The Project Gutenberg EBook of Begegnisse eines jungen Thierqulers oder
Der Gerechte erbarmt sich auch seines Thieres., by J. Alois Meier

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Title: Begegnisse eines jungen Thierqulers oder Der Gerechte erbarmt sich auch seines Thieres.
       Eine neue Erzhlung fr die Jugend

Author: J. Alois Meier

Illustrator: Peter Carl Geiler

Release Date: January 26, 2015 [EBook #48090]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Begegnisse
  eines
  jungen Thierqulers

  oder

  Der Gerechte erbarmt sich auch
  seines Thieres.


  Eine neue Erzhlung
  fr die Jugend.

  Vom Verfasser
  des
  Glockenbuben.

  Mit einem Stahlstich.

  Augsburg, 1843.
  von _Jenisch_ und _Stage_'sche Buchhandlung.




[Illustration:

  ~Pag. 88~

  ~P. C. Geiler gez.~
  =Stahlstich v. Carl Mayer's Kunst-Anstalt in Nrnberg.=
]




Erstes Kapitel.

Das Dohlen-Nest.


An einem strmischen Tage befanden sich viele Knaben auf der Wiese nchst
einem Stdtchen unfern Bremen, welche alle lebhaft beschftigt waren, einen
papiernen Drachen steigen zu lassen.

Karl Daruff zeichnete sich besonders aus; er war der Besitzer des Drachen,
den er triumphirend trug, whrend ihn seine Jugendgenossen eng umgaben, wie
ein Fahnentrger eingeschlossen ist, wenn es in's Feld geht.

Das Bild des Drachen, welches mit hellen Farben von Karl auf dem Papiere
entworfen war, bot den Vorbergehenden vielen Stoff zum Lachen und zu
allerlei schnurrigen Bemerkungen; denn frwahr, es machte der Phantasie
des Knstlers Ehre, welcher ein Wesen erschuf, das dem Kopfe nach einem
grimmigen Lwen, dem Laufe nach einem Krokodille und dem Ringelschwanze
nach vollkommen einem Delphine glich.

Die Tauben auf dem Felde flchteten sich schon von Ferne und eilten dem
Schlage zu, so bald sie des Bildes gewahr wurden und ein Fuhrmann, der des
Weges kam, hatte den Aufwand aller seiner Krfte nothwendig, um die ob dem
schauerlichen Anblicke scheu gewordenen Stiere an sich zu halten.

Karl suchte nun auf der Wiese eine etwas erhabene Stelle aus, die Schnur
wurde so weit es nothwendig, aufgerollt, und als sich jetzt wieder der
Wind strker erhob gab er dem Drachen einen leichten Sto nach oben, dieser
schwebte allmhlig empor und auf einmal stand er majesttisch oberhalb dem
Stdtchen und lustig war es anzusehen, wie schnell sich alle Tauben von
den Dchern flchteten, indem sie die Erscheinung wohl fr einen hungerigen
Geier halten mochten.

Die Knaben auf der Wiese freuten sich sehr, bis ihre Freude pltzlich
dadurch gestrt wurde, da die Schnur bei einem heftigen Windstoe zerri
und der Drache nun frei in den Lften schwebte. Aller Augen folgten den
Bewegungen desselben, der sich allmhlig senkte, dann wieder horizontal vom
Winde fortgerissen wurde. Auf einmal erhielt er eine Richtung nach dem in
der Nhe sich befindenden Walde, die Knaben aber verloren ihn nicht aus dem
Auge, und eilten dem Walde zu und Karl war der Erste.

Auf einem hohen Baume lie sich endlich der Drache nieder und verwickelte
sich mit der Schnur in dem Wipfel. Karl entledigte sich sogleich seines
Rockes und schickte sich an, den Baum zu ersteigen. Zwar wollten ihm einige
Andere zuvorkommen, allein er als Eigenthmer des Drachen bestand darauf,
da es nur ihm zustehe, den Baum zu ersteigen. Mit vieler Fertigkeit
kletterte er den Stamm empor, kam dann von Ast zu Ast immer hher, bis er
den Wipfel erreichte, und so dem Drachen nahe war. Da rief er: seht! seht!
ein Vogelnest! Die unten Stehenden vergaen ber dem Neste den Drachen und
usserten einstimmig den Wunsch, zu ersehen, was sich in dem Neste befinde.

Allein Karl griff zuerst nach dem Drachen, schnitt ihn von der Schnur, mit
welcher er sich im Laubwerke verwickelt hatte, ab und stie ihn ber den
Wipfel hinaus und glcklich langte der Drache unten an und wurde mit Jubel
empfangen.

Hierauf machte sich Karl nher an das Nest hin und begann, dasselbe zu
untersuchen.

Drei Jungen, rief er, sind in dem Neste, drei Jungen, aber noch ganz nackt!
Und whrend er dieses sagte, entflog eine Dohle, welche das Nest gesucht
hatte.

Junge Dohlen! junge Dohlen! rief Karl, und nun nahm er unbarmherzig die
nackten Dohlen aus dem Neste und warf sie vom Baum.

Seine Jugend-Genossen, welche mehr Mitleid mit den jungen Vgeln hatten,
riefen ihm zu, die Brut doch zu schonen und sie ruhig im Neste zu lassen;
allein Karl erwiederte: ich kann von jeher die Raben und Dohlen nicht
leiden, was liegt auch daran, ob drei Dohlen mehr oder weniger herum
fliegen! Und mit diesen Worten warf er auch das dritte Junge aus dem Neste,
dann griff er das Nest selbst an und suchte es zu zerstren; er ri
es auseinander. Da sah er auf einmal etwas blinken, er langte nach dem
blinkenden Gegenstande und sieh! es war ein kostbarer, goldner Ring mit
einem Edelstein. Freudig betrachtete Karl den Ring und schon rief er: was
hab ich gefun---- da hielt er inne, und berlegte, ob es nicht
besser sei, seinen Fund zu verheimlichen? Er entschied sich kurz fr die
Verheimlichung, steckte den Ring zu sich, warf den brigen Theil des Nestes
auch noch vom Baume und stieg dann herunter.

Da lagen nun die armen Dohlen, ihrem Ende nahe. Die Knaben hatten sich um
die nackten Thierchen gestellt, und konnten nicht umhin, die Handlung Karls
zu tadeln und den Vgeln ihr Mitleid zu bezeigen.

Wie wre es denn dir gewesen, sprach Justus zu Karl, wenn man dich so aus
der Wiege geworfen htte? Geh, du solltest dich schmen und nun lachst du
noch?

Ha, ha, ha! erwiederte Karl, gehre ich denn zum Geschlechte der Dohlen?

Ich will nur damit sagen, fuhr Justus fort, da diese armen Thierchen
denselben Schmerz fhlen, den du gefhlt haben wrdest, htte man dich so
unbarmherzig aus der Wiege geworfen. Zudem sind auch diese Vgel nicht
ohne allen Nutzen fr den Menschen, die sogar den Schafen und Schweinen
das Ungeziefer vom Rcken suchen, wie ich recht gut aus der Naturgeschichte
wei.

Mit deiner Gelehrsamkeit! rief Karl und ohne sich um Justus Worte zu
kmmern gieng er auf die jungen Dohlen zu, hob ein Junges auf und sagte:
wie? du lebst ja noch? Und alsbald warf er dasselbe an einen Eichstamm, da
es hin ward. Er war eben im Begriffe, auch mit den andern Jungen es so
zu machen, da nherte sich dem Knaben ein betagter Holzhauer, der aus der
Ferne das Treiben Karls mit Unwillen bemerkt hatte.

Schmst du dich nicht, bser Bube, sprach er zu Karl, so mit den Thieren
umzugehen, die der allgtige Vater im Himmel erschaffen hat? Hast du in der
Schule nicht mehr gelernt und bist du denn so verwildert aufgewachsen, da
es dir gleichgltig seyn kann, ob du einen Stein oder ein Thier aus der
Hand schleuderst? Ich sage dir, du bser Bube, eine schlimme Zukunft
voraus, wenn du dich nicht besserst; denn wer leichtfertig Thiere
qulen kann, der verhrtet immer mehr sein Herz und am Ende ist es ihm
gleichgltig, ob er eine Katze, einen Hund oder einen Menschen qult oder
foltert. Wrst du mein Sohn, so wrde ich jetzt nicht anstehen, zum Frommen
dieser brigen Knaben und zu deinem eigenen Besten dir mit dem nchsten
besten Haselstocke eindringlich die Lehre beizubringen, da die Thiere
zur Wohlfahrt der Menschen erschaffen seien, und da sich der schwer wider
Gott, den allgtigen Vater versndigt, der diesen Zweck der Thiere verkennt
und sie qult und zu Tode martert. Kennst du denn den Spruch nicht, der da
heit:

  Qule nie ein Thier aus Scherz,
  Denn es fhlt wie du den Schmerz.

Und nach diesen Worten wollte sich der wohlmeinende Holzhauer wieder an
seine Arbeit begeben, aber Karl, auf den diese Rede keinen Eindruck gemacht
hatte, rief ihm nach: Du Kahlkopf! was geht es dich an, wenn ich ein
Dohlen-Nest zerstrt habe?

Hiedurch wurde der Holzhauer aufgebracht und er war daran, den ihn
beschimpfenden Knaben zu zchtigen, aber Karl geschwinder als er hatte
seinen Drachen ergriffen und begab sich auf die Flucht.

Wem steht dieser Junge zu? fragte jetzt der Holzhauer die brigen Knaben.

Und diese erwiederten: er ist der Sohn des Kaufmanns Daruff.

Der bse Bube, sprach der Holzhauer weiter gehend, der bse Bube scheint
nichts von dem guten Herzen seines Vaters zu haben.

Die Knaben folgten jetzt der Richtung welche Karl genommen hatte, der
Holzhauer ging wieder seiner Arbeit zu, als er Abends aber nach Hause
kehrte, da begab er sich zum Knabenlehrer des Stdtchens und theilte ihm
getreu den Hergang im Walde mit; denn dachte er, schweige ich still, so ist
es nur zum Nachtheil dieses Knaben, der erst die armen Thierchen zu Tode
qulte und dann noch seinen Spott an mir hatte.

Folgt aber seinem Vergehen zur rechten Zeit die Strafe nach, so kann das
nur heilsam fr denselben seyn. Er sieht dann gewi ein, wie schlimm er
gehandelt hat und auf die Worte seines Lehrers wird er mehr geben als auf
meine Aeuerungen.

Der einsichtsvolle Lehrer lobte auch den Schritt des Holzhauers und
versprach ihm, geeignet gegen Karl einzuschreiten.




Zweites Kapitel.

Karls Strafe.


Karl, sprach der Kaufmann Daruff zu seinem Sohne, der gerade seine Bcher
zurecht gelegt hatte und sich in die Schule begeben wollte, Karl, dein
Onkel Heinrich hat aus London geschrieben und sich erkundigt, wie es mit
dir steht; ich sage dir das, damit du mit mehr Eifer an deine Schularbeiten
gehst, und dich hauptschlich im Schreiben und Rechnen bst, berhaupt
auch die Erdbeschreibung nicht vernachligst, denn dein Onkel Heinrich ist
gesonnen, dich mit nchstem auf sein Comptoir zu nehmen, wo du dich mehr
als in meinem Hause, besonders was die Wissenschaften, die einem Kaufmanne
nothwendig sind, betrifft, ausbilden kannst. Lasse dir das gesagt seyn;
auch dein Betragen mut du ndern und, hre ich noch einmal von dir, da du
nach des Nachbars Hund geworfen hast, oder hre ich von der Magd im Hause,
da du die Katze verfolgst, oder sie, wie du schon mehrmals gethan hast, in
die Thr einklemmst, so will ich es nicht an empfindlichen Strafen
fehlen lassen. Es ist einmal Zeit, da du dich besserst, und deine ble
Gewohnheiten, Thiere bei allen Gelegenheiten zu necken oder zu qulen,
ablegst. Du bist deshalb schon so oft von mir gewarnt worden, ich habe
dich schon oft darber betroffen und sogleich gestraft, da ich tglich der
Hoffnung seyn drfte, du werdest jetzt in dich gehen und dich bessern. Ich
will dir alles dieses nur bei Gelegenheit des Briefes deines Onkels in das
Gedchtni zurck rufen, damit du dich darnach richten kannst, denn mit
vollem Ernste; besserst du dich nicht, so soll es mir nie einfallen, dich
dem Kaufmannsstande nher zu bringen, ich thue dich dann ohne weiter zu
einem Handwerker in die Lehre.

Karl hrte aufmerksam zu; er kannte die Gte, aber auch die Strenge seines
Vaters und mit dem Vorsatze, den Ermahnungen seines Vaters nach zu kommen
begab er sich in die Schule.

Seine Schwester Aurelie, die mehre Jahre lter und ein Bild aller Tugenden
war, sah dem Bruder nach, und als dieser die Thre hinter sich hatte,
sprach sie zum Vater: Das weit du noch nicht Vater, was Karl vorgestern in
der Nhe des Wirthshauses zum halben Monde angestellt hatte?

La doch hren! entgegnete der Vater, gewi wieder einen der vielen
Streiche, die hinter meinem Rcken geschehen.

Diemal, guter Vater, fuhr die Tochter fort, ist der Streich besser als
gewhnlich ausgefallen und der Wirth zum halben Monde, der noch ein junger
Anfnger und dabei ein schlechter Pferdekenner ist, wurde durch denselben
sichtlich vor Schaden bewahrt.

Schlome, der reiche Pferdhndler hielt nmlich mit einem Rappen vor dem
Wirthshause, der Rappe gefiel dem Wirthe und er handelte um denselben. Eh
noch der Handel abgeschlossen war, kam unser Karl des Weges; als er des
Rappen ansichtig wurde, blieb er gleich stehen, wartete die Gelegenheit
ab und als Schlome und der Wirth recht heftig im Gesprche begriffen waren
nherte er sich dem Pferde und ri demselben mehre Haare aus dem Schweife,
die er mir zu bringen gedachte. Ich habe es ihm jedesmal verwiesen, wenn er
mir dergleichen Haare zu meinen Arbeiten brachte, und ihn nicht nur allein
darauf aufmerksam gemacht, da er sich der Gefahr, vom Hufe des Pferdes
verletzt zu werden, aussetze, sondern da er auch noch auf diese Weise
das Thier qule, doch umsonst, kaum sah er den Rappen, so ri er ihm wie
gewhnlich, wenn er eines Pferdes, das ruhig steht, ansichtig wird, Haare
aus dem Schweife. Zwei andere Knaben sahen dieses, sie htten auch gern
Haare gehabt, getrauten sich aber nicht so nahe an das Pferd; da geht
auf ihr Ersuchen Karl wiederholt hin und indem er versucht, einen etwas
dickeren Strang Haare dem Pferde auszuraufen, da -- welcher Schrecken! hlt
Karl auf einmal den ganzen Roschweif in der Hand.

Er besinnt sich nicht lange, wirft den Roschweif zu Boden und sucht sein
Heil in der Flucht.

Dieser Vorfall machte vor dem Wirthshause viel Aufsehen; Schlome, der
Pferdhndler aber suchte die Sache zu vertuschen, denn wie sich nachher
herausstellte, so war der Schweif dem Pferde knstlich eingesetzt. Der
Wirth war froh, da er Handels nicht einig geworden war und Schlome verlie
gleich darauf mit seinem Rappen die Stadt.

Sieh, Vater, das hat sich erst vorgestern zugetragen, ich aber erfuhr die
Geschichte heute von meiner Freundin Julie.

So macht der Junge einen Streich nach dem andern; es ist mir in der That
sehr lieb, da sich mein Bruder in London desselben annehmen und ihn auf
seinem Comptoir ausbilden will, entgegnete der Vater.

