The Project Gutenberg eBook, Grfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin
Adolphs von Ltzow, die Freundin Karl Immermann's, by Ludmilla Assing


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Title: Grfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Ltzow, die Freundin Karl Immermann's
       Eine Biographie von Ludmilla Assing Nebst Briefen von Immermann, Mller und Henriette Paalzow


Author: Ludmilla Assing



Release Date: February 7, 2015  [eBook #48192]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GRFIN ELISA VON AHLEFELDT, DIE
GATTIN ADOLPHS VON LTZOW, DIE FREUNDIN KARL IMMERMANN'S***


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GRFIN ELISA VON AHLEFELDT, DIE GATTIN ADOLPHS VON LTZOW,
DIE FREUNDIN KARL IMMERMANN'S.

Eine Biographie von Ludmilla Assing.

Nebst Briefen von Immermann, Mller und Henriette Paalzow.

Mit dem Bildni Elisa's.







Berlin.
Verlag von Franz Duncker.
(W. Besser's Verlagshandlung.)
1857.



[Illustration]



  Meinem theuren Onkel
  K. A. Varnhagen von Ense,
  in
  herzlicher Liebe und Verehrung
  zugeeignet.




  So lang noch edler Frauen Brust
  Bei hoher Kunde rascher schlgt,
  So lang des Liedes reine Lust
  Ein zartes Frauenherz bewegt:

  So lange wird der Held voll Muth
  Hienieden seinen Kampf bestehn,
  So lange wird des Dichters Gluth
  Auf dieser Erde nicht verwehn.

  Sie haben's beide nur gewagt,
  Ihr khnes, heiliges Gefecht,
  Da eine schne Seele sagt:
  So war es gut, so war es recht!

    Karl Immermann.




Wenn ich es unternehme, ein Lebensbild der Grfin _Elisa von Ahlefeldt_ zu
entwerfen, so geschieht dies einmal fr ihre zahlreichen Freunde, die ihr
ein liebendes, verehrungsvolles Andenken widmen, und denen, wie ich wei,
alles wichtig und theuer ist, was sie betrifft, andrerseits aber auch, weil
diese Frau durch ihre seltenen Geistes- und Herzenseigenschaften sowohl,
wie durch ihre merkwrdigen, wechselvollen und oft wahrhaft romanhaften
Lebensschicksale eine ungewhnliche Bedeutung in der Gesellschaft und in
der Literatur erlangte. Wenn ihre zu groe Bescheidenheit sie nicht als
Schriftstellerin auftreten lie, sie, die dazu mehr Befhigung besa als
viele Frauen, die sich auf diesem Gebiete Anerkennung erworben, wenn sie
sich auch berhaupt niemals in die Oeffentlichkeit wagte, so hat sie doch
auf ihre Zeit und die ausgezeichneten Menschen, die sich ihr angeschlossen,
einen so weitgehenden und entscheidenden Einflu ausgebt, da ihr Name vor
vielen andern verdient aufbewahrt und gefeiert zu werden. Wie Madame
Roland die edlen Girondisten in der franzsischen Revolutionszeit zum
aufopferndsten Kampfe fr die Freiheit anfeuerte, so begeisterte und
beseelte Grfin _Elisa von Ahlefeldt_ die jungen Helden der Ltzow'schen
Freischaar fr die Befreiung des unterdrckten Vaterlandes. Trug sie nicht
wie Johanna d'Arc selbst die Fahne in die Schlachten, so umschwebte doch
ihr edler, hochfliegender Geist die tapferen Streiter in Kampf und Gefahr.
Nachdem der Krieg beendet war und Deutschland seine innere
Herstellung begann, finden wir die seltene Frau in stiller, poetischer
Zurckgezogenheit als die Muse eines begabten deutschen Dichters, dessen
Lorbeer ohne den Sonnenschein ihrer Nhe nie so schn erblht wre. Dann,
als ein tragisches Geschick sie von dem Dichter trennte, verlor sie trotz
ihres tief verwundeten Herzens doch nicht die edle Fassung, die ihr zu
allen Zeiten eigen war. Noch im spteren Lebensalter, in dem sie sich die
zarte Anmuth und Grazie der Jugend in seltenem Grade bewahrt hatte, war
sie der Mittelpunkt, die Beschtzerin und Erweckerin eines Kreises junger
Talente, die sie mit begeisterter Verehrung und zrtlicher Neigung umgaben;
so ist ihr ganzes Dasein fr alle die ihr nahten, anregend, erhebend und
segensreich gewesen. Wenn ihr Leben von schwerem Unglck durchflochten war,
so mssen ihre Freunde sich mit schmerzlicher Bewunderung gestehen, da
sie mit einer minder groartigen, uneigenntzigen und aufopfernden Seele
vielleicht glcklicher geworden wre. Wo sie verkannt wurde, was brigens
nur von ihr Fernstehenden geschehen konnte, da war dies nur der Fall, weil
man so viel zarte Rcksicht, Edelmuth und Schonung, wie sie solche in
allen Lebenslagen ausbte, fr unwahrscheinlich hielt. Die holde
Liebenswrdigkeit ihrer persnlichen Erscheinung ist denen schwer zu
schildern, die sie nie sahen, aber um sie in dem vollen Glanz ihres
Charakters zu zeigen, braucht man nur einfach und wahr ihr Leben zu
erzhlen. Dies hat mich zu der vorliegenden Biographie ermuthigt. Fr die
Wahrheit dieser Mittheilungen kann ich um so mehr einstehen, da ich nicht
nur das Glck hatte, mit der ausgezeichneten Frau auf das innigste vertraut
und befreundet zu sein, sondern da mir auch die Einsicht geworden in alles,
was sich von ihrem handschriftlichen Nachla erhalten hat.

_Elisa Davidia Margaretha_ Grfin von Ahlefeldt-Laurwig wurde im Jahre
1790 den 17.November an dem Geburtstage ihres Vaters auf dem Schlosse
Trannkijr zu Langeland geboren. Ihr Vater, Graf Friedrich von
Ahlefeldt-Laurwig, geboren den 17.November 1760, gehrte einem altadlichen
Geschlechte an, welches im Jahre 1665 von Kaiser Leopold dem Ersten in
den Reichsgrafenstand und 1672 vom Knig von Dnemark in den dnischen
Grafenstand erhoben und mit der Grafschaft Langeland belehnt wurde. Er
geno durch Rang, Macht und Reichthmer eines ungewhnlichen Ansehens; er
war ein besonderer Liebling des Knigs Friedrich des Sechsten von Dnemark,
in dessen Dienst er als Kammerherr und als Offizier stand; der Knig
zeichnete ihn nicht nur mannigfach aus, sondern bewies ihm eine
fortwhrende Freundschaft; gern und oft besuchte er ihn auf dem prchtigen,
nahe am Meeresufer belegenen Trannkijrschlosse, wo auch viele andere
Mitglieder des Kniglichen Hauses hufig einkehrten. Am Kopenhagener Hofe
spielte Graf Friedrich eine um so bedeutendere Rolle, da man seinen Einflu
auf den Kniglichen Gebieter allgemein kannte. Er war ein krftiger,
stattlicher Mann, lebhaften Temperaments, dem Wohlleben, der Jagd und
anderen Vergngungen leidenschaftlich ergeben. Seine Gemahlin, _Louise
Charlotte_, geborene _von Hedemann_ aus Holstein, schn, fein, verstndig
und edlen Sinnes, war ihrem Gatten mit zrtlicher Neigung zugethan. Ein
Sohn, welcher der Erbe aller Besitzungen geworden wre, starb gleich nach
der Geburt. So blieb _Elisa_ ohne Geschwister.

Sie geno als Kind der uersten Sorgfalt und Aufmerksamkeit beider Eltern,
eine glnzende Zukunft schien vor ihr zu liegen, alle ueren Glcksgter
sich ihr in reicher Flle darzubieten. Alles was zum Schlo gehrte, wollte
der kleinen Comtesse seine Zuneigung bezeigen, sechs Tanten wetteiferten
mehr noch als sie zu erziehen, sie auf den Hnden zu tragen, ihre
krperliche und geistige Ausbildung lie man sich in jeder Weise angelegen
sein.

Eine sehr glckliche Wahl traf man in ihrer Erzieherin, _Marianne Philipi_
aus Hamburg, die durch Gemth und Charakter ausgezeichnet war, und
lebenslnglich mit ihrer Pflegebefohlenen in der innigsten Beziehung blieb.
Marianne, von jener schlichten Tchtigkeit, wie sie oft den Hamburgerinnen
eigen zu sein pflegt, liebte _Elisen_ mit mtterlicher Anhnglichkeit, und
war schon frh bemht, in einer Umgebung voll Genu und Zerstreuung, den
Sinn ihres Zglings auf jenen Kern der Dinge aufmerksam zu machen, der so
leicht ob ihres ueren Prunks und Schimmers in solchem Kreise bersehen
wird. Den Menschen nach seinem Menschenwerth zu schtzen und zu
beurtheilen, und nicht nach Rang und Geburt, in ihrer bevorzugten Stellung
bescheiden, frei von allen Vorurtheilen, ohne allen Stolz und Hochmuth zu
bleiben, das lernte _Elisa_ von der vortrefflichen Philipi; eine lebhafte
Verehrerin Klopstock's, Herder's und Schiller's, suchte diese auch
_Elisens_ Theilnahme fr die Werke dieser Schriftsteller zu erwecken.
_Elisens_ frischer Geist ergriff mit jugendlicher Wrme und Begeisterung
diese Lectre, und lebte neben dem ueren Leben voll einschmeichelnder
Oberflchlichkeit, mit ihrer Erzieherin ein inneres voll ernsten
Nachdenkens, sinniger Betrachtung und poetischer Trumerei. Der Genu der
Natur, der groartige Anblick des Meeres, das sie aus den Schlofenstern
bestndig in jeder Beleuchtung vor Augen hatte, wirkte mchtig auf sie, und
wir drfen wohl sagen, da die Stunden, welche sie in solcher Anschauung
oder mit ihren Lieblingsdichtern zubrachte, ihr lieber waren, als alle die
ausgesuchten Artigkeiten, mit denen man ihr begegnete.

_Elisa_ wuchs heran und die Reize ihrer blhenden Jugend entfalteten sich
im Verein mit denen ihres Geistes und Herzens. Sie war mittlerer Gre,
von zarter, anmuthiger Gestalt, die schnste Flle blonder Locken umkrnzte
ihren schneeweien Teint, aus den groen, sanften, himmelblauen Augen
sprachen Gte, Geist und Liebreiz, die Nase war fein geschnitten,
die frisch geschwellten Lippen umspielte ein Lcheln voll milder
Freundlichkeit, und die frhlichste Munterkeit belebte ihre Zge;
ihre Hnde und Fe zeichneten sich durch ungewhnliche Kleinheit und
Zierlichkeit, so wie durch die vollendetste Form aus; sie schwebte mehr als
sie ging, in jeder ihrer Bewegungen war Harmonie und Ebenma. Sie tanzte
wie eine Sylphide, ritt mit eben so viel Khnheit als Grazie; begabt mit
einer herrlichen Stimme, sang sie mehrmals in der Kirche bei der Auffhrung
von Oratorien die Hauptparthien. Am Hofe zu Kopenhagen erregte sie
Bewunderung durch ihre Liebenswrdigkeit, Schnheit und Anmuth, und von den
Mitgliedern des Kniglichen Hauses wurde ihr gehuldigt.

Die mannigfaltigen Kreise und Lebensverhltnisse, die sich frh ihrem Auge
darboten, schrften ihren Blick, der immer unbefangen und klar die Dinge
betrachtete, und schnell lernte sie sich ein eigenes Urtheil bilden. Im
Trannkijrschlo war immer ein bunter Menschenverkehr; der gastliche
Graf, der Geselligkeit liebte, lud auer den benachbarten Adlichen auch
durchreisende Fremde aus allen Stnden an seine prchtige Tafel. _Elisa_,
die sich freimthig mit Allen unterhielt, machte so Bekanntschaft mit
Knstlern, Gelehrten, Militairs, Kaufleuten und Seefahrern, und erweiterte
ihren Gesichtskreis, indem sie sich von fremden Lndern, Gegenden und
Zustnden erzhlen lie. Ihrer Beobachtung konnte es hiebei nicht entgehen,
da feine Bildung und grndliche Kenntnisse nicht immer vorzugsweise auf
Seiten der Vornehmen waren. Eine alte Grfin aus Holstein, die wenig von
ihrem Gut gekommen war, und bei ihrem Besuche auf dem Schlosse, als sie den
Mohren des Grafen bei der Tafel aufwarten sah, ngstlich zusammenfuhr
und leise fragte: Frbt der Mensch auch ab? war wohl nicht das einzige
Beispiel von Unwissenheit, welches _Elisa_ unter der hohen Aristokratie
wahrnahm, whrend sie aus dem Verkehr mit dem intelligenten Mittelstand
viel mehr Belehrung und Anregung zog. Marianne Philipi hatte, um _Elisa_
vor Eitelkeit zu bewahren, ihr oft versichert, die Herren pflegten junge
Damen nur dann mit leeren Schmeicheleien zu unterhalten, wenn sie ihnen
nicht Geist und Verstand genug zutrauten, um mit ihnen ber ernstere Dinge
zu reden. Als daher eines Tages ein vornehmer Herr ihr seine ziemlich faden
Huldigungen darbrachte, und sich davon den gnstigsten Eindruck versprach,
fhlte sich das junge Mdchen bitter gekrnkt, und rief in naiver Emprung:
Wie so halten Sie mich denn fr so einfltig, da Sie meinen, mich nicht
von interessanteren Gegenstnden unterhalten zu drfen?--

Wie sehr _Elisa_ berall gefiel, ahnte sie selbst nicht; unschuldig und
bescheiden, war sie immer erstaunt und berrascht, wenn ihr irgendwo
besondere Verehrung entgegentrat. Da sie schon von ihrem zwlften Jahre an
die zrtliche Neigung eines ausgezeichneten Mannes erregte, beweist uns ein
Brief des hannverischen damaligen Obersten _Karl von Alten_, der spter
als Fhrer der hannoverschen Truppen in Portugal und Spanien sich groen
Ruhm erwarb, dann 1815 in der Schlacht von Belle-alliance, wo er eine
schwere Verwundung erlitt, sich auszeichnete, und als General in den
Grafenstand erhoben wurde. Er starb erst 1840, und sein ehernes Standbild,
welches von Kmmel entworfen und 1848 auf dem Waterlooplatz zu Hannover
aufgestellt wurde, feiert sein Andenken. Karl von Alten, damals
einundvierzig Jahre alt, schrieb an die noch kaum fnfzehnjhrige _Elisa_
aus Hamburg den 29.August 1805 die folgenden Zeilen, die eben so viel
zarte Achtung als leidenschaftliche Ergriffenheit aussprechen, und von
dem Schreiber, wie von der noch so beraus jungen Empfngerin die
vortheilhafteste Vorstellung erwecken: Gndigste Grfin! In dem
Augenblick, da das traurige Schicksal, das mein Vaterland betroffen,
mich veranlat dasselbe zu verlassen und nach England zu gehen, hoffe ich
Verzeihung zu erhalten, wenn ich Sie, gndigste Grfin, mit denjenigen
Gesinnungen bekannt zu machen wage, die beinahe seit drei Jahren mein
ganzes Wesen erfllen. Alles das Gute, was ich von allen denen, die das
Glck haben Sie zu kennen, erfahren hatte, mochte wohl Veranlassung
sein, da meine erste Bekanntschaft mit Ihnen auch den Grund zu einer
Leidenschaft legte, die keine Zeit und keine Abwesenheit hat auslschen,
sondern vielmehr nach einer nheren Kenntni Ihres frtrefflichen
Charakters zum Nachtheil meiner Ruhe nur zu sehr zugenommen hat. Ihre
damalige Jugend, und nachher die miliche Lage meiner Gesundheit machten es
mir zur Pflicht zu schweigen, und meine Empfindungen, so schwer es mir auch
ward, in mich zu verschlieen. Auch noch jetzt, obgleich diese Hindernisse
gehoben sind, und meine Gesundheit lngst vllig wiederhergestellt ist,
erlaubt mir meine jetzige Lage nicht, etwas Entscheidendes ber mein
knftiges Glck von Ihnen, noch von Ihren theuren Eltern zu hoffen. Alles
was ich jetzt von Ihrer edlen Denkungsart erwarten darf, ist blo die
Versicherung, da Sie meine freimthigen Aeuerungen nicht beleidigen, und
wenn ich das Glck habe, Ihnen nicht ganz gleichgltig zu sein, mir nicht
alle Hoffnungen zu benehmen, im Fall glcklichere Zeiten wieder eintreten
sollten. Verzeihen Sie, theuerste Grfin, die offene, ungeknstelte Sprache
eines Soldaten, es war mir aber unmglich lnger zu schweigen, es
war durchaus nothwendig zu meiner Beruhigung, da ich Ihnen mein Herz
erffnete. Nur aus diesem Grunde verspreche ich mir Ihre gndige Nachsicht,
und wenn mein hartes Schicksal es auch wollte, bei Ihnen diejenigen
Gesinnungen nicht anzutreffen, die mich zum glcklichsten Menschen machen
wrden, so hoffe ich wenigstens da Sie mich Ihrer Achtung nicht unwerth
halten werden. -- _Elisa_ war gerhrt durch diesen Brief, doch empfand sie
keine Neigung fr den so viel lteren Mann.

Eine Huldigung ganz anderer Art wurde _Elisen_ zu Theil, als sie im Jahre
1806, sechzehnjhrig zum erstenmal einen Ausflug nach Hamburg machte. Sie
ging dort an der Seite ihrer Erzieherin ber den Jungfernstieg, als ein
junger muntrer Matrose ihnen begegnete. Das schne junge Mdchen, frischer
und blhender als die frische, blhende Rose, die er an seinem schwarzen
Strohhut trug, mochte ihm wohl besonders gefallen, denn er hob sie wie ein
Kind vom Erdboden auf, gab ihr einen Ku, und setzte sie dann sanft wieder
nieder, zu ihrem eigenen groen Schrecken und dem nicht minderen ihrer
bestrzten Erzieherin, die dem dreisten Burschen sprachlos nachblickte, als
er rasch und vergngt davon eilte.

Graf Friedrich war ein eifriger Musik- und Theaterliebhaber; er besoldete
nicht nur eine groe Schaar ausgezeichneter Musiker, die seine bestndige
Kapelle bildeten, sondern er zog auch ganze Schauspielertruppen zu sich
auf das Schlo, die deutsche und franzsische Komdien auffhren muten. Er
verlangte, da seine schne, begabte Tochter dabei mitwirke durch Spiel und
Gesang; sie that es, aber sehr ungern, da die Schauspieler ihr durch manche
Rohheit und Leichtfertigkeit bald mifielen, und durchaus nicht den idealen
Vorstellungen entsprachen, die sie sich anfnglich von solchen Knstlern
gemacht hatte, und es entstand bei ihr eine Abneigung gegen den
Schauspielerstand, die sie fr immer beibehielt.

So schn und vielversprechend _Elisens_ Jugendleben begonnen hatte, so
sollte es doch bald durch manchen Kummer getrbt werden. Zwischen den
Eltern entstanden Zwiespalt und Entfremdung in solchem Mae, da
es _Elisens_ Augen nicht verborgen bleiben konnte. Der Vater,
vergngungsschtig, leichtsinnig und gewohnt sich keinen Genu zu versagen,
machte einen Aufwand, der selbst fr die auerordentlichen Mittel, die
ihm zu Gebote standen, zu bedeutend war, und seine mannigfaltigen
Liebesverhltnisse muten das husliche Glck auf das bedenklichste stren.
Die Mutter, die ihren Gatten innig liebte, fhlte sich tief gekrnkt und
unglcklich, sie trennte sich von ihm, und zog nach dem Gute Ludwigsburg,
wohin ihr die Tochter folgte. _Elisa_, die immer besonders zrtlich an der
Mutter gehangen, theilte mit ihr Schmerz und Betrbni, und litt schwer von
diesen so traurigen und zerrissenen Verhltnissen.

Nach einem still und zurckgezogen verlebten Winter in Ludwigsburg,
beschlo die Grfin Charlotte, deren Gesundheit etwas zu leiden begann,
im Sommer 1808 mit ihrer Tochter nach dem Bade Nenndorf zu gehen. Eine
Freundin _Elisens_, eine junge Englnderin, Namens _Fanny Harward_, die
seit einiger Zeit bei ihnen lebte, begleitete sie dahin.

Mit frischem Jugendmuth, der trotz aller Trbung doch immer wieder frhlich
hervorbrach, sahen die beiden jungen Mdchen dieser Reise entgegen. Wie
viel Unerwartetes, Schnes, Abentheuerliches dachten sie sich aus, das
ihnen unterweges begegnen knne! Sie wurden nicht mde, sich auszumalen,
was ihnen alles Neues und Bedeutsames bevorstehen mchte, und beide waren
bereit, alles mit offenem, empfnglichem Sinn aufzunehmen. Diese Vorahnung
wurde zum Theil mehr als besttigt, denn was _Elisen_ betraf, so sollte
allerdings ihr Aufenthalt in Nenndorf fr ihr ganzes Leben entscheidend
werden.

Die Reise wurde gegen die Mitte des Juni angetreten; man kehrte zuerst
in Holstein bei Grfin Charlottens Bruder, dem Gutsbesitzer _von
Hedemann-Heespen_ auf Deutsch-Nienhof ein, bei jenem vortrefflichen Onkel
_Elisens_, dem sie immer, mehr noch wie ihrem Vater, zugethan war, und der
sich ihrer in der Folge auch stets vterlich annahm; dann verweilte man
einige Tage in Hamburg, wohnte einer Reve bei, welche der damalige _Frst
von Ponte-Corvo_, der nachherige Kronprinz von Schweden, auf dem Walle ber
hollndische Truppen abhielt, und besuchte die schnen Elbufer. In Hannover
wurden die Grten von Herrenhausen besehen, und als man in Nenndorf
anlangte, glaubten _Elisa_ und ihre Freundin schon viel des Interessanten
und Hbschen erfahren zu haben.

       *       *       *       *       *

Wie viel mehr noch sollte ihnen das bunte Badeleben von Nenndorf darbieten,
wo sich eine mannigfaltige Gesellschaft froh bewegte! Die verstndige
Grfin, ihre reizende Tochter und die muntre Fanny waren berall gern
gesehen, man kam ihnen von allen Seiten mit Beeiferung und Freundlichkeit
entgegen; sie hrten die Conzerte des dort anwesenden berhmten
Violinspielers _Kiesewetter_, sie tanzten und fuhren spazieren in der
angenehmsten Umgebung und heitersten Laune. Einige franzsische Offiziere,
die sich in der Gesellschaft befanden, wuten den jungen Damen in feinster
und liebenswrdigster Weise den Hof zu machen, _Elisa_ besonders war immer
der Hauptgegenstand aller Auszeichnung.

Eines Tages sa an der Table d'hte neben _Elisen_ ein ihr bereits
bekannter junger franzsischer Offizier, der sich in ein lebhaftes
Gesprch mit ihr vertiefte. Pltzlich geschah es, da er in dem Eifer der
Unterhaltung ihre Hand erfate. _Elisa_ erschrack auf das heftigste, und
die Berhrung war ihr so widrig, da sie ohne sich zu besinnen in ihrer
Angst eine Wasserflasche ergriff, die vor ihr auf dem Tische stand, und
vor aller Augen ihre Hand damit bego und abwusch. Der Franzose sah sie
bestrzt an.

Einige an der Tafel sitzende preuische Offiziere hatten aus einiger
Entfernung dem Vorgang zugesehen; unter diesen waren _Adolph von Ltzow_,
der nachherige berhmte Freischaarenfhrer, und sein Freund, _Gustav
von Bornstedt_, welcher in der Schlacht von Auerstdt groe Proben von
Unerschrockenheit abgelegt und nach dem Tilsiter Frieden seinen Abschied
genommen hatte. In jener Zeit, wo das Vaterland von Napoleon unterdrckt
war und man den Franzosen so vielfltig mit Ha begegnete, war es leicht
erklrlich, da die Preuen die Meinung faten, die ihnen unbekannte junge
Dame wolle durch ihre Handlung ihren deutschen Patriotismus an den
Tag legen, und damit ausdrcken, da ihre Hand ihr durch die geringste
Berhrung eines Franzosen wie befleckt erschiene, ja, sie waren so erfreut
ber diesen energischen Ha, fr den sie es hielten, da sie am Nachmittag
bei _Elisens_ Mutter um die Erlaubni anhielten, ihr die Aufwartung machen
zu drfen, um die schne, franzosenfeindliche deutsche Jungfrau kennen zu
lernen.

Sie hatten sich indessen sehr geirrt. Ganz abgesehen davon, da _Elisa_
eigentlich keine Deutsche, sondern eine geborene Dnin war, so lag es
berhaupt durchaus nicht in ihrem Charakter, einem Einzelnen, mit dem sie
sich noch eben harmlos unterhalten hatte, und dem sie auch auerdem ganz
freundlich gesinnt war, eine so harte Krnkung zuzufgen, und ihn allein
ungerechterweise entgelten zu lassen, was seine Nation, oder vielmehr
Napoleon an Deutschland verbrochen hatte. Im Gegentheil bedauerte sie, wie
sie sich von ihrem Schreck erholt hatte, den Franzosen so verletzt zu haben
und suchte sich mglichst bei ihm zu entschuldigen. Dieser Vorfall war
es jedoch, der den ersten Anla zu _Elisens_ Bekanntschaft mit Adolph von
Ltzow gab, und noch in ihrem spteren Alter pflegte sie zuweilen scherzend
zu sagen, jenem seltsamen Miverstndni habe sie ihren Gatten verdankt.

Wenn Adolph von Ltzow auch nicht die Franzosenfeindin in _Elisen_ fand,
die er in ihr erwartete, so fand er dafr besseres in ihr. Wenn auch von
Geburt eine Dnin, so war sie doch dem Sinn und Geiste nach eine Deutsche,
die deutsche Mutter und die brave Marianne Philipi hatten in diesem Betreff
entschiedenen Einflu auf sie ausgebt, und viel mehr fhlte sie sich zu
den Deutschen hingezogen als zu den Dnen. Mit ihrem warmen Herzen, mit
ihrer lebhaften Phantasie hatte sie tief den Druck mitempfunden, der
auf Deutschland ruhte, und in ihrem begeisterten Gemthe fanden die
Freiheitshoffnungen, die sich in der ganzen deutschen Jugend mchtig
regten, ihren reinsten Wiederhall.

Es war nicht anders mglich, Adolph von Ltzow, welcher bereits die Kriege
am Rhein mitgemacht, sich in der _Schill_'schen Freischaar ausgezeichnet
hatte, und bei der ruhmvollen Vertheidigung von Kolberg gegenwrtig war,
wofr er als Hauptmann schon den Orden =pour le mrite= erhielt, mute
_Elisens_ besonderen Antheil erwecken. Die Wunden, welche er von Kolberg
davongetragen, und deren Heilung ihn nach Nenndorf gefhrt, durften ihr
Interesse fr ihn nur erhhen; sie sah in ihm einen deutschen Krieger,
welcher mit ganzer Seele fr das Vaterland glhte, das auch sie wie das
ihrige liebte.

Adolph von Ltzow war damals sechsundzwanzig Jahre alt, von mittlerer
Gre; er sah weder regelmig schn, noch geistreich und bedeutend aus,
aber gutmthig und angenehm; seine groen blauen Augen trugen den Ausdruck
von Treue, Wohlwollen und Bravheit; sein rundes Gesicht war von schlichten
blonden Haaren umgeben, ein blonder Bart bedeckte die Oberlippe; das Kinn
war kurz und etwas vorspringend. Sein offenes, mnnliches Wesen durfte
gefallen, und ein Zug von soldatischer Munterkeit stand ihm wohl an.

_Elisa_ trat ihm entgegen in der vollen Blthe ihrer Jugend und Schnheit,
eine wahrhaft therische Erscheinung, achtzehn Jahre alt, voll Geist, Leben
und Frische, mit liebenswrdig kindlicher Unschuld schon ernsten Sinn und
tiefere Einsicht verbindend, und jene se Anmuth, die alles bezauberte,
was ihr nahte. Gewi, sie durfte darauf rechnen, sich viele Herzen zu
gewinnen, auch wenn sie nicht die vornehme Grafentochter, die knftige
Erbin groer Reichthmer gewesen wre!

Ltzow bezeigte ihr seine Verehrung und Bewunderung auf das lebhafteste;
als er sie kennen lernte, hatte er seine Abreise schon festgesetzt,
die nach zwei Tagen erfolgen sollte; nun konnte er sich aber nicht
entschlieen, sich so rasch aus solcher Nhe zu verbannen, und er blieb von
einem Tage zum andern.

Welche von den beiden Damen ist es denn, fragte ein alter _Graf
Lwenhielm_ leise und lchelnd zu _Elisen_ und Fanny gewandt, indem er
auf Ltzow deutete, die jenen schnurrbrtigen Offizier dort festhlt, der
immer morgen abreisen will und immer hier bleibt? -- Ich nicht! rief
Fanny, aber _Elisa_ errthete.

Ltzow verweilte beinahe drei Wochen und trat immer offener und dringender
mit seinen Bewerbungen hervor. Da er _Elisens_ Neigung erobert, durfte
er hoffen, und auch der Grfin Charlotte wute er Zutrauen und Wohlwollen
einzuflen. Beide Frauen konnten sich aber nicht verhehlen, welche
Schwierigkeiten einer Verbindung im Wege standen, da sie wohl wuten, da
Graf Ahlefeldt sich nicht leicht entschlieen wrde, seine Tochter auer
Landes zu geben, und noch dazu einem jungen preuischen Offizier, der zwar
von guter Familie war, tapfer und brav, aber weder durch Rang noch Vermgen
die Ansprche befriedigte, die jener an seinen knftigen Schwiegersohn
glaubte machen zu drfen; in der That fanden sich berall Gelegenheiten zu
glnzenderen Parthien. Die zrtliche Mutter freilich konnte der Wahl der
Tochter nicht entgegen sein, und fand, da ein wahres Herzensglck, wie es
sich hier darzubieten schien, solchen ueren Vortheilen vorzuziehen sei.
Ltzow seinerseits betheuerte, da er nicht eher ruhen wrde, bis alle
Hindernisse hinweggerumt seien, und er _Elisen_ errungen htte.

So reiste er ab. Bald nach ihm verlie auch die Grfin Charlotte mit ihrer
Tochter und Fanny das freundliche Nenndorf, um nach Pyrmont zu gehen, wo
noch eine Nachkur gebraucht werden sollte.

Dort erhielt _Elisa_ den ersten Brief von Ltzow; wir theilen denselben, so
wie einige folgende mit, da es interessant sein drfte, Adolph von Ltzow,
der meist nur als muthiger Offizier und Fhrer der Freischaar genannt wird,
hier als eifrigen Liebhaber und Bewerber kennen zu lernen. Er schrieb ihr
aus Welle bei Tangermnde an der Elbe, den 2.August 1808: Gndige
Grfin! Nicht allein Eigennutz, etwas von Ihren weien Hnden zu besitzen,
veranlat mich, Ihnen zu schreiben, sondern ich verbinde noch das Vergngen
damit, mich mit Ihnen unterhalten zu knnen, und wei doch gewi, da
whrend Sie diese Zeilen lesen, Sie die Gte haben mssen -- an mich zu
denken. -- Meine Reise habe ich bisher glcklich zurckgelegt, der Himmel
war klar und unbewlkt, mich konnte dies aber nicht freuen, denn ich kann
es nicht ausstehen, wenn alles um mich her heiter ist, whrend ich mich
den Trumen einer zweifelhaften Zukunft berlasse. -- Wie ist es Ihnen in
Nenndorf gegangen? Ich hoffe, vergngt, und wnsche doch so herzlich, da
Sie wenigstens den ersten halben Tag nach meiner Abreise nicht ganz froh
gewesen sein mchten. So gro ist meine Selbstsucht, da ich sogar auf
Kosten Ihres Vergngens die Hoffnungen meines Herzens recht sehr ungern
getuscht wissen mchte. -- Wie wird es aber in Pyrmont werden? Werden
Sie nicht dort, meine innigverehrte Grfin, ber alle interessante
Bekanntschaften der blauen Farbe treu zu bleiben vergessen? Die Farbe der
Bestndigkeit hat, vorzglich jetzt, tausendfachen Werth fr mich, und das
Schnste aus Ihren Hnden selbst, ohne diese keinen Reiz fr mich. -- Aber
was schreibe ich fr dummes Zeug! Sie versprechen mir ein Geschenk, und ich
mache schon Bedingungen. Um Gotteswillen, Grfin, nehmen Sie sich in Acht!
-- Habe ich nur etwas Hoffnung, so werde ich bermthig. -- Sagen Sie
nicht, da Sie mir nicht abgeneigt sind, dann bertreibt meine Phantasie,
dann werde ich unbndig und glaube schon das zu besitzen -- was ich
herzlich empfinde, aber nicht nennen will, weil es so Viele nennen, ohne
es zu empfinden. Ist diese Hoffnung erst zur Ueberzeugung geworden, dann
mchte mein lahmes Bein mich umsonst abhalten wollen, den weitesten Weg
zurckzulegen, um mein Glck zu erreichen, meine krumme Hand stark genug
sein, es festzuhalten, und mein deutsch ehrlicher Kopf die Mittel wohl
finden, wodurch es mein werden mu.--

Ltzow tuschte sich nicht, wenn er auf _Elisens_ Treue rechnete; sie hatte
mit jener Energie, die ihr in allen wichtigen Lagen ihres Lebens eigen war,
fest beschlossen, keinem Anderen als Ltzow ihre Hand zu geben.

Auf der Rckreise von Pyrmont wurde Hamburg wieder berhrt, und die
Reisenden suchten in Altona den Schriftsteller und Arzt, Professor
_Johann Christoph Unzer_ auf, mit dem und dessen Gattin sie in Nenndorf
zusammengetroffen, und in freundlichen Verkehr getreten waren. Es ist
dies derselbe Unzer, welcher mit der schnen, berhmten Schauspielerin
_Charlotte Ackermann_ befreundet war, deren Andenken durch Otto Mller's
interessanten Roman dieses Namens neu aufgefrischt worden ist. Professor
Unzer war damals zweiundsechzig Jahre alt, und starb das folgende Jahr in
Gttingen auf einer Reise.

Ende Augusts langte man wieder in Ludwigsburg an, und nun mute ernsthaft
daran gedacht werden, den Vater fr die beabsichtigte Verbindung zu
gewinnen. Dies war nicht leicht. Unterdessen schrieb Ltzow an _Elisen_ aus
Treptow, den 1.Oktober 1808: Ihrer verehrungswrdigen Frau Mutter ksse
ich die Hnde in Gedanken, und bitte Sie, ihr zu sagen, da ich mich gerne,
um ihren Beifall zu haben, in allen Tugenden ben wollte, aber Geduld -- in
einem gewissen Punkte, das ist eine Tugend, die ich nicht erreichen werde,
und unter uns gesagt, nach der ich nicht strebe. Schlimm genug, wenn das
unglckliche Schicksal jemanden so hart prft, wie mich; wie lange wre ich
nicht schon so khn gewesen, nach Ludwigsburg zu kommen, aber leider haben
es die Verhltnisse _nicht_ gestattet, und was wrden Sie von einem Manne
denken, der seine Pflicht nicht erfllt, und wenn ihm dies auch noch so
schwer wrde.--

Nach langem Zgern sprach der Vater seinen Willen aus, der aber sehr wenig
die Wnsche der Liebenden befriedigte; er war der Verbindung entschieden
abgeneigt, und verlangte vor allem, da Ltzow nicht eher nach Ludwigsburg
komme, als bis er ihm die Erlaubni dazu gebe; er wies die Tochter schnde
zurecht, meinte, sie wrde es ihm spter einmal Dank wissen, da er so und
nicht anders handle; es gebe der schlechten Romane genug in der Welt, er
wnsche nicht, da _Elisa_ sie vermehre, und z.B. eine irrende Ritterin
werde, wie die Ahlefeldten von Saxtorf! -- Das war wenig trstlich!

Mit immer sich steigernder Sorge und Ungeduld schrieb Ltzow aus Berlin,
den 1.Januar 1809: Liebe, gute Elise! Von ganzem Herzen habe ich
mich gefreut, einen Brief von Ihnen zu erhalten, ich eile zu danken und
versichere, da mich nichts glcklicher macht, als der Beweis, da ich noch
bei Ihnen in gutem Andenken stehe. Zugleich danke ich fr die Abschrift des
Briefes an Ihren Vater, was aber das Mitrauen betrifft, so traue ich so
fest, da ich selbst diese nicht verlangt htte. Habe ich Mitrauen, so ist
es an meiner eigenen Liebenswrdigkeit, so entspringt es aus dem Zweifel,
da Ihnen ein schlichter, grader Sinn nicht Ersatz genug sein wird fr
Bildung und feine Welt. -- Ich mache mir die Freude Ihnen mein Ideal der
Treue zu bersenden[1]; ich versichere, da ich in meinem ganzen Leben
nicht schlechter als dieser Pudel sein werde, der fest entschlossen ist,
und nichts inniger wnscht, als seine liebenswrdige Gebieterin nie zu
verlassen. Er ruht auf dem Beweis, da ich Kraft genug habe, dem, was ich
liebe, alles zu opfern.--

  [1]: Ltzow schickte Elisen einen Ring mit einem Pudel verziert.

Dieser Verkehr mit dem Entfernten erfllte _Elisens_ Herz beinahe
ausschlielich in dem Winter in Ludwigsburg, den sie wieder still und
einsam mit ihrer Mutter dort zubrachte. Ltzow schrieb ihr aus Berlin, den
7.Januar 1809: Wie mu einem Menschen zu Muthe sein, dem sich der Himmel
ffnet, er glaubt das hchste Glck erreicht, und wird in den tiefsten
Abgrund des Unglcks gestrzt. -- Die Natur schuf mich fest und resignirt,
doch diesen Wechsel wrde ich nie aufhren zu empfinden, er raubte mir das
letzte Vertrauen an die Menschen. -- Was ein Mensch opfern darf, lege
ich Ihnen zu Fen, mit Ihnen vereinigt, will ich an _jedem_ Ort der Welt
glcklich leben. Alle ueren Verhltnisse will ich zerbrechen, bleibt mir
nur die Aussicht meinem Vaterlande noch in meinem Leben einmal ntzen zu
knnen. Was wre ich Ihnen ohne dieses Gefhl, was wre Ihnen ein Mann
ohne feine Politur, wenn diese nicht durch einigen inneren Werth ersetzt
wrde.--

       *       *       *       *       *

Ltzow versumte unterdessen nicht, seinen Eltern, seinen Brdern und
seiner Schwester in Berlin von seiner herrlichen Braut soviel mitzutheilen,
da sie gleich ihm dem Augenblick mit Ungeduld entgegen sahen, wo er sie
heimfhren wrde. Wie sehr er _Elisens_ Werth fhlte, drcken lebhaft die
folgenden Zeilen aus, die er ihr aus Berlin den 27.Jan. 1809 schrieb:
Liebe Elise! Sie sind besorgt fr mein Glck? Sie verstehen sich wenig auf
Ihre eigenen Vorzge; wer nicht mit Ihnen glcklich ist, dem hat die Natur
stiefmtterlich den Stoff der Freude versagt. -- Ich bin kein so eifriger
Verehrer des Plato, da die Vorzge Ihrer Gestalt keinen Eindruck auf mich
schwachen Menschen machen sollten. -- Ich bin nicht _so_ ernst, da Ihre
frohe Laune nicht auch mich zur Freude umstimmen mte. Ihre liebenswrdige
Aufrichtigkeit gbe auch einem Greise dieses Prdikat der Jugend zurck.
Bei wem nur ein Funke Gefhl fr Groes und Edles ist, dem wird Ihr Umgang
dies zur erwrmenden Flamme erheben. Wen der Himmel nicht mit einem Staar
gestraft hat, der mu tglich neue Vorzge an Ihnen entdecken und sich
glcklich fhlen! -- Aber da diese Eigenschaften nicht zur Geduld
einladen, welche Sie, meine schne Priesterin, predigen, das ist
begreiflich, und Ihr Vater, den die erste dieser Eigenschaften schon allein
hinreit, der sollte etwas billiger denken. -- Nur fr Elise allein will
leben Ihr Adolph.--

Erst als nach einiger Zeit Graf Friedrich selbst nach Ludwigsburg kam,
konnten Mutter und Tochter diese Gelegenheit benutzen, ihn etwas gnstiger
zu stimmen. Die Bestndigkeit der Neigung _Elisens_ mochte denn doch
wohl Eindruck auf ihn machen, aber er wollte noch nichts festsetzen und
verlangte als erste Bedingung, da Ltzow Preuen ganz verliee und nach
Dnemark bersiedelte, wo er vielleicht eine Anstellung im Forstwesen oder
am Hofe fnde, die Graf Friedrichs Einflu ihm wohl verschaffen konnte. Die
Bedingung, Vaterland und Beruf aufzugeben, war hart fr Ltzow; er
schrieb hierber: Der Segen, den Ihr Vater ber Sie die Gte haben will,
auszuschtten, dieser goldene Segen ist hinreichender Grund alle brigen
Forderungen des Vaters als rechtskrftig zu beweisen? -- Ich verwerfe
diesen kalten Richter! Schon die uralte Fabelzeit bergab dem Weibe
die Wage der Gerechtigkeit; ein fhlend Herz mu ber das Schicksal der
Menschen entscheiden, sprechen Sie das Urtheil! -- Mu ich unbedingt dem
Willen des Vaters gehorchen? _Ihr_ Wille sei mein Gesetz. Hren Sie aber
meinen Vorschlag. Ihr Vater erlaubte uns vielleicht in Ludwigsburg zu
wohnen; eine prosaische, konomische Untersuchung fnde diesen Vorschlag
vernnftig, und wir erhielten die gewnschte Einwilligung. Wir reisten,
damit ich die Freude htte, meine Gemahlin meinen Eltern vorzustellen, nach
Berlin. -- Ich wte schon vorher bestimmt, da man mir Dienste anbte, und
ich aus falscher Scham berrascht, nehme diese an, dann bin ich gefesselt.
-- Glauben Sie, Sie werden von meinen Landsleuten artiger als ich von den
Ihrigen empfangen. -- Ist dieser Plan auszufhren? entscheiden Sie!--

_Elisa_ beklagte, den Willen des Vaters nicht ndern zu knnen; sie
verlangte keine glnzende Stellung fr ihren Gatten, und versicherte
ihrerseits in den bescheidensten Verhltnissen mit ihm glcklich werden zu
knnen. Er antwortete hierauf: Ich will nie aufhren, Ihr treuer Sclave zu
sein, bleiben Sie meine gtige Herrin, welche die Ketten, in die sie mich
legte, durch Freundschaft und Liebe zu den sesten umschuf. -- Sie haben
zu viel eigenes Verdienst, um das Ererbte hher zu schtzen; es gehrt aber
viel Geistesstrke dazu, dem Fehler des Zeitalters, der Sucht zu glnzen,
zu widerstehen. Wenn der Vater Frst ist, wird der Tochter ein fhlend
Herz Ersatz genug fr ueren Glanz sein? Meine Vorfahren haben zwar das
Herzogthum Verona besessen, mir aber, gute Elise, bleibt nichts brig als
die Leiter, welche diese Stadt und ich im Wappen fhren. Doch eine Leiter
ist genug fr mich, ist mir das Glck beschieden, damit Ihr Herz zu
erstrmen, und versichern Sie, da das, was ich besessen habe, mir durch
keinen entrissen werden kann. Geben Sie mir diesen Trost, und ich bin
glcklich. Adolph.--

Da zuletzt nichts anderes brig blieb, entschlo sich Ltzow einstweilen
Preuen zu verlassen, nahm seinen Abschied, und erklrte sich bereit, dem
mitrauischen Grafen Friedrich alle darauf bezglichen Papiere, unter denen
auch Knigliche Kabinetsschreiben, die sehr zu seinem Vortheil sprachen,
mitzutheilen; allein trotzdem versagte der Vater noch immer seine
Einwilligung. Ltzow schrieb darber aus Schneiche, den 27.Juli 1809:
Aus Deinem letzten gtigen Schreiben habe ich leider ersehen, da Dein
Vater fortfhrt, sich unserer Verbindung zu widersetzen. Wie hart von ihm,
zwei Wesen zu trennen, welche wahrhaftig fr einander geschaffen sind, wie
hart von ihm, uns in diesem Augenblick trbe Tage der Einsamkeit verleben
zu lassen, da wir so glcklich mit einander sein knnten! -- Deinem Vater
habe ich keine Gelegenheit zur Unzufriedenheit gegeben. Das Aeuere habe
ich menagirt, und sonst haben Leute von Gefhl dieselben Gesinnungen,
wenngleich das Alter klglich schweigt, wo die Jugend aufbraust. Genug von
Verhltnissen, die waren und nicht wiederkehren knnen. Glcklich der,
dem das Glck beschieden, sie in _so_ zrtlichen Armen wie die Deinigen zu
vergessen. -- Wir wollen eine Welt fr uns im Kleinen bilden und die
groe vergessen, welche nicht einmal die Gefhle eines Mannes zu wrdigen
versteht, viel weniger nachzuahmen wei. Du aber wirst mich verstehen, wir
werden uns gegenseitig schtzen und glcklich sein! Wie kamst Du in Deinem
Lande zu solcher Freiheit von Vorurtheilen?--

Ltzow reiste nun nach Knigsberg, um vom Knig die Erlaubni nachzusuchen,
in fremde Dienste treten zu drfen. In einem Briefe von dort vom
6.September 1809 drcken sich seine krftige Gesinnung und seine Ansichten
ber die Umgebung des Knigs so entschieden aus, da wir nicht unterlassen
knnen, ihn mitzutheilen; er lautet: Meine beste Elise! Dein Brief war mir
ein wahrer Trost in der Wste. Knigsberg bleibt fr mich eine Wste, denn
was ist die schnste Gegend ohne Bewohner, und was helfen uns Menschen,
wenn nicht gleiche Charaktere uns verbinden. Liegt es an mir, kurz, ich
gefalle mir nicht hier. Ich finde hier dieselben Leute, mit welchen ich in
Potsdam lebte, als ich bei der Garde stand. -- Die Umgebungen des Knigs
sind mit weniger Ausnahme dieselben, und das herbe Schicksal hat sich
umsonst erschpft, ihnen die Augen zu ffnen. -- Das Corps Offiziere der
Garde, welches die ganze Campagne durch beinah nie vor dem Feinde gewesen,
ist schwach genug zu glauben, es sei ein greres Verdienst bei dem
Knige zu leben, als fr ihn zu sterben. -- Die Menschen hier sind in zwei
Partheien getheilt und hassen sich auf eine fanatische Art; und dennoch
sind beide Theile sich vllig gleich, denn jeder liebt nur sich selbst. --
Die eine Parthei sucht zwar durch einen sogenannten Patriotismus sich einen
Werth zu geben, die andere setzt in eine kalte Klugheit ihren Werth, beide
sind aber darin gleich, da sie mit einem Heihunger jeden eintrglichen
Posten zu verschlingen suchen. -- Keiner wei, was ich eigentlich hier
will, denn etwas fr sich zu suchen und zu bitten, natrlich, darum kann
man nur in Knigsberg sein. -- Da ich mir die Sache eigentlich besehen
will, wie man in die Komdie geht, ohne selbst Lust zu haben, etwas vom
Gehalte des Schauspielers zu erwischen, das glauben sie nicht. -- Oefters
stoen sie sich auch an und glauben, ich sei verrckt, wenn ich deutlich
zu erkennen gebe, da frchterliche Ordenssterne himmelweit von groen
Verdiensten verschieden sind. -- Die Frau, deren Mann der Zufall frh
einen tiefen Blick in den Glanz der groen Welt thun lie, braucht nicht
zu besorgen, da er das stille husliche Glck diesem Prunke zurcksetzen
werde. Am wenigsten dann, wenn sie eine Elise ist, und so zrtlich von
ihrem Gemahl geliebt wird, als Du von Deinem Adolph. -- Die Betheurungen,
die Verheiungen der Bestndigkeit, die er hier und an so vielen anderen
Stellen so verschwenderisch aussprach, sie mgen ihm spter, wenn er ihrer
gedachte, manchmal schwer auf die Seele gefallen sein!--

_Elisa_ fhlte, da endlich eine Entscheidung erfolgen msse, und reiste
nun zu ihrem Vater nach Langeland, und dort scheinen ihre Vorstellungen
ihn endlich bestimmt zu haben, in ihre Wnsche zu willigen. Nach langen
Verhandlungen, die den Liebenden endlos vorkamen, waren endlich alle
Verhltnisse geordnet, und Ltzow eilte zu seiner Braut, die so treu und
unerschtterlich an ihm festgehalten hatte, und die den 20.Mrz 1810 die
Seine wurde.--

Bald nach der Hochzeit reiste Ltzow mit seiner jungen Frau nach Berlin,
um sie seiner Familie vorzustellen. Sie gewann bald deren Zuneigung,
und besonders schlo sich Ltzow's jngster Bruder _Wilhelm_ ihr mit
brderlichem Zutrauen und unbegrnzter Verehrung an. Das Leben in Berlin
machte auf _Elisa_ den gnstigsten Eindruck; sie besuchte den Hof, der aber
bald nach ihrer Ankunft durch den Tod der Knigin Luise in Trauer versetzt
wurde; in den sonstigen geselligen Kreisen knpfte sie manche interessante
Bekanntschaft an, und befreundete sich auf das herzlichste mit dem
Philosophen _Solger_ und seiner Frau. Sie besuchte auch das Theater, und
erfreute sich der vortrefflichen Darstellungen classischer Stcke, die
durch das ausgezeichnete Spiel _Iffland_'s und der _Bethmann_ besonders
anziehend waren. Nur die Ungewiheit ihrer Lage hatte etwas Strendes;
Ltzow war noch immer ohne Thtigkeit, nach der er doch so sehr verlangte;
da sich eine dnische Anstellung nicht sogleich erwirken lie, so war
die Rede davon, ob er ein Gut in Langeland bernehmen solle; doch er und
_Elisa_ wnschten lebhaft, in Preuen bleiben zu knnen.

Unterdessen hatten die schlimmen Zeiten, und zugleich der Aufwand, den
er machte, _Elisens_ Vater in mancherlei Verwicklungen gebracht, und der
Ertrag seiner Gter verminderte sich immer mehr. Die groen Einknfte, die
_Elisen_ bestimmt waren, muten unter solchen Umstnden ausbleiben.

Nach zwei Jahren peinlicher Spannung rief ein trauriges Ereigni _Elisen_
pltzlich in die Heimath zurck: ihre Mutter war durch den Kummer ber den
Gemahl, die Trennung von ihrer einzigen, ihr so theuren Tochter und die
unglcklichen allgemeinen Zustnde sehr niedergedrckt, ihre Gesundheit
litt, und sie starb den 30.Mrz 1812 zu Kopenhagen.

Das war ein Schmerz fr _Elisen_, den sie ihr ganzes Leben lang fhlte; sie
konnte sich nicht trsten, und nach langen Jahren noch gestand sie, da
die Zeit ihre Betrbni nicht zu lindern vermge. Vor Kummer verlor sie
pltzlich ihre schne Stimme, und nie konnte sie wieder singen.

Mit den traurigsten Gefhlen kehrte _Elisa_ in der Begleitung Ltzow's, der
ihr nach Kopenhagen gefolgt war, um sie abzuholen, nach Berlin zurck. Hier
sollten bald neue unerwartete Umstnde ihr Leben zu einem unruhigen und
wechselvollen machen.

Das Jahr 1813 begann, und mit ihm jene denkwrdige Zeit unserer Geschichte,
die ewig unvergessen dastehen wird. Des Knigs Friedrich Wilhelm des
Dritten Ruf zu den Waffen: Die Jugend meines Volkes rste sich zum Schutze
des Vaterlandes! schlug wie ein Blitzstrahl in die aufgeregten Gemther,
und in den hochfliegenden Geistern ging die Hoffnung auf, das geliebte
Vaterland von fremder Unterdrckung zu befreien, und ihm zugleich eine
Freiheit im Inneren zu gewinnen, wie es sie nie zuvor besessen.

Ltzow brannte vor Ungeduld wieder in Dienst zu treten; die Begeisterung
seiner Gattin entflammte und steigerte noch die seinige. Es ist bekannt,
wie er als Major jene Freischaar bildete, welche eine so wunderbare
und eigenthmlich gemischte Genossenschaft ausmachte, und von
Geschichtschreibern und Dichtern so vielfach gefeiert wurde.

Ltzow eilte nach Breslau, um dort seine Truppen anzuwerben. In dieser
Stadt war ein so groer Zusammenflu von Menschen, da Ltzow in den ersten
Tagen, ehe sich spter im Hotel zum Scepter Platz fand, fr sich und
_Elisen_ kein anderes Unterkommen erlangen konnte, als in einer ganz
geringen Schenke.

Whrend ihn seine Geschfte auerhalb des Hauses in Anspruch nahmen,
bertrug er _Elisen_, die sich zum Kriegsdienst meldenden Freiwilligen
anstatt seiner zu empfangen, und sofort anzuwerben. Dort nahm sie, da kein
anderer Raum vorhanden war, in einer elenden Bierstube mit hlzernen Bnken
jene strmische Jugend auf, die sich zum Befreiungskampf herandrngte.

In dieser rmlichen Umgebung erschien den jungen Leuten die schne, edle,
von den lebhaftesten Vaterlandsgefhlen beseelte Frau wie ein hheres
Wesen, von dem sie wie bezaubert wurden, ja, wie der Genius der Freiheit
selbst, der ihnen ihre Bahn anwies und ihnen Todesmuth und Opferfreudigkeit
verlieh. In der That war _Elisens_ ganzes Wesen in jener groen Zeit wie
von einem ungewhnlichen Glanze verklrt; sie liebte ihren Gatten treu
und warm, aber jene hchste Hhe feurigster Leidenschaft und extatischster
Begeisterung, wie sie sie damals an den Tag legte, konnte ihre groe
Seele nie fr einen einzelnen Menschen, sondern nur fr ein mchtiges
Weltgeschick, fr Vaterland, Freiheit und Poesie empfinden. Hier flo
alles zu Einem Brennpunkt zusammen, die Geschichte selbst schien einer
wunderbaren Dichtung gleich, die Dichter griffen mit zum Schwerte, und
der Donner der Schlachten vereinigte sich mit ihren enthusiastischen
Vaterlandsgesngen.

In der kleinen, rmlichen Schenke zu Breslau wurden viele Tapfere von
_Elisen_ angeworben; zu diesen gehrte auch _Theodor Krner_, der von Wien
herbeigeeilt, und so viele Andere, die sich ihr mit Verehrung anschlossen
und ihr fr immer ergeben blieben.

Bald nach Theodor Krner's Eintritt in die Schaar sollte dieselbe im Mai in
dem Dorfe Rogau bei Zobten feierlich den Eid der Treue ablegen, und in
der Kirche eingesegnet werden. Der junge feurige Dichter, der zu dieser
Festlichkeit ein Lied gedichtet hatte, das als Choral vorgetragen werden
sollte, war in der uersten Verlegenheit, weil der Schneider ihm trotz
aller Vorstellungen betheuerte, er sei so mit Arbeit berhuft, da es
ihm unmglich falle, ihm bis dahin seine Uniform anzufertigen. In der
Verzweiflung eilte Krner zu _Elisen_, und klagte ihr sein Migeschick.
Diese zeigte auch bei diesem Anla, wie bei vielen greren, ihre gtige
und hlfreiche Frsorge. Niemand als Sie, gndige Frau, rief Krner,
kann mir helfen, Sie aber vermgen alles! Auf sein dringendes Ersuchen
versprach ihm _Elisa_, selbst zu dem Schneider, der zufllig in dem Hofe
ihres Hauses wohnte, zu gehen, und ihn selbst um die Anfertigung der
Uniform zu bitten. Sie that dies denn auch wirklich, ging in die Werkstatt
des Schneiders, und stellte ihm die Begeisterung und Ungeduld des jungen
Mannes vor, so wie seine Betrbni, wenn er bei dem Feste fehlen mte. Der
Schneider war so entzckt und hingerissen von der holden, liebenswrdigen
Frau, da er ihr verhie, er wolle die Nchte zu Hlfe nehmen, und die
Uniform zur bestimmten Zeit liefern. Nicht nur hielt er Wort, zur grten
Freude Krner's, der _Elisen_ fr die glckliche Entscheidung, die sie
herbeigefhrt, lebhaft dankte, sondern so sehr hatte die letztere den
einfachen Handwerker begeistert, da er sich selbst sogar eiligst noch eine
Uniform nhte, und gleichfalls in die Freischaar mit eintrat.--

Nie ist Schiller's Ausspruch: Schne Seelen wirken durch ihr Sein mehr
besttigt worden als durch _Elisen_; der Einflu, den sie auf die ganze
Freischaar ausbte, war ein ungeheuer; man versteht erst recht den
Geist; welcher diese jungen feurigen Helden beseelte, die aus den
ausgezeichnetsten Mnnern, aus Knstlern, Aerzten, Geistlichen, Dichtern,
Lehrern und Naturforschern, aus Vornehmen und Geringen seltsam gemischt
waren, diese Verbrderten, die zum groen Theil jenem deutschen Bund
angehrten, der mit khnen Planen umging, diese Schwarzen, welche nur diese
und keine andere Farbe trugen, weil sie damit ausdrcken wollten, da das
deutsche Leben noch verfinstert sei, diese ganze Schaar, welche eben
so richtig von Theodor Krner die wilde, verwegene Jagd, als von Karl
Immermann die Poesie des Heeres genannt werden konnte, diese ganze
Gestaltung versteht man erst recht, wenn man wei, da eine reizend schne,
von den khnsten Idealen beseelte Frau ihren Mittelpunkt bildete, und die
Herzen entflammte. Darum waren die Schwarzen ebenso gesittet als muthvoll
und tapfer, ebenso poetisch gefhlvoll als hartnckig im Kampfe. Indem sie
sich die Ltzower nannten, trugen sie ja auch _Elisens_ Namen, und ihr
wollten sie Ehre bringen, wie dem Vaterlande; ein Blick _Elisens_ stimmte
sie zu ihren Liedern, und trieb sie todesfreudig in den Kugelregen; wie in
den alten Ritterzeiten stritten sie zugleich fr die gute Sache und fr den
Ruhm ihrer Dame.

_Elisa_ war so durchaus edel, da sie gewissermaen alles um sich her
zwang, nur edle Empfindungen fr sie zu hegen, aber diese steigerten sich
denn auch bei der Mehrzahl zur innigsten Verehrung und Freundschaft, ja zur
Anbetung. Sie war keine wilde Amazone, sie blieb immer zart und mild und
weiblich, aber durchglht von dem reinsten Feuer der Begeisterung. Drfen
wir Ltzow, den braven, tapferen Fhrer, dem seine ganze Schaar, wenn er
auch nicht immer so rasch in seinen Unternehmungen war, als diese brausende
Jugend es wnschen mochte, mit Liebe und Hochachtung anhing, das
krftige Schwert der Schaar nennen, das wacker dreinschlug, und dem alles
nacheiferte, so war _Elisa_ dagegen der Geist, der sie beherrschte, und
ber sich selbst hinaushob.

_Elisa_ hielt sich immer in mglichster Nhe des Kriegsschauplatzes auf;
bei den hufigen schweren Verwundungen, welche Ltzow erlitt, kam sie
gleich herbei, und pflegte ihn mit aufopferndster Treue und Liebe; auch
viele der anderen Verwundeten pflegte sie mit ihren eigenen Hnden, und
erschien bei den leidenden Kriegern wie ein hlfreicher Genius, voll
zarter Sorgfalt, trstend und wohlthuend. Wie sie die Lebenden ermuthigte,
betrauerte sie die Gefallenen auf das tiefste.

So sehr strebte jeder danach von _Elisen_ geachtet zu werden, da, als
ein Offizier eine Verpflichtung, die er gegen einen andern hatte, nicht
erfllen wollte, dieser letztere sich an _Elisen_ wandte, mit der Bitte,
sie mchte jenen doch daran mahnen, dann wrde er es thun, da er doch noch
nicht so sehr ohne Ehrgefhl sei, um ertragen zu knnen, vor ihren Augen so
schlecht zu erscheinen.

Viele Siegesbeuten, die gemacht wurden, schenkten die Ltzower _Elisen_,
da sie dieselben in ihren Hnden am liebsten sahen. Ltzow selbst gab ihr
mehrere solche; noch im letzten dieser Feldzge, im Jahre 1815, als nach
der Schlacht von Belle-Alliance der Lieutenant _Leo Palm_ der Erste war,
der in den eroberten Wagen Napoleons hineinstieg, verschmhte dieser von
den vielen Schtzen, die sich darin befanden, etwas fr sich zu nehmen,
aber zwei Glser und ein paar Handschuhe des Kaisers berbrachte er
_Elisen_ als Andenken. Sogar ein auf dem Schlachtfeld gefundener groer
Hund von seltener Schnheit wurde ihr geschenkt, und ist viele Jahre lang
ihr treuer Begleiter geblieben.

Werfen wir nun einen Blick auf die Mnner, aus denen die Freischaar
gebildet war; wir finden da viele Gestalten von besonderer
Eigenthmlichkeit, viele, welche sich Namen und Ruf erwarben. Da war der
wunderliche Alte im Bart, der Turner _Friedrich Ludwig Jahn_, der erste
deutsche Freiwillige, wie er genannt wurde, mit seiner Devise: frisch,
frei, fromm, frhlich! Theodor Krner, der edle Dichter, welcher kmpfend
dichtete, und dichtend fiel in der Blthe der Jugend; der mehr als
siebzigjhrige Rittmeister von _Fischer_, die komische Figur unter ihnen,
der die Listen des Odysseus geerbt zu haben schien, und der mit einem alten
Richtschwert bewaffnet einher ging, weil ihm kein anderes gro genug war;
dann _Peter Beuth_, welcher sich seltsam gerstet hatte, Ltzow's
Brder _Leo_ und _Wilhelm_, sein Schwager Graf zu _Dohna_, die braven
_Petersdorff's_, _Palm_, _Thmmel_, _Helmenstreit_, _Ennemoser_,
_Kruckenberg_, _Reil_, _Eckstein_, _Dorow_, _Berenhorst_, _Karl Mller_,
_Meckel_, _Friedrich Frster_, _August von Vietinghoff_, der Freund von
Friedrich Friesen, und endlich _Friedrich Friesen_ selbst, der edle,
schne, blonde Jngling, mit den feinen, fast mdchenhaften Zgen, welcher
von allen, die ihn kannten, hei geliebt wurde, an Leib und Seele
ohne Fehl, voll Unschuld und Weisheit, beredt wie ein Seher, eine
Siegfriedsgestalt von groen Gaben und Gnaden, wie ihn Jahn beschreibt,
ein lichter Schnheitsstrahl, wie Arndt von ihm gesungen. Sein frher
Tod in den Ardennen, und die Ausdauer, mit welcher sein Freund Vietinghoff
seine Ueberreste aufsuchte, getreu seinem Wort, ihn in deutscher Erde
bestatten zu lassen, ist vielfach bekannt geworden.

An Friesen, Palm, Friedrich von Petersdorff und Thmmel, einem Verwandten
des bekannten Schriftstellers, gewann sich _Elisa_ Freunde fr das
ganze Leben. Sie und Friesen fhlten sich auf das innigste zu einander
hingezogen, es bestand eine schwrmerische Freundschaft zwischen ihnen, sie
waren sich ihrem ganzen Wesen nach verwandt, in Friesen fand _Elisa_ eine
Seele, die dem hohen Flug der ihrigen folgen konnte.

Da wir keine Kriegsgeschichte schreiben, so kann es nicht unsere Aufgabe
sein, die brigens vielfach bekannten Schicksale der tapfern Ltzow'schen
Freischaar hier einzeln vorzufhren. Als den 16.September 1813 das Gefecht
bei der Grde stattfand, wo Ltzow lebensgefhrlich verwundet wurde, eilte
_Elisa_ gleich zu ihm, um sich ganz seiner Pflege zu widmen.

Wir lassen nun einen Brief von Friedrich Friesen an _Elisen_ folgen vom
30.October 1813, in welchem er ihr die tdtliche Erkrankung seiner Mutter
meldete. Er lautet: Das inliegende Blatt sagt Ihnen, theure Frau, mein
Unglck. Ich versuche vergeblich mich frei zu halten. Sie verstehen meine
Scheinruhe, weil Sie mnnlichen Gleichmuth besitzen, und feinfhlend sich
in das Wesen Andrer versetzen.

  Wenn Fremde sich in unsre Lage fhlen,
  Sind sie wohl nher als die Nchsten uns verwandt.

