The Project Gutenberg EBook of Das Gemeinsame, by Ren Arcos

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Title: Das Gemeinsame

Author: Ren Arcos

Illustrator: Frans Masereel

Translator: Friderike Maria  Zweig

Release Date: August 3, 2015 [EBook #49582]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GEMEINSAME ***




Produced by Jens Sadowski





                              REN ARCOS




                            DAS GEMEINSAME


                              BERTRAGEN
                                 VON
                        FRIDERIKE MARIA ZWEIG

               MIT 27 HOLZSCHNITTEN VON FRANS MASEREEL

                      IM INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG




                              EIN ABEND


Mit hnlichem Getse, als wenn in Wldern gewaltsame Sturmste das
Pfeifen des Windes durchbrechen, rollt die Untergrundbahn ihrem Endziel
zu. Wie eine lngliche schwarze Perle schlngelt sie sich durch den
Tunnel, um in der Station dann einer groen leuchtenden Perle zu
gleichen. Strahlend und atemlos hlt sie inne. In die aquariumartigen
Glashallen fallen schwere und dunkle Gegenstnde nieder, andere
leichtere gleiten und heben sich in den Labyrinthen der Stiegen und
Gnge, als bewegte sie die Abendluft, die um den Rachen des Tunnels
flattert. Das Aus und Ein genau scheidend, klappt jede der Falltren wie
das Holzmesser eines Bckers unerbittlich und unaufhrlich auf und ab.

Es ist in einem der letzten Zge, zu spter Stunde an irgendeinem
Werktag.

In einem der Waggons befindet sich ein einziger Fahrgast, ein junger
Mann, der, in eine Ecke geschmiegt, vor sich hinsinnt. Tagsber hat es
reichlich geregnet. Noch haften an den Fensterscheiben Tropfen und
Rinnsal des Regens, der den Zug auf den Boulevards, dort wo er aus der
Erde hervorkam, ansprhte. Die Schmutzspuren eines ganzen Tages bedecken
den Fuboden.

Der junge Mann verfolgt die Entwicklung einer Gedankenreihe, die sich in
ihm zu regen begonnen, kaum da er Platz genommen hatte. In seinen
Gliedern drckt die Mdigkeit eines langen Tages, an dem er viel
gegangen ist und viel gesprochen hat; jedoch die nie aussetzende
Lebendigkeit seines Geistes lt ihn den Krper und seine Abspannung
vergessen. Er hebt kaum den Kopf in den Stationen, die wie
Illustrationen einer Lektre sind, zu denen etwa das Hineilen im Tunnel
der Text wre.

Ein dumpfer dicker Geruch schwelt in den Waggons, die den ganzen Tag
ber mit Menschenmassen vollgepackt waren.

Stunde und Ort flen Ekel ein und stimmen traurig. Der junge Mann aber,
ganz hinter seine Gedanken verschanzt, gibt aus sich fast nichts an
diese augenblickliche Umgebung. Er sieht weder die Orangenschalen und
zweifelhaften Papiere unter den Bnken, noch die Fingerspuren auf den
Scheiben. Er bemerkt weder das pltzliche Aufblinken der elektrischen
Lampen auf den angebrckelten Wlbungen des Tunnels, noch den Namen der
Stationen, die der Zug eben verlt. Halb unbewut hren seine Ohren das
Zufallen einer Tr. Leise wird sein Auge von der Vision einer nahenden
Frau berhrt, die sich nun setzt, vielmehr ihm gegenber auf einen Platz
sich hinsinken lt. Er besieht das neue Bild und kehrt zu den Gedanken
zurck, die ihn beschftigen. Doch wie der Schwimmer, aus dem Wasser
tauchend, die Barke, die er ergreift, unter seinem Gewicht herabdrckt,
hngt sich eine lebendige Kraft, aus namenloser Stunde und verworrenen
Lauten geboren, an den Rand seiner Gedanken.

Er macht den Versuch, sich zu befreien, aber das fremde Wesen, das sich
pltzlich neben ihm aufhob, dringt gewaltsam mit seiner ganzen Gegenwart
auf ihn ein. Er mu den Kopf wenden. Da berrascht sein Blick den der
Fremden, der auf ihn gerichtet ist.

Der junge Mann sah anfangs nur zwei groe sanfte Augen in einem ovalen
Gesicht, das von jener Blsse war, die er liebt. Mit Aufmerksamkeit und
Vergngen prft er dies feine Antlitz. Sein Blick begegnet nun oft dem
der jungen Frau, der nicht ausgesprochen gleichgltig bleibt. Es gelingt
ihr nicht, vllig unbeteiligt zu sein. Schon wird der Austausch ihrer
Blicke lebendiger. Frage und Antwort richten die beiden aneinander,
halten Zwiegesprche, von denen der Krper nichts wei. Der junge Mann,
der bald das aussichtslose Vergngen dieses Spieles erschpft hat,
berlt seinen schweifenden Geist anderen Trumereien. Seine Gedanken
gleichen einem Wolkenhimmel, er ist der Wanderer auf einer Strae und
betrachtet mit zerstreutem Blick das Wechselspiel der Wolken. Da aber
breitet sich weier Schimmer, ja Helle, ber den farblosen Himmel. In
den Krper des jungen Menschen kommt Bewegung, er regt seine Hnde, sein
Gesicht verrt pltzlich innere Aufwallung. Alles, was an ttigem Leben
in ihm schlummerte, kocht auf in ihm, steigt unaufhaltsam an,
berschwemmt seinen Geist, der, gleichsam gelpft, seine Gedanken nun
wie Blasen entflattern lt. Mit einem Male hat er das Bewutsein seiner
Existenz. Er denkt: diese Minute bin ich, sie ist mein Leben, sie steht
am Ende einer Ausdehnung, die all dies Leben ist, das ich schon gelebt.
Ich habe mich lange fortgesetzt, ich habe Monate, Jahre gedauert, um
diese Minute zu erreichen. Diese Lampen, ber meinem Haupte aufgereiht,
wie Fackeln einer Ehrenwache, diese dicken Mauern, wie eine
Menschenmenge, die den Durchzug eines Helden erwartet, lange warten sie,
auf da ich ihnen eines Tages begegne. Diese Helle, diese metallischen
Reflexe erwarteten schlielich mich nach so vielen Menschen und immer
wieder nach so vielen anderen. Minuten, ja ihr, erfllt von mir, uere
Umkleidung, die du mir Gestalt verleihst, Bewegung ohne Ende, ihr seid
mein Leben! Mit meinen Augen, mit meinem Geist besitze ich euch! Oh, nie
geschlossene Zeit, in dieser weit aufgetanen Minute biege ich meine
Seele vor, meinen Krper spreite ich aus und strze mich vor das Gewirre
der Gerusche, dem Durcheinander von Schatten und Licht, wie Eroberer
tun, an der Spitze ihrer Horden.

Dem Hineilen des Zuges entlehne ich den wilden Taumel einer im Galopp
bergabwrts strmenden Armee. Gedrngte Reiterei jagt singend hinter
mir. Wre ich allein hier, ich glaube, ich wrde meine Arme ausstrecken
und laut aus mir herausschreien.

Als seine Augen die junge Frau ihm gegenber wiederfanden, war sie ihm
keine Fremde mehr.

Er betrachtet sie. Dem reizenden Gesicht mit den weit ausblickenden
Augen legt er ein Bild zu, das seinem Geist schon eigen ist. Er ruft
sich einen Komplex von Erinnerungen wach und stellt sie einer einzigen
Erscheinung gegenber. Bei fortgesetzter Prfung entdeckt er neue
Einzelheiten und verbessert sein erstes Urteil. (Er htte diesen Augen
nicht so viel Sanftmut zugetraut.) Gerne wrde er ihre Geistesart kennen
lernen, und wenn er auf dem Deckel des Buches, das sie gegen sich
gewendet hlt und das er belauert, den Namen eines ihm sympathischen
Autors entzifferte, wre er darber aufrichtig erfreut.

Die schne junge Frau versucht keineswegs der Eindringlichkeit seiner
Blicke zu entgehen; durfte er aus dieser Unbeweglichkeit, die
Einwilligung scheint, darauf schlieen, da sie dies Betrachten mit
einer scheinbar wollstigen Geduld ber sich ergehen lt? Eine Art
geheimer Vertrautheit stellt sich zwischen ihnen ein. ber das
Unbekannte, das Trennende hinweg, fhlen sie sich in zarter und
kstlicher Einstimmigkeit als Komplizen. Zwei losgelste Wesen sind sie,
die eine gleiche Minute umschliet. Irgend etwas, das er sich ertrumt,
knnte sie pltzlich vom brigen Weltall abtrennen; nach einem
furchtbaren Getse fnde er sich heil und sicher mit der zu Tode
erschrockenen Frau, die sich an ihn geklammert hlt, in Nacht und Dunkel
wieder. Er erschafft sich das ganze Geschehnis. Sie sind in einem
ausgehhlten Raum unter der Wlbung von Balken verschttet, die sie
beschtzen, sie hren das Schlagen der Hacken, die an ihrer Befreiung
arbeiten und deren Ttigkeit er gleichzeitig verlangsamen und
beschleunigen mchte. Den Duft ihrer Haare zu atmen, die Wrme ihres
angstbebenden Krpers an dem seinen zu fhlen, berauscht ihn. Seine
Stimme zittert, wie er auf ihre hundertfltigen Fragen antwortet.

Wie viel Anteil er schon an ihr nimmt!

Wenn sie auf der nchsten Station ausstiege, empfnde er schmerzlich
eine Verminderung seiner selbst. Jenes Bedauern berkme ihn dann gewi,
das man fhlt, wenn man ein Wesen, das einem lieb ist, nach einem harten
Wort von sich hat gehen lassen. Und doch in einer Weile wird sie ja
gehen. Sie wird ihr Schicksal fortsetzen, und er das seine. Niemals wird
er sie mehr wiedersehen. So ist er tausenden und aber tausenden schon
begegnet. Wesen, die lange schon unterwegs sind, um ihn zu treffen,
nhern sich ihm, erreichen ihn, heften zuweilen ihren Blick in den
seinen und gehen ber ihn hinaus, um sich im All zu verlieren. An
Straenecken und Brckenenden, wie viele tauchten da pltzlich auf, wie
vom Himmel gefallen oder aus dem Erdboden erstanden. Sein Blick hat
lngst gelernt unter den vielen, die ihm ein Tag vorberfhrt, einige zu
erkennen. Im Gedchtnis behlt er das Bild der Leute, die er tglich
vorbergehend streift. Er hat nie mit ihnen gesprochen, dennoch sind sie
in seinem Leben mehr als Fremde. Trfe er sie eines Tages anderswo, als
auf den Boulevards, wo er ihnen gewhnlich begegnet, wrde das
berraschende eine Annherung ihrer Seelen bewirken, es wrde ihn
gelsten, mit ihnen zu sprechen, sich ber ihre Begegnung zu
unterhalten. Unter diesen Leuten ist ein Mann mit einem langen schwarzen
Bart, der einen Zylinder trgt und eine Schriftentasche unter dem Arm.
Er geht langsam und zuweilen mit einknickenden Knien. Dann ist da ein
anderer Mann mit mdem Gesicht, der nachlssig den Fu schleppen lt.
Er trgt einen steifen Hut, der allmhlich grnlich wird. Zwischen
seinen Zhnen hlt er eine oft erloschene Pfeife, und an regnerischen
Tagen trgt er nach Bauernart einen Regenschirm unter dem Arm. Eine Frau
ist da, die immer Eile hat und deren Hte hufig wechseln. Und eine
andere Frau, deren Lcheln aus einem Kontorfenster ihm wohlbekannt ist.

Jenen allen wird er morgen, bermorgen und in vielen sptern Tagen
begegnen. Aber diese Frau da ihm gegenber, die wird er niemals
wiedersehen: etwas greift ihm ans Herz.

Wenn er es dennoch wagte! Irgendeinen flchtigen Vorwand knnte er
bentzen, um sie anzusprechen. Wie man eine Besitzung umkreist und
versucht, durch das Gitter und Laubwerk zu sphen, knnte er Schritt fr
Schritt das Geheimnis ihres Lebens durchdringen, die ersten Verbindungen
anbahnen, die ihm spter ermglichen wrden, ihre Bekanntschaft
fortzusetzen. Doch Schicklichkeit und Brauch hemmen ihn. Was der Zufall
eines flchtigen Vorgestelltwerdens gestatten wrde, ist hier unmglich.
Sie brauchten die Brcke eines menschlichen Wesens, die sie beide kennen
mten, um das Geheimnisvolle dieser Hemmung zu berschreiten und
einander ansprechen zu drfen. Wenn er sie jetzt so anredete, wrde er
wohl nur eine Abweisung herausfordern.

Er wird nichts von ihr erfahren. In einigen Minuten wird sie aufstehen,
wie einer, der nie wiederkehrt. Die Mchte, die ihr Schicksal
beherrschen, werden sie in ihren Wirbel ziehen. Ein Wesen, das er jetzt
schon ein wenig kennt, das augenblicklich das einzig Lebendige vor
seinen Augen ist, lebendig bis an den Stoff der Bekleidung, wird in
einer Weile fr ihn hinsterben, so sicher wie der Tod selbst. Nein, er
wird nichts mehr von dieser Frau erfahren.

Die Erinnerung an sie wird sich wie eine blasse Wolke am Sommerhimmel
verflchtigen.

Und er hllt sie in eine Zrtlichkeit, die voll Bedauern und Trauer ist.

Der Zug hat eine neue Station durchfahren, ohne da sie ausgestiegen
wre. Fr einige Zeit noch war ihm ein Vergngen gegnnt, und er fhlt
in sich Zufriedenheit aufstrahlen.

Oh! Ihr! Vertraute meines tglichen Lebens, augenblicklich lebt ihr fr
mich mit weniger Gewiheit als diese Frau, die ich zum erstenmal
erblicke! Eure Worte, eure Gebrden, die Geschftigkeit eures Daseins
lebt anderswo als hier. Von diesem Augenblick meines Tages gehrt euch
fast nichts, eine Fremde ist zwischen uns. Ihr seid mir weit weg in
einer Wirklichkeit. Ich mte diese Frau hier erst wegstoen, um euch
die Hand entgegenzustrecken.

Ein durchdringender und sanfter Blick der jungen Frau war ihm wie die
Berhrung einer Hand auf seinem bloen Herzen. Er dachte nach und
versuchte mit seinen Augen zu sagen: Ich gre dich und liebe dich, wie
alle, die ich kenne. Oh, du! die du aus dem weiten All aufstiegst, wie
jene andere aus dem Meeresschaum! Die seltsame Verwirrung, die ich
empfand, als ich auf meiner Stirne die lauen Tropfen empfing wie Trnen
in mystischen Grotten, ich fhle sie in diesem Augenblick wieder, da ich
auf meinem Antlitz den sanften Sommerregen empfange, der aus deinen
Augen taut. Ich kann dir kein Zeichen geben, mit keinem Tuch dir winken,
kein Wort dieser Worte dir sagen, von denen mein Mund voll ist, denn
zwischen uns ist ein neutrales Gebiet, das zu berschreiten mir verboten
ist: Erblicke aber in meinen Augen alle Boten, die ich dir sende, sieh
den Schmetterling, den ich zuhchst meiner Seele entflattern lasse.
Frchte nicht, deine Augen in die meinen zu versenken und meinen Ruf zu
hren. Ich empfange dich in allen Bchen meines Blutes.

Tausend Wege kannst du finden, mich zu berwltigen. Oh! Niemals hat ein
Mann, der dir begegnet ist, mit solcher tiefdringender und reiner
Bewegtheit dich begrt. Niemals grte ein Schiff, trotz Kanonendonner
und Vivat seiner tausend Matrosen, mit solch frenetischer Begeisterung,
als die meine, die Erde, das Ziel nie endenwollender Reise. Sieh, aus
der Zeit komme ich, von der Erde, aus der Geschichte des
Menschengeschlechtes, da ich dich erschaue: Aus einer Zeit kommend, aus
der Erde, aus Vergangenheit, deren Tiefe ich nicht ermessen kann. All
die unzhligen Wege, die du durch Stdte, Felder, Lnder gezogen, bist
du nur auf mich zugegangen. Die Zeit wallt mit den Schicksalen aller
Menschen weiter, wie unendliches Haar, von Ewigkeitswinden
hinweggehoben, und siehe, heute berhrt mein Schicksal das deine! Unter
den tausenden Menschen, die ich schon in allen meinen Lebenstagen
gewesen bin, unter all denen, die ich noch sein werde, ist einer, der
Mensch dieser Minute, der nur dir gehrt und den ich dir hinopfere. So
werde ich denn nichts von dir wissen. Selbst den Klang deiner Stimme,
die vielleicht s zu hren ist, werde ich nicht erfahren. Aber ich
kenne die Farbe deines Haares, und eben, obzwar meine Augen nicht mehr
auf dich gerichtet waren, sah ich doch die geschwungene Form ihrer
Wellen. Ich knnte das Muster der Stickerei auf deinem Kleide auswendig
nachzeichnen . . . oh, ich kann mir den Druck deiner weichen Hnde
ertrumen.

Der Zug fuhr aufwrts. Als er aus der Erde kam, um auf der Brcke den
Flu zu berqueren, wandte der junge Mann den Kopf.

Die Vision der Stadt mit ihren Schatten und tausend Lichtern, die sich
da und dort in den Himmel erhoben und wie Duft sich verflchtigten,
erfllten ihn mit neuer Freude. Die Klarheit und die groe Zahl der
Lichter entzckte sein Auge. Seine Freude entzndete sich an dem ersten
Leuchten, vermehrte sich an den anderen, wuchs bis zu den Sternen und
vergngte sich daran, eine Sekunde lang das ganze Gefunkel der Nacht in
sich zu schlieen. Groe Schatten bewegten sich. Die leuchtenden Wasser
des Flusses zogen majesttisch hin wie die Zeitlufe selbst. Er
berschaute, die Stirne an die Fensterscheiben des Waggons gepret, von
der Hhe der Brcke eine riesige Flche, auf der sich lckenlos das
nchtliche Zauberspiel ausbreitete. Er war ja nur ein Mensch, durch
einen Zug, der unter gestirntem Himmel ber einen Flu hinfuhr, in
Begeisterung geraten, dennoch fhlte er sich voll Gre und trug in
seiner Seele zauberhafte Verzckung.

Er litt, als der Zug in den Tunnel einfuhr. Und aus allen Himmeln
gestrzt, sank er in seine Schwermut zurck. Er betrachtete die Fremde
von neuem. Er fand sie wieder, als htte er sie schon ein wenig
verloren, und der Schatten einer Befrchtung durchglitt ihn, da sie in
der nchsten Haltestelle vielleicht sich erheben wrde. Zrtlich sah er
sie an und lchelte leise. Das Gesicht der Unbekannten verhrtete sich,
und sie wandte das Gesicht ab. Da -- dachte er andere Dinge.

Der Zug durchfuhr mehrere Stationen, ohne da sein Gedankengang gestrt
worden wre. Dann wurde der Name einer Station ausgerufen, wo er
umsteigen mute, und hie ihn aufstehen. Er trat aus dem Waggon, ohne
auch nur den Kopf nach jener zu wenden, die er zurcklie. Aber auf der
Plattform lngs des Geleises schreitend, tauschte er im Vorbergehen
einen verzweifelten Blick mit der Fremden, die er niemals wiedersehen
sollte.




                                WARTEN


Vor dem Landes-Greisenasyl wimmelt schwatzend eine kleine farblose
Menschenschar in Erwartung der Alten, die heute ihren Ausgang haben.
Glcklich haben sie es nicht getroffen; denn eine schneidende Brise
blst vom Norden her, und bleierne Wolken ziehen zuhauf. Es ist einer
jener traurigen Tage, wo die Lider doppelt so schwer ber den Blicken zu
lasten scheinen. Sogleich beginnt das Gesindel sein Gebalge bei dem
Kleinkrmer, der am Straenrand violetten Wein ausschenkt und gebratene,
aufreizend riechende Wrste verkauft. Zerlumpte, erschreckend blasse
Kinder jagen einander im schwarzen Kot, und eine unabwendbare Trauer
hngt vom verstrmten Himmel ber die Ebene herab, in der kein Baum,
kein Vogel lebt. Eine Glocke ertnt. Der kleine Menschenhaufe an der Tr
drngt sich zusammen, Hnde fassen die Stbe der Gittertr. Aus den
entfernten Hfen schart sich ein blaues Vlkchen: die Pfleglinge des
Asyls. Alle wenden sich mit stummen und verschlossenen Mienen dem
Ausgang zu. Freudlos tragen sie die Bekleidung der ffentlichen
Gastfreundschaft. Der erste erreicht nun die Tr. Sein blasses Gesicht
hebt sich wie ein weies Gebrest von dem schmutzigen Pflaster ab. Er
sieht nach rechts und links, hlt den Atem an, um die Gesichter, die
sich vor ihm drngen, zu berprfen. Es ist niemand da, ihn zu erwarten.
Ein anderer kommt vorbei; er stellt sein Gleichgewicht mittels eines
Krckstockes her. Mitrauisch und starr wirft er auf mich seinen
Vogelblick. Eine kleine Alte mit roten Bckchen murmelt vor sich hin.
Der Lrm der Holzschuhe auf dem Pflaster der Hfe erinnert an das Getse
von Wasser, das Steine mit sich rollt.

Die alten Mnner und Frauen kommen jetzt in kleinen Gruppen heraus. Die
Wartenden vor dem Gitter fangen von Zeit zu Zeit einen der Pfrndner ab
und fhren ihn mit sich fort. Reichliche Umarmungen erfolgen, lrmendes
Hin- und Herrufen, vertrauliches Auf-die-Schulter-Klopfen.

Sogleich beginnt das Gejammer!

Ach das Elend, da drinnen leben zu mssen! Alles knnte man noch
hinnehmen, wenn nicht das Verbot des Rauchens und die Gicht wre! Den
Vater Julius, den man im Klosett beim Rauchen ertappte, haben sie heute
zurckbehalten. Ist das nicht zum Erbarmen, mit siebzig Jahren wie ein
Gassenjunge bestraft zu werden!

Da sind auch einige, die sich umwenden und die Faust gegen das riesige
Gebude ballen.

Und dann, Sie wissen ja, was alles ber die Suppe gesagt wird! Nun,
meiner Seele, es ist nicht gelogen. -- Letzthin . . .

Er sieht mich, betrachtet mich mitrauisch und hlt pltzlich inne.

Immer noch kommen neue heraus. Da erscheint die Alte mit der Nase, die
nach allen Weltrichtungen Auswchse hat. Und dann jene andere, der auf
der Stirn eine riesige Beule steht, rot von allen Rten des Zornes und
der Schande. Ich erkenne sie alle wieder. Das ist Vater Chauffour! Jetzt
hat er mich gesehen! Hurtig wird er mir wieder alle seine Unglcksflle
erzhlen und seinen Kindern fluchen.

>Schau, da du abfhrst, alter Tagedieb<, haben sie zu mir gesagt. >La
dich dort fttern anstatt hier an uns zu zehren, bist schon weihaarig
genug dazu. Schmst du dich nicht?< Was ist mir da briggeblieben? Der
Sohn ist nicht schlecht, Herr, der liee mich niemals ohne mein Pckchen
Tabak weggehen, die Schwiegertochter hat schuld, diese Kreatur!

Da ist die Tabaret, die Alte, die sich immer verfolgt fhlt und an der
der Zorn wie Sauerteig grt. Sie hat es satt; die Wrterin ist immer
hinter ihr her. Diese Ungerechtigkeit! Alle schmutzige Arbeit mu sie
leisten, auskehren, ausreiben, die Spucknpfe reinigen und noch rgeres.
Was hat sie denn dieser Schlampe, dieser Dirne, die man nur selten
nachts in ihrem Zimmer antreffen wrde, getan?

Aber versuchen Sie nur, sich einmal zu beklagen! Der Unterdirektor
sieht alles nur mit ihren Augen, und der Direktor, das ist der liebe
Gott in seinem Himmel. O Elend, sich so viel in seinem Leben geplagt zu
haben, um so weit zu kommen! Das ist nicht recht! Und die Alte zieht
weinend ab.

Allmhlich werden die Ausgnger seltener. Nachzgler beeilen sich,
frchtend, da man ihnen die Tr vor der Nase schliet. Nun tritt noch
ein Alter als letzter heraus. Er sieht sich nach allen Leuten um,
ngstlich und verschmt. Die hohen grauen Mauern, die feuchten Hfe, das
Gerusch seiner Holzschuhe auf den hohlen Pflastersteinen, der Weg ber
die langen Gnge, die mit Verordnungen und Verboten tapeziert sind,
all das scheint ihn einzuschchtern, ja zu erschrecken. Er hat
abgewartet, bis alle gegangen waren, um seinerseits allein hinaus zu
kommen, so sehr leidet er unter dem Gedanken, mit diesen Leuten, die
fast alle heruntergekommen und widerlich sind, verwechselt zu werden.

Vorwrts! Sputen Sie sich, oder ich schliee die Tr, schimpft ihm der
Torwart mit den runden Spraugen nach. Der Alte tummelt sich und senkt
den Kopf tiefer. Um ihn wird alles noch feindlicher. Er geht hinaus,
hebt die Augen zum Himmel empor, der geballtes Dunkel aus sich
hervorwlzt; und als er dann wenige Schritte vor sich zwei Pfrndner
erblickt, bleibt er stehen und kehrt um. Er tut so, als suche er etwas
in seinen Taschen, um ihnen einen Vorsprung zu lassen. Drei Worte mit
ihnen zu wechseln, ist ihm schon zuviel. Es gelingt ihm, ohne gesehen zu
werden, feldwrts in einen kleinen Pfad einzubiegen. Eine Fabrikesse,
die die ganze Ebene beherrscht, speit unaufhaltsam dicken schwarzen
Rauch aus. Der Alte zieht einen Brief aus der Tasche, faltet ihn
auseinander und liest ihn nochmals. Sein Sohn, den er fnf Jahre lang
nicht gesehen und der ihn vor zwei Monaten im Asyl berrascht hat, sein
wiedergefundener Sohn hat ihn fr heute nochmals zu einer Zusammenkunft
eingeladen.

Diese zwei Monate ungeduldigen Wartens sind ihm lnger erschienen als
die vorhergegangenen fnf Jahre. Er liest abermals den Brief: In der
kleinen Buschenschenke, wo wir das letztemal zu Mittag gegessen haben
. . . Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert . . . Dein Sohn, der Deiner
nicht vergit. Er faltet das kostbare Papier wieder zusammen und geht
weiter, so rasch es seine schweren Holzschuhe und die Hindernisse des
schmutzigen Weges erlauben. Dieser Sohn war das einzige Wesen auf Erden,
das sich fr ihn interessierte. Seine Frau hatte ihn vor mehr als
fnfzehn Jahren verlassen, Johanna, seine sanfte, hbsche kleine
Tochter, war in ihrer frhen Jugend hingestorben. Eine Reihe von
Unglcksfllen waren dann gefolgt. Er hatte den Ozean zweimal berquert
und sich auf beiden Weltteilen umhergetrieben. Die Jahre hatten sich
whrend dieser Zeit gemehrt, und eines Tages war er mit seinem Gelde auf
dem Trockenen. Wer htte ihn da mit achtundsechzig Jahren in Dienst
genommen?

Das gab ein Murmeln der Verwunderung im Esaal, als man hrte, wie ein
wirklicher Herr den alten Bren Vater nannte. Geweint hatte der Alte
und abermals geweint, seinen Sohn heftig umarmt und sich an ihn
gehangen, als gelte es, ihn endgltig fremden, bengstigenden Gewalten
zu entreien. Er nhrte jetzt die heimliche Hoffnung, da sein Sohn ihn
aus dem verhaten Hause herausnehmen wrde. Beim ersten Wiedersehen
hatte er noch nicht gewagt, ihn darum zu bitten, aber heute war er dazu
fest entschlossen. Wie knnte er ihm das verweigern? Er brauchte ja so
wenig, ein kleines Zimmer, die notwendigsten Mbel und etwas ber
dreiig Franken im Monat. Das Taschengeld zu verdienen wrde er schon
eine Mglichkeit finden, indem er irgendwo arbeitete. Diese Hoffnung
nahm er zu der Begegnung mit.

