Project Gutenberg's Von der Hexe die eine Heilige war, by Agnes Gnther

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Title: Von der Hexe die eine Heilige war

Author: Agnes Gnther

Commentator: Rudolf Gnther

Release Date: June 15, 2015 [EBook #49218]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER HEXE DIE EINE HEILIGE WAR ***




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                            Agnes Gnther




                             Von der Hexe
                         die eine Heilige war


                            5.-8. Tausend

                         Marburg an der Lahn
                     Verlag der Christlichen Welt




                               Vorwort


Am 16. Februar 1906, gerade fnf Jahre vor dem Tode der Dichterin, ist
ein Schauspiel Die Hexe von Agnes Gnther ber eine Liebhaberbhne
gegangen. Darin war ein Ausschnitt aus einem ursprnglich episch
aufgefaten Stoff dramatisch gestaltet. Aber bald darauf begann die
Rckbildung dieses Stoffes ins Epische; die nachfolgenden Bruchstcke
liegen auf dem Weg zur epischen Form, deren Vollendung der Verfasserin
nicht mehr vergnnt war. Sie sind im Jahr 1906 in der Christlichen
Welt erschienen, und obwohl sie keine Szenen aus dem Drama selbst
wiedergeben, stehen sie diesem zeitlich doch so nahe, da die
dialogische Form in ihnen beibehalten ist.

Das Problem der Heiligen hat die Dichterin auch hier beschftigt, wie
sie in ihrem Werke Die Heilige und ihr Narr unter dem Schleier der
Dichtung die Geschichte von der Reinigung der Seele erzhlt hat. Die
Freunde jenes Werkes werden auch zu diesem Bchlein greifen wollen; sie
ahnen dann etwas von dem, was die Frhverstorbene noch zu sagen vermocht
htte. Jene schmerzdurchzitterten und doch so sieghaften Worte vom
Leiden, dem starken Freudenwein der Ewigkeit, sind an ihrem Sarge auf
sie selbst gedeutet worden. Nun gehen sie noch einmal aus und finden
vielleicht da oder dort ein Herz, das sie trsten. Denn Wie Gisela mit
Leiden stritt -- das ist ein Stck aus der Herzensgeschichte der
Menschheit.

                                       _Marburg_, den 9. November 1913
                                                      _Rudolf Gnther_




                      Was das Waldschlo erzhlt


Ich wohne in einem Waldlande, in dem es viele alte Schlsser gibt. Keine
Ruinen, das ist eben das Besondere, sie sind alle wohl erhalten und
liebevoll gepflegt. Jedes dieser Schlsser hat viel erlebt -- sie alle
haben den Jammer des dreiigjhrigen Krieges an sich vorberrauschen
hren -- sie sahen ein kmmerliches deutsches Leben wieder erstehen --
sie wissen viele, viele Geschichten, die alten Schlsser. Darum liebe
ich sie auch so sehr.

Keines aber liebe ich mehr als ein vergessenes Waldschlo, das ich
Schweigen nennen will. Es ist eine Burg mit Palas und Bergfried und
uerem und innerem Schlohof. Im ueren Schlohof steht eine herrliche
Linde, von einer Brustwehr umgeben, von der man hinunter sieht in grne
Tler und hinber an blaue Waldberge. Auch ein Brnnlein singt dort sein
eintniges Lied. Die Linde ist sehr alt, gewi dreihundert Jahre, sie
rauscht so seltsam, diese Linde, die wei auch Geschichten. Im innern
Schlohof ist eine schne Pforte und darber ein in Stein gehauenes
Wappen. Von ihr aus fhrt eine Treppe in die oberen Stockwerke. An den
geweiten Wnden hngen schwarzdunkle Bilder, mchtige Hirschgeweihe
druen von jeder Wendung herunter. Oben ist ein Vorraum, in den die
verschiedenen Tren mnden. In der Mitte steigt dunkles Balkenwerk in
die Hhe, das die Decke trgt. Um die dicken Holzsulen geht ein
Bnkchen. Da wartete wohl einmal Jemand.

Gleich die erste Tre, in die ich hineingehe -- und ich gehe oft hinein,
und am liebsten allein mit der Frsterin, die das Schlo verwaltet, --
fhrt in ein Schlafgemach. Alle, die das Bett sehen in dem vergessenen
Waldschlo, staunen ber diese Pracht der seidenen Vorhnge, an denen
fleiige Hnde Jahre lang gestickt haben mssen. Das Bett ist nun leer,
aber die Frsterin holt mir immer wieder eine gelbe, seidene Decke
heraus, die sie in einer Lade aufbewahrt, und zeigt sie mir. Blasses
Gelb ist die Decke, und mit weien, seidenen Ornamenten ist sie
gestickt. Sie ist schon sehr alt, am Rande hat sie Lcher, aber in der
Mitte sind ihre Farben frisch.

Wie kommt diese Decke in das einsame Waldschlo, in dem seit manchen
Jahrhunderten die hohen Herren, die da jagen, nur eine Nacht schlafen,
um am grauenden Morgen auf die Prsch zu gehen? Ach knnt ich doch
allein bleiben hier, eine Nacht nur, und hren, was sich die Wnde
erzhlen, was die alte Diele kracht, was das Kuzlein drauen im
Bergfried schreit. Kommt nicht ein Schritt die Treppe herauf? Wer
wartete da drauen auf dem Bnkchen? Klingen nicht verlorene Lautentne
um das Balkenwerk? ... Immer wieder komme ich, es rauscht mir das
Brnnlein, ich streiche mit verlangenden Hnden ber die gelbseidene
Decke, durch das Epheugewirr am Fenster fllt goldenes Abendlicht auf
das Himmelbett .. und .. da sehe ich ... ich sehe ein weies Linnen ber
die verlassene Lagersttte gebreitet -- die gelbe Decke liegt wieder
darauf. Auf den Kissen liegt ein goldener Kopf .. Ein Mdchen! Nie sah
ich etwas Schneres! Diese seltsamen blauen Augen! Diese dunklen
Pupillen, die sich pltzlich weiten und deren Blick dann die Ferne
durchdringen soll. Ich kenne die Augen, ich kenne den Blick. Warum ist
denn das Mdchen so bla? Ich sehe die zarten Hnde auf der gelben Decke
liegen. Es luft ein roter Streifen um das Handgelenk, ein hlicher
roter Streifen, und doch! er gehrt zu diesen Hnden. --

Da ist wieder Alles verschwunden. Traurig gehe ich hinaus. Ach wie lang
whrt es, bis sie mir Alles erzhlt haben, was sie wissen, diese grauen
Wnde, der kreischende Turmhahn, dieses Fenster, das ber der Treppe mit
den Geweihen ist. Die Linde rauscht: Ich sah einen Reiter, im rasenden
Ritt kommt er den Berg herauf, wen hlt er vorne auf seinem Pferd? Ich
sah einen goldenen Kopf, der wie eine gebrochene Blume herunterhngt.
Ich sah den Reiter im Burghof absteigen, und vorsichtig trgt er in
seinen Armen ein Mgdlein hinein zur Pforte. Ach es ist lang her -- die
groe Eiche dort war noch ein kleines Bumlein. Mehr als zweihundert
Jahre her ists dann, denk ich. Was war das fr eine Zeit? Die schlimme,
die bittre Zeit im deutschen Land, da berall die Scheiterhaufen
rauchten und ein unsglicher Jammer zum Himmel schrie -- -- die roten
Streifen an der Hand, und die Augen, die in die Ferne sehen! Das war
eine Hexe. Und der Reiter verbarg sie hier. Er flchtete sie wohl.
Drben, zwei Stunden weit, ist eine kleine Residenz, dort liegen noch
viele alte Papiere, die noch heute das Herz vor Entsetzen schlagen
machen, wenn man in sie hineinsieht. Er sandte ihr die seidene Decke;
fr sie hing er die wunderbaren Vorhnge an das Holzwerk des
Betthimmels.

Ich kann das Mdchen mit den goldenen Haaren um das weie Gesicht nicht
vergessen. Wenn ich Lilien sehe, denke ich an sie, aber weier, viel
weier als die Blumenbltter war diese Haut, goldener, viel goldener als
die Fden im Lilienherzen waren diese Haare. Seidene Decke, du mut die
Geschichte wissen, der Lindenbaum sah sie nur kurz, -- du brauner
gedrehter Bettpfosten, du bist doch die ganze Zeit dabei gestanden! Hast
du denn alles vergessen? Du hast so viel Zeit daran zu denken. Hast du
denn je wieder so etwas Liebliches gesehen? Blieb denn kein Ton der
Stimme, der Stimme, die zu den Augen und den Hnden gehrt, irgendwo
hangen? Ich hrte doch auch die Lautenklnge um das Balkenwerk des
Vorraums schweben -- Geister von Klngen nur -- doch ich kenne sie ja,
-- das ist eine alte Volksweise ... Es ist ein Schnitter, heit der Tod
-- Freue dich, schns Blmelein. Es ist eine Mnnerstimme, die singt
und die im Weinen erstirbt. Und dann hre ich noch eine Stimme von dem
Lager aus -- das mu ihre Stimme sein -- ach das ist ja die seste
Stimme der Welt! Und dann eine Altweiberstimme, freundliche Trostworte
murmelnd.

Nun wei ja jedes Eckchen zu erzhlen, Nichts haben die vergessen, gar
Nichts. So lang haben sie gewartet, bis sie es Jemand erzhlen durften,
was sie wissen. Jemand, der nicht nur hrt, der auch sehen kann, wenn
andere Leute nur das kahle Bett und die gelbe Decke sehen. Und die
erzhlen mir Alles. Jahre brauchen die dazu, denn nicht immer kann ich
bei ihnen sitzen und ihnen zuhren. Sie erzhlen mir die Geschichte vom
Grafensohn und der Hexe. Von der Hexe, die eine Heilige war. Wie der
Grafensohn die Hexe, die eine junge Grfin und Waise gewesen sei, hieher
geflchtet habe. Wie er um die Wette ritt mit dem Tod, das sah ja die
Linde. Wie sie da in langem, schwerem Siechtum gelegen sei, Niemand bei
ihr als ein Kind und ein altes Weiblein, ein sehr liebes altes Weiblein,
das sie gepflegt habe. Warum war sie denn so krank? Das denk ich mir nun
schon, ich kenne ja das Gewlbe unter dem Schlo im Stdtlein und die
Dinge, die sie dort hatten, von denen habe ich auch schon gehrt. Die
knnen sie doch nicht alle auf diese zarte Blume losgelassen haben --
das Weiblein schttelt den Kopf: O nein, um eine halbe Stunde nur kam er
zu spt. Also doch! Eine halbe Stunde kann lang sein, in einer halben
Stunde kann ein Leben verdorben oder gerettet werden! -- Das seltsamste
Geheimnis wissen die Vorhnge. Sie sagen: Wie oft haben diese trumenden
Augen, diese Augen, wie wir sie unter all den Vielen, die in
Jahrhunderten an uns vorbeigingen, nie mehr erblickt haben -- zu uns
aufgesehen! In Jammer, in Seligkeit, in Staunen. Sehen die nach unsern
Seidenfden? Nein! so sieht man die herrlichsten Stickereien der Welt
nicht an! Da sei ein Engel gestanden, der habe Leiden geheien. Zu dem
haben die Augen aufgesehen, da es Allen manchmal geschaudert, aber
immer ihre Seelen bewegt habe. Seres und Schauerlicheres habe es nie
gegeben, als dieses Antlitz, wenn es aufgehoben gewesen sei zu dem Engel
Leiden. Wie hie sie denn, die Holdseligste? Wei es vielleicht der
krummblinde Spiegel an der Wand dort? Das Brnnlein unter dem Lindenbaum
-- es sagt ja immerfort, seit zweihundert Jahren, den holden Namen, und
jetzt erst versteh ich, was es sagt: Gisela, Gisela, Gisela pltschert
das Brnnlein. Und ich beuge mich darber und trinke von seinem Wasser.
Und dann sitze ich wieder an dem Bett --. Ich mu mich nur erwehren der
Geschichten, die sie mir erzhlen ... Hier sind etliche.




