur schrieb er den Sddeutschen in jeder
anderen Richtung als der administrativen, eine weit hhere Begabung
als den Norddeutschen zu, eine Auffassung, die von der Mehrheit der
gebildeten Franzosen getheilt wird. Das Verhltniss erscheint ihnen
analog dem, welches zwischen den Piemontesen und den brigen Italienern
besteht.

Bekanntlich hat man des fteren behauptet, Renan htte alles den
Deutschen, vornehmlich Strauss zu verdanken. Wer mit dem letzteren nur
einigermassen vertraut ist, wird die Unrichtigkeit dieser Behauptung
erkennen. Ist doch er es vielmehr, der in seiner spteren Zeit sich
in Bezug auf Form und Charakter der Darstellung stark von Renan
beeinflussen liess. Die zweite Auflage von Strauss Leben Jesu hat
offenbar an dem entsprechenden Werke Renans ihr Vorbild.

Renan erzhlte von seiner Reise. Wir waren in Bergen, als die erste
zweideutige Nachricht ber den drohenden Krieg uns von Frankreich
zukam. Keiner von uns wollte die Sache fr mglich halten. Der Prinz
und ich sahen einander an. Er, der einen so seltenen und scharfen
Verstand hat, sagte nur: Das knnen sie nicht! und gab Befehl, dass
wir weiter reisen sollten. Wir segelten nach Tromse. Als wir dahin
kamen, lagen da zwei Depeschen an den Prinzen, eine von seinem Sekretr
in Paris und eine andere von Emile Ollivier mit diesen Worten: _Guerre
invitable!_ Wir hielten einen kurzen Rath, aber so unsinnig kam uns
die Sache vor, nachdem Leopold von Hohenzollern seine Kandidatur
zurckgezogen hatte, so unmglich schien uns dieser Vorwand, der ganz
Europa und besonders ganz Deutschland gegen uns aufhetzen musste, und
endlich -- so grosse Lust hatten wir, nach Spitzbergen zu segeln und
'das grosse Eis' zu sehen, dass wir uns entschlossen, am nchsten
Morgen aufzubrechen. Wir gingen zu Bett. Mein Zimmer lag neben dem des
Adjutanten des Prinzen. Am frhen Morgen hre ich den Kammerdiener
mit einer Depesche den Adjutanten wecken. Ich stand auf, wir gingen
an Bord, das Schiff setzte sich in Bewegung, und Sie knnen sich mein
Erstaunen denken, als ich sah, dass es gegen Sden ging. Der Prinz sass
verzweifelt und stierte vor sich hin. Die ersten Worte, die er sagte,
waren: '_Voil leur dernire folie, ils n'en feront pas d'autres_'. Er
ist Prophet gewesen, es wird ihre letzte Tollheit sein. Ich selbst,
fgte Renan hinzu, war derselben Ansicht. Ich wusste, wie schlecht
wir vorbereitet waren, aber dass es so schnell gehen wrde, wer htte
das geahnt! Sagen Sie nicht, dass wir noch siegen knnen. Wir werden
nie mehr siegen, wir haben nie unter diesem Kaiser auf entschiedene
Weise Vlkerschaften besiegt, deren Ueberwindung als eine glckliche
Vorbedeutung gelten kann, wenn von Preussen die Rede ist. Die Araber
sind die schlechtesten Taktiker der Erde. Mehr als ein Mal brach er
aus: Hat man jemals so etwas gehrt! Armer Prinz! Armes Frankreich!
Er war so heftig, dass er sich in Flchen ber alle die leitenden
Mnner erschpfte, die nach seiner diesmal sehr wenig _nuancirten_
Auffassung alle zusammen Schwachkpfe oder Schufte seien: Was ist
dieser Palikao? ein Dieb, ein erklrter Dieb, dem alle guten Huser
verschlossen sind, und weiss nicht alle Welt von Jrme David, dass er
ein Verbrecher, ein Mrder ist, der nur durch Flucht in's Ausland sich
einer Strafe wegen Todschlags entzogen hat! Und in den Hnden solcher
Menschen liegt unser Schicksal!

Ich sah Thrnen in seinen Augen und sagte ihm Lebewohl. Ich habe ihn
seit dem Tage nicht wiedergesehen. Er gewann schnell seine Ruhe und
seine Herrschaft ber den Schmerz zurck. Aber in jenen Augenblicken
war Renan ein anderer, als da er schrieb: Der Gelehrte ist Zuschauer
im Weltall. Er weiss, dass die Welt ihm nur als Studiengegenstand
gehrt, und selbst wenn er sie bessern knnte, wrde er sie vielleicht
so anziehend finden, wie sie ist, dass er die Lust dazu verlre.
Vollstndig ernst hat Renan wohl nie diese khlen und theilnahmlosen
Worte gemeint; wenn aber doch, so durchlebte er im Jahre 1870
Gemthsbewegungen, whrend derer sie fr ihn keinen Sinn mehr hatten.

In einem alten Buche Die franzsische Aesthetik unserer Tage habe ich
zu schildern versucht, welchen demoralisirenden Einfluss whrend des
zweiten Kaiserthums das Leben unter der Herrschaft und dem Druck des
_fait accompli_ auf die franzsischen Gelehrten ausbte. Eine Neigung
zum Quietismus und Fatalismus, zum Gutheissen alles einmal Vollbrachten
kennzeichnet unter Napoleon III. die franzsische Geisteswissenschaft
berhaupt. Spuren dieses Einflusses merkte man berall im geselligen
Leben, in den Gesprchen. Die vllige Freiheit von Enthusiasmus war
mit Bildung und Reife fast synonym geworden. Ein junger Fremder
hatte tglich Gelegenheit, ber die Zurckhaltung und die Passivitt
selbst der Besten sich zu wundern, sobald die Rede auf irgend ein
praktisches Ziel kam, und ich erinnere mich, dass ich eines Abends im
Mai 1870, missmuthig nach Hause gekommen, in mein Notizbuch schrieb:
Es gab einmal ein anderes Frankreich. Es hatte doch einmal ein
waches, begeistertes, poetisches, fr die ganze Menschheit fhlendes
Frankreich gegeben. Es scheint, dass ein solches Frankreich nach und
nach wieder aus der Erniedrigung hervorgehen wird, die, wenn sie auch
nichts anderes gutes mit sich fhrte, wenigstens allen edel strebenden
Geistern aufs neue die Richtung nach der Wirklichkeit hin gegeben hat.


                                 IV.

Doch um die Wirklichkeit zu erreichen, ist es vor Allem nothwendig,
dass man in Frankreich die Augen dafr offen hat, was jene Erniedrigung
bedeutete und was Deutschland in unseren Tagen ist, und dass man sich
nicht begngt, seinen beschwerlichen Nachbarn in dem Zerrspiegel
des Hasses zu sehen. In dieser Hinsicht haben die ersten und
kenntnissreichsten Mnner des Landes eine grosse Verantwortlichkeit,
Niemand eine grssere als Renan, der ohne Zweifel in den letzten
fnfzehn Jahren als der feinste Geist Frankreichs betrachtet worden
ist. Andere, wie Victor Hugo, haben einen grsseren Leserkreis, wieder
Andere, wie die Theaterdichter, eine mehr lrmende Popularitt, aber
in der Elite des Volks ist schon lange Niemand so hoch angeschrieben,
so unangefochten, als Schriftsteller so bewundert wie Renan. Seine
Form galt und gilt fr die vornehmste in Frankreich. Keine Prosa wird
je von den whlerischen Kennern, den Meistern des Gedankens, den
Mnnern der Wissenschaft und denen unter den Damen, auf deren Urtheil
man etwas giebt, in gleiche Linie mit der seinigen gestellt. Alle
Schriftsteller werden, mit ihm verglichen, fr grob oder alltglich
oder gezwungen, fr farblos oder buntscheckig gehalten. Nennt man
Goncourt, heisst es: Wie knnen Sie ihn neben Renan nennen; er ist
gesucht, Renan natrlich. Spricht man von Taine, so wird man gebeten,
einen Geist, der unter Maschinendruck arbeitet, nicht mit einem zu
vergleichen, dessen Einflle ihm ohne Anstrengung zustrmen; About ist
ein Spassmacher, Flaubert ein Leberkranker; alle sind sie entweder
manierirt oder dickhutig, unfein, plump, neben Renan gehalten.
Eselreiter sind sie; er allein sitzt droben in der Hhe auf seinen den
Kopf so hoch tragenden morgenlndischen Dromedaren mit den zierlichen
Beinen. Dies war der Eindruck, den ich noch 1879 von Gesprchen in
verschiedenen Kreisen empfing.

Schon 1870 war der Ruhm Renan's ja so hoch gestiegen, dass sich keine
Stimme gegen ihn erhob, ja nicht einmal Verwunderung geussert wurde,
als er in seinem ersten bekannten Brief an Strauss ohne weiteres als
der Vertreter Frankreichs Deutschland gegenber auftrat. Man gab ihm
stillschweigend den selbstgenommenen Auftrag.

Bis 1870 war er, wie schon berhrt, in seinem Vaterland der Frsprecher
deutscher Ideen, deutschen Geistes gewesen. Es konnte nicht wundern,
dass er von jenem Zeitpunkte ab damit aufhrte. Aber er that mehr,
er schlug um. In einer patriotischen Stimmung der Reue begann er, um
gleichsam sich und Andern den Ablass zu erkaufen, all seinen Schriften
einen Stachel gegen Deutschland zu geben. In den Briefen an Strauss
gab er diesem eine Lehre, die zum Theil wohl verdient war, aber in
seinem Werk Der Antichrist (d.h. Nero) mischte er in strender
Weise die Erinnerung an die Belagerung von Paris in die Schilderung der
Eroberung von Jerusalem unter Titus hinein; in seiner Antrittsrede in
der franzsischen Akademie machte er den bekannten Ausfall gegen das
deutsche Reich mit dessen geistlosem Adel und grossen Feldherrn ohne
wohlklingende Worte (_des grands capitaines sans des mots sonores_)
so ungeschickt, dass derselbe wie eine Selbstironie aussah. Denn
Ducrot, der das wohlklingende Wort aussprach, er werde nur als Sieger
oder als Leiche zurckkehren und der dann als _le gnral ni l'un ni
l'autre_ zurckkam, schien frmlich hier als der rechte Mann gegen
den phrasenlosen Moltke aufgestellt, der zwar gern schwieg, jedoch in
aller Stille jede Schlacht, die er jemals kommandirt, gewonnen hatte.
Vergeblich suchte Renan diese Unbesonnenheiten in seinem grossen Brief
an einen deutschen Freund wegzuerklren, der ja brigens wie Alles,
was er geschrieben hat, vor Geist leuchtet und mit all den Facetten der
vornehmen Ueberlegenheit glnzt.

Sein Drama Caliban machte Aufsehen. Der Eindruck war: ein Mann, der
seiner eigenen Ansicht nach sich ganz gut damit begngen knne seine
Weltverachtung fr sich zu behalten, der doch aber nichts dagegen habe
-- ganz fein, indirect, durch das Summen einer Melodie, die andere,
plumpere Snger halbwegs zu Ende gesungen htten, -- den Zeitgenossen
wissen zu lassen, wie grenzenlos er sie geringschtze.

Man konnte in das Schauspiel Der Jungbrunnen, die als Fortsetzung
des Caliban erschien, ziemlich weit hinein lesen, und die vielen
olympischen Gedanken geniessen, fr welche nur Renan Ausdruck hat, ohne
viel mehr daraus zu verstehen, als dass der Verfasser jetzt ernstlich
die Demokratie mit sich und sich mit der Demokratie vershnen wolle;
aber das Vergngen hrte pltzlich auf, wo im vierten Act der deutsche
Gesandte hereintritt. Denn hier hat sich Renan herabgelassen, die
alte, abgedroschene Karikatur des deutschen Wesens vorzufhren, welche
die Franzosen hundertmal gezeichnet haben.

Jedermann, der in franzsischer Literatur ein wenig belesen ist,
weiss, wie unmittelbar auf eine Epoche, in welcher kindliche Gte,
Wahrhaftigkeit, Unweltlichkeit, blauugige Unschuld und Herzlichkeit
in franzsischen Bchern regelmssig durch einen Deutschen vertreten
wurden, eine andere gefolgt ist, in welcher die besten Schriftsteller,
wie Cherbuliez, wie Dumas und viele andere ein Vergngen daran gefunden
haben, die kalte, kluge Grausamkeit, die Falschheit, die herzlose
Brutalitt, franzsisch mit deutscher Betonung sprechen zu lassen.
Nachdem man fnfzig Jahre hindurch nach dem Beispiel Frau von Stals
in Deutschland nichts anderes als das gutmthige Idyllenland gesehen
hatte, in welchem weissgekleidete, blonde Pfarrerstchter Klopstock und
Schiller mit bleichen und linkischen Kandidaten lasen, fing man auf
einmal an, in den jungen Mdchen Deutschlands schlaue und doch grobe
Speculantinnen in reichen Ehen zu sehen und die Mnner als Spione aus
Lust zum Handwerk und als Raubmrder aus Ueberzeugung aufzufassen.
Was den Aberglauben an die Spionage betrifft, die ja die Niederlagen
erklren und entschuldigen sollte, scheint das franzsische Volk, ja
sogar die gute Gesellschaft in Frankreich sich noch nicht nach den
Zeiten des Krieges erholt zu haben. Man bildet sich in vollem Ernste
ein, dass Bismarck usserst neugierig gewesen zu erfahren, was sich
Herr Durand und Frau Duval in einer Abendgesellschaft sagten; man
glaubt, dass er preussische Generalstabsofficiere, die sich willig dazu
hergaben, fr Lakaien ausgab und in guten Husern Dienst verschaffte;
man meint, wie ich 1879 in Paris es von vorzglichen Gelehrten hrte,
dass der hochbegabte deutsche Schriftsteller Karl Hillebrand, der
ohne Vergleich kenntnissreichste Beobachter Frankreichs ausserhalb
Frankreichs, Spherdienste in den Salons von Paris geleistet habe.
Schauspiele, wie _Dora_ von Sardou oder wie _La femme de Claude_
von Dumas oder Romane wie _La grande Iza_, in dem man Briefe mit
dem Poststempel _Varzin_ in den Schubladen eines leichtfertigen
Frauenzimmers findet, endlich der Prozess gegen Frau Kaulla und die
brigen verwandten Prozesse zeigen, dass der Schaden, den Frankreich
durch die Demthigungen an seinem Gehirn litt, noch nicht geheilt
worden ist.

In dem Drama Renan's ist die deutsche Brutalitt der Gegenstand, auf
den besonders gezielt wird. Das Stck, das in Avignon um das Jahr 1310
unter dem babylonischen Exil der Ppste vor sich geht, dreht sich um
einen Lebenselixir, den Prospero, der vertriebene Herzog von Mailand,
ein ausgezeichneter Philosoph und Alchymist, erfunden hat. Kaum ist
die Erfindung bekannt geworden, als der Kaiser von Deutschland einen
Legaten schickt, um Prospero zu einem Besuch bei ihm zu berreden,
damit er durch List oder Gewalt sich in den Besitz des wunderthtigen
Getrnkes setzen knne. Dieser Gesandte sagt bei seinem ersten
Auftreten auf die Bhne unter anderem:

Frchte unsererseits keine Lcherlichkeiten, keine Spur von
Sentimentalitt. (Er bricht in Lachen aus.) Ich bin in alten Tagen
Idealist und Trumer gewesen; jetzt aber sehe ich ein, wie lcherlich
die Grossmuth ist; sei ruhig, ich bin ein positiver Mann, ein ernster
Mann. Meine Collegen, die Diplomaten, sind alle zusammt Dummerjahns.
Jeder von ihnen ist der Dmmste in Europa. (Er lacht). Ich bin witzig,
nicht wahr? ......

Seine Majestt, der Kaiser, mein Herr, handelt nie anders als nach
den strengsten Principien der Gesetzlichkeit. Aber die politische
Nothwendigkeit hat ihre Forderungen. Das Schloss Kniphausen ist ihm
fr seine Souvernitt nothwendig. Du begreifst, dass wir uns nicht
von den Kleinlichkeiten aufhalten lassen, die sentimentale Menschen
zurckhalten wrden.

Die Franzosen, die jetzt so lebhaft gegen deutsche Heuchelei losziehen,
mssen sich bald vorsehen, dass man nicht gezwungen wird, den Spiess
gegen sie zu drehen und sie selbst Heuchler zu nennen wegen dieses
ewigen Appells an das Gefhl auf einem Gebiete, wo sie selbst noch
niemals von anderen Rcksichten als rein politischen sich haben
leiten lassen. Das Volk, das Ludwig dem Vierzehnten und Napoleon
dem Ersten folgte, das die Pfalz brandschatzte und die drei Viertel
Europas eroberte, sollte sich ber dies Frsprechen der Gefhlspolitik
schmen. Die sentimentalen Rcksichten, die Napoleon von irgend einem
Unternehmen zurckhielten, das seinem wirklichen oder vermeintlichen
Interesse entsprach, sucht der Historiker noch immer vergebens.

Als Gegenstck zu dem deutschen Gesandten wird Lolin, das ideale
Selbstbild Renan's eingefhrt, ein wandernder Ritter und Troubadour,
von der Geburtsgegend des Verfassers, Bretagne. Der, welcher von dem
Zauberwasser trinkt, sieht im Traum den Gegenstand seiner Sehnsucht
und erreicht das Ziel seiner Begierde; als Lolin einige Tropfen
trinkt, sucht und umarmt er deshalb mit Entzcken die verklrte Gestalt
seiner verstorbenen Schwester. (Bekanntlich verlor Renan whrend eines
Aufenthalts in Palstina seine einzige hochgeliebte Schwester, deren
Andenken er Das Leben Jesu gewidmet hat.)

Nun ist die Reihe an dem Deutschen zu trinken. Mit thierischer Gier
reisst er den Becher an sich und schlrft den starken Trank bis zur
Neige, dass er sogleich wie vom Blitz getroffen zum Boden strzt, dann
schnarcht, und endlich zu trumen anfngt. Was glaubt man, dass er
jetzt sagt?

Sieg! Sieg! hngt, brennt, erschiesst! Wir sind die Herren, Alles ist
uns erlaubt um sie zum Unterschreiben von Allem, was wir wollen, zu
bewegen. Grossmuth! Sentimentalitt! lauter Dummheiten!

Wie rgerlich! Die Truppen sind allzu milde; unsere Leute verstehen
wohl todtzuschlagen, aber nicht hinzurichten. Man sollte alle Drfer
verbrennen, alle Mannspersonen aufhngen. So geben sie es wohl auf,
sich zu vertheidigen. (Er lacht.) Gefangene! .... Unbegreiflich, dass
man Leute, die sich vertheidigen, gefangen nimmt. Man sollte sie
erschiessen ... Man sollte hflich gegen sie sein bis zur obersten
Stufe des Schaffots (er lacht vor Vergngen); aber man sollte sie
aufhngen .... Man muss den Krieg so grausam wie mglich fhren.
Sentimentalitt! welch lcherliches Ding! Man soll erschiessen, man
soll hngen, man soll verbrennen ... ah! welch ein angenehmer Geruch!
es riecht wie gebratene Zwiebel; es sind Bauern, die man in ihren
Husern verbrennt. Von 160 sind 120 mit Sbeln niedergehauen worden.
Ihr Schufte! Warum habt Ihr die brigen geschont? Wisset Ihr nicht,
dass Sentimentalitt lcherlich ist? ... Wesshalb beginnt man nicht das
Bombardement? Man kann leicht das psychologische Moment versumen.

Und so noch weiter, Seite auf, Seite ab. Ist dies nicht sonderbar
direct und nuancenlos? Welch ein Keulenschlag nach dem Schmetterling
der Wahrheit! Welch ein Uebermass polemischer Leidenschaft! Ich
will bei der knstlerischen Versndigung gar nicht verweilen, diese
vermeintliche Bismarckiade in das Jahr 1310 zu verlegen und mit
Ausdrcken wie das psychologische Moment aus dem Ton zu fallen.
Wie ist aber all' dies krankhaft bitter! Glaubt Renan wirklich, dass
es die Denkart war, die sich hier geltend macht, die in dem grossen
Schreckensjahr Frankreich besiegte? Ahnt er wirklich noch nicht, dass
die Genialitt und das Wissen der Fhrer, Mannszucht, Pflichtgefhl und
Heldenmuth der Gefhrten das war, was den Ausschlag gab?

Das Unglck ist: Renan kennt Deutschland nicht mehr, kennt es noch
weniger als Cherbuliez. Die beiden Mnner zehren jetzt an den
Eindrcken von Bchern und Zeitungen, lesen mit feindlichen Blicken
und machen sich dann Luft in Karikaturen wie Renan oder in witzigen
Anzglichkeiten wie Cherbuliez, und da sie in gar keiner directen
persnlichen Beziehung zu Deutschland stehen, nicht mit ihren Augen
sehen, nicht mit ihren Ohren hren, so verlieren sie nach und nach
die Auffassungsgabe und beurtheilen Deutschland, wie der ungebildete
Deutsche Frankreich beurtheilt, wenn er ber die franzsische
Unsittlichkeit und desgleichen lamentirt. Aber Renan, der schon 1870
die gegenseitige Verleumdung der Vlker als die verhngnissvollste
Folge des Krieges voraussah, htte mehr als irgend ein Anderer auf
seiner Hut dagegen sein sollen, besonders seitdem der grosse Krieg
bewiesen hat, wie theuer jedes Volk fr solche Irrthmer bsst.


                                  V.

Mit wechselnden Gefhlen hat Renan der Entwickelung des
republikanischen Frankreichs zugeschaut. Obwohl die Republikaner
ihm fast sogleich seinen Lehrstuhl zurckgaben, zeigten sie sich
doch Renan, wie den brigen Freunden des Prinzen Napoleon gegenber,
ziemlich khl und reservirt. Durch und durch aristokratischer Gesinnung
wie er ist, gab er in Caliban der Demokratie die glatte Lage, sagte
jedoch nichts desto weniger kurz nachher in dem seine Antrittsrede in
die franzsische Akademie erklrenden Brief an einen deutschen Freund:
Wenn nun, whrend Eure Staatsmnner in dieses undankbare Geschft
(der Ahndung) vertieft sind, der franzsische Bauer mit seinem groben
Verstande, seiner unbertnchten Politik, seiner Arbeit und seinen
Ersparnissen glcklich eine ordnungsliebende und dauerhafte Republik
grndete! Das wre spasshaft! Nicht wahr? Renan ist Skeptiker genug
um immer den Zweifel bereit zu haben und sich hufig zu widersprechen,
Patriot und Philosoph genug, um sich zuletzt mit jeglicher Staatsform
zu befreunden, welche die Mehrzahl seiner Landsleute befriedigt und
ihrem geistigen Standpunkt entspricht.

Renan ist, wie schon erwhnt, Bretagner und hat die Eigenschaften
seiner Race. Die Bretagner in der neueren franzsischen Literatur
haben einen gemeinschaftlichen Zug. Wie Chateaubriand und Lamennais,
hasst Renan das Alltgliche, das Gutmthig-Frivole, und hat,
whrend er eine Beute des Zweifels ist, das heisseste Bedrfniss
nach einem Glauben und einem Ideal. Desshalb hat er, der grosse
Wundervertreiber, irgendwo einen Sehnsuchtsseufzer nach jener Zeit
ausstossen knnen, da die Knige von Frankreich Wunder thaten, durch
Handauflegung Kehlkopfs-Entzndungen heilten. Desshalb schwrmt er
fr den heiligen Franciscus von Assisi, whrend er den nchternen
Amerikaner Channing geringschtzt. Er hegt fr sein engeres Vaterland
eine tiefe Anhnglichkeit. Hat er doch sogar in einem hoffnungslosen
Augenblick seinen Stamm mit den Worten apostrophirt: O du einfacher
Clan von Ackerbauern und Seeleuten, dem ich es verdanke, in einem
erloschenen Land die Kraft meiner Seele bewahrt zu haben! Man darf
gewiss diesen Stimmungsausbruch nicht buchstblich nehmen. Niemand
empfindet ja tiefer als Renan, wie weit jenes Frankreich, von dem er an
Strauss schrieb, es sei als bleibender Protest gegen Pedanterie und
Dogmatismus fr Europa nothwendig, davon entfernt ist, erloschen zu
sein. Aber das Wort ist fr den zugleich hartnckigen und unruhigen,
schwrmerischen und skeptischen Bretagner bezeichnend. Gibt er seinen
Glauben (wie hier den Glauben an Frankreich) an einem Punkte auf, so
ist es nur, um anderswo mit umsowrmerer Begeisterung sich an ein
Ideal anzuschliessen. Auch in der Religion hat er ein Bretagne, an
welches er glaubt.

       *       *       *       *       *


                     Ernest Renan als Dramatiker.

                               (1893.)


                                  I.

Das vornehmste Kennzeichen Renan's ist die mit den Jahren wachsende
Originalitt.

Es gibt Geister, die bei ihrem ersten Auftreten sich selbstndig
zeigen, krftig und vieleckig wie Sonderlinge dastehen, deren Ecken der
Lauf der Welt, der Einfluss der Umgebung jedoch allmlig abschleift.
Interessanter sind immerhin diejenigen, welchen nur die Anlage zur
Ursprnglichkeit angeboren ist, die aber das Verhltniss zur umgebenden
Welt, die usseren Einflsse so bereichern, so selbstndig machen,
dass ihre Eigenart am klarsten in ihrer Todesstunde zu Tage tritt.
Ernest Renan war solch ein Geist, dessen Eigenthmlichkeit sich erst
so recht im letzten Zeitabschnitte seines Lebens enthllte. In seiner
abschliessenden Periode offenbart er sich als eine Persnlichkeit, die
allmlig durchaus originell geworden war.

Er ward es in folgender Weise: Aus der Bretagne stammend, der
Abkmmling einer langen Reihe schlichter Ackerbauer und Seeleute, wurde
er frhzeitig zum Priester erzogen. Als Erbe hatte er einen gesunden,
aber schweren, plumpen Krper mitbekommen, einen Geist, der ernst,
subtil, schwrmerisch, je mehr er sich verweltlichte, um so mehr Witz
zu entfalten vermochte. Er empfand stark und tief und lebte in sich
zurckgezogen, verschlossen, nach Aussen hin verschmt, scheinbar
furchtsam, sein inneres Leben mit der Energie der Innigkeit. Bei
aller Lernbegier einer reich ausgestatteten Intelligenz wartete er in
den Tiefen des Gemthes mancher schnen Traumblthe, erhob sich auch
nicht selten zum Fluge auf den Fittigen einer keltischen sagenfrohen
Einbildungskraft.

Er schien dazu geboren, ein glubiger, einflussreicher Geistlicher
zu werden. Katholische Hymnen lagen ihm auf der Zunge, ein Duft von
Weihrauch breitete sich ber sein Gefhlsleben, und Salbung war in
seinem Pathos.

Indessen brachten das Studium der semitischen Sprachen, das
philologische Verhltniss zur Bibel seinen Jugendglauben ins Schwanken.
Er lernte deutsche Literatur und Philosophie kennen, ward von Herder
ergriffen, von Hegel mit fortgerissen. Bald war sein religiser Glaube
aus allen Verschanzungen geworfen. Ein Rausch von intellectueller
Begeisterung berwltigte ihn. Sein Bretagner Christenthum schien im
ersten Augenblicke von der deutschen Vernunft gnzlich ausgerodet.
Jene ltere franzsische Verstandescultur, welche die Voraussetzung
der deutschen Wissenschaft war, hatte ihm keinen Abbruch gethan; denn
die franzsische Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts erregte in
ihrer Drftigkeit und Trockenheit nur seine heftige Missachtung. Das
Deutschland der Jahrhundertwende schien ihm das ideale Land. Ein Land,
in dem der Denker ohne Piettlosigkeit kritisirte, ohne Frivolitt
leugnete, ein Land, in dem man ohne Aberglauben religis war, und
freidenkerisch ohne Spott. Hier war der Zweifel nicht Zweifel, sondern
Wissenschaft, die, niemals schwankend, Vorurtheile niederriss, und
niemals schwindelnd, Gedankensysteme, hoch wie Kathedralen, aufbaute.
Er fhlte sich von der deutschen Pedanterie nicht abgestossen, weil
sie in seinen Augen der franzsischen Leichtfertigkeit unendlich
vorzuziehen war.

Ein Glaube an die Wissenschaft, so feurig, wie es nur sein Glaube an
die Religion gewesen, bemchtigte sich seiner. Seine Jugendschrift,
das schwere Buch L'avenir de la science, ist ein flammendes
Glaubensbekenntniss, naiv, khn, herausfordernd, Programm und Fanfare
eines Neubekehrten. Eine Wahrheit nur gibt es: die Wissenschaft, Ein
Vorurtheil: den Glauben an das Uebernatrliche. Wie in ein Leichentuch
hllt er diesen Glauben in die Kutte, die er abgeworfen, und begrbt
ihn fr alle Zeiten. Sein Lebensziel ist, ein Pfleger der Wissenschaft
zu sein. Vorlufig ist er der Verknder ihrer Zukunft; ihr gehrt das
Reich, die Macht und die Herrlichkeit.

Es war im Jahre 1848. Renan ward Optimist und Socialist. In krzester
Frist erwartete er die Verjngung der Menschheit, die Erneuerung aller
Zustnde.

Diese Gaukelbilder zerstieben nur zu rasch. Der junge Mann erhielt
einen Eindruck der Wirklichkeit. In Frankreich wurden Freiheit und
Republik durch einen Staatsstreich abgeschafft, und das Volk hiess ihn
gut. Zu jener Zeit fiel das erste Samenkorn des Pessimismus in Renan's
hoffnungsfreudige Seele.

Allein nicht lange, und die alten Jugendgefhle mgen in seinem
neuen Gedankenleben wieder aufgetaucht sein. Seine Empfindungs- und
Denkweise durchdrangen und neutralisirten nicht einander, wie es im
Protestantismus geschehen, wo das Gefhl bis zu einem gewissen Grade
rationalisirt, der Gedanke hingegen theologisch angesteckt ist. Nein,
ein durchaus katholisches Gefhl, weich, sentimental, ja zuweilen
verzrtelt, erhielt sich in seiner ganzen Frische, unbeeinflusst von
einem Gedankenleben, das bei aller Sanftheit khn war bis zu einer
durch nichts zu schreckenden Verwegenheit. Renan gehrt zu jener
grossen Gruppe von Romantikern, die ihr Leben damit verbringen, die
Romantik zu bekmpfen.

Im Uebrigen blieb er als Mensch im Privatleben unweltlich, von sanfter
Sttigkeit, Idealist ohne Unklugheit. Er kam in den letzten zwanzig
Jahren mit jeder franzsischen Regierung gut aus.

Renan fhrt selbst mit voller Billigung die Aeusserung eines Freundes
an: er denke wie ein Mann, fhle wie ein Weib und handle wie ein Kind.
Er fhlte zwar stark, doch wie jene Frauen, mit denen das Herz nie
durchgeht, er handelte unweltmnnisch, doch wie jene Kinder, deren
Unbekanntschaft mit dem Leben eine gewisse instinktive Klugheit nicht
ausschliesst.

Seine Empfindungsweise machte sein Denken geschmeidig, geschmeidiger,
als man es vielleicht je gesehen, wenn nicht bei so grossen Geistern
wie Goethe oder so feinen wie Sainte-Beuve. Seine Strke bestand
darin, das Zusammengesetzte, Reichabgestufte zu erfassen. Whrend
sein Freund und Zeitgenosse Taine, der ebenso entschieden wie er dazu
veranlagt war, zu verstehen, berall nach den Grundlinien suchte, nach
dem Festen und Bleibenden in der Mannigfaltigkeit und Wandelbarkeit
der Erscheinungen, dem Knochenbau, dem Granit, den Hhenzgen, den
Wasserscheiden, von denen aus man die Lebensfluthen sich theilen und
nach verschiedenen Seiten strmen sieht, verfolgte Renan den Lauf
dieser Flsse in allen seinen Krmmungen und Windungen. Er scheute
das Grelle, Ausgesprochene. Andere sahen und sehen die Wahrheit in
klaren krftigen Farben, sehen sie roth oder blau oder glnzend weiss.
Dass sie sich in so umfangreiche Worte einfangen liesse, schien
ihm nimmermehr glaublich. Er erblickte sie in den Nuancen, in den
unmerklichen Uebergngen von der einen Farbe zu der andern. Und wenn er
im Handeln ein Kind war, so lag der Grund darin, dass man, wie schon
oben gesagt, in Nuancen nicht zu handeln vermag.

Doch aufzufassen vermag man sie, und der feinste Geist ist jener,
der sie am sichersten auffasst. Renan war dazu veranlagt, lauter
Schattirungen zu sehen, mit Takt die richtige herauszufinden und sie
bei ihrem schwer bestimmbaren Namen zu nennen.

Der Einfalt seiner Kindheit war bei ihm die unendlich vielfltige
Empfnglichkeit des modernen Kritikers gefolgt.

So entwickelt und ausgestattet, fand er den Stoff, der sein ganzes
Leben hindurch den Gegenstand seiner Forschung und einen der
Hauptgegenstnde seiner Darstellungskunst bilden sollte. Die in solcher
Weise ausgerstete jugendliche Persnlichkeit stand von Angesicht zu
Angesicht dem Geiste Israels gegenber. Er, der junge, freigelassene
Katholik aus der Bretagne, vertiefte sich in die Betrachtung und das
Studium des Genius, der ihm aus dem alten Palstina entgegentrat.

Der hellenische Geist war ihm damals noch ziemlich fremd, und noch gar
manches Jahr verging, ehe er das Gebet niederschrieb, welches er mit
einer Mischung von Dichtung und Wahrheit auf der Akropolis zu Athene
gebetet zu haben behauptet. Dieser israelitische Genius aber mit seiner
eigenartigen Mnnlichkeit und dem Feuer seiner religisen Begeisterung
rief ein gewaltiges, fruchtbares Staunen in ihm hervor. Alle Fangarme
seines Wesens reckte er aus, um ihn zu greifen, zu begreifen.

Das Griechenvolk hat unsere Cultur, unsere Kunst und Wissenschaft
geschaffen, hat Europa politische Ideen gegeben, ihn aber fesselte
es weniger als das israelitische. Es war nicht so in unserem Leben
gegenwrtig. Noch heutigentags sind Europas Feste jdische, nicht
griechische, Europas Gott jdisch, nicht griechisch. Das Buch, das die
civilisirte Welt als heilig betrachtet, ist eine Sammlung jdischer
Literatur; die Begriffe der Massen von Pflicht und Glauben, vom Leben
dies- und jenseits stammen aus Syrien. Das Ideal Europas wurde in
Nazareth geboren.

Alles, was weiblich war in Renan, fhlte sich von dem Geiste Israels
angezogen, von Ehrfurcht davor erfllt.

Worber er stutzte, war dies: ein kleiner Volksstamm, anfangs aus
Nomaden, sodann aus Ackerbauern bestehend, usserst kriegerisch durch
den Zwang der Verhltnisse -- ohne Schifffahrt, da er vom Meere
abgesperrt war, ohne Handel, der in den Hnden anderer Stmme lag, ohne
Bau- oder Bildnerkunst, gnzlich ohne Wissenschaft -- hatte nur Eine
geistige That vollbracht, nur Eine Schpfung hinterlassen: Religion
oder richtiger zwei Religionen, die ihrem Wesen nach eine einzige war;
wiederholte das ursprngliche Christenthum doch nur auf gemeinfassliche
Weise, was jdische Propheten 750 Jahre frher gesagt hatten. Die
Griechen hatten uns Staatsformen, wissenschaftliche Grundanschauungen,
Denkmale und Kunstwerke hinterlassen, die nie der Vergessenheit
anheimfallen konnten. Die Israeliten hatten nur Eines hervorgebracht.
Sie hatten einen so energischen, so leidenschaftlichen Schrei nach
Gerechtigkeit ausgestossen, dass er noch nach Verlauf von beinahe 3000
Jahren uns in den Ohren tnte.

Dies sprach seinen Idealismus an, und dass Alles in der Zeit so weit
zurcklag, bildete nur einen Reiz mehr fr ihn. Es gibt Historiker,
die sich nur wohl fhlen, wenn sie sicheren Grund und Boden unter
den Fssen haben. Sie lieben das Anschauliche, Handgreifliche. Renan
hingegen sah gut, sah gerne im Dunkeln, sphte am liebsten in ferne
Zeiten und fhlte mit Befriedigung ihre Zustnde und Empfindungen sich
zu Leben vor seinem inneren Sinn gestalten. Ob es gerade das Leben
war, wie es in jenen alten Zeiten gelebt worden -- wer vermag es zu
entscheiden? Doch leitete ihn eine glckliche Gabe, aus dem Wenigen,
das wir wissen, Weiteres zu ahnen und zu errathen. Alle seine Krfte
wendete er auf, um die Gefhls- und Denkweise eines Jahrtausends aus
jener lngst entschwundenen Vorzeit wieder aufleben zu lassen. Dazu
gibt es nur Ein Mittel, die Geistesentwicklung, Kritik genannt, die
kein frheres Jahrhundert gekannt hat.

Die Astronomie hat das Sehrohr. Die historische Kritik ist das Sehrohr,
das uns ferne Zeiten nahe rckt. Die Physiologie hat das Mikroskop.
Die literarische Kritik ist das Mikroskop, das den verborgenen
seelischen Zug gross und deutlich macht. Der Physiker hat seine feinen
Instrumente, Luftdruck und Wrme damit zu messen. Der Kritiker hat in
seiner angeborenen Empfnglichkeit, in der mannigfachen Sensibilitt,
die er allmlig in sich ausbildet, den Barometer, womit er die
Atmosphre ferner Zeit, den Thermometer, mit dem er die Hitze der
Leidenschaften misst. Der Chemiker hat das kostbare Gerth, die Wage.
Der Kritiker besitzt in seiner Gabe, das Gelesene zu prfen, eine
feinere Wage, als es in der usseren Welt eine gibt.

Die Vorarbeit, die Renan von deutschen und hollndischen Mnnern der
Wissenschaft gethan fand, war, was Gelehrsamkeit und Scharfsinn
anbelangt, bewunderungswrdig. Man hatte (um ein Gleichniss zu
gebrauchen, dessen sich Renan einmal bedient) die Bibel ungefhr
in dem Zustande vorgefunden, in welchem sich die in Herculanum
ausgegrabenen Buchrollen befanden. Tausende von Schriftzeichen in
wirrem Durcheinander, die Bltter zu einer Masse zusammengeklebt, des
einen Blattes Text in den des andern hineingerathen. Eine Arbeit von
der Art, hier Blatt von Blatt zu scheiden, war genial eingeleitet und
im vollen Zuge, als Renan seine Alterthumsstudien begann.

Er war als Kritiker weniger ein sondernder, zergliedernder, als ein
zusammenfgender Geist. Er zog Linien zwischen den festen Punkten,
welche die Arbeiten der germanischen Gelehrten ihm an die Hand gaben.
Er kannte die Menschenseele so gut, dass er in der Regel das jedesmal
Mgliche erschaute, zwischen zwei Mglichkeiten die wahrscheinliche
herausfand und unter den wahrscheinlichen Erklrungen die festhielt,
die innere Wahrheit hatte. So hat er in zwlf grossen Bnden Israels
Geschichte und den Ursprung des Christenthums erzhlt.

Er ging zuvrderst gerade auf das los, das ihn am meisten fesselte, die
Persnlichkeit Jesu. Um sich ihr jedoch zu nhern, unternahm er einen
Schritt, wie ihn vor ihm noch Niemand, der das Leben Jesu schildern
wollte, unternommen. Er reiste nach Palstina und erfllte Auge und
Sinn mit den Eindrcken der Sttten und Gegenden, woselbst Jesus gelebt
und gewallt.

Die Formen der Berge und Thler, der Lauf der Flsse, das Bett der
Seen, sie bleiben durch Jahrtausende dieselben. Im Morgenlande haben
berdies die Formen der Zelte und Huser, der Schnitt der Trachten, die
Art der Beschftigungen, die durch das Klima bestimmte Lebensweise sich
Jahrtausende lang unverndert erhalten, so dass Renan wie zur Weihe
eine lebendige Vorstellung davon einsog, wie die Naturverhltnisse
und die Umgebungen beschaffen gewesen, unter welchen die religisen
Grundbegriffe der civilisirten Welt entstanden.

Sein Jesus ist geistreich aufgefasst, zart ausgefhrt, eine Statuette
aus Elfenbein. Dem Stile fehlte es an Sicherheit und Grsse, nicht an
Feinheit.

Renan's Unentschiedenheit, seine Lust, zugleich Ja und Nein zu sagen,
war ihm hier ab und zu ein Hinderniss. Voltaire hatte Nein, die
Theologen hatten Ja gesagt. Uneinig mit beiden, wie er war, besttigte
und verwarf er zuweilen in einem Athemzuge. Sein ursprnglich allzu
grosser Respect fr die Ueberlieferung gereichte besonders den
ltesten Ausgaben zum Nachtheile. Man kann ihn hier wie sonst nicht
davon freisprechen, eine allzu nachlssige Quellen-Kritik betrieben
zu haben. Indem er das vierte Evangelium als Quelle aus dem ersten
christlichen Jahrhundert annimmt, gelangt er dahin, den Charakter Jesu
auf unhistorische Weise anzuschwrzen. Sein Blick ist durch die Nebel
der Zeiten hindurchgedrungen, und hat manchen Zug erschaut, welcher der
grossen Gestalt wesentlich zuzugehren scheint. Zuweilen jedoch lebt er
sich zu persnlich in sie ein, modernisirt sie unwillkrlich und legt
ihr seine Lieblingseigenschaften bei, so zum Beispiel, wenn er Jesus
den Grnder der grossen Lehre von der transscendenten Geringschtzung
nennt. Man kann sich manchmal des peinlichen Eindruckes nicht erwehren,
er sei selbst Modell gestanden.

Renan liebt Jesus, wie er die grossen Sanften und Weisen liebt. Genau
so liebt er Marcus Aurelius. Dagegen hat er eine lebhafte Antipathie
gegen die Gewaltthtigen, die Fanatiker, die Mnner der That in der
Welt der Religion. Paulus ist ihm zuwider, gleichwie Luther.

Renan wuchs whrend der Behandlung seines grossen Gegenstandes.
Je weiter die Arbeit gedieh, in desto hherem Grade wurde er ihr
gewachsen. Je mehr er den Stoff unter seinen Hnden sich formen sah, um
so voller bemchtigte sich auch seiner das beruhigende Gefhl geistiger
Ueberlegenheit. Der steigenden Ueberlegenheit aber gesellte sich
steigende Gleichgiltigkeit gegen das Urtheil der Welt ber ihn.

Es entwickelte sich bei ihm eine Menschenverachtung, so gross, dass sie
gutmthig erschien, es in der That auch war.

Sein immer weiterer, freierer Blick offenbarte sich in der
zunehmenden Herrschaft ber seinen Stoff. Deutschland besitzt
verschiedene Fachmnner von dem Range Renan's, ja nicht wenige,
die ihn an Gelehrsamkeit, sowie an streng wissenschaftlichem Geist
berragen. Allein sie vertiefen sich so sehr in ihren Stoff, dass
ihre Persnlichkeit sich ganz darin verliert. Sie schweben nicht
ber demselben. Sie sind Bcher- nicht Weltmenschen; Kritiker, nicht
Baumeister; Forscher und Denker, nicht zugleich freie Geister und
Knstler. Ein freigewordener Geist aber, der, ber seinem Stoffe
schwebend, diesen kraft seiner Lebenserfahrung behandelt -- eben dies
war Renan.

Diese spielende Herrschaft ber die von ihm behandelten Gegenstnde
verdankte er jedoch dem seine Originalitt zuletzt bestimmenden grossen
Factor -- Paris.

Paris gab ihm den tiefen Ekel vor der Pedanterie ein, lieh ihm
berhaupt erst die letzte, volle Ueberlegenheit. Sie gestaltete sich
zum Schlusse auch zur Ueberlegenheit ber Paris; aber das Entscheidende
war, dass allmlig der Bretagner zum Pariser, der Jnger Herder's
zum Franzosen der Hauptstadt geworden war. Bis 1870 noch ein halber
Deutscher, wurde er nach dem Kriege und dem Friedensschlusse ein ganzer
Pariser und erhielt im Alter erst seine rechte Jugend. Das aber, was
in den geistig massgebenden Pariser Kreisen dem guten Ton sein Geprge
gibt, ist _formvolle Rcksichtslosigkeit_.

Er hat viel von einzelnen Persnlichkeiten, viel von Berthelot als
Denker, viel von George Sand als Schriftsteller gelernt (seine
Landschaften erinnern an die ihren). Am meisten aber lernte er von
Paris, und zuletzt war er ganz Pariser, wenn anders Jemand, der sechs-
oder siebenerlei Culturen beherrscht, ja fr sich allein eine kleine
Culturwelt genannt werden kann, also zu heissen ist.

Anfangs hegte er gegen Branger, um dessen gutmthiger Flachheit
willen, wie wegen des Gallisch-Populren in ihm, eine lebhafte
Abneigung. Er endete damit, in einer Branger verwandten Weise, wenn
auch in weit hherer Potenz, als es dieser gewesen, gallisch populr,
vterlich scherzhaft zu werden.

Er war zuletzt wie eine Quintessenz des franzsischen Geistes, ein
Kraftauszug des feinsten, das dieser enthlt. Mit dem eintretenden
Greisenalter verklrte sich die Ueberlegenheit zu einer Art Serenitas,
zu wolkenloser Heiterkeit und Klarheit.

Davon gibt die kleine Reihe philosophischer Schauspiele, die Renan in
den Jahren 1878 bis 1886 herausgab, beredtes Zeugniss.


                                 II.

Obgleich heutigen Tages die Theater fast gnzlich
Unterhaltungsanstalten fr die Armen im Geiste, fr jenen
betrchtlichen Theil des Brgerstandes, der nicht lesen kann oder mag,
geworden sind, bewahrt die dramatische Form nichtsdestoweniger fr
Viele ihren Reiz. Es ist die bndigste, geschlossenste Form, in welcher
man ein Lebensbild, eine Handlung kennen zu lernen vermag. Wer ber
zwei Stunden und nicht mehr verfgt, wird nicht nach einem Romane,
sondern nach einem Schauspiel greifen. Er weiss, alles nicht streng zur
Sache Gehrige ist hier ausgeschieden.

Auch andere Mnner als eigentliche Dichter haben sich von der
Gesprchsform angezogen gefhlt. Es sind das solche, deren Gedanken
sich in Sphren bewegen, in welchen es keine unanfechtbare Wahrheit,
keine volle Sicherheit gibt, wo vielmehr verschiedene Meinungen,
Auffassungen, Ueberzeugungen zu Worte kommen knnen. Ausserhalb
der Mathematik und der exacten Wissenschaften gibt es wenig
unbedingt Sicheres, Vieles, worber sich Verschiedenes fr und
wider sagen lsst. Innerhalb der Geisteswissenschaften ist beinahe
Alles Gegenstand immer erneuerter Errterung. Von diesem Gefhle
beherrscht, schrieb Plato seine Werke in Dialogform. Das gleiche
Gefhl fhrte in unseren Tagen Renan zu deren Anwendung. Kurz nach
der Beendigung des franzsisch-deutschen Krieges schrieb er erst eine
Reihe philosophischer Gesprche und brachte hierauf einige seiner
Lieblingsideen in bestimmterer dramatischer Form zum Ausdrucke. In
den Pausen zwischen seinen streng wissenschaftlichen Arbeiten hat er
vier philosophische Schauspiele und ein Paar dialogisirte Prologe
geschrieben.

Sein Ausgangspunkt als Dramatiker war Shakespeare's Sturm, welcher --
an und fr sich hchst merkwrdig als der wahrscheinliche Schlussstein
an Shakespeare's dramatischem Bau, wie als diejenige Arbeit des
Dichters, die mehr als irgend eine andere tief und deutlich symbolisch
ist -- Renan durch das Sinnbildliche der drei Hauptpersonen: Prospero,
Caliban und Ariel, ergriff.

Caliban ist das formlose Naturwesen, der Urbewohner, halb Thier, halb
Kannibale, roh und furchtbar, niedrig und dumm, eine Station erst auf
dem Wege zum Menschthum. Prospero ist der Zukunftstypus einer hchsten
Veredlung der Menschennatur, ein Wesen, das in gleich kniglicher,
genialer Weise sich die ussere Natur unterworfen und seine innere ins
Gleichgewicht gebracht hat, alle Bitterkeit ber erlittenes Unrecht in
der Harmonie ertrnkend, die seinem reichen Seelenleben entstrmt.

Prospero beherrscht die Naturkrfte. Statt ihm aber den Zauberstab
der Ueberlieferung zu leihen, hat Shakespeare die Naturkraft selber
zu seinem dienstbaren Geist gemacht. Ariel, das ist der Geist.
Shakespeare, so scheint es, hat sich selbst als jenen Magus auf der
verzauberten Insel des Theaters darstellen wollen, dem der Lichtgeist
Diener, der Geist der Rohheit Sklave ist.

Diese Gestalt musste auf Renan nothwendig einen starken Eindruck
machen, passte sie doch ganz merkwrdig in den Ideengang hinein, zu
dem seine Lebensansicht ihn gefhrt hatte. Frh hatte sich ihm die
Erkenntniss aufgedrngt, dass das Werthvollste am Menschen ihn in allen
weltlichen Beziehungen des Kampfes um das Dasein in einen Zustand der
geringeren Widerstandskraft versetze. Echtes Talent, tiefinnige Gte,
vollkommener Hochsinn sind hufig Bedingungen des Unterliegens. Wer im
Spiele betrgt, wirft die meisten Augen, wer mit Schneiderhieben zur
Hand ist, verwundet seinen Gegner.

Es wollte ihm scheinen, dass die Welt fast ausschliesslich von der
Rohheit, der Unwahrheit, der Marktschreierei regiert werde. Kein Wunder
also, dass Prospero aus seinem Reiche vertrieben wird.

Renan neigte zu der Ansicht, dass Alle, die da arbeiten und wirken,
von der Weltenmacht zu einem hheren Zwecke kraft dessen ausgebeutet
werden, was Hegel, der einen ungemeinen Einfluss auf Renan gebt, die
List der Idee, er selbst jedoch den Macchiavellismus der Natur nannte.

Diese Ansicht hat eine stete Ironie in Renan's Haltung zur Folge
gehabt. Er will sich zwar um Gensse betrgen lassen, ohne Lohn
arbeiten und entsagen, da doch alle Arbeit viel Entsagung fordert,
allein er will dem All gegenber, das er als alter Theologe gerne
personificirt, eine Haltung bewahren, die bezeugt, er wisse sich
getuscht. Daher liegt ihm aller Pharisismus so ferne. Er ist nicht
stolz auf seine Tugenden. Er weiss, als tugendhaft wird er geprellt.
Doch er willigt ein, sich prellen zu lassen.

Wenn Renan gleich Hegel und Schopenhauer an einen Macchiavellismus
der Natur glaubt, so kommt es daher, dass ihm die Vorstellung eines
Naturzweckes vorschwebt. Nun hat die moderne Wissenschaft diesen
Begriff bekanntlich geschleift und erst wirkliche Fortschritte
gemacht, nachdem er geschleift worden. Ueberall spht jetzt die
Wissenschaft nach wirkenden Ursachen, wo man frher ohne Nutzen nach
Zweckursachen gesucht hat. Jener grosse Theil der modernen Forschung,
der in den Darwinismus mndete, hat seine Strke darin, die Vorstellung
von einem Zwecke in der Natur berflssig gemacht zu haben. Was
sich den Verhltnissen und Umgebungen anpasst, berlebt das Andere.
Es nimmt sich nur aus, als entsprche es einem Zwecke, weil die
Lebensmglichkeit von der eingetretenen Aenderung abhing.

Der Darwinismus berhrt indessen durchaus nicht die hchsten Fragen,
beschftigt sich nicht mit dem uranfnglichen Lebenstriebe, dem Streben
(_nisus_), welches das Princip der Bewegung ist.

Die Mathematik ist bekanntlich eine grosse Tautologie. Wie verwickelt
die Berechnungen und Messungen auch sein mgen, stets bleibt gleich
viel auf beiden Seiten des Gleichheitszeichens, und Alles lsst sich
auf den Identittssatz a = a zurckfhren. Aber auch das Weltall ist
eine grosse Tautologie. Das Gesetz der Erhaltung der Kraft zeigt es uns
als solche: kein Staubkorn und keine Bewegung kann verschwinden; Alles
ist blosser Umsatz; bei der grossen Verbrennung wird nichts vernichtet;
die Summe ist unabnderlich dieselbe.

Nichtsdestoweniger ist die Welt in keinem Zustande der Ruhe. Desshalb
hlt Renan sich fr berechtigt, ein Ziel in der Natur vorauszusetzen
und von einer Gottheit zu sprechen. Diese Gottheit ist der Lebenstrieb,
und das Ziel ist, wie Hegel sagte, Bewusstsein. Die Natur strebt nach
einem immer vollkommeneren Bewusstsein. Renan drckt dies so aus,
dass die kleine Ernte an Vernunft, Hochsinn, Schnheitswerken und
Weisheit, die jeder Planet im Laufe seiner Lebenszeit einzuheimsen
vermag, der Endzweck dieses Planets sei, wie Gummi der des Gummibaumes.
Wir glauben, es lasse sich in jedem Zeitalter ein kleiner Zuschuss an
Vernunft und Gte beobachten, und leiten davon den Glauben an einen
Fortschritt ab.

Wie aber diesen Fortschritt sichern, diesen endlichen kleinen
Ernte-Ertrag?

Sein Schicksal kann zuweilen von einem Manne oder doch von einigen
wenigen Mnnern abhngen. Nur zu leicht kann die Weltentwicklung
unterbrochen werden. Der christliche Dogmatismus unterbrach sie ein
Jahrtausend lang. Sie lsst sich von Barbarei, oder Inquisition,
oder niederer Selbstsucht unterbrochen denken. Der einer allgemeinen
Entwicklung frderlichen Menschen sind nur usserst wenige, und leicht
sind sie auszurotten oder lahmzulegen. Man bedenke nur, wie viele
die Religionen und die Despotien zu Grunde gerichtet haben, oder nur
Mchte, wie die Inquisition in Spanien, die Regierung in Russland.

Der Gedanke, die zwei Milliarden Menschen der Erde, einen um den
andern zur Vernunft zu bekehren, ist ein leerer Traum. Die Bekehrung
ist unmglich, aber auch unnthig. Es handelt sich nicht darum, dass
alle Menschen das Wahre erkennen, sondern darum, dass es von einigen
Wenigen erkannt, und die Ueberlieferung bewahrt werde. Abel's Theorien
sind um nichts weniger unanfechtbar, weil es auf Erden nur etwa hundert
Menschen gibt, die sie verstehen. Fr die Wahrheit ist nicht nthig,
dass alle Welt sich zu ihr bekenne; die sie nicht verstehen, sollen
sich ihr nur beugen.

Die hchste Cultur aber kann von der Menge weder verstanden noch
gewrdigt werden. Da gilt es denn, sie gegen die Menge sicherzustellen.
In alten Tagen kam die Gefahr besonders von der Kirche. In den unseren
wird die Entwicklung vornehmlich von der herrschenden Anschauung, der
Staat brauche nur das materielle Wohl der Individuen im Auge zu haben,
bedroht.

Ein Genie ist ja etwas sehr Seltenes und Kostbares. Es scheint,
dass etliche Millionen Menschen auf Eine fr den Fortschritt
massgebende Persnlichkeit kommen, ja dass, um Geister ersten
Ranges hervorzubringen, Gesellschaftskrper von dreissig, vierzig
Millionen Menschen vonnthen seien. Diese Geister aber werden von der
Mittelmssigkeit instinktiv gehasst. Sie weiss Leinwand, allenfalls
Tuch zu wrdigen, nicht aber Spitzen.

Der grosse Mensch ist Renan gleichwohl kein Luxus. In Wirklichkeit
bedeutet er das vorlufige Ziel, und worauf es mit Rcksicht auf die
Ziele der Natur ankommt, ist denn, dass der grosse Mensch zur Macht
gelange. Nur so ist die Vernunftentwicklung sicherzustellen.

In der Urzeit galt der bedeutende Mann fr einen Zauberer. Man zitterte
vor ihm. Die Brahmanen haben jahrhundertelang vermge des Aberglaubens
regiert, dass ihr Blick dem Angehrigen einer niederen Kaste, auf den
er falle, tdtlich sei. Die Kirche, die einst die Culturmacht war,
hatte die Hllenstrafen als Waffe -- eine gar wirksame, so lange an
sie geglaubt wurde. Als die Knigsmacht die Culturtrgerin wurde,
schuf auch sie sich ihre Waffen: Heere und Kanonen, Richter und
Gefngnisse. Ein Jeder ist nur stark im Verhltnisse zu der Furcht, die
er einzuflssen vermag.

Das von Renan ertrumte Ziel ist demnach, die Trger der Entwicklung,
die Culturtrger mit den entscheidenden Machtmitteln auszustatten,
sie aufs neue zu einer Art von Zauberern zu machen. In ihren Hnden
allein wrde die Macht nicht odios, sondern wohlthtig sein. Sie
wrden als die menschgewordene Vernunft erscheinen, als eine wahrhaft
unfehlbare ppstliche Macht. Mit den Schreckmitteln, welche die moderne
Wissenschaft in ihre Hand legte, wrden sie einen Terrorismus der
Vernunft einfhren.

Wir erleben in unseren Tagen, wo wir das Dynamit in den Hnden
der zerstrenden und die Millionenheere mit den verfeinerten
Mordwerkzeugen in der Gewalt der reactionren Elemente sehen, eine
Schreckensherrschaft der Brutalitt. Renan stellt sich nun vor, dass
der Bund aller der hchsten und reinsten Begabungen unwiderstehlich
sein wrde, weil er ber die Existenz des Planeten selbst gebte. Er
bersieht merkwrdigerweise, dass selbst wenn dies nicht eine blosse
Phantasie wre, sich die Drohung mit der Vernichtung des Planeten
aus dem Grunde als unbrauchbar erwiese, weil sie den Widersetzigen
gegenber sich nicht stckweise ausfhren liesse.

Zur selben Zeit, als Eduard v. Hartmann den Traum einer freiwilligen
Selbstvernichtung der Menschheit auf hnliche Art durch einen Beschluss
der hchststehenden Menschen trumte, hat Renan von dieser Drohung als
Mittel in der Hand der hchststehenden Wesen getrumt. Wesen mssen
sie genannt werden, nicht Menschen; denn sie sind es, die spter bei
Nietzsche mit dem Namen Uebermenschen belegt werden.

Ist nur einmal der Begriff der Entwicklung gesichert, wird, nach
Renan's Meinung, wie die Menschheit aus der Thierheit hervorging,
das Gttliche aus dem Menschlichen hervorgehen knnen. Wesen werden
entstehen knnen, welche die Menschen so gebrauchen, wie jetzt wir die
Thiere.

Er hat zunchst im Scherze Phantasien ber eine Art Stuterei solcher
genialer Herrschergeister, eine Art Asgaard, entwickelt. Allen Ernstes
glaubt er an die Mglichkeit des Entstehens einer hheren Menschenart,
und an diesem Punkte eben ist es, wo Renan die Anknpfung an die
Shakespeare'sche Dichtung sucht.

Prospero ist der Zukunftsmensch, der Uebermensch. Renan erblickt daher
in ihm das erste Exemplar der hheren Menschheit, den wirklichen
Zauberer.

Die Handlung des Schauspiels Caliban bildet Caliban's Emprung gegen
Prospero und der siegreiche Ausgang dieser Emprung.

Folgendes bildet die Voraussetzung des Stckes: Jedes Wesen ist
undankbar, alle Erziehung kehrt sich wider den Erzieher; das Erste ist
stets, die Waffen, die er die subalterne Persnlichkeit gebrauchen
lehrte, gegen ihn zu kehren. So im Verhltnisse der Klassen zu
einander, so im Verhltniss der einzelnen Persnlichkeiten im
ffentlichen Leben.

Caliban verabscheut seinen Erzieher, Wohlthter und Zuchtmeister
Prospero. Ariel hingegen verehrt ihn, denn er erfasst Prospero's
Gedanken. Prospero glaubt, dass Gott die Vernunft ist, und arbeitet
darauf hin, dass Gott, das heisst die Vernunft, sich die Welt mehr
und mehr unterthan mache. Prospero glaubt an den Gott, der das Genie
im genialen Manne, die Gte in der zrtlichen Seele, berhaupt das
allgemeine Streben nach der Existenz dessen ist, was allein in Wahrheit
existirt.

Man verachtet den Herzog an seinem Hofe, wie man einen Regenten,
der gelehrt ist, verachtet. Man hat nur vor demjenigen Respect, der
todtschlgt, und Prospero wird von einer Revolution der Verachtung
bedroht.

Wir sehen hierauf Caliban den gemeinen Mann aufwiegeln. Er spiegelt
diesem vor, Prospero beute das Volk aus. Es gelte, sich seiner Bcher
und Destillirkolben zu bemchtigen. Man bittet Caliban, die allgemeine
Glckseligkeit zu decretiren. Er verspricht, es zu thun, wenn die
Zeit dazu komme: Spter, spter! -- Es lebe Caliban, der grosse
Brger! -- Er empfngt Processionen, Deputationen und Gesuche, wird
Volksredner, verspricht, Alle zufrieden zu stellen: Wir sind aus euch
hervorgegangen, wir wollen fr euch wirken, wir existiren durch euch.

Abends legt er sich in Prospero's Bett zur Ruhe. Er grbelt: Ich war
ungerecht gegen Prospero. Welche Begehrlichkeit nach Genuss! Welches
Umsturzverlangen! Eine Regierung muss Widerstand leisten. Ich will
Widerstand leisten.

Schon ist er hoch conservativ, sieht ein, dass Schlsser, Hoffeste,
frstliche Pracht die Zierde des Lebens seien.

Da Knstler und Schriftsteller die Ehre eines Reiches sind, will er
Kunst und Literatur heben und frdern. Doch der Mittelpunkt aller
seiner Gedanken bildet Imperia, die reizende Courtisane -- wohl bekannt
aus Balzac's _Contes drlatiques_ -- die krzlich bei einem Feste in
Prospero's Palaste, bei welchem verschiedene Lebensanschauungen zur
Errterung gekommen, die Sache der Liebe verfocht. Er will ihre nhere
Bekanntschaft machen.

Es bleibt Prospero nicht lange unbekannt, dass Caliban, sein Thier,
sein Ablser geworden. Ariel's Phantasmagorien haben sich den Schaaren
Caliban's gegenber als unwirksam erwiesen; Niemand unter diesen
Schaaren glaubt mehr an Zauber, und die Aufrhrer haben Prospero's
Pulver und Kriegsmaschinen in Gebrauch genommen. Bei der nun folgenden
Berathung ber die zu ergreifenden Massregeln ussert sich Renan ber
den geringen Nutzen, welchen er sich von dem Elementar-Unterrichte
verspricht, indem er Simplicon die Replik in den Mund legt,
allgemeiner obligatorischer Schulunterricht wrde allen Uebeln
abhelfen. Der gemssigte Bonaccorso aber spricht das erlsende Wort,
die neue Regierung scheine wohlgesinnt; Caliban sei bereits der
Mittelpunkt der gemssigten Partei.

Die Inquisition tritt auf. Caliban beschtzt Prospero. Er ist nicht nur
massvoll, er ist anti-clerical, hat also eine gute Eigenschaft mehr.
Allmlig beschtzt er Alles und Alle: den Papst, die Knstler, die
Wissenschaften und Prospero gegen den ppstlichen Legaten: Ich will
ihn nicht ausliefern, sondern ausntzen.

Prospero resignirt, und die Moral des Stckes wird vom Prior des
Karthuser-Klosters ausgesprochen: Ist er nur ordentlich gekmmt und
gewaschen, so wird Caliban sehr prsentabel.

Es liegt eine Verachtung, deren Tiefe sich schwer ermessen lsst,
in dieser Huldigung der einst revolutionren, jetzt moderaten oder
conservativen Demokratie. Und ebenso birgt sich eine tiefe Ueberzeugung
von der Nichtigkeit des Weltlebens hinter dem leichten Spiel der
Handlung.

Das Gesprch der Hofleute im zweiten Acte errtert die Frage nach einem
festen Halt im Leben. Die Familie, schlgt der Eine vor. -- Da msste
man berzeugt sein, die eigene Familie sei die beste, und sich sogar
davon nicht beirren lassen, dass alle Anderen der gleichen Ueberzeugung
sind. Das ist denn also Vorurtheil, Eitelkeit. Und was von der Familie
gilt, gilt auch vom Vaterlande. Man geht nur darin auf, so lange
man an dessen besondere Vortrefflichkeit glaubt. -- Nein, sagt ein
Zweiter, auserlesene Gensse, das ist das einzig Solide. -- Gut, wenn
nun aber Alle geniessen wollen? -- So halten wir sie mit gewappneter
Hand nieder. -- Wie aber, wenn die Waffe sich gegen den kehrt, der sie
gebrauchen will? Nein, besser doch, sich auf die Nation zu sttzen. --
Was wir unter Nation verstehen, entspricht nur den Interessen einer
Minderzahl. Wie soll man in der Zukunft die Vielen dazu bringen, ihr
Leben fr die Interessen der Wenigen aufs Spiel zu setzen? -- Dadurch,
dass man sie aufklrt? -- Keineswegs, gerade im Gegentheile. Sich
fr eine Sache todtschlagen zu lassen, ist eine grosse Naivett, die
grsste Naivett, da sie nicht wieder gut zu machen ist. Bedenken Sie,
dass Millionen sich todtschlagen liessen fr collective Wesen, wie
der Staat, die Kirche! -- Gleichviel. Nun wren sie dennoch todt. --
Wenn Trken und Christen sich schlagen, so glauben sie ins Paradies
zu kommen, wofern sie in dem heiligen Kriege fallen. Gibt es aber das
Paradies der Einen, so gibt es das der Anderen nicht. Noch denken sie
nicht, dass es also wahrscheinlich keines der beiden Paradiese gebe.
Eitelkeit! -- Sehen Sie die Trken! Man treibt sie mit Hilfe falscher
Wechsel auf das ewige Leben in die Schlacht. -- Solche falsche Wechsel
sollten verboten werden. Sie fhren eine Inferioritt der civilisirten
Vlkerschaften, die nicht daran glauben, herbei. Der Roheste bleibt
Sieger und wird als Sieger noch roher. -- Mit anderen Worten: Die
Aufklrung vernichtet die Widerstandskraft der Vlker. Alles ist eitel.
Die Philosophie, welche die Vorurtheile zerstrt, zerstrt damit das
Fundament des Lebens selbst.

Nur die Schnheit tritt whrend dieser Niedermetzlung anerkannter
Mchte, in der Gestalt Imperia's verkrpert, als eine bewunderte
Wirklichkeit hervor. Wie zum Trotze, doch nicht aus Trotz hat Renan
in seinem Schauspiele die grosse Courtisane zur Vertreterin der
Schnheit und Liebe gemacht. Sie personificirt die Welt der Schnheit,
wie Prospero die des Gedankens. Balzac hatte sie mit knstlerischer
Begeisterung gemalt; Renan erkennt sie als vollberechtigte Lebensmacht
an und verhandelt mit ihr wie von Macht zu Macht.

Er lsst sie die Unvergnglichkeit der Schnheit und der Liebe
verknden. Alles ist flchtig, doch das Flchtige ist zuweilen
gttlich. Seht den Schmetterling. Nur innerhalb eines ganz kurzen
Abschnittes im Leben des Wurmes existirt er, wie im Dasein der Pflanze
nur wenige Augenblicke die Blume ist. Die Liebe aber thut das Wunder,
dass das plumpe kriechende Insect beflgelt und ideal wird. Das Leben
des Falters ist whrend einiger Stunden das Hchste: blhen, lieben,
sterben.

Imperia kommt aufs neue als Brunissende, die Liebhaberin des Papstes,
im Schauspiele Der Jungbrunnen vor, hier leichtfertiger, doch in den
Augen Renan's deshalb nicht minder sympathisch. Sie ist hier tiefer
weiblich, ist eitel Strke und Schmachten. Sie hat jede Schwche und
nimmt dennoch die Welt in Besitz. Sie vertheilt alle Einnahmen des
ppstlichen Stuhles nach Lust und Laune. Um so besser! heisst es. Des
Weibes Schnheit ist ein Gut von hchstem Range, von gleich hohem Range
wie Vernunft und edle Gesinnung: Alle geistlichen Einnahmen sollten zu
Toiletten-Ausgaben fr schne Frauen und zu Jahrgeldern fr geistvolle
Mnner verwendet werden.

Der Born der Jugend ist trotz seiner Mngel ein von Geist
sprudelndes Stck. Es spielt am ppstlichen Hofe in Avignon und hat
eine ganz schwache Localfrbung, auch keine stark historische, die sie
sogar ausdrcklich vermeiden will.

Renan hat hier seinen Prospero wieder aufgenommen und ihn als die
berlegene Intelligenz erscheinen lassen, die zur Zeit ihrer Autoritt
ber die Menschheit verlustig geworden ist. Seine magischen Mittel
haben ihre Kraft verloren. Doch ob schwach und entwaffnet, er
verfolgt gleichwohl sein Problem: die Erlangung der Macht mittelst
der Wissenschaft. Er hat verschiedene wunderbare Essenzen erfunden,
darunter ein Lebenselixir, das verjngende Kraft besitzt. Der Papst,
der nach einer etwas bermssig angestrengten Jugend sehr mitgenommen
ist, behlt ihn in seiner Nhe, um von den Resultaten seiner
wissenschaftlichen Versuche Nutzen zu ziehen. Doch hat er grosse Mhe,
ihn vor den Nachstellungen der Inquisition zu schtzen.

Man glaubt, dass Prospero Gold machen knne. Er hegt gar nicht diesen
Wunsch. Wozu auch? Knnte man doch, wenn es mglich wre, ebensogut
Blei machen wollen. Er zieht es vor, Licht aus Koth, Geist aus Stoff zu
erschaffen. Und er zweifelt nicht, dass es einst gelingen werde, denn
langsam sickert Vernunft in die Welt; vielleicht, dass zuletzt sogar
ein wenig Gerechtigkeit in sie dringt. (Renan's ganze Skepsis ussert
sich in diesem Satze.)

Prospero ist der Ueberzeugung, dass die Welt beinahe gnzlich von
Brutalitt regiert werde. Die unabhngigen Bauern der Schweiz, sagt
er mit feiner Ironie, sind nicht viel aufgeklrter als die Herren.
(Man erwartete die umgekehrte Wendung.) Ungerechtigkeit ist demzufolge
das eigentliche Princip im Laufe der Welt. Allen Wohlthtern der
Menschheit ergeht es bel. Man verbrennt sie auf dem Scheiterhaufen
ihrer Entdeckung, und Andere ntzen aus, was sie gefunden haben.

Ein Grundgedanke wird im Zusammenhange damit ausgesprochen, der
sicherlich schon Manchem gekommen ist, ehe er ihn bei Renan fand.
Prospero, der sich collegial mit Papst Clemens unterredet, sagt diesem
offen, dass ihn der Papst enttuscht habe. Er spricht (schon um das
Jahr 1310) das gewichtige Wort: Ich hatte von einer Papstmacht
getrumt, die an der Spitze der Renaissance schritt. -- Der Papst:
Also das Christenthum durch das Papstthum zerstrt? -- Prospero:
Ja!.

Renan berhrt hier eine fr den denkenden Betrachter der Geschichte
fesselnde Frage, die Nietzsche so stark beschftigende, ob die
lutherische Reformation die Renaissance nicht abgebrochen und vereitelt
habe, ob nicht die Deutschen aus Mangel an Verstndniss fr das, was
damals in Europa vorging, sie vergeudet.

Was sah Luther in Rom? Sehr wenig. Nicht einmal Michelangelo. Er
beobachtete mit Entsetzen die schlechten Sitten der Geistlichen, sah,
dass ihnen weder Dogmen noch evangelische Vorschriften am Herzen lagen.
Das war so ungefhr Alles. Die Renaissance hatte alle Bedingungen
wie auch den Willen, von oben her, mittelst der ppstlichen Macht
die Menschheit zu befreien. Einzelne Ppste hatten -- gleichwie die
grssten Kaiser des frhen Mittelalters (Friedrich II., der Hohenstaufe
zum Beispiel) -- sich an die Spitze einer Bewegung fr Wiedereinfhrung
der tausend Jahre brach gelegenen Cultur gestellt. Da kam Luther,
zwang den Katholicismus in die Gegen-Reformation hinein und machte das
Papstthum reactionr.

Prospero hat das richtige Gefhl, dass das allmchtige Papstthum,
geschirmt von der Ehrfurcht, die es einflsste, fast all den
Aberglauben und die Irrthmer, deren Haupt es war, zu unterdrcken
vermchte. Doch stattet Renan seinen Helden mit der prophetischen
Furcht aus, das Papstthum werde, erschreckt von seiner eigenen
Khnheit, die Segel reffen und die Bewegung, die es selbst begnstigt
habe, ins Stocken zu bringen suchen. Mit anderen Worten, er lsst
Prospero vorhersagen, was wirklich eintraf. Er lsst auch Brunissende
mit Prospero sympathisiren: Wir Frauen sind von den gleichen
Gedanken erfllt wie du. Der Aberglaube hat das Leben verringert.
Wir wollen es aus dem Vollen leben. Und sie fragt Prospero: Willst
du nicht uns Frauen ein Buch schreiben? Renan erwidert durch seinen
Wortfhrer: Andere werden dies thun, schne Brunissende. Ich bin zu
alt, mein Ende ist nahe. Wohl nie zuvor hat Renan sich auf so directe
Selbstschilderung eingelassen.

Der Papst fragt ihn: Wie kommt es, dass die anderen Doctoren mir alle
mit einander nicht so viel zu schaffen machen, wie du allein? --
Weil sie mit Abstractionen arbeiten, whrend ich mit Wirklichkeiten
hantiere. -- Doch nicht einmal die Doctoren mgen deine Ideen
theilen, und der Haufe wird sie nicht verstehen. Du erlangst weder
ber die Kirche noch ber die Schule Macht. Man hrt Renan's eigenen
Schmerz aus dieser Aeusserung heraus.

Persnlich ist auch die folgende Wendung, gelegentlich einer von der
Inquisition vorgenommenen Durchsuchung seiner Schriften, bei der man
ihm rth, dies und das zu widerrufen. -- Es ntzt nichts. Alles an
mir ist dennoch Ketzerei. -- Eben, das schadet weit weniger. -- Mit
anderen Worten, es ist allein die geistlos isolirte Einzelheit, welche
die Ketzerverfolger verstehen.

Ungeachtet aller Widerwrtigkeiten, Verfolgungen, Enttuschungen
verliert Prospero seine Zukunftshoffnung nicht. Dies sein Gedanke: Der
Fall des Wrfels, der tief unten an den Lebensquellen geworfen wird
und entscheidet, ob ein Hirn begabt oder unbegabt, ein Weib schn oder
unschn sei, findet so hufig statt, dass die Zukunft des Wahren, des
Guten, des Schnen gesichert ist. Die Natur hat unendliche Zeit vor
sich. Was liegt daran, ob hunderttausendmal der Schuss fehlgehe, wenn
unzhlige Male geschossen wird und nur Eine Kugel ins Centrum trifft.
-- Prospero selbst ist mit seinem Lose zufrieden: Ich war eine seltene
Quarterne in der grossen Lotterie. Der Kelch des Lebens ist herrlich.
Es ist thricht, zu klagen, weil man ihm auf den Grund schaut. --
Er hat nur einen Wunsch: Lasst mich kein betrbtes Antlitz sehen,
keinen Seufzer hren, wenn ich nun sterbe! Und er verscheidet, von
Brunissende zum Abschiede geksst.

Die Cardinle bemchtigen sich seines Leichnams, lassen ihn in ein Boot
legen, auf die Rhne hinausrudern und ins Wasser werfen. Findet man
seine Leiche auf, so sagen wir der Bevlkerung, er htte sich ertrnkt;
findet sie sich nicht, so sagen wir, der Teufel habe ihn geholt.

Es liegt echt Renan'sche Ironie in der Perspective, die sich hiemit
fr Prospero's Andenken erffnet. Im selben Geiste bespricht er in der
Vorrede zu seinem letzten Buche die gegen ihn gerichtete Beschuldigung,
er htte von Rothschild eine Million dafr bekommen, Die Geschichte
Israel's zu schreiben. Seine Feinde behaupten, seine Freunde
bestreiten es. Die unparteiische Geschichtsschreibung der Zukunft wird,
meint er, einen Mittelweg einschlagen und feststellen, dass er 500,000
Francs empfangen habe.


                                 III.

Von Renan's drei ersten Dramen drfte das gedankenreichste und
tiefsinnigste denn doch Der Priester in Nemi sein.

Die Fabel knpft an eine Erzhlung vom Tempel der Diana am Ufer des
Nemi-Sees an, dessen Priester, um gesetzlich angestellt zu werden,
(nach Strabo) seinen Vorgnger erschlagen haben soll. Renan denkt sich
einen Priester im grauen Alterthum in Nemi, einen aufgeklrten Mann,
der seinen Vorgnger nicht hat tdten wollen, sondern eine veraltete,
vernunftwidrige Religion zu reformiren gedenkt, und zeigt nun, was die
Folgen davon seien, ein Fnkchen Vernunft ins Menschenleben einfhren
zu wollen.

Es hat das eine doppelte Folge. Erstens fordert der Haufe, der sich nie
eher zufrieden gibt, als bis glcklich eine Unthat verbt worden, einen
regelrechten Verbrecher und Mrder zum Priester.

Zweitens kommt der freisinnige Priester sehr bald zu der Einsicht,
dass er mit seinen guten Absichten mehr Uebles als Gutes gestiftet
habe, indem er Vorurtheile antastete, auf welchen das Selbstbewusstsein
seiner Landsleute beruhte. Man greift ihn als Feind der Religion an,
er selbst aber ist religiser als sie, die im Namen der Religion ihn
bekmpfen. In der Marseillaise stehen die bekannten Zeilen:

    Libert, libert chrie,
    Combat avec tes dfenseurs!

Er kehrt in seiner Anrufung den Ausdruck um: Heilige Ueberlieferung der
Vorzeit! Streite an der Seite derer, die dir widersprechen!

In Wirklichkeit ist der Priester zu Nemi nur der leicht umgewandelte
Prospero. Allein er steht in einem neuen Verhltnisse zum Weibe. Sie
ist nicht mehr die strahlende Courtisane, sie ist hier die von Gott
(das heisst vom Priester) begeisterte Sibylle, die den Tempeldienst
versieht. Carmenta ist der ewigen Jungfrulichkeit geopfert worden und
leidet darunter, sie, die geschaffen, die Fsse ihres Messias zu salben
und zu kssen.

Vater, spricht sie zu ihm, wenn ich bei dir bin und deine Worte
hre, so fhle ich, dass das Leben darin ist, obgleich ich dich nicht
immer verstehe. Da bin ich denn zu jedem Opfer bereit und nehme mein
Schicksal hin, so hart es ist. Doch, hlt dein Blick mich nicht lnger
aufrecht, so falle ich zusammen. Antistius antwortet ihr als wahrer
Priester, dass das Weib den Mann, der Mann Gott lieben solle, und dass
die Sendboten Gottes mehr geliebt werden sollen und mssen, als sie
lieben.

Carmenta ist das den Genius des Mannes bewundernde Weib, whrend
Imperia und Brunissende die blos fungirende Weiblichkeit
reprsentirten, die vom Manne bewundert wird.

Nemi gehrt zu Albalonga, das eine alte Kultur besitzt. Gegenber
liegen die sieben kahlen Hgel, auf welchen sich in Kurzem das junge,
rohe krftige Rom erheben wird. (Es wird hier auf das Verhltniss
zwischen Frankreich und Deutschland angespielt.)

Carmenta prophezeit, dass eine Zeit kommen werde, da alle Welt Latein
spricht. Sie prophezeit Rom eine ungeheure Zukunft, eine weit lngere,
als sie Albalonga beschieden sei. Sie prophezeit, dass eine neue
Religion von Osten kommen und sich Europa unterwerfen werde.

Man betrachtet sie als halb verrckt und ihren Meister, der ihr solches
in den Mund lege, als einen Landesverrther. Nein, da ist Tertius ein
weit besserer Patriot. Er leugnet unbedingt, dass Rom eine Zukunft
habe, nimmt Alles, was nur ehrenvoll fr Albalonga, als gegeben an
und will von nichts wissen, was nicht ursprnglich und authentisch
Albalongisch.

Die echten Patrioten seines Schlages reizen zu einem unnthigen und
wahnwitzigen Kriege gegen Rom auf, den zu hintertreiben Antistius
vergebens Alles aufbietet. Um den Sieg zu erlangen, bringen die
Vaterlandsfreunde ihm eine Schaar junger Mnner, die er auf ihren
Wunsch den Gttern opfern soll. Allein der Priester weiss, dass der
Glaube an Gtter eine Lsterung Gottes, der Glaube an Gott eine
Lsterung des Gttlichen sei. Er will die Gefangenen nicht opfern.
Er spricht, ungefhr wie Jesaia lange vor ihm: Seid gerecht, lasst
Gte und Vernunft eure hchsten Gtter sein! Die Patrioten erwidern,
nicht dazu brauchten sie einen Priester, nicht dazu einen Tempel, um
solche Wahrheiten verkndet zu hren. Sie hassen und verachten ihn als
Gottesleugner und Schwchling.

Und des Antistius Widerstand ist fruchtlos. Andere rechtglubige,
conservative und verschmitzte Tempeldiener werden hinter seinem Rcken
die Gefangenen dennoch ermorden, und nicht einmal diese selbst,
vorbereitet wie sie auf den Tod waren, sind ihm fr ihre vorlufige
Befreiung im geringsten dankbar. Auch sie finden ihn halbverrckt und
verleugnen ihn. Selbst die, welche er befreit, wissen ihm keinen Dank.
Wohl mag er sich fragen, ob es der Mhe werth sei, sich fr eine Brut
zu opfern, die so tief steht und so unabwendbar der Unwahrheit geweiht
ist. Er fhlt, dass geistige Einsamkeit das Los derer ist, die durch
Geist oder Gemth die Menge berragen.

Schlimmer fr ihn ist jedoch die Einsicht, zu der er gelangt,
dass die Anderen zum Theile Recht haben. Er begreift, dass er die
Widerstandskraft seines Vaterlandes schwcht, wenn er ber Rom die
Wahrheit sagt, den Glauben an den Nationalgott zerstrt und mit den
barbarischen Bruchen bricht, an denen sein Volk noch hngt.

Ja, nicht einmal seiner eigenen geistigen Befreiung kann er so recht
froh werden. Anfangs empfand er sie als eine grosse Erleichterung, dann
aber erkannte er, dass die Menschheit enger Gedanken bedrfe. Jeder
Einzelne will seinen Gott haben, einen Gott, mit dem er schwatzen kann.
Zuletzt hlt Antistius sich kaum fr berechtigt, etwas zu sagen oder zu
thun, was sein Volk daran hindern knnte, zu siegen. Und doch summt es
ihm im Ohr: Wehe der siegreichen Nation: Niemand ist dem Fortschritte
feindlicher als sie. Dem Siege folgt stets die Reaction. Der Sieger ist
der schlimmste Herr von allen.

Die Mchtigen im Staate beschliessen den Untergang des Priesters;
nur ber Art und Weise desselben herrscht Uneinigkeit. Man schlgt
vor, einen Mrder fr Geld zu dingen. -- Ganz unnthig, erklrt der
typische Edelmann des Stckes. Er wird auch so ermordet. Wenn es
irgend ein Verbrechen oder eine Gemeinheit zu begehen gilt, findet sich
immer Jemand, der sich gratis dazu hergibt. Und er fgt hinzu: Man
ist im Allgemeinen der Ansicht, jede Niedertrchtigkeit sei irgendwie
bezahlt oder belohnt worden: _Is fecit cui prodest._ O Himmel, welch
ein Irrthum! Mit anderen Worten: Niemand hat einen Nutzen davon. Alle
leiden darunter. Und dennoch geschieht es.

Da kommt der Herold und verkndet: Rom ist gegrndet! Romulus hat
seinen Bruder ermordet. Jede Stadt wird durch Brudermord errichtet.
Der Fortschritt hier auf Erden beruht auf dem Hasse feindlicher Brder.
Alles, was Antistius vorhergesehen, wird nun in Erfllung gehen, die
Barbarei in Rom ihre Fortsetzung finden. Das Drama aber schliesst mit
dem Ausspruche eines israelitischen Propheten (Jeremias 51, 58): Die
Vlker mhen sich fr nichts; die Mhe von Nationen geht im Feuer auf.

1886 endlich schrieb Renan seine letzte, durchaus anders geartete
dramatische Arbeit, die einzige, die kein reines Ideendrama ist,
sondern sich der Art der gewhnlichen Schauspiele nhert: Die
Aebtissin von Jouarre, die ungeheures Aufsehen machte und gleich das
erste Jahr einige zwanzig Auflagen erlebte -- nicht um ihrer Vorzge
willen, sondern in Folge des Hallohs, mit dem ein Theil der Presse sie
begrsste und als unsittliches Werk, als eine Schande fr den Autor
stempelte. Dieses Drama allein spielt zu einem bestimmten historischen
Zeitpunkte, whrend der Revolution, und hat eine einfache, nicht
hochfliegende Idee, das Recht der Liebe, sich in ausserordentlichen
Fllen ber die von der Gesellschaft gezogenen, unter gewhnlichen
Verhltnissen ntzlichen Schranken hinwegzusetzen.

Zwei zum Tode Verurtheilte begegnen sich im Gefngnisse des Collge
Plessis, ein Edelmann und eine sehr vornehme Dame, die Aebtissin von
Jouarre. Er liebte sie schon lange, sie aber war, wiewohl sie die Ideen
des Zeitalters vllig theilt, durch ihr geistliches Gelbde gebunden.
Nun berredet er sie, ihm anzugehren. Sie verbringen miteinander
die letzte Nacht, die sie noch zu leben haben. Der Aussicht auf den
nahen Tod gegenber gelten die Bande, durch die sie gebunden wren,
nicht mehr. Er allein aber wird hingerichtet. Ein junger Offizier, der
sie in ihrer stolzen Schnheit vor dem Revolutions-Tribunal gesehen,
setzt es durch, dass ihr Name aus der Liste der zum Tode Verurtheilten
gestrichen wird, und am nchsten Morgen holt der Karren nur ihren
Freund ab. In ihrer Verzweiflung fleht sie um den Tod, ja macht sogar
einen fruchtlosen Selbstmordversuch.

Diese drei ersten Acte, die von der grossen italienischen
Schauspielerin Eleonora Duse aufgefhrt worden sind, bilden den
eigentlichen Inhalt des Stckes. Daran schliessen sich noch zwei
weitere, in welchen Julie, ihre sogenannte Schande mit Stolz tragend,
einsam mit dem kleinen Mdchen lebt, das sie zur Welt gebracht hat,
sich brigens allseits mit Wohlwollen begegnet, von ihrem Bruder
hochgehalten und bewundert sieht. Nach Jahren heirathet sie den
Offizier, der ihr seinerzeit das Leben rettete und nun einer der
Generale Bonaparte's ist. Das Stck schliesst mit der Einfhrung des
Concordats, das sie ihres geistlichen Gelbdes entbindet.

An der Handlung selbst ist, wie man sieht, wenig oder nichts, das
Anstoss geben knnte. Die Personen sind ohne Ausnahme hhere Menschen,
hocherhaben ber alle gewhnlichen Standpunkte oder Triebe. In der
Vorrede aber stand ein khner Satz: Ich denke mir oft, wenn die
Menschheit die sichere Gewahr dafr erhielte, dass die Welt in zwei,
drei Tagen zu Grunde gehen werde, so wrde die Liebe von allen Seiten
mit einer Art von Raserei losbrechen. Alles wre dann gestattet. Nichts
htte Folgen. Da wollte die Welt einen Liebestrank trinken, dass sie
strbe in einem Wonnerausch.

Daraus war allerdings deutlich zu ersehen, dass Renan auf die Entsagung
um ihrer selbst willen keinerlei Gewicht legte. Journalisten, die
vorher seine Anschauungen ber das Verhltniss der beiden Geschlechter
nicht beachtet hatten, wurde nun sein Grundgedanke klar, dass eines
Jeden Pflichten und Tugenden durch die Forderungen bestimmt werden,
die in seiner Natur liegen. Sie fanden den Gedanken haarstrubend oder
stellten sich so.

Und doch ist dieser Gedanke so einfach, so ganz danach angethan,
Billigung zu finden.

Es war fr den heiligen Franciscus keine Pflicht, ein Denker zu sein.

Es wre kein Gewinn gewesen, wenn Raffael ein ehrbares Leben gefhrt
htte.

Es war fr Goethe eine Pflicht, der Rcksicht auf seine Kunst jede
andere zu opfern.

Mit anderen Worten: Die das Gesetz bertretende Unregelmssigkeit des
Knstlers kann hhere Moral sein. Die selbstschtige Bedachtnahme
des Genies, Alles, was nur in seiner Macht liegt, auszurichten, kann
hchste Pflicht sein. Die sittliche Ueberlegenheit des Heiligen ist in
ihrer Art Genie.

Ausschlaggebend ist nur, dass ein Franciscus, ein Raffael, ein Goethe
hervorgebracht werden. Der grosse Mensch ist vorlufig das Ziel
der Natur und des Menschenlebens, weil durch die grossen Menschen
Existenz und Herrschaft des hchsten Wesens, das, was man in alten
Tagen das Reich Gottes nannte, vorbereitet wird. Wenn dereinst die
wissenschaftliche Allmacht in den Hnden guter und gerechter Wesen
vereinigt sein wird, dann endlich wird Gott allmchtig und allgtig
geworden sein.

Bis dahin mssen die Menschen sich gleichsam in einer Hierarchie
fhlen. Der geringere Geist muss das Leben des hheren mitleben. Wie
die Gefhrten Alexanders des Grossen von Alexander lebten, so muss
die grosse Menge stets durch Stellvertreter denken und zum Theil auch
geniessen. Sie ist darum nicht unglcklich. Eine Stufenleiter ist es.
Der hhere Geist lebt das Leben der hchsten Geister.


                                 IV.

Renan ist kein wirklicher Dramatiker und hat sich auch nie dafr
ausgegeben. Seinen Schauspielen fehlt knappe, geschlossene Form,
seinem Dialoge Kraft, seinen Personen in der Regel Leben. Seine
Frauengestalten: Imperia, Brunissende, Carmenta, die Aebtissin, sind
indess interessante Grundrisse (die Courtisane -- die Sibylle --
die stolze, edle Weltdame). Nur eine Gestalt hat er jedoch, als der
Lyriker, der er ist, mit Sorgfalt und Liebe ausgefhrt, seine eigene,
die Prospero-Figur, die in drei verschiedenen Schauspielen wiederkehrt,
den Seher, den hheren Menschen, in dem die Zukunft keimt und reift.

Renan's Caliban erinnert ein wenig an Die gottlose Comdie des
polnischen Dichters Krasinski, in welcher die plumpe Demokratie in
hnlicher Weise personificirt ist. Der Geist aber, der in jener
Dichtung herrscht, ist veraltet, ist der eines halb glubigen, halb
zweifelnden Katholicismus.

Vergleicht man Renan's Schauspiel mit dem Shakespeare's, das er nach
einem Zeitraume von dreihundert Jahren fortzusetzen versuchte, so sieht
man bei dem Vergleiche recht deutlich, wie gross die Ueberlegenheit
der Renaissance in knstlerischer, die unseres Zeitalters in
wissenschaftlicher Beziehung ist. Renan's Gestalten sind Schatten gegen
die Shakespeare's; Shakespeare's Ideen aber sind naiv gegen die Renan's.

Stellt man endlich im Geiste einen Augenblick wirklich moderne
Schauspiele wie die von Ibsen denen von Renan gegenber, so ist der
Gegensatz nicht allein wiederum der zwischen eigentlichen Dichterwerken
und einfach Ideen entwickelnden Dialogen, sondern jener zwischen
einer bis zur Spitzfindigkeit scharfsinnigen Seelenkunde und der
Fhigkeit zu grossen Ausblicken ber die Vergangenheit und Zukunft der
Menschheit. Der psychologischen Einsicht Ibsen's entspricht bei Renan
die weltberschauende Uebersicht. Beide sehen sie schwarz, ohne deshalb
Pessimisten genannt werden zu wollen oder mit Recht genannt werden zu
knnen.

Bei Ibsen ist die Technik die eines Meisters; bei Renan kann kaum von
etwas wie Technik die Rede sein, so nachlssig ist das rein Dramatische
behandelt. Dafr aber auch wieder kein Einprgen eines Charakterzuges,
nie das Gehmmer auf eine und dieselbe Wendung (die compacte
Majoritt, das Spannende), zu welchem sich derjenige genthigt
sieht, der fr ein Theater-Publikum schreibt. Bedarf dieses doch immer
einer groben Deutlichkeit um zu verstehen.

Es ist in diesen Schauspielen wie berhaupt bei Renan der Stil ein
vollendeter, zugleich melodisch und von Rhetorik chemisch rein. Hier
sind alle Gedanken leicht hingeworfen, wie man Seifenblasen aus einer
thnernen Pfeife blst und sich damit vergngt, die Sonne auf ihrer
leichten Kugel- und Erdballform spielen zu sehen.

Nichts ist hier massiv, Alles wie im Gesprche von einem geistvollen
Manne dargelegt, der mancherlei ernst, mehrerlei noch im Scherz zu
sagen versteht, es ebenso versteht, sich selbst so entgegenzutreten,
dass der Zuhrer sich dieser Mhe ganz und gar berhoben sieht. Hier
ist nichts dogmatisch, nichts vierschrtig. Nirgends ein Keulenschlag
nach dem Falter Wahrheit.

Alles lst sich in feine Uebergnge und Abschattungen auf. Kurz, eine
flchtige und vornehme Kunst dies, Phantasmagorien einer beraus feinen
Laterna magica -- die lang die Menschheit erfreute, nun aber fr immer
erloschen ist.




                          GUSTAVE FLAUBERT.

                               (1881.)


Gustave Flaubert wurde 1821 in Rouen geboren. Als er 1880 durch einen
pltzlichen Tod daselbst verschied,hinterliess er die europische
Dichtkunst nicht in dem Zustand, in welchem er sie vorgefunden hatte --
kein Knstler kann als solcher sich einen bessern Nachruhm wnschen.
Die Arbeit seines Lebens bezeichnet einen Schritt in der Geschichte des
Romans.

Er war ein Prosaschriftsteller ersten Ranges, einige Jahre hindurch
wohl der erste Frankreichs. Seine Strke als Prosaist beruhte auf einer
knstlerischen und litterarischen Gewissenhaftigkeit, die sich bis zur
Genialitt erhob. Er wurde ein grosser Knstler, weil er keine Mhe
scheute, weder wenn er sich zum Schreiben vorbereitete, noch wenn er
schrieb, sondern Beobachtungen und Aufklrungen mit der Sorgfalt eines
blossen Gelehrten sammelte und seinen Stoff mit der Leidenschaft eines
blossen Formanbeters plastisch und harmonisch zu gestalten strebte. Er
wurde ein Meister des modernen Romans, weil er die Selbstberwindung
hatte, nur wahre seelische Vorgnge darstellen zu wollen und
allen Effecten der dichterischen Beredsamkeit, allen pathetischen
oder dramatischen Momenten, welche auf Kosten der Wahrheit schn
oder interessant erscheinen, aus dem Wege ging. Sein Name ist mit
knstlerischem Ernst und litterarischer Strenge gleichbedeutend.

Er war nicht ein Gelehrter, der zugleich Dichter war oder in dem
Verlauf seines Lebens Dichter wurde; seine dichterische Arbeit als
solche ist auf eindringlichen, langsam gewonnenen Vorstudien begrndet.
Seine Bcher haben nichts Jugendliches oder Flatterhaftes, nichts
Lchelndes oder Gewandtes. Diese Bcher sind Resultate der langsamen
und spten Reife. Er debutirte erst, als er 35 Jahre alt war, und
hinterliess, obwohl er der Litteratur alle seine Zeit gewidmet hatte,
in seinem 59. Jahre nur sieben Werke[24].

Er war eine tief ursprngliche, aber keine elementarische Natur. Seine
Originalitt beruhte darauf, dass in seinem Gemthe zwei geistige
Strmungen zusammenliefen und einen neuen Born bildeten. Er erhielt in
seiner Jugend gleichzeitig oder fast gleichzeitig zwei Impulse, welche
die Laufbahn seines Geistes bestimmten.

Die erste Strmung, die ihn erreichte, war die romantisch-beschreibende
Richtung in der Litteratur, die Chateaubriand entstammt, der lyrisch
bewegte und farbenprchtige Stil, der in Atala und Les Martyrs die
Franzosen zum ersten Male bezauberte und spter in Victor Hugo's Les
Orientales und Notre Dame de Paris, einen noch viel festeren und
mchtigeren Rhythmus und eine weit berlegene malerische Kraft gewann.
Flaubert war, wie alle Dichter und die meisten Menschen, als Jngling
lyrisch gestimmt gewesen. Seine, nie gedruckten, lyrischen Versuche
wurden durch die geschichtliche Entwickelung der franzsischen Poesie
farbenschillernde melancholisch-religise Huldigungen der Schnheit.
Der zweite Strom, der in sein Inneres hineingeleitet wurde, war die
Richtung der Romane Balzac's auf das Moderne, ihr Sinn fr das
Hssliche und Brutale als charakteristisch, ihr leidenschaftlicher Hang
zur Wirklichkeit und ihre Treue der Beobachtung.

Indem diese zwei Flsse bei ihm zusammenstrmten und nach Verlauf
einiger Zeit sich mit einander mischten, erhielten sie eine neue Farbe
und einen neuen Namen.

Er hatte als Jngling fr die Schubladen seines Schreibtisches viel
descriptive und pathetische Lyrik in Hugo's, Gautier's und Byron's
Stil geschrieben; aber in der richtigen Empfindung, dass seine
Ursprnglichkeit sich nicht in dieser Richtung geltend machen knne,
und dass man auf diesem Gebiet berhaupt nicht mehr ursprnglich zu
sein vermge, hielt er seine Productionen zurck und fand sich darein,
fr unbegabt, jedenfalls fr unfruchtbar angesehen zu werden. Er
schrieb ungefhr zur selben Zeit Versuche entgegengesetzter Art; er
pflegte eine komische Tragdie ber die Kuhpocken zu nennen; aber auch
diese Versuche gab er nicht heraus. Erst da Chateaubriand und Balzac in
seinem Gemth eine neue poetische Form erzeugt hatten, fhlte er sich
seiner Originalitt gewiss und trat ffentlich auf.


                                  I.

Selbst denen, die wenig oder nichts von Flaubert gelesen haben, ist
es bekannt, dass er im Jahre 1856 mit einem Roman Madame Bovary
ein ausserordentliches Aufsehen in Paris und bald darauf in Europa
machte. Ein thrichter Process -- der Staatsanwalt klagte den Verfasser
unsittlicher Tendenzen an -- und eine entschiedene Freisprechung durch
die Jury vermochte nur wenig die Aufmerksamkeit zu vermehren, die das
eigenthmliche neue Talent schon an und fr sich erregte. Das Buch
erschien, wie alle neuen Anfnge in der Litteratur, sonderbar und
anstssig. Es war ein Zeichen des Widerspruchs. Man verglich es mit
den Dichtungen einer lteren Zeit und sagte sich: Ist dies Poesie? Es
erinnerte manch' Einen mehr an Chirurgie, Anatomie. Noch weit spter
hiess es in litterarischen Kreisen in Paris, wo man einem frheren
Begriff von Poesie treu blieb: Wir bedanken uns fr die Skelette des
Herrn Flaubert. Der Verfasser wurde Ultrarealist genannt, man fand
in seinem Roman nur die unbarmherzige, unerbittliche Physiologie des
Alltglichen in dessen trauriger Hsslichkeit.

Man bersah im ersten Augenblick, dass ab und zu diesem Physiologen
ein zwar durchaus unpersnlicher, aber bildlicher, farbenreicher
Ausdruck entschlpfte, der von einer ganz andern Welt als derjenigen
des Romans Botschaft zu bringen schien. Das halbgebildete Publikum
merkte nicht, dass diese Schilderung platter Provinzverhltnisse und
Provinzunglcksflle, erbrmlicher Irrthmer und eines elenden Todes
in einem Stil vorlag, der zugleich klar wie eine Spiegelflche und dem
Ohre musikalisch wohlthuend war. Es lag ein Lyriker unter dem Buche
begraben, und bisweilen schlug ein Flammenwort aus dem Grabe empor.

Es war eben der Zeitpunkt, wo die Generation, die zwischen 1820 und
1830 geboren war, sich der Herrschaft in der Litteratur bemchtigte und
ihr physiognomisches Geprge in einer mit kalter Energie durchgefhrten
Analyse des Wirklichen offenbarte. Die neue Generation wandte sich von
dem philosophischen Idealismus und der Romantik ab und schwang mit
wahrem Enthusiasmus das Seccirmesser. In demselben Jahre, wo Madame
Bovary erschien, anatomirte Taine in seinem Werk Les philosophes
franais du 19me sicle die herrschende spiritualistische Lehre,
vernichtete Cousin als Denker und erklrte, ohne die Romantiker zu
bekmpfen, mit khler Gleichgltigkeit, dass Hugo und Lamartine schon
Classiker seien, die von der Jugend eher aus Neugier, als aus Sympathie
gelesen wrden, und die ihr so ferne standen, wie Shakespeare und
Racine. Sie seien bewunderungswrdige und ehrwrdige Ueberreste eines
Zeitalters, das gross war und nicht mehr existire. Sein Zeitgenosse
Sarcey schrieb nicht viel spter im Figaro jenen von Banville, dem
Zgling der grossen Romantiker, vielbesungenen und vielverspotteten
Artikel, der in den Worten gipfelte: Vorwrts, meine Freunde! Nieder
mit der Romantik! Hoch Voltaire und die Normalschule![25] In der
dramatischen Poesie schien die Opposition gegen die Romantik mit der
kleinen unfruchtbaren cole de bon sens gescheitert; Ponsard und seine
Geistesverwandten hatten lange nicht das halten knnen, was man sich
von ihnen versprach. Aber neuere realistische Dramatiker schlossen sich
eben zu jenem Zeitpunkt ihnen an. Augier, der seine ersten Poesien
Ponsard gewidmet hatte und der anfangs der sentimental-brgerlichen
Richtung desselben gefolgt war, betrat 1855 eine neue Bahn drastischer
Schilderung der unmittelbaren Gegenwart. Der khnere, derbere Dumas
hatte ihm eben den Weg gezeigt, und bei diesem fngt trotz aller Piett
fr die Generation, der sein Vater angehrte, die directe und treffende
Verspottung der romantischen Ideale an; man sehe die Rollen de Nanjac's
in Le Demi-monde, de Montgre's in L'ami des femmes. Das Wort, das
Montgre durch die Ueberlegenheit de Ryon's in Verwirrung gebracht,
demselben erwidert: _Vous tes un physiologiste, Monsieur_, war in
Wirklichkeit die einzige Antwort, welche die ltere Generation der
Kritik der jngeren entgegenzustellen hatte.

Augier ist 1820, Dumas 1824, Sarcey und Taine sind 1828 geboren. Der
Dichter Madame Bovary's, der 1821 das Licht der Welt erblickte, hatte
augenscheinlich unter seinen nchsten Zeitgenossen Verwandte. Er war
von ihnen durch seine geheime unerschtterliche Treue gegen die Ideale
des vorigen Geschlechts verschieden. Aber er machte den Angriff auf
die Karikaturen jener Ideale so rcksichtslos mit, dass man ihn ohne
Weiteres zu der Gruppe der Antiromantiker rechnete.

Und doch erinnert er durch seine Hrte und Klte fast noch mehr an
den in der vorigen Generation alleinstehenden Mrime, ja er schien
Vielen nur ein schwererer, breiterer Mrime. Denn was an ihm zuerst
auffiel, das war der kaltbltige Dichter, und diese zwei Bestimmungen:
kaltbltig und Dichter, die sich bisher ausgeschlossen hatten, waren
nur bei Mrime vereint erschienen.

Ein nheres Studium wrde doch erwiesen haben, dass die Kaltbltigkeit
Mrime's ganz andersartig war als diejenige Flaubert's. Mrime
behandelte romantische Stoffe in einem unromantischen, trockenen und
knappen Stil. Sein Ton und sein Stil stimmten berein, denn der Ton war
ironisch und der Stil bildlos und kalt. Mit Stil und Ton stand aber
die Wildheit, die barbarische Leidenschaftlichkeit der Gegenstnde in
Widerspruch.

Bei Flaubert dagegen stimmte der Stoff und der Ton berein; denn er
stellte mit unendlich berlegener Ironie das Leere und Thrichte dar.
Aber mit dem Stoff und dem Ton stand der Stil in Widerspruch. Derselbe
war nicht wie bei Mrime rationell und mager; er war farbenstrahlend
und harmonisch. Der Dichter breitete den goldgewirkten Schleier dieses
Stils ber all' das Platte und Traurige aus, das er erzhlte. Wenn
man das Buch laut vorlas, erstaunte man ber die Musik dieser Prosa.
Der Stil enthielt tausend melodische Geheimnisse; er ironisirte ber
die menschliche Schwche, das ohnmchtige Sehnen und Trachten, den
Selbstbetrug und die Selbstzufriedenheit mit einem Accompagnement von
Orgelmusik. Whrend der Chirurg im Texte, ohne Theilnahme an den Tag
zu legen, zerfleischte und zerriss, schluchzte ein schnheitsliebender
Lyriker in der Begleitung. Schlug man eine solche Seite auf, in der ein
Dorfapotheker sein halbwissenschaftliches Geplauder vortrug, in der
eine Diligencetour geschildert oder eine alte Mtze beschrieben wurde,
so war sie, stilistisch betrachtet, durch die Frische der Ausdrcke und
durch den soliden Satzbau farbig und dauerhaft wie ein Mosaik-Gemlde.
So fest war jeder Absatz zusammengeschrieben, dass Flaubert selbst die
Empfindung hatte, man knne nirgends zwei Worte wegnehmen, ohne dass,
rhythmisch gesprochen, die ganze Seite zusammenfalle. Die sichere
Feinheit der Bilder, der Erzklang der Wortverbindungen, die rollende
Breite der Prosarhythmen gaben der Erzhlungsweise eine erstaunliche,
bald malerische, bald komische Kraft.

Es lag augenscheinlich in seinem Naturell etwas eigenthmlich
Doppeltes. Sein Wesen bestand aus zwei Elementen, die sich
vervollstndigten: ein brennender Hass gegen Dummheit und eine
unbegrenzte Liebe zur Kunst.

Jener Hass fhlte sich, wie oft der Hass, unwiderstehlich von seinem
Gegenstand angezogen. Die Dummheit in all' ihren Formen als Thorheit,
Albernheit, Aberglaube, Dnkel, Spiessbrgerlichkeit zog ihn magnetisch
an, reizte und inspirirte ihn. Er musste sie Zug fr Zug malen,
fand sie an und fr sich unterhaltend, selbst wo Andere sie nicht
interessant oder komisch finden konnten. Er legte frmliche Sammlungen
von Dummheiten an, bewahrte sinnlose Processeinlagen, abgeschmackte
Illustrationen haufenweise auf, besass eine Sammlung schlechter Verse,
die nur von Aerzten geschrieben waren; jedes Zeugniss der menschlichen
Dummheit als solches war ihm von Werth. Er hat in seinen Werken
auch nichts anderes gethan, als mit Meisterhand der menschlichen
Beschrnktheit und Verblendung, unserm Unglck, insofern es auf unserer
Dummheit beruht, Denkmler zu setzen. Ich frchte fast, dass die
Weltgeschichte ihm die Geschichte der menschlichen Dummheit war. Sein
Glaube an den Fortschritt des Geschlechts war usserst schwankend. Der
Haufe, sogar das lesende Publikum war ihm der ewige Dummkopf, der
_man_ genannt wird. Wollte man eine Bezeichnung dieser Seite seines
Wesens haben und ihn absolut mit einem jener so beliebten, ihm so
verhassten Worte auf ist stempeln, so wre er nicht mit vollem Recht
Pessimist, nicht einmal Nihilist zu nennen; Imbecillist wrde das Wort
sein.

Dieser unablssigen Verfolgung der Dummheit, deren erbitterter
Charakter sich hinter seiner unpersnlichen Form verbarg, entsprach
nun, wie gesagt, eine leidenschaftliche Liebe zur Litteratur, die
ihm die Schnheit und die Harmonie bedeutete, die ihm die hchste
Kunst vertrat und die er mit einem Streben nach Vollkommenheit
pflegte, das ihn erst lange stumm, dann spt zum Meister und dann
wieder frh unfruchtbar machte. Er litt, wenn er das Alltgliche
vorfhrte, selbst am meisten darunter, suchte deswegen durch die
Kunst der Behandlung den Stoff zu heben, und da ihm die wichtigste
Eigenschaft des Schriftstellers die Plastik war, strebte er vor allem
nach Anschaulichkeit. Er hat es gelegentlich selbst gesagt, und man
empfindet es, wenn man ihn durch seinen Stil studirt.

Schon in seinem ersten Werk traten alle Vorzge dieses Stils hervor.

Man lese die Stelle nach, wo in Madame Bovary Emma, noch
unverheirathet, Bovary nach seinem rztlichen Besuch bei ihrem Vater
zur Thr hinaus folgt: Sie begleitete ihn immer bis zur ersten Stufe
der Freitreppe. Wenn sein Pferd noch nicht vorgefhrt war, blieb sie
da. Man hatte sich Adieu gesagt, man sprach nicht mehr; die frische
Luft umgab sie, hob die flaumweichen Haare ihres Nackens oder schlug
die Bnder ihrer Schrze, die sich wie Fhnlein wickelten und wanden,
um ihre Hften. Ein Mal, als es Thauwetter war, sickerte das Wasser
von der Rinde der Bume im Hof und der Schnee schmolz auf den Dchern
der Gebude. Sie stand auf der Schwelle; sie ging zurck, ihren
Sonnenschirm zu holen, spannte ihn auf. Der Schirm, der von grnblauer
Seide war und durch den die Sonne schien, erhellte mit beweglichen
Reflexen die weisse Haut ihres Gesichts. Sie lchelte unter ihm, von
den lauen Lften umspielt; und man hrte die Regentropfen, einen nach
dem andern, auf das gespannte Zeug fallen.

Eine so geringfgige Sache wie dies gewhnliche Abschiednehmen wird
durch die liebevolle Sorgfalt der Schilderung interessant, und der
regulre Abschied erhlt individuelles Leben durch die Hervorhebung
eines einzelnen Tages, an dem brigens nichts passirt. Die Genauigkeit,
mit welcher die alltgliche Situation dargestellt ist, verwandelt sie
zu einem Gemlde hohen Ranges, das zugleich das Sichtbare und das
Hrbare, zugleich das Tableau und die Bewegung wiedergibt.

Oder man erinnere sich der Stelle, wo Emma nach ihrer Verheirathung zum
ersten Mal verliebt wird:

Emma wurde mager, ihre Wangen bleich; ihr Gesicht verlngerte sich.
Mit ihrem schwarzen, in breiten, glatten Streifen gescheitelten Haar,
ihren grossen Augen, ihrer geraden Nase, ihrem Vogelgang und immer
schweigsam, wie sie war, schien sie das Dasein zu durchschreiten fast
ohne es zu berhren und an der Stirn das undeutliche Geprge irgend
einer erhabenen Vorherbestimmung zu tragen. Sie war so traurig und
so ruhig, zugleich so milde und so zurckhaltend, dass man sich in
ihrer Nhe von einem eisigen Zauber ergriffen fhlte, wie man in
Kirchen zittert, wo der Duft der Blumen sich mit der Klte des Marmors
vermischt.

Das Gleichniss ist neu, ist treffend und kurz. Man sprt hier den
Dichter in dem Erzhler.

Man sprt ihn noch deutlicher, wenn fortgefahren wird:

Die Damen der Stadt bewunderten ihren wirthschaftlichen Sinn, die
Patienten ihre Hflichkeit, die Armen ihre Wohlthtigkeit. Aber sie war
voll Begierden, voll Wuth und Hass. Dies Kleid mit den geraden Falten
verbarg ein verwirrtes Herz und diese so keuschen Lippen erzhlten
nicht seine Qual. Sie war in Lon verliebt ... Sie erkundigte sich nach
jedem seiner Schritte; sie sphte sein Gesicht aus; sie erfand eine
ganze Geschichte, um zu einem Besuch seines Zimmers einen Vorwand zu
haben. Sie schtzte die Frau des Apothekers glcklich, weil sie unter
Einem Dach mit ihm schlief; und ihre Gedanken schlugen immerfort auf
das Haus nieder wie die Tauben des Goldenen Lwen, die stetig dahin
flogen, um in dem Wasser der Dachrinnen ihre rosigen Fsse und weissen
Flgel zu netzen.

Dies ist nicht ein schlagendes Gleichniss im allgemeinen, sondern ein
Gleichniss, das einem Umstand in dem Dorf, das Emma bewohnt, entlehnt
ist. So lebhaft steht dieses Dorf dem Erzhler vor Augen.

Bisweilen sammelt er eine ganze Beschreibung in einem dichterischen
Machtwort. So an der Stelle, wo die alte Dienstmagd auftritt, die in
der Versammlung des landwirthschaftlichen Vereins aufgerufen wird, um
fr den treuen Dienst von 54 Jahren in Einem Hof eine silberne Medaille
im Werth von 25 Francs zu empfangen.

Katharina Niaise Elisabeth Leroux, ein kleines altes Weib, das in
ihren armen Kleidern zusammenzuschrumpfen scheint, erzeigt sich auf
der Erhhung. Man sieht ihr hageres, in Runzeln zusammengefaltetes
Gesicht in der Haube und ihre langen Hnde mit knotigen Gelenken,
welche der Staub der Scheunen, das Wollenfett und die Potasche der
Wschereien mit einer solchen Kruste berzogen haben, dass sie, obwohl
mit klarem Wasser abgesplt, schmutzig scheinen und nicht mehr ganz
geschlossen werden knnen, sondern gleichsam um Zeugniss so vieler
erlittener Strapazen zu tragen, offen verbleiben. Wir sehen die
nonnenartige Steifheit ihres Ausdrucks, die thierische Stummheit ihres
blassen Blicks, ihre Unbeweglichkeit aus Verwirrung ber das ungewohnte
Schauspiel der Fahnen, der Trommeln und der decorirten Herren im
schwarzen Frack. Dann fasst Flaubert das Bild in diese Worte zusammen:

So stand vor diesen behbigen Spiessbrgern dies halbe Jahrhundert der
Sclaverei.

So kleinlich genau die Beschreibung ist, so gross und stilvoll ist
der sammelnde Ausdruck. Man fhlt es recht wohl, dass fr diesen
Schriftsteller die Kunst zu schreiben die hchste von allen war.

Nicht allein, dass ihm selbst das Schreiben sein unbedingter und
einziger Beruf war; man begeht auch keine grosse Uebertreibung, wenn
man sagt, dass seine Weltanschauung auf den Gedanken hinauslief: Die
Welt ist da, um beschrieben zu werden.

Er hat einmal dieser seiner Ansicht in einer absolut bezeichnenden
Wendung Ausdruck gegeben. Er richtet, an die Freundschaft anspielend,
die ihn mit Louis Bouilhet verband, in der Vorrede zu den
hinterlassenen Gedichten desselben, an die Jugend folgende Worte:

Und da man bei jeder Gelegenheit eine Moral verlangt, so ist hier die
meine:

Gibt es noch irgendwo zwei junge Leute, die ihre Sonntage damit
verbringen, in Gemeinschaft die Dichter zu lesen; die sich gegenseitig
ihre Versuche, ihre Plne, Gleichnisse, die ihnen eingefallen sind,
einen Satz, ein gelungenes Wort mittheilen und die, obwohl sonst
gegen das Urtheil der Anderen gleichgltig, diese Leidenschaft mit
jungfrulicher Schamhaftigkeit verbergen, so gebe ich ihnen den
folgenden Rath:

Geht Schulter an Schulter in den Wldern, sagt einander Verse
vor, nehmt in Eure Seele den Saft der Bume und die Ewigkeit der
Meisterwerke auf, verliert Euch in weltgeschichtliche Trume, gebt
Euch dem Eindruck des Erhabenen hin ..., wenn Ihr dann so weit
gekommen seid, dass Ihr in den Begebenheiten der Welt, so bald Ihr
sie wahrnehmt, _nur eine Illusion seht, die zu beschreiben ist_, und
das so unbedingt, dass Alles, Eure eigene Existenz mit einbegriffen,
Euch keinen andern Nutzen zu haben scheint, und Ihr um dieses Berufes
willen zu jeglichem Opfer entschlossen seid, so tretet auf, gebt Bcher
heraus!

Selten hat ein Schriftsteller, ohne es direct zu wollen, seine
Eigenthmlichkeit schrfer gezeichnet. Er hat sein Leben der Bestimmung
gewidmet, Illusionen zu beschreiben. Ich weiss sehr wohl, dass seine
Meinung nur die ist, fr den wahren Schriftsteller sei alles, was
geschehe, _Bild_, bloss durch die Kunst festzuhaltendes Trugbild.
Man kann aber zwanglos seinen Worten den weiteren Sinn geben, dass
das Leben berhaupt am wahrsten unter dem Gesichtspunkte einander
ablsender Trugbilder aufzufassen sei, und dann passt der Satz genau
auf ihn selbst. Man gehe in Gedanken seine Stoffe durch, von den
ersten unweltlichen und weltlichen Trumen, durch welche Emma Bovary
aus der Leere der Provinz und der Plattheit ihrer Ehe sich zu erheben
strebt, bis zu den einander jagenden Wstenhallucinationen des heiligen
Antonius -- was sind sie ihm anders gewesen, als _Illusionen zum
Beschreiben_!

Die Illusion hat das doppelte Wesen in sich, das dem Naturell
Flaubert's entspricht. Das Trugbild ist, von seiner Eigenschaft als
Blendwerk abgesehen, schn, es hat Farbe und Duft, es erfllt das
Gemth und theilt ihm ein potenzirtes Leben mit. So beschaffen reizte
es den Schnheitsanbeter in Flaubert. Aber die Illusion ist ferner hohl
und leer, oft thricht, nicht selten geradezu lcherlich; so aufgefasst
fesselte sie den Realisten in Flaubert, den Mann, dessen Blick das
Seelenleben durchschaute, der die Wirklichkeit in ihre einfachsten
Elementen aufzulsen eine Befriedigung fand und dessen mchtige Hand
die Luftschlsser zu Dunst zusammenpresste.


                                 II.

Wie war er so geworden, wie wir ihn in seinem ersten Roman kennen
lernen?

Sein Vater war ein bekannter Chirurg in Rouen, ein streng
rechtschaffener, gutherziger Mann, der den Sohn gut und frei erzog.
Dass sein erstes Heim das Haus eines Arztes war, das empfindet man in
seinen Bchern. Er studirte selbst eine Zeit lang Medicin, spter die
Rechtswissenschaft, warf sich aber schon in der Schule mit Leidenschaft
auf die Litteratur und begegnete sich in dieser Schwrmerei mit seinem
Halbbruder, dem Dichter Louis Bouilhet. Es finden sich ohne Zweifel
selbstbiographische Elemente in der Schilderung der Freundschaft
zwischen Frdric und Deslauriers in seinem Roman L'ducation
sentimentale. Flaubert kam wie Frdric, neunzehn Jahre alt, nach
Paris, um zu studiren. Sein Vater kaufte das Landhaus Croisset bei
Rouen, das er spter erbte; er verbrachte sein Leben abwechselnd in
Rouen und Paris, ein Leben, in welchem nur zwei ussere Begebenheiten
vorkommen, eine Reise nach dem Orient, die er dreissig Jahre alt
unternahm und eine sptere nach Nordafrika, die der Ausfhrung
Salammb's voranging. In Rouen schloss er sich gern Monate lang
ein, um zu studiren und zu schreiben; in Paris suchte er vorzugsweise
Zerstreuung. Er war in seiner Jugend ausdauernd in seiner Arbeit und
gewaltsam in seinen Vergngungen.

Er hatte das Temperament, das seinem Aeussern entsprach. Ich habe ihn
nur flchtig gesehen. Aber man vergisst nicht diesen grossugigen,
blauugigen Herkules mit der rthlichen Gesichtsfarbe, der hohen,
kahlen Stirn und dem langen Schnurrbart, der den grossen Mund,
die mchtigen Kiefer bedeckte. Er trug den Kopf hoch, ein wenig
zurckgeworfen, der Bauch trat etwas hervor; er ging zwar ungern, aber
liebte sonst heftige Bewegungen und schlug mit den Armen aus, wenn er
ungeheure Paradoxen mit donnernder Stimme herausschleuderte. Er war
wie alle polternden Riesen gutmthig. Sein Zorn -- sagt einer seiner
Freunde -- kochte ber und fiel wie Milch.

Er war ja zu der Zeit aufgewachsen, da die franzsische Romantik in
ihrem Flor stand, er hatte sein erstes Geprge in der romantischen
Schule empfangen und er behielt Spuren davon, nicht nur in seinem
Stil und in seiner an Thophile Gautier's truculente Redeweise
erinnernden Art gegen die _Bourgeois_ zu schimpfen; sondern sogar in
seiner Manier sich anzuziehen. Er trug gern grosse breitschattige Hte,
grosscarrirte Beinkleider und Rcke, die eng an die Taille schlossen,
ging im Sommer in seiner Wohnung in weiten, weiss- und rothgestreiften
Hosen und in einer Art Jacke, die ihm Aehnlichkeit mit einem Trken
gab. Es ging unter seinen Freunden das Gercht, dass Brgersleute in
Rouen, die Sonntags Landpartien machten, ihren Kindern das Versprechen
gaben: Wenn Ihr artig seid, sollt Ihr Herrn Flaubert in seinem Garten
zu sehen bekommen.

Ich sagte, dass einige Reisen die Hauptbegebenheiten seines Lebens
waren. Die Frauen haben weniger Platz darin eingenommen, als in dem
Leben der meisten Andern. Er hatte, als er zwanzig Jahre alt war, sie
als Troubadour geliebt. Damals ging er wiederholt zwei Meilen, um einen
Neufundlnder, den eine Dame zu liebkosen pflegte, an der Schnauze
zu kssen. Spter gewhnte er sich an eine derbere Anschauungsweise
und Praxis in Sachen der Erotik. Er war ein Freund von Anekdoten
und Geschichten in Rabelais' Manier und erfasste in seinen Bchern
mit vollstndig so harten Hnden die erotische Illusion wie alle
die andern. Nichts desto weniger gab es in diesem Punkt, wie in so
vielen andern in dem Wesen Flaubert's, eine bleibende Zweiheit. Er,
der alte Junggeselle, der leidenschaftliche Tabakraucher, der nur mit
Mnnern vertraut verkehrte und in keiner andern Frauengesellschaft,
als derjenigen hbscher und nicht strenger Damen sich wohl befand,
hatte, augenscheinlich sowohl in Folge persnlicher Erfahrung wie
kraft einer allgemeinen Ueberzeugung, dass alles Wesentliche dem
Menschen misslingt, den Glauben, dass es das Natrliche, so zu sagen,
Regelmssige fr den Mann sei, eine einzige grosse Liebesleidenschaft,
die nie befriedigt werde, sein Leben hindurch zu hegen. In guter
Uebereinstimmung hiermit heisst es in einem Brief aus Flaubert's
letzten Lebensjahren, scherzhaft aber zugleich wehmthig wahr: Wir
armen Arbeiter der Litteratur! warum verweigert man uns, was man so
bereitwillig allen Spiessbrgern einrumt? Sie haben Herz! aber wir,
nie und nimmer! So wiederhole ich Ihnen denn nochmals, dass ich eine
unverstandene Seele bin, die letzte Grisette, der einzig Ueberlebende
aus der alten Race der Troubadoure.

Trotz alledem pflegte diese unverstandene Seele sich nicht an die
Frauen zu wenden, um Verstndniss zu suchen. Er frchtete die Liebe wie
eine Gefahr und Last. Nur die Freundschaft war ihm eine Religion und
unter seinen Freunden stand ihm Niemand so nahe, wie jener erste und
bleibende Freund Bouilhet.

Ich weiss nicht recht, ob es Zeiten gegeben hat, die unabhngigen
Geistern gnstig gesinnt waren. Aber so viel ist gewiss, dass diese
zwei jungen Mnner, die in das Leben hinaustraten, als die Bourgeoisie
unter Ludwig Philipp die Herrschaft errungen und ihren poetischen
Ausdruck theils in der schwchlichen und rechtschaffenen _cole du bon
sens_, theils in den Lustspielen Scribe's erhalten hatte, die Zeit, die
zu erleben sie das Schicksal hatten, die schlimmste von allen fanden.
Die Romantik hatte sich berlebt und ihr eigenes Zerrbild geliefert.
Ueberall war es guter Ton, den gesunden Verstand zu preisen und die
Poesie zu verspotten. Begeisterung und Leidenschaft waren alte Moden
und als solche lcherlich. Alles, was nicht mittelmssig war, wurde
langweilig befunden. Die zwei Jnglinge fassten ihr Zeitalter als das
der _Mediokratie_, der Mittelmssigkeitsherrschaft auf; sie sahen die
siegreiche Mittelmssigkeit wie eine ungeheure, schwarze Wasserhose
alles an sich saugen und mit sich fortwirbeln.

Das gab ihnen beiden einen Fond von Trbsinn und tiefem Ernst, eine
Unterstrmung von Menschenverachtung, eine Empfindung geistiger
Isolirtheit und dadurch einen Hang zur Production unpersnlicher,
untheilnehmender Art.


                                 III.

Aus dieser Stimmung heraus war es, dass Flaubert im reifern Mannesalter
sich endlich entschloss, als Schriftsteller aufzutreten und Madame
Bovary schrieb. Es schlug eine eisige Klte aus diesem Buche heraus;
es war, als htte der Verfasser endlich einmal die Wahrheit aus dem
tiefen, kalten Brunnen, in welchem sie gelegen hatte, heraufgewunden
und als stnde sie jetzt auf ihrem Fussgestell frierend da und
brchte das ganze kalte Schaudern des Abgrundes mit sich herauf. Ein
sonderbares Buch, ohne irgend eine Art von Zrtlichkeit fr seinen
Gegenstand geschrieben. Andere hatten das Stillleben des Landes und
der Provinz mit Wehmuth, mit Humor oder doch mit dem Idealisiren
geschildert, das eine Betrachtung aus der Entfernung mit sich zu
fhren pflegt. Er sah es ohne Mitgefhl, stellte es so geistlos dar,
wie es war. Seine Landschaften waren ohne sogenannte Poesie, nur kurz
und vollstndig geschildert. Er begngte sich in seiner strengen
Meisterschaft damit, die Hauptlinien und Hauptfarben zu geben, aber
diese zeichneten und malten die Landschaft ganz. Und er hatte eben
so wenig ein zrtliches Gefhl fr seine Hauptperson -- eine seltene
Erscheinung bei einem Dichter, wenn diese Hauptperson wie hier eine
junge und schne sinnlich-reizende Frau ist, die in Sehnen, Schmachten
und sinnlich-geistigen Begierden lebt, fehlt, und enttuscht wird,
verdirbt und zu Grunde geht, ohne eigentlich jemals unter das Niveau
ihrer Umgebungen zu sinken. Aber jeder Traum, jede Hoffnung, jedes
Blendwerk, jede naive und ungesunde Begierde, die durch ihr Gehirn
ging, war untersucht und an das Licht gezogen, ohne Gemthserregung,
ja mit berschwebender Ironie. Es gab kaum eine Phase ihres Daseins,
wo sie nicht lcherlich oder moralisch widerwrtig erschien, und erst,
wo sie einen grsslichen Tod stirbt, trat die gedmpfte Ironie ganz
zurck, und sie verschied zwar nicht als ein Gegenstand des Mitleids,
aber doch auch nicht als ein Gegenstand der Verachtung.

Anscheinend war der Dichter sogar bei der Schilderung des Schreckens
ihrer Todesstunde vllig kalt gewesen. Dass dieser Schein tuschte,
beweist ein Brief von ihm, der sich in dem Werke De l'intelligence
von Taine (I, 94) findet: Als ich die Vergiftung Emma Bovary's
schrieb, hatte ich so ganz den Arsenikgeschmack im Munde, war so
vollstndig selbst vergiftet, dass ich zwei Tage nach einander nichts
verdauen konnte, ja nach dem Mittagessen mich bergab. Das seelische
und krperliche Ergriffensein des Verfassers wurde im Roman durch die
vollendete Selbstbeherrschung whrend der Ausfhrung verdeckt.

Es kam in dem ganzen Buch keine Persnlichkeit vor, mit welcher der
Dichter etwas gemein hatte, keine, die er gedacht werden konnte in noch
so geringem Grad zu sein oder sein zu wollen; die Personen waren alle
ohne Ausnahme gewhnlich, unschn, lasterhaft oder bedauernswrdig. Und
er hielt sie auf diesem Punkte fest. Die junge Frau hat z. B. trotz
ihrer gefhrlichen Instincte in ihrer Sehnsucht nach dem Schnen,
ihrem Bedrfniss des Idealen und ihrem lange anhaltenden Glauben
an die Romantik der Liebe Eigenschaften, die -- ein wenig anders
oder doch schonender dargestellt -- sie selbst in ihren Verirrungen
htten adeln knnen; was htte George Sand nicht aus ihr gemacht!
Aber Flaubert will eben nicht in die alten Spuren zurckfallen, und
er beraubt geflissentlich die sogenannten schnen oder sssen Snden
jeglicher Poesie. Der betrogene Ehemann hat ebenfalls, trotz seiner
Unfhigkeit als Arzt und seiner Plumpheit als Mensch, durch seine Gte,
seine Geduld, seine Ehrenhaftigkeit und seine treue Bewunderung fr
Emma Elemente in sich, die unter anderen Umstnden rhrend gewirkt
htten; und er entfaltet bei ihrem Tode Eigenschaften, eine innige
Anhnglichkeit, ein Selbstvergessen, die durch einen kleinen Druck von
dem Finger des Dichters sich bedeutend oder doch Achtung gebietend
htten ausnehmen knnen. Aber der Dichter will dem Thon diesen kleinen
Druck nicht geben, er hlt aus Wahrheitsliebe die Gestalt bestndig
innerhalb der Grenze, die ihm die richtige scheint, lsst Bovary von
Anfang bis zum Schluss ein gutmthiger und wrdeloser, unfhiger und
unappetitlicher armer Teufel sein.

Es findet sich im Roman eine einzige, einigermassen sympathische
Person, der kleine Apothekerjunge Justin, der aus der Entfernung Emma
anbetet; und es gibt einen Augenblick nach ihrem Tode, wo der Dichter
ihn fast idealisiren zu wollen scheint. Als alle fort sind, kommt er zu
ihrem Grabe und es heisst:

Auf dem Grabe zwischen den Tannen kniete ein weinendes Kind und seine
Brust, die vor Schluchzen zu brechen drohte, sthnte in dem Schatten
unter dem Druck eines unermesslichen Schmerzes, der milder als der Mond
und unergrndlicher als die Nacht war.

Man wundert sich, dass diese Zeilen Flaubert zum Verfasser haben. Aber
dann wird fortgefahren: Pltzlich knackte das Gitterthor. Es war der
Todtengrber Lestiboudois; er kam um sein Grabscheit zu suchen, das er
vorhin vergessen hatte. Er erkannte Justin, als dieser ber die Mauer
zurckkletterte und wusste jetzt, wer der Uebelthter war, der ihm
seine Kartoffeln stahl.

Dieser Satz war der einzige, der aus der ersten Lectre Madame
Bovary's nach zehn Jahren in meinem Gedchtniss geblieben war, und es
ist ein bewunderungswrdiger Satz; er ist nicht willkrlich ironisch in
Heine's Art; die Ironie ist hier Tiefsinn, das Werk eines allseitigen
Geistes. Es ist natrlich, dass Justin beim Tode der angebeteten Dame
innig und poetisch fhlt und es ist nicht minder natrlich, dass er
frher Kartoffeln gestohlen hat und dass der Todtengrber durch geniale
Intuition in dem Umstand, dass er ber die Kirchhofsmauer steigt, ein
Indicium seines Kartoffeldiebstahls sieht. Aber dass Flaubert zugleich
diese beide Sachen, diese beiden Seiten des Lebens vor Augen hat, das
ist ein Zeugniss seiner geistigen Strke und einer Ueberlegenheit ber
den Stoff, die mir bewusst nie frher in dieser Form hervorgetreten ist.

