The Project Gutenberg EBook of Sechs Jahre in Surinam, by August Kappler

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Title: Sechs Jahre in Surinam
       Bilder aus dem militrischen Leben dieser Colonie und
       Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und
       naturwissenschaftlichen Verhltnisse

Author: August Kappler

Release Date: October 6, 2014 [EBook #47063]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  SECHS JAHRE IN SURINAM

  ODER

  BILDER AUS DEM MILITRISCHEN LEBEN
  DIESER COLONIE,

  UND

  SKIZZEN ZUR KENNTNISS SEINER SOCIALEN UND
  NATURWISSENSCHAFTLICHEN VERHLTNISSE

  VON

  A. KAPPLER,
  frher in hollndischen Militrdiensten.

  STUTTGART.
  E. SCHWEIZERBART'SCHE VERLAGSHANDLUNG UND DRUCKEREI.
  1854.




  MEINEM VEREHRTEN COMMANDANTEN,
  DEM PENSIONIRTEN MAJOR
  HERRN C. B. KRAYENHOFF VAN WICKERA
  IN PARAMARIBO,
  GEWIDMET.




VORWORT.


Das Interesse, welches in neuester Zeit das hollndische und franzsische
_Guyana_ bei Manchem erregt, die verschiedenen Meinungen, welche
ber Sklaverei herrschen und das schlechte Prdicat hinsichtlich des
Gesundheits-Zustandes beider Colonien ermuthigten mich, die Erfahrungen und
Erlebnisse whrend eines sechsjhrigen Aufenthaltes in Surinam auf diesem
Wege mitzutheilen.

Diese gehren zwar nicht der jngsten Zeit an; denn obwohl ich Surinam seit
siebenzehn Jahren bewohne, so habe ich doch den militrischen Stand schon
seit eilf Jahren verlassen, und meine jetzigen Verhltnisse, obwohl manches
Unterhaltende darbietend, knnen keine weiteren Bemerkungen ber die Natur
und lokalen Beziehungen, welche dieselben geblieben sind, gestatten.

Es gibt manche Reisebeschreibungen ber Surinam, aber keiner der
Schriftsteller, _Stedman_ etwa ausgenommen, hat sich in Lagen befunden,
wie ich, hat die Hitze der Tropen und ihre Regengsse wie ich gefhlt,
von Mosquittos geplagt, lange Nchte durchgewacht oder am bescheidenen
Soldatentische mitgegessen, daher bei dem reizenden Bilde, das die Natur
zwischen den Wendekreisen liefert, die Schattenseite bersehen, oder
wenigstens nicht aus Erfahrung beschrieben. Trotz den Berichten der
Reisenden, die der Wahrheit gemss sich ber diese Colonien gnstig
usserten, blieben Surinam und Cayenne verrufene Lnder. Man glaubte,
dass die heisse Luft in den Smpfen Guyana's nur Mosquittos und Reptilien
ausbrte, und Epidemien und Fieber ununterbrochen aufeinander folgen, und
der Ruf der Sklaverei, unter der die armen Schwarzen seufzten, wirkte noch
unheimlicher auf die Phantasie, die so hufig das Wahre und Wahrscheinliche
verwirft, um sich am Mhrchenhaften und Unglaublichen anzuklammern.
Dazu kamen noch manchmal die bertriebenen Berichte von katholischen und
protestantischen Missionren, die im Interesse ihrer Congregationen die
Zustnde schilderten, oder ihre Leistungen ausschmckten, um fromme Seelen
zum Abscheu und zu Beitrgen zu bewegen; kurz man schauderte vor beiden
Colonien, nur Erbschafts-Candidaten schlossen sie in ihr Gebet ein.

Ich habe beim Niederschreiben dieser Bltter mich blos meiner und nicht
anderer Erfahrungen bedient, sie sind aber genau und wahr und ich
glaube den Zweck, durch diese Skizzen zur Kenntniss der socialen und
naturwissenschaftlichen Verhltnisse Surinam's beizutragen, damit zu
erreichen.

  _Stuttgart_, im Juni 1853.

  A. Kappler.




Erster Abschnitt.

  Ursachen der Abreise. Anwerbung in Amsterdam. Ankunft und Aufenthalt
  in Harderwyk. Einschiffung in Hellevoetsluis. Lebensweise an Bord.
  Strafexecution. Abreise. Beschftigungen whrend der Ueberfahrt.
  Seepolypen. Anblick des Landes. Einfahrt in den Surinam. Ausschiffung
  und Aufenthalt auf Forteress Amsterdam. Der Mangobaum.


Ohne eine vorherrschende Neigung fr das eine oder andere Fach, das meine
bewegliche Individualitt besonders angezogen htte, whlte ich in meinem
vierzehnten Jahre das des Handelstandes, wiewohl ich ohne alles Vermgen
blos die Aussicht hatte, in ewig subalterner Rolle mein Leben lang hinterm
Ladentische fungiren zu mssen, wenn nicht das zweifelhafte Glck mir zur
Selbststndigkeit verhlfe.

Durch den Tod meines Lehrherrn musste ich St. verlassen, und, da meine
Lehrzeit noch nicht beendigt war, im Laden eines Specereihndlers in einem
kleinen Landstdtchen vollends ausstudiren.

Es war auch in der That ein Studium, mir die neuen Verhltnisse eigen zu
machen: kaum graute der Morgen, als man zum Verkaufe von Tabak, Zucker und
Kaffee das Bett verlassen musste, und regelmssig beschien die aufgehende
Sonne Haufen frisch gepappter Tten verschiedenen Kalibers. Zimmt stossen
und Pfeffer mahlen waren kleine Intermezzo's im Ciklus der tglichen
Geschfte, und mit dem Behngen der Fenster mit baumwollenen Tchern,
prchtigen Pfeifen und Rauchtabak-Etiquetten fr den kommenden Sonntag
schloss die Woche.

Die wenigen Stunden, welche ich des Sonntags fr mich verwenden durfte,
verlief ich einsam in den nahen Wldern, oder erkletterte die uralten
Thrme der Stadtmauer, um die huslichen Einrichtungen der dort
privatisirenden Eulen zu inspiciren.

Mein Principal, der die Lungenschwindsucht hatte, und desshalb nicht
immer bei rosenfarbener Laune war, wnschte mich, wenn ich nicht immer den
Ehrgeiz, den ein mittelloser Lehrjunge vor seinem Lehrherrn zeigen muss,
zur Schau trug, oder den Tabak mit einer gewissen Nonchalance abwog, in's
Pfefferland, welch' frommem Wunsche ich denn endlich auch noch nachkam.

Als meine Lehrzeit vorber war, bekam ich als Commis eine Stelle in der
bedeutenden Handelsstadt H. Hier erst zeigte sich mir der Handel von seiner
ehrwrdigen und grossartigen Seite. Bedeutende Kaufleute hatten hier selbst
mehrere Commis, und fr Lehrjungen war H. die wahre Akademie des Handels.
Aber der Widerwillen an meinem Berufe hatte schon zu tief bei mir Wurzel
gefasst, als dass ich in dem erweiterten Handelskreise an merkantilischen
Kenntnissen noch htte profitiren knnen. Ohne ein festes Wollen und Ziel
war mir die freie Natur das Liebste, nichts widerlicher als die dumpfige
Ladenluft und der gellende Ton der Thrglocke.

Ich beschloss endlich, mein Glck in der weiten Welt zu suchen und in
Griechenland, wohin sich in dieser Zeit jeder desperate Kopf anwerben
liess, mich unter das Militr aufnehmen zu lassen. Mit diesem Vorsatze und
sehr wenig Geld verliess ich am 1. Mrz 1835 H. und sagte im Stillen
meinen Oefen und Kacheln, sowie allen Ladenzglingen der guten Stadt ein
herzliches Lebewohl.

Es ist hier nicht der Platz, die Abenteuer dieser Reise zu erzhlen. Ohne
Pass konnte ich nicht Mitglied der griechischen Legionen werden, und musste
desswegen mit hngendem Kopfe wieder in die Heimath zurckkehren.

Ich richtete nun meinen Blick auf _Ostindien_, dessen Gewrze ich mit so
grossem Widerwillen zerstossen und zermahlen hatte, und beschloss, das
Pfefferland zu suchen, wohin mich mein griesgrmiger Lehrherr gewnscht
hatte.

Nichts stellte sich jetzt mehr meiner Abreise entgegen. Die Meinigen hatten
einsehen lernen, dass von mir nicht viel mehr zu erwarten sey, besorgten
mir einen Pass und bescheidenes Reisegeld, um in Holland mich anwerben
lassen zu knnen, und so verliess ich abermals am 14. Juli 1835 meine
Vaterstadt, um nach dem Norden zu pilgern, da man mich im Osten nicht haben
wollte.

Durch die Schnelligkeit meiner Fsse und des Dampfbootes war ich bereits
am zweiten Tage in der Grenzstadt Nymwegen. Wie fremd und neu war mir alles
hier; wie bewunderte ich die Reinlichkeit und Eleganz selbst der kleinsten
Drfer Hollands! Welcher Unterschied zwischen den Landstdtchen und
Drfern Sddeutschlands, wo ein Misthaufen an den andern stsst, und man
im Schmutze der Strassen beinahe versinkt! -- Hier sieht man bei jedem
Schritte den Wohlstand des Landes; dasselbe ist zwar eben und arm
an malerischen Partien; aber der wohlangebaute Boden, die kolossalen
Wasserwerke und gemeinntzigen Bauten, die herrlich angelegten Wege und
Kanle ersetzen dem Besuchenden reichlich den Mangel an pittoresken Scenen.

Htte meine Brse, die mich in Holland nicht mehr sehr drckte,
es zugelassen, ich htte wahrscheinlich nicht so geeilt, unter den
Commandostab der Corporale zu kommen. So aber war ich genthigt, mich in
Amsterdam anwerben zu lassen, und nach wenigen Umstnden trat ich ohne
Handgeld unter die hollndischen Kolonialtruppen.

Das Depot dieses Corps lag in der kleinen Stadt Harderwyk, an den Ufern
der Zuydersee, wohin ich mit dem Botenschiffe am 27. Juli abfuhr. Mit den
wenigen Cents, welche mir brig geblieben waren, ging ich so glcklich und
zufrieden an Bord, als htte ich eine reiche Erbschaft zu holen.
Einige Juden und Fischer lagen im Raume umher und sprachen fleissig dem
mitgebrachten Genever zu, oder schnarchten, bis wir um 2Uhr des Nachts am
Brckenkopfe der Stadt landeten.

Ich konnte kaum den Tag erwarten, an dem ich meine militrische Laufbahn
antreten sollte, und befand mich schon frhe an den Ufern der Zuydersee, wo
ich einige Haufen Menschen erblickte, die man in ihren groben, grauen Hosen
und Wmsern fr Zuchthauseleven zu halten nicht abgeneigt war. Es waren
aber Soldaten, die ohne Waffen erst das Gehen und Stehen nach dem Takte
zu erlernen hatten, und ich erfuhr, dass meiner eine eben so zierliche
Kleidung harre. Die weitere Beschreibung der Lebensart dieser Colonialen
war ebenso wenig einladend als ihre Kleidung, und mein Enthusiasmus fr die
Sache war dadurch beinahe am Sinken. Aber -- =tu l'as voulu=, dachte ich,
und liess mich beim Commandanten melden.

Der Colonel, Commandant des Depots, war ein freundlicher Mann, und ganz
geschickt, den Eindruck, den die schlechte Uniform seines Corps auf die
Neuankommenden machte, zu verscheuchen. Er war ein Schweizer und sprach
deutsch mit mir. Nachdem er meine Papiere durchgelesen hatte, wurde ich
nach der Kaserne gebracht, wo ein Haufen Neugieriger mich umringte, und aus
meiner Kleidung Folgerungen machte, wer und woher ich wre.

Der grssere Theil meiner neuen Kameraden waren Deutsche, und zwar aus
allen Theilen des gemeinschaftlichen Vaterlandes: Hannoveraner, Hessen,
Sachsen, von der polnischen Grenze, Preussen und Oesterreicher; man hrte
alle Dialecte, und obgleich, wie ich mich eben ausdrckte, alle diese
Herren der Kleidung nach genau den Strflingen gleich sahen, so war
man doch in ganz nobler Gesellschaft; denn man fand Grafen und Barone,
weggelaufene Doctoren, bankerotte Kaufleute, entlassene Officiere und
Schauspieler, welche kein anderes Engagement hatten finden knnen, ja
selbst einen katholischen Geistlichen, Alle entschlossen, der Fortuna, die
ihnen in Europa nicht lcheln wollte, in Ost- oder Westindien freundliche
Blicke abzulocken.

Ein Landsmann, der frher Officier war und aus einer sehr angesehenen
Familie Wrttembergs stammte, aber durch Ausschweifungen und Liebe zum
Trunk genthigt wurde, dort seine Entlassung zu nehmen, besorgte mir einen
Kessel mit Suppe, der ich mit grossem Appetite zusprach. Er war vor Kurzem
erst angekommen, und konnte sich in die neue Lebensweise nicht recht fgen.
Ausser dem Genever fand er Alles abscheulich.

Am folgenden Tage wurde ich gekleidet, wobei sich ein Jude einfand, der
meine abgelegten Kleider kaufen wollte, sie aber so nieder anschlug, dass
ich ihm keine Antwort gab. Da jedoch der Fourier, der sicher jedesmal
etwas profitirte, Schwierigkeit machte, das abgelegte Zeug in die Kaserne
zurckzunehmen, so liess ich dem Schurken Alles fr ein Spottgeld. Jetzt
ging es an's Exerciren, wobei ich mir schrecklich viele Mhe gab, die
sanften Erklrungen der Corporale zu begreifen, da ich der hollndischen
Sprache nicht mchtig war.

Unsere Lebensweise war nun folgende: des Morgens 5Uhr schlug's Reveille,
wobei durch die Corporale das Brod ausgetheilt wurde; um 6Uhr begann das
Exerciren, das bis 9Uhr dauerte, um 10Uhr war Apell, hernach ass man eine
wohlschmeckende, krftige Suppe, worauf von 1-4Uhr wieder exercirt wurde.
Um 4Uhr war abermals Apell, wobei jedesmal ein geputztes Waffen- oder
Kleidungsstck zur Inspection gebracht werden musste. Hierauf kam ein
Gericht von Erdpfeln, Radatoe genannt, zum Mittagsmahl. Nachdem man kaum
den Lffel abgewischt hatte, rief die Trommel abermals zum Exerciren, das
mit der Nacht endigte. Weiber mit Kaffee, Butter, Kse, Schweinsklauen
und andern Bckereien hatten indess ihren Einzug in den Hof der Kaserne
gehalten; sie schenkten Kaffee, fr 1 Cent die Tasse. Branntwein oder
Liqueurs durften nicht in die Kaserne gebracht werden, desshalb waren
auch unsere Soires, in deren Mitte die Kaffeefrau mit ihren Delicatessen
prsidirte, sehr friedsam und unterhaltend. Man sang, erzhlte und lebte um
ein paar Cents ganz kstlich, bis der Zapfenstreich dem Wohlleben ein Ende
machte.

Diese neue Lebensweise war mir natrlich ungewohnt; doch fand ich mich
schneller darein, als ich selber geglaubt hatte. Ich that mein Mglichstes,
um exerciren zu lernen und meine Waffen und Kleider in Ordnung zu halten.
An freien Tagen ging ich mit Kameraden in die Stadt, die wir aber nicht
verlassen durften. Ueberall standen Schildwachen, um die Vgel im Kfige
zu halten und der Desertion vorzubeugen. Dessen ungeachtet entschlpften
Manche, meistens Deutsche, welchen ihr jetziger Stand um so unertrglicher
war, je weniger sie ihre frheren Verhltnisse vergessen konnten.

Die Stadt _Harderwyk_, frher der Sitz einer Universitt, ist ein kleiner,
unbedeutender Platz an der Zuydersee; sie mag etwa 5-6000 Einwohner
zhlen. Die Hauptbeschftigung derselben ist der Fischfang, und eine nicht
unbedeutende Quelle ist das Dpot der 1. Division Nr. 33 der Landmacht,
nmlich der Sammelplatz der fr die Colonien Hollands bestimmten Truppen.
Der jhrliche Bedarf fr die Colonien ist unbestimmt; er beluft sich
zuweilen fr Ostindien auf circa 1500, fr Surinam und Curacao auf 150-200
Mann, und wenige fr das Fort St.Georg d'Elmina in Afrika. Alle
diese Glcksadspiranten verzehren ihren Sold und das Geld, welches sie
mitbringen, oder von Hause erhalten, in den Geneverkrgen des Stdtchens,
deren es gar viele gibt, oder lassen dasselbe in den Hnden von
Freudenmdchen, die ebenfalls in Menge sich hier aufhalten.

Unsere Kaserne hiess Oranje Gelderland; sie vereinigte in sich alle, welche
fr die Colonien bestimmt waren, und welche aus denselben als unbrauchbar,
oder mit Abschied zurckkamen. Der erstere Theil bestand theils aus
belgischen Deserteuren oder aus entlassenen Dieben vom Zuchthause in
Leyden, auch aus sogen. Strafdivisionren (Menschen, die bei keinem
Regimente zu gebrauchen sind, desswegen nach den Strafdivisionen, bei
welchen es Prgel regnet, bergesendet werden, und nur durch das einzige
Mittel, fr die Colonien sich freiwillig zu engagiren, davon loskommen),
und endlich aus Deutschen aller Art, von welchen die meisten durch das eine
oder andere Unglck zu diesem Schritte genthigt waren. Sie haben zwar im
Allgemeinen vor den oben erwhnten Belgiern und Hollndern den Vortheil
einer grsseren Bildung voraus; aber diese gewhrt nicht immer den
einer grsseren Moralitt. Viele wissen sich durch Geschmeidigkeit und
Unterwrfigkeit beliebt zu machen, und machen ihr Glck. Klagen ber
schlechte Behandlung sind selten gerecht. Man findet in der ganzen Armee
sehr viele Deutsche, die sehr ansehnliche Chargen bekleiden, und man muss
sich im Gegentheil wundern, dass man Fremdlinge nicht zurcksetzt, da man
mit einheimischen Cadetten und Adspiranten selbst berladen ist.

So wenig Anziehendes der Charakter der nach den Colonien abgehenden Truppen
im Allgemeinen auch hat, so ist er doch in moralischer Hinsicht unendlich
besser als derjenigen, welche aus den Colonien zurckkommen. An Krper
hufig Krppel, und durch den Genuss des Branntweins an Geist so
geschwcht, dass man gar keine gute Eigenschaft mehr hoffen kann, warten
diese Leute auf ihren Abschied, ihre Pension oder Gnadengelder, womit sie
in wohlfeilen Pltzen Hollands sich bei Bauern in Kost und Wohnung begeben,
aber selten ein hohes Alter erreichen, da Klima und Lebensweise ihrem
gebrechlichen Krper nicht zusagen. Es kamen whrend meiner Anwesenheit
in Harderwyk einige Transporte aus Ostindien. Die Meisten hatten ihre
Habseligkeiten in den ersten Hfen bereits verkauft, und zitterten bei
jedem rauhen Winde wie Espenlaub. Doch meine erste Rckreise aus Surinam,
die ich spter ausfhrlicher beschreiben werde, wird ein wahres Bild aller
aus Ost- oder Westindien zurckkehrenden Truppen abgeben.

Es waren seit meiner Ankunft schon mehrere Transporte abgereist, und jedem
hatte ich sehnschtig nachgeblickt; aber die Reihe sollte so schnell noch
nicht an mich kommen, da man sich beeilte, die Belgier und Strflinge
zuerst auf's Wasser zu bringen.

Es nahete der Winter mit raschen Schritten, und beim Erdpfelschlen, dem
sich keiner entziehen durfte, gab es kalte Finger. Ich befrchtete
jetzt sehr, die kalte Jahreszeit in Holland zubringen zu mssen. Diesem
vorzubeugen, bat ich den Kapitn meiner Compagnie, einen freundlichen,
wohlwollenden Mann, mich bei dem nach Surinam abgehenden Transporte
einzuschreiben. Zwei Tage spter, am 3. November lieferte ich meine Waffen
ein und machte mich reisefertig.

Den 4. November 1835 verliessen wir Harderwyk. Es war ein heller, kalter
Tag, und unser Detachement, das aus 60 Mann bestand, war im Kasernenhofe
angetreten. Wir waren mit unsern Ranzen bepackt, und in den offenen
Feldkessel erhielten wir beim Abmarschiren das gewhnliche Viaticum, ein
Pfund Brod und gebratenes Fleisch.

Der Chef bergab uns einem in Urlaub gewesenen und nach Surinam
zurckkehrenden Officier der Artillerie. Voraus die Musik des Depots,
begleitet von allen Gassenjungen und dem Pbel Harderwyks, zogen wir
wohlgemuth zum Seethor hinaus, wo eine Barke lag, die uns nach Amsterdam
bringen sollte.

Dass Viele unseres Detachements betrunken waren, lsst sich denken; auch
brachten Manche, obwohl zuvor scharf visitirt ward, noch Branntwein an
Bord, so dass es die ganze Nacht durch Hndel und Schlgereien gab, und an
Schlaf nicht zu denken war. Der Lieutenant, der bei diesem wilden Haufen
doch nichts machen konnte, zog sich in die Kajte zurck. In dem kleinen
Raume, in welchem wir eingepfercht waren, herrschte eine Hitze und bler
Geruch zum Ersticken, so dass ich die kalte Luft des Verdecks vorzog.
Bereits gegen 5Uhr Abends sahen wir die vielen Thrme Amsterdams, blieben
aber die Nacht ber vor dieser Stadt liegen.

Den 5. gegen Mittag fuhren wir in einem gerumigen Schiffe, das durch
Pferde gezogen wurde, ber Haarlem, Rotterdam, Gouda, wo wir den 8.
ankamen, und das zu unserer Ueberfahrt bestimmte Transportschiff Prinz
Willem Frederik Hendrik lag. Den folgenden Tag wurden wir eingeschifft.
Die Reinlichkeit, die Sorgfalt, womit jeder Raum bentzt wird, ist
bewundernswrdig, und es schien mir unmglich, dass eine solche Menge
Menschen darin logiren knne, ohne wie Hringe aufeinandergehuft zu
seyn. Die Matrosen, deren etwa 50 an Bord waren, befanden sich von uns
abgesondert, wiewohl auf gleiche Weise eingetheilt. Man schied uns in 6
Backe, wovon je 3 auf jeder Seite des Schiffs waren. Jeder Back bestand aus
10 Mann, die zusammen eine Tafel, welche mit Tauen am Verdeck hing,
zwei Bnke, eine Lampe und eine grosse Kiste, worin die tgliche Ration
aufbewahrt wurde, zum Gebrauche hatten. Bei unserem Detachement befand sich
bloss ein Sergeant und ein Korporal, die unter die 60 Mann vertheilt
waren. Bei jedem Back wurde ein Backmeister gewhlt, der fr Ordnung und
Reinlichkeit zu sorgen hatte, und whrend der ganzen Reise dieses Amt
bekleidete. Ausser ihm hatte noch eine andere Person ein Amt, das die
brigen 9 Mann abwechslungsweise versahen, und zwar ein sehr lstiges,
nmlich das des Essenholens, Aufwaschens, Rationvertheilens u.s.w. Der
damit Geplagte hiess mit seinem Amtstitel: Shnchen. Die Kost bestand des
Morgens aus Grtze, die man mit Butter vermischte; voraus ging ein Schnaps
(Orlam), vom Bottelier des Schiffes ausgetheilt. Um 11Uhr genoss man
abermals einen Schnaps, und um 12Uhr Erbsen mit Speck oder gesalzenem
Fleische. Das Essen wurde durch das Shnchen in einem Back oder hlzernen
Kbel geholt. Der Speck wurde durch denselben in 10 Portionen geschnitten,
und durch einen, der die Augen davon abwenden musste, jedes Stck der Reihe
nach ausgetheilt, um Parteilichkeit zu vermeiden. Es ass nun Jeder aus dem
Backe, wobei es manchmal heftige Streitigkeiten gab, weil die einen gern
Essig, die andern keinen darin haben wollten, und Teller nicht vorhanden
waren, um die Erbsen zu theilen. Nach dem Essen musste das Shnchen den
Kbel und die Lffel reinigen, die Tafel und den Boden aufwaschen und alle
huslichen Geschfte verrichten. Bei strmischem Wetter passirte es spter
manchmal, dass das Shnchen mit den Erbsen die Treppe herabfiel, und die
unten Stehenden die heisse Brhe auf's Gesicht und die Kleider bekamen,
wobei es dann manches Donnerwetter absetzte.

Wir waren zu unsern Dienstverrichtungen auf dem Schiffe in zwei Theile
abgetheilt, nmlich in die Steuer- und Backbordseite. Es werden so die zwei
Seiten des Schiffes genannt, von welchen, wenn man vom Hintertheile des
Schiffes nach vornen sieht, die rechte Steuer- und die andere Backbord ist.
Die eine Hlfte unserer Mannschaft war auf dieser, die andere auf
jener Seite. Whrend der ganzen Reise musste die Mannschaft einer Seite
abwechslungsweise sich auf dem Verdecke befinden. Ob es nun regnete oder
strmte, kalt oder warm war, von den dreissig Mnnern, welche diese Wache
hatten, durfte keiner sich im Zwischendeck befinden. Die Ablsung fand
je nach vier Stunden statt, welchen Zeitraum man eine Wache nannte, deren
sechs ein Etmaal oder einen Tag ausmachen. Die Zeit, nach welcher man die
Wachen austheilt, wird durch  Stundenglas dadurch angezeigt, dass man
z.B. um 1Uhr einmal, um 1Uhr zweimal, um 2Uhr dreimal, um 4Uhr
achtmal an die Glocke schlgt, was man Glasen nennt. Erhlt man auf die
Frage, wie spt es ist, zur Antwort: 3 Glasen, so weiss man, dass es 2,
6 oder 10Uhr ist. Das Kommando an Bord geht durch Pfeifen; jeder
Unterofficier des Schiffes fhrt eine solche bei sich. Die Signale, welche
dadurch gegeben werden, beziehen sich meist auf die Arbeiten der Matrosen;
jedoch wurde auch zum Essen und zum Schnaps gepfiffen. Ausser dem gekochten
Essen, das immer aus Grtze und Erbsen bestand, bekam man wchentlich
zweimal Zwieback, Kse und Butter; auch wurde jeden Abend warmes Wasser,
Theewasser genannt, ausgetheilt. Dieses brauchte jeder nach Belieben;
ich brockte in das meinige Zwieback, Kse, Butter und Speck, den ich vom
Mittagessen brig hatte, und Zwiebel, die man von der Frau des Schiffers
kaufen konnte, und hatte somit die herrlichste Suppe, die man unter solchen
Umstnden bereiten konnte. Mit anbrechender Dunkelheit wurden die Lampen
angezndet, und die, welche die Wache hatten, spielten Lotto oder Domino,
oder vertrieben sich auf andere Weise die Zeit. Abends 8Uhr hing man die
Hngematten auf, die den Tag ber in der Verschanzung aufgehoben wurden,
und legte sich schlafen, whrend die wachthabende Hlfte ungeduldig auf
dem Deck herumtrippelte, bis auch die Reihe an sie kam, in die warmen
Hngematten zu liegen.

Es ist aber nichts Leichtes, in einem so engen Raume mit so vielen Menschen
zu schlafen, und deren Ausdnstung, wie die von Thee, Kse und andern
Ingredienzien, ertrglich zu finden, dabei abgerechnet das Gerusch von
etwa 60 Menschen berm Kopfe, das Geknarre der Hngematten, die immer gegen
einander anstossen, das Geseufze der Masten, das Klirren der Ankerketten
und das Schlagen der Wellen von aussen.

Wir blieben nach unserer Einschiffung noch 8 Tage auf der Rhede von
Hellevoetsluis und segelten den 17. November ab. Kaum waren wir zwei
Stunden vom Hafen entfernt, so lief das Schiff durch Unvorsichtigkeit des
Lootsen auf eine Bank; das Steuerruder hackte aus und nahm noch sonstigen
Schaden. Man that einige Schsse, auf welche sogleich mehrere Kanonierboote
herbeieilten, um uns beizustehen. Durch das Dampfboot Curacao wurden wir
Nachmittags nach dem Hafen zurckgeschleppt. Da unser Schiff ins trockene
Dock gebracht und ausgebessert werden musste, so wurden wir auf so lange in
eine leerstehende Kaserne einquartirt.

Hier blieben wir nun ohne alle Beschftigung vierzehn Tage und erhielten
unser Essen vom Schiffe, an dem anhaltend gearbeitet wurde; brigens war
uns alle Freiheit gestattet. Wir durchliefen jeden Tag Hellevoetsluis und
die Umgegend, wiewohl ohne Geld, da uns kein Cent Sold ausbezahlt wurde.

Viele verkauften ihre Kleider, um sich mit den Dirnen des Stdtchens
belustigen zu knnen, oder versoffen das Ihrige im Genever; Manche lagen,
weil es sehr kalt war, den ganzen Tag im Bette; auch verging kein Tag,
an dem nicht mrderische Prgeleien und dergl. vorgefallen wren. Der
Detachements-Commandant, der seine Wohnung auf dem Schiffe hatte, wusste
sich nicht zu helfen, Sergeant und Korporal wurden von dem zgellosen
Volke nicht beachtet. Indessen kam vom Ministerium der Colonien, das unsere
Geldlosigkeit rhrte, eine Vergtung von 2fl.50kr. per Mann, welche
denjenigen ausbezahlt wurde, die ihre Kleidungsstcke nicht verkauft
hatten. Die Andern aber waren bis zur Abreise unter Schloss und Riegel.
Jetzt ging es wieder lustig her; doch in kurzer Zeit herrschte wieder
Mangel, wie zuvor, und zu abermaligen Gratificationen war der hartherzige
Minister nicht geneigt.

Einer unserer Kameraden hatte ein chinesisches Schattenspiel gemacht, womit
er des Abends Vorstellungen gab, die von Soldaten, Matrosen und Dirnen des
Stdtchens fleissig besucht wurden, und wobei unter dem Publikum manche
Scene vorfiel, die wohl in dichten Schatten gehllt zu werden verdient.

Am 2. December kamen wir abermals an Bord. Zugleich wurden unter
militrischer Bedeckung diejenigen unseres Transportes auf's Schiff
gebracht, welche ihre Kleidungsstcke verkauft oder sonstige Fehler
begangen hatten. Im Kreise der Officiere und der Equipage des Schiffes
wurden uns nun die Kriegsartikel fr die Marine vorgelesen, in welchen
von Kielholen, Raafallen, Aufhngen u.s.w. die Rede war. Mit donnernder
Stimme hielt uns der erste Officier unsere schlechte Auffhrung vor; auch
liess er sogleich einige, die dagegen etwas einzuwenden hatten, an die
Kanonen festketten. Nachdem dieses geschehen war, wurden acht Matrosen
vorgefhrt, die whrend der Ausbesserung des Schiffes von Bord weggelaufen
waren und den Schiffer beim Marinegericht in Rotterdam verklagt hatten.
Dort fanden sie, wie es schien, kein Recht und wurden wieder an Bord
gesendet.

Die Officiere alle und der Schiffsdoctor waren in Uniform auf dem Halbdeck,
und von den Matrosen und Soldaten durfte keiner das Verdeck verlassen, wo
nun ein Exempel fr uns alle statuirt werden sollte. Wir Soldaten standen
voll banger Erwartung da; denn man sah an dem frhlichen Gesichte unseres
Detachements-Commandanten, der immer lachte, wenn ein armer Schelm
geprgelt wurde, dass tchtig eingebrockt werden sollte. Der
Schiffscommandant begann endlich den Delinquenten ihr Verbrechen
vorzuhalten, und -- das war der langen Rede kurzer Sinn -- dass er Gnade
vor Recht ergehen lassen, und sie desshalb nicht vor den Kriegsrath
stellen, sondern mit einer kleinen Ermahnung abstrafen wolle. Es war
bereits eine Lucke an der Wand aufgestellt, auf welche die Hauptperson des
Complotts auf den Bauch gelegt und festgebunden wurde.

Der Schiffer (erster Unterofficier), den sie verklagen wollten, und der
Schieman (ebenfalls ein Unterofficier), jeder mit einem fingerdicken
und ellenlangen Theertau in der Hand, warteten nur auf das Zeichen des
Commandanten, um der vorausgegangenen Ermahnung den gehrigen Nachdruck
zu geben. Sie schlugen nun auch auf den armen Kerl, der in den rhrendsten
Ausdrcken um Gnade bat, so los, dass er zuletzt, seiner Sinne beraubt, wie
todt dahing. Der Commandant liess den Doctor nachsehen, ob man noch etwas
beifgen knne, was der menschenfreundliche Mann, nachdem er den Mund und
die Augen des Schchers untersucht hatte, bejahte. Man schlug desshalb aufs
Neue auf ihn los. Nachdem er sein Maas erhalten hatte, und man die Taue,
womit er angebunden war, losmachte, fiel er gefhllos, wie ein Sack, zu
Boden. Hierauf kam die Reihe an den zweiten und die brigen; der erste
hatte brigens das Fett von der Suppe erhalten. Mir standen bei dieser
Prgelei die Haare zu Berg, und nie hat eine derartige Scene solchen
Eindruck wieder auf mich gemacht. Zwar war es mir in der ersten Zeit in
Surinam unmglich, das Peitschen und die Schlge der Neger gleichgiltig
anzusehen, und kaum konnte ich mich der Thrnen enthalten, wenn diese
nackten Schwarzen, manchmal wegen unbedeutender Vergehen, mit den zhen
Zweigen der Tamarinde so geschlagen wurden, dass ihr Blut den Boden frbte.
Es emprte mich, wenn ein solcher Neger nach der Abstrafung, blutig und mit
Schwielen bedeckt, noch von den Soldaten verhhnt wurde. Wenn sich nun
auch dieses Gefhl bei mir gerade nicht verlor, so ist es doch durch die
Gewohnheit abgestumpft, und ich habe leider die Ueberzeugung, dass,
wo Sklaverei ist, der Stock nicht fehlen darf; Mssigung aber und
Menschenliebe drfen weder dem Seeofficier noch dem Pflanzer fremd seyn,
und nur im ussersten Falle wre dieses Mittel zu gebrauchen! Wir gingen
den 10. Dec. des Abends abermals unter Segel, und sahen bereits am Morgen
die Kreideberge Englands vor uns liegen. Da der Wind ungnstig war, ankerte
man vor der Stadt Deal. Das Wetter war kalt aber schn; Dampfschiffe und
Fischerboote fuhren an uns vorber, und eine Menge Schiffe lagen ebenfalls
hier, um mit gnstigem Winde den Canal zu passiren. Nach vier Tagen nderte
sich der Wind, und wir kamen in den Canal. Die Seekrankheit plagte mich
wenig, was vielleicht die kalte Luft verursachte. Die vielen Schiffe und
Dampfboote, die uns begegneten, die herrlichen Ufer Englands mit ihren
hohen, weissen Kreidebergen, waren besonders fr uns Sddeutsche von
besonderem Interesse.

Nach drei Tagen waren wir im atlantischen Ocean. Unser Leben war sehr
einfrmig, und nur an der wrmeren Luft fhlten wir, dass wir nicht mehr
im kalten Norden waren. Das Eis unseres Wasserfasses verschwand und heftige
Regenschauer durchnssten uns zuweilen. Es war am Christabende, als mehrere
von uns sich vor einem Regenguss in die, zwischen den zwei Masten stehende,
und mit einem andern Boote bedeckte Schaluppe versteckten. Da ich der
Letzte war, der in dem bereits vollgepfropften Boote eine Zuflucht suchen
wollte, so mussten meine Fsse, fr die ich keinen Platz mehr fand,
ausserhalb desselben bleiben. Ich dachte eben an die Freuden dieses Abends
im Vaterlande, verglich im Stillen den Geschmack der Lebkuchen mit dem des
harten Zwiebacks, an dem ich noch kurz zuvor die Zhne gewetzt hatte, und
bemerkte vor lauter Rhrung nicht, wie mir Jemand in der Dunkelheit meine
Fsse untersuchte. Pltzlich wurde aber eine wahre Sndfluth von Seewasser
unter grsslichen Flchen ber mich ausgeschttet, so dass ich eiligst die
Flucht ergriff und meine Mtze dabei verlor. Der Schieman hatte meine Fsse
bemerkt, und mich in diesem unerlaubten Asyle freigebig mit einigen Eimern
Seewasser traktirt. Ich war bis aufs Hemd durchnsst und zitterte die noch
brigen zwei Stunden wie ein Rohr.

Anfangs Januar hatten wir die Hhe von Madeira erreicht. Jetzt sah man
(denn nach einigen Tagen hatten wir den Passatwind) fliegende Fische
in Menge, von welchen bisweilen einige des Nachts auf das Verdeck
niederfielen; auch trieb von Zeit zu Zeit eine prchtige rothe Polypenart
an uns vorbei, welche die Matrosen Portugiesisches Kriegsschiff nannten.
Das herrlichste Wetter begnstigte unsere Fahrt, und ich blieb, wie die
meisten von uns, Tag und Nacht auf dem Verdecke, weil die Luft im Raume,
obgleich man sie durch Windscke verbesserte, warm und belriechend war.
Man brachte die Tage mit Lottospielen zu, und bis in die tiefe Nacht hinein
wurde gesungen und erzhlt. Der Mond glnzte am wolkenlosen Himmel, und
die Sterne schienen mit mehr Glanz zu funkeln. Alles ging seinen geregelten
Gang, durch nichts unterbrochen, als durch kleine Strafexecutionen an
Matrosen, denen der Schieman einige aufzuzhlen hatte.

Bei uns Soldaten war dergleichen noch nicht vorgefallen; denn es gab keine
Excesse, weil kein Branntwein zu bekommen war. Eines Tages aber bekamen
einige Soldaten aus der Hefe von Hollands Pbel Streit mit einander; sie
packten sich an den Ohren, und balgten sich zwischen den Kanonen auf dem
Verdecke. Der Commandant des Schiffes, der diess zufllig mit angesehen
hatte, liess das ganze Detachement auf das Verdeck pfeifen. Hierauf mussten
die Kampflustigen vortreten, und jeder bekam ein Tau mit der Anweisung,
einander tchtig das Fell zu gerben. Die Versicherung, dass, wenn sie ihre
Sache nicht gut machen, der Schieman das Fehlende beifgen wrde, wirkte;
denn wie zwei erboste Hhne strzten die Kerls aufeinander los; aber,
ungewohnt mit Tauen zu fechten, warfen sie diese weg und bluten einander
mit den Fusten durch. Das Gelchter wollte kein Ende nehmen, und an diesem
Intermezzo hatte besonders unser Detachements-Commandant seine herzlichste
Freude.

Ehe wir den Passat erreichten, hatten wir immer Wasser zur Genge gehabt,
und jeder durfte aus dem Wasserfasse nach Belieben trinken. Kaum waren wir
aber in der wrmeren Zone, so wurde uns das Wasser in Rationen ausgetheilt.
Diese bestanden auf den Tag in einer Flasche fr den Mann; sie wurden
zusammen in einem Fsschen aufbewahrt, aus welchem man gemeinschaftlich
unter Vorsitz des Backmeisters den Durst lschte. Das Shnchen vertheilte
an jeden den Labetrunk im Deckel einer Marmitte und hatte zugleich die
Aufsicht, dass keiner naschte. Wie vielen Durst litt ich da! Fleisch, Speck
und Kse, was ich alles gerne ass, vertauschte ich gegen Wasser, und hufig
bestrmte ich den schwarzen Koch mit Bitten um etwas Wasser, was mir auch
der gutherzige Neger, wiewohl unter grsslichen Flchen und Verwnschungen,
hufig gab.

Die Hitze nahm tglich zu. Man zog die schwere Ankerkette, die, seit
wir auf dem Ocean waren, im Zwischendeck aufbewahrt worden war, hervor,
befestigte den Anker, und erwartete in ein paar Tagen das Land.

Des Meeres herrliches Indigoblau wurde heller und grnlich; es fielen
einigemal schwere Regengsse. Am 18. Januar 1836 sahen wir endlich die
Kste von _Guyana_ vor uns liegen, ein langer Streifen dunkler Wlder, der
auf dem Wasser sich ausdehnte, und weder Berge noch Hgel bemerken liess.

Allmhlig konnte man die Bume aus der grnen Masse unterscheiden;
Wohlgerche von blhenden Gewchsen wehten uns an; Schmetterlinge kamen
aufs Schiff geflogen; Schwrme von rothen Ibisen, hier Flamingos genannt,
deren Gefieder vom herrlichsten Scharlachroth ist, zogen ber uns hin, und
von Zeit zu Zeit tauchte ein grosser Fisch aus den trben Meereswellen, um
frische Luft zu schpfen.