                        Das himmlische Gloria


_Gisela:_ Die liebe Frau Trost, die beste Frau Trost ... ich will ihr
eine Geschichte erzhlen, wie es einmal sein wird ... Wenn ich droben
bin im himmlischen Garten, -- der ist sehr gro, -- so such ich mir am
liebsten einen stillen Ort unter den Frhlingsbuchen ... Ganz maiengrn
sind sie und es geht ein Weg hindurch, auf dem die Sommerfalter fliegen.
Anemonen in Tausenden stehen da, und der Wind bringt zuweilen ein
Klingen mit von den seligen Chren, sonst ists ganz still -- und ein
Bchlein mit schnellen silbernen Wellchen ist auch da, da ich meine
Fe hineinhngen kann ... Da sitz ich dann und wind mir ein
Anemonenkrnzchen und denk: Vielleicht kommt heute der Herr Jesus
vorbei. Dann leg ich ihm mein Krnzchen auf den Weg. Es ist so still,
da mir beinah die Augen zufallen, und ich denk noch so halb im Traum:
die mssen heute ein groes Fest da drben haben, ich hr ja schon die
Morgensterne. Die haben nmlich die Orgelpfeifen, jeder einen Ton. Auf
einmal flattert was herbei .. es ist ein Himmelsbbchen, so zehn Jahr
alt wars, wies kam. Lang ists noch nicht da, drum ists auch noch recht
wild. Das sind mir immer die Liebsten, die erst gekommen sind. Gisela,
ruft das Bbchen -- wo steckst du denn ... hrst du denn nicht, da sie
drben den groen Willkomm ben ... Und die heiligen Jungfrauen gehen
alle schon hinaus .. die Dorothea fragt nach dir ... du sollst neben dem
Herrn Jesus stehen. Nun nehm ich aber mein Anemonenkrnzchen und schnell
hinunter zur Pforte ... Die winken mir schon. Ich sage: Ja wer kommt
denn, Dorothea? Denn so festlich ist es nicht immer .. Es sind richtig
die Morgensterne da, fr das groe Gloria ... Die himmlischen Knaben --
seit wir einen neuen Meister droben haben, singen die immer das: Ehre
sei Gott in der Hhe. Und da stehen die Scharen von Stimmen, fr den
groen Willkomm. Und der Herr Jesus sagt: Gisela, stell dich daher, es
kommt die Frau Trost. Und da kommt sie, die Frau Trost in ihrem
grauwerkenen Kleid und dem frischen weien Sonntagstchlein -- klein,
grau, gebckt ... Da fangen sie den groen Willkomm an: Kommet her, ihr
Gesegneten des Herrn, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von
Anbeginn der Welt .... Dann kommt das Gloria. Und ehe der ganze Chor mit
den Harfenisten, den Violinen, dem Diskant der heiligen Jungfrauen, --
die Patriarchen singen den Ba -- anhebt .. mu ich die Frau Trost bei
der Hand nehmen, da es ihr nicht zu viel wird. Das braust und tnt, das
jauchzt und jubiliert, da ein Menschenherz vor Wonne zersprnge. Es
haltens auch nur die starken Seelen aus, besonders das Forte von den
Morgensternen. Die kleinen, die engen Seelen, die vergingen davor, die
lt man so still hinauswischen.

Frau _Trost:_ Was du fr Reden tust ... Wird doch kein solcher Lebtag
sein wegen einem alten Weib ...

_Gisela:_ Ein altes Weib! Frau Trost, es ist auch ein Jungbrunnen da, du
kannst dich drin baden, wenn du willst. Tu's aber nicht so schnell --
das mgen wir so gerne -- wir, die Dorothea und ich, wenn wir mit
sanften Hnden ber den mden Rcken streichen drfen, der sich in so
viel Nachtwachen gebckt hat. Und die hagern Hnde wollen wir kssen,
die sich bis auf die Knochen abgearbeitet haben in dem langen treuen
Leben, so viel Kindlein gewickelt, so viel Sterbenden den letzten
Schwei von der Stirne gewischt ....




                 Die furchtbarste Geschichte der Welt


Frau _Trost:_ Du hast geweint, du zitterst, wird es denn gar nicht
besser?

_Gisela:_ Leiden hat mir eine Geschichte erzhlt.

Frau _Trost:_ Ach, Kind, du hast genug -- mut du dir denn auch noch
Geschichten erzhlen lassen ... gehts denn dir nicht schlecht genug ...

_Gisela:_ Mir geht es gut, es ist mir noch immer gut gegangen ...

Frau _Trost:_ O, Kind!

_Gisela:_ Die paar Stunden ...

Frau _Trost:_ Es sind jetzt Wochen ...

_Gisela:_ Immer nur eine Minute auf einmal ... Es fllt immer ein
Tropfen. Es sind ja Trnen, liebe Frau vom Trost, es sind Trnen ... Da
liegt in einer trockenen Bucht ein kleines, leichtes Schifflein ... Nun
rinnt der erste Tropfen hinunter -- der ist noch Nichts. Das Schifflein
liegt fest und ganz fern rauscht ein Meer ... Das Schifflein will sein
Meer ... Nun kommt noch ein Tropfen, jede Minute fllt einer. Nun ists
ein Rinnsal schon -- und Tropfen auf Tropfen, jetzt ists ein kleines
Seechen, das Schifflein hebt sich ... es fngt schon an, sich zu wiegen
-- fallt, fallt, ihr Tropfen ... es sind Wellchen -- groe Wellen ...
hinaus fhrt das Schifflein in sein Meer --.

Frau _Trost:_ Ist das die Geschichte ...

_Gisela:_ Das ist nicht die Geschichte, die mir Leiden erzhlt hat ...
ist die denn traurig? Das Schifflein will doch in sein Meer, und es
rauscht und braust schon mchtig, das Meer. Nein, das ist sie nicht ...
Er hat sie mir auch nicht ganz erzhlt. Es ist die furchtbarste
Geschichte der Welt. Auch Leiden wei sie nicht ganz ... Ich knnte sie
auch nicht hren -- ich hielts nicht aus. Er kann mir nur so Worte ins
Ohr flstern. Denk doch, die Sonne, die dabei war, als es geschah, hat
es nicht mit ansehen knnen. Die hat sich doch in allen Blutlachen der
Welt gespiegelt ... Mit den Flammen der Scheiterhaufen hat sie gespielt,
die Sonne, verhungernden Kindlein am Weg hat sie noch in die brechenden
Aeuglein gesehen. -- Aber da -- da hat sie ihr Gesicht verstecken
mssen.

Frau _Trost:_ Leiden soll dir keine Geschichten mehr erzhlen ...

_Gisela:_ Ich sag dirs ja, man kann sie nicht erzhlen ... Leiden wei
sie auch nicht, nur Gott wei sie -- die Erde, die alte, auf der bald
kein Pltzchen mehr ist, wo nicht eine Trne hingefallen ist, hat
gezittert.

Frau _Trost:_ Kind, wie du weinst, o wie du weinst, so hast du noch nie
geweint ...

_Gisela:_ Ich mu dirs sagen, es zersprengt mir das Herz sonst ... ich
kanns nicht allein aushalten. Heut Nacht, wie ich allein war, beugt
Leiden sich ber mich und flstert mir ins Ohr: Siehst du den Herrn
Jesus, wie er am Kreuze hngt? ... sag ich: Das hab ich schon oft
gesehen, Leiden.

Leiden sagt: Du hasts noch nie gesehen. -- Nie! Du hast seine armen
blutenden Hnde gesehen, die Pein um einen Tropfen Wasser. Du hast es
gesehen, wie er herunter sieht auf sein armes Mutterherz mit dem treuen
Johannes, du hasts gehrt, wie er sagt: Vater, vergib ihnen, denn sie
wissen nicht, was sie tun. -- Aber Eins hast du nicht gesehen ... Er
geht nun zu seinem Vater im Himmel und freut sich nicht. Zu seinem Vater
im Himmel aus der Qual heraus -- zu seinem Vater, durch die letzten
Schleier hindurch, nun bald, und freut sich nicht ... Warum freut er
sich denn nicht! Hat er sich denn nicht sein ganzes Leben darauf
gefreut, wie er zu seinem Vater kommt und die Vielen mit ihm, die groe
Snderin, der weise Nikodemus, der kleine Zachus, das dnne Weiblein
mit dem Kummergesichtlein und dem Scherflein in der Hand, die
Ehebrecherin, die Maria, die ihm die letzte Liebe getan ... Viele, Viele
ohne Zahl, das Waisenkind am Wege und der Csar in Rom, alle, alle die
Mhseligen und Beladenen, die Einsamen, die stolzen Seelen, die lieben
frohen Kinder mit ihren Palmenzweiglein. Ja, wo sind sie denn alle ...
Er sieht sie nicht mehr. Er ist allein. Da unten steht die Mutter, die
hat den groen Mutterschmerz, der treue Johannes, er starrt auf
verlorene Hoffnungen.

Ja, darf er denn so allein kommen ... er sollte sie doch alle mitbringen
... Er ist allein und schon pocht der Tod mit seinem Hammer an sein Herz
... Man kann sie nicht erzhlen die Geschichte, Leiden wei sie auch
nicht, es ist noch ein Geheimnis dabei ... Da hrt er Stimmen neben sich
... Hliche Worte, die fallen nicht mehr hinein in den Becher, der ist
randvoll ... dann die andere Stimme: Gedenke an mich, wenn du in dein
Reich kommst. Sagt der Herr Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradiese
sein ... Jetzt ist er nicht mehr allein ... Einen von den Allen bringt
er mit. Und die Andern, Alle, Alle, die noch an dem Trnenmeer sitzen?
... Da brach ihm das Herz.