Die knstlerische Ironie ist hier auch ganz anders unpersnlich,
unzufllig und wahr, als bei Mrime. Sie ist nur eine stereoskopische
Anschauungsweise, die der Wirklichkeit Relief gibt, sie rund und frei
hinstellt.

Es ist kein Wunder, dass man in dem Werke zuerst nichts anderes
als diese Betrachtungsart und die Wirklichkeitstreue, die ihr
Erzeugniss war, entdeckte. Wenn man von der kurzen Zeit absieht, wo
die ganz einfltige Auffassung von Flaubert als einem unsittlichen
Schriftsteller sich breit machte, so war die Vorstellung von ihm, die
durchdrang, die: er sei, was man einen Realisten nannte. Er copire
das Unbedeutende und das Wichtige mit derselben Gewissenhaftigkeit,
nur mit einer Vorliebe fr das Gewhnliche und sittlich Abstossende;
Alles stehe bei ihm in _einem_ Plan, krftig aber hart. Die Bewunderer
des Buches fanden den Vortrag desselben merkwrdig; die Unwilligen
meinten, die Art Flaubert's sei photographisch, nicht knstlerisch. Man
erwartete oder frchtete von seiner Hand neue _Madame Bovary's_.

Aber man wartete vergeblich; denn er liess nichts von sich hren.
Die Jahre gingen hin und er war stumm. Endlich nach Verlauf von
sieben Jahren trat er aufs neue mit einem Roman auf und die Lesewelt
gab laut ihr Erstaunen kund. Man fand sich hier weit entfernt von
den Drfern der Normandie und dem neunzehnten Jahrhundert. Man fand
den verschwundenen Verfasser Madame Bovary's auf den Ruinen des
alten Karthago wieder. Er stellte in Salammb nicht anderes und
geringeres als Karthago zur Zeit Hamilcar's dar; eine Stadt und eine
Civilisation, von der man fast nichts Zuverlssiges wusste, einen Krieg
zwischen Karthago und den Miethstruppen der Stadt, der nicht einmal
ein weltgeschichtliches oder sogenannt ideelles Interesse darbot.
Einen Pariser Ehebruchsroman hatte man erwartet und erhielt jetzt
statt seiner altpunische Cultur, Tanitscultus und Molochsanbetung,
Belagerungen und Kmpfe, Schrecken ohne Zahl und Mass, den Hungertod
eines ganzen Heeres und das langsame Martyrium eines gefangenen
Libyschen Huptlings.

Und das Sonderbarste war, dass all' dieses, ber welches Niemand
etwas wusste und das Niemand controlliren konnte, diese ganze
ausgestorbene, wild barbarische Welt mit einer Anschaulichkeit und
kleinlicher Genauigkeit hervortrat, die in nichts hinter derjenigen
Madame Bovary's zurckstand. Man entdeckte, dass die Methode, von der
Beschaffenheit des Stoffes unabhngig, diesem colossalen und fremden,
wie dem frheren alltglichen Gegenstand gegenber dieselbe war. Er
hatte dem Publikum einen Possen gespielt, ihm auf durchschlagende
Weise gezeigt, wie wenig es ihn verstanden hatte. Wenn Jemand ihn fr
einen an die Scholle gebundenen Realisten gehalten hatte, so konnte
er jetzt lernen, wie Flaubert sich in den Sonnenlndern zu Hause
fhlte. Wenn Jemand gemeint hatte, dass ein kleinbrgerliches Leben
in seiner Hsslichkeit und seiner Komik ihn zu fesseln vermge, dass
sein Talent hollndischer Natur sei, so musste er jetzt entdecken,
dass Flaubert die Schwrmereien seiner Jugend mit den Mnnern von
1830 getheilt hatte und dass er, ganz wie sie, sich von primitiven
Leidenschaften und barbarischen Sitten angezogen fhlte. Doch bis zu
welchem Grade Flaubert in Wirklichkeit die Sympathien und Naivetten
der Erzromantiker theilte, ahnten selbst nach Salammb die wenigsten.
Die Sonne Afrika's und das Leben des Morgenlandes waren ihm durch Byron
und Victor Hugo geheiligt und seine persnlichen Eindrcke hatten die
poetischen nur befestigt. Der Kaffeegeruch gab ihm Hallucinationen von
wandernden Karawanen und er verzehrte die abscheulichsten Gerichte mit
einer religisen Empfindung, wenn sie einen exotischen Namen hatten.

Flaubert hatte sein Aeusserstes gethan, um etwas hervorzubringen, das
dem alten Karthago hnlich sei. Er war aber Knstler genug um zu
wissen, dass es nicht auf die ussere Wahrheit, sondern auf die innere,
die man Wahrscheinlichkeit nennt, ankme. Seine Schilderung kam Vielen
unbedingt berzeugend vor; ein Zweifel an ihrer Uebereinstimmung mit
der lngst entschwundenen Wirklichkeit wurde von dem ersten Kritiker
Frankreichs einmal in meiner Gegenwart mit einem einfachen Ich glaube,
dass sie wahr ist beantwortet. Aber den Zweiflern trat Flaubert offen
und khn in seiner Zurckweisung eines Angriffs von Sainte-Beuve mit
den Worten entgegen: Es handelt sich hier nicht um die Wahrheit.
Ich kehre mich den Teufel um die Archologie. Wenn die Farbe nicht
Eine ist, wenn die Einzelheiten nicht bereinstimmen, wenn die Sitten
nicht aus der Religion und die Begebenheiten sich nicht aus den
Leidenschaften herleiten lassen, wenn die Charaktere nicht gehalten
sind, wenn die Costme nicht den Gewohnheiten und die Gebude nicht
dem Klima entsprechen, so ist mein Buch allerdings unwahr. Wenn nicht,
nicht.

Diese Aeusserung trifft den Nagel auf den Kopf; man fhlt das gute
Gewissen des Meisters und die Autoritt, die es ihm verleiht,
in diesen Worten. Sein Werk war nicht, wie so viele spteren
archologischen Romane, eine Maskerade, bei der moderne Empfindungen
und Lebensansichten in antiken Anzgen auftreten; nein, alles war
hier aus einem Stck, hatte dasselbe wilde und frchterliche Geprge.
Liebe, Schlauheit, Rachsucht, Religiositt, Charakterstrke, alles war
unmodern.

Die Wahrheitsliebe des Dichters war hier augenscheinlich eben so innig
und heftig wie in dem ersten Roman. Nur wurde es lcherlich, diesem
Sieg ber Tod und Vergangenheit gegenber wider das Photographiren
Flaubert's zu reden. Es liess sich also von diesem Buche aus ein
richtigerer Gesichtspunkt fr den _Realismus_ des vorigen gewinnen.
Dass Flaubert nicht zu den Copisten des zufllig Wirklichen gehrte,
wurde klar. Man sah, dass seine Genauigkeit der Beschreibungen und
Angaben in einer eigenthmlichen Prcision der Einbildungskraft
wurzelte. Er hatte augenscheinlich in gleich hohem Grade die beiden
Elemente, die das Wesen des Knstlers ausmachen, die Beobachtungsgabe
und die Gestaltungskraft. Er hatte den Hang und die Fhigkeit zum
Naturstudium und zum historischen Studium, das forschende Auge, dem
kein Verhltniss zwischen den Einzelnheiten entschlpft. Hier vom
Photographiren zu sprechen, war unmglich. Denn Studium ist etwas
Actives, Feuriges, ist Blick fr das Wesentliche; Photographiren
dagegen ist etwas Passives, Maschinenartiges, und gleichgltig gegen
den Unterschied zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem. Und Flaubert
hatte ferner das Temperament des Knstlers, jene Gemthsstimmung,
die all das durch Beobachtung und Studium Gewonnene durchglht und
ausmnzt, und sich in diesem Prgen als Stil offenbart. Denn was ist
Stil anders als der sinnliche Ausschlag des Temperaments, als das
Mittel, durch welches der Schriftsteller das Auge des Lesers zwingt,
so zu sehen, wie er gesehen hat! Der Stil macht den Unterschied
aus zwischen der knstlerisch wahrheitsgetreuen Zeichnung und der
gelungenen Photographie, und der Stil war allgegenwrtig bei Flaubert.

Kaum hatte er fr irgend ein Werk seine Beobachtungen, seine
Vorstudien gesammelt, als sie auch schon aufhrten, ihn als solche zu
interessiren. Jetzt galt es, dies Buch in einer vollendeten Sprache zu
schreiben. Und die Sprache wurde Alles und die Aufzeichnungen zum Buch
schwanden zum Gleichgltigen, unbedingt Untergeordneten hin. Dass er
genau und zuverlssig sei, pflegte er zu sagen, das sei kein Verdienst,
nur einfache Rechtschaffenheit, die der Autor dem Publikum schulde,
aber an und fr sich habe die Wahrhaftigkeit nichts mit der Kunst
zu thun; nein, donnerte er und schlug mit dem Arm aus, die einzige
wichtige und ewige Sache unter der Sonne sei ein wohlgeformter Satz,
ein Satz, der Hand und Fuss habe, der mit dem vorhergehenden und dem
nachfolgenden zusammenhnge und der das Ohr erfreue, wenn man sich
selbst ihn vorlese. So schrieb er ein kleines Stck jeden Tag, oft nur
ein Paar Zeilen, wog jedes Wort, um Wiederholungen, Reimen, Hrten
zu entgehen, verfolgte ein wiederholtes Wort in einer Entfernung von
dreissig, vierzig Zeilen, ja vertrug nicht einmal die Wiederholung
derselben Silbe in _einem_ Satz. Oft rgerte ihn ein Buchstabe; er
suchte Worte, wo dieser sich nicht fand, bisweilen ging er auf Jagd
nach r's, wenn er einen rollenden Laut brauchte. Dann las er sich das
Geschriebene laut vor, sang es mit seiner Stentorstimme hinaus, dass
die Leute auf dem Wege vor seinem Hause stille standen. Viele nannten
ihn den Advokaten, und glaubten, dass er sich auf Gerichtsreden einbe.

Er erlitt Qualen whrend dieses seines Strebens nach Vollkommenheit.
Es waren die Geburtsqualen, die jeder Schriftsteller kennt, aber die
seinigen waren so schmerzlich, dass er aufspringen und schreien, sich
Dummkopf! Idiot! schelten konnte; denn kaum war ein Zweifel berwunden,
als auch schon ein anderer erstand. An seinem Schreibtisch sass er wie
magnetisirt, in stille Erwgung vertieft und versunken. Turgenjew, sein
treuer und naher Freund, der ihn oft sah, erklrte, dass es rhrend
sei, ihn, den ungeduldigsten, so geduldig in dem Kampf mit der Sprache
zu sehen. Er hatte einen Tag ununterbrochen an einer einzigen Seite
seines letzten Romans gearbeitet, ging aus um zu essen, wollte, Abends
zurckgekehrt, sich in seinem Bett an der Lektre seiner Seite erbauen,
fand sie aber schlecht, sprang -- ein hoher Fnfziger wie er war -- aus
dem Bette heraus, fing in blossem Hemd an, die Seite umzuschreiben und
schrieb sie die ganze Nacht hindurch um und wieder um, theils an seinem
Tisch, theils, wenn die Klte ihn davon vertrieb, im Bett.

Wie hat er seine Sprache geliebt und verflucht! Ist es nicht
bezeichnend, dass er in Madame Bovary nur an einer einzigen Stelle
sich vergisst und in seinem eigenen Namen spricht, und das zwar,
wo er in Folge der blasirten Gleichgltigkeit Raoul's gegen die
Liebeserklrungen Emma's, die gewhnlich lauteten und doch einer
echten Leidenschaft entsprangen, fast entrstet ausruft: Als ob nicht
das Vollgefhl der Seele bisweilen sich in den leersten Gleichnissen
ergiesse, als ob Jemand das genaue Mass seiner Bedrfnisse, seiner
Vorstellungen oder seiner Leiden anzugeben vermge, da doch die
menschliche Sprache nur ein geborstener Kessel ist, an dem wir Melodien
hmmern, die so lauten, als spielten wir auf zu einem Brentanz, wenn
es unser Wunsch ist, durch sie die Sterne zu rhren.

Eine solche Klage in einem solchen Mund ist dennoch, was sie dem
menschlichen Worte zu sein abspricht, ein Mass fr das schmerzliche
Streben des grossen Stilisten nach knstlerischer Vollendung.

Wenn ein solches Streben sich einmal in einer Kunst gezeigt hat, kann
es nicht aussterben. Kein in der Kunst Eingeweihter, der nach Flaubert
geschrieben hat und der sein schriftstellerisches Ideal verstand, hat
mit gutem Gewissen bedeutend oder wesentlich geringere Ansprche an
sich selbst stellen knnen als die seinigen waren. Deshalb sind die
Freunde, die Geistesverwandten, die Schler Flaubert's die strengsten
und originellsten Stilisten unseres Jahrhunderts.

Nicht dass Flaubert selbst der Originalitt des Stils theoretisch
gnstig war. Er glaubte naiv an einen einzigen idealen, unbedingt
richtigen Stil. Er nannte diesen Stil, den er zu verwirklichen suchte,
den ganz unpersnlichen, weil derselbe nichts war als ein Ausdruck
seiner eigenen Persnlichkeit, die ihm in dem Geschriebenen nicht
auffiel.

Guy de Maupassant hat witzig gesagt, dass das abgedroschene Wort:
Der Stil ist der Mann, von ihm sich umkehren liesse: Er war jener
Mann, welcher der Stil war. Er war so zu sagen der personificirte
Stil. Es ist keine unwesentliche oder gleichgltige Sache, dass der
Schriftsteller, der vor allen andern die moderne Richtung und die
moderne Formel der franzsischen Litteratur vertritt, weit davon
entfernt, ein Nachahmer des zuflligen Wirklichen oder (wie der Vorwurf
gewhnlich lautet) ein Photograph zu sein, umgekehrt der Knstler ohne
Tadel war.


                                 IV.

Flaubert hat persnlich der Oeffentlichkeit nie das Geringste ber
sich selbst erzhlt. Er hat ber seine knstlerischen Principien
dasselbe Schweigen wie ber seine Privaterlebnisse bewahrt. Unter
diesen Umstnden muss man alle Wege, die offen stehen und die in sein
Innerstes hineinfhren knnen, prfen, und als einer der nchsten und
besten bietet sich das genaue Studium der Werke seines brderlichen
Freundes und Kampfgenossen Louis Bouilhet's dar. Die beiden Mnner
scheinen, oberflchlich betrachtet, sehr ungleich angelegt, wie
ungleich begabt. Flaubert machte in der franzsischen Litteratur
Epoche, Bouilhet war und blieb ein Dichter zweiten oder dritten
Ranges; Flaubert war ein Romanschriftsteller, Bouilhet ein Lyriker und
Dramatiker; aber diese Ungleichheit geht das Wesen der Halbbrder wenig
an. Sie hatten sich lieb, weil sie geistig nah verwandt waren; nicht
ohne gltigen Grund hatte Flaubert Bouilhet sein erstes Buch und dieser
jenem alle seine vorzglichsten Productionen gewidmet. Ein aufmerksamer
Vergleich zeigt so starke Analogien zwischen den Poesien Bouilhet's
und den Prosawerken Flaubert's, dass er das Auge schrft fr die mehr
zurckgedrngten Eigenthmlichkeiten des grsseren der Brder.

Eines der merkwrdigsten Gedichte Bouilhet's ist Les fossiles, das
mit einem grossartigen Gemlde der vorsndfluthlichen Landschaften und
des Thierlebens der Vorwelt beginnt, danach zugleich in poetischer Form
und in wissenschaftlichem Geist die Entwicklungsgeschichte der Erde
bis zum Auftreten des ersten Menschenpaares verfolgt und mit einer
begeisterten Vision der Menschheit der Zukunft endet.

Man findet diese Vorliebe fr das Colossale und wunderlich Ungeheure
bei dem Dichter Salammb's wieder; man sprt in Flaubert's Ausgraben
verschwundener Vlkerschaften und Religionen denselben Hang zum
Fossilen wie bei Bouilhet, und endlich zeigt sich deutlich bei Flaubert
die hier und sonst berall bei dem Bruder sich offenbarende Neigung,
Wissenschaft und Poesie zu einem Ganzen zu verschmelzen.

Wie Flaubert in classische und semitische Litteraturen sich vertiefte,
studirte Bouilhet chinesisch und behandelte chinesische Motive und
Stoffe in einer langen Reihe von Gedichten. Beide wollten durch diese
Forschungen und die poetischen Versuche, die aus ihnen hervorgingen,
einem Zeitalter, das ihnen zuwider war, entschlpfen, und beide folgten
unbewusst dem Beispiel Goethes. Aber beide befriedigten ausserdem
hierdurch denselben Antrieb: ihrem Leser die Relativitt aller
Lebensformen zu zeigen, ihm den Hochmuth darber, wie herrlich weit
wir es gebracht, auszutreiben und ihm eine Ahnung beizubringen, dass
unsere Cultur, nach Jahrtausenden ausgegraben und geschildert, sich
wenig vernnftiger als die alte oder ferne ausnehmen wrde.

Beide wollten die Vorwelt in ihrer historischen oder vorhistorischen
Reinheit ohne strende moderne Zustze hervortreten lassen, und
scheuten vor keiner Schwierigkeit zurck. Als sei es an und fr sich
nicht schwer genug, die antediluvianische Welt mit ihrer sonderbaren
Vegetation und formlos grossartigen Thiergestalten zu malen, hat
Bouilhet sich jedes Ausdrucks beraubt, der an die modernen Ideen
erinnern msste. Er beschreibt die Pterodactylen, die Ichthyosauren
und Plesiosauren, die Mammuths und Mastodonten ohne sie zu nennen; man
kennt sie nur an ihrer Form, ihrer Gangart, ihrem Benehmen wieder. Ganz
hnlich hat Flaubert sich in Salammb jeder noch so fernen Anspielung
auf die moderne Welt enthalten; der Dichter scheint dieselbe nicht zu
kennen oder vergessen zu haben, dass sie existirt. Die knstlerische
Objectivitt fllt hier mit der wissenschaftlichen zusammen.

Und dieses ist bei beiden Dichtern die Hauptsache. Sie gehorchten,
bewusst oder unbewusst, einer neuen Idee von dem Verhltniss der Poesie
zur Wissenschaft. Sie haben das Ihrige beitragen wollen, eine Poesie zu
schaffen, die ganz und gar auf wissenschaftlicher Grundlage aufgefhrt
sei.

Der hchste Ehrgeiz Bouilhet's war eingestandenermassen der,
ein Gedicht zu schreiben, das die Resultate der modernen
Wissenschaft zusammenfasse und fr unsere Zeit sein knne, was das
bewunderungswrdige Poem des Lucretius De rerum natura fr das
Alterthum war. Flaubert hatte augenscheinlich einen ganz hnlichen
Traum. Aber der Wunsch wurde bei ihm durch seinen Hass gegen die
menschliche Dummheit bestimmter ausgeprgt. Er verwirklichte ihn auf
negative Weise und in zwei verschiedenen Formen, in seinem Werke: Die
Versuchung des heiligen Antonius, in welchem er alle die religisen
und moralischen Systeme der Menschheit als wahnwitzige Hallucinationen
des Einsiedlers Revue passiren liess, und in seiner letzten Erzhlung
Bouvard und Pcuchet, in welcher die zahllosen Irrthmer und
Fehlgriffe zweier armer Dummkpfe dem Dichter Vorwand geben, eine Art
Encyclopdie von all' den Gebieten des menschlichen Wissens zu liefern,
an denen sie sich vergreifen. In der Versuchung des heiligen Antonius
gab er die Tragdie des Menschengeistes; der menschliche Geist
offenbart sich hier in grossartig wthender und klagender Tollheit, ein
Knig Lear auf der Erdenhaide. In Bouvard und Pcuchet zeichnete er
die Caricatur, die naive Unwissenheit, die dilettantische Pfuscherei
auf allen wissenschaftlichen und technischen Gebieten, in zwei alten
lcherlichen Gesellen personificirt, denen er mit wilder Selbstironie
manch einen Zug beilegte, der sein eigenes Zusammenleben mit Bouilhet
characterisirte. Das Werk ist posthum und nur der erste Theil liegt vor
(nur in annhernd vollendeter Gestalt); fr Flaubert im hchsten Grade
bezeichnend ist aber seine Absicht -- um das Bild der universellen
Dummheit vollstndig zu machen -- diesen Theil durch einen zweiten zu
vervollstndigen, in welchem die zwei armen Kuze, die als Schreiber
ihre Carrire beginnen und beenden, den Einfall ausfhren, die Eseleien
all' der bekanntesten Schriftsteller (des Herrn Flaubert inclusive)
abzuschreiben und in einem Band zu sammeln.

Sowohl Flaubert wie Bouilhet wurden also in ihrem Arbeiten von dem
mchtigen Trieb angespornt, in der einen oder der anderen, positiven
oder negativen Form Resultate moderner Wissenschaft in ihre Werke
niederzulegen; von ihnen beiden gilt, was Flaubert ber Bouilhet gesagt
hat, dass der Grundgedanke, das geniale Element seines Geistes eine
Art Naturalismus war, der an die Renaissance erinnert. Aber whrend
Bouilhet in mittelmssigen und traditionell romantischen Dramen
seine beste Kraft verpuffte, hat Flaubert in keiner einzigen Arbeit
der Ueberlieferung gehuldigt, vielmehr immer ein wissenschaftliches
Studium als Vorbereitung zu seiner Dichtung gemacht und nur bei ihm ist
deswegen das Verhltniss zwischen Wissenschaft und Poesie der Nerv und
das Hauptinteresse der Werke.


                                  V.

Es scheint fast, als ob in unsern Tagen die Zeit zu Ende geht, da der
Romandichter sich eines schnen Tages vor einen Bogen weissen Papiers
hinsetzte und die Ausfhrung seiner Dichtung begann.

Flaubert wenigstens hat eine Methode der poetischen Production
eingeleitet, welche diese stark der wissenschaftlichen nhert. Er
verbrachte, um eine einzelne Aufklrung mit Rcksicht auf seinen Stoff
zu gewinnen, ganze Wochen in den Bibliotheken, er ging Kupferstiche
haufenweise durch, um mit Costm und Haltung einer frheren Generation
in's Reine zu kommen. Er las als Vorstudium zu Salammb gegen hundert
Bnde alter und neuer Litteratur und unternahm darauf eine Reise nach
Tunis, um die Landschaften und die Denkmler des alten Karthago zu
studiren. Ja, sogar um phantastische Landschaften, wie die in der
Legende von St. Julian, zu malen, besuchte er Gegenden, die ihm
ungefhr den Eindruck geben konnten, von dem er getrumt hatte.

Sobald er den Plan zu einem Buch auf's Papier gebracht hatte, fing fr
jedes Capitel besonders das Suchen nach Urkunden an; jedes hatte seine
Mappe, die sich nach und nach fllte. Er ging die ganze Sammlung des
Charivari aus der Zeit Ludwig Philipp's durch, um den litterarischen
Zigeuner Hussonet in L'ducation sentimentale mit Witzen im Stil der
damaligen Zeit zu versehen. Er studirte nicht weniger als 107 Werke,
um die dreissig Seiten ber den Ackerbau in Bouvard und Pcuchet zu
schreiben. Die Excerpte, die er fr diesen letzten Roman gemacht hatte,
wrden gedruckt nicht weniger als fnf Octavbnde bilden.

Augenscheinlich hat er whrend all' dieser Vorstudien bisweilen seinen
Roman aus den Augen verloren und ist einfach darauf ausgegangen,
seine Einsicht zu vermehren. Seine Lust Kenntnisse zu sammeln, war
fast so lebhaft als die, seinen seelischen Gehalt auszuformen -- oder
richtiger, sie wurde es nach und nach.

Wenn man seine Werke in chronologischer Ordnung berschaut, findet man
ein immer deutlicheres Verlegen des Schwerpunktes aus dem dichterischen
in das wissenschaftliche Element; oder mit anderen Worten, aus dem
menschlichen, psychischen Elemente in geschichtliche, technische,
wissenschaftliche Aeusserlichkeiten, die einen unverdienten Platz
einnehmen. Flaubert war immer Gefahr gelaufen, ein langweiliger Autor
zu werden, und er wurde es immer mehr.

Er war von einer nach meiner Ansicht richtigen Empfindung
ausgegangen, nmlich der, dass der Dichter in unseren Tagen kein
blosser Unterhaltungsschriftsteller oder _matre de plaisir_ sein
knne. Er verstand dies aber so, dass das poetische Schiff ohne
wissenschaftlichen Ballast leicht umzuschlagen in Gefahr komme. Und
nach und nach, wie seine Entwickelung vorwrts schritt, ergriff ihn
die Leidenschaft dafr, Schwierigkeiten zu berwinden: er wollte das
Schwerste schleppen, die grssten Steine tragen, und er belastete
allmlig das Schiff mit so vielen und grossen Steinen, dass es zu
schwer wurde, zu tief ging und auf den Grund lief. Sein letzter
Roman ist nur eine mhselig zusammengereihte Folge von Auszgen aus
ein Paar Dutzend verschiedenen Wissenschaften, fast unleserlich als
poetisches Werk, nur psychologisch bemerkenswerth als folgerichtiger
und endgltiger Ausdruck einer grossen Persnlichkeit und einer
irrthmlichen sthetischen Ansicht.

Die allgemeine Richtung auf das Studium der Aeusserlichkeiten ist
nicht Flaubert allein eigenthmlich; sie bezeichnet die ganze
Gruppe von Geistern, der er angehrt. Sie ging aus dem berechtigten
Widerwillen gegen die rationalistische Auffassung des Menschen als
abstractes Vernunftwesen und aus dem deterministischen Hang unseres
Zeitalters hervor, das Seelenleben des Individuums aus klimatischen,
vlkerpsychologischen, physiologischen Bestimmungen erklren zu wollen.
Man findet dies Streben verschieden nuancirt bei den bedeutendsten
Zeitgenossen und Landsleuten Flaubert's, bei seinem Lehrer und Freund
Thophile Gautier, bei Renan, bei Taine, bei den Brdern Goncourt.
Wie verschieden diese Geister auch sind, sie haben dies gemeinsame
und sehr moderne Geprge, und ausserdem fast alle noch die andere,
nicht weniger moderne Eigenschaft, dass man in ihren knstlerisch
ausgefhrten Werken zu sehr die dahinter liegende Arbeit, die Mhe,
mit der sie hervorgebracht wurden, versprt, und bisweilen einen
geradezu peinlichen Eindruck der Ueberladung hat. Renan, der eine
Ausnahme zu bilden scheint, schildert nicht selten Sachen, die vllig
ausserhalb des Rahmens liegen; Gautier ist wohl der einzige dieser
grossen Knstler, aus dessen Geist Worte und Bilder zwanglos zu
sprudeln scheinen, und selbst er liess selten das Wrterbuch und die
Encyclopdie aus seiner Hand.

Bei Flaubert verdrngte nach und nach die Encyclopdie die
Gemthsbewegung. Gautier war mit den Jahren immer weniger Dichter und
immer mehr malerischer Beschreiber geworden; Flaubert wurde mit den
Jahren immer mehr ein Gelehrter und ein Sammler.

Werfen wir einen Blick ber seine ganze Production von den ersten
Anfngen bis zum Abschluss derselben, so sehen wir, wie das humane
Element, das ursprnglich alles berrieselte und fruchtbar machte, nach
und nach ebbt, sich zurckzieht und nur den trockenen, steinigen Boden
historischer oder naturwissenschaftlicher Thatsachen hinterlsst.

In Madame Bovary ist noch alles Leben. Die Beschreibungen sind
selten und kurz. Sogar die Beschreibung Rouens, der Geburtsstadt
des Verfassers, welche da vorkommt, wo Emma mit der Diligence von
Yonville fhrt um Lon zu treffen, ist in ganz wenigen Zeilen gegeben,
und ausserdem durch die hinzugefgte Schilderung des Schwindels
beseelt, der von diesen Tausenden zusammengehufter Existenzen gegen
Emma aufsteigt, als htten alle diese Menschen ihr den Dampf der
Leidenschaften, die sie bei ihnen vermuthete, entgegen gesandt. Die
direkte Beschreibung der Stadt, das malerische Moment, ist hier ganz in
Psychologie, in den Eindruck, den die grosse Stadt auf die Hauptperson
macht, umgesetzt -- was bei Flaubert immer seltener wird.

In Salammb musste sich das Studium und das bloss Descriptive
nothwendigerweise strker geltend machen. Es gibt grosse Partien in
diesem Werk, in welchem man eher ein Stck alter Kriegsgeschichte, oder
eine archologische Abhandlung als einen Roman zu lesen glaubt und die
deswegen ermdend wirken. Aber Salammb war noch reich an allgemein
menschlichen Motiven und Darstellungen. Man lese beispielsweise das
Capitel durch, wo die Priester beschlossen haben, Moloch durch das
Opfer des Erstgebornen jedes Hauses zu vershnen, wo einige von ihnen
an der Thr Hamilcar's anklopfen und dieser seinen Sohn, den kleinen
Hannibal, aus ihrer Gewalt zu retten strebt. Die Stimmung, die Flaubert
hier erzeugt hat, ist so wie sie in einer punischen Stadt gewesen sein
muss, sobald ein solches Massenopfer angeordnet war, und der einzelne
Vorgang hebt sich von dem Hintergrund dieser Stimmung unvergesslich
hervor. Hamilcar strzt in das Zimmer seiner Tochter hinein, erfasst
mit der einen Hand Hannibal, mit der andern eine Schnur, die am
Fussboden liegt, schnrt Hnde und Fsse des Knaben zusammen, steckt
ihm den Rest der Schnur als Knebel in den Mund und versteckt ihn unter
einem Bett. Dann klatscht er in die Hnde und verlangt ein Sklavenkind
von 8 bis 9 Jahren mit schwarzen Haaren und hervortretender Stirn. Man
bringt ihm ein armes, zugleich mageres und aufgedunsenes Kind, dessen
Haut so grau wie der Lumpen um seine Lenden ist. Er verzweifelt; wie
ist es mglich, dies Kind mit Hannibal zu verwechseln! Aber die Minuten
sind theuer, und trotz seines Widerwillens fngt der stolze Suffet
an, den elenden Sklavenjungen zu waschen, zu reiben und zu salben; er
zieht ihm einen Purpur-Anzug an, befestigt denselben an seine Schulter
mit Diamant-Agraffen, und das Kind lchelt, glcklich ber all diese
Pracht, und hpft auf vor Freude. Er fhrt den Knaben mit sich fort. Da
er aber unten im Hof mit verstelltem Schmerz ihn den Molochpriestern
bergibt, zeigt sich hoch oben im dritten Stockwerk des Hauses zwischen
den elfenbeinernen Pfeilern ein bleicher, rmlich gekleideter,
frchterlich aussehender Mann mit ausgebreiteten Armen. Mein Kind!
ruft er. Es ist der Pflegevater des Kindes beeilt sich Hamilcar zu
sagen und stsst, wie um den Abschied zu krzen, die Priester zum Thore
hinaus. Als sie fort sind, sendet er dem Sklaven die besten Sachen aus
der Kche, Fleisch, Bohnen und Eingemachtes; der Alte, der lange nichts
gegessen hat, wirft sich darber her und verschlingt es unter Thrnen,
und als Hamilcar Abends nach Hause kommt, sieht er im grossen Saal, wo
das Mondlicht durch die Spalten der Kuppel hinabscheint, den Sklaven
bersatt, halb berauscht, auf dem Marmor-Fussboden ausgestreckt, im
tiefen Schlafe liegen. Er schaut ihn an und eine Art Mitleid ergreift
ihn. Mit der Spitze seines Fusses schiebt er einen Teppich unter seinen
Kopf.

Hier ist die allgemein menschliche Essenz aus einer specifisch
karthaginiensischen Situation gezogen.

Salammb machte, wie schon angedeutet, ein nicht geringes Aufsehen,
bereitete aber nichtsdestoweniger der Lesewelt und der Kritik eine
Enttuschung. Man theilte nicht die Vorliebe des Verfassers fr
das Ungeheure und Flammende, man arbeitete sich mit Mhe durch die
Schilderung antiker Belagerungsmaschinen und Sturmbcke; man bat ihn,
einen neuen _roman de passion_, eine Liebeserzhlung zu schreiben.

Flaubert leistete endlich am Schluss des Jahres 1869 der Aufforderung
Folge, indem er seinen Roman L'education sentimentale herausgab, sein
eigenthmlichstes und tiefstes Werk, das ganz durchfiel. Von jetzt an
erlebte er nur litterarische Niederlagen. Die Gunst des Publikums, die
durch Salammb erkaltet war, wich von diesem Zeitpunkt ab vollstndig
von ihm.

Das neue Buch war eine neue Art von Buch. Der fast unbersetzbare Titel
(etwa Die Erziehung des Herzens) ist nicht correct; denn Niemand
und Nichts wird hier erzogen; dennoch handelt der Roman von einem
Gefhlsleben. Aber er behandelt eher die gradweise fortschreitende
Abstumpfung und schliessliche Exstirpation der Liebesempfindung als
irgend eine Entwickelung derselben. Das Buch knnte richtiger heissen:
Die Liebesillusion und ihre Ausrottung. Es ist einer der Hauptversuche
Flaubert's, das reine Nichts in Gestalt der puren Illusion aus all'
dem Sehnen und Trachten des gewhnlichen Menschenlebens heraus zu
destilliren. In Salammb drehte sich Alles um einen heiligen Schleier
der Gttin Tanit, Zaimpf genannt; dieser Schleier ist strahlend und
leicht; die Stadt, von der er geraubt wird, verdirbt; der Mensch,
der ihn trgt, ist so lange unverwundbar, aber wer sich darin gehllt
hat, muss zu Grunde gehen. Die Illusion ist wie dieser Schleier. Sie
ist strahlend wie die Sonne und leicht wie die Luft, sie gibt die
Sicherheit des Nachtwandlers, und sie verzehrt wie ein Nessushemd.

Ich sagte, dass Flaubert an eine das Leben hindurch dauernde, nie
befriedigte Liebesleidenschaft glaubte. Eine solche ist es, die er
in der Liebe Frdric's zu Madame Arnoux dargestellt hat. Sie ist
verschmt, unterdrckt, gebndigt; sie macht sich Luft in einigen
unverstndigen Aufopferungen fr ihren Gemahl und in einigen halb
ausgesprochenen platonischen Versicherungen gemeinsamer Sympathien; sie
fhren zu nichts, zu einem Versprechen, das zurckgenommen wird, zu
einigen Versuchen, die fehl schlagen, und endlich, nach dem Verlauf von
zwanzig Jahren, zu einem unfruchtbaren Gestndniss und einer einzigen
Umarmung, aus welcher der Liebhaber zurckschreckt, da die Geliebte
unterdessen alt geworden ist und ihm mit ihren weissen Haaren Schrecken
einflsst.

Das Eigenthmliche an diesem Roman ist, in noch weit mehr
hervortretender Weise als bei Madame Bovary, dass er keinen Helden
und brigens ebenso wenig eine Heldin hat. In dem veralteten Ausdruck
Held liegt das ganze angeerbte Herkommen der altmodigen Poesie. Seit
Jahrhunderten hatten die Schriftsteller mit einem Helden paradirt;
er war stark und schn, gross in seinen Tugenden oder Lastern, ein
Beispiel zur Nachahmung oder zur Abschreckung -- hier ergriff der
Dichter einen jungen Mann der Art, wie die meisten jungen Mnner sind
und zeigte, ohne Missbilligung oder Bedauern zu ussern, mit welchem
Nichts sein Leben hinging und wie die Enttuschungen auf ihn herab
hagelten, nicht grosse, seltene Enttuschungen -- er erlebt berhaupt
nichts Grosses und Seltenes -- nein, die kleinen Enttuschungen, die
das Leben ausmachen. Eine lange Kette kleiner Enttuschungen mit
einzelnen grossen Enttuschungen dazwischen, das ist fr Flaubert
die Definition des regulren Menschenlebens. Doch der Reiz des Buches
beruht nicht hauptschlich auf der durchgefhrten melancholischen
Grundstimmung. Der Hauptreiz ist fr mich die Anmuth und die
Keuschheit, mit der die Feder gefhrt ist, wo Frdric's grosse Liebe
geschildert wird.

Das tiefe Verstndniss fr die Schwrmerei des jungen Mannes weist
auf Selbsterlebtes zurck. Nirgends hat Flaubert mehr direct aus
seiner eigenen Seele geschrieben und weniger aus den fnf oder sechs
knstlichen Seelen geschpft, die er wie jede kritisch angelegte und
kritisch schaffende Natur sich zu geben vermochte.

Frdric liebt ohne Hintergedanken, ohne Hoffnung auf Gegenliebe,
unbedingt, mit einem Gefhl, das der Dankbarkeit hnlich ist; mit einem
Bedrfniss sich hinzugeben und sich der Geliebten zu opfern, das um so
viel strker ist, weil es keine Besnftigung findet. Aber die Jahre
gehen, und ein Gefhl hnlicher Art entwickelt sich bei der geliebten
Frau. Es ist unter ihnen eine ausgemachte Sache, dass sie sich nie
angehren werden; aber ihr Geschmack, ihre Urtheile stimmen berein:
Oft brach der von ihnen, der dem Andern zuhrte, aus: _Ich auch!_ und
kurz danach kam der Andere an die Reihe zu sagen: _Ich auch!_ Und sie
trumen, dass wenn die Vorsehung gewollt htte, wre ihr Leben ein von
Liebe allein erflltes, etwas Ssses, Glnzendes und Erhabenes wie das
zitternde Blinken der Sterne geworden.

Fast immer hielten sie sich in freier Luft in der Veranda auf, und
die gelblichen Baumkronen des Herbstes breiteten sich vor ihnen
ungleichfrmig bis zum Rande des bleichen Himmels aus; oder sie sassen
in einem Pavillon am Ende der Allee, dessen einziges Mbel ein mit
grauer Leinwand berzogenes Canap war. Schwarze Punkte befleckten
den Spiegel; die Wnde athmeten einen moderigen Geruch aus -- und sie
blieben da, von sich selbst, von Andern, gleichviel wovon, plaudernd
in einem gegenseitigen Entzcken. Bisweilen sahen die Sonnenstrahlen,
die sich durch die Persiennen von der Decke bis zum Fussboden den Weg
bahnten, aus, wie die Saiten einer grossen Leier.

Diese Leier -- das war, glaub' ich, die alte, die echte; die Leier aus
der Zeit der Troubadoure und aus der Jugend Flaubert's, und es scheint
Einem, als habe er eben hier ihre Saiten geschlagen.

L'ducation sentimentale erschien, als das Kaiserthum in die Epoche
der letzten Krisen trat. Der Absatz war mssig. Alle Zeitungen
erklrten das Buch fr langweilig, ausserdem natrlich fr unmoralisch.
Am schmerzlichsten fr Flaubert war das Schweigen, das folgte. Die
Arbeit von sieben Jahren schien verloren.

Die Ursache war, dass er zu viel gearbeitet hatte. Er hatte um das
Paris der Vierziger Jahre zu schildern, alte Bilder und alte Plne
studirt, verschwundene Strassen reconstruirt, mehrere Tausende von
Zeitungen mit ihren Referaten ber Clubreden und ihren Beschreibungen
des Strassenlebens und der Strassenkmpfe durchforscht. Er wollte
absolut ein genaues Zeitbild geben und machte zu Viel daraus. Der
historische Apparat wirkt ermdend. Sein Hass gegen die Dummheit
fhrte ihn hier wie so oft zu weit. Es hatte schon in seiner Jugend
zu den Belustigungen gehrt, die er und Bouilhet gemeinsam trieben,
so treue Copien wie mglich von offiziellen Reden im allgemeinen,
von Gelegenheitsgedichten bei der Einweihung einer Glocke oder der
Beerdigung eines Monarchen, von Festreden, Volksreden jeglicher Art
zu schreiben. Man fand ganze Packete solcher Sachen nach Bouilhet's
Tode. In Madame Bovary hatte Flaubert sich damit belustigt, die ganze
Rede des Bureauchefs bei der Ackerbau-Ausstellung mit ihrer bestellten
Begeisterung und ihren stilistischen Naivetten wiederzugeben;
hier lieferte er in extenso und noch dazu spanisch eine von einem
Patrioten aus Barcelona im Jahre 1848 in einer Volksversammlung zu
Paris gehaltene liberale Rede. Die Rede ist als Beispiel der reinen
Freiheits- und Fortschrittsphrase unbertrefflich, aber sie und die
ganze Versammlung, in der sie vorgetragen wird, haben zu wenig mit
den Hauptpersonen zu thun. Das Zeitbild breitet sich zu sehr aus;
hier wie in Salammb ist das Fussgestell zu gross fr die Figuren
geworden. Flaubert wird es ohne Zweifel selbst empfunden haben; denn
schon whrend er an Salammb arbeitete, schrieb er missmuthig an
einen Freund: Das Studium des Costms verleitet uns die Seele zu
vergessen. Ich wrde das halbe Ries Papier, das ich nun in fnf Monaten
mit Aufzeichnungen gefllt habe, dafr geben, um nur in drei Secunden
von den Leidenschaften meiner Personen mich wirklich bewegt zu fhlen.
Aber er vermochte nicht die Schilderung der Umgebungen, der allgemeinen
Stimmungen und Zustnde gehrig zurck zu drngen. Man fhlt bei ihm,
dass das Studium immer dichter in der Spur der Einbildungskraft, wie
in der nordischen Mythologie das Ungeheuer Mondgarm in der des Mondes
folgt, und wie der arme Mond immer nher daran ist, verschlungen zu
werden.

Die drei Erzhlungen: Ein einfaches Herz, Die Legende von St.
Julian, dem Gastfreien und Herodias, waren eine kleine Trilogie
von Meisterwerken: eine Novelle der Gegenwart, eine Legende des
Mittelalters und ein Gemlde aus dem Alterthum. Herodias gab in
dem Stil Salammb's ein dsteres, krftiges Bild von Palstina zur
Zeit Johannes des Tufers, aus welchem das neugierige und schlaffe
Prassergesicht des Vitellius, in die gebrochenen Augen des abgehauenen
Johanneskopfes hineinstierend, dem Leser entgegen leuchtet. Die
Legende von St. Julian ist das Muster einer Wiedergeburt des
mittelalterlichen Geistes. Kein Mnch hat eine echtere christliche
Legende geschrieben als dieser Atheist. Nichts kann strenger im
Legendenstil sein als der Schluss von dem ausstzigen Bettler,
der das letzte Stck Speck und den letzten Bissen Brod Julian's
verzehrt, dessen Messer, Teller und Becher befleckt und der mit seinen
unheimlichen Geschwren zuletzt nicht nur auf Julian's Lager sich
ausstreckt, sondern die Forderung an ihn stellt, er solle ihn mit
seinem nackten Krper erwrmen. Da der ehemalige Prinz in der Demuth
seines Herzens sich erniedrigt, dies zu thun, umarmt ihn der Ausstzige
mit Kraft, und in demselben Augenblick verwandelt sich die Gestalt
des Bettlers; die Augen werden sternenklar, sein Haar wird lang und
leuchtend wie Sonnenstrahlen, sein Athem duftend wie Rosen; das Dach
der Htte fliegt ab, und Julian schwebt in den blauen Raum hinauf,
Gesicht an Gesicht mit Unserm Herrn Jesus Christus, der ihn in den
Himmel hinauffhrt.

In Ein einfaches Herz hat Flaubert so zu sagen die Geschichte des
alten prmiirten Dienstmdchens aus Madame Bovary erzhlt. Es ist
eine rhrende Erzhlung von einer alten, von Allen ausgenutzten und
verlassenen Magd, die zuletzt die ganze Liebe ihres Herzens auf einen
Papagei wirft; sie bewundert diesen Papagei ber alles: er scheint ihr
in ihrer Einfalt dem heiligen Geist als Taube auf dem Altargemlde der
Dorfkirche hnlich, und nach und nach fllt er in ihrem Bewusstsein
den Platz des heiligen Geistes aus. Der Vogel stirbt und sie lsst ihn
ausstopfen. Aber in ihrer Todesstunde sieht sie ihn riesengross mit
ausgebreiteten Flgeln sie empfangen und in das Paradies hinauftragen.
Dies ist die tief-wehmthige Parodie des Schlusses der Legende. Hier
wie dort Vision und Illusion; bei der Schwche unseres Wesens, der
Fhigkeit des Getuschtwerdens und dem Bedrfniss des Trostes, ist --
scheint Flaubert sagen zu wollen -- uns im Versinken der eine Strohhalm
so gut wie der andere.

Die drei Erzhlungen hatten keinen Erfolg. In ihnen hatte das Studium
noch einen Schritt vorwrts auf Kosten des Lebens gemacht. Hier waren
erstens fast keine Gesprche, keine Repliken mehr, die Erzhlungen
waren eher Inhaltsangaben als Novellen; man fhlte, dass der Dichter
begonnen hatte, die eigentlich poetische Gestaltung zu verschmhen.
Ferner breitete sich die Gelehrsamkeit zu sehr aus. Ein erstaunliches
Studium war z. B. in die Legende niedergelegt. Man ahnt, wie viele
Legenden Flaubert gelesen hat, um den Charakter so genau wiedererzeugen
zu knnen. Aber kein Versuch ist gemacht, die Resultate dieser
Gelehrsamkeit in Perspective vor die Augen des modernen Lesers zu
stellen. Es sind weder Wege noch Stege in den Urwald der Legendenwelt
gehauen; er steht da festgewachsen und sperrt dem Blick die freie Bahn.
Die Erzhlung scheint nicht auf gewhnliche moderne Leser, sondern auf
solche des dreizehnten Jahrhunderts oder auf verfeinerte Kenner des
unsrigen berechnet.


                                 VI.

Das Jahr 1874 brachte endlich das Werk, das Flaubert selbst als sein
Hauptwerk betrachtete, an welchem er zwanzig Jahre gearbeitet hatte
und das die schrfste Definition seines Geistes lieferte -- ein
verblffendes Werk. Als es zuerst ruchbar wurde, dass ein franzsischer
Romanschriftsteller Die Versuchung des heiligen Antonius geschrieben
hatte, hegten gewiss neun Zehntel des Publikums keinen Zweifel, dass
der Titel scherzhaft oder symbolisch aufzufassen sei. Wer konnte ahnen,
dass das Werk in vollem Ernst die Versuchungsgeschichte des alten
gyptischen Einsiedlers behandelte.

Etwas Aehnliches hatte kein Romanschriftsteller und kein Dichter
berhaupt je versucht. Zwar hatte Goethe Die classische
Walpurgisnacht geschrieben, Byron im zweiten Act von Cain ein
Vorbild fr Einzelnheiten geliefert, Turgeniew in Visionen in ganz
kleinem Rahmen einen entfernt verwandten Stoff mit Meisterschaft
behandelt; aber ein Drama in sieben Abtheilungen, das aus Einem
meilenlangen Monolog bestand, oder das richtiger nur die punktuelle
Darstellung dessen war, was in einer Schreckensnacht in dem Gehirn
eines einzelnen hallucinirten Menschen vor sich ging -- so ein Buch war
nie frher in der Welt geschrieben worden. Und doch hatte dieses Werk,
verfehlt wie es ist, in seiner schwermthigen Monotonie eine stille
Grsse und ein vllig modernes Geprge, wie nur wenige Dichterwerke der
franzsischen Litteratur.

Der heilige Antonius steht an der Schwelle seiner Htte auf einem Berg
in Aegypten. Ein langes Kreuz ist in die Erde gepflanzt; eine alte
gewundene Palme neigt sich ber den Abgrund hinaus, der Nil bildet
einen See am Fusse des Berges. Die Sonne sinkt. Der Einsiedler ist von
einem in Fasten, Arbeit und Selbstqulereien verbrachten Tag ermattet;
so fhlt er beim Anbruch des Dunkels seine Seelenstrke abnehmen.
Eine trumerische Sehnsucht nach der Aussenwelt fllt sein Herz. Bald
wollstige, bald stolze, bald idyllisch lchelnde Erinnerungen locken
und qulen ihn.

Zuerst sehnt sich Antonius nach seiner Kindheit zurck, nach Ammonaria,
einem jungen Mdchen, das er einmal geliebt hat; er gedenkt seines
liebenswrdigen Schlers Hilarion, der ihn verlassen hat; er verflucht
sein einsames Leben. Die Zugvgel, die ber seinem Kopf hinwegziehen,
erwecken seinen Wunsch, wie sie davon fliegen zu knnen. Er bedauert
sein Loos, fngt an zu klagen und zu chzen. Warum ist er nicht ein
ruhiger Mnch in der Zelle geworden, warum hat er nicht das friedliche
und ntzliche Leben eines Priesters gewhlt. Er wnscht, dass er
Grammatiker oder Philosoph, Zllner an einer Brcke, ein reicher,
verheiratheter Kaufmann, oder ein tapferer, lebenslustiger Soldat sei;
seine Krperkraft htte dann Anwendung gefunden. Er verzweifelt ber
seine Lage, bricht in Thrnen aus, sucht Trost und Erbauung in der
heiligen Schrift. Aber in dem Leben der Apostel schlgt er die Stelle
auf, wo es Petrus erlaubt wird, alle Thiere, reine und unreine, zu
essen, whrend er selbst sich in strenger Askese abqult; in dem alten
Testament liest er eben, wie den Juden das Recht gegeben wird, all'
ihre Feinde zu tdten, ein grosses Blutbad an ihnen zu veranstalten,
whrend er seinen Feinden vergeben soll; er liest von Nebucadnezar
und beneidet seine Feste -- von Ezechias und schaudert vor Begierde
zusammen, wenn er an all' seine kostbaren Salben und seine goldnen
Schtze denkt, -- von der schnen Knigin von Saba und fragt sich,
wie sie wohl hoffen knnte, den weisen Salomo in Versuchung zu fhren
-- und es scheint ihm, dass die Schatten, welche die zwei Arme des
Kreuzes auf die Erde werfen, sich einander nhern wie zwei Hrner.
Er ruft Gott an, und die beiden Schatten nehmen wieder ihren alten
Platz ein. Vergeblich sucht er sich zu demthigen; er gedenkt mit
Stolz seines langen Mrtyrerthums, sein Herz schwillt wenn er sich der
Ehre erinnert, die ihm von allen Seiten erwiesen worden ist, selbst
der Kaiser hat ihm drei Mal geschrieben; dann sieht er, dass sein
Wasserkrug leer, sein Brod von Chakalen verzehrt worden ist; Hunger und
Durst nagen an seinem Eingeweide.

Er erinnert sich des Neides und des Hasses, mit dem ihm die
Kirchenvter auf dem Concil zu Nica entgegen traten, und seine Seele
schreit nach Rache. Er trumt von den vornehmen Frauen, die ihn frher
so oft hier in der Wste aufsuchten, um ihm zu beichten und ihn
anzuflehen, bei ihm, dem Heiligen, bleiben zu drfen. Er starrt so
lange diesen Trumen nach, dass sie ihm verwirklicht erscheinen. Er
sieht die feinen Damen aus der Stadt, die in ihren Snften getragen
sich nhern, er lscht seine Fackel aus um die Gesichter zu vertreiben,
und schaut jetzt erst recht an dem dunkeln Nachthimmel die Visionen wie
Scharlachbilder auf Ebenholz an ihm in wirbelnder Hast vorbeifahren.

Stimmen, die aus dem Dunkel heraustnen, bieten ihm Frauen, Haufen
Goldes, herrliche Gerichte an. Dies ist der Anfang der Versuchung, der
Durst der thierischen Triebe. Dann trumt er, dass er der Vertraute
des Kaisers, der erste Minister ist, der alle Macht hat. Der Kaiser
krnt ihn mit seinem Diadem. Er rcht sich grausam an seinen Feinden
unter den Kirchenvtern, watet in ihrem Blut und pltzlich befindet
er sich mitten in einem Fest bei Nebucadnezar, wo die Speisen und
Getrnke Berge und Strme bilden. Gesalbt und mit Edelsteinen
geschmckt sitzt der Kaiser auf seinem Thron, und in der Entfernung
liest Antonius an seiner Stirn seine hochmthigen, hochfliegenden
Gedanken. Er durchschaut ihn so vollstndig, dass er pltzlich selbst
Nebucadnezar wird, und in all' dem Schwelgen fhlt er das Bedrfniss
wie ein Thier zu sein; er wirft sich auf alle Viere hinunter und brllt
wie ein Stier; dann kratzt er seine Hand an einem Stein und erwacht.
Er peitscht sich, um sich fr diese Vision zu bestrafen so lange bis
der Schmerz eine Wollust wird, und sofort erscheint vor ihm die Knigin
von Saba, mit Gold und Diamanten bedeckt, das Haar blau gepudert,
und bietet sich ihm an mit wilder Koketterie; sie ist alle Frauen in
einer; er weiss, dass wenn er ihre Schulter mit einem Finger berhrte,
wrde ein Feuerstrom durch seine Ader schiessen; sie steht da, duftend
von allem Wohlgeruch des Orients, ihre Worte klingen wie sonderbar
bestrickende Musik, und er streckt in brennender Begierde seine Arme
aus -- aber er beherrscht sich und weist sie hinweg. Sie und ihr ganzes
Gefolge verschwinden. Dann nimmt der Teufel die Gestalt seines alten
Schlers Hilarion an, um ihn in seinem Glauben zu erschttern.

Der kleine, welke Hilarion macht ihn zu seiner Angst darauf aufmerksam,
dass er in der Phantasie sich der Gensse bemchtigt, auf die er in
der Wirklichkeit versagt, erklrt ihm, dass Gott kein Moloch sei, der
den Lebensgenuss verpne, dass die Bestrebungen, Gott zu verstehen,
mehr werth seien als alle Selbstqulereien. Er zeigt ihm zuerst
die Widersprche zwischen dem alten und neuen Testament, darauf
die Widersprche des neuen. Und Hilarion wchst. So taucht denn in
Antonius' Gehirn die Erinnerung auf an all' die Ketzereien, die er in
Alexandria und anderswo gehrt und gelesen und fr eine Zeit siegreich
berwunden hat. Die hundert und aber hundert Ketzereien der ersten
christlichen Secten, Ansichten von denen die eine ungeheuerlicher als
die andere ist, werden von den Ketzern selbst in sein Ohr gebrllt.
Sie bellen ihn an wie Hynen. Jeder von ihnen speit seine Tollheit
ber ihn aus. Hysterische Frauen und Geliebte der Mrtyrer werfen sich
heulend ber die Asche der Todten. Antonius sieht Ketzer, die sich
entmannen, Ketzer, die sich selbst verbrennen. Apollonius von Tyrus
offenbart sich ihm als Mirakelthter, der in nichts hinter Christus
zurcksteht. Und Hilarion wchst immer mehr. Nach den Ketzern folgen
die Gtter der verschiedenen Religionen in einem ungeheuren Aufzug,
von den abscheulichen und grotesken Steingttern und Holzfetischen
der ltesten Zeiten bis zu den Blutgttern des Morgenlandes und den
Schnheitsgttern Griechenlands, alle fahren sie vorbei, um jeder fr
sich mit einem Klagegeschrei den Purzelbaum hinunter in das grosse
Nichts zu machen. Er sieht Gtter, die in Ohnmacht fallen, andere, die
fortgewirbelt werden, wieder andere, welche zerquetscht, zerrissen, in
ein schwarzes Loch hinuntergestrzt werden, Gtter, die ertrinken, die
sich in Luft auflsen oder die sich tdten. Unter ihnen ragt Buddha
empor, der in allem, was er ber sich erzhlt, die unheimlichste
Aehnlichkeit mit dem Erlser hat. Zuletzt machen Crepitus, jener
rmische Gott der Verdauung, und Jehovah, der Gott der Heerscharen, den
Sprung in den Abgrund.

Dann tritt eine frchterliche Stille, eine tiefe Nacht ein.

Sie sind alle fort sagt Antonius.

Ich bin brig antwortet eine Stimme.

Und Hilarion steht vor ihm, noch weit grsser, verklrt, schn wie ein
Erzengel, leuchtend wie eine Sonne und so gross, dass Antonius den Kopf
zurckbeugen muss, um ihn zu sehen.

Wer bist Du?

Hilarion antwortet: Mein Reich ist so gross wie die Welt und meine
Begier hat keine Grenzen. Ich gehe immer vorwrts, Geister befreiend
und Welten wgend, ohne Furcht, ohne Mitleid, ohne Liebe und ohne
Gott. Man nennt mich die Wissenschaft.

Antonius schreckt zurck: Du bist eher der Teufel!

Willst Du ihn sehen? Ein Pferdefuss zeigt sich, der Teufel nimmt
den Heiligen auf seine Hrner und trgt ihn durch den Raum, durch den
Himmel der modernen Wissenschaft, wo die Weltkrper zahlreich wie
Staubkrner sind. Und das Firmament erweitert sich mit den Gedanken
des Antonius. Hher, hher! ruft er. Die Unendlichkeit offenbart
sich seinem Blick. Aengstlich fragt er den Teufel nach Gott. Dieser
antwortet mit neuen Fragen, mit Zweifeln: Was Du Form nennst, ist
vielleicht nur ein Irrthum Deiner Sinne; was Du Substanz nennst, nur
eine Einbildung Deines Gedankens. Wer weiss, ob nicht die Welt ein
ewiger Strom der Dinge und Begebenheiten, der Schein das einzige Wahre,
die Illusion die einzige Wirklichkeit ist! -- Bete mich an, ruft der
Teufel pltzlich, und verfluche das Blendwerk, das Du Gott genannt
hast! Er verschwindet und Antonius erwacht auf dem Rcken liegend am
Rande seines Felsens.

Aber seine Zhne klappern, er ist krank, er hat weder Brod noch Wasser
mehr in seiner Htte, und die Hallucinationen fangen von neuem an.
Er verliert sich in dem Gewimmel der Fabelthiere, der phantastischen
Ungeheuer der Erde. Er befindet sich an einer Kste unter den
Bewohnern und Pflanzen des Meeres und des Landes; er kann Pflanzen und
Thiere nicht mehr unterscheiden; die Schlingpflanzen winden sich wie
Schlangen; er verwechselt die Welt der Pflanzen und der Steine mit
der Menschenwelt; die Krbisse sehen wie Busen aus; der babylonische
Baum Dedaim trgt menschliche Kpfe als Frchte; Kieselsteine sehen
Gehirnschalen hnlich, Diamanten glnzen wie Augen. Er fhlt die
pantheistische Sehnsucht nach Verschmelzung mit der Allnatur, und
dieses ist sein letztes Geschrei:

Ich mchte fliegen, schwimmen, bellen, brllen, heulen. Ich mchte
Flgel, einen Schuppenpanzer, eine Schale, einen Schnabel haben,
meinen Krper winden, mich theilen, in Allem sein, wie ein Geruch
herausstrmen, wie eine Pflanze mich entfalten, wie ein Ton klingen,
wie ein Licht glnzen, mich unter allen Formen verbergen und jedes Atom
durchdringen!

Die Nacht ist zu Ende. Es war nur ein neues Alpdrcken. Die Sonne
steigt und in ihrer Scheibe strahlt ihm Christi Gesicht. -- Dann die
letzte discrete Ironie des Dichters: Antonius macht das Zeichen des
Kreuzes und fngt sein durch die Visionen unterbrochenes Gebet wieder
an.

In diesem Gedicht hat man Flaubert ganz mit seinem schweren Blut,
seiner dsteren Phantasie, seiner schroff sich aufdrngenden
Gelehrsamkeit, und seinem Bedrfniss, alte und neue Illusionen, alten
und neuen Glauben und Aberglauben zu nivelliren. Die fast brutale
Gewaltsamkeit seines Naturells offenbart sich, wo er den Gott Crepitus
vor den Gott Jehovah einschiebt. Dass er die Legende von dem heiligen
Antonius whlte, um sein Herz zu erleichtern und der Menschheit
bittere Wahrheiten zu sagen, beruht darauf, dass er in diesem Stoff
das Alterthum und das Morgenland, das er liebte, vorfand. Er konnte
hier die grossen Stdte und die Landschaften Aegyptens als Hintergrund
benutzen, leuchtende Farben und riesige Formen verschwenden. Und hier
malte er nicht mehr die Ohnmacht und die Dummheit einer Gesellschaft,
sondern einer Welt; hier zeigte er -- ganz unpersnlich -- der
Menschheit, wie sie zu jeder Stunde ihres Lebens bis ber die Knchel
in Schmutz und Blut gewatet sei, und wies auf die Wissenschaft -- die
wie der Teufel gefrchtet wird -- als auf die einzige Rettung hin.

Die Idee war eben so gross wie neu; aber leider steht die Ausfhrung
keineswegs auf der Hhe des Plans. Das Buch wird von dem dazu
verwendeten Material zu Boden gedrckt. Es ist kein poetisches Werk,
halbwegs eine Theogonie, halbwegs ein Stck Kirchengeschichte, und all'
dies ist in der Form einer Psychologie des Wahnwitzes gegeben. Es
findet sich darin ein Aufzhlen von Einzelheiten, das wie das Besteigen
einer fast senkrechten Bergwand ermdet; gewisse Partien sind nur dem
Gelehrten vollkommen verstndlich und fr das einfachere Publikum fast
unleserlich. Der grosse Schriftsteller war allmlig in der abstracten
Gelehrsamkeit und in dem abstracten Stil aufgegangen. Es war ein
trauriger Anblick, hat Emile Zola treffend gesagt, dies so mchtige
Talent wie die Gestalten der antiken Mythologie sich versteinern zu
sehen. Langsam, von den Fssen bis zum Grtel, von dem Grtel bis zum
Kopf wurde Flaubert ein Marmor-Standbild.


                                 VII.

Ich habe es aufgeschoben, von einer der letzten Visionen des heiligen
Antonius zu sprechen, weil sie mir die merkwrdigste von allen scheint
und ganz sicher die selbsteigene Vision des Dichters war. Nachdem alle
Gtter verschwunden sind und die Reise durch den Himmelsraum ihr Ende
erreicht hat, sieht Antonius auf dem andern Nilufer die Sphinx, die
ihre Klauen ausstreckt und sich auf den Bauch legt. Aber springend,
fliegend, bellend, durch die Nase Feuer blasend und die Flgel mit dem
Drachenschwanz schlagend, umkreist sie die Chimre. Was ist die Sphinx?
Was anders als das dunkle Rthsel, das an die Erde genagelt ist, die
ewige Frage, die grbelnde Wissenschaft! Was ist die Chimre? Was
anders als die geflgelte Einbildungskraft, die den Raum durcheilt und
die Sterne mit ihren Flgelspitzen berhrt!

Die Sphinx (franzsisch mnnlichen Geschlechts) sagt: Stehe still,
Chimre! Laufe nicht so schnell, fliege nicht so hoch, belle nicht so
stark. Hre auf, mir Deine Flamme in's Gesicht zu blasen, Du schmelzest
doch nicht meinen Granit.

Die Chimre antwortet: Ich stehe nie still, Du kannst mich nicht
ergreifen, Du frchterliche Sphinx. -- Die Chimre galoppirt durch die
Corridore des Labyrinthes, fliegt ber das Meer, beisst sich fest in
die segelnden Wolken.

Die Sphinx liegt unbeweglich und zeichnet mit ihrer Klaue Alphabete in
den Sand, denkt und rechnet nach, stiert, whrend das Meer fluthet, das
Getreide wogt, Karawanen vorbeiziehen und Stdte zusammenstrzen, mit
ihrem festen Blick in den Horizont hinaus.

Dann ruft sie: O Phantasie! Erhebe mich auf Deinen Flgeln aus meiner
tdtlichen Langeweile heraus!

Und die Chimre antwortet: Du Unbekannter! ich bin in Deine Augen
verliebt; wie eine brnstige Hyne kreise ich um Dich, o umarme mich,
befruchte mich!

Die Sphinx erhebt sich. Aber die Chimre entflieht, aus Schrecken,
unter dem Steingewicht zerschmettert zu werden. -- Unmglich! seufzt
die Sphinx und versinkt in den tiefen Sand.

Ich sehe in dieser Scene das letzte Bekenntniss Flaubert's, seine
erstickte Klage ber das Gebrechen seines ganzen Lebenswerkes und
dieses Hauptwerkes im besonderen. Die Sphinx und die Chimre, die
Wissenschaft und die Poesie, begehrten sich bei ihm, suchten sich immer
wieder, umkreisten mit flammender Sehnsucht und Brunst einander; aber
die rechte Befruchtung der Poesie durch die Wissenschaft gelang ihm nie.

Nicht dass sein Grundgedanke ungesund oder unrichtig war. Im
Gegentheil. Die Zukunft der Poesie ist da, das glaub' ich gewiss; denn
da ist ihre Vorzeit. Die grssten Dichter, ein Aeschylos, ein Dante,
ein Shakespeare, ein Goethe haben alles Wesentliche gewusst, was man
zu ihrer Zeit wusste und haben ihr Wissen in ihre Poesie niedergelegt.
Zwar haben Gelehrsamkeit und wissenschaftliche Bildung an und fr
sich keinen poetischen Werth. Sie knnen nie und nimmer dichterisches
Gefhl und knstlerische Gestaltungskraft _ersetzen_. Wo die poetische
Begabung aber vorhanden ist, da wird der Blick durch Einsicht in die
Gesetze der Natur und der menschlichen Seele geschrft und durch das
Studium der Geschichte erweitert. Nur ist es ohne Zweifel in unserem
Jahrhundert, wo die moderne Wissenschaft in allen Richtungen neu
geschaffen worden, schwieriger als je, ohne berwltigt zu werden, den
Wissensstoff zu umspannen, und Flaubert besass nicht die ursprngliche
Harmonie des Geistes, die das schwere leicht macht und die tiefen
Gegenstze der Ideenwelt vershnt.

La tentation de Saint-Antoine wurde in Paris mit einem Boulevardwitz
abgefertigt. Nur wenige hatten Geduld um sich in das Buch zu vertiefen,
und das grosse Publikum war bald mit seinem Urtheil fertig: das Buch
war tdtlich langweilig. Wie konnte der Verfasser meinen, dass solches
die Pariser amsire! Nein, Madame Bovary, das war etwas anderes! Warum
wiederholte er sich nicht (wie alle schlechten Schriftsteller), warum
schrieb er nicht zehn neue Madame Bovary?

Er zog sich nach Croisset zurck, sperrte sich, tief verletzt, wie
er war, Monate lang ein und fing allmlig wieder an zu arbeiten. Er
wurde alt. Er verlor durch den Tod seine lteren Freunde, George
Sand, Thophile Gautier, seinen Bruder, seine Jugendfreunde und
Gesinnungsgenossen, Louis Bouilhet, Feydeau, Jules de Goncourt u.s.w.
Er wurde einsam. Er wurde krnklich, konnte zuletzt nicht das Gehen
vertragen, ja nicht einmal vertragen, Andere gehen zu sehen. Er wurde
arm. Er verlor sein Vermgen, das er aus Gte seiner einzigen Nichte
anvertraut hatte und das ihr Mann auf's Spiel setzte, und er wurde in
den spteren Jahren seines Lebens von Nahrungssorgen geqult. Er kam
zuletzt selten mehr nach Paris; ja er ging nicht mehr in seinen Garten
hinaus, ging nur hin und her zwischen seinem Schlafzimmer und seinem
Arbeitszimmer und hinunter um seine einsamen Mahlzeiten einzunehmen.

Er starb im Jahre 1880 und wurde in Rouen begraben. Das Gefolge war
klein, nur wenige Freunde aus Paris gaben das Geleite. Aus Rouen folgte
fast Niemand, denn er war der Mehrzahl der Einwohner vllig unbekannt,
und als unmoralischer und irreligiser Schriftsteller der Minderzahl,
die ihn kannte, verhasst.




                    EDMOND UND JULES DE GONCOURT.

                               (1882.)


                                  I.

Eines Tages im Juni 1870 bewegte sich in Paris ein nicht sehr grosses
Trauergefolge zu Fuss von einem Hause in Auteuil zum Kirchhof
Montmartre. Man las echte Trauer in den Gesichtern der Mnner, die den
kleinen Zug bildeten, der aus Knstlern, Schriftstellern, Philosophen
und einigen Verwandten bestand. Doch unter den Leidtragenden war
Einer, der unmittelbar hinter dem Sarge ging, und fr den der Gang vom
Trauerhause bis zum Grabe wie der Gang des Verurtheilten vom Gefngniss
zum Schaffot zu sein schien, Einer, dessen edles Gesicht in seinem
Schmerz wie versteinert war, dessen Augen, von Thrnen geblendet,
nichts sahen, dessen hohe Gestalt, obwohl von dem Arm eines Freundes
untersttzt, jeden Augenblick schwankte, als htte er sich mit den
Fssen in dem Zipfel des Leichentuchs verwickelt.

In dem Sarge lag der 39jhrige Jules de Goncourt, Radierer,
Aquarellmaler, Geschichtsschreiber und Romandichter. Edmont de Goncourt
war durch den Tod seines einzigen Bruders, der ihm viel mehr gewesen
war, als der eine Bruder sonst dem andern zu sein pflegt, um zehn Jahr
lter geworden.

Er hatte am Tage zuvor an dem Todtenbett gestanden. Die Stirn des
Verstorbenen hatte sich gefaltet; seine Augen hatten sich wieder
geffnet, sein glserner Blick schien eine erschreckende Sehnsucht, ein
unsgliches Erstaunen, eine qualvolle Entrstung auszudrcken ber das
Schicksal, das mit all' seinen Hoffnungen auf endliche Anerkennung und
spten Ruhm auch die Bande einer brderlichen Freundschaft zerschnitt,
die ihresgleichen selten gehabt hat. Whrend der Tod sonst gewhnlich
die Gesichter, die er berhrt, mit einer Maske vershnter Ruhe deckt,
hatte er von den so feinen und regelmssigen Zgen Jules de Goncourt's
nicht einen bitteren Ausdruck auslschen knnen. Der Todte auf seinem
Lager schien ber den Lebendigen zu trauern, der verlassen zurckblieb.

Und das ganze Leben der beiden Brder glitt an dem inneren Auge Edmonds
vorber, whrend er ber die Leiche gebeugt dastand: die Gestalt des
tapferen Vaters, eines der jngsten hheren Officiere der grossen
Armee; an dem Kopfe hatte er die Narben von sieben Sbelhieben, die
er in Italien erhalten hatte, seine rechte Schulter war am Tage nach
der Schlacht bei der Moskowa von einer Kugel zerquetscht worden; sie
hatten ihn schon als Kinder verloren -- vorber zog die Gestalt der
Mutter, deren Zge Jules geerbt hatte, die nach dem Tode des Vaters
sich vllig von der Welt zurckgezogen hatte um nur ihren Kindern zu
leben, die jeden Abend Jules in all' seinen Lectionen berhrte, ihn
mit Leidenschaft erzog und verzog -- und Edmond sah Jules als kleinen
Jungen von zehn Jahren, fr einen Maskenball geputzt, in dem Frack
eines franzsischen Leibgardisten, den Dreimaster auf dem Ohr, die
Hand am Degenknopf, das Auge durch den Puder noch lebhafter als sonst,
lieblich und rund wie ein Amor von Fragonard.

Da lag er jetzt ausgestreckt als Leiche.

So hatte im Jahre 1848 die Mutter gelegen. Und seit der Zeit hatte er
und Jules eine Brderschaft geschlossen dergestalt, dass sie in der
Regel alle Stunden ihrer Tage gemeinsam verbracht, alle ihre Gedanken
sich mitgetheilt, alle Arbeiten gemeinsam ausgefhrt, alle Mahlzeiten
zusammen gegessen, alle Reisen gemeinsam gemacht, und sich in 22 Jahren
nur ein Mal auf 48 Stunden getrennt hatten, als der eine von ihnen
eine Reise nach Rouen unternehmen musste, um einige Briefschaften
abzuschreiben. Sie hatten in der Zeit kein Buch, keinen Freundes- oder
Geschftsbrief geschrieben, der nicht von ihnen beiden unterzeichnet
war.

Edmond hatte den um 8 Jahre jngeren Bruder in die litterarische
Arbeit eingeweiht. Er war zuerst sein Lehrer gewesen, aber bald
wich das Verhltniss zwischen Lehrer und Schler dem ebenbrtigsten
Zusammenarbeiten. Sie hatten von Anfang an ein kleines Vermgen gehabt,
zwlf bis fnfzehn Tausend Francs jhrlich fr Beide, was ihnen die
Unabhngigkeit sicherte und das Recht, keine Arbeit, die ihnen nicht
zusagte, zu bernehmen.

Und Edmond sah sie, wie sie ein Jahr nach dem Tode der Mutter, den
Rnzel auf dem Rcken, Frankreich zu Fuss durchzogen, die Gegenwart
studirten, sich der Vorzeit erinnerten, mit der Feder alte Schlsser
und Kirchenthren zeichneten, Einflle und Empfindungen notirten;
Jules, damals noch so schlank, so fein, so bartlos, dass die
Dienstmdchen in den Wirthshusern ihn fr eine hbsche junge Frau
hielten, die sich entfhren liess; bis zu seinem Tode hatte er ja auch
seinen Frauenmund behalten. Edmond erinnerte sich, wie sie sich von
Marseille nach Algier einschifften, dort im arabischen Viertel der
Stadt herrliche Wochen verlebten, von der Schnheit jenes Himmels
berauscht die hellen Nchte in einer Barke verbrachten und sich in
dem Grade in das Sonnenland verliebten, dass sie bei der Abreise sich
einredeten, sie zgen heim, nur um ihre Sachen zu ordnen, und dann fr
bestndig nach Afrika zurckzukehren.

Er dachte an den grossen Tisch in der dunklen Mezzanin-Etage in der Rue
Saint-Georges, an dessen zwei Enden Jules und er sassen und Aquarelle
malten, als sie pltzlich eines Herbstabends 1850 darauf verfielen,
mit den Tuschpinseln ein Vaudeville zu schreiben, ihren ersten
litterarischen Versuch, der wie fast all' ihre folgenden Lustspiele und
Schauspiele von zahlreichen Theaterdirectionen verworfen wurde.

Er sah sich um in dem Schlafzimmer des Todten. Dort der Schaukelstuhl,
in dem er sich rauchend auszuruhen liebte, wenn er einen Abschnitt
geschrieben hatte, dort der weisse Tisch, an dem er zum letzten Mal dem
Bruder eine Seite aus seinem Lieblingsbuch Chateaubriand's Memoires
d'Outre-Tombe vorlas, als er mit Eins stammelte, das Wort wiederholen
wollte, ohne es sagen zu knnen, nochmals mit Zorn es versuchte,
erbleichend aufstand und schwankte.

Edmond dachte zurck an die schnen Jugendtage, wo sie auf der Jagd
nach Zeichnungen und Autographen aus dem achtzehnten Jahrhundert Paris
kreuz und quer durchstreiften, Jules, der jugendlichere und eifrigere,
immer einen Schritt voraus, obwohl nur Edmond mit Leidenschaft
Sammler war; er sah, wie sie, nach Hause gekommen, wie botanisirende
Naturforscher ihre Schtze auskramten, ihre Concurrenten an den
Auctionstischen verwnschten, sich des Erworbenen freuten, einander die
Beobachtungen, Einflle, Vergleiche mittheilten, welche die beste Beute
des Tages ausmachten.

Welch' gute Tage in jener niedrigen Wohnung! Whrend er selbst ber die
Arbeit gebeugt sass, lag Jules auf der von Floretstssen durchbohrten
Bettdecke, rauchend, trumend, Brochren durchbltternd, von Ideen
sprudelnd. Wenn die Ratten unten in dem halbdunklen Brunnen, den man
den Hof nannte, allzu laut wurden, ergriff man aus der Trophe an der
Wand eine Salonpistole und feuerte hinunter in den Schwarm.

Und die Mittage bei dem Restaurant Magny, die berhmten Mittage, wo
Sainte-Beuve prsidirte, Thophile Gautier mit heiserer Stimme seine
farbenreichen Tiraden gegen die Brgeois schleuderte, wo Renan
den Stil des siebzehnten Jahrhunderts gegen die sprachlichen Neuerer
vertheidigte, Taine Alfred de Musset gegen die Jnger Victor Hugo's in
Schutz nahm, jene glcklichen Stunden, wo in der feinen Erregung der
leichten Speisen, der duftenden Frchte, des echten alten Weins Jules
all' seinen so ganz parisischen Geist an den Tag legte, und Edmond an
dem Bruder seine Freude hatte, wie ein Vater an seinem Kind -- diese
Mittage, von denen Jules nie zurckkehrte, ohne die Nachwallungen
seines Blutes, das in den Schlfen pochte, mit dem Schreiben einiger
Seiten zu beruhigen.


                                 II.

Wenn Edmond de Goncourt auf das gemeinsame Leben der beiden Brder
zurckschaute, konnte wohl ein Gefhl des berechtigten Stolzes sein
Herz schwellen machen. Sie hatten ihre ineinander verflochtene
Namensziffer in den Spiegel der Zeit wie mit Diamant eingeritzt. Die
Erzeugnisse ihrer hartnckigen und genialen Arbeit haben schon jetzt
tief auf die Gemther Mitstrebender gewirkt, und werden noch lange von
den Historikern zu Rathe gezogen und von dem unterhaltungsuchenden
Publikum gelesen werden.[26]

Die Brder Goncourt sind zwei Schriftsteller ersten Ranges,
oder richtiger ein einziger Doppelschriftsteller, der zugleich
Geschichtschreiber und Romandichter ist. Nicht dass sie die Geschichte
romanhaft behandelt haben -- es gibt kaum Forscher, deren Genauigkeit
erstaunlicher und minutiser ist; auch nicht, dass sie sogenannte
historische Romane geschrieben haben -- nicht eine einzige ihrer
erdichteten Erzhlungen geht in dem von ihnen studirten achtzehnten
Jahrhundert vor, sie sind alle rein modern und ohne jegliches
romanhafte Geprge, vielleicht die am wenigsten romanartigen Romane,
die berhaupt geschrieben sind.

Im gewhnlichen Sinne des Wortes sind ihre Dichtungen berhaupt
nicht Romane. Die Verfasser haben den Namen nur behalten, weil uns
ein moderner Name fr die Sache fehlt. In Wirklichkeit haben Romane
wie die ihrigen mit jenen alten franzsischen Romanen, in welchen
die Erfindung, die freie Phantasie des Dichters die Hauptsache war
-- Monte Christo oder Die drei Musketiere sind die schlagendsten
Beispiele -- nichts als den Namen gemein. Sie sind in ihrer Art auch
von den Romanen Balzac's verschieden, insofern dieser sonst so moderne
Erzhler das romanhafte Element nur sehr selten zu entbehren vermochte.
Die Brder Goncourt wollten von Anfang an nur Studien nach der Natur
geben, mit so grosser und ernster Vertiefung und so wenig Erfindung
oder freier Phantasie wie mglich das moderne Leben darstellen, wie
sie es um sich sahen. In Deutschland wrde man Bcher wie die ihrigen
kaum Romane nennen. Der moderne deutsche Roman in der Gestalt, die er
bei den gelesensten Dichtern angenommen hat, setzt in seinem Idealismus
seine Ehre darin, ein gelutertes Bild der Natur und der Gesellschaft,
ausserdem ein grosses Zeitbild, womglich Weltbild zu geben; die
Wahl seiner Stoffe ist auf das Grosse, Bedeutende, Pathetische,
Schne gerichtet, er liefert eine Psychologie der Einzelnen und der
Gesellschaft mit nur leise angedeuteter physiologischer Grundlage; es
ist ihm hauptschlich um die Gesammtwirkung zu thun, und er breitet
sich desshalb leicht zu sehr aus um den Einzelheiten die Sorgfalt
widmen zu knnen, auf welche man jenseits des Rheins so viel Werth
legt. Die Romane der Brder Goncourt haben keinen weiten Horizont,
umspannen kein weites Feld und stellen dem Leser gewhnlich nur wenig
Personen vor. Ihre Stoffe sind ohne Ausnahme dem Privatleben entnommen;
keine grossen Charaktere, kein historisches Pathos, kein spannendes
oder dramatisches Element. Ihre Psychologie ist Psychophysik. Sie haben
sich nicht gescheut, bisweilen dem Hsslichen, dem niedrigen Laster
einen Platz einzurumen, den ein Deutscher ihm in einem Kunstwerk kaum
gestatten wrde; sie haben aber immer die schneidende Disharmonie
in tragische Wehmuth aufzulsen gestrebt. Ihre Werke sind moderne
Tragdien in erzhlender Form und sie haben mit Erfolg versucht die
Grenzen des darstellbar Tragischen zu erweitern, freilich wenn man den
Begriff weniger eng und doctrinr auffasst, als es in den Handbchern
der Aesthetik geschieht.

Die Brder Goncourt fingen als Geschichtsforscher an, studirten und
schrieben die Geschichte nach einer neuen, ihrer eigenen Methode. Sie
bemchtigten sich nach und nach vollstndig eines ganzen Jahrhunderts,
des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich. Sie drangen in dieses
Zeitalter durch die Kunst ein, die lange so gering geschtzte und
geschmhte Kunst der Watteau, Boucher, Chardin, Greuze u.s.w. Sie
studirten diese Maler und Zeichner so genau, dass ihre Kennerschaft
als die entscheidende angerufen wurde, wenn man ber die Echtheit
eines Aquarells, oder gewisser Theile eines Aquarells nicht einig
werden konnte. Sie kauften die Bilder dieser Knstler zu einer Zeit,
wo noch Niemand sie suchte und ihren Werth verstand, und legten die
vollstndigste Sammlung franzsischer Zeichnungen aus dem achtzehnten
Jahrhundert an, die berhaupt existirt. Sie priesen diese Knstler,
whrend die Vorurtheile gegen sie in Frankreich selbst noch so mchtig
waren, dass die Bibliographen der grossen Kunstrevuen sich weigerten,
nur die Namen ihrer Bcher ber dieselben anzufhren. Ich sehe in
ihrer Begeisterung fr jene anmuthige und gefallschtige, von David
und seinen Schlern verdrngte Kunst eine Aeusserung der grossen
historischen Reaction zu Gunsten des achtzehnten Jahrhunderts, die
um die Mitte des jetzigen in fast allen Lndern beginnt. Was bei
den etwas lteren franzsischen Dichtern und Schriftstellern das
vorige Jahrhundert besonders in Misscredit gebracht hatte, war die
rationalistische Farblosigkeit seiner Poesie und das Verneinende seiner
Ideen. Die Brder Goncourt fassten das vergangene Zeitalter nicht von
der ideellen, sondern von der bildlichen Seite auf, und sie fanden die
Poesie desselben in seiner Kunst. Khn und richtig schrieben sie: Der
grosse Dichter des achtzehnten Jahrhunderts heisst Watteau.

Doch das Studium der Kunst war ihnen nur ein Anfang ihres Forschens.
Ihre Geduld und ihre Arbeitskraft reichten hin, um sie alle sinnlichen
Zeichen, Spuren, Reste des Zeitalters ausfragen zu lassen. Sie lasen
alle Zeugnisse der Zeitgenossen, Historien, Memoiren, Dramen, Romane,
komische Poesien. Sie durchbltterten Brochren, fliegende Bltter,
Schmhgedichte, Pamphlete, Zeitungen. Sie gingen vom Gedruckten zum
Ungedruckten, sie wurden Autographensammler, um in dem nicht fr die
Nachwelt, berhaupt nur fr den Adressaten bestimmten Brief, in der
fr kein fremdes Auge berhaupt bestimmten Tagebuchaufzeichnung die
freimthige Offenheit und das geheime, innerste Leben zu finden, das
sich gewhnlich dem Blick des Geschichtsschreibers entzieht. Sie
folgten hierin unbewusst dem philologischen, antiphilosophischen Hang
der zeitgenssischen, historischen Forschung. Doch Bilder, Bcher und
Briefe gengten ihnen nicht. Sie studirten auch noch die Bronzen, die
Statuen, die Mbel, die wechselnden Moden, ja selbst die wollenen und
seidenen Stoffe, die Stickereien und den Putz der Zeit, um anstatt der
Legende oder des Heldengedichts die Sittengeschichte des Zeitalters
liefern zu knnen. Aus dieser Masse von Zeugnissen, aus dreissigtausend
Brochren, zweitausend Zeitungen, hunderten von auserwhlten
Zeichnungen aller Meister und Schulen, in der Regel den besten, ihnen
selbst angehrenden jedes Meisters haben sie ihre geschichtlichen Werke
destillirt. Sie haben, weil sie nur Neues, bisher Unbekanntes, nicht
Herausgegebenes bringen wollten, sich von allem schon Gesagten fern
gehalten, sind aber nicht im gleichen Grade der Gefahr entgangen, ein
allzugrosses, unbersehbares Detail mitzunehmen. Ihr Werk ber die
Frau im achtzehnten Jahrhundert, ihre Sittengeschichten der Revolution
und des Directoriums sind Fundgruben, Schatzkammern. Es schillert
und glitzert in diesen Bchern von Millionen pikanter und hufig
lehrreicher Einzelheiten; diese Einzelheiten stehen aber einander zu
nahe, alle, wichtige und unwichtige in Einem Plan; und das Buch wirkt
wie ein Bild, wo keine Luft die Gegenstnde von einander trennt. Es
fehlt an Ueber- und Unterordnung, an Ruhe, Grsse und weitem Horizont.
Es fehlt vor allem an Philosophie; die einzelnen Thatsachen stehen
nicht selten roh, unbearbeitet, ideenlos da.

Sie haben jedoch die Geschichte als Poeten studirt und in einem
feinfhligen, erregten, anschaulichen, wie Atlas changirenden Stil
geschrieben. Und da von dem modernen Poet das Wort Paul Heyse's gilt:

    Ein Trumer bleibt er stets und hngt am Weibe,

so waren sie mehr als Andere geneigt, sich die Sittengeschichte als
die Geschichte des weiblichen Einflusses vorzustellen, haben sich von
der Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts angezogen gefhlt, weil
der Einfluss der Frauen damals am grssten war, und haben dieselbe
hauptschlich als Geschichte der herrschenden Frauen aufgefasst. Sie
haben das Jahrhundert erzhlt, indem sie in einer langen Reihe von
Bnden die Lebensgeschichte der Herzogin von Chateauroux und ihrer
Schwestern -- jener fnf Schwestern, die nach einander die Geliebten
Ludwig's XV. wurden -- ferner das Leben der Marquise von Pompadour,
der Herzogin du Barry und endlich die Geschichte Marie Antoinette's
geschrieben. Jede dieser unendlich verschiedenen Frauengestalten, dem
Adel, dem Brgerstand, dem Volk und dem Frstenstande angehrend,
tritt mit ihrer ganzen weiblichen Eigenart, ihrem Temperament, ihren
Bewegungen, dem Klang ihrer Stimme und der Farbe ihrer Worte in
diesen Werken hervor; man empfindet scharf, welche geistige Atmosphre
sie um sich verbreitet hat, welchen Einfluss und welche Art von
Zauber sie ausben musste. Das unbedingt interessanteste Buch unter
diesen Biographien ist das ber die Herzogin von Chateauroux und
ihre Schwestern, theils vielleicht, weil es durch eine grndliche
Umarbeitung an Plastik gewonnen hat, theils weil der Stoff an sich,
der Kampf, den die eine Schwester mit der andern um den Platz an der
Seite des Knigs fhrt, der Tod von Madame de Vintimille, nachdem
sie Madame de Mailly besiegt hat, der neue Sieg, den die Marquise
de la Tournelle ber die frhere Favoritin gewinnt, der Versuch der
Herzogin von Chateauroux, aus dem Knig einen Helden zu machen, ihr
Triumph, ihre schmhliche Vertreibung vom Hofe whrend der Krankheit
Ludwig's, ihre Wiedereinsetzung in die knigliche Gunst und ihr gleich
darauffolgender schneller aber qualvoller Tod, Umstnde sind, die dem
Werk ein ungesuchtes dramatisches Leben geben, welches das Interesse
erhht, mit dem man der psychologischen Entwickelung folgt.


                                 III.

Die Brder brachten zu ihren Romanen dieselbe Sorge fr gewissenhafte
Wiedergabe des Wirklichen mit, dasselbe Bestreben, das unendlich
Kleine, das den Sinnesempfindungen zu Grunde liegt und auf welchem das
Leben der Darstellung beruht, nicht zu bersehen, endlich dieselbe
Vorliebe fr die Seelengeschichte des weiblichen Geschlechts. Ihre
Romane und Theaterstcke tragen mit nur Einer Ausnahme Frauennamen.

Ich habe schon gesagt, dass diese Bcher alle modern sind. Sie sind es
in eminentem Sinne durch das Bedrfniss unbarmherziger Analyse, das sie
trgt, durch die bis zum Aeussersten getriebene Empfindlichkeit fr
die Eindrcke der Aussenwelt, welche die Verfasser charakterisirt und
durch die Ueberverfeinerung ihrer Darstellungsgabe, welche derjenigen
ihrer Beobachtungsgabe entspricht. Diese Romane sind Erzeugnisse der
raffinirtesten Ueberkultur unserer Zeit; wo die Verfasser aber am
hchsten stehen und ihr Bestes geleistet haben, da haben sie jene
zweite und hchste Einfachheit erreicht, welche das Produkt der
verwickeltsten und verfeinertsten Bildung ist. Niemand hat in der
modernen Poesie so wie sie nach und nach seine Stoffe vereinfacht.

Sie haben wenig Romane geschrieben, im Ganzen sechs; sie waren zu
ernste und gewissenhafte Knstler, um, wie so manche ihrer Collegen,
jedes Jahr der Lesewelt einen fertigen Roman prsentiren zu knnen,
aber jedes Buch bezeichnet eine Entwickelungsstufe oder doch ein
neues poetisches Experiment. Der letzte und gewissermassen der
tiefsinnigste Roman, den sie gemeinsam schrieben, ist der einfachste
von allen. Es ist ein Roman, in welchem eigentlich nur Eine Person
vorkommt, ein Roman ohne Begebenheiten, ohne Verwickelung, ohne
Spannung, ohne Liebesgeschichte. Es ist Nichts als die peinlich genaue
Darstellung, wie eine franzsische Dame von der hchsten Bildung,
in dem Kreise der Doctrinrs unter Louis Philippe entwickelt, von
einem ausgezeichneten Vater erzogen, seit ihrer frhesten Jugend eine
berzeugte und selbstndige Freidenkerin, whrend eines Aufenthalts in
Rom durch nervse Einflsse Schritt fr Schritt dazu gebracht wird,
ihre Ueberzeugungen, ihre Denkart, ihr ganzes Wesen zu ndern, um
als fanatische Katholikin zu sterben. Wenn man Anfang und Endpunkt
des Buches betrachtet, scheint es Einem fast unmglich, dass die
Autoren diese rcklaufende Entwickelungsgeschichte einer bedeutenden
Frauenseele glaubwrdig machen knnen. Aber die tausend Schritte des
Weges sind alle angedeutet, jede Uebergangsstufe, jede Nuance wird
uns klar, das Frauenherz liegt mit allen seinen Fasern offen vor uns.
Beschreibungen Roms, des heidnischen alten, wie des katholischen und
des modernen, klren die Seelengeschichte, die sie unterbrechen, auf.
Ebenso einfach wie hier der Gegenstand, ebenso complicirt ist, ohne
dass der gewhnliche Leser es merkt, das Wissen und Knnen, die Methode
der Dichter. Es gibt wenig Psychologien, in denen so viel Psychologie
steckt wie in diesem wahren und feinen Buch. So einfach der Gegenstand
auch ist, so complicirt ist die Methode der Dichter. Es ist lehrreich,
eine Bekehrungsgeschichte wie die hier dargestellte mit wirklichen
Bekehrungsgeschichten zu vergleichen, wie sie in Deutschland whrend
der romantischen Periode stattfanden. Man vergleiche z. B. mit Madame
Gervaisais die Sammlung der Briefe Dorothea Veit's, die bekanntlich
in ihrer Jugend Rationalistin, in reiferen Jahren zum Katholicismus
bertrat. Man beobachtet in ihren Briefen beide Entwicklungsstufen,
aber man vermisst die Zwischenglieder, das eigentlich Interessante.
Die Brder Goncourt haben sich die Arbeit doppelt schwer gemacht,
weil die Bekehrung bei ihnen nicht kraft einer geschichtlichen, die
Persnlichkeit ergreifenden und ansteckenden Bewegung geschieht, und
somit das Moment gnzlich fehlt, das Dorothea Veit's Bekehrung erklrt.
Andererseits waren sie vermuthlich ausser Stande, eine solche seelische
Seuche zu schildern. Ihre psychologisch dichterische Einsicht gilt
ausschliesslich der einzelnen Seele.

Sollte ich mit Einem Worte die eigentlichste Originalitt ihrer Romane
bezeichnen, so wrde ich sagen: diese Bcher schildern, wie nie zuvor
die Poesie, _das Nervenleben_ des modernen Menschen, besonders der
modernen _Frau_ und des modernen _Knstlers_, d.h. das Nervenleben
der zwei am zartesten besaiteten Wesen, die es gibt. Und wenn man
hier Nervenleben sagt, so sagt man ungefhr Nervenkrankheit oder
doch Krnkeln der Nerven. Es ist nicht die Sache der Goncourt, die
ungebrochene Kraft, die vierschrtige Gesundheit darzustellen. Es wrde
aber ebenso pedantisch sein sie desshalb zu tadeln, wie ungereimt ihnen
desshalb ein Lob zu spenden. Es gilt nur ihre Specialitt zu bestimmen.
Und ihr Bereich ist nicht gering, ist es besonders heutzutage nicht,
wo auch ausserhalb der hheren Klassen das animalische Leben so stark
von dem nervsen zurckgedrngt ist. Sie haben das abnorme Nervenleben
ihrer Zeitgenossen verstanden und es ihnen mit einer brennenden
Wahrheitsliebe dichterisch vorgefhrt.

Um das zu thun, war ein Empfindungsvermgen, eine Sensitivitt
erforderlich, die in der Entwickelung der Litteratur vielleicht nie in
diesem Grade gesprt worden ist. Die Schilderung der Nervenzustnde
haben die Brder ja aus sich selbst hervorgezogen, sie haben sich
selbst studiren und untersuchen, haben in ihrem eigenen Nervenleben
whlen mssen, um dieses Gehr und dieses Feingefhl fr die Zustnde
Anderer zu erlangen.

Dass sie diese Hhe erreichten, das beruht aber, glaub' ich, am
tiefsten darauf, dass sie zwei waren, ich meine auf der nie dagewesenen
Art ihres Zusammenarbeitens. Sie waren geistig Zwillinge, die mit
zwei Gehirnen dachten, mit zwei Herzen fhlten. Man hat ja frher
oft genug die sogenannte Mitarbeiterschaft in der schnen Litteratur
gesehen. Gute Freunde, schlaue Kpfe haben sich besonders in Frankreich
hufig zusammen gethan, um irgend ein Kunstwerk oder Kunststck, einen
Dumas'schen Roman oder ein Scribe'sches Lustspiel zu Stande zu bringen.
Sie haben das Zusammenarbeiten durch ein heiteres Frhstck eingeweiht,
die Idee zwischen Kse und Birne besprochen, dann jeder sein Capitel
oder seinen Act geschrieben, haben sich verstndigt und haben sich
wieder getrennt, um spter jeder fr sich dem Publikum zu verstehen zu
geben, dass nicht der Andere, der Alexander sondern er, der mile, als
der eigentliche Urheber des Erfolgs zu betrachten sei.

Nicht nur, dass keiner der Brder jemals den schwchsten Versuch
gemacht hat, den Hauptantheil an der gemeinsamen Produktion an sich
zu reissen oder die Firma irgendwie aufzulsen, sondern die Form
ihrer gegenseitigen Mitarbeiterschaft lsst sich mit keiner anderen
vergleichen. Sie schlossen sich, wenn sie schreiben wollten, auf drei
bis vier Tage ein, ohne auszugehen, ohne eine lebendige Seele zu sehen.
Nur in einer klsterlichen Stille und Einsamkeit konnten sie Gestalten
formen, dem Erdichteten das Wirklichkeitsgeprge aufdrcken.

Wie sie es eigentlich machten, um gemeinsam zu componiren und zu
schreiben, ist mir jedoch lange ein Rthsel gewesen. Edmond de Goncourt
hat mir's in einem Briefe gelst:

Sobald wir, schreibt er, ber den Plan einverstanden waren,
plauderten wir rauchend eine Stunde oder zwei ber den Abschnitt oder
richtiger den Absatz, der jetzt zu schreiben sei, und wir schrieben ihn
jeder fr sich in zwei getrennten Zimmern; dann lasen wir uns das Stck
vor, das jeder von uns gemacht hatte, und entweder whlten wir ohne
irgend eine Errterung das beste oder wir bildeten eine Zusammensetzung
von dem, was in den zwei geschriebenen Compositionen am wenigsten
unvollkommen war. Aber selbst wenn der eine der beiden Versuche
vllig geopfert wurde, war doch immer in der definitiven Vollendung
und Politur des Absatzes ein wenig von der Arbeit _beider_ Brder, ob
auch nur durch die Hinzufgung eines Adjectivs, die Wiederholung einer
Wendung oder dergleichen.

Dies Verfahren scheint mir die Eigenthmlichkeiten, die grossen,
glnzenden Vorzge und die aufflligen Mngel ihrer Darstellungsweise
bis zu einem gewissen Punkt zu erklren. Es ist einleuchtend, dass, wer
mit solcher Offenheit einem andern Ich sein intimstes Phantasieleben,
seine Visionen und halbausgetragenen Ideen unterbreitet, wer mit
solcher Gewissenhaftigkeit das Geschriebene prft, in seinem Stil keine
todten Stellen haben kann; es ist klar, wesshalb alle Gemeinpltze,
jeder herkmmliche oder gewohnheitsmssige Ausdruck aus diesem Stil
verbannt wurde. Was dem Auge des Einzelnen entging, was vor der Kritik
des Einen noch bestand, das wurde von der prfenden Hand des Andern,
der eben im Nachbarzimmer dieselbe Aufgabe in seiner Weise gelst
hatte, sogleich entfernt.

So kommt das Ausgesuchte, Exquisite zu Stande; so aber auch das
Ueberlastete, der gespickte Stil. Bisweilen meint man die Doppelarbeit
in flagranti ergreifen zu knnen, wie in jenen bisweilen ber zwei
Seiten sich erstreckenden Appositionen, durch welche irgend ein Begriff
erklrt oder eine Persnlichkeit geschildert wird. Die Periodenform,
der Satzbau ist aufgelst; brig bleibt eine Kette von geistvollen,
witzigen, originellen oder doch berraschenden Definitionen, in welche
so viele Glieder wie man wnschte, eingeschoben werden konnten.[27]

Und doch wrde ich eine ganz unrichtige Vorstellung von ihrer
Schreibweise geben, wenn ich den Eindruck erweckte, dass sie in der
Regel zu viel des Guten liefern. Im Gegentheil, da sie das Seltene,
das Neue lieben, haben sie eine Angst davor, Alles zu sagen, worin
ja nach Voltaire's bekannter Definition die ganze Kunst zu langweilen
besteht; sie geben desshalb in ihren Romanen dem Verstand des Lesers
viele Aufgaben zu lsen und seiner Einbildungskraft viel freien
Spielraum, skizziren nur flchtig die eigentliche Handlung oder
Verwickelung in ihren Romanen, lassen zwischen den Capiteln grosse
Lcken, wahre Abgrnde bestehen, ber welche der gewhnliche Leser oft
nicht den Muth hat hinberzusetzen oder in welchen er sich den Hals
bricht, und verschmhen sogar im Anfang oder in der Mitte des Buches
irgend eine vorbereitende Andeutung des Umstandes zu liefern, der
die Katastrophe herbeifhren soll. In Charles Demailly beruht die
Entscheidung darauf, dass einige Briefe, die Demailly als Brutigam
an seine Frau geschrieben und in welchen er seine besten Freunde
in thrichter Laune verspottet hat, der Oeffentlichkeit bergeben
werden. Nichtsdestoweniger hat der Leser, der Charles schon als
Brutigam gekannt hat, nicht das Geringste von der Existenz dieser
Briefe im Voraus erfahren. Er hrt erst, dass sie geschrieben sind,
in dem Augenblick, wo sie benutzt werden sollen. In La Faustin
ist das entscheidende Moment, dass die Heldin, eine tragische
Schauspielerin ersten Ranges, unwillkrlich den Lachkrampf ihres mit
dem Tode ringenden Geliebten vor dem Spiegel nachzuahmen versucht. Der
Dichter hat augenscheinlich stillschweigend an die bekannte Thatsache
appellirt, dass bedeutende Schauspielerinnen (wie Sarah Bernhardt
und Croizette) fr gewisse Rollen in den Spitlern den Todeskampf
studirten; aber mit keiner Silbe ist uns erzhlt worden, dass die
Faustin jemals die Gewohnheit hatte dies zu thun. Es ist unmglich,
diese elementaren Regeln der Composition vornehmer, gleichgltiger
zu vernachlssigen. Die Goncourt schreiben nur fr den Leser, der
es versteht, dass fr sie dergleichen kein Gewicht hat, nicht fr
Denjenigen, der einer Vorbereitung bedarf und der sich fr die Handlung
als Begebenheit interessirt.

In ihrer Leidenschaft, sich genau so auszudrcken, wie sie fhlten,
kmmerten sie sich nicht um eine schne Rhetorik, scheuten nicht davor
zurck, dasselbe Wort fnf, sechs Mal auf einer Seite zu wiederholen
oder Worte von einander zu trennen, die man nie geschieden gesehen
hatte. Sie schreiben zum Beispiel: mit, in den Augen, einem wilden
Ausdruck, -- vermuthlich um sich dem mndlichen, persnlichen Stil so
viel wie mglich zu nhern[28].

In einem ihrer Bcher haben sie sehr bezeichnend die Verzweiflung
eines talentvollen Schriftstellers geschildert, dessen Frau --
eine Schauspielerin -- mit Selbstzufriedenheit lauter feststehende
Redensarten ableiert. Von einem schlechten Vaudeville sagt sie: Sinnig
und empfunden, von einem Gemlde: Sehr stilvoll; sie redet in den
Phrasen, die in den Feuilletons, den Bchern, den Theaterstcken
gebruchlich sind, und die Liebe des unglcklichen Ehemannes verwandelt
sich in Widerwillen.

Sie, welche das Eigenartige so brennend liebten, sie, welche nie
bezweifelt haben, dass die volle und ganze Schnheit eines Kunstwerks
nur den Knstlern zugnglich sei und die einmal die Frage: Was ist das
Schne? mit dem khnen Paradoxon beantwortet haben: Es ist das, was
dein Dienstmdchen und deine Geliebte instinctiv abscheulich finden,
mussten mehr als andere unter jener ewigen Quintenmusik der trivialen
Menschen leiden.

Sie hatten sich nicht selbst der Gefahr ausgesetzt, die jener
Schriftsteller lief. Keiner von ihnen hatte sich verheirathet und es
scheint gewissen Bekenntnissen zum Trotz (Thtre, Prface S. XI, ein
Tagebuchblatt, das in Charles Demailly S. 77 verwendet worden), als
htte keiner von ihnen jemals ernstlich an das Heirathen gedacht. Sie
betrachteten augenscheinlich die Ehe als dem Schriftsteller verboten,
meinten, dass er keinen Ehemann abgeben knne, da ein Mann, der sein
Leben damit verbringe, Schmetterlinge in einem Dintenfass zu fangen,
ausserhalb der gesellschaftlichen Regeln stehe. Sie sahen das Coelibat
als dem Gedanken nothwendig an. Und was fr die Andern die Kinder sind,
ein Stck von ihnen selbst, das ihren Namen bewahrt, ein kleines Stck
Unsterblichkeit, das man liebt und verzieht, das seien, meinten sie,
fr den Schriftsteller seine Bcher.

Sie haben nicht mit kaltem Blut die Originalitt gesucht und gefunden.
Man findet sie berhaupt nicht so, und findet sie nicht, wenn man
sie nicht hat. Ihnen war die Arbeit ein Mysterium, so tief wie das
Mysterium des Schlafes, ein activer Zustand, in welchem sie nicht
Hunger, nicht Klte, nicht ihren eigenen Krper fhlten, in welchem
whrend der Ekstase des Gehirns die Zeitempfindung verschwand. Wie
aus einem Nebel, wie hinter einem zerreissenden Schleier traten
vor dem inneren Blick Formen und Gruppen hervor; sie sahen die
Linien, die Ideen wurden Fleisch, das Bild erhob sich. Sie ergriffen
diese Visionen, prften sie, wandten und drehten sie und warfen
sie bisweilen missmuthig in das leere Nichts zurck, wo sie wie
Seifenblasen platzten. Neue Bilder tauchten empor, entflohen, strubten
sich dagegen, sich festhalten zu lassen, wie junge Mdchen, die
sich weigern zu tanzen, bis sie, mit Gewalt erfasst, in das Werk
hineintraten und ein Theil von dessen Leben wurden[29].

Das Zurckdrngen der Persnlichkeit und des bewussten Willens,
der Traum mit offenen Augen, der Zustand der Entzckung und der
Weltentrcktheit, der alle knstlerische Produktion bezeichnet, macht
es dem wahren Knstler unmglich, in seinem Schaffen ein bestimmtes
Ziel zu verfolgen oder einer bestimmten, wenn auch von ihm selbst
ausgesprochenen Losung zu gehorchen. Ich gebrauchte den Ausdruck, dass
die Brder das abnorme Nervenleben ihrer Zeitgenossen mit einer
brennenden Wahrheitsliebe studirt und dargestellt haben. Ich bin auf
die Frage vorbereitet, ob sie denn nur das _Wahre_ gesucht haben, und
ob das Resultat ihres dichterischen Schaffens auch nur etwas Wahres,
nichts Schnes geworden ist.

Ich glaube, dass man, wenn von Kunst die Rede ist, eine Neigung hat,
diese zwei Worte in einen etwas falschen Gegensatz zu stellen. Der
Stoff als solcher, er sei gesund oder krankhaft, macht das Kunstwerk
weder schn noch unschn. Die Absicht eines Dichters, in erster
Linie das Schne zu suchen, ruft bei dem Kundigen durchaus nicht das
gnstige Vorurtheil hervor, dass er es auch finden werde, und selbst
die ausgesprochene Tendenz des Dichters, nur das Wahre darstellen zu
wollen, macht es durchaus nicht unwahrscheinlich, dass Schnheit das
Resultat seines Strebens wird.

In einem Briefe an den Minister Duruy schrieb 1865 Sainte-Beuve: _Das
Schne, Gute und Wahre_ ist ein schner Wahlspruch und besonders einer,
der sich gut ausnimmt. Es ist derjenige des Unterrichtswesens, es
ist derjenige Cousin's in seinem bekannten Buche [dem mittelmssigen
Werk Le Vrai, le Beau et le Bien]; es ist -- soll ich wagen, es zu
gestehen? -- der meinige nicht. Wenn ich einen Wahlspruch htte, so
sollte er sein _das Wahre, das Wahre_ ganz allein -- mgen das Schne
und Gute sich dann daraus ziehen, wie sie knnen!

Die Frage ber die Stellung der Kunst zu den drei Ideen ist zu
verwickelt und vielseitig, um im Vorbergehen in einer Definition
beantwortet werden zu knnen. Von der Seite der principiellen
Idealisten wird in der Regel gegen die Lehre, dass das Wahre an und fr
sich schn sei, die Einwendung so formulirt, dass der Satz _Zwei mal
zwei sind vier_ dann eine bezaubernde Poesie enthalten msse. Epigramme
von Paul Heyse und Arthur Fitger gehen darauf aus. Die naheliegende
Antwort ist, dass in der Poesie nur die wahre Wiedergabe des _Lebens_
und nur die _individuelle_ Wahrheit schn sein knnen, was die
Schnheit eines algebraischen Identittssatzes vllig ausschliesst.
Das Ideal ist nichts als die Umbildung, der die Wirklichkeit dadurch
unterworfen wird, dass sie durch die feinen Sinne eines Knstlers geht.

Es versteht sich jedoch, dass eine ernste und grndliche Behandlung
des Problems sehr weit fhren wrde. In diesem Zusammenhang gengt es
darauf aufmerksam zu machen, in wie hohem Grad der Knstlergeist immer
das Wahre modificirt und individualisirt, und in wie hohem Grad die
Frage ber die Zulssigkeit oder Unzulssigkeit des Unschnen eine
Frage nach der _Perspective_ und der Behandlungsart ist[30].

Ich bin berzeugt, dass, wenn man die Brder Goncourt gefragt htte,
sie sich mit Sainte-Beuve vollstndig einig erklrt haben wrden --
ohne desshalb der Schnheit feindlicher gesinnt zu sein als er. Die
Goncourt haben sich nie ber die Theorie, die ihnen vorschwebte,
geussert; dass sie vorurtheilsfrei sind, haben sie bewiesen, indem
sie die Kunst des achtzehnten Jahrhunderts, die nur das Anmuthige
suchte und sich aus der Wahrheit so viel wie nichts machte, mit
warmer Begeisterung priesen, whrend sie selbst mit seltenem Muth die
Wirklichkeit in's Auge fassten und der Wahrheit zu Lieb' es wagten,
mit Stoffen anzubinden, die man bisher als der Poesie unzugnglich
betrachtet hatte. Erst spt, erst nach dem Tode des jngeren Bruders
und nur widerstrebend, liess sich der ltere den Ehrenplatz an der
Spitze der naturalistischen Schule anweisen. Er behauptet in der
Vorrede zu Les frres Zemganno, hssliche und niedrige Naturen
nur desswegen geschildert zu haben, weil ihr innerer Mechanismus
einfacher und leichter zu durchdringen sei; sein Ehrgeiz gehe darauf
hin, ein realistischer Schilderer dessen zu sein, was hochherzig
ist, was schn aussieht, was gut riecht, weil es viel schwerer sei,
ein eindringliches, weder herkmmliches noch phantastisches Studium
der Schnheit an den Tag zu legen, als das Hssliche zu verstehen
und zu malen. Die Behauptung mag richtig oder nur halbwegs richtig
sein, jedenfalls verrth sie eine grosse Liebe zum Schnen bei dem
wahrheitssuchenden Dichter. Und diese Liebe verleugnet sich nicht
in den Werken, wo der Stoff eine directe Darstellung des Schnen
verbietet. Auf den Geist, auf die Behandlungsweise, nicht auf den Stoff
kommt es an, und wenn ein hsslicher, an und fr sich widerwrtiger
Gegenstand in einem schnen und guten Geist mit reiner Humanitt, mit
dichterischer Keuschheit behandelt worden, so ist das Kunstwerk schn,
auch wenn dein Dienstmdchen und deine Geliebte es abscheulich finden.


                                 IV.

Man lese den (1863 erschienenen) Roman von den Brdern Goncourt, der
den Titel Rene Mauperin fhrt. Die Dichter schildern sonst gerne
Ausnahmen. Dies ist aber eine typische, wirklichkeitsgetreue und
doch fast ideale Darstellung des franzsischen jungen Mdchens aus
dem hheren Brgerstand, wie es durch eine Knabenerziehung und eine
Entwickelung aller knstlerischen Anlagen der jungen weiblichen Seele
geworden ist. Die Brder Goncourt schildern edle Frauen nie als schne
Seelen. Sie sind dem Spiritualismus so abhold, dass man unter ihren
Aphorismen (Ides et sensations) sogar die Bemerkung findet: Es ist
selten, dass Jemand sich gratis dazu hergiebt, seine Mitmenschen zu
vergeistigen. Wenn man die Theorien von dem Schnen, dem Guten, dem
Ideal bis auf den Grund verfolgt, findet man fast immer die Sehnsucht
nach einer Stelle, einem Katheder, einer hbschen Wohnung. Sie sind
keine Idealisten, auch jungen Mdchen gegenber keine. Sie werden sich
frh das Wort gesagt haben, das Taine's Graindorge so formulirt hat:
Wenn du ein junges Mdchen mit hellen Augen und rothen Wangen siehst,
so glaube nicht, dass sie ein Engel sei, sondern dass man ihr viele
Cotelets zu essen gegeben und sie um neun Uhr zu Bette geschickt hat;
um so interessanter ist es, wenn wir in ihren Bchern dem fast Idealen
in der Darstellung junger Mdchen begegnen.

Rene Mauperin ist nach dem schlagenden Worte einer der Personen
im Buch _une mlancolique tintamarresque -- tintamarresque_ d.h.
lrmend, ausgelassen, insofern sie in Slang-Redensarten spricht,
schwimmt, malt, Privatcomdie spielt, ebenso neugierig wie rein
dem Leben gegenbersteht, ihre Unabhngigkeit sogar mit ziemlich
gewagten Mitteln vertheidigt, ihre Freier haufenweise abziehen
lsst, die Spiessbrgerlichkeit ihrer Umgebung emprt und erschreckt
-- _melancholisch_, weil sie eine adlige Seele hat und ein
Knstlertemperament und ein Nervensystem, das schmerzlich gegen alles
Niedrige reagirt, weil sie desshalb nicht ihres Gleichen findet, oder
doch nur in einem etwas lteren Freund, einem geistvollen und armen
Weltmann, der nicht daran denkt, sie zu heirathen und in dem sie auch
bloss einen Rathgeber und Kameraden sieht. Dabei ist sie von einer
Rechtschaffenheit, einem unerbittlichen Ehrgefhl, wie es wenig Mnner
besitzen.

Der Bruder Rene's, der typische, junge, kaltehrgeizige Bourgeois mit
correcter Aussenseite, fest entschlossen, durch eine berreiche Heirath
vorwrts zu kommen, steht im Begriff eine Handlung zu begehen, die in
Rene's Augen schmhlich ist. Das Mittel, das sie anwendet, um dieselbe
zu verhindern, fhrt unglcklicherweise zu einem Duell, in welchem
der Bruder fllt. Die qualvolle Reue ber diese an sich unschuldige
Handlung untergrbt die Gesundheit Rene's. Sie stirbt langsam an einer
zehrenden Krankheit, deren Verlauf mit herzschneidender Wahrheit und
recht peinlicher Ausfhrlichkeit erzhlt ist, und lsst ihre Eltern
kinderlos zurck.

Rene Mauperin ist eins der Bcher, die man nie vergisst. Die
rhrende Hauptgestalt ist fters nachgeahmt worden, Sardou hat sein
Frulein Benoiton, Meilhac und Halvy haben ihre Frou-Frou nach ihr
gebildet. Aber all' die brigen Persnlichkeiten sind ebenso richtig
und fein gezeichnet und ihr Wesen entfaltet sich in Gesprchen, deren
Natrlichkeit und treffender Wahrheit noch keine Spur von Manier
anklebt. Einen besonderen Reiz erhlt der Roman, wie alle brigen
Werke der Goncourt, durch die Weise, wie das Aeussere, die Umgebung,
das Landschaftliche behandelt ist. Die Brder haben es verstanden,
ohne in die Aufzhlungen Balzac's zu verfallen, die Seele der Dinge,
den Charakter und Geruch der Lokalitten, die sie uns vorfhren,
unvergesslich wiederzugeben. An ihren Beschreibungen fhlt man es,
dass sie ursprnglich Maler und Radirer gewesen sind. Sie sehen
nicht mit dem unschuldigen, das Aeusserliche meist nur symbolisch
auffassenden Auge des Poeten, sondern mit dem malerischen Scharfblick
des Kunstkenners oder Radirers. Sie skizziren nicht flchtig die
Gegenstnde, sondern beschreiben sie so genau, dass ein Maler nicht
im Zweifel sein wrde, wie er sie malen msse, oder richtiger: ihre
Landschaften machen ganz den Eindruck von Gemlden. Sie wollen das und
nennen bisweilen selbst den Maler, an dessen Stil sie gedacht haben. So
beendigen sie eine merkwrdige, halb poetische, halb photographische
Beschreibung der Seine-Ufer an einem Sommerabend mit diesen Worten:
Es war zugleich Asnires, Zaardam und Puteaux, eine jener Pariser
Seine-Landschaften, wie _Hervier_ sie malt, schmutzig und strahlend,
elend und heiter, bevlkert und lebendig, wo die Natur hie und da
zwischen den Gebuden, der Arbeit und den Gewerben hervortritt wie
ein Grashalm zwischen den Fingern eines Menschen. Wenn aber ihre
Landschaften so vollstndig den Eindruck von Gemlden oder Radirungen
machen, so liegt es besonders daran, dass sie den Ausschnitt genau so
zeigen, wie er sich dem Auge dargeboten hat. Man braucht nur Eine
Naturschilderung von ihnen aufmerksam zu lesen, um den Unterschied
zwischen der gewhnlichen und dieser modernen Naturschilderung zu
haben. Sie sagen z. B.: Ein Mann tauchte einen Bschel Stroh, offenbar
um damit seinen Hafer zu binden, in das Wasser, das, leicht gewellt,
den Schilf, die Bume, die Wolken mit klaren Umrissen widerspiegelte;
unter dem letzten Bogen der alten Brcke trat aber, ganz nahe vor uns,
aus dem Schatten die _Hlfte_ einer rothen Kuh hervor, die langsam
trank, und die als sie getrunken hatte, ihr weisses Maul, von welchem
das Wasser in Fden heruntertroff, erhob und sich in Betrachtung
verlor.

Ein Schriftsteller der lteren Schule wie Sainte-Beuve, der die
Aussenwelt eher fhlt, als sieht und fr den die Landschaft nur
Stimmungsmittel ist, htte uns nicht die andere Hlfte der Kuh
vorenthalten. Diese Beobachter halten sich streng an das, was sie
sehen, und geben es, so wie sie es sehen.

Wie Rene Mauperin ist Soeur Philomne die Geschichte eines jungen,
edel angelegten Mdchens. Das Leben einer barmherzigen Schwester wird
in diesem Roman erzhlt. Es gibt wenig so zartsinnige Bcher, wenig
auch von so unendlicher Einfachheit. Es hat eben jene Einfachheit der
hchsten Kultur, die ohne Naivett wie ohne jegliche Unnatur ist.

Es ist die Geschichte eines armen Mdchens aus dem Volke, die in einem
vornehmen Kloster erzogen worden, so dass nur ihr Geist unentwickelt
und ihrem Stande entsprechend geblieben ist, whrend ihr Gemthsleben
wie ihre Sinnesempfindungen aufs Feinste ausgebildet sind. Noch als
Kind zu ihrer Tante zurckgekehrt, welche die alte Haushlterin
eines jungen, wohlhabenden Mannes ist, hegt sie eine kindliche,
rhrend sorgfltige Liebe zu diesem, dem sie die Wnsche aus den
Augen liest, ohne dass er nur ein einziges Mal sie ansieht oder ihre
Existenz bemerkt. Da er endlich eines Abends, halbbetrunken nach
Hause gekommen, sich bei der Tante ber die Gegenwart Philomne's im
Hause beklagt, weil er aus Rcksicht auf das junge Mdchen seinen
Junggesellengewohnheiten Zwang auferlegen muss, fllt Philomne, die
hinter der Thr seine Worte gehrt hat, in Ohnmacht. Sie beschliesst
den Schleier zu nehmen.

Das Spital, in dem sie angestellt ist, wird geschildert und zwar
mit einer Meisterschaft ohne Gleichen. Die frischen Gesprche der
jungen Mediciner bilden einen glcklichen Gegensatz zu der traurigen
Grundstimmung des Ortes und zu dem inneren Leben der barmherzigen
Schwester. In dem Spital entwickelt sich nun zwischen der Nonne
und einem der dort wohnenden jungen Aerzte ein Verhltniss der
gegenseitigen Achtung und Neigung, des einfachen Vergngens, mit
einander einige Worte ber die Kranken und ihre Behandlung zu wechseln,
das von den Dichtern mit den zartesten Farben gemalt ist. Die Nonne
freut sich, von dem jungen Mann gelobt zu werden; sie wird in der
Krankenpflege noch aufopfernder, noch hingebender, um sein Lob zu
verdienen, whrend er ausser in den Viertelstunden ihres Zusammenseins
nie an sie denkt. Dann wird eine frhere Geliebte von ihm, ein Mdchen,
das ihn verlassen und seitdem ein leichtsinniges Leben gefhrt hat, in
das Spital gebracht, um wegen eines Krebsschadens an der Brust operirt
zu werden, und die Eifersucht auf diese Unglckliche strzt die Nonne
in ein Meer von Qualen. Der junge Arzt muss selbst die vergebliche
Operation ausfhren, und als Philomne in der Todesstunde Romaine's
das Gebet fr ihre Seele lesen muss, kmpft in ihrem Herzen der Hass
ihrer weiblichen Natur mit dem Mitleid der Christin einen harten Kampf.
Der, brigens unwesentliche, Gang der Geschichte ist der, dass ein
Missverstndniss sie fr immer von Barnier trennt, dass er -- ziemlich
unnatrlich -- an der Sehnsucht nach der verstorbenen Romaine zu
Grunde geht und dass die Sorge um die Seele des Freidenkers in seiner
Todesstunde die ganze ideale Leidenschaft Philomne's wieder wachruft
und sie zu ungewhnlichen Schritten bewegt.

Neben diesen sanften und stillen Bchern haben die zwei Brder auch
andere, bewegtere, figurenreiche Romane geschrieben, voll bunten
Lebens und reich an Witz und Geist, Charles Demailly, der das
litterarische Leben, Manette Salomon, der das Knstlerleben in Paris
zum Gegenstand hat. Der erstere, ihr frhester Versuch im Romanfach,
ist ein wenig berlastet, ist zu geistreich und hat zu viele, nicht
scharf und deutlich genug gezeichnete Personen. Die meisten scheinen
Portraits zu sein -- ich habe Thophile Gautier, Gustave Flaubert, Paul
de Saint-Victor und Thodore de Banville erkannt -- aber eben dieser
Umstand hat verursacht, dass sie dem fremden Leser nicht anschaulich
werden. Sie sind nicht fertig gezeichnet. Der Held in Charles
Demailly ist ein Schriftsteller und der Held in Manette Salomon
ein Maler, die beide durch das eheliche Zusammenleben mit einer sie
nicht verstehenden Frau zu Grunde gehen; es sind Leidensgeschichten.
Was hier tragisch behandelt ist, wird der Leser in Jean Pauls
genialem Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvocaten Siebenks
humoristisch behandelt finden. Manette Salomon ist eine weit reifere
und saftreichere Frucht ihres Talents, und ist das Lieblingsbuch der
Maler in Frankreich und im skandinavischen Norden geworden. Max Klinger
schtzt es so sehr weil er Zola's L'Oeuvre unterschtzt. Nachdem ich
es vor Jahren in den Knstlerkreisen Christiania's, wo es damals
noch unbekannt war, stark gepriesen hatte, fand ich wenige Jahre
spter die Maler dort ganz voll von dem Roman. Die Bcher der Brder
Goncourt sind berhaupt das Entzcken aller Maler; dieses, welches das
Knstlerleben darstellt, ist den Knstlern besonders werth. Der geniale
Knstlervagabund Anatole hat brigens nicht wenige Zge, die an den
Helden in Gottfried Keller's Der grne Heinrich erinnern.

Das Problem, das die Goncourt in Charles Demailly und Manette
Salomon zu lsen gestrebt haben, ist dasselbe, welches Edmond allein
in seinem Roman La Faustin wieder vorgenommen hat, nmlich dieses:
Wie kommt ein Kunstwerk, ein Buch, ein Gemlde, eine Rolle zu Stande?
Wie eignet das Nervensystem eines Knstlers sich die Welt an, wie saugt
es die Eindrcke ein, um sie zu assimiliren, und wie bringt es aus
seinen Beziehungen zur Aussenwelt das Kunstwerk hervor? Die genannten
Romane geben fr den Schriftsteller, den Maler und die tragische
Schauspielerin die Antwort auf diese Frage. Sie stellen noch eine
andere: Welchen Strungen ist das berreizte Nervensystem des Knstlers
in seinen Verhltnissen zu der umgebenden Welt besonders ausgesetzt?
Und da das Genie bei ihnen wie nach der bekannten Definition Doctor
Moreau's eine Nevrose, das heisst eine Nervenkrankheit ist, so sind
die Strungen mannigfach und tief eingreifend. Geneigt, wie sie sind,
Feinheit und Schwche berall zu sehen und zu schildern, zeigen sie
uns nur unglckliche oder doch angegriffene Knstlernaturen, und die
Schlussstimmung ist immer tief melancholisch.

Doch es gibt Stunden in dem Leben fast eines jeden Schriftstellers, wo
eine wehmthige Grundstimmung ihm nicht gengt, wo er das Bedrfniss
hat, all' das Trostlose, das er gesehen, hinauszurufen, all' die Leiden
seiner Nerven, all' die Bitterkeit, die er durch die Berhrung mit den
Menschen und den Dingen empfunden hat, den Leser fhlen zu lassen in
einem nackten, blutigen Werk.

Auch solche Bcher haben die beiden Brder geschrieben, vor Allem
jene tiefergreifende, furchtbar-wahre Geschichte eines armen,
hysterischen, aber guten und ehrenhaften, nach und nach dem Trunk und
den Ausschweifungen ergebenen Dienstmdchens, Germine Lacerteux, ein
hochbedeutendes Werk, das in der franzsischen Litteratur tief gewirkt
hat und unter Anderem das kaum bertroffene Vorbild fr Zola's genialen
aber viel grberen Roman L'Assommoir gewesen ist[31].


                                  V.

Welchen Erfolg hatten nun diese sechs Romane, die in dem Decennium
1859--69 erschienen? Die Frage ist fast berflssig. Bcher von solcher
Feinheit, Bcher, die sich an einen ausgesuchten Kreis von Lesern
wenden, haben nie Erfolg, wenigstens nie augenblicklichen. Um solche
Bcher zu verstehen und zu geniessen, ist etwas von der geistigen
Entwickelung nothwendig, die erforderlich war, um sie zu schreiben, und
eine derartige Vorurtheilsfreiheit ist selten. Ueberdies kommen solche
Bcher und Schriftsteller das erste Jahrzehnt hindurch gar nicht in
Berhrung mit dem Publikum. Es weiss einfach nichts von ihrer Existenz.

Was brauche ich zu verweilen bei dem harten und qualvollen Kampfe gegen
die Unbekanntheit, den sie mit fast allen grossen Schriftstellern
gemein haben, bei den verschiedenen Stationen ihres Leidenswegs --
erst die Station der Gleichgltigkeit des Publikums und der Presse,
dann das Stadium der Verspottung und Verhhnung durch alle Tonarten,
weil das, was sie wollten und brachten, das was sie liebten und
sagten, das Neue, Unerhrte war. Als die Goncourt 1851 in ihrer ersten
Schrift die japanische Kunstindustrie priesen und sie hoch ber
diejenige von Paris stellten, wurde von einem Journalisten, der diese
Geschmacklosigkeit geradezu wahnsinnig fand, gefordert, dass man sie
in ein Tollhaus sperre; heutzutage sind nicht nur die meisten fremden
Kunstverstndigen, sondern sogar die Pariser mit dem Enthusiasmus fr
japanisches Kunstgewerbe vollstndig einverstanden. Und jenes erste
Urtheil war lange typisch fr die Haltung der Presse ihnen gegenber.
Sie standen anfangs ohne Freunde, ohne litterarische Verbindungen
da. Alles war ihnen verschlossen. Ueberall trafen sie das gegen
Eindringlinge in die Litteratur, besonders gegen die Revolutionre
einer Kunstart so gut organisirte Schweigen.

Vielgenannt, vielgehrt wurde ihr Name erst, als 1865 das Schauspiel
Henriette Marchal am Thtre franais aufgefhrt, von einer Bande
Studenten ausgezischt und von der Bhne verdrngt wurde, nicht aus
knstlerischen oder kritischen Grnden, sondern weil man zu wissen
glaubte, dass die Brder als Schtzlinge der Prinzessin Mathilde
Anhnger des zweiten Kaiserreichs seien, mit dem sie nie in der
entferntesten Berhrung gestanden hatten, wenn man nicht das eine
Berhrung nennt, dass sie am Tage des Staatsstreiches durch ein
possierliches Missverstndniss als verdchtig arretirt worden waren.
Seitdem verzichteten sie auf jeden Versuch, an einem Theater aufgefhrt
zu werden.

Rene Mauperin war von andern -- von Sardou, von Meilhac und Halvy
-- nachgeahmt worden, Germinie Lacerteux hatte einen schnell
vorbergehenden Skandalerfolg gehabt -- die Goncourt beschlossen nun,
all' ihre Krfte an einen feinen, die hchsten Ansprche befriedigenden
Roman zu setzen. Fast drei volle Jahre arbeiteten sie an Madame
Gervaisais, jener Erzhlung von dem Uebergang einer frei denkenden
Dame zum Katholicismus, dem feinsten und unfruchtbarsten, leider auch
dem grossen Publikum unzugnglichsten ihrer Romane. December 1869 war
er vollendet. Kein Pariser Blatt brachte einen Artikel ber das Buch;
es wurden im Ganzen 300 Exemplare verkauft.

Das brach dem jngeren, feiner, weiblicher organisirten Bruder das
Herz. Er hatte all' seine Hoffnungen an dieses Buch geknpft. Er, der
von den Meistern anerkannt war, er, der sein Leben lang sich ber das
Urtheil und den Geschmack der Dummkpfe lustig gemacht hatte, verfiel
in eine qualvolle und hoffnungslose Nervenkrankheit vor Trauer, dass
die Dummkpfe ihn nicht verstanden und seine Bcher nicht kauften. Das
ist der Widerspruch, den man in fast allen Knstlernaturen findet.

In der ersten Zeit war Edmond geistig wie gelhmt. Er war entschlossen,
nie mehr eine Feder anzusetzen. Er richtete das kleine Haus, das die
Brder sich eben in Auteuil gekauft hatten, zu einem wahren Museum
ein, hing seine Zeichnungen auf, placirte seine Bronzen, ordnete seine
ungeheure Bibliothek von seltenen Drucksachen und Handschriften.

Zuletzt konnte er aber doch von der Litteratur nicht lassen. Er gab
zuerst ein Buch heraus, das er mit seinem Bruder noch besprochen
hatte, La fille lisa, und im Handumdrehen erreichte es 16 Auflagen.
Der Stoff war peinlich, die Behandlungsweise trocken und didaktisch;
aber der Ruhm war ber Nacht im Gefolge des Todes ber die Brder
hereingebrochen, eine junge Schule verkndete mit Posaunen ihr Lob, sie
waren allbekannt, fast berhmt geworden, jetzt, wo der Eine todt, der
Andere ein gebrochener Mann war.

Dann machte Edmond sich allein, zum ersten Male ganz allein daran,
einen Roman zu schreiben. Und noch in die Erinnerung an den Bruder
vllig verloren, schilderte er in Les frres Zemganno ihr
Zusammenleben und Zusammenwirken unter dem Bilde zweier Clowns in einem
Cirkus, zweier jener Clowns, die wir alle kennen, die nur mit einander,
in einander verflochten ihre Knste machen, immer zusammen geigen: bald
auf Stuhlrcken sitzend, bald auf den Kpfen stehend, ihre Geigen in
ununterbrochenem Takt des Zusammenspiels behandeln. Man fhlt, wenn man
die Lebensgeschichte der Brder kennt, ihre Persnlichkeiten durch,
aber an und fr sich ist Alles durchaus realistisch dargestellt. Edmond
de Goncourt hatte die berhmtesten Kunstreiter und Akrobaten von Paris
studirt und ausgefragt, bevor er daran ging, sein Buch zu schreiben.
Der jngere Bruder strzt whrend eines gefhrlichen Sprunges, den
der ltere fr ihn erfunden hat, bricht sein Bein und ist, zu seiner
Verzweiflung, daran verhindert, jemals wieder aufzutreten. Er nimmt dem
lteren Bruder das Versprechen ab, dass auch dieser nie mehr auftreten,
_nie mit einem Andern_ seine Kunst ausben werde. Hier findet sich eine
wunderbare Scene, wo der ltere Bruder, der das Turnen nicht mehr
lassen kann, Nachts das Bett des Kranken verlsst, um in ihrem Turnsaal
sich von einem Trapez zum andern zu schwingen; pltzlich begegnet er in
der Thr dem Blick des Krppels, der auf allen vieren dahin gekrochen
ist, um zuzuschauen.

Vorzglich hat Edmond hier sein eigenes Talent symbolisch
charakterisirt, indem er sagt: Gianni's Hnde waren, selbst wenn er
ausruhte, unaufhrlich beschftigt ... sie ergriffen jeden Gegenstand,
der ihnen nahe war, stellten die Sachen auf den Kopf, schrg geneigt,
auf irgend einen Punkt ihrer Oberflche, wo sie sich vernnftiger Weise
nicht halten konnten, indem er sich vergeblich bestrebte, sie mehr als
einen Augenblick im Gleichgewicht zu bewahren.