Wir sahen die nationale Flagge des Postens _Oranje_ uns entgegenwehen, und
gegen 2Uhr kamen wir in die Mndung des _Surinamstroms_. Jetzt erst sahen
wir die fr uns neue Welt nher, denn auf der See waren wir wohl 1 Meilen
vom Lande entfernt geblieben, weil bedeutende Sand- und Schlammbnke lngs
der Kste sich hinziehen. Alles war eben und von ungeheurem Wald bedeckt,
dessen Grn sich so frisch und lebhaft ausnahm, dass selbst dasjenige der
jungen Bltter der europischen Bume jenem an Glanz nachsteht. Zwischen
diesen Waldungen lag eine freundliche Plantage, deren Zuckerfelder die Ufer
begrenzten. Die weissen Huser, die Mhlen mit ihren hohen Schornsteinen
waren unter Palmen und andern uns fremden Gewchsen versteckt. Der
Reichthum der ppigen Tropennatur lag vor uns ausgebreitet; wie schn
erschien mir dieses Land! Im Winter hatten wir die traurigen Dnen Hollands
verlassen, und jetzt waren wir im Lande des ewigen Sommers. Nie werde ich
auch den Augenblick meiner ersten Landung vergessen! -- Je weiter wir den
Strom aufwrts fuhren, desto belebter wurde die Scene. Schne, lebhaft
gefrbte und von nackten Schwarzen geruderte Barken fuhren ber den
majesttischen Strom. Man ankerte bei Forteress Neu-Amsterdam, das an der
Mndung des Comewyne in den Surinam liegt und die Einfahrt der Schiffe in
diese beiden Strme wehren kann. Auf der andern Seite des Surinam, dem Fort
gegenber, liegt die Redoute Puomerend und an dem Comewyne das Fort Leyden.
Der Surinam ist bei Forteress Neu-Amsterdam etwa eine Viertelstunde breit,
und beide Strme sind, so weit das Auge reicht, mit den schnsten Zucker-
und Caffepflanzungen eingefasst.

Wegen des gelben Fiebers, das gerade in Paramaribo herrschte, und schon
viele Menschen weggerafft hatte, beschloss das Gouvernement, so nthig man
uns auch fr den Garnisonsdienst in der Stadt htte brauchen knnen, uns so
lange in dem gesnderen Forteresse zu lassen, bis die Krankheit aufgehrt
hatte. Wir wurden demnach gegen 6Uhr ausgeschifft.

Die ganze Besatzung des Forts war zusammengelaufen, uns zu empfangen.
Jeder fand einen Freund, Bekannten oder Landsmann unter dem Haufen, und
des Fragens und Staunens war kein Ende. Auch die ganze weibliche
Einwohnerschaft des Forts versammelte sich. Schwarze und farbige hssliche
Weiber mit langen, schlaffen Brsten berhuften uns mit Gunstbezeugungen
und bezeugten Lust nach den von uns mitgebrachten Stcken Kse und
Zwieback. -- Man brachte uns, als es schon dunkel war, durch eine Allee von
Tamarinden und Mangos in das Fort, und nach der fr uns bestimmten Kaserne,
welche ganz das Aussehen eines Pferdestalles hatte. Durch den ganzen Saal
liefen etwa vier Fuss ber dem Boden Stangen, sogenannte Klabayen, an
welche man des Abends die Hngematten befestigte, die den Tag ber an
denselben aufgerollt waren. Fnfzig Schritte von der Kaserne entfernt war
eine Schenke, wo Branntwein, Rum und Wein zu bekommen war. Dahin strmten
nun diejenigen, welche noch Geld hatten, um ihre Ankunft auf bliche Weise
zu feiern, oder die sich von Bekannten traktiren liessen.

Der Lrm und der Spectakel in der Schenke waren abscheulich, endigten
jedoch mit dem Zapfenstreich, mit welchem sich jeder nach seiner Hngematte
zu begeben hatte. Die Besoffenen lagen unter Tischen und Bnken. An Ruhe
und Stille war nicht zu denken; denn die ganze Nacht durch dauerten die
Znkereien um die schnen Damen, welche aus allzugrosser Zrtlichkeit Jedem
angehren wollten, und deren Sprache keiner verstand, die Lamentationen
und Misereres der Besoffenen, und die Flche derer, welche die Kpfe an
die ihnen ungewohnten Klabayen stiessen; dabei peinigte uns eine Unzahl
von Mosquittos, welche vorzglich die Neuankommenden anfallen und eben so
lstig durch ihr Gesumme als durch ihre Stiche werden.

Ich sass die Hlfte der Nacht vor der Kaserne und bewunderte die Tausende
von Feuerfliegen, welche viel heller sind als die in Europa, und das
feuchte Gras durchschwrmen; wren auch nicht die Mosquittos die Ursache
unseres Wachens gewesen, so htten mich doch die Scenen des Tages wachend
erhalten, und kaum graute der Morgen, als ich wieder ins Freie ging, wo mir
Alles fremd war.

Eine herrliche Allee von Knigspalmen fasste den Mittelweg des Fortes
ein; ihre federbuschartigen Gipfel berhrten sich beinahe und bildeten ein
prachtvolles Gewlbe. Eine andere Allee bestand aus dichtbelaubten Bumen,
die grosse, eifrmige Frchte von einladendem Geruche trugen.

Obwohl ich sie nicht kannte, ass ich doch einige und fand sie vortrefflich.
Es waren Mangos (Mangifera indica), die um diese Zeit reif sind und
zuweilen zwei Ernten jhrlich geben. Ihre Frucht hat die Grsse eines
Gnseeies, ist auf der einen Seite meist etwas eingedrckt, reif gelb,
und wie die Bltter des Baumes von terpentinartigem Geruche. Die Haut wird
abgezogen und das gelbe faserige Fleisch vom Steine, der etwas platt, aber
beinahe so lange wie die Frucht ist, abgesogen. Es schmeckt sehr sss und
angenehm und lsst sich mit keiner europischen Frucht vergleichen; die
Fasern des Fleisches setzen sich gerne zwischen die Zhne. Der Mangobaum
wird grsser als der grsste Apfel- oder Birnbaum und trgt von seinem
vierten Jahr an Frchte, in gnstigen Jahreszeiten in unglaublicher Menge.
Auf den Pflanzungen, wo sich hufig ganze Alleen davon vorfinden, mstet
man mit den Frchten, die auch einen feinen Branntwein geben, die Schweine.

Allmhlig wurde es im Fort lebhaft. Die Neger, lauter Sclaven in Ketten,
welche von ihren Plantagen wegliefen und wieder eingefangen wurden, gingen
zu ihrer Arbeit. Sie mssen eine bestimmte Zeit von Jahren hier an den
Festungswerken arbeiten, um nachher, wenn ihre Strafzeit aus ist, wieder
auf ihre Pflanzungen zurckgeschickt zu werden. Sie gehen, wie die meisten
Sclaven, beinahe nackt, woran ein Neuangekommener den meisten Anstoss
nimmt. Die Kleidung aber, an welche sie nie gewhnt sind, die ihnen auch
in diesem Klima von geringem Nutzen ist, wird fast gar nicht von ihnen
gebraucht, auch wenn sie eine solche haben. Ich sah diese Unglcklichen
mit grossem Mitleid, und htte sie, wre es in dieser Zeit in meiner Macht
gestanden, stante pede losgelassen.

Eine Negerin, die ebenfalls in Ketten in der Nhe unserer Kaserne
arbeitete, hatte ihrem kleinen, etwa  Jahr alten Kinde einen Strick um den
Hals gemacht und auf dessen Ende einen Stein gelegt, dass es nicht zu weit
herumkriechen konnte. Sie frug mich, als sie mein Mitleid fr das arme
Geschpf sah, spasshafterweise, ob ich es kaufen wolle, und verlangte
30fl. dafr. Mein ganzer Reichthum bestand aber blos aus 10fl., dem
whrend der Reise verdienten Sold, der uns am ersten Morgen ausbezahlt
worden war, und so musste ich zur grossen Belustigung meiner Kameraden, die
wohl wussten, dass die Negerin ihr Kind nicht verkaufen konnte, bedauern,
diesen so vortheilhaften Handel aufgeben zu mssen.

Das Geld, das wir erhalten hatten, wurde von den meisten in der Schenke
durchgebracht. Andere kauften Hemden und Hosen, um daran keinen Mangel zu
haben.

Von den benachbarten Pflanzungen brachte man tglich die
verschiedenartigsten Frchte in das Fort, und ich verwendete einen grossen
Theil meiner Baarschaft daran. Da es nicht erlaubt war, aus dem Fort zu
gehen, so kletterten wir ber Grben und Pallisaden, um die benachbarten
Plantagen zu besuchen. Meine Neugierde kannte keine Grenzen.

Den ersten Ausflug machte ich mit einigen Kameraden auf die Zuckerpflanzung
Soelen, die am Comewyne etwa eine halbe Stunde von Forteress liegt.

Bei jedem Schritte berraschte mich etwas Neues, Niegesehenes; bald waren
es Krabben, die in den Lchern des Dammes ihre Schlupfwinkel hatten und
ihre Scheeren drohend aufhoben, wenn man ihnen zu nahe kam, bald grosse
Eidechsen, bald prchtige Schmetterlinge; besonders auch die Menge von
Aasgeyern, die gar nicht scheu waren, berall herumsassen und kaum aus dem
Wege gingen, oder in ungeheurer Hhe, scheinbar ohne alle Bewegung, in der
blauen Luft herumkreisten.

Durch die Bananenfelder, welche die Kost fr die Neger des Fortes liefern,
kamen wir bald in einen schnen, breiten Waldweg, wo ein mit Blthen
berseter Cactus grandiflorus(?) stand, der den herrlichsten Geruch
aushauchte.

In der Entfernung sah man die weissen Gebude der Pflanzung Soelen liegen,
zu der eine breite Allee von Apfelsinen und Pompelmusen fhrte. Diese Bume
hingen voll von reifen Frchten, und wir brachen ab, so viel wir zu tragen
im Stande waren. Wir besahen das Kochhaus und die Mhle, die uns aber wenig
interessirten, und verliessen, mit Frchten beladen, den Platz.

Es kann seyn, dass der hufige Genuss von Sdfrchten den Neuankommenden
schdlich ist; bei mir schien diess aber nicht der Fall zu seyn; denn
obschon ich zuweilen mehr als 20 Apfelsinen tglich ass, blieb ich doch
stets gesund. Ich lebte whrend meines Aufenthaltes auf Forteress beinahe
ganz von Frchten, Zucker und Eiern, whrend Mancher, der mir in der
besten Absicht dieses abrieth, gerade an der entgegengesetzten Lebensweise
unterlag.

Unsere Ausbeute von Frchten munterte unsere Kameraden zu hnlichen
Excursionen auf, bis diese endlich zu den Ohren des Kommandanten kamen und
strenge verboten wurden.




Zweiter Abschnitt.

  Ankunft in Paramaribo. Das Fort Zelandia. Die Stadt. Oeffentliche
  Gebude. Inneres der Privathuser. Kaufleute und Kauflden. Gewichte,
  Maase, Geld. Lebensweise der Militrs und Einwohner. Die Jugend. Die
  Pflanzungen. Holzfllereien. Leben auf den Pflanzungen. Die Verwalter
  oder Direktoren. Die Blankofficiere. Die Negersklaven, ihre Arbeiten
  und Behandlung. Religion. Einfluss der Herrnhuter. Tnze. Krankheiten.


Den 1. Februar 1836 wurden wir in einem Matrosenpont[1] nach unserem
Bestimmungsorte, dem Forte _Zelandia_, gebracht. Schne Zucker- und
Kaffeepflanzungen sumten auf beiden Seiten den breiten Strom, der vor
der Stadt sich pltzlich sdwestlich dreht und eine grosse Bucht (Hafen)
bildet.

Eine Menge Landhuser, an welche noch die letzten Pflanzungen grenzen,
machen die Vorstadt Comb aus.

Auf der Ecke, welche durch die schnelle Krmmung des Flusses entsteht,
steht das Fort Zelandia auf einem Muschelfelsen. Es hat nur wenige
Batterien, ist unregelmssig gebaut und von der Stadt durch den
Gouvernements-Platz und einen etwa 60' breiten Graben, der sein Wasser
aus dem Strom erhlt, geschieden. Eine grosse Kaserne von Backsteinen, das
Quartier vom Bataillon Jagers Nr. 27, erinnert an die guten und reichen
Tage der Colonie, in welchen man noch so solid bauen konnte. Die Officiere
haben seit dem Jahr 1839, in welchem ein grosses hlzernes Gebude, das sie
gemeinschaftlich bewohnten, niedergerissen wurde, eigene, nette Huser, die
nach _einer_ Form in demselben Jahr erbaut wurden. Im Forte selbst steht
das Binnenfort, mehrere steinerne Gebude, die, mit einer Mauer umgeben,
einen kleinen Platz einschliessen, wo die verschiedenen Gefngnisse fr
Militr- und Civilverbrecher, sowie auch fr die bsen Schuldner sind,
die ihre Creditoren nicht zahlen wollen oder knnen. Auf dem Platze
selbst werden die Neger, welche man nachdrcklich zchtigen will, durch
Peitschenhiebe oder Stockschlge abgestraft.

Ausser der Kaserne fr die hier garnisonirende Artillerie ist im
Binnenfort das Pulvermagazin und ein Signalposten, der durch den auf der
gegenberliegenden Seite des Stromes sich befindlichen Telegraphen der
Pflanzung Jagdlust mit dem Forte Amsterdam correspondirt, wodurch man die
Ankunft der Schiffe in der Mndung des Stromes sogleich erfhrt.

Die Stadt selbst, welche etwa 100 Schritte von der Barrire des Fortes
anfngt, ist ganz ohne Mauern und besteht grsstentheils aus breiten
Strassen, welche zwar ungepflastert sind, aber, da sie aus Muschelsand
bestehen, auch bei den heftigsten Regengssen nach ein paar Stunden wieder
trocknen; die meisten sind auf beiden Seiten mit Orangebumen bepflanzt.

In den lngs des Stromes oder nahe bei demselben laufenden Strassen sind
die Huser enge bei einander, und nur selten durch Grten von einander
geschieden. Mit Ausnahme weniger, von Backsteinen aufgefhrter Huser sind
alle von Holz; sie ruhen auf einem 1-2' hohen, von Backsteinen aufgefhrten
Gemuer. Lden und Thren werden grn bemalt, das andere aber ist
perlenfarbig angestrichen. Sie sind mit Schindeln (Singels) aus
inlndischem, hartem Holze bedeckt; jedoch muss seit dem grossen Brande
im Jahr 1832 jedes neue Haus mit Ziegeln oder Schiefer bedeckt werden.
Glasfenster sind wegen der Hitze wenig im Gebrauche; man hat dafr
Jalousien oder Sassineten von Gaze.

In den entfernteren Stadttheilen ist beinahe bei jedem Hause ein Garten,
von dem man aber meistens wenig Gebrauch macht; diese Grten sind mit
einander durch Hecken von Limonen verbunden. -- Kchen und Abtritte sind
vom Wohnhause abgesonderte Gebude; meistens befinden sich auch noch Huser
fr Sclaven, sowie Magazine auf dem Hofe. Jedes Haus hat zwei Thren an der
Strasse; die eigentliche Hausthre ist fr Weisse, die andere, Negerpoort,
an welche man durch den Hof gelangt, fr Sclaven und rmere Leute bestimmt.

Verschiedene Canle, welche ihr Wasser aus dem Strom erhalten,
durchschneiden die Stadt. Zwei Vorstdte heissen Comb und die Freicolonie,
welche letztere meistens von freien Farbigen bewohnt wird, die, als sehr
faul, auch sehr rmlich leben.

Oeffentliche Gebude und Privathuser zeichnen sich mehr durch Zierlichkeit
als durch imposante Bauart aus. Das Gouvernement liegt zwischen der Stadt
und dem Forte an einem grossen, mit Rasen bedeckten Platze het plein.
Es ist ein grosses, stattliches, von Holz aufgefhrtes Gebude, das eine
schne Aussicht auf den Fluss gewhrt. Sein frher verwahrloster Garten ist
jetzt (1850) sehr gut unterhalten und dient als Probeschule fr tropische
Pflanzen. Eine herrliche, dreifache Allee von hohen Tamarindenbumen zieht
sich lngs desselben bis an den Wallgraben des Fortes hin. Ein
angenehmerer Spaziergang in der Hitze des Tages lsst sich nicht denken;
dessenungeachtet macht aber Niemand Gebrauch davon.

Nahe beim Gouvernement ist das, mit grossen Kosten aus Backsteinen
gebaute, im Jahr 1839 vollendete Controlgebude, in welchem verschiedene
Verwaltungs-Bureaux sich befinden. Von seinem, mit einem Uhrwerk versehenen
Thurme geniesst man eine herrliche Aussicht ber die ganze Stadt und die
umliegenden Pflanzungen. In zwei anderen Gebuden, welche der Schreibekunst
gewidmet sind, befinden sich die Bureaux der Justiz und Waisenverwaltung.

Paramaribo hat eine lutherische und eine reformirte Kirche; beide sind
hbsch und einfach, werden aber, was die gefllige Bauart betrifft, von
der im Jahr 1838 vollendeten hochdeutschen Judensynagoge bei weitem
bertroffen. Die katholische Kirche ist klein, doch sehr zierlich; das
einfache Herrnhuter Bethaus ist mit Palmen und tropischen Gewchsen
umgeben. Zwei Freimaurerlogen, ein Komdienhaus, die portugiesische
Judensynagoge, das Hospital und das Zoll- oder Waaghaus mgen die Liste der
ffentlichen Gebude beschliessen.

Das Innere der Privathuser ist fast bei allen angesehenen Familien
auf gleiche Weise angeordnet. Grosse Spiegel, Kupferstiche, Hnge- und
Wandlampen, und unter den Mbeln ein mit Glas, Silber und Porzellan
berladenes Sideboart werden beinahe in jedem Hause angetroffen. In
jedem Schlafzimmer steht ein grosses, mit Gaze umhangenes, aus kostbarem,
inlndischem Holze schn gedrechseltes Bett, Ledikant, auf dem Berge von
Kissen aufgestapelt sind. Dieses Bett ist blos ein Prunkstck, das wenig
bentzt wird, weil man der Khlung wegen auf Matten und Matrazen schlft,
die den Tag ber verborgen werden. Hufig bedient man sich auch feiner,
baumwollener Hngematten.

Die Zimmer werden reinlich gehalten und hufig mit Orangensaft gewaschen,
was bei dem vielen Ungeziefer, das sich in den Ritzen verbirgt, auch sehr
nthig ist.

Beinahe alle Huser haben Brunnen, deren Wasser aber in den langen
Trockenzeiten zuweilen brack schmeckt; nur grssere Gebude haben
Wasserbehlter.

Eigentliche Spaziergnge, oder fr den ffentlichen Gebrauch eingerichtete
Grten hat die Stadt nicht; doch bieten ihre Umgebungen, die unter den
schnsten Pflanzen einer tropischen Vegetation versteckten Landhuser,
prchtige Partien dar. In der Stadt befinden sich zwei Kirchhfe und sechs
ausserhalb derselben, also im Ganzen acht, die einer gleichen Anzahl
von Apotheken entsprechen, somit hinsichtlich der Bevlkerung kein
vortheilhaftes Zeugniss fr die Gesundheit Paramaribos geben[2]. Der Markt
ist unter einer Reihe von Tamarindenbumen an der Wasserseite, wo man
Fische, die an blem Geruch mit den sie verkaufenden und schwitzenden
Negerinnen wetteifern, nebst allen inlndischen Lebensmitteln zum Verkaufe
vorfindet. Lebensmittel und andere Waaren werden auch sonst noch an vielen
Pltzen der Stadt verkauft. Alles wird unter bestndigem Geschnatter
feilgeboten, und der Fremdling sieht hier unter Anderem auch Leckereien,
die man im Vaterlande mit Abscheu zurckweisen wrde.

Zwar mehr europisch, doch nicht weniger interessant sind die Kauflden,
deren Zahl besonders am Strome Legion ist. Da findet man kein Haus, in
welchem man nicht etwas feilbietet.

Man trifft in _einem_ Laden eine Auswahl der verschiedenartigsten Dinge,
welche man in Europa nur bei 100 Knstlern, Kaufleuten oder Handwerkern
bekommen knnte; denn man verkauft in demselben Laden Bcher, Schuhwichse,
Bijouterie, Schinken, Parfmerien, Thee, Ziegelsteine, Mehl, Schuhe,
Kleider und Uhren. Es gibt nichts, womit ein Kaufmann hier nicht handelte.
Die meisten Lebensmittel kommen gesalzen oder geruchert aus Holland
und Nord-Amerika; Fleisch, Speck, Erdpfel u.s.w. kauft man hier beim
Kaufmann, bei welchem man natrlich auf grosse Sachkenntniss nicht rechnen
darf. In Europa wrde Niemand zum Kaufmann gehen, ohne von dessen Waaren
etwas zu bedrfen. Hier ist es ganz anders. Man kommt in den Laden, liest
die Zeitung, trinkt ein Glschen Genever, das der Kaufmann prsentiren
lsst, und geht dann, ohne fr einen Cent gekauft zu haben. Diess lsst
sich auch der Kaufmann gerne gefallen; denn diese viel besuchten Lden
ziehen die andern Kufer an. Man kauft meistens auf Credit; wer innerhalb
sechs Monaten bezahlt, ist ein guter Kunde. Die andern werden nach Verlauf
dieser Zeit erst mndlich, dann schriftlich an ihre Schuld erinnert,
endlich durch Lufer (meist Juden, welche die Taschen mit Rechnungen
vollgepropft, im Dienste der Kaufleute die ganze Stadt durchrennen),
dringend ersucht und wenn diess nichts hilft, verklagt.

Die letzteren Kunden sind die hufigsten; denn gar viele leben ohne zu
denken, und kaufen ohne bezahlen zu knnen.

Der Detailhandel wird durch Krmer, hier Vetwariers oder Schmuggler
genannt, getrieben; diese verkaufen im Kleinen an solche, welche keinen
ganzen Schinken, kein ganzes Fsschen Fleisch oder Butter kaufen knnen,
und also fr jede Mahlzeit besonders sorgen mssen. Hier wird brigens
nichts geborgt; die Zahl dieser Krmer ist ebenfalls bedeutend. Nur wer
die Gourmandise und den ungeheuren Luxus fr die Tafel u.s.w. kennt, kann
einigermassen begreifen, dass sich diese Masse von sogenannten Kaufleuten
noch nicht unter einander aufgezehrt haben.

In den Maasen und Gewichten der Colonie herrscht grosse Unordnung. Artikel,
welche aus Nord-Amerika kommen, wie: gesalzenes Fleisch, Fische, Speck,
Saife, Lichter, Mehl u.s.w. werden nach amerikanischen Gewichten
verkauft; tannene Bretter ebenfalls daher, nach dem englischen Maase.

Hollndische Erzeugnisse berechnet man nach dem alten Amsterdamer Pfunde,
dem Halb-Kilogramme, die Lngenmaase nach dem rheinischen Fusse, und
Flssigkeiten nach dem englischen Gallon.

Was nach Holland verschickt und verladen wird, geht nach dem neuen
hollndischen Maas und Gewicht, in dem die Regierung ebenfalls ihre
Bedrfnisse ausschreibt. Es kommt auf diese Weise mancher Irrthum vor.

Jede grssere Haushaltung kauft ihren Bedarf an gesalzenen oder
gerucherten Lebensmitteln, an Saife, Lichter, Oel u.s.w. im Grossen,
d.h. in ganzen Fssern, Kisten und dergl., die in einem stereotypen
Gewicht in den Handel kommen, und daher nie nachgewogen werden. So enthlt
ein Fsschen Butter 14 Pfund, Speck 40 Pfund, Fleisch 180 Pfund u.s.w.
und man verlsst sich dabei ganz auf die Aussage des Kaufmanns. Auf dem
Markte selbst wird blos nach dem Augenmaase gekauft; die Fische nach der
Frische, Grsse und Qualitt; Reis, Mais, Bohnen u.s.w. in Calabasschalen
zu festbestimmten Preisen und nach sehr variablen Gewichten.

In Cayenne herrscht in dieser Beziehung viel mehr Ordnung; man hat dort
eine Fleisch- und Fischhalle. Alles wird nach franzsischem Maase und
Gewicht gekauft und mit franzsischem Gelde bezahlt.

In Surinam rechnet man nach dem franzsischen Mnzfusse, mit Banknoten von
fl.250.-- bis auf 10 niederlndische Cents.

Als kleinere Scheidemnze circuliren eine Menge Cents. Das Papiergeld,
das manchmal 30% unter seinem Nominalwerth stand, ist im Jahr 1847 ganz
abgeschafft und durch hollndisches Silbergeld ersetzt worden. Ausserdem
sind eine Menge mexikanischer Piaster, franzsische Fnffranken und
Doublonen im Umlauf.

Ehe ich es wage, meine Meinung ber die weiteren Einwohner und deren
Lebensweise auszusprechen, will ich zuerst eine kleine Schilderung unseres
Soldatenlebens geben, wobei ich glaube Jedermann davon berzeugen zu
knnen, dass wir vom Luxus der brigen Stnde ausgeschlossen sind.

Des Lebens erstes Bedrfniss, die Nahrung, ist frs heisse Clima klglich
berechnet, d.h. wenig und mager. Ausser einem Pfunde guten, weissen Brodes
wird eine, aus 5/14 Pfund Reis und 3/7 Pfund gesalzenem Fleische bereitete
Suppe vorgesetzt, deren Einfluss auf die Krperkrfte man nur dann
beurtheilen kann, wenn man sie selbst gegessen hat.

Des Mittags sind Bananen, die vom Solde eingekauft und mit 1/14 Pfund
Speckfett bergossen werden, die Hauptkost. Ueberdiess wurde jeden Morgen
ein Schnaps ausgetheilt, welchen die Meisten allem Uebrigen vorzogen.
Der monatliche Sold des Soldaten bestand aus circa 10 Gulden, wovon aber
verschiedene Abzge gemacht wurden, so dass wenig genug brig blieb.

Die Dienstverrichtungen in der Garnison waren jedoch grsstentheils eben so
leicht und bequem eingerichtet, als Nahrung und Kleidung sprlich berechnet
waren. Die viele freie Zeit, welche der Soldat hatte, und der Mangel an
anstndigen Vergngungen trug nicht wenig zu seiner Demoralisation bei.
Mancher Ankmmling ergibt sich aus langer Weile oder durch schlechte
Gesellschaft verleitet, dem Trunke, den man zu grsserer Bequemlichkeit im
Forte haben konnte.

Leider ist die bei weitem grssere Hlfte des Corps diesem Laster ergeben,
und da der Preis des Genevers fr die Bedrfnisse des Soldaten zu hoch ist,
so ersetzt der wohlfeile Zuckerbranntwein, hier Dram genannt, denselben.
Es ist merkwrdig, zu welcher Fertigkeit es Einzelne im Trinken gebracht
haben; denn es gibt Manche (auch der Civilstand hat solche Matadoren), bei
welchen zwei Flaschen tglich ihre Sinne noch nicht umnebeln. Diess ist die
Ursache, warum der Soldat bei allen Einwohnern der Colonie in Misscredit
steht, und ungeachtet seiner weissen Farbe selbst von Negern nicht geachtet
wird. Man muss zwar gestehen, dass dieses Laster nicht blos unter den
Soldaten herrscht, die freilich die Folgen ihrer Excesse nie so zu
verheimlichen im Stande sind, wie die Bewohner der Stadt oder der
Pflanzungen, die ihren Rausch in den Hngematten = leur aise= ausschlafen
knnen; aber so viel ist sicher, dass die Hlfte der Truppen Trunkenbolde
sind, wenn man der tglichen Erfahrung trauen darf. Die meisten Militrs
haben Weiber; denn die Liebe und der Wein, der aber hier durch Dram ersetzt
wird, spielen im Militrleben die Hauptrolle. Weiber sind es freilich,
aber keine Frauen; denn man hlt das Band der Ehe fr zu drckend, und
die Gewohnheit des Landes, unverheirathet leben zu knnen, ist zu
verfhrerisch, als dass man diess fr eine Schande halten wrde. Sieben
Achtel der ganzen lteren mnnlichen Bevlkerung Surinams haben solche
Maitressen, und unter 25 Kindern ist kaum eines ehlich geboren. Man
begreift leicht, dass der Soldat das Geldstck nicht aus der Mnze bekommt,
und eine surinamische Missin muss schon ziemlich abgentzt seyn, wenn
sie sich von den Abfllen des drftigen Soldatentisches nhren muss; die
meisten dieser farbigen Damen sind aber schlechte Haushlterinnen.

Kinder aus solchen Verbindungen der niederen Volksklasse und der Soldaten
wachsen auf, wie die Lilien auf dem Felde, d.h. es bekmmert sich kein
Mensch um sie.

Bei allen obscnen Scenen gegenwrtig gilt hier von ihnen mit vollem
Rechte: =Il n'y a plus d'enfants=; sie erhalten wenig oder keinen
Unterricht, und herangewachsen bringen sie es selten zu einer ordentlichen
Existenz.

Von den Officieren waren viele in alten Zeiten auf diese surinamische Weise
verheirathet, und wurden von ihren =quasi= Frauen nach allen Posten
der Colonie begleitet, wo sie die Haushaltung ihrer Mnner fhrten. Ein
Officier, obgleich sein Gehalt denjenigen seines Ranges in Holland um ein
Drittel bersteigt, kann bei den theuren Lebensbedrfnissen, so sparsam
er es auch anlegen mag, in Garnison wenig oder nichts fr die Zukunft
erbrigen. Es ist desshalb fr jeden vortheilhaft, nach den Militrposten
detachirt zu werden, wo man Gelegenheit hat, die Finanzen zu verbessern,
da die Lebensmittel meist wohlfeiler sind, Wald und Flsse berflssig Wild
und Fische liefern, und mancher erlaubte Vortheil sich darbietet.

Es bestand unsere ganze Macht aus einem halben Bataillon Jger, von
ungefhr 500 Mann, einer Compagnie Artillerie und einer Compagnie schwarzer
Soldaten. Die Garnison zu Paramaribo betrug beinahe 250 Mann, whrend der
Rest auf den verschiedenen Posten im Lande oder an der Seekste detachirt
war, um 45,000 Negersclaven, im Falle sie rebelliren wrden, im Zaume
zu halten. Dass diess noch nicht geschah, ist ein Beweis von der guten
Gesinnung der Neger, und widerspricht der Meinung von der grausamen
Behandlung der Sclaven durch die Hollnder gnzlich.

Die Einwohner der Stadt bestehen aus Europern, weissen Eingebornen,
farbigen Freien, und einer bei weitem grsseren Anzahl Sclaven[3].

Die Reichen sind, wie meistens berall, die Angesehensten; bei ihnen wird
auch auf die Farbe so genau nicht gesehen, obschon die meisten bedeutenden
Aemter durch Europer besetzt sind. Der Kastengeist, der in frheren Zeiten
so manchem mittelmssigen Kopfe, wenn er nur weiss war, Ehre und Reichthum
verschaffte, hat sich bedeutend vermindert, und das Interesse oder vielmehr
die nicht mehr so gnstigen Zeiten haben dieses Vorurtheil so ziemlich auf
die Seite geschafft.

Eine grosse Anzahl von Juden, welche wohl die Hlfte der weissen
Bevlkerung ausmacht, und von denen viele im Besitze ansehnlicher
Pflanzungen sind, hat sich seit den frhesten Zeiten der Colonie hier
eingenistet und treiben meistens Handel.

Handwerke werden beinahe ausschliesslich durch die farbige Race betrieben;
Sclaven dienen dabei als Gesellen, und schlechte und langsame Arbeit muss
theuer bezahlt werden.

Ueber das Leben der hheren Stnde kann ich aus Erfahrung nur wenig mich
aussprechen, da mir meine Verhltnisse als Militr den Zutritt nicht
gestatteten. Aber so viel ist gewiss, dass unter den hheren und reicheren
Stnden nicht immer grosse Bildung herrscht, und Lectre, Literatur und
feinere gesellige Vergngungen hier nicht berall zu Hause sind.

Nach den hchsten Beamten der Colonie stehen die Administratoren der
Pflanzungen in grossem Ansehen. Da die meisten Eigenthmer von Pflanzungen
sich in Europa aufhalten, so werden diese durch Administratoren verwaltet.
Diese wohnen in Paramaribo, und haben die Leitung von verschiedenen,
manchmal wohl 30 Pflanzungen unter sich. Weil ihnen nun von allen
Einknften gewisse Procente zukommen, und erstere bei einer Pflanzung
manchmal mehr als 5000fl. betragen, so muss man sich ber ein solches
Einkommen wundern, dessen Erwerb immerhin ein Mittagsschlfchen von 2-3
Stunden erlaubt. Weil nun auch viele Leute von diesen Herren abhngig sind,
so stehen sie berall in der hchsten Achtung.

Die Lebensweise der Bewohner Paramaribo's bietet wenig Vernderung dar, und
beschrnkt sich hauptschlich auf eine gute Tafel und andere krperliche
Gensse. Ausser der Tafel, welche mit allem Kstlichen aus Surinam, Holland
und Nord-Amerika besetzt ist, besteht der grsste Luxus in Sclaven; denn
je mehr man deren zur Bedienung im Hause hat, desto vornehmer ist die
Haushaltung; dabei ist es gleichgltig, ob dieses Gesinde arbeitet oder
nicht. Eine Familie, welche 2-3 Kinder hat, kann ohne 6-8 Dienstboten nicht
wohl leben, welche man fr Kche, Wsche und Bedienung als unumgnglich
nothwendig erachtet. Hat man Grten oder Pferde, so ist natrlich noch ein
Grtner und ein Stallknecht nthig. Wenn man nun die Kost fr all dieses
Gesindel kaufen muss (was aber bei Plantagenbesitzern oder Administratoren
nicht der Fall ist), so erfordert eine solche Haushaltung ein enormes
Einkommen, da die jhrlichen Ausgaben sich bald auf 6000fl. belaufen[4].

Wie ich bereits oben bemerkte, sind Heirathen nach europischem Begriffe
hier eben nicht sehr in der Mode; denn freie Haushlterinnen oder
Concubinen ersetzen beinahe berall die Hausfrauen, was durchaus keine
Schande ist. Kinder aus diesen Verbindungen werden zwar nicht vor Gericht,
doch sonst wie rechtmssige behandelt, und fhren den Namen der Mutter.

Sparsamkeit und Ordnung sucht man in diesen Haushaltungen meistens
vergeblich; denn wenn auch der Mann kein Verschwender ist, so weiss doch
seine Frau das Geld so anzuwenden, dass von Glck zu sagen ist, wenn die
Einknfte die Ausgaben decken. Meistens essen diese Haushlterinnen allein
oder laden Freundinnen (Maatjes) ein. Bei den mittleren und niederen,
freien Stnden, die vom Handwerk oder Nichtsthun leben, ist natrlich
das Wohlleben in weit geringerem Grade zu finden, und gar viele wissen
am Abende nicht, wovon sie am Morgen leben sollen, obgleich die wenigen
Bedrfnisse mit ein paar Stunden Arbeit gar leicht zu bestreiten sind.
Aber es herrscht auch unter den Eingebornen eine wirklich diogenische
Gengsamkeit, wenn kein Kaufmann mehr borgen will.

Nach dem Vorbild der Eltern bildet sich die Jugend, und nirgends wird wohl
die Erziehung so vernachlssigt seyn, als hier unter den niederen Stnden.
Nicht, dass es keine Schulen gbe oder Anstalten, um arme Kinder zu
unterrichten, -- fr beides ist gesorgt, aber den meisten Eltern ist es
gleichgltig wie ihre Kinder mit der Zeit haushalten und bekmmern sich
weder um ihre Spiele noch sonstigen Beschftigungen.

Besitzt nun auch die Jugend noch so viel Beweglichkeit, um keine
Mittagsruhe in den Hngematten zu halten, so wird doch die Zeit nicht
besser angewendet, als um Vgel zu fangen, oder mit der Flinte in den Wald
zu schlendern. Ernste und anstrengende Arbeiten sind den meisten Creolen
ein Gruel. -- Da im tglichen Umgange unter den Eingebornen blos
neger-englisch gesprochen wird, und ausser der Schulzeit die Kinder sich
wenig mit Lesen und Schreiben beschftigen, so findet man nur sehr Wenige,
welche correct hollndisch schreiben oder richtig sprechen knnen. Die
Geographie _Hollands_ lernen Alle vollstndig und sie kennen jeden Fluss
oder jeden noch so unbedeutenden Flecken dieses Landes, das die Wenigsten
unter ihnen je zu sehen bekommen, aber um die Kenntniss der Producte,
der Lage und sonstigen Verhltnisse ihres eigenen so reichen Vaterlandes
bekmmern sie sich nicht. Diess mag wohl auch eine der Ursachen seyn, dass
Landbau und Industrie so vernachlssigt sind.

Ehe ich nun zur Erzhlung meines einfrmigen Garnisonslebens und der
kleinen Vorflle im Laufe meiner Dienstzeit zurckkehre, will ich, um
den Zusammenhang nicht zu unterbrechen, die Sitten und Gebruche auf den
Pflanzungen, soweit ich sie whrend meines langjhrigen Aufenthalts habe
kennen lernen, schildern[5].

Die Pflanzungen, welche den Reichthum des Landes hervorbringen, liegen alle
lngs der vielen Flsse und Kreeken, welche die Colonie in allen Richtungen
durchschneiden und den Transport der Producte erleichtern.

Da das Land, soweit die Pflanzungen reichen, berall nieder ist, und diese
manchmal unterm Niveau des hchsten Wassers stehen, so war bei der Anlage
derselben eine dauerhafte Eindmmung, Anlage von Schleussen u.s.w.
nthig, lauter Arbeiten, deren Kostspieligkeit und Mhe sich wohl keine
anderen, als hollndische Ansiedler unterzogen haben wrden, und die auch
in der Folgezeit durch die ungeheure Fruchtbarkeit reichlich vergtet
wurden.

Das Hauptproduct war und ist jetzt noch Zucker. Die Pflanzungen hievon sind
desshalb hinsichtlich der Anzahl von Negern auch die bedeutendsten, denn
sie haben 100-400 Sclaven.

Ich bergehe die allgemein bekannte Anpflanzung dieses sowie der anderen
Producte, und fge blos bei, dass die Arbeiten auf einer Zuckerpflanzung
beschwerlicher fr die Neger sind, als auf einer anderen, da besonders bei
den Wassermhlen die Sclaven Tag und Nacht arbeiten mssen, weil solche
Werke nur mit den Springfluthen des vollen und neuen Mondes in Gang
gebracht werden knnen.

Die Dampfmaschinen, welche immer mehr in Gebrauch kommen, erlauben zwar
den Negern ihre Nachtruhe, erfordern aber viele Mhe und Kosten, weil
zur Feuerung der Maschine eine Menge Holz oder Steinkohlen nthig ist.
Erfahrene Directoren ziehen ein gutes Wasserwerk jeder Dampfmaschine vor.
Das andere Product, das aber immer mehr in Abnahme kommt, ist Caffee. Auf
diesen Pflanzungen sind 40-200 Sclaven, welche ein ungleich besseres Leben
als die auf den Zuckerpflanzungen fhren, indem ihre tgliche Nahrung, die
in Bananen besteht, immer reichlich vorhanden ist.

Im Schatten dieser Bananen stehen die Caffeebume; eine Caffeepflanzung
liefert meistens Bananen nach den Zuckerpflanzungen, auf welchen diese
nicht in hinreichender Menge angepflanzt werden, wesshalb das Fehlende fr
die Sclaven angekauft werden muss.

Das dritte bedeutende Product ist Baumwolle, welche in den Lndereien,
die in der Nhe der See liegen, vortrefflich gedeiht. Auch hier hat man
Pflanzungen von 300 Sclaven.

Die Zubereitung dieses Products wurde in der letzten Zeit bedeutend
vervollkommnet, und das langweilige Geschft, den Cattun von den Krnern
zu scheiden, wird jetzt auf mehreren Pflanzungen durch kleine Dampfmhlen
verrichtet, die im Stande sind, mit der Hlfe von fnf Personen tglich bei
2000 Pfund Baumwolle rein zu mahlen, eine Arbeit, die auf gewhnlichem Wege
eine Menge Neger beschftigen wrde.

Cacao und Indigo sind von weniger Bedeutung, da blos noch kleine
Pflanzungen davon existiren.

In den hher liegenden Gegenden sind die Holzgrnde, welche fr den
inlndischen Gebrauch Balken und Bretter liefern. Es sind davon etwa 25
im Lande, welche 2400 Neger beschftigen. Da das Holz, welches auf diesen
Etablissements bearbeitet wird, nicht als Ausfuhrproduct betrachtet werden
kann, und diese desshalb weniger bekannt sind, so halte ich es fr nthig,
noch einige Details darber beizufgen.

