The Project Gutenberg EBook of Alte Nester, by Wilhelm Raabe

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license


Title: Alte Nester
       Zwei Bcher Lebensgeschichten

Author: Wilhelm Raabe

Release Date: November 2, 2014 [EBook #47268]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALTE NESTER ***




Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net






                            Wilhelm Raabe
                             Alte Nester

                             Volksausgabe

                            Wilhelm Raabe




                             Alte Nester


                    Zwei Bcher Lebensgeschichten

Ein Freund von mir begleitete einmal Goethen auf einem Spaziergange.
Unterwegs stieen sie auf einen armen Knaben, der am Wege sa, den Kopf
in den Hnden und die Arme auf die Kniee sttzend. Junge, was machst du
da? worauf wartest du? rief Goethes Begleiter. -- Worauf sollte er
warten, mein Freund? nahm Goethe das Wort. Er wartet auf menschliche
Schicksale. --

   O. L. B. _Wolff_.

   Allgemeine Geschichte des Romans, von
   dessen Ursprung bis zur neuesten Zeit.

                         21.-25. _Tausend der
                            Volksausgabe_

                           Berlin-Grunewald
                  Verlagsanstalt Hermann Klemm A.-G.

   Dieses Werk wurde gedruckt in der Offizin G. Kreysing in Leipzig.
           Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig.




Erstes Buch




Erstes Kapitel.


Eine Blume, die sich erschliet, macht keinen Lrm dabei; auch das, was
man von der Aloe in dieser Beziehung behauptet, halte ich fr eine
Fabel. Auf leisen Sohlen wandeln die Schnheit, das wahre Glck und das
echte Heldentum. Unbemerkt kommt alles, was Dauer haben wird in dieser
wechselnden, lrmvollen Welt voll falschen Heldentums, falschen Glcks
und unechter Schnheit; und es ist kein eitles, sich berhebendes Wort,
was ich hier zu Anfang dieser Bltter hinsetze; denn es sind die
Lebensgeschichten anderer Leute, die ich beschreiben will, nicht meine
eigenen. Das Heldentum und die Schnheit der Rolle, die ich dabei
abspiele, lassen sich wohl halten in der hohlen Hand. Aber eines ist
auch wahr und darf gesagt werden: Glck, viel Glck habe ich wohl nicht
gehabt, aber doch dann und wann mein Behagen, meine Belustigung und
meine Ergtzlichkeiten; und das alles ist gleichfalls ganz natrlich und
ziemlich unbemerkt gekommen und gegangen, -- so da es heute, in den
gegenwrtigen stillen, nachdenklichen, berlegenden Stunden nichts
Erstaunenswrdigeres fr mich gibt als mein unleugbar vorhandenes
Wohlgefallen nicht nur an der Welt, sondern auch immer noch an mir.

Mein erstes Aufblicken in dieser Welt fllt in die Zeit der Grndung des
deutschen Zollvereins, also in den Anfang der vierziger Jahre dieses
Skulums. Wer eine Ahnung davon hatte, da aus dieser anfangs etwas
unbequemen und viel bestrittenen Institution einmal das einige Deutsche
Reich aufwachsen knne, behielt dieselbe ruhig fr sich, und eine kleine
Ausnahme machte da vielleicht nur ein kleiner Mann im Ministerium der
auswrtigen Angelegenheiten in Paris, Mr. Louis Adolphe Thiers genannt.
Das deutsche Volk lie sich murrend, wenn auch nach seiner Art
gutwillig, die ersten Lebensbedrfnisse und vor allem das Salz durch den
segensreichen politischen Schachzug verteuern.

Da war nun so ein Sttlein (auf die Landkarte bitte ich dabei nicht zu
sehen), das diesem preuischen Verein beigetreten war, aber seine
Planetenstelle nicht verndern konnte, sondern liegen bleiben mute, wo
es lag: nmlich ganz und gar umgeben von einem anderen Staat, der nicht
beigetreten war, und das junge Reichsvolk von heute hat gottlob keine
Idee davon, was das seinerzeit bedeutete, obgleich es eigentlich noch
gar so lange nicht her ist. Zog der eine deutsche Bruder seinen
Grenzkordon, so zog ihn der andere ebenfalls. Da wir im ganzen das
deutsche Volk und der erlauchte deutsche Bund dabei blieben, konnte den
Zeitungsleser nur mig erquicken und ihn hchstens ganz kosmopolitisch
in seiner Selbstachtung ber dem Wasser erhalten.

Die Hauptsache fr mich, auch heute noch, ist, da das, was damals von
zivilversorgungsberechtigten Militrpersonen vorhanden war, fest darauf
rechnen durfte, unter die Steuer gesteckt zu werden, und da mein
braver, seliger Vater mit dem Titel Herr Kontrolleur natrlich
gleichfalls hineinfiel, und meine Mutter ebenso selbstverstndlich mit
ihm. Meine erste deutliche Lebenserinnerung aber ist, da ich von einem
Wagen gehoben und in ein Haus getragen wurde, das mir aus einem einzigen
gromchtigen, kindlich ungeheuerlichen schwarzen Scheunenflur, einer
Rauchwolke unter der Decke und zwei Reihen Kuhkrippen, nebst den
dazugehrigen heraugigen, hauptschttelnden, kettenrasselnden gekrnten
Herrschaften zu bestehen schien.

Dem war jedoch nicht ganz so. Es fanden sich in dem unteren Raume dieses
Hauses noch zwei oder drei Gemcher, die den zu dem Feuerherde und den
Haustieren gehrigen Menschen zu allerlei Gebrauche dienten; und eine
leiterartige steile Stiege fhrte sogar in ein oberes Stockwerk,
wenigstens in der Front des Gebudes, empor, -- in unsere Wohnung, die
einzige, die meinen Eltern bei ihrer Versetzung in dieses
Gebirgsstdtchen offen gestanden hatte. Dicht an unsere Wohnung stie
der Heuboden, und wir hatten deshalb mit Feuer und Licht sehr vorsichtig
umzugehen, was wir denn auch taten, und vorzglich ich, dem alles
unntige Spiel damit mehrfach in schlagender Weise verleidet wurde.

Mein Vater, der reitende Steuerkontrolleur Hermann Langreuter, trug
einen Sbel und eine Uniform, die mir heute in der Erinnerung den
Eindruck von Grnblau und Blau und vielen gelben Metallknpfen mit dem
Landeswappen macht. Was den Anzug meiner Mutter betrifft, so halte ich
es hell in dem Gedchtnis fest, da sie stets in hellen Kleidern ging,
-- bis zu dem Ereignis, das sie fr immer in Schwarz und Grau warf.

Die Salzschmuggler haben mir nmlich meinen Vater erschossen. Um einen
Sack voll Salz mute er damals sein Leben im Walde auf der lcherlichen
Grenze lassen. Ich aber habe wahrlich spter keine Verlustliste, die um
des deutschen Volkes Einheit ausgegeben wurde, gelesen, ohne an den
alten Griesgram auf _seinem_ Felde der Ehre wehmtig und kopfschttelnd
zu denken. Der Donner der tausend Kanonen in den groen Siegesschlachten
der Gegenwart hat die Schsse, die seinerzeit hinber und herber
gewechselt wurden, nicht bertnen knnen. Gottlob ist es heute nur
hchstens ein Drittel der Nation, das sich jenes brderliche
Nachbargeplnkel zurckwnscht, was in Anbetracht des Nationalcharakters
merkwrdig wenig ist, zumal wenn man noch die sehr verschiedenartigen
Grnde, aus denen jener Wunsch aufwchst, in Betracht und in Rechnung
zieht.

Auch aus diesem letzten politisch-historischen Exkurs wird meinem Leser
einleuchtend hervorgehen, da der schne Sommermorgen, an dem uns die
schlimme Nachricht ber den Vater gebracht wurde, ziemlich weit
zurckliegt. So ist es; es ist viel mehr als ein Menschenalter seit dem
Tage hingegangen, und ich kann dreist die objektivsten Bemerkungen an
ihn anknpfen.

Dessenungeachtet liegt jener Tag und alle seine Stimmungen heute schier
klarer vor meiner Seele als der gestrige, an dem es mir zuerst einfiel,
_mir selbst_ einmal schriftlich von mir selber und dem, was dazu gehrt,
Rechenschaft zu geben.

Da der Sommermorgen schn war, sage ich, weil ich heute noch sein
Licht, seine Wrme, seinen Landstraenstaub und seinen Waldduft in mir
und um mich spre. Wir aber, meine Mutter und ich, sind um Sonnenaufgang
mit der schrecklichen Nachricht geweckt worden, kurz vor dem lngsten
Tage.

Ich sa aufrecht in meinem kleinen Bette, und meine Mutter hielt mich
und hielt sich an mir. Da erscholl das ewige, jedenfalls Jahrhunderte
alte Leibstcklein des Kuhhirten in der Gasse des Ackerstdtchens. Die
Sonne schien mir auf die Bettdecke, unten im Hause brllten die Khe.
Meine Mutter war in einem Weinkrampf, und die Hausgenossenschaft und ein
paar Nachbarinnen und ein alter eisgrauer Kamerad und Steuerkollege
meines Vaters waren auch in der Kammer, und die Stube nebenan war voll
von Menschen. Unter den Leuten in der Stube aber befand sich ein Mann in
einer fremden Uniform, wie es mir schien. Das war aber die Livree derer
von Everstein, die ich nachher sehr genau kennen gelernt habe.

Der Herr Graf hatte den Diener mit dem Eberkopfe auf den Rockknpfen an
meine Mutter geschickt und seinen Wagen dazu. Mein toter Vater lag auf
dem Hause Werden, dem Wohnsitze des Herrn Grafen, und ich hrte, wie der
alte Kamerad des Vaters zu meiner Mutter sagte:

Frau Steuerkontrolleurin, liebe Frau, Sie mssen es ja leider Gottes,
also fassen Sie sich! Sehen Sie doch mal an, gefat muten Sie ja immer
im Grunde auf so was sein. Wie wre es denn nun gewesen, wenn uns der
liebe Herrgott whrend unserer Militrdienstzeit einen guten, braven
Krieg beschert htte? Eben vielleicht nicht anders als jetzt; nur wre
es vielleicht dann noch frher eingetroffen, und das wre dann noch viel
betrbter fr Sie gewesen. Nicht wahr? Sie sind doch nun gottlob eine
Soldatenfrau, und Ihren Jungen haben Sie ja da auch noch, und er nimmt
sich gewi in dieser ernsthaften Stunde ein Beispiel an seinem lieben
Vater, und macht es ihm in allen Dingen nach. Nicht wahr, Fritz, das
versprichst du uns?

Ja, ja! heulte ich, ohne im geringsten zu wissen, was alles ich hier
versprach; aber ich fhlte, wie meine Mutter mich fester fate und
heftiger mich an sich drckte, als werde sie mich nie mehr aus ihren
lieben, schtzenden Armen loslassen:

Fritz, du bleibst bei mir! du gehst nie von mir!

Ja, Mutter, ich fahre mit, ich darf mit ausfahren zum Vater! Nicht
wahr, und ich darf auf des Vaters Braunen nach Hause reiten?

Der Wagen hlt schon seit einer Stunde vor der Tr, sagte der alte
Kamerad. Und es ist doch auch recht freundlich von der Herrschaft auf
Schlo Werden, da sie ihre eigene Equipage schickt. Von Amts wegen sind
wir schon lngst zu Pferde hinaus; da wird nicht das geringste
verabsumt werden, was Ihnen zum Trost gereichen kann, Frau. Und jetzt
kommen Sie; -- die Nachbarinnen ziehen Ihnen den Jungen an, und dann
fahren wir langsam nach. Es geht ja alles im menschlichen Leben hin, und
eins in das andere. Erinnern Sie sich nur recht genau an alles, was Sie
mir so gut und brav zum Troste sagten, als ich so bei meiner seligen
Frau sa, und sie dalag. Sie wissen ja also alles Beste, was Ihnen einer
jetzt sagen kann, schon von selber. Fritze, du kannst mitfahren.




Zweites Kapitel.


Was fr eine Magie liegt selbst fr die Erwachsenen in dem sich
drehenden Rad! Fahren!... ausfahren! Fahren durch einen frischen,
sonnigen Sommermorgen in die weite, weite Welt hinein. Gibt es ein
glckseligeres Fieber als das, was bei diesem Worte und dieser
Vorstellung das Kind ergreift und ihm in erwartungsvoller Wonne fast den
Atem benimmt?

Ich war an jenem schrecklichen Morgen ungefhr fnf oder sechs Jahre
alt; aber wie deutlich steht er mir noch vor der Seele! Mit allen seinen
Einzelheiten! Da war das hastige Ankleiden, bei dem ein Dutzend
aufgeregte Hnde helfen wollten. Da war das Geflster rundum, und
dazwischen das stille Weinen und laute Schluchzen der Mutter, von Zeit
zu Zeit ein neues Gesicht, das sich in die Tr schob und in einem Winkel
sich des Genaueren berichten lie. Dazwischen immer wieder von neuem
die braven, guten Worte des alten Kameraden und Kollegen und dann -- das
Peitschenknallen des Kutschers in der Gasse, das allmhlich immer mehr
von steigender Ungeduld zeugte.

Und dann waren wir auf der Treppe und dann in der Gasse, und die Gasse
rund um die grfliche Kutsche war auch voll Menschen, die sich
verhltnismig still verhielten, aber desto mehr und dichter sich im
Kreis herandrngten und, wie mir schien, smtlich nur allzu gern
mitgefahren wren in die Weite hinaus und nach Schlo Werden.

Und die Mutter bekmmerte sich nun gar nicht mehr um mich. Ich hielt
mich an ihrem Rocke, sie aber lie sich starr, stumm und willenlos
fhren, und ich frchtete mich vor ihren Augen, mit denen sie gar nichts
mehr sah, selbst mich nicht. Ich aber sah auch nur beilufig auf sie;
denn der hellblaue Kutscher sah auf mich, und er hatte zwei Braune vor
seinem Wagen.

Das holperige Pflaster der einzigen Hauptstrae des Stdtchens -- aus
dem Tor, an den Grten hin auf die Landstrae; ich neben der Mutter im
Rcksitz des Wagens, und des Vaters Kamerad und Kollege uns gegenber!
Da ist die Mhle, wo sich das Wasser aus ziemlicher Hhe auf das Rad
strzt und mir mit seinem ewigen Brausen und weien Schumen und eiligen
Weitertosen im Bach immer einen so wonnigen Schauder einjagt. Da ist die
Gnseweide, unser Hauptspielplatz; Schulkinder mit ihren Schiefertafeln
und Abcbchern stehen am Rande des Grabens und starren uns an, und sind
im nchsten Augenblick zurckgeblieben, whrend ich weiterfahre. Auf der
weien Landstrae liegt die Sonne schon ziemlich hei; -- was wohl der
Steinklopfer denkt, der uns auch nachsieht? Was er wohl denkt ber
_unseren_ Kutscher in dem hellblauen Rock und mit dem Silberstreifen um
den Hut? und ber den anderen Mann vor uns auf dem Bocke, auch in
Hellblau und Silber?! Ich sehe um die Schultern der beiden Leute von
Schlo Werden auf die im Traben sich hebenden und senkenden Pferdekpfe
und die schwarzen Mhnen. Wer doch das alles immer so vor sich haben
knnte und vorbeifahren immerzu an den Menschen und Bumen, Zunen und
Hecken -- immer, auch wenn die Sonne noch heier scheinen sollte!... Ich
stehe auf, um in die zurckbleibenden, weien Staubwolken hineinzusehen.
Meine Mutter zieht mich wieder auf den Sitz, und wir fahren in das
Freie, Klare, Frische hinein.

Bald sind wir glcklicherweise im Schatten, sagt der Kamerad. Seine
Sbelscheide wird hei; ich habe den Finger darauf gelegt, weil die
Sonne auch auf ihr blitzt und blinkert; -- zu verlockend, um nicht auch
da von ihrem Glanze verlockt zu werden. Es ist acht Uhr am neuen Tage,
-- auch das bemerkt der Kamerad, seine Uhr hervorziehend.

Nun sehen Sie einmal, liebe Frau, wie es doch immer viel spter wird,
als man denkt; wenn man es auch noch so eilig haben will. Da sind wir
aber gottlob wenigstens endlich im Walde und im Schatten.

Ja, wir fuhren jetzt im Walde, und es gab nichts Schneres als ihn an
diesem Morgen. Die Buchen streckten ihre Zweige zu einem grnen Dache
ber uns hin. Wasserlufe rieselten hervor und begleiteten uns
stellenweise. Dann und wann sah man hinein in ein Tal, und dann wieder
trat der rote Sandstein bis dicht an den Weg hinan, und die Grillen
schrillten in dem Spalte des heien Gesteines, und nie in ihrem
glcklichen Dasein und Weitereilen gestrte Blumen -- gelb und blau --
sahen uns vorberfahren.

Doch uns drohte nun in all der Pracht, Lieblichkeit und Schnheit ein
Schreckliches.

Ein leises Klirren kam heran an einer Wendung der Chaussee und dazu
Pferdehufschlag und eine andere Staubwolke. Zwei gefesselte Mnner
wurden inmitten dieser Staubwolke und zwischen den Pferden der
begleitenden Landreiter gefhrt. Der Kamerad des toten Vaters zog seinen
Sbel an sich und trat mit dem Fu auf und sprach einen Fluch. Die
Mutter aber richtete sich empor und bog sich vor und starrte auf die
gebundenen zwei Mnner aus ihren verweinten Augen:

Die?

Da knnte man lernen, was es heien mu, im Ernst einhauen! sagte
leise der Kamerad, und er hatte die Hand auf den Wagenschlag gelegt und
rttelte daran. Die beiden Leute auf dem Bocke aber sahen auch zur Seite
und dann auf meine Mutter und mich, und dann schlug der Kutscher
pltzlich auf die Pferde, und vorber ging das auch in Staubwolken,
Sonnenlicht und Waldschatten. Im raschesten Trabe gingen die Gule
weiter, obgleich der Weg sich eben bergan zog.

Es ist ein sehr angenehmes Waldgebirge, durch welches damals die Grenze
gegen den Nachbarstaat, der das deutsche Salz in anderer Weise als wir
besteuerte, sich zog. Eine Grenze ist dort auch heute noch vorhanden,
aber jener Staat nicht mehr; doch davon ist jetzt nicht die Rede,
sondern von der Gegend -- der Landschaft berhaupt. Forsten und
Steinbrche berwiegen; das Ackerland lt manches zu wnschen brig;
doch ist es in den Hnden der Bauern und Kleinbrger, und das ist immer
viel wert. Nur einige groe Landesdomnen bilden zusammenhngendere
Komplexe, und zwei oder drei Rittergter mit alten Geschlechtern darauf
haben gleichfalls ihr grer Teil vom alten Erbe Adams festgehalten.
Schlo Werden hatte in dieser Hinsicht den weitesten Besitz aufzuweisen,
freilich aber auch, vom trefflichen Walde abgesehen, den steinigsten und
unfruchtbarsten. Der Zweig der alten Familie, die es bewohnte, stammte
von einem Bergschlosse, fnfzehn Meilen weiter nach Norden im Lande
gelegen, und durch viele andere bunte Grenzpfhle von dem Absenker
getrennt; dazu auch nur als Ruine, zu der es schon, wenn wir nicht
irren, im Jahre der Entdeckung Amerikas mit Aufwendung aller damaligen
kriegerischen Ingenieurknste gemacht wurde.

In Wien sitzen Frsten zu Everstein, in Mnchen Freiherren desselbigen
Namens, und hier in diesem Waldgebirge, verschollen wie Amerika nach der
Entdeckung durch die Chinesen oder die Norweger, oder wer es sonst
zuerst aufgefunden haben soll, Herr Friedrich Graf Everstein mit einer
einzigen Tochter, Komtesse Irene; und sonderbare Geschichten und
Gerchte gingen ber den Herrn und seinen Haushalt im Lande herum. Je
genauer man aber darauf hinhrte, desto weniger wirklich Genaues hat man
darber erfahren, auer da, von Anfang an wenig dort zu suchen und
noch weniger zu finden war. Ein Verbrechen ist das gerade nicht, doch
angenehm und behaglich ist's auch nicht. So sagten wenigstens die Leute
spter.

Noch eine Stunde hatten wir durch den Buchenwald zu fahren, dann kamen
wir an einen sumpfigen Graben voll Riedgras und Binsen. Ein altersgrauer
Grenzstein stand, halb versunken, dicht an der Chaussee. Um ihn herum
war das Gras niedergetreten wie von vielen Fen. Unser
grauschnauzbrtiger Begleiter schob die Schultern pltzlich hin und her
und sah grimmig verlegen auf den Platz hin, und legte dann meiner Mutter
die Hand auf das Knie und sah dann meine Mutter an, indem er sich mit
den Kncheln der anderen Hand die Stirn rieb.

Ich wei nicht, ob es recht von mir ist, Frau, aber ich -- der Junge --
mag sich wohl einmal daran erinnern wollen. Da!

Da hat man ihn gefunden!... Gemordet!... Mir und unserem armen Kinde in
seinem Blute! schrie meine Mutter, und --

Ja, sagte der alte Kamerad. Zum Henker, Kutscher, fahr zu!

Das kam wohl schroff und hart heraus, aber doch aus dem weichsten,
teilnehmendsten Gemte. Und es war auch in der Tat wohl sehr gut, da
der Kutscher wirklich rasch zufuhr. Es war wohl besser, die Frau sanft
um den Leib zu fassen und sie zurckzuhalten, als sie blind nach dem
Griff des Wagenschlages fate, um sich hinaus und auf die schreckliche
Sttte zu strzen. Der Tau hing im Schatten noch berall an Gras, Blumen
und Blttern; aber da -- unterm Erlenbusch --, da, wo der Boden am
meisten zerstampft war, mochte wohl noch ein anderer Tau an den Grsern
und dem niedergetretenen Gezweige hngen.

Beilufig, es erregt ganz eigentmliche Gefhle, wenn man sich heute,
nach so langen Jahren, erinnert, damals, wenn auch nicht auf der
schweren Fahrt, ein Wort aufgeschnappt zu haben, dahin lautend, da der
Alte in der Tat merkwrdig viel Blut verloren habe!

Fnf Minuten weiter von der furchtbaren Stelle entfernt zweigte sich ein
Fahrweg von der Landstrae ab, quer ber Wiesen. Da bog auch unser Wagen
ein. Jenseits der Wiesen, ber dichte Lindenwipfel und andere
parkhnliche Baum- und Buschgruppen, erhoben sich die blauschwarzen
Schieferdcher und die beiden altersgrauen Ecktrme von Schlo Werden.

Ein Pfahl am Wege verbot hier das Fahren und Reiten.

Sonst fhrt hier nur die Herrschaft, erklrte der Kamerad und
Steuerkollege; und es war freilich fr uns eine bittere
Ausnahmsweggelegenheit! ich hrte das Wort; aber nach dem Fahren htte
ich in diesem Augenblicke wenig gefragt, wenn ich zu allem anderen freie
Verfgung ber die sonnige, grne Flche gehabt htte.

Die groe Wiese stand in der vollsten, buntesten Pracht ihrer
sommerlichen Schnheit. Es schrillte tausendstimmig ber ihr; die
Schmetterlinge, Kfer und Mcken flatterten und tanzten, es tanzte die
heie Luft ber ihr. Wir aber, wir fuhren weiter diesmal, -- die
Kinderjagd nach den Farben und Tnen des Sommers sollte mir diesmal noch
nicht erlaubt sein; -- wir fuhren an einem Teil der hohen Hecke des
Parkes entlang und dann an einer noch hheren Mauer hin, bis zu einem
alten, aber immer noch festen und stattlichen Eingangstor, ber dessen
beiden Pfeilern zwei greifenartige Wappentiere auf Steinschilden in
ihren Tatzen das Wappen mit dem Eberkopf der Morgensonne hinhielten.

Der Wagen rasselte auf einen weiten, stillen Hof an ein langgedehntes,
graues Gebude heran und dicht an eine breite Steintreppe, die hier zu
einer groen, offenen Tr fhrte, sich aber an der ganzen Fronte dieses
Hauptflgels des Schlosses Werden hinzog.

Der Diener sprang vom Bock und ffnete den Schlag, ein anderer lterer
Mann in derselben Livree kam heran und nannte meine Mutter
seltsamerweise gndige Frau und fgte ganz leise hinzu:

Belieben auszusteigen.

Auf den stummen Jammerblick und die hastige Frage der armen Frau aber
hob er nur die Achseln und sagte:

Da sind der Herr Graf schon selber ... Ach ja, es geht -- den Umstnden
nach!

Das letztere Wort bezog sich wohl auf meinen Vater und hie soviel als:
Noch lebt er wohl, Frau reitende Steuerkontrolleurin; aber -- wie
lange?!

Es ist ein nicht mehr ganz junger Mann gewesen, der uns aus der Pforte
und an der Auffahrt entgegentrat und den Namen Graf Friedrich Everstein
fhrte. Er hat manches Auffllige in seiner Erscheinung an sich
getragen, mir aber ist nichts, aus jener Stunde wenigstens, davon
bewut. Nur sprach er so leise, wie sonst niemand von allen anderen
Menschen in meiner Umgebung.




Drittes Kapitel.


Leise sagte er etwas zu meiner Mutter, und dann bot er ihr den Arm. Wir
wurden durch die weite, khle, mit Hirschkronen, alten Blumen-, Frucht-
und Jagdstcken gezierte Halle gefhrt bis zu einer dunklen Tr. Der
ltere Diener ffnete diese Tr, und wir standen in dem Sterbezimmer
meines Vaters. Mich hatten der pltzliche bergang aus dem heien
Sonnentage in diese Khle, die ganz vernderte Umgebung, die fremden
Gesichter vollstndig betubt. Ich ging, den Rock meiner Mutter haltend,
wie zu unserem Platze in der Kirche -- es waren ganz die nmlichen
Gefhle, ein Bangen, Frsteln, Unbehagen und -- Behagen.

Ich erinnere mich auch hier noch der uerlichkeiten: der braunen
Tfelung dieses Gartensaales, des Grns, das aus dem sonnigen Garten in
die beiden hohen Bogenfenster hineinsah, der offenen Glastr, die zu den
Gebschen und Blumenbeeten fhrte, und des Pfaus, der wie neugierig in
dieser Tr stand und seinen schnen Schweif gravittisch langsam im
Kreis ber den feinen Kies zog. Wir haben nachher diesen Ort zu allen
Jahreszeiten als Spielplatz gern gehabt, und es hat mich wenig
gekmmert, da man einst meinen sterbenden Vater dahin als in das nchst
und bequemst gelegene Gemach bettete.

An jenem Morgen waren viele Leute darin, und wahrscheinlich darunter
auch ein Arzt. Meine Mutter warf sich jammernd ber das Lager, und ich
stand einen Augenblick wie allein unter den vielen Fremden.

Es war der Herr Graf, der mich an der Hand nahm und mich gleichfalls zu
dem Bette hinfhrte. Die Mutter lag da bewutlos, und der Vater war tot.

Das letztere Wort wurde im Kreise umhergeflstert; ich aber wei nunmehr
von jenem Tage nur noch, da ich in ein anderes Zimmer gefhrt wurde und
daselbst mit Irene, Komtesse Everstein, Milch trank und Weibrot a.
Alles andere ist dmmerig, unbestimmt, dunkel -- ist nichts. Es war mein
Recht, durstig, hungrig und schlfrig zu sein von der Fahrt durch den
heien Sommermorgen; nachher sehe ich mich wieder um in meiner Umgebung
und -- sie ist eine andere geworden, als sie war. Und hier ist die
Stelle, ein weniges mehr von meiner Mutter zu reden, und wie sie in eine
hohe Verwandtschaft gehrte und das Recht dazu von Gottes Gnaden besa
und aufweisen konnte.

Den gottlob kaum erwhnenswerten Ansatz von Buckel, den mir das
Schicksal zwischen die Schultern und, wie einige wissen wollen, in
bedeutend hherem Grade auch auf die Seele gelegt hat, habe ich
gewilich nicht von _ihr_. Schlank, zart, scheu-mutig steht sie mir vor
der Erinnerung, und ein Licht geht von ihr aus, das von keiner
Dunkelheit und noch viel weniger von einem anderen Licht in der Welt
berwltigt werden kann. Sie trgt ihre Freuden wie ihre bittersten,
schwersten Schmerzen still und so, dem Schein nach, leicht. Ihr wurde
alles zu einem Kranze, und woher sie ihre Bildung hatte, das bleibt ein
Rtsel, und sie selber wute vielleicht am allerwenigsten Rechenschaft
darber abzulegen. In der Mdchenschule einer kleinen Provinzialstadt
hatte sie im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts Lesen, Schreiben,
Rechnen und -- Singen gelernt, das war alles; aber wenn wo die ersten
neun Worte, mit denen ich diesen meinen Lebensbericht erffnet habe, zur
Geltung kommen, so ist das bei ihr der Fall. Sie ist dagewesen wie das
groe Kunstwerk von Gottes Gnaden; sie ist vorbergegangen. Sie sind
alle bei ihr wie bei ihresgleichen gewesen; sie haben keine Ahnung davon
gehabt, da dem nicht so war; ihr ist es nie in den Sinn gekommen, sie
zu enttuschen; denn sie hatte ja eigentlich auch keine Ahnung davon.

Ich bin fest berzeugt, sie hat einen argen Schrecken bekommen, als der
Herr Graf sagte:

Meine verehrte Frau, Sie sind die Dame, die mir fr die Erziehung
meines armen Kindes in seiner jetzigen Lebensepoche gefehlt hat, und die
ich seit langem vergeblich gesucht habe. Bleiben Sie bei uns. Betrachten
Sie sich als zu diesem Hause gehrig. Sie erziehen meine Tochter, und
ich nehme die Erziehung Ihres Sohnes nach besten Krften ber mich. Wir
haben einen recht gelehrten Pfarrer im Dorfe, der wird das Seinige dazu
geben. Ist der Junge fr das Gymnasium herangewachsen, so wird sich ja
wohl auch das Weitere finden. Lassen Sie uns einander gegenseitig
aushelfen, da uns das Schicksal in dieser Weise zusammengefhrt hat. Sie
wissen nicht, wie hlflos ich in hundert Beziehungen bin.

Nun war auch meine Mutter, wie sich das ja eigentlich von selber
verstand, fast nach allen Richtungen und in allen Beziehungen hlflos.
Auerdem aber, wie es sich baldigst herausstellte, fr ihren und meinen
Unterhalt nach dem Tode des Vaters auf eine Pension von sechzig Talern
angewiesen, sonst aber auf ihrer Hnde Arbeit.

Was soll ich Ihrem Kinde geben knnen? fragte sie in heftiger
Aufregung; aber der Herr Graf hat gelchelt, wenn auch sehr
melancholisch. Er hat es sehr genau gewut, was die arme Frau aus ihrem
Reichtum zu geben hatte.

Wir, das heit meine Mutter und ich, siedelten im Laufe desselben
Sommers nach Schlo Werden ber. Der Herr Graf hatte sich aber nicht
geirrt: wenn die Leute, die man in der Ferne aufsucht, sich stets in die
Leute verwandeln, die man rundum in der nchsten Nachbarschaft wohnen
hat, so ist das fr seine Tochter und fr ihn selber in Hinsicht auf die
Witwe des reitenden Steuerkontrolleurs Langreuter nicht der Fall
gewesen. Und ich -- ich, wenn ich in die Sonne sehen will, so hebe ich
nicht das Auge zu dem den brennenden Stern auf, sondern denke mich in
jene Tage und Jahre zurck, die da folgten.




Viertes Kapitel.


Ich bin im Verlaufe der Tage in des Lebens Ernchterungen wie andere
tief genug hineingeraten, aber meine in Blau, Silber, Grn, Gold und
Purpur schimmernden Mrchenjahre habe ich auch gehabt. Hier beginnen sie
und verwandeln mir auch den heutigen Tag in sein vollstndiges
Gegenteil. Da ich ein poetisch Gemt sei, das hat nachher wohl niemand
von mir behauptet (ich habe wenigstens alles dahin Einschlgige
vorsichtig und fest fr mich selber behalten), aber damals war doch
manches Gedicht -- echte Naturdichtung -- in mir und um mich, und alles
Heimweh -- die Quelle aller Poesie --, das ich in leereren Tagen gefhlt
habe, stammt aus dieser Zeit und geht dahin.

Wir grbeln viel, wir gebildeten, klug, d. h. dumm gewordenen Menschen,
ber den Schein in dieser Welt, der sich den Anschein des Wesens gibt;
ach, wenn er nur schn war, dieser Schein, wer mchte ihn missen wollen
aus seinen Tagen? wer mchte nicht dumm, d. h. klug gewesen sein, wenn
auch nur in den Tagen, da er noch jung war?!...

Ich bin natrlich zuerst nur mit in den Kauf genommen worden auf Schlo
Werden. Ich kam als ein Appendix meiner Mutter dahin; und es war mir
ganz recht so, und es war gut so; es war alles ganz vortrefflich. Die
Welt am siebenten Schpfungstage konnte unserem Herrgott nicht um das
Mindeste besser gefallen; das Behagen des einen wre hier freilich ohne
die Seligkeit des anderen gar nicht mglich gewesen!

Gib mir deine Hand, Junge; ich will dir alles zeigen, was ich habe,
sagte Komtesse Irene Everstein. Du kommst aus der weiten Welt, und ich
bin hier immer bei Papa gewesen. Mach dich aber nicht mausig; Ewald wird
dich sonst durchprgeln, wenn Eva nicht dabei ist.

Ich habe es erst spter, als wir in das Griechische kamen, erfahren,
da der Name Irene eigentlich Friede oder die Friedliche bedeutet; aber
Namen und Sachen, Worte und Begriffe passen nicht zu jeder Zeit
aufeinander. Es ginge so sonst ja wohl auch ein wenig zu glatt ab in
dieser doch einmal auf das Rauhe gestellten Welt.

Weit du, Junge, sagte das Kind, ich bin die Prinzessin aus dem
Bilderbuche, ich bin die Fee, ich zaubere. Wenn du nicht artig bist, so
verwandle ich dich in einen schnurrenden, buckligen Kater. Wenn du aber
Ewald was davon sagst, so prgele ich selber dich, denn ich will nicht,
da Ewald ber mich lacht. Mein Vater lacht niemals ber mich, o, und
ich will genau aufpassen, was deine Mutter tut, wenn sie aufgehrt hat
zu weinen. Aber deine Mutter ist gut, und so kannst du auch gut sein. Du
kannst ja auch mit Eva gehen, wenn Ewald und ich dir nicht gefallen.

Der trbe Tag vermag nichts dagegen; die Namen, die hier zum ersten Mal
auftauchen, liegen doch im ewigen Sonnenschein, und andere werden dazu
kommen; wartet es nur ab, da die Nebel sinken: man sieht auch von der
besten Aussichtsstelle nicht an jedwedem Tage, den Gott gibt, die Hhen
ber den Tlern leuchten vom Groglockner bis zum Monte Rosa.

Es sind die beiden Kinder des Frsters Sixtus im Dorfe Werden, von denen
die Rede ist. Von dem Papst Sixtus dem Fnften stammte der alte Herr in
Grn nicht ab; aber der Zufall hatte ein altes Buch in seinen Besitz
gebracht: Leben des berhmten Papstes Sixti V., geschrieben durch
Gregorio Leti. Aus dem Italienischen bersetzt. Frankfurt, bei Thomas
Fritschen, 1720; und darauf hat oft seine brave schwere Hand, zur Faust
geballt, gelegen, und heute klingt mir noch der Brummseufzer in den
Ohren:

Das war ein Kerl, Fritze! Alle Hagel, der ist ja gerade so mit seiner
Satansbande umgesprungen, wie der Doktor Luther hier bei uns mit uns,
mit seiner, und wie ich mit euch umgehen werde, ihr Raubzeug und
Teufelskinder, wenn ihr es mir zu bunt macht. Fritze, da sieht man's
wieder, da der Herrgott mehr von einer Sorte im Sacke hat und nur
hereinzugreifen braucht, um einen 'rauszulangen und hinzustellen, wo er
zu brauchen ist. Aus dem Buch hat mir mein Junge vorlesen mssen und
nachher mein Mdchen, und bei Gelegenheit kannst du auch an die Reihe
kommen, aber die Hauptstellen lese ich doch lieber fr mich allein, die
passen fr euch naseweises Geziefer jetzt noch nicht. So 'nen Papst
lass' ich mir gefallen, und es ist mir eine Ehre, da er meinen
Familiennamen sich angenommen hat.

Ich habe spter ber manchem anderen, in der Menschen Kunde abschmeckend
gewordenen Trster mit beiden Armen aufgesttzt gelegen, aber nie wieder
ber einem so wie ber diesem. Das langweilige Buch in dem edlen Deutsch
von Siebenzehnhundertzwanzig ist gottlob in meinen Besitz bergegangen
und nimmt einen griffgerechten Ehrenplatz in meiner Bibliothek hier in
Berlin ein. Ich brauche es nur wie ein richtiges Zauberbuch
aufzuschlagen, um ber seine vergilbten Bltter hinweg alles vor mir
lebendig zu haben, was damals mein Leben nicht blo bedeutete, sondern
war. Treffe ich auf eine Daumenspur des Alten am Rande der Blattseite,
so ist es noch besser und gibt die wrmere Farbe. Freilich eine wrmere
Farbe! Ich ergreife hier mit beiden Hnden die Gelegenheit, zu
versichern, da hier nichts, gar nichts allzu reinlich, zierlich und
frisch lackiert aus dem Putz- und Schmuckkstchen der Romantik entnommen
ist. Wir rochen um uns her alle Gerche und sahen alle Dinge, wie sie
die Menschen und die Natur im ewigen Hervorbringen vergnglich
hinstellen. Alles war seit lange im Gebrauch gewesen und wurde weiter
abgenutzt; und wenn ich vorhin von den Livreen des Schlosses Werden
gesprochen habe, so stelle der Leser sich dieselben ja nicht zu
farbenfrisch und tressenglitzernd, sondern ganz im Gegenteil vor. Wir
trugen smtlich unsere Kleider so lange als mglich und schmten uns
eines Flickens an der rechten Stelle wenig. Wir trugen den
Frhjahrsregenschmutz, jegliche Gewitterspur und alles, was Herbst und
Winter da geben, berall hin, wo eine Tr offen war. Wir hatten alle
Wnsche, die nur durch mehr irdische Gter, als wir besaen, befriedigt
werden konnten, und der Herr Graf war da durchaus nicht ausgenommen,
sondern auch im Gegenteil. Das Schlo war kein pomphaft Epos und die
Frsterei keine geleckte Idylle. Sie trugen inwendig und auswendig
gleichfalls ihr Flickwerk und ihre Erdgerche an sich und um sich, und
was die letzteren anbetraf, so hatten der Wald mit seinen Buchen- und
Tannendften und die Wiesen mit ihrem Heugeruch recht hufig das Beste
dazu zu tun, um die Atmosphre fr fremde heikle Nasen zu verbessern.

Da ist so eine Daumenspur -- hier auf S. 595:

   Wer unter dem itzigen Papste dem galgen entgehen will, der mu
   kein bedenken tragen, sich in ein kloster einzusperren, sollte es
   auch das allerunglckseligste seyn.

und ein ser Duft weht ber die Stelle, aber ein ganz eigentmlicher.
Es war ein braver Tabak, den der Alte bei seiner absonderlichen Lektre
verqualmte, und ich erkenne die Sorte heute noch mit innigstem Behagen
wieder auf Spaziergngen und im Eisenbahnwagen dritter Klasse. Rauchte
ich selber, so wrde ich nur diese rauchen! Und nun, um es kurz zu
machen und es mit dem treffendsten Idiotismus zu nennen: wir waren
allesamt und auf Meilen in die Runde ein _schmuddeliges_ Volk,
ausgenommen vielleicht der Herr Graf, meine Mutter und Evchen Sixtus;
Komtesse Irene Everstein dagegen nicht ausgenommen. -- Wir waren ein
ganz unromantisches Vlklein; aber zu seinem Recht soll das hbsche Wort
romantisch doch auch hier gelangen, und wir hngen es wie gewhnlich
an ein Haar. Ach, es gibt sich leider nichts leichter, als in irgendein
Handwerk hineinzupfuschen!

Irene war eine Goldblondine, die die Leute ansahen und fr sanft
hielten; Eva war dunkel und sanft, und Ewald hielt allen seinen
Schulmeistern einen braunen Lockenkopf zum Dreingreifen und Zerzausen
hin. Von dem, was der Herrgott auf meinem Schdel wachsen lie, rede ich
lieber nicht; aber stimmungsvoll war's! es stimmte merkwrdig gut zu
allem brigen, und die gtige Vorsehung erhalte es mir solange als
mglich, wenn nicht der Schnheit, so doch der Ntzlichkeit wegen.

Es kam aber keinem von uns darauf an, wie er eigentlich aussah. Auch was
die Mdchen angeht, so macht es mir heute den Eindruck in der
Erinnerung, als ob sie sich wenig darum gekmmert htten; wenn ich
dieses auch nicht als feste Behauptung hinstellen darf.

Die Sonne lag uns auf den Kpfen bei jeglicher Witterung, und so trieben
wir uns um in den Wldern, auf den Wiesen und Feldern, in der Schulstube
und in den Gngen und Slen von Schlo Werden. Was jenseits der Berge
war, davon wuten wir gar nichts; und wie das so hufig geht, haben wir
alle spter viel davon erfahren -- mehr jedenfalls, als zu unserem
Glcke ntig war. Andere freilich haben das vielleicht dann und wann
unser _Glck_ genannt; da ist eben mit der anderen Anschauungen und
Einbildungen nicht zu rechnen.

Das rechte Licht! War es das rechte Licht, das damals ber unsere Kpfe
und Tage fiel?

Darber liee sich viel sagen; und am Ende ist es gar nicht der einzelne
Mensch mit seinen zwei Augen, der etwas darber zu sagen hat. Nur die
auserwhltesten Geister sind es, die hier und da in hchst seltenen
Fllen ihre Meinung ausdrcken drfen. Sie knnen dann wie der Maler der
heiligen Nacht den Schein vom neugeborenen Erlser in der Krippe
ausgehen lassen; oder wie auf der Rubensschen Heuernte, die der alte
Goethe seinem Eckermann entzckt vorweist, die Sonne von den Dingen zwei
Schatten geradeweg einander entgegenwerfen lassen.

Auch die allerniedrigsten oder einfachsten Geister reden da oft das
Richtige. Aber alle zwischen der Hhe und der Tiefe liegende
Verstndigkeit der Erde hlt einfach am besten den Mund und lt sich
bescheinen, -- schwitzt und rgert sich, wenn es ihr zu hei wird, und
kriecht in die Sonne und lobt sie im Vorfrhling und Sptherbst oder im
Winter, wenn die Knochen drr werden, die Zhne wackeln oder ganz
mangeln, und die romantischen Locken verwehen gleich den Blttern der
Bume, wie Vater Homer davon sang, nicht in einem seiner schlfrigen
Augenblicke, sondern an einem der hellsten ionischen Sonnentage, wo er
nicht schlief.

Bin ich von der Daumenspur in dem kurieusen Geschichtsschreiber
Gregorius Leti zu weit abgekommen? Ich glaube nicht.

Da sitzt der Alte noch vor mir in seiner Amtswohnung am Ende des Dorfes.
Alle Tren und Fenster des Hauses stehen offen, und alle Lichter, Tne
und Dfte haben freiesten Zutritt; Vieh und Mensch, und also auch der
Herr Graf. Da kommt er ein wenig schwerfllig auf seinen Stock sich
sttzend und seinen Weg mit den Fuspitzen vorsichtig vorausfhlend. Ein
gewisser Lehnstuhl wird ihm hingerckt, und da sitzt er, und eines von
beiden wird sofort geschlossen, entweder die Tr oder das Fenster,
meistens aber beide.

Wie steht das Befinden, alter Freund?

Danke, Herr. Ohne die verflixten Holzwrogen knnte man es vielleicht
wohl zu einem hbschen Alter bringen; aber nun sehen Sie mal diese
Schandliste von Frevlern! Und alle aus dem Dorf! und jeder Halunke mit
einem Handbeil unter der Weste, und jedwedes Subjektum vom schnen
Geschlecht mit einer Sge unterm Unterrock. Und die letzten sind die
schlimmsten, denn sie ruinieren den Forst von unten auf. Kein junger
Trieb ist da vor der ltesten Wackelliese sicher, und von den jungen
Spitzbbinnen will ich gar nicht reden. Da mchte man doch lieber Papst
in Rom sein; und meinen Namensahnherrn wnsche ich mir nur auf vier
Wochen hierher an meine Stelle.

Der Herr Graf lchelt matt und seufzt:

Wre es mein Wald, so wrde ich sagen, sehen Sie durch die Finger,
Sixtus. Jetzt sehen Sie allein zu, wie Sie Ihr gutes Herz und die
Feuerungsbedrfnisse unserer braven Nachbarn mit Ihrer Amtspflicht in
Harmonie bringen. Das Kind ist auch wieder den ganzen Morgen durch aus
unserem Gesichtskreise verschwunden und hilft wahrscheinlich ebenfalls
beim Holzstehlen. Frau Langreuter ist in Verzweiflung und kndigt mir
sicherlich demnchst ihr Gouvernantentum. Was haben Sie von Ihren Sorgen
zu Hause?

Nichts! Sie haben gesagt, sie seien in den Sommerferien, und sind auf
und davon. Mein Evchen wollte eigentlich nicht; aber es mute. Der Junge
mu mir zu Michaelis sicher auf die Schule; der Pastor kommt nicht mehr
mit ihm zu Rande. Das Fritzchen da hab' ich nur allein noch am Hoftor
erwischt und gesagt: hier; halt mal! und ihn mit an meine Rechnungen
gesetzt. Da sitzt er, Herr Graf, und nun fragen Sie ihn selber einmal,
wo die anderen stecken!

Das Fritzchen, das war ich, -- der Weltweisheit Doktor Friedrich
Langreuter, und der Herr Graf dreht seine silberne Dose zwischen den
Fingern, nimmt bedchtig eine Prise und wendet sich in der Tat an mich
und fragt:

Wo ist Irene, mein Sohn?

Und bei dieser Frage ffnet es sich vor mir breit, weit, sonnig, grn,
Berghgel und Berghgel, Tal und Tal, und dann einmal zwischen zwei
Bergen das Glitzern einer Fluwindung, und dann auf der Ferne rundum ein
blauer, lichter, magischer Dunstschleier, den man -- wie Ewald behauptet
-- sich am besten zwischen seinen ausgespreizten Beinen durch besieht;
da ist Eva Sixtus und ihr Bruder Ewald, und Irene Everstein und -- ich
auch, Friedrich Langreuter, der Weltweisheit Beflissener! Den
unsterblichen Gttern sei Dank, da dem so war! da wir einmal _so_ da
waren! -- -- --

Wir wissen noch nichts von den Vermgens- und Familienverhltnissen des
Herrn Grafen und von unseren eigenen noch weniger. Wir leben in den Tag
hinein, und wie kann man besser oder vielmehr angenehmer leben? -- Wenn
die Frage: Wo ist Irene? wo sind Ewald und Eva? wo sind die anderen? von
neuem gestellt werden wird, dann hat sich alles gendert und nicht zum
Besseren. Wir leben dann nicht mehr in den Tag, in das Licht hinein: wir
wissen dann leider ganz genau, mit welcher Regelmigkeit die Dmmerung
und die Nacht kommen und wie es am hellsten Mittage dunkel werden kann
ber dem Menschen und seinem Zubehr.




Fnftes Kapitel.


Von dem gelehrten Herrn Pastor, den der Herr Graf gleich zu Anfang
unserer Bekanntschaft meiner Mutter rhmte, habe ich wenig zu sagen. Der
Herr Graf verstand es wohl nicht besser, aber die Gelehrtheit des guten
Mannes war nicht weit her und sein Einflu auf uns unbedeutend.

Hierber aber erhlt Ewald am besten das Wort. Er nahm mich seinerzeit
beiseite, das heit, indem er mich am Kragen fate und, mich auf offener
Dorfgasse abschttelnd, bemerkte:

Tust du dumme Stadtpflanze noch ein einzig Mal da (dieses war von einer
Schulterbewegung dem Pfarrhause zu begleitet), als wtest du mehr als
ich von all den Dummheiten, so pa auf! Wie die Engel im Himmel singen,
das weit du wohl noch nicht? Hr mal, so!

Nun ist es durchaus nicht angenehm, seiner Wissenschaften wegen an den
Ohren auf- und von den Fen gehoben zu werden.

Hrst du sie?! Nicht wahr, sie singen wirklich wie die Engel? Und nun
tu's nicht wieder und heb den Finger in die Hhe, wenn ich feststecke.
Frag nur Irene, ob die alten Ritter das getan haben. In der Dorfschule
beim Kantor tun sie es alle, und da tue ich es auch, und du kannst es
auch tun; aber bei dem dummen Lateinischen und dem Herrn Pastor da
probiere es mir nur noch ein einziges Mal und du sollst sehen, was du
erlebst, und wenn du mir auch hundertmal deinen Robinson und deine
Campes Eroberung von Mexiko geliehen hast.

Was soll ich aber denn tun, wenn ich was wei? heulte ich, whrend
Irene lachte und Eva ihren Bruder am Hosenbund nach rckwrts zog.

Die dumme Schnauze halten! Der Alte sagt es schon ganz von selber her.
Ich gehe doch schon lange genug bei ihm in die Privatstunde und mu es
wissen, was er alles wei! O, der wei fr uns beide noch lange genug!

So war es; aber leider war das, was der gute geistliche Herr wute, auch
wenig genug, und was das Schlimmste war, seine Begabung zum Lehrer stand
noch tief unter der Wasserhhe seiner Wissenschaft. In der Hinsicht war
es jedenfalls fr uns sehr von Nutzen, da die Jahre hingingen und wir
ihm entwuchsen. Und der Herr Graf, der meiner Mutter wegen in der Tat
allen Grund hatte, Wort zu halten, hielt es auch. Ich wurde mit Ewald
auf das Gymnasium der greren Provinzialstadt des anderen Staates
jenseits des Flusses getan; und wir kamen von da an nur in den Ferien
nach Hause, das heit zurck nach Schlo Werden, in das Frsterhaus, das
Dorf und den Wald und zu den beiden Mdchen.

Die beiden Mdchen! Als wir zum ersten Mal abzogen, sagte Irene:

Ihr habt es gut.

Worauf Ewald mit einem bedenklichen Griff nach seinem Rcken erwiderte:

Weit du das? Erst probieren und nachher weise Redensarten. Na, was
mich angeht, so ist die Hauptsache, da ich endlich einmal aus dem
dummen Dachsbau herauskomme. So'n langweiliges Volk als euch findet man
ja immer, und nachher geht der Weg ja auch weiter, und deshalb haben wir
zwei es sicher besser als ihr beiden dummen Frauenzimmer.

Und ich verbitte mir endlich diese ewigen dummen Dummheiten, rief
Irene. Das wird auch auf die Lnge dumm und langweilig, du -- dummer
Junge. La sie stehen, Eva, und komm in die franzsische Stunde; so wie
auf morgen, wo wir endlich mal Ruhe vor ihnen haben, habe ich mich noch
auf keinen anderen Tag gefreut. Schafskopf!... Herr Gott, Fritz, da ist
deine Mama! Ach, nun hat sie auch das wieder gehrt! Komm rasch, Evchen!
^Adieu, messieurs, mademoiselle Martin nous attend.^ Ach Gott, ach Gott,
ach Gott!

Es war freilich meine Mutter, die um das Gartengebsch trat und in der
Tat das Wort Schafskopf noch vernommen hatte. Und obgleich sie die
richtige Adresse sicherlich ganz genau kannte, wendete sie sich
dessenungeachtet an die falsche, nmlich an mich, und sagte nichts
weiter als:

Aber Fritz?!

Ich war es, mit dem sie sich gezankt haben, murmelte Ewald kleinlaut,
aber ehrlich.

Von deiner Schwester ist gar nicht die Rede, Kind, sagte meine Mutter,
und ging weiter den sonnigen Kiesweg entlang, um als Frau Aja mit dem
Strickstrumpf in einer Fensternische der franzsischen Stunde
beizuwohnen und die Vokabeln leise mit nachzusprechen. Mademoiselle
Martin aus Nanzig in Lothringen, die alte Kammerfrau der verstorbenen
Frau Grfin, befleiigte sich der besten Aussprache des Idioms.

Es ist zwar schauderhaft, seufzte der Herr Graf, aber ich habe das
meinige doch auch nur in Wien gelernt, und sie hat es wenigstens aus
Bchern und ist mit der Grammatik in ihrem Geburtsort in die Schule
gegangen. In Nizza hat meine selige Frau sie gefunden, und sie hat treu
bei uns ausgehalten durch Gut und durch Bse. Durch das letztere
meistens mehr als durch das erstere. Ihre Eltern hatten sie zur ^soeur
ignorantine^ bestimmt; aber sie fand in sich keinen Beruf dazu, und mir
ist es lieb, da wir sie gefunden haben. Sie hat sehr treu bei mir
ausgehalten, Madam Langreuter, und, wie gesagt, durch gute und durch
bse Zeiten, und durch die letzteren mehr als durch die ersteren.

Auch mein Franzsisch stammt in seinen Elementen aus der Schule der
Mamsell Martin, und es ist danach geblieben. Irene und Ewald hatten
Gelegenheit, das ihrige sehr zu verbessern, und Ewald spricht und
schreibt es heute fast ebenso gut wie das Englische, das er mit einer
spahaften Neigung ins Irische zu seiner zweiten Muttersprache gemacht
hat.

Wir gingen ab nach dem Gymnasium und kamen von da nur in den Ferien nach
Schlo Werden zurck. Wenn ich anfangen wollte, davon zu reden und zu
schildern, so wrde wohl nicht an ein Aufhren zu denken sein. So ist es
aber hundert und aber hundert Autobiographen und Biographen ergangen,
und sie sollen fr mich mit gesprochen und geschrieben haben. Es
wiederholt sich und bleibt sich vieles gleich in der Welt, was an und
fr sich den Eindruck der individuellsten Originalitt macht.

Aber die groen italienischen Nubsche an der letzten Hecke des
uersten Gemsegartens derer von Everstein und den Vetter Just hat
nicht jedermann erlebt, und so machen wir die beiden zu unserer
Spezialitt, und den letzteren durch alle Bltter dieser Aufzeichnungen
hindurch.

Sie haben eigentlich nichts miteinander zu schaffen; der Vetter hat nie
in ihnen gesessen, in den Nubschen nmlich; aber doch kann ich nie an
den einen ohne die anderen denken. Sie gehren in der grnsten,
lichtesten, lachendsten und doch zugleich ernsthaftesten Weise zusammen
in meiner Seele. Wie hundertmal in der Wirklichkeit besuche ich heute in
der Erinnerung den einen von dem anderen aus, den Vetter Just auf seinem
Hofe jenseits des Flusses von dem Gezweige unseres alten Wunderbaums
herunter.

Es war eigentlich gar kein einzelner Baum, sondern ein Bndel dick- und
hochstmmigen Gebsches, das der liebe Gott aus einem halben Dutzend
Kernen zu unserem Vergngen auf einer Bodenerhhung an der Hecke zu
auergewhnlicher Hhe und Pracht hatte aufschieen und sich ineinander
weitstig verwirren lassen. In weit entlegene, uns ganz und gar
vorgeschichtliche Zeit war das Aufsprieen gefallen, aber der Gipfel der
Verwirrung nur allein fr uns, wie wir glaubten, in die unserige, und
das war das Schne. Die Vorsehung hatte es auch in diesem Falle gewut,
was alles in dem Keime lag, den sie hier in seiner Hlse auf den Boden
fallen lie, den sie erst mit gelben Blttern, dann mit trefflicher
Gartenerde bedeckte und ungestrt Wurzeln nach unten in die Dunkelheit
und zwei zarte grne Blttchen nach oben in das Licht, in die Sonne
treiben lie! Der Mensch denkt nie daran, wenn er im groen Walde geht,
was alles in zwei solchen grnen Keimblttchen zu seinen Fen fr ihn
und seine Art auseinander klappt. Wo bliebe aber auch das
Spazierengehen, wenn dem so wre? Es wrden manche dafr danken und
unter diesen ich zuerst. Zu Hause, innerhalb seiner vier Wnde, unter
alle dem, was man sich selber allgemach zusammengetragen hat, wrde es
bei weitem behaglicher sein als drauen im Freien.

Es war natrlich Ewald Sixtus gewesen, der zuerst herausgefunden hatte,
wozu dieses Baumgebsch gut sei. Er hatte die Leiterstufen gezimmert,
die an dem knorrigen Hauptstamm in die Hhe fhrten bis zu der ersten
Gabelung, von wo dann Irenes Ruhe, Evas Hhe, Friedrichs Lust und Ewalds
Heim mit mehr oder weniger Beschwerlichkeit und Gefahr des Hals-, Arm-
und Beinbrechens zu erreichen waren. Die Ruhe und das Heim hingen
selbstverstndlich im schwanksten und luftigsten Gezweig; Evas Hhe sa
ebenso selbstverstndlich am tiefsten und sichersten, und ich -- ich
wre mit und zu meiner Lust am liebsten unten am Baum auf festem
Erdboden geblieben; aber hinauf mute ich wie die anderen, und wenn ich
einmal oben sa, so gab es freilich auch fr mich keinen besseren Platz
im Himmel und auf Erden als diesen zwischen Himmel und Erde.

Da waren es einzig und allein die Vgel, die es noch besser hatten als
wir, und die wir dann und wann immer noch beneiden durften.

Wer es wie die knnte! seufzte Irene, im uersten Gezweig, schon
jenseits der Hecke des Schlo-Kchengartens in ihrer gefahrvollen Ruhe,
zwanzig Fu hoch ber der Wiese hngend. Und das war wieder einmal an
einem Sommermorgen, gerade als die Sonne aufging, und alle Frische und
aller Tau und alle Erwartungen vom Tage und smtliche Plne fr die
angenehmste Verwendung desselben noch vorhanden waren.

Es ist kaum zu glauben, aber es war doch so: wir, Ewald und ich, wir
schmauchten frech hinein in die heilige Frhe und noch dazu Zigarren,
von denen der Herr Pastor nie begreifen konnte (whrend unserer Ferien),
wie sie ihm so rasch zu Ende gingen.

Der Herr Graf rauchte leider nicht; er wrde sich sonst gewi an eine
bessere Sorte gehalten haben. Den Knaster, den Vater Sixtus aus seiner
kurzen Jgerpfeife verdampfte, hatten sich die beiden Herrinnen von
Evenshhe und Irenensruhe in ihrem Baum und so frh in der Natur ganz
ernsthaft verbeten. Ich habe es schon gesagt, ich rauche heute auch
nicht mehr; aber ich wei das Blatt aus jener Zeit her noch zu wrdigen
und zge es jetzt jedem anderen vor. Ewald hatte gewhnlich alle Taschen
voll davon und meinte: Das nenne ich gar nicht _einem was ausfhren_,
sondern nur _gerechte Shne_! Es ist einfach scheulich, wie billig der
Alte den himmlischen ther (nicht wahr, so heit's, Fritz?) verstnkert.
Es ist aber ganz sicher ganz dasselbe Kraut, was sich sein lieber Papst
Sixtus der Fnfte hier im Walde verstattet haben wrde; nicht wahr,
Fritzchen? Du mut es wissen.

Weshalb mute ich das wissen?... Weil ich den Schlingel aus dem
Frsterhause um drei Eselsohrenlngen in der Gymnasialbildung hinter
mir zurckgelassen hatte? Es hat sich nachher ausgewiesen, da das
ziemlich wenig zu bedeuten hatte.

Da sitzt Eva im Zweig und sagt vorwurfsvoll: Aber Ewald, sprich doch
nicht so vom Vater!

Wozu hat man denn sein Taschengeld von ihm? klingt es zurck; und --
es ist immer noch der Sommer und der Sommermorgen, die Jugend und die
Frage: was fangen wir heute mit dem unendlichen Tage bis Sonnenuntergang
an? auf der Tagesordnung!

Heute gehen wir ihnen einmal recht ordentlich durch. Nachher kriegen
wir dann alles auf einmal ber die Kpfe und sind fr ein Vierteljahr
hbsch reuig durch. bermorgen geht ihr ja doch wieder ab, und wir haben
Zeit fr alle guten Ermahnungen und Weisheit und Tugend, nicht wahr,
Evchen? ruft die Grfin von Everstein von ihrem Aste und greift nach
dem nchsten ber ihr und steht aufrecht, in tollster Lust sich wiegend.
Das ganze jetzt von der vollsten klarsten Morgensonne durchleuchtete
grne Haus schwankt bis in seine Grundfesten, das heit bis in die
uersten Wurzelfasern.

Nicht schtteln! O Irene! ruft Eva ngstlich; aber wohl rttelt und
schttelt sich alles rundum, der Nubaum und die weite wonnige Welt. Die
blitzenden Tautropfen sprhen im buntesten Glanze um uns hernieder, und
jenseits der Hecke von seinem Zweige hngt Ewald bereits wie ein Affe
auf die freie, weite Wiese herunter, mit den Fen in freier Luft, nach
dem nchsten Aste unter ihm tastend. Da er das Experiment nicht mit dem
Kopfe nach unten hngend ausfhrt, ist ein schner Zug seiner
Nachgiebigkeit und Herzensgte; versucht hat er's selbstverstndlich,
aber Eva hat es sich fr unseren Baum verbeten, wie Irene eben dafr
den Knaster aus der Schweinsblase seines Vaters.

Er kommt richtig auch diesmal wieder mit ungebrochenen Gliedmaen im
hohen Grase und unter den Sternblumen und Kuckucksblumen der Wiese an
und schlgt zur Erholung von der Anstrengung noch ein Dutzend Mal Rad im
Kreise. Schon kriecht die Komtesse durch die Hainbuchenhecke, und mehr
als da sie springt, fliegt sie ber die hohen Kletten- und
Brennesselbsche im Graben. Aus dem Wunderbaum erschallt noch ein
flehend klgliches Stimmchen:

Ach Gott, Fritz?!

Ich reiche beide Arme an der Leiter empor, um das ngstliche Vglein aus
dem Baum im Notfall im Fall auffangen zu knnen.

Da rennen sie schon ber die Wiese nach dem Walde! Mach rasch, Evchen!

Ach Gott, ja! Sie hren ja nun wieder nicht! Und ich ginge doch so gern
erst hin und sagte es zu Hause, wo wir geblieben sind.

Wir sind ja zu Vier, Evchen! Und einer wird doch wohl brig bleiben und
Nachricht bringen, wenn drei von uns zu Schaden kommen.

Ja, und ihr wollt dann, da ich das bin! Mein Vater ngstigt sich wohl
nicht; der kommt vielleicht auch erst zum Abendessen heim. Aber deine
Mutter!... Und Irenens Vater?!

Das ist nun zu spt. Sie rufen schon vom Walde her; hrst du?

Sie rufen wirklich, und wir kommen. Wir folgen der glcklichen, seligen
Spur durch den Tau der Wiese; und nun sind auch wir, Eva Sixtus und ich,
in dem khlen Schatten der Buchen, und -- wunderbar! ein Gewissen hatten
wir bis eben, aber nun ist es uns gleichfalls abhanden gekommen. Sie
haben alle kein Gewissen in den Gebrdern Grimm, und wir stecken nun
eben ganz darin, in dem Mrchen, in der Wonne des Abenteuers der
Kinderwelt -- ganz und gar darin wie die zwei anderen, Ewald Sixtus und
Irene Everstein!

Was geht in der Menschheit Behagen ber diese ganze volle
Gewissenslosigkeit des Mrchens oder noch besser der Jugendzeit? -- Die
ewige Seligkeit; denn die wird freilich in einem noch etwas hheren
Grade gewissenslos sein.




Sechstes Kapitel.


Sie hatten vom Walde, dem groen Walde, her gerufen; und hinter dem
Walde sa der Vetter -- der Vetter Just Everstein; und wenn es fr Namen
kein besser Sieb gibt als ein Konversationslexikon in der Reihenfolge
seiner Auflagen, so ist es sehr schade, da der Vetter durch einen der
gewhnlichen Zuflle nicht hineingekommen ist. Er gehrte von Rechts
wegen hinein, und von Gottes Gnaden darin zum eisernen Bestande
irdischen guten Gerchtes.

Jenseits unseres Waldes und jenseits des Flusses hatte sich da eine
Seiten-Seitenlinie des Geschlechtes derer von Everstein allgemach von
Generation zu Generation, von Glckswechsel zu Glckswechsel in den
Bauernstand zurckverloren. Schon vor hundertundfnfzig Jahren, gerade
als eben dem Bruchteil von Adams Geschlechte auf Schlo Werden das
Grafentum als hhere Betitelung von oben zufiel, hatten die Vettern
drben den letzten Ring, der sie an den Adel des deutschen Volkes
knpfte, fallen lassen. Das Wrtlein _Von_ war ihnen abhanden gekommen,
wie ein Taler in die Stubenritze rollt. Sie wuten selber nicht recht
anzugeben, wie es eigentlich zugegangen war.

Das einzige, was ich gewi darber wei, ist, da wir damals scheulich
auf dem Hunde waren, sagte der Vetter Just. Was will ein Kotsasse, dem
der Siebenjhrige Krieg die letzte Kuh aus dem Stalle holt, mit einem
adligen Wappen ber seiner Stalltr? Sich bei den anderen Bauern und
alle Abend im Kruge lcherlich machen? Das kann er! Siehst du, Fritze,
das ist eben die Sache beim Kriege, da er den einen zum kaiserlichen
Feldmarschall-Leutnant macht, wenn's beim anderen um die letzte Kuh
gilt. Studiere du deine mittelalterlichen Geschichtsquellen ruhig
weiter; aber meine la mir lieber doch unaufgerhrt. Ich meine, der alte
Brunnen kommt immer doch noch klar genug aus der Tiefe in die Hhe. Nur
immer khl und klar, das ist die Hauptsache; am Ende bleibt alles, was
dem Menschen berhaupt auf dieser Erde passieren kann, in der
Verwandtschaft, und das ist ein Trost; -- nicht etwa?

Jawohl! jawohl! holte ich die Antwort tief aus der Seele herauf. Das
war aber alles nicht an dem Morgen, an dem wir wieder einmal von dem
Nubaum zum Vetter Everstein jenseits des Flusses durchgingen, sondern
lange, beschwerliche Jahre spter. -- Der Nubaum oder die Nubume
waren damals lngst ebenso unmotiviert umgehauen worden wie die, welche
den Legationssekretr Werther in solche Wut gegen die neue Frau Pfarrern
zu St. brachten: -- wie khn und wie herrlich die ste waren!...
Abgehauen! Ich mchte rasend werden, ich knnte den Hund ermorden, der
den ersten Hieb dran tat!... Siehst du, ich komme nicht zu mir!... O,
wenn ich Frst wre! Ich wollt' die Pfarrern, den Schulzen und die
Kammer -- -- --

Eine neue Chaussee fhrt ber die Stelle weg, wo _meine_ Nubume
standen, und wer wei, wie bald auch ber diesen Weg sich ein
Eisenbahndamm hinlegt und wie bald die Personen- und Gterzge vom und
zum Rhein ber die Sttte brausen und keuchen. Es ndern sich stets die
uerlichen Umstnde, unter denen die Natur und der Mensch ihren Adel
gewinnen oder verlieren!...

Passierte es nur einmal, so wre es freilich schlimm, sagte der Vetter
Just. Aber da es immerdar sich so ereignet hat und sich auch fernerhin
nicht anders machen lassen will, so stelle ich mich auch hier auf den
Fu der Philosophie, nachdem ich mich gergert habe. Das sagte er aber
von den Nubumen.

Selbst auf die Vetternschaft mit dem vornehmen Schlo Werden erhuben die
Mannen jenseits des Flusses ihrerseits nicht den geringsten Anspruch
mehr. Der Vetter war auch eigentlich nur dem gegenwrtigen letzten
Spro der Familie angehngt worden und zwar von der Gegend. Es war so
etwas von der Vetter-Michelschaft dabei, aber im besten und
vergnglichsten Sinne.

Gestern abend war Vetter Just da! war ein Wort, das einen ungemein
behaglichen Klang weit umher in jedem Hause hatte.

Wenn ich nur wte, wie es mit dem Kerl zuletzt einmal zu Ende gehen
wird! war dann freilich ein Nachklang von etwas bedenklicherer
Tonfarbe; allein es waren immer nur die Urverstndigsten im Lande, die
sich also achselzuckend uerten, und was berall in der Welt auf deren
Bedenken und heimtckisch-wohlwollende Sorglichkeit fr den lieben
Nchsten zu geben ist, das wei man; -- ich wenigstens wei es. Ist es
nicht leider meistens der Verstand der Verstndigen, bei dem sich am
liebsten die Schadenfreude hinter dem freundschaftlichen, sorgenvollen
Nachdenken und teilnehmenden, bedauernden Kopfschtteln versteckt?

Welch ein Glck ist es da, da wir soeben erst aus unserem Nubaum in
den Sonnenschein auf der morgendlichen, glitzernden, grnenden,
blhenden Kindheitswiese hinuntergepurzelt, geglitten und gehpft sind
und uns immer noch, unverstndig und sorgenlos, mit dem allermglichst
wenigsten Nachdenken ber uns selbst und den Vetter Just Everstein auf
dem Wege zu diesem Vetter befinden!

Auf dem Wege? O ja, wenn nur nicht die Umwege gewesen wren! Wann sind
wir damals unseren Angehrigen je anders als auf Umwegen zu dem Vetter
durchgegangen? Gab es aber berhaupt noch eine andere Gegend, die vier
dumme Krabben, wie der Vater Sixtus sich auszudrcken beliebte, -- in
gleicher Weise zu Dummheiten und auf Seiten- und Schleichpfade zu
verlocken imstande war?

Fr uns nicht; wenn mich gleich das Leben gelehrt hat, einem jeden das
Recht unverkmmert zu lassen, das ^theatrum mundi^ seiner Jugend in
gleicher Weise allen anderen Feldern und Wldern, hier den Fichten und
dort den Palmen, wehmtig und freudig vorzuziehen.

Nach rechts und links, im Schatten und Licht, im Trocknen und Feuchten
lockte es, und natrlich da immer am verfhrerischsten, wo das Dickicht
am verworrensten war, wo Berg und Fels am steilsten sich erhoben und wo
der Bach am mutwilligsten durchs Tal schumte. Wann htte zur Zeit der
Kibitzeier die Komtesse jemals eine Gelegenheit, bis an die Kniee im
Sumpfe zu versinken, verabsumt? Wann htte Ewald Sixtus je ein heiles
Knie einem zerschundenen, eine ganze Hose einer halben vorgezogen?

Und dann die Jahreszeiten, die wir zhlten durch die Schneeglckchen,
die Maiblumen ber die Erdbeeren weg bis in die Brombeeren und den
Dohnenstieg! Auch ich habe damals mit den anderen gelacht, wenn die
liebe Eva ein bitteres Trnchen ber die armen erhngten Krammetsvgel
vergo und den Sack nie tragen wollte, der die gefiederte Jagdbeute
enthielt.

Wenn sie sie in der Schssel auch nicht riechen knnte, so wollte ich
gar nichts sagen, brummte Ewald. Dich meine ich nicht, Irene; aber so
seid ihr Frauenzimmer! Nicht wahr, Fritze, wir genieren uns nicht:

   Was ich gebraten sehen kann,
   Seh' ich nie als 'ne Mordtat an!

Also ist die Reihe an dir, den Ranzen zu schleppen, Irene. Immer galant
gegen die Damen! sagt Mamsell Martin; wenn es wieder bergan geht, nimmt
ihn Fritzchen dir ab. Aber Riesenkreaturen haben wir diesmal, was?! Es
ist wahrhaftig ein Spa, was fr eine Menge unschuldig Blut so'n paar
rote Vogelbeeren an den Galgen bringen! Nicht wahr, Eva?

Famos! ruft die Komtesse hochrot, zerzaust und glhend vor Jagdlust;
und der Herbstwind fegt und rasselt durch den Niederwald und treibt ihr
die blonden Locken ber das Gesicht und -- treibt mich zurck in den
Sommermorgen, den ich immer von neuem unter der Feder weg verliere, um
mich immer wieder zu ihm zurckzufinden.

So? haben sich die beiden Puppen noch herangefunden? fragt Ewald
grinsend, als seine Schwester und ich ihn und die Grfin unter den
Bumen des Waldes wieder einholen. Das ist schn! Nun haben wir auch
die Tugend und die Vorsicht in der Bande, und nun kann's losgehen! Was
an mir in Fetzen heute davonfliegt, das flickst du zusammen, Evchen. Fr
die schndlichen Redensarten, die heute abend ber Irene losgelassen
werden, bist du vorhanden, Fritzchen. Und nun rasch weiter; -- deine
Alte merkt wahrscheinlich jetzt schon Unrat, Fritz, und hngt schon an
der Sturmglocke --

Und Papa kommt die Treppe herunter und schttelt in dem Gartensaale den
Kopf. Und deine Mama ringt die Hnde, Fritz, und Papa ist zu allerletzt
noch am wenigsten rgerlich und in Sorgen. Ach, es soll aber heute auch
das allerletzte Mal sein, da wir so bse sind! Ich gehe ganz gewi
nicht wieder mit durch, ohne vorher um Erlaubnis gebeten zu haben.

Ich auch nicht, ruft Eva Sixtus mit Trnen in den Augen.

Ich auch nicht! sage ich kleinlaut, und --

Na, denn ich auch nicht; aber frs erste stecke ich mir jetzt 'ne
Pfeife an. Hier sind wir auf Staatsforstgrund, und die Grafen von
Everstein knnen mir meinetwegen kommen. brigens knnt ihr ja alle noch
umkehren; im Notfall laufe ich ganz gern allein, und dem Vetter Just ist
es auch recht. Geh du dreist wieder nach Hause, Fritzchen, und nimm
alles ruhig mit, was sonst noch von Teesimpeln da ist. Au!... alle
Donner!

Eine gute Handvoll Haare aus der Lockenflle des hhnischen
Hanswurstes streut Irene Everstein in die Morgenlfte, und fnf Minuten
spter sind wir allesamt so weit von dem Schlosse Werden fern, da uns
auch der lauteste Klage- oder Warnungsruf von dorther nicht mehr zu
erreichen vermchte. Wir sind gerettet aus aller Kultur in die schnste
Wildnis, in die sich der gebildete, lter gewordene Mensch nur in seinen
allerhchsten Feierstunden zurckdenken kann, -- in den Stunden oder
Augenblicken, die wie ein leichter schner Rausch kommen und schwinden
und leider nicht jeden Tag auf der Tagesordnung stehen, was auch die
Leute, die es so ausnehmend gut verstehen, zur Sache! zu rufen, davon
halten mgen.

In ^an indian file^, wie Ewald, der damals mit grestem Eifer seine
amerikanischen Abenteurerromane englisch las, sagte, schlpften wir
durch die Bsche; und wenn die beiden Mdchen alle Augenblicke aus der
Bahn brachen und ins Blumenpflcken gerieten, so fand sich fr uns zwei
Jungens wieder mancherlei anderes, was uns auf dem Wege aufhielt. Gut
zehn Uhr wird es in _Bodenwerder_ geschlagen haben, wenn wir endlich
eine halbe Stunde weiter stromaufwrts das Fluufer, den Vater Klaus und
den Kahn desselbigen bei seiner Fischerhtte erreichen.

Es fhrt eine Schiffbrcke bei Bodenwerder ber den Flu. Das wei ein
jeder, so gut als ein jeder den Freiherrn von Mnchhausen aus
Bodenwerder kennt. Was wre aber unsere Fahrt zu dem Vetter Just
Everstein ohne den Vater Klaus und seinen Kahn inmitten des Weges?
Unbedingt nur das halbe Vergngen.