Dann ist er hinaufgegangen zu seinem Vater. Aufrecht ging er und hinter
ihm drein tragen die Engel den armen Menschen mit den zerbrochenen
Gliedern. Da rhrt ihn ein Engel an -- er dreht sich um und sieht sie
kommen, die Scharen, ein langer Zug ... durch tausend Jahre geht er, und
immer noch ziehen sie hinter ihm drein ...




                     Wie Gisela mit Leiden stritt


_Gisela:_ Leiden, das Kuzchen soll aufhren! Wie es schreit! Hrst dus
denn nicht! Es geht mir durch Mark und Bein, wie es schreit. Leiden,
kannst dus denn mit anhren! Kannst du es denn mit ansehen, wie ich mich
winde!

Warum holst du mir den Schlaf nicht? Wie viel Nchte schon ist er nicht
mehr zu dem Fenster hereingestiegen? Leiden, du willst ein Engel sein
und da stehst du Nacht fr Nacht, Stunde fr Stunde und siehst mich
daliegen.

Hast dus gehrt, was die Frsterin heute gesagt hat? Als das Fenster
offen war, mut dus gehrt haben. Sie sagte: Ists denn noch immer nicht
zu End da droben? Einem Stcklein Vieh gibt man eins vor den Kopf, das
wre auch das Beste, was man der tun knnte ...

Hrst du, Leiden, so mu ich daliegen wie ein armer, zertretener
Schmetterling im Staub am Weg ... So bin ich geschndet ... das sagen
sie von mir ...

Wars das Kuzlein, das so schrie, war ichs? Wars ein armes Tier, das an
einem Pflock angekettet wimmert ... Das bin ich ... ich schrei ... ich
... Du, Leiden, schmst du dich nicht?

_Leiden:_ Du mut mich nicht an deinem Bette haben, wenn du nicht willst
...

_Gisela:_ Du sagtest, du werdest mich nie verlassen.

_Leiden:_ Ich bleibe auch bei dir, wenn du mich willst -- doch du kannst
zu mir sagen: Geh!

_Gisela:_ Wie?

_Leiden:_ Siehst du das kleine Scherlein dort? Es ist fein, schlank und
spitzig ... auf dem Tischchen, sie habens da liegen lassen ... das
Scherchen nimmst du in deine Hand, -- dein Herz, es pocht, laut genug,
du findest es, sto zu, sto fest zu. -- Heut hast du noch die Kraft,
morgen hast du sie vielleicht nicht mehr.

_Gisela:_ Leiden?

_Leiden:_ Du frchtest den Schmerz nicht. -- Was ist der kalte Stahl
gegen die glhenden Dolche, die dich zerstechen, jede Minute. -- Ich
bleibe bei dir und halte dir den Kopf, bis es vorber ist ... So streck
dich aus, ich streiche dir dein wirres Haar aus der Stirne ... Nimm das
Tuch zwischen deine Hnde, da keine Flecken kommen auf die seidene
Decke, die Er dir geschickt hat. Hast du das Scherlein?

_Gisela:_ Ich habs. --

_Leiden:_ Es kommt ein Zucken, es kommt eine groe Khle, dein Kissen
weicht unter dir -- weg flieht der Schmerz -- noch ein Schauder ...
Nacht ...

Morgen frh finden sie dich. Sie jammern ein wenig. Die ist nun erlst,
sagen sie ... Sie mu es im Fieber getan haben. Die grobe Magd, die du
frchtest, sagt: Sie hatte so wilde Augen gestern Nacht ...

Dann ziehen sie dir dein silbernes Kleid an. Sie kmmen dir die goldenen
Haare um deine schmalen Wangen, sie legen dir die blassen Hnde unter
die Brust -- da wo der kleine Flecken ist.

Keine lauten Worte mehr um dich, leise Worte ..

Das Kind bringt Blumen, weie Rosen auf deine Kniee, weie Rosen fr
dein Haupt. Du bist noch sehr schn, Gisela, jetzt bist du noch sehr
schn.

Es kommt der alte Mann, dessen Geheimnis es ist, da er dich liebt wie
die Tochter und das einzige Weib der Welt zugleich. Er sagt: Sie hat
nicht gewut, was sie tat. -- Lat sie in Frieden, das Kind Gottes.

Dann ists still um dich. Durch die offenen Fenster weht ein Windlein und
hebt dir die Haare von der Stirne. Dann kommt noch die Abendsonne und
fllt auf dein silbernes Kleid, und dein Haar glnzt wie gesponnenes
Gold. Es kommt die Nacht, strker rauscht die Linde. Eine Nachtigall
singt ihr ses Lied ...

Da kommt ein leiser Schritt die Treppe herauf ... Er.

Da steht Er und sieht dich daliegen in deinem silbernen Kleid.
Vielleicht kt er deine Stirne, vielleicht fllt eine Trne auf deine
Hand -- da wo der rote Streifen ist. -- Vielleicht sagt er, wie in der
Nacht der Schrecken: Holdseligste!

Dann tragen sie dich hinaus, nicht in den Garten, in dem die vielen
Kreuze stehen, wo die Orgeltne ber die Fliederbsche hinstreifen ...
Du mut verborgen sein, auch im Tod. Sie tragen dich in den Wald, in den
Eichenhain. Sie graben dir dort dein Grab. Der alte Mann spricht: Wir
bergeben deinen Leib der Erde. Er steht da und sieht, wie der dunkle
Waldboden auf deinen schmalen Sarg fllt. Dann lassen sie dich allein.

Ueber den Eichen rauscht der Sturm, rollt der Donner, es fllt der weie
Schnee.

Es kommen die silbernen Glckchen wieder hervor. Er kommt manches Mal.
Er sitzt an dem kleinen Rain, der schon bersponnen ist mit weichem
Grn, er streicht ber die schwanken Grser mit seiner Hand. Ich habe
dir Nichts, keinen Stein, der den Tannen und Buchen da sagen knnte:
Hier ruht die Holdseligste.

Dann geht er fort und kommt wieder mit dem Kinde und sie stecken die
weien Knollen in den Boden, und im nchsten Jahr stehen die Lilien da
-- viele, viele. Ihr ser Duft umstreicht den Hain, die Schmetterlinge
umschlagen sie mit den Flgeln ... der Wanderer, der vorber geht, er
sieht sie stehen im einsamen Wald, in weie Seide und Gold gekleidet --
herrliche Lieder Gottes. Er bricht sie nicht, er schauert -- er wendet
sich. Rings um dich her sind heilige, grne Hallen, da fllt kein Schu,
da weidet das scheue Reh, da flchtet es sich hin vor dem Gebell der
Meute. Wenn der Schnee kommt, stecken da Kornbschel fr die hungernden
Vglein und Heu fr das Wild.

_Gisela:_ Leiden, das ist deine schnste Geschichte.

_Leiden:_ Es ist auch meine letzte. Du schickst mich fort. --

_Gisela:_ Wohin gehst du, wenn du von mir fort gehst ...

_Leiden:_ Zu Gott.

_Gisela:_ Und ich?

_Leiden:_ Du doch auch.

_Gisela:_ Ich auch: Darf ich denn so kommen -- mit meinem Scherlein?

_Leiden:_ Du wolltest mit Dorotheas Krnzchen kommen, das hast du nun
nicht. Aber wenn du auch mit deinem Scherlein kommen mut -- dort bist
du doch. -- Du bist sehr stolz, Gisela -- es luft dir eine Trne ber
deine Wangen. Denk, wie gro der himmlische Garten ist -- du willst ja
ein stilles Eckchen nur und die himmlischen Tne von ferne. Da kannst du
doch sein, mit deinem Scherlein. Weit du, die Dorothea lag doch nur
kurz auf den glhenden Stben -- wie lange liegst du schon darauf --
alle Nacht! Streich dir die Haare aus der Stirne, ich eile, tue es
jetzt, schnell ... ich mu zu Gott, ich mu wieder herunter ... ich mu
suchen ...

_Gisela:_ Was suchst du --

_Leiden:_ Eine Seele fr den starken Freudenwein der Ewigkeit. Ich
wollte ihn dir geben, nur den allerkleinsten Tropfen daraus, aber du
kannst es nicht ertragen. --

_Gisela:_ Sag mir von dem starken Freudenwein der Ewigkeit.

_Leiden:_ Du kennst mich nicht, Gisela, so viele Nchte ich auch schon
an deinem Bette gestanden habe. -- Meinen Namen habe ich dir noch nicht
gesagt. Ich habe viele Brder -- berall gehen sie durch die Welt -- ich
heie nicht nur Leiden.

_Gisela:_ Sag mir deinen Namen.

_Leiden:_ Du mut ihn selbst finden. -- Ich sage dir jetzt Geheimnisse.
Ich flstere sie dir ins Ohr, es sind nur Mdchenohren. Nur was die
fassen knnen, hrst du. Ich bin der Engel, der den Kelch hat, aus dem
Jesus trank. Er trank ihn bis zum Grunde. Ein ganz kleiner, kleiner
Tropfen nur, ein winziges Trpflein hing am Rande. Den wollte ich dir
geben. Aber deine Seele trgt es doch nicht. Du erschauerst davon, ein
halbes Kind noch ...

_Gisela:_ Gib mir den Tropfen! ich werf es hinweg, das Scherlein. --

_Leiden:_ Ich sage dir Geheimnisse. Ich trnke dich, dich, mit dem
starken Freudenwein der Ewigkeit. Weit du, wer Ihn aufhielt, in der
Nacht der Schrecken, da er zu spt kam, eine halbe Stunde zu spt? Ich
wars. Ich habe dir deinen Fu auf das Kohlenbecken gedrckt, ich stie
dir deinen verbrannten Rcken auf das harte Holz. -- Du zitterst, deine
Lippen sind wei, er ist dir zu stark, der Tropfen.

_Gisela:_ Warum, warum tatest _du_ das?

_Leiden:_ Weil ich deine Seele suchte, ich suchte sie fr meinen
Tropfen. Gisela, dich hab ich als Kind spielen sehen, du gingst so
leicht ber das Gras mit deinen kleinen, frohen Fen, dir liefen die
Tierlein zu, dir erblhten die holdesten Blumen von selbst. Ich hielt
dich in der Einsamkeit. Ich stand schon neben dir, wie du noch ein Kind
warst. Nicht viel Erdenstaub kam auf deine Seele. Den haben die Trnen,
die du im roten Turm geweint hast, fast schon abgewischt. Warum denn fr
dich, du zarte Blume, alle Schrecken der Hlle? Alle Finsternisse? Das
Riesenweib mit den erstorbenen Augen, die starren und nicht sehen, die
Angst! der frchterlichste von allen Dmonen, der das Blut in den Adern
erstarren macht und das Herz klopfen macht wie einen Hammer ... Den
wilden Riesen Schmerz fr deinen armen holden Leib ... Warum denn das
fr dich -- du Kind Gottes? du Gedanke Gottes! Sag nicht, ich bin
schwarz, wenn du weit, da du lieblich bist.