Whrend sich so Vater und Tochter besprachen, ging Karl der Schule zu. Der
Lehrer schien ihm heute nicht besonders freundlich zu seyn.

Nach dem Schlusse des Unterrichts fragte der Lehrer zu Karl gewandt: sage
mir, wer waren gestern deine Gesellschafter, als du auf der Wiese deinen
Drachen steigen lieest?

Karl nannte sie dem Lehrer.

Ihr bleibt noch hier, sprach dieser, die Uebrigen knnen sich nach Hause
begeben.

Und als sich nun Karl mit seiner gestrigen Gesellschaft dem Lehrer
gegenber befand, da schien ihm sein Gewissen schon zu sagen, worauf es
jetzt an zu kommen habe.

Ist es wahr, fragte jetzt der Lehrer mit Ernst und Wrde, da du gestern
ein Dohlen-Nest zerstrt hast? Ja, da du in deiner Grausamkeit sogar so
weit gegangen bist, die nackten Vgel aus dem Neste zu schleudern?

Kaum hrbar und mit niedergeschlagenen Augen antwortete Karl: ich habe es
gethan, Herr Lehrer, aber verzeihen Sie mir nur noch diemal, ich will es
gewi nie mehr thun! Dann brach er in ein Schluchzen aus und fuhr fort: ich
bin, Herr Lehrer, nicht in der Absicht, das Dohlen-Nest zu zerstren, auf
den Baum gestiegen, ich wollte nur wieder zu meinem Drachen kommen und
da ich nun des Nestes gewahr wurde, ergriff mich auch sogleich die Lust,
dasselbe zu zerstren. Ich habe gefehlt Herr Lehrer, aber ich will mich
eines solchen Fehlers gewi nicht mehr schuldig machen, verzeihen Sie mir
nur diesesmal noch.

Und als jener redliche Holzhauer, fuhr der Lehrer fort, dir deine grausame
Handlung vorhielt, hast du ihm nicht mit Schimpfworten erwidert?

Ich that es auch, Herr Lehrer, sprach Karl und bereue auch dieses.

Seht ihr, wandte sich jetzt der Lehrer an die brigen Knaben, wie eine bse
Handlung immer eine andere bse Handlung nach sich zieht? Erst zerstrte
Karl das Vogelnest und tdtete grausam die nackten Jungen und verfehlte
sich so gegen das Gebot, welches uns vorschreibt, auch menschlich gegen
Thiere zu seyn, nach den Worten: der Gerechte erbarmt sich auch seines
Viehes; dann begegnete er einem alten Manne mit beschimpfenden Aeuerungen
und machte sich so eines weiteren Vergehens schuldig. Ihr seht, wer Ein
Gebot nicht beachtet, der setzt sich auch ber das andere hinweg.

Dann knnt ihr auch noch hieraus ersehen, wie verderblich der Hang zur
Thierqulerei wird, und wie derjenige blind demselben frhnt, der nicht
frhzeitig sein Herz bewacht, und diesen Trieb zu ersticken sucht. Karl
stieg nicht in der Absicht auf den Baum, um das Nest zu zerstren,
er konnte nur dem Hange nicht widerstehen, da sich ihm eine so schne
Gelegenheit, Thiere zu qulen, ergab. Wie oft habe ich euch nicht schon
gesagt, da das Kind, welches eine Lust daran findet, Fliegen zu qulen
durch das Abschneiden der Flgeln oder Herausreien der Beine; wenn dieser
Hang in ihm nicht getdtet wird, leicht als Knabe der Quler grerer
Thiere wird, und an die Stelle der Fliegen, Bienen und Kfer treten Katzen
und Hunde. Wie die Krfte des Thierqulers zunehmen, so nimmt auch sein
Hang zur Thierqulerei zu und ach! wenn es dann noch bei den Thieren blieb.
Ein solcher unglcklicher Mensch, dessen Gefhl fr das Wohl und Weh der
Thiere erstorben ist, dessen Herz ist auch fr seine Mitmenschen verhrtet,
und nur zu oft wird ein solcher eine Geiel der Menschheit. Deshalb
prgt es euch heute fest in eure Herzen, wie gefhrlich der Hang zur
Thierqulerei wird, nehmt euch fest vor, nie ein Thier zu qulen und seht
ihr, da ein solches Vergehen von Anderen verbt wird, so tretet mit
aller Festigkeit und mit allem Muthe auf und duldet solchen Frevel nicht!
Erinnert euch des wackeren Holzhauers, handelt in hnlichem Falle wie
dieser und kmmert euch nichts um bse Reden, die ihr dehalb vielleicht
zu erleiden habt. Ihr werdet nicht nur den Lohn in euch selbst finden, denn
jede gute That belohnt sich selbst, sondern ihr werdet auch die Achtung
aller guten Menschen finden.

Weil du nun, Karl, wandte er sich wieder zu diesem, deine Vergehen
reumthig einbekannt, und eine Besserung versprochen hast, so will ich fr
diesesmal noch gelinde Strafe ber dich verhngen und so werde ich heute
den Tag ber dich bei Wasser und Brod einsperren lassen, und von deinem
Vergehen und dieser Strafe deinem Vater Nachricht geben. Nach erstandener
Strafe aber begibst du dich unverzglich zu jenem Holzhauer und bittest ihn
um Verzeihung ob der ihm zugefgten Unbilde!

Mit diesen Worten des Lehrers wurden die Knaben entlassen, nachdem sie
zuvor versprochen hatten, den wohlmeinenden Ermahnungen in allem getreulich
nachzukommen.

Karl erstand seine Strafe und leistete nachher dem redlichen Holzhauer
Abbitte, wie ihm befohlen war.




Drittes Kapitel.

Karl fllt in seinen Fehler zurck.


Der Kaufmann Daruff besa vor dem Stdtchen einen schnen, groen Garten,
in welchem oft Karl mit seinen Spielgenossen die Erholungs-Stunden
zubrachte.

An einem schnen Nachmittage befand sich nun Karl wieder mit seinen
Gespielen in diesem Garten; er fhrte mit denselben allerlei Spiele auf und
jugendlicher Frohsinn hatte sich ihrer in hohem Grade bemchtigt.

Auch Aurelie war im Garten und sah von Ferne, whrend sie sich zwischen den
Blumenbeeten erging, dem lustigen Treiben der Knaben zu.

Auf einmal sah Aurelie, wie ein schner Hhnerhund, der durch die nur
beigelehnte Gartenthr sich in den Garten geschlichen hatte, eine Katze
auf den Blumenbeeten verfolgte; sie rief ihrem Bruder Karl zu, den fremden
Hhnerhund doch aus dem Garten zu schaffen und kaum bemerkten dieser
und seine Spielgenossen den Hund, so eilten sie herbei; einer der Knaben
stellte sich an die Gartenthre und whrend dieser einen so groen Spalt
mit der Thre bildete, da ein Hund zur Noth durchkommen konnte, umgaben
die brigen Knaben den Hund von allen Seiten und suchten ihn aus dem Garten
zu treiben.

Der Hund lief auch sogleich auf die Gartenthre zu und da er sich nun durch
den Spalt zu winden suchte, da gedachte der Knabe an der Thre, das Thier
wegen der Verwstung, die es auf den Blumenbeeten angerichtet, ein wenig
zu strafen und ihm einen wiederholten Besuch im Garten zu verleiden; er
zwngte daher den Hund mit der Thre so an den Pfoten, da derselbe zu
heulen anfing.

Recht so, recht so! rief Karl, nahm die Gartenscheere, welche nchst einem
Zaune lag, lief damit nach dem Hunde, fate schnell mit der Scheere dessen
Schweif -- einen Druck und der Schweif des Hundes lag vor der Gartenthre,
whrend des arme Thier mit Heulen sich davon machte.

Um Gotteswillen! rief Aurelie, Karl, was hast du gethan? Wie wird das
gehen! Es war der Hund unsers Herrn Forstmeisters. Ach Karl! was hast du
wieder in deiner Unbesonnenheit gethan? Karl stand bleich vor Schrecken da
und die Gartenscheere entfiel seinen Hnden.

Wahrhaftig, Schwester, betheuerte er, so war es nicht gemeint, ich wollte
den Hund nur ein wenig kneifen.

Die brigen Knaben erschracken auch sehr und einer verlie nach dem andern
schnell den Garten.

Ach Himmel, sagte Aurelie, wie schwer, lieber Karl, machst du mir den
Weg nach Hause; so unschuldig ich auch bin, so wage ich jetzt kaum das
elterliche Haus zu betreten. Du weit, wie streng der Vater ist, dieser
Streich wird keine guten Frchte bringen!

Karl wurde durch diese Reden seiner Schwester immer verzagter.

Komm liebe Aurelie, sprach er, wir wollen uns dort in die Laube begeben und
uns berathen, was zu thun ist.

Die Geschwister giengen betrbten Herzens in die Laube.

Ich wei keinen Rath, begann Aurelie und lie wehmthig die Arme in den
Schoo sinken.

Wenn ich nur gleich einen andern schnen Hund htte, sprach Karl, so
wrde ich zum Herrn Forstmeister gehen, ihm solchen bringen und ihn recht
instndig bitten, mir den schlimmen Streich zu verzeihen und kein Wort
davon meinem Vater zu sagen. Aber wo einen Hund hernehmen?

Gehe so gleich hin zum Herrn Forstmeister, sagte Aurelie, bitte ihn um
Verzeihung, vielleicht sieht er die Unbesonnenheit deiner Jugend nach;
er ist ein sehr begterter Mann, wer wei, ob er nicht den Verlust mit
Stillschweigen ertrgt, wenn er deine Angst und Reue sieht. Ich aber will
mich indessen nach Hause begeben und dich dort erwarten. Gebe Gott, da die
Sache zu deinem Besten sich wende!

Nun verlieen die Geschwister den Garten, nachdem noch zuvor Karl den
Schweif des Hundes nchst einem Baume vergraben hatte und whrend Aurelie
mit bedrngtem Herzen der elterlichen Wohnung zugieng begab sich Karl nach
dem Hause des Forstmeisters.

Eduard, der Sohn des Forstmeisters hatte bereits den Hergang der
Verstmmlung des Hundes von einem der im Garten gegenwrtig gewesenen
Knaben ausfhrlich vernommen und da der Hund sein Liebling war und ihm
deshalb sehr zu Herzen ging, da er nicht nur muthwilliger Weise
so geqult, sondern auch noch verstmmelt wurde, so brach er beim
Ansichtigwerden Karls in heftige Vorwrfe aus.

Du kommst gerade recht, rief er, mein Vater hat die Hundspeitsche schon zur
Hand; es soll dich dein Leben lang gereuen, unsern Achill so geqult und
am Ende noch verstmmelt zu haben! du bist schon als der grte Thierquler
allgemein bekannt, aber mein Vater wird dich zurecht weisen, da es dir
gewi nie mehr einfallen wird, mit einem Hunde so zu spielen. Geh nur
hinauf zu meinem Vater, der dich gehrig empfangen wird!

Durch diese Anrede verlor Karl vollends allen Muth. Er htte so gerne die
hrteste Strafe erstanden, wre es nur damit auch abgethan gewesen. Er
machte sich lebhaft die beunruhigendsten Vorstellungen; erst sah er den
Forstmeister mit der Hundspeitsche auf sich zukommen, dann sah er auch noch
seinen Vater, wie ihn derselbe erbittert in Empfang nahm und ihm mit der
grten Entrstung die hrtesten Strafen bereitete.

Er stand mehrere Augenblicke unschlssig da, da fuhr ihm der Gedanke durch
den Kopf, er knne ja allen diesen Unannehmlichkeiten durch die Flucht sich
entziehen und sogleich war auch sein Vorsatz gefat.

Hat mir, sprach er zu sich selbst mein Vater neulich nicht erst gesagt, da
mich mein Onkel Heinrich zu London in's Comptoir zu nehmen gesonnen sei?
Ich will mich zu ihm begeben und kehre ich dann nach Jahren heim in meine
Heimath, so wird sicher die schlimme Geschichte mit dem Hunde vergessen
seyn.

Und ohne noch einmal in das elterliche Haus zurck zu kehren machte er sich
aus dem Stdtchen und schlug seinen Weg nach Bremen ein.




Viertes Kapitel.

Karl im Gefngnisse zu Bremen.


Es war ein strmischer Tag, an welchem Karl den Vorsatz gefat hatte,
nicht in das elterliche Haus zurck zu kehren, sondern sich zu seinem Onkel
Heinrich nach London zu begeben.

Zuweilen kam Reue ber ihn und er wnschte, seine Heimath nicht verlassen
zu haben, wobei er sich umdrehte und mit Thrnen im Auge nach der Gegend
hin blickte, wo sein Geburts-Stdtchen lag. Ach, es lag schon so weit
hinter ihm, und er vermochte es nicht mehr ber sich, zurckzukehren. Er
gedachte den Ring, den er im zerstrten Dohlen-Neste gefunden hatte und den
er von jenem Tage an stets bei sich trug, ohne Jemanden hievon Mittheilung
zu machen, in Bremen vortheilhaft zu verkaufen und mit dem Erlse die
Reisekosten bis London vollkommen zu bestreiten.

In Gedanken nahm er Abschied von seinem Vater, den er wegen seiner so
groen vterlichen Gte sehr liebte, aber wegen seiner Strenge auch sehr
frchtete. Er bat denselben um Verzeihung und nahm sich vor, von Bremen
aus, eh' er das Schiff besteige, zu schreiben, ihm seinen ganzen Plan
schriftlich mitzutheilen und ihn so auer Sorgen zu setzen wegen seiner
Zukunft.

Dann erinnerte er sich seiner guten Schwester Aurelie und beschlo, auch
einen Brief an sie bei zu legen. Endlich gedachte er seiner vortrefflichen
Mutter, die lngst im Grabe ruhte und unwillkhrlich schossen ihm wieder
die Thrnen in die Augen.

Ja, gute Mutter! sprach er, wenn du noch lebtest, gewi wrde ich diesen
Schritt nicht gethan haben; du wrdest die Vermittlerin bei meinem Vater
geworden seyn und httest Alles zum Besten gelenkt. Wie oft hast du mich
gewarnt, wenn ich unbarmherzig den Fliegen die Flgel heraus ri und wie
oft hast du gesagt: Karl, Karl! das nimmt kein gutes Ende, wann du so
fortfhrst; ach, wie oft hast du mich auch deshalb gestraft und nun
ist wirklich meine Thierqulerei die Ursache meiner Entfernung aus dem
elterlichen Hause. Ich wei nicht, was mir noch begegnen wird, ich wei
nicht, wie ich von meinem Onkel aufgenommen werde, allein ich will Alles
geduldig ertragen, was mir auch immerhin Wiederwrtiges begegnen sollte,
ich habe es nicht anders verdient.

Jetzt war ihm, als vernehme er aus der Ferne das Glockengelute seiner
Heimath, er blieb stehen und horchte, es war so; da sank er vor Wehmuth auf
den Boden und schluchzte laut.

In diesem Augenblicke kam ein Metzgergeselle vorber, der oft Fleisch in
das Haus des Kaufmannes Daruff getragen und auf diese Weise den Sohn Karl
kennen gelernt hatte. Er blieb stehen, betrachtete den Knaben und sprach:

Was fehlt dir doch, Karl?

berrascht sah Karl auf und als er den Metzgergesellen vor sich sah, der
ihm wohl bekannt war erwiederte er: ach, da hat mich mein Vater nach Bremen
geschickt, nun drcken mich meine Stiefel so sehr, da ich vor Schmerz kaum
weiter kann.

Da geh' du lieber mit mir zurck, sprach der Metzgergeselle, denn unmglich
wrde dir dein Vater diesen Gang zumuthen, wte er, da du wunde Fe
hast. Komm doch und gehe mit mir zurck.