Wenn wer mit in die Lust des wolkenlosen Tages hineingehrte, so war's
der alte Fischer Klaus, obgleich Ewald jedesmal bemerkte:

Wren die Mdchen nicht dabei, so sparte ich sicher meinen Groschen dem
Alten am Leibe ab. Wer schwimmen kann, braucht auf dem Lumpenwasser noch
lange keine Bretter unter sich.

O du Renommist! ruft Irene, die, wenn sie sich ganz allein zwischen
den Buchen und Weiden hben und drben gewut htte, wahrscheinlich
gleichfalls keine Bretter und Balken zwischen sich und das
sonnenbeglnzte, weich hingleitende Element gelegt haben wrde.

Schon zupft mich Eva Sixtus scheu und erschreckt am Rockrmel.

Sei nur ruhig, Evchen! Sie renommieren beide furchtbar. Das Gromaul da
mit seinen Hnden in den Hosentaschen und Irene -- innerlich! Komm nicht
ins Rutschen den Abhang herunter. Da liegt der Vater Klaus bei seinen
Reusen, und da steigt sein Rauch auf von seinem Herde. Irene kann ja gar
nicht schwimmen!

Dieser Rauch von dem Feldsteinherde des Alten am Wasser ist
wahrscheinlicherweise die Rettung meiner Nase vor zwei Fusten, die von
rechts und links her dicht unter sie gehalten werden.

Hurra, der Vater Klaus! schreit Ewald und rutscht bereits auf seines
Vaters erst vor einem halben Jahre an den Dorfschneider abgegebenen
Hochzeitshosen ber das Steingerll in die Tiefe, als ob er den Stoff
gleichfalls fr absolut unverwstlich erachte.

Die Komtesse wirft mir noch ein Ach, so'n gutes Fritzchen! zu und
folgt dem Kameraden bergunter gleichfalls in sitzender Stellung und nur
um ein Weniges mehr als er um den uerlichen Anstand besorgt.

Na, na, wat kummt mi da? Ach, Herrje, i seh'n Sie mal! meint Vadder
Klaus, und wir sind alle bei ihm angelangt, -- alle mit heiler Haut, bis
auf den Meister Ewald, der sich etwas nachdenklich die Posteriora reibt
und mehrfach den vergeblichen Versuch macht, sich dieselben ber die
Schulter genauer zu betrachten und seinen Schaden zu besehen.

Nach dem Walde das Wasser! Es ist sehr hei an dem Ufer; aber keiner
merkt es. Der Flu ist breit genug, um alles, was in der jungen Brust
noch gebunden lag, frei zu machen. Eilig drngen sich und lautlos die
Wirbel vorbei und nehmen uns geheimnisvoll verfhrerisch in der
Phantasie mit sich in das Hellste, Khlste, Grenzenloseste -- immer
weiter und weiter durch alle geographischen Schulstubenerinnerungen bis
hin auf das groe Meer. Juan Fernandez und Salas y Gomez liegen im
magischen Blau als einzige feste Punkte, an denen die Erfahrung mit
wonnigem Herzpochen haften kann; darber hinaus in wiederum undenklicher
Ferne splt und sprht's nur in die Buchten und Palmenwlder von
Traumland hinein! selbst fr Ewald Sixtus, der schon ganz genau wei,
da die Weser einfach bei Bremerhaven in die Nordsee mndet, da vor
Neuyork Long Island liegt und da Staat und Stadt Neuyork zu den
Vereinigten Staaten von Nordamerika gehren. Auch fr mich, der ich in
der neueren Geographie ziemlich und in der alten recht gut Bescheid
wei, der ich den Weg des Knigs Alexander zum Indus und nachher die
unvereinigten Staaten von ^Asia minor^ ganz genau auf der Karte zeigen
kann.

Whrend nun Vater Klaus seinen langgedienten Kahn zur berfahrt bereit
macht, durchstbern die zwei Mdchen zum wer wei wievielten Male sein
einsiedlerisch halbwildes Hauswesen.

Eines steht fest, ruft Irene, den blonden Lockenkopf aus der Pforte
der Htte vorstreckend; das nchste Mal bitten wir zu Hause um die
Erlaubnis, und dann bleiben wir eine Nacht hier. Da liegen wir hier am
Feuerherde und braten uns unsere Fische selber, und der Mond _mu_
scheinen und wir singen dazu und rufen die Khne und Fler an --

Und kriegen dumme Redensarten zurck, grinst Ewald.

Und dumme Jungen werden drauen mit dem Kopf ins Nasse untergeduckt --

Und ich bin dabei! schreit Ewald mit einem Sprunge und die Mtze
schwingend. Das ist eine ganz rasend heitere Idee! Das nchste Mal
gehen wir ihnen sicherlich erst bei Sonnenuntergang durch!

Und der Alte am Wasser, bedenklich seine Kappe von einem Ohr aufs andere
schiebend, meint:

Ich wre wohl schon dabei, und zu Schaden sollten die jungen
Herrschaften bei mir auch wohl nicht kommen; aber -- schriftlich mu ich
die Erlaubnis doch wohl vor mir haben; denn nachher kenne ich sonst die
Herren beim Amte gut genug, wenn ich wieder von wegen meiner
Berechtigung allhier vor sie mu. In alten Zeiten, allwo man noch gar
keine Papiere ntig hatte, soll das alles viel besser gewesen sein, und
da htte auch ich nichts Schriftliches verlangt, sondern im Gegenteil.

Dies ist doch groartig! meint Irene Everstein, eine der gewohntesten
Redensarten ihres Freundes Ewald sich aneignend.

Nun fahren wir ber.

Nicht schaukeln! bitte, bitte, nicht schaukeln, Irene! fleht Eva, wie
sie vorhin Nicht schtteln! ngstlich gerufen hat.

Die Strmung ist ziemlich heftig und das Schaukeln in der Tat durchaus
nicht notwendig.

Ja, lassen Sie es lieber, junge Herrschaft, meint der Vater Klaus.
Erst vor acht Tagen habe ich da ein bichen weiter unten eine
herausgeholt. Die mute ziemlich weit von oben her zugereist sein; hier
herum und soweit unsere Gerichtsherren hinreichen, hat sie niemand
gekannt. In Bodenwerder haben wir sie denn auch unbekannterweise
beerdigt, und ich bin auch der einzigste gewesen, der mit ihr gegangen
ist; und das ist nicht das erste Mal in meinem Leben gewesen. So'n alter
Fischersmann will doch nicht so ganz als ein Vieh an seinem Wasser
sitzen, sondern sie geben sich, mit Respekt zu sagen, gegenseitig alle
Ehren. Ja, so 'nen Wasserlauf soll man nur recht kennen durch die Jahre
und Tage und Nchte und alle Witterungen -- das ist wohl was
Nachdenkliches, junge Herrschaften!

Wir sahen alle nach dem Weidenbusch hinber, wo die unbekannte Fremde
anlandete nach ihrer langen Reise. Irene schaukelte nicht mehr; aber nun
sind wir mitten im Strom, und wo ist der Sonnenschein heller als mitten
auf den Wassern? Die Wellen flimmern, silberne Flossen schnellen rundum
auf, um blitzschnell wieder in die Tiefe zu verschwinden. Wir lassen
alle eine Hand in die laue Flut herniederhngen und sie um die erhitzten
Pulse splen.

Na, aber Fritze, dein zarter Teint! grinst Ewald. Nun guckt nur, ob
seine liebe Nase bei der Temperatur nicht schon abblttert wie eine
Zwiebel. Von euch zwei Backfischen sage ich gar nichts; denn ihr seid ja
ganz in eurem Elemente, und brigens wird es euch auch Fritzchens Mama
heute abend schon sagen, und morgen frh noch einmal.

Die beiden Mdchen unter ihren breiten Sommerstrohhten glhen freilich
wie die Pfingstrosen; aber von der unbekannten Leiche, welcher neulich
unser alter Fhrmann in Bodenwerder allein das letzte Ehrengeleit zu
Ehren seines Flusses gab, ist nicht weiter die Rede. Wir landen auf dem
anderen Ufer, der Vater Klaus bekommt seinen Fhrlohn und ruft uns nach:

Also auf das schriftliche Attestat verlasse ich mich. Nachher wnsche
ich mir nichts Besseres als die junge Herrschaft bei mir zu Gaste, wenn
mal der Mond voll im Kalender steht und der Fisch zutunlich gewesen ist.
Und mitsingen tu' ich auch. In meinen jungen Jahren habe ich immer ber
der Bratpfanne alle hbschen jungen Mdchens hben und drben in den
schnsten Liedern vom Jahrmarkt mit besungen.

Es schlgt eben in der Ferne, in Bodenwerder, elf Uhr, als wir lachend,
die Mtzen und die Taschentcher schwenkend, unseren Weg auf dem
Schifferpfade durch Weiden, Rhricht, ber die harten Kiesel und
Flumuscheln fortsetzen stromabwrts.

Unser grauer Charon bleibt noch eine ziemliche Weile auf seine
Ruderstange gelehnt stehen und sieht uns nach -- lchelnd,
kopfschttelnd und eine Prise nehmend. Er hat zu allen diesen drei
uerungen seiner Meinung und Ansichten ber uns vollkommen die
Berechtigung und braucht sich nicht im geringsten auf irgend etwas
Schriftliches einzulassen.




Siebentes Kapitel.


Es ist, als schwnde der Vetter in immer unbestimmtere, idealere Ferne.
Aber wir erreichen ihn und das Seinige doch; und wenn wir ihn haben
werden, so wird er hoffentlich um so nher zu Sinn und Herzen wirken und
also in der einzig wahren Weise ganz realistisch da sein. Mein Wort
darauf, wir wissen Bescheid und stehen mit den echten Wirklichkeiten
oder Realien in dieser Welt auf ganz gutem Fue und verkehren
miteinander nicht blo in Schlafrock und Pantoffeln -- denn das will
nicht viel bedeuten! -- sondern auch dann und wann im Fest- und
Feiertagskleide, und das will viel sagen!

Nun quer landein durch die Sommerglut! Wir haben jedoch glcklicherweise
nur noch eine kleine halbe Stunde zu marschieren, bis wir den Steinhof
erreichen, und wir legen den Weg nunmehr rasch genug zurck, denn jetzt
hlt uns nichts mehr auf demselbigen auf. Die Mdchen wollen zwar
anfangen, ihre Fe nachzuziehen; aber Ewald, im kurzen Trabe sich zu
mir wendend, meint grinsend:

Jetzt ist es ein wahres Glck, da sie ihren Magen gerade so gut als
wir spren, sie drehten sonst richtig noch um und gingen nach Hause. --
Alle Donner, Rhrei und Schinken, Kinder, ich sage euch, so fressig wie
jetzt ist's mir -- seit gestern mittag noch nicht im Leibe zumute
gewesen! Ho, jetzt will ich nur wnschen, da dem Vetter diese letzte
Nacht recht lebendig von mir getrumt hat und er sich wenigstens
annhernd anstndig auf die Visite eingerichtet hat. Nun, Leute, im
Notfall steigen wir ihm selber in die Rauchkammer und brechen ihm wie
Schillers ganze Bande in seine Wrste ein. Die anderen Stcke von ihm,
ich meine Schillern -- kann er ja dann derweilen mit euch
herdeklamieren. Von mir wei ich Bescheid und sage, erst essen, und zwar
ordentlich, und dann meinetwegen soviel Poesie und Geschichte und
Philosophie und sthetik, als ihr wollt und leisten knnt. Was sagst du,
Frulein Grfin?

Nach dem Essen! In dem Grasgarten im Grase und im Schatten. La aber
jetzt nur das lange Reden, die Sonne sticht zu arg. Evchen, ach Gott, am
besten ist's, man macht die Augen zu und luft zu und denkt sich lang
hin in das Gras in dem Grasgarten unter den groen Birnbaum.

Siehst du! Und heute abend mssen wir auch wieder nach Haus. O, ihr
habt ja nicht auf mich hren wollen!

Mit einer Mamsell wie du drei Schritte ber die Gartenhecke hinaus
spazieren zu gehen, ist wirklich ein Plsier, brummt Ewald halb
hhnisch, halb verdrielich.

Wre der Weg noch eine Viertelstunde lnger, so ist nicht abzusehen, wie
tief unsere Stimmung noch sinken knnte. Das ist die gewichtige
Viertelstunde, auf die es in so vielen Erdenlagen und Stimmungen ankommt
zu unserem Behagen oder Elend. Wir haben diesmal glcklicherweise nur
noch fnf Minuten in einem steinigen, holprichten, ausgefahrenen Feld-
und Hohlwege zurckzulegen, um wieder auf allen Hhen unseres jungen,
taufeuchten Sommer- und Sonnenrausches festen Fu zu fassen.

Hurra, der Steinhof!... Vivat der Vetter Just Everstein! -- -- --

I, i, wat kmmt mi denn da? sagte der Vetter. Das ist aber schn! I,
siehst du wohl, hier sitze ich nun schon den halben geschlagenen Morgen
und warte auf Trost. Da kommt er mir vierspnnig, gerade als ich denke:
Just, jetzt gehst du zum Essen, ohne da sie Dich suchen, sonst gibt es
noch mehr Spektakel und Unfrieden auf dem Hofe, und du hast gerade genug
fr heute davon.

Er sa wirklich auf einem Stein am Wege unter einem Dornbusch, auerhalb
seines Erbsitzes, dieser kuriose Vetter; und als er damals aufsteht und
ghnt und grinst und sich reckt und dehnt, ist er ein lang
aufgeschossener Junge von nicht ganz zwanzig Jahren. Ein vollkommener,
aber aus allem rund um ihn und an ihm herausgewachsener Junge. Da also
alles, was aus ihm noch werden kann, augenblicklich noch in ihm steckt,
ist sicherlich etwas, was nur sehr wenige meiner fraglichen Leser
vermuteten. So einer, der etwas selber erlebt und erfahren hat, ist
immer klger als derjenige, welchem er nachher davon erzhlt.

Holla, was schiebst du in die Tasche, Vetter? Richtig, da sitzt er in
der Sonne und verstudiert sich weiter! Zeig gutwillig oder ich ziehe dir
mit der Jacke das Fell vom Leibe! ruft Ewald. Kinder, jetzt macht er
auch Verse!... Gedankenspiele beim Pflgen!... Als Hannchen in die
Flachsrotte fiel!... Und da hat er den alten Urlateiner, Vater Broeder,
auf dem Feldsteine warm gesessen. Ei, guck mal, Fritze, gerade wie wir
auf dem dummen Gymnasium! Was nicht von oben in den Kopf will, dem kommt
man viel bequemer mit einem anderen Krperteile bei. Hat jemals jemand
so einen verrckten Kerl erlebt? Es ist doch reinewegs nicht zu glauben,
was die Menschheit alles leisten kann. Und dann mchte man sich da nicht
die Haare darber ausraufen, da man nicht die Hute mit seinem
Nebenmenschen austauschen kann? O ihr gottverdammten Gtter von Rom und
Griechenland, was gbe ich dafr, wenn ich der Bauer auf dem Steinhofe
wre und dieses urverbohrte Monstrum mit seiner lateinischen Grammatik
hier ich!

Jetzt hre auf, oder du wirst langweilig, Ewald! rief Irene Everstein.
Kommen _Sie_, Vetter Just, und hren Sie nicht auf den albernen Bengel
--

Und du bist doch nicht bse, da wir schon wieder da sind, lieber
Just? fragt Eva. Die beiden Jungen sind schuld daran, ich wollte
eigentlich nicht mit --

Und wenn sie alle im Grasgarten im Grase liegen und schnarchen, dann
sitzen wir beide wach zusammen, Just! sage ich; und der Vetter, blde,
freundlich, seelenvergngt und nicht urverbohrt, sondern urverschmt
sein glnzend Gebi im Kreise herum zeigend, steht in unserer Mitte; und
es hat gewi selten einen anderen Menschen gegeben, der sich so wenig
wie er um diese Lebenszeit gegen Gte und Bosheit der Welt zu wehren
wute.

Gottlob kommt ihm auch jetzt ein Trost und eine Hlfe aus der Ferne her,
nmlich vom Zaun des Steinhofes.

Da ruft _sie_ zum Essen! und wir haben gestern ein Rind -- ich will
lieber nicht sagen gegen meinen Willen, sondern wegen Futtermangel, wie
sie sagt, geschlachtet. Und jetzt kommt nur rasch; ihr kennt sie ja!

In Bodenwerder wird es wahrscheinlich gerade zwlf Uhr schlagen. -- --
--

Es ist ein schlechter Boden, sagten die Leute, die sich darauf
verstanden, von dem Steinhofe und der dazu gehrigen Lnderei, und sie
konnten nichts dafr, wenn sie es nicht ahnten, was fr Prachtgewchse
dieser schlechte Boden hervorzubringen vermochte. Es war Jule Grote, die
ber den Zaun rief, und zwar mit einer Stimme, in die der Himmel alles
Gift, was er eben vorrtig hatte gegen die irdischen Zustnde,
hineingelegt zu haben schien.

Ich kenne es heute viel besser als damals, das gute alte Mdchen
nmlich, und wei, was der Vetter an ihr hatte. Er wei es ebenfalls
heute besser als damals. Damals, das heit an jenem Tage, schob er uns
sich voran auf dem Feldwege durch den krglichen Haferacker und brummte:

Ich komme mit; aber, Kinder, ich sage euch, gerne wre ich heute allein
nicht nach Hause gegangen! Es ist alles mal wieder vom frhen Morgen an
kopfber kopfunter gegangen, und ich bin an allem schuld gewesen. Ach
Gott, ach Gott, wo ich meine Hnde habe, soll ich meinen Kopf haben, und
wo ich meinen Kopf habe, da will sie meine Hnde sehen. Und dann soll
ich meine fnf gesunden Sinne zusammennehmen und bedenken, wozu mich der
liebe Herrgott in die Welt und hier auf den Steinhof hingesetzt hat. Und
wenn sie nur wte, wer ihr all das Elend mit mir eingebrockt hat, sagt
sie. Es mu wohl von weit her kommen, meint sie, und das ist das
einzige, was sie darber wei; und ich, Fritz, ich wei auch nicht mehr.
Sie hat doch meinen Vater gekannt, und meinen Grovater dunkel: von den
Zwei habe ich es wohl auch etwas, aber nicht ganz, sagt sie, wenn ihr
die Hnde anfangen vor rger zu zittern, und sie mit der Schrze vor den
Augen abgeht und ich auch und ihr doch nichts in der Wirtschaft in den
Weg lege, sondern sie mit der Vormundschaft ruhig regieren lasse hier
auf dem Steinhofe. Und denn werde ich doch auch erst nchste Ostern
bers Jahr mndig und mein eigener Herr!

Mit einer uns an ihr ganz fremden Grazie schiebt Irene Everstein ihren
Arm in den des armen Teufels und sagt:

Bitte, Herr Just!

Das war ganz und gar meine Mutter in ihrem Verkehr mit ihrer Umgebung;
aber bei meiner Mutter hatte ich noch nie darauf geachtet, wie vornehm
sie mit den Leuten umzugehen wute.

In diesem Moment aber war es natrlich Herr Ewald Sixtus,
Untersekundaner usw., der's bewies, wieweit man mit einer guten Lunge
und mit zrtlich tuender Unverschmtheit in der Welt reicht. Mit der
ersten erschtterte er durch einen Jubelschrei die Lfte auf eine
Viertelstunde im Umkreis, mit der zweiten sprang er ber den Zaun des
Steinhofes und hing sich der braven Jungfer Grote an den Hals:

Da sind wir wieder, Jule! Sehen Sie, so wird die Sehnsucht endlich doch
belohnt! Wie lange stehen Sie denn schon hier und gucken nach mir aus
ber die Planken, Mamsell Grote? Komm her, Fritz, und gib Pftchen. Gibt
sie dir aber auch einen Ku, so morde ich dich heute abend auf dem
Rckwege. Lebendig kommst du dann nicht wieder auf Schlo Werden an. Und
nun rasch, Jule, Sie wissen es, da Sie fr mich zum Fressen sind! Rasch
-- jeder holt sich Messer und Gabel und seinen Teller selber aus der
Kche.

O herrje, herrje -- und die jungen Damens auch wieder! rief die
wackere Haushlterin und Vormnderin auf dem Steinhofe, chzend sich aus
den Armen ihres strmischen Verehrers und zweiten Lieblings frei
machend. Ich habe es seiner Mutter im Kindbett und Totenbett
versprochen, da ich solange bei ihm aushalte, als er mich bei sich
behlt! sagte sie von ihrem ersten Liebling -- dem Vetter Just
Everstein.

Nun bekommt Eva Sixtus eine bewillkommnende Hand und dann Irene auch;
letztere aber erst, nachdem diese Hand vorher noch einmal in der blauen
Kattunschrze unntigerweise abgetrocknet und abgewischt worden ist.

Aber das ist mal schn! Nehmen Sie es nur nicht bel; aber es ist mein
Schicksal! jedesmal, wenn wir die Ehre haben, haben wir gemistet auf dem
Steinhofe, und ist der Herr Just den ganzen Morgen durch nicht
aufzufinden und abzurufen gewesen. Ich brauche nur am Abend zu sagen:
Just, jetzt pat du mir aber auf die Gottesgabe morgen frh, so geht er
durch mit seinen Lateinbchern, und ich sitze allein mitten drin in der
Wirtschaft und den Tagelhnern. Was daraus werden soll, wei ich nicht;
na, aber Essenszeit ist's freilich jetzo lngst, und nchste Ostern
bers Jahr wird er einundzwanzig alt und sein eigener Herr. Ach Gott,
gndigstes Frulein Grfin, Ihr Herr Vater sollte nur einmal einen
einzigsten Tag lang an meiner Stelle sein! Und -- Ihre Mutter auch, Herr
Langreuter, aber davon will ich weniger sagen, denn die ist ja auch ein
Frauenzimmer und hat das Ihrige durchgemacht in ihrem eigenen Haushalt
und bei anderen Leuten.




Achtes Kapitel.


Wie viele schne, geistreiche, vornehme Menschen habe ich auf meinem
Lebenswege kennen gelernt!

Auf die krperliche Schnheit am Menschen achte ich sehr genau und mit
grester Teilnahme und bin noch heute imstande, einen ziemlichen Umweg
zu machen, um ihr in den Gassen und Husern begegnen zu knnen. So bin
ich zu der festen berzeugung gelangt, da ihrer nicht weniger wird in
der Welt.

Geist ist im berflu vorhanden. Dies wei ja ein jeder selbst am
besten. Wer glaubt nicht, von seinem berflu an Tausend und aber
Tausend reichlich abgeben zu knnen?

Von der Vornehmheit brauche ich eigentlich gar nicht zu reden. Ich habe
da nur sehr wenige kennen gelernt, die sich in ihrem innersten Herzen
nicht zum allerhchsten Adel der Schpfung rechneten und jedwede
Vernachlssigung, ein jeglich bersehenwerden dieser schmeichelhaften,
aber wahren Tatsache nicht mit den grimmigsten Zgen in das goldene Buch
ihrer Selbstschtzung eintrugen. Und je klter sie dabei lchelten,
desto schlimmer war's fr den schnden, mehr oder weniger unbewuten
Gleichmacher. Er sank jedenfalls sehr tief in ihren Augen und sofort
unbedingt aus allem Anrecht auf irgendwelche Bercksichtigung ihrerseits
vollstndig heraus. Und das war recht -- ist recht und -- wird recht
bleiben; denn es ist allzu angenehm und kitzelt zu s um das Zwerchfell
herum, um jemals von _uns_ als Recht aufgegeben zu werden.

Nun hinke ich hier durch den kmmerlichen Hafer seines Feldes hinter dem
Vetter Just her. Hbsch ist er nicht, schn noch weniger. Geistreich hat
ihn noch niemand genannt, und was seine Vornehmheit anbetrifft -- nun,
so hat er es ja selber gesagt, da er mit dem etwas recht fraglich
gewordenen Wappen seiner Ahnen ber seiner Stalltr nicht das mindeste
mehr anzufangen wute.

Was ist es nun, das diesen lang aufgeschlodderten, wehleidig-verblfft
um sich stierenden groen Jungen uns als ein Ideal alles dessen, was die
Jugend lieb hat an der Sonne, der Erde, den Weibern, den Professoren und
den Knigen, hinstellte?

Eine ganz einfache Sache; nmlich, da er von allen diesen schnen und
herrlichen und groartigen Dingen und Wesen etwas an sich hatte, und
zwar das, was die Jugend am ersten und mit der glcklichsten Bewunderung
aus ihnen herausfhlt. Die, welchen das zu hoch klingt, haben nie
zwischen dem vierzehnten und fnfzehnten Lebensjahre an einem Julitage
auf der Erde lang ausgestreckt gelegen und, die Hnde unter dem
Hinterkopfe, sich -- die Sonne ins Maul scheinen lassen, wie die
Redensart lautet. Sie haben nie die Gromutter am Winterofen erzhlen
hren und sie nachher auf dem Sterbebette gesehen; sie haben nie die
Wellen rauschen hren, die Aphrodite gebaren; und auf das Rauschen und
Leuchten der hellen Sommerkleider im Walde hinter ihnen haben sie auch
wenig geachtet. Ihnen hat es, was die Gelehrten anbetrifft, nie
imponiert, was die verrckten Kerle im Laufe der Jahrtausende alles
mglich gemacht haben. Ganz umsonst fr sie ist Alexander von Macedonien
bis zum Indus vorgedrungen und hat sich von dem Knig Porus durch
Heldenhaftigkeit gutwillig besiegen lassen. Heldenhaftigkeit ist nicht
in ihnen; sie haben nie die Lebensbeschreibungen des Plutarch unter das
Kopfkissen gelegt oder die Kirschblten im Garten auf sie niederfallen
lassen.

Heldenhaftigkeit, und somit die Sonne, das Geheimnis und Wunder der
Erde, das Weib und die Wissenschaft steckten in dem Vetter Just
Everstein:

Das ist ein ganz drolliger Patron! sagten diejenigen, welche es
immerhin noch ganz gut mit ihm meinten und ihre wahre Meinung ber ihn
nicht zu schroff uern wollten.

Kennen Sie diesen schnurrigen Kauz, den sogenannten Vetter Just noch
nicht? fragte sich die Gegend weit umher und fgte, ohne die Antwort
abzuwarten, hinzu: O, dann lernen Sie ihn doch ja recht bald kennen; es
wird Sie nicht gereuen.

Dt is 'nen ganz verrckten Minschen, meinte der zum Steinhofe
gehrige Teil der in diesem Augenblicke in diesen Memorabilien um den
Etisch auf dem Steinhofe versammelten Tafelrunde. Die das sagten -- die
Knechte, Mgde und Tagelhner des Steinhofes --, hatten recht,
vollkommen, zweifellos recht: der Vetter Just Everstein war ein ganz und
gar verrckter, das heit ihnen und noch vielen anderen gnzlich ins
namenlose Weite entrckter Mensch.

Es war eine Bauernstube der alten, rechten Art, in der wir uns jetzt mit
zu Tische setzen. Und es ist der richtige alte Tisch mit den richtigen
Npfen und Schsseln darauf. Es hat seit dem Jahre 1838, in welchem
Jahre der Freiherr von Mnchhausen seinen Gastfreund, den Baron
Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher, in der Boccage zum Warzentrost als
Syndikus bei seiner Luftverdichtungs-Aktienkompanie anstellte, manch
liebes Mal mehr Voll, ein Viertel, Halb und Dreiviertel auf dem
Kirchturme von Bodenwerder geschlagen. Der Fortschritt ist
wieder ungeheuer gewesen; unsere Bauern sind die Herren
konomen geworden und grnden lngst selber Zuckerfabriken und
Luftverdichtungs-Aktiengesellschaften. Ihre Jungfern haben sich
mamsellen lassen und werden Fruleins genannt. Frulein Emerentia von
Schnuck-Puckelig ist eine Wahrheit geblieben; aber die Tochter vom
Oberhofe ist zu einem schnen Phantasiebild geworden: der treue Eckart
-- diesmal Karl Leberecht Immermann genannt -- hat wieder einmal
vergeblich am Wege gestanden und warnend die Hand erhoben. Wir haben uns
ein Unterhaltungsstcklein aus seinem weisen, bitterernsten Buche
zurecht gemacht; -- kehren wir rasch auf den Steinhof zurck. Was bleibt
auch mir anderes brig, als _mir_ heute aus den Zustnden
der Vergangenheit eine angenehme Gegenwartsunterhaltung
knstlerisch-chemisch abzuziehen und das ^Caput mortuum^ in den
frischesten Wind zu streuen, der augenblicklich vor dem Fenster weht?!

Sie sa schon um den Tisch, die Hausgenossenschaft des Steinhofes, als
wir dran und drber hinfielen. Und da Jule Grote vollstndig recht hatte
und der Meister bis jetzt noch fehlte, so ging es um ein Betrchtliches
weniger lehrhaft an der Tafelrunde zu als damals auf dem Oberhofe, als
der Jger zum ersten Male der Unterhaltung zwischen dem Hofschulzen und
seinen Leuten zuhrte.

Groe Bohnen und gekochten Schinken gab es heute auch hier wie damals
auf dem Oberhofe, als der Jger dort zum ersten Male seinen Platz am
Tische einnahm.

Auf des Meisters Stuhl, obgleich er kein Meister war, sa der Vetter.
Ihm zur Rechten Jule Grote, ihm zur Linken Irene Everstein. Der
zur Seite sa Eva Sixtus und ihr gegenber ich, neben der
grimmig-klugugigen Haushlterin und unbestrittenen Herrin des
Steinhofes. Dem Freund Ewald gegenber lag schwer auf den Tisch hin der
Oberknecht, ihm zur Seite sa die Gromagd, und die anderen bis zum
Hofjungen schlossen sich in bunter Reihe an. Millionen von Fliegen waren
gleichfalls vorhanden, auch Bienen und anderes Flgelgesindel kamen aus
dem Garten und der brigen freien Natur, gerade wie wir von Schlo
Werden, ohne vorher um Erlaubnis anzufragen. Die Temperatur in der
niedrigen Stube war sehr hochgradig; die Balken der geweiten Decke
drckten schwer herab, und es half gar nichts zur Khle, da die
schmalen, niedrigen Fenster geffnet standen. ber die Schwelle der
offenen Stubentr traten Hahn und Hhner mit erhobenen Fen ungeniert
und lieen auch ihre Naturlaute nicht etwa blde auf dem Hofe zurck.
Hund und Katze konnten frei ein und aus gehen, hielten sich aber so
dicht als mglich an uns; und da sie nicht auf dem Tische geduldet
wurden, so trieben sie sich wenigstens unter ihm herum und warteten mit
nervser Ungeduld auf alles, was von ihm fr sie abfiel. Von der Wand
hinter dem Vetter Just mahnten die zehn Gebote, sehr bunt unter Glas und
Rahmen, zu ihrer Beobachtung. Hinter dem kleinen Spiegel zwischen den
Fenstern fehlten die Pfauenfedern und neben ihm der Kalender des
laufenden Jahres nicht. Seltsam berhrte (ich darf diese kitzelnd
zugespitzte, moderne Redensart an dieser Stelle wohl anwenden) nur der
Ofen hinter mir, und nicht als solcher, sondern durch das, was auf ihm
stand. Auf ihm stand nicht etwa der alte Fritz in Gips mit seinem
Krckstock oder der Kaiser Napoleon mit untergeschlagenen Armen (beides
htte durchaus nicht seltsam berhrt!), sondern es stand da in einem
hbschen Miniaturgipsabgu, wenngleich ziemlich gelb angeschmaucht, --
die mediceische Venus der gesamten Tafelrunde des Steinhofes gegenber.

Und da ich sie mir einmal von so 'nem wandernden Italiener mit seinem
Brett auf dem Kopfe angeschafft habe, so bleibt sie da auch stehen,
Fritz! hatte mir der Vetter gesagt. Es braucht ja keiner 's
anzugucken, wenn er nicht mag; -- ich habe mein Geld dafr gegeben,
Fritz. Sieh mal, ihr anderen und dann alle berhmten Menschen in der
Welt habt nur das vor uns voraus, da ihr euch vor dergleichen nicht
frchtet und schmt. Guck mal, mir geht es noch schwer ab, da ich
darber rede, und ich tte es auch ganz gewi nicht, wenn du nicht auch
mit den anderen deine schlechten Witze darber gemacht httest. La mir
aber nur mal einer einen mit dem Besenstiel dran rhren! Dafr hat die
weie Gipsmadam doch zuviel gekostet!

Dieses letzte Wort bringt mich auf die wenigstens auf dem Papier noch
gegenwrtige Stunde zurck.

Anderwrts als hier auf dem Steinhofe esse ich sie nicht, und wenn der
Tod darauf stnde, sagt Ewald, schmatzend wie eines jener
unwhlerischen Tiere, fr welche der Schpfer die wackere Hlsenfrucht
^Vicia faba^ hauptschlich erschaffen haben soll. Evchen mag sie nur
ihres Geruches in der Blte wegen, und Irene it sie nur, weil sie
schauderhaft hungrig ist und meinetwegen; nmlich weil sie im Heroismus
nicht hinter mir bleiben will. Fritze frit natrlich alles herunter,
ohne darber nachzudenken; und Sie, Jungfer Grote, bitte, noch 'n Stck
aus dem Fetten. Schad't nichts, wenn auch ein bichen nah vom Knochen.
Die Wrmer sind ja mit im Kessel gewesen, Jungfer Jule --

I, so hre einer! Ein ganz nichtsnutziger Junge bist du, stammelt die
Wirtschafterin des Steinhofes, und --

Und beien einen Sekundaner, den seine Herren Lehrer lngst schon _Sie_
anreden mssen, nicht mehr.

Ein breites, glnzendes, zhnefletschendes Grinsen geht um den ganzen
Tisch. Die Knechte stoen ihre Nachbarn mit dem Knie an, die Mgde
kichern, und nur der Hofjunge schlingt ungerhrt weiter.

I, so soll mich doch!... Nun hre einer!... Ach, herrje, bist du auch
schon so lateinisch? Du?... Was kosten denn jetzt die Rohrstcke bei
euch auf Schulen? Sind wohl hllisch dies Jahr miraten in Hinterpommern
oder wo sie wachsen, weil du mir hier Glocke Zwlf am Tage so kommst wie
ein Maikfer, wenn's Abend wird?! Herr Langreuter, Sie verdirbt er auch
noch in Grund und Boden; und er ist es auch allein, der alle Augenblicke
mit Ihnen hierher nach dem Steinhofe her vagabundiert, da Sie,
Fritzchen, mir meinen Jungen da, meinen Just, noch mehr aus seinem
Menschenverstande heraus verfhren, was eine Snde ist, mehr als ich
sagen kann, und was seine Schwester auch wohl wei, und wenn ich nur
nicht die lieben Gesichterchen so gern auf dem Steinhofe htte, so
wollte ich schon noch mehr sagen; aber die gndige Frlen Grfin darf's
mir dreiste glauben, ich nehme es keinem bel, wenn er es anders gewohnt
ist bei Tische, und groe Bohnen sind freilich nicht jedermanns Sache,
da hat der Junge recht.

Wenn Sie den hier meinen, Jungfer Grote, lachte Irene Everstein, mit
ihrer Gabel auf Freund Ewald deutend, so sollte ich nur mal 'nen
Augenblick lang Ihren groen Lffel da in der Hand haben! Ach, herrje,
ich wrde ihm Deutsch auf sein Lateinisch geantwortet haben. Und
brigens haben sie ihn auch nur deshalb mit nach Sekunda genommen, weil
er ihnen fr Tertia zu lang geworden ist. Wachsen kann jeder, und wir
auch; nicht wahr, Eva?

Sie stand auf, und da alle sie darauf ansahen, sagte sie:

Ich will mir nur ein Glas Wasser vom Brunnen holen.

Bleib sitzen, das will ich dir besorgen, sagte der Vetter Just,
gleichfalls aufstehend. Du weit doch, Irene, da dir die Winde zu
schwer ist. Es springt hier nicht so bequem aus einem Lwenmaul wie bei
euch auf Schlo Werden.

Er erhob sich tlpisch genug von seinem Stuhl; aber Ewald Sixtus und
ich, wir waren ruhig sitzen geblieben; und es ist auch heute erst, in
der Erinnerung der fernen Vergangenheit, da mir das bemerkenswert
erscheint. Ich schtze es brigens jetzt fr ein Glck, da die
Feinfhligkeit nicht bei allen Menschen mit den Jahren wchst. Wer wrde
es aushalten knnen in einer Welt, in welcher dieses die Regel wre und
die Leute ohne das in keiner Achtung stehen und es auch nicht zu
Vermgen bringen knnten?

Jule Grote sah ihrem vierschrtigen, langen, unmndigen Mndel mit einem
Ausdruck von verdrielichem Jammer nach, der sich gar nicht beschreiben
lt. Sie hob den Lffel zum Munde; aber sie lie ihn wieder auf den
Teller sinken und brummte:

Da danke einmal einer dem lieben Herrgott fr die gute Gottesgabe! und
dann grimmig sich zu Ewald Sixtus wendend, rief sie:

Dich sollte dein Vater aus alter Freundschaft von Schulen abtun und
hierher auf ein halb Jahr zur Probe in die Wirtschaft geben. Vielleicht
brchtest du ihn noch aus der Unvernunft heraus und zu ordentlichem Sinn
und Gedanken. Von euch anderen aber ist es mir eine groe Ehre und
Plsier; aber besser ist's doch, ihr bleibt mir soweit als mglich weg
vom Steinhofe. Was nutzt der Kuh Muskate? Und was haltet ihr mir den
Bauer auf dem Steinhofe noch mehr von der Arbeit ab? Soweit meine
Besinnung reicht, haben sie zwarst alle, vom Vater zum Sohn, hier auf
dem Hofe 'nen Vogel im Kopfe mit in die Welt gebracht; aber solch ein
nichtsnutzig ganzes Nest wie dieser doch keiner! Du lieber Himmel, was
daraus werden wird, wei ich; und doch liege ich Nacht fr Nacht wach
und bitte, da einer kommt und es mir sagt; gerade als ob ich es wie das
hchste Glck nie genug hren knnte! O ihr junges Volk sollt es nur
auch erst einmal erfahren haben, wie es dem Menschen zumute ist, wenn er
sich so an seine Sorge anklammern mu und um seinen Willen gar nicht
gefragt wird dabei!

Das war gerufen und doch nur ber den Tisch gechzt -- der Leute
wegen; -- als ob die nicht schon lngst Bescheid und den Vetter Just zu
nehmen gewut htten, wie sie ihn gebrauchen konnten. Ihnen war es ganz
bequem so, wie er war; und Jule Grote hatte recht, vollkommen recht in
ihrem Jammer und Ingrimm: der Steinhof mute zugrunde gehen unter einem
Bauer wie der Vetter Just Everstein.

Doch der Vetter Just ist eben mit dem Glase klaren Wassers aus seinem
Ziehbrunnen fr die Komtesse Irene zurckgekommen. Er hat fein ein
Klettenblatt darunter gelegt, und ein Br knnte es nicht zierlicher
prsentieren. Endlich sind wir alle satt, -- sogar der Junge vom Hofe
ist satt und uert es durch einen klagevollen Laut, der aber nicht
allein Seufzer ist und auch nicht blo aus der Tiefe seines Busens sich
emporringt. Ein jeder geht, mehr oder weniger gutwillig, wieder an seine
Arbeit; nur der Vetter Just nicht, der doch am gutwilligsten gehen
sollte. Und wir nicht; denn dazu sind wir wahrhaftig nicht vom Schlo
Werden durchgebrannt!

Wir liegen, wie wir es uns auf jeder schattenlosen Stelle unseres Weges
lockend ausgemalt haben, im hohen Grase, im Grasgarten des Steinhofes
unter dem groen Kirschbaum; der Vetter Just Everstein aber sitzt in
unserer Mitte am Stamm des Kirschbaumes und hlt die Knie mit den langen
Armen umschlungen. In der Kche hlt Jule Grote die Kaffeemhle im
Schoe und schttelt die Haube und wirft bedenkliche Blicke durch das
kleine Fenster nach ihren Gsten und ihrem in aller Welt nichts ntzen
jungen Herrn und Meister. Dieses aber gehrt besser in ein ander
Kapitel, und ich beginne das sofort.




Neuntes Kapitel.


Es war nicht der erste Everstein mit einem Nagel oder Vogel im Kopf, den
der Steinhof erzeugte. Es hatten schon mehrere des Namens die Umgegend
in Erstaunen gesetzt; und dieser Freund Just war auch nicht der erste,
den die Gegend Vetter nannte und von dem sie nach jedem
Nachbarschaftsbesuche mit der Hand im Haar oder mit dem Knchel des
Zeigefingers vor der Stirn Abschied nahm und sich auf dem Heimwege
fragte:

Ist denn das 'ne Mglichkeit?

Der Vetter Just mute es aber doch wohl in der Absonderlichkeit allen
seinen Ahnen zuvortun; und was zu viel ist, das ist zu viel! Vieles hat
er von seinem Grovater und seinem Vater, aber nicht alles, sagte Jule
Grote.

Der verfluchte Junge. Totschlagen knnte ich ihn alle Tage ein paar
Male! pflegte sein seliger Vater zu seufzen. Und totgeschlagen htte
ich ihn auch schon lngst, wenn mir da nicht immer sein Grovater in das
Gedchtnis kme, Nachbar, und ich mir denken mte, was kann er denn
eigentlich dafr, wenn's ihm einmal im Blut steckt?! Mich hat's wohl
gottlob bersprungen! aber seinen Grovater httet Ihr kennen sollen,
Nachbar. Na, richtig, Ihr habt ihn ja gekannt, und so mt Ihr doch auch
sagen, da so 'ne Weisheit, als der prstierte, auch nicht allenthalben
und immer fr Geld und gute Worte zu haben ist. -- So nehme ich ihn denn
am Kragen und schttele ihn in der hellen Wut, und er sieht mich dumm an
und sagt nichts, oder sagt: Ja, Vater! und dann mu ich ihn wieder
laufen lassen; -- denn, Herr Amtmann, Sie sagen wohl, das mssen Sie
eben nicht tun, Everstein, sondern Sie mssen sich und dem Bengel einen
Zwang antun! aber nun ist denn dieses wieder nicht in _meiner_ Natur.
Ich kann leider Gottes den Grimm und die Wut ber den Nichtsnutz nicht
festhalten ber dem Nachdenken ber ihn. Es ist eben _unsere_ Natur! Was
fr die anderen Bauern der Mist ist, das sind fr uns hier auf dem
Steinhofe die Hirngespinste und Spintisierereien; und seit Olims Zeiten
ist das so mit uns gewesen. -- Ja, Sie haben recht, Base, da das nicht
so weiter gehen kann, wenn der Steinhof nicht zugrunde gehen soll, wenn
ich mal die Augen zutue; aber Sie sind ein verstndig Frauenzimmer,
Base, und so will ich Ihnen denn meinen letzten Trost nicht
vorenthalten. Sehen Sie mal, was hat uns auf dem Steinhofe seit mehr
denn hundert Jahren immer wieder 'rausgerissen? Die gtige Vorsehung! So
ist das bei meinem Vater gewesen und bei dem seinen und so weiter fort
rckwrts. Und so hat sich noch, wenn die Not am grten war, -- immer
noch ein vernnftig Weibsbild gefunden, dem das Elend jammerte und das
also ein gut Werk an uns tat und -- uns nahm. Von Meiner will ich nicht
reden; aber seit sie auf dem Kirchhofe liegt, vermisse ich sie doch auch
recht sehr! Aber meine Mutter, als was Justs Gromutter nun ist, das war
eine Frau! Wenn ich da an meinen seligen Vater denke, so kann ich nur
die Hnde zusammenlegen und sagen: Uh jemine!... Und sehen Sie, Base,
auf so eine hoffe ich denn auch zum Besten von meinem Strick von Jungen
da, und bei allem, was nach uns kommt auf dem Steinhofe. Die Weibsleute
haben uns noch immer aus dem blauen Nebel und allen Dummheiten
herausgeholt. Denn was Sie auch sagen mgen, Base, angewiesen seid ihr
ja doch allesamt mit eurem ganzen Interesse auf uns, wenn ihr uns mal
genommen habt, eure uneigenntzlichen Gefhle beim Jasagen ganz
unbesehen. Sie brauchen da nur an den Ihrigen und sich selber zu denken,
wenn Sie es mir erlauben, Frau Base.

Fr die richtige war es wohl noch ein wenig zu frh am Tage.

Wenn die Zeit kommt, werde ich mich nach ihr schon auf die Lauer legen,
wie es mein Vater fr mich getan hat und den sein Vater fr ihn,
pflegte der Alte einer jeden solchen sorgenvollen Errterung als Schlu
anzuhngen. Leider erging es ihm wie den meisten Erdenbewohnern: er
starb an einer Erkltung in der Heuernte, ehe er sich nach der Rechten
auf die Lauer gelegt hatte; und der Junge hatte dann auch nicht weiter
nach ihr gesucht, sondern die Tage und sein Wachstum in ihnen
hingenommen, wie's ihm kam, unter staatlicher Obervormundschaft und
unter der Pflege und Vormundschaft von Jule Grote.

Die Sommersonne scheint auf den dichtbelaubten Kirschbaum, und Licht und
Schatten halten ihren flimmernden Tanz auf dem weichen Grase unter ihm.
Irene hat ihren blonden Kopf in Evas Scho gelegt und ist dem Schlafe
nher als dem Wachen. Ewald liegt lang ausgestreckt auf dem Bauche, hlt
seinen Kopf auf beide Fuste gesttzt und starr blinzelnd auf den Vetter
und zuckt mit den Ellenbogen, als ob er die ganze Welt in die Seite
stoen und sie gleichfalls auf ihn aufmerksam machen mchte. Auch ich
halte in der grnen Khle die Augen nur mit Mhe offen, aber annhernd
horche ich doch auf alles, was hin und wieder gesagt wird, und gebe auch
wohl mein Wort mit drein.

Wenn du lange genug nachgedacht hast, so darfst du meinetwegen dreist
sagen, was du denkst, Just. Wenn ich satt bin und weich liege, kann ich
allen Unsinn ruhig anhren, Vetter Just, spricht Ewald mit einer Miene,
als ob er noch nie whrend seiner gelehrten Laufbahn vom Klassenlehrer
einer unverschmten Redensart wegen zur Tr hinausbefrdert worden sei.

Ich denke ja an gar nichts! antwortet der Vetter Just. Was sollte ich
denn denken?

Irene von Everstein, ihre Augen halb ffnend, murmelt:

Solch einem dummen Jungen antwortete ich auch das nicht einmal, Just.
Er soll drei Bume weiter gehen und uns hier unter unserem jetzt
ungeschoren lassen. Das ist meine Meinung.

Und meine auch! ruft Evchen Sixtus mit ganz ungewhnlicher Energie.

I sieh' einmal, Jungfer Naseweis! bist du auch noch da? In deiner
Stelle wre ich lngst in der Kche, um Donna Julia Cichoria beim
Kaffeekochen und in ihrem Kummer um _ihren_ dummen Jungen zu
untersttzen. Was ist deine Ansicht von der Sache, Fritzchen?

Halt's Maul und la _mich_ wenigstens in Ruhe, Ungeheuer.

Und dies soll nun nicht grob sein? brummt das belebende Prinzip in
unserer Gesellschaft, dreht sich auf die Seite und grinst: Bist du mir
bse, Just?

Seit dem schnen Wetter zu Anfange voriger Woche habe ich euch hierher
schon voraufgerochen. Jetzt ist es nett von euch, da ihr mal wieder da
seid. Ne, bse bin ich dir gerade nicht; denn Fritz und deine Schwester
und Frulein Irene wissen es, da man auf keinen gern wartet, auf den
man nicht jeden Morgen nach der Witterung ausguckt.

Sehr schn gesagt! brummt Ewald, jetzt wirklich sich abseits und unter
einen etwas entfernten Stachelbeerbusch wlzend. Gute Nacht, alle
miteinander! Wenn wieder mal was Interessantes vorkommt, so weckt mich
freundlichst. In Gehrweite fr euren Unsinn bleibe ich euch zuliebe.
Na, das Blech!

Die Sonne liegt auf allen Bumen des Grasgartens des Steinhofes; aber
die Vgel in den Bumen haben bereits ihre Siesta beendigt und fangen
von neuem an, munter zu werden, um den trotz seiner Lnge so kurzen
schnen Tag so vergngt und glcklich als mglich auszunutzen, -- gerade
wie wir. Die Komtesse sitzt wieder aufrecht und sehr hellugig da. Ihre
Augen glnzen vor mdchenhaft lustiger Mutwilligkeit, als sie sagt:

Hrt nur, er schnarcht schon, der Unmensch! Jetzt sind wir unter uns.
Rckt alle zusammen; -- und nun sagen Sie, Vetter Just -- es hrt keiner
zu als ich und Eva, Fritz und die Spatzen im Baum, und wir meinen es
alle ganz ernst -- haben Sie es hbsch weiter gebracht, seit wir zum
letzten Mal hier auf Besuch waren?

Mit seinem tlpischsten Lcheln sieht der Vetter in die Ferne:

Wieso soll ich es denn weiter bringen, wenn ich nicht mal wei worin?

Ach, verstellen Sie sich nur nicht, Vetter! Bitte, sehen Sie nicht so
dumm aus! Damit machen Sie anderen Leuten was wei, aber uns nicht. Sie
studieren sich immer weiter hinein, bis zum Klgsten von uns allen, und
das sind Sie auch von Natur schon lange; und nun werden Sie nur nicht
rot, denn das ntzt Ihnen noch viel weniger als das Dummaussehen. Sie
studieren ja alles rundum verrckt, sagt Jule Grote; -- sich selber --
sie -- den ganzen Steinhof. Und wo das enden will, wei sie nicht, sagt
sie.

Es ist auch nur Ewalds Neid, weil er fr das, was einem anderen soviel
Vergngen macht, soviel Prgel von seinen Herrn Lehrern gekriegt hat,
meint Evchen Sixtus schchtern, und: Unsinniges Volk! klingt es von
dem Stachelbeerbusch faul und schlaftrunken her.

Ja, es ist ein Spa! sagt der lange, im nchsten Jahre mndige Vetter
Just Everstein und verzieht den Mund wie ein ausgelachtes Kind, und --
heute wei ich genauer als damals, was das Auslachen und
Ausgelachtwerden unter den Menschen bedeutet seit den Tagen des Urvaters
Noah. Ich lache viel seltener als damals aus eigenem Antrieb, und noch
viel seltener lache ich mit.

Damals lachte ich mit, und zwar in die grinsende Bemerkung von dem
Stachelbeerbusche her:

Hu, der alte Broeder! Schlag ihn doch mit unserem Zumpt auf den Kopf,
Fritze! Uh; na, _mein_ Junge soll's besser haben als ich.

Wir achten, was unsere Unterhaltung unter dem Kirschbaum anbetrifft, von
jetzt an nicht im mindesten mehr auf die Stimme vom Stachelbeerbusch
her.

Es ist die lateinische Grammatik gar nicht, stottert der Vetter.

Sondern deines Grovaters ganzer Bcherschrank, den du mit dem
Steinhofe von deinem Vater geerbt hast, Just. Funkes Naturgeschichte,
Blanks Geographie, der ganze Schiller, Goethes Gtz von Berlichingen und
Werthers Leiden, Engels Philosoph fr die Welt, Nathan der Weise, Minna
von Barnhelm, Emilia Galotti, das Mildheimische Not- und Hlfsbuch, das
Mildheimische Liederbuch, Beckers Weltgeschichte und die Geschichte von
dem Schweizer Schullehrer Pestalozzi --

Hat der Kerl auch ein Buch geschrieben? fragt der Stachelbeerbusch.
Bis jetzt habe ich gemeint, da der nur den General Wallenstein nicht
mit ermordet hat.

Ach, das war ja ein ganz anderer! ruft Eva Sixtus noch einmal
gutmtig, und:

Halt' endlich deinen Mund, Sixtus! rufe ich auch noch einmal, aber
gutmtig gerade nicht, und:

Wer spricht denn eigentlich mit euch? klingt es unverschmt zurck.
Nicht einmal trumen darf man wohl mehr von euch verrcktem Volk?
Natrlich, der Herr Vetter darf ruhig am hellen lichten Tage
nachtwandeln gehen, ohne da es einem anderen auffllt als hchstens der
Jungfer Jule. Schn also -- und noch einmal gute Nacht!

Er trifft mit seinen nichtsnutzigen Redensarten dann und wann
sonderbarerweise den Nagel auf den Kopf, der gute Freund unter dem
Stachelbeerbusch. Wir betrachten uns alle von neuem den Vetter Just
Everstein unter seinem Kirschbaum und sehen ihn uns auf das Wort von dem
Nachtwandeln hin an.

Er lt die Knie fahren, reibt sich die langen Beine eine Weile sehr
nachdenklich, windet sich sozusagen an sich selber langsam und mhselig
in die Hhe, hat mich dabei, ohne da ich den geringsten Widerstand zu
leisten imstande bin, mit emporgezogen und sagt:

Komm' du mal mit, Fritz. Ihr anderen knnt uns rufen, wenn der Kaffee
fertig ist.

Er hlt mich mit eisernem Griffe am Oberarm, tritt ber den Kameraden
unter dem Stachelbeerbusche weitbeinig hinweg und nimmt mich mit sich,
und ich wei schon _wohin_; denn es ist nicht das erste Mal, da er mich
in dieser oder doch einer ganz hnlichen Weise abseits fhrt. Und ich
wei auch schon _wozu_; denn es ist nicht das erste Mal, da er sich an
mich hlt, wenn die anderen und die Welt ihm und er selber sich zuviel
werden. Damals lachte ich ebenfalls; heute sehe ich sehr ernsthaft aus,
wenn Leute Vertrauen in mich setzen, Rat von mir haben wollen und sich
auf mich mehr als auf andere verlassen zu drfen glauben. Ich habe im
Laufe der Zeiten allzuviel von meinem Grundvermgen an Selbstvertrauen
ausgegeben und eingebt, um das Ding jetzt noch bequem, leicht und
vergnglich nehmen zu knnen: -- ach, armer Vetter Just, und wie fest
und angsthaft verlieest du dich an jenem Sommertage auf meine
Schlerweisheit und wolltest Licht daraus fr deinen ganzen tapferen,
guten, groen Lebensweg! Mein bester Trost ist da heute, da dir damals
noch viel weniger damit geholfen gewesen wre, wenn ich dir mit der
vollen Summe meiner jetzigen Weisheit htte aufwarten und zu Hlfe
springen knnen!

Es befindet sich in einem Erker im Dache des Wohngebudes auf dem
Steinhofe ein einfenstriges Gemach, von dem aus man eine weite Aussicht
hat ber Wlder und Felder, ferne und nahe Hgel und Berge, eine
Aussicht, so gut sie eben ein Blick dem Lande Westfalen zu liefern mag.
Die Wnde sind vor fnfzig Jahren vielleicht zum letzten Mal geweit
worden. Der Gipsfuboden ist in den kuriosesten Mustern nach allen
Richtungen hin gesprungen und senkt sich ziemlich schrg von dem Fenster
der Tr zu. Urvterhausrat ist der Ofen, der Tisch und die zwei Sthle.
Urvterhausrat ist der Schrank, der des Grovaters Bcherei enthlt. Ein
gut Drittel alles Raumes nimmt des Vetter Justs Bettsponde ein, in
welcher der Vetter, ganz entgegen der landesblichen Gewohnheit, auf
Stroh schlft und auch nicht unter dem gewohnten Federgebirge und
kugelartigen Deckbett.

Er ist ein Monster in allem, was er tut und lt! sthnt Jule Grote
jedesmal, wenn sie den Schlssel in der Tr steckend findet oder ihn
sich mit Gewalt erobert.

Der Vetter, der meinen Arm auch auf der Treppe nicht losgelassen hat,
befrdert mich mit einem pltzlichen Schub und Sto in die Mitte seines
Heiligtums. Hastig verschliet und verriegelt er die Pforte von innen,
dann wendet er mir ein von verschmtem, aber glckseligstem Lcheln
verklrtes Gesicht zu und seufzt aus tiefster Brust:

So! Nun la sie kommen!... Willst du eine Zigarre, Fritz?

Ich wei, obgleich ich selber nichts weiter als ein dummer Junge bin,
womit ich dem alten wundervollen Jungen in diesem Raume zu Gefallen sein
kann, wie niemand sonst in der Welt. Und die Luft in diesen engen vier
Wnden mu von sonderbaren Sporen und Keimen erfllt sein:
_Dschinnistan_ ist fr uns _beide_ da; die trge Verdauungsstunde unter
den Bumen des Grasgartens, aus dem wir eben die Treppe heraufgekommen
sind, ist wie in ein fern vergangenes Jahrhundert entrckt. Ich sitze
auf dem Bette des Vetters, und er hlt mir das brennende Schwefelholz an
den dargebotenen Glimmstengel und flstert glnzenden Auges:

Langreuter, ich habe ihn heraus!

Es ist ein ses Blatt, das ich da verqualme; aber ins Husten gerate ich
doch darber und zwischen dem Husten frage ich:

Wen hast du heraus, Just?

Ein Schlag auf die Schulter wirft mich zurck auf den Strohsack und mit
dem Hinterkopf an die Wand.

Den ^Magister matheseos^!... Es ist, wei Gott, richtig! Das Quadrat
der Hypotenuse ist wahrhaftig so gro wie die Summe der Quadrate der
beiden Katheten am rechtwinkeligen Dreieck!

Ich reibe mir wohl den Hinterkopf ein wenig; aber so betubt haben mich
der krperliche Puff und die geistige berraschung doch nicht, da ich
nicht mit Herz und Seele, mit Armen und Beinen und vor allem mit einem
Hurra aus gesunder Lunge an der wissenschaftlichen Errungenschaft des
Vetters teilnehmen knnte.

Das ist famos! das ist brillant! Just, das ist groartig!... Und ganz
allein aus dir selber; -- das ist riesig --

Ich habe dich auch blo dazu mit hier heraufgenommen. Jetzt brauchst du
nur noch zu brllen: das ist borstig! das ist haarig! -- und wir knnen
wieder zu Ewald und den Mdchen in den Garten hinuntergehen, Fritz!

Es kommt einem gewhnlich erst lange, nachdem man alle seine Examina
hinter sich hat, wie schwer es ist, mit den wirklichen groen Herren aus
Dschinnistan umzugehen, und -- den meisten kommt es gar nicht. Die
lobwrdigsten Examina in smtlichen Brotfchern tun da nicht das
geringste zur Sache. Mit wahrer Subtilitt will nur immer das behandelt
sein, was hinter dem berhmten Kanzler Oxenstierna steckt, nicht der
wenige Verstand in ihm -- nach seinem eigenen Wort --, der dazu gehrt,
um die Welt militrisch und ziviliter zu verwalten.

Du hast recht, Vetter, sage ich kleinlaut zurck; vergib mir nur noch
mal das Dumme-Jungen-Betragen. Na, alter Kerl, gib mir die Hand. Da ich
mich riesenhaft freue, wenn es dir gut geht, weit du ja. Und da du ein
nobler Kerl bist und zwanzigmal mehr wert als wir anderen alle
miteinander, das wei ich. Und jetzt komm' hierher an den Tisch und
beweise mir das nichtsnutzige Untier von Lehrsatz gleichfalls. Was die
verdammte Bestie mich an Schwei und Blut gekostet hat, das wissen die
Gtter. Und frage nur Ewald. Mathematik ist seine Force, aber drei
Glatzkpfe knnten sich Percken aus den Haaren machen lassen, die er
sich darber ausgerauft hat, und vom Oberlehrer Dr. Grimme wei ich es
fest: er trgt eine aus dem Busche, der auf Ewalds Kopfe gewachsen ist,
und hat sich das Material selber mit den Wurzeln ausgezogen.

Den Witz habe ich schon einmal anderswo in Bchern gelesen, Fritz,
meint der Vetter.

Dann kannst du dich fest darauf verlassen, da es gar kein Witz ist,
sondern eine richtige, schreckliche Wahrheit, Just. Frage nur Ewald
danach.

Nun hngen wir ber dem Tische, und der Vetter Just Everstein beweist
mir den Magister. Es mt ein gut Stck vom einstrzenden Himmel dem
Erben und Meister des Steinhofes auf den Kopf fallen, um ihn zum
Aufgucken zu veranlassen. Er verwickelt sich und gert auf falsche
Fhrten und gert auch sich mit der Faust in den blonden Haarwulst. Er
findet sich wieder zurecht, und es wird licht und immer lichter vor und
in seinen Augen. Endlich ist er siegreich durch und sein
autodidaktischer Triumph vollstndig.

Hurra!... Wei Gott, er hat den Pythagoras unter sich und kniet ihm auf
der Brust!... Vetter, du bist ein Riese! Und auch dies hast du alles aus
dir selber?...

Und aus Bchern! sagt der Vetter Just Everstein viel verschmter als
ein junges Mdchen, dem man zum ersten Mal sagt, da es hbsch sei. Die
junge Dame auf dem Ball erfhrt da natrlich nichts, als was sie sich
schon lngst selber mitgeteilt hat; der Vetter Just aber wei von
nichts, was ihn selber angeht, und glaubt am meisten noch der Mamsell
Jule Grote, die ihm jeden Tag von neuem zu hren gibt, da er der grte
Nichtsnutz, Unverstand und Tagedieb sei, den der liebe Herrgott in
seinem Zorn zu ihrem Elend in die Welt und auf den Steinhof habe
hinsetzen knnen.

Von den Bchern kommen wir natrlich auf des Grovaters Bcherschrank.
Dschinnistan -- Genieland, Geisterland ffnet seine Pforten immer
weiter. Wir haben lngst alle Berechnung darber verloren, was es in
Bodenwerder geschlagen haben mag auf dem Kirchenturme. Wir kmmern uns
nicht im geringsten darum, da es auch auf dem Steinhofe eine Uhr gibt,
die ziemlich richtig die Zeit anzeigt und von Jule Grote gewissenhaft
immer von neuem aufgezogen wird.

Wir sind zum Kaffee gerufen worden und haben nur geantwortet:

Ja, gleich. Im Augenblick!

Irene hatte Freund Ewald die Augen mit ihrem Taschentuch verbunden, und
er hat den Blinden im Blindekuhspiel recht gut zu spielen gewut. Wir
haben das helle Lachen und Kreischen wohl vernommen und dabei aufgeguckt
und gefhlt, da es in dieser engen Kammer unter dem Dache an diesem
Julinachmittage ziemlich schwl sei trotz dem offenen Fenster; aber wir
haben auch diesen Lockungen nicht Folge geleistet, sondern nur
wiederholt:

Ja, gleich! Wir kommen ja schon!

Damals brummte mir der Kopf, als Ewald Sixtus zuletzt eine Leiter mit
Hlfe des Hofjungen vom Schafstall herberschleppte, sie am Hause
emporrichtete und pltzlich durch jaches Erscheinen in der Fensterbank
und unbndig Geschrei uns mit roten Kpfen und offenen Mulern aus
Traumland und der Literatur vom Ende des achtzehnten und Anfang des
neunzehnten Jahrhunderts in die Welt der Wirklichkeit und in die
Gegenwart zurckri. Heute wei ich ganz genau, wie das Schicksal,
wahrscheinlich mit dem Finger an der Nase, ber den Vetter Just
Everstein dachte, nmlich:

Hre, lieber Sohn, Dich kenne ich wie alles brige gut genug, um dich
wie alles brige auswendig zu wissen. Du wrdest mir ein netter Hahn
geworden sein, wenn ich dich von deinen Eierschalen an auf den Mist
gesetzt htte, der dir heute dein Ideal ist. Dich htte ich wohl
verbrauchen sollen als dyspeptischen Professor der Philologie und
dysoptischen Doktor der Philosophie, -- nicht wahr?! Ne, ne, nicht
rhran! Hier wchst du mir mit deinen Spinnen im Kopfe auf deinem
angeerbten hchst realen vterlichen Dnger und in der Gesellschaft von
Jule Grotes Ferkeln und Kken auf. Nachher werden wir weiter sehen und
den Kerlen mit ihren Systemen beweisen, da doch auch in unserem
Durcheinander und Kopfber Kopfunter ein gewisses System vorhanden ist!
Bitte, geniere dich ja nicht, du Tropf! rede mir nur drein und zappele
dich ab, um dir und mir meine Widersinnigkeit zu beweisen. Es haben mich
schon ganz andere Vlkerschaften und Herrschaften fr absolut ungereimt
erklrt und das mir sogar auch schriftlich gegeben; ich habe aber
zuletzt immer doch noch einen ziemlich passenden Reim auf sie zu finden
gewut. Nur schade, da ich nicht wie ihr sagen kann: Wer zuletzt lacht,
lacht am besten.




Zehntes Kapitel.


Wie s das Mondlicht auf dem Hgel schlft!

Es schlft auf allen Hgeln in der Ferne der Erinnerung fr den rechten
Menschen: die Sonne mag ihm noch so hufig hell und scharf aufgegangen
sein im Leben.

Und Porzia sagt:

   Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal:
   Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!

Und Porzia sagt:

Horch, Musik!

Es sind die Musikanten _Eures_ Hauses, antwortete Nerissa; und -- ^one
touch of nature makes the whole world kin:^ wer mchte nicht immer so
nach Hause kommen bei Mondenlicht und wenn der Schein der heimatlichen
Lampe durch die Bume flimmert und des Hauses Musik dem Heimkehrenden,
der den heien Tag mit seinen Freuden, Nichtigkeiten und
Widerwrtigkeiten durchwanderte, leise und wehmtig, aber ser und
herzlsender als alles, was der Tag zu bieten hatte, von fernher
entgegenklingt?

Das ist nicht blo in Belmont so gewesen, das war lange vorher so, ehe
Venedig existierte, und wird hoffentlich auch wohl noch so sein, wenn es
lngst wieder in dem Sumpfe, aus dem es emporstieg, versunken ist.

Wie oft sind wir so heimgekommen, wir glcklichen Kinder damals?! Aus
den grnen Wldern und aus den bereiften Wldern. Aus der Maiblumenzeit
und aus dem Herbststurm. Von der Johanniswrmerjagd und vom Eislauf. Sie
behaupteten dann jedesmal, da sie sich recht sehr um uns gengstigt
htten; aber dieses gehrte ja ganz und gar zu der Musik, mit der uns
die Heimat empfing, und wer mchte in spteren Jahren einen Ton der
besorgten Liebe, die frher auf ihn achtete, in der Erinnerung
vermissen?

Sie haben es uns nicht merken lassen, oder aber wir haben auch wohl
nicht darauf geachtet, da viel grimmigere Sorgen als unser sptes
Nachhausekommen das Schlo Werden ngstigten. Der Herr Graf hat es
seiner Tochter nicht mitgeteilt, welch einem schlimmen Shylock mit
Messer und Wagschale seine Existenz verpfndet war. Er hat seine
Lebensnot fr sich behalten, wie meine Mutter ihre Ahnungen davon
gleichfalls nicht laut werden lie. Selbstverstndlich haben doch viele
Leute darum gewut; _wir_ aber nicht, denn zu den Leuten gehrten wir
eben damals noch nicht. Es gehrt erst das richtige Alter dazu, ehe man
zu seinem eigenen Schaden von der Welt unter jenes Sammelwort mit
einbegriffen wird.

Da es schlecht um den Steinhof stand, wuten wir; denn Jule Grote tat
ihrer Zunge keinen Zwang an in ihren Warnungen und Vorwrfen, mit denen
sie ihn (den Vetter Just _einbegriffen_) immer noch zu retten oder, wie
sie sich ausdrckte, herauszureien hoffte; -- aber wie schlimm es um
Schlo Werden stand, das haben wir erst erfahren, als nichts mehr
herauszureien war. Die Leute hatten eben viel zu viel Respekt vor dem
Herrn Grafen, um ihm mit ihren Warnungen, Redensarten, gutem Rat und
Vorwrfen zu kommen.

Aber aus Kindern werden Leute. Die Zeit steht nicht still; -- weder in
dem grnen Walde noch im entbltterten, weder ber der Weizensaat noch
ber dem Stoppelfelde, nicht auf dem Flusse noch diesseits und jenseits
desselben, weder in Bodenwerder noch auf dem Steinhofe und auf Schlo
Werden.

Wir sind vier oder fnf Jahre lter geworden und, was uns Knaben
anbetrifft, eben dem Gymnasium entwachsen. Ich habe mich der Philologie
gewidmet und treibe die dahin einschlglichen Studien in der groen
Stadt Berlin; was daraus werden wird, ist mir augenblicklich noch recht
dunkel; ich habe eigentlich nicht gerade viel Lust, spter einmal den
gelehrten Schulmeister zu spielen und meinesgleichen wiederum
heranzubilden und gro zu ziehen. Ewald Sixtus befindet sich auf einem
sddeutschen Polytechnikum. Er hat die Absicht, Baumeister, Ingenieur
oder dergleichen zu werden und kostet vor der Hand seinem Alten in dem
billigen Sden ein Erkleckliches.

Unser rmischer Namensvetter wrde wohl andere Saiten gegen seinen
Jungen aufgezogen haben, wenn die Wechsel nie reichen wollten, brummte
der Alte in dem Frsterhause. Aber der Wildkater wei es einem immer so
plausibel zu machen, Herr Graf; -- und dann ist da jedesmal, wenn die
Ferien kommen, seine Schwester fr ihn da, Frau Langreuter, und geht
einem um den Bart; und so ein gutes Kind wie das Mdchen, Frau
Langreuter, das hat die Gegend hier herum noch nicht weiter aufgezogen;
die gndige Komtesse ist natrlich ganz anders, ein nettes, vornehmes
Frauenzimmer. -- Ei, sieh mal, Fritze, bist du auch mal wieder da? Ja,
ja, der alte Kessel! Nicht wahr, es rudelt sich doch immer wieder ganz
gut daselbsten? Na, morgen kommt auch mein Junge; da werden ja denn wohl
das stille Leben und die Friedlichkeit fr anderthalb Monate ihr Ende
haben.

Ich sollte nun auch wie der Papa Sixtus von den zwei jungen Damen oder
den beiden Mdchen, Irene und Eva, in zwei Worten ein Charakterbild
geben. Und dies wunderbare Thema lt sich im Grunde auch wirklich so
abmachen. Sie waren Frulein, die eben zu Jungfrulein geworden waren;
und sie bersahen uns weit.

Sie knnen einen verrckt machen mit ihrer klassisch groartigen
Sffisance, sagte Meister Ewald und meinte hauptschlich die Komtesse
Irene. Ho, ich glaube wahrhaftig, man mu sie erst geheiratet haben, um
ganz genau zu erfahren, was eigentlich hinter ihnen steckt!

Groartige Selbstgengsamkeit hatte ich Even in ihrem Verkehr mit mir
nicht vorzuwerfen; aber es kam ziemlich auf dasselbe hinaus, wenn ich
dann und wann ihr Betragen fr hchst sonderbar und sie fr ein
merkwrdig unberechenbares Frauenzimmer erklrte. Da man ein
Frauenzimmer heiraten knne, war mir in dem Kreise meiner
Vorstellungen als etwas Mgliches und vielleicht auch zu Erstrebendes
noch nicht deutlich und falich. Die geniale uerung Ewalds in dieser
Beziehung berhrte ich zuerst ganz, dachte dann am nchsten Tage
zufllig wieder daran und schrieb sie mir erst in der folgenden Nacht
als eine kolossale Frechheit und als -- etwas ungemein Interessantes
fest ins Gedchtnis.

Gewachsen sind unsere Nubsche an der Gartenhecke nicht mehr; sie sind
aber noch mehr ins Breite gegangen mit ihren Zweigen und berschatten
einen weiteren Kreis. Unsere alten Kindernester hngen noch in diesen
Zweigen; aber es sind ausflogene Nester. Die jungen Damen klimmen nicht
mehr zu ihnen empor, und nur Freund Ewald ruft noch dann und wann hoch
in einem Wipfel das Gedchtnis frherer seliger fauler Stunden in seinem
Busen wach und lt seine langen Beine mit alter Grazie uns auf die
Kpfe niederbaumeln; denn unser Lieblingsplatz sind die Bnke in diesem
lieblichen Schatten doch geblieben, trotzdem da wir so sehr erwachsen
und verstndig und anstndig geworden sind.

Es ist aber einerlei; auf dem Grunde unserer Seele schlafen doch alle
alten frhlichen Neigungen. Wir gehen noch von dem groen Nubaum aus
den Unserigen durch; der einzige Unterschied ist, da die Mdchen (auch
Irene) noch ein wenig mehr Einwendungen zu machen haben, und da wir es
zu Hause mitteilen, da wir ausgehen, und uns die Erlaubnis nicht ohne
weiteres selbst nehmen. Frher freilich lieen wir alle unsere Sorge den
lieben Angehrigen, heute nehmen wir schon ein gut Teil unserer eigenen
Sorgen auf alle unsere Wege, auch auf die lustigsten, mit uns.

Und da sind wir wieder auf dem Wege, von dem wir erst im Anfange dieses
Kapitels beim sen Licht des Mondes und beim Lampenschimmer der Heimat
zurckkehrten. Es ist wieder Sommer, und wieder steht Mondschein im
Kalender. Wir gehen wieder auf Besuch zu dem Vetter Just nach dem
Steinhofe; aber nicht nur, wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht
dasselbe: auch wenn man zweimal dasselbe tut, ist es gleichfalls nicht
mehr dasselbige. Die Namen, die Adam den Dingen gab, bleiben wohl, und
die Menschheit darf sie dreist dabei nennen; aber flchtig sind des
Menschen Auffassungen und Begriffe: was er heute so nennt wie gestern,
ist heute nicht mehr das, was er gestern darunter verstand. Wir gehen
tausendmal den nmlichen Weg, aber nimmer wieder denselben; --

   Ach, und in demselben Flusse
   Schwimmst du nicht zum zweiten Mal.

Gottlob, das Echo in unseren Bergen und Wldern wachzurufen, haben wir
noch nicht verlernt -- Ewald und ich nmlich.

Holla, der Steinhof: Heda, he, Vetter! Vetter Just Everstein!

Holla, holla, hier! klingt es zurck, und der Vetter, nunmehr
fnfundzwanzig Jahre alt, kommt langsam und langbeinig, unbeholfen, fett
und uerlich unsagbar vertiert, die kurze Pfeife im Munde, ber seinen
Hof uns entgegen, nach dem Hause zurckrufend:

Jule, da sind sie.

Und wieder erscheint Jule Grote auf der Haustrtreppe, um fnf Jahre
hexenhafter von auen und weichmtiger von innen geworden.

O mein Je, die jungen Herrschaften! Die Ehre und das Vergngen werden
ja jedesmal grer; denn so wie die jungen Leute, mit Erlaubnis zu
sagen, heranwachsen, das glaubt gar keiner, der es nicht immer von neuem
mit ansieht.

Und du hast uns wieder voraufgeahnt, Vetter Just? lacht Ewald.

Natrlich! Und sowohl von wegen der Seelenkunde, als der
Witterungskunde. Nach wem habt ihr euch denn wohl am meisten whrend des
vierzehntgigen Landregens hingesehnt als nach mir. Meteorologie nennt
man dieses, wenn man seine Freunde genau kennt und zu gleicher Zeit mit
der Landwirtschaft zu schaffen hat.