Dich trnke ich mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit. Du bist von
der Auserwhlten Schaar, die es tragen, das Leiden der Welt -- das
Leiden Gottes. -- An ihren Schmerzen zieht Gott durch die Dunkelheiten
die Menschen zu sich. Du darfst sie tragen helfen, die Ketten der Welt
-- durch dich kommt sie vorwrts, aus ihrem Jammer heraus, aus ihrem
Sumpf heraus -- von ihrem Trnenmeer hinweg. Ich habe nur einen ganz
kleinen Tropfen fr dich. Nur ein klein wenig darfst du sie heben, die
Kette. Fr die Andern, fr Alle, du. Schon der eine Tropfen, er erfllt
deine Seele. Schrei mit dem Kuzchen um die Wette oder schweig und pre
die Lippen zusammen ...

Unten geht Er am Lindenbaum hin und her und ringt die Hnde. Er hat ihn
gehrt den Schrei. Er ging ihm durch die Seele wie ein Schwert. Er hat
ihn schon drben am Walde gehrt. Ist das das Kuzchen? Ist das die
seste Stimme der Welt? Die Stimme, die ein Ton ist aus der himmlischen
Harmonie? Nun ist sie nur noch ein Hauch von Weh. -- Nun ist sie ein
schrilles Zerreien der Saiten ... Aber immer ist es die seste Stimme
der Welt. -- Ja, wird Er denn noch einen Ort in seinem Hause dulden, wo
das Sthnen um die Sulen fhrt? Wenn man ihm die armen Weiber und
Mgdlein bringt, wird er nicht ihre Stricke lsen und ihre Trnen
trocknen und sagen: Auch sie war eine Hexe ... Und die liebe Frau Trost,
erfindet sie nicht tausend Dinge, um deine armen Glieder dem Schmerz
abzulisten? Die sagt sie Andern, die vererben sich ... Der weise Mann,
der an deinem Lager stand, wlzt er nicht Folianten, sinnt und grbelt
und forscht, ob er nicht Krfte fnde, in Blume oder Stein oder Erz, da
er ihn dir daraus brauen knnte, den Trank Vergessenheit? Brauchst du
den Trank Vergessenheit? Du hast mich, da ich dir Nachts die Seele
flle mit dem starken Freudenwein der Ewigkeit.

_Gisela:_ Bleib bei mir, Leiden!

_Leiden:_ Du bist kein armer zertretener Schmetterling, im Staub am Weg.
Du bist ein Schauspiel fr Gtter und Menschen ... Ich hole dir den
Schlaf und wenn ich bis zum Thron Gottes hinauf mte.




                          Der Herrgottsnarr


_Gisela:_ Ich bedank mich schn fr das Tragen.

_Frster:_ Wenn es nur der rechte Griff war, Grfin Gisela.

_Gisela:_ Gewi, es war der rechte Griff ...

_Frster:_ Hat lang genug gedauert, bis ich den gelernt hab.

_Gisela:_ Habt Ihr noch ein wenig Zeit, Frster, oder mt Ihr in den
Lwen? Ich mchte Euch Etwas fragen.

_Frster:_ Hab wohl Zeit, mu auch nicht in den Lwen, wenngleich der
Lwe auch sein Gutes hat. Man raucht so seine Pfeif, die Wirtin hat
nichts dawider, wenn der Feldmann mit hereinkommt, das Mhlwerk, das
mein Weib mit sich herum trgt, hr ich nimmer klappern.

_Gisela:_ Den Feldmann knnt Ihr wohl mit herauf bringen. Setzt Euch
doch.

_Frster:_ Ich wei, was gegen die schuldige Achtung geht. Ob zwar der
Feldmann ein Ausbund von Hund ist, der sich da nichts zu Schulden kommen
lie ...

_Gisela:_ Ich mchte den Ausbund von Hund gern einmal sehen. Das mu
einer sein! Wie der Herr, so sein Hund!

_Frster:_ Ach halt so Wrtlein. Wenn mein Weib wollt einmal so ein
Wrtlein in den Mund nehmen! Das wr ein Leben! Wte nicht, was ich auf
der Herrgottswelt noch wnschen mcht! Seit Ihr da seid, Grfin Gisela.

_Gisela:_ Frster, einen Kavalier hat der Junggraf an Euch.

_Frster:_ An mir! An so einem groben Waldmenschen! Ich htt eben auch
gern Kinder gehabt, wie andere Leut, so Flachskpf umeinander, sieben
wren mir noch zu wenig gewesen, alleweil htt sollen eins in der Wiegen
liegen!

_Gisela:_ Darum habt Ihr mich auch so sanft getragen, wie eins von den
Kleinen, die noch in der Wiegen liegen. Die sind die Liebsten, die
Kleinen, mit den Augen so blau, so frisch noch vom Kinderbrnnlein.
Frster, das gehrt auch zu meinem Hexenjammer, da mir Niemand so ein
liebes Kind in den Arm geben will! Wie ich noch klein war, riefen die
Mtter ihre Kindlein von mir hinweg -- und gar in eine Wiege sehen! Nur
die nicht hineingucken lassen mit ihren blauen Hexenaugen, sonst wird
das Kind krank, hrt ich die Weiber hinter mir sagen.

_Frster:_ Ach zu Eurem Hexenjammer gehrt Viel! Wenn Ihr davon anfangen
wollt, so mt ich eben doch einmal nach dem Lwen sehen.

_Gisela:_ Ich rede nicht davon, nein. Wenn es mir mglich ist. Ach ich
wollte Euch ja Etwas fragen. --

_Frster:_ Ists ein langer Jammer oder ein kurzer? Ein kurzer, wenn es
einen gb, wr mir schier lieber, als so der Gang nach dem Lwen --
durch den Regen, die schwtzen dort immer das Gleiche.

_Gisela:_ Es wird ein ganz kurzer Jammer nur. Mir trumte, ich sei
wieder ... Grfin.

_Frster:_ Das seid Ihr doch immer noch?

_Gisela:_ Frster, Ihr verget, von wo ich hieher gekommen bin. Von dem
Gewlb, unter dem Schlo Brauneck.

_Frster:_ Eine halbe Nacht seid Ihr dort gewesen!

_Gisela:_ Wer dort hineingegangen ist und htt auch vorher ein
Grafenkrnlein auf dem Kopfe gehabt, wenn er herauskommt, hat er es wohl
nicht mehr. Es fiel in den Schmutz ... ich mchte mich nicht mehr
darnach bcken.

_Frster:_ Seid Ihr aber stolz, Grfin Gisela.

_Gisela:_ Ach ich bin wohl stolz und hab gar keinen Grund dazu! Worauf
knnten so Hexen mit Brandwunden denn stolz sein. -- Nein, Frster, noch
nicht in den Lwen ... ist gleich vorbei ... Mir wars, ich sei Grfin
und nun wollte ich gern den Armen etwas geben und sie wollten es doch
nicht von der Hexe nehmen. Da gab mir ein Engel einen Laib Brot und
sagte: Gib es denen, es ist das ewige Brot. Da stand ich an der
Schlopforte und viele arme und gebckte Weiblein gingen vorbei, ich bot
ihnen mein Brot an, ach sie schttelten den Kopf, ich bat: Ach nehmt es
doch, ich geb es euch so gerne. Da kam ein Weib vorbei, so hungrig, wie
die aussah, die griff mit einem scheuen Blick nach meinem Laib und
verbarg ihn unter ihrem Schurz.

_Frster:_ Das Traumweib da ist aus dem Frnkischen gewesen, die stecken
alles unter ihren Schurz.

_Gisela:_ Und dann war es seltsam! Ich hatte wieder einen Laib in der
Hand und so oft ich auch hergab, immer wieder wuchs mir das Brot in der
Hand. Und wie Viele zogen da an mir vorbei! Alle nahmen, keine dankte,
wie war ich so glcklich! Knnt es denn Etwas geben, wie das ewige Brot,
Frster?

_Frster:_ Ja was knnt das wohl sein? -- das ewige Brot? Knnts so
etwas geben? Vielleicht. Will doch den Junggrafen fragen ... Wird wohl
heute Nacht herber reiten.

_Gisela:_ Es regnet so, so schn regnet es! Hrt Ihrs, wie die Tropfen
auf den Lindenblttern aufschlagen, als gingen Kinderfchen darber.
Und die Rinne da, man sollte sie kaum kennen, die hat ein Bchlein, so
pltschert sie! Nun kommt auch ein Bchlein zu mir. Ich liebe sie so,
die Bchlein. Frster, mit der Rinne habe ich beinah gestritten.

_Frster:_ Mit der Rinne?

_Gisela:_ Die tropfte. Und da fallen wohl die Tropfen auf ein Vordach.
Und das hrt ich und konnte nicht schlafen. Dann manchmal tropfte sie
nicht und beinah schlief ich ein und dann fing sie wieder an. Frster,
Ihr geht im Wald herum und kommt Abends mde heim, da wit Ihr nicht wie
das ist -- so auf Rinnen hren. Und Schlo Schweigen ist ja das
herrlichste Schlo der Welt, ich mchte gar nirgends lieber sein, eine
Linde rauscht mir, von den Waldbergen kommt se Regenluft, eine Rinne
tropft mir ...

_Frster:_ Mit der hattet Ihr ja Streit.

_Gisela:_ Ja, ich dachte, es wre wirklich das liebste Schlo der Welt.
Nur die Rinne wre ein Fehler ... es knnt eben nichts vollkommen sein
...

_Frster:_ Wt noch einen ...

_Gisela:_ Da horchte ich auf die Rinne, ob die mich wohl nur weckte,
weil sie mir Etwas sagen wollte. Da erzhlte die mir eine Geschichte von
Tropfen, Tropfen, einem Schifflein, einem Rinnsal, Strom und Meer.

_Frster:_ Kenn sie auch, will aber doch nach der Rinne sehen ... Ja und
sonst htts keinen Fehler mehr, das Gespensterschlo? Frulein Gisela,
das mit den Gespenstern, da ist auch ein Vorteil dabei. Ihr frchtet
Euch nicht, ich frcht mich nicht, das Kind hats Frchten auch schon
bald verlernt. Aber mein Weib traut sich nicht im Finstern all die Gng
herauf. Tt sonst schon lang horchen da auen und nachher Redensarten
machen ... das Schlarrmaul!