Nein, nein, versetzte Karl, ich mu den Weg schon zurck legen; ich will
nur kurze Zeit noch ausruhen und dann versuchen, weiter zu kommen. Ich
mte mich ja schmen, kme ich unverrichteter Sache nach Hause.

So reise glcklich! sprach der Metzgergeselle, meine Geschfte leiden
keinen Verzug und so setzte er seinen Weg fort.

Karl sah ihm nach, die Trennung von der Heimath schmerzte ihn auf's
Neue, doch konnte er es nicht ber sich gewinnen, noch zur rechter Zeit
umzukehren.

Als er den Metzgergesellen aus dem Gesichte verloren hatte, erhob er sich
und wanderte auf Bremen zu.

Dort angekommen fhrte ihn der Weg an dem Laden eines Juweliers vorber. Da
will ich eintreten, dachte er und meinen Ring gegen baares Geld umsetzen.

Er trat in den Laden und mit groer Schchternheit nahm er seinen Ring aus
der Tasche, hielt solchen einem Arbeiter, den er fr den Juwelier hielt,
hin und sprach: kauft mir doch diesen Ring ab!

Der Mann legte den Gegenstand, an dem er bedchtig gearbeitet hatte, bei
Seite, nahm den Ring zur Hand, betrachtete ihn genau und nahm dann den
Verkufer scharf in das Auge. Wie viel verlangst du fr diesen Ring! fragte
er dann.

Gebt mir so viel er werth ist, antwortete Karl, einen kleinen Nutzen gnne
ich Euch schon.

Wie ist denn dieser Ring dir zu Handen gekommen? fragte der Mann weiter.
Ich habe ihn gefun-- doch schnell nderte Karl den Satz und sprach: ich
habe diesen Ring schon lange.

So, so? redete der Mann, betrachtete den Ring und den Verkufer noch
aufmerksamer, zog dann die Augenbraunen zusammen, gieng zum Tische, auf
welchem mehrere Schriften lagen, nahm ein Zeitungsblatt zur Hand, suchte
erst einige Zeit darin, dann las er, whrend er oft vom Papiere weg und auf
den Ring schaute, nahm endlich Blatt und Ring zu sich, zog einen saubern
Rock an und bedeutete dem Verkufer, ihm zu folgen.

Karl konnte dieses Benehmen nicht verstehen und folgte dem Manne, whrend
seine Verlegenheit mit jedem Schritte mehr zunahm.

Wie heit dieses Gebude, in welches wir jetzt gehen? fragte er seinen
Begleiter.

Das ist die Polizei, entgegnete dieser trocken.

Karl entfrbte sich, denn jetzt erst durchfuhr ihn eine Ahnung, die
Weise, wie er zu dem Ringe gekommen, drfte nicht einen redlichen Erwerb
begrnden.

Ihr werdet mich doch nicht anklagen wollen? fragte er jetzt furchtsam
seinen Begleiter.

Ich wohl nicht, versetzte dieser, aber hier der Ring und deine groe
Befangenheit und deine Furcht mgen wohl wider dich zeugen.

Der Juwelier lie sich jetzt melden und trat mit Karl in die Gerichtsstube.

Ersterer nherte sich bescheiden dem Beamten und erffnete ihm:

So eben kam dieser Knabe zu mir und bot mir diesen Ring zum Kaufe an; ich
betrachte den Ring und finde sogleich Aehnlichkeit mit jenem, welcher als
entwendet im Wochenblatte ffentlich ausgeschrieben ist. Ich hielt es fr
meine Schuldigkeit, hievon die Obrigkeit in Kenntni zu setzen.

Der Beamte nahm die Aussagen des Juweliers zu Protokoll, gab demselben
bezglich der Anzeige seine Zufriedenheit zu verstehen und der Juwelier
wurde entlassen.

Nun wurde Karl in's Verhr genommen. Er zitterte heftig und oft versagte
ihm die Stimme; er mute seinen Namen, den Tag seiner Geburt, den Stand und
den Wohnort seiner Eltern angeben und dann kam es zur Erzhlung bezglich
der Auffindung des Ringes im zerstrten Dohlen-Neste. So viel merkte er an
der Miene des Beamten, da seiner Erzhlung wenig Glauben geschenkt wurde;
auch wurde er oft ermahnt, nur die Wahrheit an zu geben. Dieses schmerzte
Karl, er sagte die Wahrheit und man wollte ihm doch keinen Glauben
schenken.

Das Verhr wurde geschlossen und Karl abgefhrt -- in das Gefngni.




Fnftes Kapitel.

Karl entweicht aus dem Gefngnisse.


Wie einer, dem das Todesurtheil erffnet wurde und der dem Tage der
Hinrichtung entgegen sieht, so sa Karl in dem Gefngnisse.

Wie sehr bereute er es jetzt, da er der freundlichen Aufforderung des
Metzgergesellen nicht Folge geleistet und sich mit ihm zurck in seine
Heimath begeben hatte.

Ist nicht, sprach er zu sich selbst, die Zerstrung des Dohlen-Nestes
die Ursache, weshalb ich jetzt im Kerker liege? Htte ich das Nest nicht
zerstrt, so wrde ich den Ring nicht in demselben entdeckt haben und
dieser Ring hat mich in das Gefngni gebracht.

O Himmel, wie wird das enden? Man glaubt mir nicht, da ich den Ring im
Neste gefunden habe, man ist vielleicht gar der Ansicht, ich htte
ihn entwendet. Und habe ich nicht darin gefehlt, da ich den Fund
verheimlichte? Ach, in welches Unglck habe ich mich gestrzt!

Und mein Vater, o mein armer Vater! brach er in Wehklagen aus, wie wird
ihn die Nachricht erschttern, wenn es heit, sein einziger Sohn sitze im
Gefngnisse, des Diebstahles gezeiht!

Und meine arme Schwester; meine arme Schwester! rief er, welche Schande
bringe ich ber Vater und Schwester!

Er schluchzte, da ihm die Thrnen von den Wangen flossen.

Dann warf er sich auf den Strohsack und weinte bitterlich fort.

Da ffnete sich die Thre des Gefngnisses; eine betagte Frauensperson
erschien, um dem Gefangenen ein Schelchen mit magerer Suppe und ein Stck
schwarzes Brod zu bringen.

Da junger Galgenvogel, sprach sie, nimm und i! deine Jugend dauert mich,
du fngst frh an, dich auf das groe Werk vorzubereiten, einst eine Zierde
des Galgens zu werden.

Hilf mir o Herr! schrie sie auf einmal, als sich Karl vom Strohsacke empor
gerichtet und sie angeschaut hatte, bist denn du nicht Daruffs Karl?

Karl stand auf, er erkannte sogleich in der Person seine frhere Wrterin;
er wischte sich die Thrnen aus dem Gesichte, nahm taumelnd vor Freude und
Ueberraschung die Person bei der Hand, sah ihr so recht mit dem innigsten
Gefhle der Anhnglichkeit in das Gesicht und sprach: ihr seid's
Margaretha? Ach, wie bin ich doch jetzt so froh, da Jemand um mich ist,
von dem ich gekannt bin. Ach, Margaretha, ihr knnt gewi viel fr mich
thun. Ich bin unschuldig und -- hier brachen ihm die Thrnen wieder hervor
-- man glaubt mir nicht, da ich unschuldig bin. Seht, gute Margaretha, so
bin ich nun in dieses Gefngni gekommen und wenn das der Vater erfhrt, so
darf ich ihm nicht mehr vor das Angesicht kommen. Ihr wit ja, Margaretha,
wie streng er ist. Helft mir doch, gute Margaretha, wenn ich wieder nach
Hause komme, will ich es auch bei meinem Vater dahin bringen, da er euch
eine tchtige Portion vom besten Kaffee schickt. Aber helft mir jetzt nur!
Dabei drckte er Margaretha's Hand fest an sich, die ihm jetzt als die
einzige Sttze erschien.

Margaretha war tief gerhrt, sie lie sich auf dem Strohsacke nieder und
sprach: ach, du lieber Gott! wer htte denken sollen, da ich dich einmal
im Gefngnisse antreffen wrde. Wie lange habe ich dich doch auf meinen
Armen getragen, wie viele schlummerlose Nchte hast du mir als Kind
verursacht und nun mu ich alte Person noch erleben, dich im Gefngnisse zu
sehen.

Und sie fuhr mit der Hand nach dem Auge, als spre sie, da ihr Thrnen
ankamen.

Aber Margaretha, sagte Karl, ich bin ja unschuldig.

Und er erzhlte ihr getreulich den ganzen Hergang vom Beginne der
Zerstrung des Dohlen-Nestes bis zu seiner Einkerkerung.

Ei, du lieber Gott! brach hierauf Margaretha in die Worte aus, wie dauert
mich der gute Vater. Die Polizei schreibt jetzt an ihn und wenn er
ein solches Schreiben empfngt -- o du lieber Gott, Karl, was hast du
angestellt?

Groe Angst kam auf's Neue ber Karl und er fragte mit der grten
Beklommenheit: ich werde also nicht wieder frei gelassen und nach Hause
geschickt?

O nein! sprach Margaretha, so geht das nicht, ach Herr im Himmel! stehe uns
bei.

Karl weinte heftig und sprach: ach, gute Margaretha, lat mich entwischen.
Gute, gute Margaretha! erbarmt euch meiner und helft mir, da ich aus dem
Gefngnisse entkomme! Und er drckte wieder ihre Hand heftig an sich.

Wie kann ich das, versetzte Margaretha, ich wrde mich nur unglcklich
machen und du wrdest bald wieder eingefangen seyn und hieher zurck
gebracht werden. Und dann drfte es erst schlimm um dich stehen.

Ach, Margaretha, fuhr Karl fort, wenn ihr macht, da ich aus diesem
Gefngnisse komme, so will ich mich gleich zu meinem Vater nach Hause
begeben und ihm Alles erzhlen, wie es mir erging. Und, gute Margaretha,
das wird euch mein Vater gewi nicht vergessen, da ihr euch meiner
angenommen habt.

Margaretha besann sich und sprach hierauf: aber Karl sage mir, hast du
wirklich den Ring im Neste gefunden?

Gewi Margaretha, entgegnete dieser, o! wenn ihr mir nicht glauben wollt,
wie sollen mir erst fremde Menschen glauben?

Wenn du mir versprichst, sagte nun Margaretha, da du dich eiligst und
geraden Weges zurck zu deinem Vater begeben willst, so will ich es wagen
und dir aus dem Gefngnisse verhelfen. Aber bedenke, wie unglcklich du
mich machst, wenn du nicht Wort hltst. Ich werde dann aus dem Dienste
gestoen und verliere die Pension, auf welche ich Anspruch zu machen habe,
wenn ich mich noch ein Jahr ordentlich in diesem Dienste verhalte. Dir
und deinem Vater die Schande zu ersparen, da du vielleicht mit dem
Gerichtsdiener in dein elterliches Haus geliefert werdest, will ich ein
Auge zudrcken; ach, ich bin eine alte Person, habe so viele Wohlthaten in
deines Vaters Haus genossen, da es mir kein Mensch verargen kann, wenn ich
dir jetzt aus dem Gefngnisse helfe, zudem da du ja unschuldig bist und zu
deinem Vater zurck kehren wirst. Verhalte dich also ruhig bis gegen Abend;
ich werde wieder kommen und dich den Weg fhren, der dich in das Freie
geleitet.

Karl kte im Uebermae seiner Freude die alte Wrterin und drckte sie an
seine Brust, da Margaretha zu weinen anfieng.

Lat mich nur, gute Margaretha, hub er an, einmal zu Vermgen kommen; es
soll euch dann nicht schaden, wenn ihr auch die Pension einbet; ich komme
dann mit einer Kutsche nach Bremen, hole euch ab und ihr verbringt dann
eure alten Tage recht vergngt und froh bei Karl Daruff =junior=. Aber
weint doch nicht, meine gute Margaretha und er wischte ihr mit der Hand die
Thrnen aus dem Gesichte.

So verhalte dich nun ruhig, mein lieber Karl, sprach Margaretha, sei nicht
mehr traurig, i von der Suppe und vom Brode, wenn auch beides nicht so
gut, wie in deinem vterlichen Hause ist, so mut du dich jetzt doch damit
begngen, denn ohne Aufsehen zu erregen kann ich vor Abend nicht wieder zu
dir kommen.

Und Margaretha entfernte sich.

Nun war Karl wie umgewandelt. Er freute sich, bald wieder auf dem Wege nach
dem elterlichen Hause zu seyn und so lie er sich die magere Suppe und das
schwarze Brod trefflich schmecken. Dann hpfte er im Gefngnisse umher und
sphte durch das vergitterte Fensterchen, ob der Abend nicht bald heran
nahe.

Ja, ja, Margaretha, sprach er vor sich hin, du sollst gut belohnt werden!
dann fiel er auf die Kniee und betete: guter Gott, ich danke dir, da
du mir in dieser Margaretha einen Engel gesandt hast, der mich aus dem
Gefngnisse befreien wird. Du bist allzeit den Unschuldigen vterlich
zugethan, du weit, da ich unschuldig bin und so bist du mir auch mit
deinem Schutze nahe.

Ich habe wohl gesndigt und mir selbst dieses Migeschick bereitet, indem
ich grausam gegen deine Geschpfe war und fremdes Gut unrechter Weise mir
angeeignet habe, aber verzeihe mir guter Vater im Himmel! Ich will nie
mehr in diese Fehler zurck fallen und knftig nur so leben, da du allzeit
Wohlgefallen an mir hast!

So betete Karl aus dem Innersten seines Herzens.

Allmhlich kam der Abend nher. Karl horchte aufmerksam auf jedes Gerusch
und hoffte mit jedem Futritte, den er vernahm, den Eintritt seiner guten
Margaretha.

Endlich klirrte der Riegel, die Thre gieng langsam auf und Margaretha
erschien.

Sie trug eine schmutzige Jacke und sprach: nun, mein Gefangener, ist dir
die Zeit nicht lange geworden?

Ich habe euch, entgegnete Karl, kaum erwarten knnen.

Nun komm her, sagte sie, gieb mir deinen Rock und ziehe diese Kchen-Jacke
an; es ist zur bessern Sicherheit und, fgte sie schmunzelnd bei, wenn
einst mein Karl seine Margaretha vergessen sollte, so soll dieser Rock das
Zeichen seyn, welches dich an mich erinnert.

Ach, erwiederte Karl, wie knnte ich euch Margaretha je vergessen!

Als nun Karl die Jacke angezogen hatte, sprach Margaretha: wenn du jetzt
nach Hause kommst, so gre deinen Vater und deine Schwester vielmal von
der alten Margaretha und damit du unter Wegs nicht Noth leiden mut, so
habe ich in die Jacke ein Stck Braten, ein weies Brod und ein Flschchen
mit Wein gesteckt. Lasse dir Alles recht wohl schmecken und komme glcklich
nach Hause!

Mit dankbarem Herzen kte Karl wiederholt seine Wohlthterin, welcher er
dann aus dem Gefngnisse folgte. Margaretha geleitete ihn nun durch mehre
dunkle Gnge, fhrte ihn dann ber einen groen, freien Platz, ffnete
mhsam ein groes Thor, Karl sah sie nochmals mit einem dankbaren Blicke
an, entfernte sich durch das Thor und unbeschreiblich war ihm zu Muthe, als
er das Thor hinter sich wieder schlieen hrte.




Sechstes Kapitel.

Karl zu Schiffe.


Die Nacht brach ein und es wurde allmhlig dunkler in den Strassen von
Bremen. Karl eilte auf das Thor zu, durch welches er gekommen war, und wie
leicht war es ihm jetzt um das Herz, als er die Stadt hinter sich hatte, in
welcher er des Diebstahls verdchtig und in das Gefngni gebracht wurde.

