The Project Gutenberg EBook of Aus Berg und Tal, by Ulrich Kiebler

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Title: Aus Berg und Tal
       Charakterbilder aus dem schweizer. Bauernleben

Author: Ulrich Kiebler

Release Date: January 25, 2015 [EBook #48075]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Aus Berg und Tal

  Charakterbilder aus dem
  schweizer. Bauernleben

  Von Ulrich Kiebler, Grtner
  und Lehrer der landw. Schule
  Plantahof (Graubnden)

  [Illustration]

  Druck und Verlag von Manatschal Ebner & Cie. in Chur




Inhaltsverzeichnis.


                                           Seite

  Die Geschichte eines Bauernknechtes          1

  Die Blumenliese                             29

  Auf dem Lindenbhl                          70




Vorwort.


Unter Bauern bin ich aufgewachsen und habe einen Beruf ergriffen, der
mich, wenn auch nicht ausschlielich, so doch vorwiegend mit der
landwirtschafttreibenden Bevlkerung in Berhrung brachte.

So konnte es nicht ausbleiben, da ich schon frh Anteil nehmen lernte
an den Freuden und Leiden unserer Bauernschaft. Meine Ttigkeit
als Wanderlehrer gab mir aber erst ausgiebige Gelegenheit, unsere
landwirtschaftlichen Verhltnisse in den hchsten Gebirgstlern wie im
Flachlande kennen zu lernen, und die Sitten und den Volkscharakter auf dem
Lande eingehender zu studieren.

Wenn ich aus meinen Beobachtungen in den einzelnen Kapiteln dieses
Bchleins einiges mitteile, so hat mich dabei der Gedanke geleitet,
da neben den vielen Leitfden und Lehrbchern ber die verschiedenen
Landwirtschaftszweige auch einige Beispiele aus unserem Volksleben
von Nutzen sein knnten. Die heutige Zeit stellt eben nicht nur groe
Anforderungen an die fachliche Tchtigkeit eines Landwirts, sondern macht
auch die weitestgehenden Ansprche an den Charakter und die moralischen
Eigenschaften eines solchen.

Weil ich kein Schriftsteller von Beruf bin, so erhebt mein Werkchen auch
nicht Anspruch, als eine hervorragende Leistung taxiert zu werden. Meine
Arbeit geht hervor aus warmem Herzen fr unsere Landwirtschaft. Das
Sprichwort sagt: Was von Herzen kommt, das geht zum Herzen. In der Hoffnung
nun, da sich dieser Satz bei dem vorliegenden Bchlein erflle, lasse
ich es seine Wanderung antreten durch die Ebenen und Tler unseres
Schweizerlandes.

  Plantahof, im Herbst 1903.

  Der Verfasser.




[Illustration]




Die Geschichte eines Bauernknechtes.


Meine Ferien gingen zu Ende, sie waren mir dieses Mal besonders genureich
verlaufen. Bei dem denkbar gnstigsten Wetter hatte ich seit einigen Wochen
das Graubndner Oberland nach allen Richtungen durchstreift und dabei bald
da bald dort mein Lager aufgeschlagen. Ich hatte mir vorgenommen, fernab
von dem Getriebe groer Fremdenzentren irgendwo ein Stck Naturschnheit zu
genieen und dabei Land und Leute eines mir bis jetzt ziemlich unbekannten
Teils unserer an Abwechslungen so reichen Schweiz kennen zu lernen. Alles
das htte ich wohl nirgends besser erreichen knnen, als hier im Bndner
Oberland mit seinen romantischen Tlern und Schluchten, seiner groartigen
Gebirgswelt, seinen malerischen Drfern und Hfen, bewohnt von einer
ausgesprochen landwirtschafttreibenden Bevlkerung. Hier war ich so recht
unter Bauern; denn Bauer ist da auch der Pfarrer, der Lehrer, berhaupt
jedermann, und es ist nicht besonders notwendig, eine Unterhaltung oder ein
Gesprch durch eine absichtliche Wendung auf landwirtschaftliches Gebiet
hinberzuleiten, das ergibt sich hier ganz von selbst.

Es herrschen hier zum Teil ganz eigenartige Zustnde im Bauernwesen, so
eigenartig, wie das Land selbst ist und auch die Leute, die es bewohnen.
Eine allgemeine Schilderung des Bndner Oberlandes und der Art und Weise,
wie da Landwirtschaft getrieben wird, wre daher gewi sehr interessant,
doch davon vielleicht ein andermal; heute mchte ich vielmehr von einer
Persnlichkeit etwas erzhlen, deren Bekanntschaft ich ganz zufllig hier
gemacht habe.

Es war, wie gesagt, am Ende meiner Ferienzeit; ich kletterte schon einige
Tage in den Bergen der Tdikette herum. Es war mir darum zu tun, erstens
mein Herbarium etwas zu bereichern, zweitens aber auch verschiedenen Alpen
einen Besuch abzustatten, um deren Bewirtschaftung kennen zu lernen. War
mir das Wetter bis jetzt uerst gnstig gewesen, so drohte es nun eine
Wendung zum Schlimmern zu nehmen. Es zeigten sich am Himmel verdchtige
Wolkengebilde und die Aelpler prophezeiten aus den verschiedensten
Anzeichen, da etwas besonderes in der Luft liege und zum mindesten ein
Gewitter, wo nicht gar ein lngerer Landregen im Anzuge sei. Doch bei mir
hie es: Bange machen gilt nicht, ich pochte auf mein gutes Glck und
setzte ruhig meine Bergwanderungen fort. Zunchst schien es, als sollte
ich Recht behalten, doch auf einmal war es da -- es war am Sptnachmittage
desjenigen Tages, von dem ich erzhlen will -- ich wollte noch eine
Klubhtte erreichen, in welcher ich schon mehrere Nchte zugebracht hatte,
um dann am Morgen einen jener Uebergnge zu bentzen, die vom Kanton
Graubnden hinberfhren ins Glarnerland.

Zuerst begannen sich im Norden einige dunkle Wolken zu ballen, der Calanda
bedeckte sein felsiges Haupt mit einer Nebelkappe und graue Dnste stiegen
aus den Schluchten des Rheintals empor. Es war ein seltsames Schauspiel,
wie die verschiedenen Wlkchen und Wolken sich sammelten und verdichteten,
bis sie einen einzigen bleifarbenen Vorhang bildeten, der die ganze
unvergleichlich schne Landschaft, die ich noch vor kurzem bewunderte,
meinen Blicken entzog. Schon mehrere Male hatte ich Gelegenheit gehabt,
Gewitter im Gebirge zu beobachten und mit Bewunderung dem Toben der
entfesselten Natur zugesehen. Heute aber sah ich es mit einem gewissen
Bangen heranziehen, denn ich hatte ungefhr noch eine Stunde bis zur Htte
zu gehen.

Das Terrain, das ich zu begehen hatte, war nicht besonders steil und
erlaubte ein tchtiges Ausgreifen, so da ich anfangs hoffte, mein heutiges
Ziel noch vor Ausbruch des Gewitters zu erreichen. Indessen schwand diese
Hoffnung allmhlich; denn die drohende Wolkenwand verdunkelte sich mehr und
mehr, grelle Blitze zuckten immer hufiger ber den stets sich verengernden
Horizont, das Auge fast blendend und fr Momente alles in gelben
Feuerschein aufflammen lassend; das Rollen des Donners wurde bei
jedem Schlage lauter und unheimlicher. Da setzte auf einmal mit einem
unvermittelten heftigen Stoe auch der Wind ein und bald fielen die ersten
Tropfen, vermischt mit kleinen Hagelkrnern, dichte Nebel jagten an mir
vorber, und bald war ich unfhig, auch nur fnf Schritte weit zu sehen.
Zu all' dem kam noch, da ich bald an der grern Steigung des Gelndes
wahrnehmen mute, da ich mich verirrt hatte, so da ich gar nicht mehr
wute, wo ich mich befand. Dicht in meinen Lodenmantel gehllt, trachtete
ich jedoch immer vorwrts zu kommen, hoffend, irgendwo unter einem Felsen
Schutz zu finden, bis das Gewitter sich verzogen habe. Als ich mich so ein
gutes Stck aufwrts gearbeitet hatte, vernahm ich auf einmal Hundegebell;
bald blitzte auch ein Feuerschein durch den Nebel, ein krftiges Hallo!
drang an mein Ohr, das ich freudig erwiderte, und bald sa ich wohlgeborgen
am wrmenden Feuer in einer kleinen Schferhtte, auf die ich ganz zufllig
gestoen war.

Der Schfer, ein schon lterer, aber noch sehr rstiger Mann mit grauem
Bart und freundlichen, gewinnenden Gesichtszgen, tat alles mgliche, um
es mir unter seinem einfachen Dache so bequem als mglich zu machen. Die
durchgemachten Strapazen hatten mich hungrig gemacht, und die vorgesetzte
Milch, samt Brot und Kse schmeckten mir so gut, als manchem verwhnten
Gaumen das feinste Essen an der Hoteltafel.

Unterdessen war wohl mehr als eine Stunde verflossen, der Regen hatte
aufgehrt und der Himmel begann sich wieder zu blauen, so da ich daran
dachte, meinen Weg fortzusetzen. Das aber lie der alte Schfer nicht zu.
Er bedeutete mir, da ich so weit von meiner Route abgekommen sei, da
ich vor Nacht kaum mehr die Klubhtte erreichen knne; auerdem sei es
von seiner Htte aus auch nicht weiter bis auf die Pahhe, als von dem
Schirmhaus, und den Weg wolle er mir schon zeigen. Fr ein Nachtlager sei
schon gesorgt, es sei nicht das erste Mal, da er Gste habe. Weil ich auch
ziemlich mde war, so lie ich mich gerne berreden und blieb. Wir zndeten
unsere Pfeifen an und setzten uns vor die Htte, von diesem und jenem
plaudernd.

Als der Alte hrte, da die Landwirtschaft mein Fach sei, zeigte er sich
sehr erfreut, und ich mute ihm erzhlen, was drauen im Lande vorgehe, wie
die Ernteaussichten im allgemeinen seien u.s.w. Mit Staunen mute ich im
Laufe des Gesprches wahrnehmen, wie sehr der einfache Schafhirte auf allen
Gebieten der Landwirtschaft zu Hause sei und gab meiner Verwunderung
auch unverhohlen durch die Frage Ausdruck, wie es denn komme, da er, der
kenntnireiche Bauer, auf einsamer Alp die Schafe hte? Lchelnd gab er mir
zur Antwort, da es fr einen Hirten auch Kenntnisse brauche, und wenn er
sein jetziges Amt auch als eine Art Ruheposten betrachte, so sei er
sich doch jeden Augenblick bewut, da er Pflichten zu erfllen habe und
verantwortlich sei fr das Gedeihen seiner ihm anvertrauten Herde, er sei
mehr als fnfzig Jahre Bauernknecht gewesen und habe ein an Erfahrungen
reiches Leben hinter sich. Ich bat ihn, mir von seinen Erlebnissen
mitzuteilen. Er zeigte sich auch bereit dazu, falls er mich nicht zu sehr
langweile, wie er meinte, und als er seine Pfeife frisch gefllt hatte, hub
er zu erzhlen an:

Ich bin in dem Dorfe N. -- von dem Sie von hier aus gerade noch den
Kirchturm und einige Huser sehen knnen -- als der Sohn armer Eltern
geboren. Mein Vater war Wegmacher und daneben taglhnerte er da und dort
bei den Bauern. So hatte er im Sommer, nach den damaligen Verhltnissen,
einen leidlichen Verdienst, desto geringer aber war er im Winter und oft
blieb er tagelang ganz aus. Der Ertrag aus dem Gemeindegut verschaffte uns
wenigstens Kartoffeln, und dank dem unbeschrnkten allgemeinen Weidgang
konnten wir zwei Ziegen halten, welche uns einen groen Teil des Jahres mit
Milch versahen. Ich hatte aber noch drei Geschwister -- zwei Schwestern
und einen Bruder -- somit waren da sechs Muler zu stopfen. Die Kleider, so
einfach sie auch waren, kosteten ebenfalls Geld. Also war auch die Mutter
noch aufs Verdienen angewiesen, und oft war sie auch, wie der Vater, den
ganzen Tag abwesend. Mir, als dem ltesten, war dann das ganze Hauswesen
und namentlich die Obhut ber die jngern Geschwister anvertraut. So mute
ich denn schon als kleiner Knirps auf eigenen Fen stehen, und ich glaube,
da das fr mich ntzlich war.

Als ich dann das zwlfte Altersjahr erreicht hatte, fand mein Vater, da
meine zehnjhrige Schwester jetzt alt und anstellig genug sei, um die
Stelle als Hausmtterchen zu bernehmen, fr mich aber sei es an der Zeit,
in die Reihe der Verdienenden einzutreten.

Mein Ideal wre es nun gewesen, Gaishirt zu werden; denn die Berge und die
grnen Alpen zogen mich mchtig an. So jeden Tag mit der Herde ausziehen zu
drfen und frei mich herumtummeln zu knnen, das wre fr mich das damalige
Endziel meiner Wnsche gewesen. Aber erstens war ich dazu noch zu jung und
zweitens brauchte man eben nur einen Ziegenhirten; der Bewerber waren aber
viele. Es mute also eine andere Verdienstquelle fr mich gefunden werden,
und ich konnte mich schon als kleiner Knabe darin ben, meinen eigenen
Wnschen zu entsagen.

Zu jener Zeit war noch die Schwabengngerei stark im Schwunge, und jedes
Frhjahr zogen ganze Karawanen von noch schulpflichtigen Knaben hinaus
ins Wrttembergische und ins Baierische, um sich fr den Sommer auf die
dortigen Bauernhfe zu verdingen und durch Viehhten und andere leichte
Arbeiten, wenn auch nicht gerade viel Geld, so doch Unterhalt und Kleider
zu verdienen.

Oft hatte ich von den greren Knaben, die schon einen oder mehrere Sommer
im Schwabenlande gewesen waren, erzhlen gehrt, wie schn es dort sei, wie
man gar nicht so streng zu arbeiten brauche und was fr gute Sachen man zu
essen bekomme etc. Diese kleinen Auswanderer machten es eben damals schon,
wie es heute die groen auch noch machen: sie erzhlten nur das Gute, das
sie im fremden Lande erlebt, aber von dem Trben, das sie durchzumachen
hatten, und das sie die Fremde oft schwer ertragen lie, sagten sie kein
Sterbenswrtchen. So ist es denn sehr leicht begreiflich, da ich mich fr
die Schwabengngerei begeisterte, als ich sah, da ich einstweilen darauf
verzichten mute, Ziegenhirt zu werden. Ich bat deshalb meine Eltern, mich
im Frhjahr ebenfalls mit den andern Knaben ziehen zu lassen, und nach
langem Erwgen und Hinundherraten mit den Nachbarn erhielt ich auch die
Einwilligung dazu.

Als der Tag der Abreise gekommen war, da berkam mich ein sonderbar banges
Gefhl. Whrend ich vorher kaum diesen Tag glaubte erwarten zu knnen,
fiel es mir nun auf einmal sehr schwer, meine Eltern und Geschwister,
meine Heimat und alles, was mit ihr verflochten war, zu verlassen und
hinauszuziehen in ein fremdes Land, unter fremde Menschen, einem ungewissen
Geschick entgegen, das je nach den Umstnden ebensowohl ein herbes, als ein
freundliches sein konnte. Htte nur jemand versucht, mich zum Dableiben zu
bestimmen, wie gerne htte ich gefolgt! Aber niemand sprach dieses Wrtchen
und ich wollte mich tapfer zeigen und niemanden es merken lassen, wie es in
meinem Innern aussah. Keine Trne wollte ich vergieen; denn alles sollte
glauben, da es mir nicht an dem ntigen Mute fehle, um in die Fremde zu
gehen; doch als die Mutter mich schluchzend zum Abschied in die Arme
schlo und mir das Versprechen abnahm, unter allen Umstnden brav, treu
und ehrlich zu bleiben, da rannen auch mir dicke Tropfen ber die Wangen
herunter. Mit halberstickter Stimme versprach ich den Eltern, auch in der
Fremde an sie denken zu wollen und mich so aufzufhren, da ich in Ehren
im Herbst wieder zurckkehren knne. Dann ri ich mich los und eilte, ohne
mich umzusehen, den andern nach, die schon ein Stck voraus waren.

Wir waren eine Truppe von sechzehn Knaben im Alter von zwlf bis
fnfzehn Jahren, unter Fhrung eines alten Mannes, der schon viele Sommer
hintereinander drauen am gleichen Platze arbeitete, im Frhjahr immer eine
Anzahl Knaben mitnahm und sie im Herbste auch wieder zurckbrachte.

Die Reise wurde natrlich vollstndig zu Fu ausgefhrt und ging ber Chur
und die Luzisteig hinein ins Liechtensteinische, dann durchs Vorarlberg
hinunter nach Bregenz und Lindau und von dort nach Ravensburg. In
letztgenannter Stadt muten wir an einem bestimmten Tage eintreffen,
an welchem, wie das zu jener Zeit alle Jahre blich war, der sogenannte
Gesindemarkt abgehalten wurde. Auf diesen Mrkten boten sich Dienstboten
jeglicher Art den Bauern zum Verding an, und es ging da oft an ein
Feilschen, an ein Herausstreichen und Heruntermachen, rger als an unsern
heutigen Viehmrkten.

Unser Fhrer hatte uns schon unterwegs instruiert, wie wir uns auf diesem
Markte zu benehmen htten, um einen guten Platz zu bekommen, und weil
namentlich wir Neulinge uns noch nicht fr unser Interesse zu wehren
imstande waren, so versprach er, so gut als mglich fr uns einzustehen.
Wir machten auch aus, an welchem Ort und an welchem Tage wir uns im Herbste
wieder treffen sollten zum Zwecke der gemeinschaftlichen Heimreise. Der
gute Alte, dem an unserem Wohlergehen viel gelegen war, und der sich in
vterlicher Weise um uns annahm, nannte uns dann noch seinen Aufenthaltsort
whrend des Sommers, damit sich ein jeder an ihn wenden knne, wenn er
eines Beistandes bedrfe. So betraten wir denn ohne Furcht den Markt und
harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Wir kamen etwas spt auf dem Marktplatze an, und die Geschfte waren schon
im Gange. Es schien aber, da viele Bauern auf das Erscheinen unseres
Fhrers gewartet hatten; denn wir waren bald umringt, und viele schttelten
dem Alten als einem guten Bekannten die Hnde, ihn fragend, wie es ihm gehe
und was er gutes mitbringe. In kaum einer Stunde waren denn auch schon 14
von uns versorgt und nur noch ich und ein anderer blieben zurck, weil
wir anscheinend die schwchsten waren. Ich speziell war etwas hoch
aufgeschossen und dabei schmchtig und bleich, niemand erkannte in mir den
zhen Burschen, der ich in Wirklichkeit war. Es begann mir schon der Mut
zu sinken, und ich glaubte, da mich niemand annehmen wolle, doch der
Alte machte uns darauf aufmerksam, da viele, die er kenne, noch gar nicht
erschienen seien und also noch lange keine Veranlassung dazu da sei, zu
glauben, wir bekommen keinen Platz; er wolle einmal ein wenig Umschau
halten und wir sollen nur ruhig warten, bis er wieder komme. Bald kehrte
er auch in Begleitung eines uns freundlich anblickenden Mannes zurck, der
nach kurzer Unterhandlung geneigt war, uns anzunehmen. So hatten also auch
wir einen Meister, oder wie man das drauen kurzweg nennt, einen Bauer,
gefunden. Wir dankten unserem Fhrer und verabschiedeten uns von ihm, dann
folgten wir unserem Bauern ins Wirtshaus, wo er sein Gefhrt eingestellt
hatte. Dort erhielten wir zunchst etwas zu essen, was wir auch wirklich
ntig hatten; denn wir waren unterdessen hungrig geworden. Nachher wurde
eingespannt und wir fuhren dem zwei Stunden von Ravensburg entfernten
Schachenhof zu, wie das Besitztum unseres Bauern hie.

Als wir gegen Abend dort anlangten, empfing uns die Buerin, die uns eine
Kammer anwies, unsere Habseligkeiten durchmusterte und alles in einen
kleinen Kasten einrumte, den sie uns zur Verfgung gestellt hatte zum
gemeinsamen Gebrauch.

Eine Beschreibung des prchtigen Hofgutes, welches nun unsern
Aufenthaltsort und unser Ttigkeitsfeld ausmachte, will ich unterlassen.
Die groen Bauernhfe in jener Gegend gleichen sich, was die Art der
Bewirtschaftung anbelangt, ja wie ein Ei dem andern. Die Hauptsache war zu
jener Zeit immer der Getreidebau; auch Hopfen wurde schon angebaut, wenn
auch noch lange nicht in dem Umfange wie heute. Daneben spielte auch
die Viehzucht eine Rolle, und auf jedem Hof war eine mehr oder weniger
zahlreiche Gnseherde vorhanden. Der Unterschied war aber vorhanden, da
das eine Gut sich vor dem andern durch rationelleren Betrieb hervortat; der
eine Besitzer wirtschaftete gut, der andere schlecht. Das war damals
schon so, wie es auch heute noch ist. Der Schachenhof nun war eine
Musterwirtschaft in jeder Beziehung und wir hatten es also sehr
gut getroffen. Wir muten ja alle Arbeit erst lernen und waren also
gewissermaen nichts anderes als Lehrjungen, und lernen kann man, wie
bekannt, da am meisten, wo jede Verrichtung, wenn sie an und fr sich auch
noch so gering ist, mustergiltig ausgefhrt wird. Wir muten nun aber nicht
nur die Arbeit lernen, sondern auch die Sprache; denn die paar Brocken
Deutsch, welche wir verstanden, reichten nicht weit. Da brauchte es Geduld
von seite unserer Dienstherrschaft und groen Flei unsererseits, um sich
mglichst schnell in alles hineinzufinden. Weil alles mit uns freundlich
war und niemand mehr von uns verlangte, als wir wirklich leisten konnten,
so verrichteten auch wir unsere Arbeiten mit Lust und Liebe und setzten
alles daran, die Zufriedenheit der Meistersleute und der Nebendienstboten
zu erwerben. Es gelang uns dies auch, und wir sahen alle Tage besser ein,
da es ein Glck fr uns gewesen sei, gerade hier einen Platz gefunden zu
haben.

Meinem Kameraden war die Stelle eines Gnsehirten zugefallen, er hatte sich
den ganzen Sommer fast ausschlielich mit diesem Federvieh abzugeben.
Das war keine schwere Arbeit, und das Gnsehten bietet einem Knaben
Gelegenheit, dabei faul und gedankenlos zu werden. Der Schachenbauer
aber wute es einzurichten, da eine gewisse Verantwortlichkeit mit dem
Hirtenstand verbunden war. Der Stall mute immer sauber sein, er mute
pnktlich geschlossen werden, die Futterrationen waren genau einzuhalten,
er belehrte den Hirten ber den Wert der Tiere, so da die Arbeiten nicht
nur mechanisch verrichtet wurden, sondern man dabei auch unwillkrlich
an etwas denken mute, was den Zweck der Arbeit betraf. Mein Genosse
entwickelte einen wahren Eifer, um seinen Pflichten so gut als mglich
nachzukommen. Die Buerin -- zu deren Departement eigentlich die Gnse,
sowie smtliches Geflgel gehrte -- belohnte denn auch seinen Flei mit
manchem Geschenk.

Etwas schwierigerer Natur waren die Obliegenheiten, die mir zufielen; denn
ich hatte namentlich im Anfang keine bestimmte Beschftigung, sondern wurde
bald diesem, bald jenem Betriebszweige zugeteilt. Zuerst kam die Bestellung
der Felder; da mute ich dem Ackerknecht die Mhne treiben (beim Pflgen
die Zugochsen fhren). Dann kam die Heuernte und namentlich die Ernte des
Getreides, welche fr alle harte Arbeit im Gefolge hatten; da gab es die
verschiedensten Arbeiten, die meinen jungen Armen zugemutet wurden. Doch
mir war nichts zu viel, sah ich doch, da alle andern ohne Murren, jeder an
seiner Stelle, sich ihrer schweren Aufgaben entledigten. Nachdem dann die
Erntearbeiten vorber waren, kamen auch fr mich bessere Zeiten, indem nun
das Vieh auf die Weide getrieben und meiner Obhut anvertraut wurde. So ging
es nun fort, bis die kalten Herbsttage sich einstellten, die Weide anfing,
sprlich zu werden, und das Vieh wieder im Stall gefttert wurde. Es rckte
nun die Zeit heran, wo wir wieder nach unserer Heimat zurckkehren sollten.

Das Heimweh nach unsern Eltern, nach unserem schnen Heimattal und
namentlich nach unsern Bergen war den ganzen Sommer in unsern jungen Herzen
wach geblieben, und wenn bei klarem Wetter die schneeigen Hupter unserer
Schweizerberge herbergrten, so weilten wir in Gedanken dort, wo auf
grnem Bergeshang die Alpenrosen blhen und der Hirten Jauchzen von der
Felswand widerhallt, wo der Bergbach tosend von Fels zu Fels strzt, bis er
sich mit dem Flu vereinigt, der durch die enge Schlucht sich zwngt. Das
ist das Schweizerheimweh, das sich nicht beschreiben, sondern nur empfinden
lt.

Durch die gute Behandlung, welche uns zu teil wurde, hatte man uns diese
Sehnsucht nach der Heimat so ertrglich als mglich gemacht, so da, als es
zum Abschiednehmen kam, ein fast schmerzliches Gefhl sich mischte mit der
Freude, die Heimat wieder sehen zu drfen. Wir schieden mit innigem Danke
von den Leuten, die uns so viel Gutes erwiesen hatten.

Der Bauer hatte uns ein gutes Zeugnis ausgestellt und versprach, uns
entsprechend mehr Lohn zu geben, wenn wir im Frhling wieder in seinen
Dienst treten wollten. Er sagte, es sei ihm darum zu tun, die gleichen
Leute lnger zu behalten, und da er gesehen habe, da wir anstellige
Burschen seien, so knnen wir sogar auch im Winter bei ihm bleiben; wir
htten dann Gelegenheit, die Dorfschule zu besuchen und auf diese Weise
perfekt deutsch zu lernen. Daneben gebe es allerlei leichte Verrichtungen,
die von uns gut ausgefhrt werden knnten. Wir sollen dieserthalben
mit unsern Eltern sprechen und, wenn sie zufrieden seien, sein Angebot
annehmen.

Unser Lohn bestand aus doppelter Kleidung und 10 Gulden. Als wir alles
in Empfang genommen und samt dem, was wir von der Buerin noch fr die
Wegzehrung und fr die Eltern und Geschwister zugesteckt erhielten, in
unsern Reisescken eingepackt hatten, waren wir reisefertig. Bis nach
Ravensburg brachte uns der Bauer mit seinem Gefhrt, dort trafen wir wieder
mit unserm Fhrer und den andern Schwabengngern zusammen, und auf gleiche
Weise, wie wir gekommen -- mit dem einzigen Unterschied, da wir lustiger
waren und auf dem Marsche mehr Ausdauer zeigten, trotzdem unsere Scke mehr
drckten -- ging es nun der lieben Heimat zu.

Das war mein erstes Lehrjahr als Bauernknecht, und wenn ich es etwas
ausfhrlich geschildert habe, so bitte ich das zu entschuldigen; denn
dieses erste Jahr war grundlegend fr mein ganzes spteres Leben. Nicht
alle, welche von unsern Hochtlern hinauszogen ber den Bodensee, waren so
glcklich wie mein Kamerad und ich; denn gar viele Bauern waren nur darauf
bedacht, die armen Schweizerknaben so gut als mglich auszuntzen, nicht
im entferntesten kam es ihnen in den Sinn, auch erzieherisch auf die jungen
Herzen einzuwirken und dazu beizutragen, sie zu ntzlichen Gliedern
der menschlichen Gesellschaft heranzubilden. Heute noch preise ich die
Vorsehung, da sie mich in den Dienst des Schachenhofbauers gefhrt hatte;
denn da ich ein rechter Mensch und brauchbarer Bauernknecht geworden bin,
das habe ich fast einzig jenem Manne zu verdanken.

Meine Eltern waren natrlich sehr erfreut, da es mir so gut ergangen im
Schwabenland, und sie hatten nichts dagegen einzuwenden, da ich mich zum
zweitenmal auf den Schachenhof verdinge; auch war es ihnen recht, da ich
im Winter dort bleibe und die Schule besuche. Mein Genosse vom letzten
Jahre war unterdessen mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert und lebt
heute noch als glcklicher Besitzer einer Farm in Kansas. So schlo ich
mich denn im Frhjahr allein der ausziehenden Schar der Schwabengnger an
und kam glcklich wieder im Schachenhof an, wo man ber mein Kommen sehr
erfreut war.

Es wrde mich nun viel zu weit fhren, wenn ich alle meine ferneren
Erlebnisse auf diesem Hof schildern wollte. Wenn ich mitteile, da
ich volle 16 Jahre dort blieb und mich vom Kherbub nach und nach zum
Oberknecht aufschwang, so mag das gengen. Hingegen kann ich nicht
unterlassen, etwas nher einzugehen auf das Leben und Treiben, das auf
diesem Bauernhofe herrschte, und auf das Verhltnis zwischen der Herrschaft
und den Dienstboten.