_Gisela:_ Frster!

_Frster:_ Wei wohl, Grfin Gisela, sollt nicht so Sachen sagen. Kommt
davon, wenn man einen Waldmenschen in die Stube zum Frulein hereinlt.
Wird ihm zu wohl dem Esel, geht aufs Eis und bricht das Bein.

_Gisela:_ Das nchste Mal mt Ihr den Feldmann mit bringen.

_Frster:_ Wr dem auch zu wohl, dem alten Vieh! Wollt Euch angucken,
der sieht gleich, wo was zu sehen ist. Und Vorderpfoten herauf,
Maulaufreien und lachen! Und ein Flecken wr auf der gelben Decke.

_Gisela:_ Der Feldmann! Ich mu den sehen; und lachen kann er auch! Dort
auf der Matte kann er liegen, oder lacht er da nicht?

_Frster:_ Lchern kanns ihn schon. Wit Ihr, so die Lefzen ber die
hinteren Zhne hinauf ziehen. Zum Lachen reit er gleich das ganze Maul
auf.

_Gisela:_ Dann wollen wir ihn einmal lcheln lassen, den Feldmann. Gibt
es da Dinge in dem Schlo Schweigen! Erzhlt das doch dem Junggrafen.

_Frster:_ Wei der schon lang, sagt jedesmal: Komm, lach auch, Feldmann
... nicht wie die im Lwen. Und der Feldmann tuts.

_Gisela:_ Im Lwen, da verstehen sie wohl den Feldmann nicht so, aber
der Junggraf, der versteht ihn.

_Frster:_ Dem hngt eben auch so Narrenwerk herunter! Hat der alt Graf
mit dem schon Nten gehabt, mit dem seinem Narrenwerk. Von Kind auf hat
ers getrieben. Schlg soll er bekommen haben, mehr als genug. Der Herr
Hofprediger soll ihn einmal aus der Kinderlehre gejagt haben. In
Straburg htten die gelehrten Herren gesagt, der Junggraf knnt seinem
Kopf nach zu allen Ehren kommen, die sie zu vergeben htten, wenn er
nicht so viel Allotria, sagten sie, betreiben wollte. Wie sie auch
sagten, Narrenwerk haben sie gemeint.

_Gisela:_ Ich kenn sein Narrenwerk! Fremde Hexen, die er nie gesehen hat
und die sich an ihn kletten knnten und ihm sein ganzes Leben verderben,
aus Gewlben tragen.

_Frster_ (^schlgt sich auf den Schenkel^): Von seines Vaters Gericht
hinweg! Nach vier Stunden schon, durch den Erdboden durch! War sein
feinster Streich! Kaum seid Ihr in dem Gewlb, so reitet er herber.
Mich hat er schwren lassen, da ich Nichts verrate, ist mir nicht
leicht angekommen! Hinter meines Herren Rcken! Dreht mir mit drei
Worten und Eurem Hexenjammer das Herz im Leib herum ... die Stuben
angesehen, Alles befohlen, wies gemacht wrd, Nichts vergessen -- nicht
da das Bett gleich aufgeschichtet wrd, da ein Rosenstrau aufs
Tischlein kme, ein Imbi bereit, fort hinber die zwei Stund, sein
Pferd strauchelt unter ihm, lahmt, da er eine halbe Stunde verlieren
mu und wieder hier mit Euch in derselben Nacht und vor Morgen wieder
zurck. Wundert mich nur eins, stark wundert michs, da der alte Graf es
nicht gleich gewut hat, wer Euch fortgebracht.

_Gisela:_ Eine halbe Stunde kam er zu spt. Es geht viel in eine halbe
Stunde.

_Frster:_ Da geht Viel hinein! Was da Jammer hineingeht, und ein Leiden
hineingeht, das hat man in den Wochen jetzt gesehen.

_Gisela:_ Es war auch gut so. Er kam doch.

_Frster:_ Das konnt er nicht wissen, was Ihr da ausgestanden habt, in
seinem festen Arm.

_Gisela:_ Darf es auch nicht wissen, nie, Frster -- nie. Er sah es ja
nicht. Ich schlug seinen Mantel um mich, die Laterne fiel um, er sah nur
die roten Streifen --. Er soll auch noch nicht herein kommen. Gebt mir
das Spieglein -- Ach da ist noch eine Schrift ...

_Frster:_ So an den Schlfen --. Das schne Lcheln.

_Gisela:_ Ich werde doch auch knnen, was Euer Feldmann kann ...

_Frster:_ Aber lachen! Das brcht der Jung Herr fertig! Und wenn Ihr an
einem Hexenjammer wret, er brcht es fertig.

_Gisela:_ Glaubt Ihr das, Frster! Ich mcht ihn wohl sehr gerne sehen.
Ach so gerne!

_Frster:_ Kann nicht sein, Grfin Gisela. Kommt schon noch! Kommt alles
mit der Zeit, wenn man wei, wohin der Weg mit Euch geht ...

_Gisela:_ Frau Trost meint, leben wrd ich wieder --.

_Frster:_ Das wr! Das wr!

_Gisela:_ Ihr glaubt es noch nicht? Von Gehen, da ich wieder gehen
knnte, sagt sie aber Nichts.

_Frster:_ Von Gehen Nichts. Ist das ein Jammer, ein Hexenjammer!

_Gisela:_ Nein das ist keiner, noch lange keiner, es gehen viel arme
Menschen an Krcken --.

_Frster:_ Ihr an Krcken?

_Gisela:_ Gefllt mir auch nicht, Frster, ich wte Nichts, was mich
schwerer ankm! So wie ich eben bin, stolz, wit Ihr, stolz. Aber man
knnte doch selbst zu einem Glase Wasser kommen, nicht Andere um Alles
plagen mssen. Vielleicht auch im Schlohof herumklappern. Kommt man
Treppen herunter mit Krcken?

_Frster:_ Ich trag Euch die Treppen.

_Gisela:_ Ich dank Euch! Macht das Viel aus, wenn Ihr mich bis zur
Brustwehr tragt?

_Frster:_ Ich trg Euch bis nach Rom, wenns sein mt und meine Alte
mir nicht nachkm! Warum denn nicht!

_Gisela:_ Nur bis zur Brustwehr. Da knnte ich mit der Hand in
Lindenzweige greifen, da wchse ein feines Grslein zwischen den Ritzen
des grauen Steinwerks, da sh ich hinber zu den Waldbergen. Vielleicht
knnte ich ein rotes Felsennelklein erhaschen; wenn nicht, so freute ich
mich doch daran. Ich brauche keine klappernden Krcken, so glcklich wr
ich, bin ich. Das Schlo Schweigen, altes graues Geisterschlo ... Oder
brauch ich doch Krcken! Knnt ich damit zur Nachbarin und ihrem kranken
Kind kommen?

_Frster:_ Nein, Frulein Gisela, das ist gegen die Instruktion, die ich
von dem Jung Herren empfangen hab: Niemand sehen lassen, was er da fr
...

_Gisela:_ Eine arme Hexe hat. Also brauch ich keine Krcken. Ich betrbe
mich nicht mehr damit. Ach wit Ihr nicht noch eine Geschichte von so
Narrenwerk und dem Junggrafen? Einmal habe ich es ja gehrt. In der
Nacht der Schrecken!

_Frster:_ Auch da noch Narrenwerk! Das macht ihm keiner nach. Er wute
eben nicht, in welchen Leiden Ihr waret.

_Gisela:_ O doch. Zuerst nicht. Da prete ich noch die Lippen zusammen
... Nichts merken lassen ... ich schmte mich so. An dem verbrannten
Fu, an dem Gewlbe, an den Streifen an meinen Hnden. Nur die hat er
gesehen. Ach und da fing das Narrenwerk an. Wie die Gespenster flogen
wir dahin. Und er immer seine Lippen an meinem Kopf und so Worte, so
Narrenworte. Wie die Streifen wieder heil wrden, da man sie gar nicht
she und wie es Perlenarmbnder gbe und wie die Damen an des Kaisers
Hof in Wien sich rote Streifen an die Hnde malen lieen, weil es so
Mode wrde, wenn sie mich shen. Und ich mte keine Angst haben, es
gehe jetzt nicht gleich nach Wien, nur nach einem Schlo Schweigen, wo
kein Mensch hinkomme, oder je hingekommen wre, weil es hundert Geister
dort gbe. Mir tten sie aber Nichts, denn es sei ein lterer Kavalier
dort, der sich als Frster verkleide, und der wrde mich vor allen
Geistern beschtzen.

_Frster:_ So! hat er das gesagt: Kavalier! Ja, der wei Narrenwort!

_Gisela:_ Dann wurde er still, dachte vielleicht, er drfte nicht mehr
mit mir reden, weil ich keine Antwort gab. Ach! Dann habe ich ihn
betrbt ... Wie ich die Stimme nicht mehr hrte und nur den festen Arm
um meinen verbrannten Rcken fhlte, und das Dahinrasen und das Stoen
von den Hufen des Pferdes durch meinen Leib hindurch ..., Frster, wenn
man an Schmerz sterben knnte, so wr ich gestorben.

_Frster:_ Um ein Haar wrs so gegangen.

_Gisela:_ Und ich hrte die Stimme nicht mehr, da wirbelte mir der Kopf
von dem Dahinfliegen, da meint ich, ich sei wieder in dem Gewlb und da
sei diesmal kein Weib, sondern ein Mann an mir und stiee mich auf eine
Leiter, solche Dinge, die sie in der schrecklichen Kammer dort haben.

_Frster:_ O du Hexenjammer!

_Gisela:_ Schon vorbei. Ach sagte ich, bist du nicht der schne Jngling
Tod? Der wollte mich unter die Sterne bringen, warum stt mich der
Henker denn immer wieder auf die Leiter? Da hielt er das Pferd an, da
fiel der Mond in sein Gesicht --, da war es wieder der schne Jngling
Tod, und Mond, und se Waldeslfte. Da sah ich auch, da ich ihn
betrbt hatte: Ach verzeih, schner Jngling Tod; rede doch mit mir, nur
ein Wrtlein! Da ich dich kenne und dich nicht mehr betrbe. Da war
mirs, als weinte irgendwo ein Kind ... ein Knabe, ganz hell weinte der
... Jemand sprach von krhenden Hhnen. Jemand sollte mir Wasser holen.
Das ist eine Pein! Um einen Tropfen Wasser ... Man gibt den Hexen nicht
gern Wasser ... Lieber verschtten ... Lat sie jetzt noch liegen ...
Der, dem sie gehrt, wird sie sich schon holen -- das war wohl der
Knappe, der das sagte. Wer war es denn, der so weinte!

_Frster:_ Der Junggraf wars. So hat der geweint da unter dem
Lindenbaum, wie er Euch hat schreien hren.