Mich erfreut und strkt Ihre Theilnahme, der ich gewi bin. -- Ich verliere
eine wackere Mutter, der ich unendlich viel verdanke. -- Sie haben mich
schreibend gefunden. Erhalten Sie mir Ihre Gte, und lassen Sie dieses
Blatt und mein offenes Gestndni, dessen ich mich gegen Sie nicht schme,
ein harmloses Geheimni sein. -- Ich bin nicht gewhnt mit meiner Lage, mit
meinen Wnschen und meinem Unglck zu stren, aber von Ihnen erwarte ich
weder Vorwurf noch von mir Reue -- die bei Fehlgriffen schmerzlich krnkt.
Friesen.

Friesen eilte nun athemlos nach Berlin, wo er seine Mutter noch lebend
antraf, und ihr in ihren letzten Augenblicken beistehen konnte. Nach ihrem
Tode schrieb er _Elisen_ aus Berlin, den 6.November 1813: Meine Freunde
suchen meinen Schmerz durch ihre wahrhafte Theilnahme zu mindern. Ich
erkenne das mit Dank. Ihnen aber, theure Frau, fhle ich mich besonders
verpflichtet fr Ihren Zuspruch und Trost. -- Unglckliche sind
mitrauisch, gegen Sie bin ich es nicht. Tiefes Gefhl, eigener
Verlust, und die unverkennbare Wahrheit Ihres Wesens verbrgt mir Ihre
Mitempfindung, und Ihnen die Gewiheit meiner Anerkennung. -- Wie geht
es Ihrem Gemahl? -- Ich bitte Sie recht dringend, versuchen Sie alles ihn
seinen Freunden in wahrer Gesundheit zu erhalten, wenn noch eine Prfung
von Muth und Ausdauer beschlossen sein sollte. Ich wei, was ich von Ihnen
fordere und was Sie der Zeit opfern -- aber ich kenne Sie, um gewi zu
sein ber vieles, was Sie mit Selbstverlugnung und edlem Stolz gegen das
Schicksal ber sich vermgen. In der jetzigen Zeit wird der Begriff wahrer
Weiblichkeit dem ungetrbten Blick erst klar und verstndlich. Ich denke
an Sie mit unbedingtem Vertrauen. -- Ich versuche mich aufzurichten,
und freien Blickes in die Zukunft zu sehen, und des eigenen Unglcks zu
vergessen, oder es doch mit ruhiger Besonnenheit zu tragen. -- Mir ist
nicht wohl. -- Denken Sie meiner. Ich verehre in Ihnen das erfreuliche Bild
einer Frau, die nicht in der Zeitbildung befangen, ein schnes Leben in
ruhiger Wrde lebt. Friesen.

Diese wenigen Zeilen, die wir um so lieber mittheilen, da wir wissen,
wie besonders theuer Friesen allen seinen Waffengenossen war, sie
charakterisiren genau das edle Verhltni, welches zwischen ihm und
_Elisen_ bestand, und zeigen ein feines, tief empfindendes, liebenswrdiges
Gemth.

Wie die Freischaar in's Holsteinische eingerckt war, schrieb Friedrich
von Petersdorff an _Elisen_ vom Vorposten zu Syke bei Oldeslohe, den
8.Dezember 1813: Wir hoffen noch immer, da mit Dnemark thtig am
Frieden gearbeitet wird, und da dieser Krieg, der nicht unmittelbar gegen
den Erbfeind geht, bald geendigt sein werde. -- Vergessen Sie uns nicht,
liebe, gute Elisa, und rechnen Sie es nicht uns an, wenn Ihre Landsleute
etwas hart mitgenommen werden, wir steuern, was wir knnen, dankt Adolph
doch dem Lande das Glck seines Lebens, und ich das Glck der gttlichen
Freundschaft. Ihr Friedrich.

In der Nacht des 15.Mrz 1814 war es _Elisen_ als trte Friesen vor ihr
Bett, und zeige ihr eine tiefe Wunde, die er erhalten habe; bewegt und
erschrocken rief sie ihr Mdchen herbei, ob sie die blutige Gestalt dort
nicht stehen sehe; diese sah jedoch nichts. Fnf Tage spter, an ihrem
Hochzeitstage, erfuhr _Elisa_, da Friesen damals grade, als sie geglaubt
hatte, ihn zu sehen, geblieben war.--

Sie war tief ergriffen. In einem kleinen Notizbuche, welches sie bei sich
fhrte, finden wir dieses Ereigni mit den kurzen, aber schmerzlichen
Worten bezeichnet: Der erste und beste Mann, Deutschlands Stolz und das
hchste Glck seiner Freunde, verlor auf die schrecklichste Weise sein
Leben.

Auch Ltzow, dessen Adjutant er gewesen war, betrauerte ihn schmerzlich,
und uerte, von allen Menschen, die er kennen gelernt, sei Friesen
derjenige, welcher am wenigsten zu missen sei, und an dem das Vaterland am
meisten verliere.

Wir knnen nicht umhin, hier eine Schilderung anzufhren, welche Karl
Immermann im zweiten Bande der Epigonen von _Elisen_ entworfen hat.
Immermann lie seine Heldin nicht die Freundin, sondern die Geliebte
Friesens gewesen sein, und sie, anstatt Vietinghoff's, jenen Sarg mit
seinen Ueberresten bei sich aufbewahren. Diese und noch einige andere
kleine Abweichungen, welche der Roman erforderte, wird der Leser leicht
herauserkennen, auer diesen aber _Elisens_ Bild wie in einem Spiegel
wiederfinden.

Es ist von der Zeit des Befreiungskrieges die Rede.

Sie war die hohe Brautwoche, der se Honigmonat meines Lebens! rief
Johanna und ihre Augen glnzten. Ich war zwanzig Jahre alt, auf meines
Vaters Schlosse erwachsen, der, wie ihn die Leute auch beschelten mgen,
mir ein guter Vater war, und mich aufstreben lie, frei und ungezwngt,
gleich den Tannen in unserm Park. An seiner Seite zu Pferde, oder im
leichten Jagdwagen, wenn der Hirsch verfolgt wurde, war es mir oft, als
mten Flgel mir an beide Schultern wachsen, so leicht und rein rollte in
mir das muthige Leben! Daheim horchte ich den Erzhlungen der Reisenden und
klugen Mnner, welche meinen Vater besuchten, und von fremden Lndern
und Menschen sprachen, oder ich las Geschichte mit meiner alten, wrdigen
Erzieherin. Denn, Dank sei es denen, welche ber mein Geschick geboten,
nichts Gemeines und Eitles durfte mich berhren, und ich erinnere mich
noch, da in meinem Zimmer der Spiegel fehlte. Welt und Vorzeit umgaben
mich wie ein schnes, sinnvolles Mhrchen, in dessen Mitte ich, allen
Helden und Weisen vertraulich nahe, liebe Tage hinspann.

Nun erschien jener groe Winter mit seinen Eis- und Leichenfeldern, mit
seinem Stadt- und Herzensbrande! Meines Vaters Entschlu war sogleich
gefat, als die ersten Zuckungen des wiedererwachenden Lebens sich
verspren lieen. Obgleich, nach der Sitte seiner Jugend, gern die fremde
Sprache redend, war er ein deutscher Mann und Edelmann geblieben; sein
Herz hatte bei dem Jammer des Vaterlandes oft geblutet. Wir zogen, damit er
thtiger eingreifen knnte, auf eine Zeitlang nach der groen Stadt, welche
der Heerd des heiligen Feuers war. Was schwatze ich Ihnen vor? Sie waren
ja selbst dabei, haben selbst die Waffen getragen. Welche Tage! Welche
Gefhle! Nun waren Rom und Griechenland und die Ritterzeit kein Mhrchen
mehr fr mich, alles Grte strahlte wiedergeboren im grnen, frischen
Lichte mich an. Mein Mdchenherz wollte mir oft die Brust zersprengen,
wenn ich bis Mitternacht, ja bis an den frhen Morgen die Binden zuschnitt,
welche das Blut der Wunden hemmen sollten. Ich weinte, da mein Vater reich
war, da ich nicht auch mich genthigt sah, mein Haupthaar auf dem Altare
der allgemeinen Begeisterung zu opfern. Nie, nie kann ich das vergessen,
und wenn die ganze Welt umher in Zweifel und Klgelei starr wird, so soll
der Busen einer armen Frau wenigstens ewig das Fest der Erinnerung feiern!

Sie war aufgestanden und ging mit groen Schritten durch das Zimmer. Ihre
Zge hatten sich verklrt, sie glich einer Priesterin, einer Velleda. Nach
einer Pause, whrend welcher ihr Antlitz vom herrlichsten Angedenken wie
durchsichtig zu werden schien, stand sie still und rief: Ja, wenn es eine
Liebe je auf Erden gegeben hat, so habe ich geliebt! Und o des Glcks!
Die zrtlichste Empfindung war nur eins mit der heiligsten und grten! Im
Waffenschmuck trat er mir entgegen, dem Kampfe sich entgegensehnend, in den
er nach wenigen Wochen zog. Mild war er und edeln Zornes zugleich voll, nie
hat ein reineres tugendhafteres Herz unter dem Rocke des Kriegers geklopft.
Er war wie ein Verschlagner von einer fernen seligen Insel unter uns
Andern. Die Augen pflegte er zu senken, als erliege seine Seele unter ihrer
eignen Gre. Stumm war unsre Liebe und ohne Erklrung. Nur, als ich ihm
beim Abschiede die Feldbinde reichte, verstanden sich unsre Blicke. Er zog
dahin und ich sah ihn nicht wieder.

Er trug, wie alle jugendliche Frhlingsherzen, die Todesahnung im Busen.
Sein einziger Wunsch war, in deutscher Erde zu ruhn, er schauderte vor dem
Gedanken, fern unter den Futritten des feindlichen Volkes vermodern zu
mssen. Das Schicksal ist oft grausam, es kann uns nicht allein das Leben,
wie wir es wnschen, sondern auch den Tod, wie wir ihn zu sterben
wrdig gewesen wren, versagen. Nicht in einer der groen herrlichen
Befreiungsschlachten fiel mein Freund, nein, vereinzelt, seiner Schaar
nachgeblieben, wurde er von umherstreifendem Gesindel auf dem fremden Boden
erschlagen. Ich erfuhr seinen Tod, noch ehe die Nachricht davon zu mir
gelangte. In der Nacht aus tiefem Schlummer ohne vorhergegangnen Traum
emporschreckend, sah ich das blutige Haupt des Ermordeten am Fue meines
Lagers aufsteigen, und alsobald auch wieder verschwinden. Augenblicklich
wute ich um meinen ungeheuren Verlust, aber zugleich durchdrang mein
Herz ein unvergnglicher Trost, der es so ganz erfllte, da ich mich kaum
erinnere, damals geweint oder sonst getrauert zu haben. Nur jetzt, nach
manchem Jahre flieen meine Thrnen zuweilen. Als die Ruhe hergestellt war,
beschftigte uns Alle, die wir ihn geliebt hatten, sein Wunsch. Ein treuer
Gefhrte seiner Tage machte sich endlich in der Stille auf, scheute nicht
Mhe noch Gefahr unter dem noch immer schmerzlich emprten Volke, fand die
Grube, in welcher man den Krper verscharrt hatte, kaufte die theuren Reste
los, und brachte sie in die Heimath.

Sie nherte sich einer schmalen, lnglichen Kiste, welche in der Ecke des
Gemachs stand, ffnete sie und warf sich mit Lauten des tiefsten Schmerzes
ber sie. Hermann trat hinzu und fuhr zurck; ein menschliches Gerippe
starrte ihm aus der Kiste entgegen. Warum erschrickst Du? Was macht Dich zu
frchten? rief sie. Dies ist mein lieber, mein einziger Freund, den ich nun
wiederhabe, und nicht von mir lasse. Betrachte den holdseligen Mund, die
guten, schnen Augen, die denkende Stirn! Nun ruht er, umweht vom Hauche
der Liebe, nun ist ihm wohl!

Theure, warum gaben Sie der Erde nicht wieder, was der Erde gehrt? fragte
Hermann, als er sich einigermaen von seinem Erstaunen erholt hatte.

Sie versetzte nichts. Mit den zrtlichsten Namen rief sie den geschiedenen
Freund, schmeichelnd strich sie ber den kahlen Schdel, ihre Lippen
kten die leeren Augenhhlen. Dazwischen fhrte sie Reden, deren Sinn
und Bedeutung Hermann nicht verstand. Sie sprach von dem Vampyr, der,
auferstandne Leiche, umhergehe, und den Lebenden das Blut aussauge, und
beschwor die Gebeine des Todten, sie wie bisher, so auch ferner vor dem
Schreckni zu schtzen.--

Im Sommer 1814 hielt sich _Elisa_ eine Weile mit Beuth's Mutter in Kleve
auf, dann bezog sie ein Landhaus vor der Stadt, wo Ltzow mit seinen
Kameraden sie Abends zu besuchen pflegte; unter den schattigen, grnen
Bumen, in einer freundlichen Natur kam dort bei _Elisen_ ein Kreis
zusammen, bestehend aus Palm, Karl und Friedrich von Petersdorff, Wilhelm
von Ltzow und Andern, die alle noch spt mit Entzcken von der reizenden
Geselligkeit erzhlten, die _Elisa_ um sich her zu schaffen, und mit
dem Zauber ihres anmuthigen Geistes zu beleben wute. Aehnliche Abende
wiederholten sich etwas spter in Aachen, wo sie auf der alten Ketschenburg
in einem Zimmerchen, welches so niedrig war, da die Freunde es scherzend
die Schiffskajte nannten, sich ein blumengeschmcktes und beraus
wohnliches Asyl geschaffen hatte; hier war auch der Dichter _Max von
Schenkendorff_ ein hufig und gern gesehener Gast.

Im Sommer 1815 hatte Ltzow das Unglck in der Schlacht von Ligny in
franzsische Gefangenschaft zu gerathen, aus der ihn jedoch der bald darauf
erfolgende Frieden wieder befreite. _Elisa_ war sehr in Angst um ihn; sie
theilte so gern alle seine Mhen und Gefahren, sie war nur immer darauf
bedacht, ihn zu pflegen, und fr sein Behagen zu sorgen, um so mehr, da die
vielen Verwundungen ihn viel leiden lieen. Heinrich Prhle sagt, in seiner
Biographie Jahn's, von Ltzow, da er fast in jedem Gefecht verwundet
wurde; wenn er ging, heit es dort, so war er durch seine vielen Wunden
halb Invalide; stieg er zu Pferde, so bedurfte er ihrethalben einiger
Hlfe -- aber sa er einmal im Sattel, so war er das Muster eines
Husarenoffiziers, ein Ritter ohne Furcht und Tadel.

Die liebevolle Sorgfalt, welche _Elisa_ ihrem Gatten erwies, konnte dieser
ihr wohl nicht in gleichem Grade erwiedern, denn unpraktisch, und in allem,
was nicht zu seinem Kriegesberufe gehrte, unkundig oder zerstreut, war er
selbst bei dem besten Willen wenig geeignet, eine zarte Frau in seine
Obhut zu nehmen; sie, die auf dem Trannkijrschlosse in den glnzendsten
Lebensverhltnissen erwachsen war, ertrug aber mit der uersten Entsagung
und ohne Klage Entbehrungen aller Art, und es war wie wenn ihr starker
Geist ihrer zarten Gestalt dazu die Kraft verliehe.

Endlich beschlo die blutige Vlkerschlacht von Belle-Alliance diese
groartige Kriegszeit. In jener Schlacht gehrte ein junger Mann von
neunzehn Jahren, von gleicher Begeisterung fr die deutsche Sache erfllt,
wie _Elisa_, zu den Mitkmpfern, welcher dazu bestimmt war spter in ihrem
Leben eine bedeutende Rolle zu spielen: es war _Karl Immermann_. Damals
wuten sie noch nichts von einander; erst nach Jahren sollte das Geschick
sie zusammenfhren.--

Nachdem der Krieg beendet, ging _Elisa_ im Anfang des Jahres 1816 nach
Berlin, wo _Ernst Moritz Arndt_ sie besuchte, den sie schon das Jahr zuvor
in Dsseldorf kennen gelernt hatte; sie war so erfreut ber die Erscheinung
des gefeierten Mannes, den sie schon lange als patriotischen Dichter und
Schriftsteller geliebt und verehrt hatte, da sie sagte, kein Besuch eines
Knigs wrde sie so glcklich gemacht haben.

_Elisa_ verweilte nicht lange in Berlin, da sie bald Ltzow nach Knigsberg
nachfolgte, welche Stadt seinem Regiment als Garnison angewiesen war. Dort
lernte sie den alten Kriegsrath _Scheffner_ kennen, den Freund von Kant und
Hippel, der sie sehr hochschtzte, und _Johanna Motherby_, welche spter
die Gattin Dieffenbach's wurde, eine energische und ausgezeichnete Frau,
von der noch fter hier die Rede sein wird, und die sogleich zu _Elisen_
eine leidenschaftliche Zuneigung fate.

Sie begegnete _Elisen_ zuerst in einer Gesellschaft, und bei ihrem
lebhaften Gefhl fr Schnheit fiel ihr die ungewhnlich anmuthige und
liebreizende Erscheinung sogleich auf. Sie hatte die Eintretende kaum
einige Minuten betrachtet, als sie mit den Worten: Wir werden und wir
mssen Freundinnen sein! auf sie zueilte. Sie wurden es in der That.

Es konnte nicht leicht einen greren Contrast geben, als diese beiden
Frauen; whrend in _Elisen_ alles Schnheit, Harmonie und Zartheit war,
erschien Johanna beim ersten Anblick scharf und eckig; sie war klein, von
starker Figur, von scharfgeschnittenen, bedeutenden, aber eher hlichen
als schnen Gesichtszgen; doch war ihr Geist und Schnheitssinn so
mchtig, da im Gesprch und der Begeisterung, welche in demselben ber sie
kam, Grazien und Amoretten ihr ganzes Wesen zu umgaukeln schienen, so
da sie nicht nur anmuthig, sondern gradezu schn aussehen konnte. Die
Hlichkeit lag nur wie ein Flor auf ihr, unter dem die innere
Schnheit siegreich durchschimmerte. Auch besa sie wahrhaft
groartige Charaktereigenschaften, Thatkraft und Entschlossenheit,
Aufopferungsfhigkeit und Herzensgte in seltenem Grade; ihr ganzes Wesen
war Leidenschaft und erregte auch die heftigsten Leidenschaften; ihr
strmisches Feuer konnte fortreien, whrend _Elisens_ milde Ruhe
bezauberte.

Sie lebte damals mit ihrem Gatten, dem Arzte _Motherby_, einem geistvollen
und vorzglichen Manne, noch im besten Einvernehmen, und auch er trat mit
_Elisen_ in freundschaftliche Beziehung.

Auch manche von Ltzow's Kriegskameraden besuchten ihn und _Elisen_ in
Knigsberg, Friedrich von Petersdorff kam aus dem nahen Memel, Helmenstreit
wurde dorthin versetzt; mit Palm trafen sie in Graudenz zusammen.

Noch ehe ein Jahr verflossen war, im Mai 1817, wurde Ltzow nach Posen
versetzt, wo sie aber kaum angelangt waren, als seine Versetzung als
Brigade-Kommandeur nach Mnster erfolgte.

Auf dem Wege dorthin berhrten sie Nenndorf, wo sie unerwartet Karl von
Alten sahen, und es war nicht ohne Bewegung, da er und _Elisa_ sich hier
begegneten. Auerdem mochte der Anblick von Nenndorf manche schwermthige
Gefhle in _Elisen_ wecken; wie sie vor neun Jahren als frhliches Mdchen
hier weilte, da hatte sie doch mit andern Erwartungen in die Zukunft
geblickt, als sie jetzt erfllt sah!--

Im Juli langten sie an ihrem neuen Bestimmungsort an. _Elisa_ fhlte sich
dort anfnglich sehr fremd, und die kleine Stadt, die engen Verhltnisse
sagten ihr wenig zu. Ltzow, dem nach dem bewegten Kriegsleben der leere
Friedensdienst gar nicht behagte, suchte sich durch seine Leidenschaft
fr Pferde in seiner freien Zeit mglichst zu zerstreuen; er schaffte sich
deren viele an, die der Gegenstand seiner bestndigen Beobachtung
waren; auch liebte er es sehr mit _Elisen_ auszureiten, welche eine so
ausgezeichnete Reiterin war, da er oft behauptete, von ihr habe er erst
die wahren Feinheiten der Reitkunst gelernt. Konnte er sich nun noch dann
und wann mit einigen seiner Kameraden unterhalten, wo dann seine ihm so
lieben Pferde beinahe immer den Stoff zum Gesprche lieferten, so war fr
ihn leidlich gesorgt. Aber _Elisens_ feiner und lebhafter Geist, der sich
immer nach Anregung sehnte, konnte hier keine Befriedigung finden. In den
begeisterten Kriegsjahren, wo ihr ganzes Wesen in der Liebe zum Vaterlande
aufging, war es ihr gewissermaen nicht mglich gewesen, an sich selbst, an
ihr persnliches Geschick zu denken. Jetzt aber konnte sie sich nicht mehr
verhehlen, da der Verkehr mit ihrem Gatten den hheren Ansprchen, die sie
zu machen berechtigt war, nicht mehr gengte.

Der Abstand zwischen ihr und Ltzow trat immer schrfer hervor; gutmthig
und brav und nicht ohne natrlichen Verstand, war er doch weder an Bildung
noch an Geist und Feinheit _Elisen_ ebenbrtig. Im Laufe der Jahre hatte
sich ihr Wesen immer reicher entwickelt, und berflgelte immer mehr
ihre Umgebung. Ihre Heiterkeit verwandelte sich in wehmthigen Ernst; sie
suchte, wie es ihre Art war, Trost in der Natur und bei ihren Dichtern,
aber ihr Herz sehnte sich vergeblich nach einem Glcke, das sie einst
getrumt, und das ihr nicht beschieden zu sein schien. Sehr wohlthuend war
ihr die Freundschaft ihres Schwagers Wilhelm von Ltzow, der ihren ganzen
Werth zu wrdigen wute, und mit rckhaltsloser Offenheit sie an allem
Theil nehmen lie, was ihn betraf.

Mochte nun aber auch Mnster noch so geistig todt, so steif, so kleinlich
und bigott katholisch sein, alles Eigenschaften, die _Elisen_ in tiefster
Seele zuwider waren, so konnte sie bei ihrer besonderen Gabe, einen
angenehmen und geistig bewegten Kreis um sich zu gestalten, doch nicht
lange diesen Ort bewohnen, ohne alle jene Elemente aufgefunden, und um sich
gesammelt zu haben, welche sich dazu eigneten.

Hier machte sie die Bekanntschaft von _Henriette Paalzow_, geb. _Wach_, die
damals noch nicht als Schriftstellerin aufgetreten war, viel anspruchslose
Liebenswrdigkeit besa, und bis an ihr Lebensende mit _Elisen_ befreundet
blieb; hier begegnete sie zuerst der edlen, feinen, liebevollen _Adele
von A._ und ihrem Gatten, die sie sehr lieb gewannen; Adele, eine durchaus
weibliche und sinnige Natur, wurde bald ihre Herzensfreundin; hier wurde
der Consistorialrath und Schulrath _Friedrich Kohlrausch_, dessen deutsche
Geschichte damals alle Gemther erfreute, ihr Freund; auch mit _Wilhelmine
von G._ trat sie in lebhafte Beziehung. Eine alte Freifrau von _Aachen_,
die sich in Malerei, Dichtkunst und Musik versuchte, und mit dem damaligen
Kronprinzen Ludwig von Baiern, den sie in Italien kennen gelernt hatte, im
Briefwechsel stand, wurde zuweilen mit in den Kreis gezogen, so wie einige
Offiziere, die Bildung und hheren Sinn besaen. Hier auch lernte _Elisa_
den wrdigen Oberconsistorialrath _Anton Mller_ kennen, der ihr besonders
theuer wurde, und dessen segensreiche Wirksamkeit als anregender und
begeisternder Universittslehrer, als Schriftsteller und Prediger
vorzglich in Mnster, wo er so lange gelebt, in Aller Andenken steht.

Eine so eigenthmliche Erscheinung wie Mller, drfte selten zu finden
sein; damals war er schon in den Fnfzigen, aber vereinigte jugendliche
Frische mit einem enthusiastischen Gemthe. Er war ein eifriger Anhnger
der Kantischen Philosophie, liebte feurig das classische Alterthum der
Griechen und Rmer, die er hufig zu citiren pflegte, las Goethe mit
Entzcken, und mit einer Vorurtheilslosigkeit, welche einem geistlichen
Herrn doppelt hoch anzurechnen ist; an der Natur, der Musik, den schnen
Knsten hatte er die innigste, reinste Freude; er war ein durch und durch
edler Mensch, sein ganzes Wesen war von Poesie durchglht; eine seltene
Gabe der Beredtsamkeit, die dem lebhaften Manne fortwhrend von den
Lippen strmte, verlieh nicht nur seinen Vortrgen, sondern auch seiner
Unterhaltung eine fortreiende Gewalt. Ohne alle priesterliche Salbung war
er immer menschlich offen, freien Sinnes, natrlich, anspruchslos wie ein
Kind, und verbarg nie seine warme Freude an der Schnheit dieser Welt. Eine
Schilderung von ihm, die im Westphlischen Merkur erschien, beschreibt
ihn folgendermaen: Von Charakter war Mller ein echter deutscher Mann,
und wie gediegen auch sein Geist, so war doch auch sein Gemth nicht minder
tief und zart. Seine uere Erscheinung war stattlich, freundlich und
ehrwrdig. Seine hohe, gewlbte Stirn verrieth sofort den Denker, seine
Lippen umschwebten Anmuth und Heiterkeit; seine ganze Persnlichkeit
war liebenswrdig und herzgewinnend, und gewhrte den Eindruck eines _im
Dienste der Ideen_ ergrauten Lebens. Zeigte er schon ein rein menschliches
Wohlwollen und eine aus dem Herzen kommende Freundlichkeit gegen Jedermann,
so war insbesondere seine Freundschaft ihm selbst ein Seelenbedrfni
-- hingebend und treu, und fr Geist und Gemth gleich genureich. Die
Gesellschaft, welche er angenehm zu unterhalten und zu beleben wute,
liebte und suchte er, besonders solche erlesenere Kreise, wo der _Geist_
den Vorsitz fhrt, und war in ihnen gern gesehen, bis in seine letzten
Tage.--

In Mnster sind noch viele Charakterzge und kleine Anekdoten von dem
seltsamen Manne aufbewahrt. Als er einmal bei einem Festmahl einen
begeisterten Toast ausbrachte, lehnte er sich in seiner Lebhaftigkeit etwas
zu weit zurck, so da er das Gleichgewicht verlor, und mit sammt seinem
Stuhl hinten ber auf die Erde fiel; dadurch lie er sich aber in seiner
feurigen Beredtsamkeit nicht stren, und erst als er seinen langen Vortrag
ganz beendet hatte, richtete er sich vom Boden auf. -- Schon frh zum
Wittwer geworden, lebte er lange fr sich allein, aber so sehr in seine
Studien und Gedanken vertieft, da er seiner Umgebung wenig achtete. Als
spter seine wrdige Freundin, die alte, vortreffliche _Christiane Engels_
zu ihm zog, um seine Wirthschaft zu fhren, fand sie nicht nur, da er von
seinen Leuten um betrchtliche Summen bestohlen worden war, sondern auch,
da in seiner groen, wsten Wohnung sich Ratten vollauf, gro wie junge
Katzen, umhertrieben, die Abends oft drei, vier zugleich, in Gegenwart der
Mgde auf den Tisch sprangen, und den Talg von den Leuchtern fraen. Hatte
Mller dies alles nicht bemerkt, so bemerkte er doch das neue Behagen im
Hause und den neu geordneten Garten, und dankte der Freundin ihre Frsorge.
-- Wie Mller Besuchsreisen zu seinen verheiratheten Kindern machte,
geschah es zweimal, da er nahe daran war, ihnen das Haus anzustecken, da
er in seiner Zerstreutheit vergessen hatte, Abends sein Licht auszulschen;
es fehlte wenig, da in solcher Weise das Feuer, welches er in seinem
Gemthe trug, oben zum Dach herausgeschlagen wre!--

Fr _Elisen_ fate Mller eine schwrmerische Zuneigung, wie die Briefe
beweisen mgen, welche wir von ihm im Anhang mittheilen, da sie, wie wir
glauben, von ihm so wie von _Elisen_ ein lebhaftes Bild geben, denn es ist
eigenthmlich, da man diese weit mehr aus den von ihren Freunden an sie
gerichteten Briefen, in denen sich der Eindruck, den sie hervorbrachte,
abspiegelt, kennen lernt, als aus ihren eigenen Aufzeichnungen und Briefen,
die zwar sehr fein und anmuthig sind, aber doch nur einige Seiten ihres
Wesens wiedergeben. Sie brauchte darin nie eine leere Phrase, jedes Wort
war beseelt, innig, und ihr aus dem Herzen kommend, und entzckte wohl den
Empfnger, der sie kannte, und gewissermaen den Duft ihrer Seele darin
empfing, aber die ganze Bedeutsamkeit und Tiefe ihres Innern war daraus
nicht wahrzunehmen. Auch in ihrer Art zu sprechen, konnte sie leicht von
Andern, selbst von solchen, die geistig weit unter ihr standen, berglnzt
werden, denn sie besa keine Beredtsamkeit, wie zum Beispiel der edle
Mller, und wenn sie sich auch wohl grazis und artig auszudrcken wute,
so war dies doch nicht das Hervorstechendste an ihr.

Dagegen konnte sie nicht bertroffen werden an seltenem Schnheitssinn, an
Tiefe, Feinheit und Schrfe der Auffassung. Es lag ein Zauber darin,
sich mit ihr ber Lebensverhltnisse und ber Gegenstnde der Kunst und
Literatur zu unterhalten, weil sie mchtig von allem Schnen ergriffen
wurde, und es, wie mit seinen Fhlfden begabt, berall herausfand; eine
edle Regung in einem Menschen, eine bedeutende Idee in einer Dichtung, eine
Schnheit in einem Kunstwerk entgingen ihrem Auge nie; sie hatte wie einen
sechsten Sinn dafr. Darum war ihr Beifall und ihr Umgang vielen Dichtern
und Schriftstellern so unschtzbar, weil sich in Einem Kopfnicken, in Einem
zustimmenden Lcheln, in Einem leise hingeworfenen Worte _Elisens_ mehr
Verstndni und mehr tiefes Eingehen aussprach, als in mancher geistreichen
und wohlgesetzten Rede eines Andern. So sehr wie alles Hohe, Edle und
Poetische sie anzog, so sehr war ihr alles Rohe und Gemeine in tiefster
Seele zuwider; wenn sie gegen ein Buch, oder einen Menschen ihre Abneigung
erklrte, so konnte man sicher sein, da etwas Unschnes oder Geringes
an ihm war. Ihr Urtheil war im Ganzen sehr milde, aber durchaus fest und
entschieden; sie lie sich nie durch fremden Einflu bestimmen, sondern
schpfte es nur aus ihrem eigenen Geiste und eigenen Gefhl. Eine Dichtung
wrdigte sie nur als solche, allein vom sthetischen Standpunkt aus, ohne
sich je durch Partheircksichten dabei beschrnken zu lassen. Auf ihre
ganze Umgebung wirkte sie so mchtig, da Jeder, durch sie angefeuert,
seine edelsten Seiten herauskehrte, und was von Geist und Talent noch als
verschlossene Knospe geruht hatte, ihr gegenber zur schnsten Blthe sich
entfaltete.

Hiermit glauben wir einigermaen angedeutet zu haben, wie sehr _Elisa_
befhigt war, der Mittelpunkt einer anregenden und reizvollen Geselligkeit
zu sein, ein Talent, das leider immer seltener wird, und beinahe zu
verschwinden droht. Sie liebte es, da man bei ihr vorlas, und dann ber
das Mitgetheilte seine Gedanken austauschte. Wir nehmen aus dem Briefe
einer ihrer Freundinnen die folgende Schilderung jener schnen Abende bei
_Elisen_. Es bestanden damals Abendcirkel bei der geliebten Elise, an
denen sie uns viel, wenn ich nicht sagen will, fast immer Theil nehmen
lie. Es wurde dann vorgelesen, auch mit vertheilten Rollen, wie namentlich
Tasso, zu dem sie auch uns welche zutheilte. Dabei waren Henriette
Paalzow, dann eine wrdige, alte, geistreiche Dame, Frau von Aachen, der
alte Consistorialrath Mller, zwei Offiziere, Lieutenant Hoffmann und
Lieutenant Rrdantz, und noch einige Andere, so wie berhaupt dieser Cirkel
kein streng abgeschlossener war, und Ltzow, so wie noch mehrere
ganz heterogene Elemente, den Thee mit dabei tranken, und darauf in
abgesonderter Unterhaltung und abgercktem Platze den Abend auf ihre Weise
auch da verlebten. -- Sie, die liebliche Sylphe, mit den treuen, blauen
Augen, den blonden, klaren Locken, den zarten, durchsichtig weien, feinen
Hnden, war die Seele der kleinen Versammlung, und wenn wir uns spt von
ihr trennten, und bei Sternenhimmel und Mondenschein der kleine Schwarm
heimzog, so war es immer noch in Begeisterung und im Nachhall der schnen
Stunden, die wir bei ihr zugebracht, was Eins vom Andern hrte, bis wir
uns allgemach auf dem Heimwege von einander abgetrennt hatten. Das war eine
liebe, unvergeliche Zeit!--

Ein seltsames Miverstndni war es, da, als im Mrz 1819 Kotzebue von dem
Studenten Sand ermordet worden war, ein ganzer Zug von Mnsteranern, die
freilich nicht zum nchsten Umgang _Elisens_ gehrten, zu ihr kam, um ihr,
die sie an allen Dichtern ein so lebhaftes Interesse nhme, wegen dieses
Ereignisses ihr Beileid zu bezeigen. _Elisa_ mute lcheln, denn grade,
_weil_ sie die echten Dichter liebte, war ihr der rohe und gemeine Kotzebue
immer zuwider gewesen!--

Im Frhjahr 1819 verlie Adele von A. mit ihrem Gatten Mnster, um es
gegen Knigsberg zu vertauschen. _Elisa_ trat nun mit ihr in eifrigen
Briefwechsel, wie sie berhaupt mit allen ihren entfernten Freunden in
bestndiger Beziehung blieb. Sie vermite Adelens vertraute Nhe;
doch sollte bald darauf eine andere Erscheinung in jenen Kreis voll
Empfnglichkeit fr alles Schne und Gute, voll Geist und Leben treten, und
dieser schnen Geselligkeit einen neuen Reiz geben; es war dies ein junger
Dichter in der ersten Frhlingsfrische seines Daseins, sich des Genius noch
kaum ganz bewut, der eben erst in ihm seine Schwingen zu regen
begann. Karl Immermann, geboren 1796 zu Magdeburg, war, nachdem er bei
Belle-Alliance den Kampf fr das Vaterland mitgekmpft, 1817 in den
Staatsdienst getreten, und nachdem er bis 1819 als Referendar in Magdeburg
und Gro-Aschersleben gearbeitet, als Auditeur nach Mnster versetzt
worden.

Der erste Anla der Bekanntschaft war ein geschftlicher. Bei den
verwirrten Vermgensverhltnissen des Grafen Friedrich, erhielt _Elisa_
weder ihr mtterliches Erbtheil, noch die ihr von ihrem Vater verheienen
Einknfte ausgezahlt, und in diesen widrigen Angelegenheiten, die sich
jahrelang schon hingezogen hatten, bedurfte _Elisa_ des Raths und der Hlfe
eines Rechtskundigen. Der junge Auditeur schien hiezu vorzglich geeignet,
und wurde ihr zugefhrt.

Gleich bei dem ersten Besuche war dieser von der neuen Erscheinung, die
sich ihm in der reizenden Dame zeigte, wie geblendet und berauscht. Er
hatte bisher in ziemlich engen und beschrnkten Verhltnissen gelebt, nie
war ihm eine Frau vorgekommen, die auch nur entfernt an diese heranreichte.
Alle die Eigenschaften, welche wir an ihr geschildert, muten ihn
unwiderstehlich zu ihr hinziehen; er glaubte das Ideal seiner Trume
verwirklicht zu sehen. Nie hat Tasso mit mehr Bewunderung und Liebe zu der
Prinzessin von Este aufgeblickt, als Karl Immermann zu _Elisen_. Dieser
Vergleich liegt uns um so nher, da _Elisens_ Freunde sie hufig der
edlen Leonore hnlich fanden; sie hatte dieselbe feine, vornehme Seele, den
milden Ernst, die mondscheinartige Schwermuth, die sanftglhende Innigkeit
wie jene, und die Hoheit ihres Wesens gebot zugleich Scheu, indem sie
anzog.

Immermann hatte wohl schon auf der Universitt seine ersten dichterischen
Versuche gemacht, aber hier in Mnster erst, in so begeisternder und
frdernder Nhe, erwachte in ihm mchtig die Lust zum dichterischen
Schaffen, und in rascher Folge entstanden in den vier Jahren, welche er in
Mnster zubrachte, unter den Augen _Elisens_ die Gedichte Jung Osrik und
das Requiem, das Lustspiel die Prinzen von Syracus, die Trauerspiele
das Thal von Ronceval, Edwin, Petrarca, eine Sammlung Gedichte
und der viel zu wenig bekannt gewordene Roman die Papierfenster eines
Eremiten, in dem die Seelenzustnde eines feurigen, jungen Herzens mit
groer Wahrheit geschildert sind. Dann dichtete er das Trauerspiel Knig
Periander und sein Haus, das Lustspiel das Auge der Liebe und endlich
die feine und geistvolle Novelle, der neue Pygmalion.

Er selbst war nicht weniger als seine Freunde erstaunt ber diese
pltzliche Productionskraft, die wie ein neues Glck ber ihn gekommen war;
in zarten, lyrischen Ergssen, die er niemand zu zeigen wagte, feierte er
diejenige, welche durch ihre Anregung all diesen Reichthum in ihm geweckt
hatte, und in seine entzckte Dankbarkeit mischte sich der Schmerz, da sie
ihm so unerreichbar fern stand, noch ferner als Tasso'n Leonore.

_Elisa_ geno mit reiner Freude diesen Verkehr mit einem jugendlich
strebsamen Geiste, der sich so schn entfaltete. Ihre Gesellschaftsabende
nahmen einen noch lebhafteren Aufschwung als zuvor; oft las Immermann dort
mit seiner krftigen, wohltnenden Stimme aus Goethe, Kleist, Shakespear
und Calderon vor, und fesselte durch seinen ausdrucksvollen Vortrag;
dazwischen las er seine eigenen Werke, in denen er die Empfindungen seines
Herzens frei ausstrmen lie; die Gesprche, welche sich daran knpften,
waren fr den jungen Dichter von unbeschreiblichem Werth, und besonders
_Elisens_ Urtheil entscheidend fr ihn. Seine glnzenden Gaben kamen hier
zur schnsten Geltung; eine eigenthmliche Mischung von scharfem Verstand
und lebhafter Phantasie, eine liebenswrdige Erregtheit, gaben seiner
Persnlichkeit etwas ungemein Gewinnendes.

Adolf Stahr, in seiner vortrefflichen Biographie Immermann's, schildert uns
den Dichter, wie er ihn gesehen, als er bereits in den Vierzigen war, von
mittler Gre, aber stark und krftig gebaut, eine gedrungene, antike,
rmische Gestalt mit breiter Brust und starken Schultern, wie einer der
alten Imperatoren. Eine breite, hohe majesttische Stirn, sagt Stahr
weiter, von dem starken, dunkeln, schon hier und da in's Graue neigenden,
schlichten Haare mig beschattet, spiegelte eine gehaltene Hoheit und
Ruhe, welche durch die krftig geschlossenen Lippen und das scharf und
tief blickende Auge zu dem Charakter strengen Ernstes und fester
Entschlossenheit gesteigert wurde. Damals jedoch, wo _Elisa_ Immermann
kennen lernte, war er dreiundzwanzig Jahre, schlank und jugendfrisch, ein
poetischer Schmelz verklrte seine Zge, und aus den dunkeln, herrlichen
Augen strahlte Geist und Leben.

In dem Freundeskreis, der _Elisen_ umgab, mute sie umsomehr Trost suchen,
da die Betrachtung der allgemeinen Zustnde wenig Erfreuliches hatte.
Man mute sich eingestehen, da die Hoffnungen, welche man auf den
Befreiungskrieg gesetzt, nicht in Erfllung gegangen waren, dem Aufschwung
war eine Erschlaffung gefolgt, die verheienen Freiheiten nicht gewhrt
worden; die Ltzower besonders waren unzufrieden, und hatten Ursache es
zu sein, da man sie eher zurcksetzte, als nach Verdienst anerkannte.
-- Ltzow war oft verstimmt, und fhlte sich gekrnkt, Friedrich von
Petersdorff, den die Gegenwart so wenig befriedigte, da sein sehnlichster
Wunsch dahin ging, sich einmal mit seiner Familie in die tiefste Stille
auf's Land zurckziehen zu knnen, schrieb aus Memel klagend an _Elisen_:
Seit Friesen nicht mehr ist, sind Sie die Einzige, mit der ich die
alten Zeiten mit den neuen vergleichen kann. Das Ideal, das uns damals
vorschwebte, worauf wir mit graden Schritten loszugehn glaubten, das wir zu
erreichen gewi hoffen konnten, ist nicht allein weit entfernter von uns,
sondern sogar jede Hoffnung es zu erreichen verschwunden. -- Meine Idee
von der Menschheit Glck ist noch dieselbe wie damals in Breslau, wo die
Unterhaltung mit Ihnen darber mir viele herrliche Stunden bereitete, doch
bald nachher, noch in den ersten sechs Monaten, fand ich, da meine Idee
nur Wenige ansprach, und ich zog mich in mich selbst zurck, und lie
geschehn was ich nicht ndern konnte, ohne weiter Theil zu nehmen an dem,
was geschah. -- Wenn wir uns zu Zeiten einige Stunden sprechen knnten,
dann wre ich ganz glcklich, Elisa! Denn das ist, was mir hier ganz fehlt,
ein Freund oder eine Freundin aus jener Zeit der glcklichen Ideenwelt. Die
Zeit ist nun ganz vorber, der schimmernde Stern verlosch schnell, so sehr
schnell und bald, da er nur ein schnes Traumgesicht gewesen, aber Sie,
theuerste Elisa, sahen mit mir den Stern hell leuchten, und seine Strahlen
werden unsre Herzen bis in den Tod erwrmen.--

_Elisa_ fhlte mit dem Freunde, da die damaligen Zeiten verklungen waren,
hatte aber doch wirksame Worte des Trostes fr ihn, auf die er erwiederte:
Ihre Freundschaft macht mich unendlich glcklich, sie giebt meinem Leben
einen goldenen Schein der freudigsten Phantasie, durch den ich immer
in jenen Zeiten erhalten werde, wo die Hoffnungen zur Erreichung einer
allgemeinen Beglckung uns beseligten. Durch das Andenken an jene Zeit,
in welcher mir Ihre Freundschaft zuerst zu Theil wurde, schwindet die
allgemeine Gegenwart, und jeder Brief von Ihnen berzeugt mich, da,
obgleich werthlos fr's Allgemeine jene Zeit hinabgesunken, ist mir doch
ein kstlicher Juwel -- Ihre Freundschaft geblieben. Manchmal scheint es
mir, als htte ich in voriger Zeit getrumt, dann denke ich an Sie, an die
hohe Begeisterung, die sich in Ihnen aussprach, und ich fhle mich wieder
in die Wirklichkeit versetzt, die Ueberzeugung gewinnt neue Strke in mir,
da, wenn ich es auch nicht erlebe, doch einmal gewi die Zeit der
Wahrheit kommen wird. Ihr Blick strahlte diese Zuversicht in mein Herz,
die unvernderliche Verehrung fr Sie wird sie mir bis an das Ende meines
Lebens erhalten!--

Von allen Seiten trafen _Elisen_ in jener Zeit betrbende Eindrcke.
Von ihrem Vater erhielt sie nur wenig Nachrichten; er war ihr um so mehr
entfremdet worden, als er sich schon vor lngerer Zeit mit einer Frau
verheirathet hatte, die an Stand, Alter und Erziehung sehr verschieden von
ihm und wenig seiner wrdig war. -- Ltzow's Bruder Wilhelm verlobte
sich Ende 1819, und _Elisa_ konnte sich dabei einer stillen Wehmuth nicht
erwehren, weil sie richtig vorausfhlte, da die knftige Gattin fr den
Schwager wenig passen, und ihn schwerlich befriedigen wrde; doch konnte
sie damals noch nicht ahnen, da jene dazu bestimmt war, spter ihre eigene
Stelle einzunehmen!--

Im Jahre 1820 trafen von Johanna Motherby beunruhigende Briefe ein; die
leidenschaftliche Frau hatte ihren Gatten und ihre beiden Kinder verlassen,
um dem jungen Arzte _Johann Friedrich Dieffenbach_ nachzureisen, von dessen
eigenthmlich gewinnender Persnlichkeit sie in dem Grade bezaubert war,
da sie glaubte, nicht ohne ihn leben zu knnen. Viele ihrer Freunde
wandten sich in Mibilligung und Tadel von ihr ab, _Elisa_ aber, die ganz
andere Begriffe von Freundschaft hatte, bewahrte ihr nur um so treuer
ihre Anhnglichkeit, und erwies sich ihr um so eifriger hlfreich und
antheilvoll, da sie die Arme bedauerte, und dabei frchten mute, da das
neue Verhltni ein unglckliches Ende nehmen wrde.

Ein Vetter _Elisens_ aus Dnemark kam zum Besuch zu ihr, um sich in ihrer
Nhe Trost und Zerstreuung zu suchen gegen husliche Verdrsse, da er
im Begriff war, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Auch Henriette
Paalzow lebte in sehr unglcklicher Ehe.

So sah _Elisa_, Adele von A. ausgenommen, die in sehr beglckenden
Verhltnissen lebte, rings um sich her lauter unglckliche Ehen!--

Eine Reise, die sie mit Ltzow an den Rhein machte, dessen poetische Ufer
sie sehr liebte, gab einige angenehme Zerstreuung.

Im Herbst dieses Jahres bezog sie mit Ltzow das Wittig'sche Haus
in Mnster, ein ehemaliges Kloster, welches jetzt zur Dienstwohnung
eingerichtet war. Die ueren Mauern des alterthmlichen Gebudes waren mit
Statuen von Heiligen und anderer Schnitzarbeit verziert. Die inneren
Rume sahen ernst und feierlich aus; die hohen Fenster, die mchtigen
Flgelthren hatten etwas Schloartiges; _Elisa_ erschien darin wie eine
Ritterdame aus der alten Zeit. Sie besa ein besonderes Talent, sich ihre
Zimmer mit Sinn und Geschmack auszuschmcken. Man glaubte in eine schnere
Welt zu gelangen, sicher in eine, in der ein guter Genius waltete, wenn
man ihre Wohnung betrat. Dort lebte sie unter Blumen, Bsten, Bchern und
Bildern, umgeben von ihren Vgeln und Hunden, unter denen der groe, schne
Hector, vom Schlachtfeld von Belle-Alliance, eine Hauptperson war, meist
entweder an ihrem Schreibtisch oder dem Stickrahmen beschftigt, oder auch
lesend. Die holde Freundlichkeit, mit der sie jeden Besucher empfing, hatte
darum etwas so Herzgewinnendes, weil sie aus dem Herzen kam.

Einen zu ihrer Wohnung gehrenden Garten besorgte _Elisa_ selbst wie eine
Grtnerin, und die Blumen und Gestruche gediehen auf das schnste unter
ihrer Pflege; eine schattige Weinlaube vereinigte oft den Freundeskreis,
der sie umgab. Immermann erschien auch oft allein, da _Elisa_, die des
Englischen sehr kundig war, ihm in dieser Sprache Unterricht ertheilte;
in artigen, englischen Billetten schalt sie ihn aus, wenn er nicht
fleiig genug war, und er entgegnete ihr darauf in scherzhaften englischen
Gedichten. Ein deutsches Gedicht Immermann's aus jener Zeit an _Elisen_
theilen wir mit, das, am Todestage ihrer Mutter verfat, sie in zarter
Weise ber diesen Verlust zu trsten sucht. Es lautet:

  Die Blumen an eine trauernde Tochter, am 30.Mrz.

  Der fromme Schmerz zieht seine Nebelschleier
  Vor Deiner Augen himmelvolle Sterne,
  Ach, einer theuren Todten gilt die Feier,
  Die Wehmuth naht, Du hegst die Wehmuth gerne,
  Nun lichtet sich der Blick, nun wird er freier,
  Es dringet Sehnsucht in die weitste Ferne --
  Allein ermattet sinkt die Seele wieder
  Auf jenem den dunkeln Grabe nieder.

  Da treibt es _uns_, von unten aufzubringen
  Uns selbst zu Dir, und Trost zu Deinem Leid!
  Wir mchten Dir zu Brust und Herzen dringen
  Mit tiefster Treue ganzer Innigkeit!
  Uns hat ein Gott in seiner Liebe Ringen
  Zu frohen Boten immerdar geweiht:
  Da Leben schlgt und glht an jedem Orte,
  Und da der Tod ein Wort, wie andre Worte.

  Denn lagen wir nicht drftig eingefaltet
  Und stumm und bang in unserm kleinen Grabe?
  Denn waren wir nicht ganz und gar erkaltet,
  Vom feuchten Frost in unserm schaur'gen Grabe?
  Hat nicht das Schweigen rthselvoll gewaltet
  Auch ber uns, auch ber unserm Grabe?
  Nun sieh, wie dennoch Wrm' und Licht verbndet,
  Zu Farb' und Duft uns wunderbar entzndet!

  Und Farb' und Duft, sie wnschen auszusagen
  Die eine unbegreiflich hohe Kunde!
  Doch weil das Siegel unsre Lippen tragen,
  Kt Ahnung nur sie still von Blumenmunde,
  Die Welt hat keine Zeit zu Schmerz und Klagen,
  Der reichste Segen keimt aus schwerster Wunde.
  Wir tuschen nicht! Das ist nicht eitel Whnen!
  Die _Mutter_ trocknet Dir durch und die Thrnen.

Auch die folgenden Verse Immermann's gehren hierher:

  Nicht immer fllen
  Die schwebenden Horen
  Den Becher der Freude
  Mit frischem Wein!

  Dann geh zum Born
  Der heil'gen Erinnrung
  Und trinke Dir Muth
  Fr heut' und morgen!

Im Herbst 1821 reiste _Elisa_ mit Ltzow nach Berlin, wo sie alte Freunde
und Bekannte wiedersahen. Im Anfang des folgenden Jahres kam Johanna
Motherby nach Mnster, und ihr scharfer Blick entdeckte bald die heftige
Neigung Immermann's, die er bisher mglichst zu verbergen gesucht hatte,
und die _Elisa_ noch nicht in ihrem ganzen Umfang ahnte. Hier wren
zwei Menschen, die fr einander bestimmt seien, uerte Johanna in ihrer
lebhaften Weise, und beklagte, da die Verhltnisse sie trennten. Sie
selbst war damals von den leidenschaftlichsten Empfindungen zerrissen,
die durch die Trennung von ihren Kindern, und die mancherlei Hindernisse,
welche ihrer Verbindung mit Dieffenbach noch im Wege standen, veranlat
wurden.

Ltzow's Ernennung zum General, die im Jahre 1822 erfolgte, brachte in
_Elisens_ Verhltnissen keine Vernderung hervor.

Wir haben schon frher erwhnt, da die Charaktere von Ltzow und _Elisen_
eigentlich wenig zu einander paten, doch hatte letztere immer in dem
Gedanken Beruhigung gefunden, da sie an ihm einen treuen Freund bese,
der ihr von ganzem Herzen ergeben sei. Um so mehr wurde sie betroffen, als
Ltzow eines Tages mit einem alten Kriegskameraden plaudernd im Garten
sa und in ihrer Gegenwart darauf die Rede kam, da Ltzow, der anwesende
Freund und noch zwei andre Offiziere sich als junge Leute verabredet
hatten, sie wollten alle darauf ausgehen, reiche Frauen zu heirathen. Es
wurde davon ganz offenherzig und in etwas derben Scherzreden gesprochen und
zugleich erwhnt, da keiner von den Vieren sein Ziel erreicht habe, denn
zwei blieben unvermhlt, und die andern beiden waren in ihren Erwartungen
getuscht worden, indem sie mit ihren Gattinnen nicht so bedeutendes
Vermgen erhielten, als sie vermutheten. Zu diesen Letzteren gehrte auch
Ltzow, da ja _Elisen_ das ihr gebhrende Vermgen vorenthalten war.

Wie ein Stich in's Herz traf sie diese Entdeckung! Da solche Motive bei
Ltzow's Bewerbungen mitgewirkt, wie htte sie das je ahnen knnen! Und
hier hrte sie von ihm selbst dieses Gestndni, ohne Rckhalt, wie einen
lustigen Spa, der niemand verletzen knne! -- Welche andre Illusionen
hatte sie gehegt, als sie bei ihrem Vater so treu und bestndig diese
Verbindung durchgesetzt! So jung, so schn, so liebenswrdig und begabt,
und doch um des Geldes willen geheirathet! -- Eine so schmerzliche
Tuschung war schwer zu berwinden.--

Wir wrden Ltzow Unrecht thun, wenn wir glauben wollten, da nur ein
solcher Beweggrund ihn htte _Elisen_ erwhlen lassen, gewi erkannte
er ihre edlen Eigenschaften, aber schlimm genug blieb es immer, da ihr
Reichthum eine so groe Rolle dabei gespielt. Johanna Motherby und Adele
von A. scheinen die Einzigen gewesen zu sein, denen _Elisa_ ihr Leid
anvertraute. Trstend schrieb ihr die Letztere, den 16.November 1822:
Wehre dem Trbsinn! Fhlst Du es nicht, wie Dein eigentliches Sein und
Wesen gewi nur beglckt und darber jegliches andere Gut, das doch nur der
bloen Existenz wegen zu bercksichtigen bleibt, gnzlich davon abfallen
mu. Traute Elise, sei doch froh! -- In _Dir_ liegt ein reicher Schatz, Du
hast der kstlichen Gaben so viele -- und Du beglckst!--

Im Sommer 1823 machte _Elisa_ mit Ltzow eine Reise nach Bremen, bei
welcher Gelegenheit sie ihre alte Erzieherin wiedersah; diese wohnte
seit lngerer Zeit in Hamburg und war ihrem geliebten Zgling bis nach
Rothenburg entgegen geeilt. Wie sehr Marianne Philipi _Elisen_ schtzte,
geht unter anderem aus der folgenden Briefstelle hervor: Auch Du, meine
gute, fromme, sanfte Elisa, kannst hoffnungs- und vertrauungsvoll in die
Zukunft blicken, denn Du hast viel geliebt, viel gelitten, viel geduldet.
Das Geschick, indem es meine Kindheit und Jugend durch rauhe Wege fhrte,
verfuhr ernst mit mir, wodurch sich jedoch manches in meinem Innern
glcklicher fr mich entwickeln mute. Wenn die Vorsehung aus uns
unbegreiflichen Absichten einen andern Weg mit Dir ging, wer darf sich
erkhnen, sie zu tadeln? Auf den Hnden der Liebe in Deiner Kindheit
getragen, von den Menschen und dem Glck geliebkoset, verzrtelt, Dir
unbewut von tausend Gefahren umringt, mute das Leben eine ganz andre
Gestalt gewinnen, die Tuschungen des schnen Frhlingsalters Dir erst
spter entschwinden. Setze mich in Deine so vortheilhaft scheinende Lage,
ich wei nicht, was aus mir geworden wre, aber gewi keine sanft duldende,
gengsame Elisa.--

Das Jahr 1824 brachte nur dstre und verhngnivolle Ereignisse. _Elisens_
Vater, welcher trotz aller Bedrngni seiner Vermgensangelegenheiten
sein vergngungsschtiges Leben unverndert fortsetzte, war bei einer
Gesellschaft, die er am Geburtstage des Knigs von Dnemark bei sich
vereinigt hatte, von einem Nervenschlag betroffen worden, und man mute
ihn bewutlos von der Tafel forttragen; er erholte sich zwar wieder,
jedoch sehr langsam. Von seiner zweiten Gattin hatte er sich bereits wieder
getrennt.

Nun war auch der Zeitpunkt gekommen, wo Immermann Mnster verlassen mute,
da er als Kriminalrichter nach seiner Vaterstadt versetzt wurde. Mit
schwerem Herzen schied er aus _Elisens_ Nhe, gegen die ihm das prosaische
Magdeburg einen traurigen Contrast bieten mute. Er sollte von dort aus
einen Theil von _Elisens_ dnischen Vermgensangelegenheiten weiter fhren,
auerdem aber hatten sie ausgemacht, da sie sich wchentlich schreiben
wollten, und sich alles Interessante mittheilen, was ihnen begegnete. Wir
geben im Anhang Immermann's Briefe aus Magdeburg, die uns den Dichter in
frischer Jugendlichkeit zeigen, und schon jene Lust an der Poesie und
jene feine Beobachtung der Schauspielkunst bekunden, die er spter so
entschieden an den Tag legte. Auerdem tritt uns in diesen Briefen deutlich
sein Verhltni zu _Elisa_ vor die Augen, eine zarte Neigung, welche
niemals wagt, ber die Grnzen eines freundschaftlichen Gedankenaustausches
hinauszugehen.

Grade in jene Zeit, als dieser Briefwechsel zwischen Immermann und _Elisen_
stattfand, fiel ein Ereigni, welches letztere schmerzlich aufregte.
Ltzow, der leicht von unbedeutenden und koketten Frauen angezogen wurde,
hatte die Bekanntschaft einer jungen reichen Dame gemacht, welche ihm
auerordentlich gefiel, und deren Neigung er sich versichert zu haben
glaubte; in seiner Schwche und verliebten Verblendung ging er sogar so
weit zu uern, da er hier ein Glck vor sich she, das ihm ber alles
werth sei.

_Elisen_ war es nie in den Sinn gekommen, sich von ihrem Gatten zu trennen;
trotz der bittern Enttuschungen, die ihr durch ihn geworden, hielt sie
das Band, welches sie an ihn knpfte, fr ein unauflsliches. Als sie aber
seinen Wunsch vernahm, jene junge Dame heirathen zu knnen, erklrte sie
sogleich, sie wolle seinem Glcke nicht entgegen sein, und sich von ihm
scheiden lassen. Ltzow war gerhrt von solcher Gromuth und Entsagung,
aber so sehr erfllt von dem Reiz des neuen Verhltnisses, welches er vor
sich sah, da er _Elisens_ Vorschlag annahm.

Kein hartes, leidenschaftliches Wort fiel zwischen den Gatten vor; es
wurde alles mit uerer Ruhe und Wrde besprochen und berlegt; Ltzow
bat dringend, da _Elisa_ immer seine Freundin bleibe, da sie einen
fortwhrenden Briefwechsel unterhalten mchten, da sie ihm erlaube auch
ferner, wie er es bisher gethan, sich um ihre Geschfte in Dnemark zu
bekmmern.

_Elisa_ hatte keinen Augenblick geschwankt, Ltzow seine Freiheit
anzubieten, aber sie litt tief dabei, sie sah sich pltzlich verlassen und
heimathlos, und so fest, wie ihr Entschlu stand, fortzugehen, so wute sie
doch noch nicht, wohin sie sich wenden sollte. Ihr Leid einstweilen still
in sich verschlieend, scheint sie es damals noch keinem ihrer Freunde
mitgetheilt zu haben, und auch Immermann, ohne zu ahnen, was vorgegangen,
schrieb ihr noch lange unbefangen und harmlos wie bisher. Erst als sie
beschlossen hatte vorerst nach Dresden zu gehen, wo ihre Freundin Henriette
Solger als Wittwe lebte, scheint sie ihm ber diese Absicht und die Ursache
derselben einige unbestimmte Andeutungen gemacht zu haben, wie aus seinen
Briefen zu ersehen ist. Bald darauf gerieth Immermann durch die nhere
Mittheilung von dem Schicksal der geliebten Freundin in die grte
Aufregung; so sehr, wie er sie bedauerte, so hoffnungsvoll machte ihn
zugleich der Gedanke, da sie bald frei sein wrde; er schrieb ihr voll
Herzlichkeit, aber doch mit zarter Furcht, sie durch dringende Fragen zu
verletzen.

Gegen die Mitte des Augusts reiste _Elisa_ von Mnster ab, nicht ohne
Wehmuth einen Ort verlassend, an dem sie manche Freude, aber auch vielen
Kummer erlebt hatte. In Dresden wollte sie auer Henriette Solger wenig
Menschen sehen, da sie nach Einsamkeit und Stille verlangte; doch lie sie
sich von ihrer Freundin bei _Ludwig Tieck_ einfhren, wo er selbst sowohl
als seine Familie und die Grfin _Finckenstein_ ihr auf das freundlichste
entgegenkamen.