Immer arbeiteten diese Hnde unwillkrlich dem Gesetz der Schwere
entgegen ... Oft konnte er stundenlang ein Mbel, einen Tisch, einen
Stuhl in alle Richtungen drehen und wenden mit einem stummen Fragen, so
neugierig, so beharrlich, dass sein kleiner Bruder ihm zuletzt sagte:

Was willst du doch damit, Gianni?

Ich suche, antwortete er.

Er suchte jenes Neue, das Edmond in seiner Kunst immer angestrebt hat.
Augenscheinlich ist trotz des engen Zusammenarbeitens der ltere Bruder
der eigentliche knstlerische Experimentator gewesen; der jngere
Bruder hat seine Strke in der glanzvollen Ausfhrung gehabt.


                                 VI.

Wenn der Leser mit mir im Geiste das kleine Haus No. 53 Boulevard
Montmorency betreten will, so wandern wir zuerst durch ein mit rothem
und weissem Marmor belegtes Vstibule, wo japanische Stickereien, die
sogenannten Fukusas, von den Wnden in prachtvollen Farben strahlen;
wir betrachten in den Zimmern die Meisterwerke des franzsischen
achtzehnten Jahrhunderts und die Schtze aus Japan, jenem ussersten
Orient, dessen Kunstgewerbe der Besitzer nicht mit Unrecht so hoch hlt
und das er, eigenthmlich genug, aber nach der Ansicht anderer Kenner
irrthmlich, gleichfalls dem achtzehnten Jahrhundert zuschreibt.

Wir suchen ihn vielleicht vergeblich in der Wohnstube und den
Bibliothekszimmern, aber in dem kleinen Garten des Hauses steht ein
stattlicher, eben sechzigjhriger, weisshaariger Mann ber seine
Blumen gebeugt. Er liebt seinen Garten, und wie ein echter Franzose,
ein echter Landsmann Candide's hat er damit geendigt, seinen Garten
zu bauen. Der Garten war, als er ihn kaufte, voll gewhnlicher,
brgerlicher Pflanzen. Er liebt aber das Gewhnliche und Brgerliche
nicht. Er hat nur die grossen, mchtigen Bume stehen lassen und jene
alltglichen Pflanzen durch seltene Gewchse ersetzt, denn, wie er
naiv und bezeichnend sich ausdrckt: Das Seltene ist fast immer das
Schne. Er hat sich einen malerischen Garten gebildet, er hat sogar
ein prachtvolles Gefss von Meissener Porzellan geopfert, um in dem
Grn, das eine Fontaine frisch erhlt, sich einen schnen weissen
Flecken zu sichern. Da lebt er das Jahr hindurch mit seinen Blumen und
jeder Monat bringt dem Garten neue Schnheit.

Doch der Sammler und Grtner ist der Welt nicht fremd geworden. Er
folgt mit lebhaftem Interesse der litterarischen Entwickelung seines
Landes. Und hrt er, wie sein Name jetzt berall bekannt ist, erfhrt
er, wie man nicht nur in Frankreich ihm eine spte Genugthuung gibt,
sondern wie Mnner der jngeren Generation auch ausserhalb Frankreichs,
sogar in fernen Lndern, ihn als einen bahnbrechenden Geist, als einen
Meister verehren, so mischt sich in die Freude an seinem Ruhm der
Schmerz, dass der jngere Bruder, der die Arbeit mit ihm theilte, den
Lohn zu theilen nicht erlebte.


                             NACHSCHRIFT.

                             (Juli 1896.)

Ist es mglich, dass er gestorben ist, gestorben ohne vorhergehende
Krankheit, er, der noch vor wenigen Tagen ein Bild der Gesundheit und
der geraden, unerschtterten Kraft war? Und gestorben bei Daudet, fr
den, leidend wie er ist, der Tod des Freundes ein Schlag ist, dessen
Wirkung er spt verschmerzen wird. Er war stattlicher als je; er
schien keine von den krperlichen Schwchen des Alters zu haben; er
war vielleicht ein wenig stiller als in frheren Jahren, doch nur wenn
Viele zugegen waren.

An einem frhen Morgen bei Alphonse Daudet Mitte Juni wurde sein
Name genannt. Das Gesprch wurde von dem Secretren Daudet's mit der
Frage, ob der Meister etwas zu schreiben htte, unterbrochen, als
der Diener gleichzeitig einen Brief von Madame Adam berbrachte. In
hflichen Wendungen sagte die Dame fr den folgenden Mittag ab, weil
es ihr zuwider und unmglich sei, ihre Worte zu wgen, und weil sie,
wenn Goncourt anwesend sei, riskire, Alles was sie sagen werde, in den
_Tagebchern_ abgedruckt zu finden. Daudet bat den Secretren sie zu
beruhigen, ihr mitzutheilen, die Tagebcher seien jetzt unwiderruflich
abgeschlossen; zur Lebenszeit Goncourts werde nichts mehr von ihnen
erscheinen; sie drfe nicht ausbleiben.

Sie erschien denn auch am folgenden Tage, und Alles ging gut.
Die Gesellschaft bestand aus der Familie, aus ihr, Goncourt, dem
sdfranzsischen Lyriker Mariton und Franz Jourdain. Goncourt
nach dem Verlauf mehrerer Jahre wiederzusehen war eine erfreuliche
Ueberraschung. Er war mit den Jahren fast noch schner geworden; sein
Bart und seine ppigen Haare, die ber dem Kopf wie ein Kranz lagen,
waren jetzt silbern, und die schwarzen Augen hatten ihre stille Gluth
bewahrt. Ins heitere Tischgesprch mischte er sich nicht viel; er
sprach nur von der Unruhe, die man whrend der langen Typhuskrankheit
Lon Daudet's ausgestanden hatte, und fgte eine und die andere
Bemerkung zu den Aeusserungen Daudet's ber die Treulosigkeit und
blasirte Verlogenheit des verstorbenen Chefredacteurs des Figaro;
spter wurde er lebhafter und sprach einige kurze und scharfe Urtheile
aus. Als die Rede auf eine fr ihren Geist berhmte Schriftstellerin
fiel, sagte er: Achten Sie doch nicht auf ihre Aeusserungen; sie ist
vollstndig imbcile.

Sobald wir in einer Ecke allein standen, sagte er: Haben Sie Dank fr
Ihr Telegramm. -- Welches Telegramm? -- Das zum Bankette fr mich im
Mrz des vorigen Jahres. -- Jetzt, wo Sie es sagen, glaube ich, ein
Telegramm damals abgesandt zu haben; ich entsinne mich aber dessen
nicht mehr. -- Sie werden es in dem letzten Band meines Journals
abgedruckt finden, und Sie werden ein kleines Zeugniss meiner Wrdigung
darin erblicken, dass Ihre Depesche die einzige der eingelaufenen ist,
die ich abgedruckt habe. Kommen Sie Sonnabend zu mir zum Frhstck,
dann werde ich Ihnen das Buch und einige anderen geben. --

Eine volle Stunde nahm es, den langen Weg zu seinem Hause in Auteuil zu
fahren, und leider kam ich ein wenig zu spt. Ein kleines Dienstmdchen
lag mit dem Kopf aus dem Fenster und sphte nach dem Erwarteten, damit
er sich nicht an dem Hause irren solle, das, seit ich das letzte Mal da
war, eine neue Nummer bekommen hatte, eine 67 anstatt der klassischen
53, die in _La maison d'un artiste_ angefhrt ist. In seinen zwei
Bnden enthlt dies Buch ja die umstndliche Beschreibung von Allem,
was bis 1881 an Kunstschtzen im kleinen Hause aufgehuft war, dessen
Werth seitdem recht stark vermehrt worden ist.

-- Ich frchtete, Sie htten den Tag vergessen; wir knnen sogleich
zu Tisch gehen, und wir werden viel Champagner trinken. -- So frh am
Tage? -- Das ist eben gut. --

Ich fragte nach Plagie, dem alten Dienstmdchen, das mich frher
so liebenswrdig protegirt hatte. -- Es ist ihre Tochter, die uns
aufwartet. Sie ist hier im Hause, lsst aber die Tochter ihre Stelle
vertreten. --

Die Tochter wusste, dass ihre Mutter sogar in fremden Lndern berhmt
sei.

Wir waren allein in dem kleinen Esszimmer, dessen Wnde mit schnen
Tapeten in der Manier Watteau's bedeckt sind; die Rede fiel, wie es
natrlich war, zuerst auf Alphonse Daudet, einer der Persnlichkeiten,
ber welche die vollste Uebereinstimmung zwischen dem Wirthe und
seinem Gaste herrschte. Niemand, der Daudet kennt, kann anders, als
seine Persnlichkeit noch hher als sein Talent schtzen. Seit mehr
als einem Jahrzehnt ist er jetzt krank gewesen -- seine Beine sind
fast gelhmt -- aber weit davon, ihn selbstschtig zu machen, hat das
Leiden nur seine reiche und starke Menschlichkeit vertieft. Ich sagte:
In jenem Hause, in jener Familie, haben Sie Herzen, worauf Sie sich
verlassen knnen. Er antwortete: Es ist meine Familie, mein Heim. --
Es berraschte mich, wie sehr er und Daudet in allen Urtheilen ber
Personen bereinstimmten. Man merkte, dass sie so oft und lange mit
einander ber alle mglichen Gegenstnde gesprochen hatten, dass jeder
Unterschied in der Auffassung sich ausgeebnet hatte. Whrend Zola die
Bcher Daudet's mit den Augen des Rivalen ansieht und sie mndlich
mit einer Strenge und Schrfe beurtheilt, die in seiner geschriebenen
Kritik sich nirgends findet, hatte Goncourt das schrfste Auge fr
jeden Vorzug Daudet's, und die Bcher von ihm, die er am hchsten
wrdigte, waren auch wirklich die besten. _Sappho_ war ihm vor all
den anderen lieb. Daudet konnte nicht umhin, die Selbsterflltheit
zu bemerken, die mit den Jahren sich bei Goncourt geltend machte, er
fand sie aber so unschuldig und so verzeihlich, dass es ihm unmglich
war, daran zu ermden, viel weniger, dass er sie htte bel aufnehmen
knnen. Nur die allzu offenherzige Weise, auf welche Goncourt in den
Tagebchern bisweilen sich ber ihn und die Seinigen ausgesprochen
hat, war ihm, so liebevoll die Besprechung und so gut die Absicht war,
durchaus nicht angenehm.

Es ist ja auch unzweifelhaft, dass diese so eigenartigen Journale
ab und zu Indiscretionen, auch nicht selten Unbedeutendes bringen,
und dass sie bisweilen ausgezeichnete Mnner (wie Renan oder Taine),
deren Philosophie dem Autor ein verschlossenes Buch war, in ein
schiefes Licht stellen. Nichtsdestoweniger enthalten sie eine Flle
von Leben, bringen einen Reichthum an Portrts der Zeitgenossen, an
Bildern jeglicher Art, an verdichteten Gesprchen u.s.w., im Fluge
aufgegriffen und mit einer Fhigkeit, das Momentane wiederzugeben,
dargestellt, die, so viel ich weiss, nirgends vorher so schlagend
erschienen ist. Diese neun Bnde, von denen die drei ersten beiden
Brdern entstammen, whrend Edmond de Goncourt allein die sechs
brigen verfasst hat, stehen im Ganzen wrdig den zwei Romanen zur
Seite, die Edmond in den achtziger Jahren schrieb: _La Faustin_ und
_Chrie_; der erstere jene feine und tiefe Analyse des Temperaments
und des seelischen Lebens einer grossen franzsischen Schauspielerin,
der letztere eine etwas peinlich sorgfltige, fast wissenschaftliche
Studie eines frhreifen jungen Mdchens unter dem zweiten Kaiserthum,
eine Studie, zu welcher der Verfasser recht viele Mittheilungen und
Bekenntnisse von weiblichen Zeitgenossen und, wie er mir einmal
gestand, nicht zum wenigsten die Journale Marie Baschkirtzew's
verwendet hat. --

Goncourt fhrte mich umher in seinem kleinen Museum, zeigte mir
franzsische Zeichnungen aus dem 18. Jahrhundert und Bronzen aus Japan,
die ihm besonders lieb waren; dann entfaltete er mir den Bcherschatz,
den er sich, seit ich das letzte Mal hier war, erworben hatte, die
seltene Sammlung franzsischer Meisterwerke, mit einem Blatt aus dem
Manuscript des Verfassers versehen und mit einem Portrait desselben in
der kunstreichen Einbanddecke eingerahmt. Nur ein Stck der Sammlung
fehlte, das Bildniss Daudet's von Carrire ausgefhrt, der ihm eine
gewisse Aehnlichkeit mit einem leidenden Christus verliehen hat; es war
und ist zur Zeit in der Ausstellung _L'art nouveau_ zu sehen.

Der Kaffee wurde in den Garten hinuntergebracht, in welchem sich an
jeglichen Baum Erinnerungen anknpfen, und wo ich den kleinen Delfin
aus schsischem Porzellan in dem feuchten Grn bei der Quelle wiedersah.

Doch es gab auf's Neue etwas im Hause, das Goncourt zeigen wollte. Er
stieg die Treppe zum Arbeitszimmer hinauf, und wir sahen die vielen
Portraits ersten Ranges durch, welche dieses enthlt. Dann nahm ich
Abschied, wie das vorige Mal mit Geschenken belastet. Aber indem ich
mich der Ausgangsthr nherte, ergriff mich das Gefhl, dass ich
jetzt zum letzten Mal diese Thr ffnen und nie den grossen alten
Mann wiedersehen werde. Es war mir als ob meine Augen feucht wurden,
ich kehrte mich unwillkrlich um, ergriff seine Hand und sagte noch
einmal Lebewohl. Er brach in die Worte aus: Sehen wir uns denn nicht in
Champrosay, Sie reisen ja doch da hin? -- Das thu' ich, aber wir werden
uns kaum dort treffen. -- Ich komme am 4. Juli da hinaus, sagte er.
-- Zu der Zeit werde ich in London sein. Leben Sie wohl denn! -- Auf
Wiedersehen, sagte er, und ich fhlte zum letzten Mal den Druck seiner
Hand.

Er kam nach Champrosay um den Tod dort zu finden unter den Wesen, die
ihm die liebsten waren.




                           IWAN TURGENJEW.

                               (1883.)


                                  I.

Den 28. October 1818 wurde im Gouvernement Arjol (Orel), in einer
altadligen (ursprnglich tatarischen) Familie der Mann geboren,
dem, bis in die allerjngste Zeit, die gebildeten Klassen in den
germanischen und romanischen Lndern fast alles verdankten, was sie
ber das innere Leben der slavischen Menschenrace in unseren Tagen
wussten. Kein frherer russischer Dichter ist in Europa gelesen worden
wie Iwan Turgenjew, er war eher als ein internationaler denn als ein
russischer Schriftsteller zu betrachten.

Er erffnete uns eine neue Stoffwelt, aber er bedurfte nicht des
Nebeninteresses, das seine Werke dadurch gewannen; denn es ist der
Knstler, nicht der Sittenschilderer, den Europa in ihm bewundert hat.

Obgleich er kaum ausserhalb seines Vaterlandes in seiner eigenen
Sprache gelesen wurde, stellte ihn die kundige Kritik berall, selbst
in den knstlerisch am meisten fortgeschrittenen Lndern in gleiche
Reihe mit den besten Schriftstellern des Landes. Man las ihn in
Uebersetzungen, die selbstverstndlich den Eindruck seiner Vorzge
trbten und verringerten. Aber die Vollkommenheit des Originals machte
sich durch die mehr oder weniger gelungenen Abgsse so stark geltend,
dass man davon absah, was diesen an Feinheit und Schrfe gebrach.
Grosse Dichter wirken in der Regel am tiefsten durch ihren Stil, weil
sie durch denselben dem Leser persnlich entgegentreten; Turgenjew
wirkte so tief wie nur irgend Jemand, obgleich der nichtrussische Leser
nur das Grbste seines Stils kannte, kaum ahnte, mit welcher Eleganz
er sich auszudrcken pflegte und ebenso weit davon entfernt war, seine
Anspielungen zu verstehen, wie von der Mglichkeit, seine Auffassung
und Schilderung von Persnlichkeiten und Denkarten in Russland mit
der geschilderten Wirklichkeit vergleichen zu knnen. Er hat auf der
knstlerischen Laufbahn gesiegt, obgleich er eine Kugel am Fusse hatte,
hat in der grossen Arena triumphirt, obgleich er mit einem Schwert ohne
Spitze focht.

Er hat das grosse stliche Reich fr uns bevlkert. Ihm verdanken wir
es, dass wir die seelischen Grundzge der Frauen und Mnner desselben
kennen. Obgleich er im krftigsten Mannesalter Russland verliess, um
nie wieder als ansssiger Brger in seinem Vaterlande zu leben, hat
er niemals Anderes geschildert, als die Bewohner dieses Landes, und
Deutsche oder Franzosen nur als halbwegs russificirt oder doch nur in
Berhrung mit Russen.

Er wollte nur Wesen darstellen, mit deren Eigenthmlichkeit er von
Jugend auf vertraut war. Dass es nach und nach whrend seines langen
Exils und unter der Spannung zwischen slavophilen und europisch
gesinnten Russen in gewissen Kreisen Sitte wurde, seine Kenntnisse
vom Vaterlande herabzusetzen und ihn als eine Art Westeuroper zu
behandeln, ist nur natrlich. Wre er einen Grad weniger Kosmopolit
gewesen, so wrde er kaum in der ganzen civilisirten Welt so
durchgedrungen sein, wie er es jetzt ist.

Er hat uns Bilder gegeben von Wald und Steppe, von Frhling und
Herbst, von allen Stnden und Gesellschaftsklassen und Bildungsstufen
in Russland. Er hat sie alle gezeichnet, den Leibeigenen und die
Frstin, den Bauer, den Gutsbesitzer und den Studenten, junge
Mdchen, die lauter Seele sind, mit der feinsten slavischen Anmuth
ausgestattet, und die kalten, schnen, egoistischen Koketten, die bei
ihm unzurechnungsfhiger in ihrer Herzlosigkeit zu sein scheinen, als
anderwrts. Er hat uns die reiche Psychologie einer ganzen Menschenrace
gegeben, und zwar mit tief bewegtem Sinn, ohne dass die Gemthserregung
jemals die durchsichtige Klarheit der Darstellung getrbt htte.

Turgenjew ist unter allen Prosaisten Russlands der grsste Knstler.
Das mag daher kommen, dass er von ihnen allen am meisten im Auslande
gelebt. Denn wurde auch durch seinen langen Aufenthalt in Frankreich
der Fond von Poesie, den er aus der Heimath mitgebracht, nicht erhht,
so hat er augenscheinlich doch durch jenen die Kunst gelernt, seine
Bilder unter Glas und Rahmen zu setzen.

Es strmt eine breite, tiefe Welle von Melancholie durch Turgenjew's
Gemth, und darum strmt sie auch durch seine Werke. Wie nchtern und
unpersnlich auch seine Darstellungsweise ist und obgleich er fast
niemals in seine Novellen und Romane Gedichte einlegt, machen doch
seine smmtlichen Erzhlungen einen lyrischen Eindruck. Es ist so viel
Stimmung in sie verdichtet, und diese Stimmung ist immer Wehmuth, eine
eigene, sonderbare Wehmuth, ohne einen Tropfen von Empfindsamkeit.
Niemals gibt sich Turgenjew dem Gefhle ganz hin, er wirkt durch das
gebundene Gefhl; aber kein westeuropischer Erzhler ist wehmthig
wie er. Die grossen Melancholiker der lateinischen Race, wie Leopardi
oder Flaubert, haben harte, feste Konturen in ihrem Stil, die deutsche
Wehmuth ist grell humoristisch oder pathetisch oder sentimental.
Turgenjew's Melancholie ist in ihrem allgemeinen Wesen die des
slavischen Stammes in seiner Schwche und Trauer, sie stammt in gerader
Linie von der Melancholie der slavischen Volksgesnge ab.

Die neueren russischen Poeten von Rang sind alle Melancholiker. Bei
Turgenjew jedoch ist diese Wehmuth vor Allem die des Denkers, der
verstanden hat, dass alle Ideale der Menschheit, Gerechtigkeit,
Vernunft, Allgte, allgemeines Glck, der Natur gleichgiltig sind und
sich nie durch eigene gttliche Macht geltend machen. In Senilia hat
er die Natur als Weib dargestellt, das mitten in einem Saale in der
Tiefe der Erde tiefgrbelnd sitzt, von einem weiten grnen Gewande
umwallt.

O unsere gemeinsame Mutter, frgt er, woran denkst du? An das
knftige Schicksal der Menschheit? An die Bedingungen, die nothwendig
sind, damit sie die hchstmgliche Vollkommenheit, das grsstmgliche
Glck erreichen kann?

Das Weib wendete langsam seine dunklen, durchdringenden, schrecklichen
Augen gegen mich; ihre Lippen ffneten sich halb, und ich hrte eine
Stimme, die klang, wie wenn Eisen an Eisen stsst:

Ich denke daran, wie ich den Beinmuskeln der Flhe grssere Kraft
geben kann, damit sie leichter den Nachstrebungen ihrer Feinde
entgehen. Es ist kein Gleichgewicht mehr zwischen Angriff und
Verteidigung; das muss hergestellt werden.

Was?, stammelte ich, dies ist es, woran du denkst? Aber wir
Menschen, sind wir nicht deine Lieblingskinder?

Sie zog die Brauen zusammen. Alle Thiere sind meine Kinder, sagte
sie, ich sorge gleich viel fr sie alle, und ich rotte sie alle auf
dieselbe Weise aus.

Hierin hat man den Charakter seiner Melancholie. Wenn Gogol
melancholisch ist, so ist er dies aus Entrstung, wenn Dostojewski
es wird, so rhrt es daher, dass sein Herz vor Mitleid schmilzt mit
den Unwissenden und Uebersehenen, mit den wie Heilige Edlen und
Herzensreinen und fast noch mehr mit Sndern und mit Snderinnen.
Tolstojs Melancholie hat ihren Grund in seinem religisen Fatalismus.
Turgenjew allein ist Philosoph.

Man wird ferner finden, dass das Leben der andern grossen russischen
Dichter einen Wendepunkt hat, an welchem sie von einer religisen
Bewegung ergriffen werden, die ihrem Leben ein neues Geprge, ihrer
eigenen Auffassung nach eine neue Weihe, einen neuen Ernst gibt,
zugleich aber auch auf ihre dichterische Schaffenskraft in hohem
Masse hemmend, schwchend wirkt, ja in der Regel etwas frher oder
spter ihrer Dichterlaufbahn vllig Einhalt thut. Dieser Wendepunkt
kommt bald als einer, an dem eine Bekehrung sich vollzieht und bald
als einer, an welchem sie erfllt werden von einem nationalen oder
national-religisen Mysticismus. Der Hang zu solchem Mysticismus tritt
in diesem Jahrhundert als ein der ganzen slavischen Welt gemeinsamer
Zug auf. Er ergreift in der polnischen Litteratur in den vierziger
Jahren Miekiewicz, Slowacki, Krasinski, Zaleski u.a.m., da Towianski
und andere Schwrmer ihren Einfluss geltend machen. Er bemchtigt sich
in der russischen Litteratur (unter verschiedenen Formen) so grosser
Talente wie Gogol und Dostojewski, zuletzt endlich Tolstojs, wie es
scheint unter dem Einflusse Sjutajews.

Nur fr Turgenjew mit seiner ruhigen Contemplation ist -- obgleich auch
er in Clara Militsch und im Lobgesang der triumphirenden Liebe der
Mystik seinen Tribut zollt -- der religise Enthusiasmus selbst ein
Stoff wie ein anderer. Er behandelt ihn ohne aus dem Gleichgewicht
zu kommen. Man denke z. B. an seine Sophie Wladimirowna in Eine
sonderbare Geschichte, das junge Mdchen aus guter Familie, das einem
umherziehenden Heiligen in die weite Welt folgt.

Seine Melancholie ist denn weniger eine religise, als eine
philosophische, zugleich aber ist sie die des Patrioten, der Pessimist
geworden. Er war trotz all seines scheinbaren Cosmopolitismus ein
Patriot, doch ein solcher, der ber sein Vaterland trauerte und
an demselben zweifelte. Er wurde desshalb vielfach angegriffen.
Dostojewski suchte ihn in der Gestalt Karmsinows in seinem Roman Die
Besessenen lcherlich zu machen. So ganz ohne Zutrauen zu der Zukunft
seines Vaterlandes war er gleichwohl nicht. Er bewunderte dessen
Sprache, wie gewisse Partien seiner Litteratur so lebhaft, dass er
gnstige Schlsse darber zog, was das Volk, das sie hervorgebracht,
zu leisten vermchte. Aber er theilte nicht die Begeisterung seiner
naiveren und unwissenderen Landsleute fr das russische Volk als
solches. Er fand dessen Vergangenheit nicht gross.

Turgenjew schildert irgendwo seine Niedergeschlagenheit, als auf einer
der grossen Weltausstellungen ihn die bestimmte Empfindung berkam, wie
nichtssagend der Beitrag Russlands zu den industriellen Erfindungen der
Menschheit sei, und er fgt bitter hinzu: Wir haben nichts als die
Knute erfunden. Seine Werke zeigen, dass die Entwicklungsgeschichte
des Landes in der neueren und neuesten Zeit weit davon entfernt war,
ihm Zuversicht einzuflssen.

Iwan Turgenjew verlor frhe (1834) seinen Vater, Oberst Sergej
Nikolajewitsch (aus jener Familie Turgenjew, die Russland schon zwei
ausgezeichnete Mnner geschenkt hatte) und musste unter dem Regiment
seiner herrschschtigen, kaltherzigen Mutter vielerlei leiden. Er wurde
indess in lndlicher Stille auf dem Stammgute der Familie, Spaskoje,
erzogen und empfand frhe die lebhafteste Liebe zur Natur, sowie den
leidenschaftlichsten Unwillen gegen die Leibeigenschaft, deren traurige
Folgen er stets vor Augen sah.

Er studirte zuerst an der Moskauer, dann an der Petersburger
Universitt und reiste 1838 nach Deutschland, wo er gleichwie Katkf
und Bakunin Philosophie und Geschichte an der Berliner Universitt (bei
Michelet, Werder, Ranke u.s.w.) hrte. Nach mehrjhrigem Aufenthalt
im Auslande kehrte er als Anhnger des westeuropischen Freisinns nach
seiner Heimath zurck, erhielt eine Anstellung in der Kanzlei des
Ministeriums des Innern, trat jedoch schon nach Verlauf eines Jahres
aus demselben wieder aus, um das freie Leben eines Gutsbesitzers und
Jgers zu fhren.

Seine erste Jgergeschichte gab er 1847 heraus, auf welche von
1847--51 die brigen folgten. 1852 erschienen sie gesammelt als
Eines Jgers Tagebuch und erregten ein epochemachendes Aufsehen.
Ursprnglich war er mit versificirten Sachen als Byronianer und
Romantiker aufgetreten, ohne Erfolg und ohne Originalitt. In jener
ersten Periode fand Alexander Herzen -- wie ein Ohrenzeuge mir erzhlte
-- ihn so affectirt, dass er von ihm zu sagen pflegte, dass er nicht
einmal essen knne ohne Affectation. Bjelinski riss ihn von Byron,
Heine und der Romantik los und fhrte ihn auf den rechten Weg.

Er gab, was er von Grund aus kannte, russische Natur und russisches
Volksleben wieder und lieh seiner Entrstung ber die Leibeigenschaft
in den Formen Ausdruck, welche von der Censur gestattet wurden.
Dieselbe hat sicher einen gnstigen Einfluss auf sein Talent gehabt,
mit Nothwendigkeit all' das Vornehme, Aristokratische und Discrete
darin entwickelt. Hat er jemals in seiner frhesten Jugend Hang zum
directen Pathos, zur Declamation, zu grellen Wirkungen gehabt -- stark
kann dieser Hang keinesfalls je gewesen sein -- so muss das Verhltniss
zur Censur denselben getdtet haben. Um Mitleid fr die Leibeigenen
zu erwecken, um die Rechtlosigkeit zu zeigen, in welcher sie ihr
Leben verbrachten, und ein Bild von der Rohheit zu geben, welche,
auch ohne Peitsche oder Knute anzuwenden, sie zu Tode misshandelte
-- erzhlte er Bruchstcke aus seinem Tagebuch als Jger, Besuche
bei den Gutsbesitzern oder bei dem Arzte und dazwischen ab und zu
eine kleine Geschichte: die Geschichte jener Mllersfrau, welche
sich als Mdchen der schwarzen Undankbarkeit schuldig machte, sich
verheirathen zu wollen, obgleich ihre Herrschaft, eine engelsgute
Dame, verheirathete Dienstboten nicht ausstehen konnte, und welche,
da sie das Verhltniss zu ihrem Schatz nicht aufgeben wollte, durch
Zwangsheirath mit einem Andern gestraft ward, nachdem man ihren
Petruschka unter die Soldaten gesteckt. Oder die Geschichte von dem
taubstummen, riesenstarken Bauernknecht Garassim, dessen Geliebte
von der gndigen Frau zum Spass mit einem Trunkenbolde verheirathet
wurde, und der seinen Hund, ein kleines mageres Hndchen, Mumu, seinen
letzten Trost und seinen einzigen Gefhrten in dieser Welt, ertrnken
musste, weil Mumu zeitweise mit seinem Geklff die Gndige aufstrte,
wenn sie nach allzu starker Mahlzeit schlaflos dalag. Beide Geschichten
sind ohne Reflexionen, ohne irgend ein Urtheil erzhlt; der Gram ber
die gezeigte Brutalitt ussert sich nur als Ironie, und diese Ironie
verschwindet wieder in der Wehmuth der Totalstimmung.

Das, was Turgenjew's Grundstimmung so reich und eigenthmlich macht,
ist, dass er zugleich Pessimist und Menschenfreund ist, dass er die
Menschenrace geliebt hat, von der er so gering dachte und welcher er
so wenig zutraute. Seine Ueberzeugung ist die, dass in Russland Alles
fehlschlage (eine Liebesgeschichte scheint ihm nicht echt russisch,
wenn sie nicht durch die Unbestndigkeit des Mannes oder die Klte der
Frau einen unglcklichen Ausgang nimmt; eine Bestrebung scheint ihm
nicht echt russisch, wofern sie nicht die Krfte dessen bersteigt,
der sie unternimmt, und an der Unempfnglichkeit derjenigen scheitert,
um derentwillen sie geschieht); aber doch kann er nicht umhin,
immer wieder haltungslose Liebe und fruchtloses Streben in Russland
darzustellen.

Fr ihn ist Russland das Land, wo Alles scheitert, das Land des
gemeinsamen Schiffbruches. Und sein Grundgefhl ist das schmerzbewegte,
stark gemischte eines Zuschauers bei einem Schiffbruche, an welchem er
den Gescheiterten selbst die Hauptschuld geben muss. Es ist ein starkes
und stilles Gefhl, immer in seinem Ausbruch gedmpft. Niemals ist ein
grosser und fruchtbarer Schriftsteller weniger lrmend gewesen als er.

Es liegt in dieser edlen, einfachen Haltung etwas Aristokratisches.
Nicht als ob er, wie Lord Byron oder Frst Pckler, seinen Werken
dieses Geprge wie einen ussern Stempel aufgedrckt htte; man findet
in seinen Bchern nicht das Geringste, was direct an den vornehmen
Mann erinnert; aber man bekommt den Eindruck, dass dem Autor die
geistige Feinheit angeboren war und dass er immer in der besten
Gesellschaft gelebt hat. Er war Weltmann, und man fhlt in seinen
Werken jene Lebenserfahrung des Weltmannes durch, welche den Dichtern
Deutschlands in der Regel fehlt; aber diese Erfahrung hat ihn nicht
wie so manchen Schriftsteller in Frankreich cynisch, noch wie so
manchen englischen moralisirend werden lassen. Obgleich er in seiner
Erzhlerkunst nie den guten Ton verletzt, ist sein Ton doch nicht der
Weltton. Selbst seine Verachtung ist keine kalte Verachtung. Da ist
immer Seele in seiner Stimme.

Es ist schwer, bndig und bestimmt zu sagen, was Turgenjew zum Knstler
ersten Ranges macht. Kurz zusammengefasst liegt es wohl daran, dass
seine Darstellung so _echt_ ist. Aber auch dieses Wort bedarf einer
Erklrung.

Dass er im hchsten Grade die Eigenschaft des wahren Dichters hat,
Menschen hervorzubringen, welche leben, begreift nicht Alles.
Was seine knstlerische Ueberlegenheit so fhlbar macht, ist die
Uebereinstimmung, welche der Leser empfindet zwischen dem Interesse
des Dichters fr die geschilderte Persnlichkeit oder dem Urtheile
desselben ber sie und dem Eindrucke, welchen der Leser selbst von der
dargestellten Persnlichkeit empfngt.

Denn dieser Punkt: das Verhltniss des Dichters zu seinen eigenen
Gestalten, ist derjenige, wo jede Schwche, welche er als Mensch oder
als Knstler hat, an den Tag kommen muss. Der Dichter kann mancherlei
seltene Gaben besitzen; wenn er aber unsere Bewunderung verlangt fr
das, was nicht der Bewunderung werth ist, wenn er uns Anerkennung
fr einen Mann oder Mitleid mit einem Weibe, oder Begeisterung fr
eine That abtrotzen will, ohne dass wir uns veranlasst fhlen, darauf
einzugehen, so hat er sich selbst geschwcht und geschadet. Wenn der
Romanschriftsteller, dem wir eine zeitlang willig folgten, sich
pltzlich weniger kritisch oder mehr empfindsam oder sittlich schlaffer
zeigt als wir, da ist es uns, als ob die Darstellung versage. Wenn er
eine Person als unwiderstehlich herzgewinnend auftreten lsst, ohne
dass wir sie verfhrerisch finden, oder sie als begabter und witziger
schildert, als sie uns zu sein vorkommt, oder wenn er die Person eine
khnere That ausfhren lsst, als wir von ihr erwarten konnten, oder
die Handlungsweise derselben durch eine Hochherzigkeit erklrt, die
uns nie begegnet ist und an die wir in diesem Falle nicht glauben,
wenn er uns durch willkrliche, unreife Werthschtzung herausfordert,
oder uns durch Klte emprt, oder uns durch Moralisiren reizt, dann
fhlt der Leser sich dem Unechten, Versagenden gegenber und wird
zurckgeschreckt; es wird uns, als hrten wir einen falschen Ton, und
selbst wenn darber weg gesungen wird, bleibt das Unbehagen als dumpfe
Erinnerung zurck.

Welcher Leser von Balzac, oder Dickens, oder Auerbach -- um nur von
den grossen Todten zu reden -- kennt nicht dies Unbehagen! Wenn
Balzac in plumper Begeisterung schwimmt oder Dickens kindisch rhrend
oder Auerbach affectirt naiv wird, dann fhlt der Leser sich von dem
Unechten, Versagenden zurckgeschreckt.

Niemals begegnet Jemand dem knstlerisch Versagenden bei Turgenjew.

Die Aufgaben, welche er sich gestellt hat, sind die allerschwersten.
Er verschmht es, durch romantische Charaktere und abenteuerliche
Ereignisse zu fesseln. Nicht weniger verschmht er den Reiz des
Unreinen. Selten oder nie geschieht in seinen Novellen oder Romanen
etwas Ungewhnliches -- eine Katastrophe wie der Zusammensturz des
Hauses am Schlusse vom Knig Lear auf dem Dorfe ist eine vllige
Ausnahme -- und obgleich er niedrigen und schmutzigen Charakteren
nicht ausweicht und novellistische Begebenheiten erzhlt, welche kein
englischer Novellist erzhlen mchte, gibt er sich doch nie damit ab,
in dem Obscnen umzurhren, wie sonst Schriftsteller, die sich ein fr
allemal ber das Herkmmliche hinausgesetzt haben, sich so oft versucht
fhlen. Er war als Knstler ein entschiedener, aber schamhafter Realist.

Sein Hauptgebiet als Schriftsteller nehmen die Geringen, die
Schwachen, die Unsteten, die Unzuverlssigen, die Ueberflssigen
und die Verlassenen ein. Er schildert nicht wie Dostojewski das
ussere, handgreifliche Unglck, nicht die Armuth, die Rohheit, die
Verderbtheit, das Verbrechen, berhaupt nicht das Unglck, das sich
von weitem erkennen lsst. Er schildert das Unglck, das sich dem
Auge entzieht; er ist insbesondere der Dichter derer, die sich in ihr
Schicksal ergeben haben. Er hat das innere Leben des verschwiegenen
Kummers, sozusagen das Stillleben des Unglcks gemalt.

Man lese z. B. Ein Briefwechsel. Wir lernen hier allmlig ein junges
Mdchen kennen, welches allein, unverstanden und von seiner dummen
Umgebung verhhnt, auf einem kleinen Dorfe lebt und eben auf dem Punkte
steht, ein altes Mdchen zu werden. Sie hat schon verzichtet. Ihr
Verlobter hat sie vor wenig Monaten verlassen. Sie hat ihre Forderungen
an das Leben aufgegeben, hat nur den Einen Wunsch nach Ruhe und ist
auf dem Wege, Ruhe zu finden. Da beginnt aus Drang, sich mitzutheilen,
aus Mssiggang, aus Einsamkeitsgefhl, aus Theilnahme ein Jugendfreund
von ihr an sie zu schreiben. Sie antwortet anfangs abweisend. Nach
dem Empfange neuer Episteln lsst sie sich die Erlaubniss abnthigen,
dass er fortfahren darf. Er schreibt, und sie weist ihn nun nicht
mehr kurz, sondern in einem langen beredten Briefe ab. So keimt das
Freundschaftsgefhl in ihrem Innern, und nicht lange ist sie davon
erfllt, als es in Liebe umschlgt. Einen Augenblick lieben sie Beide.
Er sehnt sich und schwrmt ihr entgegen, der Tag seiner Abreise
und Ankunft ist schon bestimmt -- da hrt der Briefwechsel auf, er
lsst sich von einer Tnzerin entfhren, ber deren vulgre Reize er
Alles vergisst, und sie sinkt von neuem, aber diesmal so viel tiefer
getroffen, in ihre frchterliche Isolirtheit zurck.

Die sehr ausgefhrte Novelle Eine Unglckliche behandelt das Leben
eines andern jungen Mdchens, dessen Unglck ebenso schweigsam und
ereignisslos ist. Ihre lteste Erinnerung ist die, dass sie mit ihrer
Mutter, einer Jdin, Tochter eines fremden Malers, tglich am Tische
des Gutsbesitzers Herrn Koltowskoj speist. Herr Koltowskoj ist ein
hochgewachsener alter Popanz, der abscheulich nach Ambra riecht, immer
aus einer goldenen Dose schnupft und dem Kinde kein anderes Gefhl als
das der Angst einflsst, selbst wenn er ihm seine harte drre Hand mit
gestickter Manschette zum Kusse reicht.

Die Mutter wird zu einer Heirath mit dem widerlichen Verwalter
Herrn Ratsch berredet, und gleichzeitig erfhrt das Kind, dass
der Gutsbesitzer ihr Vater ist. Niemals hat dieser Vater ihr Liebe
erwiesen, ihr sogar niemals ein freundliches Wort gesagt. Er bezeichnet
sie mit steifer Grandezza als seine kleine Vorleserin. Die Mutter
stirbt. Der alte herzlose Gutsbesitzer stirbt wenige Jahre spter.
Von dessen Bruder erhlt Susanna eine kleine Summe, deren sich der
Stiefvater bemchtigt. Sie ist erwachsen, ihr Herz spricht zum ersten
Male, sie verliebt sich sterblich in ihren Vetter Michael, einen jungen
vortrefflichen Offizier, der sie liebt, wie sie's verdient geliebt zu
werden. Kaum ist das vertraute Verhltniss des Jnglings zum jungen
Mdchen entdeckt, so werden sie auseinandergerissen. Michael wird
fortgeschickt und stirbt bald darauf. Sein Vater, der die Verbindung
auflste, hat sich schon seiner jungen Nichte mit entehrenden Antrgen
genhert. Endlich stirbt auch er und hinterlsst ihr eine Pension --
welche von dem Stiefvater einkassirt wird. Es vergehen drei -- sechs
-- sieben Jahre, die Zeit schwindet, und das Leben mit ihr. Alles ist
ihr gleichgiltig geworden. Da fllt ein neuer Lichtstrahl in ihr Leben.
Ein junger Mann, der ihr Herz gewonnen hat, erwidert ihre Neigung;
dann werden ihm von ihrer Umgebung, besonders von ihrem bodenlos
verdorbenen Stiefbruder, so grobe Verleumdungen ber ihre Vorzeit
hinterbracht, dass er sich zurckzieht und zur Abreise rstet. Sie
tdtet sich durch Gift.

Oder lesen wir Das Tagebuch eines berflssigen Menschen. Der
Titel sagt schon den Inhalt. Ein Todtkranker beschftigt sich in
seinen letzten Tagen damit, die Reihenfolge gewhnlicher Ereignisse
aufzuzeichnen, die sein berflssiges Leben ausmachten. Einmal hat
er geliebt, aber nur um alle Qualen der Eifersucht und jegliche
Demthigung des Verschmhtseins durchzukosten! Elisabeth liebt nicht
ihn, sondern einen jungen glnzenden Frsten aus Petersburg, der sich
vorbergehend in ihrem Wohnorte aufhlt. Er fordert den Frsten, wird
von diesem im Duell geschont und erreicht dadurch nichts weiter, als
dass er fr einen schlechten Menschen gilt und von der Geliebten als
Mrder betrachtet wird. Nachdem Elisabeth vom Frsten verfhrt und
verlassen worden, erneuert er trotzdem seinen Antrag und wird mit
Abscheu zurckgewiesen. Sie reicht ihre Hand einem andern ebenso
edelmthigen Freunde, der ihm zuvorgekommen ist. Sogar bei dieser
Gelegenheit ist er berflssig, das fnfte Rad am Wagen gewesen. Und
doch liest man zwischen den Zeilen, wie seelenvoll, wie edel angelegt,
wie brav er ist. Die Schlussbltter enthalten die Abschiedsworte, mit
welchen der vom Arzte aufgegebene Brustkranke von dem Leben scheidet.

Jacob Passienkow ist noch eine Erzhlung derselben Art. Passienkow
ist ein Typus der russischen Persnlichkeiten, die Turgenjew mit
Vorliebe schildert. Aeusserlich nicht besonders ausgestattet, gross,
mager, flachbrstig, ja sogar etwas rothnasig. Aber die Stirn ist
vorzglich geformt, die Stimme mild und gedmpft, und es heisst
bezeichnend von ihm: In seinem Munde klangen die Worte: Gte,
Wahrheit, Leben, Wissen, Liebe niemals phrasenhaft, wie begeistert
er sie auch aussprach. In seiner Geschichte kommt das Grundthema
Turgenjew's doppelt vor. Er liebt ein junges Mdchen, das ihn
keines Gedankens wrdigt; als er einsam und vergessen in einem
Winkel Sibiriens stirbt, hat er noch ein paar Andenken an ihr auf
seiner Brust. Ihm fehlten, um ihr zu gefallen, einige Laster, etwas
Selbstsucht, etwas Leichtsinn. Whrend er aber in so hoffnungsloser
Leidenschaft schmachtet, wird er, ohne es zu ahnen, von ihrer
Schwester, einem jungen, unschnen, etwas linkischen Mdchen so heiss
geliebt, dass sie niemals der Erinnerung an ihn untreu geworden und um
seinetwillen sich nie mit einem Andern hat verheirathen wollen.

Doch das hervorragendste Beispiel all' dieser feinen und ebenso
vollendeten wie einfachen Monographien des Unglcks ist sicher die viel
sptere Erzhlung: Die lebendige Reliquie. Das Ganze ist fast nur
ein Monolog, die Mittheilung, welche ein junges, vor Zeiten schnes,
jetzt zum Skelett abgemagertes russisches Bauernmdchen dem Verfasser
ber ihr Leben gibt. Er findet sie auf dem Fussboden in einem einsamen
Hause liegen. So hat sie auf dem Rcken ausgestreckt gelegen, seit
sie vor sieben Jahren einen verhngnissvollen Fall that. Ihr Kopf ist
ausgezehrt, einfrbig wie Bronze, die Nase ist scharf und spitz wie
eine Messerschneide, die Lippen sind eingeschrumpft, nur die Zhne
und das Weisse der Augen glnzen; einige Strhne dnnen, hellgelben
Haares fallen auf ihre Stirn nieder. Auf der Bettdecke ruhen ein
paar magere Hnde, deren dunkelbraune, kleine Finger sich langsam
hin und her bewegen. Einstmals war sie das ppigste, schlankeste,
lustigste und schnste Mdchen der Gegend, immer zum Lachen, Singen,
Tanzen aufgelegt. Sie erzhlt, wie es ihr nach jenem Falle ergangen.
Sie schrumpfte ein, wurde schwarz, verlor die Kraft zu gehen und zu
stehen, den Appetit zum Essen und zum Trinken. Vergeblich hat man ihren
Rcken mit glhendem Eisen gebrannt, vergeblich sie in gestossenes
Eis gesetzt. Und von alledem erzhlt sie in einem fast heitern Tone
ohne irgend ein Bestreben, das Mitleid des Anhrenden zu erregen. Ihr
Geliebter hat sie verlassen und sich mit einer Andern verheirathet.
Er ist, wie sie sagt, Gott sei Dank sehr glcklich in seiner Ehe.
Sie findet sein Benehmen gegen sie natrlich und richtig. Sie ist
den Leuten dankbar, die sich ihrer annehmen, besonders einem kleinen
Mdchen, das ihr Blumen bringt; sie langweilt sich nicht, beklagt
sich nicht. Da sind andere, die weit unglcklicher sind, als sie, die
Blinden und Tauben; sie sieht vorzglich und hrt Alles, hrt den
Maulwurf unter der Erde graben und riecht jeden Geruch, selbst den
schwachen Duft des Buchweizens, wenn er weit entfernt auf dem Felde
blht, sogar den Duft der blhenden Linden weit unten im Garten.

Zu den grossen Begebenheiten ihres Lebens gehrt es, wenn ein Huhn oder
ein Spatz oder ein Schmetterling durch die Thr oder das Fenster zu ihr
hereinkommt. Mit grossem Vergngen erinnert sie sich des Besuches, den
ihr einmal ein Hase abstattete. Und Lukeria erinnert Turgenjew an die
Zeit, da sie Lieder sang; ab und zu singe sie noch. Der Gedanke, dass
dieses kaum noch lebende Wesen sich zum Singen vorbereitet, erweckt
eine Art von Schrecken bei ihm: und zitternd wie eine feine Rauchsule
erklingt nun ihre kleine feine Stimme in fast unhrbaren, aber klaren
und reinen Tnen. Sie erzhlt ihre merkwrdigen Trume, die sie whrend
ihres leider so seltenen Schlafes gehabt habe, einen von Jesus, der
ihr entgegenging und ihr die Hand reichte, einen von einer Frau, die
sie kommen sah und die ihr Tod war. Diese ging an ihr vorber und
beklagte sehr, sie nicht mitnehmen zu knnen. Lukeria widerspricht dem
Erzhler, als er ihre Geduld bewundert. Was sei da zu bewundern! Was
habe sie ausgerichtet! Nein, die Jungfrau, die im fernen Lande mit
einem grossen Schwerte die Feinde in's Meer hinaustrieb und dann sagte:
Verbrennt mich nur, denn das war mein Gelbniss, dass ich fr mein
Volk auf dem Scheiterhaufen sterben wollte!, _die_ Jungfrau vollfhrte
eine bewunderungswrdige That. -- Zum Abschiede bittet Lukeria ihn,
bei seiner Mutter fr die Bauern in der Gegend ein Wort einzulegen;
die Abgaben, die von ihnen gefordert werden, seien zu hoch; sie selbst
bedrfe nichts und habe fr ihre eigene Person keine Wnsche.


                                 III.

Doch diese kleineren Arbeiten sind es nicht, die Turgenjew's Name
weltberhmt machten; die grsseren Novellen und seine Romane
sind es, Meisterwerke wie: Am Vorabende, (Helene), Rdin,
Frhlingsfluthen, Rauch, Vter und Shne, Neuland. Es
gibt in der europischen Litteratur keine feinere Psychologie,
keine vollendetere Charakterzeichnung als diese, und was in der
Geschichte der modernen Dichtkunst fast unerhrt ist, die Frauen- und
Mnnerfiguren sind in gleichem Grade vollkommen.

Um diese vorzglichsten Werke Turgenjew's recht zu begreifen, ist ein
Einblick in seine Lebensgeschichte und seinen Charakter nothwendig:

Es gibt in seinem Dasein zwei Begebenheiten von folgenschwerer
Bedeutung. Die erstere ist seine Einkerkerung mit darauf folgender
Verweisung auf sein Landgut im Jahre 1842; die zweite seine
Bekanntschaft mit Frau Pauline Viardot geb. Garcia.

Turgenjew war in Regierungskreisen, wegen seiner indirecten Angriffe
auf die Leibeigenschaft, mit scheelen Augen angesehen. Als dann Gogol
starb und Turgenjew in einem Zeitungsartikel (an dem die Censur nichts
auszusetzen fand) den Verstorbenen in warmen Worten verherrlichte,
ergriff man bei den Haaren die Gelegenheit, ihn zu treffen. Man
erblickte -- weiss der Himmel wieso -- Ungehorsam gegen den Kaiser
in dem genannten Artikel, und der Verfasser wurde auf allerhchsten
Befehl in Petersburg in's Gefngniss geworfen. Unter seinen Briefen
befindet sich ein Schreiben, das er aus demselben an den Thronfolger
(Alexander) richtete; um seine Unschuld darzuthun. Nachdem er einen
Monat im Kerker gesessen, was ihm sein schlechter Gesundheitszustand
doppelt qulend machte, wurde er auf sein Gut Spaskoje verwiesen,
woselbst er mehrere Jahre verweilen musste. Offenbar gab dieser Vorfall
den Anstoss dazu, dass er nach der Begnadigung stndigen Aufenthalt
ausserhalb seines Vaterlandes nahm.

Die Bekanntschaft mit Frau Viardot hielt ihn fr den Rest seiner
Lebenszeit -- weit ber deren Hlfte -- in ihrer Nhe gebannt. Sie
war 1821 in Paris geboren und hatte mit ihren Eltern ausgedehnte
Kunstreisen in Amerika und Europa, erst als Pianistin, dann als
Sngerin gemacht. Ihr erstes Auftreten in Paris, welches mit dem der
Rachel zusammenfiel, ist von Alfred de Musset besungen worden. Seit
1840 war sie mit dem Schriftsteller Louis Viardot vermhlt. Schon 1847
begleitete Turgenjew das Ehepaar nach Berlin und von dort nach Paris.
Von 1856 ab war er als ein Mitglied der Familie Viardot zu betrachten
und der Einfluss, welchen die Frau des Hauses auf den Dichter bte, ist
gross und, soviel sich beurtheilen lsst, gnstig gewesen. Als 1847
seine despotische Mutter sich weigerte, ihm Geld zu seinem Unterhalt zu
senden, untersttzte ihn Frau Viardot aus ihrer Casse, und so war es
nur billig, dass Turgenjew -- was zu vielen feindseligen Commentaren
von russischer Seite Anlass gegeben hat -- sie in seinem Testamente zur
Universalerbin einsetzte.

Das Verhltniss Turgenjews zu Frau Viardot war das der
leidenschaftlichsten Zuneigung und Bewunderung. Er konnte nicht ohne
sie sein und berieth jede Angelegenheit mit ihr. Ein chter Slave,
empfnglich fr Eindrcke, geistig productiv und beinahe vllig
willenlos, war er glcklich, eine Herrscherin ber sein Leben zu haben.
Wenn irgend ein Freund sich zu ihm ber unordentliche oder unglckliche
Lebensfhrung beschwerte, war seine Lieblingsantwort Thu wie ich,
Lieber. Ich lasse mich regieren. Er that, was Frau Viardot ihm zu
thun empfahl, und befand sich wohl dabei.

Sie scheint das einzige Weib von Bedeutung in seinem Leben gewesen
zu sein. Er hatte natrlich in der Jugend mit Frauen Bekanntschaft
gehabt. Neunzehn Jahre alt, war er in Berlin der Freund eines kleinen
Nhmdchens gewesen. Zu seinem Verdruss konnte Bakunin, mit dem er
gemeinschaftlich wohnte, es ihm jedesmal, wenn er sie besuchte,
anmerken, woher er kam.[32] In Russland lebte er zuerst Anfangs der
40ger Jahre, dann von 1851--53 mit einer leibeigenen Russin, Avdotja
Ermolajewna Iwnowa zusammen, die sehr schn gewesen sein soll,
doch die in die Geheimnisse der Lesekunst einzuweihen, sich als
schlechterdings unmglich erwies. Sie gebar ihm 1842 eine Tochter,
die er 1864 an einen Franzosen verheirathete. Man ersieht aus seinen
Briefen, dass er damals nicht einmal den Wohnort der Mutter kannte, die
einen russischen Beamten geheirathet hatte. (Brief an Maslov 26. Dec.
1864.) Allein er war ein guter Vater, wie er auch ein treuer Freund und
edelmthiger Beschtzer gewesen war.

Sein Charakter war vornehm, fein und rein bis zur Zartheit, doch weich
und unschlssig. Er brauchte vermuthlich nicht allzu weit zu gehen, um
als junger Mann das Modell zu einzelnen Charakterzgen seines Rdin zu
finden. Niemals hat er sich einer niedrigen Handlung schuldig gemacht,
doch ebenso wenig drfte er je, mit khner, gesammelter Energie
gehandelt haben. Wenn man seine Briefe liest, so stutzt man darber,
mit welchen Schlingeln er in freundschaftlichem Verkehr gestanden hat
-- offenbar um sich an ihnen keine Feinde zu machen -- wie ber die
geringe Achtung, mit der er sich in vertraulichen Briefen ber Leute
auslsst, denen er in andern Briefen mit vieler Rcksicht begegnet.
Wenn Turgenjew bei einem Charakter, dessen Willenselement so schwach
entwickelt war, whrend seines ganzen Lebens der altliberalen Gesinnung
seiner Jugend treu blieb, so geht man schwerlich fehl, wenn man das
Verdienst hieran zum nicht geringen Theil Madame Viardot zuschreibt.
Htte sie im entgegengesetzten Sinne auf ihn eingewirkt, so wre er
wahrscheinlich conservativ geworden, und wre ihr Haus, ihr Kreis,
nicht so entschieden freisinnig gewesen, wer weiss, ob es nicht
anderweitigen Einflssen geglckt wre, ihn umzustimmen. Durchaus
selbstndig scheint er hingegen in seiner hartnckigen Haltung als der
Frsprecher und Jnger West-Europas gewesen zu sein.

Mit dem schwachen Hervortreten des Willens in Turgenjews' Charakter
stimmt es recht wohl berein, dass er als Dichter mit der Sicherheit
eines Nachtwandlers seine Werke schuf. Zu Michailow, Prof. der
Physiologie in Petersburg (durch den ich es erfuhr) usserte er einmal:
Ich sehe einen Mann, der mir durch irgend einen Zug, einen vielleicht
nicht einmal bedeutenden, auffllt. Ich vergesse ihn. Pltzlich, lange
nachher, steht dieser Mensch aus dem Grabe der Vergessenheit wieder
auf. Um den Zug, der meine Aufmerksamkeit erregt hatte, gruppiren sich
andere Zge, und wenig ntzt es, ob ich ihn nun vergessen mchte. Ich
kann es nicht. Ich bin von ihm wie besessen. Ich denke, ich lebe mit
ihm und kann mich nur dadurch beruhigen, dass ich eine Existenz fr ihn
finde.

Turgenjew ist als Schriftsteller mehr elegant als mchtig. Daher
liegen seiner Begabung die Frauencharaktere so gut. Mit stiller
Zrtlichkeit zeichnet Turgenjew die jungen Mdchen, die seine volle
Sympathie haben, Helene und Gemma. Die Knstlerhand ist hier von
einer Liebe gefhrt, die Lob und Bewunderung der Gestalten von Seiten
des Dichters vllig ausschliesst. Jedes Wort, das von ihnen gesagt
wird, ist bestimmend, begrenzend. Die eine ist in Mienenspiel,
Bewegungen, Lachen, Gedankengang und Liebe ganz Italienerin, die
andere bleibt in der Erinnerung des Lesers als der schnste Typus
russischer Weiblichkeit stehen. Nur die ersten Dichter der Erde haben
etwas so Lebensvolles und so Durchgefhrtes hervorgebracht. Und der
Schnheitskultus, der sich darin ussert, hat dem Naturstudium nicht
den geringsten Abbruch gethan. Das sind keine Frauen, die der Dichter
willkrlich geschaffen hat und die in das phantastische Reich der
Poesie gehren wie die Frauengestalten bei so manchen anderen Dichtern.
Das sind keine Produkte der persnlichen Schwrmerei Turgenjews fr das
Weibliche, nicht Gestaltungen seines Ideals allein, sondern Studien,
die auf Grund eines feinen Wirklichkeitssinnes und vermge tiefer
Wirklichkeitserkenntniss ausgefhrt sind.

Bei den wichtigsten Mannescharakteren war Turgenjew genthigt, sich
wegen der Natur des Stoffes die Arbeit besonders schwer zu machen.
In der Regel ist es ja Hauptaufgabe des Dichters, den Charakter
zu halten und den Selbstwiderspruch in demselben zu vermeiden.
Die hervorragendsten Charaktere bei Turgenjew bestehen indessen
aus lauter Widersprchen. Er hat verstanden, die Inconsequenz als
Grundcharakterzug zu behandeln, ohne die Charaktere dadurch aufzulsen.
Bei dem Normalrussen, wie er ihn schildert, ist mit Sicherheit auf
nichts Anderes als Unbestndigkeit zu rechnen. Wie Alexis in dem
Briefwechsel Marie im Stiche lsst, so verlsst Rdin Natalia, Ssanin
in Frhlingsfluthen Gemma, Litwinow in Rauch Tatjana u.s.w.
Sie verlassen Jugend, Frische, Herzensgte, Schnheit, Glck, um dem
Sinnesrausch und der Erniedrigung nachzulaufen, oder sie geben aus
reiner Haltlosigkeit, aus Unsicherheit an sich selbst das begonnene
Spiel auf. Doch diesen Mnnern ohne Verlass, deren Leidenschaften so
pltzlich erregt werden und wieder verfliegen, entsprechen zu ihrer
eigenen Ueberraschung Frauen, die noch schwerer zu berechnen sind,
Frauen, die nahe daran sind, zu lieben, und es doch nicht vermgen, wie
Frau Odinzow in Vter und Shne, Frauen, die unfreiwillig die Mnner
bethren, sich hingeben und wieder zurcknehmen, wie Irina in Rauch,
endlich kalte Bacchantinnen, wie jene Maria Nikolajewna, die den Ssanin
der Gemma entfhrt.

Bisweilen kann die Inconsequenz oder der Verrath etwas ungengend
motivirt vorkommen, wie in Frhlingsfluthen, vielleicht desshalb,
weil Turgenjew diesen Zug seiner Jnglings-Charaktere sozusagen als
bekannt voraussetzt. In seiner frhesten grsseren Erzhlung, Rdin
(1855) ist das Studium der Haltlosigkeit so tief und erschpfend, dass
man durch die Schwche dieses Einen Charakters hindurch die schwache
Seite des russischen Charakters berhaupt versteht. Das an der Kunst
des Dichters Bewunderungswrdigste ist hier, dass er es vermocht hat,
eine nicht geringe Sympathie fr Rdin zu erwecken, dass er uns in
dem armen Wicht und Phrasenhelden den aufrichtig Begeisterten gezeigt
hat. Rdin, der mit soviel Wrme spricht und so glnzend erzhlt, dem
die ganze Musik der Beredsamkeit zur Verfgung steht, ist trge,
herrschschtig, spielt immer irgend eine Rolle, lebt immer auf Kosten
Anderer, ist kalt, wenn er am wrmsten scheint, und zu jeder That
am meisten unfhig, wenn man eben glaubt, nun wolle er zur Handlung
schreiten. Und doch zeigt uns Turgenjew, dass er viel mehr Mitleid als
Unwillen verdient und dass er nicht mit Unrecht grossen Einfluss auf
junge Seelen ausbt.

Mnner mit festem Herzen und krftigem Willen kommen als Hauptfiguren
in den frheren Werken Turgenjew's nicht vor. Sie sind Hamlette, die
von Puschkins Onjaegin und Herzens Beltow abstammen. Schildert er
einen Mann, der ganz Mann ist und zu dem eine Frau aufblicken kann,
da whlt er wie in Helene, um seine Landsleute zu beschmen, einen
Fremden, den Bulgaren Insarow, welcher gerade die Eigenschaften hat,
die den Russen von dem Besten bis zu dem Geringsten fehlen. Das Modell
zu dieser Gestalt war ein wirklicher Bulgare, Namens Katianow, der
in seinem Vaterlande eine Rolle gespielt hatte und den Turgenjew
(1855) durch die Papiere eines Nachbars, des Gutsbesitzers Karatejew,
kennen lernte. Sonst werden Mnner, die Turgenjew selbst bewundert,
nur flchtig genannt; er stellt sie als Hintergrundgestalten hin
oder bentzt sie als Contraste, um die Unwahrheit und Schwche der
Hauptfigur strker hervorzuheben.

Eine solche Gestalt ist zum Beispiel jener Pokorski in Rdin, ber
den Leschnew in so warm begeisterten Worten spricht und in welchem man
vielleicht ein Portrt des berhmten russischen Kritikers Belinski,
des Jugendfreundes und Lehrers Turgenjew's, hat, dessen Andenken er
Vter und Shne widmete und an dessen Seite begraben zu werden er
in seiner Todesstunde wnschte. Es heisst ber ihn: Pokorski machte
einen sehr ruhigen und weichen, fast schwachen Eindruck; er liebte die
Frauen leidenschaftlich, nahm gern an einem kleinen Gelage Theil und
duldete von Niemandem eine Beleidigung. Rdin schien lauter Feuer und
Flamme, Leben und Khnheit zu sein; aber im Grunde seiner Seele war
er kalt, fast ein Feigling, das heisst, so lange man seine Eitelkeit
nicht reizte, denn geschah das, so gerieth er fast ausser sich vor
Wuth. Er versuchte fast immer Andere zu beherrschen, und Viele trugen
geduldig sein Joch, aber Pokorski unterwarfen sich Alle freiwillig ...
Ach, das war eine prachtvolle Zeit, und ich weiss bestimmt, sie war
nicht vergeudet. Wie oft bin ich Leuten aus jener Zeit begegnet, meinen
Jugend-Kameraden, Mnnern, die aussahen, als wren sie in einen rein
thierischen Zustand hinabgesunken -- da brauchte man nur Pokorski's
Namen zu nennen, sofort kam all das Gute, was in ihnen zurckgeblieben,
wieder zum Vorscheine, gleich als wenn man in einem schmutzigen,
dunklen Zimmer eine Flasche Parfm ffnet, die darin vergessen worden.

Es war doch zuerst in Vter und Shne (1861), dass Turgenjew eine
typische Darstellung von russischer Charakterstrke und geistiger
Ueberlegenheit in der damals modernen Gestalt gab.

Bazarows Gestalt fhrte den Nihilismus in die schne Litteratur ein.
War es auch allem Anscheine nach Turgenjew hauptschlich darum zu
thun, die ideenarme Ntzlichkeitsvergtterung der jungen Generation zu
geisseln, so ist es ihm doch hier gelungen, einen Mann zu zeichnen,
der durch seine Festigkeit, seinen Muth wie seine Einseitigkeit, eine
der hervorragendsten Gestalten der gesammten europischen, an echten
Mnnertypen nicht eben reichen Litteratur ist. Niemandem, der in
modernen Bchern einigermassen orientirt ist, kann es entgangen sein,
dass es ist, als sei der Begriff Mann aus ihnen entschwunden. Ein Mann,
der einen Willen und einen Gedanken hat, der seinen Willen im Dienste
seines Gedankens verwendet, seinem Entschlusse treu, seinen Freunden
eine Sttze, seinen Feinden ein ewiger Dorn im Auge ist, und dem die
Vertheidigungslosen, die Anfnger im Leben und die Frauen von selbst
zufallen, ein solcher Mann kommt heutzutage nur als naive Caricatur in
knabenhaften Erzhlungen oder Damenromanen vor.

Im Jahre 1860 traf Turgenjew auf der Reise in Deutschland in einem
Eisenbahncoup mit einem jungen russischen Arzt zusammen, welcher in
dem kurzen Gesprche, das sie miteinander fhrten, ihn durch seine
originellen und schroffen Anschauungen in Erstaunen setzte. Er gab
dem Dichter die Idee zu Bazarow ein. Um sich in den Charakter recht
hineinzuleben, begann Turgenjew Bazarows Tagebuch zu fhren, d.h.
so oft er ein neues Buch las, eine Persnlichkeit traf, die ihn
interessirte, irgend etwas in politischer oder socialer Beziehung
Charakteristisches erlebte, beurtheilte er es in diesem Tagebuch von
Bazarows Gesichtspunkt aus.

Bekanntlich wurden Vter und Shne nicht so sehr durch die
Genialitt, mit welcher die grosse Hauptgestalt dargestellt ist, als
durch die Wirkung, die das Buch hervorbrachte, durch den Unwillen,
die Missverstndnisse, die leidenschaftlichen Angriffe, zu welchen
es Anlass gab, eine Begebenheit in der Geschichte der russischen
Litteratur wie in dem eigenen Leben des Verfassers. Es ist ein
tadelloses Meisterwerk, ausserdem das ursprngliche Vorbild fr alle
die modernen Romane der verschiedenen Lnder, welche ein lteres und
ein jngeres Geschlecht in ihrem gegenseitigen Verhltnisse und Kampf
behandeln. Anfangs jedoch erblickte man darin nichts anderes, als eine
Herabsetzung der jungen Generation zu Gunsten der Cultur der lteren.

Dieser Albernheit gegenber, haben die eigenen Aeusserungen Turgenjew's
ber die Gestalt ein erhhtes Interesse. Ein gewisser Slutschewski
hatte ihm vorgeworfen, dass Bazarow einen so beraus ungnstigen
Eindruck mache. Darauf antwortet er (1862): Bazarow stellt ja doch
alle die andern Personen des Romans in den Schatten ..... Er ist
ehrlich, rechtschaffen und ein Demokrat von reinstem Wasser. Und Sie
finden keine gute Eigenschaft an ihm! Kraft und Stoff empfiehlt er
besonders als ein populres, d.h. werthloses Buch. Das Duell mit Pawel
Petrwitsch ist eingeflochten, um das geistig Hohle des eleganten,
adeligen Ritterwesens zu beleuchten; es ist obendrein fast bertrieben
lcherlich dargestellt ...... Meiner Anschauung nach ist Bazarow dem
P. P. bestndig durchaus berlegen, nicht umgekehrt. Wenn er sich
Nihilist nennt, muss man Revolutionr lesen ..... Auf der einen Seite
ein bestechlicher Beamter, auf der andern ein idealer Jngling: solche
Bilder zu zeichnen berlasse ich Andern. Ich strebe etwas Grsseres an.
..... Ich schliesse mit der Bemerkung: Wenn der Leser Bazarow nicht
trotz aller seiner Grobheit, Herzlosigkeit, unbarmherziger Trockenheit
und Schrfe liebgewinnt -- so liegt die Schuld an mir, so habe ich mein
Ziel verfehlt. Aber mit Syrup versssen -- um mit Bazarow zu reden --
das wollte ich nicht, obgleich ich dadurch sofort die Jugend auf meine
Seite gezogen htte.

Und zwlf Jahre spter kommt er, auf's Neue angegriffen, nochmals
auf sein zrtliches Gefhl fr Bazarow zurck: Was, schreibt er, auch
Sie behaupten, dass ich in Bazarow eine Caricatur der russischen
Jugend geben wollte? Auch Sie wiederholen diesen -- verzeihen sie
den freimthigen Ausdruck -- unsinnigen Vorwurf? Bazarow, mein
Lieblingskind, um dessentwillen ich mit Katkf brach und an den ich
alle Farben, ber die ich nur gebot, verschwendete! Bazarow, dieser
Verstndige, dieser Held, eine Caricatur! .....

Der Roman Rauch (1867) entzweite Turgenjew noch mit einer anderen
Gruppe in Russland, einer nicht minder einflussreichen, als es jene
war, die ihm Vter und Shne so bel genommen. Er ist zuvrderst
ein gegen die Slavophilen gerichteter Schlag. Wenigstens brachte er
sie heftig gegen ihn auf. Katkf und Dostojewski wurden von nun an
seine erbitterten Feinde und Verfolger. In diesem Werke werden gewisse
geschwtzige, eingebildete russische Quasi-Reformatoren mit beissendem
Hohne beseitigt. Die Behandlungsweise erinnert an die Manier Henrik
Ibsens, wenn er in seinen Schauspielen die Streber unter seinen
Landsleuten zchtigt.

Aber in Neuland (1877) dem letzten grsseren Werke Turgenjew's und
dem vielseitigsten von ihm verfassten, hat der Dichter seine Kritik der
Gesellschaft mit tiefer unparteiischer Gerechtigkeit zu Ende gefhrt.
Hier vertheilt er streng gerecht Sonne und Wind zwischen den Stnden,
Geschlechtern, Tendenzen und Gesellschaftsschichten seines grossen
Heimathlandes. Neuland steht hinter den lteren, grssern Romanen
insofern zurck, als man es hier zum ersten Male lebhaft inne wird,
dass der Dichter, lange von Russland losgerissen, den Augenschein durch
Lectre von Blttern und Prozessreferaten ersetzt hat. Dessenungeachtet
ist dieses Werk der reichste, vollste Ausdruck der Humanitt und
Lebensweisheit, der Freiheits- und Wahrheitsliebe Turgenjew's.

Hier offenbart er vielleicht in der positivsten Weise seine kindlichen
Gefhle fr Russland und seine Achtung vor der russischen Jugend,
hier zeigt sich klar sein unbefangener Blick fr den hohen Idealismus
derselben. Gewiss strandet auch hier Alles. Bei Turgenjew scheitern
eben alle Bestrebungen, misslingt Alles ohne Ausnahme. Im Augenblicke
herrscht allein die Hoffnungslosigkeit. Das ltere Geschlecht mit
seinem Sipjginschen Liberalismus ist ein fr alle Mal abgethan; bei
dem jungen Geschlechte ist Alles sehr wohl gemeint, sehr uneigenntzig
in's Werk gesetzt, doch nichts fhrt zum Ziele. Neshdanow will unter
das Volk gehen, Bcher und Broschren austheilen. Es wirkt wie ein
Symbol, dass die Bauern das verkehrt auffassen, nur mit ihm trinken
wollen und der verunglckte Volksapostel sinnlos betrunken nach
Hause gefahren wird. Nicht mit Unrecht hatte Neshdanow kurz zuvor
sein Gedicht Der Schlaf mit dem folgenden unvergesslichen Bilde
geschlossen:

                                    Und in der Hand
    Das Branntweinglas, das Haupt dort an den Pol geschlossen,
    Die Fsse an den Kaukasus, o Vaterland!
    So schlfst du, heiliges Russland, fest und unverdrossen!

Und doch erblickt man in diesem letzten grossen Werke in unbestimmten,
fernen Umrissen eine Zukunft. Sie wird vorbereitet von jungen Mdchen
wie Marianne und Maschurin, von jungen Mnnern wie Markelow, Ssolomin
und Neshdanow selbst.

Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte Turgenjew
abwechselnd in den beiden Lndern, die an seiner Bildung den grssten
Antheil haben, in Deutschland und Frankreich. Er wohnte in Baden-Baden
und Paris. Sein Verhltniss zu Deutschland und Frankreich war jedoch
sehr verschiedener Art. Vermuthlich schon kraft alter russischer
Tradition, berdies auch durch die Nationalitt Frau Viardots
stand er Frankreich weit nher als Deutschland. Er hatte in Berlin
studirt und sein Geist war durch die Kritik des Junghegelianismus
verfeinert und geschrft worden. Er verehrte Goethe ber Alles, ging
eine Zeitlang in seinen Jugendtagen ganz in Heine auf, unterhielt
immer ein freundschaftliches Verhltniss zu deutschen Dichtern und
Schriftstellern (wie Paul Heyse, Ernst Dohm und Ludwig Pietsch),
sprach Deutsch wie ein Deutscher, war ein aufrichtiger Bewunderer
der wissenschaftlichen Grsse Deutschlands; doch so innige Bande
ihn auch mit Deutschland verknpften, in seinen Erzhlungen stehen
nichtsdestoweniger wie in fast allen russischen Romanen und Novellen
die Deutschen in einem hchst satirischen, hie und da sogar in einem
gehssigen Lichte. Es scheint mir eine Schwche der deutschen Kritik,
dass sie diese in die Augen fallende Thatsache nicht einfach gesteht.
Gewiss schildert in der Regel jede Nation die andere ohne Enthusiasmus.
Eine Russin bei Victor Cherbuliez oder Paul Heyse (Ladislaus Bolski,
Im Paradiese, Das Glck zu Rothenburg) spielt nicht leicht eine
schne Rolle. In Turgenjews Seele aber scheint ein Rest von unbewusstem
Nationalhass brig geblieben zu sein.

Obgleich ihm nun auf der andern Seite gewiss nicht der Blick fr die
Fehler des franzsischen Naturells und die Mngel der franzsischen
Kultur fehlte, kam er doch leichter mit denselben zurecht. Er
fhlte sich in dem sonst gegen Fremde so vorurtheilsvollen Paris
als Knstler voll verstanden und gewrdigt: er hatte ebenso warme
Bewunderer unter den lteren Schriftstellern (Mrime), wie in dem
etwas jngeren Geschlechte (Augier, Taine, Flaubert, Goncourt) und in
der spter auftretenden Generation (Zola, Daudet, Maupassant). Mit
dem Schriftstellerkreise, der sich um Flaubert vereinte, verkehrte er
auf einem vertrauten und kameradschaftlichen Fusse, wie mit keinen
Schriftstellern anderer Lnder.

Wechselnder Art war das Verhltniss zu seinem eigenen Vaterlande.
In seiner Jugend war er populr, spterhin frmlich dem Hasse
preisgegeben. Erst bei seinem letzten Besuch in Russland offenbarte es
sich, dass allmlig das Missverstndniss, er wre seinen Jugendidealen
untreu geworden, einer bessern Erkenntniss gewichen war, und seine
Reise gestaltete sich durch die ihm von der Jugend dargebrachten
Ovationen, zu einem wahren Triumphzuge. Allerdings flssten diese
letztern der Regierung eine Unruhe ein, die ihm den Aufenthalt in
Petersburg bald verleidete. In Moskau, wo Katkf in heftigen Ausfllen
ihn vaterlandsfeindlicher, aufrhrerischer Gesinnung geziehen hatte,
wurde ihm zu Ehren ein Festmahl veranstaltet, zu dem man auch
Dostojewski einlud, dem man um seiner Jugendberzeugung und seines
Martyriums willen, sein spteres gehssiges Auftreten gegen Turgenjew
verzieh.

Je mehr indess das junge Geschlecht sich mit dem Verfasser von Vter
und Shne ausshnte, je begeistertere Huldigungen ihm dargebracht
wurden, um so hher wuchs die Missstimmung der Regierung gegen ihn,
die sich dann auch bei seinem Tode mit Wucht geltend machte. Ein
feierliches Begrbniss, mit schwarz drapirten Husern, mit grossem
Gefolge, mit Reden am Grabe, wurde verboten. In aller Stille, beinahe
wie ein Verbrecher, wurde der Mann zur Erde bestattet, der in der
neueren Zeit den Namen Russlands in die weitesten Kreise getragen. Denn
in seinen spteren Lebensjahren erfreute er sich in allen civilisirten
Lndern einer gleich ehrfurchtsvollen Bewunderung.

Erfreute er sich ihrer wirklich? Ich glaube es kaum. Die Bewunderung
hat ihn angenehm berhrt, aber er hat sie nicht genossen; sie
war nicht im Stande, seine Melancholie zu zerstreuen. Edmond de
Goncourt erzhlt, dass Turgenjew, den er im Mrz 1872 in einer
Mittagsgesellschaft bei Flaubert traf, in der missmuthigen Stimmung,
die sich leicht in einem Kreise von Freunden verbreitet, die sich
alle dem vorgeschrittenen Alter nhern, in die Worte ausbrach: Ihr
wisst, dass man manchmal in einem Zimmer einen Moschusgeruch findet,
den man nicht wieder vertreiben kann. So kommt es mir vor, als
sei meine Persnlichkeit immer von einem Duft der Auflsung, der
Vernichtung, des Todes umgeben. Seine letzten Werke, die anmuthige und
originelle Novelle Clara Militsch, die Turgenjew's Lieblingsthema,
verfehlte Liebe behandelt, und die bewunderungswrdige Sammlung
Prosagedichte Senilia, enthalten eine fast noch tiefere Melancholie
als seine Jugendarbeiten, nur ist sie hchst poetisch von einem
lyrisch-phantastischen Elemente durchblitzt. Er blickt hier zum letzten
Male von Angesicht zu Angesicht dem Geheimnisse des Lebens in die
Augen und versucht mit tiefer Wehmuth es in Symbolen mit Schwrmerei
zu deuten. Die Natur ist hart und kalt, mchten die Menschen umsomehr
nicht versumen, einander zu lieben! Da ist eine Scene, wo Turgenjew
auf einer einsamen Dampfschifffahrt von Hamburg nach London stundenlang
die Hand eines armen kleinen traurigen und gefesselten Affenweibchens
in der seinen hlt -- das Genie, dessen Geist das Universum geahnt
hatte, Hand in Hand mit dem kleinen menschenhnlichen Thiere, wie zwei
gute Verwandte, zwei Kinder derselben Mutter -- darin liegt mehr wahre
Erbauung als in irgend einem Erbauungsbuche.

Die menschliche Undankbarkeit scheint bis zu allerletzt einen tiefen
Eindruck auf Turgenjew gemacht zu haben. Niemand, der Senilia
gelesen, wird jemals Das Fest bei dem lieben Herrgott vergessen. Alle
Tugenden waren eingeladen, nur Tugenden; keine Herren waren eingeladen,
nur Damen. Da kamen viele Tugenden, grosse und kleine; die kleinen
Tugenden waren angenehmer und bescheidener als die grossen; alle
schienen sich gut zu gefallen und sprachen freundlich mit einander,
wie es sich fr Verwandte geziemt. Da bemerkte der liebe Herrgott zwei
hbsche Damen, die einander nicht zu kennen schienen. Der Herr des
Hauses bot der einen den Arm, fhrte sie zu der andern hin und stellte
sie einander vor: die Wohlthtigkeit -- die Dankbarkeit.

Es war das erstemal seit der Erschaffung der Welt, dass die Beiden sieh
begegneten.

Welche Wehmuth in dem Witze und der Bitterkeit!

Es fllt mir auf, dass auch meine Dankbarkeit diesem grossen Wohlthter
gegenber erst jetzt zu Worte kommt, wo er keinen Dank mehr vernehmen
kann.




                          JOHN STUART MILL.

                               (1879.)


                                  I.

Eines Tages, im Juli 1870, als ich in Paris in meinem Zimmer lesend
auf und ab ging, hrte ich ein bescheidenes Klopfen an der Thre. Der
Uhrmacher! dachte ich. Denn es war eben die bestimmte Stunde, wo ein
Mal in der Woche auf den Glockenschlag ein Gehilfe des Uhrmachers sich
einzufinden pflegte, um alle Tafeluhren in dem kleinen Htel garni
aufzuziehen.

Ich ffnete die Thr, und draussen stand ein ltlicher, hoher,
magerer Mann in einem ziemlich langen schwarzen Rocke, der um die
Taille zugeknpft war. Treten Sie nher sagte ich, ohne ihn genauer
anzusehen, und griff wieder nach meinem Buche. Aber der Mann blieb
stehen, hob den Hut und nannte fragend meinen Namen. Ich bin es
antwortete ich, und bevor ich wieder fragen konnte, hrte ich die
mit gedmpfter Stimme gesagten Worte: Ich bin Herr Mill. Htte
sich der Herr als Knig von Portugal vorgestellt, wre ich kaum mehr
erstaunt gewesen, und ich weiss nicht, was er htte sagen knnen, das
mir im Augenblicke mehr Freude gemacht htte. Mein Gefhl war das,
welches unter dem ersten Kaiserreiche ein Corporal von der jungen
Garde empfand, wenn Napoleon whrend einer seiner Runden im Lager ihm
mit einem Zupfen am Ohrlppchen die Gnade erwies, seine Existenz zu
bemerken.

Meine Bestrebungen, Stuart Mill in meinem Vaterlande bekannt zu machen,
hatten sein Interesse geweckt; er hatte mir wiederholt geschrieben,
und noch hufiger Broschren und Zeitungen, die mir von Nutzen sein
knnten, sowohl nach Kopenhagen wie nach Paris zugeschickt. Er wusste
also meine Adresse, und da er sich gerade auf der Durchreise in Paris
befand und, sonderbar genug, keinen einzigen Bekannten in dieser Stadt
besass, so hatte er nicht Anstand genommen, den langen Weg vom Windsor
Htel nach Rue Mazarin zurckzulegen, um seinen jungen Correspondenten
mit einem Besuche zu beehren. Als er mir seinen Namen genannt hatte,
erinnerte ich mich sogleich seines Portraits. Das gab aber so wenig
eine Vorstellung von Gesichtsausdruck und Hautfarbe wie von der Weise,
wie er ging und stand. Obwohl 64 Jahre alt, hatte er die frische und
reine Haut eines Kindes. Er hatte diesen Kinderteint und diese rothen
Wangen, die man fast nie bei lteren Mnnern des Festlandes, nicht
selten aber bei den weisshaarigen Gentlemen beobachtet, die Mittags im
Hydepark spazieren reiten. Seine Augen waren klar und tief dunkelblau,
die Nase schmal und krumm, die Stirne hoch und gewlbt mit einem stark
hervorspringenden Knoten ber dem linken Auge; es sah aus, als htte
das Arbeiten der Gedanken ihre Organe gezwungen, sich zu erweitern und
mehr Platz zu schaffen. Das Gesicht mit den stilvollen und grossen
Zgen war einfach, aber nicht ruhig; nervse Zuckungen liefen ab und
zu darber hin und schienen das unruhig zitternde Leben der Seele
zu verrathen; er suchte nach den Worten und stotterte bisweilen am
Anfange eines Satzes. Sitzend sah er mit dieser frischen, prchtigen
Physiognomie und dieser gewaltigen Stirn wie ein noch junger und
krftiger Mann aus. Als ich ihn spter auf der Strasse begleitete,
bemerkte ich jedoch, dass sein Gang trotz seiner Schnelligkeit etwas
hinkend war und dass das Alter trotz des schlanken Wuchses Spuren in
seiner Haltung hinterlassen hatte. Sein Anzug machte ihn lter als er
war. Der altmodische Rock, den er trug, bewies, wie gleichgltig ihm
seine ussere Erscheinung geworden. Er war schwarz gekleidet und hatte
an seinem Hute einen Flor, der viele unregelmssige Falten schlug. Nach
so vielen Jahren ging er noch in Trauer um seine verstorbene Frau.

Im Uebrigen zeigte seine Person weiter keine Nachlssigkeit; ein
stiller Adel und eine vollendete Selbstbeherrschung sprachen aus ihr.
Auch ohne seine Werke gelesen zu haben, konnte man sehen, dass es einer
der Knige des Gedankens war, der dort im rothen Sammtfauteuil Platz
genommen hatte, neben dem Kamin mit jener Tafeluhr, die aufziehen zu
wollen ich ihn in so unbegrndetem Verdachte gehabt hatte.


                                 II.

Er sprach zuerst von seiner Frau, deren Grab in Avignon er eben
verlassen hatte. Er hatte sich ein Haus in jener Stadt, wo sie
gestorben war, gekauft und brachte dort immer die Hlfte des Jahres zu.
Schon in der Einleitung zu ihrem Aufsatze Enfranchisement of women,
welche die Grundlage seines eigenen Buches ber Die Hrigkeit der
Frauen bildet, hatte er seiner Begeisterung fr die Hingeschiedene
einen ffentlichen Ausdruck gegeben. Er hatte dort gesagt, dass der
Verlust der Verfasserin sogar in rein intellectueller Hinsicht weder
ersetzt, noch gemildert werden knne: er hatte erklrt, dass er lieber
den Aufsatz ungelesen, als mit der Vorstellung gelesen she, dass in
demselben auch nur das schwchste Bild ihrer Seele sich finde; denn
diese Seele sei durch ihre Vereinigung der seltensten und anscheinend
unvereinbarsten Vorzge ohnegleichen gewesen, ja er hatte die hchste
Poesie, Philosophie, Rhetorik und Kunst neben ihr trivial genannt
und mit der Prophezeiung geschlossen, dass, wenn das Menschengeschlecht
sich fortdauernd zum Besseren entwickle, wrde die Geschichte nichts
als eine fortschreitende Verwirklichung ihrer Gedanken sein. In
diesem Tone sprach er auch in meinem Zimmer ber sie. Man kann meinen,
dass der Mann, der so sprach, kein grosser Portraitmaler war, und man
kann die objective Richtigkeit seines Urtheiles bezweifeln; man kann
aber nicht, wie es wegen seines ultrarationalistischen Standpunktes
in der Frauenfrage mehrfach geschehen ist, ihn beschuldigen, die Ehe
als blossen Vertrag betrachtet zu haben. Grosse Dichter, wie Dante und
Petrarca, haben den von ihnen phantastisch geliebten Frauen in ihrer
Dichtung ein phantastisches Denkmal gesetzt; aber ich weiss nicht, dass
jemals ein Dichter der liebevollen Verehrung eines weiblichen Wesens
einen so wahren und so warmen Ausdruck gegeben, wie Mill in den Worten,
in welchen er den Werth seiner Frau und ihre bleibende Bedeutung
fr ihn gefasst hat. Die Inschrift, die er auf ihren Grabstein in
Avignon hauen liess, ist kein Zeugniss knstlerischer Begabung fr den
Lapidar-Stil; sie hat zu viele und zu lobpreisende Worte. Energisch
und schn ist aber der Satz, womit sie endigt: _Were there even a few
hearts and intellects like hers, this earth would already become the
hoped-for heaven._

Ich fragte Mill, ob seine Frau anderes als das von ihm Herausgegebene
geschrieben htte. Nein, antwortete er, aber ringsum in meinen
Schriften finden Sie ihre Ideen; die besten Partien in all' meinen
Bchern sind von ihr. Auch in der Logik? fragte ich wieder. Nein,
gab er halb entschuldigend zur Antwort, die Logik schrieb ich, bevor
ich mich verheirathete. Ich konnte nicht unterlassen, bei mir selbst
zu denken, dass die Beitrge der Frau Stuart Mill zur inductiven Logik
auch in dem entgegengesetzten Falle kaum betrchtlich gewesen wren;
ein wenig muss doch Mill selbst erdacht haben. Die ehrerbietige
Unterwrfigkeit, die in diesem Gesprche hervortrat, war aber fr das
Naturell des grossen Denkers eigenthmlich.

Sein Gemth hatte die entschiedene Neigung, nicht einer Sache allein,
sondern einer persnlichen Incarnation derselben zu dienen, und
so wurde er dazu gebracht, nach einander zwei Persnlichkeiten zu
verehren, die, wie selten und bedeutend sie auch sein mochten, ihm
durchaus nicht berlegen waren, seinen Vater und seine Frau. Zu dem
Vater (und Bentham) sah er in seiner ersten Jugend auf, zu seiner Frau
in seinem ganzen brigen Leben.

Wer Mills Selbstbiographie gelesen hat, wird die dstere
Schilderung nicht vergessen haben, die er von dem verzweifelten
Schlaffheitszustande gibt, der bei ihm das Mannesalter einleitete. Es
war eine lange und schmerzhafte Krisis, whrend welcher seine Natur
gegen die durch abnorme Erziehung hervorgerufene Ueberentwicklung
seiner Fhigkeiten reagirte. Anstatt die vollkommene geistige
Organisation zu bewundern, die Mill aus einer so berlastenden und
gefhrlichen Schule, wie die seines Vaters, unverletzt hervorgehen
liess, liebte es die englische Durchschnittsbildung, ihn wegen eben
dieser Treibhauserziehung als eine Abnormitt zu bezeichnen, die
zum Lehrer und Vorbild nicht geschaffen sei. In dem unglaublich
grossen Vorrathe von Kenntnissen jeder Art, die ihm schon als Knaben
beigebracht wurden, fand man den Beweis der Unnatrlichkeit seiner
Lehren und der Unmenschlichkeit Stuart Mill's. Was knnte man von
einer Lesemaschine erwarten, die, drei Jahre alt, griechisch las
und im dreizehnten Jahre einen Cursus der Staatskonomie durchging?
Die Krisis, welche der Ueberbrdung folgte, ist nicht weniger
missdeutet worden als die encyklopdische Erziehung des Knaben. Die
Symptome derselben waren vllige Gleichgltigkeit gegen alle Zwecke,
die der junge Mann frher begehrenswerth gefunden hatte, und eine
ununterbrochene Freudlosigkeit, whrend welcher er sich selbst fragte,
ob die vollstndige Verwirklichung seiner Ideen und die Ausfhrung
der Reformen, fr die er geschwrmt, ihm eine wirkliche Befriedigung
verschaffen wrde, und diese Frage verneinend zu beantworten sich
gezwungen sah. Philosophen haben hierin einen Widerspruch der Natur
gegen die Millsche Ntzlichkeitslehre gefunden, indem selbst die
Verwirklichung des grsstmglichen Glckes fr die grsstmgliche
Zahl nach seinem eigenen Gestndnisse ihn nicht glcklich gemacht
htte; Theologen haben in jener Krisis ein Einbrechen jener geheimen
Melancholie, jener tiefliegenden Verzweiflung gesehen, in welcher,
auch ohne es zu wissen, der immer lebe, welcher nicht glaube. Es ist
jedoch kaum ein Zeugniss gegen die Glcksmoral, dass Moral allein
nicht glcklich macht, und es drfte ein schlechtes Zeugniss fr die
Unentbehrlichkeit des Dogmenglaubens abgeben, dass ein hochbegabter
und eminent kritisch angelegter Jngling von 20 Jahren (der sowohl
frher wie spter mit heiterem Gemthe sich ohne dogmatischen Glauben
durch die Welt half) einen Winter hindurch unter der tiefen Unlust
zum Handeln und unter jener Qual der Existenz zusammenbrach, mit
welcher jeder grbelnde Geist zu kmpfen hat, und die fast Jedermann
wenigstens ein Mal in seinem Leben berwinden muss. Es gibt unter
reicher entwickelten Mnnern nur wenige, die jenes Selbstaufgeben
nicht gekannt htten; bei einzelnen ist es von kurzer Dauer, bei
anderen chronisch; nur der ussere Anlass, der es hervorruft, wie die
Waffen dagegen sind verschieden. Jeder hat seinen Panzer gegen den
Missmuth, einer den Arbeitstrieb, ein anderer den Ehrgeiz, einer das
Familienleben, ein anderer den Leichtsinn; aber durch die Fugen dieser
Panzer bohrt sich der Lebensberdruss seinen Weg. Bei Stuart Mill
war nun augenscheinlich dieser Panzer die Gewissheit, in dem Geiste
eines anderen Menschen zu handeln, den er weit hher schtzte als sich
selbst. Man darf seine eigene Aeusserung nicht bersehen, dass, wenn
er zu jener Zeit Jemand tief genug geliebt htte, um diesem Anderen
seine Qual anzuvertrauen, er sich nicht in dem Zustande befunden haben
wrde, in welchem er sich befand. Htte Mill damals seine zuknftige
Frau gekannt, so wrde die Krisis gewiss nicht jenen acuten Charakter
angenommen haben; _sie_ htte ihm sicherer als Dogmen und Moralsysteme
ber die tiefe Niedergeschlagenheit fortgeholfen. Das sieht man schon
aus den treffenden Worten, mit welchen er seinen Zustand geschildert
hat: Ich war am Anfang meiner Reise gescheitert, denn mein Schiff, dem
weder gute Ausstattung, noch ein Steuer fehlte, hatte keine Segel.
Das Segel dieses Schiffes, das so reiche und kostbare Ladung fhrte,
war und blieb eben jene schwrmerische Neigung zu vergttern und sich
zu unterwerfen. Zu jener Zeit war der Einfluss des Vaters in starkem
Abnehmen, der der Gattin hatte noch nicht angefangen; folglich stand er
still.

So viel ging schon aus dem allerersten Gesprche mit Mill hervor, dass
das Gewinnen jener Freundin das grosse Loos seines Lebens war. Nur an
einer einzigen Stelle, wo er von ihr spricht, ist es ihm gelungen, eine
Vorstellung von der Eigenthmlichkeit ihres Wesens zu geben, das ist,
wo er sie mit Shelley vergleicht. Ein weiblicher Shelley -- so stand
sie vor ihm in seiner Jugend; spter schien ihm sogar Shelley, der so
frh fortgerissen wurde, in Denkvermgen und intellectueller Reife
nur ein Kind im Vergleiche mit ihr. Er gibt mehrmals in bestimmteren
Ausdrcken an, was er ihr verdankt: den Blick fr die fernsten Zwecke,
d.h. fr die letzten Consequenzen der Theorie, und fr die nchsten
Mittel, d.h. fr das unmittelbar zu Erreichende in der Praxis. Die
ursprngliche Begabung, die er sich selbst zugesteht, war nur auf
das Verbindende dieser Extreme, auf die mittleren moralischen und
politischen Wahrheiten gerichtet.

Es kommt mir jedoch nicht sehr wahrscheinlich vor, dass Frau Stuart
Mill ihrem Mann direct neue Gedanken eingeflsst habe. Ihre
wesentliche Bedeutung fr ihn muss, glaube ich, in zwei anderen
Punkten gesucht werden. Erstens hat sie seinen Denkmuth gestrkt, und
mehr als die Neuheit der Gedanken ist es auch der Denkmuth, welcher
den classischen unter seinen Schriften, z. B. dem Buche Ueber die
Freiheit, ihren Charakter gibt. Mehrmals kam er, schon in unserem
ersten Gesprche, mit Bedauern auf den Mangel an Muth zurck,
welcher berall die Schriftsteller von der Vertheidigung neuer Ideen
zurckhlt. Er sagte: Es gibt Talente ersten Ranges wie George Sand,
deren wesentliche Originalitt in dem Muthe besteht. Ich sehe -- fgte
er hinzu -- von ihrem unbeschreiblich schnen Stile ab, dessen Musik,
wie ich mich in einer Schrift einmal ausdrckte, nur mit dem Wohllaute
einer Symphonie verglichen werden kann. Schon durch die Sicherheit,
welche durch das Gefhl der Uebereinstimmung mit einem fremden Gedanken
erzeugt wird, hat die Gattin Stuart Mill's jenen bei George Sand
gepriesenen Muth in ihm gehoben.

Zweitens hat Frau Mill durch ihre weibliche Universalitt ihren Gatten
davor geschtzt, sich in irgendwelches Vorurtheil zu verrennen. Sie hat
in seinem Gemthe eine gewisse Skepsis bewahrt, im Eise der Doctrinen
eine nie zufrierende Stelle offen gehalten und, indem sie ihn skeptisch
stimmte, hat sie bewirkt, dass er immer fortschritt. Whrend die
Mehrheit sogenannt freisinniger Mnner fast immer relativen Freisinn
auf Einem Punkte mit doppelter Verstocktheit in anderen Rcksichten
erkauft, war Mill immerfort gegen herkmmliche Vorurtheile auf seiner
Hut, ja ging sogar bis zu seinem Tode angriffsweise gegen dieselben
vor, suchte sie unerschrocken, um sie zu erklren und zu vernichten, in
ihren Verschanzungen auf.

Darber kann schliesslich kaum ein Zweifel sein, dass Frau Mill
einen grossen Antheil an dem Auftreten ihres Mannes zu Gunsten der
gesellschaftlichen Lage der Frauen gehabt hat. Es interessirte mich,
zu erfahren, ob er seinen Angreifern in der Frauenfrage geantwortet
htte. Er hatte ihnen keine Antwort gegeben und wollte es nicht thun.
Warum, sagte er, immer dasselbe wiederholen; keiner von ihnen hat
etwas von Werth hervorgebracht. Ich berhrte den Widerstand vieler
Aerzte, die Einwendungen, die sich auf die Naturnothwendigkeiten,
welchen das Weib unterworfen ist, berufen. Er sprach sich sehr hart
und unbedingt gegen rztliche Vorurtheile im Allgemeinen aus: Es
gibt, sagte er, keine vorurtheilsvolleren Menschen als die Aerzte.
Lange und mit Vorliebe verweilte er dagegen bei der Lust und dem nicht
seltenen Berufe der Frauen, rztliche Beschftigung zu treiben. Er
nannte Miss Garrett, die sich neulich in Paris einem rztlichen Examen
unterworfen hatte, und lobte sie als die erste Frau, die diesen Muth
gezeigt. In einem Briefe an mich hatte er einmal die Frauenfrage als
die in seinen Augen wichtigste aller politischen Fragen der Gegenwart
bezeichnet; sie war jedenfalls in seinen letzten Lebensjahren eine von
denen, die ihn persnlich am meisten erfllten.

Er scheute weder schriftlich noch mndlich die strksten Ausdrcke,
um seine Auffassung des Unnatrlichen in der Abhngigkeit der Frauen
in das rechte Licht zu stellen. Hatte er ja nicht gefrchtet, das
Lachen durch die starke Behauptung herauszufordern, dass wir berhaupt
bis jetzt noch _gar nichts_ ber das Wesen des Weibes wssten, da
wir es noch nie sich in Freiheit entfalten gesehen, als ob die ganze
Geschichte und die ganze Erfahrung, Raphael's sixtinische Madonna,
Shakespeare's junge Mdchen, die smmtlichen von Frauen verfassten
Schriften uns ber die weibliche Natur gar nicht belehrten. In diesem
einen Punkte war er fast fanatisch. Er bildet mit seinem von der ganzen
physischen Sphre hinwegsehenden Glauben an die Fhigkeiten der Frauen
unter den Philosophen dieses Jahrhunderts den polaren Gegensatz zu
Schopenhauer mit seiner Geringschtzung des Weibes. Er, der in allen
Verhltnissen zwischen Mann und Mann die Feinheit und die Zartheit
selbst war, liess sich zu fast beleidigenden Aeusserungen hinreissen,
wenn Andersdenkende in seiner lieben Grundfrage eine abweichende
Meinung usserten. Ich befand mich eines Tages bei Hippolyte Taine,
als eben der Postbote einen Brief von Stuart Mill brachte. Es war
die Beantwortung eines Schreibens, in welchem Taine mit Rcksicht
auf die in The subjection of women ausgesprochenen Gedanken die
Ansicht geussert hatte, dass die hier angestrebte Vernderung in der
gesellschaftlichen Stellung des Weibes vielleicht in England, wo sie
mit dem Racencharakter bereinstimme, vorzglich ausfallen knne,
in Frankreich aber, wo die Anlagen und Neigungen der Frauen so ganz
abweichend seien, gewiss keinen Erfolg haben werde. Mill's bndige
Antwort lautete so: Ich sehe in Ihren Aeusserungen ein Symptom jener
Verachtung vor dem Weibe, die in Frankreich so durchgehend ist. Alles,
was ich darber sagen kann, ist, dass die franzsischen Frauen den
franzsischen Mnnern diese Verachtung mit Zinsen zurckgeben.

Das Eigenthmliche des Mill'schen Standpunktes in dieser
Emancipationsfrage war, dass er sich ganz und gar auf eine sokratische
Unwissenheit sttzte. Er sprach den aufgehuften Erfahrungen von
Jahrtausenden jede Beweiskraft in Betreff der Grenzen des so lange
geknechteten weiblichen Geistes ab und behauptete, dass wir _a
priori_ ber das Weib nichts wssten. Er ging von keinem doctrinren
Begriffe besonderer weiblicher Fhigkeiten aus, sttzte sich auf den
einfachen Satz, dass die Mnner kein Recht htten, den Frauen irgend
eine Beschftigung, die sie reize, zu verbieten, und erklrte jede
Bevormundung nicht nur fr ungerecht, sondern fr unntz, da die freie
Concurrenz von selbst die Frauen von jeglicher Arbeit ausschliessen
wrde, wozu sie untauglich seien oder in welchen sie der Mann
entschieden bertreffe. Er hat Viele dadurch abgeschreckt, dass er
gleich das erste Mal, wo er die Frage zur Sprache brachte, die letzten
logischen Folgerungen seiner Lehre zog und z. B. die directe Theilnahme
der Frauen an der gesetzgebenden Wirksamkeit befrwortete; doch hatte
er als Englnder Wirklichkeitssinn genug, um die praktische Agitation
auf einen einzigen Punkt zu beschrnken. Ich erinnere mich, dass ich
ihn fragte, warum man in England und Amerika mit Uebergehen der, wie
mir vorkam, zuerst erforderlichen wirtschaftlichen Emancipation der
Frauen, alle Bestrebungen auf das doch viel schwieriger erreichbare
politische Stimmrecht concentrirt habe. Er antwortete: Weil, wenn das
erlangt ist, alles Uebrige daraus folgt.


                                 III.

Er stand auf, um zu gehen, und da er wusste, dass ich nach London
zu reisen beabsichtigte, fragte er mich, ob ich die Reise mit ihm
machen wolle. Um mich nicht zudringlich zu zeigen, gab ich eine
verneinende Antwort, und erhielt eine Einladung, ihn in England zu
besuchen, wozu noch die Aufforderung gefgt wurde, mich ja stets im
Vorhinein anzukndigen, damit ich ihn sicher zu Hause trfe. Ich
hatte eben damals Mill's meisterhaftes Werk ber die Philosophie
William Hamilton's gelesen, war davon sehr erfllt und hatte tausend
philosophische Fragen auf dem Herzen; es freute mich desswegen sehr,
dass eine so seltene Gelegenheit sich darbot, meine Zweifel mit dem
Verfasser selbst zu errtern, und eine Woche nachher schellte ich an
dem Gartenpfrtchen vor Mill's Landhaus in Blackheath-Park bei London,
diesem Pfrtchen, vor welchem ich nie ohne frohe Erwartungen gestanden
und das ich niemals ohne das Gefhl, geistig bereichert zu sein, hinter
mir schloss. Andere Menschen fhlen sich ergriffen, wenn ein Knig
ihnen eine herablassende Aufmerksamkeit erweist. Was ist ein Knig? Von
der hohen jhrlichen Apanage abgesehen, ist er ein Machthaber. Es will
mir demnach scheinen, dass Mnner wie Stuart Mill die wahren Knige
sind, denn wer in Wirklichkeit die Lnder regiert, das sind Mnner wie
er, ja sie regieren sie noch nach ihrem Tode.

Meine Universittserziehung in Kopenhagen war abstract-metaphysisch
gewesen. Die Professoren der Philosophie waren Mnner, die trotz
der tiefen Verschiedenheit ihres Wesens, trotz der abweichenden
Standpunkte, die sie auf religisem Gebiete vertraten, in allem
Wesentlichen dasselbe Schulgeprge trugen. Sie hatten beide ihre
Laufbahn als Theologen begonnen und waren danach Hegelianer geworden,
der eine von der Hegel'schen Linken, der andere von der Hegel'schen
Rechten beeinflusst. Sie hatten demnchst, wie alle Welt in der
damaligen Zeit, sich von Hegel emancipirt, was doch so zu verstehen
war, dass Hegel immer in ihrem Gedankenkreise das Erste und das
Letzte blieb; seine Methode wurde bald mit abstractem Scharfsinn,
bald mit sophistischer Geschmeidigkeit angewendet, auf den Kathedern
gepredigt, die dem Cultus des Absoluten, des Subject-Objects geweiht
waren, seine Werke wurden citirt, seine paar Witzwrter wiederholt
und eine ermdende, endlose Polemik gegen seine vermeintlichen
Irrthmer gefhrt, von denen wir erfuhren, dass sie fast alle in seiner
Unterschtzung des Realen, besonders in seiner mangelhaften Einsicht in
die Naturwissenschaften begrndet gewesen. Aber selbst seine Irrthmer
mussten dem Schler kstlicher als die Wahrheiten anderer Denker
erscheinen, denn um zur Wahrheit zu gelangen, war es, wie schon das
Beispiel des Herrn Professors zeigte, immer nothwendig, zuerst durch
einen Irrthum Hegel's zu kriechen. Der Kopenhagener Universitt galt,
den sonstigen nicht allzu freundlichen Gesinnungen gegen Deutschland
zum Trotz, der Satz als unbestritten, dass die moderne Philosophie
eine _deutsche_, wie die antike eine _griechische_ Wissenschaft
sei. Die Existenz des englischen Empirismus und des franzsischen
Positivismus war an der Universitt nicht anerkannt; von englischer
Philosophie insbesondere hrten wir nur als von einer durch Kant lngst
berwundenen und todtgemachten Richtung. Es war mir durch eine gewisse
Kraftanstrengung mglich geworden, mich, so gut es eben ging, aus den
Banden der in Dnemark herrschenden Schule loszuwinden, und ich stand
damals zwischen speculativen und positivistischen Tendenzen schwankend.
Ich machte Stuart Mill gegenber kein Hehl aus meiner Unsicherheit.

Sie kennen also Hegel so genau, sagte er, Sie verstehen Deutsch?

Ich verstehe deutsch, erwiderte er. Aber ich spreche so wenig
deutsch, dass ich in Deutschland sogar auf Eisenbahnstationen Mhe
gehabt habe, mich zurechtzufinden.

Sie kennen die deutschen Philosophen aus Uebersetzungen?

Kant habe ich in einer Uebersetzung gelesen, von Hegel weder im
Original, noch in Uebersetzung das Geringste. Ich kenne ihn nur
aus Referaten und Gegenschriften, am besten durch die kurzgefasste
Darstellung, die der einzige Hegelianer Englands, Sterling, gegeben hat.

Und welchen Eindruck haben Sie so von Hegel erhalten?

Den, dass die Schriften, in welchen Hegel seine Principien anzuwenden
versucht hat, vielleicht etwas Gutes enthalten knnen, dass aber alles
rein Metaphysische, was Hegel geschrieben hat, _Nonsens_ ist.

Ich wurde bei dem Worte stutzig und meinte, dass diese Aeusserung doch
wohl _cum grano salis_ zu verstehen sei.

Nein, ganz nach dem Wortlaute, antwortete er. Er verweilte bei dem
Grundrisse des Systems, bei den ersten Anfngen, der Lehre vom Sein,
das mit dem Nichts identificirt wird, und rief aus: Was wollen Sie,
dass aus dem Ganzen herauskommen soll, wenn man mit einem solchen
Sophismus anfngt? Haben Sie wirklich Hegel gelesen?

Gewiss, die meisten seiner Werke.

Mill (mit einer hchst unglubigen Miene): Und Sie haben ihn
verstanden?

Ich denke, wenigstens in allen Hauptzgen.

Er (mit fast naiver Verwunderung): Aber gibt es denn wirklich da etwas
zu verstehen?

Ich versuchte diese sonderbare und weitlufige Frage, so gut es
ging, zu beantworten, und Mill sagte, nicht eben berzeugt aber
entgegenkommend: Ich begreife sehr wohl die Piett oder Dankbarkeit,
die Sie gegen Hegel fhlen. Man ist immer denen dankbar, die uns das
Denken lehrten.

Niemals habe ich so, wie whrend dieses Gesprches gefhlt, wie vllig
Mill ein Mann aus Einem Gusse war, ein echter Englnder, eigensinnig
und hartnckig, mit einer sonderbaren knochigen Willenskraft
ausgerstet und der Gabe eines geschmeidigen kritischen Aneignens
vllig beraubt. Was mich aber bei dieser Gelegenheit am meisten
ergriff, das war der tiefe Eindruck der Unwissenheit, in welcher noch
in der zweiten Hlfte des 19. Jahrhunderts die bedeutendsten Mnner
der verschiedenen Lnder, selbst der Paar Hauptlnder ber ihre
gegenseitigen Verdienste schweben. Ich fhlte, dass man bis zu einem
gewissen Grade schon dadurch ntzlich sein knnte, dass man diese
grossen Geister, die einander nicht verstehen, studire, confrontire und
verstehe.

Ich versuchte die Anschauungsweise, die ich meiner
Universittserziehung verdankte, gegen die Principien der empirischen
Philosophie in's Feuer zu fhren. Zu meinem Erstaunen waren alle
Argumente, die ich vorbrachte und von deren Wirkung auf Mill ich mir
viel versprochen hatte, ihm lngst bekannt. Das sind, sagte er, die
alten deutschen Argumente; er fhrte sie alle auf Kant zurck und
hatte seine Beantwortung derselben bereit.

Es wrde hier nicht am Platze sein, die Realitt der grossen, zwischen
den beiden modernen Schulen schwebenden Streitfrage zu behandeln,
eine Frage, die in Deutschland von fast allen Denkern im deutschen,
in England von fast allen Denkern im englischen Sinne gelst wird;
natrlicherweise wollte Stuart Mill durchaus nicht einrumen, dass
David Hume von Kant widerlegt sei, eine Anschauung, die ich jetzt
vollstndig theile und die, wie ich glaube, allgemein durchdringen
wird, wenn die jetzige Kant-Vergtterung ein bisschen nachgelassen
hat. Ein Zeichen der Zeit ist es in dieser Hinsicht, dass die jngeren
Professoren und Docenten an der Berliner Universitt alle der
englischen Richtung der Philosophie angehren und von dieser selben
Universitt ein Buch wie Friedrich Paulsens Kant's Erkenntnisstheorie
ausgegangen ist. Damals ahnte ich zwar schon, dass die rationalistische
und die empiristische Erkenntnisslehre sich irgendwie vermitteln
liessen, aber ich kannte noch nicht Herbert Spencer's einfache
Lsung des Rthsels. Mill sprach sich kurz, aber entschieden gegen
alle Vermittlungsversuche aus und schloss mit den eigenthmlich
bescheidenen, aber festen Worten, die mir im Gedchtnisse geblieben
sind: Ich glaube, dass man zwischen den Theorien whlen muss.

In diesem Geiste usserte er sich auch ber die verschiedenen modernen
Philosophen, die ihm nahestanden. Er empfahl mir, Herbert Spencer
kennen zu lernen. Die spteren Werke Spencers zu studiren, glaubte
er jedoch nicht mir rathen zu sollen. Er meinte, dass er sich in
diesen von der guten Methode entfernt habe; er empfahl mir dagegen
eindringlich Spencer's Principles of Psychology und namentlich die
beiden Hauptwerke The senses and the intellect und The emotions and
the will von Bain. Er schenkte mir ein Exemplar des im Verein mit
Bain von ihm herausgegebenen und mit Anmerkungen versehenen Werkes
seines Vaters Analysis of the human mind das er mir als ein Hauptwerk
der englischen Schule dieses Jahrhunderts rhmte, und da ich ihm von
meiner Bewunderung seiner Kritik der Hamilton'schen Philosophie
gesprochen hatte, schickte er mir Tags darauf noch dieses Buch. Fast
von selbst musste das Gesprch auf Taine's eben erschienenes Werk De
l'intelligence fallen, in welchem Mill so eifrig studirt, bentzt
und widerlegt wird und in welchem die englische Richtung in der
franzsischen Philosophie sich vielleicht ihr dauerndes Denkmal gesetzt
hat. Mill lobte Taine; nannte sein Buch eines der grndlichsten und
bedeutendsten des neuen Frankreich und sagte mir darber ungefhr, was
ich spter in seiner Besprechung dieses Werkes (Fortnigthly Review,
Juli 1870) wiederholt fand; das Buch als Ganzes war ihm lieb; gegen
die letzten Capitel desselben hatte er dieselbe Art von Einwendungen
zu machen wie gegen die spteren Werke Herbert Spencers. Man musste ja
nach seiner Ueberzeugung zwischen dem bedingten Wissen der Empirie und
der unbedingten Gewissheit der Intuition ein fr alle Mal entschieden
whlen, und Taine hatte in dem letzten Buche seines Werkes ber
die Intelligenz eben versucht, Axiome aufzustellen, die sich nicht
aus der Erfahrung herleiten liessen und desswegen fr das ganze
Universum, unabhngig von den Grenzen unserer Erfahrung, Gltigkeit
htten. Mill selbst meinte bekanntlich, sogar den Lehrstzen der
Algebra und der Geometrie, deren empirischen Ursprung er darzustellen
suchte, nur einen beschrnkten Herrschaftskreis sichern zu knnen. Er
lobte mir das kleine Buch Essays by a Barrister, von dem er selbst
einige Stze citirt hat. Der anonyme Verfasser findet es vollstndig
denkbar, dass sowohl unser Einmaleins wie unser Euklides in anderen
Sonnensystemen keine Gltigkeit haben. Die Frage ist, sagt dieser, ob
unsere Gewissheit, dass das Einmaleins wahr ist, von der Erfahrung oder
von einer transcendenten Ueberzeugung von dieser Wahrheit herrhrt, die
wohl durch Erfahrung erweckt wird, aber der Erfahrung vorausgeht und
sie formt; er stellt, um der ersteren Anschauung das Wort zu fhren,
einige zum Denken anregende Beispiele auf:

Es gibt eine Welt, in welcher, wenn zwei Paar Dinge entweder einander
nahe gebracht oder zusammen beobachtet werden, ein fnftes Ding
unmittelbar geschaffen und in den Gesichtskreis dessen gebracht wird,
der beschftigt ist, zwei und zwei zusammenzulegen. Dies ist gewiss
nicht unfassbar, denn wir knnen leicht, wenn wir an gewhnliche
Taschenspielerkunststcke (oder an Schalttage, mchte ich hinzufgen)
denken, dieses Resultat fassen. Eben so wenig kann man sagen, dass
die Sache ber die Krfte der Allmacht gehe. In einer solchen Welt
wrde nun gewiss zwei und zwei fnf ausmachen. Dies zeigt, dass diese
Addition durchaus nicht unfassbar ist, und doch ist es auf der anderen
Seite vllig leicht, zu sehen, warum wir gnzlich berzeugt sind, dass
zwei und zwei vier ausmachen. Es gibt vermuthlich kaum einen Augenblick
unseres Lebens, in welchem wir nicht diese Thatsache erfahren. Wir
sehen sie, so oft wir vier Bcher, vier Tische oder Sthle, vier Mnner
auf der Strasse oder die vier Ecken eines Pflastersteines zhlen,
und wir fhlen uns von dieser Thatsache versicherter als davon, dass
die Sonne sich morgen erheben werde, weil unsere Erfahrung ber jene
Thatsachen so viel hufiger ist und auf eine solche Unzahl von Fllen
ihre Anwendung findet. Es ist auch nicht wahr, dass alle Personen,
die jene Addition gemacht haben, von ihrer Richtigkeit gleich fest
berzeugt sind. Ein Knabe, der eben das Einmaleins gelernt hat, ist
vllig sicher, dass zwei und zwei vier sind, ist aber oft usserst
unsicher, ob sieben mal neun 63 sind oder nicht. Wenn sein Lehrer
ihm sagte, dass zwei mal zwei fnf sind, wrde seine Gewissheit sehr
beeintrchtigt werden.

Man knnte sich auch eine Welt denken, in welcher es allgemein
angenommen sei, dass zwei gerade Linien einen Raum einschliessen. Man
stelle sich einen Mann vor, der nie durch irgend einen seiner Sinne
eine Erfahrung ber gerade Linien gemacht htte, und man denke sich
ihn pltzlich auf eine Eisenbahn gestellt, die sich in vllig geraden
Linien in's Unendliche fort in beiden Richtungen erstreckte. Er
wrde die Schienen -- die ersten geraden Linien, die er jemals she
-- an beiden Horizonten sich begegnen oder sich dem Zusammentreffen
nhern sehen; und er wrde in Ermangelung jeder anderen Erfahrung
schliessen, dass sie wirklich, wenn weit genug fortgesetzt, einen
Raum einschliessen wrden. Erfahrung allein knne ihn enttuschen.
Eine Welt, in welcher jeder Gegenstand rund wre, eine gerade, aber
unzugngliche Eisenbahn allein ausgenommen, wrde eine Welt sein, in
welcher Jedermann von zwei geraden Linien glaubte, dass sie im Stande
seien, einen Raum zu umspannen.

Mill spendete diesen humoristischen, von Spencer und Jevons kritisirten
Sophismen, an die er mich erinnerte, mndlichen Beifall, oder genauer:
er huldigte der Grundanschauung, der sie entsprangen. Wenn wir den
Gesichtssinn ohne den Fhlsinn htten, wrden wir sagte er keinen
Zweifel darber hegen, dass zwei oder mehrere Krper sich an demselben
Orte befinden knnen, so vllig hngen jene sogenannt apriorischen
Axiome von der Beschaffenheit unserer Organe und Erfahrungen ab.


                                 IV.

Das Gesprch kam eines Tages auf die damaligen Verhltnisse in Rom.
Ich verglich den religisen Zustand in Italien mit dem in Frankreich,
erinnerte Stuart Mill an das von uns beiden in Paris beobachtete
Zusammenstrmen der Beaumonde zu einer Kirche und sagte: Sie haben in
Ihren Dissertations and Discussions einige Worte geschrieben, die
Sie jetzt kaum gelten lassen wrden; Sie sagen: Man kann, was die
hheren Stnde betrifft, Frankreich eben so gut ein buddhistisches
wie ein katholisches Land nennen; das letztere ist nicht wahrer
als das erstere! Wollten Sie heute noch diesen Satz vertheidigen?
Er antwortete: Es war damals wahrer als jetzt; es ist in unseren
Tagen eine neue Reaction gekommen, deren Mglichkeit ich mir nicht
denken konnte. Ich glaubte in meiner Jugend nicht daran, dass die
Menschheit zurckgehen knne, jetzt aber weiss ich's. Einen Theil
der Schuld an dieser geistigen Reaction schrieb er der franzsischen
Universittsphilosophie zu. Er sprach mit einer Geringschtzung,
die in seinem Munde nicht verwundern konnte, von Cousin und seiner
Schule. Trotz alledem schloss er, verbleibe ich bei meiner alten
Ueberzeugung: Die Geschichte Frankreichs in der neueren Zeit ist die
Geschichte des ganzen Europa.

Diese Ansicht, die in Stuart Mill's Schriften berall durchscheint,
ist unzweifelhaft eine Einseitigkeit, die sich durch seine geringe
Kenntniss der deutschen Litteratur und durch seine Unterschtzung
der englischen Verhltnisse, in welchen er selbstverstndlich am
leichtesten die Schden entdeckte, recht wohl erklren lsst. Man
kann darber streiten, ob er sich ber die Bedeutung und die neuere
Geschichte Englands nicht allzu geringschtzend ausgesprochen. Was
aber die hchste Anerkennung verdient, das ist der Muth, den er dem
reizbaren Nationalgefhl seiner Landsleute gegenber allezeit an den
Tag gelegt. So ganz Englnder er in seiner Entwicklung und Bildung auch
ist, er nennt in seinen Schriften England und englische Verhltnisse
doch fast nie, ohne sie zu tadeln, und wo er eine Gelegenheit findet
fremde, zumal franzsische Zustnde auf Kosten der englischen zu
erheben, lsst er sich sie gewiss nicht entgehen. Seit den Zeiten
Byrons und Shelleys ist von der gepriesenen Constitution Englands, von
englischem Gesellschaftsleben, von englischen Fehlern und Lastern nicht
so wegwerfend gesprochen worden, wie in den gemeinfasslichen Schriften
Mills. Geht er in diesem Punkte auch offenbar zu weit, so macht ihm
doch sein Widerwille dagegen, durch Schmeichelei der Nationaleitelkeit
Popularitt zu gewinnen, die grsste Ehre.

Er setzte den nationalen Vorurtheilen womglich noch khnern Trotz
auf dem religisen als auf dem politischen Gebiete entgegen. In allen
seinen Schriften findet sich auch nicht eine Zeile, welche als
Zugestndniss an die englische Kirche und ihre Lehren ausgelegt werden
knnte, nicht die kleinste Zweideutigkeit, kraft deren die englische
Religiositt ihn fr sich htte in Beschlag nehmen knnen. Und noch
deutlicher als zu seinen Lebzeiten sprach er von seinem Grabe aus.

Was die Religion betrifft, sagt er in seiner Selbstbiographie so
halte ich die Zeit fr gekommen, wo jeder verstndige Mann, der
nach ernstlicher Ueberlegung die Ueberzeugung gewonnen hat, dass
die geltenden Meinungen nicht nur falsch, sondern auch schdlich
sind, die Verpflichtung trgt, sich zu seiner abweichenden Meinung
zu bekennen. Wenigstens muss der es thun, dessen Name oder Stellung
es wahrscheinlich machen, dass man auf seine Meinung Gewicht legt.
Ein solches Eingestndniss wrde ein fr alle Mal dem allgemeinen
Vorurtheil ein Ende machen, dass, was man sehr uneigentlich Unglaube
nennt, mit unklarem Denken oder schlechtem Herzen verbunden sei. Die
Welt wrde staunen, wenn sie erfhre, wie viele ihrer leuchtendsten
Zierden, wie viele von Jenen, die ihrer Weisheit und Gte halber
hchst allgemein Anerkennung und Verehrung gemessen, in religisen
Fragen vollstndig skeptisch sind. Viele unterlassen indess, ihren
Skepticismus zu gestehen, weniger aus persnlichen Rcksichten als aus
einer gewissenhaften, obgleich wie mich dnkt, durchaus unberechtigten
Furcht, mehr Schaden als Nutzen durch Aeusserungen anzustiften, welche
den herrschenden Glauben, und damit, wie sie meinen, zugleich die
herrschende Sittlichkeit schwchen knnten.

Man geht vielleicht nicht fehl, wenn man in der freieren Haltung der
franzsischen Litteratur in religisen Fragen, zum Theil die Erklrung
des Reizes sucht, den sie auf Mill bestndig bte, trotz allem, was ihm
darin fremdartig und fernliegend sein musste. Er war sehr jung nach
Frankreich gekommen; er erzhlte mir, dass er sein fnfzehntes Jahr
dort verbracht, und damals schon so viel Franzsisch gelernt habe, wie
er jetzt knne. Da die franzsische Sprache die einzige fremde war,
welche er fliessend und hufig (wenn auch nicht ohne starke englische
Betonung) sprach, da er sein ganzes Leben hindurch bemht gewesen,
franzsische Ideen in England einzufhren und seinen Landsleuten Liebe
zum franzsischen Nationalgeiste beizubringen, musste Frankreich
nothwendiger Weise fr ihn fast wie fr einen eingeborenen Franzosen
Europa vertreten.

Unter allen Franzosen, die Mill kannte, war, glaube ich, Armand
Carrel ihm der liebste gewesen; der Aufsatz, den er ihm gewidmet,
ist vielleicht auch der schnste und gefhlvollste, den er je
geschrieben hat. Aus der grossen Verehrung, mit der er Armand Carrel's
gedachte, erklre ich mir zum Theile seinen heftigen Widerwillen
gegen Sainte-Beuve. Nie konnte er Sainte-Beuve vergeben, dass er, der
einmal Mitarbeiter des National und Freund Carrel's gewesen war,
sich mit dem Kaiserreiche befreundete und zum Senator whlen liess.
Und doch wrde diese vereinzelte Thatsache nicht gengen, um so harte
Worte ber Sainte-Beuve zu begrnden, wie er sie in meiner Gegenwart
fallen liess. Sainte-Beuve war ihm zuwider aus derselben Ursache, aus
welcher Carrel ihm so sehr gefiel. Er hatte ihn eben nicht grndlich
studirt, sein Port-Royal z. B. niemals gelesen, Aber ein Geist
von so principienfester Schrfe wie der seinige fhlte sich von dem
schmiegsamen und wogenden Naturell Sainte-Beuve's ganz abgestossen;
denn Stuart Mill war ein Charakter von, man mchte sagen, mineralischer
Beschaffenheit, starr, kantig und fest; der Geist Sainte-Beuve's
dagegen war wie ein See: weit, weich, elastisch und von grossem
Umfange, bewegte sich aber auch in lauter kleinen und unbestimmt
abgegrenzten Wellen. Desswegen war Stuart Mill wie geschaffen zur
Autoritt; sein Ton war der eines Befehlshabers, und selbst wenn er
sich am khnsten benahm, schien er durch die Bndigkeit und Sicherheit,
mit welcher er seine Resultate feststellte, jeden Widerspruch
abzuweisen. Sainte-Beuve dagegen hat sich nie ganz und ohne Vorbehalt
einer Sache angeschlossen, nur scheinbar in seiner Jugend der Sache
der Romantik, etwas ernster der der Geistesfreiheit in seinen letzten
Lebensjahren. Er ist nie ganz katholisch oder ganz saint-simonistisch,
ganz Republikaner oder ganz kaiserlich, ganz klassisch gesinnt oder
ganz Naturalist gewesen. Nur eines war er ganz: Sainte-Beuve, d.h. der
Kritiker mit der femininen Sympathie und der immer lauernden Skepsis.

Er war vom Tigergeschlechte, doch er war kein Tiger. Er schloss sich
an niemand und an nichts vollstndig an, aber er rieb sich an allem
und dieses Sich-Reiben lockte Funken hervor. Der Unwille Mill's ihm
gegenber war die Antipathie des Hundes gegen die Katze. Es war
Sainte-Beuve unmglich, einfach zu schreiben; er konnte kein Urtheil
abgeben, ohne es durch ein ganzes System von Nebenstzen zu bedingen;
er konnte kein noch so kurzes Lob aussprechen, ohne es mit allerlei
Malice zu wrzen. Der nach seinem Tode grsste Kritiker Frankreichs
sagte mir einmal: Ein lobender Satz von Sainte-Beuve ist ein wahres
Nest von Blutegeln. Man vergleiche nun die Denkweise und den ganzen
Stil Stuart Mill's: seine Gedanken immer gross angelegt, das Allgemeine
umspannend, das Individuelle durchschlpfen lassend, sein Vortrag
schmucklos, kunstlos, nackt wie eine Landschaft, deren einzige
Schnheit in den einfachen und gewaltigen Terrainformen besteht.

An einem der letzten Tage meines Aufenthaltes in London drehte sich das
Gesprch mit Stuart Mill um das Verhltniss zwischen Litteratur und
Theater in England und Frankreich. Er sprach die in unserer Zeit so
hufige Behauptung aus, dass die Franzosen, die im 17. Jahrhundert die
spanischen, im 18. Jahrhundert die englischen und im 19. Jahrhundert
die deutschen Ideen sich angeeignet haben, im Grunde keine andere
litterarische Originalitt besitzen als die, welche in der Form
liege. Stuart Mill, dem fr das eigentlich Aesthetische der Sinn so
ziemlich fehlte und der mehr die Ideen in der Kunst als die Kunst um
der Kunst willen liebte (seine Abhandlung ber Alfred de Vigny gibt
davon Zeugniss), schien durchaus nicht zu fhlen, dass die poetische
und knstlerische Originalitt der Franzosen selbst durch diese
(allzu starke) Begrenzung ihrer Erfindungsgabe keiner Einschrnkung
unterliegen wrde; denn wo Form und Inhalt unzertrennlich sind, ist
die Ursprnglichkeit in der Formgebung mit der Ursprnglichkeit
berhaupt identisch. Ohne mich im Gesprche auf diesen Gesichtspunkt
einzulassen, antwortete ich nur, dass eine Eigenschaft, die man den
Franzosen vorzuwerfen pflegt, ihre sogenannte Oberflchlichkeit ihnen
in hohem Grade zugute kommt, wenn sie nachahmen. Denn die Nachahmung
ist nur scheinbar. Mit einem starken Drange, sich von allem Fremden
beeinflussen zu lassen, verbinden die Franzosen in der Regel einen fast
vollstndigen Mangel an Fhigkeit, das Fremde sachlich aufzufassen,
und desshalb bleibt das nationale Geprge berall unter einem leichten
Anstriche des fremden Firnisses erkennbar. Ich nannte beispielsweise
Victor Hugo als Nachahmer Shakespeare's, Alfred de Musset als Nachahmer
von Byron. Uebrigens, fgte ich hinzu, will ich herzlich gern die
Vorzge, welche die englische Poesie vor der franzsischen voraus
hat, eingestehen, wenn Sie mir zum Ersatze die Ueberlegenheit der
franzsischen Schauspielkunst ber die englische einrumen wollen.
Ich hatte eben am Abend vorher der Auffhrung von Molire's Le malade
imaginaire unter dem Titel The robust invalid im Adelphi-Theater
beigewohnt und, da ich das Stck sehr oft in Paris gesehen, reichliche
Gelegenheit gehabt, die englische Spielweise mit der franzsischen
zu vergleichen. In London wurde das Stck grob, karikirt, ohne den
geringsten Versuch einer Charakterauffassung gespielt. Der Kranke und
das Dienstmdchen erlaubten sich allerlei plumpe Uebertreibungen,
brllten, um den Sinn recht deutlich zu machen, auf die roheste
Weise, ja hatten sogar die Frechheit, zwei der Acte mit einem Cancan
abzuschliessen, und das, whrend gleichzeitig aus englischer Prderie
die Scenen mit der Klystierspritze und alle Ausdrcke, welche die
Decenz verletzen knnten, ausgelassen waren. Ja, sagte Mill, das
Theater ist bei uns in Verfall gerathen. Was die Komdie betrifft,
liegt es vielleicht daran, dass das englische Wesen so formlos und
untheatralisch, unsere Gesten so steif und so selten sind, whrend die
Franzosen auch in ihrem tglichen Leben sich immer als Schauspieler
benehmen; aber in tragischer Richtung haben wir doch grosse Namen
aufzuweisen. Wer weiss, ob nicht in unseren Tagen das Lesen berhaupt
den Theaterbesuch verdrngen und ersetzen wird.

Er fhrte das Gesprch vom Theater auf die englischen Schriftsteller
und besprach mit Wrme zwei von ihm so verschiedene Mnner wie Dickens
und Carlyle. Wie sehr er auch selbst Verstandesmensch war, er wusste
so gut wie nur jemand den Dichter mit dem grossen, warmen Herzen und
den Historiker mit der springenden, visionren Einbildungskraft zu
schtzen. Dickens war damals gerade gestorben; ich hatte in jenen Tagen
eben in der Westminster-Abtei an dem Orte gestanden, wo seine Leiche
hinuntergesenkt ward. Dieses eine Grab war mit lebenden Rosen bedeckt,
whrend ringsum schwere, kalte Steindenkmler die anderen Grber
deckten; es wirkte wie ein Symbol. Ich theilte Mill meinen Eindruck
mit, und er sprach mit Bedauern davon, dass er Dickens nicht persnlich
gekannt und nur durch Andere von seiner Liebenswrdigkeit im privaten
Verkehre etwas erfahren hatte.

Die letzten Worte, die wir wechselten, galten dem unmittelbar
bevorstehenden deutsch-franzsischen Kriege, dem Mill mit bsen
Vorahnungen entgegensah. Er betrachtete ihn als ein Unglck fr die
ganze Menschheit, fr die ganze europische Cultur.

Ich sah ihm lange in seine tiefen, blauen Augen hinein, bevor ich mich
berwinden konnte, ihm zum letzten Male Lebewohl zu sagen. Ich wollte
versuchen, mir diesen so ernsten und strengen, aber zugleich so khnen
Blick einzuprgen, der noch so frisch wie der eines Jnglings war. Ich
wollte mir es gern unmglich machen, die besondere Grsse, die ber
der Gestalt des Mannes lag und seine Worte prgte, zu vergessen. Es
hat Bedeutung fr die Auffassung eines Schriftstellers, in welchem
Verhltnisse der Eindruck seines menschlichen Wesens zu dem seines
Schriftstellerwesens steht. Ich habe keinen grossen Mann gekannt,
bei welchem diese beiden Eindrcke sich so vollstndig deckten, wie
bei Mill. Ich habe keine Eigenschaft bei ihm als Schriftsteller
gefunden, die man nicht im persnlichen Verkehr mit ihm wiederfnde,
und ich habe seine verschiedenen Eigenschaften in beiden Sphren
nach derselben Ordnung und auf dieselbe Weise einander ber- und
untergeordnet gefunden. Es gibt Schriftsteller, bei welchen eine
bestimmte Eigenschaft, z. B. die Philanthropie oder der Witz oder die
Wrde, eine grssere Rolle spielt, wenn sie schreiben, als sonst in
ihrem Leben, andere, bei welchen Eigenschaften, wie Humor oder freie
Menschlichkeit, die sie im Privatleben liebenswrdig machen, in den
Schriften nicht zu spren sind. Die meisten stehen weit hinter ihren
Bchern zurck. Bei Stuart Mill fand sich keine Ungleichheit solcher
Art, denn er war die fleischgewordene Wahrhaftigkeit selbst. Es
kommt in Mill's Autobiography eine Situation vor, die den Hhegrad
dieser Wahrhaftigkeit messen lsst. Ich denke hier an seine Lage, als
er, der allem demagogischen Wesen so fernstehende Socialreformator,
in einer aus lauter Arbeitern bestehenden Whlerversammlung als
Parlamentscandidat gefragt wurde, ob er die Worte geschrieben und
verffentlicht habe, dass die arbeitenden Klassen in England in der
Regel noch lgenhaft seien. Er antwortete sogleich und kurz _I did_.
Kaum, fgt er hinzu, hatte ich diese Worte ausgesprochen, als ein
gewaltiger Beifall durch die Versammlung rauschte. Die Arbeiter waren
offenbar so gewohnt, von denen, die sich um ihre Stimmen bewarben,
zweideutige und ausweichende Antworten zu hren, dass, wenn sie statt
dessen ein directes Gestndniss von etwas ihnen Unangenehmem erhielten,
sie, weit entfernt, beleidigt zu werden, den Schluss zogen, dass sie
diesem Manne vertrauen knnten.