Diese Niederlassungen befinden sich, wie schon gesagt wurde, im hher
liegenden Lande, wo keine Productpflanzungen mehr sind und der Urwald mit
seinen colossalen Bumen vor den Palmen- und Mangowldern des niederen
Landes vorherrscht. Sie enthalten meist nur wenige Sclaven (mit Ausnahme
von zwei, welche gegen 300 zhlen), aber ein desto grsseres Territorium,
was natrlich bei dem langsamen Wachsthum der Bume sich von selbst
versteht. Es gibt Pflanzungen, welche 12 hollndische Meilen im Umkreise
haben, die jedoch noch keine 50 Sclaven zhlen. Die Bearbeitung des Holzes
ist fr dieselben die leichteste und angenehmste Arbeit, weil ihnen
diese festgesetzt ist, und sie im Stande sind, mit etwas Fleiss 1-2 Tage
wchentlich fr sich selbst zu erbrigen. Hufig sind die Arbeitspltze
mehrere Stunden von der Pflanzung entfernt, und die Neger gehen jeden
Montag mit Lebensmitteln fr die ganze Woche dahin. Gesunde und starke
Mnner werden zum Sgen verwendet; andere jngere Mnner mssen den
gefallenen Baum auf ein Gerst, das man Barbacot nennt, aufsetzen; zu
diesem nimmt man das Holz der Cumu-Palmen und anderer, leicht fllbarer
Bume, oder man macht ein solches aus starken Sparren, die mit Lianen
dauerhaft zusammengebunden werden, und worauf nun drei oder mehr Mnner, je
nach der Grsse des Blockes, denselben aufsetzen. Die zum Sgen bestimmten
Bume werden im Neumond gefllt, weil man meint, dass das Holz alsdann
weniger reisse. Man nimmt an, dass zwei Neger tglich 60 lange und 1'
breite Bretter sgen, was auch fr sie ganz leicht geht. Diese Bretter
werden von Weibern auf dem Kopfe nach dem Holzgrunde oder dahin gebracht,
wo eine Kreek oder ein Fluss den Weitertransport erleichtert. Viereckiges
Bauholz wird von Ochsen gezogen, was aber bei den schlechten Wegen und
berall hervorragenden Baumwurzeln sehr langsam von statten geht.

Die Holzetablissements, welche schon seit so vielen Jahren betrieben
werden, hieben natrlich dasjenige Holz, das in der Nhe der Flsse oder
Kreeken stand, zuerst weg, und haben desshalb, je tiefer sie landeinwrts
dringen, um so schwierigeren Transport. Es denkt natrlich Niemand daran,
die ausgehauenen ntzlichen Hlzer durch Stecklinge nachzupflanzen, was mit
wenig Mhe und Kosten geschehen knnte. Man denkt eben wie berall: =Aprs
moi le dluge= -- und das ist eben der Grund davon, dass die edlen, feinen
Holzarten so theuer und in grossen Dimensionen so mhsam zu bekommen sind.
Es knnen diese Etablissements durchaus nicht concurriren mit dem Verkaufe
des Holzes, das die Buschneger aus den noch nicht ausgegebenen Waldungen
des unbewohnten Landes bringen, und zu niedrigen Preisen verkaufen.
Ausserdem dass die Buschneger nicht die mindeste Abgabe an das Land
bezahlen, whrend die Eigenthmer der Holzgrnde mit Kopf- und Ackergeldern
besteuert, und den Wechselfllen des Sklavenbesitzes ausgesetzt sind,
fllen jene ihr Holz noch an Stellen, wo es, so zu sagen, ins Wasser fllt,
so dass ihnen der Weitertransport keine Mhe macht. Es ist desshalb auch
zu begreifen, dass die Eigenthmer der Holzgrnde ihre Rechnung bei diesem
Handel nicht finden; aber das Gesetz, dass die Neger nur mit ihrem
Willen von den Pflanzungen verkauft oder versetzt werden knnen, und die
Widerspenstigkeit, ein anderes Product anzupflanzen, das dem Eigenthmer
mehr Nutzen bringen, ihnen aber mehr Mhe verursachen wrde, macht die
meisten Eigenthmer zu armen Leuten.

Die Neger dieser Pflanzungen haben vor allen das beste Leben; sie
gebrauchen die viele freie Zeit, welche sie erbrigen, zur Anpflanzung
von Erdfrchten, die sie in Paramaribo verkaufen. Sie erhalten von ihren
Eigenthmern bloss sogenannte Switti Moffo, d.i. gesalzenes Fleisch oder
gesalzene Fische; es werden ihnen aber jhrlich in der Trockenzeit eine
gewisse Anzahl Tage freigegeben, in denen sie Wald fllen, verbrennen und
den Boden reinigen, und Erdfrchte, die meistens aus Mais, Reis, Toryers,
Cassave u.s.w. bestehen, pflanzen. Sie ziehen berdiess Schweine und
Federvieh und leben in mancher Hinsicht besser, als der von allen Sorgen
gedrckte und rmere europische Landmann.

Alle Pflanzungen stehen unter der Aufsicht und Leitung eines Directors, der
auf der Pflanzung wohnt und von den Eigenthmern oder Administratoren des
Effektes angestellt und diesen verantwortlich ist[6].

Die Einknfte des Directors richten sich nach der Grsse des Effektes
und seiner Revenen, und belaufen sich auf den grssten Zuckerpflanzungen
manchmal auf 3000fl. Ausser der Besoldung, die im Durchschnitt auf
1200fl. angeschlagen werden kann, haben viele noch sichere Procente von
Producten der Pflanzung, als: Zucker, Caffee, Cattun, Melassin und Dram;
sie ziehen auch eine Menge Schweine und Federvieh, die von den Bananen
der Pflanzung gefttert werden. (Ich kenne Directoren, die ber 1000fl.
jhrlich reinen Gewinn von ihren Schweinen haben.) Sie sind auch
unumschrnkte Herren auf der Pflanzung. Verstehen sie nun, sich der Gunst
des Administrators zu versichern, und sind sie in ihrem Fache als tchtige
Mnner bekannt, so ist ein solcher Director wirklich eine beneidenswerthe
Person. Gerumige Gebude sind ihre Wohnungen, eine Menge Dienstboten
fhren die Haushaltung; ein Jger, Fischer und Grtner sorgen fr die
Bedrfnisse der Tafel, und alle diese fliegen auf den Wink herbei. Die
Bequemlichkeit dieser Herren, besonders der farbigen Directoren, ist daher
manchmal eckelerregend, so z.B. wre es eine grosse Erniedrigung, selbst
eine Pfeife anzuznden, ein Glas Wasser einzuschenken oder die Schuhe
auszuziehen. Ich kannte mehrere dieser Herren, besonders auf Holzgrnden,
die des Morgens um 6Uhr aufstanden, dem Bastian der Neger ihre Befehle
ertheilten, dann Caffee tranken, bis 12Uhr nichts thaten, gut assen,
nachher sogleich von den Beschwerden der Tafel in der Hngematte ausruhten,
und sich da von einem hbschen Negermdchen den Kopf kratzen liessen, bis
ihnen die Augen zufielen. Um 5Uhr standen sie auf, wuschen sich, assen von
7-8Uhr, legten sich um 9Uhr mit ihren Concubinen in's Bett und verdienten
dabei 12-1500fl. jhrlich. Dieses ist nicht bertrieben; doch kenne ich
keinen Europer, der es bis jetzt zu diesem Grade von Faulheit gebracht
hatte.

Ein Director, der seinen Pflichten nachkommen will, wird aber auch nie auf
solche Weise vegetiren. Die Behandlung der Neger erfordert, besonders in
der jetzigen Zeit, sehr viel Umsicht und kaltes Blut, sowie eine grosse
Erfahrung und eine, wenigstens auch nur oberflchliche, medicinische
Kenntniss, um ihre angeblichen Krankheiten, die sie manchmal vorschtzen,
um sich der Arbeit zu entziehen, oder ihre wirklichen Krankheiten und
Gebrechen beurtheilen zu knnen. Ihre mannigfaltigen Betrgereien, ihr
Aberglauben und ihre Fetische knnen nicht immer auf eine Weise bestraft
werden, wie sie es verdienen; kurz, es gehrt viel dazu, sie zum Vortheil
ihres Besitzers so zu behandeln, dass die Furcht, die doch hier nur den
Gehorsam bedingt, unter ihnen herrscht, und ihre Fehler doch mit Nachsicht
gergt werden. Und es ist nicht allein Menschen- oder Negerkenntniss,
die dem Director nicht fehlen darf, sondern er muss auch in technischer
Beziehung eine gute Schule genossen haben; denn er muss seine Meinung
beim Zimmern von Gebuden, beim Mauern von Oefen, beim Schmieden im
Maschinenwerk, kurz berall ussern knnen, weil Alles unter seiner Leitung
und Aufsicht geschieht. Die Bearbeitung seines Products ist ihm ganz allein
berlassen, und es liegt desshalb eine schwere Verantwortung auf ihm.

Das Leben auf der Pflanzung ist beinahe berall das gleiche.

Der Director steht um 6Uhr auf, kleidet sich in eine grobe leinene Hose
und ein Wamms, und kommt auf die Gallerie, die auf den meisten Pflanzungen
sich auf einer oder beiden Seiten des Hauses hinzieht. Bereits warten unter
derselben die schwarzen Aufseher der Sclaven, Bastians, die als Zeichen
ihres Ranges eine Peitsche fhren. Es sind deren 2-4. Sie erstatten dem
Director Bericht ber die Arbeiten des vorigen Tages, bezeichnen die Faulen
oder die, welche Strafe verdient haben, und vernehmen die Befehle fr die
Arbeiten des Tages. Die, welche Prgel verdient haben, empfangen sie nun
vor der Thre, whrend der Director seinen Caffee trinkt.

Sind die Arbeiten geregelt, so erscheinen die Kranken mit dem Dresneger
oder Doctor. Man sieht da allerlei jmmerliche Gesichter und hrt manches
Aechzen, was man aber nicht immer fr baare Mnze annehmen darf. Die
wirklich Kranken kommen ins Krankenhaus, die andern werden weggejagt und
mssen an ihre Arbeit. Zu gleicher Zeit macht auch der Blank-Officier
oder weisse Aufseher, der seinen Caffee in seiner bescheidenen Kammer
eingeschluckt hat, seinen Rapport, erhlt seine Befehle und geht in die
Aecker, die Arbeit der Neger anzusehen, oder in die Mhle, wenn da gemahlen
wird. Der Director geht nun, nachdem er die Befehle fr seine Haushaltung
(denn nur wenige sind verheirathet) gegeben hat, mit seinem Jungen
(Voeteboy), der Tabak, Flinten, hufig auch eine Herzensstrkung tragen
muss, versehen mit einem langen, sogenannten Tasstocke, ins Feld, wo er
ebenfalls die Arbeiten besichtigt und untersucht. Der lange Stock dient
ihm dazu, um ber die Grben, welche die verschiedenen Beete und Aecker
absondern, zu springen. Ueber breite Grben (Vaartrenzen), in welchen
man das Product in kleinen Ponten nach den Gebuden fhrt, gehen Brcken.
Meistens dauert eine solche Promenade 1-2 Stunden, von welcher man,
besonders whrend der Regenzeit, von unten bis oben beschmutzt nach Hause
kommt. Hat er sich umgekleidet, so wird ein Schnaps eingenommen, um den
Appetit zur Tafel zu reizen, der aber bei einem noch nicht recht kommen
will, und meistens durch mehrere aufeinander folgende geweckt werden muss.

Gegen eilf Uhr bringt die Creolen-Mamma, eine alte Negerin, welche die
Aufsicht ber die Kinder der Pflanzung fhrt, dieselben vor die Thre.
Mdchen und Knaben sind ganz nackt und kommen so eben aus dem Bade. Sie
stellen sich nach der Grsse: Bengels von 13-14 Jahren oben an, und ganz
kleine, mit dicken, vollgegessenen Buchen, unten.

Auf ein gegebenes Zeichen der Negerin strecken alle die Hnde empor,
klatschen und rufen: =Odi Masra, Odi Missi, fai Masra dan, fai Missi dan!=
(Guten Tag Herr, guten Tag Frau! Wie gehts Herr? Wie gehts Frau?) und
dergleichen Narrheiten, die jeder Director nach seiner eigenen Phantasie
papageienartig sich vorplaudern lsst. Hierauf marschirt die Creolen-Mamma
mit ihrer Heerde ab.

Um zwlf Uhr wird gegessen, wobei der Blankofficier, wenn keine Gste
da sind, allein mit dem Director isst. Es werden meistens mehrere Arten
Fleisch und Fische mit Erdfrchten und scharfen Saucen, aber wenige Gemse
aufgetragen.

Hufig findet man bei der Mittagstafel einen alten, russigen, irdenen
Topf, der mit Ueberbleibseln von Fleisch und Fischen, in einer frchterlich
gepfefferten Sauce, auf einem weissen Teller den Liebhabern prsentirt
wird. Man nennt diese Tpfe Pfeffertpfe[7]; sie waren besonders frher
sehr in der Mode. Nach dem Essen hlt der Director eine Siesta bis gegen
4Uhr. Ihn in dieser Ruhe zu stren, ist nur in besonders dringenden Fllen
erlaubt, sonst wrde er ein sehr schiefes Gesicht dazu machen. Des Abends
6Uhr kommen wieder die Bastians und Feldneger, welche dann einen Schnaps,
Dram, erhalten, vor die Thre, und auch der Blankofficier macht mit dem
Hute in der Hand seine Aufwartung. Auch er erhlt seinen Schluck Genever;
nachher zieht er sich, wenn ihn nicht der Director zum Gesprche zu sich
einladet, was aber sehr selten geschieht, in sein Kmmerlein zurck, bis
ihn gegen 8Uhr der Voeteboy zum Abendessen abruft.

Ist der Director ein gebildeter Mann, so findet er in der vielen freien
Zeit Unterhaltung in der Lectre; denn hufig leben die Directoren der
Nachbarschaft unter sich auf gespanntem Fusse, was wirklich zu verwundern
ist; denn sie sind desswegen meist allein und blos auf die Gesellschaft
ihrer Haushlterinnen beschrnkt, die gerade nicht besonders unterhaltend
sind. Diese Einsamkeit und das Bedrfniss, die Zeit zu tdten, ist die
Hauptursache der unmssigen Consumtion von starken Getrnken, und es
ist unglaublich, welche Quantitten von Genever, Rum und Branntwein hier
jhrlich verbraucht werden.

Die Gastfreundschaft auf den Pflanzungen ist sehr gross. Da keine Wege im
Lande sind, so reist man berall zu Wasser in gerumigen Barken, und zwar
die Flsse aufwrts mit der Fluth, abwrts mit der Ebbe[8].

Wirthshuser findet man nirgends. Erlaubt das Getey (Ebbe oder Fluth)
nicht, weiter zu fahren, oder will man ausruhen, so hlt man an der
ersten besten Pflanzung und wird, sey man bekannt oder nicht, mit aller
Freundlichkeit empfangen. Man erhlt Zimmer, bernachtet oder zieht weiter,
wie man es fr gut findet. An Bezahlung ist natrlich nicht zu denken, und
Trinkgelder sind gar nicht Mode.

So ist also das Leben auf den Pflanzungen mehr oder weniger gesellig, je
nachdem Gste kommen, oder die Directoren der Nachbarschaft sich gut mit
einander vertragen knnen.

Viele Bewohner der Stadt bringen die Trockenzeiten auf den Pflanzungen zu,
und mancher Pflastertreter sucht die eine oder andere heim.

Dass die Langeweile die Plantagenbewohner manchmal zu tausend Narrheiten
verleitet, lsst sich denken. Pasquillen und Scherze sind immer im Umlauf
und endigen manchmal auf kostspielige Weise, besonders wenn sich die Justiz
darein legen muss. Mancher Director hat sich schon ein hbsches Vermgen
erworben, und viele besitzen Huser in Paramaribo; andere aber verbrauchen
ihren Gehalt mit feinen Speisen und Getrnken, oder in Amours und sind,
wenn sie ihre Stelle verlieren, gar bemitleidenswerthe Geschpfe. Sie leben
fast alle mit Haushlterinnen, die entweder Freie (Missi) sind, oder
die sie sich unter den hbschen Mdchen der Pflanzung aussuchen. Unter
letzteren Verhltnissen sind die Kinder Sclaven, es sey denn, dass sie von
ihrem Vater losgekauft werden, was manchmal mit vielen Schwierigkeiten und
Kosten verbunden ist.

Die zweite weisse Person auf der Pflanzung ist der Blankofficier, deren
grssere Effecte 2-3, kleinere nur einen haben. Ihr Gehalt ist gering und
betrgt selten ber 250fl. Es sind diess meist junge Leute, die aus Europa
kommen, um ihr Glck zu machen, und die, wenn sie Protection haben und sich
gut betragen, in 3-4 Jahren es ebenfalls zu einer Directorstelle bringen
knnen. Ihr Anfang ist aber schwer, denn sie werden von den meisten
Directoren wie eine Art niederer Geschpfe behandelt und selten mit einem
Wort beehrt. Sie sind in ihren Freistunden ganz sich selbst berlassen und
bringen in manchmal erbrmlichen Wohnungen ihre Abende zu.

Man denke sich, wie es einem gebildeten, jungen Menschen zu Muthe seyn
muss, wenn er, unbekannt mit den Gebruchen und der Negersprache, seine
Lehrzeit auf einer Pflanzung beginnt, wo ihn der Director kaum eines
Grusses wrdigt, und ihm eine miserable Kammer angewiesen wird, in welcher
er keine andere Gesellschaft findet, als Millionen von Mosquittos, oder
Klumpen von Fledermusen, die in den Dachsparren zwitschernd ihre Bemerkung
ber ihn zu machen scheinen.

Ich komme nun zu den Sclaven der Pflanzungen, welche die Hauptbevlkerung
des Landes ausmachen.

Da seit 24 Jahren keine mehr aus Afrika eingefhrt wurden, so besteht die
Mehrzahl derselben aus hier Gebornen oder Creolen. Diese letzteren, welche
von Jugend auf an das Effect und dessen Eigenthmer oder Verwalter gewhnt
sind, werden den Afrikanern bei weitem vorgezogen; sie bilden auch meistens
grosse Familien, welche nie von der Pflanzung verkauft werden.

Man theilt die Plantagensclaven in vier Classen: 1) In Feldsclaven, die zur
Cultur bestimmt sind; 2) in Haussclaven, die das Hauswesen, Tafel, Kche
u.s.w. besorgen; 3) in Creolen: kleine Kinder, die noch keine Arbeit
verrichten knnen, und 4) in Malenkers: Alte und Kranke, die zu keiner
Arbeit mehr fhig sind. Wenn daher eine Pflanzung unter 200 Kpfen 75-80
Feldsclaven besitzt, so ist diess schon ein sehr vortheilhafter Staat. Die
Feldsclaven haben natrlich bei weitem die schwerere Arbeit, whrend die
Haussclaven, von denen z.B. zwei fr die Kche, zwei fr die Wsche, einer
zum Nhen, einer und zwei Voeteboys zum Dienste eines einzelnen Mannes
angestellt sind, den grssten Theil des Tages unbeschftigt herumliegen.
Ein Jger, ein Fischer, sowie auf manchen Pflanzungen ein Grtner, haben
mehr Arbeit.

Der Schweine- und Khehirt, ein Weib, das fr die Hhner zu sorgen hat,
und ein Wchter des Kostgrundes sind meistens alte Leute, welche zu keiner
andern Arbeit mehr gebraucht werden knnen[9].

Die Feldsclaven gehen des Morgens um 6 oder 7Uhr in die Aecker an ihre
Arbeit, und kehren des Abends, oder wenn sie das, was ihnen auf den meisten
Pflanzungen vorgeschrieben wird, vollendet haben, nach Hause zurck. Des
Sonntags wird nichts gearbeitet, muss es aber geschehen, wie diess hufig
auf den Zuckerpflanzungen der Fall ist, so wird den Sclaven ein anderer Tag
fr den Sonntag gegeben.

Die Negerhuser sind ganz in der Nhe der Mhle oder der Fabrikgebude,
und bilden, wenn die Pflanzung bedeutend ist, ganze Drfer. Auf manchen
Pflanzungen sind sie von Brettern gebaut und mit Schindeln bedeckt, auf
den meisten aber mit den Latten der Pinapalme beschlagen und mit Blttern
dieser Palme bedeckt. Um die Huser, welche regelmssige Strassen bilden,
pflanzen die Neger spanischen Pfeffer, Calebasbume u.s.w.; dabei wimmelt
es von Federvieh und Schweinen.

Die Nahrung erhalten die Neger auf allen Pflanzungen, die Holzgrnde
ausgenommen, vom Effekte selbst. Sie soll nach dem Gesetze in zwei Bndeln
Bananen und 3 Pfund gesalzenen Fischen wchentlich bestehen. Erwachsene
Neger erhalten dazu noch Tabak, Pfeifen, und tglich einen Schnaps, Dram;
Weiber dagegen Melassin. Bananen werden auf den Pflanzungen jeden Sonntag
Morgen ausgetheilt; Fische u.s.w. aber viertel- oder halbjhrlich. Es
ist aber kaum mglich, ihnen das Stehlen von Bananen in den Kostckern,
von Zucker oder Melassin im Kochhause, von Producten aus den Caffee- oder
Cattunlogen dieser Effekte zu verwehren. Das Gestohlene verbrauchen sie
entweder selbst oder vertauschen es bei Sclaven anderer Pflanzungen, oder
bringen es gelegenheitlich nach Paramaribo, wo sich stets Liebhaber dafr
finden[10]. Kleidungsstcke und andere Bedrfnisse, als: Tpfe, Cassavo,
Platten, Messer, Scheeren u.s.w. werden zu bestimmten Zeiten von
den Eigenthmern der Pflanzungen aus Holland gesandt, oder mit deren
Genehmigung hier im Lande angekauft, und es werden diese Sachen durch den
Director, der fr sich selbst eine Menge Kchen-, Tafelgerthe u.s.w.
erhlt, familienweise ausgetheilt. Der Werth der Sendung betrgt manchmal
bei 4000fl.

Auf allen wohlgeordneten Pflanzungen ist fr die Neger auf eine Weise
gesorgt, die dieser Menschenrace die Sclaverei sehr ertrglich macht, und
ganz verschieden ist von den Vorstellungen, die man in Europa gewhnlich
vom Zustande der Sclaven sich macht.

Ihre Arbeit ist nicht bertrieben und dauert, wenn der Neger fleissig
ist, nicht ber neun Stunden tglich. Nahrung und Kleidung haben sie
hinlnglich, und im Alter werden sie auf den Pflanzungen unterhalten.
Wie ganz anders ist das Leben der rmeren Taglhner in Europa, die bei
beschwerlicherer Arbeit zufrieden sind, wenn sie die Bedrfnisse ihrer
Familie befriedigen knnen, und die bei Krankheit und Unglcksfllen keine
andere Zuflucht haben, als den Bettelstab!

Die Religion der Neger, wenn man ein Gemisch von Aberglauben und Unsinn so
nennen darf, ist die ihrer ursprnglichen Heimath, der Fetischismus.
Jedes einzelne Individuum hat, so zu sagen, seine eigene Gottheit, und
verpflichtet sich, dieser zu Ehren, von irgend einer Speise sich zu
enthalten. Schnre, Corallen, geschnitzte Holzstckchen, oder was ihnen
gerade einfllt, werden um den Hals, Arm oder die Fsse getragen, und sind
Amulette, welche sie beschtzen. Man nennt diese Narrheiten Obia's. Beinahe
alle Neger verehren den Seidewollenbaum und opfern demselben; schwer
verbotene Tnze stehen damit in Beziehung.

Es hat auf allen Pflanzungen sogenannte Bukumann's oder Zauberer, welche
die Zukunft vorher wissen, und in der Bereitung von inlndischen Arzneien
oder als Giftmischer sich auszeichnen. Mancher verhasste Director hat schon
durch diese sein Leben eingebsst, und man hat Beispiele, dass schon auf
Pflanzungen eine Menge Sclaven hinwegstarben, die vergiftet wurden, um
deren Eigenthmern Schaden zu bringen. Die Gifte sind alle aus Vegetabilien
gezogen, und lassen daher wenig Spur zurck.

Die Jugend wchst natrlich auf den Pflanzungen wie das liebe Vieh auf;
blos auf zwei oder drei derselben werden die Kinder unterrichtet. Beinahe
alle werden von den Herrnhutern[11], welche in Paramaribo eine bedeutende
Niederlassung haben, von Zeit zu Zeit besucht, und den Sclaven werden
alsdann einige Kapitel der Bibel in der neger-englischen Sprache vorgelesen
und ausgelegt. Will man aber, dass die Neger die Kirche besuchen sollen, so
muss die Arbeit des ganzen Tages nachgelassen werden, was fr die Pflanzung
ein grosser Schaden ist. Die Predigten der guten Leute mgen aber nicht so
fasslich seyn, so dass der Nutzen in moralischer Beziehung nicht sehr gross
ist, besonders da blos alle paar Monate solche Vorlesungen gehalten werden,
bei welchen meistens die Hlfte gedankenlos zuhrt, und so das Gehrte sehr
leicht vergisst.

Die Herrnhuter, die in Paramaribo als Schuster, Schneider, Bcker,
Kaufleute u.s.w. sich nhren, verlassen tourweise ihre Arbeit und
besuchen in gerumigen Tentfahrzeugen zu obigem Zwecke die Pflanzungen,
auf welchen man sie berall mit der grssten Gastfreundschaft aufnimmt und
bewirthet, wiewohl die wenigsten Directoren, denen in der Regel die Arbeit
mehr am Herzen liegt, als das Seelenheil ihrer Sclaven, sie gerne sehen.
Haben sie die ihnen vorgeschriebene Anzahl von Pflanzungen besucht, so
fahren sie wieder zur Stadt zurck und versehen ihre Geschfte.

Die grsste Glckseligkeit nach dem Nichtsthun ist fr die Neger der Tanz.
Sie haben viele Tnze, die ich nicht namentlich kenne, und von welchen
wieder manche in genauem Verbande mit ihrem Fetischismus stehen und von
der Regierung strenge verboten sind. Es gibt hufig in den Negerhtten
der Pflanzungen Sonntags kleine Tanzparthien, die gewhnlich noch vor
Mitternacht enden, und zu welchen sich blos einige Familien, jedoch nicht
ohne Erlaubniss des Directors versammeln. Die Musik besteht dann blos in
dem Schall einer Trommel (ein ausgehhltes rundes Stck Holz, ber welches
eine Schweins- oder Hirschhaut gespannt ist), und dem Klang aus einigen
alten Schaufeln oder dergleichen, auf die mit Eisenstcken taktmssig
geschlagen wird.

Mit viel mehr Feierlichkeit werden die Tnze begangen, welche man an
gewissen Jahrstagen zum Andenken an Verstorbene hlt. Da werden Kuchen
gebacken, Schweine und Hhner geschlachtet, und dem Todten wird ebenfalls
ein guter Theil auf das Grab gebracht. Dabei kommen alle Kleidungsstcke,
die sie sonst nie gebrauchen, zum Vorschein, und man sieht dann besonders
unter den Mnnern groteske Gestalten. Die Haupttnze aber, zu welchen
den Sclaven mehrere Tage freigegeben werden, sind am Neujahr, und zwar
gewhnlich im oder am Wohnhause des Directors, wobei die Mnner mit Dram,
die Weiber aber mit Wein oder schlechtem Liqueur bewirthet werden.

Gewhnlich hat der Director Gste bei sich, und es werden da oft
Bacchanalien gehalten, dass es einem graust.

In Paramaribo finden um diese Zeit alle Abende solche Tanzparthien statt,
die meistens unter Zelten bei guter Beleuchtung abgehalten werden. Die
Eigenthmer von Sclaven lassen sich's um diese Zeit nicht wenig kosten,
ihren Sclaven Vergngen zu machen; Backwerk, Wein und Liqueur findet man
bei diesen Parthien im Ueberfluss. Die Mdchen sind dabei nicht selten
mit den Kleidern und Schmucksachen ihrer Haushlterinnen bekleidet, und
es herrscht eine Pracht, dass man sich verwundert. Es haben aber auch die
Haussclaven selbst gute Kleidungsstcke, die blos an diesen Tagen gebraucht
werden. Es ist in der That ein prchtiger Anblick, diese in allen Farben
aufgeputzte, von chtem und falschem Gold und Juwelen glnzende, singende
Masse in immerwhrender Bewegung beim Scheine einer Menge Lampen, und beim
Lrmen einer abominabeln Musik zu sehen, und man glaubt sich ins Morgenland
versetzt. Die Tnze lassen sich freilich nicht mit unsern vergleichen, weil
bei den meisten gesungen wird; es sind die Verse, die einige Dutzendmale
im Chor wiederholt werden, und wegen ihres satyrischen Inhalts viel Lachen
erregen. Der Tnzer oder die Tnzerin, welche solche improvisiren, tanzen
um einander in immer kreisfrmiger Bewegung, whrend der Chor sich nur auf
den Fssen wiegt und mit dem Oberleibe bewegt, dabei aber nach dem Takte
in die Hnde klatscht oder mit Castagnetten die Musik begleitet.
(Diese Castagnetten sind dreieckige, holzichte Schalen oder Nsse
einer Euphorbiacee). Hufig tanzt aber Alles, indem sich jedes einzelne
Individuum kreisfrmig durch den ganzen Raum dreht, ohne an den andern
anzustossen. Der Anblick dieses Tanzes erregte mir stets Schwindel, und ich
konnte es nie lange dabei aushalten.

Ich will nur noch kurz zum Schlusse etwas ber die hier herrschenden
Krankheiten beifgen, die ich freilich nur als Laie, nicht als Arzt
beschreiben kann.

Die hufigsten Krankheiten, denen der Europer wie der Creole unterworfen
ist, und die unter Buschnegern und Indianern gleich stark grassiren, sind
Wechselfieber, welche, wenn der Patient nicht gleich in geschickte
Hnde kommt, Monate und Jahre lang anhalten. Es ist gewhnlich die erste
Krankheit der Neuangekommenen oder das Aklimatisationsfieber. Gallenfieber
sind ebenfalls hufig und machen ganz kurzen Prozess. Eine andere hufige
Krankheit hchst beschwerlicher Art ist der sogenannte Kuk oder Kuchen,
eine Anschwellung der Milz. Man fhlt sich dabei immer ermattet, hat kurzen
Athem, unruhigen Schlaf und ist ausserordentlich reizbar. Dieses Unwohlsein
dauert manchmal Jahre lang. Meistens befolgt man dagegen den Rath
eines inlndischen Quacksalbers, der stark abfhrende Mittel gibt. Die
Wassersucht ist ebenfalls nicht selten, zeigt sich aber meist nur bei
Individuen, welche dem Trunke ergeben sind.

Die Hauptkrankheit, die frchterlichste von allen, weil sie zugleich die
anstrengendste ist, ist die Lepra. Bei den von ihr Befallenen zeigen sich
zuerst weissfarbige Flecken auf der Haut. Die Ohren, Nasen, Augenlieder
u.s.w. schwellen auf; es zeigen sich Beulen im Gesichte und am Krper,
welche manchmal aufbrechen; Finger, Zehen, Ohren, Nase oder einzelne
Glieder fallen ohne Schmerzen ab; das Gesicht verzerrt sich aufs
Scheusslichste und verrth nichts Menschliches mehr. Die meisten Kranken
sind dabei innerlich gesund, knnen arbeiten und dabei selbst alt werden,
whrend bei anderen die Krankheit schnellere Fortschritte macht.

Die damit Behafteten, seyen sie Freie oder Sclaven, werden, sobald die
Behrde davon unterrichtet ist, nach einem, dem Lande gehrigen und eigens
dazu bestimmten Etablissement, Batavia, abgesandt, wo sie, entfernt von der
brigen Welt, auf Kosten des Landes so lange verpflegt werden, bis der
Tod sie von ihren Leiden erlst. Noch nie ist ein Kranker von dieser Qual
befreit worden, obgleich man neuerdings in Para in Brasilien Versuche mit
dem Safte der Hura crepitans machte, die befriedigend ausgefallen seyn
sollen. Leute von Vermgen oder hheren Ranges, welche davon befallen
werden, leben einsam in ihren Husern, oder reisen nach Europa, wo ihnen
aber ebenfalls nicht geholfen werden kann.

Das Etablissement _Batavia_, das am Copenamstrom liegt, ist der Leitung
des katholischen Prfecten anvertraut, hat eine hbsche Kirche und einen
Priester, der die Kranken trstet und lehrt, wobei er sich jeglicher
Gefahr aussetzt. Die Zahl dieser Unglcklichen beluft sich dort auf circa
700[12].

In Paramaribo befinden sich heimlich viele Leprosen, die von ihren Familien
versteckt gehalten werden, wodurch diese entsetzliche Krankheit immer mehr
verbreitet wird, was auch in der Nachbar-Colonie Cayenne der Fall ist, wo
viel weniger auf Absonderung gesehen wird. Eine andere Krankheit, genau mit
dieser verwandt, aber nicht ansteckend, ist die Elephantiasis. Es schwellen
dabei die Beine, oder oft nur ein Fuss auf frchterliche Weise an, und
erhalten ganz das Aussehen von Elephantenfssen. Hufig kommen noch
Auswchse und Knollen dazu, und eine rauhe, chagrinartige Haut berzieht
das Ganze. Die Zahl der davon Angesteckten ist sehr gross, und besonders
bei der Sclavenbevlkerung, die sich nicht so gut bekleiden kann, ins Auge
fallend. Man sieht hufig Kinder von zehn Jahren mit solchen Klumpfssen,
die meistens bis zum Knie eine unfrmliche Dicke haben. Auch dagegen hat
man kein Mittel.

Ausser den angefhrten ist noch eine andere Hautkrankheit nicht selten,
die Jaws, eine Art Krtze, bei welcher sich einzelne runde Flecken auf dem
Leibe zeigen, die aufbrechen. Auch sie ist eine langwierige, ansteckende
Krankheit, zu deren Heilung Monate erfordert werden.




Dritter Abschnitt.

  Geschichtliche Bemerkungen im Allgemeinen. Ursache des Verfalles des
  Wohlstandes der Colonie Surinam. Beschreibung des Landes. Grnzen.
  Strme: Marowyne, Comewyne, Cottica, Surinam, Saramacca, Coppename,
  Correntin.


Fr Manchen wird es nun von Interesse seyn, hier eine kurze Geschichte der
Colonie Surinam zu finden. Ich hatte zwar im Sinne, dieselbe zu bergehen,
weil ich mich nicht mndlicher Ueberlieferungen oder Auszge aus frheren
Schriften bedienen, sondern mich blos auf die Erzhlung meiner
Erlebnisse beschrnken wollte; allein ich halte nun doch fr nthig, eine
oberflchliche historische Skizze des Landes zu geben, damit ich in der
Folge ohne weitere Erluterungen bei der Beschreibung meiner ferneren
Abentheuer verweilen kann.

Es ist hinlnglich bekannt, dass bei der Entdeckung von America _Guyana_
und die umliegenden Lnder von verschiedenen Indianerstmmen bewohnt waren,
unter denen sich die _Caraben_ durch ihre Menge und ihren khnen Charakter
besonders auszeichneten.

Gegen die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, nachdem man das Innere des
Landes fruchtlos nach Gold durchforscht hatte, setzten sich europische
Pflanzer an dem Kstenlande fest, um diejenigen Produkte anzubauen, die man
auf gefhrlichem Wege nur allein aus Ostindien hatte beziehen knnen. Durch
die Fruchtbarkeit des Bodens und die leichte Fahrt ermuthigt, zogen
viele unternehmende Europer nach dem neuen Lande, und im Laufe weniger
Jahrzehnte bildeten sich franzsische, englische und hollndische
Niederlassungen.

Da die Indianer zur Arbeit nicht krftig genug waren, so entstand der
Sclavenhandel, indem von den Regierungen ermchtigte Schiffe bei den
kleinen Frsten in Afrika, die in immerwhrenden Zwisten miteinander
lebten, fr Tauschartikel die gegenseitig gemachten Kriegsgefangenen
kauften und dieselben nach Amerika brachten, wo man sie zur Feldarbeit
verwendete. Da der Ankauf eines Sklaven nicht viel kostete, und man sich
mit dieser Waare immer versehen konnte, so lockte der Gewinn manchen
unternehmenden Mann nach dem heissen und feuchten Kstenstriche, und es
bildeten sich Vereinigungen (Maatschappye) von betrchtlichem Kapital, um
den Unternehmern, die ihr Leben dabei wagten, krftig beizustehen.

_Surinam_ selbst wurde zuerst von den Englndern in Besitz genommen, die
sich am Surinamstrom festsetzten und die Stadt Paramaribo anlegten. Erst im
Jahre 1667 wurde die Colonie durch Vertrag an die Hollnder abgetreten[1].

Bei dem Fleisse dieser Ansiedler und der grossen Fruchtbarkeit des Bodens
htte Surinam gewiss der Maatschappy grosse Vortheile abgeworfen, wenn
die noch im Werden begriffene Colonie zweckmssig organisirt und gegen
Eingriffe von Aussen beschtzt gewesen wre. Die vielen Kriege der
Franzosen und Englnder mit den Generalstaaten, in welchen von ersteren
die Colonien der Hollnder berfallen, und mit kaum zu erschwingenden
Contributionen beschwert wurden, so wie die Wegnahme der mit den
Erzeugnissen der Kolonie geladenen Schiffe machte, dass, ungeachtet aller
Bemhungen, die Vortheile des Mutterlandes sehr unbedeutend waren. Erst
nach beendigten Kriegen erhob sich Surinam; sein Reichthum bertraf den
jeder andern Colonie, und unterlag keinem innerlichen Zwiespalt, und
keinem Aufruhr rebellischer Sclaven, wie viele Kosten auch die im Laufe des
vergangenen Jahrhunderts gefhrten Feldzge gegen jene verursachten. Den
empfindlichsten Stoss erhielt der Wohlstand durch das Verbot der Einfuhr
von Sclaven im Jahre 1824. Durch die Verminderung der Arbeitskrfte, die
von Aussen nicht mehr ersetzt werden knnen, eilt die Colonie mit raschen
Schritten ihrem Untergange entgegen. Viele einst so blhende Pflanzungen
sind verlassen; ihre Zucker- und Caffeefelder, einst mit so vieler Mhe
bepflanzt und unterhalten, sind jetzt mit baumhohem Gestruche bedeckt; die
schnen Alleen von Knigspalmen oder hohen Tamarindenbumen, die nach den
Wohnhusern der Pflanzungen leiteten, ragen jetzt einsam aus dem Gebsche
wildwachsender Pflanzen hervor, und der Landungsplatz, wo schn gefrbte
Barken an- und abfuhren, liegt de und verlassen.

Der grosse Landstrich, der umschlungen von den zwei grssten Flssen
Amerika's, dem Amazonenfluss und dem Orinoko, vom 0. Grade sdlicher bis 9
nrdlicher Breite und vom 49. bis 67 westlicher Lnge von Greenwich sich
ausbreitet, dessen Ost- und Nordkste der atlantische Ocean ist, der im
Sden durch Brasilien, im Westen aber durch die Republik Columbia begrenzt
wird, und dessen Kstenlnder schon seit zwei Jahrhunderten Europa die
kstlichen Erzeugnisse ihres milden Bodens zusenden, wird ins englische,
hollndische, franzsische und portugiesische Guyana eingetheilt.

Durchschnitten von grossen, schiffbaren Strmen und zahllosen, natrlichen
Canlen, die untereinander in Verbindung stehen, macht es seine
geographische Lage und ausserordentliche Fruchtbarkeit des Bodens zum
wahren Eldorado, das seine Schtze ber der Erde und mit weniger Gefahr
bietet, als das in seinem Innern getrumte Goldland.

Auf seiner 7000 Quadratmeilen grossen Oberflche leben sparsam verbreitet
die Ueberreste mehrerer indianischer Stmme, die, roh und wild, die Bildung
nicht mehr besitzen, die ihre Vorfahren gehabt zu haben scheinen.
Viele dieser Stmme, so wie der grsste Theil des Innern, sind uns noch
unbekannt, und nur durch Aussagen anderer und befreundeter Indianer, die
das Binnenland bereisen, oder der Buschneger, welche mit jenen Stmmen
Handelsverbindungen unterhalten, wissen wir, wie ungerumt auch die
Berichte ber sie seyn mgen, dass sie existiren.

Wie schwierig und mit wie vielen Gefahren verknpft Reisen ins Innere
eines so wenig bevlkerten Landes auch sein mgen, so bleiben sie doch noch
ausfhrbar, wenn blos Hindernisse zu besiegen sind, die die Natur in den
Weg legt; wenn aber hiemit noch die Unwilligkeit und der Widerstand roher
Vlker sich verbindet, die den wissenschaftlichen Zweck solcher Reisen
nicht verstehen, durch aberglubische Vorurtheile sich feindlich zeigen,
oder ihre Handelsverbindungen mit den Vlkern des Inlandes beeintrchtigt
glauben, so kann man begreifen, dass, whrend die Welt in allen Richtungen
durchreist wird, das Innere von Guyana noch grsstentheils eine terra
incognita ist. Die bestbebaute, lteste und blhendste seiner Colonien,
Surinam, ist in wissenschaftlicher Beziehung noch die unbekannteste. Ob nun
dieses dem Materialismus, der blos die Speicher der Amsterdamer Kaufleute
fllt, zuzuschreiben, oder in andern Verhltnissen zu suchen sey, wage ich
nicht auseinander zu setzen.

Die Colonie Surinam liegt zwischen dem 3. und 6. Grade nrdlicher Breite,
und 53. bis 56 westlicher Lnge von Greenwich. Im Osten grenzt es an das
franzsische Guyana, von dem es durch den Maroni oder Marowyne getrennt
ist, im Westen scheidet es der Correntin von der frheren hollndischen,
jetzt englischen Besitzung Berbice, im Sden, wo dessen Grenze noch nicht
einmal richtig bestimmt ist, stsst es an die gebirgigen Savannen, die
die Wasserscheide der in den Amazonenstrom fliessenden Flsse und der nach
Norden zu mndenden Gewsser ausmacht. Im Norden besplt der atlantische
Ocean seine Kste.