Wie sehr Ltzow von _Elisens_ Abreise erschttert war, mge der folgende
Brief beweisen, den er ihr von Mnster den 26.August 1824 schrieb: Meine
ewig geliebte Elise! Glcklich -- nein unglcklich bin ich hier angekommen,
und habe freilich alles -- nur Dich nicht gefunden. -- Besonders vermite
ich die Dir lieben kleinen Gemlde von Solger, seiner Frau, Friesen und
Wilhelm -- da sie Dir theuer sind, haben sie fr mich einen hohen Werth,
und krampfhaft fahre ich zurck, wenn ich die leeren Pltze sehe. -- Hector
ist viel bei mir, und freute sich mehr, mich wiederzusehen, als er sonst zu
thun pflegte, -- er stie mich mit der Schnauze und forderte Dich von
mir. -- Ein altes holsteinisches Schaustck, was ich zum Block an dem Tage
unserer Hochzeit gebraucht, findet sich auch wieder vor und macht einen
tiefen Eindruck auf mich. -- Unser Platz im Garten ist beinah wie eine
Laube zusammengewachsen, die Leute machen die Stege rein, und fast mchte
ich bse werden und fragen fr wen? -- Neulich war ich bei G.'s in Loburg,
es war Vogelschieen, ich erschien unerwartet und wurde ungewhnlich
freundlich aufgenommen; ich wollte in dieser Gesellschaft, die Dich so sehr
liebt, auf Dein Wohl trinken, ich vermochte es aber nicht, denn Thrnen
wrden mich erstickt haben; nur von der lustigen Stimmung der Gesellschaft
konnte meine innere Bewegung unbemerkt bleiben. -- Mein Urlaub nach
Kopenhagen ist angekommen. Auf jeden Fall erwarte ich vor der Abreise noch
ein Schreiben von Dir und schreibe noch einmal an Dich. Hast Du die Solger
wohl gefunden, bist Du ein wenig froh? Sei es ja -- und sei fest berzeugt,
da Dein Glck mein hchster Wunsch ist, und unter allen Umstnden bleiben
wird, sei offen und wahr gegen mich, ich werde es auch sein, denn es ist
nun einmal meine Natur so zu sein. -- Lebe ein wenig vergngt und schreibe
bald an Deinen Dich herzlich liebenden Mann Ltzow.--

Nachdem er seine Reise nach Kopenhagen, die er in ihren Angelegenheiten
machte, beendet, schrieb er ihr aus Mnster, den 26.Oktober 1824,
nachstehende Zeilen, in denen sich bereits die Reue ber sein Betragen
lebhaft ausspricht: -- Schlsser hat Immermann gesprochen; des ersteren
Brief hat mich einigermaen ber Dein knftiges Schicksal beruhigt. --
Deine Zufriedenheit wnsche ich von ganzem Herzen, diese zu befrdern, ist
mein hchster Wunsch, meine heiligste Pflicht; unendlich fhle ich, da
ich nicht immer so gehandelt habe, wie ich gesollt, aber die unglcklichen
Geldverhltnisse am Anfang unserer Verbindung, Vaterlandsliebe und Ehrsucht
zogen mich aus dem huslichen Verhltni strend in eine uere Welt. --
Mit Thrnen bereue ich die Art und Weise, wie ich Dich von Aachen in Kleve
eingefhrt habe. Vergieb mir! -- Nun noch eine Bitte; la Dich von dem
besten Maler in Dresden malen -- es koste, was es wolle, mir ist kein Preis
zu hoch -- und schicke mir Dein Bild, Dein ewig unvergeliches Bild! --
Schlsser wird Immermann in Magdeburg besuchen; ich erwarte ihn mit groer
Bewegung. -- Lebe wohl, glcklich, und gedenke Deines treuesten Freundes
mit Gte und Freundschaft. Adolph.--

Wie sehr das Andenken an _Elisen_ Ltzow ergriff, zeigt ein Schreiben von
Wilhelmine von G. an _Elisen_, aus Loburg, den 29.Oktober 1824, die,
noch nicht ahnend, da _Elisa_ von Mnster fr immer abgereist sei, sich
folgendermaen uert: Ehe Ltzow wegreiste, theilte er uns immer mit, wie
es Dir ging, er vermite Dich unendlich, dies war aus allem zu merken, er
war immer ganz ergriffen, wenn er von Dir sprach, so da ich scheute nach
Dir zu fragen, auch jetzt, als er nach Hamburg kam, war er ganz glcklich,
von mir zu hren, da Du wohl wrest, und er war kaum im Zimmer, als
er fragte: Was schreibt Elise? Ist sie vergngt? Ich konnte nicht
unterlassen, ihm Deinen Brief vorzulesen; am Ende sagte er: Nicht wahr,
sie ist vergngt und wohl? Nun, Du kennst ja seine Art, wenn ihn etwas
sehr interessirt; er war ganz weich und sprach immer ber Dich mit vieler
Liebe, ich htte ihn dafr kssen knnen. Zwar zweifelte ich nie an seiner
Liebe zu Dir, denn wer Dich kennt, mu Dich lieb haben, aber an Ltzow
sucht man so tiefe Empfindungen nicht, er gewinnt, je mehr man ihn sieht,
er hat ein herrliches Gemth, und bei mir hat er den Vogel abgeschossen,
nun ich sehe, wie wahrhaft er Dich liebt und jetzt vermit. Deine
Gesundheit haben wir oft getrunken, und Ltzow brachte sie immer aus.--

Von Ltzow's Gemthsstimmung geben die folgenden, auf einer Dienstreise
geschriebenen Zeilen ein deutliches Bild: Meine herzlich geliebte, hchst
seltene Elise! Mir geht es unter Pferden, Kuirassieren und Husaren viel
besser als es sein sollte! -- Nur selten schleiche ich fort, und Thrnen
mssen meinem zerrissenen Herzen in diesem Augenblick Luft machen. -- Nicht
was die Zukunft bringen wird, bekmmert mich, denn das fhle ich, da Dein
Glck _mglichst_ zu befrdern, meine _heiligste_ Pflicht ist, -- aber wie
habe ich Dich schon geqult, wie qule ich Dich noch in diesem Augenblick,
-- Deine zarte Gesundheit, wie habe ich sie nicht untergraben! -- Schreibe
mir doch ja mit der zurckkehrenden Ordonanz, wie Du Dich befindest,
und trste den, der _ohne Ausnahme_ in dieser Welt Dein treuester Freund
ist.--

Unterdessen war die Scheidung der beiden Gatten eingeleitet, und ihre
Trennung konnte nun niemand mehr ein Geheimni bleiben; Freunde und
Verwandte geriethen dadurch in Sorge und Bestrzung. Ltzow's Schwester,
die Grfin _Minona von Dohna-Wundlacken_, schrieb im ersten Schrecken
darber, nicht an ihren Bruder, sondern an _Elisen_ zu der sie ein
unbegrnztes Vertrauen hatte; ihr Brief aus Kslin, den 22.Dezbr. 1824,
zeigt wie sehr sie die Schwgerin liebte und anerkannte. Es heit darin:
Ich hre durch Briefe meiner Brder, die ich eben empfange, Du seist noch
in Dresden, es wre auch mglich Du kmest nach Berlin. Zu gleicher Zeit
giebt man mir Nachrichten von Gerchten, welche mein Herz zerreien, und
mit innigem Schmerz und Betrbni die Seele erfllen. Ein dichter Schleier
umhllt noch das Ganze, nur mit banger Besorgni bin ich befangen, ich
bitte Dich um Gotteswillen, reie mich aus dieser tdtlichen Ungewiheit;
mein treuer Dohna theilt meinen Jammer, er bittet mit mir, Dich doch uns
anzuvertrauen, und doch recht treu und wahr Dich gegen mich auszusprechen;
Du weit ja, meine theure, einzige Elisa, wie innig ich Dich liebe, schtze
und verehre, Du weit, da ich nicht einseitig denke, Du weit, wie ich
Dein Verhltni mit Adolph kenne, und wie ich es beurtheile -- Du weit,
wie sehr wir Alle Deine Vorzge und herrlichen Eigenschaften zu schtzen
wissen, Du weit, wie hoch ich Dich stelle, und wie ich Dein vorzgliches
Benehmen gegen Adolph zu wrdigen wute. Ich wei, da Dir der Himmel in
den Jahren Deiner Verbindung mit Adolph harte Prfungen und ein schweres
Loos auferlegte, mit Bewunderung sah ich, wie schn, zart, liebevoll
und nachsichtig Du das Band hieltest, welches ich durch gegenseitiges
Reiferwerden immer fester geknpft glaubte; was kann Euch lieben Menschen
bewegen, bestimmen, ein Band zu lsen, eben jetzt, wo, jemehr man in die
Zukunft blickt, Ihr Euch immer mehr und mehr bedrfet? Ich bin trostlos
ber die Mglichkeit dieses Gedankens! Kleine Verirrungen, unbedeutende
Miverstndnisse knnen doch nur die Veranlassung zu demselben gegeben
haben! Ich bitte Dich himmelhoch, geliebte Elisa, berlege diesen wichtigen
Schritt; knntest Du glcklich, ruhig und zufrieden werden? Gedenke doch
der Zeit, wo Du Dich Deinem Manne mit so vieler Aufopferung hingegeben
hast, wie Du ihn liebtest und bewundertest! Sollte der Arme nicht mehr
derselbe sein? Sollte er Dich jetzt nicht mehr verdienen, Deiner nicht mehr
wrdig sein? Wolltest Du ihn verlassen, da Ihr endlich im Hafen der
Ruhe seid, und so glcklich leben knnt? -- Zwei so edle Naturen, so
ausgezeichnet, und ich mchte sagen, doch fr einander geschaffen!
Geliebte, einzige Elisa, flehentlich bitte und beschwre ich Dich, sag' mir
ein trstliches Wort, und gieb mir Klarheit. -- Schreibe mir doch gleich,
und halte Dich der treuesten, unwandelbarsten Gesinnungen berzeugt, mit
welchen ich ewig bin und sein werde, Deine treue, Dich innig liebende
Minona. -- Alle, welche in die nheren Verhltnisse eingeweiht waren,
erkannten _Elisens_ uneigenntzige Handlungsweise und bedauerten sie,
whrend sie Ltzow's Benehmen mibilligten. Du hast edel gehandelt, meine
Elisa, schrieb ihre Jugendfreundin Fanny Harward, und so wie ich es von
Dir erwarten konnte. Du hast das grte Opfer gebracht, welches eine Frau
bringen kann, Du hast alle Befriedigung und Dein ganzes husliches Glck
aufgegeben, um das Glck dessen zu sichern, der vierzehn Jahre der Gefhrte
aller Deiner Sorgen und Freuden war. Der groe, uneigenntzige Charakter
meiner Elisa erscheint mir in einem noch hheren Glanze als bisher, whrend
der von Ltzow, ich kann es nicht lugnen, in meinen Augen gesunken ist.
Es ist unbegreiflich, da er ein solches Opfer annehmen, da er sich
entschlieen konnte die Gattin seiner Jugendtage, die Erwhlte seines
Herzens freiwillig ihr Glck opfern zu lassen, um das seinige zu sichern.
Wre er noch in dem Alter jugendlicher Leidenschaften, so drfte man ihn
eher entschuldigen, aber er ist ein Mann, der mehr als vierzig Sommer
dahinschwinden sah, und im Stande htte sein mssen, eine Leidenschaft zu
beherrschen, die so schnell eine schuldige wurde. Er htte sich bestreben
mssen, sie in ihrem Beginn zu ersticken, anstatt sein, Dein und _ihr_
Glck auf's Spiel zu setzen.--

Liest man die Briefe von Ltzow, so wird man vershnt durch seine Reue;
er schrieb an _Elisen_ aus Mnster, den 24.Februar 1825: Wenn ich lange
nichts von Dir erfahre, wird mir immer so bange. -- Eine Vernderung des
Aufenthalts wnsche ich mir sehr, und denke sie zu erhalten. -- Dein Glck
ist mein einziger Wunsch, wenn ich wei, da Du es bist, habe ich meine
Ruhe wieder, meine zerreienden Gewissensbisse schweigen, denn ich bin
zu wahr, um mich selbst zu betrgen. -- Aus Mitleid gegen mich sei
glcklich!--

Adele von A., die liebevolle, zrtliche Freundin, schrieb _Elisen_ aus
Keimkallen, den 24.Februar 1825: Ich hatte, wie Du es vermuthest, schon
etwas von dem gehrt, was Du mir nun selbst geschrieben. Mein Herz war mit
groer Betrbni erfllt, und ich konnte es nicht glauben, was das Gercht
sagte -- nun ist es dennoch wahr! -- Ach, denke es doch nicht, Geliebte,
da dieser Schritt, den Du gethan, uns bewogen htte, lieblos ber Dich
zu urtheilen. Auch nicht einen Augenblick! Wir kennen ja Dich, und Du
hast gehandelt nach langen Kmpfen und bester Einsicht. -- Mir ist es sehr
wehmthig, wenn ich daran gedenke, und die Versicherung, die Du mir giebst,
da Deinerseits kein anderer Grund ist, als der, den Du nennst, und den
ich von ganzem Herzen ehre, giebt mir einen groen Trost, und eine rechte
Freudigkeit. Du liebe Elise, wenn dies doch klar und deutlich der Welt vor
Augen stehen knnte, was Dich bewogen -- und Du verbietest es zu nennen!
Ich erkenne darin Dein edles Herz. -- Wie ist es denn mit Ltzow, und
ist er noch in Mnster? Und glaubst Du, da er hoffen darf, und es auch
wirklich seine Absicht ist, das Ziel seiner Wnsche zu erreichen?--

_Elisens_ Onkel, von Hedemann-Heespen, bat sie sogleich zu ihm auf sein Gut
zu kommen, und ganz bei ihm zu leben. Zugleich schrieb er ihr bei dieser
Gelegenheit aus Deutsch-Nienhof, den 1.Mrz 1825: Nicht leicht htte eine
traurige Nachricht mir unerwarteter kommen knnen, als wie die, die Du,
meine beste Elisa, mir mitgetheilt hast. Auch nicht die entfernteste Ahnung
habe ich von einem solchen Stand der Dinge zwischen Dir und Ltzow gehabt.
Wie wre dies auch mglich gewesen, keinem Andern wie Dir selbst, wrde ich
es geglaubt haben. Noch immer kann ich den Gedanken nicht fassen, und mir
als mglich denken. Ein Mann wie Ltzow, der ber die Jahre der Jugend
hinaus ist, der nach allen seinen Aeuerungen ein so richtiges Gefhl
von Ehre besitzt, der einen so Zutrauen einflenden, offnen und
biedern Charakter zu haben scheint, ein solcher Mann knnte eine solche
unwiderstehliche Leidenschaft fr eine Andere fassen, da er seine Frau,
die seine eigne Wahl ist, mit der er bereits vierzehn Jahre glcklich
gelebt, die ihm keine Veranlassung zu Miverhltnissen gegeben, ohne allen
andern Grund verstoen knnte, als um eine Leidenschaft zu befriedigen, der
Welt auch solches rgererregendes Schauspiel, als eine Ehescheidung ist,
zu geben. Mit kaltem Blut knnte dieser Mann seine Frau, die er doch frher
geliebt, unglcklich machen und wissen? Die ganze Sache ist mir wie ein
unglcklicher Traum, von dem mir die Wirklichkeit ganz unmglich scheint.
Was hast Du gute, arme Seele, denn verbrochen, da das Schicksal Dir so
hart mitspielt, da Du, die Du so viele Erwartungen von der Welt zu hegen
berechtigt warst, nun isolirt und verlassen darin stehen sollst? Ich
bedaure Dich von ganzem Herzen, meine beste, gute Elisa, und um so mehr,
da Du nach Deinem Briefe Ltzow noch zu lieben und zu achten scheinst. Hast
Du, gute, liebe Seele, Dich nicht bereilt, indem Du ihm zu rasch seine
Freiheit angeboten? Htte ich nur irgend etwas der Art ahnen knnen, ich
zweifle fast nicht, da es mir geglckt wre, Ltzow hier zu bewegen, so
da alles wenigstens wieder in ein ruhiges Geleise gebracht wre. Ist denn
wirklich alles schon zu spt, und sind die Schritte, die zu Eurer Trennung
geschehen, nicht wieder rckgngig zu machen?--

Auch Ltzow's Brder fhlten sich gedrungen _Elisen_ zu schreiben. Leo von
Ltzow's Brief aus Berlin, den 23.Mrz 1825, lautet: Die Nachricht, da
Sie, liebe Elisa, sich von Adolph zu trennen beabsichtigen, hat mich sehr
erschttert, und betrbt mich ernsthaft. Ueber dem Zusammenhang dieses
Vorgangs liegt fr mich noch ein solcher Schleier, da ich ihn immer noch
nicht zu beurtheilen vermag. Ich habe die Hoffnung gehegt, da vielleicht
augenblickliche Verstimmungen die Veranlassung wren, und da sich noch
alles wieder einrichten wrde, und noch jetzt mchte ich diese Hoffnung
noch nicht ganz aufgeben. Ich habe mich an Adolph gewendet, und um
Aufschlu gebeten, seine Briefe sind voller Achtung und Herzlichkeit fr
Sie, liebe Elisa, aber ohne mir Klarheit zu gewhren. Ich gestehe, da das
Dunkel, welches ber dieser Angelegenheit liegt, die Veranlassung gewesen
ist, da ich Ihnen bis jetzt nicht geschrieben habe, ich glaube es Ihnen
aber schuldig zu sein, da ich Ihnen endlich meinen herzlichen Antheil
bezeige, und Sie bitte, von meiner Achtung und treuen Anhnglichkeit
berzeugt zu sein. Meine Frau ist mit mir von der ganzen Sache innig
ergriffen. Seien Sie berzeugt, da Bertha und ich, da wir beide fr Sie
immer recht wahrhaft freundschaftliche Gesinnungen gehabt haben, vielleicht
mehr als Sie hin und wieder geglaubt haben, und seien Sie berzeugt,
da die gegenwrtige, traurige Verwicklung in unseren Gesinnungen nichts
ndert. August wollte Ihnen schreiben, vielleicht haben Sie seinen Brief
schon bekommen, von Wilhelm werden Sie Briefe gehabt haben. Welchen
herzlichen Antheil Minona an dem ganzen Vorgang nimmt, und wie sehr
Dohna diesen Antheil theilt, hat sie Ihnen selbst ausgesprochen. Da Ihre
Gesundheit gelitten haben mu, ist sehr natrlich; sehr wnsche ich, da
das herannahende Frhjahr vortheilhaft wirken mge. Ich bitte sehr, da Sie
mir sagen, welche Absichten Sie fr die nchste Zukunft haben. Seien Sie
berzeugt, da wir uns sehr freuen werden, wenn Sie vielleicht nach Berlin
kommen wollten, und da wir Sie mit der alten Herzlichkeit aufnehmen
werden.--

August von Ltzow schrieb _Elisen_ aus Potsdam, den 27.Mrz, 1825 die
folgenden anerkennenden Zeilen: Es ist mir Bedrfni wenigstens in wenigen
Worten mich ber den von Ihnen und meinem Bruder gefaten entscheidenden
Entschlu, der von der ersten Zeit an, wo ich ihn in Erfahrung gebracht,
ein sehr hufiger und sehr schmerzlicher Gegenstand meiner Gedanken gewesen
ist, gegen Sie auszusprechen, indem bei der groen und gewi von allen
Mitgliedern der Familie anerkannten Schonung und Standhaftigkeit, mit
welcher Sie von jeher manche Eigenthmlichkeit meines Bruders ertragen
haben, und da Adolph uns ihr Andenken jetzt wiederholentlich auf das
lebhafteste anempfohlen hat, meine Anhnglichkeit gegen Sie bei diesem
betrbenden Ereigni unverndert geblieben ist. Erlauben Sie mir daher
Ihnen hierdurch meine innige Theilnahme ber die Sie betroffenen Fgungen
des Himmels zu bezeugen, und Sie zu ersuchen, mich ferner mit Ihrer
Freundschaft beglcken zu wollen. -- Hchst glcklich wrde es mich
machen, wenn ich je Gelegenheit haben sollte, Ihnen meinerseits Beweise der
fortdauernden hohen Achtung, welche ich sowohl, als alle meine Geschwister
stets fr Sie hegen werden, geben zu knnen, und bitte ich Sie instndigst,
es nicht zu verabsumen, wenn Sie Ihrerseits dazu auf irgend eine Weise
jemals Veranlassung geben knnen. -- Mir von Ihrem ferneren Ergehen
Nachricht zu verschaffen, werde ich gewi jede Gelegenheit benutzen. Zum
groen Trost wrde es gewi allen Mitgliedern der Familie gereichen, wenn
Sie darber von Zeit zu Zeit etwas an einen von uns Geschwistern mittheilen
wollten, in so fern Sie sich nicht eben entschlieen sollten, uns in der
Nhe Ihren Wohnsitz aufzuschlagen, was uns gewi allen sehr angenehm sein
wrde. -- Ich sage Ihnen herzlich lebe wohl. Die Erinnerung an so viele
Gegenstnde der Vergangenheit und die Zukunft erregt mich in diesem
Augenblicke zu lebhaft, als da ich Ihnen mehr sagen knnte. Meine
Frau, welche meine Gefhle ganz theilt, empfiehlt sich Ihnen auf das
herzlichste.--

Whrend die geschiedene Frau so von allen Seiten Beweise der Zuneigung
und Achtung erhielt, bat Ltzow _Elisen_ ihn mit ihren Verwandten in
gutem Einvernehmen zu erhalten. Als ihr Vetter _August von Hedemann_, der
nachherige General, ihm nicht geantwortet hatte, schrieb Ltzow _Elisen_
aus Mnster, den 31.Mrz 1825: August Hedemann hat mir nicht geantwortet;
ich will mich nicht entschuldigen, ich thue es bei mir selbst nicht, ich
bin nicht ganz schlecht -- aber ein Mensch, und es ist unser Schicksal, da
die verschiedensten Gefhle uns peinigen. Ich erbitte mir von Deiner Gte
seine Freundschaft zurck. -- Ewig werde ich Deinen Werth fhlen, achtend
anerkennen, kein Miton regt sich in mir, nur die herzlichste Theilnahme,
die unwandelbarste Freundschaft. -- Unterdessen fuhr Ltzow fort,
_Elisens_ Geschfte weiter zu fhren, und zum Weihnachten und den
Geburtstagen schickten sie sich regelmig einander Geschenke.

Im Laufe des Sommers reiste _Elisa_, um sich etwas zu erholen, da ihre
Gesundheit sehr gelitten hatte, mit Fanny Harward, und einer befreundeten
Familie von Dresden nach Ems und Schlangenbad. Wieder eine Badereise mit
der Jugendfreundin, aber siebzehn Jahre lagen dazwischen, damals war sie
voll froher Hoffnung, jetzt resignirt und freudlos!--

In diese Zeit fllt ein Brief von _Elisens_ Onkel Hedemann-Heespen aus
Deutsch-Nienhof, den 4.August 1825, in dem es heit: Von Ltzow wei ich
nichts; wie Du weit, habe ich ihm auf seine mir gemachte kurze Anzeige
geantwortet; nachdem hat er nicht wieder geschrieben. -- Seid Ihr denn
nun frmlich geschieden? und hat Ltzow schon Schritte zu einer neuen
Verbindung gemacht? Wre das erstere, so wnschte ich fr Dich das
letztere, und da es ihm damit glcken mchte, damit jeder die wahre
Veranlassung erfhre, und es nicht lnger in der Willkr eines Jeden liegt,
eine Auslegung zu machen wie er will. Ein kluger General sondirt doch wohl
vorher das Terrain, auf dem er seinen Angriff zu machen gedenkt, bevor er
Schritte unternimmt, die nachher nicht zurck geschehen knnen; man sollte
daher von ihm glauben, da dieses von ihm schon lngst geschehen sei, er
seines Sieges gewi war, bevor er die Scheidung veranlate. Da er fr Dich
nach besten Krften sorgt, ist seine Pflicht, und das Wenigste, was er fr
Dich thun mu. Thte er auch dieses nicht mal, so wrde er alle Achtung in
den Augen jedes redlich Denkenden verlieren.--

Whrend dem war schon den 22.April 1825 die Publikation des
Scheidungserkenntnisses erfolgt, dessen Grnde lauteten: Obgleich diese
Ehe anfnglich glcklich war, so ward doch der eheliche Friede spterhin
durch verschiedene Ansicht von der Welt und dem menschlichen Leben gestrt.
-- Keinem Theil ist ein Uebergewicht der Schuld beizulegen. Beiden Theilen
ist die Wiederverheirathung in unverbotenen Graden gestattet.--

Die Freunde bedauerten, da _Elisa_ aus zarter Schonung gegen Ltzow den
Wenigsten die Ursache ihrer Scheidung mittheilte, und durften mit Recht
frchten, da Fremde sie sich anders auslegen mchten. Wre es doch erst
klar, schrieb Adele von A. aus Keimkallen den 30.November 1825, wehalb
dieser Schritt geschehen; ich wollte viel darum geben, wenn alle Welt es
wissen knnte, weshalb es so gekommen.--

_Elisa_ war lange unentschlossen, welchen Wohnort sie whlen solle; es war
ihr alles gleichgltig, sie wnschte nur Ruhe und Stille. Nach beendigter
Badereise, ging sie endlich nach Magdeburg, mit der Absicht, sich dort in
der Nhe der Stadt ein kleines Landhaus zu kaufen. Immermann begrte
die geliebte Freundin, die ihm nun unter so ganz andern Verhltnissen
gegenberstand, mit tausend Freuden; er machte sie mit seiner Mutter und
seinen Brdern bekannt, die sich ihr freundlich anschlossen. Auer diesen
wollte sie aber niemanden sehen; niemand kannte sie dort, die Wenigsten
wuten wer die verschleierte Dame sei, die man nur flchtig auf der
Strae gesehen hatte. Sie machte mit Immermann im Herbst in den schnen
Octobertagen noch einen Ausflug nach dem Harz, und bezog, nach Magdeburg
zurckgekehrt, da der Ankauf eines Landhauses noch nicht erfolgt war,
einstweilen eine Wohnung in der Stadt.

In jener Zeit lie _Elisa_ ein junges Mdchen aus Hamburg zu sich kommen,
die sie sich zur Gesellschafterin erwhlt, und wie eine Pflegetochter
behandelte. Dieses Mdchen war eben erwachsen, und trotz groer
Verschiedenheit wollte man doch in ihren Gesichtszgen manche Aehnlichkeit
mit denjenigen _Elisens_ erkennen. Wer war sie? Wo kam sie her? War da
nicht ein geheimnivoller Zusammenhang? so fragte man neugierig, selbst im
Kreise der Bekannten. Wie viele Mhrchen wurden da nicht ersonnen, und bald
flsterte man sich zu, da man hier wahrscheinlich eine natrliche Tochter
der Frau Generalin von Ltzow vor sich habe, die vielleicht gar den Anla
zu der Scheidung von ihrem Gemahl gegeben! -- Wie falsch dies war, zeigt
unter anderem eine Briefstelle Ltzow's, in welcher er erwhnt, sie habe
sich des jungen Mdchens so gromthig angenommen, und dann hinzufgt:
Wie bleibst Du Dir doch immer gleich, selbst hlflos, findest Du einen
Trost, Andern beizustehn!--

Der Zusammenhang war folgender: _Elisens_ Vater hatte mit einer Schwester
von Marianne Philipi, welche auf dem Trannkijrschlosse eine Stelle als
Wirthschafterin vertrat, ein Liebesverhltni gehabt; sie gebar eine
Tochter, und _Elisa_ war gleich so gromthig gewesen, ihrer wrdigen
Erzieherin zu versprechen, da sie sich dieses Kindes, dieser Tochter ihres
Vaters, annehmen wolle. Man ertheilte ihr die sorgsamste Erziehung, und
als sie herangewachsen, nahm _Elisa_ sie in ihre Nhe. Sie uerte sich nie
ber die Herkunft des Mdchens, und lie sich lieber falsch beurtheilen,
als da sie andre angeklagt htte.

Die belebende Nhe Immermann's war dasjenige, was _Elisens_ einsamem
Leben in Magdeburg den meisten Reiz darbot; sie war es wieder, die ihn zum
Schaffen anregte, und an allem Antheil nahm, was er dichtete. In jener Zeit
vollendete er die Uebersetzung von Ivanhoe, von der in den mitgetheilten
Briefen die Rede ist, dichtete Cardenio und Celinde, und schrieb die
Abhandlung ber den rasenden Ajax des Sophokles. Immermann hat spter im
dritten Bande der Epigonen _Elisen_ in folgender Stelle geschildert,
so wie sie ihm damals erschien: Es giebt nichts Erquickenderes, als den
Anblick einer groen, vornehmen Seele, welche das Unglck als etwas ihr
Gehriges, als das ihr von den oberen Mchten verliehene Eigenthum nimmt
und hinnimmt, whrend kleine Gemther sich gegen dieses Erbtheil unsres
Lebens unter Winseln und Wehklagen fruchtlos sperren. Johanna war ruhig,
selbst heiter. Sie verhehlte gegen Hermann nicht, da ihr Loos ihr fr
immer zerstrt zu sein scheine, aber, setzte sie hinzu, wie unendlich
wohler ist mir jetzt, wo ich die Brandsttte berschaue, als damals, wo ich
noch mit Rauch und Flammen unselig kmpfte! -- Ueber die Geheimnisse ihrer
unglcklichen Ehe, ber Medon's Charakter, und die pltzliche Wendung
seines Schicksals beobachtete sie ein strenges Stillschweigen. Einmal hatte
Hermann versucht, von weitem und in der bescheidensten Weise ihre Lippen
ber diese Dinge aufzuschlieen, war aber mit den Worten, da man von
unheilbaren Schden nicht reden msse, zurckgewiesen worden. Alle diese
sonderbaren Verwicklungen blieben ihm also tief zugehllt, und er brachte
von denselben nur in Erfahrung, was die Gerchte aus der Hauptstadt
meldeten.--

Whrend _Elisa_ ihrer Schwermuth nachhing, verlebte auch Ltzow in Mnster
keine frohen Tage. Die junge Dame, deren Gunst er so sicher zu sein
glaubte, lehnte seine Hand ab; auch seine Leidenschaft verrauschte dadurch
schnell, und nun in der Ferne _Elisens_ Werth doppelt empfindend, beklagte
er um so tiefer das Unglck, welches er ber sie und sich selbst gebracht
hatte. Trsten und aufrichten konnte ihn nur _Elisens_ Freundschaft, und
die bewahrte sie ihm auch getreulich aus aufrichtigem Herzen. Im Anfang des
Jahres 1827 starben schnell hintereinander seine beiden Brder August
und Wilhelm; auch diesen Kummer theilte _Elisa_ mit ihm, die ganz davon
ergriffen war.

Immermann wnschte feurig, sich mit _Elisen_ zu verbinden, aber diese
konnte sich zu einer zweiten Ehe nicht entschlieen. Wohl war sie dem
Freunde von Herzen zugethan, der betheuerte, nicht ohne sie leben zu
knnen, wohl war sie von seiner heien Liebe ergriffen, aber sie hatte nun
schon so viel Unglck erlebt, und konnte sich der bangen Vorstellung nicht
erwehren, da seine jetzt so heftige Zuneigung nicht immer die gleiche
bleiben wrde. Die sechs Jahre, welche sie lter war, als er, schienen
hierbei am wenigsten in Betracht kommen zu knnen, da Schnheit, Geist und
Liebenswrdigkeit dies wohl auszugleichen vermochten, aber _Elisen_ flte
diese Ungleichheit Bedenken ein, und dann -- war es eine Ahnung, war es
eine richtige Kenntni seines Charakters -- sie frchtete, ihm einstmals
eine Fessel werden zu knnen, und war von ihrer Verneinung nicht
abzubringen. Htte sie diese Scheu, der so edle Ursachen zu Grunde lagen,
berwunden, mehr an sich, als an den Freund gedacht, ihr Schicksal htte
wahrscheinlich eine glcklichere Wendung genommen!--

Als Immermann in jener Zeit grade die Ankndigung seiner Versetzung als
Landgerichtsrath nach Dsseldorf erhielt, bestrmte er _Elisen_ mit neuen
Bitten. Da verhie sie ihm dann endlich, ihm nach Dsseldorf zu folgen;
heirathen wollte sie ihn nicht, dagegen gaben sie sich aber gegenseitig das
Gelbni, da keiner von ihnen je eine andre Heirath eingehen wrde; dies
war die Bedingung, die _Elisa_ stellte, und die Immermann, da sie einmal
die Seine zu werden verweigerte, mit Freuden einging. _Elisens_ Nhe war
ihm mehr werth, als jede andere Verbindung; durfte er sie nicht zu seiner
Gattin machen, so war er doch halb getrstet in dem Gedanken, sie als seine
Freundin, seine Gefhrtin, seine Muse, an sich zu fesseln.

_Elisens_ ideale Ansprche an das Leben waren durch diesen Entschlu ganz
befriedigt, sie wurde ruhiger, nachdem sie ihn gefat hatte. Sie war
mehr phantastisch, als leidenschaftlich, sie dachte es sich schn, einem
begabten Dichter in solcher Art sein Dasein zu versen, mit zarter
Sorgfalt und antheilvollem Geiste, und nur fr ihn zu leben. Wie dachten
sie sich zu erheben ber alles Niedere und Gemeine, aus ihrer Umgebung
alles Widrige und Gewhnliche zu verbannen, und nur in der Natur, in Kunst
und Poesie, und in der Freundschaft ihre Befriedigung zu suchen! War es
nicht eine wrdige Bestimmung, die Leonore eines Tasso zu werden? -- Ein
neuer Sonnenschein verschnte _Elisens_ Tage, ihre Zge verklrten sich
in froher Hoffnung, ein neues Lebensglck schien sich ihr reizend
aufzuschlieen. -- Die Welt, und was die urtheilen wrde, kam ihr hiebei
durchaus nicht in Betracht; diejenigen, welche nicht fhig waren, eine
solche Freundschaft zu verstehen, konnten ihr gleichgltig sein, und von
ihren Freunden durfte sie gewi sein, da sie von ihr nur Edles und
Schnes voraussetzten. Da war auch nicht Einer, den ein so ungewhnliches
Verhltni irre gemacht htte! Der wrdige Consistorialrath Mller, die
streng sittliche Henriette Paalzow, alle Freunde und Freundinnen ohne
Ausnahme bewahrten _Elisen_ unverndert ihre Verehrung und Liebe. Auch
benahm sie sich so zart, so sicher, und so tactvoll, da Alle sie bewundern
muten.

Immermann ging im Anfang des Jahres 1827 an seinen neuen Bestimmungsort ab;
_Elisa_ reiste in Begleitung ihrer Pflegetochter nach Ems, und folgte ihm
dann mit dieser nach, die noch mehrere Jahre bei ihr blieb, und sich spter
verheirathete.

       *       *       *       *       *

Es war im August 1827, da _Elisa_ in Dsseldorf anlangte. Ein Landhaus,
das sie mit Immermann in dem freundlichen Dorfe Derendorf bezog, schien
ganz dazu geeignet, das stille Asyl eines Dichters zu sein. Ein groer
Garten, der es umgab, wurde von _Elisen_ anmuthig angepflanzt; bald
entfalteten eine Flle von Rosen darin ihre Pracht, alle Beete waren damit
eingefat, und am schnsten blhten sie unter des Dichters Fenstern. Zwei
Bsten, Plato und Aristoteles darstellend, schimmerten durch die
schattigen Gebsche. Eine hohe Weidornhecke, die Immermann spter in einer
Liebesscene seines Merlin verewigt hat, erglnzte in duftigen Blthen.
In zwei aneinanderstoenden Zimmern, die durch seine Bibliothek und
Mnzsammlung angefllt, und durch Gemlde, Kupferstiche, Statetten
und mancherlei Zierrathe geschmackvoll ausgeschmckt waren, und deren
harmonische Anordnung eine Frauenhand verrieth, berlie sich Immermann
seinen Arbeiten. Seine Erholungsstunden brachte er in den Rumen der
Freundin zu, bei der er immer Anregung und Erfrischung fand.

Dsseldorf hatte damals grade pltzlich einen frischen Aufschwung genommen,
den uns Immermann selbst in seinen Dsseldorfer Anfngen im dritten Band
der Memorabilien so vortrefflich geschildert hat. _Wilhelm von Schadow_
war Ende 1826 eingetroffen, und hatte die Stelle von Cornelius an der
Akademie bernommen. Mit ihm waren _Lessing_, _Hildebrandt_, _Sohn_,
_Mcke_ und _Hbener_ angelangt. _Bendemann_ und _Schirmer_ folgten bald
darauf. Eine neue Kunstepoche blhte unter Schadow's Leitung schnell empor.
Gemlde waren etwas Neues geworden, sagt Immermann in den Dsseldorfer
Anfngen, da die Baiern schon zwanzig Jahre frher die Galerie entfhrt
hatten; die inhaltreiche Conversation des Knstlers, der Menschen, Werke,
Welt gesehen hatte, war auch etwas Neues. All dieses Neue erhielt einen
pikanten Zusatz durch die Figuren der jungen hbschen, bescheidenen
Knstler, welche bloe Hlse und lange Brte trugen, und von denen der
Meister mit Sicherheit den spteren Ruhm vorhersagte.

Immermann fhlte sich wohl in diesem heiteren Kreis, dessen Arbeit auf die
Schnheit ging; er nahm Theil an der angenehmen Gesellschaft, die sich
in dem Schadow'schen Hause vereinigte. Er hatte eben Andreas Hofer
vollendet, und wurde bald zu neuem Schaffen angeregt; er schrieb 1828
das Trauerspiel: Kaiser Friedrich der Zweite, die Lustspiele: Die
Verkleidungen, und: Die schelmische Grfin, 1829: Die Schule der
Frommen, lie eine neue Folge der Gedichte erscheinen und einen Band
Miscellen. 1830 schrieb er sein Tulifntchen, dieses scherzhafte
Heldengedicht, das Heine einen epischen Kolibri genannt, dichtete die
Trilogie Alexis, und den phantastischen, tiefsinnigen Merlin, und
arbeitete an den Epigonen.

Unterdessen wurde der Kunstverein gegrndet, Lessing malte sein Knigspaar,
Bendemann die Ebrer im Exil, Sohn den Hylas, Hbener den Roland,
Hildebrandt Judith und Holofernes, Schirmer malte Landschaften, es war ein
reges Leben, das Immermann ein zweites Studentenleben nannte, aber kein
rdes, sondern ein phantasievolles.

Mit Schadow trat Immermann in lebhafte Beziehung; trotz der groen
Verschiedenheit ihrer Naturen zog ihn sein unlugbarer Knstlergeist
an, und wenn auch Schadow's eifriger Katholizismus spter das Verhltni
erkalten machte, so hrte Immermann doch nie auf, ihn zu schtzen, und
seine seltenen Verdienste zu wrdigen. Wie sehr dies der Fall war, beweist
folgende Stelle in den viel spter geschriebenen Dsseldorfer Anfngen.
-- Wir haben hier Groes werden sehen. Ein Mann kommt vor dreizehn Jahren
daher, gefolgt von fnf Schlern, die recht hbsche Sachen gemacht haben,
doch aber noch vllig unfertig sind. Er betritt ein fremdes Terrain, ohne
mchtige Verbindungen zu haben, er mu sich alles erst selbst schaffen.
Sein Gouvernement untersttzt ihn wohl, jedoch nur mig; keines Kniges
mchtiger Arm hlt ihn, stellt ihm die geniusentflammenden Aufgaben. Einen
Namen bringt er mit, genannt allerdings in der Kunstwelt, keineswegs aber
mit der Glorie allgemeiner Berhmtheit. Und nach dreizehn Jahren steht
er an der Spitze einer Anstalt, worin die Hunderte nun fast statt der
ursprnglichen Einheiten zhlen. Die Rume sind zu eng fr den Andrang,
der Ruf der Anstalt geht durch Europa, und zieht die Lehrlinge aus allen
Landen, bis zum hohen Norden hinauf, herbei. Die Werke der Schule zieren
Knigs- und Kaiserpalste, die Erben groer Reiche besuchen den Chef, und
treten zum Theil unter sein Dach. Der Kunstverein, der doch auch ohne ihn
nicht entstanden wre, hat jhrlich zwanzigtausend Thaler zu verwenden. Die
Schule sandte Kolonien aus nach Dresden und Frankfurt. Was aber noch mehr:
das Haupt wurde lngst von den Gliedern berflgelt, und dennoch lsen sich
viele der edelsten Glieder nicht ab, wohl wissend, da der Zusammenhang,
wie er war, ihnen auch noch jetzt fromme.--

Noch andere Gestalten traten in diesen Kreis; _Friedrich von Uechtritz_,
der liebenswrdige Dichter der Trauerspiele: Alexander und Darius, und
Rosamunde, der bald mit Immermann dessen literarische Interessen theilte,
und zugleich sich mit den Malern befreundete, denen besonders seine
Geschichtskenntnisse werthvoll und anregend waren; _Schnaase_ schlo
sich an als Kunstforscher und sinniger Kunstbetrachter, dessen Wissen und
combinatorischen Scharfsinn Immermann rhmend anerkannte.

_Elisa_ wollte sich anfnglich von aller Geselligkeit fern halten, aber
der frische Strom all dieses Wirkens und Genieens drang doch bis in ihre
idyllische grne Einsamkeit zu Derendorf, vielfach wnschte man in ihre
Nhe zu gelangen, und oft vereinigte sich Abends in ihren Rumen ein
auserlesener Kreis nherer Freunde: der Maler _Hildebrandt_, Uechtritz,
Schnaase, die Dichterin _Elisabeth Grube_, und manche Andere. Von der
letzteren sei hier ein Gedicht aus ihrem Liederkranz mitgetheilt, welches
_Elisen_ und Immermann anmuthig schildert:

  Der Baum.

  Die hohe Frau, die mir gebeut,
  Schaut auf zum Blthenbaum,
  Der seine duftigen Flocken streut
  Auf einer Wiese Saum,
  Und Jedem, der vorber geht,
  Mit weien Fahnen Gre weht.

  Wie ist der Baum so wunderschn!
  Wie freudenreich sein Dach!
  Der muntren Vgelein Getn
  Ruft trge Kfer wach;
  Es schwirrt und girrt, es springt und singt;
  Ein Summen, Brummen rings erklingt!

  Froh spricht die Herrin: Mein Poet,
  Der Baum ist liedeswerth!
  Der hier, ein Frhlingswunder, steht
  Und Allen Lust bescheert;
  Wr' ich ein Musenkind wie Du,
  Dem Baum sng' ich ein Liedchen zu.

  Der Snger sieht allberall
  Der Herrin holdes Bild,
  Und von dem Schlag der Nachtigall
  Das Herz ihm berquillt;
  Beim Baum hat er an _sie_ gedacht,
  Zugleich ist dieses Lied erwacht.

  Wohl ist der Baum der Herrin Bild
  So hehr, so freudenreich!
  Wie jener tausend Wnsche stillt
  Mit einem Blthenzweig:
  So ist _ihr_ Lcheln Sonnenschein!
  So ist _ihr_ Lieben goldner Wein!

Bei _Elisen_, im traulichen Freundeskreise, fhlte sich Immermann stets am
wohlsten, und entfaltete voll froher Laune und heitren Geistes seine ganze
Liebenswrdigkeit. Er war befriedigt wie nie zuvor, und gewi wird jene
Zeit, die er in tglichem, beglckendem Verkehr mit der angebeteten
Freundin, in Ruhe und Stille dem dichterischen Schaffen hingegeben, und
von neuen Kunstanschauungen und belebendem Verkehr getragen, in Derendorf
zubrachte, die glnzendste seines Lebens genannt werden mssen. Alle Prosa,
ber die er so oft in Magdeburg geklagt, war pltzlich verschwunden,
er lebte in Wahrheit ein Dichterleben! -- Wenn ihn die Kritik mitunter
verstimmte, die ihm nicht immer die gewnschte Anerkennung gewhrte, wenn
ihn der Angriff von Platen rgerte, den er seinerseits erwiederte, so wute
ihn _Elisa_ doch immer zu erheitern. Nun sollte noch eine neue Wirksamkeit
fr ihn hinzukommen, die ihn ganz in Beschlag nahm; das Theater.

Die halbffentlichen Vorlesungen dramatischer Werke, die er zwei Winter
hintereinander vor einer groen Versammlung hielt, und die frmlich in
Dsseldorf Mode geworden waren, bildeten dazu eine Art Uebergang. Die Kunst
des Vorlesens, in der zuerst Tieck sich auszeichnete, und in der ihm bald
Holtei und Andere nachstrebten, diese Kunst, welche Immermann schon in
Mnster in _Elisens_ Abendgesellschaften so gern gebt, bildete er nun noch
weiter aus. Die befreundeten Maler hatten ihm ein Atelier eingerumt, das
man bemht war, mglichst wrdig fr die elegante Welt einzurichten und
zu erleuchten, dessen eigentliche Bestimmung aber doch lustig zu Tage
kam, durch die Zeichnungen, Cartons und Farbenskizzen, welche die Wnde
bedeckten, und das gute Einvernehmen anzeigten, in dem hier verschiedene
Knste neben einander gingen. Iphigenie, Blaubart, Wallenstein, Knig
Johann, Romeo und Julia, das Leben ein Traum, der standhafte Prinz, das
Dumchen, Hamlet, der Prinz von Homburg, der gestiefelte Kater, Knig
Oedipus, und Oedipus in Kolonos wurden dort von Immermann vorgetragen, mit
Kraft der Stimme, mit Feuer des Ausdrucks, mit mimischem Talent.

Bald entstand dadurch das Verlangen in ihm, nun auch dergleichen auf der
Bhne vorstellen zu lassen, in Wirklichkeit zu sehen, was hier nur in
idealen Umrissen sichtbar war. Es wurde ein Theaterverein gestiftet, und
mit einer Reihe von Mustervorstellungen Versuche gemacht, die Immermann,
untersttzt von seinen Freunden, der Dsseldorfer Schauspielergesellschaft
einstudierte. Das neugebaute, hbsche Theater kam ihnen hiebei vortrefflich
zu statten; fremde Knstler wurden aus der Ferne dazu herangezogen,
_Seydelmann_ kam um den Nathan zu spielen, _Weymar_ nahm an der Braut
von Messina und dem Andreas Hofer Theil. Uechtritz leitete die Proben
von Stille Wasser sind tief, und war thtig mit Rath und Hlfe; _Felix
Mendelssohn_ nahm sich der beiden Opern Don Juan und der Wassertrger
an; das meiste leitete Immermann selbst.

Schadow hatte ihm eine abgelegene, klsterliche Zelle auf der Akademie
zu den Leseproben abgetreten. Unter den Fenstern rauschte der Rhein, die
weien Wnde rthete die Frhlingssonne. Bei dem Klange der Wellen, in
dem rosigen Schein wurden da Sylben gemessen, Accente festgestellt,
die Schattirungen der Rede ausgearbeitet, sagt Immermann davon in den
Dsseldorfer Anfngen. Zu der Vorstellung des standhaften Prinzen
entwarf Schirmer die Ansicht von Fez, Hildebrandt stellte die
Ausschiffungs- und Kriegsgruppen, Felix Mendelssohn componirte die Musik,
zwei herrliche Sclavenchre, und zur Erscheinung des Geistes einen ganz
eigenthmlichen Marsch, der wie aufgelste katholische Kirchenhymnen
klang. So reichten sich alle Talente freundschaftlich die Hnde zu einem
schnen Ganzen. Der Erfolg war berraschend.

Man ging nun weiter; eine bedeutende Summe wurde durch Actien gedeckt,
Immermann erhielt auf ein Jahr Urlaub, um sich ganz der Leitung des
Theaters widmen zu knnen. So erstand eine Bhne, die nach edlen Idealen
strebte, die poetischen Schpfungen in ihrer wahren Hhe und Schnheit
darzustellen suchte, ohne sie herabzuziehen in die gewhnliche Bretterwelt.
Es war kein geringer Regisseur oder unwissender Cavalier, sondern ein
Dichter, der sich in den Geist der darzustellenden Werke versenkte, und ihn
voll Begeisterung zur Erscheinung zu bringen sich bemhte. Es war wieder
_Elisens_ feiner Hauch, welcher diese Bestrebungen beseelte, denn von ihr
empfing ja Immermann die Anregung zum Schaffen und Wirken, an sie und ihren
Beifall dachte er dabei unablssig, und so wie die Ltzow'sche Freischaar
nie geworden wre, was sie war, ohne _Elisen_, so ist es auch mit jenen
Dsseldorfer Bhnenversuchen, die sich eine Veredlung der Schauspielkunst
zum Ziel gewhlt hatten, und ohne _Elisen_ niemals einen so hohen Flug
genommen htten, der bei verhltnimig so beschrnkten Mitteln doppelt
staunenswerth war. _Elisa_ verlangte nie hervorzutreten, und genannt zu
werden; sie besa nicht die geringste Eitelkeit, und es war im Gegentheil
ihre Freude, den Glanz, welcher von ihr ausging, auf Andre zu bertragen.
So wirkte sie stets im Stillen, aber ihr Einflu war immerfort wirksam, und
den Vertrauten unverkennbar.

Der bestndige Fremdenverkehr brachte fortwhrend neue, interessante
Persnlichkeiten nach Dsseldorf, von denen manche, angezogen durch die
knstlerischen und literarischen Krfte, die sich dort vereinigten, lnger
verweilten. Zu diesen gehrte besonders der Dichter _Michael Beer_, mit
dem sich Immermann sehr befreundete, wie auch der zwischen ihnen gefhrte
Briefwechsel beweist, der nach Michael Beer's Tode erschienen ist;
dann _Wilhelm von Normann_, Verfasser des Gedichtes: Mosaik, ein
liebenswrdiger junger Mann, der lange und innig eine schottische Dame
liebte, und bald nachdem er sich endlich, nach vielen Hindernissen mit
ihr verbunden hatte, noch nicht dreiig Jahre alt, starb. Ferner _Felix
Mendelssohn_, der berhmte, geniale Componist; mehrmals kam auch der gute,
begeisterte Mller zum Besuch, so wie _Elisens_ Freundin Johanna, die
sich mit Dieffenbach verheirathet hatte, aber nach kurzem Glcke von ihm
geschieden worden war, da ihre leidenschaftliche Eifersucht, zu der er
brigens wohl manchen Anla geben mochte, ihm unertrglich wurde. Henriette
Paalzow, die sich ber ein Jahr in Kln aufhielt, sprach gleichfalls mit
ihrem Bruder, dem Maler _Wilhelm Wach_, in dem freundlichen Derendorf ein.

Wir drfen auch _Dietrich Christian Grabbe_ nicht vergessen, dieses
verwilderte Genie, das Immermann vergeblich strebte, zu sich zu
erheben. Grabbe, 1801 zu Detmold geboren, war bekanntlich der Sohn eines
Zuchtmeisters, er selbst hatte auf dem Zuchthofe das Licht der Welt
erblickt; rings um ihn her waren die Zellen der Verbrecher. Sollte man
nicht glauben, jene ersten Eindrcke htten ihm jene Lust am Grlichen
und Rohen eingeflt, die sich in seinen Dichtungen ausspricht? -- Grabbe
erffnete die Bekanntschaft mit Immermann dadurch, da er ihm schrieb: Ich
und eine alte Mutter sind verloren, wenn Sie mir nicht zu helfen suchen.
-- Immermann forderte ihn sogleich freundlich auf, nach Dsseldorf zu
kommen, sorgte fr seine husliche Einrichtung, lud ihn hufig zu sich
in grere und kleinere Gesellschaften, fhrte ihn bei mehreren seiner
Bekannten ein, untersttzte ihn mit seinem Rath bei der Tragdie
Hannibal, die Grabbe unvollendet mitgebracht hatte, und bewies die grte
Nachsicht mit seinen Launen und seiner mangelhaften Erziehung. Grabbe
seinerseits nahm dagegen den lebhaftesten und eifrigsten Antheil an
Immermann's Theaterbestrebungen. Immermann erkannte in Grabbe eine
schpferische Kraft, wenn auch mehr eine Kraft der Hlichkeit, als der
Schnheit, mehr Ungeheuerlichkeit als wahre Gre, mehr Verzerrung als
Genialitt, wie er denn auch den Theodor von Gothland ein Conzert der
Verzweiflung nannte.

Immermann entwirft in den Memorabilien folgendes Bild von Grabbe: Nichts
stimmte in diesem Krper zusammen. Fein und zart -- Hnde und Fe von
solcher Kleinheit, da sie mir wie unentwickelt vorkamen -- regte er sich
in eckigten, rohen und ungeschlachten Bewegungen; die Arme wuten
nicht, was die Hnde thaten, Oberkrper und Fe standen nicht selten im
Widerstreite. Diese Contraste erreichten in seinem Gesichte ihren Gipfel.
Eine Stirn, hoch, oval, gewlbt, wie ich sie nur in Shakespear's (freilich
ganz unhistorischem) Bildnisse von hnlicher Pracht gesehen habe, darunter
groe, geisterhaft weite Augenhhlen und Augen von tiefer, seelenvoller
Blue, eine zierlich gebildete Nase; bis dahin -- das dnne, fahle Haar,
welches nur einzelne Stellen des Schdels sprlich bedeckte, abgerechnet --
Alles schn. Und von da hinunter alles hlich, verworren, ungereimt! Ein
schlaffer Mund, verdrossen ber dem Kinn hngend, das Kinn kaum vom
Halse sich lsend, der ganze untere Theil des Gesichts berhaupt so scheu
zurckkriechend, wie der obere sich frei und stolz hervorbaute.--

Es mu ein ergtzlicher Anblick gewesen sein, wenn Grabbe zu Immermann zum
Besuch kam. Letzterer erzhlt davon: Zuweilen kam er aber auch zu mir,
wenn die verdrossenen Fe ihm den Gang nach meiner entlegenen Wohnung
erlauben wollten. Da gab es denn den lcherlichsten Anblick. Weil er sich
nmlich nie in den Wegen finden lernte, so mute ihn seine Magd jederzeit
zu mir begleiten. Auf diese Weise aber langte das Paar in meinem Garten an:
Grabbe mit ernfthaftem Gesichte hinter der Magd unsicher einherschreitend,
die Magd aber ihr errthendes Antlitz halb in der Schrze verborgen, sich
schmend, da sie einen so groen Herrn bei Tage ber die Strae fhren
msse.--

_Elisa_, an der alles feine Sitte, Anstand und Schnheitssinn war, mute
von der ueren und inneren Vernachlssigung, und dem wilden und formlosen
Wesen des seltsamen Mannes unangenehm berhrt werden, nahm sich seiner aber
dennoch mit Wohlwollen und Gte an, und zu ihrer Verwunderung ber ihn,
gesellte sich das Mitleid. In der ersten Zeit seines Aufenthaltes nahm sie
ihn mehrmals in ihrem Wagen zu kleinen Ausflgen in die Umgegend mit, wo
er dann mit der brigen Gesellschaft Berge steigen mute, was er sonst nie
that. Einmal improvisirte er bei Sonnenuntergang, auf einem Berge stehend,
so schne Verse, da _Elisa_ und ihre Begleitung ganz entzckt davon waren.
Gleich darauf benahm er sich aber wieder so cynisch, da das Entzcken sich
in Widerwillen verwandelte. _Elisa_ durfte ihm mit ihrer schnen Hand nicht
zu nahe kommen, sonst bi er sie hinein, weil sie so appetitlich sei. Er
war wie ein Kind, sagte sie oft von ihm, so gut, so unartig, so lenksam,
aber auch so schmutzig! -- Grabbe verehrte sie sehr, und fhlte sich
geschmeichelt durch die Freundlichkeit einer so vornehmen und edlen Frau.
Wenn er sich gegen _Karl Ziegler_ rhmte, _Elisa_ habe ihm tglich lange
Briefe geschrieben, wie letzterer in seinem Buche: Grabbe's Leben und
Charakter mittheilt, so halten wir das fr eine Uebertreibung von Grabbe.

Leider war der wunderliche Mann schon zu sehr gesunken, als da es mglich
gewesen wre, ihn an eine thtige und geregelte Lebensweise zu gewhnen; er
wurde bald selbst seiner eigenen Anstrengungen mde, sich zu erheben, ergab
sich dem zu hufigen Genu geistiger Getrnke, und zuletzt verkannte sein
mitrauischer Sinn Immermann's wahre, uneigenntzige Freundschaft und Gte.
Das Verhltni war ziemlich erkaltet, als er 1836 nach seiner Vaterstadt
Detmold zurckkehrte, wo er den 12.September desselben Jahres, erst
fnfunddreiig Jahre alt, starb.--

Werfen wir nun wieder einen Blick zurck, auf Ltzow! Dieser, der sich in
seine vereinsamte husliche Lage, welche er selbst herbeigefhrt, gar
nicht finden konnte, hatte sich pltzlich, im Jahre 1828, entschlossen,
die Wittwe seines Bruders Wilhelm zu heirathen. In einem Briefe, der seinen
aufgeregten Gemthszustand ausdrckt, und in dem er sich vor _Elisen_
gewissermaen zu entschuldigen sucht, zeigt er dieser seinen Schritt an;
er lautet: Meine liebe, beste Elise! Es war mir unmglich, Dir das zu
schreiben, was Schlsser's Brief ausspricht. Ich fhle, da ich mich
eigentlich zu _keinem_ huslichen Verhltni passe -- sonst wre ich gewi
vom Anfange an mit Dir unaussprechlich glcklich gewesen, denn wer knnte
mehr wnschen, als ich besa. -- Auguste ist allerdings eine angenehme
Frau, indessen mehr noch die Wittwe Wilhelms hat eine Lage der Dinge
herbeigefhrt, wozu ich den Himmel um seinen Schutz anrufe, denn eine
verkehrte Persnlichkeit und ein zerrissenes Gefhl machen mir einen
hheren Beistand nthig und unentbehrlich. -- Die Liebe und Freundschaft
bis in den Tod zu einem Wesen, was ich unendlich verehre, meine beste
Elise, die bleibt sich gleich, nichts kann Dich aus meinem Herzen reien!
-- Von Deiner Gromuth erwarte ich auch jetzt Liebe, Freundschaft und
Theilnahme. -- Deine groherzigen Absichten fr Wilhelms Tochter erkenne
ich mit Dank. Jedoch Dein Vermgen gehrt Deiner Familie. Ein _kleines_
Andenken dereinst fr die Kleine, nehme ich in ihrem Namen um so lieber an,
da unserem Wilhelm alles so lieb war, was von Dir kam. -- Glaubst Du Deiner
Familie nher zu treten, wenn Du Deinen Geburtsnamen wieder annimmst, so
thue dies, meinem Herzen bleibst Du gleich theuer und nahe. -- Aus der
Flle meiner Seele Dein Dich unbeschreiblich liebender Freund Adolph.
-- Schreibe mir nach Mnster; Deine Briefe kommen nicht in fremde Hnde,
darauf rechne!--

In einem schnell darauf folgenden Briefe aus Mnster, den 19.Juli 1828
schrieb er: Auguste hat gute und ausgezeichnete Eigenschaften; -- das
Unglckliche ihrer Lage, eine zrtliche Freundschaft fr Wilhelm, haben
mein Gefhl aufgeregt, meinen Entschlu schnell erzeugt, und machten, da
ich mich sogleich erklrte; schenke Du mir Nachsicht, der Himmel seinen
Segen. Wilhelms Tochter wird Elsbeth genannt, und heit Elisabeth. -- Mich
zerreien die widersprechendsten Empfindungen. Dein Andenken, meine beste
Elise, bleibt mit eisernen Ketten an mein Herz gefesselt. Adolph.--

Es ist bereits in dem ersten dieser Schreiben erwhnt, da _Elisa_, als sie
von Ltzow's zweiter Heirath vernahm, wieder ihren Familiennamen Ahlefeldt
anzunehmen wnschte, da sie die etwanige Verwechselung mit jener neuen Frau
von Ltzow aus manchen Grnden vermeiden wollte; sie wandte sich dehalb an
den Knig von Dnemark mit dem Ansuchen, sich wieder Grfin von Ahlefeldt
nennen zu drfen.

Auch Ltzow's neue Verbindung konnte die freundschaftliche Beziehung
zwischen ihm und _Elisen_ nicht hindern; sie wechselten Briefe nach wie
vor in herzlicher Weise. Von _Elisens_ Seite kam bald noch Mitleid fr den
unglcklichen Freund hinzu, der vergeblich Ruhe und Befriedigung suchte. Er
bedurfte theilnehmenden Trostes, und _Elisa_, die geschiedene Gattin, war
die Einzige, die ihm solchen bieten konnte. Keine kleinliche Regung war in
ihrer Seele; sie hatte ihm alles vergeben.

Man wird nicht ohne Rhrung die folgenden Zeilen lesen knnen, die er ihr
aus Mnster, den 25.April 1829 schrieb: Meine liebe, beste Elise! Ich
schreibe Dir gleich nach meinem Eintreffen in Mnster, und erwarte so
sehnlich eine freundliche Antwort von Dir! Wenn Du mir in's Herz sehen
knntest, Du wrdest mir diese nicht versagen. Ich bin unaussprechlich
unglcklich! -- Mit Recht kannst Du sagen, ich habe mich selbst unglcklich
gemacht; so richtig dies auch ist, so wrdest Du mich entschuldigen, wenn
Du von allen Verhltnissen unterrichtet wrest. Es gehe mir wie es wolle,
nur den Trost Deiner freundschaftlichen Theilnahme, den la mir, sonst gehe
ich unter! -- Knnte ich Dich nur einmal wiedersehen! -- Noch einmal bitte
ich Dich, beglcke mich recht bald mit einigen theilnehmenden Zeilen. --
Von ganzem Herzen, selbst wenn ich es nicht wollte, dennoch, ich fhl's,
bis an das Ende meines Lebens, Dein Freund Ltzow.--

Das Verlangen, _Elisen_ wiederzusehen, von welcher er sich in einer nur so
kurz dauernden Verblendung getrennt hatte, wurde so mchtig in ihm, da er
ihm nicht lnger widerstehen konnte, und so schrieb er ihr aus Mnster, den
6.Mai 1829: Meine liebe, beste Elise! Sei mein Verhltni wie es wolle,
ich mu Dich sehen, von Dir Trost und Leben erhalten! -- Ich reise von
Paderborn mit der Schnellpost nach Dsseldorf, kann von hier nicht wohl
ganz genau bestimmen, wann ich ankomme, gegen den 16. oder 17.kannst Du
mich erwarten. Du wirst doch nicht so unmenschlich sein, mich abzuweisen?
Das wre schrecklich! -- In der Erwartung des hohen Glcks Dich
wiederzusehn, von ganzem Herzen der Deinige, Adolph.--

Er reiste nun wirklich nach Dsseldorf, und mit tiefer Bewegung sahen sich
die ehemaligen Gatten wieder. Ltzow konnte sich kaum fassen, beklagte
tausendmal, die theure Frau durch seine eigene Schuld auf ewig verloren zu
haben, und vertraute ihrem treuen Antheil all den Kummer und all das Leid,
die ihn drckten. Wie sehr dies Wiedersehn ihm wohlgethan, zeigen die
folgenden Worte, die er ihr nach seiner Rckkehr, aus Mnster, den 31.Mai
1829 schrieb: Fr mich werden dereinst die Thrnen reden, die ich bei
Deinem Andenken weine, wenn ich die Schuld verantworten soll, die ich gegen
Dich begangen. -- Du bist zu gromthig, zu gtig, und so darf ich
denn berzeugt sein, Du verzeihst mir, und lt mir den Trost Deiner
Freundschaft, wie ich bis in den Tod der Deinige bin. -- Wie bereitwillig
bist Du nicht stets, um Andern ntzlich zu sein, das Glck Anderer liegt
Dir stets am meisten am Herzen, an Dich denkst Du zuletzt; mchte Dir doch
vergolten werden!--

Ueber seine Versetzung nach Torgau schrieb er ihr aus Mnster den 8.April
1830: Du wirst vielleicht schon erfahren haben, da ich Brigade-Kommandeur
in Torgau geworden bin. -- Seitdem Du nicht mehr in Mnster bist, habe ich
mich immer so sehr von hier weggewnscht, um Erinnerungen los zu werden,
die mein Herz zerreien!--

Seine Abreise an den neuen Bestimmungsort meldete er ihr in einem Briefe
aus Mnster, den 15.April 1830, der nichts enthielt, als die Worte: Meine
beste Elise! Morgen verlasse ich Mnster, wo ich das Glck meines Lebens
eingebt habe. -- Wenn es Dir nur gut geht, so mag der Himmel ber mir
zusammenschlagen. Mit den tiefsten Gefhlen, der Deinige, Adolph. -- Wie
viel gepreter Schmerz in diesem Ausruf! -- _Elisens_ Antworten las er
nie ohne Thrnen der Wehmuth, und wenn sie einmal etwas lnger mit dem
Schreiben zgerte, klagte er immer auf's Neue, es sei ihm so bange um's
Herz.

Als nach eingetroffener Erlaubni des Knigs von Dnemark _Elisa_ wieder
den Namen Grfin von Ahlefeldt-Laurwig annahm, schrieb ihr Ltzow aus
Erfurt, wohin das Armeekorps, dem er angehrte, marschirt war, den
28.Mai 1831: Sehr angemessen finde ich es, da Du Deinen Familiennamen
angenommen, es bringt Dich Deiner Familie wieder nher, und wird beim
ueren Auftreten manche schmerzhafte Erinnerung vermeiden -- und in dieser
Beziehung ein neues Leben begrnden. -- Doch den Menschen beherrschen
doppelte Gefhle, und so konnte ich mich der egoistischen Thrnen nicht
erwehren, als ich erfuhr, da Du meinen Namen nicht mehr trgst; -- ich
frchtete, Du wrest mir dadurch _entfernter_ getreten. -- Ueber die
Inconsequenz der Menschen, die erst handeln, und dann erst begreifen, was
sie gethan haben!--

Da der Zustand von _Elisens_ Vater damals groe Besorgnisse einflte, und
man vermuthen durfte, da ihr Vetter _Christian_, der sie dringend zu sich
einlud, bald der Besitzer von Langeland sein wrde, so drckte Ltzow
den Wunsch aus, sich dort mit _Elisen_ treffen zu drfen, denn, sonderbar
genug, verbinde er mit Langeland noch immer den Begriff, als wre er dort
in der Familie, und, setzte er hinzu, wre er frei, so mchte er seinen
Abschied nehmen, sich auf Langeland eines der ehemaligen Musikantenhuser
miethen, und im Andenken an _Elisen_ dort ganz still leben. Es ist gewi
sehr ungewhnlich, da ein Mann solche Gefhle fr seine geschiedene Gattin
hegt, wie es in diesem eigenthmlichen Verhltni der Fall war.--

Die Befrchtungen in Betreff von _Elisens_ Vater trafen bald ein. Den
8.Mrz 1832, in demselben Monat, in dem sie ihre Mutter verloren hatte,
erfolgte sein Tod; sanft und ohne Schmerzen entschlief er an den Folgen
eines Nervenschlages, zweiundsiebzig Jahre alt. _Elisa_ hatte ihm mehrmals
und zu verschiedenen Zeiten angeboten, zu ihm nach Langeland zu kommen, und
ihn zu pflegen, aber er hatte dieses Opfer abgelehnt, und ein solches wre
es unlugbar fr sie gewesen, da in dem Kreise, in welchem er schon lange
Zeit lebte, seit Jahren keine Dame von Erziehung und wirklicher Bildung
gewesen war, und ein roher Ton und leichtfertige Sitten herrschten.

Er hinterlie betrchtliche Schulden. _Elisa_ schlo nun mit ihrem Vetter,
dem Grafen _Christian von Ahlefeldt-Laurwig_, an den nun die Grafschaft
fiel, einen Vergleich, der darauf hinauslief, da ihr auf Lebenszeit
eine jhrliche Rente ausgezahlt wurde; sie erhielt freilich nicht die
Reichthmer, die ihr in der Jugendzeit zugedacht gewesen, aber
zum wenigsten sah sie sich doch endlich in geordneten und sichren
Verhltnissen.