Wer auf den Hof kam, dem mute vor allen Dingen die peinliche Ordnung und
Sauberkeit auffallen, die allenthalben, selbst in dem entlegensten Winkel,
sich bemerkbar machte. Die Gebude und alle Einrichtungen waren zwar
sehr einfach, von behbigem Luxus oder gar protziger Zurschaustellung des
Reichtums war da nichts zu bemerken. Der Schachenhofbauer hatte das Gut von
seinem Vater bernommen und war bestrebt, nicht nur alles gut zu erhalten,
sondern auch zeitgeme Verbesserungen vorzunehmen. Dabei aber htete er
sich, irgendwelche Einrichtungen zu treffen, die sich nicht rentierten
oder nur totes Kapital darstellten. Whrend er auch die kleinste Ausgabe
vermied, die ihm nicht gerechtfertigt erschien, geizte er nicht, wo es
galt, irgend etwas einzufhren oder anzuschaffen, das den Betrieb zu
vereinfachen oder zu erleichtern geeignet war oder hheren Ertrag sicherte.
Obwohl er sich nicht leicht in Sachen einlie, die praktisch nicht durch
und durch erprobt waren, so war er doch ein echter Fortschrittsbauer, der
nicht zh am Alten festhielt, sobald er sich berzeugt hatte, da Neues
vorteilhafter sei.

Auf dem Schachenhof wurde groer Wert auf richtige Zeiteinteilung gelegt
und der ganze Betrieb wurde nach einem bestimmten Plan geregelt. So kam es,
da man alles zur rechten Zeit fertig brachte, und wenn bei uns eine Arbeit
angefangen wurde, so konnte jeder Bauer der Umgegend sicher darauf rechnen,
da er weder zu frh noch zu spt komme, wenn er auch damit beginne. Weil
alles so gut eingeteilt wurde, so gab es auch keine Hasterei und keine
Uebereilung, und das hatte den weiteren Vorteil im Gefolge, da alle
Arbeiten auch recht und grndlich getan wurden und nicht nur oberflchlich,
wie man das leider so oft in unserer heutigen Zeit wahrnehmen mu.

Wenn unsere Kulturen auch manchmal selbst in schlechten Jahrgngen
verhltnismig schn standen, so hrte man die andern Bauern oft sagen:
Was doch der Schachenhofer fr ein heidenmiges Glck hat! Ich aber
lernte hier die Wahrheit des Sprichworts kennen: Jeder ist seines Glckes
Schmied. Und wenn ich dazu berufen wre, unsern Bauern gute Lehren zu
erteilen, so wrde ich ihnen vor allen Dingen zurufen: Haltet gute
Ordnung in allen Dingen; denn das ist das Fundament, auf dem sich ein guter
Wirtschaftsbetrieb aufbauen mu!

Unser Bauer aber hatte nicht nur schne, ertragreiche Aecker und Wiesen
und leistungsfhiges Vieh, sondern er hatte auch weit und breit die besten
Dienstboten und meistens solche, die schon eine Reihe von Jahren in
seinen Diensten standen. Das kam hauptschlich daher, weil er es nicht nur
verstand, Knechte und Mgde richtig zu behandeln und sie als Menschen zu
achten, sondern ihnen auch einen rechten Lohn bezahlte und es ihnen gnnte,
wenn sie in seinem Dienst etwas frs Alter ersparen konnten.

Es wre indessen weit gefehlt, wollte man glauben, da bei uns nicht
tchtig und streng gearbeitet wurde von frh bis spt, und htte sich etwa
ein Knecht auf den Schachenhof verdingen wollen in der Meinung, da
ein Schlaraffenleben fhren zu knnen, so wre er jedenfalls von der
Wirklichkeit stark enttuscht gewesen. Mancher neu eingestandene Dienstbote
hat es denn auch einsehen mssen, da es auf dem Schachenhof noch manches
zu lernen gebe, bevor man imstande sei, den Bauer vollauf zu befriedigen.

Manchem, der noch nicht an stramme Ordnung gewhnt war, kam es in den
ersten Wochen hart an, sich dem strengen Regiment zu fgen, aber da half
kein Murren. Der Schachenhofer wute seinen Willen durchzusetzen, zwar
nicht mit Fluchen oder groben Worten, aber mit klaren und deutlichen
Befehlen, die nicht so leicht einer zu bertreten wagte. Jeder merkte denn
auch bald, da die Arbeit so viel leichter von statten gehe, als da, wo
Unordnung einem ungestrten Arbeitsverlauf jeden Augenblick im Wege steht.
Weil alles Arbeitsgeschirr an seinem bestimmten Orte aufbewahrt war,
so mute man nie etwas suchen, und weil jedes Gert nach dem Gebrauche
gereinigt wurde und jede notwendig gewordene Reparatur sofort ausgefhrt
werden mute, so war auch immer alles gebrauchsfhig. Nur dieser einzige
Umstand bewahrte uns vor vielen Zeitverlusten und Ausgaben, die mancher
nur als Kleinigkeit betrachtet, die aber in ihrer Summierung allein schon
hinreichen knnen, einen Bauer dem Ruin entgegen zu fhren.

Auf dem Schachenhof wurden alle Mahlzeiten gemeinschaftlich eingenommen;
der Bauer und die Buerin verschmhten es nicht, mit den Dienstboten
am gleichen Tische zu sitzen. Das brachte zwei groe Vorteile mit sich.
Erstens war damit allen Reklamationen ber die Bekstigung die Spitze
abgebrochen; denn was der Herrschaft recht war, das mute auch den
Dienstboten gut genug sein. Zweitens war es da notwendig geboten, da
alle ordentlich und reinlich am Tisch erschienen, sich dort auch anstndig
benahmen und da eine regelmige Essenszeit eingehalten wurde, alles
Punkte, die meistens dort vermit werden, wo das Gesinde abgesondert von
der Herrschaft ihr Essen erhlt.

Der Bauer hielt berhaupt darauf, da sich seine Leute auch an ihrer Person
der Reinlichkeit und Sauberkeit beflissen. Er meinte, wenn der Bauer oft so
gering geachtet werde, so rhre das vielfach nur daher, weil er denke, es
vertrage sich mit seinem Stande nicht, da er auch sauber gekleidet sei
und sich anstndig benehme. Die landwirtschaftlichen Arbeiten bringen es ja
gewi mit sich, da man nicht immer wie aus dem Kasten heraus daherkommen
kann, aber es ist durchaus nicht notwendig, das, was von rechtswegen auf
den Miststock gehrt, an den Kleidern und Schuhen mit sich herumzutragen,
oder zu glauben, da die Unsauberkeit des Stalles auch auf das Wohnhaus
bertragen werden msse.

In dieser Angelegenheit tat dann freilich auch die Buerin das ihrige zur
Sache. Sie trug Sorge dafr, da jedem Dienstboten alles gewaschen und
geflickt wurde, verlangte aber auch, da die Leute selbst sich daran
gewhnten, ihre Kleider gut zu halten. In den Kammern duldete sie keine
Unordnung, und ich habe da oft bemerken knnen, da es eigentlich gar nicht
so schwer ist, auch den grbsten Knecht zur Reinlichkeit und guten Sitte
anzuhalten, wenn man es nur richtig anfat. Freilich, wo es dem Bauer
hchstens darauf ankommt, da die Stlle in Ordnung sind, er es aber unter
seiner Wrde hlt, einmal eine Knechtenkammer zu betreten, wo nur das Vieh
geputzt wird, der Knecht aber wie eine wandelnde Dngersttte herumlaufen
darf, da mu es einen nicht Wunder nehmen, wenn es mit der Reinlichkeit
schlecht bestellt ist.

Unser Bauer liebte es, wenn die Sonntage mglichst eingehalten wurden. Am
Samstag muten alle Reinigungsarbeiten vorgenommen werden und nur wenn man
in der Erntezeit bei zweifelhaften Witterungsaussichten mit ganz dringenden
Arbeiten berhuft war, durfte man so etwas auf den Sonntag verschieben.
Er liebte es, wenn an Sonn- und Festtagen eine feierliche Ruhe auf dem Hofe
herrschte, die Leute die Kirche besuchten oder einen Spaziergang durch die
Felder machten. Hufig unternahm er selbst einen solchen Gang und meinte,
man werde da auf manches aufmerksam, an dem man am Werktag, wo der Kopf mit
den Sorgen der Arbeit erfllt sei, achtlos vorbergehe. Ging etwa einer
der Knechte am Sonntag nachmittag ins Wirtshaus, so hatte der Bauer nichts
dagegen. Hingegen duldete er keine Ausschreitungen und Trunkenbolde behielt
er nicht in seinem Dienst.

Es war eine Freude, zu sehen, wie auf dem Schachenhofe selbst der geringste
Hirtenknabe mit eigenem Interesse an der Arbeit beteiligt war. Das kam
daher, weil der Bauer nicht nur trockene Befehle austeilte, sondern
eine wirkliche Besprechung der Arbeit miteinflocht; er achtete auch die
Ansichten anderer und regte so jeden zu selbstndigem Denken an. Es lt
sich leicht begreifen, da die Arbeit so ganz andere Resultate zeitigte,
als wenn nur mechanisch gearbeitet worden wre.

Wo der Bauer eine Belehrung bei uns Dienstboten anbringen konnte, da
unterlie er es nie, und namentlich die langen Winterabende bentzte er
dazu, uns mit den Neuerungen auf dem Gebiete der Landwirtschaft bekannt zu
machen. Damals gab es noch nicht die Flut landwirtschaftlicher Literatur,
wie heute, dafr wurde alles grndlicher gelesen und studiert, und auch wir
Knechte erhielten die Bcher zu lesen, welche der Bauer besa. Allfllige
neue Anregungen wurden besprochen und beraten, in welcher Weise sie
ungefhr fr unsere Verhltnisse passen und wie sie verwendet werden
knnten.

Man kann leicht begreifen, da ich auf dem Schachenhof unter den
geschilderten Verhltnissen alle Arbeiten grndlich gelernt habe.
Ich lernte nicht nur, wie und wann die verschiedenen Beschftigungen
vorzunehmen sind, sondern, weil ich mich auch mit dem Kopf an der Arbeit
beteiligte, ber alles nachdachte und den Erfolg beobachtete, lernte ich
einigermaen auch das Warum einer Hantierung kennen, soweit das nach den
damaligen Verhltnissen und ohne Fachschulen mglich war. Unleugbar war es
fr mich ein groer Vorteil, da ich auf der untersten Stufe, nmlich als
Hirtenknabe, meine Ttigkeit auf dem Hof begonnen hatte. So kannte ich den
ganzen Betrieb durch und durch und konnte dem Bauer krftig an die Hand
gehen.

Ohne etwa mich selbst rhmen zu wollen, darf ich doch sagen, da ich
nicht mit grerem Eifer und Interesse htte arbeiten knnen, wenn ich
der leibliche Sohn von Schachenhofers gewesen wre. Hingegen darf ich auch
nicht verschweigen, da ich fast wie ein Sohn gehalten wurde. Man rumte
mir mehr Rechte ein, als ich je bentzen wollte. Auch der Lohn war
ein recht guter fr einen Bauernknecht; fast jedes Jahr gab man mir
Aufbesserung, und ich konnte meinen Eltern nette Smmchen nach Hause
senden. Zweimal kam ich whrend meines Aufenthaltes auf dem Schachenhof zu
einem kurzen Besuch nach Hause und fand zu meiner Freude immer geordnetere
Zustnde vor. Aus meinen kleinen Geschwistern wurden mit der Zeit groe
Leute; die beiden Schwestern verheirateten sich, mein jngerer Bruder wurde
ein Schmied und hat jetzt ein gutgehendes Geschft drunten im Dorfe.

Sie sehen, da ich nicht nur ber nichts zu klagen hatte, sondern es ging
mir so gut, wie ich es mir eigentlich nie zu wnschen getraut hatte. Doch
es sollte anders kommen, und wenn ich bisher nur die Lichtseiten meines
Standes kennen gelernt hatte, so sollten mir nun auch die Schattenseiten im
Leben eines Bauernknechtes bekannt werden.

Eines Tages -- es war gerade in der Zeit der Heuernte -- wurde der Bauer,
der sonst immer ein Bild der Gesundheit gewesen war, auf einmal krank, und
ich mute schnell einen Arzt aus der Stadt holen. Als dieser den Kranken
untersucht hatte, schttelte er bedenklich den Kopf und bedeutete der
Buerin, da sie sich auf das Schlimmste gefat machen msse, indem eine
heftige Lungenentzndung zu konstatieren sei. Alle rztliche Kunst war denn
auch vergebens, und nach vier Tagen standen wir tiefbetrbt an der Bahre
unseres Brotherrn, den wir alle wie einen Vater verehrt hatten.

Nun kamen trbe Zeiten. Der ganze Gutsbetrieb ruhte auf meinen Schultern.
Die Schachenhoferin, die den Verlust ihres Gatten kaum berwinden konnte,
wollte sich um nichts mehr annehmen. Ihre Ehe war kinderlos geblieben, und
somit hatte sie niemanden, dem sie den Hof bergeben konnte. So entschlo
sie sich, denselben zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen. Die Sache
wurde einem Notar bergeben und bald stellten sich Kaufliebhaber zur
Besichtigung des Hofes ein.

Ein junger Herr, der eben seine Studien in Hohenheim beendigt hatte und im
Begriffe stand, sich zu verheiraten, wurde Besitzer des Schachenhofes, und
weil er auch die Dienstboten mit bernommen hatte, unser neuer Herr.

Nun begannen Umwlzungen im groen Stil. Zunchst rckte ein Heer der
verschiedensten Handwerker ein; denn es galt nun, das Wohnhaus fr den
Empfang der jungen Frau wrdig herauszuputzen. Es wurde auch jetzt noch
der Betrieb fast vollstndig mir berlassen. Herr Rasch -- so hie der neue
Hofbesitzer -- kndete mir zwar vorlufig an, da da vieles anders werden
msse; vorerst freilich habe er nicht Zeit dazu. Meistens war er denn
auch abwesend, entweder in der Stadt, oder auf Besuch bei seiner Braut
in Stuttgart, und wir konnten alle Arbeiten wie gewohnt verrichten. Eine
Haushlterin besorgte das Hauswesen, zwar nicht in der Weise, wie unsere
Buerin es getan, aber wir hatten auch nicht gerade Anla zu Klagen.

Gegen den Herbst kam die Ausstattung der zuknftigen Herrin, alles ganz
stdtisch, sogar ein Klavier wurde im Salon aufgestellt. Bald kam auch
das neuvermhlte Paar selbst an, und Herr und Frau Rasch begannen nun, die
Zgel der Regierung selbst in die Hand zu nehmen.

Sehr bald mute ich bemerken, da unser Herr zwar sehr viel wisse -- er
hatte jedenfalls die Schule mit sehr gutem Erfolge absolviert -- aber da
ihm die notwendige Praxis und die ntige Energie, das Gelernte auch
richtig zu verwerten, fehlte. Dabei nahm er auch zu wenig Rcksicht auf
die rtlichen Verhltnisse. So konnte es nicht ausbleiben, da falsche
Manahmen Mierfolge zeitigten. Zu stolz nun, den Fehler bei sich selbst zu
suchen, glaubte Herr Rasch, die Ursachen wo anders suchen zu mssen.
Bald muten die schlechten Einrichtungen schuld sein, bald suchte er
die Dienstboten verantwortlich zu machen. Das zeitigte natrlich
Unzufriedenheiten auf beiden Seiten, und als Lichtme heranrckte,
kndigten schon einige derjenigen Dienstboten, die mehrere Jahre unter dem
verstorbenen Schachenhofer gedient hatten.

Von den Mgden blieb keine einzige, denn bei der jungen Frau war es gar
nicht zum Aushalten. Sie wollte regieren, whrend sie doch weder von der
Fhrung des Hauswesens, noch von der Landwirtschaft viel verstand. Um das
Wohl oder Wehe der Dienstboten kmmerte sie sich nichts, dazu hatte sie
eine Haushlterin, die aber auch, wie die Mgde, den Dienst gekndet hatte
aufs erste Ziel.

Nach und nach ri berall Unordnung ein, besonders auch deswegen, weil
planlos bald dieses, bald jenes in Angriff genommen wurde, ohne etwas
zu beenden. Da war es unausbleiblich, da hier ein Gert liegen gelassen
wurde, dort etwas anderes verloren ging. Aber auch ungemein viel Zeit
ging bei dem unsichern Hinundherlaufen verloren. Weil alles am Sonntag
aufgerumt und geputzt werden sollte, so geschah es nur oberflchlich und
mit Unlust. Weil unser Herr nie grndlich nachschaute, so merkte er nicht,
da unter dem uerlichen Schein der Sauberkeit das schlimmste Krebsbel
eines Bauernwesens, die Unordnung, an seinem schnen Gute zu zehren begann.

Herr Rasch hatte auch einen andern Fehler, der schon manchen Landwirt zu
grunde gerichtet hat. Er war prunkschtig und wollte um jeden Preis den
andern Bauern der Umgebung imponieren. Htte er die ntige Energie und
Schaffenslust besessen, seine Kenntnisse in richtiger Weise zu verwerten,
so wre ihm das vielleicht auch gelungen; denn ich glaube bestimmt, da es
ihm geglckt wre, den Ertrag des Hofes bedeutend zu erhhen, trotzdem der
frhere Besitzer nach seiner Art mustergiltig gewirtschaftet hatte. Ich
merkte z.B. gar bald, da mit den neueren Gerten eine ganz andere Arbeit
geliefert werden konnte. Aber was ntzte uns der beste Hohenheimer Pflug,
wenn er zu spt in Anwendung kam, und was frommte das bessere Saatgut, wenn
es zur unrichtigen Zeit in den Boden kam, oder wenn die aufgehende Saat
im Unkraut halb erstickte. Weil es nun in diesem Punkte nicht ging, sich
hervorzutun, und er dabei nur erzielte, da die Nachbarn im Stillen ber
den studierten Bauer lachten, so wurde es auf andere Weise versucht. Die
schlichten, aber zweckmigen Wirtschaftsgebude wurden niedergerissen und
durch massive Prachtbauten ersetzt. Diese neuen Stallungen und Scheunen
erfllten den Zweck nicht viel besser als die alten. Sie gewhrten nur den
Vorteil, da sie schner aussahen, hatten aber den sehr schwerwiegenden
Nachteil, da in ihnen ein unproduktives Kapital angelegt war.

Es wird Ihnen aufgefallen sein, da ich noch gar nichts erzhlte ber das
Verhltnis zwischen Herrn Rasch und mir, doch werden Sie sich, nach meiner
Beschreibung der allgemeinen Zustnde, schon ein Bild machen knnen, wie
wir zu einander gestanden haben. Bei diesem Punkte angelangt, mu ich
jedoch gestehen, da mein Herr die Schuld nicht allein trug, wenn die Kluft
zwischen uns immer grer und unberbrckbar wurde; auch ich selbst trug
sehr viel dazu bei. Herr Rasch berragte mich natrlich an Bildung und
theoretischem Wissen himmelweit, wogegen ich im praktischen Knnen und
im Bekanntsein mit den rtlichen Verhltnissen im Vorteil war. Beide aber
hatten wir den gleich groen Fehler, da wir dem eigenen Wissen die grte
Wichtigkeit beimaen und mit Geringschtzung auf die Fhigkeiten des
andern blickten. Ich glaube heute bestimmt, da wenn wir darnach getrachtet
htten, uns gegenseitig zu ergnzen, alles ins richtige Geleise gekommen
wre. Ich war der Untergebene, und an mir wre es also gelegen, damit den
Anfang zu machen. Statt dessen versprte ich eine stille Freude, wenn ich
sah, da etwas schief ging. Ich befolgte willig die verkehrten Anordnungen
meines Herrn, auch dann, wenn es in meiner Macht gelegen htte, die daraus
resultierenden Mierfolge abzuwenden. Erhielt ich dann Vorwrfe, so meinte
ich, das sei ungerecht, und beklagte mich ber schnde Behandlung. So kamen
wir denn beide zur Einsicht, da wir nicht weiter mit einander arbeiten
knnen, und als ich schlielich den Dienst kndigte, kam ich damit nur
Herrn Rasch zuvor, der mich sicherlich nicht mehr auf dem Hof geduldet
htte.

Was nun meinen ferneren Aufenthalt im Schwabenlande anbetrifft, so gibt es
davon nicht mehr viel zu erzhlen. An zwei andern Pltzen hatte ich auch
mehr schlechte als gute Erfahrungen zu machen und zwar hauptschlich
deswegen, weil ich noch eines nicht gelernt hatte, nmlich mich, wie es
einem Dienstboten geziemt, dem Arbeitgeber unterzuordnen und mich den
verschiedenen Verhltnissen anzupassen. Ich hielt mich fr eine viel zu
wichtige Persnlichkeit und hatte geglaubt, gleich berall eine wichtige
Rolle spielen zu knnen. Der verstorbene Schachenhofer schwebte mir als das
Ideal eines Bauern vor, und weil ich dieses Ideal nicht gleich wieder fand,
so hielt ich alle andern Bauern fr dumm und meinte, sie seien nicht wert,
einen Knecht in ihrem Dienst zu haben, wie ich einer sei. So wurde ich
immer unduldsamer und mancher Bauer lie mich gerne aus seinem Dienste
scheiden, trotzdem er mich vielleicht als tchtigen Arbeiter und soliden
Menschen schtzen gelernt hatte. Dabei wurde bei mir die Sehnsucht nach der
Heimat immer grer, und als mich die Trauerkunde ereilte, da mein Vater
pltzlich gestorben sei, hielt ich es fr meine Pflicht, mich meiner alten
Mutter anzunehmen und mich mit meinen Geschwistern in die Sorge um dieselbe
zu teilen.

So sagte ich dem Schwabenlande adieu, zog in mein heimatliches Tal zurck
und suchte hier einen passenden Platz. Weil man mich fr einen ordentlichen
Burschen hielt, so brauchte ich auch nicht lange Umschau zu halten, und es
tat mir wohl, in eine ganz vernderte Umgebung zu kommen.

Die Betriebsrichtung in der Landwirtschaft war und ist eine ganz andere
hier in unserer Berggegend, als drauen im oberschwbischen Flachlande, und
das brachte mit sich, da es zunchst fr mich wieder vieles zu lernen
gab. Das sah ich glcklicherweise auch ein, und ich warf mich mit wahrem
Feuereifer auf meine Ausbildung in der Viehzucht, in der Milchwirtschaft
und im Alp- und Weidewesen.

Es begann damals gerade ein frischer Zug durch unsere schweizerische
Landwirtschaft zu wehen, der auch bis herauf in unsere Berge bemerkbar
wurde. Der schweizerische Landwirtschaftliche Verein entwickelte eine
segensreiche Wirksamkeit. Zu einigen Ackerbauschulen gesellte sich die
landwirtschaftliche Abteilung am Polytechnikum in Zrich, und bei uns
war es besonders Schatzmann, der sich ein groes Verdienst um unsere
Milchwirtschaft erwarb. Bcher und Zeitschriften wurden jedem zugnglich,
und erst jetzt empfand ich es als ein Glck, da ich drauen in der
schwbischen Dorfschule deutsch lesen und schreiben gelernt hatte.

Ich habe von jeher Freude an den Bchern gehabt, und manchen Franken habe
ich ausgegeben, um dieses oder jenes kleinere landwirtschaftliche Werk
anzuschaffen. So gelangte ich nach und nach zu einer kleinen Bibliothek,
die heute noch mein Stolz ist.

Weil es mir an Geld fehlte und ich mich vor dem Schuldenmachen frchtete,
so konnte ich meine Erfahrungen nie fr mich selbst verwerten, aber es gab
Leute genug, die gerne eine Anregung und einen guten Rat auch von einem
Knecht annahmen, und mancher Bauer ist mir heute noch dankbar fr diesen
oder jenen praktischen Wink, den er von mir erhalten, und der ihm von
Nutzen war.

Immer mehr lernte ich erkennen, was fr einen eminenten Vorteil unsere
Alpen und Weiden fr unsere Viehzucht und Viehhaltung bedeuten; leider
mute ich auch sehen, wie gerade auf diesem Gebiete eine schreckliche
Miwirtschaft herrschte, die zum Teil heute noch nicht ganz beseitigt ist.
Ich mute sehen, wie in unsern Wldern und namentlich in den Hochwldern
eine wahre Raubwirtschaft getrieben wurde, wie die besten Alpen
verunkrauteten und vergandeten, wie das Vieh bei denkbar schlechtesten
Einrichtungen ohne Schutz und Futter den strksten Unbilden der Witterung
ausgesetzt blieb, wie die Milch schlecht verarbeitet wurde, wie man die
Tiere den gewissenlosesten Leuten zur Hut anvertraute u.s.w. Namentlich
dieser letzte Punkt gab mir viel zu denken, und ich konnte je lnger je
weniger begreifen, da Bauern, die sonst das Herz auf dem rechten Fleck
hatten und bei Aufzucht und Pflege des Viehes im Stall sehr exakt waren,
ihre wertvolle Viehhabe auf der Alp Leuten anvertrauten, von denen
jedermann wute, da sie faul, leichtsinnig und in allen Teilen unfhig
seien, ihren Dienst pflichtgetreu zu versehen, und das alles nur, weil
solche Hirten ein paar Franken weniger kosteten, als gewissenhafte
Personen, denen aber auch etwas daran lag, ihre Pflicht voll und ganz zu
erfllen.

Um nun selbst hier mit gutem Beispiel voranzugehen und um zu zeigen, was
ein richtiger Aelpler zu leisten im stande sei, entschlo ich mich, nachdem
ich mehrere Jahre am gleichen Platze Knecht gewesen, selbst Senn zu werden.
Ich bot mich der Gemeinde als solchen um geringen Lohn an, aber mit
der Bedingung, das brige Alppersonal selbst auswhlen zu drfen. Wider
Erwarten ging man auf meine Forderung ein, und zur gegebenen Zeit trat ich
mein neues Amt an.

Da gab es wieder ein reiches Arbeitsfeld fr mich; denn mit den denkbar
schlechtesten Einrichtungen mute ich beginnen. Dazu kam noch der Umstand
erschwerend hinzu, da es Leute gab, die zh am Alten festhingen und
jeder Neuerung abhold waren, besonders solchen, welche etwelche Ausgaben
erforderten, und wren sie auch noch so klein gewesen. Diese hatten schon
meine Wahl bekmpft und arbeiteten mir jetzt direkt entgegen. Doch ich
hatte schon im ersten Jahre Glck. Durch einen richtigen Weidewechsel,
durch Verbesserung der Trnksttten und andere kleine Manahmen, die ich
mit meinen Leuten ohne weitere Kosten durchfhren konnte, behielt ich die
Khe gesund und leistungsfhig. So steigerte ich den Ertrag und verbesserte
zugleich durch bessere Verarbeitung der Milch die Produkte. Mit zher
Energie steuerte ich auf das mir vorgesteckte Ziel los, und ich habe es
erreicht, wenn es auch manchen harten Kampf kostete. Dreiig Jahre lang
war ich Senn auf unserer Gemeindealp, und wer dieselbe heute betritt,
mu sagen, da es eine Musteralp geworden ist. Sie wirft heute mit den
verbesserten Einrichtungen und bei der rationellen Bewirtschaftung den
dreifachen Nutzen ab von damals, als ich zum erstenmal ihr als Senn
vorstand. Es ist zwar richtig, da die Gemeinde sich etwas hat kosten
lassen mssen, aber sie erhielt auch ansehnliche Subventionen von Bund und
Kanton, und selbst wenn sie alles htte allein bezahlen mssen, so htte
die Ausgabe dennoch gut rentiert.

Sehen Sie, so war es mir doch vergnnt, etwas wirken zu knnen, und wenn
ich auch bis heute nichts anderes als ein Knecht geblieben bin, so darf ich
doch sagen, da ich meinen Platz in Ehren ausgefllt habe.

Auch heute bin ich mit meinem Streben noch nicht zu Ende. Als ich als Senn
das erreicht hatte, was ich erreichen wollte, und ich getrost mein Amt
einer jngeren Kraft abtreten konnte, da bin ich mit ganz bestimmten
Absichten Schafhirt geworden. Ich war lngst berzeugt, da die Schafzucht
fr unsere Gegend einen sehr eintrglichen Landwirtschaftszweig ausmache
und besonders dann, wenn sie so betrieben wrde, wie es die Neuzeit
erfordert. Ich erkannte, da man durch richtige Zucht die Rasse verbessern
msse, da eine bessere Haltung und Pflege platzzugreifen habe und da der
Weidebetrieb anders zu regeln sei. Ueber die ersten beiden Punkte suche
ich stets unsere Bauern aufzuklren, und, wie mir scheint, mit Erfolg. Die
Hirtschaft bernahm ich selbst und besorge dieselbe seit drei Jahren.

Wie ich Ihnen bereits anfangs mitteilte, betrachte ich mein jetziges Amt
als eine Art Ruheposten. Im Winter, wenn die Schafe im Stall gehalten
werden, pflege auch ich der Ruhe. Ich habe mir so viel erspart, da ich
whrend dieser Zeit nicht auf Verdienst ausgehen mu; da bleibe ich ruhig
in meinem Huschen, das mir als Erbteil von meinen Eltern zugefallen ist.
Da lebe ich meinen Bchern, und gar nicht selten werde ich von den Bauern
unseres Dorfes um diesen oder jenen Rat angegangen, den ich stets, wo ich
kann, gerne erteile. Im Herbst und Frhjahr besorge ich die Heimweide,
und im Sommer ziehe ich herauf in diese Htte, die ich mir wohnlicher
eingerichtet habe. Jede Woche bringt man mir meinen Proviant herauf und
damit ich nicht ohne Nachrichten bleibe von dem, was drauen in der Welt
vorgeht, auch die Zeitungen. Am meisten freue ich mich dabei immer auf die
Grne, deren langjhriger Abonnent ich bin.