In starker Gemtsbewegung stt er eine Tr auf und tritt in das
Grtchen der Schenke. Ob er schon da ist!? Er blickt die Lauben entlang.
Noch niemand! Er empfindet eine kleine Enttuschung, beruhigt sich aber
mit dem Gedanken, da es noch zeitig sei. Er setzt sich an einen Tisch
unter einer Laube. Man hat ihn nicht eintreten gesehen, und in seine
Gedanken vertieft, denkt er gar nicht daran, die Kellnerin zu rufen.
Wahrscheinlich hat er die Straenbahn bentzt und wird von dieser Seite
kommen, in diesem Augenblick denkt er an mich. Wenn er nur nicht gar zu
spt kommt! Der Alte beugt sich vor, um auszuschauen, er nimmt seinen
Brief heraus und liest ihn abermals. Ja, es stimmt: fr diesen Tag. Nun
meint er das Warten leichter ertragen zu knnen, wenn er etwas
inzwischen trinkt, und er klopft auf den Tisch, um auf sich aufmerksam
zu machen. Man hrt ihn nicht, und er wiederholt mehrmals seinen Ruf.
Die Magd erscheint endlich, und ihre Zge verhrten sich, als sie in ihm
einen Pfrndner erkennt. Diese Schelme haben keinen guten Ruf, sie
gelten als Trunkenbolde und schlechte Zahler. Aber sie sprt doch, da
dieser da sich von den anderen vorteilhaft unterscheidet, und sagt fast
besorgt:

Im Saal werden Sie besser dran sein, es wird gleich zu regnen
beginnen.

Da er aber hier warten will, um dann spter mit seinem Sohn allein zu
sein, lehnt er, ein Lcheln sich abringend, sanft ab. Er wre ja, wenn
es regnete, durch die Bltter geschtzt. Man msse ja auch Luft
schpfen. Er hat sich einen Schoppen bestellt. Es bleiben ihm noch acht
Sous von den zehn Franken, die ihm sein Sohn anllich seines ersten
Besuches gegeben hat. Er hatte einige Kleinigkeiten gekauft, auch ein
wenig Wsche. Der Rest reicht gerade noch fr diesen Schoppen. Sein Sohn
wrde ihm wohl noch etwas geben, und schon stellt er ein genaues
Inventar seiner Bedrfnisse auf, um die paar Franken, die er bekommen
wird, richtig zu verwenden. Er hat oft Leibschmerzen; eine flanellene
Bauchbinde wird er sich anschaffen.

Der Schoppen wurde ihm gebracht. Er schenkt sich den dicken Wein ein und
trinkt langsam. Es regnet immer noch nicht. Der Wind entfhrt die Wolken
ins Weite. Die drftigen Struche und Bsche winden sich unter seinen
Sten. Lrmend fhrt ein Karren vorbei. Der Kutscher lt zur
Zerstreuung die Peitsche knallen. In diesem Erdenwinkel ist das Leben ja
so eintnig. Regelmig zur selben Stunde verschlingen und speien drei
groe Fabriken ein freudloses Volk in farblosen Gewndern aus. In der
Ferne schlgt eine Turmuhr. Nicht weit dampft ein Dngerhaufen.

Der Alte wird schlielich unruhig. Wieder zieht er den Brief hervor. Es
war darin keine Stunde bestimmt. Zweimal schon ist die Kellnerin
gekommen. Das erstemal hatte sie gesagt: Ich dachte, Sie htten mich
gerufen. Das zweitemal verhehlte sie ihr Mitrauen gar nicht mehr. Er
verstand sie und bezahlte.

Er lt den Blick nicht von der Strae. Wenn er jemanden in der Ferne
sieht, beugt er sich vor und legt die Hand ber die Augen. Doch bald
wendet er, enttuscht von unbekannten Schritten, den Kopf. Die Zeit wird
immer schwerer lastend fhlbar.

Er bemerkt, da der grne Anstrich des Tisches, der an manchen Stellen
abgeschabt ist, eine merkwrdige Zeichnung bildet. Der Singsang eines
Hndlers, der Hasenhute feilbietet, entfhrt ihn weit weg, dann findet
er sich wieder auf die Erde zurck an den Tisch und in die gleiche
peinvolle Beunruhigung. Von Zeit zu Zeit trinkt er einen kleinen
Schluck, um sich das Warten zu erleichtern, macht lngere
Zwischenpausen. Um den Wein zu sparen, sagt er sich: Ich werde immer
erst trinken, sobald ich bis hundert gezhlt habe, und schlrfend trinkt
er dann nur einen ganz kleinen Schluck. Aber seine Gedanken nehmen ihn
wieder gefangen, und er trinkt und trinkt und vergit dabei seinen
Vorsatz. Erschrocken bemerkt er, da ihm nur noch ein kleiner Schluck
bleibt, und seine Traurigkeit steigert sich. Dieser Wein hatte bisher
seine Erwartung begleitet und die Zeit sein Aroma angenommen. Er fhlt,
da er viel verlassener sein wird, sobald diese Hilfe erschpft ist.
Neben einem leeren Glas wird jede Sekunde sich unendlich dehnen.

So gelobt er sich, den Rest erst zu trinken, wenn sein Sohn kommt.

Er frstelt. Gehen Sie hinein, um sich ein bichen zu erwrmen, ruft
ihm der Wirt zu, der eben durch den Garten geht.

Es geht schon an, mir ist nicht kalt, antwortet er.

Die Worte dieses Mannes, der ihn in seinem Warten strt, verursachen ihm
ein wirkliches Schmerzgefhl. Er kann es sich nicht erklren, aber es
ist ihm, als betrafen sie irgendwie seinen Sohn. Mit all seiner Kraft
will er ihn erwarten, ohne durch irgend etwas gehindert zu sein.

Die Zeit fliet hin, im Glase hat sich der Wein noch vermindert. Der
Wirt kommt vorbei und fragt dringend: Noch ein Schoppen gefllig?

Peinlich berhrt, wie es eben einer ist, der ein leeres Portemonnaie in
der Tasche hat, antwortet er. Eine groe Angst ist ber ihn gekommen.
Lange schon sitzt er so; der Rest des Weines gengt nicht mehr, seine
Gegenwart in der Laube zu rechtfertigen. Er sprte, da der ausgedehnte
Schoppen dieses wunderlichen Alten aus dem Brgerspital dem Wirt
Beunruhigung einzuflen beginnt.

Verlangte er ein neues Glas, so wrde dieser sich besnftigen und ihm
Aufschub gewhren. Ach Gott! Soll er sich eines bestellen, das sein Sohn
bezahlen mte? Nein! Etwas in ihm lehnt diese Mglichkeit ab. Zitternde
Ungeduld erfllt ihn.

Der Schank, ganz nahe hinter ihm, wird zu einem Ort voll Feindlichkeit.
Und die verdammte Strae, die ihm eigensinnig seinen geliebten Wanderer
vorenthlt! Als wollte er einen Widerstand besiegen, bohrt er seinen
Blick ins Weite, als wollte er die teure Erscheinung, die ohne Zweifel
weitab hinter dem Horizont auf dem Wege ist, zu sich herreien. Er gibt
sich nicht mehr geruhsam der Zeit hin. Er lehnt sich gegen jede einzelne
Minute auf. Seinen Willen mchte er ihr aufdrcken, ihren Lauf hemmen
oder beschleunigen. Mit der einen Hand mchte er gegen den Schank hin
ein Zeichen machen: Wartet es nur ab, beunruhigt euch nicht, mein Sohn
wird kommen; und mit der anderen mchte er eine groe Gebrde gegen den
Horizont vollfhren: So tummle dich doch, siehst du denn nicht, da ich
dein Kommen nicht mehr werde abwarten knnen!?

Immer noch nichts. Der Wind blst und fegt eine schmutzige Zeitung auf
die Strae hinaus.

Zwei Kutscher, die aus der Schenke kommen, werfen einen schiefen Blick
zu ihm herber in die Laube. Er schliet daraus, da man in der
Gaststube ber ihn bereits schwtzt. Die Kellnerin geht zweimal
sichtlich ohne Vorwand durch den Garten. Sie will ja gewi diesen armen
Alten nicht stren, den sie nur ganz harmlos bedrngt, da er ja
schlielich doch hier Gast ist; aber sie ist so auffllig bemht, ihn
nicht zu bemerken, um ihn nicht zu verletzen, da sie auf diese Art ihre
heimliche Befrchtung verrt. Da endlich entschliet sich der Alte zur
Auskunft:

Ich erwarte meinen Sohn, der sich mit mir hier verabredet hat.

Ach so, erwidert die Kellnerin.

Wir haben ja hier schon einmal zu Mittag gegessen. Vor zwei Monaten,
erinnern Sie sich, Sie hatten uns in den kleinen Saal gewiesen.

Nun ist alles Mitrauen geschwunden. Das Mdchen entsinnt sich.

Ja natrlich, ich sagte mir ja gleich, dieses Gesicht kenne ich. Sie
warten also auf Ihren Sohn. Da sollten Sie sich aber an den Ofen setzen,
es ist nicht warm hier drauen.

Mir ist nicht kalt, sagt der Alte, von Frost geschttelt.

Nun hat er einen neuen Aufschub, kann dableiben, ohne da man sich um
ihn kmmert. Aus einer alten abgebrauchten Brieftasche, in der sich
einige Reliquien von unschtzbarem Wert befinden, nimmt er eine
Photographie, dann eine andere . . . seine Augen beginnen zu trnen. Er
verschliet seine Tasche und steckt sie wieder zu sich. Rasch fllt die
Nacht nieder, der Schatten unter den Bschen wird dichter, die Luft
eisig. Wie schwarzes Gewsser breitet sich die Traurigkeit um den Alten.
Sie durchdringt ihn manchmal so sehr, da sie bis an sein Herz steigt
und es einen Augenblick berwltigt. Er pret seine Weste zusammen und
richtet sich auf, als mte er etwas Feindliches abwehren. Jemand eilt
dort auf der Strae hin, aber er wei wohl, es ist nicht fr ihn . . .
die Schritte gehen vorbei, ohne anzuhalten. Er faltet die Hnde am
Tisch. Auswendig sagt er den Brief wieder her, und das Fragment eines
Satzes: Falls nicht Unvorhergesehenes eintritt . . . lt ihn
innehalten und bleibt ihm vor Augen. Nun zweifelt er nicht mehr. Seit
langem ist er da, vielleicht schon seit Stunden, aber sein Sohn wird
nicht kommen. _Er wird nicht kommen._

Schon ziehen die Pfrndner heimwrts. Immer zahlreicher kommen sie an
dem Gitter vorbei. Einige haben ihn sogar bemerkt, ohne ihn, der sich
durch seine gewohnte Stumpfheit den Titel alter Br eingetragen hat,
anzureden!

_Er wird nicht mehr kommen!_ . . . Es ist gewi kein Vergngen fr einen
jungen Mann, seinen Vater im Greisenasyl zu besuchen, einen Vater, der
ihm viel bles angetan und den Namen, den auch er trgt, befleckt hat.
Aus Mitleid hatte er seinen Widerwillen bezwungen und war einmal
gekommen, ein armseliges einziges Mal. Er hat seine Gromut so weit
getrieben, einen zweiten Besuch in Aussicht zu stellen. Aber nun wei
der Alte, da es niemals dazu kommen wird, und mit einem Schlag wird ihm
das ganze Elend seines Lebens gegenwrtig. Er fhlt in der Brust eine
pltzliche Aufwallung, die sein Herz erschttert und bis zum Halse
aufsteigt und sein Gesicht verzerrt, ber das mit einemmal Trnen
hinrieseln.

Das kalte Na auf seinen Wangen versiegt, und mit geschlossenen Augen
sieht er die vergangenen Tage. In seinem Gedchtnis drngen sich mhelos
und wirr die Erinnerungen, und er berlt sich ihnen mit einer Art
schmerzlicher Wollust.

. . . Da stehen an einem Flurand schne Pappeln, die all ihre Bltter
im Winde regen, dann ist da pltzlich ein kleines blasses Mdchen in
einem Bett hingestreckt, die Hnde ber der Brust gefaltet. Und
flchtige Erinnerungen: Ein Fleck an einer Wand, das Bruchstck eines
einst vernommenen Gesprches, ein Keller, in dem man Gartengerte
einordnet, das schne Antlitz einer Frau, die still in einem Fenster
weint. Nun verdoppeln sich seine Trnen. In die Hnde verbirgt er sein
Antlitz und schluchzt laut in die Dmmerung, lange, lange. Allmhlich
besnftigt sich das Schluchzen. Seine Hnde sinken herab. Er ffnet die
Augen und erwacht in eine Welt, die alle Trauer auf sich genommen hat,
in eine Welt, die still ist wie die Entsagung. Er sieht ein Zimmer
wieder, mit seinen Mbeln, den glnzenden Parketten und den vom Mond
besplten Fensterscheiben, ein Zimmer, in dem er sich als Kind nachts so
sehr frchtete. Er hrt in blassen Nchten die Hhne krhen, und das
Weltall ist nur mehr Traum. In seinem kleinen Strohfauteuil sieht er
sich wieder, zur Stunde, da der Sonnenuntergang den ganzen Garten
belebte, sieht sich vor einem Fleckchen Sonne, das sich im Hintergrund
des Hhnerstalles versptet und das wehmtig in ihm Ritter und Knige
aus dem Orient und ganz versunkene Epochen wachruft. Verzweiflungsvolle
Visionen bedrcken ihn nun. Seine Trnen flieen von neuem. Er denkt an
den Rock, den er seinerzeit getragen -- -- -- im Krieg. Verzweiflung
lt ihn erbeben, wie er sich in Uniform sieht. Glckliche Zeit, wo die
Stunde des Niederganges noch nicht geschlagen hatte. Heute ist er von
aller Welt verlassen, selbst dieser Sohn, den er so sehr liebte, ist,
kaum wiedergefunden, aufs neue verloren. Kme er doch! Wie wrde er ihn
umarmen! Wie wrde er an seiner Schulter schluchzen! Ein Bild seines
Kummers malte er ihm und fnde so erschtternde Worte, da sein Kind ihm
in die Arme fallen wrde, um mit ihm zu weinen. Komm, mein Kleiner, o
komm doch! Er wei es ja, da er zu dieser Stunde nicht mehr kommen
wird, da er nicht mehr kommen kann. Er widersteht dieser grausamen
Wirklichkeit mit der erbitterten Leidenschaft eines Menschen, der eine
letzte Hoffnung hegt. Die unbeugsame Wirklichkeit wird immer fhlbarer.
Er besinnt sich auch, da er in den nchsten Tagen auf die bescheidenen
Vorteile verzichten mu, die ihm die zehn Franken seines Sohnes
gestattet hatten. Keinen Sous mehr in der Tasche! Verloren die Hoffnung,
dies dstere Haus jemals zu verlassen. Das Weltall zieht sich um ihn
zusammen, unerreichbar scheint ihm alles. Die Wesen strmen hin und her,
ohne einander zu kennen. Er errt, bis zur Verzweiflung getrieben, wie
unendlich fremd die Erde den Gestirnen ist. Er mag rufen, seinen Schmerz
hinausschreien, niemand wird ihn hren. Auf der einen Seite des Lebens
sind die Familien, die Freunde, die glcklichen Gefhrten, das ganze
frohlebige Dasein . . . auf der anderen Seite ist er allein: die Klte,
das dunkelste Elend, das Andenken seiner Mutter, die sanft war, lebhaft
stehen sie vor seinem Geist. Er hngt sich mit aller Kraft daran.
Stotternd murmelte er: Mutter, Mtterchen. Seine Kappe ist
herabgefallen, seine Haare verdecken die Augen. Er mchte in der sen
Erinnerung versinken oder ihr so viel Wirklichkeit einflen, da er ihr
ein heies Leben erweckte, das dem seinen gliche. Er denkt an zwei
kleine Flammen, die auf dem frisch entzndeten Dochte der Lampe hin und
her schieen, um einander zu erreichen und sich zu vereinen. Doch dem
Bemhen hingegeben, dies kostbare Bild zu verwirklichen, hat er die
Vorstellung, da die ferne Nacht mit Absicht schwiege und da seine
Gedanken in einen Trichter rinnen, der sie gnzlich aufsaugt. Die
Vorstellung an Tod und Einsamkeit bermannt ihn so sehr, da er in
angstvoller Trauer schauert.

Unwillkrlich streckt er die Arme aus.

Die Glocke des Asyls beginnt zu luten. Dreimal wird sie schlagen, dann
wird das Tor geschlossen werden. Die Nachzgler werden ausgesperrt sein.
Auf! Es mu wohl sein, da er geht. Er erhebt sich, zgert aber, seinen
Krper so geradeaus in die Verzweiflung zu tragen. Flchtig und scheu
verlt er den abscheulichen Garten, den die Nacht schon erfllt, und
biegt in den kleinen Pfad, der lngs der Baracken der Hadernsammler
hinfhrt. Die Nebelpfeife einer Fabrik zeigt an, da die Arbeiter die
Werksttten verlassen. Armselige Lichter leuchten da und dort lngs der
Ebene. Der Alte schreitet aus. Kaum, da er sich auf den Weg gemacht
hat, sprt er wieder den Schmerz im Bein, den er vergessen hatte. So
geht er in die Nacht hin, und seine Holzschuhe schleifen den dicken Kot
mit sich. Der Wind hat nachgelassen. Mit dumpfem Aufklang fallen groe
Regentropfen nieder. Er stt im Vorwrtsgehen an Steine und schluchzt.
Jedesmal, wenn er stolpert, richtet er Beschimpfungen gegen sich:
Krepier, alter Dummkopf, wer wird nach dir fragen? Krepiere, deine
Geschichte ist zu Ende, alter Lumpensack. Hast dein Leben lang nichts
als Bses vollbracht. Jetzt krepier, da man dich in dein Loch scharrt,
einsam, ohne Singsang. Ein Haufen Erde auf deinen Leib, das ist das
Beste, was du von nun an erhoffen darfst. Doch sein heftiges Schluchzen
straft seine Worte Lgen. Viele Fehler hat er zweifellos in seinem Leben
begangen, aber die Strafe nun empfindet er dennoch als zu hart, ihr
Ausma erdrckt ihn, und sein Kummer lst sich in neuerliches
Schluchzen, das ihn tief erschttert.

Nun hrt er den zweiten Ruf der Glocke. Eilt er jetzt nicht, so wird er
ausgesperrt, und er mu nun laufend das Haus erreichen, in das er, ach
so gerne, nie wieder zurckgekehrt wre.

Tod, heiliger Tod, willst du mich nicht erlsen?




                              VORAHNUNG


Mitten in der Nacht war er aufgestanden, die Stirne schweibedeckt, im
ganzen Krper schwere Mdigkeit. Mit offenen Augen starrte er ins
Dmmern der entsetzlichen Vision nach. Er hatte mit aller Kraft
versucht, seine Blicke auf die Gegenstnde zu heften, die das Dunkel
mehr ahnen als sehen lie, dann hatte er sich bis ber den Hals in die
Wrme des Bettes zurckgeflchtet, doch der hartnckige Traum hatte ihn
von neuem ergriffen.

Er war kein Dutzendmensch, er glaubte an so manches, und um flchtigste
Dinge stritt er mit Leidenschaft. Es gab Worte, die ihn berauschten; er
lchelte mit Behagen, wenn er sie aussprach. Man wute, da er sich mit
Ausdauer Arbeiten hingab, aber das Ziel seiner Bestrebungen und die
Ursache seiner Unruhe war den meisten Menschen unbekannt. Da ihm die
Gesetze der konomie fremd waren, verausgabte er sich ohne Rcksicht auf
Nutzen. Sein Leben verbrannte um nichts, aber es glich einer Kerze vor
heiligem Bildnis in nchtlicher Kirche, denn ein heimliches Feuer wohnte
in ihm.

Wie alltglich war er aufgestanden und hatte sich angekleidet. Er war
den gewohnten Gefhrten seines Lebens begegnet, und sein Mund war stumm,
seine Blicke waren nirgends haften geblieben. Er hatte ein Buch und dann
noch eines durchgeblttert, sich gesetzt und wieder erhoben. Zwanzigmal
hatte er vom Fenster die Strae oder den Himmel nach geheimem Rat
befragt. Immer noch beherrschten ihn bengstigende Bilder.

O Mutter! Welche dunkle verhngnisvolle Macht hat es gewollt, da du,
die du sanft, und ich, der so voll kindlicher Zrtlichkeit war, da wir
niemals Seite an Seite leben konnten. Oh, du weit nicht, wie gro meine
Verzweiflung war, wenn ich nach unseren beklagenswerten Zwistigkeiten
durch die Wand des Zimmers dein Weinen vernahm. Geliebte Mutter, schon
die Erinnerung an dein Antlitz lt mich Trnen vergieen. Ach, wenn du
doch um die Zhigkeit meiner Reue wtest, die Heftigkeit meines
Schmerzes, wenn ich deiner gedenke! Du bist auf Erden das einzige Wesen,
das ich liebte. Und niemals sagte ich es dir, vielleicht auch wirst du
es niemals wissen. Ach, warum? Warum nur! Oft denke ich daran, da ich
dich eines Tages verlieren mu. Ich sehe mich hinter deinen sterblichen
Resten schreiten, und solch eine Flle von Trauer drckt auf mich
nieder, da ich ganz mutlos werde. Wenn du gingest, ehe die letzten
Worte, die wir einander sagten, in der Wrme des Verzeihens auslschten,
wrde mein Schmerz zur Unertrglichkeit.

Aus unabweisbarem Verlangen, seine Unruhe zu berrennen, war er nach dem
Frhstck abgereist.

Ist Ihnen eine schlechte Nachricht zugekommen? hatte man ihn gefragt.
Nein, ich mu meine Mutter aufsuchen, es ist weiter nichts . . . eine
Familienangelegenheit.

                   *       *       *       *       *

Der Zug fuhr durch die Sptherbstlandschaft dahin, mitten durch tiefen
Schlaf, den er nicht aufstrte.

Es war schon lange her, da er im Vielerlei der Gerusche und Bewegungen
den Bahnhof verlassen hatte. Seine Aufregung hatte die Blicke der
Zurckbleibenden auf sich gelenkt. Doch ohne Eile und mit aller Kraft
hatte er sie mit sich gezogen, bis sie den Krper dem Zuge nachbogen und
sogar Trnen aus ihren Augen traten. Die Blicke waren pfeilgleich, wie
lange Fden aus gespanntem Bogen, durch die Luft gefolgt, bis sie einer
nach dem anderen zerrissen.

Ein wenig spter hatte das Lokomotivenungeheuer, frhlich pfeifend, die
offenen Felder erreicht.

Die Reisenden drngten die schon ferne Traurigkeit der Abfahrt in ihr
Gedchtnis zurck und musterten sich gegenseitig. Irgendwelche
Betrachtungen, Dank und Entschuldigung wechselnd, streckten sie ihre
Worte wie Hnde einander entgegen. Die Reisenden, die noch eine weite
Fahrt vor sich hatten und die ganze Nacht im Abteil verbringen muten,
nisteten sich sorgsam ein, standen auf, ffneten Taschen und vernderten
unaufhrlich ihre Lage.

Die Gesprche waren rasch verflattert, hatten sich schlielich auf zwei
oder drei Reisende beschrnkt, einige Worte waren noch durch die Tr
entflogen, dann war nichts mehr hrbar, als das Hineilen des Zuges,
Pfeifen, der Lrm der Rder, des Puffers, der Achsen und Bremsen.

Mnner und Frauen schlummerten in der drckenden Schwle des Abteils.

                   *       *       *       *       *

Er war es, der seine Worte sparte und seine ganze Aufmerksamkeit der
Landschaft zuwandte, wie sie ihm der dahineilende, in den Stationen nur
atemholende Zug aufrollte.

Der Strahl des Sonnenunterganges vernderte alle Dinge, als sein Auge
wieder die kleine Haltestelle wahrnahm, die in der Landschaft verloren
dalag. Gewhnlich kam man nicht mit diesem Zuge, man zog den rascheren
Abendzug vor.

Niemand auer ihm stieg aus, niemand stieg ein. Aus den Tren beugten
sich neugierig einige Kpfe vor, wenige Schritte weit trug er noch die
Erinnerung der Gesichter mit, denen sein Blick begegnet war.

Keinerlei Gefhrt wartete am Ausgang. So hatte er denn eine gute
Wegstunde vor sich. Er schlo die Augen und sog diese reine Luft ein,
die ihm nun wiedergegeben war. Vorwrts also! Er machte sich auf den
Weg.

Die letzte Abendrte des Himmels kmpfte gegen groe Massen violetten
Dunkels. Ein rosiges, hinsterbendes Licht frbte die Straen, die
Wiesen, die aufgepflgten cker und die abgemhten Felder. Die
Landstrae ging bergab, bergan.

Er war bisher gegangen, ohne rings etwas zu sehen, bis die Abendfrische
ihn frsteln machte und er seine Augen hob, um sie selbstttig
umherschweifen zu lassen. Rasch gab er ihrer Neugier nach. Er stand an
der Flanke eines Hgels, der ein Tal berragte. In der Ebene unten sah
er am Rande eines gelbgoldigen Flubettes einen Maierhof mit seinen
Nebengebuden. Ein fast unsichtbarer Rauch stieg langsam gegen den
Himmel, der nun in blassem Blau schimmerte; eine kaum fhlbare Brise
hatte die Wolken hinweggefegt.

Er war ergriffen. Soweit Auge und Ohr reichen konnten, stieg etwas
Lchelndes und Friedliches mit dem durchsichtigen Rauch hinan -- stieg
-- denn es war nichts Bewegungsloses, wie etwa eine lastende Ruhe auf
der Erde, sondern ein Lebendiges, ein Lebhaftes und Strahlendes, das an
eine sehr langsame und feiervolle Himmelfahrt gemahnte. Das ganze
Weltall war nur mehr ein wohl angemessener Rahmen um dieses Schauspiel,
und die Bume, die in ihre Bltter eingenistet waren, schienen eine
Freude, uralt und unergrndlich wie die Welt selbst, in sich zu wahren.

Er setzte sich auf die Bschung, pflckte ein Gras und kaute daran. Dann
glaubte er das Gerusch eines Wagens zu vernehmen und erhob sich.

Er durchquerte einen kleinen Fichtenwald, der so dunkel war, da er
unwillkrlich seine Hnde aus der Tasche zog. Er drehte den Kopf nach
rechts und nach links. Er lebte mit einemmal in einer Art Exze im
Innersten seines Ichs. Einmal wandte er sich aufmerksam, horchte auf und
ward lebhaft bewegt. Er hatte schon den Wald verlassen, als er, die
Augen aufschlagend, auf dem Gipfel einer kahlen Erhhung einen Baum
entdeckte, einsam und riesenhaft, der sich sehr stark von jenem Teil des
Himmels abhob, wo die letzten Strahlen der Sonne verdmmerten, und der
wie in tragischer Geste seine Zweige in alle Richtungen warf. Ein
unangenehmer Eindruck machte sich ihm fhlbar, und er sah die
nchtlichen Bilder wieder. Gelesenes, das von Vorahnungen handelte, die
spter die Tatsachen besttigten und die ihm nichtssagend erschienen
waren, gingen ihm aufs neue durch den Kopf. Sein Urteilsvermgen
beschftigte sich nicht mit diesen Geschichten, sein Verstand hatte
nichts brig fr sie. Wenn sie auch pltzlich an der Oberflche seiner
Erinnerungen erschienen, er schenkte ihnen deshalb nicht mehr
Aufmerksamkeit. Aber hinter den Gedanken, die in seiner Stirn lebten,
nahe den Augen oder ferner, vielleicht viel ferner, meinte er unklar das
Vorhandensein einer drckenden Erinnerung zu spren.

Die Nacht war herabgesunken. Er schritt hin und dachte dabei, da der
Mensch im Dmmern beseelter sei. Ein Gefhl voll Ernst und Tiefe erregte
ihn. Er fhlte sich einer Majestt zugehrig, die er sich fortan zu
wahren versprach. Er bedauerte, so oft knabenhaft, ja selbst frivol
gewesen zu sein. Wie hatte er sich doch diesen schalen Vergngungen
hingeben knnen! Er dachte mit Verachtung und Unbehagen an diese
fraglichen Gefhrten seiner Zerstreuungen.

Nun nherte er sich. Hier war es, wo er im dichten Gras, unweit des
Grenzsteines, auf den er sich, um zu lesen, gesetzt, eine kleine Schere
verloren hatte, ein Andenken, das ihm lieb war, und whrend er so
hinging, forschte er das Dunkel ab. Das Glockengelute kam bis zu ihm
heran. Er erbebte: schon so nahe war er! Da hatte er Angst, und seine
Brust schnrte sich zusammen. Er horchte erschrocken. Ein Begrbnis oder
eine Hochzeit? Wer kann das unterscheiden! Als er klein war, hatte er,
zum Fenster hinausgelehnt, oft diesen Glocken gelauscht. Er war nur Kind
gewesen, und schon hatte Unzufriedenheit in seinem Gemt gewohnt. Die
Stirn an die Scheiben gepret, hatte er bei Einbruch der Nacht die
Bume, hauptschlich jene Akazie betrachtet, die sie alle berragte. Die
Grten waren voller Schatten gewesen, und wenn er die Augen hob, hatte
er die Unendlichkeit grenzenlos vor sich herfliehen gefhlt. Anders als
mit dem Gedanken htte er diesen Raum fllen wollen, ber den Hgeln
schweben mgen, um fr immer sein Leben jenem Zentrum des Weltalls zu
verschwistern, das seine Augen und sein Instinkt da oben im funkelnden
Himmel errichtet hatten. Er hatte vor Traurigkeit gefroren, ein so
Geringes gegenber dem Groen zu sein, das er ahnte. Seine Mutter hatte
ihn dann gerufen: diese gtige Lampe, die willkommenbietende, der
Anblick der vertrauten Mbel beschwichtigten bald in ihm die Bedrckung,
die die Weite und der Abend ausgestrmt.