Die erste Anwendung, die sie von einem Theil ihres neuen Einkommens machte,
war, da sie ihrer theuren alten Erzieherin, die bereits sechsundsiebzig
Jahre alt, noch in Hamburg lebte, eine jhrliche Pension gab, die
Graf Friedrich von Ahlefeldt ihr auf Lebenszeit verheien, aber seit
einundzwanzig Jahren nicht mehr ausbezahlt hatte.--

Im Frhjahr 1833 wurde Ltzow ganz unerwartet zur Disposition gestellt; er
schrieb _Elisen_ hierber aus Torgau den 1.Mai: Meine beste Elise! Der
Knig hat meine Brigade dem Prinzen Albrecht gegeben, und wenn es nun
allerdings nichts Ungewhnliches ist, einem Knigssohn zu weichen,
so bleibt es doch allerdings nichts Angenehmes. -- Es sind mir die
allerschnsten Versprechungen gemacht worden, inde ist haben besser
als bekommen, die Leute, denen meine Art zu denken eben _nicht gefllt_,
schtzen mich sehr hoch, finden aber, da es schade sei, so oft verwundet
zu sein, u.s.w. Im ersten Augenblick fehlte mir die Kraft nicht, inde
lugne ich nicht, da ich im Inneren verstimmt bin; meine Absicht ist,
eine Wohnung im Thiergarten zu miethen, und dort das Weitere abzuwarten.
Erstlich wollte ich nach Dresden gehn, wo ich gewesen bin, und wo es mir
ganz besonders gefllt, inde wnscht Witzleben, da ich in Berlin bleiben
mchte. Ich bin ganz wohl, und habe zu wenig Uebung mich selbst nur allein
mit mir zu beschftigen, um auf eine Anstellung vllig verzichten zu
drfen.--

Auch ber diese Krnkung, die er tief fhlte, sprach er sich am liebsten
gegen die Freundin aus; er konnte sich schwer in seine neue Lage finden.
Er ging nun nach Berlin, und bezog eine Wohnung im Thiergarten. An die
hflichen Redensarten, mit denen man ihn hinhielt, glaubte er wenig, und
nahm sich vor, noch einige Zeit die Dinge ruhig zu erwarten, wenn er
aber nicht, wie man ihm mndlich und schriftlich zugesichert, auf eine
angemessene Art angestellt werde, so wollte er Preuen verlassen, und es
nie wiedersehen.--

In einem Briefe aus Berlin, den 28.November 1833 sprach Ltzow seinen
allerdings gegrndeten Unmuth aus; er lautet: Meine beste Elise! Ich habe
lange nicht geschrieben, aber es wird mir schwer, Dir zu sagen, wie ich
lebe! Beinahe schme ich mich, es zu erzhlen. Meine Wohnung im Thiergarten
ist allerdings angenehm, auerdem bin ich vllig ohne Geschfte; kein
Mensch, sage keine menschliche Seele erinnert sich meiner. Leo ist der
einzige, der alle Monat einmal pflichtmig zu mir kommt, er ist mehr
achtbar als angenehm, und verlt mich nie, ohne mein Gefhl verletzt
zu haben. -- Da der Ltzow'sche Name nicht florirt, ist ihm allerdings
unangenehm, mir persnlich mag er wohl eine Demthigung gnnen, wenn er
auch darber -- wie die Menschen in so vielen Verhltnissen -- nicht ganz
klar sich selbst Rechenschaft giebt. -- Ich bin stumpf geworden, die Dinge
haben ihren Eindruck auf mich verloren. Es bedarf eines ueren Anklangs,
um mich wieder zu erheben, ich werde ihn suchen und finden! -- Berlin ist
brigens ein fatales Offiziantenloch. Alles fft dem Hofe nach. Bildung des
Verstandes will ich den Berlinern nicht allgemein absprechen; das Gemth
ist ohne Flle, sie sind in Vielwisserei, ueren Schein und Vornehmthun
versunken. Der Luxus ist gro. Ein Hausvater lt seine Kinder nach seinem
Tode lieber betteln, als seine Gste ohne Champagner. Die Frauen bedrfen
unaufhrlich neuer Lumpen, und bedenken nicht, da ihre Kinder dereinst
zerlumpt einher wandern mssen. In diesem Augenblick passiren lauter schne
Wagen und Pferde, die Livreen gleichen den Hoflivreen, denn jede arme
Lieutenantsfrau glaubt ein Stck des Hofes sein zu mssen. -- Hinter dem
Wagen steht ein Neufchateller Jger, der nie einen Hasen geschossen, und
noch berdies das Franzsische seiner gndigen Frau nicht recht zu deuten
versteht, so laut sie auch das ganze Publikum damit unterhlt. Vor 1813
hatte das Unglck die Berliner vernnftig gemacht, seitdem die Staatskassen
richtig zahlen, und die Orden fliegen, sind sie die alten, und noch
schlimmer wie vor 1806. -- Darf ich Dich besuchen, wenn ich im Frhjahr
nach dem Rhein komme? Gern sagte ich Dir mndlich, da ich nie aufhren
kann der Deinige zu sein.--

Immer auf's Neue uerte Ltzow den Wunsch _Elisen_ wiederzusehen, um sich
bei ihr zu entschdigen fr sein husliches Leid. Lange bin ich in Dresden
gewesen, schrieb er ihr aus Berlin, den 1.November 1834, und habe
eigentlich die Absicht dort fr immer zu leben. Dir hat es ja auch stets
dort gefallen, kommst Du nicht vielleicht einmal wieder nach Dresden? Wir
wollten recht freundlich zusammen leben. Ueberlege Dir meinen Vorschlag,
der aus meinem tiefsten, innersten Gefhl hervorgegangen. -- Die Tochter
unseres Wilhelms wrde Dich interessiren, sie ist stark, krftig, und ob
sie gleich fr das ungezogenste Mdchen gehalten wird, und alle Dinge mit
ihren eigenen Augen ansieht, so ist dennoch in ihrem kleinen Herzen
eine Welt von Empfindungen und unendliche Tiefe des Gefhls. --
Meine felsenfeste Gesundheit ist erschttert, und ich bin oft krank.
Gemthsbewegungen kann ich durchaus nicht vertragen, diese machen, wie
Aerger, da ich nicht wie sonst durch heftiges Aufwallen Luft mache, mich
stets krank. -- Ich erwarte viel von einer gnzlichen Zurckgezogenheit im
herrlichen Dresden, besonders wenn auch Du durch Deine Gegenwart das Leben
verherrlichen wolltest. Mit tiefer Anhnglichkeit und treuer Freundschaft
der Deinige Adolph.--

Was Ltzow hier von seiner Gesundheit sagte, war leider nur zu wahr!
Ein Brief aus Berlin, den 18.November 1834, in welchem er _Elisen_
nachtrglich auf gewohnte Weise zu ihrem Geburtstag Glck wnschte, und
lebhaft ber ein dreitgiges Fieber klagte, war der letzte, den er der
geliebten Freundin geschrieben, denn schon den 4.Dezember 1834 starb er
pltzlich, erst zweiundfnfzig Jahre alt.--

Er wohnte, da seine Frau in Dresden lebte, und er dadurch wieder ganz
allein war, die letzte Zeit im Thiergarten beim Hofjger, wo er ein
einzelnes Zimmer seiner frheren Wohnung gemiethet hatte. Er war den Abend,
ber Unwohlsein klagend, nach Hause gekommen, und den andern Morgen fand
ihn sein Diener todt im Bette. Seine Gesichtszge sahen so ruhig aus, als
wenn er schliefe. Auf einem Tische neben ihm lagen einige Bnde Shakespear,
Tasso, Faust und Wallenstein, Werke, die ihm nur als Erinnerung an _Elisen_
lieb sein konnten, da er sonst an solcher Lectre keinen Geschmack fand.

_Elisa_ war tief erschttert von der Nachricht, welche die treue Johanna
Dieffenbach sogleich an Immermann schrieb, damit dieser sie in schonender
Weise der Freundin mittheile. Allgemein wurde der tapfre und ruhmreiche
Freischaarenfhrer betrauert, der durch seine Unerschrockenheit und
Biederkeit, durch seine Gutmthigkeit und Offenheit viele Freunde
besa, und von der ganzen preuischen Armee hochgeachtet wurde. Fr die
Handlungen, zu denen ihn Leidenschaft und Charakterschwche verleitet,
hatte er bitter gebt durch tiefe Reue, und wenn er selbst sich auch sein
Unglck zugezogen, so mute man ihn doch herzlich darum bedauern. Er wurde
vor der Zeit alt. Seine zweite Heirath war es vor allem, die ihm viel
Kummer bereitete, nun kam noch seine leidende Gesundheit dazu, und die
krnkende Zurcksetzung, die er, der sich um das Vaterland so sehr verdient
gemacht hatte, erfahren mute. -- Sein Andenken wird fortleben in der
Geschichte, wenn diejenigen, die ihn in den Schatten zu stellen suchten,
lngst vergessen sind.

Wir mssen verschiedene Reisen erwhnen, welche _Elisa_ whrend ihres
Aufenthalts in Dsseldorf machte, theils begleitet von Immermann, theils
allein. Die schnen Rheingegenden forderten zu manchen romantischen
Ausflgen auf; in Dresden wurde Tieck besucht, dessen Kreis vielfach
Anregung bot, und der mit Immermann das Interesse fr die Bhne theilte.
Als Immermann 1831 jene Reise machte, die er in seinem gedruckten
Reisejournal geschildert, schrieb er alle jene darin enthaltenen Briefe
an die in Derendorf zurckgebliebene _Elisa_; sie legen in manchen kleinen
Zgen dar, wie auch in der Ferne sich alle seine Gedanken zu der Freundin
richteten, wie er nichts geno und nichts erlebte, was er nicht mit ihr
zu theilen verlangte. Im Jahre 1834 unternahmen er und _Elisa_ eine
gemeinschaftliche Reise nach Holland, auf der die Malerin _Karoline Lauska_
sie begleitete. Sie gingen ber Nymwegen, Rotterdam, Delft, den Haag, nach
Scheveningen. Hier hatte _Elisa_ die Freude nach langen, langen Jahren
wieder einmal das Meer zu erblicken, das Meer, bei dessen majesttischem
Anblick, bei dessen geheimnivollem Wogen und Brausen sie ihre Kindheit und
ihre Mdchenjahre verlebt, und manche goldene Jugendtrume getrumt.
Froh schlug ihr Herz, als sie am frhen Morgen am Strand von Scheveningen
entlang gingen, und ihnen die grnlich silberne Fluth entgegenschumte;
sie jubelte vor Entzcken, sie athmete mit Wonne eine Luft, die sie an
die Heimath erinnerte. Ihr scharfes Auge entdeckte zuerst die mchtigen
Segelschiffe, die am Saume des Horizonts wie ferne Nebelgestalten grau und
geisterhaft erschienen, und die _Elisa_ wie Freunde begrte. Die Wellen
hatten die zierlichsten Schaumlinien auf dem Strande zurckgelassen,
und das Meer warf phantastische grne Schilfkrnze und die leuchtendsten
Muscheln und Schneckenhuser zu _Elisens_ Fen, wie wenn es ihr, der
Tochter des Meeres, damit Geschenke darreichen wollte. Alle diese Schtze
wurden als Andenken gesammelt.

Sie gingen weiter ber Harlem nach Amsterdam. Als sie an dem letzteren Orte
nach Frascati kamen, einem Wirthshaussaal, den man ihnen sehr empfohlen
hatte, trafen sie dort in dem hellen Raume ein paar hundert Menschen,
welche rauchten und tranken. Sie fanden an einem Tisch in einer Ecke mhsam
Platz, und Immermann, mit seinem Sinn und Auge fr das Charakteristische
ergtzte sich die vielen seltsamen Gruppen ringsumher zu betrachten. Da
waren viele Nordhollnder und Nordhollnderinnen, die letzteren an Kopf,
Hals und Nacken mit Goldplatten und Brillanten bedeckt, brigens in
buerlicher Tracht. Ihre Begleiter saen, die Hte auf dem Kopf, neben
ihnen, sahen starr vor sich hin, bliesen den Rauch aus den Thonpfeifen,
und gaben keinen Laut von sich. Das Ganze sah aus wie ein gemaltes Bild.
Immermann entdeckte hier mit Vergngen so komische Originale, wie er sie
spter in seinem Mnchhausen geschildert, aber _Elisa_, die stets den
grten Widerwillen gegen Wirthshausluft und Tabacksqualm gehabt, wurde es
pltzlich so unheimlich dort, da sie mit Einemmale, ohne sichtbares Motiv
sich voll Entsetzen erhob, und mit einem Ausdrucke des Grauens erklrte,
da sie es hier unmglich lnger aushalten knne. Von ihren Gefhrten
gefolgt, verlie sie eilig den Saal.--

Wie Immermann im Museum zu Amsterdam ein Gemlde von Gerhard Dow, welches
man, um es besser zu schtzen, unter Glas gebracht hatte, anfate, um es
in helleres Licht zu bringen, scho ein langer, wunderlicher Galeriediener
wthend auf ihn zu und rief mit giftigem Blicke: die Schildereien wren
zum Bekeeken und nicht zum Anfassen da! Dieser komische Auftritt blieb
_Elisens_ lustigste Reiseerinnerung aus Holland. -- Ueber Utrecht und
Arnheim kehrten sie nach Dsseldorf zurck.--

Immermann dichtete nichts, das er nicht zuerst _Elisen_ vorlas, und ihrem
Urtheil unterwarf. So sehr sie sein Talent liebte und anerkannte, so war
sie doch keinesweges eine blinde Bewundrerin seiner Werke; weit entfernt,
wie so viele Frauen, die den Schriftstellern, welche ihnen nahe stehen,
durch ein maloses Lob, welches grtentheils aus Beschrnktheit und Mangel
an Geist entsteht, mehr schaden als ntzen, sprach sie immer ihre offene
Meinung gegen ihn aus, mochte sie nun von der seinigen abweichend oder
zustimmend sein. Als sie einmal an seinem Alexis etwas tadelte, brach der
empfindliche Dichter in den klagenden Ausruf aus: Wie, auch Sie verstehen
mich nicht? -- _Elisa_ lie sich, so sehr diese Worte sie schmerzten,
dadurch nicht irre machen, und hatte die Genugthuung, da ihr Immermann
bald den ungerechten Vorwurf abbat, und an seinem Werk die Vernderung
vornahm, die _Elisa_ ihm angerathen hatte. Er schrieb keinen Brief, den
er ihr nicht, ehe er ihn abschickte, vorgelesen htte; alle seine
Briefschaften, seine Manuscripte, schenkte er ihr; sie besa einen
Schlssel zu dem Schrank, in dem er alle seine Papiere verwahrte, er hatte
kein Geheimni vor ihr, und es war ihm lieb, wenn sie in die innerste
Werksttte seiner Gedanken blickte. Mit eigner zarter Hand ordnete
sie seinen Schreibtisch, und schmckte ihn auch wohl mit Blumen. Zu
wiederholten Malen bat Immermann _Elisen_, ihm ihre Hand zu reichen, und
damit seinem Glck die Krone auszusetzen; er stie immer auf denselben
Widerstand. Wird er immer so fhlen? dachte sie zaghaft und bescheiden,
und hielt es fr das beste, nichts an ihrem schnen Zusammenleben zu
ndern.--

       *       *       *       *       *

Ein groer Schmerz war fr Immermann, da das Dsseldorfer Theater, welches
unter seiner Leitung einen so schnen Aufschwung genommen, wegen Mangel
an Geldmitteln eingehen mute. Die Opfer, welche er selbst brachte, es zu
erhalten, wollten nicht ausreichen; keine Anstrengung, keinen Verdru, der
bei einer solchen Stellung unvermeidlich war, hatte er gescheut, und mit
unermdetem Eifer sich der Sache gewidmet, die ihm so sehr am Herzen lag.
Bis zuletzt hoffte er, da sich im Publikum so viel Theilnahme finden
wrde, um die sinkenden Krfte zu untersttzen, aber mit Bitterkeit mute
er wahrnehmen, da die Reichen und Groen sich um die Hebung der wahren
Kunst viel zu wenig kmmerten, um zu einem solchen Zwecke beizusteuern,
und noch viel spter, in den Dsseldorfer Anfngen klagte er, da in dem
Staate der Intelligenz das Gouvernement, whrend es Hunderttausende fr
die Frivolitten des Ballets und der Oper in der Hauptstadt verschwenden,
nicht daran dachte, eine jhrliche Untersttzung von 4000 Thalern einem
Institut zuzuwenden, das bestimmt war, in die Reihe der Rheinischen
Kunstanstalten mit einzurcken.

Am 1.April 1837 mute die Bhne, nach dreijhrigem, ruhmreichen Bestehen,
geschlossen werden; sie ging unter, aber in hchster Kraft und vollster
Blthe, in einer Weise, die ihrer wrdig war. Die Schauspieler fhlten
sich so von Eifer beseelt, da sie bis zuletzt den grten Flei auf die
schwierigsten Aufgaben verwandten. Immermann sagte selbst, da sie bis
zuletzt so viel leisteten, weil sie ihre Ehre darein setzten, da die
Bhne im hchsten Glanz ihrer Thtigkeit untergehe. Die letzte Vorstellung
wurde mit einem Epiloge von Immermann geschlossen, den die Schauspielerin,
Madame Limbach vortrug, und in welchem, nachdem die Klage ausgedrckt,
da das Glck in dieser bunten Thtigkeit nur so kurz gedauert, es weiter
heit:

  Doch auch das Trbste sei an diesem Orte,
  Von dem der Druck des Lebens fern sich hlt,
  Mit Heiterkeit betrachtet! Wenn die Bhne
  In ihrer Kraft und Frische, jugendlich,
  Dem Dienst der Gttertochter Poesie
  Sich weih'nd, hier untergeht,
  Ist's nicht im Grund ein Heil? _Der_ Tod galt stets
  Noch fr den glcklichsten, der an die Kraft,
  Die ungeschwchte, rasch die Sichel legt,
  Der trifft, noch eh' das Leben allgemach
  Bewutsein, Muth und Sinne ausgelscht.

  Sei dieser Tod ein Gleichni unsres Falls.
  Und dieses Gleichni heut uns sanften Trost.--

Immermann war sehr verstimmt; neben dem Scheitern seiner Bhnenwirksamkeit
verdro es ihn, da er als Schriftsteller nicht die Anerkennung fand,
die er zu verdienen glaubte. Persnliche Verdrsse kamen hinzu, wie zum
Beispiel schon frher das Erkalten seines Freundschaftsverhltnisses mit
Schadow. Doch konnten ihn alle solche Verstimmungen nicht an neuem Schaffen
hindern; er gab die Memorabilien heraus, die Epigonen, dichtete an
seinem Mnchhausen und begann Tristan und Isolde.

Eine Reise nach der Frnkischen Schweiz, im Jahre 1837, mit der er einen
Besuch in Weimar verband, heiterten ihn etwas auf. Er las an dem letzteren
Orte sein neuestes Drama Ghismonda, die Opfer des Schweigens vor, und
leitete dessen sptere Auffhrung dort ein. Die Erinnerung an Goethe regte
ihn an, und erhob ihn; die freundlichste Aufnahme am Hofe wurde ihm zu
Theil, und das Weimarer Theater mochte wohl den Wunsch in ihm erregen,
ein solches unter seiner Leitung zu sehen. Die ganze, nach seinem Tode
abgedruckte Frnkische Reise bestand aus Briefen, die er an _Elisen_
schrieb.

Als bei seiner Rckkehr die Freundin ihn voll Liebenswrdigkeit und
Herzlichkeit empfing, dichtete er die folgenden Strophen an sie:

  Symbol
  in der Nacht der Heimkehr
  den 12.October 1837.

  Auf dem Tische lag der Kranz gewunden,
  Steine aber legte ich, gefunden
  In den Hhlen, Stalactiten, Pflanzen
  Auf den Tisch aus meinem Reiseranzen.

  Autographen und so manches Blatt,
  Das mir mancher Freund verehret hat,
  Wurden ausgebreitet auf dem Tisch. --
  Als ich nun beschaute dies Gemisch.

  Sieh, da gab's ein hbsches Symbolum,
  Eins der chten, redend, wenn auch stumm!
  Petrefact und Stalactit und Pflanze
  Lag gehufet auerhalb dem Kranze.

  Innerhalb des Kranzes aber hat
  Seinen Platz gefunden Schrift und Blatt.
  Der Natur Producte lagen drben,
  Und der Kunst, des Menschenlebens hben!

  Zwischen Kunst, Natur und Menschenleben
  Hat also den Mittler abgegeben
  Jener holde Kranz, den ich gefunden
  In der Nacht, von lieber Hand gewunden.

Im Februar 1838 nahm Immermann an dem Fest der Freiwilligen zu Kln Theil,
das zur Feier des fnfundzwanzigjhrigen Jubilums begangen wurde. Sein
Gedicht: Die silberne Hochzeit, das er den Kameraden vortrug, zeigt seine
Begeisterung fr das Vaterland, und wurde mit lautem Beifall aufgenommen.
Seine sptere Beschreibung des Festes feierte die groe Zeit, deren er und
die Freundin so gern gedachten.

Im Laufe des Sommers erschien unter den Fremden in Dsseldorf auch _Adolf
Stahr_, der damals zuerst die Bekanntschaft von Immermann und _Elisen_
machte; er kam aus Oldenburg mit seinem Freunde, dem humoristischen
Schriftsteller _Theodor von Kobbe_, der sich selbst in seiner lustigen
Weise Immermann's =enrag= nannte. Bald darauf schilderte Stahr sehr
anziehend im Bremer Conversationsblatt seinen Besuch bei dem Dichter, fr
den er voll Liebe und Verehrung war.--

Im Herbst dieses Jahres wnschte _Elisa_ nach so langer Zeit endlich
einmal wieder ihren guten alten Onkel von Hedemann-Heespen in Holstein zu
besuchen, der nun bereits den Siebzigen nahe war, und dringend verlangte,
sie wiederzusehen. Da Immermann seine Familie in Magdeburg sehen, und eine
Taufe bei seinem Bruder wollte mitfeiern helfen, auch einen Ausflug nach
Hamburg, wo er _Karl Gutzkow_ und _Ludolf Wienbarg_ aufzusuchen wnschte,
und nach Bremen beabsichtigte, so lie sich die Reise theilweise
gemeinschaftlich machen. Immermann blieb in Magdeburg, whrend _Elisa_ bei
ihren Verwandten verweilte.

Auf der Durchreise durch Mnster erwartete _Elisen_ der alte, wrdige
Mller mit der feurigen Sehnsucht eines Jnglings. Wo sie erschien,
bezauberte sie wieder alle Herzen; der alte Onkel wurde beinahe wieder
jung vor Freude ber ihre Gegenwart; in Hamburg begrte sie nach so langer
Trennung mit gerhrtem Herzen ihre Erzieherin, Marianne Philipi, die
nun Zweiundachtzigjhrige, deren sehnlichster Wunsch es gewesen war, das
holdselige Angesicht ihrer _Elisa_ vor ihrem Ende noch einmal zu sehen.
Wie wohlthuend und beglckend ihre Erscheinung auf ihre alte Freundin
wirkte, mgen die folgenden, bald nach diesem Wiedersehen geschriebenen
Zeilen der letzteren, aus Hamburg den 31.October 1838 andeuten:
Herzlichen Dank, Du theuerste Elisa, fr Deine mich beruhigenden,
liebevollen Zeilen, so wie fr Deine wohlthuende Nhe, deren ich mich
lnger und fterer, als ich zu hoffen mir getraute, whrend Deines
Aufenthalts in Hamburg erfreute. Mge die uns zu Liebe gemachte Reise in
ihren Folgen sich eben so beglckend Dir erweisen! In Gedanken blicke
ich Dir noch immer, wie das letzte Mal an meinem Schreibtisch, in Dein
seelenvolles Auge, Dein freundliches Gesichtchen, dessen Zge ich mit
schwrmerischer Mutterliebe in mein Innerstes einzuziehen und unauslschbar
festzuhalten mich bestrebte. Gestehen darf ich Dir wohl, ohne Deine
Bescheidenheit, den Grundton des echt weiblichen Wesens, zu verletzen, da
ich Dich liebenswrdiger, meinem Herzen nher als je, wiederfand. --
Mit Deiner holden Erscheinung ist mir ein neues, schneres Dasein wieder
geworden So berwiegt ein Stndchen traulicher, mndlicher Mittheilung
den ganzen Inhalt eines Briefwechsels mehrerer Jahre, unter der Furcht
unheiliger, ber die Schulter einkuckender, mitlesender Augen! Auch darf
ich Dir ferner nicht verhehlen, da Du neue Lebenslust und neuen Lebensmuth
wieder in mir angefacht. Wem htte es je einfallen knnen, da das vormals
ihre Erzieherin so muthwillig umhpfende Elischen einst derselben eine so
wirksame Arznei reichen wrde! -- Wie ruhig bin ich, Dich jetzt so wohl,
und Deine Angelegenheiten in so guten, geschickten Hnden zu wissen.
Der Himmel erhalte Dir bei Gesundheit und Frohsinn alles, was zu Deiner
Zufriedenheit gereicht, und schenke Dir einen so heitern Lebensabend, als
der, dessen ich mich durch Deine Liebe erfreue. Dem geflligen Immermann
bitte ich seinen Gru freundlichst zu erwiedern, und fr sein gtiges
Anerbieten zu danken. Welch ein Genu, knnte ich seinen Vorlesungen und
seiner geistreichen Unterhaltung lauschen! -- Das Struschen, das Du mir
scheidend gabst, ruft, wohlverwahrt, alle die lieblichen Bilder, womit
Deine holde Gegenwart mein Zimmerchen beseelte, wieder zurck, es wird mir
immer zur Seite bleiben. -- Lebe wohl, geliebte Elisa! Gedenke mein wie
bisher mit Liebe, berzeugt, da Du keinem Wesen theurer sein kannst als
mir, die Dich im Herzen trgt, und tragen wird, bis es bricht. Marianne
Philipi.--

Wer lse nicht mit Wehmuth diese liebenden Wnsche in einem Augenblick, wo
das Verhngnis schon das Gegentheil beschlossen hatte!--

Immermann hielt sich unterdessen, wie schon bemerkt, in Magdeburg auf.
Das Familienfest bei seinem Bruder _Ferdinand_ versetzte alles in frohe
Stimmung. Ein junges, achtzehnjhriges Mdchen, dessen Vormund Ferdinand
Immermann war, _Marianne Niemeyer_, aus Halle, befand sich dort im Hause.
Als Immermann in seiner gewohnten Art in dem Kreise vorlas, fiel ihm
der eifrige Antheil auf, den Marianne daran zu nehmen schien; dadurch
interessirte er sich fr sie, und beschftigte sich mit ihr; doch konnte es
zu keiner genaueren Bekanntschaft kommen, da er sich nur so kurze Zeit bei
den Seinigen aufhielt, und Mariannen nur ein paar Mal gesehen hatte.

Als er wieder mit _Elisen_ zusammentraf, und mit ihr gemeinschaftlich die
Rckreise nach Dsseldorf antrat, machte er ihr auf's neue den Vorschlag,
ihn zu heirathen; er that es diesmal mit einer Art von beklommener
Heftigkeit, die _Elisa_ nicht zu deuten wute; sie blieb wie immer bei
ihrer Weigerung.

Zu Hause angelangt, schrieb Immermann sogleich an Mariannen; sie antwortete
auf der Stelle. Immermann fand den Verkehr mit einem so jungen Mdchen
pikant und neu, und setzt den Briefwechsel eifrig fort, den er, der sonst
kein Geheimni vor _Elisen_ hatte, vor ihr verschwieg. Seine Beziehung zu
Mariannen gewann durch die kurze Bekanntschaft, die Entfernung, die Hast
und Ueberstrzung, einen Anflug von Leidenschaftlichkeit.

Ferdinand Immermann, der Vormund Mariannens, uerte seine entschiedene
Mibilligung; er verlangte zum wenigsten Einsicht in den Briefwechsel, und
machte seinem Bruder die heftigsten Vorwrfe, den er durchaus als gebunden
ansah. Die Gromutter Mariannens, die alte Kanzlerin _Niemeyer_ in Halle,
betrachtete die Sache von einer andern Seite; sie liebte es, Heirathen zu
stiften, und behauptete, sie she durchaus nicht ein, warum Immermann ihrer
Enkelin nicht seine Hand anbieten knne, da er ja nicht verheirathet sei.
Es war ihr leicht, es durch ihren Einflu dahin zu bringen, da Immermann
in einem Briefe anfragte, ob Marianne die Seine werden wolle? Diese gab
sogleich ihr Jawort.

Das alles geschah so pltzlich, so rasch hintereinander, wie wenn ein
unvorhergesehener Gewitterregen einbricht, und in Einem Augenblick
alle Blthen schonungslos vernichtet. Immermann wagte nicht _Elisen_ zu
gestehen, was er gethan; sein bses Gewissen nahm ihm den Muth dazu. Und
dennoch ist nichts so schwer, als eine Verlobung lange geheim zu halten!
Bald wuten mehrere Personen in dem Dsseldorfer Kreise darum, nur _Elisa_
nicht!--

Immermann las ihr in jener Zeit ein Gedicht vor, das er an Mariannen
gerichtet hatte. _Elisa_ blickte ihn an, und sagte mit ihrer wunderbaren
Divinationsgabe, halb ruhig, halb scherzend: Ich glaube diejenige, an
welche dies Gedicht gerichtet ist, werden Sie noch einmal heirathen! --
Immermann lugnete dies auf das entschiedenste; sie aber hatte richtig
vorausgefhlt!--

Es waren beklommene, unheilverkndende Tage; Immermann fhlte sich nicht
mehr frei und unbefangen _Elisen_ gegenber, wie sonst; er konnte ihr nicht
mehr mit der gewohnten Offenheit begegnen; wenn sie die sanften, blauen
Augen zu ihm aufschlug, senkte er verlegen die seinigen. _Elisa_ konnte
es sich nicht mehr verbergen, da sich das Betragen des Freundes gegen sie
verndert habe. Was war es, das wie eine dunkle Wolke zwischen ihnen lag?
-- Sie litt in der Stille, und litt unendlich.--

Niemand als der treuen Johanna Dieffenbach vertraute sie ihre Gefhle.
Diese, die ihre Freunde nie im Stiche lie, wo es galt, schrieb sogleich
aus Berlin, den 18.Dezember 1838: In dieser Minute habe ich Deinen Brief
erhalten, und rufe Dir auf der Stelle zu, komm, komm hieher, zu mir,
zu mir, Du geliebte Elisa! Fr's erste wrde Dir die Stille hier auch
wohlthun, und weitere Plne lassen sich hier gemeinschaftlich berathen.
Soll ich, soll mein Freund Kaufmann Dich holen kommen? Ein Wort, und Du
sollst nicht einsam, mit schwerem Herzen, den Weg hieher machen; denn
hieher, und nirgends anders gehe zuerst. -- Und wenn innige, herzliche
Freundschaft Trost gewhrt, so findest Du ihn an meinem Herzen, das mehr
als ein anderes Dir nachfhlen kann. Gott hat mir beigestanden, wo ich so
ganz verzagte, und mir ein ruhigeres Leben geschenkt, als ich's je
vorher hatte. Vertraue Du nur, es wird Dir auch nicht fehlen! Ewig Deine
Johanna.--

Es ist schwer zu glauben, da ein Verhltni zerstrt sei, das fr
das Leben dauern sollte, da nach so vielen Jahren einer poetischen,
beglckenden Freundschaft ein solches Ende folgen knne. _Elisa_ duldete
weiter. Die Freundin schrieb ihr den 24.Januar 1839 wieder, wie folgt:
Wrest Du armes Herz nur erst hier, fort von da, wo Du jede Stunde
auf's neue verletzt werden mut. Kein Schmerz verwundet so tief, als sich
getuscht zu finden, wo man so ganz vertraut hat, erkaltet zu fhlen, was
unser Herz so lange mit unwandelbarer Treue festgehalten, sich abwenden
zu sehen, was durch Hingebung unseres ganzen Wesens wir fr immer uns
verbunden glaubten. O, so grausam scheidet nicht der Tod, unsere theuren
Gestorbenen leben uns in der Seele fort, wir drfen ihrer freudig gedenken.
Aber Freunde, die dieses Namens unwerth, aller Liebe, Treue, Hingebung,
aller Opfer uneingedenk, dies alles mit engherziger Selbstsucht und Undank
lohnen knnen, die verbittern nicht blo die Gegenwart, auch der schnen
Vergangenheit knnen wir nicht gedenken, ohne da uns wie eine dunkle Wolke
die schmerzliche Erfahrung vor die Seele tritt. Glaube Du Geliebte, Tag und
Nacht beschftigt Dein Schicksal mich, ich fhle Dir alles nach, weil Dein
Loos das meine war. Dieser Zustand des Verlassenseins, der Einsamkeit ist
furchtbar, auch ich dachte damals verzweifeln zu mssen, keines Menschen
Trost fand bei mir Gehr. -- Mit ihrer groartigen Freundschaft stellte
sich Johanna _Elisen_ vollstndig zur Verfgung; diese sollte bestimmen, ob
sie kommen, und _Elisen_ mit sich fhren, ob sie zusammen reisen, wie und
wo sie leben wollten; sie hoffte, eine Reise in neue, schne Gegenden solle
_Elisen_ zerstreuen und ihren Kummer heilen.

Diese zgerte noch immer, einen Entschlu zu fassen; sie ahnte, da etwas
Entsetzliches vorginge, ohne zu wissen, was es sei. Was Immermann ihr
verschwieg, wurde ihr nun von Andern mitgetheilt: da er verlobt sei. Das
konnte sie nicht glauben! Ihr edles Gemth hielt es fr nicht mglich, da
er dasjenige, was er vor allen Andern ihr mitzutheilen schuldig war, ihr
verheimlichen knne.

Die Gewiheit lie nicht lange auf sich warten. Immermann legte ihr eines
Tages auf seinen Schreibtisch, den sie, wie bereits gesagt worden, allein
zu ordnen pflegte, und dessen Papiere sie alle lesen durfte, einen Brief,
der ihr alles entdeckte. Es war der schrecklichste Augenblick ihres Lebens.
Nach zwlf Jahren, die sie dem Glcke des Freundes ausschlielich gewidmet
hatte, nach zwlf Jahren voll Treue und liebender Sorgfalt, war nun alles
zu Ende! -- Ihre bangen Ahnungen hatten sie nicht getuscht! Und der
einfachen Jugendlichkeit eines Kindes war es vom Schicksal bestimmt, den
Sieg davonzutragen ber eine Frau von so feinem und hohen Geist, von so
schnem Herzen, von so bezaubernder Liebenswrdigkeit wie _Elisa_! -- Sie,
die vertraute Freundin, wollte er aufgeben, fr ein fremdes junges Mdchen,
das er nur einige Male erblickt hatte!--

Wie _Elisa_ in Magdeburg lebte, hatte sie bei Immermann's Mutter ein Kind
gesehen, das dort frhlich umherspielte: es war Marianne Niemeyer! So
war diejenige, die _Elisens_ Freundschaftsverhltni zu Immermann stren
sollte, schon beim Beginne desselben gegenwrtig gewesen. Seltsame
Fgung!--

Diesem tragischen Geschick gegenber, fhlte _Elisa_ unwiderleglich in
ihrem Herzen, da es nur _einen_ Ausweg fr sie gebe: fortzugehen auf
immer. Immermann hatte das nicht gedacht, sondern die inneren Vorwrfe, die
er sich machen mute, mit der Hoffnung zu besnftigen gesucht, sie werde
sich bereden lassen, trotz seiner Heirath, bei ihm zu bleiben; die Freundin
knne einen Platz neben der Frau haben. Aber mit edlem Unwillen wies
_Elisa_ solch einen Vorschlag zurck, den anzunehmen unter ihrer Wrde
gewesen wre. Immermann war bestrzt, auer sich, als er vernahm, da er
sie verlieren sollte!--

Sie schwieg, auer gegen Johannen, gegen alle Welt ber das, was
vorgefallen; gegen niemand kam ein Wort der Klage ber ihre Lippen.
Anders er; in der Aufregung lief er zu allen gemeinschaftlichen
Freunden, vertraute ihnen, _Elisa_ zrne ihm, und bat um ihre begtigende
Vermittelung und Ausgleichung. In so zarte Verhltnisse kann kein Dritter
sich mischen, ohne zu verletzen; die Freunde, die nun kamen, und _Elisen_
bestrmten, sie solle doch bei Immermann bleiben, konnten natrlich nichts
ausrichten; vergeblich wollten sie es so schn finden, wenn _Elisa_ die
mtterliche Freundin der jungen Gattin wrde. -- Immermann erwartete damals
von Dsseldorf versetzt zu werden, _Elisa_, meinten sie, solle dann das
junge Ehepaar an den neuen Wohnort begleiten. -- _Elisa_ empfand aber tief
das Widrige solchen Vorschlags, und das Unpassende solcher Unterredungen;
sie blieb bei ihrem Vorsatz. Alle wollten sie nicht begreifen knnen, warum
_Elisa_ ginge, nicht begreifen, was doch das einfache Gefhl zu begreifen
lehrt! Auch ein Theil von _Elisens_ Familie war unzufrieden mit ihrem
Entschlu. Sie lie sich nicht irre machen, und schrieb an Alle: man mge
nicht weiter in sie dringen: Immermann habe ihr frher mehrmals seine Hand
angeboten, sie habe sie ausgeschlagen; nun heirathe er, das fnde sie in
der Ordnung, aber die Art, wie er es gethan, habe sie gekrnkt. -- So bte
sie noch bis zuletzt Schonung und Entsagung fr ihn.--

Die Einzige, die _Elisen_ ganz verstand, und begriff, da hier eine
Trennung nthig sei, war die Freundin Johanna; sie schrieb aus Berlin, den
8.April 1839: Geliebte Elisa! Schon lange wei ich nichts von Dir, und
erwarte auch jetzt kaum Dein Herkommen. Tglich suche ich in der Zeitung
nach Immermann's Versetzung, und da sie bis jetzt nicht erfolgt ist,
bleibst Du auch wohl noch dort. Ach, ich kann's nur zu deutlich denken,
wie schwer Du Deine Wohnung verlassen wirst, und wie gern Du selbst alles
verschiebst, wenn auch das frhere Leben darin geendet hat. Da Immermann
wnscht, Du zgest nach seinem knftigen Wohnort, finde ich natrlich
-- aber ob Dir's heilsam wre, wage ich nicht zu glauben, Du wrdest
fortkranken, ihn so ganz anders zu sehen. -- Deine Wunde ist nicht mit
Rosenwasser zu heilen, da gehrt ein noch tieferer Schnitt, ehe Du auf
Genesung rechnen kannst. -- Sage mir sehr bald, wie Du Dich fhlst, und was
Du beschlieest, und gebrauche mich, worin Du glaubst, da ich Dir dienlich
wre. Ich glaube fest, es wrde Dir wohler, bei meiner Liebe zu leben, als
jetzt -- weil unser Band von Herz zu Herzen geht. -- An die Verhltnisse in
Halle kann und mag ich gar nicht glauben, doch mcht' ich nheres darber
hren. -- Gott schenke Dir Kraft und Geduld, Du theuerste _Elisa_, und mir
erhalte er Deine Liebe. Bis in den Tod Deine Johanna.--

_Elisa_ verabredete nun mit Johannen eine gemeinschaftliche Reise nach dem
Sden, auf welcher der letzteren junger Freund, _Philipp Kaufmann_, der
Uebersetzer von Shakespear und Burns, die beiden Damen begleiten und
beschtzen sollte.

Whrend dies sich vorbereitete, lebten _Elisa_ und Immermann zusammen
weiter, aber ach! wie anders als ehemals! Nach den ersten Strmen der
Aufregung verkehrten sie scheinbar ruhig miteinander, aber was sie
innerlich fhlten, lt sich nicht schildern. Immermann vertraute einem
Freund, wenn er sich das alles so vorher vorgestellt htte, er wrde sich
nie zu der Heirath entschlossen haben! Nun war es zu spt; er glaubte
sich gebunden. So vergingen Wochen, Monate. In der Mitte des Juli erschien
Johanna wie eine hlfreiche Retterin aus diesem unseligen Zustand; sie
umschlang voll Zrtlichkeit die geliebte Freundin, und ihr mitfhlendes
Herz schlug an dem tieftrauernden _Elisa's_.

Den 14.August 1839 verlie _Elisa_ in Gesellschaft Johannens ihren
heitern, lndlichen Wohnort Derendorf, das stille Haus unter den schattigen
Bumen, wo sie zwlf Jahre ihres Lebens zugebracht hatte, auf immer. Mit
schwerem Herzen begleitete Immermann die theure Freundin bis Kln; der
Abschied war erschtternd; es war, wie wenn die ganze ehemalige, zarte
Innigkeit dieses Verhltnisses noch einmal aufflackerte; es war ein
Abschied fr ewig!--

Bis dahin hatten sich _Elisens_ Schnheit und Jugendreiz wunderbar
erhalten, aber dieser Abschnitt ihres Lebens war auch zugleich die Grnze
ihrer Jugend; sie war nun neunundvierzig Jahre, und sah mit vollkommener
Entsagung in die Zukunft; sie hoffte, sie wollte und wnschte nichts mehr
vom Leben. Johannens Liebe suchte sie zu sttzen und aufzurichten. Die
schne Natur that ihr wohl. Es war das Schrecklichste, was mir begegnen
konnte, sagte sie spter einmal zu einer Freundin, aber wenn man es
berwunden hat, wird man sehr ruhig. -- Nachdem der junge Philipp
Kaufmann sich den beiden Freundinnen angeschlossen, nahmen sie den Weg ber
Straburg und Freiburg nach der Schweiz.

Whrend _Elisa_ so immer weiter in die Ferne ging, blieb Immermann mit
Empfindungen zurck, die von denen eines glcklichen Brutigams weit
abwichen. Der Abschied von _Elisen_ hatte die schmerzlichsten Gefhle in
ihm erregt, und schon jetzt begann er zu ahnen, da mit ihr sein guter
Genius von ihm gewichen sei. Welch ein Dmon war es, der ihn einen Theil
von jenen zerreienden Seelenzustnden erleben lie, die er in seinen
Papierfenstern eines Eremiten in frher Jugend mit vorahnendem
Dichtergeist geschildert! -- Noch wenige Tage verweilte der Dichter allein
in dem romantischen Huschen zu Derendorf, dem ehemaligen Schauplatze eines
idealen Glckes; er fand keine Ruhe mehr zwischen diesen Blumenbeeten und
Rosengebschen, diesen schattigen Gngen und traulichen Ruhepltzchen,
alles sprach zu ihm mahnend und eindringlich von der Vergangenheit, er
fhlte ein Weh bis in's innerste Herz, und eilte diesen Ort auf immer zu
verlassen.--

Bereits den 20.August schrieb eine Freundin von Immermann und von
_Elisen_, _Amalie von S._ an die letztere aus Dsseldorf die folgenden
Zeilen: Ich gestehe Ihnen offen, da ich es Immermann gnnte, Sie nicht so
weit von ihm getrennt zu wissen. Der Schmerz des Abschiedes von Ihnen
hat das Bild Ihrer Treue und Liebe, welches nie verlscht war, mit einer
solchen Gewalt in ihm hervorgerufen, da Sie, wenn Sie dies in
persnlicher Gegenwart shen, und Ihre Seele noch nicht zum alten Vertrauen
zurckgekehrt wre, schon in, darf ich sagen, christlicher Milde, etwas zu
seiner Beruhigung thun wrden. Ich kann es wahrhaft sagen, wie es auch
in Zwischenstimmungen gewesen sein mag, jetzt lebt Ihnen kein ergebenerer
Freund auf Erden.--

Bald nach _Elisens_ Abreise wurde Immermann's Verlobung ffentlich erklrt;
er reiste nach Halle zu seiner Braut, mit der er sich den 2.October 1839
verband.

Auf der Rckreise nach Dsseldorf nahm er mit seiner jungen Frau den Weg
ber Weimar, wo ihm wieder von allen Seiten die ehrenvollste Aufnahme
zu Theil ward. Am Abend seiner Ankunft wurde er im Theater mit einer
Auffhrung seiner Ghismonda bewillkommnet; seine junge Frau wohnte neben
ihm der Vorstellung bei. Da ergriff ihn das Gefhl des ungeheuren Abstandes
zwischen jetzt und ehemals; er mute sich vorstellen, welchen warmen
Antheil _Elisa_ an der Darstellung dieser seiner Dichtung genommen haben
wrde, ihm fehlte berall ihr feines Eingehen, ihr tiefes Verstndni
seines innersten Lebens. Es lag eine Art von Ungerechtigkeit in solchen
Vergleichen, er konnte, er durfte von einem so jungen Wesen zum wenigsten
nicht jene volle Reife des Geistes verlangen, die er an _Elisen_ gewohnt
war.

Bei einem Aufenthalt in Dresden ging es nicht anders. Als Marianne Morgens
in der Galerie sich fr die Bilder nicht so lebhaft interessirte, als er
erwartet hatte, als sie Abends bei einer Tieck'schen Vorlesung ermdete,
rief er schmerzlich, solche Gleichgltigkeit wre bei _Elisen_ unmglich
gewesen! -- Er verga in seiner Aufregung, da die arme junge Frau keine
Schuld daran hatte, da sie nicht _Elisa_ war, und da nur Wenigen die
hohen und bezaubernden Gaben zuertheilt werden, welche die letztere
besa! -- Immermann empfand Augenblicke der Verzweiflung, in denen er mit
Leidenschaft nach _Elisen_ verlangte, ja, er veranlate sogar Mariannen
ihr zu schreiben, und sie flehentlich zu bitten, zu ihnen nach Dsseldorf
zurckzukehren. Das war jetzt zu spt; _Elisa_ hatte mit ihrem frheren
Leben bereits abgeschlossen!--

Da aus Immermann's von ihm so lebhaft erhoffter Versetzung nichts geworden
war, so mute er in Dsseldorf bleiben, das er sehnlichst zu verlassen
wnschte. Er bezog mit seiner Gattin eine kleine Wohnung in der Stadt, in
der unschnen Grabenstrae. Die engen Zimmer, die zwei Treppen hoch gelegen
waren, beklemmten und bedrckten ihn; er seufzte laut nach Raum und Luft,
nach dem freundlichen Derendorfer Garten; er kam sich wie in einem Kfig
vor. Er fhlte sich wie Tasso, der aus den Grten von Belriguardo verbannt
ist. -- Auer einigen Gesngen von Tristan und Isolde hat er auch nichts
mehr gedichtet, seit _Elisa_ ihn verlie. Wie schwer lasteten auf ihm die
engen, brgerlich huslichen Sorgen, die sein neuer Lebensweg mit sich
brachte! Jetzt erst fhlte er ganz, wie er verwhnt worden war durch
_Elisens_ zarte Pflege, wie sie alle hemmende Prosa der Wirklichkeit von
ihm entfernt, und eine Atmosphre der Freiheit und der Schnheit um ihn
geschaffen hatte, in der er sich ungestrt der sen Gewohnheit des
Daseins und des Wirkens hingeben konnte. Die trstende, hlfreiche,
begeisternde Muse war von ihm entflohen, wer konnte ihn fr solchen Verlust
entschdigen!--

_Elisa_ setzte unterdessen mit ihren Gefhrten ihre Reise fort. Sie waren
ber den Gotthard nach dem schnen Italien gelangt, ber Genua, Florenz,
Bologna, Ferrara und Padua nach Venedig. Die herrlichen Gegenden, die
wunderbaren Kunstwerke entzckten _Elisen_; sie empfand es als einen
beglckenden Trost, da whrend alle Menschenbeziehungen so unsicher, so
wandelbar sind, die Freuden, welche die Natur, die Kunst und die Poesie
gewhren, fr denjenigen, der einmal wahren und echten Sinn fr sie
besitzt, wie unerschtterliche Sulen dastehen, an denen man Herz und Geist
ewig aufrichten kann; die reiche Flle des Schnen, die sich ihr hier auf
jedem Schritte darbot, sie mute wie mit mildem Sonnenschein ihr Inneres
erhellen und beleben.

Als sie in Ferrara Tasso's Kerker und das alte Schlo der Este, einst der
Sitz der Musen und Grazien, betrachtete, mochten wohl wehmthige Gedanken
in ihr aufsteigen ber die Vergnglichkeit alles Glckes. In dem alten
verzierten Himmelbette des Htels trumte sie von den goldenen Tagen, da
Tasso, zu den Fen der Prinzessin sitzend, dieser seine unsterblichen
Werke vorlas. War es nicht zugleich ihre eigene Geschichte, die sie
trumte? -- Mitten aus diesen Phantasien weckte sie ein heftiger Stich am
Finger, und wie sie hinfhlte, fehlte ihr der Trauring ihrer Mutter, den
sie immer zu tragen pflegte, und nie fand er sich wieder! -- Es war einer
jener seltsamen, rthselhaften Vorgnge in ihrem Leben, wie wir schon deren
mehrere berichteten.

Von den Wundern Venedigs sprach _Elisa_ noch in spter Zeit nie ohne
Entzcken. Den Rckweg nahmen sie ber Tyrol. Alle Erinnerungen aus
_Elisens_ Jugendzeit, wo Andreas Hofer sie mit Bewunderung erfllte,
traten hier lebendig vor ihre Seele; auch ohne Bitterkeit das Andenken
Immermann's, und sie gedachte mit Freuden seines Drama's Andreas Hofer,
dessen wahren Schauplatz sie hier betreten hatte.

Im Wirthshaus des hohen Gebirgsdorfes Achenthal waren die Zimmer so
berfllt, da sie es verzog, in der reinlichen Kche bei der Wirthin ihr
Frhstck zu nehmen, die ihr vom Hofer erzhlen mute, whrend _Elisa_
dagegen ihr sein schnes Denkmal in Inspruck beschrieb, von dem sie eben
herkamen. Whrend dieses Gesprches hatte sich eine Anzahl Tyroler um
den Heerd versammelt; sie hrten ruhig und aufmerksam zu, und als _Elisa_
fortging, gaben ihr mehrere von ihnen herzlich und vertraulich die Hand zum
Abschied.

In Mnchen fand _Elisa_ die Nachricht von dem Tode ihrer geliebten
Erzieherin, Marianne Philipi, die dreiundachtzig Jahre alt geworden war.
Das Blumenstruchen, welches ihr _Elisa_ das Jahr zuvor beim Abschied
gegeben, hatte die zrtliche Freundin, mit dem Datum und _Elisens_ Namen
bezeichnet, und sorgfltig getrocknet, seitdem bestndig bis zu ihrem
letzten Augenblick bei sich liegen gehabt. _Elisa_ betrauerte innig das
treue Herz, welches sie in ihr verloren hatte.

Eine Krankheit Johannens, so wie ihres Reisegefhrten, die beide _Elisa_
angestrengt pflegte, gab noch auerdem dem Aufenthalt in Mnchen eine trbe
Frbung. Nachdem sie sich genugsam erholt und gefat, nahmen sie ihren Weg
weiter nach Berlin, das sie zu ihrem Wohnort bestimmt hatten.

Es war grade der Weihnachtsabend als _Elisa_ bei einer ihr befreundeten
Familie, dem jetzigen Oberregierungsrath _Albert Solger_ und seiner Gattin,
in Potsdam anlangte. Wir finden in ihrem Reisetagebuch keine Klage, kein
Wort, das man gegen irgend einen Menschen als Vorwurf deuten knnte,
aber rhrend sind die Schluworte desselben: Den 24.Dezember Abends bei
treuen, lieben Freunden auf's herzlichste empfangen; welch ein Labsal fr
die Heimathlose!----

Wenige Tage darauf, zu Anfang des Jahres 1840, ging sie nach Berlin.
_Elisa_ und Johanna hatten beschlossen, sich nie mehr zu trennen; sie waren
sich gegenseitig so viel Dank schuldig, da sich nicht mehr berechnen
lie, welche mehr fr die andere gethan hatte, so wie es in der wahren
Freundschaft auch sein mu. Sie bezogen, da sie beide einen lndlichen
Aufenthalt liebten, eine freundliche Wohnung auf der Potsdamer Chaussee38,
in der Nhe des botanischen Gartens. Fr die Rheingegend konnte das
freilich kein Ersatz sein, aber fr die Berliner Umgegend war es anmuthig
genug. Von dem artigen Balkon hatte man die Aussicht in die weite, grne
Ebene nach dem Kreuzberg, aus den hinteren Zimmern den Blick nach dem
Thiergarten, den Pichelsbergen und dem Grunewald, und dazu, wie Johanna
sagte, Sonne und Mond immer aus erster Hand.

Die lebhafte Freundin lie _Elisen_ keine Zeit zu einer wehmthig
stimmenden Einsamkeit; sie zog eine Menge Menschen in ihren Kreis; _Elisa_
besa ohnehin von ehemals her viele Freunde und Bekannte in Berlin, und
so hatten die beiden Frauen bald eine interessante und mannigfache
Gesellschaft um sich versammelt. Philipp Kaufmann war ein tglicher Gast;
sein Interesse fr Literatur, sein weiches Gemth machten ihn angenehm.
Johanna pflegte von ihm zu sagen: Die zarteste Frau kann nicht zarter
und feiner empfinden als er, und das ist unendlich wohlthuend, er ist eine
echte Kinderseele, aber noch kein Mann. Mit diesen wenigen Worten ist er
treffend charakterisirt.

Berlin mit seinem Reichthum an Kunst, Theater, Musik und bedeutenden
Menschen, von dem _Elisa_ oft scherzend gesagt hatte, es wre die Stadt,
wo mehr noch als die Schornsteine, die Kpfe rauchten, bot den beiden
Freundinnen die mannigfaltigsten Gensse. _Elisa_ war mit _Cornelius_
bekannt, dessen groartige Schpfungen sie bewunderte, mit _Rauch_, dem
begabten Bildhauer, dessen schner, ausdrucksvoller Kopf noch im Alter
aussieht, als wenn er aus seinen eigenen Meisterhnden hervorgegangen wre,
mit _Wilhelm von Humboldt_, der ein feuriger Anbeter Johannens war, und
sich auch zu _Elisen_ sehr hingezogen fhlte; sie sah _Ludwig Tieck_
wieder, den der Knig unterdessen nach Berlin berufen hatte; dann ihre
Freundin Henriette Paalzow, die mit ihrem Bruder Wilhelm Wach in vertrauter
Gemeinsamkeit lebte, und sich des Beifalls freute, den die damalige
Berliner Gesellschaft ihren Romanen so reichlich spendete. Auch Professor
_Wilhelm Zahn_, der thtige Nachbildner der Wandgemlde von Herkulanum
und Pompeji, der oft mit freundlicher Bereitwilligkeit seine schnen
Prachtwerke in die Gesellschaft mitbrachte, der geistvolle _Henrich
Steffens_ und seine liebenswrdige Familie, _Friedrich von Raumer_, den
_Elisa_ sehr schtzte, und dessen sptere geschichtliche Vorlesungen sie
immer eifrig besuchte, der muntre Professor _Wilhelm Stier_, die fleiige
Malerin Karoline Lauska, Geheimerath _Kortm_ und seine Gattin, Beuth und
seine Schwester, wren hier zu nennen.

Auch mit ihren entfernten Freunden, mit denen sie durch ihre Abreise von
Dsseldorf und ihren Aufenthalt in Italien auer Beziehung gekommen war,
erneuerte _Elisa_ ihren Briefwechsel. Nicht viele Frauen in dem Alter, in
dem sie jetzt war, drfen sich so begeisterter und hingebender Verehrung zu
rhmen haben, wie zum Beispiel die Briefe Mller's ausdrcken, mit denen er
sie nach ihrer Wiederkehr begrte. Ein dnischer Graf R. hielt um dieselbe
Zeit um ihre Hand an. Ja, wir drfen es khn behaupten, sie gewann sich
nicht minder alle Herzen, als in ihren frheren Jahren. Wenn auch ihr
Jugendreiz dahin war, so hatte sie doch die feine, zierliche Gestalt,
die beseelten blauen Augen, die schnen Hnde, die Grazie der Bewegungen
behalten; in jenem bedenklichen Alter der Frauen, in welchem der Schimmer
der Schnheit und Frische sie verlt, und es nun unabwendbar an den Tag
kommt, ob sie auer diesen anmuthigen aber vergnglichen Vorzgen auch
einen wahren Kern von Geist, Charakter und Gemth haben, zeigte sich von
neuem _Elisens_ voller Werth; sie war das seltene und schne Beispiel, da
auch eine Frau mit Anstand und Anmuth alt werden knne.

Das viele Unglck, welches sie erlebt, hatte nicht die geringste Bitterkeit
in ihr erregt; sie trug es still fr sich allein, und zeigte ihrer Umgebung
beinahe immer eine ungetrbte Heiterkeit; ihr lebhafter Geist, ihr reger,
empfnglicher Sinn fr alles Schne, ihre Gte, Milde und Liebenswrdigkeit
blieben sich stets gleich, eine wunderbare Harmonie ging durch ihr ganzes
Wesen. Niemand konnte seine Freunde mehr im Herzen tragen als _Elisa_ es
that; sie lebte in ihren Gedanken bestndig mit ihnen. Wenn man sie
auch lngere Zeit nicht gesehen hatte, mute man durch tausend kleine
Aufmerksamkeiten, die sie einem bewies, die Ueberzeugung gewinnen, da sie
sich so lange fortwhrend mit dem Abwesenden beschftigt, da sie fr ihn
alles gesammelt, bewahrt, behalten hatte, von dem sie wute, da es ihn
interessiren konnte. -- Niemals fiel ihr ein, eine falsche Wrde annehmen
zu wollen, sie blieb durchaus anspruchslos, und verlangte nie zu glnzen.
Einer geistreichen und anregenden Unterhaltung zuzuhren, war ihr
eigentlich noch lieber, als sie selbst mit zu fhren; wo ihr dies zu Theil
wurde, rief sie oft entzckt: Welch ein Glck so zuhren zu knnen!
Ach, wiederholte es sich mir doch immer wieder! Die Klugen finden keine
dankbarere Zuhrerin als mich!--

Eben war _Elisa_ etwas aufgelebt, als eine tragische Nachricht sie tief
berhrte. Immermann war an einem heftigen Fieber erkrankt, und starb nach
kurzen Leiden den 25.August 1840 pltzlich an einem Lungenschlag. Wenige
Tage zuvor hatte ihm seine junge Frau eine Tochter geschenkt; selbst noch
leidend, konnte sie sich nicht einmal seiner Pflege widmen; doch wachten
treue Freunde an dem Lager des Kranken.

Zu seinem Arzte, dem wackern, ihm sehr vertrauten Doctor _Ebermayer_,
sprach er noch ganz kurz vor seinem Tode in herzlichster, innigster Weise
von _Elisen_. -- Als man ihm zum erstenmale sein Kind brachte, rief er:
Ach! -- Wenn doch _Elisens_ Herz mir einmal vergeben knnte, wie glcklich
wr' ich dann! -- Sie hatte ihm vergeben.--

Am 28.August, an Goethe's Geburtstag, wurde der ausgezeichnete Dichter
bestattet. Die Akademie, die Regierung, das Landgericht, das Gymnasium
und zahlreiche Freunde gaben ihm das letzte Geleite; die Knstler stimmten
Gesnge an seinem Grabe an, die ganze Stadt war voll Trauer und Antheil.
Von einem Lorbeerbumchen, das _Elisa_ ihm einst in glcklichen Tagen
geschenkt, wurde der Kranz genommen, mit dem man seine edle Stirne
schmckte. Es lag etwas besonders Tragisches in diesem Tode, und zugleich
etwas Vershnendes, wie in den Tragdien der Dichter.--

_Elisa_ bewies bei diesem schmerzlichen Verlust ihr edles, groartiges Herz
nach allen Seiten; sie, selbst des Trostes bedrftig, war der Trost,
die Sttze der jungen Wittwe, der ganzen trauernden Familie Immermann's.
Sogleich schrieb sie an Mariannen, und bot ihr auf das liebevollste ihr
Haus zur Wohnung an. Da Marianne, die in Dsseldorf zu bleiben wnschte,
dies Anerbieten nicht annahm, so setzte _Elisa_, obgleich der Knig der
Wittwe des Dichters eine Pension bewilligte, Immermann's Tochter eine
jhrliche Rente aus. Auch auf alle ihr gehrigen Manuscripte Immermann's
verzichtete sie zum Besten seines Kindes.

Ein Brief von Ferdinand Immermann ber den Tod seines Bruders verdient
hier eingeschaltet zu werden, als ein schner Beweis, wie sehr _Elisa_ von
Immermann's Angehrigen verehrt und geliebt wurde; er lautet: Ihr Brief,
liebe Frau Grfin, ist uns die Stimme eines Engels vom Himmel gewesen. Das
ist nicht etwa nur so ein Wort: es ist die vollste und lauterste Wahrheit.
O htten Sie es doch sehen knnen, wie Sie uns beglckt haben! Denn wer
darf es wagen, den tiefen, himmlischen Sinn jenes Augenblicks mit einem
Worte anzurhren. Meine Mutter lt Sie vom Grunde ihres Herzens gren,
und Ihnen in groer Liebe fr die Erhebung Dank sagen, die sie in Ihren
Zeilen gefunden hat. -- Der furchtbare, ganz unvorbereitet auf uns
niederfahrende Schlag traf ihr Haupt so zerschmetternd, da wir mit aller
Gewalt ihren Geist, der zu wiederholten Malen die Besinnung verlieren
wollte, innerhalb der Grnzen ungestrten Bewutseins zurckhalten muten.
Als wir die Abwehr dieses Schrecklichsten endlich erzwungen hatten, da
begann die Flle ihrer Liebe in so herzzerreienden Schmerzenstnen, mit
einem so unergrndlichen Jammer um den unwiederbringlich Dahingegangenen,
ihren lieben ltesten Sohn, ihren lieben, lieben Karl auszustrmen, da
wir allesammt, den tausendkpfigen Schmerz im eignen Herzen dazu, ein ganz
elender und zerschlagener Haufen Menschen waren. -- O, Sie sollten die
Mutter sehen! Das Gesicht, das Sie kennen, ist inzwischen recht klein, und
der Kopf ist ganz wei geworden. Aber sie ist wohl ein recht erbaulicher
Anblick; denn seitdem ihr Schmerz stiller geworden, ist sie nichts als
Wehmuth, Ergebung, Frbitte, Liebe, Sanftmuth und Mtterlichkeit. Ich
sollte zu Ihnen reisen; ich wollte es auch: ich habe die lebhafteste
Sehnsucht nach Ihnen; aber noch bin ich ganz gelhmt und stumm; auch wei
ich ja noch nichts Genaueres von den Tagen von Karls Krankheit und von
seinem Tode. -- Die Anlagen, die ich Ihnen sende, sind ein schlechter
Trost; aber sie sind doch ein Trost. -- Lassen Sie uns, die wir ihn am
lngsten kannten, und am meisten liebten, fest zusammenhalten, und ein
rechtes Bndni des Trostes, der Erinnerung, der Hoffnung, der liebsten
Zuflucht, des unbedingtesten Vertrauens, und einer felsenfesten, herrlichen
Zugehrigkeit und Gemeinschaft stiften. Der Gott des Lebens sei mit Ihnen,
und lasse fr Sie und uns sein ewiges Leben in Liebe aus diesem Tode
hervorgehen.--

       *       *       *       *       *

Mit Mariannen trat _Elisa_ in einen fortgesetzten brieflichen Verkehr,
und nahm den wrmsten Antheil an ihr und ihrem Kinde; Marianne war voll
Dankbarkeit fr _Elisens_ gtigen, herzlichen Zuspruch, der ihre Seele
erquickte, und mit sem Frieden erfllte; sie uerte oft, niemand
verstnde wie _Elisa_ sie in ihrem Schmerze aufzurichten, und zu erheben.
Immermann's kleine Tochter wurde von _Elisa_ durch mannigfache sinnige
Geschenke, und spter auch durch das Bild des Vaters erfreut.--

Ein Jahr nach Immermann's Tode hatte _Elisa_ einen zweiten schweren
Verlust zu erleiden, der auf ihr ganzes Dasein einwirken mute: ihre theure
Freundin Johanna starb nach kurzer Krankheit den 22.August 1842 in ihren
Armen. In dieser ausgezeichneten Frau verlor _Elisa_ die treue Gefhrtin
ihres Lebens, die an all ihren Leiden und Freuden warmen Antheil nahm, und
durch ihren lebhaften, feurigen Geist bestndige Anregung schaffte. _Feodor
Wehl_, der kurz vor Johannens Tode durch diese Letztere mit _Elisen_
bekannt und befreundet wurde, schildert beide Frauen in einem Briefe, wie
folgt: Die Grfin Ahlefeldt und die Professorin Dieffenbach waren die
ersten bedeutenden Frauenerscheinungen, die in mein Leben traten, und wenn
die Erstere darin von grerem Einflusse und tieferer Wirkung wurde, so
geschah dies nicht nur, weil sie mir lnger blieb und nher trat, sondern
auch weil ihr milder Ernst und ihre freundliche Wrde mir besonders
imposant und zusagend waren. Ich erinnere mich noch sehr genau, da ich
die Professorin Dieffenbach schon geraume Zeit kannte, und doch die Grfin
Ahlefeldt, die mit ihr in Einem Hause und in derselben Etage wohnte, noch
nicht gesehen, sondern immer nur hatte von ihr reden hren. Die Grfin
Ahlefeldt war der Professorin Dieffenbach wie der Schatz des heiligen
Graal's, und man mute erst viele Proben und Grade der Tchtigkeit abgelegt
haben, um wrdig befunden zu werden, ihres Umgangs zu genieen. Erst
als ich damals mein erstes Lustspiel: Alter schtzt vor Thorheit nicht
geschrieben, und bei Johanna Dieffenbach gelesen, ward mir gewissermaen
zur Belohnung die Bekanntschaft der Grfin Ahlefeldt versprochen. Und nie
werde ich die Feierlichkeit vergessen, mit der mich Johanna Dieffenbach zu
ihr fhrte! Ach, es war die hchste und letzte Liebe, die sie mir erwies,
denn bald nachher starb sie, ebenso in Eil' und Hast, als sie gelebt hatte!
Sie war der greste Contrast, den es der Grfin Ahlefeldt gegenber
geben konnte. Nicht nur da sie klein, corpulent und hlich, nein, auch
ungeheuer beweglich und immer fieberhaft erregt war sie. Aber sie
hatte eine unendliche Flle von Geist und Liebenswrdigkeit, einen
unerschpflichen Fond von Gutmthigkeit und begeisterter Hingabe an alles
Schne und Gute. Beide Frauen ergnzten sich, und zwar in einer Weise, wie
es schwerlich so bald wieder der Fall sein wird.--

_Elisens_ Freunde suchten mglichst sie in ihrer Einsamkeit zu trsten, und
ihr Theilnahme und Liebe zu beweisen. Liebe Bekannte aus der Ferne brachten
manche neue Freude und Zerstreuung. Nicht lange bevor Johanna starb,
kam Adele von A. aus Preuen zum Besuch, und begrte ihre _Elisa_ nach
zweiundzwanzigjhriger Trennung. Man mu _Elisen_ gekannt haben, um zu
wissen, wie lebhaft sie sich solchen Wiedersehens freuen konnte. Spter
sahen sich die Freundinnen noch fter, und immer mit gleicher Innigkeit.
Ein anderer Besuch war Marianne Immermann, welche seit ihren Kinderjahren
in Magdeburg die verehrte Frau nicht wiedergesehen hatte, und ihr nun die
kleine Karoline zufhrte, deren Zge an die des Vaters lebhaft erinnerten.
Auch diese kehrte mehrmals wieder, mit innigem Danke fr _Elisens_
unwandelbare Gte.