So, da haben Sie nun meine Geschichte, und wenn ich Sie damit gelangweilt
habe, so bitte ich um Entschuldigung. Sie haben es brigens ja selbst so
haben wollen.

Ich drckte dem alten Schfer die Hand zum Danke fr seine sehr
interessante Erzhlung und sagte ihm, da mein Herz viel zu sehr an
allem Anteil nehme, was die Landwirtschaft betreffe, als da ich seine
Mitteilungen langweilig finden knnte. Nur eine Frage msse ich noch an ihn
richten, nmlich die, wie es gekommen sei, da er nie daran gedacht habe,
sich eine eigene Familie zu grnden.

Ja, lieber Herr, entgegnete er, das war bei mir so eine eigene Sache.
Zuerst fehlten mir die Mittel zum Heiraten; ich mute meine Eltern und
Geschwister untersttzen. Dann war mein Lohn berhaupt nicht so gro, da
ich htte Frau und Kinder ernhren knnen, und als ich spter etwas besser
gestellt war, war ich zu alt und mute dafr sorgen, da aufs Alter auch
noch etwas bleibe. Sehen Sie, das ist berhaupt ein dunkler Punkt in
unserem Stand. Ein armer Bauernknecht darf, wenn er nicht leichtsinnig ist,
berhaupt nicht so leicht ans Heiraten denken, und das mag auch sehr viel
dazu beitragen, da gar mancher seinen Verdienst anderswo sucht als bei der
Landwirtschaft. Es wird ja heutzutage sehr viel ber die Dienstbotenfrage
geschrieben, und allenthalben fhrt man Klage darber, da niemand mehr
gerne Bauernknecht sein wolle, und da alles nur den Stdten und den
Kurorten zulaufe. Diese Klage ist ja berechtigt, aber auf der anderen Seite
mu man auch bedenken, da das Los eines Knechtes oft kein beneidenswertes
ist. Die Hauptarbeiten bei der Landwirtschaft wickeln sich drauen unter
freiem Himmel ab; da geht es nicht anders, als da man mit Wind und Regen,
mit Schnee und Klte in Berhrung kommen mu. Das wrde man gerne noch in
den Kauf nehmen, obwohl es sicher ist, da bei richtiger Arbeitseinteilung
auch in dieser Hinsicht die Dienstboten etwas mehr geschont werden knnten.
Das Schlimmste aber ist, da bei gar vielen Bauern der arme Knecht, nachdem
er den ganzen Tag bei schlimmster Witterung drauen gewesen und bis auf die
Haut durchnt heimgekommen ist, oft nicht einmal Gelegenheit findet, seine
Kleider zu trocknen; es wird ihm fr die Winterabende kein warmes Zimmer
geboten, und nur zu oft ist ihm fr seine mden Glieder ein gar schlechtes
Lager bereitet. Ich mute mich oft berzeugen, da mancher Bauer viel
mehr fr sein Vieh besorgt ist als fr seine Knechte. Wenn man in dieser
Beziehung Besserung schaffen wollte, wrde mancher auch lieber Bauernknecht
sein.

Ich konnte natrlich nicht anders, als auch dieser Ansicht des Alten
beipflichten. Unterdessen war es ziemlich spt geworden. Ueber dem Talgrund
lagerte sich bereits die Dmmerung; auf den schneebedeckten Zacken und
Kuppeln der Berge erlosch der letzte Hauch des Abendrotes, und schon
erglnzte hie und da ein Stern in mattem Licht. Die Luft war wunderbar
rein und wrzig, aber es begann sich eine empfindliche Khle bemerkbar zu
machen, und wir verlieen die Bank und wandten uns dem Innern der Htte zu,
um unsere Schlafsttten aufzusuchen.

Als ich am andern Morgen erwachte, hatte mein Wirt schon das Frhstck in
Bereitschaft. Er meinte, es sei ein ordentlicher Marsch bis hinber ins
Glarnerland, und da sei es gut, wenn ich mich nicht mehr lange aufhalten
msse.

Es ging denn auch nicht gar zu lange, bis ich zum Aufbruche bereit war.
Der Alte begleitete mich ein Stck, um mir den Weg zu zeigen bis zu einer
Stelle, von der aus es dann nicht so leicht war, irre zu gehen.

Auf dieser Wanderung kamen wir nochmals auf die Erlebnisse meines
Begleiters zu sprechen, und ich gab meinem Bedauern Ausdruck, da in
unserer Fachliteratur die Dienstbotenfrage zu einseitig vom Standpunkte der
Arbeitgeber behandelt werde. Es wrde gewi nichts schaden, uerte ich,
wenn sich auch die Dienstboten selbst hie und da hren lieen, und gerade
so eine schlichte Erzhlung aus dem Leben, wie sie mir gestern abend
aus Ihrem Munde geboten wurde, drfte viel ntzlicher sein, als manche
theoretische Abhandlung ber die landwirtschaftliche Arbeiterfrage. Knnten
Sie nicht einmal Ihre Winterferien dazu bentzen, um Ihre Lebensgeschichte
so zu Papier zu bringen, wie Sie mir dieselbe erzhlten?

Lchelnd antwortete mir mein Fhrer: Um in meinen alten Tagen noch
Schafhirt zu werden, dazu hatte ich Lust und Energie genug, aber zum
Schriftstellern langt's nicht mehr. Meine Hand ist steif geworden, und ich
wrde die Gedanken nicht mehr aneinander reihen knnen, wie es sich gehrt;
hingegen erlaube ich Ihnen gerne, meine Erlebnisse zu verffentlichen, wenn
Sie glauben, da das jemand von Nutzen sein knnte.

Von dieser Erlaubnis habe ich nun Gebrauch gemacht und wenn Du, lieber
Leser, ein Bauer bist, so denke daran, da Du selbst sehr viel dazu
beitragen kannst, um die Dienstboten an Dich zu fesseln, sie
brauchbarer, treuer und fleiiger zu machen. Du brauchst Dir nur stets zu
vergegenwrtigen, da Deine Knechte, Mgde und Taglhner Menschen sind, die
einen Anspruch haben auf eine gute Behandlung, und die dankbar sind, wenn
ihnen ihre keineswegs leichten Aufgaben erleichtert werden durch mglichste
Bessergestaltung ihrer Lage.

Bist Du aber ein Knecht, so bedenke, da Du bei treuer Pflichterfllung in
Deinem sehr ehrenhaften Stand es so gut zu einem Erfolge bringen kannst
als in jedem andern. Trachte darnach, da Du im Alter auch so zufrieden
auf Dein Wirken zurckblicken kannst wie der alte Schfer, von dem ich Dir
erzhlt habe.




[Illustration]




Die Blumenliese.




I.


Es war an einem jener warmen, sonnenklaren Herbsttage, an welchen man
so recht den eigenartigen Zauber der langsam zum Winterschlafe sich
vorbereitenden Natur herausfhlt, als ein mit allerlei Hausrat beladener
Wagen, von zwei krftigen Pferden gezogen, sich langsam die in mehreren
Windungen nach dem Bergdorfe D. fhrende Bergstrae hinaufbewegte.

Den Mbelstcken sah man es an, da ihr Besitzer nicht gerade ein
reicher Mann sei; indessen deutete auch nichts darauf hin, da er sich in
Verhltnissen befinde, die ihn zwngen, notwendige Haushaltungsgegenstnde
entbehren zu mssen. Der sofort auffallende Unterschied der Mobilien in
Bezug auf Alter, Herstellungsweise und Material, lie darauf schlieen, da
viele der einzelnen Stcke nach und nach, je nach Gelegenheit und Bedarf
angeschafft wurden. Es war deutlich zu erkennen, da einige Schrnke und
Kommoden schon mehreren Generationen gedient hatten. Wie vorteilhaft nehmen
sich doch diese schweren, harthlzernen, von ihren Erstellern scheinbar
fr die Ewigkeit bestimmten Mbel gegen manche Erzeugnisse der heutigen
Mbelfabrikation aus, wo alles fr das Auge berechnet ist und beim ersten
rechtschaffenen Putsch aus dem Leim geht.

Verschiedene Anzeichen deuteten darauf hin, da das hier seinen Wohnsitz
wechselnde Ehepaar oder wenigstens die eine Hlfte davon Liebhabereien fr
Blumenzucht hege. Ein ziemlich gerumiger Waschzuber, der zu oberst auf dem
hochgeladenen Fuder tronte, schien ganz mit Topfpflanzen gefllt zu sein,
wenigstens schauten die Bltendolden verschiedener Geranien wie verwundert
in die Welt hinaus, und die schwellenden Knospen einer Monatrose hingen
nickend ber den Rand des Zubers hinunter. Hinten an dem Fuder aufgehngt,
baumelte ein Blumentisch aus einfachem Weidengeflecht und mit Fhrenzapfen
verziert -- wohl von eigener Hand des Besitzers gefertigt.

Der Hausrat gehrte dem aus D. gebrtigen Zimmermann Martin Mller,
der gleich nach beendigter Lehre ins Unterland gezogen war, wo er an
verschiedenen Orten gearbeitet und sich zu einem tchtigen Arbeiter
ausgebildet hatte. Der lebenslustige, dabei sehr fleiige und sparsame
Zimmergeselle wurde berall, wo er hinkam, gerne gesehen. Als er bei einer
grern Baufirma einen gutbezahlten Palierposten erhielt, verheiratete er
sich mit der Tochter eines Kleinbauern, die freilich keine groe Mitgift in
die Ehe brachte, ihren Mann aber wahrhaft liebte und ber zwei gesunde Arme
und einen huslichen Sinn verfgte. Zwlf glckliche Jahre hatten sie
nun schon mit einander verlebt; sie waren zufrieden in ihren einfachen
Verhltnissen und dankten Gott, da er sie bis jetzt vor herben Prfungen
verschont hatte.

Martin hatte seine Mutter schon frh verloren, und nun war vor einem halben
Jahre auch sein Vater gestorben. Dieser war Maurer gewesen, der seit Jahren
fr die Bewohner von D. die etwa notwendigen Reparaturen an ihren Husern
ausfhrte und hie und da auch kleinere Bauten bernahm. Daneben versah er
die Stelle eines Gemeindeweibels und galt berall als ein uerst fleiiger
und rechtschaffener Mann. Eine alte Verwandte, die dem Weibelhannes (so
wurde der alte Mller allgemein genannt) nach dem Tode seiner Frau die
kleine Haushaltung gefhrt hatte, zog jetzt zu einer im Oberland wohnenden
Schwester, und unser Martin erbte das kleine, mitten im Dorfe stehende Haus
samt angrenzendem Baumgarten und einigen andern kleineren Grundstcken.
Dieser Umstand hatte ihn bewogen, in die Heimat zurckzukehren und auf
eigene Rechnung ein kleines Geschft zu grnden. Wir finden ihn heute mit
seiner Familie auf dem Wege dahin.

Martin ging neben dem Fuhrmann her; sie beide waren Schulkameraden und
hatten einander natrlich vieles zu erzhlen, besonders Martin hatte
manches zu fragen ber die heimatlichen Verhltnisse, in denen sich so
manches in den vielen Jahren seiner Abwesenheit gendert hatte.

Die an der Seite des Wagens dahinschreitende Mutter hatte vollauf zu tun,
all die Fragen zu beantworten, die zwei Knaben im Alter von sechs und acht
Jahren immerfort an sie richteten. Sie saen auf dem Kanapee, das vorn auf
dem Wagen Platz gefunden, und schienen ein groes Wohlgefallen an der Fahrt
zu haben. Ein zehnjhriges Tchterchen, das an der Seite der Mutter den Weg
zu Fu machte, war ganz in das Anschauen der ihm fremdartig erscheinenden
Berglandschaft versunken. Bald entlockte ihr der in den verschiedensten
Frbungen prangende Wald, bald die den Hintergrund des Tales bildenden
Bergriesen, die schon mit frischem Schnee bedeckt waren, laute Ausrufe
des Entzckens; bald machte sie die Mutter auf eine sich aus dem Gebsch
erhebende Ruine oder auf die oben am Bergeshang zerstreut liegenden Htten
aufmerksam.

Wir berlassen die vier Personen ihren Betrachtungen und wenden uns
den beiden Mnnern zu, um zu lauschen, ber was sie so angelegentlich
miteinander verhandeln.

Ja, Ja, Martin, hub der Fuhrmann eben wieder an, Du wirst sehen, da wir
jetzt ganz andere Verhltnisse in D. haben als frher, und namentlich
Dir, der Du so lange abwesend warst, wird es erst recht auffallen, da die
Zustnde leider nicht besser, sondern schlimmer geworden sind.

Aber, erwiderte Martin, es ist mir doch, als ich beim Begrbnis meines
Vaters war, aufgefallen, da viele Huser ein vorteilhafteres Aussehen
haben als frher, da auch einige neue freundliche Behausungen entstanden
sind, ein neues Schulhaus ist ja auch gebaut worden, und es schien mir, als
ob viele Leute am Sonntag viel besser gekleidet wren als frher. Alles das
deutet doch auf einen vermehrten Wohlstand hin, und der kann nicht aus so
milichen Zustnden entspringen, wie Du sie mir darstellst. Freund, ich
glaube, Du siehst die Sache mit einer zu schwarzen Brille an!

Wenn Du aus den eben angefhrten Vernderungen, die bei uns stattgefunden
haben, den Schlu ziehst, da mehr Geld vorhanden, also der Verdienst ein
grerer geworden sei, so ist das im ganzen genommen richtig, obwohl damit
noch lange nicht bewiesen ist, da das fr unsere Leute ohne weiteres einen
Vorteil bedeute. Du weit, wie einfach es frher in unserm Dorfe
zuging. Die Leute bebauten ihre Wiesen und Aecker, hatten keine andere
Erwerbsquelle als die Landwirtschaft und waren gesund und zufrieden dabei.
Verdiente man weniger, so brauchte man auch weniger. Man kleidete sich in
selbstgesponnene und gewobene Stoffe, die freilich nicht so schn waren
als die heutige Fabrikware, sich dafr aber durch viel grere Haltbarkeit
auszeichneten. Nachdem man die ganze Woche tchtig geschafft hatte, freute
man sich, den Sonntag als wirklichen Ruhetag feiern zu drfen. Die einzige
Wirtschaft, die es damals bei uns gab, htte als solche fr sich allein
gewi nicht rentiert, wenn nicht noch ein Kramladen damit verbunden
gewesen wre. Am Werktag ging -- von einigen gewohnheitsmigen Schnapsern
abgesehen -- niemand ins Wirtshaus, und auch an gewhnlichen Sonntagen war
der Zulauf kein groer; nur an der Bsatzig*), in der Fastnacht und bei
hnlichen Anlssen ging es etwas hher her. Seit nun aber auch bei uns
alles darnach trachtet, in der Hotelerie und bei der Fremdenindustrie
Stellung und Verdienst zu finden, ist alles anders geworden. Du wirst
staunen, wenn Du im Frhling die Vlkerwanderung siehst. Die jungen ledigen
Leute gehen sozusagen alle fort, und es gilt schon bald fr eine Schande,
im Sommer hier bleiben zu mssen. Aber auch genug verheiratete Mnner sind
den ganzen Sommer abwesend. Frauen, Kinder und Greise bilden der Hauptsache
nach im Sommer die Bevlkerung unseres Dorfes. Da werden im Frhjahr
vor dem Auszug die Aecker bestellt, die Wiesen gedngt, berhaupt das
Notwendigste gemacht, und alle Sommerarbeit -- manchmal auch ein groer
Teil der Herbstarbeiten -- den Frauen und alten Leuten berlassen. Auch
die Kinder, die den ganzen Sommer keine Schule haben, mssen tchtig
mit anfassen. Du kannst Dir denken, da unter solchen Verhltnissen die
Landwirtschaft nicht sonderlich gehoben werden kann, weil alle Arbeiten nur
notdrftig und oberflchlich gemacht werden. Aber auch die Familienbande
lockern sich, und die Kindererziehung lt vieles zu wnschen brig.

  *) Wahl des Kreisgerichtes.

Martin, der ohne Unterbrechung den Worten des Fuhrmanns zugehrt hatte,
war etwas nachdenklich geworden und sagte dann: Ich wei, da Du es gut
meinst, und da Deine Worte aus einem fr die Heimat besorgten Herzen
kommen; aber es ntzt nun einmal alles nichts, die Zeiten lassen sich nicht
ndern, was vergangen ist, kehrt nicht mehr. Das einzig Richtige ist, sich
den einem ewigen Wechsel unterworfenen Verhltnissen so gut als mglich
anzupassen; wer das am besten versteht, bleibt ber Wasser und wird nicht
Heimweh haben nach der guten alten Zeit. Wenn es der Fremdenindustrie
gelungen ist, sich emporzuschwingen, oder wenn sie wenigstens das Bestreben
hat, es zu tun, so soll man sie untersttzen; denn wo diese Industrie
blht, da bietet sie vielen Leuten Lebensunterhalt und Verdienst und stellt
eine vortreffliche Absatzquelle fr alle landwirtschaftlichen Produkte
dar. Ich glaube, da die besten Zustnde da herrschen, wo die verschiedenen
Erwerbsgruppen sich gegenseitig untersttzen und ergnzen. Freilich gehe
ich mit Dir einig, da es fr unsere Verhltnisse nicht zum Nutzen
ist, wenn fast unsere gesamte Jungmannschaft und natrlich gerade der
intelligentere Teil derselben, ganz oder zeitweise auswandert, und wenn
dadurch das Bebauen der heimatlichen Scholle mangelhaft ist und berhaupt
fast jeder gesunde Fortschritt gehemmt wird. Doch ich denke, da die
Auswchse dieser Art von Auswanderung von selbst eingehen werden. Die
gesunden Elemente unserer Bevlkerung werden einsehen, da auch manchmal
das Los eines Hotelangestellten nicht ein sehr beneidenswertes ist, und da
man daheim im Kreise der Familie und bei landwirtschaftlicher Bettigung
ein Leben fhren kann, das weit mehr Befriedigung verschafft, als die
abhngige und oft sehr aufreibende Ttigkeit in einem Hotel. Zu wnschen
wre es, da einige Mnner sich unserer Landwirtschaft annehmen und an
deren Hebung arbeiten wrden; das gute Beispiel wrde andere hinreien, und
der Erfolg mte ein bedeutender sein.

Ich sehe schon, fiel der Fuhrmann wieder ein, Du fassest alles von der
leichten Seite auf, indessen mchte ich selbst nur wnschen, da Du recht
behalten mchtest und alles wieder von selbst ins richtige Geleise kme.
Einstweilen sind viele unserer engern Landsleute zu bedauern, hauptschlich
auch deswegen, weil sie moralisch allmhlich auf abschssige Bahnen kommen.
Das beweist schon das sich immer mehr entwickelnde Wirtshausleben unserer
Dorfbewohner. Wo frher eine Wirtschaft kaum bestehen konnte, rentieren
jetzt deren drei, wie es scheint, sehr gut. Nicht nur Wein und Branntwein
wie frher, sondern auch Bier und allerlei fremde Liqueure, die man frher
nicht einmal dem Namen nach kannte, werden jetzt ausgeschenkt. Das ganze
gesellschaftliche Leben spielt sich jetzt im Wirtshause ab. Unsere
jungen Mnner, die im Sommer abwesend sind, finden es zu langweilig,
die Winterabende im Kreise ihrer Eltern und Geschwister zuzubringen; sie
glauben, es fehle ihnen etwas, wenn sie einmal abends nicht im Wirtshaus
gewesen sind. Sollte es einmal den Eltern einfallen, einen halberwachsenen
Jungen an Sparsamkeit und Huslichkeit zu ermahnen, dann heit es gleich:
Ich verdiene ja das Geld, und wenn es Euch nicht gefllt, kann ich im
Winter auch fortgehen, denn ich bin mein eigener Herr und Meister und
brauche mich nicht wegen jedem Glas Bier, das ich trinke, auszanken zu
lassen. Aber auch viele Familienvter fhlen sich zu Hause nicht wohl;
Kneipen und Spielen ist auch bei ihnen an der Tagesordnung, und wohin
das alles fhren mag, kannst Du Dir leicht selbst vorstellen. Viele, die
Jahresstellen haben, oder den Winter in sdlichen Gegenden verbringen,
kommen etwa einmal im Jahr, oder alle drei bis vier Jahre fr einige Wochen
in die Heimat, um sich zu erholen; diese drehen dann erst recht alles
auf den Kopf, sie bestimmen gewhnlich schon vorher eine gewisse Summe, die
whrend der Ferien verklopft werden soll. Wenn man so lange Zeit, ohne
sich einmal Ruhe zu gnnen, gearbeitet und dabei viel Geld verdient habe,
drfe man sich schon etwas zu gute tun, denken solche Leute; etwas msse
man vom Leben doch auch haben. Da werden denn allerlei Festlichkeiten
arrangiert, es gibt Blle, Ausflge, Kneipgelage und dergleichen mehr.
Teils weil jeder Genu ohne passende Gesellschaft zuletzt langweilig wird,
teils aus verwandtschaftlichen Rcksichten oder aus alter Freundschaft,
teils aber auch aus purer Prahlerei oder Mitleid mit den armen
Schluckern, die immer zu Hause bleiben und die heimatliche Scholle bebauen
mssen, ergehen Einladungen an die nicht ausgewanderten oder sonst zufllig
ortsanwesenden Bekannten, denen dann meistens, um nicht zu verletzen, oder
um die willkommene Gelegenheit, auch einmal etwas mitmachen zu knnen,
nicht unbenutzt vorber gehen zu lassen, Folge geleistet wird. Es kommt
sogar hufig genug vor, da Jnglinge und Mnner von der Arbeit weg ins
Wirtshaus geholt werden. Da braucht man sich nun gewi nicht zu verwundern,
wenn bei den zum Hierbleiben verurteilten Handwerkern und Landwirten die
Unzufriedenheit mit ihrem Geschick immer mehr sich ausbreitet, wenn bei
ihnen gewisse Lste und Leidenschaften wach werden, und wenn sich viele
eine Lebensweise angewhnen, die mit ihrem Beruf und ihrem Verdienst
keineswegs in Einklang stehen. So hatte sich der Fuhrmann in einen wahren
Eifer hineingeredet, und die Debatte zwischen den beiden Freunden wre
jedenfalls noch lange nicht zu Ende gewesen, htte man sich jetzt nicht
dem Dorfe genhert, welcher Umstand natrlich dem Gesprch ein Ende machte.
Martin wendete sich seiner Frau und den Kindern zu, whrend der Fuhrmann
vollstndig von seinem Fuhrwerk in Anspruch genommen wurde.

Weil es gerade um die Mittagszeit war, als der Wagen ber die holprige
Dorfstrae fuhr, hatten die Leute Gelegenheit, sich den Einzug der
Mllerschen Familie mit Mue anzusehen, und diese Gelegenheit wurde auch
reichlich ausgentzt.

Whrend sich die Dorfjugend in der Strae aufstellte und so von ihrem
Vorrecht, sich nicht genieren zu mssen, Gebrauch machte, standen die
Alten unter den Haus- oder Stalltren, schauten zu den geffneten oder
geschlossenen Fenstern heraus, und manche, welche sich nicht sehen lassen
wollten, hatten sich hinter den Fenstervorhngen postiert. Die einen
musterten mit kritischem Blick die Mbel, andere schienen sich fr die
Kinder zu interessieren, whrend wieder andere die Augen nur auf die Frau
und ihre Kleidung gerichtet hatten.

Unterdessen hatte der Wagen seinen Bestimmungsort erreicht und hielt vor
dem Hause, das fortan unsern Martin und seine Familie beherbergen sollte.
Der Fuhrmann spannte die Pferde aus und zog mit ihnen ab, seiner nicht weit
entfernt liegenden Behausung zu.

Einige Verwandte und alte Bekannte Martins hatten sich schnell eingefunden;
sie boten sich zur Hilfeleistung beim Abladen der Mbel an, und einige
Frauen zeigten sich bereit, so schnell als mglich fr die leiblichen
Bedrfnisse der Familie sorgen zu wollen, da alle, wie sie meinten, von
dem ziemlich weiten Weg doch gewi hungrig und durstig sein mssen. Martin
dankte allen fr den freundlichen Willkomm und nahm gerne die dargebotene
Hilfe an; denn er meinte, es sei gut, wenn abgeladen werden knne, so lange
es noch Tag sei. Fr das Essen aber sei bereits gesorgt, da der Fuhrmann
sie alle schon unterwegs eingeladen habe. Er gedenke nur noch schnell seine
Frau und die Kinder durch das Haus zu fhren und dann der Einladung Folge
zu leisten, damit dann schnell mit dem Unterbringen des Hausrates begonnen
werden knne.

Elise, so hie die Gattin Martins, zeigte sich sehr erfreut, nun einmal
eine gerumige Wohnung zu besitzen, in welcher man sich viel besser
einrichten konnte als in den engen Mietrumen, auf die man vorher
beschrnkt war. Die vom Vater ererbten Einrichtungsgegenstnde, zusammen
mit den mitgebrachten Mobilien, muten eine Ausstattung geben, an welche
die bescheidene Frau vorher nie hatte denken drfen.

Martin durchschritt mit einer gewissen Wehmut die ihm so wohlbekannten
Rume, wo alles ihn an seine Jugendzeit und an die nun heimgegangenen
Eltern erinnerte.

Wir berlassen es nun den Leutchen, ihr Mittagessen einzunehmen, ihre
Habseligkeiten abzuladen und sich notdrftig einzurichten, und wollen
unterdessen einen Rundgang durch das Dorf machen, um die herrschenden
Zustnde etwas nher kennen zu lernen.

D. liegt an einem Abhang nach Sden, so da es von rauhen Nordwinden
vollstndig geschtzt ist. Dieser glcklichen Lage ist es jedenfalls auch
zu verdanken, da trotz der bedeutenden Hhe ein ziemlich ausgedehnter
Obstbau betrieben wird. Namentlich die unter der von Ost nach West sich
durch das Dorf ziehenden Hauptstrae gelegenen Huser sind fast ganz in
dem Obstbaumwalde versteckt. Die Wohnhuser und Stlle sind meistens mit
Schindeln gedeckt und gewhren in ihrer unregelmigen Gruppierung einen
pittoresken Anblick. Die Gassen und Pltze sind nicht gerade unsauber, doch
machen sich auch hie und da die braunen Bchlein bemerkbar, die von den
Dngersttten abflieen und wenig Sparsinn der Bauern verraten. Manche der
Huser lassen es deutlich erkennen, da ihre Besitzer in der glcklichen
Lage sich befinden, etwas wagen zu drfen zur Verschnerung und
Verbesserung ihrer Wohnsttten. Abgesehen von dem frischen Verputz, sehen
wir dort ein neues Ziegeldach, hier neue Fensterstcke mit entsprechenden
Fenstern, an einem andern Hause ist sogar ein kleiner Balkon angebracht.
Auch einigen greren und kleineren Neubauten begegnen wir beim
Durchschreiten der Hauptstrae. Wir vermuten, da in diesen neuen und
frisch renovierten Behausungen jene Glcklichen wohnen, denen es gelungen
ist, fern von der Heimat, in den verschiedensten Lebensstellungen, sich ein
schnes Stck Geld zu verdienen, und die nun sich teils aus dem Getriebe
der groen Welt in ihr stilles Heimattal zum Ausruhen zurckgezogen, teils
aber noch mitten im Strudel des Erwerbes stecken und nur hin und wieder
einmal fr kurze Zeit nach D. kommen, um sich etwas zu erholen von den
Anstrengungen ihres Berufes. Dieser Umstand lt uns auch begreifen, warum
die Fensterlden vieler Wohnungen geschlossen sind, ein Zeichen, da diese
leer stehen.

Mitten im Dorfe, wo auf einem freien Platze ein Brunnen steht, der aus zwei
Rhren das gerumige Brunnenbett mit klarem Quellwasser speist, steht das
Gasthaus zur Post, mit dem Postbureau, Laden und einer kleinen Gaststube
im Parterre. Einige Fuhrleute, die hier den Pferden eine kurze Rast
gnnen, schneiden Brot in die Futtertrge, schtten etwas Hafer aus
den mitgebrachten Scken dazu, um sich dann zu einem Glase Wein in die
Gaststube zu begeben. Sonst ist es um diese Zeit hier ruhig und von
weiteren Gsten nichts zu bemerken. Es herrscht berhaupt eine gewisse
Stille im Dorfe; die Kinder sind in der Schule, die Erwachsenen aber bei
dem schnen Wetter meistens auf dem Felde beschftigt. Machen also auch
wir einen Gang vor das Dorf, um die Leute bei ihren Erntearbeiten zu
beobachten.