Seither hatte er den Vorsatz und dann die Gewohnheit angenommen, sich
zwecklose Betrachtungen zu untersagen. Die Stadtglocken beunruhigten ihn
lngst nicht mehr, und er verhhnte bse jede romantische Schwermut.
Wenn es ihm dennoch manches Abends widerfuhr, unbeweglich im Dunkel am
Fenster zu sitzen, bis er allmhlich alle Erdenschwere verlor, so
geschah dies in einer fortgesetzten Steigerung seiner Seele nach oben,
in einem Aufschwellen seines ganzen Wesens, das nach jeder Rckkehr in
sich selbst die Flle der Gegenwart wieder entdeckte.

Vor ihm strahlten Lichter auf. Dies war der Marktflecken, den seine
Mutter bewohnte. Von seiner Hhe berragte er ein ganzes Gebiet von
Ebenen, Flssen und weien Landstraen. Die Huser wuchsen mit dem
Felsen zusammen, der sie trug. Die Kirche war ganz oben, Gott so nahe
als mglich.

Er kam durch einen Garten, wo Wsche aufgehngt war. Die Unzahl der
Sterne machte den Schatten durchscheinend, und man sah, wie die
Grashalme sich regten. Er vernahm ein Gerusch. Ein ihm unbekannter Hund
sprang aus seiner Htte, schnupperte an ihm, ohne zu bellen. Eine groe
Angst bermannte ihn. Mit jedem Blick in diesen Garten, der ihm so
vertraut gewesen, lchelte ihm eine Erinnerung, die in seinem Gedchtnis
schlummerte. Die Dinge schienen ihm da so voll von einem verborgenen,
fremdartigen Leben, das er nie vermutet hatte. Er hielt inne, und
sogleich ward er der unendlichen Stille der Nacht in all ihrer Gre
bewut. Ja, vielleicht war es die Gewalt dieser Ruhe gewesen, die seinen
Schritten Einhalt geboten. Lange sog er den Duft ein, dem die Khle der
Stunde eine unirdische Reinheit verlieh.

Als er die Hand auf die Trklinke legte, kam wieder alle Angst ber ihn.
Irgend etwas ging fr ihn von dieser Tr aus, eine Art feindseliger
Gegenwart. Er ffnete die Tr, durchschritt den von einer Petroleumlampe
erhellten Gang und stieg die Treppe hinan. Der staubige Althusergeruch
erweckte manche Erinnerung in ihm. Vom ersten Stock vernahm er
Kinderlachen, und er blieb stehen, weniger um zu horchen, als um einen
Augenblick noch zu zgern. Sein Herz schlug sehr stark, und eine
pltzliche Mdigkeit machte seine Knie zittern. Aus Furcht, berrascht
zu werden, schritt er weiter. Die zweite und letzte Lampe des
Stiegenhauses ward sichtbar. Da sie qualmte, drehte er sie herunter. Bei
jedem Schritt wurden ihm die Schuhe schwerer. Er blieb oft stehen und
sah, die Hand auf dem Gitter, in den Schacht der Treppe oder in sich
selbst hinab. Wieder durchlebte er seinen nchtlichen Traum, der gewi
tragischer war als alle Wirklichkeit. Sicherlich hatte er noch groe
Angst vor dem, was er gesehen hatte, aber bald hatte er sich wieder in
der Gewalt; und wenn er es ersehnt hatte, seine Mutter zu sehen, so
geschah das aus Grnden, die schlielich mit jener nchtlichen Episode
nichts zu tun hatten. Eine Gewiheit wrgte ihn jetzt. Er wrde eine
bedrckende Nachricht vernehmen. Aber was? . . . Was? . . . Oh, was denn
nur?

Aber dies geruhsame Haus, in dem gelacht wurde, schien kein solches
Drama erlebt zu haben. War indes dieser Friede, einzig von der
Unterhaltung der Kinder unterbrochen, nicht ein neuer Beweis? Er stellte
sich in diesem Augenblick die Wohnung seiner Mutter vor. Fremde gingen
von einem Zimmer ins andere und sprachen mit gedmpften Stimmen. Von
neuem erschien ihm ein qulendes Bild. Auf den Fuspitzen stieg er die
letzten Stufen empor. Er horchte, an die Tr gedrngt; unten ging wieder
das Lachen an. Seine Brust war ihm wie in zu enger Kleidung
eingeschnrt, sein Hals, wie umdrosselt, tat ihm weh. Er strich ber die
Tr hin, denn es war eher ein Streichen als ein Klopfen und ein so
leises, da kaum die ngstliche Schwinge eines Vgelchens davor
erschrocken wre. Er wartete. Nichts. Er war darber froh, bedeutete es
doch eine Gnadenfrist. Da er nun alles erfahren wrde, hatte er keine
Eile. Er atmete leise, mit Methode und besonderem Genu, so wie man
etwas kostet, das man liebt. Es war finster, aber wenn er den Blick hob,
sah er durch eine Scheibe ein groes Stck gestirnten Himmels und
erkannte das Sternbild der Kassiopeia. Wie Wasser vom Springbrunnen fiel
die unendliche Stille von den vier Tren des Flures, und er blieb
unbeweglich stehen, ber sich das Raunen nchtlicher Mchte. Er wute
wohl, da man sein Klopfen nicht gehrt haben konnte, aber er wartete
noch, um die Zeit, da noch Zweifel gestattet war, auszudehnen. Dies
dauerte kaum einige Sekunden. Nun klopfte er entschlossen und erschrak
ber das Gerusch. Da rhrte es sich, man kam. Die Tr wurde geffnet,
und ein groes Viereck von Licht fiel in das Dunkel. Seine Mutter stand
vor ihm. Er zitterte vor Staunen und konnte kein Wort hervorbringen.

Du bist es! sagte sie mit leisem Zurckweichen. Und als er mit
gesenktem Kopf verharrte: So tritt doch ein.

Sie hatten kaum zwanzig Worte miteinander gewechselt.

Seine Mutter hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen und nhte unter der
Lampe. Sie beobachtete eine scheue Zurckhaltung und wartete auf die
Worte, die er hartnckig unterdrckte, wie man auf einen Chok wartet.
Und sie sammelte ihre Gedanken zum Widerstand.

Er sa abseits vom Tische. Die Lampe, deren ttenfrmiger Schirm das
Licht dmpfte, beleuchtete nur seine Hnde und Knie. Sein ganzer
Oberkrper verlor sich im Dunkel, das der unsichtbare Plafond nicht
aufhielt. Und fr Augenblicke floh er in dies Dunkel so tief und lange
hinein, da das Zurckfinden in dies Zimmer, in dem er sa, und vor
diese Dinge, in die Wirklichkeit dieser Lampe, fr ihn das Erlebnis
einer tatschlichen Rckkehr bedeutete. Seine Mutter war da. Er konnte
ihr stilles Antlitz betrachten, ihre schnen grauen Haare, ihre hellen
Augen, die unmittelbar ihre ganze Seele ausdrckten. Von der Lampe
strahlte eine stille Glckseligkeit aus, und wenn er den Blick ihr
zuwandte, war er von einem unvergleichlichen Wohlsein umfangen. Er
rekelte sich vor Zufriedenheit. Im Geist sah er die Gesichter seiner
Freunde. Nie hatte er sie so geliebt. Er lchelte ihnen zu, als ob sie
gegenwrtig wren. Wie freudig htte er jenem, der ihm so viel bles
angetan, jetzt einen festen verzeihenden Hndedruck gespendet. Sein
ganzes Wesen zerschmolz im Verlangen, gut zu sein.

Er hatte einen lcherlichen Traum gehabt. Seine Mutter! Seine gute
Mutter, die er so sehr liebte! Er konnte sich nicht satt sehen an ihr.
Selbstschtig geno er seine unbegrndete Angst. Er schob den Augenblick
des Gefhlsergusses hinaus, ja, er bedurfte nicht mehr dieser Entladung.

Nur mit den Lippen antwortete er auf die Fragen, die ihm seine Mutter
stellte, ohne da hinter seinen Worten sein heimlicher Gedankengang
unterbrochen wurde.

Aber einen Augenblick schwieg er so andauernd, da seine Mutter ihn
ansah. Und da er seiner Trnen sich nicht mehr enthalten konnte, da ein
unberwindliches Schluchzen seinen Hals aufschwellte, streckte seine
Mutter ihm die Arme entgegen: Lieber Junge! Dir ist vergeben, weil du
heimgekehrt bist.

Und er verschwieg seinen Traum.




                               ABSCHIED


Er ffnete vorsichtig das Gitter und betrat den Park. Unbeweglich
leuchtete das Laubwerk im Mondlicht. Alle Dinge waren in Traum entrckt,
der Wirklichkeit beraubt. Und der Kronlster des Himmels trug auf seinen
tausend Armen so viele helle Flammen, da der junge Mann, als er den
Kopf hob, ihn wieder demtig senkte, so sehr berwltigte ihn das Licht.
Nichts gemahnte an die Menschen. Der Weltenraum hatte selbst die
Erinnerung an sie verloren. Sie waren in die Geschichte zurckgesunken,
aber in der Stille sprte man dennoch etwas von ihrem Schlummer, der
nicht grundlos sich durch ihren versiegelten Mund und ihre ruhenden
Krper kundtat.

Der nchtliche Besucher ahnte irgendwie, da dieser Stunde nichts
Krperliches gestattet war. Seine Gegenwart in ihr hatte etwas
Unerlaubtes, das ihn seltsam wach hielt. Als einziges Lebewesen mit
offenen Augen in solchem Erdenwinkel, fhlte er sich in dieser
unendlichen Nacht hellsichtig und so unruhig, wie wenn man Verrat bt an
einer Versprechung. Er war sicher, irgendeine Majestt zu verletzen und
mit seinen unwrdigen Schritten eine heilige Sttte gestrt zu haben,
ber der ein Verbot schwebte.

Aber die Bewegung, die sich in ihm regte, hie ihn alles fr das Wunder
dieser Stunde einsetzen.

Er erreichte die ihm so wohlbekannte kleine Allee, die, von Taxus mehr
als mannshoch eingerahmt, ins Dunkel mndete.

Die Erde war weich, und seine Schritte verursachten keinerlei Gerusch.
Durch das Dickicht erblickte er eine Lrche, schwarz gegen den Rasen
gestellt, ihr Wipfel schimmerte silbern im Mondlicht. Sie war
unbeweglich, als htte sie endlich das vollkommenste Gleichgewicht
erreicht, das sie so lange im Hin- und Herwiegen gesucht.

Das Haus stand wie ein schweres Schiff in die Stille verankert. Rings
kein Mensch. Der ganze Park, die Wlder, die Ebenen in der Ferne, der
leuchtende Himmel, sie alle erschpften sich in einer unbersteiglichen
Trauer um ein fernes Wesen. Er setzte sich auf die Bank in der
verschatteten Allee. Eine groe Rasenflche trennte ihn von dem
mondbeschienenen Haus. Alle Lden waren geschlossen. Die Glasscheiben
der Tren leuchteten durch die Eisenstbe. Die Schornsteine gaben keinen
Hauch mehr.

Warum war sie noch nicht da? War sie inmitten ihrer Trume
eingeschlummert? (Eine Redewendung, die ihm lieb war, entstieg dem
Halbdunkel seines Erinnerns.)

   Wie ein Snger in unsagbarer Schwermut,
   Inmitten seiner Lieder, den Trnen erlag.

Auf dem sehr dunklen Weg, der den See umsumte, bemerkte er das
Phosphoreszieren eines toten Fisches, und seine Gedanken nahmen eine
andere Richtung.

Die groe Stille der Nacht wirkte immer weiter, als gebre sie sich
endlos aus sich selbst.

Warum, warum kam sie noch nicht? Seit dem Vorabend waffnete er
angesichts des Ereignisses seinen ganzen Wortschatz. Nun begann dieses
Warten seine Vorbereitungen zu zerstren. Durch das hufige Wiederholen
der Worte, die er sich zu sagen vorgenommen, verwirrten sie sich
allmhlich, und schon zweifelte er an ihrer Wirksamkeit. Wie um ihr
Kommen herbeizuzwingen, erhob er sich ungeduldig, machte zwei Schritte
und lie sich auf die Bank zurckfallen. Er litt. So wrde er also nicht
mehr genug Zeit haben, um mit Mue diesen letzten Abschied zu genieen,
nicht mehr genug Augenblicke an ihrer Seite verbringen. Es verlangte
ihn, sie noch sehr lange anzusehen. Und wie viel hatten sie einander
noch anzuvertrauen! Wer wei, was er noch alles hren, welche
einzigartigen Augenblicke er noch erleben wrde! Nun wute er kaum,
warum er sich zu reisen entschlossen hatte. Je mehr die Lsung
herannahte, desto mehr verwunderte er sich, sie erwnscht zu haben und
da er selbst es gewesen, der mit Geschick ihre Notwendigkeit erwies.
Wie leicht war ihm der Sieg geworden! Nun folterten ihn wirre Wnsche.
Ehe er ging, wollte er wissen, ob denn wirklich im Grunde ihrer Seele
Bedauern war. Ein letztes Mal noch konnten sie einander ihre geheimsten
Gedanken ausliefern. Sie wrden beide vlliges Reinemachen in ihren
Seelen halten. Natrlich war dies nur eine Genugtuung, die er sich
verschaffen wollte, das Ergebnis einer dunklen Unruhe, die in ihm
whlte. Denn nichts mehr konnte ihn hindern abzureisen. Das Boot, das
ihn entfhren sollte, lag unweit verankert. Der Atem des Meeres flog bis
zu ihm heran, die Seeluft salzte seine Lippen. Wenn die Nacht sich ber
einen neuen Tag gesenkt hat, wird er schon weit weg und alles zu Ende
sein. Seine dunkelsten Gedanken werden ihm wiederkehren, und von neuem
wird er diesen groen Ekel empfinden, der ihm so wohlbekannt ist. Er
wird es verwnschen, der Einsame zu sein, der, dem huslichen Leben
feind, sein hchstes Vergngen darin findet, immer wieder kaum
genossenen Wonnen zu entfliehen. Wie ein Schleier wird die Traurigkeit
hinter ihm herwehen, dann aber werden erlebnisreiche Tage folgen. Er war
im Vergessen erfahren. Diesmal zwar hatte es ihn tief gepackt. Aber die
Reise forderte ihr Recht. Diese Frau und der Ort hatten alles gegeben,
er selbst alles genommen und selbst alles gegeben. Andere Tage, andere
Geschehnisse warteten nun seiner. Wie in frher Zeit wrde er an sich
und die Dinge denken knnen, frei ohne Bindung, allen Zufllen bereit,
andere Stdte, andere Lnder, andere Wesen schauen. Er wird den Klang
neuer Stimmen kennen lernen. Da er nirgendwo von irgend jemandem
erwartet wurde und an nichts gefesselt war, durfte er sich
hoffnungsfreudig fr alles erwrmen, aller Gemeinsamkeit und allem
Gefhlsberschwang sich erschlieen, grenzenlos sich von neuen Wnschen
treiben lassen.

Und die Vielfalt des Universums kreiste hinter seiner Stirn.

Ein Teil seines Selbst war in diesem Hause gefangen. Er wrde es
befreien und singend von dannen ziehen. Er hatte rasch das Sklaventum
der Gewohnheit durchschaut, aber sich feige abgekehrt vor all dem, was
er zerstren mute, um sich zu befreien. Eines Tages schlielich hatte
er sich gesagt: Was tue ich hier? Wie hat sich dies begeben? Er
verstand, da er hier die Freude und ihre Hilfsquelle erschpft hatte.
Er blieb aus Lssigkeit, wie einer, der unbeweglich auf dem Platze
verharrt, zu dem ihn irgendein Antrieb versetzt hat. Da er von den
Renten der Leidenschaft lebte, erwartete er nur mehr Zahltage. Es ist
gut, da ich reise, spottete er. Ich bin ja frei, ich habe nichts
versprochen, ich habe keine Schwre getauscht. Diesen Gedanken hielt er
fest, er erleichterte ihn. Wahrhaftig, wir haben einander nicht das
geringste Versprechen gegeben. Vom ersten Tage an mute sie diese
Lsung vorausgesehen haben. Auerdem hat sie die Notwendigkeit der
Trennung begriffen, sie ohne den geringsten Vorwurf entgegengenommen.

Wenn er an die Zukunft dachte, an all das, was ihm noch bereitet war und
was er noch nicht besessen, litt er vor ungeduldiger Erwartung. Er
dehnte sich ins Unbekannte hin. Diese unausgesetzte Spannung und dunkle
Anziehung war ein Teil seines Wesens. Niemals war er ganz in der
Wirklichkeit der Dinge, aus denen sich sein gegenwrtiges Leben
zusammensetzte. Selbst wenn er mit anderen Menschen sprach oder Taten
vollbrachte, die scheinbar die ganze Aufmerksamkeit seines Geistes
beanspruchten, lie er den grten Teil seines Wesens anderswo
umherschweifen. Er redete Worte, indes seine Augen sorgsam das Antlitz
des Fragenden musterten, und zu gleicher Zeit entfhrte sein Geist ihn
zu anderen Visionen.

Zuweilen wurde dies Bedrfnis, seinem inneren Ruf zu folgen, so
unwiderstehlich, da er sich tatschlich ganz allmhlich von dem Ort
entfernte, den sein Krper eben einnahm. Sein Partner, der gewahrte, da
ihm nicht mehr zugehrt wurde, stellte das Sprechen ein. Erst viel
spter bemerkte er selbst das Schweigen.

Er schien nur in der Erinnerung oder Vorausahnung zu leben. Seine
Gegenwrtigkeit, seine lebendige Seele zauberte sich ein lautlos durch
nchtliche Landschaft dahinsegelndes Fahrzeug vor, dessen Fahrgste alle
in Trumen lagen.

Er wute, da er sich niemals irgendwo wrde festsetzen knnen. Sein
Geist hatte eines Tages einen Traum begonnen, den er nicht zu Ende
fhren sollte. Von Zeit zu Zeit wrde er innehalten, um ihm
nachzusinnen, zu kurzem Ausruhen die Augen aufschlagen und dann wieder
wie von der Strmung eines Flusses erfat und hinweggetragen sein.
Mchte seines inneren Menschen hatten ihn immer gehindert, sein ganzes
Wesen hinzugeben. Ein Teil seiner Persnlichkeit blieb der Mitteilung
verschlossen. Niemals wrde ihn jemand kennen lernen, wie er war. Ja
selbst neben jener, die er so sehr geliebt, hatte er im berschwang der
Hingabe, gleichzeitig mit dem groen Wunsch, sich in ein anderes Wesen
zu versenken, in Augenblicken strmischster Leidenschaft empfunden, da
ein Teil seines Selbst stumm und kraftlos verharrte und gleichsam seinem
Abenteuer fremd blieb. Kein Mensch, den er gekannt und mit dem er
verkehrt hatte, konnte die Schwelle seiner Seele bertreten. Der
Mittelpunkt seines Wesens lebte geheimnisvoll in dunklen Tiefen. Er
schwor oft jene Zone ttigen Lebens herbei, die er selbst kaum kannte
und in der sich ein wundersames Leben entwickelte.

Er betrachtete das Haus, nichts regte sich. Wieder nahmen ihn seine
Gedanken gefangen.

Vorhin hatte er ein wenig Trauer, ein unbestimmtes Bedauern empfunden.
Jetzt frohlockte er, und Trunkenheit begeisterte ihn. Dies ganze Leben,
das noch nicht niedergeschrieben ist! dachte er. Bewegung, Zeit, die
sich verflchtigt, alle Dinge wandelnd, Glck, ein Mensch zu sein,
rastlos durcharbeitet, ein Mensch, dem jeder Tag etwas nimmt und
beschert! O Baum, der nicht endet im Wachstum, o Buch, in dessen
zahlreichen Kapiteln endlos die Lsung hinausgeschoben ist. Nichts
Abgeschlossenes bin ich, wie ein Kadaver, der zu letzten Grenzen
gelangte. Zwischen meinem lebendigen Sein und den Gefilden, in denen
sich mein eigenes Drama abspielt, hrt der Zusammenhang nicht auf. Wie
ein Quell eng von Pflanzen umschlossen, sprudle ich zwischen den
Menschen. Ich setze mich mit jener eigensinnigen Regelmigkeit
kraftvoller Meteore fort. Der kommende Tag ist mir immer ein Fenster,
das sich leis auf Tler ffnet, eine Tre, die sich auf- und zutut, um
einen Lichtstrahl einzulassen, den die Augen der Menschen noch nicht
geschaut haben.

Mge der Atem des Weltalls ohne Unterla meine Einsamkeit umflgeln.
Peitscht mich, ihr groen Strme! Nichts wird jemals stark genug sein,
in ein Zimmer mich zu sperren und ber mich den Deckel fallen zu lassen.
Ich bin die Spule, die einen Faden nhrt, der endlos sich abwickelt.

Selbst mein Schlaf, in dem farbige Lichtbilder kreisen, ist nur Anschein
der Ruhe.

Brenne du mein Leben! Steile und klare Flamme du, sei um sich greifendes
Feuer! Strke, Kraft du, ganz bereit, sich auszugeben, Ungeduld zu
leben, all die Jugend, all dieser Schwung, fr einen Krper, der zu
klein ist, all dies zu fassen!

Wie langsam doch alles hinlebt und wie langmtig die Folgen aller Dinge
sind. Wie doch der Weg zu dem, was verheien, voll Schlaftrunkenheit
ist! Alles verwirklicht sich so langsam, da die Bewegung selbst
unsichtbar wird, und das ganze Universum fr Augenblicke eine
bewegungslose Ausdehnung zu sein scheint. Hatte er nicht zuweilen das
mchtige Verlangen, den Gesetzen dieses Wachstums zu entrinnen, sich
durch seine Maschen zu winden, die Zeit zu berschreiten, mit einem
Schlage die ganze Wirksamkeit zu erschpfen, das ganze Kapital zu
realisieren? Oh, nicht mehr von einem Tag zum andern bergehen in
weichlichem Hinausschieben und Hindehnen, sondern pltzlich sein,
aufrecht und bereit, ein Mensch, der neu aus sich selbst hervorsprudelt.

Aus dem Herzen der reglosen Nacht sandte mit einemmal der nchtliche
Snger, wie zum Vorspiel, einige Rufe.

In der Seele des Menschen, der sich da befand, tat sich eine weite
Stille auf. Das Ohr in das Dunkel gewandt, sich seiner ganz zu erlaben,
horchte er dem wunderbaren Gesang. Der Vogel lie einige Noten fallen
und hielt inne, bald drngten sich die Tne und reihten sich nun ohne
Unterbrechung aneinander. Sie waren voll und wohlklingend, und der ganze
Park schwelgte mit ihnen. Aus dem Dunkel stieg der Sang gegen die Helle,
und die groe Stille der Nacht tauchte ringsum alles in Reinheit. Das
pathetische Schluchzen stieg von den Bumen, der Erde, von den Wassern
auf. Es wute um die Mrchentrume, die Wassertiefe, die Macht der
Sfte. Alle Bltter zitterten darauf, es zu hren, aus der heien Erde
strmte es in die Sommernacht, drang lngs der verzweigten ste hinauf,
entri alle Pflanzen ihrer Schlaftrunkenheit, nhrte sich von ihrem
Mark, um dann rasch und stark, wie die groen Wasserflle, in einem Satz
die khnen Wipfel der hchsten Pappeln zu berspringen, in den heiteren
Hhen des erleuchteten Himmels sich zu verlieren.

Die Seele des jungen Menschen weitete sich mchtig. Er wuchs in seinen
Tiefen. Mhelos verbreitete er sich in alle niederen Rume seines
Wesens. Sein Herz in der geweiteten Brust nhrte sich von einem
strahlenden und herrlichen Leben. Unaufhrlich rieselte die Klage des
verzweifelten Vogels hin. Sie ragte einsam in die Welt. Und der Mann,
feuchten Auges im Dunkel verloren, erlebte sie, als brchte er selbst
sie hervor. Ihm entstrmte der Sang, und besser als irgend Worte,
drckte er die Heftigkeit seiner allzu geliebten Trauer aus. Die Tne
quollen bald scharf, bald dumpf, und seine pltzliche Verzweiflung
vereinte sich ganz mit ihrem Wellengang. Er sah nach rckwrts gebogen
die Perlenreihe der Tne endlos gegen die leuchtende Wolke aufsteigen.

Sang, o Sang, deine unendliche Schwermut erreicht die des traurigen
Mondes und vermhlt sich ihr in Trnen. Ich belaste dich mit meinem
unwahrscheinlichen Schmerz, mit meinen unauslschlichen Wnschen und
jenem unsterblichen Durst, der mich verzehrt. uerster Teil meines
Selbst, wie der bebende Stengel eines Kelches bist du, der meine
verzweifelt trunkene Seele der den Unendlichkeit hinopfert. Steige,
steig an! Hher noch! Verschtte weithin diesen Kelch, und mge dein
bitterer Regen ber die ganze Erde fallen. Blhe zornvoll deinen Hals,
du dunkler Snger, und la deinen Hauch nicht verklingen. Schon nhern
aus dem Innern der Zimmer sich den Fenstern blasse Gesichter. Mnner
kommen, ihre Unruhe in deinem Sang zu khlen und von ihm Erleichterung
zu erbitten.

In dem auergewhnlichen Frieden dieser Stunde ertnten immer wieder die
Triller, und der Gesang erreichte schmerzvolle Flle und Macht. Der
Mann, der ihm lauschte, fhlte sich durch ihn fr Augenblicke wie
emporgehoben, auf Gipfel entfhrt und sanft in den Hhen gewiegt. Ganz
seiner Verzckung hingegeben, sah er nicht mehr nach dem Hause, bis ein
leises Gerusch ihn erbeben lie. Die Lden der Tr ffneten sich
langsam, und eine Frau erschien im vollen Licht. Er stand auf, sein Herz
schlug schnell. Es war das letzte Mal! Damit sie ihn she, trat er aus
dem Dunkel. Ihn bemerkend, berquerte sie laufend, vorgeschnellt wie ein
Segel, die groe Rasenflche.

Er empfing sie in seinen Armen, die sich unwillkrlich geffnet hatten.
Auf der Bank sitzend, hielten sie sich in langem Schweigen eng
aneinandergepret. ber ihre stummen Lippen hinweg vereinigte sich im
Dunkeln ihr Geist. In der Majestt einer groen Andacht fhlten sie, wie
das gelebte Leben zu ihnen zurckkehrte. Sie erahnten darin selbst den
Augenblick, wo sie wieder zu sprechen beginnen muten.

Er sog den Duft ihres Haares ein und liebkoste ihren so zarten Hals; sie
aber, an seine Schulter gepret, rhrte sich nicht. Von fernher hrten
sie das Rollen eines Zuges, den langhingezogenen Schrei einer
Dampfpfeife. Ihre Seelen weiteten sich an der Entfernung, dann
verflchtigten sich die Gerusche, starben wie ein Rcheln hin, und das
Mondlicht schien noch mit vermehrtem Glanz in die wiedergewonnene Stille
zu gleien. Lichtpnktchen glitzerten in den Bschen, winzige
Strahlenbndel entstanden und erstarben auf der Wasserflche des Sees.

Mit kaum wahrnehmbarer Stimme brachte er Worte hervor. Doch wie verloren
in die Bilder des Traumes und Halbschlummers, blieb sie unbeweglich. In
der groen Stille frchtete er so sehr den Klang seiner eigenen Stimme
zu hren, da sein Gesprch erstarb. Er machte entfernte Anspielung auf
seine Abreise, unhrbar atmete sie und antwortete nicht. Ein Wort,
deutlich und scharf, stach pltzlich hervor. Beschmt schwieg er, es
ausgesprochen zu haben. Das Schweigen wartete. Sie warf sich zurck und
hob die Augen. Dieser Abend war der letzte Abend. Ganz leise sagte sie:
Es ist das letzte Mal. Er antwortete nichts, denn schon qulte ihn der
heuchlerische Gedanke, das Wort in die Stille, aus der es noch
hervorstach, zurckzustoen. Auch wollte er den Gedanken ersticken, der
sich in ihm zu entwickeln versuchte. Er sprach und sprach, wiederholte
noch einmal die Notwendigkeit seiner Abreise. Man erwarte ihn dort, er
msse fort, knne sich nicht weichlich in sein eigenes Glck einnisten.
Man durfte nicht alles dem opfern, was nur so neben dem Leben hinging.

Dem Gefhl mute man widerstehen, dem Verstand die Oberherrschaft
sichern. Wohl verstanden . . . Gewi . . . Er verlor den Boden und wurde
ungeschickt, weil er ohne berzeugung sprach.