Er eilte rastlos seiner Heimath zu, doch hatte er noch keine groe Strecke
zurck gelegt, da blieb er auf einmal stehen und wie von einem bsen Geiste
wurde er vom Gedanken ergriffen, welchen Empfang er zu Hause zu gewrtigen
habe?

Darf ich denn auch, fragte er sich, meinem Vater unter die Augen kommen?

Habe ich nicht Strafe zu befrchten, weil ich mich so lange vom Hause ohne
Wissen und Willen meines Vaters entfernt? Zudem hat er jetzt die ganze
Geschichte mit dem Hunde im Garten erfahren, er ist sicher heftig gegen
mich aufgebracht, was habe ich nicht Alles zu befrchten?

Er war unschlssig, ob er seinen Weg fortsetzen solle, da fiel ihm die alte
Margaretha ein, der er es so fest versprochen hatte, sich auf geradem Wege
nach Hause zu begeben.

Begehe ich nicht einen neuen Fehler, sagte er, wenn ich mein Wort nicht
halte und nicht eilig heimkehre? Und mache ich die gute Margaretha nicht
unglcklich, wenn ich meinem Versprechen nicht nachkomme?

Er that wieder einige Schritte vorwrts, blieb aber auch gleich wieder
stehen und fuhr fort: hat denn aber auch Margaretha nicht gesagt: die
Polizei werde an meinen Vater schreiben und ihm die Geschichte mit dem
Ring, so wie meine Einsperrung mittheilen? Ach, du lieber Gott! gewi ist
schon an meinen Vater geschrieben worden und wenn ich nun nach Hause komme,
werde ich als ein Dieb empfangen! Nein, nein! ich darf nicht nach Hause!
Ach, gute Margaretha, verzeiht mir! Ich darf, ich darf nicht nach Hause!

Und er entschlo sich, umzukehren.

Whrend er nun wieder der Stadt Bremen zuging, berlegte er, wie und wo
er sich aufhalten knne. Ueberall sah er Hindernisse. Er sah sich von der
Polizei verfolgt und dachte mit Schauder zurck an das Gefngni.

Endlich war er mit sich einig. Er nahm sich vor, an den Hafen zu gehen
und falls ein Schiff segelfertig mit der Bestimmung nach London vor Anker
liege, sich als Schiffsjungen anwerben zu lassen und zu seinem Onkel
Heinrich nach London zu reisen.

Von London aus wollte er dann an seinen Vater schreiben, so wie er auch
der alten Margaretha einen Brief schicken wollte, in welchem er sie um
Verzeihung zu bitten und sie wegen ihrer Zukunft zu beruhigen gedachte.

So kam er an den Hafen.

Er machte mit seinem Vorhaben einen Matrosen bekannt, der sich auch seiner
annahm und ihm versprach, sich fr ihn beim Schiffs-Kapitain zu verwenden.
Zwar macht unser Schiff, sagte der Matrose, die Fahrt nicht sogleich nach
London, indem es erst mit voller Ladung nach Brasilien geht, von dort aber
segeln wir ohne Aufenthalt nach London; es wird dir brigens, mein Junge,
nichts schaden, wenn du auch die Kste von Amerika siehst und zwar auf so
billige Weise.

Da erblickte Karl einen Diener der Polizei, der an ihm vorberging, als er
mit dem Juwelier das Polizei-Gebude betrat. Unendliche Angst ergriff ihn.
Er bat den Matrosen, ihn doch sogleich mit auf das Schiff zu nehmen, da
er bereit sei, die Fahrt nach Brasilien mit zu machen. Er befrchtete,
dem Diener der Polizei in die Hnde zu fallen, suchte deshalb so bald
als mglich auf das Schiff zu kommen, ohne zu berlegen, welche Reise er
antreten werde.

Der Matrose ergriff ihn bei der Hand und nahm ihn mit auf das Schiff. Dort
stellte er ihn dem Kapitain vor.

Dich knnen wir schon brauchen, sagte der Kapitain zu Karl, aber sage mir,
wie vertrgt sich denn deine schmutzige Jacke mit der feinen Hose?

Karl betrachtete erst jetzt seine Jacke und gewahrte so den Unterschied
zwischen Hose und Jacke.

Herr, sagte Karl, ein Wohlthter hat mir die Hose geschenkt.

Wenn du sie nicht gestohlen hast, bemerkte der Kapitain. Nun sei dem, wie
ihm wolle, fuhr er fort, ist er ein hergelaufener Bursche, so wird er doch
nicht von unserm Schiffe laufen. Weise ihn zurecht! Jakob, wendete er sich
hierauf an den Matrosen, und dieser entfernte sich mit Karl.

Sehr weh that es Karl, da der Kapitain die Bemerkung ber die Hose gemacht
hatte.

Auch dieser, dachte er, hlt dich fr Einen, der sich dem Diebstahle
ergibt; htte ich vielleicht die Wahrheit gesagt, wrde er die Bemerkung
nicht gemacht haben; ich habe gelogen und wer lgt, der stiehlt auch.
Der Kapitain mag mir wohl angesehen haben, da ich ihm nicht die Wahrheit
sagte, so mochte er auch wohl der Meinung werden, ich knne die Hose
gestohlen haben.

Und wehmthigen Herzens folgte er dem Matrosen, der besondere Zuneigung
zu Karl gefat zu haben schien, denn er gab sich sehr mit ihm ab,
unterrichtete ihn in diesem und jenem Geschfte und war ihm mit Rath und
That allzeit zur Hand.




Siebentes Kapitel.

Kummer im elterlichen Hause.


Als Aurelie vom Garten heimgekehrt war, ging sie niedergeschlagen in das
Wohnzimmer und nahm ihre weibliche Arbeit zur Hand. Sie sah oft durch
das Fenster hin nach der Strae, aus welcher Karl von der Wohnung des
Forstmeisters aus kommen mute. Sie wartete mit Sehnsucht auf die Ankunft
ihres Bruders und da sich diese von Stunde zu Stunde verzgerte, wurde
sie immer ngstlicher, da sie ihre Beklommenheit nicht lnger mehr zu
verbergen im Stande war.

Da trat der Vater in das Zimmer. Wo ist Karl? fragte er. Und was ist denn
mit dir? fuhr er fort, da du so verstrt aussiehst?

Ach, lieber Vater, sagte Aurelie, werde nicht ungehalten! Karl hat wieder
einen schlimmen Streich verbt, allein ich bin die Veranlassung dazu,
verzeihe also ihm und mir!

Und nun erzhlte sie ihm die Geschichte mit dem Hunde im Garten und
schlo mit den Worten: wre ich selbst daran gegangen, den Hund von den
Blumenbeeten und aus dem Garten zu treiben, so wre der Unfug wohl nicht
geschehen, den Karl mehr in der Uebereilung als mit bsem Herzen verbt
hat. Sieh ihm also, lieber Vater, noch einmal nach und verzeihe ihm und
mir!

Nein, meine Tochter, sagte der Vater, hier wre Nachsicht am unrechten
Orte; Karl hat sich schon so oft in diesem Punkte verfehlt, da ich nur mit
Grund befrchten mu, sein Herz verschliee sich fr alle feineren Gefhle.
Ich will ihn diesesmal nachdrcklich strafen.

Und welche Unannehmlichkeit fr mich, da der Hund gerade dem Forstmeister
zusteht! Welche Ansichten mu der Mann von mir gewinnen? Wird er nicht
denken, da ich mich der Erziehung meines Sohnes gar nicht annehme? oder
da ich auf seine Bildung und Veredlung des Herzens nichts verwende? Wre
der Hund einem gemeinen Manne, so knnte ich den Mann abfinden und den
Schaden so gut als mglich ersetzen, wie soll ich es aber hier anfangen?

Und nachdenkend ging er im Zimmer auf und ab.

Aber wo ist denn Karl? fragte er hierauf wieder.

Er ist auf meinen Rath zum Forstmeister gegangen, erwiederte Aurelie, um
ihn um Verzeihung zu bitten und sich zu erkundigen, wie der Schaden wieder
gut zu machen sei.

Das ist noch lblich, sagte der Vater, aber dessen ungeachtet wird ihm eine
empfindliche Strafe nicht geschenkt.

Jetzt wurde Karl zurck erwartet, allein er erschien nicht. Der Abend kam
herbei, ohne da sich Karl einstellte. Ach Gott, sagte Aurelie von einer
Ahnung ergriffen, Karl wird doch nicht in der Angst des Herzens einen
weiteren unberlegten Schritt gethan und sich entfernt haben?

Ich will selbst zum Forstmeister gehen, sprach der Vater, um mich theils
zu erkundigen, ob Karl dort war und wohin er sich etwa entfernte, theils um
den Forstmeister wegen des Schadens zufrieden zu stellen.

Mit Verwunderung vernahm nun der Kaufmann Daruff vom Forstmeister, da sich
Karl wohl vor dem Hause habe sehen lassen, da er dasselbe jedoch nicht
betreten habe. Was brigens den Schaden anbelangt, setzte der Forstmeister
wohlwollend bei, so ist er ganz unbetrchtlich; auf der Jagd ist der
Hund wegen des hohen Alters nicht mehr zu brauchen, und da ihm durch
den Verlust des Schweifes eine besondere Zierde abgegangen sei, wte ich
gerade auch nicht, brigens ist Achill der Liebling meines Sohnes Eduard
und den zufrieden zu stellen, fuhr er lchelnd fort, wird auch nicht so
schwer seyn.

Der Kaufmann war ber diese Rede des wackeren Forstmeisters sehr erfreut
und bat, den unbesonnenen Streich seinem Sohne zu verzeihen mit dem
Beisatze, da er seinem Sohne fr knftige Flle eine angemessene Strafe
werde zu Theil kommen lassen, da es ihm brigens eine se Pflicht sei,
den Sohn Eduard ob der Verstmmlung seines Lieblings zu beruhigen.

Nach diesem entfernte sich der Kaufmann, hoffend, seinen Sohn nun zu Hause
zu treffen.

Allein Karl war noch nicht in das elterliche Haus zurck gekehrt und alle
Erkundigungen im Stdtchen nach ihm waren vergebens.

Jetzt wurden der Kaufmann und seine Tochter besorgt.

Da erschien ein Schreiben von der Polizei zu Bremen, welches dem Kaufmanne
Daruff zu erffnen war. Daruff war wie vom Schlage getroffen, als ihm der
Inhalt des Schreibens bekannt gemacht war. Dasselbe enthielt nmlich den
Hergang mit Karls Einsperrung in Bremen in Folge des bei ihm vorgefundenen
Ringes und die Aufforderung an Daruff, nach Bremen zu kommen und seinen
Sohn anzuerkennen.

Unverzglich setzte sich Daruff in einen Wagen und fuhr nach Bremen.
Aber wie erschrack er erst dort, als man ihm sagte, sein Sohn sei aus dem
Gefngnisse entwischt, ohne da sein Aufenthalt bis jetzt ausgemittelt sei.

Sehr traurig und niedergeschlagen kehrte er zurck, hchst besorgt um das
Schicksal seines Sohnes.

Er schrieb allen Verwandten und Bekannten und erkundigte sich nach Karl, in
der Meinung derselbe habe aus Furcht vor Strafe bei einem oder dem andern
Zuflucht gesucht. Es langten nun viele Briefe an, aber alle konnten keinen
Aufschlu ber Karl geben.

Die Polizei in Bremen schrieb ffentlich aus und Karl wurde aufgefordert
sich vor der Behrde zu stellen.




Achtes Kapitel.

Karl wird Sklave.


Whrend Kaufmann Daruff und seine Tochter Aurelie sich abkmmerten, wo Karl
sich wohl aufhalten und wie es ihm gehen mge, und whrend die Polizei
in Bremen thtig ihre Nachforschungen fortsetzte, um Karls Aufenthalt zu
entdecken, war dieser auf dem Schiffe, welches sich schon auf hoher See
befand, und seine Fahrt bei gnstigem Winde nach Brasilien verfolgte.

Das Leben auf dem Schiffe war fr Karl etwas Neues und es bot ihm so viele
mannichfaltige Auftritte und Erscheinungen dar, da es ihm nicht sehr
schwer wurde, sich der Gedanken meistens zu entschlagen, die ihn qulend
heimsuchten, wenn er sich des elterlichen Hauses, aller darin genossenen
Freuden, wenn er sich seiner guten Schwester Aurelie, die ihm mit so vieler
Liebe zugethan war und wenn er sich seiner Jugend-Genossen erinnerte. Ein
kalter Schauer aber berlief ihn allzeit, wenn er der guten Margaretha zu
Bremen gedachte die ihm als rettender Engel erschienen war, die sich seiner
so herzlich annahm, die ihre knftige Wohlfahrt aufs Spiel setzte, nur
um ihn vor Schande zu bewahren und ihn aus der traurigen Gefangenschaft
befreit zu sehen. Er hatte ihr fest sein Wort gegeben, in das elterliche
Haus zurck zu kehren; das that er nicht nur nicht, er schrieb sogar
nicht einmal seinem Vater, eh er eine so groe Reise unternahm. Welche
Besorgnisse nun fr einen Vater!

Diese Gedanken und das stete Bewutseyn, nicht redlich gehandelt zu haben,
verursachten ihm groe Pein, der er sich kaum dadurch entschlagen konnte,
da er seinen ihm zugewiesenen Geschften als Schiffsjunge mit allem Eifer
nachzukommen suchte.

Freund und Vater auf dem Schiffe war ihm der ehrliche Matrose, der sich
seiner im Hafen angenommen und ihn auf dem Schiffe untergebracht hatte. Er
suchte seinen Schtzling so weit er im Stande war, ber Alles aufzuklren,
was diesem neu und seltsam erschien. Er machte ihn mit den Gebruchen der
Schiffsleute, mit ihrer Lebensart und ihrer Beschftigung vertraut; er
erklrte ihm alle Theile eines Schiffes und machte ihn mit den Benennungen
bekannt; er zeigte ihm die Himmelsgegenden und nannte ihm die Kstenlnder,
an welchen sie vorber fuhren. Fische, Vgel und Insekten, welche
bei dieser Fahrt zum Vorschein kamen, dienten Karl zur Belehrung und
Unterhaltung.

Viele Tage segelte so das Schiff dem Orte seiner Bestimmung zu.

Da bemerkte Karl eines Morgens eine besondere Geschftigkeit unter dem
Schiffsvolke; die Matrosen rannten hin und wieder, zogen alle Segel auf und
suchten die Fahrt mit aller Anstrengung zu beschleunigen.

Der Kapitain stand mit dem Fernrohre auf dem Verdecke des Schiffes und
gab seine Befehle mit lauter Stimme, welcher die Matrosen mit der grten
Geschftigkeit nachzukommen suchten.

Dabei war es ein schner, heiterer Morgen und keine Spur war von dem
Herannahen eines Sturmes zu bemerken.

Was bedeutet denn das Treiben auf dem Schiffe? fragte Karl den Matrosen,
der ihm so zugethan war und eben an ihm vorber eilte.

Siehst du den Punkt dort in der Ferne? erwiderte der Matrose und deutete
mit dem Finger hinaus auf die weite See, der Kapitain erkennt darin das
Fahrzeug eines Seerubers; wir mssen deshalb so die Fahrt beschleunigen,
um den Rubern aus dem Gesichtskreise zu kommen.

Sind uns denn, fragte Karl weiter, die Seeruber so gefhrlich?

So gefhrlich, entgegnete der Matrose, als dem Fuwanderer der
Strassen-Ruber ist. Nicht nur, da man alle Habe verliert, so mu man noch
froh seyn, wenn man mit der Freiheit oder mit dem Leben davon kommt, so
bald man einmal diesen See-Genien in die Krallen gefallen ist.

Der Matrose eilte vorber.

Karl blieb am Verdecke und bemerkte mit Furcht, da der Punkt auf der See,
welchen ihm der Matrose gezeigt hatte, immer grer wurde.