Die Hauptstrme sind der Maroni, Surinam, Saramacca, Coppename und
Correntin, wiewohl noch eine Menge anderer Flsse das Land bewssern, und
in allen Richtungen durchschneiden.

Alle diese Flsse stehen durch natrliche Kanle, hier Kreeks genannt, mit
einander in Verbindung, so dass man aus dem Correntin in den, 56 Stunden
(in gerader Linie) stlicher gelegenen, Maroni kommen kann, ohne sich den
Beschwerlichkeiten einer Seereise aussetzen zu mssen.

Die ganze Kste Surinams ist eben und angeschwemmtes Land, das, bedeckt mit
Bumen und niederem Gestruche, mit jeder hohen Fluth unter Wasser kommt,
und Vernderungen erleidet.

Durch diese niedrige Beschaffenheit des Bodens erstrecken sich die Bnke,
die eigentlich blos eine Fortsetzung der Kste bilden, meilenweit in das
Meer; sie bestehen aus einem weichen Schlamm, den Alluvionen der Flsse,
und sind also meist vegetabilischen Ursprungs.

Parallel mit der Seekste ziehen sich Sandritzen oder Muschelbnke, die
bisweilen sich bis an das Meer ausdehnen, und auf denen eine manchfaltige
und ppige Vegetation, der des Inlandes hnlich, herrscht. Sie sind hher,
als der umliegende sumpfige Boden, von geringer Breite, aber manchmal
bedeutender Lnge, und scheinen die zurckgewichenen Meeresufer einer
frheren Periode gewesen zu seyn. Diese Ritzen sind mit Hochwald bedeckt,
in dem der Copalbaum (Hymenaea courbaril), die Weihrauchbume, die Awara-
und Cumu-Palmen und der indianische Pflaumenbaum (Spondias?) vorkommen.

Hinter diesen Ritzen dehnen sich grosse Ssswassersmpfe aus, die in
den Regenzeiten beinahe undurchdringlich sind. Stundenlange Wlder der
Mauritien-Palme (Mauritia flexuosa) und grosse Flchen des baumartigen
Arons (Calladium arbor.) bedecken hier das Land; nur in heissen Sommern
trocknen diese Smpfe aus.

Der Seestrand selbst bietet dem Auge berall eine einfrmige, traurige
Scene dar: Tausende von abgestorbenen, entwurzelten und angeschwemmten
Bumen liegen in allen Richtungen umher; der Boden, ein weicher Schlamm, in
dem man bis an die Kniee einsinkt, ist von Millionen Krabben durchlchert,
und in dem Gebsche, mit welchem diese traurige Kste bewachsen ist,
hausen Schwrme von Mosquittos und anderen stechenden Mcken. Schaaren von
Wasservgeln aller Art finden zur Zeit der Ebbe in ungestrter Ruhe hier
reichliche Nahrung, whrend bei der Fluthzeit Hai- und andere Raubfische
in den von Wasser bedeckten Gebschen umherirren. Eben so niedrig sind die
Mndungen der Strme, deren Ufer aber durch Waldungen von Mangrove-Bumen,
welche durch ihre Wurzeln und Schsslinge undurchdringliche Verschanzungen
bilden, vor der Gewalt der Brandungen geschtzt sind.

Je weiter man sich von der See entfernt, um so mehr verndert sich die
Scene. Die Ufer schmcken sich mit anderen Gewchsen; grssere Bume treten
aus dem niedrigern Gebsche hervor; die schlanke Pinapalme, das sichere
Zeichen eines fruchtbaren Bodens, zeigt sich in Menge. Schling- und
Schmarotzerpflanzen bedecken die Bume und winden sich guirlandenartig von
Zweig zu Zweig. Das Ufer, bewachsen mit stachlichten Papilionaceen, ist
nicht sichtbar vor der Masse von Laubwerk, das bis weithinein ins Wasser
hngt. Etwa 8-10 Stunden von der Meereskste ab, da wo das Flusswasser
rein, und nicht mehr vom Salze der See getrbt die schon hheren Ufer
besplt, prangt der Grnhart mit seinen gelben Blumen. Die Heliconien
entfalten ihre riesenartigen Bltter und die prchtige Maripapalme
(Maximiliana regia) ragt aus dem dunkeln Laubgewlbe empor.

Doch ist Alles noch eben; nur selten unterbrechen kleine bewaldete Hgel
die Flche. Ueberall in allen Strmen herrscht dasselbe Bild der ppigsten
Vegetation, und das klare, schwarze Wasser spiegelt die Landschaft herrlich
zurck. -- Nur wo Hgel den Lauf der Flsse bestimmen, wo Felsen und
Klippen diesen einengen, und den Transport von Produkten gefhrden wrden,
ist auch die Grenze der Cultur, und die Pforte zum unbekannten Lande.

Der stliche Grenzstrom der Colonie, die Marowyne, Maroni oder indianisch
Marauni, ein grosser, an seiner Mndung eine Stunde breiter Strom, ist
durch die Menge von Sandbnken beinahe nicht befahrbar. Es mag diese
gefhrliche Einfahrt die Ursache davon seyn, dass, obwohl seine Ufer hher
und ebenso fruchtbar, ja gesnder als die des Surinam sind, sie gleichwohl
noch ganz unbebaut sind, und nur in der Nhe der See von Indianern, und
im Innern waldiger Gebirge von den Aucaner-Buschnegern bewohnt werden.
Die Mndung desselben hat nicht die einfrmigen Mangrovegebsche, wie
die andern Strme, sondern hohe Sandritzen, auf denen eine beraus ppige
Vegetation von Palmen, Cactus, Weihrauch- und Copalbumen, und Caschu's
(Anacardium occidentale L.) sich lngs den Ufern der See hinzieht. Ein
kleiner Militrposten auf der hollndischen Seite liess beim Vorbersegeln
von Schiffen die hollndische Flagge wehen.

Ohne Bucht oder Krmmung zieht sich der stattliche Strom in gleicher Breite
drei Stunden aufwrts, wo er sich bei einer Gruppe von fnf niedrigen, mit
Palmen und andern Nutzhlzern dicht bewaldeten Inseln sdwestlich wendet.

Das Land auf beiden Seiten des Flusses ist meist ber dem Niveau der
hchsten Meeresfluth gelegen, und ein mit schwarzer Erde vermischter Sand,
der dem Anbau der Maniok-Wurzel (jatropha) besonders gnstig ist. Etwa eine
Stunde den Fluss aufwrts, vom Posten Prinz Willem Frederik, zieht sich ein
Riff von sehr eisenhaltigen Felsen weit in das Flussbett. An der Ecke des
sandigen Strandes, die die Mndung des Stromes auf dem rechten Ufer bildet,
findet man hufig helle krystallartige, abgerundete Steine, die sehr
hart, und geschliffen wasserhell und glnzend sind; man nennt sie
Marowyne-Diamanten. Sie sind aber nichts als Topase, und selten wird einer
gefunden, der von einigem Werthe wre.

Von den ersten Inseln, die von Sandbnken umringt und von untiefen Canlen
durchschnitten sind, schifft man den Fluss in einer wenigstens zehn Stunden
langen Bucht sdwestlich hinauf. Eine Menge Inseln, theils niedrig und mit
Palmen bewachsen, theils hoch und steinig, und mit Hochwald bedeckt, bilden
prchtige Gruppen auf der weiten Wasserflche. Die Ufer sind hher, an
manchen Stellen hgelig und dicht bewaldet, und malerisch erheben sich an
steilen Stellen kleine Indianerdrfer, deren Htten halb versteckt sind
unter Bananen und Papaia- (Carica-) Bumen und Baumwollenstruchern. Grosse
Sandbnke ragen mitten aus dem Flusse, es zeigen sich Klippen und
kleine Cascaden. Das Wasser ist besonders in den trockenen Jahreszeiten
krystallhell, und man kann bei zwlf Fuss Tiefe die Steine des Bodens
sehen. Aus der Ferne erblickt man die hohen Gebirge des Inlandes gleich
blauen Wolken. So nhert man sich, indem man bei den unmerklichen
Krmmungen des Stromes stets eine Fernsicht von drei bis vier Stunden vor
sich hat, dem 16 Stunden von der Mndung entfernten Militrposten _Armina_.

Der Fluss, der pltzlich einen Halbzirkel von Sdost nach Nordwest bildet,
strzt ber zahllose Cascaden, Klippen und Sandbnke braussend herab.
Ungeheure Granitblcke liegen in seinem Bette; sie sind mit stachlichten
Palmen und einer wohlriechenden Guiaba (Psidium aromaticum) bewachsen. Am
franzsischen Ufer, das eine ununterbrochene Hgelkette bildet, ergiesst
sich der kleine Fluss Armina, der dem hollndischen Posten seinen Namen
gab, in den Strom. In den Trockenzeiten steigt die Meeresfluth bis
unterhalb der ersten Flle, wo bei einer Lnge von etwa 80 Fuss der Fluss
6 Fuss hoch herabstrzt. Bis unterhalb dieser Flle kann man mit grossen
Booten kommen, doch ist bei den starken Strmungen viel Vorsicht nthig,
um nicht auf die unter dem Wasser verborgenen Klippen zu stossen. Fahren in
den Trockenzeiten Buschneger oder Indianer den Fluss hinauf, so laden sie
unterhalb der Flle ihre Canots aus, und tragen ihre sieben Sachen auf dem
Kopfe ber die Klippen. Die leeren Canots werden mit Tauen heraufgezogen,
und oben wieder eingeladen.

In den Regenzeiten aber, wo der Strom durch den ungeheuren Wasserzuwachs
aus dem Innern angeschwollen ist, sind beinahe alle Klippen unter Wasser,
und die Boote werden aus Leibeskrften gegen die Strmungen gerudert.

Der Unterschied zwischen dem hohen Wasserstande der Regen- und dem
niedrigsten der Trockenzeit mag bei Armina wohl 20 Fuss betragen, wird
aber, je hher man den Fluss hinaufsteigt, um so betrchtlicher.

Aus beiden Ufern vermehren betrchtliche Kreeken oder kleine Flsse, die
meist aus den Smpfen des Inlandes entstehen, die Wassermasse des Flusses
bedeutend. Auf der franzsischen Seite findet man nahe an der Mndung
die grosse Waragama, oder Seekuhkreek; weiter aufwrts die Maipuribi oder
Tapirkreek. Ihnen folgt die Balete; vier Stunden unterhalb Armina fliesst
der Siparawinifluss in den Strom. Dieser, den man in den Regenzeiten Tage
lang aufwrts fahren kann, kommt aus dem Sdosten, und scheint in geringer
Entfernung von der Lava zu entspringen. Indianer haben mich versichert,
diesen Fluss vier Tagereisen aufwrts gefahren zu seyn, und bei Nacht in
sdlicher Richtung ganz deutlich den Klang von Negertrommeln und Schiessen
gehrt zu haben. Man kann daraus abnehmen, dass diese Indianer sich in der
Nhe des Aufenthaltes von Boninegern befanden, welche die Ufer der Lava
etwa unter dem dritten Breitegrad bewohnen. Auf die Siparawini
folgt, unterhalb Armina, die Ruarua und auf diese die Armina. Auf der
hollndischen Seite sind bis Armina die Kreeken weniger bedeutend, weil
das, zwischen der Marowyne und dem Cottica gelegene Land sich nach Westen
zu mehr abflacht, wesswegen auch die Waldwasser und Entleerungen der Smpfe
nach Westen zu fliessen.

Drei Stunden von der Mndung der Marowyne ist am hollndischen Ufer die
kaum bemerkbare Wanekreek, die in einem Sumpfe entspringt, der sein Wasser
gleichzeitig nach der Marowyne und dem Courmotibo sendet; da dieser in die
Cottica fliesst, und diese wieder in die Comewyne mndet, so kann man
in den Regenzeiten, wo die Smpfe 4-5 Fuss Wasser haben, mit kleineren
Fahrzeugen in fnf bis sechs Tagen Paramaribo erreichen. In der Trockenzeit
aber sind diese Morste ausgetrocknet, und es besteht dann keine andere
Verbindung als ber See. Die weiteren bedeutenderen Kreeken sind die
Aramatta, Maturi und Aroarica, die man aber blos einige Stunden aufwrts
fahren kann.

Die Marowyne, die durch Hgel eingeengt bei Armina blos  Stunde breit ist,
dehnt sich oberhalb dieses Postens bedeutend aus. Ihr Bett, mit Klippen,
Sandbnken und Inseln erfllt, zieht sich mit wenig Buchten beinahe
sdlich. 4-500 Fuss hohe, stark bewaldete Hgel liegen dicht am Strome.
Vier Tagreisen oberhalb Armina, unter 340' nrdl. Breite, und etwa 25
Stunden oberhalb dieses Postens theilt sich die Marowyne, nachdem sie
mehrere bedeutende Wasserflle bildete, in zwei Arme, deren einer aus
Sdosten strmt und Lava heisst, whrend der andere, aus dem Sden
kommende, Tapanahoni genannt wird. Auf der Ecke, welche durch die
Vereinigung beider Strme entsteht, wohnen die Nachkommen der im Jahre 1806
von verschiedenen Militrposten weggelaufenen Guides (Negersoldaten),
die, nachdem sie zuvor ihre Officiere ermordet hatten, nach diesem
unzugnglichen Felsenneste flchteten, und mit Mdchen der Boni- und
Aucaner-Buschneger sich verbanden. An diesem Platze, der durch seine
natrliche Lage geschtzt, mit Felsen und Klippen umgeben ist, ist ein
bedeutender Wasserfall, Singa De De, und in der Lava das Ende der mehrere
Stunden langen Cascaden Itepuou. Am Ufer der Lava wohnen die Boni-Neger,
ebenfalls Abkmmlinge frher von den Pflanzungen entlaufener Sclaven,
die aber mit der Regierung nicht befreundet sind, und nur durch die
Aucaner-Buschneger, fr welche sie Canots verfertigen, mit Gerthschaften,
Tchern u.s.w. versehen werden. Die Lava, ein breiter, aber nicht sehr
tiefer Strom, steht in Verbindung mit dem Camopy, der in den Oyapok mndet,
und es kommt also auch hier die merkwrdige Gabeltheilung der Gewsser vor,
die sich beim Orinoco und Amazonenstrom in viel bedeutenderem Maase zeigt.

Der Tapanahoni, der viel tiefer ist, und weniger Klippen haben soll,
entspringt wahrscheinlich in der Nhe des Aequators, und kann als die
eigentliche Marowyne betrachtet werden[2].

Die Seekste westwrts der Marowyne besteht bis zu dem 14 Stunden
entfernten Posten Oranje beinahe ganz aus ungeheuren Morsten, die mit
der Fluth unter Wasser gesetzt werden, und in denen nur Gestruche und
unbedeutende Bume wachsen.

Millionen von Wasservgeln, als: Flamingos, rothe Ibise, weisse und blaue
Reiher, Lffelgnse, Jabirus, Enten und Schnepfen finden da ihre Nahrung,
und nisten theilweise. Auf den hheren Stellen findet man viele Hirsche
(Cervus mexicanus) und Krebshunde (Procion cancrivorus), und nur selten
verirren sich ausser dem Jaguar andere Vierfsser dahin.

Grosse Sandritzen durchziehen diese Morste und dienen seit undenklichen
Jahren weggelaufenen Negern, die in kleinen Drfern leben, und in dem
usserst fruchtbaren Boden alle Arten Erdfrchte im Ueberflusse ziehen,
auch Wild, Fische und Federvieh in Menge haben, zum Schlupfwinkel[3].

Vom Posten Oranje bis zur Mndung der Motkreek, einem Arme der
Cottica, rechnet man vier Stunden und von da bis zu den Ausflssen des
Matappica-Canals ebenfalls vier. Eine Stunde weiter mndet ein anderer Arm
der Matappica, die Warappa-Kreek, in die See. Von letzterer Kreek bis
an die Mndung des Surinam sieht man keine Spur von Cultur.
Uebereinandergestrzte Bume, durch die Kraft der Brandung ausgerissen,
bedecken den Seestrand, und aus dem sumpfigen Innern ragen trockene,
halbverkohlte Bume hervor, die traurigen Ueberreste frherer, durch das
Feuer verzehrter Wlder.

An der sechs Stunden von der Warappa-Kreek entfernten Mndung des Surinam,
Braamspunt genannt, verliert sich der sandige Seestrand in grossen
Schlammbnken, und die Ufer dieses Stromes werden durch Waldungen von
Mangrovebumen, deren zahllose Wurzeln und Schsslinge ein beinahe
undurchdringliches Bollwerk bilden, gegen die Gewalt der Brandung
geschtzt.

Der Ausfluss des Surinam ist etwa eine halbe Stunde breit. Das Fahrwasser
in denselben wird den Schiffen durch drei an den Ecken der Bnke liegende
eiserne Buien angewiesen. Eine grosse Kreek, die Jonkermans-Kreek, mndet
sich eine Stunde von der Mndung auf dem stlichen Ufer, und etwas weiter
liegt die schne und fruchtbare Zuckerpflanzung Resolutie. Zwei Stunden
von Braamspunt verbindet sich die von Osten her kommende Comewyne, ein
stattlicher, beinahe ebenso breiter Fluss, mit dem Surinam. Auf der
sdlichen Ecke, wo beide Strme zusammenfliessen, liegt das stark
befestigte Fort New-Amsterdam, das mit seinen Geschtzen beide Strme
bestreichen kann. Zwei kleine Redouten, Purmerend und Leyden, die gegenber
dem Forte auf dem westlichen Ufer des Surinam und dem nrdlichen der
Comewyne lagen, sind jetzt verlassen.

Auf beiden Seiten der prchtigen Comewyne, die ohne bedeutende Buchten
bis zu dem fnf Stunden von Forteress-Amsterdam entfernt liegenden Posten
Sommelsdyk in stlicher Richtung ausluft, liegen die schnsten und
reichsten Zucker- und Caffeepflanzungen der Colonie. Die freundlichen,
weissen Gebude der Pflanzungen, die Zuckermhlen mit ihren hohen
Schornsteinen, die Alleen von Palmen, Tamarinden- und anderen sdlichen
Obstbumen, an welche grosse Zuckerrohr-Felder grenzen, oder die unter
dem Schutze der Bananen versteckten Caffeebume mit ihren saftigen,
dunkelgrnen Blttern, dabei die hohen, dunkeln Wlder des Hintergrundes
gewhren einen prachtvollen Anblick. Ehe man das Fort Sommelsdyk erreicht,
ergiesst sich auf dem rechten Ufer die Matappica-Kreek in den Fluss. Sie
theilt sich in mehrere Arme, und in zwei in die See mndende Canle,
die kleine Matappica und die Warappa-Kreek. Zucker-, Caffee- und
Baumwollen-Pflanzungen liegen hier so nahe beieinander, dass aller Wald
ausgerottet ist: man wrde in einer reichen Gegend Hollands zu reisen
glauben, wenn nicht die tropischen Gewchse und die nackten Neger die
Illusion stren wrden.

Bei Sommelsdyk theilt sich der Fluss; der sdstlich auslaufende heisst
die obere Comewyne; man fhrt sie in vielen Krmmungen etwa 15 Stunden
weit aufwrts, wo sie sich nahe bei dem verlassenen Posten Oranjebo in vier
bedeutende Kreeken, Peninica, Tampati, Mapana und Comewyne vertheilt. Das
Befahren dieser Gewsser, an denen frher viele bedeutende Pflanzungen
lagen, ist sehr mhsam, da bereinander gefallene Bume und Felsen den
Weg versperren. Das Land ist hier hgelig, auf seiner westlichen Seite
unterbrochen durch grosse Sandsavannen, die von hier an sich bis an den
Essequibo im brittischen Guyana erstrecken, und den Scheidegrtel machen
zwischen dem ebenen bewaldeten Kstenlande und den bergigen Waldungen des
Innern.

Die Kreeken und Smpfe des obern Comewyne sind sehr fischreich, und der
kstliche Haimura kommt hier in Menge vor.

Die Cottica luft in grossen Krmmungen stets parallel mit der Seekste,
und hat auf eine Lnge von acht Stunden Zucker- und Caffeepflanzungen. Das
umliegende Land ist niedrig, ja bedeutend unter dem Niveau des hchsten
Wassers, und nur gute Dmme und Schleussen halten das unruhige Element im
Zaume. Auch in sie mnden bedeutende Kreeken: von Sden die Perica, an der
viele und bedeutende Pflanzungen liegen, und die frher durch einen Canal,
die Bottelskreek, mit der oberen Comewyne sich verband.

Von Norden fliesst die Motkreek in die Cottica, an der nur noch zwei
Baumwollen-Pflanzungen liegen; sie mndet durch einen Canal in die See.

Nach einem mit der Kste parallelen Laufe von 16 Stunden wendet die Cottica
sich sdlich, und verliert sich in Smpfen in der Nhe der oberen Comewyne.
An der Stelle, wo sie ihren Lauf verndert, fliesst eine schne und grosse
Kreek, die Courmotibo, aus Sdosten in sie, und mit dieser vereinigt sich
zehn Stunden aufwrts die Wanekreek, oder der Ausfluss der Smpfe, die ihr
Wasser nach dem Surinam und der Marowyne senden.

Die Ufer der Cottica und Courmotibo sind meistens nieder, mit Mauritien-
und andern Palmen bewachsen, nur im obern Lande werden die Ufer hgelig.
Ein Theil der Aucaner-Buschneger bewohnt beide Flsse; sie bearbeiten das
Holz der umliegenden Wlder, und verkaufen es in der Colonie. Der Surinam
kann, obwohl er an Grsse der Marowyne und dem Correntin nachsteht, wegen
den vielen Pflanzungen, die an ihm liegen, als der Hauptfluss des Landes
angesehen werden.

Seine Lndereien, schon seit so vielen Jahren bebaut, stehen aber an
Fruchtbarkeit denen des Comewyne und besonders der Nickerie-Distrikte nach.

Von Forteress-Amsterdam aus zieht er sich in einem Halbzirkel nach der
Bucht, an welche die Stadt Paramaribo gebaut ist. Sein Lauf zieht sich
unter vielen bedeutenden Krmmungen sdlich. Eine Stunde von Paramaribo
empfngt er die aus Sdwesten strmende Parakreek, an der drei
Zuckerpflanzungen und verschiedene Holzgrnde liegen. Dieser gegenber
mndet sich am stlichen Ufer die Pauluskreek, deren Pflanzungen jetzt bis
auf eine verlassen sind. Zehn Stunden von der Stadt liegt ebenfalls auf
dem stlichen Ufer das Dorf Juden-Savanne. Die Ufer werden von hier an
bergig, sind mit dem herrlichsten Urwalde bedeckt, whrend landeinwrts
grosse Savannen sich ausdehnen. Die Pflanzungen, meist verarmte Holzgrnde,
zeigen sich sparsamer, und die wilde Natur behlt die Oberhand.

Fnf Stunden oberhalb des Judendorfes fliesst von der westlichen Seite die
bedeutende Mareschalls-Kreek in den Surinam, deren viele Holzgrnde schon
lngst verlassen sind. Durch diese Kreek kann man in die obere Saramacca
gelangen, was brigens, da sich in der Umgegend viele weggelaufene Sclaven
aufhalten, noch Niemand unternommen hat. Vier Stunden weiter liegt der
ansehnliche Holzgrund Bergen-Daal am Fusse eines etwa 200 Fuss hohen
nackten Gebirges. In den Trockenzeiten ist der Strom sehr seicht, und
manchmal stellenweise nicht ber zwei Fuss tief, so dass die Verbindung mit
Paramaribo sehr schwierig ist.

Vier Stunden weiter ist die unbedeutende Pflanzung und der Posten Victoria.
Der Strom, durch ein hohes Ufer eingezwngt, ist hchstens 200 Fuss breit
und voll Klippen und Sandbnken. Dicht bewaldete Hgel und Berge umgeben
ihn an beiden Seiten; nach weiteren drei Stunden fliesst aus Osten die
bedeutende Sarakreek in den Surinam, der jetzt wieder breit und ausgedehnt
mit Klippen, Inseln und Sandbnken bedeckt ist. Der Charakter der Umgegend
ist ganz der der obern Marowyne, wiewohl der Fluss bedeutend kleiner, und
die Scene desshalb nicht so grossartig ist. An der Sarakreek und in der
Nhe derselben haben sich ebenfalls Aucaner niedergelassen. Diese Kreek
luft sdstlich weit landeinwrts, und die Buschneger kommen durch
dieselbe nach acht Tagen, nachdem sie aber einige Tage ber Land reisen, an
die Drfer ihres Stammes am obern Tapanahoni.

Vier Tagreisen ber Victoria und zwischen dem dritten und vierten Grade
liegen die Drfer der Saramaccaner Buschneger. Wie in der obern Marowyne,
so hindern in der Trockenzeit eine Menge Klippen und Bnke die Fahrt.
Dagegen ist im Innern der Wasserstand stellenweise in grossen Regenzeiten
bei 50 Fuss hher, als in der trockenen Jahreszeit, und die Schnelligkeit
der Strmungen ausserordentlich. Fallen heftige Regen im obern Lande, so
kann in einer Nacht das Wasser um acht Fuss anschwellen, wie ich es
selbst auf dem Posten Victoria gesehen habe. Das letzte Dorf der
Saramaccaner-Buschneger, Mongo (Berg), kann 40 bis 50 Stunden von Victoria,
und der Hhe der Wasserflle nach zu urtheilen, 500 Fuss hher als Victoria
liegen. Auch sie haben ber die bewaldeten Gebirge einen Weg zu den
Aucanern am Tapanahoni, so wie eine andere Verbindung mit den Matuari-
und Becu-Musiuga-Buschnegern, die den obern Saramacca bewohnen. Auf
alten Karten findet man die Lage eines Salzberges angegeben, der aber
wahrscheinlich blos in der Phantasie existirt, weil die Buschneger mit
vieler Mhe ihr Salz von Paramaribo holen, und in Ermanglung desselben die
Asche der Pinapalme auslaugen, welche Soda hnliche Substanz ihnen das Salz
ersetzen muss.

Sieben Stunden westlich von Surinam ergiessen sich die Saramacca und
Coppename in die See. Beide machen durch weit auslaufende Schlammbnke die
Einfahrt mhsam. Ihre Wandungen sind nieder und mit Gestruch bewachsen.
Die Saramacca wurde erst in der zweiten Hlfte des vorigen Jahrhunderts
angebaut und steht durch den bei Paramaribo mndenden vier Stunden langen
Wanicakanal mit dem Surinam in Verbindung. Die Erzeugnisse der Pflanzungen
an der Saramacca, meist Zucker und Kaffee, werden auf diesem Wege nach
Paramaribo gebracht, wiewohl kleinere nicht tiefgehende Schiffe ihre Ladung
manchmal selbst in Saramacca einnehmen.

Wenig kleiner als der Surinam luft die Saramacca in den langweiligsten
Krmmungen sdlich; diese hat oberhalb des Wanicakanals nur wenige
unbedeutende Holzgrnde an ihren Ufern. Eine Menge Kreeken, die ihren
Ursprung in den Savannen nehmen, fliessen von beiden Seiten in den Fluss.
Der letzte bewohnte Platz, ein frherer Militrposten, Saron, und in alten
Zeiten eine Station der Herrnhuter Missionre, liegt etwa 18 Stunden von
der See ab, was aber durch die bedeutenden Krmmungen wohl eine Reise von
30 Stunden erfordert.

Von Saron fhrt ein Weg von acht Stunden durch Savannen und Wlder nach der
Pflanzung Berlin am obern Para, von wo ein anderer Communicationsweg von 13
Stunden bis nach Paramaribo geht.

Etwa fnf Stunden ber Saron liegt am Flusse ein gttlich verehrter
Hgel, den die Buschneger im Vorbeifahren mit Flaggen und bunten Tchern
schmcken, und dabei nie versumen, ihre Opfer darzubringen. Etwas
weiter findet man die Mindrinetti- (Mitternacht-) Kreek, die durch die
Mareschalls-Kreek den Surinam mit der Saramacca verbindet.

Fnf Tagreisen von Saron wohnen die Becu-Musinga- und Matuari-Neger, 5-600
an der Zahl. Ihren Aussagen nach mssen die Gebirge und Wasserflle um
vieles hher, als die der andern Flsse, und die Savannen des Inlandes
nicht so entfernt seyn. Die Coppenami, welche mit der Saramacca in die
See fliesst, kommt ebenfalls aus dem Sden, und hat an ihren reichen
und schnen Ufern blos das Leprosen-Etablissement Batavia, das etwa zwei
Stunden von der See entfernt ist. Sechs Stunden weiter liegt die dem
Gouvernement gehrende Holzsgerei Andresen, wo durch Sclaven feine Bau-
und Mbelhlzer bearbeitet und nach den Antillen verkauft werden. Bei
Batavia fliesst die grosse und sehr fischreiche Cusuwini-Kreek, die beinahe
parallel mit der Saramacca in den wunderlichsten Krmmungen von Sden
kommt, in die Coppenami. Mehrere grosse Kreeken, theilweise von Indianern
bewohnt, mnden in den Coppenami, dessen weiterer Lauf und Ursprung nicht
bekannt ist.

Die Seekste zwischen dem Coppenami und dem westlichen Grnzfluss Correntin
wird in zwei Distrikte eingetheilt: Ober- und Nieder-Nickerie. Das niedrige
Land ist dem Anbau der Baumwolle besonders gnstig, und erst im Anfang
dieses Jahrhunderts in Cultur gebracht. Der Oberdistrikt fngt etwa
sechs Stunden westlich von der Coppenami an, und besteht aus einer Anzahl
Pflanzungen, die lngs der Seekste liegen, und durch einen vier Stunden
langen Fahrweg mit einander verbunden sind. Die Erzeugnisse werden mit
Kstenfahrzeugen abgeholt und zum Weiterversenden nach der Stadt gebracht,
was sehr schwierig ist. Der Boden ist ungemein fruchtbar, nur leidet dieser
District, da er an keiner Kreek gelegen ist, in den Trockenzeiten manchmal
grossen Mangel an Trinkwasser, das man aus den weiter abgelegenen Smpfen
manchmal 2-3 Stunden weit auf dem Kopfe herbeischleppen muss. Neun Stunden
westlich vom Oberdistrikt und von diesem durch grosse Smpfe abgeschieden,
fngt der Niederdistrikt an, an dessen Seekste sich ebenfalls verschiedene
Baumwollen-Pflanzungen befinden. Auf der Landspitze, die durch die Mndung
der Nickerie-Kreek gebildet wird, ist ein bedeutender Militrposten der
Sitz des Landdrostes und verschiedener Kaufleute und Handwerker.
Dieses kleine Drfchen, das aus zwei Strassen besteht, fhrt den Namen
New-Rotterdam. An der Nickerie-Kreek, die durch die Waiambo mit der
Coppenami in Verbindung steht, liegen verschiedene Zucker- und einige
Kaffeepflanzungen, deren Erzeugnisse durch hollndische oder amerikanische
Schiffe direct abgeholt werden.

Die letzte Pflanzung Krabbehoek ist ungefhr sechs Stunden von der Mndung
entfernt, und die ganze bedeutende Kreek, so wie die in sie mndende
Maratacca nur sprlich von Indianern bewohnt.

Die Correntin strmt, an ihrer Mndung mit der Nickerie-Kreek vereinigt,
hier in die See. Beider Breite betrgt vom Posten Nickerie bis an das linke
Ufer des Correntin etwa drei Stunden. Auf der englischen Seite sind zwei
Zuckerpflanzungen, Mary's-hope und Skeldon. Die hollndische ist aber
gnzlich unbewohnt. Die Maratacca soll nach Aussage der Indianer mit der
Correntin in Verbindung stehen.

Der Ursprung dieses grossen Stromes ist ganz unbekannt, vermuthlich
entspringt auch er in den waldigen Gebirgen am Aequator. _Richard
Schomburgh_ hat diesen Strom befahren und hieroglyphenartige Schriftzeichen
in den Felsen eingehauen entdeckt, woraus man schliessen kann, dass die
Bewohner der Vorzeit den jetzigen an Bildung voraus waren. Im Correntin,
bei den frheren Herrnhuterstationen Semira und Oreala, findet man einen
weissen Thon, der der Kreide sehr hnlich kommt, und im Flussbette einen
rothen jaspisartigen Stein, der eine vortreffliche Politur annimmt, und den
die Caraibenweiber zum Poliren ihrer Tpfe gebrauchen.




Vierter Abschnitt.

  Beschftigungen in Garnison. Abreise nach dem Posten Mauritzburg.
  Reiseabentheuer. Posten Gelderland und Dorf Judensavanne. Die
  Mauritienpalme. Termitennester. Posten Gouverneurslust. Markette.
  Mauritzburg. Kurzer Aufenthalt daselbst. Abmarsch nach Nepheusburg.
  Beschftigungen. Die Cumupalme. Bienen. Ameisen. Thiere der Umgebung.
  Der Bananenvogel. Natrliche Abendconzerte. Brokkodjokko. Fund eines
  jungen Tigers. Bau des Hauses. Die Capasischlange. Affen. Urlaub und
  Abreise nach Armina. Der Posten Oranjebo. Fang des Haimurafisches.
  Leuchtkfer. Kwattas. Posten Armina. Fruchtbarkeit desselben. Der
  Cottontree. Fledermuse. Zurckkunft auf Nepheusburg. Ueberfluss an
  Fischen. Vampyre. Avancement.


So leicht der Garnisonsdienst auch war, und so viel freie Zeit wir auch
hatten, um in der Stadt und Umgegend herumzuschwrmen, so sehnte ich mich
doch recht herzlich nach noch grsserer Freiheit. Die Erzhlungen
meiner Kameraden von der Lebensweise auf den Militrposten, von Jagd und
Fischerei, hatten meine Phantasie so sehr aufgeregt, dass ich das Ende des
Jahres 1836, zu welcher Zeit die Posten abgelst wurden, und nun auch die
Reihe an mich kommen sollte, kaum erwarten konnte.

Das Maschinenmssige des Dienstes, so gliederpuppenartig es auch ist,
hatte fr mich bei weitem das Langweilige nicht, als fr die meisten meiner
Kameraden. Nie kam mir, wenn ich Schildwache war, Schlaf in die Augen; denn
immer gab es etwas bei Tag oder bei Nacht, das meine Sinne beschftigte.
Bei Tage unterhielten mich die Colibris, die in den Tamarindenbumen,
unter denen ich mit meinem Gewehr hin- und herspazierte, pfeilschnell
herumschwirrten, oder die Aasgeyer, welche vor der Kchenthre lauerten,
und, wenn der Koch nicht auf seiner Hut war, sich selbst ein Stck Fleisch
vom Tisch nahmen und damit aufs Dach der Kaserne flchteten; bei Nacht war
es das Spiel Tausender von Feuerfliegen, die in allen Richtungen ber die
Savannen und Grten flogen, oder die Musik unzhliger Krten, welche in den
Grben sich aufhielten; oder das Schwirren enormer Fledermuse, welche auf
Insekten Jagd machten.

Die Hlfte unseres Corps waren Deutsche; und man sah viele sehr gebildete
Mnner, die in bedeutend besseren Verhltnissen in ihrem Vaterland gelebt
hatten, hier Schildwache stehen. Aber die meisten waren unertrgliche
Trunkenbolde, die aus Verdruss oder Langeweile ihre Grillen im Schnapse
ersuften und jeden Cent, der ihnen beim sparsamen Solde brig blieb, in
die Kneipe trugen. Die Natur zog keinen an, fr ihre Gensse hatte keiner
Gefhl. Desshalb war ich auf meinen Wanderungen auch immer allein, und die
hier so ergiebige Insektenjagd hielt mich entfernt von Gesellschaften
und lustigen Parthien, zu welchen ich nie Neigung fhlte. Da wir immer in
weissen Hosen, in Uniform und bewaffnet ausgehen mussten, so fhrte ich im
Tschako ein Kistchen und Hosen mit, auf dem Rcken stak unterm Wamms mein
Schmetterlingsnetz, und auf der Brust trug ich eine alte Mtze. Ausserhalb
der Stadt legte ich meine guten Kleider ab und gab sie in bekannten Husern
in Verwahrung; dann zog ich mit Netz und Sbel bewaffnet in den Wald. Es
war eine glckliche Zeit; denn auf jeder Wanderung entdeckte ich neue, mir
unbekannte Specien. Kam ich dann Abends mit meinem Fang nach Hause, so fand
ich das delicate, fr mich bewahrte Essen, und die kalten Bananen, mit 1/14
Pfund Speckfett bergossen, schmeckten vortrefflich.

Ich genoss stets der besten Gesundheit, wozu freilich mein dites Leben
viel beitrug.

Endlich, obwohl die Zeit mir schnell verging, wurde ich beordert, mich
reisefertig zu halten, um nach den so gepriesenen Posten abzugehen.

Eine Pont vom Posten Gelderland, welche die Lebensmittel auf drei Monate
abzuholen hatte, sollte mich mit fnf andern Soldaten mitnehmen. Wir
kauften uns desshalb beim Sergeant-Major der Compagnie, welcher den
Soldaten verkaufen durfte, was sie nthig hatten, Seife, Speck, Hosenzeug,
kurz dasjenige ein, was wir auf dem Posten nthig zu haben glaubten.

Den Betrag dieser Gegenstnde, die nicht sehr wohlfeil geliefert werden,
zieht der Sergeant-Major von dem Solde ab, der den Soldaten jeden Monat
nach den Posten geschickt wird.

Fast immer ist eine solche Abreise die Veranlassung zu einem Trinkgelage,
das der Abreisende seinen Kameraden gibt. Fehlt es ihm, was beinahe immer
der Fall ist, an Geld, um Branntwein zu kaufen, so werden die noch nicht
bezahlten, theuren Waaren des Sergeant-Majors um Spottpreise verkauft und
der Erls vertrunken.

So treten denn die Meisten mit nacktem Leib, ohne Sold, arm und voll
Schulden die Reise nach dem Bestimmungsorte an, um dort so lange Mangel zu
leiden, bis sich der Sergeant-Major bezahlt gemacht hat. Diess war auch
bei meinen Kameraden der Fall, von welchen zwei in die Pont getragen werden
mussten. Sie war mit Kisten und Fssern so vollgepfropft, dass man beinahe
keinen Fuss vorsetzen konnte.

Der Kommandant ber uns und das Fahrzeug war ein Sergeant, der auf dem
Hauptposten detachirt lag. Ausserdem machte die Frau eines Corporals, der
auf dem Posten Gelderland eine Herberge hatte, die Reise mit. Sie hatte
unter andern Dingen zwei Kisten Genever eingekauft, die ebenfalls im
Fahrzeuge waren. Fr uns Soldaten blieben blos zwei Pltze brig, um zwei
Hngematten zu hngen; denn der meiste Raum wurde von dem Sergeanten
und der Frau eingenommen, welche die Nacht bequem in ihren Hngematten
durchbrachten. Ich war seit einigen Wochen mit einem Hautausschlag, dem
sogenannten rothen Hunde, so geplagt, dass mein Leib wie Eine Wunde aussah,
und meine Kleider mir berall anklebten. Es war desshalb beim Liegen auf
den Fssern an keinen Schlaf bei mir zu denken, und das Krhen der Hhne
auf den Plantagen, an welchen wir vorbeifuhren, mir eine erwnschte Musik.

Kaum erhellte der anbrechende Tag das Chaos unseres Nachtlagers, als ein
Zetergeschrei der Corporalsfrau uns Alle ermunterte.

In der Dunkelheit der Nacht hatte nmlich ein Durstiger einen ihr
gehrenden Kelder (Kiste) Genever erbrochen und zwei Flaschen von diesem
Lebenswasser gestohlen. Eine grosse Untersuchung ihrerseits und unser
frchterliches Raisonniren zauberten die fehlenden Flaschen nicht herbei.
Ihr Verdacht fiel auf einen alten Soldaten, der schon seit ein paar Tagen
nicht nchtern geworden war und eben vom Boden der Pont aufstand, wo er die
Nacht zugebracht hatte. Die Frau, welche schon seit 16 Jahren in Ostindien
gedient hatte, und ihre Zunge zu gebrauchen wusste, beschuldigte unter
argen Scheltworten den armen Kerl des Diebstahls. Da es ihm nun nicht
mglich war, mit nchternem Magen gegen eine solche Fluth von Ehrennamen,
mit welchen sie ihn berhufte, zu protestiren, so wirkten gekrnktes
Ehrgefhl, Alteration und Katzenjammer dermasen auf seine Sinne ein,
dass ein Anfall von Epilepsie erfolgte, und wir kaum im Stande waren, ihn
festzuhalten.

Heulend betheuerte er, als er sich ein wenig erholt hatte, seine Unschuld;
er zerschlug sich die Brust, welche so haarig, als das Fell eines Bren
war, und rief seine verstorbene Mutter zum Zeugen seiner Unschuld auf. Uns
standen vor Rhrung Thrnen in den Augen.

Gegen Mittag, nachdem alle Geister beruhigt waren, hielten wir an einer
Zuckerpflanzung, auf welcher der Sergeant und die Frau beim Director
assen, whrend wir in der Mhle unser Essen bereiteten, zu welchem uns
der Director einen Busch Bananen und eine Flasche Rum sandte. Da wir der
Meinung waren, wir wrden des andern Morgens auf Gelderland ankommen, und
uns auf die Gastfreundschaft der dortigen Kameraden verliessen, so warfen
wir unsere smmtliche Ration an Fleisch und Speck in den Topf.