Mill gibt die bescheidenste Deutung des Vorganges. Aber der Leser ahnt,
welche Glorie der Wahrhaftigkeit in jenem Augenblicke den umstrahlen
musste, dem Mnner, die von den Schmeicheleien ihrer Fhrer verwhnt
waren, eine Beschuldigung durchgehender Lgenhaftigkeit mit solchem
Beifallssturme lohnten. Auch im tglichen Leben trug Mill jenen
unsichtbaren Nimbus der hohen Wahrheitsliebe. Von seinem ganzen Wesen
strahlte die Reinheit des Characters aus. Man muss auf die erhabensten
philosophischen Charaktere des Alterthums, auf Marcus Aurelius und
seinesgleichen, wenn es sonst seinesgleichen gibt, zurckdenken,
um eine Parallele zu Mill zu finden. Er war gleich wahr und gleich
gross, ob er in einem weltberhmten Werke an einen ber den Erdball
verbreiteten Leserkreis reiflich berlegte Gedanken richtete, oder ob
er in seinem Heim, ohne jemals seine Ueberlegenheit fhlen zu lassen,
an einen fremden Besucher eine zufllige Aeusserung hinwarf.




                       HANS CHRISTIAN ANDERSEN.

                               (1869.)


Es gehrt Muth dazu, Talent zu besitzen. Man muss wagen, sich seiner
Eingebung anzuvertrauen, man muss berzeugt sein, dass der Einfall,
welcher Einem durch das Hirn schiesst, gesund ist, dass die Form,
welche Einem als natrlich ansteht, selbst wenn sie neu ist, ein
Recht hat, sich geltend zu machen, man muss die Khnheit gewonnen
haben, sich der Beschuldigung auszusetzen, dass man affektirt oder
auf Irrwegen sei, ehe man sich seinem Instinkt berlassen und ihm
folgen kann, wohin er uns gebieterisch lenkt. Als Armand Carrel seiner
Zeit als junger Journalist von seinem Redakteur getadelt ward, der,
auf eine Stelle seines Artikels deutend, bemerkte: So schreibt man
nicht, erwiderte er: Ich schreibe nicht wie _man_ schreibt, sondern
wie _ich_ schreibe, und dies ist die allgemeine Formel der Begabung.
Sie vertheidigt weder Gesudel noch Erfinderei, aber sie spricht mit
Selbstbewusstsein das Recht des Talentes aus, wenn keine herkmmliche
Form und kein vorhandener Stoff den eigenthmlichen Bedrfnissen seiner
Natur gengen, sich neue Stoffe zu whlen, neue Formen zu bilden, bis
es eine Bausttte von solcher Beschaffenheit findet, dass es, ohne
Ueberanstrengung einer einzigen seiner Krfte, sie alle verwenden
und sie leicht und frei entfalten kann. Eine solche Bausttte hat der
Dichter _Hans Christian Andersen_ im Mrchen gefunden.


                                  I.

Man trifft in seinen Mrchen Anfnge wie diesen: Man htte glauben
sollen, dass in dem Ententeiche etwas Wichtiges vorgehe, aber es ging
Nichts vor! Alle Enten, die ruhig auf dem Wasser lagen -- einige
standen auf dem Kopfe, denn das konnten sie -- schossen pltzlich ans
Land; man konnte in dem nassen Lehm die Spuren ihrer Fsse sehen, und
man konnte eine ganze Strecke weit ihr Geschnatter hren oder wie
folgenden: Seht! nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte
sind, wissen wir mehr als jetzt, denn es war ein bser Kobold! Es war
einer der allerschlimmsten, es war der Teufel! Die Konstruktion, die
Wortstellung in den einzelnen Stzen, die ganze Anordnung streitet
wider die einfachsten Regeln der Syntax. So schreibt man nicht.
Das ist wahr; aber so spricht man. Zu erwachsenen Menschen? Nein,
aber zu Kindern; und wesshalb sollte man nicht befugt sein, die
Worte in derselben Ordnung niederzuschreiben, in welcher man sie zu
Kindern spricht? Man vertauscht hier die gewhnliche Norm mit einer
andern; nicht die Regel der abstracten Schriftsprache, sondern das
Fassungsvermgen des Kindes ist hier das Bestimmende; es ist Methode
in dieser Unordnung, wie Methode in den Sprachschnitzern des Kindes
ist, wenn es sagt: Du lgtest, anstatt Du logst. Die angenommene
Schriftsprache durch die freie Umgangssprache zu ersetzen, die steifere
Ausdrucksweise des Erwachsenen mit derjenigen zu vertauschen, welche
das Kind gebraucht und versteht, wird das Ziel des Dichters sobald
er den Entschluss fasst, Mrchen fr Kinder zu erzhlen. Er hat
die khne Absicht, sich in einem Druckwerke der mndlichen Rede zu
bedienen, er will nicht schreiben, sondern sprechen, und er will
gern wie ein Schulkind schreiben, wenn er dadurch nur vermeidet, wie
ein Buch zu reden. Das geschriebene Wort ist arm und verlassen, das
mndliche hat ein Heer von Verbndeten in dem Zuge des Mundes, welcher
den Gegenstand, von dem die Rede ist, nachahmt, in der Handbewegung,
welche ihn malt, in der Lnge oder Krze des Tones, seinem scharfen
oder milden, ernsten oder drolligen Charakter, im ganzen Mienenspiel
und in der ganzen Haltung. Je ursprnglicher das Wesen ist, zu welchem
man spricht, desto mehr versteht es durch diese Hilfsmittel. Wer einem
Kinde eine Geschichte erzhlt, der erzhlt unwillkrlich mit vielen
Fratzen und Geberden; denn das Kind sieht die Geschichte eben so viel,
wie es sie hrt; es achtet fast wie der Hund, mehr auf die zrtliche
oder erbitterte Betonung, als darauf, ob die Worte Freundlichkeit oder
Zorn ausdrcken. Wer sich schriftlich an das Kind wendet, muss also
den wechselnden Tonfall, die pltzlichen Pausen, die beschreibenden
Handbewegungen, die Furcht einjagende Miene, das die glckliche Wendung
verrathende Lcheln, den Scherz, die Liebkosungen und den Appell,
welcher die einschlummernde Aufmerksamkeit weckt, -- alles dies muss er
in seinem Vortrag zu verweben suchen, und da er nicht die Begebenheit
geradezu dem Kinde vorsingen, malen oder tanzen kann, so muss er den
Gesang, das Bild und die mimische Bewegung in seine Prosa bannen, dass
sie wie gebundene Krfte darin liegen, und sich erheben, sobald das
Buch aufgeschlagen wird. Erstens: keine Umschreibungen; Alles wird
frisch von der Leber weg gesagt, ja, mehr als gesagt, gebrummt, gesummt
und geblasen: Es kam ein Soldat auf der Landstrasse heran marschirt,
_eins zwei, eins zwei_. Und die ausgeschnitzten Trompeter bliesen:
Tratteratra! der kleine Junge ist da, tratteratra! Hr', sagte der
Schneckenvater wie es auf den Klettenblttern trommelt: rundumdum,
rundumdum! Hier wird, wie in dem Gnseblmchen, mit einem Nun hr'
einmal! begonnen, das sofort die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt.
Hier wird in der Weise des Kindes gescherzt: Dann hieb der Soldat der
Hexe den Kopf ab. _Da lag sie!_ Man hrt das Lachen des Kindes, das
auf diese kurze, nicht sehr gefhlvolle, aber anschauliche Darstellung
des Abmuckens folgt. Hier werden so weiche Tne angeschlagen, wie z.
B.: Die Sonne schien auf den Flachs und die Regenwolken begossen
ihn; und das war eben so gut fr ihn, wie es fr kleine Kinder ist,
gewaschen zu werden und darauf einen Kuss von ihrer Mutter zu bekommen;
sie werden ja viel schner davon. Dass an dieser Stelle eine Pause
in der Erzhlung gemacht wird, um dem Kinde den im Text gemeldeten
Kuss zu geben, ist Etwas, das jede Mutter einrumen wird, und das sich
von selbst versteht; der Kuss liegt ja im Buche. Die Rcksicht auf
den jungen Leser kann nur dann noch weiter getrieben werden, wenn der
Dichter kraft seiner geschmeidigen Sympathie sich ganz mit dem Kinde
identificirt und sich so vollstndig in dessen Vorstellungskreis, in
dessen Anschauungsweise, ja in dessen rein krperlichen Gesichtspunkt
hinein lebt, dass ihm ein Satz wie dieser unter die Feder kommt: Das
grsste grne Blatt hier zu Lande ist doch jedenfalls das Klettenblatt;
hlt man eins vor seinen kleinen Leib, so ist es wie ein Schrzchen,
und legt man es auf seinen Kopf, so ist es bei Regenwetter fast so gut
wie ein Schirm, denn es ist so ausserordentlich gross. Das sind Worte,
die ein Kind, und jedes Kind, verstehen kann.

Wie glcklich ist doch ein Dichter wie Andersen! Welcher Schriftsteller
hat ein Publikum wie er! Welch kmmerliches Schicksal hat im Vergleich
ein Mann der Wissenschaft, der zumal in einem kleinen Lande fr ein
Publikum schreibt, das ihn weder liest noch schtzt, und der von vier
oder fnf -- Rivalen und Gegnern gelesen wird! Ein Dichter ist im
Allgemeinen gnstiger gestellt, aber wiewohl es fr den Poeten ein
Glck ist, von Mnnern gelesen zu werden, und zu wissen, dass seine
Schriften von zarten Fingern durchblttert werden, die seidene Fden
als Lesezeichen verwenden, so hat doch keiner sich nur annhernd eines
so frischen und aufgeweckten Leserkreises zu rhmen, wie _Andersen_
dessen gewiss ist. Seine Mrchen gehren zu den Bchern, die wir
silbenweise entziffert haben, und die wir heute noch lesen. Es sind
einzelne darunter, in welchen die Buchstaben uns immer noch grsser,
die Worte gewichtvoller erscheinen, als in den anderen, weil wir sie
zum ersten Mal Buchstaben fr Buchstaben und Wort fr Wort kennen
lernten. Und welche Freude muss es fr Andersen gewesen sein, in seinen
Trumen dies Gewimmel von Kindergesichtern zu Tausenden um seine Lampe
zu sehen, diese Menge blhender, rosenwangiger kleiner Krauskpfe,
wie im Gewlk eines katholischen Altarbildes, flachshaarige dnische
Knaben, zarte englische Babies, schwarzugige Hindumdchen, -- sie
vor sich zu sehen, reich und arm, buchstabirend, lesend, aufhorchend,
in allen Lndern, in allen Zungen, bald gesund und froh, mde vom
Spiele, bald schwchlich, blass, mit durchsichtiger Haut nach einer
der unzhligen Krankheiten, von denen die Kinder der Erde heimgesucht
werden, und sie begierig diesen Wirrwarr weisser und dunkelbrauner
Hndchen nach jedem neuen, fertiggewordenen Blatte ausstrecken zu
sehen! Ein so glubiges, so tief aufmerksames, so unermdliches
Publikum hat kein Anderer. Kein Anderer hat auch ein so ehrwrdiges;
denn selbst das Alter ist nicht so ehrwrdig und heilig wie die
Kindheit. Hier bietet sich uns eine ganze Reihe friedlicher und
idyllischer Scenen: da wird laut vorgelesen, und die Kinder lauschen
mit Andacht, oder der Kleine sitzt vertieft in seine Lektre, beide
Ellenbogen auf den Tisch gesttzt, und die Mutter liest im Vorbergehen
mit ber die Schulter des Kindes. Lohnt sich's nicht der Mhe, fr
einen Hrerkreis wie diesen zu schreiben, und gibt es wohl einen, der
eine unbeflecktere und willfhrigere Phantasie htte?

Es gibt keinen, und man braucht nur die Einbildungskraft der Hrer
zu studiren, um die des Schriftstellers kennen zu lernen. Der
_Ausgangspunkt_ fr seine Kunst ist das Spiel des Kindes, das Alles
zu Allem macht; desshalb macht die spielende Laune des Knstlers
Spielsachen zu natrlichen Geschpfen, zu bernatrlichen Wesen
(Kobolden), zu Helden, und benutzt umgekehrt die ganze Natur und
alles Uebernatrliche, Helden, Kobolde und Feen, als Spielzeug, d.h.
als knstlerische Mittel, welche bei jedem neuen knstlerischen
Zusammenhange umgeprgt und neu gestempelt werden. Der _Nerv_ dieser
Kunst ist die Einbildungskraft des Kindes, welche alles beseelt und
zu einem persnlichen Wesen macht; dadurch belebt sie ein Stck
Hausrath so gut wie eine Pflanze, eine Blume so gut wie einen Vogel
oder eine Katze, und das Thier in derselben Weise wie die Puppe, wie
das Portrait, wie die Wolken, die Sonnenstrahlen, die Winde und die
Jahreszeiten. Selbst der Hpfauf aus dem Brustknochen einer Gans
wird solchergestalt fr das Kind ein lebendes Ganzes, ein denkendes,
willensbegabtes Wesen. Das _Vorbild_ einer solchen Poesie ist der
Traum des Kindes, in welchem die kindlichen Vorstellungen noch rascher
und mit noch khneren Verwandlungen wechseln, als beim Spiele;
desshalb nimmt der Dichter (wie in den Blumen der kleinen Ida, im
Sandmann, im Kleinen Tuck, im Fliedermtterchen) gern seine
Zuflucht zum Traume als zu seinem Arsenale; desshalb kommen ihm oft,
wenn er den Kindestraum sich in den Vorstellungen ergehen lsst,
welche das Kindesgemth erfllen und ngstigen, seine herrlichsten
Inspirationen, z. B. wenn der kleine Hjalmar im Traume hrt, wie die
schiefen Buchstaben, die auf der Nase liegen, in seinem Schreibbuche
jammern. Seht, so sollet ihr euch halten! sagte die Vorschrift,
seht, so schrg geneigt, mit einem krftigen Schwunge! Ach, wir
mchten gern, sagten Hjalmar's Buchstaben, aber wir knnen's nicht,
wir sind so schwach! Dann msst ihr Kinderpulver einnehmen! sagte
Ole Lukje. O nein! riefen sie und da standen sie so schlank, dass
es eine Lust war. So trumt ein Kind, und so malt ein Dichter uns
den Traum eines Kindes. Aber die _Seele_ dieser Poesie ist doch weder
der Traum noch das Spiel, es ist ein eigenes, wieder kindliches, aber
zugleich mehr als kindliches Vermgen, nicht blos das Eine fr das
Andere zu setzen, also Alles zu vertauschen, oder das Eine im Andern
leben zu lassen, also Alles zu beleben, sondern, durch das Eine schnell
und flchtig an das Andere erinnert, das Eine im Andern wiederfindend,
es zu verallgemeinern, das Bild zum Sinnbilde zu gestalten, den Traum
zur Mythe zu erheben, und durch eine knstlerische Verschiebung den
einzelnen mrchenhaften Zug in einen Brennpunkt fr das ganze Leben zu
verwandeln.

Eine solche Phantasie dringt nicht tief in den Kern der Dinge ein,
sie beschftigt sich mit Kleinigkeiten; sie sieht die groben Fehler,
nicht die grossen, sie trifft, aber nicht tief, sie verletzt, aber
nicht gefhrlich, sie flattert wie ein beschwingter Falter von einem
Orte zum andern, an den ungleichartigsten Punkten verweilend, und sie
spinnt wie ein kluges Insekt ihr feines Gewebe von vielen verschiedenen
Ausgangspunkten her zu einem Ganzen zusammen. Was sie erzeugt, ist
kein Seelengemlde, keine unmittelbare Menschendarstellung, sondern
ein Werk, das mit all seiner knstlerischen Vollkommenheit schon in
den unschnen und verwirrenden Arabesken der Fussreise nach Amack
angedeutet war.

Whrend die Mrchendichtung nmlich durch ihren Inhalt an alte
Mythenbildungen erinnert (Fliedermtterchen, Die Schneeknigin),
an die Volkssagen, auf deren Grunde sie sich zuweilen erbaut, an
Sprichwrter und Fabeln des Alterthums, ja, an die Parabeln des Neuen
Testaments (der Buchweizen wird gestraft wie der Feigenbaum), whrend
sie solchermaassen stets durch eine Idee zusammengehalten wird, lsst
sie sich betreffs ihrer Form mit den phantastischen pompeianischen
Dekorationsmalereien vergleichen, in welchen eigenthmlich stilisirte
Pflanzen, lebensvolle Blumen, Tauben, Pfauen und Menschengestalten
sich mit einander verschlingen und in einander bergehen.

Eine Form, die fr jeden andern ein Umweg zum Ziele, ein Hinderniss
und eine Verkleidung sein wrde, wird fr Andersen eine Maske, unter
welcher er sich erst recht frei, recht frhlich und sicher fhlt, sein
kindlicher Genius spielt, wie die bekannten antiken Kindergestalten,
mit der Maske, erweckt Lachen, ergtzt und erschreckt hinter ihr. So
wird die in all' ihrer Offenherzigkeit maskirte Ausdrucksweise des
Mrchens der natrliche, ja klassische Tonfall seiner Stimme, welcher
usserst selten sich berschlgt oder falsch klingt. Das einzige,
was hin und wieder vorkommt, ist, dass man statt der reinen Milch
des Mrchens einen Schluck Milchwasser erhlt, dass der Ton etwas zu
empfindsam und ssslich wird (Der arme Johannes! Der arme Vogel!
Das arme Dumelinchen!), was brigens selten bei den dem Volksmrchen
entnommenen Stoffen, wie Das Feuerzeug, Der grosse Klaus und der
kleine Klaus etc., der Fall ist, wo das naiv Lustige, Frische und
Harte in der Erzhlung, welche ohne die geringste mitleidige oder
weinerliche Phrase von Verbrechen und Mordthaten berichtet, Andersen
zu Statten kommt und seinen Figuren grssere Derbheit verleiht.
Weniger klassisch ist der Ton dagegen in den, den Mrchen eingefgten,
lyrischen Ergssen, in welchen der Dichter in einer bewegten und
pathetischen Prosa einen flchtig umfassenden Blick ber einen
grossen Zeitraum der Geschichte wirft (Der Ehre Dornenpfad, Das
Schwanennest). Hier scheint mir ein gewisser Schwung, eine gewisse
forcirte Begeisterung in der Stimmung im Missverhltnisse zu dem nicht
sehr bedeutenden Gedankeninhalt zu stehen.

Bis auf die hier angedeuteten wenigen Ausnahmen ist die Erzhlungsweise
der Mrchen in ihrer Art musterhaft.

Lasst uns, um sie grndlich kennen zu lernen, den Dichter bei seiner
Arbeit belauschen. Lasst uns durch das Studium seines Verfahrens ein
tieferes Verstndniss des Resultats gewinnen. Es gibt einen Fall,
wo seine Arbeitsmethode sich deutlich beobachten lsst, nmlich
wenn er einen Stoff umarbeitet. Wir brauchen dann nicht in unklarer
Allgemeinheit zu empfinden und zu loben, wir knnen Punkt fr Punkt,
im Vergleich mit einer abweichenden Erzhlungsart, scharf und bestimmt
angeben, was er auslsst, was er hervorhebt, und so seine eigene unter
unseren Augen heranwachsen sehen.

Andersen blttert eines Tages in Don Manuel's Graf Lucanor, ergtzt
sich an der schlichten Weisheit der alten spanischen Geschichten, an
ihrer feinen, mittelalterlichen Darstellung, und verweilt bei

                            =Kapitel VII.=

  Handelt davon, was einem Knig mit drei Betrgern begegnete.

Graf Lucanor sprach eines Tages mit Patronio, seinem Rathgeber, und
sagte zu ihm: Es ist ein Mann zu mir gekommen und hat mir von einer
sehr wichtigen Sache geredet. Er lsst durchblicken, dass sie im
hchsten Grade zu meinem Besten gereichen wrde. Aber er sagt, kein
Mensch in der Welt drfe darum wissen, wie hoch ich ihn auch schtzen
mge, und er schrft mir so dringend ein, das Geheimniss zu bewahren,
dass er sogar sagt, falls ich Jemand dasselbe offenbaren wrde, so
werde mein ganzes Besitzthum und mein Leben aufs hchste gefhrdet
sein. Und da ich weiss, dass man Euch Nichts sagen kann, ohne dass Ihr
wisst, ob es zum Heile oder in trugvoller Absicht gesagt wird, so bitte
ich Euch mir zu sagen, was Ihr von dieser Sache haltet. Herr Graf,
antwortete Patronio, damit Ihr verstehen knnt, was hier nach meinem
Dafrhalten zu thun ist, mchte ich Euch bitten, anzuhren, was einem
Knige mit drei Betrgern begegnete, die zu ihm kamen. Der Graf frug,
wie es sich damit verhielte.

Diese Einleitung gleicht einem Programm; man erfhrt zuerst die nackte
Frage, auf welche die nachfolgende Geschichte antworten soll, und
man fhlt, dass die Geschichte nur der Frage halber da ist. Es soll
uns nicht erlaubt sein, selbst aus der Erzhlung die Lehre, welche
wir darin finden, zu entnehmen, sie soll mit aller Gewalt auf die
Frage nach dem Vertrauen, welches geheimnissvolle Menschen verdienen,
hingelenkt werden. Diese Erzhlungsweise ist die praktische, nicht die
poetische; sie beschrnkt allzu stark das Vergngen, welches der Leser
daran findet, selbst die versteckte Moral zu ermitteln. Die Phantasie
sieht es freilich gern, dass man ihr die Arbeit leicht macht, sie will
sich nicht wirklich anstrengen; aber sie mag nicht, dass man ihrer
leichten Thtigkeit vorgreift, sie will, wie alte Leute, die man zum
Schein arbeiten lsst, nicht daran erinnert werden, dass ihre Arbeit
nur Spiel ist. Die Natur gefllt, wenn sie einem Kunstwerk gleicht,
sagt Kant, die Kunst, wenn sie wie Natur erscheint. Wesshalb? Weil die
verschleierte Absicht gefllt. Aber gleichviel, lasst uns in dem Buche
weiter lesen:

Herr Graf, sagte Patronio, es kamen drei Betrger zu einem Knige
und sagten, sie seien ganz vorzgliche Meister in der Anfertigung
von Kleiderstoffen, und sie verstnden namentlich eine Art Zeug zu
verfertigen, das Jeder, welcher wirklich der Sohn _des_ Vaters sei,
den alle Welt dafr hielte, sehen knne, das aber der, welcher nicht
der Sohn seines vermeintlichen Vaters sei, nicht zu sehen vermge. Dem
Knig gefiel dies sehr, da er dachte, dass er mit Hilfe dieses Zeuges
erfahren knne, welche Mnner in seinem Reiche die Shne derer seien,
die von rechtswegen ihre Vter sein sollten, und welche nicht, und dass
er solchermassen Vieles in seinem Lande berichtigen knne; denn die
Mauren beerben nicht ihren Vater, wenn sie nicht wirklich seine Kinder
sind. Desshalb befahl er, ihnen einen Palast einzurumen, in welchem
sie arbeiten knnten.

Der Anfang ist nicht dumm, es ist Humor in der Geschichte; aber, denkt
Andersen, wenn man sie fr Dnemark benutzen wollte, so msste man
freilich einen anderen Vorwand whlen, der passender fr Kinder und fr
die bekannte nordische Unschuld wre. Und dann dieser Knig, er steht
in der Erzhlung wie eine Schachfigur da; wesshalb kommen die Betrger
gerade zu ihm, was fr einen Charakter besitzt er? ist er prunkliebend,
ist er eitel? Man sieht ihn nicht vor Augen. Am besten wr's, wenn er
ein Narr von Knig wre. Man msste ihn charakterisiren, ihn durch ein
Wort, eine Redensart stempeln.

Und sie sagten zu ihm, er mge sie, um sicher zu sein, dass sie ihn
nicht betrgen, in jenen Palast einschliessen lassen, bis das Zeug
fertig sei, und das gefiel dem Knig sehr.

Sie erhalten jetzt Gold, Silber und Seide, verbreiten die Nachricht,
dass das Gewebe begonnen sei, veranlassen durch ihr keckes Hinweisen
auf Muster und Farben die Sendboten des Knigs, das Zeug fr
vortrefflich zu erklren, und erreichen solchermaassen zuletzt den
Besuch des Knigs, welcher, da er Nichts sieht, einen Todesschreck
bekommt; denn er glaubt, er sei nicht der Sohn des Knigs, den er fr
seinen Vater gehalten. Er lobt desshalb das Zeug ber die Maassen, und
Alle machen es wie er, bis er eines Tages bei Gelegenheit eines Festes
die unsichtbaren Kleider anlegt; er reitet durch die Stadt, und es war
gut fr ihn, dass es Sommer war. Niemand sah das Zeug, allein Jeder
frchtete durch das Eingestndniss seines Unvermgens sich ruinirt und
entehrt zu sehen. Dadurch wurde dies _Geheimniss_ bewahrt, und Niemand
erkhnte sich, es zu offenbaren, bis ein Neger, welcher das Pferd des
Knigs wartete und Nichts zu verlieren hatte, zum Knig ging, und die
Wahrheit an den Tag brachte.

    Wer Dir den Rath gibt: schweige gegen Deinen Freund,
    Will ohne Zeugen sicherlich betrgen Dich.

Eine sonderbare und zugleich eine sehr schlecht bewiesene Moral
dieser artigen Geschichte. Andersen vergisst die Moral, beseitigt
mit schonender Hand die schwerfllige Lehre, welche die Erzhlung
nach einer Seite hinbiegt, wo ihr wahrer Mittelpunkt nicht liegt, und
erzhlt nun mit dramatischer Lebendigkeit, in dialogischer Form, sein
treffliches Mrchen von dem eitlen Kaiser, von dem man in der Stadt
sagte: Der Kaiser ist in der Garderobe. Er rckt uns die Erzhlung
ganz nahe. Es gibt Nichts, dessen Existenz man nicht zu leugnen wagte
aus Furcht, fr einen Bastard zu gelten; aber es gibt Vieles, ber das
man sich nicht die Wahrheit zu sagen getraut aus Feigheit, aus Furcht,
anders zu handeln, als alle Welt, aus Besorgniss, dumm zu erscheinen.
Und diese Geschichte ist ewig neu, ohne Ende. Sie hat ihre ernste,
allein sie hat auch gerade wegen ihrer Unendlichkeit ihre humoristische
Seite: Aber er hat ja Nichts an! rief zuletzt das ganze Volk. Und
das wurmte den Kaiser, denn es schien ihm, als htten sie Recht, aber
er dachte bei sich: Nun muss ich die Procession aushalten. _Und so
hielt er sich noch straffer_, und die Kammerherren gingen hinterher
und trugen die Schleppe, die gar nicht da war. Andersen erst hat die
Erzhlung komisch gemacht.

Doch wir knnen der Erzhlungsweise Andersen's noch nher treten; wir
sahen ihn ein fremdes Mrchen neu darstellen, wir knnen ihn auch
seine eigenen Versuche umarbeiten sehen. Im Jahre 1830 verffentlichte
Andersen in einem Gedichtbande Der Todte, ein Volksmrchen aus Fnen,
-- dasselbe, welches er spter unter dem Titel Der Reisekamerad
umformte. Die Erzhlung ist in ihrer ersten Gestalt vornehm und
wrdevoll, sie beginnt folgendermaassen: Ungefhr eine Meile von
Bogensee findet man auf dem Felde in der Nahe von Elvedgaard einen
durch seine Grsse merkwrdigen Weissdorn, den man selbst von der
jtischen Kste aus sehen kann. Hier sind hbsche landschaftliche
Naturschilderungen, hier ist eine fertige Schriftstellermanier. Die
erste Nacht _quartirte_ er sich in einem Heuschober auf dem Felde
ein und schlief dort wie ein _persischer_ Frst in seinem glnzenden
Schlafzimmer. Ein persischer Frst! Das ist eine kleinen Kindern
fremde Vorstellung. Setzen wir lieber statt dessen: Die erste Nacht
musste er sich in einem Heuschober auf dem Felde schlafen legen, ein
anderes Bett hatte er nicht. Aber, das sei recht hbsch, meinte er, der
Knig selbst knne es nicht besser haben. Das ist verstndlich. Der
Mond hing wie eine _argantische_ Lampe unter der gewlbten Decke und
brannte mit einer steten Flamme. Klingt der Ton nicht vertraulicher,
wenn man sagt: Der Mond war eine grosse Nachtlampe, hoch oben unter
der blauen Decke, und der steckte gewiss nicht die Gardinen in Brand?
Die Geschichte von der Puppenkomdie wird umgeschrieben; es gengt,
wenn wir wissen, dass das Stck von einem Knig und einer Knigin
handelt; Ahasverus, Esther und Mardochai, die zuerst genannt wurden,
sind zu gelehrte Namen fr Kinder. Stossen wir auf einen lebensvollen
Zug, so behalten wir ihn: Die Knigin kniete ebenfalls nieder und
streckte ihre goldene Krone aus, als wollte sie sagen: _Nimm sie! aber
schmiere meinen Gemahl und meine Hofleute!_ Solch eine Stelle ist eine
von denen, wo der Mrchenton durch die verfeinerte Form hindurchdringt,
wo der Stil, welcher Du zum Leser sagt, den, welcher Sie sagt, bei
Seite schiebt. Hier wimmelt es noch von Schriftsteller-Vergleichen:
Vom Wirth erfuhren unsere Wanderer, dass sie sich im Reiche des
Herzknigs befnden, eines trefflichen Regenten und nahe verwandt mit
dem Rautenknige Silvio, der hinlnglich aus Carlo Gozzi's dramatischem
Mrchen 'Die drei Pommeranzen' bekannt ist. Die Prinzessin wird mit
Turandot verglichen, von Johannes heisst es: Es war, als htte er
krzlich den Werther und Siegwart gelesen, er konnte nur lieben und
sterben. Kreischende Misstne im Mrchenstile! Die Worte sind noch
nicht dem Sprachschatze des Kindes entnommen, der Ton ist elegant,
und die Bezeichnungen sind abstrakt: Johannes sprach, aber er wusste
selbst nicht, was er sagte, denn die Prinzessin lchelte ihn so selig
an und reichte ihm ihre weisse Hand zu einem Kusse; seine Lippen
brannten, er fhlte sein ganzes Inneres _elektrisirt_; nichts konnte
er von den _Erfrischungen_ geniessen, welche die Pagen ihm anboten,
er sah nur sein schnes Traumbild. Hren wir dies einmal in dem
Stile, der uns Allen bekannt ist: Sie war wunderschn anzuschauen und
reichte Johannes die Hand, und er hielt noch viel mehr von ihr, als
zuvor. Sie konnte sicher keine bse Hexe sein, wie alle Leute es ihr
nachsagten. -- Dann begaben sie sich in den Saal, und die kleinen Pagen
prsentirten ihnen Eingemachtes und Pfeffernsse, aber der alte Knig
war so betrbt, er konnte gar nichts essen, und die Pfeffernsse waren
ihm auch zu hart.

In seiner Jugend war Andersen, welcher sich damals Musus zum Vorbilde
nahm, noch nicht so weit gelangt, dass er verstanden htte, Scherz
und Ernst in seinem Vortrage zu verschmelzen, sie fielen auseinander;
kaum war das Gefhl ausgesprochen, als sofort die strende Parodie
sich einstellte. Johannes sagt einige Worte, in denen er seine Liebe
ausspricht, und der Verfasser fgt hinzu: O, es war so rhrend zu
hren! Der arme junge Mensch, der sonst so natrlich, so liebenswrdig
war, sprach jetzt ganz wie ein Claurensches Buch; aber was thut nicht
die Liebe! Auf diesem Punkte, bei dieser pedantischen Frivolitt
verharrte Andersen noch 1830; allein fnf Jahre spter ist sein
Verwandlungsprocess beendet, sein Talent hat sich gehutet, sein Muth
ist gewachsen, er wagt seine eigene Sprache zu reden.

Das Bestimmende in dieser Sprechweise war von Anfang an das Kindliche.
Um von so jugendlichen Lesern verstanden zu werden, wie die, an welche
er sich wandte, musste er die allereinfachsten Worte gebrauchen, auf
die allereinfachsten Vorstellungen zurck gehen, alles Abstrakte
vermeiden, die indirekte Rede durch die direkte ersetzen, aber indem
er solchermaasen das Einfltige sucht, findet er das dichterisch
Schne, und indem er zu dem Kindlichen gelangt, zeigt sich, dass dies
Kindliche eben das Poetische ist; denn der allgemein verstndliche,
naive Ausdruck ist poetischer, als der, welcher an die Industrie, an
die Geschichte, an die Litteratur erinnert, die konkrete Thatsache ist
zugleich lebendiger und durchsichtiger, als die, welche als Beweis
fr einen Satz hingestellt wird, und die Sprache, welche unmittelbar
von den Lippen gebildet wird, ist charakteristischer, als die blasse
Umschreibung mit einem dass[33].

Bei dieser Sprache zu verweilen, sich in ihren Wortschatz, ihre Syntax,
ihre Betonung zu vertiefen, ist kein Zeugniss von einem kleinlichen
Geiste und geschieht nicht aus Liebe zu den Vokabeln oder zum Idiom.
Die Sprache ist allerdings nur die Oberflche des Dichterwerks; aber
indem man seinen Finger auf die Haut legt, fhlt man den klopfenden
Puls, welcher den Herzschlag im Innern angibt. Das Genie gleicht einer
Uhr: der sichtbare Zeiger wird von der unsichtbaren Feder gelenkt. Das
Genie gleicht einem aufgerollten Knul: so unauflslich und verwickelt
es erscheint, ist es doch in seinem innern Zusammenhange unzertrennlich
Eins. Hat man nur das usserste Ende des Fadens erfasst, so darf man
versuchen, langsam und vorsichtig selbst den verworrensten Faden aus
seinem Wickel zu entrollen. Er nimmt keinen Schaden dabei.


                                 II.

Halten wir also den Faden fest, so verstehen wir, wie das Kindliche im
Vortrage und Vorstellungskreise der Mrchen, die treuherzige Weise mit
der sie das Unwahrscheinlichste berichten, ihnen gerade dichterischen
Werth verleiht. Denn was ein Schriftwerk bedeutungsvoll macht, was
ihm Ausbreitung im Raume und dauernde Bedeutung in der Zeit verleiht,
das ist die Macht, mit welcher es das im Raume Verbreitete und in der
Zeit Dauernde darzustellen vermag. Es erhlt sich durch die Kraft, mit
welcher es auf eine deutliche und formvollendete Art das Konstante
veranschaulicht. Die Schriften, welche die in der Zeit oder im Raume
eng begrenzten Stimmungen oder Gefhle festhalten, diejenigen, welche
sich um rein lokale Verhltnisse bewegen, oder von einem Modegeschmack
getragen werden, der sein Erzeugniss und sein Bild in ihnen findet,
verschwinden mit der Mode, welche sie hervorrief. Ein Gassenhauer, ein
Zeitungsartikel, eine Festrede halten eine Stimmung fest, welche die
Stadt oberflchlich acht Tage lang erfllte, und leben daher selbst
ungefhr eben so lange. Oder, um hher hinauf zu steigen: in einem
Lande entsteht pltzlich ein gewisser untergeordneter Hang, z. B. die
Lust Privatkomdie zu spielen, wie sie zur Zeit Wilhelm Meister's in
Deutschland oder zwischen 1820 und 1830 in Dnemark epidemisch war.
Eine solche Stimmung ist zwar an und fr sich nicht bedeutungslos,
aber psychologisch betrachtet ist sie durchaus oberflchlich und
berhrt nicht das tiefere Leben der Seele. Macht man sie nun also
zum Gegenstand der Satire, wie es in Dnemark in Rosenkilde's Der
dramatische Schneider oder in Henrik Hertz's Herr Burchardt und seine
Familie geschah, so werden diese Werke, welche, ohne die Epidemie
unter einen hheren Gesichtspunkt zu stellen, sie nur schildern und
lcherlich machen, eben so kurzlebig wie jene sein.

Steigen wir jetzt eine Stufe hher, so erreichen wir die Werke,
welche den psychologischen Zustand eines ganzen Geschlechts, eines
ganzen Menschenalters wiederspiegeln. Solche Erzeugnisse sind die
gutmthige Trinkliederpoesie des vorigen Jahrhunderts, die politische
Gelegenheitsdichtung des jetzigen. Sie sind historische Urkunden, aber
ihr Leben und ihr poetischer Werth stehen, in direktem Verhltnisse
zu der Tiefe, mit welcher sie sich dem allgemein Menschlichen, dem
in der geschichtlichen Strmung Konstanten nhern. Mit grosser und
entschiedener Bedeutung treten sodann in dieser Stufenfolge die Werke
hervor, in denen ein Volk ein halbes oder ganzes Jahrhundert lang
oder whrend einer ganzen geschichtlichen Periode sich portrtirt
gesehen und die Aehnlichkeit anerkannt hat. Solche Werke mssen
nothwendigerweise einen Seelenzustand von betrchtlicher Dauer
schildern, welcher, eben weil er so dauernd ist, seinen geologischen
Platz in den tieferen Schichten der Seele haben muss, da sonst der
Wellenschlag der Zeit ihn weit eher fortsplen wrde. Diese Werke
verkrpern nmlich die ideale Persnlichkeit einer Zeit, d.h. die
Persnlichkeit, welche den Menschen jener Zeit als ihr Spiegel- und
Musterbild vorschwebt. Es ist diese Persnlichkeit, welche Knstler
und Dichter in Stein hauen, malen und schildern, und fr welche
Musiker und Dichter schaffen. Im griechischen Alterthume waren es der
geschmeidige Athlet und der wissbegierige, fraglustige Jngling, im
Mittelalter der Ritter und Mnch, unter Ludwig XIV. der Hofmann, im
Anfange des neunzehnten Jahrhunderts war es Faust. Die Werke, welche
solche Gestalten darstellen, drcken also den geistigen Zustand eines
ganzen Zeitalters aus, allein die bedeutendsten derselben stellen noch
mehr dar, sie spiegeln und verkrpern zugleich den Charakter eines
ganzen Volkes, eines ganzen Stammes, einer ganzen Kultur, indem sie
die allertiefste elementarste Schicht der einzelnen Menschenseele
und der Gesellschaft erreichen, welche jene in seiner kleinen Welt
concentrirt und vertritt. Man knnte solchergestalt die Geschichte
einer ganzen Litteratur mittelst weniger Namen schreiben, indem man
die Geschichte ihrer idealen Persnlichkeiten schriebe. Die dnische
Litteratur in der ersten Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts liegt
z. B. zwischen den beiden Typen: Oehlenschlger's Aladdin und Frater
Taciturnus in Kierkegaard's Stadien auf dem Lebenswege. Der Erstere
ist ihr Ausgangspunkt, der Letztere ihre Vollendung und ihr Abschluss.
Da nun der poetische Werth dieser Persnlichkeiten, wie gesagt, auf
der Tiefe beruht, mit welcher sie im Volkscharakter oder in der
Menschennatur begrndet sind, so wird man leicht erkennen, dass z.
B. eine Persnlichkeit wie Aladdin, um in ihrer eigenthmlichen
Schnheit verstanden zu werden, mit der idealen Persnlichkeit
verglichen werden muss, welche uns vom Anbeginn der Zeiten her in der
Phantasie des dnischen Volkes entgegen leuchtet. Man findet diese
Persnlichkeit, indem man eine grosse Anzahl der ltesten mythischen
und heroischen Gestalten des Volkes neben einander hlt. Sollte ich
einen einzelnen Namen angeben, so wrde ich Uffe den Schchternen
nennen[34]. An Tugenden wie an Fehlern ist er ein Koloss von einem
dnischen Heros. Man sieht leicht, in welchem Grade alle die besten
Gestalten Oehlenschlger's, sein ruhiger Thor, sein sorgloser Helge
und sein unthtiger Aladdin dem Helden nacharten, und man sieht bei
dieser Betrachtung, wie tief Aladdin im Volkscharakter wurzelt, whrend
er gleichzeitig ein Zeitideal von ungefhr fnfzigjhriger Dauer
ausdrckt. Wie Frater Taciturnus eine Variante des Fausttypus ist,
wrde ebenfalls leicht zu veranschaulichen sein. Bisweilen ist es also
mglich, nachzuweisen, wie die ideale Persnlichkeit ein Zeitalter
hindurch sich ber die verschiedensten Lnder und Vlker, ber einen
ganzen Welttheil erstreckt, und ihren Stempel in einer ganzen Gruppe
von Litteraturwerken hinterlsst, welche einander wie Abdrcke einer
und derselben Geistesform, Abdrcke eines und desselben riesigen
Petschafts in den verschiedenartigst gefrbten Oblaten gleichen.
So leitet die Persnlichkeit, welche in der dnischen Litteratur
als der Verfhrer Johannes (in Kierkegaard's Entweder -- Oder)
hervortritt, sich von Byron's Helden, von Jean Paul's Roquairol,
von Chateaubriand's Ren, von Goethe's Werther ab, und wird ganz
gleichzeitig in Lermontow's Petschorin (Ein Held unserer Zeit)
dargestellt. Um eine solche Persnlichkeit zu strzen, gengen nicht
die gewhnlichen Wellenschlge und Strme der Zeit, erst die Revolution
von 1848 hat sie beseitigt.

Gegenstze berhren sich. Auf dieselbe Weise, wie eine tief
eingreifende, allgemein menschliche Seelenkrankheit sich gleichzeitig
ber ganz Europa erstreckt und durch ihre Tiefe bewirkt, dass die
Werke, welche zuerst als ihre Portraits erschaffen wurden, als ihre
Denkmler stehen bleiben, eben so werden aus demselben Grunde auch
diejenigen Werke allgemein europisch und langlebig, welche das
_Elementarste_ in der gesunden Menschennatur, die kindliche Phantasie
und das kindliche Gefhl abspiegeln, und sich folglich auf Thatsachen
berufen, die Alle erlebt haben (alle Kinder schliessen Knigreiche
mit einem Schlssel zu); sie stellen das Leben dar, welches in der
ersten Periode der Menschenseele stattfand, und erreichen also
eine Geistesschicht, die bei allen Vlkern und in allen Lndern am
tiefsten liegt. Das ist die einfache Erklrung der Thatsache, dass
Andersen allein unter allen dnischen Dichtern eine europische, ja
mehr als europische Verbreitung gefunden hat. Mir ist keine andere
Erklrung zu Ohren gekommen, es wre denn die, welche seine Berhmtheit
daraus ableiten will, dass er selbst umher gereist sei und fr
seinen Ruhm gesorgt habe. Ach, wenn Reisen es thten, so mssten die
Reisestipendien fr Knstler jeglicher Art, die alljhrlich vertheilt
werden _mssen_, Dnemark allmhlig einen ganzen Flor europischer
Berhmtheiten schaffen, wie sie ihm bereits Dichter auf Dichter
schaffen. Die Dichter sind freilich danach. Aber selbst die brigen,
minder boshaften Erklrungsgrnde, welche man anfhren knnte, z. B.
dass fast er allein unter den grsseren dnischen Dichtern in Prosa
geschrieben hat und sich desshalb allein ohne Zwang bersetzen lsst,
dass sein Genre so populr oder dass er ein grosses Genie ist, besagen
entweder zu wenig oder zu viel. Es giebt in der dnischen Litteratur
mehr als _einen_ Genius, der grsser als Andersen ist, Viele, die
betreffs ihrer Begabung durchaus nicht hinter ihm zurckstehen. Aber es
gibt keinen, dessen Schpfungen so elementar sind. Besass Heiberg, so
gut wie er, den Muth, sich eine Kunstart (das Vaudeville) nach seiner
Eigenthmlichkeit umzuformen, so hat er doch nicht, wie Jener, das
_Glck_ gehabt, eine einzelne Kunstart zu finden, in welcher er sein
ganzes Talent offenbaren, all' seine Gaben kombiniren konnte, wie es
Andersen im Mrchen vermochte, noch Stoffe zu finden, bei welchen die
Zeit- und Lokalverhltnisse von so verschwindender Bedeutung sind. Sein
bestes Vaudeville, Die Unzertrennlichen, wrde nur in den wenigen
Lndern verstanden werden, wo man, wie in den skandinavischen Lndern,
den Mssigkeitsverein der Seligkeit (Ibsens Ausdruck fr die lange
Verlobung) kennt, mit welchem das Vaudeville seinen Spott treibt. Aber
wie Muth dazu gehrt, Talent zu haben, so gehrt Glck dazu, Genie zu
besitzen, und Andersen hat es weder an dem Glcke noch an dem Muthe
gefehlt.

Das Elementare in Andersen's Poesie sicherte ihm einen Leserkreis
unter den Gebildeten aller Lnder. Es sicherte ihm einen noch
erheblicheren unter den Ungebildeten. Das Kindliche ist in seinem
Wesen selbst volksthmlich, und der Verbreitung nach aussen entspricht
eine Verbreitung nach unten. Wegen der tiefen und betrbenden, aber
natrlichen Spaltung der Gesellschaft in verschiedene Bildungsschichten
wirkt die gute Litteratur fast nur auf eine einzige Klasse. Wenn in
Dnemark eine Reihe Litteraturerzeugnisse, wie Ingemann's Romane,
eine Ausnahme machen, so geschieht es zumeist durch Eigenschaften,
welche sie von den Gebildeten entfernen: durch Unwahrheit der
Charakterschilderung und der historischen Farbe. Es verhlt sich
mit Ingemann's Romanen wie mit Grundtvig's Theorien; will man sie
vertheidigen, so kann das nicht geschehen, indem man ihre Wahrheit
beweist, sondern indem man rein praktisch, den usseren Nutzen, den
sie gestiftet, den Vortheil betont, den sie der dnischen Sache, der
Volksaufklrung, der Frmmigkeit etc. gebracht haben. Ingemann's Romane
stehen brigens in einem bemerkenswerthen Verhltnisse zu Andersen's
Mrchen. Letztere werden von den jngeren Kindern, erstere von den
lteren gelesen. Die Mrchen entsprechen der ppigen Einbildungskraft
und dem warmen Mitgefhle des Kindes und des etwas lteren Mdchens,
die Romane dem phantastischen Thatendrange des Kindes und besonders
des etwas lteren Knaben, dem erwachenden Ritterlichkeitsgefhle, der
Eitelkeit, Gefallsucht und Keckheit. Letztere sind fr erwachsene
Menschen geschrieben; allein der gesunde Sinn der Nation hat sie
langsam fallen lassen, bis sie ihr natrliches Publikum bei dem Alter
zwischen zehn und zwlf Jahren fanden. Wahrheit ist etwas Relatives.
Fr den Zwlfjhrigen sind diese Bcher eben so voll von Wahrheit, wie
fr den Zwanzigjhrigen von unschuldiger Lge. Und man muss sie bis zu
zwlf Jahren lesen; denn bei zwlf und ein halb ist es schon zu spt,
wenn man ein bisschen fortgeschritten in der geistigen Entwicklung ist.
Mit den Mrchen verhlt es sich umgekehrt. Von Anfang an fr Kinder
geschrieben und bestndig von diesen gelesen, sind sie rasch zu den
Erwachsenen empor gestiegen und von ihnen fr echte Kinder des Genius
erklrt worden.

Es war also ein glcklicher Griff, der Dichter der Kinder zu
werden. Nach langem Umhertasten, nach misslungenen Versuchen,
die nothwendigerweise ein falsches und ironisches Licht auf das
Selbstgefhl eines Dichters werfen mussten, dessen Stolz seine
Berechtigung hauptschlich in der Anwartschaft auf eine Zukunft trug,
die er in sich schlummern fhlte, nach vieljhrigem Umherschweifen
verirrte sich Andersen, ein echter Spross Oehlenschlger's, auf
Oehlenschlger's Spuren und fand sich eines Abends vor einer kleinen
unansehnlichen, aber geheimnissvollen Thr stehen, vor der Thr des
Mrchens. Er berhrte sie, sie gab nach, und er sah in der Dunkelheit
drinnen das kleine Feuerzeug brennen, das seine Aladdinslampe ward.
Er schlug Feuer damit, und die Geister der Lampe, -- die Hunde mit
Augen, so gross wie Theetassen, wie Mhlrder, wie der Runde-Thurm in
Kopenhagen -- standen vor ihm und brachten ihm die drei riesigen Kisten
mit allen Kupfer-, Silber- und Goldschtzen des Mrchens. Das erste
Mrchen war da, und das Feuerzeug zog alle anderen nach sich. Wohl
dem, der sein Feuerzeug findet!

In welchem Sinne ist nun das Kind Andersen's ideale Gestalt? Es kommt
in allen Lndern ein gewisser Zeitpunkt, wo die Litteratur pltzlich
das gleichsam entdeckt, was lange unbemerkt in der Gesellschaft gelegen
hat. So wird in einer Litteratur nach und nach der Brger (in Dnemark
von Holberg), der Student, der Bauer u.s.w. entdeckt. Zu Platon's
Zeit war das Weib noch nicht offenbart. Das Kind wird zu verschiedener
Zeit in den verschiedenen Litteraturen entdeckt, in England z. B. weit
eher, als in Frankreich. Andersen entdeckt das Kind in Dnemark. Doch
hier, wie berall, geschieht die Entdeckung nicht ohne Voraussetzungen
und Bedingungen, und hier, wie berall, ist in der dnischen
Litteratur Oehlenschlger derjenige, dem man den ersten Antrieb, die
Grundentdeckung verdankt, welche die fast aller spteren Dichter
bedingt. Die Einsetzung des Kindes in seine natrlichen poetischen
Rechte ist nur eins der vielen Erscheinungen der Thronbesteigung der
_Naivett_, deren Urheber in der dnischen Litteratur Oehlenschlger
ist.

Das achtzehnte Jahrhundert, das seine Strke im raisonirenden
Verstande et, seinen Feind in der Einbildungskraft, in welcher es nur
den Bundesgenossen und Leibeigenen der veralteten Ueberlieferungen
sieht, seine Knigin in der Logik, seinen Knig in Voltaire, den
Gegenstand seiner Poesie und seiner Wissenschaft in dem abstrakten,
dem aufgeklrten und gesellschaftlichen Menschen findet, schickt das
Kind, das weder gesellschaftlich, noch aufgeklrt, noch abstrakt
ist, aus der Wohnstube hinaus und weit, weit in die Ammenstube
hinber, wo es Mrchen, Sagen und Rubergeschichten hren mag, so
viel ihm beliebt, wohlgemerkt, wenn es als erwachsener Mensch Sorge
dafr trgt, all' dies Unwrdige wieder vergessen zu haben. In der
Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts (ich ziehe die Scheidelinie
nicht scharf auf der Grenze) tritt der Rckschlag ein. An die Stelle
des gesellschaftlichen Menschen tritt der einzelne, der persnliche
Mensch. Man schtzte nur das Bewusstsein, jetzt betet man das
Unbewusste an, Schelling's Naturphilosophie lst Fichte's Ich-System
ab; man fhrt Krieg gegen die unfruchtbare Verstandesreflexion, setzt
Sage und Mrchen wieder in ihre Rechte ein, bringt die Kinderstube und
ihre Bewohner wieder zu Ehren, bisweilen sogar allzu sehr. In allen
Lndern werden die Volksmrchen gesammelt, und in den meisten Lndern
fangen die Dichter an, sie zu bearbeiten. Die sentimentalen deutschen
Schriftsteller der Uebergangszeit (Kotzebue und Iffland) bringen die
Kinder auf die Bhne, in der Absicht, zu rhren; selbst Oehlenschlger
fhrt Kinder in seine Stcke ein und muss sich dafr von Heiberg
durchhecheln lassen. Was die Erziehung betrifft, so hat Rousseau hier
das Interesse erregt durch seine pdagogischen Deklamationen und
Theorien, es wird dem Kinde und insbesondere der kindlichen _Natur_
eine Aufmerksamkeit geschenkt, wie niemals zuvor, und die Schwrmerei
fr das pdagogische Zchten (Campe) wird allmhlich von der
Schwrmerei fr den Naturzustand des Kindes verdrngt (man sehe die
Rousseau'sche Tendenz schon in dem Gesprche Gtz von Berlichingen's
mit seinem kleinen Sohne).

Vom Kind ist nur ein Schritt zum Thiere. Das Thier ist ein Kind,
das nie etwas Anderes als Kind wird. Derselbe Drang, das Leben im
Gesellschaftsleben aufgehen zu lassen, welcher das Kind bei Seite
geschoben, hatte auch das Thier verbannt. Derselbe Durst nach Naivett,
nach Natur, nach dem Unschuldigen und _Unbewussten_, welcher die
Poesie zum Kinde hinfhrte, fhrt sie zum Thiere, und vom Thiere zur
ganzen Natur. Rousseau, der die Sache des Kindes verficht, verficht
zugleich die Sache des Thieres, und zuerst und zuvrderst als sein A
und O, als sein _praeterea censeo_ die Sache der Natur. Er studirt
Botanik, schreibt an Linn, spricht ihm seine Bewunderung und Liebe
aus. Die wissenschaftliche Naturbetrachtung bestimmt die sociale,
welche wiederum die poetische bestimmt. Bernardin de Saint-Pierre
fhrt durch seine merkwrdige Erzhlung Paul und Virginie die
exotische Naturschilderung in die franzsische Prosa ein, und, was
wohl zu beachten ist, zur selben Zeit, wo er die Landschaft malt,
wendet er zwei Kinder als Helden und Heldin an. Alexander von Humboldt
nimmt auf seinen Reisen in den Tropengegenden Paul und Virginie
mit, liest dies Buch mit Bewunderung seinen Reisegefhrten in der
Natur vor, welche es beschreibt, und spricht mit Dank von dem, was er
Saint-Pierre schuldig sei. Humboldt wirkt auf Oersted, der seinerseits
tief auf Andersen wirkt. Die sympathische Naturbetrachtung beeinflusst
die wissenschaftliche, welche wiederum die poetische beeinflusst.
Chateaubriand schildert in seiner farbigen glnzenden Weise eine
Natur, die mit derjenigen verwandt ist, welche Saint-Pierre in sein
friedliches, naturanbetendes Gemth aufgenommen hatte. Steffens trgt
in seinen berhmten Vorlesungen 1802 zum ersten Male das natrliche
Natursystem (siehe den gedruckten Einleitungskursus) in Dnemark
vor. Um das Jahr 1831, also zur selben Zeit, wo Andersen's Mrchen
entstehen, wird in England (demselben Lande, welches mit der Einfhrung
des Kindes in die Litteratur den Anfang gemacht hatte) der erste
Verein gegen Thierqulerei gegrndet, Filialen werden in Frankreich
und Deutschland errichtet, wo solche Vereine in Mnchen, Dresden,
Berlin und Leipzig entstehen. Kierkegaard spottet in Entweder --
Oder ber die Grndung eines dieser Vereine; er sieht in denselben
nur eine Erscheinung des in seinen Augen von der Jmmerlichkeit der
Persnlichkeiten zeugenden Associationstriebes. Kehren wir nach
Dnemark zurck, so bemerken wir, dass die nationale, naturgetreue
Landschaftsmalerei ihren entscheidenden Aufschwung gerade zu derselben
Zeit nimmt, wo die Mrchen gedichtet werden. Skovgaard malt den See,
in welchem das hssliche Entlein pltschert, und zur selben Zeit
wird -- wie durch ein Wunder -- die grosse Stadt dem Kopenhagener zu
enge. Ihn langweilen den langen Sommer hindurch ihre Pflastersteine,
die vielen Huser und Dcher, er will ein grsseres Stck Himmel
sehen, er zieht aufs Land, legt Grten an, lernt Gerste von Roggen
unterscheiden, wird Landmann fr die Sommermonate. Eine und dieselbe
Idee, die wiedergefundene Naturidee, verbreitet ihr Wirken ber
alle Lebenssphren, wie das Wasser einer hoch liegenden Quelle im
Herabfliessen sich in eine ganze Reihe getrennter Becken vertheilt.
Seltsame und zum Nachdenken anregende Wirkung einer Idee! Im vorigen
Jahrhundert gab es nichts Aehnliches. Man kann, wie witzig gesagt
worden ist, Voltaire's Henriade durchstbern, ohne einen einzigen
Grashalm zu finden; es ist kein Futter fr die Pferde darin. Man kann
fast smmtliche Gedichte Baggesen's durchblttern, ohne auf eine
Naturschilderung, selbst nur als Staffage zu stossen. Welch ein Sprung
von dieser Poesie zu einer Poesie wie Christian Winther's, in welcher
die Menschenfiguren meist nur Staffage sind und die Landschaft fast
immer die Hauptsache ist, und wie weit war man damals davon entfernt,
von einer Poesie, wie derjenigen Andersen's zu trumen, in welcher
Thiere und Pflanzen den Menschen ersetzen, ja ihn fast berflssig
machen![35].

Was ist nun in der Pflanze, im Thiere, im Kinde fr Andersen so
anziehend? Er liebt das Kind, weil sein weiches Herz ihn zu den
Kleinen, den Schwachen und Hilflosen hinzieht, von denen man
mitleidsvoll mit zarter Sympathie reden darf, und weil er, wenn er
dies Gefhl einem Helden widmet -- wie in Nur ein Geiger, -- dafr
verspottet wird (man vergl. Kierkegaard's Kritik[36]), aber wenn er
es einem Kinde weiht, den natrlichen Anhaltspunkt fr seine Stimmung
findet. Aus demselben Gefhl der Theilnahme fr die Geringen und
Verlassenen fhrt Andersen -- selbst ein Kind des Volkes -- in seinen
Mrchen, wie Dickens in seinen Romanen, bestndig Gestalten aus den
rmeren Klassen, einfache Leute, aber von echtem Herzensadel, vor:
die alten Waschfrauen in Der kleine Tuck und Sie taugte Nichts,
das alte Mdchen in Am Spittelfenster, den Wchter und seine Frau
in Die alte Strassenlaterne, den armen Handwerksburschen in Unter
dem Weidenbaum, den armen Hauslehrer in Alles am rechten Platze.
Der Arme ist wehrlos wie das Kind. Er liebt ferner das Kind, weil er
es zu schildern vermag, nicht so sehr psychologisch in Romanform --
er ist berhaupt kein reflektirender Psycholog -- wie unmittelbar,
indem er sich mit Einem Sprunge in die Welt des Kindes versetzt
und _thut als gbe es gar keine andere_. Sehr ungerecht war daher
das Urtheil Kierkegaard's, da er Andersen vorwarf, dass er keine
Kinder zu schildern vermge. Aber wenn Kierkegaard, der brigens
als Litteraturkritiker mit ausserordentlichen Vorzgen grosse
Mngel verbindet (namentlich an historischem Ueberblick) bei dieser
Gelegenheit bemerkt, dass Andersen in seinen _Romanen_ das Kind
bestndig durch ein Anderes schildere, so ist dies wahr; es hrt
auf, wahr zu sein, sobald er im _Mrchen_ sich auf den Standpunkt des
Kindes versetzt und kein Anderes mehr kennt. Als handelnd und redend
fhrt Andersen seltener das Kind in seine Mrchen ein. Am ftesten
hat er es in der reizenden kleinen Sammlung Ein Bilderbuch ohne
Bilder gethan, wo er mehr als irgendwo anders das Kind sich mit der
ganzen Naivett seiner Natur aussprechen lsst. In solchen kurzen
naiven Aussprchen eines Kindes, wie den dort angefhrten, liegt etwas
ausserordentlich Erheiterndes und Ergtzliches. Jeder hat derartige
Anekdoten zu erzhlen. Ich erinnere mich, wie ich einmal ein kleines
Mdchen nach einem Vergngungslokale mitnahm, um Tyroler Alpensnger
zu hren. Es hrte ihre Lieder sehr aufmerksam an. Als wir nachher im
Garten vor dem Pavillon spazieren gingen, begegneten uns einige der
Snger in ihrem Kostme. Das kleine Mdchen klammerte sich ngstlich
an mich an und frug verwundert: Drfen sie _frei_ umhergehen? Solche
kleine Aeusserungen vermag Niemand wie Andersen zu erzhlen. In den
Mrchen kommen einzelne dergleichen vor, wie die liebenswrdigen Worte
des Kindes in Das alte Haus, als dasselbe dem Manne den Zinnsoldaten
schenkt damit er nicht so schrecklich allein sei, und ein paar
hbsche Antworten in Die Blumen der kleinen Ida. Sonst kommen selten
Kinder vor. Die bedeutendsten Kindergestalten sind der kleine Hjalmar,
der kleine Tuck, Kay und Gerda, die unglckliche eitle Karen (in Die
rothen Schuhe, -- ein unheimliches, aber gut geschriebenes Mrchen),
das kleine Mdchen mit den Streichhlzchen und das kleine Mdchen
in Herzeleid, endlich Ib und Christine, die Kinder in Unter dem
Weidenbaum. Neben diesen wirklichen Kindern stehen einige ideale, das
kleine elfenhafte Dumelinchen und das kleine wilde Rubermdchen,
gewiss Andersen's frischeste Kindergestalt, die mit ihrer meisterhaft
geschilderten Wildheit einen glcklichen Gegensatz zu den vielen
artigen, blonden und zahmen Kindern bildet. Man sieht sie vor sich, wie
sie leibt und lebt, phantastisch und wahr, sie und ihr Rennthier, das
sie jeden Abend, den Gott werden lsst, mit ihrem scharfen Messer am
Halse kitzelt.

Wir sahen, wie die Sympathie fr die Kindernatur zur Sympathie mit
dem Thiere, das doppelt so kindlich ist, und zur Sympathie mit den
Pflanzen, den Wolken, dem Winde fhrte, die in doppelt so hohem Grade
Natur sind. Was Andersen zu den unpersnlichen Wesen hinzieht, ist das
_Unpersnliche_ in ihm selbst; was ihn zu den ganz bewusstlosen Wesen
hinleitet, ist nur die direkte Folge dieser Sympathie. Das Kind so
jung es ist, wird alt geboren; jedes Kind ist eine ganze Generation
lter als sein Vater, eine Kultur von Jahrtausenden hat ihren ererbten
Stempel dem kleinen vierjhrigen Residenzkinde aufgeprgt. Wie viele
Kmpfe, wie viel Streben, wie viele Leiden haben das Antlitz eines
solchen Kindes verfeinert, die Zge nervs und die Feinheit altklug
gemacht! Anders bei den Thieren. Seht den Schwan, das Huhn, die
Katze an, sie fressen, schlafen, leben, trumen ungestrt, wie vor
Jahrtausenden. Das Kind verrth schon bse Instinkte. Wir, die wir
das Unbewusste, das Naive suchen, wir steigen gern die Leiter hinab,
welche zu der Gegend fhrt, wo die Verantwortlichkeit aufhrt sammt
der Reue, dem Streben und der Leidenschaft, wo nichts von alledem sich
findet ausser durch eine Unterschiebung, deren wir uns halb bewusst
sind, und die der Theilnahme desshalb zur Hlfte ihren Stachel raubt.
Ein Dichter, der, wie Andersen, so ungern das Grausame und Rohe in
dessen Nacktheit vor Augen sieht und auf den es so starken Eindruck
macht, dass er es nicht zu erzhlen wagt, sondern hundertmal in seinen
Werken vor einer Frevelthat oder Unthat mit dem mdchenhaften Ausrufe
zurckschaudert: Wir ertragen es nicht, daran zu denken!, solch ein
Dichter fhlt sich beruhigt und heimisch in einer Welt, wo alles, was
wie Selbstsucht, Gewaltthat, Rohheit, Nichtswrdigkeit und Verfolgung
aussieht, nur in uneigentlichem Sinne so genannt werden kann.

Hchst charakteristisch ist es nun, dass fast alle in Andersen's
Mrchen vorkommende Thiere zahme Thiere, _Hausthiere_ sind. Dies ist
erstlich ein Symptom derselben sanften und idyllischen Tendenz,
welche bewirkt, dass fast all' seine Kinder so artig sind. Es ist
ferner ein Zeugniss fr seine Naturtreue, welche zur Folge hat, dass
er ungern schildert, was er nicht grndlich kennt. Es erleichtert
endlich die Verwendung, welche die Thiere hier finden; denn die
Hausthiere sind nicht mehr reine Naturerzeugnisse, sie erinnern
theils durch Ideenassociation an vieles Menschliche, und theils
haben sie durch den langen menschlichen Umgang und durch die lange
Kultur selbst etwas Menschliches erhalten, das in hohem Grade die
Personificirung untersttzt und befrdert. Diese Katzen und Hhner,
diese Enten und Puter, diese Strche und Schwne, diese Muse und jenes
unnennbare Insekt, mit Fruleinblut im Leibe bieten dem Mrchen
viele Anknpfungspunkte dar. Sie gehen bereits mit dem Menschen um,
ihnen fehlt nur eine artikulirte Sprache, und es gibt Menschen mit
artikulirter Sprache, die ihrer nicht werth sind und nicht die Sprache
verdienen. Lasst uns darum den Thieren die Sprache geben und sie unter
uns aufnehmen.

Auf der fast ausschliesslichen Beschrnkung auf die Hausthiere beruht
ein doppelter Charakterzug dieser Mrchen. Zum ersten die bezeichnende
Consequenz, dass Andersen's Thiere, was sie im brigen auch sein
mgen, niemals _viehisch_, niemals _brutal_ sind. Von Fehlern haben
sie nur den, _dumm_ und _spiessbrgerlich_ zu sein, Andersen stellt
nicht das _Thier_ im Menschen, sondern den _Menschen_ im Thiere dar.
Ferner gibt es gewisse frische Stimmungen, gewisse volle Gefhle,
gewisse starke und khne, begeisterte und gewaltsame Ausbrche, die
man niemals im Hinterhofe der Hausthiere hrt. Hier wird viel Schnes,
viel Launiges und Ergtzliches gesprochen, aber ein Seitenstck zu
der Fabel vom Wolfe und Hunde, vom Wolfe, der am Halse des Hundes
die Spur der Kette bemerkte und seine Freiheit dem Schutze des
Hundehauses vorzog, findet man hier nicht. Die wilde Nachtigall, in
welcher die Poesie personificirt wird, ist ein zahmer und loyaler
Vogel: Ich habe Thrnen in den Augen des Kaisers gesehen, das ist mir
der reichste Schatz! _Die Thrnen eines Kaisers haben eine besondere
Kraft!_ Und nun gar der Schwan, das edle, knigliche Thier in dem
meisterhaften, schon um der Katze und des Huhns willen nie genug zu
bewundernden Hsslichen jungen Entlein, -- wie endet er? Ach, als
ein Hausthier. Dies ist einer der Punkte, wo es Einem schwer fllt,
dem grossen Schriftsteller zu verzeihen. O, Dichter! fhlt man sich
versucht auszurufen, wenn Du schon einen solchen Gedanken gehabt, ein
solches Gedicht ersonnen und ausgefhrt hast, wie konnte dann Deine
Begeisterung, Dein Stolz es ber's Herz bringen, den Schwan so enden
zu lassen? Lass ihn sterben, wenn es sein muss! Das ist tragisch und
gross. Lass ihn seine Schwingen erheben, im Jubel ber seine Schnheit
und Kraft brausend durch die Luft dahin fliegen, lass ihn sich auf
einen einsamen und lieblichen Waldsee hinab senken! Das ist frei und
schn. Aber nicht dieser Schluss: In den Garten kamen einige kleine
Kinder, die warfen _Brod_ und _Kuchen_ in das Wasser .... Die Kinder
liefen zu dem Vater und der Mutter, _und es wurde Brod und Kuchen in
das Wasser geworfen_, sie sagten Alle: der neue ist der schnste! so
jung und prchtig! und die alten Schwne neigten sich vor ihm. Mgen
sie sich neigen, aber mge man nicht vergessen, dass es Etwas gibt, was
mehr werth ist, als die Anerkennung aller alten Schwne und Gnse und
Enten, mehr werth, als dass man als Gartenvogel Brodkrumen und Kuchen
erhlt: das stille Dahingleiten und der freie Flug! --

Andersen zieht den Vogel dem vierfssigen Thiere vor. Es kommen mehr
Vgel als Sugethiere bei ihm vor, denn der Vogel ist sanfter, der
Pflanze nher als dem Thiere. Die Nachtigall ist sein Sinnbild, der
Schwan ist sein Ideal, der Storch ist sein erklrter Liebling. Es ist
natrlich, dass der Storch, der merkwrdige Vogel, welcher die Kinder
bringt, der Storch, der possirliche Langbein, der reisende, beliebte,
stets mit Sehnsucht erwartete und mit Freude begrsste Vogel, sein
liebstes Symbol und Titelbild wird.

Doch den Vgeln zieht er wieder die Pflanzen vor. Von allen organischen
Wesen sind die Pflanzen diejenigen, welche am hufigsten in den
_Mrchen_ vorkommen. Denn erst in der Pflanzenwelt herrscht Frieden und
Harmonie. Auch die Pflanze gleicht einem Kinde, aber einem Kinde, das
bestndig schlft. Hier ist keine Unruhe, kein Handeln, kein Leiden und
keine Sorge. Hier ist das Leben ein stilles, regelmssiges Wachsthum
und der Tod nur ein schmerzloses Verwelken. Hier leidet Andersen's
leicht erregte, lebhafte Sympathie noch minder. Hier ist nichts, was
seine feinen Nerven erschttert und angreift. Hier ist er zu Hause,
hier malt er Tausend und eine Nacht hinter einem Klettenblatte. Alle
Gefhle knnen wir hier empfinden, Wehmuth beim Schauen des gefllten
Stammes, Kraftflle beim Anblick der schwellenden Knospen, Bengstigung
beim Dufte des starken Jasmins; viele Gedanken knnen uns zufliessen,
wenn wir der Entwicklungsgeschichte des Flachses oder der kurzen Ehre
des Tannenbaumes am Weihnachtsabend folgen, aber unsere Stimmung ist
frei (wie dem Komischen gegenber), das Bild ist so flchtig, dass es
entschwindet, sobald wir es festzuhalten versuchen. Die sympathische
Erregung berhrt leise unser Gemth, aber sie erschttert, sie erhitzt
es nicht, und sie schlgt es nicht nieder. Ein Gedicht von der Pflanze
befreit zwiefach die Sympathie, welche es in Anspruch nimmt; einmal
weil wir wissen, dass das Gedicht nur Dichtung ist, und ferner, weil
wir wissen, dass die Pflanze nur ein Bild ist. Nirgends hat der Dichter
mit feinerem Takt den Pflanzen Sprache verliehen, als im Tannenbaum,
in den Blumen der kleinen Ida und in der Schneeknigin.

Jede Blume erzhlt in dem letztgenannten Mrchen ihre Geschichte; hren
wir, was die Feuerlilie sagt: Hrst du die Trommel: bum! bum! Es sind
nur zwei Tne, immer: bum! bum! Hre der Frauen Trauergesang! hre den
Ruf der Priester! -- In ihrem langen rothen Mantel steht das Hindu-Weib
auf dem Scheiterhaufen; die Flammen lodern um sie und ihren todten
Mann empor; aber das Hindu-Weib denkt an den Lebenden hier im Kreise,
an ihn, dessen Augen heisser als die Flammen brennen, an ihn, dessen
glhender Blick ihr Herz mehr versengt, als die Flammen, welche bald
ihren Krper zu Asche verbrennen. Knnen die Flammen des Herzens in den
Flammen des Scheiterhaufens ersterben? -- Das verstehe ich ganz und
gar nicht, sagte die kleine Gerda. -- Das ist mein Mrchen! sagte
die Feuerlilie.

Noch einen Schritt weiter und die Phantasie des Dichters eignet
sich das Leblose an, kolonisirt und annektirt Alles, Grosses und
Kleines, ein altes Haus und einen alten Schrank (Die Hirtin und der
Schornsteinfeger), den Kreisel und das Bllchen, die Stopfnadel und
den Halskragen, und die grossen Lebkuchenmnner mit bitteren Mandeln
als Herzen. Nachdem sie die Physiognomie des Leblosen erfasst hat,
identificirt seine Phantasie sich mit dem formlosen All, segelt mit
dem Mond ber den Himmel, heult und erzhlt mit dem Winde, sieht den
Schnee, den Schlaf, die Nacht, den Tod und den Traum als Personen.

Das Bestimmende in dieser Phantasie war also die Sympathie mit dem
Kindlichen, und durch die Darstellung so tiefliegender elementarer
und konstanter Seelenzustnde wie diejenigen des Kindes werden die
Hervorbringungen dieser Phantasie ber die Fluthen der Zeit erhoben,
ber die Grenzen des Landes hinaus verbreitet, und gemeinschaftliches
Eigenthum der verschiedenen Klassen der Gesellschaft. Die Zeit ist
lngst vorber, wo man das Genie fr ein vom Himmel gefallenes
Meteor ansah; jetzt weiss man, dass das Genie, wie alles Natrliche,
seine Voraussetzungen und seine Bedingungen hat, dass es in einem
durchgngigen Abhngigkeitsverhltnisse zu seinem Zeitalter steht
als eins der Organe seiner Ideen. Die Sympathie fr das Kind ist nur
eine Aeusserungsform der Sympathie des neunzehnten Jahrhunderts fr
das Naive. Die Liebe zum Unbewussten ist eine Aeusserungsform der
Liebe zur Natur. In der Gesellschaft, in der Wissenschaft, in der
Poesie, in der Kunst waren die Natur und das Kind zum Gegenstande
der Verehrung gemacht worden; zwischen Poesie, Kunst, Wissenschaft
und Gesellschaft findet eine Wechselwirkung statt. Ersteht also ein
Dichter, dessen Liebe ihn zum Kinde hinzieht, dessen Phantasie vom
Thiere, von der Pflanze, von der Natur angelockt wird, so wagt er
seinem Triebe zu folgen, so empfngt er Muth, sein Talent zu ussern,
indem hunderttausend dumpfe Stimmen rings um ihn her seine Berufung
verstrken. Der Strom, wider den er zu schwimmen glaubt, schaukelt und
trgt ihn zu seinem Ziele hin.

Man studirt also seine Kunst, indem man die Ideen studirt, welche ihn
inspiriren. Sie in ihrem Entstehen und ihrer Verzweigung, in ihrem
abstrakten Wesen und ihrer konkreten Macht zu beobachten, ist daher
keine berflssige Handlung, wenn man sich die Aufgabe stellt, sich
in die einzelne Dichterphantasie zu vertiefen. Denn die nackte Idee
kann zwar nicht dichten; allein ohne die Idee und ohne die Umgebungen,
welche sie in Bewegung setzt, kann der Dichter eben so wenig dichten.
Um den glcklichen Dichter steht eine Schaar, die mit weniger Glck in
derselben Richtung wie er, arbeitet, und um diese Schaar tummeln sich
die Vlker als stumme, aber theilnehmende Mitarbeiter. Denn das Genie
ist wie ein Brennspiegel; es sammelt und vereint die weit zerstreuten
Strahlen. Es steht niemals allein. Es ist nur der herrlichste Baum im
Walde, nur die hchste Aehre in der Garbe, und man erkennt es erst in
seiner wirklichen Bedeutung und in seiner wahren Stellung, wenn man es
an seinem Platze gesehen hat.


                                 III.

Es gengt nicht, den Welttheil anzugeben, wo das Genie zu Hause
gehrt; man kann nicht Dnemark nach einer Karte von Europa bereisen.
Man muss zum ersten die Sttte deutlicher bezeichnet sehen; sodann
kennt man noch nicht das Genie, weil man, ob auch noch so genau,
seine Verbindungen und Umgebungen kennt, so wenig wie man eine Stadt
kennt, weil man um ihre Wlle herum schritt. Denn das Genie wird zwar
theilweise, aber nicht erschpfend, durch die Zeit erklrt. Was es
vorfindet, vereinigt es unter einem neuen Gesetz; selbst ein Produkt,
bringt es Produkte hervor, die es allein in der Welt hervor zu bringen
vermag. Man braucht nur seine Aufmerksamkeit ein wenig anzustrengen,
man braucht nur das Urtheil eines Fremden zu hren, um zu fhlen, wie
viel in Andersen's Mrchen national, lokal und individuell ist. Ich
sprach einmal mit einem jungen Franzosen ber Dnemark. Ich kenne Ihr
Land sehr gut, sagte er. Ich weiss, dass Ihr Knig Christian heisst,
dass Ihr erster Schriftsteller ein verkanntes Genie ist und auf den
Namen Schmidt hrt, dass Herr Ploug der tapferste Kriegsheld Ihres
Vaterlandes ist, den kein Schlachtfeld jemals weichen sah, und dass
Herr Bille der Gambetta Dnemarks genannt wird. Ich weiss, dass Sie
Studenten haben, die sich durch ihre wissenschaftliche Selbstndigkeit
und ihre freie Forschung auszeichnen, und ich kenne Herrn Holst,
welchen man bei Ihnen ja den Tyrtus des Danebrog nennt ... Da ich
sah, dass er orientirt war, unterbrach ich ihn mit der Frage: Haben
Sie Andersen's Mrchen gelesen? -- Ob ich das habe! antwortete er,
es ist das einzige dnische Buch, welches ich las. -- Was halten Sie
davon? frug ich. -- _Un peu trop enfantin_, lautete die Antwort.
Ich bin berzeugt, wenn man Andersen's Mrchen einem fnfjhrigen
franzsischen Kinde vorlegte, wrde es sie auch etwas kindisch finden.
-- Ich habe gesagt, dass die Andersen'sche Kindlichkeit allgemein
verstndlich sei. Das ist wahr, allein es ist nicht die ganze Wahrheit.
Diese Kindlichkeit hat ein entschieden germanisches Geprge, sie
wird am besten in England und Deutschland verstanden, minder gut
von den romanischen Nationen, am schwersten von der franzsischen.
In Wirklichkeit ist Andersen daher in Frankreich usserst wenig
bekannt und gelesen. England ist das einzige Land, in welchem man
ganze und halbe Romane auf die Darstellung des Seelenlebens kleiner
Kinder verwendet (Dickens' Paul Dombey und David Copperfield,
Miss Wetherell's Die weite, weite Welt, George Eliot's Die Mhle
am Floss), und die englische Kindlichkeit ist einzig in ihrer Art;
man braucht nur das erste beste, franzsische illustrirte Kinderbuch
aufzuschlagen, um den Unterschied zu merken. Das englische und das
franzsische Kind sind eben so ungleichartig wie eine Eichel und eine
Buchecker. In Frankreich wird Andersen schon aus dem Grunde niemals
festen Fuss fassen knnen, weil der Platz besetzt, weil er seit lange
von La Fontaine eingenommen ist.

Es gibt zwei Arten von Naivett. Die eine ist die des Herzens, die
andere die des Verstandes, jene offen, frei, einfltig und rhrend,
diese anscheinend verstellt, neckisch, schlagfertig und fein. Die eine
erweckt Thrnen, die andere ein Lcheln, die erste hat ihre Schnheit,
die andere hat ihren Reiz, die erste kennzeichnet das gute Kind, die
andere das _enfant terrible_, und Andersen ist der Dichter jener, La
Fontaine der Dichter dieser Naivett. Diese letztere Form der Naivett
ist der Ausdruck der Frhreife, welche das treffende Wort spricht, ohne
noch recht zu wissen, was sie sagt, und welche daher wie der Deckmantel
eines Schalknarren aussieht; die andere Naivett ist die der Unschuld,
welche voraussetzt, dass ihr Garten Eden die ganze Welt sei, und welche
daher die ganze Welt durch ihre Unschuld beschmt, ohne zu wissen dass
sie es thut, aber mit so treffenden Worten, dass die Naivett sich
wie eine Maske ausnimmt. Vergleicht man daher Andersen's Mrchen mit
La Fontaine's Fabeln, so findet man eine Grundverschiedenheit in der
Lebensanschauung und lernt dadurch die nordische Lebensanschauung in
ihrer Begrenzung kennen; denn jede Bestimmung ist eine Begrenzung.

Einer der tiefsten Zge in La Fontaine's und der gallischen
Lebensanschauung ist der Krieg gegen die Illussion. Das launige Spiel
in La Fontaine's Naivett besteht darin, dass sie, so harmlos sie ist,
so gutmthig und mild sie sich immer beweist, ab und zu ahnen lsst,
dass sie sich nicht foppen lsst, sondern recht wohl all' die Dummheit
und Heuchelei, all' das Predigen und all' die Phrasen zu schtzen und
zu wrdigen weiss, von denen die Menschen sich, wie durch Verabredung
an der Nase oder am Herzen herumfhren lassen. Mit einem Lcheln geht
sie an dem Ernste vorber, dessen Kern Fulniss, an all' der Grsse,
die im Grunde nur Frechheit, an all' der Ehrwrdigkeit, deren Wesen
Lge ist. So bringt sie _Alles an seinen rechten Platz_, wie der
Titel einer der populrsten Geschichten Andersen's lautet. Der Grundton
ihres Ernstes ist eine poetische Begeisterung, und ihr witziger Scherz
hat einen Stachel, den sie sorgsam verhehlt. Die franzsische Satire
ist ein Stossdegen mit einem vorlufigen Knopfe. Sie hat in Tartuffe,
Candide und Figaro Revolution vor der Revolution gemacht. Das
Gelchter ist Frankreichs lteste Marseillaise.

Der tiefste Zug in Andersen's Lebensanschauung ist der, das Herz am
hchsten zu setzen, und dieser Zug ist dnisch. Selbst gefhlvoll, hebt
diese Anschauung bei jeder Gelegenheit die Schnheit und Bedeutung des
Gefhls hervor, berspringt den Willen (alle Schicksale des Flachses,
in dem Mrchen seines Lebens, kommen _von aussen_), bekmpft die
Verstandeskritik als das Bse, als ein Werk des Teufels, als einen
Hexenspiegel, versetzt der pedantischen Wissenschaft treffliche und
witzige Seitenhiebe (Die Glocke, Ein Blatt vom Himmel), schildert
die Sinne als Versucher oder bergeht sie wie unnennbar, verfolgt und
denuncirt die Hartherzigkeit, strzt die Rohheit und Bornirtheit von
ihrem Throne, hebt die Unschuld und die Wohlanstndigkeit hinauf, und
bringt so _Alles an seinen rechten Platz_. Das Grundwesen ihres Ernstes
ist das moralisch-religise Gefhl, mit dem Hasse der Genialitt gegen
die Bornirtheit gepaart, und ihre humoristische Satire ist launig,
ruhig, in Uebereinstimmung mit dem idyllischen Geiste der Dichtart.
Diese Satire sticht nur wie eine Mcke, allein an den empfindlichen
Stellen. Welche dieser Anschauungen ist die beste? Eine solche Frage
verlohnt keiner Antwort. Nur weil sie mir einfallen, nicht um mich
fr das Eine oder Andere zu entscheiden, fhre ich die Zeilen Georg
Herwegh's an:

    Auch mir hat sich das Aug' schon oft genetzt,
    Sah ich das Herz misshandelt und zerschlagen
    Und von den Rden des Verstands gehetzt.

    Es darf das Herz wohl auch ein Wrtchen sagen,
    Doch ward es weislich in die Brust gesetzt,
    Dass man's so hoch nicht wie den Kopf soll tragen.

Wie die Lebensanschauungen hier verschieden sind, so auch die
poetischen Begabungen. La Fontaine schreibt klare, formvollendete,
hchst melodische Verse, deren Poesie eine leichte Schalkhaftigkeit
und eine sanfte Wehmuth ist. Andersen schreibt eine barocke,
unregelmssige, leichtmanierirte Prosa, deren Poesie eine ppig
sprudelnde, ganz entzckende Phantastik ist. Diese Phantastik macht
Andersen den Franzosen zu fremdartig, deren ziemlich graue Poesie
ganz und gar der farbigen Blumenpracht entbehrt, die ihre hchste
Schnheit in Shakespeare's Sommernachtstraum erreicht, die man
aber berall in der Poesie der nordischen Vlker versprt, und
die Andersen's Mrchen ihren feinsten Duft mittheilt. Und wie die
phantastische Laune derselben allgemein nordisch ist, so ist ihr
idyllischer Grundton insbesondere dnisch. Kein Wunder, dass die ersten
und eigenthmlichsten dieser Mrchen unter dem Regimente Friedrich's
VI. gedichtet wurden; seine Zeit hat ihnen den Stempel aufgedrckt,
man findet ihn wieder in all' jenen vterlich-patriarchalischen alten
Knigen; man findet den Geist der Zeit in dem vollstndigen Mangel an
gesellschaftlicher, geschweige politischer Satire, welchen man in den
Mrchen versprt. Kein Wunder auch, dass Thorwaldsen nicht mde werden
konnte, diese Mrchen vorlesen zu hren, whrend er seine Ambe und
Terne im Lottospiel besetzte, denn sein dnisches Wesen war naiv und
seine Kunst, trotz ihrer Grsse, idyllisch wie die Kunst, welche diese
Dichtungen erzeugt hat.

Ein Genie, das zu einer Zeit geboren wird, wo Alles seiner Entwicklung
entgegen steht, wird entweder zermalmt oder geht zu Grunde wie ein
untergeordnetes Talent: ein Andersen 1705 statt 1805 in Dnemark
geboren, wre ein Unglcklicher, ein ganz Unbedeutender, vielleicht
ein Wahnsinniger geworden. Ein Talent, das in einem Zeitalter geboren
wird, wo ihm alles zu Statten kommt, erzeugt klassische, geniale
Produkte. Allein dieser ersten Uebereinstimmung zwischen dem Genie
und der Zeit (zum Theil auch dem Lande), entspricht eine zweite
zwischen den eigenen Krften des Genies, und eine dritte zwischen
dem Genie und seiner Kunstart. Die geniale Natur ist ein organisch
zusammenhngendes Ganzes, ihre Schwche an dem einen Punkte bedingt
ihre Strke an dem andern, die Entwicklung jener Fhigkeit verursacht
die Hemmung dieser Fhigkeit, und es ist unmglich, etwas Einzelnes zu
verndern, ohne die ganze Maschinerie zu verndern und zu stren. Man
wnscht wohl das Eine oder Andere anders, aber man begreift ohne Mhe,
dass es so sein _muss_. Man mchte dem Dichter mehr Persnlichkeit,
ein mnnlicheres Wesen und eine ruhigere Geisteskraft wnschen;
aber man versteht leicht, dass das Unpersnliche, Abschlusslose der
Individualitt, welche man aus dem Mrchen meines Lebens kennen
lernt, im innigsten Zusammenhange mit seiner Art der Begabung steht.
Ein zugeknpfterer Geist knnte die poetischen Eindrcke nicht
so empfnglich aufnehmen und empfinden, ein hrterer nicht diese
Schmiegsamkeit mit seiner strammeren Haltung vereinen, ein fr Kritik
und Philosophie empfnglicherer nicht so naiv sein. Wie nun die
moralischen Eigenschaften die intellektuellen bedingen, so bedingen
diese gegenseitig einander. Ein so berstrmendes lyrisches Gefhl,
eine so exaltirte Sensibilitt kann nicht mit der Erfahrung und Methode
des Weltmanns bestehen; denn Erfahrung khlt ab und verhrtet. Eine so
leicht voltigirende und vogelmssig hpfende und fliegende Phantasie
lsst sich nicht mit dem logisch abgemessenen Crescendo und Decrescendo
der poetischen Handlung vereinen. Eine so wenig kaltbltige Beobachtung
kann nicht psychologisch bis ins Mark dringen, eine so kindliche, so
leicht erbebende Hand kann nicht einen Schurken anatomiren. Stellen wir
daher eine Begabung, wie diese, verschiedenen bestimmten und bekannten
Kunstarten gegenber, so knnen wir im Voraus entscheiden, wie es sich
zu jeder derselben verhalten muss.

Der _Roman_ ist eine Dichtungsart, welche nicht allein Einbildungskraft
und Gefhl, sondern den scharfen Verstand und das kalte, ruhige
Beobachtungsvermgen des Weltmanns bei demjenigen erfordert, welcher
Ausgezeichnetes darin leisten soll; daraus ergiebt sich, dass derselbe
nicht ganz fr Andersen passt, wiewohl er seinem Talente auch nicht
durchaus fern liegt. Die ganze Scenerie, der Naturhintergrund, das
Malerische des Kostms wird ihm gelingen; aber im Psychologischen
wird man die Schwche verspren. Er wird fr und wider seine Personen
Partei nehmen; seine Mnner werden nicht mnnlich genug, seine
Frauen nicht recht weiblich sein. Ich kenne keinen Dichter, dessen
Geist geschlechtsloser ist, dessen Talent weniger ein bestimmtes
Geschlecht verrth, als Andersen. Desshalb hat er seine Strke darin,
Kinder darzustellen, bei denen das bewusste Geschlechtsgefhl noch
nicht hervorgetreten ist. Alles beruht darauf, dass er das, was
er ist, so ausschliesslich ist, kein Gelehrter, kein Denker, kein
Bannertrger, kein Kmpfer, wie mehrere der grssten Dichter, sondern
ausschliesslich Poet. Ein Poet ist ein Mann, der zugleich Weib ist.
Andersen sieht im Manne und im Weibe am krftigsten das Elementare, das
gemeinsam Menschliche, viel weniger das Besondere, das Interessante.
Ich bersehe nicht, wie er das tiefe Gefhl einer Mutter in Die
Geschichte einer Mutter geschildert oder eine Darstellung weiblichen
Seelenlebens in Die kleine Seejungfer gegeben hat; aber was er
hier darstellt, sind nicht die zusammengesetzten Seelenzustnde des
Lebens und des Romans, sondern das _Lebenselement_; er lsst den
ganz einzelnen und reinen Ton erklingen, der in den verschlungenen
Harmonien und Disharmonien des Lebens weder so rein noch so einzeln
vorkommt. Indem sie in das Mrchen eintreten, erleiden alle Gefhle
eine Vereinfachung, eine Luterung und Verwandlung. Der Charakter
des Mannes liegt dem Kinderdichter am fernsten, und ich entsinne
mich nur einer einzigen Stelle in den Mrchen, wo man auf eine feine
psychologische Charakteristik einer weiblichen Seele stsst; sie steht
so unschuldig da, dass man sich fast fragen mchte, ob sie sich nicht
selbst geschrieben habe. Man findet sie in einer Geschichte von zwei
Porzellanfiguren, Die Hirtin und der Schornsteinfeger:

Hast Du wirklich Muth, mit mir in die weite Welt hinaus zu gehen?
frug der Schornsteinfeger. Hast du bedacht, wie gross die ist, und
dass wir nie mehr hierher zurckkehren knnen? -- Das hab' ich sagte
sie. Und der Schornsteinfeger sah sie fest an, und dann sagte er: Mein
Weg geht durch den Schornstein! Hast Du wirklich Muth, mit mir durch
den Ofen, durch die Trommel sowohl wie durch das Rohr zu kriechen? ...
Und er fhrte sie zu der Ofenthr hin. Da sieht es ganz schwarz aus!
sagte sie, aber sie ging doch mit ihm durch die Trommel sowohl wie
durch's Rohr, wo die pechfinstere Nacht herrschte. Nach einer langen
und beschwerlichen Wanderung erreichten sie den Schornsteinrand. Der
Himmel mit all' seinen Sternen war hoch ber und alle Dcher der Stadt
tief unter ihnen. Sie sahen weit umher, weit, weit hinaus in die Welt.
Die arme Hirtin hatte sich's nie so gedacht; sie lehnte sich mit ihrem
kleinen Kopfe an ihren Schornsteinfeger und dann weinte sie, dass das
Gold von ihrem Leibgrtel absprang. _Das ist allzu viel!_ sagte sie.
_Das kann ich nicht ertragen! Die Welt ist gar zu gross! Wre ich
doch wieder auf dem Tischchen unter dem Spiegel!_ Ich werde niemals
froh, ehe ich wieder dort bin! Nun bin ich Dir ja gefolgt! _Nun bin ich
Dir in die weite Welt hinaus gefolgt, nun kannst Du mich auch wieder
zurckbegleiten, wenn Du mich wirklich lieb hast!_

Eine tiefere, eine unbarmherziger wahre, eine handgreiflichere Analyse
einer gewissen Art von weiblicher Begeisterung und ihrer Thatkraft,
wenn es rcksichtslos, khn und ohne einen Blick nach rckwrts zu
handeln gilt, findet man, glaube ich, bei keinem anderen dnischen
Dichter. Welche Feinheit in der Darstellung: der augenblicklich
entschlossene Enthusiasmus, das heroische Ueberwinden des ersten
Schauders, Ausdauer, Tapferkeit, Festigkeit bis zu dem Augenblicke --
wo es darauf ankommt, wo die Festigkeit zerbricht und die Sehnsucht
nach dem Tischchen unter dem Spiegel erwacht! Mancher dicke Roman wird
durch solch' eine Seite in die Hhe geschnellt, und man trstet sich
darber, dass Andersen kein Meister im Romanfache ist.

Das _Drama_ ist eine Dichtungsart, welche die Fhigkeit erfordert,
eine Idee zu differentiiren, sie auf viele Trger zu vertheilen; es
erfordert Sinn fr die bewusste Handlung, eine logische Kraft, sie
zu lenken, einen Blick fr die Situation, eine Leidenschaft dafr,
sich in das unerschpfliche Studium der einzelnen, vielseitigen Seele
zu vertiefen und zu versenken; daraus ergibt sich, dass das Drama
Andersen ferner liegt, als der Roman, und dass seine Unfhigkeit fr
das Dramatische mit mathematischer Bestimmtheit in dem Verhltnisse
steigt, in welchem die einzelne dramatische Abart dem Mrchen und
damit seiner Begabung ferner liegt. Die Mrchenkomdie gelingt ihm
natrlich am besten; aber sie hat auch nicht viel anders von der
Komdie, als den Namen. Sie ist eine Mischart, und wenn sie auf die
Probe des spanischen Mrchens gestellt werden knnte, wrde man sie
als Bastarden erkennen. Im Situationslustspiele ist er glcklich
betreffs der poetischen Ausfhrung der einzelnen Scenen selbst (Der
Knig trumt), aber hchst unglcklich in der Durchfhrung der
Idee im Ganzen (Die Perle des Glcks). Das eigentliche Lustspiel
passt nicht bel fr seine Gaben. Einzelne seiner Mrchen sind ja
bereits fast Holberg'sche Lustspiele: Die glckliche Familie ist
eine Holberg'sche Charakterkomdie, und Es ist ganz gewiss ein
Holberg'sches Intriguenstck. Hier fllt ihm die Charakterzeichnung
denn auch leichter als im ernsten Drama, denn hier wandelt er direkt in
Holberg's Spuren; so auffllig stimmt sein Vermgen in einer einzelnen
Richtung mit dem jenes grossen Mannes berein. Andersen ist, wie ich
schon bemerkt habe, kein eigentlicher Psycholog; er ist mehr Biolog
als besonderer Menschenkenner. Seine Vorliebe ist, den Menschen durch
das Thier oder durch die Pflanze zu schildern, ihn sich von seinem
Naturgrunde aus entwickeln zu sehen. Alle Kunst enthlt eine Antwort
auf die Frage: was ist der Mensch? Fragt Andersen, wie er den Menschen
definire, und er wird antworten: der Mensch ist ein Schwan, ausgebrtet
auf dem Entenhofe der Natur.

Dem psychologisch Interessirten, der, ausser Stande, einen ganzen
zusammengesetzten Charakter zu umfassen, einen fein entwickelten Blick
fr die einzelne Eigenschaft oder Eigenthmlichkeit besitzt, bieten die
Thiere, insbesondere die uns wohlbekannten, eine grosse Erleichterung.
Man ist nmlich gewohnt, sie auf eine einzige Eigenschaft, oder doch
nur auf ganz wenige, zurckzufhren: die Schnecke ist langsam, die
Nachtigall ist die unscheinbare Sngerin mit den herrlichen Tnen, der
Schmetterling der schne Flatterhafte. Nichts also hindert, dass ein
Dichter mit der Gabe, diese treffenden kleinen Zge darzustellen, in
die Spuren Holberg's tritt, des Mannes, welcher die Wankelmthige
u.s.w. geschrieben hat, wie Andersen es in Der neuen Wochenstube
that. Er zeigt hier brigens eine seiner vielen Aehnlichkeiten mit
Dickens, dessen Komik sich hufig auf einige wenige, in's Unendliche
wiederholte Zge beschrnkt.

In der _Epope_, die in unsern Tagen zu den unmglichen Dichtungsformen
gehrt, und die Alles erfordert, was Andersen gebricht, kann er nur
einzelne hbsche Einflle haben, wie z. B. wenn er in Ahasverus den
Geist China's in einer drolligen lyrischen Episode charakterisirt, oder
wenn er die zwitschernden Schwalben (ganz wie im Mrchen) uns Attila's
Festsaal schildern lsst.

In der _Reisebeschreibung_ kommt naturgemss eine grosse Anzahl seiner
besten Eigenschaften zum Vorschein. Wie sein Liebling, der Zugvogel,
ist er in seinem Elemente, wenn er reist. Er beobachtet wie ein Maler,
und er schildert wie ein Schwrmer. Zwei Fehler treten jedoch hier
hervor: der eine, dass sein lyrischer Hang zuweilen mit ihm durchgeht,
so dass er lobsingt statt zu schildern, oder bertreibt statt zu
malen (siehe z. B. die allzu berschwngliche Beschreibung von Ragatz
und Pfffers); der andere, dass das untergeordnet Persnliche, das
_Ichschtige_, welches erkennen lsst, dass der tieferen Persnlichkeit
die Geschlossenheit fehlt, bisweilen in strender Weise sich
aufdrngt. Letzteres charakterisirt besonders stark die Art seiner
Selbstbiographie. Was man mit Recht dem Mrchen meines Lebens
vorwerfen kann, ist nicht so sehr, dass der Verfasser so durchaus mit
seiner Privatperson beschftigt ist (denn das ist hier ganz natrlich),
sondern dass diese Persnlichkeit fast nie mit etwas Grsserem als
mit sich selbst beschftigt ist, niemals in einer Idee aufgeht, sich
niemals ganz von dem Ich befreit. Die Revolution von 1848 erscheint in
diesem Buche wie ein Niesen; man ist ganz erstaunt, daran erinnert zu
werden, dass es noch eine Welt ausserhalb des Verfassers gibt.

In der _lyrischen_ Poesie hat er usseren Erfolg gehabt; Chamisso hat
sogar einzelne Lieder von ihm bersetzt; ich sehe ihn aber ungern
seine farbige, naturgetreue und _realistische_ Prosatracht ablegen,
um sich in den einfrmigen Mantel des Verses zu hllen. Seine Prosa
hat Phantasie, ungebundenes Gefhl, Rhythmik und Melodie -- warum also
nach Wasser ber den Bach gehen? Seine Gedichte zeichnen sich brigens
hufig durch einen friedevollen und kindlichen Geist, ein warmes und
mildes Gefhl aus. -- Man sieht, dass das Resultat seiner Versuche in
den verschiedenen Dichtungsarten ganz direkt, wie das unbekannte X in
der Mathematik, aus der Natur seiner Anlagen einerseits und der Natur
der Dichtungsart andererseits hervorgeht.

So bleibt denn nur seine eigene Dichtungsart zurck, diejenige, auf
welche er kein Patent zu nehmen braucht; denn Niemand wird sie ihm
rauben. Zu Andersen's Zeiten machte man nach dem Vorbilde Hegel's
berall den Versuch, alle Dichtungsarten mit ihren Varietten in
sthetische Systeme zu ordnen, und der dnische Hegelianer Heiberg
entwarf denn auch ein reich gegliedertes System, in welchem die
Rangordnung der Komdie, der Tragdie, des Romans, des Mrchens
u.s.w. festgestellt und den Kunstarten, die Heiberg selbst pflegte,
ein besonders hoher Rang gesichert wurde. Es ist aber gewissermassen
schon doctrinr, von allgemeinen Kunstarten zu reden. Jeder Dichter
individualisirt seine Dichtungsart vollstndig. Die Form, welche er
gebraucht hat, vermag kein Anderer zu benutzen. So ist es mit dem
Mrchen, dessen Theorie Andersen nicht zu schreiben versucht, dessen
Platz im Systeme er nicht feststellen gewollt, und den bestimmen zu
wollen ich mich wohl hten werde. Es ist berhaupt sonderbar mit der
sthetisch-systematischen Rangordnung, es ergeht Einem mit ihr wie
mit der Rangordnung im Staate: je mehr man darber nachdenkt, desto
ketzerischer wird man. Vielleicht kommt es daher, weil Denken berhaupt
gleichbedeutend ist mit Ketzer sein. Doch wie jeder Naturtypus, hat
das Andersen'sche Mrchen seinen Charakter, und seine Theorie besteht
in den Gesetzen, denen es folgt, und die es nicht zu berschreiten
vermag, ohne dass eine Missgeburt zum Vorschein kommt. Alles in der
Welt hat sein Gesetz, selbst die Dichtungsart, welche die Naturgesetze
aufhebt.

Andersen gebraucht irgendwo den Ausdruck, er habe sich nun ungefhr
in allen Radien des Mrchenkreises versucht. Dieser Ausdruck ist
treffend und gut. Die Mrchen bilden ein Ganzes, ein in vielfachen
Radien ausstrahlendes Gewebe, das dem Beschauer, wie das Spinngewebe
in Aladdin zu sagen scheint: Sieh, wie im schwachen Netz die
Fden sich verschlingen! Wenn es nicht allzu viel Schulstaub in's
Wohnzimmer mitbringen heisst, so will ich den Leser darauf aufmerksam
machen, dass er in einem berhmten wissenschaftlichen Werke, in Adolf
Zeising's Aesthetischen Forschungen, die ganze Reihe sthetischer
Gegensatz-Begriffe mit all' ihren Nuancen (das Schne, Komische,
Tragische, Humoristische, Rhrende u.s.w.) in einem grossen Sterne
geordnet sehen kann, ganz wie Andersen es sich betreffs seiner Mrchen
gedacht hat.

Die Phantasieform und Erzhlungsweise der Mrchen gestattet nmlich die
Behandlung der verschiedenartigsten Stoffe in der verschiedenartigsten
Tonart. Hier findet man erhabene Erzhlungen wie Die Glocke,
tiefsinnige und weise Mrchen wie Der Schatten, phantastisch-bizarre
wie Erlenhgel, lustige, fast muthwillige wie Der Schweinehirt
oder Die Springer, humoristische wie Die Prinzessin auf der Erbse,
Eine gute Laune, Die Halskragen, Das Liebespaar, und mit einer
Schattirung von Wehmuth Der standhafte Zinnsoldat; herzergreifende
Dichtungen wie Die Geschichte einer Mutter, unheimlich beklemmende
wie Die rothen Schuhe, rhrende Phantasien wie Die kleine
Seejungfer, und gemischte, zugleich grossartige und heitere wie Die
Schneeknigin. Hier begegnet uns eine Anekdote wie Herzeleid, die
einem Lcheln durch Thrnen gleicht, und eine Inspiration wie Die
Muse des neuen Jahrhunderts, in welcher man den Flgelschlag der
Geschichte, das Herzklopfen und den Pulsschlag des lebendigen Lebens
der Gegenwart vernimmt, heftig wie im Fieber, und doch gesund wie in
einem glcklichen, begeisterten Momente. Kurz gesagt, hier ist alles,
was zwischen dem Epigramm und der Hymne liegt.[37]

Gibt es denn wirklich eine Grenze, welche das Mrchen beschrnkt, ein
Gesetz, das es bindet, und wo liegt es? Das Gesetz des Mrchens liegt
in der Natur des Mrchens, und dessen Natur beruht auf derjenigen der
Poesie. Scheint es im ersten Augenblicke, dass nichts der Dichtart
verwehrt sei, welche eine Prinzessin eine Erbse durch zwanzig Matratzen
und zwanzig Eiderdaunenbetten hindurch verspren lassen kann, so ist
das nur ein Schein. Das Mrchen, welches die ungebundene Freiheit der
Erfindung mit dem Zwange vereint, den sein Grundgedanke ihm auferlegt,
muss zwischen zwei Klippen hindurch steuern: zwischen der ideenlosen
Ueppigkeit und der trockenen Allegorie; es muss die Mittelstrasse
halten zwischen der allzu starken Flle und der allzu grossen
Magerkeit. Das thut Andersen fast immer, aber zuweilen doch nicht.
Die aus Volksmrchen entnommenen Stoffe, wie Der fliegende Koffer,
oder die eigentlichen Feenmrchen, wie Dumelinchen, haben fr die
erwachsenen Leser nicht so viel Anziehendes wie fr Kinder, weil das
Mrchen hier keinen Gedanken verbirgt. Im Garten des Paradieses ist
alles das meisterhaft, was dem Eintritt in den Garten vorausgeht,
allein der Fee des Paradieses selbst scheint es mir schwer etwas
Schnes oder Ergtzliches abzugewinnen. Das entgegengesetzte Extrem
ist nun, dass man die drre _Absicht_, die _trockene Lehre_ durch
das Gewebe der Dichtung sieht; dieser Fehler ist, wie es in unserer
reflektirenden und bewussten Zeit sich erwarten liess, weit hufiger.
Man empfindet ihn stark, weil das Mrchen das Reich des Unbewussten
ist. Nicht nur, dass die unbewussten Wesen und Dinge hier das Wort
fhren, sondern was im Mrchen siegt und verherrlicht wird, ist eben
das Unbewusste. Und das Mrchen hat Recht; denn das Unbewusste ist
unser Fond und der Quell unserer Strke. Desshalb kann der Reisekamerad
Untersttzung von dem Todten empfangen, weil er ganz vergessen hat,
dass er ihm frher geholfen, und desshalb bekommt selbst Tlpel-Hans,
weil er bei all' seiner Einfltigkeit naiv ist, die Prinzessin und das
halbe Reich. Denn auch die Dummheit hat ihre Genialitt und ihr Glck;
nur mit den armen Zwischengeschpfen, ohne Scharfsinn und ohne Dummheit
weiss das Mrchen nichts anzufangen.

Wir wollen einige Beispiele der Snden gegen das Unbewusste betrachten.
So blickt in dem schnen Mrchen Die Schneeknigin auf das strendste
die unglckliche Absicht hindurch, wo die Schneeknigin fordert,
dass Kay mit dem _Eisspiele des Verstandes_ Figuren legen soll, und
er nicht im Stande ist, mit diesem Spiel das Wort _Ewigkeit_ zu
legen. So herrscht eine grobe und unpoetische Deutlichkeit in Die
Nachbarfamilien, so oft die Rosen von der Sperlingsfamilie mit dem
abstrakten, fr eine Sperlingszunge unaussprechlichen Worte _Das
Schne_ benannt werden; man htte schon ohne diesen Fingerzeig
verstanden, dass die Rosen in der Erzhlung die Vertreter des Schnen
sind, und indem man im Mrchen auf dies abstrakte Wort stsst, fhrt
man zurck, als htte man einen schleimigen Frosch berhrt. -- Dies
_Allegorisiren_ tritt, wie es in Erzhlungen fr Kinder zu erwarten
stand, am hufigsten in der Form des _Docirens_ und _Moralisirens_
auf; in einzelnen Mrchen wie Der Buchweizen spielt das pdagogische
Element eine bergrosse Rolle. In anderen wie Der Flachs, fhlt
man am Schlusse allzu stark -- wie bei Jean Paul -- den Hang, zur
Zeit und zur Unzeit die Unsterblichkeitslehre anzubringen. Hier
werden besonders in dieser Absicht zuletzt ein paar kleine, ziemlich
abgeschmackte unsichtbare Wesen erschaffen, welche versichern,
dass das Lied niemals aus sei. In einigen Fllen ist die Tendenz
mehr persnlich. Eine ganze Reihe von Mrchen (Das Entlein, Die
Nachtigall, Die Nachbarfamilien, Das Gnseblmchen, Die Schnecke und
der Rosenstock, Feder und Dintenfass, Die alte Strassenlaterne) spielen
auf Dichterleben und Dichterloos an, und in einzelnen Fllen sprt man
-- was bei Andersen eine seltene Ausnahme ist, -- dass die Erfindung an
den Haaren herbeigezogen ward, um die Tendenz hervorzukehren. Welcher
Sinn und welche Natur liegt z. B. darin, dass die Strassenlaterne, nur,
wenn sie mit einem Wachslicht, nicht wenn sie mit einem gewhnlicheren
Lichte, versehen ist, die schnen und bilderreichen Gesichte sehen
lassen kann, welche ihr erscheinen? Das ist ganz unverstndlich, bis
man es als Allegorie auf das vermeintliche Bedrfniss des Dichters nach
Wohlstand auffasst, um etwas Rechtes zu werden. (Also das Genie soll
dem Schrzenstipendium nachlaufen! schrieb bereits Kierkegaard bei
Gelegenheit von Nur ein Geiger.) Unglcklicher noch ist es, dass die
Strassenlaterne in umgeschmolzenem Zustande, in ihrem anderen Leben, zu
einem Dichter kommt und so ihre Bestimmung erreicht. So stark hat die
Tendenz sich selten verrathen.

Die erste Pflicht des Mrchens ist, poetisch zu sein; seine zweite ist,
mrchenhaft zu erscheinen. Darin liegt zum ersten, dass die Ordnung
der Mrchenwelt ihm heilig sein muss. Was in der Mrchensprache als
feste Regel gilt, das muss das Mrchen respectiren, so gleichgltig
es sich brigens den Gesetzen und Regeln der wirklichen Welt gegenber
verhalten mag. So geht es nicht an, dass ein Mrchen wie Die Dryade
seine Heldin von ihrem Baume trennt, sie symbolische Reisen nach Paris
machen, auf den bal Mabille gehen lsst u.s.w.; denn es ist nicht
unmglicher fr alle Knige der Erde, das kleinste Blatt an eine
Nessel zu setzen, als es fr das Mrchen ist, eine Dryade von ihrem
Baume los zu reissen. Aber in der Mrchenform liegt zum zweiten, dass
der Rahmen nichts in sich aufnehmen kann, was, um poetisch zu seinem
Rechte zu gelangen, eine tiefe psychologische Schilderung, eine ernste
dramatische oder romanmssige Entwickelung erfordern wrde. Eine Frau
wie jene Maria Grubbe, von deren interessantem Leben Andersen uns in
der Geschichte vom Hhner-Gretchen eine Skizze gibt, ist zu sehr ein
Charakter, als dass es einem Mrchendichter mglich sein sollte, ihr
Wesen zu schildern oder zu erklren; versucht er es, so empfindet man
ein Missverhltniss zwischen dem Gegenstande und der Form[38]. Man darf
sich indess weniger ber diese einzelnen Flecken wundern, als vielmehr
darber, dass sie so usserst selten vorkommen. Ich habe sie auch nur
hervorgehoben, weil es interessant ist, durch die Ueberschreitung
der Grenze letztere selbst kennen zu lernen, und weil es mir wichtig
schien, zu ermitteln, wie das Flgelross des Mrchens, bei all seiner
Freiheit, den ganzen Kreis zu durchlaufen und zu durchfliegen, doch
seinen festen Spannpflock im Centrum hat.

Seine Schnheit, seine Strke, seine Flugkraft und Anmuth sieht man
nicht, indem man auf seine Schranke achtet, sondern indem man seinen
mannigfachen und khnen Bewegungen innerhalb seines Kreises folgt.
Hierauf wollen wir zum Schlusse einen Blick werfen. Die Mrchen liegen
vor uns wie eine grosse, reiche, blumenbeste Flur. Lasst uns frei
auf derselben umher schweifen, sie nach kreuz und quer durchwandern,
bald hier, bald da ein Blmchen pflckend, uns erfreuend an seiner
Farbe, seiner Schnheit, an dem Ganzen. Diese kleinen kurzen Dichtungen
stehen ja wirklich in demselben Verhltnisse zu den umfangreicheren
Poesien, wie die kleinen Blumen zu den Bumen des Waldes. Wer an
einem schnen Tage zur Frhlingszeit nach einem seelndischen Walde
hinaus spaziert, um die Buche in ihrer jungen Pracht mit den braunen
Sammtknpfen in der hellgrnen Seide zu sehen, der wendet, wenn er eine
Zeit lang in die Hhe geblickt hat, seine Augen zur Erde hinab, und da
zeigt sich, dass der Waldgrund eben so schn wie das Wipfeldach des
Waldes ist. Hier wachsen in geringem Abstande buntfarbige Anemonen,
weisse und dunkelrothe Maiblumen, gelbe Sternblmchen, rothe und blaue
Nelkenwurz, Butterblumen und Steinbrech, Sternkraut, Dotterblumen
und Lwenzahn. Nahe bei einander stehen die Knospe, die entfaltete
Blume und die, welche schon Samen trgt, die jungfruliche und die
befruchtete Pflanze, die duftlosen und die wohlriechenden Blumen,
die giftigen und die ntzlichen, die heilsamen Kruter. Hufig ist
die Pflanze, welche im Systeme den niedrigsten Platz einnimmt, wie
das blthenlose Farnkraut, fr das Auge die schnste. Blumen, welche
zusammengesetzt erscheinen, bestehen bei nherer Betrachtung aus ganz
wenigen Blttern, und Pflanzen, deren Blthe eine einzelne scheint,
tragen auf ihrer Spitze einen ganzen Flor nur durch den Stengel
vereinigter Blumen. So ist's auch mit den Mrchen. Die, welche betreffs
ihrer Wrde am niedrigsten stehen, wie Die Springer, enthalten oft
eine ganze Lebensphilosophie in kurzem Auszuge, und die, welche als
einzeln erscheinen, wie die Galoschen des Glcks, bestehen aus einer
lose verbundenen Blthendolde. Einige stehen in der Knospe, wie Der
Wassertropfen, andere schiessen in Samen, wie Das Judenmdchen oder
der Stein der Weisen. Einige bestehen nur aus einem einzigen Punkte,
wie Die Prinzessin auf der Erbse, andere haben grosse, edle Formen,
wie die in Indien besonders beliebte Geschichte einer Mutter, welche
einer fremden, sdlndischen Blume, der Kala, gleicht, die in ihrer
erhabenen Einfalt nur aus einem einzigen Blatte besteht.

Ich schlage das Buch aufs geradewohl auf, und mein Auge fllt auf
Erlenhgel. Welches Leben und welche Laune: In der Kche waren
vollauf Frsche am Spiesse, Natterhute mit Kinderfingerchen darin,
und Salate von Pilzsamen, feuchten Museschnauzen und Schierling,
... verrostete Ngel und Kirchenfensterglas gehrten zum Naschwerk.
Glaubt man, die Kinder seien hier vergessen? Keineswegs. Der alte
Erlenknig liess seine Goldkrone mit gestossenem Schiefer poliren; es
war Bank-Erster-Schiefer, und _es ist fr den Erlenknig sehr schwer,
Bank-Erster-Schiefer zu erhalten!_ Glaubt man, hier sei nichts fr
die Erwachsenen? Noch mehr gefehlt! O, wie sehne ich mich nach
dem alten, norwegischen Kobold! Die Knaben, sagt man, sollen etwas
unartige, naseweise Jungen sein ... _Sie gehen mit blassem Halse und
ohne Tragbnder, denn sie sind Kraftmnner_. Welch ein Festgelag! Das
Todtenpferd ist unter den Eingeladenen. Glaubt man, Andersen vergsse
beim Gelage den Charakter des Gastes? Nun mussten die Erlenmdchen
tanzen, und zwar sowohl einfach wie mit Stampfen, und das stand ihnen
gut ... Der Tausend! wie sie die Beine ausstrecken konnten, man
wusste nicht, was Ende und was Anfang, man wusste nicht, was Arme und
was Beine waren; das ging alles durch einander wie Sgespne; und
dann schnurrten sie herum, _dass dem Todtenpferde unwohl wurde und
es vom Tische gehen musste_. Andersen kennt das Nervensystem des
Todtenpferdes und gedenkt dessen schwachen Magens.

Er hat die echte Gabe, _bernatrliche Wesen_ zu erschaffen, welche in
der modernen Zeit so selten ist. Wie tief symbolisch und wie natrlich
ist es z. B., dass die kleine Seejungfer, als ihr Schwanz zu zwei
niedlichen Beinen eingeschrumpft ist, bei jedem Schritte, den sie
macht, das Gefhl hat, _als ob sie auf scharfe Messer und spitze
Nadeln trte_. Wie viele arme Frauen treten nicht bei jedem Schritt,
den sie thun, auf scharfe Messer um demjenigen nahe zu sein, den sie
lieben, und wie weit sind doch diese davon, die unglcklichsten zu
sein! -- Eine herrlich gezeichnete Bande ist ferner jene Koboldschaar
in der Schneeknigin, ein treffliches Sinnbild ist der Hexenspiegel,
und eine tief empfundene Gestalt diese Knigin selbst, die, mitten
auf dem den Schneefelde sitzend, alle kalte Schnheit desselben in
sich eingesogen hat. Dies Weib ist gewissermassen verwandt mit der
_Nacht_, einer der eigenthmlichsten Gestalten Andersen's. Es ist nicht
Thorwaldsen's milde, schlafbringende Nacht, nicht Carstens' ehrwrdige
mtterliche Nacht, sondern die schwarze, unheimliche, schlaflose und
grausenvolle: Draussen mitten im Schnee sass eine Frau in langen,
schwarzen Gewndern, und sie sprach: 'Der Tod ist bei Dir in Deiner
Stube gewesen, ich sah ihn mit Deinem kleinen Kinde davon eilen, er
schreitet schneller als der Wind und bringt niemals zurck, was er
genommen hat'. 'Sag mir blos, welchen Weg er gegangen ist!' sagte die
Mutter; 'sag mir den Weg, und ich werde ihn finden'. 'Ich kenne ihn',
sagte die Frau in den schwarzen Gewndern; 'aber bevor ich ihn Dir
sage, musst Du mir erst alle die Lieder vorsingen, die Du Deinem Kinde
vorgesungen hast. Ich liebe diese Lieder, ich habe sie frher gehrt;
ich bin die Nacht und sah Deine Thrnen, als Du sie sangst'. 'Ich will
sie alle, alle singen!' sagte die Mutter; 'aber halte mich nicht auf,
damit ich ihn einholen, damit ich mein Kind wiederfinden kann!' _Aber
die Nacht sass stumm und still._ Da rang die Mutter ihre Hnde, sang
und weinte, und es gab viele Lieder, aber noch mehr Thrnen. Die
Mutter geht weiter, weint sich die Augen aus, um fr diesen Preis ber
den See zu gelangen, und gibt, um in das Treibhaus des Todes zu kommen,
dem alten Grabweib ihr langes schwarzes Haar _und erhlt deren
weisses dafr_.

Wir treffen eine unzhlbare Menge von Phantasiegeschpfen, kleine
elfenhafte Gottheiten wie Ole Lukje (der Sandmann) oder die Kobolde
mit den rothen Mtzen, und die nordische Dryade, Fliedermtterchen.
Man fhlt hier recht Andersen's Strke, wenn man sie mit der Ohnmacht
der zeitgenssischen dnischen Dichter in dieser Hinsicht vergleicht.
Was fr blasse Gestalten sind nicht Heiberg's Pomona, Astra oder Fata
Morgana! Andersen gibt selbst dem Schatten einen Krper. Was sagt der
Schatten? Was sagt er zu seinem Herrn? _Ich bin von Kindesbeinen an
in Ihre Fusstapfen getreten_. Das ist wahr. _Wir sind ja von Kind
an mit einander aufgewachsen_. Das ist nicht minder wahr. Und als er
sich nach einem Besuche empfiehlt: _Adieu! Hier ist meine Karte, ich
wohne auf der Sonnenseite und bin bei Regenwetter stets zu Hause_.[39]
Andersen kennt die Sehnsuchts-Qualen des Schattens, seine Gewohnheiten
und seine Wollust: Ich lief im Mondscheine auf der Strasse umher,
_ich reckte mich lang an der Mauer hinauf, das kitzelt so angenehm auf
dem Rcken_. Dies Mrchen vom Schatten, das keineswegs an Chamisso
erinnert, ist eine kleine Welt fr sich. Ich nehme keinen Anstand, es
eins der grssten Meisterwerke in der dnischen Litteratur zu nennen.
Es ist die Epope aller Schatten, aller Menschen aus zweiter Hand,
aller unoriginellen, unursprnglichen Geister, aller derjenigen, welche
whnen, dass sie durch die blosse Losreissung von ihrem Originale
Persnlichkeit, Selbstndigkeit und wirkliches, echtes Menschendasein
erlangen. Es ist auch eins der wenigen, wo der Dichter trotz seines
weichherzigen Optimismus gewagt hat, die hssliche Wahrheit in ihrer
ganzen Nacktheit hervor treten zu lassen. Der Schatten beschliesst, um
sich vor allen Enthllungen betreffs seiner Vergangenheit zu sichern,
dem Menschen das Leben zu nehmen: 'Der arme Schatten!' (d.h. der
Mensch) sagte die Prinzessin; 'er ist sehr unglcklich, es wre eine
wahre Wohlthat, ihn von dem bisschen Leben zu befreien, und wenn ich
recht darber nachdenke, so scheint es mir nthig zu sein, dass man ihn
in aller Stille bei Seite schaffe'. 'Das ist allerdings hart, denn er
war ein treuer Diener', sagte der Schatten, und er that, als wenn er
seufzte. '_Du bist ein edler Charakter!_' sagte die Knigstochter. --
Dies Mrchen ist endlich eins von denen, in welchen man am leichtesten
den Uebergang vom Natrlichen zum Uebernatrlichen beobachten kann: der
Schatten reckt und streckt sich solange, um zu Krften zu kommen, bis
es ganz natrlich ist, dass er sich zuletzt losreisst.

Wir schlagen das Buch zu und ffnen es an einer anderen Stelle. Da
stossen wir auf Die Springer. Eine kurze und bndige Belehrung ber
das Leben. Die Hauptpersonen sind der Floh, der Heuschreck und der
Hpfauf aus dem Gnsebrustknochen; die Knigstochter ist der Preis fr
den besten Sprung. Merkt's euch Alle, sagt die Muse des Mrchens,
Springt mit Verstand! Es frommt nicht, so hoch zu springen, dass
Niemand euch sehen kann; dann behauptet der Pbel, es sei so gut,
als wret ihr gar nicht gesprungen. Seht nur auf all' die grssten
Geister, Denker, Dichter und Mnner der Wissenschaft. Fr die Menge
ist es, als htten sie gar keinen Sprung gethan, sie ernteten keinen
Lohn, _Krper gehrt dazu!_ Es frommt auch nicht, hoch und gut zu
springen, wenn man den Machthabern in's Gesicht springt. Auf die Art
macht man frwahr keine Karriere. Nein, nehmt den Hpfauf zum Vorbild!
Der ist fast apoplektisch, zuerst hat es den Anschein, als knne er
gar nicht springen, und viele Bewegungen kann er gewiss auch nicht
machen; aber dennoch macht er -- mit dem Instinkte der Dummheit, mit
der Geschicklichkeit der Trgheit -- einen kleinen _schiefen_ Sprung
gerade in den Schoss der Prinzessin. Nehmt euch ein Exempel dran, er
hat gezeigt, dass er Kopf hat!

Welch' eine Perle von Mrchen! und welche Gabe, die Thiere menschlich
zu benutzen! Es lsst sich nmlich nicht leugnen, dass man zuweilen
fast in Zweifel ist, was der ganze Einfall, die Thiere reden zu
lassen, im Grunde zu bedeuten hat. Eins ist es ja, ob wir Leser uns
getroffen fhlen, ein Anderes, ob auch der Charakter des Thieres
wirklich getroffen ist, des Thieres, das nicht eine einzige menschliche
Eigenschaft hat. Man wird indess leicht einsehen, dass es unmglich
ist von dem Thiere, selbst rein wissenschaftlich zu reden, ohne ihm
Eigenschaften beizulegen, die wir von uns selber her kennen. Wie soll
man es z. B. vermeiden, den Wolf _grausam_ zu nennen? Andersen's
Geschicklichkeit besteht nun darin, eine poetische, eine schlagende
Scheinbereinstimmung zwischen dem Thiere und seiner menschlichen
Eigenschaft hervor zu bringen. Ist es nicht richtig, dass die Katze zu
Rudy sagt: Komm' nur mit hinaus auf's Dach, kleiner Rudy! _Was die
Leute vom Herunterfallen reden, ist eitel Einbildung: man fllt nicht,
wenn man sich nicht davor frchtet._ Komm' nur, setze Deine eine Pfote
so, die andere so! fhle vor mit den Vorderpfoten! Musst Augen im Kopfe
und geschmeidige Glieder haben! Kommt irgend 'ne Kluft, so springe nur
und halte Dich fest, so mach ich's!

Ist es nicht natrlich, dass die alte Schnecke sagt: Das hat doch
auch gar keine Eile. Aber Du eilst immer so sehr, und der Kleine fngt
das nun auch schon an. _Kriecht er nicht bereits seit drei Tagen an
dem Stengel hinauf! Ich bekomme wirklich Kopfweh, wenn ich zu ihm
emporblicke_.

Was schildert treffender eine Wochenstube, als die Ausbrtung der
jungen Entlein! Was ist wahrscheinlicher, als dass die Sperlinge
sagen, wenn sie ihre Nachbarn ausschimpfen wollen: Die _dickkpfigen_
Rosen![40]

Ein Mrchen habe ich mir bis zuletzt aufgespart; jetzt suche ich es
hervor, denn es ist gleichsam die Krone des Werkes. Es ist das Mrchen
von der Glocke, in welchem der Dichter der Naivett und der Natur
den Hhepunkt seiner Poesie erreicht hat. Wir sahen sein Talent, das
Uebermenschliche und das Untermenschliche natrlich zu schildern. In
diesem Mrchen steht er der Natur selber von Angesicht zu Angesicht
gegenber. Es handelt von der unsichtbaren Glocke, welche zu suchen
die jungen Confirmanden ausgingen -- die Jnglinge, bei welchen die
Sehnsucht nach dem unsichtbar Lockenden und Reizenden noch frisch war.
Der Kaiser hatte versprochen, dass der, welcher wirklich ausfindig
machen knne, woher der Schall komme, den Titel eines 'Weltglckners'
haben solle, und das selbst dann, wenn es keine Glocke sei. Nun gingen
Viele der guten Versorgung halber nach dem Walde; aber der Einzige,
der mit einer Art Erklrung zurckkam, war, so wenig, wie die Andern,
tief genug eingedrungen; er sagte jedoch, dass der Glockenton von
einer sehr grossen Eule in einem hohlen Baume herkomme; es sei eine
Art Weisheits-Eule, die ihren Kopf fortwhrend gegen den Baum stosse.
Und so wurde er als Weltglckner angestellt und _schrieb jedes Jahr
eine kleine Abhandlung ber die Eule; man ward dadurch eben so klug,
wie man vorher gewesen war_. Die Konfirmanden gehen also auch dieses
Jahr hinaus, und sie hielten einander bei den Hnden, _denn sie hatten
ja noch keine Aemter erhalten_. Allein bald ermden sie, Einer nach
dem Andern, und kehren um, dieser aus einem Grunde, jener aus einem
Vorwande. Eine ganze Klasse bleibt bei einer _kleinen Glocke_ auf einem
idyllischen Huschen stehen, ohne, wie die wenigen Ausharrenden, zu
bedenken, dass eine so kleine Glocke nicht das anziehende Glockenspiel
verursachen knne, sondern dass es ganz andere Tne sein mssten, die
ein Menschenherz so rhrten, und sie begeben sich mit ihrer _kleinen_
Hoffnung, ihrer _kleinen_ Sehnsucht zur Ruhe bei dem _kleinen_ Funde,
dem _kleinen_ Glcke, der kleinen idyllischen Freude. Ich denke mir,
der Leser ist einigen dieser Konfirmanden als Erwachsenen schon
begegnet. Zuletzt sind nur noch Zwei brig, ein Knigssohn und ein
armer kleiner Knabe in Holzschuhen und mit einer so kurzen Jacke,
dass man recht sehen konnte, wie lange Handgelenke er habe. Unterwegs
trennen sie sich; denn der eine wollte die Glocke zur Rechten, der
andere zur Linken suchen. Der Knigssohn suchte die Glocke auf dem
Wege, der auf der Seite des Herzens lag, der arme Knabe suchte sie
in der entgegengesetzten Richtung. Wir folgen dem Knigssohne, und
wir lesen mit Bewunderung, welche mystische Pracht der Dichter der
Gegend zu geben weiss, indem er die natrlichen Farben der Blumen
verndert und vertauscht. Aber er ging unverdrossen tiefer und tiefer
in den Wald, wo die wunderbarsten Blumen wuchsen; da standen _weisse_
Sternlilien mit _blutrothen_ Staubfden, _himmelblaue_ Tulpen, die im
Winde _funkelten_, und Apfelbume, deren Aepfel wie grosse, glnzende
Seifenblasen aussahen; denkt nur, wie die Bume im Sonnenschein
strahlen mussten! Die Sonne geht unter, der Knigssohn frchtet schon,
von der Nacht berrascht zu werden; er steigt auf die Felsen hinauf, um
die Sonne noch einmal zu sehen, ehe sie ganz am Horizonte versinkt. Man
hre den Hymnus des Dichters:

Und er ergriff Ranken und Wurzeln und kletterte an den nassen Steinen
empor, wo die Wasserschlangen sich wanden, wo die Krte ihn gleichsam
anbellte; -- aber hinauf kam er, bevor die Sonne, von dieser Hhe
gesehen, ganz untergegangen war. O, welche Pracht! Das Meer, das
grosse, herrliche Meer, das seine langen Wogen gegen die Kste wlzte,
streckte sich vor ihm aus, und die Sonne stand wie ein grosser,
glnzender Altar da draussen, wo Meer und Himmel sich begegneten; Alles
verschmolz in glhenden Farben; der Wald sang und das Meer sang und
sein Herz sang mit. Die ganze Natur war eine grosse, heilige Kirche,
worin Bume und schwebende Wolken die Pfeiler, Blumen und Gras die
gewebte Sammetdecke, und der Himmel selbst die grosse Kuppel bildeten;
dort oben erloschen die rothen Farben, indem die Sonne verschwand; aber
Millionen Sterne wurden angezndet, Millionen Diamantlampen erglnzten,
und der Knigssohn breitete seine Arme aus gegen den Himmel, gegen das
Meer und den Wald -- und im selben Augenblicke kam, von dem rechten
Seitenwege, der arme Konfirmand mit der kurzrmeligen Jacke und den
Holzschuhen; er war hier eben so zeitig angelangt, er war auf seinem
Wege dahin gekommen. Und sie liefen einander entgegen und fassten
einander an der Hand in der grossen Kirche der Natur und der Poesie.
Und ber ihnen ertnte die unsichtbare, heilige Glocke; selige Geister
umschwebten sie im Tanze zu einem heiligen Hallelujah!

Das Genie gleicht dem reichen Knigssohne, sein aufmerksamer Zuhrer
dem armen Knaben; aber Kunst und Wissenschaft begegnen sich, obschon
sie sich unterwegs trennen, in der Begeisterung und der Andacht
gegenber dem gttlichen All der _Natur_.




                            ESAIAS TEGNR.

                               (1878.)


Der litterarische Ruhm ist in den scandinavischen Lndern meistens ein
rein lokaler. Werke, die in Sprachen geschrieben sind, welche nur von
wenigen Millionen gesprochen und nirgends in der Welt als Cultursprache
gelernt oder gelesen werden, haben selbstverstndlich alle Chancen
europischer und amerikanischer Berhmtheit gegen sich. Die wenigsten
poetischen Erzeugnisse werden berhaupt bersetzt, und fr ein Werk,
das sich an den Schnheitssinn wendet, fr ein metrisches vor allem,
ist die ussere Sprachform, was der Email dem Zahn ist; sie giebt ihm
gleichzeitig Dauer und Glanz.