_Gisela:_ Ich schreie nie mehr. Warum war ich so ungeduldig! Dann gab
mir der Knappe doch das Wasser ...

_Frster:_ Und Ihr httet gesagt: Das hast du dem Herrn Jesus getan. Der
ritt jetzt um die Welt fr Euch, in Stcke hauen lie er sich fr Euch.
Und wenn die eine Hexe ist, will ich mit der in die Hlle fahren, wo die
hinkommt, dorthin! Wr aber ein viel zu guter Platz fr ihn, meint er.

_Gisela:_ Und dann ritten wir wieder, und wieder die Lippen an meinem
Kopf und leise Worte ... Narrenworte. Er sei nicht der schne Jngling
Tod, aber der ritte hinter ihm, ich solle nur keine Angst haben. Wenn es
durchaus der Jngling Tod sein msse -- der ritte hinten ... er hre die
Hufe seines Pferdes hinten aufschlagen. Und wie leid es ihm wre, da er
nur ein nrrischer Grafensohn sei, denn mit dem Jngling Tod wre ein
feineres Reiten. Der htte keinen harten Arm, einen weichen Flgel htte
der, und keinen immer heruntergleitenden Mantel, einen dunkeln weichen
Schleier, da hllte er mich darin ein und flge mit mir ber alle
Feldwege und stolprige Baumwurzeln hinweg, hinauf durch die weien
Nachtnebel zu goldenen Sternen, in Christi Garten hinein, mitten hinein,
wo es am schnsten ist, und legte mich in ein Bett von roten
Rosenblttern und meinen armen Kopf auf ein Kissen von weien Rosen, und
in jeder Rose sei immer ein Perlentrpfchen. Und darber neigten sich
Hollunderzweige voll mit Blten und da sen Nachtigallen darauf und
sngen die schnsten Lieder der Welt. Und in allen Liedern kme Etwas
vor von Mgdlein mit goldenen Haaren, die noch lcheln knnten und
Verzeih! sagen, wenn sie wilde Mnner auf Leitern stieen. Und von
Mgdlein, die auf hartem Schragen lgen, schneewei und so vertrauende
Hnde ausstrecken nach Shnen von Mrdern, die da herein kmen. Und
nicht einen Augenblick denken, die kmen, um sich an ihrem Jammer zu
weiden. Gleich wten die Paradiesesmgdlein, da der Sohn des Mrders
komme, um sie zu retten. Und nicht weinen wrden die Mgdlein und nicht
jammern und sich frchten, und das sngen Alles die Nachtigallen ...

Ach und noch viel mehr! Kein Wort hab ich vergessen, keines. Frster,
versprecht mir, wenn ich tot bin, so sagt ihm, ich htte keines
vergessen. Und jedes Wort hielte ich in meinem Herzen wie seine
Paradiesesrosen die Perlentrpfchen. Und dann ging es weiter von Mrdern
und Kinderqulern und die mten nicht in die Hlle hinunter. O nein!
Auf wilden Pferden mten die reiten, auf Feldwegen, ber Baumwurzeln
reiten bis zum jngsten Tag. Aber nicht so stolz wie wir, ein ganz
Schlimmer hielte die in einem feurigen Arm. Und wenn es vergessen wrde,
da da Steine wren, worauf die Hufe auch einmal ausgleiten knnten, so
wolle er es dem ganz Schlimmen schon sagen ... Nein, es geschhe auch
denen Nichts! Vielleicht habe ich gerufen: Nicht weh tun: keinen
feurigen Arm denen -- denn so ein feuriger Arm, ach das wute ich, wie
das sei. Nein ... auch die nicht, weil ich fr sie gebeten htte, so
kmen sie los und kmen alle in ein frisches Bett. Zwar nicht auf
Rosenblttern, denn Christi Garten wre Nichts fr die, aber doch ein
weies Bett. Und der Jngling Tod sei nicht nachgekommen, so schnell
seien wir geritten; der sitze gewi bald auf der Linde dort und singe
mir Lieder ... wieder von Mgdlein, und wenn er am allerschnsten Lied
sei, so schlafe ich darber ein. Niemand knne einen so schn in Schlaf
singen wie der Jngling Tod. Und mir snge er die schnsten Lieder, alle
von Christi Garten!

Da hatte er mich schon auf dies Bett gelegt hier. Und nun msse er
gehen, weil ich schlafen sollte und ganz still liegen und auf die
schnen Lieder horchen, und wenn ich noch mit Christi Garten -- der sei
mir doch sicher -- warten wolle, bis er wieder kme, so wre es das
Schnste, was ich tun knnte -- weil es das Schwerste sei. Und die
schweren Dinge, da sei immer am meisten Ehr dabei; und das wre, was
sich fr eine Hohenstaufenenkelin geziemte. Und es gehre mir das Schlo
mit Allem, was darin sei, dem Kavalier, der sich als Frster verkleide
und in einer Friesjacke herumlaufe, mit den Geistern, und mit Allem
knnte ich tun, was ich wollte. Ach und nun warte ich immer noch! Und
wenn ich zu krank war, ihn zu sehen, nun bin ichs nicht mehr.

_Frster:_ Kann nicht sein ... Bin dem alten Grafen auch Etwas schuldig
...

_Gisela:_ Was wrd ich dem Grafen damit antun?

_Frster:_ Grfin Gisela, ich erzhl Euch noch eine Geschichte von so
Narrenwerk.

_Gisela:_ Frster, ich dank Euch, ist das schn, schier so schn wie im
Lwen, wenn jetzt noch der Feldmann dabei wr!

_Frster:_ Kommt morgen mit ... soll Euch auch sehen! Der Leibjger hat
mir die Geschichte erzhlt, da bei der Treibjagd, wo der Herzog dabei
war. Da habe der Junggraf in Straburg Schulden gemacht -- so gar viel
sei es gerade nicht gewesen, aber es habe den alten Herrn gewurmt, da
es nicht Kavaliersschulden waren, sondern wieder Narrenschulden. So sei
denn der Graf nach Straburg geritten, mit dem Leibjger und noch zwei
Andern, denn sie htten Geld bei sich gehabt. Und in Straburg habe der
alt Herr dem Jungen den Kopf gewaschen, man htt nicht zu horchen
brauchen, man htts auch so gehrt. Der junge Herr habe nicht einmal
viel gesagt -- recht degenmig sei er gewesen. Zuletzt habe es schier
Krach gegeben ... nur der alte Herr! Da habe der junge Herr auf einmal
wieder angefangen und gesagt ... Du brauchst mich gar nicht zu
verhalten, ich bringe mich schon selber durch. Der alt Herr: Mit was
denn? Mit was! Mit Narrenwerk! Das kannst du, und sonst nichts ... Du
mit deinem ewig hungrigen Leib, keinen Tag bringst du dich durch! -- Ich
kann singen, Vater. -- Dann geh und sing vor der Leute Huser und sieh,
ob die dir ein Stberlein hinauswerfen.

Der Jung Herr fliegt zur Kammer hinaus -- halb mit Willen -- halb hat
der alt Herr geholfen und geht fort. Und der alt Herr im hchsten Zorn
zu den Professores und will hren, was die ber seinen Sohn sagen. Der
Jung Herr zu einem Freund, der ein armer Gottesgelehrter gewesen sei und
ein altes, verschlissenes, graues Habit gehabt habe, -- das angezogen,
eine alte Pudelmtze ber den Kopf, das Gesicht mit Ru verschmiert, die
eine Schulter hoch mit Werg verstopft wie einen Buckel, und ber sein
eines Auge ein schwarzes Flecklein gehngt an einem Bndlein, als ob er
einugig sei. Dann nimmt er seine Laute und geht fort, kein Mensch htt
ihn mehr gekannt. Sein Freund hinter ihm drein, trgt er ein Beutelein
und der Jung Herr singt. Und wenn der singt, dem gb mein Weib etwas,
wenn er ihr singen wollt.

_Gisela:_ Ich kann auch singen, Frster, schn kann ich singen ... ich
sing auch noch einmal ein Lied ...

_Frster:_ Zuletzt seien sie an das groe Gasthaus gekommen, wo die
vornehmen Herren und auch der alte Graf gerade bei Tisch saen. Da habe
der junge Herr unten angefangen -- der Leibjger stand hinter des Grafen
Stuhl -- zu singen: Es steht ein Baum im Odenwald, ... da sei dem alten
Herren eine Lohe bers Gesicht geschlagen, da es dem Leibjger Angst
geworden sei --. Und einer der andern Herren aufgestanden und gesagt ...
Da singt aber einer -- so hab ich noch nichts gehrt. Da fragen die
Andern: Wer ists denn? Der alt Herr rhrt sich nicht. Da ruft der: Ein
einugiger Bettelmann, ein gar so schreckhafter Mensch, die edlen Frauen
sollten nicht hinausschauen! -- Darauf alle Damen ans Fenster und die
Herren und der alt Herr auch, denn der war wieder vergngt. Und unten so
ein Gesang und sonst Stille. Und wie es zuletzt kommt -- da fllt der
Schnee so kalt, so kalt, das Herz es mir zerreit -- da laufen dem
alten Herren die Trnen herunter, er langt in seinen Beutel und wirft
dem Bettler eine Golddublon hinunter. Der macht einen Diener, bckt sich
nach dem Goldstck und drckt es sich ans Herz und will davon gehen. Da
werfen auch die Andern Geld hinunter und die Frauen und die Frulein
wollen auch ein Lied. Da sang er denen das Lied von den zwei gefangenen
Soldaten --. Sie wurden gefangen gefhret ... keine Trommel ward um sie
gerhret ... im ganzen rmischen Reich ... Und wie er zu dem Vers kam --
wo es heit ... du liebster Herzgefangener mein! da haben die Frauen
ihre Ringe losgemacht und Haarpfeile heraus und haben sie
heruntergeworfen. Der Einaug bckt sich nach Nichts, lt Alles liegen,
nur das Goldstck von unserem Herrn hat er genommen. Der arme Freund hat
Alles zusammengelesen. Der Einaug macht noch eine Reverenz, da wieder
dem Grafen eine Lohe bers Gesicht schlgt und geht hinaus zum Hofe, der
Andere mit dem dicken Beutel hintendrein. Da ging der Graf in seine
Stube und bald kommt auch der Junge die Treppe heraufgeflogen. Wie er
das so macht -- so in drei Stzen -- wieder schn angetan.

_Gisela:_ Ach kein Mensch kann so Treppen herauf kommen, da man es
gleich wei: Nun kommt das Leben, die Freude kommt, das schne Lachen
kommt. Man kann auch anders die Treppen herauf kommen.