Mit anbrechender Nacht fuhren wir weiter, hatten aber am zweiten Mittag
den Posten noch nicht erreicht. Die Ebbe trat ein, und an einem armseligen
Holzgrunde mussten wir die Fluth erwarten.

Jetzt bereute man es, den Tag zuvor so flott gelebt zu haben. Mit vieler
Mhe bekamen wir einen Busch Bananen, wozu die mitleidige Corporalsfrau
einen Hring beifgte, an welchem sich keiner den Magen berlud, da wir ihn
unter sechs theilen mussten. Endlich in der Frhe landeten wir am ersehnten
Posten, wo unsere Kameraden, so wenig sie auch fr sich hatten, doch ihr
Essen mit uns theilten.

Der Posten Gelderland, oder richtiger die Judensavanne (zehn Stunden von
Paramaribo entfernt), ist der erste Platz, wo sich das Land bedeutend
erhht und die Einfrmigkeit der Ebenen durch Sandhgel unterbrochen wird.
Auf einem, etwa 70-80' ber den gewhnlichen Wasserspiegel des Surinam
erhabenen Hgel liegt ein sehr in Verfall gerathenes Dorf: der Portug,
Judengemeinde, dessen aus Backsteinen gebaute Synagoge von frherem
Wohlstand zeugt. Das Dorf war von mehr als 200 Familien bewohnt, jetzt aber
leben nur noch einige in alten, halbverfallenen Husern von den Wohlthaten
ihrer Glaubensgenossen in Paramaribo, und dem Nutzen einiger Khe, die in
den drren Savannen ein sprliches Futter finden. Das hohe Alter dieser
Menschen, deren einige tief in den achtziger Jahren sind, ist eine Folge
ihrer einfachen Lebensweise und der gesunden Lage ihres Orts.

Der Posten und die Wohnung des Kommandanten liegen im Thale am Strom. In
einer Schlucht des Hgels entspringt eine Wasserquelle dem Felsen,
welche einen Sumpf bildet, der mit der ppigsten Vegetation bedeckt
ist. Baumfarnen, viele Arten Melastomen und Aroideen, durchschlungen von
schnen, blhenden Lianen, wachsen an den Felsen herauf, whrend am Rande
der Savanne zahllose Bromeliaceen undurchdringliche Bsche bilden. Der
blendend weisse Sand der Savannen bildet einen mchtigen Contrast mit den
dunkeln Wldern, die sie umsumen, und schmerzt das Auge ebensosehr, als
er durch seine Hitze dem Wanderer beschwerlich ist, der an schwlen Tagen
darin marschiren muss.

Oben auf dem Hgel sieht man in sdwestlicher Richtung ein hohes, blaues
Gebirge sich ber den dunkeln Waldungen ausdehnen. Eine Insel im Flusse
verbirgt zur Hlfte einen kleinen Wachposten, der an der jenseitigen Seite
sich befindet. Einige Caraibendrfer lagen zerstreut in den benachbarten
Savannen.

Ich und ein anderer Soldat waren nach dem Hauptposten Mauritzburg bestimmt,
und wir mussten, ohne auf Gelderland verweilen zu drfen, dahin abgehen[1].

Der rechte Flgel des Cordonwegs, der in einer achtstndigen Entfernung von
den Ufern des Surinam nach dem obern Comowyne sich hinzieht, wurde um
das Jahr 1770 desswegen angelegt, um die Colonie vor den Einfllen der
Buschneger zu bewahren, und dem Weglaufen der Sklaven vorzubeugen. Mehrere
grosse Posten und viele kleine Pikete zogen sich lngs desselben hin, und
waren mit vielen Truppen besetzt. Die meisten sind brigens eingegangen,
und bloss Gelderland am Surinam, Mauritzburg am Casawinika und Imotappie am
obern Comowyne bestanden noch und waren unter dem Commando von Officieren.

Zwei kleine dazwischen gelegene Posten dienten zur Befrderung von Briefen.

Der Weg geht grossentheils durch Savannen, in welchen man alles Schattens
beraubt ist und eine erstickende Hitze herrscht; nur in Niederungen, wo
Bche und Wasser sich sammeln, ist Hochwald und ppige Vegetation. Die
Savannen gewhren einen wunderbaren Anblick. Grosse, stundenlange Flchen
sind mit niederem Strauchwerk und falbem Grase bedeckt, und gestatten
dem Auge eine ungeheure Uebersicht. Einzeln und gruppenweis stehende
Mauritzenpalmen geben durch ihr mattes Grn und ihre welken Bltter einen
melancholischen Anblick. Der Saum der Savannen besteht fast ganz aus diesen
Bumen, in denen Schwrme von Raben und Papageyen nisten.

Die Mauritza (Mauritia flexuosa) ist die hchste der surinamischen Palmen
und besonders auf Savannen und sandigen, feuchten Pltzen in ungeheurer
Anzahl zu finden. Etwa ein Dutzend Bltter, die sich am Ende des Stiels
fcherfrmig ausbreiten, und gegen 18' lang sind, zieren ihren Gipfel. Ihre
Hhe betrgt manchmal ber 100'. Sie liefert den Indianern viele Dinge
zu ihrem Lebensunterhalt: die Bltter werden gespalten und zu Tauen
und Bindfden verarbeitet; das Mark der Stiele reihenweise mit den aus
Blattfasern gedrehten Schnren zusammengebunden, gibt leichte und sehr
zweckmssige Segel.

Ehe die Blthentrosse sich ffnet, luft aus einem, zu diesem Zweck unten
in den Baum gemachten Einschnitt eine Menge sssen Saftes, welchen die
Arowaken wie Wein trinken. Wenn der Stamm umgehauen und ein, etwa 4' langes
Loch hinein gemacht ist, wird das Mark desselben von den Larven eines
grossen Rsselkfers (Curculio palmarum), welche Cabbiswrmer genannt
und fr eine grosse Leckerei gehalten werden, zernagt gefunden. Sie sind
fingerslang, daumendick, nankinfarbig, fhlen sich fett an, und haben einen
braunglnzenden harten Kopf. In Butter gebacken und mit Pfeffer bestreut
gehren sie gewiss zu den feinsten Delicatessen Surinams.

Die Frchte dieser Palmen sind von der Grsse eines mittelmssigen Apfels,
braun von Farbe, zierlich wie ein noch nicht reifer Tannenzapfen geformt,
und sitzen zu Hunderten an der Blthentrosse. Sie wachsen manchmal in
solcher Menge am Stamm, dass ich das Gewicht mancher Rispe zu 400 Pfund
schtze. Die Indianer essen diese Frchte, obwohl sie nicht besonders gut
schmecken.

In den Savannen sind viele Termitennester, die in kleinen, spitzigen Kegeln
aus der Erde steigen, jedoch nie ber 4' hoch sind. Hier nennt man diese
kleinen, den Ameisen hnlichen Insekten, deren Hinterleib weisslich und
weich, der Kopf aber mit scharfen Zangen bewaffnet ist, Holzluse. Sie
leben gesellig wie die Ameisen und in solcher Anzahl, dass sie dieselben an
Menge noch zu bertreffen scheinen. In den Wldern findet man ihre Nester
beinahe an jedem Baum und zuweilen so gross, dass alte Bume unter ihrer
Last erliegen. In alten Husern, wo sie ihre centnerschweren Nester, welche
oft zwei bis drei Fuss im Durchmesser haben, ans Geblke bauen, sind sie
eine grosse Plage. Die Nester bestehen aus zernagtem Holz oder Erde; das
Material hiezu wird manchmal weit hergeholt. Nichts ist vor ihnen sicher,
und man hat Beispiele davon, dass Kleidungsstcke, welche in einem
verschlossenen Koffer waren, in einer Nacht total aufgefressen wurden. Man
bekommt sie aber nie zu sehen, weil sie bei ihren Raubzgen von zernagtem
Holze oder Erde einen Gang bilden, der nach bestimmten Orten hinleitet.
Bume, Balken und dergleichen werden auch nur von innen ausgefressen,
so dass man von aussen nichts bemerkt, obwohl diess bis zur Dicke eines
Kartenblatts geschieht. Sie sind immer thtig und arbeiten Tag und Nacht
an ihren Nestern, in welche, wenn sie verlassen werden, die Sabacarra (eine
grosse Eidechse) hufig ihre Eier legen. Hhner werden von ihnen fett.

Tiger, Ameisenfresser und Hirsche sind die Bewohner der Savannen, und
in den sie begrenzenden Wldern sind Armadille und Kaninchen, sowie
hhnerartige Vgel, als Powisen und Agamis, sehr hufig.

An manchen Stellen, wiewohl selten, findet man die Agave americana mit
ihren manchmal 30' hohen Blthenstengeln. Man macht von dieser ntzlichen
Pflanze keinen Gebrauch; nur Buschneger und Sklaven gebrauchen zuweilen
ihre dicken Bltter als Seife, wesshalb man sie hier Ingisopo nennt.

Auf dem 2 Stunden von Gelderland entfernten kleinen Posten Frederiksdorp
blieben wir whrend der grssten Hitze des Tages. Drei Soldaten, zwei
weisse und ein schwarzer, sind die ganze Besatzung. Sie mssen wechselweise
die von Mauritzburg und Gelderland kommenden Briefe nach beiden Posten
besorgen und ihren Lebensunterhalt von ersterem Posten auf dem Rcken
herbeitragen; sonst lebt jeder nach seiner Weise. Manchmal passirt in 14
Tagen kein Mensch diesen Posten.

Das Land ist unfruchtbar und bringt nichts hervor; dennoch hielten diese
Menschen wohl 100 Hhner auf dem Posten, die sich beinahe allein von
Termiten und Heuschrecken nhrten.

Zwei kleine Stunden weiter befindet sich der Posten Mauritzburg, an welchem
wir Abends 5Uhr ankamen. Dieser liegt in einer weiten, sumpfigen Savanne,
und besteht eigentlich aus drei Pltzen, von welchen der erstere Wohnort
des kommandirenden Officiers ist und Gouverneurslust heisst. Durch
Citronenhecken ist er von dem andern, einem nahe gelegenen einzelstehenden
Haus, Markette, abgesondert, in welchem die weissen Verbrecher der
Colonie aufgehoben werden. Der dritte, eine Viertelstunde davon abgelegene
heisst Mauritzburg, wo sich die Kaserne und Bckerei, das Hospital und
die Magazine befinden. In der Mitte des Weges fhrt eine Brcke ber die
Casiwinika, welche aus nahe gelegenen Smpfen entsteht und in die obere
Comowyne sich ergiesst. Unterhalb des Postens liegen an ihr zwei armselige
Holzgrnde, und auf den Savannen zwei Arowakendrfer. Etliche zwanzig Khe
waiden auf den Savannen und versehen die Haushaltung des Commandanten
mit Milch. Ein Pferd ist zu seinem Dienste, und ein, von drei Mauleseln
gezogener Wagen zum Transport der Kranken bestimmt, welche von den
andern Posten, wo sich keine Aerzte befinden, abgeholt, und bei erlangter
Gesundheit wieder zurckgebracht werden. Ein zweckwidrigerer Transport
lsst sich nicht leicht auffinden; denn das Gerttel auf den manchmal
abscheulichen Wegen ist selbst fr Gesunde unausstehlich, und fr Kranke
entweder eine Parforcecur, oder wenigstes ein Mittel, um sie noch krnker
zu machen. Im Blockhause werden sowohl Civil- als Militrverbrecher
verwahrt und zur Unterhaltung der Wege und Posten angehalten. Doch wird ihr
Loos durch gutes Betragen sehr erleichtert.

Ich wurde schnell mit der Umgegend bekannt. Der Dienst war leicht und
angenehm und alles lebte im Frieden, weil der allgemeine Friedensstrer,
der Branntwein, nicht zu bekommen war.

Doch schon nach 14 Tagen wurde ich nach dem zwei kleine Stunden entfernt
liegenden Posten Nepheusburg detachirt, um einen der zwei blanken (weissen)
Soldaten, der nach der Stadt musste, abzulsen.

Dieser kleine, nur von zwei Weissen und einem Schwarzen besetzte Posten
hat denselben Zweck, wie der, an der andern Seite sich befindliche
(Frederiksdorp), und liegt in einer morastigen Gegend mitten im Walde.
Ein grosses Haus, das einzustrzen drohte, war unsere Wohnung, und in den
Regenzeiten schwammen Buschfische beinahe vor die Thre.

Vor Gras und Strauchwerk sah man den Posten erst, wenn man sich ihm auf
15 Schritte genhert hatte. Frher, als die Besatzung strker war, wurden
bedeutende Grten und Aecker unterhalten, und davon die andern Posten mit
Gemse versehen; denn der Boden ist sehr fruchtbar und ergiebig.

Apfelsinen-, Orangen-, Citronen- und Sauersackbume waren hier in Menge.
Ich, mein weisser und schwarzer Kamerad hatten gleichviel zu sagen, und es
brachte desshalb jeder den Tag nach seiner Weise zu.

So angenehm auch das Nichtsthun Jedem war, waren es doch ein paar Dinge,
die zu diesem Schlaraffenleben gerade nicht passen wollten, z.B. das
Uebertragen der Briefe, welches von uns wechselweise, oft mitten in der
Nacht, oder beim heftigsten Regen besorgt werden musste. Ferner war man
genthigt, die Lebensmittel in Mauritzburg zu holen, was jede Woche zweimal
geschah. Hiezu bedienten wir uns eines aus Palmblttern geflochtenen
Tragkorbs, Balatta genannt, den ich gar oft, mit zwei Boschen Bananen und
zwlf Pfund Brod befrachtet, durch Dick und Dnn trug, oder bei brennender
Hitze nach Hause schleppte. Unsere Kleidung war daher auch diesem Geschfte
angemessen. Schuhe wurden beinahe nie gebraucht, da sie leicht im Koth
stecken blieben, und die Hosen wurden durch das Schneidgras so zerfetzt,
dass sie wie mit Spitzen besetzt aussahen. Das Hemd zog ich blos an, wenn
ich mich dem Posten Mauritzburg nherte, oder wenn wir Besuch erhielten,
was jedoch wenig der Fall war. Daher sah auch meine Haut so braun aus, wie
die eines Mulatten. Doch hatten diese Beschwerden auch ihre guten Seiten.

Auf den Wegen nach beiden Posten fing ich manches schne Insekt, und beim
Nachhausekommen fand ich stets eine Schssel Bananen, welche von meinen
Kameraden gekocht waren, und wobei mir das Herz im Leib lachte. Besonders
schlecht war der Weg nach dem Posten Imotappie. An beiden Seiten desselben,
der etwa 50' breit ist, sind zwei tiefe Grben, in denen sich die
Waldwasser sammeln, die bei anhaltendem Regen austreten und den Weg
berschwemmen. Breites, schneidendes Gras, das bei der ppigen Vegetation
wohl 12' hoch wchst, bedeckt den ganzen Weg so dicht, dass man kaum
einen Schritt voraussehen kann. Es ist berhaupt nicht mglich, die
Mhseligkeiten dieser, obwohl nur zwei Stunden langen Strecke zu
beschreiben; oft watet man bis um die Kniee im Morast; beinahe jeden
Augenblick wird man ins Gesicht, in die Fsse oder Hnde geschnitten; dabei
erfrischt kein Windzug in dieser drckenden Schwle. Der ganze Cordonweg
wird alljhrlich durch Plantagen-Neger, welche das Gouvernement bezahlt,
abgemht und ausgebessert; aber dennoch kann man die Einflsse der
Witterung nicht unterdrcken.

Einige Tage nach meiner Ankunft bereitete mein Kamerad einen mir noch
unbekannten Trank aus einer Palmenart, den ich zwar noch nicht gekostet,
aber schon oft hatte rhmen hren; man nennt ihn Cumu.

Eine, etwa 60' hohe Palme (Oenocarpus Comon. Aube), welche der Knigspalme
hnlich ist und in sandigen Wldern wchst, treibt eine ber 3' lange
Traube in Gestalt eines Pferdschweifes, an deren Stielen oder Schnren
Tausende von Beeren sitzen, welche so gross wie eine Flintenkugel und von
dunkelbrauner Farbe sind. Die Frucht ist eigentlich nur ein runder, harter,
von einer fleischigen Haut berzogener Stein. Sie wird von Vgeln und Affen
sehr gerne gefressen, und ist ein vortreffliches Futter fr die Schweine.

Die Beeren werden in warmem Wasser eingeweicht, und dadurch wird in einer
Viertelstunde das Fleisch so weich, dass es sich vom Stein durch Drcken
abschlen lsst. Durch fortwhrendes Drcken der Steine im Wasser wird
dasselbe dick, chocoladfarbig, und man lsst es, wenn kein Fleisch mehr
an den Steinen sitzt, durch ein indianisches Sieb, Menari, laufen, wodurch
Haut und Steine zurckbleiben. Mit etwas Zucker vermischt ist der Trank
fertig, gesund, nahrhaft, und mit dem Rahm der Milch zu vergleichen.
Die breiartige, von den Steinen abgeriebene Masse wird von den Indianern
ausgepresst, worauf sich auf der Oberflche der erhaltenen Brhe ein
klares, gelbes Oel zeigt, das gereinigt gut zum Bereiten der Speisen dienen
knnte, von den Indianern aber zum Einschmieren der Haare verwendet wird.

Um die Frucht zu bekommen, wird der Baum umgehauen; die meisten haben bloss
eine, manche zwei, aber selten drei Trossen und vom December bis Junius
Frucht. Sie wachsen, wie alle Palmen, schnell, haben aussen hartes Holz,
innen eine markige Substanz, die schnell voll Cabbiswrmern, essbaren
Larven, ist.

Den Werth dieses Trankes lernte ich erst schtzen, als einmal auf
Mauritzburg die Bananen unglcklicher Weise fehlten, und die dortige
Besatzung von Reis, Mais und Maniok leben musste.

In dieser Zeit des Mangels assen wir bloss all ander Tage, und in der
Zwischenzeit wurde von Cumu gelebt; Mais assen wir bloss zweimal, weil
viele ssse Bataten (Convolvula batata) auf dem Posten wuchsen, die zwar
hart und faserig, aber doch besser als Gnsekost waren.

Mein Aufenthalt in dieser Einde gab mir manchfache Gelegenheit,
Naturmerkwrdigkeiten mancherlei Art zu beobachten.

Im Gemuer, auf dem unser bauflliges Haus ruhte, befand sich ein
Bienennest von inlndischen sogenannten Honig-Waschiwaschis. Sie gleichen
in der Gestalt ganz den Bienen, sind aber schwarz, nur halb so gross und
stechen nicht. Sie leben meistens in hohlen Bumen oder in den von Termiten
verlassenen Nestern, manchmal in so grosser Menge, dass ein Nest zwei
europische Bienenkrbe bertrifft. Ihr Honig, der klar, suerlich und
von vortrefflichem Geschmack ist, befindet sich nicht in Waben, sondern in
runden, aus Wachs verfertigten Blasen, welche klumpenweise zusammenhngen,
whrend die Waben, welche aus einer gelben und schmierigen Substanz
bestehen, und geschmolzen nicht die geringste Aehnlichkeit mit Wachs haben,
zum Aufenthalt der Jungen dienen. In Savannen, wo viele Blumen wachsen,
findet man sehr viele Bienen, welche auch vorzugsweise die Blthe der
Palmen lieben.

Das schwarze Wachs wird von den Indianern zum Verpichen ihrer Corjaalen und
zu Wachslichtern gebraucht; den meisten Honig findet man um die Zeit des
Vollmondes. Man findet dreierlei verschiedene Arten Bienen von gleicher
Grsse, nmlich zwei schwarze und eine gelbliche. Ob sie sich in der
Lebensart von einander unterscheiden, weiss ich nicht. Sie vertheidigen
ihre Wohnungen sehr tapfer, setzen sich in Haare und Kleider und beissen
wacker darauf los.

Um die verschiedenen Arten Ameisen, welche ich sah, richtig zu beschreiben,
musste ich die Erfahrung vieler Jahre haben, da sowohl ihre Anzahl als ihre
Verschiedenheit unbeschreiblich gross ist.

Die merkwrdigsten sind ohne Zweifel die Wander-Ameisen, die zu sehen ich
nur einmal Gelegenheit hatte. Sie waren eines Morgens in ungeheurer
Menge in der Kaserne in allen Lchern und Ritzen verbreitet; nicht ein
Tausendfuss, Kackerlack oder Scorpion, wie flink sie auch sein mochten,
entkam diesen mrderischen Insekten. Was sie einmal fassten, hielten sie so
fest, dass sie sich lieber den Kopf abreissen liessen, als es loszulassen.
Zu Zwanzigen hingen sie an einem Tausendfuss, und bissen ihm seine
Fsse ab. Unter dem Dach hatten sie ihr Hauptquartier, wohin sie auf den
Seitenbrettern der Treppe liefen und sich in einer Ecke an einen Balken wie
ein Bienenschwarm anhingen, welcher Klumpen wohl 2' lang und 1' dick war.
Die immer auf- und abmarschirenden Ameisen trugen brigens nichts in ihr
Nest, sondern frassen wahrscheinlich Alles gleich auf. Sie schienen viele
Anfhrer zu haben, die sich durch ungeheuer dicke Kpfe und gewaltige
Fresszangen auszeichneten. Der ganze Haufen blieb zwei Tage auf dem Posten
und verschwand eben so schnell, als er gekommen war. Eine andere Art von
derselben Grsse, doch braunrother Farbe, nennt man Cassave-Ameisen. So
ntzlich die vorigen sind, da sie die Huser vom Ungeziefer reinigen, so
schdlich sind diese, weil sie oft in einem Tage einen Acker total kahl
fressen knnen. Sie leben gemeinschaftlich in Nestern unter der Erde. Man
erkennt diese an kleinen Hgeln, welche manchmal bei einer Hhe von 6' oft
20 Schritte im Umkreise haben. Die einzelnen Nester sind von der Grsse
eines Kopfes, und von einer aschfarbenen, leicht zu zerreibenden,
bltterartig auf einander liegenden Substanz zusammengestellt. Junge und
Eier sind nicht in den Waben, sondern in den unregelmssigen Zellen der
Zwischenrume. In der Mitte findet man Bltter, Krner und Knospen, die sie
zusammentragen, und in Ruhe zum Nahrungsbrei fr die Jungen zernagen. Alle
diese einzelnen Nester stehen durch Gnge mit einander in Verbindung, und
es befinden sich manchmal 200 an der Zahl in verschiedener Tiefe, 1-6 Fuss
unter dem Boden, so dass man tagelang arbeiten muss, um ein solches Nest
auszurotten. Dabei vertheidigen sich die mit grossen, scharfen Zangen
bewaffneten Ameisen aufs Hartnckigste, beissen aufs Grimmigste in Hnde
und Fsse und lassen sich lieber den Kopf abreissen, ehe sie loslassen.

Zu diesen gemeinschaftlichen Nestern fhren ber der Erde regelmssige,
einen halben Fuss breite Wege von wenigstens einer Viertelstunde Lnge nach
dem Platze, wo sie ihre Verheerungen anrichten. Diese Wege sind von Gras
und allen Blttchen gereinigt, damit die mit Raub beladenen Insekten nicht
gehindert sind. Ihr Fleiss, sowie ihre bei der Arbeit beobachtete Ordnung
und Ueberlegung sind bewundernswrdig.

Ein Baum wird bloss von einer Seite bestiegen, worauf sie sich in die
Bltter vertheilen und mit ihren Zangen so grosse Stcke abschneiden, als
sie zu tragen vermgen. Ist das Blttchen abgesgt, so wird es mit der
Fresszange gehalten und mit den Vorderfssen so gerckt, dass es aufrecht
zu stehen kommt; hierauf wird schwankend unter der Last der Rckweg
angetreten. Es kostet viele Mhe, den Baum hinabzukommen; sie lassen aber
dessenungeachtet ihr Blttchen nicht fahren, und treten unverdrossen den
manchmal eine Viertelstunde langen Rckweg an. Wenn der Weg bers Wasser
geht, klettern sie an Bumen hinauf, um durch die Zweige auf andere, an
der Ueberseite sich befindliche Bume zu kommen und ihren Weg fortsetzen
zu knnen. Im Innern des Landes halten sie sich sehr hufig auf. Sie haben
kein bestimmtes Futter, sondern tragen Mais, Cassaven, Orangen, Mangos und
Bltter verschiedener wilder Bume weg.

Im December fliegen die Weibchen in grosser Anzahl umher. Sie sind viel
grsser, als die Mnnchen und haben einen dicken Leib. Ihre Flgel sind
ihnen mehr zur Last als zur Hlfe gegeben, weil sie leicht abbrechen,
und das nun hilflose Geschpf von allerlei Vgeln aufgefressen wird. Die
Buschneger fangen sie in Masse und essen den dicken Leib gebacken oder
gerstet. Sie schmecken ungemein angenehm; doch braucht man viel, um satt
zu werden.

Diese Ameisen sind eine furchtbare Plage fr den Landbau; man umgibt
desswegen im niedern Lande ihre Hgel mit Grben, in welchen das Wasser
sich sammelt und so die Nester durchdringt, im hhern aber ist Ausgraben
schlechterdings nthig.

Indianer und Neger glauben, dass sich die blinde Schlange, eine wurmfrmige
Eidechse (Coecilia--?) in den untersten Nestern aufhalte und von den
Ameisen gefttert werde.

Andere Ameisen erregen durch ihren Biss ein heftiges Brennen auf der Haut.
Sie sind meistens so klein, dass man sie erst dann bemerkt, wenn man
sie fhlt. Diese sind in den Husern die lstigsten, weil sie an alle
Esswaaren, sie seyen gesalzen oder sss, gehen, so dass man sie kaum vor
diesen Thieren sichern kann.

Ausser Ameisen und Holzlusen hatten einige hundert Fledermuse den Giebel
in verjhrtem Besitz, und belstigten uns durch den immerherabfallenden
Unrath, noch mehr aber durch ihr unaufhrliches Gezwitscher, und so wenig
Gesellschaft wir auch von Menschen hatten, um so mehr war unsere Einde von
Thieren aller Art belebt. Kaum graute der Morgen, als im nahen Busch die
Wakagos (Ortalida paragua), hhnerartige, brunliche Vgel mit langem
Schwanze, ihr gellendes Geschrei anhoben. Raben und Papageien, die im
Mauritzenwldchen, das an's Haus stiess, nisteten, schrieen uns den ganzen
Tag die Ohren voll.

In einer Citronenhecke hingen einige Dutzende, drei Fuss lange, sackfrmige
Nester von Bananenvgeln (Cassicus), die gar nicht wild sind und gern
in der Nhe der Menschen wohnen. Diese Vgel, wahre Affen unter den
Luftbewohnern, ahmen alle mglichen Stimmen nach; bald schreien sie wie
Hhner, bald wie Affen, verdrehen dabei ihre Augen und machen tausenderlei
Possen. Sie sind immer in Truppen beieinander, und bauen ihre Nester immer
an's Ende von meist dornigen Zweigen, wobei sie diejenigen vorziehen, an
welchen grosse Wespen sich angesiedelt haben. Es herrscht zwischen beiden
so ungleichen Thierarten eine merkwrdige Freundschaft; denn ich habe
hufig bemerkt, dass, wenn die Vgel beim Durchfliegen ihre Nester auch
berhrten, sich diese Insekten nicht darum bekmmern, es aber einen
Menschen, der diess zu thun wagen wrde, schwer bssen lassen wrden.

Der Bananenvogel hat die Grsse einer Amsel; er ist schwarz, hat jedoch
einen goldgelben Schwanz und Rcken, einen weissen Schnabel und hellblaue
Augen.

Eine andere Art derselben Grsse ist statt gelb brennendroth, lebt aber
ebenso. Die Nester sind sehr merkwrdig und bilden einen zwei bis drei Fuss
langen Sack, dessen Oeffnung aber wie ein Backofen berwlbt ist; sie sind
netzartig, mit einer Art Gras berflochten und elastisch. Pfefferfrasse
sind ebenfalls sehr hufig; sie sitzen gegen Abend auf den hchsten
Bumen, wo sie sich bald nach dieser, bald nach jener Seite wenden und ihre
gellende Stimme erschallen lassen.

Doch all diess Geschrei ist nichts gegen das Concert, das in der Regenzeit
des Nachts ertnt, und keine Feder ist im Stande, davon eine richtige Idee
zu geben.

Kaum ist die Sonne untergegangen, so ertnen in den, den Posten umgebenden
Orangen- und Sauersackbumen grsslich schnarrende Tne von grossen
Laubfrschen, accompagnirt von dem tiefen Bass einer ungeheuren Krte, die
auch im Sumpfe sich ihres Lebens freut und ihren feierlichen Gesang durch
ein schallendes Gelchter oder Pausen endigt. Kleine Krten, die in den
Grben zu Hunderten sitzen, quacken unaufhrlich im hchsten Diskant, und
Legionen Scheerenschleifer (Cicaden), die im Wald herumschwrmen und die
man  Stunde weit hren kann, ersetzen den Chor. Von Zeit zu Zeit ertnt
aus der Ferne der melancholische Gesang einer Nachtschwalbe (Caprimulgus
lud.), der sechs Tne der abwrts gehenden Scala umfasst, oder der kleinen
Eule, Urukuku, nach ihrem Rufe so genannt. Zhlt man noch hiezu die
lieblichen Stimmen von einigen Brllaffen, deren Geschrei selbst das
Gebrll eines Lwen bertnt, so ist ein Orchester besetzt, wie man kein
zweites in der Welt finden wird.

Ich bin spter noch auf andern Posten gelegen und habe viele Pltze
besucht, aber den Lrm von Nepheusburg habe ich nie wieder gefunden; denn
seine niedrige, ganz von Gebsch umgebene Lage begnstigt diese Schreier.

Etwa einen Monat nach meiner Ankunft auf dem Posten wurde unser schwarzer
Kamerad abgelst, und ein anderer kam an seinen Platz. Dieser hiess
Liverpool, sein Neger- oder gewhnlicher Name aber war Brokkodjokko.
Er galt fr einen grossen Wisiman (Zauberer), guten Jger und grossen
Trunkenbold. Die beiden letzteren Eigenschaften besass er gewiss, von
ersterer aber sah ich nie etwas. Er ging hufig auf die Jagd, war nicht so
geizig, wie sein Vorgnger, liess es nie an Cumu fehlen, und war um einen
Schnaps zu Manchem bereit. Ich verstand sehr wenig, beinahe nichts von der
neger-englischen Sprache, und unser Diskours musste hufig pantomimisch
gefhrt werden.

Mein blanker Kamerad wurde ebenfalls abgelst und nicht ersetzt. So war ich
denn nun allein mit meinem Schwarzen und es vergingen desshalb Tage, ohne
dass ein Wort ber meine Lippen kam. Ich fhrte, seitdem ich allein war,
meine eigene Menage, und mein Frhstck bestand aus Buschthee (Bltter
eines Heliotrops) oder Cumu, wozu gerstete Bananen oder Brod mit in
heisser Asche gebratenen Buschfischen genossen wurde. Des Mittags kochte
ich die Universalkost, Bananen, entweder ganz, mit Speck, oder zerschnitten
und im Wasser zu einer Art Brei gekocht, mit Fleisch oder Fischen. Das
Abendessen bestand aus den Ueberbleibseln der Mittagskost. Dies war mein
Kchenzettel fr alle Tage der Woche, die ausgenommen, an welchen ich nach
Mauritzburg musste, oder Brokkodjokko etwas schoss. Affen und Faulthiere
brachte er hufig nach Hause, und Abomas (Riesenschlangen) wurden gut
geruchert, und mit grossem Appetit verspeist. Obwohl Soldat, war ich doch
im Besitz einer uneingeschrnkten Freiheit, nie jagte mich die Ladenglocke,
die ich so oft verwnscht, von meinem frugalen Mahle auf. Der Insektenfang
und die Fischerei beschftigten mich den ganzen Tag. Die freie Luft und das
kalte Wasser des Kreek erhielten mich gesund und munter, und jetzt noch,
nach 15 Jahren, denke ich sehr gerne an jenes freie, sorgenlose Leben
zurck.

Die Regenzeit hatte Anfangs Juni ihren hchsten Grad erreicht, und der Weg
nach Imotappie glich seiner ganzen Lnge nach einem grossen Sumpfe. Des
Tages zweimal untersuchte ich auf demselben meine Maschoas, deren letzte
eine Viertelstunde vom Posten entfernt war[2]. Hufig sah ich ganze Truppen
von Fischottern, hier Wasserhunde genannt, welche in den Kreeken Fische
fingen. Sie gleichen an Gestalt und Grsse den europischen; ihr Fell ist
usserst fein, oben graubraun, unten gelb. Obwohl sehr neugierig, sind
sie doch usserst schlau, und man bekommt sie nur selten, weil sie gleich
untertauchen.

Eines Tages sah ich, als ich das Gras auseinanderschob, um durchzukommen,
einen grossen Tapir vor mir auf dem Wege stehen, der, nicht weniger
erschrocken als ich, in die Kreek sprang und mich ber und ber bespritzte.

Einige Zeit lang jagte Brokkodjokko sehr unglcklich; er schrieb sein
Missgeschick der Schwangerschaft eines seiner Weiber zu. Dieser wunderbare
Glaube herrscht unter den Negern und Eingebornen allgemein. Kaum war auch
sein Weib, eine Sklavin des Holzgrundes Copie, niedergekommen, so brachte
er den ersten Pakir mit nach Hause. Es war ein grosses, gegen 60 Pfund
schweres Thier, von dessen Fleische wir mehrere Tage lang gut lebten.
Vieles davon rucherte er, und versah mit diesem die Kindbetterin.

Nachdem er wieder die ganze Woche nichts geschossen hatte, ging er Freitags
darauf mit der Versicherung in den Busch, abermals einen Pakir zu bringen,
den er nur heute, sonst nie schiessen werde. Gegen 11Uhr schleppte er
wirklich einen, der den ersten noch an Grsse bertraf, nach Hause. Es war
mir diess unbegreiflich, da ohne Hunde selten Pakire geschossen werden.
Sein Versprechen konnte wohl fr Prahlerei gehalten werden, das der Zufall
in Erfllung gehen liess. Doch wunderbar ist es, dass er den dritten
Freitag nach abermaliger Voraussage den dritten heimbrachte. Aufschlsse
ber die Art und Weise seiner Jagdkunst erhielt ich nie; das einzige, was
ich sah, war die Unterhaltung mit seinen Obias, deren er am Leibe und in
seinem Pakara verschiedene hatte.

Er war ein wunderlicher, von Aberglauben vollgepropfter Kerl, brigens
ein guter Christ; unter Anderem verstand er auch das Schneiden gegen den
Schlangenbiss. Sein Treff verpflichtete ihn, kein Schildkrtenfleisch zu
essen.

Anfangs Juni an einem Sonntage musste ich Briefe nach Imotappie bringen.
Der Weg war schlecht, und berdiess hatte ich noch 36 Pack Patronen bei
mir, die fr die Besatzung dieses Postens bestimmt waren. Ein Fuss langer,
alter Hauer war meine einzige Waffe. Schon hatte ich die Hlfte des Weges
zurckgelegt, als ich auf einem etwas trockenen Platze einen ganz jungen
Tiger von der Grsse einer Katze liegen sah, der, sobald er mich erblickte,
sich auf den Rcken legte, und nach Katzenart mit den Pfoten um sich
schlug. Ich steckte ihn in meine Mtze, welche ohne Futter einen grossen
Sack bildete. Ausser mir vor Freude, dachte ich gar nicht an die Gefahr,
von seiner Mutter, die sicher in der Nhe war, aufgesprt zu werden.
An Vertheidigung wre nicht zu denken gewesen; denn obgleich der Jaguar
niemals Menschen angreift, htte er mich doch in diesem Falle zerrissen.
Daran zu denken, hatte ich aber keine Zeit. Ohne Kopfbedeckung und nur mit
dem Thierchen beschftigt, das unaufhrlich schrie und miaute, lief ich aus
Leibeskrften, um so schnell als mglich nach Imotappie zu kommen. Ich kam
daselbst so erhitzt an, dass ich keinen Laut von mir geben konnte.

Der Lieutenant, dem ich meine Briefe bergab, sowie alle umstehenden
Soldaten des Postens, wunderten sich theils ber das niedliche Thier,
theils ber meine Khnheit, es mitgenommen zu haben. Man rieth mir, es zu
tdten und erst den andern Morgen nach meinem Posten zurckzukehren, um
nicht der Alten, die das Junge suchen werde, in die Klauen zu fallen;
allein ich schmte mich, Furcht zu verrathen und trat Nachmittags gegen
2Uhr den Rckweg an. Ich setzte den jungen Jaguar, der immer noch schrie,
in den Batatta, worin ich die Patronen gebracht hatte, und lief so schnell,
als es der schlechte Weg erlaubte. Doch schon beim Anfange des Weges
bereute ich es, mich so unnthig in solche Gefahr begeben zu haben. Das
kleinste Gerusch im Busche trieb mir die Haare in die Hhe, und ich
bekenne, dass ich nie herzlicher gebetet habe, als wie ich mich der Stelle
nherte, wo ich den kleinen Schreier gefunden hatte. Glcklich erreichte
ich mein Haus, wo Brokkodjokko, nichts vermuthend, mir den Batatta abnahm,
dann aber, als er des Tigers ansichtig wurde, wie ein Narr vor Freude in
der Kammer herumsprang und mich mit Lobeserhebungen berhufte. Er wollte
sogleich nach Mauritzburg, um das Wunder zu erzhlen und die Briefe zu
berbringen.

Ich schlachtete alsbald einen Hahn, von welchem mein kleiner Gast etwa den
vierten Theil frass.

Am andern Morgen fand ich rund um das Haus die Fussspuren eines grossen
Jaguars, der verschiedene Male um dasselbe gelaufen seyn musste. Doch,
obwohl Brokkodjokko mit schwergeladenem Gewehr die Umgegend durchstreifte,
konnte er ihn nicht mehr finden.

Denselben Tag waren 10 Zimmerneger unter der Leitung eines gleichfalls
schwarzen Meisters angekommen, um aus dem alten Hause ein kleineres neues
zu machen, freilich so wohlfeil als mglich. Dieses sollte, 18' im Quadrat,
unten und oben eine Kammer enthalten und 27' im Giebel hoch seyn. Unter das
Dach der Kche, das ohne alle Seitenwnde blos auf vier 12' hohen Pfosten
ruhte, wurden Bretter gelegt, um mir indessen zur Wohnung zu dienen, die
man vermittelst einer Leiter bestieg. Sie war gerade so lang, dass man eine
Hngematte hngen, und so hoch, dass man in der Mitte etwas gebckt stehen
konnte; dabei wimmelte es von Fledermusen, die Jahre lang diess Haus in
ungestrter Ruhe besessen hatten, und hundertmal von mir verjagt, immer
wieder zurckkamen. (Hier habe ich die zwei grssten Tausendfsse gefangen,
die ber 10" lang waren.) Fenster gab es nicht, auch hatte ich sie nicht
nthig, da ich mich meistens unter dem Hause im Freien aufhielt.

Der Guide schlief in dem Schuppen, den die Zimmerneger fr sich
aufgerichtet hatten. Ich war also mit meinem Tiger, der schon den zweiten
Tag viel von seiner Wildheit verloren hatte, und sich ganz wie eine junge
Katze betrug, des Nachts allein. Seine Stimme war rauher und sein Gang
unbeholfener als bei einer Katze. Alle zwei Tage schlachtete ich ein Huhn
fr ihn, da er durchaus nichts anderes fressen wollte. Er hielt sich stets
in meiner Nhe auf und spielte mit dem kleinen Hund des Guide wie mit
seines Gleichen.

Eilf Morgen hintereinander sahen wir die Spuren des Alten, der ums Haus
herumschlich und sich sogar in den Kamp der Zimmerneger wagte, wo er einen
Neger, der Bananen rstete, so erschreckte, dass dieser ein Zetergeschrei
erhob, und Alles mit Aexten und Hauern bewaffnet herbeieilte. Da ich etwa
50 Schritte davon entfernt allein schlief, so hielt ich es fr rathsam,
jede Nacht die Leiter heraufzuziehen, und mich so auf diese Weise frmlich
zu verschanzen. Weder der Wachsamkeit Brokkodjokkos, noch der Zimmerneger
gelang es, auf den Tiger schiessen zu knnen, der endlich von
selbst wegblieb. Fnf Wochen lang hatte ich den jungen Tiger beinahe
ausschliesslich mit Hhnern gefttert; als diese zu Ende waren, musste ich
ihm abgezogene Fledermuse vorsetzen. Er frass sie zwar, doch bekamen sie
ihm so schlecht, dass er vier Tage nachher starb. Fr seinen Kopf bekam ich
acht Gulden Schussgeld vom Gouvernement.

Am Zimmermeister, der hollndisch sprach, hatte ich nun wieder einen
Gesellschafter. Seine Neger besuchten frhe, ehe ich aufstand, meine
Maschoas und stahlen die Fische. Dagegen konnte ich nichts thun, als ihnen
zuvorzukommen; desswegen lief ich hufig, noch ehe der Tag anbrach, dahin,
um nicht bestohlen zu werden.

Der Bau des Hauses wurde wenig gefrdert; denn Meister und Gesellen machten
es sich so gemchlich als mglich. Vieles Holz zu Balken musste aus dem
Walde geholt werden.