Trotzdem gelang es bekanntlich einzelnen nordischen Schriftstellern,
mehr Anerkennung im Auslande als daheim zu finden; sie vertreten
so zu sagen der ganzen Lesewelt gegenber das geistige Leben ihres
Vaterlandes, und ihr Name schmilzt im allgemeinen Bewusstsein mit
demjenigen ihres Landes zusammen. Einen solchen Ruhm hat unter den
Dichtern Schwedens nur ein einziger, _Esaias Tegnr_ erlangt.

Er ist nicht der grsste, der in schwedischer Sprache gedichtet hat;
vor ihm und nach ihm hat ein anderer, grsserer Dichter in dieser
Sprache Gestalten geformt, welche die seinigen durch Anschaulichkeit
und wirkliches Leben bertreffen. Aber mit _Bellman_ und _Runeberg_
muss er zusammengestellt und genannt werden; und whrend er ihnen
in dichterischer Phantasie nachsteht, bertrifft er als geistvolle
Persnlichkeit beide.

Drei Mal im Laufe der Geschichte ist es dem schwedischen Volke
gelungen, das Classische und das Volksthmliche in seiner Poesie zu
verschmelzen. Das erste Mal geschah es, als Bellman unter Gustav III.
seine Typen aus dem Volks- und Wirthshausleben Stockholms griff und
Die Lieder Fredman's mit mimischer Meisterschaft zur Zither sang.
Zum zweiten Male, als Tegnr, fnfzig Jahre spter, zum Heldenleben
des alten Nordens zurckkehrte, den Stoff zu einem Romanzencyclus in
einer alten Sage fand, und Schweden ein Bild von Vikingsleben und
Vikingsliebe im Norden gab, wie sich die Zeitgenossen dies vorstellten.
Zuletzt geschah es endlich vor einem Menschenalter, als -- vierzig
Jahre, nachdem Finnland von seinem alten Mutterlande losgerissen wurde
-- der grsste von Finnlands Shnen, von seinen Kindheitserinnerungen
inspirirt, den ehrenvollen Kampf seines Vaterlandes gegen russische
Uebermacht, und dadurch den Nationalcharakter des finnischen Volkes,
realistischer malte als man es zu jener Zeit noch gewagt hatte.
Runeberg drngte in einer seelenvollen Bivouacpoesie Kriegsidyllen und
Schlachtfeldtragdien auf den knappsten Raum zusammen.

Weder in einem Drama, noch in einem Epos hat also irgend einer der
drei schwedischen Dichter die Mglichkeit gefunden, sein Bestes zu
geben. Alle drei, so verschieden sie auch sind, haben in derselben
Kunstgattung triumphirt, einem der Form nach lyrischen, dem Inhalte
nach epischen Cyclus kurzer Gedichte. Der erste hat burleske
Dithyramben, der zweite altnordische Heldenlieder, der dritte
moderne Kriegsanekdoten geschrieben; aber alle haben sie diese ihre
vorzglichsten Poesien in eine zusammenhngende Reihenfolge gebracht,
und nichts als diese drei Liedergruppen gibt der Dichtung Schwedens
weltbrgerlichen Rang.

Unter diesen ist die Frithiofs-Saga der berhmteste Cyclus, und wenn
Tegnr ausserhalb Schwedens genannt wird, so ist es ausschliesslich als
Autor dieser Sage; das Werk ist die Nationaldichtung des schwedischen
Volkes geworden, und Uebersetzungen in allen europischen Sprachen,
darunter achtzehn verschiedene deutsche und achtzehn verschiedene
englische, haben es ber die Erde verbreitet. Schweden hat sich
nicht undankbar gegen den Mann gezeigt, dem es so Vieles schuldet.
In Schweden ist zur Ehre Tegnr's so hbsch und warm geredet,
geschrieben und gesungen worden, dass es unmglich ist, hierin die
Kinder des Landes zu bertreffen. Schweden hat die verklrte Gestalt
des Dichters in bernatrlicher Grsse auf ein mchtiges Fussgestell
gehoben, das, nher betrachtet, ein ganz kleiner Berg von massiven
Lobreden, Lebensbeschreibungen und Festliedern ist, und man hat
Weihrauch ber Weihrauch am Fusse der Statue verbrannt. Was ist da
noch fr einen Kritiker zu thun? Vielleicht nichts anderes als,
mit schonender Hand das schne Gesicht ein wenig von dem Russe des
Rucherpulvers zu subern, damit die Zge menschlicher und lebhafter
hervortreten. Vielleicht auch noch, die Statue sorgfltig mit dem
Originale zu vergleichen und auf eigene Hand eine Federzeichnung
desselben zu entwerfen, wo die Bildsule sich ungenau oder abstract
zeigt. Jedenfalls bringe ich die angeborne Sympathie des Scandinaven,
die Unparteilichkeit des Nichtschweden, und den ehrlichen Vorsatz
des Kritikers mit, die Gestalt im scharfen Sonnenlichte der Wahrheit
darstellen zu wollen.


                                  I.

Esaias Tegnr stammt, wenige Generationen zurck, sowohl vterlicher-
wie mtterlicherseits von schwedischen Bauern ab. Wie so viele
andere hervorragende Talente des Nordens, leitet er seinen Ursprung
vom Bauern durch den Pfarrer her. Dies geschieht gewhnlich in
folgender Weise: der Grossvater pflgt mit eigener Hand seinen Acker,
der Sohn zeigt Leselust und wird durch Entbehrungen der Eltern und
Untersttzung guter Leute so weit gebracht, dass er Theologie studiren
kann; denn der Pfarrer war Jahrhunderte lang dem Bauern unbedingt der
Vertreter des gelehrten Standes. In diesem Sohne wird die krftige,
uncultivirte Bauernnatur der ersten groben Behauung unterworfen; der
Prediger pflgt nicht mehr selbst seinen Acker, obwohl er den Anbau
noch beaufsichtigt; der Prediger denkt schon, obwohl er seine letzten
Resultate nicht durch den Gedanken erhlt. Im Enkel oder Urenkel ist
endlich der ursprngliche Naturgrund so verfeinert, dass daraus das
wissenschaftliche, technische oder poetische Talent hervorgeht. Ebenso
hier. Der Vater Tegnr's war Pfarrer und seine Mutter Pfarrerstochter,
und die beiden Geistlichen, von denen er stammt, waren Bauernkinder.
Der vornehm klingende Name wurde gebildet, als der Vater Esaias
Lucasson vom kleinen Dorfe Tegnaby in's lateinische Protokoll des
Gymnasiums als Esaias Tegnerus eingeschrieben wurde.

Dem Predigerhause erwuchsen bald Shne und Tchter, und den 13.
November 1782 wurde in Kyrkerud als fnfter Sohn des Hauses der
spter so berhmte Esaias geboren. Er war nur neun Jahre alt, als das
Haus durch den Tod des Vaters aufgelst wurde. Dieser hinterliess
nichts, und die Wittwe, der die Zukunft ihrer sechs vaterlosen
Kinder Sorgen genug verursachte, ergriff mit Freuden die sich ihr
bietende Gelegenheit, ihren Jngsten als Schreiber zu einem in der
Nhe wohnenden angesehenen Beamten zu geben. Der Knabe lernte in dem
Bureau des Hardevoigts Branting ausdauernden Fleiss im Schreiben und
Rechnen, und was noch mehr werth war, der kleine Schreiber, der immer
auf den langen Reisen mitgenommen wurde, die sein wackerer Principal
als Steuereinnehmer in die Kreuz und Quer durch Wermland unternahm,
lernte vom Wagen aus die malerische Naturschnheit der heimathlichen
Gegend schon in dem frhen Alter kennen, wo alle Eindrcke am tiefsten
sind. Obschon lebhaft und fleissig bei seiner Arbeit, war er hufig
vergesslich und zerstreut in sein Buch oder in wache Trumereien
verloren, oder er murmelte Monologe auf einsamen Wegen. Er las Poesien,
Geschichtsbcher, vor allem Sagen, fand eine Sammlung solcher, die
Kmpadater Bjrner's, und in dieser die Sage von Frithiof, dem
Khnen, welche gegen fnfundzwanzig Jahre in seiner Phantasie ruhte,
ehe sie zu keimen begann.

Diese zwei Eindrcke, von Schwedens Natur und von den alten nordischen
Mythen und Sagen, waren nicht getrennt; sie schmolzen zusammen, glitten
in seiner jungen Seele in einander ber. Oft war's ihm, wenn er auf
dem Rcksitze von Branting's Wagen zwischen waldbedeckten Bergen,
durch tiefe Thalstrecken, lngs der grossen Gewsser fuhr, die das
Land durchstrmen, als ob die Natur mit ihm um die Wette phantasirte.
Romantische Landschaften gab's in den langen Sommertagen, wo Abend- und
Morgenrthe in Eins zusammenflossen und der rosige Schimmer niemals vom
Horizonte verschwand; altnordische Landschaften zur Winterzeit, wenn
der Schnee hoch lag, wenn die Bchlein in langen Zapfen von den Felsen
herunterhingen, und es dem Knaben vorkam, als she er im Mondlichte,
das auf dem Schnee spielte, den Winter selbst in Person als eine
ungeheuere Gttergestalt mit Schneegestber im Bart und einem Kranz von
Tannen auf dem Haupte.

Die schwedische Poesie, sagt Tegnr irgendwo, ist und bleibt eine
Naturpoesie im eigentlichen Sinne des Wortes; denn sie liegt in unserer
herrlichen Natur, in unseren Seen, Felsen und Wasserfllen; und als
er, kurz nach der Vollendung des Frithiof's den Ursprung des Gedichts
erklren will, fhrt er selbst, ausser seiner frhen vertrauten
Bekanntschaft mit den altnordischen Sagen, den Umstand an, dass er in
einem entlegenen Bergbezirk geboren und erzogen war, wo die Natur
selbst in grossen, aber wilden Formen dichtet, und wo die alten Gtter
noch leibhaftig in den Winternchten umherwandeln. -- In solcher
Umgebung, fhrt er fort, vllig mir selbst berlassen, war es nicht
sonderbar, dass ich eine gewisse Vorliebe fr das Ungebndigte und
Colossale fasste, welche mich nie vollstndig verlassen hat.

Und nicht nur den Inhalt, sondern zugleich die Grundform seiner wie
aller schwedischen Poesie hat Tegnr in reiferen Jahren auf Eindrcke
der eigenartigen schwedischen Natur zurckzufhren gesucht. Er erstaunt
ber die ausschliessliche Vorliebe fr das Lyrische bei seinem Volke,
ber dessen Neigung, die ganze poetische Welt in wenige Strophen
zusammenzudrngen, und er fragt nach dem Grunde dieses Charakterzuges.
Liegt er nicht zum grossen Theile in der Natur selbst, die uns
umgibt? Sind nicht die Gebirge mit ihren Thlern und Strmen die Lyrik
der Natur, wie die mildere Ebene mit ihren ruhigen Flssen ihr Epos
ist? Viele unserer Berggegenden sind wirkliche Natur-Dithyramben,
und der Mensch dichtet gern in derselben Tonart wie die Natur um ihn
her. Und, indem er mit Khnheit die letzten Folgen seines Gedankens
zu ziehen versucht, bricht er in die Fragen aus: Geht nicht durch
die ganze schwedische Geschichte ein lyrischer Zug? Sind nicht die
hervorragendsten Vertreter unserer Nationaleigenthmlichkeit sowohl in
lterer wie in neuerer Zeit eher lyrische als epische Charaktere? Er
hat augenscheinlich an solche Geister wie Schwedens grsste Knige und
grsste Feldherren und wohl nicht am wenigsten an sich selbst gedacht.

Unzweifelhaft ist es, dass die Natur, die er um sich sah, ihn als
Dichter weit mehr durch ihr phantastisches als durch ihr utilitarisches
Element reizte. Ich sage mit Fleiss als Dichter; denn als Mensch
hatte er ein gesundes, praktisches Interesse fr die Nahrungsquellen
und den Erwerb seines Volkes. Er hat aber nie das Volk in seinem
Arbeiten mit der Natur als Stoff gemalt. Es kommt in seinen Werken
kein Auftritt vor, der eine Vorstellung von der grossen Grubenarbeit
gbe, wodurch das schwedische Eisen an den Tag gebracht wird; er hat
nie von dem abgehrteten Bergmann oder dem starken Schmied, nie von
dem rauchenden, funkensprhenden Ofen in dem Schnee ein Bild gegeben;
diese realistischen Eindrcke prallten von seiner romantischen (d.h.
abstrahirenden und symbolisirenden) Phantasie zurck. Er sah nicht
Schweden vor sich als die grosse Werkstatt der Nation; er sah Svea
als Schildjungfrau, und das Eisen war ihm weniger die natrliche
Reichthumsquelle des Landes als der breite Grtel um ihr Mieder und das
einst so starke Schwert in ihrer Hand.


                                 II.

Sehr bald entdeckte man, dass der begabte Knabe Anlagen besass, die
es als wnschenswerth erscheinen liessen, ihm eine hhere Bildung zu
verschaffen als die, wozu das Bureau des Voigtes Gelegenheit bot. Ein
Gesprch whrend einer der Wagenfahrten bei Abend, worber der alte
Mann in Erstaunen gerieth, gab, eigenthmlich genug, den ersten Stoss
dazu, dass Schritte gethan wurden, Esaias in die gelehrte Laufbahn zu
bringen. Der junge Esse, wie er genannt wurde, hatte die religisen
Betrachtungen seines frommen Chefs ber die Spuren von Gottes Allmacht
im klaren Sternenhimmel mit einer Erklrung der Bewegungsgesetze
beantwortet, die er aus einer populrphilosophischen Schrift geschpft
hatte. Ein Instinct, der sich nie bei dem spteren Bischof verleugnete,
liess ihn die rationelle Erklrung mit beiden Hnden ergreifen und
die theologische in all' den Fllen verwerfen, wo sie ihm berflssig
vorkam.

Unter der Anleitung seines lteren Bruders wurde er jetzt in Latein,
Griechisch und Franzsisch eingeweiht, und brachte sich selbst so viel
Englisch bei, dass er den gerade damals auf der Hhe seines Ruhmes
stehenden Ossian lesen konnte. Wie das Fllen dem Pferde folgt, so
begleitete er den Bruder nach dessen verschiedenen Hauslehrerstellen,
und in der letzten Familie, in welche dieser als Lehrer einzog, fand
Esaias, vierzehn Jahre alt, in der jngsten Tochter des Hauses seine
zuknftige Gattin. Gleich so manchem andern aufgeweckten Knaben vermied
er die lrmenden Spiele seiner Kameraden, sass am liebsten in seiner
Kammer im Homer vertieft und musste mit Gewalt zu Schlittenpartien
und zum Schlittschuhlaufen geholt werden, obwohl er durchaus kein
ungeschickter Lufer war. Im Jahre 1799 bezog er die Universitt in
Lund, beschftigte sich mit alten Sprachen, Philosophie und Aesthetik
und wurde 1802 nach der pathetischen Sitte des Landes als Magister der
Philosophie mit Lorbeeren bekrnzt. Von 1802--1810 lebte er in Lund
als wohlrenommirter junger Docent, 1810--25 hielt er stark besuchte
Vorlesungen ber die griechische Litteratur. Im Jahre 1812 wurde er
nach schlechter schwedischer Sitte gleichzeitig Professor und Pfarrer
einiger Kirchspiele in der Nhe Lunds; 1826 endlich verliess er die
kleine Universittsstadt, um als Bischof in die lndliche Einsamkeit
hinaus nach Vexi zu ziehen.

Richten wir einen Blick auf den jungen Magister zu Lund. Er sieht
gut aus, blauugig, rothwangig, mit hellen, krausen Haaren, krftig
gebaut, mit Anlage zum Starkwerden. Als Junggeselle ist er noch ein
zurckgezogener, einsam lebender Grbler und Trumer; doch sobald er
den Fuss unter eigenen Tisch gesetzt hat, erschliesst sich sein Geist
und er zeigt sich als eine lebensfrohe, sprudelnde, im hchsten Grade
gesellige Natur. Ein Kind der Welt, das einen guten Tisch und einen
edlen Wein zu wrdigen versteht, ein leicht zndender und keineswegs
seraphischer Apollino, Verehrer aller weiblichen Schnheit; ein nicht
brennender, sondern funkelnder Geist mit berlegenem und bermthigem
Witze, um seine conventionelle Wrde ziemlich unbesorgt, aber darum
nicht weniger verstehend, das Souverne in seiner Persnlichkeit
stolz zu behaupten: dies ist die Seite, die er der Aussenwelt
zukehrt. Hinter dieser Aeusserlichkeit verbergen sich seine tieferen
Anlagen. Diese sind theils dichterischer, theils oratorischer Natur:
eine eigenthmliche lyrische Begeisterung und eine eigenthmliche
stilistische Begabung.


                                 III.

Die lyrische Begeisterung Tegnr's offenbart sich frh als ein
angeborener Hang zum Enthusiasmus fr alles, was sich stark vom grauen
und prosaischen Hintergrund des Alltagslebens abhebt; alle persnlichen
Grossthaten, alle leuchtende Ehre, mge sie wie auch immer gewonnen
sein: er wird von ihrem Strahlenglanz angezogen und schwrmt selbst
fr ihren Flitter. Eine starke Verehrung vor den grossen Namen der
Geschichte, eine entschiedene Unlust, herabsetzende Verstandeskritik
an einmal erworbenen Ruhm anzulegen, bildet einen der tiefsten und
unvernderlichsten Zge seines Charakters. Es ist die ungewhnliche
Steigerung dieser Grundneigung, die ihn zum Dichten bringt; ja, sie
ist es, die ihn zum Dichter macht. Um aber diese Neigung besser zu
verstehen, mssen wir zu den Quellen seiner Begeisterung zurckgehen,
prfen, welche Ideale er sucht, vorfindet oder formt, sehen, in
welcher Art von inneren Spiegelbildern er die Natureigenthmlichkeiten
oder geistigen Eigenschaften darstellt, die dem Besten in ihm
selbst entsprechen. Er trumt nicht wie Oehlenschlger von einer
Aladdinsgestalt; dazu ist er weder naiv noch verwegen genug. Eben so
wenig spiegelt er sich in einem Hamlet oder Faust; die Helden des
Zweifels und des Gedankens sind viel zu abstract fr seine krftige
Knabenphantasie; sie trumt von handfesteren Idealen. Noch weniger
sammeln sich seine Vorstellungen um einen Manfredtypus; die Schuld
lockt ihn nicht, und das Geheimnissvolle hat fr seine offene Natur
keinen Reiz. In idyllischen Verhltnissen und unter allgemeinem
Wohlwollen in der kleinen Stadt, die er selbst ein akademisches
Dorf genannt hat, erzogen und entwickelt, konnte er schliesslich in
dem weltbrgerlichen Posa-Pathos des lange unterdrckten Schiller's
unmglich sich ergehen. Das Ideal, das sich langsam in seinem Gemthe
bildet, ist ein nationales und nordisch-romantisches Ideal.

Es ist ein lichtes Bild offener, vorwrts strmender und umformender
Kraft, halb kriegerischer, halb civilisatorischer Art. Es nimmt alle
die Gestalten an, die Tegnr im Laufe der Jahre mit Vorliebe gezeichnet
hat.

Er hat z. B. in einer Universittsrede Luther zu charakterisiren. Um
dies zu thun, stellt er ihn unter den Gesichtspunkt, von welchem aus er
die Mnner der That zu betrachten pflegt. Zuerst hebt er hervor, dass
Luther Allem, was er sprach und ausfhrte, den Stempel bersprudelnder
Kraft aufdrckte:

Es lag etwas _Ritterliches_, ja ich kann fast sagen _Abenteuerliches_
in seinem Wesen, in seinem ganzen Unternehmen .... Seine That war
wie eine ganze, sein Wort wie eine angefangene _Feldschlacht_. Er
war eine der gewaltigen Seelen, die wie gewisse Bume nur im Sturme
blhen. Sein grosses, _wunderreiches_ Leben kam mir immer vor wie ein
_Heldengedicht_ mit seinen Kmpfen und seinem endlichen Sieg.

Man fhlt um so strker die Natur des Redners aus dieser so einseitigen
Charakteristik des vielseitigen Gegenstandes heraus, wenn man bemerkt,
dass Tegnr hier Grundbestimmungen gegeben hat, die er einige Jahre
spter mit leicht vernderten Eigenschaften fast Wort fr Wort auf eine
von Luther so verschiedene Persnlichkeit wie Knig Gustav III. von
Schweden anwenden kann. Es bedarf kaum eines Beweises, dass es zwischen
dem derben schsischen Reformator und dem theatralischen, gallisirten
und unglubigen Monarchen kein anderes Band gab, als das, welches
Tegnr's Bewunderung fr beide schuf. Tegnr sagt von Gustav: Er
hatte in seinem Wesen nicht nur etwas Grosses, sondern zugleich etwas
_Ritterliches_; die hohe _Heldenkraft_ zeigte sich bei ihm nicht mit
Schild und Schwert, sondern im leichtesten Gewande der Anmuth. Er war
ein grosses _romantisches Heldengedicht_ mit dessen _Abenteuern_ und
Verzauberungen, aber zugleich mit den zrtlichsten Ergssen des Herzens
und den ppigsten Spielen der Freude.

Grsse, Kraft und abenteuerliche Romantik sind also die gemeinsamen
Grundbestimmungen fr Luther und Gustav; beide sind sie Ritter, und
beider Leben kommt Tegnr wie ein romantisches Heldengedicht vor. Was
konnte er anderes und mehr ber _Frithiof_ sagen; was hat er anderes
in Wirklichkeit darber gesagt, als er in seiner Selbstcharakteristik
auf das Lebensfrische, Trotzige, Uebermthige dieses Helden und dieses
Heldengedichtes hinwies!

Hier haben wir also die tiefste, festeste Grundlage, auf welcher seine
Vorstellungen vom heroischen Ideale sich allmlig ablagern.

Es finden sich einige jugendlich unschuldige Oden aus dem sechzehnten
Jahre Tegnr's, bei Gelegenheit des Gerchtes von Bonaparte's Tod in
Aegypten verfasst. Er verherrlicht in ihnen Bonaparte als den Helden
der Freiheit, dessen Ehre nicht durch Blut und Thrnen erkauft ist,
der aber Aufklrung und Glckseligkeit der ganzen Welt bringen wird.
Es ist ein Echo der Refrains der Humanittsperiode, das von diesen
Kinderlippen klingt. Sie rufen Napoleon ein kategorisches: Lebe fr
die Menschheit oder falle! zu. Der erwachsene Mann denkt darber
anders. In der grossen religis-politisch-litterarischen Reaction
gegen das Aufklrungszeitalter war die anti-gallische Hauptstrmung,
die Walter Scott und Oehlenschlger gewann, Tegnr vllig zuwider.
Die Reaction schlug aber eine sthetische Saite an, die mit seinem
Naturell bereinstimmte. Das war ihre Geringschtzung des Nutzens
als Massstab fr den Werth der That. Die auf die Spitze getriebene
Ntzlichkeitslehre und die damit verbundene Menschenliebe hatte sich
ja gegen den Begriff des Ritterlichen und Abenteuerlichen gewandt.

Der alte, ritterliche Traum, sagt Tegnr, von der Ehre der Vlker
wurde entweder geradeaus fr ein Hirngespinnst erklrt, oder Ehre und
konomischer Wohlstand als identisch betrachtet. In der Geschichte
wurde alles wie in einem Geschftsbureau nach dem, was es eintrug,
berechnet, und ein Spinnhaus oder eine Dreschmaschine hher geschtzt,
als Alexander's abenteuerlicher Zug nach Indien oder die unntzen Siege
Karl's XII..

Er bertreibt nicht; der arme Alexander der Grosse war in Schweden
von einem begeisterten Aufklrer weit unter jenen Wohlthter
der Menschheit gestellt worden, der die billige und nahrhafte
Braunschweiger Mumme erfand. Die jugendliche Vorstellung Tegnr's vom
tugendhaften, ntzlichen Helden wurde jetzt polemisch gendert und in
Uebereinstimmung gebracht mit der Einsprache der ganzen romantischen
Geistesrichtung gegen die philistrse Sorge fr menschliches
Wohl als eine Hauptsache. Die moralische Betrachtung musste der
romantisch-metaphysischen Vergtterung des Schicksalshelden weichen.
Der Weltgeist allein war verantwortlich.

    Was doch schmht ihr mich ohn' Ende,
    Ihr, des Augenblickes Scharen,
    Willenlos, der Kraft beraubt?
    Fangt den Schmetterling behende,
    Aber lasst den Adler fahren
    Frei um seiner Berge Haupt!

    Fragt der Donner, hergeschicket,
    Fragt der Sturmwind, dessen Sausen
    Rings die Erde hat gehrt,
    Ob auch Lilien sind zerknicket,
    Ob im grnen Hain das Brausen
    Auch ein liebend Paar gestrt?

So heisst es im Gedicht Der Held (Mohnike's Uebersetzung) 1813.
Diese Ansicht ist zwar weit entfernt, die endgltige Tegnr's zu
sein. Gewohnt, wie er war, zum Persnlichen wie zur hchsten Form
des Daseins emporzusehen, konnte er nur gelegentlich und halbwegs
aus Trotz sich pantheistisch ausdrcken wie hier. Und als ein
bewusst reflectirender Geist war er eher geneigt, an das Unbewusste
nicht zu glauben als es zu berschtzen; so hat er z. B. eine Menge
polemischer Ausflle gegen die Lehre von einer blinden poetischen
Inspiration gerichtet; so tiefe Wurzel hatte aber die Vorliebe fr
ein kriegerisches, sturm- und donnerartiges Vorwrtsstrmen in seinem
Gemth geschlagen, dass er nicht davor zurckscheute, ihr jenen
verwegenen Ausdruck zu geben.

Noch strker als in den verschiedenen Gedichten zur Ehre Napoleons
spricht sich die Verachtung der materiellen Ausbeute als Resultat der
Heldenthaten im Gedichte Alexander am Hydaspes aus. Tegnr hat den
Augenblick gewhlt, als die erschpften und ngstlichen Truppen den
grossen Alexander anrufen, sie nicht tiefer in Asien hineinzufhren,
sondern den Heereszug zurck nach der Heimath zu leiten. Der
Knig antwortet hhnend: Glaubt Ihr, dass ich als Jngling von
Macedoniens Gebirgen herunterstieg, um Euch Gold und Purpurgewnder
zu verschaffen? Ehre such' ich, nur Ehre und weiter nichts! -- eine
Antwort, die an Schrfe und Prcision nichts zu wnschen brig lsst.
Die Geringschtzung von Menschenleben und Menschenglck wird bei dem
hochbegabten und unverzagten Gewaltherrscher als unbedingt berechtigt
dargestellt.

Daher begreift man leicht, dass Karl XII., die zugleich verrckteste
und imposanteste Gestalt unter den Knigen Schwedens, ein Held ohne
Fehl fr Tegnr werden konnte. Er legt ihm kaum zur Last, dass er
mit all' seinen glnzenden Eigenschaften Schweden so tief von dessen
europischer Grossmachtshhe hinabstrzte, dass es sich nie wieder
zu erheben vermocht hat. Es war kein Zufall, dass Tegnr unter allen
schwedischen Dichtern derjenige wurde, welcher das schne Gedicht
ber den Knig schrieb, das, obwohl nur als Gelegenheitsgedicht
verfasst, der Nationalgesang Schwedens geblieben ist. Das unntze
Sich-in-Gefahren-strzen lockte immer seine Phantasie; die
Halsstarrigkeit, die, mit dem Blicke auf ein selbstgeschriebenes
Gesetzbuch der Ehre geheftet, klug zu handeln verachtet, war in seinen
Augen kaum ein Fehler, und die Gleichgltigkeit dafr, ob die That zum
Siege oder zum Verderben fhre, wenn sie nur leuchtet und lrmt, nach
seiner Vorstellung eher eine Tugend:

    Nordens Kraft ist Trotz, und Fallen
    Gilt als Siegesruhm uns allen

lsst er in seinem Epos Gerda den Bischof Absalon sagen.

Die Umsicht des Staatsmannes und des Gesetzgebers begeisterte ihn
nicht: aber er liebte den kniglichen Jngling vor dessen Wort des
Staatsmanns Netze zerrissen (Tegnr's Karl XII.); die lange voraus
erwogenen Plne des Feldherrn schienen ihm nicht das rechte Zeugniss
des kriegerischen Genies; aber er bewunderte ber alle Massen die
augenblickliche Eingebung auf dem Schlachtfelde und den ungestmen
Muth, der ihr folgt.

Man sieht es, wo Tegnr eine von Karl XII. so verschiedene und ihm so
berlegene Grsse wie den Retter des Protestantismus, Gustav Adolf,
schildert. Was er an ihm preist, sind nicht so sehr seine Verdienste
als Politiker und Heerfhrer, als vielmehr die Eigenschaften, die ihn
so viel wie mglich in Eine Reihe mit einem Soldatengeneral wie Karl
XII. stellen. Er verweilt mit Begeisterung bei den pltzlichen und
blitzartigen Einfllen auf dem Schlachtfelde, die ihn wie jedes
andere kriegerische Genie auszeichneten. Er lobt Gustav, dass er
die Gefahr um ihrer selbst wegen liebte, und sich freute, mit dem
Tode zu spielen. Kurz, er hlt den engen altnordischen Massstab der
Mnnlichkeit fest und strebt ihn sogar in den Fllen anzulegen, wo er
von der wirklichen Grsse weit berragt wird. Er betrachtet es z. B.
halbwegs als schmhlich fr Wallenstein, dass er (aus guten Grnden)
der Schlacht auswich, die Gustav, sein ritterlicher Gegner ihm bei
Nrnberg anbot.

Was nun diesem Tegnr'schen Ideale die letzte Retouche gibt, das
ist die Offenheit, die er von seinem Helden verlangt. Seine eigene,
ehrliche und derbe Natur spiegelt sich darin ab. Von Wallenstein sagt
er, dass man ihn einen grossen Mann genannt haben wrde, wenn er edel
und _offen_ gewesen wre. Edelmuth ist nicht genug, Offenheit wird
nicht weniger gefordert. Die alten nordischen Berserker warfen in ihrer
kriegerischen Hitze die Schilder auf den Rcken; Tegnr findet an
dieser Kampfesweise so viel Gefallen, dass er sie auch auf das geistige
Feld gern berfhrt sieht. Ja, die Offenheit scheint ihm sogar eine
Art Brgschaft fr die edle Denkweise und liegt ihm mehr am Herzen als
jene; denn in der herabsetzenden Charakteristik, die er von Wallenstein
gibt, betont er am strksten sein dsteres, zugeknpftes Wesen, ohne
ihm eigentlich unedle Zge vorzuwerfen. Ihm gegenber stellt er dann
Gustav Adolf auf als die lichte und freimthige Natur, mit einer
Offenheit ausgestattet, die unzweifelhafter bei Tegnr als bei dem in
der Regel verschlossenen und wenig zugnglichen Knig war.

So empfngt jede Gestalt, die Tegnr besingt oder schildert, einen
kleinen Druck, der sie in die Form des ihm vorschwebenden Heldenideals
hineinpresst.


                                 IV.

Innig mit der lyrischen Begeisterung bei Tegnr vereinigt ist nun die
ergnzende Fhigkeit, die ihn witzig im geselligen Verkehr, glcklich
im Epigramm und Impromptu, hervorragend als Professor, ausgezeichnet
als Briefschreiber, Redner und Prediger macht, und gross vor allem
in der versificirten, dichterisch bewegten und geformten Rede; eine
Fhigkeit, die nicht ohne Weiteres eine Anlage zur Rhetorik genannt
werden kann, aber die ich vorlufig, wenn auch nur undeutlich, als das
Geistreiche bei ihm bezeichnen mchte.

Sein Geist war nicht der franzsische Esprit. Dieser ist in seiner
eigenthmlichsten Form bei Voltaire reiner, bildloser Verstand. Der
Geist Tegnr's erging sich dagegen fortwhrend in Bilder. Er dachte in
Bildern, desshalb sprach er in Bildern. Die Gabe des abstracten Denkens
fehlte ihm, ja ging ihm so vollstndig ab, dass er nicht einmal bei
andern an ihre Resultate glaubte: die Metaphysik war ihm ein Greuel
als Hirngespinnst, dessen Fden er nicht zu unterscheiden vermochte,
die Dogmatik war sein Schrecken als ein Bndel Absurditten, aus
denen er nichts Verstndliches herausfinden knne. Und er hatte einen
guten, gesunden, selbstvertrauensvollen Verstand, der instinctiv alle
Dunkelheit des Denkens und der Rede verabscheute. Er hatte einen so
lebhaften Trieb, sich alles, was er dachte und fhlte, anschaulich zu
machen, dass unaufhrlich Bild auf Bild sich bei ihm drngte. Dies
war es, was seiner Rede das elektrisch Funkelnde und Blitzende gab,
von welchem die Zeitgenossen so stark ergriffen wurden; was seinen
Briefstil so unterhaltend machte und unwillige Kritiker veranlasste,
seine Dichtungen mit prachtvoll bunten, inhaltslosen Seifenblasen zu
vergleichen; dies endlich machte ihn witzig, denn es giebt eine Art von
Witz, die auf dem neuen, berraschenden Aufeinanderplatzen der Bilder
beruht. Dies Geistreiche mchte ich die Fruchtbarkeit der Form bei ihm
nennen. Er hat wenig geschrieben, nie einen poetischen Inhalt erfunden.
Aber die Stimmung, in welche die geistige Productivitt ihn versetzte,
sprosste und blhte jeden Augenblick; sie konnte nur ausnahmsweise
grosse, durchgefhrte Gestalten oder einfache, von wenigen Hauptlinien
geformte Bilder entwerfen, aber sie brachte unaufhrlich Miniaturbilder
hervor, die antithetisch oder contrastirend gegen einander standen,
in einander berglitten, vereinigt wurden und sich verpflanzten.
Revolverartig war sein Gemth mit Einfllen geladen, und sie folgten
sich Schuss auf Schuss gegen denselben Punkt gerichtet, treffend, aber
einander verdrngend. Der Gedanke und das Bild waren in seinem Gemthe
nicht getrennt; sie wurden auch nicht zusammengesucht, wie seine Gegner
es geglaubt und behauptet haben. Und doch waren sie nicht wie bei den
grssten Dichtern ohne weiteres Eins.

In seiner Einbildungskraft verhielt sich der Gedanke zum Bilde
ungefhr, wie sich die Anfangsbuchstaben in alten Mnchsmanuscripten
zu den Miniaturmalereien verhalten, welche mit ihnen verflochten und
um sie herum ausgefhrt sind. Man denke sich eine Handschrift, in
welcher nicht nur einzelne, sondern die berwiegende Mehrzahl von
Hauptschriftzeichen auf solche Weise malerisch verziert sind, und man
wird eine Art Vorstellung von den Reihen bereinstimmender Ideen- und
Bilderassociationen erhalten, welche Tegnr's Gehirn unaufhrlich
erzeugte. Oder man erinnere sich einer jener Statuetten aus der
beginnenden italienischen Renaissance, wo der Knstler zu seinem
Vergngen am grsseren Standbild kleine Bilder ausgefhrt hat, wo er
z. B. auf dem von Goliath's Haupt gefallenen Helm, welcher vor den
Fssen David's liegt, ein kleines Basrelief von einer Quadriga im
Galopp ciselirt hat, das zwar einen Theil des Ganzen bildet, aber durch
den losen Zusammenhang damit und durch den selbstndigen Anspruch auf
Beachtung das Interesse zersplittert. Man denke sich ein dichterisches
Gemth, in welchem die Vorstellungen solche kleine Basreliefs bilden,
und einen Vortrag, der diese noch obendrein colorirt, so macht man
sich eine annhernd richtige Idee von der Weise Tegnr's, seine
dichterischen Motive auszufhren. Sein Stil ist eine Art chromatischer
Architektur und Sculptur und hat die anziehenden und abstossenden
Eigenschaften derselben. Die farbige Bildhauerkunst kommt in unseren
Tagen manchem barbarisch vor, und doch haben die Griechen sie angewandt
und nie ganz aufgegeben. Sie kann nicht ungriechisch genannt werden
und erscheint doch vielen jetzt Lebenden geschmacklos und veraltet.
Die Gedichte und Reden, in welchen Tegnr's eigenthmliche Manier
am strksten und deutlichsten hervortritt, knnte man mit jenen
griechischen oder rmischen Statuen vergleichen, die eben so wohl
durch ussere Pracht wie durch ideelle Schnheit wirkten. Die Gttin
hatte goldene Ketten um den Hals, schne lange Schleier und Ohrringe;
sie besass einen vlligen Kleidervorrath und einen vollstndigen
Juwelenschrein. Ebenso haben bei Tegnr der Goldschmied und der
Knstler zusammen gearbeitet. Oft mit Erfolg, und das Resultat ist
ein anziehendes Ganzes geworden, das nur ein Pedant oder Doctrinr
verwerfen knnte. Nicht selten jedoch so, dass das Resultat eine recht
starke Uebertreibung geworden ist. Ein Schriftsteller der damaligen
Zeit (der witzige Palmr) tadelte dies einmal mit Worten, die in das
Gleichniss, das ich eben gebrauchte, hineinpassen: Grsse deine Muse,
sagt er, und bitte sie, sich nicht mit Metaphern zu berlasten, wie
sie es pflegt. Diese Juwelen mssen, selbst wenn sie echt sind, mit
Mass getragen werden. Lass sie sich die Schmucksachen um den Hals
anlegen, in die Ohren und an die Finger, wenn du willst, aber -- an die
Zehe -- pfui Teufel!

Ich kann mich genauer durch Beispiele erklren. Maria in Axel
beschliesst, dem russischen Heere verkleidet als Soldat zu folgen:

                          Ein Kriegerhut
    Verbirgt der schwarzen Locken  Fluth.
    Den Busen eng ein Koller hllet,
    Pulver und Blei den Rnzel fllet,
    Und um die Schulter hngt sie her
    _Des Todes Sehrohr_, ein Gewehr.

Der Ausdruck des Todes Sehrohr fr den Bchsenlauf ist malerisch
und insofern nicht bel; aber das Bild gehrt nichts desto weniger
eigentlich nicht hier her; es hat nicht nur nichts mit Maria's
Gestalt zu thun, sondern es entspricht ausserdem nur einem Gewehr im
allgemeinen, nicht dem Gewehr, das um ihre Schulter hngt; denn dieses
wrde kaum einen Schweden tdten. Auf mich wirkt dieses Bild, als she
ich am Rande des Textes eine sorgfltig ausgefhrte Miniatur von dem
unheimlichen Gerippe, das mit der Hand, welche die Sense frei gelassen
hat, zielend die Bchse an's Auge legt.

In den Abendmahlskindern bittet der alte Pfarrer seine Confirmanden,
Gebet und Unschuld zu Fhrern ihres Lebens zu whlen. Beide werden
sofort mit ein paar Strichen personificirt, und dann wird das Bild zu
einem kleinen biblischen Relief ausciselirt, der Art wie man sie in
Italien an den Broncethren von Kirchen und Baptisterien sieht:

    Unschuld, Kinder, sie ist ein Gast aus seligern Welten,
    Schn mit der Lilj' in der Hand -- auf den brausenden Wellen
                                           des Lebens
    Schwankt sie getrost, sie bemerket sie nicht, sie schlummert
                                           im Schiffe.

Oder man nehme ein Beispiel aus Tegnr's Briefstil. Er eifert (1817)
gegen die europische Reaction: Blick' auf die Zeichen der Zeit
gen Nord und Sd! Weisst du eine Niedrigkeit, eine Barbarei, ein
wahnsinniges Vorurtheil, dessen Wiedergeburt sie nicht verheissen? Die
Schlange der Zeit hutet sich oft; aber widerwrtiger als jetzt, gerade
jetzt, war sie nie, so weit die Geschichte zurckgeht, zischte sie auch
lauter Psalme, und wre ihr Rcken auch mit Bibelsprchen so bermalt
wie ein Grabstein. Liegt nicht in diesem energischen, aber vollkommen
unaffectirten Streben nach Anschaulichkeit etwas, was an chromatische
Sculptur erinnert? Erblickt man nicht frmlich die Schlange der Zeit
vor sich mit rothen Conturen, und nimmt sich nicht ihr mit wunderlichen
Ziffern bedeckter Rcken aus wie das Bild eines mit Hieroglyphen oder
Keilinschriften bedeckten Gottes in Thiergestalt an einer gyptischen
oder assyrischen Wand? Und wenn man endlich die Gleichnisse liest,
mit welchen Tegnr in Frithiof Frauenschnheit zu malen versucht,
versteht man dann nicht, warum ich an den harten Metallglanz der Farben
an einem antiken Idol erinnerte?

    O wie doch Gerda's Wange lacht,
    _Gleich frischen Schnee in Nordscheinpracht_.
    Ich kenne Wangen, wenn sie blhen,
    _Zugleich zwei Morgenrthen glhen_.

Es wre ungerecht, diese letzte Strophe als angemessenes Beispiel von
Tegnr's malerischem Verfahren anzufhren; aber es liegt auch darin
etwas Typisches. Die meisten der Gleichnisse, welche die Phantasie
Tegnr's hervorbringt, kommen mir durch ihren, die Natur weit
berschreitenden Glanz ungefhr so vor, wie das Bild, das er seine
Ingeborg von Frithiof's Falken weben lsst:

    Ihm auf der Hand
    Wirk' ich dich hier in des Teppiches Rand,
    _Silbern_ die Schwingen zu schauen,
    _Golden_ die Klauen.

Etwas Conventionelles und Steifes lsst sich bei einer Vorliebe dieser
Art schwerlich vermeiden. Die Neigung, jeden Begriff in ein Bild zu
verwandeln, verleitet in nichtinspirirten Augenblicken Tegnr zum
gewohnheitsmssigen Benutzen einmal angewandter Gleichnisse, die
dann fast stereotyp zurckkehren. So hat er (um nur bei den Vgeln
zu bleiben) ein paar Vogelgestalten, welche er unermdlich anbringt:
den Adler, die Nachtigall, die Taube. Sie stehen als Aequivalente
fr Kraft, Poesie und Frmmigkeit. Der Adler hat, so verwendet, bei
Tegnr nicht mehr von der Natur des wirklichen Adlers behalten, als die
Adler, welche frstliche Wappen schmcken; Tegnr's Adler ist ein rein
heraldischer. Man kann in seinen Gedichten Zeilen finden wie diese:
Die arme Psyche, wie sie auch fliegt, ist auf der Erde ein Adler
mit Schmetterlingsflgeln, oder Gleichnisse wie folgende von einer
schn singenden Dame: Sie hatte eine Nachtigall im Halse, und eine
schneeweisse Taube sass Nacht und Tag in ihrem Herzen. Ein Adler mit
Schmetterlingsflgeln ist ein zu naturwidriges Geschpf, und wenn die
Nachtigall in einem weiblichen Halse fest angebracht wird, trgt sie
nicht eben dazu bei, die Anschaulichkeit zu vermehren.

Er hat selbst in seiner Antrittsrede als Mitglied der schwedischen
Akademie die Bildersprache vertheidigt. Er betont den Zweck der Poesie,
der Einbildungskraft Erscheinungen, nicht Begriffe, zu bieten, und das
Wesen der Sprache, eine Gallerie verblichener Bilder zu sein, welche
der Dichter nothwendig auffrischen muss. Er hat hierin durchaus nicht
Unrecht, htte sich aber zu Herzen nehmen sollen, was die griechische
Dichterin Corinna einst zu Pindar sagte, das grundhellenische Wort,
dass man mit der Hand und nicht mit dem Sacke sen solle. Zum Glck
fr ihn war der Grundmangel seiner schpferischen Begabung, die
eigenthmliche Mischung von Armuth und Verschwendung so populrer
Natur, dass sie in seinem Lande und zu seiner Zeit ihm den Weg zum Ruhm
eher ebnete als versperrte.


                                  V.

Tegnr wurde um die Mitte von Gustav's III. Regierungszeit geboren.
Der Knigsmord wurde begangen, als er zehn Jahre alt war; er, der in
spteren Jahren sich so gern einen Gustavianer nannte, hatte folglich
nur Kindheitserinnerungen von jenem Zeitalter und keine anderen
persnlichen Eindrcke von Gustav's Wesen, als die aus zweiter Hand
durch eine verschnernde oder idealisirende Legende. Und selbst einer
solchen bedurfte es kaum, um jene Periode als eine Glanzzeit erscheinen
zu lassen im Vergleich mit der bleiernen Zeit, die ihr folgte. Gustav
III. war eine energische Persnlichkeit, mit ausgezeichneten Anlagen,
ungewhnlichen Tugenden und glnzenden Lastern; ein eitler Despot,
aber ein aufgeklrter Geist, einer der vielen gekrnten Voltairianer
des 18. Jahrhunderts, aberglubisch und freidenkerisch, frivol und
geistreich, in kleinen Sachen kleinlich, aber mit Zgen wahrer Grsse,
tapfer, grossmthig, ein Theaterheld mit wirklichem Muth in der
Brust. Er zog sein Leben lang durch die Magie seines Geistes alle
litterarisch begabten Mnner seines Landes an, besonders die Dichter,
welche in ihm einen Collegen sahen; keiner von ihnen konnte sich
einer so ausgeprgt dramatischen Begabung rhmen, als er sie besass.
So kam es, dass er auf lange Zeit den Sitten, den Gesprchsformen,
der Litteratur das Geprge der feingebildeten, leichtfrivolen Bildung
aufdrckte, und es ist der Conversationston aus seinen Tagen, der noch
unter Karl Johann den Briefen Tegnr's ihre Anmuth und ihren Schwung
verleiht. Seine Gestalt war in der Geschichte stehen geblieben, wie
eine tchtige Statue von Bernini; manierirt, coquett, affectirt,
wenn man so will, mit windig brausendem Faltenwurf, aber die Haltung
war khn und der Eindruck bedeutend; das konnte man nicht leugnen,
wie wenig die Figur auch einem zusagen mchte. Und was war nach ihm
gekommen? Zuerst die Vormundsregierung unter dem Bruder Gustav's, dem
Herzog von Sdermanland, die den Zeitraum von Tegnr's zehntem bis zu
seinem vierzehnten Jahre umfasst. Der Regent, ein im Dienste der Venus
frh ergrauter Schwachkopf, zur Beute jeder Phryne und jedes Cagliostro
geschaffen, wurde von seinem Gnstlinge Reuterholm, dem Typus brutaler
und unfhiger Herrschsucht, vollstndig beherrscht. Nicht aus
Freiheitsliebe, sondern um indirekt einen Tadel gegen den ermordeten
Knig auszusprechen, fhrten diese gedankenlosen Mnner Pressfreiheit
in Schweden ein, und ohne Vorbereitung oder Uebergang strmten nun
alle die Brandschriften der Revolutionszeit in das Land hinein. Auf
die lange Unwissenheit ber das, was in Frankreich und Europa vor sich
ging, folgte jetzt ein emprter und unreifer Freiheitsenthusiasmus.
Unter Gustav war das Wort Republikaner noch mit dem Worte Philosoph
gleichbedeutend gewesen, und ein Hofmann, wie Rosenstein, konnte noch
im Jahre 1789 dem Knig seinen Neffen mit den Worten empfehlen, dass
der junge Mann zwar von der republikanischen Denkart angesteckt sei,
dass aber diese, innerhalb der gebhrenden Grenzen gehalten, die
Liebe zum _Knig_, zum Vaterland und zur Ehre nur steigere. Jetzt
erhielt das Wort, der Erbrmlichkeit auf dem Throne gegenber, einen
genaueren Sinn. Mit Spannung folgte man dem Vertheidigungskriege der
franzsischen Republik; ihr Sieg war fr die ffentliche Stimmung
entscheidend; die friedlichen Kleinstdter Schwedens sprachen im selben
Tone wie die usserste Linke des franzsischen Convents.

Kaum war das Unglck geschehen, als das ein halbes Jahr frher mit so
viel falschem Pathos erlassene Pressfreiheitsgesetz aufgehoben, und
durch ganz Schweden Jagd auf den Jacobinismus gemacht wurde; selbst die
loyale schwedische Akademie wurde, weil sie den vllig ungebildeten
Gnstling des Regenten bei der Wahl berging, als Jacobinerclub
behandelt und geschlossen.

Eine Niedrigkeit der schlimmsten Art liess die Verachtung ihren
hchsten Grad erreichen. Die Verschwrung Armfelt's, des schwedischen
Alkibiades, war entdeckt worden, und der Herzog-Regent versuchte bei
dieser Gelegenheit das junge schne Frulein Rudenskjld, eine der
Zierden des Hofes, fr die Hartnckigkeit grausam bssen zu lassen,
mit welcher sie die galanten Antrge des bejahrten, verheiratheten
Lstlings abgewiesen hatte. Aufgefangene Briefe lieferten den
Beweis, dass sie Armfelt's Geliebte gewesen, sie wurde verhaftet
und der Mitschuld angeklagt; als aber der Herzog durch seinen
Kanzler gerichtlich beanspruchte, dass sie wegen Unsittlichkeit
auf ffentlichem Markte gepeitscht werden sollte, drckte ihm die
Erbitterung des Volkes ein so tiefes Brandmal auf, dass weder die Zeit
es tilgen, noch die weissen Haare des Alters es decken, ja nicht einmal
die, aus Klugheit sohnliche, Haltung Bernadotte's dem spteren Carl
XIII. gegenber, es in Vergessenheit bringen konnte.

Whrend all' dieses sich ereignete, war Tegnr noch zu jung, um es
miterleben oder verstehen zu knnen. Aber die Nachwirkungen in seinem
Gemthe waren tief und stark. Kein entlegener Winkel auf dem Lande lag
so fern, dass nicht Funken vom Revolutionskrater dahin stoben; kein
aufgeweckter Junge ging in dem Masse in seine Lectionen auf, dass er
nicht Ausbrche von Verachtung ber Hof und Regierung hrte und sich
das Seine dabei dachte. Die verfolgte Aufklrung wurde ein magisches,
ein theures Wort fr den Jngling. Die schwedische Akademie, die
unter anderen Umstnden leicht ein Gegenstand seines Unwillens htte
werden knnen, schon als Akademie, als officielle und altmodische
Vergoldungsanstalt der Mittelmssigkeit, erschien ihm frh ehrwrdig
schn, als eine Ritterwacht des Lichts, die einmal ihre Probe bestanden
hatte. Der herrschende Revolutionsgeist, der Tegnr's harmonische Seele
nicht hinzureissen vermochte, leitete ihn zum bedingten Royalismus, der
sich berall in seinen Schriften kundgibt. Er war kniglich gesinnt,
wenn der Knig des Thrones wrdig war, sonst nicht.

Im Jahre 1796 war die vormundschaftliche Regierung zu Ende, und
von da bis 1809 (d.h. von Tegnr's vierzehntem bis zu seinem
siebenundzwanzigsten Jahre) folgte als Knig Gustav IV. Adolf.
Pedantisch-ehrbar, steif-ernst, streng-sparsam, wie er war, musste er
bei seinem ersten Auftreten einen wohlthuenden Gegensatz zu seinem
Oheim bilden. Aber bald zeigte es sich, dass diese junge Erscheinung
vllig unnational war. Es war eher eine spanische, als eine schwedische
Physiognomie. Gustav IV. hat einen hohen Grad von Aehnlichkeit mit
dem Typus spanischer Decadence-Regenten, deren Wesen sich nach dem
grossen, traurigen Schatten Philipp's II. formte, der so lange nach
seinem Tode noch immer Madrid beherrschte. Dasselbe kleinliche Hangen
an der Etiquette, derselbe dstere Hochmuth, dieselbe linkische
Steifheit, die gleiche melancholische Religiositt unter fanatischem
Glauben an das Knigthum von Gottes Gnaden. Der Hof, der zehn Jahre
frher sich wie ein festliches Gemlde von Watteau ausgenommen hatte,
war nun so still und ceremoniell, wie der spanische unter Carl II.,
und der grosse Philipp selbst konnte ein Vergehen gegen die Majestt
nicht strenger bestrafen, als Gustav die Schuld, auf der Strasse den
Hut nicht vor ihm abgezogen zu haben. Er hatte an Rosenstein einen
freisinnigen und vortrefflichen Erzieher gehabt. Gustav III. liess
den ehrenhaften Lehrer walten. Rosenstein, sagte er, mag immerhin
meinen Sohn zum Philosophen erziehen; er wird schon Royalist, sobald er
Knig wird. Der Vater that selbstverstndlich nichts dafr, ihm den
hartnckigen Offenbarungsglauben beizubringen, der ihn Prophezeiungen
ber sein Schicksal in der Apokalypse lesen liess. Aber die Reaction,
die bei dem Wechsel des Jahrhunderts berall in der Luft lag, kam
wie auf Schleichwegen und umspannte das Gemth des Kronprinzen. Die
Frivolitt des Vaters hat wohl abschreckend gewirkt und den ersten
Stoss nach rckwrts gegeben; die Ermordung des Vaters gab den zweiten.
Bald ging er in majesttischem Selbstgefhl weiter, als irgend ein
Bourbon. Er verbot den Zeitungen das Pronomen Wir in solchen
Wendungen zu gebrauchen wie: Wir erwarten mit Ungeduld Nachrichten,
wir haben hier strengen Winter, weil dieses ihm wie ein Eingriff
vorkam in jenes knigliche Prrogativ, welches Pluralis majestatis
genannt wird. Er liess alle erscheinenden Schriften auf's genaueste
untersuchen und hegte persnlich einen so grossen Abscheu vor Bchern,
dass er seine Freude usserte, wenn er hrte, dass eine Buchdruckerei
eingegangen war. Selbst las er niemals anderes, als die Bibel und das
Exercirreglement.

So war der Knig beschaffen, der in seinem thrichten Krieg gegen
Napoleon nicht rastete, bis er Stralsund und Rgen verloren hatte,
und dessen wahnsinniger Krieg gegen Russland dazu fhrte, dass ein
russisches Heer (1808) definitiv ganz Finnland eroberte. Runeberg
hat in seinem Gedichte Der Knig in Fnrik Stal ihm das Denkmal
gesetzt, das er verdiente. 1809 zwangen ihn ein paar beherzte
Officiere, dem Thron zu entsagen. Der Herzog von Sdermanland
folgte ihm als Carl XIII., und als dessen Adoptivsohn bald hernach
starb, geschah es, dass die unrichtige Vorstellung, Napoleon zum
Gefallen zu handeln, und die illusorische Hoffnung, dadurch Finnland
zurckzugewinnen, die franzsische Partei in Schweden Bernadotte
zum Kronprinzen whlen liess. Seine Gestalt trat aus dem dunklen
Hintergrund der Schatten seiner Vorgnger mit Glanz hervor. Whrend
eines Zeitraums von dreiunddreissig Jahren leitete der kluge Gascogner
Schwedens Politik, und dieser Knig, dessen Regierungszeit mit den
krftigsten Jahren Tegnr's zusammenfllt, theilt mit ihm die Ehre,
der Generation, die er beherrschte, den Namen gegeben zu haben. Der
Zeitraum von 1810 bis 1840 gehrt Carl Johann und Tegnr.

Dies sind die Bilder der Regenten, welche damals nach einander Schweden
ihre Physiognomien aufdrckten und deren Profile auf die Mnzen geprgt
wurden, welche durch die Finger Tegnr's glitten, whrend er Kind,
Schreiber, Student und Magister war.


                                 VI.

Tegnr ist Docent an der Universitt zu Lund, 22 Jahre alt, und er
verbringt seine Sommerferien auf dem Gute Rmen bei der Familie
Myhrmann, mit deren jngster Tochter Anna er verlobt ist. Hierhin
kommt eines Tages im September zum Besuch der gleichaltrige, spter so
berhmte Geschichtsschreiber und Dichter Erik Gustav Geijer; beladen
mit der neuesten Weisheit des Tages und berstrmend von jugendlichem
Drang, sich mitzutheilen und Ideen zu errtern, macht er einen Versuch
nach dem anderen sich Tegnr zu nhern. Aber er kann nicht recht den
gemeinsamen Boden finden. Der schlanke und blonde Schwiegersohn des
Hauses ist unstt und voller Launen, ein verliebter Trumer, ein
lachlustiger Sptter. Es glimmt in seinen Augen und es blitzt aus
seinen Worten. Man kennt so wenig den Gang seiner Gedanken, wie den Weg
des Sonnenstrahls durch das Laub. Die zwei jungen Leute gehen zusammen
spazieren und discutiren unterwegs. Wir knnen sie sprechen hren. Der,
welcher das Wort fhrt, ist Geijer:

Was Tegnr wohl ber die Volksbildung in dieser Gegend meine? ob er
nicht auch glaube, dass alle sogenannte Volksaufklrung vom Uebel
sei? Er, Geijer, sehe die 'gesunde Vernunft' der Massen fr das
unglcklichste Blendwerk an, das zu verehren Jemanden einfallen knnte.
Nur die Auserwhlten der Menschheit htten den hheren Sinn, der die
Wissenschaft in ihrer Wahrheit aufzufassen vermge. Ob das nicht auch
die Meinung des Herrn Docenten sei?

Nein, das meine er nicht, das nenne er Mystik.

Mystik! was verstehe er unter Mystik.

Nun, sich auf den Rcken zu legen, ein Schlfchen zu machen und sich
von der Kraft des Hchsten beschatten zu lassen.

Ernst gesprochen -- nehme er keine intellectuelle Anschauung an?

Nein, er sei nicht fr Deutschthmelei -- desto mehr aber fr
Blaubeeren; und gerade hier wuchsen einige ausgezeichnete, in deren
Genuss er sich grndlich vertiefte. Er zweifle brigens nicht, dass
Geijer all' das besser verstehe, habe ihn auch immer ein Genie nennen
hren, und dergleichen Leute knnten sich schon mit der Philosophie
einlassen. Er dagegen, welcher von sich selbst wisse, dass nicht mehr
Vernunft als er unumgnglich bedrfe, um durch die Welt zu kommen, in
sein Loos gefallen sei, spiele nicht gern anders Blindekuh als mit
jungen hbschen Mdchen, hchst ungern mit so gelehrten Herren wie Kant
oder Schelling.

Aber ohne Mysterium und ohne Mystik keine Religion.

Ob Geijer die Facultt in Lund anerkenne oder nicht? Diese ehrwrdige
Pedantengesellschaft habe ihm, Tegnr, das wohlverdiente Zeugniss
ausgestellt, dass er ein stilles und 'gottesfrchtiges' Leben gefhrt,
etwas, das in diesen letzten Zeiten selten genug sei. Was dagegen das
zur Seligkeit so hchst nothwendige Dogma von der Dreieinigkeit angehe,
so liege das vllig ber seinem intellectuellen Horizont.

Trotzdem lasse es sich doch sehr gut erklren. Es liege kein
Widerspruch im Begriffe der Dreieinigkeit; denn der Gegensatz setze
schon die Einheit voraus. Gott als das absolute Wesen werde nicht,
sondern sei von Ewigkeit her, und sei doch im Werden begriffen, denn
er schaffe Alles und sei in Allem. Dieser Widerspruch werde einfach
dadurch aufgelst, dass die, welche sich gegenseitig voraussetzen,
in Wirklichkeit Eins seien; der Vershner und der Vater seien,
speculativ aufgefasst, Eins obwohl nicht Einer .... sei das nicht jedem
edelgeborenen Gemthe klar?

Tegnr, der ganz verloren im Anblick einer hpfenden Bachstelze
dastand, antwortete zerstreut, dass er angeborene Adelsprivilegien
nicht anerkenne.

In welchem Sinne nicht? Im Staate sei Geijer im hchsten Grade fr
erblichen Adel.

Und ich, antwortete sein Gegner, den Mund voll Blaubeeren, ich war
von Kind auf ein Stck von einem Jacobiner.

Das Wort hatte, wie schon angedeutet, eine weniger Schrecken einjagende
Bedeutung in Schweden als in Frankreich, abgesehen davon, dass es in
Tegnr's Mund halb Scherz war. Aber im Scherz lag der Ernst, dass er
zu den aufrichtigen Freunden der Freiheit im Staatsleben und im Denken
gehrt, welche die Blutthaten der Revolution nicht eingeschchtert
hatten. Mit wirklichem Abscheu versprte er am Anfang des Jahrhunderts
den Einmarsch der politisch-religisen Reaction in Schweden vom Sden
her, und es war ein noch nicht einberufener Soldat vom Heere der
Aufklrungscivilisation, der hier auf einen der ersten und am weitesten
vorgeschobenen Vorposten des romantischen Feudalismus stiess.

Tegnr kam frh genug zur Welt, um (gleich all' den hervorragenden
Mnnern Europa's, deren Jugend in das Ende des achtzehnten Jahrhunderts
fllt) in's Leben hinauszusteuern, die Segel geschwellt von dem grossen
kosmopolitischen Freiheitswind, der damals ber die Erde ging. Seine
frheste Lectre waren natrlicherweise die Gustavianischen Classiker
Schwedens, welche in philosophischer Hinsicht auf Locke, in allgemein
litterarischer auf Voltaire fussten. Sowohl Kellgren wie Leopold waren
Voltairianer, und beide waren politisch freisinnige Mnner, die auch
nicht bei Hofe ihre Ueberzeugung verleugneten. Sie hteten sich, die
religisen Gefhle der Menge durch Spttereien zu verletzen; aber sie
bewahrten und verfochten mit Glanz die Traditionen des Jahrhunderts.
Das satirische Gedicht Die Feinde des Lichts von Kellgren war eine
Fahne. In derselben Richtung wie die Poesien dieser Mnner, nur mehr
dichterisch befruchtend, hat Schiller auf den jungen Tegnr gewirkt. An
der Grenze der Jnglingsjahre besingt er, wie Schiller, die Aufklrung
in einem Gedichte ber Rousseau, und schreibt reflectirende Verse ber
Gegenstnde wie die Religion, die Cultur, die Toleranz, im Geiste der
Zeit.

Weder Familienberlieferung noch Erziehung leitete den Pfarrerssohn
zur Opposition gegen den christlichen Dogmatismus. Er empfing wie all'
seine aufgeweckten Altersgenossen schon fast als Knabe die kalte Douche
Voltaire's. Sechzehn Jahre alt schreibt er: Ich lese jetzt Voltaire;
aber sehe nicht, wie ich auch nur das Wichtigste und Nothwendigste zu
Ende lesen kann. Alles ist vortrefflich, und es ist schwierig, unter so
vielem Schnen zu whlen. Die meisten seiner Zeitgenossen liessen sich
aber mit hnlichen Voraussetzungen schnell vom vernderten Zeitgeiste
zum ussersten religisen Conservatismus fhren. Dazu war Tegnr zu
ehrlich und zu gross. Was ihn in religiser Hinsicht dagegen sicherte,
seine Selbstndigkeit zu verlieren, war das krftige, von ihm selbst so
genannte _heidnische_ Element seiner Natur, das durch den soliden Bau
und die gediegene Festigkeit seines Wesens bedingt war. Von doppelter
Art waren die Mnner rings um ihn her, welche die Reaction gegen das
achtzehnte Jahrhundert so stark mit sich fortriss, dass sie dadurch
zur Orthodoxie und zum Feudalismus gefhrt wurden. Theils waren es
Schriftsteller, deren Naturen darauf angelegt waren, in Stimmungen
die mittelalterliche Gefhlsscala zu durchlaufen, das heisst: --
mehr in der Phantasie als in Wirklichkeit -- in Zerknirschung und
Selbstverachtung zusammenzubrechen, um sich durch den bernatrlichen
Beistand der Gnade zur Seligkeit zu erheben; diese zeichneten sich
in der Poesie durch nervse Ueberreizung in allen Formen aus:
durch mystisch-platonische Andacht, schluchzende Melancholie,
intensiv-sinnlichen Erotismus, abschreckenden Dnkel; sie bildeten die
eigentlich romantische (in Schweden sogenannte phosphoristische)
Phalanx; die angegebenen Merkmale sind in ungleichem Grade bei
Atterbom, Stagnelius, Hammerskjld u.s.w. hervortretend, finden
sich aber bei Allen. Die zweite Classe von Mnnern hatte breitere
Schultern und gesundere Seelen; es waren historische Schwrmer, welche
das Nationalgefhl, die Liebe zum Glauben und zu den Institutionen der
Vorzeit blind gemacht hatten fr all das Berechtigte und Grosse in der
Kritik des vorhergehenden Jahrhunderts -- Geijer und der um ihn sich
bildende gothische Bund in Upsala, an dessen nationale Bestrebungen
Tegnr sich anschloss, ohne weder auf die religisen noch auf die
politischen Sympathien und Lehren des Bundes einzugehen.

Das Heidnische, das Tegnr in seiner Natur vorfand, sog aus seinen
frhesten Studien doppelte Nahrung, erst aus dem Verhltniss
zum nordischen Alterthum, dann aus der Beschftigung mit der
antiken Poesie. In einem Briefe von 1825 schreibt er: Eine
gewisse Seelenverwandtschaft mit unseren barbarischen Voreltern,
welche keine Cultur ausmerzen kann, trieb mich immer zu ihren
grotesken aber grossartigen Formen zurck. Das, woran er mit
dieser Seelenverwandtschaft dachte, war jener Eigenwille des alten
Skandinaven, der sich bei ihm in herausforderndem Wesen verrieth,
und jener bei den Alten hervortretende Hang zur Schwermuth, die
sich bei ihm nicht in romantischem Lamentiren, sondern in der
ernsten und bisweilen dsteren Grundstimmung offenbarte, die nach
seinem vierzigsten Jahre so reichliche Nahrung fand, dass sie, zum
Lebensberdruss und zur Menschenverachtung ausgeartet, sich immer
gewaltsamer usserte. Er hat sich dichterische Symbole fr dies
Titantische in seinem Wesen, fr riesenstarke Naturmacht, fr innere
Unruhe unter dem Drucke riesiger Schwere bald bei den Skandinaven,
bald bei den Griechen gesucht, und die altnordische und altgriechische
Mythologie sind dabei in seiner Phantasie in einander bergegangen. Der
altnordische Riese spricht bei ihm ganz wie Goethe's Prometheus:

    Ich hasse weisse Asen
    Und Askur's Shne,
    Sich beugend vor den Gttern,
    Die ich verachte.

und seine Klage Die Asenzeit ist mit Schiller's Die Gtter
Griechenlands so verwandt, dass der Dichter unzweifelhaft das Motiv
aus diesem Gedichte entnommen haben muss:

    Du hohe Zeit, noch stehst im Gedchtniss du
    Als leerer Harnisch; wer fllt ihn noch heut zu Tage?
    Die schlaffe Zeit tritt scheu und mit Angst hinzu,
    Das Heldenleben im Norden ist nur noch Sage.

    Schlaf ruhig, Vorzeit! Umsonst Iduna bringt
    Dich noch an's Licht, wie aus Grbern die rostige Wehre;
    Ein ander Geschlecht zu anderen Gttern singt,
    Des Sanges Sehne zerbrach mit der Thaten Speere.

Auch hier ist nordisches und griechisches Heidenthum in seiner
Erinnerung zusammengeschmolzen.

In Wirklichkeit bekam das Heidnische in Tegnr's Wesen erst eine
hhere Weihe, als er die althellenische Litteratur kennen lernte.
Hier traf er eine vorchristliche Cultur, die nicht in trotzigem,
persnlichem Kampfe, sondern in vershnter Schnheit gipfelte. Er
sah hier das Humane auf einmal dichterisch und religis sich in sich
selbst abrunden. Vom Gesichtspunkt dieser Schnheitswelt gesehen,
gab jenes Uebernatrliche, gegen welches das vorige Jahrhundert
so leidenschaftlich Krieg gefhrt hatte, nicht mehr dem Gemthe
Aergerniss, sondern fiel als berflssig fort. Tegnr's Deismus
sonderte sein polemisches Element aus und nahm eine hellenische
Vernunfts- und Schnheitsanbetung in sich auf. Das rein Humane, das
in der griechischen Poesie die Quelle der Schnheit gewesen, wurde
ihm bald das wesentlich poetische Element berhaupt, und hierin liegt
es, dass er sein Leben hindurch sich weigerte, die Erbauungspoesie
als wahre Dichtung anzuerkennen. Dies zeigte sich bei zahlreichen
Gelegenheiten, z. B. den Dichtungen des alten Franzn gegenber. Ueber
Franzn schreibt er 1823 an Brinkman: Das Schne ruht doch zuletzt auf
dem Vernnftigen, wie das Gewlbe, wie hoch es sich auch erhebt, seine
unsichtbaren Sttzpunkte in den Tempelwnden hat. Aber die Tempelwnde
unseres lieben Franzn sind etwas zu sehr mit Crucifixen geschmckt,
welche -- den Eindruck verfinstern. Ueber den Columbus desselben
Dichters schreibt er neun Jahre spter, also als Bischof: Wie nahe
lag nicht eine frischere und krftigere Romantik ohne Legenden und
Bekehrungsversuche und Missionre. Ich hasse, Gott verzeihe mir, den
gottesfrchtigen Ton sowohl im Leben wie in der Poesie, und mit
einer verwandten Wendung, drckt er in seinen letzten Jahren (1840)
denselben Gedanken bei Anlass eines Bndchens Gedichte aus: die viele
Gottesfurcht kommt mir armen Heiden immer ein bisschen krankhaft und
trbe vor. Desshalb protestirte er auch, ganz gegen die Gewohnheit
geistlicher Mnner, Adlersparre gegenber leidenschaftlich dagegen,
die unchristlichen Zge in den grossen modernen Geisteshelden, wie
Goethe oder Byron, verwischen zu lassen. Die offene, grundehrliche
Natur war gleich auf seiner Hut gegen den frommen Betrug.

Die Poesie an und fr sich kam ihm als eine Macht religiser Natur
vor, oder genauer: er nennt die Poesie den hchsten, reinsten,
menschlichsten Ausdruck der Menschheit und bezeichnet alles, was wir
sonst als hoch und edel verehren, nur als Modifikationen der Poesie.
Die Religion selbst ist ihm eine praktische Poesie, ein auf den Baum
des Lebens geimpfter Zweig des grossen Dichtungsstammes. Mit anderen
Worten lsst sich dies so ausdrcken, dass die Religion eine Poesie
ist, woran _geglaubt_ wird, dass also ihr dogmatischer Theil ein
grosses metaphysisches Gedicht bildet, dessen Werth auf dem Werth der
praktischen Lehren beruht, die man aus demselben herleiten kann -- eine
Folgerung, die Tegnr zwar nie ganz ohne Vorbehalt zieht, die man aber
immer zwischen den Zeilen bei ihm herausliest.

Mit um so grsserer Rckhaltslosigkeit hat er seinen vorurtheilsfreien
Humanismus in Aeusserungen der Sympathie fr die rein menschliche
Grsse und fr jene heidnischen Tugenden, die von den Kirchenvtern
als Laster verurtheilt wurden, zu Worte kommen lassen. An Geijer, der
zwar nicht strikte orthodox, aber doch unbedingt offenbarungsglubig
war, schreibt er im Jahre 1821: Was deine Ansicht betrifft, dass eine
besondere Offenbarung, z. B. das Christenthum, fr das menschliche
Gemth theoretisch nothwendig sein solle, so lsst sich darber wohl
ein Zweifel hegen ... Es wird schwer zu erklren sein, wesshalb die
hchste menschliche Entwickelung, die eigentlichen Jubeljahre des
Geschlechts sowohl im Sden wie im Norden eintreffen, bevor der Name
des Christenthums genannt ist. Lasst uns Gott fr unsern reineren
Glauben danken, aber vergessen wir nicht, dass das Adelsverzeichniss
der Menschheit voll heidnischer Namen ist. Wenn Tegnr einen
Charakter recht verherrlichen wollte, so rastete er nicht, bis er ihm
eine Seite abgewonnen hatte, von welcher derselbe griechisch oder
rmisch schien. Um dies unbewusste, rein instinktive Streben in's
schrfste Licht zu stellen, whle ich zwei Beispiele, wo er christliche
Glaubenshelden als antike Grssen geschildert hat -- um spter zu dem
Resultate zu kommen, dass er wegen vorausgefasster Symphatien sich in
seinem Humanisiren geirrt habe. Er hatte, in seiner Reformationsrede,
in Luther's Person alles verkrpert, was die damaligen Ritter der
classischen Bildung, ein Ulrich von Hutten, ein Franz von Sickingen
gewirkt und erkmpft hatten. Sieben Jahre spter, als er durch seine
amtliche Stellung zu nachdrcklicheren historisch-theologischen
Studien gezwungen war, schreibt er tief niedergeschlagen: Die hohen
Vorstellungen, die ich mir vormals von Luther und den Reformatoren
gemacht hatte, sind mir herabgestimmt worden. Wie manchen Luther
brauchten wir noch! In seiner Festrede von 1832 hatte er von Gustav
Adolf gesagt, er sei eine Heldennatur von dem grossen und rein
menschlichen Schlage, von welchem Griechenland und Rom so viele
Vorbilder gezeigt haben, und diese Worte waren, wie eine ganze
Reihe Briefstellen beweist, in polemischer Absicht gewhlt, weil er
wusste, dass die anderen Redner den Knig wesentlich als geharnischten
Theologen und Mrtyrer des Concordienbuches darstellen wollten.
Fnf Jahre spter schreibt er aber selbst ber Gustav Adolf: Zu den
jetzt geltenden kosmopolitischen Ideen hat er sich wohl schwerlich
emporgehoben; als Vorlufer eines neuen Zeitalters betrachtete er sich
kaum. Die Denkfreiheit, fr die er kmpfte, war nichts anderes als
Gewissensfreiheit, und es ist sehr zweifelhaft, ob sich ihm jemals
der Protestantismus von anderer Seite als der rein theologischen
gezeigt hat. Tiefere Forschung hat hier wieder den ehrlichen Dichter
dazu gebracht, die eingenommene Position aufzugeben. Aber dieses
wiederholte Zurckweichen von einem gewagten und doch mit Leidenschaft
behaupteten Versuche, das Reinmenschliche, Heidnischgrosse, aus einem
Gusse Geformte in allen Helden zu finden, selbst bei denen, um deren
Stirn die Orthodoxie ihren Ring so fest geschlagen hatte, dass kein
Platz fr Tegnr's freien griechischen Lorbeerkranz brig blieb,
verrth hinlnglich, wie krftig ein freier classischer Humanismus
durch alle Poren in die Seele des Dichters gedrungen war.

Er hatte damit angefangen fr das Ritterlich-Abenteuerliche, das
Trotzige zu schwrmen, fr die Ehre nur als solche, selbst mit ihrem
Flitter. In dieser Schwrmerei, welche sich nie bei ihm verlor, fhlte
er als Naturkind und als Kind seines Volkes. Denn, heisst es im
Gedichte Tegnr's an Karl Johann, allem voran steht im schwedischen
Gemthe die Ehre, _wahr oder falsch, gleichviel_, sie lebt doch
in der Erinnerung. Er war aber nicht nur Kind der Natur, sondern
auch der Geschichte, und die Geschichte stellte ihn zwischen die
Aufklrung des achtzehnten und die religise Reaction des beginnenden
neunzehnten Jahrhunderts. Er folgt keiner von beiden. Mit krftiger
Eigenthmlichkeit whlt er unter den Bildungselementen, die sich
ihm darbieten, bis eine selbstndige Anschauung des Menschenlebens,
besonders des Verhltnisses zwischen Religion und Poesie, sich in
seinem Gemthe formt; und wir sehen ihn mit seinem warmen Dichtergefhl
unwillkrliche und bisweilen vergebliche Anstrengungen machen, um die
Wirklichkeit mit dem grossen humanistischen Ideale, das aus jener
Anschauung entsteht, in Uebereinstimmung zu bringen. Wie viel Unrecht
that Runeberg Tegnr, als er im Jahre 1832 ber ihn schrieb: Bei ihm
sieht man kaum den Schimmer von einem Ideale, ja nicht einmal einen
inneren Kampf, der seine Ahnung spren liesse, dass es ein solches
gebe. Der grosse finnische Rival Tegnr's hat, vierundvierzig Jahre
spter, in einer Note angedeutet, dass diese Behauptung ihm jetzt zu
gewagt vorkomme; aber er htte mehr thun sollen; es wre eine That der
Gerechtigkeit gewesen, wenn er sie selbst widerlegt htte.


                                 VII.

Aus Tegnr's humanistischer Weltanschauung folgte mit innerer
Consequenz der politische Standpunkt, den er in den ersten fnfzig
Jahren seines Lebens einnahm, und aus seiner religisen und politischen
Ansicht im Verein folgte mit Nothwendigkeit sein litterarischer
Parteistandpunkt.

Er war nicht, wie die Mehrzahl der damaligen poetischen Geister
in Deutschland und Dnemark (ein Tieck, ein A. W. Schlegel, ein
Oehlenschlger, ein Heiberg), politisch indifferent. Whrend z. B. eine
Erscheinung, wie die heilige Allianz den genannten Dichtern kaum eine
Stunde ihres Lebens verbittert hat, strmen die Briefe Tegnr's von
einer Entrstung und einem Hohn gegen diesen Frstenbund ber, welche
sich nur dadurch von den gleichen Empfindungen Byron's unterscheiden,
dass der stolze und selbstndige Englnder seinen Zorn ffentlich
in grossen Dichterwerken ausdrckte, deren offene Sprache die
Gewaltherrscher Europa's mit Skorpionen peitschte, whrend der Beamte
und Professor in Lund sich meistens darauf beschrnken musste, seiner
Entrstung privatim zwischen Mann und Mann freien Lauf zu lassen.
Doch nicht immer. Sein politisches Gefhl kommt seine ganze Jugend
hindurch in zerstreuten Gedichten zu Wort, und selbst wenn es sich in
seinen Poesien nicht breit macht, kann man die Bedeutung desselben
kaum zu hoch anschlagen, denn dies Gefhl war das ghrende Element
seiner Seele, das sie erweiterte und ihn daran hinderte, durch die
kleinlichen Verhltnisse, in welche hinein ihn das Schicksal gestellt
hatte, kleinlich zu werden. Htten nicht Schwedens und Europa's Politik
sein Gemth in stete Schwingungen zwischen Entrstung und Begeisterung
versetzt, so htten seine Gedichte niemals die Grsse des Stils
erreicht, welche ihre Verbreitung ber die Grenzen des Landes hinaus
bedingte.

Seine ersten politischen Gedichte sind durch Schwedens Erniedrigung
unter Gustav IV. veranlasst worden; so jenes Svea, in welchem es
heisst:

    O Finland, Heim der Treu! O Burg, die Ehrnswrd schmckt,
    Jngst wie ein blut'ger Schild vom Herzen uns entrckt!
    Ein Thron steht da im Sumpf, dess' Namen kaum wir kannten,
    Und Kn'ge knieen dort, wohin wir Heerden sandten.

Doch frh hat sich des Dichters Blick von den besonderen
Angelegenheiten des Vaterlandes zu der grossen Weltpolitik gewandt.
Der fanatische Hass Gustav's IV. gegen Napoleon hatte in des Jnglings
Seele nur Bewunderung fr den Gehassten hervorgerufen; die Alliance
Bernadotte's mit den gegen Napoleon verbndeten Heeren vermochte nicht
die Sympathie des Dichters zu brechen, und whrend die Romantiker sich
schon seit 1813 zu so servilen Freudenausbrchen ber die Thaten des
Kronprinzen hinreissen liessen, wie: In Karl Johann's Spuren geht
Schwedens Engel oder diese thrichte Panegyrik ber den franzsisch
sprechenden Gascogner: An der Spitze des Heeres blitzt Thor mit dem
grossen und leuchtenden Hammer, und Karl Johann wird der Donnergott
genannt, vertheidigte Tegnr in einer Reihe von Gedichten das
revolutionre Element in der Mission Napoleon's und schrieb bei seinem
endlichen Fall das von Verzweiflung ber den Triumph der Reaction
inspirirte, bittere und scharfe Gedicht Das Neujahr 1816. Man hre
das energische Finale desselben:

    Juchhe! Religion heisst Jesuit,
    Jacobiner das Menschenrecht.
    Frei ist die Welt, und der Rabe ist weiss,
    Es lebe der Papst und der -- -- sein Knecht!
    Zu dir, Germanien, zieh' ich, o lehre
    Sonette mich dichten, der Zeit zur Ehre.

    Willkommen, o Jahr mit Mystik und Mord,
    Mit Lgen und Dummheit und Tand!
    Du arkebusirst wohl die Welt noch -- nur fort!
    Einer Kugel ist werth sie erkannt.
    Unruhig ist sie, voll Gluth im Gehirne;
    Doch alles wird still mit dem Schuss vor die Stirne.

Diesen ffentlichen Aeusserungen entsprechen auf's Genaueste die Briefe
Tegnr's aus demselben Zeitraum. 1813 schreibt er: Wer sich einbildet,
dass Europa von Russen und Consorten befreit werden knne oder dass der
Erfolg der Kosaken ein Vortheil fr Schweden sei, hat vielleicht Recht,
er und ich denken aber hchst ungleich. In Hass gegen die Barbaren bin
ich geboren und aufgewachsen und hoffe auch, unbeirrt von modernen
Sophismen, darin zu sterben. 1814 ist er noch missmuthiger: Wer kann
an der Wiederaufrichtung des europischen Gleichgewichts glauben oder
sich ber den Sieg der absoluten Erbrmlichkeit ber die Kraft und
das Genie erfreuen! 1817 gibt er endlich mit bewunderungswrdiger
Richtigkeit die Charakteristik der geistigen Reaction in folgenden
Worten: Die Hauptsache ist das Politische; die innere Umwlzung
der Denkweise ist im Ganzen politisch; die religise und die
wissenschaftliche Wandlung, die wir erleben, sind alle beide mehr oder
weniger zufllige Folgen und Reactionsprocesse, deshalb ohne Bedeutung
und Dauer. Wenn das Haus aufgemauert ist, fllt das Gerst. Es ist
wahr, dass diese Folgen beim ersten Blick ernst genug scheinen; aber
verrth nicht eben das Uebertriebene und Karikaturartige der geistigen
Bewegungen, das Haarfeine in der Wissenschaft und das Mnchische in der
Religion hinlnglich ihre Natur als blosse Reaction gegen den frheren
praktischen und freidenkerischen Geist? Scheint es nicht, als sei
man jetzt sowohl grndlich wie gottesfrchtig _par dpit_, und weil
beides vor zwanzig Jahren fr buerisch galt ... Am wichtigsten wrde
ohne Zweifel eine Vernderung im Religisen sein, da die Religiositt
immer, wenn cht, auch praktisch ist, aber woher schliesst man, dass
eine solche Vernderung sich bei der Mehrzahl anders findet denn als
Mode und Grimasse, und bei Vielen vielleicht aus noch schlimmeren
Beweggrnden?

Indessen war diese Reaction mit Nachdruck auf Schwedens eigenem
Grunde aufgetreten. Gegen die alte franzsisch-schwedische Richtung
in der Litteratur, die durch die schwedische Akademie reprsentirt
wurde, proclamirten die Phosphoristen in allem Wesentlichen
die Principien der deutschen romantischen Schule; man lieferte
metaphysische Beweise fr die Mysterien des Christenthums, verhhnte
die Aufklrung, behandelte die Akademie wie eine Sammlung alter
gepuderter Perrckenstcke und verfolgte die Alexandriner mit Sonetten.
Im Uebrigen Madonna- und Calderon-Cultus, Weihrauch vor den Schlegeln
und Tieck, Schwrmerei fr das Knigthum von Gottes Gnaden.

Als Karl Johann die Regierung antrat, konnte er, der Republikaner auf
dem Throne, wie er sich anfangs nannte, der Marschall Napoleon's mit
all' den Ueberlieferungen der Revolution im Rcken, sich unmglich
veranlasst fhlen, in nhere Berhrung mit den Mnnern der neuen
Schule zu treten. Sie zeigten _trop de zle_; sie erkannten die
Volkssouvernitt nicht an, auf welche er selbst sich und seine
Dynastie sttzen musste; sie hatten ihre auswrtigen Freunde in dem
Lager, in welchem man fr die Wiedereinsetzung der alten legitimen
Knigsfamilien auf die europischen Throne arbeitete. Aber die jungen
Romantiker wnschten natrlich nichts sehnlicher, als den Knig zu
berzeugen, dass seine Zweifel ber ihre Loyalitt vllig grundlos
waren. Graf Fleming bersetzte dem Knig, um die Gefahrlosigkeit der
jungen Schule zu beweisen, einen Aufsatz von Geijer in's Franzsische.
Der Knig erklrte, dass er sie nicht verstehe. Was heisst eigentlich
die neue Schule? Ein Hofmann antwortete: Nichts anderes, Majestt,
als dies: wenn man Einen aus der alten Schule fragt, was ist zwei
und zwei, dann antwortet er: vier; fragt man aber Einen aus der
neuen Schule, so lautet die Antwort: das ist die Quadratwurzel von
sechzehn oder ein Zehntel von vierzig oder anderes, worber man
nachdenken muss. -- Das ist's eben, was ich mir dachte, sagte Karl
Johann. Atterbom wurde zum Lehrer des Prinzen Oskar in deutscher
Litteratur ernannt, Geijer wurde fr Karl Johann genau dasselbe, was
Chateaubriand eine Zeitlang fr Napoleon I. gewesen war. Bald zeigte
sich der unglckliche Einfluss der doctrinr conservativen Jugend;
ihre Doctrinen wurden von den reaktionren Elementen der Gesellschaft
ausgenutzt und bald erhob in Schweden eine zuversichtliche und mchtige
Reaction den Kopf, die am Hofe wohl gesehen Karl Johann von Reformen
abschreckte und ihn in eine Spur hinbertrieb, die mit seiner frheren
Laufbahn schlecht stimmte. Er war z. B. anfangs gegen erblichen Adel
hchst ungnstig gesinnt, um so mehr weil die frheste parlamentarische
Opposition gegen seine Regierung vom Adel ausgegangen war; nach dem
Bund mit Geijer und seinen Genossen wollte er sogar Norwegen, in
welchem der Adel abgeschafft war, einen erblichen Adel aufdrngen.

Unter diesen Verhltnissen fhlte sich Tegnr wie ein Mitglied
der grossen europischen Opposition. Er meint, dass die heilige
muhamedanische Allianz ein todtgeborener Embryo sei, dessen
Begrbniss auf dem Galgenhgel er alle Hoffnung habe noch zu
erleben; er nennt die Politik des Zeitalters infernalisch; er
schreibt an Franzn: Ueber die gegenwrtige Politik Europa's
kann kein braver Mann, nicht einmal ein Deutscher, sich anders
als mit Scham und Abscheu aussprechen. In der Poesie kann sie
hchstens der Gegenstand einer Juvenalischen Satire sein. Es ist
eine bittere Ironie, die obscurantistische, wahrhaft teuflische
Tendenz der Zeit, so oft die Rede von etwas Edlem oder Grossem ist,
sei es in Versen oder in Prosa zu nennen. In der inneren Politik
fordert er Ministerverantwortlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetz,
Steuerbewilligungsrecht, parlamentarische Reprsentation, kurz das
gewhnliche Oppositionsprogramm im liberalen Europa. Diese Grundansicht
war es, die der Oeffentlichkeit dargeboten wurde in seiner grossen
Rede bei der Vermhlung des Prinzen Oscar 1823 -- ein edler Wein
in einem geschliffenen Krystall. In der neuen Zeit standen nach
seiner Auffassung zwei Mchte einander gegenber, das persnliche
Verdienst, welches sich nur auf sich selbst sttze, und der von
den Vtern angeerbte Rang, ein plebejisches und ein patrizisches
Princip; in seiner schrfsten Form erschien dieser Contrast damals
als Kampf zwischen der aus der Revolution und der aus der Legitimitt
entsprungenen Frstengewalt. Tegnr hebt hervor, wie die junge
Frstenbraut, welche krzlich in Schweden gelandet ist, durch ihre
Geburt die zwei streitenden Elemente vereine und gleichsam die alte
und die neue Zeit verbinde. Denn ihr Vater (der Sohn Josephine's,
Eugne Beauharnais) sei gleich so manchem anderen ausgezeichneten Mann
ein Sohn seiner eigenen Thaten, dessen Stammbaum aus seinem Schwerte
hervorwachse, und mtterlicherseits stamme sie aus einem der ltesten
Frstenhuser Europa's ab. (Die Mutter der Braut war Amalie von Bayern,
aus dem Hause Wittelsbach.)

Es fllt mir nicht ein, anderes oder mehr in diesem Symbolisiren der
Herkunft der hohen Dame zu sehen als eine geschickt ersonnene und gut
gesagte Artigkeit. Aber in Tegnr's Mund ist sie interessant; denn fr
ihn hat die Ehe zwischen dem Sohne des Revolutionsgenerals und der
Tochter des alten Knigshauses augenscheinlich eine wirkliche Bedeutung
gehabt. Zu der Zeit, wo er diese Rede hielt, schrieb er gerade an einem
Gedicht, welches darauf angelegt war, mit einer hnlich vershnenden
Vereinigung zu enden, der lange verhinderten zwischen dem Bauernsohne
Frithiof, welcher durch Muth und Thaten sich gleichen Rang mit den
berhmtesten Helden erkmpft hat, und der Knigstochter Ingeborg, deren
Geschlecht seine Herkunft von den Gttern Walhall's ableitet, und
deren Brder in ihrem Frstenhochmuth Frithiof ihre Hand verweigerten.
In der _Frithiofssage_ bildeten dieselben zwei Principien, das
persnliche Verdienst und der Adel des Bluts, die zwei Pole, durch
welche die Achse des Gedichtes geht. Schon im zweiten Gesang, wo
die Freundschaft zwischen dem Knig Bele und Thorsten Vikingssohn
geschildert wird, sagt der alte Bauer:

    Gehorch dem Knig.  _Einem_ gebhrt die Macht,

und der alte Knig spricht entgegnend

    von Heldenkraft, die mehr ist als Knigsblut.

Im letzten Gesange sagt der alte Balderpriester zu Frithiof:

  Du hassest Beles Shne.   Warum hassest du?
  Weil sie dem Sohn des Adelsbauern weigerten
  Die Schwester, die entsprungen ist aus Seming's Blut,
  Des grossen Odinsohnes; ihrer Ahnen Zahl
  Steigt bis zu Walhall's Thronen auf; dess sind sie stolz.
  _Geburt ist Glck und kein Verdienst_, erwiederst du.
  Auf sein Verdienst, o Jngling, wird der Mensch nicht stolz,
  Glck nur macht stolz die Menschen; denn das Beste ist
  Doch guter Gtter Gabe. _Bist du selbst nicht stolz
  Auf deine Heldenthaten, deine hh're Kraft?
  Gabst du dir selbst die Krfte?_

Die Rede am Oscartage und der Schlussaccord in der Frithiofssage
bezeichnen im Leben des Dichters einen Zeitpunkt, da seine politische
Weltanschauung in einer mhsam erkmpften, unstten Harmonie zu Ruhe
gekommen war; wenige Jahre frher -- und die revolutionre Ghrung
siedet mit leidenschaftlicher Ungeduld in seiner Brust; wenige Jahre
spter -- und der Unwille ber die eben begonnenen Flegeljahre des
schwedischen Liberalismus treibt ihn in's entgegengesetzte Extrem; aber
mitten zwischen diesen Strmungen war ihm auf der Wasserscheide, wo
sie sich trennten, ein, heller und inspirirter Augenblick vergnnt mit
freiem poetischen Horizont nach beiden Seiten hin.


                                VIII.

Der Mensch ist die Blthe des Metallstammes der Erde, und seine
Sprache ist das magnetische Fluidum, welches von diesem Stamme aus
seinen Willen ber die Welt ergiesst. Wenn jegliche Sprache also
im Grunde Musik ist (das Ohr der Natur ist aus Metall und was der
Weltgeist hineinflstert, ist Musik), brauchen wir da lange nach der
Art der Verwandtschaft zu suchen, welche sie zur materiellen Substanz
fr die Phantasien des Dichters macht?

Dieses harte Stck Beredsamkeit stehe hier als Probe des Stils, dessen
sich Atterbom, der Huptling der romantischen Schule, in seiner Jugend
bediente. Dieser Stil forderte so sehr die Parodie heraus, dass es
nicht Wunder nimmt, wenn Tegnr der Versuchung unterlag, spttische
Pfeile gegen ihn zu richten.

Die religisen und politischen Ansichten Tegnr's bestimmten im Verein
seinen litterarischen Standpunkt, einen hohen Punkt ber den zwei
streitenden Parteien der alten und der neuen Schule, woher er aber fast
ausschliesslich sein Geschtz gegen die letztere richtete. Er, der
jung in das neue Jahrhundert hinein getreten war, und der nur zwanzig
Jahre alt in Lund den dichterischen Aufschwung jenseits des Sundes
erlebt hatte, konnte unmglich sein poetisches Bedrfniss durch die
nchternen Lehr- und Scherzgedichte der alten Gustavianer befriedigt
fhlen. Aber es gab nichts, das zum Kampfe gegen sie aufforderte;
sie starben nur allzu schnell, einer nach dem andern, aus, und bald
war Leopold allein brig als letzter Vertreter der alten Zeit. Als
Tegnr in seiner Vollkraft stand, wurde Leopold blind, und, htte es
ihm sonst nicht fern gelegen, den Alten anzugreifen, jetzt war es
ihm unmglich. Dagegen hatte das erste Auftreten der Phosphoristen
seinen Unwillen in hohem Grad gereizt. Sie redeten ein philosophisches
Idiom, aus dem weder er noch irgend ein anderer Uneingeweihter klug
wurde. Sie bekmpften die Akademie als fremdartig, d.h. franzsisch,
und waren selbst bis zum ussersten verdeutscht. Dazu kam, dass
Tegnr berhaupt der franzsischen Tradition viel nher stand als der
deutschen. Nicht einmal seine Vorliebe fr die Griechen hatte ihm
die classisch-franzsischen Geschmacksregeln besonders entfremdet.
Ihm war die Grcitt frh mit der Selbstbeherrschung in der Kunst
gleichbedeutend geworden, und die franzsische Poesie war in hohem
Grade beherrscht. Nicht zufllig kommt deshalb die Aeusserung bei
ihm vor, dass der franzsische Nationalgeist in vielen Fllen mit
demjenigen der Griechen verwandter ist als die Deutschen und ihre
Affen seit Lessing's Zeit haben erkennen wollen. Seine bewundernde
Haltung den alten Akademikern gegenber whrend der scharfen
Polemik gegen die Phosphoristen erinnert lebhaft, ja schlagend
an Byron's gleichzeitiges Schwrmen fr Pope und leidenschaftliche
Geringschtzung der Seeschule. Sie hatte zum Theil verwandte Ursachen:
Treue gegen Kindheitseindrcke, Lust an Widersprchen, Vorliebe fr
das Verstndig-klare und die romanische Rhetorik; aber sie war doch
noch tiefer in dem Verhltniss zur Grcitt und zu den franzsischen
Studien nach der Antike begrndet, einem Verhltniss, das sich nicht
bei Byron findet, sondern Tegnr bezeichnet. Die Kunst Byron's ging
darauf aus, der Leidenschaft ein Organ zu geben; Tegnr wollte, wie die
Alten, dass die Leidenschaft in ein strenges Decorum gekleidet werden
solle, um nicht pathologisch zu wirken. Er hatte nie die Wirklichkeit
gemocht, eben so wenig wie er die Metaphysik litt; er liebte die
ideale Form. Die inneren Spaltungen, die er als Aufgaben fr die Kunst
erfasste, waren nicht tief; im Grunde wnschte er keinen heftigeren
Kampf zwischen Leib und Seele, Zustand und Verlangen, Pflicht und Glck
u.s.w. in der Poesie dargestellt zu sehen, als sich mit der Harmonie
der Gesundheit vereinen liess. Es war mehr die reine, glatte Form, als
die naturfrische Naivett der Griechen, die bezaubernd auf ihn wirkte,
also eben die Eigenschaft, welche der franzsische Classicismus mit
den Griechen gemein hatte. Alle diese Instinkte nherten ihn der alten
Schule und entfernten ihn von der neuen.

Die Hauptschlacht gegen diese lieferte er in der grossen versificirten
Rede, die er 1820 den jungen Magistern in Lund hielt, dem berhmten
Epilog, in welchem er so zu sagen den jungen Akademikern den
Fahneneid zur Fahne des Lichts abforderte. Die Popularitt dieses
Gedichts wurde so gross, dass in dem Sommer darauf junge Studenten kaum
zehn Minuten mit einander sprachen, ohne fnf davon zum Citiren und
Auslegen des Epilogs anzuwenden. Gewisse Verse dieser Rede haben eine
fast sprichwrtliche Kraft und Wahrheit:

    Glaubt nicht, was euch in's Ohr die Trgheit flstert,
    Es sei der Streit zu hoch fr eure Krfte
    Und werde ausgekmpft wohl ohne Euch.
    Allein gewinnt der Feldherr nicht die Schlacht,
    Fr ihn gewinnen sie die tiefen Glieder.

Er endet damit, den Tempel der Wahrheit, wie ihn die Alten sich
vorstellten, dem Babelthurm gegenber zu stellen, welchen die
Romantiker auffhrten, dem schweren, barbarischen Gebude, wo das
Dunkel durch enge Fenster hineinguckt. Aber gibt man recht auf die
Architektur des Pantheon Acht, welches er als dasjenige der Alten
beschreibt, so wird man sehen, dass der Stil dieses Gebude weit
davon entfernt ist, antik zu sein, und mit seinem sonderbaren Gemisch
von Rmischem und Gothischem das persnliche Kunstideal Tegnr's das
eine Furcht so vieler classischen und romantischen Kreuzungen war,
unfreiwillig wiedergibt:

                        Der Wahrheit
    Bauten die Alten einen hellen Tempel:
    Leicht wie das Firmament war die _Rotunde_,
    Es drang das Licht hinein _von allen Seiten_
    In's offne Rund, und Himmelswinde spielten
    Melodisch zwischen seinen _Sulenwldern_.
    Jetzt baut man einen Babelthurm dafr.

Doch eine Rotunde, die nicht von oben, sondern von allen Seiten das
Licht bekommt, und welche nicht auf einer einfachen Mauer ruht, sondern
mit Sulenwldern combinirt ist, erinnert eher an die Peterskirche
mit ihrer Stilmischung, als an irgend etwas, das die Alten gebaut
haben. Es war in Wirklichkeit auch eher ein solcher Tempel der ganzen
Menschheit wie diese Kirche, als das einfache rmische Gotteshaus, der
Tegnr als Symbol der Wahrheit vorschwebte. Was er preisen wollte,
war nur die Durchsichtigkeit und Klarheit im Reiche der Dichtung, wie
in dem des Gedankens. Die Anbetung der im Dunkel verborgenen Wurzel
des Lebens, der Nacht als Mutter der Dinge, und des Schattens als
Ursprung der Farbe, die in Deutschland von Novalis, in Dnemark von
Hauch, in Schweden von Atterbom gepredigt wurde, kam ihm verdchtig,
ja hsslich vor: er betrachtete sie mit denselben Augen, mit welchen
ein alter Apollo-Anbeter etwa einem Molochscultus beigewohnt htte, und
protestirte im Namen des Lichtes.

Im Namen des Lichtes -- und vor Allem im Namen der Dichtkunst, von
deren psychologischem Ursprung er sich frh einen originellen Begriff
gebildet hatte. Von den Romantikern aller Lnder war die Poesie als
das theuer erkaufte Erzeugniss von Leiden und Sorgen erfasst, als die
Perle, welche die Krankheit der Muschel absetzt. Fr Goethe war sie
die ideale Beichte der Seele, das edelste Mittel zur Selbsterlsung
von Eindrcken und Erinnerungen, welche die Gesundheit des Gemthes
angreifen. Kierkegaard verglich den Dichter mit dem Unglcklichen, der
im ehernen Stier des Phalaris durch ein gelindes Feuer gepeinigt wurde
und dessen Geschrei dem Ohre des Tyrannen als Musik erklang. Heiberg
liess den Dichter singen, dass er, wenn er gut gewesen wre, schlecht
gedichtet htte; da er aber schlecht sei, habe er gute Gedichte
geschrieben, denn _das_ rhre ihn am meisten, was ihm selbst verweigert
sei. Alle diese Auffassungen stimmen darin berein, die Dichtung von
einer Sehnsucht, einem Vermissen, einem Schmerze, kurz gesagt, von
etwas Negativem herzuleiten.

Tegnr leitet sie aus der Gesundheit selbst her.

Immer und immer wieder verfolgt er in seinen Briefen, was er den
hysterischen Krampf der Romantiker nennt. Nichts ist mir so widerlich,
wie diese ewige Litanei ber die Qual des Lebens, welche der
Wirklichkeit und nicht der Poesie gehrt. Ist die Poesie nicht _die
Gesundheit des Lebens_, ist nicht der Gesang der Jubel der Menschheit,
muthig aus frischen Lungen hervorstrmend? Und diese Wendung ist
bei Tegnr nicht Ausdruck einer augenblicklichen Stimmung; sie kehrt
stereotyp als Definition zurck. Er begreift nicht, dass die Poesie,
_die nichts anderes als die Gesundheit des Lebens_, nichts als ein
Freudensprung aus den Grenzen des Alltagslebens hinaus ist, sich mit
hektischer Rthe die frischen runden Wangen schminken will.

Die Definition nahm dichterische Gestalt und melodische Form an in dem
schnen bermthigen Gedicht Der Gesang, das durch eine gleichnamige
romantische Elegie hervorgerufen wurde. Es enthlt das Programm der
Tegnr'schen Poesie: Zur Klage hat der Dichter keinen Grund, aus Edens
Garten ist er nie vertrieben worden. Mit himmlischer Freude umarmt er
das Leben wie eine Braut:

    Denn nicht ein ewiges Verlangen,
    Ein ew'ger Sieg nur ist das Lied.

Unauflslichen Misslaut kennt er nicht:

    Das gold'ne Saitenspiel erklinge
    Von keiner selbstgeschaff'nen Pein,
    Des Sngers Sorgen sind geringe,
    Des Liedes Himmel ewig rein.

Geringe, sagt die Ueberzeugung, keine heisst es im Original.
Es war eine harte und bittere Nemesis, dass der, welcher im Jahre
1819 Lebenskraft und Uebermuth genug besass, um diese Zeilen zu
schreiben, nur 6--7 Jahre spter, nachdem er eins der verzweifelsten
Gedichte aller Litteraturen geschrieben hatte, als Dichter so gut wie
verstummte; aber sowohl bevor wie nachdem Die Melancholie geschrieben
wurde, ist jene Lehre von dem inneren Gleichgewicht des Dichters und
der Siegesgewissheit der Dichtung in Tegnr's Poesie verwirklicht
worden. Als seine Seele in ihre entscheidende Krise eintrat, als
Enttuschungen und Sorgen sein heiteres und sanguinisches Temperament
untergruben, schwieg er lieber, als dass er die Verstimmtheit seiner
Seele verstimmend auf seine Kunst wirken liess; und wenn er bisweilen
noch ein Lied anstimmte, war es, um sich in der Dichtung als jene
leichtbewegliche Jnglingsnatur zu offenbaren, die er nicht mehr in
Wirklichkeit war.

Die Poesie Tegnr's hatte nie die wehmthige Grundstimmung, welche
die Volkspoesie in allen nordischen Lndern hat. Sie hatte berhaupt
nie ein Verhltniss zum Volkslied, nichts von der Naivett, nichts
von den einfachen Moll-Accorden des Wunderhorns. Tegnr bewunderte
die Volkspoesie: er stand nicht wie die Kunstdichter des vorigen
Jahrhunderts ihr fremd und berlegen gegenber; aber er betrachtete
sie, und mit Recht, als ein fr sich unerreichbares Muster. Der
knstlerische Typus seiner Lyrik ist also nicht das Volkslied, weder
das finnische wie bei Franzn, noch das serbische wie bei Runeberg,
noch das schwedische wie bei Atterbom, sondern die Cantate, bisweilen
das Heldenlied und bisweilen die Bravourarie, das Wort nicht eben im
geringschtzigen Sinne gemeint, als eine Gesangsnummer, die durch
Fiorituren allein glnzen will, sondern als der stark verzierte und
volle Ausbruch eines berstrmenden Lebensmuthes. Alle die Kunstformen,
die er anwendet, die Hymne, die Romanze, das Liebeslied, erhalten unter
seiner Behandlung einen Charakter, den ich nicht schrfer zu bezeichnen
weiss, als mit dem Worte: Bravour.


                                 IX.

Wir finden den Dichter im niedrigen weissen Hause an der Ecke der
Franciskaner- und Klosterstrasse in Lund, in seinem gerumigen
zweifensterigen Arbeitszimmer auf- und abwandernd, seine Verse vor
sich hin brummend und summend und ab und zu an einer aufgeschlagenen
Schatulle, welche als Pult dient, stille stehend, um die fertigen
Strophen niederzuschreiben. In der Stube zwitschern zwei Kanarienvgel;
begleitet von ihrem Gesange dichtet er seinen Frithiof. Er ist
zu dieser Zeit ungefhr vierzig Jahre alt; weder Leidenschaften
noch Krankheit haben seinem Gesichte Spuren aufgedrckt. Die Furien
lauern vor seiner Schwelle; aber es scheint fast, als wollten sie
die Vollendung seines Hauptwerkes abwarten, bevor sie die Schwelle
berschreiten und ihn als Beute ergreifen. Seine Stirn ist klar und
gewlbt, sein Blick hell und frei

    Und ernst so wie vom Grund aus ehrlich
    Ist jeder Zug im Angesicht

wie es von seinem Axel heisst.

Er hat sich sein Thema gewhlt oder richtiger: es ist so anziehend
aus den Erinnerungen seiner Kindheit vor ihm aufgetaucht, dass
er den Rahmen fr die Behandlung entworfen und die Ausfhrung in
der Mitte angefangen hat. Er will ein Bild des Lebens im alten
Norden liefern. Mit voller Ueberzeugung hatte er in frherer Zeit
sich dem gothischen Bund angeschlossen; denn er sah in der
nationalgeschichtlichen und dichterischen Richtung des Bundes den
richtigen Mittelweg zwischen der weltbrgerlichen Verstandeskultur
der Akademie und der deutschthmelnden Schwrmerei der Phosphoristen.
Er hatte aber bald die Trauer gehabt zu sehen, wie sein wackerer
und enthusiastischer Verbindungsbruder Pehr Henrik Ling, der in dem
geistigen Leben Schwedens eine hnliche Stellung einnimmt, wie Arndt
und Jahn in Deutschland, durch seine Kraftsprache und seine kolossale
Formlosigkeit das schwedische Publikum von der Poesie des nordischen
Alterthums zurckscheuchte. Sein linkischer Harfenschlag auf die
nordischen Brensehnen hatte den prchtigen Stoff verdorben, der
in Dnemark in der Behandlung Oehlenschlgers alle Herzen gewonnen
hatte. Tegnr beschloss, um eine einzelne Sage als Mittelpunkt all'
die eigenthmlichsten Bilder des alten Nordens zu sammeln: Das
Vikingerleben und die Waffenbrderschaft, die Weisheit des Hawamls
und die Gelbde auf Frei's Eber zum Julfest, das Heldenlied und die
Knigswahl im Thing, die Selbstverwundung mit der Schwertesspitze
und den Runenstein, die Poesie des Lebens und des Todes in alten
Zeiten. Es sollte gute, reine Luft in dem Gedichte sein; ein scharfer,
frischer Wind sollte hindurch sausen; der Skandinave sollte sich
darin heimisch fhlen; aber vor Allem keine Eistemperatur wie in den
altnordischen Dichtungen des ehrlichen Ling! Diese Sage war ja eine
Liebesgeschichte und mit Liebessehnen und Liebesleiden sollte das harte
Gewebe des Stoffes ganz durchdrungen werden. Der Stoff war norwegisch,
aber schwedisch sollte die Behandlung sein; Norwegen und Schweden,
die noch unlngst getrennt waren, wollte er im Gesange verschmelzen.
Es sauste vor seinem inneren Ohre wie Schildgeklirr und Pfeilregen,
Kcherklang und Becherklang, Rossestampfen und Falkenflug, Schlge
auf's Schwert und Hiebe mit dem Schwert, und zwischen all' diesem
lange, schmachtende, girrende, schwrmerische Nachtigallentne, und
noch mehr ergreifender Wachtelschlag in der Stille der Sommernacht. In
die Scenerie brauchte er wahrlich nicht sich hinein zu versetzen; er
kannte sie ja so genau von seiner Kindheit und Jugend auf dem Lande. Er
kannte sie, diese Bume mit den weissen Stmmen und hngenden Kronen;
einer von ihnen hatte zwei Schriftzeichen in seinem Birkenstamme;
waren es die Buchstaben E und A oder stand da ein F und I in
Runen? Er kannte zwischen den tannenbewachsenen Ksten diese blanke
Eisflche, ber welche der Schlittschuhlufer fuhr und hinter ihm der
vorbeisausende Schlitten, in welchem die schne Jungfrau sass, die bald
ber ihren Namen im Eise hinfahren sollte:

    Er ritzt in das Eis viel Runen werth,
    Schn Ingeborg den eignen Namen befhrt.

Und wenn nun der Frhling kam, wenn die Wellen hinauslockten und das
Meer laut von Thaten sprach, whrend das Boot am Strande einzuladen
schien, an Bord zu gehen, die Welt kennen zu lernen! Er wusste wohl,
was ein Viking dann gefhlt hatte:

    Ellide nicht Ruh auf der Woge hat,
    Am Anker rcket sie frh und spat.

Aber es war nicht mglich, zu reisen. Beim Pflegevater, bei Hilding ...
auf dem Gute Rmen bei Myhrmanns, da wohnte die Schnste, die Geliebte,
die zu verlassen unmglich war. Und alle Jugenderinnerungen, ssse und
kindliche, strmen bei diesem Gedanken ihm zu. Er erinnert sich, wie er
Anna die erste erblhte Anemone, die erste Erdbeere zu bringen pflegte:

    Die erste Blume, die er zieht,
    Die erste Erdbeer, die er sieht,

und er trumt von so manchem guten Male, wenn er und sie (oder war es
Frithiof und Ingeborg?) auf ihren Wanderungen am brausenden Waldbach
stille standen, und fr Ingeborg kein anderer Ausweg blieb, als sich
hinber tragen zu lassen, und lchelnd schrieb er:

    Wie schn, wann Strudel lrmend klingen,
    Zwei kleine Arme uns umschlingen!

Und unbewusst mischte sich andere erotische Schwrmerei jngerer
Herkunft hinein, eine andere Gestalt, die der voll entwickelten
Ingeborg -- nicht Anna Myhrmanns, deren Schritte jetzt vom Zimmer
nebenan gehrt wurden; die Schritte der schon in mittleren Jahren
stehenden tchtigen Hausfrau gehrten nicht hierher; nein, ein
jngeres, lockendes Gesicht war es, ein schlankerer Wuchs, eine andere
schmelzende Stimme; er darf diese Frau nicht lieben, das ist gttlichen
und menschlichen Gesetzen zuwider; sie ist ja verheirathet -- mit
Knig Ring, mit Frithiof's Freunde, dessen Zutrauen zu ihm unbegrenzt
ist; nein, Frithiof muss fort, hinaus auf's Meer, seine Sehnsucht durch
Thaten und Siege betuben. Aber einmal -- spt einmal wird der Tag der
Vershnung kommen, und das strmende Herz Frithiof's Ruhe finden.

Die altnordische Frithiofssage ist eine Erzhlung, um's Jahr 1300 auf
Island niedergeschrieben; man nimmt an, dass das Geschichtliche in
der Begebenheit schon um das Jahr 800 geschehen ist. Der Bauernsohn
Frithiof, der mit der Knigstochter Ingibjrg erzogen worden hlt
um ihre Hand an und wird abgewiesen. Um sich an ihren Brdern zu
rchen, verweigert er ihnen im Kriege gegen Knig Ring seine mchtige
Hilfe und benutzt ihre Abwesenheit dazu, ein Liebesverhltniss mit
Ingibjrg anzuknpfen, die von den Brdern im Baldershage, einer Balder
geheiligten Sttte, in der Hoffnung, Frithiof von jedem Stelldichein
abzuschrecken, eingesperrt worden ist. Denn dort darf kein Mann eine
Frau umarmen. Aber Frithiof trotzt den Gttern, besucht Ingibjrg
und schndet den Tempel. Mit Ring wird unter der Bedingung Friede
geschlossen, dass die Brder dem alten Knig ihre Schwester zum Weibe
geben. Von Frithiof fordern sie, dass er in ihrem Auftrag fortreise
und von Angantyr auf den Orkney-Inseln Tribut eintreibe. Whrend er
fort ist, stecken sie seinen vterlichen Hof in Brand. Frithiof kommt
zurck, trifft die Knige beim Opfer in Baldershage und wirft den
mitgebrachten Geldbeutel so gewaltsam Helge in's Gesicht, dass er
hinstrzt. Durch einen Zufall fllt Balder's Bildniss in's Feuer und
das Haus gerth in Brand. Frithiof flieht, kehrt zurck, besucht Knig
Ring, rettet das Leben des alten Knigs und heirathet nach dessen Tode
Ingibjrg.

In diesem Stoffe entdeckte das Dichterauge Tegnr's die Grundlinien
zu einem Gegenstande von allgemein menschlichem Interesse und fr
verallgemeinernde Symbolik empfnglich. Frithiof kmpft fr seine Liebe
mit rcksichtslosem Trotz; er will, unbekmmert um alle bestehenden
Mchte, sich sein Glck im Sturm erobern:

    Er setzt die Spitze seines guten Schwerts
    Der Norne auf die Brust und spricht: Entweiche!

Er lehnt es ab, einem Knigsbefehl zu folgen; er wird auf der Hhe
seiner Manneskraft zuerst Tempelschnder, dann Tempelverbrenner, dann
der vogelfreie gechtete Wolf im Heiligthume (_varg i veum_). Er
flieht und bsst, entsagt und wird gelutert, und empfngt zuletzt
die Hand der Geliebten als Lohn, nicht des Kampfes, sondern der
ausdauernden Treue. Nicht die Jungfrau, sondern die Wittwe, nicht das
Glck selbst, sondern den bleicheren Widerschein des Glckes umarmt er
als Braut. War dies nicht schon ein Symbol des menschlichen Lebens?

Noch ein Schritt und das Symbol stand vollendet in seiner ganzen
Klarheit da. Es gab einen Mittelpunkt in der Sage, der unter dem Blicke
des Dichters nothwendig zum fruchtbaren Keimpunkt werden musste. Es war
das Heiligthum Balder's. Um einen Baldertempel drehte sich Alles; hier
wurde Ingeborg eingesperrt; hier begegneten sich Ingeborg und Frithiof;
hier opferten die Knige. Der Tempel wurde geehrt; er wurde geschndet;
er wurde verbrannt.

Balder war ein sonderbarer Gott; in ihm begegneten sich das Heidenthum,
wie man es sich am liebsten vorstellte, mit dem Christenthum, wie
man es gern demselben anpasste -- er war Heidenthum ohne Wildheit,
Christenthum ohne Dogma. Der Jesus, an den Tegnr glaubte, hatte,
gleich dem, zu welchem Oehlenschlger sich bekannte, mehr von einem
Balder als von einem Christus. Und es war der Tempel Balder's, den
Frithiof in seinem jugendlichen Uebermuth verbrannt hatte. Dieser
Tempelbrand musste nothwendig zur Hauptkatastrophe der Sage gemacht
werden; er bestimmte dann auch mit zwingender Nothwendigkeit einen
geistvollen Schluss. Frithiof musste damit enden, den Tempel, den er
verbrannt hatte, wieder aufzubauen.

Denn ist die Jugendkraft in ihrer Unbndigkeit nicht immer ein
Tempelschnder, und enden wir nicht Alle in den Jahren der Reife mit
dem ehrlichen Versuch, die in jugendlicher Leidenschaft begangene
Entweihung zu shnen? Bauen wir nicht Alle nach Vermgen den Tempel
wieder auf, grsser, schner und fester, als wir ihn vorgefunden?
Wie jener Kaiser, der eine Hauptstadt von Holz vorfand und eine
marmorne hinterliess, so werden zu jeder Zeit thatkrftige und ernste
Naturen ihre Umgebungen von einem geheiligten Tempel aus schlechtem
Holz beherrscht finden; sie werden ihn verbrennen und einen andern
Baldertempel, der nicht verbrannt werden kann, hinterlassen, und der
strkste einen wie denjenigen Frithiof's:

    Von lauter Riesensteinen war die Wand erbaut,
    Die khne Kunst zusammenband, ein Riesenwerk
    Fr Ewigkeit ....

So gefasst, sammelte sich das Gedicht um einen grossen einfachen
Grundgedanken; und mit diesem vor Augen, machte sich Tegnr daran, die
letzten Romanzen zuerst zu entwerfen. Jeder Zug in der alten Erzhlung
liess sich natrlich nicht gebrauchen; psychologisches Interesse haben
aber nur die fr Tegnr eigenthmlichen Vernderungen, die, in welchem
sein poetischer Charakter sich zu erkennen gibt.

Erstens entfernt er alles, was ein Leser oder noch mehr eine Leserin
der damaligen Zeit in erotischer Hinsicht anstssig finden konnte.
Hierdurch ffneten sich alle Familien-Bcherschrnke seinem Gedicht.
Nach Tegnr's eigenem Zugestndniss ist sein Frithiof eine
Nachahmung von Oehlenschlger's Helge, und man hat in Dnemark
nie recht begreifen knnen, wie es zuging, dass die Nachdichtung so
viel grsseren Ruhm erlangte, als das krftige Original; aber wie
war es mglich, dass ein Gedicht, welches, wie das Oehlenschlger's,
von Anfang bis zum Ende um eine nordische Vendetta, um Brudermord,
Mordbrand, Trunkenheit, Nothzucht, Entehrung und Blutschande handelte,
jemals in der allgemeinen Gunst mit einem Dichterwerk wie Frithiof
wetteifern knnte, das zu Geburtstags- und Weihnachtsgaben wie
geschaffen war und das factisch in Deutschland mehr als zwanzig Jahre
hindurch das stehende Confirmationsgeschenk fr junge Mdchen gewesen
ist? Tegnr spielt zwar unaufhrlich (und zwar mit einer Vorliebe,
die mir persnlich entschieden missfllt) mit solchen Worten und
Redensarten, mit welchen nach litterarischer Convention die Vorstellung
von etwas Sinnlichem sich verknpft; er vergleicht den Busen Ingeborg's
mit Lilienhgeln und anderen Erhhungen, die brigens einer
weiblichen Brust so unhnlich wie mglich sein drften; aber in diesem
Liebeln des _Dichters_ erschpft sich alles Sensuelle im Gedicht. Seine
alten Skandinaven lieben wie zwei wohlerzogene Verlobte im modernen
Schweden. Doch whrend sie sich keinen Augenblick vergessen, ist der
Dichter weniger streng und man fhlt mitunter, wie sein Auge sich auf
Ingeborg's weissen Hals richtet. Es wre gewiss besser gewesen, wenn
das Auge des Dichters keuscher und Frithiof menschlicher wre. In der
Weise, wie das Geschlechtliche in dieser Liebesgeschichte behandelt
ist, fhlt man stark, dass der Dichter nicht nur ein akademisches,
sondern auch ein geistliches Amt bekleidet, und im Begriff steht, ein
noch hheres zu ersteigen. Deutlich genug hat Tegnr ausdrcklich das
Gedicht modernen Vorstellungen ber Heldentugend und Weiberkeuschheit
zurecht legen wollen. Darum lsst er zwar Frithiof die Nchte bei
Ingeborg in Baldershage verbringen, jedoch in aller Zucht und Ehre,
und lsst ihn, als er desswegen im Thinge angeklagt wird, feierlich
erklren, Balder's Frieden nicht geschndet zu haben. Tegnr nimmt
also nicht einmal Anstand, seinem Gedicht den eigentlichen idealen
Schwerpunkt, die bewusst und trotzig ausgefhrte Entweihung, zu rauben,
wenn er dadurch erreicht, das Decorum der Erzhlung zu retten. Frithiof
erklrt, dass seine Liebe dem Himmel mehr als der Erde angehre; er
wnscht beim Stelldichein mit Ingeborg, dass er todt wre und mit
der bleichen Jungfrau in seinen Armen nach Walhall fhre, -- gewiss
ein hchst unnatrlicher Gedanke eines leidenschaftlich Liebenden im
Augenblicke des Glcks:

    Nicht irdisch ist, vom  Himmelsbogen
    Stammt meine Liebe; flieh' sie nicht!
    Im  Himmel ward  sie gross gezogen,
    Heim sehnt sie sich zum Himmelslicht.

Sonderbare Worte von einem Dichter, der sonst nie mde wurde, die
platonische Liebe mit Spttereien zu verfolgen, und zwar mit recht
derben Spttereien! Er hatte persnlich ein heissbltiges, sinnliches
Naturell. Er war seiner Ehe, seinen Jahren und seinem Amte zum Trotz
ein feuriger, und, wie das Gercht sagte, oft glcklicher Verehrer der
Frauen. Sein Conversationston Damen gegenber war hufig so lasciv,
dass er Aergerniss erweckte, und er hat in Briefen, Aphorismen,
Gedichten, die nach seinem Tode gedruckt worden sind, kein Hehl aus
seiner naturalistischen Auffassung der Liebe gemacht. Er huldigte
nicht einmal in der Poesie der spiritualistischen Darstellung des
Verhltnisses zwischen den Geschlechtern. Er schreibt z. B.:

  _Aeneadum genitrix, hominum divumque voluptas_

ist von den Alten nicht nur poetisirt, sondern vergttert worden.
Unsere sentimental nervenschwache Anschauung der Liebe ist keineswegs
die einzige, noch weniger die krftigste. Wie bleich und matt ist,
selbst rein poetisch gesehen, die meiste moderne Erotik mit ihren
Wasserfarben gegen die ewigen Frescogemlden der Alten!

Und doch strub' ich mich zu glauben, dass Tegnr sich in diesem
Punkte ausschliesslich von conventionellen Rcksichten leiten liess.
Er war in allzu idealistischen Lehren erzogen, um jemals mit vollem
Bewusstsein nach einem Modelle zu zeichnen; ein eigentliches Modell hat
er auch fr Ingeborg gar nicht gehabt, was genugsam im Gedichte gesprt
wird, das dadurch an individuellem, realistischem Leben verlor,
was es an typischer Grsse gewann. Doch ganz ohne Modell kann kein
Knstler malen, und ganz ohne Verarbeiten von Wirklichkeitsstimmungen
und Wirklichkeitseindrcken kein Dichter dichten, am wenigsten ein
so subjectiver wie Tegnr. Er hat im Anfang des Gedichts sich von
den Erinnerungen an das Zusammenleben mit seiner Braut auf ihrem
elterlichen Hofe inspiriren lassen; das Idyllische in Frithiof's Liebe
stammt sicher daher, aber ihr schwrmerisches Pathos nicht. Zahlreiche
Indicien deuten darauf hin, dass Tegnr, der wie die meisten Poeten
immer in einer halben Verliebtheit umherging, gerade in den Jahren, da
Frithiof geschrieben wurde, vollstndig verliebt war.

Vielleicht war seine Neigung zu der Zeit, wo die Romanzen, in welchen
Frithiof's Liebe ihren hchsten lyrischen Ausdruck erreicht (kurz vor
Januar 1824) verfasst wurden, noch eine begeisterte, halb unbewusste
Schwrmerei, bald von keimendem Verlangen, bald von jenem Schmachten
nach dem Tode durchkreuzt, das bisweilen auch die beglckende Liebe
begleitet, wenn ein Uebermass von leidenschaftlichem Sehnen, welches
die Seele erfllt und peinigt, den Wunsch hervorruft, das Herz mchte
zerspringen:

    O wer doch schon dort oben weilte,
    Wer jetzt, mit dir dem Tod geweiht,
    Als Sieger zu den Gttern eilte,
    Umarmt von seiner blassen Maid!

Vielleicht war er einfach nicht im Stande, seine eigene Poetik
der Liebe in die dichterische Praxis hinber zu fhren. Wie es
unzweifelhaft Dichter giebt, die mit Fug und Recht den Vers

  _Vita verecunda est, Musa jocosa mihi_

zu ihrem Wahlspruch machen knnen, so gab es besonders zur Zeit, wo
der romantische Idealismus die Poesie beherrschte, Dichter, die durch
einen inneren Zwang die entgegengesetzte Formel zu verwirklichen sich
gedrngt fhlten.

Die zweite Modification des Stoffes, in welcher die
Schriftstellerindividualitt Tegnr's sich krftig verrth, ist das
Entfernen des fr uns Burlesken in der alten Erzhlung. Die burlesken
Zge kamen dem idealistischen Dichter einfach strend und hsslich vor.
Ich whle ein Hauptbeispiel:

Das neunte Capitel der Sage, in welchem Frithiof dem opfernden
Knig den Tribut berbringt, stellt die Balderanbetung auf folgende
anschauliche Weise dar: Frithiof ging in den Tempel hinein und sah,
dass nur wenig Leute im Disasaal waren; die Knige waren beim Disaopfer
und sassen beim Trunke. Auf dem Boden war Feuer, und die Weiber sassen
bei dem Feuer und wrmten die Gtter; aber einige salbten sie, und
trockneten sie mit Tchern. Frithiof trat vor Knig Helge und sprach:
'Nun willst du wohl das Shnengeld haben'. Und alsdann schwang er den
Beutel, in welchem das Silber war, in die Hhe, und schlug damit den
Knig so hart an die Nase, dass ihm zwei Zhne aus dem Munde sprangen;
der Knig selbst aber fiel vom Hochsitz und in Ohnmacht. Da griff
Halfdan nach ihm, dass er nicht in's Feuer fiele .... Wie Frithiof nun
wieder den Fussboden betrat, bemerkte er sogleich den guten Ring [den
er Ingeborg gegeben hatte] an der Hand von Helge's Frau wie sie Balder
am Feuer wrmte. Frithiof griff nach seinem Ring aber der sass fest
an der Hand, und er zog sie nun den Fussboden entlang nach der Thr;
Balder aber fiel in's Feuer; Halfdan's Frau griff geschwinde nach ihm;
da fiel auch der Gott, den sie gewrmt hatte, in's Feuer. Das Feuer
fasste nun die beiden Gtter, denn sie waren vorher gesalbt, und fuhr
hinauf in's Dach, so dass das Haus in helle Flammen kam. Frithiof nahm
den Ring, ehe er hinaus ging.

Die Einwendungen, die gegen die geschichtliche Zuverlssigkeit dieser
Darstellung erhoben werden knnen, sind mir nicht unbekannt. Aber
welch' ein kstliches Stck Prosa in ethnographischer und malerischer
Hinsicht! Wie sieht man durch die Erzhlung die ganze naiv-burleske
Scene vor sich! Wer im Berliner Museum das kleine altnordische
Thongebilde von einer Gttin betrachtet hat, kann sich eine lebendige
Vorstellung von diesen kleinen hsslichen Abgttern bilden, welche
die frommen Weiber auf dem Schosse haben, mit Fett berschmieren
und am Feuer wrmen. Alles ist hier vortrefflich: die altnordische
Gottesfurcht, die einen Balder in der Puppe sieht mit demselben
brennenden Glauben, mit welchem heutzutage im Sden Mnner und Frauen
des Volks die Himmelsknigin in einer anderen Puppe sehen, und die
Scenerie rings umher, der rauchende Scheiterhaufen in der Mitte und
die trinkenden Kmpen in der Halle nebenan. Ein moderner Dichter mit
lebhaftem Sinne fr Zeit- und Localfarbe wrde es nicht ber sein Herz
bringen, das Geringste hieran zu verndern; er wrde eine solche Scene
wie eine Fundgrube betrachten. Ich spreche nicht von den Realisten;
Realisten schreiben keine Romanzen-Cyclen; aber ich denke an die
grossen Stilisten unter den Dichtern der Neuzeit. Es ist eine Scene
die in Hugo's La lgende des sicles aufgenommen werden knnte; aber
noch mehr wre sie fr einen so strengen Knstler wie Leconte de Lisle
geeignet: er knnte sie in seine Pomes barbares einflechten. Tegnr
aber erschien diese Scenerie nur roh und hsslich, unbrauchbar fr die
Dichtkunst. Der scharfe Contrast zwischen barbarischer und hellenischer
Poesie existirte nicht fr ihn; er versuchte seine barbarischen Stoffe
so gut es ging, zu hellenisiren. Er mischte aus Princip nicht das wild
Burleske in ein pathetisches oder schnes Ganzes hinein. Er malt dann
statt dessen, und mit viel Kunst, eine Nacht, wo die Mitternachtssonne
hoch am Himmel steht, wo das Balderfeuer, das Bild der Sonne, auf dem
geweihten Steine brennt, whrend bleiche Priester mit silberweissem
Bart und mit steinernen Messern in den Hnden lngs den Tempelwnden
stehen. Die Statue Balder's ragt auf einem Fussgestell mit Frithiof's
Ring am Arm empor, und der Knig mit seiner Krone auf dem Haupte ist
am Altar beschftigt. Diese Scenerie ist weit schner als jene der
Sage; aber sie ist weniger eigenthmlich als theatralisch.

Ausser dem Anstssigen und dem Burlesken im Stoffe gibt es noch ein
Drittes, was Tegnr umgeht und vermeidet. Das ist die Schuld.

Es gehrt zu dem poetischen System Tegnr's der scharf ausgesprochenen
Schuld, nicht weniger als dem ausgeprgt Hsslichen oder Barocken aus
dem Wege zu gehen. Sein Held ist zu grundgut, um sich zum Aeussersten
von Leidenschaft, Zorn, Rachsucht oder Wildheit hinreissen zu lassen.
Er macht einen Anlauf und beherrscht sich gleich wieder. Er rcht
sich nicht, wie in der Sage, fr die Krnkung, welche ihm die Knige
zugefgt haben; er bohrt nicht bei seiner Heimkehr ihre Schiffe an,
um sie fr das ihm angethane Unrecht zu strafen; sein Waffenbruder
versenkt viel spter die Schiffe, um Frithiof's Flucht zu erleichtern.
Wir sahen ferner, dass Frithiof in seinem Verhltniss zu Ingeborg
bei Tegnr keine wirkliche Entweihung begeht. Aber am schlagendsten
offenbart sich doch die Sorgfalt des Dichters, nicht bis zur tiefen
Schuld zu gehen, wo das Verhltniss Frithiof's zum Tempelbrand
geschildert wird. In der Sage zeigt Frithiof immer gegen Balder
Uebermuth. Er erklrt, weniger nach Balder's, als nach Ingeborg's Gunst
zu fragen. Als die Rckkehr der Knige ihn zwingt, mit den nchtlichen
Gastereien im Baldershage aufzuhren, sagt er mit einer gewissen Ironie
ber Balder zu Ingeborg: Wohl und lieblich habt ihr uns aufgenommen
und bewirthet, und der Bauer Balder hat sich gegen uns nicht ereifert.
Und endlich wirft er, als durch seine Unachtsamkeit Feuer im
Baldertempel entstanden ist, in seiner Vernichtungswuth Feuerbrnde in
die Dachlatten. Bei Tegnr ist dieses ganz anders: Frithiof's Gesinnung
Balder gegenber ist fromm; er kniet an Ingeborg's Seite vor ihm nieder
und befiehlt ihre gegenseitige Liebe seinem Schutz; er macht energische
Versuche den Tempelbrand zu lschen, und als es dennoch misslingt,
geht er traurig und _weinend_ fort.

So verwandelt ist der ganze Charakter menschlicher und edler, aber
unleugbar weniger primitiv, und es konnte nicht anders sein, als dass
durch diesen idealisirenden und modernisirenden Process ein gewisser
Streit entstand zwischen dem Charakter, wie er vom Dichter dargestellt
wurde und mehreren der thatkrftigen Zge, die ihm von der Sage
beigelegt waren und die unverndert in's Gedicht bergingen. Whrend
der Vollendung des Werkes konnte der Dichter dann manchmal nicht
unterlassen, sich selbst zu fragen, ob es denn berhaupt sich lohne,
einen alterthmlichen Stoff zu behandeln, wenn das Antiquarische und
das Poetische sich nicht ohne unaufhrliche und unntze Compromisse
vereinigen liessen? Seine Briefe sind voll von Zeugnissen dieser
Zweifel; als das Werk nach einem Kampf mit dem Stoffe, der volle
fnf Jahre dauert, endlich fertig vorliegt, beurtheilt er Frithiof
auf's strengste; er erinnert die Bewunderer des Gedichts daran, dass
die Poesie wachsendes Obst nicht Eingemachtes sein solle; seine
Briefe variiren das Thema, dass Frithiof zu viel Sage sei, um ein
modernes Gedicht zu sein und in zu hohem Grade moderne Poesie fr
eine altnordische Sage; sie sprechen es aus, dass alle Poesie modern
sein msse im selben Sinn, wie die Blumen es im Frhling sind, und
verurtheilen all' das Archologische im Gedichte als _neuerbaute
Ruinen_. Trotzdem hat die allgemeine kritische Stimmung sich gewiss
nicht geirrt, wenn sie eher an den allzu modernen als an den allzu
alterthmlichen Elementen des Gedichts Anstoss nahm. Ein strenger
Stilist htte nicht Frithiof in seinem Vikingerbalk die Anwesenheit
der Weiber an Bord verbieten lassen mit einem sentimentalen Wortspiel
wie diesem:

  Denn das _Grbchen_ der Wang' ist die falscheste _Grub_', und ein
  Netz ist die fliegende Lock'.