Und haben wir denn nicht das Beste unserer Selbst getauscht? Was knnten
wir uns mehr noch geben? Sie neigte zum Zeichen der Zustimmung das
Haupt. Man erwartet mich dort. Ja, man wird sich schon ber die
Lssigkeit, mit der ich mich in Bewegung setzte, verwundern. Wie rasch
doch die Zeit vergangen ist! Nun sind es schon zwei ganze Monate, seit
ich da bin. Zwei Monate!

Ich werde alle die verlorene Zeit einbringen mssen . . . Verlorene Zeit
. . . O nein, die Worte tten mir unrecht. Ich wollte sagen . . . aber
du verstehst mich ja, du, die feinfhligste der Frauen?

Sie blieb still und schien ihn kaum zu hren. Mit welcher Ruhe nahm sie
diesen Entschlu auf, der ihn jetzt schreckte. Wie wenig schien sie
unter ihm zu leiden. Wrde sie ihm auf seiner langen Reise auch nicht im
geringsten nachtrauern? Hatte er die verbrachten Tage einem eitlen
Schein geopfert, so weit sie mibraucht? Ein bitterer Gedanke prgte
sich in seine Zge ein. Doch nein, sie wrde zittern, sich erregen, ihm
in den Arm fallen. Er feuerte sich an, ihre Ruhe zu stren, und begann
von neuem. Weil wir stark sind und es so gewollt haben, zerreien wir
lchelnd die leisen Bande, die uns vereinen. Wir werden nichts mehr
gemeinsam haben. Du wirst selbst die Erinnerung an mein Gesicht
verlieren. Wenn wir uns eines Tages begegnen, werden wir vorgeben,
einander fremd zu sein. Wir werden uns nicht selbst betrgen und,
allgemeine Gesetze verachtend, es verstehen auseinander zu gehen, wenn
wir das Vergngen erschpft haben. Ich wei nicht, was fr ein Mensch
ich spter sein werde, und derjenige, der heute mit dir ist, hat
keinerlei Recht auf jenen. Auch werde ich nicht anteilloser Zuschauer
des Verfalles sein, der dem zerbrechlichen Bau deiner Schnheit droht.
Ich trage von dir ein vollkommenes Bild, das die Zeit vergeblich
schwrzen wird, mit mir fort.

Zorn entflammte ihn. Er verausgabte sich vor dieser stillen und
abwesenden Frau. Verzweifelt konnte er aus seinem Kummer keinen Ausgang
finden und verwundete sich an seinen eigenen Worten. Oh, da sie doch
sprche, da sie ihm diesen Schrei entgegenschleuderte, den er mit aller
Kraft ersehnte. Dieser Schrei, der aus ihrem auf immer gespendeten Sein
entsprnge und sie ihm fr immer einen wrde! War dies nicht wichtiger
und wnschenswerter als alles andere? Wenn sie es zu wollen verstnde,
wrde er nicht abreisen. Wenn sie sagte: Mein Freund, geh nicht fort, du
bist ja in meinem Leben solch eine Notwendigkeit, da ich mir ohne dich
kein Dasein vorstellen kann. Meine Furcht und meine Freuden, all meine
Gedanken und mein zu empfindsames Herz, all das, was ich bin, hat es so
gut vermocht, in dich das Netzwerk zarter Wurzeln zu versenken und sich
von dir zu nhren, da ich wie eine Pflanze, die man abreit, sterben
werde, wenn du gehst. Du bist der stets gegenwrtige Gefhrte, der
Horizont, hinter dem es mir gleichgltig ist, ob Land ist oder nicht. Du
bist an meiner Seite der Freund ohne Geheimnis, der immer bereit ist,
die Gedanken zu empfangen, die sich eben in mir bilden. Du bist immer
wieder der Beweis, aus dem sich mein Glaube nhrt, der mich leben macht,
und der Vorwand fr jeden meiner Tage bist du! Mein Leben ist der Vasall
des deinen, und ich lege meinen Kopf an deine Schultern, zum Zeichen
meiner treuen Ergebung. Wie knnte ich ohne dich mich des bels auf der
Welt, und dem Tode anheimgegeben zu sein, erwehren? Nein, nein, du mein
wachsamer Ritter, du wirst nicht ohne mich ziehen. Ich hnge mich an
dich, ich werde dir durch alle Lande folgen. Ich hefte mich an deine
Fersen, bis ans Ende der Welt.

Er berauschte sich heimlich an diesen Worten, die er so gerne aus ihrem
Munde empfangen htte. Er bemhte sich, sie hervorzurufen, und lie
gleichzeitig seinen Entschlu als unerschtterlich erscheinen. Er
wollte, da sie pltzlich aus unaufhaltsamer Notwendigkeit hervorbrchen
und nicht aus der Fhigkeit, sich seinem Wunsche anzupassen. Aber das
Beben seiner Stimme, das ihm fr Augenblicke den Hals zuschnrte,
verriet ihn. Vielleicht kannte sie seinen verzweifelten Wunsch und
erwiderte ihn nicht? und er wiederholte sich: Sprich, sprich, du siehst
ja schon, da ich die Ketten trage, die du um meinen Krper legen
willst. Soll ich hinknien, soll ich mich demtigen? Sprich, und wenn du
es willst, werde ich geringer sein, als die Erde unter deinem Fu. Gib
nur ein Wort mir, ein armseliges Wort des Bedauerns vom Saum deiner
Lippen. Durchdringe mein Schweigen, fhle mein Elend, das nicht Ausgang
wei. Warum habe ich diesen Abschied gewollt? War es nicht mein
eigensinniger Hochmut oder mein geheimer Wunsch, der sie dazu gebracht
hat, sie verfhrt hat, mich erst das ganze Ausma des Glckes erkennen
zu lassen, das ich eben durch diese Handlung verlieren sollte! O du
Spieler, den nichts verhindern kann, das Beste seiner Gter im verhaten
Spiel zu wagen. Freundin du, lies in meinen Augen! La mich nicht gehen!
Ich bin schon jetzt in Verbannung geraten. ber den unendlichen Ozean
trauere ich dir nach! O wie weit bist du, und ich werde dich niemals
wiedersehen. Halte mich zurck, noch ist es Zeit. Eine schmerzvolle
Traurigkeit berkommt mich, wie ich diese Einsamkeit dort drben mir
bereitet sehe. Liebe, kleine sanfte Freundin, hre mich doch!

Sie verharrt wortlos gesenkten Hauptes, scheinbar in Unkenntnis des
Ortes und des Vorgangs. Kein Zweifel mehr, sie ahnt nicht einmal diesen
Schmerz, der ihr so nahe ist. Er sah ein Zimmer vor sich mit vielen
Tapeten. Eine Lampe verschmolz in warmer Helle die Dinge, Winter war es
und Abend. Es war sehr kalt drauen. Sie las, nahe dem Kamin.

Trnen trbten seine Augen.

Seine Angebetete gab ihn auf. All seine Kraft verlie ihn und schien
sich in die Erde zu verlieren. Schwach und ngstlich war er wie ein
Kind. Er glaubte an nichts mehr. Er wnschte nichts mehr. Das einzige,
was ihm irgend wert gewesen wre, er hatte es nicht besessen. Er wrde
es nie besitzen. Die Welt schien ihm verabscheuungswrdig. Alle
Erinnerungen des Lebens, die ihm wiederkehrten, stieen ihn bis zum
Abscheu ab. Der Ekel malte sich in seinen Zgen. O wie war er der Welt
mde, durch die so viele Menschen gegangen waren, in der so viele noch
sich aufhufen. O Welt, von aller Befleckung der gebrauchten Dinge
gezeichnet, die du kein Pltzchen hast, das nicht die Spuren irgendeiner
Anwesenheit aufweist, Erde, aus der die Reinheit verbannt ist, Erde,
ber und ber beschmutzt mit Ungeheuerlichkeiten, Luft selbst, die ich
atme, auch du vergiftet vom Hauch der Menschen und Tiere durch diesen
schrecklichen Geruch des Magens! Azur, der jungfruliche Azur, wie man
dich nennt, auch du bist nach allen Richtungen durchstreift und
durchnarbt von ihren schmutzigen Gedanken, wie fette Fleischslze.

Er unterbrach sein Schweigen, um sehr leise zu sagen: Die Nacht ist
kalt, friert dich nicht? Der Klang seiner Stimme war so seltsam, da
sie die Augen hob. Sie blieb lange nachdenklich und sagte, als ob sie
laut weitersnne: Gewi, du hattest nicht das Recht, die Vergngungen
des Augenblicks deinen groen Hoffnungen zu opfern. Ich wei, da es
wichtigere Dinge gibt, als die kleinen Fgungen unseres eigenen Lebens,
und ich denke wie du, da es gut ist, da ein jeder von uns sich einen
Teil fr unbekannte Forderungen der Zukunft vorbehalte. Wie sie sich
seine Worte gut gemerkt hatte!

Er antwortete: Solch ein Glck, wie es immer wieder neu aus ihm erstand,
forderte eben seinen Preis! Aber meine Freude konnte nur aus der deinen
entstehen. Die aber mochte sprlich gewesen sein.

Freund, o Freund!

Er fhlte, wie sehr sie noch an ihm hing, und fhlte, wie sich eine
Entspannung in ihm vollzog. Mit diesen sen Gedanken wrde er
hinweggehen.

Du nimmst mich ganz mit dir. Du lt von mir nichts, als die Sttte der
Erinnerung. Ich wei, da du mich mit jener Heftigkeit geliebt hast, die
man nicht lange empfinden kann. Die Leidenschaft brennt, ohne sich
aufzusparen. Auch ich liebte dich, du mein einziger Freund auf dieser
Welt. Wie oft bin ich abends, ganz angekleidet, nach einer langen
Trumerei, die nur von dir erfllt war, eingeschlummert, verga die
brennende Lampe und erwachte des Morgens durch das Sonnenlicht. Die
ersten Tage werden sehr traurig sein. Kummervoll werde ich mich durch
das Haus schleppen, in den Park gehen, um einem Phantom nachzujagen, und
auf dieser Bank die Augen schlieen, um dich zu sehen. O wie qualvoll
die ersten Tage sein werden. Du tatest, was du wolltest. Ich mache dir
keinen Vorwurf. Wenn es dir eines Tages gefllt, hierher zurckzukehren,
wirst du mich so wiederfinden, wie du mich verlassen hast, immer noch
deiner Laune ergeben.

In langen Zgen erquickte er sich an ihren Worten, aber trotz alledem,
es waren nicht die, welche er gerne gehrt htte. Sie sprach leise
weiter. Er trank den Wohllaut dieser Stimme, die er niemals ohne
Bewegung hatte hren knnen.

-- Ich bin deinem Leben nicht unentbehrlich. Wie viele Jahre reicher
Geschehnisse hast du erlebt, ehe du mich trafst. Du wirst ebenso schne,
ebensolcher Flle erleben, wenn du mich vergessen hast.

-- Niemals werde ich wieder glcklich sein.

-- Die Nacht beginnt zu bleichen, und die Frische der Morgendmmerung
durcheist mich. Sieh, die Nacht, die den Raum verlt, ist das Ebenbild
selbst des notwendig gewordenen Abschieds. Die Dinge mssen hinsterben
oder sich verflchtigen, damit andere erscheinen knnen. Der erste Tag,
den ich allein zu leben haben werde, steigt bleich und trauervoll auf.
Mein Gott, womit werde ich diesen ersten Tag erfllen?

Wie werde auch ich ihn hinbringen? Nichts wird mir dies Glck
aufwiegen, das sich durch dich unaufhrlich erneute.

-- S ist es, dein mitleidvolles Bedauern zu hren.

-- Es ist mein selbstschtigstes Bedauern.

-- Du hattest bisher immer ber dich gesiegt!

-- Ich bin des Sieges ber mich, das heit gegen mich, mde. Ich
beginne die se Niederlage zu ersehnen.

Er wute, da er feige das verlangen wrde, was man ihm nicht gegeben
hatte, und da ihn daran nichts hindern konnte.

Trotzdem bemhte er sich, diesen Gedanken zurckzudrngen. Er suchte ihn
zu ersticken, ihm zu entfliehen, aber jedes Wort, das er sagte, brachte
ihn unwillkrlich nher. Er fhlte den Gedanken schwer und lastend
werden in seinem unbeweglichen Krper. Um ihn an diesen Ort zu binden,
fiel er unaufhaltsam langsam abwrts, wie der gewichtige Anker ins Meer
hinabsinkt.

Er sagte:

-- Ich habe schon an viele Dinge geglaubt und entsinne mich manchen
Irrtums. Bin ich dessen wahrhaftig sicher, anderswo den wahren Weg zu
finden? Kann man etwas vorausbestimmen, und soll man sich nur von der
Vernunft leiten lassen?

Er zitterte, whrend er sprach. Niemals war sie ihm so schn, seiner
Liebe so wrdig erschienen.

-- Ich gehe . . . Wohin aber? . . . Ich wei es nicht und habe nicht
mehr die geringste Sehnsucht darnach.

Seine Stimme senkte sich nach diesen letzten Worten. Alles war nun
gesagt. Eine wollstige Mdigkeit bemchtigte sich seines Krpers und
Geistes.

. . . Zwei Wesen, so lange beflissen sich zu kennen, sich zu
verschmelzen, konnten sie daran denken einander zu fliehen, da das
Unermeliche und unbekannte All sie in einem gemeinsamen Bedrfnis, sich
gegen die de Verlassenheit zu verteidigen, zueinander drngte?

Du bist der Meister unserer beiden Schicksale. Ich bin nur das Echo
deiner selbst, ich bin deine Sache. Bestimme denn.

Sie legte ihren Arm um seinen Hals und lehnte ihr khles Antlitz gegen
das seine.

Er verleugnete alles, was ihn vordem begeistert hatte. Fortgehen sollte
er? Das Liebste, was er hatte, verlassen und sich rmer denn je
wiederfinden! Die Welt durchwandern, Erinnerungen hufen, als ob er
nicht schon genug mit sich schleppte! Er spottete der groen Arbeiten,
der Eroberungen, des Ruhmes. Es gab genug Werke zur Befriedigung der
Menschen. Und konnte er nicht berdies neben ihr im glcklichen Frieden
ihres Daseins seine Seele besser als irgendwo von dem befreien, was ihn
bewegte, Tag fr Tag ein unvergleichliches Werk verrichtend? Aber von
dem allem abgesehen, wog nichts die hchste menschliche Freude auf, nur
in ihr zu verharren. Die ersten Pflichten, waren es nicht die gegen sich
selbst und dann gegen die, die ein Teil seines Selbst ausmachte, da ihr
Schicksal an das seinige gebunden war. Er wrde bleiben.

O keusche Freundin, wie bist du schn in dieser Nacht! Wie konnte ich
daran denken, dich zu fliehen. Seite an Seite werden wir bis zum letzten
Tag verbleiben, wir werden auf unserem Antlitz diese Erleuchtung tragen,
die der Tod nicht auslschen wird. Ich werde dich an der Hand nehmen und
mit dir die Welt durchlaufen. Wir werden dieselben Seltsamkeiten
erleben, und dieselben Eindrcke sollen uns bewegen. Unter fremden
Rassen werden wir uns noch enger aneinander geschlossen fhlen. Der
nchste Winter wird mit dir verbracht sein und das Frhjahr und all die
kommenden Jahre.

Die Sterne erloschen allmhlich. Die wieder erweckten Dinge trugen die
Farbe des Traumes und des Todes. Sie hielten sich umschlungen und sahen
den Tag herandmmern. Sie war beglckt, aber in ihm blieb ein leiser
Geschmack von Niederlage bestehen. Er hatte diesen groen Schrei, der
alle Entschlsse umwirft, nicht erlebt. Er selbst hatte es nicht
verstanden, dieses Wunder heraufzubeschwren.

So hatte er denn seine Ansprche vermindern und schchtern um ein
Almosen betteln mssen. Alle Kosten des Festes hatte er getragen; er
scheuchte diese Gedanken und wiegte sie in zrtliche Worte ein, um sie
zu betuben. In dieser Schwche, wie sie ihn zuweilen befiel, sprach er,
ber sie gebeugt, unaufhrlich weiter. Sie lchelte und hob von Zeit zu
Zeit ihre Augen zu ihm auf. Seine Stimme wurde leiser. Ein Kamm entfiel
ihr, als ihr Kopf sich ein wenig mehr neigte. Da verstand er, da sie
eingeschlafen war. Ein langsamer, regelmiger Atem hob ihre Brust.

Er betrachtete sie wie eine Unbekannte.

War es wirklich diese hier, gab es nicht anderswo eine Vollkommenere,
eine andere, die ihm diesen unschtzbaren Beweis gegeben htte.

Die Morgenrte stieg herauf. Ein rosiges Leuchten durchzog die Hhen des
Himmels. Ganz nahe blies die Sirene eines Schiffes.

Der Name des Kontinents, den er zu bereisen sich vorgenommen hatte,
brannte in seiner Stirn. Eine Stadt, die in der Glut des Juli brodelte,
erfllte sein inneres Auge. Mit allergrter Vorsicht und Sorgfalt
verlie er seine se Brde; sie schlief immer noch. Er lehnte sie an
den Baum, der hinter der Bank stand, und erhob sich langsam ohne
Gerusch. Er setzte einen Fu vor, dann den andern. Leise streckte er
das Bein, machte einen Schritt. Um seine Arme legten sich Stricke. Sein
ganzer Krper bebte. Eine Schwere wollte ihn unbeweglich machen, aber
eine unbesiegbare Kraft stie ihn nach vorwrts. Wie ein Blinder
streckte er die Hnde vor sich aus.

Jede seiner Bewegungen war ein Losreien, seine Fe hatten starken
Widerstand niederzudrcken, als ob er durch Wasser ginge . . . der Atem
ging ihm aus. Ein belaubter Ast streifte ihn; er blieb stehen und ging
dann wieder, so kam er durch die ganze Allee, dann durch eine nchste
und schlielich schon mit festem Schritt durch eine dritte. Er ffnete
das Gitter, das schrecklich kreischte, begab sich auf die Strae und
begann, die Hnde fest an die Ohren gepret, damit er nichts hre, zu
laufen, um das Schiff nicht zu versumen, das bald abfahren sollte.




                      BER DEN TOD EINES KINDES


Ein groer Schrei erschreckte das Kind inmitten seiner Trume. Es
horcht. Nichts . . . Dmmerung und Stille und der Pulsschlag der Uhr.
Wie spt kann es sein? Zwei Uhr? Drei Uhr? Es hrt im Nachbarzimmer
umhergehen und denkt an seinen kranken Bruder, der seit acht Tagen dort
liegt, denkt an das unterbrochene Spielen, an das vernderte Leben im
Haus.

O, mein Gott! Ich flehe zu dir, nicht dies! Nur dies nicht! Er erkennt
die Stimme seiner Mutter, aber ihr verzweifelter Ausdruck erschreckt
ihn. Was ist geschehen? Von Angst durchschauert springt er aus seinem
Bett. Er horcht, das Ohr an die Mauer gepret. Nichts mehr? Sein Auge
gewhnt sich an die Dunkelheit, er erkennt die Dinge. Er geht ans
Fenster und hebt den Vorhang. Es sind einige Sterne am Himmel, und die
wandernden Wolken verbergen sie fr Augenblicke. Grau ist die
Landschaft. Alle Grten schlafen. Der weiche, leise Wind wiegt die
entbltterten Bume.

Ihn friert, er kehrt ins Bett zurck, bleibt aber aufrecht sitzen, weil
er jenseits der Wand Wimmern und Schluchzen hrt. Das Gerusch eines
fallenden Stuhls und das ffnen einer Tr lt sein Herz sehr rasch
schlagen; die Klinke bewegt sich, die Tr seines Zimmers ffnet sich nun
auch. Seine Mutter erscheint. Sie nimmt ihn in ihre Arme und drckt ihn
fest an sich. Mein Kleiner! Mein Kleiner! Dann hllt sie ihn in einen
Schal und trgt ihn ins andere Zimmer. Das Kind versucht zu sehen. Das
Lampenlicht schmerzt ihn in den Augen. Von Schluchzen durch und durch
geschttelt, neigt ihn seine Mutter seinem Bruder zu, dessen Augen
blicklos geworden sind. Ein rasches Rcheln kommt aus seinem
halbgeffneten Mund: K ihn, und sag ihm adieu; er geht von uns, du
wirst ihn nicht mehr sehen. Das Kind bricht in Schluchzen aus und weint
so, wie es noch nie geweint hat. Ohne viel zu begreifen, schreit es aus
Angst, indem es bald seine im Schmerz gebrochene Mutter, bald den im
Bett hingestreckten Krper, dessen aufgequollener Leib die Decke wlbt,
anblickt.

                   *       *       *       *       *

Bleich frben sich die Fensterscheiben. Nachdem er im Fauteuil
geschlafen hat, ffnet er pltzlich die Augen. Wo ist seine Mutter? Hat
sie ihn mit dem Toten allein gelassen? Das Kind hat solche Angst, da es
sich keine Bewegung zu machen getraut. Es knnte ihn sehen, wenn es ein
wenig den Kopf wendete, aber dieser bloe Gedanke erfllt es mit Furcht.
Eine Kerze, deren unbewegliche Flamme wie der Stahl einer Lanze aufragt,
vergoldet das Antlitz des Leichnams. Er schaut auf das Fenster, der Ast
eines Kastanienbaumes bewegt sich vor den Scheiben. Alle Menschen
schlafen noch, und kein Gerusch kommt aus dem Hause. Er hrt auf das
Zinkdach Tropfen fallen. Der Regen beginnt von neuem. Seit acht Tagen
hat er kaum aufgehrt. Gestern hat seine Mutter gesagt: Wir haben einen
verregneten Mrz. Sie hat es gestern gesagt, und es ist ihm, als wre
es lange schon her, da er diese Worte gehrt. Diese Nacht, in der er
mit offenen Augen denkt, ist nicht wirklich wie andere Nchte. Sie ist
einzig in seinem Kinderleben. Jh ist er erwacht, die Nacht hatte keinen
Anfang und kein Ende.

Das Kind horcht in die Stille; es ist ihm, als werde es sowohl vermge
seiner Augen als seiner Ohren durch ein Raunen von Erinnerungen
berflutet. Dann lt es seine Blicke schweifen. Der Schatten, der die
Winkel des Plafonds einhllt und sich unter den Mbeln anhuft, ist
nicht von dieser Art Schatten, die es bisher gekannt hat. Er wei von
allerlei, vergrert die Stille, lebt sein Leben. Es ist, als ob die
Dinge mit Gewalt ruhig gehalten wrden, sie scheinen von einer innern
Kraft besessen, die sie verzerrt. Der Regen fllt zur Erde, und die
Nacht blaut mehr und mehr. Das Kind hrt Pfiffe und fernes Rollen. Was
werden die andern zu dieser Nachricht sagen? Die in der Schule? Wie man
ihn ansehen wird! Auf der Stiege hat man eine Tr geschlossen; mit aller
Kraft horcht er hin. Wo ist denn seine Mutter? Wird sie nicht kommen,
ihn zu befreien? Oh, wie wrde er aufatmen, wenn er pltzlich an die
Eingangstr gelangen knnte! Aber da mte er sich bewegen, Lrm machen,
Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er mte das ganze Zimmer
durchschreiten, dann noch das unbeleuchtete Speisezimmer, und er wrde
hinter seinem Rcken sein. Er knnte sich vielleicht an ein Mbel
stoen, weie Gestalten in der Kche erblicken. Wenn er da blieb,
beherrschte er sie, beobachtete sie, ohne sich den Anschein zu geben.
Wenn er aufstnde, wrde nicht der Bann gebrochen werden und er in seine
Macht fallen?

So denkt er eifrig, ohne sich zu regen. Allmhlich nimmt ihn wieder der
Schlummer gefangen. Sein Bewutsein geht leise unter zwischen
Erinnerungsbildern aus der Geschichtsstunde. Doch, o welche
Erleichterung, er hrt einen Schlssel umdrehen. Stimmen, Schritte.
Seine Mutter ist es mit Leuten . . .

                   *       *       *       *       *

Es ist nicht spt, sieben oder acht Uhr vielleicht. Den ganzen Tag ber
ist es dunkel gewesen, und nun ist schon vllig Nacht. Zerstreut hpft
das Kind ber die Stufen und ist, ber das Gitter sich vorbeugend, an
das Ende der Treppe gelangt, die von Wasser und Kot beschmutzt ist. An
der Loge des Hausmeisters ist es auf den Knien vorbeigerutscht, um nicht
gesehen zu werden, dann war es laufend auf die Strae gelangt.

Es hatte aufgehrt zu regnen. Die feuchte, duftbeladene Luft fhrt die
Botschaft entfernter Wlder mit sich. Ein miger Wind bewegt zuweilen
die Gasflammen und gibt dem Dunkel der Strae Leben. Die Lichter des
groen Krmerladens leuchten in allen Wasserlachen. Das Kind gelangt auf
den verlassenen Boulevard, der es anzieht und ihm zugleich Furcht
einflt. Bei jedem Windsto vermengen sich die langen Schatten und
beschreiben groe Gebrden. Das Kind wagt nicht auf dem Fusteig zu
gehen, wo der Efeu des Gitters allzu geheimnisvoll Park und Garten
verbirgt. Es schreitet auf der kotigen Strae und wendet sich
unaufhrlich um. Der schwarze und blaue Himmel ist in dunkle Inseln
zerrissen und dster gleich einem groen Moorland. Die Luft ist lau wie
menschlicher Atem. Ein leiser Brodem steigt von der Erde auf. Jenseits
des Schmutzes und der de des Jahres ist der Frhling schon in Humus und
heier Fulnis bereit. Das Fieber der Sfte teilt sich dem weiten Raum
mit, irrende Winde, die schon grnende Wiesen durchquert haben, flechten
sich um die feuchten Stmme der Bume. Die Landschaft ist noch wie eine
alte Frau in Lumpen, aber unter dem Boden lcheln bereits Gesichter mit
geschlossenen Augen; bald werden tausend Stimmen am Saum der Erde
hinsummen, ungezhlte Augen im Grase sich ffnen. Die Sonne wird die
Erde zwingen, ihr Geheimnis preiszugeben, Pflanzen werden wie
Gestndnisse aufsprieen und gleich groen Worten hervorstrahlen. Das
Kind geht nun an dem schnsten Besitz des Boulevards entlang. Es bleibt
stehen, um durch den kleinen freien Raum, wo das Gitter sich an die
Mauer schliet, in den Park des Kommandanten zu blicken. Es sieht in
unerklrliche Verwirrung, in die mit faulem Laub bedeckten Alleen, den
Weg zum Haus, wo die Erde gelblich leuchtet, und das Wasserbassin, in
dem sich der Mond und die Wolken spiegeln. Sicherlich ist das Gehlz
voll toter Vgel, es wei bestimmt, da die Kinder mit ihren bebnderten
Kinderfrauen niemals mehr auf dem Rasen spielen und umherspringen
werden. Es sieht auf die beiden Lwen aus Stein, die die Pfeiler des
Eingangstores zieren. Vor kurzem hat er mit seinem Bruder Schneeballen
auf sie geworfen. Das wird er nie mehr tun. Wenn man einen Bruder hat,
der gestorben ist, darf und kann man nicht mehr dergleichen tun.
Pltzlich fllt ihm ein, da man ihn vielleicht sucht. O Mtterchen,
ich sehe dich in deine Hnde weinen. Er sagt sich, da er heimkehren
mu. Ich werde den Weg nehmen, den ich so gerne gehe. Da ist das
Waisenhaus, seine fahlen Sulen sehen durch das Gitter, Goldlettern
leuchten im Dunkeln. Eine Glocke lt Tropfen klingender Tne fallen,
die der Wind der Nacht vermengt. Hier ist das Kloster zur Heimsuchung
Mari. Als er einmal mit seinem Bruder aus der Schule kam, hat hier aus
diesem vergitterten Fenster eine sehr schne Dame in Trauer mit ihnen
gesprochen. Sie hatte gefragt, ob sie Zwillinge wren und ob sie ihre
Mutter auch recht liebten. Er, der Khnere, hatte geantwortet, den Blick
gesenkt; denn diese Dame war nicht so wie andere. Hier ist das
Trschild, auf das sie auch Schneehallen geworfen hatten. Eine andere
Glocke tnt. Er erkennt sie; es ist die des Klosters der englischen
Fruleins. Dann begannen andere Glocken, alle Klster des Neullyer Parks
luten zum Segen.

Das Kind ist am Rand des Baches stehen geblieben, der sein Schmutzwasser
dem Kanal entgegenfhrt, in den es mit dem zauberhaften Klang reiner
Quellen abstrzt. Er geht jetzt rasch. Auf den Bnken blicken ihn
Erinnerungen an.

Dort am Ende der Strae, durch diese Lichtung, dem Himmelstor, wird er
eines Tages wie ein Engel davonfliegen. Er wei sehr gut, da sich
spter _etwas_ ereignen wird.