Dabei geschah es einmal, dass die Neger eine 14' lange Capassischlange
(Trigonocephalus rhombeatus) tdteten und nach Hause brachten[3]. Es
ist diess die giftigste der einheimischen Schlangen, die mit der
Klapperschlange in der Zeichnung und Farbe grosse Aehnlichkeit hat, doch
bedeutend lnger und im Verhltniss nicht so dick ist. Sie ist braun,
hat grosse, viereckige, schwarze Flecken und Schuppen, welche oben einen
erhhten Kiel oder Rcken haben. Ihr Unterleib ist gelblich, die Giftzhne
sind wohl 1" lang. Der Tod soll manchmal augenblicklich auf ihren Biss
erfolgen, Blut aus allen Poren und Oeffnungen des Krpers fliessen, und der
getdtete Krper von keinem Aasvogel gefressen werden. Aus der Haut machte
ich eine Mtze, den Kopf aber hatte Brokkodjokko abgeschnitten, um ihn zu
drren. Getrocknet und ganz zu Pulver gestossen, wird er noch mit Asche von
gewissen Pflanzen vermengt und alsdann in die Schnitte gerieben, die vor
dem Biss der Schlangen sichern sollen; darin war nun Brokkodjokko Meister.
Er hing den Kopf ber den Rauch, doch so nieder, dass ihn sein kleiner Hund
erreichen konnte. Dieser, nicht so gelehrt wie sein Herr, wollte den
Kopf fressen und blieb unglcklicherweise in den Zhnen des bereits
halbgerucherten Kopfes hngen. Er hing nun wie ein Fisch in der Angel; auf
sein klgliches Geschrei eilten wir sogleich herbei, um ihn loszumachen. Er
hatte eine kaum bemerkbare Wunde, aus welcher nicht einmal Blut floss,
und doch war er nach einer halben Stunde todt; der todte Kopf hatte ihn
getdtet.

Auf meinen Mrschen nach Mauritzburg oder Imotappie sah ich stets eine
Menge Affen, die sich in grossen Truppen hier aufhalten. Nie ging ich nach
einem dieser Posten, ohne Hunderte von sogenannten Mungi-Mungis (Simia
sciurea) zu finden, die auf den Bumen herumgaukeln und sich unter tausend
Fratzen entfernen, wenn sie Jemand erblicken. Sie sind die niedlichsten
Affen Surinams, nicht viel grsser als ein Eichhrnchen, grnlichgrau, mit
weissem Bauche und orangegelben Hnden. Ihr rundes Kpfchen hat ein weisses
Gesicht, einen schwarzen Mund und grosse, dunkelbraune, freundliche Augen.
Der kurzhaarige Schwanz, dessen Ende schwarz ist, ist lnger, als der
Leib. Sitzt das Thierchen, so hlt es ihn ber den Rcken geschlagen. Diese
zrtlichen Thierchen leben von Frchten und Insekten, und sind schwer nach
Europa zu bringen.

Eines Morgens ging ich nach Mauritzburg. Als ich auf einem Platze ankam,
wo sehr viele Ananas stehen, hrte ich ein mrderisches Geschrei von Affen,
die, wie es schien, Hndel mit einander hatten. Ich war neugierig, die
Ursache zu wissen, legte desswegen meine Batatta auf die Erde und schlich
in den Busch. Hier sah ich, wie sich etwa 20 Affen von der Art, welche man
Kesi-Kesi (Cebus niger) nennt, und die von der Grsse einer Katze sind, um
eine grosse, reife Ananas, welche sie gefunden und abgerissen hatten, auf
dem Boden herum balgten. Sie war zu gross, um auf die Bume geschleppt
werden zu knnen, und zu stachlicht, um sie so =stante pede= aufzufressen.
Ich trat hervor, und blitzschnell flogen alle auf die Bume, von wo aus sie
mit Verwunderung zusahen, wie ich ihre Ananas mitnahm und aufass.

Etwa hundert Schritte von der Kaserne stand am Rande des Waldes ein sehr
hoher Baum, der, von keinen Lianen umgeben, in einer Hhe von etwa 60'
seine ersten Aeste ausbreitete. An die ussersten Zweige hatten seit langer
Zeit grosse, schwarze Ameisen ihre Nester angehngt, die aus einer gelben,
schwammigen Substanz bestehen, welche man als Zunder gebraucht und in
Paramaribo in kleinen Ballen verkauft. Die Quantitt dieser Nester mochte
wohl 6 Simri betragen haben. Viele Neger hatten schon versucht den Baum
zu fllen, hatten dieses aber, seiner vielen Auslufer und seines harten
Holzes wegen, gehen lassen. Das Hinaufklettern hatte noch keiner versucht,
weil diess eine reine Unmglichkeit zu seyn schien.

Der Kommandant des Flgels hatte mir nun zur Suberung des Postens zwei
Neger gesendet, die einige Tage hier verweilten, und deren Arbeit ich
nachzusehen hatte.

Eines Morgens ging ich mit der Flinte in den Wald und sah ber mir auf dem
genannten Baum etwas Schwarzes, das halb sichtbar durch die Bltter in den
Bumen herumkletterte. Ich hielt es fr einen Kwatta (grosser schwarzer
Affe, Ateles coaita) und legte darauf an, als eine klgliche Stimme mich
bat, nicht zu schiessen. Ich erkannte nun einen der zwei Neger, welcher
den Zunder herunterholen wollte. Mit seinem Hauer hieb er die Aeste, welche
Nester trugen, ab, und kam mit denselben auf den Posten. Wie der zwischen
60 und 70 Jahren alte Neger auf den Baum gekommen war, erfuhr ich nie; er
ertrank auch kurze Zeit nachher in der Casawinika.

Ein guter Freund, der auf dem Posten Armina lag, hatte mir schon vieles
Schne von diesem Platze geschrieben und den Wunsch in mir erregt, ihn zu
besuchen. Es war der usserste Posten des Landes, welcher einsam an der
Buschnegergrenze am Marowyne lag. Eine Patrouille von schwarzen Soldaten
ging jeden Monat dahin ab, um den Sold zu bringen und die Militrrapporte
zu holen. Man sprach viel von dem mhsamen Weg, der durch grosse Morste
und tiefe Kreeken und ber 72 Berge fhren sollte, daher besonders in der
Regenzeit schwierig sey. Aus diesem Grunde werden nur Guiden zu diesen
Patrouillen gebraucht, und nur in besonderen Fllen macht ein Blanker die
Reise mit. Mein Kommandant erlaubte mir aber, statt eines Guiden dahin
gehen zu drfen, worauf ich fr acht Tage, denn so lang dauerte die Reise,
Lebensmittel erhielt. Diese bestanden in 8 Pfund Zwieback, 4 Pfund Speck,
4 Pfund Fleisch und 8 Pfund Reis, wozu ich noch Caffee, eine Flasche Zucker
und Cacao beifgte. Ein Rnzel mit Kleidungsstcken, ein blechener Topf zum
Kochen, ein Kistchen und Netz zum Schmetterlingsfang, ein Gewehr und ein
Hauer mussten ebenfalls mitgenommen werden. Als diese Wirthschaft auf
meinem Rcken rangirt war, schien es mir selbst unmglich, so weit kommen
zu knnen.

Fr die Dauer meiner Reise wurde ein anderer Soldat nach meinem Posten
gesandt.

Erst gegen 11Uhr verliess ich Mauritzburg in Begleitung zweier Guiden, und
zog abwechselnd durch Savannen und Hochwald nach dem sechs Stunden weiter
entfernten Posten Oranjebo. Unterwegs findet man weder einen Posten, noch
eine Pflanzung. Etwa noch eine Stunde vom Posten entfernt, kamen wir gegen
Abend an zwei Morste, durch welche man bis an die Hften nicht bloss im
Wasser, sondern in einem Brei von stinkendem Schlamm marschiren musste.
Gegen 7Uhr kamen wir auf dem Posten an, wo mich meine Kameraden durch ihre
Gastfreundschaft fr die Mhseligkeiten meiner Reise entschdigten.

Oranjebo, am obern Comowyne, liegt gerade ber dem Fussweg nach Armina, und
dient, da es seiner geringen Besatzung wegen, die nur aus einem Korporal
und 5 Mann besteht, doch nicht als Vertheidigungsposten zu betrachten
ist, blos dazu, die Patrouillen ber den Fluss zu setzen. Es liegt keine
Pflanzung in der Nhe, und der nchste Posten Imotappie, wo sie ihre
Lebensmittel holen, ist vier Stunden entfernt. Fische und Wild sind im
Ueberfluss vorhanden, und der obere Comowyne ist wegen seiner kstlichen
Haimuras bekannt, eines 10 und mehr Pfund schweren Schuppenfisches, der
sehr theuer bezahlt wird. Man fngt sie in zuckerhutfrmigen Krben,
durch die ein elastischer Stab luft, der einen, am untern, breitern Ende
befestigten Deckel aufgespannt hlt. Ein Frosch oder ein Stck Fleisch ist
daran befestigt, und so wie der Fisch hineingerth, fllt der Deckel zu.
Der Korb wird unter Strucher in's Wasser gesetzt und jeden Morgen nach ihm
gesehen. Ein Soldat beschftigte sich ausschlielich mit diesem Fang, und
hatte stets einen Vorrath von Fischen.

Des andern Morgens um 7Uhr betraten wir das jenseitige Ufer und kamen nach
einer Stunde an eine grosse, stets unter Wasser stehende Savanne, welche
mit Binsen und einzeln stehenden Mauritzen bedeckt war, in denen Legionen
Papageien nisteten. Beinahe eine Stunde zogen wir, bis zur Hfte im Wasser,
ber diesen Sumpf, welcher von der in der Regenzeit berstrmenden Peninika
und dem Tempati gebildet wird, und selbst in langen Trockenzeiten nicht
austrocknet.

Durch eine Sandsavanne voll niederen Buschwerks war der Weg beinahe nicht
zu finden, und nur an abgebrochenen Zweigen erkannten meine Schwarzen den
Pfad. Dieser ging, wiewohl in steten Krmmungen sich hinziehend, doch stets
sdstlich und von nun an durch einen Hochwald, der so dicht war, dass wir
die Sonne nicht sehen konnten. Allmhlich erhhte sich das Land, und
wir kamen ber Hgel, an deren Fuss sich immer eine Kreek oder ein Sumpf
befand.

Oft nthigten uns umgefallene, ungeheure Bume, sie zu umgehen oder ber
sie zu klettern. Ueber tiefe und reissende Kreeks lagen manchmal blos
armsdicke Stangen, ber welche man seiltnzerartig balanciren musste.
Wir fanden zwei grosse Schildkrten, die wir zur Abendmahlzeit mitnahmen.
Abends 5Uhr kamen wir an einige, aus Palmblttern verfertigte Htten oder
Kampen, die zum Nachtlager von frheren Patrouillen gemacht worden waren.
Hier hielten wir an, um zu bernachten. Bald brannte ein lustiges
Feuer; die Schildkrten wurden geschlachtet; Bananen, welche die Guiden
mitgebracht hatten, gekocht und in Schildkrtenbast, Tum Tum (Pudding von
Bananen), gestampft. Es war diess eine herrliche Mahlzeit.

Zur Lagersttte (die Guiden hatten ihre Hngematten bei sich) schnitt ich
eine Menge Bltter ab und machte neben das Feuer mein Lager. Man band
die Gewehre zusammen, und jeder legte sich schlafen, so unbesorgt, als
zu Hause. An das Feuer kam eine Menge grosser, leuchtender Kfer (Elater
noctilucus) brummend geflogen, von denen ich ein Dutzend fing und mit nach
Mauritzburg nahm. Sie sind etwa 1" lang und olivenbraun; der Brustschild
ist oben mit zwei bleichgelben, runden, an jeder Seite wie Augen
aussehenden und etwas erhabenen Flecken besetzt, deren Licht so stark
ist, dass man es selbst im hellen Sonnenschein bemerken kann. Die feinste
Schrift lsst sich lesen, wenn man mit dem Insekte ber das Gedruckte
fhrt, mehrere zusammen in ein Flschchen gethan, machen ziemlich helle. Im
Fluge zeigt sich ausser den Augen noch ein starkes, rothes Licht unter
den Flgeln auf dem Rcken, das von den mittelsten Ringen herrhrt und im
Laufen bedeckt ist. Das Licht der Augenflecken kann der Kfer vermindern
oder vermehren.

Die Nacht war ziemlich kalt, so dass mir ein warmer Caffee, der schnell
bereitet war, gut bekam. In der Htte liessen wir einen Theil unserer
Provision fr die Rckreise, und zogen nach beendigtem Frhstck weiter.

Beim Herabsteigen eines ziemlich hohen Bergs wurden wir auf einem wenig
belaubten, hohen Baume zwei Kwattas (Ateles coita) gewahr, die sich in
der Morgensonne wrmten. Der eine erblickte uns, ergriff den andern beim
Schwanze und machte ihn auf uns aufmerksam. Sie sahen uns bedchtig an
und machten sich erst, als ein Guide auf sie anlegte, mit einem
verwunderungsvollen O!O! aus dem Staube.

Das Land wurde nun immer hher. Mittags kamen wir an den sogenannten rothen
Berg, der auf der einen Seite sehr steil, beinahe lothrecht ist und durch
Klettern erstiegen werden muss. Er kann etwa 150' hoch seyn. Auf seinem
Gipfel befinden sich mehrere grosse Bume, in welche man gewhnlich den
Namen einschneidet, um die Heldenthat, diesen Berg erstiegen zu haben, zu
verewigen.

Eine klare, eiskalte Kreek fliesst an seinem Fusse. Abends 5Uhr hrten wir
das Brausen der Marowyne, die ber zahllose Klippen cascadenweise strzt.

Unsere Abendmahlzeit bestand wieder in Schildkrten, deren es in dieser
Gegend sehr viele gibt. Die Nacht ward ebenfalls im Kampe zugebracht. Gegen
9Uhr des andern Morgens sahen wir von einer Anhhe aus den prchtigen
Strom mit seinen Inselchen und Klippen, sowie den Posten in einem Walde von
Bananenbumen vor uns liegen. Ungesehen kamen wir in den Bananengrund, wo
wir drei Schsse, das Zeichen der Patrouille, abfeuerten. Alles strzte uns
entgegen; denn Jedermann verlangte nach Neuigkeiten, deren man auf diesem
so einsamen und abgelegenen Posten so wenig erfhrt. Mein Freund aber, um
dessenwillen ich die Reise gemacht hatte, war vor 14 Tagen gestorben.

Der Posten, von einem Lieutenant commandirt, bestand etwa aus 24 Mann,
8 zum Transport der Lebensmittel bestimmte Neger ausgenommen. Auch ein
Hospital und ein Doctor befanden sich hier. Alle Gebude, meistens
aus Pinapalmen (Oenocarpus?) errichtete Htten, unter denen bloss das
Kommandantenhaus aus Brettern besteht, waren von Pallisaden umgeben, und
umschlossen einen viereckigen Platz, um welchen gut erhaltene Hecken von
Lianen sich zogen, und in dessen Mitte ein Flaggenstock und Sonnenweiser
standen.

Die Kaserne war hchst baufllig, hatte nicht einmal einen Fussboden, und
war auch desshalb, wenn der Strom austrat, nicht bewohnbar.

Das Land ist ausserordentlich fruchtbar, und die Grten der Soldaten, deren
jeder einen hatte, lieferten Gemse und Feldfrchte im Ueberfluss.

Nie kann hier unter der Leitung eines verstndigen Kommandanten Mangel
eintreten, und der jetzige hatte sein Mglichstes gethan, um durch Zwang
und gute Worte die Leute seines Detachements zu ihrem eigenen Wohl zur
Arbeit anzuhalten. Mit Fischen und Wild wurde man tglich von Buschnegern
und Indianern versorgt, welche Salz dafr eintauschten.

Der Posten ist ungeachtet seiner schnen Lage als sehr ungesund bekannt;
es starben auch in selbigem Jahre von der Besatzung, die 16 Mann betrug,
sieben; doch herrscht diese Sterblichkeit nicht jedes Jahr, auch getraue
ich mir nicht, sie allein dem Klima zuzuschreiben.

Gemeiniglich werden nach solchen weit abgelegenen Posten die
unbrauchbarsten und schlechtesten der Compagnie gesandt, deren Gesundheit
durch langes Saufen zerrttet ist, und die sich nun an eine Lebensweise
gewhnen mssen, bei welcher man nicht immer Branntwein haben kann.
Manchmal kaufen sie heimlich von Buschnegern grosse Krge Dram, den diese
von Paramaribo mitbringen und sich theuer zahlen lassen. Diesen trinken sie
dann um so gieriger, je lnger sie ihren Lieblingstrank entbehren mussten.

Die Nchte sind khl, die Tage aber drckend heiss, weil die vielen Felsen
eine grosse Hitze zurckwerfen. Ich besuchte den eine Viertelstunde vom
Posten entfernten, in der ganzen Colonie seiner Grsse wegen bekannten
Mama- oder Cattantreebaum (Bombax ceiba), den grossen Abgott der
Aucaner-Buschneger, zu welchem ein durch den Wald gehauener Weg fhrte. Der
etwa 80' hohe Stamm dieses prchtigen Baumes hat gegen 8' Durchmesser, und
bildet mit seinen Auslufern oder Sprossen, die bis zu einer Hhe von 10'
gehen, grosse Kammern, worin sich verschiedene Personen verbergen knnen.
Er ist ganz mit stumpfen Stacheln bedeckt. Das Eigenthmliche dieser Bume
ist, dass sie nicht alle Jahre blhen und in der Blthezeit keine Bltter
haben. Die Frucht ist von der Grsse eines Gnseeies und enthlt eine Menge
der feinsten, hellbraunen Seide, die, in die Hlle dicht gepresst, viele
schwarze Samenkrner umgibt. Bltterlos, nur mit seinen Frchten behangen,
steht der Baum des Abends da; knallend ffnen sich die Frchte meistens in
Einer Nacht, zerstreuen ihren Inhalt in grossen Flocken, und des Morgens
steht dieser Riese des Pflanzenreichs in einem seidenen Mantel, der von
allen Zweigen niederhngt und einen wundervollen Anblick gewhrt. Die
Colibris machen hauptschlich mit dieser Seide ihre Nester. Sind die
Frchte abgefallen, so kommen die Bltter zum Vorschein. Das Holz ist weich
und schwammig und desshalb nicht brauchbar.

Dieser Baum also wurde von den Aucaner-Buschnegern verehrt. Wenn sie von
ihren Drfern kamen, so opferten sie Fleisch und Fische; kamen sie dagegen
von Paramaribo, so wurde er mit Wein oder Dram tractirt. Die Soldaten des
Postens halfen gleich nach dem Abgange der Neger dem Gott von seinen
Eiern und Getrnken; Flaschen, Teller und Brabis (Buschnegerschsseln von
gebranntem Thon) aber lagen haufenweise in den Kammern des Baumes, und
drei, ebenfalls enorme Cottontrees standen in einiger Entfernung.

Ausser diesem Abgotte, der seinen bleibenden Tempel hier hatte, zeigte sich
zuweilen auf Armina eine Gttin hchsten Ranges, die sogenannte Wassermama.
Man hatte sie einigemale auf dem Felsen sitzen sehen, doch konnte ich auch
von denen, die sie gesehen haben wollten, nichts ber ihre Gestalt und
Farbe hren.

Man glaubt, dass der Manati die Veranlassung zur Fabel von Meermenschen
gebe; doch hier wenigstens kann diess nicht der Fall seyn, da ein so
schwerflliges Thier nicht bis an die Klippen des obern Marowyne kommen
kann.

Merkwrdig ist die Menge von Fledermusen, die sich in den Husern des
Postens aufhalten. Gegen Sonnenuntergang sieht man Wolken derselben aus
ihren Schlupfwinkeln nach der franzsischen Seite ziehen, und die Soldaten
sind genthigt, die ganze Nacht hindurch Licht zu brennen, um nicht
gebissen zu werden. Diess ist die einzige Plage, welcher man hier
ausgesetzt ist.

Den dritten Tag nach unserer Ankunft verliessen wir Armina wieder.
Mein Jagdgewehr hatte ich verkauft. Statt desselben hingen zwei Kfige
(Koerikoeri) aus Varimbo, einer Art indianischen Rohrs, mit einem sehr
zahmen Pfefferfrass und einem Papagey nebst einem Affen an meinem Rnzel
festgebunden. Letzterer schrie immerwhrend und erfasste jeden Zweig, den
er bekommen konnte. Der Tucan, dessen langer Schnabel in dem kleinen Kfige
nicht Platz genug hatte, starb nach ein paar Stunden.

Abends assen wir ein Fricassee von einem Leguan, den ich von Armina
mitgenommen hatte.

Hier hrte ich im Kampe die Stimme eines Vogels, der, wie ich mehrere
Jahre nachher sah, von der Grsse einer Taube und braunroth ist, und einen
nackten kahlen Kopf hat. Ich kann sie nur mit dem Tone einer verstimmten
Posaune vergleichen; sie ist auch so laut, dass sie am jngsten
Gericht leicht die Todten erwecken knnte. Die Indianer nennen ihn Kwau
(Gymnocephalus calvus); er gehrt in das Geschlecht der Fliegenschnapper.

Den zweiten Tag waren wir so nahe bei Oranjebo, dass wir sehr leicht noch
vor Nacht htten den Posten erreichen knnen; diess wollten brigens die
Guiden nicht, welche nicht gerne mehr thaten, als ihnen vorgeschrieben war.

Am vierten Tag war ich wieder auf meinem Posten zurck. Die Smpfe
verminderten sich in der Umgegend von Tag zu Tag, und es war nicht mglich,
die Fische, welche ich in meinen Maschoas fing, aufzuessen. Tglich bekam
ich Besuche von Kameraden anderer Posten, welche hier Fische fangen und
essen wollten. Diese hatten sich aus dem Walde, wo Alles eingetrocknet
war, in die Grben, welche lngs des Cordons hinliefen, zurckgezogen. Sie
verbargen sich hier unter den Blttern von Wasserlilien, oder im Schlamme.
Mit scharfen Hauern (Sbeln) wateten wir in die Grben und schlugen die
Stcke und Bltter ab, um die darunter befindlichen Fische zu treffen.
Jeder hatte seinen eigenen Distrikt, damit wir uns nicht gegenseitig
verwundeten.

War alles klein gehauen, so durchsuchte man mit den Hnden den Graben, und
warf die verwundeten Fische ans Ufer. Ein alter Soldat, der mich besuchte,
zog auf diese Weise eine etwa 3' lange Schlange hervor, die er fr einen
Aal hielt, und auch seinen Irrthum nicht blder bemerkte, bis sie ihn in
den Arm gebissen hatte. Glcklicherweise war auch Brokkodjokko hier, der in
seiner Jagdtasche stets seine Zaubermittel mit sich fhrte, und jetzt mit
wichtiger Miene sein schwarzes Pulver in die Wunde rieb. Der Biss hatte
keine Folgen, vielleicht weil er unterm Wasser geschah[4].

Im Oktober und November fingen wir eine unglaubliche Menge der kstlichsten
Fische. Alle Kreeken waren eingetrocknet, und ihre Bewohner zogen sich nach
den Pltzen oder Lchern hin, wo noch etwas Wasser stehen geblieben war.
Hier sah man sie manchmal zu Tausenden ihre Kpfe aus dem Wasser strecken,
dabei sich so viel wie mglich sortenweise abgesondert halten, so dass man,
wie in einem Fischhause, von jeder Art die schnsten und besten aussuchen
konnte. Doch war diess ein schlimmes Geschft, welches man nackt verrichten
musste, und nach welchem man ein paar Stunden zur Reinigung brauchte. Der
ble Geruch faulender Fische, welche schuhhoch lngs der Grben lagen,
war unausstehlich, und Schaaren von Aasvgeln hielten hier immerwhrend
Mahlzeiten.

Hier sah ich unter den gemeinen Geyern einige Dutzende sogenannter
Geyerknige (Vultur papa), die sich durch ihre Schnheit vor den andern
auszeichnen, auch im Fressen den Vorrang haben. Nie sah ich diese Vgel in
solcher Anzahl, da sie sonst selten und nur einzeln gesehen werden.

Wir hatten 11 grosse Barbacats (von hlzernen Stben verfertigte Roste)
auf dem Posten errichtet, ber welchen ber 1000 Fische zum Ruchern lagen,
obgleich wir kleine und schlechte nicht genommen hatten.

In dieser Zeit des Ueberflusses thaten auch die Zimmerneger ihr
Mglichstes, um Fische zu fangen, und liessen Axt und Sge so lange ruhen.
So kam es, dass erst in der Mitte Novembers ein Haus fertig wurde, das
vier europische Zimmerleute in drei Wochen, dazu noch besser und solider,
aufgefhrt htten, als diese eilf Schlingel in vier Monaten.

Noch ehe ich meine neue Wohnung bezog, wurde ich, was anderswo noch nie
geschehen war, von einer Fledermaus gebissen. Ich wachte Nachts auf und
fhlte, dass ich ber und ber nass war. Um die Ursache zu entdecken,
machte ich Licht und fand zu meinem grssten Erstaunen, dass Hemd und
Hngematte von Blut trieften. Dieses rann mir, ohne dass ich den mindesten
Schmerz fhlte, aus der Nasenspitze, wo ein linsengrosses Stckchen
abgebissen war. Man hatte sonst nie Vampyrs auf Nepheusburg bemerkt, und
wahrscheinlich wurden sie durch die Ausdnstung der Neger herbeigezogen.
Meine Hhner wurden in der Folge jede Nacht gebissen, und wie sorgfltig
ich auch ihren Stall schloss, fand ich doch jeden Morgen neues Blut, das
aus Hals, Fssen und Kamm tropfte. Sie wurden dadurch so geschwcht, dass
sie nicht mehr auf ihren Stcken sitzen konnten. Aniswiriwiri, Bltter
einer nach Anis riechenden Staude, zum Geschlecht des Pipers gehrend,
halfen auch nicht, wiewohl die Fledermuse deren Geruch nicht ertragen
knnen.

Auf vielen Pflanzungen werden Pferde und Vieh so von Fledermusen gebissen,
dass sie mager werden und sterben. Der Geruch eines Bocks, den man im
Pferdestall hlt, soll sie ebenfalls verscheuchen. Zur kleinsten Oeffnung
kriechen diese Thiere hinein, und wo ihnen der Raum nicht zu fliegen
gestattet, da kriechen sie.

Das Haus war endlich fertig und stund mitten auf dem Wege, gewhrte
daher die Aussicht nach beiden Seiten des Cordons, und war desshalb viel
zweckmssiger, als das frhere.

Der Zimmermeister mit seinen Gesellen hatte uns verlassen, und an die
Stelle lrmender Arbeit traten wieder Einsamkeit und Stille.

Um diese Zeit ging eine Buschpatrouille aus der obern Comewyne-Division in
die Smpfe und Wlder an der Tampati und dem Peninika-Kreek, wo, wie man
erfahren hatte, ein Dorf von weggelaufenen Sclaven bestand. Alles ward
geheim gehalten, und ausser dem Commandanten der Patrouille wusste Niemand,
wohin es gehen sollte.

Einige Tage nach deren Zurckkunft sass ich gegen 8Uhr Abends in meiner
Kammer und las, als ich Brokkodjokko, der Bananen rstete, laut Wer da?
rufen hrte. Neugierig zu wissen, wer so spt noch ankme, ffnete ich den
Laden und sah etwa 50 Schritte vom Hause entfernt eine in Weiss gekleidete
Person. Unbeweglich stand dieselbe, und auf meine Aufforderung, sich
erkennen zu geben, folgte keine Antwort.

Brokkodjokko hatte indessen geladen und schoss, worauf diese rthselhafte
Erscheinung verschwand.

Zugleich hrten wir von verschiedenen Seiten des Waldes Negersignale, ein
lautes Hoh, um sich einander zu erkennen zu geben. Ich dachte sogleich an
die Patrouille und schloss, dass es durch sie verjagte Weglufer wren, die
des Weges unkundig den Posten passiren wollten. Wir luden unsere Gewehre,
verschlossen das Haus und wachten die ganze Nacht; doch liess sich nichts
sehen noch hren. Des Morgens berichtete ich den Vorfall dem Commandanten,
worauf der Posten um einen Mann verstrkt wurde. Doch nicht lange mehr
durfte ich mich der nun grsseren Sicherheit erfreuen, denn gegen das
Ende des Jahrs kndete mir Brokkodjokko, der Lebensmittel von Mauritzburg
brachte, mit Freudengeschrei an, dass ich zum Vicecorporal ernannt wre. So
stand ich endlich auf der Leiter zur hchsten Macht!




Fnfter Abschnitt.

  Versetzung nach Mauritzburg. Grtelthiere. Arowak-Indianer, Vanille.
  Schlangen und Mittel gegen den Biss. Aberglauben. Gefangene Strflinge.
  Abreise von Mauritzburg. Ueberschwemmung. Post L'Esperance. Gewitter.
  Ankunft in Paramaribo. Militrischer Dienst. Abreise nach Nickerie.
  Reisegenossen, Post Poelepantje, Bakramasango, Uitkyk, Groningen,
  projektirte Stadt Columbia, Nassau, de Hoop. Ein unglcklicher Doktor.
  Das Holzetablissement Andresen. Zitteraal. Bivouac. Besuch bei einer
  Arowakenfamilie im Waiambo. Post Maratacca. Ein znkisches Weib.
  Pflanzung Botanybai. Der Posten Nickerie und seine Umgebung.
  Militrischer Dienst. Ein spekulativer Jude. Pflanzung the Nursery.
  Waterloo. Mangel an Trinkwasser. Ueberfluss an Fischen. Der Kwikwi, der
  Kaiman, die Beutelratte. Jagden auf Wasservgel. Wachtdienst auf dem
  Beschermer. Fertigkeit der Indianer im Schwimmen. Buschpatrouille nach
  der Nauwaykreek. Die Boa. Der Prediger. Reise nach den Savannendrfern
  des Maratacca. Eine leuchtende Pflanze. Die Savannen. Die Awara-Palme.
  Ein weggelaufener Neger. Abreise nach Paramaribo. Der Posten Alsimo.


Ich hatte dieses Avancement der Empfehlung des Kommandanten zu verdanken,
dessen Gunst ich besass und der im Laufe meiner Dienstzeit, wie noch
spter, mir viele Beweise seines Wohlwollens gab. Sein uneigenntziger,
mnnlicher Charakter flsste jedem Untergebenen die Achtung vor ihm ein,
welche der Soldat seinem Vorgesetzten schuldig ist.

Dienst und Ordnung waren auf dem ihm untergebenen Posten die Hauptsache.
Alle Vllerei wurde aufs Strengste bestraft, dagegen aber dem, der seinen
Pflichten nachkam, so viel Freiheit und Vergnstigung, als nur mglich war,
gewhrt. Nie waren vor der Zeit seines Kommando's die Wege und Posten in so
gutem Zustande; denn die Neger, welche das Gouvernement zu diesem Zweck
auf den Posten hielt, wurden nur _dazu_ und nie zu seinem eigenen Vortheile
verwendet.

Es befand sich weder ein Kaufladen, noch eine Herberge auf dem Posten, und
der Soldat, der von da in die Garnison zurckkehrte, hatte Kleidung und
Geld, und konnte whrend der magern Garnisonszeit sich damit gtlich thun.

Ich verliess Nepheusburg den 1. Januar 1838 und kam nun auf Mauritzburg
zurck, wo ich unter den drei Korporalen der jngste war.

Es fiel mir Anfangs schwer, mich in meine neue Lage zu schicken, die
freilich von der freien, unordentlichen Lebensweise auf Nepheusburg sehr
verschieden war. Meine Fsse, die so lange Zeit ans Barfussgehen gewhnt
waren, durfte ich jetzt nicht mehr ohne Schuhe sehen lassen, und ohne Hemd
zu gehen wre ein Criminalverbrechen gewesen.

Dessenungeachtet hatte ich berflssig Zeit, um in den umliegenden Wldern
und Savannen nach Insekten zu jagen, und Bcher, welche mir der Commandant
und der Doktor liehen, verscheuchten die Langeweile, wenn der Regen meine
Wanderungen verhinderte. Einige Soldaten des Postens, die im Besitze eines
zur Jagd von kleinem Wilde abgerichteten Hundes waren, brachten hufig
Schildkrten, Armadille und Kaninchen nach Hause, die in den Waldungen
der Umgegend sehr zahlreich sind. Von Armadillen, wovon das gemeine hier
Capassi (Dasypus novemcinctus) genannt, hufig in sandigem Lande vorkommt,
wo es sich in Hhlen unter der Erde aufhlt, habe ich verschiedene Arten
kennen lernen. Es sind dumme, nchtliche Thiere, die den Tag ber wenig
ihre Hhlen verlassen, und von Wrmern und Insekten leben, die sie beim
Whlen finden.

Sie werden sehr fett, und man findet sie hufig 25 Pfund schwer. Ihr
Fleisch ist weiss und mrbe, hat aber einen starken Moschusgeruch, den
man ihm benimmt, wenn man es ber Nacht im Salz- und Citronenwasser stehen
lsst. Es wird beinahe allgemein gegessen.

Die zweite, sehr seltene Art ist Dasypus unicinctus. Dieses Thier ist
kleiner als das vorige, etwa 1' lang und ' breit. Der bloss mit einer
starken, warzigen Haut bedeckte Schwanz ist sprlich behaart, hat aber am
letzten Drittel Hornblttchen und von der Wurzel an 9" Lnge. Der 3" lange
und 2" breite Kopf ist oben mit 36 hornigen Plttchen bepanzert. Es hat 1"
lange und ebenso breite Ohren, 5 Krallen an den Vorder- und Hinterfssen,
von welchen die mittelste der ersteren 2" lang ist. Im Ganzen gleicht es
viel dem grossen Grtelthier, dessen Lebensart es auch hat. Die Indianer
nennen es Katuberu, essen es brigens nicht.

Das dritte endlich ist das grosse oder Riesengrtelthier (Dasypus gigas),
von den Indianern Manuraima genannt. Es ist sehr selten und hlt sich,
wie die andern, in Hhlen sandiger Wlder auf. Ich habe dieses Thier bloss
einmal bekommen, vergass aber, es zu beschreiben. Es kann gegen 80 Pfund
schwer und, den Schwanz mitgerechnet, bei 6' lang werden; die Hhe betrgt
dann etwa 20". Es ist ausserordentlich stark und obgleich es nicht beisst,
noch sich sonst vertheidigt, so grbt es sich doch so schnell ein, und hat
so viele Gnge unter dem Boden, dass es kaum mglich ist, ihm nachzukommen.
Seine Nahrung besteht ebenfalls in Wrmern; man sagt aber, dass es sich
auch von Aas nhre. Sein Fleisch ist ungemein fett und gut zu essen, wenn
man ihm den starken Moschusgeruch genommen hat. Der Nagel der mittelsten
Vorderzehe ist bei 6" lang.

Die Indianer, welche sich in der Nhe des Postens angesiedelt hatten, waren
bald meine Freunde, und ich begleitete sie hufig auf ihren Jagdzgen.
Ihre Htten waren auf einer grossen Savanne am Rande des Waldes, in dem
ein kleiner Bach floss, der ihnen Wasser und Fische gab. Sie gehrten zum
Stamme der Arowaken, waren sehr faul, und zogen, wenn ihr Vorrath von
Dram und andern Plantage-Produkten zu Ende war, nach den Pflanzungen der
Comowyne, wo sie neuen bettelten.

Auf diesen Savannen finden sich viele wilde Ananas und in den Gebschen
eine Menge Vanille, deren schne, hellgrne, lederartige Bltter
guirlandenartig von den Bumen herabhngen und sich so verbreiten,
dass eine Pflanze manchmal 20 Bume bedeckt. Die Ranke, deren Bltter
abwechselnd stehen, ist rund, fleischig, etwa daumendick und klammert sich
mit kleinen Hkchen am Stamme an.

Die Bltter dieser Vanille sind lnglich, oval zugespitzt, 10" lang, 4"
breit und 1/8" dick. Die Blthen sind gross, gelb und ohne Geruch, fallen
hufig ab, so dass von 100 kaum 20 Frchte geben. Die Frucht selbst ist
eine 7-8" lange, 1" dicke, dreieckig abgerundete Schale. Sie gleicht viel
einer jungen Banane und wird unreif abgenommen, um das Aufspringen zu
verhten, sie ist mit feinen, schwarzen Krnern angefllt, welche die
wohlriechende Substanz ausmachen. Obgleich diese Vanille an Geruch und
Kraft die gebruchliche bertrifft, so ist sie doch kein Handelsartikel,
und da sie schwer zu bekommen ist, auch nirgends angepflanzt wird, so wird
sie wahrscheinlich es auch nie werden.

Eine andere Art von Vanille, mit breiteren, nicht so fleischigen Blttern,
die an den Kreeken und Flssen des hheren Landes wchst, liefert eine 7-8"
lange und " breite, runde Schote von ebenfalls herrlichem Geruch.

Eine dritte endlich hat schon kleine, mehr herzfrmige, fleischige Bltter
und eine fingerslange, runde Schote.

Eine kleine halbe Stunde unterhalb des Postens liegt an der Cassawinika der
kleine Holzgrund Copie, dessen Eigenthmer als Schlangenbeschwrer in der
Umgegend bekannt war. Sie geniessen bei ihm zwar keinen Tanzunterricht,
auch nimmt er sie nicht in die Hnde, aber, was noch viel wunderbarer
klingt, er pfeift sie stundenweit herbei. Gesehen habe ich diess zwar
nicht, man fhrt aber so viele Thatsachen an, dass man es ungesehen
glauben muss. Die Schlangen eilen auf den Pfiff herbei, was bei den meisten
giftigen, die ein ziemlich bedeutendes Embonpoint haben, nicht sehr schnell
gehen kann, und kommen, so sagt man, todtmatt zu des Meisters Fssen an.
Man kann sie alsdann leicht tdten. Es wimmelt brigens in der Umgegend von
Schlangen und manche Ente wurde eine Beute derselben.

Ich halte Alles, was man von dergleichen Mysterien erzhlt, fr Fabel, und
auch das Schneiden gegen Schlangenbiss, woran so allgemein geglaubt wird,
ist gewiss nichts weiter als Charlatanerie.

Whrend der langen Zeit meines Aufenthaltes in Surinam habe ich hinlnglich
Gelegenheit gehabt, die meisten Schlangenarten kennen zu lernen, und ich
bin davon berzeugt, dass, zum Glck der Bewohner, unter allen Schlangen
bloss hchstens zehn Procent giftig sind. Die ungiftigen halten sich
entweder im Wasser oder auf Bumen auf, sind lang und schlank, mit langem,
geisselartigem Schwanz versehen, rasch in ihren Bewegungen und ergreifen
sogleich die Flucht. Sie sind beinahe alle von lebhaften Farben; zuweilen,
wie die Corallenschlange, prchtig roth, gelb oder blau oder grn, wie die
Papageienschlange.

Beinahe alle lieben die Sonne und liegen in den Zweigen der Bume. Hufig
kommen sie in die Huser, wo sie unter den Cingeln (Sokeln) nach Insekten,
Frschen und Eidechsen jagen.

Es sind berhaupt hbsche und reinliche Thiere, die in jeder Beziehung
ntzen. Die Aboma- oder Riesenschlangen sind eben so wenig giftig,
werden aber dadurch schdlich, dass sie den Enten und anderem Federvieh
nachstellen.

Man kennt zwei Arten derselben, wovon die erstere oben dunkelgrau, mit
schwarzen, herzfrmigen Flecken geziert ist; die untere Seite dagegen ist
blassgelb und am After befinden sich zwei Haken. Sie lebt im Wasser, und
man trifft sie meistens am Ufer der Flsse, wo sie in den Zweigen der
Bume, zu Klumpen zusammengerollt, tagelang liegt. Diese Schlangen
erreichen zuweilen eine furchtbare Lnge, und es soll im Jahr 1834 auf
Victoria eine von 44' Lnge geschossen worden seyn, was ich jedoch nicht
verbrgen kann.

Die andere Art ist die Hochlands-Aboma (Boa canina), hier Papaschlange
genannt, ein Abgott vieler Neger. Es ist nicht leicht ein schner und
regelmssiger gezeichnetes Thier zu finden. Sechseckige, hellbraune Flecken
laufen auf dem Rcken hin bis zum After, whrend auf den Seiten braunrothe,
aschgraue, schwarze und weisse Flecken abwechseln. In der Sonne schillert
alles in Regenbogenfarben. Ihre Lnge betrgt etwa 12' und ihre Dicke kommt
der eines starken Menschenschenkels gleich.

Die giftigen Schlangen sind besonders daran zu erkennen, dass sie meist
kurz und dick sind, auch einen kurzen, runden Schwanz haben. Sie haben
einen flachen, beinahe dreieckigen Kopf und eine dunkle, wenig ins
Auge fallende, meist braune oder schwrzliche, schmutziggelbe oder
schwarzgefleckte Farbe. Die meisten haben sogenannte Kielschuppen. Meist
liegen sie trge in Lchern von Bumen, an feuchten, dunklen Orten und
lassen sich lange reizen, ja sogar treten und schlagen, ehe sie beissen.
Ueberhaupt scheinen sie ihre tdtliche Waffe nicht gerne zu gebrauchen, und
die ihnen nachgesagte Falschheit oder List sind Prdikate, welche man mit
demselben Recht jedem anderen Thiere beilegen knnte. Hat nun einer, der
gegen den Schlangenbiss geschnitten ist, die feste Ueberzeugung, dass ihn
keine Schlange beisse, so ist es ihm gar leicht mglich, dieses trge Thier
zu fassen, ohne gebissen zu werden. Diess knnte auch ein Jeder thun,
ohne geschnitten zu seyn, und ich bezweifle, ob ein Geschnittener, wenn er
gebissen wird, mit heiler Haut davonkommt.