Wahrlich, so ist es, Herr Vetter! lacht auch Irene, die Hnde
zusammenschlagend, und Eva lacht auch, und der Vetter gibt der letzteren
zuerst die Hand; denn sie macht sich immer noch von allen am wenigsten
ber ihn lustig, das heit gar nicht; und er wei das um so mehr zu
schtzen, je gelehrter er geworden ist und weiter wird. Der Ernst und
die ernsthafte Teilnahme seiner Umgebung und guten Bekannten hlt
selbstverstndlich nicht Schritt mit seinen Fortschritten in Bildung und
Wissenschaften. Im Gegenteil, sie bleibt sehr zurck dahinter, und die
gute Bekanntschaft nimmt ihn immer vergngter, was man ihr schon htte
hingehen lassen knnen, wenn nicht leider bereits Leute darunter gewesen
wren, die auf seine Verrcktheit _spekuliert_ htten und eigene
Bestrebungen darauf bauten. _Die_ lachen nur hinter seinem Rcken, und
er hat keine Ahnung von ihnen, trotzdem da Jule Grote ihn tagtglich
auch auf das aufmerksam macht und mit der Nase darauf hinstt.

Die Lacher nimmt er in gewohnter Weise leicht.

Das ist mir ganz einerlei, meint er. Ich denke sie mir allesamt
rckwrts, wie sie alle an ihrer Mutter Brust gesogen oder eine Amme
gehabt haben oder mit Brei aufgefttert sind, und wie keiner was fr
seine Natur kann und ich auch nicht. Wenn ich da muffig werden wollte,
so htte ich wohl manche andere bessere Gelegenheit zur Wut. Ich habe
doch alles versucht. Ich habe mir eine Kanarienvgelhecke angelegt, und
ich habe mich auf die Bienenzucht geworfen -- oben stehen die Bcher
ber beides, und es ist eine ganze Reihe geworden. Ich habe es mit der
wissenschaftlichen Verbesserung der hiesigen Ackerstelle in konomischer
Hinsicht probiert und -- oben stehen die Bcher auch, und da habe ich
nicht den tausendsten Teil von dem, was darber erschienen ist, aber
eine schne Reihe ist es doch. So wahr ich hier stehe, es ist mir
bitterer Ernst um meiner Vter Erbe, obgleich ich noch nicht einmal wie
sie verheiratet bin und Nachkommenschaft habe. Der liebe Gott wei es,
wie oft ich mich schon dem Teufel vor Angst und Verdru htte bergeben
mgen!

Dieses pflegte er zu sagen; augenblicklich aber brummt er im hchsten
Behagen:

Wir sind eben beim Frhstck. Kommt nur rasch herein. Jule!

Ich wei ja schon, Just, ruft die Alte, die harte treue Hand im Kreise
herumreichend. Alles, wie es sich schickt. Vorliebnehmen ist auch was,
was der liebe Gott gern hat.

Da ist nun die alte gute Bauernstube des Steinhofes zum zweiten Mal.
Wieder voll Augustfliegen und mit all dem brigen Zubehr, -- auch den
Hhnern.

Alles immer noch so wie sonst, grinst der Vetter. Tretet mir nur die
Kken nicht tot. Aber ein Skandal ist es eigentlich und schickt sich gar
nicht, Frulein Eva. Wenn ich mir die Mastviehzucht -- ich will mal
sagen, die Schweine -- aus dem Salon entfernt halte, so komme ich damit
an die Grenzen des Menschenmglichen, Frulein Irene. Das Gedicht von
Goethe, Grenzen der Menschheit, ist da ganz auf meinen Fall und meine
Umstnde gemacht.

Weil wir alle wissen, da wir hier jederzeit so, wie wir erschaffen
wurden, willkommen sind, deshalb sind wir alle Augenblicke bei Ihnen,
Vetter, lacht die Komtesse. O, kmmern Sie sich Evas und meinetwegen
gar nicht um die Grenzen der Menschheit. Lassen Sie dreist alles herein,
was von Rechts wegen zum Steinhofe gehrt.

Und dies ist wieder Schinken! stottert der Vetter blde glckselig.
Und zu empfehlen, Frulein. Sehen Sie, ein Barbar bin ich auch gegen
diese lieben Borstentiere nicht. Ein jeder mu doch nach seinem Nutzen
in der Welt taxiert werden, -- auch das ^Porcus^! Nicht wahr, Ewald?
nicht wahr, Fritz? Jule, mehr Milch fr die Damen!

Wir tun ihm den Gefallen und lachen ber seinen Witz herzlich; nur Ewald
bemerkt dazu:

Drehe mal den Schlssel dort im Schrank und rcke mit einem Nordhuser
auf den Schrecken heraus!

Wir sind diesmal mehr unter uns. Die Leute sind drauen im Felde oder
sonst in Adams Berufe ttig. Die alte Jule geht ab und zu.

Wenn der Vetter eben noch behauptete, bereits gefrhstckt zu haben, so
knnte ihm ein magenkranker Millionr dreist zwei Drittel von seiner
Million fr den Appetit bieten, mit dem er in unserer liebenswrdigen
Gesellschaft frisch von neuem ans Werk geht. Sein Hang in das Geistige
hinein und sein Sehnen nach den weniger materiellen Interessen der
Menschheit haben ihm da gottlob bis jetzt noch keinen Abbruch getan.

Wir holen ihn natrlich mehr oder weniger harmlos aus ber seine
gegenwrtigen Studien. Vierschrtig sitzt er heute vor mir da, mit
beiden Ellenbogen auf dem Tische das mecklenburgische Wappen zur
Darstellung bringend, und -- verschmt wie irgend eine Jungfer im
durchlauchtigsten deutschen Bunde. Und doch ziert er sich nicht. In
seinem Kauen, Schlingen und Schlucken gibt er ganz naiv und auch etwas
geschmeichelt Nachricht von sich. Eva findet ihn im geheimen rhrend,
Irene von Everstein rhrend-komisch, Herr Ewald Sixtus einfach zum
Wlzen! und ich -- ich finde, da sie alle recht haben in ihren
Meinungen von ihm; denn ich bin leider am festesten davon berzeugt, ihn
lngst herausgefunden zu haben, und zwar als einer von den ersten.
Gtiger Himmel!

Gtiger Himmel! O du lieber Gott!... Das ist auch so ein Ausruf, durch
den sich der Mensch Luft macht, ohne dabei viel an das zweite Gebot zu
denken.

Ich sttze den Kopf auf die Hand, und die Rechte, die ihre Federzge
weiterfhrt, ist nicht mehr imstande, auf jedes Komma und jeden Punkt zu
achten. Ist es mglich, da die Sonne so hell und der Mensch so
sorgenlos sein kann? Wir haben es an unserem eigenen Leibe und in
unserer eigenen Seele erlebt; also mglich mu es doch wohl sein! Ich
habe bis jetzt meistens im Prsens geschrieben; in den Zeitformen der
Vergangenheit fahre ich von _jetzt an_ fort zu schreiben.

Unser Behagen an dem guten Tage, an der guten Stunde war wieder einmal
auf das Hchste gestiegen, als Jule Grote den Kopf in die Tr steckte
und uns benachrichtigte:

Es steht ein Mann drauen, der will die jungen Herrschaften sprechen;
und hier ist ein Brief fr dich, Just. Der Landbrieftrger von
Bodenwerder hat ihn auch eben gebracht; aber er hatte es eilig, und was
darin steht, wute er nicht.

Hurra! riefen Just, Ewald und ich, die Mdchen sahen lchelnd auf und
nach der Tr. Da uns da etwas Unangenehmes oder gar noch etwas viel
Schlimmeres kommen knne, fiel uns nicht in den Sinn. Die ganze Welt:
die Erde, dieser treffliche Bau, dieser herrliche Baldachin, die Luft;
dies wackere umwlbende Firmament, dies majesttische Dach, mit goldenem
Feuer ausgelegt -- war alles in zu guter Ordnung, als da wir uns auch
nur den allergeringsten Ri durch es htten vorstellen knnen.

Man hat doch keinen Augenblick vor ihnen Ruhe! hatte Ewald gerufen und
war aufgesprungen, um den Boten von Schlo Werden hereinzuholen oder
drauen auszufragen nach dem, was man von uns wnsche. Der Vetter hatte
seinen Brief ruhig neben seinen Teller gelegt und nur gesagt:

Er ist von Stakemann in Bodenwerder. Weshalb kommt der alte Junge nicht
selber, wenn er mir was zu sagen hat. Na ja, es ist eben keine
Jagdzeit.

Er wischte langsam und behaglich die fettglnzenden Finger an seiner
Lederhose ab, ehe er das Schreiben von neuem aufnahm und es erbrach. Als
Gelehrter wute er natrlich, da man jedwedes Schriftstck mit dem
gehrigen Respekt (selbst wenn es nur vom Freund Stakemann in
Bodenwerder war) und vor allen Dingen mit Reinlichkeit zu handhaben
habe.

Komm doch mal heraus, Fritz, sagte Ewald Sixtus dann von der Schwelle
und auf seinem Gesicht war keine Spur mehr von der Lust der Minute
vorhanden.

Was ist es denn? fragten die beiden Mdchen immer noch lachend; doch
schon im nchsten Augenblick hatten sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf
den Vetter Just Everstein zu richten, der mit seinem jetzt geffneten
Briefe in der Hand wortlos und mit offenem Munde dasa, dann sich ber
die Stirn strich wie einer, dem der kalte Angstschwei ausbricht, wieder
das Geschreibsel ansah, aber doch nur, als ob er den Inhalt desselben
trume, dann die Hand schwer auf den Tisch und auf seinen Teller fallen
lie, da die Scherben davon nach allen Richtungen hin auseinander
flogen, und zuletzt aufstand und starr dastand und in jenen Ri blickte,
der einem jeden zu irgendeiner Stunde mehr oder weniger durch sein
Universum gegangen ist. Die Wand und die Stubendecke fllt wohl nicht so
leicht ein, wohl aber das mit goldenem Feuer ausgelegte Firmament -- die
ganze Welt wie wir sie uns _dachten_ in unserer Unerfahrenheit von ihr.

Den Boten hatte uns meine Mutter eine Stunde nach unserem Weggange von
Schlo Werden nachgejagt. Der Herr Graf war in einem Gartenweg vom
Schlage gerhrt, gelhmt und bewutlos aufgefunden worden. Als der Bote
sich aufs Pferd warf, lebte der arme Herr zwar noch; aber es stand
schlimm mit ihm, und -- die Frau Langreuter wre am liebsten selber
gekommen, um die gndige Komtesse nach Haus zu holen, sagte der Bote.
Was ich sonst vernommen habe, ist, da kurz vor dem Unglck ein Brief
von dem Herrn Doktor Schleimer in Bodenwerder angekommen war.

Das war ein jher Schrecken, der an dieser Stelle kurz abgemacht werden
mu.

Den Brief hatte der gute Freund des Vetters aus Bodenwerder geschrieben,
und er lautete:

Pa auf, Vetter Just! Seit vorgestern fehlt der Doktor Schleimer, und
seit heute morgen ist es sicher, da er, wenn er es irgend mglich
machen kann, frs erste nicht nach Hause kommen wird. Du solltest das
Aufsehen hier sehen; aber natrlich hat's jetzt jeder lngst
vorausgewut. Ob ihn die Gerichte durch ihre Steckbriefe und
Signalements wieder einholen werden, ist die Frage. Aber eine andere
Frage ist's, wie Du eigentlich mit ihm stehst. Du weit, er hatte einen
sicheren Schu, das mu man ihm lassen; aber da er auch zu anderen
Dingen als blo zur Jagd nach dem Steinhof hinaufgekommen ist, glaubt
mehr als einer, der manchmal nach euch hingehorcht und seine Augen offen
gehabt hat, z. B. ich. Kannst du ihm ruhig nachsehen, so ist's mir sehr
lieb, und ich bitte dich, gib baldigst Nachricht, da ich aus der Sorge
komme. Hast du da Dreck am Stecken, so bin ich Dein Freund und habe Dich
hiermit verwarnet. Du bist dann aber zu Deinem Trost der einzigste
nicht, der sich vor Gift die Haare auszuraufen hat. Hier sind Dutzende,
die dem Notar den Kalk von den Wnden herunter nachfluchen, und darunter
am meisten die, welche mit dem urfidelen Kerl (und das war er!) auf der
Kegelbahn und an unserem runden Tisch beim Posthalter Brderschaft
gemacht oder ihn zum Gevatter gebeten haben. Aber das will noch gar
nichts sagen; meine feste berzeugung ist, da der Gegend das richtige
Licht erst dann aufgesteckt wird, wenn es jeder von euch biederen
Landleuten zu den Akten gegeben hat, wie er unter euch gewirtschaftet
hat. Wahrhaftig, mir sollte es recht leid tun, Vetter, wenn Du auch in
diesem Falle mit zu seinen besten Bekannten gehrst, und ich kann nur
wnschen, da Dir Dein verrcktes Latein und sonstige unsinnige
Liebhabereien zum ersten Mal was gentzt und zu dem richtigen Mitrauen
in Geldsachen und Unterschriften gegen die Menschheit verholfen haben.
Dieses alles habe ich Dir als Freund geschrieben; denn da es mir recht
kme, wenn dem Steinhofe durch solchen abgefeimten, nichtswrdigen
Spitzbuben und Durchgnger ein Malheur passierte, wirst Du wohl aus
alter Bekanntschaft und von wegen der vielen vergngten Stunden daselbst
nicht meinen, usw.

Der Vetter Just stand auf, setzte sich wieder, lie die Hnde matt und
flach auf die Knie fallen und sthnte:

Kinder, das ist freilich wohl fr uns alle die letzte vergngte Stunde
auf dem Steinhofe gewesen. O Frulein Irene -- sehen Sie nicht so stier
hin! vielleicht und hoffentlich steht es wohl noch nicht so schlimm mit
dem Herrn Papa. Medizinisch kann der Mensch mehr als einen Schlag
aushalten, ehe er fr immer zu Boden liegt. O Jule, liebe alte, arme,
alte, liebe Jule, ich wollte gleich fr alle Ewigkeit nicht wieder von
der Erde aufstehen, wenn ich dir dieses erspart htte. Ja, ich habe dem
Doktor Schleimer den Steinhof auf lateinisch in die Tasche gesteckt, und
er nimmt ihn mit hinber nach Amerika!

Die alte Jule Grote fiel aus dem Weinekrampf in den Lachkrampf --

O Just, Just, Just, sprich doch nicht von mir!

Was wir anderen sagten, lt sich nicht genau durch Wort und Schrift
ausdrcken; es war auch nicht von Bedeutung. Auch von unserem Heimwege
durch den heien, glhenden Tag ist wenig zu reden. Weie schwere Wolken
wlzten sich, als wir in dem morschen Kahne des Vaters Klaus wieder auf
dem Flusse schwammen, ber die Berge empor und in das lichte Blaue
hinein; Irene lag auf der Bank, mit dem Kopfe an Evas Brust; Ewald hatte
eine Ruderstange ergriffen, blickte von Zeit zu Zeit auf die beiden
Mdchen und nahm ingrimmig unserem Charon den schwersten Teil seiner
Arbeit ab. Ich lie mir wieder die Flut des Stromes ber die heie Hand
splen; aber Khle war nicht in dem Wasser.

Ich wei es wohl, da es da nicht gut steht, flsterte mir der
weihaarige Schiffs- und Fischersmann beim Aussteigen zu, indem er
verstohlen mit dem Daumen nach den heimatlichen Bergwldern deutete.
Ja, ja, junger Herr, es fliet alles hin wie das da! und er deutete
auf seinen Flu.

Das war kein neues Bild; ich aber sah doch auf die eiligen Wasser zurck
und fand den Vergleich von neuem tiefsinnig und einzig zutreffend. Wie
kommt es, da wir den Eindruck der hchsten Weltweisheit nie aus dem
Verkehr mit den Herren vom Metier, wohl aber gar nicht selten aus der
Bekanntschaft und dem Umgange mit dem Vater Klaus in seiner
Fischerhtte, mit der alten Tante in ihrem Erkerstbchen und mit dem
Unbekannten, dem wir seit vier Wochen tglich in der Gasse begegnen und
mit dem wir noch nie ein Wort gesprochen haben, -- ziehen?! Weil es die
Gemeinpltze, d. h. die hchsten Wahrheiten sind, auf denen unser Leben
spriet, wchst und wuchert, und nicht die hohen Offenbarungen des
Menschen im einzelnen. In ruhiger Stimmung bereiten wir uns durch die
letzteren wohl auf die entgegengesetzte vor, aber doch mehr, um die gute
Stunde noch behaglicher zu machen: die bse Stunde hat noch keiner
behaglicher dadurch gemacht.

Es donnerte hinter den Bergen, -- ein langgezogenes feierliches Rollen
dann und wann den ganzen Nachmittag ber. Wir kamen nach Hause, und der
Herr Graf konnte mit seiner Tochter nichts mehr sprechen. Er starb in
der Nacht. Wir anderen von Schlo Werden durchwachten sie, und wir
hrten den heftigen Sommerregen in den Blttern rauschen.




Elftes Kapitel.


Ich war dreiig Jahre alt geworden und, wie es in den Sternen
geschrieben stand, ein Schulmeister. Ich war Doktor der Philosophie und
hatte die ^venia docendi^ an der Universitt Berlin. Wenn sie nur
gekommen wren, um das von mir abzuholen, was ich selber gelernt hatte!
Aber sie blieben aus; sie schienen der Sache nicht im mindesten zu
trauen.

Zuerst versuchte ich es, mein philologisches Wissen auf einem
rheinlndischen Gymnasium an die Jugend zu bringen; jedoch bekam ich
bald von magebender Stelle herunter den Rat, diesen Versuch aufzugeben.
Man verwies mich zwar nicht offiziell dabei auf meine wirklich etwas
hohe Schulter; aber man zuckte doch nur die Achseln, wenn die Jungen
lachten und meine Autoritt gleich Null blieb.

Die Kirche, die immer den Nagel auf den Kopf trifft, hat auch darin
recht, da sie keinen mit irgendeiner aufflligen Gebrechlichkeit
Behafteten unter ihren ffentlichen Dienern leiden will. Sie hat
selbstverstndlich ihre Wrde zu bewahren, selbst auf Kosten ihrer
besseren berzeugung. Hat sie der Schadenfreude und der Lust am Lachen
unter ihren Lmmern ein ^testimonium divitiarum^ auszustellen, so tut
sie es und fhlt nachher nicht das geringste Bedrfnis, sich die Hnde
zu waschen, wie weiland der rmische Prokurator Pontius Pilatus.

Ich ging und berlie es besser gewachsenen Oberlehrern und
Kollaboratoren, die blonde und blauugige Jugend der Germanen zum
Einjhrig-Freiwilligendienst und auf das Abiturienexamen vorzubereiten.

Was ich dann trieb? Ich war stark im Griechischen und Lateinischen.
Einer Lieblingsneigung wegen hatte ich mich auf das Auffinden und
Nutzbarmachen mittelalterlicher Geschichtsquellen geworfen, und man hat
mich drauen eine Zeitlang schndlicherweise im Verdacht gehabt,
Doktordissertationen aus vielerlei Fchern im Vorrat anzufertigen, auf
Lager zu halten und sie bei sich bietender Gelegenheit gegen jedes
Honorar unter dem Siegel der Verschwiegenheit (Diskretion
selbstverstndlich) zu verschleien.

Dies ist eine schnde Verleumdung! Ich habe nur einem Menschen zum
Doktor verholfen, und der bin ich selber; und, um eine Redensart der
[Griechisch: Polis] anzuwenden: was ich mir dafr kaufen konnte, war
unbedeutend.

Aber es nennen sich manche Menschen Geschichtsforscher und edieren
Monographien, Volks- und Vlkerhistorien und haben seltsamerweise vor
den Quellen gerade eine so groe Scheu, wie vielleicht in ihrer Jugend
vor dem Quellwasser, wenn es am Sonnabend abend zu einer grndlichen
Reinigung ihrer Person verwendet werden sollte. Fr diese und hnliche
Herren war und bin ich der rechte Mann. Als wirklich geheimer
Mitarbeiter bin ich denn auch fr mehr als einen Parlamentarier
schtzbar, und manches Hrt, hrt! und manches allgemeine
Beifallsgemurmel wre eigentlich auf meine Rechnung und nicht die des
verehrten Vorredners und weit und tief blickenden Realpolitikers auf
der Tribne der gegenwrtig tagenden hohen politischen Krperschaft zu
setzen.

Was ich mir hierfr kaufen konnte, war etwas, wenngleich nicht viel mehr
als das, was mir die Sprachen der Griechen und Rmer zu Utilitts- und
Luxuszwecken und Ausgaben abwarfen.

So ging es mir denn ertrglich nach Wunsch, und sogar was den Luxus
anbetrifft; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen Tage, an dem
ich meine gute Mutter verlor und leider nicht mehr fr ihr Behagen in
ihren Greisenjahren zu sorgen hatte. Ich sa im Winter warm zu Hause,
ich speiste in einer der Restaurationen mittleren Ranges der Stadt, und
ich konnte mir dann und wann ein Buch, wenn auch nur antiquarisch,
anschaffen: auf dem hohen Standpunkte wohlangewendeter Lehrjahre, der
sich in dem franzsischen Worte: ^je ne lis plus, je relis seulement!^
darlegt, bin ich auch bis heute noch nicht angelangt, hoffe ihn aber
dermaleinst zu erklimmen.

Mein Zu Hause bestand in einer bescheidenen Junggesellenwohnung im
vierten Stockwerk eines Hauses in der Mittelstrae. Ich besa wohl eine
eigene Bibliothek, aber keine eigenen Mbel.

Ich hatte harte, steinige Pfade gehen und meine Wege hufig recht
heftigem Winde, argen Staubwirbeln und unbehaglichem Regenschauer
abkmpfen mssen. Selbst in den uerst seltenen Momenten, wo ich mich
fr einen uerst gescheiten Menschen dabei hielt, zog ich wenig Genu
und Befriedigung daraus; nmlich aus dem, was die Nebenmenschen
gewhnlich etwas spitzig eine uerst glckliche Selbstberzeugtheit zu
nennen pflegen. Und nun genug hiervon. Wie kurz und abbrchig ich dieses
alles hingeschrieben habe, so habe ich es doch nur wie jeder andere
gemacht und zuerst einzig und allein von mir selber als der wichtigsten
Angelegenheit dieser und jeder zuknftigen Welt gesprochen. Es soll
dafr aber auch bei mir nicht mehr als bei jedem anderen zu bedeuten
haben -- eine harmlose, eben der Menschheit anklebende Schwche und das
gleichfalls ganz allgemeine Bedrfnis, wenigstens etwas in der eigenen
Persnlichkeit im Laufe der Zeiten aufrecht und unberhrt zu erhalten.

Die anderen!... Wo waren die anderen im Strom der Zeit geblieben? Was
war aus den anderen geworden, die vor ein paar Seiten noch mit mir jung,
gesund, dumm und glcklich waren?

Wenn ich es nun mit schnen Redensarten zudecken wrde, wie wenig ich
mich im Grunde um diese anderen bekmmert hatte, so wrde mir das leicht
genug werden. Ich knnte aber auch den nchsten guten Bekannten oder den
ersten besten Unbekannten in der Gasse anrufen, um es mir von ihnen
besttigen zu lassen, wieviel der Mensch mit sich selber zu tun hat und
wie wenig Zeit und Nachdenken ihm fr den liebsten Freund brig bleibt,
wenn sich eine Wand, eine Stunde, ein Tag oder gar ein Jahr zwischen ihn
und uns gelegt hat.

Ich habe Jahre lang nur gewut, da Eva Sixtus in der alten Heimat dem
alten Vater immer noch Haus halte, da Ewald in seinem Beruf als
Ingenieur in Irland ttig sei und da Irene von Everstein verheiratet in
Wien lebe. Von dem Vetter Just habe ich gar nichts gewut. Ich erlebte
es noch als Student, da der Steinhof subhastiert wurde und weit unter
seinem Wert an einen Landsmann fiel, der schon lngst ein
freundlich-begehrliches Auge darauf geworfen hatte und einst ebenfalls
zu den frhlichsten und behaglichsten Gastfreunden und Jagdgenossen des
Vetters gehrte.

Da Schlo Werden gleichfalls unter den Hammer kam und unter dem Wert
einen Liebhaber fand, erfuhr ich brieflich durch meine Mutter, die dann
zu mir ins Rheinland zog, und daselbst, wie gesagt, in meiner
Kollaboratorwohnung nach lngerem schweren Leiden sanft gestorben ist.

Jule Grote sollte immer noch in Bodenwerder wohnen, doch das war ein
Gercht, von dem ich nicht einmal angeben kann, wie es zu mir gelangte.
Ich hatte viel zu viel mit meinem Griechischen und Lateinischen, meinen
mittelalterlichen Geschichtsquellen, modernen Geschichtsschreibern und
parlamentarischen Tagesgren zu schaffen, um mich viel um Jule Grote
kmmern, mich bei ihr aufhalten zu knnen. Es ist ja eben kein
Aufenthalt in dieser Welt bei den besten Dingen, -- und bei den besten
Freunden auch nicht; und wenn alle Lebenskunst am Ende nur darauf
hinausluft, sich unabhngig von den mitlebenden Menschen und Dingen zu
machen, so ist das eigentlich gar keine Kunst, sondern uns allen hchst
natrlich.

Nun nahm ich seit verhltnismig langer Zeit alles als etwas, was sein
konnte, jedoch nicht zu sein brauchte. Es gewhrte mir hufig das
bekannte egoistisch-kitzelnde Behagen, da die Tage, an denen auch ich
dann und wann grimmig und selbstberzeugt rief: Nun soll es sein! hinter
mir lagen.

Die se und sonnige, wlderrauschende, ewige Frhlings- und Erntefeste
feiernde Zeit von Schlo Werden lag auch hinter mir, und man hat es mir
im Lesezimmer der kniglichen Bibliothek nie angemerkt, da mir bei
meiner nrrischen Kompilationsarbeit die Erinnerung daran irgendwie
hinderlich in den Weg trat und mich vielleicht geduldig stimmte, wenn
ein mir augenblicklich ntiges Werk ausgeliehen war und bei einem, wie
Freund Ewald seinerzeit sich ausgedrckt haben wrde, dummen und
langweiligen Kerl lag, der doch nichts damit anzufangen wute.

Mir wird bedenklich flau zumute, wie ich alles dieses hier
niederschreibe, und ich denke, offen gestanden, mit einigem Grauen an
die mglicherweise doch eintretende Stunde, in der ich diese Seiten mit
ihren liebenswrdigen Selbstbekenntnissen wieder berlesen werde. Es ist
immer eine sonderbare, heikle Sache um das _Wiederlesen_ im eigenen
Lebensbuche! An welche Leser ich mich aber mit dem eben
Niedergeschriebenen wende, wei ich, Gott sei Dank, nicht. Mndlich
htten mich wohl nicht sehr viele aussprechen lassen, sondern das meiste
von sich aus anders und besser zu berichten gewut. Und es ist gut so,
denn es ist die gute Meinung, die die Welt von sich hat und lebhaft
geltend macht, die diese sonderbare ^Universitas^ aufrecht und im Gange
erhlt. Was sollte aus ihr, der Welt, werden, wenn jeder es vermchte,
den anderen ruhig aussprechen zu lassen? Eine recht objektive Welt, aber
eine vielleicht doch etwas zu ruhige; -- so etwas wie ein
Universalkirchhof vielleicht, voll sehr weise im Lapidarstil redender
Leichensteine. Der Herr erhalte uns also im recht frhlichen Kriege
gegeneinander, solange es ihm gefllt, uns berhaupt zu erhalten!




Zwlftes Kapitel.


Ob er wirklich so existiert, wie wir ihn aus tausendfachem
Zusammentreffen mit ihm kennen lernen, lassen wir eine offene Frage
bleiben. Wie wir ihn in unsere philosophischen Systeme einzureihen
belieben: im praktischen Dasein bleibt er verteufelt mehr als ein bloes
Wort oder ein Begriff. Er ist und bleibt der Herr und Gebieter. Und im
Gegensatz zu den brigen Erdenherren und Erdengebietern lt er sein
Kommen vorher durchaus nicht ankndigen, weder durch die drei Ste mit
dem Marschallstabe auf den Parkettfuboden, noch durch Posaunenste,
durch das Hervorrufen der Wachen, den obligaten Trommelwirbel, das
Prsentieren der Gewehre und das Senken der Fahnen. Die Erdenherren vor
allen brigen Sterblichen wissen es am genauesten, da er auch dazu --
viel zu vornehm ist: er, der _Zufall_ nmlich.

Von der Suppe aufsehend bei meinem altgewohnten alltglichen Speisewirt,
fand ich ihn mir pltzlich wieder einmal gegenber, und der Lffel
entfiel meiner Hand. Der Lffel ist der Hand viel grerer Philosophen,
Geschichtskenner und dergleichen Leute bei derartigen Gelegenheiten
entsunken, und sie haben es hoffentlich stets fr eine Gnade gehalten,
wenn ihnen der Appetit nicht fr lngere Zeit oder gar fr immer
verdorben wurde.

Gottlob war das letztere bei dieser Gelegenheit bei mir nicht der Fall;
aber die Erstarrung blieb dessenungeachtet fr lngere Zeit die
nmliche, bis sich das sie in ihr Gegenteil, die hchste Bewegung,
auflsende Wort fand:

Vetter!... Der Vetter Just!

Je unmglicher es erschien, desto bedingungsloser drngte sich die
Gewiheit auf, da er es war. Ja, er war es! Er war es unbedingt!...
Ausgeweitet nach allen Dimensionen; mit einem Ansatz zwar zu einer hohen
Stirn, sonst jedoch in keiner Weise infolge seines landwirtschaftlichen
Bankerottes verfallen und zu einer selbstgelehrten Ruine geworden,
sondern auch -- ganz im Gegenteil.

Er war es ganz gewi! und zwar mit einem gewissen, vllig
undefinierbaren Anstrich vom Exotischen, einem ihm ganz sonderbar gut
passenden Anflug von Amerikanertum. Wre einer von den Gttinger Sieben
seinerzeit nach Amerika ausgewandert; so htte er _so_ zurckkommen
knnen; Professor Gervinus vielleicht ausgenommen. Es war wundervoll!

Just Everstein! stammelte ich noch einmal, mehr gegen mich selber als
gegen diese unvermutete Erscheinung am Berliner Wirtstische gewendet;
und nun legte auch sie, die Erscheinung, oder er, der Vetter Just,
Messer und Gabel nieder, legte dann gleichfalls erstaunt einen
Augenblick lang beide Hnde auf den Tisch, erhob sich dann langsam, bog
sich ber, warf das Salzfa um, was beilufig diesmal ausnahmsweise kein
bel Omen war, und rief ganz mit der alten unvernderten Stimme vom Zaun
oder der Haustrtreppe des Steinhofes her:

^Now?^... Jetzt aber erst mal alle stille! Fritzchen!! Nun nur nicht
alles auf einmal!... Fritz? der kleine Fritze Langreuter!... Also
zuletzt doch wieder!... Ich bin es; aber -- jetzt la auch du dich
einmal anfhlen! Mensch, so reiche doch endlich deine Hand (^your fist^,
sagte er) her. O mein lieber Junge, das ist doch zu gut! ...

Es war ein sehr geflltes Restaurationslokal, in dem unser Wiedersehen
stattfand, und die verschmauchten Rume fllten sich eben immer noch
mehr mit hungrigen Menschen. Smtliche Professoren der vier Fakultten,
die Bauakademie und verschiedene andere Akademien schtteten ihre
Zuhrer ber diese behaglicheren Tische und Subsellien aus.
Privatdozenten von allen Sorten schoben sich ein; dazwischen
grostdtisches Volk von jeglicher Art. Mir schwindelte, ich glaubte
zu trumen, wenn ich an den Steinhof und unser trostloses
Abschiedsfrhstck daselbst dachte. Und ich dachte in dieser aufgeregten
Minute wirklich daran, so sonderbar das erscheinen mag, vorzglich dem
mit mehr Muskeln als Nerven von der wohlmeinenden Natur ausgestatteten
Erdenbrger.

Ich ergriff die Hand, die mir ber den Tisch zugereicht wurde; breit war
sie immer noch, aber ich hatte auch den harten biederen Griff vom
Steinhofe in der Erinnerung und nahm die weichen Finger jetzt ebenfalls
als etwas ganz sonderbar Unstatthaftes.

O Vetter Just!

Jawohl! Und ich freue mich merkwrdig, lieber Junge. Viel ins Gerade
gewachsen ist er nicht mehr in den Jahren! Aber das ist auch schn; da
findet man doch auch hier etwas wieder, was so ist, wie es war --

Und wie lange bist du in der Stadt, Just?

Davon nachher! Ich glaube wahrhaftig, der Kerl ist imstande und meint,
da ich schon seit acht Wochen Wand an Wand mit ihm wohne, ohne ihn
aufgefunden zu haben! Ist es denn mglich, da ein alter Freund so
schlecht von dem anderen denken kann!

Wie kannst du verlangen, Vetter, da ich in diesem Moment genau
berlege, was ich sage und frage? Wo kommst du her?

Auch das noch!... ^Well^, aus Amerika natrlich, wo die Leute in jedem
Momente ganz genau wissen, was sie sagen und was sie fragen. Und nun,
weit du was, Fritz? Nun tun wir frs erste, als ob keinem von uns
beiden etwas besonders Merkwrdiges passiert sei. Jetzt essen wir mit
mglichster Ruhe zu Mittag und besehen uns stillschweigend whrenddem.
Keiner nimmt es dem anderen bel, wenn er bei dem Studium auch einmal
den Kopf schttelt. ^What will you drink?^ Alter Kerl, wenn ich weiter
nichts mit ber das Wasser zu euch zurckgebracht htte als den alten
guten Magen vom Steinhofe (Fritze, nachher stoen wir darauf an!), so
wre auch das schon gar nicht zu verachten. Wie sagt Cicero in diesem
Falle?... Na?!... Kellner, die Weinkarte! Ach ja, die schne Zeit, wo
man alles Gute, was kam, als etwas sich ganz von selbst Verstehendes
nahm!

Das war nun alles so hingesagt, als ob der Mann erwarte, da man mit dem
sonnigsten Lachen darauf Antwort gebe; und ich lachte auch, wie man hie
und da ber etwas ganz Neues lacht, dem man eben noch auf keine Weise
beikommen kann. Es war mir nie im Leben etwas so neu erschienen als der
Vetter Just Everstein, dieser alte gute Bekannte. Ratlos, wie und wo er
am richtigsten anzufassen sei, fing ich mechanisch an, meine Suppe
herunterzulffeln, aber ohne ihn fr den krzesten Augenblick aus den
Augen zu lassen. Ihm aber schien das groen Spa zu machen, ihm, der so
viele Jahre hindurch so oft _unser_ Ergtzen auf dem Steinhofe gewesen
war.

Dir ist es gottlob gut gegangen, stammelte ich, und:

Besser, als ich's verdiente, erwiderte der Vetter Just. Cicero hat
sich jedesmal nach einer lngeren Reise fr das heimatliche Gewchs
erklrt, und wenn es noch so verflscht war; und sie haben den Falerner
damals sicherlich schon gerade so vermanscht wie heute hier diesen
Rdesheimer. Dessenungeachtet also: Auf dein Wohl, Fritz!

Auf dein Wohl, Vetter Just, stotterte ich und sah wieder stumm hin
nach dem alten wackeren Freunde.

Das berraschende Wiedersehen hinderte ihn in der Tat nicht, sich gerade
so durch die Speisekarte des Berliner Restaurants durchzuarbeiten wie
vordem durch das Gute, was unsere Jule Grote auf den Tisch setzte, und
nachher verstohlen und vermittelst eines zweiten Schlssels durch
seine Schinken-, Speck- und Wurstkammer.

Noch einmal auf dein Wohl, Fritz Langreuter!

Und auf deines so oft du willst, Just, und -- die alte Jule soll
leben!

Da war das lsende Wort, das ich bis jetzt so vergeblich zu finden
gesucht hatte.

Hurra, das soll sie! rief der Vetter, auf den Tisch schlagend da
alles Tafelzeug emporhpfte und man von smtlichen brigen Tischen sich
nach uns umdrehte.

Sie lebt doch hoffentlich noch und befindet sich wohl? Sie mu freilich
jetzt wohl --

Der Vetter hatte seine Serviette neben dem Teller niedergelegt, den
Teller von sich abgeschoben und die Hnde auf die Knie fallen lassen.

^Old boy^, wenn du in die Fremde hinaus gemut httest und ich zu Hause
geblieben wre, so wre ich dir, wie ich mich kenne, hoffentlich mit
dieser Frage vom Leibe geblieben. Nimm es mir nicht bel, Fritze, aber
von Rechts wegen mtest du doch eigentlich wissen, da sie noch lebt.
Nimm es nur nicht bel, da sie auch die ganzen Jahre, in welchen wir
uns nicht gesehen haben, noch gelebt hat. brigens danke ich fr gtige
Nachfrage, Fritzchen! sie sitzt wieder ganz gut und, ihr Alter und
Temperament abgerechnet, recht vergngt auf dem Steinhofe.

Auf dem Steinhofe?... Sie hat -- du hast -- den Steinhof wieder, Just?

Natrlich! sagte der Vetter Just Everstein, als ob das das
Natrlichste von der Welt gewesen wre. Kein rmischer Kaiser, der je
eine verlorengegangene Provinz zum deutschen Reiche zurckbrachte, htte
das selbstverstndlicher finden knnen; das wenigstens mute ich aus
meinen Geschichtsforschungen und meinem mittelalterlichen Quellenstudium
wissen; und der Vetter Just hatte vollkommen recht: es war erbrmlich
wenig, was ich von der Welt durch _mein_ Quellenstudium in Erfahrung
gebracht und _darin behalten hatte_.

Nun htte ich dreist auch mein stummes Studium der jetzigen ueren
Erscheinung des Jugendfreundes von neuem ber den Wirtstisch weg
beginnen knnen. Aber je ntiger es war, desto unmglicher war es
gleichfalls. Nie war mir das Getse, das Geklapper und Geklirr, das
Kommen und Gehen rund umher so widerwrtig und unbehaglich gewesen als
jetzt. Ich sah nur wie hlflos in das gute Gesicht mir gegenber, und
der Vetter Just nickte nur lchelnd und brummte:

Ja, ja, es ist wohl nicht der richtige Ort hier zu dem, was wir
einander vielleicht doch etwas weitlufiger zu erzhlen haben. Das
Getrnk pat auch nicht recht zu der Feierlichkeit der Stunde; es macht
seinem Schuft von Verfertiger wohl alle Ehre, aber melancholisch stimmt
es doch. Weit du was, Alter? Jetzt nimmst du mich mit nach Hause. Da
hocken wir einmal wieder zusammen wie in meinem Erker auf dem Steinhofe
-- weit du noch? Ach Gott, wie habe ich mir da drben so oft nach dem
Erker und des Grovaters Wissenschaftsschranke das Herz abgesehnt!...
Alter Kerl, und ich wohne jetzt wieder darin, -- den Schrank hat
freilich damals der Auktionator geholt. Da Irene Everstein
augenblicklich hier auch in der Stadt wohnt, wirst du ja wohl wissen,
obgleich du nicht gewut hast, da meine alte Jule noch lebt. Und --
Menschenkind, in Bodenwerder halten sie mich immer noch fr einen gerade
so groen Narren wie vor Jahren. Zum Exempel dieses Schrankes wegen, fr
den ich fnfzig Dollars geboten habe, wenn ihn mir einer noch irgendwo
auftreibt. Aber imponieren tue ich ihnen jetzt doch riesig; denn dazu
braucht man nur einen hbschen Sack voll Taler, und es ist also leicht
genug. Sobald du hier von deinen Geschften abkommen kannst, mut du
mich auf dem Steinhofe besuchen, um das Gaudium mit zu erleben. Und nun
komm, deinen Kaffee braust du dir hoffentlich selber.

Ich kam, das heit, ich ging einfach mit, und ich sagte es auf dem Wege
nach meiner Wohnung nicht, da ich auch nicht gewut hatte, wo Irene von
Everstein augenblicklich lebte. Es war ein Wunder, da ich meinen Weg
nach Hause in meiner jetzigen Stimmung zu finden wute.




Dreizehntes Kapitel.


Und dann kam wieder eine Stunde, in der ich wieder auf meiner Stube
allein sa, und zwar tief in der Nacht oder vielmehr frh am Morgen.
Drauen tobte das schlechteste Wetter der Jahreszeit, und von den Wnden
sahen mich durch den Tabaksqualm des Vetters meine Bcher an, und zwar
ebenfalls wie etwas, das mich nur zu oft abgehalten hatte, die besten
Lebensstunden, wie es sich gehrte, auszunutzen, und mein Teil von der
Sonne, der frischen Luft und der freien Welt mit allen fnf Sinnen und
vor allem mit Hnden, Fen und Lungen einzuholen.

Der Vetter Just hatte mir ein Privatissimum vorgetragen, wie ich es nie
gelesen habe und leider auch nie lesen werde. Er hatte mir ber seinen
Lebensgang Bericht gegeben, von jenem Morgen an, wo der Bodenwerdersche
Landpostbote auf dem Steinhofe unseren jungen guten Kreis sprengte, bis
auf die eben abgelaufene wunderliche Stunde.

Nun konnte ich wohl sitzen, mir den Kopf mit beiden Hnden halten und
Gewissensbisse der schlimmsten Art haben, nmlich die der
vielbeschftigten, selbstgengsamen Indolenz, die pltzlich zu dem
Bewutsein kommt, wie wenig auf Erden durch sie zum Guten, Wirklichen
und Wahren ausgerichtet wird! Ich hatte selten klglicher geseufzt und
jmmerlicher nach Luft geschnappt als in jener Nacht; und des Vetters
Knastergewlk war wahrlich nicht schuld an der erbrmlichen Atemnot.

Mittelalterliches Quellenstudium hatte ich zur Genge fr mich und
andere getrieben und konnte genaue Auskunft geben, zum Exempel ber die
Annalen von Brauweiler, die sich so sehr darber beklagten, da die
Ketzer so viele Wunder tten, und die natrlich das Nahen des
Antichrists, des allgemeinen Durcheinanders daraus vordeuteten (o dieser
Ketzer von Vetter!), aber die Quellen des lebendigen Daseins, die neben
mir aus dem Boden aufsprudelten, jede nach ihrer Art trbe oder klar,
mit ihren Kristallblasen und berhngendem Grn, mit ihrem Treiben von
Kindermhlwerken und Fabrikrdern, mit ihrem Rauschen ber Stock und
Stein, die waren mir nur zu sehr aus dem Gesicht und Gehr fern
geblieben! In meinem Kopfe war in jener Nacht, nachdem der Vetter Just
Everstein ^Farewell^ oder ^Good night^ gesagt hatte, das groe
Durcheinander unbedingt momentan vorhanden, und es kostete keine geringe
Mhe, nur die allerntigste Ordnung wieder in das Chaos zu bringen.

Ach, Vetter Just, was hatte ich dir auf deine Erzhlung als Gegengabe
meinerseits zu bieten? Wie wenig fhlte ich mich persnlich in den
Enthusiasmus einbegriffen, mit dem du die Titel auf den Bcherbrettern
an diesen nichtsnutzigen vier Wnden herlasest und buchstabiertest!...
Aber das rgste war doch, Vetter, als du so ganz beilufig und gutmtig
bemerktest:

Das ist der ganze Steinhof und meine Erkerstube und meine Gefhle --
wie's leibt und lebt! O Fritz, du hast es gut gehabt und bist immer
mitten in allen deinen Anlagen und Wnschen geblieben, und keiner hat
dich gestrt: glaub nur ja nicht, da ich dir nochmals einen Vorwurf
daraus mache, da du heute mittag bei Tische so gar nichts von uns
anderen gewut hast. Ich htte sicherlich ebenso wenig davon gewut,
wenn ich du gewesen wre! Du bist ja freilich ein ganz famoser Kerl! Ein
Riese bist du! ...

So fhlte ich mich freilich in jener Nacht, -- ach, du liebster Himmel!
und jetzt lasse ich die Arme sinken und lasse den Vetter Just Everstein
erzhlen.

Da man die grten Wunder zu Hause erlebt, sagte er, das lernt man
erst in der Fremde erkennen. Man braucht sich berall nur fest
hinzustellen mit dem, was man von seinem eigenen Grund und Boden
mitgebracht hat, um dem Auslande verdammt merkwrdig vorzukommen. Das
ist meine Erfahrung, und so habe ich selbst als Deutscher den lieben
Leuten da drben ganz ^devilish^ imponiert. Mit den lieben Leuten aber
meine ich smtliche Brger der Vereinigten Staaten von Nordamerika, von
den groen Seen bis an den uersten Zipfel der Halbinsel Florida und
von einem Ozean bis zum anderen. Ich freute mich auch da schon auf das
Wiedersehen mit unserem guten Ewald, blo um ihn fragen zu knnen, wie
es _ihm_ in dieser Hinsicht auerhalb der deutschen Nation ergangen sei.
Nun, ihm natrlich, wenigstens in dieser Beziehung, noch um manches
Prozent besser als mir; das steht fest, ich glaube nicht, da es mir
blo so scheint! Du weit, unter welchen schauderhaften und unangenehmen
Umstnden ich von euch und dem Steinhofe berhaupt Abschied zu nehmen
hatte. Ein blderer Hanstoffel als ich ist wohl selten aus seinem
Traumwinkel und von der Ofenbank an die freie Luft hinausbefrdert
worden. Alles, was ihr nachher erlebt haben knnt (Frulein Irene nehme
ich aus!) ist gar nichts gegen das, was ich an jenem schnen Sommertage
und dann bei der Auktion ausgestanden habe. Und wie die Welt ist, nimm
mir das nicht bel, Fritze, so lie sich keiner von euch auf dem Hofe
mir zum Troste und der alten Jule zur Aufrichtung blicken; und so waren
wir denn einzig und allein auf uns selber angewiesen in dem Verdru und
Elend, ich und Jule Grote. Ich mache dir brigens durchaus keinen
Vorwurf, Fritzchen, denn ich wei es wohl, da ihr euch damals
gleichfalls durch schlimme Tage durchzufressen hattet. Aber uh, die alte
Jule! Da habe ich das Meinige zu hren gekriegt vom Morgen bis zum
Abend. Und, was das Schlimmste war, durchaus nicht mehr mit Gift und
Galle und spitzen Reden, sondern alles in Wehmut und Herzeleid, und --
mein armer, lieber Just hier -- mein armer, armer Junge da! -- Zum
Heulen war's! Die Haare stehen mir heute noch darber zu Berge. Ganz
unertrglich! -- -- >Dich htte ich gar nicht aus deinen Windeln
herauswickeln sollen, Just< -- winselte die Alte fort und fort, als ob
ich an dem tagtglichen Exekutor nicht schon genug zu tragen gehabt
htte. Gottlob, da das alles damals war und nicht heute noch mal ganz
von vorn an durchgemacht werden mu! -- Und ein Glck war es in allem
Unglck, da ich fr die gute alte Seele am wenigsten zu sorgen hatte.
Ich kam ihr einmal mit dem Wort und der schweren Herzensangst; aber da
httest du Jule Grote in ihrer Glorie sehen und hren knnen, Fritz
Langreuter! Keine Katze konnte giftiger aufprusten. Da ging es los wie
die Kastanien in der Asche, und die Asche flog mir arg genug in das
Gesicht. -- >O du dummer Bengel, willst du dich auch da noch zum Narren
machen? Mich willst du unglckselig geschoren Schaflamm bemuttern? Du
hlflose, bergeschnappte Kreatur, du? Du hast doch sonst immer mit
deinem dummen Maul warten knnen, bis du gefragt wurdest! Ach, Gott, nun
auch das noch!... Um mich macht sich das Kind zu guter Letzt auch noch
seine Gedanken. Da ist es denn freilich wohl mit uns zum Schlimmsten
gekommen! Zu glauben steht es freilich nicht, du -- Tffel!<

Das war das richtige Wort, Fritz. Fr _sie_ bin ich mein Lebtage der
kleine Tffel gewesen, und ich kann dir gar nicht sagen, Fritze, wie
wohl es mir jedesmal ums Herz wird, wenn ich daran denke, da ich es
auch heute noch fr sie sein kann und bin.

Sie hatte vollstndig recht. Die Gedanken, die ich mir in meinem Leben
gemacht habe, sind nie viel wert gewesen, und die ber sie am wenigsten.
Da knnte ich mich noch eher mit meinen Gefhlen sehen lassen! Ich sage
dir, Fritz, wenn ich noch lebe und jetzt, in dieser Nacht, hier dir so
fett und rund gegenbersitze, so ist das einzig und allein _ihr_
Verdienst. Sie nahm es mir denn auch ganz unchristlich schriftlich bel,
als ich ihr die ersten hundert Dollars ber die See nach Bodenwerder
schickte. So'n dummes Zeug verbat sie sich ausdrcklich frs knftige;
ich mu dich aber da mal unsere gegenseitige Korrespondenz lesen lassen:
so kurzweg erzhlen lt sich dies nicht; das ist wie mit allem
Schnsten, Liebsten und Groartigsten in der Welt. Zum allerwenigsten
mu ich die Dokumente dabei auf dem Tische haben.

Sieh mal, Fritz, du bist nur eine vaterlose Waise gewesen, ich dagegen
eine mutterlose von Kindesbeinen an; also kalkuliere dir mal unser
gegenseitiges Verhltnis, ich meine zwischen mir und meiner Alten,
selber zurechte. Ach, Gott, was hat sie von meinen Gedanken ausstehen
mssen! und was das rgste war, das Allerrgste war noch zurck und ging
ihr ber alles brige hinaus, bis sie sich auch in es, wie in alle meine
anderen Unsinnigkeiten, _mir zuliebe_, gefunden hatte. Auf den Gedanken,
nach Amerika auszuwandern, verfiel ich auf dem Wege nach Bodenwerder am
letzten Auktionstage, und es war ein richtiger Kreuzweg. Nach ihr,
meiner Jule, hatten sich die Hnde, die sie gebrauchen konnten,
dutzendweise ausgestreckt; aber nach mir nicht ein einziges Paar. Wer
konnte mich gebrauchen? Sie war auf jedem Bauernhofe, auf jedem Gutshofe
hochwillkommen; denn sie wuten alle weit ins Land hinein, was fr eine
Perle von konomie und Molkenwesen, Schweinezucht, Viehzucht und
Menschenzucht berhaupt der Steinhof an ihr gehabt hatte. Mir verhalf
weder der groe noch der kleine Broeder zu einer Unterkunft; -- im
Gegenteil, sie waren schuld daran, da ich berall, wo ich anklopfte,
mit einem manchmal gar nicht hflichen Kompliment weiter geschickt
wurde. Niemand wollte von dem >gelehrten Bauer< etwas wissen, und am
allerwenigsten seine besten Freunde. So bitter ist wohl selten einem
Menschenkinde der Geschmack vom Lateinischen auf der Zunge geworden wie
mir damals. ...

Armer Teufel! sagte ich, Friedrich Langreuter, Doktor der Philosophie,
Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universitt in Berlin usw. usw.,
und fgte hinzu: Was weit du denn von dem Geschmack auf den Zungen
anderer Leute, Vetter Just? Ach, Vetter, du bist der grte Doktor, der
mir je bekannt geworden ist -- wie gern zeige ich dir die meinige
krperlich und geistig und lasse mir ein Rezept gegen die Bitterkeit
darauf verschreiben!

Zweihundertfnfzig Taler hatte sich die Alte bergespart, fuhr der
Vetter fort, das brige hatte sie alles immer wieder so bei kleinem in
den Steinhof hineingesteckt, und noch dazu meistens wohl in mich, und
ohne da ich es in meinem faulen Behagen leider Gottes im geringsten
gemerkt habe und ihr dankbar dafr gewesen bin, wie es sich von Gottes
und Rechts wegen gehrte. Nun kam sie mit ihren Sparkassenbchern und
ihrem Strumpfe voll blanker Achtgroschenstcke zum Vorschein und mit
einem Gesichte dazu, was mir bis an mein Lebensende im Gedchtnis
bleiben wird. Denke dir nur um ihr Gesicht einen Heiligenschein, wie ihn
die Maler um ihre himmlischen Jungfrauen malen; -- beschreiben lt sich
aber der Kontrast nicht, sondern nur mit trnenvollem Herzbeben
nachfhlen. Nicht einmal fr ihr standesgemes Begrbnis, wovon sie
immer gern sprach wie die Alte in dem Gedichte, wollte sie wenigstens
die fnfzig Taler zurckbehalten, und -- gottlob -- bis heute hat sie
sie auch noch nicht ntig gehabt; aber ich habe sie ihr damals doch
zurckgelassen, und dabei erlebte ich denn ^of course^ ihren letzten
Wutanfall ber mich vor meiner Abreise. Die zweihundert Taler habe ich
genommen, und ich will keinem anderen von meiner Natur wnschen, da ihm
auch einmal so schweres Geld in die Tasche gesteckt wird! Glaub nur ja
nicht, da sich das so an einem Tage machte; ebensowenig wie der
Abschied! Aber eines Morgens waren wir doch so weit, nmlich bis zu dem:
>Ja, Just, denn Adjes, und ich htte nimmer gedacht, da ich auch das
noch an dir erleben sollte!< -- gekommen. Fahre du einmal so wie ich
damals von Bodenwerder nach Bremen und probier's, wie dir dabei zumute
ist. Was wir Gelehrten die Logik nennen, das ist wie Philosophie auf dem
Wege zum Zahndoktor; beides kommt einem erst wieder, wenn alles -- Herz,
Hirn und auch die Kinnbacken -- wieder in verhltnismiger Ordnung
sind. Du siehst es mir heute, Gott sei Dank, nicht mehr an, wie ich
damals aussah inwendig und auswendig. Wenn wir Gelehrten aber wissen,
da der Mensch in seiner Natur immer derselbe bleibt, so ist es doch
ebenso wahr, da sich manches auf den Charakter hngt und dazu gerechnet
wird wie die Mistel zum Apfelbaum. Kannst du das Schmarotzergewchs
nicht zu Vogelleim gebrauchen oder ist dir das Geniste sonst widerlich
und hinderlich, so sei nur dreist ein guter Grtner und richtiger
Mensch, -- reute es aus, rei es ab und mach ein Feldfeuer aus dem
Gestrnk und Gestrpp. Fr mich, den Vetter Just vom Steinhofe, ist da
diese glorreiche Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika eine
unbezahlbare Schulmeisterin gewesen. Hier bin ich wieder, und -- _ein
Schulmeister bin ich drben gewesen_: ich habe mich doch nicht ganz
umsonst von euch hier zu Lande auslachen lassen wollen! alter Junge, und
ein Buch knnte ich wohl auch jetzo zustande bringen, wenn auch nur
eines -- meine Lebensgeschichte. Ich gebe dir mein Wort darauf, eine
ganz sonderbare Historia ist das; und so in manchem stillen Augenblicke
komme ich mir wirklich merkwrdig kurios und interessant vor und als
etwas, was ganz auer mir steht und sich von den verschiedensten Seiten
her betrachten lt. Nicht wahr, Objektivitt nennen wir dieses? Glaube
nur aber ja nicht, da ich dir das Gesicht, welches du mir hier eben
zuschneidest, bel anrechne.

O Vetter, habe ich damals, mit beiden Hnden nach der Hand des teuren
Mannes greifend, gerufen, Vetter, lieber Vetter, was ich fr ein
Gesicht dir mache, wei ich nicht; aber wie ich jetzt, in dieser Nacht,
mit diesem Winde vor dem Fenster in deiner Schule sitze, das wei ich
ganz genau. Und nun tue mir die Liebe an und verfhre mich nicht wieder,
dich zu unterbrechen! Erzhle weiter -- weiter; o erzhle weiter --

Herr Urian! Jawohl; -- wenn einer eine Reise tut, so kann er was
erzhlen, singt der Wandsbecker Bote. Und freilich, eine Reise habe ich
getan, und sie war noch lange nicht zu Ende, als ich drben am anderen
Ufer angekommen war, daselbst auf der Werft im Kreise meiner
Zwischendecksgenossen stand (einige saen auch noch ratloser als ich auf
ihren Kisten und Kasten) und diesen Neuyorkischen Nordamerikanern meine
ersten frisch importierten Maulaffen feilbot. Groer Gott, damit mochte
man dort so frisch als mglich ankommen, eine neue Ware war es da am
Platz wahrhaftig nicht! Es ist nicht in einer Sitzung, wie wir sie jetzt
abhalten, zu berichten, was ich im Handel damit ausgestanden habe! Und
dann nimm nur auch mal die Konkurrenz an! ganz abgesehen von den
Weibern, Kindern und den Alten, die dazu ihre Trnen, Seufzer,
Jammergesichter und Gebresten auf den fremden Markt bringen. Daran darf
ich gar nicht denken, ohne meine eigene Historie auf der Stelle
abzubrechen und anzufangen, die eines anderen, und zwar eines anderen
von Hunderten und Tausenden, zu erzhlen. Der Mensch ist aber und bleibt
ein Egoist, und so bleibe auch ich in der Furche und pflge mein eigen
Feld nach der allgemeinen Regel dir vor wie bei dem ersten besten
Preispflgen. Das mit der groen Konkurrenz war denn sicherlich fr mich
kein eitler Wahn. Es geht auer den ordentlichen Bauern auch eine Menge
wirklicher Schulmeister ber das Wasser, weil ihnen der vaterlndische
Grund und Boden nicht genug Balken mehr unter sich hat -- gelehrte
Leute, Professoren, Doktoren, Oberlehrer und Seminaristen -- Philologen
und Philosophen von jeder Sorte, und kommen smtlich beim Steinklopfen,
Ziegeltragen und im deutschen Auswandererspital an. Mit mir ist es
glcklicherweise umgekehrt gegangen. Ich habe da freilich nur meine
eigene persnliche Erfahrung und kann nur sagen, was ich persnlich
wei. Und nun, Fritz Langreuter, lasse ich mich darauf totschlagen, da
von allem, was man drben am besten gebrauchen kann, ein lateinischer
Bauer das allererste ist. Von ihren groen Stdten und dergleichen rede
ich natrlich nicht, sondern von ihren Wildnissen und Einsamkeiten. Und
merken lassen darf man es ihnen, auch im Hinterwalde oder auf der
Prrie, auch nicht, was man auer seinen zwei groben Fusten mitgebracht
hat, sondern sie mssen es nach und nach ganz von selber merken. Nun
stelle dir den Vetter Just vor in einem Lande, wo jedes Kind, sowie es
das Licht der Welt erblickt hat, sofort sich auf das Praktische legt und
mit seinen Eltern ber seine ersten natrlichen Geschfte an zu handeln
fngt. Nicht wahr, da brauchte der bankerotte Bauer vom Steinhofe nicht
erst eine Glatze zu kriegen, um zum Kinderspott zu werden? Es war der
erste Vorteil, den ich aus meiner heimischen Dummheit zog, da ich
dieses einsehen und mich darauf einrichten konnte. -- Ach, Fritz, es ist
manchmal dem Menschen nichts dienlicher, als da er mal so recht
vollstndig umgekehrt wird! wenn das Allerinnerste nach auen kommt,
dann erfhrt er erst, was eigentlich alles in ihm gesteckt hat und was
ihm nur angeflogen war. Jetzt kehrst du zuerst den Bauer heraus, Just!
denke ich mir, mit der Faust vor der Stirn; -- den Urbauer, den
deutschen Bauer aus der Zeit, wo er sich noch nicht einen konomen
schimpfen lie. Dreidrhtig, Just! schon um der alten Jule willen.
Ebenso dick als lang, und wre es auch nur der Ehre des deutschen
Vaterlandes wegen. Mist bleibt berall Mist und hat berall dieselbe
Wirkung in der schnen Natur, einerlei ob in dem alten Europa oder in
dem jungen Amerika. Und dann -- mu man denn immer in seinem eigenen
Bette schlafen und den Schlssel zu seiner eigenen Rauchkammer in der
Tasche herumtragen? Uh, das Fleisch ist mir da wirklich von den Knochen
gefallen; aber gereckt habe ich mich auch. Du glaubst es wahrscheinlich
nicht; aber einen guten Zoll bin ich ganz gegen die Natur in Amerika
noch gewachsen. Das Land hat das wirklich naturgeschichtlich so an sich,
da es seine Leute wie zhes Leder auseinander zieht. Ist dir mein Hals
nicht aufgefallen? Na ja, auf dem Steinhofe steckte er mir ganz anders
zwischen den Schultern! Nimm es mir nicht bel, das sollte kein Stich
auf dich sein; denn bei dir ist das ganz was anderes, du bist ein
glorreicher deutscher Gelehrter und passest mit deiner dnnen Nase ganz
nach der Regel zu deiner brigen Figur. Aber wir -- das deutsche Volk im
groen und ganzen; wie lange mssen wir noch selbst dem Unteroffizier
dankbar sein, der uns zum Geradestehen animiert und uns das Kinn mit der
Faust in die Hhe stt, um uns auf das stolze Blau ber uns aufmerksam
zu machen?! Das war eine Abschweifung, rechne ich; und da bin ich also
auf einer Farm mitten im Staate Wisconsin -- auf einer Farm -- zahle
mein Lehrgeld als Ackersmann auf Erden nachtrglich und hole vieles
nach, was ich auf dem Steinhofe aus Faulheit und Dummheit versumt habe;
-- mein einziger Verla die Muskeln, die mir Jule Grote angefttert
hatte. Ein bichen klimatisches Fieber abgerechnet, ging es auch so
ziemlich. Aber das Gerte! damit habe ich Jahre lang meine liebe Not
gehabt, bis ich es mir handgerecht einstudiert hatte. Nimm nur mal solch
eine Yankee-Axt an. Und dann ihre Verbesserungen an ihren Pflgen
zwischen ihren Baumstumpfen. Selbst das lteste, was Adam schon kannte,
kommt einem da neu vor. Bis auf den Griff am Spaten mut du dort als
deutscher Ackerknecht von frischem in die Lehre gehen. Aber in der Not
frit der Teufel Fliegen, und ^by degrees^ machte sich die Sache ganz
gut. Wir Gelehrten nennen das ja wohl eine ^felix culpa^, wenn sich
einer zu seinem Glck und besserem Verstndnis blamiert und sich elend
und lcherlich macht? Wir hatten einmal einen thringischen
verunglckten Pfarrer in Liedlohn genommen, der sprach viel hiervon.
Einerlei; ich sage dir, Fritze, man mu so einen wackeren Erbsitz und
Urvtereigentum wie den Steinhof wie im Traum von der Hand weggeblasen
haben, um es im vollen einzusehen, was fr ein glorreich Handwerk Adams
Handwerk ist! So ist es aber mit allen guten Dingen, die uns in die Hand
wachsen, in die Windel eingebunden oder auf dem Prsentierteller
gebracht werden. Erst verdudele du sie, dann lernst du sie nach ihrem
ganzen Wert und Behagen abschtzen! Wenn ich es heute nicht noch zu
allem brigen hier bei euch zum Titel konomierat bringe, so -- na, ich
will lieber nicht sagen, was Karl Heinzen drben dann in diesem Falle
sagen wrde! -- Herzensjunge, es ist jammerschade, da du in jener Zeit
nicht bei mir warst, um dein Plsier gerade so an mir zu haben wie im
grnen Grase unter meines Vaters alten Kirschenbumen oder in meiner
ganz verrckten Erkerstube. O, htte ich nur manchmal die alte Jule,
dich, Ewald und die beiden Mdchen nach Neu-Minden hexen knnen! Wenn
man absolut einmal zu renommieren wnscht, so renommiert man am liebsten
vor seinen nchsten Bekannten, Verwandten und besten Freunden,
wahrscheinlich eben weil die doch nie an einen glauben. Neu-Minden hie
unsere Ansiedelung, und alles in allem gerechnet, jung und alt
zueinander, waren wir so zirka fnfzig bis sechzig Kpfe stark. Immer
ein hbscher Kern! Der General Varus auf seinem Marsche durch
Deutschland hat wahrscheinlich erst bei Detmold einen bunteren Haufen
von uns, und zwar zu seinem Schaden, auf einer Stelle zusammen erblickt.
Neu-Minden! ein netter Name und ein absonderlich Sammelsurium deutschen
Volkes! -- von jeder Sorte a G'schmckle, wie die drei oder vier
Schwaben unter uns sagten. Drei bis vier Dutzend Kinderflachskpfe
wuchsen uns zwischen den Beinen, Schweinen, Baumstumpfen und Fenzen auf,
und das war die Hauptsache, und wer auch Prsident sein mochte -- dieses
machte ihm keine grauen Haare; einen Kultusminister schickte er uns
nicht, um Ordnung zu stiften, nach Neu-Minden. Ihm war es in seinem
weien Hause in Washington vollstndig einerlei, auf welche Weise sich
seine Brger die Fhigkeit, seine Nachfolger in diesem weien Hause zu
werden, erwarben. Nun, da freue ich mich, da ich dreist beschwren
kann, da es immer noch etwas auf sich hat mit dem deutschen Gewissen,
nmlich soweit es sich um Vaterpflichten und Muttersorgen handelt;
einerlei, ob es ihm absolut gleichgltig ist, wer Prsident wird, und
wer nicht. -- >Sie wachsen auf wie die Schweine!< brummten
kopfschttelnd die Graukpfe von beiden Geschlechtern in der neuen
Gemeinde. >Ein Vergngen ist es, es mit anzusehen, aber eine Schande ist
es auch, wie das Zeug ins Kraut schiet. Es geht nicht lnger so; fr
den nchsten Winter mssen wir fr einen Schulmeister zusammenlegen,
koste er, was er wolle. Aber mit Rat, Gevattern! es verluft sich
mancher von der Sorte hierher, dem man kein Ferkel zum Waschen
anvertrauen mchte, wenn man ihn selber und seine Vorgeschichte im alten
Lande genau kennte.< -- Na, Fritze, du kennst mich und meine
Vorgeschichte im alten Lande! was meinst du zu mir und diesen Reden und
Beratungen in der Waldwirtschaft rund um mich her? Nicht wahr, du siehst
es jetzt schon ziemlich klar vor dir liegen, wie es sich nachher alles
gemacht und passend ineinander gefunden hat? Schwerenot, wollte ich dir
jetzo eine Pfeife vom schwersten Lobtabak vorrauchen, so knnte ich es,
da du Fenster und Tren des Wohlduftes halber aufsperren mtest.
Neu-Minden aber existiert glcklicherweise noch; also reise du nur
selber hinber und hre dir, wenn dir daran liegt, an, wie die anderen
von mir reden. Ich, der ich auf dem Steinhofe nicht der Herr und Bauer
sein mochte, ich bin hoffentlich ein guter Bauer und Knecht in dem
amerikanischen Walde gewesen. Aber ich bin auch durch des Grovaters
Schrank -- weit du noch! -- im Laufe der Zeit wieder mein eigener
Meister geworden, wie wir Deutschen das Wort nehmen; ich habe eine Farm
in die Wildnis hineingesetzt, die sich sehen lassen konnte und bald
ihren Wert und Preis hatte. Wei der liebe Gott, den _Vetter_ nannten
sie mich auch drben bald auf zwanzig Meilen in die Runde, ohne da ich
dir sagen kann, wie es zuging. Von den Kindern ging es nicht aus. Die
habe ich schon der Autoritt wegen bei ihrem Mister Everstein erhalten.
Bitte, reise wirklich morgen schon ab; -- blo um zu hren, wie sie
hundert und mehr Meilen nordwestlich von Milwaukee von dem Mister
Everstein sprechen, wenn sie zu ihren Buchstabierspielen aus allen
Himmelsrichtungen her auf eine halbe Tagereise weit zu Pferde und zu
Wagen zusammenkommen! Und ich habe es nicht bei dem bloen Buchstabieren
gelassen nach getaner Tagesarbeit mit Axt, Pflug und Spaten. Ein
Exemplar vom alten Broeder war freilich nicht aufzutreiben, weder in
Neu-Minden noch in Neuyork; aber da liegt schon in Minnesota am
Mississippi ein Ding, das heit Sankt Paul, und da hat mir wirklich und
wahrhaftig einer einen Ellendt aufgetrieben, und wenn heute ein
eingeborener Neu-Mindener einen Begriff oder eine Ahnung von ^mensa^ und
^amare^ hat, das heit in der Rmersprache, so bin ich der Mann, der
schuld daran ist. O, und der pythagoreische Lehrsatz! Erinnerst du dich
wohl noch an den ^Magister matheseos^, Fritze Langreuter? und an meine
Seelenseligkeit, als ich ihn heraus hatte und ihn dir als etwas, was
unumstlich seine Richtigkeit hatte, beweisen konnte? Du httest die
Tafelrunde von alten und jungen Neu-Mindenern sehen sollen, denen ich
ihn gleichfalls bewies, mit Kreide auf der Tischplatte, am Winterabend
mitten in der amerikanischen Wildnis und viel nher dem ^Lake superior^
als der Weser und dem Flecken Bodenwerder und dem Dorfe Kemnade! Siehst
du, liebster Freund, so habe ich wenigstens einmal in der Fremde fr
voll gegolten in dem, was ich zu Hause fr das hchste Ideal hielt.
Jetzt bin ich mit Ruhe ein Bauer auf meinem alten braven Hofe. Alle
Nachbarn sind mir wiederum willkommen wie vor Jahren in meiner
Narrenzeit. Ich bin auch mit Vergngen fr jedermann wieder der Vetter
Just, und manchmal denke ich wie mit einigem geheimen Vergngen: hast du
auch weiter nichts vor dich gebracht, Just, als da sie nicht mehr
hinter deinem Rcken ber dich lachen, so ist auch das schon bei deiner
angeborenen Dummheit und Faulheit etwas ganz Hbsches.

O Vetter Just, rief ich im hellen Enthusiasmus und, wahrhaftig mit
Trnen in den Augen und einem heien Kitzel in der Gurgel, der Vetter
Just bist du und bleibst du, und -- bei den unsterblichen Gttern --
hher als das kann es kein sterblicher Mensch auf dieser Erde bringen! O
Vetter, wie freue ich mich, da ich dich wieder im Lande wei und von
neuem dich auf dem Steinhofe besuchen und bei dir in die Schule gehen
kann!




Vierzehntes Kapitel.


Soweit waren wir vor Mitternacht gekommen. Nach Mitternacht erzhlte der
Vetter weiter, wie er durch harte Arbeit, klugen Sinn und treuherziges
Beharren in jeglichem wackeren Vornehmen durch gute und bse, durch
harte und linde Zeiten, durch schlimme Tage und schlimmere Nchte seinen
Weg als ein fester, wirklicher und wahrhaftiger Mann sich in das
Vaterland und zu dem alten Erbsitz zurckgebahnt hatte. Wenn nichts in
der Welt feststehen bleibt als ein wirkliches und wahrhaftiges
Kunstwerk, wenn alles andere vorbeigehend ist, so hatte dieser Mensch in
seinem Leben ein echtes und gerechtes Kunstwerk fest hingestellt, zum
Trost und zur Nachahmung fr alle, die das Glck hatten, ihn kennen zu
lernen. Das war ^old German-text-writing^ in der vollsten Bedeutung des
Wortes! eine leserliche, dauerhafte Schrift mit allen ihren kuriosen
Schnrkeln und Verzierungen! Wer darin seine Autobiographie
niedersetzte, der konnte gewi sein, da sie manchem kommenden
Geschlecht von Kindern und Enkeln merkwrdig, rhrend und ermutigend
sich in das Gedchtnis prgte. Und das deutsche Volk hat wahrlich
dergleichen ^monumenta germanica^ recht sehr ntig; denn wenn unsere
groen Leute dann und wann vielleicht weitherziger als die irgendeines
anderen Volkes sind, so sind dagegen unsere kleinen hufig in eben dem
Grade klglicher, kleinlicher, engherziger, mrrischer und unzufriedener
als irgendeine Menge, die eine andere Planetenstelle bewohnt; und --
ach, wie oft hatte ich mich in den letzten Stunden im ganz geheimen an
die Brust geschlagen und geseufzt: Gott sei mir Snder gndig! Ich
seufzte es aber auf Griechisch: [Griechisch: Ho theos, hilasthti moi t
hamartl.] Wahrscheinlich, wie es mir jetzt vorkommt, um in der
Befhigung dazu einen Trost zu finden; denn Griechisch konnte der Vetter
wenigstens doch nicht!

Aber er erzhlte nun davon, wie er seine alte Jule aus Bodenwerder
abgeholt und im Triumph nach dem Steinhofe zurckgebracht habe, und das
war wiederum mehr als Griechisch und Sanskrit.