Endlich erkannte er deutlich ein Fahrzeug, welches sich in der Bauart
wesentlich von dem Schiffe, auf welchem er sich befand, unterschied. Und zu
seinem nicht geringen Schrecken bemerkte er jetzt auch, da jenes Fahrzeug
mit vielen Bewaffneten angefllt war.

Whrend sein Augenmerk so ganz auf das fremde Fahrzeug gerichtet war,
da er den Tumult auf seinem Schiffe und die Anstalten, welche zur
Vertheidigung getroffen wurden, kaum bemerkte, da erscholl ein mchtiger
Kanonendonner vom jenseitigen Fahrzeuge, und da die Kugeln ihr Ziel nicht
verfehlt haben mochten, entnahm Karl aus den Kommando-Worten des Kapitains
und aus dem Umstande, da der Schiffs-Zimmermann die Hnde voll zu thun
hatte.

Der Kapitain erwiderte das Kanonen-Feuer, so da eine ganze Kanonade
entstand.

Karl wurde von dem ihm so wohlwollenden Matrosen, der ihn pltzlich beim
Arme gepackt hatte, in den untern Schiffsraum gefhrt, wo sich viele der
brigen Reisenden, die an dem Werke der Vertheidigung keinen Antheil nehmen
konnten oder mochten, schon befanden.

Hier bleibe, sagte der Matrose und bete zu Gott, da er uns erhalten mge!

Mit diesen Worten entfernte er sich schnell wieder.

Unter den Reisenden, die hier versammelt waren, entstand hierauf ein lautes
Seufzen, Wehklagen und Sthnen; die meisten fielen auf die Kniee und riefen
den Himmel um Beistand an, und Furcht und Schrecken hatten sich auf Aller
Gesichts-Zgen tief eingeprgt.

Der Kanonen-Donner erscholl immer heftiger und das Geschrei der Matrosen
und jener Mnner, die freiwillig auf dem Schiffe sich zur Vertheidigung
stellten, drang schauerlich herab in den untern Schiffsraum.

Auf einmal prallte das Schiff heftig an, ein lautes Krachen erfolgte und
sogleich drang auch auf vielen Seiten schon das Wasser herein.

Nun strmte Alles dem Verdecke zu, wo ein wilder Kampf tobte.

Die Seeruber waren berlegen, das Schiff, auf welchem sich Karl befand,
fing an zu sinken, viele der verwundeten und mit ihnen Karl wurden von den
Seerubern ergriffen und auf ihr Fahrzeug gebracht. Was die Seeruber auf
dem berwltigten Schiffe an Gtern noch erbeuten konnten, das eigneten sie
sich zu und schleppten es in ihr Schiff.

Endlich sah Karl vom feindlichen Fahrzeuge aus das Schiff, auf welchem er
sich noch vor kurzer Zeit so wohl befand, untersinken.

Die Seeruber erhoben ein lautes und wildes Geschrei und segelten mit ihren
Gefangenen und den erbeuteten Gtern davon.

Schmerzlich vermite Karl unter den Mitgefangenen den Matrosen, der sich
seiner auf der ganzen Reise so vterlich angenommen hatte, er mochte
vielleicht im Kampfe geblieben oder mit dem Schiffe untergegangen seyn.
Auch des Kapitains wurde er nicht gewahr, der vielleicht gleiches Loos mit
dem Matrosen hatte.

Karl schauderte bei dem Gedanken, sich in den Hnden von Seerubern zu
befinden, zusammen.

Ach, wie bereute er jetzt den so unbesonnenen Schritt, den er gethan hatte.
Wehe! rief er aus, wre ich doch nie an den Hafen gegangen und htte der
guten Margaretha gefolgt, und wre zu meinem Vater zurck gekehrt!

Ach, wehe mir, was wird nun aus mir werden! Ich sehe vielleicht nie mehr
meinen Vater und meine Schwester!

Und Karl setzte sich in einen Winkel des Schiffes und weinte.

Die Seeruber kmmerten sich wenig um den weinenden Knaben.

Sie landeten nach einigen Tagen und suchten ihre Gter in Sicherheit
zu bringen, whrend sie auch ihr Fahrzeug, das Schaden genommen hatte
ausbessern lieen.

Die Gefangenen aber und mit ihnen Karl wurden als Sklaven in Tripolis
verkauft.




Neuntes Kapitel.

Karls Beschftigung als Sklave.


Karl gerieth auf dem Sklaven-Markte in die Hnde eines reichen und
vornehmen Trken, dem das gesunde Aussehen des Knaben sehr wohl gefiel.

Allah! sagte der Trke, welche Zierde wird dieser junge Sklave in meinen
Grten werden, es mu sich schn ausnehmen, wenn er so zwischen den Blumen
und Gewchsen einher geht. Und so kaufte er den Knaben, ohne um den Preis
zu feilschen.

Nun kam Karl auf die weiten Besitzungen des Trken, welcher die
schnsten Grten besa, die mit den seltensten Blumen und Bumen, mit den
kostspieligsten Brunnen und Wasserleitungen und mit den geschmackvollsten
Gartenhuschen, Grotten und Tempeln prangten.

Er wurde einem betagten Sklaven, der sich auf die Grtnerei verstand,
beigegeben; dem mute er stets zur Hand seyn.

Er wurde angewiesen, die Blumen-Beeten vom Unkraute rein zu halten und
die Blumen und Pflanzen zu begieen. Auch die Gnge im Garten waren ihm
theilweise zugetheilt, auf welchen er den Sand gleichmig zu vertheilen,
und solche von Steinen und Reisern rein zu halten hatte.

Mit dieser Beschftigung verflo eine lange Zeit, whrend welcher sich Karl
oft nach Hause sehnte und heie Thrnen vergo, wenn er so seinem Tagwerke
nachging und ber seine Erlebnisse nachdachte.

Kam nicht sein ganzes widriges Geschick von seinem Hange zur Thierqulerei
her?

Am meisten aber lag ihm am Herzen, da sein Vater unbekannt mit dem
Geschicke seines Sohnes war. Er htte so viel darum gegeben, wenn er seinem
Vater Nachricht von sich htte zukommen lassen knnen, aber wie sollte er
es anfangen? Dabei hegte er die Hoffnung, da sein Vater, sobald er den
traurigen Aufenthalt des Sohnes erfahre, gewi alle Mittel aufbieten werde,
ihn zurck in die Heimath zu bringen.

Allein er sah keinen Weg, dem Vater Mittheilungen zu machen.

Karl konnte zwar schreiben, es fehlte ihm aber hier an den nthigen
Schreibmaterialien sowohl, als auch an der Gelegenheit, den Brief zu
befrdern.

Da ging er nun oft sehr traurig und niedergeschlagen in den schnen
Gefilden des Gartens umher.

Er wandte sich oft im Gebete zu Gott, suchte und fand Trost darin.

Ich sehe ein, sprach er, da ich diese Prfung verdient habe; aber guter
Vater im Himmel! fhre mich auch wieder den Meinigen zu. Hier mu ich dem
Leibe und dem Geiste nach Verkmmern. Wie glcklich sind gegen mich meine
Jugend-Genossen, denen Unterricht ertheilt wird und welchen so tglich
Gelegenheit gegeben ist, sich zu vervollkommnen und Dir himmlischer Vater
so stets hnlicher zu werden, der Du das vollkommenste Wesen bist.

Der alte Sklave, welchem Karl beigegeben war, bemerkte die groe
Traurigkeit des Grtner-Jungen und er sprach eines Tages zu Karl:

Du scheinst mir nicht mit deinem Stande zufrieden zu seyn? hast du
vielleicht eine Angelegenheit, aus der ich dir zu helfen im Stande wre?

Ich sehe ja kein Ende meiner Leiden, antwortete Karl, warum sollte ich
da nicht traurig seyn? Ich mu hier die Arbeiten eines Grtner-Jungen
verrichten, whrend ich, wenn ich bei meinem Vater wre, nun dessen
Geschft als Kaufmann bernehmen und ein herrliches Leben fhren knnte.

Besitzt denn dein Vater, fragte der alte Sklave, Reichthum?

Das Haus Daruff, versetzte Karl, steht in gutem Rufe.

Wenn das ist, sagte der Sklave, so wird es ja deinem Vater auch nicht
schwer halten, dich frei zu machen und dich in die Heimath zurck kommen zu
lassen?

Mein Vater, erwiederte Karl, wrde einen betrchtlichen Theil seines
Vermgens daran setzen, mich frei zu machen, aber wo finde ich Mittel und
Wege, ihn von meinem Geschicke in Kenntni zu setzen?

Das will ich dir sagen, versetzte der Sklave, du wendest dich an den
reichen Kaufmann Osmin dahier, welcher oft in diesen Grten lustwandelt und
bei Hassan, unserm Gebieter in hohen Ehren steht. Der wird sich gewi
fr dich verwenden, denn Osmin liebt das Geld, ist er gleich einer der
reichsten Kaufleute und hier sieht er mit scharfem Blicke Vortheile
erwachsen.

Macht mich doch, bat nun Karl, mit Osmin bekannt, sollte ich meine Freiheit
erringen, so soll es euch gut belohnt werden, da ihr mir diesen Rath
ertheilt habt.

Glcklicher Zufall! sagte der Sklave, dort wandelt Osmin zwischen den
Palmen, begib dich zu ihm, trage ihm deine Noth vor, sage, da das Haus
deines Vaters in gutem Rufe stehe und ich mte diesen Osmin nicht kennen,
wenn er dir nicht behilflich seyn sollte!

Karl pflckte einen hbschen Blumenstrau, band ihn sinnig zusammen und
begab sich damit zum reichen Kaufmann Osmin.

Allah sei mit Euch, edler Osmin, sagte Karl, verschmht es nicht, diesen
Blumenstrau anzunehmen!

Wer schickt mir den Strau? fragte Osmin.

Ich habe ihn fr Euch gepflckt, entgegnete Karl, da man mir sagte, da Ihr
ein groer Blumenfreund seyd.

Osmin betrachtete den Blumenspender mit Wohlgefallen, griff dann in die
Tasche, um demselben ein Silberstck zu geben.

Verzeiht, edler Osmin, sagte Karl, der sich anstndig weigerte, das
ihm zugedachte Geschenk zu nehmen, ich bitte Euch um eine andere
Gunst-Bezeigung.

Und worin besteht diese? fragte Osmin den Grtner-Jungen, dessen seines
Wesen ihm wohlzugefallen schien.

Habt die Gte, versetzte Karl und schreibt an meinen Vater, da ich hier
als Sklave in Diensten stehe, da er sich meiner doch annehmen und mich aus
dem Sklaven-Joche befreien mge.

Wer ist denn dein Vater, fragte Osmin, dem du so Groes zutraust!

Mein Vater, entgegnete Karl, ist der reiche Kaufmann Daruff unfern Bremen,
dessen einziger Sohn ich bin.

Der reiche -- der reiche Kaufmann Daruff, wiederholte Osmin, aber sage mir
doch, wie bist du denn Sklave geworden?

Karl erzhlte, da er von seinem Vater zum Onkel Heinrich nach London
geschickt worden sei, da indessen das Schiff, auf welchem er sich
befunden, von Seerubern genommen worden und er so in die Sklaverei
gekommen sei.

Dein Geschick geht mir zu Herzen, sagte Osmin, und denken kann ich mir
auch, wie du dich zurck nach deinem Vater sehnest; aber Summen kann es
kosten; doch dein Vater, der reiche Kaufmann wird die Piaster nicht erst
ngstlich in der Hand wiegen, wenn es sich darum handelt, seinen einzigen
Sohn wieder um sich zu sehen.

Aber Hassan, fuhr er fort, Hassan, dein Gebieter hat hier auch ein Wort zu
reden und ist der mit deiner Freiheit nicht einverstanden so hilft aller
Reichthum nichts, den dein Vater besitzt und den er zu deinem Besten willig
opfern wrde.

Ach, edler Osmin, sagte Karl, man hat mich darber verstndigt, wie hoch
Ihr bei Hassan dem Gebieter in Ehren steht; wrdet Ihr nun Eure gtige
Frsprache mir zu Theil werden lassen, so drfte ich gewi seyn, da ich
frei werde. Und da sich dann mein Vater hchst erkenntlich gegen Euch
bezeigen wrde, dessen versichere ich Euch hoch und theuer.

Ich will deinem Vater schreiben, sagte Osmin; zuvor aber mu ich mit Hassan
reden. Ich kenne deinen Gebieter; solltest du so unglcklich seyn, da er
dich, er, der so viele Sklaven besitzt, persnlich kennt, so ist auch meine
Frsprache und Alles umsonst; ja, dann darf ich es nicht einmal wagen, an
deinen Vater zu schreiben, um ihn mit deinem Geschicke bekannt zu machen.

Morgen will ich schon zu Hassan gehen und Rcksprache mit ihm nehmen; sage
mir nun, welchen Namen fhrest du als Sklave?

Mir wurde, entgegnete Karl, der Name Ilev beigelegt, dessen Geschft es
ist, in Hassan's schnen Grten die Blumenbeete vom Unkraute zu reinigen
und die Gnge in reinlichem Stande zu erhalten.

Sei also morgen um diese Zeit, sagte Osmin, wieder hier unter den Palmen,
ich werde dir dann mittheilen, welchen Erfolg meine Unterredung mit Hassan
dem Gebieter hatte.

Mit diesen Worten entfernte sich Osmin in stolzer Haltung.

Allah schtze Euch, edler Osmin, rief ihm Karl noch nach und ging dann zu
dem alten Sklaven zurck, dem er das Gesprch mit Osmin mittheilte.




Zehntes Kapitel.

Die verschleierte Dame.


Hassan, sprach Osmin, du hast einen jungen Sklaven, welcher Ilev heit und
in deinen Grten beschftigt ist, der sehnt sich zurck zu seinem Vater,
welcher reich seyn soll und seinen Sohn gerne auslsen wird. So du nicht
anders beschlossen hast wage ich es, fr Ilev zu bitten, gib ihn frei und
lasse ihn heim ziehen!

Wie sprichst du Osmin? versetzte Hassan, du sprichst von dem Vater eines
meiner Sklaven, welcher reich seyn soll, hast du je von mir gehrt, da ich
Geld aus meinen Sklaven zu lsen suchte? Hassan hat schon so viele Sklaven
gekauft, wer kann aber sagen, da Hassan je einen Sklaven verkauft, oder
ihm die Freiheit des Geldes halber gegeben habe?

Gro sind die Reichthmer Hassan's, aber auch edel ist Hassan's Herz,
sagte Osmin, wenn es dein Wille ist, so erhlt Ilev die Freiheit, nicht des
Geldes halber, nein, weil es Hassan so will, der da den Vater des Sklaven
glcklich zu machen sucht, indem er ihm den einzigen Sohn zurck gibt.

Wisse Osmin, sagte Hassan, whrend er eine verschleierte Dame, die neben
ihm ruhte, gtig und wohlwollend anblickte, da mir an dem Tage, an welchem
ich den jungen Sklaven Ilev kaufte, meine Ossira mir meinen Sohn Selim
schenkte. So ist dieser Sklave mir ein theures Zeichen ser Erinnerung,
den ich um Gold und Perlen nicht entferne; denn mte ich nicht besorgen,
meinen Sohn Selim zu verlieren, wenn ich den Sklaven von mir liee?

Groer Hassan, sprach hierauf die verschleierte Dame, lasse diesen Sklaven
ziehen und mache ihn und seinen Vater glcklich, auf da Allah uns segne!
Ach, dein Sohn Selim ist nicht mehr; deshalb kam ich so traurig zu dir,
weil ich dir eine so schlimme Botschaft zu bringen hatte.

Und aus ihrem Tone, mit welchem sie diese Worte hervor brachte, konnte man
wohl entnehmen, da Ossira weine.