Auch die Erinnerungen an den Befreiungskrieg sollten durch einen besondern
Anla wohlthuend in _Elisen_ erneuert werden. August von Bietinghoff
hatte sich die Erlaubni erwirkt, seinen Freund Friedrich Friesen auf
dem Invalidenkirchhof in Berlin bestatten zu lassen, und war zu dieser
Feierlichkeit, die am 15.Mrz 1843, dreiig Jahre nach dem Tode stattfand,
mit den Ueberresten des Gebliebenen, die er so lange mit sich umhergefhrt
hatte, nach Berlin gekommen. Er suchte _Elisen_ auf, die er innig verehrte.
Bald nach diesem kam auch ihr theurer Jugendfreund Leo Palm, der Freund
Ltzow's und Friesen's, aus Danzig, zum Besuch, den sie in dreiundzwanzig
Jahren nicht gesehen hatte. Palm fhrte ihr den braven Friedrich von
Petersdorff wieder zu, der in stiller Zurckgezogenheit in Berlin lebte,
ohne zu wissen, da _Elisa_ auch dort sei. In erneuerter Herzlichkeit
schlo man sich aneinander, und gedachte auch Ltzow's mit Liebe. Auf
_Elisens_ Anregung veranlate Palm, da die noch lebenden ehemaligen
Freiwilligen der Ltzow'schen Freischaar ihrem tapfern Fhrer auf dem
Garnisonkirchhof zu Berlin ein Denkmal von Granit setzen lieen, welches
vier Jahre spter, im Mrz 1847, aufgestellt wurde, wozu wieder die alten
Waffenbrder von nah und fern herbeikamen und eine ehrende Gedchtnirede,
so wie der Gesang der Krner'schen wilden, verwegenen Jagd das Andenken
des ruhmvollen Kriegers feierte.

Im Jahre 1846 verlie _Elisa_ die Wohnung, in der sie mit Johanna gelebt,
und bezog eine der Stadt nhere in der Schulgartenstrae1a. Die Freunde
werden sich noch gern der freundlichen, sonnenhellen Raume mit dem Balkon
und der Aussicht in's Grne, der geschmackvoll eingerichteten Zimmer
erinnern, geschmckt mit den schnen Kupferstichen nach Raphael, Gemignano
und Andern, mit den Bsten des Apoll und der Niobe, der Graziengruppe von
Canova, dem Dornauszieher, der Statuette von Ludwig Tieck und dem Medaillon
von Henrich Steffens, mit den hohen Gummibumen, dem rankenden Epheu, den
anmuthigen Schlinggewchsen. Ltzow's Portrait hing neben denen anderer
Freunde an der Wand; auf dem Schreibtisch standen die kleinen Bildchen von
Friesen, Wilhelm von Ltzow, dem Philosophen Solger und seiner Frau. Der
Tisch, der immer mit den neuesten Bchern bedeckt war, zeigte, da neben
dem treuen Angedenken an die Vergangenheit auch das neueste, frischeste
Leben der Gegenwart hier seine Sttte fand. Alles war so harmonisch und
sinnig geordnet, da man sich wohlfhlen mute, wie man die Schwelle
betrat. Welche glckliche, unvergeliche Stunden bereitete _Elisa_ hier den
Freunden!--

Wir haben noch viele Personen von Namen und Auszeichnung zu erwhnen, mit
denen sie in freundschaftlicher, geselliger Beziehung stand, Personen,
welche die verschiedensten Richtungen vertraten, aber alle in dem Einen
bereinkamen, _Elisen_ anzuerkennen und zu verehren: _Eduard Schnaase_, der
verdiente Kunstforscher und seine Gattin, die von Dsseldorf nach Berlin
bergesiedelt waren; _Friedrich Krummacher_, der berhmte Kanzelredner, der
bei _Elisen_ mit manchen Schriftstellern der modernen Literatur sich mit
weltmnnischem Tact friedlich zu unterhalten wute; _Rudolf v.Auerswald_,
der sptere Minister; _Adolf Stahr_, dem _Elisa_ schon von Dsseldorf her
ein lebhaftes Interesse bewahrt hatte, und dessen vortreffliches Buch:
Ein Jahr in Italien, das ihr groe Freude gewhrte, sie an ihre eigene
italienische Reise angenehm erinnerte, _Fanny Lewald_; _Theodor Mundt_
und seine Gattin; der Maler _Louis Blanc_; _Eduard von Blow_; der Dichter
_Karl Beck_, und noch viele Andere. Sogar der alte achtzigjhrige Minister
von _Kamptz_, der Verfolger der deutschen Jugend, welcher mit _Elisen_ in
Einem Hause wohnte, kam zuweilen in ihren Kreis.

Als Fremde erschienen die liebliche, anmuthige _Therese von Bacheracht_,
die weit mehr noch als durch ihre Romane, durch ihre seltene Schnheit
und Liebenswrdigkeit alle Herzen gewann, _Betty Paoli_, die interessante
streichische Dichterin, _Therese Robinson_, die gelehrte Schriftstellerin,
die sich unter dem Namen _Talvj_ rhmlich bekannt gemacht hat, _Fanny
Tarnow_, die sich noch im Alter in seltenem Grade einen frischen Geist
und eine beinahe jugendliche Lebhaftigkeit bewahrt hat, _Heinrich Laube_,
_Gustav Khne_ und der talentvolle junge Dichter _Julius Rodenberg_. --
Mild und gtig wie _Elisa_ war, verkehrte sie aber auch mit Menschen, die
an Geist und Bildung weit unter ihr standen, doch diese wute sie bis zu
einem gewissen Grade zu sich zu erheben; sie verlangte durchaus nicht
immer eine gelehrte Unterhaltung, aber geringe Klatscherei und boshafte
Medisance, wie sie auch wohl oft in der sogenannten guten Gesellschaft
auftaucht, litt sie nicht in ihrer Nhe.

Zu ihren nchsten und liebsten Freunden gehrten _Feodor Wehl_, _Gustav zu
Putlitz_, _Hermann Sagert_, _Katharina Diez_, die sinnige Verfasserin der
Frhlingsmhrchen, _Rudolf Gottschall_, _Emil Palleske_ und seine schne
liebenswrdige Frau. Auf alle diese bte sie den entschiedensten Einflu
aus, und widmete ihnen die herzlichste Zuneigung. An den Sonntagabenden
pflegte sie immer einen kleinen Kreis von jungen Leuten bei sich zu sehen,
die sich fr Kunst und Literatur interessirten, oder selbst Knstler und
Schriftsteller waren; es wurde vorgelesen, man besah mitunter Kupferstiche
und Zeichnungen, und immer knpfte sich ein angeregtes Gesprch an das
Mitgetheilte. Man konnte oft von _Elisen_ eingeladen werden, und doch nicht
zu jenen bevorzugten Sonntagen von ihr auserwhlt sein, von denen sie gern
alle nicht dazu passenden Elemente entfernt hielt. Wie manche junge Talente
haben dort ihre ersten Werke vorgetragen, und Ermuthigung und Strebelust
durch _Elisens_ Antheil empfangen! Sie waren ihr alle mit einer
Begeisterung ergeben, wie eine Frau in ihren Jahren sie selten einzuflen
vermag; es war die vollkommene Schnheit und Zartheit ihres Wesens,
die auch ihr Alter verklrte. -- Hier las Feodor Wehl sein Trauerspiel:
Hlderlin's Liebe, hier las Gustav zu Putlitz sein erstes hbsches
Lustspiel: Die blaue Schleife, das unter _Elisens_ Augen entstanden war,
und oft noch spter pflegte er voll Dankbarkeit zu versichern, das wren
doch die glcklichsten Stunden fr ihn gewesen, da _Elisen_ das eben fertig
Gewordene vorzulesen, ihm der schnste Zweck seiner Production war; hier
begeisterte Rudolf Gottschall, der geniale Dichter, die Anwesenden mit dem
Vortrag seiner Lambertine von Mricourt und seines Carlo Zeno; hier las
der begabte Dichter Emil Palleske seinen vortrefflichen Knig Monmouth
vor, welchen er _Elisen_ zueignete, da sie so warmen Antheil an der
Entstehung und Vollendung dieses Drama's genommen hatte und ihm den
lebhaftesten Beifall schenkte. Hufig auch las Palleske Shakespear'sche
Stcke vor, und bei dem Ton seiner krftig schnen Stimme, bei seinem
lebendigen, geistvollen Vortrag wurde _Elisa_ oft an jene Zeit erinnert, da
Immermann ihr diese selben Dramen vorgelesen hatte.

Feodor Wehl stand _Elisen_ unter den jngeren Freunden am nchsten, sie war
ihm mit wahrhaft mtterlicher Zuneigung zugethan, sie freute sich seines
Strebens, und seiner neidlosen Anerkennung Anderer, die in der heutigen
Literatur so selten ist. Gustav zu Putlitz erheiterte alles durch seine
gute Laune und angenehme Munterkeit, whrend Hermann Sagert, der
ebenso bescheidene als talentvolle Knstler, durch seine stets rege
Empfnglichkeit wohlthuend wirkte; Rudolf Gottschall belebte den Kreis
durch seine frische Liebenswrdigkeit und seinen eigenthmlichen Humor, und
Emil Palleske, der feinsinnige, begeisterte Bewunderer Shakespear's gab der
Unterhaltung immer neuen Schwung, indem er durch sein tiefes Eindringen in
die einzelnen Dramen des groen Dichters den anregendsten Gedankenaustausch
veranlate.

Wir fgen hier eine Schilderung ein, die Feodor Wehl in einem lngeren
Artikel in den Jahreszeiten von _Elisen_ und ihrer Gesellschaft entworfen
hat. Es heit darin von ihr: Durchaus mavollen Geistes, allem Edlen und
Schnen schwrmerisch zugewendet, und stets in einem rhrenden Cultus fr
die Gre im menschlichen Herzen sowohl wie im Bereiche der Literatur
und bildenden Knste begriffen, erhob dieselbe durch ihren Einflu eine
Gesellschaft von Knstlern, Literatoren, Staatsmnnern, Militairs, und
selbst geistig untergeordneten Menschen, zu einer Hhe der Unterhaltung,
zu einem Aufschwung der Welt- und Kunstanschauung, wie das wohl nur selten
wieder nach ihr der Fall sein wird. -- Sonderbar und eigenthmlich an
dieser auerordentlichen, nicht genug zu wrdigenden Frau war, da sie
ihre Gesellschaften wie der Feldherr eine Schlacht aus dem Zelt heraus, das
heit gewissermaen nur mit anfeuernden Blicken, zustimmendem Lcheln
oder abweisenden Mienen dirigirte. -- Sie sprach im Ganzen in ihren
Gesellschaften nur wenig, aber doch immer und jeder Zeit, wo es nthig
war. Sie wute mit wunderbarem Geschick das Gesprch zu entfesseln, und an
passender Stelle wie mit einem Zauberwort auch aus sonst unergiebigen
und sprden Naturen eine Flle von schnen Anschauungen und tieferen
Bemerkungen herauszulocken. Ihre fein organisirte Seele besa jene
Springwurzel des Geistes, mit der sie alle verborgenen Schtze einer
Menschenbrust nicht nur fr sich zu entdecken, sondern auch fr die
gesellschaftliche Conversation in Circulation zu setzen vermochte. -- Man
wird aus ihren Aussprchen, Briefen und sonstigem Nachla in Schriften
wenig Frappantes und gewi nichts derartiges aufzustellen vermgen, da
sich auch nur annherungsweise die Bedeutung ermessen liee, die sie
persnlich in der That auf ihren Umgang ausgebt hat. -- Es lag eine
gewisse stille Sonntglichkeit in ihrem Innern, die jeden und auch den
betubendsten Lrm der Geister besiegte. Es klang aus ihren Reden etwas wie
ein verlorenes Glockenluten, wie ein ferner Sphrengesang. Man mute sich
unwillkrlich zum Lauschen veranlat sehen, wenn man in ihren Umgang kam.
Nie hat es eine Frau gegeben, die wrdiger war, das Ideal eines Dichters
oder Knstlers zu sein, als sie. Ihr helles, schnes, blaues Auge, auch im
Alter noch seelenvoll und tief, ihre hohe schlanke, immer und bis zum Tode
jugendlich anmuthige Gestalt, ihre lang und edelgeschnittene Hand mit
dem unverwischlichen Pfirsichdufte ber der zarten Haut, das stumme, nie
lautwerdende Lcheln ihres Mundes, der sonst an sich das wenigst Schne an
ihr war, ihre Milde, Gte und Resignation erschienen wahrhaft bezaubernd.
Sie machte edel und gut, und besa einen feinen Tact, wie er nicht oft
gefunden werden kann. Die Kunst des Zuhrens besa sie in einem seltenen
Grade. Es war eine Lust ihr vorzulesen oder etwas zu erzhlen, denn es
entging ihr nichts, und das Subtilste verstand sie, wie es verstanden
werden mute. Wenn auch selbst keine Dichterin, lag doch im Duft und Hauch
ihrer Seele die Welt der Dichtung so ahnungsreich und golden ausgebreitet,
da es nur eines leisen Lichtstrahles von auen, das heit eines echten
und rechten Dichterwortes bedurfte, um sie in aller Pracht aus ihr heraus
erkennen und wahrnehmen zu machen. Ihr Herz war ein Vineta der Poesie, das
vielen, und wir drfen sagen, den bedeutendsten Menschen einer bewegten
Zeit anmuthend und zauberhaft durch das Wogen und Wallen ihrer Tage
heraufgeleuchtet und geschimmert hat.--

In grere, steife Gesellschaften, wo man, wie _Elisa_ zu sagen pflegte,
den Geist im Wagen lassen knne, und im besten Kleide die beste Langeweile
gensse, ging sie nicht gern. Am liebsten sah sie ihre Freunde im eigenen
Hause.

Ueber ihre liebenswrdige Art zu gren, sagt Feodor Wehl in einem andern
Artikel in den Jahreszeiten: Ihr Gru war noch der Gru mit der
ganzen Liebenswrdigkeit und Grazie, welche dabei in natrlicher Weise in
Anwendung zu bringen sind. Der Gru war ein Gru der ganzen Person, ein
Gru, in dem ein Hauch der schnen und edlen Seele lag, von der er gegeben
ward. Aus allen Schleiern und Nebeln der Vergangenheit heraus, sehen wir
in unvergnglicher Frische ihn sieghaft in unsere Erinnerung hereinlcheln,
diesen Gru, der im Blick des Auges, in den Zgen des Mundes der Beugung
des Kopfes, der Bewegung der Hand, kurz durch die ganze, hohe, edelgeformte
und anmuthige Gestalt der Grfin zu gehen pflegte, ohne doch, wie man
vielleicht denkt, ein Knix oder eine Verbeugung zu sein. Sie grte mit dem
vollen und bezaubernden Ausdruck der Freude, die sie darber empfand,
auf der Strae, in der Gesellschaft oder im Theater unter vielen fremden
Personen einen Freund oder Bekannten gefunden zu haben. Sie grte, wir
knnen nicht anders sagen, als mit einer gewissen Inbrunst des Herzens, das
Glauben und Zuversicht zu seinen Verbindungen hat. Ihr Gru war eine Art
Verpflichtung, die einem auferlegt ward, stets nur lieb und gut gegen sie
zu sein, denn die Art, wie sie ihn gab, bewies und bekundete, da sie nur
Gutes und Edles von dem erwartete, dem er geboten wurde. Sie grte
in jeder Frau eine gleichgestimmte, feine Seele, in jedem Mann ein
ritterliches Wesen, und zwar that sie es ebenso weit von Ueberhebung als
von Unterordnung entfernt.--

Wenn _Elisa_ von ihrer groen Vergangenheit erzhlte, berflog sie eine
jugendliche Begeisterung; ihren Vertrauten zeigte sie dann wohl ein
Kstchen, in dem sie eine Locke von Friesen bewahrte, die ihr Vietinghoff
nach der Auffindung des verstorbenen Freundes schenkte, eine franzsische
Kugel, von der Ltzow getroffen worden war, einige ihr besonders werthe
Briefe, und noch mehrere Andenken dieser Art.

Von Ltzow sprach sie nie anders, als mit herzlicher Achtung und
Freundschaft. Als sich einmal jemand herausnehmen wollte, Ltzow's Betragen
gegen sie zu tadeln, erwiederte sie sanft aber entschieden: Sie thun
Ltzow sehr Unrecht, er ist immer sehr gut gegen mich gewesen; wenn alle
Menschen so gut mit mir verfahren wren, wie Ltzow, so wollte ich mich
nicht beklagen, und sehr zufrieden sein. -- Oft sagte sie, sie wrde
keiner Frau rathen, sich scheiden zu lassen, und wenn sie auch noch so viel
zu erdulden habe. Ltzow ist mir immer ein treuer Freund geblieben, sagte
_Elisa_ einmal zu einer Freundin mit bewegter Stimme, und wir haben beide
oft bereut uns getrennt zu haben. -- An seinem Todestage fuhr sie immer
nach seinem Grabe, einen Kranz darauf zu legen. Selbst ber Immermann kam
niemals ein hartes Wort ber ihre Lippen, und sie sprach oftmals mit Wrme
von seinem Dichtertalent.

Im Jahre 1848, in der Zeit der Revolution, wo so viele Menschen sich wegen
Meinungsverschiedenheiten entzweiten, verlor _Elisa_ nicht einen ihrer
Freunde; sie war ihrem ganzen Wesen nach freisinnig, lie aber auch andere
Ansichten gelten, sofern man sie ihr nur nicht mit Gewalt aufdringen
wollte. Das viele politische Geznke in den Gesellschaften war ihr zuwider,
und oft klagte sie ber eine Zeit, in der alle Theilnahme fr Kunst und
Poesie zu schwinden drohe. Besonders betrbend war fr sie der Krieg in
Schleswig-Holstein, da dort ihre theils dnischen, theils holsteinischen
Familienmitglieder, die ihr alle theuer waren, sich feindlich gegenber
standen, und der Bruder gegen den Bruder kmpfte; sie sehnte sich auf
das lebhafteste nach Ruhe und Frieden, nach einem Ende all des traurigen
Blutvergieens.

Als den 28.August 1849 Goethe's hundertjhriger Geburtstag gefeiert
wurde, war _Elisa_ ziemlich einsam in Berlin, da alle ihre nheren Freunde
verreist waren; da zndete sie sich aber dennoch Abends in ihrem stillen
Zimmer alle Lampen und Kerzen an, schmckte es festlich mit Blumen, und
las allein fr sich, die Iphigenie, auf diese Weise das Andenken des
geliebten Dichters feiernd.

       *       *       *       *       *

Im Jahre 1851 hatte sie die Freude, da ihr edler, wrdiger Freund, Leo
Palm, der als General seinen Abschied genommen hatte, nach Berlin zog. Die
frhe Jugendfreundschaft hatte sich durch ein langes, wechselvolles Leben
unverndert erhalten, und sollte nun den Abend desselben verschnen und
erhellen. Da sich eine Wohnung fr ihn in _Elisens_ Hause fand -- spter
zog er mit ihr in die Dessauerstrae7, wo sie die letzten Jahre wohnte
-- so hatte sie den Freund nun ganz in ihrer Nhe, der sich ihr auf das
liebevollste widmete, an dem sie einen Beschtzer und die erwnschteste
Gesellschaft hatte. Er ging mit ihr spazieren, er las ihr vor, und bewahrte
mit ihr die Erinnerungen der Vergangenheit. Niemals fehlte er in jenem
schnen Gesellschaftskreise _Elisens_, von dem wir vorhin sprachen, wo
alles sich an seiner Gegenwart erfreute, weil er wie _Elisa_ die Gabe
besa, mit der frischen Jugend frhlich zu verkehren, und mit freiem,
unbefangenem Geist und edlem und feinem Sinn an allem Guten und Schnem
theilzunehmen. Durch seine Freundschaft war _Elisa_ in ihrem Alter von
einer zarten Aufmerksamkeit und Sorgfalt umgeben, um die manche jngere
Frauen sie beneideten.

Beinahe jeden Sommer machte _Elisa_ eine Reise; oft besuchte sie ihre
lieben Verwandten in Holstein. Ihre leidende Gesundheit erforderte hufige
Badekuren; sie ging nach Gastein und spter mehrmals nach Karlsbad, wohin
der Freund sie begleitete. An letzterem Orte lernte sie den Dichter _Alfred
Meiner_ kennen, dessen frische, jugendliche Erscheinung, und angenehmes
Wesen ihr sehr wohl gefiel. In Holstein bei ihrer Cousine, der Grfin
_Margarethe von Scheel-Plessen_ auf Sierhagen sah sie viel die Grfin _Ida
Hahn-Hahn_, deren Geist sie anzog, wenn sie auch ihren politischen und
spteren religisen Fanatismus nicht theilte: dort auch befreundete sie
sich mit der Jugendschriftstellerin _Margarethe Wulff_, deren allerliebste
Kinderschriften unter dem Namen _A.Stein_ erschienen, und vortheilhaft
bekannt sind.

Die letzten Jahre wurde _Elisens_ Gesundheit immer schwcher; sie fing auch
an etwas am Gehr zu leiden, wodurch ihr mancher Genu entzogen wurde.
Im Sommer 1854 reiste sie nach einem leidensvollen Winter nach Teplitz,
begleitet von ihrem Freunde, dessen Pflege und Sorgfalt allein es noch
mglich machte, eine solche Reise zu unternehmen. Leider kehrte sie ohne
merkliche Besserung von dort zurck.

Sie war beinahe nie mehr ohne Schmerzen, aber die harmonische
Gleichmigkeit und liebliche Heiterkeit ihres Wesens konnte dadurch nicht
gestrt werden; bei niemand ist jener Schleier, von dem die Prinzessin im
Tasso spricht den uns Alter oder Krankheit berwirft, durchsichtiger
gewesen als bei _Elisen_. Wenn man bei der Leidenden eintrat, fand man sie
immer in ihrem Sessel vor dem Tische sitzend, der stets mit frischen Blumen
und Bchern bedeckt war. Sie empfing einen Jeden mit freundlichem Lcheln,
fragte nach allen neuen Erscheinungen in Kunst und Literatur, und wenn
man sich nach ihrem Befinden erkundigen wollte, sagte sie wohl oft leise
abwehrend: Nicht von meiner Krankheit reden! Still davon! -- Sie ahnte,
da sie nicht besser werden wrde, und war ruhig und gefat, wenn sie wohl
auch gern ein Dasein noch weiter gelebt htte, das so viele ihrer Freunde
beglckte, und das ihr grade in diesen letzten ruhigen Lebensjahren bei
ihrem regen Sinn noch manches Gute bieten konnte. Kurz vor ihrem Tode,
schrieb sie sich noch, obgleich es ihr bereits schwer wurde, die Feder zu
fhren, die folgenden Verse des edlen Dichters _Moritz Hartmann_ ab:

  Von keinem Leid, wie schwer es sei,
  La stimmen deine Seele trber:
  Geht auch dein Leiden nicht vorbei,
  So gehst doch du vorber.--

Viele ihrer lteren und auch manche jngere Freunde waren ihr
vorangegangen, deren Verlust sie schmerzlich empfand. Im Mai 1846
entschlummerte sanft der edle Mller, vierundachtzig Jahre alt. In
demselben Jahre endete Philipp Kaufmann in einem Anflug von Verzweiflung
selbst sein Leben in Paris. Im Februar 1847 verlor _Elisa_ ihren wrdigen,
achtundsiebzigjhrigen Onkel von Hedemann-Heespen, und im Herbst desselben
Jahres starb nach vielen Leiden Henriette Paalzow. Auch die schne,
liebliche Therese von Bacheracht, spter mit einem mecklenburgischen Herrn
von Ltzow verheirathet, dem sie nach Batavia gefolgt war, endete frh,
als sie eben in die Heimath zurckkehren wollte, im Jahre 1850. _Elisens_
ltester Jugendfreund, der brave General Friedrich von Petersdorff, der
im spten Alter endlich seinen frhen Jugendwunsch, sich auf das Land
zurckzuziehen, ausgefhrt, und mit seiner Familie nach Plauenthin bei
Kolberg gezogen war, aber die Beziehung mit _Elisen_ nie hatte aufhren
lassen, und sich in seinen Briefen noch als Achtzigjhriger als ihr treuer
Verehrer und Anbeter Friedrich unterzeichnete, starb im Mai 1854. Dieser,
so wie Mller, Hedemann und Marianne Philipi haben alle ein ungewhnlich
hohes Alter erreicht, wie wenn _Elisens_ innige und treue Freundschaft
ihnen ausdauernde Lebenskraft eingehaucht htte.

Mit Marianne Immermann, die spter eine zweite Ehe einging, so wie mit
ihrer Tochter blieb _Elisa_ immer im freundschaftlichsten Einvernehmen.

_Elisa_ selbst schwand langsam dahin. So kam der Mrz 1855 heran; gegen
diesen Monat hatte sie stets eine besondere Abneigung gehabt, weil ihr
so viel Unglck in ihm begegnet sei; im Mrz hatte sie ihre beiden Eltern
verloren, Friesen war im Mrz geblieben, und den 20.Mrz, an ihrem
Hochzeitstage, hauchte sie selbst den letzten Seufzer aus, im noch nicht
vollendeten fnfundsechzigsten Jahre.

Sie war immer bei vollem Bewutsein gewesen, und erst den Tag vor ihrem
Ende verlangte sie zu Bette gebracht zu werden. Der treue Freund wachte an
ihrem Lager. In der Nacht rief sie mehrmals nach ihrer Mutter, die sie so
sehr geliebt hatte. Wie sie schon nicht mehr reden konnte, sprachen ihre
liebevollen Blicke, ihr sanftes Lcheln ihren Dank fr die Theilnahme aus,
die sie umgab. Die tieftrauernden Freunde empfanden schmerzlich, da sie
durch das Dahinscheiden dieser schnen, edlen Seele einen Verlust erlitten,
der ihnen niemals ersetzt werden knne. Wer sie kannte, wird sich ihrer
stets mit unbegrnzter Liebe und Verehrung erinnern.

Zuweilen geschieht es, da ein Verstorbener, der uns theuer war, durch
all das, was man bald nach seinem Tode von ihm zusammentrgt, erfhrt,
bespricht, uns wie noch einmal auflebend erscheint, ja vielleicht war
er uns niemals vertrauter und nher, als in solch einem Augenblick,
wo gewissermaen sein ganzes Wesen und Sein zu Einem Bilde vereinigt,
vollstndig vor uns hintritt. Wie eine Blumenknospe, welche bereits von
ihrem Stengel abgeschnitten, noch im Wasser aufblht, und ihren Kelch
erschliet, so blht die Menschengestalt, die der Tod schon gepflckt, in
den Thrnen unserer Erinnerung noch einmal vor uns auf. So schlieen wir
denn diese Bltter mit den Worten Goethe's: Liebreiches, ehrenvolles
Andenken ist alles, was wir den Todten zu geben vermgen.--




Anhang.




Briefe von Immermann an Elisa.


1.

  Mnster, den 2.Februar 1822.

Da Sie so freundlichen Antheil an den Versuchen eines Neulings nehmen,
meine gndige Frau, so erlauben Sie mir gewi gtigst, die Ueberreichung
der Leichenrede, die ich betrbten Herzens gefertigt habe. Sie ist so durch
Druckfehler entstellt, da ich mit der Zusendung der gereinigten Ausgabe
eilen mute. Sonst mchten Sie das Opus aus andrer Hand frher erhalten,
und jene Feinde der Autoren wrden auch das Wenige von Gunst zerstren, was
Sie der Stachelnu sonst vielleicht noch zuwenden.

  Gehorsamst

  Immermann.


2.

  Mnster, den 16.Februar 1822.

Die anliegende Abhandlung aus der Naturgeschichte darf sich vielleicht
heute unter dem ernster, wissenschaftlicher Betrachtung so gnstigen
Himmel von bekanntem Stoff, Ihrer Aufmerksamkeit erfreuen. Sollten Sie die
Ausfllung der Gedankenstriche wnschen, so werde ich sie mndlich zu geben
im Stande sein. Leider kann ich Ihnen morgen den Prinzen von Homburg
nicht vortragen, da ich noch nicht im Besitz meines Exemplars bin. Indessen
wird sich wohl etwas andres finden, vielleicht kann ich Freia's Altar von
Oehlenschlger verschaffen.

  Immermann.


3.

  Mnster, den 22.Februar 1822.

Mit dem herzlichsten Danke fr Ihre so gtige Einladung auf heute Abend,
verbindet sich das Bedauern bei mir, nicht folgen zu drfen, da ich
anderwrts versagt bin.

Wollen Sie mir erlauben, morgen zu erscheinen? Ich werde fr die Bejahung
auslegen, wenn mir kein Verbot entgegenkommt.

Sie kennen meine _gesellschaftlichen_ Freuden, und erlassen mir die
Beweisfhrung, da ich mit der hchsten Freude den Vorschlag, am Donnerstag
und Sonntag Ihnen vorlesen zu drfen, annehme.

  Mit groer Verehrung

  Immermann.


4.

  Mnster, den 5.Mrz 1822.

Ich sende Ihnen eine Folge von Landschaften von Antonius Waterloo, die,
wenn Ihr Auge nicht vom alterthmlichen Aufzug dieser Bltter beleidigt
wird, Ihnen wegen der geistreichen Ausfhrung vielleicht gefallen werden.
Einige Wille's liegen auch dabei.

Als ich mich heute wieder lebhaft und freudig unsres vorgestrigen Abends
erinnerte, kam mir das mitfolgende Gedicht in's Gedchtni, welches das
Gefhl einer einst verlebten wunderbaren Mondnacht bewahrt. Ich habe es
fr Sie abgeschrieben, weil es mir vielleicht Verzeihung fr meine fatale
Englische Krankheit erwirkt.

Ich denke, es soll schn und heiter bleiben. Wie herrlich wird dann unser
Ausflug sein!

  Immermann.


5.

  Magdeburg, den 1.Februar 1824.

Die heutigen Stunden der Mue seien Ihnen gewidmet, meine liebe Freundin.
Ich bin hier noch nicht recht zur Ruhe gekommen, sonst wrde dieser Brief
frher abgegangen sein; mchte er sie gesund treffen! Meine Reise war im
Ganzen sehr einfrmig, das wahre Muster einer Winterreise. Am Dienstag vor
acht Tagen kam ich bei meiner Schwester an, fand dort die Mutter, und
bin nun seit acht Tagen in der Vaterstadt, die mir aber bei dem reienden
Wechsel aller Verhltnisse fast fremd geworden ist, und worin niemand,
bis auf meinen Bruder _Ferdinand_, der unterdessen auerordentlich sich
entwickelt hat, meine Sprache zu reden scheint. Diese Erfahrung haben
Sie wohl auch schon gemacht, da Sie deutsche Worte und Reden hrten,
und dennoch merkten, wie die Leute mit diesen Worten ganz andre Begriffe
verbanden, als Sie.

Ich wohne im Hause meiner verstorbenen Gromutter, und ihre alte
langjhrige Freundin, von der ich Ihnen erzhlte, sorgt fr mich auf das
beste, so da ich nur nthig habe, mich vor Verwhnung in Acht zu nehmen,
wie man denn in dieser Beziehung sich immer hten mu, wenn man das Glck
hat, ein Gegenstand weiblicher Sorge und Pflege zu sein. Glcklicherweise
ist das Leben zu strenge, als da die weichen und weichlichen Seiten in
unsrer Natur so leicht berhand nehmen knnen.

Die Stadt hat sich in mancher Hinsicht verschnert. So sind zum Beispiel
am Frstenwall, an einer Stelle, wo sich sonst nur eine kahle Mauer befand,
schne grne Terrassen angelegt, welche mit Rosen und andrem Gestruch
besetzt werden. Das Ganze mu, wenn es fertig ist, einen erfreulichen
Anblick geben. Die Anpflanzungen, welche der alte Horn anlegte, scheinen
auch gediehen zu sein, soweit sich dies im Winter sehen lt; kurz, meine
Freundin, Sie brauchen sich jetzt grade keine Wste um Magdeburg zu denken,
wenn wir gleich durch Natur und militairisches Verhltni immer nur auf das
Nothdrftige hingewiesen sein werden. -- Das Theater ist zweimal besucht
worden, auer einem gewissen _Hartmann_ senior, von dem ich den Hugo in
der Schuld sah, ist nichts des Nennens Werthes unter der Gesellschaft. Die
Erleuchtung ist zu Gunsten derer, welche Ursach haben, ihr Gesicht nicht
zu zeigen, denn es ist so finster darin, da man kaum die Gesichtszge der
Schauspieler erkennen kann. Was man sonst hier fr Aesthetik treibt, darum
habe ich mich noch nicht bekmmern knnen.

Denn es ist eine solche Masse von Arbeit ber mich gestrzt, da ich
freilich, der ich dort doch eigentlich nur ein Miggnger war, alle Hnde
voll zu thun habe, und die frhen Morgenstunden zum Actenlesen benutzen
mu, damit ich vorbereitet am Tage verhren kann. -- Hiervon nichts weiter!
Wenn ich mich mit Ihnen unterrede, wollen wir in freieren und heiterern
Regionen wandeln, als wohin den Juristen sein Pfad fhrt.

Ueber meine hiesigen Umgebungen und Verhltnisse erwarten Sie wohl noch
kein Urtheil von mir. Personen und Sachen darf ich das Mibehagen, welches
mich nicht verlt, wahrlich nicht zur Last legen. Aber ich habe in jeder
Beziehung zu viel verloren, als da ich vergngt sein drfte. Neigung und
Dank wandern bestndig in die Ferne, da kann man freilich in der Nhe und
Gegenwart nicht zu Hause sein. Indessen bin ich gefat, denn ich habe,
wie Sie wissen, meinen ganzen gegenwrtigen Zustand in Mnster schon
vorhergesehen.

Die Koffer, worin Ihre Papiere aus Versehen mit eingepackt sind, habe ich
noch nicht. Sobald sie ankommen, erfolgen die Papiere zurck. Ich bitte,
die dem Herrn General nebst meiner besten Empfehlung und nochmaligen
Danksagung fr alle erwiesene Gewogenheit, zu melden. -- Ueber Ihre
Geldangelegenheiten nchstens mehr, ich mu diesen Brief gleich absenden,
und kann dehalb jetzt ber jenen Punkt mit Ihnen nicht ausfhrlich reden.

Mge mir nun bald gute und schne Kunde von Ihnen zukommen! Ich habe den
Wunsch und das Bedrfni mit Ihnen in bestndiger naher Verbindung zu
bleiben. Die heutigen flchtigen Zeilen sehen Sie nur wie ein Billet an,
welches Ihnen in der Eile von einem fernen Freunde und seiner Gesinnung
Nachricht giebt.

Der Reiz, die Anmuth und Wrde Ihres Wesens, werden Sie gewi immer tragen
und halten. In dieser Zuversicht sage ich Ihnen heute Lebewohl als

  Ihr treuer Freund

  Immermann.


6.

  Magdeburg, den 8.Februar 1824.

Ich benutze den Sonntag, liebe Freundin, um mich im Gesprch mit Ihnen
von manchem Drckenden zu erholen. Mchten Ihnen denn meine Worte auch nur
Erholung und Heiterkeit bringen! Ich sehe Sie nun im Geist bald mit dem
Garten beschftigt, und freue mich, da die Zeit der Erlsung aus dem engen
Zimmer nahe ist. Wir hatten hier schon einige sehr heitre, warme Tage,
leider haben sie wieder unfreundlichen Platz gemacht.

Wenn alle, die von Mnster kommen, jene Stadt so loben, wie ich, so wird
bald das Vorurtheil gegen dieselbe verschwinden. Ich mache mir es zum
Geschft, alle ihre Vorzge herauszuheben, und mu mich nur in Acht nehmen,
da ich nicht bei meinen lieben Landsleuten in den Ruf eines schlechten
Patrioten komme. Ernsthaft gesprochen, so scheint es mir in unserem, so
verschiedenartig componirten Staate recht eigentlich die Pflicht eines
jeden wohldenkenden Beamten, den sein Geschick in eine neue Provinz warf,
zu sein, die ble Meinung und das Mitrauen, welches zwischen den alten und
neuen Brgern herrscht, so viel in seinen Krften steht, zu zerstreuen.

Mchte man nur immer zu allem seinen Beifall geben knnen! Auch wir sind
hier nicht von Verhaftungen verschont geblieben. Ein junger Mensch, ein
Referendarius Caspari, aus einer mir bekannten und befreundeten
Familie, wurde vor acht Tagen nach Berlin gebracht. Zur Freude jedes
Vaterlandsfreundes hat aber das hiesige Oberlandes-Gericht feierlich gegen
diese Handlung protestirt, und den Justizminister offiziell aufgefordert,
das Recht zu schtzen. -- So etwas hilft zwar in der Regel nichts, aber es
zeigt doch, da die Gerichtshfe in Preuen immer noch ihrer hohen Wrde
eingedenk sind.--

Wie oft wnsche ich des Abends, bei Ihnen zu sein! Meine Tage gehn hier
sehr streng und arbeitsam hin. Ein groer Abstich gegen sonst. Indessen
sehe ich ein, da, wenn ich meine Zwecke erreichen will, doch einmal diese
strenge, arbeitsame Zeit eintreten mute. Ein _schnes_ Leben zu fhren,
gelingt nun einmal in Norddeutschland nicht, der Flei ist unser Apollo,
und die Mhe unsere Muse! Nichts ist lcherlicher, als ein norddeutscher
Geschftsmann, der zu seiner Erholung des Sommers vier Wochen in's Bad
geht, und nun durchaus nichts mit Zeit und Natur zu beginnen wei. Ein
solcher Mann ist eine cht komische Figur, und ich mu sie mir fr meinen
Roman ausbilden.

Ihre Papiere sind angekommen, und ich sende sie Ihnen bald mit der
fahrenden Post. Sehr glcklich wrden Sie mich machen, wenn Sie mich auch
in der Ferne zu Ihrem Geschftstrger erwhlten.

Meine Zeit ist etwas knapp, ich mu Ihnen herzliches Lebewohl sagen.

  Ihr Freund

  Immermann.


7.

  Magdeburg, den 15.Februar 1824.

Heute, meine liebe Freundin, sollen Sie einen Brief voll Stadtneuigkeiten
haben, damit Sie sehen, wie nachtheilig die Entfernung von Ihnen auf mich
wirkt. Ich fange an zu klatschen.

Unsre Jnglinge hier sind ganz andre Leute, als die dortigen. Auf einem
Ball vor acht Tagen ist zwischen einem Referendarius und zwei Offizieren
ber einen Tanz der heftigste Streit entstanden, der sich durch zwei
Duelle, eins auf den Degen und eins auf Pistolen, in dieser Woche
ausgeglichen hat. Sie knnen denken, in welchem Aufruhr die hiesige
Damenwelt sich befindet, und es ist nur schade, da niemand blieb, alsdann
wrde erst der Jubel vollstndig sein.

Ein armer Criminalrichter, der vom Morgen bis zum Abend inquirirt, darf
leider an dergleichen nicht denken, und so fehlt ihm jedes Mittel, sich dem
schnen Geschlechte interessant zu machen. Wenn ich genthigt wre, mich zu
schlagen, so mte ich es wahrhaftig am lieben, heiligen Sonntag thun, denn
in der Woche htte ich keine Zeit dazu.

Ich zhle jetzt jeden Tag, der uns dem Frhlinge nher bringt, mehr um
Sie, als um mich. Wenn ich Sie nur erst mit Harke und Spaten im Garten
beschftigt, glhendroth im Antlitz, pflanzend und send wei, dann ist
mir nicht bange fr Sie, dann schweigt vor der ueren Anstrengung die
Erinnerung an die harten Schicksale, mit welchen der Himmel Sie prfen,
durch welche er Sie verklren will. -- Unter den vielen guten Gaben, mit
welchen Natur und Erziehung Sie bedachte, pries ich immer die Neigung, sich
krperlich zu regen und zu bewegen. Es ist unbeschreiblich, was Sie dadurch
fr Vortheile ber die stillsitzenden Damen erlangen. Ich bin zwar kein
Wahrsager, aber Ihnen getraue ich mir doch ein recht zufriednes und
gesundes Alter zu prophezeihen. Einer gewhnlichen Frau drfte man freilich
nicht von ihrem Alter reden, entschuldigen Sie mich mit der Freimthigkeit,
die Sie mir immer erlaubten, da ich zu Ihnen so ungalant sprach.

Liebe Freundin, Sie mssen sich wirklich meiner annehmen, wenn ich nicht
dem Schnen absterben soll. Ich meine, da Sie mir aus Ihrer Lectre hin
und wieder das Wissens- und Merkenswrdige mittheilen. Wenn ich jetzt nicht
aufmerksam gemacht werde, so erfahre ich nichts, denn lange zu suchen
und zu forschen, dazu fehlt die Zeit. -- Wie oft besucht mein Geist den
Bcherschrank und alle die Pltze, wo bei Ihnen die Literatur aufgestapelt
liegt! Als ich Sie erst kennen lernte, hielt ich Sie fr grundgelehrt, und
scheute mich, weil ich meiner eigenen Ignoranz mir bewut war, etwas vor
Ihnen. Nachher habe ich denn erfahren, da Sie etwas viel besseres sind,
nmlich _gebildet_, das heit nicht in dem abgenutzten Sinne der Zeit,
sondern in dem Sinne, wo das Wort die harmonische Gestaltung des ganzen
Wesens durch Lehre, Geschick und Nachdenken bezeichnet.

Diese Nacht habe ich im Traum den ganzen Tasso aufgefhrt. Das ist ein
Zeichen, da wir uns bald wiedersehn werden, denn ohne Sie kann ich das
Stck nicht geben.

Ihre Papiere sind am vorigen Posttage nicht angenommen worden, weil sie in
Wachsleinwand eingeschlagen werden muten. Sie langen nun knftigen Freitag
an. Nebst meiner Empfehlung an den Herrn General bitte ich ihn in meinem
Namen wegen dieser Verzgerung um Entschuldigung zu bitten.

Es sagt Ihnen herzliches Lebewohl

  Ihr treuer Freund

  Immermann.


8.

  Magdeburg, den 22.Februar 1824.

Ich mu zwar fast verzweifeln, meine liebe Freundin, Ihnen Neues und
Interessantes zu melden, denn mein Leben geht hier sehr einfrmig hin,
indessen will ich die gute Gewohnheit der wchentlichen Correspondenz doch
nicht gleich in ihrem Entstehen wieder vergehn lassen, weil mir gar zu viel
daran liegt, mit Ihnen in bestndiger Verbindung zu bleiben, und diese nur
durch ununterbrochene Correspondenz mglich wird. Briefe mssen sich dem
Tagebuche nhern, dann ist ein Leben mit dem Entfernten gedenkbar, setzt
man sich nur alle Monat einmal hin, um zu schreiben, so ist es keine
Unterredung mehr, sondern ein Bericht, ein Vortrag.

Diese Woche war hier ein groer Ball bei _Hake's_ in kstlich verzierten,
nur etwas zu engen Zimmern. Die Dame mu auerordentlich viel Geschmack
besitzen, alles zeugte von ihrem feinen Sinn. Ich tanzte nicht, spielte
nicht, sondern bewegte mich, den Hut in der Hand, umher, und suchte --
Sie! -- Ich erinnerte mich nmlich einer hnlichen steifen Geschichte bei
_Horn's_, vor der ich mich sehr gescheut hatte, die mir aber das Gesprch
mit Ihnen noch immer zur vergngten Erinnerung macht. Sie knnen sich
als Frau -- mit angeborenem und durch Ihre Lage ausgebildetem Talente fr
gesellige Verhltnisse gerstet, keine Idee von der Befangenheit machen,
die mich jederzeit in groen Kreisen, besonders im Anfange befllt. Ich
mu jederzeit alle Standhaftigkeit zusammennehmen, um nicht lcherlich
zu erscheinen. Indessen trstet mich zuweilen die Betrachtung, da ich so
viele Andere, welche recht routinirt zu sein glauben, bei dem Bestreben,
sich zu produciren, die kuriosesten Figuren machen sehe. Die chte feine
Lebensart und Sitte ist etwas sehr Ausgezeichnetes, und eben so wenig durch
Mhe und Arbeit zu erringen, wie jedes andre Talent. -- Hake und die Grfin
besitzen es wirklich, es ist nicht mglich, mit mehr Anstand und Wrde ein
Fest zu geben, als sie thaten.

Sonst sind in dieser Woche fr mich zum Theil recht unruhige und
unangenehme Tage gewesen. Die Auction des Mobiliarnachlasses meiner
Gromutter wurde vorgenommen, wobei ein solcher Lrm herrschte, da ich
immer meinte, sie wrden mich mit losschlagen. Meines Verweilens in diesem
Hause wird nicht lange sein, es wird hchst wahrscheinlich verkauft.
Ich sehe mich dehalb auch schon nach einer andern Wohnung um, und werde
vermuthlich Ostern ausziehen.

Ich freue mich, da _Paulmann's_ Benefiz so gut ausgefallen ist. Er
verdient wohl, da man ihn achte. Menschen, die einen so hohen Begriff von
der Kunst und ihrer Schwierigkeit haben, sind heutzutage selten, weil
die Welt mit lauter Genies, denen nichts Mhe macht, best ist. Es ist
unglaublich, wie die sthetische Oberflchlichkeit um sich gegriffen hat,
und man kann es dem Publico nicht verdenken, wenn es am Ende von Kunst
und Dichtung gar nichts mehr wissen will. Alles glaubt jetzt, wenn es das
Patent der Bildung gelst hat, musiciren, recitiren und dichten zu knnen.
So verderben die vielen Pfuscher das Handwerk.

Wenn Sie wirklich nicht im Ivanhoe bersetzen, so haben Sie wohl die
Gte, mir das Buch bald zu bersenden. So lieb mir Ihre Hlfe sein wrde --
ich glaube doch, da ich mich nun wieder allein werde daran machen mssen.

Leben Sie wohl, theure Freundin! Mgen diese Zeilen Sie zu guter Stunde
antreffen. Dies wnscht

  Ihr Freund

  Immermann.


9.

  Magdeburg, den 1.Mrz 1824.

Recht herzlich freut es mich, liebe Freundin, von Ihnen vernommen zu
haben, da Sie gesund und wohl sind. Ihre Zeilen sind mir eine freundliche
Erscheinung in meinem hiesigen strengen und ernsten Verhltni, sie wehen
mir wie die ersten lauen Lfte des Frhlings Trost und Freude in's Herz,
und erinnern mich wieder, da es noch eine schnere Welt giebt, als die der
sauren Arbeit und der todten Mhe. Es ist aber gut, wenn man auch solche
Zeitlufte einmal durchmacht, damit man Flei an Andern schtzen lernt. Ich
komme mir, wenn ich beim Schein meiner Morgenlampe mich zu den Akten setze,
vor, wie einer von den Schmiedegesellen des Vulkan, die auch mit frhem
Morgen das berute Schurzfell umnehmen und in der Esse zu hmmern beginnen.
Mit meinem Bruder, der in hnlicher bestndiger Arbeit steckt, scherze ich
oft ber unsere Lage und wir nennen uns gegenseitig die zwei _Banausen_.
Sie erinnern sich des Worts, welches durch Vossens und Stolberg's Streit
allgemein bekannt wurde, und in der ursprnglichen Bedeutung einen
Menschen anzeigt, der beim Feuer arbeitet, in der abgeleiteten aber jeden
bezeichnet, der sich handwerksmig abmht.

Sie sind dort recht reich an Kunstgenssen gewesen, und ich mchte fast mit
Ihnen schelten, da Sie den Knig Lear verschmhen konnten. Doch werde
ich ber diesen Punkt wohl nicht mit Ihnen fertig werden und wir wollen die
Partie lieber fr remis erklren, da ich um der Wahrheit willen mich nicht
fr matt erklren kann, auf der andern Seite es aber fr unbescheiden
halte, Ihnen fernerhin immerfort Schach zu bieten. Dem Herrn General danke
ich im Namen der Kunst fr die Paulmann zuerst angethane Ehre. -- Hier
steht es schrecklich mit dem Theater -- nicht sowohl mit dem Personal,
welches wirklich mittelmig genug ist, sondern mit dem Publico, welches
kalt wie Eis sich nimmt, und nur am Sonntag -- wenn das Haus voller
Schler, Handlungsdiener und Handwerksgesellen steckt, warm wird. -- Die
Musik ist die einzige liberale Beschftigung, welche hier, wie aller Orten,
blht, wenn man die armselige Koketterie, die mit dieser Kunst getrieben
wird, eine Blthe nennen kann. Doch ist eine Diskantstimme hier -- deren
Genu ich Ihnen wohl wnschte. Ein so herrlicher, reiner und unverbildeter
Glockenton, da man nichts Schneres und Herzergreifenderes hren kann.

Nchstens werde ich auch einige Zeilen des Dankes und der Erinnerung an den
alten Horn abgehen lassen. Er bleibt mir immer im Herzen. Hier steht
sein Andenken -- wenigstens bei den Mnnern -- berall auf das beste
angeschrieben. Sie sehen also, da diese Liebschaft unsres Geschlechts
-- wie Sie oft die Neigung zu ihm nannten, eine allgemeine ist, und der
wrdige Herr zu den umworbenen und gefeierten Schnen gehrt.

Leben Sie wohl, meine Freundin, und gedenken Sie Ihres Freundes in Gutem.

  Immermann.


10.

  Magdeburg, den 6.Mrz 1824.

Ihre letzten lieben Zeilen, meine Freundin, habe ich erhalten, und sage
Ihnen herzlichen Dank dafr. Ich freue mich, da Ihnen der projectirte
Frauenverein Gelegenheit zur Thtigkeit geben wird, in der Ihnen so wohl
ist; nur frchte ich, da die edle Errichterin Sie bald aus der schnen
Vereinigung jagen wird, da mir ihr Talent zu lsen und zu stren, wohl --
die Fhigkeit zusammenzuhalten aber weniger bekannt ist. Sie mssen sich
indessen doch zwingen und so lange aushalten als mglich, denn etwas
ueres Leben ist jedem Menschen, besonders aber Ihnen, nthig, wenn Sie
nicht in dstern Trbsinn versinken sollen.

Wre ich doch einer Ihrer reichen Verwandten, Sie sollten sich gewi nicht
ber Verlassenheit zu beklagen haben. Wie traurig ist es, da Freunde so
selten Verwandte und Verwandte so selten Freunde sind! Die Verwandtschaft
pflegt in der Regel sich nur durch Hemmen und Schenken bemerkbar zu machen,
wenn aber Noth eintritt und man dann nach der Familie sich umsieht, da ist
man ganz frei und unbeschrnkt.

Vor einigen Tagen fand ich in Des Knaben Wunderhorn zwei Gedichte: Lob
der himmlischen Freuden und Antonius Fischpredigt, die Ihrem komischen
Sinne zusagen werden und deren Abschrift ich Ihnen das nchste Mal
mitschicke. Knnte ich sie Ihnen nur vorlesen! Hier nimmt niemand irgend
etwas von mir in Anspruch, als das Geschftstalent, und das ist meine
schwchste Seite. Ein Dichter ist wirklich ein sehr unglcklicher Mensch
-- alle andren Knste haben doch auch eine Art von Stelle in der Welt, der
Dichter aber schwebt vogelfrei zwischen Himmel und Erde. Drum mssen wir
uns an den Genu halten, den wir selbst von unsren Vortrefflichkeiten
haben, und unser Heil in der Einbildung suchen.--

Der Winter scheint seine Rechte nachholen zu wollen, es ist empfindlich
kalt, jedoch heitrer, klarer Himmel; und wre ich dort, so holte ich Sie
heute zu einem Spaziergange ab. Hier komme ich nicht viel zum Wandern, ich
suche mir aber dadurch zu helfen, da ich stehend arbeite und beim Dictiren
hin und her gehe.

Wenn jemand das Unglck hat, zur Festung verurtheilt zu werden, so wnsche
ich ihm keinen andern Strafort, als Magdeburg. Denn um hier Glck in der
Gesellschaft zu machen, mu man durchaus Staatsgefangener sein -- diese
drfen berall erscheinen und erregen das meiste Interesse. Mehrere haben
sich schon von hier Frauen geholt. -- Mir kommt es mitunter so vor, als sei
ich zur Festung verurtheilt, aber von Glck hat sich noch nichts einfinden
wollen.

Leben Sie wohl, theure Freundin, und vergngter als

  Ihr Freund

  Immermann.


11.

  Magdeburg, den 14.Mrz 1824.

Was Sie mir, theure Freundin, von den Carnevalslustbarkeiten und Ihren
Aengsten erzhlt haben, hat mich (Sie verzeihen mir) sehr ergtzt, und
ich sah Sie ganz deutlich bei verschlossenen Thren hinter dicken Mauern
zittern. Ehe ich Sie nher kannte, hielt ich Sie immer fr eine Art von
Heroine, bei genauerer Betrachtung ist zwar dieser erhabne Glanz von Ihnen
abgefallen, dafr sprang aber eine um so angenehmere Aengstlichkeit hervor,
wie denn berhaupt alles bei Ihnen sich in Liebenswrdigkeit kleidet. --
Ich habe diese Tage, wie alle meine Tage, hier sehr still verlebt, nichts
erinnert hier an das Fest, welches den Sden so tumultuarisch bewegt, als
die sonnabendlichen Redouten im Schauspielhause, die aber auch herzlich
schlecht sind. Sonst waren in den kleinen Stdten um Magdeburg Maskenblle,
wozu die _Honetten_, welche sich auf die hiesigen nicht wagen drfen,
eilten, jetzt ist das auch eingegangen. Was soll aus der Welt werden, wenn
wir im trocknen Ernste so fortschreiten, wie bisher? Nicht viel Kluges,
meiner Meinung nach, denn die Menschheit bedarf, wie der Einzelne, zuweilen
einen Thorensprung, um sich zu erfrischen, und um mit desto grerer
Kraft sich nachher wieder auf Tugend und Vernunft legen zu knnen.
Die bedeutendsten, wrdigsten Ereignisse in der Geschichte sind immer
diejenigen Handlungen, durch welche ein Einzelner oder ein Volk eine
groe Narrheit oder Snde gut zu machen strebt, wie soll er aber dazu noch
kommen, wenn man am Ende nur regelrechte Verstandesmigkeit kennt?

In diesen Tagen las ich in den Charakteristiken und Kritiken von den beiden
Schlegel's manches gute, treffende Wort, welches ich Ihnen gern, frisch
wie ich es empfangen, wiedererzhlt htte. Lassen Sie sich doch einmal die
beiden Bnde geben, und lesen Sie was darin ber Romeo und Julia und
ber Wilhelm Meister gesagt wird. Es ist gar nicht zu lugnen, da die
Schlegel's den Funken, der zuerst durch Lessing entzndet wurde, zur
Flamme angefacht, und eine neue Art der Kritik gegrndet haben, nmlich die
auslegende, ergnzende, nachweisende, statt da frher die vernichtende,
zersetzende, absprechende galt. Der Streit zwischen beiden ist noch nicht
ganz ausgefochten, doch neigt sich der Sieg schon sichtbar auf die Seite,
welche mir die bessere zu sein scheint.

Der Grundbegriff der Schule, welcher ich auch angehre, ist: da man zu
einem Kunstwerk nicht mit dem bloen Verstande, sondern mit dem Einklang
aller seiner Krfte, Phantasie und Gefhl mitgerechnet, treten mu, wenn
man es begreifen will, da man von dem Glaubenssatze ausgeht: alles, was
einmal entstand, mute nach Gesetzen entstehen, und da man eine unendliche
Mannigfaltigkeit der Wege, die das knstlerische Vermgen einschlagen
kann, zugiebt. -- Hieraus folgen gewisse Maximen. Man wird nichts unbedingt
verwerfen, sondern die Gesetze, aus denen sich die einzelne Erscheinung
nachweisen lt, aufsuchen, man wird nicht bei der ersten Lesung oder
Anschauung ein Urtheil fllen, sondern zuerst das Werk auf die offene Seele
einwirken lassen, und endlich, man wird die kritische Wissenschaft fr
eine uerst schwere halten, weil eine groe Menge von Erfahrungen,
Beobachtungen und Beispielen dazu gehrt, um darin nur zu den ersten
Resultaten zu gelangen.

Ich steige von meiner Kanzel, auf der ich Ihnen bisher predigte, und Ihre
Geduld ermdete, um Sie zu bitten, den einliegenden Brief an Bilstedt dem
Herrn General nebst bester Empfehlung von mir zu geben. -- Mit Vergngen
bin ich zu aller ferneren Correspondenz bereit.--

Ein herzliches Lebewohl sagt

  Ihr Freund

  Immermann.


12.

  Magdeburg, den 21.Mrz 1824.

Endlich wird sich doch, theure Freundin, der Himmel bei Ihnen entwlkt
haben, wie hier geschehen ist, und Sie zu einem heitern Gefhl Ihres
Daseins gelangen lassen. Seitdem ich Ihre vom Wetter abhngige Natur kenne,
interessirt es mich sehr, und Sie erlauben mir, da es ein Gegenstand von
Wichtigkeit ist fr Sie, davon zu reden, wenn man gleich dies Gesprch aus
der guten Unterhaltung verbannt hat. Freilich sind die Gesprche ber die
Fehler der Nchsten ein viel interessanteres und reichhaltigeres Kapitel.

Fr das bersendete Buch meinen herzlichen Dank, so wie fr den Anfang der
Uebersetzung. Ich bedaure nur, da letztere, wie ein unschuldiges Kind,
bei dem ersten Kapitel stehen geblieben ist. Meine Arbeit hat gleich wieder
begonnen, und es ist auch hohe Zeit damit.

Ich kann mich ganz in Ihr Gefhl und in Ihren Wunsch nach Beschftigung
hineinfinden, und sinne nur, was fr Arbeit ich Ihnen rathen soll. Mglich
wre es, da Sie fr Ihre eigne Rechnung den Frauenverein berbieten, und
in der Stille Mutter einiger Drftigen werden knnten, die Ihr Auge wohl zu
entdecken im Stande wre; denn es giebt in allen Orten des Elendes genug.
Wohlthtigkeit und Werke der Menschenliebe haben zu allen Zeiten edle
Herzen beruhigt. Glck kann die Erfllung der Pflicht nie schaffen, wer
das behauptet, kennt das Leben und das menschliche Gemth nicht, aber
beschwichtigen kann sie, vershnen und den herben Schmerz mildern. Auch
ich ertrge ein nchternes, leeres Dasein nicht, wenn nicht jede Stunde ihr
beschiednes Theil Arbeit htte. Diese fortgesetzte Beschftigung macht mich
allein fhig, zu existiren, und es graut mir vor allen Gesellschaften,
vor allen Besuchen bei meinen Bekannten und Verwandten in der Gegend,
weil solche arbeitslose Stunden und Tage mich sehr unglcklich machen und
verstimmen. -- Mitunter kommt es mir so vor, als sei unser jetziges Leben
und Treiben besonders veraltet und abgenutzt -- dann aber lese ich wieder
in einem griechischen Tragiker oder in Shakespear Stellen, die nur aus
demselben Gefhl entspringen konnten, und es kommt der Trost ber mich,
da das Leben zu keiner Zeit ohne Dissonanzen gewesen ist, und da sich in
allen Zeiten Annherungen zur Harmonie finden lassen.

Man spricht in der hiesigen Militairwelt von Vernderungen. Hake soll
abgehn, wohin wei ich nicht, und das Generalcommando des 4.Armeekorps
hieher kommen. Dem Herrn General bitte ich diese Notizen nebst meiner
Empfehlung zu sagen, wenn sie ihn interessiren.

Es fehlt hier in Magdeburg gar nicht an Gelegenheit, das _charmanteste_
Leben zu fhren, und jeder junge Mann hat es, wie die Tanten behaupten,
sich selbst beizumessen, wenn er nicht in Cours kommt; hohe Generalitt,
Prsidentschaft, Beamte mit unversorgten Tchtern, Kaufleute, welche die
Geige spielen u.s.w. alle Ingredienzien, die zum herrlichsten Dasein
gehren. Leider hat es Ihrem Freunde noch nicht gelingen wollen, in dieses
groe Rderwerk als brauchbare Walze einzugreifen. Ich finde, da die
Leute, die ich zufllig kennen gelernt habe, so unendlich mit sich
zufrieden sind, da ein Dritter ihnen nichts mehr bieten kann, und finde es
daher angemessen, sie ihrem Reichthum zu berlassen.

Mit herzlichster Erinnerung und Freundschaft

  der Ihrige

  Immermann.


13.

  Magdeburg, den 27.Mrz 1824.

An diesem regnichten Nachmittage, liebe Freundin, will ich wenigstens im
Geiste mich in heitre Regionen -- nmlich zu Ihnen flchten. Es ist ganz
abscheuliches Wetter, so recht zum Todtschieen geeignet, wenn man sonst
dazu Gelst hat.

Nun ist es beinahe ein Vierteljahr her, da wir getrennt sind, und ich wei
nicht, wo die Zeit blieb. Freilich lebe ich hier auch nur wie im Traume,
und meine Existenz hat durchaus kein Interesse und keine Bedeutung. Ich
hoffe, es soll anders werden, denn wrde es nicht, so wre es freilich
schlimm.

Ich freue mich, da Ihnen der Kaufmann von Venedig einen heitern Abend
gemacht. Diese herrliche Dichtung gehrt zu dem Besten, was ich kenne. Es
giebt Poesien, die wie manche Huser sind, ohne durch Pracht zu blenden,
ziehen sie unwiderstehlich an, man verweilt gern darin, man fhlt sich
berall heimisch, und wie in guter, bequemer Gesellschaft. Solch einen
Eindruck macht immer das Stck auf mich.

Selbst das Gewitter, welches ber den armen Antonio heraufzieht, kann nur
mig erschrecken, denn man ahnet gleich seine Rettung -- wo ein Weib wie
Portia mit in die Handlung verflochten ist, da kann nichts untergehn. In
dieser Portia spiegelt sich die reinste Weiblichkeit, und jene reizende
Mischung von tiefem Gefhl, weicher Herzlichkeit, Schalkheit und einem
gewissen Hang zur Intrigue ab, die Ihr Geschlecht auszeichnet. Auch die
vielen Freier dienen vortrefflich, die Erscheinung hervorzuheben; wenn man
einen Mann bedeutend schildern will, so mu man ihn an der Spitze eines
Heers, oder unter einem Haufen von Schlern und Anhngern zeigen, soll
dagegen eine Frau recht prchtig erscheinen, so mu sie eine vielumworbene
sein. -- Bassanio und sie werden ein herrliches Paar machen, recht
geschaffen Glck und Glanz um sich zu verbreiten.