Ich hatte ihr natrlich, berichtete er, auch von Amerika aus von
allem Guten, was mir zuteil wurde, das ihr Gehrige zukommen lassen;
aber der Tag, an dem ich selber heimkam, war doch das Beste, sowohl fr
sie wie auch fr mich. Schade, da ich euch -- dich, Irene und Ewald --
nicht von Schlo Werden dazu herberholen konnte! Gottlob, Eva Sixtus
und ihr Vater sind wenigstens dabei gewesen und mit von neuem auf dem
Steinhofe eingezogen. Da die ganze Umgegend auf den Beinen war, kannst
du dir wohl vorstellen. Freilich bei mehr als einem guten Freunde, mit
dem ich von meinem jammerhaften Abschiede her einen Schinken im Salze
hatte, habe ich wohl ein Auge zudrcken mssen, wenn er mir am liebsten
als mein allerbester Freund um den Hals gefallen wre; aber ich habe es
gern getan. Je mehr man sich den Wind drauen in der wilden Welt um die
Nase hat wehen lassen, desto bescheidener wird man in seinen Ansprchen
an den Charakter der Menschheit und nimmt am guten Tage still mit in den
Kauf, worber man am schlimmen vor Wut und rger aus der Haut fahren
mchte. Zwischen der alten Jule und manchem frheren guten Haus- und
Hof- und Jagdfreunde ging es freilich nicht ganz so glatt ab, und manch
einer bleibt heute noch ihretwegen weg vom Hofe, der meinetwegen wieder
ganz behaglich seine Beine unter unserem Tische ausstrecken knnte. Die
Weiber sind in diesen Dingen nmlich von einem viel besseren Gedchtnis
als wir Mnner, Fritze; und Gnade Gott manchem armen Snder, wenn sie es
durchsetzen und am Jngsten Gerichte Sitz und Stimme kriegen. Gnade fr
Recht ergeht da gewilich nicht; -- selbst bei unseren deutschen
Frauenzimmern nicht, welche immer noch die besten sind und die
harmlosesten, was gleichfalls eine von meinen amerikanischen Erfahrungen
ist, und die ich auch dir jungem Menschen, Fritzchen, mitgebracht haben
will. Und es soll mich recht freuen, wenn du noch Gebrauch davon machen
willst. Aber das ist ja alles nur beilufig, nimm's nicht bel; ich sage
dir, Doktor, den Weg von Bodenwerder nach dem Steinhofe httest du an
_dem_ Tage sehen sollen! Und dann unsere Ankunft auf dem alten
ausgemergelten, nichtsnutzigen Haferacker -- weit du, an der Fenz --
nein, Gott sei Dank, an der echten, richtigen Weidornhecke und dem
Plankenzaun, ber den ihr mich so oft ange^cheer^'t habt. Wenn es in
meiner Erzhlung hiervon etwas kraus durcheinander geht, so gehrt auch
das zu dem Spa, denn es kommt einzig und allein daraus her. Sonst kann
ich jetzt unter Umstnden recht gut bei der Stange bleiben. Ich hatte
selbstverstndlich mich schon ein paar Wochen vor unserem Haupteinzuge
auf dem Hofe installiert. Junge, und ich habe die ersten Nchte in
meinem Erker auf Stroh geschlafen; und -- o! -- so hat lange keiner in
dieser Welt der Plagen und schweren Sorgen und Arbeiten die Beine von
sich gestreckt und die Arme unter dem Hinterkopfe zusammengelegt, mit
dem Blicke an den alten kahlen Wnden herum und durch das Fenster in die
Nacht hinein und dann in den dmmernden Morgen! Ich habe da wie ein
Knig geschlafen, denn ich habe den grten Teil der Nchte verwacht;
aber dagegen waren es sehr angenehme schlaflose Nchte. Ihr waret alle
darin eingeschlossen, wie ich selber von meinem frhesten Aufmerken an.
So liegend, mte der Mensch eigentlich alle zehn Jahre sein Dasein sich
zurckdenken knnen; dann knnte man sich auch alles Schlimme, Traurige
und Wehmtige viel leichter mit Ruhe gefallen lassen und es erleben!
^Well^, auf jede solche vergngte Nacht kam dann der frische Morgen mit
seinem hemdrmeligen Wirtschaften in dem verlorenen und wiedergewonnenen
Vterreich. Was mir mein Vorgnger an lebendigem und totem Inventar mit
in den Kauf gab, wollte nicht viel bedeuten, und fr mich, der ich noch
meine alte Inventur im Kopfe hatte, gar nichts. Da muten mir neue
Gule, Khe, Schweine und Ziegen in die Stlle; -- ihren Hhnerbestand
mute Jule Grote wiederfinden, wie sie ihn aufgegeben hatte, und die
Gips-Venus mute auch auf den Ofen wieder hin, sonst war die ganze
Geschichte nicht das halbe Plsier. Und Tische und Bnke hatten sie mir
in meiner Abwesenheit gleichfalls derartig verrckt, da ich mit vier
Fusten und acht Beinen htte greifen und laufen mgen, um nur die
allerntigste Ordnung wieder hereinzubringen. An Karl Ebeling erinnerst
du dich wohl nicht mehr? Das war ja unser Junge zu unserer Zeit auf dem
Hofe! Na, siehst du, es freut mich, da dir der Lmmel doch wieder
frisch in der Erinnerung aufgeht! Er hat damals manchen Wurf mit dem
Pantoffel und manchen Schlag mit dem Kchenbesen, der moralisch mir
gehrte, aushalten mssen; und nun male dir meine Genugtuung, da ich
das Ungetier (einen anderen Namen hatte Jule Grote ja nicht dafr!),
voll ausgewachsen, mannbar und mit einem Schatz versehen, und dazu als
Reserve-Unteroffizier, wieder habe, und zwar als unseren Oberknecht! Er
sitzt jetzt mit Anstand zu meiner Linken an unserem Tische in der alten
Stube, weit du; aber ein anderes Exemplar von ihm in seiner lieben
Jugend und Gefrigkeit und Flegelhaftigkeit habe ich, Gott sei Dank,
dazu wieder mir gegenber am anderen Ende des Tisches. Karl Eggeling
heit der Schlingel heute; na, und ich mu mir doch manchmal in den
rmel lachen, wenn ich wieder einmal zu erfahren habe, da die alte Jule
immer noch nicht milder und sanfter gegen diese Spezies von der
mnnlichen Gesellschaft gestimmt ist. -- Die alte Jule! da sind wir
wieder bei ihr und ihrem Einzuge auf dem Steinhofe. So in Trnen gebadet
habe ich noch kein Frauenzimmer bei keinem irdischen Zufall und weder in
Amerika noch in Europa erblickt! Du httest ihr das greste Unrecht
antun knnen, und es htte diese Flut nicht aus dem Schtt gelassen. So
weich wie das Glck hatte das Unglck sie lngst nicht gemacht. Freund
Stakemann, der auch noch lebt, Fritz, -- du weit, Stakemann, der mich
damals so treu brieflich warnte, als es lngst zu spt war! --
Stakemann, der immer der alte vergngte Kerl geblieben ist, kam leider
auch hier mit seinem Witz ^post festum^. Die spahafte Bemerkung, da
der Weg von Bodenwerder her wohl nchstens unter Wasser stehen, und da
man sich demnchst in Bremen ber das groe Wasser wundern wrde, hatte
ich bereits gemacht, geradeso wie damals, das heit, die Jahre vorher,
meine Geschfte mit dem Doktor Schleimer, dem ich, wieder beilufig,
leider nicht in den Vereinigten Staaten begegnet bin, um ihm offenherzig
meine Meinung sagen zu knnen. -- Sonst war mir brigens selber
eigentlich auch gar nicht spahaft zumute, sondern sehr im Gegenteil.
Ich sa da auf dem Leiterwagen und hielt den Arm um die Alte und
trstete sie und mich nach besten Krften in unserem Glck. Es ist keine
Kleinigkeit, selbst im glcklichsten Fall, sich um soviel lter -- alt
-- und in diesem auch als Greisin zu sehen und zu fhlen, da man noch
einmal eine glckliche Minute herausgefischt hat! Ich wei nicht,
Langreuter, ob ich dir das nach der Syntax vortrage, aber eine Wahrheit
ist es, verla dich drauf. Nicht wahr, alter Freund, wenn einer den
anderen so recht verstehen soll, dann braucht der nur recht
unverstndlich zu sprechen, wenn er seine Meinung nur recht tief aus dem
Grunde heraufholt?! Daher, wo man gar nicht mehr wei, ob man aus seiner
eigenen Seele spricht oder der des anderen!... Nun spricht man hufig
davon, da es sehr s ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu heben, um
sie in die neugegrndete Heimat einzufhren. Ich glaube dieses herzlich
gern, obgleich ich es leider noch nicht selber an mir und an einem guten
Mdchen probiert habe; aber sozusagen etwas Brutliches hatte auch Jule
Grote an sich, als sie mit ihrem Anverlobten, dem Steinhofe, wieder
zusammenkam nach so langer Trennung und hoffentlich jetzt auf immer.
Whrend des Zwischenreichs und der Fremdherrschaft hatte sie natrlich
keinen Fu in die Gegend gesetzt: >Zehn Pferde htten mich nicht in das
Hoftor gezogen, Just!< rief sie einmal ber das andere, whrend sie
jetzt durch alle Stuben und Kammern, treppauf und treppab, durch Stall
und Garten humpelte und mich mit seligen Trnen in den Augen auf alles
aufmerksam machte, was das >fremde Volk whrend seiner Herrschaft nach
seinem Gusto verndert oder gar ganz schandbar verrungeniert hatte<. Wir
gingen alle mit ihr, und weit du, Fritz, was nach meinem Vergngen an
der Alten mir das Lieblichste war? Das war unsere liebe Eva Sixtus, die
ihren alten Papa fhrte und, immer verstohlen mit ihrem weien
Taschentuche an den Augen, wie ein weinender Frhlingsmorgen aussah. Es
war ein wahres Glck, da Stakemann fortwhrend seine schlechten Witze
und altbekannten nichtsnutzigen Bodenwerderschen Redensarten und
Anekdoten uns dabei zum Besten gab; die Sache htte sich sonst wirklich
fr einen Brger der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu sehr ins
Gerhrte verlaufen. Du hast unsere liebe Eva wohl lange nicht gesehen,
Fritz? Das ist sehr schade. So jung wie vor zehn oder zwlf Jahren ist
sie heute nicht mehr; aber das mu ein heikler Patron sein, fr den sie
nicht in die Lnge und in die Breite in die allerseste
Frauenfreundlichkeit sich ausgewachsen hat! Und dann solltest du den
Frster ber sie hren! Hast du selber einen Speech auf der Seele, so
la ihn um Gottes willen nicht zum Worte ber sie kommen. Da redet er
kopfwackelnd das allervolkreichste Meeting vom Stump zu Tode. Freilich,
was mich betrifft, so bringe ich ihn immer mit dem gresten Vergngen
auf seine Tochter, sein liebes Mdchen, und dir, Fritze Langreuter,
wrde es wohl ebenso gehen, wenn du dir unter deinen jetzigen
groartigen und weltgelehrten Verhltnissen noch das alte bescheidene
Herz und Vergngen an allen diesen unseren alten Dingen und Leuten von
Schlo Werden, dem Steinhofe und der Umgebung httest bewahren knnen.
Da das freilich nicht gut mglich ist, sehe ich aber recht gut ein,
mein Junge! ......

Ich hatte mir geschworen, den Menschen nicht zu unterbrechen, und ich
unterbrach ihn auch jetzt nicht; aber ich sprang auf vom Stuhl, knpfte
mir die Weste auf und trat auf lngere Minuten an das Fenster, um die
brennende Stirn an die Scheiben zu drcken und auf das dem Morgen hastig
zutreibende Gewlk zu sehen und auf den Wind zu horchen. Als ich an den
Tisch zurckkam, hatte sich der Vetter Just eine frische Pfeife gestopft
und hielt eben das brennende Zndholz darauf. So gleichmtig und
phlegmatisch, als ob er mir nicht das geringste gesagt habe, was einen
Privatdozenten ohne Zuhrer und einen Doktor der Philosophie ohne
Philosophie aufregen knnte. Und jetzt sagte er noch dazu:

Wahrhaftig, wenn man so ins Schwatzen kommt!... zwei Uhr am Morgen! Bei
uns auf dem Steinhofe fangen da schon die Hhne an zu krhen. Und ich
sitze hier und rede und rede und bedenke gar nicht, wie ich dich von der
nchtlichen Ruhe abhalte, und wie kostbar gerade deine frischen
Morgenstunden fr die gelehrte Welt und die Wissenschaften sind. Aber
guck, Fritz, so bleibt ein Deutscher immer ein Deutscher! Ein echt
eingeborener Nordamerikaner htte dir einfach gesagt: Ich habe den
Steinhof wieder; wenn du Lust hast, male dir alles brige dazu oder la
es bleiben. -- Ich dagegen sitze hier und mchte dir auf jeder Faser und
Fiber in mir meine Gefhle und Erlebnisse in der alten Heimat nach der
Heimkunft vorspielen und frage den Teufel danach, ob das dir noch
interessant ist oder nicht. Aber jetzt auch kein Wort mehr! Wo ist mein
berrock? Hier. Und hier ist mein Hut. Jetzo setze deiner Gte und
Geduld die Krone auf und leuchte mir die Treppe hinunter. Den Weg nach
meinem Wirtshause finde ich schon; hoffentlich aber kehren mehr Leute
von meiner Art da ein, die sich leicht festschwatzen nmlich, wenn sie
nach Jahrhunderte langer Abwesenheit und Trennung einen guten alten
Freund und Bekannten zufllig wieder getroffen haben und ihn in ihrer
Zufriedenheit mit der Welt in den Schlaf oder ber den Schlaf weg, aber
sicher halb tot reden. Allein mchte ich auch in diesem Falle nicht in
der Welt stehen.




Fnfzehntes Kapitel.


Nach jahrhundertelanger Trennung und _Abwesenheit_! Das letzte Wort war
das richtige; ich aber war Pedant genug, da ich mir auch in diesem
Augenblicke, das heit, nachdem ich dem Vetter die Treppe hinunter mit
dem Lichte vorangegangen war, durch jenes Worts sprachliche und
begriffliche Zergliederung meine Stimmungen und Gefhle klarer machte.
Wer diese langen Jahre hindurch abwesend gewesen war, das war nicht der
Vetter Just Everstein, sondern ich, -- ich, der ich so hbsch ordentlich
zu Hause geblieben war.

Ich schlief in dieser Nacht nicht mehr, obgleich ich ziemlich rasch zu
Bette ging. Da lag ich und versuchte es, hundert zerrissene Fden wieder
anzuknpfen, was stets ein bedenklich Geschft ist und nicht immer
gelingt, jedenfalls aber ungemein selten das Gewebe des Lebens haltbarer
und glatter macht. Nun war es sonderbar, wie gerade die letzten Exkurse
des wackeren Freundes mir die heftigste Unruhe in das Geblt geworfen
hatten. Was erzhlte mir auch der Mann von dem weinenden
Frhlingsmorgen Eva Sixtus? Wir waren doch alle -- ohne Ausnahme -- in
den Sommer des Daseins hineingeraten. Was sollten mir die hbschesten
Bilder aus Tagen, die, wie der Vetter ganz richtig sich ausdrckte, ein
Jahrhundert weit hinter uns lagen?

Ich wendete mein Kopfkissen darob fortwhrend um, ohne Ruhe darauf zu
finden. Ba ergrimmt (nein, das war nicht das richtige Wort!) entstieg
ich, als der trbe Morgen gekommen war, dem ruhelosen Lager mit den
Gefhlen eines Mannes, der eine weite Reise unternommen hat, um alte
Schulden einzukassieren, berall aber leere Taschen gefunden hat und nun
selber mit leerer Tasche in einem den Gasthofszimmer sitzt. Mit einer
wahren Wut blickte ich von einem meiner Bchergestelle auf das andere.
Die weisesten Autoren, denen ich in diesen schnen Momenten mit meiner
Lebensrechnung unter die Nase zu rcken versuchte, waren nur imstande,
mir die Gegenforderung und Frage zu stellen:

Wer soll uns denn mit Noten versehen, wenn nicht ihr Lebenden? Dummes
Zeug: Trost und Beruhigung! -- Besttigung unserer Lebensangst, Unruhe
und Not wollen wir von euch Atemholenden! Weiter im Texte!

Von den Schuldnern zu den Glubigern -- den Gespenstern, die mich in der
Nacht geplagt hatten! Der Mensch hat eigentlich gar keine Ahnung davon,
wie er die Wrter seiner Sprache mibraucht. Die Abgeschiedenen lassen
einen wohl schon in Ruhe: es sind die lebendigen Wesen in Fleisch und
Blut, die mitatmenden, leidenden, sich freuenden Genossen der
Erdenlaufbahn, die da gewhnlich durch unsere Trume spuken gehen! Sind
sie gar noch gute alte Freunde und Bekannte und haben sie dazu muntere
Fe, wackere Hnde, helle Augen und rote Backen und wissen sie mit
krftiger, sanfter oder gar freundlicher und liebevoller Stimme ihre
Fragen zu stellen in der Geisterstunde, so ist das sehr hufig am
allerbedenklichsten fr unsere nchtliche Ruhe.

Wie mit einem Zauberstabe hatte dieser Mensch und Vetter Just, dazu
Brger der nchternen Vereinigten Staaten von Nordamerika, an die drre
Wand geschlagen und das klarugige Spukgesindel ber mich her
beschworen. Als ich gegen elf Uhr meinen Weg durch die belebten Gassen
zu seinem Hotel suchte, um ihm, dem Vetter Just, meinen Gegenbesuch zu
machen, sah ich unwillkrlich gespannter als seit langer Zeit den
Begegnenden in die Gesichter und mit einem gewissen ngstlichen Suchen
und Erwarten in das Getmmel berhaupt. Was ich seit langem teilnahmlos
hatte an mir vorbeistreifen lassen, das gewann nach dieser Nacht
pltzlich ein sozusagen angsthaftes Interesse fr mich. Andere Leute
mochten es vielleicht anders nennen; ich nannte es Gedanken, was mich
auf meinen Wegen bis heute durchgngig gehindert hatte, auf die Bewegung
um mich her viel zu achten. Hchstens rgerlich hatte ich dann und wann
auf- und um mich gesehen, wenn ein unvermuteter Puff und Knuff von
Menschenkindern, die es stets eiliger als ich hatten, mich in meiner
Neigung, mit gesenkter Nase hinzuschlendern und, offen gestanden, an
sehr wenig zu denken, strte. Nun hatte sich dieses mit einem Male
gendert, wenigstens fr diesen Morgen. Ich ging mit geradeaus
gerichteter Nase und mit Augen, die nach rechts und links und manchmal
sogar einem aufflligeren Individuum nachguckten.

Weit du, wer da mit dir geht oder dir entgegenkommt? Hast du es
schriftlich, da niemand darunter ist, dessen Erkennung im Haufen dir
wichtiger sein kann als das trumerische Gespinste, in welches du deine
fnf Sinne eingewickelt umhertrgst. Wrdest du dich ber kein _zweites_
unvermutetes Begegnen an der Straenecke wundern oder freuen? Bist du
wirklich so ganz allein und -- auf dich allein angewiesen unter den
Hunderttausenden? Und -- da stand ich schon und starrte und brachte im
jhen Anhalten meinerseits diesmal eine Hemmung in den Strom der
Bevlkerung und auf dem Gesichte des Nchsten hinter mir, auf dessen
Zehen ich mich mit meinem Hacken niederlie, einigen Verdru hervor. --
-- --

Mademoiselle Martin!

Das war nicht _das_ Gesicht, auf welches ich in dem groen Strome gepat
hatte; -- Eva Sixtus sah anders aus! -- aber das Wunder und die
Verwunderung blieben die nmlichen. Ich mute doch noch Mademoiselle
Martin, unsere alte franzsische Sprachmeisterin von Schlo Werden,
kennen! Sie war es! sie war es unbedingt, und wenn auch nur um das alte
Wort zu bewahrheiten: Wenn es kommt, so kommt es in Haufen!

Ein greisenhaft, verschrumpfelt und verrunzelt, etwas phantastisch
aufgeputztes Mtterchen wackelte sie daher, und ich stand mit dem Hute
in der Hand:

O Mademoiselle!... o Mademoiselle Martin, welches ungemein erfreuliche
--

^Monsieur?!^

Es lag eine Welt von Fragen in dem einen Wort; und ich war imstande zu
stottern:

O, ich bitte -- Doktor Langreuter ist mein Name.

Da ging es gottlob wie ein Lcheln ber das sorgenvolle
Altfrauengesichtchen der ^ci-devant soeur ignorantine^.

Je, Fritz?! ^Monsieur Frdric Langreuter!^ Ei, der Herr Doktor
Langreuter! Aber, ^en vrit^, das nenne ich freilich ein recht
erfreuliches Zusammentreffen. Haben Sie mich wiedererkannt, Fritz --
Herr Doktor? O dieses unvermutete Wiederfinden freut mich ebenfalls
sehr.

Und Sie kennen mich auch noch, Mademoiselle? Und gestern mittag -- o
Mademoiselle, welche Wunder knnen doch noch in dieser Welt
geschehen!... Gestern der Vetter Just und nun Sie, Frulein Martin! Und
Sie haben sich so wenig verndert, da auch das ein neues Wunder ist,
Mademoiselle.

Geben Sie mir Ihren Arm, ^monsieur^. Durch ein paar Straen mssen wir
^sans condition^ miteinander gehen. Schmeicheln will ich Ihnen nicht:
Sie haben sich sehr verndert, Mr. Langreuter, und htten Sie mich nicht
angerufen, so wrde ich Sie wahrscheinlich nicht wiedererkannt haben.

Wir paten ganz zueinander: ich der mittelalterliche Quellenforscher und
das melancholisch geputzte Mtterchen an meiner Seite. Durch ein
heiteres Wesen hatte sich Mamsell Martin wohl nie hervorgetan; aber nun
hatten die Jahre und die Erlebnisse wie immer dichter sich bereinander
schiebendes Gewlk das letzte Licht in ihren Altjungferzgen
ausgelscht. Ich hatte sie vorsichtig zu fhren, denn ihr Schritt
gehrte nicht mehr zu den festesten. Wir gingen langsam, und auch das
war sehr ntig.

Ich habe es gestern von einem guten, alten Freunde vernommen, da
Grfin Irene jetzt hier ihren Aufenthaltsort genommen hat, Mademoiselle.
Ich habe viel erfahren seit gestern, Mademoiselle, und vieles, was ich
eigentlich ebenso gut, wo nicht besser als jener treue, wackere Freund
wissen mte. Nun gehe ich pltzlich auch mit Ihnen hier --

Ja, wir wohnen seit einigen Wochen in Berlin, Herr Fritz -- Herr
Doktor. Durch wen aber wissen Sie das auch -- seit gestern?

Durch den Vetter Just.

Nun sah man wieder einmal recht deutlich, da sowohl der Dichter des
Textes zum Freischtz sowie der Komponist und alle weisen und
melodischen und poetischen Mnner, die das Nmliche vor ihnen in Versen
und Prosa oder Noten angemerkt, das Richtige getroffen hatten.

Ob auch die Wolke sie verhlle, die Sonne bleibt am Himmelszelt! Wie ein
Sonnenstrahl ging es ber die gelbe faltenreiche Stirn, wie freudiges
Leuchten zuckte es aus den schwarzen Augen der alten ^soeur
ignorantine^.

^Oh monsieur, monsieur!^ Der Vetter Just! O wohl, ^monsieur^ Just
Everstein! Ja, der hat uns gefunden und hat uns eine Visite gemacht, und
wir waren so glcklich, ihn zu sehen! Und er hat bei uns gesessen
stundenlang und von der alten Zeit gesprochen! Und er hat unser Kind in
seinen guten Armen in den Schlaf getragen! Die Komtesse hat geweint, als
er weggegangen ist, aber diesmal vor Freuden. Nicht weil er gegangen
ist, sondern weil er versprochen hat, immer wieder zu uns zu kommen, zu
uns und unserem armen Kinde. Und er ist wieder gekommen, und hat wieder
mit uns von der alten Zeit und dem Herrn Grafen und dem lieben, armen
^chteau de Werden^ geredet. O -- er hat uns _gesucht_ in dem
^ple-mle^, der Vetter Herr Just, und er hat uns gefunden und nicht
blo durch einen Zufall. ^Le bon dieu^ hat ihm das in sein Herz gegeben,
da er es nicht anders konnte, sondern suchen und finden und kommen und
da sitzen mute, um uns zum Troste zu sein in dieser argen, schlimmen,
schlimmen Welt! Wie ein Gesandter von dem guten Gott ist er uns gewesen,
der Vetter Herr Just, der mir soviel ^aversion^ und ^rpugnance^ hat
bereitet in der glcklichen alten Zeit, wenn ich euch rief zu der
Lektion -- ^savez-vous?^ hoch oben aus den Bumen und ihr nicht
antwortet, weil ihr alle waret echappiert und -- ^eh, eh^, hattet euch
durchgeschlpft -- ^glisss par la haie^ -- wie die Vagabonden in die
weite Welt und nach dem Steinhof. ^Oh mon dieu^, damals habe ich
geweint, weil das war, nun weine ich, weil das nicht mehr sein kann.
Aber ^madame la baronne^, meine Komtesse kann noch lcheln, wenn sie
spricht mit dem Vetter Just davon und von euch anderen bsen Kindern;
und so bin ich auch glcklich, da ich einst mich so sehr habe
gergert.

Vergebens war es, meinerseits ein Wort in diesen Redeflu der alten Dame
zu werfen. Und sie redete das alles zu mir in einer der belebtesten
Straen der groen Stadt Berlin, gnzlich unbekmmert darum, da wir
nicht allein darin gingen wie vordem wohl in der groen Lindenallee im
Garten von Schlo Werden. Wir gingen ihnen allen zu langsam und nahmen
ihnen allen zuviel Platz auf dem Wege in Anspruch; aber alle hatten sie
es auch nicht darum so eilig, um rascher zu einem Vergngen zu gelangen,
und so war nichts gegen dies Geschobenwerden und Gedrngtwerden
einzuwenden.

Da sich Irene von Everstein in Wien mit einem Freiherrn Gaston von
Rehlen verheiratet hatte, wute ich, ebenso da diese Ehe nicht
glcklich ausgefallen war. Nun wohnte die Frau Baronin seit einigen
Wochen als Witwe in Berlin, mit einem kranken Kinde und mit ihrer alten
franzsischen Sprachmeisterin. Ich hatte hundert Fragen zu stellen und
brachte doch keine einzige ber die Lippen. Jeder Blick in das
melancholische graue Gesichtchen mir zur Seite wurde mir hier zu einem
Hindernis und trieb mir das Wort von der Zunge zurck; die ^soeur
ignorantine^ aber schwatzte trbselig weiter von der guten alten Zeit,
als der Herr Graf noch lebte und niemand eine Ahnung, ein
^pressentiment^, davon hatte, wie die Verhltnisse fr uns alle sich
nach seinem Tode gestalten wrden. Des Ausdrucks ^changer de face^
bediente sich Mademoiselle Martin, und es war der ganz richtige
Ausdruck: ein ganz anderes Gesicht als damals, wo nur der Herr Graf
genau wute, wie schwankend unsere Stellung im Leben sei, machte uns
heute die Welt!

^Monsieur^ Ewald ist immer noch in England oder Irland; doch er will
nchstens nach Deutschland zurckkehren, hat uns neulich ^mademoiselle^
Eva geschrieben, sagte Mademoiselle. Der Herr Vetter Just hat ihn in
der Stadt Belfast ^par hasard^ getroffen. Ich htte mir gern von ihm
erzhlen lassen, aber der Herr Vetter hat nicht viel von ihm erzhlt.
Das Kind war sehr unruhig, und da nahm er es auf den Arm. ^Hlas^, es
ist ein sehr schwchliches Kind, ^monsieur Frdric^, und auch ein wenig
verwachsen -- ^ah, pardon^.

Die Gute hatte nicht ntig gehabt, um Verzeihung zu bitten. Erst durch
ihren letzten halb erschrockenen Ausruf wurde ich auf die unwillkrliche
Bezugnahme auf meine eigene gleichgltige Person lchelnd aufmerksam.
Ich hatte nur an Ewald Sixtus in Belfast gedacht und an die Grnde, die
den Vetter Just abhalten konnten, von ihm der Grfin Irene ausfhrlich
zu erzhlen. Mir mute der Vetter hierber Rede stehen, das stand mir
unumstlich fest.

Wir hatten nun die grere Verkehrspulsader der Stadt verlassen und
schritten durch stillere Straen.

Nun ich Sie wiedergefunden habe, -- auch ^par hasard^, Herr Fritz
Langreuter! -- so mssen Sie uns doch nun auch wohl eine Visite machen,
meinte Mademoiselle. Ich werde Ihnen zeigen unsere Wohnung; doch knnen
Sie nicht gleich mit mir gehen, denn ^madame la baronne^ -- meine Irene
ist nicht wohl heute. Sie mssen kommen mit dem Vetter; ich aber werde
sagen, da ich Sie jetzt getroffen habe, und da Sie aus alter
Freundschaft zu uns kommen werden. Darf ich das, ^monsieur^ Fritz? Dort
wohnen wir, im dritten Stockwerk; -- der Herr Vetter Just kennt aber den
Weg, und Irene wird sich sehr freuen.

Ich sah an dem Hause empor und hielt beide Hnde der alten, so
bittersen Dame, konnte aber nichts weiter hervorbringen als:

O Mademoiselle!

^Adieu, monsieur^, rief sie. Und -- ^au revoir!^ nicht wahr,
^monsieur^?

Die Haustr hatte sich hinter ihr geschlossen, und ich lief eiligst
meinen Weg zurck und nach dem Hotel, in dem der Vetter Just Everstein
abgestiegen war und hoffentlich noch auf mich wartete mit dem Frhstck,
zu dem er mich eingeladen hatte.




Sechzehntes Kapitel.


Gewartet hatte er in seinem ^Htel garni^ nicht mit dem Frhstck; auch
dazu war er zu sehr der Vetter Just vom Steinhofe geblieben. Aber er
hatte doch noch viele schne Reste auf dem Tische bergelassen; und mit
mir von neuem herzlich und herzhaft daran zu Werke zu gehen und sich zu
erbauen, dazu war der Vetter immer noch der Mann. Aber ich hatte
durchaus keinen Appetit mehr; selbst der sehr mige, den ich vom Hause
mitgenommen hatte, war mir auf dem Wege unter der Begegnung mit der
weiland ^soeur ignorantine^, Mademoiselle Martin, vollstndig vergangen.

Nun war es aber trotz dieser Begegnung immer noch ein Mirakel, den
Vetter Just vom Steinhof in einer solchen modernen Karawanserei
aufsuchen zu mssen und ihn daselbst sogar auf dem bekannten trostlosen
Sofa hinter dem bekannten, schbig rotbehngten Tische hemdrmelig zu
finden. Welch ein Segen und Glck ist es, da ein richtiger Haspel immer
ein Haspel bleibt, selbst wenn er einem in einer glsernen Flasche als
eine Kuriositt vorgewiesen wird!

Du bist lange ausgeblieben, Fritz! Aber so seid ihr einmal hier, und
man mu euch nehmen, wie ihr seid! rief er mir entgegen. Jetzt komm
her und setz dich und greif zu. Einen Klingelzug habe ich schon
verruiniert; aber brauchst du noch etwas, so sag's nur dreist, ich gehe
dann lieber selber danach. Alter Junge, ich freue mich unbndig. ffnete
sich jetzt dort die Schranktr und Jule Grote trte hervor, um, mit der
Faust auf den Tisch gestemmt, dir und mir die Wahrheit zu sagen, so wre
meine Behaglichkeit vollkommen. Aber wie siehst du denn eigentlich aus?
Ist dir etwas Unangenehmes auf dem Wege hierher begegnet, oder haben wir
fr deine Krfte etwas zu lange in die Nacht hineingesessen und von den
alten Tagen gesprochen?

Ich fuhr so rasch als mglich damit heraus, was mir eben begegnet war,
und der Vetter fuhr mit der Hand ber den Hinterkopf und sprach sehr
gedehnt:

Ach so!... ja freilich! ...

O Just, rief ich, du bist natrlich sofort da wieder der liebste Gast
und beste Freund und Berater! Ich soll womglich nur in deiner
Begleitung dort einen Besuch machen; -- ich bitte dich um des Himmels
willen, was ist das? Sind die Zustnde dort wirklich so trostlos, da
--

Hast du wirklich gefrhstckt? Auf Ehre, Fritz, bist du satt und magst
du wahrhaftig nichts mehr von dem den Zeug hier auf dem Tische? fragte
der Vetter klglich. Ich frage dich dieses aus Grnden. Nmlich mir ist
der Appetit auf lngere Zeit vergangen, nachdem ich dort aus alter
Freundschaft an die Tr geklopft hatte und von Mamsell Martin
hereingelassen worden war. Ach, Fritz, was will das alles sagen, was die
Mnner erleben knnen, gegen das, was die Weiber dann und wann erleben
mssen. Ich bringe dich natrlich hin, damit du selber siehst, was der
Schuft, dem sie in die Hnde gefallen ist, aus unserer lieben Irene
gemacht hat. O, wre sie tausendmal lieber mit mir ber das Wasser und
dann, hie und da ohne einen Cent in der Tasche, durch die Straen von
Neuyork und durch alles Sauere und Bittere bis in die Wildnis von
Neu-Minden gezogen, als da sie so dumm war und als bankerottes
hochadeliges und reichsgrfliches Frulein und junges Mdchen unter
ihren Leuten blieb.

Davon habe ich eigentlich zu erzhlen, nicht du, Vetter Just, seufzte
ich. Das waren trostlose Zeiten auf Schlo Werden, die nach dem Tode
des Herrn Grafen kamen. Wir erfuhren es beide damals, Vetter, wie dem
Menschen zumute wird, wenn pltzlich hundert fremde Hnde und Fuste das
Recht gewinnen, in unser Dasein hineinzugreifen und alles, was wir fr
unser ewig Eigentum hielten, als das ihrige in Anspruch nehmen. Da wird
das Gerte des Lebens verschoben, das uns fr alle Zeit an seinem Platze
fest zu stehen schien. Da klingt fremdes Gelchter in Rumen, in denen
wir nur zu flstern wagten. Du hast nicht die Macht, dich gegen die
roheste Rede, gegen den erbrmlichsten Witz zu wehren. Und wenn die
grnen vertrauten Bume von drauen in gewohnter Weise dazu in die
Fenster sehen und rauschen, so ist das kein Trost, sondern ganz das
Gegenteil. Wir auf Schlo Werden hatten gerade so wie du auf deinem
Steinhofe von allem Abschied zu nehmen. Und wir erfuhren jetzt erst in
herzzerbrechender Deutlichkeit, wie uns alles ans Herz gewachsen war.
Ach, du httest meine Mutter und ihr armes Kind, ihre Irene, in jenem
Sommer und Herbst sehen sollen, wie sie in den immer leerer werdenden
Rumen in den Winkel gedrckt saen und alles ber sich ergehen lieen;
die stolze Irene am stillsten und geduldigsten! Wohl htte die Komtesse
auf dem Frsterhofe ein anderes heimatliches Dach finden knnen, wohl
htte sie mit uns -- meiner Mutter und mir -- gehen knnen und unser
Schicksal teilen, wenn nur nicht jeder Mensch sein eigen Schicksal
htte, das durch keine Liebe und Aufopferung, keinen Ha und Zorn eines
anderen gendert werden kann --

Jawohl, da hast du recht, seufzte der Vetter Just. Man macht sich
hier immer entweder zu viel oder zu wenig Illusionen von der Macht, dem
guten oder bsen Willen seiner nchsten Umgebung und liebsten
Freundschaft. Gegen das Schicksal, was einem angeboren ist, knnen sie
nichts ausrichten, das steht fest -- ^that is a fact^, sagen wir
drben.

So kam denn die Vormundschaft und sprach uns drein, und dann der Brief
aus Graz, und dann die Tante aus Graz persnlich. Da war es denn mit uns
anderen allen aus, und wie von dem Steinhofe, so ging von Schlo Werden
ein jeder seinen eigenen Weg in die Fremde hinein. Wenn dem nicht so
wre, wo bliebe dann nachher wohl die Verwunderung, wenn man sich wieder
trifft, wie zum Beispiel wir jetzt, und seine Erfahrungen gegenseitig
austauscht?

Da hast du wieder recht, sagte der Vetter Just Everstein, als ob ich
ihm wirklich eben die hchste Weisheit und zwar als etwas ganz neu
Entdecktes mitgeteilt htte. Und jetzt sei nur still, fuhr er dann um
so berraschender fort, du erzhlst mir da gar nichts Neues; und so
melancholisch, wie du das da herleierst, so trbselig habe ich es alles
selber mit durchgemacht von Bodenwerder aus. Groer Gott, wie bald
vergessen doch die Leute, wie nahe sie vor ein paar Jahren beieinander
gewohnt haben! Von Irenes Ehestand spreche ich dir meinerseits nicht. Da
mut du dich lieber an Mamsell Martin wenden; die war, Gott sei Dank,
von Anfang an bis zum Ende dabei und hat dazu heieres Blut in den Adern
als ich und kann dir also die jmmerliche Geschichte mit allem dazu
gehrigen Nachdruck und Gestus erzhlen. Nur tu mir die Liebe, Fritz,
und frage nicht die Komtesse danach aus. Freilich, du wirst das
wahrscheinlich wohl schon von selber unterwegs lassen, wenn du die alte
wilde Hummel und Spielkameradin nach den ihr von der gtigen Vorsehung
zudiktierten Lebensschicksalen wieder zu Gesicht gekriegt hast. Kurios
aber bleibt es einem immer doch, wie diese nichtswrdigen Schicksale so
durcheinander spielen, da selbst der Gleichgltigste nie genau wei,
wie sehr ihn die Sache angeht. Da ich von neuem hier drinstecke, und
zwar tief, das wei ich; nun soll es mich nur wundern, was dir, mein
guter Fritze Langreuter, hierbei zu deiner Behaglichkeit und
Unbequemlichkeit aufgehoben ist! ^Well^, noch steht es aber bei dir, ob
du die arme Frau durch mich nur gren lassen willst?

Wenn es mir bis jetzt noch irgendwie unklar gewesen wre, wie es mglich
war, da der Vetter Just den Amerikanern imponierte und den Steinhof
wiedererlangte, so htten mir seine letzten Worte unbedingt darber
Aufklrung geben mssen.

Und diesem Vetter hatte ich vordem die Brosamen, die vom Tische meiner
Schlerweisheit abfielen, mit dem bekannten Dummen-Jungen-Humor grinsend
zukommen lassen?! Und dieser Vetter Just Everstein hatte es einst
fr eine Glorie gehalten, mir den pythagoreischen Lehrsatz
vordemonstrieren zu knnen! Die alten Kirschbume im Grasgarten auf
dem Steinhofe, die jetzt wieder samt dem Grasgarten sein Eigentum waren,
schnitten mir aus der Ferne der Erinnerung sehr ironische Gesichter. Der
ganze Steinhof lachte; mir aber war durchaus nicht lcherlich zumute:
wenn ich ein alberner Schulbube gewesen wre, so htte ich dreist meine
Stimmung weinerlich nennen drfen. Um mich daraus zu retten, brachte ich
nach althergebrachter Menschenweise die Rede auf etwas anderes, das
heit auf den nchsten besten Bekannten oder Freund. Ich erkundigte mich
nach Ewald Sixtus und wnschte etwas Genaueres ber das Zusammentreffen
des Vetters mit ihm in Belfast zu erfahren.

Der Mann gefiel mir eigentlich nicht, sagte der Vetter Just kurz und
deutlich. Ein tchtiger Ingenieur scheint er geworden zu sein; aber
sonst hat die Fremde gerade nicht nach meinem Geschmack auf ihn
eingewirkt. Von uns zu Hause mit ihm zu reden, habe ich bald aufgegeben,
da er selber stets gleich wieder abbrach. Aber ber Wasserbauten und
Brckenanlagen haben wir viel miteinander gehandelt. Wie dieser Mensch
in dem Frsterhause hatte flgge werden knnen, ist auch eines von den
vielen unbegreiflichen Wundern dieser Erde. Was mich anbetraf, so schien
er sich brigens auch ein wenig zu wundern, da ich nicht ganz der Alte
geblieben war. Gewissermaen habe ich ihm sogar, wie es scheint,
gefallen, aber er hielt mich jedenfalls fr einen greren Kapitalisten,
als ich bin; und da ich auf dem Wege nach der Heimat war, um mir den
Steinhof zurckzukaufen, hielt er fr eine von meinen alten Dummheiten,
und dabei kam auch sein altes lustiges Lachen (weit du noch, Fritz?)
zum erstenmal annhernd wieder zum Vorschein. Ich lachte aber nicht mehr
mit wie vor Jahren auf dem Steinhofe, wenn ihr euren Spa an mir hattet
und ich das euch gern gnnte. Um Irene Everstein hatte er sich so wenig
-- wie du -- nimm's mir nicht bel, Doktor! bekmmert. Das htte ich
meinerseits ihm nun nicht allzu bel genommen, wenn es mir gleich etwas
sonderbar nach ihrer so netten Jugendfreundschaft und Liebschaft
erschien. Aber auch von seinem alten Vater und von seiner Schwester
wute er wenig. Sie schrieben an ihn wohl, er aber schrieb nur dann
zurck, wenn er Zeit hatte, und die hatte er wenig. Ein bichen Heimweh
dann und wann in der Fremde schadet keinem Menschen. Man kann auch
trotzdem Geld machen und ein tchtiger Arbeits- und Geschftsmann sein.
Ich habe es furchtbar gehabt, das Heimweh nmlich, und fr eine Million
nicht wre ich auf seinen, unseres Ewalds Vorschlag eingegangen und wre
noch ein halb Jahr lang bei ihm in England geblieben und htte
Bodenwerder Bodenwerder sein lassen. brigens lt er dich doch gren,
der alte Junge. Und als ich ihm sagte, da ich dich jedenfalls
aufzufinden suchen wrde, fand er das ^uncommon obliging^ fr dich.

Ich danke dir, und -- ihm, sagte ich, ziemlich gedehnt das letzte Wort
betonend. Von dir, Vetter Just, war das freilich ungewhnlich
zuvorkommend und freundlich!

rgere dich nur nicht zu sehr, Fritzchen, lchelte gutmtig der
gelehrte Bauer vom Steinhofe. In frheren Zeiten ist lange genug
ununterbrochen an mir die Reihe gewesen, mich ber die Leute und Dinge
zu verwundern. Jetzt bin ich gottlob wenigstens ein wenig
dahintergekommen, da man mit seinem Erstaunen haushalten mu, und da
es schade ist, es an das unrichtige Individuum oder den unrechten
Gegenstand wegzuwerfen. Morgen frh aber gehen wir beide zu Irene
Everstein oder Frau von Rehlen. Weit du, ich nenne sie am liebsten
immer noch bei ihrem Vaternamen, noch dazu da es auch der meinige ist.
Wenn es dir pat, so werde ich dich gegen elf Uhr abholen. Du kannst es
mir aber aufrichtig sagen, wenn du andere wichtige Abhaltungen hast.

Ich hatte dergleichen nicht.




Siebenzehntes Kapitel.


Wenn der Vetter Just sein Wort gegeben hatte, so konnte man sich darauf
verlassen, da er es pnktlich hielt. Dieses war selbst in seinen
Traumjahren auf dem Steinhofe der Fall, und sein Aufenthalt in Amerika
hatte nichts daran gendert. Fnf Minuten vor elf Uhr am folgenden Tage
vernahm ich seinen langsamen, soliden Schritt auf der Treppe.

So, da bin ich, und wir knnen gehen, sagte er. Irene wird sich gewi
recht freuen; aber ein Vergngungsweg ist es nicht, das versichere ich
dich.

Dieses brauchte er nun mir gerade nicht immer zu wiederholen, ich wute
es bereits. Die Zeiten, wo wir uns in dem Blttergrn und Sonnengold
unserer Nubaumnester an der Hecke von Schlo Werden schaukelten und uns
daraus wild, frei und frhlich in alle grenzenlose Jugendlust der Erde
niedergleiten lieen -- auf die Vergngungswege nach dem Steinhofe,
wie der Vetter sich ausdrckte, -- die Zeiten waren nicht mehr
vorhanden. Aber aus dem Sonnengold und Blttergrn stieg ich an diesem
Morgen doch hernieder in den Straenschmutz der Stadt Berlin. Wie du die
Jugendfreundin auch finden magst, hiervon werdet ihr auch reden, Fritz
Langreuter! sagte ich mir wehmtig-bnglich; und dazu war es schon sehr
viel und ein groer Segen, am Arme des Vetters Just Everstein diese
Straen durchwandern zu drfen, vorber an den Anschlagssulen mit den
hundert bunten, zu den heutigen Lustbarkeiten einladenden Zetteln, ganz
abgesehen von den anderen ffentlichen privaten oder amtlichen
Ankndigungen und Aufforderungen.

Guck, da steht die Gesellschaft und der Staatsanwalt wieder einmal
einem durchgeschnittenen Halse gegenber perplex! Diese dreihundert
Taler, die dem Denunzianten des Tters angeboten werden, sind fr mich
das kurioseste Preisgeld, was der Menschheit, das heit dir, mir und den
brigen, hingehalten werden kann, brummte der Vetter. Was will es
dagegen heien, die beste Komdie zu schreiben oder das beste Bild zu
malen und einen Preis dafr zu kriegen? Beilufig, ich habe es damals in
der Neuyorker Staatszeitung gelesen, da du auch einen Preis fr eine
wissenschaftliche Abhandlung bekommen hast. Das mu dich doch sehr
gefreut haben, Fritz; -- als ich es las, war ich natrlich aus Rand und
Band. Hast du noch ein Exemplar von der Abhandlung fr mich und kann ich
sie verstehen?

Makulatur, alter Freund! sagte ich, besa jedoch in einem staubigen
Winkel ein hbsch Bndel von mir und der Welt hchst berflssigen
Abdrcken. Wir gingen weiter und sprachen auf dem ferneren Wege wenig
mehr miteinander und nichts von irgend welcher Bedeutung; aber unter der
Tr des Hauses, in dem Irene von Everstein jetzt wohnte, hatten wir eine
Begegnung, von der kurz erzhlt werden mu und zwar mit einer kleinen
Abschweifung.

Es ist eine der volkslufigen Vorstellungen, da die hheren Klassen
unserer heutigen Gesellschaft den ideelleren Bestrebungen des Menschen
immer noch vollkommen fremd gegenber stnden und teils mit Verachtung
darauf herabshen, teils drolligerweise Furcht davor htten. Dem ist
nach meiner Erfahrung nicht so, nicht einmal im groen ganzen. Da man
hier wie auch in anderen Kreisen ein tchtig Quantum von Dilettantismus
oder von beschftigungsloser Neugier oder von leerem Vorwitz im Verkehr
der Welt zu verdauen hat, ist freilich nicht zu leugnen; doch wo hat man
das denn nicht?

Ich meinesteils habe mich in meinem engen Reiche nie ber eine
aristokratische Miachtung zu beklagen gehabt, wohl aber ziemlich hufig
ber des edlen deutschen Philistertums verzogene Schnauze ein vergngtes
Lcheln mit einiger Mhe unterdrckt. Wir deutschen Gelehrten usw. haben
wahrlich keinen Grund, das: Krieg den Palsten! durch unseren
Tabaksdampf nachzubrummen. Wahrlich, wenn es uns Spa macht, so drfen
wir unsere Fehdebriefe da dreist an ganz andere Tren als die unserer
frheren Reichsunmittelbaren usw. anheften.

Einer von den letzteren und zwar ein sehr guter Bekannter aus den
Hrslen der Universitt und von manchem wissenschaftlichen Abend her
war es, der uns ber die Schwelle, die wir eben berschreiten wollten,
entgegentrat.

Sieh da, Doktor! Was fr ein guter, nrrischer oder gar bswilliger
Geist fhrt denn Sie in dieses Haus, wenn ich fragen darf?

Ich komme jedenfalls unter dem Geleit eines guten, treumeinenden
Fhrers, ^mon prince^, erwiderte ich. Ich wnsche eine
Jugendbekanntschaft zu erneuern, Durchlaucht.

Die Durchlaucht oder Erlaucht hatte den Vetter hflichst gegrt und
dieser den Gru ebenso zurckgegeben.

Eine Jugendbekanntschaft? Darf ich fragen, mit wem, lieber Freund und
gelehrter Gnner?

Ich stellte zuerst die beiden Herren einander vor, und sie begrten
sich noch einmal. Dann beantwortete ich die an mich gestellte Frage,
indem ich Irenes jetzigen Namen nannte, aber auch ihren Mdchennamen
hinzufgte. Der Frst ** sah mich einen Augenblick betroffen an, dann
ergriff er meine Hand und rief:

Die?! Die Herren sind Bekannte -- Freunde der armen Frau? Ach, es ist
ja richtig, Doktor, Sie stammen mit ihr aus einer Gegend her. O, meine
Herren, ich habe in Wien diese Ehestandstragdie mit durchgemacht und
auch eine Rolle darin gespielt. Ich war ein Zeuge bei dem Duell, in dem
endlich zu allgemeiner Befriedigung in unserem gesellschaftlichen
Verkehr ein schwarzer Strich ber den Namen Gaston von Rehlen gezogen
wurde. Die Rehlen sind von fernher mit uns verwandt, und nach meinen
schwachen Krften habe ich das meinige getan, die unglckselige Frau da
oben in ihrem trostlosen Leben aufrecht zu erhalten. Mein Vater ist ein
Jugendfreund des alten Herrn auf Schlo Werden gewesen; -- so laufen die
Bezge zwischen uns durcheinander. Ach, meine Herren, ich wollte, Sie
wren etwas frher gekommen. Vielleicht htten Sie einen frischen Hauch
in die schwle Stunde mitgebracht, in der ich eben dort oben auf Kohlen
gesessen habe. Sie treffen brigens auch den Arzt dort an. Das Kind ist
seit der vergangenen Nacht wieder recht krank; der Medizinalrat macht
mit der Uhr in der Hand am Bette der Kleinen das bekannte Gesicht und
ist mir auch bis vor die Tr nachgegangen und hat mir als einem
Familienfreunde seine Meinung nicht vorenthalten. Das kleine Mdchen
liegt bereits im Sterben, und als wirklicher Familienfreund halte ich
das bei dem geistigen und krperlichen Zustande des armen Geschpfes fr
ein Glck!

Der Vetter Just stie einen Laut hervor, der ein Seufzer war, aber auch
eine grimmige Verwnschung bedeuten konnte.

Meine Herren, fuhr der Frst fort, ist es nicht recht bizarr, da wir
uns von all diesen Angelegenheiten hier so zwischen Tr und Angel
unterhalten? Bester Doktor, demnchst mu ich mich unbedingt einmal
wieder zu einer Tasse Tee bei Ihnen einladen, und dann mssen wir mehr
ber die Frau da oben reden. Sie interessiert uns alle in dem weitesten
und in dem engsten Kreise; ich spreche aber hier nur von dem letzteren
als dem meinigen.

Sie wissen, da Sie mir immer willkommen sind, Durchlaucht, erwiderte
ich.

Also, Adieu, mein Bester, und auf Wiedersehen!

Wir schttelten uns noch einmal die Hnde, whrend der Vetter Just
bereits die Treppe hinaufstieg.

Das war im ersten Stockwerk eine breite, vornehme, mit Teppichen belegte
Treppe, die zu einer auf dem Eckstnder der Brstung eine Glaskugel
haltenden Bronzefigur emporfhrte. Aber die Teppiche waren auf dem
nchsten Absatze verschwunden, und auch die Stufen waren steiler
geworden. Der Kommissionsrat, der die Beletage des Hauses innehatte,
wohnte bedeutend eleganter als die Freifrau Irene von Rehlen, die wir in
dem glckseligen Nubaum, auf den Wiesen, in den Parkalleen und in den
Wldern von Schlo Werden einst in ihrer frhlichen Wildheit,
blondlockig und blauugig, als unseren besten Kameraden und nur, wenn
sie uns zu sehr durch einen ganz unvermuteten Schabernack aus der
Fassung gebracht hatte, als _dies_ Frulein Grfin oder (nach Ewalds
Ausdruck) als diese ganz abgefeimte Haupthexe, diese Irene gekannt
hatten.

Ich stieg hastig dem Vetter nach, der vor der Glastr mit dem jetzigen
Namen unserer Jugendfreundin einen Augenblick lang sich schwer auf das
Gelnder sttzte und, unverstndlich mit sich selber sprechend, sich mit
dem Taschentuch ber die Stirn fuhr.

Das sollte nun wohl ein Trost sein, da uns dieser Mann da eben an der
Tr begegnete?! brummte er mir zu. O, diese Hand wrde ich darum
hergeben, wenn ich dadurch jetzt meine Eva Sixtus hierherschaffen
knnte, Fritz Langreuter!

Weshalb gab mir nun dieser Name Eva Sixtus auch in dieser Stunde, in
dieser Umgebung und unter diesen Umstnden, von ihm ausgesprochen und
gleichsam zur Hlfe herbeigerufen, in tiefster Seele einen Moment
bittersten Unbehagens, -- wie das Volk sagt: einen Stich durch das
Herz?! Ich hatte wiederum keine Zeit, darber nachzudenken; die Glastr
war nicht verschlossen, und der Vetter hatte sich besonnen, wie er
sagte, und die ntige Selbstbeherrschung wiedergewonnen.

Als wir auf den etwas dunkeln Vorplatz traten, ffnete sich gegenber
eine Tr, und der Doktor kam heraus, geleitet von Mademoiselle Martin,
deren runzeliges Gesichtchen verkniffener denn je erschien.

^Ah messieurs!^

Ich kannte auch den Arzt persnlich und wute, da er als einer der
besten Kinderrzte der Stadt galt. Er gab mir etwas verwundert die Hand;
aber dem Vetter Just schttelte er sie ganz vertraulich.

Ich freue mich, da ich Ihnen augenblicklich den Platz rume, Herr
Everstein, sagte er leise. Sprechen Sie in Ihrer gewohnten Weise zu
der Gndigen; es wird ihr wohl tun --

Und das Kind? flsterte der Vetter; und der glckliche Kinderarzt, der
sie zu Tausenden hatte sterben sehen, nickte unmerklich und schttelte
sodann sehr merklich den Kopf:

Ich habe leider dem Frulein hier die Wahrheit nicht verhehlen drfen.
Ich denke -- so -- gegen Abend!... Werde jedenfalls im Laufe des
Nachmittags noch einmal vorsehen. Mein Frulein, ich bitte Sie, ferner
so ruhig zu bleiben wie bisher. Meine Herren, ich empfehle mich Ihnen.

Er ging, und Mademoiselle, die so ruhig bleiben konnte, erfate mit
zitterndster Erregung unsere Hnde, und die Trnen brachen ihr
unaufhaltsam hervor.

O, es ist gut! -- nur einen Moment, ^messieurs!^ ich bin auch gleich
wieder still. Herr Fritz, ^madame^ wird sich sehr freuen -- freuen. Ich
habe ihr gleich erzhlt von Ihnen, und da ich Sie habe gesehen in der
Strae. Herr Just, Sie verlassen uns nicht heute abend! Sie bleiben bei
meinem Kind und bei unserem Kinde, wenn kommt die schlimme -- ^terrible^
-- Stunde. Wir brauchen einen guten Mann dann bei uns, Herr Vetter
Everstein! Und nun warten Sie, da ich es ankndige, da Sie da sind.

Sie fhrte uns in ein Nebengemach, und wir hatten nicht lange zu warten,
bis man uns winkte. O ber die goldengrnen Zweige, in denen wir uns
wiegten, unsere Nester bauten und von der Welt trumten und auch als
Kinder, nicht als ausgewachsene Leute und groe Philosophen die Welt fr
ein Spiel nahmen, in welchem wir mitspielen durften!...

Am Sterbebette ihres Kindes! Sie sa in dem verdsterten Raume und hatte
den Arm auf das Gitter des kleinen Lagers gesttzt, und sie stand auch
nicht auf, als wir leise in die Tr traten, sondern reichte uns nur die
Hand und hob ihre gleichfalls fieberhaft glnzenden Augen zu uns empor.

O Just, sagte sie, und dann zu mir gewendet, mit einem ganz anderen
Ausdruck: Schau, auch du, Fritz! ich sollte dich eigentlich jetzt wohl
Sie nennen, denn wir haben uns so lange nicht gesehen und haben soviel
erlebt in der Zeit, da wir uns nicht gesehen haben. Aber ich htte dich
doch gleich wiedererkannt, Fritz, und ich habe auch keine Zeit, jetzt
ber das Schickliche nachzudenken. Lassen wir es also beim Alten, wenn
es dir recht ist, Fritz.

Es war noch die alte Stimme und doch auch eine ganz andere. Mit eisernem
Griff drckte mir die Stunde die Kehle zusammen.

O liebe Irene --

Der Vetter Just hatte sich ber das kranke Kind gebeugt.

Deine gute Mutter ist auch gestorben, sagte die Jugendfreundin. Ich
habe mich sehr betrbt, als du mir das schriebest. Sie hat auch viel
erlebt. Weit du wohl noch, wie ihr zuerst nach Schlo Werden kamt? Aber
wir haben nachher doch noch eine glckliche Zeit fr uns gehabt. Setze
dich doch, Fritz -- du mut nicht gleich wieder fortgehen; -- aus alter
Freundschaft, lieber Fritz! Mein Vater ist gestorben, -- mein -- Mann
ist tot -- nun stirbt mein Kind, mein armes, kleines, krankes Mdchen! O
Vetter Just, Vetter Just!

Sie hatte sich mit einem Male rasch erhoben und dem Vetter laut weinend
die Arme um den Hals gelegt. Sie schluchzte an seiner breiten, braven
Schulter, als knne sie sich nimmer wieder beruhigen.

Das ist gut; lassen Sie sie so! murmelte Mademoiselle Martin, ihr
Taschentuch zwischen den Hnden zerringend. Da fing das Kind leise an zu
wimmern, und der Vetter, die Mutter aufrecht haltend, legte eine Hand
auf die kleine Stirn auf dem weien Kopfkissen.

Vetter Ju! -- weh, weh! winselte das Kind.

Herz, mein Herz, rief Irene. Wir sind ja alle bei dir! Mama ist da,
und wir bleiben alle bei dir -- o groer Gott!

So weh, weh!... auf Arm, Vetter Ju! klagte das Kind von neuem und bat
mit herzzerreienden Schmerzenslauten. Der Vetter Just warf einen
fragenden Blick auf Mademoiselle Martin, und sie nickte. Da nahm der
Bauer vom Steinhofe sanft die Kleine aus ihrem Bettchen und setzte sich
und hielt sie auf einem Kissen und in ihren Decken in seinen guten
Armen, und sie wurde allgemach wieder ruhig und schlummerte schmerzloser
der letzten ernsten Stunde zu. O ber den Sonnenschein und die
goldengrnen Zweige, in denen wir uns wiegten, als wir Kinder waren!

Der Medizinalrat sah seinem Versprechen gem gegen Abend noch einmal
vor. Er blieb sehr ernsthaft wieder mit seiner Uhr in der Hand eine
Viertelstunde und sprach gemessen schickliche und beruhigende Worte zu
der Mutter. Aber er war ein glcklicher Arzt, ein vielbeschftigter,
und hatte keine Zeit, hier das Ende abzuwarten, denn er hatte noch an
verschiedenen anderen Orten dieselben geziemlichen und beruhigenden
Worte zu sprechen. Wir aber hatten Zeit dazu: der Vetter Just Everstein
und -- gottlob! -- ich auch!




Achtzehntes Kapitel.


Ich habe es wohl vergessen, zu sagen, da wir damals im Mrz des
laufenden Jahres waren. Der Tag war hell und trocken, wenn auch noch
immer windig. Auf den verhngten Fenstern lag ein gut Teil des Tages
hindurch die Vorfrhlingssonne, und in das Nebenzimmer schien sie voll
hinein, bis sie hinter die gegenberliegenden hohen Huser hinabglitt.

Wir verlebten diesen Tag vom Mittag an in diesen zwei Zimmern, dem
verdunkelten und dem hellen; der Vetter Just und ich. Mademoiselle
Martin deckte uns sogar in dem hellen Raume ein Tischchen und legte vier
Kuverts auf und stellte vier Sthle daran. Wir aen daran zu Mittage,
Mademoiselle, der Vetter und ich; und auch Irene setzte sich einmal zu
uns. Da aber hatte der Vetter ihren Platz an dem kleinen Bette
eingenommen. Wir gingen ruhelos ab und zu, aus der hellen Stube in die
dunkle. Es wurde auch eine Zeitung gebracht, und Mademoiselle Martin
reichte mir dieselbe. Ich nahm sie und habe sie bis in die Dmmerung
hinein wohl hundertmal hingelegt und von neuem aufgenommen. Wer diese
Weise, eine Zeitung, ein Buch oder sonst einen beliebigen Gegenstand in
Angst, Herzensweh und -- langer Weile, -- ja, langer Weile, hin- und
herzuwenden durch die kriechenden Stunden, nicht kennt, der preise das
Geschick, das ihm solchen Zeitvertreib ersparte, und bitte, da es ihn
auch fernerhin davor bewahre, sich daran halten, im vollsten Sinne des
Wortes sich daran halten zu mssen, bis das schlimme, de, tdliche
Warten sein Ende gefunden hat, einerlei welches.

So warteten wir an jenem Nachmittage.

Das kranke Kind wimmerte und schlief und wimmerte wieder und schlief
wieder.

Die Mutter sang ihm mit leisester Stimme und kam zu uns und weinte und
erzhlte auch abgebrochen aus ihrem Leben und fragte nach dem meinigen.
Wenn der Vetter Just irgend etwas sagte, so horchten wir alle mit
momentan leichterem Atemholen; aber auch er schwieg oft viel zu lange
und wute nichts zu sagen. Mademoiselle ging ab und zu; -- die war noch
am besten dran, denn sie hatte den Haushalt fr den kommenden Tag zu
besorgen und von uns allen also das meiste um die Hand. Manchmal aber
stand auch sie beschftigungslos am Fenster, und ich bin fest berzeugt,
dann haben sich Leute an den Fenstern drben auf der anderen Seite der
Gasse einander heiter auf sie aufmerksam gemacht:

Guck nur die Alte! wie in einem Bilde!... Die mchte ich mir freilich
nicht am frhen Morgen ber den Weg laufen lassen!

Die knnte Geschichten aus ihrer Seele erzhlen, gegen die wir beide,
Fritz, alle unsere Erlebnisse still zusammenpacken knnten, flsterte
mir einmal der Vetter zu, mit dem Daumen ber die Schulter auf die
^soeur ignorantine^ an dem Fenster hindeutend. Was meinst du, wenn die
am Jngsten Gericht ihre auf Erden verschluckten Trnen auf einmal
flieen lt?!

Ja, Just, sagte ich, aber es luft alles in einen Strom. Ich kann es
dir nicht sagen, was fr einen Damm das letzte Tribunal dagegen aufbauen
wird, um nicht mit Sessel, Bank und grnem Tisch weggeschwemmt zu
werden.

Darf ich Ihnen noch eine Tasse Kaffee einschenken? fragte im
Augenblick darauf Mademoiselle Martin. Sie trinken ihn noch immer recht
s?

Und ich sah in demselben Augenblick wieder vollstndig genau die
grnlackierte Zuckerdose von Schlo Werden vor mir und fhlte auf meinen
Kncheln den Schlag, mit welchem Mademoiselle meinen verstohlenen Griff
in dieselbe zu verhindern gewohnt war, und hrte dazu das vorwurfsvolle
Wort meiner Mutter: Aber Fritz?! und dabei das mutwillig glckselige
Kichern der Komtesse Irene, der whrenddem der Griff unbeachtet gelungen
war.

Die schwersten Tage, Stunden und Minuten erzeugen ihre geschwindesten,
wunderlichsten und buntesten Phantasmagorien.

Wenn wir zusammen sprachen, so sprachen wir sehr hufig von Eva Sixtus.
Das Wort des Vetters: Ach, wenn wir sie doch hier htten! kam zur
vollsten Geltung. Jede heller auftauchende Erinnerung an sie, jedes
Geschichtchen von ihr aus der Kinderzeit war uns wie ein Trunk aus einer
khlen klaren Quelle an einem schwlen Tage und unter schwerer Mhe. Wir
konnten sie uns auch heute noch nicht anders vorstellen, als immer noch
umgeben von dem alten Zauberreich der Erde, weiter lebend still und
freundlich in dem sen Licht, den Tnen und Dften des von uns
verlorenen oder aufgegebenen Paradieses.

Der Vetter Just, der natrlich am genauesten ber sie Bescheid wute und
sie vor vierzehn Tagen noch gesprochen hatte, sagte:

Das ist auch so mit dem guten Mdchen, und sie verdient es wirklich.
Schon die Art, anzusehen, wie sie mit ihrem alten Papa und seinen Hunden
und seinem kuriosen Papstbuche umgeht, ist ein wahres Vergngen.
Beilufig, wenn ich an das Papstbuch denke, so fllt mir dabei jetzt
immer Freund Ewald in England ein. Seit ich den braven Jungen dort
besucht habe, meine ich in ^plain terms^, da ein gut Stck mehr als
genug aus dem Schmker an ihm hngen geblieben ist. Das hat sich der
Papst Sixtus der Fnfte wohl auch nicht trumen lassen, da man einmal
im Knigreich Grobritannien und Irland Ingenieurkunst und dergleichen
nach seinen Maximen treiben wrde. Ich wollte nur, er schriebe hufiger
an unser Evchen und den Alten -- den Mr. Ewald und nicht Seine
Heiligkeit meine ich selbstverstndlich. -- Ja, das liebe, alte
Frsterhaus von Werden! Da die Regierung was daran gewendet habe, kann
keiner behaupten; aber ungemtlicher ist es darum doch nicht geworden.
Im Gegenteil, nur noch gemtlicher hat es sich zwischen seine
Lindenbume, Bsche und Gartenkultur eingenistet -- ihr wit, angenuselt
nennen wir das bei uns zu Hause. ber Bodenwerder hinaus ist, whrend
wir anderen smtliche Mnchhausens Abenteuer in der Welt erlebten, weder
Eva noch der Frster gekommen. O Irene, wie werden sie demnchst einmal
Ohren, Nase und Mund aufsperren, wenn wir ihnen _unsere_
Allerweltshistorien heimbringen! Das steht fest, diesen Sommer treffen
wir uns alle auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just! Wozu bin ich denn
der Vetter Just, wenn ich das nicht ganz genau wte, und dazu, da es
immer wieder Sommer wird, wenn es Winter gewesen ist?! Das steht fest
wie der ^Magister matheseos^, Fritz Langreuter: ja, ja, Mi Martin, man
kann es zu einer ungeheuren Gelehrtheit und Weisheit in der Welt
bringen, wenn man nur seinerzeit an nichts denkt und die Leute reden und
lachen lt. Ein Verdienst war das damals aber bei mir nicht, sondern
nur Bldigkeit und Schchternheit, und dazu Angst und Verwunderung, weil
ich nur der dumme Junge auf dem Steinhofe war und die Welt und der
Himmel umher so weit und voll und allmchtig; -- liebe Irene, bleib
sitzen, ich sehe schon nach dem Kinde!

Sie wute es, da er ihren Platz an dem kleinen Schmerzenslager ebenso
gut ausfllte als sie selber; sie lief ihm doch vorauf in das
verdunkelte Zimmer. Er ging aber dennoch mit ihr; und Mademoiselle
Martin und ich blieben uns an dem Kaffeetische allein gegenber.

Haben Sie nicht vorhin gesagt, da Sie an unserer Haustr mit ^Mr. le
prince de **^ zusammengetroffen seien, Mr. Fritz? fragte Mademoiselle.

Ich besttigte das noch einmal.

Sie wissen gar nichts von uns, ^Frdric^, und wenn Sie etwas sehr
verwundert, so behalten Sie auch das fr sich. Dies war immer Ihre
^manire^ so; schon als Sie noch so gro waren.

Sie zeigte es durch eine Handbewegung, wie hoch ich war, als ich bereits
alle meine Verwunderungen fr mich selber behielt.

Es tut mir leid, Mademoiselle Martin --

O, es tut Ihnen gar nichts leid, ^monsieur le docteur^, denn sonst
htten Sie sich schon nach vielen Dingen erkundigt. ^Par exemple^, wie
kommen Sie nach Berlin, Mademoiselle?... ^Mais c'est navrant^, -- ^ces
gmissements de la petite!^ bleiben Sie sitzen, Fritz, wir knnen doch
nichts helfen dort, und der Vetter hilft der Komtesse. -- Es ist der
Frst und seine Familie, die uns haben weggeholt von Wien und uns haben
leben lassen hier. Das sind sehr gute Leute, und die Vter und Grovter
haben sich auch schon geholfen gegenseitig ^depuis les sicles^, und
vorzglich, als der Kaiser Napoleon war in Deutschland der Herr. Damals
ist es ^monsieur le comte d'Everstein-Werden^ gewesen, der helfen
konnte; aber das Glcksrad geht herum ^toujours, toujours, toujours!^
Und Seine Durchlaucht ist gekommen und hat gesagt: Sie knnen nicht
bleiben in Wien, ^madame la baronne^. ^Je suis garon^, sonst sollten
Sie wohnen in meinem Hotel in Berlin; aber ich mu sein Ihr Vormund, das
ist mir eine Pflicht. Sie sollen still leben in Berlin und die
Vergangenheit vergessen, ich werde alles besorgen. -- ^Bien^, was wre
aus uns geworden ohne ihn? ^La grande mer^ htte uns bergeschlungen.
^Voyez par exemple madame de **^ und ^madame de **^ und so viele andere
arme Frauen ^dans la rafale de la vie^! So haben wir gelebt hier durch
seine Herzensgte und auf seine Kosten, bis neulich gekommen ist
^monsieur^ Just, der Herr Vetter von dem Steinhofe -- o, der Vetter
Just, o, und es ist sehr gut, da Sie an unserer Tr haben einander
vorgestellt den Herrn Frsten und den Herrn Vetter. Wir hatten noch
keine Gelegenheit dazu gehabt, denn Seine Durchlaucht waren verreist bis
gestern.

In dem Nebengemache war das leise, klagende Gewimmer wieder still
geworden, und der Vetter Just setzte sich wieder zu uns. Es war gegen
sechs Uhr am Nachmittage und die Sonne eben dem Untergange nahe. Der
Vetter seufzte schwer und gab wortlos der alten ^soeur ignorantine^ die
Hand. Mademoiselle lie die Schuhe von den Fen fallen und ging auf den
Strmpfen zu der Tr des Nebenzimmers, kam zurck und fragte:

Schlft sie auch? Sie hat den Kopf mit auf das Kissen gelegt.

Wei nicht, sagte der Vetter kaum hrbar. Ich wollte es wohl, aber
ich glaube es nicht. Sie horcht nur.

Wir horchten alle; dann ging Mademoiselle mit ihren Pantoffeln in der
Hand von neuem ihren Haushaltungsgeschften nach, und in der immer mehr
ber uns hinsinkenden Dmmerung waren jetzt Just Everstein und ich
wieder fr eine Zeit allein einander gegenber gelassen.

Es kann noch Stunden dauern. Ich kenne das leider nur zu genau aus
mancher Ansiedlerhtte drben, jenseits des ^Atlantic^. Wir hatten dort
immer nur Calomel und wieder Calomel; aber es ist egal, denn es bleibt
immer dasselbe, hier und im Hinterwalde. Die Mtter legen dann immer
ihren Kopf mit auf das Kissen, sagte der gelehrte Bauer vom Steinhofe.
Sie machen auch die Augen zu, und wer sonst dabei sitzt, kann nichts
tun, als stille sein. Wolltest du etwas sagen, Fritz?

Ich hatte nur einen etwas tieferen Atemzug getan, und so fuhr gottlob
der Vetter fort.

Man sitzt da still, wenn das Kind sterben will und die Mutter weiter
lebt, und hat doch Zeit, an allerlei anderes zu denken. Von den grten
und wirklichsten Wundern spricht, schreibt und druckt kein Mensch und
kein Evangelium! Dies ist nun so eine Stunde, in der man mancher
Angelegenheit, welche man sonst nicht so leicht anrhren wrde,
freimtiger auf den Grund geht, weil alles rundum ernst genug dazu
aussieht und selbst der Mitrauischste nicht an pure Neugier oder
albernen berflssigen Vorwitz denkt. Fritz Langreuter, unsere Eva
Sixtus hatte dich einmal sehr gern. Weshalb hast du das nicht merken
wollen?

Es schwamm mir vor den Augen, die heiesten Blutwellen drngten sich
nach dem Herzen und Hirn, es hmmerte sinnbetubend; der Boden schwankte
unter mir.

Mich?... Ich?! stammelte ich, und der Vetter Just ergriff meine Hand
und hielt sie whrend des folgenden in der seinigen fest.

Natrlich! murmelte er. Er fragt! Er wei gar nichts! O, wenn ich nur
wte, wo ihr Menschenkinder in der besten Zeit eures Lebens eure Augen
und Ohren hattet!... Dich hatte sie lieb! ...

Mich? wiederholte ich durch eine See von Wonne und -- Angst, nach
einem unbekannten, noch unsichtbaren Ufer mich durchringend.

Wen denn anders? fragte der gelehrte Bauer vom Steinhofe, und ich
fhlte, wie seine Hand dabei erzitterte; und meine Angst, die tdliche
Angst in mir, hatte darin ihren Grund, da ich wute, was dieses Zittern
bedeutete.

O Vetter Just! Vetter Just!

Als ob er mit einem anderen sprche, den Blick in die Weite gerichtet,
fuhr Just Everstein fort:

Da sa ich, der dumme, bergeschnappte Bauerjunge, um so manches Jahr
lter als ihr, unter der Obhut und Vormundschaft von Jule Grote,
zwischen meinen Dngerhaufen und Ackerfeldern, Wiese und Wald, und sah
alles wie im Traume und doch ganz klar. Ich will nicht behaupten, da
ich der Gescheiteste von der Gesellschaft war, denn der ist und bleibt
Freund Ewald, der ohne allen Traum und Duselei ebenfalls ganz klar sah
und ganz genau wute, wie er zu der Komtesse Irene stand und sie zu ihm.
Er ist nicht ohne seine stichhaltenden Grnde in die Welt und nach
Irland gegangen und schreibt wenig nach Hause. Wie Vieles mchten wir
anders haben in der Welt, was doch nicht sein kann! Da sitzt _sie_; --
horch, und ihr Kind ist wieder wach, und sie spricht zu ihm, zu ihrem
sterbenden Kinde; und niemand darf sie fragen, ob es nicht doch mglich
gewesen wre, da dies alles htte anders sein knnen!... Von ihr und
Ewald rede ich auch gar nicht; da wird noch lange Zeit hingehen, ehe die
Menschen es fr etwas Selbstverstndliches halten werden, auf der Erde
zu ihrem Behagen unter dem rechten Dache zu Schauer zu kriechen. _Nach
deinen Versumnissen_ mchte ich dich fragen, Fritz! nimm es mir nicht
bel; -- es findet sich aber vielleicht keine bessere Stunde dazu in
unserem Leben als diese gegenwrtige sehr melancholische und sehr -- ich
wei nicht, wie ich mich darber ausdrcken soll!

Er sagte es wirklich, da er nicht wisse, wie er sich ber diese Stunde
ausdrcken solle. Htte er ein Wort dafr gefunden, so wrde er freilich
die deutsche Sprache fr all ihre Zeit dadurch bereichert haben. Was
mich anbetraf, so war es nicht ntig, da er noch ein Wort fand oder
erfand fr sich. Ich wute bis in die tiefste Tiefe seiner und meiner
Seele hinein, was er mir deutlich zu machen gewnscht hatte.

Aber ich?!......

In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut
unsere Namen. Der Vetter Just und ich, kamen an diesem Abend nicht mehr
dazu, unsere Privatangelegenheiten weiter zu errtern. Gegen Mitternacht
starb das Kind.




Zweites Buch




Erstes Kapitel.


Es ist nichts leichter, aber auch nichts schwerer, als eine gute
Grabrede zu halten. Ich fr mein Teil aber bleibe unter allen Umstnden
gern davon und lasse jedem beliebigen anderen das Wort. In dem
vorliegenden Fall sprach der Vetter Just am Grabe, und er hielt seine
Rede mit dem Regenschirm als Kanzeldach ber sich, und der Regen fiel,
whrend er so vor sich hinbrummte, fein und leise nieder auf den
kleinen, frischen Hgel zu unseren Fen.

Wir beide, der Vetter Just Everstein und ich, standen noch allein neben
diesem Hgel. Die brigen Trauergste hatten bereits wieder ihre
Kutschen bestiegen und waren abgefahren -- Durchlaucht, der Herr Vetter
**, unter ihnen. Der gutmtige Mann hatte es sich nicht nehmen lassen,
gleichfalls, wenn auch etwas ^incognito^, seiner kleinen Verwandten das
letzte Geleit zu geben. Er und der Vetter Just hatten in dem ersten
Wagen den winzigen Sarg auf dem Rcksitz vor sich gehabt, und der Vetter
Just konnte spterhin die Bemerkungen, die der andere Vetter whrend der
Fahrt gemacht hatte, nur loben. Das leichte aristokratische Unbehagen
darber, da die Leiche nicht in dem Erbbegrbnisse zu Dorf Werden
beigesetzt werde, hatte der Bauer vom Steinhof ebenso leicht dem
illustren Herrn hingehen lassen, und das feste Versprechen desselben,
auch fernerhin der armen Mutter nach seinen beschrnkten Verhltnissen
ein treuer Freund bleiben zu wollen, durch die Bemerkung, da man der
guten Freunde nie genug haben knne, entschieden gewrdigt. Aber ebenso
entschieden hatte er dann seine Meinung dahin ausgesprochen, das Beste
werde sein, er, der Vetter Just, nehme frs erste die Frau Baronin mal
mit sich nach dem Steinhofe:

Und wenn auch nur, um den Nerven in der Nhe der alten Heimat Zeit zu
gnnen, sich zu beruhigen. -- -- -- -- --

Doch nun zu der Grabpredigt, die der Vetter Just der Kleinen hielt.

Mde zu Bette gebracht, murmelte er. Keine Mama kann doch die Decke
wrmer berlegen als Mutter Erde. Von dir gesagt, Fritz, klnge das gar
nicht neu; aber fr mich als Landwirt ist hier das Allerlteste immerdar
das Neueste und klingt auch so. Meinst du nicht? -- Nun sagt die Mama:
schlaf wohl und trume einen hbschen Traum, mein Herze; oder noch
besser, trume gar nicht, denn das letztere soll das Gesundeste sein. --
Hast du etwas weiteres bei dieser traurigen Gelegenheit zu bemerken,
Doktor? Wenn die Kinder zu Bette gegangen sind, pflegen doch gewhnlich
die Erwachsenen von ihren wichtigen Geschften und Angelegenheiten zu
reden, oder holen die besten Ratschlge fr den nchsten Morgen hervor.

Sage du nur, was du zu sagen hast, Just, -- sowohl ber die Schlafenden
wie ber die Wachenden.