Unter den weissen Gefangenen im Blockhause war einer, der, obgleich im
Sklavenkittel, durch seine Unterhaltung mich fr alle Gesellschaft meiner
Kameraden entschdigte. Er hiess _Alexander Bariteaud_ und war ein geborner
Franzose. Als Capitn unter _Napoleon_, hatte er den Dienst verlassen und
war Befehlshaber einer Caper-Goelette im Dienst von Buenos Ayres
geworden. An der Kste von Guinea nahm er ein grosses, zum Sklavenhandel
ausgerstetes, brasilianisches Schiff, dessen Equipage er, wie man sagte,
in eine Schaluppe aussetzte und mit der Prise nach den Antillen segelte,
wo er eine hollndische Brigg traf, der er sich ergab, und die nun beide
Schiffe nach Surinam brachte.

Nach langem Prozesse, in welchem die Landjustiz eine von der der Marine
verschiedene Meinung usserte, wurde er, wie seine zwei Offiziere, als
Seeruber behandelt und zu zwanzigjhriger Festungsarbeit verurtheilt.
Die Equipage, welche aus etwa 40 Mann von allerlei Nationen bestand,
wurde freigegeben. Der Schooner und die Prise wurden auf Rechnung des
hollndischen Gouvernements verkauft.

Schon sieben Jahre hatte er in der Gefangenschaft zugebracht, war auch
von allen Kommandanten schonend behandelt worden. Obschon seine Haare
bleichten, blieb doch sein Sinn fest und Unterwrfigkeit war ihm fremd.

Da er vielseitig gebildet war, so waren auch die Erzhlungen seiner
Abenteuer hchst interessant. Auch in Handarbeiten, als Nhen,
Strohflechten, Formschneiden u.s.w. war er vollkommener Meister.
Hollndisch wollte er nie lernen; wir sprachen desshalb immer franzsisch,
und zugleich unterrichtete er mich im Englischen, wozu Popes Homer-Lexicon
und Dictionair diente.

Mein Aufenthalt auf Mauritzburg dauerte nur fnf Monate; denn Anfangs Juni
wurde ich abgelst, um in die Garnison zurckzukehren.

Diess war nun wieder nicht nach meinem Sinn; doch hatte ich lange genug
auf Posten gelegen, um darber nicht mit Recht unzufrieden seyn zu knnen.
Ausser mir wurden auch ein Corporal und sieben Mann dazu bestimmt, mit mir
nach Paramaribo zurckzukehren. Es war gerade in der grossen Regenzeit. In
Folge der heftigen Regengsse, welche verschiedene Tage lang andauerten,
war die Cassawinika so angeschwollen, dass die ganze Ebene von Mauritzburg
bis Gouverneurslust einem See glich. Der Cordonweg zwischen beiden Posten
war 2' tief unter Wasser, und nur der obere Theil der Cassawinikabrcke
ragte noch als erhabener Punkt hervor.

Die Pont, welche uns nach Paramaribo bringen sollte, lag bei der Brcke und
wir mussten desshalb bis um die Hfte im Wasser marschiren, wobei man die
Brcke immer im Auge zu behalten hatte, um nicht in die lngs des Weges
laufenden tiefen Grben zu fallen, in welchen das Wasser ber 10' tief
stand. Aus Missverstand oder aus allzugrossem Diensteifer hatte der
Sergeant des Postens befohlen, dass wir bewaffnet und in Uniform dahin
marschiren sollten. Dieser Befehl war aber durchaus nicht nach unserem
Geschmacke; denn einige Tage zuvor hatten wir allen unsern militrischen
Putz gereinigt, um bei unserer Ankunft in der Garnison Alles in Ordnung
zu haben. Dagegen half natrlich kein Schelten und Fluchen. Man nahm das
Wohlverpackte wieder aus den Kisten und trat Morgens 9Uhr den Marsch nach
der Brcke an.

Der Regen fiel in Strmen herab und das Wasser eilte mit reissender
Schnelligkeit nach der Kreek. Der Kommandant, der uns durch das Fernrohr so
aufgeputzt durch das Wasser marschiren sah, ahnte die Sotise des Sergeanten
und kam zu Fusse von der andern Seite her an die Brcke, weil sein Pferd
nicht durch das Wasser wollte. Der Sergeant war zu Hause geblieben, weil er
nasse Fsse scheute und musste geholt werden. Er bekam eine derbe Nase,
zu welcher wir von der Pont aus ein Hurrah beifgten, und dann unter
schrecklichem Regen abzogen.

Pfeilschnell ging es auf der Cassawinika hin, die in den vielen Krmmungen
nordstlich nach der Comowyne luft.

Vor 2Uhr befanden wir uns bereits auf dem Posten l'Esprance, der an der
Ueberseite der Comowyne, oberhalb der Mndung der Cassawinika, liegt. Hier
wurden wir von einem Sergeanten erwartet, der uns nach der Stadt bringen
musste. Wir verliessen mit anbrechender Nacht den Posten und hielten
des andern Mittags bei beginnender Fluth an der jetzt verlassenen
Caffeepflanzung Bergerac. Ein heftiges Gewitter nthigte uns, in der Pont
zu bleiben; denn der Regen strzte, wie aus Eimern geschttet, vom Himmel.

Pltzlich erfolgte ein Donnerschlag, der so heftig war, dass uns Hren
und Sehen verging. Der Blitz hatte kaum fnf Schritte von uns ins Wasser
geschlagen. Zugleich sahen wir, dass der vordere Giebel des Caffeemagazins,
sowie das Dach der Mhle durch die Gewalt der Blitze zertrmmert waren.

Im oberen Stockwerk, aber glcklicherweise auf der andern Seite, waren
etwa 15 Kinder mit Caffeeschufeln beschftigt, so dass keines von ihnen
beschdigt wurde.

Als der Regen aufhrte, besichtigten wir den Schaden. Ein sehr pfiffiger
Soldat suchte eifrig den Donnerkeil, der das Gebude sollte getroffen
haben. Er griff desswegen in alle Krtenlcher, die er in der Nhe
desselben antraf und fand endlich zu unsrer grossen Belustigung in einem
derselben einen grossen eisernen Thrangel, den er endlich, aber erst nach
genauer Untersuchung, fr einen solchen erklrte.

Gegen Mittag des andern Tages berfiel uns im Surinam ein so heftiger
Sturm, dass wir in grosser Gefahr waren, zu sinken; denn die plumpen,
platten Ponten fllen sich bei starkem Wellenschlag leicht mit Wasser.

Aber auch hier begnstigte uns das Glck. Wir erreichten das jenseitige
Ufer des Stroms und hielten uns an den Zweigen, bis der Sturm sich gelegt
hatte.

Mittags 3Uhr waren wir am Orte unserer Bestimmung, in Paramaribo,
angekommen. Hier erwartete mich nun wieder ein ganz anderes Leben als das,
welches ich bisher gefhrt hatte.

Es waren nur wenige Corporale in der Stadt und desshalb der Dienst ziemlich
schwer. Wir mussten jeden andern Tag auf die Wache und wurden, besonders
bei der jetzigen Regenzeit, zuweilen bis auf die Haut durchnsst, was keine
Kleinigkeit war.

Kaum von der Wache in die Compagnie zurckgekommen, bekam man den Dienst
der Woche, bei welchem man fr Alles zu sorgen hatte, was Reinlichkeit und
Ordnung betraf, wenn man sich nicht die grsslichen Flche der Sergeanten
auf den Hals laden wollte. Kurz, es gibt keine geplagtere Charge bei dem
Militr, als den Korporal, der mit den Soldaten sich nicht gemein machen
darf und doch von den Unteroffizieren entfernt gehalten wird. Es ist dieser
Rang so ziemlich analog dem der Blankoffiziere und ein trauriges Mittelding
zwischen Seyn und Nichtseyn.

Zum Glck dauerte mein Aufenthalt in der Garnison nicht lange; denn gegen
die Mitte Augusts 1838 erhielt ich den Befehl, mich mit einem bereit
liegenden Tentboote nach dem Posten Nickerie zu begeben.

Mein Kommandant auf Mauritzburg war zum Landdrost des Niederdistrikts
Nickerie ernannt und hatte die Gte, mich dahin kommen zu lassen.

Ein Sergeant, der auf Urlaub in der Stadt gewesen war, kehrte mit dem Boote
nach dem Posten zurck. Die Wittwe eines krzlich verstorbenen Offiziers
bentzte ebenfalls diese Gelegenheit, um einer Freundin, die auf einer
Pflanzung am Coppename wohnte, einen Besuch abzustatten. Die Bagage
dieser Dame nahm den grssten Theil des Tentes ein, und ihre Hut- und
Haubenschachteln bildeten kleine Pyramiden, welche an die Decke stiessen.

Gerudert von acht krftigen Indianern, fuhren wir Abends 4Uhr von
Paramaribo ab.

Ein Schiff, das nach den Nickeries geht, macht die Reise dahin meistens
in einem Tag, weil Strom und Wind gleich gnstig sind. Ein Boot aber, das
durchs Innere geht und alle Krmmungen verschiedener Flsse und Kreeken zu
passiren hat, braucht 8-10 Tage zur Reise.

Wir kamen nach den letzten Husern der Stadt in den Wanika-Kanal, an
welchem  Stunde von Paramaribo der Invalidenposten Poelepantje (deutsch:
zieh deinen Unterrock aus) liegt.

Bei dunkler Nacht erreichten wir den Invalidenposten Bakra Masango, der,
rings umgeben von Smpfen, am Canale liegt. Myriaden Mosquittos machen
diesen Platz zu einer wahren Hlle.

Es ist hier die Wasserscheide des Kanals, der seinen Zufluss aus dem
Surinam und dem Saramanka erhlt, und wir mussten eine Stunde warten, ehe
die Ebbe in dem Canale eintrat.

Mit anbrechendem Tage kamen wir in die Saramacca und blieben auf dem Posten
Uytkyk, der an der Mndung des Canals liegt, einige Stunden. Es sind hier
10 Mann unter dem Kommando eines Sergeanten. Die Plantagen in der Nhe
bieten hinlnglich Gelegenheit, sich mit Erdfrchten, Zucker, Caffee
u.s.w. zu versehen.

Wir fuhren mit dem Abletzen der Ebbe bis auf den  Stunde weiter entfernten
Posten Groningen. Dieser Platz, wie Paramaribo, auf einer hohen Sandritze
gelegen, war zu einer Stadt bestimmt, welche den Namen Columbia erhalten
und als Stapelplatz fr die Erzeugnisse der Saramacca dienen sollte.
Es sind einige Strassen vorhanden, welche, wie die von Paramaribo, mit
Orangebumen besetzt sind. Die Hauptsache aber, nmlich Huser, sucht man
vergebens.

Das Land ist ziemlich hoch, und grosse Klippen, die aus
zusammengetrockneten Muscheln bestehen, werden zu Bausteinen bearbeitet und
dienen in Paramaribo zu Fundamenten von Schutzmauern gegen das Absplen.

Eine Quelle eiskalten Wassers strmt aus diesen Klippen. Gegenber dem
Posten ist das Land in verschiedene gleichgrosse Stcke eingetheilt, welche
denjenigen gegeben wurden, die sich dort anzusiedeln gedachten. Zugleich
untersttzte das Gouvernement die Unternehmer mit Werkzeugen und
Lebensmitteln. Aber, da Fleiss und Industrie hier nicht zu Hause sind, so
konnte man sich keines guten Erfolges erfreuen.

Nachdem wir die halbe Nacht durch gefahren waren, kamen wir am Morgen auf
einer Caffeepflanzung, Huwelykszorg, an, wo wir mit aller Freundlichkeit
bewirthet wurden.

Gegen Mittag waren wir auf dem Posten Nassau, an der Mndung des Flusses
gelegen.

Einzelne rothe Ibise, hier Flamingos genannt, spazierten lngs des
schlammigen Ufers, in dem man bis um den Leib einsinken wrde, wenn man auf
dem schmalen Baum, der zur Landung dient, fehl trte.

Ich sah hier einen Neger, der am Strande auf eben diesem schlammigen Ufer
Krabben fing. Ein etwa 2' langes Brett, das er sich um den Fuss gebunden
hatte und worauf er kniete, hinderte das Einsinken, und indem er sich
mit dem freien Fuss fortstiess, schnellte er mit grosser Geschwindigkeit
weiter.

Der Posten Nassau, ebenfalls im niedern Sumpfland angelegt, ist wegen
der Seewinde gesund und hat Ueberfluss an Fischen und Wild, sowie an
Lebensmitteln, welche man von den umliegenden Pflanzungen bekommen kann.
Diess ist der Grund davon, dass alle Soldaten, ungeachtet der vielen
Mosquittos, gerne hier sind. Es befanden sich hier 12 Mann unter dem
Kommando eines Sergeanten. Wir wurden sehr freudig aufgenommen, hatten
aber Gelegenheit, bald zu bemerken, dass der grsste Theil der Soldaten
betrunken war. Der monatliche Sold war Tags zuvor ausbezahlt worden und man
konnte desshalb aufs Neue wieder beim Sergeanten borgen, der eine kleine
Herberge hatte, von welcher er selbst ein guter Kunde zu seyn schien.

Die beiden Sergeanten fuhren, um den Tag lustig zubringen zu knnen, nach
einer naheliegenden Pflanzung und berliessen mir die Sorge fr meine
Reisegefhrten, der ich sehr gerne enthoben gewesen wre.

Es war nun drollig, mit anzusehen und anzuhren, wie die Soldaten des
Postens der guten Frau ihr Leid bezeugten ber den Tod ihres Mannes (eines
zweiten Lieutenants der Colonie, der an einem Delirium gestorben war
und seine Frau aufs Aergste misshandelt hatte) und welche Bonmots und
Galanterien sie dabei mit einfliessen liessen.

Gesang, Hndel und Schlgereien dauerten den ganzen Mittag fort und als die
Nacht anbrach, trieben uns die Mosquittos ins Haus zurck, wo man, um das
lstige Ungeziefer zu verscheuchen, einen Rauch machen musste, dass man
beinahe erstickte.

So sass ich nun in der Stube des Sergeanten mit meiner Anvertrauten und
den zwei Korporalen des Postens, die, um der Frau Zeichen ihrer Achtung zu
geben, die Tugenden ihres seligen Mannes herausstrichen, den die Geplagte
wahrscheinlich hundertmal zum Teufel gewnscht hatte.

In Folge der zwei Nchte, welche ich auf der Reise schlaflos zugebracht
hatte, fhlte ich das Bedrfniss nach Ruhe und ich wurde um so schlfriger,
je mehr mir das Gesprch meiner zwei betrunkenen Kameraden in den Ohren
klang.

Meine Hngematte war oben auf der Bhne, wo einige grosse Rauchtpfe
die Mosquittos verscheucht hatten und ich wnschte, dass die Ankunft der
Sergeanten erfolgte, um mich schlafen legen zu knnen. Die Frau aber,
welche mehr Erfahrung hatte, befrchtete, dass die Sergeanten nicht
nach Hause kommen wrden. Unbemerkt schlich ich nach oben, wo mich ein
herrlicher Schlaf erquickte.

Des Morgens sah ich Madame S. auf einer Bank am Wachtfeuer liegen,
zugedeckt mit den Mnteln der wachthabenden Soldaten und jmmerlich
zugerichtet von den Mosquittos.

Die Sergeanten waren um Mitternacht sehr lustig nach Hause gekommen und
sie suchte, um allen Beileidsbezeugungen zu entgehen, ein Pltzchen am
Wachtfeuer.

Wir verliessen gegen Mittag den Posten, um noch mit dem letzten Wasser der
Ebbe die Mndung des Copename zu erreichen.

Es war schnes, helles Wetter und die weissen Huser des
Leprosen-Etablissements blickten uns freundlich aus dem dunkeln Wald
entgegen.

Es war Springzeit[1] und unsere Ruderer, die ihr Mglichstes thaten, wurden
durch die rasch anschwellende Fluth begnstigt.

Das Boot flog wie ein Pfeil dahin und gegen 8Uhr hatten wir den Kostgrund
De Hoop, ein dem Lande gehriges Etablissement, wo die Bananen fr die
Neger der ebenfalls dem Gouvernement gehrenden Holzfllerei Andresen
gepflanzt werden, erreicht.

Hier blieb unsere Reisegefhrtin; wir aber setzten, nachdem wir etwas
gegessen hatten, unsere Reise fort.

Der Director dieses Platzes, ein Schotte, nahm sich kurze Zeit nachher,
einer sonderbaren Ursache wegen, das Leben. Ein Negermdchen dieses Ortes
war durch eigene Nachlssigkeit sehr mit Siccas oder Sandflhen (Pulex
penetrans) geplagt, von welchen sich ganze Regimenter in ihren Fssen
angesiedelt hatten, wesshalb sie zur Arbeit untauglich war. Der Director,
obwohl er von der Heilkunde blutwenig wissen mochte, beschloss dennoch,
das Mdchen zu kuriren. Die Geplagte musste ihre Fsse in einen Kbel voll
siedenden Wassers stellen. Die Flhe starben sogleich, das Mdchen war
aber auch am andern Tage eine Leiche. Da er nun kein Doctorpatent hatte
und desswegen zum Heilen auf diese Weise nicht befugt war, so wurde er vom
Gouvernement nach Paramaribo gefordert, um sich desshalb zu vertheidigen.
An Bord des Fahrzeuges de Beschermer, das ihn dahin bringen sollte, schnitt
er sich den Hals ab.

Mit Tagesanbruch waren wir am Holzgrunde Andresen, der nahe an der Mndung
der grossen Vaiambokreek, durch welche unsere Reise gehen musste, liegt.

Der Strom ist hier bedeutend schmler, als weiter unten, und der schnste
Hochwald ziert seine Ufer. Schwarzes, klares Wasser fllte sein Bett, das
durch die hufigen Regen bervoll war.

Der Anblick dieses Etablissements war fr uns ein sonderbarer und
ungewohnter. Wir sahen einen halb ausgehauenen Wald, in dem die Negerhtten
zerstreut und ohne Ordnung umherstanden. Ebenso war das Haus des Directors
blos aus rohen, ungehobelten Brettern zusammengesetzt; einige andere
Gebude derselben Art dienten zu Magazinen und zu Wohnungen der
Blankoffiziere. Das Effect war noch nicht lange angelegt und desshalb Alles
erst im Werden begriffen. Das Holz, welches man hier fllt, wird meist
durch englische Schiffe abgeholt und zum Maschinenbau auf den Antillen
verwendet.

Spter wurde mit ungeheuren Kosten eine Dampfsgmhle errichtet, die auf
einem eigens dazu eingerichteten flachen Fahrzeuge dahin gefahren werden
konnte, wo man das Holz vom Wald an den Strom schleppte, es dann sogleich
aufnahm und zu Brettern sgte. Diese Maschine war aber, wie es scheint,
fr den Debit des Holzes zu grossartig und ist desshalb jetzt ausser
Thtigkeit.

Einer der blanken Aufseher hatte denselben Morgen einen kleinen Zitteraal
gefangen[2]. Ich bekam von diesem, etwa 1' langen und fingerdicken
Thierchen, einen solchen Schlag, dass ich wohl noch zwei Stunden nachher
das prickelnde Gefhl am Arme hatte.

Nach dem Mittagessen fuhren wir in die Vaiambo, welche die Copename mit der
Nickerie verbindet. Es sollten nun vier Tage vergehen, ehe wir wieder einen
von Weissen bewohnten Ort fnden.

Nur Indianerdrfer der Arowaken liegen unterwegs und zwar nicht am Wasser,
sondern in den Savannen, die sich ungefhr  Stunde von den Ufern der
Kreeken befinden und wohin kleine, kaum bemerkbare Wege fhren.

Des Abends schliefen wir im Boote, whrend die Indianer ihre Hngematten an
Bumen befestigten und unter grosser Frhlichkeit ihr Essen bereiteten, das
aus Bananen und gesalzenem Fisch bestand. Ein solches Bivouac im Walde hat
besonders im Innern des Landes, wo man vor Mosquittos gesichert ist, einen
ganz eigenen Reiz. Man liegt so bequem in der Hngematte, erwrmt vom
Feuer, das man unter sich brennen hat. Der stille Wald, aus dem nur
manchmal sich die klagenden Tne der Nachtvgel hren lassen, verbirgt
beinahe ganz das Licht der Sterne. Grosse Feuerfliegen schwrmen durch die
Gebsche und Fledermuse schwirren rechts und links vorbei. Zuweilen
hrt man aus der Ferne das Gebrll der Brllaffen oder wird die
Stille unterbrochen durch den Fall alter, verfaulter Bume, die mit
donnerhnlichem Getse alle kleinen, unter ihnen stehenden Bume und
Gestruche niederreissen. Ehe der Morgen tagt, ertnen schon die gellenden
Stimmen der Wackagos (Ortalida parragua) und die fltenartigen Tne der
kleinen Anamu (Tinamus variegatus).

Jetzt wird eine Tasse heissen Caffees, nebst einem Stck Zwieback mit dem
besten Appetit in der Hngematte genossen, whrend die Indianer sich mit
Bananen begngen, die sie an ihrem halberloschenen Feuer rsten.

In weniger als zwei Minuten ist die ganze Wirthschaft wieder im Boote, und
nur die Ueberreste des verbrannten Holzes und die versengten Bltter des
Bodens zeigen dem Vorbergehenden die Stelle eines Lagerplatzes an.

Am andern Tag machten uns die Indianer, whrend wir unser Mittagessen
kochten, auf ein grosses Dorf aufmerksam, das eine halbe Stunde von hier
entfernt in der Savanne liegen sollte. Whrend das Essen kochte, ging ich
durch den Wald dahin und hatte bald die ersten Htten erreicht, in denen
aber, ausser einigen gezhmten Waldvgeln, Niemand zu sehen war. In den
hintersten Htten aber hrte ich Gerusch und Stimmen und fand auch eine
Arowakenfamilie in der grssten Einigkeit in ihren Hngematten liegend und
ihren Lieblingstrank, den Casiri, schlrfend[3].

Kaum hatten mich die Kinder erblickt, so erhoben sie ein Zetergeschrei und
wollten sich lange nicht beruhigen lassen. Auch zwei Affen, denen ich eben
so fremd war, hielten zu ihrer Partie, schrieen und fletschten die Zhne
auf alle Weise, whrend die Weiber einige schattenhnliche Hunde, die
wthend bellten, zurckhielten und ihnen mit Mauritzenfasern das Maul
zubanden.

Da die Indianer nur wenig nach der Stadt kommen und Weisse ebenso
wenig Visiten bei ihnen machen, so war mein Besuch freilich ein sehr
unerwarteter. Man bot mir Casiri an und eine grosse hohle, damit gefllte
Calabasse (Gotto) wurde nun zum Geschenk fr ihre Freunde, die ihr Essen
kochten und eben nicht sehr eilten, sie zu besuchen, mitgenommen. Die ganze
Familie begleitete mich zum Landungsplatze zurck, wo ich sie mit Dram
tractirte und wir als die besten Freunde von einander schieden.

Aus der Vaiambo, die sdlich luft, kommt man nach zwei Tagen in die
Aracacouakreek, eine kleine aber tiefe Kreek, wo die Ruderstangen nicht
Platz hatten und das Boot pagait wurde[4].

Die grossen Krmmungen, welche diese Kreeken machen, verlngern den Weg
bedeutend; denn die Nickerie ist ber die See hchstens 30 Stunden von
Paramaribo entfernt.

Oben in der Aracacouakreek wurden wir bei hellem Tage pltzlich von
Schwrmen Mosquittos angefallen, die klein und mager und sehr gierig nach
unserem Blute waren. Wir mussten Rauch im Boote unterhalten, um diese
lstigen Gste los zu werden. Man findet dieses Ungeziefer im obern Lande
manchmal stellenweise und selbst die Buschneger, die wohl 60 Stunden von
der Kste entfernt wohnen, klagen darber.

Aus der Aracacouakreek kommt man in die Nickerie, eine schne und tiefe
Kreek, die wohl den Namen Fluss verdiente. An ihren Ufern findet man
hauptschlich viele Maripapalmen (Maximiliana regia), die hier ganze Wlder
bilden, whrend sie in andern Theilen des Landes zwar auch hufig, aber nur
einzelnstehend vorkommen.

Den 25. August erreichten wir mit anbrechendem Tage den indianischen
Posten an der Mndung der Maratacca. Die Indianer dieses Postens, sowie der
Drfer, welche in den Savannen und am Maratacca liegen, sind meist Waraus,
weniger Arowaken und stehen im Dienste des Gouvernements, das an sie
Lebensmittel und Geschenke austheilt, wofr sie verpflichtet sind, als
Ruderer mit den Booten nach Paramaribo zu gehen, etwaige Patrouillen zu
machen u.s.w. Auch sind auf dem Wachtschiffe immer einige derselben. Sie
sind brigens sehr launisch und laufen, wenn ihnen etwas nicht ansteht,
nach ihren Drfern zurck.

Unsere Indianer, die hier zu Hause waren, machten nun im Boote ihre
Toilette, um mit Anstand wieder vor den Ihrigen zu erscheinen. Ihr Haar
beschmierten sie mit einer Mischung von Palml und Roccu (Bixa ovellana),
wodurch dasselbe zinnoberroth gefrbt wurde. Weisse Flaumfedern aus der
Brust von Raubvgeln wurden in diese teigartige Pomade eingedrckt. Das
Gesicht ward mit einem wohlriechenden Harze Aracasiri mittelst eines
zugespitzten Hlzchens ttowirt und alle ihre Kostbarkeiten an Affen- und
Pakirzhnen, Glaskorallen und Federschmuck wurden umgehngt.

Wir stiegen ans Land. Die meisten Indianer lagen noch in der Hngematte,
obgleich es heller Tag war: denn den Tag zuvor war des Knigs Geburtstag,
an dem sie einige grosse Krge Dram vom Landdroste bekommen hatten und sie
schliefen nun den Katzenjammer von gestern aus.

Ein alter Mulatte vom Eiland Granada ist als Posthalter hier angestellt.
Seine Eitelkeit schuf sich eine eigene Uniform, indem er abgetragene
Kleidungsstcke von Offizieren kaufte, in welchen er stets ausging, wenn er
den Posten oder die Pflanzungen besuchte. Er war brigens nicht zu Hause,
sondern wohnte den Lustbarkeiten auf dem Posten bei.

Nach und nach sah man das Vlkchen sich aus seinen Hngematten erheben,
worauf das Erste war, nachzusehen, ob nicht noch etwas in der Flasche brig
wre.

Es dauerte auch kaum eine Stunde, so waren alle wieder betrunken und auch
unsere Indianer lagen mit all' ihrem Putze im Grase herum.

Ein hbsches Weib sass in ihrer Htte beim Feuer und kochte aus reifen
Bananen einen Brei fr ihr Kind, das in einer kleinen Hngematte ihr um die
Brust hing. Ihr Mann lag betrunken am Boden. Sey es nun, dass das Weib sich
ber die Trunkenheit ihres Mannes rgerte (was ich aber nicht glaube) oder
durch andere Ursachen erhitzt war, kurz, sie sprach mit einem Zorne und
einer Gelufigkeit gegen den besinnungslosen, geduldigen Ehegatten, dass
sie die beste Amsterdamer Fischdame beschmen wrde. Unterdessen hatte sie
die reifen Bananen aus dem Topfe genommen und in einer grossen, mit heissem
Wasser gefllten Kalabasse mittelst einer grnen Banane zerquetscht.
Wie nun durch Gleichgltigkeit und Schweigen hitzige und streitschtige
Personen nur noch erboster werden, so war diess auch bei ihr der Fall; denn
sie sprang pltzlich rasch und unter immerwhrendem Schimpfen, das fr mich
natrlich unverstndlich war, auf, ergriff ein brennendes Stck Holz,
mit welchem sie ohne Zweifel den armen Mann schrecklich wrde zugerichtet
haben, wenn nicht einige dabei stehende und weniger besoffene Indianer
dessen Partei ergriffen und die Frau zurckgehalten htten. Whrend sie mit
diesen rang, glitt sie auf der schlpfrigen Schaale einer reifen Banane aus
und fiel mit ihrem nicht unansehnlichen Hintern in die Kalabasse, worin
der fr ihr Kind bestimmte heisse Brei war, welcher nun ber ihr
zusammenspritzte. Sie erhob ein Jammergeschrei und eilte sogleich mit dem
verbrannten Podex zur Abkhlung ins Wasser. Es war diess eine Scene zum
Todtlachen.

Gegen Mittag fuhren wir weiter und sahen gegen 4Uhr die erste oder
vielmehr letzte Pflanzung Krabbehoek.

Auf der Pflanzung Botanybai erwarteten wir die Ebbe. Der Eigenthmer war
abwesend und wir trafen nur zwei junge Mulattinnen, Schwestern seiner Frau,
zu Hause. Sie luden uns jedoch nicht ein, in das Haus zu kommen, sondern
man liess uns den mosquittenreichen Abend unter den Negern der Pflanzung
am Landungsplatze zubringen, wo wir unser Abendessen kochten. Ob diess
aus Furcht vor unsern grnen Rcken oder aus Verachtung des Militrstandes
geschah, weiss ich nicht; denn viele solcher Damen sind am Ende ihrer
Glanzperiode herzlich froh, wenn sie sich mit Leuten aus dem Militrstande
verbinden knnen. Es war diess das erste Mal, dass ich auf solche Weise
behandelt wurde und ich habe whrend der Zeit meines Aufenthaltes auf
Nickerie vielfache Beweise des Wohlwollens von den Pflanzern dieses
Districts bekommen, so dass Obiges als eine seltene Ausnahme anzusehen ist.

Abends um 10Uhr hatten wir nach achttgiger Fahrt den Posten erreicht.

Nickerie oder Nickeriepunt ist der Grenzposten gegen Westen zwischen
Surinam und der englischen Kolonie Berbice. Da mehrere Pflanzungen in
seiner Nhe liegen, so ist er von ungleich grsserer Wichtigkeit, als der,
von allen Pflanzungen weit entfernte Posten Prinz Willem Frederik, der an
der Grenze von Franzsisch-Guyana liegt.

Er ist auch desswegen mit 60 Mann besetzt, um die Neger am Entfliehen nach
der andern Seite der Correntin, wo sie frei sind, zu verhindern. Der Posten
liegt auf einer Sandritze, die sich mehrere Stunden stlich ausdehnt.

Ausser einer grossen Kaserne, den drei Offizierswohnungen, dem Hospital,
der Bckerei u.s.w. befinden sich hier auch eine Kirche und mehrere
Privathuser. Die Lage des Postens ist eine sehr gesunde, nur fehlt es an
gutem Trinkwasser, auch ist an Mosquittos kein Mangel.

An einem etwa drei Stunden langen Fahrweg, der sich von Osten nach
Westen lngs der Kste hinzieht, liegen verschiedene jetzt verlassene
Baumwollenpflanzungen. Ein gegrabener Canal von etwa 3' Tiefe, der lngs
dieses Weges luft, dient zum Transport der Baumwolle nach dem Posten, wo
sie auf die Schiffe verladen wird. Auch werden die Lebensmittel fr
diese Pflanzungen, die auf eigenen, weiter aufwrts an der Nickeriekreek
gelegenen Kostgrnden gebaut werden, auf diesem Canale dahin gebracht.

An der Kreek befinden sich noch ausser diesen Kostckern drei grosse
Zucker- und zwei Kaffeepflanzungen.

Das Land lngs der Seekste besteht aus grossen morastigen Savannen, die
bis an den obern District reichen und durch jede Springfluth unter Wasser
gesetzt werden.

Obgleich die Entfernung zwischen dem Ober- und Niederdistrikt kaum neun
Stunden betrgt, so ist es doch hchst mhsam und gefhrlich, dahin zu
gelangen, da am Ufer der See weicher Schlamm und Mangel an sssem Wasser,
im Innern aber die Morste den Marsch sehr erschweren.

Ebenso ist die Kste lngs des Ufers der Correntin; grosse Smpfe, mit
Binsen und dornigen Bumen bewachsen, bedecken die Flche zwischen diesem
Strome und der Nickeriekreek.

Dessenungeachtet entflohen schon viele Sklaven, die durch diese Smpfe bis
zum hollndischen Ufer der Correntin durchdrangen. Hier verfertigten sie
Flsse, auf welchen sie sich zur Fluthzeit nach dem englischen Ufer treiben
liessen. Kluge Massregeln haben indess in der Folge solche Fluchtversuche
verhindert.

Die grosse Fruchtbarkeit des Niederdistrikts gibt den Pflanzungen ein
hchst blhendes Aussehen. Auch die Gebude und Maschinen befinden sich im
besten Zustande und Alles ist zum Nutzen und zur Bequemlichkeit des Lebens
eingerichtet, weil die Eigenthmer immer anwesend sind und ihre Effecte
selbst verwalten.

Der mir gnstige Kommandant, der, wie bereits gesagt wurde, Landdrost des
Distrikts war, gab mir ein kleines Zimmer in der Kaserne, eine Wohlthat,
die ich erst recht empfand, als ich mich = mon aise= eingerichtet hatte.
Der frhere krnkliche Kommandant liess die beiden Sergeanten machen, was
sie wollten, und diese errichteten zu ihrem grossen Vortheil eine Herberge,
wo jeder nach Herzenslust trinken konnte, so lange er Geld oder Credit
hatte. Der Militrdienst war ihnen Nebensache, daher kam es auch, dass
sechs Neger unter den Augen der betrunkenen Schildwache des Nachts das
Boot des Postens losmachten und nach Berbice fuhren. Dieses fand man
durchlchert an der englischen Seite. Die Neger aber hatten keine Lust
zurckzukehren, und liessen ihren frheren Direktor herzlich grssen.

Grosse Trunkenbolde, die wie die Vielfrasse nicht satt werden konnten,
verkauften das Wenige, das sie hatten, um bei den Sergeanten trinken zu
knnen und liefen lieber zerlumpt auf dem Posten herum. Es war beinahe
keiner, der nicht tief in Schulden steckte. Daher war es leicht mglich,
dass einer der Sergeanten, der zwei Jahre dieses eintrgliche Geschft
betrieben hatte, 4000 Gulden gewinnen konnte, was er selbst usserte.
Dieser Handel wurde gleich bei der Ankunft des Kommandanten aufs
Strengste untersagt und eine Disciplin eingefhrt, durch welche nicht nur
Pnktlichkeit des Dienstes bezweckt, sondern auch das Wohl des Soldaten
gefrdert wurde.

Freilich war Manchem das Neue ungewohnt und nicht willkommen; aber die
Strrigen kamen haufenweise ins Loch, wo sie einsehen lernten, dass
Nachgeben besser sey, als Raisonniren.

Zwei Boote auf der Nickeriekreek und ein Huschen auf der andern Seite
derselben waren des Nachts von Schildwachen besetzt, die jede halbe Stunde
ihre Wachsamkeit durch ein Feldgeschrei anzeigen mussten. Ausser den zwei
Schildwachen auf dem Posten befanden sich noch fnf Mann und ein Korporal
an Bord eines Schooners, der zu gleichem Zwecke eine halbe Stunde vom
Posten entfernt vor Anker lag. Auf diese Weise konnte also ein Neger zu
Wasser nicht leicht entschlpfen.

Kurze Zeit nach meiner Ankunft wurde mir die Verwaltung der Menage des
Detachements bertragen. Ich hatte jetzt des Morgens die Ration Genever
auszutheilen und musste die Lebensmittel, als Bananen u.s.w. auf den
Plantagen einkaufen. Als die Sergeanten keinen Schnaps mehr verkaufen
durften und den wenigen Brgern bei schwerer Strafe untersagt war, solchen
auszuschenken, war ungemeine Betrbniss unter der nassen Gemeinde des
Postens. Es kauften nun die Liebhaber desselben, welche an einer Ration
nicht genug hatten, die ihrer Kameraden, welche das Geld dem Genever
vorzogen. Dadurch gab es nun wieder manchen Betrunkenen, wesswegen der
Kommandant endlich befahl, dass jeder vor meinen Augen seine Ration
austrinken musste und dieselbe nicht mehr in Flschchen empfangen durfte.
Es war nun beim Detachement ein deutscher Jude, der aus grosser Sparsamkeit
seine Ration stets verkauft hatte, eine geschenkte aber ohne Scheu
hinunterschluckte. Er wollte nun schlechterdings seine Ration nicht missen,
noch weniger des Gewinns, welchen ihm dieselbe bisher eingebracht hatte,
entbehren. Der Schlaue nahm desshalb seine Ration in den Mund und spuckte
dieselbe von mir entfernt heimlich in ein Flschchen aus, das er seinem
Kunden, einem geschickten Schneider des Detachements, berbrachte.

Jeden Samstag musste ich auf der etwa vier Stunden entfernten Pflanzung
Botanybai die nthigen Bananen frs Detachement einkaufen. Ein offenes, von
drei Mann gerudertes Boot war hiezu bestimmt. Ich fuhr nun, je nachdem die
Fluth eintrat, manchmal des Nachts, oft aber auch in der glhenden Hitze
des Tages dahin.

Besonders freundlich wurde ich auf der Zuckerplantage The Nursery
empfangen, wesswegen ich nie versumte, dort anzukommen. Die Frau des
Hauses beschenkte mich jedesmal mit Frchten aller Art, und fr einige
Pfunde Brod, welche sie sodann unter die Negerkinder austheilte, bekam ich
jedesmal von ihr ein kleines Fsschen Zucker, so dass ich das manchmal
so schlechte Wasser des Postens immer als Limonade trinken konnte. Die
Pflanzung selbst ist eine der schnsten im Lande und ich glaube, dass die
grosse Fruchtbarkeit des Bodens und die gute Gesinnung der Neger sie zu
einer der eintrglichsten machen. Gebude, Grten und Negerhuser sind
zweckmssig und mit Geschmack angelegt. In einem Theile des prchtigen
Kochhauses befindet sich die Dampfmaschine, welche den Saft auspresst und
denselben in das zweite Stockwerk hinaufpumpt, wo in einem gerumigen Saale
zwei Reihen Kessel stehen, in denen der Likker (ausgepresste Saft) gekocht
und zu Zucker gemacht wird. Dieser wird im untern Raume aufbewahrt. Ein
langer Kanal, dem entlang die Zuckerfelder liegen, fhrt vom Kochhause
nach dem etwa zehn Minuten entfernten Landungsplatz, wo ein kleines
Sommerhuschen in die Nickeriekreek hineingebaut ist.

Die Schiffe legen hart an diesem Huschen an. Die Zuckerfsser werden
nun mittelst einer Winde aus dem innern Kanal ins Huschen und von da ins
Schiff gehoben. Hinter der Mhle sind die Gebude fr die Fabrikation des
Rums, sowie die Traslogen, in welche das ausgepresste Rohr zum Feuern der
Kessel hineingeworfen wird.

Ein anderer Kanal trennt das hchst elegante und in einem Garten stehende
Wohnhaus von den Fabrikgebuden und andere Kanle scheiden es wieder
vom Dorfe der Neger, das drei Strassen bildet, die mit Kokos- und
Pomme-de-Cythere-Bumen besetzt sind. Die Negerhuser sind von Pina und
theilweise von Brettern dauerhaft aufgefhrt, auch jedes mit einem Grtchen
versehen.

Unmittelbar an dieser Pflanzung liegt die grosse Zuckerpflanzung Waterloo,
deren Eigenthmer einer jener sonderbaren Menschen war, die bei ungeheurem
Reichthum stets noch mehr zu erlangen streben. Hoch in Jahren, Eigenthmer
von drei schnen Pflanzungen mit mehr als 700 Sklaven, lebte dieser Mann
einsam auf seiner Pflanzung, ohne Frau und Kinder. Eine Mulattin, die er
mit einer seiner Negerinnen gezeugt hatte, war selbst auch Sklavin und
versah sein Hauswesen. Ich kam manchmal zu ihm; er war in der Folge sehr
fr mich eingenommen und wollte mich sogar vom Militr loskaufen und auf
seiner Plantage als Blankoffizier mit 500fl. Gehalt anstellen. Doch
ich hatte keine Neigung frs Pflanzerleben und war mit meiner Lage
zufrieden[5].