Wir kommen jetzt auch an der Kirche vorbei, die auf einer kleinen Anhhe
liegt und mit ihrem spitzen Turm und den hohen gemalten Fenstern einen
freundlichen Eindruck macht. Dicht neben der Kirche liegt das Pfarrhaus,
und vor demselben finden wir den einzigen wohlgepflegten Garten, dem
wir bis jetzt in D. begegnet sind. Auf einer dem Zaune entlang fhrenden
Rabatte blhen feurigrote Dahlien, und gelbe und weie Winterastern
beginnen ihre Bltendolden zu entfalten, gut entwickeltes Gemse harrt
der Einwinterung und an der Hauswand bemerken wir schngezogene und mit
Frchten vollbehangene Zwergbume. So gewhrt denn das Pfarrhaus mit
seinen blank geputzten Fensterscheiben, durch welche die Blten einiger
Topfgewchse zwischen den blendendweien Vorhngen herausschauen, inmitten
der freundlichen Umgebung einen hchst einladenden Anblick.

Zu uerst im Dorfe und nicht weit voneinander entfernt, finden wir die
zwei vom Fuhrmann genannten neuen Wirtschaften, das Gasthaus zum Freihof
und das Restaurant National. Der Besitzer des letzteren ist jedenfalls
ein Wirt, der es mit seinem Berufe ernst nimmt und es versteht, die Gste
heranzulocken und es ihnen bei ihm so angenehm als mglich zu machen.
Neben dem im Chletstil erstellten Hause befindet sich eine kleine
Gartenwirtschaft und eine Kegelbahn, aus der das Rollen der Kugeln und
lautes Gelchter an unser Ohr dringt, als Beweis, da auch heute eine
lustige Gesellschaft sich mit Kegelspiel die Zeit vertreibt.

Gleich hinter den Wirtschaften liegen rechts und links von der Landstrae
einige Aecker, da und dort im Wiesland zerstreut. Weil die Kartoffeln hier
die wichtigste Feldfrucht ausmachen und jetzt gerade die Zeit der Ernte
ist, so herrscht reges Leben auf den Feldern. Ueberall sehen wir die
kleinen Bergwagen, zum Teil schon mit gefllten Scken beladen, an den
Ackergrenzen stehen. Die Khe, welche als Zugtiere dienen, weiden daneben
in der Wiese. Die Leute arbeiten emsig; man sieht es ihnen an, da es ihnen
sehr darum zu tun ist, bei dem schnen Wetter mglichst viel auszurichten.
Uns, denen die Verhltnisse fremd sind, fllt es auf, da wir so wenige
Mnner an der Arbeit sehen und die ganze Arbeit der Kartoffelernte fast
ausschlielich von Frauen besorgt wird. Es fllt uns aber das Gesprch
zwischen Martin und dem Fuhrmann ein, und wir vermuten, da die
Fremdensaison noch nicht zu Ende und die meisten der mnnlichen Bewohner
infolgedessen noch abwesend seien. Die verschiedenen Aecker lassen auch auf
den ersten Blick die Unterschiede in der Art und Weise der Bewirtschaftung
deutlich erkennen. Whrend einige Stcke rein von Unkraut sind, zeigen sich
auf andern meterhohe Stauden von Melden und andern Unkrutern, welche durch
reichlichen Samenansatz dafr gesorgt haben, da auch fr ihre Verbreitung
im nchsten Jahre der Grund gelegt ist. Eine Frau fand es sogar fr
zweckmig, das Unkraut zuerst abzumhen, um das Ausgraben der Kartoffeln
leichter vornehmen zu knnen.

So ist es denn ber unsern Betrachtungen allmhlich spt geworden, der
Rauch der verbrannten Kartoffelstauden vermischt sich mit der Dmmerung zu
einem leichten Nebel; da und dort sieht man bereits die Khe einspannen
und zum Heimweg rsten. Auch fr uns wird es Zeit, zu unserer
Zimmermannsfamilie zurckzukehren, die wir in ihrem neuen Heim
zurckgelassen haben. Der kurze Rundgang hat uns belehrt, da die
Verhltnisse in D. im ganzen nicht besser und nicht schlimmer sind als an
andern Orten, da es auch hier zu loben und zu tadeln gibt wie allerwrts.
Wenn aber der Fuhrmann von Martins Habseligkeiten heute morgen der
Ueberzeugung Raum gab, da die Auswanderung und das Streben nach
Hotelstellen, im Umfange wie beides heute besteht, in landwirtschaftlicher
und allgemein moralischer Beziehung einen ungnstigen Einflu auf die
Zustnde in D. ausbe, und da dieser Uebelstand nicht ganz aufgehoben
werde durch die Erhhung des Verdienstes und den Zuflu reicherer
Geldquellen nach D., so mssen wir ihm ein wenig recht geben.




II.


Im Mllerschen Hause war alles in reger Ttigkeit, besonders Frau Elise tat
sich in ihrer Eigenschaft als Hausfrau tchtig hervor. Mit sicherem Blick
ordnete sie das Plazieren der verschiedenen Mbelstcke so an, da jedes
Stck gleich an den richtigen Platz kam und nicht nachher alles wieder
von einem Zimmer ins andere gebracht werden mute. Noch bei vollstndiger
Tageshelle war alles unter Dach gebracht und die schwerste Arbeit getan.

Begreiflicherweise herrschte im ganzen Hause noch eine groe Unordnung, und
bis Kisten und Krbe ausgepackt und jede Kleinigkeit ihren Platz gefunden,
waren noch einige Tage erforderlich.

Elise lie es sich nun vor allem angelegen sein, die Kche so in den Stand
zu stellen, da es ihr mglich war, selbst zu kochen und sie nicht mehr
ntig hatte, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schon beim Einpacken hatte
sie auf diesen Umstand Bedacht genommen und alles so eingerichtet, da
die verschiedenen Gegenstnde leicht gefunden und sofort bentzt werden
konnten. Die kleine Marie ging der Mutter fleiig an die Hand, und bald
stand auf dem Tisch eine krftige Mahlzeit, der dann auch -- zum erstenmal
im neuen Heim -- von allen Seiten tchtig zugesprochen wurde. Als dann
auch in den Schlafzimmern alles soweit in Ordnung war, da man die Betten
benutzen konnte, begab sich die ganze Familie zur Ruhe. Es tauge nichts,
meinte Martin, wenn man sich noch lnger abmhe; es gehe dann alles viel
leichter morgen, wenn man die Nacht gut ausgeruht habe. Zudem komme man
doch bei Licht mit solcher Arbeit nicht so recht vom Fleck, das gehe
doppelt so schnell, wenn das Tageslicht einem helfe.

So ruhig wie am ersten Tage wurde auch an den folgenden gearbeitet, bis
das ganze Haus von oben bis unten in Ordnung war. Als auch die letzte
Verrichtung, das Befestigen der Fenstervorhnge, beendigt war, da
freuten sich Martin und Elise wie die Kinder und fhlten sich froher und
glcklicher in ihrem kleinen Hause, als ein Frst in seinem Palaste.

Das freundliche Aussehen, das Martins Huschen nun erhalten hatte, als auch
Elisens Topfpflanzen vor den blitzblanken Fenstern ihren Platz
gefunden hatten, veranlate nicht nur manchen Vorbergehenden zu kurzem
Stehenbleiben und Hinaufschauen zu den heruntergrenden Blumen, welche
die kurze Zeit, die ihnen der Herbst noch gewhrte, durch reiches Blhen
ausntzen zu wollen schienen, sondern erregte auch -- namentlich bei
einigen Nachbarinnen Elisens -- den Wunsch, einmal einen Blick hineinwerfen
zu drfen in die innere Huslichkeit der Mllerschen Familie. An Vorwnden
fr allerlei Besuche fehlte es nicht, und so sah sich denn Elise --
namentlich wenn Martin in seinen Geschften abwesend war -- hufig in
Gesellschaft von Bewohnerinnen D's, die ihr bald in dieser, bald in jener
Angelegenheit ihre Aufwartung machten.

Elise lie sich durch solche Visiten in ihren huslichen Verrichtungen
gewhnlich nicht stren, erteilte aber gerne Auskunft, wenn eine solche von
ihr verlangt wurde und sie imstande war, eine solche zu geben. Sie mte
auch keine Evastochter gewesen sein, wenn sie sich nicht gefreut htte ber
das Lob, das ihr hin und wieder bei solchen Gelegenheiten gespendet wurde.
Elise verdiente aber dieses Lob auch, besonders wegen ihrer Reinlichkeit
und ihrem strengen Ordnungssinn, der sich auch in dem kleinsten Winkel
ihres Hauses bemerkbar machte. In der Kche glnzte und blitzte alles. Auf
einem Gestell, welches mit ausgezacktem Papier belegt war, war das etwas
ungleiche Geschirr so geordnet, da dieser Mangel kaum bemerkbar war, wie
es Elise berhaupt verstand, ihre im ganzen ja sehr einfache Einrichtung
so herauszuputzen und in ein solches Licht zu stellen, da alles mehr
vorstellte, als es eigentlich in Wirklichkeit war. Der kleine eiserne Herd
und der Fuboden aus Steinplatten waren stets so sauber, als wenn sie gar
nicht gebraucht wrden. So war es in der freundlichen Wohnstube, in den gut
gelfteten Schlafzimmern und hinauf bis auf den Dachboden.

Den Nachbarinnen gefiel das alles sehr wohl, wenn auch einige meinten, es
sei fr gewhnliche Leute nicht notwendig, da alles so glnze, da man
sich drin spiegeln knne; von dem ewigen Putzen, Wischen, Abstauben habe
man nicht gegessen, das msse man den Herrenleuten berlassen, die htten
Zeit und Geld fr solche unntzen Sachen. Die Elise wrde es auch bald
bleiben lassen, wenn sie im Feld und im Stall herum hantieren mte; aber
die habe es lange gut, sie knne den ganzen Tag in der Stube sitzen, indem
das bichen Hausarbeit schnell gemacht sei. Das werde aber schon noch
anders kommen, der Martin verrechne sich allweg mit seinem Verdienst; im
Winter knne ein Zimmermann auch nicht jeden Tag etwas verdienen und dann
werde es bei den teuren Zeiten wohl ohne den Nebenverdienst der Frau nicht
ausreichen, um fnf Muler zu stopfen. Solche Redensarten bedeuteten aber
nichts anderes, als eine schlechtangebrachte Verdeckung des Neides und der
Unzufriedenheit mit dem eigenen Los.

Manche der Frauen, die mit Elise in Berhrung kamen und sie ganz aufrichtig
wegen ihrer musterhaften Ordnung und Reinlichkeit im Hauswesen lobten,
lieen durchblicken, da sie das gerne auch htten, aber die Flle der
landwirtschaftlichen Arbeiten, die auf ihren Schultern ruhe, lasse sie
nicht dazukommen, alles so im Stande zu halten, wie sie es gerne mchten.
Fremde Leute zu halten, das sei viel zu teuer, und auerdem bekomme man
auch gute landwirtschaftliche Arbeiter selbst um hohen Lohn nicht mehr. Die
Mnner und zum Teil auch die Tchter seien gezwungen, auswrts Verdienst
zu suchen, weil das Bauern nicht mehr so rentiere, um ein gesichertes
Auskommen zu haben. Da msse man sich halt nach der Decke strecken und die
Verhltnisse nehmen wie sie seien.

Bei Gelegenheit solcher Gesprche hielt dann auch Elise nicht hinter dem
Berg mit ihren Gedanken und machte durchaus kein Hehl daraus, da ihr die
Verhltnisse in D. gar nicht gefallen. Sie fhrte dann ihre Heimat als
Beispiel an, indem sie auseinandersetzte, da man im Unterland auch
Landwirtschaft treibe, da sie ja selbst die Tochter eines Bauern sei, aber
es falle dort niemanden ein, den Frauen und Tchtern die schwerste Arbeit
sozusagen allein aufzubrden; solche besorgen die Mnner schon selbst und
die Frauen seien in erster Linie zur Fhrung des Hauswesens da, was dann
freilich nicht ausschliee, da auch sie zu gewissen Zeiten tchtig in
Feld, Wiese und Weinberg mit Hand anlegen mssen. Da unter Umstnden die
Frauen auch beim Erwerb mithelfen sollen, sei ganz recht, aber man drfe
nicht vergessen, da eine tchtige Hausfrau auch indirekt viel mehr
verdienen knne, als man im allgemeinen annehme. Rechnet nur aus, sagte
sie einmal zu zwei Nachbarinnen, mit denen sie ber diesen Gegenstand zu
reden kam, wie viel mte ich der Schneiderin und dem Schneider geben,
wenn ich die Kleider fr mich und die Kinder nicht selbst anfertigen
knnte. Mein Vater hat nicht gesagt, da ich keine Zeit habe, als ich einen
Zuschneidekurs besuchen wollte; er wute, da die Zeit gut angewandt sei.
Schaut, da habe ich gerade meinem Manne ein Paar Pantoffeln gemacht, auch
das habe ich in wenigen Tagen in einem Kurs gelernt. So ist es noch mit
vielen Sachen, und es ist deshalb unrecht zu glauben, da ich nichts
verdiene, wenn ich nicht gerade Mist fhre und Erde schaufle wie ihr
andern. Mein Mann hat mir schon versprechen mssen, einen kleinen Garten
anzulegen und damit hoffe ich dann viele Auslagen zu sparen, indem ich
darin Gemse ziehe, so da wir das ganze Jahr genug davon haben. Wir sind
an den Genu der verschiedenen Gartengemse gewhnt und haben sie als
gesunde und billige Nahrungsmittel schtzen gelernt. Selbst das Putzen
und Waschen trgt noch etwas ein. Die Reinlichkeit ist wie nichts anderes
geeignet, den Krankheiten vorzubeugen und Seife und Brsten sind viel
billiger als die hohen Doktorrechnungen. Durch gute Ordnung nutzen sich
alle Dinge weniger ab, man spart also Geld und hat obendrauf weniger
Arbeit, als wenn alles in Unordnung herumliegt und oft allein mit Suchen
nach Dingen, die irgendwo verlegt sind, sehr viel Zeit verloren geht. Das
einzige was mir vielleicht nichts einbringt, sind meine Blumen; aber ein
Vergngen mu der Mensch doch auch haben. Die Pflege meiner Topfpflanzen
gewhrt mir Erholung von meiner Arbeit, und weil diese Freude sehr wenig
kostet, so mag man mir dieselbe wohl gnnen.

Diese und hnliche Auseinandersetzungen von seite Elisens waren geeignet,
die Frauen von D. zu berzeugen, da bei ihnen manches anders sein knnte,
als es war, und sie begannen die Unterlnderliese -- wie man unsere Elise
in D. kurzweg nannte -- zu beneiden. Es war deshalb kein Wunder, da man
immer mehr von ihr sprach. Freilich hatte das keine weitere Aenderung zur
Folge, als da die Unzufriedenheit bei den Frauen wuchs und die Mnner
infolgedessen manchen Vorwurf zu hren bekamen ber die ungerechten
Zumutungen der Mnner. Diese waren deshalb nicht gut auf Elise zu sprechen
und meinten, sie wre besser im Unterland geblieben, als da herauf zu
kommen und ihren Weibern die Kpfe zu verdrehen. Die Frauen glaubten
zuletzt selbst, da an der Sachlage nichts zu ndern sei; sie stellten,
teils um des lieben Friedens willen, teils weil ihre Neugierde ber die
huslichen Verhltnisse Elisens befriedigt war, den Verkehr mit ihr nach
und nach ein, und alles blieb vorerst beim alten.

Elise ihrerseits hielt das Verhalten ihrer Nachbarinnen fr Hochmut. Sie
hatte sich schon von Anfang an nicht aufgedrungen und wollte das auch
ferner nicht tun, obwohl sie sich eine Zeitlang in dem Gedanken gefallen
hatte, etwas beitragen zu knnen zur Verbesserung des harten Loses vieler
Frauen von D.

Die einzige Person, welche die Bestrebungen der Unterlnderliese nicht
verkannte, sie vielmehr zu untersttzen trachtete, war der Pfarrer. Er war
in der Gegend aufgewachsen und kannte die Verhltnisse genau. Die sozialen
Uebelstnde, die nach und nach in der Talschaft eingerissen, hatte er mit
schwerem Herzen bemerkt, war aber unfhig, ihnen zu steuern, da es ihm an
tatkrftiger Hilfe mangelte. Es war ihm deshalb sehr willkommen, als er
das schne Familienleben im Mllerschen Hause bemerkte, und er sagte sich
gleich, da ein solches Beispiel nicht ohne wohlttigen Einflu bleiben
knne. Als ihm Elise nun klagte, wie alle Nachbarinnen sich voll Hochmut
von ihr abgewandt und ihre guten Absichten mideutet haben, da lchelte
er nur und meinte, das werde schon wieder anders werden. Ein wenig sei sie
vielleicht auch selbst schuld, weil sie den hier herrschenden Verhltnissen
zu wenig Rechnung getragen habe. Es gehe nicht an, die hiesigen Frauen auf
einmal zu Unterlnderinnen umformen zu wollen. Um Besserung erzielen zu
knnen, msse man die Ursachen kennen, aus welchen die ungnstigen Zustnde
entsprungen seien. Indem man dann durch gutes Beispiel zeige, da diesen
mit Erfolg entgegengetreten werden knne, werde man Frauen und Mnner fr
durchgreifende Reformen gewinnen. Er mchte ihr den Rat geben, mit
allen Leuten freundlich zu sein, ihren Nachbarinnen gegenber nicht als
Besserwisserin und Lehrmeisterin aufzutreten, und namentlich das Unterland
als Beispiel ganz aus dem Spiel zu lassen. Die Verhltnisse seien dort zu
verschieden im Vergleich zu den hiesigen. Die Landwirtschaft leide
unter der groen Gterzerstckelung, dem allgemeinen Weidgang und andern
ungnstigen Einflssen, von denen man im Unterland nichts wisse derart,
da es nur zu natrlich sei, wenn andere sich bietende Erwerbsquellen
bereitwillig ausgebeutet werden. Die landwirtschaftliche Lage sei zwar
nicht derart, da keine Besserung mehr zu hoffen sei, im Gegenteil, es
zeige sich schon Tendenz zu einer solchen; aber es brauche Zeit und Geduld
und Mnner, die sich mit ganzer Kraft der Sache widmen. Vor allen Dingen
gelte es, die Leute so gut als mglich an die Heimat zu fesseln, und das
geschehe am besten durch die Bande der Familie. Hier msse man vor allen
Dingen veredelnd eingreifen, und hier rechne er auch am meisten auf Elisens
Hilfe.

Martin hatte vollauf zu tun. Groe Unternehmungen waren es vorderhand
freilich nicht, mit denen er sich beschftigte; denn es waren meist nur
kleinere Reparaturen, mit denen man ihn betraute, und die man vielfach
aufgeschoben hatte, um sie von Martin ausfhren zu lassen, weil in D.
vorher kein Zimmermann ansssig war. Es waren das alles Arbeiten, die
kein groes Betriebskapital erforderten und doch einen sichern Verdienst
abwarfen. Das war ganz im Sinne Martins; denn er wollte nur nach und nach
sein Geschft vergrern.

Zufrieden und vergngt ging er seiner Arbeit nach. Die Sonntage und die nun
immer lnger werdenden Abende verbrachte er in seiner Familie. Schon hie
und da hatten alte Freunde versucht, ihn in diese oder jene Gesellschaft
hineinzuziehen, ihn zu einem Kegelabend einzuladen, zu einem gemtlichen
Ja aufzufordern oder sonst, eine Gelegenheit vorschtzend, ihn ins
Wirtshaus zu ziehen; freundlich aber entschieden lehnte er jedesmal ab.
Viele sahen in ihm deshalb einen erbrmlichen Pantoffelhelden, der nach der
Pfeife seiner Frau tanzen msse. Weil sie keinen Sinn hatten fr das Glck
einer stillen Huslichkeit und eines durch nichts getrbten Familienlebens,
hielten sie die Anhnglichkeit Martins an seine Familie fr eine nicht
ganz freiwillige, und whrend ihn einige bemitleideten, meinten andere, es
geschehe ihm ganz recht; warum habe er diese Unterlnderin geheiratet,
er htte eine aus der Talschaft nehmen knnen, dann htte er nicht ntig
gehabt, innerhalb seiner vier Wnde Trbsal blasen zu mssen.

Martin, dem natrlich solches Gerede auch zu Ohren kam, lchelte nur
darber; ihm war es gleichgltig, was andere Leute in dieser Beziehung
ber ihn dachten. Nur als es einmal einer wagte, sich ihm gegenber direkt
mibilligend ber Elise zu uern, indem er sagte: Es schaut gewi nichts
dabei heraus, wenn in einer Familie, die nicht reich ist, die Frau nichts
als putzt und wascht, sich und die Kinder stets in frische Kleider steckt,
die doch schnell wieder schmutzig werden. Das ist gut fr Herrenleute, die
Geld genug haben, aber fr einen gewhnlichen Handwerker oder Bauer pat
das nicht; ich wenigstens mchte es mit so einer Frau nicht machen; ich
wte nicht, wo Geld genug auftreiben, wenn mein Weib, statt auf dem Feld
und im Stall zu arbeiten, nur immer ans Kochen, Putzen und Waschen denken
wrde, wie es die Liese tut. Da konnte er sich denn nicht enthalten, dem
Manne ziemlich aufgebracht zu erwidern.

Du denkst wahrscheinlich nicht daran, hub Martin seine Entgegnung an,
da Du da meiner Liese die grte Lobrede gehalten hast; denn ich bin ihr
z.B. sehr dankbar, da sie auf Reinlichkeit bei den Kindern hlt; ist es
doch mein Stolz, da sie so gut geraten; nichts trgt mehr zum Verderbnis
von Leib und Seele bei, als Schmutz und Unreinlichkeit. Gerade so ist es
mit dem Schmutz auf den Bden und an den Fenstern; denn wo derselbe auf den
Gerten liegen bleibt, bleibt er auch gerne im Herzen und in den Gedanken
liegen; und Du so wenig wie ich, hast je durch eine schmutzige Scheibe
ein frhliches Gesicht schauen sehen. Da mein Weib vollends keine Lumpen
aufkommen lt, ducht mir gerade das schnste an ihr; denn ich wei nicht,
ob lumpige Menschen lumpige Kleider machen oder lumpige Kleider lumpige
Menschen; eines aber ist gewi, da sie stets bei einander sind. Deine
Kathrine ist eine fleiige und brave Frau, der man gewi nichts nachsagen
kann; aber bedauert habe ich sie schon oft, wenn ich sie schon am morgen
in aller Frhe im Stall und auf dem Miststock hantieren sah, whrend Du
gemtlich drben in der Post Deinen Schnaps trankst. Und dann, was meinst
Du? Wie viel Seife und Brsten lieen sich bezahlen aus dem Gelde, das Du
abends und Sonntags bei Spiel und Wein verbrauchst? das wrde noch so weit
reichen, da Du Dir eine Huslichkeit schaffen knntest, in der es Dir weit
besser als in der dumpfen Wirtsstube gefallen wrde. Schau! wenn ich an den
Feierabend denke, da geht mir meine oft schwere Arbeit nochmal so gut aus
den Hnden. Komme ich heim, so wartet meiner ein, wenn auch einfaches, so
doch krftiges und schmackhaftes Essen. Whrend mir mein kleiner Hans die
Pantoffeln bringt, holt der Franz Pfeife und Tabak, die Zeitung liegt schon
parat, und wenn ich so rauchend, plaudernd oder lesend im gut durchlfteten
und erwrmten Zimmer, im Kreise meiner Familie, von des Tages Mhen
ausruhe, so danke ich jedesmal im Stillen meiner Liese, da sie es
versteht, mir ein Heim zu bieten, mit dem kein Wirtshaus der Welt den
Vergleich aushalten kann.

Der auf diese Weise von Martin Zurechtgewiesene wagte nichts mehr zu
entgegnen und schlich sich wie ein begossener Pudel von dannen, innerlich
denkend, da der Zimmermann eigentlich recht habe, und da es einen Versuch
wert sei, die erhaltenen Ermahnungen sich nicht nur zu Herzen zu nehmen,
sondern sie auch zu befolgen.

Mit den Arbeiten, die Martin ausfhrte, war man allgemein zufrieden. Es
konnte eben leicht wahrgenommen werden, da er wute, als Handwerker nicht
nur das Anrecht auf den Taglohn zu haben, sondern da ihm auch die Pflicht
zukam, etwas vollwertiges dafr zu leisten. Alle Arbeit ging ihm rasch
aus den Fingern, wobei aber auch beim Kleinsten auf Genauigkeit und
Dauerhaftigkeit gesehen wurde. So wurde Martin mit Auftrgen berhuft,
trotzdem er einen hheren Lohn verlangte, als mancher der andern
Zimmerleute, mit denen man sich bis jetzt hatte behelfen mssen.

Weil Martin sich nur selten einmal im Wirtshaus blicken lie, so waren
diejenigen, welche einen Auftrag fr ihn hatten oder in irgend einer
Angelegenheit etwas mit ihm besprechen sollten, gentigt, ihn zu Hause
aufzusuchen. So kam es nun immer mehr vor, da am Abend oder an Sonntagen
Leute im Mllerschen Hause vorsprachen. Merkwrdig war es dabei, zu
beobachten, wie mancher, der nur das Geschftliche schnell abtun wollte,
um sich dann gleich wieder zu entfernen und vor Eile kaum die Trklinke
aus der Hand lie, der freundlichen Einladung zum Sitzen nicht widerstehen
konnte und dann oft fr mehrere Stunden nicht ans Fortgehen dachte. Das
bewirkte der eigenartige Zauber, der von der Huslichkeit Martins ausging,
das freundliche Wesen Elisens und die ernsten und heiteren Gesprche
Martins, der ein guter Gesellschafter war und mancherlei zu erzhlen wute.

Es lt sich leicht begreifen, da da mancher sozusagen gezwungen
wurde, einen Vergleich anzustellen zwischen den anheimelnden, traulichen
Verhltnissen in der Familie und in dem Heim Martins und denjenigen, die in
seinem Hause herrschten. Andere konnten es zuerst absolut nicht begreifen,
wie sie es, ohne die mindeste Langeweile empfunden zu haben, einen ganzen
Abend oder Sonntag-Nachmittag haben aushalten knnen, in Martins Stube zu
sitzen, ohne Karten und ohne Bier und Wein. Der eine oder andere merkte es
dann vielleicht, da er das auch in seiner Stube knnte, wenn es dort so
behaglich wre, wie bei Martin, und nahm sich dann wohl vor, einmal zu
probieren, ob sich nicht in seinem Haushalt hie und da etwas ndern liee.
Sei dem wie ihm wolle; Tatsache ist, da nach und nach mancher gestrenge
Eheherr, der noch vor wenigen Wochen seiner Frau Vorwrfe machen wollte,
wenn sie der Unterlnderliese etwas nachmachen wollte, geradezu befahl,
knftig mehr im Hause zu arbeiten und nachzusehen, da es dort eine bessere
Ordnung gebe, dabei aus freien Stcken von der Stallarbeit etwas mehr
bernahm und manchmal sogar am Abend zu Hause blieb und mit der Frau einen
Ja machte, statt mit den alten Freunden drben im Wirtshaus.

So begann sich ganz langsam, ohne da es eigentlich jemand gewahr wurde,
ein Umschwung in D. anzubahnen, ausgehend von dem Mllerschen Hause, wo
Reinlichkeit und Ordnung waltete, und wo das schnste Familienleben jene
Zufriedenheit schuf, welche Eltern und Kindern aus den Augen leuchtete.




III.


Der Winter, der diesmal seine strenge Herrschaft auch in D. geltend gemacht
hatte, begann dem Frhling zu weichen. Ein lauer Fhn, im Bunde mit den
krftigen Strahlen der Mrzsonne, hatte die mchtigen Schneemassen schon
ein gutes Stck den Hang hinauf zum Schmelzen gebracht. Die Wiesen ob dem
Dorfe begannen sich mit zartem Grn zu bedecken, in den Baumgrten blhten
die Maliebchen, und hie und da begann schon eine vorwitzige Primel
ihre gelben Blten zu entfalten. Die Zeit rckte allgemach heran, wo die
Landwirte wieder ihre Arbeit drauen in Feld und Wiese aufnehmen konnten.

Unsere Liese freute sich, da auch sie bald wieder hie und da das Haus
verlassen und ihre Gartenarbeit aufnehmen knne. Schon im Herbst hatte
Martin neben dem Haus zwei groe, aber altersschwache Birnbume gefllt
und so einen freien und sehr gnstig gelegenen Platz fr einen kleinen
Hausgarten gewonnen. Ebenfalls schon vor Anbruch des Winters wurde die
Erde gut umgearbeitet und mit Dnger durchsetzt. Es hatte dann auch Tage
gegeben, an welchen Martin seiner gewohnten Arbeit nicht nachgehen konnte;
da wurde dann Holz vorbereitet fr einen Gartenzaun und ein Gartenhuschen,
welche jetzt beide beinahe vollstndig erstellt waren. Liese hatte an
einer Gerllhalde unweit vom Dorfe geeignete Steine entdeckt, die fr die
Wegeinfassungen paten; diese wurden jetzt mit dem Handwagen unter Beihilfe
der Kinder herbeigefahren und den Wegen entlang so aufrecht eingegraben,
da die Erde nicht in die Wege hinausfallen konnte. Dann holte Elise auch
noch Sand, den der Bergbach hie und da an seinen Ufern ablagerte, um
die Wege etwa fnf Centimeter hoch damit zu bedecken. Die Einteilung des
Gartens war hchst einfach ausgefhrt. Rings um den Garten herum,
sowohl dem Zaune, als dem Hause entlang wurde eine Rabatte angelegt, die
80Centimeter breit war; auf dieser sollten gegen den Zaun hin allerlei
Beerenstrucher Platz finden. Die am Hause gelegene Rabatte, welche sehr
geschtzt und sonnig gelegen war, wollte Elise im Frhjahr teils
als Anzuchtsbeet fr frhe Setzlinge, teils zur zeitigen Aussaat von
Schnittsalat, Kresse, Radieschen u.s.w. bentzen. Ein Mittelweg, der von
der hintern Haustre zum Gartenhuschen fhrte, teilte den Garten in zwei
Hlften, whrend ein anderer, etwas schmlerer, rings herum fhrte und die
Rabatte von den beiden Quartieren trennte.