Ich mchte wohl wissen, ob jemand schon den Grund von Antonio's
Traurigkeit, mit der er gleich Anfangs auftritt, erklrt habe. Die Wirkung
derselben ist gro, er steht gleich mit Einem Zuge unter den schwatzenden,
lachenden Freunden als eine fremdartige, von ihnen nicht begriffene
Erscheinung da, seine schwrmerische Freundschaft fr Bassanio, sein
sonderbares _Pfui!_ als man ihn fragt, ob er verliebt sei? -- alles, der
Abscheu vor den Zinsen mit dazugenommen, charakterisirt ihn als einen von
denen, mit welchen das Schicksal sich gern eine kleine Belustigung macht,
und so bringt er gleich einen ernsten Ton in das sonst so frhliche Stck.

Der Grund seiner Schwermuth lt sich leicht finden, wenn man ihn in
Beziehung auf seinen Stand betrachtet. Kann es wohl eine schlechtere
Anlage zu allem Kaufmnnischen geben, als er besitzt? Mit dieser Weichheit,
Empfindsamkeit, mit diesem ritterlichen Zuge in der Seele, unter Handel
und Wandel, Wechsel und Geldverkehr, mu sich ein stilles Mibehagen in
ihm ausbilden, welches er selbst nicht versteht, wie es seinen Freunden
unerklrlich ist.

Nehmen Sie, Beste, heute mit dieser Abhandlung statt eines Briefes vorlieb.
Ich habe eben nichts besseres zu geben, und wnschte nur, da ich mich in
Ihrer Nhe von manchem ausheilen knnte, was mein Gemth bedrngt. Gedenken
Sie meiner, wie ich Ihrer gedenke.

  Immermann.


14.

  Magdeburg, Sonntags, den 18.April 1824.

Wenn Sie das Fest, theure Freundin, so heiter verleben, als ich es
Ihnen wnsche, mu es Ihnen Festtage bieten. Sie haben nun den Druck der
Charwoche berstanden, der auch uns Protestanten dort fhlbar genug wird,
der Leib des Herrn ist aus dem Grabe genommen, und die Auferstehung zeigt
ihr frhliches Symbol in den Knospen und Blthen, die sich schon berall
hervordrngen. Ich mag gern ein etwas sptes Ostern, es ist hlich, wenn
das Sommerhalbjahr uns noch mit Schnee und Reif bewillkommnet. -- Wie ich
bei allem, was mir Gutes begegnet, immer zuerst an Sie denke, so wnschte
ich Sie auch in voriger Woche zu mir, da ich die Gewchshuser des reichen
Gutsbesitzers _Nathusius_ in Althaldensleben besah. Sie werden vielleicht
von den ausgedehnten Besitzungen und weitgreifenden Wirkungen dieses Mannes
gehrt haben, der aus einem Bettler ein Millionair wurde, und sein eignes
Papiergeld fabricirt, welches bei allen Wechslern Cours hat. Er ist selbst
Botaniker, und bei seinen Mitteln lassen sich denn freilich herrliche
Pflanzen und Blumen ziehen. Sie wrden das alles aber noch vielmehr
genossen haben, als ich.

Ein Besuch von _Heine_ fllt in die Zeit, da ich Ihnen nicht geschrieben.
Er hat mir einige sehr schne Gedichte recitirt, von denen eins besonders
(eine Rheinfahrt schildernd) mir ungemein gefallen hat. Wenn Sie es
lesen wollen, Sie finden es in einer von ihm in den letzten Stcken des
Gesellschafters abgedruckten Sammlung von 33 Liedern. Es ist das Letzte
der Sammlung.

Wenn ich nur durch meine Arbeiten erst durch wre! Ein und einen halben
Band Ivanhoe zu bersetzen, einen Aufsatz ber das Verhltni Falstaff's
zum Prinzen Heinrich, den ich nothwendig bis zu Johannis liefern mu, zu
fertigen, und dabei die Vorbereitungsarbeiten zum dritten Examen zu machen
-- das ist keine Kleinigkeit. Wenn ich aber erst durch bin, und meine
Zwecke damit erreicht habe, dann will ich mir auch wohl sein lassen, und
mein Leben genieen.

Leben Sie wohl, meine liebe Freundin, und gedenken Sie Ihres

  Freundes

  Immermann.


15.

  (Ohne Datum.)

-- Ruhe und Stille werde ich wohl haben im Sommer, ich ziehe in ein
Gartenhaus, und werde da ganz fr mich leben. Sie trauen Magdeburg gar
nichts zu, Sie sehen aber hieraus, da wir wenigstens Grten haben. -- Was
ich Ihnen eigentlich sagen wollte, ist, da _Elair_ hier angekommen ist,
um Gastdarstellungen zu geben, heute beginnt er mit dem Wallenstein. Ich
freue mich, da das stockende Leben doch einmal etwas geistig aufgeregt
wird, wie sehnlich wnschte ich, mit Ihnen den Genu zu theilen. Ich werde
mich ohne alle Kritik heute Abend in einen Sperrsitz setzen, und das Schne
mit dankbarer Seele empfangen, werde Ihnen auch getreulich berichten, was
ich gesehen.

So schmerzlich der Todesfall den alten _Mller_ getroffen haben mag, so war
es doch eigentlich ein Glck zu nennen. Die Jugendlichkeit des Alten wird
ihn hoffentlich wieder aufrichten. -- Der ** hat sich also wieder einen
Korb geholt? Er scheint dazu vom Schicksal vorherbestimmt. Leben Sie wohl!

  Ihr Freund

  Immermann.


16.

  Magdeburg, den 22.April 1824.

Die Wunder treten uns nahe. Ein Schferknecht, Namens _Gottlieb Grabe_, hat
in Torgau ein Siechenhaus von Gichtbrchigen und Lahmen um sich versammelt,
heilt durch Berhrung verjhrte Uebel. Mehrere Hunderte von Kranken
befinden sich in Torgau, viele Menschen sind von hieraus hingereist, und
was man zu vernehmen bekommt, klingt sonderbar genug. Indessen ist der
Schferknecht bereits denen in die Hnde gefallen, welche ein Privilegium
haben, das Publikum zu schrpfen, den Obrigkeiten, und sie verfolgen
bereits den Unprivilegirten. Von Rechtswegen, denn jedes Gewerk hat den,
der hineinpfuscht.

Was Sie mir von dem Baron _von Sydow_ und seiner goldnen Dose sagen,
besttigt die alte Erfahrung, da den Narren die Welt gehrt. Oft ist
mir dieser Mann, so unbedeutend er auch sein mag, ein Gegenstand stiller
Betrachtung gewesen. Selbst ein Nichts, drehn sich seine Tage um nichts,
er kommt, ohne da man wei, warum, und geht, ohne da wir sagen knnen, zu
welchem Zwecke. Und doch lebt er, ist berall eingefhrt, gilt so viel als
jeder andere, und bringt sich durch -- lauter Dinge, die Andere ebenfalls
nur mit Kenntnissen und Kraftanstrengungen erreichen. Ich frchte, er wird
Sie, wenn er von Kopenhagen absegelt, wieder heimsuchen. Jetzt wollte
ich mich schon besser fassen, noch immer macht mir die Erinnerung an das
Vergangene manche unangenehme Stunde. Sich ber einen solchen Paradiesvogel
zu ereifern, es war wirklich thricht! Ein Unglck, da man selbst so
schwerfllig angelegt ist. Wie leicht wre mir's mein Glck zu machen,
knnte ich mich nur von manchen Vorurtheilen befreien. Ich glaube, wenn ich
mir recht viel Mhe gbe, wollte ich wohl Clauren oder Houwald berbieten,
und beide bei dem Publico ausstechen, denn ich wei ja auch, wo deren
aesthetische Zwiebeln wachsen -- und wre ein angesehener, wohlhabender
Mann, es will aber nicht gehn. Mit den Musen geht es einem, wie mit jedem
geistreichen Umgange, im Anfang frchtet man sich davor, wenn man
aber einmal vertraut ist, kann man nicht wieder los, und ist fr den
Gevatterschnack verdorben.

Von Elair habe ich noch nachzuholen, da er einen sehr groen, wrdigen
Begriff von der Kunst in sich trgt. So sagte er mir, es sei ein Ehrenpunkt
bei ihm, wenn ein Componist einen seiner tragischen Charaktere zu einer
Oper verarbeitet habe, denselben zurckzulegen. Er spielt z.B. den
Othello nicht mehr, seitdem Rossini ihn in Musik gesetzt hat. Er ist auch
der Meinung, da wir dem gnzlichen Verfall aller wahren Kunst mit starken
Schritten entgegengehn. Eine trstliche Ansicht, wenn man noch nicht
dreiig Jahr alt ist.

Die anliegenden Briefe theile ich Ihnen unsrer Verabredung gem mit. Ich
werde von der Post reichlich bedacht; was irgend Interesse hat, erhalten
Sie von mir. Leider hat mir Heine die Karte, deren sein Brief gedenkt, von
_Hitzig_ nicht mitgesendet, ich wrde sonst gewi die Bekanntschaft gemacht
haben.

Ich stehe von der Klte in meiner Gartenstube etwas aus, und schreibe Ihnen
dieses mit frostblauen Hnden. Ich komme mir mitunter in meiner Klause
vor wie ein in den Polargegenden eingefrorner Seefahrer, und stehe oft in
Versuchung die Sommerfreude in Pelzstiefeln und Klappmtze zu genieen. Ein
seltsamer Zustand in meinem hiesigen berhaupt seltsamen Leben! Wir wollen
beide den Himmel um Phlegma anflehen, ich finde, da die Phlegmatiker die
einzigen Weisen sind. Dagegen ein armer empfindsamer Thor sich fruchtlos
abhaspelt, bis ihn der Tod zum unfreiwilligen Phlegmatiker macht.

Leben Sie wohl, theure Freundin, und erhalten Sie mir Ihre Gesinnung.

  Immermann.


17.

  Magdeburg, den 8.Mai 1824.

Wie ich mir es vorgenommen hatte, liebe Freundin, so will ich es ausfhren,
mich mit Ihnen ber Elair's Spiel auf der hiesigen Bhne diesesmal
unterhalten. Ich beschlo anfangs, an jedem Abend Ihnen den frischen
Eindruck hinzuschreiben, indessen ich gab bald diesen Vorsatz auf, da bei
einer unerwarteten Erscheinung der Mensch zuerst zu befangen ist, als da
er einem andern ein Bild geben knnte.

Um vom Aeueren zu beginnen, denken Sie sich einen Mann nahe an den
Fnfzigen (so dnkt mich wenigstens sein Alter) in reinen, kraftvollen
Verhltnissen aufgebaut, etwas zu viel Embonpoint, welcher jedoch wegen
seiner Gre nicht gar zu strend wird, Hnde und untere Theile des Krpers
von auerordentlicher Schnheit, die Brust eines Lwen, das Gesicht
ein herrliches Oval, die Nase gro und gebogen, die dunkeln Augen von
unendlichem Feuer, welches durch sehr viel Weies noch mehr erhht wird,
auf dem Haupte das Zeichen des herannahenden Alters -- der Anfang einer
Platte -- welcher aber, wie dies immer zu sein pflegt, die Verhltnisse des
Kopfes um so bedeutender hervorhebt.

Diese Gestalt trat dann am Sonntag vor acht Tagen als Wallenstein durch
die Flgelthr, in hchst einfacher Kleidung, ruhig majesttisch. Der
Anfang des Spiels war ganz gelassen, fast trocken zu nennen, ohne alle
Prtention. Nur die groe Anmuth aller Bewegungen deutete das Besondre an.
Richtiges Einfallen, gutgehaltne Pausen, Benutzung aller Hhe und Tiefe
des Theaters gaben dem Zuschauer das Gefhl der Sicherheit, welches der
Knstler in sich trug. Was nun aber immer mehr eigentlich fesselte, war
der groe Sinn, in welchem der Charakter genommen wurde. Ganz vortrefflich
entfaltete er denselben in der Scene mit Illo und Terzky, worin er diesen
den Traum vor der Ltzner Schlacht erzhlt. Da trat die Doppelnatur
Wallenstein's ganz hervor, die Verachtung der Menschen, welche er unter
sich erblickt, und die ahnungsvolle Seite, die den Sternen zugekehrt ist.
Die Worte:

  Es giebt im Menschenleben Augenblicke--

sprach er sonderbar heimlich, die Schauder des herannahenden Schicksals
wehten ber die Bhne, man fhlte sich in seinem Innersten berhrt, man
war nun schon ganz in seinen Banden. Unbertrefflich war das Spiel bei
dem Aufstande der Truppen, nie werde ich diese Feldherrnstellungen, diese
militairische Krze und Schrfe vergessen. Als er zurckkommt, und alles
verloren ist, sprach er die befehlenden Worte an Buttler und an Terzky sehr
streng, fast tyrannisch -- wie mich dnkt auerordentlich richtig. Denn
Wallenstein kann das Unglck nur noch fester und herrischer machen. In der
Attitde, worin er zu Max sprach:

  Wie ist's? Versuchst Du einen Gang mit mir?

htte ich ihn mgen gemalt sehen, er stand wirklich wie ein Rmischer
Imperator da, die Fe bereinander geschlagen, den rothen Mantel halb
emporgezogen. Das Herantreten an die Liebenden geschah, ohne da er auch
nur die geringste Bewegung machte, und das Wort: Scheidet! wurde ohne
allen Affekt gesprochen, wirkte aber eben dehalb um so furchtbarer. Der
Ausdruck in seiner Darstellung, als er den Tod des Max erfhrt, war einfach
gro. Eine bloe Seitenbewegung und ein Zusammenziehn des ganzen Krpers,
dann aber wieder der Schein vlliger Ruhe und Fassung. Im fnften Auszug
erreichte das Spiel stellenweise seinen Gipfel. Als er am Fenster in die
Nacht hinausstarrte, sah man wirklich mit ihm in die unendlichen Tiefen des
Himmels, nun sank er mit ungemeiner Grazie ber den Stuhl, und das Gesicht
zeigte die rhrendste Trauer, auch wurden die schnen Worte ber Maxens Tod
ganz ihrem Werthe gem gesprochen. Er hielt sich auf dieser Hhe bis zum
Ende, wo er mir die Worte:

  Ich denke einen langen Schlaf zu thun,
  Denn dieser letzten Tage Qual war gro,
  Sorgt, da sie nicht zu zeitig mich erwecken.

doch mit zu viel Wichtigkeit aussprach, da sie nach meiner Meinung ganz
leicht und sorglos vorgetragen werden mssen.

Sehr oft erscheint die Schnheit in seinem Spiel, welches das hchste
ist, was man von einem Knstler sagen kann, so gewaltig das Wort auch
verschwendet und gemibraucht wird. Das sogenannte interessante und
charakteristische Spiel ist noch himmelweit davon verschieden. Es ist
offenbar etwas Bedeutendes, wenn man die grte Kraft, Wahrheit und Natur
schaut, und alles dieses durch eine Anmuth gemildert, und in einem sanften
Reize verklrt wird, so da man nirgends sich erdrckt, sondern immer
erhoben und befreit fhlt. Vor allem zu loben ist seine Action, der Krper
ist ganz Muskel, er ist im Stande mit dem kleinen Finger mehr zu machen,
als andre, wenn sie mit Armen und Beinen hanthieren. Sein Auftreten und
Abgehn ist wahrhaft kniglich, er sitzt und steht ganz herrlich. Eine
Eigenheit von ihm ist, da er sich gern ber den Stuhl lehnt. -- Seine
Recitation und Declamation ist nicht so tadelfrei, hufige, fehlerhafte
Betonung, mitunter leerer Pathos, entstellen sie. Das Organ leidet,
obgleich die Stimme tief und sonor ist, an einiger Rauhheit, und der
oberdeutsche Dialect spricht zuweilen durch. Am meisten leistet er im
ruhigen, wrdevollen, krftigen Vortrag, auch im Ausdruck des Rhrenden,
weniger in den leidenschaftlichen Scenen, wo zuweilen Uebertreibung ohne
eigentliche Gediegenheit eintritt. Eine kstliche, trockne Ironie hat er
in seiner Gewalt, glnzend zeigte er sie in seinem Spiel zu den Frauen im
Wallenstein, die er sichtlich als Beiwerk behandelte, wie sie es auch in
dieser Tragdie sind.--

Montag gab er Kriegsrath Dallner in Dienstpflicht -- Mitwoch Wilhelm
Tell, Donnerstag Hugo in der Schuld, Freitag den Oberfrster in den
Jgern. Morgen wird Dienstpflicht repetirt, dann giebt er noch eine
Vorstellung, die bis jetzt unbestimmt ist. -- Wallenstein ist mir als die
groartigste Erscheinung vorgekommen; obgleich er in den brigen Stcken,
namentlich als Dallner eigentlich viel correcter gespielt hat, so fehlte
die von innen nach auen dringende Poesie, welche aber freilich auch nur
von einem chten Dichterwerke hervorgerufen werden kann. Das Publikum zeigt
sich im Ganzen theilnehmend, empfngt ihn jedesmal mit Applaus.

Wie sehr htte ich gewnscht, theure Freundin, da Sie ihn sehen mchten.
Ihr feiner Sinn fr das Schne wrde groen Genu gehabt haben. Alles Gute
wnscht, wie Sie wissen, mit Ihnen zu theilen

  Ihr Freund

  Immermann.


18.

  Magdeburg, den 16.Mai 1824.

Da ich Ihnen, theure Freundin, nur von dem erzhlen kann, was ich sehe und
erlebe, und dessen jetzt nicht viel ist, so mssen Sie sich schon gefallen
lassen, mit mir in dem engen Kreise meines gegenwrtigen Zustandes
umherzuwandern. -- Von Elair hole ich noch einiges nach. Er hat am vorigen
Sonntage den Kriegsrath Dallner, am Montage den Oberfrster in den Jgern
wiederholt, und am Dienstag Nathan den Weisen gegeben. Bei nherer
Bekanntschaft findet sich unendlich viel zu tadeln, unertrglich falsche
Betonungen, ein Singen der Stimme, wie ich es nun leider bei allen ernsten
Darstellungen, die ich bis jetzt gesehen, vernommen habe, und welches dem
wahren und natrlichen Ausdruck ganz entgegenluft, eine gewisse Weichheit
des Spiels, die auf Kosten des Tiefen und Bedeutenden uns geboten wird,
und noch mehrere solche Flecken. Indessen bleibt der Gehalt des Guten
und Vortrefflichen sehr gro, und es giebt Seiten an seinem Spiel,
die hinreiend schn sind, und entzcken mssen. Seine Strke ist die
Darstellung der Grazie in der Kraft; in allen solchen Scenen, wo der Held
gefat und ruhig ist, mchte ihn wohl keiner so leicht bertreffen, ja
nur ihm gleichen. Da umweht ihn ein wunderbarer Hauch der Anmuth, Worte,
Mienen, Stellungen und Bewegungen sind in einem zarten, hellen Dufte
zugleich gemildert und verklrt, und alles ist nur eine Musik.

So schuf er aus dem alten Kriegsrath Dallner in Dienstpflicht von Iffland
ein Bild, welches mich noch jetzt bei der Erinnerung in Staunen versetzt.
Das Stck ist eines der elendesten Iffland'schen, welches ich kenne. Lauter
miserable, peinliche, armselige Verhltnisse, der Held des Stckes,
der alte Dallner, der personifizirte Dienstbegriff, eine chte Berliner
Offiziantennatur. Diesen traurigen Charakter wute nun aber Elair durch
die Macht seines Spiels in eine so hohe poetische Sphre zu rcken, da man
ihn wahrhaft bewundern mute. Wodurch er dies bewirkte? Durch einen Ton
der Sanftmuth, Heiterkeit, Milde und Fassung, wodurch er das Gemlde eines
schnen, in sich vollendeten, zum hchsten Seelenfrieden gekommenen Greises
hervorbrachte. Dallner ist, wenn man von Correctheit ausgeht, seine beste
Leistung, denn sie ist durchaus fleckenlos, Wallenstein bleibt seine
grte. Schade, da er den Lear hier nicht geben durfte, den einige
nervenschwache Damen von Einflu sich verbeten hatten. Ich mache Sie
besonders auf den Wallenstein und den Dallner aufmerksam.

Er kommt nmlich, wie er mir bei einem Besuche, den ich ihm abstattete,
sagte, Ende dieses Monats nach Mnster, wohin ihn Pichler zurckbegleitet.
Sein ganzen Wesen ist sehr wrdig, nichts Komdiantenmiges; ein kleiner
Umstand erinnerte mich indessen doch bei jenem Besuche, da ich zu einem
Schauspieler gegangen war. Ich hatte mich ihm schriftlich angemeldet, ging
gegen zehn Uhr morgens zu ihm, und blickte, als ich in's Zimmer trat, nicht
rechts noch links, sondern setzte mich sogleich mit ihm in ein Fenster,
den Rcken nach der Thr gewendet. Ich war in einer lebhaften Unterhaltung
begriffen, als die Thr sich ffnete, und ein junger Schauspieler
hereintrat, der, ohne von uns Notiz zu nehmen, sich seitwrts wandte und
sagte: Mein Gott, finde ich Sie gar im Bette! Ich wandte mich um, und sah
eine Dame im Bette neben der Thr liegen. Elair sagte ganz trocken: Meine
Tochter, die nicht recht wohl ist. -- Ich ergriff sogleich den Hut und
empfahl mich; wenn ich nicht irre, so war ich in dem Augenblick verlegner,
als die Schne.

Magdeburg sollte von fremden Sternen nicht leer werden. Am Donnerstag
langte Madame _Neumann_ vom Karlsruher Theater an, gab die Margarethe
in den Hagestolzen auerordentlich natrlich und brav, und auf vieles
strmisches Begehren am folgenden Tage die Preciosa. Dieser Charakter,
oder Rolle, oder wie man es nennen will, ist bekanntlich eine bloe
Declamirbung, und die beste Knstlerin kann nichts hineinlegen, was
den Freund wirklicher Darstellung zu berhren vermchte. So ging es
auch diesmal, Madame Neumann zeigte ihre geschmackvolle Garderobe, ihre
Schnheit, declamirte sehr sentimental, und tanzte recht hbsch, von Spiel
konnte nicht die Rede sein.

Das Publikum war sehr dankbar. Gegen den Schlu der Vorstellung regneten
von allen Seiten Krnze und Bouquets auf die Bhne; ein Schauspielerkind
brachte aus der Coulisse auf einer Schssel ihr Blumen, die Schauspieler
umwanden sie mit allerlei grnem Zeuge, der erste Liebhaber setzte die
Rolle in der Wirklichkeit fort, und fiel vor ihr frmlich auf die Kniee,
die Schauspielerin, welche die Mutter gespielt hatte, umarmte sie zrtlich,
Madame Neumann kte einen Blumenstrau, gegen das Parterre gewendet, das
Publikum schrie und tobte vor Entzcken, als wollte es aus der Haut fahren,
die Schauspieler sangen einen Chor zu Ehren der Gefeierten, unter diesem
Spektakel fiel der Vorhang, und ich hatte, an eine Sule gelehnt, meine
ganze mephistophelische Fassung nthig, um nicht auch in dieses gerhrte,
herzlich theatralische Verderben hineingerissen zu werden.

Was hieran bitter klingt, vergeben Sie. Sie kennen und fhlen meine Lage.
Ich bin ein Einsiedler, wie ich noch nie gewesen. So lange ich an
Ihrem immer nach dem Guten, Rechten und Schnen mit heitrer Festigkeit
gerichteten Sinne mich strken konnte, und in diesem Sinne volles
Verstndni meiner innersten Gedanken fand, hatte ich Trost und Ersatz
fr die vielen Thorheiten und Gemeinheiten, die uns umgeben, jetzt ist das
anders.

Meine Arbeiten schleichen langsam fort. Der Walter Scott schwatzt mir doch
fast zu breit. Ich verliere so manche breite Schilderung unter den Hnden,
wei nicht, wo sie bleibt, und ich denke, die Recensenten sollen auch
nichts merken.

Mit den Gefhlen, welche Sie kennen, immerdar

  Ihr Freund

  Immermann.


19.

  Magdeburg, den 26.Juni 1824.

Wenn Sie solche dstre Regentage dort gehabt haben, theure Freundin, als
wir hier, so wird Ihr Herz Ihnen wieder etwas bange geworden sein. Ich
lebte in meinem Gartenhause, wie in der Arche No, nur Ihre Briefe waren
die Oelbltter, welche mir Zeugni gaben, da es noch grne Stellen des
Lebens gebe. Ich will diese Zeit, die schwer genug fr mich ist, redlich
durcharbeiten, es ist eine eiserne, die mich in der Entbehrung und
Entsagung bt -- dann mu es aber besser werden.

Vor einigen Tagen hatte ich hier eine sonderbare Ansicht. In meiner guten
Vaterstadt, worin alles Ntzliche wirklich mit groem Eifer emporgebracht
wird, ist ein groer Wollmarkt arrangirt. Denken Sie sich auf dem
Domplatze, den Dom und grne Bume im Hintergrunde, wenigstens 300
Wollwagen in zwei Reihen aufgefahren, einer wie der andre, alle grau,
dazwischen Schafknechte und Fuhrleute auf Wollscken und Stroh liegend,
und Sie haben das vollstndige Bild einer auf der Wanderung begriffenen
Tatarenhorde, nur die Koch- und Lagerfeuer fehlten. Es sind gute Geschfte
gemacht, und die Einrichtung flicht unserm fr das Wohl der Stadt
unablssig bemhten Oberbrgermeister _Francke_ eine neue Brgerkrone.

Quedlinburg ist durch das Conversations-Lexicon jetzt dahinter gekommen,
da Klopstock in seinen Mauern das Licht der Welt erblickte. Am nchsten
Mittwoch wird dort zur Feier seines Geburtstages ein groes Musikfest
gegeben, der Messias von Hndel wird aufgefhrt und Karl Maria von Weber
dirigirt. Ich wrde es auf die Gefahr, aus dem Stdtlein, welches ich so
grblich beleidigt habe, gewiesen zu werden, wagen, hinzureisen, wenn meine
Geschfte es erlaubten. Der Zusammenflu von Musikern, Dilettanten und
Hrern wird allem Anschein nach sehr gro sein. Bei diesen und hnlichen
Gelegenheiten kann ich mich eines gewissen Unmuths nicht erwehren.
Unter allen Aeuerungen des menschlichen Bildungstriebs wird doch der
dichterische am schlechtesten behandelt. Was geschieht wohl im Aeueren fr
Poesie? Gar nichts. Der Dichter immer mu sich zurckgewiesen sehen, mu
zuletzt einseitig werden. Wenn ich bedenke, da die Athener dem Sophokles
fr seine Antigone eine Feldherrnstelle gaben, so mu ich das griechische
Volk bewundern, dessen ganzes Leben und Dasein nur in der Schnheit ruhte.

Ich lese jetzt Wilhelm von Humboldt's sthetische Versuche, namentlich
den Theil, der ber Hermann und Dorothea redet. Es ist ein ganz
vortreffliches Werk, voll tiefer Einsicht, und doch sehr klar und einfach
dargestellt. Htte ich nicht solche unberwindliche Abneigung gegen das
Abschreiben, so htte ich schon einige Stellen copirt und sendete sie Ihnen
mit. Ich werde Ihnen aber das Buch nach Dresden senden, da sollen Sie sich
an ihm erbauen. Ich werde auch fleiig Zeichen einlegen, denn ganz werden
Sie es freilich wohl nicht lesen mgen.

Morgen sende ich Ihnen eine Ansicht von Magdeburg, Papier und einige
Briefe. Die Ansicht ist schlecht genug, sie darf sich nicht viel Gunst von
Ihnen versprechen, die Stadt ist auch bei Ihnen zur Ungnade vorherbestimmt;
(Sie wissen, da ich glaube, Neigung und Abneigung der Damen werde durch
ein reines Verhngni bestimmt,) zerreien Sie nur das Blatt nicht in Ihrem
Zorne. Die Stadt hat wenigstens das Gute, da sie Ihnen Freunde gab.

Erzhlen Sie mir recht viel von sich, und schenken Sie mir, wie frher,
volles Vertrauen. Ich hoffe es zu verdienen, und glaube Ihnen sagen zu
knnen, da meine Gesinnung sich Ihnen in jeder Lage des Lebens bewhren
wird; da es keinen Dienst giebt, den ich Ihnen nicht mit Freuden leisten
kann, keine Treue, welche mein Gemth Ihnen nicht bewahrt. Mit diesen
Worten lassen Sie mich diesmal Ihnen Lebewohl sagen.

  Immermann.


20.

  Magdeburg, den 10.Juli 1824.

Ich habe mich sehr, theure Freundin, gefreut, aus Ihrem letzten Briefe zu
sehen, da Sie ruhiger und heitrer geworden waren. Gewi verlt Sie der
Himmel nicht, auch Sie sind ein Wesen, welches er dazu bestimmte, Freude
und Behagen zu empfinden und des Daseins nach den Gesetzen seiner Natur zu
genieen, ja, Sie sind vor Vielen dazu berufen, da Ihr reiches Herz so viel
Gutes um sich verbreitet, so manchen Segen um sich zu pflanzen wei. Dieses
Gute, dieser Segen mu aber, nach den ewigen Gesetzen der Welt, zu
Ihnen zurckkehren, und gewi haben Sie dies auch schon in mancher
Anhnglichkeit, die Ihnen auf dem Lebenswege wurde, dankbar gegen Gott,
empfunden. Da wir in dem schnen Wolbeck nicht zusammen gewesen sind,
bedauert gewi niemand mehr als ich -- ich war so gern mit Ihnen in der
Natur, und hatte meine Freude an Ihrem fr alle Schnheiten des Daseins
aufgeschlossenen Sinn. Sonst haben wir wohl so ziemlich in Mnster alle
hbsche Parthien mit einander gesehen.

Ihr nchster Brief wird mir sagen, was weiter zu besprechen ist -- bis zum
Eingang desselben, vermeide ich die Berhrung dieser Dinge.

Es freut mich, da Sie Elair auch persnlich kennen gelernt haben, und
da er so galant gegen Sie gewesen ist. Sein Wesen hat wirklich etwas sehr
Ansprechendes. Ueber die Jugendgeschichte dieses Mannes ist man noch sehr
im Dunkeln. Das Conversations-Lexicon drckt sich mystisch genug aus. Er
soll aus einem alten grflichen Geschlechte sein, von Slavonien herstammen
u.d.m. Die Ahnen werden sich daher wohl etwas gerhrt haben, als der
ungerathne Enkel unter die Schauspieler ging.

Auf meinem Tische liegt der zweite Theil des Tagebuchs von Wilhelm Meister,
von Pustkuchen. Dieses Pffflein wandelt getrost seinen trutzigen Gang
fort, versteigt sich aber in diesem Theile, wie ich aus den ersten zwanzig
Seiten bereits ersehen habe, bedeutend in's Ungereimte, und so steht
denn zu hoffen, da das Horn seines Uebermuthes nahe am Zerbrechen ist.
Vielleicht rhre ich meine Feder auch noch zu diesem Ende, doch ist es sehr
zweifelhaft, da ich eigentlich zu solchen Arbeiten keine rechte Lust habe.

Ich wnsche Ihnen alles, was Sie bedrfen, und bleibe mit alter
Anhnglichkeit

  Ihr Freund

  Immermann.


21.

  Magdeburg, den 17.Juli 1824.

Recht leid thut es mir, von Ihnen hren zu mssen, da Ihre Freundin
in Dresden vielleicht behindert sein wird, Ihnen ganz ihre Zeit und
Gesellschaft widmen zu knnen. Doch bietet Dresden so viel Schnes dar, was
Sie fr sich genieen knnen, da Ihnen dennoch der Aufenthalt dort sehr
heilsam werden wird. Die Dissonanzen des Lebens gleichen sich am ersten in
der ewigen Harmonie der Natur und schnen Kunst aus; indem das Gemth mit
stiller Gewalt auf die ewigen Gesetze der Schnheit aufmerksam gemacht
wird, findet es sich selbst zu seiner Klarheit und Schnheit zurck. Recht
begierig bin ich aus Ihren Briefen den Eindruck zu vernehmen, welchen die
Antiken auf Sie machen werden. Mir ist die Statue immer lieber gewesen
als das Gemlde, sie bringt auf mich die reinste und grndlichste Wirkung
hervor, nie werde ich die Stunden vergessen, welche ich vor den groen
Werken des Alterthums, deren Anschaun mir zu Theil ward, zugebracht habe.
Ich glaube auch, da meine Poesie sich immer mehr zur Sculptur neigen wird
-- wenn ein heitres und in seinen nothwendigen Wnschen befriedigtes Leben
mich berhaupt noch fr die Zukunft als Dichter gelten lt. Schon jetzt
empfinde ich eine Abneigung gegen alles, was nicht nothwendig ist, und
ein eigenthmlicher Fehler meiner Poesie ist, da sie der malerischen
Perspective entbehrt und alle ihre Gestalten wie eine Steingruppe
hinstellt.

Doch Sie knnen zrnen, da ich jetzt von mir rede und mich nicht blo mit
Ihnen beschftige. Mgen die Kruterbder Ihnen Heil und Segen bringen. Sie
werden diesen Theil Ihrer Kur doch gewi in Dresden fortsetzen, und haben
dazu im Lincke'schen Bade die beste Gelegenheit, zugleich den Vortheil, mit
dem Bade eine hbsche Spazierfahrt zu verbinden. Die Brhl'sche Terrasse
und die groe Brcke mssen Sie ja einmal bei Mondschein besuchen, es ist
ein eigenthmlicher, schner Anblick, den ich mehrmals genossen habe.

Ein bser Stern gab mir vor einigen Tagen die Fortsetzung der falschen
Wanderjahre, Wilhelm Meister's Meisterjahre, von Pustkuchen in die Hand.
Da der Mensch in seiner doppelten Natur immer auch gern mit dem Schlechten
sich bekannt macht, so las ich das Buch in einem Zuge durch, kann aber doch
fast den Ekel, den diese abgeschmackte, saft- und salzlose Schssel in
mir zurcklie, nicht beschreiben. Das Frhere ist gegen dieses ein
Leckerbissen, ich frchte sehr, der Verfasser wird nun seinen eignen
Anhngern verdchtig werden.

Ich wnsche Ihnen Zurckkehr der Krperkrfte und ruhige Stunden. Mit
bekannten Gesinnungen

  Ihr Freund

  Immermann.


22.

  Magdeburg, den 24.Juli 1824.

-- Es ist gut, da Ihre Reise spt fllt, frher wrde Ihnen die groe
Ueberschwemmung manchen Genu verdorben haben, sie hat unendlich viel
Schaden gestiftet, auch in der hiesigen Gegend.

Vor einigen Tagen a ich in einem Gasthofe (denn meine Mutter ist verreist,
und ich lebe wieder wie sonst) mit einer Dame zusammen, die man fragte, ob
sie eine Englnderin sei. Sie verneinte dies mit groer Lebhaftigkeit, und
fgte hinzu: Gottlob, ich bin eine Hamburgerin. Es thut wohl in diesen
Zeiten einmal jemand zu hren, der sich seines deutschen Vaterlandes freut.
Ich kann von mir behaupten, da ich diese Liebe immer im Herzen getragen
habe. Es fllt meinem Verstande unendlich viel Tadelnswerthes ein, was sich
bei uns findet, und dennoch ist mir das Vaterland das liebste, was ich
mit keinem andern vertauschen mchte. Es erscheint mir eben in seinem
unbeholfenen, zerrissenen Wesen so bedrftig und so wrdig des Mitleids,
und ich glaube, da ihm die Besseren durch heie Anhnglichkeit den Schutz
und die Sicherheit geben mssen, welche ihm die Natur und die politische
Verfassung nicht giebt. Das ist wohl berhaupt das Wesen jeder Liebe,
da sie ihren Gegenstand ganz und ungestrt umfat, und seine Mngel und
Flecken in ihrer Wrme und Flle ausgleicht.

Ich sage Ihnen fr diesesmal Lebewohl, und bitte Sie, meiner im Guten zu
gedenken.

  Ihr Freund

  Immermann.




Briefe von Mller an Elisa.


1.

  Mnster, den 25.Dezember 1830.

Da der wackere Lord Byron, meine Verehrteste, mir Veranlassung giebt,
Ihnen zu schreiben, soll ihm noch in seiner Familiengruft zu Nottingham
gedankt werden. Nehmen Sie gtigst sein Bild und seine Gedichte als ein
Scherflein zum Andenken -- an mich! Das ist wohl khn gesagt! Aber Liebe
und Vertrauen wagen etwas. -- Seitdem Freundin _Engels_ bei mir ist,
theilen wir sehr oft das Verlangen, Ihnen nher, ja ganz und gar mit Ihnen
zu sein. Die schnen, unvergelichen Tage und Stunden, die einst durch Sie
mir hier wurden, lieen sich dann erneuern, und die verbesserte Auflage
meines huslichen Lebens knnte so etwas dazu mitwirken. Unter den vielen
Revolutionen unserer Zeit ist die, welche Christiane mit mir, ihrem
Huptlinge, und dem ganzen Gebiete meiner Herrschaft unternommen hat, so
weit ich vergleichen kann, noch immer die beste, und wrden die andern
wohlthun, ihr Muster nach dieser zu nehmen. Die Vernderungen sind nicht
nur unblutig, sondern sogar unmerklich, und auch diejenigen, welche dem
auf Gewohnheit haltenden Huptlinge unbequem sind, wei die
Constitutionsknstlerin so fein anzurichten, da sie am Ende ihm glatt
eingehn. Ja, ich mu ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, -- sie
bereitet mir ein tgliches Wohlleben; ich nenne sie aus Dankbarkeit
mitunter Melitta (die Honigtrgerin.)

Ich bitte mich einmal ber das andere zu empfehlen dem seltenen Humoristen
und trauten Freunde _Immermann_. -- Ungern trenne ich mich von der Rede mit
Ihnen. Sie wollen mich weiterhin wieder anknpfen lassen. Glauben Sie da
mein Geist Sie oft umschwebt, und da zu meinen liebsten und schnsten
Wnschen gehrt, da Sie zugethan bleiben

  Ihrem herzlich ergebenen

  Mller.


2.

  Mnster, den 25.April 1831.

-- Ich habe nun auch die Frau _von Aachen_ gesprochen, und gehrt, da Sie
uns freundlich entgegengesehn, und des schnen Frhlings sich freuen. Ich
wei wie Sie den Himmelsjngling lieben,

  Wenn er kommt aus seiner Morgenrthe Hallen,
  Und sein Antlitz ist ihm wei und roth,
  Und auf seiner Schulter Nachtigallen!

Mchten wir ihm in der Neanderhhle einen Maitrank opfern knnen!
Christiane prparirte ihn, unser Immermann besnge ihn, Sie, als
Priesterin, verrichteten die Libation, und ich (nicht etwa: Ich trinke fr
Euch Alle!) reichte ihn segnend umher von Mund zu Munde. Welch eine Scene!
Ich meine schon dabei zu sein. Zum Schlusse hallten dann die Felsen nach
von einer Novelle, deren ich neulich gar schne in Immermann's Miscellen
gelesen. Wie reich sind die Gaben unseres Freundes! In unseren Haiden kommt
dergleichen nicht vor.


3.

  Mnster, den 25.Juni 1831.

Wie knnte ich, meine Verehrte, so frhlingsduftige Worte wie die Ihres
lieben Grues, einen Augenblick unerwiedert lassen? Wre ich doch nur der
Frhling selbst, dem Sie immer so hold gewesen, um alles auf's schnste zu
vergelten. Ich danke Ihnen fr Ihre Freundlichkeit, ist sie doch lieblicher
als alle Gaben des Lenzes. Gewi hat die blhende Natur auch Ihrem Herzen
manches stille Fest bereitet. Mge nur der leidige Medardus Ihnen und
allen Kindern der Natur die Freude nicht verderben. Das wre auch mir sehr
genehm, da ich zu groen Thaten hinaus in die Welt will -- zum Weltmeer,
zum Kampf mit seinen Wogen und Delphinen.

Ihr Staunen ber solchen Heroismus wird schnell wie eine _Woge_ sinken,
wenn ich sage, da ich zum Seebade auf der Insel Wangerog (bei Jever im
Oldenburgischen Frieslande) mich aufzumachen gedenke. Es ist mir sehr
empfohlen. Vier bis fnf Wochen mu ich jedoch noch damit anstehen. Damit
wre denn Zeit genug fr die liebe Frau Generalin, sich anzuschlieen.
Wie wrden Sie, eine Tochter des Meeres, mit diesem Elemente mich vertraut
machen knnen, wie mir Muth einflen, mich auf den Rcken des Oceans, und
in dessen Fluthen zu wagen! -- Knnte dies nicht wirklich werden, so gnnen
Sie mir wenigstens Ihre Erscheinung auf den Wogen oder Dnen, denn wie ich
wohl gehrt, ist auf Meeren manches Mystische. Bericht soll Ihnen von
dem Abentheuer werden; am liebsten mndlich; ich denke nun die lange
verschobene Reise nach dem Rhein gleich an die Wassertour zu knpfen. --
Ihnen dann meinen Gegengru zu sagen, wre die Krone der Reise.

Viel husliche Freude ist in diesen letzten Wochen mir geworden durch
Besuche von meinem Schwager dem Dichter _Krummacher_ aus Bremen, und dessen
Familie; von meinem Sohne zu Lbbecke und meiner Tochter _Gessert_, die
eben jetzt noch bei mir ist, und sich Ihnen mit dem ergebensten Herzen
empfiehlt. -- Freundin Engels treibt mich, daher ich zum letzten Worte
eile -- da Sie mit Ihrem lieben Herzen zugethan bleiben wollen Ihrem innig
ergebenen

  Mller.


4.

  Mnster, den 8.November 1831.

Es ist nicht anders, liebe Verehrte, ich mu noch ein Wrtchen Nachruf zu
Ihnen herber lispeln lassen. Wer kann gegen das Getreibe des Herzens. Ich
meine Ihnen noch nahe zu sein, trotz den zwischen uns liegenden Strecken,

  Wo im Sande der Weg verzogen fortschleicht.

Mchte ich fr so viel Gte Sie mit einer anziehenden Reisebeschreibung
erfreuen knnen. Aber weder die den Haiden, noch die zahlreiche
Passagiergesellschaft, mit der ich in dem groen Kasten eingepfercht war,
wollen mir Stoff dazu reichen. Um jene interessant zu machen, mte mir
die Phantasie eines Georg Jacobi, der die in seine Gedichte aufgenommene
Winterreise von Halberstadt nach Dsseldorf so lieblich erzhlt, und um aus
dieser etwas zu machen, der reiche Humor eines uns wohl bekannten Freundes
beistehn. -- Als ich abfuhr schimmerten noch die Lichter des Himmels, von
denen Jesus Sirach sagt: Sie wachen sich nicht mde! -- Der trbe Morgen
verscheuchte sie bald, allmhlig wurde der Tag freundlicher, und als er
sich neigte, zogen die Sterne wieder herauf, und in schner Pracht schien
der Orion grade in mein Wagenfenster. Immer habe ich diese Himmelskinder
geliebt; schon als Knabe konnte ich mich oft nicht satt an ihnen sehn.
Seltsam war es mir da zu hren, da die Grnlnder die Sterne fr verklrte
Grnlnder halten, und den Mond fr den ersten unter ihnen, weil er
einst die mehrsten Seehunde gefangen. Freilich mu der Mensch sich alles
vermenschlichen, womit er sympathisiren soll! Ich sah zu ihnen auf, wie zu
alten, lieben Freunden, und in einem von ihnen gar freundlichen und milden
glaubte ich Ihren Blick zu sehen. Endlich war die Mitternacht gekommen, sie
brachte mich an meine Wohnung. Die Augen meiner Freundin hatten sich wacker
gehalten; gleich beim Geklingel der Schelle kam sie mir herzlich entgegen,
und eine der ersten Fragen waren Sie -- ich brachte ihr mit Innigkeit Ihren
innigen Gru. Noch wurde eine Stunde frhlich verschwatzt, nun aber war
es mit meinem langen Heldenlaufe aus, und ich schlich ermdet zum Schlafe.
Heute bin ich wieder frisch auf, und ich habe mich bereits an vorgefundenen
Briefen von meinen Kindern und Freunden, von Krummacher, von Professor
_Augusti_ in Bonn u.a.m. ergtzt. -- Der Letztere, mein herzlicher
Freund, thut mir unter anderem den Vorschlag, da wer von uns beiden den
andern berlebt, ihm ein kleines schriftliches Denkmal stifte. Sie haben
dies, schreibt er, bei Berg und Nonne mit so viel Liebe und Einsicht
gethan, da ich mir's als etwas recht Erwnschtes denke, eben von Ihnen
einen solchen Dienst zu erhalten. Sollte ich aber Sie berleben, so wrde
ich, obwohl mit schwerem Herzen, Ihnen ein gleiches thun. Lachen Sie
nicht ber den seltsamen Einfall! Wir sind in Hinsicht der Denkart und des
Gefhls nahe genug verwandt, um auch in dieser Hinsicht fr einander zu
passen, und da es dem Zurckbleibenden darum nicht bel anstehn wrde,
zu sagen: es ist mir leid um Dich, mein Bruder Jonathan! -- Wie sehr
hat mich das alles gerhrt, und mir meinen Augusti wo mglich noch lieber
gemacht!

Jetzt kommt fr mich die liebe Arbeit herbei, die mich eine Zeitlang nur zu
sehr festhalten wird. Aber fr schne Erinnerungen soll sie mir doch Raum
lassen. -- Wenn Sie mitunter ein geisterhaftes Suseln um sich vernehmen,
so erkennen Sie darin die Nhe eines Freundes, der zu seinen liebsten
Gedanken auch den an Sie zhlt! Wie ist es mir so lieb, da ich nun auch
Ihre nchsten Umgebungen wei. An Immermann meinen besten Gru. Seinen
jngsten Gedichten habe ich manche schne Stunde zu verdanken. Ich habe
es ihm aber nicht gesagt, weil ich mir zu wenig bin, solchen Dichter zu
preisen. -- Vorgestern, in eben der Stunde, wo ich dieses schreibe, sagte
ich Ihnen ein Lebewohl. Mchte es nicht zu lange dauern, da ein Willkommen
darauf folge! Ganz und von Herzen der Ihrige

  Mller.


5.

  Mnster, den 31.Mai 1832.

Ich kann es nicht bei den mndlichen Herzensgren bewenden lassen, die
ich so eben der Freundin Engels auf den Weg gebe, fr Sie -- verehrte und
geliebte Freundin! Ein lebendigeres, aber doch leider in todte Buchstaben
gebanntes Zeichen meiner zu Ihnen sich neigenden Seele mchte ich vor Ihnen
erscheinen lassen. Noch klingt in meinem Innersten der Silberton Ihres
letzten Grues. Wie sehr danke ich dafr! Mchte ich zugleich mit der
Engels in Ihre lndliche Wohnung eintreten knnen, und so den Frhling
doppelt sehen! Aber ich werde nach Bonn, und wie, wenn ich dann mit
Ihnen eine Rheinfahrt machen knnte! Sie sind ja eine Vertraute des
Wasserelements wie Amphitrite! Der dritte Mann, ein wackrer Tritone, fnde
sich dann wohl auch. Ich bitte um die Geflligkeit, ihn zu gren; sein
Kranz auf Goethe's Sarg hat mich gerhrt. Haben Sie, meine Theure,
etwa auch schon Falk's Denkschrift auf Goethe gelesen? Ich fand viel
Interessantes von dem interessanten Falk. Ich will hoffen, Sie haben sie
noch nicht gelesen und darum mir erlauben, sie Ihnen zu senden mit der
Bitte, sie in Ihren lieben Hnden zu behalten. So etwas kann mir nicht
anders als ein ser Gedanke sein.


6.

  Mnster, den 4.Septbr. 1832.

-- Sie glauben wohl nicht ganz, wie sehr ich Sie liebe, wie der holde
Gedanke an Sie mir wie ein frischer Thautropfen ist, in welchem die
schnsten Farben des Morgenhimmels sich spiegeln. O bleiben Sie dem alten
Freunde treu und ertheilen ihm dadurch eine verjngende Kraft!

Unser gemeinschaftlicher, lieber Freund _Kohlrausch_ ist im Begriff zu uns
zu kommen. Mge er eilen, da ich ihn nicht noch verfehle. Er hat mir, seit
er Mnster verlassen, keine Zeile geschrieben, auch selbst da nicht, als
ich ihm vor einem Vierteljahr ein Gedicht auf seine silberne Hochzeit
drucken lie und dieses mit einem theilnahmsvollen Briefe an ihn nach
Hannover schickte. -- Ich bin nicht irre geworden; er liebt dennoch, weil
er mu! -- Leben Sie wohl, liebe Holde! Gru an Immermann, aus dessen
Alexis ich bereits einiges auswendig wei. Mit vollem Herzen

  der Ihrige

  Mller.


7.

  Mnster, den 30.Dezember 1832.

Wie habe ich doch einen so langen Zeitraum hinschwinden lassen knnen,
theure Grfin, ohne Ihnen zu danken! Ach! Im Getreibe meines Lebens wollen
so oft die liebsten Vorstze nicht zur Wirklichkeit kommen! -- Dennoch habe
ich mehr als Sie denken mgen mit Ihnen gelebt. Meine tglichen einsamen
Ausflge in's Freie sind meistens solchem idealischen Leben gewidmet.
Wollen die Haiden nichts geben, so mssen mir die Wolken eine Schweiz
bilden; da besteig' ich dann mit Ihnen den Rigi, oder wandle mir Ihnen im
Haslithal, oder wir schiffen auf dem Lac. Oder ich wiederhole mir den Gang
nach Derendorf, wo mir eine Gestalt erschien, die mich wundersam hinzog
-- bald mich ahnden lie, da Sie in derselben verborgen seien -- bis
ein khner Blick unter Ihren Hut mir die se Gewiheit gab. -- Schner,
unvergelicher Augenblick, kehrtest du mir hier wieder! -- Vergeblicher
Wunsch! -- Bei Ihnen werden die friedlichen, die schnen Knste gefeiert.
Mit Freude vornehme ich, da sich um Herrn Immermann ein auserlesener Kreis
bildet, ihn vorlesen zu hren. Die Iphigenie hat hoch gefallen. Mchte ich
dabei sein knnen! Es wrde ein Fest fr mich sein, das Opern, Conzerte
etc. weit hinter sich liee. So habe ich nirgends sonst lesen gehrt.
Dsseldorf wird sich zur Kunststadt erheben.--

Ich fasse Ihre Hand! -- Liebe, liebe Freundin!

  Ihr ergebener

  Mller.


8.

  Mnster, 3.November 1833.

Theure Frau Grfin!

Ihre unerwartete Zuschrift hat mich eben so hoch entzckt, als tief
niedergeschlagen. Die letztere Empfindung -- ich schreibe dieses, nachdem
ich eben erst die Zge Ihrer lieben, lieben Hand empfangen, -- ist noch die
vorherrschende. Nein! ich kann es mir nicht vergeben, da ich so unbesonnen
rasch, ja, so dumm und toll verfahren.[2] Ein feindseliger, neidischer
Dmon mu es gewesen sein, der mir immer zuraunte, da Sie nicht kmen,
sicher nicht kmen, nicht kommen _knnten_ -- und mich so zum wsten Kln
entfhrte. Das in Elberfeld vorgefundene Briefchen Ihrer Gte wollte mich
nun auch gewissermaen hierber trsten. Nun aber sehe ich alles anders.
Sie sind also doch in Godesberg gewesen! Ach, mehr als jemals wrde es sich
mir verklrt haben, htte ich es mit Ihnen wieder betreten, mit Ihnen es
genossen, wie wrde mir der Mimuth ber das Verfehlen meines eigentlichen
Reiseziels verst, ja, sofort ganz und gar vergessen worden sein! O, wie
beschmend ist der Takt und die Standhaftigkeit eines weiblichen Herzens
gegen die Verkehrtheit und Unbeholfenheit der meisten Mnner, die nach
meiner und fremder Erfahrung dem leidigen Schicksal unterliegen, in
entscheidenden Augenblicken des Handelns linkisch zu verfahren. Ich bin arg
dafr gestraft, so sehr, da ich lange daran genug habe.

Und nun, gromthige Freundin, schreiben Sie mir noch dazu! Knnte ich doch
in diesem Augenblicke Ihnen die liebe, liebe Hand kssen, in's liebe Auge
blicken! Die Ungeduld -- o, wie ergreift sie mich, holde, se Freundin!

Da die _Paalzow_ meiner noch gedacht, hat mich berrascht. Es waren schne
Tage in Godesberg, wo ich sie sah, und auch an Mondabenden ihr geistreiches
Spiel und Gesprch geno, das noch unvergessen bei mir ist. Die Kohlrausch
war auch da. Ich mute mich mit Gewalt von Godesberg wegreien. Gern sagte
ich der Paalzow meinen schnsten Gru, wenn ich sie zu finden wte.

Sehr danke ich fr die Worte ber Immermann. Mchte er bald und frisch
und wohl wiederkommen. Zu seiner Zeit wird ber seine Reise Nheres kund
werden, was von _ihm_ mitgetheilt, jeder gern vernehmen wird.

Oft habe ich Sie im Geiste zum Rhein blicken sehen, auf seine emprten
Wogen, seinen brausenden Sturm, eine Ariadne, -- doch ohne deren Klagen!
Wie lange wird es whren, ehe der Himmel die Erde wieder kt, und sie
damit zu seiner blhenden Braut erhebt!--

  Ihr innigst ergebener

  Mller.

  [2]: Elisa und Mller hatten verabredet, in Godesberg
  zusammenzutreffen, letzterer war aber gleich weiter gereist, weil er
  dachte, bei dem schlechten Wetter wrde die Freundin nicht gekommen
  sein.


9.

  (Ohne Datum.)

Sie bestreuen mir, geliebteste Grfin, meine letzten Tage bis zur letzten
Minute mit Rosen und Vergimeinnicht. Mchte ich doch von Mund zu Mund und
Auge in Auge Ihnen danken knnen! Ihr eben erhaltenes, liebes Briefchen,
sammt dem gestrigen rosigen, nehme ich mit als holde Unterpfnder Ihres
so lieben herzigen Wesens. Da ich heute noch einmal Sie she -- habe ich
schon mit Sehnsucht gedacht in den schlaflosen Stunden der letzten Nacht.
Aber ich bin mit dem heillosesten Husten beschwert, der mich schon in der
letzten Stunde bei Ihnen matt gemacht hatte. Aufschieben darf ich die Reise
dennoch nicht, da sie mit meinem zeitigen Erscheinen auf der Synode in Unna
zusammenhngt, und da die Luft nicht kalt ist, frchte ich nichts. Ich bin
nach drei Stunden schon bei meinen Kindern in Elberfeld und kann mich dort
pflegen bis morgen Abend. Wollte ich aber auch hier bleiben bis morgen, so
gewnne ich nichts hinsichtlich Ihrer, geliebte Freundin, denn ich knnte
Ihnen gar nichts sein! -- Die armen Erdenkinder! Wie mssen sie verleugnen
lernen! -- Doch ich habe ja viel Schnes genossen und erfahren. Dank,
sen, schnen Dank Ihnen dafr! -- Ich gre Immermann!

O, leben Sie wohl und erfreuen auch dadurch

  Ihren

  Mller.


10.

  Mnster, den 17.Februar 1835.

Kaum wei ich ein Jahr wie das vorige erlebt zu haben, wo ich so viele mir
werthe und befreundete Menschen durch den Tod verloren. Mit welcher Wehmuth
erfllt es mich auch eben jetzt wieder, da hierzu auch der Name von
_Ltzow_ zu zhlen ist. Ein beweinenswerthes Geschick, das mich so innig
auch und anhaltend an Sie, die edle, gefhlvolle Freundin, denken lie.
Auch hier ist Klage erschollen, und es zeigt sich berall Theilnahme.
Edelmthig hat sich hier auch Berlin und der Hof gezeigt; und dies auch
neulich noch bei dem Erinnerungsfeste an den Kniglichen Aufruf im Februar
1813 von Breslau aus, den ich damals aus erster Hand in Breslau selbst
mitvernahm. Die Freiwilligen in Berlin haben bei jenem Feste in herrlicher
Weise unseres Ltzow gedacht! Gewi haben Sie die Zeitungsberichte hierber
gelesen. -- Wie oft habe ich in der nchstverflossenen Zeit mir die Worte
Klopstock's gesagt:

  Ihr Edleren, ach! es bewchst
  Eure Male schon ernstes Moos;
  O wie glcklich war ich, als ich mit Euch noch
  Sahe sich rthen den Tag, schimmern die Nacht!

Der Frhling kommt und giebt der Welt und dem Leben wieder neuen Reiz. Ich
freue mich der Hoffnung, Sie grade dann zu sehn -- liebe, holde Freundin!
Mein Herz schlgt Ihnen entgegen! Leben Sie wohl! Ich gre Immermann.

  Der Ihrige

  Mller.


11.

  Mnster, den 9.Oktober 1835.

Ich komme zur Vielgeliebten mit dem Wunsche, da die Biographie eines
Lieblings der deutschen Frauen, Jean Paul's, eine gtige Aufnahme finde.
Wie erinnere ich mich in diesem Augenblicke so lebhaft der schnen Stunden,
in welchen sein Komet in einem Kreise, der Sie so gern umschlang, gelesen
wurde! Hchst wahrscheinlich kennen Sie schon beiliegendes Werk, (ich sah
es jngst im Buchladen und sogleich stieg mir Ihr liebes Bild vor meiner
Seele auf,) und haben es wohl schon genossen. Aber wenn Sie dann auch nur
beim Anblick desselben meiner gedenken, so habe ich sehr viel erreicht.
Denn in Ihrem Herzen zu leben -- welch eine se Vorstellung! -- Wie
willkommen sind mir Ihre jngsten Gre gewesen, als holde Laute aus der
Ferne, und liebe Zeugen Ihres Andenkens! -- Wie lange schon harre ich der
Stunde, Sie endlich einmal wiederzusehen! Wie ungeduldig wird oft mein
Sehnen! -- Gegen Ende der knftigen Woche habe ich eine Reise in die
Grafschaft Mark zu machen, zu einem groen Predigerconvent, der leicht zehn
Tage whren kann. Da trage ich mich nun mit dem heimlichen, tiefen Wunsche,
von dort aus einen Ausflug nach dem Rhein, und so auch nach Ihnen zu
machen! O, da der Himmel mich so lieb htte, mir ihn zu erfllen! -- Ohne
dies in den langen den Winter hinabzusteigen, wrde mir schwer fallen;
im entgegengesetzten Falle aber mancher trbe Nebeltag mir heller werden.
Warum mssen doch unsre liebsten Wnsche so schwer ihre Erfllung finden?
Warum mssen sie wie Rosen unter Dornen sein? Warum _die_ in der Ferne, mit
denen man sich immer gern mglichst nahe she? -- Wenn ich Ihnen doch die
schnsten Stellen in Jean Paul's Leben, in Ihr Auge blickend, Ihre liebe
Hand fassend, vorlesen knnte; ganz allein, da nichts von auen uns
strte; oder mehr noch, das dort so anziehend beschriebene Fichtelgebirge
durchwandern knnte mit Ihnen!--

Ich habe eine kleine Pause gemacht und mich losgerissen von solchen
aufregenden Bildern. Ich mu Ihnen nur eben noch sagen, da meine liebe
Tochter bei mir ist, frisch und roth, und mich bittet sie in Ihr theures
Andenken zu bringen. Sie erwhnte eben noch Ihres einstigen Besuches in
Lienen mit groem Danke. _Gessert_ kommt auch; er ist sehr wohl, und ist
eben von Berlin mit seinem lteren Tchterchen wieder eingetroffen. Manches
andere, Sie vielleicht Interessirende, wrde ich mndlich besser mittheilen
knnen, und will ich dies inbrnstig zu hoffen fortfahren. Auch die Engels
grt mit Ergebenheit.

Leben Sie, Holdeste, wohl! Mit Herz und Seele der Ihrige

  Mller.


12.

  Mnster, den 3.Juni 1836.

Heute Mittag, geliebte Freundin, erhalte ich Ihre lieben und abermals
lieben Zeilen! Htten Sie gesehen, wie die Freude aus meinen Augen
strahlte! Ich habe recht gefhlt, wie lieb ich Sie habe. Ich mute bald
heraus, Geschfte abzuthun, Besuche zu machen etc., aber immer dacht' ich
an Sie. Nun komme ich gegen Abend nach Hause, mde vom Pflaster, na vom
Regen, schmollend, da ich bei Ihnen nicht schauen konnte -- und eile zum
Papiere, das mein Verlangen nach Ihnen, meinen Dank, meine sesten Wnsche
fr Sie herberbringen soll. Nimmer htte mich das Musikfest hier lassen
knnen, wenn nicht grade an diesem Tage meine Kinder- und Enkelschaar zum
Besuch bei mir angekommen wre. Ich konnte es nicht ber das Herz bringen,
sie, die nur einmal im Jahr zu mir kommen, sogleich zu verlassen; sie
hatten nicht daran gedacht, da ich an jenem Feste vielleicht theilnehmen
wrde. -- Uebrigens war bei meinem Entschlu, mit Professor _Haindorf_ nach
Dsseldorf zu reisen, weniger die Musik, als -- Sie, mein Gedanke. Eine
solche gigantische Musik ertrgt kaum mein Nervensystem; sie wrde mich in
Entzckungen versetzt und auer mir gebracht haben. Nur eine Weile wrde
ich haben zulauschen drfen, um dort einige Vorstellung von einem solchen
Ocean von Tnen und Stimmen, von einer solchen Musik der Sphren zu
erhalten, alle brige Zeit htte ich fern vom Getmmel, an Ihrer Seite
zugebracht und damit erfahren, da es noch etwas giebt, was eine innigere
Befriedigung gewhrt, als selbst die himmlische Kunst der Polyhymnia. Hier
ist viel Rhmens und Preisens von der genossenen Herrlichkeit, und Haindorf
bedauert jetzt innig, Ihnen nicht aufgewartet zu haben.

Immermann's, den ich gar sehr gre, schne Wirksamkeit, ist anerkannt
genug, aber zu zahlreich sind noch die groben deutschen Tolpatschen,
mit ihren langen Ohren, die Luther schon gezchtigt, vor denen die Musen
reiaus nehmen mssen. Ein unschlachtiges Geschlecht! -- Ich blicke im
Geiste Sie an, und bin wieder mit der ganzen Welt vershnt. Wie lange
schriebe ich noch gern! -- O, leben Sie wohl! -- Mit Herz und Seele der
Ihrige

  Mller.


13.

  Mnster, den 13.August 1836.

Es macht mir, vielgeliebte Freundin, eine eigne Freude, Ihnen etwas, das
Sie fr Ihren Garten gewnscht haben, gleich zusenden zu knnen. Noch
stehen Sie als Grtnerin vor mir, -- den Rechen in der Hand emsiglich
arbeitend, indem ich Sie berraschend umschlinge, und in den blauen Himmel
Ihrer Augen schaue! -- Knnte ich Ihnen nun auch pflanzen helfen und so
lange bei Ihnen bleiben, da ich die rthliche Frucht Ihnen reichte!--

Ich bin nun so weit wieder von Ihnen! -- Wie habe ich mich bei Ihnen
und mit Ihnen gefreut. Wie sehne ich mich wieder zu Ihnen! Es waren doch
liebliche Stunden. Wie danke ich Ihnen fr jeden Augenblick, obwohl keine
volle Befriedigung! -- Es ist mir wie ein Traum flchtiger Gefhle. Ein
so kurzes Zeitrumchen sollte man Sie nicht besuchen. Ich hatte mir
eingebildet, ein paar Tage in Rolandseck mit Ihnen zu verleben, ein Wunsch,
den ich gleich beim ersten Wiedersehen gegen Sie aussprach. -- Erstes
Wiedersehen! -- Wie gern wiederholt es mir die Phantasie!

Die Engels hat mir mit hellen Farben den schnen Abend bei Ihnen vorgemalt,
mit dem Zusatze, da auch meiner gedacht sei von Ihnen! Sie wei nicht
ganz, wieviel sie mir damit gesagt hat.

Indem ich Immermann gre und danke, sage ich Ihnen das schnste Lebewohl!
O da eine gtige Schickung mich bald wieder zu Ihnen fhre! Frhlich in
Hoffnung kt Ihre lieben Hnde der Ihnen so ergebene

  Mller.


14.

  Mnster, den 25.Mai 1837.

Endlich, theuerste Frau Grfin, komme ich zu dem frohen Augenblick,
Ihnen schreiben zu knnen. Wie sehr habe ich lngst darnach verlangt! Wie
vielmehr nach Ihnen selbst! -- Ein schnes Wohlgefhl durchdringt mich bei
dem Gedanken, da auf diesen Zeilen Ihre lieben Blicke weilen werden!