Zu sagen habe ich eigentlich nichts, meinte der Vetter, mehr zu sich
selber als zu mir gewendet. Ich habe nur immer gefunden, da solch ein
Kinderbegrbnis ein eigen Ding ist. Du hast wohl weniger Gelegenheit als
ich gehabt, dabei anwesend zu sein; auf den Zwischenstationen zwischen
der alten und der neuen Welt, in den jungen Ansiedelungen im Walde und
dann und wann auch ein bichen im Sumpfe hat man freilich mehr
dergleichen. Der Mensch mu berall wie jedes andere Gewchs aus dem
Boden herauswachsen, um ihn mit der dazu passenden Luft und dem
Witterungswechsel von Anfang an gleich vertragen zu knnen und behaglich
darauf zu leben und alt darauf zu werden. Ich habe den Steinhof auch nur
deshalb zurckgekauft, und ich nehme unsere Irene einzig und allein aus
demselben Grunde mit mir dahin zurck, und -- du bist auch auf dem alten
Stammgrund willkommen, alter Eingeborener, -- natrlich wenn es dir
deine Zeit erlaubt und du dich noch nicht bis zum Ekel an unseren
frheren Verhltnissen hier akklimatisiert hast.

Da htten wir denn wohl hiermit eine Grabrede fr die Mehrzahl der
Erdenbewohner; denn fr wie lange ist es dem Menschen gestattet, in dem
Boden zu wurzeln, aus dem er aufwuchs, dachte ich. Ach, nicht nur um
die Kinderbegrbnisse ist es ein eigen Ding, sondern um die Begrbnisse
und Grabsttten der Menschheit berhaupt! Und inmitten der Gesprche,
die gefhrt werden von den Erwachsenen, wenn die Kinder zu Bette
gegangen sind, sind wir hiermit auch bereits, Vetter Just.

So ein armes, geplagtes kleines Wesen! brummte Just Everstein
kopfschttelnd. Es sieht uns in seinen Schmerzen fragend an und sagt:
bitte, bitte! -- ist das nicht wunderbar und schrecklich? Da stehen wir
denn nachher, und wir beide hier jetzt, und holen aus tiefster Brust
Atem, und niemand kann uns das verdenken! Ich habe solche schlimmen,
tiefen Atemzge wohl hundertmal in Neu-Minden getan, und es war auf dem
Nachhausewege doch nur ein leidiger Trost, da immer noch so viele von
ihnen da waren und brig blieben, da wir uns sogar wegen eines
Schulmeisters fr sie Sorgen machen muten. Und dabei die Mtter, die
brig geblieben sind und bei der leeren Wiege sitzen, oder das
verlassene Spielzeug und die Schreibbcher in ihrer Schrze
zusammentragen! Sieh, da habe ich es uns denn so zurecht gelegt, da
Frau Irene ihren hiesigen Hausstand ganz aufgibt. Ich habe, wie du
weit, die Kleine in ihren Schmerzen, wenn es niemand anders, und auch
die Mutter nicht, vermochte, zur Ruhe gebracht, und ich meine, wenn mir
nur Zeit gelassen wird, bringe ich das auch mit der Mutter fertig. Ob
ich einmal zu der Familie gehrt habe, wei ich nicht und kmmere mich
auch nicht darum; aber fr den letzten mnnlichen Stammhalter der
Eversteins halte ich mich in dieser Zeit doch! Ein bichen enge
zusammenschachteln werden wir uns auf dem Steinhofe wohl mssen; aber
viel Gepck nehmen wir ja nicht mit, und jedenfalls halten wir vorher
Auktion, und im Notfall baue ich an. Ich bin gottlob drben oft genug
mein eigener Baumeister gewesen, um einen Kostenanschlag aufstellen zu
knnen und mit Wenigem einen hinreichenden Unterschlupf herzustellen. Es
sind ja auch nur zwei Kpfe mehr, wenngleich freilich zwei
Frauenzimmerkpfe. Aber da wollen wir uns dem anderen Geschlechte
gegenber doch auch nicht zuviel auf unsere Praktik zugute tun. Du hast
keinen Begriff davon, Fritz, wie es gerade die Weiber sind, die sich in
der Not zusammenzudrcken wissen, wenn sie auch sonst noch so viele
berflssige Kisten, Kasten und Hutschachteln mit sich herumschleppen
und die Rumlichkeit auf dem Schiff, im Postwagen und auf der Eisenbahn
beengen. Mit uns Mannsvolk ist's genau das Umgekehrte. Geht es uns gut,
so haben wir in einem Winkel mit einer Zigarre genug; aber geht es uns
schlimm, so brauchen wir in unserer Phantasie zum mindesten das halbe
Weltall, um Ellbogenraum fr neue Dummheiten zu gewinnen. Im Grunde aber
ist's fr alle ein und dasselbige; einerlei ob wir als Mann oder Weib
durch die Welt laufen. Und, Gott sei Dank, die Phantasie ist auch in
Irene Everstein noch hell auf, -- nicht ganz und gar nach der dunkeln
Seite hin! Du, liebster Fritz, kennst die Frau noch nicht lange genug
wieder, um dieses beurteilen zu knnen, denn dazu gehrt mehr als ein
erster Blick und zwei und drei Besuche im Hause. Und dann -- unsere
liebe Eva! Wie wird die mir helfen und beistehen! Und htte ich wohl
ohne das Zutrauen zu ihr den Mut gehabt, blo so auf meine eigene
Verantwortung in solch ein betrbtes Menschenschicksal mit Rat und mit
Tat einzugreifen? Sie und -- da wir den Winter so ziemlich hinter uns
haben, das sind die Kerne, aus denen mein Trost aufwchst. Se das gute
Mdchen nicht im Dorfe Werden und wrden nicht demnchst die Wlder
wieder grn, so htte die Sache freilich eine ganz andere Farbe. Aber
nun geht die Sonne jeden Morgen frher wieder auf und am Abend spter
unter; und -- ich sehe es kommen! Fritz, es ist mir eine wahre
Beruhigung, da ich es kommen sehe und zwar im ganz natrlichen Verlaufe
der Tage, von den Wochen und Monaten bis zum Eintritt des nchsten
krzesten Tages gar nicht zu reden! Die Stunde kitzelt mich schon im
Voraus, wo Mamsell Martin die erste vergngte Katzbalgerei mit Jule
Grote anfngt; -- natrlich unter der gehrigen Oberaufsicht, auf da
die feinen und bissigen Anspiegelungen der beiden lieben alten Damen
nicht in die regulre Beierei ausarten. So ein bichen kribbelndes
Gewrz in die Suppe ist den langen lieben Tag ber gar nicht zu
verachten. Meinst du nicht, Doktor? -- Der Grasgarten bleibt
selbstverstndlich so, wie er ist; aber fr meinen Bauern-Kohlgarten
nehme ich aus einer eurer Buchhandlungen hier ein Exemplar von Wredows
Gartenfreund mit. Wir treiben Adams Gewerbe im Ernst und zum Spa, denn
nichts anderes in der Welt zieht die abgeplagte Seele so ins
Gleichmtige hin als das stille Aufmerken auf das Keimen, Blhen und
Vergehen des Vegetabilischen, und wr's auch nur am Unkraut unter der
Hecke. Zeit mu man freilich dazu haben, und die soll sie haben, Irene
meine ich; -- frs erste soll niemand vom Steinhofe zu sehr auf die
Suche nach ihr gehen, wenn sie mal nicht gleich auf den ersten Ruf zum
Essen kommt. Solange ich das hindern kann, wird sie nicht zu Tische
gerufen, wenn sie keinen Appetit hat; -- den Verdru kenne ich aus
eigener Erfahrung! Die Menschen fordern nur zu gern gerade die zum Tanze
auf, welche der Schuh drckt. Der Teufel mag es wissen, was fr ein
Vergngen das ihnen macht! Davon wei ich, der bergeschnappte dumme
Junge vom Steinhofe, gleichfalls das Meinige zu Protokoll zu geben,
wenn's verlangt wird; aber auch hierin will ich nicht ganz umsonst
zwischen meinen Misthaufen gesessen und auf der Leiter in der
Rauchkammer mit dem Messer zwischen Jules Wrsten und Speckseiten
gewirtschaftet haben -- wtend vor berdru! Hoffentlich verstehst du
mich recht, Fritze, und weit auch hierin, was ich sagen will.

Er bediente sich mit Vorliebe alle Augenblicke dieser sehr unntigen
Anfrage bei meiner Begriffsfhigkeit. Alte Gewohnheiten legt man eben
nicht so leicht ab.

Doch nun beugte er sich nieder zu dem winzigen Grabhgel der kleinen
Leonie von Rehlen und hob eine Handvoll des feuchten Sandes auf, lie
sie wieder, wie verstohlen, fallen und sah mich einen Moment lang, wie
verlegen, von der Seite an.

Nun guck einmal, brummte er, der liebe Gott wei es, wie fest einem
seine Gewohnheiten ankleben, und er wird auch wohl hierauf bei der
letzten Abrechnung ein wenig Rcksicht nehmen. Selbst auf dem Kirchhofe
kann's unsereiner nicht lassen, den Boden nach seiner Frucht, Gte oder
Nichtsnutzigkeit zu studieren. Dies hier ist eigentlich purer Sand; aber
-- nicht nur fr den sachverstndigen Landwirt, sondern auch fr den
Pastor, einerlei ob er konomie treibt oder nicht, bleibt es doch immer,
wie Schiller sagt, der dunkle Scho der heiligen Erde! Und nun --
schlafe sanft darin, mein liebes, kleines Mdchen!... Mit deinen armen
krummen Fchen htten dich wohl wenige zum Tanze aufgezogen, und du
verlierst auch wenig dabei. Es kommt fr alle Menschen eine Zeit, wo sie
sich vor nichts mehr frchten als vor dem, was man in der Welt Vergngen
zu nennen pflegt. -- Man hat viel um dich geweint, mein kleines Kind;
aber gelacht hat keiner ber dich. Auch du hast viel geweint; -- nun
liege im Frieden; -- gelacht hast du ber niemand. -- Ich schwatze wohl
in die Kreuz und Quer, Doktor Fritz? Nimm es nur nicht bel, alter
Freund. Wer wei, was uns nachgeredet wird ^in puncto^ des Weinens und
Lachens, wenn auch wir zu Bette gegangen sind, und wir gleichfalls als
stille Leute liegen und jeglicher Wind frei ber uns hinblasen darf.
Komm, wir wollen den anderen nach, Doktor; das ntzlichste und
fruchtbarste Wetter ist ziemlich hufig das unangenehmste, macht einen
trotz Regenschirm und berrock na bis auf die Knochen und bringt einen
bis auf das Knochenmark hinein zum Frsteln.




Zweites Kapitel.


Nun waren sie fort. Zur Zeit der Holunderblte waren sie abgereist, und
der Vetter Just Everstein hatte sich, wie das nicht anders zu erwarten
stand, auch hierbei als einer der praktischsten Menschen erwiesen, die
jemals aus der deutschen Erde hervorgewachsen und von ihren guten
Freunden und Bekannten zuerst, das heit eine erkleckliche Reihe von
Jahren hindurch, fr gnzlich unzurechnungsfhig taxiert worden waren.
Wahrlich, mancherlei gab es auf- und abzuwickeln, ehe der Brave sein
wohlttiges, barmherziges Werk zu einem vorlufigen Schlu und Ruhepunkt
fhren konnte.

Sachen und Menschen aller Art waren mehr oder weniger geschftsmig aus
dem Wege nach dem Steinhofe hin zu rumen, ehe er mit einem
erleichternden Seufzer sagen konnte:

Gott sei Dank, morgen fahren wir! Was jetzt noch in den Winkeln
umherliegt, steckt oder vergessen ist, kann nicht viel zu bedeuten
haben. Und nun, alter Kerl, jetzt gib uns die Hand darauf und versprich
uns feierlich, da du dich im Laufe des Sommers in der alten Heimat bei
uns sehen lt.

Ich hatte ihm wenig bei seinem Liebeswerke behlflich sein knnen; -- im
Grunde hatte ich nur ihn, Irene und Mademoiselle Martin nach dem
Bahnhofe begleitet. Wie hlflos die Mehrheit der Menschen eigentlich den
Lebensgeschften gegenbersteht, erfhrt sie dann und wann auch, wenn
sie's mal versucht, anderen zu helfen. Das ist die ungemtliche
Wahrheit, die einem jeden, der von sich selber schreibt, ganz von selber
aus der Feder luft, wenn er sich nicht recht zusammennimmt, das heit
mit gehaltenem Nachdruck lgt. Dachstuben-Philosophen und
Wsten-Anachoreten sollen aber nichtsdestoweniger auch in Zukunft
berechtigt sein, ber die tgliche Witterung und deren Einflu auf ihre
Konstitution zum allgemeinen Besten so genau als mglich Buch zu fhren,
um heikeln persnlichen Kriminationen dadurch schlau aus dem Wege zu
schleichen.

So kam ich denn vom Bahnhofe zurck in meine vier Pfhle, um den neuen
Frhling wenig genossen mir unter den Hnden weggleiten zu lassen.
Davon, da nach der Bauernregel im Mai der gesundeste Tau fllt,
versprte ich auch nichts; aber dagegen tat ich etwas, was ich
eigentlich nur mit einer gewissen komischen Verlegenheit berichte. Ich
nahm fr das Vierteljahr, in welchem die Bume blhen und der
Vollmondschein nach einer anderen Regel der Baumblte schdlich sein
soll, nicht etwa eine Brunnenkur vor, sondern -- ein Abonnement in einer
Leihbibliothek. Ich nahm an jedem Abend nach meiner Rckkehr vom
Spaziergange einen Roman mit nach Hause und zwar stets einen der
vergessensten -- am liebsten einen aus den zwanziger Jahren dieses
Skulums. Ich, der ich hier keinen Roman schreibe, wrde es gern sehen,
wenn mir die besten der gegenwrtig vorhandenen Psychologen mein
damaliges Bedrfnis gelten lieen.

Es war mir nmlich whrend dieser Epoche meines Lebens meine bisherige
Ttigkeit sehr zum berdru geworden, und ich hatte niemals in meinem
Dasein ber so viele leere, beschftigungslose Stunden bei Tage und bei
Nacht zu verfgen als wie jetzt. Und merkwrdig! was in den Klassikern
smtlicher Nationen, sowohl der alten wie der neuen, ber das Schlo
Werden, den Steinhof, den Vetter Just und -- _Eva Sixtus_ stand, konnte
ich durchaus nicht gebrauchen! Es stand wohl manches darber drin; aber
dann bezog sich dieses doch wieder so deutlich auf andere ganz bestimmte
Leute und Verhltnisse, da mir nicht im geringsten dadurch ber eine
melancholische Stunde hinweggeholfen wurde.

Sie sprachen wohl wahr, diese groen Poeten, in gebundener und
ungebundener Rede; aber sie redeten doch allesamt nur in ihren Tag
hinein und nicht in den meinigen. Dicht neben meinen mittelalterlichen
Geschichtsquellen waren sie's -- die Quellen reinster Erdenschnheit und
Wahrheit, denen ich am vorsichtigsten aus dem Wege zu gehen hatte, weil
-- -- ich finde eigentlich keinen richtigen Ausdruck fr das, was sie
mir antaten. Jedenfalls sprachen sie mich nicht zur Ruhe, wenn sie mich
nicht langweilten. Eine Bilderfibel aus meinen Kinderjahren htte sie
mir doppelt und dreifach aufgewogen. Fr das fabulose Haupt- und
Lieblingsbuch des Vaters Sixtus, fr des Signors Gregorii Leti Leben des
Papstes Sixtus des Fnften, htte ich in jenen Tagen ganze Schatzkammern
voll wirklicher literarischer Schtze unbesehen hingegeben. Es mute
freilich aber das Exemplar aus dem Frsterhause im Dorfe Werden sein.

Da half ich mir denn auf eine andere Art. Der hat noch nie gelesen, der
nie in solchen Stimmungen das wieder las, was ihm in seiner seligen
Jugend, wenn es in seinen Hnden ertappt wurde, als das dmmste Zeug
auf Gottes Erdboden um die Ohren geschlagen wurde!

Gottes Segen ber das Lesefutter der groen Menge und der Jugend! Heil
und Segen denen Lieferanten, die heute in dieser Hinsicht fr jene
sorgen, welche nach einem Menschenalter alt, enttuscht, krank und
_verdrossen_ sein werden!

Verdrossen in sehr hohem Mae griff ich jetzt von neuem nach dem, was
ich mit so unendlichem Vergngen verschlungen hatte, als ich noch jung
war und noch nichts wute von aller Welt Verstndigkeit und Kritik. Die
gewhnlichsten Produkte jener Art, die das Bekannteste, aber auch ewig
Gltige in der abgeschmacktesten Verzerrung bringt -- die alten,
drolligen, pathetisch-lcherlichen Geschichten von Eduard und Kunigunde,
in all ihren kuriosen Variationen, das war jetzt etwas fr den Doktor
Friedrich Langreuter! Diese schlecht gedruckte und noch schlechter
stilisierte Abenteuerlichkeit in Original und bersetzung, der se,
haarstrubende, heitere, trnenreiche Unsinn, in den die Fliederlaube
hineingerauscht und geduftet hatte, ber den voreinst der Baum seine
roten und weien Blten schttelte, den die Vgel mit ihren Stimmchen
akkompagnierten, ber den die weien Sommerwolken im Himmelblau
hinsegelten, von dem einen der Schulmeister aufscheuchte und in die
lateinische Stunde trieb: _Das_ lie sich jetzt wieder in den
halbvermoderten, abgegriffenen, belduftenden, durch tausend und
abertausend Hnde gelaufenen Bnden nach seinem unvernderlichen
Verdienst wrdigen von dem oben genannten Doktor der Philosophie
Friedrich Langreuter!

Da sa der alte Bursche und las wieder, wenn man das berhaupt lesen
nennen konnte. Es gengte eigentlich schon, die guten alten Bekannten in
Pappband mit Lederrcken und Ecken in der Tasche nach Hause getragen und
das Titelblatt aufgeschlagen zu haben. Was war alle klassische Plastik
und sthetische Wahrheit gegen die Lebendigkeit, mit der sich hier die
Karikatur bei der bloen Berhrung in der Erinnerung fllte? Ach, es
waren ja eben nicht blo Kunigunde und Eduard mit all ihrer
Verwandtschaft in auf- und absteigender Linie, was hier wieder zu etwas
wurde, was lachen, jauchzen, weinen, sich hinter dem Ohre kratzen, vor
Wut auer sich geraten und vor Bekmmernis und Reue sich in den Winkel
verkriechen konnte!

Was hatten Schlo Werden und der Steinhof und die Grten, Wiesen, Felder
und Wlder ringsum mit den unmglichen Schlssern, Bauersitzen,
Frsterhusern, Wldern, Feldern, Wiesen und Grten dieser nrrischen
Bcher gemein? was der gelbe ehrliche Flu, der durch unsere Jugendwelt
rauschte, mit den so absonderlich prachtvoll blitzenden Wassern, in
denen sich dann und wann die lustig-tragischen und trbselig-komischen
Gestalten und Bilder dieser wundervollen Autoren spiegelten?

Alles! --

Es ist immer eines und dasselbe, dieses unergrndliche Meer der
Phantasie, auf das der bedrckte Mensch stets von neuem von dem
nchternen, grmlichen Ufer der Wirklichkeit hinaussteuert! Es ist immer
derselbe Wind in den Segeln!

Wehe dem, der niemals die grauen vier Wnde um sich her mit diesem
flimmernden, ber die Stunde wegtuschenden, segensreichen Lichtglanz
berkleiden konnte!

Was ist die nichtige dumme Phrase: Mein Haus ist meine Burg! gegen die
so sehr unpolitische, so selten ausgesprochene, und doch so tief und
fest, ja manchmal mit der Angst der Verzweiflung im Herzen festgehaltene
berzeugung:

Mein Luftschlo ist mein Haus!

So sa ich damals, nachdem wir das kleine Mdchen der Frau Irene
begraben hatten und der Vetter Just ganz beilufig mir den Namen und die
Gestalt und die Stimme der lieben Eva Sixtus in die Erinnerung
zurckgerufen hatte; und da ich nicht mehr neue Luftschlsser in die
ziehenden weien und rosigen Wolken, in das Himmelblau, in den
Regenhimmel zu bauen vermochte, so -- kramte ich unter den Trmmern der
versunkenen und pate aneinander, was auseinander gefallen war, und
richtete wieder auf -- gerade so in der Einbildung wie vor Jahren, doch
leider nicht mehr so fest wie damals. Es war schon lange die Zeit fr
mich da, wo der Mensch einzig und allein auf den Riegel an seiner Tr
als den besten Wchter vor seinen guten Augenblicken, Stunden und Tagen
angewiesen ist. Tagen?!... Wer kann, wenn er diese Epoche seines Daseins
erreicht hat, den Riegel einen Tag lang vorgeschoben halten, um
versunkene Luftschlsser wieder aufzubauen?

Die Juniuswinde hatten bereits das Korn in das Land hineingeweht, als
Thomas Thyrnau oder vielleicht auch St. Roche oder Jakob van der
Nees das Buch hie, das auf meinem Tische unaufgeschlagen lag.
Jedenfalls aber war es ein Produkt der Verfasserin von Godwie Castle,
und die Mdchen, Irene von Everstein und Eva Sixtus, hatten einst in dem
Gartensaale von Schlo Werden die heien Kpfe darber zusammengesteckt
und die trnenvollen Augen verstohlen darber getrocknet. Und ich hatte
das Ding dann auch in meiner Kammer verschlungen, und Freund Ewald hatte
sich in gewohnter Unverschmtheit nicht nur ber das Buch, sondern auch
ber uns drei ins altromantische Land Entrckte lustig gemacht. Es war
nicht der Band, vor welchem die wirklich fein, vornehm und gut
aussehende Verfasserin und Lieblingsschriftstellerin Friedrich Wilhelms
des Vierten in Stahlstich abgebildet ist; aber das war auch die einzige
Enttuschung fr mich, als ich ihn zu Hause nach so langen Jahren wieder
auf- und sogleich wieder zuschlug. Sonst hielt er alles, was ich mir
davon versprochen hatte, als mir der Zufall den Titel in dem
Leihbibliothekskatalog in die Augen spielte.

Gottlob!

Dieser Ausruf bezog sich auf den Riegel an der Tr, den ich vorgeschoben
hatte, nachdem ich den Schlssel im Schlosse umgedreht hatte gegen einen
wieder einmal fr mich nicht ganz geheuren Tag, der nunmehr in die
sommerliche Abenddmmerung berging. Und es war durchaus kein in
rgerlicher oder geistig-beschwerlicher und berhasteter Arbeit
hingebrachter Tag, sondern einer von den faulen, trgen, apathischen,
die, wenn sie einer hinter dem anderen hinschleichen, auf die Lnge noch
unertrglicher werden als die erste Art. O ber diese langen,
schleppenden Stunden, die bei dem Regsten, Lebendigsten nach
zurckgelegtem dreiigsten Lebensjahre sich einzuschleichen beginnen und
sogar durch den Kampf mit ihnen dann und wann nur vervielfltigt werden!
Das sind die Tage, in denen man sich selber wie ein Charakter in einem
schlechten Romane vorkommen kann, ein unmgliches Geschpf, mit dem der
Autor eben auch nichts anzufangen wute. de Makulaturstimmung! das ist
das richtige Wort; und -- ein Lachen oder Weinen ber und um einen
scheint es nie in der Welt gegeben zu haben in dieser Stimmung!

Und nun, wie kam es, da ich mich pltzlich ber die Verfasserin von
Godwie Castle weg auf einer stillen Berglehne, unter der fuhohen
Tannenanpflanzung und im Thymiansduft und der brtenden Abendsonne der
Jugendzeit wiederfand?

Es ist schwierig zu sagen, wie gerade in diesen Fllen seelischer
Bedrcktheit aus Dunkelheit Licht wird; und ich hte mich auch wohl, die
Lsung mit zu groer Anstrengung zu suchen. Der vorgeschobene Riegel
aber tut unbedingt viel dazu, und um so mehr, je hastiger und
verworrener das Leben jenseits der Tr sich bewegt und vor dem Fenster
rauscht......

Ich bin's, Herr Doktor!

Wer? in aller Plagegeister Namen!

Ich, Herr Doktor. Die Witwe Maier. Und dann der fremde Herr wieder, der
heute morgen schon einmal da war und seinen Namen nur Ihnen selber sagen
wollte.

Ich hatte die Stimme meiner Frau Hauswirtin bereits erkannt.

I, so wollt' ich doch! Und der sonnige Bergrcken mit seiner
Tannenanpflanzung und seinem Thymiansduft, die Hgel mit ihren Wldern,
Wiesen und Ackerstreifen nah und fern, der ferne Flu und die Kirchtrme
der Heimatsdrfer waren versunken: der fremde Herr, der am Morgen
whrend meiner Abwesenheit bereits einmal dagewesen war und seinen Namen
nicht hatte kundgeben wollen, stand vor mir -- stattlich, braunbrtig,
breitschulterig und in einem wohlsitzenden kleidsamen Sommerkostm. Und
anstatt jetzt zuerst mir seinen Namen zu nennen, reichte er mir die Hand
entgegen und sagte mit dem Ausdruck verzwicktest gelassener Bonhommie:

Guten Abend, Langreuter.

Ich aber stand dem langen, festen Menschen gegenber auf ziemlich
unsicheren Fen:

Das ist -- ich bin -- aber ist denn das?... Ewald?!... mein Gott, Ewald
Sixtus!... Ist es denn mglich?... Ewald Sixtus! Bei allem, was lebt,
das bist du?

Und _du_ bist das auch! sprach der Freund. Ich habe dich sofort
wiedererkannt, und jetzt sei so gut und nimm meine Hand; ihr braven,
bersinnlichen Zweifler habt gewhnlich am innigsten das Bedrfnis, euch
durch Befhlen von der Wirklichkeit der Dinge zu berzeugen. Alter
Freund Thomas, ich freue mich unendlich, dich endlich mal
wiederzusehen!

Ich setzte mich, rede aber von den Lauten und Gesten der berraschung
nicht weiter, sie wiederholen sich wie alles brige auf Erden. Aber
alles, was mir der Vetter Just neulich von seinem Besuche in Belfast und
von diesem Manne erzhlt hatte, glitt jetzt blitzschnell durch mein
Gehirn. Der irische Ingenieur aus Belfast, Herr Ewald Sixtus aus Werden,
nahm auch einen Stuhl und setzte sich gleichfalls und -- sah mich von
der Seite an.

Eines hatte ich in meiner Einsamkeit zu einer gewissen Vollkommenheit
gebracht: die groe Kunst, auf Blicke zu achten, und _dieser_ hob mir
nur den Vorhang von einer uralten Lehre weg:

Nun, dies ist aber groartig! _Er ist ganz der Alte geblieben_, und er
hat den Vetter Just und uns alle jetzt nur gerade so zum Narren gehalten
wie vor zehn, fnfzehn oder zwanzig Jahren! ......

Wie ein Schleier sank es abermals nieder vor der Zeit, die vor zehn,
zwanzig und noch mehr Jahren war. Schlo und Dorf Werden, die Weser und
der Steinhof lagen abermals im Sonnenlichte; aber durch das Sonnenlicht
lief's wie ein sonniges, mutwilliges Grinsen, und -- Ewald Sixtus hie
einer der Hauptzge der schnen Gegend!

O Ewald!... Willkommen! sei mir herzlich willkommen zu Hause!... Der
Vetter Just -- unser Just Everstein hat mich neulich schon von dir
gegrt!

Unmglich! sprach dieser vollkommen irlndische Land- und
Wasserbauknstler trocken. ^Och honey^, ich erinnere mich nicht, irgend
jemand einen Gru an Euch mitgegeben zu haben.

Eine solche Mischung von grnem Erin und den grnsten Wald- und
Wiesengehegen rund um Schlo und Dorf Werden war seit Anfang der Dinge
noch nicht dagewesen und kam vielleicht auch bis zum Ende derselbigen
nicht wieder! Bei allem, was je die Schule schwnzte, den biedersten
Nachbar zum besten hatte und je in die weite Welt auf Abenteuer
durchging, was war denn dies?

Und der Vetter Just war doch ein Mann, der auch allmhlich allerlei
Menschen gesehen hatte, und auf dessen Beobachtungsgabe und Urteilskraft
man sich jetzt doch so ziemlich verlassen konnte! Sollte der Vetter
Just, der sich so lange unter den schlauen Amerikanern aufgehalten
hatte, dieser Vetter, der es durch mehr als eine Tat bewiesen hatte, da
man seinen Erfahrungen so ziemlich trauen durfte -- sich so sehr geirrt
haben? Sollte er wirklich von dem lustigen Werdener Vogel aus den alten
Nestern im Baum an der Gartenhecke so ganz in der alten Weise an der
Nase herumgezogen worden sein?

Der?! fragte der deutsch-irlndische ^Engineer^, jetzt um so
verschmitzter grinsend, als er im Moment vorher trocken getan hatte.
Alter Junge, dich htte ich doch wenigstens fr um ein Atom klger
gehalten. Menschen, ihr seid doch zu gttlich!... Oh, oh, ah, der Vetter
Just! der Vetter Just vom Steinhofe? -- Da lasse ich ihn, als ich, aus
der sen Heimat halb weggejagt, durchgehe, mir vorangehen, um in der
den Fremde wenigstens einen sen Trost an etwas aus dem alten Neste zu
haben -- und was passiert? Habe ich ihn darum auf seinem Steinhofe in
seiner ganzen absonderlichen Glorie gelten lassen und mich meine ganzen
heimatlichen Flegeljahre hindurch himmlisch ber ihn amsiert, da er
auf einmal in Belfast wie ein Pastor, der die Tischglocke berhrt hat,
vor mir steht und mir Moral, Tugend, heimatliche Gefhle und wer wei
was sonst noch predigt -- durch sein Beispiel? -- Kommt man Paddy so?...
Ganz gewi nicht! Der Vagabondenknig von Ithaka -- wie heit er doch,
Langreuter? -- ist gar nichts gegen ihn, den Vetter Just, sowohl was
seine Abenteuer, wie seine unmenschliche Weisheit, Klugheit und
Philosophie anbetrifft. O, und so herzensgut ist der Kerl -- geblieben!
Und den Steinhof hat er auch wieder! ^By Jingo^, lassen mu man es ihm,
ein Prachtbursche ist er, und seinen Ruhm fr alle seine famosen
Leistungen soll er bedingungslos behalten, wenn er nur -- fr mich immer
der Vetter -- der Vetter Just bleibt. Fr mich, der der einzige war,
welcher von Kindesbeinen an euch brige alle nach allen euren
Verdiensten unparteiisch zu wrdigen wute. Im Ernst, Fritze, es hat mir
Mhe genug gekostet, ihm nicht um den Hals zu fallen und eine spahafte
Trne ihm auf die Schulter hin zu weinen. Aber ich sagte dreimal leise:
Komtesse Irene von Everstein! und blieb khl wie eine saure Gurke. ^Cool
as a cucumber^, sagt drben auf der Smaragdinsel Blarney O'Shaughnessy,
wenn er Tim O'Connor mit dem Knppel zu Leibe gehen will, weil der ihn
an Groartigkeit und Heroentum bertroffen hat. ^Och, faix, it's a long
story^, und es wre viel davon zu sagen, weshalb ich diesen dummen
Mdchennamen dreimal hersagte, um mir meinen Gleichmut wenigstens
uerlich gegen diesen heillos gemtlichen Neu-Mindener aufrecht zu
erhalten; -- nicht wahr, Fritzchen Langreuter?

Das wre es wohl! murmelte ich unwillkrlich, und in demselben
Augenblick packte mein Gast meinen Arm mit einem Griff wie aus Stahl und
Eisen und rief:

Und was ist es denn, was er mehr ausgerichtet hat als ich? Er sitzt von
neuem auf seinem Steinhofe; ich aber -- _habe Schlo Werden wieder_!
...

Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder, die mich
der Herr sehen lie, ohne da ich ber das Wasser gefahren war,
betubten mich zu sehr.

Und hier sitze ich, fuhr Ewald Sixtus fort, um dich aufzufordern,
bermorgen mit mir hinberzufahren, um ^that old sheebeen^, die alte
Herberge von neuem fr -- uns in Besitz zu nehmen. Dringende Abhaltung
hast du ja wohl nicht?

Es war mir zwischen meinem mhseligen Sich-wieder-auf-sich-besinnen
durch dunkel so, als ob auch der Vetter Just neulich einige Male eine
ganz hnliche Aufforderung zur Reise mit ganz den nmlichen Worten
beschlossen habe, wie der irische Ingenieur.

Mr. Sixtus legte mir zutraulich schmeichelnd die Hand auf die Schulter:

Es bleibt dabei, du begleitest mich nach Schlo Werden?!

Ich aber kam in diesem Augenblick nicht einmal dazu, ihn zu fragen,
weshalb er denn, wenn sich alles brige so verhalte, die Korrespondenz
auch mit seinen nchsten Angehrigen so schmhlich vernachlssigt habe?




Drittes Kapitel.


Davon sprachen wir auf der Reise; denn wir reisten wirklich. Wie ein
Kind im Sack wurde ich von diesem wilden Irlnder aus dem Frsterhause
zu Dorf Werden mitgenommen. Er kam und half mir beim Packen, er packte
fr mich, und er packte mich selber und lie nicht los. Hals ber Kopf
wurde auch ich wie in einen Reisesack hineingestopft und in eine
Droschke geworfen; wie ich es dann und wann bereute, da ich mich nicht
schon von dem Vetter Just Everstein hatte mitnehmen lassen, kann ich gar
nicht sagen.

Nach dem Potsdamer Bahnhofe, Kutscher, und rasch! Viele Zeit haben wir
nicht brig.

Mit dem Gefhle, meine Tren, meine smtlichen Schubladen, Kisten und
Kasten unverschlossen und jeglicher Durchstberung offen hinter mir
zurckgelassen zu haben, kam ich auf dem Bahnhofe an. Wir hatten in der
Tat nur noch fnf Minuten vor dem Abgang des Zuges brig, und das
Schicksal benutzte dieselben, um mir einen rettenden Finger in den
Wirbeln des aufregungsvollen Tages hinzuhalten.

Siehe da! Reisen wir in der Tat zusammen, Herr Doktor? fragt eine
Stimme mir gegenber in dem Coup, in das ich von dem raschen Freunde
mehr gehoben als geschoben worden war, und ein einige fnfzig Jahre
alter korpulenter Herr hob mit wohlwollendem Lcheln den Strohhut von
einer ungemein glnzenden Stirn, grte auch meinen Irlnder und meinte
mit etwas asthmatischem Keuchen, das auf eine vielleicht etwas zu gute
Ernhrung und zu wenig krperliche Bewegung hindeutete:

Ja? Dies freut mich wirklich. So bleiben wir so ziemlich bis zum Ende
der Fahrt beisammen und hoffentlich mglichst unter uns. Bitte, mein
Herr, lassen Sie mich bis zum Abgang des Zuges aus dem Fenster blicken.
Ich bin der Dickste und schrecke am meisten ab.

Mr. Sixtus sah sich den Fremden an, aber -- bereits von hinten. Breit,
schwitzend und blasend lag derselbige schon im Wagenfenster, sich ganz
und gar fr jetzt -- dem Publikum unter der Bahnhofshalle widmend, und
Ewald lie von den weit auseinanderklaffenden Rockschen des
Reisegenossen den Blick fragend zu mir hinbergleiten.

Kennst du ihn nicht mehr?... Bsenberg! -- Stadtrat Bsenberg aus
Finkenrode, flsterte ich.

Ich werde mich sofort selber Ihnen wieder vorstellen, Sixtus, sprach
der Stadtrat, halb ber die Schulter zurck sich wendend, ins Coup
hinein. Da gehen wir ab und bleiben frs erste wenigstens als
Provinzgenossen unter uns. So.

Er setzte sich, nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, breit
und behaglich, wischte nochmals die Stirn mit dem ziemlich provinzhaft
aussehenden Sacktuch und sagte:

Lieber Herr, ich bin in der Tat der Stadtrat Bsenberg aus Finkenrode.
Habe hier in dem ungemtlichen Gronest die letzten Wochen hindurch
meine alljhrliche, von verschiedenen Leuten sogenannte Auffrischungskur
glcklich abgemacht; -- Sie kennen das ja, Langreuter; -- sehne mich
unendlich nach meinem Schlafrock und meinen Pantoffeln und -- Sie habe
ich auf der Stelle wiedererkannt, Sixtus, obgleich ich seit einer
erklecklichen Reihe von Jahren nicht das Vergngen hatte, Sie zu sehen.
Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt, junger Mann?

Der junge Mann gab willig in der Krze die gewnschte Auskunft, und
der Finkenrodener Stadtrat sagte:

Sieh, sieh.

Mir, der ich ihn, abgesehen von allem brigen, auch aus der
Literaturgeschichte kannte, war das Zusammentreffen mit ihm und seine
Reisegenossenschaft keineswegs zuwider. Und da wir von dem gewhnlichen
Reisetumult und Gedrnge in unserem Wagen ziemlich ungestrt blieben,
hinderte uns nichts oder doch nur wenig, so vertrauensvoll und
mitteilsam gegeneinander zu sein, als das unter verstndigen oder
verstndig gewordenen Leuten nur irgend der Fall sein kann. Was den
Freund Ewald anbetraf, den der Vetter Just als einen vollstndig
ausgewechselten Werdener, als einen stocktauben und stockstummen
Englnder in Belfast wiedergefunden zu haben glaubte, so war der auch
jetzt derjenige, welcher das kleinste oder vielmehr gar kein Blatt in
irgendeiner Beziehung vor den Mund nahm, so da dies mir, wenigstens im
Anfang, dem uns doch ziemlich fremden Stadtrat gegenber ein wenig
peinlich war. Alle seine und unsere Geschichten kramte er mit einer
Unbefangenheit aus, die ganz und gar Schlo und Dorf Werden, Bodenwerder
und der Steinhof war. Wie der Poet aus dem Sumpfe der Alltglichkeit die
Perle des Interesses fr seine Zuhrer herausfischt, so ging dieser
irlndische Ingenieur, wenigstens zu Anfang unserer Reise, auf den Fang
aus im Bereiche der grten Trivialitt unserer Jugenderlebnisse, und
die Fragen: Weit du noch, Fritz? Erinnerst du dich noch, Langreuter?
Alter Kerl, das kannst du doch unmglich vergessen haben? -- schienen
nimmer ein Ende nehmen zu wollen. Poetisch aber gebrdete er sich
durchaus nicht bei dieser Fischerei und wurde, wie ich nicht umhin kann
zu bemerken, von dem Finkenrodener stdtischen Wrdentrger und frheren
lyrischen Subredakteur des freilich auch schon ziemlich lange selig in
allen seinen Snden entschlafenen Chamleons nach dieser Richtung hin
nicht im mindesten entmutigt, sondern im Gegenteil: der Verfasser der
Heiratsgedanken, der Dichter der frommen Liebeslieder gab nur da zum
ersten Mal seine abweichende Ansicht durch ein asthmatisch Gegrunze zu
erkennen, wo mein Jugendfreund zwischen zwei abgeschmackten Schnurren
mit einem Seufzer sagte:

Meine Herren, achten Sie dann und wann nicht auf mich! Ich sitze hier
immer doch mit einem merkwrdigen Gemisch von Gefhlen; und Rhrung und
Bengstigung sind die vorherrschenden. Sie, Herr Bsenberg, haben ja
aber auch einmal hnliches auf dieser selben Bahnstrecke durchgemacht,
darber geschrieben und das Geschriebene sogar drucken lassen.

Der Stadtrat gab einen Ton von sich, der ungefhr wie: _Whu_! klang.
Dann brummte er:

Jawohl. _Das_ Vergngen habe ich mir und einigen anderen gemacht. Ich
danke Ihnen fr die gtige Erinnerung, lieber Sixtus. Es ist mir
freilich so, als ob ich das alles in Ihnen und dem anderen Herrn da in
der anderen Ecke jetzt zum zweiten Mal erlebe; aber Gott sei gelobt und
gepriesen! zu schreiben brauche ich heute nicht mehr darber! also --
erzhlen Sie nur ruhig weiter von sich und dem Herrn Vetter Everstein
und dem Herrn Doktor da; -- von Schlo Werden, dem Frsterhause und dem
Steinhofe. Die Hauptsache denke ich mir selber dann wohl schon dazu. Ja,
ich habe es mit vielem Interesse schon auf dem letzten Ostermarkt
gehrt, da Frau von Rehlen, die frhere Komtesse Everstein, nunmehr
ihren Aufenthalt bei dem Vetter Just auf dem Steinhofe genommen hat.
Frulein Schwester befindet sich, unberufen, immer noch recht wohl,
pflegt den alten guten Papa und verkehrt dann und wann recht
freundschaftlich mit meiner alten Freundin, Frau Sidonie Mietze in
Bodenwerder. Sie wissen doch, da der Spiritusfabrikant schon vor
fnfzehn Jahren nach der Heimat des Freiherrn von Mnchhausen
bersiedelte?

Ich wute das letztere nicht, da es mich im Grunde auch wenig
interessierte; aber seltsamerweise wute es der Ingenieur und
interessierte sich auch sehr dafr. Seine Kenntnis der heimischen
Zustnde war in der Tat berraschend, und, was mir als das Auffallendste
erschien, nichts von allem hatte sich ihm irgendwie ins Phantastische
gezogen, wie das leider bei mir heute der Fall war und im Jahre
Achtzehnhundertachtundfnfzig bei dem heutigen alten, fett und Stadtrat
gewordenen Junggesellen Dr. Max Bsenberg.

Es waren dieselben Geleise, auf denen wir mit dem Eilzuge dahinglitten:
ich, der Biograph der Leute von Schlo Werden, heute, und der Doktor
Bsenberg, der Biograph der Kinder von Finkenrode, damals. Ganz
wunderlich sprach der irisch-deutsche Bauknstler aus seiner Wagenecke
darein; nmlich so hell, unbefangen und vernnftig, da _ich_ kaum ein
Wort dazwischen zu reden wagte und dem Stadtrat dankbar war, wenn er das
mit schwitzender Gemtlichkeit tat.

Weshalb ich nicht hufiger an die lieben Angehrigen -- das gute Evchen
und den alten Papa schrieb? Weshalb ich ihnen nicht von Tag zu Tag ber
mich Nachricht und Rechenschaft gab? fragte der Ingenieur und jetzige
Besitzer von Schlo Werden. Einfach aus dem nmlichen Grunde, aus
welchem die zrtlichsten Leute es verabsumen, die gewhnlichsten
Pflichten der Hflichkeit zu erfllen, ^gentlemen^. Heute haben sie
keine Zeit, und morgen haben sie keine Lust. Gewissensbisse lassen sich
in dieser Hinsicht weit leichter verdauen als die rgernisse, die an
allem hngen, was in der Ferne vordem unsere Behaglichkeit, unser
Plsier und -- unsere Hoffnung war. Es qult einen in der Fremde nichts
mehr als das Schnste und Liebste, was man in der Heimat gehabt hat und
hat aufgeben mssen! Habe ich nicht recht, Herr Bsenberg?

Natrlich! Von Ihrem Standpunkte aus! brummte der Stadtrat und summte
dabei aus Zampa: Wenn ein Mdchen mir gefllt!... Bitte um etwas Feuer,
wenn Ihre Zigarre noch brennt. Ich habe so ein Liedchen von den
Zustnden und Verhltnissen zu Werden singen hren. Bis in unsere
Magistratssitzungen drang es herber nach dem Tode des Alten -- ich
meine des alten Biedermanns und bankerotten Dynasten von Schlo Werden.
Man wchst dann und wann nicht ungestraft zusammen auf als Jngling und
Jungfrau, wenn man nicht zufllig Bruder und Schwester ist. Kenne das!
Also deshalb haben Sie nicht hufiger nach Hause geschrieben? Aber
fahren Sie nur fort! Das andere interessiert einen nach den eigensten
persnlichen Erlebnissen immer noch, selbst wenn man mehr oder weniger
durch Gunst der Gtter zu den Hchstbesteuerten in seiner Kommune gehrt
und es -- zu einer Stellung gebracht hat wie ich.

Wir waren diesmal mit dem Abendzuge von Berlin abgefahren und fuhren
also auch in die beginnende Nacht hinein wie der Feuilleton-Redakteur
des Chamleons im Jahre Achtundfnfzig. Der einzige Unterschied bestand
darin, da es Sommer war und nicht der dreiigste November wie damals.
Jenes Buch von den Kindern von Finkenrode hatte aber seinerzeit,
wenigstens in unserer Gegend, und dieses selbstverstndlich, ein
gewisses drolliges, mit Erstaunen vermischtes Aufsehen gemacht, und die
Figuren und Situationen hafteten mir auch heute noch deutlich genug im
Gedchtnisse, um mich ihnen, sowie dem -- gegenwrtigen Stadtrat Dr. Max
Bsenberg mit vollstem Verstndnis hingeben zu knnen. Was ich dann und
wann aus dem Buche zitiere, schreibe ich freilich, wie das nicht anders
sein kann, nachtrglich ab. Auswendig wute ich es nicht.

Zu Hause! Jeder aufblitzende Lichtstrahl aus einem Httenfenster auf
der nebeligen Heide erfllte mich mit einem Gefhl der Verdung, der
Vereinsamung. Zu Hause! Wo ist mein Haus? Wo ist meine Heimat?... Mein
Blick verlor sich in dem dichter gewordenen Nebel drauen. Der Zug flog
in diesem Augenblick ber ein altes Schlachtfeld, wo vor langen Jahren
um Langvergessenes Tausende und Abertausende geblutet hatten. Es schien
mir, als ob die wogenden, wallenden Dunstmassen sich in kmpfende Mnner
und Rosse verwandelten, zum Kampfe um ein zerflieendes Nichts. Im
wilden, geisterhaften Getmmel drngte sich ein Chaos phantastischer
Gestalten auf beiden Seiten des dahinschieenden Dampfrosses,
zerschellte an den Rdern, ballte sich von neuem, wirbelte von neuem
gespensterhaft durcheinander. Auch ich kam ja aus einer Schlacht, wilder
als je eine mit Waffen von Stahl und Eisen gekmpft wurde. Wie manchen
hatte ich an meiner Seite fallen sehen, wie manchen hatte ich auf dem
Schild mit heraustragen helfen aus dem Getmmel:

   -- ^at socii multo gemitu lacrimisque^
   ^Impositum scuto referunt^ --

Sie schnupfen wirklich nicht, Doktor? fragte der Stadtrat, mir von
neuem die silberne Dose, die jedenfalls auch aus der von ihm
beschriebenen Erbschaft des weiland Onkels Bsenberg zu Finkenrode
stammte, anbietend. Sie sollten sich allgemach das doch auch
angewhnen. Ein jeglicher befindet sich auf einmal, ganz ohne es vorher
bemerkt zu haben, in den Jahren, wo er dieses beinahe zu seinen
sthetischen Genssen zhlt. Sie sollten sich wirklich bald gleichfalls
eine Dose zulegen, Doktor Langreuter.

Nachher holte er, whrend ich -- sehr gestrt durch ihn! -- immer noch
den Wegen, Geschicken, Erleuchtungen und Verdunkelungen des Lebens
nachzusinnen versuchte, aus einem eleganten und sehr praktischen
Reisefutteral verschiedenes Trinkbare und Ebare hervor, von dem er uns
hflich anbot, an welchem jedoch nur der Ingenieur mit unverhohlenem
Wohlbehagen und unverkennbarem Durste sich beteiligte.

Nachher sprach er, der Stadtrat:

Wei der Teufel, ich werde immer sofort schlfrig im Eisenbahnwagen!
und als der Schaffner die Lampe in unserem Coup anzndete, tnte
bereits sein sehr gesundes und regelmiges Schnarchen in meine
Erinnerungen an sein liebenswrdiges Buch hinein. Ich gab es auf, mich
mit ihm und seinen jugendlichen schriftstellerischen Leistungen (als
noch nicht er, sondern hchstens Weitenweber schnupfte!) fr jetzt
weiter zu beschftigen, und wendete mich wieder dem Jugendfreunde zu.

Dieser sa wach in seiner Ecke, hatte das Gesicht gegen das offene
Fenster geneigt, und nur von Zeit zu Zeit fiel der Schein der trben
Laterne unter der Decke darauf hin. Dann gefiel es mir jedesmal sehr und
immer besser. Ich hatte mich nun schon nach und nach in das Wesen des
Mannes mit mehr Verstndnis hineingefunden. An die Trme der
versunkenen Julin, wie der schnarchende Stadtrat voreinst in seinem
Buche, dachte er unbedingt nicht: er lchelte zu heiter und hell dazu in
die vorbeifliegende Sommernachtslandschaft hinein; aber es war doch auch
ein lebendiger Ernst in diesem Werdener Irlnder. Er glaubte sich
unbeachtet genug in der Dmmerung, um lngere Zeit auch einmal ein sehr
ernstes Gesicht machen zu drfen, und nimmer hatte ich ein vertrackt
unleserlich Pergament-Manuskript mit grerem Interesse zu entrtseln
gesucht wie jetzt im rtlichen Schein der Wagenlaterne die mnnlich
schnen Zge meines Jugendfreundes.

Eine Erbschaft wie die des Onkels Bsenberg dem Redakteur des
Chamleons, war ihm nicht in den Scho gefallen; Ewald Sixtus kam nicht
heim wie der Bauer vom Steinhofe, der Vetter Just Everstein; aber was
wir auch an ihm noch in der nchsten Zeit auf Schlo Werden, im Dorfe,
in Bodenwerder, auf dem Steinhofe und in der Umgegend erleben mochten,
ich hatte fr _ihn_ keine Sorge mehr.

Wissen kann man es ja nicht, was die nchste Stunde bringen wird, und
nur die Narren pflegen das ganz genau vorauszusagen; aber fr diesen
gefesteten, hellen, heiteren Menschen brachte sie nichts, was er nicht
im Guten wie im Schlimmen mit in seine Rechnung gezogen hatte, und das
ist immer viel und bedeutet im Bsen wie im Guten die Hauptsache und
Hauptwaffe im bitteren Kampfe der Verwirrungen dieses verzwickten
Daseins auf der Erde.

Da war die berhmte Festungsstadt, die wir auch diesmal wie einst der
Doktor Bsenberg, ruhig seitwrts liegen lieen. Keine Jungfrau lie den
gehobenen Schleier wieder sinken in unserem Coup und schlpfte zierlich
aus dem Wagen. Kein alter zu einem Taugenichts von Sohne reisender Herr
sagte grimmig: Der wird sich wundern! Wir hatten keine Kinder zrtlich
harrenden Vtern aus dem Wagen zuzureichen.

Wahrhaftig, wieder mal das verdammte Nest! schnurrte der Finkenrodener
Stadtrat, aus dem Schlummer aufgerttelt und verdrielich sich dehnend
und die Augen reibend. Jedes Mal, wenn ich hier halte, schwre ich mir
zu, da es das letzte mal gewesen sein soll, -- und wei der Henker, da
sind wir doch wieder, und natrlich nicht eine Idee von einem Kellner am
ganzen Zuge! ...

Wir fuhren weiter, und es war kurz vor Sonnenaufgang, als der Schaffner,
von neuem die Tr aufreiend, _Station Sauingen_! schrie. Statt einer
an einer langen Stange schwankenden Laterne glimmte eine ganze Reihe
dergleichen den breiten Bahnsteig und die stattlichen Bahnhofsgebude
entlang und in die rosige Eos hinein. Der Ort hatte sich in den letzten
zwanzig Jahren fast nicht weniger als der Dr. Max Bsenberg verndert.
Wenn dieser Stadtrat, so war jener ein lebendigster Eisenbahnknotenpunkt
geworden; und die Bahn nach Finkenrode war seit mehr denn zehn Jahren
ebenfalls weiter gebaut worden. Wir erlebten diesmal nicht die
geringsten tragischen und heiteren Abenteuer zum Besten eines erstaunten
Leserkreises in Sauingen als vielleicht das Wort des Biographen der
Kinder von Finkenrode:

Sollten Sie es fr mglich halten, meine Herren, da ich mich noch
immer nicht anders als mit aufgeklapptem Rockkragen und dem Taschentuche
vor der Physiognomie durch den Ort schleichen darf? Vor einem Jahre
hatte man hier eine Provinzial-Viehausstellung mit Preisverteilung
arrangiert, und ich war als Vertreter unseres Gemeinwesens hergeschickt
worden. Ich sage Ihnen, das nchste Mal lasse ich sicherlich einem
anderen die Ehre und das Vergngen. Sie hatten nichts vergessen! Wohl
verkorkt hatten sie ihre ganze Rankne, wie auf Flaschen gezogen, zur
Hand, ein jeglicher von ihnen die seinige bei seinem Teller; und was das
Vergessen meinerseits anbetrifft, so ist es durchaus keine Kunst, den
vergngten Tag, welchen ich damals unter ihnen hinzubringen hatte, in
alle Ewigkeit nicht zu vergessen. Gott sei Dank, diesmal fahren wir mit
einem Aufenthalt von fnf Minuten durch. In einer Stunde sind wir in
Finkenrode; ein wenig bernchtig fhlen wir uns doch alle; ich lade Sie
hiermit freundschaftlichst zum Frhstck. Nachher schlafe ich aus, und
nichts hindert Sie, dasselbe zu tun oder das Dampfschiff stromabwrts
nach Mnchhausenburg zu benutzen. Von Bodenwerder werden Sie ja dann
wohl schon ohne Fhrer die alte Heimat erreichen, und wnsche ich viel
Plsier dazu. Sollte Ihnen zufllig daselbst mein guter alter Freund
Alexander begegnen, so bitte ich, ihn recht schn von mir zu gren.

Die Sonne ging auf. Wir erreichten Finkenrode und frhstckten wirklich
daselbst in dem Hause des weiland Onkels Bsenberg. Mir roch es recht
moderig und unbehaglich drin. Mit welchen modernen Gefhlen, Stimmungen
und Meliorationsintentionen der heutige Inhaber vor zwanzig Jahren
hineingezogen sein mochte und, seinem Buche nach, hineingezogen war: er
hatte sich allgemach geradeso darin verpuppt wie der alte Herr, und er
war noch dazu ein recht alter Junggesell darin geworden. Das Bild der
Frau mit dem Kinde auf dem Arme sah jedoch auf einen ungemein
verstndnisreich besetzten Tisch herab. Der Stadtrat war fett geworden
in dem alten Hause und wurde noch immer fetter drin; dies schien mir so
ziemlich der einzige Unterschied gegen die Tage der Vergangenheit zu
sein.

Da aber ein wohlgemeintes Wort hufig viel mehr Verdru anrichtet als
die berlegteste Bosheit in Wort und Tat, das sollte ich auch jetzt
einmal wieder erfahren.

Ganz harmlos erkundigte ich mich des nheren nach Weitenweber, und
sofort legte unser gastfreundlicher Wirt Messer und Gabel nieder, blies
eine Menge berflssigen Atems ber die breit vorgesteckte Serviette
fort und keuchte:

Uh, der alte Snder! Auerdem da er behauptete, lngst vor der
Entdeckung des Doktors Schopenhauer durch das deutsche Publikum den
Schopenhauerianismus grndlich weg gehabt zu haben, hat er noch viel
grndlicher meinen gesamten Vorrat von Lebensidealismus mit sich hinber
nach Berlin in das alte Leben genommen. Jawohl, _das_ sind die Kerle,
die in ihrer Sure und Knochentrockenheit hundert Jahre lang sich
konservieren und dann sich ins Jenseits hinbergrinsen, whrend
unsereiner in seiner -- Liebenswrdigkeit -- Weichheit -- Lyrik -- kurz,
wie Sie das nennen wollen -- -- -- na, verderben wir uns den Appetit
nicht; und Sie, lieber Sixtus, sehen Sie nur nicht nach der Uhr, -- Sie
kommen noch frh genug aufs Schiff. Der Kapitn wartet mit Vergngen auf
jeden, der mit will, und Hannchen trgt Ihnen die Reisetaschen an den
Flu hinunter.

Hannchen war ein sehr hbsches und ungemein freundliches Hausmdchen des
alten Hauses Bsenberg, und nicht ungerechtfertigter Weise, wie es
schien, ein groer Liebling des einstigen Feuilleton-Redakteurs des
einstigen ^regnante Manteuffelio^ berhmten, oft konfiszierten und weit
verbreiteten Blattes:

_Das Chamleon_.




Viertes Kapitel.


Wir fuhren in einen recht heien Tag hinein, und mir war es wunderlich,
gar wunderlich, so auf einmal wieder auf diesen Wassern zu schwimmen,
die ich so lange nicht zu Gesicht bekommen hatte.

Der Mann -- dieser Herr Stadtrat Bsenberg, hat mir recht gut
gefallen, meinte mein Begleiter oder vielmehr Fhrer. Er besitzt recht
gesunde Ansichten nicht nur ber Nationalkonomie, sondern auch die des
Privatmannes. Da er wie manche andere ein wenig in den Tag
hineinschwatzt, mu man ihm hingehen lassen. brigens kennt er die
Gegend aus dem Grunde, und ich werde unbedingt diese Bekanntschaft nicht
kalt werden lassen; sobald ich daheim nur einigermaen in Ruhe bin,
werde ich ihm nochmals meinen Besuch machen. Und sein Buch mu ich doch
auch mal wieder lesen.

Hoffentlich findest du noch ein Exemplar in einer Leihbibliothek,
lieber Ewald; und wahrscheinlich werden seine Provinzgenossen dasselbe
seit dem Jahre Achtzehnhundertneunundfnfzig durch ihre Randglossen und
Fubemerkungen noch um ein Bedeutendes lesenswerter gemacht haben.

Man trifft doch berall in diesem nrrischen Deutschland -- auch wo man
es nicht vermutet -- auf recht verstndige, achtungswerte und spahafte
Menschen, schlo der jetzige Besitzer von Schlo Werden diesen
Abschnitt unserer Reiseunterhaltung. Der Doppelkirchturm von Finkenrode
verschwand bei einer Biegung des Flusses hinter einem bewaldeten
Hhenzuge; ich aber steckte nun einmal in den Kindern von Finkenrode und
ich blieb darin stecken, und es erschien mir doch fast unbegreiflich,
da der Verfasser heute so wenig Verstndnis mehr fr die Wahrheit und
Wirklichkeit dessen hatte, was er vordem niederschrieb. Im Halbtraum
mute er geschrieben haben: wie wach und munter er dann auch spterhin
das Ding in den Druck geben mochte!...

Es ist kein ander Nherkommen, wenn es sich um die langentbehrte,
halbvergessene Heimaterde handelt, dem zu Schiffe zu vergleichen. Nicht
die Fuwanderung und noch viel weniger der Wagen bieten dies freie,
leichte Getragenwerden. Wir wollen uns keine Illusionen machen ber
unsere Strke in der Welt: es ist bei allen Dingen die Mhelosigkeit,
die wir zuerst wollen, und die im Groen wie im Kleinen bei jeglicher
Erhebung ber den dahinschleichenden Tag und die dahingeschlichenen Tage
das Willkommenste ist. An einen Schiffsrand gelehnt stehend, einst so
vertraute und seit Jahren wie versunkene Bergesgipfel von neuem
auftauchen, wachsen und sie immer deutlicher und immer bekannter sich in
den Gesichtskreis schieben zu sehen: was geht darber?! Und wenn ich
vorhin gesagt habe, da wir erst auf der Reise von unseren Verhltnissen
zu der Heimat und vor allem von denen des Freundes Ewald Sixtus
gesprochen htten, so war das im vollen Sinne des Wortes erst auf diesem
Schiffe und nachher auf dem Fuwege nach Schlo Werden der Fall.

Lache mich nicht aus, Fritz, murmelte der Irlnder, ich wollte, wir
wren erst acht Tage lter! Du kannst da gleichmtig genug sitzen und
die liebe Gegend nher kommen sehen; aber ich -- ^och faix^, woran es
eigentlich liegt, kann ich nicht sagen; aber ich versichere dich, ich
fange allmhlich an, Angst zu kriegen wie ein Schuljunge, der erst die
Schule geschwnzt hat und dann noch zu spt zum Essen kommt. Ich wollte,
^by Jove^, wir htten noch den Stadtrat bei uns, ich fange an,
einzusehen, da er noch etwas mehr war als eine bloe Reisezerstreuung.
An diese Stimmung habe ich, wei Gott, in der Fremde nicht gedacht, und
ich glaube, es wre besser gewesen, wenn ich sie mir vom Leibe und aus
der Seele fern gehalten htte! Fritz, ich wei nicht, wie's zugeht, aber
ich gbe jetzt viel fr einen tchtigen Landregen mit obligatem
Verkriechen in der Kajte. Das Wetter ist mir heute zu schn und die
alten Berge dort in der Ferne viel zu blau!... Da ist der Pastor von
Dlme! und da der Kirchturm von Pegestorff! -- der Werder hier im Flu
war vor fnfzehn Jahren auch schon vorhanden. O Langreuter, Langreuter,
der Pastor von Dlme! er schneidet noch dieselbe Sandsteinfratze wie --
zu unserer Zeit; was ich aber jetzt fr ein Gesicht ziehe, das wei ich
nicht und verlange auch nach keinem Spiegel. Langreuter, ich wollte, die
Gegend wre nicht ganz so sehr dieselbige geblieben! Wie alt mag wohl
der Alte geworden sein?... und die Eva? und -- -- -- na ja, und ich habe
es auch nicht gewut bis jetzt, um wieviel ich selber lter geworden
bin!... da sollte man sich doch wirklich in den grauesten Sumpf vom
grnen Erin hineinwnschen bis an den Hals. O Fritz, Fritze, o -- Fritz
Langreuter, der Tag ist mir heute zu schn, und die Nachtfahrt und die
angenehme Unterhaltung, das Frhstck des Stadtrats Bsenberg sind
wahrhaftig nicht allein schuld daran. O, der Vetter Just vom Steinhofe!
Du brauchst es ihm weiter nicht auf die Nase zu binden, Fritz; aber ich
wollte --

Er brach ab, schttelte den Kopf und sagte es nicht, was er in betreff
des Vetters Just und seiner selbst jetzt lieber anders gewnscht htte.
Nur mit Mhe gewann er das alte drollige Zucken um die Mundwinkel noch
einmal wieder, als ich ihn fragte: Sie wissen es doch wenigstens, da
du in diesen Tagen nach Hause zurckkehrst? und er mir die Antwort
schuldig bleiben zu wollen schien.

Sie wissen es nicht, Ewald? Und sie wissen auch nicht, da du heute der
Herr von Schlo Werden bist?! ...

Alle alte Knabenkomik und Verschmitztheit verschwand aus den wirklich
hbschen und doch zugleich mannhaften Zgen des Ingenieurs:

Wei Gott, da ist Rhle und sieht auch noch gerade so aus als damals,
wo wir hier die Welt allein zu haben glaubten! Ja, es ist ein dummer
Jugendstreich! meine Flegeljahre haben sich aber nur ein paar Lustren
weiter erstreckt als die anderer Leute, und ich habe das nur bis in
diese Stunde hinein nicht gewut. Bis heute bin ich wie diese nette
Gegend der nmliche geblieben, und nun kommt es mir auf einmal vor, als
ob von heute an meine Bue darber recht nachdrcklich ihren Anfang
nehmen knne. O Fritz, ich glaube, da ich trotzdem, da ich Schlo
Werden fr -- euch alle wiedergewonnen habe, doch nur wenig Dank dafr
zu erwarten habe und -- ganz mit Recht!... Ob sie zu Hause -- ob -- ob
Irene -- ob sie alle ber alles genau Bescheid wissen, ist wohl
gleichgltig. Ganz mit Recht werden sie verschnupft sein, und ich wollte
jetzt, ich htte etwas Besseres und anderes getan, als die alten
Jugendwitze noch einmal und im vergrerten Mastabe zu wiederholen! Ja,
und du hast es selbstverstndlich sofort herausgerochen, alter
Verstandesmensch! Es gehrte meiner Meinung nach in Belfast dazu, da
ich nur mit meinem Advokaten in Bodenwerder und niemand sonst ber das
Geschft korrespondierte. Wieviel von der Affre dessenungeachtet unter
die Leute durchgesickert ist, kann ich natrlich nicht wissen, aber ich
ahne jetzt, es ist genug gewesen, um mir den Empfang nach allen Seiten
hin zu gesegnen. ^Och honey^, wie sieht sich das alles von der Fremde
aus so ganz anders an! Da hatten wir mal in Dublin einen verrckten
jungen Kerl aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, der fhrte seinen
Papa, um ihm eine Geburtstagsfreude zu machen, eines Morgens ans Fenster
und sagte: >Sieh mal, lieber Vater, da habe ich dir einen
Elefanten gekauft!< ^Och, Freddy, Freddy^, das Gesicht des alten
Baumwollenimporteurs Mr. Maloney senior pat ganz und gar in meine
dermalige gemtliche Stimmung. Ich bin auch in diesem Moment durchaus
nicht mehr darber im klaren, was ich eigentlich gekauft habe, um meinen
Angehrigen und -- Irene -- Everstein -- eine -- Freude zu machen! Was
sollen sie auf dem Frsterhofe mit meinem Elefanten anfangen, und wie --
wie wird -- Irene Everstein darber denken?

Da war es freilich schwer, das rechte Wort der Lsung fr diese nur dem
alleruersten Anschein nach sehr einfachen Lebenswirren zu finden und
dreinzugeben. Was ich erwidern konnte, war alles nichts weiter als guter
Rat, der vorher htte gegeben werden mssen und dann sicherlich nicht
angenommen worden wre. So berlie ich es denn den khlen Wassern, die
uns trugen, und den kochenden, welche die Rder, Hebel und Schaufeln in
Bewegung erhielten, uns der Lsung, das heit der Heimat und den
Gesichtern, die die Leute dort ber uns machten, nher zu fhren. An das
Mheloseste wendet sich der Mensch auch in allen groen und kleinen
Krisen seines Daseins am liebsten, also nicht blo im Glck und auf der
Fahrt durch die Sommertage des Lebens.

Und jeder Augenblick brachte uns tiefer in die uns so bekannte und so
sehr aus dem Gedchtnis geratene Jugendwelt hinein. Bei jeder Biegung
des Flusses verflchtigte sich der Schleier, den die Jahre uns ber die
Augen gelegt hatten, mehr und mehr. Gewinn und Verlust des Lebens wurden
von Minute zu Minute deutlicher, aber stiller und friedlicher wurde es
leider nicht darum in uns.

Ich wollte, ich hiee von Mnchhausen oder liefe schon gedruckt in der
Welt herum wie der Stadtrat Bsenberg aus Finkenrode! brummte der
jetzige Herr von Schlo Werden. Aber bis nach Bodenwerder bleiben wir
nicht auf diesem verdammten Teekesselkahn, Fritz Langreuter. Das wre
die Hhe, wenn ich daselbst zuerst auf meinen Rechtsmandatar stiee und
an seiner Hand in das alte, brave Vaterhaus zurckzuwandeln htte. Bei
der nchsten Haltestelle steigen wir aus und schlagen uns zu Fue ber
die Berge und durch den Wald. Uh, htte ich mir doch dies heutige
Einschleichen hinter den Bschen weg vor drei Jahren schon so deutlich
ausgemalt wie jetzt, so wre es mir sicherlich besser zumute. Se das
Mdchen -- ich meine die gndige Frau -- o Gott, se die Irene nicht
bei dem Vetter Just -- -- -- bei den unsterblichen Gttern, ich schliche
mich zuerst zu dem Vetter Just Everstein und liee ihn einen Boten mit
der Meldung nach Werden schicken, da -- ich -- wieder da -- sei! Der
Peter in der Fremde mit seinen Dachkammer- und Taubenschlaggefhlen ist
in diesem Moment ein wahrer Weltumsegler gegen mich! Deine Gefhle sind
aber natrlich ja ganz andere, also geniere dich nur nicht meinetwegen,
Bruder. Fahre du dreist weiter nach Bodenwerder, gre daselbst, nimm
einen Wagen und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber gehe.

Ich ging auch.

Es war ein eigentmliches Gefhl, wieder den Kies des Fluufers unter
den Fen zu spren. Das Dampfschiff drehte sich ab, und wir nahmen
unseren Weg rechts in die Berge hinein. Zwei gute Stunden hatten wir vor
uns, ehe wir Schlo Werden erreichen konnten; aber niemals sind mir zwei
ziemlich beschwerliche Wegestunden so kurz vorgekommen wie diese. Und
wir redeten wenig miteinander auf dieser Wanderung.

Das ist eine kuriose Melodie, welche du da pfeifst, Ewald.

^Rocky Road to Dublin!^ Jeder illegante blinde Fiedler greift sie im
Schlafe bei uns, und sie pat mir ganz fr diesen Marsch, Fritz.
Melancholisch und spahaft! was? Wer zuerst von uns die alten Trme aus
dem Busch aufragen sieht, hlt das Maul, aber stt dem Gevatter die
Ellenbogen in die Rippen... Und _sie_ sitzt also heute bei dem Vetter
Just auf dem Steinhofe. Hoffentlich im khlen Schatten! Und wir -- wir
schwitzen hier!... O Fritz, ich will es nur gestehen, ich habe an mehr
als einem heien Tage in der Fremde an das bse liebe Mdchen gedacht
und mir dies Nach-Hause-Kommen zur Khlung ausgemalt. Der Teufel hole
alle solche Malereien! Der ist selber ein Pinsel, der da meint, nur
guter Wille gehre dazu, den rechten Ton zu treffen.

Die arme Frau! murmelte ich, und der Herr von Schlo Werden sagte
grimmig vor sich hin:

Jawohl, die arme Frau! Und ich wollte nochmal, da es erst heute bers
Jahr wre und wir alle mglichst in Ruhe!

Ich will von dem Wege nichts weiter sagen. Wir erlebten alle Abenteuer
darauf in unserer Seele. Gegen Abend, als jedoch die Sonne immer noch
ziemlich hoch ber den Hgeln im Westen, dem Steinhofe zu, stand, sahen
wir die grauen Ecktrme unseres verzauberten, das heit uns
angezauberten Schlosses ber die Linden und Kastanien aufragen. Und zehn
Minuten oder eine Viertelstunde spter standen wir -- vor einer Mauer,
die wir nicht kannten; vor einer hohen, nchternen Mauer, die zu
_unserer Zeit_ noch nicht vorhanden gewesen war.

Bin ich im Traum, oder haben wir uns verlaufen, und sind das dort gar
nicht unser Dach und unsere Giebel? murmelte der Ingenieur, mich
ansehend.

Schlo Werden ist es wohl noch, seufzte ich, aber, Ewald, andere
Leute sind doch recht lange Herren hier gewesen und haben sich nach
ihrem Gefallen eingerichtet. Wer htte es berhaupt vorausgesehen, da
wir noch einmal wiederkommen wrden?

Alle Wetter, und die verdammte Landstrae! rief der Irlnder erbost.
O die Schufte! Hier lief ja der Graben an der grnen Hecke! Und dort
hingen unsere Nester in der blauen Luft und in den grnen Zweigen! Alles
ruiniert! Alles glatt gestampft... Und wie wird es erst jenseits dieser
Mauer aussehen? O Fritz, Fritz, wre es nicht wiederum zu dumm, so tte
ich nochmal, als ginge mich die ganze Geschichte nicht das geringste an.
O meine -- arme Irene! das ist mehr als ein Symbol, diese
gottverfluchte, nichtswrdige Mauer! Das ist die Wirklichkeit! das ist,
wie es ist, und ich habe es mir in meiner Albernheit und in der Fremde
nur etwas anders zurechtphantasiert. So ist es, wie es ist, und ich
wollte, -- ich se in diesem angenehmen Moment auf ^Bloody Farland
Point^ und spuckte in den Atlantischen Ozean, statt hier an dieser Mauer
mit dir zu stehen und Maulaffen feil zuhalten!

Das war so herausgestoen und fr jeden anderen Menschen als fr mich
und vielleicht Irene von Everstein vllig unverstndlich; ich aber
verstand diesen, in diesem Augenblick des vollkommensten Gelingens
seiner hartnckigen Lebensarbeit ber sich so zornigen Mann und die
energische Falte zwischen seinen Brauen vollkommen. Zu sagen wute ich
jedoch jetzt auch weiter nichts als mit einem Stoseufzer:

O Sixtus, weshalb sind wir nicht in Korrespondenz miteinander
geblieben?

Ich habe mein Leben auf die Lust am Leben gestellt, -- auf den Spa, --
du weit es ja, Fritz. Htte ich mich auch schriftlich oder gar durch
den Druck als ein Esel manifestieren knnen, so gebe ich dir hiermit
mein Wort darauf, da ich es sicherlich getan htte. Wieviel Ernst
hinter dem Narrentum im Versteck lag, das magst du dir nunmehr selber
zusammenkalkulieren. Und -- Irene ist auch schuld daran gewesen. Fritz
Langreuter, wir, das heit _sie_ und _ich_, haben vielleicht nur zu gut
zueinander gepat! Ein wenig weniger gut wre wahrscheinlich besser
gewesen, und ich stnde dann nicht _so_ da vor -- dieser gottverdammten
Mauer und -- htte so groe Angst vor ihr; nmlich vor ihr -- der Frau
auf dem Steinhofe unter der Obhut des Vetters Just Everstein! Alle
Wetter, wenn es dem Burschen so ausgezeichnet gut drben in Amerika
erging, so htte er meinetwegen ruhig dort bleiben knnen. Du meinst,
da ihm dazu zuviel an seinem Steinhofe gelegen gewesen sei? O Fritz,
ich wei es, -- mir ist an diesem vertrackten Schlo Werden hinter
dieser heillosen Mauer doch noch mehr gelegen gewesen, und ich habe auch
darum gearbeitet und -- der Kerl imponiert mir gar nicht, und ich
wollte, Irene -- die Frau Baronin se im Pfefferlande, aber nicht bei
ihm! Und jetzt, alter Freund, la uns versuchen, um diese Mauer herum
ein Loch zum Durchschlpfen nach Schlo Werden zu gewinnen. Ich ziehe
nicht ein in das alte Nest wie der liebe Vetter Just auf dem Steinhofe.
Das ist eine Tatsache, da das, was man erreicht hat, es nie _tut_! --
-- --

Wahrlich, ich hatte meine Vaterstadt Finkenrode erreicht; nicht mit den
Gefhlen eines Olympiasiegers, nicht mit den Gefhlen eines
Heimwehkranken, aber doch mit recht anstndigen, stichhaltigen,
naturgemen Gefhlen, welche von einem nicht allzu verhrteten und
gleichgltig gewordenen Gemte zeugten, lautet eine Stelle in dem Buche
des Finkenrodener Stadtrats, Dr. Max Bsenberg, und es ist mir nicht
unlieb, da ich mich ihrer erinnere, um sie an dieser Stelle zitieren zu
knnen.




Fnftes Kapitel.


Wie wir diese heie Mauer entlang gingen, die sich jetzt da hinzog, wo
frher unsere grne Hecke unser Mrchenreich umschlo, ohne die
unermeliche brige Welt auszuschlieen, kam mir ein Gedanke. Nmlich,
da es Leute, die in allen Dingen, groen und kleinen, auf der Stelle
Partei nehmen, die Hlle und Flle gibt, da aber der Leute, die im
wahren Sinne des Wortes _neutral_ zu bleiben vermgen, sehr wenige sind,
und da drittens die Namen und Adressen der letzteren berall, mit
goldenen Lettern in ein besonderes Buch eingetragen, zum eiligsten
ffentlichen Nachschlagen aufzulegen seien. Ich, der ich im Grunde heute
so sehr Partei war, gewann aus dieser Mauer melancholisch die nicht mehr
umzustoende berzeugung, da mir sowohl im Schlo und Dorf Werden wie
auch vor allen Dingen auf dem Steinhof nichts mehr brig geblieben sei,
als mich -- vollkommen neutral zu verhalten.

Das hatte ich gewonnen! Ich, dem _die_ Mhe, etwas Verlorenes
wiederzugewinnen, erspart worden war; oder besser, der selber sie sich
erspart hatte.