Tegnr selbst parallelisirt seine Arbeit mit Werken wie Goethe's
Iphigenia und Walter Scott's The lady of the lake. Die letztere
Parallele hat mehr Wahrheit als die erstere, obwohl Tegnr selbst
sagt, dass der schottische Particularismus bei Scott, wie der
jdische im alten Testament, alles beschrnkt und niederdrckt,
was sonst bei ihm sich freier und hher erheben knnte. Tegnr
befindet sich auf einer litterarhistorischen Station, die halbwegs
zwischen den zwei Punkten, Walter Scott und Byron, liegt. Ein halbes
Jahrhundert seines Lebens fllt mit den Lebzeiten Goethe's zusammen
und er erlebte Byron ganz. Von dem ersteren, den zu verstehen ihm
schwer wurde, lernte er wenig; am empfnglichsten zeigte er sich dem
Goetheschen Einfluss, wenn derselbe ihm durch Oehlenschlger zukam;
fr Byron'sche Eindrcke hatte er ein offeneres Gemth, hielt sich
jedoch tapfer von jeglicher Ansteckung frei, was ihm in hohem Grad
durch die romantisch-idealistische Vaccine, die ihm frh eingeimpft
worden, erleichtert ward. Er war als Dichter zu erfllt von seinem
Ich, um das Unpersnliche in der schpferischen Begabung Goethe's zu
verstehen, andererseits war sein Ich nicht tief genug, um Byron auf
seinen Entdeckungsreisen innerhalb des Ichs zu folgen. Er ist wie Scott
und Oehlenschlger national, genau an sein Land, sein Volk und dessen
heroische Vorzeit gebunden; aber es liegt in seinem Wesen eine Tendenz
zum ausgeprgt Persnlichen; er nhert sich dem Byronschen Typus in
einer gewissen Entfernung.

Sobald im Jahre 1820 der 16. bis 19. Gesang von Frithiof erschienen
waren, ging _eine_ Stimme der Bewunderung durch Schweden. Selbst die
Romantiker streckten gerhrt die Hand zur Vershnung aus. Noch bevor
das ganze Werk (1825) fertig vorlag, hatte sich Tegnr's Ruhm in die
Nachbarlnder verbreitet, namentlich nach Deutschland, wo Tegnr's
erste Uebersetzerin, die als Goethe's Freundin bekannte Frau Amalia
v. Helvig, den alten Dichter mit Fragmenten von Frithiof bekannt
gemacht und ihn dafr gewonnen hatte. Er leitete die Aufmerksamkeit
der Deutschen darauf hin, und obwohl das, was er in seinem zopfigen
Altersstil ber Tegnr geschrieben hat, kaum ein Dutzend Zeilen
ausmacht, begreift man, zu welcher Begebenheit eine Anerkennung von
Goethe's Seite in einem kleinen Lande wie Schweden heranwuchs. Goethe's
Worte lauten: Wie vorzglich diese Gedichte seien, drfen wir unsern,
mit dem Norden befreundeten, Lesern nicht erst umstndlich vorrechnen.
Mge der Verfasser aufs eiligste das ganze Werk vollenden und die
werthe Uebersetzerin auch in ihrer Arbeit sich gefallen, damit wir
dieses See-Epos in gleichem Sinn und Ton vollstndig erhalten. Nur das
Wenige fgen wir hinzu, dass die alte, krftige gigantisch-barbarische
Dichtart, ohne dass wir recht wissen wie es zugeht, uns auf eine neue
sinnigzarte Weise und doch unentstellt, hchst angenehm entgegen
kommt. Noch heute werden die Schweden nicht mde, davon zu sprechen.
Die Bewunderung fr Tegnr stieg in seinem Vaterland mit der steigenden
Popularitt des Gedichts, ja stieg nach seinem Tode so stark, dass sie
ungefhr alle Kritik ertrnkte und zuletzt in solchen Uebertreibungen
gipfelte, wie derjenigen Mellin's, Tegnr als grssten Dichter der
germanischen Menschenrace zu proclamiren. _Die_ Huldigung des Mannes
aber ist und bleibt die beste, die zugleich eine Huldigung der Wahrheit
ist.


                                  X.

    Ich stand auf meines Lebens khnsten Hhen,
    Wo sich die Wasserzge theilen, wo
    Nach beiden Seiten ihre Strme gehen.
    Dort war es schn, die Welt so reich und froh,

           *       *       *       *       *

    Da stieg ein finstrer Dmon auf, und schnde
    Biss mir am Herzen sich der Schwarze ein.
    Und siehe, wst war Alles nun und de;
    Der Mond erlosch, es schwand der Sterne Schein.
    Von meinem Eden wich die Morgenrthe,
    Die Blume starb, es welkte jeder Hain,
    Des Lebens Mark verdorrte mir im Herzen,
    Und Muth und Freude kehrten sich in Schmerzen.

Noch whrend Tegnr beschftigt war, die letzte Hand an seinen
Frithiof zu legen, brachen die Furien, die an seiner Schwelle
gekauert hatten, hinein, schttelten vor seinen Augen ihre
Schlangenlocken und griffen nach ihm mit ihren mageren. Armen Es waren
die Furien der Krankheit, der Leidenschaft, des Lebensberdrusses und
des beginnenden Wahnsinnes, und sie gaben einander die Hand und tanzten
um ihn einen Reigen.

Das Jahr 1825, dasselbe, in welchem Frithiof erschien und durch alle
Winde seinen Ruhm verkndete, ward das grosse Jahr der Krisis in seinem
Leben. Sowohl krperlich wie geistig war die Krise; sie hat gewiss eine
rein physische Seite; aber selbst davon abgesehen, dass diese auch
einem Arzte dunkel sein wrde, ist es doch nur die seelische, die der
Kritiker studiren kann, und diese scheint ausserdem unzweifelhaft die
erste Ursache gewesen zu sein. Diese seelische Katastrophe ist indessen
fast ebenso dunkel, wie die krperliche. Sie ist besonders deshalb
bisher unbeachtet gewesen, weil die Ausgaben der Tegnr'schen Poesien
von seinen berlebenden Verwandten _in usum delphini_ gemacht sind. Die
Periodeneintheilung ist vllig verwirrend, die Gedichte sind sparsam
datirt, ja, wie ich entdeckt habe, sind mehrere Liebesgedichte gegen
fnfundzwanzig Jahre vordatirt worden, um bei dem Leser den Glauben
hervorzubringen, sie wren an Tegnr's Frau als seine Braut gerichtet.
Die Melancholie, das Gedicht, von welchem eben anderthalb Strophen
angefhrt wurden, ist noch in der letzten Ausgabe undatirt zwischen
einem Gedicht von 1812 und einem anderen von 1813 eingeschoben worden.
Es lsst sich durch Tegnr's Briefe beweisen, dass es aus 1825 stammt.

Dieses Jahr beginnt fr Tegnr mit heftiger Krankheit; am Neujahrstag
selbst wird er so krank, dass er glaubt, sterben zu mssen. Im Mrz
schreibt er, dass sein Gemth mit jedem Tage dsterer wird. Gott
bewahre mich vor Melancholie und Menschenhass, heisst es. Im Juli:
Blindheit kommt mir als das schrecklichste irdische Unglck vor --
nchst einem, das ich selbst erfahren habe. Alles, was ihn frher
erfreute, ist ihm jetzt verhasst. Die Krankheit dauert als innere
Unruhe, doch ohne eigentliche, krperliche Schmerzen, fort. Meine
Phantasie, die schon im voraus leicht beweglich war, ist jetzt wie ein
Strudel, der alles, was er ergreift, umdreht und zermalmt.

Die Aerzte glauben, dass seine Leber angegriffen sei. Die Thoren! die
Seele ist angegriffen und fr sie gibt es kein anderes Heilmittel, als
das, welches von der grossen Universalapotheke jenseits des Grabes
geholt wird. Er erklrt, seinen Freunden nicht die Ursache seiner
Leiden mittheilen zu knnen. Im November fngt die Heftigkeit an,
einer gewissen Ruhe zu weichen. Er macht, heisst es, tglich gute
Fortschritte in der Gleichgiltigkeit, in welcher das Glck und die
Weisheit des Lebens bestehe. Die Bestimmung des Weisen sei, immer
mehr Schildkrte zu werden. So lange er einen einzigen entblssten
Gefhlsnerv habe, sei sein Wesen das Eigenthum der Qualen. Er fhlt
wie ein Bodensatz von Verachtung des zweibeinigen Geschlechts sich
am Boden seines Herzens absetze. Ach, ruft er aus, das rechte
innere Leid, das starke Seelen angreift, ernhrt sich selbst, wie der
Krieg, wenn er richtig organisirt ist, oder wie ein wildes Thier,
wenn es ausgewachsen ist, es thut. An seinem Geburtstage, dem 13.
November, versinkt er in die tiefste Melancholie: man solle wie die
Aegypter den Todestag feiern. Was ihn besonders verstimmt, ist, dass
dieser Geburtstag der letzte sei, den er in Lund verbringe, wo er 26
Jahre verbracht habe; er solle jetzt zum Bischof ernannt, mit Fremden,
die ihn nicht verstehen werden, verkehren; er werde als Bischof ein
desorganisirtes Stift bekommen und werde als Despot verschrieen werden.
In frherer Zeit sei ihm dies gleichgiltig gewesen; damals kmmerte er
sich nicht um den Mob; jetzt sei er aber nervenschwach, hypochonder und
verstimmt und beginne die Menschenfurcht zu verstehen. Und doch ist
dies nicht meine einzige, nicht einmal meine grsste Sorge. Doch die
Nacht schweigt und das Grab ist stumm; ihrer Schwester, der Trauer,
gebhrt's ebenso zu schweigen. Als er endlich, am letzten Tage des
Jahres die Bilanz zieht von dem, was er darin gelernt und gewonnen
hat, schreibt er: Ach! das alte Jahr, was ich in ihm gelitten habe,
weiss Niemand, wenn nicht vielleicht der Protokollist dort oben ber
den Wolken. Aber ich bin dem Jahre verpflichtet. Es ist finsterer,
aber auch ernster gewesen als all' die andern zusammen. Ich habe auf
eigene Kosten gelernt, was ein Menschenherz aushalten kann ohne zu
brechen, und welche Kraft Gott unter die linke Brustwarze eines Mannes
niedergelegt hat. Wie schon gesagt, ich bin dem Jahre verpflichtet;
denn es hat mich reich gemacht an dem, was die Grundsumme menschlicher
Weisheit und Selbstndigkeit ist, einer krftigen, tief wurzelnden
Menschenverachtung. Die Reizbarkeit des Nervensystems lsst ihm keine
Ruhe weder am Tage noch in der Nacht: Mein Gemth ist unchristlich,
denn es hat keinen Sabbath ... Mineralwasser kann ich in dem kommenden
Sommer nicht trinken. Aber gibt es nicht ein Mineralwasser, das 'Lethe'
heisst?

Was ist geschehen? Dass krperliches Leiden und Krnklichkeit selbst
in sehr hohem Grade sich hier finden, ist unzweifelhaft. Esaias Tegnr
hatte einen lteren Bruder, Johannes, gehabt, der geisteskrank war
und neununddreissig Jahre alt im Wahnsinn starb; der jngere Bruder
brtete immer ber dem Gedanken, dass der Wahnsinn ein Familienerbe
sei. Thomander, der sptere Bischof, der im Mrz 1825 Tegnr besuchte,
schreibt ber ihn: Er hat jetzt mehr dunkle Stunden als vorher;
manch' Einer, aber Niemand so sehr wie er selbst, frchtet fr seinen
Verstand; es ist seine fixe Idee, dass er geisteskrank werden wird,
weil sein Bruder und andere Verwandten es geworden sind. Niemand kann
aber in Zweifel sein, dass die Melancholie, die sich so pltzlich
ber Tegnr's heiteres und frisches Gemth warf, andere Ursachen als
Krankheit hatte; allzuviele Aeusserungen deuten auf ein bestimmtes,
concretes Factum hin, zwar ein Factum, das er nicht mittheilen will,
aber dessen Beschaffenheit er doch bezeichnet. Es ist das Herz, das
getroffen worden. Es ist Menschenverachtung, die ihn berwltigt hat.
Es ist Verachtung vor dem Charakter eines anderen Menschen, welche
die erste Ursache seines Lebensberdrusses ist, und dieser Mensch ist
ihm lieb oder lieb gewesen. Man braucht nicht Tegnr tief studirt
zu haben, um zu schliessen, dass hinter diesem eine Frau steht, und
dass alle jene Ausbrche sich auf eine unglckliche oder unbefriedigte
erotische Leidenschaft oder auf eine erotische Enttuschung
zurckfhren lassen.

Unter den Briefen des Bischofs Thomander finde ich einen von 1827,
worin erzhlt wird, dass Tegnr, als er noch in Lund war, fr die
schne Frau eines seiner Freunde warme Gefhle hegte. Von deren
Clavier ging er nie fort, wenn sie sang. Holde Rose! von Atterbom
war sein Lieblingsstck. Thomander schreibt, er habe in einem Hause,
in welchem er mit Tegnr zusammentraf, die ltere Tochter gewarnt,
Holde Rose! zu singen, weil er wusste, dass dann der bse Geist
ber Saul kme; durch ein Missverstndniss sei aber das Verbotene
geschehen, und von dem Augenblick ab sei die gute Stimmung Tegnr's
auf ganze Tage verschwunden[41]. In einem Briefe Tegnr's vom Mai
1826 heisst er in Uebereinstimmung hiermit: Gesang zu hren, daran
hatte ich mich besonders in den letzten Jahren in Lund gewhnt, wo ich
tglich Gelegenheit hatte, eine Frauenstimme zu hren, die noch immer
in meinem Herzen widerhallt. An die Dame, von welcher hier die Rede
ist, hatte Tegnr schon 1816 fr seinen Freund eine Art versificirten
Freierbrief geschrieben, in welchem ihre Schnheit, ihre Herzensgte
und ihr Gesang verherrlicht wird. Er spricht hier von der Gefahr,
in ihre Augen zu sehen. Es scheint, dass, was damals im Scherz eine
Gefahr genannt wurde, mehrere Jahre spter eine wirkliche Gefahr fr
Tegnr geworden ist. Es scheint, dass seine Bewunderung fr das Wesen
und die Talente der schnen Dame langsam zur Leidenschaft gestiegen,
und dass diese Leidenschaft erwiedert worden ist. Die locale Tradition
weiss ber dieses Verhltniss, welches berdies sein husliches Glck
nicht unberhrt gelassen haben kann, nicht wenig zu erzhlen. Es hat
ihm jedenfalls die Trennung von Lund sehr erschwert. Noch lebende
Zeitgenossen Tegnr's haben mir ausserdem eine Begebenheit mitgetheilt,
die zu seiner Menschenverachtung, besonders seiner Verachtung des
Weibes einen wesentlichen Beweggrund abgab. Er hatte lange einer
vornehmen und begabten schwedischen Dame gehuldigt, deren Name oft in
seinen Schriften vorkommt. 1824 hrten der Verkehr und der Briefwechsel
pltzlich auf. Das einzige Lebenszeichen, das Tegnr ihr gegenber
gab, war, dass er ihr Frithiof schickte, jedoch mit einer so
vorwurfsvollen Zueignung, dass sie das Blatt aus dem Buche ausschnitt.
Es scheint, als habe Tegnr erfahren, dass diese Dame, die er so
hoch schtzte und der er so nahe stand, sich einem vllig rohen und
ungeschlachten Menschen hingegeben hatte. War er so emprt, thierische
Leidenschaft dort zu treffen, wo er die Krone der weiblichen Bildung
und Schnheit verehrt hatte, dass in seinem krankhaften Zustand diese
Entrstung ber ein einzelnes Wesen zum allgemeinen Ekel an den Frauen
und am Leben heranwuchs? Ich kann die Frage nicht entscheiden. Ich sehe
nur, dass die bittere Schwermuth in das vormals so gute Schiff seines
Schicksals das Loch bohrte, durch welches die schwarzen Gewsser der
Misanthropie und des Wahnsinnes hineinstrmten und Alles bersplten.
Whrend des Schiffbruches schrieb er dann die melancholischen Verse:

    Dich, mein Geschlecht, frwahr, dich muss ich preisen.
    Dich, Gottes Abbild, strebend himmelan.
    Zwei Lgen hast du dennoch aufzuweisen:
    Weib heisst die eine, und die andre Mann.

    Von Treu' und Ehre singen alte Weisen,
    Am besten singt sie, wer betrgen kann.
    Du Himmelskind, das Wahre, was dir eigen,
    Das ist auf deiner Stirn das Kainszeichen.

    Ein deutlich Merkmal, dir von Gott gegeben!
    Wie hatt' ich frher auf das Schild nicht Acht!
    Ein Moderduft durchzieht das Erdenleben,
    Den Lenz vergiftend und des Sommers Pracht.
    Nur aus der Gruft kann dieser Hauch sich heben,
    Zwar an den Grbern hlt der Marmor Wacht --
    Doch ach! Verwesung heisst des Lebens Seele,
    Durch keine Macht gebannt in ihre Hhle.

Die Missstimmung, in welche Tegnr's Seele in der letzten Zeit, whrend
Frithiof in Arbeit war, verfiel, hat selbst in diesem heiteren und
harmonischen Gedichte Spuren hinterlassen. Einer der zuletzt verfassten
Abschnitte ist der, welcher den Titel Frithiof's Rckkehr fhrt. Sein
Inhalt ist ausnahmsweise der altnordischen Sage nicht nachgebildet:
Frithiof kehrt heim, erfhrt, dass Ingeborg sich zur Hochzeit mit
Knig Ring habe berreden lassen und erschpft sich in seiner ersten
Erbitterung in einem Strom von Zorn ber die Treulosigkeit der
Geliebten. Kein kritischer Leser kann bersehen, wie nahe dieser
Ausbruch mit den obenangefhrten Strophen der Melancholie verwandt
ist:

    O Weiber, Weiber, nun Frithiof sagte,
    Das Erste, welches bei Loke tagte,
    War eine Lg', und in Weibsgestalt
    Trat hin die Falsche zum Mann alsbald.
    Mit blauen Augen,  die stets bercken,
    Mit falschen Thrnen, die stets entzcken,
    Die Wangen rosig, der Busen weiss,
    Mit Treue schwindend wie Frhlingseis.
    Es flstern Falschheit und Trug im Herzen,
    Meineide stets auf den Lippen scherzen,
    Und theuer war mir die Falsche doch!
    Wie theuer war sie! wie ist sie's noch!

           *       *       *       *       *

    In Menschenbrust ist die Falschheit nur --
    Seit Ingborg's Stimme den Meineid schwur,

           *       *       *       *       *

    Ich treff' auch wohl in der Streiter Schwarm
    Ein Brschchen an mit verliebtem Harm;
    Auf Treu' und Ehr' will der Narr noch bauen?
    Aus Mitleid will  ich ihn niederhauen;
    Ich will ihm sparen, dereinst zu stehn
    Beschimpft,  verrathen,  wie mir geschehn.

Wir gewahren hier in Frithiof's Innerem denselben geistigen Process,
welchen wir eben im Gemthe Tegnr's beobachteten. Er verurtheilt nicht
das einzelne Weib allein fr ihre Untreue gegen ihn, sondern dehnt
sein Verdammungsurtheil auf das ganze Geschlecht aus. Das Weib ist
eine Lge, sagt er wie der Dichter in der Melancholie. Ein Narr ist
der, welcher auf Treu' und Ehre baut, das sind seine Worte hier wie
dort. Die einzelne bittere Erfahrung dehnt sich bei Frithiof wie bei
seinem Dichter aus zur Menschenverachtung und zum Lebensberdruss. Kein
Wunder, da sie noch nher als Vater und Sohn mit einander verwandt
waren.

Von jetzt ab ist das Capitel von der Treulosigkeit des Weibes als Weib
das stehende Capitel bei Tegnr. Seine Briefe variiren dieses Thema.
Es ist ihm z. B. unmglich eine gute oder schlechte Uebersetzung zu
nennen ohne entweder zu bemerken, dass schne Uebersetzungen wie schne
Frauen nicht immer die treuesten, oder dass Treue und Schnheit selten
gute Freunde seien. Er kann nicht von dem Geschenk einer Frau sprechen
ohne ihr Herz die schlimmste, die gefhrlichste Gabe zu nennen, die sie
geben knne. Die Frauen im allgemeinen betrachtet er jetzt wie eine
Art Geselligkeitsmaschinen oder Spieldosen, die recht artig klingen,
wenn sie gehrig aufgezogen werden. Was die Liebe betrifft, so sei
sie eine solche Selbstmrderin, dass sie, sobald sie nicht vergeblich
seufze, durch sich selber sterbe. Ueber Ingeborg schreibt er: Ihre
Treulosigkeit gegen ihren Liebhaber ist zwar schon durch die Natur
des weiblichen Herzens motivirt, musste aber doch von einem Poeten,
der sich gegen das schne Geschlecht gern artig benimmt, auf irgend
eine Weise vergoldet werden. Ja so hartnckig wurde nach und nach
bei Tegnr diese Gewohnheit, das Weib als unzuverlssig und unstet
zu schildern, dass er noch viele Jahre spter, wenn er als Bischof
seine Schulreden hielt, ausser Stande war, die Schuljungen mit seiner
Theorie zu verschonen. In einer Rede von 1839 preist er die Knaben
glcklich wegen des Reichthums an Hoffnungen, der ihrer Jugend gehrt.
Dann heisst es: Die Hoffnung ist in allen mir bekannten Sprachen
weiblichen Geschlechts und verleugnet auch nicht ihr Geschlecht. Es
ist wahr, dass sie betrgt .... aber glaubt gern, glaubt lange an die
schne Betrgerin und drckt sie an Euer Herz. Tegnr muss unleugbar
von seiner Bitterkeit gegen die Frauen sehr erfllt gewesen sein,
um ihr bei einer so wenig schicklichen Gelegenheit, einem so wenig
passenden Publikum gegenber, Luft zu machen. Aber nicht diese einzelne
leidenschaftliche Verstimmung allein kann von der Krise im Leben des
Dichters datirt werden; von diesem Zeitpunkt ab beginnt berhaupt ein
heftigerer, leidenschaftlicherer Ton in seinen Briefen und Poesien
hervorzutreten. Es findet sich eine Shakespeareartig tragische
Leidenschaft darin. Die Welt ist aus den Fugen, und wie soll sie durch
Hamlet's Arm wieder in's Geleise gebracht werden knnen! Auf Ophelia
verlsst er sich nicht mehr, sie gehe in ein Nonnenkloster, wenn sie
sich rein bewahren will. Denn Schwachheit, dein Name ist Weib! Was ist
das Leben? Galgenfrist. Und was ist die Weltgeschichte? Hundetanz.
Ein widerliches Komdienspiel ist alles, was Hamlet rings um sich sieht
und die Welt eine gemalte Theaterdecoration mit papiernen Rosen und
Opersonnenschein. Er knnte wahnsinnig darber werden, und er wird
mglicherweise zuletzt darber wahnsinnig; aber erst soll die Lge und
Jmmerlichkeit des Lebens ohne Gnade und ohne Schonung entlarvt werden.

Es liegt eine wilde Rcksichtslosigkeit ber Tegnr's Briefen von
1825, die nie frher bei ihm gesprt wurde. Man frage ihn z. B. nach
seinen Berufsgenossen, den Theologen? Sie sind Hesekiel's Cherube
mit Ochsenkpfen, doch ohne Flgel. Und die Bischfe? Geborene oder
gewordene Hinfllige. Und der Apostel Paulus selbst? Griechische
Sophistik auf jdische Rohheit geimpft. Was sagt er ber das
Knigthum? Die Macht ist ebenso lcherlich wie abscheulich, wenn sie
in die Hnde der Trivialitt, der Hilfslosigkeit, der Dummheit fllt
-- siehe den Staatskalender ber Europa. Und ber die Vorsehung?
Die Vorsehung ist ein Begriff ohne jeglichen Halt. Ich weiss recht
wohl, was Lessing und die anderen Deutschen behauptet haben, dass die
Weltgeschichte das Staatsrathsprotokoll der Vorsehung sei; das ist ein
hbsches Gedicht und ich knnte es wohl auch in Versen ausfhren; aber
nicht glaub' ich in Ernst daran.

Mir ist es, als ob ich unter allen diesen verzweifelten Reden ber
Menschenwerth und Weibertreue, ber Knige und Bischfe, Christenthum
und Geschichte einen Unterstrom rieseln hrte von dem ergreifenden
Klagegesang der Melancholie:

    Du, Wchter, sprich: Wie spt ist denn die Stunde?
    Wird diese Nacht denn nie zu Ende gehn?
    Es weicht und kehrt der Mond mit blut'ger Wunde,
    Thrnenden Aug's die Sterne niedersehn.

    Wie mit der alten Jugendkraft im Bunde
    Schlgt stark mein Puls und spottet meinem Flehn.
    Wie unermesslich jedes Pulsschlags Schmerzen!
    Weh  meinem blutigen,  zerrissnen  Herzen!


                                 XI.

Kein Zug illustrirt besser die Civilisationsstufe Schwedens zu
Tegnr's Lebzeiten als die Weise, in welcher Wissenschaft und
Religion verknpft waren. Das Verhltniss zwischen Staat und Kirche
war so intim, ich htte beinahe gesagt, so naiv, dass ein Professor
schon als solcher zugleich Pfarrer war und dass die natrliche, die
erwartete Befrderung fr einen tchtigen Professor in Griechisch,
Botanik oder Geschichte die war, dass er -- Bischof wurde. Es war ein
Staatshaushalt, der lebhaft an die private Haushaltung bei Molire's
Harpagon erinnert. Der Universittslehrer, dessen Katheder in Lund am
Sonntage mit der Kanzel auf dem Lande vertauscht wurde, war eine Art
Matre Jacques mit dem Ornat ber dem Professorrock, und musste, wie
der berhmte Diener des Geizigen im Lustspiele, in jedem eintretenden
Falle den Staat fragen: Bitte, ist es Ihr Kutscher oder ist es Ihr
Koch, mit dem Sie jetzt sprechen wollen? denn ich bin beides.

Die ursprngliche Ursache, wesshalb Tegnr die Befrderung wnschte,
war rein konomischer Natur; er hatte Schulden und die vermehrte
Einnahme kam ihm sehr zu statten. Er war wie die Gebildeten seiner
Zeit gewohnt, einen bestimmten Unterschied zwischen der esoterischen
und der exoterischen Seite der Religion zu machen, und wenn er auch
seinem Charakter nach sich als Heide fhlte, so waren seine Stimmungen
doch oft fromm; er war zu viel Dichter, um sich nicht oft und leicht
contrastirenden Eindrcken hinzugeben; so kam es, dass er in seinen
Ueberzeugungen ursprnglich kein Hinderniss fand, das Bischofsamt
anzunehmen. Doch kaum zum Bischof ernannt, fhlte er den tiefsten
inneren Widerwillen gegen all' die Zweideutigkeit und Halbheit, in die
er sich verwickelt sah und in der die Pflichten gegen seine Familie
ihn festhielten. So stieg die Misanthropie und die Unlust zu leben,
die im Jahre der Krise entstanden war, immer mehr. Energisch und
pflichtgetreu, wie er war, warf er sich auf die usseren Seiten seines
Amtes; er wurde der Civilisator und Organisator seines Stiftes, ein
feuriger, unternehmender Schuldirector, ein berlegener rcksichtslos
eingreifender Erzieher seiner Pfarrer. Der rein brgerliche Standpunkt,
den er in seiner Auffassung der Kirche einnahm, ist ungefhr derselbe,
den gleichzeitig in England der brigens weit weniger freisinnige
Coleridge einnimmt. Die frhere religise Bedeutung der Kirche, sagt
Tegnr, kann natrlich nicht wieder aufgerichtet werden, denn das
System, auf welchem sie beruht, hat drei Jahrhunderte der Geschichte
verschlafen, und es ist zu keinem Nutzen, dass Einer und der Andere
thut, als ob er an die Nachtwandlerin glaube. Aber die Kirche hat auch
eine brgerliche Bedeutung, und sie kann und muss als integrirender
Theil der menschlichen Gesellschaftsordnung aufrecht erhalten werden.
Will man auch diese ihre Bedeutung der Schlaffheit und der Schlafsucht
preisgeben, so sehe ich nicht ein, wesshalb nicht die Geistlichkeit
mitsammt dem ganzen religisen Apparat zum Besten der Staatskasse
eingezogen werden sollte. Um zu begreifen, wie stark er sich in
Anspruch genommen fhlte, muss man wissen, dass der Predigerstand in
Schweden sich damals in Bildung und Sitten auf gleich niedriger Stufe
befand. Es galt, den Pfarrern die Elemente humaner Bildung beizubringen
und die rgsten Trunkenbolde unter ihnen zu entfernen. Man hatte ihm
einen Augiasstall zu reinigen gegeben.

Die geistlosen Beschftigungen zehrten an seiner schon im voraus
erschtterten Gesundheit und guten Laune. Die Examina stehen jetzt
bevor und ich muss acht Tage nach einander im Gymnasium sitzen. Dann
Predigerexamen und Ordination. Dann nicht weniger als acht neue Kirchen
einzuweihen in diesem Sommer. Und bei alledem soll geredet werden, um
Nichts und fr Nichts. Words, words, words, sagt Hamlet. Beklage mich,
ich bin todtmde von Reden, von Missmuth und muss doch immer wieder
daran. Kein Mensch achtet darauf, was ich sage, und ich selbst auch
nicht. Das nenne ich in die Luft reden und sein Leben in Ceremonien
vergeuden. Es kamen Augenblicke, wo alles Geistliche ihm ein Greuel
war. In einem solchen schrieb er scherzend an einen Freund, den er
bat, ihm ein paar Pferde zu kaufen: Keine schwarzen; denn ich vertrage
nicht die Pfaffenfarbe. Es war ein trauriger Missgriff, der einen so
modernen Geist in ein so mittelalterliches Costm hllte; das Ornat
vermochte nicht ihn umzuwandeln, wie es so manchen Anderen umgewandelt
hat; aber es peinigte ihn und verzehrte ihn nach und nach wie ein
vergiftetes Nessushemd.

Und doch war seine Glanzzeit noch nicht vorbei. Bevor seine Sonne
unterging, war ihm noch ein prachtvolles Abendroth vorbehalten.
Die vielen zerstreuten Wolken, die sich ber seinem Haupte und in
seinem Horizont gelagert hatten, machten, wie es zu gehen pflegt, nur
den Sonnenuntergang glhender und reicher. Die Zeit des lyrischen
Enthusiasmus war fr Tegnr fr immer vorbei; der Glaube an Zukunft
und Fortschritt, der die Quelle des Lebensmuthes ist, war ja lngst
versiegt. Aber noch eine Fhigkeit hatte er in Reserve, ein Talent,
das bisher der schaffenden Phantasie und der lyrischen Begeisterung
untergeordnet gewesen war, die poetisch-rhetorische Gabe. Diese
erreichte in seiner Bischofszeit ihre hchste Blthe.

Wie das Talent Tegnr's zur Hervorbringung der von ihm selbst
sogenannten lyrischen Charaktere in Verbindung mit dem lyrischen
Hang des ganzen schwedischen Volkes steht, so stimmt auch diese
seine zweite Fhigkeit merkwrdig mit Grundeigenschaften seines
Volkes berein. Die schwedische Nation hat eine besondere Gabe, zu
reprsentiren. Der Schwede liebt, was sich gut ausnimmt, und versteht
besser als Dnen und Norweger vortheilhaft zu arrangiren; er hatte
in Sitte, Umgangsleben, Rede mehr Form und zugleich mehr frmliches
Wesen, als die brigen Skandinaven. Schon die Sprache ist ceremoniell,
indem ihr das Anredewort Sie ganz fehlt, so dass Name oder Titel
unaufhrlich wiederholt werden mssen. Kein nordisches Volk versteht
wie das schwedische eine Procession, ein Fest, eine ffentliche
Ceremonie, einen Einzug oder eine Krnung mit dem Zusammenspiel
anzuordnen, das erforderlich ist, um die Wirkung zu sichern. Dieser
nationalen Reprsentationslust, deren Pflanzschulen die Kirche und
die Universitten aus leichtverstndlichen Grnden immer waren,
entspricht eine eigene Art von nationaler, festlicher Beredsamkeit. Die
schwedische Beredsamkeit ist pathetischer und prachtliebender als die
der brigen skandinavischen Vlker. Sie hat etwas von dem geistlichen
Schwung, den die Kirche mitbrachte, etwas von dem professorenartigen
Geprge, das die Universitten bewahrten, und nahm endlich nach der
Stiftung der schwedischen Akademie ein eigenes akademisches Element
in sich auf, das man als einen Hang zum Euphemismus, eine Neigung,
die Gedanken zu umschreiben und den Dingen schne Namen zu geben,
bezeichnen kann. Von den Mngeln dieser Redegabe hatte Tegnr nur
wenige, aber er besass alles, was in dieser Schule entwickelt war
von Kraft und Klang der Sprache, von Klarheit und Bilderpracht des
Vortrags, von Fhigkeit, Stimmungen auszudrcken und eine ganze
Versammlung in Stimmung zu bringen. All' dieses kam in Tegnr's
Festreden und Festgedichten zur feinsten Blthe. Sein berhmtestes
Festgedicht ist das vom Jahre 1829 geworden.

Studenten aus Lund hatten Oehlenschlger eingeladen, ihrer Promotion
beizuwohnen und als Tegnr dies erfuhr, beschloss er, die Gelegenheit
zu benutzen, mit einem der fr die Magister des Tages bestimmten
Lorbeerkrnze Adam Oehlenschlger zu krnen. Eine schwedische Idee
und eine poetische; ausserdem die Idee eines edlen, nicht eitlen
Dichters! So entfernt war Tegnr von jedem bertriebenen Streben nach
Anerkennung, dass es ihm ganz natrlich war, einen anderen Dichter als
seinen Meister zu bekrnzen. Er hatte eben seine Rede geendet und den
Rector aufgefordert, die Magisterpromotion zu beginnen, als er gegen
Oehlenschlger gewendet, der am Hochaltare in der Domkirche stand, noch
ein Mal das Wort ergriff und den Rector anredete:

    Aber bevor du den Lorbeer vertheilst, so schenke mir einen.
    Nicht fr mich; in dem Einen jedoch will Alle ich adeln.
    Nordens Sngermonarch ist hier, der Adam der Skalden,
    Erbe des Throns im Reich des Gesangs, denn der Thron ist Goethe's.
    Wsste doch Oscar darum, im Namen des Theuren geschh' es.
    Nun nicht ist's in dem seinen, noch minder in meinem, es ist im
    Namen des ew'gen Gesangs, lauttnend in Hakon und Helge,
    Dass ich dir biete den Kranz; er wuchs wo Saxo gelebt hat.
    Hin sind die Zeiten der Trennung -- im Reiche des Geistes, dem freien
    Sollten ja nimmer sie sein -- und verschwisterte Lieder ertnen
    Ueber den Sund und entzcken uns jetzt, und vor allen die Deinen.
    Drum beut Svea den Kranz dir -- ich sprech' im Namen von Svea:
    Nimm von dem Bruder ihn an, und trag' ihn zur Ehre des Tages.

Und unter dem Getse von Pauken, Trompeten und Kanonen setzte er
den Kranz auf Oehlenschlger's Haupt. Mag die Inscenirung nur
dem Augenblicke gehren, Pauken, Trompeten, Kanonen, die ganze
Janitscharenmusik im Momente verschwinden! Es war doch ein grosser und
schner Augenblick, und die Erinnerung daran hat, wie wenige andere,
die nordischen Vlker mit einander verbrdert.


                                 XII.

Das Jahr 1830, das Frankreich die Julirevolution brachte, vernderte
dadurch in Schweden die politischen Stimmungen und bald die politische
Situation; das Jahr gab dem Liberalismus einen neuen Aufschwung,
modificirte bedeutend seine Zwecke und vernderte die Sprache
seiner Presse. Vor 1830 war das Ideal der schwedischen Liberalen
Freiheit gewesen; jetzt wurde es Demokratie. Selbstverstndlich
trieb das Hervorrcken des Liberalismus die conservativen Gruppen
zur entgegengesetzten Aeusserlichkeit. Upsala war das Hauptlager der
reactionren Partei; hier herrschte Geijer, und die loyalen Studenten
folgten ihm so treu, dass sie in einem Stndchen an Karl Johann es als
ihre Pflicht bezeichneten _obir, mourir et se taire_. Zum Vergelt
nannte die Stockholm'sche liberale Presse Upsala ein faules Torynest
und die Universittsprofessoren vertrocknete Maulwrfe. Eine neue
Journalistik entwickelte sich, die unter dem herrschenden Absolutismus
nur durch einen persnlichen, ausgelassenen Ton sich Gehr verschaffen
zu knnen meinte. Der Stil dieser Presse war verwegen und scharf;
sie verletzte mit Nadelstichen und Persiflage. Man schonte weder den
Hof noch die Person Karl Johann's. Gefiel dieser Ton auch in einigen
hauptstdtischen Kreisen, so erregte er in den altvterischen Provinzen
einen lebendigen Unwillen, bei Keinem einen strkeren, als bei Tegnr,
dessen zerrissenes Gemth allzu verstimmt war, um das Gute sehen zu
knnen, das mglicherweise einmal mit der Zeit von all' diesen Snden
gegen den guten Ton hervorgehen knnte. Er berhrte das Berechtigte in
dem Anspruch auf neue Staatsformen, whrend er allein fr den Mangel an
Ehrerbietung vor dem Ruhm des alten Knigs ein scharfes Gehr hatte. Er
legte einen leidenschaftlichen Protest dagegen ein, und die liberalen
Bltter fielen wie Wespen ber ihn her. Die Folge war, dass er sich
bald nicht nur gegen die liberale Presse, sondern auch gegen die von
ihr verkndeten Lehren wandte. Geistesaristokrat, wie er war, widerte
das demagogische Wesen ihn an; zum idealen Begriffe vom Volke hatte er
sich kaum sogar in seiner besten Zeit erhoben, und jetzt, nachdem aller
Glaube an menschliche Reinheit und Seelenschnheit in ihm zerstrt
worden, konnte er sich weniger als je dazu erheben. Und unter diesen
Umstnden musste er als Fach-Politiker auftreten, indem er als Bischof
an den Reichstagsverhandlungen zu Stockholm Theil nahm. Es kann nicht
Wunder nehmen, dass es jetzt in entschieden conservativer Richtung
geschah; ja Tegnr trat sogar als ein wahres _enfant terrible_ des
Conservatismus auf, denn wenn der alte streitbare Geist ber ihn kam,
schonte er weder Freund noch Feind. Durch alles, was er jetzt schreibt
oder im Reichstage spricht, ziehen sich die bitteren Ausflle gegen die
neue Form von Journalistik, die ihm als das sichere Kennzeichen von
Schwedens Verfall erschien. Man hre seine Sprache:

    Die schwed'schen Farben waren blau und gelb,
    Es kleidete in sie sich Kraft und Ehre.
    Schmutz ist jetzt Nationalfarb', und die Lge
    Eu'r Heldenlied, das Schmh'n ist losgelassen
    Sechs Tage, ja wohl sieben in der Woche.
    Sein Auge spht in's Leben jedes Hauses,
    Es liegt sein Ohr vor jedem Schlsselloch --
    Ihr Mnner Schwedens, ist _das_ eure Freiheit?

Seine Krankheit hatte seit dem ersten Ausbruch ihm nicht Ruhe gelassen.
Eine Badereise nach Karlsbad im Jahre 1833 brachte keine Linderung,
geschweige denn Genesung. Der wesentliche Nutzen, den die Reise zur
Folge hatte, war der rein geistige, dass Tegnr Deutschland etwas
besser kennen lernte. Er hatte nur wenig Sympathie fr dieses Land,
dessen zu jener Zeit so dunkle Philosophie ihn zurckscheuchte,
und das ihm litterarisch in das Aneignen fremder Schpfungen, ohne
denselben ein eigenes Geprge geben zu knnen, aufzugehen schien. Er
vergleicht die Deutschen mit dem kaspischen Meer, das eine Menge Flsse
aufnimmt, aber keinen Ablauf hat und alles in Nebelform verdunsten
lsst. Auf der Reise, whrend welcher ihm als dem in ganz Deutschland
berhmten Dichter grosse Aufmerksamkeit sowohl von Privaten wie von
dem Knig Friedrich Wilhelm IV. erzeigt wurde, erhielt er wenigstens
einen flchtigen Eindruck der positiven Eigenschaften des Volks. Er
schreibt u. A.: Deutschland ist seiner tollen Nebelhaftigkeit zum
Trotz unleugbar lange der Lehrstuhl Europa's gewesen, und Preussen ist
unzweifelhaft jetzt die Intelligenz der civilisirten Welt. Aber er war
zu alt, um auf's neue in die Schule zu gehen, und doppelt lebensmde,
nachdem die Hoffnung auf Besserung vereitelt worden, kehrte er zu
seinem geistestdenden Beruf und seinem vergeblichen Kampf gegen die
politische Entwicklung in Schweden zurck.

Sein Abscheu gegen die Presse, die er vergeblich zu bekmpfen suchte,
ging so weit, dass sich zuletzt sein Herz sogar von Schwedens Land
und Volk entfremdete. Er schreibt: O mein armes Vaterland! Ueber die
Publicisten selbst wundere ich mich nicht; sie leben vom Schmhen
wie der Scharfrichter vom Kpfen und der Schinder vom Geisseln; aber
was soll man von einem Volke sagen, von dem ganzen hochlblichen
schwedischen Volke, das solche Erbrmlichkeit nicht nur duldet, sondern
ermuntert, kauft, liest, bewundert? Es kann nur so erklrt werden,
dass die Nation ganz und gar Pbel geworden ist, mit sehr wenigen
Ausnahmen. Ich sehe nicht ein, dass anderes brig bleibt, als Abschied
zu nehmen, wenn nicht von Schwedens Land, so doch von der schwedischen
Sprache, und Finnisch oder Lappisch zu schreiben. Anderswo heisst
es: Mein Traum von der Ehre und gesunden Vernunft des schwedischen
Volkes ist lngst ausgetrumt und fr immer zersplittert. Und mit
einer Wendung, die interessant ist, weil sie beweist, wie nah verwandt
nach der eigenen Empfindung Tegnr's seine Streitbarkeit den Liberalen
gegenber mit seiner Bekmpfung der Romantiker war, schreibt er: Du
kannst dir leicht vorstellen, was ich von dem kniglich schwedischen
Publikum denke. Den Gedanken -- ein Traum war es -- dass sich mit einem
solchen Mob etwas ausrichten liesse, hab' ich lngst aufgegeben. Sie
sind und bleiben verworfen. In welcher Form auch die Thorheit auftritt,
politisch oder litterr, als Phosphorismus oder als Rabulismus, so ist
die Masse bereit, ihr zuzufallen. Ein so erbrmliches Geschlecht ist
des Pulvers nicht werth.

Diese Aeusserungen sind alle von 1839 und dem ersten Monat des Jahres
1840. Eine solche Wucht von Hoffnungslosigkeit und Menschenverachtung
konnte den strksten Geist zum Unterliegen bringen, wie viel mehr
einen, den sechzehnjhrige Krankheit untergraben hatte. Als Tegnr
sich whrend des Reichstags 1840 in Stockholm aufhielt, trat die
Katastrophe ein. Der Wahnsinn brach aus. Er usserte sich theils
in wilden Ausbrchen von Sinnlichkeit unter voller Geistesstrung,
theils und am hufigsten im Entwerfen von kolossalen Plnen, riesigen
Finanzoperationen, Plnen zu Vlkerwanderungen und Welteroberungen. Der
Stern war erloschen.

Er entzndete sich wieder, um einige Jahre hindurch mit einem milderen,
schwcheren Schein zu leuchten; aber sein rother Marsglanz kehrte nicht
wieder zurck. Was muss der unglckliche grosse Mann nicht gelitten
haben, bis der Wahnsinn zum entscheidenden Ausbruch kam! Schon 1835
sagte er zu Adlersparre, dass seine Seele brenne und sein Herz blute,
dass aber seine Krankheit, der man den Kosenamen Hypochondrie gebe, mit
seinem wirklichen Namen Tollheit heisse. Es ist eine Erbschaft, fgte
er hinzu, die los zu werden nicht in meiner Macht stand. Bei seinem
letzten Besuch in Wermeland sagte er: Ich bin die personificirte
Antisana, ich stehe mit den Fssen im Schnee, aber der Kopf brennt und
speit Feuer. Er weissagte, nicht lange Zeit vor sich zu haben, sprach
aber mit Trauer ber die Weise, in welcher er zu sterben verurtheilt
sei: Bissen fr Bissen von dem tausendmuligen Ungeheuer der
Hypochondrie verschlungen. Was hat er nicht gelitten! Ich gebrauchte
den Ausdruck, dass die Furien ber seine Schwelle stiegen. Er hat
selbst seinen Jammer in einer hnlichen Gestalt gesehen: Du kennst
nicht den Einfluss der Furie, an die ich getraut worden bin, ohne
Pfarrer noch Brautjungfer, ja ohne gefreit zu haben. Sie ist von einem
Alp und einem Vampir im Verein erzeugt, und selbst wenn sie nicht auf
meiner Brust reitet oder mein Herzblut saugt, lsst sie mich verstehen,
dass sie in der Nhe ist und in kurzer Zeit mich mit einem Besuch zu
beehren gedenkt. Wirkliche Geistesstrung muss nach einem solchen
einleitenden Zustand fast als eine Erlsung gekommen sein. Die Aerzte
befahlen die Reise nach einer damals sehr angesehenen Heilanstalt in
Schleswig.

Der Aufenthalt in dem Irrenhaus whrte nicht lange; es ist aber
interessant, selbst dorthin ihm zu folgen, so schn und eigenthmlich
waren die Schwrmereien, die ihn peinigten. Eine Person, die ihn
dorthin begleitete, hat uns folgenden wrtlichen Ausspruch von ihm
whrend der Krankheit aufbewahrt: Die ganze Verwirrung kommt von dem
verdammten Eifer her mit dem Diadem, das sie mir auf den Kopf setzen
wollten. Du kannst sonst glauben, dass es ein Prachtstck war: Bilder
in Miniatur, nicht gemalt, sondern leibhaftige und wirklich existirende
Miniaturen von vierzehn der edelsten Dichter bildeten einen Kranz. Da
waren Homer und Pindar, Tasso und Virgil, Schiller, Petrarca, Ariost,
Goethe u.s.w. Zwischen jedem Paar brannte ein strahlender Stern,
nicht von Flittergold, auch nicht von Diamanten, sondern von wirklich
kosmischem Stoff. Mitten vor der Stirn war ein Diadem in Form einer
Lyra angebracht, die etwas vom eigenen Lichte der Sonne geliehen hatte.
So lange diese Lyra still stand, war Alles gut -- aber auf einmal
begann sie sich in einem Kreislauf zu bewegen. Schneller und schneller
wurde die Bewegung, dass jeder Nerv in mir davor erzitterte. Zuletzt
fing sie an sich im Kreise mit solcher Eile zu schwingen, dass sie zu
einer Sonne verwandelt wurde. Da wurde mein ganzes Wesen bewegt und
gebrochen; denn Du musst wissen, nicht um den Kopf, sondern um das
Gehirn selbst war das Diadem geschlungen. Doch jetzt schwang es sich
rings herum mit einer vllig unberechenbaren Gewaltsamkeit, bis es auf
einmal zersprang. Dunkel, Dunkel, Dunkel und Nacht breitete sich ber
die ganze Welt aus, wohin ich mich auch wandte. Ich wurde verwirrt und
schwach; ich, der ich immer Weichlichkeit bei Mnnern gehasst habe, ich
weinte und vergoss brennend heisse Thrnen. Alles war vorbei --.

Ist dies nicht eher die Poesie des Wahnsinnes, als der Wahnsinn
selbst? Und wie tritt das wahre Wesen des Dichters, selbst in diesem
sonderbaren Traum hervor -- dem Jugendtraum von Krnzen und Kronen,
jetzt in der Schmiede des Wahnsinns rothgeglht! Fr den khlen
Lorbeerkranz, den er um Oehlenschlger's Haupt gewunden, hatten
jetzt seine Nornen ihm diesen glhenden Ring um die Stirn gelegt. --
Glcklicherweise khlte dieser Ring schnell wieder ab, und im Frhling
1841 war Tegnr wieder in seiner Heimath.

In seiner letzten grsseren Dichtung (Die Kronenbraut), in welcher
er sich selbst geschildert hat, sehen wir den alten Bischof als
Dorfpatriarch von einer verehrenden Gemeinde umringt. Die Jahre glitten
hin in der milderen Stimmung, die das Alter mit sich fhrte; ein
Schlaganfall im Jahre 1843 meldete, dass der Tod nicht fern sei, und
den 2. November 1846 hauchte der mde Dichter seinen letzten Athemzug
aus.

Werfen wir einen Rckblick auf die Entwickelung dieses Geistes, in
dessen reichem Boden die Keime des Genies und des Wahnsinnes dicht
neben einander wie in einer Doppelnuss lagen, so sehen wir dieses
krftige und heitere Gemth wie einen Funken aus dem kieselharten
Naturgrund des schwedischen Bauernstandes hervorspringen. Er saugt
Nahrung aus der landschaftlichen Schnheit Schwedens und den alten
Sagen Scandinaviens. Er schwrmt fr That und Kampf und drckt seine
Schwrmereien in einer Sprache von flammenvergoldeten Bildern aus. Er
lernt den antiken Geist kennen, und sein angeborener Naturtrotz wird
in einer griechisch-religisen Harmonie gemildert. Sein religiser
Freisinn fhrt ihn zum politischen Freisinn und die religise
Vershnung seines Gemths fhrt einen Versuch politischer Vershnung
der streitenden Tendenzen des Jahrhunderts mit sich. Dieser geistige
Standpunkt bestimmt seinen litterarischen: die Verkndigung des
Evangeliums der Klarheit, des Lichts und des Gesanges als Ausdruck der
geistigen Gesundheit. Auf dieser Hhe fhrt er das epochemachende Werk
seines Lebens aus, das ideale Bild vom nordischen Alterthum, wie die
Zeitgenossen es sich trumten. Man muss, um gegen dies Werk gerecht zu
sein, den Zeitpunkt festhalten, in welchem er entstand. Vergleicht man
damit ein nordisches Meisterwerk unserer Tage (Bjrnson's Bergliot
z. B.), so findet man es natrlich weder norwegisch noch nordisch; es
ist nur relativ nordisch, aber die schnsten Lieder desselben sind
unbedingt schn. Kaum war dies Werk vollendet, das bestimmt war, das
entscheidende Zeugniss im Kampfe von der Bedeutung der poetischen
Gesundheit zu liefern, so zeigte es sich, dass der Krankheitskeim in
der Seele des Dichters so krftig gewachsen war, dass es nur einer
einzelnen seelischen Krise bedurfte, um den Lebensmuth, um den sich
die hssliche Schmarotzerpflanze rankte, zum Verwelken zu bringen. Die
Sommerzeit seines Lebens war dahin. Der Sptherbst brachte noch einige
schne Frchte, und der Stamm war todt.

Der Eindruck, den ich am liebsten hervorbringen mchte, ist der, dass
der Mann, welcher dem Namen Esaias Tegnr Weltruhm gab, vor allem ein
ganzer Mensch war, in Fehlern wie in Tugenden eine grundehrliche,
rechtschaffene Seele, leichtbeweglich, aber mit einer leuchtenden Liebe
zum Schnen und Wahren.




                        BJRNSTJERNE BJRNSON.

                               (1882.)


In seiner Rede bei der Enthllung des Wergeland-Denkmals am 17. Mai
1881 sagte Bjrnson:

Ihr habt wohl alle davon gehrt, dass Henrik Wergeland eine Zeit
lang in seinem Leben mit den Taschen voll Baumsamen ging, ab und zu
auf seinen Spaziergngen eine Handvoll auswarf und seine Kameraden
berreden wollte, dasselbe zu thun, da Niemand wissen knne, was daraus
aufgehen werde. Dies ist ein so treuherziger und rhrend poetischer
Zug von Vaterlandsliebe, dass es auf der Hhe des besten steht, was er
geschrieben hat.

Was hier von Wergeland in buchstblichem Sinne erzhlt wird, das kann
in hherem Sinne von Bjrnson gesagt werden. Er ist der grosse Semann
Norwegens. Das Land ist ein Felsenland; steinig, wild und kahl. Die
Saat fllt auf felsigen Boden und manch' ein Samenkorn wird von dem
Winde verweht; wo aber Erdreich ist, da ist es empfnglich; die Aussaat
ist reich, und Bjrnson fhrt unermdlich in seinem Wirken fort. Sehr
vieles von seiner Saat ist schon aufgegangen, und er denkt bei seiner
Arbeit nicht an das jetzt lebende Geschlecht allein.

Das Capitel, womit Bjrnson Arne und damit die Gesammtausgabe seiner
Novellen erffnet, enthlt bekanntlich das Mrchen von den Bumen
und dem Haidekraut, die den vor ihnen liegenden nackten Felsen zu
bekleiden beschliessen. Nicht umsonst hat Bjrnson der chronologischen
Ordnung seiner Erzhlungen Abbruch gethan, um dies Capitel an die
Spitze stellen zu knnen. Es drckt den Grundgedanken seines Lebens
aus, den, sein Land zu bebauen, zu civilisiren. Darauf beruht es, dass
er, der eine so feine und zarte Poesie zu dichten vermag, sich nicht
fr die grbste Arbeit, diejenige des Journalisten und Volksredners
zu gut hlt, wenn es gilt, durch Bekmpfung eines Vorurtheils oder
Irrthums, durch Verbreitung einer einfachen, aber noch unerkannten
Wahrheit -- oder dessen, was ihm als solche erscheint -- die sittliche
und politische Erziehung des norwegischen Volkes zu frdern. Er hat
sich nie als blosen Dichter betrachtet. Er hat seine Sendung frhe im
weitesten Sinne aufgefasst.


                                  I.

Man braucht nur einen Blick auf Bjrnson zu richten, um sich zu
berzeugen, wie vorzglich er von der Natur fr den heissen Kampf
gerstet wurde, den das litterarische Leben in der Regel mit sich
fhrt. Man sieht nicht oft eine so kraftvolle Gestalt, wie geschaffen
in Granit gehauen zu werden. Es gibt vielleicht keine Arbeit, die so
wie die schriftstellerische Thtigkeit alle Lebensgeister erregt,
die Sinne angreift, das Nervensystem verfeinert und schwcht. Es war
aber keine Gefahr vorhanden, dass die Anstrengungen der dichterischen
Erzeugung sich bei ihm wie bei Schiller auf die Lungen, oder wie bei
Heine auf den Rcken schlagen knnten; es war nicht zu frchten, dass
feindselige Artikel jemals ihm, wie der Hauptperson Halfdan in seinem
Drama Der Redacteur den Tod gben. Dem Mark dieses Rckens gebrach
nichts; in diesen Lungen fand sich kein Staub und sie kannten keinen
Husten; diese Schultern waren geschaffen, die Stsse, welche die
Welt gibt, unerschttert zu ertragen und sie zurckzugeben. Und die
Nerven! Wenn Bjrnson durch eigene Erfahrung begriffen hat, was man
unter Nerven versteht -- und es ist wahrscheinlich, denn man ist nicht
ungestraft Kind seines Jahrhunderts -- so ist er wenigstens als Dichter
nie nervs, nicht wenn er fein, nicht einmal wenn er empfindsam ist.

Er hat nichts von jener Ueberverfeinerung, die ein leichter Grad von
Krankhaftigkeit und Mdigkeit mittheilt.

Stark wie das Raubthier, dessen Name zweimal in seinem Namen
vorkommt[42], steigt er vor der Erinnerung auf mit dem mchtigen
Kopf, dem festgeschlossenen Mund und dem scharfen Blick hinter der
Brille. Sein Aeusseres verrth den Pfarrerssohn, Stimme, Mienenspiel
und Handbewegungen deuten auf eine schauspielerische Begabung, wie
sie oft bei Dichtern vorkommt, wenn auch selten in so ausgesprochener
Weise. Litterarische Feindschaften wrden unmglich diesen Mann zu
Boden werfen knnen und fr ihn existirte nie die grsste Gefahr
fr den Schriftsteller (eine Gefahr, die mehrere Jahre lang sogar
seinem grossen Nebenbuhler Henrik Ibsen drohte), dass sein Name todt
geschwiegen werde. Er trat schon als ganz junger Schriftsteller (als
Theaterrecensent und Politiker) so kampfeslustig in die Litteratur
hinein, dass drhnender Lrm um ihn entstand, wo er sich zeigte. Er
hatte wie sein Thorbjrn in Synnve Solbakken die Rauflust des
Starken, aber er stritt wie sein Sigurd in Sigurd's Flucht nicht
allein um seine Krfte zu ben, sondern aus naiver, lebendiger,
freilich oft irrender Gerechtigkeitsliebe. Er verstand es jedenfalls
von Grund aus die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Damit soll nur gesagt sein, dass er bei seinem sanguinischen,
sonnigheiteren Wesen, sich im vollen Tageslicht des Lebens wohl fhlte.
Von der Lichtscheu, die ein so hufiger Temperaments- oder Charakterzug
bei zurckhaltenderen Naturen, welche stets etwas zu berwinden
haben, wenn sie krperlich oder geistig ihre Persnlichkeiten zur
Schau stellen mssen, hatte er nichts. Ibsen hat in seinem Gedichte
Lichtscheu dieses Gefhl geschildert:

    Nun schlagen des Tages Fratzen,
    Des Lebens lrmende Lust,
    Die mitleidslosen Tatzen
    In meine verwundete Brust.

    Doch birgt mich mit ncht'ger Hlle
    Der Finsterniss Schreckensflor.
    So rstet sich all' mein Wille
    So adlerkhn wie zuvor.

    Fehlt aber des Dunkels Schwinge,
    So weiss ich mir Armen nicht Rath.
    Ja wenn ich einst Grosses vollbringe,
    So wird's eine dunkle That.

Kein Naturell ist Bjrnson ferner, als das, welches diese schnen,
muthigen Worte schildern, die auf Ein Puppenheim und Gespenster im
Voraus hinzudeuten scheinen.

Seinem Wesen nach ist er halbwegs Clanhuptling, halbwegs Dichter. Er
vereinigt in seiner Person die beiden im alten Norwegen hervortretenden
Gestalten: den Huptling und den Skalden. Er ist in seinem Gedankengang
halb Volkstribun, halb Laienprediger, d.h. er verschmilzt in seinem
ffentlichen Auftreten das politische und religise Pathos seiner
norwegischen Zeitgenossen, und zwar fast noch mehr, nachdem er sich von
der Orthodoxie losgerissen hat, als zuvor.

Da Bjrnson ein Pfarrerssohn ist, scheint der Hang zum Predigen bei ihm
ererbt zu sein. Er ist der geborene Missionr. Der Inhalt der von ihm
verkndeten Religiositt war ursprnglich der der Rechtglubigkeit.
Als er dann whrend seines Entwicklungsganges sich genthigt sah die
Orthodoxie fahren zu lassen, blieb der Verkndigungstrieb unverkmmert
derselbe. Auch vernderte sich die Verkndigung formell ganz und gar
nicht. Nur trat an die Stelle der Dogmenlehre der Rechtglubigkeit,
nunmehr die Moral der Rechtglubigkeit.

Ein Beispiel: Eine Begebenheit, eine so merkwrdige Erscheinung, wie
die berraschenden Siege Deutschlands ber Frankreich 1870 musste
auf jeden Zeitgenossen nothwendig Eindruck machen. Der philosophisch
veranlagte Beobachter wrde sich bemhen, den verwickelten Knuel der
Ursachen zu entwirren, wrde untersuchen, welche dem Kriegswesen, der
Verwaltung, der Staatskunst, der Verstandesbildung entsprangen, und
welche rein geistige Grnde zum Sieg und zur Niederlage vorlagen. Fr
den priesterlich veranlagten Beobachter giebt es in solchen Fllen nur
eine einzige Ursache: die religis-moralische. Der Sieg ist stets der
Lohn der Frmmigkeit oder Keuschheit.

So fr Bjrnson. In Jahresfrist nach dem Kriege, als er noch
rechtglubig war, schrieb er den Sieg der deutschen Heere dem Umstande
zu, dass die deutschen Offiziere noch von Luthers Zeiten her, einige
krftige Psalmen hatten, die sie vor der Front sangen.

Fnfzehn Jahre spter bezeichnete er in einem in dem skandinavischen
Verein in Paris gehaltenen Vortrage als Ursache die vermeintliche
geschlechtliche Unsittlichkeit der franzsischen Heerfhrer, die er
mit usserst drastischen, ob auch nicht ganz so zuverlssigen Zgen
ausmalte. Wer den deutschen Offiziersstand nur im entferntesten
kennt, wird die Naivett belcheln mssen, mit der Bjrnson die
Sage von dessen Sittenreinheit fr baare Mnze nahm. Diese Naivett
konnte jedoch nicht in Verwunderung setzen. Er hatte keine Wahl.
Gab _das Lutherthum_ nicht mehr den Ausschlag -- und Bjrnson hatte
seine Orthodoxie in der Zwischenzeit aufgegeben -- so musste es _die
Ehrbarkeit_ sein. Er nahm naturgemss seine Zuflucht zu dem Factor,
welcher der Religion am nchsten lag. Die Ursache wechselt mit seiner
fortschreitenden Entwicklung, wird jedoch so wenig als mglich
verschoben. Und fr die Menge ist es ganz ebenso einleuchtend und
beifallswrdig, dass die Franzosen Prgel bekamen, weil sie frivol als
weil sie irreligis waren.

Es ist das Kennzeichen aller theologisch veranlagter und erzogener
Menschen, dass die Geschlechtsmoral, und zwar in ihrer elementaren
Gestalt, ihnen fast schon die ganze Moral ist und selbst nicht eben
schwierige Siege auf deren Gebiete von ihnen als ungeheuere Triumphe
der Sache des Guten verherrlicht werden.

Ein Beispiel dieses Gedankengangs hat man im Vorspiel zu Bjrnson's
Drama Der Knig. Hier nhert sich auf einem Maskenball der
belberchtigte Herrscher des Landes einer jungen, stolzen,
wohlerzogenen Dame und appellirt ohne sie je zuvor gekannt, ohne den
geringsten Versuch gemacht zu haben, ihr Herz zu gewinnen, mit einer
rohen Beschreibung von khlen Bogengngen mit Thren zu dunkeln
Gemchern, dahin er sie fhren werde, an ihre Sinne. Von einer
wirklichen Versuchung kann hier kaum wohl die Rede sein. Jede junge
Dame, die gewohnt ist, etwas auf sich zu halten, wrde diesen plumpen,
schmutzigen Antrag zurckweisen. Clara thut dies mit Verachtung.

Niemand wird leugnen wollen, dass dies, wie man zu sagen pflegt,
_sehr anstndig_ von ihr ist; viel mehr daraus zu machen, dnkt
Einem Uebertreibung. Nichts desto weniger ist es in den Augen des
Dichters etwas so ausserordentlich Verdienstvolles, dass es selbst die
Geisterwelt in die heftigste Aufregung versetzt:

    Dieses edlen Zornes Worte
    In den Rumen kaum verhallen,
    Als Millionen zu dem Orte
    Ihr verwandt an Hochsinn wallen.

    Jubel, Jubel, Siegfanfaren,
    Geisterschaaren
    Theilen Wolken strahlend weiss,
    Ksten gleich, die mittagsheiss.
    Doch die Hlle hrt mit Wehe,
    Das Hosiannah in der Hhe.

Einem rechtschaffenen Weibe wrde die Zurckweisung eines solchen
Antrags sich ebenso von selbst verstehen, wie einem rechtschaffenen
Manne, einen Bestechungsantrag zurckzuweisen.

Nur die ungeheuere Wichtigkeit, die jedem einzelnen Falle von
geschlechtlicher Zurckhaltung beigelegt wird, erklrt das wilde
Entzcken der Geisterwelt hierber, einen Jubel, der, um eines Mannes
Willen angestimmt, welcher eine Kaufsumme ausschlge, kaum minder
bertrieben wre, selbst wenn dies irgend einem Monarchen zum ersten
Mal den Glauben an Uneigenntzigkeit und Charakterfestigkeit beibrchte.

Ein Schriftsteller kann grosse und seltene Gaben besitzen und doch,
sei es durch die scheinbare Disharmonie zwischen seiner Begabung und
dem Nationalcharakter, sei es durch die wirkliche zwischen seiner
Entwicklungsstufe und der des Volkes, lange Zeit hindurch an einem
durchschlagenden Erfolge verhindert sein. Viele der Grssten haben
darunter gelitten. Viele wie Byron, Shelley, Heine, Henrik Ibsen
haben ihr Land verlassen, noch weit mehrere, die im Lande blieben,
haben sich von ihrem Volke verlassen gefhlt. Mit Bjrnson verhlt es
sich ganz anders. Er ist zwar nie von seinem ganzen Volke friedlich
anerkannt worden, anfangs nicht, weil seine Form zu neu und ungewohnt,
spter nicht, weil seine Ideen die herrschenden, conservativen und
hochconservativen Kreise herausforderten, aber nichtsdestoweniger hat
er sein Volk hinter sich, wie unter den zeitgenssischen Dichtern
vielleicht nur Victor Hugo. Und Hugo ist nicht so sehr Franzose wie
Bjrnson Norweger. Wenn man seinen Namen nennt, ist es, als ob man
die Fahne Norwegens aufstecke. Er ist in seinen Vorzgen und Fehlern,
in seinem Genie und seinen Schwchen so ausgeprgt national, wie
Voltaire oder Schiller. Es knnte scheinen, als ob Ibsen mit seinem
absonderlichen und scheuen, ernsten und verschlossenen Wesen nationaler
sei als der freudige Zukunftsverknder Bjrnson. Allein, dass auch das
Offene, Redselige und Laute, auch das Heitere und Frohe norwegisch
ist, das haben die norwegische Dichterschule des 18. Jahrhunderts
und Wergeland vollauf bewiesen. Das Wortkarge, Gebundene, Scheue
und Schwere aber hat Bjrnson in seiner Kunst, seinen erdichteten
Gestalten. Seine Offenherzigkeit als Mensch und seine Wortkargheit
als Knstler, sein gesteigertes und empfindliches norwegisches
Nationalgefhl und sein lebhaftes Bewusstsein der Einseitigkeit und
der geistigen Bedrfnisse dieses Volks, das ihn zum Skandinavismus,
Pangermanismus, Weltbrgerthum getrieben hat, all' dies ist in seiner
eigenthmlichen Mischung bei ihm so ausgeprgt national, dass er in
seiner Persnlichkeit das ganze Volk zusammenfasst. Er bezeichnet
dessen Selbstkritik, keine mit Scorpionen geisselnde, wie sie in
Norwegen Ibsen, in Russland Turgenjew vertritt, sondern das von Liebe
getragene, scharfe und muthige Urtheil, gefllt ohne Melancholie.
Denn er weist nie einen Schaden auf, an dessen Besserung und Heilung
er nicht glaubt, nie ein Laster, an dessen Ausrottung er verzweifelt.
Er hat einen wahren Khlerglauben an das Gute in der Menschenwelt und
besitzt den ganzen unbesiegbaren Optimismus eines genialen Sanguinikers.

Wie er in keinem anderen Lande htte erstehen knnen, so wrde er noch
weniger als andere Schriftsteller ausserhalb des Vaterlandes gedeihen.
Als im Jahre 1880 durch die deutschen Zeitungen das Gercht ging,
dass er, von den ewigen, heimatlichen Streitigkeiten ermdet, sich in
Mnchen niederlassen werde, schrieb er in einem Privatbriefe: Ich
will in Norwegen wohnen, in Norwegen prgeln und geprgelt werden, in
Norwegen singen und sterben -- verlassen Sie sich darauf!

Sich in so innigem Zusammenhange mit dem Vaterlande zu fhlen, ist
ein Glck, wenn man von dem Vaterland sympathisch verstanden wird.
Und dies ist Bjrnson's Fall. Es beruht auf Verhltnisse, die tief in
seiner Natur liegen. Er, der so stark fr den verschlossenen, einsamen
Michelangelo geschwrmt hat, ist ein Geist ganz entgegengesetzter
Art, nicht einsam, selbst wenn er am meisten allein ist (wie seit
1873 auf seinem Hof in dem entlegenen Gausdal), sondern ein durch
und durch gesellschaftlicher und volksthmlicher Geist. Er bewundert
Michelangelo, weil er das Grosse, das Tiefernste, das mchtig Schroffe
im Menschenherzen und in dem Stil verehrt und versteht; aber mit der
melancholischen Empfindung der Vereinsamung bei dem grossen Florentiner
hat er nichts gemein. Er ist der geborene Parteistifter und fhlte sich
deshalb frh zu strmenden, volksthmlich parteistiftenden Geistern,
wie dem Dnen Grundtvig und dem Norweger Wergeland hingezogen, so
unhnlich er ihnen auch durch seine plastische Gestaltungskraft war.
Er hat das Bedrfniss, sich als einen Mittelpunkt oder Brennpunkt der
Sympathien zu fhlen, und er bildet unwillkrlich einen Bund um sich,
weil er in seinem eigenen Wesen eine Gesellschaft zusammenfasst.

Dass er national ist, kommt denn, nher bestimmt, daher,
dass er ein volksthmlicher Geist ist. Auch dies ist eine
Temperamentseigenthmlichkeit. Er ist volksthmlich, weil er sich nicht
abschliesst und nicht verfeinert ist, weil er von vornherein etwas
Grobzubehauenes hatte, etwas den Vielen Verwandtes.

Es gibt Geister, die gleich zu Beginn ihrer Laufbahn im Namen der
Vielen sprechen und wiederum Geister, die bis in den Tod es nur im
eigenen Namen thun. Es gibt Geister, die von allem Anfange an wir,
andere, die von Anfang bis Ende ich sagen, noch andere, die damit
beginnen ich und damit enden wir zu sagen, oder auch umgekehrt.
Bjrnson hat bei aller seiner Selbstndigkeit sich stets als Organ
gefhlt. Ihm war, als ob ein ganzes Volk durch seinen Mund sprche.
Er fhlte sich getragen von seinem Volke, von dessen Geschichte, von
dessen Vorzeit, dessen ihn ringsumgebenden Bestrebungen, und kraft
dieses Gefhles sprach er.

Geister dieser Art haben ein gemeinsames Geprge. Sie scheuen die
gangbaren, anerkannten Wahrheiten nicht. Wie neu auch ihre Form,
wie ursprnglich ihre Darstellung, der von ihnen dargestellte Inhalt
ist von Anfang an der allgemein angenommene, anerkannte. Und selbst
das scheinbar neueste, das sie sagen, ist nicht zu neu, um nicht den
nchsten Morgen schon, nachdem es ausgesprochen worden, Anhnger
zu Tausenden zu haben. Sie knnen ihrem ganzen Wesen nach vor den
religisen, moralischen, politischen Allerweltswahrheiten keine Abscheu
haben und auf diesen heimlichen Bund mit dem Allgemeinmenschlichen ist
ihre ursprngliche Wirkung, ihr stetiger Erfolg zurckzufhren. Geister
wie Kierkegaard auf dem religisen, Ibsen auf dem moralischen, Andr
auf dem politischen Gebiet ziehen die Verlsslichkeit der landlufigen
Wahrheiten schon darum in Zweifel, weil sie eben landlufig sind. Mit
Bjrnson verhlt es sich gerade entgegengesetzt. Selbst in seinem
heissesten Kampfe gegen das Hergebrachte streitet er im Namen des Gang
und gben.

Hierauf beruht die geistige Gesundheit, die seine Strke bildet.
Ein allzu aristokratisches Gefhlsleben, eine allzu verfeinerte
Intelligenz, ein allzu lebhafter Widerwille gegen das Herkmmliche
ist fr den Schriftsteller eine Gefahr. Feine Nerven tragen keine
Popularitt ein. Das Unzugngliche, Discrete, Auserlesene wird von
den Massen verschmht oder bersehen. Sie fordern vom Volksredner
ein mchtiges Organ, einen derben Humor, klare, einfache Gedanken,
anschaulich ausgedrckt, vom Volksdichter eine verschnende,
verherrlichende Wiedergabe ihrer Eigenschaften, eine Reproduction der
eigenen naiven Kunstformen des Volkes. Und was nur immer ein Volk
derartiges verlangen kann, hat Bjrnson ihm in reichem Masse geboten.


                                 II.

Bjrnstjerne Bjrnson ist am 8. December 1832 in einem Thale des
Dovrefjld zu Kvikne, wo sein Vater Pfarrer war, geboren. Die Natur
dieser Gegend ist unfreundlich, arm und de, die Felsen meist kahl,
hier und da Tannen und Birken, aber der Boden so schlecht und das
Wetter so rauh, dass der Bauer in fnf Jahren nur auf ein Getreidejahr
rechnen kann. Kein Kornfeld gedieh um den Pfarrhof. Im sparsam
bevlkerten Thal lagen die Huser weit aus einander. Im Winter bedeckte
hoher Schnee Berg und Thal, umgab jedes Haus mit einer Umwallung und
lud zu Schlittenfahrten und Schneeschuhlaufen ein. Als der kleine
Bjrnstjerne sechs Jahre alt war, wurde der Vater nach Nsset in
Romsdalen, der wegen ihrer Schnheit berhmtesten Gegend Norwegens,
versetzt. Hoch und mchtig steigen hier zu beiden Seiten des Thals die
Felsen mit khn geformten Zinnen empor, die nach und nach, whrend die
Ebene sich senkt und man sich dem Fjord nhert, in immer merkwrdigeren
Bildungen dem Auge erscheinen:

    So weit den Blick ich lasse wandern
    Der eine Berg-Riese ober dem andern,
    Von diesem die Schulter an Jenes Lende,
    Bis an den Himmelsrand ohn' Ende.
    Man steht und harrt eines Weltenkrachs wild.
    Die ewige Stille vergrssert das Bild.
    Welche sind weiss, blau Andere scheinen,
    Hitzig im Wettstreit die Zacken sie heben,
    Welche sich einen,
    Zu Ketten binden und vorwrts streben.

Nur wenige norwegische Thler knnen sich an reicher Abwechslung
mit Romsdalen messen. Die Gegend ist berdies fruchtbar,
verhltnissmssig stark bevlkert, die Hfe hbsch, meistens
zweistckig, der Menschenschlag bei aller Wortkargheit freundlich,
lebhaft und launenhaft, heftig und vernderlich, wie geprgt von den
Windstoss-Fjorden an denen sie wohnen. Der Unterschied von dem
frheren Aufenthaltsort war auffallend und ergreifend; er lehrte das
Kind nachzudenken und zu vergleichen, sich selbst mit neuen Augen zu
betrachten und seines Wesens bewusst zu werden. Die grossartige Natur
und das bewegte Volksleben fllten mit ihren Bildern die empfngliche
Seele des frischen und reichbegabten Jungen. Nach der kleinen Stadt
Molde in die gelehrte Schule geschickt, organisirte er Vereine unter
den Knaben und wurde bald eine Art Fhrer der Schuljugend. Er las alles
Geschichtliche und Dichterische, dessen er habhaft werden konnte,
die Volksmrchen, die Asbjrnsen, die Volkslieder, die Landstad kurz
zuvor gesammelt hatten, Bcher also, in welchen Vorstellungen von dem
Volke zum Ausdruck kamen, wie die Romantiker der Zeit sich sie von
diesem gebildet -- las aber auch die altnorwegischen Knigssagen und
Wergeland's Dichtungen, die er mit Leidenschaft verschlang. Siebzehn
Jahre alt kam er nach Christiania, um sich zum Studentenexamen
vorzubereiten, las hier besonders dnische Litteratur, trat in engeres
Freundschaftsverhltniss zu dem genialen Sonderling Aasmund Vinje,
der sich schon als Dialektdichter einen Namen erworben hatte, sowie
zu dem gleichaltrigen, erst spter bekannten Historiker Ernst Sars,
und fhrte ein geistig vielfach bewegtes, strmisches, bermthiges
Jugendleben. Das damalige, mit grosser Sorgfalt geleitete dnische
Theater in Christiania interessirte und beeinflusste ihn lebhaft. Als
er 1852 als Student in das Elternhaus zurckkehrte und dort ein Jahr
verbrachte, that sich das Volksleben in neuer Beleuchtung seinen Augen
auf. Er lebte mit dem Volk und dichtete Lieder im Volkston, die oft von
den Bauern auswendig gelernt und gesungen wurden.

Nach Christiania zurckgekehrt trat er als Kritiker, besonders als
Theaterrecensent auf, schrieb mit dem ganzen Ungestm genialer Jugend,
mit der ganzen Ungerechtigkeit eines angehenden Dichters, und erwarb
sich viel Feinde. Er las jetzt vorzugsweise die dnischen Denker der
eben zu Ende gehenden Litteraturperiode, Heiberg, Sibbern, Kierkegaard,
und fing etwas spter an, sich in die Gefhlswelt Grundtvig's zu
vertiefen. Die Lehre Grundtvig's vom frohen Christenthum ergriff
ihn als Gegensatz zum dstern Pietismus seines Heimathlandes, der
starke Glaube an die hohe Begabung und die Mission des skandinavischen
Nordens, die er bei Grundtvig fand, musste den so typisch nordischen
und mit Europa so unbekannten Jngling nothwendigerweise fesseln. Bis
tief in die siebziger Jahre hinein lsst sich der Einfluss Grundtvig's
bei ihm spren. Er, der Pfarrerssohn aus dem einsamen Dorfe, der
Schler aus der unbedeutenden Kleinstadt, der Student an einer
Universitt, wo moderne philosophische und sociale Anschauungen nicht
vertreten waren, wo vieles Tchtige in den Specialfchern geleistet
wurde, es aber kein europisches Bewusstsein gab, fand damals im
Grundtvigianismus all' das, was er bestndig gesucht, spterhin aber
ausserhalb desselben gefunden hat: das Menschliche in seiner hchsten
Freiheit und Schnheit.

Ein Paar Ausflge in die Nachbarlnder, zuerst die Theilnahme an dem
skandinavischen Studentenzug nach Upsala 1856, unmittelbar danach ein
lngerer Aufenthalt in Kopenhagen, brachten seine dichterischen Anlagen
zur Reife. Er hatte schon das kleine Schauspiel Die Neuvermhlten
begonnen, es aber im Gefhl der Unzulnglichkeit seiner Krfte
hingelegt. Jetzt schrieb er sein dramatisches Erstlingswerk Zwischen
den Schlachten, ein kleines, etwas sssliches Schauspiel, in welchem
indessen der knappe, schroffe Prosastil zu dem wortreichen Pathos
der Oehlenschlgerschen Schule im schrfsten Gegensatz stand. Das
Stck wurde vom kniglichen Theater in Kopenhagen zurckgewiesen, in
Christiania aufgefhrt, erst spter gedruckt. Welche lange Strecke
Bjrnson und die ganze sptere poetische Litteratur seit damals
auf dem hier eingeschlagenen Wege zurckgelegt hat, merkt man am
besten, wenn man dies kleine Drama, das bei seinem Erscheinen durch
die vermeintliche Wildheit des Stoffs und die Hrte der Behandlung
abstiess, auf der Bhne wiedersieht; es kommt jetzt schon ganz
idyllisch und viel zu empfindsam vor.

Indessen empfand Bjrnson einen immer strkeren Drang Bauernnovellen
zu schreiben. Sein Jugendleben, seine Jugendlectre hatten veranlasst,
dass er das Bauernleben im Lichte der Saga's und die Saga's im
Lichte des Bauernlebens sah. Synnve, Der Vater, Das Adlernest
brachten eine Verjngung des alten Sagenstils. Und dieser Stil, der
ruhig, episch, immer anschaulich im Alterthum zur erzhlenden Form fr
Zwietracht, Todtschlag, Blutrache, Mordbrand, abenteuerliche Fahrten
und Grossthaten erschaffen wurde, war hier bewahrt, erneuert und hob
durch seine Grsse den idyllischen Stoff, das Liebesleben junger
norwegischer Bauern und Bauernmdchen.

Bjrnson gehrt zu den Glcklichen, die ihre Form nicht suchen, sondern
vom Anfang an besitzen. Synnve Solbakken, seine lteste Novelle, war
makellos in ihrem Guss. Er hatte nicht erst nach harten Kmpfen mit
dem widerspenstigen Stoff seinen Werken das innere Gleichgewicht zu
geben vermocht. Sie rannen aus dem Tiegel in die Form und standen mit
plastischer Sicherheit fest wie Denkmler da.

Hiermit soll nicht etwa gesagt sein, dass Bjrnsons Dichterleben vor
dem Tappen noch vor Umschlgen verschont geblieben sei. Allein seine
Laufbahn ist nicht wie die so vieler Andern eine Felsenbesteigung im
Nebel gewesen, nur von einigen sonnigen Stunden auf der Hhe gekrnt,
sondern ein Steigen, whrend dessen sich auf jeder Stufe schne
Aussichten erffneten. Und zwar ist seine Entwickelung so vor sich
gegangen, dass er bei ursprnglicher, verhltnissmssiger Enge oder
Armuth der Ideen knstlerisch mit der hchsten Vollendung begann,
um ein immer reicheres Ideenleben und eine sich immer steigernde
Kenntniss des menschlichen Herzens in seine Werke niederzulegen. Er
hat dabei zwar nichts an poetischem Werth, aber doch immerhin etwas an
plastisch-klassischem Gleichgewicht eingebsst.

Die ersten Arbeiten Bjrnsons wurden nicht eben mit einstimmigem
Beifall begrsst. Seine frhesten Novellen und Dramen widersprachen
allzusehr dem, was das Publikum zu bewundern gewohnt war, um
ohne Widerspruch, geschtzt zu werden und viele der litterarisch
Gebildeten, die mit der bisherigen Poesie innig zusammen gelebt hatten,
mussten ihr sthetisches Glaubensbekenntniss verletzt fhlen. Das
volltnende Pathos Oehlenschlger's klang mit seinem Wohllaut noch
Allen in den Ohren, seine Darstellung des nordischen Alterthums und
frhen Mittelalters schien den Mnnern von der alten Schule, wenn
auch usserlich unwahrer, doch innerlich wahrer als Bjrnson's, die
unbertroffene Eleganz und Anmuth bei Henrik Hertz hatte den Geschmack
fr das Urwchsige bei ihnen geschwcht, und endlich vermisste man
in der neuen norwegischen Poesie die hohe philosophische Bildung,
die Heiberg das Publikum gewhnt hatte bei dem Dichter zu fordern
und zu finden. Ich erinnere mich noch deutlich, wie fremdartig und
neu Synnve Solbakken und Arne mir selbst als Jngling bei ihrem
Erscheinen vorkamen.

Gleichwohl war Bjrnsons Ruf rasch begrndet, und nichts drfte so
sehr dazu beigetragen haben, als der Umstand, dass die herrschende
nationalliberale und skandinavische Partei die neue Dichtung in ihren
Schutz nahm. Zu jener Zeit waren die Nationalliberalen in Dnemark und
die Skandinaven in Norwegen noch Bauernfreunde in der Litteratur. Man
liebte den abstracten Bauer; den wirklichen kannte man noch nicht.
Man hatte ihm das Wahlrecht gegeben, war berzeugt, dass er in alle
Ewigkeit fortfahren werde, sich von denen leiten zu lassen, die ihm
die Freiheit geschenkt hatten, und lebte der Hoffnung, dass er nie
diese Freiheit zu anderem verwenden werde, als dazu, diese seine
stdtischen Wohlthter zu whlen und zu feiern. Desswegen hiess der
Bauer damals noch in den grossstdtischen Organen der gesunde Kern des
Volks; man sah in ihm den Sprssling der Recken des Alterthums, besang
ihn und schmeichelte ihm. Dichterwerke, die zugleich mit Feinheit und
in einem neuen und grossen Stil sein Leben verherrlichten, waren in
Dnemark im Voraus einer begeisterten Aufnahme sicher, besonders wenn
sie aus einem der Brderlnder stammten, die dem Herzen des echten
Skandinaven fast noch nher waren als das eigene Vaterland.

Der blasirte Kopenhagener hatte ausserdem dieselbe Vorliebe fr
die Bauernnovellen Bjrnson's, die man an den Hfen des vorigen
Jahrhunderts fr Schferromane und Schferspiele gehabt hatte. Man
war jetzt zu kritisch, um Schferinnen mit rothen Hacken und Lmmer
mit rothseidenen Bndern um den Hals zu verlangen, aber man fand
einen Ersatz in norwegischen Burschen und Dirnen, deren Gefhlsleben
reichlich so fein und tief wie das irgend eines Studenten oder
Fruleins war.

Die Bauernnovelle war keine an und fr sich neue litterarische Abart.
Die prchtigen jtlndischen Dorf- und Haidebilder _Sten Stensen
Blicher's_ erffneten Anfangs der dreissiger Jahre die Reihe. 1839
begrndete Immermann sie halb unbewusst als Kunstart durch die
in seinen Mnchhausen eingeflochtene meisterhafte Novelle Der
Oberhof. 1843 gab Auerbach die Schwarzwlder Dorfgeschichten
heraus und entwickelte die deutsche Erzhlung aus dem Bauernleben zu
einer selbstndigen Variett der Novelle; zum ersten Mal vertiefte
ein deutscher Dichter sich ganz in die Vorgnge und Charaktere der
stillen Drfer. George Sand, die auf dem Lande erzogen war und sich,
nachdem sie die poetisch-strmische Jugendperiode ihres Lebens hinter
sich hatte, abermals auf dem Lande aufhielt, gab als poetische
Landschaftsmalerin ersten Ranges, als das Naturkind, das sie trotz
aller ihrer Erfahrungen geblieben, in Jeanne (1844) La mare au
diable (1846) Franois le champi u.s.w. Frankreich eine kleine
Reihe feiner, idealistisch ausgefhrter, lndlicher Bilder.

Weder die Schwarzwlder Dorfgeschichten, noch die franzsischen
Dichterwerke verwandter Art, waren, wie es heisst, Bjrnson bekannt,
als er auftrat. Er hatte jedenfalls wenig mit Auerbach gemein.
Besonders durch zwei Eigenthmlichkeiten scheiden sich die norwegischen
Bauernnovellen von den deutschen. Auerbach ist Epiker; er schildert das
lndliche Leben in dessen ganzer Breite; wir sehen den Bauer in seiner
tglichen Beschftigung im Felde und in dem Stall; wir folgen der
halb trgen, halb wrdevollen Langsamkeit, dem Gebundensein an Sitte
und Gebrauch, den Gewohnheiten seines Lebens. Bei Bjrnson hingegen
ist alles dies gedrngt, knapp, und nur um der Herzensgeschichte
willen da. Ein fernerer Unterschied ist der folgende: Die lndlichen
Erzhlungen Auerbach's sind aus einer Weltanschauung geschrieben, die
der Dichter nicht mit dem Bauer theilt, mit seinem Helden und seiner
Heldin nicht gemeinsam hat. Auerbach schrieb nicht von dem Standpunkte
des kindlichen Gemths und Glaubens aus: Er war ein Gelehrter und ein
Denker; er besass die reiche und vielseitige Bildung des deutschen
Geistes zu seiner Jugendzeit. Er war ein Schler Schelling's gewesen,
er hatte mit einem Roman ber Spinoza debutirt, dessen Werke er
bersetzt und dessen Lebensansicht er sich zugeeignet hatte, um sie
sein Leben hindurch zu verkndigen. Er hatte zwar den Spinozismus nach
seinen eigenen Bedrfnissen und Sympathien umgestaltet -- denn es ist
wohl mehr als zweifelhaft, ob Spinoza sich fr die Darstellung jener
endlichen Wesen, jener beschrnkten Intelligenzen, die man Dorfbewohner
nennt, besonders erwrmt htte -- aber er fasste die Lebensansicht
Spinoza's als das Evangelium der Natur, den Philosophen selbst als den
Apostel der Naturfrmmigkeit und Naturanbetung auf. Auerbach stellte
mit Vorliebe den Bauer dar, weil dieser ihm ein Stck Natur war, und er
suchte mit Vorliebe in den naiven Seelen die Keime der Lebensansicht
auf, die er fr die wahre und bald endgltig siegreiche hielt. Seine
classische Novelle Barfssele stellt der orthodoxen Moral die des
jungen, barfssigen Bauernmdchens mit dem lebhaften Erwerbstriebe
gegenber, das, weit davon entfernt, nach dem Gebot der Schrift:
die linke Backe hinzuhalten, wenn sie auf die rechte einen Streich
erhlt, mit geballten Fusten durch das Leben geht, ohne sich in
Unrecht zu finden und ohne desshalb eine Demthigung zu erleiden. Die
Stimmung, von welcher diese Bcher getragen werden, ist die politische
Leidenschaft des vormrzlichen Deutschlands dafr, den gemeinen Mann
zum Verstndniss der politischen und religisen Ideale der Gebildeten
emporzuheben. -- Ganz andere verhielt sich in Bjrnson's Bauernnovellen
der Erzhler zu seinem Stoff. Der Dichter fusste in allem Wesentlichen
in derselben Lebensansicht wie seine Helden, er schrieb aus keiner
Philosophie heraus. Ein dichterisches und knstlerisches Genie, kein
berlegener Geist trat dem Leser aus diesen Blttern entgegen. Daher
aber auch die merkwrdige Einheit von Stil und Ton.

Die Vorzge waren specifisch dichterisch: das weichste Gefhl war in
die hrteste Form gegossen. Die Seele dieser Dichtung war eine lyrische
Innigkeit, die das Ganze durchdrang und sich in den zahlreichen
eingestreuten Kinder-, Volks- und Liebesliedern freiere Bahn brach.
Eine romantische Grundstimmung schwebte ber der Erzhlung. Die
Novelle liess sich wie in Arne ohne Disharmonie durch ein Mrchen
einleiten und war dem herben Realismus einzelner Charaktere zum Trotz
so idyllisch, dass kleine eingelegte Geschichten, wo Waldfeen eine
Rolle spielten, ohne Bruch mit dem Geiste der Handelnden sich mit der
Totalstimmung vermhlten. Der Dichter war ein guter Beobachter. Er
hatte, wie sein Arne die Gabe, die Vorstellungen und Eindrcke, die
Andere entfliehen lassen, festzuhalten, und die Beobachtung versah
ihn mit einem ganzen Magazin von kleinen Zgen aus der Wirklichkeit.
Uebrigens waren Sage, Volkslied, Volksmrchen die Quellen, durch deren
Zusammenstrmen seine Kunstform sich krystallisirte. Er schuf sie nicht
in einsamer Grsse, er blieb gerade durch sie auf mancherlei Art in
Berhrung mit dem Volksgeist.

Synnve Solbakken war die plastische Harmonie innerhalb der
Beschrnkung des norwegischen Bauernlebens, und die Hauptperson
Thorbjrn der Typus des krftigen, harten Jnglings, der um zu reifen
der Milderung und der Besnftigung bedarf. Arne war umgekehrt das
Verlangen in die Ferne zu ziehen, weit fort ber die hohen Felsen, der
lyrische, schwrmerische Hang des Volks, der zur Sehnsucht nach dem
Reisen verwandelte Trieb des Vikingerblutes, und der Held der Typus
des weichen, schwrmerischen Jnglings, welcher der Sthlung bedarf um
ein Mann zu werden. Ein frhlicher Bursch endlich war gleichsam ein
befreiendes, all die brtende Schwermuth, welche das norwegische Gemth
bedrckt, hinwegfegendes Lftchen, die frohe Botschaft der unbefangenen
Lebenskraft und Lebenslust, ein frischer, luftreinigender Lachgesang.


                                 III.

Dann folgten Dramen und Gedichte. Die grosse Persnlichkeit entwickelte
sich nach und nach als Hauptfigur aus der Hlle des Volksgeistes. In
Zwischen den Schlachten, Sigurd der Bse, Arnljot Gelline immer
derselbe grosse Typus, der geborene Huptling, zum Wohlthter des Volks
geschaffen, gleich gewaltsam und edel, dem man sein Recht vorenthlt,
und der durch das Unrecht, das er erleidet, gezwungen wird, obschon
das Beste wollend, ein gut Theil Bses auf dem Wege zum Ziel zu thun.
Die Stdte stehen in Brand hinter Sverre, wo er dahinfhrt. Er erzhlt
es mit bitterem Schmerz in Zwischen den Schlachten. Sigurd hat
nur das Glck Norwegens gewollt. Doch er wird gehasst und verfolgt,
weil er von dem Throne, der ihm gebhrt, ausgeschlossen, ein Knig
geworden in der Rstung der Rache, mit dem Auge der Verzweiflung und
einem flammenden Schwert. Arnljot, der im Grunde seiner Seele so gut
und so demthig ist, wird Mordbrenner und Ruber bis zu dem Tage, wo
er als Streiter Olafs bei Stiklestad den Tod findet. Diese Gestalten
wurzeln tief in Bjrnsons Gemth. Er selbst war frh ein Zeichen
des Widerspruchs geworden. Mit seinem unbndigen Ehrgeiz, mit dem
Gewaltsamen, das seiner Natur, und dem Liebevollen, das seinem Gemthe
angeboren war, fhlte er sich mit jenen Sagengestalten verwandt, und so
oft er sich von seinem Volke missverstanden und mit Unrecht verschmht
fhlte, legte er das Gefhl seines Bedrfnisses, dieses Volk zu heben
und mit ihm zu verschmelzen, und die Empfindung, dass er sich dennoch
von Zeit zu Zeit seinem Volke entfremdete, in diese alten Huptlinge
nieder, in diesen Sigurd z. B., der gereizt hart wie Stahl wird,
in seinem Innern aber nichts desto weniger ein Fllhorn voll grosser
Wohlfahrtsplne birgt.

Viel muss Bjrnson schon in jungen Jahren erfahren haben, um den
Monolog Sigurds in der vorletzten Scene des Werks zu dichten, der
mit den Worten beginnt: Die Dnen verlassen mich, die Schlacht ist
verloren? Bis hierher -- und nicht weiter?, wo Plne, ein Heer zu
sammeln, hinaus zu segeln, Kaufmann, Kreuzritter zu werden, mit
reissender Schnelle entstehen und verworfen werden, bis die Empfindung
der nahen Vernichtung sich wieder aufdringt und das Wort Bis hierher
-- und nicht weiter! nicht mehr als Frage, sondern als Antwort
refrainartig wiederkehrt. Doch noch aus der Verzweiflung redet bei
Sigurd die Liebe zum Vaterlande, nach dem er sich in der Ferne sehnte,
wie Kinder, die sich nach Weihnachten sehnen und dem er dennoch Wunde
auf Wunde schlug. Die grosse Persnlichkeit ist bei Bjrnson nicht
in einsamem Michelangelo-artigen Stolz verschlossen; sie entwickelt
sich aus dem Volksgeiste nur um sich zu demselben zurckzusehnen, sie
will sich mit ihm vereinigen, und erleidet ihre Tragdie, wenn diese
Vereinigung verhindert wird.

Ibsen ist seinem Wesen nach einsam, bleibt allein, in weiter Ferne.
Er geht in die Tiefe wie sein Bergmann:

    Brich den Weg mir, schwerer Hammer
    Zu der Tiefe Herzenskammer!

Bjrnson's Wesen strebt nicht in die Tiefe, sondern in's Weite. Sein
Genius hat offene Arme.

Ein anderer Gegensatz zwischen den zwei Dichtern lsst sich schon
aus den nordischen Dramen, die sie beide in ihrer ersten Periode
verfassten, heraus empfinden. Als geborener Dramatiker hat Ibsen
keinen Hang und keine Neigung zur Naturbeschreibung; sein einsames
Gemth schliesst sich wie von den Menschen, so auch von der Natur ab.
Seine Hauptgestalten waren in seiner Jugend hufig Personificationen
eines Gedankens und als solche fast naturlos. Selbst wo Ibsen die
Natur einfhrt und wo sie mchtig ergreift, wie die Eiskirche in
Brand, ist sie mehr Symbol als Wirklichkeit. Der schrankenloser
sich ausdehnende Geist Bjrnson's verweilt bei den norwegischen
Naturumgebungen und theilt den Eindruck von ihnen auch im Drama mit.
Die Scene zwischen Sigurd und dem Finnenmdchen, eine der schnsten,
die Bjrnson geschrieben hat, ist ein Beispiel. Wenn das Mdchen
mit ihren Hunden auf die Bhne strmt, zieht es die ganze Natur der
Nordlande nach sich wie eine Schleppe. Die Tochter des Finnenhuptlings
offenbart sich in einem Glanz von Nordlicht, ihre Worte haben den
hellen Zauber der Mitternachtssonne, ihre glckliche Liebe zum Leben,
zur Sonne, zum Sommer, ihre unerwiderte Liebe zu Sigurd, der feine und
flchtige Charakter ihrer Trauer -- das Alles ist ein Stck lebendiger
Naturpoesie, das Sigurd empfindet.

Diesen Natursinn haben alle Norweger Bjrnson's aus der Vorzeit. Man
lese z. B. den Gesang Arnljot's Sehnsucht nach dem Meere, in dessen
Rhythmus man das Meer gleichfrmig steigen und sinken fhlt:

    Der Mond zieht's an, der Orkan erhebt es
    Doch ist kein Halten, es rinnt hernieder.

Andere haben das Meer in seiner Unbndigkeit und Unerbittlichkeit
dargestellt. Bjrnson malt seine kalte Stirne, welche die Sonne
glttet, sein eisiges Phlegma, seine tiefe Melancholie. Aus seinem
Brausen und Pltschern lsst er uns des Todes Wiegenlied vernehmen. Und
Arnljots Worte, wie die Woge, wenn er nicht mehr ist, in erhabenen
mondhellen Nchten seinen Namen an den Strand hinrollt, sind so
wundersam gefgt, dass sie dem Dichter selbst den Nachruf bilden
knnen. Nach hundert Jahren noch wird ein liebend Paar, wenn es am
Strande steht, und das fluthende Meer unter der Mondscheinbrcke seine
Wasser ihm entgegenrollt, bei diesem Anblick des Namens Bjrnson
eingedenk sein.


                                 IV.

Bjrnson ist zwei Mal Theaterdirektor gewesen, 1857 bis 1859 in Bergen,
1865 bis 1867 in Christiania. Im Herbst 1857 bernahm er, einer
Aufforderung Ole Bull's zufolge, die Bhnenleitung in der lebhaften,
politisch und geistig bewegten Provinzialstadt und brachte das ganz
heruntergekommene Theater in die Hhe, whrend er mit Ole Bull, dem er
spter Arne zueignete, glckliche Jugendtage verlebte. Als Direktor
der Bhne in Christiania wirkte er erfolgreich, nur allzu kurz. Er hat
selbst so viele von den Eigenschaften eines grossen Schauspielers,
dass er einen vortrefflichen Regisseur abgibt. Hatte er das Seine
dazu beigetragen, die dnische Schauspielkunst aus Norwegen zu
verdrngen, so that er dafr auch wieder das Seine, um eine norwegische
National-Bhne zu grnden. Sehr schade ist es, dass ihm nicht vergnnt
war, auf dieser Grundlage weiter zu bauen. Ungemein schade, um des
norwegischen Theaters wie um seiner selbst willen. Seine Erfahrungen
als Bhnenleiter sind ihm natrlicherweise als Schauspieldichter zu
statten gekommen; doch hat er in dieser Eigenschaft nie das technisch
Vollendete erreicht; vermuthlich weil zwischen ihm und dem Theater
keine stete Wechselwirkung stattgefunden. Seine grosse, schne Trilogie
Sigurd der Bse ist nicht fr die Bhne bestimmt, wurde viele Jahre
nur von den Meiningern gespielt und erst spt in Norwegen aufgefhrt.
Sie bietet manche Scene von mchtigem theatralischem Effect, wie z.
B. die dem Knigsmorde folgende, ist aber als Ganzes genommen, doch
ein Lesedrama. Sein krftiges und wildleidenschaftliches Jugendwerk
Hulda gewinnt durch die Auffhrung wenig oder nichts. Doch haben zwei
Schauspiele seiner ersten Periode einen durchschlagenden Bhnenerfolg
gehabt: Maria Stuart (1864) und Die Neuvermhlten (1865).

Maria Stuart ist eine reiche, kraftvolle Arbeit, voll dramatischen
Lebens, allein lrmend theatralisch wie ein Melodrama. Die Actschlsse
sind wahre Katastrophen. Die den zweiten und dritten Act schliessenden
Scenen haben eine Gewalt und hinterlassen eine Spannung, die von cht
dramatischer Art ist; dagegen ist der Schluss des Stckes schwach,
oder richtiger, es schliesst nicht. Alle Einzelheiten der Handlung,
Rizzio's Ermordung, Darnley's Tod, Maria's Entfhrung durch Bothwell,
verketten sich vorzglich und treten als logische Consequenzen hervor.
Ein jugendlich strmischer Hauch durchweht das Ganze. Ich glaube, dass
das Werk dem Dichter besonders desshalb so gut gelang, weil er sich
auf dem schottischen Boden noch in norwegischer Atmosphre befand.
Bothwell sagt: Seit der Stunde, wo mein Wille in die Begebenheiten
Wurzel schlug, ist er als ein Baum mit blutrothem Stamm und starken
Zweigen gewachsen. Das norwegische Vikinggeschlecht, von dem wir
stammen, war auch ein solcher Willensbaum, der sich in den Felsen
hinein mit seinen Wurzeln festbiss; unter dem Obdach dieses Baumes baut
jetzt das Volk. In dieser norwegisch-schottischen Welt fhlt sich
der Dichter vollstndig zu Hause und die Charaktere, die er schafft,
haben ohne Bruch mit der Localfarbe Zge, welche sie den Gestalten
aus dem norwegischen Mittelalter, die er zu schildern gewohnt war,
nah' verwandt machen. Auch die Schilderung des Puritanimus glckte
ihm. Zu dessen Zeiten zwar war eine entsprechende Erscheinung
in Norwegen nicht zu finden, allein Bjrnson hatte Gelegenheit,
Puritaner aus nchster Nhe zu studiren. Denn wurde das Christenthum
auch offiziell vor neunhundert Jahren von Olaf Trygveson in Norwegen
eingefhrt, so geschah dies thatschlich doch erst durch Hans Nilsen
Hauge Anfangs des neunzehnten Jahrhunderts. Durch den Haugianismus
und den Pietismus verstand Bjrnson John Knox. Ausser Knox gelangen
ihm auch Bothwell und Darnley vorzglich. Der erstere ist eine chte
Renaissance-Persnlichkeit, der andere in seiner knabenhaften Rachsucht
und unwrdigen Demuth beinahe modern. Maria selbst ist nicht so
vollstndig gelungen. Man wird aus ihrem Wesen nicht recht klug. Sie
ist als ein Geschpf gedichtet, dessen geheimnissvoller Naturgrund
sich in zwei entgegengesetzte Pole, als die ganze Schwche und die
ganze Strke des Weiblichen offenbart. Ihr Schicksal hngt insofern
von ihrem Wesen ab, als jene Schwche ihre Macht ber die Mnner
bedingt und jene Strke unter den gegebenen Verhltnissen in einer
so gewaltthtigen Zeit ganz ohnmchtig ist. Es ist jedoch allzuviel
nordischer Idealismus in der Charakterzeichnung. Ich mchte nicht
geradezu behaupten, dass Maria Stuart zu unsinnlich ist, wiewohl ich
es glaube. Solch eine Sphinx an Sinnlichkeit, Grausamkeit und Klte
wie die Maria in Swinburne's Chastelard war die historische Maria
Stuart vielleicht nicht, gleichwohl ist Swinburne der Geschichte nicht
wenig nher gekommen als Bjrnson. In Bjrnsons Maria ist nichts
Dmonisches und wenig, das an die Zeit der Renaissance erinnert. Sie
ist weniger durch das geschildert, was sie sagt oder thut, als durch
begeisterte oder herabsetzende Erwhnung und durch die Wirkungen,
die sie unmittelbar durch ihre Persnlichkeit ausbt, obwohl der
Zuschauer nie recht begreift, durch welche Zaubermittel. Sie steht
wie in einer Wolke adjectivischer Bestimmungen, welche die brigen
Persnlichkeiten des Stcks massenhaft gegen sie heranschleudern.
Maria Stuart entstammt einem Zeitraum in dem Entwicklungsgang
Bjrnson's, wo er (vielleicht durch Kierkegaard beeinflusst) eine
Neigung hatte, seine Charaktere psychologisch zu beschreiben, anstatt
sie ihr Wesen ohne Commentar entfalten zu lassen. Alle Personen in
diesem Drama sind Psychologen, studiren einander, errtern ihr Naturell
und experimentiren mit einander. Sogar der Page William Taylor kennt
und beschreibt den seelischen Zustand Darnley's, wie ein Arzt eine
Krankheit kennt und beschreibt, Murray und Darnley schildern sich
selbst, Lethington schildert Bothwell und Murray, Maria fragt nach
dem Schlssel zu Rizzio's, Knox nach dem zu Darnley's Charakter, ja
die Ermordung Rizzio's ist im Grunde ein psychologischer Versuch, den
Darnley mit Maria macht, um sie durch Schrecken zurckzuerobern, da es
ihm nicht gelingen will, sie durch Liebe zu gewinnen. Whrend aber alle
Personen wie Psychologen denken, sprechen sie alle wie Dichter, und
diese dichterische Shakespeare-artige Pracht der Diction, die insofern
wahr ist, als die Menschen der Renaissancenzeit durchgngig dichterisch
empfanden und sich einer blhend bilderreichen Sprache bedienten,
erhht den Reiz, den die Originalitt der Hauptcharaktere dem Drama
verleiht.

Das kleine Schauspiel Die Neuvermhlten behandelt ein beraus
einfaches, aber ursprngliches und allgemein gltiges, menschliches
Grundverhltniss, die Loslsung der jungen Frau vom Elternhaus, den
Zusammenstoss in der Seele des jungen Weibes zwischen der angeborenen
und gewohnheitsmssigen Liebe zu den Eltern und der noch neuen und
schwachen Liebe zum Gatten -- eine Revolution oder Evolution, die mit
der Naturnothwendigkeit und den Qualen einer geistigen Geburt vor sich
geht. Unter gewhnlichen, normalen Verhltnissen wird die Bedeutung
dieses Bruchs nicht scharf hervortreten, weil er als etwas aufgefasst
wird, das so sein muss, und hufig eher das Geprge der Befreiung als
der Losreissung hat.

Werden aber die Verhltnisse nur ein bischen weniger normal gedichtet,
ist die Liebe der Eltern ungemein egoistisch oder zrtlich, und ist die
Gattenliebe des guten und gehorsamen Kindes weit weniger entwickelt als
das anerzogene Piettsgefhl gegen Vater und Mutter, so liegt hier eine
Aufgabe, ein dramatischer Zusammenstoss, und ein Kampf mit ungewissem
Ausgang vor. Die Idee ist, wie man sieht vortrefflich, allgemein
menschlich wie sie ist.

Gegen die Ausfhrung lassen sich verschiedene Einwendungen erheben,
unter denen die folgende die wichtigste ist: Wie kann Axel, wenn er
schon durch eine Kraftanstrengung Laura von dem Elternhaus losreisst,
schwach und dumm genug sein, um das Elternhaus in der Gestalt
Mathildens Laura auf der Reise begleiten zu lassen. Ohne sie wrde
ja alles viel leichter und glatter gegangen sein. Es heisst zwar am
Schluss des Stcks, ohne sie htten die zwei sich nie gefunden; das ist
aber wenig einleuchtend und jedenfalls unglcklich. Die eigentliche,
dichterische Aufgabe wrde eben gewesen sein, zu zeigen, wie die
Beiden ohne fremde Hlfe wahre Eheleute wurden; es ist ein schlechter
Ausweg, eine _dea ex machina_ einen anonymen Roman schreiben zu
lassen, der durch die Behandlung ihrer Lage sie erschrickt und sie
einander in die Arme treibt. Ich sehe hierin ein Merkmal der Epoche,
in der diese kleine Dichtung entstand. Die Kierkegaard'schen Ideen
lagen in der Luft. Die Methode der Naturwissenschaften (Beobachtung
und Versuch) auf den Verkehr zwischen Mensch und Mensch angelegt, das
psychologische Experiment, das bei Kierkegaard eine so grosse Rolle
spielt und das schon in Maria Stuart sich so breit machte, ist in den
Neuvermhlten von der Hausfreundin Mathilde vertreten. Doch die ganze
Weise, wie Liebe und Leidenschaft hier behandelt werden, ist fr jene
Periode in dem geistigen Leben Bjrnson's und der norwegisch-dnischen
Litteratur berhaupt eigenthmlich. Man interessirte sich damals im
Norden sehr wenig fr Neigung oder Leidenschaft an und fr sich, man
studirte und schilderte die Gefhle in ihrem Verhltniss zur Moral und
Religion. Man betrachtete die Darstellung der Liebe vor und ausserhalb
der Ehe als trivial oder frivol, und forderte von dem Dichter die
Poesie der ehelichen Liebe, die Kierkegaard in Entweder -- Oder als
die weit hhere gepriesen hatte. Bei dem Streben des Dichters, dem
allgemein um sich greifenden moralischen Bedrfniss entgegenzukommen,
geschah es zuweilen, dass die Leidenschaft, die aus der Taufe gehoben
werden sollte, sich ihm unter den Hnden verflchtigte, wie der Zucker
in den Pfoten des Waschbren verschwindet. Die Liebe, die in Die
Neuvermhlten grossgezogen wird, ist ein so schwaches, saftloses
Reis, dass sie der verschwenderischen Sorgfalt, mit der sie gehegt
und gepflegt wird, kaum werth erscheint. Sie ist bestndig als die
Schuldigkeit der Frau gegen ihren Mann geschildert und wird ihr von
allen Seiten als Aufgabe und Forderung vor Augen gefhrt. Sie ist
keine frei und wild wachsende Pflanze; sie entfaltet sich im Treibhaus
der Pflicht, von der Zrtlichkeit Axel's umhegt, von der Eifersucht,
der Unruhe, der Furcht vor dem Verlieren, mit welcher Mathilde das
Treibhaus heizt, knstlich in die Hhe getrieben. Es heisst in einem
kleinen franzsischen Volkslied:

    Ah! si l'amour prenait racine,
    J'en planterais dans mon jardin,
    J'en planterais, j'en semerais
    Aux quatre coins,
    J'en donnerais aux amoureux
    Qui n'en ont point.

Diese Verse sind mir eingefallen, so oft ich Die Neuvermhlten sah
oder las. Doch der Fehler liegt vielleicht an meiner Einseitigkeit; ich
liebe den schnen, grossen Eros, ich mag nicht sehen, wie man kleine
bleiche Eroten mit der Flasche mhsam ernhrt. Das Publikum hat meine
Ansicht nicht getheilt, denn wenige Schauspiele haben einen solchen
Bhnenerfolg gehabt und in Buchform so viele Auflagen erlebt.


                                  V.

Ein speculativer dnischer Buchhndler gab in den Sechziger Jahren
einen Kalender heraus, fr welchen er sich von den anerkannten Dichtern
kleine Vignet-Gedichte ausbat, Jeder sollte sich einen Monat auswhlen.
Als der Mann an Bjrnson kam, schrieb dieser:

    Ich whl' mir den April,
    Wo Altes bricht zusammen,
    Und Neues Wurzeln, feste,
    Bekommt, bei Krach und Flammen,
    Nicht Frieden ist das Beste,
    Nein -- dass man etwas will!

Eine Selbstcharakteristik seines Auftretens in jener ersten Periode
war hier gegeben. Ein heftiger Drang nach allen Richtungen hin als
Erneuerer aufzutreten, beseelte ihn. Er ward dies auf manchem Felde,
obwohl er sich nicht gerade immer so ganz klar bewusst war, was er
eigentlich wollte. Auf wenigen Gebieten hat er so Eigenthmliches,
Unvergessliches, Unvergngliches geleistet, als auf dem der Lyrik
und dies, obwohl er durchaus kein correcter Versificator ist.
Seine volksthmlichen Lieder sind von gediegener Echtheit. Seine
vaterlndischen Gedichte sind Nationalgesnge geworden, und seine
wenigen altnordischen Schilderungen oder Monologe haben jenen Stil des
alten Nordens getroffen, den Oehlenschlger und Tegnr nie erreichten.
Man lese unter den Volksliedern die Ballade von Niels Finn. Es ist die
einfache Erzhlung von einem kleinen Jungen, der seine Schneeschuhe
verliert und von den Mchten der Tiefe hinuntergezogen, in den Schnee
versinkt. Lobedanz hat mit feinem Gefhl diese Ballade neben Goethes
Erlknig gestellt. Sie ist kaum minder werthvoll, wenn auch ganz
anderer Art, nicht pathetisch, sondern burlesk bei ihrer grauenvollen
Stimmung. Sie hat eine Art Humor, wie er dem Pfrtner in Shakespeares
Macbeth eigen, und eine machtvolle Phantasie waltet in dieser
Bagatelle. Der scherzhafte Schluss, der an die Art und Weise erinnert,
mit der Volks- und Kindermrchen traurige Katastrophen mittheilen,
mildert den unheimlichen Eindruck der Begebenheit:

    Zwei Schneeschuh schauten im Schneemeer umher,
    Viel konnt' man nicht seh'n und es gab auch nichts mehr.
    Wo ist Niels? sprach es drunten.

Man braucht nur ein Paar Zeilen von Bjrnsons vaterlndischen Gedichten
genau zu studiren, um zu begreifen, wesshalb sie Nationalgesnge
geworden sind. Ich whle die Anfangszeilen des beim Volke beliebtesten.
Sie lauten in der metrischen Uebersetzung von Lobedanz:

    Ja, wir lieben diese Fluren,
    Wie sie aus dem Meer
    Steigen auf mit Wetterspuren!
    Htten rings umher!

Wort fr Wort heisst es: Ja wir lieben dies Land, wie es gefurcht,
verwettert, mit den tausend Feuerherden aus dem Meer steigt. Es ist
unmglich, genauer, genialer den Eindruck wiederzugeben, den die Kste
Norwegens auf den Sohn des Landes macht, wenn er sich ihr von dem Meer
aus nhert. Ein vllig makelloses, vollendetes Gedicht, von einer
Gattung, die Bjrnson sonst wenig cultivirte, durchgehends streng
componirt, mit festem, zusammengesetztem Strophenbau, ist das Gruss
der norwegischen Studenten an Welhaven betitelte. Es zeichnet sich
besonders dadurch aus, dass die schwierige, sich dreimal wiederholende
Strophe, bei jeder neuen Wiederkehr gleich frisch und melodis ist.
Man weiss, wie selten, besonders bei Naturdichtern, dies vorkommt. Bei
Wergeland wird man vergebens dergleichen suchen.

Unter den grsseren, lyrischen Compositionen Bjrnson's ist
unstreitig Bergliot die merkwrdigste. Es ist dies die Klage einer
Huptlingsfrau um ihren meuchlings ermordeten Gemahl Einar Tambarskelve
und ihren einzigen Sohn, der neben ihm erschlagen liegt. Wie schlicht
ist hier die folgende Klage, wie fern liegt ihr der Tragdienstil:

    Die grossen Stuben will ich sperren
    Weg will ich das Gesinde geben,
    Vieh und Pferde will ich verkaufen,
    Ziehe fort und leb' fr mich.

Weder Oehlenschlger noch Hertz htten gewagt, ein heroisches Weib
in den Ausbruch ihres Jammers den Verkauf von Khen und Pferden
einflechten zu lassen.

Ich kenne auch nichts, das in moderner Reproduction altnordischer
Poesie den Eindruck auf mich gemacht hat, wie das refrainartige
Wiederkehren der Worte, mit welchen Bergliot den Kutscher ihres Wagens
anspricht, auf welchen sie die Leichen hat heben lassen:

    Fahre langsam; denn so fuhr Einar immer
    -- und wir kommen frh genug nach Hause.

Die erste Zeile stellt mit merkwrdiger Einfachheit die ruhige und
stolze Wrde des erschlagenen Huptlings dar; die zweite enthlt in
den wenigsten Worten die tiefe Bitterkeit des vereinsamten Lebens, das
bevorsteht.


                                 VI.

Diese Hhe erreichte Bjrnson frh. Nur dreissig und einige Jahre alt
hatte er all' die besten Werke seiner ersten Periode verfasst, und man
fing schon an, sie als ein geschlossenes Ganzes zu betrachten. Niemand
konnte die mchtige Begabung bersehen; es berhrte aber schmerzlich,
dass man keine rechte Entwickelung derselben entdecken konnte. Die
schpferische Kraft hielt sich eine Zeit lang auf demselben Punkt aber
die Lebensansicht erweiterte sich nicht, verblieb kindlich und eng.
Er konnte bisweilen trivial werden. Er schrieb ab und zu Gedichte,
welche einen fast seminaristischen Anstrich hatten. Er konnte zuweilen
einem in seinem Ausdruck geradezu kindischen Optimismus huldigen,
wie in dem Gedichte Einst und jetzt, das glcklicherweise in die
zweite Auflage seiner Gedichte nicht mit berging. Keine Hochzeit, kein
Begrbniss, wobei nicht Gott citirt wurde. Er liess ihn in dem Gedichte
an Munch mit doppelt gesperrten Lettern sprechen, fhrte ihn ein und
nannte seinen Namen in jeder Strophe eitel, der er einen feierlichen
Charakter geben wollte. In seinem Gedichte An meinen Vater, das mit
dem etwas bertriebenen Satz beginnt, Unser Geschlecht, das erste
einst des Landes, hob er hervor, man msste seine Eltern kennen, um
die ruhige Grsse des Glaubens in seinen Dichtungen zu verstehen. Er
berief sich darauf, dass das Weib bei ihm im Sonnenglanz des Glaubens
einherschreite, er freute sich, dass fr die alten Leute das Leben
in der Flle des Glaubens seinen Brennpunkt fnde. Er besang das
Kind in unserer Seele, verherrlichte als Grsstes und Hchstes Kinder
und kindliche Seelen, erklrte (in dem Gedichte an Sverdrup) auf dem
Boden des Kinderglaubens zu stehen und von diesem aus, Gleichheit und
Volksfreiheit zu verlangen. Von ihm aus war es denn auch wohl, dass
er in dem Gedichte ber Frederik den Siebenten, diesen Knig als das
wrmste, grsste Herz Dnemarks, als dessen beste Schutzwehr u.s.w.
bezeichnete. Er hielt sich, wie beinahe die ganze damalige nordische
Litteratur, ngstlich in gehriger Distanz von dem Leben und den Ideen
der aufgeklrten Zeitgenossen. Oder richtiger, wenn er zeitgenssische
Ideen und Menschen zur Darstellung brachte, so war es unfreiwillig;
sie traten in altnordischen oder mittelalterlich schottischen
Theatercostmen auf. In Sigurd der Bse errtern im Jahre 1127 Helga
und Frakark das Verhltniss zwischen der Unsterblichkeit des Einzelnen
und des Geschlechts in Ausdrcken, die allzu stark an das Jahr 1862
erinnern; und dieselben Huptlinge, die sich hier in fast modernen
politischen Erwgungen bewegen, Ausdrcke gebrauchen wie Beruf,
Grundgesetz, die Ordnung auf ungesetzlichen Grund bauen u.s.w.,
lassen aus Rachsucht den gefangenen Sigurd Glied fr Glied rdern,
d.h. sie begehen eine Handlung, die ein weit barbarischeres inneres
Leben voraussetzt. Wenn man sich so gebildet ausdrckt, rdert man
seinen Feind nicht; man verlumdet ihn.

Zu diesem Mangel an Einheitlichkeit der Leidenschaften und Gedanken
kam das unselige Bedrfniss des Dichters, seine grossen dramatischen
Gestalten so zu gruppiren und zusammen zu fassen, dass der Mantel des
orthodoxen Kirchenglaubens in dem Augenblick, wo das Drama schloss,
um sie geschlagen werden konnte. In Maria Stuart steht z. B. die
Gestalt des John Knox nicht unter der dramatischen Ironie, welche
die andern Personen beherrscht; Bjrnson behlt sich die poetische
Ueberlegenheit ber ihn nicht vor: denn Knox ist dazu bestimmt, mit
dem Pathos des Dichters auf seinen Lippen zum Schluss aus dem Rahmen
heraus zu treten und die politische Erbschaft Maria's zu bernehmen.
Sowohl die gewaltigen Kmpfe in Sigurd, wie die leidenschaftlichen
Empfindungen in Maria Stuart mnden in eine Psalmenstrophe aus. Die
Handlung ist in beiden Dramen so zugespitzt, dass sie dort in das
Kreuzfahrerlied des frommen dnischen Dichters Ingemann, hier in den
nebelhaft-mystischen Psalm der Puritaner ausluft.

Allmhlig schien es, als sei die einst so reiche Ader Bjrnsons nahe
daran zu vertrocknen. Die spteren Novellen (Die Eisenbahn und der
Kirchhof, Das Brautlied) bezeichneten keinen Fortschritt gegen
die frher gedichteten. Eine der letzten Ein Lebensrthsel war die
reine Manier. Trotz schnen Einzelheiten hielt das Drama Sigurd der
Grabespilger keinen Vergleich mit den lteren norwegischen Dramen
des Dichters aus; endlich standen die letzten nach den brigen
geschriebenen Gesnge von Arnljot Gelline mehrere Jahre hinter den
in dem ersten Feuer der Inspiration verfassten zurck. Es keimten
scheinbar in Bjrnson's Gemth keine neuen Ideen. Man frug sich, ob es
mit diesem Dichter wie mit so vielen dnischen Dichtern gehen wrde,
die im krftigsten Mannesalter verstummten, weil ihrer Begabung die
Fhigkeit fehlte, sich zu huten. Sein ursprngliches geistiges Capital
hatte Bjrnson augenscheinlich ausgemnzt. Man frug sich, ob er, wie
jene Dichter keine neuen Reichthmer erwerben knne? Er hatte seiner
Zeit, gleich dem jungen Viking, von dem er eins seiner schnsten
Gedichte geschrieben, nach dem Siege ber die alte Zeit und ihrem
Huptling, am Steuer stehend, den Mnnern, die erschreckt dastanden
ber die Weise, wie er es lenkte, zugerufen: Werde ich _nun_ drfen?
Nun durfte er und wusste selbst nicht, wohin er steuern sollte.

Ich erinnere mich sehr genau jener Jahre. Die Jugend fhlte etwas wie
Qual, wenn sie den litterarischen Zustand in Europa mit demjenigen im
Norden verglich. Man hatte die Empfindung, von dem Kulturleben Europa's
ausgesperrt zu sein. Man sass wie hinter geschlossener Thre und
vergebens zerbrachen sich Einige den Kopf ber das Problem, wie sie die
Thre aufkriegen sollten. Es schien aussichtslos. Das Jahr 1864 hatte
mit seinem ehernen Knchel daran gehmmert, und sie ging nicht auf.
1866 hatte vergebens daran gepocht, ja selbst 1870, mit seiner Hand von
Erz, hatte sie nur fester zugeschlagen. -- Sie ffnete sich nach aussen
hin. Es musste von innen aufgemacht werden.

In Dnemark hatte man sich die Jahre her der Kunst befleissigt, die
europische Litteratur derart zu lesen, dass alles in den europischen
Bchern, was mit den nationalen Anschauungen ber das darin enthaltene
im Widerstreite stand, einfach bersehen wurde. Ganze Gruppen der
auslndischen Litteratur waren dem Bewusstsein der Gebildeten vllig
fremd geblieben, und da man schliesslich in seinem politischen
Unwillen gegen alles Deutsche die geistige Verbindung mit Deutschland
abgebrochen hatte, war der Canal, durch welchen auch Norwegen lange
Zeit hindurch viel von seiner Zufuhr an europischer Kultur erhalten
hatte, verstopft. Gleichzeitig frchtete man die franzsische Bildung
als frivol, und von englischer Sprache, englischem Geiste verstand
man nur blutwenig. In Dnemark blickte man nach Norwegen hin, als zu
dem Lande der litterarischen Erneuerung; in Norwegen richtete man
seine Augen auf Dnemark, als auf das ltere Kulturland, mit seiner
altbewhrten, prfenden Kritik.

Man sprach in den herrschenden brgerlichen Kreisen von David Strauss
und Feuerbach, wie nur die spiessbrgerlichsten Kreise Deutschlands
in den vierziger Jahren von ihnen gesprochen hatten; man kannte kaum
dem Namen nach Stuart Mill, Darwin, Herbert Spencer. Positivismus und
Entwicklungslehre waren Mchte, die Skandinavien nicht anerkannte.
Man hatte keine Ahnung von der Entwicklung der englischen Poesie von
Shelley bis Swinburne. In der franzsischen Litteratur war man ber die
Verurtheilung Victor Hugo's und der romantischen Schule, die Heiberg,
der Dictator des Geschmacks, als eine einzige grosse Ruberbande
bezeichnet hatte, noch immer nicht hinausgekommen. Des Verstndnisses
vllig bar war man besonders fr die Bedeutung der Thatsache, dass
Schauspiel und Roman in Frankreich lngst die geschichtlichen und
sagenartigen Stoffe verlassen und Stoffe aus der Gegenwart ergriffen
hatten, aus dem Leben, das den Dichter umgibt, dem einzigen, das er mit
seinen zwei Augen beobachten, das er in der Regel auch leichter und
besser als das entschwundener Zeiten in seinem eigenen Inneren studiren
kann. Selbst wagte man nur selten einen Zipfel des Vorhangs zu heben,
der die zeitgenssische Welt den Blicken verbarg; lange Zeit hatte es
den Anschein, als ob keine der grossen wissenschaftlichen Eroberungen
des Jahrhunderts der Poesie des Nordens zu Gute kommen sollte.

Und whrend das geistige Leben dahinsiechte, wie eine Pflanze in
einem dunkeln Raume krnkelt, war man selbstgefllig, -- nicht
etwa voll froher, lrmender Selbstgeflligkeit, hatte doch die
Gemther, nach dem nationalen grossen Unglck tiefe Wehmuth, tiefe
Niedergeschlagenheit ergriffen, wenngleich man dieses Unglck als
ein durchaus unverschuldetes erachtete, als die blosse Folge eines
blutigen himmelschreienden Unrechts. Wohl aber hatte man sich in eine
stille, dumpfe Selbstgeflligkeit hinein verrannt. Man wiegte sich in
der Hoffnung einer baldigen ussern Genugthuung, man freute sich der
Sympathien, welche der tapfere Widerstand dem Volke in Europa errungen
hatte; man ruhte auf seinen Lorbeeren und versank in einen tiefen
Schlaf.

Und in dem Schlaf kamen Trume. Die gebildete und besonders die
halbgebildete Welt Dnemarks und Norwegens trumte, sie wre das Salz
Europa's. Man trumte die fremden Vlker durch seinen Idealismus, seine
Grundtvig'schen, Kierkegaard'schen Ideale, durch seinen wachen Geist
zu verjngen. Man trumte, dass man die Kraft sei, welche die Welt
beherrschen _konnte_, es aber aus rthselhaften unbegreiflichen Grnden
die Jahre hervorgezogen habe, sich mit den Brocken von fremdem Tische
zu begngen. Man trumte, das freie mchtige Norden zu sein, das die
Sache der Vlker zum Siege fhrte -- und erwachte unfrei, ohnmchtig,
unwissend. Diese Trume enthlt, Wort fr Wort so ausgedrckt, das
skandinavische, immer gesungene Volkslied von C. Ploug.


                                 VII.

Hierauf fing zu Beginn der 70er Jahre in Dnemark eine moderne geistige
und litterarische Bewegung an, aus der in dem vergangenen Decennium
eine neue poetische und kritische Schule erstanden ist. Das in Dnemark
erregte geistige Leben verpflanzte sich schnell nach Norwegen, wo
geniale Mnner der Wissenschaft den aus England und Frankreich
erhaltenen Impulsen folgend, in den Gemthern der Jugend eine verwandte
Bewegung hervorriefen, und bald offenbarte die Dichtung Bjrnson's,
dass, wie er es selbst ausgedrckt hat, sich nach seinem vierzigsten
Jahr neue und reiche Quellen in seinem Innern aufgethan hatten.
Pltzlich zeigte es sich, dass seine Productivitt neuen Flug und
Schwung erhalten hatte. Die moderne Welt lag offen vor seinen Augen. Er
hatte, wie er in einem Privatbrief einmal schrieb, die Augen, welche
sahen, die Ohren, welche hrten, bekommen. Die Ideen des Jahrhunderts
hatten, ihm selbst lange halb unbewusst, seinen empfnglichen Geist
befruchtet. Denn er las in jenen Jahren sehr viel, Bcher in allen
Sprachen und jeglicher Art. Die historische Kritik Norwegens mochte
wohl zuerst Einfluss auf ihn gewonnen haben. Einen tiefen Eindruck
erhielt er von der ruhigen Grsse und dem erhabenen Freisinn Stuart
Mill's; Darwin's mchtige Hypothese erweiterte seinen Gesichtskreis,
die philologische Kritik eines Steinthal's oder Max Mller's lehrte
ihn die Religionen, die litterarische Kritik bei Mnnern wie Taine die
Litteraturen mit neuen Augen zu sehen. Die Bedeutung des achtzehnten,
die Aufgaben des neunzehnten Jahrhunderts gingen ihm auf. Er hat sich
einmal in einem reizenden Privatbrief ber die Verhltnisse, die seine
Jugend bestimmten, und besonders ber seine Umwandlung geussert:

Mit jenen Voraussetzungen musste ich die Beute Grundtvig's werden.
Aber nichts in der Welt besticht mich, obwohl ich nur zu leicht
verfhrt werden kann. Desshalb war ich aus diesen Kreisen heraus an
dem Tage, wo ich _sah_. Mein rgster Feind kann die Wahrheit in Hnden
haben; ich bin dumm und stark: aber sehe ich, wenn auch durch einen
Zufall, die Wahrheit, so zieht sie mich unwiderstehlich an. Sagen Sie
nun: ist eine solche Natur nicht leicht zu verstehen? Sollte man nicht
glauben, dass es besonders den Norwegern nahe liege, sie zu begreifen?
Ich bin Norweger. Ich bin Mensch. Ich mchte in der letzten Zeit mich
fast unterzeichnen: Der Mensch. Denn es kommt mir vor, dass dieses
Wort hier bei uns in diesem Augenblick gleichsam neue Vorstellungen
erweckt.


                                VIII.

Die erste grssere Arbeit, mit welcher Bjrnson nach mehrjhrigem
Schweigen vor das Publikum trat, war das Schauspiel Ein Fallissement.
Es war ein Sprung in's moderne Leben hinein. Die Dichterhand, welche
die Schlachtschwerter der Sigurd's geschwungen hatte, hielt sich
nicht fr zu gut, die Gelder Tjlde's zu zhlen und seine Schulden
zu summiren. Bjrnson war der erste skandinavische Dichter, der sich
im vollen Ernst mit der Tragikomdie des Geldes einliess, und dieser
erste Versuch war von entschiedenem Erfolg gekrnt. Gleichzeitig mit
dem Fallissement gab er das Schauspiel Der Redacteur, eine blutige
Satyre der norwegischen Pressverhltnisse heraus. Und nun erschienen
in rascher Folge Der Knig, Magnhild, Kapitn Mansana, Das neue
System, Leonarda, neue Gedichte, republikanische Vortrge, endlich
die tiefsinnige, feine Novelle Staub.

Man hat in conservativen norwegischen Kreisen die Poesie Bjrnsons in
dieser Phase, so gut wie die Ibsens, dadurch herabzusetzen gesucht,
dass man sie als Tendenzdichtung bezeichnete. Wo diese Beschuldigung
berechtigt ist, fllt sie allerdings einigermassen in die Wagschale.
Die Tendenz bezieht sich immer auf Interessen und Bestrebungen des
Augenblicks, veraltet verhltnissmssig schnell und kann daher fr
das Fortbestehen des Werkes von Nachtheil sein. Allein theils ist
in einem Werke noch manches Andere dem ausgesetzt, in der Zukunft
veraltet zu erscheinen -- Form, Ideen, Ausdrucksweise knnen veralten
-- theils thut mitunter auch die Tendenz, wie in Don Quijote, der
Lebensfhigkeit eines Werkes nicht den geringsten Abbruch. Endlich
-- und dies ist die Hauptsache -- darf man nicht vergessen, dass das
Wort Tendenz das Schreckbild ist, durch welches es nur allzu lange
glckte, die Dichter von den winkenden Frchten des modernen Baumes der
Erkenntniss zu verscheuchen. Die Warnungen vor der Tendenzdichtung,
die Geringschtzung derselben entstammt der Kantischen Lehre von der
Kunst, die sich Selbstzweck sei, was in Frankreich als die Losung
_l'art pour l'art!_ formulirt wurde. Diese Lehre, welche man --
merkwrdigerweise -- stets auf dem einzigen Gebiet bekmpft hat, wo sie
Sinn und Gltigkeit hat, nmlich als Protest gegen die Einschnrung
der Kunst in der Zwangsjacke einer conventionellen Moral, hat man im
Norden lange dazu gebraucht, alle Ideen der Zeit unter dem Vorwande
fernzuhalten, dass sie Tendenzen, d.h. Bestrebungen nach einem Ziele
hin seien -- und die Poesie hatte kein anderes Ziel als sich selbst.