Die notwendigen Smereien hatte Liese schon beizeiten aus einer greren
Samenhandlung kommen lassen, und als nun die Erde etwas abgetrocknet und
sonst alles vorbereitet war, ging es an das Umgraben und Ausebnen des
Bodens; es wurden Beete abgeteilt und solche Gemse ausgest, die von der
Klte nicht so schnell leiden. Die Kinder muten bei dieser Arbeit helfen,
und bald lag der Garten in schnster Ordnung da. Die Sicherheit, mit
welcher unserer Liese diese Verrichtungen durch die Hand gingen, lie
leicht erkennen, da sie mit den Gartenarbeiten vertraut war. Sie hatte
auch in der Tat schon als kleines Mdchen von der Mutter Anregung zu
allerlei leichten Beschftigungen im Garten erhalten, und als sie dann
spter an einem Gemsebaukurs teilgenommen hatte, wurde ihr der
Garten sozusagen ganz allein zur Besorgung bertragen. Auch nach ihrer
Verheiratung verfgte sie ber einen kleinen Hausgarten, wo sie dann erst
recht nach ihrem eigenen Willen schalten und walten konnte. Ihr Grtchen
war denn auch immer ein wahres Schmuckstck gewesen; denn sie hatte nicht
nur immer die schnsten Gemse gehabt, sondern auch ihre Blumenrabatten
hatten manchen der Vorbergehenden gezwungen, stehen zu bleiben und einen
bewundernden Blick ber den Zaun zu werfen. Hier in D. hoffte sie nun, noch
bessere Erfolge mit dem Garten zu erzielen; hatte sie ja doch schon bei der
Anlage auf alles ihr Wnschenswerte Rcksicht nehmen knnen; auch war der
Garten ihr Eigentum und sie brauchte also nicht zu befrchten, denselben
nach einiger Zeit wieder andern Hnden bergeben zu mssen.

Freilich wute Liese wohl, da nicht alles, was sie aus ihrem Garten zu
machen gedachte, gleich im ersten Jahre mglich war. Sie wollte sich auch
gerne mit manchem gedulden und zufrieden sein, wenn sie es nur soweit
brachte, da der Garten so viel Gemse hervorbrachte, als sie fr ihre
Familie das ganze Jahr ber notwendig hatte.

Martin und seine Familie waren so an den Genu von Gemse gewhnt, da sie
kaum erwarten konnten, bis die erste Kresse geschnitten werden konnte, und
als Liese an einem Sonntag die ersten Radieschen auf den Tisch brachte, da
gab es besonders bei den Kindern groen Jubel.

Der neue Garten und besonders das Gartenhuschen beim Mllerschen Hause
hatte in D. wieder viel zu reden gegeben. Da sich der Pfarrer mit solchen
Sachen abgab, das war weiter nicht aufgefallen. Immer konnte er doch nicht
innerhalb seiner vier Wnde sitzen, und wenn er also zum Zeitvertreib sich
im Garten beschftigte, so konnte man ihm diese Liebhaberei wohl verzeihen.
Er msse ja auch nicht streng arbeiten -- hie es -- und da schade es ihm
nichts, wenn er zur Abwechslung von seinem Grnzeug esse. Spare er damit
etwas an seiner Lebenshaltung, so sei das fr alle gut, weil es ihm dann
viel weniger in den Sinn komme, auf eine Gehaltserhhung bei der Gemeinde
zu dringen.

Mit ganz andern Augen verfolgte man hingegen die Bestrebungen von Martin
und Liese. Da ein einfacher Zimmermann, von dem man wute, da er nicht
reich war, sich den Luxus erlaubte, einen Garten anzulegen und sogar eine
Laube zu erstellen, das konnte niemand recht begreifen. Man glaubte in D.
allgemein, da Martin weit ber seine Mittel hinausgehe. Wenn er bis jetzt
auch einen guten Verdienst gehabt habe und Anzeichen vorhanden seien,
da derselbe nicht so bald nachlasse, so drfe er doch nicht gleich daran
denken, es den Herrenleuten nachmachen zu wollen und alles aufs feinste
einzurichten.

Wenn das sein Vater selig wte, wie jetzt mit dem ererbten Heimwesen
umgegangen wird! meinte einer. Was war doch der Weibelhannes fr ein
einfacher Mann! Nie hat er einen Rappen umsonst ausgegeben, und kaum hat
nun der Martin sich ins warme Nest gesetzt, so ist ihm auch nichts mehr gut
genug; er tut gerade, als wenn er in der Fremde Wunder was verdient oder
erheiratet htte, whrend man doch gesehen hat, da es mitunter auch recht
alter Plunder war, den er mitbrachte, so da er recht froh sein konnte, da
der grte Teil der Mbel vom Vater auch noch da war.

Ich wette, meinte ein anderer, da Martin auch anders wre, wenn ihm die
Unterlnderliese nicht ganz den Kopf verdreht htte. Sie will jetzt einmal
ihren Garten haben und dabei bleibt's! Aber, was gilt's, dem Martin werden
schon die Augen aufgehen, wenn ihm erst einmal all das Kraut aufgetischt
wird, das die Liese in ihrem Garten grozieht! Grnfutter ist gut frs
liebe Vieh; aber um die Arbeit eines Zimmermanns verrichten zu knnen, mu
einer etwas anderes als Salat und Spinat im Magen haben.

Wie es immer in der Welt zu gehen pflegt, da man das Alte ob dem Neuen
vergit, so ging es auch hier. Als die Gartenangelegenheit und die
vermeintliche Verschwendungssucht Martins gengend breitgeschlagen und
durchgeklatscht war, begann man sich allmhlich zu beruhigen. Die Arbeiten
in Feld und Wiese wurden auch immer dringender, und bald ging jedermann an
dem neuen Zaune vorber, ohne etwas besonderes zu denken, ja einige Frauen
begannen sich schon hie und da fr die so regelmig aufgehenden Saaten zu
interessieren.

Bald rckte wieder die Zeit des allgemeinen Auszuges heran; der grte
Teil der jungen Mnner, der Jnglinge und erwachsenen Tchter traten ihre
gewohnten Saisonstellen an, und es wurde sehr ruhig in D.

Martin hatte fr zwei Neubauten die Zimmerarbeit bernommen, und es fehlte
ihm deshalb nicht an Beschftigung. Neben den Hausarbeiten besorgte Liese
die zwei kleinen Aecker, die sie mit Kartoffeln bepflanzt hatte, oder sie
hatte im Garten irgend eine Verrichtung; war sie aber mit allem fertig, so
sa sie in der Laube bei irgend einer Nharbeit. Die Kinder, welche jetzt
im Sommer nicht mehr den ganzen Tag in der Schule zubringen muten, halfen,
wo sie konnten, nach Krften mit. Die beiden Knaben zogen wohl auch mit
einem leichten Wagen auf die Landstrae hinaus, um Mist zu sammeln, der
dann an geeigneter Stelle zusammen mit allerlei Abfllen auf einen Haufen
geschttet wurde und Kompost fr den Garten liefern sollte. Das gab
den Leuten wieder frischen Stoff zu allerlei Gerede, und mnniglich
bemitleidete die armen Buben, welche stets barfig waren, und wie
es schien, mit dem grten Vergngen dem Geschfte des Dngersammelns
nachgingen. In D. war es nie der Brauch gewesen, barfu zu gehen, und
selbst die kleinen Kinder trugen auch im Hochsommer Schuhe und Strmpfe;
deshalb fiel es auf, da Liese ihre Kinder barfu laufen lie, und gleich
hie es: Da sieht man es. Zu Hause ein solcher Luxus, und dabei haben die
Kinder nicht einmal Schuhe, und sogar Mist mssen sie zusammenlesen. Es ist
also bei Mllers doch nicht alles Gold, was glnzt, sonst mten sie nicht
am Notwendigsten sparen.

Elise, der wohl hie und da von solchen abflligen Redensarten etwas zu
Ohren kam, kehrte sich nicht im mindesten daran. Sie merkte es an den roten
Backen der Kinder, da ihnen das Barfugehen nicht schade. Mit Freuden sah
sie auch ihren Komposthaufen zu immer greren Dimensionen anwachsen. Sie
betrachtete ihn als eine Sparbchse, gespeist mit Kapitalien, die sonst
nutzlos auf der Strae zugrunde gehen wrden.

Die Gemse in Lieses Garten standen prachtvoll, und als erst die
verschiedenen Sommerblumen auf den Rabatten zu blhen begannen, da dachten
sogar einige der Nachbarinnen, da so ein Grtchen doch unter Umstnden
eine angenehme Sache sei. Die eine oder andere der Frauen blieb hie und
da am Zaune stehen, wenn Elise im Garten arbeitete, und hatte bald dieses,
bald jenes zu fragen. Besonders suchten sie in Erfahrung zu bringen,
wie dem Martin die Gemsekost munde, und erstaunten nicht wenig, als sie
hrten, da er sich ja lngst daran gewhnt habe, und ohne Gemse gar nicht
mehr sein knnte. Freilich, erklrte ihnen Elise, mssen alle Gemse auch
gut und schmackhaft zubereitet werden, das sei gerade so notwendig als die
richtige Kultur im Garten selbst. Sie rief auch manchmal diese oder jene
der Frauen in die Kche, machte sie mit der Art und Weise des Kochens der
Gartengewchse bekannt oder lie sie die fertigen Gerichte probieren. Sie
zeigte ihnen auch, wie sie Gemse in Glser einmache, um auch Vorrte fr
den Winter zu haben. Bald sahen denn auch die Nachbarinnen die Gartenkunst
Elisens mit ganz andern Augen an, und manche begann, sich auch einen
kleinen Garten zu wnschen.

Indessen waren es nicht nur Lieses Nachbarinnen, welche der Sache Interesse
abgewannen, sondern auch in weiteren Kreisen wurde man auf das schmucke
Grtchen und seine Produkte aufmerksam.

Als einst ein Hotelbesitzer aus dem benachbarten Kurort F. mit seinem Wagen
durch D. fuhr und in der Post einkehrte, bewunderte er die gut entwickelten
Gemse in dem Mllerschen Hausgarten und fragte gleich bei Elise an, ob sie
nicht gewillt sei, ihm von ihren Gartenerzeugnissen etwas zu verkaufen;
er sei bereit, gute Preise zu bezahlen, da es stets an frischen Gemsen
mangle. Er sehe sich gentigt, seinen ganzen Bedarf kommen zu lassen, und
msse da oft mit ganz minderwertiger Ware vorlieb nehmen. Sie bedeutete
ihm, da sie leider zum Verkauf nicht eingerichtet sei; da sie aber ein
anderes Jahr leicht auf einem Acker Gemse bauen knne, und wenn er ihr
Aussichten auf Absatz erffne, so werde sie das auch ausfhren. Der Herr
war damit ganz einverstanden, und nachdem ihn Liese noch mit einem hbschen
Blumenstraue beschenkt hatte, fuhr er von dannen.

Es braucht wohl nicht besonders bemerkt zu werden, da Elise ob den andern
Arbeiten ihre Topfpflanzen nicht verga. Als sie im Frhjahr einmal in der
Stadt war, hatte sie beim Grtner noch einige junge Pflanzen von leicht zu
kultivierenden Arten gekauft; diese gediehen jetzt prchtig und blhten
zum Teil schon. Der Pfarrer hatte ihr einige Ableger von jenen groblumigen
Nelken geschenkt, die man im Kanton Graubnden in einigen Talschaften
in oft prachtvollen Exemplaren bewundern kann. Diese bildeten nun ihren
besondern Stolz, da sie schon im Unterland von diesen Riesennelken gehrt,
nie aber welche gesehen hatte. Elise besa schon vorher einige hbsche,
wenn auch kleinblumige Topfnelkenarten, und so konnte sie jetzt zwei
Fenster gegen die Strae, wo die Sonne nicht so hei hinbrannte, mit
ihren Nelkenstcken dekorieren. Diese Nelken bildeten nun einen besonderen
Gegenstand ihrer Pflege; denn sie hatte von jeher eine groe Liebhaberei
fr diese Blumen gehabt. Als dann aber die Bltezeit herannahte, sah sie
sich auch reichlich fr alle Mhe entschdigt. Die Pflanzen waren in Laub
und Blte wunderbar gut entwickelt, und weit herum waren keine solchen
Nelken zu sehen.

Da geschah es eines Tages, da eine reiche Familie aus Deutschland nach D.
kam. Sie wollte nach F. reisen, es war aber unterwegs etwas an dem Wagen
gebrochen, und somit gab es hier einen unfreiwilligen Aufenthalt, bis
der Schaden wieder gut gemacht war. Nachdem die Fremden im Gasthaus eine
Erfrischung genommen hatten, machten sie einen Spaziergang durch das Dorf
und entdeckten dabei gar bald Elisens Nelkenstcke. Ganz verwundert blieben
sie unter den Fenstern stehen; denn solche Nelken hatten sie noch nie
gesehen. Die junge Frau uerte denn auch sofort den Wunsch, eine solche
Pflanze zu kaufen, um sie mit nach Deutschland zu nehmen.

Elise war gerade in der Kche mit Konservieren von Gemse beschftigt und
erstaunte nicht wenig, als die Herrschaft bei ihr eintrat; fast noch mehr
erstaunt aber war sie, als sie hrte, da sie einen ihrer Nelkenstcke
verkaufen sollte. Ganz unumwunden erklrte sie denn auch, da sie diese
Nelken nicht zum Verkaufen, sondern aus eigener Liebhaberei gezogen habe.
Das half indessen nicht viel, der Herr, welcher den Wunsch seiner Frau zu
dem seinigen gemacht hatte, fuhr fort zu bitten; er versprach, gerne jeden
verlangten Preis zu bezahlen und offerierte, als Liese noch zgerte, 15Fr.
fr eine der groblumigen Pflanzen. Als Elise diesen Preis nennen hrte,
meinte sie doch, es wre eine Snde, eine solche Einnahme von der Hand zu
weisen. Sie willigte also in den Handel ein und erlaubte der Dame, unter
smtlichen Pflanzen diejenige auszuwhlen, welche ihr am besten gefalle. So
war denn die Sache zur allgemeinen Zufriedenheit geregelt, und whrend der
Nelkenstock verpackt wurde, ermunterte die fremde Dame Elise, nur mglichst
viele solcher Nelkenpflanzen zu ziehen, an Absatz werde es ihr gewi
nicht fehlen. Der Herr war der gleichen Meinung und versprach, einen ihm
bekannten Blumenhndler in F. auf diese prachtvollen Blumen aufmerksam zu
machen. Es sei ja gar nicht ausgeschlossen, da dieser dann auch allerlei
andere Blumen in D. ziehen lasse, sobald sich Elise nur entschlieen knne,
einen solchen Auftrag zu bernehmen. Diese dankte ihren Gnnern fr das
bewiesene Wohlwollen und versprach, die Sache berlegen zu wollen; es sei
ihr selbst auch schon durch den Sinn gefahren, ob sie vielleicht nicht
imstande wre, mit Gemse- und Blumenzucht ein hbsches Stck Geld zu
verdienen. Sie erzhlte dann von dem Besuch des fremden Hotelbesitzers und
wie sie darauf den Vorsatz gefat habe, nchstes Frhjahr mit der Zucht von
Gemsen zum Verkauf beginnen zu wollen. Nun ihr auch Aussicht gemacht
sei, Blumen und namentlich Nelken gut verkaufen zu knnen, so wrde es
vielleicht nicht schaden, auch damit einen Versuch zu wagen. Nachdem die
Fremden versprochen hatten, Elise im nchsten Sommer wieder zu besuchen,
nahmen sie Abschied, und der kleine Hans trug ihnen den gekauften
Nelkenstock noch bis zum Wagen.

Martin war nicht recht einverstanden, als Elise ihm ihren Plan mitteilte,
im kommenden Jahr einen kleinen Gemseversand einrichten zu wollen. Er
meinte, das verursache im Verhltnis zur Einnahme viel zu viel Arbeit,
und es sei ja nicht notwendig, da sich Liese ber Gebhr anstrenge wegen
einigen Franken, die vielleicht damit zu verdienen seien. Im Geheimen
mochte er wohl Angst haben, da Elise die Hausgeschfte vernachlssige,
wenn die vermehrte Gartenarbeit auf sie einstrme, und denken, da es dann
um die Gemtlichkeit in seinem Hause geschehen sei. Sobald deshalb Elise
auf diesen Gegenstand zu sprechen kam, gab er ausweichende Antworten und
suchte das Gesprch auf etwas anderes zu bringen.

Als ihm nun aber Elise die 15Fr. fr die Topfnelke aufzhlte, da meinte
er nun doch: Ja, wenn solche Preise die Regel wren, wrde ich Dir selbst
raten, die Sache in etwas grerem Mastabe zu probieren. Ueberhaupt
glaube ich, da bei der Blumenzucht mehr herausschauen drfte, als beim
Gemsebau. Aber schau Martin, entgegnete Elise, ich kann ganz gut
das eine tun und das andere nicht lassen. Manche Flickerei und andere
Handarbeiten kann ich ganz gut auf den Winter versparen. Dann mut Du
bedenken, da die Kinder grer werden und manches zu helfen imstande sind.
Auch wirst Du verstehen, da ich mich mit keinem Gedanken mit der ganzen
Angelegenheit befassen wrde, wenn ich denken mte, deswegen auch nur das
Kleinste der notwendigen Hausgeschfte vernachlssigen zu mssen. So ward
denn der Widerstand Martins gebrochen, und es wurde endgltig der Beschlu
gefat, nchstes Jahr regelrechten Gartenbau zu treiben und den Verkauf der
erzielten Produkte an die Hand zu nehmen.




IV.


Der zweite Winter war fr die Familie Mller wieder so ruhig verlaufen
wie der erste. Liese hatte in verschiedener Beziehung aufs kommende Jahr
vorgearbeitet. Frs erste hatte sie sich mit allerlei Nharbeiten, mit
Strmpfestricken und dergleichen derart beflissen, da sie sich damit im
Sommer -- von etwa ntig werdenden Ausbesserungen abgesehen -- nicht
zu befassen brauchte. Dann hatte sie auch schon fr das notwendige
Packmaterial gesorgt. Ein Korbmacher erbot sich, allerlei grere und
kleinere Krbe jetzt billiger zu liefern als im Sommer. Im Laden hatte
sie passende Kistchen fr den Blumenversand erstanden, und auch gebrauchte
Packleinwand zum Uebernhen der Gemsekrbe erhielt sie dort fr billiges
Geld.

Auch Martin war in seiner freien Zeit fr das Gartengeschft ttig.
Im Herbst schon hatte er an einer geschtzten Stelle im Garten einen
Frhbeetkasten angebracht, denselben mit guter Erde gefllt und gegen Frost
gut bedeckt. Nun arbeitete er an den Fenstern und bald gingen sie ihrer
Vollendung entgegen. Aus Gipslttchen wurden Schattengitter hergestellt,
welche bei Aussaaten ins Frhbeet die grellen Sonnenstrahlen fernhalten
sollten. Selbst einige Dutzend Ansteckhlzer zum Bezeichnen der
verschiedenen Sorten hatte er an einigen der langen Winterabende
angefertigt. So lag denn alles bereit, um beim ersten Frhlingszeichen mit
dem Aussen beginnen zu knnen.

Der Winter war dieses Mal ungewhnlich streng und schneereich gewesen; als
aber Ende Februar die Sonne schon ziemliche Kraft entfaltete, glaubte Liese
nicht mehr lnger warten zu drfen. Sie deckte den Kasten ab, lockerte
die Erde und legte die Fenster auf. Als dann nach einigen Tagen die Erde
abgetrocknet war, sete sie Sellerie, Lauch, Salat, Blumenkohl, Wirsing und
berhaupt allerlei Setzlinge, welche sie frh haben wollte. So folgten
dann in kurzen Abstnden mehrere Aussaaten aufeinander, und als im Mrz
die Sonne und der Fhn den Schnee hinweggeschmolzen hatten, konnten die
Arbeiten auch im freien Lande beginnen. Die Setzlinge im Frhbeet waren
schnell auch zum Auspflanzen gro genug, und bald prangte der Garten wieder
im schnsten Grn. Aber nicht nur im Garten, sondern auch auf dem Acker,
wo Liese namentlich solche Gemse gepflanzt und gest hatte, welche einer
weniger sorgfltigen Kultur bedurften, versprach es einen guten Ertrag
zu geben. War also in Bezug auf die Gemse alles in bester Ordnung, so
berechtigten die Blumen nicht weniger zu den besten Hoffnungen.

Weil Liese im Herbst ihre Nelken so stark als nur mglich durch Stecklinge
und Ableger vermehrt hatte, so besa sie jetzt ber hundert Stck, die mehr
oder weniger Bltenstengel getrieben hatten. Da an den Fenstern
natrlich nicht fr so viele Pflanzen Platz war, so hatte Martin an einer
halbschattigen Hauswand ein Gestell angebracht, auf welchem nun die in
grere und kleinere Holzkistchen gepflanzten Nelken Aufstellung fanden.
Im Garten befanden sich noch einige hundert Nelkenpflanzen, die Liese aus
Samen gezogen hatte, und die nun hauptschlich billigere Schnittblumen
liefern sollten. Liese hatte einstweilen davon abgesehen, andere Blumen
zum Verkauf zu ziehen; denn erstens wollte sie nicht zu viel auf einmal
beginnen, und zweitens hatte ihr der Blumenhndler keine sehr verlockenden
Preise in Aussicht gestellt.

Als Ende Juni die Fremdensaison allmhlich in Gang kam, konnte endlich der
Versand der Gemse beginnen, und bald gingen auch die ersten Kistchen mit
abgeschnittenen Nelken nach F. ab.

Es ist natrlich, da sich das ganze Geschft nur in sehr kleinem Rahmen
bewegte; waren es ja nur zwei Kunden, an welche Liese ihre Produkte
lieferte, nmlich der Hotelbesitzer, welcher voriges Jahr die erste
Aufmunterung zum Gemseversand gegeben, und der Blumenhndler, welchem der
deutsche Kurgast Liese empfohlen hatte. Aber selbst diesen beiden konnte
nicht genug geliefert werden. Die Art und Weise, wie sich der Versand
vollzog war sehr einfach. Liese machte wchentlich zwei Sendungen, bald
grere, bald kleinere, je nachdem, was sie gerade abzugeben hatte. Sie
brauchte also nicht auf Bestellungen zu warten, weil ihre Abnehmer alles
verwenden konnten, sobald es nur schne, vollwertige Ware war. Daran lie
es nun Liese freilich nicht fehlen; denn sie handelte nach dem Grundsatz,
fr ihre Kundschaft sei das Beste gerade gut genug. Fr alles, was nicht
von erster Qualitt war, hatte sie im eigenen Haushalt ja gute Verwendung,
und sie kam schon deswegen nicht in Versuchung, ihr Absatzgebiet durch
unreelle Lieferung zu verscherzen.

Gerade der gewissenhaften und pnktlichen Bedienung war es zuzuschreiben,
da Liese fr ihre Produkte einen schnen Preis erzielte. Trotz des
verhltnismig kleinen Quantums, das sie absetzen konnte, hatte sie doch
bis zum Herbst eine ganz hbsche Einnahme erzielt -- die Nelkenblumen
allein brachten ihr einen Erls von ber hundert Franken.

Nun lachte auch niemand mehr in D. ber Lieses Liebhaberei fr den
Gartenbau; alles mute vielmehr lobend anerkennen, da sie es verstanden
hatte, nicht nur notwendige Lebensmittel fr den eigenen Haushalt zu
pflanzen und mit ihren Blumen ihr Heim zu verschnern, sondern Gemse- und
Blumenzucht auch zu einer ergiebigen Einnahmsquelle zu gestalten.

Weil man Liese fast nie anders sah als im Garten oder mit ihren Blumen
beschftigt, so nannte man sie jetzt nur die Blumenliese, und diesen
Namen behielt sie fortan, weshalb auch wir sie nur noch so nennen wollen.

Hatten schon im vorigen Sommer einige Frauen den Wunsch gehegt, gleich wie
die Blumenliese ein Grtchen zu haben, so nahmen jetzt solche Wnsche eine
bestimmtere Gestalt an. Man hoffte jetzt eher auf die Einwilligung der
Mnner, wo man ihnen nun doch schlagend beweisen konnte, da ein Garten
nicht einfach als ein Luxus zu bezeichnen sei, wie man bisher angenommen
habe. Einige der Mnner kamen denn wirklich auch den Frauen schon auf
halbem Wege entgegen; denn auch sie waren hingerissen von den Erfolgen der
Blumenliese.

Wenn die Anlage von verschiedenen Grten nicht sofort an die Hand genommen
wurde, so hatte das seinen Grund nur darin, da niemand etwas von der Sache
verstand. Man bestrmte deshalb die Blumenliese von allen Seiten mit den
verschiedensten Fragen und Auskunftsbegehren. Diese freute sich natrlich,
da es ihr so schnell gelungen, die Leute fr den Gartenbau zu begeistern,
und lie es an gutem Rat nie fehlen, wo solcher verlangt wurde. Indessen
sah sie ein und uerte sich gelegentlich darber, da es gewi nicht gut
werde, wenn jetzt alles ber Hals und Kopf planlos sich auf den Gartenbau
strze, in der Meinung, damit in einigen Jahren reich zu werden; man sollte
sich doch vorerst die allerntigsten Kenntnisse verschaffen und erst auf
Grund derselben zielbewut vorgehen.

Der Pfarrer war auch der gleichen Ansicht; er dachte, es msse etwas
geschehen, um einerseits die gegenwrtige Begeisterung nicht unbentzt
vorbergehen zu lassen, anderseits aber die Leute vor einem Mierfolg zu
bewahren. Er beriet sich zu diesem Zweck mit einem der Lehrer, von dem er
wute, da er ebenfalls ein Gartenfreund sei, und dieser meinte, es wre am
besten, in D. einen Gemsebaukurs abhalten zu lassen, an welchem dann die
Leute Gelegenheit htten, sich ber die verschiedenen Fragen klar zu werden
und sich grundlegende Kenntnisse zu erwerben, auf denen sie dann ihre
Praxis aufzubauen imstande wren. Er selbst wolle sich der Sache annehmen,
eine Versammlung im Schulhause einberufen und sehen, was sich dann weiter
tun lasse.

Eine solche Versammlung fand dann auch richtig statt, und es ergab sich,
da eine gengende Anzahl von Frauen und Tchtern -- sogar einige
Mnner hatten sich angemeldet -- bereit waren, an einem Gartenbaukurs
teilzunehmen. Der betreffende Lehrer stellte dann im Namen der Angemeldeten
bei der Regierung das Gesuch um Bewilligung eines solchen Kurses, welchem
Ansuchen auch gerne entsprochen wurde. Damit war die Angelegenheit
einstweilen geregelt und in die richtige Bahn geleitet.

Als im Frhjahr die gnstige Zeit herangerckt war, erschien der von der
Regierung bestimmte Kursleiter und begann seine Unterweisungen. Er zeigte
den Teilnehmern nicht nur, wie man einen Garten anlegen solle, wie man den
Boden bearbeite, ihn verbessere und dnge, wie man sen und pflanzen solle,
sondern wies auch auf die eigenartigen Verhltnisse in D. hin, Belehrungen
anknpfend, wie man dieselben am geeignetsten ausntzen knne. Er hob
besonders hervor, da es in erster Linie gelte, fr die eigenen Bedrfnisse
zu sorgen. An den Verkauf knne man erst denken, wenn man durch die Praxis
die notwendige Routine erworben habe, welche erforderlich sei, um
Gemse erster Qualitt zu ziehen; denn nur mit solchen knne der Verkauf
andauernden Erfolg haben. Die Aussichten, da D. Hauptproduktionsgebiet
von Gemsen fr die benachbarten Kurorte werden knne, seien vorhanden.
Indessen drfe man nicht meinen, da es sofort alle der Blumenliese
gleichtun knnen. Sobald eben mehrere die Sache einander nachmachen, gebe
es Konkurrenz; die Preise werden heruntergetrieben, und in einigen Jahren
finde alles, da sich in hiesiger Gegend der Gemsebau nicht rentiere. Der
Gemsebau zum Verkauf knne, so wie die Verhltnisse liegen, nur dann
ein befriedigendes Resultat zeitigen, wenn der Handel richtig organisiert
werde, d.h. wenn man ihn genossenschaftlich betreibe. Diese Einrichtung
ermgliche es allein, erstens hohe Preise zu erzielen, zweitens
groe Quantitten liefern zu knnen und drittens auch dem kleinsten
Gartenbesitzer die Mglichkeit zu bieten, sich am Verkaufe zu beteiligen.