Es ist der erste schne Frhlingsmorgen, den ich erheitert in meinem Garten
zugebracht habe und der mir durch die Vorstellung noch schner geworden,
da ich sofort Ihnen schreiben wollte. Ich habe lebhaft gedacht, da Sie
auch dieses Morgens sich freuten; aber auch wie viel Sie entbehrt bei dem
ewigen Zgern des Frhlings. Man hat hier kaum einzuheizen aufgehrt. Der
Nord hat Blthen und Nachtigallen fast bis auf heute hier verscheucht. Doch
ein Aergeres noch ist uns hier, und namentlich auch mir, durch die Grippe
widerfahren. Diese hat mich wie eine Harpye lange umklammert gehalten, wie
jene Riesenschlange einst den Laokoon, und monatelang habe ich mich
nicht von ihr loswinden knnen. Ich habe nie solche entsetzliche Gefhle
gekannt.----


15.

  Mnster, den 22.Februar 1838.

Da Sie, theure Frau Grfin, seit kurzem zweimal durch einen lieben Gru
mir Ihr kstliches Andenken bewiesen, hat mich mehr erfreut, als ich zu
sagen vermag. Es hat mich gerhrt, da ich nach so langem Schweigen solcher
Gromuth mich nicht werth gefhlt. Ja, es hat mich entzckt, eine
solche immer gleiche Gte und Treue! O, da ich bei Ihnen wre, und mit
seelenvollen Worten und Blicken Ihnen, holde Freundin, danken knnte. Ach!
wie oft wnsche ich mir Ihre liebliche Nhe, versetze mich in dieselbe,
vergesse dann den rauhen Winter und athme Frhlingsluft. Noch habe ich es
nicht verschmerzt, da ich im vorigen Sptsommer Sie nicht sah. -- Eine
pltzliche Versetzung zu Ihnen wre mir ein Himmel gewesen.

Das alltgliche Lebensgetreibe hat, je lnger je weniger Reiz fr mich. Ich
lebe zurckgezogen, doch freilich nicht ungesellig, was meinem ganzen Wesen
widerstrebt. Aber des wahrhaft Freundschaftlichen wird immer weniger
bei dem Egoismus und Materialismus der Zeit. Mgen die Eisenbahnen kein
Sinnbild eines werdenden eisernen Sculums sein!

Es lie sich mit Anfang der herben Zeit das gesellschaftliche Leben gut an;
sehr gutes Theater u.s.w. Da erhob sich der Kampf mit dem Erzbischof
und ppstlichen Stuhle, worber sich sogar eine stdtische Revolution
einstellte, von der die Zeitungen zum Ueberflu berichtet haben. -- Die
nchsten leidigen Folgen am hiesigen Orte sind ein Zerfall der geselligen
Verhltnisse, Partheisucht und Erbitterung. Alle Zurechtweisungen und
Belehrungen durch so viel Knigliche- und Ministerialerklrungen und so
manche treffliche Brochre sind vergeblich. Adel und Geistlichkeit und das
durch letztere aufgeregte Volk meinen, es sei himmelschreiend, so mit einer
Erzbischofsmtze und selbst mit dem Abgott zu Rom zu verfahren. -- Ich
aber habe mich dessen von Herzen gefreut und habe jetzt unsern ritterlichen
Knig noch einmal so lieb. Oft habe ich an Klopstocks Worte in seiner
Ode an Kaiser Joseph gedacht, als dieser seine groe Fehde mit dem Papste
begann:

  Nun mag der dreikronentragende Obermnch,
  Mit seinem purpurbemntelten Mnchlein,
  Das Kanonsrecht, so weit er wollte, beschielen
  Denn _Du_ wirst sehn!--

Eine herrliche Unterbrechung dieser odisen Dinge war das Fest der
Freiwilligen im Anfang dieses Monats. Der Verein war zum Gastmahl der
tapfern Mnner, deren hier ber hundert anwesend waren, mit Trophen
geschmckt; die Kriegsmusik und Krner's Lieder lieen sich hren und auch
die deutschen Frauen und Mdchen freuten sich im hhern Chor des Lebens bis
in die nchsten Tage fort. Ich versetzte mich nach Breslau, wo mich, wie
so viel Tausende, das Wort des Knigs, der in unserer Mitte war an mein
Volk! entzckte und hinri. Auch Sie waren dort -- wie ich viel spter
hrte -- wie sehr htte ich Sie da sehen mgen -- eine wackere Thusnelda!

Die Engels empfiehlt sich Ihnen mit herzlicher Ergebenheit. Sie ist
sehr wohl und mit ihrem glcklichen Handel[3] innig vermhlt. Ich liebe
eigentlich _solche_ Vermhlungen nicht. Sie kommen mir so kalt vor, wie
einst die Vermhlung des Dogen von Venedig mit -- dem Meere! -- Wie viel
lieber vermhlte ich mich, holdeste Freundin, mit Ihrem Herzen! -- O, leben
Sie wohl und auch immer ein Bischen eingedenk des Ihnen mit Wrme ergebenen

  Mller.

Unser Immermann ist, wie ich hre, mit Herrn _von Vo_ und Andern auf dem
Jubelfeste zu Kln gewesen. Ohne Zweifel hat er es mit poetischen Krnzen
geschmckt. -- Mchte doch der schne Cirkel, dessen Mittelpunkt einst
_Sie_ und Ihre Gte hier waren, noch fortexistiren! Das dnkt mir jetzt
eine _goldene_ Zeit, -- leider auch mit Anrufung aller himmlischen Mchte
nicht zurckzufhren! -- Aber die schne Erinnerung thut mir noch heute
wohl, und Ihre liebe Hand ksse ich noch jetzt dafr mit Dank und ser
Liebe! -- Freundlich lchle Ihnen, nach unsern jetzt so herrlichen
Sternennchten, jeder Morgenhimmel und verbreite Frieden und Freude ber
das Herz der Holden, die ich meine!--

  [3]: Christiane Engels hatte einen kleinen Handel zum Besten der Armee
  errichtet.


16.

  Mnster, den 16.Juni 1838.

Wie sehr, theuerste Frau Grfin, Ihr jngstes holdes Schreiben tief im
Herzen mich erfreut hat, wie sehr es mich zu Ihnen hingezogen hat -- wie
wre das in Buchstaben darzulegen! Es hat bei mir angeklungen, wie einst
der Ton der Memnonssule beim Sonnenaufgang! Es hat in mir eine Sehnsucht
erregt nach Ihnen, die zum Schmerz werden wrde, wenn ich nicht mit
Zuversicht darauf rechnen knnte, Sie bald zu sehen. -- Ich reise morgen
nach Bremen und will von da zurck, so da ich in gerader Richtung zum
Rhein komme und zu dem heitern Drflein, wo eine Liebenswrdige waltet, der
ich so oft, mehr als sie glauben kann, im Geiste nahe bin! -- Es mgen
wohl nahe an drei Wochen vergehen, bis ich zu diesem schnen Ziele komme;
wahrscheinlich noch frher. Alsdann hoffe ich den Strom noch weiter
heraufzukommen. Fnde sich doch dort irgendwo auf ein paar Tage ein
gemeinschaftliches, schnes Pltzchen! -- Sollten Sie etwa um dieselbe Zeit
verreist sein, so mchte ich instndig bitten, mir durch ein paar Zeilen
Kunde zu geben, wo Sie athmen, wo Sie wandeln, wo die Fluren Ihnen zu Liebe
schner werden, damit ich womglich Sie aufsuchen knne.

Fr die Festbeschreibung von Immermann danke ich Ihrer Gte mehr als
einmal! -- Sie ist gar schn, glnzend Styl- und Dichtkunst. In unserem
ganzen Reich ist sicherlich nichts Schneres, ja nichts Gleiches
erschienen. Wre ich Knig, ich sagte zu Immermann: Setze Dich zu meiner
Rechten!--

Darf ich glauben, da Sie mir noch gut sind? Ihr Schreiben trgt die
_grne_ Farbe! Das soll mir Hoffnung geben! -- Adieu, adieu!

  Der treu ergebene

  Mller.


17.

  Mnster, den 26.August 1838.

Wie sehr, meine Theure, hat mich Ihre gtige Nachricht erfreut, da endlich
einmal Ihre holde Erscheinung mir _hier_ werden soll. Kaum kann ich diese
Freude aussprechen.

Knnten Sie sich entschlieen, hier eine Weile zu sein und sogleich an
meiner Wohnung, Bselagerhof auf der Hollenbeckerstrae abzusteigen und
das Logis zu nehmen! Ich bin zwar ganz allein, aber desto romantischer fr
mich! Meine Hausgenossin ist nach Elberfeld.

Knnte ich doch durch Eine Zeile von Ihnen erfahren, an welchem Tage Sie
hier eintreffen. Ich wrde dann auf dem Posthofe um acht Uhr sein und
in der Passagierstube Sie begren, und zur Erquickung etwas darbieten.
Erhalte ich die Zeilen nicht, so wird doch vom 2.September an,
jeden Morgen ein Wesen auf dem Posthofe sein, das bei der Ankunft des
Dsseldorfer Wagens nach Ihnen fragt. -- Wre ich ein freier Mann, statt
ein gebundener zu sein, ich fhre mit Ihnen bis -- Hamburg -- Holstein! --
Mein Herz will schon jubeln, es wird aber geschwind in das Schnrleib der
eisernen Nothwendigkeit eingeklemmt.

Und wenn denn auch nur ein Blick von Ihnen jetzt mir werden soll, so mu
ich doch dringend bitten, hoffen, flehen, beschwren, da Sie auf der
Rckreise meine unvergleichlichen Grten sehen wollen. Mein Haus ist reich
an Zimmern, ganze Familien sind oft bei mir -- dabei reich an gutem Willen
-- an Liebe! Ich meine letztere besonders jetzt ganz eigen zu fhlen. Es
ist mir innig wohl zu Muthe.

Ich mu abbrechen, da ich zu Vinckens zum Mittag gebeten bin. Prinz Wilhelm
wird zum zweitenmale erwartet.

Tausendmal grt Sie mein Herz! Wie viel fter noch ruft es: Willkommen! --
Wie sind Sie jetzt schon in meiner warmen Phantasie so nahe

  Ihrem ergebenen

  Mller.


18.

  Mnster, den 9.November 1838.

O, wie sehr, Holdeste, haben mich die jngsten Zeilen Ihrer lieben Hand
erfreut. Ich konnte sie nicht ungekt lassen und fhlte mich dann wie
vermhlt mit Ihrem Wesen. O, da ich Ihrer sen Lockung nach Derendorf
folgen knnte! Ich bin jetzt durchaus gebunden, aber das Mglichste wird,
so der Himmel will, geschehen. Ein feindseliges Geschick hat mich schon
mehrmals gehindert zu kommen, als sollte ich nur unter Wnschen leben! --
Selbst habe ich bei Ihrer zweiten Durchreise Sie -- auch nicht einmal
-- _erblicken_ sollen! Ich _wei_ dies nicht zu verschmerzen! -- Selige
Augenblicke, Sie bei mir gesehen zu haben! Sehr Weniges wei ich jetzt mir
selbst davon zu sagen, -- denn ich habe _nur Sie_, _nur Sie_, Geliebte,
empfunden. Meine Wohnung ist mir viel lieber, seitdem Sie in derselben
geathmet. Htte ich Sie doch auch in den oberen Theil derselben gefhrt
-- und dann auch Ihr Schatzkstlein gezeigt, voll weier, grner, rother,
lieber Bltter! Das Alles ist jetzt vorber, wie der Schmuck der Bume und
Grten vor den Strmen des Herbstes. Nur _jene_ Bltter werden mir bleiben
-- sie tragen ja liebe Worte Ihres Herzens!--

Ich freue mich herzlich, da Sie Ihre vaterlndischen Gegenden glcklich
erreicht und die Ihrigen wohlauf wiedergesehen haben. Liebe Erinnerungen
werden Ihnen eine schne Nachlese von dieser Reise geben. Ich war whrend
jener Zeit im alten Soest auf einer Synode von sechzig Predigern und
Kirchenltesten, unter welchen ich dem greren Theile nach befreundet bin.
Im Kreise der Geistlichen befanden sich drei Bischfe: _Ro_ zu Berlin,
_Eylert_ zu Potsdam, _Drseke_ zu Magdeburg. -- Nach vierzehn Tagen fuhr
ich nach Arnsberg, eine neue Stadt in modernem Styl gebaut, in einer
schnen gebirgigen Gegend. Ich begrte dort mehrere gute Freunde, unter
anderen den Prsidenten _Kesler_, Verfasser des Lebens seines seligen
Schwiegervaters, Doctor Heim, das so unzhlige Leser gefunden. Der
Aufenthalt war mir um so lieber, da ich in der Nhe des Stammsitzes meiner
Familie vterlicherseits, Warstein, mich befand. Die Jahre meiner Kindheit
und ersten Jugend sind in diesen romantischen Umgebungen dahingeflogen;
frhliche Erinnerungen ohne Zahl traten mir dort vor die Seele. Aber jetzt
hatte ich mit Ossian zu singen:

  Ich bin allein auf diesen schweigenden Hgeln!

Keiner war jetzt dort mir, ich keinem bekannt. -- Darum halte ich mich
so fest an dem, was jetzt noch mein ist. O Theure, bleiben Sie mir
zugethan!--

Der 18.Oktober ist hier in einer groen Gesellschaft von Generalen, von
_Pfuel_,[4] von _Wrangel_ etc. und Offizieren und Beamten und ehemaligen
Mitstreitern gefeiert. Auch mich ergriff das patriotische Feuer, und ich
habe zur Ehre Preuens mit hinreiender Beredtsamkeit geredet, -- ohne
vorher daran _gedacht_ zu haben. Aber alle dankten mir. Ich wei _noch_
nicht, wie mir geschehen! -- Es ist ein herrliches Gefhl, einmal ber sich
selbst erhoben zu werden. Wie selten ist aber Veranlassung, dazu zu kommen,
in unserer trockenen schlechten Welt. Am folgenden Tage wurde ich zum Mahl
auf's Schlo gebeten, wo ich unter anderen in der Familie von Pfuel wohl
aufgehoben war.

Da mu ich nun schlieen! Ach, Abschied, immer Abschied -- von der ich
nimmer scheiden mchte. Da steht sie vor mir, die liebe, holde Gestalt! --
-- Ich fasse ihre Hnde, ich schmiege mich ihr an. -- Adieu, Adieu!--

  Mller.

  [4]: General Ernst von Pfuel, 1848 Ministerprsident und
  Kriegsminister.


19.

  Mnster, den 6.Mai 1839.

Wie haben Sie, Holde, Gtige, mich durch Ihre goldenen Worte erfreut! --
Ich hatte sie nicht getrumt, nicht gehofft! -- Ich eile, sofort sie
zu erwiedern, sofern dies mglich ist! -- Ich errthe, da ich mir habe
zuvorkommen lassen, denn wie oft habe ich schreiben wollen. Ich meine dann
immer, ich msse eine schnere, gedankenreichere Stunde abwarten! -- Jetzt
ist mir der nchste Augenblick der beste. -- Ich fhle mich Ihnen so nahe,
und wie knnte ich das, ohne die sesten Bewegungen des Herzens. -- Sie
gedenken des Musikfestes. Wie oft habe ich schon desselben gedacht. Es ist
mein ernster Wille, es zu benutzen Sie wiederzusehen, denn die Musik wre
mir doch nur, so sehr ich sie liebe, Nebensache. Ich komme aber eher los,
wenn ich zum Musikfest reise, wohin alle Welt reist. Was ich beabsichtige,
wei niemand. -- Es wird mir nicht leicht gemacht, dahin zu kommen, da
alsdann grade geschftsvolle Tage hier sind. Mge ich wie ein tapfrer
Ritter um seine Dame mich durchschlagen! Es treibt mich sehr, vorzudringen.
Welche Freude wre mir ein solches Wiedersehen! Ich mu mich ben zu einer
ruhigen Fassung. Auch bin ich hierin schon weitergekommen, so da ich mit
Ossian singen kann:

  Die strmenden Winde haben sich gelegt,
  Von ferne tnt des Giebachs Murmeln,
  Sanfte Wellen spielen am Ufer ferne.--

Da Sie, vortreffliche Freundin, in dem grulichen Winter an Unwohlsein
gelitten, betrbt mich sehr. Sie mssen immer wohl sein! Ich kann und mag
Sie nicht anders denken, als heiteren Blicks, aus blauem Auge. -- Kehrten
Sie doch noch einmal so in meine Wohnung ein; und dies auf lange und immer
lngere Zeit! -- Im Grtchen sen wir dann Morgens unter der Kastanie
und Abends in der Weinlaube. -- Lange knnte ich noch fortfahren in dieser
Weise zu denken und immer weiter und schner zu trumen. Und warum nicht?
Gehrt's nicht auch in's Leben? -- Htte ich nur eine Seele neben mir, die
also sich gehen zu lassen liebte!

Uebrigens haben wir den Winter hindurch doch manche Erfreuung von auen
gehabt; ein sehr gutes Theater und treffliche Conzerte und mancherlei
gesellige Kreise. In die Familie von Vincke komme ich oft, und jetzt ist
im Schlosse auch noch eine andere, die von Pfuel; er ist ein gar wackerer
Mann, und sie eine angenehme, gesellige Dame, so wie ihre Tochter. Beide
waren noch gestern Abend bei uns.

Wenn Sie mir Immermann's neueste Schriften nennen, wird mir ngstlich zu
Muthe. So auch bei den Namen _Freiligrath_, _Uechtritz_, und so manchen
andern schnen Geistern, die unter uns auftreten. Wer mchte sich nicht an
ihren Gaben erfreuen, laben, erquicken, jubeln! Aber im Strome der Zeit,
der tglichen Berufsarbeiten, so vieler anderer nthiger Studien kommt man
zurck, was man dagegen auch thue. Dabei fast lauter Menschen um sich her,
die nichts dergleichen denken und suchen, in unserem sterilen und hlzernen
Zeitalter.

  Den 16.Mai.

Ich bin abgehalten worden, das vorstehende Schreiben zu vollenden.
Sie glauben nicht, meine Theuerste, welch ein Leben voll Arbeit und
unvermeidlichem Getreibe ich fhre. Die Hoffnung zum dortigen Musikfest
habe ich noch immer unterhalten, mu sie aber jetzt erwrgen. Welche
Schaaren werden dort sein! -- Ich aber bleibe wie ein Gescheiterter an der
Kste. Was mich trstet ist einestheils, da das Getmmel dort so gro
sein wird, da kaum ein musikalischer Genu mglich ist, und auch _Sie_ in
demselben mit begriffen sein werden, da mir Ihre Nhe wenig erquicklich
und genureich sein wrde; das Aergste, was mir begegnen knnte. Daher habe
ich jetzt den Entschlu gefat, einer mir gewordenen Einladung nach Koblenz
zu folgen, und auf diesem Zuge auch Dsseldorf oder vielmehr -- Sie zu
sehen. O, des sen Gedankens, der so unzhligemal in meinem Innersten
aufgewallt, endlich gestillt werden wird! Das menschliche Leben erstirbt
unter Wnschen. Ich erfahre dies in einer ausgezeichneten Weise. Wenn
alles geht, wie es soll, bin ich etwa in der zweiten Woche des Junius in
Dsseldorf. -- Auch jetzt vermag ich beim Gedrnge der Geschfte leider
nichts mehr. Von hier sind auch Viele dort. Htte ich mich diesen
anschlieen knnen, -- ich htte die Musica fahren lassen knnen, um bei
und mit Ihnen zu sein. Selig allein ist die Seele, die liebt. -- Tausend
Lebewohl und Herzensgre!


20.

  Mnster, den 4.August 1839.

So eben, holde Freundin, wird mir durch die Engels die Nachricht, da Sie
in eine weite Ferne reisen, und wohl auch knftighin in andern Regionen
weilen werden. -- Das hat mir eine Thrne in's Auge gerufen. -- Ich
schmiege mich Ihnen an, als ob ich Sie halten knnte und drcke Ihnen
tausendmal kssend die lieben Hnde. -- Ach, wann she, wann fnde ich Sie
wohl wieder! -- Wie knnte ich je aufhren, nach Ihnen zu verlangen, mit
meinem Herzen je ferne von Ihnen sein! -- Wundersam, wie so unablssig
Ihr Wesen mich anzieht. Irgend einmal werde ich doch erfahren, in welchen
glcklichen Gefilden Sie weilen; wo Sie durch Ihr Walten, durch Blick und
Wort, Gte und Liebe, Anmuth und Liebreiz Herzen erfreuen! -- O, wie danke
ich Ihnen, da dies alles so vielfach durch Sie mir geworden. -- Mge der
Himmel Ihnen durch lauter Liebes, Gutes und Schnes dies alles vergelten!
-- O, wenn Sie in einer lieblichen Natur, Ihrem Bilde hnlich -- in der
Abendrthe, in einer Sternennacht, auch meiner noch einmal gedchten, und
in dem sanften Schauer, der Ihre Seele durchdrnge, die Herzensnhe eines
Freundes ahnten, der so sehr Sie liebt! -- Gott befohlen! Holde Freundin!
Ses Leben!

  Der Ihrige

  Mller.


21.

  Mnster, den 21.Mai 1840.

Ein wunderschner Moment des Lebens, Theuerste, ist mir geworden durch Ihr
berraschendes, so eben bei mir eingetroffenes, herrliches Schreiben! Ich
fhle mich davon wie von einem Nectar berauscht. Sie immer noch in den
Grten der Hesperiden mir denkend, wo ich mich so oft Ihnen nahe getrumt,
wird mir auf einmal der Anblick der Zge Ihrer holden Hand, -- zweifelnd,
ob ich meinen Augen trauen drfe, bis die Lsung des Siegels Gewiheit gab.
Ich mu es Ihnen offenbaren, da ich bei der Erffnung Ihrer Zeilen in den
ersten Augenblicken mehr gekt, als -- gelesen! Hocherfreut ber die treue
Freundin, die kaum von den Apeninnen und Alpen zurckgekehrt, sofort auch
schon des alten Freundes nicht nur gedenkt, sondern auch alle genossenen
Wonnen mit ihm theilt! O, wie dankbar wallt das Herz! Eine so schne
Bewegung hat es lange nicht erfahren!

  Ist es nur ein Traum, Elise?
  Jeder Hain und jede Wiese
  Ist Gesang um mich herum!
  Friede, nie gefhlter Friede,
  Tnet hier in jedem Liede,--
  Dieses ist Elysium!

Sie lcheln des Schwrmers im Alter? -- Aber was sind Jahre fr's Herz! Es
hat nichts mit der Zeit zu thun! -- O wie oft habe ich auf Spaziergngen
die Wolken ber mir gefragt, wo Sie weilen mchten! -- Wie oft in
nchtlicher Stunde den Sternen zugeflstert: Sagt mir, wo sie ruht, und
zwei andere blulichte Sterne jetzt zum Schlummer sich geschlossen? --
Keine Antwort! -- Pltzlich vernehme ich wie ein Echo Ihres Herzens,
kstliche Botschaft! -- frhliche Nachricht! -- herzgewinnende,
liebeathmende Worte! Herrliche Mittheilungen ber die Reise, -- Lombardei,
Genua, Venetia, Padua, Firenze etc. oder ber das Beste und Schnste --
ber Sie selbst! Nun erst gefllt mir Italien vollstndig! Habe mehr als
zuviel darber gelesen, da ich's auswendig kann, -- aber erst jetzt hat
das groe schne Bild fr mich Reiz, Leben, warmen Athem erhalten! Wie jede
Sttte uns dann erst recht lieb wird, wo ein uns hochverehrtes und liebes
Wesen geruht, gewandelt, gewebt hat, so mir von nun an _Italia_! -- aber
auch jedes andere noch so klein und gering scheinende Pltzchen. Noch heute
bin ich vorzugsweise gern an der Stelle meines Kanape's, wo Sie vor einiger
Zeit -- ach, nur fr Augenblicke! -- meine Wohnung beglckten.

Tausend Fragen und Bemerkungen zu Ihrer Mittheilung kommen mir entgegen --
aber mein ganzes Wesen drngt sich zu Ihnen selbst. -- Ueber jenes
erlauben Sir mir weiterhin mich zu uern. Ich komme nach einiger Zeit nach
Elberfeld und so auch nach Dsseldorf. Dort werde ich Immermann von Ihnen
erzhlen und auch was Sie ihm gesagt wnschen, in zarter Weise mittheilen.

Mit mir ist einiges vorgefallen, was mich sehr angegriffen hat. -- Indem
man dem Prediger _Daub_ die mir angehrige Pfarrstelle an unserer hiesigen
evangelischen Kirche angewiesen, bin ich nach ganz unrichtiger Angabe beim
geistlichen Ministerii (mit Beibehaltung meines Consistorialpostens) als
Pfarrer emeritirt worden. Ich habe gleich protestirt. -- Schon wollte ich
deshalb nach Berlin reisen. Wie hocherfreulich wre es dann, Sie dort
zu sehn und ganz in Ihrer Nhe zu leben! -- Ja, so sehr, da mir dieser
herrliche Umstand jenen Vorsatz sehr verstrken und beleben knnte! Auf
einmal durchstrmt mich schon Leben und Wonne! -- O, da Sie so weit
entfernt sind! -- Es ist in Mnster jetzt viel schner als frher, und eine
auch fr mich neue Menschenwelt, mit wenig Ausnahmen. Sie fnden hier gewi
ein freies Leben. -- Freundin Engels, die einen groen schnen Handel
zum Besten der Armen fhrt, und hier zahlreiche Verbindungen hat, grt
tausendmal. -- Wie ungern endige ich! Aber die lngsten Briefe wrden
nicht ausreichen zu sagen, wie sehr, wie mit der gefhlvollsten Liebe, Sie,
Liebenswrdige, umfat, und Ihr ganzes Wesen sich anschmiegt

  Ihr treu ergebener

  Mller.

In der That, liebe Freundin, es scheint ein guter Vorschlag, da Sie
hierher kommen. Der Adel ist freilich immer auf dem Lande. Unter denen
vom Militr sind treffliche Familien, so grade jetzt von Felden, Pfuel's,
Grabowsky u.a.m., mit denen wir auch Umgang haben. -- Sie knnen nichts
ersinnen, was Ihnen hier unangenehm sein knnte. Und _mir_ ginge ein
Morgenstern auf, ein neuer Himmel und eine neue Erde! Wie wollten wir so
wonniglich zusammensein! O, bedenken Sie dies Wrtchen und erwgen Sie es
in Ihrem feinen und guten Herzen, und fixiren Sie sich nicht ganz und gar
an der Potsdamer Chaussee 38, die ich brigens doch auch gern she! Ich
fasse Ihre lieben Hnde mit Ku und Gru!


22.

  Mnster, den 17.August 1840.

Nachdem ich, holdeste Freundin, fr Ihre unvergleichlich lieben Zeilen
Ihnen tausendmal im Herzen gedankt, kann ich's nun auch endlich auf diesem
Blttchen, das frhlich unter Gren und Kssen zu Ihnen hinberfliegt.
Ich bin nun auch mit Briefen aus Berlin erfreut worden, die mich zur
Reise dorthin ermuthigt haben. Leider kann ich sie erst in der zweiten
Octoberwoche antreten. -- O, weilte ich schon an der Potsdamer Chaussee38!
-- Das ist mir, Lieblichste, mehr als alles, was Groes und Schnes mir
dort zum Anschaun und Genusse erwiesen werden kann.--

Ich habe lange wie in der Solitde gelebt, wo ich dann auch Ihrer um so
genureicher gedenken, und unter anderem auch nach Ihrer Italienischen
Reiseskizze mit Ihnen lustwandeln konnte; welche se Freude haben Sie mir
hierdurch gemacht, welche liebliche Eindrcke hat Ihre Gestalt bei diesen
Wanderungen auf mich gemacht; wie habe ich oft mit Klopstock in seiner Ode
an Edone gewnscht:

  Verwandle die Erscheinung und werd' Edone selbst!--

Des neuen Knigs erste Erffnungen seines schnen Sinnes entzcken die
Welt. Arndt's und Jahn's Befreiung von ihren bisherigen Schranken werden
mit Jubel begrt. Die Befreiung aller sogenannten Demagogen findet
ebenfalls berall Anklang.

Ich mu scheiden, wenn auch so ungern! Edle, Liebenswrdige! -- Mit den
schnsten Wnschen umschwebt Sie tglich

  Ihr so sehr ergebener

  Mller.


23.

  Mnster, den 18.September 1840.

  Meine theure Freundin!

So viel Regengsse in diesen Tagen vom Himmel herab, so viel Wnsche und
Seufzer zum Himmel hinauf sind aus meiner Brust gestiegen, da es mir
gelingen mge, zu Ihnen zu kommen. Es ist aber der entschiedene Wille der
Gtter, da es nicht geschehe. Mein gewaltiges und ungeduldiges Verlangen
soll bestraft werden. Dergleichen habe ich so viel im Leben erfahren, da
man wohl zahm werden mu. Ich beklage es dennoch -- denn Ihr jngstes,
so liebes seelenvolles Schreiben hatte mein Verlangen auf's hchste
gesteigert. Wie kann solche Gte -- ich mchte sie neben vielen andern
schnen Bezeichnungen auch eine mtterliche nennen -- anders als entzcken!
Wie knnte ich anders als stolz sein, ein so holdes Wesen mir so geneigt
zu wissen! -- Wie Thau auf Rosen sind mir Ihre lieben, freundlichen
Anerbietungen! -- Wie Byron durch die Meerenge, mchte ich durch meine
Hindernisse dringen, die mich von der Nummer38 abhalten. Aber mein
Schicksal lacht meines Muthes. Mein einzig mglicher Gefhrte, Gessert, ist
durch seine Amtsverhltnisse verhindert, jetzt mich zu begleiten. Dazu nun
das kalte regnichte Wetter, das den Ofen verlangt und bald ganz winterlich
sein wird. -- Sie selbst, liebe Freundin, bei Ihrem zarten Wohlwollen,
geben mir dies zu bedenken -- und ich gehe darauf ein! Doch nur als
Aufschub! -- Unmglich ist ganz zu verzichten. Solch Opfer wird mir
nicht zugemuthet werden! -- Der einmal so tief gefate Gedanke wird nicht
aufhren und ein rechter Zeitpunkt der Ausfhrung ergriffen werden. --
Finde ich doch auch nach kurzem Aufschub in Ihnen dieselbe wieder! --
Dasselbe holde Wesen, geboren um Herzen zu verstehen und durch Vertrauen zu
beglcken!

Grade jetzt, liebe, theure Grfin, wre ich besonders gern bei Ihnen, da
gemeinsame Thrnen einen gerechten Schmerz so sehr besnftigen. Als ich
Immermanns so unerwartetes Hinscheiden vernahm, gedachte ich in der ersten
Erschtterung sogleich auch Ihrer! -- In Dsseldorf und der ganzen Gegend
ist Trauer gewesen. Mein Schmerz war um so lebhafter, als ich noch so kurz
vorher den Freund gesehen. Eine ganze Reihe von Jahren ist er mir ein sehr
werther Freund gewesen, an dessen groen Talenten, wie an seiner treuen und
immer edelmthigen Freundschaft ich mich stets so sehr gefreut. Ich kann
mich wohl nie gewhnen an den Gedanken, nicht mehr mit ihm auf Erden
zu sein. -- Als ich im vorigen Jahre in Dsseldorf ber den Markt ging,
begegneten wir uns, und als ich auf seine Frage, wohin ich zunchst wolle,
antwortete: zur wohlbekannten Grfin! erwiederte er: -- das machen Sie gut!
dessen wird sie sich freuen! -- Ich sehe noch den bestimmten Blick,
die redende, heitre Miene, womit er dies sagte. Wie viel haben so Viele
verloren!

  Warum sind der Thrnen unterm Mond so viel?
  Und so manches Sehnen, das nicht still sein will?

Ich habe ein wenig mein Grtchen durchlaufen -- und bin ganz und gar bei
Ihnen. Und doch sind Sie so ferne. -- Und doch kann ich mit Ihnen reden!
-- Das ist dann aber immer nur Ein Thema! -- Wie viel ist uns mit der
Phantasie gegeben! -- Und diese soll die ernstere Schwiegermutter --
Weisheit -- (nach Goethe's Erinnerung) mir nimmer rauben! -- Von nun
an wird jede Zeitung, wo alles voll von Berlin ist, auch Sie mir
vergegenwrtigen. -- Wie herrlich hat der Knig in Knigsberg gesprochen!
-- Es ist als ob ein neues Zeitalter begnne!--

Mehr als Sie denken, gedenkt Ihrer mit Gren und Kssen

  der herzlich ergebene

  Mller.


24.

  Mnster, den 11.Februar 1841.

Endlich, gtigste Frau Grfin, kann ich fr Ihr kstliches
Neujahrsgeschenk, Ihre unvergleichliche Zuschrift vom 1.Januar, meinen
Dank bezeigen, einen Dank, der nie inniger ausgesprochen ist. Wie htte ich
damit bis hieher zgern knnen, wenn es mir eher mglich gewesen! --
Aber es sind dies die ersten Zeilen meiner Hand seit dem vorigen
Weihnachtsfeste, wo die sibirische Witterung, die erstarrende, ewige
Klte meine Natur und namentlich die Brust so angegriffen und mit einem
unablssigen Husten, den ich nie gekannt, dergestalt geqult hat, da mir
alle Lust am Leben entfloh. -- Jetzt ist alles wieder in guter Ordnung; das
schne Genesungsgefhl durchdringt mich lieblich, und Auge und Herz sind
wieder mit neu erwachten sen Gefhlen auf die edle Freundin gerichtet.
Wie oft hat in den schlimmen Tagen und schlaflosen Stunden der Inhalt
Ihrer Zeilen mich erquickt -- wie oft habe ich an Ihr schnes Herz mich
geschmiegt! Und wie schmerzhaft war es mir, Ihnen nichts sagen zu knnen!
-- Sie haben mich mit neuer Kraft gesthlt; mein Geist schwingt sich
ber die weite Schneewelt empor; ich kann mich wieder des Lebens und der
Freundin freuen! Mchte ich nur aus diesem Schwunge Sie selbst erreichen!
-- Holdes Wiedersehen -- wirst Du mir werden? -- O, ich hoffe! -- ich
glaube. -- Bei Ihrem vor mir liegenden Blttchen wird mir zu Muthe, als ob
ich in Ihr liebes Auge she, was ich immer so gern gethan! -- Mit Poesie
und Kunst erffnet mir Ihre schne Hand die Pforte der neuen Zeit. Mge
sie fr uns heilbringend sein. -- Alle Schritte, Worte, Thaten unseres
trefflichen Knigs nehme ich zu Herzen. Wie viel Schnes hat er in kurzer
Zeit vollbracht. O, htte ich, trotz dem Regen, ihn selbst gehrt! --
Es lassen sich Stimmen hren, als halte man den Rosenglanz jener
unvergleichlichen Feier schon fr erblichen! Ich meine aber, so kann nur
hypochondrischer Mimuth reden. -- Da der Knig gleich seinen Sitz in
Sanssouci genommen, seine erste Verfgung von dort aus ergehen lie, war
mir ein sehr angenehmes und willkommenes Zeichen der neuen Zeit. -- Die
hiesigen Katholiken -- namentlich der Adel -- waren nie so preuisch.
Doch werden sie sich ohne Zweifel in der Hoffnung betrgen, da ihnen der
Erzbischof wiedergegeben wird! Das kann und will ich nicht denken!

Wie oft gedenke ich Immermann's! O, theurer Name, von so Vielen beweint!
-- Wie herrlich, da der Knig seiner jungen Wittwe nun die volle Summe von
400 Thalern als Pension bewilligt!--

Ach, so ist nun auch schon die kleine Unterhaltung zu Ende. Ich mu
schlieen, womit ich begonnen habe, mit Ergssen des Dankes, der Freude
und Liebe gegen die edle, die liebenswrdige Freundin -- an die ich so gern
denke, an deren Bilde ich oft mit ganzer Seele hnge, in die ich mich oft
hineinlebe, als wre ich eins mit ihr. O, da ich schlieen mu, und damit
alles sich wieder in die Ferne zieht! -- Bis zum Wiedersehen der geliebten
Elisa

  der ergebenste Freund

  Mller.


25.

  Mnster, den 11.Februar 1842.

  Theuerste Frau Grfin!

Ich bin aus langer Finsterni an's Licht gekommen, der Erstling meiner
neuen Tage sei der innigste Herzensgru an Sie, meine holdselige Freundin!
-- Nie kann ein Dank beseelter ausgesprochen sein, als der, den ich hiermit
ausdrcke dafr, da Sie, sich immer gleich, mir hold und zugethan bleiben,
Sie sind mir dadurch wie ein Stern aus besseren Welten. Sie denken wohl
nicht, wie oft in den nchstvorigen Tagen Sie wie eine holde, unsichtbare
Macht aus weiter Ferne mich getrstet und erhoben haben. Ich habe nmlich
eine lange Zeit durch den barbarischen Winter gelitten, mit Nervenschwche
und einem grippenartigen Uebel gekmpft. Es kam hinzu, da auch meine guten
Kinder und Enkel von hnlichen Uebeln heimgesucht wurden.--

Jetzt bin ich an den hellen Tag gekommen und freue mich unaussprechlich,
Ihnen wieder frisch und frhlich schreiben zu knnen. Die hier
eingetretenen frhlingsmigen Tage durchstrmen mich mit neuer Lebenslust.
O, da ich heute Sie she -- die Freundin auch der Natur -- gewi rthet
die so schn aufgegangene Morgensonne hher Ihre Wange, und die blauugigte
Athene blickt lchelnd zu dem ihr befreundeten Himmel! Gewi ist es so,
denn ich sehe Sie ja! An diese liebliche Vorstellung -- (o, wie sie mich
anzieht!) knpft sich eine andere, schon ltere, aber immer wiederkehrende,
und immer ungestmer werdende -- Sie nicht mehr nur im Geiste -- sondern
Auge in Auge, Hand in Hand -- mit einem Worte -- von Angesicht zu
Angesicht, leibhaftig zu sehen, und da ich Sie -- Potsdamerstrae38
begre und besuche! Der Mai mte dazu gewhlt, und von mir ein Urlaub
auf lngere Zeit erbeten werden. Himmel, wenn ich dann ganz frank und frei,
gleich den Vgelein ber den Wolken mich bewegen, frei athmen, die Welt
wie mein fhlen, und das Leben recht eigentlich genieen kann -- und das in
Ihrer Nhe -- des ewigen Zwanges entledigt!

Wie danke ich dem Himmel, da die Gtterkraft der Freuden, der Liebe, mich
wieder durchdringt. Wie leicht und schn wird da das Leben!--

Die ganze Reise des Knigs ist ein Triumphzug der edelsten Art, nicht nach
blutigen Siegen, sondern nach einer unermelichen Herzenseroberung. Mehr
ist kein Titus geliebt worden. -- Ohne Zweifel wird in Elberfeld auch
_Friedrich Krummacher_, meiner Schwester Sohn, zur Cour kommen, und es wird
sich nun wohl bald zeigen, ob man ihn nach Berlin will. Er hat mir gar
sehr gerhmt, Ihnen seine Aufwartung gemacht zu haben, wie auch der Frau
Paalzow.

Eben komme ich von Frulein von _Wrede_; sie wurde beredt, als sie Ihr Lob
aussprach, und kann nicht genug rhmen von Berlin und des schnen Tages, wo
sie mit Ihnen und Wach's zusammengewesen. -- Freundin Engels empfiehlt sich
sehr. Im Ganzen hlt sie sich wohl und thtig in Handel und Wandel.

Herr von Vincke ist dem Knig entgegengereist, seine Familie sehr wohlauf.
So auch die von Pfuel'sche, die uns auch hier sehr werth ist.

Die Berliner Zeitungen lese auch ich sehr fleiig, und grade diese um so
lieber, da ich dadurch an Sie zu denken veranlat werde. Ist etwas Hbsches
vorgefallen, so sehe ich Sie dabei gegenwrtig, z.B. bei den Conzerten
des dort so hoch gefeierten Liszt, der brigens auch bei uns einige groe
Concerte gegeben.

Wie viel auch historisch Wichtiges haben Sie mir im jngsten Briefe
erzhlt. Wie soll ich dabei Ihnen genug danken. Sie verstehen sich vor
allem auf die Freuden des Freudemachens.

Buchstaben befriedigen mich so wenig, ich meine immer noch nichts gesagt
zu haben. Bei und mit und in Ihnen sein, ist allein das Rechte. Das Sie mir
nur hold bleiben mgen! Frulein von Wrede sagte mir heute, Sie seien eine
unvergngliche Schne! Ich hrte das mit Freude und den besten Wnschen.
Hoffentlich fhrt mich der Mai zum frhlichen Anschaun! Ihre lieben, holden
Hnde tausendmal kssend, empfiehlt sich Ihnen mit warmem Herzen der innig
ergebene Freund

  Mller.


26.

  Mnster, den 14.April 1843.

Eben, holdselige Freundin, geht die Morgensonne auf und verklrt mein
Grtchen, aber auch, und mehr noch, meinen Sinn, mein Herz und Gemth.
Denn ich habe Muth gefat, Ihnen zu schreiben. Emil Krummacher, Prediger in
Duisburg, Sohn meiner Schwester in Bremen, Bruder des Fritz Krummacher zu
Elberfeld, der im vorigen Jahr Ihnen einen Besuch zu machen so glcklich
gewesen, zieht in diesen Tagen nach Berlin, den Knig einer Kirchensache
wegen zu sprechen. Diesem will ich dies Blttchen geben, es Ihnen zu
berbringen. -- Da ich so lange habe schweigen knnen, mchte ich die
Gtter befragen. Und doch gehren Sie zu einem meiner herrschendsten
Gedanken, und wird dies auch nie bei mir aufhren. Sie sind mir auf dem
Wege meines Lebens eine so theure, unvergeliche Erscheinung geworden,
da es keiner Schriftzeichen bedarf; sie reichen nie hin, mein Innerstes
auszudrcken; ein holder Genius aus einer schneren Welt sind und bleiben
Sie mir. -- O, lassen Sie mir den unentbehrlichen Trost, da Sie mir
zugethan bleiben! Mehr als ich auszudrcken vermag,

  Ihr ergebener

  Mller.


27.

  Mnster, den 28.August 1844.

Unmglich ist es mir, hochgeliebte Freundin, meinen sehr werthen Freund,
Consistorialassessor Daub, (Prediger an der hiesigen evangelischen Kirche)
nach Berlin zum dortigen Gustav-Adolphverein abreisen zu lassen, ohne ihm
ein Wrtchen an Sie mitzugeben, ohne ihn zu bitten, den Muth zu fassen, zu
Ihnen zu eilen, da er meinen Liebes- und Friedensgru Ihnen bringe, und
mir dafr einen Abglanz Ihres holden lieben Wesens zurckgebe. Wie mit
erneuerter Liebe werde ich seiner mich freuen, wenn er von _Ihnen_ zu
mir gekommen ist. Ich glaube an eine Welt, wo Alles vergolten, an ein
Unvergngliches -- schon darum, weil meine Liebe, mein Vertrauen, meine
Sehnsucht -- nach Ihnen, Ihrem Herzen und Wesen schlechthin unvernderlich
und unvergnglich ist. Sobald Ihr liebes Bild in mir lebendig wird,
ergreift mich ein wundersam schnes Gefhl, dem ich keine Abnahme, kein
Ende wnschen mchte. -- Sie lcheln wohl eines solchen Bekenntnisses? Wie
sollte ich es aber verhehlen! Es ist mir ein gar zu ses Bedrfni, es
auszusprechen.

Eine vllige Unmglichkeit wre es jetzt fr mich, mit Herrn Daub mich
aufzumachen, bei der Eile, womit gereist werden mu -- bei hiesiger
uerster Geschftigkeit, und bei der Sndfluth des Regens, obwohl ich
mir es fr Augenblicke romantisch denke, Ihnen zur Seite, auch ber den
Weltocean in einer Noah'schen Arche zu segeln.--

Meine einzige, herzlichtreue Schwester, Eleonore Krummacher zu Bremen habe
ich durch den Tod verloren, was eine Wehmuth ber mein ganzes noch briges
Leben bringt. Es ist dadurch auch die ohnehin geschwchte Gesundheit meines
Schwagers so stark angegriffen, da er es schwerlich berwinden wird. Mit
diesem Schwager, dem Dichter und Schriftsteller, habe ich das Schnste auf
Erden genossen -- vollkommene Freundschaft! Diesen Engel des Lebens habe
ich in allen seinen Seligkeiten kennen gelernt, so da ich schon dehalb
sagen darf: Ich habe nicht umsonst gelebt!

  Das arme Herz hienieden--
  Von manchem Sturm bewegt!
  Wann findet es den Frieden?--
  Wenn es sich nicht mehr regt.

Meine alte Freundin Engels hlt sich zum Bewundern froh und gesund. Immer
dieselbe! gekrftigt und glcklich im Handel fr Bedrftige. -- Von
Pfuel's sind noch nicht aus Ostende zurck; sie sind mir sehr lieb. -- Die
Milanollo's haben Sie auch gehrt? Nichts Schneres in dieser Art hab' ich
vernommen.

Aber wohin habe ich mich verirrt -- so zu schwatzen! Doch werden Sie es
gtig beurtheilen. Mit Geliebten plaudert sich's so gern!--

Ach, da ich schlieen mu. Es war mir, als ob ich bei Ihnen wre! Selige
Zeit, wo es sich einst wirklich so verhielt! -- Lassen Sie mir den
Trost, da Sie noch mein gedenken -- mir noch zugethan sind -- mich nicht
vergessen! Ich habe Sie gar zu lieb! Christiane Engels empfiehlt sich
bestens. Ein freundlicher Himmel umschwebe Sie stets! Immer und immer, o,
liebe holde Elisa!--

  Der herzergebene

  Mller.




Briefe von Henriette Paalzow an Elisa.


1.

  Berlin, den 29.Oktober 1833.

Es kommt ein Briefchen angeflogen, das will der gtige Freund _Immermann_
Ihnen geben, da Sie nicht erschrecken und denken, ich brde Ihnen einen
Briefwechsel auf -- nichts soll es -- nichts will es, als Ihnen sagen: es
ist zu schwer, Sie ganz zu lassen, wenn man Sie einmal wieder gesehen hat
-- und daran knpft sich die Lust, so ein Blttchen voll zu schreiben mit
kleinen Liebkosungen -- und da ich es eben thue, das hat wieder der Freund
mit seiner berzeugenden Zusage, Sie gegen jeden Schreck zu bewahren,
herbeigefhrt. Sie wissen also damit, da wir ihn wirklich noch hier
getroffen, und der Wunsch uns erfllt ist, ihn zu sehen -- dabei war er gut
zu uns, wie es unglaublich wr', wte ich nicht, da Sie ihn sicher darum
gebeten hatten -- aber er war mir nur desto lieber darum, und wir beide
sind ihm so recht dreist gleich nachgelaufen, und haben von ihm erwischt,
was die Andern ber lieen -- aber, was lie das auf Immermann wartende
Berlin brig? Sie knnen denken, nicht viel -- tglich sa er berdie
an den Fleischtpfen des grflichen Camachus, so da mir gleich der Athem
stockte, als ich ihm meine kleine zweibeinige Junggesellenwirthschaft
anbieten wollte -- lange hielte er es nicht aus, trotz der stillen
Absonderung bei sich, deren er gewi in hohem Maae fhig ist, und der
Stempel eines groen Geistes, wie ich immer gefunden.

Wenn man ihm Ruhe und Einsamkeit mitten in Berlin verschaffen knnte --
wrde ich von nun an nichts wnschen, als er wohnte knftig hier -- aber
er wrde Mode werden, alle Soireen, bei denen Immermann fehlte, wrden sich
disgustirt halten -- mte man da nicht Trauer um ihn anlegen, oder einen
Verhaftsbefehl auswirken, und ihn in ein hbsches, stilles Gefngni
befrdern -- ich kann mir keine passende Lage fr ihn hier denken, und
freue mich, wie er wieder hinter der hohen, grnen Hecke in die stillen
Raume verschwinden wird, wo die Geister gehorsam und unverscheucht von dem
leeren Lrm geschftigen Miggangs ihm dienen.

Wie gefllt er uns so noch bei weitem mehr, als wir sicher hatten --
wie ist er ber all das andere, still heiter, jugendlich unbefangen und
bescheiden wie alle bedeutende Menschen, die sich immer was besseres denken
knnen als sie leisten, gar nicht kraus, gar nicht tragisch oder bitter
blickend -- wir hatten das alles auch ausgehalten, und ihn doch lieb
gehabt, aber nun sich es nicht vorfindig, bin ich so lustig und unbefangen,
wenn ich ihn sehe, und wie Kinder sich fragen: wollen wir zusammen spielen?
so mchten wir auch was hnliches.

Ach, knnte ich zuweilen in Ihr Bauernhaus laufen! wie steht es mir vor in
all seinen Einzelnheiten -- und Sie! wie entzckt mich jeder heitere Blick,
den ich Ihnen abgelauscht -- diese ruhigen, milden Zge, aus denen der
Streit verschwunden, und die Anmuth, mit der Gesundheit zurckgekehrt. Sie
mssen glcklich sein, denn so sieht Glck aus!

Dann blicke ich in meinen Rumen umher -- und frage, ob es Ihnen just
so recht sein wrde, und denken Sie nur, ich sage immer: ja! und nicke
ordentlich meinem grnen Thurm (wie ich und die Freunde es bei mir nennen)
zu, als wr' er unruhig darum. Albern bin ich auch immer noch, das haben
Sie lngst gemerkt, und besser, ich gestehe es Ihnen ein.

Schn war unsere Rckreise! Einmal an der Ahr saen wir auf einem Felsen
bei dem alten Ahrschlo und dem hchsten Wunder herbstlicher Lichteffecte;
wenn mir das einfllt, nun mich Berlin wieder eingefangen hat, so begreife
ich nicht, warum wir wiedergekommen sind. Berlin erdrckt mich, dieser
Lrm! so viel Leute! so viel Redensarten -- ich wnsche oft, es wre eine
groe Schlafstube und alle Leute lgen zu Bett und schliefen, vielleicht
htte ich dann Muth zu wachen, aber so kribbelt alles so begierig
durcheinander, da ich die Augen zumachen mu, um nicht zu schwindeln.
Besser wird es mit der Zeit, das wei ich auch -- wenn ich erst keine
Visitenkarte mehr habe, und des Morgens im Bett mir den Tag eintheile,
wie eine fleiige Maid, die noch bei der Mutter ist -- dann werde ich jede
Stunde heiterer und finde zuletzt alle Menschen liebenswrdig, weil ich
sie nicht mehr besuchen mu -- einige besuche ich natrlich gern, und diese
unterbrechen dann reizend diese glckseligste Ruhe! Ruhe! es ist fr mich
ein Zauber in dem Worte -- mein schwer sich entwickelnder Geist hat sie
zu Allem nthig, ich fhle, ich bin nichts, oder mit dem wenigen, was ich
geben kann, ganz verschchtert, und wie mit festen Deckeln verschlossen,
wenn es um mich lrmt und sich betrgt und wei und thut -- und ich alles
nicht begreife, und den Anfang nicht verstanden habe, wenn sie schon
prtendiren das Ende gemacht zu haben. Denken Sie selbst, wie schlecht
ich da zurecht komme, berdie mit meinem Verlangen die Dinge wirklich zu
verstehn.

Wenn da eine liebe Hand kommt, die nicht eine rednerische Stimme bei sich
hat und die Deckel springen lassen kann, weil sie nicht darauf hmmert,
sondern blo aufheben hilft, wie ich da glcklich bin. Sie knnten das
auch! und da haben Sie meine hundertste Liebeserklrung! -- und lassen Sie
meinen Bruder noch berdies Ihre schnen Hnde kssen und vergessen Sie ihn
nicht, wie er Sie verehrt und bewundert -- und seien Sie gut und nicht bse
ber dies styllose Brieffragment -- und -- Immermann sagt, Sie htten sich
auch zu mir gefreut -- und ich glaube es und bin Ihnen gut und getreu bis
in den Tod.

  Henriette P. geb. Wach.


2.

  Berlin, den 17.Dezember 1833.

Mein grner Thurm war von Dezemberstrmen und Regenstrmen wie in ein
doppeltes Bollwerk gegen die Auenwelt gehllt und ich sa vergnglich
mitten drin, und freute mich des schwierigen Hinein- und Hinauskommens.
Da kam Ihr Briefchen und mir war, als ob ein Blumenstrau durch's Fenster
geflogen wre, und wie man nicht aufhrt, Blumen zu betrachten, und wie sie
bald die Atmosphre umwandeln, und wie ein Glck ohne Namen uns erhhn, so
war mir und keine liebere Stunde Ihnen zu antworten, als die, die ich Ihnen
so schn verdanke!

Als ich es gefunden hatte, da ich Ihnen antworten _mte_, lachte ich ganz
lustig hin, und mit allem Guten, was die Stunde mir gebracht, dankte ich
dies meiner jungen Freundschaft mit Immermann herzlicher als er denkt.

Denn sicher ist, liebe, theure Freundin, vor Ihren holdseligen Worten wre
ich doch noch mit allen ins Leben springenden Empfindungen blde stehen
geblieben, zweifelnd ob ich antworten drfe -- aber mein junger Freund
schenkt mir etwas, und wo seit dem Christenthum htte man nicht gedankt ob
einer Gabe?

Dabei ist es uerst reizend fr mich, da ich noch nicht wei, was er mir
schenkt; denn mein treuer Diener ringt erst darum mit Sturm und Regen und
Postdienern und Packkammern. Ich denke, es ist Merlin! -- Dies wollte
ich lngst schon der Welt gern aus den rohen Hnden nehmen und wre ich ein
Knig, wollte ich die Tafelrunde whlen, die es wie ein goldner Reif den
Juwel umschlieen sollte. Ich erfuhr daran wieder eine Erfllung! -- gleich
Ruhe damit! -- ein unerschtterliches, reines, drber Genieen -- entweder
ein nicht Verstehn, oder ein _durch_ Verstehn dessen, warum die Welt roh
mit wird! Wenn es also das ist! was wird es hbsch sein, wenn ich wei, er
selbst dachte es mir zu!

Theure Grfin! Mein ganzes Briefchen wird -- zwar nicht bunt wie ein
Blumenstrau, aber bunt wie heitere Gedanken! -- und sie kann ich nicht
lassen, wenn ich Sie denke! Nichts Seres, als wenn die Welt wieder um
eine kleine glckselige Insel grer wird -- Felsen und Strme und Wlder
und Schlsser und Htten, die thun's nicht -- sondern die gttliche
Staffage der Erde, die Menschen! Wei ich nur irgendwo dies beste Geschenk
des Himmels, ist mir so selig wie dem Astronomen, vor einem sich pltzlich
mit einem neuen Sternenbild anfllenden leeren Himmelsraum! Immer und fr
immer habe ich Sie bei aller Trennung festgehalten, froh mich begngend,
da ich wute Sie waren da! Aber Sie so wiederzufinden, an den langen
bescheiden empfundenen Besitz das lebendige Glck eines verstehenden
Ineinanderblickens zu reihen, das sind Glanzlichter, zu denen man sagt: das
Leben ist doch schn! Leicht sehe ich ein Bild von dem, was mich lebhaft
erfat hat, und jeder Blick hin giebt mir das Bild -- es ist dann das
geistige Resultat, was in mir davon gekommen. So sehe ich _nicht_ die Thr
zu Ihrem Huschen, sondern ich sehe einen Eingang zu Ihnen mit goldnen
Saiten bespannt! auch _Immermann_ sehe ich nicht dahinter, aber einen
Dichter. Drber sehe ich _Sie_ nicht -- aber einen schnen weien Schwan
mit breiten weiten Flgeln -- _nicht_ Ihre Zimmer, aber tief grnen,
frischen Epheu dicht in einander gerankt, darauf ruht der Schwan, und hrt
zu! Sehen Sie, so allerliebst kommt es mir jedesmal in die Seele, wenn ich
an Sie denke!

Ob ich mde wrde, die Thr zu ffnen, an die Sie klopften?

Am liebsten spreche ich mit Wilhelm von Ihnen! Wie glcklich bin ich, da
er so glcklich war, Sie zu sehen! Er kt Ihre schnen Fingerspitzen!
Lassen Sie ihn gut wohnen in Ihren holden Gedanken neben mir!

  Von ganzem Herzen

  Ihre Henriette, nicht wahr? Wach?

(Ich mache Ihnen Alles nach vor Vergngen! Dies ist an Immermann!)

Merlin war's nicht! sondern was ganz Neues, wo Sie immer mitspielen,
was ich noch gar nicht kenne und nun recht vergngt heute Abend am Kamin
ergreifen werde. Wren Sie's nicht just, ein wunderbar alter Freund in
ganz neuer Gestalt! -- Knnte ich mein Briefchen an unsere Grfin nur
verbrennen, so aber lasse ich es -- und frchte nicht einmal, da Sie nun
Merlin nachschicken, da ich kindisch fast meine Lust darauf verrieth.
Ich besitze es auch schon -- _Schadow_ merkte leicht meinen Wunsch seines
Besitzes, er schrieb einen freundlichen Gru hinein, und ich nahm's mit
Freuden! Also war meine Hoffnung Merlin kme aus der Hlle, weiter
nichts, als Sie sollten es mir damit gnnen -- das knnen Sie nun
nachtrglich besorgen -- wenn's Ihnen so ist, und dann bin ich durch Ihre
heutige Gabe im Vortheil! Wie lieb ist es von Ihnen, da Sie mich anreden,
und dann sogar beschenken! Beides danke ich Ihnen herzlich! Was Sie
mitbrachten nach dem grnen Thurm -- das dachten Sie, fnden Sie vor --
Ihr Gefolge sa blo nieder an unserem Heerd, Sie glauben in Ihrer
unergrndlichen Bescheidenheit, es seien unsere Hausgtter! -- Doch auch
so bleibt uns noch ein schner Antheil, auch da Sie eintreten wollten, und
da Sie ihre Anwesenheit fhlten, bedenke ich mit Behagen, und lege es mir
zum Troste zurecht, wenn viele Gste kommen und gehen, und der Heerd leer
bleibt von dem unsichtbaren Gefolge, das die Gtter nur denen geben, die
sie lieben! Auer was Sie mir durch Ihr persnliches Kennen an reicherem
Antheil geschenkt, haben Sie mir noch so besonders in meinem Bruder
wohlgethan -- seine jungfruliche Sprdigkeit fremden Geistern gegenber,
war an Ihnen wie umsonst oder vergessen -- dabei sah ich das erstemal nicht
zu, wie sie ihn so selten schnell belebt, sondern ich bekam ihn von Ihnen
schon als aufgeblhte Blume zurck!

Ich mchte, da Sie ihn liebten! ja, Sie thun es wahrscheinlich schon, denn
ich glaube nicht an eine Liebe ohne die andere! -- Mit alledem berlege
ich mir immer, ob ich Sie lieber hier mchte, oder dort wei! Ich habe eine
Leidenschaft zur Resignation! -- Das spielt mir ebensoviel Streiche, als
andern Leuten die Begehrlichkeit -- dann trume ich wieder von der stolzen
Festigkeit, womit wir das uere Leben in aller Gestalt zwingen uns den
Inhalt zu geben, den wir just nthig -- das wende ich alles auf Sie an!
Denn ich will lieber den groen Gewinn hingeben, Sie hier zu wissen, als
Ihnen den drren Boden, auf dem meine dnnen Sohlen oft brennen, unter
Ihren cothurnten Fu wnschen! Aber wenn Sie gut zwingen knnen, und das
traue ich Ihnen zu -- schlage ich mir alle Resignation aus dem Sinn!

Auch rechne ich dann zusammen, was wir haben! _Koppe_, den haben Sie
erkannt! und mit dem ganzen Stolz der Freundschaft fhle ich, wie er Ihnen
ausreichend sein mte -- an Tiefe und Flle des Wissens -- an gehender
und nehmender Kraft der Ideen, an Schnheit des Gemths und des Herzens! Er
machte Ihnen eine Sendung -- Gre von uns contrebandiren schon mit -- nun
kann ich ihn wieder gren von Ihnen und bin dessen froh!

Ob ich Wilhelm noch das Eckchen lasse? ich thue es wegen meiner
Leidenschaft zur Resignation! Es gehe Ihnen so gut als Sie verdienen und
wir wnschen!

  Henriette.

Herzlichen Dank, mein hochverehrter Freund, fr die freundlichen Zeilen
Ihres Andenkens! Mchten Sie in glcklicher Einsamkeit und Ruhe, welche
paradiesisch sein mu, dem unntzen Gehmmere und Geklatsche der Welt
zusehen, welches andrerseits Vortreffliches liefert, doch wobei man gern
Zuschauer ist, wenn man selbst schafft! Der gndigen Grfin mich zu Fen
legend, verbleibe ich in herzlicher Ergebenheit

  Wilhelm Wach.


3.

  Berlin, den 10.Januar 1834.

Theure, liebe Grfin! Mit der grten Unruhe erfllt uns die Nachricht von
Immermann's Krankheit, und nachdem wir uns die Nachrichten durch Zufall
ber ihn als zu ungengend fr unser Gefhl erklrt, wage ich Sie um
Vermittlung zu bitten -- nicht da Sie mir selbst schreiben sollten, im
Fall er noch bedeutend krank wre, aber Sie beauftragten einen Andern zu
einigen klaren Worten ber seinen Zustand!

Sie entschuldigen gewi diese Bitte mit dem natrlichen, unerllichen
Interesse, das dies vaterlndische Besitzthum, auf das wir alle stolz und
angewiesen sind, uns Beiden giebt, und wollen gar nicht -- und sollen auch
nichts weiter von mir hren -- als wie ich Ihnen treu bin und bleibe--

  Henriette P. g. Wach.


4.

  Berlin, den 14.April 1834.

Ehe ich Ihnen anfing zu schreiben, habe ich mich erst recht in den Gedanken
vertieft, da ich das nun berhaupt jetzt darf, und wie hbsch es von uns
beiden ist, dies endlich als eine kleine anmuthige Zugabe unseres Lebens
erkannt zu haben -- Freund Immermann, welcher sich zuerst liebenswrdig
entwickelnd diesem meinem schchternen Wunsch zur Seite stellte, soll auch
immer dafr mit freundschaftlicher Liebe anerkannt und besonders gemeint
und gegrt sein in jedem Blttchen, das hinber fliegt! Und so merke ich
fast, da ich die subtilste Spitze eines Briefanfanges niedergeschrieben,
und knnte mich nun fortwhrend nach allen Regeln betragen, wohnte mir das
geringste Geschick dazu bei, und risse mich nicht Andenken und Antheil fr
den, dem ich schreibe, ber so schne, dezente Grnzen stets hinweg. Aber
Sie haben mich ja nie anders gemocht als ich sein konnte, und mich oft
erkannt, da wo der spanische Kragen meiner frheren Verhltnisse mein
eigentliches Wesen bis zur Unkenntlichkeit einspannte -- und was giebt es
Seres, als dies Zeugni einer schnen Seele fr bange und unverstndliche
Zeugnisse in uns! -- Ich begreife auch gar nicht, warum man sich blo darum
liebt, weil man sich alle Tage genau versteht, einmal mu man es freilich
gekonnt haben, und dann fr immer! und was das Leben drber und dran
wachsen lt, begren ohne Frage: woher kmmst du? Immer sicher _daher_,
wo wir einmal die Heimath fanden. -- Heimath! knnt' ich einmal aus den
hellen Fenstern Ihres wohnlichen Zimmers in die grne, zierliche Ordnung
des kleinen Gartens niedersehn, durch dessen grne Heckenwand ich Sie nach
Jahren zuerst sah -- wie Sie leicht dem Hause zuflogen, das uns bald Alle
umschlo! -- Es sollte mir heimathlich werden, sein Sie gewi! Oder Sie
steckten die kleinen Fe unter meinen Theetisch, und der grne Thurm htte
keinen Eingang mehr, nachdem er Sie eingelassen! Nun, ich will warten auf
Sie! Den ganzen grnen Sommer hindurch, vielleicht wenn Sie so sicher ein
Pltzchen wissen, wo Ihnen frohes Willkommen entgegen kmmt, berlegen
Sie es auf Ihrem grnen Epheukranz, worauf ich Sie immer ruhen wei. Wir
bleiben, wie Sie daraus sehn, in dem steinernen Berlin! Das ist nur die
wahre Bezeichnung, keine Verunglimpfung oder Klage!

Ich liebe mich in verschiedenen Situationen zu finden, mit mir bekannt
zu bleiben, und den Aufgaben ihren Inhalt abzufragen; ist man des einen
Zustandes gewi -- reizt uns der andere mit seinem Widerspruch, der in uns
seine Ausshnung verlangt!