_Frster:_ Der Jungherr sagt: Vater, du hast Recht gehabt ... ich hab
Hunger, ich habe mich nicht durchbringen knnen, la schnell Essen
kommen. So, sagt der alt Herr, hast dich nicht durchbringen knnen? Mit
Musik nicht? Auch mit schnen Liedern nicht? Nein, sagt der Jungherr,
nur das hab ich wiedergebracht und legt eine Golddublon auf den Tisch.
Du hast heute gesagt: die letzte Rechnung, die war ein Golddublon, die
schlge dem Fa den Boden aus. Tat sie auch! Vor Kurkosten vor des
Barbiers Enkelkind, wegen einem krummen Fu. Knnt nicht der Barbier
auch eine Schwiegermutter haben und die einen Leibschaden oder eine Bas
mit einem Kropf? und mu ich der Straburger Spittelvogt sein, mit
meinem schmalen Braunecker Geldbeutel? Das she er auch ein, meint der
Jungherr, und deshalb hab er auch die Dublon wieder gebracht. Und das
Andere! schreit der alte Graf ... Der Jungherr: Habs einstweilen
versorgt ... auch die Ringlein, von den viel holden Frauen. Von denen
studiert der Magister Renner noch ein Semester aufs Geistliche, und die
Stber, und was so Sach war, die habe ich bei dem Manne liegen lassen,
dessen Haus gestern Nacht abgebrannt ist. Du kannst sie dort holen
lassen, Vater. Den Teufel will ich sie dort holen lassen, die
Bettelgroschen, schreit der alt Herr, du Herrgottsnarr, du!

_Gisela_ (^leise^): Du Herrgottsnarr, du!




                            Das ewige Brot


_Gisela:_ Gute Nacht, Trostblmlein.

_Engela:_ Gute Nacht, Prinzessin. Da reitet der junge Graf in den
Schlohof! Ach das wre die schnste Geschichte, wie mir meine
Gromutter noch keine erzhlt hat! Von der Hexe und dem Grafensohn! Und
das Gewlb -- so schauerlich. Und dann kommt das Geisterschlo und da
die Prinzessin auch noch verwunschen ist.

_Gisela:_ Verwunschen!

_Engela:_ Ja! der Engel Leiden! Vor gar Nichts mehr frchte ich mich in
dem Spukschlo, seit Ihr mir gesagt habt, das schreckliche Klopfen wre
eine Rinne und ein Blech. Aber vor dem Engel Leiden frcht ich mich!
Wenn Ihr mit dem redet ...

_Gisela:_ Das hrst du?

_Engela:_ Jetzt nicht mehr! Aber wie Ihr im Fieber waret! Und Ihr seht
schn aus wie Nichts in der Welt und schauerlich wie Nichts in der Welt.

_Gisela:_ Da wrdest du dich am meisten vor mir frchten! Du Armes ...

_Engela:_ Und hr ich auch gar Nichts, so seh ich es Euch doch am Morgen
an ... Der Engel Leiden war wieder da!

_Gisela:_ Wie siehst du mir das an ...

_Engela:_ So an den Augen, so ein blaues Leuchten!

_Gisela:_ Da brauchst du dich nicht davor zu frchten! Gib das Frchten
auf, Engela, kommt nichts dabei heraus, als da man Kummer hat.

_Engela:_ Die Geschichte wr schn, so zum gruseln und sich daran
freuen, und so recht rhrend wr sie auch, wie es sein mu -- aber einen
Fehler hat sie doch!

_Gisela:_ Da man nicht wei, wie sie weitergeht! Und du erlebst sie,
die Geschichte! Bis zu Ende erlebst du sie, ich versprech dirs, bis zu
Ende.

_Engela:_ Alle Geschichten mssen so ausgehen: und sie fuhren zur
Hochzeit in goldener Kutsche, und wenn sie nicht gestorben sind, so
leben sie heute noch.

_Gisela:_ Es mu auch einmal eine neue Geschichte geben.

_Engela:_ Es darf kein Grab mit Lilien drin vorkommen.

_Gisela:_ Engela, hast du die schne Geschichte vergessen vom
Aschenbrdel und dem Baum auf der Mutter Grab?

   Bumlein, schttel dich,
   Bumlein, rttel dich,
   Wirf Gold und Silber ber mich!

Lilien waren auch auf dem Grab.

_Engela:_ Ach ja! Keine Prinzessin hat noch einen verbrannten Fu
gehabt, mit dem sie hat nicht gehen knnen -- und hat mssen auf dem
verbrannten Rcken liegen!

_Gisela:_ Die werden ihre Leiden auch nicht erzhlt haben! Sie haben
goldene Schuhe ber den Fu gezogen und Niemand sehen lassen, da er ein
wenig kleiner ist wie der andere, und ber den Rcken haben sie die
goldenen Haare gehngt .... Aber schweigen haben ihre Mgdlein mssen,
Nichts verraten, sonst weinen die Prinzessinnen. Gute Nacht, du!

_Engela:_ Ich verge mein Gebetlein nie mehr! Seit ichs die eine Nacht
vergessen habe mit dem Glas Wasser! -- Gute Nacht --

   (^sie geht hinaus in den Vorraum, in dem eine brennende Laterne
   von dem Balkenwerk herunterhngt; ber der Treppe ist ein Fenster
     mit einer tiefen Nische ... Der Junggraf Heinz von Brauneck
   fliegt die Treppen hinauf, die letzten vier Stufen nimmt er auf
                              einmal^).

Graf _Heinz:_ Engela, wie ist es jetzt, der Frster sagte mir, man wisse
immer noch nicht --

_Engela:_ Wie die Geschichte weitergeht, Herr Graf ...

Graf _Heinz:_ Weil ich nicht wute, wie es stnde, hab ich dies
mitgebracht.

_Engela:_ Rosen und Frchte, pfel und ein Pfirsich!

Graf _Heinz:_ Fr Leben und Sterben. Wenn es Sterben hiee, die Rosen da
-- ganz na vom Regen sind sie ... und wenn es Leben wre ..., die
Frchte. Den Pfirsich, den mu sie essen, es ist eine Schande, da es
nur einer ist! -- Du Engela hast so viel Kinderlehre jetzt versumt, so
will ich dir ein wenig nachhelfen.

_Engela:_ O die Prinzessin Gisela sorgt ganz schn fr meine
Kinderlehre.

Graf _Heinz:_ Meine Tochter, rede nicht in die Unterweisung hinein!
Sondern erkenne, da es Jungherren und Jungfrulein immer geziemt, die
Wahrheit zu reden. Vernimm die Geschichte von dem Pfirsich. Das
Kinderlehr halten mu schwerer sein, als ich mir gedacht habe. Mu doch
nicht gut genug aufgepat haben. Hochwrden hat mich einmal aus der
Kinderlehre gejagt wegen ungebhrlicher Scherze. So etwas tust du nie!

_Engela:_ O nein, nie.

Graf _Heinz:_ Ich wollte Pfirsiche haben fr deine Prinzessin, und ganz
recht, da du sie so nennst: denn es ist Wahres daran, und du kannst dir
etwas darauf einbilden, da du es zuerst herausgefunden hast.

_Engela:_ Alle Andern haben Hexe gerufen, ich nie. Prinzessin habe ich
gesagt, wie ich mich einmal getraut habe, mit ihr zu reden.

Graf _Heinz:_ Ich verge dirs auch nicht, Engela, deshalb hole ich auch
versumte Kinderlehren mit dir nach! Also Pfirsiche wollte ich, und das
Schnste wre gewesen, so ber die obere Mauer hngen, einen Korb mit
einem Strick ans Gelnder binden und hinein mit den Pfirsichen! Aber da
fllt mir gerade noch ein, der Grtner, der einen Mordsstolz auf die
Pfirsiche hat und sie auf die Tafel bringen will, knnte meinen, ein
Grtnerbursche habs getan und haut dem den Buckel voll. Und jetzt kommt
die Moral oder Nutzanwendung. Wozu ist es ntzlich, wenn man die
Wahrheit redet? Oft, wenn man ein Geheimnis braucht und sagt die
Wahrheit, so glauben es einem die Leute nicht und man hat die Sache erst
recht versteckt. Aber diesmal gehts anders herum. Ich steh an der heien
Mauer und seh dem Grtner zu, wie er anfngt die Pfirsiche herunter zu
tun. Immer mit einem Aug auf mich! Mich kennt er schon lang und wei,
da ich fr die leiblichen Gter des Lebens bin. Dann sag ich -- und
denk, er glaubt mirs doch nicht, er meint, sowie ich ums Eck bin, e ich
ihn doch selbst: Gib mir doch einen Pfirsich, ich will ihn einem
schnen Frulein bringen. Und der sieht mich an, grinst und langt den
schnsten herunter. Er mu es doch geglaubt haben, denn er hat von
selbst mir den groen Rosenstrau geschnitten. Mehr konnt ich auch nicht
verlangen, denn seine Freud mit den Pfirsichen auf der Tafel wollte ihm
deine Prinzessin gewi nicht nehmen. Trags hinein, Engela, la ein
Ritzchen offen ...

                (^Engela trgt das Krbchen hinein.^)

_Gisela:_ Rosen und Frchte! Regennasse Rosen! Wie ist das schn! Ich
liebe den Regen und kann nicht hinausgehen zu ihm! da kommt er zu mir.
Auf Rosen kommt er. Gib sie mir in meinen Arm, die Rosen! Ich dank ihm,
o ich dank ihm. Immer das, was ich am liebsten mchte, bringt er mir.
Immer das!

_Engela:_ Es sei fr Leben und Sterben, hat er gesagt!

_Gisela:_ Fr Leben und Sterben! Immer das, was mich trstet, wei er.
-- Kein Mensch kann so trsten.

_Engela:_ Trsten?

_Gisela:_ Trsten. Sieh mich an! Bin ich nicht -- glckselig?

_Engela:_ Man hrt es auch, da Ihr das seid! an der Stimme.

_Gisela:_ Glckselig, das ist ein schnes Wort. Glckselig! Ein Wort wie
regennasse Rosen, wie Leben und Sterben ... Er hat mich getrstet, das
heit nun: Schnes Glck, seliges Sterben, das wnsch ich dir, das bring
ich dir! Beides gleich schn. Du weit nur nicht, was schner ist: wart
es ab, es wird kommen, wie es kommen mu, immer schn, immer gut! Sage
ihm, da ich ihm danke. Mach das Ritzchen zu, dort ist ein Ritzchen
offen. Gut Nacht, Engela, du sollst nicht mehr herein kommen, auch nicht
lang mehr bei dem Junggrafen stehen ...

                       (^Engela geht hinaus.^)

     (^Der Junggraf sitzt am Fenster, auf dessen Brstung er sich
    hinaufgeschwungen hat, und schlingt seine Arme um das eiserne
            Fensterkreuz. -- Drauen rauscht der Regen.^)

_Engela:_ Habt Ihr das gehrt, das von Regen und Rosen ...