Solche und hnliche Belehrungen waren geeignet, die Teilnehmer fr die
Sache zu begeistern. Mit ganz andern Begriffen konnten sie jetzt, als der
Kurs beendigt war, die Anlage ihrer Grten an die Hand nehmen.

Soweit war nun alles so ziemlich im richtigen Geleise. In den neuen
Grtchen keimte und grnte es, da es eine Freude war. Da und dort war
schon der Spinat zum Schneiden gro genug, hie und da sah man schon
ziemlich entwickelte Salatkpfe, und in einem Garten streckten schon die
Erbsen ihre jungen Schtchen aus den abwelkenden Blten hervor. Bald kam
also der Zeitpunkt, wo man neben Fleisch und Kartoffeln auch etwas
Grnes auf den Tisch stellen konnte. Die meisten der glcklichen
Gartenbesitzerinnen sahen mit einiger Sorge diesem Ereignis entgegen; denn
erstens beschlich manche ein banges Gefhl, wenn sie an die Zubereitung der
Gemse dachte. Andere aber fragten sich: Was werden wohl die Mnner dazu
sagen? Diese Sorgen waren berechtigt; denn weil Gemse in den meisten
Haushaltungen in D. etwas neues waren, so hatten die Hausfrauen und Tchter
bis jetzt auch keine Gelegenheit gehabt, sich im Kochen der Gemse zu ben.
Den Mnnern aber steckte der Erfolg im Kopfe, den die Blumenliese mit dem
Verkauf ihrer Gemse erzielte. Als es aber hie, man msse vorlufig im
eigenen Haushalt den Genu der Gemse einfhren, da waren sie unzufrieden,
und gerade die lteren Mnner, welche im Sommer daheim geblieben, waren
sehr hartnckig; denn sie wollten sich in ihren alten Tagen nicht mehr an
das Grnfutter gewhnen, wie sie das Gemse verchtlich nannten.

Es ging indessen alles viel besser als man meinte. Die Blumenliese mute
mit ihren Ratschlgen und Rezepten den mangelnden Kenntnissen in der
Kochkunst nachhelfen, und als dann Erbsen, Spinat, Kohlrabi u.s.w.
richtig zubereitet auf dem Tisch erschienen, da probierten aus purer
Neugierde auch die Mnner die bisher unbekannten Speisen, fanden sie zuerst
leidlich, dann gut, und hatten bald nichts mehr dagegen einzuwenden, ein
Zeichen, da sie sich schnell daran gewhnt hatten.

Indessen konnte schon wider Erwarten in diesem ersten Jahre von mancher der
neugebackenen Grtnerinnen ziemlich viel verkauft werden. Die Blumenliese
wurde nmlich mit Bestellungen berhuft und um manchmal einen guten
Auftrag nicht zurckweisen zu mssen, kaufte sie da und dort schne Gemse
zusammen und leitete so einen allgemeinen Gemseexport aus D. ein.

Der Gemsebau, den die Blumenliese unter so kleinen Verhltnissen begonnen
hatte, nahm nun einen raschen Aufschwung. Schon im folgenden Jahre wurde
eine Genossenschaft zum Zwecke des Gemseversandes in grerem Mastabe
gegrndet. Diese Grndung wurde besonders dadurch ermglicht, da ein
junger, unternehmender Mann, der schon mehrere Jahre die Stelle eines
Kontrolleurs in einem Hotel versehen hatte und also genaue Kenntnis, von
dem was in einem Hotel gebraucht wird, besa, die Leitung und den Verkauf
der von den Genossenschaftern erzielten Produkte bernahm. Auch die
Blumenliese trat dieser Vereinigung bei, und so geht denn in D. bis auf
den heutigen Tag der Verkauf smtlicher Gemse nur durch eine Hand, nmlich
durch die Genossenschaftsleitung. Es kann sich auch die rmste Frau, die
nur ein kleines Grtchen hat, an dem Versand beteiligen; die einzelne
Gartenbesitzerin braucht sich nicht um Absatzgebiete zu kmmern und der
Preis wird nicht durch zu groe Konkurrenz herabgedrckt.

Als man den groen Erfolg mit dem Gemsebau sah, blieb man
selbstverstndlich dabei nicht stehen. Einige Frauen versuchten sich mit
Glck in der Nelkenzucht. Ein denkender Bauer dachte, der Obstbau knnte
jedenfalls auch noch viel eintrglicher gemacht werden, wenn er etwas
intensiver betrieben wrde. Er bezog aus einer landwirtschaftlichen
Bibliothek Bcher, holte sich auch persnlich von Fachleuten Belehrung,
verbesserte seinen Baumbestand durch Neupflanzungen und Umpfropfen und
brachte dann durch rationelle Dngung und gute Pflege seinen Baumgarten zu
so reichen Ertrgen, da ihm viele nachzuahmen begannen.

Jetzt sah man auf einmal ein, da in D. auf landwirtschaftlichem Gebiet
viel mehr zu machen war, als man frher annahm. Mancher, der vielleicht
schon seit mehreren Jahren gewhnt war, seinen Verdienst auswrts zu suchen
und noch vor kurzer Zeit gewi steif und fest behauptet hatte, da es in D.
einfach unmglich sei, so viel zu verdienen, um anstndig leben zu knnen,
fing an ernstlich zu erwgen, ob es vielleicht nicht besser sei, zu Hause
zu bleiben und nach irgend einer Richtung hin sich mit der Landwirtschaft
abzugeben.

Weil man jetzt anfing, intensiver zu wirtschaften, den alten Schlendrian
beiseite zu lassen und nach vollstndig neuen Gesichtspunkten zu handeln,
so muten allerlei Verbesserungen die notwendige Folge sein. Die Feldwege
wurden verbessert und neue angelegt, durch Kauf und Austausch suchte man
die Gter zu arrondieren, und der allgemeine Weidgang wurde abgeschafft.

Freilich lief das alles nicht so glatt ab, und gegen manche Neuerung wurde
heftig Opposition gemacht; aber als dann alles glcklich durchgefhrt
war, sah man allgemein den Nutzen ein. Man fhlte auch das Bedrfnis
nach Belehrung in den verschiedenen landwirtschaftlichen Fragen. Es wurde
deshalb ein landwirtschaftlicher Lokalverein gegrndet, der namentlich
im Winter eine regsame Ttigkeit entwickelte. Vortrge und Kurse ber
die verschiedensten Zweige der Landwirtschaft wurden abgehalten und
die Wanderlehrer waren hufige Gste in D. Zwei Jnglinge besuchten die
landwirtschaftliche Schule. Einer war der jngere Sohn Martins -- der
ltere war wie sein Vater Zimmermann geworden.

Alle die Vernderungen, die in den letzten Jahren in D. vor sich gegangen
waren, wirkten auch gnstig auf die moralischen Verhltnisse ein, und wer
heute durch die Ortschaft wandert, erhlt einen ganz andern Eindruck
als frher. Die sauber gehaltenen Grten, die gesunden, kraftstrotzenden
Obstbume, die blhenden Topfgewchse geben dem Dorf ein freundlicheres
Ansehen. Die Mnner haben die schweren Arbeiten lngst den Frauen
abgenommen. Infolgedessen sind sie so beschftigt, da sie nicht mehr Zeit
haben, alle Tage ins Wirtshaus zu gehen, und geschieht es hie und da, so
haben sie auch dort besseres zu tun als Karten zu spielen; denn es gibt
ffentliche Angelegenheiten zu besprechen, ber wichtige Projekte und
Tagesfragen zu verhandeln etc. Die huslichen Verhltnisse sind angenehmere
geworden, und der veredelnde Einflu eines glcklichen Familienverbandes
macht sich immer mehr geltend. Die Auswanderung hat zwar nicht ganz
aufgehrt, aber sie beschrnkt sich auf das richtige Ma. Dafr hat
sich ein Stand von tchtigen Professionisten am Orte gebildet, und die
verschiedensten Handwerker aus D. sind auch in den benachbarten Drfern
geschtzt und geachtet.

Der alte Pfarrer, der noch immer in der Gemeinde amtiert, hat seine
helle Freude an den Vernderungen, die in seiner Pfarrei vorgehen, und
er behauptet steif und fest, da man das alles nur dem gutem Beispiel der
Mllerschen Familie zu verdanken habe, und namentlich die Blumenliese habe
den deutlichen Beweis geleistet, wie sehr es auch heutzutage noch auf die
Tchtigkeit einer Frau ankomme. Man drfe daher nicht auer acht lassen,
die heranwachsenden Mdchen auf ihren zuknftigen Beruf vorzubereiten und
sie vor allem zu guten Hausfrauen und pflichtgetreuen Mttern zu erziehen.

Martin meint zwar, der Pfarrer bertreibe mit seinem Lob, er und seine
Frau htten sich nicht besonders hervorgetan, sie seien vielmehr stets nur
bestrebt gewesen, dafr zu sorgen, da sie fr ihre Verhltnisse mglichst
zufrieden und sorgenlos haben leben knnen. Als ihnen das gelungen, haben
es zwar andere nachzumachen gesucht; aber das sei noch lange nicht der
Grund zu dem allgemeinen Umschwung gewesen; dieser sei vielmehr bedingt
worden durch das Unhaltbare der Zustnde, die man gehabt habe. Es habe
einsichtige Leute genug gegeben, die Verbesserungen fr unabweisbar hielten
und sie auch durchfhrten.

Sei dem nun wie ihm wolle; Tatsache ist, da die Bewohner von D. mit
groer Achtung von der Blumenliese sprechen. Sie ist immer noch die gleiche
bescheidene, tchtige Hausfrau. Auch ihre Liebhaberei fr Gartenbau und
Blumenzucht hat sie bewahrt, wenigstens kann man sie hufig im Garten
hantieren sehen, wenn man durch D. geht.

[Illustration]




[Illustration]




Auf dem Lindenbhl.




I.


In einem fruchtbaren Tale, durch welches sich ein breiter Flu windet und
dessen beide Flanken hohe Berge bilden, liegt auf einem Schuttkegel sehr
malerisch gruppiert das Drfchen Haldenburg.

Wer von der Landstrae, welche sich mitten durch das Tal, dem
Flusse entlang dahinzieht, nach Haldenburg gelangen will, mu in ein
Seitenstrchen einbiegen, das in einigen Windungen sich durch ppige
Wiesen und wohlgepflegte Baumgrten den Hgel hinaufschlngelt, auf welchem
das Dorf liegt.

Noch vor 10Jahren fhrte dieser Weg in gerader Richtung, den sogenannten
Haldenburgerstutz bildend, den Berg hinauf. Rechts und links waren
halb zerfallene Mauern, in deren Trmmern hie und da Holunder- und
Spitzbeerenstrucher wucherten. Der Fugnger, der die steile Strae
hinaufkeuchte, mute unwillkrlich daran denken, wie beschwerlich es sein
msse, das Heu und andere Produkte, aus den Gtern, die da unten in der
Ebene liegen, ins Dorf hinauf zu schaffen. Die Haldenburger aber waren
daran gewhnt; denn seit Menschengedenken war es nicht anders gewesen. Wenn
es je einem einfiel, ihnen den Rat zu erteilen, sich durch den Bau einer
neuen Strae bequemere Verhltnisse zu schaffen, so wurde er ausgelacht
und gefragt, wer da wohl die Kosten zu bernehmen htte? Ob vielleicht die
Gemeinde es tun solle? Die habe sonst schon Schulden bergenug. Die reichen
Bauern werden sicher auch nicht in die Tasche greifen wollen; denn wenn
eine Last zu schwer sei fr ein Pferd, so spannen sie eben zwei an. Die
armen Kuhbauern aber wrden sich schon gar nicht an einem Straenbau
beteiligen wollen, der andern greren Nutzen bringen mte, als ihnen.
Man sieht, die guten Haldenburger waren nicht so leicht fr Neuerungen
zu haben, sie meinten, was von alters her gut gewesen sei, msse es auch
ferner sein.

Dieses starre Festhalten am Althergebrachten machte sich denn in Haldenburg
allenthalben geltend, und wer den steilen Stutz berwunden und sich,
nachdem er den Schwei abgetrocknet und ein wenig atemholend einen Blick
auf das schne Landschaftsbild, das sich hier einem darbietet, geworfen,
dem Innern des Dorfes zuwandte, fand nicht gerade die einladendsten
Zustnde.

Die Dorfstraen waren lcherig und kotig oder staubig, je nach der
Jahreszeit oder der Witterung, und namentlich die Umgebung der groen
Brunnen, wo das Vieh zur Trnke gefhrt wurde, war derart, da man sie in
weitem Bogen umgehen mute, wollte man nicht riskieren, im Moraste stecken
zu bleiben. Es fehlten in Haldenburg zwar nicht einige massiv gebaute
Bauernhuser, mit allerlei unntzem Zierrat ausgeschmckt, welche den
Reichtum der Besitzer protzig zur Schau stellten; aber auch da vermite
man die saubere Umgebung, welche auf den Fremden so einladend wirkt. Einen
geradezu klglichen Eindruck aber machten die Behausungen und Stlle
der rmeren Bauern. Schiefe Dcher, graue verwitterte Mauern, wackelige
Fensterlden und trbe Scheiben, durch welche trbe Gesichter schauten,
gaben Zeugnis von der wenig beneidenswerten Lage der Leute, die da hausten.

Grten sah man wenig und gutgepflegte schon gar keine, statt dessen aber
hart an den Straen verschiedene grere und kleinere Miststcke, umgeben
von den obligaten braunen Pftzen, aus denen sich ganze Schwrme von Mcken
und Fliegen erhoben, wenn man sich im Sommer ihnen nherte.

Rmpfte etwa ein Fremder ber die Zustnde in Haldenburg die Nase, so
machte sich niemand etwas daraus; man war berhaupt nicht gut auf die
Fremden zu sprechen, und man meinte, es sei das beste, wenn sie wegblieben.
Nach diesem Grundsatz behandelte man auch die wenigen ortsansssigen
Nichtbrger, die sogenannten Beissse, denen man zwar gromtig einen guten
Teil der Steuern aufbrdete, es ihnen aber furchtbar bel nahm, wenn sie
auch einmal in die Gemeindeangelegenheiten hineinreden wollten.

Daraus sieht man schon, da auch in der Gemeindeverwaltung verschiedenes
faul war. Es hatte sich mit der Zeit in Haldenburg ein eigentliches
Dorfmagnatentum herausgebildet. Weil die rmeren Bauern von den reichen
abhngig waren, so wurden selbstverstndlich nur die letzteren in den
Vorstand gewhlt, und diese wuten es stets so einzurichten, da sie
dabei in erster Linie auf ihre Rechnung kamen; ein System, das, wenn auch
langsam, so doch sicher zum Ruin der Gemeinde fhren mute, wenn nicht eine
Aenderung eintrat. Eine solche Aenderung kam und sie war notwendig; denn
der allgemeine Kredit hatte schon stark gelitten.

Wer heute Haldenburg betritt, dem bietet sich ein ganz anderes Bild
als ehedem. Die Straen sind sauber und gut im Stande gehalten; die
Dngersttten sind grtenteils hinter die Huser verlegt worden oder, wo
das nicht anging, doch wenigstens mit Mauern umgeben, und die Bauern haben
jedenfalls indessen gelernt, die Dngemittel besser zu verwerten, als sie
nutzlos auf der Strae zu Grunde gehen zu lassen. Hie und da sind kleinere
und grere Hausgrten entstanden, die dem Ort zur Zierde gereichen. An
vorher kahlen Wnden sieht man jetzt gut gezogene Spalierbume, und an
manchen Fenstern prangen schn blhende Topfpflanzen. Auch an der kleinsten
Htte sieht man, da der Wohlstand gestiegen ist. Haldenburg wird jetzt
von den Sommergsten als Ausflugspunkt geschtzt, und aus dem gut
eingerichteten Gasthaus und dem reichhaltigen Ansichtspostkarten-Sortiment
im Schaufenster des Krmerladens schlieen wir, da man heute das Geld sehr
zu schtzen wei, welches diese Fremden ins Dorf bringen.

Woher nun dieser auffallende Umschwung? Die nachfolgende Schilderung soll
die verehrten Leser darber aufklren.

Etwas abseits vom Dorfe liegt auf einem terrassenartigen Vorsprunge des
Gelndes ein kleineres Bauerngut. Zwischen dem zweistckigen Wohnhaus,
dessen Bauart ein schon hohes Alter verrt, und der gegenberliegenden
Scheune befindet sich ein gerumiger Hof, welcher von den mchtigen Kronen
zweier Linden beschattet wird. Diesen majesttischen Bumen hat das Anwesen
seinen Namen Lindenbhl zu verdanken.

Wenn heute die blankgeputzten Fensterscheiben, das nett in Ordnung
gehaltene Grtchen und die ganze reinliche Umgebung des Gehftes auf
geordnete Zustnde des Besitzers schlieen lassen, so war das noch vor
wenigen Jahren ganz und gar nicht der Fall. Damals gehrte der Lindenbhl
einem Manne, der sich zwar auch Bauer nannte, sich aber in Wahrheit um
den Stand seiner Wiesen und Aecker wenig kmmerte. Um der Arbeit besser
ausweichen zu knnen, und um fr sein Herumtreiben in den Wirtshusern und
auf den Mrkten eine Ausrede zu haben, betrieb er den Viehhandel, der ihm
aber hufiger Verlust als Gewinn einbrachte; denn auch beim Handel ist es
mit hohlen Redensarten und prahlerischem Wirtshausgeschwtz nicht getan.
Gewandtheit und Energie aber gingen ihm ab. So kam er immer mehr zurck,
die Schuldenlast, welche auf seinem Heimwesen ruhte, wurde immer grer,
und zuletzt kam es so weit, da ihm alles versteigert wurde, und er mit
seiner Familie im Hauszinse wohnen und als Taglhner seinen Unterhalt
verdienen mute.

Den Lindenbhl erwarb nun ein junger Landwirt, der bisher auf einem
greren Gute eine Verwalterstelle innegehabt hatte, aber schon lange
darnach trachtete, ein eigenes Heimwesen zu kaufen, auf dem er nach eigenem
Gutdnken schalten und walten knne.

Johannes Wachter, so heit der jetzige Bauer auf dem Lindenbhl, ist der
jngste Sohn eines sehr vermglichen Bauern, der einen groen Hof im Kanton
Thurgau besitzt.

Weil Johannes sich schon in der Schule durch groe Intelligenz und emsigen
Flei im Lernen auszeichnete, so htte es sein Vater gerne gesehen, wenn
er sich htte zum Studieren entschlieen knnen. Es htte dem alten Wachter
geschmeichelt, wenn sein Jngster dereinst Pfarrer, Arzt oder gar Advokat
geworden wre. Johannes wollte indessen davon nichts wissen, und er bat den
Vater, ihn nicht in einen Beruf hineinzwingen zu wollen, zu dem er keine
Neigung verspre. Ich bin bei der Landwirtschaft aufgewachsen, sagte er,
und mchte auch beim Bauernstand verbleiben. Du hast ja schon oft selbst
behauptet, da ein rechter Bauer auch ein heller Kopf sein msse; es
widerspricht also Deinen eigenen Ansichten, wenn Du mich der Landwirtschaft
entfremden willst, nur weil ich zufllig in der Schule etwas weiter voran
bin als mancher andere. Schau, solche, die sich dem Studium zuwenden, gibt
es schon genug; hingegen wird allenthalben geklagt, da sich niemand mehr
mit der Landwirtschaft abgeben will. Zeige deshalb, da Du Deinen Beruf
hoch hlst, und Deine Shne das werden lssest, was Du selber bist, nmlich
richtige, schlichte Bauern, die zeigen wollen, da auch heute noch die
Scholle ihren Besitzer nhrt.

Vater Wachter war wirklich ein Bauer, der, wie man sagt, mit Leib und Seele
an seinem schnen Berufe hing. So konnte er nicht anders als Freude
haben an solchen Aeuerungen seines Sohnes, und gerne gab er ihm die
Einwilligung, ein Landwirt werden zu drfen, obwohl er anfnglich der
Meinung war, da es genge, wenn einer seiner Shne sich dem Bauernstande
widme, um dereinst den Hof bernehmen zu knnen. Es erfllte ihn auch
stets mit Stolz, da Franz, sein Aeltester, in dieser Beziehung ganz seinen
Wnschen entsprach. Zu Johannes aber sprach er: Es fllt mir nicht ein,
Dich zum Studieren zwingen zu wollen, wenn Du nicht Lust dazu hast, und da
Du gerade so groe Neigung versprst, ein Bauer zu werden, obwohl Dir im
ganzen auch die Leiden und Unannehmlichkeiten, die dieser Stand mit sich
bringt, bekannt sind, das freut mich; denn es gibt mir den Beweis, da es
Dir ernst ist mit Deiner Wahl. Wenn ich nun endgiltig Deiner Bitte Gehr
schenke, so mut Du mir auch versprechen, da Du alles daran setzen willst,
in allen Teilen ein rechter Bauer zu werden. Die heutige Zeit erfordert fr
unsern Beruf ganze Mnner, die ber ein vollgertteltes Ma von Kenntnissen
verfgen und dieselben mit Flei und Energie stets am rechten Orte
anzuwenden wissen. Werde aber nicht nur ein rechter Bauer, sondern im
ganzen ein guter, rechtschaffener Mensch; erflle stets getreulich Deine
Pflichten in der Familie, in der Gemeinde und im Staate. Es ist ein
schwerer Irrtum, wenn mancher Bauer glaubt, er habe nur auf sich selbst
zu schauen, die Interessen anderer aber gehen ihn nichts an. Manche schne
Ziele der Landwirtschaft lassen sich eben nur gemeinsam erreichen. Zeige
deshalb stets einen gemeinntzigen und genossenschaftlichen Sinn und
bedenke, da Du, indem Du andern hilfst, Dir selbst auch Hilfe sicherst.
Halte nie mit Erfahrungen und Beobachtungen hinter dem Berg; denn indem
Du andere belehrst, arbeitest Du an der Hebung des buerlichen Berufes und
kommst so selbst auf eine hhere Stufe. Auf politischem Gebiete verfechte
stets die Sache der Landwirtschaft und halte treu zu ihrer Fahne; vertraue
unsern Fhrern, sie meinen es gut und wissen, wo die Bauern der Schuh
drckt. Mehr will ich Dir heute nicht sagen; es wird noch oft genug
Gelegenheit geben, wo Dir meine vterlichen Ermahnungen und Winke ntzlich
sein knnen.

Es wurde nun einstweilen nicht mehr viel ber die Sache gesprochen, und
Vater und Sohn betrachteten die Angelegenheit als endgiltig beschlossen.

Als Johannes die Realschule seines Heimatortes absolviert hatte, verblieb
er vorerst im vterlichen Hause, um unter Anleitung seines Vaters die
wichtigsten landwirtschaftlichen Arbeiten grndlich kennen zu lernen. Diese
grundlegende Praxis -- so meinte Vater Wachter -- sei notwendig, um mit
Erfolg eine landwirtschaftliche Winterschule besuchen zu knnen.

Ich halte nicht viel davon, sagte er zu Johannes, wenn Brschchen,
welche den Ernst der Arbeit noch nicht kennen, in solche Schulen eintreten.
Auch den eifrigsten und fleiigsten dieser jungen Schler wird es an dem
notwendigen Verstndnis fr die theoretischen Wissenschaften fehlen, und
sie werden nur zu oft geneigt sein, manches fr nebenschlich und weniger
notwendig zu halten, was doch fr eine der heutigen Zeit entsprechende
Praxis von groer Wichtigkeit ist. Die theoretische Bildung eines
Landwirtes ist heutzutage von so groer Bedeutung, da man sich ihr
mit vollem Eifer widmen mu, und das kann nach meiner Ansicht nur dann
geschehen, wenn man den Ernst des Lebens schon kennt. Lerne deshalb erst
praktisch arbeiten, und Du wirst sehen, da Du dann Deine Lehrer viel
besser verstehen kannst, weil Du einsiehst, wie wichtig ihre Lehren fr
Deine sptere Praxis sind.

Johannes sah ein, da sein Vater recht hatte. Er gab sich Mhe, alle
Arbeiten, die man ihm auftrug, richtig auszufhren und sich Uebung zu
verschaffen. Oft genug kam es freilich vor, da ihm selbst einfache
Hantierungen nicht gelingen wollten. Da hie es dann probieren, bis es
ging. Bei solchen Gelegenheiten trat dann oft der Vater hinzu und machte
ihn auf diesen oder jenen Vorteil aufmerksam, mit dem die Sache angefat
werden mute, und auf dessen Anwendung oft genug das Gelingen beruhte. Der
alte Wachter bestand berhaupt darauf, da alles grndlich gemacht wurde,
und duldete auch bei seinen Shnen nicht, da sie ber Ungenauigkeiten
einfach hinweggingen. So sprach er einmal ermahnend zu Johannes:

Schau, Du mut Dich von Anfang an schon daran gewhnen, alles recht zu
machen. Halbe Arbeit ist keine Arbeit. Weil Du dieses oder jenes erst
lernen mut, wirst Du lngere Zeit dazu gebrauchen; das schadet jedoch
nichts, wenn's nur schlielich recht herauskommt. Ein groer Fehler aber
wre es, wenn Du schnell ber eine Arbeit hinweg hasten wrdest, nur um sie
so schnell zu Ende zu fhren wie ein gebter Knecht. Der Wert der Arbeit
eines Lernenden liegt nicht in der Quantitt, sondern in der Qualitt.
Wer sich das Pfuschen einmal angewhnt, der bleibt sein Leben lang ein
Pfuscher; ein solcher aber taugt in der Landwirtschaft so wenig als in
jedem andern Beruf.

Solche und hnliche Ermahnungen und Lehren erteilte der Vater seinem Sohne
stets, wenn sie miteinander arbeiteten oder am Sonntag einen Spaziergang
durch Wald und Flur machten, und der Samen solcher Unterweisungen fiel
bei Johannes auf einen fruchtbaren Boden. Er gewhnte sich unter der
vterlichen Leitung daran, ber jede Arbeit nachzudenken und nicht nur
mechanisch in den Tag hinein zu arbeiten. Wer ihm bei der Arbeit zusah, der
merkte gleich, da er mit Lust und Liebe dabei war, und mute sich sagen,
da er das Zeug habe, um dereinst ein tchtiger Bauer zu werden.

So waren denn zwei Jahre verstrichen und Johannes hatte in dieser Zeit
in den meisten landwirtschaftlichen Arbeiten eine derartige Fertigkeit
erlangt, da er es bald mit einem tchtigen Knecht aufnehmen konnte.
Der Vater meinte, es wre jetzt an der Zeit, da sein Sohn eine
landwirtschaftliche Winterschule besuche, und Johannes war mit Freuden dazu
bereit.

Weil sein lterer Bruder schon frher die gleiche Schule besucht hatte, in
die auch er nun eintreten sollte, so wute er im groen und ganzen schon,
wie es in einer solchen Anstalt zugeht; trotzdem aber fand er sich bei
seinem Eintritt wie in einer fremden Welt. In gar vielen Sachen, in denen
er zu Haus seine Eltern hatte sorgen lassen, fand er sich jetzt auf sich
selbst angewiesen. Das Internat, die strenge Disziplin und Hausordnung,
die pnktlich nach Minuten abgemessene Zeiteinteilung, die ganz andere Kost
u.s.w. waren alles Dinge, die ihm ganz ungewohnt vorkamen. Johannes hatte
sich indessen von Anfang an vorgenommen, sich in alles zu fgen, eingedenk
des Sprichwortes: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Er war sich wohl
bewut, da er noch vieles ber sich ergehen lassen msse, bis er ein
rechter Bauer sei und selbstndig nach eigenem Gutdnken schalten und
walten knne.

So hatten denn der Direktor und die Lehrer an dem jungen Wachter einen
willigen und gehorsamen Schler, der sich ohne Murren in alles fgte und
bald als Muster und Vorbild fr die andern Schler gelten konnte. Weil
er einer der ltesten Schler seiner Klasse war, sich durch seine groen
Fhigkeiten und ein mnnliches Auftreten auszeichnete, so errang er
sich, ohne da er es eigentlich wollte, eine gewisse Autoritt ber seine
Mitschler und bte einen vorteilhaften Einflu auf dieselben aus.

Johannes wollte die Zeit, die er in der Schule zu verbringen hatte, so gut
als mglich ausntzen; er betrachtete deshalb das Lernen nicht als eine
Last, sondern als ein wichtiges Mittel, sich zum brauchbaren Landwirt
auszubilden.

Schon durch das, was im ersten Winterhalbjahr im Unterricht geboten wurde,
lernte er die Landwirtschaft von einer neuen Seite kennen, und als er nach
wohlbestandenem Examen zunchst wieder auf das vterliche Gut zurckkehrte,
schaute er alles mit ganz andern Augen an.

Unter fleiiger Arbeit verstrich der Sommer rasch, und Johannes freute
sich, bald wieder in die Schule zurckkehren und das Studium von neuem
aufnehmen zu knnen.

Der zweite Lehrkursus wurde mit dem gleichen Eifer absolviert wie der
erste, und ausgerstet mit einem guten Zeugnis und dem Abgangsdiplom der
Schule, begleitet von den Glckwnschen des Direktors und der Lehrer,
konnte der junge Wachter hinaustreten ins praktische Leben, um seine
erworbenen Kenntnisse zu seinem Lebensunterhalte zu verwerten.