Die Sonne scheint, whrend ich schreibe, warm und verheiend auf meine
Schultern -- es ist gewi, wir sollen das liebliche Wunder auf's Neue
erleben, Blumen, Blthen und Bltter zu sehn! -- Den langen Winter wird man
ganz trumerisch, ob solch Glck wiederkommen kann, und naht sich die Zeit,
bewegt sie nicht _allein_ die keimende Erde; in der ewig keimenden Brust
findet sich auch ein neuer Eifer -- etwas soll anders werden, zur Klarheit,
zur Blthe soll durchbrechen, was im Winterschlaf eingehllt lag, wir
fordern von uns, und die Gewhrung ist schon halb erreicht -- an Licht und
Sonne hngt nicht blos das Blthenleben mit seiner zarten Existenz, der
Mensch selbst hofft in diesem freieren Spielraum etwas Greres zu leisten,
zu vollbringen. Fragen wir nicht nach dem Geleisteten, es mu nicht alles
nach auen Existenz gewinnen, was darum doch als Errungenes, als Wahrheit
aus solchen Epochen der Seele verbleibt! Whrend Berlin von dem rgsten
Paroxismus des Carnevals befallen war -- hllte mich ein kleines,
glckseliges Fieberlein in die grnen Wnde meines sichern Thurmes -- auch
besucht konnte man nicht viel werden, weil die Leute den gttlichen Einfall
haben, ihre hohlen Gesichter dem Tageslicht zu =djeuns dansants= zu
produziren! So kamen nur die Freunde! Sage ich aber Freunde, so fllt mir
Ihnen und Immermann gegenber fast niemand ein, als die herrliche Familie,
die ersterer gern hier wiederfand, ich meine Koppens. Liebe Freundin! es
liee sich in einem Urwald, oder auf einer wsten Insel mit den Elementen,
woraus diese Familie zusammengesetzt ist, lange haushalten als reicher
Mann!

Gern rede ich mit Ihrem Vetter von Ihnen![5] Jetzt ist er General! es
kleidet ihm gut! und ich freute mich, da er nicht zugeknpft die Achseln
zuckte ber eitle Ehre, sondern menschlich und natrlich eingestand -- Ehre
sei keine Schande! Ich soll Ihnen auch tausend Gre sagen.

Und nun gren Sie Immermann auf's herzlichste! und wenn Sie erlaubt haben,
da Ihnen Wilhelm mit allen Gefhlen der Verehrung die schnen Hnde
kt -- so sagen Sie auch von ihm dem liebenswrdigen Freund, wie warm
anhnglich und erkennend er ihm zugethan bleibt! Und Schadow's? Ob mein
Briefchen im Rhein ertrunken ist, oder die holde Frau Schadow in den
Carnevalsfreuden? -- Ein Lebenszeichen empfing ich nicht wieder! Soll ich
wagen sie zu gren?

Ach! nicht wahr, ob dies Briefchen glcklich hinberkam, ber den
vaterlndischen Strom -- das erfahre ich bald -- und von Immermann auch
recht viel -- und von Ihren holdseligen Gedanken, und in welcher Rubrik ich
eingeschoben bin!

  Ihre

  Henriette P. g. Wach.

  [5]: General August von Hedemann.


5.

  Berlin, den 5.Juni 1834.

Meine theure Grfin!

Wie klar und deutlich blicke ich in den Tag hinein, an dem mein letzter
Brief mit der Sendung des Freundes bei Ihnen eintraf, und den Sie so
reizend schildern, da ich die Blthen zu athmen glaubte, die alle wie
aufgeblht fr den Dichter ihn begrten.

Es ist gar nicht wahr, lasse ich ihm sagen, da die Blthen allein diesen
Versuch machen, und wenn er ganz ungeduldig ruft warum die Menschen es
nicht auch thun? -- so sage ich, sie thun es auch, aber knnen nicht
alle es zum Duft bringen, oder gar zur Frucht -- sie mssen bald den
unschuldigen Versuch ermdet, mit losgerissenen Blttern am Boden streuen,
und wenn keiner zur rechten Zeit Acht gab, als sie sich um den kleinen
Stiel reihten, so heit's hinterher, sie haben sich gar nicht bemht. Mein
eigentliches geheimes Frhjahrsgeschft ist, die Leute zu belauern -- etwas
ist in Jedem los -- mitunter reine, baare Tollheit! etwa da Spinat Rosen
treiben will, oder Salat zum =Cactus alatus= befrdert sein will durch
irgend einen winzigen Schu, den er hier oder dort hin thut u.s.w. --
aber am allerlustigsten bin ich selbst, denn ich bin es mir recht klar
bewut, da ich was will, und recht was tchtiges, wovon der Herbst soll
noch zu sagen wissen -- aber was denn? Glauben Sie nicht, da ich mich
ausnehme, und denke, ich wolle keine andere Blthe als die Wurzel in der
grnen Erde mir verheien kann -- sicher habe ich eben so gut als alle,
die ich darauf anschaue, etwas im Sinn, wobei die arme Wurzel seufzend
sich tiefer in die Erde grbt, damit das tolle Pflnzchen nicht an seinem
Getriebe um alle Lebenskraft kommt. Aber was wre es denn auch, wenn nicht
dieser Frhjahrstrieb die Menschen wenigstens mit dem _Gedanken_ neuer
Gewinne erquickte!----

Besorgt tragen sich Immermann's hiesige warme Verehrer mit dem Gercht, da
er seine sichere brgerliche Stelle aufgebend, sich ganz der Bildung des
dortigen Theaters widmen werde. -- Jeder fhlt dadurch die Aussicht ihn fr
einen greren Wirkungskreis in der Hauptstadt zu gewinnen, bedroht, und
um so weniger geneigt diesem Opfer ergeben zu sein, wenn ihm selbst an dem
Ort, wo er so groe Krfte verbrauchen will, nicht ein volles geistiges
Zustrmen an Menschen und Verhltnissen sicher ist. Es macht mir den
Eindruck, als lse ich ein Nachspiel von Torquato Tasso, wenn Sie, holde
Eleonora Este, mir von der Krnung des Dichters schreiben! Leider zugleich
_den_, auch des fern Liegenden, einer andern Zeit, einer andern Luft
Angehrenden!

Unsere Bhne hat mich von jeder Hoffnung einer dort zu gewinnenden Erhebung
rein verschchtert -- ich habe es verlernt dort auf Genu zu hoffen -- aber
ich hoffe nicht zugleich die Empfnglichkeit dafr -- ja, ich ziehe dies
Zrnen, mchte ich sagen, dem Nachgeben vor, mit dem Schlechten vorlieb
zu nehmen, wodurch die schdliche Gewhnung endlich uns von dem Standpunkt
zieht, auf den uns freiwillige Entsagung eingehegt lt, wenigstens fr
eine hhere Idee unentweiht! -- Ich darf mir also wohl eingestehn, da
ich fr die unschtzbaren Anziehungskrfte des Rheines oder Derendorfs
empfnglich zu werden oder zu bleiben suche, und Ihre lieben Worte um
Fortunats Sckel oder Hut trafen ein begehrliches Herz! Aber froh empfinde
ich um so mehr wie wir jetzt nicht mehr so ohne alle Beziehung als frher
stehn, und freue mich wie Immermann desgleichen unserem geistreichen Freund
hier sich anschliet, und wir uns hineinschlingen, da es ein rechtes
Ganzes zu werden denkt!

Wilhelm ist im rechten Sommerdienst begriffen. Schne und hliche
Frauen begehrten aber seines Pinsels, der Nachwelt sich zu berliefern --
dazwischen spielt eine Nymphe mit Blumen, und Amor giebt ihr einen Ku! --
Wenn Sie denken, ich freute mich zur Ausstellung, so irren Sie sich, und
halten mich grer als ich bin -- ich blute noch aus all den Wunden, die
mir einfielen, als man die letzte benutzte, meinen Bruder zu mihandeln --
mein Leben ist wie das Blatt, das sich auf der Welle gerettet hat, es
tanzt oben, wenn sie steigt, und ist verschwunden, wenn die nchste sie
verschlingt. Sie mchten mich besser -- ich wei es. Es thut Ihnen leid,
da ich so kleinlich diese Zeilen schliee. Beklagen Sie mich, vielleicht
wird es mit der Zeit besser, jetzt habe ich nur einen Dmmerschein von dem,
was ich unter solchen Leiden sein knnte, aber es ist auer mir, ich bin
isolirt in subjectiver Verdorbenheit!

Dem liebenswrdigen Freund, dem herrlichen Dichter die schnsten Gre,
erstlich von mir, dann von meinem Bruder, wenn er erst Ihnen hat in
hochachtender Ergebenheit die Hand kssen drfen.

  Ihre Henriette.


  6.

  Berlin, den 10.November 1834.

Es mchte sogar fein, bescheiden und sehr schicklich erscheinen, wenn
ich noch drei bis vier Wochen wartete, ehe ich Ihren inhaltreichen Brief,
theure Freundin, beantwortete, und wenn ich statt dem nichts thue, als den
ersten ruhigen Augenblick erwarte, um das Gegentheil zu vollfhren, mu ich
mich Ihnen auf Discretion ergeben! Das thue ich denn mit dem frohsten Muth!
und auerdem drcke ich Sie an mein Herz, und sage Ihnen und Immermann den
tiefgefhltesten Dank just fr dies lang ersehnte Lebenszeichen -- das uns
so viel mehr sagt als da Sie athmen und die Sonne auch ber Ihnen scheint.
Der Eindruck dieser Mittheilungen war erschtternd fr uns Alle! -- Wir
hatten uns im Thiergarten bei den Freunden still zusammengerckt, und wie
es die Ankndigung in Ihrem Briefe vorbereitete, mit Ernst und Bewegung
fast, die Bltter des Freundes zur Hand genommen, die er uns gnnte, von
seinem Innern zu hren!

So sind wir, nicht unwrdig seines Vertrauens, ihm Zeile vor Zeile gefolgt!
ich denke, es wird uns Allen ein unvergelicher Abend bleiben -- aber meine
ganze Seele ruft ihm zu, nicht was in der Welt daraus wird, darf er
mehr fragen, drfen die Freunde fragen, wie es in ihm _so ward_, zur
unabweislichen Nothwendigkeit, das ist die Hauptsache, von der aus es
keinen Rckblick giebt-- nie werde ich von der Welt so gering denken zu
glauben, da eine so mchtige, individuelle Wahrheit als hier ausgesprochen
liegt, nicht schon hinbergreift in eine objective Wahrheit, die ihrer
Entwicklung sich entgegen drngt; wei er in sich von der Morgenrthe
einer neuen Kunstepoche, so mu sie anbrechen. Der Gedanke, wie er sich
durchringt aus der Seele des Menschen -- der Gedanke ist schon der Anfang
der Erfllung, ja die Nothwendigkeit seiner wahren Existenz! Sagt es nicht
Schiller? Dem Gedanken des Columbus mute sich die neue Insel aus dem Meere
entgegen heben! -- er konnte nicht vergeblich nach ihr suchen! So haben
sich die Freunde nur still um den muthigen Segler zu schaaren, und immer
nur: Glck auf! zu rufen. -- Glcklich aber mu er sein, denn jeder mu es
sein, der seinem innern Leitstern folgt, und an eine Idee, die sein Inneres
ganz durchdringt, das Leben setzt!

Wie rhrte uns um so tiefer der Verlauf des Abends, an dem uns Koppe mit
der vollen Begeisterung seines ihn verstehenden Herzens einige aus den
Juwelen seiner einzelnen kleinen Gedichte auslas. Wie erfllte sich an uns
Allen, was er so schn ausspricht als vorgesetztes Ziel etwas zu leisten,
was den Zustand der Menschen und der Welt erhht. Wir fhlten uns Alle
erhht! -- Ich fhlte den Zustand, den ich am hchsten und liebsten in mir
halte, den einer ganz _allgemeinen_ Begeisterung -- in der nichts einzelnes
hervortritt, aber alles einzelne inbegriffen ist, aber eben als einzelnes
zu gering die weit und gro gewordene Seele zu beherrschen, die in
dem Resm von allen nur die Existenz findet. Es ist zugleich der
leidenschaftsloseste und durchfhlteste Zustand der Seele!

Mir gefiel nicht eins oder das andere, weil es just diese oder jene
Gefhlswelt mchtig und schn entwickelt -- alles erfllte die tiefe
Sehnsucht der menschlichen Brust nach etwas Vortrefflichem, Erreichten,
gleichviel in welcher Richtung, und lste, sonderbar genug, von dem
Gegenstand los, indem es uns ber ihn stellte, just in dem Augenblick, wo
wir seiner wahrhaften Entwickelung alles verdankten. Bis zu Thrnen waren
wir, als wir nun seines Vertheidigungsbriefes gedachten! Derselbe, der uns
dies gegeben, mute sich vertheidigen gegen die knappe, rauhe Form, die
ihm auf's Neue ber die Flgel gedrckt werden sollte, mit der Hoffnung, er
ginge wohl hinein, wenn er nicht ersticke!

Wie fern, wie nah ein Resultat fr sein ungemeines Streben sei, dies ist
eine Frage, der wir mit allen warmen Gren der Freundschaft, dem Glcke
vertrauend, entgegensehen! Das Bedrfni ist da! wird immer mehr erstarken,
je mehr der Gegensatz: das Sinken der Bhnen -- bis zum Ekel hervortritt.
-- Beide sich gegenberstehende hart sich abstoende Stufen auf der in
Immermann gedachten, zu verbinden, ist das natrlich sich als nothwendig
ergebende Ziel fr die Zukunft. -- Ich freue mich um so mehr noch
Zeitgenossin dieser Ideen zu werden, da ich mich schchtern von jeder
Hoffnung zurckgezogen hatte, und die Idee eines besseren Zustandes fr
mich behtete, vor der flachen Berhrung mit blo zeittdtender Zerstreuung
sie allein noch vorhanden.

Ich trumte mit den Freunden von einer kleinen Normalbhne, die unter
Immermann lebengewinnend die Aufmerksamkeit dahin richtet, und von wo aus
sich der wahre Geist ber Deutschland, oder fr's Erste, dem Vaterlande,
ausbreitete. Mge doch der treue Bruder, dessen verstndig besorgten Brief
man in der Antwort verfolgen kann, ihn nicht mehr beunruhigen, und
mein lieber Herr, der Knig, sich geneigt fhlen zu allen ueren
Arrangements.--

Ihr schner Brief reihte sich so wohlthuend heran! -- Welch eine schne
Landschaft haben Sie gemalt mit Ihrer Beschreibung jenes ersten Abends an
der See! Ich sah sie augenblicklich, und htte nicht einer unserer khnen
Seemaler sein mssen, htte Sie Ihnen auf Leinwand zurckgesandt.

Dieser Brief blieb acht Tage liegen -- ich war indessen in Tegel bei
_Wilhelm von Humboldt_. Es geht ihm wieder viel besser -- und wir hoffen,
er lebt uns noch eine Zeitlang. Sein Geist blht zum Erstaunen schn und
vollstndig aus diesem kaum noch verstndlichen Krper! Er hat noch immer
diese bezaubernde Heiterkeit, diese Ironie, die den Dingen ihren falschen
Schein abstreift, aber wie wrde Sie der tiefe, gefhlvolle Ernst
berraschen, womit er in sich und andern das Gefhlsleben schtzt, liebt,
mchte ich sagen, und entwickelt. -- Meine Seele sitzt ihm, wie das Kind
dem Vater, zu Fen, ich bin wie eine junge Verliebte ber seine Stuhllehne
gebeugt, und werde so sorglos geschwtzig, als wre ich schon mit ihm aus
der Welt! Aber ich kann es Ihnen auch nicht verschweigen -- er liebt mich
vollstndig wieder, und die Kinder bedauern nichts so sehr, als da ich ihn
nicht mehr heirathen kann. =Mais, que faire?= -- seine liebe Hand zittert!
Er knnte mir nicht mehr den Ring anstecken!

Ihr Andenken erfreute ihn sehr -- er empfiehlt sich Ihnen herzlich, und
sprach recht schn, recht bewundernd von Ihnen!

Eben so herzlich empfiehlt sich Ihr Vetter General; ich habe ihm
versprochen Immermann's Brief vorzulesen. Dem Minister habe ich davon
erzhlt -- er bewundert Immermann! -- ich theilte ihm schon frher den
Merlin mit -- und er hat allerdings auch das Gefhl, da der Moment
vielleicht gekommen ist, eine neue Bhnenwelt heraufzufhren!

Sommergedanken habe ich noch nicht! Erst bau' ich mich im Winter emsig an!
Ach! wenn ich nicht frre -- htt' ich ihn sehr lieb.

Die Kunstausstellung ist wegen Anwesenheit des Kaisers noch offen. Seit
gestern hngt dort das letzte Bild meines Bruders, der sehr fleiig
gewesen ist. Er kt Ihre schne Hand, und bittet Sie, ihn gern unter Ihren
Verehrern zu sehn. In der herzlichsten Freundschaft gren wir beide unsern
lieben Freund Immermann, und stets bleibe ich Ihnen, holde Frau, getreu.

  Henriette P. g. Wach.


7.

  Berlin, den 12.Mrz 1834

Wenn ich den Wunsch fhlte, Ihnen zu schreiben, theure Grfin, erschrack
ich immer vor dem Umfang des bisher Erlebten! -- ein Stoff, den ich keine
Kraft fhlte, zu bewltigen -- es machte mich mde, oder vielmehr die
Mdigkeit meiner Seele und meines Krpers hatte damit zu viel. Wie es mir
nun heut doch dazu kmmt, da die lebhaftere Erinnerung an Sie, die mir ein
Bild Ihres freien, schnen, ungetrbten Wesens giebt -- mit ungetrbt meine
ich, da Sie in keine fertige Form hineingepret worden sind, oder sich
haben hineinpressen lassen, sondern schn menschlich sich selbst und andern
gerecht bleiben. Ich sehe Sie, wie Sie aus dem Fenster schon die lieben
Augen mit tausend lockenden Fragen unter das welke Laub stecken, um die
Geheimnisse zu erlauschen, die da unten von Erde, Tropfen und Wrme in der
kleinen Werkstatt gezimmert werden, und bald ganz naiv die kleinen grnen
Mtzen hervorstecken, innerlich so sicher und fertig, und des Erfolges
gewi, wie nie ein armes Menschenherz, das immer berbaut bleibt mit seinen
treibenden Keimen von der kalten Erde berdeckt. Mge Ihnen und Ihrer
reizenden Seele der Frhling recht erquickend, recht neu belebend einziehn
-- ich gnne es Ihnen mit alter treuer Liebe -- und mute Ihnen erst recht
Gutes wnschen, ehe ich fortfahre.

Gott wei, womit ich es verdient habe, da man mir so viel buntes Papier
geschenkt hat, da ich mir ein Gewissen daraus mache, weies zu kaufen --
dabei mute ich mich mit slicher Empfindsamkeit ansehn lassen, als htte
man eine groe Zartheit in mir errathen. Es hat mir nichts geholfen, da
ich das Leben ernst, thtig und praktisch ergriffen habe, ich sehe immer
noch den schalkhaft erhobenen Finger der Leute, die mir die Augen na
glauben bei Matthison's Mondschein und Cypressengelispel, oder Tiedge's
religisen Uranien. -- Man denkt in der Jugend, wenn man nicht fr das
gehalten wird, was man sich innerlich zugesteht, ist man's nicht, und
strebt und ringt, da sie es begreifen sollen. Ach! liebe Freundin! Das ist
recht rhrend, wenn mir das Weinen nicht so weh thte, das knnte mich dazu
bringen, aber viel rhrender ist es noch, da man spter nichts so wenig
erwartet, als verstanden oder gehalten zu werden, fr was man sich selbst
halten darf! Wie darf man eigentlich einen Zustand, in dem wir mitten
drin sitzen, verstehen wollen? Weit von uns gerckt mssen erst die
Erscheinungen unseres Lebens sein, ehe sie sich von uns trennen und
objectiv werden -- mit weien Locken, die ersten zarten blonden, um
derenwillen wir die Kindermtze ablegen, am Rande des Grabes die erste
Liebe beschauen und ihre Bedeutung erkennen, das mchte mglich sein,
aber von selbst fehlt da die Zeit, wo uns die reiche Sommerzeit des Lebens
anzuschauen kme -- genug, wir sollen uns fr incompetent erklren -- und
doch, wie strubt sich das Herz gegen so kaltes Begehren!

Da ich erst bei der letzten Zeile im vorigen Blatt den Irrthum mit dem
Umwenden einsah, mgen Sie gtig entschuldigen, abschreiben -- nicht wahr,
es wre unertrglich, abzuschreiben -- es hat immer etwas Lgenhaftes
-- ich wrde beschmt sein, den Brief an eine Freundin abgeschrieben
zu bersenden -- und wozu noch Lgen, deren man sich bewut ist, da die
unbewuten oder als solche uns berraschenden schon so viele sind.

An meinem Geburtstag bekam ich Immermann's smmtliche Werke, schn grn
eingebunden, geschenkt. Welch ein besonderer Reiz liegt darinnen, so
etwas zu besitzen -- hingehn zu knnen, und so einen stillen grnen Band
herauszuziehen und sich mit der Hoffnung, es werde genug regnen oder
schneien, um keinen lstigen Besuch einzulassen, so in einen Armstuhl zu
drcken und nun aufzuschlagen und lesen zu drfen, was das Geheimni eines
Geistes war, der die Sprache der Erde verstand, und sie empfing mit ihren
Schtzen, und an den sie sich ergab mit der liebevollen Ungeduld des
Gebens, das nur aufsteigt, wo das Empfangnehmen Verstehen und Wiedergeburt
ist!

Alle Worte sind schon so oft nach falschem Ziel verschossen, wie schn
und richtig knnte ich sonst sagen: ich habe alles so lieb! Auch rhrt und
beschmt es mich fast, da wir gedruckt lesen knnen, und in beliebigen
Gebrauch nehmen, was so in heiliger Einsamkeit von ihm ausging, sich selbst
erst zur Genge, weil er's nicht lassen konnte an sich und dem Gegenstand
diese Liebe zu thun! Ich mchte um Verzeihung bitten, da ich so roh
darber herfahre und wnsche, in mir wre wenigstens Sabbathstille, und
ich hrte nichts als die Glocken zum Festtag! Auch danken mchte ich ihm --
knnte denken, er rthete sich vor edlem Zorn und frge, um wen anders
als mein selbst willen dachtest Du, da ich's geschehen lie? -- ist
dies erledigt, mag es auch seinen Weg bis zu Dir finden, und was Du damit
kannst, sei Dein Antheil, mir unbekmmert!-- Und mchte er nur so stolz
reich thun; da so viel Armuth ist, soll der Reiche ausstreuen, da der Arme
findet, der sucht; was verschlgt es ihm, ob er damit die nothleidenden
Stunden fristet, ihm mehrt sich im Geben der Schatz!

Die nothleidenden Stunden! -- ich habe deren viele! Wissen Sie, was
ich berstanden habe, wissen Sie doch vielleicht nicht, was ich noch zu
berstehn habe; denn meine Nerven beben lange nach und verfallen jeden
Abend um halb sechs Uhr in schwere Zustnde -- einen Krampf im Kopf, aus
dem sich ein schwermthiges Deliriren mit Brustbeklemmungen entwickelt.
Ich habe eine neue, eine ungeheure Erfahrung gemacht! Ich kannte den
krperlichen Schmerz noch nicht -- ich wute nicht, welch ein Ungeheuer
er ist, wie er sich ber uns wirft und uns verschlingt. Die heiligen
Schmerzen, die jede Frau mit eben so viel Hoffnung als Furcht erwartet
-- sie sollen leicht sein dagegen -- wie das natrlich Bedingte gegen das
unnatrlich Gewaltsame immer. -- Die Aerzte schickten mich dann nach Ems.
O, liebe Freundin! saen Sie schon je zwischen diesen Felsen, wo die
kleine monstrse Putzschachtel mit dem Greuel aus der vornehmen Welt
hineingeklemmt ist? Dort brach mir schon das Herz in unaufhaltsamer
Nervenschwermuth! Aber ich tuschte alle, selbst die mich liebten, also
beachteten, -- ich flatterte wie ein gengstigter Vogel in und um meinen
Kfig her, und hatte keine Ruh und keine Rast, und nach einer schlaflosen
Nacht, in gegenstandlosen Thrnen hingebracht, wnschte ich auf dem
hchsten Felsen zu frhstcken und war vor den andern schon oben, und
konnte dort nicht bleiben und hoffte auf den Eselritt am Nachmittag -- und
ging noch zuerst an der Lahn und wnschte an die Table-d'hte zu kommen und
lie unter ewigem Hren und Sehen und den tdtenden Klngen der Tischmusik
Thrnen ungezhlt ber das hastig und gern genossene Mahl fallen -- fnf
Stunden ritt ich oft an einem Tage, und schlo der frhe Abend dies irre
Treiben, glaubte ich, die Zimmer verschlngen mich, und mein krftiger
Gesang war dann oft noch lang zu hren. Dabei glhten Wangen und Augen, und
in der ewigen Quarantaine eines steten Angekleidetseins, nthigte ich
jedem die Versicherung ab -- ganz gesund zu sein! Dabei -- hatte ich die
Ueberzeugung, da ich jeden Abend mit den Kleidern die Haut von meinem
Krper zog, des Morgens weinte ich, da ich ber die Wunden mich kleiden
mute. -- Gleichgltiger ist niemanden je die ganze Welt gewesen,
aber einzelne tdtende Schmerzen ber meine Zerstrung, die ich mit
frchterlicher Arglist ganz gescheut war zu beobachten, schnitten durch
mein Inneres! -- Ich wute bis dahin nicht, was es heit, durchaus trostlos
sein -- erst in dieser schrecklichen Zeit erfuhr ich es -- und hatte kein
Verlangen als den Tod! Mit der grten Anstrengung erhielt ich mich auf der
Rckreise, jeden Morgen bedrohte ich mich, gesund zu erscheinen. -- Als man
die letzte Station vor Berlin die Pferde vor den Wagen legte, sagte ich:
nun kannst Du krank sein!

Im Augenblick lag ich bewutlos im Wagen, ohne Besinnung brachte man mich
in meine Wohnung! Da brachen Krmpfe aus, die mit dem schwersten Deliriren
verbunden waren. Seit dem 26.September kehren sie alle Abend wieder.
Durch die sorgfltige, umsichtige Behandlung meines Arztes, des Homopathen
Stler, sind sie ermigt bis zu schwachen Anklngen des ersten Zustandes
-- aber sie sind da -- und mein Geist kann wohl nie ausruhen von der
Ermdung, die er erlitten. Ich leide ein tiefes unaussprechliches Leiden,
ich wei, da ich jetzt erst Leiden kennen lernte -- und dachte doch, ich
htte sie gekannt!

Niemals glaubte ich, knnte ich von mir erzhlen, wie ich anfing zu
schreiben, dachte ich es noch nicht und jetzt -- -- liebe, wunderbare Frau,
verstehen Sie mich?

Meine Handschrift ist schlecht! Leicht ermdet der rechte Arm!

Gren Sie herzlich Immermann! Mein Bruder kt voll Ehrfurcht Ihre schne
Hand -- ach! wie gern hrte ich von Ihnen!

  Ihre

  Henriette.


8.

  Kln, den 13.September 1837.

Liebe, theure Frau Grfin!

Ihr holdseliges Briefchen erreichte mich spter, da ich nicht in Kln
anwesend, sondern auf der Kitschburg bei Frau Schaafhausen vier Wochen
wohnte. Fast htte ich die Beantwortung verzgert, bis ich selbst eine
wichtige Antwort aus Berlin erhalten und jedenfalls htte ich Ihnen dann,
was ich jetzt nicht kann, ber meine nchste Zukunft etwas Sicheres sagen
knnen, aber ich sehnte mich danach, Ihre lieben Zeilen zu beantworten, und
sende Ihnen die Entscheidung, die ich erwarte, spter nach. Unser
frherer Plan war nmlich, wenn mein Bruder hierher kmmt, im Oktober
nach Dsseldorf zu kommen, dort von allen Lieben Abschied zu nehmen; der
Ausbruch der Cholera in Berlin, der mir lange ganz verheimlicht ward, hat
aber, nachdem ich ihn erfahren, meine Abneigung und Furcht vor Berlin so
gnzlich berwunden, da ich meinen Bruder dringend gebeten habe, mich
zurck zu berufen, und ich seine Einwilligung oder die Freistellung meines
Willens nur abwarte, um sogleich mit meiner Jungfer dahin abzureisen. In
diesem Fall wrde ich auf das Wiedersehn meiner lieben Dsseldorfer
Freunde verzichten mssen und mir so ihren Segen ausbitten! Wie sehr ich es
entbehren mte, Sie nicht wiederzusehn, da ich Sie nur einmal sah -- das
brauche ich Ihnen nicht zu sagen, denn warum sollten Sie noch an meiner
treuen und innigen Liebe zweifeln! Und doch scheint mir das Opfer, da Sie
hierher kommen wollen, so gro, da, wenn ich nicht dchte, Sie htten noch
ein anderes Interesse, was Sie dazu nthigt, ich ganz beschmt davon sein
wrde.

Whrend ich diese Zeilen schreibe, ist meines Bruders Antwort eingetroffen!
Er verbittet meine Rckkehr ganz bestimmt und kndigt seine Hierherkunft
auf Anfang Oktober an. Wir kommen dann entweder nach Dsseldorf, oder wir
treten unsere Rckreise ber Dsseldorf an. Sehn werde ich Sie also gewi,
meine liebe Freundin, denn wenn Sie in anderem Interesse nach Kln Anfang
Oktober kommen, richte ich mich jedenfalls ein, Sie hier zu erwarten, wenn
ein paar liebe Worte mir die Zeit bestimmen, aber um meinetwillen mssen
Sie das Opfer dieser Reise nur nicht bringen, denn ich komme gewi zu
Ihnen! Wenn wir nur unsern lieben Immermann nicht bei den verschiedenen
Reisen verfehlen! -- Wenn er nur zurck ist zur Zeit, da wir zu Ihnen
kommen, oder wenigstens ich in Kln, wenn er hierherkmmt, obwohl Immermann
ein Gut ist, warum man sich mitten in der Freude es zu besitzen, beneidet,
weil man es dann auch den Liebsten zugleich gnnt. Doch ich will hoffen,
uns einigt ein lieber Abend in Ihrem Hause zu dreien!

Mit welcher Bewegung las ich Ihre Erwhnung einer Sache, die viel
bedeutender in meinem Leben eingeschritten ist, als ich ahnte!

Von dem ersten Bogen an, den ich faltete, bis zu der letzten Seite, die das
Ganze beschlo, war ich wunderbar von dem Gegenstand beherrscht! Es
hatte sich aus mir heraus eine Forderung gestellt, die mich zum dienenden
Werkzeug machte. Der Stoff lag gesammelt in mir -- er belastete mich,
kann ich sagen -- aber in welcher Form er sich entladen knnte, blieb
zweifelhaft und hielt ihn lnger zurck, als er geneigt war. Der Roman kann
alle Zustnde des Lebens umfassen, am leichtesten legt sich in ihm nieder,
was sich als Erfahrung und Beobachtung in uns vorfindet. In die bequeme
Form flo nun schnell und ohne Sumen das Innen Gesammelte! Ich -- liebe
Freundin -- habe schne Stunden damit verlebt! Der erste Theil war
fertig -- mir nur sollte das Ganze gehren -- da verrieth ein Zufall dies
Unternehmen meinem Bruder -- sein Beifall war eine schne Befriedigung!
Wieder blieb es lange unser Geheimni; -- er verrieth mich einem gelehrten
Freund! Es wuten es jetzt drei -- man sagt, dies sei fr ein Geheimni zu
viel! -- Von da an ward ich gebeten, es drucken zu lassen. Wie sicher
war ich -- das knne und drfe nie geschehen! Zwei Jahre lag es fertig,
abgeschrieben, wie rein oft vergessen! Man verstrkte endlich die Bitten,
es drucken zu lassen, durch die Tuschung, es knne dennoch Geheimni
bleiben -- ich war zu unerfahren -- ich glaubte daran. -- Mein Verleger
hat die Wahrheit gesagt, er erfuhr meinen Namen erst, als ich die ersten
gedruckten Exemplare erhielt. Es blieb lange geheim -- und die groe Zahl
der Autoren, die genannt ward, lieen mich hoffen, ich bliebe unerkannt!
Wer es verrathen, noch wei ich es nicht! -- Ich erfuhr aber, was ich immer
gewut, da eine Frau nicht bestimmt ist, der Oeffentlichteit anzugehren
-- ich war wund, wund bis in mein tiefstes Leben hinein! Als mein Bruder
nach Berlin voranging, entschlossen wir uns, es einzugestehen, ich hoffte
damit die Sache bis zu meiner Rckkehr durchgesprochen und abgethan.
Wie oft ich an Sie, an Immermann in dieser Zeit dachte, darf ich ja wohl
gestehen -- da ich es dennoch Ihnen beiden nicht eingestand, es Ihnen
nicht geben konnte, verstehen Sie es wohl? Es gereicht mir nicht und Ihnen
nicht zum Vorwurf! Was Sie nun in wenigen Worten liebevoll anerkennend
darber sagen, thut mir sehr wohl! es rhrt mich, wenn ich denke, da Sie
lasen, was ich dachte und fhlte -- man hat selbst immer nur ein kleines
Publikum, das groe tuscht sich, wenn es sich dazu rechnet -- Sie werden
immer zu meinen Autoritten gehren, und wenn ich Ihrer edlen Seele darin
nichts zu leide gethan habe, ist mir viel gelungen!

Sein Schicksal in der Welt ist wunderlich gewesen, und ich sehe ihm nach
und mchte fragen: wie kam das? Nachdem ich aber beruhigt bin, genannt zu
sein und Zeit und Gewohnheit ihr altes Recht an mir gebt, bin ich so still
und gelassen mit ihm, da ich wohl fhle, es konnte selbst dies abweichende
Ereigni mich nicht mehr meiner Stille berauben, und die Sache ist dadurch,
da sie aus mir herausgetreten ist, zugleich von mir abgelst, sie hat ihr
eigenes Schicksal, und ich sehe wie einem fremden blo zu!

Wenn es unter uns zur Sprache kam, war ich Ihnen eine Art Uebersicht
schuldig! Haben Sie sie jetzt? Und wollen Sie das Gesagte auch fr
Immermann sein lassen, dessen edler Natur ein theilnehmendes Verstndni
meines Verhltnisses dazu nicht fremd bleiben durfte, denn ich denke gern,
da er mein Freund ist und vielleicht nicht ohne Besorgni mich auf diesem
Weg wiederfand. Sagen Sie ihm noch auerdem, er soll gar nicht denken,
da ich mir dicke Sohlen untergebunden habe, und mich als Schriftstellerin
salutire! Fr nichts auf der Welt habe ich so groe Furcht, wie fr diesen
Namen! -- Nichts, denke ich, hat unsere Literatur so krank an schlechten
Produkten gemacht, -- als die Selbsterhebung zu dem seltensten Beruf der
Erde! -- Ich bin allerdings eine Frau geworden, die ein Buch geschrieben
hat, aber damit noch bei weitem keine Schriftstellerin, ja, ich bin gewi,
der Stoff ist jetzt in mir verbraucht, und ich bin zur Ruhe damit gesetzt!

Nun leben Sie wohl, theure Liebe! Ich bleibe Ihnen treu bis an's Ende
meines Lebens!

  Henriette P. g. Wach.


9.

  Kln, den 4.November 1837.

Meine theure, liebe Grfin!

Mit wie wehmthigem Herzen werde ich diese Zeilen niederschreiben, da sie
Ihnen sagen sollen, da ich Sie nicht wiedersehen werde. Eine neue Kette
von Leiden hat dies traurige Resultat ergeben, und nur die Gewhnung langer
Geduld und Ergebung in die widerstrebendsten Anforderungen lt mich dieses
schmerzliche Opfer bringen.

Ende September ward ich krank, und das an einer Brustentzndung bis zum
Tode -- als die dringendste Gefahr vorber war, stellte sich ein Husten
mit gefhrlichen Symptomen heraus, der die Ankunft meines Bruders
beschleunigte, seit er hier ist (s.d. 24.Okt.) haben die schmerzhaftesten
allopathischen Mittel wenigstens einen Stillstand des Uebels
hervorgebracht, und wir haben unsere Abreise auf den 6.November
festgesetzt.

Aber meine Gesundheit ist dadurch auf den frheren geringen Standpunkt
versetzt, und jede Aufregung welcher Art ist fr mich nachtheilig. So
habe ich eingewilligt Sie nicht wiederzusehn, obwohl es mir ein paar heie
Thrnen gekostet hat.--

Leben Sie also schriftlich wohl! Wie viel Liebe, Achtung und Treue drnge
ich in diese Worte! Erwiedern, erhalten Sie mir das, was mir so lange den
Muth gab, Ihnen meine Liebe zu zeigen!

Wo mag Immermann sein? Vielleicht schon bei Ihnen -- und schwerlich finden
wir ihn irgendwo, denn unser erstes Nachtlager wird Schwelm sein!

Von Schadow's, wo sie sein mgen, wissen wir auch nichts! Gren Sie sie,
wenn sie zurckkommen; an dem Abend ihrer Durchreise durch Kln brach die
Brustkrankheit aus.

In einigen Wochen werden Sie ein Paquetchen bekommen -- was darin
ist, bitte ich Sie und Immermann so liebevoll und schonend nachsichtig
hinzunehmen, als es mit wahrer Demuth Ihnen dargebracht wird. Ich hoffe
diese zweite Auflage wird weniger Fehler enthalten als die erste!

Nicht wahr, Sie schreiben mir einige Trostesworte nach Berlin? nach diesem
den, modernen, ausgeblaten Berlin!

Wie kalt wird mir, wenn ich daran denke!

Leben Sie wohl! Mein Bruder theilt aus eigner Empfindung meinen Schmerz
Sie und Immermann nicht wiedersehn zu knnen, und er wagt es, Ihre schnen
Hnde zu kssen, und seine tiefste Verehrung Ihnen zu Fen zu legen.

Noch einmal sein Sie und Immermann mit dem treuesten Gru der Freundschaft
gegrt.

  Ihre

  Henriette P. g. Wach.


10.

  Berlin, den 12.Dezember 1837.

Theure, liebe Frau Grfin!

Seit dem 14.November bin ich hier und blicke noch immer so blde und
verzagt in die bunte, laute Welt jenseits meines Asyls -- da -- schlssen
mich nicht die wohnlichen Rume meines grnen Thurms ein, ich nie aus einem
tiefen Bangen und Frchten herauskommen wrde. Die Reise war von mancher
Seite her unsicher und bedroht, ich reiste ab mit so wenig Krften, so halb
nur von der heftigen Krankheit genesen. -- Die Wege waren so schlecht,
die Nachtquartiere so winterlich verstrt, und nur ein vortrefflicher
Reisewagen, wie ein Zimmer warm und hell, gab eine Ausgleichung so vieler
Uebelstnde.

Ich habe die erste Zeit in einer Betubung und Abspannung zugebracht, die
sich erst langsam verliert, und mich so gefhllos und kalt den Eindrcken,
die ich seit lange frchtete wieder zu empfinden, gegenberstellte, da
ihre Erscheinung mir bekannt geworden war, ehe ich sie wieder erkannte.
Die groe Gte, womit meine Freunde mich empfangen haben, hatte vorzglich
diese Wahrheit, meinen Zustand wirklich zu bercksichtigen. Sie kamen alle
zu mir, jeden Gegenbesuch ablehnend, und vorher anfragend, so da ich nicht
die Ermdung und Abspannung, sondern blo die Dankbarkeit fr so viel
Liebe empfunden habe. _Hedemann's_ und _Blow's_, dies letzte Andenken der
herrlichen Humboldt's, sind nie die letzten in treuer Anhnglichkeit -- sie
sind mir an sich werth, und auerdem wie ein Vermchtni! -- Wie mancher
Frage hatten wir Rede zu stehn, nachdem die Leuchtkugel ber Kln
gestiegen, und die Wege erhellt waren, die das Bse in der alten, seit
Jahrhunderten wohlbekannten Maske unter Tonsur und Mitra wohlgehegt,
schlich -- die schnelle, energische Procedur soll Wege aufgedeckt haben,
auf denen sich Viele mit gelindem Entsetzen betroffen finden werden, gewi
ist es, da diesmal die Hambacher sich im Beichtstuhl versammelten, und
zwar Hochverrther, die nach Wien und Paris die Hnde ausstreckten, und
in Belgien den Succurs fertig wuten. Was mgen bei Ihnen Alt- und
_Neu_katholiken sagen -- ich denke die neuen werden besonders das dstere,
gesenkte Haupt mit Asche bestreuen, um Verzeihung zu erhalten fr den
verpnten Namen eines Altpreuen!

Jetzt glaubt man mit der liebenswrdigsten Confusion ber Art und Zeit,
womit sich die Leute ihre gelegentlichen Einflle bequem machen -- in
Godwie-Castle, da habe der Verfasser so recht die Dinge beleuchten
wollen, und alles sei blo darum so und nicht anders, jener Confession in
eingehender Form eine Fehde zu machen -- gelegentlich sagt der Unschuldige
wohl, es sei 1835 schon fertig gewesen, nie zum Druck bestimmt, aber oft
schweigt er auch, denn wenn die Leute eingefahren sind, mu man sie
nicht stren. Sie aber wissen, was ich immer von der schnen, malerisch
romantischen Trmmer dieser Kirche gedacht habe, und werden gewi nichts
in den durchgefhrten Ansichten finden, was nicht unsere frheren Gesprche
enthielten.

*** sehe ich oft -- sie ist gnzlich wieder eingebrgert. Ihr heiteres
Gesicht, ihre bequeme Weise, macht sie berall zum willkommenen Gast! Ihre
kleinen Thorheiten schaden keinem andern, gelegentlich ihr selbst, das
haben die Leute gern, und sie lachen dann so _mit_ ihr, als _ber_ sie, was
sie nicht zu unterscheiden versteht, und die Confusion vermehrt, in der
sie mit Jugend, Schnheit, Geist und Talent dahin schwebet, sich gegen
jede Enttuschung sichernd, durch unschuldige Liebkosungen! Wir haben viel
Erinnerungen gemeinschaftlich; ihr Gatte hielt diesen Schmetterling immer
zwischen Gaze, da hatte sie mehr Puder behalten!

Auf diesem Blttchen nun schenke ich Ihnen und Immermann mit klopfendem
Herzen, aber zugleich mit der zrtlichsten, treuesten Anhnglichkeit
fr Sie beide das beifolgende Buch! Lieber Immermann, wenden Sie Ihr
vortreffliches Herz nicht unlustig von mir ab, weil ich das eine Buch habe
schreiben mssen! Ich bin darum bei Gott keine Schriftstellerin, die Ihnen
gewi so grndlich zuwider sind, als mir selbst, denken Sie nachher so
milde und gtig von mir als vorher, ich verdiene es heute noch, wenn Sie es
frher dafr hielten, denn obwohl ich das eine nicht lugnen kann, wrde
es Sie doch rhren, wenn Sie hrten, wie ich es habe schreiben mssen,
als htte mich einer am Kragen, und da nur die dumme Vorstellung des
Geheimbleibens mich ber das Hervortreten getuscht, und es zugelassen hat
-- auch wrden Sie keine andern bsen Symptome entdecken, weder schwarze
Finger, noch ungekmmtes Haar, mein Bruder it weder angebrannte Suppe,
noch greift er durch die Lcher hindurch -- und Sie, geliebte Freundin,
Sie, eine Frau in der schnsten Bedeutung, Sie vertreten mich, denn ich
wei, Sie halten Glauben an mich -- wie ich an Sie, und beide nehmen die
Gabe hin, freundlich wie sie gemeint ist! Ihnen beiden treu ergeben

  Ihre

  Henriette.

Mein Bruder kt voll Verehrung Ihre schnen Hnde -- und grt Immermann
mit der verehrendsten Liebe! Vielleicht, lieber Immermann, gren Sie beide
Schadow's freundlich von uns.


11.

  Berlin, den 6.Februar 1838.

Meine theure Frau Grfin!

Wie liebe ich jedes Wort, was Sie niederschreiben, und wie innig fhle
ich mich dann immer von dem Verlangen belebt mit Ihnen sein zu knnen, nur
zuweilen mich an Ihrer wahrhaft weiblichen Natur erfreuen zu knnen, darum
wenden Sie immer zuweilen ein paar Zeilen an mich, Sie verschwenden sie
nicht.

Ich schreibe Ihnen heute nur einige Worte, denn die Klte macht mich
matt und mde, und ich mute heute schon viel schreiben. Dies von Kln
herbergekommene Exemplar von Godwie-Castle ist ein Irrthum, und die
Person, die ihn machte, schrieb es mir bereits.

Die Zuckungen ber den entfhrten Erzbischof fhlen sich noch berall. Die
Partheiungen sind gro! Der Knig, der Kronprinz, die Minister nehmen, wie
es scheint, eine feste Stellung! Gott erhalte sie dabei! nur Festigkeit
kann uns gegen die Geiel Rom's schtzen.

Sehr unangenehm ist die Stellung, die *** sich erwhlt hat. Ich denke dabei
oft an Sie und Immermann! Sie haben sie so oft gesehen -- ist Ihnen denn
die Ansteckung ihrer religisen Gesinnungen auffallend gewesen? Wir sind
oft recht verlegen ber ihr Betragen. Sie vertheidigt in blinder Heftigkeit
den Erzbischof, den Papst, die Katholiken, genug alles, was uns jetzt
feindlich entgegen tritt, und zwar ohne Grnde, mit schwebelnden
Gemeinpltzen in der unweiblichsten Heftigkeit -- ich sowohl wie Wilhelm
sind ihr so viel als mglich mit Ernst entgegen getreten, weil sie sich den
nachtheiligsten Gerchten aussetzt, wir mssen aber jetzt schweigen, denn
sie erklrt uns fr Fanatiker! -- Sollte die Ansteckung in Mnchen
geschehn sein? Doch schwerlich in Dsseldorf! Letzthin aber, wo sie von der
Beschlagnahme von Papieren hrte, ward ihre Angst und ihr Nachforschen so
auffallend, da ich seitdem die Angst habe, sie knnte bei ihrer wenigen
Beurtheilungskraft in die Hnde irgend einer Parthei gemibraucht
werden. Dagegen glaubt mein Bruder, da ihre ganze Art aus der Eitelkeit
entsprnge, sich durch geheimnivolle Andeutungen interessant zu machen!
Was glauben Sie und Immermann davon? -- Ich bin wirklich besorgt um sie.

Theilen Sie mir etwas ber die dortige Stimmung mit -- es sind Lebensfragen
-- das ist entschieden!

Ich sage Ihnen heute ein herzliches Lebewohl! Voll Ehrfurcht kt mein
Bruder Ihre Hand, treu und herzlich bleiben wir beide Immermann ergeben, er
soll es uns sein!

  Ihre

  Henriette P. g. Wach.


12.

  Berlin, den 23.September 1840.

Wir beide, mein Bruder und ich, nehmen mit rechter Freude Ihre liebe
Einladung an -- und danken Ihnen sehr, da Sie uns so ehren wollen --
und doch -- machte mir diese Einladung einen Eindruck, wie ich nicht
beschreiben kann, und ich dachte an Sie mit ein paar heien Thrnen! Liebe,
theure, edle Freundin -- so sind Sie berall zum Siege bestimmt -- Ihre
Freunde haben nur das Zusehn -- ein schnes, befriedigtes Gefhl, wenn
immer das hervortritt, was wir schchtern wegen der Schwierigkeit doch
hofften, Ihres hohen Werthes halber!

Gott schtze Sie weiter!

  Ihre

  Henriette P. g. Wach.


13.

  Berlin, den 8.Mai.

O, meine liebe, theure Freundin!

Wenn Sie wten, welch ein leidendes Leben ich seitdem fhrte -- ich bin so
nervs seit ein paar Monaten, da ich wie im Fieber lebe!

Whrend ich oft zwei, dreimal des Tages mit Ohnmacht ringe -- kommen dann
Stunden dazwischen, die mich tuschend gesund sein lassen!

Was mich nicht ergreift, mit fortreit, habe ich nicht, denn ich bin so
geistesmatt, da ich nur nachgebe!

Aber unserer alten Liebe glauben Sie es gewi, da ich mich nach Ihnen
sehnte, wie nach warmer Sommerluft -- und da ich oft dachte, wte sie es
doch -- sie kme! Nun wollen Sie mich haben -- und ich komme jedenfalls ein
paar Stunden, wenn ich auch etwas frher fort mte. -- Denn zuweilen halte
ich es nicht aus.--

Wilhelm ist nicht zu Hause -- ich theile es ihm gleich mit, und er wird so
gern kommen.

Nicht wahr -- eine groe Gesellschaft haben Sie nicht?

Vergeben Sie diesen verworrenen Liebesbrief, wie viel behalte ich zurck!

  Ihre

  Henriette P. g. Wach.




August von Vietinghoff an Helmenstreit.


  (Wir theilen diesen Brief mit, da er einen genauen Bericht ber das
  Ende _Friesen's_ enthlt, der so oft in diesen Blttern genannt wurde.)

Deinem Wunsche gem liefere ich Dir die bei Deinem Hiersein ber den
Meuchelmord unsres Freundes _Friesen_ mndlich mitgetheilten nheren
Umstnde, nachstehend, jedoch nur in gedrngter Krze noch einmal.

Als nach dem unglcklichen Gefechte im Februar 1814 die Unsrigen sich
zurckziehen muten, bestand der Nachtrupp des linken Flgels zum Theil
aus der Reiterei der Ltzow'schen Schaar und aus einem Schwarm Kosacken.
Tglich drngte und verfolgte der Feind die Unsrigen, wobei viele gefallen
und in Gefangenschaft gerathen sind. Die noch Freien und Rstigen aber
waren in einzelne kleine Haufen versprengt, und somit den bewaffneten
Bauern im Ardennenwalde Preis gegeben.

Am 15.Mrz befand sich unser Freund bei einem dieser Haufen.
Unglcklicherweise ritt er gerade an diesem Tage ein sehr schlechtes Pferd,
einen Falben von Farbe. Er wurde auf der Strae von Rheims nach Mezires,
unweit Rethel angegriffen, in einen Wald gesprengt und darin von den Bauern
ermordet und sodann auf Verwendung eines Brgermeisters auf dem Kirchhofe
eines Dorfes feierlich beerdigt.

Dies waren die mir zur Kenntni gekommenen Thatsachen, als ich den
Tod meines Freundes Ende Mrz 1814 erfuhr, wo wir mit dem Fuvolk der
Ltzow'schen Schaar vor Jlich durch die Mecklenburger abgelst und auf
dem Marsch nach Frankreich begriffen waren. Die Ausfhrung des mir von dem
Augenblick an zur Pflicht gewordenen Vorhabens, die Gebeine meines Freundes
aufzusuchen und sie dem vaterlndischen Boden zu berliefern, ward inde
durch den bald darauf erfolgten Friedensschlu und unseren Rckmarsch aus
Frankreich, wenn auch nicht gnzlich vereitelt, doch wenigstens auf lange
Zeit hinaus aufgeschoben. -- Nchstdem, da mir der Ausbruch des Krieges
1815 hinsichts des fr mein Vaterland gehofften Heils sehr erwnscht
war, hoffte ich auch dadurch von neuem Gelegenheit zur Ausfhrung
meines mehrerwhnten Vorhabens zu finden. Durch mancherlei eingetretene
Hindernisse sah ich mich aber leider abermals daran verhindert. Jedoch
mein, obgleich in mancher andern Rcksicht sehr ungnstiges Geschick,
fhrte mich bald darauf zum vierten Mal nach Frankreich und zwar gerade
unmittelbar in die Gegend, wo mein Freund ermordet wurde, indem ich
mittelst Cabinets-Ordre vom 2.Februar 1816 zu meinem jetzigen Regiment,
dem 14. (3.Pommerschen), welches im Ardennendepartement beim Armeecorps in
Frankreich steht, versetzt ward.

Endlich, Ausgangs November 1816 wurde mir durch einen meiner Kundschafter
angezeigt, da ein Unteroffizier meiner Kompagnie, mit Namen Danner, von
seinem Wirthe zu Launoy ein preuisches Dienstsiegel zum Geschenk erhalten
habe, welches ein im Monat Mrz 1814 im Bois de Huilleux erschossener
preuischer Offizier, der in la Lobbe begraben sei, besessen htte. Ich
lie mir hierauf sogleich den Unteroffizier nebst seinem Wirth rufen
und fand -- was ich ahndete -- das Dienstsiegel der Ltzow'schen Schaar,
welches unser Freund, da er Adjutant war, gewhnlich bei sich fhrte, und
welches mir, als ich es erblickte, um so mehr durch einen in dem Holzknopf
befindlichen Kreuzschnitt unverkennbar war, da ich mich hierbei sofort
jener Worte meines Freundes lebhaft erinnerte, als ich ihn in Holstein
frug, warum er dieses Mal hineingeschnitten, er mir sagte: Siehe, da
kannst Du sehen, wie pfiffig ich bin; ich habe es deshalb gethan, um beim
Siegeln sehen zu knnen, ob der Kopf des Adlers oben steht.--

Durch das zufllige Vorfinden des Siegels ward mir nun auf einmal die Bahn
zur Erreichung meines lngst ersehnten Ziels gebrochen. Ich ritt daher am
5.Dezember 1816 nach dem Dorfe la Lobbe, welches drei Stunden von Launoy
entfernt ist, und erhielt von dem dortigen Brgermeister, Namens Deslyon,
nicht nur die Besttigung des oben Gesagten, sondern ersah auch aus der
mir von demselben ber den ganzen Hergang der Sache aufgenommenen
protokollarischen Verhandlung die genausten darauf Bezug habenden
Nebenumstnde. Denen zufolge war unser Freund am 16.Mrz 1814, des
Nachmittags zwischen 3 und 4Uhr, in dem etwa eine Viertelstunde von la
Lobbe entfernt liegenden Bois de Huilleux, sein Pferd am Zgel leitend,
angekommen, und darin auf zwei Bauern aus la Lobbe, die daselbst Brennholz
schlugen, gestoen. Er forderte sie auf, ihn ins nchste Dorf zum
Brgermeister zu bringen. Als sie beinahe aus dem Walde heraus waren,
begegnete ihnen ein Haufe mit Flinten versehener Bauern, die, als sie
unsern Freund erblickten, von seinen Fhrern sogleich dessen Auslieferung
verlangten, und da sie ihnen dies nicht zugestanden (wobei es
wahrscheinlich zum Handgemenge gekommen ist, welches ich aus einem Umstand
schliee, den ich Dir weiter unten mittheilen werde), so scho einer
von ihnen, Namens Brodico, Schfer auf der unweit des Dorfes Grand-Champ
belegenen Ferme la Puisieux, seine Flinte auf meinen Freund ab, wobei
die Kugel, die ihn tdtete, in die linke Brust durchs Herz und das linke
Schulterblatt drang, worauf augenblicklich er todt zur Erde sank, von
seinen Mrdern ausgeplndert und ganz nackt liegen gelassen ward. --
Die beiden Bauern aus la Lobbe machten hierauf dem dasigen Brgermeister
Anzeige, der, ob aus Politik oder Menschlichkeit, will ich dahin gestellt
sein lassen, den Leichnam sofort nach la Lobbe bringen, ihn in einen
Sarg legen, und am 17.Mrz 1814 des Morgens um zehn Uhr auf dem dortigen
Kirchhofe mit allen dabei blichen Feierlichkeiten, d.h. nach der
katholischen Liturgie, beerdigen lie. -- Von den beiden mehrerwhnten
Bauern, die ich mir hatte rufen lassen, erhielt ich dann auch die
Besttigung des eben Gesagten, und berdie, auer mehreren nheren
Aufschlssen, noch eine genaue Beschreibung meines Freundes, hinsichts
seiner Gesichtsbildung, Haupthaare, Gestalt und Kleidung, und des mir sehr
wohl bekannten schlechten russischen Pferdes. Einer dieser Bauern war auch
noch im Besitz einer bei unserem Freund gefundenen Karte von der Champagne,
die ich mir natrlich sogleich aushndigen lie und dieselbe augenblicklich
an der mir bekannten Art, wie mein Freund gewhnlich die Orte bezeichnete,
woselbst er gewesen war, erkannte, da er sie mute besessen haben.

Nachdem ich nun hinlngliche Thatsachen genug gesammelt hatte, die mich zu
der Ueberzeugung fhrten, da der in la Lobbe begrabene Preuische Offizier
ohne Zweifel unser Friesen sein mute, schritt ich an die, Behufs des
Ausgrabens desselben nthige Arbeit. Bevorworten mu ich, da ich beim
Vorfinden der Gebeine durchaus keine Tuschung zu befrchten hatte, weil
ich an den, mir ganz lebhaft erinnerlichen Zeichen unfehlbar die meines
Freundes erkennen mute.

Erstlich hatte er im Unterkiefer einen Vorderzahn, der ihm einstmals beim
Fechten auf dem Fechtboden zu Berlin ausgeschlagen ward, den er sich zwar
gleich wieder eingesetzt hatte, der aber dessen ungeachtet (da er etwas
nach vorn stand, und auch an dem Hieb des Fechtens unverkennbar war) mir
ein untrgliches Kennzeichen gewhrte.

Zweitens wute ich ganz bestimmt, da ihm nicht nur kein Zahn fehlte,
sondern da er auch vorzugsweise gute und schne Zhne hatte. Drittens
hatte er an der Stirn ber dem rechten Auge eine Narbe, die er, wenn ich
nicht irre, in seiner frhsten Jugend durch einen Steinwurf erhalten hatte.

Viertens dienten mir auch seine beraus starken Backen- und
Augendeckelknochen, so wie berhaupt die ganze Gestalt seines Kopfes zu
hinlnglicher Erkennung desselben.

Demzufolge hatte ich an dem mir vom Brgermeister Deslyon und mehreren
Einwohnern des Dorfes bezeichneten Ort, wo unser Freund begraben liegen
sollte, bereits sechs Grber ohne erwnschten Erfolg ffnen lassen, als
die Nacht einbrach und mich an allem weiteren Aufsuchen fr diesen Tag
verhinderte. Am folgenden Tage, nmlich den 6.Dezember v.J. mute das
von mir commandirte Fsilier-Bataillon seine damaligen Cantonnirungen
verlassen, und die jetzt von demselben besetzten Orte beziehen, vorher aber
nach Charleville marschiren, um daselbst am 7.Dezember vom G. von Zieten
besichtiget zu werden. Der Dienst gebot mir daher noch in der Nacht nach
Launoy zurck zu reiten, ehe ich aber la Lobbe verlie, machte ich es dem
Brgermeister Deslyon zur ausdrcklichen Bedingung am folgenden Tage mit
dem Aufsuchen der Gebeine meines Freundes fortfahren zu lassen, und
wenn man sie gefunden, er sie unverzglich nach Launoy an einen meiner
Kundschafter, den ich mit dorthin genommen hatte, berschicken solle. Nach
meinem Eintreffen in Launoy befand ich mich aber so hchst unwohl, da
ich mich auer Stand gesetzt sah, mit meinem Bataillon von dort nach
Charleville abzumarschiren.

Ueber alle Beschreibung aber fhlte ich mich berrascht, als mir der
Brgermeister Deslyon am 6.Dezember vorigen Jahres des Nachmittags um
3Uhr meinen Freund ganz so, wiewohl verweset, wie er zur Erde bestattet
ward, bersandte. Augenblicklich erkannte ich die Gebeine an den oben
erwhnten Kennzeichen fr die unseres Friesen, und zwar ganz vollzhlig,
ausgenommen zweier Vorderzhne am Oberkiefer, die ihm, da sie ihm bei
seinen Lebzeiten nicht fehlten, vermuthlich bei dem oben angefhrten
Handgemenge von seinen Mrdern ausgeschlagen wurden, welches mir um
so wahrscheinlicher ist, da die beiden Augenzhne eine widernatrliche
Richtung haben, indem sie ganz nach hinten stehen, und auch sehr tief im
Kiefer stecken, denn wenn sie ihm im Grabe ausgefallen wren, so htte ich
sie im Sarge vorfinden mssen.

Meine Freude und mein Schmerz ber den nunmehrigen Besitz dieser theuren
und herrlichen Ueberreste ist beraus und gleich gro. -- Ich habe beim
Anschauen und gewissenhaften Ueberzhlen derselben die bittersten Thrnen
vergossen und seinen wahrhaft kniglichen Schdel mit eben der Liebe und
Freundschaft gekt, wie ich dies bei seinen Lebzeiten im Glck und Unglck
stets gethan! -- Es fehlen mir die Worte um Dir meine Empfindungen in ihrem
ganzen Umfange auszudrcken, die mich bei dem Bewutsein durchdringen, die
Gebeine meines Freundes, dessen Andenken die Zeit nie und nimmer aus meiner
Seele verwischen kann und wird, in meiner Stube zu wissen.

Das Hirn ist im Schdel noch ganz erhalten, jedoch schon ziemlich
vertrocknet. Den Gang der Kugel, durch die er getdtet ward, entdeckte
ich sofort im linken Schulterblatt. Ungefhr so viel Haupthaar als zu drei
Locken nthig sind, wie sie die Frauen gewhnlich in einer Glaskapsel
auf dem Busen zu tragen pflegen, sind seltsam genug unter dem Schdel der
Verwesung ganz entgangen.

Whrend der Belagerung von Mezires 1815 hatten die Hessen den Brodico,
Mrder unseres Freundes verhaften lassen. Der damalige Brgermeister
von Launoy, jetziger Notaire daselbst, Namens Coche, lie denselben aber
absichtlich entspringen, wofr er seines Postens entsetzt ward und
50 Stockhiebe erhielt. -- In Novion soll sich das Schwert und mehrere
Kleidungsstcke von unserem Freunde befinden, bis jetzt ist es aber meinen
Kundschaftern noch nicht gelungen, die Besitzer derselben auszumitteln, was
dehalb sehr schwer hlt, da die Bewohner der ganzen Gegend befrchten,
da sie wegen der Ermordung unseres Freundes noch einmal drften gezchtigt
werden, und daher alles sehr geheim halten. -- Der Brgermeister Deslyon
hat mir bei Uebersendung der Gebeine ein Zeugni ausgestellt, da
es wirklich die des am 16.Mrz 1814 im Walde de Huilleux getdteten
Preuischen Offiziers seien, wogegen ich ihm auf sein Ansuchen einen
Empfangsschein gegeben habe.

Eine gleiche Geschichtserzhlung, wie die vorstehende ist, habe ich vor
Kurzem an den Doctor Jahn nach Berlin gesandt, und mich erboten alle
Gebeine unseres Freundes ihm zu bersenden, wenn er, seiner mir frher
gegebenen Zusicherung gem, sie auf dem Turnplatz bei Berlin unter der
Mahlsule der heimathlichen Erde berliefern will; widrigenfalls ich
sie sonst durchaus nicht aus meinem Verwahrsam gebe, sondern sie lieber
verbrenne, als wissentlich zugebe, da sie vertrdelt werden.


  Druck von Gebrder _Katz_ in Dessau.




      *      *      *      *      *      *




Hinweise zur Transkription

Eine auf den Halbtitel folgende ganzseitige Illustration wurde hinter die
Titelseite verschoben, und der Halbtitel entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 4:
  "Traunkijr" gendert in "Trannkijr"
  (auf dem Schlosse Trannkijr zu Langeland geboren)

  Seite 49:
  "Vaterandes" gendert in "Vaterlandes"
  (sein Herz hatte bei dem Jammer des Vaterlandes oft geblutet)

  Seite 99:
  "Anheil" gendert in "Antheil"
  (und wie sehr Dohna diesen Antheil theilt)

  Seite 112:
  "" eingefgt
  (da die Baiern schon zwanzig Jahre frher)

  Seite 112:
  ";" gendert in ";"
  (dessen Arbeit auf die Schnheit ging; er)

  Seite 114:
  "" eingefgt
  (Wir haben hier Groes werden sehen.)

  Seite 130:
  "uuter" gendert in "unter"
  (sonst gehe ich unter! -- Knnte ich Dich nur)

  Seite 186:
  ";" gendert in ";"
  (und seines Carlo Zeno; hier las der begabte Dichter)

  Seite 216:
  "," eingefgt
  (Magdeburg, den 1.Mrz 1824)

  Seite 266:
  "." eingefgt
  (Enkelschaar zum Besuch bei mir angekommen wre.)

  Seite 289:
  "" eingefgt
  (Sehnen, das nicht still sein will?)

  Seite 293:
  "befrenndeten" gendert in "befreundeten"
  (blickt lchelnd zu dem ihr befreundeten Himmel!)

  Seite 299:
  "kupft" gendert in "knpft"
  (und daran knpft sich die Lust)

  Seite 318:
  "iu" gendert in "in"
  (Begeisterung -- in der nichts einzelnes hervortritt)]



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GRFIN ELISA VON AHLEFELDT, DIE
GATTIN ADOLPHS VON LTZOW, DIE FREUNDIN KARL IMMERMANN'S***


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1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary 
Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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