Graf _Heinz:_ Nein, Regen auf Rosen.

_Engela:_ Ich darf nicht mehr hereinkommen und soll nicht lang mit Euch
reden.

Graf _Heinz:_ Nicht lang mehr, aber kurz! Sind die Streifen an den
Hnden, die jetzt die Rosen halten, heil ...

_Engela:_ Schon lange heil, aber man sieht sie noch, o sehr sieht man
sie noch!

Graf _Heinz:_ Sag ihr, da es Perlenarmbnder gebe.

_Engela:_ Ich glaube nicht, da sie die will -- sie sagt, deren schme
sie sich vor Gott und Menschen nicht.

Graf _Heinz:_ War nicht eine Hand schlimmer wie die andere --

_Engela:_ Die Rechte, wo der Knoten von den Stricken war. O ich frchte
mich, Eure Augen geben einen Schein im Dunkeln.

Graf _Heinz:_ Ist nicht gut daran zu denken -- an so feine vertrauende
Hnde und Stricke darum -- Engela, geh zu Bett. Sei froh an den
Geistern, die du hier hast, im Schlo Brauneck da gehen Geister! Das
Blut in den Adern machen die erstarren. Ein Mgdlein soll man sehen,
schneres habe es nie gegeben, mit zusammengebundenen Hnden, und einen
Schrei soll man hren dort wie von der sesten Stimme der Welt, die
immer noch schn wre und wenn es klnge wie zerrissene Saiten. Immer
auch die Saiten noch von Gold. Immer auch der schrille Klang von
goldenen Saiten, und dann klngen sie aus -- in einen Hauch von Weh, als
sngen alle Nachtigallen und Schwne ihr Leid, ehe sie sterben ... Geh
jetzt, Engela, ich mu auf den Regen horchen ... Also keine
Perlen-Armbnder! Sie will keine, sie braucht keine, sie bekommt keine.
Ich sterbe noch als reicher Mann --

_Engela:_ Goldene Schuhe (^sie geht^).

Graf _Heinz:_ Gute Nacht! Goldene Schuhe? Warum goldene Schuhe! Wenn sie
keine Perlen-Armbnder will! Soll sie haben, die goldenen Schuhe! Wenn
es die gibt; aber warum goldene Schuhe? Da man leben mu in
Geisterschlssern! Wer sagt mssen! Man knnte den alten Herrn bei
seinen Geistern lassen! Die knnten ihm Geschichten erzhlen von weien
Mgdlein mit so vertrauenden Hnden, um die rote Streifen gehen, und von
einem Narren von Sohn, den er einmal gehabt. Viel sei nicht an dem
Narren gewesen, er hatt aber nur den einen, so wars eben besser wie gar
keiner. Mchte wohl wissen, wie lang ers aushielte mit der
Geister-Kumpanei. Ist ihm jetzt schon nimmer ganz wohl! Aber immer noch
viel zu wohl als fr seine alte Seel gut ist.

               (^Der Frster kommt die Treppe herauf.^)

_Frster:_ Ach junger Herr, so im Dstern sitzen, kommt doch herunter in
die Erkerstube.

Graf _Heinz:_ Ganz schn im Dunkeln da. Hr den Regen gerne rauschen,
den Nachtwind um alte Trme schweifen. Man knnt eine Musik daraus
machen, mit Allem, was es gibt, mit Violinen, mit Kontrabssen -- und
dazwischen ein Ton von goldenen Harfensaiten! Wie Nachtigallen, die
sterben. Frster, sagt mir, warum goldene Schuhe?

_Frster:_ Wer will goldene Schuhe? Die Junggrfin nicht, braucht noch
lang keine Schuhe, keine goldenen und keine anderen.

Graf _Heinz:_ O warum keine goldenen Schuhe und keine andern?

_Frster:_ Ich habe gehrt, wenn ein Frulein den Wunsch htte, da
nicht geredet wrde, so solle man sie schweigen lassen.

Graf _Heinz:_ Ein alter Kavalier mu immer einen jungen unterweisen.

_Frster:_ Kavalier! Das Frulein Gisela meint, ich solle Euch fragen,
ob es das gbe, das ewige Brot?

Graf _Heinz:_ Das ewige Brot?

_Frster:_ Man gibt einen Laib Brot her und hat doch immer wieder einen!
Und Niemand brauchte dafr zu danken!

Graf _Heinz:_ Das ewige Brot! Und Niemand soll danken? Soll sie haben,
ihr ewiges Brot. Wird einen netten Tanz geben mit dem alten Herren,
macht nichts, ich hab ja seine Schrift.

_Frster:_ Schon seine Schrift. Und fr das ewige Brot! Das geht aber
schnell.

Graf _Heinz:_ Seine Schrift. Und nicht mit geringem Papier und
Tintenwerk. Nein fein, wie man so etwas haben mu. Mit roter Schrift auf
bltenweiem Grund. Kein Lilienblatt ist so wei, kein Mohnblatt ist so
rot.

_Frster:_ Ihr redet grauslich, so als sollt es eine Unterschrift geben
wie mit Blut, wie sie der Teufel verlangt, wenns um Seelen geht.

Graf _Heinz:_ Geht auch um Seelen. Kein Teufel hat dabei Etwas zu tun.
Zwei Engel oder einer. Mit dem Laib Brot, das wird wohl der Engel Leiden
sein, mit dem sie immer redet bei Nacht -- der andere, das ist ein
besonderer Engel, wie sie da droben gar keinen haben und wohl gern einen
htten, mit roten Streifen an den Hnden, die so gerne geben mchten und
keinen Dank dafr nehmen. Goldene Schuhe will er und bekommt keine, weil
er sie nicht braucht .. denn es wachsen ihm ja Flgel. Schne,
herrliche, weie Flgel wachsen ihm; ich will schnell die Schrift
aufsetzen, ehe er die aufhebt und davonfliegt und wir ihm mit offenen
Mulern ins Blaue nachgucken. Ich geh mit Euch hinunter und schreib es,
ich bin gleich fertig. Dann bringt Ihr die Schrift der Grfin Gisela
morgen frh hinauf, aber Ihr selbst und sagt ihr: Es schicke ihr der
getreue Narr zur Morgengabe -- das ewige Brot.

                   *       *       *       *       *

                         ^Am andern Morgen.^

_Frster:_ Guten Morgen, Grfin Gisela. Ist eine rechte Sturmnacht
gewesen. Soll Euch dieses bringen zur Morgengabe ... Die Unterschrift
besorgt der Jung-Graf heute ... (^Er geht wieder ab.^)

_Gisela_ (^entfaltet ein Pergament^): Ein Schriftstck ... was ist das?
(^Sie liest.^) So stifte ich, Heinz von Brauneck, zum ewigen Angedenken
an die Nacht vom 26. September 1672, in der mir am Kreuzweg zwischen
Sommerberg und Schlo Schweigen ein Engel begegnet und mit mir aus
ehernem Kelche vom Waldbrnnlein trank, 200 Golddublonen aus meiner
Mutter Brautschatz. Das Geld soll auf Zinsen gelegt und aus dem Zins
Korn gekauft und daraus jede Woche 30 Laibe Brot gebacken werden. Und
soll diese Stiftung bleiben auf ewige Zeit. Und soll das Brot verteilt
werden an arme gebrechliche und alte Weiblein und soll am Jahrestag
gedacht werden des Engels, der mit dem Grafen Heinz von Brauneck aus
ehernem Kelche vom Waldbrnnlein trank ...

_Gisela:_ Das ewige Brot! (^Sie erhebt sich ein wenig und schaut hinaus
zum Fenster, von wo sie ein Stckchen Feld sehen kann, es geht der
Smann darber, hell leuchtet sein Samenscklein herauf vom Tal ... Dann
flstert sie:^) Wirf aus dein Samenkorn, du Smann! Wirf es aus ber das
heilige Land. Ihr Winde Gottes, weht mit sanftem Flgel ber die dunkle
Erde, die das Samenkorn verbirgt. Du weier, feiner, weicher Schnee,
bedecke die grnen Kindlein, da sie nicht frieren. Du liebe Sonne,
lfte mit goldenen Hnden die Decke, wenn die Kindlein ausgeschlafen
haben. Ihr Lerchen, steigt auf aus dem Feld und lobet den Vater, der die
Witwen und Waisen nicht vergit und die kleinen Vglein mit frohen
Stimmen gesegnet. O komm linde herab vom silbernen Mond, du Nachttau,
und trnke die durstigen Grslein, da sie schlank in die Hhe sprieen
und stark werden und stolz ihr goldenes Krnlein tragen. Ihr Kornblumen,
schmcket das Gottesfeld mit blauem Rande, und zeigt den gesenkten
Aehren im Spiegel den blauen Himmel, daraus ihr erstes Krnlein fiel.
Kleines Muslein, geh heraus aus dem Acker, und such dir deine Nahrung
dort, wo nicht der Armen Brot wchst. Und wenn die bleigrauen
Wolkenberge mit weiem Rande emporsteigen, so neigt euch hernieder, ihr
Engel, und umstellt mit weien Flgeln das Feld, da kein Hagel es
treffe. Ihr silbernen Tropfen im dichten Fall, o beugt mir die Halme
nicht zum Grund, da der goldene Segen nicht verderbe, und es werde das
Brot der Armen. -- Und wenn die Schnitter mit starken Armen die Sichel
schwingen, so sende du, Vater, der du machest Winde zu Boten und
Feuerflammen zu deinen Dienern, ein khles Lftchen ber die heien
Stirnen und behte sie alle, da kein Sonnenpfeil sie treffe. Und nun
kommt und holt es euch, das Brot! Ihr Mden, ihr Alten, du Witwe mit dem
Sorgengesicht, du armes Mgdelein, das Leiden gezeichnet, kommt durch
Sommer, durch Winter hindurch, durch gute Jahre, durch bse Jahre. Ich
sah euch kommen, ein langer Zug durch Jahrhunderte hindurch geht er
schon .... Mein Leib ist dann lange in Staub zerfallen, Niemand wei
mehr etwas von der Hexe. Nehmt und holt es euch, das Brot, das die Liebe
euch gab. Und du, Gromutter, schneid es an fr das Enkelkind.




                                Inhalt


   Was das Waldschlo erzhlt            Seite   1
   Das himmlische Gloria                        8
   Die furchtbarste Geschichte der Welt        11
   Wie Gisela mit Leiden stritt                16
   Der Herrgottsnarr                           26
   Das ewige Brot                              48

             Druck von _Heinrich Bauer_ in Marburg a. L.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Regieanweisungen wurden mit ^Zirkumflex^ markiert.






End of Project Gutenberg's Von der Hexe die eine Heilige war, by Agnes Gnther

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON DER HEXE DIE EINE HEILIGE WAR ***

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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