Sein Vater und auch der Direktor waren der Ansicht, da es Johannes bei
seiner Tchtigkeit wohl wagen drfe, irgend eine Stelle als Oberknecht oder
Werkfhrer anzunehmen; doch Johannes wollte davon nichts wissen. Er meinte,
es sei besser als einfacher Knecht anzufangen; denn um dereinst Dienstboten
richtig behandeln und befehligen zu knnen, msse er selbst ein solcher
gewesen sein. Er habe sich vorgenommen, in allen Teilen ein richtiger Bauer
zu werden, und da sei es notwendig, unten anzufangen. Seine Kenntnisse
knne er als Knecht auch wohl gebrauchen, man klage ja immer ber groen
Mangel an tchtigen Dienstboten.

So arbeitete denn der energische junge Landwirt in verschiedenen greren
und kleineren Betrieben mehrere Jahre als Knecht und lernte gar mancherlei
Verhltnisse kennen. Mit eisernem Flei tat er berall seine Pflicht,
freute sich am Angenehmen und fgte sich dem unabweisbaren Unangenehmen,
das er sehr oft auch zu kosten bekam. Er merkte gar bald, da wenn die
Dienstbotenfrage in gnstigem Sinne gelst werden solle, auch von seiten
der Arbeitgeber manche Reformen durchgefhrt werden mssen, und nahm sich
vor, darnach zu handeln, wenn er erst sein eigener Herr geworden sei.

Zuletzt diente Johannes auf einem groen Gute, dem ein Verwalter vorstand,
der ein sehr tchtiger Mann, aber etwas krnklich war und oft Mhe hatte,
seinen Pflichten in vollem Umfange nachzukommen. Der Besitzer, der nur
kurze Zeit des Jahres auf dem Gute anwesend war, wollte seinen treuen
Beamten schonen und bevollmchtigte ihn, eine tchtige Kraft zu seiner
Untersttzung anzustellen. Als daher der Verwalter auf die Fhigkeiten
seines Knechtes Wachter aufmerksam wurde, erhob er denselben zum
Unterverwalter und stellte namentlich die ganze Feldwirtschaft unter seine
Aufsicht.

Jetzt zeigte es sich, da Johannes nicht nur gelernt hatte zu gehorchen,
sondern wenn es sein mute, auch zu befehlen verstand. Die Knechte und
Taglhner stellten sich willig unter seinen Befehl, weil er nicht mit
Stolz und Ueberhebung auf sie herabsah und nicht nur Pflichten von ihnen
verlangte, sondern ihnen auch diejenigen Rechte einrumte, die jeder
Arbeiter von seite seines Arbeitgebers verlangen darf. Weil jeder das
Gefhl hatte, da das was man ihnen befahl, auch wirklich das Richtige sei,
so wurde es auch ausgefhrt ohne Widerrede und Murren.

Der Zustand des Verwalters verschlimmerte sich immer mehr und bald ruhte
die ganze Gutsverwaltung auf den Schultern des Unterverwalters. Zeitweilig
besorgte Johannes sogar die smtlichen Bureauarbeiten, und es zeigte sich,
da er berall gleich tchtig war. Man bemerkte an ihm nichts von jenem
unsicheren Umherhasten. Zielbewut wurden die verschiedenen Arbeiten in
richtiger Reihenfolge durchgefhrt, so da stets alles zur rechten Zeit
fertig wurde.

Es war eine Freude zu sehen, wie Johannes sich selbst durch die
schwierigsten Verwaltungsgeschfte verhltnismig leicht hindurcharbeitete
und sich vollste Autoritt zu verschaffen wute, was jedenfalls nicht
leicht war, wenn man bedenkt, da er vorher einfacher Knecht gewesen und
mit denen auf gleicher Stufe stand, die jetzt seinen Befehlen zu gehorchen
hatten. Man sah da wieder deutlich, was sich durch richtigen Takt erreichen
lt.

Johannes war nicht nur bemht, das Gut unter seiner Leitung auf gleicher
Hhe zu erhalten, sondern er bestrebte sich auch, durch geeignete
Verbesserungen den Ertrag zu steigern und den Wert der Besitzung zu
erhhen. Jetzt konnte er endlich seine praktischen und theoretischen
Kenntnisse selbstndig verwerten und seiner Freude am landwirtschaftlichen
Berufe Genge leisten.

Der Gutseigentmer sah denn auch gar bald ein, da er in dem jungen Wachter
eine sehr brauchbare Persnlichkeit gewonnen habe, und als der Verwalter
seinen Leiden erlegen war, bat er Johannes, die Stelle, der er ja schon
einige Zeit mit dem besten Erfolge aushilfsweise vorgestanden, nun
definitiv zu bernehmen.

Dieser hatte zwar von Anfang den Plan gefat, einmal ein eigenes Gut zu
erwerben, um unumschrnkt nach seinem alleinigen Gutdnken schalten und
walten zu knnen. Er dachte aber, als ihm sein Herr ein so vorteilhaftes
Anerbieten machte, da es bei seiner Jugend noch immer Zeit sei, sich
selbstndig zu machen. Dann sah er auch ein, da er in seiner jetzigen
Stelle noch manche wertvollen Erfahrungen sammeln knne, die ihm spter im
eigenen Betrieb von groem Nutzen sein knnten. So teilte er denn seinem
Herrn ganz offen seine Absichten mit und sagte ihm, da er seine Offerte
dankbar annehme, wenn er sich einverstanden erklre, ihn nach einigen
Jahren ziehen zu lassen.

Der Gutsbesitzer mochte denken, es werde ihm im Laufe der Zeit noch
gelingen, den jungen Wachter ganz an sich zu fesseln. Dieser willigte ein
und wurde nun Verwalter des schnen Gutes, auf das er vor etwas mehr als
einem Jahr als einfacher Knecht gekommen war.

Es ist hier nun nicht der Platz, die Laufbahn Wachters als Verwalter weiter
zu schildern; nur eine Begebenheit, die in diese Zeit fllt, soll erwhnt
werden, nmlich die Verehelichung Johannes und die Umstnde, welche
dieselbe vorbereiteten.

Seine Stellung brachte es mit sich, da er hufig mit den benachbarten
Bauern zusammenkam, sie auf ihren Hfen dieses oder jenes Geschftes wegen
besuchte, und weil der junge Verwalter bald berall als ein tchtiger
Landwirt bekannt war, der gerne von seinem Wissen auch andern mitteilte und
stets mit gutem Rat zur Hand war, wo solcher gewnscht wurde, niemals aber
sich wichtig zu machen suchte, oder gleich alles heruntermachte was ihm
gerade nicht gefiel, so sah man seine Besuche gerne und trachtete, davon so
viel als mglich zu profitieren.

Namentlich eines der Nachbargter schien das Interesse Johannes in hohem
Grade erweckt zu haben, wenigstens hatte er auffallend oft dort Geschfte
und bald wollten einige, welche gewohnt waren, ihre Nasen besonders tief
in die Angelegenheiten anderer zu stecken, wissen, da nicht allein
der musterhafte Betrieb des Gutes und der leutselige Charakter der dort
hausenden Bauersleute den Anziehungspunkt ausmache, und die Folge bewies,
da sie im Grunde nicht so unrecht hatten.

Gleich das erste Mal, als er wegen eines Ochsenhandels auf den besprochenen
Nachbarhof kam, fiel ihm dort eine Magd auf, die zwar nicht gerade das
darstellte, was man eine besondere Schnheit zu nennen pflegt, aber durch
ihr munteres Wesen, durch die Art und Weise wie sie ihre Arbeit verrichtete
und durch ihre bei aller Aermlichkeit doch sauberer Kleidung einen uerst
vorteilhaften Eindruck machte. Auf Johannes wirkte dieser Eindruck derart,
da er beschlo, dieses Mdchen mglichst zu beobachten und soweit das
unauffllig geschehen konnte, auch Erkundigungen ber sie einzuziehen.
So erfuhr er denn, da Marie -- so hie die Magd -- die Tochter armer
Taglhnersleute aus einem benachbarten Dorfe sei. Die Eltern seien vor
mehreren Jahren gestorben und infolgedessen sei die Tochter schon sehr frh
darauf angewiesen gewesen, auf eigenen Fen stehen zu mssen. So kam sie
in den Dienst der Buerin und fand in ihr eine gute Lehrmeisterin, die sie
in alles einfhrte, was eine Buerin wissen und kennen mu. Marie war
eine gelehrige Schlerin und hatte sich nach und nach zur rechten Hand und
wirksamen Sttze der Meisterin aufgeschwungen. Diese sowohl, als auch der
Bauer waren voll Anerkennung ber ihre Magd, und sie hielten auch nicht mit
ihrem Lobe hinter dem Berge; denn sie glaubten nicht Angst haben zu mssen,
da der Herr Verwalter etwa dadurch bewogen werden knnte, Marie fr seinen
Dienst zu gewinnen; sie kannten ihn zu gut, als da sie ihn zu einer solch
eigenntzigen Handlung fr fhig hielten, und auerdem wrde ja das Mdchen
nie in ein solches Anerbieten eingewilligt haben. Da es ihm gar einfallen
wrde, ihre Magd zu seiner Frau zu machen, das kam ihnen gar nicht in
den Sinn; denn ein Mann in solcher Stellung, der zugleich der Sohn eines
vermglichen Grobauern sei, wrde ja nach ihrer Meinung gewi nicht die
Torheit begehen, ein blutarmes Mdchen zu ehelichen.

Johannes indessen war von ganz andern Anschauungen beseelt; er fand durch
seine Beobachtungen und Erkundigungen gar bald heraus, da Marie in reichem
Mae gerade diejenigen Eigenschaften besa, die nach seiner Ansicht eine
gute Buerin haben msse. Da sie arm sei, war in seinen Augen kein Grund,
der ihn bewegen konnte, vor einer Heirat mit ihr zurckzuschrecken.

Der geneigte Leser hat unsern Johannes bereits als einen Mann kennen
gelernt, der zwar alles reiflich berlegte, aber das als gut und richtig
erkannte dann auch mit zher Energie in Angriff nahm und durchfhrte. So
handelte er auch in dieser Heiratsangelegenheit. Sobald er mit sich darber
im reinen war, da er das Mdchen liebe und sie fr ihn passe, so suchte
er zu erfahren, wie es selbst in dieser wichtigen Angelegenheit denke;
denn alles hing ja schlielich doch davon ab, ob Marie auch wirklich
einwilligte, seine Frau zu werden. Er nahm sich also vor, bei nchster
Gelegenheit mit ihr zu reden und ihr seine Hand anzubieten.

Eine solche Gelegenheit fand sich bald. Als er an einem der nchsten Tage
bei seinem Nachbar vorbeiging, fand er Marie allein im Garten beschftigt.
Er trat zu ihr hinein und teilte ihr ohne Umschweife den Zweck seines
Kommens mit. Er sagte ihr, wie sie schon bei der ersten Begegnung Eindruck
auf ihn gemacht habe, und was er seither von ihr erfahren und an ihr
beobachtet habe, sei dazu angetan gewesen, ihm Liebe und Achtung zu ihr
einzuflen. Er hoffe, da auch sie ihn lieben lerne, und wenn sich diese
Hoffnung erflle, so wre es sein sehnlichster Wunsch, da sie seine Frau
werde.

Man kann sich denken, da Marie erstaunt war ob diesem unvermittelten
Antrag. Sie sagte denn auch weder ja noch nein, sondern gab einfach
zur Antwort, da sie sich geehrt fhle durch das Anerbieten des Herrn
Verwalters, aber sie habe bis jetzt noch gar nicht ans Heiraten gedacht,
und eine solch hochwichtige Sache wolle gehrig berlegt sein. Auch msse
sie mit ihren Meistersleuten sprechen; denn weil sie ja keine Eltern und
nahe Verwandte mehr habe, so seien das ihre einzigen Berater.

Johannes mute einsehen, da das Mdchen recht habe, er versprach, geduldig
warten zu wollen und sich in einigen Tagen den Entscheid zu holen.

Als Marie wieder allein war, wollte es mit der Arbeit nicht mehr recht
vorwrts; immer mute sie an das Ereignis denken, das sie so unerwartet
traf, und je mehr sie darber nachgrbelte, wie sie sich nun verhalten
solle, desto verwirrter wurde sie. Zwei Stimmen in ihrem Innern stritten
um den Entscheid. Die eine sagte ihr, es sei ein groes Glck, da sie als
arme Waise fr wrdig befunden werde, einem so tchtigen Manne, wie Herr
Wachter, die Hand zur ehelichen Verbindung zu reichen, und da es eine
groe Torheit genannt werden mte, wollte sie ein solches Anerbieten von
der Hand weisen, das anzunehmen manche reiche Bauerntochter sich keinen
Augenblick besinnen wrde. Die andere Stimme hingegen riet ihr, die Sache
von der andern Seite zu betrachten und zu untersuchen, ob vielleicht
nicht doch -- trotzdem sie arm sei -- Johannes bei seinem Antrag von
eigenntzigen Bestrebungen geleitet worden sei. Knnte er nicht am Ende auf
ihre Arbeitskraft spekuliert haben, denkend, da sie ihm eine Magd ersparen
wrde? Und knnte nicht gerade ihre Armut spter der Ansto zu allerlei
Unzufriedenheiten werden? Alles dieses und noch mehr des Unangenehmen
knne ja sehr leicht hervorgehen, wo so ungleiche Verhltnisse sich
zusammenfinden, wie das ja tatschlich bei ihr und Johannes der Fall sei.
Ungetrbtes Eheglck knne jedenfalls aus einer solchen Verbindung nur dann
hervorgehen, wenn die Ungleichheiten ausgeebnet werden durch eine wahre,
uneigenntzige Liebe. Aber liebte sie denn Johannes? Bis jetzt hatte sie
ihn ja kaum gekannt, also konnte vorerst noch von Liebe nicht die Rede
sein. Sie glaubte zwar, da sie ihn lieben lernen knne, den schnen
stattlichen Mann mit dem ernsten und doch sanften Blick, den sie schon
so oft als das Muster eines tchtigen Landwirtes hatte erwhnen hren.
Wenigstens hatte sie eine hohe Achtung vor demselben, und das konnte
immerhin der Anfang von der Liebe sein.

So von streitenden Gefhlen erfllt, in tiefes Nachsinnen versunken auf
die Hacke gelehnt, sah sie sich auf einmal von der Buerin ertappt, die
unvermerkt zu ihr in den Garten getreten war.

Diese merkte gleich an der Verwirrung und an dem tiefen Errten der Magd,
da etwas besonderes vorgefallen sein msse, und auf ihre Frage erzhlte
denn auch Marie die ganze Begebenheit, sie zugleich um ihren Rat bittend in
der fr ihre Zukunft so wichtigen Angelegenheit.

Nun war das Erstaunen auf seite der Meisterin, und das erste, was ihr bei
der Erzhlung Maries durch den Kopf fuhr, war der egoistische Gedanke, ihre
treue Magd verlieren zu mssen. Doch sprach sie diesen Gedanken nicht aus;
denn die angeborene Gutmtigkeit und ihr Wohlwollen gegen Marie siegten
schnell ber den anfangs sich regenden Eigennutz. Ein wenig machte sich
auch der Stolz bei ihr geltend in dem Gedanken, selbst am meisten dazu
beigetragen zu haben, da Marie das geworden war, was sie heute so
begehrenswert erscheinen lie.

Liebes Kind, sprach sie, Du weit, da ich stets wie eine Mutter an Dir
gehandelt und auch in dieser Sache gewi nur Dein Bestes im Auge habe. So
wirst Du es also auch nicht als eine leere Redensart betrachten, wenn
ich Dir sage, da Dir durch den Antrag des Herrn Verwalters ein Glck
widerfahren ist, das Du nicht von der Hand weisen solltest. Deine Zweifel,
die Du mir gegenber geuert hast, kann ich nicht gelten lassen. Es
freut mich zwar, da Du Dich nicht kopfber, ohne zu berlegen, in die Ehe
strzen willst, aber gar zu bescheiden brauchst Du auch nicht zu sein.
Wenn Du auch kein Barvermgen besitzest, so fallen dagegen andere Deiner
Eigenschaften umso mehr in die Wagschale. Deine Treue, Deine Arbeitslust,
Dein Sinn fr Ordnung und Reinlichkeit und Dein munteres Wesen gelten
in den Augen des Herrn Verwalters mehr als Geld und Gut und gerade das
Vorhandensein dieser Wertschtzung solcher Eigenschaften bietet die beste
Gewhr fr Euer zuknftiges Glck. Mein Rat geht also dahin, Deine Zweifel
niederzuschlagen und den Antrag anzunehmen, und ich glaube bestimmt, da es
Euch beiden so gut gehen wird, wie Ihr es in der Tat verdient. Mit meinem
Glckwunsch will ich aber gleich eine Mahnung fr Dich verbinden, die Du
nicht vergessen darfst, sie lautet: Werde nicht stolz. Die Bescheidenheit,
die als Magd Dich zierte, behalte bei auch als Frau Verwalter; nichts steht
einer Bauersfrau, ob sie so oder anders tituliert werde, weniger gut an als
der Stolz. Schaue nie mit Ueberhebung auf Deine Untergebenen herab, dann
wirst Du von ihnen gerade so geachtet werden, wie der Herr Verwalter heute
geliebt und geschtzt wird von seinen Dienstboten, in deren Mitte er einst
selbst gedient hatte. Bedenke auch, da es Deine Pflicht sei, namentlich
auf jngere Leute erzieherisch einzuwirken, ihnen mit dem guten Beispiel
voranzugehen und sie so zu brauchbaren, braven Dienstboten zu machen. Es
ist meine feste Ueberzeugung, da der Mangel an guten landwirtschaftlichen
Arbeitskrften nicht zum wenigsten daher rhrt, da keine solchen erzogen
werden. Das, liebe Marie, sind einstweilen diejenigen Ratschlge, die ich
Dir geben mchte, falls Du das Anerbieten annimmst und Frau Verwalterin
wirst.

Auch der Bauer, als er von dem Vorfall Kunde erhielt, war der gleichen
Meinung wie seine Frau; auch er sagte, da das Zurckweisen eines solchen
Antrages gleichbedeutend wre mit einem leichtsinnigen Verscherzen seines
Glckes.

So gab denn Marie dem Johannes ihr Jawort und knpfte nur daran noch die
Bedingung, da auch seine Eltern mit seiner Wahl zufrieden seien; denn
nie solle es auch nur den Anschein haben, als htte sie sich in eine
wohlhabende Familie hineindrngen wollen.

Johannes konnte ihr ber diesen Punkt sofort zufriedenstellende Auskunft
geben; denn schon bevor er bei Marie seine Werbung angebracht, hatte er
seinen Eltern geschrieben und ihren Rat eingeholt.

Der alte Wachter, der mit Johannes von Anfang an etwas hher hinaus wollte,
war mit dessen Wahl zuerst nicht ganz einverstanden, zuletzt mute er
aber selbst zugeben, da Reichtum nicht diejenige Eigenschaft einer
Frau ausmache, auf die zuerst gesehen werden msse. Auch er schtzte die
Tugenden, die Marie nach den Angaben seines Sohnes hatte, und namentlich
fr einen Bauer, als bedeutend wertvoller denn eine reiche Mitgift, und so
meinte er selbst, da sein Johannes glcklich werden knne mit der von
ihm erwhlten Braut, und gegen das Glck seiner Kinder wolle er nichts
unternehmen.

So waren denn alle Hindernisse beseitigt, die Verlobung konnte gefeiert
werden, und als Marie noch einen Kurs an einer Haushaltungsschule
durchgemacht hatte, zog sie als Frau Verwalter auf dem Gutshofe ein.




II.


Johannes hatte mit seiner jungen Frau bereits mehrere Jahre das ihm
unterstellte Gut verwaltet, und war in dieser Zeit so mit seinem
Wirkungskreise verwachsen, da er gar nicht mehr daran dachte, einen
eigenen Hof zu erwerben. Das Verhltnis zwischen ihm und seinem Herrn
war ein so schnes, da es ihn nicht sonderlich drngte, seine gesicherte
Existenz mit einer andern zu vertauschen.

Da trat auf einmal ganz unverhofft ein Ereignis ein, das seinem friedlichen
Wirken einen argen Sto versetzte.

Bei einem Unfall, den der Gutsherr erlitt, bte dieser sein Leben ein.
Seine drei Shne beschlossen, das Gut weder zu verteilen noch zu veruern,
sondern es gelegentlich als Landaufenthalt zu bentzen und sich in den
Ertrag, den es abwarf, zu teilen.

So bekam Johannes nun statt eines Herrn deren drei, und zwar solche, deren
Beruf weit ab von dem des Landwirtes lag. Wenn nun zwar auch keiner direkt
in den Gutsbetrieb hineinregieren wollte, so hatte doch jeder Wnsche, die
sich manchmal nicht mit der rationellen Bewirtschaftung in Einklang bringen
lieen.

Es ist begreiflich, da dieser Besitzwechsel manche Verdrielichkeit fr
den Verwalter im Gefolge hatte, und Frau Marie bemerkte fters, da sich
eine Wolke auf der sonst so heiteren Stirne ihres Mannes lagerte, die zu
zerstreuen ihr mit all ihrem Liebreiz nicht immer gelang.

Als deshalb Johannes nach und nach wieder auf seinen alten Plan zurckkam,
ein eigenes Gut erwerben zu wollen, untersttzte sie denselben lebhaft, und
die Suche nach einem geeigneten Kaufobjekt begann.

An Angeboten fehlte es nicht. In allen Landesgegenden waren groe und
kleine Bauerngter feil, und gar bald begann fr Johannes die Qual der
Wahl. Als Verwalter hatte er sich an groe Verhltnisse gewhnt, und es
wre deshalb nur zu natrlich gewesen, wenn er sich fr einen greren
Betrieb entschieden htte. Seine praktischen Erfahrungen und die Lehren,
die er in der Schule erhalten hatte, waren indessen bei ihm zu tief
gewurzelt, als da er die Klugheit seinen persnlichen Liebhabereien
geopfert htte. Er sagte sich, da der Grundsatz, die verfgbaren Mittel
allein ber die Gre des zu erwerbenden Gutes entscheiden zu lassen, der
allein richtige sei.

So entschied er sich denn fr den Lindenbhl. Johannes mute zwar zugeben,
da dieser Besitz seine Vorteile und Nachteile hatte, aber er sagte sich,
da es ihm schwerlich gelingen knnte, ein Gut zu finden, an welchem es
nicht das oder jenes auszusetzen gebe. Fr den Erwerb des Lindenbhls
sprachen hauptschlich die geeignete Gre, die gnstige Lage, der gute
Boden und der verhltnismig billige Kaufpreis. Bei sofortiger Barzahlung
behielt Johannes noch gengend Kapital, um das sehr vernachlssigte Anwesen
wieder einigermaen in den Stand zu setzen, die mangelhaften Einrichtungen
zu ergnzen und den Betrieb rationell zu regeln.

Das alles hatte er genau berlegt und berechnet, und erst nachdem alles,
was fr und gegen den Kauf sprach, genau abgewogen war und sein Vater
den Hof besichtigt und ebenfalls fr den Erwerb eintrat, wurde die
Angelegenheit perfekt.

Nach erfolgter Kndigung verlie er seine Stelle und siedelte nach
Haldenburg ber, um vom Lindenbhl Besitz zu ergreifen, und dort als
selbstndiger Bauer ein neues Arbeitsfeld zu erffnen.

Vorerst kmmerte sich Wachter um nichts anders, als um sein Heimwesen,
und da gab es wahrlich genug zu tun; denn, wie wir schon wissen, hatte der
frhere Besitzer sehr schlecht gewirtschaftet, zuletzt alles, was irgend
anging, zu Geld gemacht, das brige aber verlottern lassen. Zum Glck waren
die Gebude ziemlich gut im Stande; sie waren zwar uerst schlicht und
einfach, und mancher Landwirt, der in so guten Verhltnissen sich befunden
htte wie Johannes, htte sich gewi mit dem Gedanken getragen, wenigstens
einen Teil der alten Bauten abzutragen und etwas schneres, der Neuzeit
entsprechenderes an ihre Stelle zu setzen. Unser Wachter aber begngte
sich, die notwendigen Reparaturen durchzufhren. Er wute, da das
Gebudekapital bei der Landwirtschaft das allerunproduktivste sei. Die
alten Stlle und Scheunen erlaubten ihm, das Vieh und die Produkte gut
unterzubringen, und das gengte ihm vollstndig. Da das ganze von auen
nicht gerade luxuris aussah, kmmerte ihn nicht so viel. Lieber als
fr Neubauten, wollte er sein Betriebskapital dazu verwenden, den Boden
produktiver zu machen, und dadurch dafr zu sorgen, da er die alten Stlle
und Vorratsrume wenigstens fllen konnte.

Einigen Aufwand leistete er sich einzig bei der Instandstellung seiner
Wohnung. Da lie er seiner Frau freien Spielraum, wohl wissend, da sie die
richtige Grenze einhalten werde zwischen unntigem Luxus und unangebrachter
Sparsamkeit.

Nach dem gleichen Prinzip wie bei der Renovation der Gebude verfuhr
Johannes bei der Einrichtung seines ganzen Betriebes. Praktisch und gut
unter Verpnung jeden Luxus, das war auch hier sein Grundsatz.

Dem jetzigen Ertrag des Gutes entsprechend, fllte er seinen Stall mit
leistungsfhigem Vieh, bei dessen Ankauf er nicht knauserte. Spter
gedachte er durch Anlegung von Kunstwiesen und durch eine rationelle
Dngerwirtschaft den Futterertrag bedeutend zu steigern und
dementsprechend den Viehstand zu vermehren. Die vorhandenen Gerte und
Betriebseinrichtungen waren grtenteils sehr mangelhaft und unzureichend.
Da wurde denn alles so ergnzt, da nicht unntige Arbeitskraft
verschwendet werden mute, und zugleich eine Arbeit geleistet werden
konnte, die einen vollen Erfolg erhoffen lie. Groes Gewicht wurde
auch darauf gelegt, Einrichtungen zu treffen, um die erzielten Produkte
bestmglich verwerten und alles gut ausntzen zu knnen.

So stellte denn das Gehft unseres Wachter bald, trotz aller Einfachheit
und Schlichtheit, ein Bauerngut dar, das ganz den Anforderungen der
Neuzeit entsprach, das bei der herrschenden Ordnung und Sauberkeit einen
wohltuenden Eindruck machte und vorteilhaft abstach von der im Dorfe
herrschenden Unordnung und Nachlssigkeit.

Die Haldenburger verfolgten alles, was auf dem Lindenbhl vorging, mit
Mitrauen, und wo man von Wachters redete, geschah es mit Spott und
unter Anwendung fauler Witze. Da es dieser Herrenbauer, trotz all seiner
Studiertheit, nicht lange treiben werde mit seinen neumodischen Ideen, wenn
er nicht ein steinreicher Mann sei, darber schienen alle einig zu
sein. Johannes machte im Anfang auch einige Migriffe, welche aus der
ungengenden Kenntnis der rtlichen Verhltnisse hervorgingen. Das war dann
Wasser auf die Mhle der Sptter, und es hie dann gleich allgemein, da
sehe man es, wie weit man komme mit solch gelehrten Firlefanzereien.

Zuerst kmmerte sich Johannes gar nicht um das, was man im Dorfe ber ihn
dachte oder redete; er lebte nur fr sich und tat, als ob niemand weiter
fr ihn existiere. Bald aber mute er einsehen, da er da einen falschen
Weg eingeschlagen habe, auf dem man nur sehr mhsam und auf groen Umwegen
ans Ziel gelangen knne. Er sah sich bald vor Aufgaben gestellt, die allein
zu erfllen ihm nicht mglich war. Auch merkte er gar bald heraus,
wie schdigend eine schlechte Gemeindeverwaltung in den einzelnen
Landwirtschaftsbetrieb hineingreifen knne, und zur rechten Zeit erinnerte
er sich daran, da sein Vater ihn einst gelehrt habe, nicht nur an sich
selbst zu denken, und auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, sondern auch
das Allgemeine im Auge zu haben, und zu arbeiten an der Hebung des gesamten
Bauernstandes.

Er schmte sich jetzt, da er in seinem Stolze sich hoch erhaben geglaubt
habe ber seine Nachbarn, die doch auch seinesgleichen waren, und die gewi
auch zum Fortschritt zu bekehren seien, wenn man nur den richtigen Weg
einschlage. Er dachte daran, was sich alles erreichen liee bei solch
gnstigen klimatischen Boden- und Absatzverhltnissen, wie sie Haldenburg
aufwies, und es schien ihm jetzt unerklrlich, wie er nur einen Augenblick
hatte von seiner Pflicht abweichen knnen. Freilich durfte er sich
nicht verhehlen, da es unsgliche Mhe kosten werde, gegen den
tiefeingewurzelten Schlendrian, der sich seit altersher in Haldenburg
breitmachte, anzukmpfen und einem gesunden Fortschritt zum Siege zu
verhelfen. Am meisten wrden sich wohl die Reichen und die Dorfmagnaten
dagegen wehren, und weil die Aermeren von den Wohlhabenden mit der Zeit
stark abhngig geworden seien, so werde er auch bei diesen einen schweren
Stand haben. Der Nutzen aber, der fr ihn und das ganze Dorf aus einem
Umschwung zum Besseren resultieren mte, dnkte ihm eines Kampfes wohl
wert, und so beschlo er denn, das groe Werk zu beginnen.