Einerseits also sagte man: Die Poesie ist sich _nicht_ Selbstzweck,
sie soll und muss die Moral respectiren, und die Moral war bekanntlich
der gute Ton.

Andererseits sagte man, sobald ein Werk zum Vorschein kam, das nach den
Gedanken der neuen Zeit schmeckte: Tendenzpoesie, Tendenzschauspiele!
meine Herren und Damen! Die wahre Poesie hat keinen anderen Zweck als
sich selbst.

Dabei schwebte man, naiv genug, in dem Irrthume, dass die lteren
Werke, die man pries, tendenzlos seien, weil sie die entgegengesetzte
Tendenz der neuern vertraten. Oder lag etwa in den lteren keine
Tendenz? Man betrachte nur Arnljot Gelline, mit seiner in der ganzen
neunordischen Litteratur pflichtschuldigen Vikinger-Bekehrung. Kaum
hatte Oehlenschlger, Grundtvig und Hauch diese alten Vikinger entdeckt
und sich ihrer unverbrauchten Kraft zu freuen begonnen, als sie auch
schon mit grsster Beschleunigung daran gingen, sie zu bekehren und
zu taufen. Es war, als wssten sie gar nichts anderes mit ihnen
anzufangen, so einfrmig traten die Bekehrungen ein, und Bjrnson (wie
Richardt) folgte ihren Spuren.

In den Bauernnovellen hatte sich gleichfalls eine ausgesprochene
kirchliche Tendenz geltend gemacht. Das zweite Capitel von Synnve
Solbakken, das von einer Hymne an die Kirche eingeleitet den
kirchlichen Ton anschlug, brgte bereits dafr, dass dieser Ton in
allen folgenden Schilderungen des Bauernlebens vorwalten wrde.

Was man spter bekmpfte, war also nicht die Tendenz an sich,
von der man frher nie der Ansicht gewesen, dass sie der Poesie
irgendwelchen Abbruch thte. An die lteren Tendenzen hatte man
sich ja so vollstndig gewhnt, wie man sich an die Luft in einem
Zimmer gewhnt, das man nie verlsst. Was man unter dem Namen der
Tendenz zu bannen strebte, das war der Geist, waren die Ideen des
neunzehnten Jahrhunderts. Diese Ideen sind aber fr die epische und
dramatische Poesie dasselbe, was der Blutumlauf durch die Adern fr
den menschlichen Krper ist. Was man im eigenen Interesse der Poesie
fordern muss, ist nur, dass diese Adern, die man gern unter der Haut
blulich schimmern sieht, nicht gespannt und schwarz wie an einem
Verbitterten oder Kranken hervortreten.

Hchst selten, ganz ausnahmsweise nur, trat die Tendenz bei Bjrnson in
solcher Gestalt hervor. Und selbstverstndlich ist eine im Kunstwerke
nicht verkrperte Tendenz, die unpoetisch aus dem Rahmen tritt, bei
ihm um nichts unschuldiger oder besser als bei Andern. Mir sind z.
B. die Angriffe auf die Staatskirche, die stehenden Heere, die ganze
staatliche Ordnung des Knigthums, die Bjrnson in seinem Drama Der
Knig der Hauptperson unmittelbar vor ihrem Selbstmord in den Mund
legt, wenig sympathisch. Man fhlt, das ist etwas, wovon der Dichter
will, dass es gesagt werde. Die Absicht tritt grell und nackt hervor.
So ist auch das anmuthige Gedicht Staub zu sehr ein Lehrgedicht.
Ergriffen, wie sich Bjrnson von der Wahrheit fhlt, lsst er sich
ab und zu hinreissen, ihr einen grellen, allzu direkten Ausdruck zu
geben und bersieht, dass er die poetische Wirkung, die er zu erhhen
geglaubt, gerade hierdurch vermindert.

Sieht man jedoch von solchen Einzelnheiten ab, kann niemand, der
dichterischen Sinn hat, unempfindlich gegen den Born einer neuen und
eigenthmlichen Poesie sein, der die Werke aus Bjrnsons zweiter
Periode, zweiter Jugend mchte man sagen, durchstrmt. Eine brennende
Wahrheitsliebe hat diesen Bchern ihren Stempel aufgedrckt. Welch'
eine energische Aufforderung darin zur Wahrhaftigkeit gegen sich
und Andere! Welcher Reichthum an neuen Gedanken auf allen Gebieten,
ber Staat und Gesellschaft, Ehe und Haus! Endlich welche Milde,
welche Sympathie mit den Menschen, die als Vertreter der vom Dichter
verurtheilten Mchte dastehen, wie mit dem Knige oder mit dem Bischofe
in Leonarda, whrend alle Angriffe auf die Institutionen als solche
gerichtet sind. Nirgends macht sich dies so stark fhlbar, wie in
dem Drama Der Knig, welches den einfachen, an und fr sich wenig
neuen Grundgedanken vertritt, dass das constitutionelle Knigthum
die Uebergangsform zur Republik bilde, dessen Originalitt jedoch
darin besteht, das Problem von der inneren Linie her zu fassen,
die Institution von der Person des Knigs aus, kraft des Schadens
anzugreifen, den er durch die Natur dieser Institution nothwendig an
seiner Seele leiden muss. Der Knig selbst ist im brigen mit einer
Liebe, einer Innigkeit dargestellt, die ihn im eigentlichsten Sinne des
Wortes zum Helden des Stckes macht.

In Ein Fallissement erscheint die Forderung der Wahrhaftigkeit in
der niedersten Sphre. Bjrnson stellt hier, innerhalb des schlichten
brgerlichen Alltagslebens, als Wahrheitsideal die einfache Redlichkeit
auf. Allein sein Dichterauge sieht, dass Redlichkeit nicht etwas so
ganz Einfaches ist, wie es den Anschein hat. So ist beim Kaufmann das
Tadelnswerthe das, Anderer Geld zu wagen. Dies ist jedoch bis zu einem
gewissen Grade bei ihm unvermeidlich. Das Moralproblem dreht sich hier
um feine Grenzbestimmungen, um den Punkt, wo das Wagen nicht mehr
zulssig ist. Der Redacteur spielt die Forderung der Wahrhaftigkeit
auf ein hheres Gebiet hinber, wo es gebieterische Pflicht, sich sie
vor Augen zu halten, und noch schwieriger ist, sie zu erfllen. Wie in
der Kaufmannswelt die Gefahr darin liegt, durch Selbstbetrug Andere
zu betrgen und zu Grunde zu richten, so besteht in der Journalistik
die Versuchung darin, die Wahrheit zu verschweigen oder zu verleugnen.
Auch dies ist bis zu einem gewissen Grade unausweichlich. Ein Politiker
kann nicht alles sagen oder zugestehen. Es drfte ein Fehler sein,
dass in Bjrnson's Der Redacteur, der Vertreter der Journalistik
allzuwenig die Dialektik seines Faches, den steten, unvermeidlichen
Pflichtenstreit vergegenwrtigt, in den er sich versetzt sieht. Dazu
ist er ein zu grosser Schlingel. Andererseits ist sein Gegner und Opfer
Halvdan zu passiv und leidend, um so recht zu interessiren. Bjrnson
greift in seinem Stck ausdrcklich das Ideal von Unangefochtenheit
an, das wir uns heutigen Tags aus harter Nothwendigkeit gebildet
und aufgestellt haben. Er protestirt -- um des Kindes willen in
unserem Innern -- gegen die Lehre, dass wir uns abhrten mssen und
hat zwar in diesem Proteste nicht ganz Unrecht, allein es ist nun
einmal so, dass wir heutigen Tags nur eine bedingte Sympathie fr
solche, der Oeffentlichkeit angehrige Personen hegen, die sich von
Presseverfolgungen ber den Haufen werfen lassen. Das christliche Ideal
des duldenden Mrtyrers hat in diesem Falle, der Lesewelt und dem
Theaterpublikum gegenber, faktisch seine Kraft verloren. Man verlangt
Mnner zu sehen, an denen das gesprochene und geschriebene Wort der
Widersacher machtlos abprallt, die kein Wortschwall, nicht einmal ein
strmischer Seegang von Wortschwall, zum Wanken zu bringen vermag. Ich
will nicht behaupten, dass diese Auffassung der Sache natrlich ist,
aber sie hat viel fr sich.

Der Knig behandelt politische Fragen, wie Ein Fallissement und
Der Redacteur sociale. Das Problem ist seelisch. Der Dichter kmpft
mit dem Knige den inneren Kampf durch und lsst dessen Versuch
scheitern, die Forderungen seines Wesens und die seiner Stellung
miteinander zu vershnen. Ist die Aufgabe in befriedigender Weise
gelst? Ist das schlechte Resultat nicht in allzu hohem Grad von der
traurigen Jugend und dem schwachen Charakter des Knigs bedingt? Nicht
hierauf beruht der Werth des Stckes. Er liegt in den Tiefen, in die es
eingedrungen, in der frischen Anmuth, die das Liebesverhltniss umweht
-- man denke an die Stelle, wo Alles vor dem Blick des Knigs zittert
-- und in dem reichen, sprudelnden Witz, der den Dialog erfllt.
In Magnhild wie in Leonarda ist ein neues modernes Problem dem
Bewusstsein des Dichters aufgegangen: Das Verhltniss zwischen der
Moral als Sittlichkeit und der Moral als Institution, als Gebot des
Herzens und als Gebot der Gesellschaft. Die Lehre, die in Magnhild
verkndet wird, ist in der bescheidenen Form einer Frage mitgetheilt:
Giebt es nicht unsittliche Ehen, deren Bande zu zerreissen, hchste
Pflicht ist? Das von Leonarda ausgehende Gebot ist das mildeste
und das fr den Augenblick im Norden nothwendigste, das der socialen
und religisen Toleranz, deren Idee der Dichter selbst sich erst in
reiferen Jahren anzueignen vermochte. Binnen eines kurzen Zeitraums hat
Bjrnson seiner Poesie einen ganz neuen Boden erobert.

Magnhild ist eine Arbeit, die durch ihr Streben nach
Wirklichkeitstreue einen Wendepunkt in Bjrnsons Novellendichtung
bezeichnet. In der Zeichnung der Charaktere sind hier Partien von einer
Feinheit und Kraft, wie er sie frher nicht erreicht hat. Gestalten,
wie den jungen Musiker Tande, wie die schne Frau Bang und ihren Mann,
htte man Bjrnson kaum zugetraut. Und Magnhild's Verhltniss zu diesen
Hauptfiguren ist ebenso trefflich gegeben, als richtig empfunden
und gedacht. Gleichwohl fhlt man, dass sich der Verfasser hier auf
einem ihm noch einigermassen fremden Boden, auf dem des hheren
Gesellschaftslebens, bewegt. Es ist eigenthmlich, dass Tande's feiges
Verleugnen seiner Geliebten, als diese von einem Pbelhaufen verhhnt
wird, vonwegen der Moral die Sympathie des Dichters findet.

Die Novelle leidet an einem doppelten Grundmangel. Der eine ist eine
Undeutlichkeit in der Charakterschilderung einer der Hauptpersonen,
Skarlie. Er soll auf den Leser den Eindruck machen, eine Art Ungeheuer
zu sein, und man ist jeden Augenblick versucht, ihm seinem langen,
idealen Weibe gegenber Recht zu geben. Auf die furchtsamste Weise
von der Welt wird angedeutet, dass Skarlie ein in geschlechtlicher
Beziehung hchst verworfener Mensch sei, und nichtsdestoweniger
verwirklicht dieses Ungeheuer an gemeiner Sittlichkeit im Verhltniss
zu seinem eigenen Weibe, in deren Besitz er durch eine nicht eben
sonderlich hinterlistige Intrigue gelangt ist, das altromantische
Mondschein-Ideal von Platonismus zwischen Ehegatten, in seiner
Bescheidenheit und Gengsamkeit schon froh, wenn er die Gemahlin nhren
und kleiden darf. Der zweite Mangel steckt tief in der Philosophie
der Novelle. Es ist ein gut Theil veralteter Mystik in der Errterung
jener Lehre von der Bestimmung von Mann und Frau, um welche die
Erzhlung sich dreht, und, (wie stets bei Bjrnson und Ibsen) ist die
Mystik seltsam mit Rationalismus verquickt. Bjrnson scheint, als Facit
seiner Erzhlung den Grundsatz aufstellen zu wollen, dass es fr das
Weib noch andere Wege zu Glck und wohlthtigem Wirken gibt, als das
Verhltniss zu einem Mann, den es liebt. Das ist eine Ansicht, die
sich hren lsst. Doch es lassen sich aus Magnhild noch mancherlei
andere und widersprechende Resultate ziehen. Die Idee ist nicht klar.
Im Gegensatze zu dem in den Neuvermhlten herrschenden Verhltnisse,
steht die Ausfhrung der wichtigsten Partien an Klarheit und Leben hoch
ber dem Grundgedanken.

Leonarda, das als dramatische Arbeit nicht hervorragend ist,
gehrt zu den poesiereichsten Werken des Dichters. Es htte wahrlich
in Dnemark eine bessere Aufnahme verdient, als die burleske,
von der nationalen Bhne zurckgewiesen und unter einfltigen
Missfallens-Aeusserungen auf einem Theater zweiten Ranges aufgefhrt
zu werden. Die Zukunft wird Mhe haben eine Beschrnktheit zu
begreifen, wie sie ein Theil der dnisch-norwegischen Presse durch die
Besudelung dieses unschuldigen, reinen Kunstwerks an den Tag gelegt.
In Leonarda hat Bjrnson mit bewundernswerther Geistesberlegenheit
eine ganze Reihenfolge von Generationen der norwegischen Gesellschaft
vorgefhrt, ihre Reprsentanten mit Meisterschaft geschildert, und
die Urgrossmutter, welche (nach Art der alten Grossmutter in George
Sand's interessantem Drama L'autre) die whrend der langen Zeit
der nordischen Reaction so geringgeschtzte Kultur des achtzehnten
Jahrhunderts vertritt, das feierliche Amen des Stckes aussprechen
lassen. Es konnte einen Augenblick aussehen, als sei mit Leonarda
nicht nur die Zeit der tiefen Gefhle, auch die der khnen Gedanken
wiedergekehrt.

Die Gegner der neueren Richtung Bjrnson's haben behauptet, dass
so lange er sich ausserhalb des Kreises der brennenden Fragen und
lebendigen Ideen hielt, sei er als Dichter gross und gut gewesen; seit
er sich aber mit modernen Aufgaben und Gedanken eingelassen habe,
sei er zurckgegangen, leiste jedenfalls nicht lnger knstlerisch
Vollendetes. Aehnliche Urtheile sind berall in Europa laut geworden,
sobald ein Dichter, der in seiner Jugend durch neutrale, harmlose
Arbeiten die Gunst eines Publikums gewann, seinen Zeitgenossen
zeigte, dass er sie studire und kenne. Es gibt berall in Europa
Leser, welche Byron's Childe Harold ber den Don Juan stellen. Es
gibt in Russland und anderwrts ein verfeinertes Publikum, das die
ersten kleinen Erzhlungen Turgenjew's, das Tagebuch eines Jgers
den grossen Romanen Vter und Shne oder Neuland vorziehen; es
fanden sich in Deutschland Viele, die in Wehmuth hin sanken, weil
Paul Heyse eine Zeit lang die Liebesnovelle verliess um Kinder der
Welt zu schreiben. Es ist zwar richtig, dass Bjrnson in seiner
zweiten Periode nicht durchgehends die Durchsichtigkeit und Harmonie
der Form erreicht hat, die seine ersten Arbeiten auszeichnen; es ist
aber weder gerecht noch verstndig, desshalb von einem Rckschritt zu
sprechen. Ein neuer, reicher und brausender Ideengehalt findet langsam
seine Form, ghrt bisweilen ber den Rahmen hinaus; starke Gefhle und
Gedanken haben ein gewisses Feuer und einen gewissen Schwung, der sie
weniger geeignet macht, in geflliger Gestalt zu erscheinen, als die
Gedankenarmuth der Idylle.

Und trotz alledem, wie viele auch technisch vorzgliche Leistungen
hat Bjrnson in den letzten Jahren hervorgebracht! Die Exposition
im Fallissement ist vorzglich, und die Diction im Redacteur,
besonders die der ersten Akte, die beste, die Bjrnson berhaupt
erreicht hat. Diese beiden Dramen, mit denen Bjrnson zuerst die Bahn
betrat, die Henrik Ibsen mit seinem Schauspiel Der Bund der Jugend
gebrochen hatte, schliessen sich gewissermassen an dieses krftig
gebaute und beissend witzige Stck an. Im Grunde enthielt Der Bund der
Jugend sowohl ein Fallissement wie einen Redacteur. Das Fallissement
war das des leichtsinnigen Erik Brattsberg's, der Redacteur liegt in
schwachen Umrissen in Steinhoff's Verhltniss zur Zeitung Aslaksens
und in dem Artikel gegen den Kammerherrn, der zuerst gedruckt werden
soll und sodann nicht gedruckt werden darf, ganz wie in Bjrnsons
Schauspiel. Ja sein Redacteur ist gewissermassen der gealterte
Steinhoff, bei dem die weicheren und geschmeidigeren Elemente unter
Anfllen wilder Verachtung seiner selbst und Anderer verknchert sind,
whrend als Hauptstamm des Charakters die brutale Rcksichtslosigkeit
allein brig geblieben ist, die in der Drohung gegen Aslaksen zum
Ausbruch kommt, wenn er sich nicht fge, noch ehe das Jahr um sei, so
solle er der Armenkasse zur Last fallen. Und doch ist der Redacteur
seinem ganzen Geiste und Ton nach weit milder und weicher als Der Bund
der Jugend. Es ist sogar hie und da ein Anflug von Sentimentalitt
darin. Vielleicht fasst man indessen das Stck am richtigsten und
tiefsten als eine grosse Allegorie auf. Der ltere Bruder Halvdan, der
in dem politischen und litterarischen Streit unterliegt, ist Wergeland,
der nach einem in begeisterten Freiheitskmpfen verbrachten Leben so
lange auf dem Krankenlager hingestreckt lag -- eine noch grssere und
noch poetischere Gestalt kurz vor dem Tode, als whrend der langen
Fehde des Lebens. Der jngste Bruder Harald, der die Erbschaft Halvdans
bernimmt, ist Bjrnson selbst (Es liegt Kraft in Harald); der dritte
Bruder endlich, der Bauer geworden, und die Frau desselben, die ohne
aufzutreten, eine so grosse Rolle spielt, vertreten das norwegische
Volk. Hier wie in Leonarda hat das Drama eine Perspective durch die
Zeiten hin und ein weiter Horizont ffnet sich somit dem Blicke.

Henrik Ibsen ist ein Richter, streng wie einer der alten Richter
Israels, Bjrnson ist ein Prophet, der verheissende Verknder einer
besseren Zeit. Ibsen ist in der Tiefe seines Gemths ein gewaltiger
Revolutionr. In der Komoedie der Liebe, in Ein Puppenheim, in
Gespenster geisselt er die Ehen, in Brand die Staatskirche, in den
Sttzen der Gesellschaft die ganze brgerliche Gesellschaft seines
Landes. Was er angreift, wird von seiner tiefsinnigen und berlegenen
Kritik zersplittert, und die gesprengten Ruinen bleiben brig, ohne
dass man hinter ihnen neue Gesellschaftsformen erstehen she. Bjrnson
ist ein vershnender Geist, er fhrt ohne Erbitterung Krieg. Es spielt
wie Aprilsonne ber seine Dichtungen hin, whrend die Werke Ibsen's
mit ihrem tiefen Ernst wie im Schatten liegen. Ibsen liebt die Idee,
die logische und psychologische Consequenz, die Brand aus der Kirche,
Nora aus der Ehe heraustreibt. Der Ideenliebe Ibsen's entspricht die
Menschenliebe Bjrnson's.


                                 IX.

Schon jung fing er an politisch zu wirken, und er hat sein Leben
hindurch in _einer_ Richtung gewirkt. Unermdet hat er gekmpft, um die
Unabhngigkeit Norwegens in der (fast nur dynastischen) Union mit dem
grsseren Lande Schweden zu sichern. In ganz Europa wird, ausserhalb
der skandinavischen Lande, Norwegen als ein von dem schwedischen
Knige regirtes Land betrachtet. Selbst wo man von der Schulzeit
her, eine Art Begriff von Norwegen als Knigreich hat, wird das Land
unwillkrlich als eine Provinz von Schweden betrachtet, und so oft aus
irgend einem Grunde zwischen Regierung und Knig einerseits und dem
norwegischen Storthing andererseits eine Verstimmung herrscht, findet
man in den europischen Blttern Norwegen als eine Art aufrhrerisches
Irland besprochen. Diese Thatsache hat ihren natrlichen Grund in
dem Umstande, dass der Knig in Stockholm residirt und die auswrtige
Politik des Reiches von einem schwedischen Minister geleitet wird.
Allein sie zeigt, wie sehr Norwegen gegen jeden weitergehenden Versuch,
das Land in ein untergeordnetes Verhltniss zu Schweden und dem
Unionsknige zu bringen, auf seiner Hut sein muss.

Bekanntlich hat das Haus Bernadotte, gleich vom Jahre 1814 an,
ruckweise einer natrlichen Neigung gefolgt, das Land mit dem
Nachbarreiche zu amalgamiren und dessen verfassungsmssige Rechte zu
beschrnken, whrend andererseits die Norweger geneigt waren, in jedem
Versuch die beiden Lnder politisch enger miteinander zu verknpfen,
eine Gefahr zu erblicken. Schon als Redacteur 1858 bekmpfte Bjrnson
die amalgamistischen Plne und hatte nicht geringen Antheil daran, dass
die Vertreter Bergen's, die fr eine nhere Zollverbindung zwischen
Schweden und Norwegen gestimmt hatten, nicht wieder in's Storthing
gewhlt wurden. 1859 stritt er als Redacteur von Aftenbladet in
Christiania erfolgreich fr das Recht Norwegens, keinen schwedischen
Statthalter des Knigs zu dulden. 1866--67 war er als Redacteur
des Norsk Folkeblad einer der eifrigsten Gegner des sogenannten
Unionsvorschlags, d.h. einer Vorlage der Regierung, die darauf
hinausging, eine engere Union zwischen den beiden dynastisch vereinten
Reichen zu bewerkstelligen. Als der Streit ber das (bisher nur fr
suspensiv erkannte) Veto des Knigs zwischen Knig Oscar und dem
Storthing ausbrach, wurde schliesslich Bjrnson einer der wichtigsten
politischen Agitatoren. Besonders nach seinem Besuch Nordamerikas im
Jahre 1880 hat er sich als grosser Volksredner entpuppt. Es verdient
ausdrcklich hervorgehoben zu werden, dass er in seinem Kampfe fr
Norwegens Unabhngigkeit, sich niemals zu einer unbesonnenen oder
verletzenden Aeusserung ber Schweden hinreissen liess, sondern stets
seine warme Sympathie fr das Nachbarland betont hat.

Eine Charakteristik, die Bjrnstjerne Bjrnson nicht auch als Redner
und Journalisten behandelt, wird immer unvollstndig sein. Um sie
liefern zu knnen, msste man jedoch eine Gesammtausgabe seiner
Journalartikel und grsseren Reden zur Verfgung haben. Besser noch
als an seinen Dichterwerken wrde man an seinen Artikeln alle die
Entwicklungsstadien, die er durchlaufen hat, studiren knnen, und es
wre daher wnschenswerth, wenn man eine Sammlung derselben nicht erst
bis nach seinem Tode verschbe. Viel Unreifes und Unvernnftiges kme
dabei zu Tage, aber auch viel Ausgezeichnetes und Lehrreiches, das
ganze Bnde fllen wrde. Wenige Mnner fhren eine polemische Feder
wie Bjrnson, und wenige haben wie er die Gabe, volksthmlich ohne
Weitschweifigkeit zu schreiben.

Am rckhaltlosesten und vollstndigsten legt Bjrnson als Redner sein
Wesen an den Tag. Er ist als solcher ein grosser, genialer Agitator.
Wenn ich mir ihn in die Situation hineinzudenken versuche, zu welcher
er, seinem innersten Wesen nach, sich am besten eignet, so sehe ich
ihn bei einer Volksversammlung vor mir, wie er sicher, vierschrtig,
ber Tausende von norwegischen Bauern emporragend, auf der Rednerbhne
steht, und rings tiefe Stille um sich her, mit dem mchtigen Klang
seiner Stimme die Zuhrer bannt, bis ihn endlich in dem Augenblicke, da
er vollendet, der Jubel umbraust.

Die beiden Lnder Norwegen und Dnemark, die so viele Jahrhunderte
politisch vereinigt gewesen, die auf der alten gemeinsamen
Litteratur weiterbauen, denen noch heutigen Tags eine gemeinsame
Schriftsprache, ein gemeinsamer Leserkreis zu eigen, haben in allen
den grossen Kulturfragen gemeinsame Bestrebungen und Ziele. Die
norwegische und die dnische moderne Litteratur, die, unwesentliche
Dialectverschiedenheiten abgerechnet, in einer und derselben Sprache
geschrieben sind, bilden in Wirklichkeit unter zwei Namen nur eine
Litteratur. Derselbe Kampf fr Freiheit und neuzeitliche Aufklrung,
den Bjrnson in Norwegen kmpft, wird in Dnemark von der jngeren
Schriftstellerschule ausgefochten. Norwegen und Dnemark arbeiten, je
von ihrer Seite, das gemeinsame Sprach- und Litteraturgebiet zu bebauen.

Wer weiss! Vielleicht ergeht es noch damit, wie in Arne mit der
Bekleidung des Felsens.

Als nach vielen fruchtlosen Bemhungen endlich der Tag gekommen war, wo
das Haidekraut ber die Felsenkante hinweggucken konnte und die Birke
den ganzen Kopf hinberbog, da entdeckten sie unter vielen Oh jeh!
Oh jeh! freudiger Bestrzung, dass jenseits ein ganzer grosser Wald
aus Fhren und Haidekraut und Wachholder und Birken auf dem Abhange
stand und wartete. Sie begegneten der Arbeit, die von der andern Seite
gemacht worden, um den Felsen zu bekleiden.

_Ja, so ist es, wenn man vorwrtsstrebt_, sagt der Wachholder.


                             NACHSCHRIFT.

                               (1899.)

Von 1882 bis jetzt, hat Bjrnstjerne Bjrnson gar viel gearbeitet,
geeifert, politisirt und gedichtet. Er hat so viel Kraft fr
Verhltnisse und Dinge, welche der Dichtkunst fern liegen, eingesetzt,
dass in den verflossenen siebzehn Jahren nicht mehr als acht Bnde
Dichtungen von ihm erschienen. Doch hat er sich in einigen dieser Werke
so hoch emporgeschwungen, dass von einer Abnahme seiner Krfte nicht
nur nicht die Rede sein kann, sein dichterisches Genie vielmehr heute
gefesteter, vollkrftiger als ehedem erscheint.

Hat sich Bjrnson's poetische Begabung eher gesteigert, so ist er im
brigen als Persnlichkeit mehr in die Breite gegangen. Wohl hat er
von jeher die Ellbogen zu regen geliebt, viel Platz erheischt und
seinem Hange gefolgt, zu bekennen, zu verkndigen, mitzusprechen und
die Wege zu weisen, selbst wo er nicht ber hinreichende Kenntnisse
gebot, ja nicht einmal so recht die Vorbedingungen besass, sich diese
zu verschaffen. Je mehr jedoch mit den Jahren sein Ansehen wuchs,
desto ungescheuter gab er sich dem ehrgeizigen Verlangen hin, auf
den verschiedensten Gebieten mahnend und fhrend aufzutreten. Riesig
ist die Zahl der seit 1882 von ihm unternommenen moralischen und
politischen Feldzge. Die Zahl der Kannegiessereien, auf die er im
selben Zeitraume sich verlegt hat, ist verblffend. Einem scherzhaften
On dit zufolge soll Bjrnson u.a. ein Schreiben an den Papst gerichtet
haben, in welchem er ihn auf's eindringlichste ermahnte, sich zur
protestantischen Religion zu bekehren, msse er doch selbst einsehen,
dass der Katholicismus nicht mehr zeitgemss sei; es wre das ein
Schritt von unermesslicher Tragweite.

Er ist fast immer von einer Idee erfllt, fr die er in dem Augenblicke
mit dem Aufgebot seiner ganzen Beredsamkeit kmpft. Hat er eine Zeit
lang fr sie gestritten, dann lsst er sie fallen und wird von der
nchsten mit fortgerissen. Zu seiner Ehre muss gesagt werden, dass
diese Ideen nur ausnahmsweise im Widerstreit miteinander stehen.
Mitunter reist er sogar von Ort zu Ort und hlt immer und immer wieder
den nmlichen Vortrag, worin er dem Form gegeben hat, was ihm fr
seine neue Idee von wesentlicher Bedeutung erscheint. Einen Vortrag,
in dem er von den Mnnern Jungfrulichkeit und Einehe forderte, hielt
er so in allen grsseren und kleineren Stdten Dnemarks, Norwegens,
Schwedens und Finnlands, ihn wohl an die achtzigmal wiederholend.
Es geht die Sage, dass hernach eine auffallende Besserung des
Sittlichkeitszustandes in den nordischen Landen eingetreten sei; nichts
ist ja so wirksam wie eine krftige Predigt.

Nach und nach hat Bjrnson auf diese Art die Republik eingefhrt,
die geschlechtliche Sittlichkeit, die reine norwegische Flagge, den
Weltfrieden, norwegische Rstungen gegen Schweden, Angriffe auf
Schweden in russischen Blttern, norwegische Consuln und norwegische
Minister des Aeussern, er hat die Freilassung des Dreyfus und die
Abhaltung des Haager Congresses durchgesetzt, hat seiner Dankbarkeit
gegenber dem Kaiser von Russland und seinen Sympathien fr den
englischen Bjrnson, Mr. Stead, Ausdruck gegeben, endlich das
norwegische Landsmaal (die Volkssprache) aus den norwegischen Schulen
verdrngt. Der Kopf schwindelt einem, nur daran zu denken. Allerdings
drfte es zumeist noch nicht so recht Wurzel geschlagen haben; noch
lsst sich der Weltfriede nicht als unbedingt gesichert betrachten,
wie auch Norwegen nicht vollauf gerstet ist, es mit Schweden
aufzunehmen; hie und da wird sich wohl auch noch ein dnischer Mann
oder eine norwegische Flagge finden, die nicht rein sind; allein
ein gut Stck Arbeit ist jedenfalls gethan, und die berwiegende
Mehrzahl des norwegischen Volkes hat dem heimischen Dichter auf
allen Irrfahrten begeisterte Heerfolge geleistet. Wer Bjrnstjerne
Bjrnson im Concertpalais zu Kopenhagen vor fnfhundert nicht mehr
in der ersten Blthe stehenden, direct vom Strickstrumpfe gekommenen
Damen ber den Weltfrieden sprechen, ihn mit beweglichen Worten die
Versammlung beschwren hrte, von den wilden kriegerischen Instincten
abzulassen, zu bedenken, dass es wehe thte, sehr wehe sogar, im
Krieg verwundet zu werden, dass Wunden auch usserst bel rchen,
ihn (zum zwanzigstenmale) zufllig einen Brief, der etwas von dem
Gesagten besttigte, in seiner Tasche finden sah -- ich glaube, ich
habe ihn bei mir -- und nun den Eindruck der Rede gewahrte, sah, wie
das offenbar vordem rein kriegswthige Publikum friedliebend wie eine
Lmmerherde den Saal verliess: wer all dies erlebt hat, der kann sich
eine Vorstellung machen von dem Effect dieser Vortrge berhaupt.

Was in ihnen von Bjrnsons Wesen zu Worte kommt, ist nicht sein bestes
Theil: es lsst ihn sich am wohlsten fhlen, wo _tausend_ Freunde und
_hundert_ Gegner sich um ihn scharen, er also nichts wesentlich Neues
verkndet. Dazu macht sich mit den Jahren in diesem seinem Auftreten
als Polemiker und Erzieher immer unangenehmer eine eigenthmliche
Mischung von Brutalitt und Sentimentalitt fhlbar.

Das Beste seines Wesens hat er in seinen Werken niedergelegt. Die
beiden grossen Romane Beflaggt sind Stadt und Hafen (1884) und Auf
Gottes Wegen verunstaltet einigermassen das unmittelbare Moralisiren,
doch ist auch in ihnen, wie berall bei Bjrnson, selbst wo er sich
nicht zu seiner vollen Hhe erhebt, eine grosse dichterische Kraft
entfaltet; die ungewhnliche Gabe, zu schildern, zu charakterisiren,
mit freier Hand hinzuwerfen, gibt sich allenthalben kund, sei sie auch
in den Dienst untergeordneter und uninteressanter Ideen gestellt.
Bjrnson ist ja der geborene Erzhler, der echte Epiker. In seinen
Adern rollt Erzhlerblut, und nichts hat einen Klang wie die Stimme
des Blutes. Ganz besonders kommt aber seine Fhigkeit zu grndlicher
Vertiefung in das Seelenleben der Personen in der Form der Erzhlung
zu ihrem Rechte. Er braucht Platz zur Entfaltung und Erklrung von oft
ganz merkwrdigen Wunderlichkeiten und Ausnahmsfllen und findet im
Roman und in der Novelle mehr Spielraum hiezu, als im Schauspiele, das
die haushlterischste Knappheit erfordert.

In seinen Neuen Erzhlungen (1894) ist die letzte, Absalons Locken,
die hervorragendste des Buches und verrth aufs neue eindringliche
Menschenkenntniss. Ihr Schwerpunkt liegt in der Zeichnung einer
blutreichen, willensstarken, niedrigen und simplen Frauennatur, und
in der Vorgeschichte finden sich hier, ganz wie in der des Romanes
Beflaggt, krftig wiedergegebene Zge von Roheit der Sitten, ja von
usserster Brutalitt, die als charakteristisch fr das Land, in dem
die Erzhlung spielt, auffallen. Man vergisst weder die Scene, wo der
Bauer seine scheussliche, blutige Rache an Kurt nimmt, noch jene, wo
Harald Kaas im Beisein des ganzen Hofgesindes seine Frau bis aufs Blut
mit Ruthen streicht. Im Gegensatze hiezu macht sich im weiteren Laufe
der Erzhlungen die weichlichste Empfindsamkeit breit.

Im Jahre 1883 gab Bjrnson zwei Schauspiele heraus, wovon das
eine ausserordentliches Aufsehen erregte, das andere zu dem
Ausgezeichnetsten gehrt, das er im Leben geschaffen hat und das
berhaupt bewunderungswrdig genial in seiner Anlage ist.

Ein Handschuh, das erstere dieser beiden Stcke, vom Dichter
wiederholt umgearbeitet, ohne in irgend einer der Gestalten
knstlerische Vollendung zu gewinnen, spannt die sittliche Forderung an
den Mann auf dem Gebiete der Geschlechtsverbindungen so hoch, wie man
es bis dahin nur der Frau gegenber gewohnt war, und die Neuheit dieser
Tendenz eines Schauspieles machte sofort grosses Aufsehen. Allein die
weibliche Hauptgestalt, das verlobte junge Mdchen, Svava, wird einem
nicht so werth wie der Dichter, der in ihr eine Personification der
strengen Reinheit, die Vorbotin einer lichteren, edleren Zukunft
erblickt, es wollte. Man fhlt ein gewisses Mitleid mit ihr, als
einem Opfer allzugrosser Vertrauensseligkeit, aber sie wirkt nirgends
schn, und ihre Haltung ihrem Brutigam wie ihrem Vater gegenber
berhrt peinlich. Htte sie Alf geliebt, wie sie ihn zu lieben glaubt,
sie wrde sich wohl in der Stille mit ihm auseinandergesetzt haben,
ohne ihm den Handschuh ins Gesicht zu werfen, und wre sie nicht von
vornherein in Gedanken unschn mit dem Geschlechtlichen beschftigt
gewesen, sie htte nicht gleich zu Beginn des Stckes zu ihrem Vater
die geschmacklosen Lobesworte sprechen knnen: du bist doch die
_keuscheste_ und feinste Mannsperson, die ich kenne, was beinahe
noch bler klingt, als ihre spteren Verdammungsurtheile ber die
Schwchen des Vaters. Bjrnson, der in diesem Schauspiele als echter
Pastorssohn sich unbedingt auf den Standpunkt des sechsten Gebotes
stellt, hat die verwickelten Geschlechtsverhltnisse durchaus nur von
Einer Seite ins Auge fassen wollen und theils mit Ungestm angegriffen,
was niemandem zu vertheidigen oder gut zu heissen einfiel -- also
wieder einmal offene Thren eingerannt -- theils aus dem garstigen
Vorgehen seiner Nebenpersonen so allumfassende Schlsse gezogen, dass
dies, wre eine Errterung auf diesem Gebiete in den nordischen Landen
frei, zweifelsohne eine scharfe Kritik erfahren htte. Wie die Dinge
lagen, kam dem Drama gegenber kaum ein anderes Gefhl als das der
Befriedigung zu Worte, die Leichtfertigkeit entlarvt und gebrandmarkt,
die Reinheit verfochten und gepriesen, die strengsten und hchsten
Anforderungen gestellt zu sehen. In nordischen Gemthern wird es stets
eine Stelle geben, wo das Ideale der puritanischen Grundstze einen
Widerhall findet.

Weit berraschender, weit tiefsinniger und poetischer war jedoch
Bjrnson's zweites Schauspiel aus dem Jahre 1883, der erste Theil
von Ueber die Kraft. Er selbst hat nichts Besseres geschaffen, und
auch Ibsen nicht. Es ist durch und durch neu, genial, sowohl in der
Anlage wie in der Durchfhrung, das ausgezeichnetste Drama der neueren
Zeit ber die Religiositt, ber das heutige glubige und praktische
Christenthum. Alles, was in seiner priesterlichen Abstammung und
Anlage der reinen Wirkung seiner Poesie sonst abtrglich war, kam
ihm hier zugute. Das starke Gefhl fr das Wesen des christlichen
Glaubenslebens, fr dessen grosse Schnheit und tiefe Gefhrlichkeit,
konnte nur der haben, der selbst einmal als Glubiger empfunden, sich
dann aber losgemacht hatte, ohne Groll, ja mit Wehmuth, doch mit der
Einsicht in das Verwirrende, das die Menschennatur Sprengende des
steten Verhltnisses zum Uebernatrlichen. Das Stck ist von der
Ueberzeugung getragen, dass unseren Krften, unserem ganzen Wesen feste
Grenzen gezogen sind, sowie von einem Gefhl der Beruhigung, dass es
solche Grenzen gibt -- etwas, worber die Dichter nur allzusehr zu
chzen pflegten.

Hiezu kommt die mit reicher poetischer Kunst dem Stcke mitgetheilte
Sommerstimmung des Nordlandes, der feine Blumenduft dieser Gegend,
der es durchhaucht; mit Meisterschaft endlich ist unmittelbar vor dem
tragischen Schluss eine leicht humoristische Partie, die Ankunft der
hungrigen Pfarrer, eingeflochten. Man htte sich verschwren mgen,
lge der Gegenbeweis nicht vor, es sei ein Ding der Unmglichkeit,
durch ein Drama ohne Erotik, das einzig und allein die Mglichkeit
eines Heilungsmirakels behandelt, Leser und Zuschauer also zu fesseln.

Die Fortsetzung des Stckes, sein zweiter Theil (vom Jahre 1895),
ergnzt es wrdig und in vollstem Masse, indem es mit der gleichen
Genialitt den Hang zum Grenzenlosen auf dem socialen Gebiete aufzeigt,
wie der erste auf dem religisen. Mit ausserordentlicher Feinheit
wird hier das Erbe vom glubigen Vater bei dem unglubigen Sohne
nachgewiesen, der einer ebenso grenzenlosen Begeisterung folgt, auch
sie lebensgefhrlich.

Es ist kaum anzunehmen, dass das Stck in seiner gegenwrtigen
Fassung schon 1883 entworfen wurde, wenn sich auch Bjrnson darber
klar sein mochte, wie er das Wesen der aus dem ersten in den zweiten
Theil hinbergenommenen Personen weiter entwickeln wolle. Kamen
anarchistische Sprengversuche damals ja nur ganz ausnahmsweise vor.
Auch finden sich hie und da (so zum Beispiel in Holgers Wesen und
Ausdrucksweise) Spuren spterer Erfahrungen und Eindrcke (Nietzsche).
Doch das ist Nebensache, die ganze Anlage des Stckes ist von Anfang
bis zu Ende das Werk eines Meisters: ergreifend wird der Gegensatz
zwischen den Elenden und den Begterten durch den zwischen der tiefen,
sonnenlosen Kluft, in der die ersteren leben, und dem Leben oben in der
Burg auf der weiten Hochebene veranschaulicht, und ebenso anschaulich
stellt sich der Gegensatz zwischen dem Fanatismus, der seine Minengnge
fllt, und der Barmherzigkeit dar, die ihr Hospital baut. Der dritte
Act, in dem am Schlusse die Burg in die Luft fliegt, ist an und fr
sich ein kleines Meisterwerk von dramatischer Kunst, und der vierte
Act schliesst das Ganze schn, wenngleich etwas prosaisch mit dem
Ausblicke in eine bessere Zukunft ab. Selbst Gestalten, die halb oder
ganz Allegorien sind, selbst die mit khnen Strichen hingeworfenen,
schwach durchgefhrten Gestalten Credo und Spera, diese Verkrperungen
des Zukunftsglaubens und der Zukunftshoffnung, sind mit Genialitt
concipirt.

So hoch steht das 1898 folgende Schauspiel Paul Lange und Tora
Parsberg nicht, wenn es sich auch durch feine, vollendete
Charakteristik zweier hchst eigenthmlicher, jeder in seiner Art
bedeutender Menschen auszeichnet. Die Wirkung des Stckes wird dadurch
ein wenig beeintrchtigt, dass die Erinnerung an die wirkliche
Begebenheit, auf welcher es sich aufbaut, sich bei allen denen, die sie
kannten, einmischt. Es ist schwer, eine freie dichterische Schpfung
ber ein Motiv hervorzubringen, das wenige Jahre zuvor in Leitartikeln
behandelt wurde.

Einigermassen wirkt dem vom Dichter angestrebten Eindrucke, hnlich
wie in seinem Drama Der Redacteur, die ziemlich starke Dosis
Weichlichkeit der Grundanschauung entgegen. Der Umstand, dass Paul
Lange -- dessen Gewissen ihn freispricht und der an dem Weibe, das er
liebt und das ihn wieder liebt, die festeste Sttze findet -- von Seite
der ehemaligen politischen Genossen Missbilligung und Verkennung bis
zur Roheit erfhrt, ist kein hinreichend einleuchtender Beweggrund,
freiwillig in den Tod zu gehen. Ein Dialog, wie der folgende zwischen
seiner Braut und seinem Diener, lsst Paul Lange in einem etwas
klglichen Lichte erscheinen:

            =Tora Parsberg.=

  Las er die Morgenbltter?

            =Kristian Oestlie.=

  Allesammt.

            =Tora Parsberg.=

  Liess sich das nicht hindern?

            =Kristian Oestlie.=

  Es war nicht mglich.

Ein Staatsmann, ein Minister, ein alter Politiker, der sein Lebelang
den Aufregungen und Strmen des ffentlichen Lebens ausgesetzt war,
muss es ertragen knnen, die Morgenbltter zu lesen, darf zum mindesten
nicht daran sterben, dass er sie las.

Dieses Schauspiel hat nicht jenen allgemein menschlichen Gesichtskreis
wie das Doppeldrama Ueber unsere Kraft; es hat vorzugsweise auf
die Verhltnisse in Norwegen Bezug und zwar auf ganz eigenthmliche,
fast individuelle dortige Verhltnisse. Als Menschenstudium aber und
Menschendarstellung genommen, zeugt es von ungeschwchter Frische und
Kraft. Alle Gestalten sind leibhaft, in voller Rundung hingestellt, sie
drcken sich je nach ihrem besonderen Wesen aus. Selbst Nebenfiguren
(wie der Kammerherr und Storm) sind vortrefflich. Wohlgelungen
ist auch das Selbstportrt in Arne Kraft, obgleich nur einige
Umrisslinien gegeben sind. Die Handlung hingegen ist minder berzeugend
durchgefhrt. Htte Paul Lange seinem zudringlichen und unausstehlichen
Freunde, Herrn Arne Kraft, ein Billet gesendet, dass er nach reiflicher
Erwgung sich ausserstande sehe, das Versprechen, das Kraft ihm
abgepresst, ja abgeqult habe, zu halten (das Versprechen, einen alten,
unzuverlssigen Minister nicht durch eine Rede zu sttzen), es htte zu
keinem Missverstndniss kommen und nicht so leicht eine Tragdie daraus
entstehen knnen. Doch dem sei, wie ihm wolle, berblickt man Bjrnsons
dramatische Schpfungen der spteren Jahre, so ist der Haupteindruck
der einer tiefeindringenden Menschenkenntniss, reicher Phantasie,
warmer Menschenliebe und des grossen Stiles einer Kunst, die umso hher
stieg, je schwierigere Aufgaben sie sich stellte.




                            HENRIK IBSEN.

                               (1883.)


                                  I.

Als Henrik Ibsen in die Verbannung ging, aus welcher er bis heute
nicht zurckgekehrt ist, zhlte er 36 Jahre. Er verliess Norwegen
mit dsterem, verbitterten Sinn nach einer an der Schattenseite des
Lebens verbrachten Jugend. Er wurde am 20. Mrz 1828 in der kleinen
norwegischen Stadt Skien geboren, wo seine Eltern sowohl vterlicher-
wie mtterlicherseits den angesehensten Familien der Stadt angehrten.
Der Vater befand sich als Kaufmann in einer verschiedenartigen und
ausgebreiteten Wirksamkeit und liebte es, unbeschrnkte Gastfreiheit in
seinem Hause zu zeigen, aber 1836 musste er seine Zahlungen einstellen
und es blieb der Familie nichts brig, als ein Landhaus in der Nhe der
Stadt. Dort hinaus zogen sie und wurden dadurch des Verkehrs verlustig
mit den Kreisen, denen sie frher angehrt hatten. In Peer Gynt hat
Ibsen seine eigenen Kindheitsverhltnisse und Erinnerungen als eine Art
Modell fr die Schilderung des Lebens in dem Hause des reichen Jon Gynt
gebraucht.

Henrik Ibsen kam als Jngling zu einem Apotheker in die Lehre,
arbeitete sich unter manchen Schwierigkeiten durch, um, 22 Jahre alt
geworden, die Universitt zu beziehen. Er hatte als Student weder
die Neigung noch die Mittel zu einem Brodstudium, musste er sich doch
lngere Zeit sogar das regelmssige Mittagessen versagen. So gestaltete
sich seine Jugendzeit hart und streng, zu einem Kampf mit dem tglichen
Leben; sein Vaterhaus bot ihm, wie es schien, keinen Hort dar.

Nun bedeuten zwar solche Verhltnisse in einer so armen und
demokratischen Gesellschaft, wie die norwegische ist, weniger als
anderswo, und Ibsen entbehrte weder die Fhigkeit des Jnglings,
sich durch Begeisterung fr Ideen, noch die des Dichters, sich
durch ein Leben in der Einbildungskraft ber die Misshelligkeiten
der Wirklichkeit hinwegzuschwingen. Immerhin aber prgt frhzeitig
empfundene Armuth dem Gemth einen Stempel auf. Sie kann Demuth
erzeugen, und sie kann zur Opposition aufreizen, sie kann den Geist
unsicher oder selbstndig oder hart fr's ganze Leben machen.

Auf Ibsens in sich gekehrtes streitbares und satyrisches Naturell,
das mehr dazu angelegt war, die Umgebung zu beschftigen, als sie zu
gewinnen, muss die Armuth wie eine Herausforderung gewirkt haben. Daher
vielleicht eine gewisse gesellschaftliche Unsicherheit, ein gewisses
Verlangen nach jenen usseren Auszeichnungen, die ihm ein Recht der
Gleichheit gaben mit den Gesellschaftsklassen, von welchen er als
Jngling ausgeschlossen war, daher aber auch ein mchtiges Gefhl, nur
auf sich selbst und seine inneren Hilfsmittel gestellt zu sein.

Nachdem er einige Monate hindurch als Herausgeber eines Wochenblattes
ohne Abonnenten thtig gewesen, wirkte er (1851--57) als Dramaturg
an dem kleinen Theater zu Bergen und stand danach als Director dem
Theater zu Christiania vor, das 1862 Bankerott machte. Ibsen, der mit
den Jahren so gesetzt wurde und dessen Tage nun so regelmssig ablaufen
wie ein Uhrwerk, soll als junger Mann ein ziemlich ungebundenes Leben
gefhrt haben und blieb deshalb von der blen Nachrede nicht verschont,
die in kleinstdtischen Klatschnestern, wo Jedermanns Thun und Treiben
vor Aller Augen offen liegt, sogar eine geringe Unordnung, geschweige
denn die Zgellosigkeit der Genialitt zu verfolgen pflegt. Ich denke
mir Ibsen zu Beginn der Mannesjahre von Glubigern geplagt und von
der Kaffeeschwestern-Moral tglich _in effigie_ hingerichtet. Er
hatte eine nicht geringe Anzahl schner Gedichte geschrieben und eine
Reihe seiner nun so berhmten Dramen verffentlicht, darunter einige
der am meisten bewunderten; aber sie wurden nicht, wie jetzt seine
Werke und diejenigen der brigen norwegischen Dichter, in Kopenhagen
verffentlicht; sie erschienen in Norwegen in hsslichen, auf
schlechtem Papier gedruckten Ausgaben, und sie brachten dem Dichter,
selbst seitens der Freunde, nur eine ziemlich khle Anerkennung seines
Talentes ein, zugleich aber das vernichtende Urtheil, dass ihm idealer
Glaube und ideale Ueberzeugung fehle. Norwegen wurde ihm verleidet.
1862 hatte er, polemisch und sarkastisch angelegt, wie er war, die
Comdie der Liebe herausgegeben, die mit schneidendem Hohn gegen die
Erotik der Philistrositt ein tiefgehendes Misstrauen zu der Tragkraft
der Liebe durch die Wechselflle eines Lebens verband. Unumwunden hatte
er seine Zweifel an die Fhigkeit der Liebe ausgesprochen, ihr ideales
und schwrmerisches Wesen unbeschadet und unverndert in der Ehe zu
bewahren! Es konnte ihm nicht unbekannt sein, dass die Gesellschaft
mit der ganzen Zhigkeit des Selbsterhaltungstriebes das Vertrauen
in die Unvernderlichkeit der normalen und gesunden Liebe als eine
Pflicht festhalte; aber er war jung und trotzig genug, um durch die
Verbindung Schwanhilds mit dem alten reichen Spiessbrger Guldstadt
lieber der trivialsten Auffassung der Ehe ein relatives Recht zu geben,
als dass er sein Misstrauen auf die Dogmatik der Liebe verborgen
htte. Das Schauspiel rief ein Geschrei der Erbitterung hervor.
Man gerieth ausser sich ber diesen Angriff auf die ganz erotische
Gesellschaftsordnung, die Verlobungen, die Ehen u.s.w. Anstatt dass
man sich getroffen fhlte, geschah, was in solchen Fllen zu geschehen
pflegt; man begann das Privatleben des Dichters auszuforschen, die
Beschaffenheit seiner eigenen Ehe zu untersuchen, und htte er, wie
Ibsen mir einmal andeutete, die gedruckten Recensionen des Stckes sich
allenfalls gefallen lassen, so war das mndliche und private Kritisiren
geradezu unertrglich. Selbst ein so vortreffliches Werk wie Die
Kronprtendenten, welches 1864 folgte, vermochte nicht, den Namen des
Dichters zu reinigen und zu heben. Das Stck wurde, soviel ich weiss,
von der Kritik nicht gerade abfllig behandelt, aber auch nicht nach
Verdienst gewrdigt, und erregte keinerlei Aufsehen. Ich glaube nicht,
dass 20 Exemplare davon nach Dnemark kamen. Jedenfalls machte erst
Brand den Namen des Dichters ausserhalb Norwegens bekannt.

Zu diesen persnlichen Grnden, welche Ibsen's Missmuth erregten, kam
ein Gefhl tiefer Unzufriedenheit wegen der Haltung Norwegens whrend
des dnisch-deutschen Krieges. Als im Jahre 1864 Schweden und Norwegen
trotz der bei den skandinavischen Studentenversammlungen und in der
skandinavisch gesinnten Presse abgegebenen Versicherungen, welche
Ibsen fr bindend oder doch fr verpflichtend angesehen hatte, es
unterliessen, Dnemark gegen Preussen und Oesterreich beizustehen, da
ward ihm die Heimath, welche ihm als Inbegriff der Unbedeutendheit,
Schlaffheit und Muthlosigkeit erschien, dermassen verhasst, dass er sie
verliess.

Seitdem lebte er abwechselnd in Rom, in Dresden, in Mnchen und dann
wieder in Rom, in jeder der genannten deutschen Stdte 5--6 Jahre. Doch
eine bleibende Sttte hat er nirgends gehabt. Er fhrte ein stilles
regelmssiges Familienleben, oder vielmehr: er hat innerhalb des
Rahmens eines Familienlebens sein eigentliches Leben in seiner Arbeit
gehabt. Er verkehrte an ffentlichen Orten zwar mit den hervorragenden
Mnnern der fremden Stdte, empfing eine Anzahl durchreisender
Skandinaven in seinem Haus; aber er lebte wie in einem Zelt zwischen
gemietheten Mbeln, die am Tage der Abreise wieder zurckgeschickt
werden konnten; seit neunzehn Jahren hat er nie seinen Fuss unter den
eigenen Tisch gestellt, noch in eigenem Bette geschlafen. Zur Ruhe
gesetzt in strengerem Sinne hat er sich niemals; er hat sich daran
gewhnt, sich in der Heimathlosigkeit heimisch zu fhlen. Als ich ihn
zuletzt besuchte und die Frage an ihn stellte, ob in der Wohnung, die
er inne hatte, denn Nichts ihm gehre, deutete er auf eine Reihe von
Gemlden an der Wand; dies war Alles, was darin sein Eigen war. Selbst
jetzt als wohlhabender Mann fhlt er nicht den Drang, Haus und Heim
zu besitzen, noch weniger, gleich Bjrnson, Grund und Boden. Er ist
ausgeschieden aus seinem Volk, ohne irgend eine Thtigkeit, die ihn mit
einer Institution, einer Partei, ja selbst nur mit einer Zeitschrift
oder einem Blatt daheim oder draussen verbnde -- ein einsamer Mann.
Und in seiner Isolirtheit schreibt er:

    Dir, meinem Volke, das in tiefer Schale
    Den heilsam bittern Strkungstrank mir gab,
    Der Kraft zum Kampf im Abendsonnenstrahle
    Dem Dichter eingeflsst, schon nah dem Grab;
    Dir, meinem Volk, das mit der Angst Sandale,
    Der Sorge Bndel, der Verbannung Stab
    Mich ausgerstet, mit dem Ernst zum Streite --
    Dir send' ich meinen Gruss nun aus der Weite!

Er sandte viele und gewichtige Grsse. Doch alle seine Productionen,
sowohl vor dem Exil als whrend desselben, zeigen eine und dieselbe
Stimmung, diejenige seines Naturells: die Stimmung des Unheimlichen und
der Ungebundenheit. Dieser Grundzug, so natrlich bei dem Heimathlosen,
schlgt berall durch, wo Ibsen am strksten wirkt. Man entsinne sich
nur einiger seiner eigenartigsten und dabei von einander durchaus
verschiedenen Productionen, wie des Gedichtes Auf Bergeshhen, in
welchem der Erzhlende vom Hochgebirg aus die Htte seiner Mutter
in Flammen aufgehen und sammt der Bewohnerin niederbrennen sieht,
whrend er selbst, willenlos und verzweifelt, die effectvolle
Nachtbeleuchtung beobachtet, oder Aus meinem huslichen Leben, wo
die Phantasiegebilde des Dichters, seine beflgelten Kinder, die
Flucht ergreifen, sobald er sich selbst mit den bleigrauen Augen,
der zugeknpften Weste und den Filzschuhen im Spiegel erblickt; man
denke an die Poesie der ergreifenden Unheimlichkeit, wo Brand seiner
Frau die Kleider des verstorbenen Kindes entreisst; man erinnere sich
der Stelle, wo Brand seine Mutter zur Hlle fahren lsst und der in
ihrer tiefen Originalitt bewunderungswrdigen Scene, wo Peer Gynt die
seinige in den Himmel hineinlgt; man vergegenwrtige sich den peinlich
berwltigenden Eindruck von Nora -- diesem Schmetterling, der drei
Acte hindurch mit einer Nadel gestupft und zuletzt durchbohrt wird --
und man wird daraus deutlich fhlen, dass die Hauptstimmung, welche
dem landschaftlichen Hintergrund bei Gemlden entspricht, in allen
pathetischen Partieen die der wilden Unheimlichkeit ist. Sie kann sich
zum Entsetzlichen, zur Tragik steigern, aber sie beruht nicht darin,
dass der Dichter schlichtweg ein Tragiker ist. Schiller's Tragdien
oder diejenigen Oehlenschlger's sind nur momentan unheimlich; und
selbst der Dichter von Knig Lear und Macbeth hat so harmonisch
schmelzende Dinge geschrieben wie Ein Sommernachtstraum und Der
Sturm. Bei Ibsen aber ist jene Stimmung die ursprngliche berall.
Sie musste natrlich entstehen bei dem geborenen Idealisten, der von
Haus aus nach der Schnheit in ihren hchsten Formen als ideeller
seelischer Schnheit drstete; sie war unvermeidlich bei dem geborenen
Rigoristen, der, grundgermanisch, bestimmter norwegisch von Natur und
Temperament, von seiner orthodoxen Umgebung dahin beeinflusst war, das
Sinnenleben hsslich und sndhaft zu finden, und in Wirklichkeit keine
andere Schnheit anzuerkennen, als die moralische. Im Grunde seines
Wesens war Ibsen scheu; einige wenige Tuschungen schon gengten, ihn
in sich selbst zurckzuscheuchen mit dem Argwohn gegen die Aussenwelt
im Herzen. Wie frhzeitig muss er verwundet, zurckgestossen, gleichsam
gedemthigt worden sein in seinem ursprnglichen Hang zu glauben und zu
bewundern! Ich denke mir, der erste tiefe Eindruck, den seine geistige
Individualitt empfing, war der von der Seltenheit des moralischen
Werthes -- oder von dessen Nieheit, wie er in bitteren Augenblicken
hinzufgte --; und getuscht in seinem Suchen nach seelischem Adel mag
er eine Art von Linderung darin gefunden haben, berall die traurige
Wahrheit ihres Scheines zu entkleiden. Die Luft um ihn war angefllt
mit schnen Worten, man sprach von ewiger Liebe, von tiefem Ernst, von
Glaubensmuth, Charakterfestigkeit, norwegischer Gesinnung (das kleine,
doch felsenfeste Klippenvolk); er sah sich um, er sphte, suchte --
und fand Nichts in der wirklichen Welt, das solchen Worten entsprochen
htte. So entwickelte sich denn eben aus der Vorliebe fr das Ideale
eine eigenthmliche Fhigkeit in ihm, berall die Unzuverlssigkeit
zu entdecken. Es wurde sein Trieb, das scheinbar Echte zu prfen,
um sich ohne viel Verwunderung von der Unechtheit zu berzeugen. Es
wurde seine Leidenschaft, mit dem Finger an Alles zu pochen, was
wie Erz aussah, und seine schmerzliche Befriedigung, den Klang des
Hohlen zu hren, der zugleich sein Ohr verletzte und seine Vermuthung
besttigte. Ueberall, wo das sogenannte Grosse ihm entgegentrat, hatte
er die Gewohnheit, ja den Drang zu fragen, wie in seiner poetischen
Epistel an eine schwedische Dame: Ist es wirklich gross, das
Grosse? Er hatte einen geschrften Blick fr die Selbstsucht und
die Unwahrheit, welche dem Phantasieleben hufig innewohnen (Peer
Gynt), fr die Stmperei, die sich mit der politischen Freiheits- und
Fortschrittsphrase decken will (Der Bund der Jugend) und allmlig
ward ein grossartiges, ideales oder moralisches _Misstrauen_ seine
Muse. Es inspirirte ihm immer khnere Untersuchungen. Nichts imponirte
ihm oder schreckte ihn, weder was im Familienleben den Anschein
idyllischen Glckes hatte, noch was im Gesellschaftsleben dogmatischer
Sicherheit glich. Und in dem Masse wie seine Forschungen eindringlicher
wurden, nahm die Unerschrockenheit zu, womit er das Resultat derselben
mittheilte, verkndete, laut ausrief. Es wurde seine Hauptfreude
als Geist, alle Diejenigen zu beunruhigen, die ein Interesse daran
hatten, die Schden mit beschnigenden Umschreibungen zu verkleistern.
So wie er stets gefunden, dass man viel zu viel rede von Idealen,
denen man niemals im Leben begegne, so fhlte er mit immer grsserer
Sicherheit und Entrstung, dass die Menschen wie auf Verabredung
Schweigen beobachteten ber die tiefsten, unheilbarsten Brche mit dem
Ideale, ber die eigentlichen, wirklichen Schrecknisse. In der guten
Gesellschaft wurden dieselben als unwahrscheinlich oder als unerwhnbar
stillschweigend bergangen; in der Poesie berging man sie als
unheimlich; denn das allzu Schneidende, Peinliche oder Unvershnte war
ja von der Aesthetik nun einmal aus der schnen Litteratur verbannt.
So ungefhr ist es gekommen, dass Ibsen der Dichter des Unheimlichen
wurde, und daher sein ursprnglicher Trieb, in schneidenden, bitteren
Aeusserungen seine Stellung der Menge gegenber zu behaupten.

Henrik Ibsen's Aeusseres deutet auf die Eigenschaften, welche er in
seiner Poesie an den Tag gelegt. Die Gestalt ist untersetzt und schwer.
Strenger, sarkastischer Ernst ist der Hauptausdruck des Gesichts. Der
Kopf ist gross, umwallt von einer Mhne ergrauenden Haares, das er
ziemlich lang trgt. Die Stirne, welche das Gesicht beherrscht, ist
ungewhnlich, trgt, steil wie sie ist, hoch, weit, aber durchgeformt,
den Stempel von Grsse und Gedankenreichthum. Der Mund ist, wenn
er schweigt, zusammengekniffen und fast ohne Lippen; man merkt ihm
an, dass Ibsen wenig spricht. In der That sitzt er, wenn er sich in
Gesellschaft von Mehreren befindet, wortkarg als stummer, zuweilen
barscher Thorwchter vor dem Heiligthum seines Geistes. Unter vier
Augen oder in ganz kleinem Kreise kann er sprechen, aber selbst da ist
er nichts weniger als mittheilsam. Ein Franzose, den ich einmal in Rom
vor Ibsens Bste von Runeberg fhrte, bemerkte: Der Ausdruck ist mehr
spirituell als poetisch. Man sieht Ibsen an, dass er ein satyrischer
Dichter, ein Grbler, aber kein Schwrmer ist. Doch seine schnsten
Gedichte wie Fort und einige andere beweisen, dass einmal im Kampf
des Lebens ein lyrisches Flgelross unter ihm getdtet wurde.

Ich kenne zweierlei Ausdrcke in seinem Gesicht. Der erste ist jener,
wo das Lcheln, sein gutes feines Lcheln die Gesichtsmaske durchbricht
und beweglich macht, wo all' das Herzliche, Innige, das zutiefst in
Ibsen's Seele liegt, Einem entgegentritt. Ibsen ist bis zu einem
gewissen Grade verlegen, wie es bei schwerflligen ernsten Naturen
hufig der Fall. Aber er hat ein so hbsches Lcheln, und durch Blick
und Hndedruck sagt er Vieles, was er nicht in Worte kleiden mchte
oder kann. Und dann hat er eine Art, whrend des Gesprchs schmunzelnd,
mit einer gewissen gutmthigen Schelmerei, eine abweichende, nichts
weniger als gutmthige Bemerkung hinzuwerfen -- eine Art, in welcher
die liebenswrdigste Seite seiner Natur zum Vorschein kommt; das
Lcheln mildert die Schrfe des Worts.

Doch kenne ich auch einen anderen Ausdruck in seinem Gesicht, den,
welchen Ungeduld, Zorn, gerechter Unwille, beissender Hohn darin
hervorbringen, ein Ausdruck von fast grausamer Strenge, welcher an die
Worte in seinem alten, schnen Gedicht Terje Vigen erinnert:

    Unheimlich nur hat's um sein Aug' oft gezckt,
    Zumal, wenn ein Wetter nah --
    Dann hat fast Jeder sich scheu gedrckt,
    Wenn er Terje Vigen sah.

Dies ist der Ausdruck, den seine Dichterseele der Welt gegenber am
hufigsten annahm.

Ibsen ist der geborene Polemiker, und seine erste dichterische
Kundgebung (Catilina) war seine erste Kriegserklrung. Er hat,
seit er in die Jahre der Reife kam -- was brigens nicht frhzeitig
war -- eigentlich niemals daran gezweifelt; er, der Einzelne, auf
der einen Wagschale, und das, was man die Gesellschaft nennt -- fr
Ibsen ungefhr der Inbegriff all' Derer, welche die Wahrheit scheuen
und die Schden mit Redensarten berpflastern -- auf der anderen
Wagschale, das ergebe mindestens ein Gleichgewicht. Er pflegt unter
manchen komischen Paradoxen zu behaupten, dass es zu jeder Zeit nur
eine bestimmte Summe von Intelligenz gebe, die zur Vertheilung gelange:
wrden einige Wenige, wie z. B. in Deutschland Goethe und Schiller
ihrerzeit, besonders reich ausgestattet, so blieben ihre Zeitgenossen
desto dmmer. Ibsen sollt' ich meinen, ist der Ansicht zugnglich, dass
er seine Fhigkeiten zu einem Zeitpunkte empfing, wo sehr Wenige da
waren, die Summe zu theilen.

Darum fhlt er sich nicht als Kind eines Volkes, als Theil eines
Ganzen, als Fhrer einer Gruppe, als Glied einer Gesellschaft; er fhlt
sich ausschliesslich als geniales Individuum, und das Einzige, woran
er eigentlich glaubt und was er verehrt, ist die Persnlichkeit. In
diesem Abgelstsein von jedem Zusammenhang, in diesem Behaupten des
eigenen Ichs als Geist ist Etwas, das lebhaft an jenes Zeitalter der
nordischen Geschichte erinnert, in welchem er seine Bildung empfing.
Besonders ist der berwiegende Einfluss Kierkegaard's auffallend[43].
Bei Ibsen hat jedoch die Isolirtheit ein verschiedenartiges Geprge,
zu dessen Vertiefung wahrscheinlich Bjrnson's ganz entgegengesetztes
Wesen nicht wenig beigetragen hat. Es ist immer von Bedeutung fr
eine Persnlichkeit, historisch so gestellt zu sein, dass ihr vom
Schicksal selbst der Contrast an die Seite gegeben wurde. Nicht selten
ist es ein Unglck fr einen hervorragenden Mann, wenn er seinen Namen
bestndig mit einem andern zusammengekoppelt sehen muss, sei es nun
zur Verherrlichung oder zum Tadel, so doch stets zum Vergleich; das
unfreiwillige Zwillingsverhltniss, das sich nicht abschtteln lsst,
kann aufreizen und schaden. Ibsen hat es vielleicht dazu verholfen, die
Eigenthmlichkeit seines Wesens bis in's usserste Extrem zu treiben,
das heisst in diesem Falle: dessen Innigkeit und Verborgenheit zu
potenziren.

Keiner, der wie Ibsen an das Recht und die Fhigkeit des befreiten
Individuums glaubt, Keiner, der so frh wie er sich auf dem Kriegsfuss
mit der Umgebung fhlte, hat eine vortheilhafte Meinung von der Menge.
Augenscheinlich bildete in Ibsen's beginnendem Mannesalter sich
Menschenverachtung in ihm aus. Nicht, als ob er von Anfang an eine
bertrieben hohe Meinung von seinen eigenen Anlagen oder seinem eigenen
Werthe gehabt htte. Er ist eine suchende, zweifelnde, fragende Natur:

  Ich frage meist, Antworten ist mein Amt nicht

und solche Geister neigen nicht zur Einbildung. -- Man sieht auch wie
lange er braucht, eine ihm angemessene Sprache und Form zu finden, wie
unfertig er mit Catilina beginnt; wie er in dem kleinen ungedruckten
Drama Der Hnenhgel sich stark von Oehlenschlger beeinflusst zeigt
(besonders von Das gefundene und wieder verschwundene Land), wie er
in Nordische Heerfahrt wirkungsvolle Zge aus Sage und Geschichte in
grossem Massstabe bentzt, bevor er es wagt, sich vllig auf seinen
eigenen Fond und seine persnlich ausgeprgte Form zu verlassen.
Ibsen gehrte im Anbeginn weit eher zu den Naturen, die mit viel
Ehrfurcht in's Leben hinaustreten, bereit, die Ueberlegenheit Anderer
anzuerkennen, bis ihnen Missgeschick das Bewusstsein ihrer eigenen
Kraft gibt. Aber von diesem Augenblick an sind solche Naturen in der
Regel weit grssere Starrkpfe als die ursprnglich selbstzufriedenen.
Sie nehmen die Gewohnheit an, die Andern, die frher ohne weiteres
Anerkannten, mit dem Blicke, gleichsam auf einer unsichtbaren Wagschale
zu wgen, befinden sie zu leicht und werfen sie beiseite.

Ibsen findet die Durchschnittsmenschen klein, egoistisch, erbrmlich.
Seine Anschauungsweise ist nicht die rein naturwissenschaftliche
des Beobachters, sondern diejenige des Moralisten; und in seiner
Eigenschaft als Moralist verweilt er weit mehr bei der Schlechtigkeit
der Menschen als bei ihrer Blindheit und ihrem Unverstand. Fr Flaubert
ist die Menschheit schlecht, weil sie dumm, fr Ibsen umgekehrt ist
sie dumm, weil sie schlecht ist. Man denke z. B. an Helmer. Whrend
des ganzen Stckes blickt er dumm, strohdumm auf seine Frau. Als Nora
Dr. Rank das letzte Lebewohl sagt, d.h. als der Selbstmordgedanke dem
Todesgedanken in's Auge starrt und dieser mit mitleidiger Zrtlichkeit
antwortet, steht Helmer wie die berauschte Brunst und breitet die Arme
aus. Aber nur sein selbstgerechter Egoismus macht ihn so dumm.

Und eben schlecht findet Ibsen die Menschheit, nicht bse. Es findet
sich unter den Aphorismen in Kierkegaard's Entweder -- Oder einer,
der zu einem Wahlspruch fr Ibsen sehr geeignet scheint: Mgen Andere
darber klagen, dass die Zeit bse sei; ich klage darber, dass sie
erbrmlich ist, denn sie ist ohne Leidenschaft. Die Gedanken der
Menschen sind dnn und unhaltbar wie Spitzen, sie selbst elend wie
Spitzenklpplerinnen. Ihre Herzensgedanken sind zu erbrmlich, um
sndig zu sein. Was sagt Brand Anderes, wenn er ber den Gott des
Geschlechts klagt und seinen eigenen Gott, sein eigenes Ideal demselben
gegenberstellt:

    Wie das Geschlecht ergraut sein Gott:
    Als Greis mit dnnem Silberhaar,
    So stellt Ihr den Gottvater dar.
    Doch dieser Gott ist nicht der meine --
    Meiner ist Sturm, wo Wind der Deine.
    Ein Heldenjngling khn und stark,
    Kein schwacher Alter ohne Mark.

Was Anderes sagt der Knopfgiesser? Er antwortet Peer Gynt ungefhr,
wie Mephistopheles in Heiberg's Eine Seele nach dem Tode der Seele
antwortet. Peer Gynt soll keineswegs in den Schwefelpfuhl, er soll
bloss wieder in den Giesslffel und umgeschmolzen werden; er war kein
Snder, denn, wie es heisst, es gehrt Kraft und Ernst zu einer
Snde; er war ein Mittelschlechter:

    Drum wirst du als Ausschuss nun umgegossen,
    Bis mit der Masse in eins du geflossen.

Peer Gynt ist in Ibsen's Gedanken der typische Ausdruck fr die
Nationallaster des norwegischen Volkes. Wie man sieht, flssen sie ihm
weniger Schrecken als Geringschtzung ein.

Diese Weise, die Zeitgenossen aufzufassen, erklrt auch solche
Jugendwerke Ibsen's, in welchen seine dichterische Ursprnglichkeit
noch unentwickelt ist. Margit in Das Fest zu Solhaug ist eine
Frauengestalt, die zum Vergleiche mit Ragnhild in Henrik Hertz's
lterem Drama Svend Dyrings Haus einladet; dennoch ist die Gestalt
aus einem ganz anderen Metall wie bei Hertz, hrter, wilder,
entschlossener. Ein Mdchen der Gegenwart, das in Verzweiflung
liebte, wrde sich eher mit Ragnhild verwandt fhlen als mit Margit;
denn Margit steht als Wahrzeichen da, dass die Leserin das Kind
einer abgeschwchten Zeit ist, ohne den Muth und die Consequenz der
Leidenschaft, in Halbheit verloren. Und weshalb greift Ibsen in
Nordische Heerfahrt zurck zu der wilden Tragik der Wlsungen-Sage?
Um dies Bild der Gegenwart vorzuhalten, um ihr zu imponiren, um das
heutige Geschlecht zu beschmen, indem er ihm die Grsse der Vorfahren
weist -- die Leidenschaft, welche, einmal entfesselt, ohne Rcksicht
nach rechts oder links dem Ziele entgegenstrmt, die Strke und den
Stolz, der karg an Worten ist, der schweigt und handelt, schweigt und
duldet, schweigt und stirbt, diese Willen von Eisen, diese Herzen
von Gold, Thaten, welche Jahrtausende nicht in Vergessen zu bringen
vermochten -- da, seht Euch im Spiegel!

Nimmt man dies streitbare Pathos in seinem ersten Ausbruch, so ist
es Catilina, aufgefasst mit der ganzen Sympathie eines Primaners.
Catilina verachtet und hasst die rmische Gesellschaft, wo Gewalt und
Eigennutz herrschen, wo man durch Rnke und List zur Macht gelangt; er,
der Einzelne, lehnt sich dagegen auf. Beobachtet man dies streitbare
Pathos in einem von Ibsen's spteren Werken, seinem vielleicht
bewunderungswrdigsten Drama Nora, so klingt es gedmpft, aber
nicht weniger schneidend von Frauenlippen. Wenn Nora, die Lerche, das
Eichhrnchen, das Kind, am Schlusse sich sammelt und spricht: Ich
muss sehen dahinterzukommen, wer Recht hat, die Gesellschaft oder
ich; wo dies zarte Geschpf es wagt, _sich_ auf die eine Seite zu
stellen, die ganze Gesellschaft auf die andere -- da fhlt man, dass
sie Ibsen's Tochter ist. Und man vernehme endlich dies kampflustige
Pathos in seinem noch jngeren Ausbruch: Gespenster, in Frau Alwing's
Aeusserung ber die Lehren der modernen Gesellschaft: Ich wollte bloss
einen einzigen Knoten entwirren, und als ich ihn gelst ging Alles mit
einander auf. Da merkte ich, dass es Maschinennaht war -- hier klingt,
trotz der Entfernung, die den Dichter von dem gedichteten Charakter
trennt, durch die Worte ein erleichternder Seufzer durch, einmal, wenn
auch nur indirect, das Aeusserste gesagt zu haben.

Bei Catilina und bei Frau Alwing, Ibsen's erstem Helden und seiner
letzten grossen Frauengestalt, dasselbe Gefhl der Einsamkeit wie bei
den dazwischen liegenden Persnlichkeiten: Falk, Brand und Nora, und
dasselbe verzweifelte Rennen mit der Stirn gegen die Wand. In seinem
darauf folgenden Schauspiel Ein Volksfeind dreht sich sogar Alles um
diesen einen Angelpunkt, die Kraft, die in der Isolirtheit liegt, und
das Stck endigt mit dem didaktisch ausgesprochenen Paradoxon: Der
Strkste ist der, welcher allein steht!

Man bezeichnet bekanntlich diese Art, Welt und Menschen zu betrachten,
im modernen Europa mit dem Ausdruck Pessimismus. Aber der Pessimismus
hat viele Arten und Schattirungen. Er kann, wie bei Schopenhauer und
E. von Hartmann, die Ueberzeugung bedeuten, dass das Leben selbst
ein Uebel ist, dass die Summe von Freuden im Vergleich mit der Summe
von Schmerzen und Qualen eine verschwindende ist; er kann darauf
ausgehen, die Nichtigkeit der hchsten Gter zu beweisen, zu zeigen
wie schwermthig die Jugend, wie freudlos die Arbeit, wie leer das
Vergngen an sich ist und wie sehr wir durch Wiederholung dafr
abgestumpft werden -- Alles, um vermge dieser Einsicht entweder, wie
Schopenhauer, die Askese, oder, wie von Hartmann, die Arbeit fr den
Kulturfortschritt anzupreisen, jedoch mit der Ueberzeugung, dass jeder
Fortschritt in der Kultur ein steigendes Gefhl des Unglcklichseins
fr das Menschengeschlecht mit sich bringt. Dieser Pessimismus ist
nicht derjenige Ibsen's. Auch Ibsen findet die Welt schlecht; aber die
Frage, ob das Leben ein Gut sei, beschftigt ihn nicht. Seine ganze
Anschauungsweise ist moralisch.

Der pessimistische Philosoph verweilt bei der illusorischen
Beschaffenheit der Liebe, weist nach, wie gering das Glck ist, das sie
birgt; wie dieses Glck berhaupt nur auf einer Tuschung beruht, da ja
nicht die Glckseligkeit des Individuums, sondern die grsstmgliche
Vollkommenheit der knftigen Generation ihr Ziel sei. Fr Ibsen besteht
die Comdie der Liebe nicht in der unvermeidlichen erotischen Illusion
-- diese allein ist in seinen Augen ber die Kritik erhaben und besitzt
seine volle Sympathie -- sondern in der Erschlaffung der Charaktere
und in der aller Poesie baren Philistrositt, welche die ursprnglich
aus erotischen Grnden gestifteten brgerlichen Verbindungen zur Folge
haben. Dass der Theologe, der sich zum Missionr ausbildete, durch
die Verlobung zum Lehrer an einer Mdchenschule umgewandelt wird, das
ist ein Gegenstand fr _Ibsen's_ Satyre, darin besteht die Comdie
der Liebe fr ihn. Nur ein einziges Mal, gleichsam blitzweise, hat er
sich hoch ber seine gewhnliche moralische Auffassung der erotischen
Sphre erhoben, ohne desshalb den satyrischen Standpunkt aufzugeben,
und zwar in dem von Heine's Die Launen der Verliebten etwas
beeinflussten Gedicht Verwickelungen -- nicht nur dem witzigsten,
sondern auch dem tiefsinnigsten von allen seinen Gedichten.

Der pessimistische Philosoph verweilt gerne bei dem Gedanken, dass
das Glck unerreichbar sei, sowohl fr den Einzelnen als fr die
grosse Menge. Er hebt hervor, dass der Genuss uns unter den Hnden
entschlpft, dass wir Alles, was wir wnschen, zu spt erreichen,
und dass das Erreichte bei weitem nicht jene Wirkung auf das Gemth
ausbt, welche die Sehnsucht uns vorgespiegelt. In einer Aeusserung
wie der bekannten Goethe's: dass er whrend 75 Jahren nicht vier
Wochen eigentlichen Behagens gehabt, sondern stets einen Stein gerollt
habe, der immer von neuem aufgehoben werden musste -- in einer solchen
Aeusserung erkennt der pessimistische Philosoph den entscheidenden
Beweis fr die Unmglichkeit des Glckes. Denn was ein Goethe, der
Liebling von Gttern und Menschen, nicht erreichte, wie sollte das
der erste beste Sterbliche erringen knnen? -- Anders Ibsen. So
skeptisch er im Uebrigen ist, so zweifelt er doch nicht eigentlich
an der Mglichkeit des Glckes. Selbst die von den Verhltnissen
so hart beeintrchtigte Frau Alwing meint, dass sie unter anderen
Lebensverhltnissen htte glcklich werden knnen, ja, sie hlt
nicht fr unmglich, dass sogar ihr erbrmlicher Mann es htte sein
knnen. Und augenscheinlich theilt Ibsen diese ihre Meinung. Es ist
ihm aus dem Herzen gesprochen, was sie sagt von der halbgrossen Stadt
(Christiania), welche keine Freude zu bieten habe, nur Vergngungen;
kein Lebensziel, nur ein Amt; keine wirkliche Arbeit, nur Geschfte.
Das Leben selbst ist also kein Uebel, das Dasein selbst nicht freudlos;
nein, wenn ein Leben der Lebensfreude verlustig geht, so gibt es
einen Schuldigen, welcher dies zu verantworten hat; und als dieser
Schuldige wird die traurige, in ihren Vergngungen rohe, in ihrer
Pflichtforderung bigotte norwegische Gesellschaft bezeichnet.

Fr den pessimistischen Philosophen ist der Optimismus eine Art von
Materialismus. In dem Umstand, dass der Optimismus auf allen Strassen
gepredigt wird, erblickt der Pessimist die Ursache, dass die sociale
Frage ein Weltbrand zu werden droht. Nach seiner Auffassung gilt
es vor Allem, die grosse Masse zu lehren, dass sie von der Zukunft
nichts zu hoffen habe, da nur die pessimistische Erkenntniss des
All-Leidens die Menge ber die Zwecklosigkeit ihres Strebens aufklren
knne. Diese Anschauungsweise findet sich nirgends bei Ibsen. Wo er
die sociale Frage berhrt, wie in Sttzen der Gesellschaft und
anderweitig, sind die Schden stets moralischer Natur, sie beruhen in
der Schuld. Ganze Gesellschaftsschichten sind verfault, ganze Reihen
von Gesellschaftspfeilern sind morsch und hohl. Die Stickluft in der
kleinen Gesellschaft ist ungesund; in den grossen Lndern ist Platz fr
grosse Thaten. Ein Windstoss von aussen, das heisst ein Hauch von dem
Geiste der Wahrheit und der Freiheit kann die Luft reinigen.

Wenn Ibsen also die Welt schlecht findet, so fhlt er kein Mitleid
mit den Menschen, sondern Entrstung ber sie. Sein Pessimismus
ist nicht metaphysischer, sondern moralischer Natur, begrndet in
der Ueberzeugung, dass sehr wohl die Mglichkeit vorhanden ist,
die Ideale in die Wirklichkeit zu berfhren; er huldigt mit einem
Wort dem Entrstungspessimismus. Und sein Mangel an Mitgefhl mit
manchen Leiden ist durch seine Ueberzeugung von der erziehenden
Macht des Leidens bedingt. Diese kleinen, elenden Menschen vermgen
nur durch Leiden gross zu werden. Diese kleine, elende, nordische
Gesellschaft kann nur durch Kmpfe, Zchtigung, Niederlagen, gesund
werden. Er, der selbst gefhlt, wie Missgeschick sthlt, der selbst
den strkenden Heiltrank der Bitterkeit leerte, glaubt an den Nutzen
des Schmerzes, des Missgeschickes, der Unterdrckung. Man sieht dies
vielleicht am deutlichsten in seinem Kaiser und Galiler. Ibsen hat
sich augenscheinlich nicht wenig mit Schriften ber und von Julian
beschftigt. Aber dennoch ist in seiner Gestalt wenig historisches.
Er hat Julian dessen wirkliche Grsse geraubt. Er hat ihn gesehen,
zwar nicht wie die officielle Kirche ihn betrachtet, aber doch mit
christlichen Augen. Er legt den Nachdruck auf eine Christenverfolgung,
von der Julian nichts wissen wollte. Und seine Auffassung von Julianus
Apostata ist, dass dieser durch die Verfolgung seiner christlichen
Unterthanen der eigentliche Schpfer des Christenthums in seiner
Zeit, das heisst, der Wiedererwecker desselben vom Tode wird.
Julians weltgeschichtliche Bedeutung ist fr Ibsen folgende: Er gab
dem Christenthum, indem er es aus einer Hof- und Staatsreligion zu
einer verfolgten, unterdrckten Lehre verwandelte, das ursprngliche
Geistesgeprge und die primitive Mrtyrerleidenschaft zurck.
Herausgefordert von den Christen, straft Julian mit Strenge, aber
seine Strenge hat eine von ihm selbst nicht geahnte Wirkung. Seine
alten Studiengenossen, jener Gregor, der nicht den Muth zu einer rasch
entscheidenden Handlung besass, sondern seinen kleinen Kreis, seine
Verwandten zu vertheidigen hatte, und jener Basilios, der weltliche
Weisheit auf seinem Landgute erforschte, die erheben sich nun, stark
durch die Verfolgung, wie Lwen gegen ihn.


                                 II.

Ein Schriftsteller gibt sich nicht ganz in seinen Werken, das ist klar.
Zuweilen macht sogar die Persnlichkeit einen Eindruck, der seinen
Schriften einigermassen widerspricht. Das ist bei Ibsen nicht der
Fall. Und dass er die oben besprochenen Ansichten nicht nur zur Schau
trgt oder seinen Bchern zu lieb annimmt, kann ich nach vieljhriger
Bekanntschaft mit ihm durch manchen kleinen Zug erhrten.

Ich will versuchen, durch einzelne seiner mndlich hingeworfenen
Aeusserungen, die in der Form eines Scherzes, eines Paradoxon
oder eines bildlichen Vergleichs das Gedankenleben des Dichters
illustriren, und durch ein paar schriftliche Aeusserungen, in deren
Mittheilung Ibsen eingewilligt hat, einige Hauptumrisse seines Geistes
lebendiger und getreuer zu zeichnen, als die Bcher allein es mglich
machen.

Als im Jahr 1870 Frankreich blutend, verstmmelt vor Deutschlands
Fssen lag, war Ibsen, der mit seinen Sympathien zu jener Zeit eher auf
Frankreichs Seite stand, weit entfernt, die in den nordischen Lndern
herrschende Niedergeschlagenheit ber diesen Sachverhalt zu theilen.
Whrend alle anderen Freunde Frankreichs sich in Klagen des Mitleids
ergingen, schrieb Ibsen (20. December 1870):

.... Die Weltbegebenheiten nehmen brigens einen grossen Theil meiner
Gedanken in Anspruch. Das alte illusorische Frankreich ist in Stcke
zerschlagen; wenn nun auch das neue factische Preussen zerschlagen
wrde, so wren wir mit einem Sprunge drinnen in einem neu beginnenden
Zeitalter. Hei, wie die Gedanken rings um uns rumoren wrden! Und es
wre wahrhaftig auch an der Zeit. All' das, wovon wir bis dato leben,
sind ja doch nur die Brosamen von dem grossen Revolutionstisch des
vorigen Jahrhunderts, und diese Kost ist nun lange genug widergekut
worden. Die Begriffe verlangen nach einem neuen Inhalt und nach einer
neuen Erklrung. Freiheit, Gleichheit und Brderlichkeit sind nicht
mehr dieselben Dinge, wie zur Zeit der seligen Guillotine. Dies
ist's was die Politiker nicht verstehen wollen, und darum hasse ich
sie. Diese Menschen wollen nur Specialrevolutionen, Revolutionen im
Aeusserlichen, in dem Politischen. Aber das sind lauter Lappalien. Um
was es sich handelt, das ist das Revoltiren des Menschengeistes ....

Keiner kann in diesem Briefe den historischen Optimismus bersehen, den
ich bei Ibsen angedeutet habe. So dster er auch die Zukunft zu sehen
scheint, so hat er doch die beste Hoffnung, das grsste Vertrauen auf
das neue Leben, welches durch Unglck hervorgerufen wird. Ja mehr als
das: nur so lange das Unglck, welches das Eintreten der Ideen in die
Welt begleitet, die Sinne wach hlt, sind die Ideen ihm eine wirkliche
Macht. Selbst das Rasseln der Guillotine schreckt ihn so wenig,
dass es im Gegentheil mit seiner optimistischen und revolutionren
Weltbetrachtung harmonisch zusammenklingt. Nicht die Freiheit als
todter Zustand, sondern die Freiheit als Kampf, als Streben scheint ihm
von Werth. Lessing sagte, dass wenn Gott ihm die Wahrheit in seiner
rechten, das Streben nach Wahrheit in seiner linken Hand bte, so wrde
er nach Gottes Linken greifen. Ibsen unterschriebe diesen Satz, wofern
man statt Wahrheit das Wort Freiheit setzte. Wenn er die Politiker
verabscheut, so beruht dies darauf, dass sie nach seiner Ansicht die
Freiheit als etwas Aeusserliches, Seelenloses auffassen und behandeln.

Aus Ibsen's optimistischer, sozusagen pdagogischer Auffassung
des Leidens, erklrt sich vornehmlich der Eifer, womit er die
Idee verfolgte, Norwegen sollte Dnemark im Kampf um Schleswig
beistehen. Natrlich ging er wie die brigen Skandinaven von der
Stammverwandtschaft, von den gegebenen Versprechen, von Dnemarks Recht
als Ausgangspunkt aus; aber sein Optimismus liess ihn den Nutzen eines
solchen Beistandes als untergeordnet betrachten. Auf die Bemerkung:
Ihr httet gehrige Prgel bekommen! antwortete er einmal: Gewiss.
Aber was htte es geschadet? Wir wren mit in die Bewegung gekommen,
htten zu Europa gehrt. Nur nicht bei Seite bleiben!

Ein andermal -- 1874 glaub ich -- pries Ibsen in hohen Tnen Russland:
Ein prchtiges Land, sagte er lchelnd, all' die brillante
Unterdrckung dort drben!

Wieso?

Denken Sie nur an all' die herrliche Freiheitsliebe, die dadurch
erzeugt wird. Russland ist eines von den wenigen Lndern auf Erden, wo
Mnner die Freiheit noch lieben und ihr Opfer bringen. Darum steht auch
das Land so hoch in Poesie und Kunst. Denken Sie nur, dass es einen
Dichter besitzt wie Turgenjew, und es hat auch Turgenjew's unter den
Malern; wir kennen sie nur nicht, aber ich sah ihre Bilder in Wien.

Wenn all' diese guten Dinge eine Folge der Unterdrckung sind, sagte
ich, so mssen wir dieselbe freilich preisen. Aber die Knute --
schwrmen Sie auch fr sie? Gesetzt, Sie wren ein Russe: Ihr kleiner
Junge da, (ich deutete auf seinen damals halbwchsigen Sohn) sollte
der Knutenhiebe bekommen? -- Ibsen schwieg einen Augenblick mit
einer undurchdringlichen Miene. Dann erwiderte er lachend: Bekommen
sollte er sie nicht, geben sollte er sie. Der ganze Ibsen ist in
dieser humoristischen Ausflucht. Er selbst gibt in seinen Dramen dem
Geschlecht bestndig Knutenhiebe. Hoffentlich sollten die eventuellen
Schlge in Russland zur Abwechslung einmal die Unterdrcker treffen.

Man wird sich nicht darber wundern, dass Henrik Ibsen bei solchen
Anschauungen keineswegs begeistert war, als Rom von den italienischen
Truppen eingenommen wurde. Er schrieb in launigem Missmuth:

.... So hat man denn nun Rom uns Menschen genommen und den Politikern
gegeben! Wo sollen wir jetzt hin? Rom war der einzige geweihte
Ort in Europa, der einzige, welcher wahre Freiheit, die Freiheit
von der politischen Freiheitstyrannei, genoss .... Und der schne
Freiheitsdrang -- der ist nun auch vorbei; ja ich muss jedenfalls
sagen, das Einzige, was ich an der Freiheit liebe, ist der Kampf fr
sie, um den Besitz kmmere ich mich nicht ....

Mir scheint, dieser Standpunkt gegenber der Politik hat zwei Seiten:
einestheils alte romantische Reminiscenz -- der Abscheu vor dem
Utilitarismus, welcher den romantischen Schulen aller Lnder gemeinsam
ist -- anderntheils etwas Persnliches und Eigenthmliches: der Glaube
an die Kraft des Einzelnen und die Neigung fr radicale Dilemmen. Der
Mann, welcher in Brand die Losung formulirte: Alles oder Nichts!
kann der Parole des politischen Praktikers Jeden Tag einen kleinen
Schritt kein williges Ohr leihen. Ich mchte wissen, ob Ibsen's
obenerwhnte, voreingenommene Stimmung fr Russland nicht zum Theil
ihre Ursache darin hatte, dass dort kein Reichstag ist. Seinem ganzen
Naturell zufolge muss Ibsen einen Unwillen gegen Parlamente haben.
Er glaubt ans Individuum, an die einzelne grosse Persnlichkeit: ein
Einzelner kann Alles ausrichten, und zwar nur ein Einzelner. Solch'
eine Corporation wie ein Parlament ist fr ihn eine Versammlung von
Rednern und Dilettanten, was natrlich nicht ausschliesst, dass er fr
den einzelnen Parlamentarier als solchen grosse Achtung hegen kann.

Ibsen hat darum sein ewiges Ergtzen, so oft er in einer Zeitung liest:
Und dann ernannte man eine Commission, oder: Dann grndete man einen
Verein. Er sieht ein Symptom der modernen Entmannung darin, dass,
sobald Einer eine Sache oder einen Plan durchsetzen mchte, sein erster
Gedanke dahin zielt, einen Verein zu stiften oder eine Commission
aufzurufen. Man denke nur an das Hohngelchter, welches durch den Bund
der Jugend schallt.

Ich glaube, dass Ibsen in seinem stillen Sinn den Individualismus
bis zu einem Extrem treibt, von dem man aus seinen Werken allein
keinen Eindruck empfangen kann. Er geht in diesem Punkte sogar
weiter als Sren Kierkegaard, an welchem er sonst in diesem Punkte
stark erinnert. Ibsen ist z. B. ein weitgehender Gegner der modernen
strammen Staatsidee. Nicht in dem Sinne, dass er Kleinstaaten wnschte.
Niemand kann einen grsseren Schrecken haben vor der Tyrannei, welche
sie ausben, und vor der Kleinlichkeit, die sie mit sich fhren.
Wenige haben desshalb so warm wie er das Wort dafr ergriffen, dass
die drei nordischen Reiche dem Beispiele Italiens und Deutschlands
folgen und sich zu einem politischen Ganzen verbinden sollten. Sein
werthvollstes historisches Drama Die Kronprtendenten behandelt ja
ausschliesslich eine hnliche historische Zusammenschmelzungs-Idee.
Ibsen geht in diesem Punkte so weit, dass er, nach meiner Ansicht,
die Gefahren bersieht, welche das politische Einheitsstreben fr die
Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit des Geisteslebens in sich birgt.
Italien erreichte in knstlerischer Hinsicht seine hchste Blthe zu
der Zeit, da Siena und Florenz zwei verschiedene Welten bezeichneten,
und Deutschland stand in geistiger Hinsicht niemals hher als zu dem
Zeitpunkt, wo Knigsberg und Weimar Centren waren. Aber trotz seines
Schwrmens fr Einheit trumt Ibsen's Dichterhirn von einer Zeit, da
ein weit grsseres Maass als nun von individueller und communaler
Freiheit gewhrt wird, wo also Staaten, wie wir sie jetzt haben, nicht
mehr existiren. Obschon Ibsen wenig liest und sich durch Bcher nicht
sonderlich ber die Gegenwart orientirt, schien es mir doch oft, als
ob er in einer Art heimlicher Uebereinstimmung mit den ghrenden und
keimenden Zeitideen stnde. In einem einzelnen Fall hatte ich sogar
den bestimmten Eindruck, dass Gedanken, die historisch im Ausbruch
waren, ihn beschftigten und gleichsam peinigten. Unmittelbar nach
dem Ende des deutsch-franzsischen Krieges, zu einer Zeit, da alle
Gemther ganz von diesem Ereigniss erfllt waren, und der Gedanke an
etwas wie die Commune in Paris kaum in einem einzigen nordischen Hirn
auftauchte, stellte mir Ibsen als politische Ideale, Zustnde und
Ideen dar, deren Wesen mir zwar nicht klar durchdacht vorkamen, die
aber unzweifelhaft nahe verwandt mit jenen waren, welche kaum einen
Monat darnach, von der Pariser Commune proclamirt, in stark verzerrter
Form durchbrachen. Durch das Auseinandergehen unserer Ansichten ber
Freiheit und Politik veranlasst, schrieb Ibsen (17. Februar 1871):
Der Kampf fr Freiheit ist ja nichts Anderes als die bestndige,
lebendige Aneignung der Freiheitsidee. Wer die Freiheit anders besitzt
als wie etwas, wonach er strebt, der besitzt sie todt und seelenlos;
denn der Begriff der Freiheit hat ja gerade das an sich, dass er,
whrend wir suchen sie uns anzueignen, sich mehr und mehr erweitert.
Wenn daher Jemand whrend des Kampfes stehen bleibt und ruft: Jetzt
hab' ich sie! -- so beweist er eben dadurch, dass er sie verloren
hat. Aber gerade dies todte Stehenbleiben auf einem gewissen gegebenen
Freiheitsstandpunkt ist etwas fr unsere Staaten Charakteristisches;
und das war's, wovon ich sagte, es sei nicht von dem Guten. Ja,
gewiss kann es ein Gut sein, Wahlrecht, Steuerbewilligungsrecht
u.s.w. zu besitzen, aber wer hat den Gewinn? Der Brger, nicht das
Individuum. Es ist aber durchaus keine Vernunftnothwendigkeit fr
das Individuum, Brger zu sein. Im Gegentheil. Der Staat ist der
Fluch des Individuums. Womit ist Preussens Staatsstrke erkauft? Mit
dem Aufgehen des Individuums in den politischen und geographischen
Begriff. Der Kellner ist der beste Soldat. Und auf der anderen Seite
das Judenvolk, der Adel des Menschengeschlechtes. Wie bewahrte es
seine Eigenart, seine Poesie, trotz aller Rohheit von Aussen? Dadurch,
dass es keinen Staat durchzuschleppen hatte. Wr' es in Palstina
geblieben, so wrde es lngst in seiner Construction untergegangen
sein, ebenso wie alle anderen Vlker. Der Staat muss fort. _Die_
Revolution will ich mitmachen. Man untergrabe den Staatsbegriff, man
stelle Freiwilligkeit und geistige Verwandtschaft als das einzig
Entscheidende fr eine Vereinigung auf -- das ist der Beginn zu
einer Freiheit, die etwas taugt. Eine Umnderung der Regierungsform
ist nichts anderes als ein Kramen im Detail. Etwas mehr, oder etwas
weniger. -- Erbrmlichkeit alles miteinander! .... Der Staat wurzelt in
der Zeit, er wird in der Zeit gipfeln. Grssere Sachen als er werden
fallen. Jegliche Religionsform wird fallen. Weder die Moralbegriffe,
noch die Kunstformen haben eine Ewigkeit vor sich. An wie Vielem sind
wir im Grunde festzuhalten verpflichtet? Wer brgt mir dafr, dass 2
und 2 nicht droben auf dem Jupiter 5 machen?

Henrik Ibsen hat sicher den ebenso sinnreichen wie paradoxen Versuch
des anonymen Schriftstellers _a barrister_ nicht gekannt, der gerade
beweisen will, wie denkbar es sei, dass 2 und 2 auf dem Jupiter
5 ergeben; wahrscheinlich hat er auch nicht gewusst, wie stark
Stuart Mill und alle anderen Anhnger des radicalen Empirismus jene
Schlusszeile applaudiren wrden; seine Geistesrichtung hat ihn aber
durch ihren eigenen Hang zu der universellen Skepsis gefhrt, die bei
ihm so merkwrdig mit thatkrftigem Vertrauen vereint ist. Liess er
doch schon seinen Brand sagen:

    Der Kirche Satzungen und Lehren
    Vermag ich fglich nicht zu ehren;
    Sie sind entstanden in der Zeit,
    Und also kann es wohl gescheh'n,
    Dass sie auch in der Zeit vergeh'n.
    Erschaff'nes ist dem Tod geweiht:
    Was Motten nicht und Wrmer fressen,
    Weicht einstens, laut Gesetz und Norm,
    Einer noch ungebor'nen Form.

Die angefhrte Briefstelle liefert einen energischen Commentar zu
diesen Worten und man kann dieselbe als Beweis von Ibsen's genialen
Ahnungen ber das, was in seiner Zeit verborgen vorgeht, wohl
mittheilen, ohne frchten zu mssen, ihn in den Augen eines geehrten
Publikums herabzusetzen, nachdem ja selbst Frst Bismarck das Krnchen
gesunden Vernunft ffentlich anerkannt hat, welches den Kern bildete
von dem verirrten Streben der Pariser Commune. Am 18. Mai 1871 schrieb
Ibsen:

.... Ist es nicht niedertrchtig von der 'Commune' in Paris,
herzugehen und mir meine vortreffliche Staatstheorie oder vielmehr
Nicht-Staatstheorie zu verderben? Nun ist die Idee fr lange Zeit zu
Grunde gerichtet, und ich kann sie anstndiger Weise nicht einmal
mehr in Versen darstellen. Aber sie hat einen gesunden Kern in sich,
das seh' ich klar, und einmal wird sie schon noch ohne jede Caricatur
practicirt werden ...

In seinem Behaupten der Selbstherrlichkeit des Individuums gelangt
Ibsen dazu, sich der Staatsidee wie der Idee der Gesellschaft polemisch
gegenberzustellen. Ich bin nicht sicher, ob ich ihn in diesem
Punkte vllig verstehe; ich begreife, dass man, wie z. B. Lorenz von
Stein oder nach ihm Gneist, in der Geschichte der neueren Zeit einen
bestndigen Kampf zwischen Staat und Gesellschaft sehen und, von
einer neuen energischen Auffassung des Staatsgedankens ausgehend,
sich polemisch gegen die Gesellschaft wenden kann; aber die doppelte
Frontstellung, die ich bei Ibsen finde, versteh' ich nicht recht, und
ich weiss nicht einmal, ob er fhlt, dass hier eine doppelte Front ist.

Doch Ibsen erstreckt seine sorgenvolle Furcht, dass der Stachel der
Persnlichkeit abgestumpft werde und dass sie ihr bestes Eigenthum
zusetze, noch weiter. Er meint, das Individuum msse, um Alles zu
entwickeln, was in seinem Wesen als fruchtbare Mglichkeit liegt, vor
allen Dingen frei stehen und allein; desshalb hat er einen wachsames
Auge fr die Gefahren, welche jede Association, die Freundschaft, ja
selbst die Ehe, in dieser Hinsicht mit sich fhrt. Ich entsinne mich
seiner Antwort auf einen meiner Briefe, worin ich einmal in einer
jener missmuthigen Stimmungen, denen man in der Jugend so bereitwillig
Ausdruck gibt, geussert hatte, dass ich wenige oder gar keine Freunde
htte. Ibsen schrieb (6. Mrz 1870):

.... Sie sagen, dass Sie keine Freunde daheim haben. Das
dachte ich mir lngst. Wenn man, wie Sie, in einem innigen
Persnlichkeitsverhltniss zu seiner Lebensaufgabe steht, so kann man
eigentlich nicht verlangen, seine Freunde zu behalten .... Freunde sind
ein kostbarer Luxus; und wenn man sein Capital fr einen Beruf und eine
Mission hier im Leben einsetzt, so hat man nicht die Mittel, Freunde
zu halten. Das Kostspielige, Freunde zu halten, liegt ja nicht in dem,
was man fr sie thut, sondern in dem, was man aus Rcksicht fr sie zu
thun unterlsst. Desshalb verkmmern viele geistige Keime in Einem.
Ich habe dies durchgemacht, und desshalb liegt ein Theil meiner Jahre
hinter mir, wo ich nicht dazu gelangte, ich selbst zu werden ....

Fhlt man nicht Ibsen's ganzen Unabhngigkeitsdrang und sein Bedrfniss
nach Einsamkeit in diesem ironischen das Kostspielige, Freunde zu
halten; und liegt nicht in den angefhrten Worten eine Aufklrung
ber die Ursache des verhaltnissmssig spten Durchbruchs von Ibsen's
Genialitt? Er hat, wie ich oben behauptete, seine Bahn augenscheinlich
ohne berschwngliches Selbstvertrauen begonnen.

Und wie die Freundschaft unter gewissen Umstnden ein Hinderniss fr
die Selbstndigkeit des Individuums werden kann, so auch die Ehe. Darum
weigert Nora sich, die Pflichten gegen ihren Mann und ihre Kinder
als ihre heiligsten Pflichten anzusehen; sie hat eine noch heiligere
Pflicht gegen sich selbst. Darum antwortet sie auf Helmers: Du bist
vor Allem Gattin und Mutter!:

Ich glaube, dass ich zuerst ein Mensch bin -- oder jedenfalls, dass
ich versuchen muss, es zu werden.

Ibsen theilt mit Kierkegaard die Ueberzeugung, dass in jedem Menschen
eine Riesenseele schlummert, eine unberwindliche Macht; aber er hat
diese Ueberzeugung in anderer Form als Kierkegaard, fr welchen der
Werth der Persnlichkeit ein bernatrlicher ist, whrend Ibsen auf dem
Grund und Boden des menschlichen steht. Der Mensch soll bei ihm auf
sich allein gestellt sein, nicht um hherer Mchte, sondern um seiner
selbst willen. Und da er vor allen Dingen frei und ganz dastehen soll,
erblickt Ibsen in den Einrumungen, die der Welt gemacht werden, den
Feind, das bse Princip.

Hier stehen wir bei dem Grundgedanken von Brand. Man entsinne sich,
wie Brand spricht:

    Und doch, aus diesen Seelenstmpfen,
    Aus diesen Geistestorsormpfen,
    Aus diesen Kpfen, diesen Hnden,
    Soll einst ein Ganzes sich vollenden,
    Das Gotteswerk, ein _Mann_ voll Mark,
    Der neue Adam, jung und stark.

Darum muss Alles oder Nichts Brand's scheinbar so unmenschliches
Loosungswort werden. Darum ist ihm der Geist des Vergleichs im
Augenblick des Todes nichts anderes als eine Versucherin, die seinen
kleinen Finger fordert, um sich der ganzen Hand zu bemchtigen; und
darum kehrt der Geist des Vergleichs in Peer Gynt wieder als der
Biegsame, das heisst, all' das Feige, Geschmeidige im Menschen, das
ab- und umbiegt:

    Schlag' dich!
              So dumm ist der Biegsame nicht!
    Er schlgt sich niemals.
                    Kmpfe, du Wicht!
    Der Biegsame sucht nicht ein Schwert voll Scharten.

           *       *       *       *       *

    Der grosse Biegsame siegt durch Warten.

Das Geschlecht loszureissen aus der erdrosselnden Umarmung des
Biegsamen, den Geist des Vergleiches zu fangen, in einen Schrein zu
zwngen, diesen zu versiegeln und in's Meer zu versenken, wo es am
tiefsten -- dies ist das Ziel, welches Ibsen als Dichter vor Augen
hat. Und dies Losreissen des Einzelnen von dem Vergleich und dem
Biegsamen, das ist _seine_ Revolution.

Ich fragte Ibsen einmal: Ist unter allen dnischen Dichtern ein
einziger, um welchen Sie sich auf Ihrer jetzigen Entwicklungsstufe
etwas kmmern? Er antwortete, nachdem er mich eine Zeit lang
vergeblich hatte rathen lassen: Auf Seeland war ja einmal ein alter
Mann, der im Bauernkittel hinter seinem Pfluge herging, und auf Welt
und Menschen recht bse geworden war, den mag ich ganz gut leiden.
-- Es ist bezeichnend, dass Bredahl derjenige dnische Dichter ist,
welcher Ibsens Herzen am nchsten steht. Auch Bredahl war ja ein
Entrstungspessimist -- gewiss kein sehr tiefblickender Psychologe,
aber doch ein Geist, in dessen Pathos man gleichsam den Donner hat,
welcher Ibsen's Blitz vorausgeht. Bredahl gewahrt annoch nur die
ussere, grobe Tyrannei und Heuchelei, whrend Ibsen sie in den
verborgenen Falten des Herzens aufsucht; Bredahl ist nur wie Ibsen's
Revolutionsredner:

  Er sorgt fr den Wasserschwall rings m der Welt.

Sein grosser Nachfolger geht grndlicher zu Werke:

  Er legt Torpedo's, dass die Arche zerschellt.[44]

Wenn ich also Ibsen eine revolutionre Natur genannt habe, so brauche
ich mich nun kaum gegen das Missverstndniss zu vertheidigen, dass ich
eine Natur damit meinte, welche fr ussere, gewaltsame Umwlzungen
schwrmt. Weit entfernt -- ja, im Gegentheil! Denn einsam wie er
ist und sich fhlt, unwillig gestimmt gegen alle Parteien, vornehm,
geschliffen, zurckhaltend, das Nahen der Zeit abwartend in einem
fleckenlosen Hochzeitskleide[45], ist er in dem bloss usseren Sinn am
nchsten conservativ, zwar ein etwas sonderbarer Conservativer, der aus
Radicalismus, weil er von Specialreformen sich nichts erwartet, sich
keiner Fortschrittspartei anschliessen will. In seinem Gedankenleben
ist er entschiedener Revolutionr; aber die Revolution, fr welche er
schwrmt und wirkt, ist die rein innere, die ich geschildert habe.
Man wird die Schlussworte der citirten Briefstelle vom December 1870
nicht bersehen haben: Um was es sich handelt das ist _Revoltiren
des Menschengeistes_. Diese Worte sind in meinem Gedchtniss
haften geblieben: denn sie enthalten gewissermassen Ibsen's ganzes
dichterisches Programm -- ein vortreffliches Programm fr einen Dichter.

Ich wrde indessen mein eigenes Wesen verleugnen, wenn ich sagte,
dass Ibsen's Lebensanschauung mir mehr zu enthalten scheint als ein
krftiges Wahrheitselement. Es ist eine Lebensanschauung, auf Grund
deren man denken und dichten, aber nicht handeln, ja, streng genommen,
in der Welt, wie sie ist, sich nicht einmal direct aussprechen kann,
denn man fordert bis zu einem gewissen Grade Andere schon dadurch zur
Handlung und das heisst in diesem Falle zu sehr gewagten Unternehmen
auf. Wer aus Sehnsucht nach grossen, entscheidenden, durchgreifenden
Umwlzungen gleichgltig oder verchtlich auf die langsamen, kleinen
Vernderungen des Entwickelungsganges herabsieht, auf die saumseligen,
schrittweise vorsichgehenden Verbesserungen der Politik, auf die
Compromisse, welche der Praktiker schliessen muss, weil er nur so
die theilweise Verwirklichung seiner Ideen erreichen kann, auf die
Associationen endlich, ohne welche es fr Jeden, der nicht brutal
zu befehlen vermag, unmglich ist, einen einzigen Gedanken in die
Wirklichkeit zu bertragen -- der muss im practischen Leben darauf
verzichten, einen Finger zu rhren; der kann, wie Sren Kierkegaard,
wie Brand, niemals etwas Anderes thun, als auf die ghnende Kluft
deuten, welche die Wirklichkeit, in der wir leben, vom Ideale trennt.
Eine dem ersehnten Ziel entsprechende Handlung mit der Hilfe Anderer
zu versuchen, hiesse sein Gefolge ber den Rand jenes schwindelnd
tiefen Abgrundes, welcher das Existirende von dem Erwnschten scheidet,
kopfber springen zu lassen, und sich selbst augenblicklicher
Arrestation auszusetzen. Ja, sogar der Dichter kann eine so abstract
ideale Lebensanschauung nur indirect, andeutungsweise, vieldeutig
aussprechen, in dramatischer Form durch voll verantwortliche
Personen, also mit jedem Vorbehalt, was den Autor selbst anbelangt.
Selbstverstndlich waren es nur plumpe Gegner, welche den grausamen
Scherz mit dem Torpedo unter die Arche Legen fr buchstblichen,
blutdrstigen Ernst halten konnten. Diese Lebensbetrachtung bedingt
also und fhrt mit sich einen Dualismus zwischen Theorie und Praxis,
zwischen dem Individuum und dem Brger, zwischen der geistigen Freiheit
und jenen praktischen Freiheiten, welche die Form einer Verpflichtung
haben -- einen Dualismus, der sich in der Wirklichkeit nur durchfhren
lsst von einem in der Verbannung lebenden Dichter, welcher nach Staat,
Gesellschaft, Politik, Parteien und Reformen gar nichts zu fragen
braucht.

Auch das Ideal von geistiger Vornehmheit, welches dieser
Lebensanschauung entspricht, scheint mir nicht das hchste zu sein.
Gewiss sorgt ein ausgezeichneter Schriftsteller am besten fr seine
ussere Wrde, wenn er sich nicht in's Handgemenge begibt; gewiss ist
es vornehm, sich zurckzuhalten, sich nie in Tagesstreitigkeiten zu
mischen, niemals einen Zeitungsartikel zu schreiben. Aber vornehmer,
dnkt mich, handelt man, wenn man es macht wie jene legitimistischen
Generle, die sich als gemeine Soldaten zum Dienst in Cond's Armee
meldeten, und die es trotz ihrer Generalsepauletten nicht verschmhten,
sich zuweilen zu Fusse und in erster Reihe zu schlagen. Von ihrer
innern wirklichen Wrde bssten sie dadurch nicht das Geringste ein.


                                 III.

Die psychologische Analyse ist nunsoweit gefhrt, dass wir den
Standpunkt dieses Geistes so sehen knnen, wie ihn das litterarische
Bewusstsein und Streben seiner Zeitgenossen beleuchtet. Ich sage
ausdrcklich seine Zeitgenossen, nicht sein Volk, denn Ibsen ist ein
ebenso ausgeprgt europischer Geist, wie Bjrnson trotz seiner
kosmopolitischen Bildung national ist. Die Stellung eines Dichters zu
den Zeitgenossen -- das heisst genauer das Verhltniss, in welchem er
zu den Ideen und Formen seiner Zeit steht. Jede Zeit hat ja ihre Ideen,
welche innerhalb der Kunst als Gestalten und Ideale auftreten.

Die Ideen stammen nicht von den Dichtern her. Sie tauchen auf bei der
Arbeit der Denker und Forscher; sie treten hervor als grosse, geniale
Ahnungen von den Verhltnissen und Gesetzen der Wirklichkeit; sie
entwickeln und gestalten sich unter naturwissenschaftlichen Versuchen,
unter historischer und philosophischer Forschung; sie wachsen, lutern
sich und erstarken im Kampfe fr und gegen ihre Wahrheit, bis sie, wie
die Engel der Bibel, ihre Schwingen entfalten, zu Mchten, Thronen,
Frstenthmern werden und die Zeitgenossen beherrschen.

Ideen hervorzubringen, das ist nicht die Sache noch der Beruf der
Dichter. Die echten Dichter aber werden, whrend die Ideen im Wachsen
begriffen sind und sich durchkmpfen mssen, von ihnen erfasst und
stellen sich mitkmpfend auf ihre Seite. Sie werden hingerissen und
knnen nicht anders; sie verstehen, ohne immer gelernt zu haben. --
Die schlechten Poeten, jene, welche nichts anderes vom Dichter an sich
haben als die ererbte oder erworbene Routine, haben kein Ohr fr das
dumpfe Tosen der Ideen, die unter der Erde ihre Minen graben, kein
Ohr fr ihren Flgelschlag in der Luft. Heine sagt in der Vorrede zu
Neue Gedichte: Whrend dem Schreiben war mir, als hrte ich ber
meinem Haupte ein Rauschen wie den Flgelschlag eines Vogels. Als ich
meinen Freunden, den jungen Berliner Dichtern, davon erzhlte, sahen
sie sich einander an mit einer sonderbaren Miene und versicherten mir
einstimmig, dass ihnen nie Dergleichen beim Dichten passirt sei.
Dieses Rauschen, welches die Berliner Dichter nie gehrt hatten, war
eben jener Flgelschlag der Ideen.

Ohne Ideen kann indessen kein Dichter etwas hervorbringen. Die
schlechten Poeten haben desshalb auch welche, diejenigen der
Vergangenheit nmlich; und diese, denen die Meister der lteren Periode
einen ausgezeichneten dichterischen Ausdruck verliehen, geben sie nun
in mattem, schlaffem Ausdruck wieder. Die Ideen der Gegenwart kommen
ihnen in der Regel ganz und gar unpoetisch vor: sie halten es fr
unmglich, diesen Gedanken Poesie abzugewinnen.

Aber der Dichter, welcher schon in seiner Jugend (in den
Kronprtendenten) den denkwrdigen Satz schrieb: Fr Euch ist's
unausfhrbar, denn Ihr knnt einzig die alte Sage wiederholen, aber
fr mich ist's leicht, wie es leicht fr den Aar ist, die Wolken
zu zertheilen, hat sich niemals dauernd von den Gedanken seines
Zeitalters schrecken lassen. Mancher neuen Idee hat er Fleisch und Blut
gegeben, und indem er sie verkrperte, half er zu ihrer Verbreitung;
manchen zeitgenssischen Gedanken hat er erweitert und vertieft, indem
er denselben mit seinem Gefhlsquell durchstrmte. Wie stark Ibsen die
Nothwendigkeit eines lebendigen Verhltnisses zu den keimenden Ideen
gefhlt, das ahnt man, wenn man die schnen Strophen liest, in welchen
Garnknuel, trockene Bltter und geknickte Halme Peer Gynt anklagen:

    Wir sind die Gedanken,
    Die duhttest denken sollen.

           *       *       *       *       *

    Wir strebten nach vollen,
    Rauschenden Chren,
    Und mssen hier rollen --
    Wer mag uns hren?

           *       *       *       *       *

    Wir sind das Feldgeschrei
    Das duhttest verknden sollen;
    Im matten Einerlei
    Hast du es nicht finden wollen.

           *       *       *       *       *

    Die Werke sind wir,
    Die zu ben du sumtest;
    Doch geknickt sind vom Wind wir,
    Whrend zweifelnd du trumtest.

Anklagende Worte, womit der Dichter in schlaffen Zeiten sich selbst
angespornt haben mag, die man sich aber unmglich in Form einer
Selbstanklage Peer Gynts vorstellen kann. Wie htte der jmmerliche
Peer jemals eine Loosung aufstellen knnen, wie kann er sich vorwerfen,
es unterlassen zu haben!

Sehen wir nun, welche Ideen und Stoffe das Bewusstsein des Zeitalters
vorzugsweise erfllen. Sie fallen, wie ich glaube, in folgende Gruppen:

Erstens solche Ideale und Stoffe, welche Bezug haben auf die Religion,
das heisst, das Ehrfurchtsverhltniss der Menschen zu Ideen, die als
Mchte betrachtet werden -- von Einigen als ussere, von Anderen als
innere Mchte -- besonders solche Stoffe, die auf die Kmpfe zwischen
denen Bezug haben, welche jene Ideen als ussere, und denen, die sie
als innere Mchte auffassen.

Demnchst solche Stoffe und Ideale, die sich auf den Unterschied
beziehen zwischen zwei Zeitaltern: Vergangenheit und Zukunft, Alt
und Jung oder Altes und Neues, besonders auf den Kampf zwischen zwei
aufeinander folgenden Generationen.

Ferner solche, welche auf die Gesellschaftsklassen und ihren
Lebenskampf Bezug haben, auf Standesvorurtheile, besonders auf den
Unterschied zwischen Reich und Arm, socialem Einfluss und socialer
Abhngigkeit.

Endlich eine ganze Gruppe von Ideen und Stoffen, die sich auf den
Gegenstand der Geschlechter beziehen, auf das gegenseitige erotische
oder sociale Verhltniss von Mann und Weib, ganz besonders auf die
konomische, sittliche und geistige Emancipation der Frau.

Die religisen Stoffe und Probleme sehen wir in unseren Tagen hchst
verschiedenartig, wenn auch berall in modernem Geiste behandelt. Man
durchlaufe in der Erinnerung einige Hauptnuancen. Bei dem grssten
Dichter der lteren Generation in Frankreich, Victor Hugo, macht
sich, trotz seiner leidenschaftlichen Freidenkerei, ein unbestimmter,
pantheistisch gefrbter Deismus geltend; man sprt bei ihm noch den
Einfluss des vorigen Jahrhunderts; die Religion wird verherrlicht auf
Kosten der Religionen, die Liebe als vereinigende Macht gepriesen
im Gegensatz zum Glauben, der trennt und zersplittert. Bei den
hervorragendsten Dichtern des nchsten Geschlechts, wie Flaubert,
wird die Religion mit wissenschaftlicher Klte, doch stets von der
Schattenseite dargestellt; fr ihn und seine Geistesverwandten ist sie
eine Hallucination, an die man glaubt. Der grsste englische Dichter
unserer Tage, Swinburne, ist ein leidenschaftlicher, poesiereicher
Heide; das Christenthum als Naturverleugnung aufgefasst, ist fr ihn
der Feind, welchen er bekmpfen will. Der grsste unter den modernen
italienischen Dichtern, Leopardi, versenkte sich in einen erhabenen
metaphysischen Pessimismus, welcher in stoische Resignation ausmndet;
Carducci, der erste von Italiens jetzt lebenden Dichtergeistern,
ist ebenso modern und noch mehr polemisch. In der Schweiz und in
Deutschland haben die ersten Dichter, wie Gottfried Keller, Paul Heyse,
Fr. Spielhagen, in ihren Werken einen seelenvollen atheistischen
Humanismus verfochten.

Im Norden war die Constellation besonderer Art. Die dnischen Dichter
der hervorgehenden Periode hatten durchgehends der Orthodoxie
gehuldigt; der einzige philosophisch angelegte unter ihnen, J. L.
Heiberg, welcher anfnglich protestirt hatte, endigte damit, der
Kirchenlehre, wenigstens anscheinend, Einrumungen zu machen (im
Gedicht Gottesdienst); und die Versuche, welche in Dnemark gemacht
wurden, um die Autoritt der Kirche zu untergraben, Kierkegaards
gewaltsame Angriffe auf die Staatskirche, waren nicht gegen die Lehre,
sondern gegen deren Bekenner gerichtet, namentlich insofern das
Leben der Pfarrer nicht mit der Lehre bereinstimmte. Diese Haltung
Kierkegaards ist fr die dnisch-norwegische schne Litteratur bis auf
die jngste Zeit bestimmend gewesen. Die moderne Poesie in Dnemark
und Norwegen hat selten oder nie die objective Seite der Sache, das
Wesen der Religion, sondern fast ausschliesslich die subjective
Seite berhrt; darauf beruht der ausserordentliche Reichthum an
Priestergestalten in dieser Litteratur, sowohl bevor als nachdem die
Schriftsteller sich von der Rechtglubigkeit emancipirten. Die Priester
in Bjrnson's und Magdalena Thoresen's Bauernerzhlungen bezeichnen
den Standpunkt vor der Emancipation, diejenigen in Schandorph's,
Kielland's, Ibsen's neueren Werken den Standpunkt darnach.

Ibsen folgt der von Kierkegaard angegebenen Spur. Wie alle nordischen
Mnner seiner Generation im Zeitalter der Romantik aufgewachsen,
beginnt er in seinem Verhltniss zur Religion mit Unklarheit. Ausserdem
war in seiner Natur ein doppelter Hang, der ihn innerem Ringen
aussetzen musste; eine Neigung zur Mystik und eine ebenso ursprngliche
Anlage zu schneidendem, trockenem Verstand. Bei wenigen Andern findet
man einen solchen fast krampfhaften Aufschwung vereinigt mit einem
solch ruhigen Weilen bei der Prosa des Lebens. Brand und Sttzen
der Gesellschaft sind in einem Hauptpunkte so verschieden, dass sie
von zwei verschiedenen Verfassern herrhren knnten. Das erstere Werk
ist in seinem Wesen die lautere Mystik, das andere dreht sich um die
reine Prosa. Dort eine bis zum Aeussersten exaltirte, hier eine gut
brgerliche Moral.

Fr Niemand, der nordische Gemthszustnde kennt, kann ein Zweifel
darber obwalten, dass Brand, welches Werk Ibsen's Dichterruhm
begrndete, nur darum so grosse Aufmerksamkeit erregte, weil es als
eine Art poetischer Predigt, als eine Strafrede, ein Erbauungsbuch
betrachtet wurde. Nicht die wirklichen Vorzge der Dichtung waren es,
welche der Menge imponirten und die vielen Auflagen veranlassten, --
nein man strmte in die Buchlden, um Brand zu kaufen, wie man in
die Kirche strmt, die einen neuen, scharf eifernden Prediger bekommen
hat. In Privatuserungen hob Ibsen indessen ausdrcklich hervor, dass
Brand's Wirksamkeit als Priester nur die rein usserliche, zufllige
Seite der Sache sei. In einem Briefe vom 26. Juni 1869 schreibt er:

..... Brand ist missdeutet worden, jedenfalls was meine Intention
betrifft ..... Die Missdeutung hat offenbar ihre Ursache darin, dass
Brand ein Priester und das Problem in's Religise gelegt ist. Ich
wrde im Stande sein, den ganzen Syllogismus ebenso gut ber einen
Bildhauer oder einen Politiker zu machen, wie ber einen Priester. Ich
knnte mich von der Stimmung, die mich zur Produktion trieb, ebenso gut
dadurch befreit haben, wenn ich anstatt Brand z. B. Galilei behandelt
htte (mit der Aenderung natrlich, dass er sich stramm gehalten und
das Stillestehen der Erde nicht eingerumt htte), ja wer weiss -- wr'
ich hundert Jahre spter geboren, so htte ich vielleicht ebenso gut
Sie selbst und Ihren Kampf gegen Rasmus Nielsen's Vergleichsphilosophie
behandelt. Im Ganzen genommen ist mehr Objectivitt in Brand, als man
bis jetzt darin gesucht; und darauf thu' ich mir, qua Poet, etwas zu
Gute ...

Obschon ich sonst alles Persnliche aus diesen Citaten sorgfltig
zurckhielt, fhre ich hier die scherzhafte Hindeutung auf
litterarische Streitigkeiten jener Tage an, weil sie beweist, wie wenig
das Priesterliche Ibsen hier die Hauptsache war. Einen weiteren Beweis
davon gibt die Aeusserung in einem Briefe, den ich von Ibsen erhielt,
als ich ber der Einleitung zu meinem Buche Hauptstrmungen brtete.
Die Stelle lautet:

..... Es kommt mir vor, als befnden Sie sich nun in derselben Krise,
wie ich in jenen Tagen, als ich daran ging, Brand zu schreiben; und
ich bin gewiss, dass auch Sie das Heilmittel finden werden, welches die
Krankheit aus dem Krper treibt. Ein energisches Produciren ist eine
vortreffliche Cur ....

Wie man sieht, liegt nach des Dichters eigener Auffassung in Brand
das Hauptgewicht in der Opferwilligkeit und Charakterstrke, nicht
in der Lehre. Obwohl Ibsen selbstverstndlich der beste, der einzig
competente Richter ist ber das, was er mit seinem Werk beabsichtigte,
so unterschtzt er doch nach meiner Meinung die Strke des Unbewussten,
wovon er gedrngt wurde, gerade diesen Stoff zu whlen und keinen
anderen; und dieses Unbewusste war, wie ich glaube, sein norwegisch
romantischer Hang zur Mystik. Doch selbst wenn man Brand genau
nach Ibsen's Deutung auffasst, so ist gleichwohl die Parallele mit
religisen Gestalten im nordischen Geistesleben eine sehr naheliegende.
Den Dnen musste es vorkommen, als htte Ibsen ausschliesslich
Kierkegaard _in mente_ gehabt; denn auch Dieser legte ja das ganze
Gewicht auf die persnliche Innigkeit. Ein norwegischer Freier
Priester, Namens Lammers, der brigens von Kierkegaard beeinflusst
war, hat indessen, wie der Dichter mir einmal andeutete, an der Figur
des Brand grsseren Antheil gehabt, als irgend eine litterarische
Einwirkung von dnischer Seite.

In Kaiser und Galiler ist der Einfluss des Kierkegaard'schen
Standpunktes, obgleich immer noch stark, schon im Abnehmen. Zwar ist
auch hier die Mrtyrer-Begeisterung als Kraftmesser fr die Wahrheit
aufgestellt; Zwar ist die psychologische Grundansicht des Stckes die,
dass nur die Lehre innere Wahrheit besitzt, welche im Stande ist,
Mrtyrer hervorzubringen; aber hiermit vereinigt sich ein in halb
mystischem, halb modernem Geist durchgefhrter Determinismus, ferner
ein Schopenhauer'scher Glaube an den unbewussten und unwiderstehlichen
Weltwillen, endlich eine moderne Prophezeihung von der Ablsung sowohl
des Heidenthums wie des Christenthums durch ein drittes Reich, das
beide verschmelzen wird. Bezeichnend fr Ibsen's geistigen Habitus
ist, dass die beiden Male, wo er religise Stoffe behandelt, all' das,
welches Kampf und Streben vergegenwrtigt, unendlich mehr hervortritt
und viel besser gelungen ist, als die Darstellung der Vershnung und
Harmonie. Das dritte Reich steht in Kaiser und Galiler ebenso
undeutlich im Hintergrund, wie jener _Deus caritatis_, mit welchem
Brand schliesst.

Stoffe, die sich um das Verhltniss zwischen zwei auf einander folgende
Zeitaltern oder Generationen, oder schlichtweg um das Verhltniss
zwischen zwei Lebensaltern drehen, welche in modernen Werken in
Russland, Deutschland, Dnemark und Norwegen von so vielen Seiten und
auf so verschiedene Weise behandelt worden sind, haben auch Ibsen
beschftigt: in seiner ersten Periode in den Kronprtendenten, beim
Uebergang zu seiner zweiten Periode im Bund der Jugend. Beide Dramen
sind ausgezeichnete Werke, aber keines von ihnen hat seine Strke in
historischem Blick oder historischer Unparteilichkeit.