Am sichersten wre es vielleicht doch gewesen, wenn wir unseren
Advokaten von Bodenwerder abgeholt htten, um mit seiner Hlfe den
Eingang in Schlo Werden zu finden, brummte Ewald. Nun, gottlob, hier
haben sie wenigstens ein Loch gelassen, und sind wir somit drin und --
zu Hause angekommen. ^Begorra^, eine schne Wirtschaft scheint das
gewesen zu sein! Meiner Treu, als ich von der Fremde aus die Katze im
Sacke kaufte, habe ich doch keine Ahnung davon gehabt, wie ruppig das
Vieh sich bei der Okularinspektion ausweisen wrde. Sieh nur hin,
Langreuter, wie die Halunken gehaust haben! Und ich gebe dir mein Wort
darauf, Fritz, da ich lngere Zeit hindurch in der festen berzeugung
gelebt habe, ich htte das alte Haus und seinen Zubehr zu billig
erstanden! oh, oh, oh!

Ich konnte auch nichts weiter tun, als in die Seufzer des Freundes
betrbt einstimmen. Kahl und verwildert lag der frher so stattlich
schne Park innerhalb der neuen Mauer vor uns da. Die Alleen waren
niedergeschlagen worden, die Gebsche ausgereutet. Nur um das Schlo
selbst standen noch einige der ltesten Bume aufrecht und hatten uns
von Ferne die Tuschung gegeben, da das alte adelige Haus Werden noch
aus dem alten vollen Grn aufrage. Es war nichts als eine Fata Morgana
gewesen, die aus der fernen Jugendzeit in die schwle Gegenwart
herberfiel. Die jngsten Besitzer hatten auf Schlo Werden nur einen
Raubbau in jeglicher Hinsicht betrieben und waren zugrunde darauf
gegangen in der Sonne wie -- der Herr Graf in dem vornehmen Schatten
seiner hundertjhrigen Linden und Kastanien.

Da stehen wir! sagte der irlndische Ingenieur grimmig. Wenn es dir
beliebt, so knnen wir auch weiter gehen oder -- umkehren. Das Letztere
wre mir vielleicht in diesem Augenblick das liebste.

Du willst doch wohl nicht jetzt den Mut verlieren?

Den Mut wohl nicht, lieber Freund, wohl aber die Lust, meine Rolle
weiter zu spielen. Momentan ist mir meine ^Devil-may-care^-Stimmung
grndlich ausgetrieben, und ich sehe nach keiner Weltgegend mehr hin die
Gelegenheit, mir durch einen mehr oder weniger fragwrdigen Witz aus der
Patsche zu helfen. Ich sage dir, ich fhle mich in dieser Minute
mindestens um ein Jahrhundert lter als der alte Kasten dort hinter den
Kartoffelfeldern, das Haus Werden mit seinen sicherlich zersprungenen
und eingeschlagenen Fensterscheiben, seinem Schwamm im Parterre und
seinem Wurmfra im oberen Stock. Ach Fritz, es ist doch wohl gut, da
Irene Everstein auf dem Steinhofe wohl aufgehoben ist; und ich -- ich
htte besser getan, wenn ich frs erste Schlo Werden htte links oder
rechts liegen lassen und den alten Mann in dem Dorfe und dem
Frsterhause um seine Ansicht von der Sache gefragt htte! Was dich
anbetrifft, liebster Langreuter, so wird es mir immer klarer, da du mir
kaum von Nutzen bei dieser milichen Geschichte sein wirst. Nimm mir das
nicht bel.

Ich hatte wahrlich keine Ursache, hier irgend etwas bel zu nehmen. Der
Freund hatte nur zu sehr recht. Mehr sogar, als er selber zu ahnen
imstande war.

Ein altes Weib, das mit einer Sichel in der Hand einige Schritte weiter
vorwrts sich aus dem Kraut und Unkraut aufrichtete, und dem wir, wie es
schien, einen gelinden Schrecken einjagten, gab unseren trbsinnigen
Gedankenlufen, wenigstens fr einen Augenblick, eine gelegene
Ablenkung. Es war sicherlich eine gute Bekannte unserer Jugendjahre;
aber wir waren allesamt lter geworden und kannten uns nicht mehr.

Das kmmerliche Mtterchen zog rasch und ngstlich eine hoch mit
Grnfutter vollgestopfte Kiepe zu sich heran und hatte unbedingt die
grte Lust, ohne sich weiter auf Gru, Gegengru und freundschaftliche
Unterhaltung einzulassen, Reiaus zu nehmen; aber --

Halt, Mutter! Hier geblieben, Mrs. Ragtail! Nur auf ein Wort,
Mtterchen! rief der Herr von Schlo Werden. Gehren wir zu dem Dorfe
oder dort in das graue Haus -- Schlo Wackelburg, oder wie es heit!?

Schlo Werden, liebster Herr! das ist das Schlo. Ach, Jeses, liebste,
beste Herren, nur ein bichen Grnes fr die Ziege und fnf lebendige
Enkelkinder; es wchst ja alles hier rundum doch nur dem armen Volke und
lieben Herrgott in die Hand --

Richtig, Mutter! Mich aber soll der Teufel holen, wenn ich Ihr nicht
alles gnne, brummte Ewald Sixtus, und fgte gegen mich gerichtet
hinzu: Htte ich nur dasselbe Recht an den Nachla und die Erbschaft
hier! Und wieder der alten Frau sich zuwendend: Es kommen wohl manche
aus dem Dorfe, um da herum das, was dem lieben Herrgott in und aus der
Hand wchst, und was auch in Hof und Stall nicht zu niet- und nagelfest
ist, abzuholen, he?

O du guter Himmel, liebster Herr, ich habe ja gar nichts gesagt,
winselte die Alte. Fnf lebendige Enkelkinder, und mein Junge, der
Vater dazu, ist zu Schaden und Tode gekommen in Koldeweys Steinbruche,
und die Mutter hat die Lungensucht mitgenommen, und ich bin mit den fnf
Wrmern allein brig. Nur ein bichen Kraut fr die Ziege; denn das
Jngste ist erst dreiviertel Jahr alt, und ich bin an die Sechzig nahe
heran. Und sie kommen alle, denn es ist ja kein Herr und Meister da seit
Jahren, und der Herr Notar in Bodenwerder, der die Verwaltung hat, kann
doch nicht immer da sein und nach dem Rechten sehen. Und wenn Sie auch
zu den Herren Advokaten aus Bodenwerder gehren und mich vor Gericht
ziehen wollen, so habe ich doch nichts gesagt, und den hochseligen Herrn
Grafen habe ich auch noch gekannt und das war ein guter Mensch, so
vornehm er war; und ich habe auch zu seinen Zeiten schon das Gras an den
Hecken schneiden drfen, und aus dem vornehmen Schlo hab' ich mir
keinen Nagel aus der Wand geholt. Und die gndige Grfin, die jetzt bei
dem -- dem Herrn Vetter Just -- dem Herrn Everstein auf dem Steinhofe
wohnt und der es auch so schlimm in der bsen Welt ergangen ist, wie man
sagt, ja, die habe ich, als ich noch eine junge Frau war, aus dem
Dorfbache aufgehoben und na wie eine Katze auf meinem Arme nach Hause
getragen, und da war damals die Madam -- die gute Frau -- die Frau
Steuerkontrolleurin auf dem Schlo, die hat das Kind mir abgenommen und
mir zehn Groschen gegeben. Der Junge aus dem Frsterhause -- unserm
Frster Sixtus sein Junge hatte die gndigste junge Komtesse in den Bach
gestoen. Sie sagen, dem soll jetzt das ganze Schlo und alles gehren;
aber es will keiner im Dorfe so recht daran glauben. Wenn er aber heute
wiederkme, und alles htte sich ungelogen so geschickt, wie die Leute
lgen, und er wre der Herr, so brauchte er auch mit der Witwe Warneke
nicht um eine Kiepe voll Ziegenfutter aus der Wstenei hier herum ins
Gerichte zu gehen; denn dazu ist er viel zu gut Freund mit meinem alten
Seligen gewesen, und der htte oft klger sein sollen als der dumme
tolle Junge aus der Frsterei. Da ist der lieben Frau Langreuter ihrer
ganz anders gewesen und sittsamer; aber sie sagen, der hat es auch dicke
hinter den Ohren gehabt und ist ein Professor geworden und wohnt jetzt,
was man nennt in Berlin. Ja, so werden aus Kindern Leute, und ich habe
es als junge Frau auch nicht gedacht, da ich als alte Frau mal fnf
Enkelkinder mit Tagelhnerarbeit und Hunger und Kummer groziehen mte.
Aber die Herren lassen mich da schwatzen, und ich stehe da auch und
schwatze, als wre ich wie von oben her und vom Pfnder drangekriegt,
und -- -- o du meine Gte -- o liebster Himmel -- jetzt falle ich um!
Das sind Sie!... das sind Sie ja selber! der kleine Fritz und der --
Herr Ewald! Und so gewachsen! Solche Herren! Und wirklich noch im
lebendigen Leben! Und wie wird sich der alte Herr Vater und die
Schwester freuen, Herr Sixtus. Und die Schwester -- ich meine Frulein
Eva, hat noch immer nicht gefreit. Jedermann im Dorfe wundert sich
darber --

Der Ingenieur hielt die Alte am Oberarm und fing an, sie zu schtteln,
um dem berma der Gefhlsuerungen ein Ende zu machen. Das
Hereinsprechen in den Schrecken, die Verwunderung und die zitternde
Hast, sich angenehm zu machen, half zu gar nichts weiter, als da sich
gar noch das helle Schluchzen und Schlucken in den Redeschwall mischte
--

Herr, mach ein Ende! sthnte fast ebenso erregt wie das graue Weiblein
der Werdener Irlnder. Alle Hagel, da ist ja ganz das Ende weg! Witwe
Warneke, ^honey^, liebstes, bestes, altes Mdchen, ja wir sind wieder
da, und es ist mir im hchsten Grade erfreulich, da Sie die erste ist,
die mir hier auf meinem Grund und Boden -- wei Sie was? Sie kriegt
einen Taler von mir, wenn Sie jetzt auch mich und den Herrn Doktor
Langreuter hier auf eine halbe Minute zu Worte kommen lt!

Die Alte duckte sich. Sie sa nieder neben ihrer Tragkiepe im Kraut und
Unkraut des Parkes von Schlo Werden. Sie starrte zu uns empor von einem
zum anderen:

Ach Gott, ach Gott, ist das eine Freude! Und wie werden sich der Herr
Vater und Frulein Eva und die gndigste Grfin auf dem Steinhofe
freuen! Das Futter aber haben sie sich alle im Dorfe hier im
Schlogarten geholt, seit keine Herrschaft dagewesen ist. Und der Herr
Graf soll sich nur des Nachts ums Schlo herum und da in dem Gange, wo
zu seiner Zeit die dicken Lindenbume standen, haben sehen lassen!

Wohnt denn niemand mehr in dem Hause da? fragte ich zgernd und
beklommen.

Wer sollte denn da wohnen? Seit fnf Jahren hat es ja keinen richtigen
Herrn mehr gehabt, sondern ist nur immer auf dem Papier weiter gegeben.
Aber vor vierzehn Tagen ist die alte franzsische Mamsell -- von des
Herrn Grafen Seligen Zeiten her -- die Mamsell Martin mal vom Steinhofe
'rbergekommen und ist drumherumgegangen und hat in die Fenster gesehen
-- bei Tage, nicht zur Nacht- und zur Spukezeit -- und hat geweint.

Und meine Schwester? fragte Ewald Sixtus, und die Witwe Warneke sah
sehr verwundert von neuem scheu ihn an.

Jawohl, Frulein Eva ist mit ihr gewesen und hat mit ihr nachher lange
auf einer der Steinbnke gesessen. Das halbe Dorf aber hat nur von ferne
zugesehen; wir haben das franzsische Parlieren der alten franzsischen
Mamsell ja doch niemalen recht verstanden.

In meinem ganzen Leben ist mir die rote Abendsonne, wie sie jetzt hier
rundum auf allem und vor allem dort auf den Mauern und Fenstern liegt,
nicht so spukhaft und gespensterhaft de und schwl vorgekommen wie
jetzt, Fritz, sagte der neue Herr von Schlo Werden, jetzt meinen Arm
fassend und mich schttelnd. Es ist mir wie ein Traum, da ich den
Besitztitel vermittelst der Mathematik und der Arithmetik bei hellem,
nchternem Mittage und klar und khl nchtlicherweile ber dem Reibrett
und dazu vermittelst des Londoner Patentamtes erworben habe. Witwe
Warneke, wer hat den Schlssel von Schlo Werden?

Genau kann ich das wohl nicht sagen; aber der Vorsteher wird es ja
wissen, Herr E -- ach, ich wei ja auch gar nicht einmal, wie ich Sie
jetzt anreden und betitulieren soll, und bitte, es nicht bel zu nehmen.
Aber im Gartensaale ist ein Fensterflgel herausgefallen und mit Latten
vernagelt. Aber die haben die Jungens und der Wind bald wieder lose
gemacht, und --

So ist eigentlich eine Tr und ein Schlssel dazu die letzten Jahre
hindurch fr das Dorf Werden ziemlich berflssig gewesen, brummte der
Ingenieur. Viel besser als hier herum im Garten sieht es drinnen im
Hause wohl nicht aus, ^old girl^?

Die Alte hob nur sthnend und ngstlich die Hnde:

Herre, Herr, fr mein Teil will ich es vor jedem Gerichte beschwren
--

Was meinst du, Fritz, sollen wir gleichfalls durch das Saalfenster
Besitz von dem nehmen, was noch brauchbar von Schlo Werden ist? Zu dem
Dorfe gehre ich doch auch und taxiere mich um kein Haar breit besser
als das brige saubere Gesindel! O Irene, Irene, meine schne, stolze,
wilde Irene!... Und der Herr Graf hat sich um Mitternacht dort auf der
Vortreppe blicken lassen! Mademoiselle Martin hatte es verhltnismig
noch gut. Sie konnte sich dreist hinsetzen und ihre Trnen flieen
lassen, ohne sich lcherlich zu machen. Das ist ja rein zum
Verrcktwerden! Sage es dreist heraus, Langreuter, wenn dir zur Stunde
mein Eigentumsrecht hier beneidenswert, wnschenswert und solcher
bitterschweren Lebensarbeit wert erscheint. Ich berlasse dir mit
Vergngen Kaufbrief, Gefhle, Stimmungen und -- wollte -- wollte -- ja,
was wollte ich denn?! Witwe Warneke, sehe Sie mich mal ganz genau an,
wenn Sie einen richtigen Spuk sehen will. Ich komme als verhexter Mann
aus der Fremde und gehe am hellen Tage um Schlo Werden und durch Dorf
Werden als Gespenst um. Frage Sie nur die Leute im Frsterhause und die
-- Frau auf dem Steinhofe und -- den Vetter Just.

Ach Jeses, Herr Ewald, ich kann Sie ja wirklich nicht so sprechen
hren; und die anderen werden es auch nicht knnen! sagte das alte
Weibchen mit zitternd gefalteten Hnden und sprach damit ein braves,
aber wenig trstliches Wort.




Sechstes Kapitel.


Ohne den Schlssel vom Vorsteher zu holen, gingen wir jetzt im letzten
Scheine der Abendsonne um das Schlo Werden herum. Ewald Sixtus, ich und
die Witwe Warneke. Letztere mit ihrer hochbepackten Kiepe auf dem vom
Alter gekrmmten Buckel. Wir zwei anderen aber trugen freilich die
schwerere Last.

Das schne, rote Sonnenuntergangslicht spiegelte sich doch noch auf der
westlichen Seite des alten, einst so stattlichen Herrensitzes in den
erblindeten, zersprungenen Scheiben des Oberstockes. Und wir sahen
ebenso scheu zu den Fenstern von Schlo Werden empor wie das Volk aus
dem Dorfe, wenn es seine verstohlenen Wege hierher fhrten, und ehe es
in die mit losen Latten verschlagene ffnung stieg und Furcht hatte --
vor dem seligen Herrn Grafen.

Wie hie doch der sonderbare alte Herr in dem sonderbaren Buche des
Stadtrats Bsenberg in Finkenrode -- der verrckte Musikant der in eben
dem Finkenrode, wo der Doktor Max Stadtrat geworden war, das Ideal,
seine verzauberte Prinzessin, suchte? Mir fehlte die Lust und die Zeit,
in dem Buche nachzuschlagen, der Name tut auch wohl nichts zur Sache;
aber die Sache selber wirft mir jetzt einen melancholischen, in seiner
Wahrheit wehmtigen Schimmer ber _meine_ Geschichtserzhlung: wir
tuschen uns nur, wenn wir glauben, andere Pfade zu gehen und zu anderen
Zielen zu gelangen als andere Menschenkinder.

Der starke Mann mit dem schnen mnnlichen Gesicht und den klugen Augen,
aber auch mit den Zhnen auf der Unterlippe und der Falte zwischen den
Augenbrauen, mein armer Jugendfreund stand in diesem Moment vor seinem
schwer errungenen Besitz und wute seine verzauberte Prinzessin
ebensowenig zu finden wie der nrrische Geiger die seinige unter den
Spiebrgern, wohlmeinenden guten Bekannten und den Zigeunern der
wackeren Stadt Finkenrode. Die erblindeten Scheiben des Schlosses Werden
konnten ihm nur seine eigenen grimmig-ratlosen Mienen widerspiegeln, und
er wendete sich, zuckte die Achseln und sagte:

Dieses ntzt zu nichts, lieber Freund. Da hat Sie einen Taler, Witwe
Warneke, alte Freundin, damit doch _ein_ Mensch aus der gegenwrtigen
Minute sein Vergngen zieht. Und nun schere Sie sich nach Hause und
breite es mit mglichster Raschheit im Dorfe aus: der tolle dumme Junge,
der Monsieur Ewald aus der Frsterei sei aus der Fremde heute
heimgekommen, sei der Herr von Schlo Werden und habe sich soeben sein
Besitztum -- von auen besehen. Was uns beide anbetrifft, Fritz, so
gehen wir auch wohl weiter, aber etwas langsamer. Was wrde ich darum
geben, wenn ich jetzt eine bekannte haarige, braune, brave Faust am
Kragen fhlte und dazu das alte bekannte Wort vernhme: Auf der Stelle
scherst du dich jetzo nach Hause, du Lmmel; dir werde ich sofort wieder
mal zeigen, wie der Papst Sixtus der Fnfte an dir gehandelt htte, wenn
du sein Junge gewesen wrest, du heilloser Herumtreiber und Taugenichts,
du!

War auf der einen Seite eine neue Mauer um den frheren Park des
Schlosses gezogen, so fanden sich an anderen Stellen niedergetretene und
durchbrochene Hecken genug, durch welche man den Ausgang nehmen mochte.

Noch zog sich ziemlich in der alten Weise der Weg gegen das Dorf und die
am Eingang desselben gelegene Frsterei hin.

Die Witwe hatte sich das Wort Ewalds nicht zum zweiten Mal sagen lassen.
Sie bog auf einem Seitenpfade zur Linken ab und war trotz ihres Alters
in einem kurzen, keuchenden Trabe uns bald entschwunden, um die
Nachricht von einem ihrer hauptschlichsten Lebenserlebnisse im Dorfe zu
verbreiten und ihren Taler als Wahrzeichen im Kreise herumzuweisen. Wir
beide standen vor den Hoftorpfosten des Frsterhauses, und der Besitzer
von Schlo Werden nahm den Hut ab, fuhr mit dem Taschentuche ber die
Stirn und sagte:

Es ist doch ein merkwrdig schwler Sommer.

Da lag in der Abenddmmerung und der Dmmerung der weitstigen Rstern
das gute Heimathaus. Nur die Bume wachsen, nicht aber das, was der
Mensch erbaut. Letzteres scheint stets niedriger, enger geworden zu
sein, wenn man es nach lngerer Abwesenheit wieder erblickt. Und man
braucht dazu es gar nicht als Kind verlassen zu haben. Auch der
Erwachsene geht fort und lt genau bekannte Sttten hinter sich, und
wenn er wiederkehrt, so wundert er sich. Er berhrt noch wie frher mit
ausgestreckter Hand die Decke ber seinem Kopfe; aber die Balken haben
sich doch gesenkt, die Wnde haben sich doch zusammengezogen. Aber der
Wert der Dinge steigt und dehnt sich fr den wahren Menschen gerade dann
im umgekehrten Verhltnis. Welcher melodische Lrm geht ber das
klimpernde Getn, welches das alte Klavier in seiner Ecke aus seinem
eschenen Gehuse von sich gibt? Wir dachten auf dem Heimwege ber Land
und See daran und hatten Lust, uns in alter Weise lustig darber zu
machen, und wir hatten in keinem Konzertsaale der Welt Laute vernommen,
die uns so an das Herz griffen wie das schrille Klingen dieser Saiten,
ber die wir endlich, endlich wieder einmal mit den zitternden Fingern
greifen drfen.

Von Verfall, Moder und Ruin soll hier aber nicht die Rede sein. Wie ein
behaglicher Greis im Grovaterstuhl rutscht so ein Haus in sich zusammen
und lt allem jungen Pfosten-, Sparren- und Balkenwerk, allem
neumodischen Zement und Asphalt rundum gern sein Wesen. Es kndigt
keinem Heimchen unter der Schwelle, hinter dem Kachelofen und am
Kchenherde oder setzt ihm die Miete in die Hhe. Die Heimchen wohnen
sicher bei ihm und warm und wissen's auch und singen sein Lob, und --
ihr Gesang verndert sich uns nie, wir mgen nach Hause kommen, wann wir
wollen, frh oder spt, nach einem Tage oder nach einem halben
Jahrhundert. Der wchst nicht wie die Bume, er rttelt sich nicht in
sich zusammen wie die Dcher und die Mauern: er ist derselbe immerdar --
Gott sei Dank!

Wir standen und hrten durch die Abendstille die Heimchen von dem
braunen, im Schatten versunkenen Hause her. Sonst war alles still; ein
krhender Hahn im Dorfe, ein bellender Hund in der Ferne und ein erster
Froschlaut vom nahen Mhlenteiche her strten den Frieden durchaus
nicht. Wie immer standen alle Fenster und die Tr der Frsterei weit
offen, und in der einen Fensterbank zwischen den Blumentpfen die
Hauskatze im Halbschlaf und die Hunde auf der Schwelle der Haustr! Aber
ein weies, wrdiges Haupt neben, hinter den Rosenstcken und dem Kater
-- ein leichtes blaues Rauchwlkchen zwischen dem Weinlaub durch ins
Freie hinausziehend! Ich hatte den Geruch jahrelang vergessen, aber ich
erkannte ihn beim ersten _Blick_ wieder! wahrlich nicht blo mit der
Nase! Da hebt der braune Hhnerhund den Kopf und der Teckel schlgt an
-- eine weibliche Gestalt tritt in die Tr des Werdener Frsterhauses --
die liebe, gute Eva des Vetters Just Everstein! Eva Sixtus in ihrem
achtundzwanzigsten Lebensjahre -- herzig, voll und reif; und ich -- ich
ziehe mechanisch ebenfalls den Hut und gre; eine Bemerkung ber die
Temperatur mache ich dabei nicht, aber es wird mir ganz seltsam vor den
Augen, und ich wundere mich, wie ich eigentlich auf einmal hierher
komme; ach, zu der Frage, was ich eigentlich auf einmal hier will,
gehren viel klarere Sinne und bedeutend mehr ruhige berlegungskraft,
als ich augenblicklich beisammen habe! Klar ist mir nichts, als da ich
eine weite, weite Reise getan habe, da hundert Rder unter mir
rasselten, da unheimlich rastlose Schaufeln in rgerliche Wellen
schlugen, da die Gegend und die Welt und das Leben vorbeigeflogen
waren, da die Plage und die Unlust an Krper und Seele gro waren und
der Gewinn und die Befriedigung gering, und -- da es keine grere und
erstaunlichere Offenbarung gibt als die der Stille im Lrm, des
Schweigens im Geschrei und der Ruhe in der Unruhe. Stadtrat in
Finkenrode braucht man darum gerade nicht zu werden.

Sie habe ich auf den ersten Blick wiedererkannt, ist mir sehr hufig
im Leben gesagt worden, und so hatte es eigentlich nichts
berraschendes, da die Gute, die Liebe auf der Schwelle der Frsterei
in Werden zuerst mich erkannte und, wie es schien, mit einem leisen
Erschrecken zuerst:

Fritz! rief.

Und ich blieb stehen, wo ich stand; aber der Bruder lief vorwrts, und
mit einem ebenso leisen Schrei erhob die Schwester die Hnde:

Ewald!... o Ewald, Ewald!

Sie trat wohl auch einen Schritt vor, als wollte sie sich auf uns
zustrzen; aber dann blieb sie doch stehen und lie uns zu sich
herankommen. Wie von einem Schwindel ergriffen, hielt sie sich an den
treuen, schtzenden Pfosten der Tr ihres Vaterhauses, und einen
Augenblick hindurch hielt sie auch die Augen fest geschlossen; dann aber
sah sie wieder auf, und wie im hellen, schluchzenden, wortlosen Jubel
hing sie an der Schulter des so landfremd durch eigene Schuld und Grille
gewordenen Bruders, und zitternd legte der Mann, der so selbstbewut,
stolz und sozusagen mutwillig hatte wiederkommen wollen, seinen Arm um
sie:

O, das ist gut! Mdchen, Mdchen, altes liebes Mdchen, du willst es
mich nicht entgelten lassen? Wirklich nicht? Ich habe es ja gewut, aber
sagen mut du es mir dennoch und -- dem da auch! Wir haben uns so sehr
gefrchtet, und ich fr mein Teil, ich will noch vierzig Jahre lter
werden, von dieser Stunde an gerechnet, blo um vierzig Jahre lang von
dir zu hren, was fr ein Esel von Kindesbeinen an in mir gesteckt hat,
und da meine einzige Entschuldigung ist, da -- ich es nur zu gern
getan habe und also nichts dafr kann!

Der Vater ...! stammelte sie. Ist es denn wahr, Bruder?... Es war
wohl ein Gercht seit einiger Zeit, doch -- -- O, der Vater, der Vater;
er sitzt da am Fenster -- er ist so alt geworden und immer noch so sehr
gut; -- o Ewald, lieber Ewald, aber er hat es mir nicht glauben wollen,
da du wieder zu uns kommen wrdest, und es hat ihm keiner mehr von dem
Gercht reden drfen.

Eva, klang es jetzt von dem Fenster her, wen hast du denn da, Kind?

Der alte Mann schob neugierig den Kopf hervor; aber die einst so
scharfen Weidmannsaugen reichten nicht mehr soweit in die Abenddmmerung
hinein, um die Fremden zu erkennen, die mit seiner Tochter sprachen. Der
Irlnder hielt meinen Arm so fest, da es mich schmerzte. Eva Sixtus
trat nher an das Fenster heran; sie trocknete ihre Augen und versuchte
ruhig und frhlich zu sprechen, es gelang ihr jedoch schlecht.

O Vater, schluchzte sie, wir haben Besuch bekommen --

Das freut mich, Kind; -- wenn er mit einem alten Mann vorlieb nehmen
will. Aber wie sprichst du denn? was hast du mit dem Tuch?

Vater, Besuch aus -- vom -- Schlo Werden -- aus Berlin -- aus --
England. Lieber Vater, ich freue mich so, und du wirst dich auch freuen.
Denke dir, Fritz -- der Herr Doktor Langreuter aus Berlin -- Herr --
Fritz Langreuter --

Alle Wetter! rief der Alte, und der Kater neben ihm tat vor Schrecken
einen Satz durch das Fenster und fuhr uns dicht an den Kpfen vorbei
ber den Hof, um sich, eine Stalleiter aufwrts, mit mglichster Eile in
Sicherheit zu bringen. Mr. Ewald und ich hatten zu bleiben und das
Weitere abzuwarten.

Was ist das? fragte glcklicherweise noch eine Stimme aus der Tiefe
der Stube. Wir hrten den Alten sich aufrappeln, und -- da stand er auf
der Schwelle seiner Amtswohnung, weihaarig, die einst so scharfen Augen
suchend auf uns richtend, auf seinen Stock gesttzt, und -- ber die
Schulter sah ihm zu unserem, das heit zu Ewald Sixtus' Glck der Vetter
Just Everstein, der, wie sich auswies, sehr hufig vom Steinhofe zu
seiner Unterhaltung herberritt, und dessen Gaul auch an diesem
merkwrdigen Abend wieder einmal im Stall eintrchtiglich neben den zwei
Khen des Frsterhauses stand.

Er war wieder der einzige, der Vetter Just nmlich, der ganz richtig und
zur rechten Zeit an Ort und Stelle war. Er allein war schuld daran, da
eine Viertelstunde spter -- eine schlimme Viertelstunde! -- der alte
Mann mit dem guten Gesicht und der immer noch bitterbsen Falte zwischen
den zusammengezogenen weien, buschigen Brauen die Faust auf einen
abgegriffenen Schweinslederband auf dem alten braunen, so teuern
Klapptische zwischen den beiden Fenstern fallen lie und murrte:

Dieser hier htte dich kurzab hngen lassen, Ewald, wenn du sein Junge
gewesen wrest. Und wre ich jnger und noch besser bei Krften und
Gedanken, so kmest du mir heute abend nicht so leicht weg, mein Sohn,
das sage ich dir. Da wollte ich das Leben dieses Papstes doch nicht so
lange studiert haben, um nicht zu wissen, was ich zu tun htte!

O, lieber Vater, rief aber Ewald Sixtus, ist denn nicht das verdammte
Buch an der ganzen Geschichte schuld? Kann ich denn dafr, da du mich
alle Augenblicke mit der Nase darauf geduckt hast? Da frage nur den Just
und den Doktor da, was sonst leichter im Menschen hngen bleibt als
solche gute Lehren und Beispiele! Um auch meinen Willen durchzusetzen,
habe ich gleichfalls jahrelang das Maul gehalten. Viel Reden hilft nicht
und viel Schreiben macht dumm -- frage dreist nur den Doktor hier
danach, der kennt aus seiner Praxis genug Leute, die sich in beiderlei
nie genug tun konnten und auch nach Hause kamen wie ich und doch noch
weniger das Rechte getroffen hatten. Und ich bin doch auch nur darum
wieder da, um mich von jetzt an von euch allen -- ja allen! lenken zu
lassen wie an einem seidenen Faden, und das ist noch mehr, als du von
deinem Papst und unserem allerheiligsten Herrn Namensvetter, Sixtus dem
Fnften, behaupten kannst, lieber Papa!

Der Greis schttelte den Kopf.

Ich bin eben zu alt, um mich noch in allen euren Finessen zurechtfinden
zu knnen, habe es auch nie recht gekonnt. Wenn dich dein Gewissen
freispricht, so will ich es dir gnnen, mein Sohn, helfen tte es mir ja
doch nichts, wenn ich mich auch noch mal abmhte, ber die
Verschiedenheit der Menschen auf Erden nachzusimulieren und mich ber
ihr Wesen gegeneinander zu rgern. Also -- lassen wir es gut sein; du
bist wieder da und sagst, du habest es zu was gebracht, und das kann mir
ja nur lieb sein. Was du unterwegs verloren hast, kann ich nicht
taxieren; aber ein reicher Mann bist du geworden, sagen sie im Dorfe und
sagt der Vetter Just; und Schlo Werden ist nun auch dein Eigentum;
meine Sache ist das nicht, also sieh selber zu, was du mit deinen
Ausrichtungen zu deinem Glcke weiter anfngst. Unter diesem, meinem
Dache will ich dich als einen Gast ansehen, wenn es deine Zeit und
Umstnde zulassen und du deiner Schwester und mir die Ehre schenken
willst. Auch der Fritz -- der Herr Doktor Langreuter, ist mir
willkommen, und das Kind soll auch ihm seinen Stuhl am Tische wieder
zurcken. Wie ist es, Just Everstein; kann ich und soll ich noch mehr
sagen und tun?

Der Vetter Just fate nur die Hand des Greises; Eva trocknete sich die
Augen mit dem Schrzenzipfel; wir zwei anderen standen mit den Hten in
den Hnden, in Wahrheit klglich genug da -- wirklich zwei dumme Buben,
die zu spt zum Essen nach Hause gekommen waren, und zwar vom Fischfang
in den Bchen dieser Welt, mit der Angelrute ber der Schulter und ein
paar Grndlingen in einem zerborstenen Henkeltopfe.




Siebentes Kapitel.


Dies Gefhl verstrkte sich noch um ein Bedeutendes, als wir nunmehr
endlich einmal wieder in der niedrigen Stube standen, deren Decke der
Frster Sixtus, so gebeugt ihn das Alter haben mochte, immer noch mit
ausgestreckter Hand abreichte. Aber Eva hielt den Bruder von neuem fest
in den Armen und schluchzte an seiner Brust; und dann reichte sie dem
Vetter Just die Hand und sagte leise:

O, wir danken dir!

Und dann gab sie auch mir die Hand und versuchte es, durch ihre Trnen
zu lcheln, und sie sagte:

Und Ihnen danke ich auch recht schn und aus vollem Herzen. Es ist so
sehr freundlich von Ihnen, da Sie mit meinem Bruder heim- und
hergekommen sind. Nicht wahr, es hat sich wenig bei uns verndert? Wenn
Sie es nur noch so behaglich wie in frheren guten Jahren finden!

Ich griff mit der Hand nach der Kehle, weil eine andere -- eine sehr
heie Geisterhand sie mir bedenklich zusammendrckte.

Ach, Eva -- Frulein Eva --

Glcklicherweise sprach der alte Herr, der seinen Platz in dem Lehnstuhl
am Fenster wiederum eingenommen hatte, dazwischen.

Weshalb nennst du denn den alten Jungen auf einmal Sie, Mdchen?
fragte er. Komm doch mal heran, Fritz! Wenn du auch zu uns gehrtest,
so bist du doch nicht mein Fleisch und Blut gewesen, und so konntest du
fr dein Teil tun und lassen, was du wolltest, ohne dich viel um uns zu
kmmern. Httest dich aber doch wohl einmal wieder bei uns sehen lassen
knnen, und wenn es auch nur schriftlich gewesen wre! Schon unserer
Freundschaft mit deiner seligen Mutter wegen!... So eine wie die ist mir
nachher auch nicht wieder begegnet, und wenn ich manchmal hier in meinem
Winkel vermeine, es sei nur, weil meine Augen stumpfer geworden seien
und meine Sinne und Gedanken dazu, so kommt es mir bei besserer
berlegung als das Wahre, da die wahren Menschen und Weibsleute doch
immer das Seltenste in der Welt sind und bleiben. Was zur hohen Jagd
gehrt, das luft nicht wie die Hasen im Felde. brigens hat mir der
Vetter Just da nur Gutes von dir erzhlt, Fritzchen Langreuter, und das
hat mich wirklich recht gefreut, und wir sprechen wohl noch weiter
darber. Als du hier auf dem Boden mir zwischen den Beinen
herumkrochest, deinem Ball und sonstigem Spielwerk nach, da htte dir
keiner an der Nase angesehen, da wahrhaftig ein Doktor und noch dazu
nicht ein bloer medizinischer, die ich mir doch gottlob niemalen habe
an den Leib kommen lassen, in dir steckte. Und nun sage mal, Fritz, ich
hoffe doch, du nimmst hier mit uns vorlieb und Quartier; auf eines da
bei dem vornehmen Herrn von Schlo Werden wrde ich in dieser Nacht
lieber doch nicht allzu feste rechnen. He, oder Er will wohl gar auch
noch einmal sich in dem alten Bau verklften, Musjeh Ewald Sixtus? Von
Rechts wegen gehrt er freilich nicht mehr hinein; aber da fhrt das
dumme Mdchen schon wieder mit dem Schrzenzipfel nach den Augen, und so
will ich denn lieber weiter nichts gesagt haben als: na, Evchen, denn
schtte den beiden dummen Jungen eine Streu auf, und vor allen Dingen
sorge fr'n anstndig Abendbrot. Der Vetter Just kann bei Mondschein
reiten, den Narren von Englnder da mag ich immer noch nicht recht
ansehen, aber der gelehrte Doktor kommt mir selbst bei dieser
zunehmenden Dmmerung sozusagen recht abgehungert vor, woran denn wohl
hoffentlich nur alle seine Gelehrsamkeit und seine lange Abwesenheit in
Berlin schuld ist.

In diesem Augenblick schttelte sich der Narr von Englnder, das
richtige Werdener Kind, der irlndische Brckenbauer und Tunnelwhler
Ewald Sixtus wie ein -- unbotmig gewesener Pudel, der seine Prgel weg
hat und sich wieder in alter Behaglichkeit und im frheren
gemtlich-drolligen Verhltnis zu seiner Umgebung fhlt. Aber es kam
noch besser. Wie es zuging, konnte nachher wohl keiner uns genau
angeben; aber das Faktum stand fest: mit einem Male hielt der Sohn den
Vater im Arme wie eine Braut -- ja besser, herzerfreulicher, zrtlicher
und weicher und fester als wie solch ein weichliches, hbsches,
zrtliches Ding von Mdchen!

Und was das allerbeste war, der alte Waldmensch lie es sich gefallen
und wurde nicht grob oder zierte sich.

Ewald! mein Junge! stotterte er leise, o du Allerweltsschlingel, bist
du es denn wirklich und wahrhaftig?... Na, na, schon gut, schon gut!
Willst du mich nun auch noch zu einem alten Weibe machen?... zu allem
brigen?!... So sprich doch du ein Wort dazu, Just Everstein. So sagt
ihm doch, ihr anderen alle, da es mir recht sein soll, wenn er
gehandelt hat, wie er es verstand!... Mein Junge, mein lieber Junge --
so bring doch Licht herein, Eva, Mdchen, auf da man -- wir -- ich ihn
endlich mal wieder voll zu Gesichte kriege!... Von dem alten Kasten, dem
Schlo Werden, und von der lieben Grfin mssen wir ja auch noch bei
Lichte reden!... Also ein Sixtus bist du gewesen und geblieben, weil du
nichts dafr gekonnt hast?... Mein Junge, mein nichtsnutziger
Galgenstrick bist du immer geblieben?... Und Schlo Werden hast du
wirklich, und es ist kein dummes Zeug, sondern die reine volle Wahrheit?
Was wrde der Herr Graf sagen, wenn er in diesem Augenblick dort wieder
auf seinem Platze sitzen wrde? Und die Grfin -- Frulein -- Frau
Irene? Ewald, sie sitzt ja auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just
Everstein, was wird sie dazu sagen, da der Spielkamerad aus der
Werdener Frsterei die vier leeren Mauern ihres Vaterhauses der letzten
Ruinierung abgewonnen hat?

Der Freund hatte, wie der spteste Leser merken wird, immerfort in die
Worte des Greises hineingesprochen; doch Papierverschwendung wrde es
gewesen sein, wenn ich auch seine bruchstckhaften Eruerungen hier
htte wiedergeben wollen.

Nun brachte Eva die Lampe, und der Klapptisch wurde nach ewiger
Gewohnheit vom Fenster in die Mitte der Stube geschoben, und ein jeder
von uns beiden, d. h. Meister Ewald Sixtus und ich, Friedrich
Langreuter, sa wieder einmal vor seinem Namen, den er vor zwanzig
Jahren in die Platte eingeschnitten hatte. Wir waren allesamt
betrchtlich in die Jahre hineingeraten, seit wir zuletzt an diesem
Tische so zusammengesessen; aber ein schneres, frischeres Bild als
diesen weihaarigen Vater Sixtus zwischen seinen beiden Kindern gab es
nicht. Neun Uhr schlug die Wanduhr, und bei ihrem Schlag sahen sowohl
der irlndische Ingenieur wie auch der Berliner Doktor der Weltweisheit
auf und atemlos sich um. Wir hatten wahrlich nicht ntig, einander
anzustoen und zum Stillsein aufzufordern, bis die neun schrillen
Schlge verhallt waren und das Ding sein Ticktack weiter in die Zeit
hinein fortsetzte.

Es ist reinewegs wunderbar! seufzte Ewald.

In diesem Frhjahr hat sie einmal gerade so wie ich auf ihre
Pensionierung angetragen, sagte der Vater Sixtus. Es ist der
Tausendknstler da, der Vetter Just, der sich ihrer Altersschwche
erbarmt und sie in die Kur genommen hat. Nicht wahr, Just, es hat dich
mehr als einen sauren Schwei- und Angsttropfen gekostet, sie noch
einmal auf die Beine zu bringen? Ach, tagelang ist er jeden Tag
herbergeritten und hat den Uhrendoktor gespielt, und da er wiederum
ein Meisterstck gemacht hat, das habt ihr beiden anderen soeben mit
eigenen Ohren vernommen.

Ich habe nichts lieber getan, meinte der Vetter leise und mit einem
scheuen, zrtlichen Seitenblick auf Eva. Es war ja meine eigene bittere
Erfahrung, als ich von der Vagabondage nach Hause, nach dem Steinhofe
heimkam und sie mir alles vertragen und verschleppt hatten. Und wenn
alles brige doch nur was Totes ist, dem wir selber unsere Stimme geben
mssen, wenn es sprechen soll, so ist es mit so einer Uhr ganz und gar
ein anderes, was in alles, was dir passiert von der Wiege an, mit
hereinredet. Ich will mit keinem Menschen etwas zu tun haben, der die
Stubenuhr aus seines Vaters Hause aus Not verkauft, wenn er vorher noch
etwas anderes zu verschleudern hatte. Und wre ich nicht der Bauer vom
Steinhofe, so mchte ich nur ein Uhrmacher sein; aber ein wandernder,
der von Dorf zu Dorfe seiner Kunst nachgeht. Mein seliger Vater war ein
verschwiegener Mann -- Sie wissen das, Herr Oberfrster -- aber wenn er
den Uhrmacher auf dem Hofe hatte, kam er immer ins Erzhlen, und es war
immer ein Wunder, wieviel die Familie erlebt hatte, ohne da weder meine
Mutter noch sonst irgendein Mensch auf dem Steinhofe eine Ahnung davon
gehabt hatte.

Der alte Frster kratzte sich lchelnd hinter dem Ohre:

Und was haben wir getan, Just, whrend der Tage, wo du neulich den
wandernden Uhrmacher hier bei uns gespielt hast? Hier, Evchen, Mdchen,
wie haben wir beide hier auf der Frsterei uns bei ebenso bewandten
Umstnden, will sagen, als wir den Uhrmacher im Hause hatten,
verhalten?

Es schien mir, als ob der Vetter Just jetzt verstohlen zu mir
herberschaue; ber Evas liebes Gesicht flog es wie ein Errten, doch
verlegen wurde sie nicht. Sie reichte dem Vetter vom Steinhofe
unbefangen die Hand ber den Tisch und sagte:

Ei, wir haben wohl auch von allerlei Familiengeschichten geschwatzt.
Gehrte Just nicht so ganz und gar dazu, so mchte es ihm wohl manchmal
recht langweilig geworden sein. Nun aber lasse ich euch Mnner und
Herren fr eine halbe Stunde allein -- da kommt der Bruder aus der
weiten Welt nach Hause und sein -- der Freund Fritz aus der Stadt
Berlin, und wir schwatzen, als ob wir erst gestern abend uns hier gute
Nacht gesagt htten. Jetzt sorge ich frs Abendbrot; aber ich lasse die
Tr offen und horche auf alles -- ich meine, ein Jahr wird nicht
ausreichen, um uns gegenseitig mit unserem Leben wieder aufs Laufende zu
bringen, einerlei ob wir den Uhrmacher im Hause haben oder nicht.

Frs erste gehe ich einmal mit in die Kche! rief der Besitzer von
Schlo Werden aufspringend. Endlich will ich doch mal wieder da die
Funken im Schlot aufwirbeln sehen.

Nach fnf weiteren Minuten schlich auch ich mich den beiden nach; aber
ich blickte nur durch die Trspalte. Sie standen Arm in Arm an dem alten
vterlichen Herde, und die Schwester hatte dem Bruder wieder den Kopf
auf die Schulter gelehnt, und sie sahen stumm in die hpfenden Funken
des Heimatherdes. Als ich in die Stube zurckkam, sagte der Vater
Sixtus:

Recht hat das Kind, Fritze. Wir werden wohl eine ziemliche Zeit
brauchen, um mit allen unseren Erlebnissen ins klare zu kommen. Da frage
nur den Vetter Just, der ist jetzt doch schon ber ein Jahr aus seinem
Amerika zurck; aber wir sind immer noch nicht mit ihm fertig. Manchmal
ist es mein Wunder, wie viel das Mdchen aufs Tapet zu bringen hat,
sobald er die Nase in die Tr steckt. Die Zwei kann man schon einen
ganzen Sommertag beieinander sitzen lassen, ohne da ihnen der
Unterhaltungsfaden abbricht. Na, ihr seid recht gute Freunde geworden,
nicht wahr, Just Everstein?

Ich aber, der ich hier sitze und schreibe, dachte wunders, wieviel ich
von jenem inhaltreichen Abend zu Papier zu bringen haben wrde, und
wundere mich doch nun gar nicht, da ein so kurzes Kapitel daraus
geworden ist.




Achtes Kapitel.


Wie s das Mondlicht auf den Hgeln schlft!

Gegen elf Uhr abends ging er auf, der Mond, und in der lngst
aufgegangenen Sommersonne am Morgen unter. Um elf Uhr hatte uns der Alte
gute Nacht gewnscht und sich von seinem heimgekehrten Sohne in seine
Kammer fhren lassen. Erst nach einer geraumen Weile hrten wir Ewalds
Schritt wieder auf der Treppe. Sehr schweigsam und nachdenklich nahm der
Herr von Schlo Werden wieder an unserem Tische Platz und sprach wenig
mehr. Auch Eva wurde schweigsamer, rckte aber nher zu dem Bruder und
hielt von neuem fortwhrend seine Hand zwischen der ihrigen. Es war, als
ob fr diesen Abend nunmehr jedes Wort zwischen uns vier ausgesprochen
worden sei. Nur die Uhr im Winkel redete weiter; als sie aber
Mitternacht schlug und der weie Schein des Mondes pltzlich voll in die
Fenster fiel, da erschraken wir alle, und der Vetter Just stand auf und
sagte:

Nun wird's doch wohl Zeit, da ich reite! Was werden sie auf dem Hofe
sagen, wenn ich ihnen fast das Morgenrot heimbringe?

Sie liegen wohl alle in einem guten Schlafe und kmmern sich wenig
darum, wieweit es an der Zeit ist, meinte Eva.

Frau Irene nicht, sagte der Vetter; Ewald Sixtus aber sah rasch aus
seinem trben Sinnen empor, tat jedoch keine Frage.

Ich habe alles versucht, sie darin zur Vernunft zu bringen, fuhr der
Bauer vom Steinhofe fort, aber was hat es mir geholfen? Nichts!... Und
wenn ich es um sie verdient htte, so wre dies zu gut, zu lieb, zu
sorglich und zu dankbar. Was habe ich ihr denn viel helfen knnen in
ihrer schlimmen Lebensnot und Angst? Du, Fritz, bist ja auch dabei
gewesen und kannst bezeugen, da ich nichts als den guten Willen gehabt
habe. Und das Kind haben wir ja doch auch begraben mssen, und htte ich
auch mein Herzblut hergegeben, -- sage selbst, Fritze, da keine Hlfe
dafr war! Jetzt aber sitzt sie gottlob auf dem Steinhofe in Ruhe und
Sicherheit, soweit beides hienieden mglich ist; aber nun ist es fast,
als sei ich ein krankes Kind und msse gepflegt werden und s behandelt
werden wie ein solches. Die alte Jule war darin schon arg genug, nachdem
wir von neuem auf dem Hofe beisammen waren; aber Frau Irene gibt ihr
nicht das geringste nach. Geraten sich die beiden Guten einmal in die
Haare, so knnt ihr sicher sein, da es ber mich geschieht. Sie sehen
aus nach mir, sie erwarten mich bei dem schlechtesten Wetter drauen vor
der Tr. Sie rcken mir den Stuhl zurecht, und ihr einziger Jammer ist,
da ich keinen Schlafrock trage und sie mir also mit dem nicht
entgegenkommen knnen. Die Alte ist wohl zu alt, um bis nach Mitternacht
auf mich warten zu knnen; aber die beiden anderen lieben Augen wachen,
und in Irenes Stube brennt in dieser Nacht die Lampe bis in den Morgen
hinein. Ich habe es natrlich versucht, bse darber zu werden, aber
geholfen hat es gar nichts! O, und es geht doch auch nichts ber solch
ein liebes Licht aus dem Fenster des alten Heimatnestes. Wie wird sich
die Frau Irene wundern und von ihrem Buche aufsehen, wenn ich diesmal
heimkomme und ihr zur Entschuldigung die Nachricht mitbringe, wer heute
hier in der Frsterei das alte Nest wiedererreicht hat. Jetzt aber im
Galopp und im Mondschein gen Bodenwerder! Nur selten hat mir der Mond so
ganz zur rechten Zeit am Himmel gestanden wie in dieser Nacht.

Ewald Sixtus sttzte den Kopf mit der Hand und beschattete die Augen mit
der Hand.

Durch das Dorf fhrst du doch noch deinen Gaul am Zaum, Just, sagte
ich. Durch das Dorf Werden begleite ich dich bis auf die Strae nach
Bodenwerder. Es ist freilich eine helle Nacht, und ein segensreicher
Zauber liegt hoffentlich ber uns allen. Ich begleite dich noch ein
Stck Weges, Vetter Just. Es ist lange her, seit ich zum letzten Mal die
Heimat im Mondenschein liegen sah.

Im Mondenschein sattelte der Vetter auf dem Hofe der Frsterei seinen
Fuchs. An den hohen Ulmen des Hofes, denen es so viel besser geworden
war als den stolzen Bumen um Schlo Werden, regt sich kein Blatt.
Schatten und Licht lagen still auf dem Boden. An dem Hoftor gaben Ewald
und Eva noch einmal dem Bauer vom Steinhofe die Hand, -- die des lieben
Mdchens hielt er eine geraume Weile fest und sagte dann nur zgernd:

Nun, so komm, Fritz Langreuter. Nach einer Reise wie die deinige
solltest du freilich schon lngst im Bett liegen --

Und recht angenehm von euch hier und euren Zustnden trumen! O, du
Egoist, und du willst wachend hoch zu Ro whrenddem durch die Mondnacht
jagen und mit kitzelndem Behagen deinen Spa ber den Berliner Doktor
haben?

Ganz gewi nicht, Fritze meinte der Vetter ehrlichst. Solange du
willst, fhre ich den Gaul am Zgel hier an deiner Seite. Vielleicht
wre es sogar recht gut, du gingest den ganzen Weg mit mir und
erzhltest an meiner statt der Frau Irene, wen du heute nach Schlo
Werden begleitet hast. Ach, Fritz, du weit zu sprechen und deine Worte
zu stellen, ich aber nicht! Mir mu alles abgefragt werden, und mir ist
dann stets, als wre alles, was dann herauskommt, als sei es durch
Zufall gekommen. Sieh, alter Kerl, das Gegenteil hiervon ist's eben, was
ihr Gelehrten alle Zeit vor uns voraus habt, die wir zum Nachdenken
kommen so wie ich, heute bei Regen, morgen bei Sonnenschein, heute
hinter dem Pfluge und morgen auf dem Stoppelfelde bei den letzten
Erntegarben. Es ist gar keine Logik darin, und dann am wenigsten, wenn
man sie am ntigsten braucht. Und da man fast zehn Jahre lang in den
Vereinigten Staaten den Schulmeister gespielt hat, hilft gar nichts
dazu. Und Fritz, Fritz, lieber Fritz, da wir jetzt wieder zwischen uns
beiden allein sind -- ich habe das Schwabenalter lngst hinter mir und
-- und Eva Sixtus will meine Frau werden! Du hast es wohl schon lange
gemerkt, aber -- gottlob -- jetzt habe auch ich es dir gesagt! ...

Und ich wnsche dir von ganzem Herzen Glck dazu, sagte ich, des
Mannes brave, starke Hand nehmend und drckend. Er aber sah mich im
Mondlicht noch einmal einen krzesten Augenblick so an, als ob er ganz
und gar das Gegenteil von diesem meinem Wunsche zu hren erwartet habe,
und dann tat er einen Seufzer wie aus befreiter Brust und rief:

Und das ist mir das Liebste, was mir nach ihrem Jawort begegnen konnte,
da auch du mir Glck wnschest. Ich bin nun leider schon so ein
zerzauster alter Kerl, und sie ist immer noch jung, und du bist auch
noch jung, Fritzchen -- wenigstens -- wenigstens recht viel jnger als
ich; und wenn ich in meiner jetzigen Ruhe und meinem Glck und Behagen
an die alten Tage denke, wo ihr junges Volk zum Besuch nach dem
Steinhofe kamt, so -- -- ach, Fritz, Fritz Langreuter, du mut es doch
wohl dir selber sagen, was ich in diesem Moment dir sagen mchte! Aber
die Frau Irene wei es auch und hat Eva gekt und -- mich auch,
wirklich und wahrhaftig! Wenn du sie gleichfalls fragen willst: sie
billigt auch unser Vorhaben, unsere alten Tage in Friede und Glck und
in der alten Freundschaft mit der ganzen alten Heimat zu verleben. Sie
hat nicht gemeint, da es zu spt sei; -- sie, die soviel mehr als wir
alle brigen zusammen in der boshaften, strmischen Welt erlebt hat, und
es also auch wohl am besten verstehen mu.

Sie hat vollstndig recht, Just! Aber von uns allen bist auch du nur
der einzige, der nie etwas zur unrichtigen Zeit erleben kann, dem alles
recht und richtig gekommen ist im Leben, Segen wie Ungemach. Ja, so
gndig waren dir, und dir von uns allen allein, die Gtter, als sie dir
deine Wiege auf den Steinhof stellten und dich nachher an den Weg
setzten --

Mit offenem Munde und um Maulaffen feil zu halten! Ei ja, es wundert
mich freilich heute noch, wieviel Abenteuer der Mensch erleben kann,
ohne da er etwas dazu tut. Manchmal ist das gar mein Kummer und
Gewissensbi sozusagen; dann fhle ich es, wie als ob ich eine Stelle in
mir htte, wo ich im grten Tumult wie ein Stck Holz werde, whrend
die anderen sich weiter abngsten.

Das stille Licht des Mondes lag ber uns und um uns, und der Vetter Just
sprach, ohne es zu wissen, von dem Unterschied zwischen den vornehmen
Naturen innerhalb der Menschheit und den gewhnlichen. Er drckte sich
eben nur schlecht aus, wenn er da von einem ton- und klanglosen Stck
Holz sprach, wo er von der Stelle in seiner Seele htte erzhlen sollen,
wohin keine Welle des vorbeiflieenden Tages schlagen konnte.

Ihr werdet ein schnes Leben haben, und mich lat ihr -- alle dann und
wann an eurem Herde als euren Historiographen niedersitzen, sagte ich
leise und tief gerhrt. Fr Kinder, wie wir waren, als wir zu dir auf
den Steinhof zu Besuche kamen, werdet ihr freilich nicht erzhlen und
werde ich nicht wieder _erzhlen_.

In und an dem Dorfe Werden hatte sich in den Jahren, whrend ich es
nicht sah, nichts verndert. Es dehnte sich gengend weit in die Lnge
aus, da wir vollkommen Zeit hatten, whrend wir es durchwanderten, uns
alles das mitzuteilen, was ich eben hier niedergeschrieben habe. Von den
Bewohnern strte uns auch niemand dabei; sie lagen smtlich im tiefen
Schlafe. Es sa keiner bei der Lampe wach, -- selbst der Pastor und der
Kantor nicht. Der Mondenschein hatte das Reich fr sich allein, und das
war gut; fr mich sowohl wie auch fr den Vetter Just Everstein. Wren
wir bei hellem Tage und unter dem Zudrngen alter Bekanntschaft durch
das alte Nest im Grnen gewandelt, so wrden wir sicherlich mehr Mhe
und Plage gehabt haben, mit unseren Gefhlen und Stimmungen ins Reine
gegeneinander zu kommen. Sonderbarerweise aber dachte ich in dieser
hellen, schnen Nacht, auf dieser Wanderung durch das friedliche
vergessene Heimatdorf, nicht ohne ein Gefhl stiller Sicherheit an die
groe Stadt Berlin, meine kleine Stube und meine Ttigkeit, kurz an das
Dasein, das mir dort zuteil geworden war. Es lag ein Gefhl von Wehmut
darin, aber doch zugleich eine innerlichste Beruhigung: _sie, die
anderen alle_ konnten und durften heimkehren in das alte Leben, wann sie
wollten, sie waren da zu Hause; _ich aber nicht_ oder doch nie mehr so,
wie sie noch zu jeder Zeit sein konnten. Resignation nennt man das mit
einem Fremdwort, das wir wohl nicht so leicht aus dem deutschen
Sprachgebrauch loswerden. Die deutsche Welt darf manchmal noch so s in
Mondenlicht und in weiche Redensarten gebettet liegen: wir wollen das
scharfe, aber gesunde Wort festhalten und es uns durch kein anderes zu
ersetzen suchen.

Am Ausgange des Dorfes nahmen der Vetter und ich fr diesmal von neuem
Abschied voneinander und trennten uns gottlob im besten Einvernehmen. Er
schwang sich ein wenig schwerfllig auf seinen Fuchs und ritt gen
Bodenwerder; ich wandelte langsamen Schrittes und unter einigem
Selbstgesprch nach der Frsterei zurck.

Hier saen Ewald und Eva wieder bei der Lampe am Tische und hatten wohl
das Ihrige gesprochen whrend meiner Abwesenheit. Das gute Mdchen
mochte auch wohl wieder einige Trnen vergossen haben, doch schmerzhafte
waren es nicht gewesen. Ein wenig befangen lchelnd sah sie aus ihren
lieben Augen zu mir auf; doch ich reichte ihr schnell die Hand und
sagte:

Ich habe dem Vetter Just schon Glck gewnscht, Eva, nun la du es auch
dir von mir wnschen. Du weit es auch schon, Freund Ewald, was fr eine
neue Freude dem Steinhofe von unserem Geschick zugedacht ist?

Ja, sie hat es mir so ruhig gesagt, wie sie uns immer alles ruhig
sagte. Darin hat sich an ihr nicht das mindeste gendert. Aber sie
passen nur desto besser zueinander, und die Jahre, die sie gebraucht
haben, sich zu finden, sind ihnen ja ebenfalls nur etwas ganz
Selbstverstndliches gewesen. Nicht wahr, mein Herz, mein
Herzensmdchen, um ein Glck, das aus den Wolken fiele, wrdet ihr eine
geraume Zeit herumgehen, ehe ihr es vom Boden aufhbet. Doch ob ihr
nicht darum gerade die Glcklichen seid, gewesen seid und sein werdet,
das ist an dem heutigen Abend fr mich eine Frage, die einen sein
wstes, wirres Lebenswerk noch einmal wie im Fluge von neuem tun lt.
^Och arrah, arrah^, komme ich noch einmal auf die Welt, so tue ich
vielleicht auch meine Arbeit, ohne auf das Glck zu zhlen, das aus den
Wolken fllt! Selbst auf die Gefahr hin, da man in Bodenwerder und Dorf
Werden samt Umgegend selbstverstndlich sagen wird: Auf das Glck, das
aus den Wolken fllt, hat der Schlingel immer einzig und allein
gerechnet, -- ja, da sieht man's nun!

Mir ist das Herz so voll, da ich gar nichts zu sagen wei, flsterte
Eva. Lieber Friedrich, -- lieber Bruder Ewald, wir mssen alle, alle
glcklich und zufrieden sein. Das Schicksal kann es ja nicht bse mit
uns meinen, es htte uns sonst wohl nicht diesen Abend geschenkt. Wir
sind wieder alle zu Hause, und das ist doch die Hauptsache! Morgen
wollen wir von dem Schlo Werden und von Irene sprechen -- wir haben ja
eigentlich noch von nichts vernnftig geredet. Nimm es nur nicht bel,
Fritz: im Grunde bist du doch der einzige von uns gewesen, der alle
seine fnf Sinne ordentlich beieinander halten konnte!

Und da krht wirklich und wahrhaftig der erste Werdener Hahn den Morgen
an, sagte ich, um doch etwas zu erwidern. Glck auf in der Heimat,
Freund Ewald!

Ich hatte ihn durch einen Schlag auf die Schulter von neuem aus seinem
nachdenklichen Hinbrten zu wecken.

Was hast du gesagt? fragte er zerstreut.

Wir wollen doch noch den Versuch machen, vor Sonnenaufgang unter dem
alten Heimatsdache einen glcklichen Traum zu trumen.

Ich habe alles oben in Ordnung fr euch gebracht; aber geht leise auf
der Treppe, da ihr den Vater nicht strt, bat Eva Sixtus.




Neuntes Kapitel.


Als ich am anderen Morgen erwachte, fand es sich, da ich lnger in den
Tag hinein geschlafen hatte als irgendein anderer im Hause; und sie
hatten mich ruhig schlafen lassen, und zwar mit vollem Recht, denn auf
meine ttige Teilnahme an dem, was jetzt die Zeit in der alten Heimat
brachte, kam leider am wenigsten an. Ich durfte ausschlafen und brachte
dadurch hchstens die Hausordnung ein wenig in Unordnung; aber dafr war
ich ja jetzt der Historiograph von Schlo und Dorf Werden sowie vom
Steinhofe und hatte, wie der Vater Sixtus sich ausdrckte, von allen
immer am meisten Tinte an den Fingern gehabt.

Und seltsam und -- wie schon gesagt! es ging darob eine gewisse
Umwandlung meiner Stimmungen ins Heitere und Zufriedene in mir vor. Ich
merkte es, da meine einsamen Lehrjahre doch ihre Frucht getragen
hatten: es verstand keiner von ihnen es so gut wie ich, sich seine
Stimmungen zurecht zu machen. Zurecht machen! ich finde kein besseres
Wort dafr, und smtliche philosophische Systeme sind gleichfalls darauf
erbaut.

So sah ich, hrte und schreibe ich jetzt nieder, und allesamt meinten
sie ganz verwundert:

Nein, dieser Fritz! Nein, dieser Langreuter! Nein, dieser Herr Doktor!
Dieser Herr Doktor Langreuter! Wacht er jetzt erst so auf, oder ist er
immer so gewesen? Im Grunde ist das ja der Gemtlichste, Heiterste und
Gleichmtigste von uns allen! Wie sich doch der Mensch verndern kann!

Lassen wir auch dieses und vorzglich das letztere mit Gelassenheit auf
sich beruhen. Es hat noch kein Mensch wirklich ausfindig gemacht, wie
weit und wie sehr sein Nachbar im Raum und in der Zeit sich verndert
habe, whrend man selbst glaubte, ganz derselbe geblieben zu sein.

Wo steckt Ewald? fragte ich, als ich endlich zum Kaffee herniederstieg
und nur die Sonne, die Hunde, den Frster und seine Tochter in der
Wohnstube fand.

Er ist zum Vorsteher und holt sich die Schlssel zu seinem Schlo,
sagte Eva.

Sage nur dreist: zu seinem bezauberten Schlo, Kind, meinte der alte
Herr, ein wenig schadenfroh lachend. Nun la ihn die Nu knacken, die
er sich vom Busch heruntergeholt hat! Mein Junge Herr von Schlo Werden?
's ist die Mglichkeit! Kein Mensch begreift, was das heien soll, und
ich am allerwenigsten. >Sind Sie ganz fest berzeugt, da er nicht
verrckt ist, Herr Frster?< hat mich der Doktor Spindler, der Advokat
aus Bodenwerder, erst vor acht Tagen noch gefragt.

Und was haben Sie dem Doktor geantwortet, Herr Oberfrster?

Du, was habe ich ihm denn eigentlich geantwortet? wendete sich der
Alte an seine Tochter.

Darf ich dir noch eine Tasse Kaffee einschenken, lieber Fritz? fragte
Eva. Ach, es war ja noch vor eurer Heimkehr, da der Herr Notar
Spindler neulich bei uns vorsprach.

Wie die Grfin sich zu der Geschichte stellen wird, soll mich am
meisten wundern, brummte der Alte, eine gewaltige Rauchwolke in die
wundervolle Sommermorgenluft hineinblasend und einen Kohlweiling, der
sich eben in das Fenster verirrte, halb dadurch erstickend. In demselben
Augenblick trat der Sohn des Hauses, hochrot vom raschen Gange und
sonstiger Aufregung und sich bereits so frh bei seinem Tagewerk den
Schwei von der Stirn trocknend, wieder ein.

Sieh da bist du ja auch, Langreuter! Guten Morgen, ^old boy^.
Hoffentlich hast du gut geschlafen und angenehm getrumt in der ersten
Nacht zu Hause.

Ich habe erst ziemlich gegen Morgen zu den Versuch gemacht, lieber
Freund, erwiderte ich lchelnd. Zum wenigsten freue ich mich
gegenwrtig unendlich, endlich einmal wieder hier zu sein und solche
Versuche, wie du sagst, zu Hause anstellen zu knnen.

Der Freund setzte sich zu uns; er versuchte es, gleichmtig auszusehen
und heiter in das Gesprch mit dreinzureden, doch es gelang ihm
schlecht. Man sah wohl, da der erste schne Morgen in der Heimat nicht
leicht auf ihm lag. Von Zeit zu Zeit schttelte er leise den Kopf, kaute
an dem Schnurrbart und summte eine seiner lustig-melancholischen
irischen Weisen vor sich hin. Es arbeitete etwas in ihm, dem er noch auf
keine Weise eine rechte Handhabe abzugewinnen vermochte. Jetzt sprang
er, von innerlicher Unruhe getrieben, von neuem auf, schritt einige Male
durch das Gemach, kam zu uns zurck, sttzte beide Hnde auf den Tisch,
sah uns der Reihe nach an, als wolle er fr ein schwer abgehendes
Gestndnis vor allen Dingen sich unserer gutmtigen Teilnahme
versichern, klopfte sodann mit dem Zeigefinger der Rechten scharf auf,
um unsere ganze Aufmerksamkeit noch mehr wachzurufen, und chzte:

So dumm -- so verloren, verraten und verkauft wie in diesem Moment bin
ich mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Htte ich in
meiner Jugend mehr Prgel bekommen, so wr's mir jetzt vielleicht
wohler, Herr Vater. Ob der Katzenjammer vorbergehend oder von Dauer
ist, beste Schwester, kann ich gegenwrtig natrlich noch nicht wissen;
aber fr den Augenblick bin ich fest berzeugt, da ich mich --
grndlich verspekuliert und all meine Trmpfe vergeblich ausgespielt
habe. Herrgott, da kommt das Dorf, um uns zu begren zu unserer
Heimkehr, Fritze! Evchen, ich bitte dich um alles in der Welt, geh hin
und sag ihnen, wir wren schon wieder abgereist und lieen smtliche
gute Nachbarn und liebe Freunde herzlichst gren.

Was sich wohl schwer tun lassen mchte, meinte der Vater Sixtus
aufstehend und seinem Sohne jetzt ganz zrtlich auf die Schulter
klopfend. Ja, ja, mein Shnchen, es ist mancher Papst geworden, dem der
heilige Stuhl nachher ziemlich hei geworden ist. Kommt nur 'rein,
Gevatter Timme! ja, 's ist richtig, hier sind die jungen Leute aus der
Fremde zurck, und mein Junge da ist Herr von Schlo Werden, ... soviel
noch davon brig ist. Und da ist ja auch der Vorsteher! Alle herein,
herein! Wir haben eben noch nach allen vier Wnden hin nach gutem Rat
gewittert. Rume die Kaffeekanne ab und die Tassen, Mdchen; der Doktor
ist item fertig. Jetzt nehmen wir einen Jgerschluck auf die vergngte
Gelegenheit, nicht wahr, Kantor Drneberg? Dem Pastor warten die Insel
Irland und die allmchtige gelehrte Stadt Berlin nachher freundlich und
persnlich auf. Kannst auch auf die Rauchkammer steigen, Evchen, wenn du
aus dem Keller glcklich wieder herauf bist. Wir hatten eben allesamt
doch eine kleine Strkung der Seele und des Leibes notwendig; nicht
wahr, Ewald? nicht wahr, Fritze Langreuter? Vivat Dorf Werden und das
Schlo dazu! Nur schade, da wir den Vetter Just aus Neu-Minden jetzo
nicht bei uns in unserer angenehmen Mitte haben. Setzt euch, Nachbarn
und liebe Freunde, wenn ihr mit dem Hndeschtteln endlich zu Rande seid
und euch die zwei -- Herren da genug und andchtig beguckt habt. Ei ja
freilich, liebe Freunde, so was kommt wahrhaftig nicht alle Tage nach
Hause, und es verlohnt sich wohl, da man darum ausnahmsweise mal seine
eigene Arbeit hinlegt, um das bei einem guten Stck Schinken und einem
echten alten Korn sich genauer zu betrachten. Verwechselt sie nur nicht!
Dies hier ist der Berliner Doktor, und das da -- na, das ist denn
wirklich mein Junge, der Ewald Sixtus, der sich als auslndischer
Baumeister kurioserweise wirklich ein Vermgen gemacht hat und sich
nachher doch noch kuriosererweise an seinen alten Vater erinnert hat und
gestern abend angekommen ist, um hier bei uns, wie er eben sagt, seinen
hchsten Trumpf auszuspielen. So dumm von wegen dessen, was die nchste
Zeit hier bei uns passieren wird, bin ich auch noch niemals in meinem
Leben gewesen. Da sitzt der Junge, und ich denke immer, ich sehe noch
unseren seligen Herrn Grafen da sitzen und nach seiner Gewohnheit seine
Schnupftabaksdose auf dem Tische hin und her drehen.

No, so'n alter Spuk! meinte der Vorsteher, der auch noch ein Junge
gewesen war, als den Herrn Grafen der Schlag rhrte und mit ihm das alte
adelige Haus Everstein so tief zu Falle kam. Da vermeine ich doch, da
wir jetzo einen neuen Hahn auf den alten Mist gekriegt haben. Zeit ist
Zeit, und was pat, pat, und was nicht pat, pat nicht; wenn das Dorf
den alten Kasten htte brauchen knnen, so htte ihn einer von uns
lngst um ein Butterbrot; aber wir haben dem Herrn -- Ewald, dem Herrn
Ingenieur Sixtus, am Ende gern die Vorhand gelassen. Was er
herausschlgt, soll gerne ihm gehren; es wird keiner in der Gemeinde
sein, der es ihm mignnt. Als er heute morgen die Schlssel bei mir
abholte, habe ich sie ruhig hergegeben; denn ich wei ja, da das
Schriftliche darber ebenso ruhig in Bodenwerder beim Notar Spindler
liegt. Da brauchte ich keine weitere Sicherheit. Herrje, nun guck aber
einer, jetzt haben wir bald das halbe Dorf, als ob es der Hirte
zusammengetutet htte, hier auf dem Frsterhofe zur Gratulation
versammelt.

Dem war in der Tat so. Was in der Stube keinen Platz mehr fand, das
drngte sich wenigstens vor der Haustr und versuchte in die Fenster zu
sehen. Alte und ltere erneuerten frhere gute Bekanntschaft. Was wir
als hbsche junge Werdener Schulmdchen gekannt hatten, das wurde uns
als mehr oder weniger wohlgediehene Hausfrauen zugeschoben.

Na, ziere dich nur nicht, Hanne; bist ja frher ganz vertraulich mit
den Herren gewesen!

Kinder, die whrend unserer Abwesenheit das Licht der Welt erblickt
hatten, wurden uns zu Dutzenden vorgefhrt, oder auf den Armen
hingehalten. Wir vernahmen von ortseingeborenen Taugenichtsen beiderlei
Geschlechts, die gleich wie wir in die Fremde gegangen waren, aber sich
Gott sei Dank bis anjetzt noch nicht wieder im Dorfe hatten blicken
lassen. Zutunlich, -- verschmt-zutraulich waren sie allesamt; das
Reichlichste aber, was wir von ihnen bekamen, das war guter Rat; --
freilich, wenn ich hier sage _wir_, so ist das wohl nicht ganz richtig.
Da lief ich nur so beilufig mit, und die Hauptperson war
selbstverstndlich Freund Ewald Sixtus, und der hatte bald alle seine
Geduld und Liebenswrdigkeit zusammenzusuchen, um nicht mit den
Ellenbogen sich Raum zu machen durch die Freundschaft und Bekanntschaft
der Mannen von Dorf Werden.

Ich mu ihn aber loben, den Herrn von Schlo Werden. Er hielt all dieser
Weisheit, Klugheit und Schlauheit gegenber so sanft und sanftmtig
still, da er jedweder anderen kochenden Ungeduld als ein wahres Muster
von Selbstbeherrschung und Ergebung hingestellt werden durfte. Jedwedem
einzelnen, der ihn mehr oder weniger vertraut am Knopf nahm und ihm
verblmt auseinandersetzte, wie dumm er gewesen sei, und was er
eigentlich an Schlo Werden erhandelt habe, versprach er aufs
glaubwrdigste, ihn sobald als mglich auf seinem Kothofe in der
Abenddmmerung zu besuchen, um das Genauere ber die Sache zu vernehmen.
Der Vater Sixtus schenkte mit immer unverhohlenerem Wohlbehagen
fortwhrend im Kreise am Tische ein und sah immer mehr aus, als kitzele
ihn jemand. Der Tabaksqualm wurde ungeachtet der offenen Fenster und Tr
immer dichter, und Eva Sixtus -- zog mich auf einmal in den Winkel dicht
an die alte Wanduhr, die der Vetter Just so vortrefflich wieder in Gang
gebracht hatte, und flsterte:

Fritz, es ist auch aus meinem Bruder -- aus Ewald ein guter und
vornehmer Mann geworden. O, wie es auch kommen wird, lieber Fritz; wir
kommen alle noch zurecht im Dorfe und auf dem Steinhofe und mit dem
verzauberten Schlo da drben. Ich mu gleich wieder die Treppe hinauf,
um noch ein paar Wrste aus dem Rauche zu holen; aber es ist doch wie
ein Mrchen, und ich sehe klar wie in einem Spiegel mich und uns alle!
O, es ist schn, da ihr nach Hause gekommen seid, und vor allem, da
mein Bruder seinen Herzenswillen durchgesetzt hat (wenn er sich derweile
auch nicht um uns kmmern konnte!), und da Irenes Heimatshaus keinem
Fremden mehr gehrt. Sie kann nun darber entscheiden, und ich knnte
wohl sagen, wie ich es mir denke, wie es kommen wird; aber du siehst
selber, ich habe wirklich in diesem Tumult keine Zeit dazu, und was ich
dir da eben gesagt habe, wei ich selber kaum; aber du kannst dir wohl
denken, da ich den Bruder seit gestern abend keinen Augenblick aus den
Gedanken frei gegeben habe, und ich bin so sehr glcklich ber ihn, und
ich bin fest berzeugt, der Vater freut sich auch!

Nach und nach verlief sich der freundschaftliche Schwarm der Drfler
wieder, und nur ein paar gnzlich beschftigungslose Leibzchter blieben
fest sitzen, da sie einmal saen; aber die Unterhaltung zwischen ihnen
und dem Frster geriet doch wieder in das gewohnte Geleise. Der
Tabaksqualm verzog sich ein wenig, Eva rumte den Tisch ab, und Ewald
seufzte, reckte und dehnte sich, packte mich pltzlich stumm am Arme,
fhrte mich vor die Haustr, wo ich auch seufzte und mehr als einen
befreienden Atemzug tat, und wo er sagte:

Komm mit, ^honey^! Was haben wir denn heute eigentlich fr ein Wetter?