Da kreuzte Hassan die Arme auf der Brust und rief wehmthig aus: Allah,
Allah! du hast mir meinen Sohn Selim genommen? Allah, was hat sich Hassan
zu Schulden kommen lassen, da du solche Strafe ber ihn verhngst? Selim,
mein Selim todt!

So klagte Hassan und Osmin ging auf die Seite, denn sein Herz ward ob dem
Schmerze Hassans um seinen Sohn Selim tief gerhrt.

Osmin, sprach hierauf Hassan, da mich Allah mit Strafe heimgesucht hat
und da mir nun Ilev der Sklave kein freudiges Erinnerungszeichen mehr ist,
vielmehr mein Herz bei seinem Anblicke nur stets mit Trauer erfllt wrde,
so nimm den Sklaven zu dir, sage ihm, da ihm Hassan die Freiheit geschenkt
habe, statte ihn auf Kosten Hassan's reichlich aus und sorge dafr, da er
wohlerhalten in seine Heimath zu seinem Vater gebracht werde!

Edler Hassan, sagte Osmin, du legst mir eine edle Pflicht auf, der ich
getreu nachkommen werde.

Whrend dieses in Hassan's Gemache vorging war Karl im Garten mit seinen
Blumen beschftigt. Er erinnerte sich wieder besonders lebhaft seines
Vaters und seiner Schwester und sehnte sich strker als je nach seiner
Heimath.

Er hatte in einem entlegenen Theile des Gartens, welcher wild mit
Strauchwerk verwachsen war, sich eine kleine Einsiedelei errichtet; in
den Stamm einer Trauerweide schnitt er ein Kreuz, vor welchem er sich oft
niederwarf und zu Gott betete, da holte er sich Trost, wenn sein Herz mit
Kummer erfllt war; hier durfte er beten, Niemand strte ihn. Da wandte er
sich an den Erlser, der so viel fr die Menschheit litt.

Auch heute ging er seiner Einsiedelei zu, warf sich wieder vor dem Kreuze
nieder und betete recht instndig zu Gott, er mge doch mit ihm seyn und
Hassan's Herz bewegen, da er ihm die Freiheit schenke und ihn in die
Heimath ziehen lasse.

Guter Gott! sprach er, erhre mein Gebet! Und Thrnen flossen ihm von den
Wangen.

Hierauf erhob er sich und fhlte sich recht gestrkt.

Da erschrack er, denn eine verschleierte Dame stand hinter ihm, welche wohl
sein Gebet mochte angehrt haben.

Erschrick nicht, Ilev! sagte die Dame mit lieblichem Tone, Gott hat dein
Gebet erhrt, Hassan hat dir die Freiheit geschenkt, du wirst zu deinem
Vater zurck kehren!

O guter Gott! rief Karl, da hast du ja mein Gebet wieder erhrt, und
schickst mir abermals einen Engel, der mir verkndet, da du mich nicht
verlassen hast. Und seine Thrnen brachen aufs Neue hervor.

Wie freut es mich, sagte die Dame, in dir einen Christen zu finden; wie
erhebt mich sichtbar dein Glaube, dem auch ich zugethan bin. Nimm dieses
Andenken, fuhr sie fort, und berreichte ihm ein kostbares Kreuz, es
mge dich an die heutige Stunde erinnern, in welcher dir Ossira, das Weib
Hassan's, deine Freiheit verkndigte. Solltest du wieder in Noth gerathen,
so nimm deine Zuflucht zu dem Heilande, welcher fr uns am Kreuze starb,
und wie er dir heute geholfen hat, so wird er dir auch ferner helfen.

Karl warf sich ihr zu Fen und kte den Saum ihres Kleides, unvermgend,
seinem Inneren durch Worte Luft zu machen.

Osmin, der Kaufmann, sagte Ossira und reichte dem vor ihr liegenden frei
gewordenen Sklaven die Hand zum Aufstehen, ist beauftragt, dafr zu sorgen,
da du wohl ausgestattet, zu den Deinigen zurck gebracht wirst.

Lebe nun wohl, Ilev und so oft du dich zu Gott im Gebete wendest vergi
auch meiner nicht!

Mit diesen Worten verschwand Ossira, welche im Kummer ihres Herzens ob dem
Tode ihres Sohnes Selim die unbesuchtesten Theile des Gartens ausgesucht
und so den betenden Sklaven gefunden hatte.

Karl warf sich nun nochmals vor dem Kreuze nieder und dankte mit gerhrtem
Herzen Gott dem allgtigen Vater fr das Werk der Barmherzigkeit, welches
er an ihm gethan hatte. Dann ging er auf die Palmen zu, wohin ihn Osmin
bestellt hatte.

Osmin wandelte schon unter den Palmen und als Ilev auf ihn zukam sprach er:

Preie dich glcklich, da du von nun an nicht mehr Hassan's Sklave bist,
der dich mir bergab, auf da ich dich pflege und nicht als einen Sklaven
behandle.

Ich sage Euch meinen tiefsten Dank, edler Osmin, sprach Karl, denn nur wohl
auf Euere Verwendung hat mir Hassan der Gebieter die Freiheit geschenkt.

So folge mir nun in mein Haus nach, sagte Osmin und nimm Abschied von
diesen Grten, die du jetzt nie mehr betreten wirst.

Karl warf noch einen langen Blick nach dem Theile des Gartens hin, wo er
seine Einsiedelei errichtet hatte und wo ihm Ossira mit den Trostesworten
erschienen war, wo er von Kummer niedergebeugt auf den Knieen vor dem in
die Trauerweide eingeschnittenen Kreuze lag und Muth und Strke im Gebete
erlangte, dann folgte er Osmin nach, ohne demselben von der Erscheinung
Ossira's eine Mittheilung zu machen.




Eilftes Kapitel.

Karl im Hause Osmin's.


Nicht wie Ossira gesagt hatte und nicht wie Osmin selbst unter den Palmen
erklrte, erfuhr Karl in Osmins Hause eine Behandlung, man machte vielmehr
wenig Unterschied zwischen ihm und den brigen Sklaven.

Zudem verstrichen Tage, Monate, ja ganze Jahre, ohne da Osmin auch nur die
geringsten Anstalten traf, Karl in die Heimath zu bringen.

Denn Osmin war gierig nach Geld und hoffte, mit Ilev gute Geschfte zu
machen. Er schrieb wohl an Karls Vater, forderte aber Behufs der Auslsung
seines Sohnes ungeheure Summen, welche das Vermgen Daruffs zweimal
berstiegen. Sei es nun, da die Briefe nicht an Daruff gelangten, oder
da der bekmmerte Vater einsehen mochte, nicht im Stande zu seyn, solchen
berspannten Forderungen nachzukommen, kurz es erfolgte keine Antwort und
Osmin wurde dehalb grimmig und aufgebracht gegen Karl, indem er vermeinte,
Ilev habe ihm in der Absicht, frei zu werden, Unwahrheiten gesagt und der
Reichthum des Vaters sei nur erdichtet gewesen.

Er behandelte nun Karl wie einen Sklaven und lie sich sogar Grausamkeiten
gegen ihn zu Schulden kommen.

Da sagte eines Tages Karl: Osmin, entweder hat mir Hassan die Freiheit
nicht geschenkt, oder Ihr handelt nicht nach Hassan's Worten, der da
wollte, da Ihr mich zu meinem Vater zurckbringet, in dessen Wille es aber
gewi lag, da Ihr mich nicht wie einen Sklaven in Eurem Hause behandelt.

Was? du klagst ber die Behandlung in meinem Hause, rief Osmin hchst
aufgebracht, elender Sklave! Ist das der Lohn fr meine Verwendung bei
Hassan, der mir mit dir nur ein Geschenk machte, ber welches ich nach
Willkhr verfgen kann?

Dann habt ihr mir unter den Palmen, entgegnete Karl, die Unwahrheit gesagt
und mir wre besser, ich befnde mich noch als Grtner-Junge in Hassan's
Grten! Ich wei aber, da Ihr gegen Hassan's Worte handelt und ich werde
mich selbst an Hassan wenden und Euch anklagen!

Elender, undankbarer Sklave! rief Osmin in Wuth, ich will Dir den Weg zu
Hassan schon abschneiden!

Und Osmin gab Befehl, da Karl zwlf Peitschenhiebe auf die Fusohlen
erhielt. Nebstdem erhielten zwei Sklaven des Hauses den Auftrag, Ilev nicht
aus den Augen zu lassen, und es wurde ihnen mit dem Tode gedroht, falls sie
ihr Amt vernachligen sollten und es sich begeben wrde, da Ilev sich aus
dem Hause entferne.

Auf diese Weise befand sich Karl wieder in der elendesten Lage.

Er weinte oft des Nachts auf seinem harten Lager und wnschte sich in
Hassan's Grten zurck.

Seine Zuflucht war wieder das Gebet, in welchem er sich an Gott den
allgtigen Vater der Menschen wandte; dann nahm er auch das Kreuz, welches
er von Ossira erhalten hatte, prete es an seine Brust und betete fr sich
und fr Ossira.

Ach wte sie, sagte er, in welcher Noth ich mich befinde, sie wrde mir
gewi helfen. Aber wie soll ich zu ihr, wie soll ich zu Hassan gelangen?

Indessen ertrug er mit Stillschweigen und mit vieler Ergebung sein hartes
Geschick, immer die Gelegenheit abwartend, die es ihm mglich mache, Hassan
seine Noth zu klagen.

Diese Gelegenheit ergab sich endlich.

Osmin mute in Handelsgeschften verreisen, einer der Sklaven, welchem die
strenge Aufsicht ber Karl anbefohlen war, erkrankte und konnte sein Lager
nicht verlassen und der andere war immer so beschftigt, da er nicht in
dem Mae der Aufsicht sich unterziehen konnte, wie ihm vorgeschrieben war.

Da machte sich Karl eines Morgens aus dem Hause und da ihm alle Eingnge
in Hassan's Grten bekannt waren, eilte er dahin in der Absicht, den alten
Sklaven aufzusuchen, dem er frher beigegeben war, ihm seine Noth zu klagen
und ihn um Rath zu befragen, wie er es anzustellen habe, um vor Hassan zu
kommen.

Er war auch so glcklich, den alten Sklaven gleich aufzufinden, der ob
Ilev's blem Aussehen sehr in Verwunderung gerieth. Karl klagte ihm nun
seine Noth und bat ihn um Rath.

Wer htte das von Osmin gedacht! rief der alte Sklave, aber ich kenne
diesen Osmin schon, der gieriger nach Geld ist, als der Rabe nach Aas.

Bleibe, lieber Ilev, fuhr er fort, nur bei mir bis Mittag, da kommet Hassan
hier vorber, du wirfst dich vor ihm nieder und erzhlst ihm die grausame
Behandlung, die dir dieser Osmin angedeihen lt. Hassan wird sich deiner
erbarmen, denn sein Herz ist edel und so wirst du besseren Tagen entgegen
gehen.

Trinke indessen hier aus meinem Kruge und i von meinem Brode, denn es
scheint, auch Speis und Trank werde dir in Osmin's Hause nicht im Uebermae
gereicht.

Karl folgte der wohlwollenden Einladung des alten Sklaven und erquickte
sich erst, dann aber zog ihn sein Herz hin nach der Einsiedelei, welche er
aufsuchte, um dort die Zeit bis Mittag zu verbringen.

Aber wie berrascht war er, als er vor der ihm so wohlbekannten Trauerweide
stand, wie war Alles so anders geworden, wie lieblich war der Platz
eingerichtet! Hier blthen Rosen und Jasmin, wo frher wildes Gestruch
stand und das in der Trauerweide eingeschnittene Kreuz, wie hatte sich das
verndert! Vor demselben war ein kleiner Altar errichtet und vor dem Altare
befand sich ein Schemel von frischem Rasen, zur Rechten und Linken mit den
schnsten Blumen geziert.

Das Kreuz war mit Gold und Silber eingefat, und in der Mitte hing der
sterbende Heiland mit der Dornenkrone, gleichfalls von Silber und mit
Edelsteinen besetzt. Der Wipfel der Trauerweide bildete ein Dach, welches
dem Kreuze mit dem Altare und Schemel zum Schutze gegen ble Witterung
diente.

Hier, rief Karl aus, hat Ossira mit frommem Herzen Alles so geschaffen,
hier ist Ossira's Betort, nur Ossira ist die Schpferin dieses stillen
Betortes.

Und er warf sich nieder auf den Schemel vor dem Altare, faltete recht fromm
die Hnde, und schickte innbrnstige Gebete zu Gott.

Und siehe, als er aufstand -- stand Ossira vor ihm.

Seh ich recht, sprach Ossira, Ilev du hier?

Guter Gott! rief Karl aus, fiel zu Ossira's Fen nieder und kte
wieder den Saum ihres Gewandes, guter Gott! du schickst mir wieder deinen
rettenden Engel! Ach, hohe Gebieterin, ich bin Ilev, der unglckliche Ilev,
welchem Ihr Freiheit und Rckkehr in die Heimath verkndigt habt, der aber
von Osmin dem Kaufmann zurckgehalten und grausam behandelt wird.

Wie? fragte Ossira, so htte dich Osmin noch gar nicht zu deinem Vater
gesandt?

Hohe Gebieterin, sagte Karl, Osmin schlo mich bis jetzt in seinem Hause
ein, lie mich streng bewachen, und ich erfuhr eine Behandlung, wie man sie
kaum einem Sklaven angedeihen lt.

Und hast du denn nie Gelegenheit gehabt, fragte Ossira weiter, mich oder
Hassan von deiner kummervollen Lage in Kenntni zu setzen?

Ich war der strengsten Aufsicht unterworfen, erwiederte Karl und nur jetzt
erst, da Osmin in Handelsgeschften sich entfernt hat, bot sich mir die
Gelegenheit, in diese Grten zu kommen, ach, und kaum war ich wieder in
diesen prchtigen Gefilden, so zog es mich mit Gewalt hieher an diesen Ort,
den ich so herrlich umgewandelt fand.

Osmin, sagte Ossira, hat schlimm an dir gehandelt, und sich schwer wider
Hassan vergangen, dem ich Alles, was du mir jetzt mitgetheilt hast,
hinterbringen und dabei Osmin schwer anklagen werde, damit man ihn streng
zur Strafe ziehe.

Erlaubet mir, hohe Gebieterin, sprach Karl, da ich mich in diesen Grten
aufhalten darf, denn ich befrchte, kehre ich in Osmin's Haus zurck, nur
grausam mihandelt zu werden.

Gehe hin zu jenem Sklaven, sagte Ossira, welcher eben die beiden Krbe voll
Blumen in Hassan's Gemcher trgt, sage ihm, ich htte befohlen, er
solle dich so lange in seinen Schutz nehmen, bis man dich von ihm zurck
verlange. Ich aber will mich bei Hassan fr dich verwenden.

Ossira verschwand wieder und Karl ging auf den Sklaven zu und hinterbrachte
ihm Ossira's Befehle.




Zwlftes Kapitel.

Osmin vor Hassan.


Osmin war von seiner Reise heimgekehrt; glcklich sah er die Geschfte
vollendet, die ihm reichen Gewinn eintrugen; deshalb war er heiter und
guter Dinge und dachte an nichts weniger als an seinen Sklaven Ilev.

Da kam an ihn eine Einladung von Hassan und eilig machte sich Osmin auf den
Weg zu Hassan, neuen Gewinn hoffend.

Hassan empfing ihn uerst freundlich und machte wichtige
Waaren-Bestellungen bei dem Kaufmann, der im Stillen die groen Vortheile
berechnend, allen Wnschen Hassan's nachzukomnen suchte.