Er ist bereit und wird nicht zittern, wenn man ihm sagen wird, da die
Stunde geschlagen hat. Die Hnde wird er falten und sich in die Wolken
erheben. Seine Mutter wird auf der Erde knien und vor Stolz weinen. Er
hebt den Kopf und geht festen Schrittes: Gallien, Carolus Magnus, die
alten Reiche Neustra und Australia. Wenn pltzlich dort aus dem Dunkel
ein Auerochs sprnge, wrde er auf einen Baum steigen und ins Hifthorn
blasen, die Gefhrten herbeizurufen, die in den Wldern umherjagen.

                   *       *       *       *       *

Die arme Mutter geht aus einem Zimmer ins andere und hrt nicht auf zu
weinen. Sie lt sich in einen Sessel fallen und weint, weint!

Viel Kummer hatte ich und kannte manche traurige Stunde, aber ich
verga alle Kmmernis, wenn ich in das lchelnde Antlitz meiner Kinder
sah. Dieser Gewohnheit habe ich mich hingegeben. Ich war ganz Vertrauen.
Niemals habe ich an die Mglichkeit eines solchen Erwachens gedacht. Wie
sorglos war ich und wie schuldig fhle ich mich. Der Arzt, der mein
armes Kind behandelt hat, ist ein Dummkopf. Man htte es retten knnen.
Der Kleine von Benoit hat dieselbe Krankheit gehabt, und man hat ihn
geheilt. Ich htte mich wehren sollen.

Meine Lebenskraft ist erstarrt, und meine Augen haben sich in mein
Innerstes gewendet. Ich hatte die Wunder vergessen, und nun bin ich wie
einer, der tastend in der Nacht in einem groen fremden Hause
umhersucht, in dem niemand ist. Nein, mein Gott, das ist nicht der
gewohnte Gang der Dinge; es durfte nicht vor mir dahingehen. Mein Gott!
Mein Gott! Warum hast du mir mein Kind genommen? Es scheint, da sich
ein fremdes Leben dem meinen zugesellt hat. Wenn ich an mich denke, so
ist es nicht wie frher. Viele Dinge, die ich vergessen hatte, kommen
mir fast tglich ins Gedchtnis. Ich sehe die Pension, in der ich die
schnen Jahre meiner Jugend verbrachte, mein Zopf fliegt mir auf dem
Rcken. Ich hatte seit meiner Verheiratung keine Erinnerungen mehr. Ich
habe diesen Mann geheiratet, ohne ihn recht zu kennen. Er ist fort. Er
hat mich mit seinen beiden Kindern verlassen. Wird er wenigstens zum
Begrbnis kommen? Tot ist mein kleines Kind, tot. Ist es denn mglich?

Einmal, ich war gerade nervs, da hab ich ihm einen Schlag gegeben, und
es hat lange geweint. Seine Verzweiflung war darber so gro, da ich
darob ganz bestrzt war. Ich habe es nicht genug umarmt und an mein Herz
gedrckt.

Niemals werde ich mehr glcklich sein. Nur mit Mhe kann ich meine
Gedanken sammeln. Wo ist es jetzt? Gibt es etwas nach dem Tode? Ja oder
nein? Wie traurig wre es, wenn es nichts gbe. Die Welt ist so gro,
da sie mir Furcht einflt. Hier in der Nhe sind Bume, die sich
bewegen, und gleichzeitig sind, sehr weit in den Tiefen des Meeres,
Ungeheuer, die sich geruschlos durch die gelben Algen schlngeln. Hier
ist ein Kind gestorben und drei Huser weiter eines geboren. Wer kmmert
sich um meinen Schmerz, und was bedeutet er in dieser groen Welt? Wie
doch alles dunkel und schwierig ist! Ich bemhe mich zu verstehen, in
mich aufzunehmen; ich beuge mich in Demut, aber mein Kopf ist zu
schwach, da ich verstehen knnte. Weinen ist leichter, o weinen! Nur
weinen kann ich. Unerschpflicher Kummer! Kummer, der du mit vollen
Eimern aus allen Brunnen des Lebens steigst.

Ich kann dem Schlaf, der mich hindern wird, an ihn zu denken, nicht mehr
widerstehen. Mehrere Nchte habe ich fast nicht mehr geschlafen. Ich
darf mich nicht mehr unterwerfen. Ich habe noch ein zweites Kind
aufzuziehen. Was tte es ohne mich? Oh, wie bin ich doch mde!

Wie lange habe ich doch geschlafen? Ich werde mir ein wenig Kaffee, sehr
starken Kaffee machen, und dann werde ich die ganze Nacht bei ihm Wache
halten knnen. Frau Benoit wird dann gleich kommen. Es ist nicht gerade
warm. Ich glaube, das Feuer geht aus. Nun ist es schon einen Tag her,
da es gestorben ist! Ich kann mich nicht besinnen, wohin ich das Paket
Kerzen gelegt habe, das ich gestern gekauft habe. Ich werde noch eines
kaufen mssen. Ich wei nicht mehr, was ich tue. Ich wrde ein wenig
lften, um frische Luft einzulassen, aber mir ist, als knnte es mir die
Nacht entfhren, und es strbe noch mehr. Seine Nase wird spitzer. O
Entsetzen, mein Kind, mein Kindchen! Was suchen wir hier auf Erden? Was
tu ich hier, worauf warte ich? Wie knnen wir in dieser Wohnung leben,
mit dieser Gewiheit ber uns? Und doch, es gibt in diesem Augenblick
Gegenden, wo die Leute jetzt lustig sind und singen. Es gibt welche, die
sich verheiraten, und manche bauen sich eben Huser. Einige spielen
Karten, und andere schreiben ihr Testament.

Ich glaube, das Wasser kocht, ich hre die Pfanne singen. Wohin habe ich
denn nur die Kaffeebchse gestellt? Mein Kopf versagt. Ah, da ist sie!

Bei allem, was ich sehe, hre oder berhre, finde ich seine Gegenwart
wieder. Jedes Ding ruft mir wieder eine seiner Gesten wach, eine seiner
Mienen. Warum hast du, o Gott, den man den Allgtigen nennt, mir ihn
gegeben, um ihn mir so rasch wieder zu nehmen? Diese Treppe, die ich
tagtglich mehrmals herunterging, ohne nur an sie zu denken, die ich mit
geschlossenen Augen htte hinaufsteigen knnen, ist mir vorhin wie ohne
Rampe erschienen, und mein Fu hat eine Stufe verfehlt.

Nichts ist mehr auf seinem Platz, und jedes Ding hat eine neue Bedeutung
fr mich. Ich bin ganz von meinem Schmerz umschlossen, ich bin nur
Schmerz. Die Welt dehnt sich um mich her, und ich fhle sie wie einen
Ozean von Gleichgltigkeit um meine kleine Trauerinsel.

Ich kann mich nicht sattsam genug der Stille anvertrauen.

Ich verliere mich in den Tiefen, und alles erschreckt mich. Jedesmal,
wenn ich die Augen hebe, trgt mir die Mauer, die Decke, der Rcken des
Fauteuils, gleich dem Schweituch der Veronika, sein Antlitz zu. Das
Licht meiner Lampe ist nicht das gleiche mehr. Etwas ist in ihre Flamme
bergegangen und ist darin geblieben. Auf dem Parkettboden ist ein
dunkles Feld, das an eine lichtere Zone stt und unter dem Bett so
schrecklich wird, da meine Augen, wenn ich daran denke, ihm nicht zu
begegnen trauen.

Teurer Kleiner! Ich werde nicht mehr fr dich zu sorgen haben. Ich werde
nicht mehr die tausend Fragen hren, die er an mich richtete, wenn ich
ihn des Morgens anzog. Seine kleinen Hnde werden mein Antlitz nicht
mehr liebkosen. Er nannte mich Mutter. Er schlang die Arme um meinen
Hals und sagte mir ins Ohr: Mutter! Du bist mein kleines Mutti, du. Und
nun liegt er so da.

Noch ist er da und ist nicht mehr da. Es scheint, da er seinen Leib fr
einige Zeit verlassen hat und wiederkommen wird. Er sieht sich nicht
mehr hnlich. Er hat das Lcheln, wie man es auf den Malereien der
Museen sieht. Morgen werde ich sagen mssen: Zur Zeit, als mein kleiner
Raymond lebte . . . Als ich noch meine beiden Kinder hatte . . . Der,
der gestorben ist!

Es ist ein Datum mehr in meinem Leben. Wie er so auf dem Rcken daliegt,
scheint es, als wrde er wie ein Boot, mit seinen Rudern von der Flut
getrieben, hinweggleiten.

Wenn ich auf der Strae stehen blieb, um den Leichenzug eines prchtigen
Begrbnisses zu betrachten, dachte ich nicht, da ich eines Tages den
ersten Platz hinter dem traurigen Karren einnehmen wrde.

Morgen werde ich hinter ihm in die Kirche eintreten. Die Kerzen werden
durch die Schleier der Weihrauchdmpfe erstrahlen, und die groe Stimme
der Orgel wird seinen Einzug in das Reich Gottes verknden. O Kleiner,
mein Kleiner!

Wie ist doch das Schweigen, das von dir aufsteigt, beredt. Ein Schweigen
der ganzen Menschheit, die mit all ihren Knigen und all den lauten
Begebnissen wie unterirdisch sich hindehnt.

Mein Gott, antworte mir, wo bist du? Ich stehe vor dir demtig in
glubigem Eifer, bereit, dein strengstes Gesetz anzunehmen, aber gib mir
nur ein Wort, irgend etwas fr meinen Schmerz, der nicht vergeblich sein
kann.

                   *       *       *       *       *

Das Kind geht nicht in die Schule, und man zieht ihm tagtglich das neue
Kleid an. Man hat den Tisch verlngert, weil sein Onkel und seine Tante
jeden Tag zum Essen da sind. Bei Tisch spricht seine Mutter nicht drei
Worte und lt alles auf ihrem Teller stehen. Manchmal erhebt sie sich
so pltzlich und bleibt so lange im Nebenzimmer, da seine Tante
aufsteht, um sie zu holen. Jeden Nachmittag geht er mit seinem Onkel und
seiner Tante spazieren. Alle Tage sind Sonntage geworden. Mit groer
Sanftmut spricht man zu ihm, und er wird niemals mehr ausgezankt. Zwar
ist er viel vernnftiger geworden. Die Stirn an die Scheibe gelehnt,
sieht er auf der Strae seine von der Schule heimkehrenden Kameraden. Er
fhlt, da er von nun an ihnen sehr berlegen ist.

Er sagt zu seiner Mutter: Ich habe seine Spielsachen genommen und mir
sein kleines Federmesser ausgeborgt. Wirklich, Mama, es ist nicht
dasselbe, selbst wenn ich sein schnes Pferd nehme, das im Wandkasten
steht, wird es nicht das gleiche sein. O Mtterchen, ich bitte dich!
Nein, nein, nicht seine Schuhe, sie gehren ihm.

Und er sagt auch: Wird Papa niemals wiederkommen? Warum ist er fort,
warum kommt er jetzt nicht wieder?

Und seine Mutter antwortet ihm, da sie einen Brief erhalten habe. Sein
Vater sei weit, sehr weit am anderen Ufer des Meeres. Vielleicht wird er
eines Tages wiederkommen . . .

Der Vater kam eines Abends, viele Tage nach dem Ereignis. Das Kind
schlummerte eben in seinem kleinen Bettchen ein, und seine Mutter sa
neben ihm. Beide hrten einen Schritt auf der Stiege und sahen einander
an. Horch, Mtterchen, und sie antwortete: Ja, gewi, er ist es!

Der Schritt hielt vor der Tr an. Er war es!

Die Mutter sagte zu ihrem kleinen Jungen, indem sie einen Finger auf den
Mund legte: Rhr dich nicht, ich werde gleich wiederkommen. Sie trug
die Lampe weg und schlo die Tr seines Zimmers.

                   *       *       *       *       *

Der verlassenen Gattin ward das Dunkel, aus dem sie ihre Trume
schpfte, pltzlich wahrnehmbar, und ein Antlitz erschien in ihm. Der
Mann trat ein, alle Stille lastete nun auf ihm. Das traumhafte Schweigen
der Gegenstnde wurde nun augenblicklich unterbrochen. Dann setzte es
wieder ein, als fliehe es den Tiefen zu.

Die Lampe, die vor einem Bilde des Gekreuzigten mit seinem geffneten
Herzen flammte, verbreitete den Schein alten Elfenbeins, und er senkte
den Kopf und sagte nicht ein Wort, berlie dem Pendel der Uhr die
Unterhaltung. Die schweren Fenstervorhnge mit den tiefen Schatten waren
wie das weit geffnete Memorial ihres Lebens. Der Zweig eines
Buchsbaumes schien sich ber das Bild zu neigen, und es war als regte
sich die Ewigkeit in seinen Blttern. Von Zeit zu Zeit wurde die Tr
durch den Wind geschttelt, und das Fenster krachte.

Sie hielten den Kopf geneigt, denn ihre Blicke konnten das Schwere, das
aus ihrer Seele kam, nicht emporheben.

Da pltzlich fesselte ein Gegenstand ihre Augen. Ein Leuchter aus
Kupfer, der auf dem Tisch stand, nahm eine seltsame Bedeutung an. Sie
schienen mit Aufmerksamkeit den Konturen und Verzweigungen zu folgen,
und sie gewhnten so ihren Blick, sich anderswo als in ihren Augen zu
begegnen.

Und ihre Blicke stiegen zusammen lngs des Leuchters auf, blieben einen
Augenblick an seiner Spitze unbeweglich, dann, als ihre Gesichter sich
zueinander aufhoben, verschmolz ihr Blick . . .

Im Nebenzimmer zitterte das Kind vor Unruhe. Mit weit geffneten Augen
versuchte es das Mysterium der Dunkelheit zu durchdringen.

Was ging hier nebenan vor? Es hrte nichts. Sein Vater war
zurckgekehrt. Bedeutet das Glck? Unglck? Auf den Fuspitzen nherte
es sich der Tr und floh, als es Gerusch hrte.

Seine Eltern betraten das Zimmer. Sein Vater hob es von der Erde auf und
drckte es so stark gegen seine Brust, da das Kind sein Herz gegen das
seine schlagen fhlte.




                      SPAZIERGANG UND BEGEGNUNG


Das Wetter war schn und die Luft sehr milde. An einem Sonntag war es.
Der Nachmittag rckte vorwrts, und seit Stunden wlzte sich
unaufhrlich die Menge ber den Hauptboulevard der Stadt. Ein
Menschenstrom flutete abwrts, ein anderer wieder zurck. Wie im Meere
eilige Strmungen die bewegte Flut durchqueren, ohne sich in ihr zu
verlieren. -- Junge Leute folgten einander und drngten durch die
widerstrebende Masse. Von Zeit zu Zeit blieben Spaziergnger stehen, und
ihr Rcken zerteilte wie ein Fels die menschliche Flut. Sie wurden
heftig gestoen und bald wieder vom Wirbel erfat. Da und dort ffnete
ein Geschftsladen seine Hhlung und nahm etwas von diesen Wellen in
sich auf. Bei jeder Straenberquerung, wo der Sturzbach der Wagen sich
gewaltsam staute, rckte der Menschenstrom zurck, schwoll an, wurde
lebhafter und brandete dann in die freigelegte Hauptstrae. Die Fassaden
der Huser stieen farbige Schreie aus, und gewaltsam prgte sich die
Lichtreklame, die von den Dchern in den Himmel hinaufgeschleudert
wurde, den aufwrts gerichteten Blicken ein. Die Spaziergnger waren
zahlreicher als die Buchstaben einer Zeitungsspalte. Fadenartig
umwickelten sie Plakatkioske. Vor den Auslagen bildete sich eine Wand
von Menschen. Wie Adler, die sich auf eine Herde strzen, kreisten Wagen
umher, schienen ihre Beute zu suchen, strzten an die Masse heran und
flohen mit ihrem Fang. Immer noch ging der Strom hin. Er flo ber und
schwoll durch den unablssigen Zuwachs seiner Nebenflsse, der Straen
und Durchgnge; ohne sich sonderlich auszubreiten, kam er durch die Seen
der Pltze, um sich dann an seinem Ziele, in dem Fcher einiger Vororte,
zu verstrmen.

ber all dies unterhielt sich unter diesen vielen Menschen ein junger
Mann. Schon seit dem Morgen begeisterte ihn eine auergewhnliche
Freudigkeit. Sein Herz sa, wie er sich gern ausdrckte, am Ende einer
Rakete, bereit loszugehen. Das Ereignis dieses schnen Tages, nach einer
langen Reihe trauriger Tage, hatte ihm Vertrauen und Freude am Leben
wiedergegeben. Aus dem frhlichen Windhauch, der die grnen Bltter der
Bume bewegte, und von dem Geruch der eben frisch besprengten Alleen
flog ihn ein Zauber an. Alles schien ihm verndert. Die Frauen waren
fast alle begehrenswert, und die streitschtigen Mnnchen, die
Gottesfriede beschlossen hatten, begegneten einander mit ungewohntem
Wohlwollen. Schon am Morgen hatte er in einer kleinen Bar den
allgemeinen Optimismus auf dem lachenden Antlitz eines guten, dicken
Kerls leuchten sehen. Sogar der Werkelmann, dem er an seiner Straenecke
begegnet war, war ihm nicht so elend erschienen; lchelnd leierte er mit
himmelwrts aufgeschlagenen Augen; er dachte nicht mehr daran, die Hnde
auszustrecken, und spielte sichtlich nur zum Vergngen. Er sah noch
immer den Mann dort neben der Haustre mit seinem gerteten und dabei
sanften Schnapsgesicht und bedauerte es, ihm nichts gegeben zu haben.

Zerstreut ging er dahin, lie unbesorgt und ziellos seine Blicke
umherschweifen und lockerte die Trense seiner Gedanken. Er wurde nicht
bse, wenn man ihn anstie. Alles interessierte ihn und schien ihm
zuzurufen: die Farbe eines Kleides, der Klang einer Stimme, die Klarheit
eines Antlitzes, die Spur eines Parfms. Er blieb oft stehen und wandte
den Kopf, ohne der Gewaltttigkeiten zu achten, denen er sich dadurch in
jedem Augenblicke aussetzte. Er glich dem sorglosen Kinde, das whrend
der Schlacht unter dem Kugelregen der Kmpfenden Blumen pflckt. Wenn
ein Ellbogen in seine Rippen drang, ein ungeschickter Fu auf den seinen
trat, sagte er sich: Geschieht dir schon recht, warum gibst du auch
nicht acht, eben wrst du beinahe wieder unter diesen Autobus geraten,
als du ber den Boulevard gingst, aber schon hast du es wieder
vergessen; eine ganz gelungene Quetschung mit krachenden Knochen und
verspritzten Eingeweiden steht dir ja auf der Nase geschrieben und ist
dir ganz sicher. Aber er war seinen Leidenschaften gegenber wehrlos
und setzte seinen Weg fort, indem er, abenteuerlich gelaunt, voll wirrer
Ideen die Augen rechts und links umherschweifen lie.

Es gab hier um ihn her so viele Dinge zu sehen, da er mit seinen
Blicken den Himmel, das Jagdgebiet der Gtter, verschonte.

Leute nhern sich ihm. Alle denken sichtbar an etwas Bestimmtes. Aber
ihre Gedanken vermengen sich nicht. Jeder Vorbergehende schlgt seinen
Weg ein und trgt die kleine geschlossene Welt seiner ihm allein
vertrauten Gedanken, sein undurchdringbares Geheimnis in sich verborgen.
Jeder ist ein geschlossenes Buch, das eine Geschichte enthlt, die
niemand lesen kann. So gehen sie auf dem wohlbekannten Boulevard mit der
Sicherheit blind Geborener dahin. Was knnte sie in Erstaunen versetzen?
Alles befindet sich an seinem Platz, und der gewohnte Anblick
verschleiert mitleidig die tiefern Dinge. Wozu auch sich immer um den
Anfang und das Ende sorgen, wenn der gegenwrtige Augenblick so
freundlich ist. Jeder fhlt sehr stark, da schnes Wetter und er frei
ist. Sonntags lt es sich gut leben. Die Erde gehrt jedem, und keiner
vermag ihr etwas zu rauben. Man existiert ohne jede Mhe. Der Hauch der
Lungen, die Maschinerie der Beine funktioniert, ohne da man sich darum
bekmmern mu. Man braucht sich nur laufen zu lassen. Jeder
Vorbergehende wei, da er den ganzen Tag um seiner selbst willen leben
wird, da er Herr eines Krpers ist und ihn zu seinem eigenen Gebrauch,
zu seinem eigenen Vergngen verwenden kann. Bis zum Morgen werden die
Minuten sich aneinanderreihen und mit vollen Hnden eine der andern
Freiheit spenden. Auch ist es nicht ntig, eine neue Art des Fhlens und
des Schauens zu erfinden. Die Freude ist allberall, und man braucht
sich nur zu bcken, um sie aufzuheben. Wir haben ein fr allemal die
Dinge bei ihrem Namen genannt, und das Weltall mag sein Geheimnis, das
uns nicht interessiert, fr sich behalten; wir werden uns nicht mehr
verfolgen lassen. Der Tod? -- lat uns lachen! --: eine Erfindung der
Pfaffen. Und wenn es ihn schon wirklich gibt, so ist er ein Verhngnis,
das so entfernt und unwahrscheinlich ist, da man es nicht ntig hat,
daran zu denken, und dann . . . bis dahin kann so mancherlei passieren;
wei man es denn?

Groer Gott, diese Menschenmassen! Woher kommen sie denn alle, diese
Kpfe, dies wandelnde Gewirr von Globussen.

Er wurde nicht mde, alle diese Unbekannten zu betrachten, die pltzlich
vor seinen Augen erschienen und sich in einer gnzlich von Menschen
erfundenen Dekoration hin und her drngten. Nichts, rein gar nichts war
hier von der primitiven Natur brig, und doch hatte ohne Zweifel an
dieser Stelle frher einmal ein Wald in seinem Dmmerzustand gestanden.
Das wilde Tier hatte hier, gewi oft von Jgern verfolgt, mit seinem
Schrei das finstere Echo geweckt, und er dachte an einen alten Stich,
der eine Auerochsenjagd darstellt. Eine ngstliche Hirschkuh hatte
vielleicht hier mit ihren Jungen geschlafen, whrend der Mond die Wipfel
der Bume beleuchtete. Tglich sangen tausend Vgel, wenn der Hauch der
Morgenrte sich erhob, und nachts war die wundersame Stille nur gestrt
durch das Brechen von sten, das die behaarten Ohren des Wildes und die
traumschweren Schwingen der Vgel aufschrecken lie. Nun aber sind da
Steinpflaster und Huser und der Horizont geradliniger Fassaden. Selbst
der zwischen den Dchern sichtbare Himmel hat sein Geheimnis verloren,
er ist geordnet, gleichsam gezhmt.

Mit neuem Blick betrachtete er ein glnzendes Automobil, das am Rande
des Fusteigs stehen geblieben war, er betrachtet es so, als wenn es,
ganz ausgestattet und geputzt, eben aus den Tiefen der Erde
herausgekommen wre. Seine glnzenden Kupferbestandteile, seine
Laternen, die an riesige Juwelen erinnern, seine wie ein geschmeidiges
Tier gewundene Sirene, alles, woraus es sich zusammensetzte, hatte lange
in der unterirdischen Nacht als ungeformte, aufgehufte Materie
geschlummert, und die Menschen waren vorbei gekommen, ohne ihren Schlaf
zu stren. Heute knatterte es am Rande eines Fusteigs. Die geduldige
Arbeit vieler tausend Jahre hatte eines Tages eine Vereinigung von
Zusammenhngen geschaffen, aus denen dieses Wunder erstanden war; und
doch wrde, Stck fr Stck zerlegt, diese merkwrdige Maschine
unfehlbar in ihren primitiven Zustand zurckkehren. Er gewhrte sich den
Zauber, sie mit den aufgerissenen Augen eines Steinzeitmenschen zu
betrachten, und sah, wie sie losfahrend ihre Kraft unter dem Befehl
eines Chauffeurs bndigte. Dann nahm er wieder seinen Weg auf, die Leute
musternd, die ihm begegneten. Er traf seine Wahl unter den Gesichtern
und interessierte sich hauptschlich fr einige Vorbergehende. Auf
deinem Gesicht, mein Lieber, kann ich ohne Brille dein ganzes Register
ablesen. Zylinder, Zigarre, Gewohnheitsraucher knnte man sagen, ppige
Lippe, volle Wangen, stubenhockerisches Gesicht, ein groer
wohlgenhrter Krper, der sich nichts versagt. Ich wei, da du Sklaven
hltst und da du in der Tasche den Schlssel zu deinem Geldschrank
trgst. Und nun wieder dieser dort? Begrenzter Blick, Gutmtigkeit des
gebrannten Kindes, der Gewohnheit des Gehorsams unterworfen; ausgelaugte
Hautfarbe, tgliche Haft in irgendeinem obskuren Bro. Dieser da hatte
es schwerer, vielleicht ist er ein Dilettant irgendeiner Art, ein
Miger, der sich die Illusion einer Ttigkeit zu schaffen verstand. Und
wohin geht diese Frau? Wird sie irgendwo erwartet? Ruft sie Pflicht oder
Vergngen? Dieser Austrger, eben auf einem Geschftsweg, der da am Band
des Fusteigs hingeht? Regelmiger und ruhiger Schritt, rhythmisch,
fast wie ein Tnzer, keinerlei Anzeichen von Sorgen im Gesichte, also
festes Gehalt Ende jedes Monats. Ein Kenner des Kartenspiels und des
Weines. Ich sehe seine Frau in einer Portierloge. Vollstndige
Sicherheit, eine gewisse Leichtigkeit, sich zu verndern! Seine
Prinzipien: sich um nichts zu sorgen und weit vom Schu sein, wenn die
Bombe platzt.

Eine Modedame in hellen Farben entflattert einem Geschftsladen und
entflieht den Blicken der Mnnchen, die ihre Nase nach ihr heben.

Er spaziert immer weiter. Seine namenlosen Zeitgenossen umkreisen ihn
und streifen ihn wie Erscheinungen. Wohl hrt er manchmal Worte durch
diese halbgeffneten Tren, unter denen sich Geheimnisse dieser
Lebewesen auftun, aber sogleich verschlingt der Raum um ihn die Menge
mit ihren Beschwernissen, die ihm ewig weiter unbekannt bleiben werden.

Dieser ist heute morgen in der Stadt angekommen, und jener wird sich
heute abend einschiffen, um niemals wiederzukehren. Dieser Ingenieur
trgt hinter seiner Stirn das Bild einer merkwrdigen Maschine, ber
deren Bau er nachsinnt. Die Frau dort bemht sich, nicht an die noch
unbezahlten Rechnungen der Lieferanten zu denken. Von all diesen
Boulevardspaziergngern werden, wenn auch keiner eine unabsehbare Zeit
berleben wird, mehrere, dafr kann er einstehen, schon vor Ende des
Monats tot sein. Jeder in Bewegung begriffene Krper, und auch der
seine, wird endlich nach langem Hin- und Herschwanken das vollkommenste
Gleichgewicht erlangen. Viele haben schon ein kleines Zimmer aus Stein,
das sie irgendwo geduldig erwartet . . . Und alles spaziert am Ende
einer Leine, die eine gewisse Hand nicht loslt. Aber glcklicherweise
schwebt ihnen die Zukunft als ein herrlicher Golf vor, in dem sich der
eingeengte Strom ihres gegenwrtigen Lebens schn ausbreiten wird. Einer
von ihnen trumt: noch zehn Jahre guter Arbeit, und wenn mir nichts
Bses zustt, werde ich mein Geschft verkaufen und mich aufs Land
zurckziehen knnen. Ein anderer: ach, wenn ich im Ruhestand sein werde,
dann sollen sie erfahren, was ich ber sie denke. Wie einen das
erleichtert! Und ein dritter: wenn ich eine bessere Stellung ausfindig
gemacht haben werde, will ich mich verheiraten und ein Heim grnden, das
mu doch endlich so kommen. Und ein vierter noch, der ber seine eigenen
Gedanken lchelt: sobald meine Geschfte besser gehen werden . . . usw
. . . .

Sie kommen vorbei und verschwinden wieder, damit ist es zu Ende, und er
wird sie nicht wiedersehen.