Die Kronprtendenten ist kein wirklich historisches Drama. Es
war nicht der Plan des Dichters, durch eine Reihe von Bildern aus
der Vergangenheit uns eine Vorstellung von der Menschennatur zu
geben, wie sie unter bestimmten Verhltnissen in einer bestimmten
Zeit auftrat; er ging nicht von einem historischen Standpunkt aus,
sondern gebrauchte das Historische nur als Vorwand. Der Hintergrund
des Stckes ist mittelalterlich, der Vordergrund modern; denn Jarl
Skule ist eine moderne Figur. Die historische Auffassung wrde dazu
gefhrt haben, Skule als Vollblut-Aristokraten und Bischof Nikolas
als fanatischen, aber ehrlichen Klerikalen darzustellen. Denn Skule's
Kampf gegen Hakon bezeichnet historisch den letzten misslungenen
Versuch der Aristokratie, die knigliche Gewalt einzuschrnken,
und der Kampf des Bischofs den vom Standpunkte der Geistlichkeit
berechtigten Hass gegen den Kirchenfeind und Usurpator Sverre und
sein Geschlecht. Statt dessen hat Ibsen Bischof Nikolas zu einem
Unmenschen gemacht, welcher als Finsterling den Neid, die Zwietracht
in Norwegen durch die Zeiten hindurch symbolisirt, und Skule zu
einem Ehrgeizigen, der, nach dem hchsten Ziele strebend, von einem
unglcklichen Zweifel an seinem Recht und Beruf gepeinigt wird, jenes
Ziel zu erreichen. Hakon und Skule stehen sich zwar gegenber als
Vertreter zweier Zeitalter; da aber des Dichters Interesse fr das
Psychologische so viel grsser ist als sein Sinn fr das Historische,
wird jener Gegensatz ganz zurckgedrngt von dem Unterschied zwischen
den individuellen Charakteren und ihrem Verhltniss zu Einer Idee.
Hakon vertritt den Knigsgedanken, den er zuerst gedacht hat, und
geht darin auf; Skule vertritt keine ltere historische Idee, sondern
nur den Mangel an Selbstvertrauen. Er stiehlt Hakon's Knigsgedanken,
um dadurch sich die Berechtigung zum Thron zu verschaffen. Dies
gelingt ihm nicht; der Skalde erklrt ihm, dass ein Mann nicht fr
das Lebenswerk eines Andern leben knne, und Skule selbst erkennt
die Wahrheit hiervon an. Ganz klar ist der Gedanke des Skalden nicht
ausgedrckt. Denn warum sollte man nicht fr fremde Ideen leben
knnen, die man sich anzueignen und in sein eigenes Fleisch und Blut
zu verwandeln suchte, natrlich ohne sie zu stehlen und sich fr
den Erfinder auszugeben? Der Diebstahl, nicht das Leben fr fremde
Ideen wr's, was Einen unglcklich machen wrde. Das ist's auch, was
Skule's Unglck verursacht. Aber die Sache ist, dass Ibsen zufolge
seines ganzen Naturells sich mehr fr die Kmpfe interessirt, welche
in der einzelnen Persnlichkeit vorgehen, als fr die Kmpfe zwischen
historischen Mchten. Das, was ihn an Skule fesselte und diesen zur
Hauptperson des Stckes machte, war das Interessante an dieser
Gestalt, ihre zusammengesetzte Natur, ihr kmpfender Geist, der selbst
im Unrecht Hakon's fertiges, siegesgewisses Wesen berstrahlt, es war
die verzweifelte Kraft in diesem grossen Grbler, der wie der Grbler
Nureddin in Oehlenschlger's berhmtem Gedicht trotz der Sehnsucht
nach der Zauberlampe, trotzdem er Aladdin's Lampe entwendet, zu Grunde
gehen muss: er ist ein Geist, der hher hinauf will, als er vermag;
und diese selbe Vorstellung ist's, welche in Bischof Nikolas variirt
wird, dessen grosse Gaben in lauter theils krperlich, theils geistig
ohnmchtigen Begierden und Wnschen zu Grunde gegangen sind. Der
Kampf zwischen Fhigkeit und Sehnen, zwischen Wille und Mglichkeit
in der Seele des Einzelnen, dies Verhltniss, welches schon in
Catilina und in Gunnar (in Nordische Heerfahrt) angedeutet
wurde, tritt hier in Skule's Verhltniss zu dem Gedanken Hakon's von
neuem hervor. Skule steht dem Knigsgedanken gegenber wie Julian dem
Christenthum, betroffen durch die Ahnung von der Grsse der Macht,
welche er bekmpft, in einer unheilbar schiefen Stellung zu der grossen
siegreichen Idee. Das psychologische Interesse schlgt das historische
aus dem Felde.

Das Verhltniss zwischen zwei auf einander folgenden Generationen
ist ferner dargestellt im Bund der Jugend, ein Lustspiel, das in
usserst witziger Weise eine Parodie auf das Streben eines jngeren
Geschlechtes liefert, ohne zugleich dessen Berechtigung zuzugeben.
Man kann diese Arbeit nicht mit Werken vergleichen, wie Turgenjew's
Vter und Shne oder Neuland, welche mit grosser Strenge gegen das
jngere Geschlecht Schonungslosigkeit gegen das ltere verbinden und
nichtsdestoweniger beide mit Sympathie umfassen. Ibsen's Pessimismus
hat die Sympathie zurckgedrngt. Der einzige ehrenvolle Vertreter
des jngeren Geschlechts in diesem Stcke ist Dr. Feldmann, eine
ganz passive Natur. Dass er Arzt ist, drfte kaum ein Zufall sein;
der tchtige Arzt spielt berhaupt eine schne Rolle in der modernen
Poesie, er ist augenscheinlich der Held der Zeit. Die Ursache ist wohl,
dass er als Incarnation von den streng modernen Ideen der Zeit gelten
kann, welche sind: theoretisch die Wissenschaft, welche sich zu den
Gegenstzen Wahr und Falsch verhlt, praktisch die Humanitt, welche
sich auf die Gegenstze Glcklich und Leidend bezieht, jene Gegenstze,
die psychologisch und social das Zeitalter in Anspruch nehmen.

In Schiller's Dramen ebenso wie in denen des Jungen Deutschlands spielt
der Kampf fr politische und geistige Freiheit eine Hauptrolle. Auch
die Standesunterschiede sind in verschiedenen deutschen Schauspielen
aus einem jngeren Zeitraum ein beliebtes Thema, selten dagegen
hat in frheren Zeiten die Poesie herangezogen, was man heutzutage
das sociale Problem nennt. In der schnen Litteratur unserer Tage
hat allmlig die sociale Frage die politische vom hervorragendsten
Platze verdrngt. Die moderne Poesie lsst sich in manchen Lndern
durch das Mitleid mit den kleinen Leuten inspiriren; sie erinnert
die Bessergestellten an ihre Pflichten. Diese Frage ist keine von
denen, welche Ibsen als Dichter stark beschftigten, aber dennoch hat
er sie nicht selten berhrt. Als er Catilina schrieb, war er noch
zu unentwickelt, um sociale Probleme zu verstehen; doch viele Jahre
spter fhrte er in Sttzen der Gesellschaft einen Schlag gegen die
leitenden Klassen in seinem Vaterland. Eine socialpolitische Tendenz
hatte das Stck bekanntlich durchaus nicht, aber so tief ist der darin
enthaltene Pessimismus, dass, wenn man mit nordischen Verhltnissen
und namentlich mit der Stellung des Dichters zu seinem Publikum nicht
bekannt war, man eine solche Tendenz herauslesen konnte. Als das Stck
in Berlin aufgefhrt wurde, gaben manche Zuschauer (und, wie ich
versichern kann, nicht die unverstndigsten) sich dem Irrthum hin, es
sei von einem Socialisten geschrieben. Ich musste Einigen erklren,
dass es vielmehr den (damaligen) Lieblingsdichter der conservativen
Partei in Norwegen zum Verfasser habe.

In dem Schauspiel Sttzen der Gesellschaft, das sich wie ein
Supplement zum Bund der Jugend ausnimmt, kommen indess so wenig wie
im letztgenannten Lustspiel die beiden Seiten der Sache zum Vorschein.
Ibsen wirkt hier, wie berall, durch Einseitigkeit.

Das Verhltniss zwischen Mann und Frau ist eines von denen, welche ihn
am strksten beschftigt haben, und wo er am meisten originell und
modern empfunden hat.

In seinen ersten Jugendarbeiten ist dies Verhltniss noch etwas
traditionell behandelt. In Das Fest zu Solhaug ergreift er dasselbe
Motiv, welches Bjrnson spter in Hulda behandelt hat: die Stellung
des jungen Mannes zwischen der etwas lteren Frau, die er als Jngling
geliebt, und dem jungen Mdchen, um das er nun gern werben mchte --
ein allgemein menschliches, wenn auch schon hufig variirtes Motiv.
Demnchst stellt Ibsen in Catilina und in Die Herrin von Oestrot
ein und dasselbe etwas gesuchte, aber ergreifende Motiv dar: wie
ein Mann nach bel verbrachter Jugend durch seine Liebe zu einem
Mdchen gestraft wird, das ihn trotz ihrer Gegenliebe verabscheut und
verflucht, weil er dessen Schwester verfhrt und frhzeitig in's Grab
gebracht hat.

Dann nimmt der Dichter in der Komdie der Liebe zum ersten Male
die erotischen Zustnde in seinem Vaterlande als Thema auf. Eine
nicht geringe Anregung hatte er augenscheinlich durch die damalige
nordische Litteratur erhalten. Whrend Bjrnson in seiner ersten
Periode sich von Volkssagen und Volksdichtungen beeinflussen liess,
war Ibsen schon in seiner frhesten Zeit durch die fortgeschrittensten
zeitgenssischen Geister in Bewegung gesetzt. Es ist etwas in der
Inspiration der Komdie der Liebe, das sich auf Camilla Collett's
Die Amtmannstchter zurckfhren lsst. Dies khne Buch erfllte
zu jener Zeit alle nordischen Gemther; es richtete bereits sehr
witzig, nur etwas formloser, den ganzen Angriff gegen Verlobungen und
Ehen, der in Ibsens Drama mit mnnlicher und festerer Hand gefhrt
ist. In Gleichnissen und Bildern versprt man an einzelnen Punkten
Frau Collett's Einfluss. Das in Ibsen's Wiedergabe so berhmte
Thee-Gleichniss stammt von ihr. In den Amtmannstchtern heisst es von
der Liebe:

Beschtze denn, o Menschheit, diese erste Blthe unseres Lebens
... Achte auf ihr Wachsthum und ihre Frucht .... Zerstre nicht
leichtsinnig die zarten Herzblttchen in dem Glauben, dass die grbern
Bltter nachher noch gut genug sind .... Nein, sie sind nicht gut
genug! Es ist ein ebenso grosser Unterschied zwischen diesen beiden
Arten, wie zwischen der Sorte Thee, mit welcher wir gewhnlichen
Erdbewohner frlieb nehmen, und jener, wovon der Kaiser des himmlischen
Reiches trinkt, welche erst der wirkliche Thee ist; der wird zuerst
geerntet und ist so fein und zart, dass er mit Handschuhen gepflckt
wird, nachdem die Einsammler sich, glaub' ich, vierzigmal gewaschen.

Bei Henrik Ibsen heisst es:

    Ach, meine Damen, jedes Mdchen hlt
    Ihr eigen himmlisch Reich in sich verschlossen;
    Da sieht man tausend zarter Keime sprossen,
    Wenn der Verschmtheit Chinamauer fllt.

Und die Stelle schliesst:

    Doch folgt noch eine zweite Ernte (beide
    Verhalten sich wie Hanf zu feiner Seide),
    Die man mit Schutt und  Stiel zusammenharkt.
    Das ist der schwarze Thee.
                               Der fllt den Markt.

Ibsen hat dies Gleichniss nur weiter entwickelt und ihm das feste
Gefge des Verses gegeben.

Wie bekannt ist in der Komdie der Liebe nichts unzweifelhaft als
der Spott. Das Stck enthlt eine Satyre auf die Ehe, welche gleich
wenig Sympathie fr die Vertheidiger wie fr die Angreifer des
Bestehenden einflsst und aus der man unmglich entnehmen kann, ob des
Dichters Meinung in letzter Instanz dahin geht, an dem Ueberlieferten
festzuhalten oder es ber den Haufen zu werfen. Das einzige Gewisse
ist nur sein misanthropischer Blick auf die Verlobungen und Ehen,
welche rings um ihn her geschlossen werden. Ich entsinne mich eines
Gesprchs mit Ibsen bezglich dieser Komdie, das sich um die Liebe
zwischen Brautpaaren im Allgemeinen drehte. Ich sagte: Es gibt kranke
Kartoffeln und es gibt gesunde. Ibsen antwortete: Ich frchte, ich
habe niemals welche von _diesen_ Kartoffeln zu sehen bekommen, die
gesund waren.

Indess zieht sich durch Ibsens Werke ein stets steigender Glaube
an die Frau und eine stets entschiedenere Verherrlichung der Frau.
Bisweilen tritt diese Verherrlichung sogar abstossend doktrinr
hervor, z. B. wenn Solveig in Peer Gynt, in dem seit Goethe's
Faust und Paludan-Mller's Adam Homo berlieferten Stil, durch
ihre Liebe die -- in diesem Falle wahrlich allzu unwrdige -- Seele
des Geliebten rettet; aber dieser Glaube an das Weib, durch welchen
Ibsen gleichsam seine Geringschtzung des Mannes aufwgen zu wollen
scheint, ist immer vorhanden, und derselbe hat eine Reihe schner
und wahrer Frauengestalten hervorgebracht, wie jene Margaretha in
Die Kronprtendenten, die in wenigen Strichen in unvergnglicher
Schnheit gezeichnet ist, oder jene Selma in Der Bund der Jugend,
welche den ersten Entwurf zur Gestalt der Nora bildet. Als diese Figur
noch neu war, bemerkte ich in einer Kritik, dass dieselbe nicht genug
Spielraum im Stcke habe, Ibsen solle ein ganz neues Schauspiel ber
sie schreiben. Er that es in Nora.

Nach meiner Meinung war die sogenannte Emancipation der Frau im
modernen Sinne Henrik Ibsen zu Beginn seiner Laufbahn durchaus nicht
lieb und vertraut. Im Gegentheil. Ibsen hat ursprnglich keine
sonderlich grosse Sympathie fr die Frau. Es gibt Schriftsteller,
die in sich eine Affinitt mit dem weiblichen Wesen haben, ja bis zu
einem gewissen Grade feminin angelegt sind. Zu diesen gehrt Ibsen
nicht. Ich glaube, er findet mehr Vergngen daran, mit Mnnern zu
sprechen als mit Frauen: und gewiss hat er weit weniger Zeit in der
Gesellschaft von Frauen zugebracht, als sonst Dichter zu thun pflegen.
Man glaube auch nicht, dass moderne Schriften ber die Berechtigung
einer Vernderung in der gesellschaftlichen Stellung der Frau einen
begeisterten Leser in ihm fanden. Wenn ich nicht irre, so missfiel
ihm Stuart Mill's Buch ber die Frauenfrage recht sehr, und Mill's
Schriftstellerpersnlichkeit flsste ihm keine Sympathie ein. Es war
besonders die Behauptung oder das Zugestndniss Mill's, dass er seiner
Frau Vieles und das Beste in seinen Schriften verdanke, welches Ibsen
bei seinem ausgeprgten Individualismus lcherlich vorkam. Denken
Sie, sagte er lchelnd, wenn man Hegel oder Krause lesen msste mit
dem Gedanken, nicht bestimmt zu wissen, ob man eigentlich Herrn oder
Frau Hegel, Herrn oder Frau Krause vor sich habe!

Ich glaube nicht, dass bei Ibsen jener Unwille gegen die Persnlichkeit
Stuart Mill's eine Sache fr sich war, ohne Zusammenhang mit seinem
Gefhl fr die Frauenfrage. Ich vermuthe vielmehr, es fand sich bei ihm
ein Anfangswiderstand, entweder durch die Erziehung oder durch einen
natrlichen Aerger ber die Caricaturformen der Frauenemanzipation
hervorgerufen; jedoch ein Widerstand, dessen Bestimmung es war, durch
einen desto leidenschaftlicheren Anschluss abgelst zu werden. Hier
war es Ibsen's Verstand, der die Umwandlung in seinem Gefhlsleben
bewirkte. Er ist cht dichterisch im Stande, mit voller Brust sich
fr eine Idee, die ihn zuerst kalt liess, zum Organ zu machen, wenn
er fhlt, dass diese Idee einer der zukunftsreichen Kampfgedanken des
Zeitalters ist. Und liest man nun die letzte Scene in Nora, diese
Repliken, welche wie Schwertschlge fallen; diejenige Helmer's:

  Niemand opfert seine Ehre, fr die, welche er liebt --

und Nora's Antwort:

  Das haben hunderttausend Frauen gethan --

Repliken, in welchen zwischen den beiden Eheleuten, die an dem Tisch
sich gegenber sitzen, der Abgrund sich entsetzlicher ffnet als
jemals die Unterwelt in alten romantischen Dramen -- so fhlt man,
dass Ibsen nicht nur seine Seele mit den Gedanken der Zeit erfllt,
sondern dieselben grsser gedacht und schrfer zugeschliffen hat, so
dass er sie durch seine Kunst selbst in verhrtete Herzen eintreibt.
Das Stck machte einen mchtigen, wenn auch erschreckenden Eindruck.
Seit Jahrhunderten hatte die Gesellschaft durch ihre Priester und
Dichter die in Liebe gestiftete und von keinem Dritten gestrte Ehe als
einen sicheren Hafen aufgefasst und besungen. Nun sah man, dass dieser
Hafen voll Klippen und Untiefen war. Und es war, als ob Ibsen jedes
Leuchtfeuer ausgelscht habe.

Die Gespenster folgten. Wieder wie in Nora ist hier eine Ehe
analysirt, das Gegenstck von jener. Das Grosse und Feine in Nora
war vornehmlich, dass Ibsen dem Ehemann so viel eingerumt hatte. Was
hatte er ihm nicht alles zugegeben! Helmer ist ein grundehrenwerther,
pnktlich rechtschaffener Mann, ein vorzglicher Haushalter,
eiferschtig auf seine Selbstndigkeit Fremden und Untergebenen
gegenber, ein strenger und liebevoller Vater, ein gutherziger,
sthetisch gebildeter Mann u.s.w. -- _und doch!_ Doch war die Gattin
dieses Mannes ein Opfer und die Ehe der Beiden ein bertnchtes Grab.

Der Mann in der Ehe, in welche, die Gespenster uns einen tiefen
Einblick geben, ist von einer gerade entgegengesetzten Beschaffenheit
gewesen: roh, versoffen, rcksichtslos ausschweifend; doch besass er
so viel von jener, zgellosen Menschen oft eigenen Fhigkeit, durch
anscheinende Gutmthigkeit Herzen zu gewinnen, dass es seiner Frau
gerade noch mglich war, seine Lebensweise zu verhllen und den Schein
zu wahren. Indem sie bei ihm aushielt, sich ihm hingab, brachte sie
nicht nur ihre persnliche Wohlfahrt und ihr Glck zum Opfer, sondern
wurde Mutter eines von Geburt an zu Grunde gerichteten Wesens, eines
Sohnes, den Todesmattigkeit, Verzweiflung, Wahnsinn, Idiotismus
beim Eintreten des Mannesalters ergreifen -- _und doch!_ Doch nennt
derjenige Theil der Gesellschaft, den Herr Pastor Manders vertritt,
dieses Opfer ihrer selbst und ihres Sohnes Pflicht, und findet, dass
ein Aufstandsversuch gegen dieses Grssliche ein Verbrechen gewesen
wre.

Dieses ist das Pathos des Stckes, und dieses Pathos erschreckte das
grosse Philisterium noch mehr als Nora. Diesmal war es, als ob Ibsen
sogar die Sterne ausgelscht habe. Nicht ein Lichtpunkt!

Das Verhltniss zwischen Mann und Frau ist in Gespenster von
einem neuen Gesichtspunkt dargestellt: die Verantwortung dem Kinde
gegenber bildet gleichsam den Maasstab dafr. Das Drama behandelt in
dichterischer Form den Gedanken der Vererbung; es stellt auf Grund
jenes Determinismus, der nun einmal das letzte Wort der modernen
Wissenschaft in der Sache ist, die durchgehende Bestimmtheit des Kindes
durch die Eltern dar, und gibt dieser Thatsache einen stimmungsvollen,
gedankenerregenden Hintergrund, indem es auf die allgemeine Thatsache
hinweist, die schon der Titel andeutet (_Gengangere_, Gespenster im
Sinne des franzsischen _revenants_), nmlich: auf die durch Vererbung
bedingte Bewahrung von Gefhlen -- und dadurch von Dogmen -- deren
ursprngliche Lebensbedingungen ausgestorben und andern gewichen sind,
mit denen diese Gefhle im Streite liegen.

Es knpft sich in Bezug auf Ibsens Entwickelung ein Hauptinteresse an
diesen Griff, diese Wahl des Stoffes, weil wir den Dichter hier zum
ersten Male den Ring durchbrechen sehen, welchen sein Individualismus
sonst um den Einzelnen als solchen zu ziehen pflegt. In einem Briefe
von 1871 schrieb Ibsen folgende Worte, welche fr Vieles bei ihm
bezeichnend sind:

..... Fr das Solidarische hab' ich eigentlich niemals ein starkes
Gefhl gehabt; ich nahm es nur so mit als berlieferte Glaubenssatzung
-- und htte man Muth, es ganz und gar ausser Betrachtung zu lassen, so
wrde man vielleicht des Ballastes los, welcher am schwersten auf die
Persnlichkeit drckt ...

Jetzt, zehn Jahre darnach sind ihm fr die Bedeutung des Solidarischen
die Augen aufgegangen; jetzt hat er grndlich eingesehen, dass Muth
nichts ntzt, um sich darber hinwegzusetzen, und dass wir Alle schon
von Geburt an solidarisch mit Personen und mit Verhltnissen verbunden
sind, ber die wir nicht Herr werden. Ibsen ist augenscheinlich im
Verlauf der Jahre in immer innigere Beziehung zu den Grundideen der
Zeit getreten.

So sehen wir ihn, der, wie fast alle jetztlebenden lteren
Schriftsteller, von Anfang an bis zum Grtel in dem romantischen
Zeitalter stand, sich aus demselben heraus- und emporarbeiten und
allmlig immer moderner, zuletzt der Modernste unter den Modernen
werden. Dies ist nach meiner Ueberzeugung Ibsens unvergnglicher Ruhm
und wird seinen Werken einen bleibenden Werth verleihen. Denn das
Moderne ist nicht das Ephemere, sondern die Flamme des Lebens selbst,
der Lebensfunke, die Ideenseele eines Zeitalters.

Es ist zu hoffen, dass die Missstimmung, welche Ibsens letztgenanntes
Werk in manchen Kreisen erweckte, und die plumpe Kritik, der es
zum Gegenstand diente, nicht hemmend auf seine Schaffenslust
einwirken wird. Im ersten Augenblick freilich mochte diese Aufnahme
niederschlagend auf ihn wirken. Er schrieb darber:

.... Wenn ich denke, wie trg und schwer und stumpf das Verstndniss
daheim in Norwegen ist; wenn ich Acht darauf gebe, als wie seicht
die ganze Betrachtungsweise sich erweist, so berkommt mich ein
tiefer Missmuth, und manches Mal will mir scheinen, ich knnte meine
litterarische Wirksamkeit auf der Stelle beschliessen. Bei uns daheim
braucht man eigentlich gar keine Dichterwerke; man behilft sich mit der
Storthings-Zeitung und der Lutherischen Wochenschrift. Und ausserdem
hat man ja die Parteibltter. Ich habe kein Talent zum Staatsbrger
und auch keines zum Orthodoxen; und wenn ich fr etwas kein Talent
besitze, so befass' ich mich nicht damit. Fr mich ist Freiheit die
erste und hchste Lebensbedingung. In der Heimath bekmmern sie sich
nicht sonderlich um die Freiheit, sondern bloss um Freiheiten, einige
mehr oder einige weniger, je nach dem Parteistandpunkt. Hchst peinlich
fhle ich mich auch berhrt von all' diesem Unfertigen, diesem fr's
gemeine Volk Berechneten, in unserer ffentlichen Diskussion. Unter
den sehr rhmlichen Bestrebungen, unser Volk zu einer demokratischen
Gesellschaft umzubilden, gelangte man ein gut Stck Weges dahin, uns zu
einer Plebejer-Gesellschaft zu machen. Die Vornehmheit der Gesinnung
scheint daheim im Abnehmen ...

Der Sturm ber die Gespenster, das Werk, in welchem Ibsen seinen
dstersten Gedanken, seinen hoffnungslosesten Stimmungen Ausdruck
gegeben hat, legte sich bald und hat dem Dichter keinen Schaden
gebracht, ja der schlechte Empfang, der jenem Trauerspiel zu Theil
wurde, ist ihm sogar insofern frderlich gewesen, als er das Motiv zu
seiner letzten Arbeit Ein Volksfeind abgab, einem Schauspiel, das
allegorisch jene Vorgnge auf die Bhne bringt. Eben ist auch jene
verrufene Tragdie -- die vor kaum zwei Jahren von den kniglichen
Bhnen in Kopenhagen und Stockholm zurckgewiesen, ja selbst von der
Theater-Direction in Christiania verworfen wurde -- von schwedischen
Schauspielern in Kopenhagen mit strmischem Erfolg aufgefhrt worden,
und hierauf hat das Stck auch in Stockholm das Publikum erobert. Nur
das Vaterland des Dichters weigert sich noch, sein merkwrdigstes und
khnstes Drama spielen zu lassen.

Ein gutes Omen fr Ibsens knftige Werke ist der Umstand, dass in dem
Maasse wie er mehr modern geworden, er ein immer grsserer Knstler
geworden ist. Die Ideen der neuen Zeit haben bei ihm nicht die Gestalt
von Symbolen angenommen, sich nicht in Typen verkrpert. In jngern
Jahren hatte er einen Hang zu grossen Gedankenbildern: Brand, Peer
Gynt u.s.w.; doch merkwrdigerweise wurden seine Gedanken, je mehr
er deren hatte, desto klarer und seine Gestalten immer individueller.
Ibsens technische Meisterschaft ist in den letzten Werken von Jahr zu
Jahr gestiegen. In Nora bertraf er die Technik der berhmtesten
franzsischen Dramatiker, und in Gespenster legte er (trotz des
Unbefriedigenden im Motiv des Asylbrandes) im Dramatischen eine
Sicherheit, Einfachheit und Feinheit an den Tag, welche an die antike
Tragdie unter Sophokles (_Oedipus rex_) erinnert.

Dieser stetige Fortschritt beruht auf Ibsens knstlerischem Ernst,
seinem gewissenhaften Fleiss. Er arbeitet usserst langsam, schreibt
sein Werk wieder und wieder um, bis es in Reinschrift ohne jedwede
Correctur vorliegt, jede Seite glatt und fest wie eine Marmorplatte,
an welcher der Zahn der Zeit nicht nagen kann. Dies stetige Steigen
in Vollkommenheit beruht aber genau besehen wieder darauf, dass Ibsen
einzig Dichter ist, nie etwas anderes sein wollte. Wohl mag es den
Eindruck von Klte und Verschlossenheit machen, wenn ein Schriftsteller
sich durch keinen usseren Anlass jemals hinreissen lsst, sein Wort
mit in die Errterung zu geben; wenn nichts, was geschieht, ihn zu
einer Meinungsusserung aufreizen oder begeistern kann. Die einzigen
Zeitungsartikel, welche Ibsen in den letzten Jahren geschrieben, waren
solche, die sich auf seine Rechte gegenber den Verlegern oder auf
seine Rechtlosigkeit im Verhltniss zu seinen Uebersetzern bezogen;
aber man darf nicht vergessen, dass diese kalte Zurckhaltung ihm
gestattet hat, die Meisterschaft in seiner Kunst unverwandt vor Augen
zu haben gleichwie seine fixe Idee, sein nie aus den Augen verlorenes
Ideal -- und er hat dies Ideal erreicht. Man kann sich schwerlich einen
grsseren Unterschied denken, als zwischen diesem Dichter, der einsam,
nach allen Seiten gegen die Aussenwelt abgeschlossen, drunten im Sden
wohnt und, ohne sich durch irgend etwas von seinem Beruf abziehen zu
lassen, knstlerische Meisterwerke formt und zufeilt -- und seinem
grossen Geistesbruder im Norden, der aus vollen, allzuvollen Hnden
grosse und kleine Artikel ber politische, soziale und religise
Fragen in die Presse hinausstreut, der mit seinem Namen berall voran
ist, niemals Rcksicht nimmt auf die Klugheitsregel, die vorschreibt,
sich selten zu machen, sich vermissen zu lassen; welcher Lieder
schreibt, Reden hlt, agitirt, von Volksversammlung zu Volksversammlung
reist und sich am wohlsten befindet, wenn er auf dem Rednerstuhle unter
tausend Freunden und hundert Gegnern steht und die ganze Schaar durch
seine Khnheit und durch seine Kunst in Athem hlt.

Henrik Ibsen hat keine Aehnlichkeit mit irgend einem andern jetzt
lebenden Dichter und ist von keinem beeinflusst worden. Unter den
Deutschen msste man ihn am nchsten mit ernsten und tiefkritischen
Darstellern, wie Otto Ludwig oder Friedrich Hebbel zusammenstellen,
wenn man ihn absolut einer europischen Gruppe einreihen wollte. Er ist
jedoch weit moderner und ein weit grsserer Dichter als sie beide. Mit
Bjrnson, dessen Name Einem bestndig in die Feder kommt, so oft man
sich mit Ibsen beschftigt, hat er die Gemeinschaft, welche gleiches
Vaterland, gleiche Lebenszeit, Wettstreit in der Stoffbehandlung
und Gleichartigkeit der Entwickelung mit sich fhren. Der Bund der
Jugend, den Ibsen verfasst hatte, gab Bjrnson den Impuls, brgerliche
Schauspiele zu dichten. Als Bjrnson Ein Fallissement geschrieben,
bekam Ibsen Lust, den Stoff in Sttzen der Gesellschaft zu variiren.
Bjrnson hat mir erzhlt, dass er in seiner Handschrift zu Staub
einen Satz ausstreichen musste, weil derselbe sich fast wortwrtlich
in Ibsen's Gespenster fand, welches Drama whrend des Druckes der
Novelle erschien. Die Ursache ist, dass beide Dichter einen ganz
parallelen Entwicklungsgang zurckgelegt haben. Henrik Ibsen hat etwas
frher als Bjrnson sich aus den althistorischen, sagenhaften und
phantastischen Stoffen herauszuarbeiten vermocht; denn freier gestellt,
wie er war, losgerissen von der Heimath und mitten in der Brandung der
Ideen der Gegenwart stehend, hatte er weniger Hemmungen, die ihn davon
zurckhielten, dem Ruf seines Zeitalters zu folgen, weniger Naivett
und weniger Piett. Aber der Unterschied bezglich der Zeit, in welcher
beide Dichter von einer berwiegend romantischen zu einer berwiegend
realistischen Betrachtungsweise ihrer Stoffe gelangten, beschrnkt sich
auf ein paar Jahre und ist ein verschwindender gegen die merkwrdige
Uebereinstimmung in der Periodeneintheilung ihrer Dichterlaufbahn.
Man kann, scheint mir, Bjrnson und Ibsen in dieser Hinsicht mit den
beiden altnordischen Knigen Sigurd und Eystein vergleichen, die in
dem berhmten Gesprche, welches die Sage berliefert, und das u.
A. Bjrnson in seinem Sigurd der Kreuzfahrer bentzt hat, ihre
Verdienste gegen einander aufstellen: Der Eine ist daheim geblieben
und hat von hier aus sein Vaterland civilisirt; der Andere hat sich
von der Heimath losgerissen, ist weit umher gezogen und hat auf seinen
khnen mhsamen Fahrten dem Vaterlande Ehre gemacht. Jeder hat seine
Bewunderer, Jeder sein streitbares Heergefolge, welches den Einen auf
Kosten des Andern erhebt. Aber sie sind Brder, wenn sie auch eine Zeit
lang feindliche Brder gewesen, und das einzig Richtige ist, wie es
auch am Schlusse des Stckes geschieht: dass das Reich friedlich unter
ihnen getheilt wird.


                              NACHTRAG.

                                  I.

                               (1896.)


Vor 13 Jahren war es noch natrlich, eine Charakteristik Henrik Ibsen's
mit einem Nebeneinanderstellen von Bjrnson und ihm abzuschliessen.
Heutzutage ist die Parallele nicht mehr mglich; Ibsen hat in der
zwischenliegenden Zeit sich so khn und stetig entwickelt und einen so
hohen Flug genommen, dass er alle nordischen und fremden Nebenbuhler
weit berflgelt hat. Sein Ruhm ist im buchstblichen Sinne Weltruhm
geworden; aus seinem Namen sind in der franzsischen und englischen
Sprache, vielleicht in noch mehreren, Worte gebildet. Kein anderer
nordischer Dichter beschftigt wie er die Zeitgenossen; an der Schwelle
des Greisenalters ist er noch derartig der geistigen Vorhut angehrig,
dass seine Werke wie sonst nur die Werke eines ganz jungen Mannes
angefeindet, bekmpft, verspottet, geliebt und vergttert werden.

Wesentlich hat seine geistige Physiognomie sich in dieser Zeitdauer
nicht ndern knnen; dazu waren die Zge schon zu eigenthmlich
geprgt; neue Zge sind indessen hinzugekommen, und der Ausdruck ist
noch geistvoller geworden als er war.

Der gehssige Empfang des merkwrdigen und tiefen Schauspiels
Gespenster machte auf Henrik Ibsen, der Ursache hatte, sein Ansehen
endlich als gesichert zu betrachten, einen ungewhnlichen Eindruck.
Fast alle nach Norwegen aus Kopenhagen geschickten Exemplare kamen
unverkauft zurck -- noch heute ist dieses Drama das einzige von
Ibsen, das keine zweite Auflage erlebt hat -- und die liberale Presse
Norwegens wetteiferte mit der conservativen in Angriffen auf das
Stck und dessen Verfasser. In welche Aufregung diese Haltung seiner
Landsleute Ibsen versetzte, beweist schon der Umstand, dass der
Dichter, der sonst nur jedes zweite Jahr ein Schauspiel herauszugeben
pflegte -- und auch jetzt wieder pflegt -- dies eine Mal schon nach
Einem Jahre eins fertig hatte, den Volksfeind, in welchem, wie schon
berhrt, eben jener gehssige Empfang der Gespenster dargestellt
wird. Ein Volksfeind schildert ja die schlechte Behandlung, die einem
ehrenhaften und begabten Manne, Badearzt in einer kleinen norwegischen
Stadt zu Theil wird, als er entdeckt und mittheilt, dass das Wasser
des Bades verpestet ist. In seiner Naivett hat der Arzt gehofft,
diese Entdeckung und die Anweisung zur Umgestaltung der Verhltnisse
solle ihm die Dankbarkeit seiner Mitbrger einbringen. Es scheint
zuerst auch so; es sieht einen Augenblick aus, als wolle die Opposition
ihn untersttzen, um ihn gegen die Machthaber zu verwenden. Aber die
Stadt will sich nicht dafr aussetzen, auch nur vorbergehend einen
schlechten Ruf als Badeort zu bekommen; man frchtet die Kurgste
wegzuscheuchen; man will sich den grossen Unkosten, die eine umfassende
Reparatur erfordern wrde, nicht unterziehen, und man zieht statt
dessen vor, den Arzt, der sich nicht beschwichtigen lsst, einstimmig
aufzugeben, dann anzufahren, und mit Schimpfworten, ja Steinwrfen
heimzusuchen.

Man muss gewissen Norwegern fr ihre Dummheit und ihre Heuchelei
Gespenster gegenber dankbar sein, da sie durch ihr Auftreten Ein
Volksfeind veranlasst haben. Das Stck gehrt zu den schrfsten
und witzigsten, die Ibsen geschrieben hat, und er hat es vorzglich
verstanden, die Hauptperson von sich fern zu halten und ihr
selbstndiges Leben mitzutheilen, wenn der Dichter auch in der grossen
Rede des vierten Akts recht deutlich selbst durch den Mund des Arztes
spricht.

In diesem Schauspiel kommt zum ersten Mal die grundaristokratische und
doch volksfreundliche, volkserzieherische Lebensansicht des Dichters
direct ans Licht. Nie vorher hatte er mit solcher Strke die Lehre
von dem stetigen Unrecht der Mehrzahl gepredigt; das Stck schliesst
sogar mit dem geistvollen an Kierkegaard anklingenden Paradoxon: Der
strkste Mann in der Welt ist der, welcher allein steht.[46] Ueberhaupt
ist Ibsen, seit den Tagen wo er Brand schrieb, nicht so in den Spuren
Kierkegaards gegangen wie hier. Was aber bei dem ein Menschenalter
frher gestorbenen Denker eine abstracte Lehre war, das erscheint im
Volksfeind in lebenswahren Gestalten, mit einer hinter Kierkegaard
nicht zurckstehenden Flle von Witz und bitterer Satire ausgefhrt.

Es folgte Die Wildente, ein Meisterwerk, wohl das am meisten
pessimistische Stck, das Ibsen noch geschrieben hatte, und worin doch
sogar eine so niedrig stehende Gestalt wie die frhere Freundin des
Grosshndlers Werle und jetzige Frau des faulenzenden und affectirten
Photographen Hjalmar Ekdal, Frau Gina, mit Wohlwollen, fast mit Liebe
gezeichnet ist, whrend alles Licht sich um den Kopf des rhrend
liebenswrdigen und hochherzigen Kindes, der Hedwig, sammelt. Auch
in dieser reichen und dsteren Arbeit sprt man eine Nachwirkung der
besprochenen, schlechten Behandlung des Dichters nach dem Erscheinen
der Gespenster, in der Persnlichkeit des Gregers Werle nmlich,
jener Karikatur eines Wahrheitsapostels. Augenscheinlich hat der
Dichter, nachdem er sich in dem Volksfeind ausgetobt hatte, sich
zum ersten Mal ernstlich gefragt, ob es denn wirklich die Mhe lohne,
wirklich Pflicht sei, Durchschnittsmenschen wie seinem Publikum die
Wahrheit zu verknden, ob ihnen nicht die Lge zu ihrer Lebensfhrung
unbedingt nothwendig sei. Der berlegene Humor, mit welchem die Antwort
auf diese Frage gegeben worden, hat zu der Schpfung von Gregers Werle
gefhrt, der berall berflssigen und strenden Persnlichkeit, der
die ideale Forderung in allen Ktnerhtten prsentirt, da er erst durch
den cynisch gutmthigen Relling -- eine andere Incarnation des Dichters
-- am Schluss des Stckes die Weisheit lernt, dass wenn man einem
Durchschnittsmenschen die Lebenslge nimmt, so nimmt man ihm zugleich
das Glck.

Wie hoch Die Wildente steht, welch ein Fortschritt das Stck in
der Production des Dichters bezeichnet, das empfindet man am besten,
wenn man es mit den Sttzen der Gesellschaft vergleicht. Dort
der melodramatische Schluss, die Bekehrung der Hauptperson, die
conventionelle Verhinderung alles Uebels, die Rettung des Schiffes und
sogar des entlaufenen Kindes, hier der schne und bittere Ernst des
Lebens und die volle Strenge und Milde der Kunst.

Wer weiss, ob nicht in dem jetzt folgenden Rosmersholm noch eine
Erinnerung an jenen Wendepunkt im litterarischen Leben Ibsen's, den
Sturmangriff auf Gespenster, verkappt ist? Rosmer beginnt da, wo Dr.
Stockmann schliesst. Er will von Anfang an, wie der Doctor zuletzt es
wollte, freie, stolze Adelsmenschen aus seinen Umgebungen machen.
Man hlt ihn zuerst fr entschieden conservativ -- wie man in Norwegen
seit dem Bund der Jugend viele Jahre hindurch Ibsen dafr hielt --
und so lange diese Ansicht verbreitet ist, wird er bewundert, anerkannt
und Alles, was ihn betrifft in dem besten Sinn ausgelegt. Sobald man
aber die durchgefhrte geistige Emancipation Rosmer's entdeckt, sobald
er selbst kein Hehl aus seiner freien Gesinnung macht, wendet sich
die ffentliche Meinung gegen ihn; die Conservativen fangen an ihn
zu verfolgen, die Liberalen bieten ihm Schweigen, da sie fr Mnner
mit seinen freidenkerischen Ansichten keinen Gebrauch haben, und das
Verhltniss zu Rebekka, das vorher zu keinem ungnstigen Gercht Anlass
gab, ja das als geweiht betrachtet wurde, wird jetzt auf jegliche
Weise verlstert. Gerade so vogelfrei war der Dichter eine Zeit
lang geworden, nachdem er der Ansicht der Conservativen zufolge mit
Gespenster sich zum Radicalismus bekehrt htte.

In dem Jahre bevor Rosmersholm erschien, hatte Ibsen nach elfjhriger
Abwesenheit sein Vaterland einige Wochen wieder besucht, und einer
Rede zufolge, die er in Drontheim hielt, als der Arbeiterverein
ihn mit einem Fahnenzug begrsste, unermessliche Fortschritte auf
vielen Gebieten gefunden, doch auch Enttuschungen erlebt, insofern
er die unentbehrlichsten, individuellen Rechte ungesichert, weder
Glaubensfreiheit noch Aeusserungsfreiheit ausserhalb einer willkrlich
festgestellten Grenze vorfand. Er hatte in dieser Rede gesagt: Hier
ist viel zu thun, ehe man von uns sagen kann, wir htten wirkliche
Freiheit erreicht. Aber ich frchte, dass unsere jetzige Demokratie
diese Aufgaben nicht zu lsen vermag. Es muss ein adliges Element in
unser Staatsleben, in unsere Vertretung und unsere Presse hineingefhrt
werden. Ich denke natrlicherweise nicht an den Adel der Geburt, auch
nicht an den des Geldes oder der Einsicht, nicht einmal an den Adel der
Begabung. Aber ich denke an den Adel des Charakters, des Willens und
der Gesinnung.

Man sprt in Rosmer sowohl den eben gewonnenen, frischen und
berlegenen Blick des Dichters auf die Parteiverhltnisse Norwegens,
wie jenes Vermissen eines adeligen Elements in den politischen
Verhltnissen des Vaterlandes. Die zwei ausgezeichneten Gestalten Kroll
und Mortensgaard personificiren die verbissene fanatische Reaction wie
die plebejische Demokratie. Ueber beiden erhebt sich Rosmers feine,
etwas blasse Gestalt, der vornehme, jedoch impotente Charakter, dem
alle Eigenschaften abgehen, die den Fhrer machen, der aber selbst den
Adel inne hat, den er nicht der Masse, nur dem einen Weib, das ihn
liebt, mitzutheilen vermag.

Dies Weib, Rebekka, ist die Hauptfigur des Dramas und eine der
vorzglichsten und grssten Gestalten Henrik Ibsens. Nie zuvor hatte er
die erhabene Ruhe, die sichere Humanitt entwickelt, mit welcher dies
weibliche Wesen dargestellt, erklrt und indirect beurtheilt ist. Er,
dessen Eigenthmlichkeit es eine Zeit lang gewesen war, die Unechtheit
des scheinbar Echten zu beweisen, den Klang des Hohlen durch Pochen
an das scheinbar Solide herauszuhren, er, der berall die schwachen
Seiten herausfand -- er hat hier sein altes Misstrauen berwunden und
hat an die Luterung des Mdchens mit der besudelten Vorzeit geglaubt,
und in der Verbrecherin, Lgnerin, Mrderin den guten Kern, die
Reinheit und zuletzt die Grsse nachgewiesen und dargestellt. Er hat
das so berzeugend gethan, dass selbst der, welcher nie im Leben einer
Rebekka begegnet ist -- und sie ist wohl unter Ibsen's Norwegerinnen
am meisten Ausnahme -- selbst der keinen Augenblick des Zweifels an
ihre Mglichkeit hat. Sie ist nur mehr allgemein menschlich als eben
norwegisch; gewissermassen macht sie einen russischen Eindruck.

Nur mit zwei Worten sei schliesslich daran erinnert, mit welcher Kunst
Ibsen Ulrik Brendels phantastische Persnlichkeit gegen das Ende hin
dazu verwendet hat, die ganze Stimmung zu brechen und zu verstrken.

Rebekka in Rosmersholm war wie eine Personification des
Nordlandes, dem sie entstammte, des Landes des stetigen Dunkels und
ununterbrochenen Lichts in jhem Wechsel, des Landes der gewaltsamen,
unbeherrschten Temperamente; all die Gleichnisse, mit denen sie die
eigene Natur zu bezeichnen versuchte, entnahm sie den strmischen
Umgebungen, in denen sie ihre erste Jugend verlebt hatte. Ihre
Leidenschaft fr Rosmer verglich sie einem Sturme im Nordland zur
Winterszeit: keine Mglichkeit des Widerstehens. Die Heldin in Ibsens
nchstfolgendem Schauspiel Die Frau vom Meere, Ellida, entspricht
dem heftigen, wandelbaren Meere an der westlichen Kste Norwegens, wo
sie geboren und aufgewachsen ist. Sie sehnt sich immer nach dem Meere,
und sie ist geheimnissvoll wie das Meer. Naturgebunden, nervenkrank,
wie hypnotisirt, an dem Rande des Wahnsinns, strebt sie unbewusst nach
Freiheit und Verantwortlichkeit empor.

Mit Rosmersholm ist Ibsen zu der symbolischen Richtung zurckgekehrt,
die er in seiner Jugend mit Brand und Peer Gynt einschlug. Man
fhlt hier zum ersten Male entschieden, dass die polemische Periode in
Ibsens Dichterleben zu Ende ist. Das Stck wirkt wie ein mit grosser
Kunst durchgefhrtes psychologisch-phantastisches Experiment. Es
spielt nicht im hellen Tageslicht, sondern in einer Rembrandtschen
Beleuchtung, wo aus dem Dunkel des Hintergrundes der fremde Mann,
der mystische Gegenstand des weiblichen Sehnens nach dem Ungebundenen
und der weiblichen Furcht vor dem Unbekannten, einige Augenblicke
hervortritt, um ebenso pltzlich fr immer zu verschwinden. Die
geheimnissvolle Macht, die der fremde Seemann ber Ellida hat, ist
gebrochen in dem Augenblick, da Wangel ihr die freie Entscheidung
berlsst.

Mit Ibsens ganzer dichterischer Meisterschaft sind in diesem Stck
die beiden jungen Tchter des Hauses, Bolette und Hilde, gedichtet.
Hilde ist hier noch nur der bersprudelnde, recht grausame und doch so
liebesbedrftige Backfisch; sie wird bekanntlich spter die wundervolle
Heldin in Baumeister Solness. Bolette ist das junge Mdchen, das sich
gezwungen fhlt, all die goldigen Jugendtrume fahren zu lassen um die
Ehe mit einem braven, viel lteren, nicht geliebten Mann einzugehen.
Ergreifend wirkt es, dass die Tragdie der Eltern (hier die Missheirath
Ellidas mit dem ltlichen Wangel) sich in dem Leben der Kinder genau
wiederholt. Man sieht gleichsam in eine endlose Perspektive der
irdischen Tuschungen hinein.

Mit Hedda Gabler betrat Henrik Ibsen aufs Neue den Boden der
Wirklichkeitsdichtung. Hier ist kein Sinnbild, nur eine mit der
schrfsten Genauigkeit durchgefhrte Analyse und Synthese eines gross
angelegten und kleinlich entwickelten jungen Weibes, das zugleich
stark und feige, begeistert und conventionell, hochstrebend und platt,
herrschschtig und boshaft, alterthmlich und modern decadent ist; wie
ein englischer Kritiker schrieb: kurz die junge Miss, die wir in fnf
Fllen von zehn in Gesellschaft zu Tisch fhren.

Hedda Gabler erffnet uns den Einblick in eine Gesellschaft, wo
die Formlosigkeit, als Geradheit aufgefasst, die einzige Form ist,
und wo eine gewisse Roheit in Denkweise und Art der Rede bis in die
hheren Schichten hinaufreicht. Selbst wo der Conversationston in einem
Freimaurerjargon besteht, der nicht ohne Witz ist, entbehrt er jeder
Feinheit: die Gestndnisse, die -- sogar bei einer ersten Begegnung --
gemacht werden, sind derartig, dass man innerhalb einer civilisirten
Gesellschaft sie so lange wie mglich zurckhalten wrde. Es finden
sich in diesem Drama zum Beispiel zwei junge Frauen, die fast sogleich
bekennen, dass sie ihren Gemahl nicht lieben, ja dass er ihnen zuwider
ist. Die Laster, von denen hier die Rede ist, sind dem entsprechend von
der am wenigsten verfeinerten Art, z. B. die Neigung zum Alkohol so
entwickelt, dass sie ihr Opfer zur besinnungslosen Trunkenheit, ja zu
einer permanenten Erniedrigung fhrt, aus der sich zu erheben der Mann
nicht die geringste Hoffnung hat.

Die norwegische Gesellschaft kennt nicht allein nicht ererbten Adel,
sondern, was wichtiger ist, auch keine aristokratische Tradition; fast
die gesammte Geistesaristokratie (die grssten Capacitten auf den
Gebieten der Dichtkunst, der Malerei, der Bildhauerkunst und der Musik)
hat whrend einer langen Reihe von Jahren ausserhalb des Landes gelebt.
Die ussere Geschichte Norwegens ist ausserdem in diesem Jahrhundert
so friedlich und so nichtssagend gewesen, dass es Ibsen kaum gelungen
ist, seiner Hauptperson eine Art Relief dadurch zu geben, dass er sie
zur Tochter eines norwegischen Generals machte. Denn der Leser weiss,
dass ein norwegischer General ein Kavallerist ist, der nie das Pulver
gerochen hat, und dessen Pistolen an einem Blutvergiessen nie den
entferntesten Antheil gehabt haben.

Sowohl in Norwegen wie in Schweden ist es zwar Sitte, dass Mnner und
Frauen der guten Gesellschaft, die in keinem Verwandtschaftsverhltniss
zu einander stehen, sich gegenseitig duzen. In Schweden aber wird das
Du von allen Menschen, die sich nur im Geringsten kennen, aus dem
einfachen Grunde gebraucht, weil der Sprache (wie der polnischen) ein
Anrede-Wort fehlt. Da ein Gesprch ohne Du hier nur mit ermdenden
Umschreibungen gefhrt werden knnte, hat das Du in Schweden also
fast denselben Charakter wie im alten Rom. -- In Norwegen dagegen,
wo die Sprache nicht jenes Hinderniss in den Weg legt, bedeutet, das
Du nur die Familiaritt, in die man in jeder formlosen Gesellschaft
verfllt; man kennt keinen Mittelzustand zwischen der steifsten
Reservirtheit und der vollstndigen Aufgeknpftheit.

Alles in allem ist dies also eine Gesellschaft ohne einschmeichelnde
Formen, aber auch ohne jegliche Uebercivilisation -- eine Gesellschaft,
die in dem letzten Menschenalter eine berraschende Fhigkeit gezeigt
hat, grosse und frische Naturbegabungen, besonders in Poesie, Musik
und bildender Kunst zu erzeugen, jedoch einen fast ebenso auffallenden
Mangel an Fhigkeit, den grossen Krften, die sie erzeugt, hinlngliche
Entwickelungsbedingungen und hinlngliche Nahrung zu gewhren.

Ibsen, der die norwegische Gesellschaft so oft als hemmend fr jede in
ihr erstandene Kraft schilderte, hat, scheint es, in Hedda Gabler
zeigen wollen, wie eine solche ungewhnliche weibliche Kraft in dieser
Atmosphre zu Grunde gehen muss.

Gewissermassen ist diese Hedda in ihrem Gegensatz zu ihrer
Schulkameradin Thea eine alte und wohlbekannte Ibsensche Gestalt.
Seit seiner ersten Jugend hat er es geliebt, einen bedeutenden Mann
zwischen zwei Frauen, eine wilde und eine weiche, eine Walkre und
eine Pflegerin, zu stellen. So wurde schon Catilina zwischen die
frchterliche Furia und die weiche Aurelia, Gudmund in dem Feste
auf Solhaug zwischen Margit und Signe, Sigurd in der Nordischen
Heerfahrt zwischen Hjrdis und Dagny, der Held in Brand zwischen
Gerd und Agnes gestellt.

Seinem Helden gegenber bringt Ibsen dann immer einen schwachen
untergeordneten Mannescharakter an, der zuerst als Herr Bengt in dem
Fest auf Solhaug karikirt wurde, spter in der Heerfahrt wie in
der Komdie der Liebe sich zu der Form des ehrenhaft Menschlichen,
prosaisch Achtbaren entwickelte. Diese sekundre Persnlichkeit verhlt
sich zum Helden wie die engere, niedrigere Natur sich zum Genie
verhlt.

Hedda ist also gewissermassen eine der alten romantischen
Sagengestalten aus Ibsens erster Periode, als Amazone in moderner
Reittracht. Jrgen Tesman ist Bengt oder Gunnar als zeitgenssischer
Docent.

Sie stellt sich als jener Ausnahmetypus von Frauen dar, die ihre
Mdchenpersnlichkeit nicht aufgeben knnen, die nicht in der hheren
oder niedrigeren Einheit einer Gewohnheitsehe aufzugehen vermgen,
ungefhr wie die Frau vom Meere in einem engen brgerlichen Heim sich
nicht akklimatisiren kann.

Sie hat aber von Anfang an rohe und niedrige Instinkte: den rohen
Neid, der es bewirkt, dass sie als Kind nicht vertrgt, das schne,
ppige Haar eines anderen Mdchens zu sehen; die niedrige Neugierde
und Schamlosigkeit, die sie in ihrer frhen Jugend in ein solches
Verhltniss widriger Vertrautheit zu ihrem mnnlichen Kameraden
bringt, dass sie sich seine vulgren nchtlichen Abenteuer erzhlen
lsst. Sie hat endlich das niedrigste Ideal vornehmer Lebensfhrung:
einen Livreediener zu halten.

Sie ist, wie sie sagt, die Balldame, die zu lange getanzt hat und
die eine Convenienzehe, um nicht sitzen zu bleiben, eingegangen ist.
Sie hat einen Mann gefunden, der sich ausnimmt, als sei er aus einer
Moserschen Farce gegriffen, und hat in ihrer Unwissenheit und Einfalt
geglaubt, in ihm eine hervorragende Persnlichkeit mit grosser Zukunft
zu heirathen.

Sie klagt sich nicht ohne Grund der Feigheit an; sie hat den
Damen-Schrecken der Wohlerzogenen vor allem, was Skandal werden kann.
Sie ist in so erbrmlicher Weise machtbegierig, dass sie den vorher
verfallenen Eilert Lvborg aufs Neue zum Trinken verleitet, nur um
ihre Herrschaft ber eine Menschenseele zu empfinden, und sie ist in
ebenso elender Weise eiferschtig genug, um das von ihm whrend eines
Freundschaftsverhltnisses mit einer anderen Frau geschriebene Werk
zu vernichten, da doch die einzige wirkliche Bedeutung dieser guten
Frauenseele fr ihn die war, ihn von der Flasche abzuhalten.

Hedda ist ein wahrer Degenerationstypus, ohne Tchtigkeit, ohne
wirkliche Begabung, ohne Fhigkeit geistiger oder sinnlicher Hingebung;
sie kann nicht einmal fr Augenblicke in einem Anderen aufgehen --
hat gerade Stolz genug, um vor ihrem Jrgen Ekel zu haben und es
scheusslich zu finden, ihm ein Kind zu gebren. Wenn sie zuletzt
durchaus nicht die Maitresse Bracks werden will, so ist zwar Liebe
zur Unabhngigkeit einer ihrer Beweggrnde, der andere aber ist die
Scheu, gegen die Korrektheit zu verstossen, die ihr (sonderbar; genug)
so theuer ist. Und die Leidenschaft fr Schnheit, schnes Betragen
u.s.w., die sie mit dem wackeren Spiessbrger Helmer in Nora gemein
hat, ist bei ihr fast nicht ansprechender als bei ihm.

Wenn aber dem so ist, welchen tieferen Eindruck kann es dann auf uns
machen, dass diese Frau von der Lebenstafel aufbricht! Und doch ist der
Eindruck kein kaltes Bedauern. Ibsen hat trotz alledem verstanden uns
fr Hedda zu interessiren, sie uns irgendwie sympathisch zu machen. Sie
war nmlich trotz alledem eine Kraft.

Am interessantesten bei dieser Gestalt ist es, dass das Bse in ihr mit
so viel Strke dargestellt ist. In einer ziemlich langen Periode seines
Schaffens war Ibsen in die Manier verfallen, die Frauen systematisch
auf Kosten der Mnner zu heben. Hier hat er eine Frau gezeichnet, die
insofern mnnlicher als mancher Mann ist, als sie das feinste Gefhl
fr die ekelhafte Ssse des gewhnlichen Ideals der Gte hat, die aber
nichtsdestoweniger ein Wesen ohne seelische Fruchtbarkeit ist und in
ihrer verzweifelten Lage nichts anderes vermag, als zu verderben, zu
vernichten, und zu sterben.

Das Drama stellt ausser Hedda ein Genie und einen Dummkopf dar. Das
Genie ist Eilert Lvborg, der Dummkopf Jrgen Tesman.

Dass Jrgen ein Einfaltspinsel ist, darber ist der Leser bald klar;
weniger sicher wird er darber sein, ob Eilert auch wirklich ein
Genie ist. Ibsen ist Dichter, ein sehr grosser Dichter, und es ist
ganz natrlich, dass er auch die Wissenschaft als Poet betrachtet und
beurtheilt. Es liegt dem Dichter nahe, das Kennzeichen des Genialen
auch in der Wissenschaft darin zu sehen, dass der Autor die Wege der
Erfahrung verlsst und prophetisch in das Kommende hineinschwebt. Ibsen
will uns den Eindruck der seltenen Begabung Lvborgs dadurch erwecken,
dass er ihn ber die Kulturmchte und Kulturziele der Zukunft schreiben
lsst. Uns anderen prosaischen Seelen kommt es jedoch vor, als sei das
vernnftigste Wort, was darber zu sagen wre, das, welches von dem
Dummkopf des Stckes gesagt wird: Aber du lieber Gott! darber wissen
wir ja ganz und gar nichts! Der Kulturgang der Zukunft -- das ist ja
der reine Bellamy!

Doch -- Eilert Lvborg mag weit begabter sein, als er scheint, er mag
das Grsste sein, was ein Schriftsteller sein kann: ein gediegenes,
epochemachendes Genie. Wenn er das ist, wie ist es dann mglich, dass
er seine Arbeit einem Quasi-Kollegen, den er so gering schtzt wie
diesen Tesman, laut vorlesen will! Mit welchem Tonfall wirft er nicht
Hedda vor, dass sie sich an diesen Mann weggeworfen! Und ihm bringt
er, bei seinem ersten Besuch, das theuere Kind seines Geistes, um die
Ansichten des armen Pedanten darber zu erfahren; ja so erpicht ist
er auf Lob von diesen Lippen, dass er das Manuscript sogar in das
Trinkgelage mitschleppt, um dort sich eine Ecke auszusuchen, wo er sein
Innerstes und Bestes dem tief verachteten Jrgen ausschtten knne.

Ich weiss freilich, dass er das Manuscript mit haben muss, damit er es
verlieren und Hedda es verbrennen kann, aber gleichwohl! -- dass er von
Jrgen geschtzt sein will, ist fast noch hsslicher, als dass er sich
an Hedda hat vergreifen wollen, oder dass er verloren ist, sobald er
ein einziges Glas Punsch an den Mund fhrt. You are no gentleman, Mr.
Lvborg.

Armer Bursch! Die Strafe kommt ber ihn, sobald er entseelt ist. Der
geringgeschtzte Collega erbt zuerst die Reste seines Manuscripts, die
noch erhalten sind, dann die Reste seiner Freundin, die brig geblieben
ist.

Es finden sich in diesem Drama mehrere kleine Unwahrscheinlichkeiten.
Es ist z. B. wenig wahrscheinlich, dass Frau Elvsted das Concept zu
dem grossen Werk bei sich trgt; damit wird uns zu absichtlich die
Zukunftsperspektive -- sie und Jrgen -- erffnet.

Man muss indessen gegenber einem Dichter von dem Range Henrik
Ibsens sich sehr hten, irgend einen wichtigen Zug _a priori_ als
unwahrscheinlich oder sogar unmglich zu stempeln. Als das Stck
erschien, wurden von verschiedenen Seiten besonders zwei Zge so
bezeichnet. Erstens, dass Lvborg das Manuscript verliert. Das thut
man nicht, hiess es. Zweitens, dass Hedda das Manuscript verbrennt.
Das thut man noch weniger, wurde gesagt. Ich kenne persnlich einen
Fall, wo die Frau eines Componisten in einem Anfall eiferschtigen
Hasses eine eben zu Ende componirte Symphonie ihres Mannes verbrannte,
und einen andern Fall, wo ein Dichter in wster Betrunkenheit das
Manuscript zu einem eben vollendeten Roman verlor. Ich fge hinzu, dass
sowohl der Musiker wie der Dichter Knstler von ungewhnlicher Begabung
sind.

An der Menschenkenntniss Ibsens ist hier wie berall wenig auszusetzen.
Er kennt die Menschen so gut, dass er die mglichen Flle nicht selten
da errth, wo er sie nicht erlebt hat. Gegen seine Kunst ist noch
weniger einzuwenden. Sie ist erstaunlich, in Hedda Gabler wie vorher.

Auf die realistische Hedda folgt zwei Jahre nachher (1892) die tief
symbolische Dichtung Baumeister Solness.

Noch lange, nachdem wir es gelesen, hallt dieses Stck in unserem
Innern nach. Und haben wir es gelesen, so lesen wir es wieder -- mit
steigender Bewunderung. Makellos in seiner Kunst, tief und reich in
seiner sinnbildlichen Sprache, das sind die Worte, die sich Einem zu
allererst auf die Lippen drngen, und ergriffen, ohne gerhrt oder
in weiche Stimmung versetzt zu sein, versinkt man in ein Sinnen und
Grbeln ber den empfangenen Eindruck.

Baumeister Solness wirkt zugleich fesselnd und befreiend.

Was Ibsen hier in der Geschichte wirklicher Gestalten und doch in halb
allegorischer Form zur Darstellung bringen wollte, es ist die Tragdie
eines hervorragenden, aber alternden Knstlers. Ein eigentliches Genie
ist Solness nicht, und sollte er als solches gedacht sein, so fehlen
einige Zge. Vom Genie hat er die Anziehungskraft auf die Frauen, sowie
in reichem Masse die Laster, die bei so manchen Persnlichkeiten Folgen
jener Eigenliebe sind, ohne welche eine gewisse Form von Genialitt
undenkbar ist. Den Werth seiner Arbeiten, den wir nicht zu beurtheilen
vermgen, mssen wir auf Treu' und Glauben hinnehmen. Vielleicht ist
es ein Mangel des Stckes, dass Solness, dessen moralische Schwchen
so stark in die Augen fallen, nicht ein rein knstlerisches Streben
und eine rein intellectuelle Begeisterung, die dafr entschdigten,
beigelegt sind. Wenn er etwa einen neuen Baustil in der Kunst begrndet
htte. Nun aber sagt er uns weiter nichts Geistreiches ber seine
Kunst, als das eine, brigens tiefe Wort, dass er nicht Huser fr
Leute zu bauen vermge, die er nicht kenne. Wenn wir demnach in Solness
die grosse Persnlichkeit erblicken, so geschieht es zum Theil, weil
wir dem mit so knappen Mitteln arbeitenden Dramatiker auf halbem Wege
entgegenkommen, auf die Voraussetzungen eingehen, deren er bedarf.

Das Hauptgebrechen, an dem Solness krankt, ist die ihm eigene Mischung
von Brutalitt, die ihn die lteren Concurrenten niederschlagen lsst,
und von Angst, von den Jngeren berstrahlt zu werden, etwas, wovor
selbst das Genie nicht immer bewahrt. Er besitzt von vornherein jenen
Knstler-Egoismus, dessen es bedarf, um die angeborenen Gaben zur
Entfaltung zu bringen. Sein Verhltniss zu dem alten Brovik erinnert
ein wenig an das des Grosshndlers Werle zu dem alten Ekdal; er hat
ihn zu Grunde gerichtet und nachher auf seinem Comptoir untergebracht.
Sein Verhltniss zu Ragnar erinnert ein wenig an das Thorwaldsen's
zu Freund. Freund war ein Mrtyrer der Alles fr sich heischenden
knstlerischen Ueberlegenheit Thorwaldsen's. Thorwaldsen liess seinem
jungen Mitarbeiter nicht Luft noch Licht, behielt alle Bestellungen,
selbst wenn er sie gar nicht zu bewltigen vermochte, fr sich und
gestaltete unter der Maske vterlicher Freundschaft das Leben Freund's
an seiner Seite zu einer Leidensgeschichte. Allein Thorwaldsen's Schuld
war weit geringer als die des Baumeisters Solness. Denn Thorwaldsen
nahm mit dem Rechte des Grsseren und Strkeren, wie ja auch das junge
Weib, das Solness bewundert, keinen Augenblick daran zweifelt, dass
er der Grssere sei. Ihm wird aber sein Verhalten gegen Ragnar in
unwrdiger Weise von der Ueberzeugung dictirt, der junge Architekt
gebiete ber hhere Anlagen als er. In Solness liegt zugleich etwas
Wildes und Heimtckisches, das der Schaffensdrang unbezhmbar gemacht
hat.

In starkem Gegensatze zu dieser Brutalitt seiner Natur (und doch
auch wieder im Zusammenhange mit derselben) steht seine bis ins
Krankhafte gehende, ja allmlig sich geradezu zur Sucht entwickelnde
moralische Selbstkritik, eine Scrupulositt, die sich schon die
blossen eigenschtigen Wnsche und unbestimmten Hoffnungen als Schuld
anrechnet. Er ist gleichzeitig die verkrperte Rcksichtslosigkeit
im Kampfe um die Behauptung seiner Stellung als Knstler und die
verkrperte Selbstqulerei in seinem Kummer ber die Opfer, die seine
Entwicklung gefordert, besonders in seinem Leide ber das Unrecht, das
er unfreiwillig seiner Gattin zugefgt habe.

In den Augen der Welt ist er glcklich, insofern er auf seinem Wege
zum Ruhme in seltenem Masse vom Schicksal begnstigt worden. Er aber
verweilt in ewigen Gewissensbissen bei den Opfern, die sein Glck
gekostet, bei dem Preise, der Tag fr Tag dafr gezahlt wird. Dass er
so rasch in die Hhe kam, das dankt er -- in etwas sonderbarer Weise
-- dem Brande, der das Elternhaus seiner Gattin zerstrte. Nur dadurch
wurde er in den Stand gesetzt, Heimsttten fr Menschen zu bauen.
Dass husliches Glck zu finden genialen Persnlichkeiten schon aus
dem Grunde selten bescheert ist, weil ihre Entwicklung und die der
Erwhlten ihrer Jugend schwer Schritt halten, ist eine Erfahrung, die
aus den Worten des Baumeisters uns entgegentritt: Um dazu zu kommen,
Heimsttten zu bauen fr Andere, musste ich verzichten, fr alle
Zeiten darauf verzichten, selber ein Heim zu haben. Und mit einer
anderen Wendung: Alles, was mir vergnnt wurde zu wirken, zu bauen,
zu schaffen, Schnes, Trauliches -- Erhabenes auch ... Alles das
muss ich unaufhrlich aufwgen. Dafr bezahlen. Nicht mit Geld. Aber
mit Menschenglck. Und nicht mit meinem Glck allein. Mit dem Glcke
Anderer auch ... Den Preis hat mein Knstlerplatz gekostet. Indem er
nun den Sachverhalt vllig umkehrt, dnkt ihm, gerade weil er seinen
Platz im Leben so theuer bezahlte, msse ihm allein das Recht zustehen,
zu bauen, das Recht also, auch alle Anderen niederzuhalten.

Nicht jedesmal hat er indess neue Anstrengungen machen mssen, um
vorwrts zu kommen. Er hat, wie Alle, die etwas ausgerichtet haben,
es nicht allein bewirkt. Umstnde -- Helfer und Diener, wie er sie
in seiner Sprache nennt -- sind ihm frderlich gewesen. Ihm wohnte
die Macht, die den Schlemihls fehlt, die Macht, welche die Hilfe
herbeiruft, inne, ihm, wie in den Kronprtendenten dem Knige
Hakon. Je mehr sich jedoch sein Seelenleben in krankhafter Richtung
entwickelt, umsomehr fhlt er sich berzeugt, er besitze eine
geheimnissvolle Macht, so zu wnschen, dass das Gewnschte geschieht,
Frauen gegenber dermassen, dass schon der Wunsch, der Gedanke schon,
der ihm durch den Sinn fhrt, fr sie zur Wirklichkeit wird, kurz eine
Art hypnotisirende Macht ohne alle Hypnose. Mittelst dieser Macht hat
er Kaja und durch sie Ragnar, den er frchtet, an sich gefesselt. Ibsen
lsst es dahingestellt sein, ob ein hnliches Verhltniss nicht sogar
gegenber der weiblichen Hauptperson des Stckes stattgehabt. Es bleibt
unentschieden, ob Solness sie in ihrer Kindheit wirklich geksst habe.
In Folge des ewigen Grbelns ber diese geheimnissvollen Gaben und
Krfte hat sich allmlig in dem Gemthe des Baumeisters eine krankhafte
Furcht ausgebildet, von seiner Umgebung fr wahnsinnig gehalten
zu werden. Und es liegt auch in dieser Furcht bereits der Keim zu
wirklicher Gemthskrankheit, die schliesslich als Exaltation ausbricht.

Dieser Mann, den wir zu der Zeit, in welcher das Stck spielt,
keineswegs auf der Hhe seines Wesens sehen, hat sich einst einem
jungen Mdchen dergestalt gezeigt. Hilde hat als zwlf- bis
dreizehnjhriges Kind ihn stolz und frei, auf den Kirchthurm der Stadt,
in der Wangels wohnen, den Kranz setzen sehen. Dieser Eindruck und
die darauf von seiner Seite erfolgte Annherung an sie haben zwischen
ihr und ihm ein geheimnissvolles Band gewoben. Whrend all der zehn
Jahre, die seitdem verstrichen, hat sie der Erinnerung daran gelebt.
Es zieht sie hin zu ihm, sie will das Knigreich, das er am Tage des
Abschiedsschmauses ihr nach zehn Jahren zu bieten verhiess, von ihm
fordern, und zu ihm, der voll Furcht vor einer feindseligen Jugend
dasitzt, tritt sie ins Gemach, wie die Jugend, die voller Glauben an
ihn ist, und welche helle Begeisterung fr ihn erfllt. Sie scheint
hierin ihrer Stiefmutter Ellida verwandt, die gleich ihr zehn Jahre
lang des fremden Mannes harrt. Und wiederum hnelt sie darin dem
fremden Manne, dass sie sich keinen Augenblick davon beirren lsst,
dass Solness vermhlt ist. Wir kannten sie in Der Frau vom Meere
als Eine, die in angeborenem Drange nach starken Gemthsbewegungen,
nach Spannung, nach all dem schmachtet, was das Vollgefhl des Lebens
erweckt. Hier lernen wir sie als diejenige kennen, die sich ihren
Glauben an den grossen Baumeister nicht rauben lsst, ihn auf der Hhe
seines Wesens allein, frei, zum zweiten Male zu sehen begehrt. Dies
symbolisirt das Stck damit, dass sie ihn aufs neue sehen will, auf die
Thurmspitze den Kranz aufsetzen. Es wird ihm nunmehr leicht schwindlig,
wie auch seinem Gewissen schwindelt. Mit ihrem Erscheinen jedoch soll
und muss dieser Schwindel weichen. Sie ertrgt es nicht, dass man mit
Recht von ihrem Baumeister sollte sagen knnen, er getraue sich nicht,
er knne so hoch nicht steigen, als er selbst gebaut!

Dieser Satz ist der centrale des Stckes. Um ihn recht zu verstehen,
setze man einen Augenblick andere Werthe, so zum Beispiel; es soll
nicht mit Recht gesagt werden knnen, mein Dichter htte nicht
vermocht, in seinem Leben sich zu der Hhe der Ideale zu erheben, die
er in seinen Bchern aufgestellt habe.

Stnde es dort so, das Stck wre ein ganz anderes. Es wre massiver,
hielte sich der Erde nher. Wie nun der Ausspruch lautet, ist es
poetischer, durch seinen Doppelsinn dunkler, fesselnder geworden. Es
bedarf nmlich einer grossen Kunst, uns durchwegs in dem Glauben an das
Symbol zu erhalten, so zwar, dass es nie blos als ein solches wirkt.
Ibsen musste, um den Leser in der Atmosphre des Stckes festzubannen,
mit wundersamer Vorsorglichkeit alle Fenster und Thren des Dramas
verkitten, auf dass auch nicht ein Hauch von gesundem Menschenverstande
aus dem Alltagsleben hineindringe. Denn geschhe dies, der Zauber
wre gebrochen. Wrde auch nur Eine Person im Stcke ein einzigesmal
betonen, dass es ja doch fr die Grsse eines Baumeisters durchaus
keinen Maasstab abgebe, ob ihm auf dem Wege zur Spitze eines
Kirchthurms schwindle oder nicht, die Stimmung, die Symbolik wre
gesprengt. Doch alles Derartige ist beiseite gelassen.

Hingegen sehen wir Hilde thatschlich Solness seiner niederen Denkweise
entreissen, ehe wir sie in der krperlichen Welt ihn antreiben sehen,
allein und frei hoch oben zu stehen. Denn sie entsetzt sich, als sie
endlich seine Niedrigkeit Ragnar gegenber erkennt. Sie erschrickt ber
die Reden, die er fhrt. Wollen Sie mir das Leben nehmen? Mir das
nehmen, was mir mehr ist, als das Leben? -- Und was ist denn das?,
fragt er. -- Sie gross zu sehen mit einem Kranz in der Hand. Hoch,
hoch oben auf einem Kirchthurm. Sie drckt ihm den Bleistift zwischen
die Finger und zwingt ihn, seinem Schler eine warme Empfehlung zu
schreiben. So hoch steht er im Alltagsleben nicht. Allein sie ist die
Macht, die ihn hinaustreibt ber das, was er im Alltag ist.

Und so gipfelt denn das Drama, indem das Verhltniss zwischen ihr und
ihm sich mehr und mehr steigert an Innigkeit und Aussichtslosigkeit,
bis er ihr auf die einzige Weise angehrt, die ihm erbrigt, wollte er
sich nicht blos in den Nebelreichen und Luftschlssern der Phantasie
mit ihr begegnen, nmlich im Tode.

Er begann damit, Kirchen zu bauen, weil er, einem frommen Hause auf dem
Lande entsprossen, den Bau von Kirchen fr das Wrdigste erachtete.
Als er sodann seine Kinder verloren, beschloss er, keine Kirchen mehr,
nur Heimsttten fr Menschen zu bauen. Es kam hierauf der Zeitpunkt,
da er einsah, Heimsttten fr Menschen zu bauen sei auch keinen
rothen Heller werth. Die Menschen, htten die Heimsttten gar nicht
nthig, um glcklich zu sein. Er selbst wrde auch solch eines Heims
nicht bedrfen. Nun glaubt er nicht mehr, dass es ein Glck auf Erden
gebe, er will zum Schluss das einzige bauen, von dem er glaubt, dass
Menschenglck darin wohnen kann -- das Luftschloss, das Hilde von ihm
begehrt.

Ich frchte, es wrde Ihnen schwindlig werden, ehe wir halbwegs
kmen. -- Nicht, wenn ich mit Ihnen Hand in Hand gehe, Hilde. -- So
lassen Sie sich wieder oben sehen, hoch und frei.

Was bedarf es hier noch einer Deutung? Es steht ja Alles mit klaren
Worten da, und Alles so sinnreich, dass es rein buchstblich genommen
werden, auf jedes Kind spannend wirken kann, und gleichwohl ist Alles
durchsichtig, doppeldeutig in Solness' und Hilde's doppelter Exaltation.

Er bot ihr anfangs die hchste Thurmkammer in seinem neuen Hause.
Nachdem sie jedoch seine Gattin persnlich kennen gelernt, zeigt sich
ihr robustes Gewissen ebenso angegriffen, wie das seine. Sie kann
nicht greifen nach ihrem Glck, weil zwischen ihr und diesem ein Wesen
steht, mit dem sie Mitleid hat. So bleibt denn nur noch das Glck im
Luftschlosse.

Solness' Gattin, Aline, ist die einzige der Nebenpersonen, die Ibsen
einigermassen zu vertiefen fr nthig fand. Sie ist der einfltige
Pflichtmensch, die eiferschtige Ehefrau, das demthige, religise
Wesen, das Solness ausweicht, wie er ihr. Sie kennzeichnet der grelle
Zug, dass nicht der Tod der Kinder sie gebrochen -- die, weiss sie,
haben es ja so gut im Himmel -- nein, was ihr am wehesten thut, das ist
der Verlust aller der Puppen aus ihrer Kindheit, die mitverbrannten.
Ihre Einfalt, ihr ewiges Fehlgreifen in ihrem Urtheile wird von Ibsen
vortrefflich durch den ihr in den Mund gelegten stupiden Ausruf ber
die arme, sich in Hingebung verzehrende Kaja gestempelt: Gott, hat die
tckische Augen!

Ihre Rolle besteht denn auch nur darin, ein Hinderniss zu sein, und
in der That spinnt sich das ganze Drama zwischen Solness und Hilde
ab. Das Licht geht von Hilde aus, und diese Frauengestalt berstrahlt
in ihrer Eigenthmlichkeit, ihrer Frische und ihrem Glanze smmtliche
Frauengestalten der zeitgenssischen Litteratur.

Seit dem Puppenheim und den Gespenstern hatte Ibsen nichts so
mchtig Wirkendes geschaffen wie sie, berhaupt kein Werk von so hohem
Range, zugleich so natrlich und so bernatrlich.

Seit Ibsen die Stoffwahl und Darstellungsweise seiner Jugend aufgab,
hat man ihn als sogenannten Naturalisten gefeiert und angegriffen
gesehen. In unseren Tagen haben sogenannte Symbolisten eine Fehde
gegen den Naturalismus erffnet. Derlei Schlagworte haben nie viel
Werth, auf Ibsen passen sie jedenfalls am allerwenigsten. Bei ihm haben
sich nun volle zwei Decennien und darber Naturalismus und Symbolismus
gut mit einander vertragen. Die Gegenstze in seiner Natur treiben ihn
zur Wirklichkeitstreue und Mystik.

Weil sein Wesen und seine Poesie reich an Rthseln und
Geheimnissen sind, sieht er sich, um verstndlich zu werden, zu
dem Gebrauche starker Betonungen, zur Wiederholung bezeichnender
Lieblingsredensarten, kurz gesagt, zu einer fast groben
Deutlichkeit gezwungen. Und obgleich sein Wesen wie sein Schaffen
wirklichkeitsliebend sind, ist er doch zu sehr Dichter und Grbler, um
der Wirklichkeit, die er darstellt, nicht fort und fort einen tieferen
Sinn unterzulegen. Jeder Grundzug wirkt sinnbildlich; man fhlt Ibsen's
untergrabende Skepsis gegenber dem Bestehenden und Anerkannten, die
Khnheit seiner Kritik dahinter, und freut sich, dass, so tief sein
Zweifel grbt, so hoch und sicher baut seine Phantasie.

Auf Solness, der vielleicht einen Hhepunkt bezeichnet, ist bisher
nur Klein Eyolf gefolgt. Das Stck, welches das Verhltniss der
Eltern zu einem Kinde behandelt, gehrt zu den dstersten, die Ibsen
geschrieben hat. Das Stck gehrt nicht zu meinen Lieblingen. Der erste
Akt ist zwar vorzglich gebaut; dessen dramatische Wirkung kann aber
nicht in den folgenden erreicht werden, da er mit dem Tode des Kindes
endigt.

Ueber dem Stck knnten als Motto die folgenden Worte stehen:

            =Rita:=

  Wir sind wohl dennoch Erdenmenschen.

            =Allmers:=

  Wir sind auch ein wenig mit Meer und Himmel verwandt, Rita.

Ibsens Auffassung der Menschennatur ist in den beiden Repliken
niedergelegt.

Er hat in diesem Schauspiel mit gewhnlichem Nachdruck seiner
Lebensbetrachtung einen neuen, gedankenerregenden Ausdruck gegeben:
_Das Gesetz der Verwandlung._ Alle menschlichen Verhltnisse
stehen unter diesem Gesetz. Die Dichter des Alterthums schrieben
Metamorphosen. Eyolf ist eine Dichtung ber nicht-mythische
Verwandlungen. Man pflegt zu sagen, alles Lebendige stehe unter dem
Gesetz der Entwickelung. Aber der Ausdruck Verwandlung ist tiefer und
wahrer; denn Verwandlung enthlt Fortschritt und Rckschritt, das sich
Entwickeln und das sich Zusammenfalten, in einem einzelnen umfassenden
Wort. Und wir sehen in diesem Schauspiel menschliche Gefhle geformt,
umgeformt werden, erloschen, und aufs Neue in vernderter Gestalt
erwachen.

Jeder Begebenheit gegenber, die in unser Leben als pltzliches
Unglck eingreift, erhebt sich eine doppelte Frage. Erst die Frage
nach der Ursache, oder theologisch ausgedrckt nach der Schuld, oder
moralisch-juristisch ausgedrckt nach der Verantwortung. Dann die Frage
nach der Bedeutung des Geschehenen, theologisch ausgedrckt nach dem
Sinn desselben, moralisch ausgedrckt die Frage, welcher Gebrauch von
dem Unglck gemacht werden solle, wenn es sonst anders als zur blossen
Trauer verwendet werden kann.

Eine solche epochemachende Begebenheit fr das Leben und das
Zusammenleben zweier Menschen ist im Schauspiel der Tod Eyolfs.

In dem Grbeln ber die Ursache, die Schuld, die Verantwortung, bleibt
das Drama bei dem folgenden Punkte stehen: der Umarmung, whrend deren
das einige Augenblicke vergessene Kind durch einen unglcklichen
Fall zum Krppel wurde, und es begegnet hier dem Leser bei Ibsen
ein fast an Tolstoj erinnernder Unwille gegen den Erdenmensch und
dessen Natur durch den gehssigen Schimmer, der hier ber das gesunde
Liebesverhltniss der Gatten geworfen wird. Es war immer bei Ibsen ein
gewisser Dualismus da: Er spricht der Natur das Wort, und er zchtigt
die Natur mit mystischer Moral; nur dass bald die Natur die erste
Stimme hat, die Moral die zweite, bald umgekehrt. In Solness wie in
Gespenster war der Naturanbeter in Ibsen dominirend; hier wie in
Brand und in der Wildente ist es der Zuchtmeister.

Die zweite Achse des Stckes war die Frage nach der Bedeutung, dem
Sinn des Geschehenen. Der Tod des kleinen Eyolfs scheint so sinnlos:
ein Unglcksfall, der unmglich andere Frucht setzen knne als Qualen,
Anklagen und Selbstvorwrfe, also die Eltern, nur aufs Aeusserste
gegen einander verhrten und verbittern knne. Aber die Begebenheiten
haben nun einmal nur den Sinn, den wir selbst ihnen geben, durch die
Auffassung, die wir uns von ihnen bilden, und durch den Gebrauch,
den wir danach von ihnen machen. Und auf eine eben so geistvolle wie
berraschende Weise gibt Ibsen am Ende des Stckes durch den Entschluss
Rita's der Begebenheit eine Auslegung und dem Unglck einen Sinn. Der
kleine Eyolf hat nicht vergeblich gelebt und ist nicht vergeblich
gestorben, da sein Tod die Ursache wird, dass Rita und Alfred sich eine
grosse menschenfreundliche Arbeit mit den Kindern anderer Menschen
auferlegen.

Unter den Gestalten ist Rita am wahrsten und ungewhnlichsten,
der Typus eiferschtiger, weiblicher Begehrlichkeit. Allmers
interessirt weniger. Er ist feiner als Rita, aber auch schwcher in
seiner geistigen Unfruchtbarkeit, berdies unedelmthiger als sie,
unbeherrscht in seiner Trauer, unwrdig und spitzfindig in seinen
Angriffen auf das gebrochene Weib. Unter den brigen Personen
hebt sich, der Tod in der phantastischen Gestalt der Rattenjungfer
unvergesslich hervor. Sie ist die Sagenfigur aus Hameln in der Person
einer alten Frau.

Solness und Eyolf sind seit fast einem Menschenalter die ersten
Stcke, die Ibsen auf vaterlndischem Grund geschrieben hat. 1891 ist
der Dichter nach Norwegen zurckgekehrt und hat die Heimat seither
nicht wieder verlassen. In seiner Jugend dort kaum fr voll genommen,
ist er in seinem Alter von den Norwegern als Trger ihres Weltruhms
bewundert und vergttert. Er fhlt sich wohl zu Hause und hat es bei
mehreren Gelegenheiten ffentlich ausgesprochen. Whrend des Zeitraums
seines Lebens, der hier nachtrglich geschildert worden ist, ist in
seinem Vaterlande und ebenso sehr in Dnemark und Schweden eine junge
Litteratur aufgeblht, reich an grossen und frischen Talenten. Trotzdem
erleidet es keinen Zweifel, dass die Litteratur der drei nordischen
Reiche in seinen Dramen gipfelt. An seinen Arbeiten kann Europa am
besten die Hhe ermessen, zu welcher die skandinavische Kultur sich
emporhebt, wo ihre Zinnen am hchsten ragen.


                                 II.

                               (1900.)

1896 erschien John Gabriel Borkman. Die Hauptperson ist der
Bergmannssohn, dem in Ibsen's bekanntem Jugendgedicht der reiche Schatz
aus den Tiefen der Bergesnacht winkte und der hinab zur Herzkammer des
Verborgenen stieg. Er hat als Kind das Erz in den Gruben, in denen es
losgebrochen wurde, singen hren. Es sang vor Freude, an das Tageslicht
zu kommen, und frhe war es der Traum des Jnglings, der zu sein,
der all das freimachte, was der Boden und die Berge und die Wlder
und das Meer an Reichthmern fassten. Er wollte sie alle wecken, die
schlummernden Geister des Goldes. Er fhlte unbezwingbar den Beruf in
sich, alle die gebundenen Millionen, die rings im ganzen Lande, in den
Tiefen der Berge umherlagen und nach Umsatz schrieen, zu befreien. Er
hatte das Gefhl, allein den Ruf zu vernehmen. Und er liebte alle diese
Werthe, die Leben von ihm heischten, liebte sie mit ihrem glnzenden
Gefolge von Macht und Ehre.

Denn nicht minder stark als von den Werthen ward er von jener Macht
gefesselt, gebannt. Alle Machtquellen seines Vaterlandes wollte er
sich unterthan machen, und whrend er sein Grubenleben fhrte, bemht,
alle Erzadern aushmmern, alles schimmernde Gold ausmnzen zu lassen,
strebte er, sich selber die Gewalt zuzueignen und dadurch Wohlstand zu
schaffen fr viele, viele tausend Andere.

Das ist die Erklrung, die er selbst von seinem Wesen gibt. In
Wirklichkeit war Machtgier und Thatendrang der erste Beweger. Die
Rcksicht auf die Wohlfahrt vieler Tausende kam erst in zweiter Linie
hinzu.

Den Anfang machte er damit, das Glck seiner Jugendgeliebten zu opfern,
um sich den Weg zur Macht zu bahnen. Er hat versucht, sie einem
Manne, den er brauchte, abzutreten. Seine Ziele zu erreichen, setzte
er hierauf Alles, worber seine Stellung als Bank-Direktor ihm zu
gebieten ermglichte, die Gelder der Bank, das Vermgen von Verwandten
und Freunden, fremder Leute Sparpfennige, ja selbst anvertraute
Verwahrgter, aufs Spiel. Als ein vermeintlicher Freund das von ihm
getriebene Hazardspiel verrieth, da hatte er Alles vergeudet und musste
seine rcksichtslose Khnheit mit einer achtjhrigen Haft bssen, auf
die eine freiwillige Einschliessung von noch weiteren acht Jahren
folgte.

Ursprnglich war er eine Art Dichternatur. Whrend der langen Isolirung
hat er sich zum Phantasten entwickelt. Er lebt nicht mehr in der
wirklichen Welt, sondern in Trumen und Hoffnungen. Er bildet sich ein,
der Tag der Rehabilitirung sei nahe. Man habe ihn allmlig wrdigen
gelernt, vermisse ihn, knne ohne ihn nicht zurechtkommen, und er
stellt sich, wenn es einmal an seine Thr klopft, in Positur, um
erscheinende Deputationen zu empfangen.

Borkman ist ein Solness, den das Glck verlassen hat; er ist ein
Bernick ohne Niedrigkeit und Heuchelei, der jedoch gleich Jenem
das Glck der einen Schwester opfert, um aus Geldrcksichten und
Rcksichten der Macht sich mit der andern zu verbinden. (Beilufig
bemerkt, es ist sonderbar, wie hufig das Verhltniss eines Mannes
zu zwei Schwestern in Ibsen's Schauspielen vorkommt. In Catilina
schon, in Frau Inger auf Oestraat, in Sttzen der Gesellschaft
und nun hier.) Ja sogar an die Wildente wird man hie und da schwach
gemahnt. Die Phantasterei, die in der oberen Etage des Rentheim'schen
Hauses wuchert, erinnert einigermassen an jene, die auf dem Dachboden
im Schwange war, und Borkman selbst vergleicht sich mit einem grossen,
flgellahmen Jagdvogel.

War er jemals wirklich gross? Es scheint, dass Ibsen ihn als
ursprnglich sehr gross angelegt gedacht habe. Ist dem so, dann htte
uns wohl noch etwas wuchtigere Gewhr dafr geboten werden sollen,
als in Borkman's eigenen Worten und dessen eigenem ausserordentlichen
Selbstvertrauen liegt. Keine der anderen Personen des Stckes
verbrgt sich uns fr seine Genialitt. Die einzigen Anhaltspunkte,
die wir haben, sind seine eigenen Aussprche, und die Aufgabe des
Schauspielers wird es sein, sie mit dem Vollgewichte auszustatten, die
eine verstndnissvolle Darstellung verleiht. Was mich betrifft, so
vermgen seine Aeusserungen mir nicht die Ueberzeugung beizubringen,
dass er jemals echte Genialitt besessen habe. Er selbst nennt sich
freilich einen Ausnahmsmenschen, dem das Ungewhnliche erlaubt ist.
Er spricht von dem Fluch, der auf uns Auserwhlten lastet, von
den Durchschnittsmenschen nicht verstanden zu werden. Er ist ferner
durchdrungen von der Ueberzeugung, wie unendlich viel er htte
ausrichten knnen, im Falle u.s.w., und was er noch ausrichten
knnte, wenn nur u.s.w.

Genau so sprechen alle die Unseligen, die sich selbst mit den Genialen
verwechseln, die ungeheure Schaar der missglckten Halbtalente,
in deren Seelenleben nichts wahrhaft gross ist, ausgenommen die
Eitelkeit. Vielleicht haben Andere ein minder scharfes Ohr fr den
hohlen Klang, den die Ausbrche des Selbstgefhles bei Borkman haben.
Allein ein Kritiker, das heisst so viel wie ein Doctor am grossen
Hospital fr sieche und wunde Eitelkeiten, der sein ganzes Leben darin
umherwatete, unter ihnen wandelte, ihre Klagen, ihre Prahlereien, alle
die Ausbrche des Erflltseins von sich selbst mit anhrte, ist nicht
geneigt, Jemanden wirklich genial zu finden, der, ohne auch nur Eine
Schpfung des Genies aufweisen zu knnen, sich nur die Lieblosigkeit,
die Rcksichtslosigkeit, die Gleichgiltigkeit gegen die hchsten
Lebensgter anderer Menschen angeeignet hat, welche man dem Genie in
der Regel beilegt, die diesem zuweilen vergeben, bei ihm bersehen
werden knnen, die jedenfalls der am leichtesten sich anzueignende
Theil der Genialitt sind, von denen das wirkliche Genie aber hufig
frei ist. Nicht wenige von den genialsten Mnnern waren zugleich
die besten Mnner, bei denen die Intelligenz keineswegs das Gemth
ausschloss.

Es mag dahingestellt bleiben, welches Mass von Genialitt Henrik Ibsen
seinem Helden beilegen wollte. Es kommen Stellen vor, wo der Dichter
sich ziemlich deutlich gegen die Ueberschtzung von Borkman's Gaben
verwahrt. Geniale Geschftsmnner pflegen nicht naiv ihre Geheimnisse
einem unverlsslichen Freunde auszuliefern, sind im Stande, ohne sich
am anvertrauten Gut zu vergreifen, wirken zu knnen. Ein Schimmer
von wehmthiger Satire fllt auf Borkman, wo er ussert, es sei ihm
zu Muthe wie einem Napoleon, der zum Krppel geschossen worden in
seiner ersten Feldschlacht, und wo der arme, missglckte Poet und
Extraschreiber antwortet, die Empfindung kenne er auch. Nur der
Gegensatz ist zwischen ihnen, dass der arme Teufel sich zuweilen des
grausigen Zweifels, ob er nicht sein Leben einer Einbildung wegen
verpfuscht habe, nicht erwehren kann, whrend Borkman zwar in alten
Tagen mitunter an seinem Glcke zweifelte, nie aber an seiner Begabung,
so wenig wie an seinem Rechte. Er, der zum mindesten Einen Seelenmord
begangen hat, versteigt sich zu dem Satze: Ich thue niemals einem
Menschen Unrecht. Doch hat er Unrecht begangen, so hat er auch aufs
usserste dafr gebsst.

Man sollte meinen, in dem Leben dieser gefallenen finanziellen Grsse
knnte gar keine Begebenheit mehr eintreten. Und dennoch schildert
uns Ibsen's Drama eine ganze Reihe von Katastrophen, die seinem Tode
vorangehen.

Jahrelang haben die beiden Schwestern, seine Jugendgeliebte Ella
Rentheim und seine Gattin Gunhild, einander nicht gesehen. Jahrelang
hat er Ella Rentheim nicht gesehen. Jahrelang sah er auch seine
Gattin nicht, die, obgleich sie in Einem Hause mit ihm wohnt, ihn um
der Schande willen, die er ber den Namen, ber sie und ihren Sohn
gebracht, meidet und hasst. Im ersten Acte kommt das Wiedersehen
zwischen den beiden Schwestern, im zweiten das zwischen Ella und
Borkman vor, im dritten Acte findet das erste Gesprch zwischen ihm
und seiner Gattin statt; und die drei von der Natur des Stoffes
vorgeschriebenen Hauptscenen sind mit gleich vollendeter Meisterschaft
ausgefhrt. Von Arild's Zeiten her hat es wenige Situationen gegeben,
die auf der Bhne so wirksam wren wie Wiedersehensscenen. Und hier
folgen ihrer ganze drei mit innerer Nothwendigkeit aufeinander.

Im Grunde noch eine vierte. Nmlich die Ella's mit Borkman's Sohn
Erhart, den sie in der unglcklichsten Zeit der Familie zu sich
genommen und als ihren Pflegesohn erzogen hatte, den aber die Mutter,
als sein vierzehntes Jahr vollendet war, zurckforderte. Er ist jetzt
dreiundzwanzig Jahre alt und bildet den Mittelpunkt des Stckes. Um
ihn werben die beiden Schwestern mit eiferschtiger Liebe. Die harte
Mutter treibt Abgtterei mit ihm und hat ihn eigenmchtig dazu ersehen,
ein Geist zu werden, der so hoch und weit ber die Lande leuchten
soll, dass des Vaters Schande hiedurch in Vergessenheit gerth. Seine
Pflegemutter, die seltene, stolze Frau, kommt, eine Todtkranke, zu ihm,
um ihre letzte Lebenszeit in seiner Nhe zu verbringen, im Uebrigen nur
auf sein Glck bedacht.

Beide Schwestern stehen im harten Kampfe um des Jnglings Liebe
einander gegenber. Zu diesen tritt gegen Ende des Stckes der Vater
mit seinem Appell an den Sohn. Er trumt davon, nach der verlorenen
Zeit der Unthtigkeit sich neuerdings in die Hhe zu arbeiten, und
ersehnt hierbei die Mitwirkung des Sohnes. Das Verhltniss zwischen
Eltern und Kindern, insbesondere das zwischen Vater und Sohn, hat Ibsen
frhe und stark beschftigt. In den Sttzen der Gesellschaft sieht
Bernick, als er den Sohn verloren glaubt, ein, dass er ihn, seinen
Olaf, nie besessen habe. In Klein Eyolf gibt Allmers mit eben den
Worten der Erkenntniss Ausdruck, im Grunde habe er sein eigen Kind nie
besessen. Die Eltern gewannen es nicht. Genau so zeigt es sich auch
hier, dass weder die Mutter, noch die Pflegemutter, noch auch der Vater
den Sohn besitzen. Allein whrend dies in den frheren Schauspielen
ausschliesslich als der Fehler der Eltern dargestellt wurde, ist das
Verhltniss hier ganz anders und tiefer gefasst. Allerdings will
die Mutter hier, wie Allmers dort, den Sohn fr die eigenen Zwecke
gebrauchen, ohne nach den doch am schwersten ins Gewicht fallenden
Forderungen seiner eigenen Natur zu fragen. Allein hier sind die
Eltern, die Pflegemutter besonders, ernstere, weit grsser angelegte
Naturen als der Sohn. Jeder Anspruch, der von Seite der lteren
Verwandten an ihn gestellt wird, prallt an seiner Unbedeutendheit, an
seinem jugendlichen, genussschtigen Sinne ab. Er mag weder ein Genie
werden, wie die Mutter es von ihm erwartet, noch arbeiten, wie es der
Vater hofft. Nicht einmal seiner todtkranken Wohlthterin will er
in den letzten Monaten ihres Lebens seine Gesellschaft schenken. Er
hat seine Wahl getroffen. Er will hinaus in die weite Welt, mit der
schnen Frau Wilton, welche die nicht allzu hochfliegende Lebensfreude
in Person ist.

Wie meisterhaft ist nicht diese Frau gezeichnet, und zwar mit ganz
wenigen Pinselstrichen, sie, die schon so manches liebe Mal zugesagt
und abgesagt im eigenen Namen. Und wie fein der kleine Zug, dass
sie von Ibsen als eine Dame in den Dreissigen, d.h. also ber die
Dreissig, prsentirt wird. Als sie jedoch an einer Stelle selbst von
ihrem Alter spricht, da erklrt sie der Mutter Erhart's: Immer wieder
habe ich ihn daran erinnert, dass ich volle sieben Jahre lter bin
als er, d.h. als der dreiundzwanzigjhrige Erhart. Sie vergisst
einige Jahre. Ihre ganze praktische Weisheit fasst sich in der Replik
zusammen, in der sie, nur halb im Scherz, der Mutter erklrt, dass sie
zur Vorsorge das kleine junge Frulein Foldal mitnehme. Wenn Erhart
mit _mir_ fertig ist -- und ich mit _ihm_ -- dann wird es fr uns Beide
gut sein, dass der arme Mensch Jemanden in der Hinterhand hat ... _ich_
finde mich schon zurecht. Es ist unmglich, eine Gestalt in einem
ganzen Roman voller zu zeichnen, als es hier in einem Dutzend kurzer
Repliken geschah.

Und wie sie ist jede der auftretenden Personen fr alle Zeiten mit
monumentaler Sicherheit hingestellt.

Der Bau des Dramas ist sicher und kernig. Es erhebt sich mit seinen
vier Stockwerken, wie aus Eisen auf einer Grundmauer von Granit erbaut,
fest und stark, klar und leicht berschaulich. Es ist vom Anfange
bis zu Ende durchdrungen von Stimmung. Stimmung herrscht in dem
Reiche gedemthigter Selbstgerechtigkeit in dem untersten Stockwerke
und Stimmung in dem Schattenreiche ober demselben. Zuletzt waltet
die Freiluftstimmung, in welcher der so lange Gefangene den Geist
aushaucht. Und der dramatische Sturmhauch durchsaust das Stck. Sein
Pulsschlag geht so rasch, als schlge er mit dem Pulse eines ganz
jungen Dichters im Tact. Nur Minuten liegen zwischen den vier Acten, ja
eine Minute nur. So jugendlich ist das Tempo des Schauspieles. Dessen
Geist aber verrth zur Genge, dass sein Dichter kein junger Mann
mehr ist. Es ist der Geist der strengen Weisheit und der verklrten
Milde. Es mndet in der erhabenen Nachsicht mit dem menschlichen
Fehlen, die harmonisch mit dem strengen Urtheil ber die Hrte der
Herzen zusammenklingt, -- einem tiefen Mitleid, das nicht eine einzige
Forderung aufgegeben hat.

Das 1899 erschienene Schauspiel Henrik Ibsens mit dem sonderbaren Titel
Wenn wir Todten erwachen gibt uns in der mehrdeutigen Sprache des
Dramatikers die Gedanken des Dichters ber das Lebensglck, genauer
ber das Verhltniss zwischen Kunst und Leben, zwischen Knstler
und Modell, zwischen dem, was Mensch und was Knstler ist in dem
knstlerisch hervorbringenden Mann.

Nicht aus einer optimistischen Ansicht der Kunst ist diese Arbeit
hervorgegangen, sie so wenig wie L'oeuvre von Zola, dessen Gegenstand
sie streift. Mit melancholischer Bitterkeit wird hier wie in Solness
dabei verweilt, was die Kunst und die Meisterschaft in ihr dem Knstler
selbst und besonders anderen Menschen kostet. Die Befriedigung,
die es schenkt, etwas hervorzubringen, das dem Knstler als
werthvoll erscheint, die tiefe Freude, die es macht, sein Inneres in
knstlerische That auszuformen, ist kaum berhrt. Es wird gesprochen,
als arbeitete der Knstler sich ab, um den Mob zu befriedigen und
leeren Ruhm zu gewinnen. Mit anderen Worten: es wird so gesprochen,
wie jeder Knstler, selbst der grosse, in den Stunden des Missmuths
und der Bitterkeit spricht. Man mchte es fast ein wenig undankbar
nennen, diese Stimmung als Grundgefhl in einem Werk sich behaupten
zu lassen, wenn man wie Ibsen zu den vom Genius der Kunst wie von den
Verhltnissen reich Begnadeten gehrt.

Die Vorgeschichte des Dramas ist diese:

Der jetzt weitberhmte und reiche Bildhauer Rubek war noch vor
wenigen Jahren arm und unberhmt. Er verdankt einem einzigen Werk,
einer grossen Gruppe Der Tag der Auferstehung, Ruhm und Reichthum.
Anfangs war es seine Absicht gewesen, sich mit einer einzelnen Gestalt
zu begngen, die seine Idee vllig ausdrcken sollte: das edelste,
reinste Weib der Erde erwacht, nicht eben ber Ungeahntes sich
wundernd, sondern hoch erfreut, sich selbst unverwandelt in hheren,
reineren Gegenden nach dem Todesschlaf zu finden. Dazu brauchte er ein
Modell, und er fand es in einem jungen Mdchen, das um seinetwillen
auf Verwandte und Heimath verzichtete und in die weite Welt ihm zu
dienen folgte, in dem sie ihren Herrn und Herrscher sah. Sie scheinen
-- denn der Name wird nicht genannt -- in Mnchen gelebt und einen
Sommer in einem kleinen Bauernhaus am Starnberger See (Taunitzer See)
verbracht zu haben. Die Zeit ging ihnen in scheinbarem Glck hin. Sie
arbeiteten miteinander und phantasirten in ihren Mussestunden wie
Kinder miteinander in der schnen Natur, whrend das Werk allmhlich
vorwrtsschritt. Das Glck war gleichwohl nicht bei ihnen zu Hause.
Denn Irene, die einmal auf Rubeks Aufforderung, ihn in die Ferne zu
begleiten, drei Finger gehoben und ihm zugeschworen hatte, dass sie ihm
bis zum Ende der Welt und des Lebens folgen und ihm in allen Dingen
dienen wrde, war tief unglcklich darber, dass der Bildhauer in ihr
nur das Modell fr sein Kunstwerk sah. Zwar war er manch einen Tag wie
berauscht von ihrer Schnheit, aber er frchtete in knstlerischem
Aberglauben (ein bisschen unnatrlich), dass, wenn er sie sinnlich
berhrte, sein Werk geschndet werde und er es nicht seinem Traum
gemss vollenden knne. Als Knstler beherrschte er sich; sie litt
darunter und hasste ihn dafr, hasste ihn, weil er nicht Mann war. Da
die Arbeit endlich fertig erschien, war er, der Bildhauer, gleichzeitig
mit seinem Modell fertig und dankte ihr fr ihren Beistand mit den
Worten: Dies ist in meinem Leben eine gesegnete Episode gewesen.

Dies Wort _Episode_ bewirkte, dass sie ihn verliess, sich aus seinem
Gesichtskreis spurlos entfernte. Er verstand ihr Weggehen nicht,
begriff nicht, dass sie es empfand, als htte er ihr die Seele aus dem
Leib gerissen; er dachte, sie htte einen andern lieb gewonnen, whrend
das, was sie tdtete, demnach nur war, dass er nicht lnger Gebrauch
fr sie, ihre Liebe und ihr Leben hatte. Dann liess sie sich sinken,
stand auf der Drehscheibe in Varits und als nackte Statue in lebenden
Bildern, nackt vor hunderten von Mnnern. Und sie verheirathete sich
mit einem Mann, den sie zum Selbstmord brachte, und nach seinem Tode
mit einem anderen, den sie halbwegs zum Wahnsinn trieb, so dass er in
Verzweiflung sie verliess. Selbst ist sie dann, wie sie es ausdrckt,
in manchen Jahren todt gewesen, war geisteskrank in die Zwangsjacke
geschnrt in einer Kammer mit eisernem Gitter vor dem Fenster. Soweit
ist sie geheilt worden, dass sie frei herumreisen kann mit einer
Diakonissin als Hterin und Schatten, doch hat sie die fixe Idee, dass
sie todt sei und als lebende Leiche herumwandere. An ihrem eigentlichen
Geistesleben ist nur noch brig der Hass zum Knstler, der sie
verschmhte, und zu seiner Kunst, die Liebe zum einzelnen Kunstwerk,
das er im Verein mit ihr hervorbrachte und worin sie sein und ihr
gemeinsames Kind sehen will.

Doch dies Kunstwerk selbst ist nicht mehr dasselbe. Nach dem
Verschwinden Irenes hat Rubek es umgearbeitet und erweitert, andere
carikirte Figuren hinzugefgt. Die Statue, die ihre Zge trgt, ist
jetzt nur eine Zwischenzweckfigur, die nicht einmal dominirt. In die
Gruppe fhrte aber Rubek seine eigene Physiognomie hinein als die eines
schuldbeschwerten Mannes, dessen Bezeichnung in der Erklrung des
Werkes die folgende ist: Die Reue ber ein verlorenes Leben.

Als das Werk wirklich vollendet war und seinem Urheber alle nur
erdenkliche Ehre eingetragen hatte, ging er eine leidenschaftslose
Gewohnheitsehe mit einem jungen Mdchen ein, mit dem ihn keine tiefere
Gemeinschaft verband, und die ihn nur wegen der Herrlichkeit, die
er ihr in Aussicht stellte, und wegen des Wohllebens, das er ihr
sicherte, trotz alledem ein bisschen widerstrebend, zum Gatten nahm.
Doch die Krisis hat sich in dieser Ehe eingefunden. Rubek ist von Maja
mde, wie sie von ihm. Sie langweilt ihn und ist selbst mit ihm vllig
fertig; er stagnirt seit der Vollendung seines Hauptwerkes in seiner
Kunstthtigkeit, fhrt nur ab und zu auf Bestellung Portrtbsten aus,
in denen es ihn amsirt, heimlich das Thier zu charakterisieren, das in
jedem Menschen verborgen lebt.

Dies die Vorgeschichte, also nach der Art und Weise Ibsens der grsste
Theil der ganzen Geschichte. Das Drama zieht nur deren Consequenzen.
Auf einer Sommerreise, die Rubek und seine Frau nach mehrjhriger
Abwesenheit in Norwegen unternehmen, sieht Rubek aufs neue Irene,
von der Geisteskrankheit kaum geheilt, weiss und erloschen wie eine
wandernde Statue mit der schwarzen Diakonissin in ihrem Gefolge. Und
berdrssig, wie er ist, seiner todten Ehe, seines leeren Ruhms, seines
glcklosen Wohlseins; gepeinigt, wie er ist, von seiner hartnckigen
Unfruchtbarkeit als Knstler, seit Irene aus seinem Leben entschwand,
lebt er durch das Wiedersehen aufs neue auf. Unter dem Eindruck ihrer
Vorwrfe sieht er seine Vorzeit und Gegenwart in einem neuen Licht,
bereut, dass er sich nicht ihrer bemchtigte, als es Zeit war, begreift
kaum selbst, dass er sie habe fahren lassen. Sie ist mit einem Messer
bewaffnet, mit welchem sie in ihrem Hass ihn tdten will; sie gibt
erst die Ermordung auf, als sie einsieht, dass er wie sie todt, wie
sie gebrochen und vernichtet ist. Doch es ist nicht nur sein Unglck,
das sie entwaffnet. Sein erstorbenes Begehren, das wieder erwacht ist,
steckt sie an und gewinnt sie zuletzt. Sie wollen endlich beide (nach
der vieljhrigen Trennung in der Nhe und in der Ferne) sich umarmen
und vereinigen, als ein Schneesturz von den Felsenhhen sie wegwirbelt.

Whrend nun Rubek und Irene dergestalt ihr Schicksal vollbringen, hat
Maja, die recht lebhaft ihren mden, nervsen Bildhauer und seine Kunst
geringschtzt, den gefunden, welcher der Mann fr sie ist, den rohen
lebensgierigen Jger Wolfheim, der nach allem, was Vollblut ist, auf
die Jagd geht, nach Weibern, wie nach Bren und Wlfen. Ihr Jubel ber
ihre Befreiung aus der Ehe mit Rubek berlebt den Sturz der beiden mit
dem Todesmal Gezeichneten. Maja und Wolfheim die zwei supplirenden
Gestalten, sind mit der sichersten Meisterschaft gezeichnet; aber ihr
Wesen ist zu einfach und klar, um eines Commentars zu bedrfen.

Das Verhltniss zwischen Irene und Rubek ist es, das Probleme enthlt
und zum Grbeln einladet.

Es ist das Verhltniss zwischen einem Knstler und seinem Modell.
Dies Verhltniss kann vielerart sein. Das einfachste, alltglichste
Verhltniss in der bildenden Kunst ist wohl, dass das Weib in seiner
Stellung als Modell einen Erwerb und der Knstler in ihr die mehr oder
weniger untergeordnete Beihilfe sieht, die er zu seinem Werke nthig
hat, und zwar so, dass diese Auffassung fr sie nichts Verletzendes
enthlt. Zusammengesetzter wird das Verhltniss, wo das Weib entweder
als Modell Geliebte, oder als Freundin, Geliebte, Hausfrau Modell
geworden ist. Besonders in dem letzteren Fall entsteht nicht selten
die Eifersucht des Weibes auf die geistige Arbeit und auf die
Selbstvertiefung des Knstlers, die Entrstung ber die Sachlichkeit
des Mannes, die trotz aller Frauensache das dem Wesen der Frauen
Fremdeste ist. Dann kann, auch wenn der Mann die Frau begehrt und
ihre Gunst genossen hat, ein frmlicher Hass bei ihr entbrennen
zu der knstlerischen Wirksamkeit an sich, die eine Zurcksetzung
ihrer, ein Vergessen ihrer, ein Verschmhen ihrer Person enthlt,
und der Hass zur Kunst als der rivalisirenden Macht wird dann leicht
auch Hass zum Knstler im Manne. Wer hat mit Knstlern und ihren
Frauen verkehrt und hat nicht in unbewachten oder leidenschaftlichen
Augenblicken den Weiberhass gegen den Steinhauer, Schmierer oder
Scribenten ausbrechen gehrt! Noch zusammengesetzter wird jedoch
die Sache in dem von Ibsen gedichteten seltenen Fall, wo der Mann aus
principiellen Grnden das erotische Verhltniss zum Modell vermeidet
oder gescheut hat, ja die kostbare, stillschweigend dargebotene
Gabe nicht einmal hat empfangen wollen. Hier ist selbstverstndlich
die Frauennatur am tiefsten gekrnkt worden. Kommt dann dazu die
Entrstung, als episodische Gestalt in dem Leben des Mannes, als blosse
Hintergrundfigur in einem Kunstwerk behandelt worden zu sein, das sie
Grund hatte als von ihr allein inspirirt zu vermuthen, so wird sowohl
der Untergang Irenes wie die Gefhle, die sie nach ihrem Erwachen
erfllen, verstndlich genug.

In der Dichtkunst nun, woran im Innersten dieses Schauspieles
vielleicht reichlich soviel gedacht ist, wie an die bildende Kunst,
ist das Verhltniss des Knstlers zum Modell freilich ein wesentlich
verschiedenes. Aber auch hier kann es sehr gut vorkommen, dass eine
Frau durch das Gefhl verbittert wird, als Modell gedient zu haben,
in einer Erzhlung oder einem Drama verewigt oder verherrlicht
sein, um kurz darauf selbst vergessen, verstossen oder verdrngt zu
werden. Am hufigsten aber wird vielleicht die Erbitterung hier durch
die Empfindung oder den Eindruck entstehen, sich missverstanden,
missgezeichnet oder carikirt zu sehen. Doch selbst wo von verkennender
oder misshandelnder Darstellung keine Rede ist, kann die Frau ja eine
untrgliche und berechtigte Empfindung haben, missbraucht zu sein.
Goethe hat ein reizendes Bild von Friederike geliefert. Die arme
Friederike wrde vorgezogen haben, Goethe zu behalten, anstatt von ihm
verewigt zu sein, und das, obschon er sicherlich in ihr kein Modell
suchte. Am besten ist es, wenn modellsuchende Poeten aufeinander
stossen; dann geschieht in der Regel weniger Schaden als sonst; und
doch ging es bekanntlich sehr bel zu, als Alfred de Musset und George
Sand jedes das Wesen des anderen in dessen Nacktheit studirten, und
zwar obwohl sie die Erotik durchaus nicht versumten.

In Ibsens Schauspiel ist es die weibliche Hauptperson, die Recht
behlt, indem der Bildhauer zu ihrem Standpunkte bergeht, ganz wie
sie das Leben und die Kunst einander entgegenstellt, und wie sie
bedauert, das todte thnerne Bild ber das Glck des Lebens -- der
Liebe gestellt zu haben. Hier gibt's, wie durchgehend bei Ibsen,
hinter all dem Pessimismus einen fast naiven Optimismus, der in
Erstaunen versetzt. Wer in aller Welt kann glauben, dass ein Glck der
Liebe eingetreten wre, falls der Knstler zu jener Zeit ber Irene
die Rcksicht auf sein Werk vergessen htte! Er _selbst_ sah ja damals
gar nicht das Glck in dem Besitz Irenes, vermisste sie nicht einmal
menschlich, als sie verschwand. Nach der eigenen Lehre des Stckes
wrde das Ganze damals zu lauter Enttuschung geworden sein: Anfangs
ist nichts schlimm. Aber dann kann man in eine Enge hineingerathen,
woraus man weder vorwrts, noch rckwrts zu kommen weiss. Soll
wirkliches und dauerhaftes Glck zwischen Mann und Weib erblhen, so
mssen die Naturen anders beschaffen sein, als Ibsen sie hier gebildet
hat. Er hat selbst alles so zurechtgelegt, dass das Verhltniss
nothwendig zur Disharmonie werden musste. Die einfache, volle Harmonie
zwischen Mann und Weib hat er ja in seinen Werken berhaupt nur als
unmittelbar dem Tode vorhergehend geschildert. Ja sogar um den kurzen
Augenblick des Besitzes werden Rubek und Irene, wie Solness und Hilde,
wie Rosmer und Rebekka, betrogen. Der Tod sammelt oder trennt sie
in der Minute, da sie ganz fr einander fhlen und einander endlich
vollstndig verstehen.

Nichtsdestoweniger hat Ibsen hier scheinbar das Glck des Besitzes in
der Liebe fr das einzig wahre Glck erklrt. -- Man beobachtete bei
Renan, wie die Jahre gingen und das Alter kam, dass der grosse Denker
und Poet immer mehr zu einem Verknder des Evangeliums der irdischen
Liebe wurde. Die Franzosen erhielten aus seiner L'abbesse de Jouarre
den Eindruck, dass er die versagende Strenge seiner arbeitsamen Jugend
gleichsam bereute. Ein hnliches Bekenntniss tritt einem in der
Ibsen-Rubek'schen Klage entgegen, dass es nicht der Mhe werth sei,
sich fr den Mob und die Masse abzuhrmen, diese Masse, welche in dem
Kunstwerke noch dazu nur das entzckt, was nie in dem Gedanken des
Knstlers war. Der gewonnene Ruhm kommt als gewonnen gleichgiltig vor.
Der entfliehende Eros erscheint doppelt schn.

Die Glckslehre hier scheint am nchsten eine Stimmungslehre zu sein.
Jeder findet eben das Glck in dem, worin er es zu finden glaubt, und
es hiesse den Menschen das schwere Leben noch schwerer machen, wrde
man das Glck allzu stark begrenzen. Ein geistiger Beruf ist doch
nicht bloss als ein Hinderniss des Glckes aufzufassen, eher als ein
wesentliches, besonderes Glck, eine starke Vermehrung des allgemeinen
Menschenglcks, das er vielleicht schwieriger erreichbar macht, aber
nicht ausschliesst.

Als Drama ist Wenn wir Todten erwachen reich an ergreifenden und
khnen Gegenstzen: die Verfeinerung Rubeks und die derbe Brutalitt
bei Wolfheim -- die hochfliegende Begierde der bleichen Irene nach
einem ganz erfllenden Glck und die Lebenslust der rothwangigen Maja
-- die Marmorgestalt Irenens und das schwarze Gewand der Diakonissin,
das wie ein Andenken wirkt an das lebendige Beerdigtsein, das Irene
ausgestanden hat, und an ihren bald erfolgenden Tod mahnt. Die vollste
Kraft hat Ibsen an den ersten Act gewendet, der nicht vollendeter
geformt sein knnte. In den zwei folgenden Acten werden ohne irgend ein
dramatisch entgegenkmpfendes oder nur retardirendes Element einzig und
allein die Folgerungen aus dem zuerst Gegebenen gezogen.

Man kehrt unwillkrlich von dem Stcke sogleich zu dessen grossen
Urheber zurck, von dem man glauben sollte, man kenne ihn hinlnglich
aus einem paar Dutzend unvergesslichen Werken -- der jedoch trotz
seines stetigen Variirens derselben Motive neue Seiten darbietet.

Man sprt zuerst den Trieb, ihm, dem immer Widersprechenden, auch
zu widersprechen. Bisweilen fordert er das Lebensgefhl bei seinem
Leser heraus, wie wenn er in Brand durch den Mund des Helden Opfer
nach Opfer, sogar von der unschuldigsten, natrlichsten Liebe zum
Leben verlangt. Bisweilen fordert er das Kunstgefhl bei seinem Leser
heraus, wenn er wie hier durch den Mund der Heldin und des Helden
das knstlerische Hervorbringen und das Kunstwerk selbst herabsetzt,
sie ausserhalb des sogenannten Lebens sieht, und das Kunstwerk fr
werthlos erklrt im Vergleich mit den Opfern, die ihm gebracht werden.

Doch der Trieb oder Drang, den man danach sprt, ist der, ihm unsern
Dank zu bringen. In seinen eigenen Werken sind Kunst und Leben nicht
einander entgegengestellt; seine Gestalten leben -- leben zwar nicht
das gewhnliche Erdenleben, fhren aber eine hhere, mehr umfassende,
sinnbildliche Existenz. Sie haben um sich herum eine Atmosphre bewahrt
von der Stimmung, in der sie erzeugt wurden, und in dieser Atmosphre
offenbaren sie sich als hhere Wesen, die, was sie auch sagen, immer
etwas Unausgesprochenes zurckhalten. Das Kunstwerk, das sie ausmachen,
bewahrt desshalb selbst etwas Unausgesprochenes. So wird man nie damit
ganz fertig, fhlt hufig das Bedrfniss, wieder darauf zurckzukommen,
um sich es vllig anzueignen. In der Regel wird desshalb ein neues Werk
von Ibsen erst nach einigen Jahren recht verstanden und geschtzt. Was
gleich darber gesagt wird, ist grsstentheils unzulnglich und wenig
erschpfend. Es kleidet die Schauspiele Ibsens wie gewisse interessante
Menschen sehr gut, lter zu werden.




                              FUSSNOTEN:


[1]

  Auf Schritt und Tritt sich aufzupassen,
  Was soll es frommen?
  Wer nicht wagen darf, sich geh'n zu lassen,
  Wird nicht weit kommen.
                                               P H.


[2] Kinder der Welt II, 17. Im Paradiese I, 31.

[3] Gesammelte Werke IV. 135.

[4] K. d. W. II. 612.

[5] K. d. W. III, 210, 242, 256.

[6] K. d. W. III, 109.

[7] K. d. W. I, 111; G. W. VI, 206.

[8] G. W. III, 300.

[9] K. d. W. II, 47.

[10] G. W. V, 201. Seite 175 wird das Wort vornehm von ihr gebraucht.

[11] K. d. W. II, 333 III, 309 und 335. Dass du das beste, tiefste,
holdeste, =adligste= Menschenbild bist. -- Das arme tapfre, freigeborne
Herz -- es hat seinen Adel bewhrt.

[12] Im Paradiese. III, 6 ff.

[13] G. W. V, 197.

[14] G. W. IX, 73 ff.

[15] G. W. VIII, 168.

[16] G. W. VI, 71: Ich bin einmal in meinem Leben verkauft worden. Wie
wollen die Menschen mich nun schelten, wenn ich mich =verschenke=, um
jene Schmach zu verschmerzen!

[17] G. W. VI, 40.

[18] G. W. VI, 5.

[19] Heyse und Kurz, Novellenschatz des Auslandes, Bd. VIII.

[20] Heyse und Kurz, Deutscher Novellenschatz. Bd. I. S. XIX.

[21] K. d. W. II, 265.

[22] Htte ein Kritiker dieses Schlages nicht seiner Zeit eine
Warnung vor Goethe's Faust ganz in demselben Stile verfassen knnen:
Der Inhalt dieses unsittlichen Werkes Ist folgender: Ein schon
ziemlich bejahrter Arzt (Dr. med.) ist des Studirens mde und sehnt
sich nach fleischlichen Lsten. Zu dem Ende verschreibt er sich dem
Teufel. Dieser fhrt ihn nach verschiedenen niedrigen Erlustigungen
(die z.B. darin bestehen, halbbetrunkene Studenten noch betrunkener zu
machen) zu einer jungen Brgerstochter, die Faust (der Doctor) gleich
zu verfhren sucht. Ein Paar Rendezvous bei einer alten Kupplerin
bahnen ihm den Weg dazu. Da die Verfhrung aber nicht schnell genug
gelingt, gibt der Teufel Faust ein Juwelenkstchen, das er dem Mdchen
schenken soll. Ausser Stande, diesem Geschenke zu widerstehen, also
nicht einmal verfhrt, sondern erkauft, ergibt sich Gretchen Faust, und
um desto ungestrter mit ihrem Galan zu sein, flsst sie ihrer alten
Mutter einen Schlaftrunk ein, der dieselbe tdtet. Nachdem sie dann
den Tod ihres Bruders verschuldet hat, bringt sie das Kind, die Frucht
ihrer Schande, um. Im Gefngniss singt sie schmutzige Lieder. Dass ihr
Verfhrer sie im Stiche lsst, kann Einen nicht wundern, wenn man seine
religisen Grundstze vernommen hat. Er ist, wie die Scene, wo seine
Donna ihn nach seinem Glauben befragt, deutlich beweist, kein Christ;
ja, er scheint nicht einmal an einen Gott zu glauben, obschon er zu
allerlei leeren Ausflchten greift, um seinen vollstndigen Unglauben
zu verdecken. -- Da dies lsterliche Buch trotzdem, wie wir zu unserer
Verwunderung hren, Leser, ja sogar Leserinnen findet, und in den
Leihbibliotheken unserer Stadt eine eifrige Nachfrage erfhrt, so
fordern wir alle Familienvter auf, ber das Seelenheil der Ihrigen zu
wachen, das eine so ruchlose Lectre um so leichter gefhrden kann, als
eine glatte, einschmeichelnde Form die unsittlichsten Lehren umhllt.

[23] Anatole Leroy-Beaulieu hat spter einen wohlgelungenen Versuch
gemacht, ihn auf Grund derselben zu charakterisiren. (Un Empereur.
1879.)

[24] Die Titel sind: Madame Bovary, Salammb, L'ducation sentimentale,
La Tentation de Saint-Antoine, Le Candidat, Trois Contes, Bouvard et
Pcuchet.

[25] Man sehe Th. de Banville: Odes funambulesques: Villanelle des
pauvres housseurs und zwei Triolette. Die Normalschule ist die hhere
Unterrichtsanstalt fr Lehrer, aus der Taine, About und Sarcey
gleichzeitig hervorgingen.

[26] Die gesammelten Werke der beiden Brder machen, von einigen
kleineren Bnden Biographien abgesehen, 21 Bnde aus; Edmond ausserdem
hat nach dem Tode des Bruders eine genau ebenso lange Reihe von Bnden
verffentlicht.

[27] La Blague -- cette forme nouvelle de l'esprit franais, ne
dans les ateliers du pass, sortie de la parole image de l'artiste,
de l'indpendance de son caractre et de sa langue, de ce que mle
et brouille en lui, pour la libert des ides et la couleur des
mots, une nature de peuple et un mtier d'idal; la Blague, jaillie
de l, monte de l'atelier, aux lettres, au thtre,  la socit;
grandie dans la ruine des religions, des politiques, des systmes,
et dans l'branlement des cervelles et des coeurs, devenue le Credo
farce du scepticisme, la rvolte parisienne de la dsillusion, la
formule lgre et gamine du blasphme, la grande forme moderne,
impie et charivarique du doute universel et du pyrrhonisme national;
la Blague du XIXe sicle, cette grande dmolisseuse, cette grande
rvolutionnaire, l'empoisonneuse de foi, la tueuse de respect; la
Blague avec son souffle canaille et sa rise salissante, jete  tout
ce qui est honneur, amour, famille, le drapeau ou la religion du coeur
de l'homme; la Blague u.s.w., im Ganzen 65 Zeilen hindurch, bevor das
Verbum kommt. (Manette Salomon, Cap. VII.) Es gibt kaum eine zugleich
lebhaftere und mehr ermdende Schreibweise. Die nicht enden wollenden
Appositionen rufen unaufhrliche kleine Erschtterungen in dem
Nervensystem des Lesers hervor. Er wird unterhalten und berwltigt.
Dieser Stil wirkt wie ein ununterbrochen knatterndes Gewehrfeuer, wo
ein krftiger Kernschuss gengt htte.

[28] Bei Edmond de Goncourt finden sich Wendungen wie: La veille
commenait, avec, aux vitres, un clair de lune, oder: L tait
un vieux saule ... avec, dans le creux, des mousses vertes. Diese
Wendungen sind spter von Anderen ins Unendliche wiederholt worden.

[29] Man vergleiche die Schilderung der geistigen Arbeit in Charles
Demailly.

[30] Goethe's Der Gott und die Bajadere, Hugo's Marion de Lorme
und La dame aux camlias von Dumas haben denselben Gegenstand, die
Luterung eines prostituirten Weibes durch die Liebe. Aber welch' ein
Unterschied in der Perspective und dadurch in dem poetischen Werth!

[31] Die beiden Hauptpersonen In L'Assommoir sind nach Germinie und
Jupillon gebildet. Wie frh und tief der Roman auf Zola gewirkt hat,
sieht man aus seiner 1864 geschriebenen Kritik des Buches in Mes
haines.

[32] Isaac Pavlovsky: Souvenirs de Tourguneff. S. 112 ff.

[33] Man vergleiche Stellen wie folgende: Es ist, wie wenn Einer da
ssse und ein Stck bte, das er nicht heraus kriegen kann, immer
dasselbe Stck. '_Ich kriege es doch heraus!_' sagt er wohl, aber er
kriegt's doch nicht heraus, wie lange er auch spielt. -- Die grossen
weissen Schnecken, aus denen vornehme Leute in alten Zeiten Fricasse
bereiten liessen und, wenn sie es gegessen hatten, sagten: '_Hm, wie
das schmeckt!_' -- denn sie glaubten nun einmal, dass es vorzglich gut
schmecke -- lebten von Klettenblttern.

[34] Uffe der Schchterne ist nach der Sage der Sohn des Dnenknigs.
Der Vater war zu seiner Zeit ein gewaltiger Krieger, aber nun ist
er alt und kraftlos geworden. Der Sohn macht dem Vater die grsste
Sorge. Keiner hat ihn je reden hren, er hat nie den Gebrauch der
Waffen erlernen wollen, und er interessirt sich fr Nichts, sondern
geht in phlegmatischer Gleichgltigkeit einher. Aber als die Knige
des Sachsenlandes sich weigern, dem alten Vater den gewohnten Tribut
zu bezahlen, ihn verhhnen und ihn zum Zweikampf fordern, und als der
Vater in Verzweiflung die Hnde ringt und ausruft: Htte ich doch
einen Sohn! da spricht Uffe zum ersten Mal und fordert die beiden
fremden Knige zum Holmgang heraus. Jetzt beeilt man sich, ihm Waffen
zu bringen, aber kein Harnisch ist gross genug fr seine breite Brust.
Macht er eine Bewegung, so platzt der Harnisch sofort. Endlich muss
er sich mit einem zusammengestckten und geborstenen begngen. Eben
so geht es mit jedem Schwerte, das man ihm in die Hand gibt. Sie
zerspringen wie Glas, wenn er sie an einem Baume erprobt. Da lsst der
Knig das alte Schwert Skrpp, welches sein Vater gefhrt, aus dem
Hnengrabe holen und heisst Uffe dasselbe ergreifen, aber es nicht
vor dem Kampfe erproben. So ausgerstet stellt Uffe sich den beiden
fremden Knigen auf einer Insel in der Eider. Der alte blinde Knig
sitzt am Ufer des Flusses und horcht mit bangem Herzklopfen auf die
Schwerthiebe. Wenn sein Sohn fllt, will er sich in die Wellen strzen
und sterben. Da schlug Uffe auf den einen der Sachsenknige los und
hieb ihn quer mittendurch. Den Ton kenne ich, sagte der Knig, das
war Skrpp's Klang! Und Uffe that noch einen Streich und hieb den
andern Knig der Lnge nach mittendurch, so dass er in zwei Hlften zur
Erde fiel. Da klang Skrpp zum andern Mal; sagte der blinde Knig.
-- Und als der alte Knig starb, bestieg Uffe den Thron und ward ein
mchtiger und gefrchteter Herrscher. -- Es ist brigens auffallend wie
viel Aehnlichkeit dieser dnische Nationalheld mit dem russischen, Ilia
aus Murom, hat.

[35] Die Fabeln des vorigen Jahrhunderts (z. B. Lessing's Fabeln) sind
blosse Moral.

[36] G. Brandes: S. Kierkegaard. Ein litterarisches Charakterbild.
Leipzig 1879.

[37] Es gibt keinen einzigen dnischen Dichter, der es in solchem Grade
wie Andersen verschmht htte, durch die Romantik der Vergangenheit zu
wirken; er ist selbst im Mrchen, das von der romantischen Schule in
Deutschland von Anfang an in so mittelalterlichem Stile behandelt ward,
immer voll und ganz in der _Gegenwart_. Er wagt, eben so wie Oersted,
das Interessante in der Schwrmerei fr Knig Hans und seine Zeit
aufzuopfern, und er sagt gerne wie Ovid:

  Prisca juvent alios! ego me nunc denique natum
  Gratulor. Haec aetas moribus apta meis.

                                     Ars amat. III, 121.

[38] Ihr Leben hat spter als historische Grundlage des glnzenden
Romans Frau Maria Grubbe von J. P. Jacobsen gedient.

[39] Hier, wie berall, hat der Dichter seinen treuen Verbndeten
in der Sprache, in den Wortspielen, die ihm unter der Feder hervor
tanzen, sobald er sie ansetzt. Man sehe z. B., wie es in Die alte
Strassenlaterne oder Der Schneemann von Wortspielen wimmelt. Man
sehe, wie er die Lautsprache der Thiere benutzt, z. B.: 'Quak!' sagte
die kleine Krte, und es war gerade, als wenn wir Menschen 'Ach!'
sagen.

[40] Man vergleiche des Gegensatzes halber die Art und Weise, wie
Heiberg in Weihnachtsspsse und Neujahrspossen den Handschuh, das
Busentuch, die Flasche reden lsst, ferner Alfred de Musset's Le merle
blanc und Taine's Vie et opinions philosophiques d'un chat in seinem
Werke Voyage aux Pyrnes.

[41] Holde Rose! ein glhendes Liebeslied, dreht sich um die Qual des
Schmetterlings, in der Nacht von der Rose entfernt zu sein und nur bei
Tage sie liebkosen zu drfen.

[42] Bjrn bedeutet Br, Bjrnstjerne das Sternbild: der grosse Br.

[43] Ich erlaube mir auf mein Werk: Sren Kierkegaard (Leipzig 1879)
hinzuweisen.

[44] An meinen Freund, den Revolutionsredner!

  Du sagst ich sei conservativ geworden.
  Ich gehre noch immer zum selben Orden.

  Schachsteine zu rcken kann nicht mich erlaben.
  Strzt _um_ das Spiel, dann sollt Ihr mich haben.

         *       *       *       *       *

  Ihr sorgt fr den Wasserschwall einst in der Welt;
  Ich lege Torpedo's, dass die Arche zerschellt.

[45]

  Doch mich schreckt der Lrm der Massen;
  Will mir nicht vom Schmutz der Gassen
  Mein Gewand bespritzen lassen;
  Will im reinen Hochzeitskleide
  Harren auf den Zukunftstag.

                            Ibsen's Ballonbrief.

[46] Schiller hnlich in Wilhelm Tell:

Der Starke ist am mchtigsten allein.





    Anmerkungen zur Transkription


    Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert. Im
    Original kursiv gesetzter Text wurde mit _ markiert.

    Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden bernommen, nur
    offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Moderne Geister, by Georg Brandes

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MODERNE GEISTER ***

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