Ueberstrzen durfte man die Sache nicht, wenn man ans Ziel gelangen wollte,
das merkte Johannes gleich. Er tat deshalb einstweilen auch nichts weiter,
als da er sich hie und da mit dem einen oder dem andern seiner Nachbarn
in ein Gesprch ber allgemeine landwirtschaftliche Zustnde einlie.
Dabei vermied er es ernstlich, sich als Besserwisser aufzuspielen oder
die Verhltnisse und Manahmen anderer zu kritisieren. Hauptschlich aber
gedachte er, das gute Beispiel wirken zu lassen und durch die eigenen
Erfolge den Neid der andern zu erwecken, sie so zur Nachahmung zu
veranlassen und also gleichsam aus einem Laster eine Tugend zu machen.

Gar bald zeigte es sich auch, wie richtig diese Voraussetzung gewesen war.
Hatten die Haldenburger Bauern z.B. nur spttisch zugesehen, als Johannes
Kunstdnger auf einer Wiese ausstreute, so standen sie nachher, als der
Erfolg sich zeigte, um so verblffter an derselben Wiese, und meinten, die
Sache sei doch nicht ganz so dumm. Keiner htte sich aber herbeigelassen,
bei Johannes anzufragen, wie es sich eigentlich mit dem Kunstdnger
verhalte, ob es verschiedene Qualitten gebe, wie er am besten angewendet
werde u.s.w. Wohl aber probierte es einer auf eigene Faust; er wute sich
die Adresse eines Hndlers zu verschaffen, verlangte von demselben einfach
Kunstdnger, ohne nhere Bezeichnung der Qualitt, und erhielt so eine ganz
unpassende Marke, und dazu noch geringwertige Ware. Der Kaufmann mochte
denken: Fr einen Haldenburger sei es gut genug, die verstnden es doch
nicht besser. Der Bauer, der diesen Versuch machte, hatte den gleichen
Erfolg erhofft, den Johannes mit seinem Kunstdnger erzielte, sah sich aber
bitter enttuscht, und schwur hoch und teuer, nie mehr etwas von diesem
neumodischen Hokuspokus wissen zu wollen.

Unserm Johannes war die so klug eingeleitete Dngerprobe nicht verborgen
geblieben, und er beschlo, dieselbe fr seine Zwecke auszuntzen. Als er
deshalb einmal mit dem betreffenden Bauer im Wirtshaus zusammentraf, fragte
er ihn mglichst unbefangen, was er fr einen Erfolg erzielt habe mit dem
angewendeten Kunstdnger. Der Mann, der glauben mochte, Johannes wolle
ihn foppen, geriet in Zorn und warf ihm vor, da er jedenfalls darauf
spekuliert habe, da man ihm seine Narrheiten nachmache und Spott und
Schaden davontrage; leider sei einer so dumm gewesen, auf den Leim zu
gehen, aber er brauche keine Sorge zu haben, da es zum zweiten Male
geschehe. Ruhig lie Johannes die Vorwrfe ber sich ergehen, suchte
dieselben aber zu entkrften durch eine einfache, klare Belehrung ber
das Wesen, den Ankauf, die Anwendung und die Wirkung der Handelsdnger. Er
schlo damit, da er gerne von Anfang an bereit gewesen wre, jedem, der
sich um die Sache interessiert htte, genauen Aufschlu zu geben; niemand
aber habe eine Frage an ihn gestellt. Es tut mir leid, sagte er zu dem
betreffenden Bauer, da Sie durch Ihre Unkenntnis der Sache zu Schaden
gekommen sind. Ein noch grerer Schaden entsteht aber dadurch, da jetzt
ganz Haldenburg den Kunstdnger fr Schwindel hlt, trotz den augenfllig
gnstigen Resultaten, die ich mit demselben erzielte. So liegt aber die
Gefahr nahe, da bei uns ein sehr wichtiges Hilfsmittel zur Steigerung der
Bodenertrge geraume Zeit nicht zur Anwendung kommen wird. Diese Gefahr
mu abgewendet werden, und dazu ist es notwendig, da Sie eine zweite Probe
machen. Ich begreife zwar, da Sie nicht noch einmal Geld fr einen solchen
Versuch auswerfen wollen; aber ich werde Ihnen die Sache erleichtern, und
Ihnen ein Quantum geeigneten Kunstdngers zur Verfgung stellen, den
Sie dann unter meiner Anleitung anwenden. Damit hoffe ich, nicht nur das
untergrabene Ansehen des Kunstdngers wieder herzustellen, sondern auch
eine gnstigere Gesinnung gegen mich bei Ihnen zu erwecken.

Diese Ausfhrungen hatten nicht nur den vorher so aufgebrachten
Kunstdngerfeind wieder besnftigt, sondern auch auf die andern im
Wirtshause anwesenden Bauern einen guten Eindruck gemacht. Johannes
beschlo, diese gnstige Stimmung auszuntzen, begann von allerlei
Verbesserungen zu reden, die in Haldenburg durchgefhrt werden knnten
und fhrte an, wie wichtig es wre, da solche Sachen unter den Bauern
besprochen und errtert wrden. Gerade die Angelegenheit mit dem
Kunstdnger habe gezeigt, wie oft man nur zu geneigt sei, eine sehr
wichtige Neuerung einfach als Schwindel zu erklren, blo deswegen, weil
man nichts davon verstehe. Eine einfache Aufklrung aber knne oft die
Sache verstndlich machen und die Zweifel zerstreuen. Er erzhlte, wie
segensreich gerade in dieser Hinsicht die landwirtschaftlichen Lokalvereine
zu wirken imstande seien, hinzufgend, fr wie ntzlich er es halten wrde,
wenn auch in Haldenburg ein solcher Verein ins Leben gerufen wrde. Alle
Anwesenden nahmen diesen Vorschlag begeistert auf und baten Johannes, die
Angelegenheit vorzubereiten und eine Versammlung einzuberufen zur Grndung
eines Bauernvereins.

Eine solche Zusammenkunft wurde denn auch in den nchsten Tagen einberufen
und Wachter, der sich von dem am Sonntag errungenen Erfolg blenden
lie, setzte groe Hoffnungen auf diese Versammlung. Er hatte einen
Statutenentwurf ausgearbeitet und gedachte eine zndende Rede zu halten,
um, wie er meinte, das Eisen zu schmieden so lange es warm sei. Gro war
daher seine Enttuschung, als nur sechs Mann erschienen. Die Groen des
Dorfes hatten von der Sache gehrt und befrchteten, da Johannes zu viel
Einflu erhalten knnte, wenn der Verein zustande kme. Es gelang ihnen
noch rechtzeitig, die Sache zu vereiteln und dem Fremden ein Schnippchen
zu schlagen.

Jeder andere htte nun auf eine solche Niederlage hin den Mut sinken
lassen, nicht so unser Johannes. Nachdem es ihm gelungen war, den Aerger zu
unterdrcken, kehrte die gewohnte Energie wieder und er sprach zu den
sechs anwesenden Mnnern, da unter solchen Verhltnissen natrlich von der
Grndung eines Vereins vorlufig keine Rede sein knne, da aber auch ohne
einen solchen ein halbes Dutzend Bauern mehr ausrichten knnen, als ein
einzelner, wenn es ihnen nur nicht an gutem Willen fehle. Da sie aber
trotz aller Machinationen anders gesinnter hiehergekommen seien, halte er
fr den besten Beweis, da es ihnen mit ihrem Streben nach Fortschritt auch
wirklich ernst sei. Der herannahende Winter mit den langen Abenden biete
Gelegenheit genug, zu berlegen und zu beraten, wie sie sich gegenseitig
am besten in ihren Bestrebungen untersttzen knnen. Gelinge es ihnen,
Vorteile zu erringen, so sei es sicher, da sie bald Anhang erhalten
werden, und da in kurzem, trotz aller Anfeindungen, der Verein doch
zustande kommen werde. Er lade sie ein, jede Woche an einem bestimmten Tag
zu ihm auf den Lindenbhl zu kommen, um zu beraten, was getan werden
knne, um eine Besserung sowohl ihrer eigenen, als auch der allgemeinen
Haldenburger Verhltnisse anzubahnen. Das wurde beschlossen und
zuversichtlich ging man nach Hause.

Johannes hatte in seinen neuen Anhngern Leute gefunden, die von
ernstlichem Streben beseelt waren. Es waren durchwegs kleinere Bauern,
aber vollstndig unabhngig, so da sie es nicht ntig hatten, sich am
Gngelbande der Groen fhren zu lassen. Sie erkannten gar bald, da
Wachter ein Mann sei, dem man vertrauen knne und der es gut mit ihnen
meine. Die Diskussionsabende auf dem Lindenbhl wurden fleiig besucht und
es begann ein ruhiges, aber zielbewutes Arbeiten, dessen Frchte nicht
ausblieben.

Die Hauptaufgabe des kleinen Klubs mute vorerst darin bestehen, in ihren
eigenen Betrieben Verbesserungen durchzufhren. An groe ffentliche
Fragen durften sie ja nicht herantreten. Mit kluger Berechnung blieben sie
berhaupt allen groen Projekten fern. Sie sagten sich, da sie nicht zu
viel wollen drfen; denn Mierfolge knnten auch sie entmutigen und dann
wre alles verloren. Johannes belehrte bei den Zusammenknften die Leute,
wie sie durch eine rationelle Dngerwirtschaft ihre Gter ertragreicher
machen knnen, wie sie auch mit dem kleinsten haushalten sollen und wie sie
selbst noch aus allen Abfallstoffen, die sie bis jetzt nicht zu beachten
gewohnt waren, noch Nutzen zu ziehen vermgen. Er zeigte ihnen, wie sie
durch richtige Zeiteinteilung und strenge Ordnung in allen Dingen den
Betrieb vereinfachen und mheloser gestalten knnen. Durch gemeinsamen
Bezug von Kunstdnger, Smereien, Futtermitteln u.s.w. verringerten
sie ihre Auslagen, schtzten sich vor Betrug und sicherten sich bessere
Qualitten. Zufllig hatte man gerade ein sehr gesegnetes Obstjahr, da
legten sie die auf rationelle Art geernteten und sortierten Frchte
zu gemeinschaftlichem Verkauf zusammen und erzielten, dank der guten
Verbindungen, die Johannes hatte, viel hhere Preise, als die andern
Bauern. Auf diese Weise ist es erklrlich, da jeder schon im ersten Jahr
einen groen Nutzen aus der zwanglosen Vereinigung davontrug. Das merkten
jetzt natrlich auch die andern Bauern und manchen reute es, da er an
jenem Abend der Versammlung ferngeblieben war.

Wachter mute sich sagen, da er sehr viel erreicht habe, vielleicht sogar
mehr, als wenn vor einem Jahr der Verein wirklich zustande gekommen wre;
denn viel' Kpf', viel' Sinn'. Bei einem greren Verein htte es gewi
auch solche gegeben, die der Sache zum mindesten nicht frderlich gewesen
wren, oder gar als Radschuh am Fortschrittswagen figuriert htten.

Es darf nun hier nicht verschwiegen werden, da unterdessen auch Frau Marie
nicht unttig geblieben war. Als treue Bundesgenossin ihres Mannes hatte
sie seine Bestrebungen zu den ihrigen gemacht, und hatte jener bei den
Mnnern Erfolge aufzuweisen gehabt, so konnte sie sich rhmen, dasselbe bei
den Frauen erreicht zu haben.

War der Lindenbhl fr die sechs Mnner der Versammlungsort und der
Mittelpunkt ihres Wirkens geworden, so ist es fast selbstverstndlich, da
auch ihre Frauen hie und da dort verkehrten. Auch sie wollten etwas lernen,
und Marie erteilte gerne Rat, wo sie konnte. Bald hatte sie Fragen zu
beantworten die Kche betreffend, bald bildete die Milchwirtschaft den
Mittelpunkt der Besprechung, oder es kam das Kapitel Hhnerzucht zur
Errterung, und als der Frhling herankam, trat die Gartenwirtschaft in den
Vordergrund. Auf allen diesen Gebieten war ja Frau Wachter vollstndig zu
Hause und in aller Bescheidenheit erteilte sie Auskunft, ohne mit ihren
Kenntnissen zu prahlen.

Bald genug wute man im Dorfe auch noch von einer andern Ttigkeit Mariens
zu erzhlen, die sich ganz im stillen abspielte. Ihr gutes Herz und ihr
Wohlttigkeitssinn trieben sie, die Not und das Elend zu mindern, wo sie es
antraf. Hier sah man sie mit wohlgefllter Schrze in die Htte einer armen
Wchnerin eintreten, dort stand sie am Bette eines Schwerkranken, trstend
und helfend, wo sie konnte. Der Arzt und der Pfarrer wuten ihre Dienste
und aufopfernde Mitarbeit dankbar zu schtzen, und manche genesende Person
segnete das stille Walten, das vom Lindenbhl ausging. Lange bevor Johannes
mit seinen Fortschrittsideen bei den Mnnern durchgedrungen war, zollte man
seiner Frau allgemeine Achtung und Verehrung.

Hie und da kam Vater Wachter auf Besuch, um zu sehen, wie sein Sohn
wirtschafte, und er konnte sich nicht genug wundern, was Johannes in
den wenigen Jahren aus dem vernachlssigten Gute gemacht hatte. Er mute
bekennen, da sein Sohn sein Wort gehalten und ein rechter Bauer geworden
sei. Die sorgfltig gefhrten Bcher ergaben aber auch, da die Rendite mit
dem ueren Ansehen des Hofes im Einklang stand. Mit Stolz erfllte es ihn,
als er hrte, wie, von seinem Sohne ausgehend, eine Hebung der allgemeinen
landwirtschaftlichen Zustnde in Haldenburg angestrebt wurde, und er
prophezeite Johannes gerade in dieser Hinsicht noch einen besondern Erfolg.
Er meinte, so hartgesottene Anhnger des Althergebrachten knnen
diese Bauern doch nicht sein, da sie nicht merken sollten, da diese
wohlgepflegten Wiesen nicht mehr und besseres Futter liefern, als die
schlechten daneben; da diese glatthaarigen, wohlgeformten und gutgenhrten
Khe nicht leistungsfhiger seien und auf dem Markte einen greren Wert
reprsentieren, als andere mit allen mglichen Fehlern behaftete, und da
diese kraftstrotzenden, sauber in Ordnung gehaltenen Obstbume nicht einen
weit greren Nutzen abzuwerfen imstande seien, als jene Serblinge, die
ber und ber mit Schmarotzern bedeckt seien. Wenn sie es aber sehen, so
msse der erste Schritt der sein, da sie es auch so haben wollen.

Wie recht der alte Wachter mit seiner Voraussage hatte, zeigte sich in der
Tat immer mehr. Die Sticheleien, denen Johannes und seine sechs Anhnger im
Anfang ausgesetzt waren, hrten nach und nach auf. Man gewhnte sich daran,
sie ihren eigenen Weg gehen zu sehen, und lie sie gewhren. Als dann aber
so nach und nach die Erfolge ihres vernderten Vorgehens sich bemerkbar
machten, wurde mancher stutzig und fing an zu fragen, was die Ursache
dieser oder jener Erscheinung sei. Bereitwilligst wurde natrlich immer
Auskunft gegeben, und gewhnlich tat man bei solchen Errterungen auch des
Lindenbhls Erwhnung, als Ausgangspunkt der verschiedenen Anregungen und
Belehrungen. So begannen denn die Haldenburger Bauern doch einzusehen, da
man die Ansichten Johannes' etwas mehr beachten msse; denn es seien eben
unzweideutige Beweise vorhanden, da er mit seiner Methode zu ganz andern
Resultaten gelange, als sie mit ihrem alten System. Verfehlt wre es
jedoch, zu glauben, da diese guten Leute jetzt ihren Irrtum und ihr
Unrecht offen bekannt htten. Nein, nur zu hinterst in ihrem Gewissen
begann das Gefhl, nicht ganz im Recht zu sein, langsam aufzutauchen. Aber
noch ein anderes Gefhl machte sich geltend, und das war der Neid. Diese
beiden Regungen hielten sich eine Zeitlang die Wage und lieen einander
nicht vorwrts kommen. Zuletzt zeigte sich aber doch der Neid als strker,
und namentlich als man sah, da Johannes nicht zrnte, sondern gerne jedem
Bescheid gab, der sich an ihn wandte, wollte jeder so viel als mglich von
seinen Kenntnissen profitieren.

Manche der vielen wichtigen Fragen, die da zu errtern waren, lieen sich
indessen nicht nur so im Vorbeigehen behandeln, und man sah ein, da da
grere Zusammenknfte ntig wren. Immer hufiger sprach man deshalb
wieder von dem Projekt einer landwirtschaftlichen Vereinigung und bedauerte
lebhaft, da man das vorige Jahr der Sache so feindselig begegnet sei.
Indessen liee sich vielleicht auf die Angelegenheit zurckkommen. Und als
sich einmal eine gnstige Gelegenheit bot, frug einer den Johannes, wie es
eigentlich mit der Grndung eines landwirtschaftlichen Vereins stehe, ob
er nicht glaube, da man noch einmal einen Versuch wagen sollte, das
Entgegenkommen werde jetzt gewi ein besseres sein, als das erste Mal.

Johannes wollte aber zuerst nichts mehr davon wissen, er sagte: Ich habe
an einer Niederlage gerade genug und bin nicht nach Haldenburg gekommen, um
mich ffentlich zum Narren halten zu lassen. Ich hatte lediglich Euer Wohl
im Auge, als ich vor einem Jahr die erste Versammlung einberief. Statt
dieses anzuerkennen, hat man mich sogar noch schlechter Absichten geziehen,
und nun soll ich mich dieser Gefahr von neuem aussetzen?

Erst als man von allen Seiten in ihn drang und selbst seine Freunde ihn
eines befriedigenden Erfolges versicherten, beschlo er endlich, nochmals
die Zusammenberufung einer Versammlung zu wagen, hatte dann aber auch die
Freude, die Sache vollstndig gelingen zu sehen. Der Besuch war nicht nur
ein sehr groer, sondern viele der anwesenden Bauern erklrten sich auch
gleich bereit, dem Verein beizutreten.

Johannes, der nun schon aus Erfahrung wute, da man so einen aufflammenden
Eifer mglichst gut auszuntzen suchen msse, legte der Versammlung einen
Statutenentwurf vor, und als die verschiedenen Paragraphen durchberaten
und angenommen waren, wurde zur Wahl des Vorstandes geschritten, wobei
natrlich Johannes als Prsident hervorging. So wurde in einer Sitzung
in Haldenburg ein landwirtschaftlicher Verein gegrndet, der ber 30
Mitglieder zhlte. Selbst einige der Dorfmagnaten waren dem Verein
beigetreten. Sie mochten darauf rechnen, auch hier eine Rolle spielen zu
knnen.

Nun ging es in Haldenburg rasch vorwrts mit dem Fortschritt in der
Landwirtschaft. Ein Cyklus von Vortrgen ber die verschiedensten Gebiete
der Landwirtschaft, sowie einige Kurse sollten den Bauern Gelegenheit
geben, sich grundlegende Kenntnisse zu verschaffen, mittelst denen es ihnen
mglich sein sollte, aus ihren Betrieben einen greren Nutzen zu ziehen.

Die Mitglieder des Vereins suchten nicht nur aus Bchern und Zeitschriften
zu erfahren, wie man anderwrts vorgehe, oder diese oder jene Neuerung sich
zunutze mache, sondern sie tauschten auch ihre eigenen Beobachtungen und
Erfahrungen gegenseitig aus, was von groem Nutzen war; denn unter den
verschiedenen Verhltnissen, namentlich in Bezug auf Boden und Klima,
verndern sich ja bekanntlich die Resultate der landwirtschaftlichen
Ttigkeit oft um ein betrchtliches, so da die Beobachtungen, die an Ort
und Stelle selbst gemacht werden, immer die beachtenswertesten sind.

Der gemeinschaftliche Bezug von Dnger, Samen und andern
landwirtschaftlichen Bedarfsartikeln hatte sich schon vorher bewhrt. Es
wurde deshalb diese Institution in die Vereinsttigkeit aufgenommen
und stetig erweitert. So wurde der genossenschaftliche Sinn bei den
Haldenburgern trefflich genhrt, bald wurde eine Viehzuchtgenossenschaft
gegrndet und die Sennerei, die schon frher genossenschaftlich betrieben
wurde, besser eingerichtet und nach den Anforderungen der Neuzeit
umgestaltet.

Allen diesen Manahmen war es zu verdanken, da nicht nur die Ertrge
betrchtlich erhht, sondern auch die Produkte bedeutend verbessert wurden,
so da sie an Ansehen gewannen und marktfhiger wurden. Whrend man frher
von Haldenburg nie etwas gutes erwartete und daher der Absatz ein uerst
schlechter war, stellten sich jetzt Kufer ein, welche gute Ware suchten
und auch dementsprechend bezahlten. So sah man sich jetzt auch fr seine
Mhe entschdigt und arbeitete mit viel grerer Lust. Der Aufschwung
bedeutete also direkten und indirekten Nutzen.

Freilich wre es ein Irrtum, zu glauben, da sich die gnstige Vernderung,
welche so viel Gutes mit sich brachte, so glatt vollzog, wie sie eben
geschildert wurde. Da galt es anzukmpfen gegen eine ganze Menge von
Vorurteilen und Scheingrnden. Die Gutgesinnten bildeten noch lange die
Minderheit. Viele wollten sich durchaus vom Alten nicht losmachen, obwohl
eigentlich mancher keinen andern Grund dafr angeben konnte, als seine
Engherzigkeit, seinen Hochmut und die Lust am Streiten.

Die grten Schwierigkeiten traten ein, als der landwirtschaftliche Verein
es als seine Aufgabe erkannte, sich auch mit Angelegenheiten zu befassen,
welche die Gemeinde angingen, wie z.B. Weganlagen, Alpverbesserungen, eine
neue Waldordnung u.s.w. Alles dies waren Projekte, die nicht mehr lnger
aufgeschoben werden durften, wollte man nicht auf halbem Wege stehen
bleiben.

Johannes sah zwar voraus, da enorme Schwierigkeiten zu berwinden seien,
bis man in dieser Beziehung ans Ziel gelange, aber jetzt, da er nicht mehr
allein dastand im Kampfe, schreckten ihn die Hindernisse nicht.

Mit wohlberechneter Klugheit trat er nie fr etwas ein, das er nicht vorher
wohlerwogen und ausgedacht hatte. Bevor er einer Verbesserung das Wort
redete, berechnete er immer die Opfer, die dafr zu bringen seien und
den Nutzen, den man nach der Ausfhrung erwarten durfte. So konnte er der
Opposition mit ziffernmigen Belegen gegenbertreten, und dieser Umstand
half manchmal allein schon der Sache zum Durchbruch.

Als einige kleinere Projekte dieser Art wirklich zur Ausfhrung gelangten
und man allgemein das Gute anerkennen mute, gewann Johannes immer mehr
Achtung und Ansehen, und er wurde sogar in den Gemeinderat gewhlt.

Dieses Ereignis war ein schwerer Schlag fr den Brgerzopf; denn so etwas
war noch nie erhrt worden in Haldenburg, und manches alte Buerlein, das
sich nicht mehr in die neue Zeit hineinfinden konnte, meinte, die
Vorfahren wrden sich noch im Grabe umdrehen, wenn sie wten, wie man ihre
heiligsten Ueberlieferungen miachte.

Von jetzt an ging es rasch vorwrts im neuen Kurs. Der Stein war nun
einmal ins Rollen gekommen und niemand vermochte ihn aufzuhalten.
Die notwendigsten der geplanten Verbesserungen wurden nacheinander
durchgefhrt, andere, weniger dringende, wurden einstweilen noch
zurckgelegt, da man bei den milichen Verhltnissen, in welche die
Gemeinde durch die fortwhrend schlechte Verwaltung nach und nach gekommen
war, nicht zu viel auf einmal wagen durfte.

Der allgemeine Aufschwung hatte eine bedeutende Verkehrssteigerung zur
Folge, welche sich hauptschlich durch vermehrte Ab- und Zufuhr geltend
machte. Auch hatte man durch Entwsserung eines groen Sumpfgebietes in
der Ebene drunten mehr Kulturland gewonnen, dessen Ertrge ins Dorf
heraufgefhrt werden muten. So war es zur dringlichen Notwendigkeit
geworden, einen bequemeren Zufahrtsweg zu schaffen. Es gehrte denn bald
auch der berchtigte Haldenburgerstutz der Vergangenheit an. An einer
Biegung der neuen Strae wurde ein Felsblock aufgestellt, den man beim Bau
derselben ausgegraben hatte, und darauf ist der Spruch eingemeielt:

  Rastlos vorwrts mut du streben,
  Nie ermdet stille steh'n,
  Willst du die Vollendung seh'n.

Dieses sollte der Wahrspruch werden fr die Weiterentwicklung Haldenburgs,
und wer heute dorthin kommt, der mu bekennen, da das rastlose,
unermdliche Vorwrtsstreben auch zu einem schnen Erfolge gefhrt hat;
denn Haldenburg kann mit seinen geordneten Verhltnissen, unter denen
Landwirtschaft und Gewerbe blhen, den umliegenden Gemeinden als Muster
dienen. Die Geschichte seines Aufschwungs aber beweist, wie wichtig es fr
ein Gemeinwesen ist, wenn Mnner in ihm wirken, denen das ffentliche Wohl
am Herzen liegt, und die mit Energie und Tatkraft in umsichtiger Weise fr
dasselbe einstehen, wo immer es notwendig ist.

Unsere Bauern aber mgen aus vorstehender Schilderung die Lehre ziehen, wie
notwendig es ist, da bei der Ausbildung junger Landwirte nichts versumt
wird. Echte und rechte Bauern sind notwendig, Mnner, die imstande sind,
mit Energie und Intelligenz den althergebrachten Ideen und Ansichten die
Stirne zu bieten und einzutreten fr einen gesunden Fortschritt, durch
welchen die Hebung der Landwirtschaft sich vollziehen soll.

In der Voraussetzung also, da Johannes Wachter nicht nur allein fr
Haldenburg so nutzbringend gewirkt habe, sondern auch vielen andern seiner
Berufsgenossen als leuchtendes Beispiel diene, nehmen wir von ihm und dem
Lindenbhl Abschied.

[Illustration]




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist, abgesehen von der Titelseite, in Frakturschrift
gedruckt.

Im Rahmen der Transkription wurde die Stellung der Satzzeichen
bei wrtlicher Rede (jedoch nicht bei Zitaten) in "," und "."
vereinheitlicht.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,

  Seite 3:
  "Schferhte" gendert in "Schferhtte"
  (am wrmenden Feuer in einer kleinen Schferhtte)

  Seite 8:
  "bekommrn" gendert in "bekommen"
  (zu glauben, wir bekommen keinen Platz)

  Seite 22:
  Komma verschoben von "Bauern," nach "vor,"
  (schwebte mir als das Ideal eines Bauern vor, und weil ich)

  Seite 24:
  "Verarbeituug" gendert in "Verarbeitung"
  (durch bessere Verarbeitung der Milch)

  Seite 32:
  "," eingefgt
  (freundliche Behausungen entstanden sind, ein neues Schulhaus)

  Seite 39:
  "Fuhrmaann" gendert in "Fuhrmann"
  (die zwei vom Fuhrmann genannten neuen Wirtschaften)

  Seite 39:
  "Kegelspliel" gendert in "Kegelspiel"
  (lustige Gesellschaft sich mit Kegelspiel die Zeit vertreibt)

  Seite 39:
  "und und" gendert in "und"
  (die wichtigste Feldfrucht ausmachen und jetzt gerade die Zeit)

  Seite 44:
  "Gespche" gendert in "Gesprche"
  (Bei Gelegenheit solcher Gesprche hielt dann auch Elise)

  Seite 44:
  "Gegestand" gendert in "Gegenstand"
  (ber diesen Gegenstand zu reden kam)

  Seite 54:
  "Grnfutrer" gendert in "Grnfutter"
  (Grnfutter ist gut frs liebe Vieh)

  Seite 56:
  "Nachberinnen" gendert in "Nachbarinnen"
  (da dachten sogar einige der Nachbarinnen, da so ein)

  Seite 57:
  "Blumenstrae" gendert in "Blumenstraue"
  (noch mit einem hbschen Blumenstraue beschenkt hatte)

  Seite 61:
  "verkockenden" gendert in "verlockenden"
  (keine sehr verlockenden Preise in Aussicht gestellt)

  Seite 62:
  "nnd" gendert in "und"
  (fr den eigenen Haushalt zu pflanzen und mit ihren Blumen)

  Seite 62:
  "Einnahmsqunelle" gendert in "Einnahmsquelle"
  (zu einer ergiebigen Einnahmsquelle zu gestalten)

  Seite 77:
  "Flnr" gendert in "Flur"
  (einen Spaziergang durch Wald und Flur machten)

  Seite 90:
  "kmmerte" gendert in "kmmerte"
  (nicht gerade luxuris aussah, kmmerte ihn nicht so viel)

  Seite 92:
  "." eingefgt
  (anderer zu kritisieren. Hauptschlich aber gedachte er)

  Seite 99:
  "Gfhl" gendert in "Gefhl"
  (noch ein anderes Gefhl machte sich geltend)]







End of the Project Gutenberg EBook of Aus Berg und Tal, by Ulrich Kiebler

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS BERG UND TAL ***

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