Pltzlich denkt er an diese Frau, die an einem der letzten Abende in
einem Zug ihm gegenber gesessen hatte. Wenn er sich in diesem Gewhle
pltzlich wieder ihr gegenber fnde. In dem Mae, als er sich das
Abenteuer neuerdings vergegenwrtigte, vergngte er sich, diesen
unmglichen Zufall herbeizusehnen. Er erinnerte sich, da sie recht
hbsch und ihr Blick keineswegs der einer dummen Person gewesen war. Mit
einer neuen Zhigkeit machte er sich wieder Vorwrfe. Ich htte es doch
wagen sollen. Jeder Tag hat so seine Launen; wenn ich ihr heute begegnen
wrde, sprche ich sie gewi an. Warum habe ich damals gar nichts
versucht? Wer wei, welch glckliche Mglichkeiten ich mir an jenem
Abend entgehen lie? Es war eine seiner groen Versuchungen und zugleich
seiner groen Befrchtungen, die Ereignisse vorwegzunehmen, um ihnen zu
ihrer Verwirklichung zu verhelfen. Neue Wesen aus einer unbekannten Welt
anzusprechen, hatte immer eine besondere Erregung in ihm hervorgerufen.
Vor wieviel Tren hatte er nicht, die Hand an der Klingel, gezgert und
war schlielich gegangen, um am nchsten Tag mit einem verspteten Sieg
ber sich selbst wiederzukommen. Wer konnte die vielleicht seltsamen
Folgen der geringsten Begegnung voraussehen? Dies hiee schlielich sein
Leben in zu kleiner Mnze verausgaben, wenn man so wenig Herr ber sich
selbst war, da man es zur Beute des erstbesten Zufalls machte, der um
die Ecke bog. Es gab so viele Menschen, die er nach seinem Willen kennen
lernen konnte oder nicht. Eine einzige Begegnung mochte seinem Leben
eine neue Richtung geben. Denn jedes Ereignis ist reich an
unvorhergesehenen Verknpfungen. Wie sollte man unter den unzhligen
Erwgungen jedes Tages whlen? Durfte er leichthin Freundschaft und dann
Ha in Blicken erwecken, die heute zum erstenmal auf sein Antlitz
gerichtet waren? Sollte er diese lange Folge von Enttuschungen
herbeilocken, die ihn bei jener Frau erwarteten, die zu rasch ihm sein
Lcheln erwidert hatte?

Zgern des Spielers vor der Wahl des Wagnisses!

Begegnungen, neue Beziehungen ber ihn verhngt oder von ihm gesucht, o
all dieser Aufbau der Zukunft, der zwischen Gebundensein und Freiheit
schwankt! Begegnung! Ist sie nicht stets fr den immer fortbestehenden
Menschen wie eine feierliche Geburt? O schpferische Begebenheiten! Als
ich jenem Unbekannten die Hand drckte, entstand pltzlich in mir der
Mensch, der ich erst spter einmal sein werde.

Werde ich also kraft einer unbescheidenen Sicherheit mich ohne Furcht
und Demut den tausend Abenteuern entgegenwagen, die jeden meiner
Schritte belauern? Werde ich nicht zumindest die Erregung des Jgers
erleben, der auf den Fuspitzen in den geheimnisvoll belebten Wald
dringt, in dem ich gegen mich selbst vorschreite, der ich mir in eigener
Person vielfach und doch einzigartig begegne?!

Er lie sich von anderen Gedanken entfhren und wechselte das Spiel.

Er musterte jetzt die Augen der Vorbergehenden. Dies war, wenn er durch
die Straen spazierte, eine seiner alltglichen Vergngungen, die Augen
der Frauen und Mnner zu befragen. Er trug aus der Antwort, die er
erhielt, immer irgendein Wunder davon.

Man geht in einer wenig belebten Strae hin. Vor uns ist nichts als der
unbekannte und seelenlose Raum, Bewegungen berflssig wie vergebliche
Axtschlge, und dann Huser mit ihren Fenstern und die leuchtenden
Auslagen der Geschfte. Da pltzlich nhert sich uns jemand auf dem
Fusteig, z. B. eine Frau. Von weitem ist sie vorerst nur ein Krper,
der sich bewegt. Im Hintergrund der Strae, viel weiter, regen sich ja
noch viele andere Wesen. Aber die Frau nhert sich, ihr Gesicht wird
deutlicher. Unter den Bogen der Brauen lugt ein fremdes Leben hervor,
die Augen. Selbst kommt man gleichfalls heran. Der uerste Punkt der
Blicke beginnt nun an uns zu rhren. Irgend etwas leuchtet aus diesem
nahenden Antlitz. Die Linien des Krpers halten das Wesen nicht mehr
versperrt. Das Leben der Augen ist grer als das sie einschlieende
Antlitz. Die Vorbergehende wird uns erreichen, wir suchen ihren Blick,
und pltzlich findet die bliche Verschmelzung statt. Aus den Tiefen des
Alls kommt uns durch diese Augen eine flchtige Botschaft, und wir
vereinigen uns in ihnen mit dem ganzen fremden Leben.

Die zwei Vorbergehenden deren Blicke sich begegnen, haben beide das
Gefhl einer Besitzergreifung. Aber weder der eine noch der andere
knnte sagen, wer besitzt und wer besessen wird. Wie viel zrtliche,
ironische und hochmtige Worte habt ihr fr den migen Spaziergnger,
der euch in aller Unschuld sucht, ihr Blicke, die ihr zahlreicher als
die Kiesel des Meeres, zahlreicher als die raschen Strahlen der groen,
sich drehenden Leuchttrme aus dem Antlitz der Vorbergehenden
hervorzielt!

Alle Blicke gewhren sich nicht dem ihnen auflauernden Blick. Es gibt
Blicke, die berrascht sich sogleich abwenden. Es gibt auch solche, die
uns durchdringen, als ob sie uns nicht zu sehen scheinen, und andere,
die sich mit solcher Zhigkeit an uns anlehnen, da wir Mhe haben sie
zu ertragen. Wenn sie vorbei sind, fhlt man sich verarmt, und manchmal
hat man nach ihnen zurck schauen mssen.

Die Menschenmenge war ihm jetzt nichts mehr als Tausende von Augen, die
er unermdlich befragte. Er war manchmal so stark betroffen, da er als
erster den Kopf wenden mute. Die Seele jedes Vorbergehenden erflo aus
dieser Doppelquelle, und er fhlte sich bald mit Hflichkeit empfangen,
bald verchtlich in ein unwiderrufliches Nichts verwiesen. Es gab da
auch Augen, die auf das Antlitz nur gemalt waren, und es war fast
unmglich, in ihnen die geringste Spur eines Innenlebens zu entdecken.

Das ist ein Antlitz, ein Antlitz . . . das ihm nicht unbekannt ist. Und
dieser Gang! Nur den Krper erkennt er nicht, der mu sich verndert
haben. Wer mag es doch sein? Der Blick des Vorbergehenden prft ihn mit
Dringlichkeit. Er ist voll Leidenschaft und scheint eine Frage zu
enthalten. Worte stehen hinter ihm bereit. Es ist offenbar, da man ihn
nicht wie einen Fremden anblickt. Auch er zgert vielleicht, ihn zu
erkennen. Er selbst schaut mit der ganzen Kraft, mit dem inneren Auge
seines Gedchtnisses. Wenn er sich nicht sehr eilt, wird es in wenigen
Sekunden zu spt sein. Er leidet vor Ungeduld. Aber da er nichts findet,
bleibt ihm keine andere Mglichkeit, als seinen Weg fortzusetzen. Der
Fremde ist vorbergegangen und hat nicht einmal seinen Schritt
verlangsamt. Er aber, der seinen Blick nicht von dem Manne abwenden
kann, bleibt stehen. Ohne Zweifel irre ich mich; wer knnte es denn
sein? Nun entfernt er sich, aber der Zusammenprall war so stark gewesen,
da er noch immer sein Gedchtnis durchforscht. Einige Gesichter, auf
die er den passenden Namen finden knnte, schaltet er aus. Dieser ist es
nicht, jener auch nicht, wer denn also? Wer war dieser Mensch? Solange
er seine Persnlichkeit nicht festgestellt hat, wird ihm ein
unangenehmer Eindruck den Spaziergang verleiden. Irgendwie fhlt er, da
es fr ihn wichtig sein wrde, diese Spur aufzufinden. Der Mann ist
jetzt in der Menge verschwunden. Vielleicht knnte er ihn noch laufend
erreichen, unwillkrlich beugt sich sein Krper vor. Er wird immer
ungeduldiger, und sein Gesicht verndert sich. Wer ist es, wer mag es
nur sein? Es ist ihm unmglich, sich zu erinnern. Er forscht in die
Vergangenheit, von dem nicht geklrten Wunsche beeinflut, diesen Mann
wiederzusehen. Wie er so seine Nachforschungen pflegt, fhlt er, da es
brandelt. Er mu sehr weit in seinem Leben zurcksuchen, und pltzlich
ist kein Zweifel mehr, er fhlt in sich einen starken Chok, und er
erkennt endlich den, der eben an ihm vorbergestreift ist. Er hat sich
allerdings verndert. Aber ein Irrtum ist ausgeschlossen, er war es
sicher. Da er ihn hat vorbergehen lassen! Einen seiner liebsten
Menschen, der einmal sein tglicher Vertrauter gewesen war. Er eilt
seiner Spur nach, stt an jedermann an, aber die Menge ist pltzlich
feindlich geworden und richtet sich hart vor ihm auf. Hat er denn mehr
Eile als die andern? Nun sitzt er ganz fest in einem Knuel von Leuten.
Er will sie abschtteln, heimst aber nur rgerliche Bemerkungen ein. Da
er einen Streit voraussieht, schweigt er. Schlielich entkommt er, und
es gelingt ihm, sich durch die Gruppen durchzudrngen. Die Hoffnung, den
Mann noch zu entdecken, erscheint ihm pltzlich so mrchenhaft, da er
die Suche aufgibt. Wie sollte er ihn in dieser zahllosen Menge wieder
auffinden? Eine leichte Trauer befllt ihn, wie Ermattung. Er ist es
mde, zwischen den Leuten so hinzugeben, er mchte sich auf eine Bank
fallen lassen und lange nachdenken.

So nahe ist er an mir vorbergegangen, da ich ihn htte berhren
knnen! Wird er ihn jemals wiedersehen? Schmerzliche Umstnde hatten
diesen Freund seinerzeit gezwungen, auszuwandern. Er erinnerte sich des
Abends, wo er fortgegangen. Viele Menschen waren auf dem Bahnhof
gewesen. Whrend die Abteiltren zuklappten und die Angestellten hin und
her liefen, hatten sie einander umarmt, dann war der Zug abgefahren.
Einige Monate hindurch hatten sie einander geschrieben, dann waren sie
beide lange ohne Nachricht gewesen, bis eines Tages ein Brief
unbeantwortet geblieben, und da der letzte Verbindungsfaden auf diese
Art zerri, war einer fr den andern nicht mehr gewesen als eine
Erinnerung, die auf einer stummen Insel hinstarb. Jahre waren darber
hinweggegangen.

Und doch, welchen Kummer hatte er zur Zeit jener Trennung empfunden. Die
neuen Freundschaften hatten ihn nicht hindern knnen, oft an den zu
denken, der ihm verloren war. Im Geheimen seines Herzens bewahrte er ihm
eine von Schwermut genhrte Zrtlichkeit. Sie hatten den gleichen
Enthusiasmus gefhlt, sie hatten wie Brder gelebt, whrend einiger Zeit
dieselbe Wohnung geteilt. Und heute hatten sie sich nicht wiedererkannt.
Wo wrde er ihn wiedersehen knnen? An welche Tr sollte er pochen? Er
kannte weder seine Familie noch irgendeine seiner Beziehungen. Er sah
keinerlei Ort, wo er ihm begegnen knnte. Niemand konnte ihm helfen,
seine Spur zu verfolgen. Und dabei hatten seine Augen auf ihm geruht.
Diesen Mann wiederzufinden, koste es was immer, war ihm die wichtigste
und dringendste Sorge geworden. Aber wie, wie nur? Er wird ihn nicht
wiedersehen. Das ist ganz sicher. Und dieser Gedanke war ihm
unertrglich.

Die Menschen fluteten noch immer vorbei. Aber ganz in seine Gedanken
verloren, sah er sie nicht mehr. Ja, die Berhrung mit dieser Masse war
ihm sogar unangenehm. Er bog um eine Ecke und schlug die Richtung nach
seiner Wohnung ein. Mit gesenktem Kopf und unzufrieden mit sich selbst,
schritt er hin. Wie konnte er auf den Zufall hoffen, ihm wieder zu
begegnen? Sein frheres Leben erschien ihm wieder, kalt und wie dem
Geschmack der erloschenen Zigarre vermengt, an der er zerstreut kaute.
Sein Herz emprte sich.

Er erblickte den Mann wieder, wie er an ihm vorbergekommen war. Ganz
deutlich sah er sein Gesicht, seine Krawatte und die Art, wie er ihn
angeblickt hatte. Ein Staunen begann sich in ihm zu regen. Seltsam, er
selbst hatte sich kaum im Lauf dieser Jahre verndert. Darber waren
alle Leute einig, und seine Portrts bewiesen es. Hatte sein alter
Freund ihn wirklich nicht wiedererkannt? Ein Zweifel, der sich mehr und
mehr bestrkte, setzte sich in ihm fest. Aber ja, ganz sicher hatte er
mich erkannt. Ich sehe ja noch das Erstaunen in seinem Blick, aber ohne
mit mir zu sprechen, ist er vorbergegangen. Er hat mich erkannt, aber
mit Gleichgltigkeit, das ist die Wahrheit. Ob er denn auch in meinem
Zgern die Absicht vermutet hat, ihn nicht erkennen zu wollen? Immerhin
htte ihn die Freude unserer Begegnung in meine Arme drngen mssen. Er
hat Zeit gehabt, zu berlegen, aber er hat die Sachlage ganz kalt
beurteilt. Er hat sich vielleicht gesagt: die zehn Jahre haben aus
diesem frheren Freund einen Fremden gemacht, den ich nicht mehr
anzusprechen wage. Was fr ein Mensch mag er geworden sein? Welche
Sorgen beschftigen, was fr Ziele locken ihn? Ich selbst habe ja nicht
mehr die Wnsche von damals, und ich lchle, wenn ich an die Ideen
denke, die ich frher verteidigte. Ich habe mich sehr verndert. Und er?
Wenn er derselbe geblieben ist wie vor zehn Jahren, haben wir nichts
Gemeinsames mehr. Und wenn er sich so sehr verndert hat, da er ein
ganz neuer Mensch geworden ist, ist er auch nur mehr ein Fremder fr
mich.

Er ist vorbergegangen, ohne stehen zu bleiben. Ohne Freude hat er mich
wiedergesehen. Zweifellos htte er mich angesprochen, aber meine Haltung
entmutigte ihn. Er hat wohl einen Augenblick des peinlichsten Zgerns
gehabt, als sich sein Schritt dem meinen nherte. Sollte er mich
ansprechen, sollte er sich den Anschein geben, mich nicht zu erkennen?
Er hat vielleicht meine Augen gierig belauert. Zwei Strme haben sich
berhrt, ohne ihre Wasser zu vermengen. Zwei lebendige Menschen haben
sich angeblickt, und jeder von ihnen hatte hinter sich einen toten Mann.
Wie zwei Phantome haben sie sich einander genhert, um sich dann wieder
in ihrer Nacht zu verlieren.

O Trauer, Trauer! Du alter Freund, der du, mich erkennend, nicht
gedrngt warst, deinen Arm um den meinen zu schlingen, nie wirst du die
Bitternis ahnen, die dein Vorbergehen in mir zurckgelassen hat. Und
dennoch htten wir vielleicht nicht lange gebraucht, um wieder die alten
Gefhrten von einst zu werden! Mit einigen guten Gesprchen und
gegenseitigen Retouchen htten unsere Seelen sich wieder gefunden. Du
hast es nicht gewollt. Und diese Gewiheit ist mir jetzt so eingeprgt,
da vielleicht ich jetzt derjenige sein werde, der als erster den Blick
senken wrde, um dich nicht zu sehen, wenn ich dir an einem der nchsten
Tage begegnen wrde.

Als er die Strae erreichte, in der er wohnte, kehrte er nochmals um, um
den Augenblick, wo er sich in seinem Zimmer mit seiner Traurigkeit
allein befinden wrde, hinauszuschieben. Er schlenderte noch einige Zeit
in der Gegend seines Hauses umher, dann kam ihn die Lust an, alte Briefe
zu lesen, gewisse Reliquien hervorzunehmen, die er fromm bewahrte.

Er schritt ber die Schwelle seiner Wohnung mit der Absicht, demjenigen
seinen einsamen Abend zu widmen, der beladen mit einem frheren Leben
aus dem Vergessen und dem All herausgetreten war und sich dies eine Mal
sogleich wieder, diesmal aber wohl fr immer, darin verloren hatte.




                                TRUME


Du bleicher Nachtwandler, gefoltertes Phantom, fern deinem Bette, wo
dein schlummernder Krper, wie von dir selbst losgelst, ausgestreckt
liegt, irrst du um Mitternacht durch die Rume der schlichten Behausung.
Die Mauern, die Decke, die Mbel, sie alle schlafen, aber du? Du hast
dein Lager verlassen, um bis zum Morgenrot im Schattenreich des
Schlummers und der Toten ein unruhevolles und wirres Leben zu fhren.
Unter deinen Fen hat sich der Boden aufgetan, um tief in die Traumwelt
zu sinken, und welch alte Dinge, -- o wie alt sind sie -- rauschen und
weben in deinen Ohren. Wie ngstigst du dich doch, das Nebenzimmer zu
betreten, wo das Dunkel mchtig ist wie ein Geist. Unter dem Teppich des
Tisches ist es so stark und lebendig, da du ein Unbekanntes nahen
fhlst.

Wie spt mag es sein? In welches Jahr deiner Jugend bist du
zurckgerckt? In Nebeln blitzt eine Klinge auf, und du denkst an
Menschenmord. Aber du liebst deine Furcht und machst einen Schritt vor,
um noch besser in sie einzudringen. Hier ist der Schlupfwinkel. Die Tre
weitet sich, als knnte sie nicht lnger mehr das geheime Schrecknis
bewahren. Dort ist das Vorzimmer, das ganz mit Kleidern angefllt ist.
Ist denn die Tre geschlossen? Keineswegs, sie ist gegen die Stiege weit
geffnet, und zgernd steht dort eine gequlte Gestalt. Wie konnte die
Tr sich ffnen? Unter welcher Blicke Macht? O wie gerne mchtest du
imstande sein, sie zu schlieen, es wagen hinzugehen, den Riegel
vorzuschieben, um dann, an den Trrahmen gelehnt, tief Atem zu holen. Du
weichst gegen die Kche zurck, lt den Eingang nicht aus dem Auge. Nun
schliet du die Tre und schiebst den Riegel vor. Aber die Kche ist von
dem anderen Raum nur durch ein schwaches Eisengitter getrennt, und du
fhlst dich nicht in Sicherheit. Du sprst, da man dich nebenan
belauert. So ffnest du denn das Fenster und suchst zu deiner
Verteidigung im Freien einen Verbndeten.

Da drauen aber liegt nur ein armseliger Hof, und es ist tiefe Nacht.
Zwischen zwei Mauern sieht man allerdings die dunklen Grten und
Schatten dort, die du zu erkennen versuchst. Am Fensterrand, den man mit
einem Brett verbreitert hat, steckt ein Pinsel in einem mit Wasser
angefllten Gef und ein Blumentopf mit krglichem Gartenkerbel, den
der gefhllose Wind hin und her bewegt. Schnre sind von der
Schutzstange eines Fensters zu der eines andern gespannt; an Waschtagen
hngt man daran Wsche auf. Du erinnerst dich des Geruches nasser
Leinentcher. An einem solchen Tag, abends, hatte sich die Frau aus dem
Fenster gebeugt, um ihre Wsche dort auszubreiten. Der Wind bewegte
hinter ihr eine Kerzenflamme, und im Dunkeln hrte man sprechen. Etwa:
Das Wasser war so kalt, da mir die Ngel zum Weinen weh taten. Oder:
Diese schmutzigen Schornsteine werden mir noch alles verruen. Und
dazu klatschte die feuchte Wsche im Winde.

Da pltzlich streifte nun wie eine Hand ein Hauch deine Wange; eine
zerbrochene Fensterscheibe war durch ein Stck Zeitungspapier ersetzt
worden und wurde nun zeitweise vom Winde bewegt. Zwischen der Mauer und
dem Bfett sitzest du, von irgendeiner Angst festgenagelt. Deine Beine
sind nackt und du frierst. Der steinerne Ausgu ist sehr schmutzig,
seine Quadern sind so ausgelaugt, da sie einem alten Schwamm gleichen.
Dem Wandkasten, wo Zwiebeln, Kartoffeln und Gewrze in Tten aufbewahrt
sind, entstrmen Gerche. Mit dem Blick biegst du den verbeulten Boden
der Kasserolle gerade und besserst die abgeschabte Malerei der Mauer
aus. Wenn du das Auge hebst, bemerkst du auch, da die Blechschachteln
auf ihrem Gestell nicht nach der Reihenfolge aufgestellt sind, und
leidest an dieser Unordnung. Auch entsinnst du dich, da eben noch auf
der Strae das Gaslicht brannte; so wird denn die Nacht noch lange
whren.

Von der sandsteinernen Wasserleitung, mit dem Relief eines
Wassertrgers, fllt von Zeit zu Zeit ein Tropfen. Jetzt schttelt der
Wind, nahen Regen kndend, dir Trnen ins Gesicht.

Und du verharrst in deiner kindlichen Hilflosigkeit.

Die Stille hat alles eingefroren, und es ist dir, als wren in ihr die
Menschen wie in einem Eisblocke und blickten nun daraus hervor. Du
wrdest alles, was du besitzt, dafr geben, diese Prfung, die dein Herz
grausigen Mchten in die Hnde spielt, berstanden zu haben. Vor
Tagesanbruch aber wirst du ihnen nicht entkommen. Vergeblich versuchst
du, auf deinem Sessel einzuschlummern. Aber die Stille ist zu gro, als
da du dich dem Schlafe anvertrauen knntest: denn es ist eine Stille,
in deren Inneres du wie in eine ausgestorbene Wste schaust, in der sich
keiner der Gtter findet, die Furcht und Eitelkeit der Menschen erfunden
haben. Du erschrickst ber die Wichtigkeit deiner Entdeckung. Dies ist
nun die Wahrheit, die so sehr gesuchte. Nichts ist da! Nichts! Was
werden die Leute morgen dazu sagen, wenn du ihnen diese Nachricht
entgegenschreien wirst? Welche Umwlzungen in der Welt! Es gibt nichts
als das Nichts! Der Beweis ist erbracht. Der unwiderlegbare Beweis!

Die Schatten haben sich bewegt. Der bleiche Vorhang ist zurckgeschoben.
Wie verbringst du jetzt deine Zeit? Den Schritt vorauszuspren, der
pltzlich die Stiege streifen, die genaue Stelle zu erraten, die das
Papier am Fenster, wenn der Wind es in die Hhe hebt, berhren wird?
Wie? Mache du vor allem keine Bewegung! Lenke die Aufmerksamkeit nur
nicht auf dich! Verringere das Gewicht deiner Anwesenheit durch
Unbeweglichkeit. Zieh dich im Raum zusammen! Schrumpfe in dich zurck!
An der Wurzel schon schneide deine Blicke ab! Verschwinde in
vollkommener Starrheit! Nun bist du nicht mehr und bist dir dessen
bewut. Oh, warum hast du mit diesem kleinen Gerusch deine Lippen
genetzt? Der Zauber ist gebrochen; tausendfach luft Furcht ber deine
Haut hin. berall finden deine Blicke Nahrung der Angst. Du bist
verloren. Das Ereignis wird eintreffen. Durch einen Windsto hat sich
das Fenster fast gnzlich geschlossen. Nie wirst du den Mut finden, es
wieder zu ffnen. Jetzt klammern sich Finger an die Klinke der Tr
. . . sie ffnet sich!

                   *       *       *       *       *

Erwachen! Es ist schon hellichter Tag. Reich an Verheiungen ist dieser
Frhlingsmorgen. Unzhlige Vgel zwitschern in den Bumen. Flinke Rder
geben den Wnschen eine Art Aufschwung. Die Glockentrme ragen auf, die
Dome wlben sich, und die ganze Stadt wchst sichtlich unter dem Himmel
empor. Was ist denn geschehen? Warum diese bernatrliche Freudigkeit in
den Lften?

Ich denke an den trben Niederschlag, den die Nacht in mir
zurckgelassen hat.

O du meine Seele, die ich nicht kenne und die mir kaum angehrt, wohin
hast du mich diese Nacht gezerrt? Viele dieser Erinnerungen, die du mir
in den Nebeln des Traumes gezeigt, hatten vergessen in meinem Gedchtnis
geschlummert; es gab solche, die mir seit vielen Jahren nicht mehr
erschienen waren. Andere schlielich waren so verstmmelt, da ich mich
jetzt am Morgen frage, durch welchen bsen Zauber ich sie des Nachts so
gut zu erkennen glaubte. Warum hast du den von Bildern bevlkerten
Schlamm aufgestrt, der sich wie ein tiefes Bett unter meinem
Lebensstrom ausbreitet, warum hast du diese Dinge und nicht lieber
andere an die Oberflche aufsteigen lassen? Du, Herrin meines Krpers,
nun bin ich voll schwerer Unruhe. Ich vermag fast nichts ber dich. Du
hast ber meine Hellsichtigkeit ein tragisches bergewicht. So entfhrst
du mich oft in unbekannte Kellerrume, die aber immerhin noch Rume
meines Wesens sind. Ja, ja, ich erkenne jetzt sehr gut diese armselige
Wohnung mit ihrer Dunkelheit und diesen Hof, ich erkenne auch diese
Frau, aber ihre Augen waren nicht so traurig und ihre Kleider verrieten
nicht so viel Elend. Ich erinnere mich ihrer Worte, jene aber, die sie
sprach, hatte nicht diese schmerzvolle Stimme. Du Unbekannte, die du
hinter meiner Stirn eine Welt zu errichten vermagst, die nicht des
Raumes bedarf, um zu bestehen, ich frchte dich, da ich dich grer wei
als mich selbst. Wenn ich mich bezeichnen will, wenn ich, auf mich
zeigend, _ich_ sage, krampft sich meine Hand sogleich an meine Brust,
und niemals berhrt sie eine andere Stelle meines Krpers, niemals
greift sie an die Stirne, die dein Sitz ist. Aus dieser Stelle, die
meine Hand bezeichnet, aus diesem Mittelpunkt meines greifbarsten Ichs,
fhle ich dich so seltsam fremd. Aber werde ich jemals wissen, was ich
bin und wie weit mein Wesen reicht, was in mir mit sich selbst identisch
bleibt, zwischen all dem tglichen Werden und Vergehen? Hier sind meine
Hnde, die Dinge greifen knnen, meine Augen sie zu umfangen, dies ist
meine Stimme, die eine Folge von Tnen ist, in denen ich mich erkenne,
aber du, wer bist du denn, die ich nicht in eine Form zu kleiden vermag,
die sowohl ins Ungewisse mich hinstreuen, als auch in die zwiefache
Vision des tiefsten Abgrundes oder des fernsten Sternes mich entsenden
kann!?




                            DAS GEHEIMNIS


Es war nichts Sonderliches an ihm, nichts unterschied ihn von anderen
Menschen; sein Leben glich in allem dem der anderen. Er hatte eine
schlechte Wohnung, deren Fenster auf einen Hof gingen. Auf der Strae
war er ein Passant unter vielen, und niemand achtete seiner. Um sein
ueres war er wenig besorgt, und selbst am Sonntag kleidete er sich
ohne irgendwelche Phantasie. Seine Heiterkeitsausbrche blieben diskret,
er lchelte wohl manchmal, lachte aber niemals wirklich so recht
herzlich.

Wie so viele Menschen verdingte er sich an einen Dienstgeber. Jeden
Morgen stellte er sich ihm zur Verfgung und erhielt dafr ein wenig
Geld, das ihm ermglichte, sich ihm weiterhin zu verdingen. Im Grunde
genommen war das zwar eine Art Fopperei, aber das Beispiel der anderen
und auch die Gewohnheit lieen ihn darber gar nicht nachdenken. So
lebte er mit seiner Frau seit Jahren. War er glcklich? Er wute es
nicht und fragte sich niemals darber. Er lebte einfach deshalb, weil er
eines Tages geboren war, und beklagte sich nicht.

Aber seit einiger Zeit war er derselbe nicht mehr. Seinerzeit, vor
vielen Jahren schon, hatte er sich hinreien lassen, eine gemeine Tat zu
begehen, deren er sich immer schmte, wenn er ihrer gedachte. Noch heute
war es ihm unerklrlich, da er so verchtlich hatte handeln knnen, war
er doch ein anstndiger Mensch, dem jeder niedrige Gedanke fremd war.
Lange hatte ihm das Kummer bereitet, und eine Art traurige und erqulte
Ernsthaftigkeit blieb davon in ihm zurck.

Zwei Personen hatten von der Sache gewut. Die eine war verstorben, die
andere hatte das Land verlassen und man hatte sie nie wieder erblickt.
Eine dritte . . . aber wute die wirklich etwas? Krzlich hatte diese
dritte Person allerlei seltsame Anspielungen gemacht. Zuerst hatte er an
einen Irrtum geglaubt. Sie wute sicher nichts, und htte sie etwas
gewut, so wrde sie es doch bei sich behalten haben. Was fr ein
Interesse konnte sie daran haben, ihn zu qulen? Diese Geschichte war
begraben. Alle, die sie mglicherweise angehen mochte, waren
verschwunden. Man konnte sie ihm vorwerfen, doch niemand besa den
geringsten Beweis, er brauchte blo zu leugnen. Auerdem war er imstande
gewesen, den verursachten Schaden teilweise wieder gutzumachen, und sein
Opfer hatte ihm selbst vor dem Tode vergeben.