Ich sah den wunderlichen Freund ziemlich erstaunt ob dieser Frage an; er
aber meinte:

Mir tanzen alle Farben vor den Augen. Rot, grn und gelb schwimmt es
mir vor dem Gesichte; und ich habe eine bittere Ahnung, da ein recht
trbseliges Grau aus alle dem bunten Wirrwarr werden wird. O Doktor, wie
einfach blau sah ich einmal das alles -- nmlich dieses alles hier um
uns herum! Ach, Fritz, ich frchte, ich frchte, es war eine Tuschung,
es war eine Dummheit von mir! Sie wird sich nicht hinsetzen wollen an
dem Herde, den ich ihr in ihres Vaters Hause wieder aufbauen wollte!
^Dammy^, Langreuter, wie ganz anders sieht sich so was aus der Ferne an
als in nchster Nhe! Komm mit nach dem alten Neste! Den Schlssel habe
ich im Schlosse stecken lassen.




Zehntes Kapitel.


Das Wetter, nach dem sich der irlndische Freund soeben zu meiner
zweifelnden berraschung erkundigt hatte, lie wirklich nichts zu
wnschen brig auf unserem Wege nach dem verzauberten Schlo und
whrend unseres Aufenthalts daselbst an diesem bewegten Morgen. Still,
blau und wolkenlos spannte sich der ther, soweit er zu erblicken war,
ber die unruhige Welt. Es war eben schon ziemlich hei; mir aber kam es
wunderbar treu von neuem in die Seele auf dem Wege, wie und unter
welchen Umstnden und bei welcher Temperatur ich zum ersten Mal das
einst so stattliche feste Haus des alten Geschlechtes derer von
Everstein erblickt hatte.

Jetzt betraten wir den Hof wieder durch das Haupttor, durch welches am
Todestage des Vaters der Wagen, der den guten Kameraden, die Mutter und
mich trug, eingefahren war. Zu dieser Tr hatte der jetzige Besitzer und
Herr keinen Schlssel ntig, sie stand weit genug offen. Die eisernen
Gitter waren ausgehoben, die Wappen mit dem Eberkopfe abgemeielt, und
was die letzteren anbetraf, so hatte der vorletzte Eigentmer sicherlich
nicht gewut, warum er sich auf seinem Grundstcke durch die fremde
Firma rgern lassen sollte. -- ber wohlerhaltene Pflasterung war
vordem unsere Kutsche gerasselt, die Steine waren nunmehr meistens
verschwunden und machten wahrscheinlich im Dorfe jetzt allerlei
bedenkliche Pfade den Bauern bei Regen und Tauwetter gangbar. Aber
schne Brennesseln wuchsen berall, auch Kletten und Disteln hatten
nicht eingesehen, weshalb gerade sie drauen bleiben sollten, da doch
alles brige, was Lust hatte, frei kommen durfte.

Noch fhrte die breite Treppe zu der Rampe empor, die sich, wie ich zu
Eingange dieser Geschichten von den alten Nestern beschrieben habe, an
dem Gebude entlang zog. Wir traten da auch heute noch in den khlen
Schatten, den das graue Steinhaus auf den sonst so sonnigen Hof warf.

Da war die hohe, gewlbte Tr, die in das Schlo fhrte, und Ewald
Sixtus hatte nicht blo seinen Schlssel darin stecken lassen, sondern
die beiden Flgel weit aufgeworfen; und da sie gleichfalls nicht mehr
ganz fest in den Angeln hingen, so hatten sie ihrerseits jetzt die
gnstige Gelegenheit benutzt, die Verbindung mit denselben so ziemlich
zu lsen.

Haus Werden stand weit offen, und sein jetziger Herr lud mich mit einem
Achselzucken, einer hflichen Handbewegung, einem neuen tiefen Seufzer
und mit etwas gezwungenem Lcheln zum Eintritt ein, indem er brummte:

Du bist gelehrt, sprich du mit ihm, Horatio.

Um doch etwas zu sprechen, meinte ich:

Wie mir scheint, mein Bester, wird es wohl weniger auf die Gelehrtheit
als auf das Kapital ankommen, um hier von neuem Ordnung zu stiften, die
Eulen, Fledermuse und sonstigen Nachtgespenster zu verjagen und
gebildet menschlich Behagen wieder mglich zu machen.

Fr deutsche Verhltnisse bin ich ein reicher Mann, sagte der Freund
klglich. Meine Meinung aber ist, da Maurer, Zimmerleute, Maler und
Tapezierer es nicht in diesem Falle tun werden. In der Hinsicht wei ich
freilich schon selber, was ich zu tun habe, und brauche deinen Rat
nicht, um den Bann und Zauber vermittelst eines vernnftigen
Kostenberschlags und mit Hammer, Sge und Mauerkelle zurechtzurcken.
Wir hatten aber voreinst unsere Nester in das grne Gezweig und den
Sonnenschein gehngt, und du hast, als wir gestern nach Hause kamen,
gesehen, wie die Racker ihren nichtswrdigen Kommunalweg ber die Sttte
hingelegt haben; -- Fritz, Fritz, wir sind eben als alte Leute nach
Hause gekommen, und die Landstrae geht auch ber Schlo Werden weg.
Fritz, ich richte es nicht wieder auf fr uns und -- Irene Everstein.
Ich kann nur etwas anderes an die Stelle setzen, und _sie_ wird
hchstens kommen und sagen: Ich danke, es war wohlgemeint, aber das
Rechte ist es leider nicht! -- Und wenn sie wirklich sagt >leider<, so
mu ich das Wort schon fr etwas nehmen, worauf ich kaum einen Anspruch
habe. Nun, der Glcklichste hat am Ende nichts weiter als die
Illusionen, die er sich bei seiner Arbeit und auf dem Wege macht. Sieh
dich um, Langreuter! Du bist aus Bequemlichkeit zu Hause nicht mein
Schwager geworden, und ich war ein Tor, als ich mir einbildete, durch
Hartnckigkeit, grimmiges Zugreifen und Maulhalten in der Fremde meinen
Willen durchzusetzen. ^Faix -- och arrah^, in die Klnische Zeitung
werde ich demnchst Schlo Werden setzen, und es wird sich hoffentlich
ja wohl wieder ein Liebhaber dazu finden. An der gehrigen Reklame
soll's nicht fehlen.

Ich sah mich um. Es war nicht ntig, da der Freund mich noch dazu
einlud; wir hatten die groe Halle durchschritten und standen in dem
Gartensaale, in welchem mein Vater gestorben war, und ich so
kindlich-betroffen, verwirrt-verwundert, so mde, durstig und betubt
von der langen Fahrt durch den heien Sommermorgen meine Mutter sich
ber die Leiche hinwerfen sah. Mit voller Deutlichkeit stand alles, wie
es damals war, von neuem vor meiner Seele; aber es war khl, kellerartig
khl in dem lange verschlossen gewesenen Raume, und die Bilder der
Vergangenheit konnten mir das Frsteln nicht verjagen. Das Sonnenlicht
fiel nur durch die Spalten der Lden in den Saal; Haufen Germpel aller
Art fllten die Winkel. Die Tr, die in den Park fhrte, war gleichfalls
mit Brettern vernagelt; ich aber hatte selbst den Vogel Pfau nicht
vergessen, der damals so vornehm auf die Schwelle trat und mir seine
Schnheit zeigte. Es war der Herr Graf, der meine heie Hand mit seiner
kalten ergriff und mich nher an das Sterbelager meines Vaters
heranfhrte. Er berhrte leise die Schulter meiner Mutter, sie aber
zuckte nur zusammen, aber richtete sich nicht empor, sah sich nicht um.
Der Spuk, der den Stadtrat Bsenberg beim Antritt seiner Erbschaft in
dem Hause seines Onkels in Finkenrode bewillkommnete, war nur --
anerkennenswert literarisch verwendet und nichts weiter!...

Meine Tochter, Komtesse Irene! ... Die Stimme kam herber wie aus
einem fernen Jahrhundert, und dann fhlte ich eine andere Hand in der
meinigen, doch diesmal eine Kinderhand. Auf der sonnigen Gartenschwelle
stand Irene Everstein -- es flimmerte mir vor den Augen wie von einem
hellen Mdchenkleide und einer Flle blonder Locken. Der Wundervogel
stie einen gellenden, krchzenden Schrei aus und schlug sein Rad
herrlicher. Sie aber verscheuchte ihn mit einer Handbewegung und stand
pltzlich neben mir; -- wir waren zum ersten Mal zusammen unter den
vielen Erwachsenen um uns her.

Vielleicht hatte der Freund doch nicht so ganz Unrecht mit seinem
seltsamen Zitat: ich war gelehrt und ich konnte vielleicht auch sprechen
mit dem Schlo Werden! Jedenfalls verstand ich recht wohl, was es selber
von sich erzhlte. Wir hatten lange genug dazu auf einem vertrauten Fue
gelebt, und Grnde, uns gegenseitig die Wahrheit vorzuenthalten, waren
auch nicht vorhanden; und gelassener als der Freund, der irlndische
Ingenieur, konnte ich von Rechts wegen die Gestalten und Bilder der
Vergangenheit an den Wnden hinhuschen sehen. Ich hatte mir in der
Fremde nicht vorgenommen, diese ruinierten Wnde mit neuen Tapeten zu
bekleben und neue Bilder daran aufzuhngen. Er, der Freund, der so weit
von Hause und so lange Jahre hindurch still und hartnckig seinen
Schwei und sein Herzblut darangesetzt hatte, den Bann, der auf dieser
Sttte lag, zu lsen, hatte jetzt freilich groe Angst und viel Unruhe,
und zwar mit vollem Rechte: ich sa nur in melancholischem Nachdenken
auf der Stelle nieder, wo wir vordem unsere jugendliche Spiele getrieben
hatten, und sah die Schatten an den Wnden bald heiter, bald traurig
vorbeigleiten.

Kopfschttelnd sagte Ewald:

Es ist ein gar nicht angenehmes Gefhl, und einen rechten Ausdruck wei
ich eigentlich nicht dafr. Ich komme mir mit einem Male alt -- alt --
merkwrdig alt vor. Ich habe keine Zeit gehabt, darber nachzudenken,
wie die Jahre hingehen; aber in diesem Augenblicke ist es mir zum ersten
Male klar, da sie hingegangen sind und uns mitgenommen haben. O, den
ganzen Kauf fr einen Spiegel in Schlo Werden!... Es ist unbehaglich
kalt hier nach dem Gange durch die heie Sonne. Was meinst du, Fritz;
sollen wir weiter steigen, da wir einmal drin sind, und die Spinnen,
Fledermuse und Ratten in Erstaunen setzen? Grau, grau! ^Och honey^, es
ist manch ein schwarzer Schatten in meinem Leben auf mich gefallen, aber
dieser hier, den Schlo Werden wirft, ist grau und macht grau. Weit du
noch -- der groe Spiegel im Zimmer der seligen Grfin -- es ist doch
ein wahrer Segen, da wir den nicht mehr an seinem Platze finden werden!
Das knnte freilich dem Gespenstertum die Krone aufsetzen. Und wie
glcklich waren die beiden Mdchen vor ihm! Und wie glcklich waren wir,
wenn wir sie dabei in ihrem Spa an sich stren konnten. Und dann --
Mademoiselle Martin, und -- deine Mutter! Fritz, sollen wir umkehren?
Wenn wir weiter gehen, mssen wir durch alle Rume, und es sieht berall
aus wie hier! Du gehst unbedingt voran, du hast studiert, und ich fasse
deinen Rockscho. Das htte mir aber vor acht Tagen noch jemand sagen
sollen, da ich je einen anderen auf einem Wege mir voranschieben wrde!
O Fritz, hinter einer Tr sitzt sie noch in ihrer ganzen jungen
Lieblichkeit, und -- ich -- ich stre die Fledermuse und die Spinnen um
sie auf. Verdammt! so komm endlich! hier haben wir doch wohl jetzt den
Moder und Wurmfra lange genug angegafft! So grimmig feige und
schwachmtig habe ich mich noch nie gefhlt. Wahrhaftig, die Schlacht,
die durch pure Heldenhaftigkeit gewonnen ist, sollt ihr Historiker noch
ausfindig machen.

Aber es ist doch manche Schlacht gewonnen worden! meinte ich, und dann
-- durchwanderten wir Haus Werden, und ich hatte studiert und war
ungemein gelehrt geworden im Laufe der Jahre; da ich aber das Leblose
sprechen hrte, das hatte doch seine anderen Grnde. Die lagen tiefer
als die Bcher; und die allergresten und bekanntesten
Geschichtsschreiber haben dahin zurckfhlen und -tasten mssen, um sich
selber und den Leuten ertrglich wahr vorzukommen.

Ich bin vorhin nur bis hierher in den Gartensaal gekommen, sagte
Ewald. Wie ein Kind hatte ich nicht die geringste Lust, mich in die de
und Dunkelheit allein weiter hineinzuwagen. Nun vorwrts zu Zweien, ich
habe die Schlssel zu jeder Tr, und hier -- sind wir in -- den
Gemchern des alten Herrn! Puh, was fr eine Luft!

Wir standen in dem Zimmer des Grafen und warfen einen Blick in sein
Schlafgemach. Das waren voreinst ziemlich unnahbare, unbetretbare Rume
fr uns gewesen, aber wir hatten doch als Knaben dann und wann
hineingeguckt; heute guckte mir der jetzige Herr des Schlosses scheu
ber die Schulter, und wir fhlten uns beide nicht sicherer in unserem
Frwitz als vor Jahren.

Wir htten jedenfalls besser getan, zuerst in den oberen Stock
hinaufzusteigen, Ewald. Dort haben wir wenigstens die Sonne der
Gegenwart fr uns und nicht diese unheimlichen Laden vor den Fenstern!
flsterte ich.

Nicht wahr, es spukt? es geht um?

Ja, es geht um! Die Witwe Warneke hatte recht.

Die kahlen Rume, die Dmmerung, der Staub und der Schimmel sprachen zu
deutlich, als da ein trstlicheres Wort mir mglich gewesen wre. Es
war kein Wunder, wenn die Leute aus dem Dorfe dann und wann den letzten
Grafen Everstein im Zwielicht oder in der Mitternacht um sein
verlorenes, verwildertes Schlo wandern sahen. Da seine Tochter auf dem
Steinhofe bei dem Vetter Just eine Unterkunft in ihrer Not gefunden
hatte, machte den Spuk nur noch glaubwrdiger; aber -- es war in der Tat
so: das war auch mir in diesem Augenblicke das Gespenstischste, da der
lebendige starke, tapfere Freund diese Mauern wieder beleben, diese
Rume wieder zu einem Sitz der Ruhe und des Glckes fr das letzte Kind
des Hauses zu machen sich vorgenommen hatte.

Wo war das Gerte, das dazu gehrte? Das hatte er nicht mitbringen
knnen aus Irland. Verstoben in alle vier Winde war's whrend seiner
Abwesenheit im Lebenskampfe. Neu konnte er das Schlo Werden bauen; aber
das alte wieder aufzurichten, das war unmglich, und der Vetter Just auf
seinem Steinhofe war kein Beispiel dafr, da es doch wohl anginge. Der
hatte etwas Lebendiges wiedergefunden, als er von seinen Weltfahrten
nach Hause und auf den Steinhof zurckkehrte; aber Schlo Werden war
tot! Die Fliesen und das Getfel unter den Fen, die zerbrckelnden
Plafonds ber unseren Kpfen, alle Mauern rundum erzhlten davon, wie
man von und in einem Mrchen erzhlt: Es war einmal!

Ohne noch weiter miteinander zu reden, stiegen wir jetzt die breite
steinerne Treppe mit dem stattlichen Gelnder aus knstlich geschnitztem
Eichenholz empor zu dem oberen Stockwerk des Hauses. Die Dmmerung, die
Dunkelheit, den feuchten Moder lieen wir zwar hinter uns, das Licht,
die Sonne fanden wir hier in den Gemchern; aber geirrt hatten wir uns
doch, wenn wir geglaubt hatten, da das uns zu einem leichteren
Atemholen verhelfen knnte.

Sie kann sehr grausam sein, die Sonne! viel grausamer als die Nacht! Und
da sie lacht, ist nur allzu hufig nicht das Liebenswrdigste an ihr.
Da Hoffnungen getuscht, Tuschungen zunichte gemacht werden, da die
Vergnglichkeit alles Irdischen dem Menschen klar gemacht werden mu,
ist zwar eine recht lbliche und vernunftgeme Aufgabe; aber ist es
denn unbedingt notwendig, da dabei gelacht wird?

Die Dmmerung, die Nacht tun das auch nicht; aber die Sonne tut es, und
dem armen, hlflosen Erdbewohner kommt es vielleicht nicht ohne Grund
dann und wann in den Sinn, da sie sich doch wohl auch einmal zu sehr in
ihrem Rechte seinen Schmerzen, Hoffnungen und Tuschungen gegenber
fhlen knne.

Wenn die Sonne, der helle Tag sagt: Es war einmal! so ist das ein ganz
ander Ding, als wenn die Nacht, die gute alte Mutter, mit tonloser, aber
doch mitleidiger Stimme das melancholische Wort ausspricht. Sie, die
Nacht, stemmt nie die Arme in die Seite und kreischt und krht und
will's nie von allen Ecken und Enden her hren, da sie _recht hat_;
aber der Tag tut das und will das nur zu gern. Ach, und der Mensch
knnte recht hufig etwas Besseres tun, als sich darauf berufen und von
einem Rechte zu sprechen, das so klar sei wie der helle Tag!

In dem Erdgescho von Schlo Werden hatten die unberufenen Gste und
Besuche aus der Umgegend hier und da auch wohl eine Fensterscheibe und
einige Male hinter den Lden auch einen ganzen Fensterflgel des
Mitnehmens wert gehalten, und so vermochte doch noch immer ein
frischerer Hauch von auen in die verriegelten, verschlossenen Rume zu
dringen: in dem Oberstock fanden wir nicht nur alle Tren verschlossen
und unerbrochen, sondern auch alle Scheiben ganz. Das Licht teilte sich
da mit dem Staube allein in die Herrschaft. Der Staub wirbelte uns unter
den Fen auf; die Luft wurde durch unser Eindringen seit Jahren zum
ersten Mal wieder bewegt, und die Sonne, die durch die schmutzigen,
trben, mit Spinnweb verhngten hohen Bogenfenster drang, kreischte auch
hier und lachte gell: Macht euch keine Illusionen! -- Und hier -- hier
war das Reich der Frauen des Hauses Werden gewesen, und hier war das
Kind aufgewachsen, das jetzt als kummervolle Frau, fr welche der
tapfere Mann an meiner Seite das Alte neu machen wollte, auf dem
Steinhofe sa!... Ach, fr wie ehrlich hielten wir die Sonne, als wir
selber in unserer Kindheit und Jugend in diesen Rumen lachten oder
unser junges Leben zuweilen so drollig ernsthaft nahmen!

Ich htte schon im vorigen Winter den Handel abschlieen und nach Hause
kommen knnen, seufzte der Freund. Fritz, ich wollte, ich htte es
getan. Wie ein Maikfer habe ich aber in meiner Dummheit gezhlt, eh ich
aufflog. Uh, wenn der Mensch nur nicht immerfort ebenso schlau sein
wollte, als er dumm ist! Langreuter, ich habe mich noch nie nach
Landregen, Schneegestber und dem erbrmlichsten Hundewetter so sehr
gesehnt als an diesem verruchten, nichtswrdigen Sonnentage. brigens
wollen wir wenigstens doch die Fenster aufmachen oder einstoen -- schon
deinetwegen, armer Kerl. Was mich anbetrifft, so kommt es ja wohl auf
ein bichen mehr oder weniger Erstickungsgefhl weiter nicht an! Ich
habe mein frei Atmen schon drben jenseits des Kanals diskontiert; --
geh du wieder voran, Fritz, -- dies hier war ihr Mdchenstbchen, und
ich habe mir -- drben in Irland eingebildet -- da sie und es und ich
und wir alle geblieben wren, was wir waren!




Elftes Kapitel.


Einst hatte sich die Tr lautlos in ihren Angeln gedreht, jetzt gab sie
nur mit Widerstreben und mit einem schrillen, rgerlichen Ton nach. Mit
angestemmtem Knie hatte ich nachzuhelfen und dachte dabei daran, wie es
gewesen war, wenn sich die Mdchen hier in ihrem geheimsten Neste
verriegelt hatten und wir gegen ihren Mutwillen, ihr Lachen und Kichern
momentan nichts weiter aufzubieten vermochten als durch das
Schlsselloch das alte trstliche Wort:

Na, wartet nur! Morgen ist auch noch ein Tag, ihr Mamsellen, und ihr
sollt euch ganz gehrig wundern, wenn das Lachen wieder an uns ist! Wer
zuletzt lacht, lacht am besten.

Nun blickten wir aus dem Vorgemach in die geffnete Tr --

Da kommt deine Mutter, Fritz! rief der jetzige Herr von Schlo Werden
nicht mehr, und ich fhlte nicht mehr Mademoiselle Martins kncherne
^Soeur-ignorantine^-Finger am Ohrlppchen oder am Rockkragen: die heie,
helle Sonne des gegenwrtigen Tages hatte mehr als von irgendeinem
anderen Raume des Hauses in dieser Stunde von diesem kleinen Eckzimmer
Besitz ergriffen; -- fern im Dorfe schlug es zwlf Uhr am Mittage, und
Ewald Sixtus sagte:

Es ist einerlei -- ich habe meinen Kauf in Besitz genommen und wei
wenigstens, was ich erhandelt habe. Auch das ist etwas wert! Hat es
wirklich eben zwlf geschlagen? Da kommen wir ja richtig wieder einmal
wie sonst zu spt zu Tische -- weit du noch, Doktor?!... Es ist
einerlei, -- die Fenster wollen wir auch hier wenigstens aufsperren und
die frische Luft hereinlassen. Wer war es denn, der neulich in Belfast
mir vorrenommierte, da er in einem jungfrulichen Urwalde Ordnung
gestiftet und fr sthetika gesorgt habe? Ich habe ihn damals schon
ziemlich khl ablaufen lassen, den Vetter Just; aber -- jetzt soll er
mir nur noch mal kommen mit seinem -- Neu-Minden!

Wir traten nun doch auch hier einen Augenblick ber die Schwelle und
sahen uns um und auch von hier aus noch einmal hinunter in den
verwsteten, ins Unkraut geschossenen Park. Ich war auch hier der
Unbeteiligtere, der nur als guter Freund und allenfalls als Ratgeber
mitgenommene Privatgelehrte aus Berlin; aber, ich kann's nicht leugnen,
es kam in dieser Stunde doch auch mir sehr seltsam vor, da das Grn
drauen noch immer die Oberhand behielt, da die Vgel lustig nach alter
Sommerweise weiter zwitscherten, da um das wuchernde Gebsch und die
Baumstumpfen dieselben Schmetterlinge wie zu _unserer_ Zeit flatterten,
kurz, da sich alle Hauptlieblichkeiten der Erde weder um Schlo Werden
noch um unsere gegenwrtigen Privatgefhle und Stimmungen im mindesten
kmmerten. Und in diesem Augenblick trat es mir zum ersten Mal ganz klar
und ohne Schatten auf der lichten Vorstellung vor die Seele, zu was fr
einem Segen der Vetter Just auf seinem Steinhofe auch fr diesen Ewald
Sixtus und jene Irene Everstein wieder angekommen war, um daselbst von
neuem auf menschliche Schicksale zu warten.

Man hatte aus dem einen Fenster dieses Eckstbchens einen Blick nach
jener Gegend. Der Freund stand mit untergeschlagenen Armen und
zusammengepreten Lippen und sah dorthin. Der einzige khlende Hauch in
dieser schwlen Mittagsstunde kam ber Berge und Wlder, ber den Flu,
wieder ber die Wlder und Wiesen und ber den verwilderten Garten, der
zu dem Handel und Kauf des irlndischen Ingenieurs gehrte, aus jener
Richtung.

Es wird wohl eine ziemliche Weile dauern, ehe du alle deine
Arbeitsleute hier am Werke hast, meinte ich leise. Da haben wir dann
Zeit, alle mglichen Besuche in der Umgegend zu machen. Meinst du
nicht?

Der irische Glcksbaumeister drehte sich rasch von dem Fenster und der
im Mittagssonnenschein flimmernden Ferne weg und mir zu:

Wir kommen unbedingt zu spt zu Tisch. Das wenigstens ist uns aus der
alten vergngten Zeit geblieben. Deinen Rat habe ich nun auch. Schlo
Werden haben wir gesehen; wenn du nicht noch eine Privatgespensterkammer
in dem alten Kasten weit, die ich dir aufschlieen kann, so wird es
wohl das beste sein, wir gehen so leise, wie wir gekommen sind. Ach,
lieber Alter, mein Geschft hat mich freilich hauptschlich auf
Erdarbeiter, Maurer und Zimmerleute angewiesen. Ich habe mancherlei
durch das Volk ausgerichtet, und so ist es nicht ganz meine Schuld, wenn
ich in der Ferne mir einbildete, meine Luftschlsser zu Hause mit ihrer
Beihlfe wieder aufbauen zu knnen.

Es ist nicht das erste Mal, da du mir dieses sagst, seit du mich aus
meiner Dachstube abgeholt hast. Ein jeder bleibt unwillkrlich in seinen
Handwerksausdrcken und was sonst zu den Knsten gehrt, durch welche er
durchs Leben kommt. Sonst aber gibt es eine Redensart: Du sprichst ber
dein Herz weg; und so ist es auer dem guten Rat, den ich dir gegeben
haben soll, meine Meinung, da wir gegenwrtig Schlo Werden auf sich
beruhen lassen, wie es ist, und deinen Vater und -- deine Schwester
nicht gleich am ersten Tage von neuem ber die Zeit mit der Suppe warten
lassen. Schlo Werden haben wir gesehen, sehen wir uns also morgen den
Steinhof an. Der Mensch, in seinem Gemuer gefangen, besinnt sich lange
nicht oft genug darauf, da er lebt, Leben ist und es mit dem Lebendigen
zu tun hat, solange er lebt.

Das solltest du drucken lassen, Fritze; das klingt ja ganz famos!
sagte der Irlnder, und dann gingen wir in der Tat endlich nach Hause
und kamen wieder einmal nicht ganz zur rechten Zeit. Es lie sich aber
nicht ndern, und was wir diesmal zur Entschuldigung vorzubringen
hatten, konnte leider nur zu sehr als rechtsgltig angenommen werden.
Wir logen diesmal nicht, wenn wir zu unserer Entschuldigung anfhrten,
da es uns unmglich gewesen sei, frher zu kommen. -- --

Den langen Sommernachmittag durch sa ich an einer anderen Sttte der
Erinnerung, neben dem Stein nmlich, welchen die Kameraden meinem Vater
auf der Stelle, wo er von den Schmugglern zu Tode verwundet worden war,
errichtet hatten. Wenn die Bume um das Schlo zum grten Teil
verschwunden waren und dem Gestrpp und Unkraut Platz gemacht hatten, so
war hier der Wald betrchtlich emporgeschossen, und ein schner khler
Schatten lag auf dem bsen Ort. Da der Boden, wie ich geschrieben habe,
ein wenig sumpfig war, so war der Stein auch bereits so ziemlich darin
versunken und die Inschrift und Widmung darauf des Mooses und der
Flechten wegen kaum noch zu entziffern: er predigte mir wirklich auch
noch die Vergnglichkeit aller Dinge, die Nichtigkeit aller Sorgen,
Wnsche und Hoffnungen, das Vorbeigleiten der Erscheinung, gerade -- als
ob das noch unbedingt notwendig gewesen wre. Ich aber hielt ihm im
Halbtraum nach der schwlen Wanderung durch Schlo Werden und nach dem
Mittagsessen eine Gegenrede, und die Waldfrische tat wohl das meiste
dazu, da wir ruhig voneinander schieden. Es spukt immer viel mehr in
altem Gemuer als im jungen Laubwalde. Als ich nach dem Frsterhofe
zurckkam, war der Vetter natrlich lngst daselbst vom Gaul gestiegen,
und ich sah ihm sofort an, da er im Vorbeigleiten der Erscheinung etwas
zu bemerken hatte, was er lieber mir zu sagen wnschte als dem Freunde.
Ich sah es jedoch auch der -- Freundin -- ich sah es Eva Sixtus an, da
er mit der bereits darber gesprochen hatte. Also begleitete ich ihn zum
zweiten Male durch die Mondscheinnacht und das Dorf Werden auf den Weg
nach Hause; er aber sagte:

Es ist auch Evas Meinung, da du zuerst allein zu uns kommst und
nachher erst unseren Freund mitbringst. Ich meinesteils habe doch den
Schulmeister nicht lange genug gespielt, um ganz genau und deutlich in
Worten ausdrcken zu knnen, wie ich die Sachlage ansehe. Wie ich dir es
voraussagte, so war's; ich fand Irene noch wach, als ich gestern oder
vielmehr heute morgen nach Hause kam; -- gefragt hat sie nicht, aber
gewut hat sie gleich, da ich ihr eine Neuigkeit mitbrachte; -- >Fritz
und Ewald sind da, Irene!< habe ich gesagt, weil ich immer gefunden
habe, da das Einfachste stets das Beste ist; -- erwidert hat sie
eigentlich nichts, aber sie ist wach geblieben und nicht mehr zu Bette
gegangen. Die Magd hat mich gefragt, weshalb die gndige Frau in dieser
Nacht gar nicht zu Bette gegangen sei? -- Du sagst, Doktor, da ihr auf
Schlo Werden es heute mittag mit allerhand Gespensterspuk zu tun gehabt
habt; aber meine Meinung ist, auf dem Steinhofe sind auch allerlei
Geister und zwar nicht von der besten Sorte umgegangen! Wieviel ruhiger
lebten wir in der Welt, wenn wir uns nicht immer aus unserem Schicksal
unsere Reue und unsere Gewissensbisse zurechtschnitten -- stets in dem
Gefhl, uns selber nie das geringste vergeben zu drfen. Fritz, du
weit, ich habe von frhesten Jahren an immer zu dir aufgesehen, du bist
der einzige von uns, der es zu etwas gebracht hat, -- du wrdest mir
nicht blo einen Gefallen, sondern eine groe Liebe antun, wenn du
zuerst mit ihr sprechen wolltest.

Das hatte ich denn aus meinem Leben in das alte Nest glcklich
mitgebracht: sie durften mir alle in der wohlmeinendsten Weise
ungestraft Sottisen meiner Brauchbarkeit wegen sagen. Fremden gegenber
wrde ich mit Grund die bloe Ironie hinter der sehr ernsthaften Miene
vermutet und gesucht haben; die Freunde durfte ich wenigstens fr
ehrlich und wirklich vertrauensvoll in ihrem Glauben an mein Studium in
Wittenberg halten. Jedenfalls hatte ich genug studiert, um mir die Sache
zurechtlegen zu knnen. Es gibt nmlich in gewissen Krisen des Lebens
eine Feigheit, die nur ein anderer Name oder besser die Folge einer kurz
zuvor bewiesenen Herzhaftigkeit ist. Wofr tapfere Mnner alles gewagt
und gelitten haben, wagen sie dann zuletzt nicht einen Gang ber die
Strae, nicht ein Anklopfen an eine Tr, sondern sie schicken einen
andern oder mchten ihn doch am liebsten schicken, und deshalb -- hatte
ich fr Ewald Sixtus mit Schlo Werden sprechen sollen, und darum --
erschien es wnschenswert, da zuerst ich mit Irene Everstein rede. Von
meiner Gelehrtheit sprachen sie; aber, ihnen selber unbewut, meinten
sie: das, was uns bewegt, kmmert ihn am wenigsten, also was kmmert's
ihn? Wenn Einer uns sagen kann, was wir hren _wollen_ oder hren
_mssen_, so ist er's. Er ist _objektiv_ in dieser Sache; Steine und
Menschen werden also ihm gegenber unbefangen sich gehen lassen, und --
_Ihm werden sie nichts tun_. Wir aber, die wir Tag fr Tag mit ihnen zu
tun gehabt haben, _wir frchten uns_!

Ich hatte mich aus der Mitte der Gevattern- und Vettern-Besuche in der
Frsterei von dem Freunde wegholen lassen, um mit ihm Schlo Werden zu
besichtigen; ich ging am anderen Morgen dem Freunde vorauf nach dem
Steinhofe, um die letzte Herrin von Schlo Werden, um Irene Everstein
darber sprechen zu hren. Es ist stets in solchen Fllen viel leichter
Ja als Nein zu sagen. Man will eben doch nicht umsonst an seiner Ehre
gefat und fr einen erfahrenen Mann gehalten worden sein.




Zwlftes Kapitel.


Der Flu hatte es eilig wie immer; aber er, der mir in meiner Kindheit
den einzigen klaren Eindruck von dem Vorbeigleiten der Erscheinung
gegeben hatte, dessen schnelle Wasser mich in der Phantasie stets
unwiderstehlich mit sich in die Ferne gerissen hatten, er war von allen
Dingen in der Heimatgegend allein derselbe geblieben. Unsere Nester in
den groen Nubschen waren verschwunden, die Wiese, ber die sonst der
Weg nach dem Walde fhrte, zerstckelt und zum Teil zu Ackerfeldern
gemacht. Auch die Wlder selbst waren nicht mehr die nmlichen wie
sonst. Den Hochwald hatte man teilweise gelichtet, teilweise ganz
niedergeschlagen; das Unterholz war aufgeschossen, und Heidestrecken
hatten sich mit dichtem Gebsch bedeckt. Wo man sonst von einem
Berggipfel die freieste Aussicht in die Ferne gehabt hatte, suchte man
nun nach einem Blick auf den Sommerhimmel zwischen dem dicht
verschlungenen Gezweig. Nicht alle Pfade liefen noch wie in unserer
Jugendzeit durch den Forst, aber der Flu -- der Flu ging noch seinen
alten Weg; ich aber ging diesmal ber die Brcke bei Bodenwerder und
verlie mich nicht mehr auf den Kahn, welchen vordem der Vater Klaus
stets so mrrisch-wohlgefllig zu unserem Dienst aus dem Uferschilf und
Rhricht hervorzog. Auch das war sehr fraglich, ob ich den guten Alten,
seine Fischerhtte, sein lustig romantisch Herdfeuerchen und sein
morsches Fahrzeug noch am Rande der Weser finden wrde. ber sechzig
Jahre war er schon zu unserer Zeit alt gewesen, aber unterwegs tat es
mir doch leid, da ich mich nicht nach ihm erkundigt hatte, und fast
wre ich noch umgekehrt.

Wie andere gelassene Leute gelangte ich ber die Brcke bei Bodenwerder
von einem Ufer auf das andere und auf den Weg nach dem Steinhofe.

Der zog sich noch durch die Felder wie sonst. Mir war es, als msse ich
jeden Dornbusch an seinem Rande wiedererkennen und drfe ruhig auf seine
Identitt schwren; doch dies war wohl ein Irrtum. Ich habe es
beschrieben, wie wir als Kinder auf diesem Pfade an heien Sommertagen
mde wurden und uns nach dem Baumschatten, dem khlen Grase im
Grasgarten und nach der guten Verpflegung des Hofes sehnten; ich habe es
geschildert, wie wir den Vetter auf einem Steine am Wege auf
Menschenschicksale wartend fanden, und -- auf _den_ Stein durfte ich
dreist schwren: es sa wiederum jemand darauf, in seine Trume
verloren, auf Menschenschicksale wartend und die Schritte, die sich auf
dem heien, sonnigen, steinigen Wege nherten, berhrend.

Auf dem Feldquarz, unter den Disteln und Nesseln, zwischen die einst der
Vetter Just Everstein verlegen greinend seine lateinische Grammatik
versteckt hatte, als wir ihn nach unserer Art jubelnd anschrien, sa
unter dem wolkenlosen blauen Sommerhimmel, ihr schnes mdes Haupt mit
der Hand sttzend, der Gast des Vetters Just, Irene von Everstein.

Ich sah sie niedergleiten am frhen frischen Morgen aus unseren
schwankenden Mrchennestern im Grn, hinab auf die tauige, blitzende
Wiese; ich sah sie elfenhaft uns vorangleiten durch das Waldesdunkel;
ich hrte sie lachen auf dem Flu und sah sie ihre Hand in die rinnenden
Wellen tauchen: erzhlte uns nicht einmal vor langen Jahren der Vater
Klaus auf der berfahrt von einer, die wohl weit von oben her zugereist
sein mute, weil sie, nachdem er sie aus dem Schilf ans Land geholt
hatte, niemand kannte im Lande?

Lassen Sie das Schaukeln lieber auf dem Wasser, junge Herrschaften! Die
alten Bretter unter uns sind doch wohl allgemach 'n bichen brchig
geworden, und das dreht sich gerade hier in Wirbeln, und der Untiefe ist
nicht gut zu trauen. Ich mchte um alles nicht, da die Herrschaft zu
Hause es mir zuschieben knnte, wenn ich die jungen Herrschaften nicht
heil ans Land brchte.

Ich sprach sie leise an:

Guten Tag, liebe Irene.

Sie fuhr zusammen und empor; doch als sie mich erkannt hatte, stand sie
nicht auf, sondern blieb sitzen auf dem Stein am Wege und reichte mir
mit einem traurigen Lcheln die Hand in die Hhe.

Du bist es, Fritz? Wie kann man die Leute so erschrecken!... Aber es
ist wohl nicht deine Schuld, sondern meine und meine Torheit. Wie kann
man sich so ins freie Feld setzen und sich die blendende Sommersonne auf
den Scheitel und in die Augen scheinen lassen, ohne fr seine besten
Freunde blind und taub zu werden? Das ist aber gut von dir, da du
gekommen bist, der Vetter wird sich sehr freuen; -- er kam gleich in der
Nacht mit glnzenden Augen, um es zu verknden, da -- du wieder im
Lande seist.

Sie sprach die letzten Worte nur zgernd; ich hielt ihre Hand noch fest
und sagte:

Ich bin aber nicht allein in die alte Heimat zurckgekommen, Irene.

Da zog sie mir die Hand weg, erhob sich nun und erwiderte erst nach
einer geraumen Weile:

Ich wei durch den Vetter Just Bescheid ber alles.

ber alles?... ber alles doch wohl nicht!

Doch! sagte sie, und das Wort kam kurz und hart heraus. Wir stehen
hier jetzt in der hellen heien Sonne des Mittags, und es ist mir lieb
so und ganz recht. Wir wollen nicht den Schatten und das freundliche
Dach des Freundes suchen, um uns behaglicher und langatmiger ber
Schicksal und Schuld auszulassen --

Irene?!

Ich hre gern einmal wieder meinen Namen mit so freundlicher besorgter
Stimme auch von dir rufen, Friedrich; -- o, ich wei es wohl, ihr alle
meint es sehr gut mit mir und habt so viel Geduld; ich aber habe nichts
fr euch, als da ich euch sage, wie es mir zumute ist; und -- um das
Herz ist's mir, als htte ich weiter nichts in der Welt, als da ich
mich gegen euch wehre, ... gegen euch alle! ...

Wie verstohlen hatte der Vetter Just den alten Broeder, die Grammatik,
in der er alle Weisheit der Welt vermutete, einst unter dem Stein da und
zwischen den Disteln und dem Wegelattich versteckt; -- wie hatten Ewald
und Irene gelacht, als sie das zerlesene Buch doch hervorzogen: nun
hielt mir heute Irene Everstein das Blatt fr Blatt mit Trnen getrnkte
Buch, ber welchem ich sie jetzt berrascht hatte, offen hin.

Ganz nahe beugte sie sich zu mir und flsterte mehr, als da sie sprach:

Sage ihm, da ich alles wei, was er fr mich getan hat, um mich getan
hat! Er hat sein Leben daran gesetzt, und er hat nicht nach rechts und
nach links gesehen, sondern nur rckwrts nach der Stunde, in der wir,
ich und er, Abschied voneinander nahmen. Ich bin das Weib eines anderen
Mannes geworden, und er hat seinen Willen durchgesetzt, um mich zu
demtigen und zu dem Gestndnis meiner Schuld gegen ihn zu bringen ...

Nein, nein! Das ist nicht so! Irene Everstein, das ist wahrhaftig nicht
so! rief ich.

Das ist doch so! antwortete sie kopfschttelnd, aber ganz sanft.
_Sieh_, Freund, er und ich haben uns immer zu gut gekannt, um nicht
besser als all ihr brigen zu wissen, wie es um uns steht. Es ist auch
ganz das Richtige, was er getan hat, und ich gnne ihm seinen Sieg und
seinen Triumph; -- ich freue mich, da er so stark und so tapfer gewesen
ist und im Stillschweigen! wre ich seine Schwester, wie unsere liebe
Eva, so wre mein Glck vollkommen! Aber ich bin nicht seine Schwester
-- ich bin nicht sein Weib geworden -- sieh, Fritz Langreuter, die Sonne
steht uns klar und hell ber den Kpfen, und in ihrem Scheine spreche
ich zu dir klar und hell, und eine alberne frauenzimmerliche Nrrin bin
ich nie gewesen: ich gehrte ihm zu, und er gehrte zu mir von Gottes
und Rechts wegen, seit wir unseren Kinderhaushalt im Spiel in den grnen
Bschen von Schlo Werden aufschlugen! Er aber wei das, und jetzt, da
meine Jugend dahin ist, und da ich als Bettlerin bei dem guten,
barmherzigen, weisen Mann, dem Vetter Just, hier auf dem Steinhofe
sitze, da ich bin, was ich bin, kommt er -- der Unbarmherzige, und ich
fhle seine tapfere treue Hand wie mit einem bsen zornigen Griff und
Schtteln an meiner Schulter! Mir gehrt heute deines Vaters Haus,
deinetwegen gehrt es mir; ich habe in der Fremde, im Stillschweigen, in
der Arbeit, die lange, lange Zeit durch, dich keinen Augenblick aus
meinen Sinnen und Gedanken freigelassen, nun nimm deine Kraft zusammen
und vergi und sei glcklich; wir wollen uns von neuem einrichten in den
Ruinen, mit keinem Wort und keinem Blick will ich dich je daran
erinnern, da wir in Ruinen wohnen! Und nun -- rede du mir dagegen,
Fritz, und sage, es hat keinen Sinn, was du sprichst, Irene, du sprichst
nur aus deinem kranken, verwirrten Gemte in den hellen, gesunden,
lichten, stillen Tag hinein, weil du in deiner Unruhe und Angst eine
Stimme -- deine Stimme hren mchtest.

Sie hatte recht; es war recht schwer, ihr etwas zu erwidern. Whrend ich
nach Formeln, Phrasen suchte und fr hundertfltiges Ja und Nein ein
erlsendes Wort suchte, schritt ich wieder mit Ewald Sixtus durch die
Gnge, Stuben und Kammern von Schlo Werden, rttelte an verrosteten
Trgriffen, drckte mit dem Knie die verquollenen, widerspenstigen Tren
auf und sah scheu auf die Futapfen, die wir hinter uns zurcklieen in
dem Staube, der den Boden bedeckte.

Er hatte recht, der Freund: es war nicht dasselbe, wenn er Schlo Werden
gewann und Just Everstein den Steinhof wiedergewann! Schlafendes Leben
lt sich wieder aufwecken, aber Totes lt sich nicht lebendig machen;
und _Schlo Werden war tot_, war tot auch fr das Kind des Hauses und
fr den, der sein Herzblut darum gegeben htte und seinen ganzen Willen
gegeben hatte, das Rad zurckzudrehen und der Frau auf dem Steinhofe zu
sagen:

Komm und sieh, was ich fr dich und mich habe tun knnen ...

Das war nichts; aber in dieser heien, blendenden Mittagsstunde, nach
dem letzten Worte Irenes zuckte es mir eben durch Hirn und Herz: Aber
das ist ja auch nichts, und die Hauptsache ist es ja einzig und allein,
da sie es wissen und es deutlich sagen knnen, wie es ihnen zumute ist.
Alles andere bedeutet nichts, und die Nester, die sie in die Zweige der
Nubsche an der Hecke bauten, gelten ebensoviel wie die Mauern von
Schlo Werden. Auf schwankendem Gezweige, zwischen Himmel und Erde
schaukeln wir alle; aber am meisten dann, wenn wir am tiefsten in die
Erde graben, um einen festen Grundstein fr die Burg zu legen, in der
wir mit unserem Glck zu wohnen wnschen. Irene kmpfte mhsam mit
ihren Trnen; mich aber berkam allgemach immer mehr die Gewiheit, da
hier doch noch nicht alles aus und zu Ende sei; wie es aber sich zuletzt
schicken mochte zwischen diesen zwei stolzen, widerspenstigen Seelen,
wer konnte das sagen?!

Wie aber schickte es sich, da die Jugendfreundin gerade in diesem
Augenblick meine Hand fester nahm und mir zuflsterte:

Nicht wahr, Fritz, es ist doch auch gut so, wie sich das Verhltnis
zwischen dem Vetter Just und unserer Eva gestaltet hat?

Ja! sagte ich, und ich sprach keine Unwahrheit, wenn ich hinzufgte,
da ich meinesteils vollkommen damit einverstanden sei. Habe ich es
nicht schon gesagt, da ich der grte Egoist von allen diesen
Menschenkindern geworden war und mir am meisten die Fhigkeit gewonnen
hatte, allein zu bleiben und -- dann und wann auf Verlangen ruhig den
anderen ihre Ansicht zu besttigen oder gar sogenannten guten Rat zu
geben?...

Vielleicht htte ich aber doch nicht so klar und gelassen bejahend auf
diese zwischen Trnen hervorspringende Frage geantwortet, wenn es nicht
die Hauptperson in diesen Lebensgeschichten gewesen wre, welcher
gegenber ich mein Recht, nein zu sagen, aufgegeben hatte.

Ihre Augen hastig trocknend, rief Irene:

Da kommt der Vetter! und wir wendeten beide uns ihm rasch zu, beide
froh, da er dieser kurzen, bitteren, schmerzensreichen Unterhaltung auf
dem schattenlosen Feldwege ein Ende machte.

Er kam von seinem Gehft, von seinem in so ganz anderer Weise als Schlo
Werden wiedergewonnenen Erbsitz auf dieser Erde. Auch ihn sah ich jetzt
zum ersten Mal in der hellen Mittagssonne der Heimat, und sie nderte
nichts daran, sie stellte es nur in ein helleres, freudigeres und
sozusagen verstndigeres Licht: in seinen gemtsruhigen, gesunden Jahren
pate und gehrte er ganz und gar zu Eva Sixtus, und ich nderte nichts
an dem Faktum!

Es lag in jedem seiner Schritte etwas wie eine Brgschaft fr den
ferneren guten, stillen, hlfswilligen Lebensweg der beiden Leute. Mit
den buntfarbigen Phantasmagorien, mit den Schmerzen und Trnen der
Jugend hatte die lchelnde Sonne, die auf seiner Stirn und seinem
Hausdache lag, freilich schon lngst nichts mehr zu schaffen; aber
nichtsdestoweniger ist und bleibt sie etwas sehr Gutes und
Wnschenswertes in dieser Welt der Verwirrung, des Nebels und des
Landregens.

Das ist gut, da du wenigstens da bist, sagte der Vetter Just
Everstein.




Dreizehntes Kapitel.


Und das Quadrat der Hypotenuse ist immer noch so gro wie die Summe der
Quadrate der beiden Katheten, rief ich; es ging nicht anders. Wie einer
der grnen Zweige, auf denen sich unsere Kindheitsnester wiegten, hing
der ^Magister matheseos^ aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein;
ich mute danach greifen und nicht blo nach ihm, sondern nach allem,
was an Blten und Frchten sonst dran hing.

Und es war wohlgetan. Zum ersten Male glitt etwas gleich einem Lcheln
ber Irenes Gesicht.

Wie wunderlich, sagte sie, da wir einst kamen, um dich auszulachen,
Just, und uns heute noch daran als an unsere glcklichsten Minuten
erinnern. Auch an Eva haben wir mit unserer Kinderlustigkeit wohl arg
gesndigt; aber das war wohl vor hundert Jahren --

Nicht ganz so lange ist es her! meinte der Vetter Just; doch Irene
Everstein, seinen Arm nehmend, rief:

Fr dich und -- deine Braut wahrhaftig nicht, aber fr uns andere. Sieh
nur den Fritz Langreuter an, wie er mir recht gibt und was fr ein
verrunzelt ernsthaft urvterlich Gesicht er zu seinem Seufzer macht.
Gewi und wahrhaftig, ihr allein seid jung geblieben, Just und Eva; --
kreischend lachen und jauchzen wie wir konntet ihr nie; nun drft ihr
heute lcheln, und wir drfen das jetzt so wenig fr eine Beleidigung
nehmen als ihr damals unser Lachen. Nun komm aber, Just, wir wollen dem
Berliner Doktor hier endlich einmal wieder den Steinhof zeigen; es ist
doch hundert Jahre her -- mehr als hundert Jahre, seit er durch sein
gastfreundlich-freudiges Tor einging. Wie oft er das freilich im
Schlafen und Wachen im Traum tat, kann ich nicht wissen.

Ja, da lag der alte Hof, der echte, rechte Bauernsitz, die deutsche
Heimsttte des gelehrten Bauern Just Everstein vom Steinhofe im vollsten
Glanze der Sommersonne, das heit, soviel augenblicklich, nachdem wir
den altbekannten Weg bis zu dem altbekannten Zaune zurckgelegt hatten,
von ihm zu sehen war. Es war die Zeit der Heuernte, und bis ans Dach,
schier bis hinauf an das Fenster der Giebelstube des Vetters lagen die
duftenden Haufen aufgetrmt, und der Zufuhr von allen Seiten schien kein
Ende zu sein.

Auf unserem steinigen Ackerlande bauen wir wie sonst, was darauf passen
will, seufzte der gelehrte Bauer, um sodann behaglich hinzuzufgen:
Ja, da ist der Steinhof wieder, Fritz Langreuter, und ich glaube, ich
habe nunmehr wirklich daraus gemacht, was zu machen war. Man will sich
eben immer von seinen liebsten Freunden am liebsten loben lassen, sei es
wegen seines Lateins, seiner Mathematik oder seiner Landwirtschaft. Also
lobe mich nur dreist heraus! Mit meiner Vorfahren Ackerboden habe ich
auch mit allen meinen amerikanischen Erfahrungen wenig anzufangen
gewut; aber an eine rationelle Ausnutzung unseres Wiesenlandes hatte
vor mir keiner gedacht; ich aber habe manchen guten Morgen zugekauft,
und es trgt sich aus.

Lchelnd stie er mich in die Seite:

Du weit es ja wohl, da ich immer eine Vorliebe fr das grne Gras und
das weiche Heu gehabt habe, nmlich fr das Langhin-drein-sich-legen. So
kommt man denn stets zu seinen Lieblingsneigungen zurck; -- lache nur,
Horaz hat's: ^Naturam expellas furca^ und so weiter, soviel Latein wei
ich noch! Das war ein Satz bei Rmern und Griechen und ist es auch bei
uns neuen geblieben. Klettre ber, whle dich durch; -- die Haustr
findest du hinter dem Haufen an der alten Stelle, und -- hr nur -- da
sind sie in gewohnter Weise scharf in der Unterhaltung -- gegeneinander.
Taub sind sie alle beide ein bichen, und zu sagen haben sie sich
natrlich immer was, -- Jule Grote und Mamsell Martin meine ich! Na, auf
das Gesicht freue ich mich, was meine Alte ber dich machen wird. Weit
du noch, fr das liebe Fritzchen drben von Werden hielt sie immer eine
Extrapartie von Pfeffer, Salz und Essig in ihrer Natur bereit; denn
darauf lie sie sich jeden Tag totschlagen: wenn ein Mensch und
nichtsnutziger studierter Taugenichts von Jungen den dummen Jungen,
ihren Just, auf dem Gewissen hatte, so warst -- du das.

Ist das wahr, Irene? fragte ich, mich zurckwendend, doch die Freundin
war uns im Rcken abhanden gekommen, ohne da ich es gemerkt hatte.

Das ist jetzt ihre Art so, sagte der Vetter Just, sie wird sich schon
wiederfinden lassen. Httest du es wohl fr mglich gehalten, da die
Gute, Wilde so lrm- und menschenscheu htte werden knnen? Aber sie
hatte verweinte Augen! Ihr habt wohl schon die paar Augenblicke der
Unterhaltung am Wege nach Mglichkeit ausgenutzt? Das ist recht, denn im
Grunde habe ich dich dazu hergerufen; aber nun komm frs erste ins Haus
und sieh zu, ob du die alte Herberge am Wege noch wiedererkennst. Glaube
nicht, da mir das etwas Natrliches und Selbstverstndliches ist. Einen
um den anderen Morgen wache ich auf und wundere mich, mich _so_ wieder
zu Hause zu finden. Naturgeschichtlich besteht es ganz und gar nicht zu
recht, da jeder Vogel wieder in dasselbe Nest fllt, in welchem er
flgge geworden ist, sondern ganz im Gegenteil.

O Vetter, da sprichst du ein trostreiches Wort aus! rief ich. Und das
beste fr uns andere ist, da du, du das sagst! Was kmmert uns denn da
noch Schlo Werden? Wie sehr es da spukt, das glaubte ich gestern
erfahren zu haben, als man mich bat, als Gelehrter mit dem Gespenst zu
reden; aber in Wahrheit erfahre ich es erst jetzt. Mit Geistern soll
sich der Mensch herumschlagen, aber die Gespenster mag er sich selber
berlassen. Was geht uns Schlo Werden an; denn wie wrden wir an
jeglichem Morgen erwachen und uns wundern, uns daselbst wieder zu Hause
zu finden?!

Irene auch, und das ist das allerbeste! sprach der Vetter Just, und
wir stiegen durch das Heu, die durch die Sommersonne in Wohlduft und
Nutzen verwandelte Wiesenschnheit des Jahres. Noch einmal dachte ich an
den gestrigen Weg ber den verwilderten, verwsteten Schlohof zu der
Tr von Schlo Werden, dann aber nicht mehr; der Steinhof nahm mich ganz
gefangen.

Mit Frulein Martin bist du ja erst neulich zusammengetroffen und ihr
kennt euch also noch; aber mit dir ist es etwas anderes, Jule. Komm her,
Alte, und betrachte dir den Gast genauer. Wer ist das? Wer kann es
sein?

Die Greisin hielt die Hand ber die blden Augen; doch schon platzte der
Vetter heraus:

Das Fritzchen ist's! Der kleine Fritz Langreuter von Werden! Wer knnte
es denn sonst anders sein?

I du meine Gte! schrillte der verrunzelte, graugelbe, weihaarige
Schutzgeist des Steinhofes, und mit dem Ton wachte auch der Rest von dem
auf, was an Jugenderinnerungen auf dieser Erdstelle bis jetzt fr mich
noch im Schlafe gelegen hatte. Was waren alle Heimchen an dem sonnigen
Feldwege von Bodenwerder herauf gegen diese aus der Vergangenheit
hervorzirpende Alt-Weiber-Stimme? Aus allen Winkeln und Ecken nicht nur
des Hausflurs, sondern des ganzen Hauses hallte es wieder bis auf das
Klatschen der Ohrfeige, wie sie Freund Ewald Sixtus in Empfang nahm,
wenn er mit dem gesamten Eiersegen aus den Hhnerstllen des Steinhofes
in den Taschen sich harmlos, aber dreist auf den Heimweg machte und noch
unter der Pforte von der Hterin des umfriedeten Bezirkes ertappt wurde.
Wer je einen erhitzten Gemtes abgezogenen Holzpantoffel gegen eine
verriegelte Tr pochen hrte, dem lebt der Hall auch wieder auf, wenn er
die Klopferin nach Jahren wiedererblickt, und die nmliche Fubekleidung
griffgerecht an ihren Fen. Es hilft uns nichts, Fritze, sie trommelt
uns heraus, pflegte der Vetter Just in der Giebelstube zu sagen. -- Ja,
da stand sie, Gott sei Dank, noch in ihren Schuhen, und nun schlug sie
die Hnde vor dem Leibe zusammen, da es gleichfalls den alten
trockenen, knchernen Hall gab, und seufzte herzzerbrechend, aber doch,
wie es mir schien, mit einem gewissen Behagen:

Ach, du liebster Gott, also das ist er wirklich? Ach, und ist wirklich
aus einem so berstudierten Jungen ein so gelehrter Herr und Herr Doktor
geworden? Ach, und du liebste Barmherzigkeit, Herr Fritz, und -- so
dnn! -- Nehmen Sie es nur nicht bel, Herr Doktor Fritz; je ja -- je
ja, es ist mir ja wirklich eine rechte Herzensfreude, aber recht
schlecht und kmmerlich mu es Ihnen doch wohl da drauen in der Welt
ergangen sein? Je ja, das ist so, wenn der Mensche dem lieben Herrgott
zu genau in die Karten gucken will; da vernachlssigt er denn seine
Leibesnahrung, zumal wenn ihn auch keiner daran erinnert, da es Klokke
Zwlfe am Mittage ist, wie ich meinen Just da, der sonst auch wohl als
Faden sich durch'n Stopfnadelhr ziehen lassen knnte. Das habe ich ja
immer gesagt, wenn Sie sonst hier auf den Steinhof kamen, und mein Just
jedesmal das Fieber nach Ihnen kriegte. Just, habe ich gesagt, wie kann
so 'nem Jungen was anschlagen? Den setze du in'n Fettpott, und er
bleibt, was er ist; an den kommt nie in seinem ganzen Leben was Rechtes.
Wenn ich dem seine Mutter wre, so schliefe ich keine Nacht aus Angst um
ihn. Also, wenn du denn gar nicht von ihm lassen kannst, Just, so nimm
dir zum wenigsten ein Exempel an ihm! Ja, je ja, so habe ich dunnemalen
in den Wind gesprochen, und da ich jetzo wiederum darauf komme, das tue
ich nur, weil dem Menschen in seinem Vergngen manches hingeht, was man
sonst wohl krumm nimmt, wenn einer kein Blatt vor den Mund nimmt. Und
das ist meine Rede, Herr Fritze, Herr Doktor Fritze, ich freue mich
gewi und sehr, da ich Sie endlich doch noch mal erblicke; und wie es
Ihnen auch drauen in der Fremde ergangen sein mag, auf dem Steinhofe
sind Sie immer willkommen, und nun kommen Sie nur wie sonst recht oft
nach dem Steinhofe; meinen Jungen, den Just da, verfhren Sie mir jetzt
nicht mehr; wir aber wollen es mit Plsier versuchen, ob sich denn gar
nichts an Sie heranfuttern lt! Ihre Frau Mutter habe ich doch auch gut
genug gekannt und gern gehabt, nach Ehren strebe ich nicht, aber das
wre mir doch was wert, wenn sie mir dermaleinst da oben die Hand gbe
und sagte: Jule Grote, Sie hat an allem, was mit Ihrem Just gut Freund
gewesen ist, getan, was sie konnte, selbst wenn sie es nicht verdient
haben wie viele aus Bodenwerder und sonst hier aus der Umgegend, die ich
jetzt hier nicht in den Mund nehmen mag; aber an meinem Jungen, dem
Fritz, da hat Sie Ihr Allermglichstes getan, und jetzt komme Sie nur
her, dafr will ich Sie jetzt hier bekannt machen; denn die Besten, die
von unten heraufkommen, sind zuerst immer ein bichen fremd -- das ist
berall so.

Nicht das kleinste Wrtchen, kaum ein zustimmender Gestus war in diese
Begrungsrede einzuschieben gewesen. Wie der gelbe Heimatsflu beim
Eisgange rollte her, was Jule Grote zu meiner Bewillkommnung auf dem
Steinhofe vorzutragen hatte.

Der Vetter Just stie mir nur bei jedem Komma und Atemholen den
Ellenbogen in die Seite, was nichts weiter hie als: Siehst du wohl?
Ganz die Alte! -- Was wre das alte Nest, der Steinhof, ohne die Alte!
-- Ich aber htte die Alte bei jeder neuen Wendung und vorzglich da, wo
sich die Schollen aufeinander zu schieben drohten, beim Kopf und Kragen
nehmen mgen, um sie abzukssen, wie keine Jngere im Lande.

Und dazu brotzelte es vom Kchenherde her, und alles war voll Heuduft;
und Frau Irene und ich waren die einzigen, die nicht in Hemdrmeln auf
dem Steinhofe herumwirtschafteten. Es war ein heier Sonnentag mitten im
Sommer und in unserem Leben; aber die Sonne war doch das Beste in der
Welt, und wer sie nicht ertragen mag, der mag sich einfach vor der Zeit
begraben lassen. Es sind aber auch nur diejenigen, welche auch hier
unten fremd bleiben, wie Jule Grote sich ausdrckt, die die Sonne
nicht vertragen knnen.

Aber ein drittes Wesen, das gleichfalls nicht in Hemdrmeln einherging,
hatte ich eben doch vergessen aufzuzhlen. Zugeknpft bis an den Hals,
sowohl was das Kostm als was die Gemtsstimmung anbetraf, setzte mir
jetzt Mademoiselle Martin aus Nanzig einen Knix hin -- vor der Welt, um
mich sodann mit zupackendstem, nicht den geringsten Aufschub zulassendem
Interesse in den Winkel zwischen Stubentr und Wand zu ziehen und zu
flstern:

^Et l'autre?!^ Der andere?! Wo ist der andere? was denkt sich der
andere? was tut der andere?

Der andere? Ewald? Ewald Sixtus?

Die alte Dame hielt meinen Arm und schttelte mich, wie sie mich nie in
meiner Jugend auf Schlo Werden geschttelt hatte:

Ah -- ^oui^ -- ich werde wie gebraten hier auf heien Kohlen, und da
kommt dieser, und ich halte ihn, und er sieht mich ^dans mon angoisse^,
und ich schttele ihn und er -- fragt! ...

Ach Mademoiselle, seufzte ich, der andere fragt ebenfalls. Vor allen
brigen fragt er auch Sie, was er mit Schlo Werden anfangen soll? Wir
haben gestern um diese Tagesstunde alle Tren dort aufgeschlossen; aber
einen Eingang haben wir darum doch nicht gefunden. Am hellen Mittage
haben wir groe Furcht gehabt --

Und ich wei schon, was ich ihm sagen werde; aber der ^vaurien^, der
Taugenichts, mu selber zu mir kommen. Was schickt er einen anderen
hierher, wenn der gute Gott ihm auch zwei Beine hat anwachsen lassen!
Aber es war immer so! nur wo er einen Unsinn konnte ausben, kam er
selber; -- wo es galt, nach der ^raison^ zu handeln, mute man ihn immer
suchen.

Selten war mir zwischen Tr und Angel ein nur annhernd gleich
trostreiches Wort gesprochen worden wie dieses letzte der atemlosen, vor
Hast und Erregung zuckenden ^soeur ignorantine^, die gottlob so genau
Bescheid wute. Aber unsere Privatunterhaltung war jetzt zu Ende fr den
Augenblick; -- es war wieder einmal Essenszeit auf dem Steinhofe, und
alles Hofvolk stieg durch das Heu und kam, seinen Platz an dem Tische
einzunehmen, den der Vetter Just Everstein durch die alte Stube auf
feste Eichenfe von neuem hingestellt hatte: zwei Bnke von Tannenholz
die Langseiten entlang, ein Schemel fr den Hofjungen und ein Holzstuhl
mit einer Lehne fr den Herrn. Es konnte in ganz Germanien keine
vornehmere Hoftafel abgehalten werden!




Vierzehntes Kapitel.


Die Nacht war still, und ich berdachte den ersten Tag, den ich wieder
auf dem Steinhofe zugebracht hatte. Die Nacht war ungemein still, und,
Gott sei Dank, auch in mir ging's nicht auergewhnlich lebhaft und
lrmhaft zu. Was brigens in dem gewohnten Laufe der Dinge und
Stimmungen in der Welt durchaus nicht so htte sein drfen, denn ich
befand mich in dem Hause meines auerordentlich glcklichen Freundes,
und der Vetter Just hatte mir wiederum viel von der Vortrefflichkeit des
Preises, der mir entgangen ist, gesprochen. Ich aber kann darber nur
sagen, was ich schon gesagt habe, und da es eine Nacht der
Wiederholungen war, so will ich es auch an dieser Stelle noch einmal zu
Papiere bringen: Ich gnnte dem Vetter aus vollstem Herzen alles Gute,
Liebe und Schne, das er, weil er's verdient hatte, sich gewonnen hatte
-- so kurz noch vor Torschlu! Von _alten_ Nestern handeln diese
Lebenshistorien: die Zeiten, wo wir sie jung ins Grne bauten, die waren
fr uns alle lange, lange vorber; aber Just Everstein und Eva Sixtus
wurden ein stilles, solides Paar, auch ein stattlich Paar und eine Krone
der Gegend. Eine Herrin gehrte noch an die frstliche Tafel, die der
Bauer vom Steinhofe Punkt zwlf Uhr mittags ffentlich, d. h. bei
offenen Tren hielt, und wer htte den Platz whrschafter und
freundlicher auszufllen vermocht als die jetzt so stattliche Jungfrau
vom Frsterhofe zu Werden -- meine rehhafte, leichtfige, liebliche
Jugendliebe?!...

Ich war aber auch dem Stadtrat Bsenberg aus Finkenrode nicht umsonst
unterwegs begegnet; ich hatte nicht umsonst mit ihm gefrhstckt in
Finkenrode: Stadtrat zu Bodenwerder wurde ich mein Lebtage nicht und
noch viel weniger Brgermeister daselbst. Die den Ort sonst betreffenden
historischen Studien hatten mir der Justizamtmann Brger zu Gttingen
und der Obergerichtsrat Immermann in Dsseldorf schon lngst vor der
Nase weggefischt. Um es mit ein paar kurzen Worten auszudrcken: mein
Name war Dr. Langreuter, der irische Bauknstler Ewald Sixtus hatte mich
nur fr einige Wochen aus einem mir vllig angemessenen Lebensberuf
weggeholt, und ich gehrte einfach nach Berlin und nicht nach Dorf
Werden; letzteres ebensowenig wie der internationale Ingenieur Ewald
Sixtus nach dem dort noch befindlichen, aber sehr zur Ruine gewordenen
Herrensitz der Grafen von Everstein.

Ich lag lange in dieser Nacht im offenen Fenster auf dem Steinhofe, und
die Khle war sehr erfrischend, und die Monddmmerung sehr wohlttig
nach dem heien, blendenden Heumondstage. Sie hatten ihr Heu wohl
meistens glcklich unter Dach gebracht, aber der Duft davon durchzog
noch immer angenehm, wenngleich etwas betubend die Nacht; ich aber
konnte zu keiner besseren und gnstigeren Zeit als zur Zeit der Heuernte
auf dem Steinhofe wieder zu Gaste sein. Es ist immer ein anderes, wenn
die Wiesen in voller Pracht und Blte stehen, mit seinen Illusionen und
Herzensneigungen abzuschlieen, und ein anderes ist's, zur Zeit des
Heumachens anderer seine Lebensruhe sicher und trocken unter Dach zu
bringen. Was dabei meine Gemtsstimmung nicht verschlechterte, war die
im Verlauf des Tages gewonnene feste berzeugung, da auch zwei anderen
Leuten und lieben Freunden sich der Pfad sanft abwrts fhrend viel
leichter gltten werde, als sie augenblicklich noch beide fr mglich
hielten.

Ich hatte dem jetzigen Herrn von Schlo Werden mein Wort gegeben, ihm in
dieser Nacht sofort zu schreiben; ich wute, da der Mann und wilde
Irlnder in der Frsterei zu Werden ebenfalls wenig schlief in dieser
Nacht, hatte mir auch gewissenhaft einen Briefbogen zurechtgelegt und
dem Vetter Just sein Tintenfa mir aus seiner Giebelstube geholt; aber
-- wozu eigentlich immer selber stets Wort halten in einer Welt, in der
es einem selber so hufig nicht gehalten wird, sowohl vom Wetter wie vom
Schicksal?... Ihrem Schicksal entgingen sie -- Ewald und Irene -- darum
doch nicht; was ich aber brieflich mitteilen konnte an den Freund, war
wenig und hatte in der Tat vollkommen Zeit bis morgen. Wie sich das
stolze Herz der Frau noch sperrte und flatterte und mit den Flgeln
schlug, das lie sich doch nur schwer mit des Vetters schlechter Tinte
und noch schlechterer Feder hinschreiben, und dazu hatte der Vetter
selbst mich vom Schreiben abgehalten. Er war ganz meiner Meinung
gewesen; aber bis ber die Mitternacht hinaus hatte er bei mir gesessen
und die Sache immer wieder von einer anderen Seite her beleuchtet und
geredet wie der auerordentlichste Professor der Psychologie.

Der irlndische Baumeister Ewald Sixtus hatte manche Nacht durchwacht,
um Schlo Werden sich zu gewinnen, weshalb sollte er nicht die eine und
die andere Nacht durchwachen, um zu dem Entschlu zu kommen, es wieder
aufzugeben?

Gute Nacht, Just. Dein Schreibzeug lt du mir wohl bis morgen frh?

Ist denn noch Tinte drin? Wohl mehr tote Fliegen und dergleichen?
fragte der Vetter, lchelnd sich hinter dem Ohre kratzend. Lieber
Bruder, die Zeiten haben sich ganz besonders in dieser Hinsicht sehr
gendert. Ich habe schon mehrmals einen reitenden Boten nach Bodenwerder
schicken mssen, um mir den notwendigen Tropfen zu einer
Namensunterschrift holen zu lassen.

Ich stie den Federstumpf durch den Schimmelberzug und fand noch
gengendes schwarzes Na, um aller Welt Glck und Leid dreintauchen zu
knnen, und meine Ansicht, Meinung, Weisheit und guten Ratschlge dazu;
der Vetter war gegangen, und ich hatte -- die Feder neben den Briefbogen
gelegt und mich in das Fenster.

Was konnte ich eigentlich dem Freunde in Werden schreiben?

Da ich _sie_ in der heien Sonne am Wege sitzend fand, da _sie_ in der
Abenddmmerung an meinem Arm durch die Felder wandelte, da _sie_ viel
und hastig aufgeregt und verworren sprach, und ganz und gar nicht wie
ein Professor der Psychologie? Da wir bis spt in die Nacht hinein in
der Gesellschaft des Vetters Just im Baumgarten saen und zwar sehr
still? Da ich noch eine Viertelstunde zwischen Jule Grote und Mamsell
Martin auf der Bank vor dem Hause hockte, und da ich die beiden guten
Alten reden lie, ohne sie nur ein einziges Mal zu unterbrechen? Da
alles in der Welt von den verschiedensten Seiten angesehen werden kann?
Da aber, gerade weil dem so ist, alles auf Erden viel offener und
sozusagen wehrloser daliegt, als der Mensch in seiner tglichen
Verwirrung sich einzubilden pflegt? Da der Mensch viel zu hufig Furcht
hat? Da es im Grunde keine Gespenster gibt -- auch in und um Schlo
Werden nicht? Da die Nacht wundervoll klar und lieblich war, und da
die Nachtkhle auerordentlich beruhigend auf den Menschen wirkte, und
da es trotz alle, alle dem sehr leicht sei, ber mittelalterliche
Geschichten, und sehr schwer, ber das lebendige Leben der Gegenwart zu
schreiben?

Mit der letzteren Bemerkung begann ich selbstverstndlich am folgenden
Morgen meinen Brief und schlo ihn mit einer ganz hnlichen.

Ich reite wie gewhnlich erst diesen Abend hinber, sagte der Vetter
Just, dem ich die Lektre gern gestattet hatte. Offen gestanden, Fritz,
ich glaube, einen expressen Boten brauchen wir nicht damit
hinzuschicken. Recht hbsch, Fritze!... und da euch euer
Abendspaziergang, ganz ohne da ihr es merktet, dem Flusse zufhrte, und
da ihr erst auf den letzten Hgeln umdrehtet, nachdem ihr lngere Zeit
nach den Bergen gegenber ausgeguckt hattet -- ist auch -- recht hbsch,
Doktor. Wenn du meinst, da die Sendung Zeit hat bis zum Abend, so
kannst du dich darauf verlassen, da ich deine Schilderungen dem armen
Teufel drben getreulich berliefern werde. brigens -- wenn ein Mensch
auf eine prompte Korrespondenz gar keinen Anspruch hat, so ist das unser
braver Freund Ewald auf Schlo Werden. Jetzt entschuldige mich
freundlichst bis Mittag. Wir haben gerade heute einen ziemlich scharfen
Arbeitstag vor uns. Bekmmere du dich um nichts als die Frau Irene und
la dir soviel als mglich von ihr Gesellschaft leisten. ber
mittelalterliche Geschichten lt sich wohl besser und leichter
schreiben; aber in dem lebendigen Leben der Gegenwart stecken wir eben
drin und haben uns durchzufhlen. Ich drcke mich wohl schlecht aus?...
Aber -- nimm es mir nicht bel, ich spreche nur nach, was du geschrieben
hast, und in deinem Briefe an Ewald steht wirklich wenig von dem, was
wir augenblicklich an uns und in uns und in der allmchtigen
Schicksalswelt um uns erfahren. Dein Brief ist sehr nett und sehr
freundschaftlich und sehr ausfhrlich -- du hast den gestrigen Tag gut
geschildert, und da er zwischen den Zeilen wird lesen knnen, das ist
noch besser; aber das beste und einfachste wre meiner Meinung nach, --
sie ginge einfach zu ihm.

Das Wort kam wie etwas so Selbstverstndliches heraus, so ruhig und
sozusagen gemtlich, da ich im Anfange glaubte, mich verhrt zu haben:

Was sagtest du, Vetter?

Ich bin bei eurer ersten Unterhaltung gestern auf dem Feldwege nicht
gegenwrtig gewesen; aber das war auch gar nicht notwendig. Wenn einer
wei, wie dem anderen in seiner Verwirrung zumute ist, dann wei er
auch, welche Worte er gebraucht, um sich Luft zu machen; vorzglich wenn
er ihm ein jedes an den rotgeweinten Augen absieht. Bei einem lachenden
Gesicht ist es freilich schon schwieriger, und da ein Menschenelend
wahr ist, erkennst du viel leichter, als wie ob ein Glck und Jubel dir
nur als Komdie aufgefhrt werde. Lache nicht ber den Bauer vom
Steinhofe, der ein Gelehrter werden wollte und es wirklich einmal fr
eine Zeit zum Schulmeister gebracht hat. An sich selber mu der Mensch
in Erfahrung bringen, wie es dem anderen zumute ist, und in dieser
Hinsicht glaube ich das Meinige gelernt zu haben.

Es war nicht das erste Mal, da der Mann es sich ausbat, da man nicht
ber ihn lache. Es lohnte sich also nicht der Mhe, ihm noch einmal
hierauf die gehrige Antwort zu geben. Wir saen in seiner Giebelstube
am Tisch; die Wnde und die schrge Decke waren dieselbe geblieben. Ich
war wieder ein Knabe, ein Kind; im Grasgarten unter den Kirschbumen
trieben die anderen als Kinder ihr Spiel, und ihr helles Lachen und
Jauchzen drang zu uns her; und -- es war geblieben, wie es schon damals
war: nur der Vetter Just achtete darauf in sich selber nach der
richtigen Weise, wie ihm und der Welt ums Herz war.