Doch, Osmin, sagte jetzt Hassan, ich beschwere dich wieder mit neuen
Bestellungen und kann mich doch nicht erinnern, ltere Schulden getilgt zu
haben, die nicht unbetrchtlich seyn drften. Du hast meinen Sklaven Ilev,
dem ich, da mein Sohn Selim mit Tod abgegangen war, die Freiheit schenkte,
ausgestattet und dafr gesorgt, da er zurck in seine Heimath gebracht
wurde, gib nun an, was ich hierfr schulde!

Edler Hassan, sprach Osmin, sich im Herzen freuend, so unerwartet wieder
treffliche Geschfte zu machen, es ist nur eine Kleinigkeit, mit welcher
ich dir seither nicht beschwerlich fallen wollte.

Kleinigkeit? wiederholte Hassan, solltest du etwa vergessen haben, da ich
dir auftrug, den Sklaven so auszustatten, da sich Hassan der Ausstattung
nicht zu schmen habe?

Edler Hassan, versetzte Osmin, ich habe nichts gespart und glcklich
gelangte Ilev in seine Heimath.

Hast du auch sichere Nachricht hierber? fragte Hassan.

Die sicherste, edler Hassan, sagte Osmin, ist mir von dem Handlungshause
zugekommen, welchem ich deinen Schtzling anvertraute. Vater und Sohn
preisen sich nun glcklich und erflehen fr dich tglich den himmlischen
Segen.

Gut, Osmin, sprach Hassan, so lasse mich nun auch nicht lnger in Schulden
und gib mir an, wie hoch sich deine Auslagen belaufen.

Nur eine Kleinigkeit fr dich, edler Hassan, sagte Osmin, der ganze Betrag
beluft sich nur auf fnftausend Piaster.

Fnftausend Piaster! wiederholte Hassan und mit den Worten winkte er
einem Sklaven: geh, und lasse meinen Schatzmeister eintreten, damit er
Richtigkeit mache.

Der Sklave entfernte sich, eine Seitenthre des Gemaches ffnete sich, und
herein trat Ilev.

Wie vom Blitze getroffen stand Osmin da. Er traute kaum seinen Augen,
die Rthe auf seinem Gesichte vernderte sich in falbe Todtenblsse, er
zitterte und fiel mit den Worten zu Hassan's Fen: Erbarmen! edler Hassan,
Allah ist gerecht und bestraft meine schwarze That!

Weg von mir! rief Hassan, elender, abgefeimter Betrger, so lohnst du das
Vertrauen, welches ich dir bis jetzt in so groem Mae geschenkt habe? Dich
mge Allah mit dem Fluche verfolgen, das Geld mge sich in deiner Hand
in glhendes Erz verwandeln, und dein auf so niedertrchtige Weise
zusammengescharrter Reichthum mge dir die Brust zuschnren, Elendester
unter der Sonne! Ich will deine Schandthaten aufdecken und Allah ist
dir gndig, wenn du nicht mit dem Galgen oder mindestens mit dem Kerker
bestraft wirst.

Erbarmen, edler Hassan, habe Erbarmen, flehte Osmin auf dem Boden, habe
Erbarmen mit mir!

Weg, Elender! rief aber Hassan und entfernte sich mit Ilev, whrend
Hassan's Sklaven den betrgerischen Kaufmann dem Gerichte berlieferten,
welches strenge Strafe ber ihn verhngte.

Zu Ilev sprach dann Hassan: gehe zu Ossira, meinem Weibe, danke ihr, die
es war, die sich deiner annahm, und hinterbringe es ihr, wie ich mit Osmin,
deinem Bedrcker verfuhr. Ich selbst aber will jetzt dafr sorgen, da du
in deine Heimath gelangst, und nicht wieder einem Betrger in die Hnde
fllst.

Und Ilev that unter Thrnen des Dankes, wie ihm Hassan befohlen.




Dreizehntes Kapitel.

Karl reist in die Heimath.


Der edle Hassan hielt Wort. Karl befand sich auf einem sehr schnen
Schiffe, welches nach Bremen abging. Hassan hatte so fr ihn gesorgt, da
es ihm an keiner Bequemlichkeit fehlte. Nebstdem gab er ihm so viel an
Geld, da Karl sich im Stande befand, als wohlhabender Mann aufzutreten.

Beim Abschiede sprach Hassan: ich habe nun Alles gethan, um dir die
Drangsale vergessen zu machen, deren du in Osmin's Hause gegen mein Wissen
und meinen Willen ausgesetzt warst; du kehrst nun zu deinem Vater heim, dem
sich Hassan empfiehlt. Wende das Wenige, das dir aus meiner Schatzkammer
zugeflossen ist, gut an und so oft du Gelegenheit hast, mildthtig gegen
Leidende und Bedrckte zu seyn, so verhrte dein Herz nicht und stehe ihnen
bei, so viel in deinen Krften liegt. Keine gute That bleibt unbelohnt
und jede gute Handlung ist ein Samenkern, welcher zu einem mchtigen
Baume aufschiet, unter dessen Schutz du bei herannahendem Sturme flchten
kannst. Es gibt keine reinere Freude, als Thrnen der Noth zu trocknen.
Erinnere dich oft deiner Erlebnisse in unserem Lande und vergi nie, wie
wohl es dir that, ein menschenfreundliches Herz gefunden zu haben; du wirst
dann doppelt geben und auch eine zweifache Erndte zu hoffen haben.

So sprach Hassan und mit gerhrtem Herzen, das ihm kaum gestattete, seinen
Dank mit Worten auszudrcken, schied Karl, welcher jetzt in den rstigsten
Jahren stand, von Hassan und Ossira, dessen Weibe.

Die Fahrt ging gut von Statten.

An einem schnen Morgen sahen endlich die Reisenden das ersehnte Ziel vor
Augen und das Schiff lief in den Hafen.

Karl, welcher noch auf der See sich unplich fhlte, wurde krnker und
so wenig er auch damit einverstanden war, so brachte man ihn doch in das
Spital.

Hier blieb er die vorgeschriebene Zeit, welche fr jene festgesetzt ist,
die aus den heieren Lndern kommen und von irgend einer Krankheit befallen
sind. Er war ganz abgeschlossen und bekam nur jene zu Gesicht, die sich mit
seiner Verpflegung beauftragt sahen.

Whrend dieser Zeit hrte Karl aus einem nicht weit von ihm gelegenen
Zimmer die hellen, unsicheren Tne, als wenn eine alte Frau andchtig dem
Gesange obliege. Diese Tne wurden dann von einem Gelchter unterbrochen,
welches keineswegs zum andchtigen und erbaulichen Gesange pate.

Karl erkundigte sich nach der Sngerin und der Wrter antwortete: ach, die
tolle Margareth, der Mond ist wieder im Zunehmen, das sprt das alte Ding
und da hat sie wenig Ruhe.

Sprichst du von einer Wahnsinnigen? fragte Karl.

Ja wohl! Ihr meint doch die Person, welche so erbaulich singt? Nun ja,
diese ist die tolle Margareth, sagte der Wrter.

Bei dem Namen Margareth kam Karl sogleich jene Margaretha in das
Gedchtni, welche ihn vor vielen Jahren aus der polizeilichen Haft
entlie.

Er erschrack bei dem Gedanken, da Margaretha durch seine Schuld vielleicht
dem Wahnsinne anheim gefallen sei und begierig fragte er weiter: ist denn
diese Person schon alt und kennt man keinen Grund, was sie vielleicht zum
Wahnsinne brachte?

Das wei man wohl, entgegnete der Wrter, das alte Ding wurde aus dem
Dienste gestoen und hat ihren Anspruch auf Pension verloren; das hat nun
der armen Margareth so zugesetzt, da sie von jener Stunde an wahnsinnig
ist.

Ach Gott! sagte Karl, sie ist es!

Kennt Ihr sie auch? fragte der Wrter.

Karl wollte sich nicht verrathen und sprach: ich habe wohl von dieser
Person schon gehrt, aber persnlich kenne ich sie nicht. Doch wre mir
daran gelegen, sie einmal zu sehen.

Das steht Euch frei, sagte der Wrter, sobald Ihr genesen seid und Eure
Zeit ausgehalten habt.

Diese Person, fuhr Karl fort, wurde also aus dem Dienste gejagt und hat
ihre Pension verloren? Was hat sie sich denn zu Schulden kommen lassen und
bei wem stand sie in Diensten?

Die alte Margareth, erzhlte nun der Wrter, stand damals bei der Polizei
dahier in Diensten, nun wurde ein junger Bursche aufgegriffen, den man
des Diebstahls zeihte, weil man einen kostbaren Ring bei ihm fand, der
entwendet war; das gute alte Ding mag sich durch das klgliche Thun dieses
Burschen haben verfhren lassen und wie sie eingestand, hat sie denselben
aus der Haft richtig entwischen lassen.

Karl erschrack sehr, denn nun zweifelte er nicht mehr, da die unglckliche
Wahnsinnige seine arme Margarethe sei, die ihm damals zur Freiheit
verholfen, die er hintergangen und auf diese Weise hchst unglcklich
gemacht hatte. Er verbarg aber sein Inneres, so gut er konnte und fragte
wieder:

Wie ist man denn dahinter gekommen, da Margaretha den Burschen entwischen
lie, hat sie es denn sogleich einbekannt?

Das nicht, versetzte der Wrter, aber man hat den Rock bei ihr gefunden,
den dieser Bursche bei seiner Haftnahme getragen haben soll.

Gut, da jetzt wieder die hellen Tne der Wahnsinnigen erfolgten, Karl
nahm zum Vorwande, da er durch diesen Gesang bei seiner Unplichkeit sehr
ergriffen werde und so brach der Wrter dieses Gesprch ab und entfernte
sich.

Karl besserte sich immer mehr und die Zeit ging zu Ende, welche er im
Spital zuzubringen hatte.

Er ging nun mit sich zu Rathe, ob es nicht besser sei, seinen Vater
von seiner Ankunft erst in Kenntni zu setzen; er berlegte, da sein
pltzliches Erscheinen im elterlichen Hause nach so vielen Jahren
nachtheilig auf den alten Vater einwirken knne und so lie er einen Brief
von anderer Hand an seinen Vater abgehen, in welchem stand, da sein Sohn
Karl nach vielen erstandenen Mhseligkeiten auf der Rckkehr in seine
Heimath begriffen sei und demnchst ankommen werde.

Dann ordnete Karl seine Sachen und bereitete sich vor, das Spital zu
verlassen.




Vierzehntes Kapitel.

Karl und Margaretha.


Wenn Ihr Euch nicht scheut, sprach der Wrter zu Karl, allein bei einer
Wahnsinnigen zu bleiben, so kann ich Euch jetzt dienen und Euch zu ihr
einfhren, ich kann mich aber nicht lange dabei aufhalten.

Fhrt mich nur zu ihr, entgegnete Karl, ich fhle keine Scheu, ihr knnt
dann unbesorgt euren Geschften nachgehen.

Die dritte Thr da rechts im Gange, sagte der Wrter und fate den
Schlssel um die Thre zu ffnen.

Halt! sprach Karl, noch eine Frage: hat denn die unglckliche Person nicht
auch zuweilen lichte Augenblicke?

Genug, entgegnete der Wrter.

Und ist sie dann im Stande, fragte Karl weiter, ihre Bekannten zu erkennen
und vernnftig mit ihnen zu sprechen?

Ja wohl, erwiederte der Wrter, schlo die Thre auf und whrend er
mit Karl eintrat blickte die Wahnsinnige mit starren Augen nach den
Eintretenden.

Wie geht's Margareth? fragte der Wrter.

Margaretha schttelte blos mit dem Kopfe.

Nicht gut? fragte sie der Wrter. Margaretha schttelte wieder.

Ihr knnt jetzt bald, wandte sich nun der Wrter an Karl, vernnftig mit
ihr reden, sie hat wieder einen Sturm ausgehalten. Wollt Ihr jetzt allein
mit ihr bleiben?

Lat mich nur allein mit ihr, sagte Karl und der Wrter verlie das Zimmer.

Karl sah, da ihn Margaretha nicht erkannte, er ging auf sie zu und fate
sie bei der Hand.

Margaretha zog schnell ihre Hand zurck, sah stier vor sich hin und rief:
Herr Commissr lassen Sie mich!

Um Gotteswillen lassen Sie mich! Ich habe ja Alles einbekannt, ich wei
nicht, wo der Junge ist!

Karl traten die Thrnen in die Augen, er fhlte das ganze Gewicht seiner
Schuld und merkte wohl, da er der Gegenstand von Margaretha's Aeusserung
sei.

Furchtsam sah nun Margaretha auf Karl, blickte ihn lange unverwandt an und
sank dann auf einen Lehnstuhl, indem sie die Augen wie zu einem Schlafe
schlo.

Karl ging nher auf sie zu und betrachtete sie mit der grten Theilnahme
und als nun Margaretha nach kurzer Zeit die Augen wieder aufschlug, da
gewahrte Karl mit Freuden, da ihr Blick freier und ihr Auge klarer war.

Ihr kennt mich nicht, sagte Karl, ich komme vom alten Kaufmann Daruff und
soll euch Gre von ihm ausrichten.

Danke Euch, sagte Margaretha, ach, ich habe diesem Manne, bei dem ich so
lange in Diensten war und bei dem ich so viel Gutes genossen habe, herbe
Stunden bereitet. Der liebe Gott soll es mir verzeihen, da ich mich
verfhren lie; ich habe ja dem Jungen alles Gute zugetraut, wer htte denn
denken sollen, da es so kommen wrde. Ich kann, so wahr Gott im Himmel
ist! mit gutem Gewissen sagen, da ich nur des Beste des Hauses Daruff im
Sinne hatte. Nun ist der Junge fort und wer wei, wo er elend zu Grunde
gegangen ist!

Und sie fing an bitterlich zu weinen und hielt die Schrze vor das Gesicht.

Karl vermochte kaum aufrecht zu stehen, so ging ihm der Anblick der tief
bekmmerten Margaretha zu Herzen.

Gebt Euch zufrieden, sagte Karl, ich kann Euch nur die beste Nachricht
geben, Daruffs Sohn, Namens Karl, ist auf der Reise zu seinem Vater
begriffen; er ist gesund, hat freilich viele Mhseligkeiten erstanden, aber
das ist jetzt Alles vorber.

Gott im Himmel! rief Margaretha und schlug die Arme ber dem Kopfe
zusammen, whrend sie vom Lehnstuhl herunter auf die Knie sank, groer Gott
im Himmel! Da hast du ja mein Seufzen und Flehen vernommen! Du hast mein
Ringen mit angesehen und hast dich einer Unglcklichen erbarmt!

Karl weinte, hob die Knieende auf und whrend ihm unaufhaltsam die Thrnen
hervorschossen sprach er mit bewegter Stimme.

Kennt ihr mich denn nicht mehr, meine gute Margaretha? haben mich denn die
Jahre und die ausgestandenen Leiden so sehr entstellt, da ihr euern Karl
nicht mehr erkennt?

Starr sah ihm Margaretha in das Gesicht und mit einem lauten Schrei fiel
sie in Karls Arme.

Wahrhaftig! wahrhaftig! schrie sie, mein Karl! ach mein Karl! Und sie
lachte und weinte und sank dann wieder erschpft in den Lehnstuhl.

Ach sagte Karl, gute Margaretha, was habe ich euch so vieles Leid
geschaffen, knnt ihr mir denn verzeihen?

O Gott im Himmel ist gut! sprach Margaretha mit gegen Himmel gewandtem
Blicke; er hat ja mir geholfen und hat mir meine Schuld verziehen, warum
sollte ich nun meinem Karl einen Jugendfehler nicht vergessen knnen?

Ach, die arme Margaretha hat so oft an Euch gedacht und allezeit lief es
mir ganz schauerlich durch alle Glieder, wenn ich der Besorgni Raum gab,
Ihr wret durch meine Schuld und durch Euren Leichtsinn elend zu Grunde
gegangen. Gepriesen sei der Herr! der da Alles zum Besten lenkte.