Aber diese Frau war schlecht und lie es sich angelegen sein, Bses zu
tun. Wozu wre sie nicht imstande, wenn sie das Geheimnis besa und sich
daran berauschte, es mit ihm allein zu besitzen! Eines Tages war er fast
sicher, da sie es wute. Wie hatte sie die Sache erfahren knnen?
Vielleicht durch denjenigen, der ins Ausland gegangen war, und den sie,
wie er glaubte, gekannt hatte.

Sie wute es, und sie wrde es seiner Frau sagen, seiner Frau, die er so
sehr liebte und die ihn ohne Zweifel verstoen wrde, wenn sie seine
Missetat erkundete. Vor allem wrde sie es ihm nicht verzeihen, das
Vertrauen verletzt zu haben, ihr nichts gesagt zu haben. Und sie besa
gengend Stolz, sich von ihm zu trennen. Jeden Tag beobachtete er sie
sorgsam, ob sie noch nichts ahnte, ob die andere nicht schon Andeutungen
gewagt hatte. Oh, er wute sehr gut, da die schreckliche Frau nicht auf
diese Art sein Geheimnis preisgeben wrde. Mit einem Schlage wrde sie
sich gewi nicht dessen entuern, was ihr wochenlanges Vergngen
bereiten konnte. Sie wrde eines Tages so leichthin einige ausgesuchte
Worte fallen lassen, einen Satz mit alltglichem Tonfall, aber mit
vieldeutigem Nachhall. Nachher wrde sie ber die Wichtigkeit erstaunt
tun, welche die Angeredete ihren Worten beilegte. Nein, sie hatte
wirklich nichts sagen wollen, ach, welcher Einfall! Und die von ihr
aufgestrte Seele wrde sich wieder ganz und gar beruhigen. Dann, an
einem anderen Tage, wrde sie zwischen zwei sliche Phrasen neuerdings
einige Gifttropfen trufeln. Eines Tages dann wrde entweder seine Frau
sie zwingen, alles zu sagen, oder sie wrde selbst, unfhig lnger zu
schweigen, die ganze Sache dummerweise viel frher erzhlen, als sie es
beabsichtigt hatte.

Seine Frau wrde es wissen!

Tte er nicht besser daran, es ihr noch heute zu sagen. Seine Vergehung
war nicht solcher Art, da man sie nicht vergeben konnte. Sie wrde ihm
sicher Absolution erteilen. Doch nein, er hatte zu lange geschwiegen, er
hatte zu sehr gezgert. Ja, er hatte es an Ehrlichkeit fehlen lassen,
denn der Mann, den sie geheiratet hatte, war ihrer Ansicht nach kein
Mensch, der dieses Unrecht htte begehen knnen. Htte sie, wenn sie es
gekannt htte, ebenso gehandelt? Er htte es ihr gestehen sollen. Er
erinnerte sich nicht mehr, da eine sehr lebhafte Liebe und groe Angst
ihn davon zurckgehalten. Wie hatte er denn nicht daran denken knnen?
Wie es vermocht, diese andere Unehrlichkeit zu begehen? Er hatte sich
statt seiner einen neuen Menschen unterschoben. Niemals wrde er den Mut
haben, mit ihr zu sprechen. Aber er mochte auch nicht, wenn es eines
Tages notwendig wre, den Mut finden, zu leugnen oder zu lgen.

Die Dinge, die er liebte, verloren ihre Kstlichkeit. In ihm wuchs Leid.
Abends bei Tisch, seiner Frau gegenber, nach langem Tag, an dem er
unaufhrlich sich gesagt hatte: Vielleicht heute abend -- erlebte er
alle Phasen der Bengstigung, der Beichte. Wrde sie etwas sagen?
Jedesmal wenn ihre Lippen nach einem Augenblick der Stille sich
bewegten, griff Angst ihm ans Herz. Der Abend dehnte sich hin. Er sprach
mit seiner Frau ber die kleinen Ereignisse seines Lebens. Dinge, die
ihre Wirtschaft betrafen, und pltzlich sagte sie, da jene Nachbarin,
die er so sehr frchtete, sie besucht hatte und am nchsten Tag
wiederkommen wrde.

Manchmal brauchte er tausenderlei Vorwnde, damit sie frher schlafen
gehe als er. Er sagte, da er ein wenig lesen, Ordnung in seine Papiere
bringen wolle, einen Brief suchen msse, auf den er zu antworten htte.
Sie hatte Ruhe ntig. Er riet ihr dringend, nicht auf ihn zu warten. Er
bestand darauf, er sei nicht schlfrig und wrde ziemlich lange
aufbleiben. Er blieb dann stundenlang allein in seine Gedanken
versunken. Die Lampe brannte auf einer Etagere, von der aus sie das
ganze Zimmer beleuchtete. Der Herbst rckte vor. Es war noch nicht sehr
kalt, aber in den Husern war es feucht und abends heizte man ein. Nur
ein kleines Feuerchen, sagte seine Frau. Um das Blut ein wenig in Gang
zu bringen.

Er kauerte sich neben dem Ofen in eine Ecke und lie von der Wrme
eingelullt seine Gedanken schweifen. Der Wecker auf der Kommode schien
irgendeinem Ziele zuzueilen. Im Hause war keinerlei Gerusch. Es war von
Leuten bewohnt, die frh schlafen gingen und frh aufstanden.

Ohne seinen Traum zu unterbrechen, betrachtete er die Dinge, die ihn
umgaben. Die unbeweglichen Sthle, den Tisch, die Nhschatulle seiner
Frau, einen Fingerhut, die Zwirnspule. Sie hatte ihm heute nach dem
Frhstck auf dem Flur gesagt: Bring mir eine Spule von D. M. C. mit.
(Dies war die Marke, die sie bentzte.) Sie hatte ihm so herzlich
zugelchelt, als sie um diese geringfgige Sache bat, da er inmitten
der dunklen Tage, die er jetzt durchlitt, eines der strksten
Glcksgefhle seines Lebens empfand. Er hatte ihr dann auch, als er sie
verlie, um seiner Arbeit nachzugehen, den leidenschaftlichsten Ku
gegeben, den sie jemals von ihm empfangen hatte. Diesen Abend war es ihm
auch wieder gelungen, allein zu bleiben. Es war spt, und er sann in der
Stille des Hauses vor sich hin. Im Ofen erstarb das Feuer.

Seine Blicke fielen auf einen eingerahmten Stich, der an der Mauer hing.
Peinlicherweise sah er ihn immer wieder, weil er sich an einem Platz
befand, wo er ihn schwerlich vermeiden konnte. Er hatte immer
dagehangen. Er sah ihn tglich, und vielleicht war dies der Grund,
weshalb er ihn niemals gesehen hatte. Woher kam er eigentlich? Er
erinnerte sich dessen nicht mehr. Immer war er ein Bestandteil ihres
Hausrates gewesen. Wenn sie umgezogen waren, hatten sie ihn mitgenommen
und neuerdings an die Mauer gehngt, ohne ihn eingehender zu betrachten,
als eben ntig, um ihn nicht verkehrt anzubringen. Seit einigen Tagen
betrachtete er ihn hartnckig. Auf einem Hgel befand sich da eine
Hndin von mehreren Jungen umgeben, zwei andere junge Hunde versuchten
ihr zuzuschwimmen, kmpften im dunklen Wasser, das den Hgel umgab.
_berschwemmung_ war der Titel. Er wurde nicht mde, den Stich zu
betrachten. Die Verzweiflung der Hndin, die gegen den fahlen Himmel
anschlug, wurde ihm fr Augenblicke unertrglich.

Seine Frau erwachte, bemerkte durch die halbgeffnete Tr das Licht und
rief ihm aus dem Nachbarzimmer zu:

Komm doch schlafen, du wirst morgen mde sein.

Ja, ich komme schon, ich bin bald fertig.

Und er blieb sitzen, unfhig, seinen Gedanken zu entfliehen. Nach
lngerer Zeit erwachte seine Frau von neuem und rief ihm in rgerlichem
Ton zu: Du bist wirklich unvernnftig.

Er legte sich schlafen, ohne zu einem Entschlu gekommen zu sein.

Ein Leben umfing ihn, in dem der Traum die Wirklichkeit beherrschte. Die
Leute, die mit ihm verkehrten, sahen, wie sein Blick sich mit neuen
Dingen fllte.

Eines Tages, in der Dmmerung, kehrte er aus seinem Bureau heim. Er ging
einen Boulevard entlang, der von Privatbesitzungen gesumt war. Ein
Straenrumer fegte den dicken Teppich der Bltter und sammelte sie zu
einem rauschenden Haufen. Er blieb stehen, um ihm zuzuschauen, empfand
wieder eine aufrichtige Freude, die Erde, die so lange unter den
Blttern begraben gewesen war, zu erblicken. Der Boulevard wrde bald in
seiner ganzen Lnge so rein aufgekehrt sein, wie auf diesem Platz. Die
wieder aufgedeckte Erde war feucht und wie zernagt von den unzhligen
Insekten, die er umherlaufen sah. Er verfolgte den Kampf einer Ameise
mit einem ungeheuren Gegenstand. Er blieb so lange unbeweglich, da der
beunruhigte Straenkehrer sich nherte, um zu sehen, was er mit so viel
Aufmerksamkeit betrachtete. Aber schon seit einigen Minuten sah er weder
die Tiere noch die Erde mehr. Das Antlitz, das er dem Manne zuwandte,
war so leidvoll, da dieser sprachlos stehen blieb.

Er dachte daran, zu verschwinden, sich zu tten.

Das Antlitz seiner Frau blieb so friedlich, wie er es immer gekannt
hatte. Sie widmete sich mit derselben Sorgfalt dem Haushalt und schien
nichts von ihrer frheren Frhlichkeit eingebt zu haben. Wenn er
abends heimkehrte, sah er sie unter der Lampe nhen. Sie tauschten den
Begrungsku. Sie erhob sich, stellte wieder die Lampe auf die Etagere
und deckte den Tisch. Whrend sie das tat, sprach sie mit ihm, blieb
zuweilen einen Augenblick still und erwartete mit aufmerksamem und
lchelndem Blick seine Antwort. In ihrer Haltung war ganz und gar
nichts, woraus man htte schlieen knnen, da sie das Geheimnis kannte.
Ja, vielleicht bewies sie ihm mehr Zrtlichkeit als frher.

Und dennoch hatte die andere gesprochen, dennoch wute sie!

Es war anfangs sehr hart fr sie gewesen, diese Sache zu tragen.
Pltzlich war ihr das Wesen, mit dem sie seit Jahren lebte, wie ein
Fremdes erschienen. Als sie ihn so pltzlich fr verchtlich und niedrig
gehalten, hatte sie sich gesagt: ich werde morgen von ihm gehen. Er
hatte kein Vertrauen gehabt! Er hatte ihr nichts gesagt, und doch mit
welcher Freude htte sie ihm verziehen. Warum hatte er geschwiegen?
Warum sie getuscht? Dann hatte sie die berlegung zu einer richtigeren
Auffassung seines Benehmens gefhrt. Er hatte nichts gesagt, weil er sie
so sehr liebte und Furcht gehabt hatte. Daran konnte sie nicht mehr
zweifeln. Zweimal war er schwach gewesen, nichts als schwach. Und wenn
sie an die liebevolle Feigheit dachte, die er ihr bewies, stieg
Freudenrte ihr ins Antlitz. O teurer Freund, sei ohne Angst. Sie, die
du erwhlt hast, mit ihr ein Leben zu verbringen, sie verdammt dich
nicht. Sie zrnt dir kaum, da du an dem Reichtum ihres Herzens
gezweifelt hast. Du kennst sie so wenig, und doch hast du sie erwhlt.
Ich erinnere mich, mit welch rhrender Schchternheit du in den ersten
Tagen unserer Begegnung mit mir gesprochen hast. Und ich habe das Beben
nicht vergessen, das dich durch und durch bewegte, als du mich um das
batest, was mein Herz dir lngst geschenkt hatte.

Wenn sie sich ihm gegenber befand, dachte sie: Du magst mich ansehen
soviel du willst, du wirst nicht die mindeste Spur meiner
Mitwisserschaft entdecken. Drcke meine Hnde, schliee mich in deine
Arme, du wirst nichts in mir finden, was dir fremd geworden ist und dir
entfliehen will. Diese dumme Person hat ihre Zeit verloren, als sie
versuchte, dich in meinen Augen herabzusetzen. Damit du nicht aufmerksam
wirst, werde ich sie nicht hinauswerfen. Einige Zeit werde ich sie noch
herkommen lassen, dann werde ich sie nach und nach entfernen, und es
wird von all dem nichts mehr brigbleiben. Freund, treuer Freund, du
mein unentbehrlicher Gefhrte, erkenne deine Frau besser. Noch ganz
andere Dinge htte sie dir verziehen. Sei denn beruhigt. Du wirst es
nicht erfahren, da dein Geheimnis in mir begraben ist. Niemals wird
zwischen uns davon die Rede sein.

                   *       *       *       *       *

Tage vergingen, ohne da der Friede des Haushaltes durch irgend etwas
gestrt wurde. Er entfernte sich morgens, um ins Bureau zu gehen, kam
zum Mittagessen nach Hause und blieb dann wieder bis zum Abend aus. Sie
rumte die Wohnung auf und ging dann einkaufen. Sie nhte, bgelte, las
ein wenig. Zu den Mahlzeiten fand er sie sorgsam frisiert, mit bloen
Armen und Hals und in einem immer reinlichen, hbschen Schlafrock.

Die Andere kam von Zeit zu Zeit, um den Gang der Dinge auszuspren.
Sie hoffte immer, da auf dieses glckliche Paar die Endkatastrophe
hereinbrche, die ihr eine Freude bedeuten wrde. Aber sie wurde mit
demselben Lcheln empfangen wie frher und verstand nicht. In dem Mae,
als ihr selbst dieses Unternehmen langweilig wurde, verringerten sich
ihre Besuche.

Aber er! Er!

Er verlebte dstere Tage. Der Verurteilte in seiner dumpfen Zelle, nicht
endenwollende Stunden damit verbringend, in Gedanken seine eigene Gruft
zu bauen, war weniger unglcklich als er. Das konnte so nicht andauern.
Alles war einem solchen Leben vorzuziehen.

Jeden Morgen sagte er sich: ich lasse mir noch einen Tag Zeit zu
berlegen, um einen Entschlu zu fassen. Wenn ich morgen, nach dem
Nachtessen, nichts gesagt haben werde, wenn ich nicht den Mut gehabt
habe zu gestehen, werde ich fortgehen und mich ins Wasser strzen. Der
nchste Tag kam. Er dachte von neuem wie am Abend zuvor. Da sie nichts
wei, wird sie vielleicht nie etwas wissen. Ist es also ntig, zu
versuchen? Zweifellos nein. berdies bin ich es nicht mehr imstande. Oh!
Elend. Wie aus dieser Situation herauskommen? Wre denn nicht seine
einzige Rettung die Selbstvernichtung? Eine banale Zeitungsphrase, die
ihm beim Lesen der vermischten Anzeigen aufgefallen war, kam ihm
unaufhrlich in Erinnerung:

_Er hatte ein Unrecht begangen, aber er hat es bezahlt._ Breitet den
Mantel des Schweigens ber ihn.

Ich werde mich ins Wasser strzen, und damit wird es ein Ende haben. Der
Abend kam. In Augenblicken, wo sie beide still blieben, sagte er zu sich
selbst: nun so fang doch an, jetzt ist der Augenblick. (Die Stille
dehnte sich hin.) Beginn doch, Feigling. Auf was wartest du? Seine Frau
hob den Kopf und sprach irgend etwas. Er antwortete eilig und leichthin,
glcklich, einen Vorwand gefunden zu haben, um den Augenblick seines
Gestndnisses verzgern zu knnen. Und er sagte zu seinem Gewissen:
dieses Mal ist es nicht meine Schuld. Du bist mein Zeuge, da ich den
Mund soeben ffnete, als sie zu mir zu sprechen begann. Ich mute ihr ja
doch antworten. Ein neues Schweigen setzte ein. Er sagte immer noch
nichts. Und er blieb so bis zu dem Augenblick, wo er aufstand, von
Verzweiflung bermannt. Sie ganz in ihrer Rolle aufgehend, ihn nur ja
recht gut zu behandeln, ja innerlich glcklich, da ihr das so gut
gelang, so glcklich, da sie zuweilen wie ein Kind in die Hnde
klatschte, sobald er gegangen war. Sie ahnte nichts von dem Drama, das
sich in ihm abspielte. Sie sagte sich: wie leicht fllt es mir, dieses
Geheimnis zu bewahren. Ach, er wird niemals etwas erfahren! Der arme
Schatz!

Und sie sagte ihm Worte der Zrtlichkeit, die sie noch niemals gesagt
hatte.

Diesen Abend wird er sprechen oder sich tten. Er wute, da ihn diesmal
nichts mehr verhindern konnte. In seiner Westentasche befand sich ein
Brief, den er nachmittags in seinem Bureau geschrieben hatte. Er setzte
darin seiner Frau die Grnde seines Selbstmordes auseinander. Er hatte
geweint, als er ihr schrieb. Den ganzen Tag ber hatte er sich am Rande
des Wassers gesehen. Wie wrde er es anstellen? Wird er sich nach
vorwrts, seiner ganzen Lnge nach, mit groem Lrm ins Wasser werfen,
oder wird er sich ber die Bschung lehnen, um mit geschlossenen Augen
sanft hinunterzurollen? Er knnte auch hinknien . . . Wie schwer mute
es einem werden, sich in dieses Wasser zu werfen. Er empfand das Gefhl
der ersten Berhrung mit dem Wasser. Wrde er bis zum letzten Augenblick
an seine Frau denken knnen? Wrde er die letzte Klarheit seines
Bewutseins ihrem Gedchtnis widmen? All dies beunruhigte ihn sehr.

Er hatte sich eine Taktik ausgedacht, um zu erfahren, was sie ber eine
Verfehlung wie die seine denken mochte. Er wrde ihr ungefhr seine
eigene Geschichte erzhlen, jedoch so, da er sie einem seiner
Bureaukollegen zuschrieb. Er wrde ihre Meinung mit einer
vorgespiegelten Teilnahmslosigkeit einholen. So wrde er erfahren, ob er
die Maske fallen lassen knnte, oder ob er sterben msse.

Sie saen einander am Tisch gegenber. Er hatte darauf bestanden, da
die Lampe zwischen ihnen stehen blieb. (In dem Schatten, der ber dem
Lampenschirm herrschte, wrde er mehr Mut haben zu sprechen.) Seine Frau
a langsam ihre Suppe, indem sie gemchlich ber jeden Lffel hinblies.
Er blieb unbeweglich, den Hals wie zugeschnrt, er streckte sich, und
wie man gewaltsam ein Tier am Halse nimmt, berwand er sich und zwang
sich den Mund zu ffnen. Irgend etwas stach ihm ber das ganze Gesicht.

Weit du, dieser Mensch, der da neben mir im Bureau arbeitet und von
dem ich dir so oft erzhlt habe?

-- Nun? Nun?

Schne Sachen hat man ber ihn gehrt. Eine unglaubliche Geschichte!

Ach! Sie sah ihn an, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. Er sprach
mit gesenktem Haupte.

Seine Frau wird ihn verlassen. Sie hat recht. Denk dir nur, bevor er
sich verheiratete . . . dieser Elende. (Er zitterte so sehr, da er
kaum sprechen konnte.) . . . wie kann man nur so seine Frau
hintergehen! . . . hat dieser unanstndige Mensch eine Niedrigkeit
begangen, von der ich dir jetzt erzhlen werde --

Er hielt inne, um Atem zu schpfen. Der Schwei perlte ihm schon aus der
Stirne. Die groe Stille lie ihn den Kopf emporheben. Er sah, wie sich
seine Frau vom Sessel erhoben hatte und, beide Hnde auf den Tisch
gesttzt, ihn betrachtete. Die Lampe erhellte ihr Gesicht von unten nach
oben her. Auf ihren Wangen lagen Schatten und Rnder roten Lichtes um
ihre Augen, aus denen seltsame Blicke fielen. Diese Blicke flehten ihn
an, inne zu halten.

Er verstand augenblicklich. Sie wute es und hatte nichts gesprochen.
Nun? So hatte sie ihm denn verziehen! Er stand auf, sie trat einen
Schritt zu ihm und umarmte ihn mit aller Kraft.

Nach einem langen Schweigen flsterte sie ihm ins Ohr.

Wir werden niemals mehr darber sprechen.




                          ER LEHNT SICH AUF


Er war des Morgens viel frher erwacht als gewhnlich, hatte in seinem
Bette lange gesonnen, sich hin und her gedreht und sich nicht
entschlieen knnen, aufzustehen.

Elende Schindmhre, wie widerlich ist doch dein Leben! Jahr um Jahr
rackere ich mich nun zu Tod fr andere, ohne nur einen Schritt weiter
gekommen zu sein als am ersten Tage. Jeden Morgen setze ich mich gezunt
und aufgetakelt, mit gut geltem Kopf und Gliedern fr mein Tagewerk in
Bewegung. Dieses Kalb von einem Hausmeister wirft mir im Vorbergehen
(er vergit es nie) die wenigen Worte zu, die er mir schuldig zu sein
glaubt: >Der Herr ist heute spt daran<, oder auch: >Der Wind hat sich
gedreht, wir werden wieder Regen bekommen<. Mit welchem Hochgenu wrde
ich ihn mit meinem genagelten Absatz zerquetschen, diesen kriechenden
Hund! Jeden Tag durchquere ich dieselben Straen und begegne denselben
Dummkpfen. O Schrecken, mehr Schilder, als mir lieb ist, kenne ich
auswendig. Ich setze mich auf den Stuhl, der mich an meinem Schreibtisch
erwartet, und rgere mich, wenn man ihn mir ausgetauscht hat. Ich hasse
denjenigen, der mich angestellt hat, weil meine Armut ihm Macht ber
mich gibt, und er seinerseits verachtet mich, weil ich von ihm abhnge.
Nur abends lerne ich ein wenig Vergngen kennen, wenn ich fr einige
Stunden meine Fron verlasse. Ich schleppe mich durch die Straen, bleibe
vor den Auslagen stehen, drnge mich hinzu, wenn Menschen sich irgendwo
ansammeln. Ich gestehe, da ich zuweilen ein angenehmes Kitzeln
empfinde, sobald ich allein in meinem Zimmer bin. In meinen vier Mauern
bin ich Buddhist, Herr eines Besitzes, der nur mir gehrt. Ich lese. Ich
kann nachdenken. Endlich fhle ich, da ich lebe, fr kurze Zeit zwar
nur und beinahe wie durch Betrug, aber doch lange genug, um diese
Annehmlichkeit zu genieen. Der Kaffee, den ich mir selbst zubereitet
habe, hat einen besonderen Geschmack. Er hat das Aroma meiner Freiheit.
Aber bald flutet mir wieder die unendliche Traurigkeit meines Lebens zu.
Wird es sich denn niemals wandeln? Werde ich immer Sklave sein? Ich
verzgere den Augenblick, mich schlafen zu legen, um die Zeit meiner
Freiheit vor der Sklaverei des kommenden Tages zu verlngern. Wenn ich
in mein Bett gehe, habe ich den Eindruck, da dieser verhate kommende
Tag bereits da ist. Wird es mein Los sein, zu krepieren, ohne gelebt zu
haben? Ich war fr Abenteuer geboren, fr khne Unternehmungen, und ich
verkomme allmhlich in verelendender Geruhsamkeit. Als ich jung war,
erwartete ich dumpf etwas. Nun sind es bald vierzig Jahre her, da ich
mich um tgliches Brot mhe. Wofr? Nichts Gutes ist gekommen und wird
jemals kommen. Ich langweile mich. Ich langweile mich bis zum uersten.
Immer allein, allein, allein. Kein Frauenzimmer, keinen Trinkkumpan.
Vorzeiten habe ich eine Freundin gehabt; als ich ihr das letztemal
begegnete, fhlte ich, da sie mir ebenso fremd geworden war wie jener
Stern, dessen Licht noch nicht bis zu uns gedrungen ist. Diese Tausende
von Lebewesen, die sich um mich her bewegen, vermehren nur meine
Einsamkeit. Ich bin und bleibe fr jeden von ihnen isoliert. Es gab
Monate, wo ich auch nicht einen Brief bekommen habe. Nicht einmal
irgendeinen kleinen Prospekt hatte man den Einfall, mir zu senden. Es
wrde mir wohlgetan haben zu wissen, da mein Name irgendwo bekannt ist.
Jedesmal, wenn jemand auf dem Gang geht, halte ich den Atem zurck, denn
ich glaube immer, da man zu mir kommt. Ah, da bin ich aber schn
hineingefallen! Hundedasein! Ich habe es satt. Das mu anders werden.
Koste es was immer. Und zuvrderst, um damit zu beginnen, bleibe ich im
Bett. Ich werde zu spt kommen, und sie werden mir Geschichten machen;
meinetwegen, pfeife drauf. Versteht ihr: Ich pfeif auf euch! Er machte
es sich noch bequemer im Bett. Schlielich und endlich bin ich ja frei.
Wenn sie mich whrend fnfzehn Jahren gehabt haben, geschah es mit
meinem guten Willen. Heute verweigert der Narr den Dienst und wird
widerspenstig. Brhaigne & Lecoultres, Maschinenwerkzeugfabrik? Kenn ich
nicht. Kenn ich nicht, sage ich und pfeife darauf. Ich verantwortlich?
In dieser Gott-sei-bei-uns-Fabrik? Ihr irrt euch, meine Freunde. Ich bin
freier Mensch; um es euch zu beweisen, werde ich den ganzen Tag
spazierengehen. Gestern war erst Sonntag, sagt ihr? Nun, heute wird
wieder Sonntag sein. Und wenn einer unter ihnen ist, der sich ruspert,
trotz des Respektes, den ich euch schulde, wird man ihn, wohlverstanden,
von der Hhe des Eiffelturmes von oben bis unten begieen.

Er hatte vormittags blauen Montag gemacht, sich dann sorgfltig
angekleidet, nachdem er zuvor mit den Fingern jedes Stubchen auf seinem
Rock wegschnippte.

Nach einer Tramwayfahrt, die ihm schier endlos erschien, war er an die
uerste Stadtlinie gelangt und hatte an der Straenkreuzung nach
einigem Zgern schlielich jenen Weg gewhlt, den bereits andere
Personen eingeschlagen hatten.

                   *       *       *       *       *

Am Rande des Dorfes, fast schon am Eingang des Waldes, liegt eine kleine
Herberge mit braun geziegeltem Dache, wo man zu Fu oder zu Pferd
absteigt. Sie ist fast nur von den Fuhrleuten der Ostgegend besucht.
Whrend der Woche ist selten jemand im groen Saale, denn die Stammgste
essen im Schankzimmer, wo es mehr Leben und Heiterkeit gibt.

Er hatte in diesem Saal gefrhstckt und schien nicht mehr weggehen zu
knnen. Er blieb da vor seiner geleerten Kaffeetasse in seine Gedanken
vertieft. Auf dem Wachstuch des Tisches sammelte er sorgfltig
Brotkrmchen zu Formen und Buchstaben, zerstreute sie dann mit dem
Finger und begann dieses kindliche Spiel von neuem. Er hob den Kopf.
Seine Blicke liefen ber die Flche der Mauer, senkten sich aber rasch
wieder, denn er kannte schon alles, was dort hing. In einer Ecke des
Raumes lagen auf einer Nhmaschine einige Zeitungen. Er stand auf, nahm
eine, dann eine andere und legte sie zurck, kaum bemerkte er, da sie
ein altes Datum trugen.

Schlielich verlangte er die Rechnung, zahlte und ging fort.

Bei schnstem Sonnenschein hatte er die Herberge betreten. Nun war der
Himmel mit Wolken bedeckt. Alles hatte seine Farben verndert. Ein
Unbehagen lastete auf der Landschaft. Er schlug den Weg zum Wald ein.
ber kleine Pfade ging er, drang ins Dickicht, wo die Bltter des
vergangenen Herbstes faulten, umging kleine Teiche, fand Pfade wieder,
als ihm pltzlich der Weg durch einen Flu gesperrt war. Er sah klares
Wasser flieen und ging weiter seinem Lauf entlang.

Ich werde ihnen sagen, da ich krank gewesen bin.

Er war gewi der einzige Spaziergnger in diesen den Wldern und fhlte
sich von Einsamkeit und Stille bewegt. Mit vollen Zgen atmete er den
Waldesduft und freute sich an dem Gerusch seiner Schritte, die trockene
Bltter aufrauschen machten und Zweige zerknackten. Das Wasser wurde
bald dunkler, da der Flu hier schon viel tiefer war.

Wenn ich es wollte, wre es bald vorber.