Verla dich drauf, Fritz, sie will zu ihm, und weil sie Angst hat, da
es zu spt sei, schiebt sie die Schuld auf die Ruinen, die zwischen ihm
und ihr liegen. Auf das alte brave Nest, Schlo Werden, gebe ich dabei
gar nichts; aber _ihr_ kommt es zupa. _Sie_ mchte es in ihrer heutigen
Ratlosigkeit um alles in der Welt nicht anders haben, als wie es jetzt
da liegt. _Das_ kommt ihr gerade recht! Das ist der Nagel, an dem sie
ihren Weiberstolz am bequemsten aufhngen kann, um ihn zu -- schonen!
Und Kinder sind sie alle beide, soweit sie in den Jahren vorangekommen
sein mgen. Wie sie heute in sich hineingraben, ist ihnen keines der
goldenen Schlsser, die sie (und du auch, Fritz Langreuter!) in die
berhmten italienischen Nubsche in Werden hingen, so lieb wie der Zorn
und die verhaltene Reue von heute. Du willst wissen, was sie dir gestern
gesagt hat?... Hat sie dir nicht in einem Atem von ihrem Alter, ihrer
Armut und ihrem Stolze gesprochen? Sie, welche die Jngste von uns allen
ist, und soviel zu verschenken hat, und alles so gern hergbe, wenn nur
das Schicksal sie wie ein verweintes Kind an der Hand nehmen und fhren
wollte. -- Hat sie nicht gesagt, da sie alles begreift und wrdigt, was
ihr Freund nur in dem Gedanken an sie erarbeitet und getan hat? Da sie
mit klopfendem Herzen ihm dafr dankbar ist, hat sie wohl nicht
gestanden, -- das umschreiben die Weiber immer am liebsten oder drcken
es anders aus, zum Exempel durchs Gegenteil, und das letztere hat auch
sie getan. Nmlich, da sie um keinen Preis der Welt sich durch ihn
demtigen lassen knne, hat sie gesagt. -- Wenn es nicht schade wre um
jeden Tag, den sie unntzerweise dadurch verlieren, so knnte man
wirklich einfach darber lachen ... und sich rgern! Sag mal, Fritz,
glaubst du nicht auch, da der rger die einzige wirklich konservierende
Zutat in unserem irdischen Zustand ist? Ich habe darber nachgedacht; im
hchsten Schmerz, im edelsten Zorn und Kummer schmeckt man ihn durch. Er
ist wie das Salz das Gemeine oder Allgemeine, aber doch das, was unter
allen Umstnden dazu gehrt. Schicksal kann man nicht spielen; ohne
rger kommt man nicht aus, -- in seinen Einbildungen lebt man, --
warten, warten mu man -- heute wie morgen -- auf das, was mit einem
geschieht: in das Glck kann sich kein Mensch unterwegs retten; so
fallen die Besten und Edelsten in die Entsagung, um nicht dem Verdru zu
verfallen, und das ist der Fall heute mit Ewald und Irene. Wenn aber
einer von uns zweien hier am Tisch sagt: Es schmerzt mich! so knnte er
dreist ebenso gut sagen: rgert mich nicht! -- Und jetzt siegele ruhig
deinen Brief zu, du hast es wirklich sehr hbsch ausgedrckt, wie _dir_
zumute war, als du nach lngerer Abwesenheit zum ersten Mal wieder den
Steinhof besuchtest.

Just! klang es vom Hofe her in unser offenes Fenster.

Hier sitzt er, Jule! Was soll er?

Neben dem Brunnen stand die Alte in der Sonne, blinzte unter
bergehaltener Hand vor und zu uns empor und brummte:

Jawohl sitzt er da! Als ob ich das nicht wte? Sowie der -- andere
wieder im Lande ist, geht richtig das alte Elend augenblicks wieder von
frischem an; -- na, ich wei schon, Herr Langreuter, und will auch
nichts Despektierliches gesagt haben. Aber Just, im Lmmerkampe wei
kein Mensch mehr, wo er mit sich hin soll, und so haben sie sich lieber
allesamt unter die Bume gelegt und warten, da der Meister kommt und
nach ihnen sieht. Und mit der Steinfuhre fr den neuen Schweinekoben
sind sie am Tillenbrinke vermalhrt. Da liegt die ganze Prostemahlzeit,
Schiff und Geschirr im Graben, wie der Junge sagt, und bis jetzt haben
sie nur die Pferde ausgespannt und sitzen und besehen sich die
Angelegenheit, sagt der Junge. Nach dem Herrn Doktor aus Berlin aber
sucht sich Mamsell Martin schon stundenlang die Augen aus dem Kopfe; mir
flackert das Feuer in der Kche unter den Hnden weg und brennt mir auf
den Ngeln; und so geht denn alles wie gewhnlich ja recht hbsch
kopfunter kopfber.

Da hast du es, Fritz! meinte der Vetter ein wenig klglich lchelnd.
Der Mensch mag sich noch so sehr abarbeiten, um ein anderer zu werden,
das Durcheinander um ihn her bleibt immer dasselbe, und alle Erfahrung
und der beste Wille richtet wenig dabei aus. Wieviel Zeit von seinem
eigenen Tage behlt man brig fr die Bedrngnisse der anderen? Jetzt
geh du nur hin und erhalte der treuen Seele, der Mamsell Martin, ihre
guten ngstlichen Augen, mich ruft das Schicksal zuerst nach dem
Tillenbrink und dann nach dem Lmmerkamp. Das ist ganz richtig, weg
luft mir niemand dort. Sie liegen allesamt ganz behaglich und warten,
bis ich komme.

Und durch die Abendkhle reitest du nach Werden. Das ist dein Trost,
und zwar ein recht behaglicher.

Ja! sagte der Vetter Just leise und innig und fate meine Hand. Es
ist so. Und wenn mir manchmal in allem Behagen etwas melancholisch
zumute wird, da ich in meinem und meiner Eva Glck doch eigentlich nur
auf die beginnende Dmmerung und Khle des Abends angewiesen worden bin,
so trste ich mich: Wir bleiben eben lnger jnger als die anderen!...
Und nun, alter Freund, hnge doch ein Postskript und guten Rat ber das
Jung-Bleiben an deinen Brief. Ich trage ihn dann noch einmal so gern
hinber heute am Abend. Wenn nachher wieder die Rede auf Schlo Werden
kommt, wei man dann doch etwas genauer, was man sagen kann. Da es mir
immer lieb gewesen ist, wenn ein Wort das andere gab, das weit du ja.

Ich sah ihm von dem Fenster der Giebelstube aus nach, wie er ber den
Hof stieg. Vom Tor aus winkte er mir noch einmal zu, und ich sah ihm
nach auf dem Wege nach dem Tillenbrink und seufzte:

Der hat wohl gut reden von seiner Jugend! Sind es blo die groen
Knstler mit Stift, Feder und Meiel, die die Welt festhalten, whrend
sie allen brigen entgleitet? Ich meine, solch ein Lebensknstler, solch
ein Mann des Lebens wie der da, hat auch einen guten Griff. Was er fat,
lt er so leicht nicht los, und was er weiter gibt, das reicht er weit
in die Zeiten hinein. Welch ein Kunstwerk hat dieser Mann aus seinem
Leben gemacht -- treuherzig! Und ist nicht Treuherzigkeit das erste und
letzte Zeichen eines wahren Kunstwerks? Was haben wir ihm alles
aufgebunden, wenn wir aus unseren Nestern im Grn zu ihm kamen. Und er
glaubte alles! o, welch ein weiser Mensch steckte in jenem Jungen, der
da am Wege ber dem alten Broeder sa und Glauben hatte, und sich wie
von Schlo Werden so von Bodenwerder zum besten halten lie und gelassen
auf menschliche Schicksale wartete. Aber Glck hat er auch gehabt, und
-- das ist und bleibt gleichfalls in alle Zeit hinein der Trost und die
Entschuldigung derer, die wie die Fliegen und der gegenwrtige Doktor
der Philosophie Friedrich Langreuter aus Berlin an der geschlossenen
Fensterscheibe kriechen.

Es fand sich in dem mit Fliegen, Staub und Schimmel mehr als gebhrlich
gefllten Tintenfasse des Vetters Just auch der schwarze Tropfen noch,
mit dem ich das angeratene Postskriptum an meinen Brief an den Freund in
Werden hngen konnte. Ich tat's, faltete das Blatt und lie es
ungesiegelt; -- Geheimnisse meinerseits standen nicht drin, und der gute
Rat, den der Vetter gab, lag wie alles Echte und Rechte auf der Hand.

Im Gemsegarten fand ich dann Mamsell Martin, Raupen vom Kohl suchend.
Sie stellte diese Beschftigung natrlich sofort ein, um sich einer ganz
hnlichen an mir zu widmen:

^Oh monsieur^, wenn ich es nicht tagtglich mir vorsagte, da auch ihr
Mnner durch die sehr bse Welt kommen mt, und da ihr es dann und
wann ^a peu prs^ drin ebenso schlimm habt als wir anderen armen Frauen,
so wre es wohl manchmal nicht auszuhalten mit euch. Sind Sie nur
deshalb nach diesem Steinhof gekommen, um meinem armen Kinde das Herz
noch schwerer zu machen, ^monsieur Frdric^?

O, bestes Frulein --

Ich bin keines Menschen bestes Frulein! Wir leben hier nicht auf
diesem Steinhofe ^aux bains^. Wir sind hier nicht in Baden-Baden,
Homburg oder ^Aix-la-Chapelle^! Wir wohnen hier nicht, um uns zu erholen
^de nos tudes^, und um hineinzuschlafen in den Tag und um konomie zu
treiben mit dem Cousin Just. Wir sind hier in groer Angst des Lebens,
mein armes Kind mit mir, wie auf einem Steinfelsen im Meer, und um uns
her ist nur, wie Mr. Victor Hugo sagt in den ^Orientales^: das Meer und
stets das Meer, die Welle, stets die Welle! Und wo Lnderei -- nein,
Land ist, da sind fr uns nur Ruinen, und es kann kein Mensch und auch
nicht Mademoiselle Julie verlangen, da ich soll haben ein Interesse fr
die konomie auf diesem Steinhof. ^Eh!^

Sie hatte sich nochmal gebckt und aus einem ganzen Nest ein fett, grn,
sich ringelnd Geziefer von einem westflischen Kohlblatt abgenommen.

^V'l une du paquet!^ rief sie mit ihrem unnachahmlichsten Nanziger
Klosterakzent; nmlich wenn die jungen Schulschwestern sich vollkommen
unter sich allein wuten. Mit spitzigen, drren Fingern hielt sie das
unselige Insekt, und wenn sie einen Basilisken gefangen htte, so htte
sie mir denselbigen nicht mit strkerem Grimm, Ekel und Widerwillen,
aber auch nicht mit grerer Energie unter die Nase halten knnen.

Nur der ganz gewhnliche, sehr gemeine Kohlweiling ^Pieris brassicae^,
Mademoiselle.

Ja, ^monsieur^, nichts weiter als das!

Das Gewrm flog zu Boden, und wurde, fast ehe es daselbst anlangte,
vermittelst der Schuhsohle aus der Reihe der Lebendigen weggewischt. Die
^soeur ignorantine^ trat mit bse aufgerafften Rcken ber die nchsten
Kohlkpfe hinweg und hinein in den Gartenweg. Wie eben die Raupe hielt
sie jetzt mich, doch glcklicherweise nur am Arm.

Da war auch die ^Altesse^, -- die Durchlaucht, -- o diese Durchlaucht,
die auch unser Cousin war und uns besuchte und sehr gut zu uns sprach
und auch mit fr uns sorgen wollte, und -- ^sous cape^ -- unser armes,
liebes Kind mit in sein armes, kleines, kleines Grab brachte, welches
sehr leicht war und sehr wenig kostete, weil schon der gute Vetter Just,
^monsieur^ Just Everstein, das kleine Kind in seinen kleinen Sarg gelegt
hatte. Was hat ^monsieur le prince^ weiter von sich hren lassen? Nichts
hat er von sich hren lassen. Was hat er fr uns getan? Nichts hat er
fr uns getan!

Was sollte er auch fr uns tun? fragte eine ruhig traurige Stimme
hinter uns. Irene hatte sich uns unbemerkt genhert; es kam nichts
weiter von dem, was Mademoiselle Martin auf der guten, gequlten Seele
hatte, zum Vorschein, sie lie auch meinen Arm frei und seufzte nur
noch:

^Oh, mon dieu!^ Nun hab' ich mir wieder einmal die Zunge angebrannt!

Aber Irene hielt nur meine Hand fest; sie stand mit gesenktem Haupt,
ohne weiter etwas zu bemerken. Sie hatte keine Heimat, aber sie wute,
wo sie zu Hause war; und (der Vetter Just hatte vollstndig recht!) das
einfachste war, da sie hinging, wohin sie gehrte oder -- gefhrt
wurde. Sonderbar ist es und bleibt es, da wir Menschen immer nur im
hchsten Notfall auf unser Schicksal zurckgreifen, d. h. davon reden.
Wir schmen uns unseres Schicksals, und in _das_ groe Geheimnis hinein
hngen alle Wurzeln unseres Daseins.




Fnfzehntes Kapitel.


Ich sitze da am Fenster in meiner Stube in der groen Stadt Berlin. ber
meine Gasse hinweg habe ich die Aussicht in eine andere. Hunderten, ja
Tausenden von Menschen, welche die letztere passieren, kann ich ins
Gesicht sehen, wenn ihr Weg so fhrt, und wenn es mir Vergngen macht.
Ein Vergngen macht es mir jedoch selten. Aber eine gewisse
Regelmigkeit des Verkehrs macht sich auch hier geltend. Es kommt immer
zur gegebenen Stunde alles wieder, wie es von seinem Geschick geleitet
wird, einerlei ob es sich der Abhngigkeit von demselben schmt oder
nicht. So sind mir denn allgemach viele Gestalten und Gesichter vertraut
und sozusagen zu unbekannten guten Bekannten geworden; aber nur ein
einziges immer heiteres, lachendes, glckliches Gesicht kenne ich
darunter, und das ist das eines blinden Knaben, der am Arme seiner
Mutter tglich gegen zehn Uhr morgens die Strae hinunterkommt oder
gefhrt wird, um bei einem Musiklehrer in meiner Nachbarschaft eine
Unterrichtsstunde im Geigenspiel zu nehmen. An diesen Knaben mute ich
an diesem sehr unruhevollen Tage auf dem Steinhofe fortwhrend denken,
und ich sprach auch zu Irene von ihm im Schatten der Obstbume des
Grasgartens.

Das Kind ist allmhlich ein alter Bekannter von mir geworden. Ich sehe
es wachsen und allgemach zum Mann werden. Es wchst jedes Jahr einmal
aus seinem Rock und seinen Hosen heraus, aber es schmt sich keines
Zustandes. Es lt sich wachsen.

Und bleibt auch als Mann und Greis ein blindes Kind. Das einzige
glckliche Gesicht unter Hunderttausenden! Armer Freund, weshalb redest
du mir davon? Zum guten Exempel ist solche Heiterkeit doch wohl nicht in
die Welt gesetzt! willst du mir gar zu allen anderen beln Eigenschaften
auch noch den Neid rege machen? Worber lachst du nun?

Nie ber dich, arme Freundin; hchstens ber dich und meinen braven
tapferen Freund und Gespensterseher, den Herrn Ingenieur Sixtus auf
Schlo Werden. brigens kommt ihr beiden Helden schon einmal vor, und
zwar in der Geschichte vom hrnernen Siegfried in den deutschen
Volksbchern. Man kennt auch eure Namen und gibt sie seit tausend Jahren
von Jahrmarkt zu Jahrmarkt weiter. Jorcus und Zivilles heit ihr da.
Mich nennt man einen Gelehrten, und hier nehme ich den Titel an, denn
dies ist etwas, was ich in der Tat allgemach aus den Quellen studiert
haben mu, und (es ist keine Tautologie, liebe Irene!) was ich wirklich
wei. Willst du wissen, wie der Vetter Just, der kein Gelehrter, aber
dafr ein weiser Mann ist, sich ausdrckt?

Was sagt der?

Hasen sind sie alle beide; aber der feigste von beiden ist doch unser
guter Freund Ewald Sixtus -- auf Schlo Werden.

Das ist nicht wahr! rief die Frau Irene, und aus ihren Augen funkelten
alle die alten Blitze, die uns in den Mauern und Grten zu Werden so oft
heimgeleuchtet hatten, wenn wir zwei Jungen es den beiden Mdchen wieder
einmal zu toll gemacht hatten. Da sprangen die Neigung, die Liebe, ja
die Zrtlichkeit wie gewappnet hervor, und zornig flsterte Irene
Everstein: Es wei kein anderer als ich, wie stark Ewald Sixtus ist,
und welch eine Tapferkeit dazu gehrt und welch ein Edelmut, da er
nicht kommt und sein Recht verlangt und sagt: du mut, armes Weib! Du
bist in meiner Schuld, Irene, und du gehrst mir, wie -- Schlo Werden
mir gehrt. -- Ich habe dir das aber schon gestern auf dem Stein am Wege
gesagt, und du -- du handelst wahrlich nicht edelmtig an mir, Fritz
Langreuter!

Die Frau weinte und lie mich stehen. Als sie rasch von mir fortlief,
war auch das ganz wie in unserer Kinderzeit, als unsere Nester noch im
Grn, im Sonnenschein und Himmelsblau hingen; aber damals weinte sie
nie, sie drohte lieber ber die Schulter zurck, und es war immer Ewald
Sixtus, dem die erhobene Kinderfaust galt. Ich aber wute jetzt, da es
nicht nur das beste war, da sie zu dem Freunde ging, sondern da sie
sich schon auf dem Wege zu ihm befand. Aber es war mir dazu auch von
neuem besttigt worden, da der irlndische Ingenieur nicht nur ein sehr
tapferer und starker Mann, sondern auch ein sehr schlauer Mensch war,
und alles dies in der rechten Weise, nmlich ohne da er selber von
seinen Vorzgen im gegebenen Moment irgendwie genau Rechenschaft ablegen
konnte. Er war klug, ohne es zu wissen, und so ging er um Schlo Werden
herum; er war fest berzeugt, sich zu frchten, und auf dem Steinhofe
wurde man sofort sehr bse und fing an zu weinen, wenn irgend jemand nur
im mindesten an seine Herzhaftigkeit rhrte und den leisesten Zweifel
darob kundgab.

Lose hngen alle Krnze und Gewinnste in dieser Welt ber den Huptern
der Menschen; auf wohlbedchtig gezimmerten Leitern aber steigt man
nicht zu ihnen empor, und die, welche die schnsten Krnze tragen,
rhmen nie ihre eigene Kunstfertigkeit und Ausdauer deswegen. Im Gewinn
erkennen sie erst recht, welcher linde Hauch, welche ^aura coelestis^
ihnen das Glck oder die Erfllung ihres Wunsches oder das groe
wirkliche Kunstwerk zuwarf.

Etwas spt fielen die goldenen pfel in diesem Falle, aber sie fielen
doch noch; und abermals erwies es sich, da wir in einer Welt unser
Dasein fhren, in der es ebensowohl der Hauch des Todes wie des Lebens
sein kann, der die Zweige bewegt und schttelt.

Erst am Mittage, nachdem der Vetter seine Steinfuhre am Tillenbrink
wieder aufgerichtet und im Lmmerkampe unter seinem Arbeitsvolk Ordnung
gestiftet hatte, bekam ich Irene von neuem zu Gesichte. Dies wird noch
einmal ein Kapitel der Wiederholung; ich aber kann wahrhaftig auch
diesmal nichts dafr.

Wieder die alte gute Bauernstube des Steinhofes! wieder der lange
nahrhafte Tisch von dem einen Ende derselben bis zum anderen; und wir
allesamt daran vor den Tellern und Schsseln: der Meister, die Knechte,
die Mgde und die Gste!

Und wieder wurde der Vetter herausgerufen, ging mit dem guten
behaglichen Lcheln auf dem schweiglnzenden Gesicht und kam nach einer
ziemlichen Weile sehr erregt wieder herein. Still setzte er sich von
neuem hin, nahm auch den Lffel wieder zur Hand, aber legte ihn doch
abermals nieder.

Da jedermann ihn darauf ansah, sagte er zu den Leuten:

Et weiter, Kinder!

Was ist das denn, Just? fragte Jungfer Jule Grote angsthaft. Es war
ein Bote von drben. Um Gott und Jesu willen: es geht doch wohl nicht
wiederum den Steinhof an?

Nachher, liebe Alte!... Den Steinhof geht es freilich wohl an; aber es
lt ihn diesmal doch aufrecht stehen.

Da dem Vetter Just der Hunger gnzlich vergangen zu sein schien, so
verging er auch seinen Gsten so ziemlich. Doch erst, nachdem das
Hofgesinde in Ruhe abgegessen und die Stube verlassen hatte, teilte uns
Just Everstein mit, was ihm und uns das Schicksal durch den eiligen
Boten von drben hatte wissen lassen.

Hattest recht, Jule; es war ein Bote aus Werden, und er hatte es sehr
eilig. Die Leute ging es aber nichts an, sondern nur mich und -- euch.
Sie haben heute noch einen heien Arbeitstag vor sich, und so schickte
es sich nicht, sogleich damit herauszufahren. Fr mich -- fr uns ist es
wieder einmal ein schwerer Tag geworden. O, es ist schade, schade! ich
hatte noch fr so lange, lange auf ihn mitgerechnet zu meinem -- zu
unserem Glck!

Bleich und bebend hatte Irene sich erhoben.

Welch Unglck ist wieder geschehen?... Ewald! Ewald! rief sie; und der
Vetter nahm sanft ihre Hand von seiner Schulter.

Nein, Liebe!... es denkt jeder nur immer an das Seinige!... Ewald und
Eva haben geschickt; -- es ist nur der alte Herr, der Abschied nehmen
will. Ach, ich denke auch nur an mich! es ist schade, schade; -- zu
seinem und Evas und zu meinem Glck und Behagen hatte ich noch so lange,
lange auf ihn mitgezhlt! Da ist der Zettel, welchen der Bote gebracht
hat.

Das von Ewald flchtig gekritzelte, von dem Vetter im ersten Schreck und
der zusammengehaltenen Aufregung arg zusammengeknitterte Blatt ging von
Hand zu Hand. Es lautete:

Den Vater hat heute morgen, whrend er seine Holzfller beaufsichtigte,
ein Unfall betroffen. Ein Ast eines strzenden Baumes hat ihn im Rcken
beschdigt und von den Hften abwrts gelhmt. Er ist bei voller
Besinnung und nur zornig auf sich selber. Von mir kann leider nicht die
Rede sein. Der Alte sagt nur: >Da ich so dumm auch gerade whrend
Deines _Besuchs_ sein mute, das rgert mich noch am meisten!< -- Jetzt
erst wei ich es, wie fremd ich zu Hause geworden bin. Eva hat Dich
ntig, Just; also komm zu ihr. Dem alten Herrn wirst du gleichfalls zum
besten Trost gereichen.

Irene hielt jetzt den zerknitterten Zettel; Jule Grote wiegte den
Oberkrper hin und her und sthnte: O Je! o du mein Je; nun geht auch
der weg! Mademoiselle sah, ber den Tisch vorgebeugt, mit angehaltenem
Atem auf ihre Herrin, Schlerin und Schutzbefohlene; der Vetter blickte
zu mir herber, seufzte nochmals tief und schwer, strich sich mit der
Hand ber Stirn und Augen und fragte:

Was ist deine Meinung, Fritz? So rasch als mglich mssen wir hinber;
aber du weit, die Pferde sind augenblicklich alle vom Hofe. Das eine
Paar wird erst gegen Abend heimkommen, das andere kann ich zwar vom
Tillenbrink holen lassen, aber es gehen doch gut anderthalb Stunden
drber hin. Mein Rat ist, wir gehen nach Bodenwerder und nehmen dort
eine Extrapost.

Fremd zu Hause! murmelte Irene, aus ihrer Betubung erwachend. Wir
wollen gleich gehen und den alten Weg nehmen -- wie damals, als mein
Vater gestorben war.

Wie in diesem Worte so vieles zu einem Abschlu kam, entging uns in
diesem Augenblick vollstndig. Wir haben aber alle nachher daran
gedacht.

Ja, sagte der Vetter Just, das ist immer noch der Richteweg nach
Werden. Der Vater Klaus wrde sich auch nicht wundern, wenn du ihm noch
einmal in seinen Kahn stiegest.

Finden wir denn den noch? rief ich.

Es zog ein schlimmes Gewitter damals ber den Steinhof, als ihr ihn
zuletzt ber den Flu anriefet, sagte der Vetter. Ihr bekamet nur die
letzten Tropfen auf dem Wege nach Schlo Werden. Es ist wunderlich; aber
auch das kann heute wieder gerade so geschehen. Nun, der alte Charon
wird uns wohl sicher bers Wasser schaffen. Es hat sich vieles hier bei
uns verndert, Doktor; aber diesen Schiffer findest du auch heute noch
an seiner Stelle.

Eine halbe Stunde spter befanden wir uns bereits auf dem Richtewege
nach Werden, Irene, der Vetter Just Everstein und ich; -- ganz _wie
damals_ klares, tiefblaues Himmelsgewlbe ber uns, doch weies
Sommergewittergewlk hinter uns im Westen. Nun war es, wie der Vetter am
Morgen es als das Beste und Wnschenswerteste und dazu als das
Einfachste hingestellt hatte, nmlich, _da sie zu ihm gehe_. Und
einfach und ganz selbstverstndlich erschien es auch jedem; es verlor
niemand noch ein Wort darber. Der Tod ist ein mchtiger Rufer und ebnet
Wege und macht Pfade glatt, die eben noch durch berghohe Trmmer der
Vergangenheit und unberwindlich heil Gemuer der gegenwrtigen Stunde
versperrt schienen. Aber so hatte der Vetter Just sich den Weg der Frau
Irene zu dem Freunde doch wohl nicht vorgestellt, als er sein ruhiges
Wort aussprach!

Rasch und schweigend gingen wir drei unter dem heien Tage; der erste
Schatten auf dem Wege wartete erst jenseits des Flusses in den Wldern
der Heimat, und der Tod hielt dazu seine schwarzen Flgel ber alle
sonnigen Hgel, Tler und Halden ausgebreitet. Wie damals sahen wir uns
nicht einmal nach dem Dunkel um, das in unserem Rcken emporstieg; --
noch einmal ein Gewitter auf diesem Pfade! Wo aber fhren die Wege der
Menschen auf dieser Erde, wo das dumpfe Grollen und Murren von fern her
nicht ins Ohr klingt und uns nicht zwingt, rckwrts, zur Seite oder
nach dem Ziel vor uns hinzuhorchen?...

Hol ber!

An dieser Stelle noch alles so wie sonst! Dieselben Wasser, dasselbe
Ufergebsch, dieselben heien, knirschenden Kiesel unter den Fen. Und
drben aus dem Buschwerk das leichte Rauchwlkchen aus der Htte des
alten Freundes, und sein Kahn an dem nmlichen Weidenstrunk. Und nur die
Wellen rauschten, sonst kein Ton, kein Laut rings umher. Wir hatten
unseren Ruf mehrmals zu wiederholen.

Ein wenig taub ist der Alte allmhlich wohl geworden, meinte der
Vetter, aber seine Augen sind fr seine Jahre noch merkwrdig scharf.
Er ist sicherlich nahe an die Achtzig. Guck, Irenes Tuch bringt ihn uns
her.

Wir sahen den Vater Klaus in der Tat jetzt drben den Uferhang
herabkommen. Einen Augenblick stand er zweifelnd und sah zu uns herber.

Hol ber!

Wir sahen ihn seinen Nachen ablsen --

Achtzig Jahre!

Und er zwingt die Strmung immer noch, sagte der Vetter. Manch ein
starker, jngerer Mann wrde bei dieser Arbeit bald mde werden.

Da war der Kahn und schob sich scharrend mit dem Vorderteil auf den
Kies, und --

Wat kmmt mi denn da? fragte der Vater Klaus, und auch an dem Wort und
heiseren Laut hatte sich im Laufe der Jahre gar nichts verndert. I, da
seh' einer, der ganze Steinhof! Ach ja, ich wei ja schon! Ach ja, der
Herr Frster. Der Bote heute morgen hatte es wieder mal recht eilig --
es tut mir recht leid um den Herrn Oberfrster. Ja, ja, da hilft es
weiter nichts: steigt ein, gndige Herrschaft, Frau Grfin, und der Herr
Vetter auch. Ja, aber, aber, wie ist mir denn? den anderen Herrn da
sollte ich doch auch schon kennen?

Ein alter und hoffentlich auch heute noch guter Bekannter, Vater, rief
ich, beide harte Hnde des greisen Fhrmanns ergreifend. Fritz
Langreuter!

Richtig! rief der Alte. I, das wute ich doch auch wohl! Dazu habe
ich Sie doch wohl oft genug mit dem anderen kleinen Frulein ber die
Weser befrdert. I, sehen Sie mal! und nun mssen Sie, mit Erlaubnis,
gerade heute zu dieser traurigen Gelegenheit zum ersten Mal wieder in
mein Schiff kommen! Ja, wo haben Sie denn die ganzen lieben, langen
Jahre gesteckt, wenn ich so frei sein darf?! Da Sie ein grausamer
Gelehrter bei der Weile geworden sind, das habe ich wohl gehrt, und
ansehen tue ich es Ihnen jetzo auch. Na, das freut mich aber bei allem
Leidwesen. Ja, dann steigen Sie auch mal wieder ein, Herr -- Fritze, mit
Erlaubnis zu sagen. Es wundert Sie wohl ein bichen, da Sie mich und
die Weser immer noch zwischen Werden und dem Steinhofe an Ort und Stelle
finden? Ja, so hat jedes seinen Lauf und sein Bestehen!

Nun schwammen wir wieder auf dem Wasser, und ich lie noch einmal die
warme Sommerflut des Stromes ber die Hand flieen. Und ganz wie damals
flsterte mir der alte Schiffs- und Fischersmann zu:

Ja, ja, ich wei es wohl, da es in Werden nicht gut steht, Herr
Langreuter. Aber der Herr Frster hat ja, Gott sei Dank, ein reinlich
Blut und gut Gewissen, und wenn er, gegen mich gehalten, auch noch ein
ziemlich junger Mensche ist, so ist er doch auch ziemlich bei Jahren,
und da ist es immer das beste fr die Angehrigen, Vernunft anzunehmen
und sich und dem anderen den Abschied nicht schwerer zu machen, als
notwendig ist. Wisset ihr, Herr Vetter Everstein und die gndige junge
Frau dazu, wte ich nur ganz gewi, da mir whrend meiner Abwesenheit
allhier an dieser Stelle kein Schaden und Spitzbubenstreich passierte,
so ginge ich wahrhaftig gern mit euch, um mir fr demnchst ein gutes
Exempel an dem Frster zu nehmen.

Da kommt nur dreist mit, Vater Klaus, meinte Just, ich stehe fr
allen Schaden. Wer wei, welch ein gut Beispiel Ihr uns auf dem Stuhl am
Bette geben knnt.

Aber der Greis schttelte den Kopf:

Es geht nicht, und es schickt sich nicht. Seit ich denken kann, ist
dies mein Ort, wo ich die Weser, die Schiffe, die Jahreszeit, die
Menschen und das Gewlke passieren und bleiben sehe. Es ist nur eine
Kabache da im Rhricht, aber doch mein altes festes Nest, und jeder
Schritt davon weg ist mir aus der Gewohnheit. Ein alter Kerl bin ich
hier geworden, aber als ein ganz anderer Kerl kme ich heute nacht von
Werden nach Hause; aber -- holla -- seht einmal das Gewlk! Das kommt
diesmal doch schneller herauf, als ich gedacht habe! Und hr' einer! da
probiert der Herr Kantor auch schon seine groe Orgel. Na, na, nun rate
ich lieber den Herrschaften, da sie wieder mal ein Stndchen bei mir
unterkriechen und das Schlimmste vorberlassen.

Es hatte keiner von uns anderen sich umgesehen, doch jetzt taten wir's,
wie angerufen von dem ersten dumpfen Donnerton von Westen her. Was wir
fr ein langsam zgernd Schleichen genommen hatten, das war raschester,
rasendster Flug gewesen. Das Gewitter war da wie das Schicksal, welches
uns auf diesen Weg gefhrt hatte, und wir standen unter dem Druck des
einen nicht anders als unter dem des anderen.

Ihr Mannesvolk kommt mit der Frau nicht weit in den Wald hinein, und
dann mt ihr doch unter der ersten dicken Eiche zu Schauer gehen, rief
der Vater Klaus. Die gndigste Grfin oder Frau Baronin mu es mir
nicht bel nehmen, sie ist mir, je lnger ich sie ansehe, immer noch wie
das Kind und junge Frulein Komtesse von Schlo Werden, und das alte
Kesselchen singt noch auf dem alten Herde, Frulein Grfin, und ein
frisch Paket Zichorien hab' ich auch von Bodenwerder. Sie haben doch
sonst schon vorlieb bei mir genommen, -- ach ja, ein bichen mehr Kinder
waren wir dazumalen wohl noch, und die beiden jungen Leute aus dem
Frsterhause waren dann auch immer dabei. Ich habe es wohl gehrt, da
sie alle whrenddem mancherlei erlebt haben in der Welt, aber denken
kann ich mir's eigentlich nicht; denn ich selber habe ja nichts erlebt,
von welchem ich viel wte; auer da ich ein bichen lter geworden
bin. Der Regen ist schon da; -- nun kommen Sie nur noch mal herein zum
Vater Klaus -- lange anhalten wird's ja wohl nicht.

Ich ginge am liebsten weiter, sagte Irene. Ich mchte so schnell als
mglich zu Eva.

Das ging nun wohl nicht an. Das Unwetter war da, und schon fegte der
Regen in Sten vom jenseitigen Ufer her ber den Flu. Alle lichten
Farben wurden zu einem trben Grau ausgewischt, das Ufergebsch und
Schilf wie von tausend rgerlichen Fusten geschttelt und nach Osten
hin zu Boden gedrckt. Auf das Dach der Fischerhtte rauschte und
rasselte es nieder, und wir saen an dem Tage eine gute Stunde an dem
Feuerherde des Vaters Klaus, horchten auf den Donner ber unseren
Kpfen, warteten das Gewitter ab und lieen unserem grauen Fhrmann
und Gastfreund das Wort. Wie er es fhrte, htte wohl keiner von uns
etwas Besseres, Unterhaltenderes und Zweckdienlicheres zutage frdern
knnen.

Ich wei eigentlich gar nicht, wie ich Sie jetzt nennen mu, wendete
er sich an unsere Begleiterin. Am liebsten hiee ich Sie wie sonst:
liebes Frulein Grfin oder Komtesse; aber das ist es ja wohl nicht
mehr?

Liebe Frau Irene, Vater Klaus! und ganz leise fgte sie hinzu: Arme
Irene! -- Ich habe von dem mancherlei, was ich in der Welt erlebte,
nichts weiter nach Hause -- nach dem Steinhofe gebracht als meinen
spottenden Taufnamen. Wer es noch gut mit mir meint, der nennt mich blo
bei diesem. Ich bin eine arme Frau Irene geworden, Vater Klaus!

Der Alte schttelte das Haupt:

Hm, hm, es ist doch sonderbar! Da wo Sie jetzo sitzen, _Frulein
Grfin_, da sa gestern gegen Abend mein bester Freund, seit ich denken
kann, auch mal wieder! Nmlich der ganze Nichtsnutz von dem Frsterhofe
in Werden; und ich dachte wirklich zuerst, er sei meinetwegen da; aber
er nahm gar kein Blatt vor den Mund, sondern wollte einfach nur von hier
aus ber die Weser gucken, und als ich ihn dann fragte, wie ich ihn
jetzo betitulieren mte, meinte er gerade so, sein Taufname wre ihm
das Liebste, und weiter htte er fr die hiesige Gegend hoffentlich auch
nichts mit aus der Fremde gebracht. Und als ich darauf nicht einging,
sondern ihn darauf anredete, da er ja kurioserweise Schlo Werden
kuflich an sich gebracht habe, wurde er auf einmal aus aller Wehmut
heraus ganz der Alte und sagte: Klaus, Vater Klaus, zwei Esel haben
eigentlich nicht Platz hier im Fischkasten! -- Na, das freute mich denn
recht, obgleich er eigentlich gleich wieder in seine Trbseligkeit
hineinfiel; aber auf dem richtigen Fu waren wir wieder, und ich habe
ihn kurzweg wieder bei seinem Taufnamen geheien, und dann haben wir,
weil eben nicht so 'n Unwetter wie jetzo war, unter unserem alten Strunk
gesessen und zusammen ber mein Wasser geguckt und wirklich recht
vielerlei von -- der lieben Frau Irene zusammen gesprochen.

Wann war denn dies wohl, Meister Klaus? fragte ich mit einem
verstohlenen Blick auf die von uns weg in die Tr tretende und die Hand
in den jetzt schon leiser rauschenden Regen streckende Frau.

Nun, ich meine so zwischen sechs und sieben Uhr. Herr Ewald wird wohl
erst ziemlich spt in der Nacht nach Hause gekommen sein. Er hatte vor,
auf dem Heimwege noch mehr als einen Umweg zu machen. Es sind da eine
Menge rter, die ich noch einmal wiedersehen mu, ehe ich mich wieder
auf die Wanderschaft mache, Vater Klaus! sagte er. -- Ja, er sprach ein
Langes und Breites darber, wie schlecht es ihm zu Hause gefiele. Und
ich denke doch, mein lieber Gott, da es doch nicht jedermann alle Tage
passiert, da er mit soviel Glck in der Tasche aus der Fremde in das
alte Nest fllt wie der. Aber ein aparter Mensch war der immer und schon
von Jungensbeinen an. Den Herrn Ewald Sixtus meine ich. Uh, wer so
manche Nacht wie der hier bei mir in der Kte gelegen hat und in das
Feuer da von all seinen unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten
hineingesprochen hat, den soll der Vater Klaus doch wohl kennen, wenn er
als ausgewachsener Mann ebenso wieder daliegt und mit den Funken und
Flammen auf meinem Herde mehr spricht als mit mir altem dummen Kerl.
Nicht wahr, Herr Vetter Just?

Das meine ich auch, alter Freund! rief der Vetter mit
auergewhnlicher Energie. Nun, wie sieht es drauen aus -- liebe Frau
Irene? Gestern abend, als du mit dem Berliner Doktor da durch die Felder
zogest, seid ihr ja wohl auch ziemlich bis hier in die Gegend gekommen?
Erzhltest du mir nicht davon, Fritz, als wir heute morgen deinen
Schreibebrief nach Werden beredeten? Und von allerhand unsinnigen
Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hast du mir auch geschwatzt. Und da
war doch blo die Weser zwischen euch und dem alten guten Freunde, dem
Vater Klaus. Wenn ich je in der Welt einem so guten Freunde wieder so
nahe gekommen bin, dann habe ich ihm immer auch einen Besuch
abgestattet! ...

Die Frau Irene stand noch immer, den Ellenbogen an den Trpfosten der
Htte lehnend. ber den Herd des Vater Klaus sich beugend, flsterte mir
der Vetter Just zu:

Tausend Schritte weiter und -- Hol ber!... Deinen Brief behalte ich
zum Andenken an diese Tage! -- -- Laut, fast frhlich rief er dann:

Du hast noch nicht geantwortet, Irene. Was macht das Wetter auf Erden,
und wie guckt der Himmel drein? Ich meine, der Regen lt doch immer
merklicher nach.

Die Frau wendete sich, und ein Fremder htte ihr nicht angemerkt, wie
schwer jedes Wort, das in dieser Fischerhtte gesprochen worden war, auf
ihrer Seele wog, und da ihr mit Ausnahme dessen, was der Vetter Just
leise mir ins Ohr gerufen hatte, keines entgangen war.

Der Vater Klaus ist ein guter Wetterprophet und hat sich auch diesmal
wieder so bewhrt, sagte sie. Es war ein rascher bergang. Vom
Steinhof her scheint wirklich schon die Sonne in die Tropfen, und es ist
alles gegen Schlo Werden gezogen.

Und auch dort wird's ein bergang sein, meinte der Greis. Die Berge
da machen keine Wetterscheide aus. Was ber die Weser 'rber ist, hat
freie Bahn vor sich und mag gehen oder sich verlaufen, wie und wo es
will. Da ist weiter kein Aufenthalt mehr. Geschickt wird ja jedes
Gewlke, aber dorthinzu ist das denn doch wieder, als ob alles Wetter
frei seinem Schicksal berlassen worden wre, und so wei nie einer
genau, was er davon halten und sagen soll. Es ist eben alles Witterung.

Und wir haben unser Teil davon auf uns zu nehmen, sagte Irene, dem
Fischer die Hand reichend. So nehmt denn auch heute unseren schnsten
Dank fr freundlichen Schutz, gute Bewirtung und jedes gute Wort, was
Ihr uns gesagt habt, Vater Klaus. Fast ist es doch, als htten wir ganz
vergessen, was uns eigentlich auf diesen Weg getrieben hat. Nun wollen
wir aber nur noch an dieses denken und rasch weiter; nicht wahr, meine
Herren?! Ich mu zu meiner armen Eva, und es soll mich keine
Erdenwitterung mehr aufhalten. Ade, Vater Klaus. Wenn ich zurckkomme,
gehe ich nicht ber Bodenwerder -- Ihr nehmt mich wieder auf in Euren
Kahn.

Allein oder in Gesellschaft -- wie es sich schickt, brummte der greise
treue Schiffsmann, die kleine zarte Hand zwischen seinen uralten,
knochigen Tatzen haltend. Herrschaften, findet ihr den Frster noch, so
grt ihn von mir; -- auf einen Hasen legt da dem lieben Gott sein
Jgersmann nicht an; also sprecht's ihm nur dreiste heraus, da ich fest
auf ihn rechne, was das Quartiermachen anbetrifft. Finden Sie ihn nicht
mehr, Herr Vetter Just, und Sie, Berliner, na so brauchen Sie auch
nichts an ihn bestellen, sondern nur gut mit den zwei jungen Leuten
umzugehen. Ich finde meinen Weg schon. Adjes alle! Es ist mir, abgesehen
von dem schlimmen Malheur, eine groe Freude gewesen.

Wir traten heraus aus der Htte in das letzte, jetzt auch schon auf
diesem Ufer der Weser von der Sonne durchflimmerte Gesprhe des
Sommergewitters und atmeten aus tiefster Brust wohlig auf; ich aber
vernahm noch, wie der Meister Klaus, den sehr schlimmen Tabak in seiner
kurzen Holzpfeife niederdrckend, brummte:

Jawohl, am Ende lt sich doch niemand recht Zeit, als solch ein alter
Fischersmann, der da wei, da die Fische nicht zu jeder Stunde beien,
und der mit den Reusen umzugehen wei, und wei, da alles erst zu
seiner Zeit kommt; aber dann auch ganz richtig und auf den Punkt. Ja,
ja, lauft nur zu; -- ich hab' euch ja schon gefahren, als ihr noch in
euren Kinderschuhen liefet.

Ich winkte ihm darob noch einmal lchelnd zu:

Und es ist Eure feste Meinung, da wir noch immer darin laufen, Vater
Klaus?

Das werde ich mir doch wohl nicht herausnehmen, rief der Alte grinsend
mir nach. Aber eine hbsche Luft wird es immer nach solch einem
Gewitter, Herr Langreuter; und die paar Tropfen, die Sie jetzo unterwegs
noch auf den Pelz kriegen, die knnen Sie sich darum schon gefallen
lassen; und, lieber Herr Fritz, bei Gelegenheit fragen Sie nur ganz
dreist den Herrn Ewald danach, was gestern meine Meinung gewesen ist.

Nun glnzte und rauschte auf Stunden Weges um uns und ber uns der
erfrischte Hochwald. Die groen gelben und schwarzen Schnecken krochen
auf allen Pfaden; Menschen begegneten uns nicht. Wir gingen stumm zu,
und nur wenn wir an einer auergewhnlich schlpfrigen und steilen
Stelle unserer Begleiterin die Hand boten, sprach sie ein leises
Dankeswort. Und wieder einmal lag, als wir endlich aus dem Walde
hervortraten, Schlo Werden zu unserer Rechten im Sonnenuntergangsglanze
da, und das scheidende Licht blitzte rot aus den hohen Fenstern des
Oberstockes uns entgegen. Ich sah mit einigem Bangen auf die bleiche
Frau mir zur Seite und fing einen ganz hnlichen Blick des Vetters Just
auf. Doch Irene Everstein sah nur einmal ganz fest und kurz nach den
Giebeln des vterlichen Hauses und schritt dann gesenkten Hauptes
rascher zu auf dem Wege gegen das Dorf. An dem ersten Hofe schon
erfuhren wir von einem Kinde, da der Herr Oberfrster tot sei; und ein
junges Mdchen, das am Gartentor strickte, besttigte die Nachricht und
fgte hinzu: Gerade, als das Unwetter anging.

Wir gingen nun durchs Dorf. Alle Leute vor den Tren grten uns
herzlich, aber still. Auf Irene sahen sie scheu und steckten nachher die
Kpfe zusammen und flsterten miteinander. An den Vetter Just trat hier
und da einer heran und gab ihm die Hand: Also Sie haben es auch schon
vernommen? -- Jeder aber sprach viel leiser, als es sonst dort die
Gewohnheit des Ortes ist.

Und der junge Herr Sixtus? und Frulein Eva, Gevatter Reitemeyer?

Die sitzen ganz still auf der Bank vor der Frsterei. Sie haben sich ja
wohl gottlob ganz gut in das Geschick gefunden. Sein Alter hatte der
alte Herr, vor Krankheit hat er immer sein Grauen gehabt und seinen Spa
darber gemacht. Hier im Dorfe bei uns ist niemand, der ihm nicht das
Beste wnscht, und solange man denken kann, kann man Werden nicht ohne
ihn sich denken. Auf dem Wege zu seinem Unfall ist er mir heute morgen
noch begegnet. Das mute ja wohl so sein sollen, denn er hatte es kurios
eilig und war doch sonst ein recht ruhiger, langsamer und sedater Herr.
Gehen Sie nur ruhig hin! Das Unwetter hat Sie wohl ein bichen unterwegs
aufgehalten? Es ist aber wirklich recht angenehm danach geworden. Sie
haben Ihr Heu wohl auch schon trocken herein auf dem Steinhofe, Herr
Just?

Wir blieben dieser Unterhaltung wegen nicht stehen, und so kamen wir zu
dem Frsterhause und fanden, wie die Leute es uns berichtet hatten,
Bruder und Schwester auf der Bank vor der Haustr im dmmerigen
Ulmenschatten beieinander sitzend. Hinter ihnen standen die
Stubenfenster wie immer weit offen und lieen den Regenduft und die
Frische des nahenden Abends frei ein; der alte Herr aber sa nicht mehr
am Fenster, sondern lag ausgestreckt, ruhig und sedate auf seinem
Lager. Auch alle Tren standen in gewohnter Weise geffnet; die Hunde
des alten Herrn lagen zu den Fen des Geschwisterpaares, und nur von
Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf, ging hinein und legte den Kopf
auf das so schnell dort bereitete Bett und kam wieder heraus und legte
den Kopf auf Evas Knie und sah wie fragend sie an.

Das schreibe ich aber hier, weil es den ganzen Abend so blieb, nachdem
wir uns zu den Geschwistern gesetzt hatten.

Als wir in das Hoftor traten, schlug einer der Hunde leise an. Ewald und
Eva standen auf, und der Ingenieur aus Irland legte die Hand auf die
Fensterbrstung hinter sich, wie um sich zu halten. Doch Irene verlie
den Arm des Vetters Just, ging rasch hin und hielt die Jugendfreundin im
Arm und kte sie und sagte:

Da bin ich... Nun sei nur still... Du sollst mir alles erzhlen!

Eva Sixtus weinte heftig, und Ewald gab uns Mnnern stumm die Hand.

Er sieht aus, als ob er schliefe!... O, er sieht zu gut und schn aus
fr den Tod! schluchzte Eva; und dann gingen wir alle, von den Hunden
begleitet, in die Stube, und er sah freilich schn und gut aus in seinem
weien Haar, und gottlob nicht anders, als ob er schliefe!...

O Just, o lieber Just! schluchzte Eva Sixtus, und nun war sie mit ihm
und war bei ihm gut aufgehoben in diesen trnenreichen Stunden und
Tagen. Sie konnte auch das Haus verlassen, in welchem sie geboren worden
war.




Sechzehntes Kapitel.


Und Ewald und Irene? Was sagten und taten die denn? Das ward nun eine
Nacht, in der viele Geister umgingen in Werden -- Schlo und Dorf; doch
ber ^miracula et portenta^, von groen Wundern und Wunderzeychen am
Himmel und auf Erden und auch in den Herzen der Menschen habe ich nicht
das geringste zu berichten.

Jene beiden Leute begrten sich zuerst, wie es sich nach der langen
Trennung und bei der ersten Gelegenheit schickte, ernst und freundlich.
Zu dem, was die Welt eine Auseinandersetzung nennt, kam es frs erste
noch nicht, denn teilnehmende Nachbarn sprachen immer noch ab und zu
vor, und auch der jetzige Pastor des Ortes kam noch einmal und sa eine
geraume Weile. Er beging vielleicht die einzige Indiskretion an diesem
Abend, indem er den irischen Ingenieur recht lobte und _seine_ Heimkehr
so gerade zur rechten Zeit leider! mit allen ihren Umstnden als etwas
sehr Lbliches und Verdienstliches pries, und sich dabei stets mit
seiner Rede an die Frau Irene wendete.

Doch lauter als der beste Redner in der Welt gab der stille alte Herr
hinter uns in der Stube mit den offenen Fenstern sein stummes Wort
darein und half uns auch hierber hinweg.

Auf den Spielpltzen des Dorfes verklang allgemach der Lrm der
Dorfkinder. Es wurde Nacht, und auch der gutmtige, wohlmeinende
geistliche Herr ging nach Hause, hflich von dem Vetter Just bis zum
Hoftor begleitet.

Wir haben uns lange nicht gesehen, liebe Irene, sagte jetzt der
Irlnder leise; doch die Frau antwortete mit merkwrdig fester und
klarer Stimme:

Ja, lieber Ewald; es ist sehr lange her, und nun fhrt uns eine so
traurige Gelegenheit wieder zusammen! Dir ist es aber gottlob gut
ergangen auf deinem Lebenswege, du hast vieles ausgerichtet; ich habe
den Vetter Just und hier den Doktor Fritz gern davon erzhlen hren --

Hier rusperte sich der Vetter Just ziemlich vernehmlich und brummte:

Hm, hm, hm.

Mein Bruder -- wollte Eva einfallen, doch ich fate rasch nach ihrer
Hand, und die Frau Irene fuhr fort, und der energische Wille, sich
nichts vergeben zu haben, kmpfte bedenklich mit noch unterdrckten
Trnen:

Du hattest es aber auch viel leichter in der Welt als ich.

Ja, liebe Irene! sagte der Freund. Ich wei das nur zu genau. Ja, ich
habe es leicht gehabt und viel Glck! -- Seine Stimme aber wurde rauh
und hart, als er hinzufgte: Ich habe jahrelang keine Zeit gehabt, an
meines Vaters Haus zu denken, um dir das deinige wiederzugewinnen!

Aus Zorn und Mitleid, Ewald Sixtus!... O Eva, Eva, liebe, liebe
Schwester, behalte mich bei dir unter deines Vaters Dache diese
Nacht!... Nein, nein!... Just, o lieber Just, wie bin ich nur hierher
gekommen? wo soll ich bleiben?

Zum ersten Mal in dieser treuen, wahren Lebensgeschichte klang die
Stimme des Vetters rgerlich, ja fast bse, als er sich erhob und sagte:

Bei mir -- Just Everstein! Eine Nacht geht bald vorber. Auf Schlo
Werden, Grfin Irene Everstein! Ich schaffe dir in dem alten Spuknest
als alter amerikanischer Hinterwldler und Baumfller ein Strohlager und
ein Bund Heu unter den wilden Kopf. Kommt herein zu dem Vater; Eva hat
zwei Lichter neben sein Bett gestellt, wir wollen dabei den Kauf richtig
machen, Ewald! Ich, Just Everstein vom Steinhofe, bin hiermit Eigentmer
und Herr von Schlo Werden! ...

Es ist nicht die Kraft, es ist die Angst des gefangenen Edelfalken, die
das Schreckliche ist und das Publikum vor den Gittern des Kfichts am
meisten interessiert; ich aber verspre an dieser Stelle am
allerwenigsten das Bedrfnis, die Frau Baronin Rehlen interessant zu
machen durch ihr Flattern und Flgelschlagen. Habe auch kein Recht dazu.

Wir gingen wohl zu dem toten Vater hinein, aber nicht um einen
Handelskontrakt neben den zwei Lichtern, die sein stilles, friedliches,
freundliches Greisengesicht beleuchteten, abzuschlieen. Irene stand an
Ewalds Schulter gelehnt, von seinem Arm umschlungen, und weinte leise
und flsterte:

Kannst du mich denn noch lieb haben?

Er war unverbesserlich, der brave Freund Ewald Sixtus! er htte wirklich
schon von Geburt aus als Irlnder in diese nchtern-tragische Welt
hineingesetzt werden sollen.

Dem Weinen war er gleichfalls nher als dem Lachen, und seine Stimme
zitterte gleichfalls, als er an dem Sterbelager seines Vaters seine
Liebe fester an sein Herz zog; aber doch mute es heraus und kam ganz in
der alten Dummen-Jungen-Weise:

Ich kriege dich ja nur in den Handel, altes Mdchen! Aber -- bei den
ewigen Gttern, die mir wahrhaftig den Weg bis zu dir schwer genug
gemacht haben -- den Vetter Just halte ich bei seinem Worte! Wir beide,
mein Herz, mein liebes, liebes Herz, wir sehen uns nicht mehr um nach
Schlo Werden; aber der Vetter da, -- der Vetter Just Everstein, der war
von Gottes Gnaden allewege der Gescheiteste von uns und hat mit unserer
Schwester da allein die Gabe, _alles ruhig abzumachen_. Du und ich, mein
Herz, wir haben nur einmal den Versuch gemacht. Die beiden mssen fr
uns mit wissen, was mit Schlo Werden anzufangen ist!

Von Schlo Werden wurde nun nicht mehr gesprochen bis zum anderen
Morgen, und dann zwischen dem Vetter Just und mir. Wir verbrachten alle
diese Nacht unter dem nmlichen Dache; doch wohl keiner von uns in einem
sehr festen Schlaf. Auch ich nicht, der ich in jedem Augenblick vorgeben
konnte da wichtigste, unaufschiebbare Geschfte mich augenblicklich
nach Berlin zurckriefen und meine Gegenwart bei dem Begrbnis -- bei
dem Schmerz und dem Trost der alten Heimat unmglich machten.

Zwei Stunden nach Sonnenaufgang schon trieb es mich heraus.
Wahrscheinlich weil irgend etwas -- was, kann ich nicht sagen -- meinte:
So mag er doch wenigstens den Historiographen festhalten! -- Im
Unterstock des Hauses traf ich nur die bleiche, traurige Eva an der Tr
der Wohnstube. Sie hatte jetzt ein weies Laken ber den toten Vater
gelegt, und ich erhob das Tuch nicht mehr. Ich wollte mir die Erinnerung
an das schne, ruhige Greisengesicht von gestern abend unversehrt
erhalten, und ich wute es, wie der alte Maulwurf, das Leben, in dem an
der Arbeit bleibt, was der Mensch einen Leichnam nennt.

Als ich mich nach den anderen erkundigte, erfuhr ich, da Ewald zum
Meister Drge, dem Dorftischler, gegangen sei, und da Irene ihn
begleitet habe.

Und Vetter Just?

Just wirst du wohl im Garten finden. Ich habe den Kaffeetisch dort
hergerichtet. O Gott, es ist ein so schner Morgen -- o Fritz, ich kann
es mir noch immer nicht denken!... Er war so vergngt und gut, als er
gestern in diese nmliche Morgensonne hinein wegging! Er holte sich noch
bei mir in der Kche Feuer fr seine liebe alte Pfeife, und ich sah ihm
nicht einmal nach und gab ihm das Geleit wie sonst bis ans Hoftor, und
nun mu ich ihn in alle Ewigkeit mit seinem weien Haar und seinem guten
freundlichen Gesicht bei mir am Herde stehen sehen!... Ein paar Stunden
spter, in denen ich nicht einmal an ihn dachte, brachten sie ihn
zurck! ...

Ich fand den Vetter Just nicht an dem Kaffeetische im Garten, und ich
hielt es auch nicht lange allein daran aus, in dem schnen Licht und
Schatten, unter den Sommerblumen ringsum, dem Bienensummen, Kfer- und
Schmetterlingsflug.

Der Herr Vetter Just spaziert auf der Chaussee, sagte ein Dorfkind,
das in die kleine Pforte in der grnen Hecke guckte; und auch ich trat
aus diesem Gartentrchen auf die Landstrae.

Er ist nach dem Schlosse zu, meinte die kleine barfige,
flachshaarige Ostfalin, und ich kannte den Weg, der auch von hier aus
quer ber die Landstrae nach Schlo Werden fhrte, und so ging ich dem
Vetter Just Everstein nach, -- wohl tief in Gedanken wie er, und in
hnlichen, wenn auch nicht ganz in den gleichen.

In dem letzten Hause des Dorfes nach dieser Seite hin, wohnte der
Meister Drge, der Tischler. Die helle, staubige Landstrae fhrte an
seinem Eigentum und dem Wiesenfleck, auf dem er seinen Vorrat von
glatten Brettern und Balken aufgeschichtet hatte, vorber und lie es
zur Linken. Rechts aber fhrte ohne Steg durch den mit Gras, Sternblumen
und Kletten, Brennesseln und Thymian ausgefllten Chausseegraben der
Schlupfweg durch jetzt noch im Tau funkelndes, wirres Gestrpp und
Gebsch, untermischt mit einzelnen hheren Bumen, nach dem verwnschten
Schlo, dem alten, teuren Nest, in dem auch ich flgge geworden war.

In seiner Werkstatt war der Meister Tischler an der Arbeit; ich hrte
seinen Hammer laut und deutlich genug. Eines seiner Kinder war's
gewesen, das mir den Weg angedeutet hatte, auf dem ich den Vetter Just
finden konnte.

Aber ich zgerte, ehe ich ihm folgte. Auf dem sonnigen Wiesenflecke, auf
einer Lage jener glatten, weien Tannenbretter, von denen der Meister
Schreiner eines oder zwei zu seiner Arbeit die halbe Nacht hindurch
verwendet hatte und an denen jetzt sein Hammer zur Vollendung des Werkes
klang, saen Ewald und Irene, dem Dorfe Werden und mir den Rcken
zuwendend.

Sie saen Hand in Hand, doch nicht dicht beisammen. Tief niedergebeugt,
das Haupt in der Hand, sa der Freund; und ob sie auch miteinander
gesprochen hatten, jetzt redeten sie nicht miteinander. Sie saen still
und horchten auf den Hammer, der die Ngel scharf und hell und doch auch
wieder melodisch in das weiche Holz trieb. Kein Glockengelut konnte
feierlicher in einen Brautmorgen hineinklingen, und ich wagte es
wahrlich nicht, diese zwei Verlobten anzureden. -- -- --

Der Pfad durch das taufunkelnde Gebsch nahm mich auf und hinter mir
verhallte dieser ernste, bedeutungsvolle Hammerschlag. Durch hohes,
gelbes Kornfeld zog sich der enge Weg, die Lerchen hingen unsichtbar --
frhlich darber; und -- seltsam! gerade in diesem Augenblick drngten
sich die Bilder und Gewohnheiten meines so lange gewohnten Daseins --
die bekannte Umgebung meines ruhigen Einsiedlerlebens durch mein
Gedchtnis. Meine vier Wnde in Berlin, die Bcher an den Wnden und der
Blick durchs Fenster in die bunte lrmende Gasse. -- Du trumst,
Friedrich Langreuter? Was aber ist nun ein Traum?... Besinne dich! -- --

Wo bist du eigentlich, Fritz? fragte der Vetter Just. Du stiegest
ber den Hof weg wie ein Nachtwandler. Wie siehst du denn aus, Doktor?
Wie stolperst du her?... Freilich, Steine des Anstoes liegen hier genug
im Wege!

Da stand ich wieder in dem verwahrlosten Schlohofe von Werden, und der
Vetter nickte mir von der mehrfach beschriebenen Steintreppe und Rampe
zu.

Es ist mir brigens lieb, da du kommst, brummte er. Komm nur dreist
herauf, ich werde dich nicht mehr auslachen, wenn du behauptest, da es
hier umgehe. Jedenfalls gehe ich nun seit einer Viertelstunde um dies
alte Gemuer herum, und immer ist's mir, als schleiche etwas hinter mir
drein oder sehe gar aus dem Fenster auf mich herunter. Die Sache ist mir
nun doch auer allem Spa!... Der Vetter Just Everstein vom Steinhofe
Herr von Schlo Werden!... Den Irlnder kenne ich. Der Strick hlt mich
am Wort, wenn ich es selber nicht zurcknehme. Und er hat auch recht!
Was will er mit seinem Weibe hier?... In die Frsterei setzt die
Regierung einen neuen Mann in Grn; -- alles fr uns ausgeflogene
Nester!... Mein Weib nehme ich mit nach dem Steinhofe; das wre mir
wirklich eine Burgfrau hier, die Buerin vom Steinhofe, mit Jule Grote
als ^Stewardess^!... Sahst du auch die beiden -- ich meine Ewald und
Irene -- auf der Wiese des Meisters Drge? Das ist mir nun ganz klar und
deutlich, als flsse schon das Weltmeer zwischen ihnen und Schlo
Werden. Es wei keiner etwas anzufangen mit Schlo Werden und -- ich
auch nicht! Doktor, was meinst du, wenn _du_ es von mir in Pacht
nhmest?

Ich glaube fest, da ich damals den Vetter ziemlich starr und mit etwas
weitgeffnetem Munde angesehen habe; es war aber nur eine
Schulmeister-Reminiszenz aus Neu-Minden von ihm, wie sich gleich
auswies.

Lndereien nicht vorhanden, sagte er, aber gengend Gartenland zu
Spielpltzen und Turnanstalten und was sonst dazu gehrt.
Ausgezeichnetes Trinkwasser -- gesunde Lage, frische Luft. Wald ringsum.
Fritz, so 'ne Erziehungsanstalt fr unverbesserliche Jungen aus den
besten Familien!... Mit der Miete wrde ich dich nicht drngen, zum
Inventar wrde ich zuschieen; wir behielten dich hier in der Nhe, gut
zahlende junge Englnder schickte Ewald, deine Berliner brchtest du dir
selber mit. Gekommen ist mir diese Idee freilich eben erst, seit du hier
bei mir stehst: aber -- berlege dir mal die Sache!

Von diesem Vorschlage hatte ich mir wahrlich nichts trumen lassen, als
ich mich eben auf dem Wege nach der alten Jugendheimat aus den bewegten,
wunderlichen, traurigen und doch so von der Sonne berglnzten und vom
Grn umrauschten gegenwrtigen Tagen pltzlich und ohne da ich es
wute, wie es zuging, in mein einsames grostdtisches Gelehrtendasein
zurckverloren hatte. Es war seltsam, aber wegleugnen lie es sich
nicht; ein gewisses leises, unbestimmtes Heimwehgefhl hatte sich
bemerkbar gemacht: Wohin gehst du, Friedrich Langreuter, wenn sich nun
in der allernchsten Zeit dieser Kreis, der sich hier so schicksalsvoll
geschlossen hatte, wieder auflst? Sie sind nun am Ende doch alle
geborgen. Aber du, Fritz Langreuter, wenn du nun morgen mitgegangen bist
zu der letzten friedlichen Ruhesttte des guten, alten, treuen Freundes?
Wohin gehst du, wenn ihr morgen vom Kirchhofe zurckgekommen seid und
fr die brigen das Lebensrad mit erneutem Schwunge sich wieder aufwrts
drehen wird? Was bleibt dir in den Hnden als Gewinn von dieser
melancholisch-sen Reise nach Schlo und Dorf Werden -- der Fahrt in
die Jugend zurck?

Fast drollig klang nun in alle diese Fragen an das eigene Geschick der
treffliche Rat des Freundes, aus Schlo Werden ein Erziehungsinstitut zu
machen, hinein. Ich mute auch lachen, aber heiter kam das gerade nicht
heraus; und dabei stand der Vetter Just mit seinem heitersten Lcheln
auf dem ehrlichen, breiten Gesicht weitbeinig, die Hnde auf dem Rcken,
vor mir:

Na?! Was sagst du zu meinem Vorschlag?

Da dies ganz der richtige Just Everstein ist. Neu-Minden, wie es leibt
und lebt. Ja, wenn nur ein jeder am Wege gesessen htte wie dieser
Mensch hier, und Weisheit aus dem Wind und den Wolken wie aus dem alten
Broeder gezogen htte! Ich danke dir herzlich, Vetter Just; aber -- fr
mich wre das wirklich das letzte.

Dann ist mir Schlo Werden nur auf den Abbruch hin auf den Hals geladen
worden, seufzte Just Everstein vom Steinhofe und legte die Hand auf
eines der Bretter, mit denen die hohen Fenster des Unterstocks des
Gebudes teilweise vernagelt waren. Es wird wieder mal allerlei von
einer festen Brcke bei Bodenwerder geschwatzt und geschrieben. Da
knnte ich vielleicht einen Teil der Steine los werden. Schade, da
unser Landsmann, der Freiherr von Mnchhausen, sein Wort bei den
magebenden Behrden nicht mehr dazu geben kann! ber das Gartenland
wollte ich mich schon mit den Bauern von Werden verstndigen,
Gewissensbisse mache ich mir nicht darber, wenn du auch nicht gerade
jetzt mit Irene Everstein darber zu sprechen brauchst. -- Everstein?
Everstein? Was wrde der Herr Graf dazu sagen? und was mein seliger
Vater -- von meinem Grovater gar nicht zu reden?!

Es geht alles in der Welt mit rechten Dingen zu, Vetter Just,
erwiderte ich. Freilich die groe, trostvolle Wahrheit, da hinter
jedem Ding als solches eben die Welt als solche steht, wird einem
meistens nur bei einer solchen Gelegenheit wie diese klar. Das ist ein
Gedanke: aus Schlo Werden eine Brcke zu bauen! Ein trefflicher
Gedanke, der einen selbst in der Vorstellung schon mit Kindern und
Kindeskindern sicher und fest in die Zukunft hineinfhrt!

Ein kurioses Ende vom Liede, wrden die Werdenschen Bauern sagen,
brummte der Vetter kopfschttelnd.

Aber die Quadern wrden sie dir doch herzlich gern abfahren zu dem
Werk.

Das wrden sie! Und das Fell wrden sie mir dabei ber die Ohren
ziehen, wie es kein Everstein auf seinem alten Raubnest dort weiter ins
Land hinein seinerzeit besser verstand. Ja, auch _das_ Lied hat kein
Ende! Na ja, und wenn ein Stern zerspringt, so werden die Planetoiden
daraus; -- verwerten kann ich das Material schon. Der Herr Graf! der
Herr Graf! was wrde der Herr Graf dazu sagen, wenn er den Bauer vom
Steinhofe sagen hrte: Das hat ja aber Zeit, ich aber habe heute keine
mehr, mich um das alte leere Nest zu kmmern! --?-- ber Jahr und Tag
kannst du mir immer noch deinen guten Rat schriftlich geben, Fritz; oder
du bringst mir ihn mndlich, oder ich hole mir ihn und zeige meiner Eva
dabei zu gleicher Zeit die Stadt Berlin. -- Dann werden Ewald und Irene
jenseits des Kanals sitzen, und wir knnen doch noch ein wenig
unbefangener ber Schlo Werden und sein letztes Schicksal zu Rate
sitzen. Jetzt habe ich schon allzu lange um das de Gemuer mein armes,
betrbtes Mdchen bei dem toten Vater allein gelassen. Komm nach Hause,
Doktor!

Wir gingen, und -- nun sind wir im letzten Akt, und da ich noch ganz und
gar zur alten Komdie gehre, so htte ich nunmehr das vollkommenste
Recht, meinen Oberrock aufzuknpfen, meinen Stern und -- mich als
Serenissimus zu zeigen. Als der Serenste, der Heiterste?... Wenn ich
sagen wollte, als derjenige, welchem doch von allen das bequemlichste
Los zuteil geworden sei, so wrde ich damit wohl das richtigere treffen.
Ich habe Zeit, wie ich es hier tue, den Geschichtsschreiber von Dorf und
Schlo Werden, den Biographen des Steinhofes zu spielen. Habe ich meine
Sache ertrglich gemacht, so ist's gut; ist das Ding unter aller Kritik
ausgefallen, so habe ich im Grunde ja doch nur fr den alten Vetter Just
Everstein vom Steinhofe geschrieben, und der wird gottlob nur lchelnd
sagen:

Ja, unser Berliner Doktor! Lesen mut du's, Evchen; mir ist mehr als
einmal die Pfeife drber ausgegangen, und auf dein Gesicht dazu bin ich
auch nicht wenig gespannt. Mittelalterliche Geschichtsquellen hat der
alte Junge auch in unserem Falle gut studiert -- na, la ihn; whrend
der Universittsferien rckt er wieder ein auf dem Hofe, und dann hoffe
ich mndlich von ihm zu erfahren, ob er mir in seiner Chronik mehr
Schmeicheleien oder mehr Grobheiten gesagt haben will. Nach England mu
jedenfalls eine Kopie hinber; denn das sehe ich doch gar nicht ein,
weshalb Ewald und Irene nicht gerade so gut wie wir ber diesen
wunderbaren Historien den Kopf zwischen beide Hnde nehmen sollen! Es
ist wirklich die Mglichkeit, was ein Mensch in der Einbildung des
anderen an Glck und Geschick und dem Gegenteil davon befahren kann! Ja,
ja, mein Herz, von Rechts wegen mten wir nun, ich und du und Freund
Ewald und Frau Irene, uns hinsetzen und zu Papiere bringen, wie wir dies
alles angesehen haben, als wir es erlebten. Sollen wir, Herz?

Mir bleib damit vom Leibe, wird dann Frau Eva Everstein sagen. Irene
wird auch keine Zeit dazu haben. Die ist froh, wenn sie meines Bruders
Korrespondenz besorgt hat. Also fllt es einzig und allein auf dich,
Just, wenn wirklich in dem dicken Bndel Schriften (und was fr eine
Hand schreibt das Menschenkind dazu!) was drin steht, was von einem von
uns beantwortet werden mu.

Ja, wenn man nur nicht zu behaglich in dem alten Neste se, und wenn
einem nur der Tag Ruhe liee! wird der Vetter Just die Unterredung mit
seinem Weibe ber das Manuskriptum des Doktors in Berlin frs erste zu
einem behaglichen Ende bringen. -- -- --

Nun wird es natrlich wieder Leute geben, die nie zufrieden sind, wo es
sich um den Schlu einer Geschichte, die man ihnen erzhlt, handelt; die
alles immer noch genauer und ausfhrlicher zu wissen wnschen, als der
Erzhler es vortragen kann oder -- will. Wo es sich um eine Hochzeit
handelt, wollen sie die Zahl der Musikanten kennen, wo eine Taufe das
Ende ist, soll ihnen nicht ein einziger Gevatter unterschlagen werden,
und im vorliegenden Falle (o, ich kenne sie!) mchten sie mit zur
Leiche gehen, das heit den guten alten Vater Sixtus mit begraben, und
dann ganz genau in Erfahrung bringen, ob Schlo Werden wirklich ebenso
vom Erdboden verschwunden sei wie die Nester, die wir aus dem Schlosse
einst in die Luft und das grne Gezweig hingen, oder was eigentlich zu
_allerletzt_ der Vetter Just Everstein damit angefangen habe. Ich fr
mein Teil htte nun wohl noch mancherlei von Ewald und Irene zu
berichten; aber sonderbarerweise wrde ich dafr die wenigsten
aufmerksamen Ohren finden, denn Das kann sich ja ein jeder leicht
denken.

Und so sage ich nur, da Irene mir die Instandhaltung eines Kindergrabes
auf einem Berliner Kirchhofe anvertraut hat, und da es mir, unberufen,
sonst nach Wunsch geht. Was das brige anbelangt, z. B. auch Jule Grote
und Mademoiselle Martin (Schlo Werden nie zu vergessen!), so wei nur
der Vetter Just Everstein das Allergenaueste. Wer also noch eine Frage
auf dem Herzen hat, der wende sich an ihn. Von Bodenwerder, wo der
Freiherr von Mnchhausen geboren wurde, fhrt der Feldweg nach dem
Steinhofe an jenem Steine vorbei, auf welchem er -- der Vetter Just --
den Kopf in den Hnden und die Arme auf die Kniee sttzend und so in das
Blaue hineinstarrend -- einst sa und wartete auf _menschliche
Schicksale_.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua
gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Einfache Anfhrungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 26]:
   ... unsterblichen Gttern sei Dank, da dem so war! das wir
       einmal ...
   ... unsterblichen Gttern sei Dank, da dem so war! da wir
       einmal ...

   [S. 34]:
   ... Sixtus und Irene Everstein! ...
   ... Sixtus und Irene Everstein! ...

   [S. 40]:
   ... Warnungsruf von dorther nicht mehr zu erreichten vermchte. ...
   ... Warnungsruf von dorther nicht mehr zu erreichen vermchte. ...

   [S. 74]:
   ... schlimmen Shylok mit Messer und Wagschale seine Existenz ...
   ... schlimmen Shylock mit Messer und Wagschale seine Existenz ...

   [S. 109]:
   ... an den Magister Matheseos, Fritze Langreuter? und an meine ...
   ... an den Magister matheseos, Fritze Langreuter? und an meine ...

   [S. 115]:
   ... davon, das es sehr s ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu ...
   ... davon, da es sehr s ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu ...

   [S. 117]:
   ... wieder; wenn du Lust hat, male dir alles brige dazu oder ...
   ... wieder; wenn du Lust hast, male dir alles brige dazu oder ...

   [S. 130]:
   ... Da mut du dich lieber an Mamsel Martin wenden; die war, ...
   ... Da mut du dich lieber an Mamsell Martin wenden; die war, ...

   [S. 141]:
   ... fing das Kind leise an zu wimnern, und der Vetter, die Mutter ...
   ... fing das Kind leise an zu wimmern, und der Vetter, die Mutter ...

   [S. 162]:
   ... Was hatten Schlo Werden und der Steinhof und die Grten ...
   ... Was hatten Schlo Werden und der Steinhof und die Grten, ...

   [S. 167]:
   ... worden sein? ...
   ... worden sein? ...

   [S. 169]:
   ... Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder ...
   ... Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder, ...

   [S. 172]:
   ... Sieh, sieh. ...
   ... Sieh, sieh. ...

   [S. 177]:
   ... nimmer hatte ich ein vertrakt unleserlich
       Pergament-Manuskript ...
   ... nimmer hatte ich ein vertrackt unleserlich
       Pergament-Manuskript ...

   [S. 179]:
   ... ich lade sie hiermit freundschaftlichst zum Frhstck.
       Nachher ...
   ... ich lade Sie hiermit freundschaftlichst zum Frhstck.
       Nachher ...

   [S. 186]:
   ... und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber gehe. ...
   ... und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber gehe. ...

   [S. 199]:
   ... widerspiegeln, und er wendete sich, zuckte die Achseln und
       sagte. ...
   ... widerspiegeln, und er wendete sich, zuckte die Achseln und
       sagte: ...

   [S. 232]:
   ... Es ist ein gar nicht angenehmes Gefhl, und einen rechten ...
   ... Es ist ein gar nicht angenehmes Gefhl, und einen rechten ...

   [S. 267]:
   ... Baden-Baden, Homburg oder Aix-la-chapelle! Wir wohnen ...
   ... Baden-Baden, Homburg oder Aix-la-Chapelle! Wir wohnen ...

   [S. 267]:
   ... um uns her ist nur, wie Mr. Viktor Hugo sagt in den
       Orientales: ...
   ... um uns her ist nur, wie Mr. Victor Hugo sagt in den
       Orientales: ...

   [S. 275]:
   ... Ein halbe Stunde spter befanden wir uns bereits auf dem ...
   ... Eine halbe Stunde spter befanden wir uns bereits auf dem ...

   [S. 287]:
   ... Pastor der Ortes kam noch einmal und sa eine geraume Weile. ...
   ... Pastor des Ortes kam noch einmal und sa eine geraume Weile. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Alte Nester, by Wilhelm Raabe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALTE NESTER ***

***** This file should be named 47268-8.txt or 47268-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/7/2/6/47268/

Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