Karl erzhlte nun so kurz als mglich seine Erlebnisse von der Stunde
an, in welcher er sich einschiffte bis jetzt und mit Rhrung hrte ihm
Margaretha zu.

Damit schlo Karl: Durch die Gte Hassan's meines groen Wohlthters sehe
ich mich nun in den Stand gesetzt, euch, gute Margaretha, einen kleinen
Theil meiner Schuld abzutragen. Ich will euch zu mir nehmen und euch in
euren alten Tagen so verpflegen, wie es nur eine gute Mutter von einem
dankbaren Sohne verlangen kann.

Ich schtze mich glcklich, auf diese Weise euch, gute Margaretha, zu
zeigen, da Karl nicht so schlimm ist und eure frhere Aufopferung fr ihn
ganz zu wrdigen wei.

Margaretha nickte nur mit dem Kopfe, denn reden konnte sie nicht und sie
verbarg ihr verweintes Antlitz hinter der Schrze.

Nach diesem verwendete sich Karl fr Margaretha, diese wurde aus dem Spital
entlassen und in einem hbschen Wagen fuhren nun Karl und Margaretha aus
Bremen der Heimath Karls zu.




Fnfzehntes Kapitel.

Der Brief.


Whrend Karl fern von der Heimath als Sklave die niedrigsten Geschicke zu
ertragen hatte, nderte sich in dem Hause des alten Daruff vieles.

Aurelie, die gute Tochter war zur sittsamen Jungfrau herangereift und
Daruffs Sorge ging nun dahin, einen annehmbaren Eidam in das Haus zu
bekommen, der das Glck seiner geliebten Tochter begrnde und das Geschft
tchtig fortfhre, denn der Alte merkte, da seine Krfte abnehmen und ihm
die Uebersicht und Gewandheit immer mehr entgehe, welche die Fhrung der
Geschfte erforderte.

Und der alte Daruff war so glcklich, sich bald als zufriedener
Schwiegervater, und auch bald darauf als der glcklichste Grovater zu
sehen.

Aurelie reichte einem jungen Manne, der ihrer Wahl ganz wrdig war die
Hand, und nun verlebte Daruff in Mitte seines Schwiegersohnes und seiner
Tochter die heitersten Tage.

Das Handlungshaus blieb in seinem alten guten Rufe und nichts fehlte den
Glcklichen als bestimmte Nachricht ber das Geschick des nun so schon
lange vermiten Sohnes.

Die Schreiben, welche Osmin an Karls Vater abgehen lie, waren nicht
angekommen.

Der alte Daruff erinnerte sich oft seines Sohnes Karl und er machte sich
zuweilen sogar Vorwrfe, da er zu streng gegen seinen Sohn mchte gewesen
seyn.

Tochter und Schwiegersohn suchten ihn dann zu beruhigen und trsteten ihn
mit der Aussicht da noch keine Kunde ber Karls Ableben eingetroffen sei,
so knne ja derselbe noch leben und wohl glcklich wieder heimkommen.

Allein Daruff hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, in diesem Leben seinen
Sohn wieder zu sehen und dieser Gedanke war oft seine einzige Betrbni.

Da langte unerwartet der Brief von Karl an, welcher meldete, der lang
vermite Sohn sei auf der Rckkehr in das elterliche Haus begriffen.

Die jungen Leute wuten nun nicht gleich, wie sie diese frohe Botschaft dem
alten Vater hinterbringen sollten.

Ueberlasse es mir, sagte Aurelia's Gatte, dem Alten die frohe Nachricht
beizubringen.

O nimm mir diese Freude nicht! sprach Aurelie, gib mir den Brief, da ich
meinem alten Vater mit einer so glcklichen Bothschaft eine frohe Stunde
bereite. Und der Gatte gab dem liebevollen Weibe nach.

Als nun der alte Daruff in seinem Lehnsessel vor dem Ofen sa, denn die
liebliche Wrme that dem Alten wohl, trat Aurelie vor ihn hin und whrend
sie den Brief hoch empor hielt sprach sie mit freudenglnzenden Augen:
Einen Brief, mein bester Vater, einen Brief! und von wem meinst du wohl?

Ach, sagte der alte Daruff, habe ich doch whrend meiner langjhrigen
Geschftsfhrung so viele Briefe erhalten, aber ein Schreiben von meinem
Karl -- nein, das kam mir nicht zu! Wozu mir noch Briefe?

Ach, bester Vater, sagte Aurelie, du sprichst selbst von Karl und sieh, wie
glcklich wir sind! Ist auch dieser Brief nicht von Karls Hand, so ist doch
Karl der Urheber dieses Briefs!

Mein Karl! rief freudig der Alte, so lebt noch mein Sohn Karl?

Ja, bester Vater, antwortete Aurelie, Karl lebt und ist wohlauf.

Und er hat selbst geschrieben? fragte der Alte mit zitternder Stimme.

Nicht doch, bester Vater, versetzte Aurelie, er hat den Brief schreiben
lassen.

O guter Gott! sprach der Alte, so sage mir doch, wo ist Karl und weshalb
hat er nicht selbst geschrieben?

Unser Karl, sagte Aurelie, ist nach diesem Briefe auf der Heimkehr in das
elterliche Haus begriffen, und bald, bald wird Karl unter uns seyn, welche
Freude!

Gute Tochter, sagte jetzt der Alte mit wankender Stimme und suchte sich aus
dem Sessel zu erheben, ich bin vorbereitet, ja, ja! du hast mich genugsam
vorbereitet; mein Karl, mein Karl ist nicht so weit mehr von mir, als du
sagst, er ist hier! Lasse mich meinen Sohn sehen! Mein Sohn Karl! mein Sohn
Karl!

Nein, bester Vater, sprach Aurelie, Karl ist noch nicht hier, ich will den
Brief vorlesen.

Da lie sich der Alte wieder im Sessel nieder und horchte auf den Inhalt
des Briefes.

Und als Aurelie zu Ende war, da faltete der alte Daruff andchtig die Hnde
und sprach:

O guter Gott! der du einen alten, bekmmerten Vater nicht verlassen hast,
wie kann ich dir genug danken? Du gabst mir vterlich milde meinen Sohn
zurck, Ehre, Lob und Prei sei dir in Ewigkeit!




Sechzehntes Kapitel.

Karl im elterlichen Hause.


In Daruffs Hause herrschte heute besondere Lebhaftigkeit. Es war der
Morgen, an welchem der siebzigste Geburtstag des alten Daruff feierlich
begangen werden sollte.

Whrend noch der Alte sanft schlummerte waren schon Aurelie, ihr Gatte und
die drei Enkel, zwei muntere Knaben und ein liebliches Tchterchen eifrig
beschftigt, das Zimmer zum festlichen Empfange herzustellen.

Sinnig waren Blumenkrnze und Strue angebracht und die Enkel hatten
Carmina gelernt, mit welchen sie den guten Grovater berraschen wollten.

Und als nun die Thr sich ffnete und der freundliche Alte hereinschritt
wie strahlte da sein Antlitz nicht von der reinsten Freude!

Aurelie und ihr Gatte brachten zuerst ihre herzlichen Wnsche dar, dann
brachten die beiden Enkel ihre Carmina vor und die Enkelin hatte ein
kleines Lied einstudirt, welches sie mit vieler Sicherheit und zur Rhrung
ihrer Eltern sowohl als des Grovaters vortrug.

Ihr guten Kinder, hub der Alte an, ihr macht mir viele Freude und mit
Vergngen sehe ich, wie ihr nur bemht seid, mir die alten Tage zu
versen. Nehmt meinen herzlichsten Dank hin; ich bin berzeugt, wie gut
ihr es mit mir meint. Der Himmel wolle euch stets segnen!

Und wie der alte Simon den Knaben Jesus zu sich nahm und Gott innigst
dankte, da er ihm diese Seligkeit vorbehalten hatte, so nahm nun der alte
Daruff seine Enkel auf den Schoo und sprach: werdet gut und fromm und mge
stets Gottes Beistand mit euch seyn, damit eure Eltern viele Freude an euch
erleben und ihr selbst nur glcklich werdet!

Und nach diesen Worten glnzten ihm Thrnen in den Augen, denn der Alte
erinnerte sich seines Sohnes Karl.

Eine feierliche Stille trat ein.

Da pochte es an der Thr, sie ging auf und -- Karl trat herein.

Aurelie erkannte ihn auf der Stelle, und ihr Ruf war: ach, Karl! du bist's,
unser Karl!

Karl aber fiel dem alten Vater zu Fen, weinte und wie der verlorne Sohn
im Evangelium sprach er: Vater vergieb mir! Ich habe gefehlt wider Gott und
wider Dich!

Und wie der Vater im Evangelium den verlornen Sohn aufnahm, so nahm auch
der alte Daruff seinen Sohn Karl auf; er prete ihn in die Arme und kte
ihn und sprach: o wie glcklich bin ich nun! Siebzig Jahre drcken dieses
graue Haupt darnieder, siebzig Jahre gestattete mir der Himmel, um mir
die Freude zu verleihen, meinen so lange verloren gegebenen Sohn wieder zu
sehen. O mein Karl, was hast du deinem Vater zugefgt? Und -- doch, doch,
du bist wieder unter meinem Dache, wir wollen Gottes Gte preisen!

Und der Alte faltete andchtig die Hnde.

Das Entgegenkommen zwischen Bruder und Schwester war rhrend anzusehen,
sprachlos lagen sie sich in den Armen.

Und als nun Aurelie ihren Bruder mit dem Gatten und den freundlichen
Kindern bekannt machte, da nherte sich Karl denselben mit aller jener
Anhnglichkeit, mit welcher er allezeit seiner Schwester zugethan war.

Ach, sagte er dann, whrend du meine gute Schwester die Sttze des Vaters
warst und whrend du dein husliches Glck gegrndet hast, war ich den
bittersten Drangsalen des Lebens ausgesetzt.

Vergi das nun, lieber Bruder, sagte Aurelie, jetzt bist du wieder bei uns
und wir wollen Alles dazu beitragen, was dich glcklich machen knnte.

Nach dem ersten Rausche des Wiedersehens kam es zum Erzhlen und whrend
nun der alte Daruff, Aurelie und ihr Gatte mit den drei Kindern einen
freundlichen Kreis um Karl bildeten erzhlte dieser getreu Alles was er
von der Flucht aus dem elterlichen Hause an bis zur Rckkehr in dasselbe
verlebt hatte.

Als er der Margaretha erwhnte traten ihm die Thrnen in die Augen und
fragte er den ihn umgebenden Kreis: ist Margaretha nicht wrdig, heute in
unserm Kreise zu erscheinen?

Ach, da sie doch hier wre, die arme unglckliche Margaretha! sagte
Aurelie und der alte Daruff wandte sich zu seinem Schwiegersohne mit den
Worten: Du mut morgen nach Bremen und die alte Margaretha zu uns bringen;
gleich und gleich, setzte er noch lchelnd hinzu, gesellt sich gern und so
will ich denn die Margaretha zu mir nehmen.

Sie ist schon hier, sagte Karl, ffnete die Thre und fhrte seine
Margaretha herein, welche laut schluchzte, als sie des alten Daruff
ansichtig wurde und da sie sich nach solanger Zeit wieder in demselben
Zimmer befand, in welchem sie der Kinder Karl und Aurelie wartete.

Auch der alte Daruff war sehr gerhrt; er drckte der Margaretha die Hand
und lie dieselbe neben sich sitzen.

Setzt euch doch nur fest, Margaretha, sagte er, ich habe euch da ein fr
allemal einen Platz angewiesen, den ihr nicht so bald wieder verlassen
sollt.

Zur Nutzanwendung fr die drei Enkel fgte Karl noch bei: seht Kinder, so
ist es eurem Oheim gegangen, der da in der Jugend den groen Fehler hatte,
Thiere zu qulen. Htte ich das Dohlen-Nest nicht zerstrt, so wrde ich
den Ring nicht gefunden haben, der mich, nachdem mich die Verstmmlung aus
der Heimath getrieben hatte, in das Gefngni brachte. Mein unglcklicher
Hang zur Thierqulerei und meine jugendliche Unbesonnenheit, so wie mein
Leichtsinn haben mir die bittersten Strafen nachgezogen. Lat es euch daher
ja zur Warnung seyn und qulet nie ein Thier, damit es euch nicht ergehe,
wie eurem unglcklichen Oheim Karl.

Die Enkel reichten dem Oheim die Hand und versprachen ihm fest und theuer,
nicht nur nie ein Thier zu qulen, sondern auch jederzeit wo mglichst zu
verhindern, da ein Thier von Andern geqult werde.

Der alte Daruff und Margaretha erlebten noch viele frohe Tage in der
traulichen Umgebung Aurelien's und ihres Gatten, mit welchem nun Karl
gemeinschaftlich die Handlung fortfhrte.

Endlich reichte auch Karl einer unbescholtenen Jungfrau als Gatte die Hand
und als noch der alte Daruff auch die Enkel seines Sohnes Karl auf dem
Schooe wiegte, da erzhlte ihnen der Grovater die harten Begegnisse ihres
Vaters und fest prgten es sich die Kleinen in die Herzen, wie sehr
gefehlt es sei, Thiere zu qulen und sie gedachten immer des Spruches:
Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes und verfielen so nie in den
schweren Frevel der Thierqulerei.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
hervorgehoben.

Eine ganzseitige Illustration am Buchanfang wurde hinter die Titelseite
verschoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 4:
  "flchteteu" gendert in "flchteten"
  (von den Dchern flchteten, indem sie die Erscheinung)

  Seite 9:
  "" eingefgt
  (Denn es fhlt wie du den Schmerz.)

  Seite 9/10:
  "Ein-" gendert in "Eindruck"
  (auf den diese Rede keinen Eindruck gemacht hatte)

  Seite 10:
  "setzt" gendert in "jetzt"
  (Die Knaben folgten jetzt der Richtung)

  Seite 11:
  "gehen" gendert in "geben"
  (auf die Worte seines Lehrers wird er mehr geben als auf)

  Seite 18:
  "Gebet" gendert in "Gebot"
  (verfehlte sich so gegen das Gebot, welches uns vorschreibt)

  Seite 20:
  "," hinter "Vergehen" entfernt
  (deine Vergehen reumthig einbekannt)

  Seite 24:
  "weist" gendert in "weit"
  (Du weit, wie streng der Vater ist)

  Seite 32:
  "Fragte" gendert in "fragte"
  (Wie viel verlangst du fr diesen Ring! fragte er dann.)

  Seite 35:
  "Auffoderung" gendert in "Aufforderung"
  (da er der freundlichen Aufforderung des Metzgergesellen)

  Seite 41:
  "," eingefgt
  (gute Margaretha, hub er an)

  Seite 42:
  "Innnersten" gendert in "Innersten"
  (So betete Karl aus dem Innersten seines Herzens.)

  Seite 43:
  "," eingefgt
  (und, fgte sie schmunzelnd bei)

  Seite 44:
  "," eingefgt
  (freien Platz, ffnete mhsam ein groes Thor)

  Seite 47:
  "Falls" gendert in "falls"
  (an den Hafen zu gehen und falls ein Schiff)

  Seite 70:
  "Blumenstraus" gendert in "Blumenstrau"
  (Karl pflckte einen hbschen Blumenstrau)

  Seite 73:
  "," gendert in "."
  (dem er das Gesprch mit Osmin mittheilte.)

  Seizte 104:
  "?" gendert in "."
  (Wie geht's Margareth? fragte der Wrter.)

  Seite 104:
  "," gendert in "."
  (sie hat wieder einen Sturm ausgehalten.)]







End of the Project Gutenberg EBook of Begegnisse eines jungen
Thierqulers oder Der Gerechte erbarmt sich auch seines Thieres., by J. Alois Meier

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BEGEGNISSE EINES JUNGEN ***

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