Ein Teppich frischen Grases breitete sich vor ihm aus, er setzte sich.
Bume wlbten sich ber seinem Haupte, und ste streiften die Wellen.
Ein irdisches Geheimnis schien an diesem Orte zu wohnen. Hier war das
Leben nicht eine Folge verschiedener Zustnde, die Dinge schienen in
Unbeweglichkeit versteinert, die sich bis ins Unendliche dehnte.
Allerdings empfand er, seitdem er seine Wohnung verlassen hatte, sein
Leben gleichsam zurckgedrngt und von Trumen niedergehalten. Die Luft
war milde und ohne jegliche Regung, der Himmel grau. Alle Bewegungen
waren von einer gewissen Mde erfat. Die Menschen, denen er begegnete,
zeigten dstere und resignierte Gesichter; keinerlei Schwung, keinerlei
Pltzlichkeit war in ihren Gesten. Das war wirklich so ein Tag, wo alles
sinnlos wird und die Zuversicht so tief gesunken ist, da niemand mehr
an seinen Beruf glaubt. Das Leben scheint an seine Grenze gelangt und
nur aus Gewohnheit fortzudauern.

Der Montag allerdings ist ein trauriger Tag. Er ist wie die Bahre, auf
die man den Leichnam des schnen Sonntags hinbettet. Er ist der erste
der sechs Tage, die man Stunde fr Stunde hinzubringen hat, der sechs
Stahlblocke, die man mit der Feile in Staub verwandeln soll. Endlos sind
die Minuten, aus denen er sich zusammensetzt. All jenen, die fr andere
arbeiten, ist der Montag ein Tag, an dem Freude fast ausgeschlossen.
Selbst freie Menschen knnen sich diesem Eindruck nicht entziehen.

Er lag auf dem Rcken ausgestreckt und sah durch das Bltterwerk die
lssigen Wolken vorberziehen. Um ihn war ein groer Kreis von Stille,
dessen Grenzen von Zeit zu Zeit durch entfernten Lrm getrbt wurden.
Frische hllte ihn ein, und der schwere Duft des Humus berauschte ihn.

Seltsam. Seltsam. Ich bin doch so oft Sonntags spazieren gewesen, ohne
diese Wirkung zu verspren. Ich glaube, ich bin ein anderer Mensch
geworden. Bei Gott, ich wei warum. Der Sonntag ist ein Tag unbestimmter
Freiheit und ohne besondere Kstlichkeit. Ein ffentliches Glck. Ich
gehe noch weiter: der Sonntag ist nichts weiter als eine dicke
Allerweltsdirne. Ein Vergngen, das jedermann zugnglich ist, hat mich
immer abgestoen. An einem Wochentag spazierenzugehen, whrend die
anderen Sklaven an der Arbeit sind, dies allein ist ein Zeichen der
wahren Freiheit, der Freiheit des Luxus, der Freiheit des Reichen, des
selbstndigen Menschen.

Aber man ist nicht ungestraft whrend fnfzehn Jahren ein pnktlicher
und untergebener Beamter gewesen. Und ohne da er es wute, begann ein
Vorwurf sich in ihm zu rhren. Er hatte einen Gewaltstreich gemacht, den
er ohne Zweifel zu bereuen haben wrde. Gerade an diesem Tag erwartete
ihn heikle Arbeit in seinem Bureau, eine Arbeit, die niemand so gut
verrichten konnte als er.

Und das Aktenstck Dumas, rief er aus, und schnellte auf. Mein Gott!
Sie werden sicher vergessen, es abzusenden. Das wird eine schne
Geschichte geben. Ich htte vielleicht meinen Streich auf morgen
verschieben sollen. Dumm, da ich nicht daran gedacht habe. Dieses
leidige Schriftstck wird mir meinen Tag verderben.

Da lie sich weiter nichts mehr tun. Diese Dummheit war nicht mehr
gutzumachen.

Na, und wenn schon, ich wette, sie werden einen Ausweg finden. Schade
darum. Warum denn schade? Ich scher mich nicht darum. Ich scher mich
einen Schmarren darum.

Er fhlte sein wohl bestelltes Portemonnaie in der Tasche und hatte den
Einfall, sich irgendwo, einerlei wo, ein wenig zu amsieren. Er trat aus
dem Walde, berquerte den Flu und ging an seinem Ufer hin. Eine
unglaubliche Anzahl von Anglern sah er dort und eine noch viel grere
Zahl miger Zuschauer, die lngs der Bschungen im Grase lagen und
aufmerksamen Auges die von der Strmung mitgefhrten Schwimmer an den
Angelschnuren verfolgten. All diese Leute arbeiteten gleich ihm nicht
und widmeten sich nur ihrem Lieblingsvergngen. Er hatte niemals
gedacht, da es deren so viele gab.

Der Montag ist also doch nicht fr jedermann ein trauriger Tag, es ist
so wie in allem und jedem, es gibt auch hier Ausnahmen. Ich bin bis
heute immer ein richtiger Idiot gewesen.

Die Tne eines Orchesters zogen ihn an.

Er befand sich schlielich vor einer groen Gastwirtschaft, die sich
lngs des Flusses hinzog. In schnen gelben Lettern auf grnem Grunde
las er:

                       Ball der Artilleristen.

Und dann darunter:

                 Weinfisch und gebackene Seinefische.
                          Mblierte Zimmer.

Auf einem Wandbild war ein prchtiger Artillerist in Gala aufgemalt.
Seine wei behandschuhten Hnde waren ber dem Sbel gekreuzt, den er
zwischen den Beinen hielt. Er trat ein und durchquerte einen groen
Garten, der durch Lauben geteilt war, unter denen ein glckliches
Vlkchen lachte, trank und a.

Hier gibt es doch noch mehr, als man glauben wrde, von solchen, die
sich nichts daraus machen! Vor ihm war eine lange Bretterbaracke, an
den Seiten gegen den Garten geffnet, auf einer Estrade ein Orchester,
Paare, die sich heftig nach dem Rhythmus der Polka der kleinen
Pierrots, die er wiedererkannte, bewegten, und der Ballsaal. Dirnen
minderer Gattung, junge Arbeiter mit Mtzen und einige Soldaten bildeten
die Gesellschaft. Die mde waren, Polka zu tanzen, tranken an den
Tischen lngs des mit Wappen und Fahnen geschmckten Saales. Er sah den
Tnzern zu, die wie in Spiralen ineinander gewunden waren. Die Beine der
Mnner keilten sich frech in die Frauen, die, den Kopf nach rckwrts
geworfen, die Augenlider hoben und senkten. Die runden Brste bebten.
Die Rcke flogen weit hin, entblten die Strmpfe, und zuweilen blitzte
ein weies Stck Fleisch unter einem Gewirr von Spitzen hervor. Er stieg
wieder in den Garten hinab und suchte sich eine abgelegene Laube. Eben
wurde eine frei, die ein Liebespaar auf dem Wege nach dem mblierten
Zimmer verlie. Sie stellte eine Champagnerflasche im groen dar. Das
Gitter, woran die Schlingpflanzen hinaufkletterten, ahmte recht deutlich
ihre Form nach, und die Spitze, die in einem Holzpfropfen auslief, der
aus einer Blechmanschette hervorkam, tuschte die Flasche ausreichend
vor. Er lie sich nun eine Flasche Wein und einen Backfisch geben.
Nachdem er die Kartoffeln verzehrt hatte, zndete er sich einen Stumpen
an und zog die Uhr. Erst drei Uhr! Er war erstaunt, wahrzunehmen, da
die Zeit im ganzen weniger schnell verging als im Bureau.

Da schau her, da wird nach Schweizer Art getrunken? So gehrt sich's ja
gar nicht!

Ein Soldat, ein Artillerist, steht, noch vom Tanze schwitzend, vor ihm.
Recht sympathisch sah er aus, und so freute er sich denn seiner
Vertraulichkeit.

Allein trinken schlgt nicht an, da geht das Beste verloren.

Ich kenne niemand hier.

Stimmt, ich habe Sie noch niemals gesehen. Wir sind hier im
Artilleristen fast alle Stammgste, man kennt sich untereinander, wissen
Sie! Ist es erlaubt?

Und der Soldat setzte sich zu ihm an den Tisch.

Ein Glas Wein gefllig?

Nein, ich danke, ich setze mich nur hierher, weil ich mir hier in der
>Flasche< Rendezvous gegeben habe; sie wird gleich da sein.

Ist wohl Ihre Liebe?

Ah, nein, nur so zum Amsieren, frs Herz habe ich eine vom Land, die
mir jede Woche schreibt. Wenn man Dreijhriger ist, darf man sich nicht
unterkriegen lassen. Ich bin Magazinwrter, das ganze Bataillon ist
heute auf Felddienst, und weil ich nicht mittun mu, bentzte ich gleich
die Gelegenheit, davonzusegeln. Ich mu auf der Hut sein, da ich nicht
abgefat werde.

Einen Schluck knnen Sie doch mit mir trinken.

Wenn Sie darauf bestehen!

Was sind Sie im Zivil?

Rechnungsfhrer!

Rechnungsfhrer? Das ist stark, ich auch! Ich bin bei Brhaigne &
Lecoultres.

Maschinenwerkzeuge? Das ist mein Fall

Sie kennen sie? Feine Sache! Das ist einmal ein Zusammentreffen!

Ich habe einen Spezi, der dort sitzt, Charles Courolle, Karlchen, ein
kleiner Brnetter mit unruhigen Augen. Wissen Sie, welchen ich meine?

Was arbeitet er?

Aufsteller!

Wie Sie wissen, sind bei Brhaigne & Lecoultres 600 Arbeiter, da kann
ich nicht alle kennen!

Das tut mir fr Karlchen leid. Ein verbitterter und grindiger Kerl!
Wenn er es auf jemand abgesehen hat, steigt's ihm gleich in den Schdel.
Wie ein Halunke sieht er aus, trotzdem aber ist er ein guter Kamerad.
Ihn geht man bestimmt nicht vergeblich um einen Freundschaftsdienst an,
er lt einen nicht im Trockenen.

Noch ein Glas, aber die Flasche ist ja leer! Kellner!

Jetzt bin ich dran!

Aber nein, lassen Sie doch.

Nicht zu machen, Kellner, eine Flasche Rotwein, Bouteillenwein vom
feinsten, an jeden kommt die Reihe, ich bin fr Gleichheit. Na, ist es
also das erstemal heute, da Sie in den >Artilleristen< kommen?

Mein Gott, ja.

Und Sie ergeben sich da dem stillen Suff. Haben Sie denn kein Mdel?
Nein so etwas! Da staune ich. Armer Kerl! Da mu Ihnen geholfen werden.
So etwas braucht ja der Mensch, man mu doch auch etwas Trstliches
haben im Leben, man kann nicht immer wie ein Wilder allein in seinem
Winkel sitzen. Und dann auch aus Gesundheitsrcksichten! Auf die Ihre!
Trinkkumpan, was! Wir sind jetzt Trinkkumpane -- da ist schon meine
kleine Krte. Ein gutes Ding und nicht zu derb, sie kommt da mit zwei
Kommiknpfen.

Das Mdel nherte sich, von zwei Soldaten begleitet. Nach der blichen
Vorstellung lie man fr die neu Hinzugekommenen Glser bringen, stie
miteinander an und machte ein Hllengelchter. Eine Flasche fr vier
Personen war bald nicht genug, zwei andere rckten nacheinander auf.

Backfisch, rief das Mdchen dem Kellner zu, aber recht resch.

Auf Ihr Wohl, mein Herr, und auf die Dreijhrigen.

Die Erde ist kugelrund, sagte mit Ernst einer der Soldaten, der
pltzlich von seltsamen Gedankenfolgerungen heimgesucht wurde.

So rund ist sie denn doch nicht.

So bist es also du, der so rund ist!

Wieso, zum Teufel! Der Herr ist nicht sehr liebenswrdig!

Allgemeine Zufriedenheit. Das Mdel lachte laut und stemmte die Brust,
die sich unter der leichten Seidenbluse bauschte. Wohl tauchte der Akt
Dumas zuweilen auf, aber man schob ihn gewaltsam in Vergessenheit mit
einem daraufgeschtteten groen Schluck Wein.

Adolf, sag ihnen dein Rtsel!

Ah, ja, also raten Sie nun, Sie Gescheiter! Mein Erstes sieht zum
Verwechseln meiner Hose gleich, mein Zweites ist ein Getrnk fr den
Abend, und mein Ganzes bin ich, wenn ich mein Erstes angezogen habe, was
ist das nun?

Na, was denn nur?

Keine Ahnung!

Nun, ist euch die Zunge angewachsen?

Ich habe nichts verstanden!

Also, Brder, das heit: Culott, Culotte, das ist Hose, t -- Getrnk.
Wenn ich die Hose anziehe, bin ich Culott, verstanden?

Nein, aber das macht nichts.

He, Getrnke her, hier gibts Durst. Ich habe Sand im Hals.

Die Gesichter begannen wie Rosenkohl oder gar wie Pfingstrosen
aufzublhen.

Ich pfeife auf sie, sie haben mich fnfzehn Jahre zum Narren gehabt,
jetzt ist an mir die Reihe, sie zum Narren zu halten.

Heda Sie, rgern Sie sich nicht!

Ein Soldat begann zu summen, und ein anderer begleitete ihn sogleich,
man stand auf, das Glas in der Hand.

   Trinken wir auf das Wohl
   Der, die schon drei Jahre dienen,
   Da es bald vorbei,
   Liest man in ihren Mienen.
   Bald sind wie zuvor
   Sie im gewohnten Loch,
   Drum singen wir im Chor:
   Die Freiheit lebe hoch!

Sag, Vterchen, bist du nicht etwas angeheitert?

Ich, angeheitert? Ihr wit nicht, was ich vertragen kann. Es hat mich
nur diese elende Zigarre etwas mde gemacht. Angetrunken? Glaubt ihr
das? Nun, ihr werdet ja sehen, Kellner, noch zwei Flaschen. Das nenne
ich Glck, da wir einander getroffen haben. Ihr seid alle fesche
Kerle.

So gibt es also noch welche, was?

Seit einigen Augenblicken tuschelten das Mdchen und ihr Freund
miteinander.

Was denn nicht gar! Du brauchst ihn doch nur selbst darum anzugehen,
fr mich gehrt sich das nicht.

Spiel nicht das Tubchen, du weit sehr gut, da eine Frau sich besser
auszudrcken versteht; er wird es begreifen, weil er ja auch
Dreijhriger war, wie er selbst gesagt hat.

Du kannst deine Geschfte selbst ausrichten.

Dann frage ich dich vielleicht, ob deine Mutter . . .

Na, wie gehts?

Auf zur Masurka!

Das Orchester lie mit einemmal all sein Blech erschallen. Die
Militaristen fhlten den Geist der Musik und des Tanzes in ihre Glieder
fahren und begannen sich hin und her zu wiegen.

Na, wollen wir eins runterwalzen, Bertha bleibt bei dem Herrn zurck,
wir finden uns dann alle wieder ein.

Gehen wir.

Die drei Soldaten entfernten sich durch den Garten. Adolf steckte, bevor
er ging, dem Mdel ein Portemonnaie zu.

Er ist drinnen, flsterte er ihr zu.

                   *       *       *       *       *

Die Wellen fluteten zurck und gaben den Sand frei, diesen traurigen
Sand, auf dem in schwarzen Buchstaben geschrieben stand: Sie werden
gewi nicht daran gedacht haben, den Akt Dumas wegzuschicken, aber
hinter einem hlichen Felsen kam ein hbsches Segelschiff hervor und
tauchte ganz nahe auf.

Das schne Mdchen sa da und pickte auf dem fettigen Teller nach den
Krumen des genossenen Backfisches.

Sie wrden vielleicht noch eine Portion nehmen?

Wenn ich aufrichtig sein soll, so sage ich nicht nein. Man a, man
trank, man plauderte.

Ihr Freund sieht ja recht nett aus, Sie haben ihn gewi gern?

O ja, den da schon, der sitzt mir im Blut, aber Sie knnen halt nicht
beurteilen, wie er sonst mit mir umgeht, weil er jetzt eben Sorgen hat.

Sorgen, was fr Sorgen denn?

Er ist ein bichen beengt, was das Geld betrifft.

Das ist leicht begreiflich, ein Soldat! Was wollen sie auch mit einem
Sou per Tag anfangen.

Sein Vater, der sitzt im Vollen, er hat ein gutes Geschft, ist geizig
wie eine Kirchenratte; wenn er aus einem Rettich drei machen knnte,
wrde er es sich nicht berlegen. Mein armer Adolf ist es schon mde, er
lehnt sich schlielich auf. Er hat doch Bedrfnisse, ist doch kein Kind
mehr, er ist ein ausgewachsener Mann und braucht Geld.

Er hat allen Grund, sich zu beklagen.

Nicht wahr? Sie finden auch! Ich wute, da Sie es begreifen wrden.
Adolf hat es mehr als satt, immer zu seinem Alten betteln zu gehen. Er
mchte sich selbst aus der Affre ziehen. Eben jetzt hat er einen Ausweg
gefunden. Er hat einen goldenen Ring in der Tombola gewonnen, einen
herrlichen Ring mit einem Diamanten, einen echten, ich wollte, Sie
wrden ihn sehen! Man hat ihn auf mindestens 400 Franken geschtzt, --
da sehen Sie, da ist er, sagen Sie einmal, ob der nicht schn ist. Sie
knnen sich denken, da er den nicht beim Regiment braucht -- er wrde
damit auffallen. Fr ein Butterbrot gibt er ihn weg, fr 150 Franken.
Wenn man aber darauf bestehen wrde, mchte er ihn fr 100 Franken
lassen, 100 Franken! Der ist schn dumm, was? Das ist eine Sache, auf
die man nur so hinspringen mte, aber er will seinen Ring natrlich
nicht dem ersten besten verkaufen, er hat so seine Gedanken darber und
hat recht. Aber ich wette, da er froh wre, Sie daraus Nutzen ziehen zu
lassen. Das ist also eine gute Gelegenheit, die Sie nicht auslassen
sollten. Unter uns gesagt, da sehen Sie nur, wie der glnzt! Ein wahrer
Sonnenschein! Sie haben doch Vertrauen zu mir, nicht wahr; ich stelle
mich eher auf Ihre Seite, mit Freunden mu man ein offenes Spiel fhren,
und andererseits bin ich Adolfs so sicher wie meiner selbst. Sollten Sie
die 100 Franken nicht bei sich haben, knnen Sie ihm ja einen
Schuldschein ausstellen und ihm das brige nach und nach bezahlen. Man
setzt Ihnen ja nicht dabei das Messer an die Kehle, wenn Sie ihm nur
etwas daraufhin borgen knnten, wrden Sie ihm sicher eine Freude
bereiten.

                   *       *       *       *       *

Gewlk! Finsteres Gewlk, das die Sonne verbirgt und gleichzeitig die
ganze Landschaft entfrbt. Du armer Einfaltspinsel, du hast nicht
bemerkt, wohin dich die Leute haben wollten. Ein Vierzigjhriger, der
allein lebt, der mu wohl Ersparnisse haben. Du siehst brigens auch
recht wohlbestallt aus mit deinem neuen Anzug und deiner goldenen Uhr
und verdienst die freundliche Aufmerksamkeit Adolfs; der Lump hat eine
gute Nase! Man mu schon sagen, die Hlfte der Menschheit verbringt ihre
Zeit, die andere Hlfte zu verschlucken und auszuplndern. Deshalb also
schlug er mich so herzlich auf den Rcken. Einen Wein hat er mir sogar
bezahlt, der Lump. Schau, da du so rasch als du kannst nach Hause
kommst, du alter Dummkopf -- httest besser getan, gar nicht fortzugehen
. . .

Haben Sie ihn gut angesehen? Wie denken Sie darber?

Ich habe Schmuck nicht gern, Sie sehen, ich trage keinen, das ist einer
meiner Grundstze!

Sie knnten jemand ein Geschenk damit machen oder ihn mit groem Nutzen
verkaufen.

Er schttelt den Kopf. Sehr angeheitert kamen die drei Artilleristen
zurck.

Nun?

Ihr seid zu frh zurckgekommen. Aber ich glaube, es wird sich nichts
machen lassen.

Das ist stier!

Das Wort wurde gehrt und schlug berall ein.

Hast du nicht einmal zwanzig aus ihm herausgezogen? du Eselin du?

Wie wre es, wenn wir zahlen wrden und eine Kahnpartie machten?

Sie werden mich entschuldigen, meine Herren, ich mu fort . . .

Aber was denn -- wir wollten doch zusammen nachtmahlen?

Ja, ja, alle zusammen!

Bitte entschuldigen Sie mich, ich mu unbedingt fort, ich habe eine
wichtige Verabredung, und sich zu dem Mdchen wendend, sagte er ihr:
Was Ihre Sache betrifft, kann ich wirklich nicht, ich besitze diese
Summe nicht, bedaure . . .

Bringen Sie auf, was Sie knnen, man wird sich schon einigen, wir sind
hier jeden Abend zwischen fnf und sechs Uhr. Der Kellner zhlte die
Flaschen. Die Soldaten begannen Gebrden zu vollfhren, deren
berflssigkeit sehr deutlich war; einer von ihnen rckte mhevoll
seinen Grtel zurecht, der vollstndig an seinem Platze sa, und Adolf,
der sein leeres Glas gegen das Licht gehoben hatte, sagte mit
hochgezogenen Augenbrauen: Dieser Wein ist sehr tanninhaltig, er hat
einen Satz.

Die Rechnung war bezahlt, man fhlte sich wieder sehr wohl. Die Blicke
senkten sich zur Erde, Adolf tat sehr bse.

Ja, was haben Sie denn da eben gemacht, Sie haben ja alles bezahlt.
Zwei Flaschen kamen mir zu, wieviel macht das nun fr mich aus?

Lassen Sie das, gehen Sie doch, beunruhigen Sie sich nicht.

Adolf zog seine Hnde, die auf nichts anderes gewartet, aus seiner
Tasche und beharrte nicht weiter.

Sie geben ihm zwei Franken Trinkgeld? Das ist viel zuviel, das ist
Verschwendung.

Hat keine Bedeutung, lassen Sie, das macht mir Vergngen. Meine Herren,
ich verschwinde, entschuldigen Sie mich, ich mu mich beeilen.

Er sah, wie das Mdchen Adolf eines der Zwanzigsoustcke, die er auf dem
Tische zurckgelassen hatte, zuschob.

Vergessen Sie nicht unsere Angelegenheit, wir sind jeden Tag nach dem
Abendessen hier, wir wrden uns gern mit Ihnen darber einigen.

Gr Gott, alles Schne zu Hause, auf Wiedersehen!

Adolf, der nicht nachtrgerisch war, prete herzlich die Hand in der
seinen.

Also auf baldiges . . . und er fgte einen kleinen Scherz hinzu, der
ihm gelufig war. Wenn du den kleinen Buckligen triffst, so sage ihm,
da er sich strecken soll.

                   *       *       *       *       *

Die Tramway raste von einer Station zur andern, die Fahrgste
schttelnd, wie Korn im Sieb. Ein pltzliches Halt, und die Krper
stieen aneinander, ein Hut rutschte auf eine Nase herunter. Der
durchdringende Schrei einer Pfeife lie sich hren, und die teuflische
Maschine nahm wieder ihren Lauf. Wie sie so blitzeschleudernd, klirrend
mit den Scheiben und dem Eisenwerk daherkam, schien sie einer groen Wut
anheimgegeben. Sie sprang ber die Nieten der Schienen, zeigte sich bei
den Biegungen widerspenstig und bewies bei jeder Gelegenheit einen
lebhaften Hang zur Unabhngigkeit. Fr Augenblicke bemchtigte sich
ihrer ein solcher Zorn, da sie von epileptischen Zuckungen geschttelt
schien. Aber trotz allen ihren Bemhungen ward sie dennoch in den Bahnen
der Ordnung festgehalten, ihre Rder gehorchten den Schienen, die ihr
nicht das geringste an Extravaganz gestatteten. Ein temperamentvoller
Ruck, und die Bremse lie sie sofort ihren eisernen Willen verspren.

Spiel doch nicht den Dummkopf, sagte der kleine sthlerne Hebel, es
ntzt dir ja doch nichts.

Die Tramway war nichts als eine fanatische Begierde, von einer Disziplin
niedergehalten, die immer das letzte Wort behielt.

Da ist nichts zu machen, meine Liebe, da heit es gerade hinfahren wie
jedermann.

Die Tramway wird ihr Leben aufbrauchen, indem sie so jeden Tag zwischen
zwei Endpunkten hin und her luft. Gelb bemalt, fast in Uniform, genau
in eine Liste eingetragen, einem Stundenplan unterworfen, wird sie trotz
ihres zornigen Aufbegehrens dennoch ihrem Schicksal nicht entlaufen. Wie
alle ihresgleichen, ist sie fr einen bestimmten Weg geschaffen, und
alle Wege kreuzen sich, ohne sich zu verwirren; so ist es auch mit den
menschlichen Wesen.

Leute stiegen aus, andere stiegen ein. Joppen, Taillen, darber ein
Kopf, ein wenig nacktes Fleisch in Form von Hnden am Ende der rmel,
manchmal eine Faust, ein Hals, ein Schimmer von Bsten.

Stoffiguren, Zierpuppen aus Seide mit schnen Augen! Diese einander
fremden Wesen, aus allen Winkeln des Alls herbeigelaufen, saen da,
Schulter an Schulter, auf Bnken, einander gegenber und stellten wie in
einem Spiel so eine Art vorbergehender und berflssiger Symmetrie dar.
Jede Haltestelle schied einige Stcke, die rasch wieder von anderen
ersetzt wurden, aus dem Spiele aus, so mir nichts dir nichts, nur gerade
um die Zeit totzuschlagen. Die lebendige Welt ist immer im Kommen und
Gehen begriffen. Unzhlige Bewegungen, die sich seit langem zu suchen
scheinen, treffen sich endlich, um sich aber sogleich wieder zu
zerteilen. Hnde schlagen auf das einzige Kartenspiel, verteilen nach
einer scheinbaren Ordnung die Figuren und vermengen sie von neuem.

                   *       *       *       *       *

Und die Unterhaltung setzt sich so endlos fort. Komisch!

An alles dies dachte der Mann. Der Schaffner verteilte an die Fahrgste
Scheine.

Schon um 5 Uhr morgens beginnen diese Leute ihr Tagwerk, was fr ein
Leben! Da habe ich mich nicht zu beklagen. Allein bin ich zwar, das ist
ja wahr, aber zum mindesten lebe ich ruhig und habe keine
Verpflichtungen. Ich kann tun, was ich will, und bin niemandem
Rechenschaft schuldig. Wenn ich meinen Tag verlor und dreiig Franken
mit dieser elenden Bande ausgegeben habe, so bin nur ich es, der darum
wei, und niemand anderem als mir ist damit etwas geschehen.

Als ein Soldat aufstieg, zuckte er ein wenig zusammen.

Ich hatte schon Angst, ich glaubte, es sei einer von ihnen dort. Diese
Flegel!

Die Sonne ging unter, wie sie es jeden Tag zu tun verpflichtet ist.
Sogleich werden die Sterne zu strahlen beginnen, indes sich zur selben
Stunde alle Gaslichter der Stadt entznden. Das war gewi: Auch von
dieser Seite war keine berraschung zu erwarten.

Ich sage mir oft: O Freiheit! Htte ich doch meine Freiheit! Und was
dann? Man sagt, es gbe Rentner, die sich langweilen wie tote Ratten.
Die Welt ist wohlgeordnet, und es handelt sich blo darum, sie
brgerlich zu bewohnen und bemht zu bleiben, die anderen Mieter nicht
allzusehr zu stren. >Weder Hund noch Katze<, wie es in Pachtvertrgen
heit. Bei mir stimmt alles, nicht einmal einen Vogel verdrnge ich. Da
fllt mir ein, da ich einen Schlauch fr den Wasserhahn in meiner Kche
kaufen mu.

Er zog seine Uhr. Ein Viertel vor sieben. Hoffentlich komme ich
zurecht, ich werde an der Straenecke, bei der kleinen Kneipe, Lemoine
abpassen. Der wird mir sagen, ob sie nicht vergessen haben, den Akt
Dumas abzusenden.




                                INHALT


   Ein Abend                    5
   Warten                      19
   Vorahnung                   39
   Abschied                    55
   ber den Tod eines Kindes   81
   Spaziergang und Begegnung   99
   Trume                     121
   Das Geheimnis              131
   Er lehnt sich auf          149

Dieses Buch wurde in einer Auflage von 3400 Exemplaren in der
Spamerschen Buchdruckerei zu Leipzig gedruckt; 100 Exemplare wurden auf
echtem Bttenpapier abgezogen.




Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 10]:
   ... waren sie, auf da ich ihnen eines Tages begegne. ...
   ... warten sie, auf da ich ihnen eines Tages begegne. ...

   [S. 36]:
   ... im Bein, den er vergesssen hatte. So geht er in die ...
   ... im Bein, den er vergessen hatte. So geht er in die ...






End of the Project Gutenberg EBook of Das Gemeinsame, by Ren Arcos

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GEMEINSAME ***

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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