Ungeachtet die Mosquittos auf Nickerie fr eine grosse Plage anzusehen
sind, so ist doch der Mangel an Trinkwasser in den Trockenzeiten ein noch
rgeres Uebel. Ein grosser eiserner Behlter, in welchem das Regenwasser
sich sammelt, befriedigt nur auf kurze Zeit das Bedrfniss des
Detachements. Wenn es aber einige Zeit nicht regnete und die Cisterne leer
war, so musste man in Fssern Flusswasser aus dem oberen Nickerie und zwar
oft zwlf Stunden weit herbeischaffen. Bleibt die Pont, welche mit etwa
dreissig Fssern beladen ist, ber die bestimmte Zeit aus, so ist die Noth
sehr gross und ich habe selbst bei einer solchen Gelegenheit auf einer
anderen Pflanzung fr eine Calabasse Sumpfwasser ein Sacktuch gegeben, das
ich Tags zuvor um 1fl.25kr. gekauft hatte. Das Wasser wurde jeden Morgen
durch den Corporal der Wache an den Koch und die Soldaten ausgetheilt.
Diese Austheilung fand unter einem Gedrnge von Khen, Schafen, Schweinen
und Federvieh statt, die sich um die herunterfallenden Tropfen stritten.
Die Enten aber flogen auf die Fsser und streckten ihre langen Hlse zu
den Spontenlchern hinein, um ihren Durst zu lschen. Es hatte seit acht
Monaten nicht geregnet, so dass alle Pflanzen durch die Trockenheit Noth
litten. Wie sehr alsdann ein pltzlicher Regen erquickt, und wie wenig
man die Mhe scheut, das kostbare Wasser in allerlei Gefssen aufzufangen,
lsst sich nicht beschreiben.

Gewhnlich haben die Seeposten Ueberfluss an Wild und Fischen, was auch
hier der Fall war. Auf einer grossen Bank, die sich bei dem Posten weit
in die See erstreckte, gebraucht man zum Fang der Seefische ein etwa 100'
langes und 6' hohes Netz; mit aufsteigender Fluth liefen zwei Mnner mit
dem einen Ende bis um den Hals ins Wasser, whrend zwei andere mit
dem andern Ende ganz nahe und langsam am Lande marschirten. Pltzlich
schwenkten die ussersten dem Lande zu, und die Fische fingen sich in einem
grossen, in der Mitte des Netzes angebrachten Sacke. Zog man sie ans
Land, so sah man ein Gewimmel von den wunderlichsten Gestalten. Rochen
mit ungeheuren, stachlichten Schwnzen, Hai- und Sgefische, und den
sonderbaren Hammerfisch sah man mit allerlei Arten von Welsen, die im
sssen und salzigen Wasser vorherrschen, beisammen.

Hatte man so einige Stunden gefischt, so wurde die Beute getheilt und von
jedem auf beliebige Weise zurecht gemacht.

Auf andere Weise wurde das Fischen in den Grben der Cattunfelder
betrieben. Hier fngt man mit 6' breiten und eben so langen Netzen, welche
die Neger aus Cattun stricken, eine Menge Kwikwi, welche an Gte und Grsse
die der brigen Colonien bertreffen[6]. Die Suppen von diesen Fischen
gehren zu den Leckereien Guyana's. Wir brachten stets von diesen
Fischpartien so reichlichen Fang nach Hause, dass wir ihn kaum schleppen
konnten. Hufig fing man auch in den Grben junge Kaimans, die ebenfalls
auf ihre Manier fischten und durch gewaltige Schlge mit dem Schwanze uns
zuweilen grossen Schrecken einjagten.

Man findet den Kaiman (Alligator sclerops) berall sehr hufig und zwar
immer im Wasser, aus welchem er die Hlfte seines Kopfes streckt. Nie habe
ich einen gesehen, der ber 6' lang gewesen wre, schon solche von dieser
Lnge sind sehr selten. Weibchen von 4', die jedoch noch lange nicht
ausgewachsen sind, legen Eier an den Ufern der Flsse und Kreeken in
angeschwemmtes Reisach, sowie an feuchte Pltze. Diese Eier sind etwas
grsser, als Hhnereier, an beiden Enden gleich abgerundet, schmutzig
weiss, und mit einer porsen Kruste berzogen.

Die Indianer essen das Fleisch und die Eier sehr gerne; auch die Franzosen
sind grosse Freunde von ersterem. Einmal brachte man mir ein weibliches
Beutelthier (Didelphis tricolor). Es war von der Grsse eines
Eichhrnchens, hatte einen spitzigen Kopf, grosse nackte Ohren, grosse,
schwarze, wie bei den Ratten hervorstehende Augen und einen langen, nackten
Wickelschwanz. Es hatte eine brunliche Farbe, ber jedem Auge einen
schwarzen Flecken; Brust und Bauch jedoch waren ockergelb. Ich sperrte es
in einen Kfig, in welchem man es beobachten konnte, ohne von ihm gesehen
zu werden. Als Nahrung gab ich ihm Wasser und gekochte Fische. Des andern
Tages fand ich ein Junges von der Grsse einer Maus, das nach Herzenslust
mit seiner Mutter frass. Nach und nach erschienen noch drei, die alle den
Tag zuvor im dichtverschlossenen Beutel der Mutter verborgen gewesen waren.

Es war allerliebst, die Spsse dieser Thierchen zu sehen, unter welchen
sie sich um die Mutter herumtrieben, aber beim geringsten Gerusche in den
Beutel flchteten. In Folge der reichlichen Nahrung wurden die Jungen bald
gross, so dass zuletzt die Mutter nicht mehr alle vier beherbergen konnte,
und eines, zwei und zuletzt drei dieses Schutzes entbehren mussten; doch
schlangen die Aussenbleibenden ihre Schwnzchen um die Mutter.

Das Wasser schlappten sie wie die Hunde, frassen auch wie diese; doch
gebrauchten sie hufig die Vorderpfoten, wie die Affen. Sie wurden nie
zahm; sondern zischten und pfeuchten, wenn man sich dem Kfig nherte. Sie
haben ein ungemein zhes Leben; denn sie wehren sich noch, wenn schon Hirn
und Eingeweide herausgenommen sind. Nach und nach entschlpften mir alle.

Ebenso reichlich, doch mhsamer ist die Jagd auf die Wasservgel.

In den zwei ersten Monaten der Trockenzeit, wenn das Wasser der grossen,
morastigen Savannen, welche hinter den Cattunpflanzungen liegen,
eintrocknet, versammelt sich dort eine unglaubliche Menge von Wasservgeln,
welche alle reichliche Nahrung finden und um diese Zeit am fettesten sind.
Da diese Savannen ber drei Stunden weit vom Posten entfernt liegen, und
dort kein Trinkwasser zu finden ist, so fand sich blos _ein_ Soldat beim
Detachement, der die Mhe dieser Jagd nicht scheute und viel Geld durch
den Verkauf seiner Beute erwarb. Ich war neugierig, auch diese Art der Jagd
kennen zu lernen und begleitete ihn eines Tages.

Des Abends verliessen wir den Posten und bernachteten auf der Pflanzung
Providence. Mit Sonnenaufgang waren wir auf dem Damme, der die Lndereien
dieser Pflanzung von der Savanne trennt. Von dieser lsst sich kein
reizendes Bild entwerfen. Eine grosse, stundenweite Ebene dehnt sich nach
allen Seiten aus. Sie ist theilweise mit falbem Grase, Schilf und niederem
Gestruche bedeckt, ber welches einzelne ganz trockene und halbverbrannte
Baumstmme hervorragen, welche traurige Ueberreste eines schrecklichen
Waldbrandes sind, welcher vor mehreren Jahren vom Ober- bis Niederdistrict
um sich griff. An manchen Stellen hauchen Pftzen den widerlichsten Geruch
von abgestandenen Krebsen und Fischen aus, deren Ueberreste berall herum
liegen, whrend man an andern Stellen bis um die Knie in teigartigem
Schlamme watet. Dabei leidet man sehr von der glhenden Hitze, und im
Schatten von den Stichen unzhliger Mosquittos. So arm sich auch die
Vegetation in diesen Smpfen zeigt, um so belebter sind dieselben von
Thieren. Grosse, weisse Reiher (Ardea alba), hier Sabaccu genannt, rothe
Ibise, Schnepfen und Enten sind in unzhlbaren Schaaren hier versammelt,
whrend auf dem Boden die Fusstapfen vom Krebshunde (Procion cancrivorus),
dem Hirsche (Cervus rufus), dem Jaguar und den Beutelthieren den Beweis
dafr geben, dass auch vierfssige Thiere hier ihrer Nahrung nachgehen.

Wir marschirten wohl eine halbe Stunde ber Pftzen und gestrzte
Baumstmme in grsster Stille, als wir auf einmal, als wir um die Ecke
eines kleinen Busches kamen, die ganze Flche, so weit das Auge reichte,
mit Reihern wie beschneit sahen. Der Lrm der Stimmen so vieler Tausende
ist betubend, und mit einem donnerhnlichen Gerusche flogen sie auf, als
wir nher kamen.

Ihrer Magerkeit wegen werden sie wenig geschossen, doch sind ihre Federn zu
Betten sehr brauchbar. Es zeigte sich auch ein Hufchen rother Ibise, deren
17 mit einem Schuss getdtet wurden. Mit Verwunderung musste ich sehen, wie
mein Kamerad eine Anzahl Schnepfen, die zerstreut herum liefen, zusammen
lockte. Sie kamen, obwohl sie ihn sehr gut sahen, auf einen leisen,
eigenthmlichen Pfiff dicht zusammen und waren so leicht in Haufen zu
schiessen. Es fielen ber 40 auf einen Schuss. Sie hatten die Grsse
einer Taube und waren usserst fett und delicat. Man nennt diese Art hier
Pluviere[7].

Weiter landeinwrts stiessen wir auf grosse Flge wilder Enten, von welchen
mein Jagdgefhrte ebenfalls einige Dutzende schoss.

Man findet hier vier Arten derselben, von welchen eine der grssten, die
Moschusente, wohl 12 Pfund schwer wird[8]. Die andern sind viel kleiner,
als die gewhnliche Hausente, doch haben sie hhere Beine und fliegen immer
in grossen Zgen unter immerwhrendem Gepfeife, whrend die Moschusente nur
in kleinen Truppen oder paarweise getroffen wird. Alle nisten in Smpfen
auf den Boden. Nachdem noch einige, beinahe mannshohe, storchartige Vgel
mit langem dickem Schnabel (Negerkpfe genannt) geschossen waren, traten
wir gegen Mittag den Rckweg an. Es war uns beiden nicht mglich, diese
Menge Wild weiter, als auf den Damm zu tragen. Mein Gefhrte holte
desswegen einen Neger auf der Pflanzung Providence, der uns die Beute nach
dem Posten bringen half.

Nachdem ich meine Portion bekommen hatte, verkaufte mein Kamerad den Rest
an das Detachement und die Brger. Ich habe noch einigemal allein diese
Savanne besucht, hatte aber zu wenig Geschicklichkeit und Geduld, um grosse
Beute zu machen, und konnte ganz leicht ohne Neger dieselbe nach Hause
bringen.

Wir waren unserer sechs Korporale auf dem Posten, von welchen immer einer
abwechslungsweise sich an Bord des Kolonialschooners befand, und alle 8
Tage von einem andern abgelst wurde.

Die Reihe kam nun auch an mich, obschon ich eben kein Verlangen darnach
hatte; denn es ist sehr unangenehm, in dem kleinen Raume des Schooners mit
Negern und Indianern logiren zu mssen, die Ausdnstungen dieser Leute und
den Geruch von Thee und Schiffsprovision immer in der Nase zu haben. Ausser
dem Kapitn und Steuermann waren 6 Soldaten, 6 Neger und 8 Indianer an
Bord.

Durch das immerwhrende Schaukeln des Fahrzeuges, das jedoch vor Anker lag,
litt ich bestndig an der Seekrankheit. Beschftigung hatten wir natrlich
keine. Die Soldaten schliefen oder spielten den Tag ber, die Neger
thaten dasselbe, und die Indianer lagen in ihren Hngematten, wo sie
sich gegenseitig das im Gesicht und am Leibe keimende Haar mit zwei
Muschelschalen herauszogen. Den Tag ber schtzte uns ein ber das Fahrzeug
ausgespanntes Segeltuch vor den Strahlen der Sonne und in der Khlung
schner Abende erfreuten wir uns durch gegenseitiges Erzhlen.

Die Indianer waren lauter junge Kerls, welche uns viel Spass machten.
Eines Tages hatte ich Gelegenheit, ihre Geschicklichkeit im Schwimmen zu
bewundern. Der Kapitn war mit ihnen auf dem Posten gewesen, von welchem
sie betrunken zurckkamen.

Zwei von ihnen bekamen mit einander Hndel, und der eine verlangte vom
Kapitn, nach dem Posten zurckgebracht zu werden, weil er nicht mehr bei
seinen Kameraden bleiben wolle. Man lachte natrlich ber seine Forderung.
Er aber packte Hngematte, Pfeife, Bogen und Pfeile zusammen, kletterte
damit auf der Ankerkette bis in die See und schwamm pltzlich dem Lande zu.
Es war gerade die Zeit der Ebbe, und der Kapitn befrchtete desswegen, der
Strom mchte den nrrischen Kerl weit in die See treiben, oder er knnte
von einem Haifisch gefressen werden, und liess ihm durch den Steuermann
und zwei Matrosen nachrudern, um ihn aufzufangen. Der Schwimmer merkte aber
kaum deren Absicht, als er untertauchte und ihnen so immer entkam, wenn
sie ihn schon zu haben glaubten. Pltzlich verschwand er wieder, und wir
glaubten, er sey verunglckt; aber bald sahen wir ihn ganz mit Schlamm
bedeckt, jedoch mit allen seinen Siebensachen, ans Land steigen. Er lief
nun, so schnell als er konnte, nach dem Wachthuschen, von wo aus er ber
die Nickerie schwamm, die hier so breit ist, als der Rhein. Des andern
Tages kam er wieder nchtern zurck.

Ich machte verschiedene Male mit dem Kapitn kleine Reischen nach der
Correntin und ihren Inseln, und unsere Indianer, welche bei dieser
Gelegenheit auf die Jagd gingen, brachten immer etwas mit.

Dreimal war ich an Bord dieses Schooners, der Beschermer hiess, detachirt
und wir waren herzlich froh, als eine kleine Kriegsbrigg denselben ablste
und dort keine Wache mehr zu besetzen war. Weil durch die vielen Wachen auf
dem Posten und dem vor der Mndung der Kreek liegenden Schooner den Sclaven
des Distrikts das Entfliehen zu Wasser, wenn auch nicht ganz unmglich
gemacht, so doch sehr erschwert wurde, so versuchten einige zu Fusse nach
dem Correntin zu entkommen.

Anfangs November erhielten wir die Nachricht, dass zwei Neger von
der Pflanzung Waterloo auf diesem Wege entlaufen wren. Man lste
augenblicklich zwei Kanonenschsse als Zeichen fr den Schooner, der
sogleich eine Schaluppe nach dem Posten sandte. Drei Patrouillen wurden
alsbald beordert, den Flchtigen nachzusetzen. Sechs Mann mussten sich
sogleich zu Wasser nach der Nannaykreek begeben, welche auf hollndischer
Seite ist und oberhalb der ersten Insel in den Correntin mndet. Sie
blieben dort als Stationsposten. Drei andere mussten mit dem grossen Boote
des Postens immerwhrend lngs der Kste kreuzen, und vier Mann sollten
unter dem Commando eines Korporals durch die Smpfe nach dem Correntin
zu kommen suchen, wo sie sich mit dem Detachement an der Nannaykreek
vereinigen mussten.

Da ich noch nie eine Buschpatrouille mitgemacht hatte, so bat ich den
Commandanten, mich mit der letzteren gehen zu lassen. Wir fuhren nun gegen
5Uhr Abends nach der Pflanzung Margarethenburg, von welcher aus wir den
andern Morgen unsere Reise durch die Smpfe antreten sollten. Wir hatten
Lebensmittel auf vier Tage und waren mit Gewehren und Sbeln bewaffnet. Als
Schlafplatz wies man uns eine Kammer an, in die wir ohne Licht eintraten,
um die Mosquittos nicht anzulocken. Unausgeschlter Kaffee lag einige Fuss
hoch auf dem Boden. Wir tappten im Finstern herum und machten uns unser
Nachtlager zurecht. Die Soldaten vergruben sich unter den Kaffee, um von
den Mosquittos nicht geplagt zu werden. Ich fand zuflligerweise in einer
Ecke einen Haufen Leinwand, welche ich auf dem Kaffee ausbreitete und mich
damit bedeckte.

Mit anbrechendem Tage machten wir uns reisefertig. Jetzt erst bemerkte ich
mit Schrecken, dass ich zu meiner Lagersttte die frischgewaschenen Hemden
des Pflanzers bentzt hatte, welche man den andern Tag bgeln wollte, und
die durch meine, mit Oel eingeschmierten Schuhe freilich nicht weisser
geworden waren.

Der Bastian der Pflanzung brachte uns auf den ussersten Damm derselben,
von dem aus ein unabsehbarer, mit Binsen bewachsener Morast sich ausdehnte,
den wir nun in sdwestlicher Richtung durchwaten sollten. Wir marschirten
auch meistens bis um die Kniee im Schlamme durch den Schilf, der so dicht
wie Waizen stand und wohl 12' hoch war. Millionen Ameisen kletterten
daran herum und fielen uns auf den Leib, wo sie ein unertrgliches Jucken
verursachten. Abwechslungsweise musste einer von uns der vorderste seyn,
mit dem Hauer den Schilf abhauen, oder, wenn derselbe zu dicht stand, auf
den Boden drcken, um uns einen Weg zu bahnen. Man kann sich denken,
wie beschwerlich und ermdend ein solcher Marsch ist, und wie langsam es
voranging.

Gegen Mittag erreichten wir eine Sandritze, die wohl 4' hher als der Sumpf
mit Hochwald bedeckt war, und wo wir einige reife Papayas (Frchte des
Melonenbaumes) fanden. Ich kletterte auf einen der ussersten Bume, um
mich in der Gegend umzusehen, und fand dass der Hochwald, wo wir wenigstens
trockenen Fuss zu haben glaubten, wohl noch vier Stunden entfernt war.

Bisher waren wir immer sdwestlich gegangen, in welcher Richtung die
Nannaykreek liegen musste; aber jetzt weigerten sich meine Soldaten
einstimmig, mir in dieser Richtung weiter zu folgen, weil nach Westen zu
der Hochwald bedeutend blder zu erreichen war. Wir verliessen desshalb die
Ritze wieder und setzten unsern Marsch im Sumpfe fort. An manchen Stellen
war dieser mit Bumen bewachsen, welche ber und ber mit Stacheln
bedeckt sind. Sie haben rothe Schmetterlingsblthen und werden auf
vielen Caffeeplantagen reihenweise gepflanzt, um unter ihrem Schatten
das Wachsthum der Caffeebume, welche die Sonne nicht ertragen knnen, zu
frdern. In derselben Gegend werden kleine, etwa 8' hohe Palmen getroffen,
welche ebenfalls mit 4" langen, nadelscharfen Stacheln besetzt sind. Sie
standen manchmal so dicht, dass man sich durch sie einen Weg hauen musste,
und dann doch noch von allen Seiten gestochen wurde. Unsere Hosen und
Hemden, von welchen wir freilich nicht die besten mitgenommen hatten,
wurden zu Fetzen zerrissen.

Ausser einer grossen Abomaschlange, die ihren Kopf aus dem Wasser
herausstreckte, und einigen Raubvgeln, welche auf alten, abgebrannten, von
Termiten ausgefressenen Bumen sassen, sahen wir kein Wild.

Abends 6Uhr hatten wir den Hochwald noch nicht erreicht, und wir waren
genthigt, im Sumpfe unser Nachtquartier zu nehmen. Wir hieben desshalb
bei einem alten trockenen Baume mit unsern Hauern einen ungeheuren Haufen
Schilf ab, um eine trockene Lagersttte zu haben, und liessen den Baum,
der vom ersten Hieb eines Hauers strzte, darauf fallen. Bald loderte
ein lustiges Feuer empor, an dem wir Speck und Bananen rsteten, und
Trinkwasser gab uns der Sumpf genug. Mde vom Marsche des Tages, legten wir
uns um das Feuer, und wir schliefen, nachdem wir unsere Gewehre um den Leib
geschnallt hatten, bald so gut, als in der Hngematte, ungeachtet aller
Ameisen und Termiten des Baumes, die sich an uns hinauf flchteten.

Mit anbrechendem Tag verliessen wir unsern Bivouac und wanderten weiter.
Allmhlig wurde der Sumpf trockener und an die Stelle des Schilfes traten
Gestruche und Gras. Wir fllten unsere Feldflaschen zum letztenmal aus dem
Sumpfe, tranken noch zum Ueberfluss so viel, als wir verschlucken konnten
und marschirten im Gestruche, durch welches man noch immer mit dem Sbel
den Weg bahnen musste, dem Hochwalde zu.

Wir hrten jetzt deutlich die Brandung der See.

Pltzlich hieb der Vorderste in ein Nest blauer Capassi-Marabonsen[9].
(Diess sind grosse blaue Hornisse, deren Nester manchmal zwei Fuss lang
sind, und an der Aussenseite wie von Ringen umgeben scheinen, die einige
Aehnlichkeit mit der Schaale des Armadills (Capassi) haben, daher ihr
Name.) Er sah die Gefahr, warf sich auf den Boden und versteckte sein
Gesicht so gut als mglich. Ich war unmittelbar hinter ihm und bekam von
den erzrnten Insekten fnf bis sechs Stiche in Gesicht und Schulter, dass
ich vor Schmerz meinte, rasend zu werden.

Die verletzten Theile schwollen frchterlich an; doch entstand
glcklicherweise kein Fieber, und Schmerz und Geschwulst verminderten sich
durch Reiben mit Genever.

Wir waren nun endlich im Hochwald, der das Ufer des Correntin in einer
Breite von etwa einer Viertelstunde umzog. Unzhlige Krabbenlcher befanden
sich im Boden, der aus einem lehmartigen Schlamme bestand, in welchem man
manchmal bis um die Kniee einsank. Oft blieben unsere Schuhe darin stecken,
und es kostete viele Mhe, sie wieder herauszuziehen.

Wir erreichten den Strand, und es zeigte sich nun, was ich vorausgesagt
hatte, dass wir durch unser, zu viel nach Westen gerichtetes Marschiren
viel zu weit entfernt vom Orte unserer Bestimmung herausgekommen waren. Wir
sahen die Schornsteine von Maryshope an der andern Seite des Flusses,
und weit, weit entfernt die Papageyeninsel, die in der Gegend lag, wo die
Mndung der Nannaykreek sich befand.

Auf einer Sandbank kletterten wir ber Tausende von abgeschlten Bumen,
die uns den Weg versperrten, und marschirten nach Sden. Es herrschte
eine glhende Hitze, desshalb stellte sich bald der Durst ein, der nicht
gelscht werden konnte, weil unser Wasser schon ausgetrunken war. Alle
Baumbltter waren in Folge der lange anhaltenden Trockenzeit wie mit einem
Reifen von Salz berzogen, und das Stromwasser war so salzig, wie das des
todten Meeres. Den noch brigen Genever theilte ich lffelweise aus, um den
Mund befeuchten zu knnen.

Abends 5Uhr kamen wir an das Ende der Sandbank und mussten nun wieder
unsere Reise im Schlamme fortsetzen. Aber die aufsteigende Fluth trieb uns
bald wieder in den Wald zurck, wo wir genthigt waren, unser Nachtlager
aufzuschlagen.

Muthlos und beinahe ausser Stand, ein Wort zu sprechen, durchliefen wir
den Wald nach einem Trpfchen Wasser, bis die anbrechende Dunkelheit uns
am weitern Suchen hinderte. Mit einem Lffel schpfte ich aus allen
Krabbenlchern, aber das Wasser in denselben war ungeniessbar, und
das wenige, welches wir in einem hohlen Baume gefunden hatten, erregte
augenblicklich heftiges Erbrechen und Durchfall. Um uns vor den Mosquittos
zu schtzen, machten wir vier Feuer an, in deren Mitte wir unsern
Schlafplatz anlegten. An's Essen dachte Niemand.

Ich erinnerte mich, frher gelesen zu haben, dass man in Holland am Rande
der See Cisternen graben kann, die ein gutes trinkbares Wasser geben,
wenn sie tiefer, als die niederste Ebbe, und hher, als die hchste Fluth
angelegt sind.

Obgleich ich nun voraussah, dass, wenn man diess hier anwenden wollte,
man 15-18' tief graben msse, so wollte ich doch das unmglich Scheinende
wagen, wenn wir gleich mit keinen Werkzeugen versehen waren. Auf die Hilfe
der Soldaten durfte ich hiebei nicht rechnen, da sie es lcherlich fanden,
sich fr nichts zu plagen. Ich schnitt nun mit meinem Messer alle Wurzeln
in einem Kreise von etwa 3' Durchmesser aus dem Boden, whlte die Erde
heraus, was nicht besonders schwer ging und traf auf eine Lage lehmartigen,
harten Schlammes, der etwa 3' tief war und schnell sich herausschaffen
liess. Jetzt fand ich Sand, und bei einer Tiefe von etwa 5' quoll mir
Wasser entgegen, das sss und trinkbar war. Da die Soldaten den Erfolg
meiner Mhe sahen, halfen sie mir nun auch. Der Sand wurde in Mtzen
herausgeschafft, wobei sich die oben Befindlichen auf den Bauch legen
mussten, um ihn aus meinen Hnden zu nehmen. Ich stieg nun aus meinem
Loche, liess das Wasser sich sammeln und die Unreinigkeiten sich setzen.
Hierauf reinigte ich mich selbst im Strome, und erquickte mich sodann mit
den Uebrigen am Wasser unserer Quelle. Diess war freilich nicht so gut,
wie das Regenwasser, aber sehr klar und trinkbar. Hiezu zogen wir noch den
brigen Vorrath von Bananen und Speck hervor und speisten nach Herzenslust.

Die hell brennenden Feuer und ein gnstiger Seewind trieben die Mosquittos
von uns weg, und wir schliefen, unbekmmert um den Rest des Weges, den
wir den folgenden Tag noch zurckzulegen hatten, als gegen Mitternacht ein
Trupp Brllaffen auf den Bumen ber uns ein hllisches Geschrei anhuben
und wir erschrocken aus dem Schlafe fuhren. Wir fachten nun die beinahe
erloschenen Feuer wieder an, deren Schein diese unwillkommenen Ruhestrer
in eilige Flucht trieb.

Des Morgens, nachdem wir statt des Kaffees uns mit Wasser erfrischt, und
auch unsere Feldflaschen damit gefllt hatten, verliessen wir mit schwerem
Herzen unser Lager und marschirten durch Dick und Dnn weiter. Eine
Sandritze, die einige Schritte lngs des Ufers hin sich erstreckte,
erleichterte uns Anfangs den Marsch, obgleich wir uns bei jedem Schritte
durch Lianen und stachlichte Palmen winden mussten. Ich fand hier eine
grosse Schildkrte, die ich mit dem Sbel aufhieb, um wenigstens das
Fleisch im Brodsack mitnehmen zu knnen, da sie zum Tragen zu schwer war.
Der Wald wurde immer dichter, und die Fluth erlaubte uns nicht, lngs
des Strandes zu marschiren. Jeder Schritt, den wir durch diese Wildniss
machten, kostete vorher fnf Minuten Arbeit mit dem Sbel.

Wir waren auf drei Seiten von Lianen umgeben, die von der Dicke eines
Bindfadens, bis zu der eines Ankertaus sich vorfanden, alle Gestruche und
Bume umstrickten, und auf der vierten rollten die Wellen der Fluth
durch die Wurzeln des Gestruches, sodass wir von Zeit zu Zeit von
dem schmutzigen Wasser ber und ber bespritzt wurden. Wir machten, so
unglaublich diess auch scheint, wohl einige 100 Schritte auf den Zweigen
und Luftwurzeln der Bume, ohne den Boden zu berhren, ja manchmal
waren wir 15' ber ihm, und es kostete uns keine kleine Mhe, das Gewehr
nachzuziehen.

In die Lnge auf diese Affenart zu reisen, war unmglich; wir beschlossen
desshalb, die Ebbe abzuwarten, und dann entweder zurckzukehren, oder
weiter zu reisen, wenn der Strand nicht aus zu weichem Schlamme bestnde.
Wir blieben so in den Zweigen sitzen und erblickten glcklicherweise bald
ein Boot, das den Correntin aufwrts fuhr.

Ein Hemd, das ehemals weiss gewesen war, wurde an einen Stock gebunden
und mit diesem geweht, auch waren wir so glcklich, unsern, mit Schlamm
bedeckten Gewehren zwei Schsse zu entlocken, worauf die Mannschaft des
Bootes, die aus vier, nach der Nannaykreek bestimmten Indianern bestand,
uns bemerkte und aufnahm. Kaum sassen wir im Boote, so wusch ein gewaltiger
Platzregen, der erste nach vielen Monaten, uns allen Schlamm vom Leib.

Die zwei weggelaufenen Neger hatten beinahe den gleichen Weg, wie wir, nach
dem Correntin eingeschlagen, und, nachdem sie den Strand erreicht hatten,
eines unserer kreuzenden Boote angerufen, in der Meinung, es sey ein
englisches von der gegenberliegenden Pflanzung.

Man nahm sie auch willig ein, und sie konnten bald ihren Irrthum
wahrnehmen, weil man auf ihre Bitte, sie nach dem jenseitigen Ufer zu
fhren, dem Posten Nickerie zusteuerte.

In der Nannaykreek trafen wir nun das unserer harrende Detachement.

Eine volle Schssel warmer Bananen und das Fleisch der Schildkrte wurde in
Gemeinschaft verzehrt, und des Abends fuhren wir in drei Stunden nach
dem Posten zurck, whrend uns diese Entfernung einen dreitgigen, hchst
schwierigen Marsch gekostet hatte.

Wenige Tage nach meiner Zurckkunft von dieser ermdenden Expedition fuhr
ich mit der Wasserpont, welche whrend der Trockenzeit alle acht oder
zehn Tage nach dem obern Nickerie fuhr, um ssses Flusswasser fr das
Detachement zu holen. Das Fahrzeug war ohne Dach und hatte etwa 30 Fsser
geladen, die oberhalb der Mndung der Maratacca, wenn die Zeit der Ebbe
beinahe vorber, somit das Wasser am reinsten war, gefllt wurden.

Wir waren am Abend des dritten Tages auf der Heimreise begriffen und nahe
bei der Pflanzung Krabbahoek, als die Neger mich auf eine grosse Schlange
aufmerksam machten, die im Schlamme am Ufer lag. Ich sah anfangs nichts,
als einen mit Schlamm und angeschwemmtem Laube bedeckten, unfrmlichen
Haufen, und erst, als der Steuermann mit der Ruderstange hineinstiess,
konnte man die gefleckte Haut des Thieres unterscheiden. Ein Stoss, wie der
mit dem Ruder gefhrte, htte einem Menschen sicher alle Rippen im Leibe
gebrochen; das Ungethm schien ihn aber nicht gefhlt zu haben. Ich war
desswegen der Meinung, es sey todt und von der Fluth angeschwemmt, und
wollte es in das Fahrzeug ziehen. Die Neger aber versicherten mich, dass
das Thier weder krank noch todt wre, und ein Schuss nach ihm mich schon
von seiner Activitt berzeugen wrde. Desshalb schoss ich mit leichtem
Hagel auf Gerathewohl in den Klumpen, worauf sich der Kopf aus der Mitte
des verschlungenen Krpers hob und auf eine andere Seite legte. Jetzt
fuhren wir so nahe als mglich an's Ufer, und ich schoss in einer
Entfernung von kaum drei Schritten abermals. Mit einer Schnelligkeit, die
man einem so trgen Thiere nicht zutrauen sollte, schoss jetzt die Schlange
wohl 12' in die Hhe, um mit offenem Rachen auf mich hereinzustrzen.

Dieser Angriff kam mir so unerwartet, dass ich ber Hals und Kopf in's
Fahrzeug fiel, whrend der Steuermann, ein baumstarker Neger, das wthende
Thier mit der Ruderstange anfiel, das endlich in seiner blinden Wuth sich
um diese schlang und in das eisenharte Holz biss.

Ich hatte mich unterdessen wieder von meinem Schrecken erholt und mein
Gewehr zum drittenmal geladen. Den Lauf desselben setzte ich jetzt der
Schlange auf den Kopf, die nun auch auf den Schuss sogleich todt war.

Wir zogen sie nun mit vereinten Krften ins Fahrzeug, wo ich ihr auf
dringendes Bitten der Neger den Kopf und Schwanz abhieb. Des Morgens
schleppten wir sie an's Land und an die Kaserne, wozu sechs Mann nthig
waren; denn sie mass ohne Kopf und Schwanz 26' und hatte die Dicke eines
mssigen Mannsleibes. Ich war der Meinung, dass ihre Trgheit Folge eines
tchtigen Frasses sey, in welcher mich die unverhltnissmssige Dicke des
Krpers bestrkte. Wie erstaunt waren wir daher, als man den Magen ganz
leer fand, jedoch 78 Blasen von der Grsse eines Gnseeies herausholte,
deren jedes eine 1' lange Schlange enthielt, und die alle wie ein
Paternoster aneinandergereiht, in einem Darm sich befanden. Sie war sonst
sehr mager; denn das ausgebratene Fett betrug blos zwei Pinten. Um die Haut
abziehen zu knnen, zogen wir sie mit vieler Mhe an dem Balken der Kaserne
hinauf, der etwa 20' ber dem Boden war. Einer kletterte dann, so = la
Stedman= an der Schlange empor, um das Fell abzulsen. Vom Fleische nahm
ich einige Stcke, die als Beefsteaks und Ragout behandelt wurden.
Hiezu fanden sich aber wenig Liebhaber, wiewohl das Fleisch weiss
und wohlschmeckend war. Den Rest warfen wir auf die Sandbank, wo mit
aufsteigender Fluth die Haifische ihr Gaudium daran hatten. Die Haut hatte
ich an der Aussenseite der Kaserne aufgenagelt; sie schrumpfte aber so
zusammen, dass sie zu nichts mehr brauchbar war.

Der Militrdienst des Postens war ziemlich strenge und ermdender, als der
in Paramaribo. Besonders litten wir Korporale darunter, da wir nur zwei,
hchstens drei Nchte frei hatten, und auf der Wache, besonders wenn der
Wind weniger stark wehte, und die Mosquittos freies Spiel hatten, keinen
Augenblick schlafen konnten.

Die Wachstube glich an Schwrze einem Schornstein; denn nur durch Rauch
konnte man das hllische Ungeziefer verjagen. Auf Spaziergngen war man
bestndig in Wolken dieser lstigen Insekten eingehllt, und stille zu
stehen war gar nicht mglich.

Auf dem Posten war eine kleine Kirche, an welcher ein protestantischer
Missionr angestellt war, der den Negern das Wort Gottes an's Herz zu legen
hatte. Auch wir Soldaten mussten manchmal die Kirche besuchen, und
jeden Sonntag hatte der Korporal der Wache den Befehl des Landdrostes zu
berbringen, welcher bestimmte, ob Predigt fr die Soldaten seyn sollte,
oder nicht. Es war meistens keine fr uns abzuhalten; dem guten Pfarrer
fiel jedesmal ein Stein vom Herzen, wenn der Korporal die Nachricht
brachte, und ein guter Schnaps war jedesmal die Belohnung des Ueberbringers
dieser Nachricht. Wenn Kirche war, so studirte sich der gute Mann halbtodt,
um uns mit lehrreichen Geschichten zu unterhalten. Kaiser Nero und andere
stockblinde Heiden spielten desshalb in seinen Vortrgen immer grosse
Rollen, und die ungezogene Gemeinde lachte zuweilen berlaut.

In den ersten Monaten des Jahrs 1839 kam an die Stelle des wachhabenden
Schooners eine kleine Kriegsbrigg, und in das einfrmige Leben der Bewohner
auf Nickerie kam dadurch einige Abwechslung.

Die Seeofficiere besuchten hufig den Posten und die Pflanzungen, und man
hrte von Bllen und Soires.

Ich hatte lngst gewnscht, die Drfer der Indianer an der obern Maratacca
besuchen zu knnen, und bekam durch die Gte meines Kommandanten, der
beim Gouvernement um seine Entlassung als Landdrost gebeten und diese auch
erhalten hatte, die Erlaubniss dazu. Da er die Reise zur Stadt durch
das Innere machte, so bentzte ich diese Gelegenheit, mit ihm bis an den
indianischen Posten an der Maratacca zu fahren.

Wir verliessen den Posten zu Ende Mai's unter einem heftigen Regenguss, und
kamen mit anbrechendem Tage bei den Indianern an.

Der Kommandant setzte seine Reise weiter fort, und ich miethete einige
Indianer, die mich nach den hherliegenden Drfern bringen sollten.
Franois, der Posthalter wollte mich selbst dahin begleiten, und wir fuhren
gegen Mittag auf einer kleinen Corjaal in die Maratacca. In Folge heftigen
Regens war der Wasserstand ungemein hoch, und nur wenige Fluth begnstigte
uns.

Wir hatten sechs krftige Indianer, die unter immerwhrenden Scherzen aus
Leibeskrften ruderten. Es war ein trber, regnerischer Abend, und wir Alle
waren froh, als wir den Werkplatz einiger Zimmerneger, die hier Bretter
sgten, erreicht hatten.

In der Htte dieser Leute hingen wir unsere Hngematten auf und schliefen
einige Stunden, bis der Mond aufgegangen war. Der Regen hatte aufgehrt und
der Himmel war mit Sternen bedeckt. Todesstille herrschte um uns her, und
nur Laubfrsche quackten in verschiedenen Melodieen auf den Bumen.

Um einen grossen Umweg, den die Maratacca bildet, abzuschneiden, fuhren die
Indianer durch eine, hchstens 4' breite Oeffnung, die mir am hellen Tage
entgangen seyn wrde, in einen kleinen Kanal. Da manchmal Bume ber ihn
gefallen waren, so musste man sich oft platt in die Corjaal legen, um den
Kopf nicht anzustossen.

Der Mond bildete nur eine schmale Sichel, und auf allen Seiten umgab uns
der dichteste Hochwald; desswegen war es hier stockfinster. Hier sah ich
Strucher leuchtender Pflanzen an dem etwas hohen Ufer. Diese waren 2-2'
hoch, an Gestalt so ziemlich der Asclepias carrasaviva hnlich, und hatten
lange, spitzige Bltter. Ihr Glanz war bei weitem nicht so stark, wie der
der Feuerfliegen, und hatte etwas blulich Phosphorartiges; doch konnte
man alle Umrisse deutlich unterscheiden. Weil ich ganz der botanischen
Kenntnisse entbehrte, habe ich vergessen, ein Exemplar dieser so
merkwrdigen Pflanze mitzunehmen.

Mit anbrechendem Tag kamen wir wieder in die Maratacca. Das Land erhhte
sich allmhlig, und der schnste Hochwald sumte die Ufer der Kreek, die in
den wunderlichsten Krmmungen sich sdwestlich zog.

Regenschauer durchnssten uns auch heute, wie berhaupt in dieser Beziehung
der Monat Mai der schlimmste des Jahres ist.

Wir fanden gegen Mittag eine kleine Htte, die von einer Arowackenfamilie
bewohnt war. Das Mittagessen wurde hier gekocht, und ich berdiess mit
Cumu tractirt, den man in Ermanglung von Zucker mit dem sssen Mehl der
Lokus-Bohne gewrzt hatte[10]. Die halbe Nacht brachten wir wieder in
einigen leerstehenden Htten zu, und vor Tagesanbruch kamen wir an den
Landungsplatz der Savannendrfer.

Wir hatten vom Nachtlager Feuer mitgebracht, und es loderte desshalb bald
eine krftige Flamme auf, um die wir im Kreise herumsassen und den Tag
erwarteten. Unsere Indianer gaben mit ihren Pfeifen ein Concert, um ihre
Ankunft ihren Freunden mitzutheilen.

Die Maratacca mochte hier etwa 60' breit seyn. Ihre Ufer waren hgelig und
mit Hochwald bewachsen, hinter dem unabsehbare Savannen, wahrscheinlich
bis zur Correntin, sich erstreckten. Das Durchwaten der Kreek ist in
der Trockenzeit leicht. Nach der Aussage der Indianer soll sie mit der
Correntin in Verbindung stehen; wenn diess der Fall ist, so bin ich davon
berzeugt, dass der Zusammenfluss nicht weit entfernt von hier stattfindet.
Jedenfalls wird die Entfernung der Savannendrfer vom rechten Ufer des
Correntins nicht ber zehn Stunden betragen, was in sofern von Wichtigkeit
ist, als viele Plantagenneger an der Maratacca arbeiten, und durch diese
Kreek, oder die Savannen derselben einen leichten, gefahrlosen Weg nach der
englischen Colonie htten.

Mit anbrechendem Tage fanden sich mehrere Indianer ein, welche unserem Dram
fleissig zusprachen und uns dann nach ihren Drfern begleiteten. Am Wege
dahin waren grosse Cassavefelder, die sich bis an die Savannen erstreckten.
Nachdem wir etwa zehn Minuten gegangen waren, ffnete sich der Wald, und
eine grosse Savanne lag vor uns, die stellenweise sich sanft erhob und
stundenweit nach Westen auszudehnen schien.

Wie in den Savannen der Casawinika und Saramacca die Mauritzenpalmen
vorherrschen, weil der mehr ebene Boden die Feuchtigkeit, welche diese
so sehr lieben, besser bewahrt, so waren hier die Awarrenpalmen ungemein
zahlreich. Man fand sie hier von einer Hhe, die sie anderswo nie
erreichten, sowohl am Rande der Wlder zerstreut, als in kleinen
malerischen Gruppen beieinanderstehend.

Aus dem Hochwald, der diese Flchen umzog, blickten die brennenden
Blumen des Grnhart hervor, und tausenderlei Blthen schmckten das grne
Laubwerk, das in Folge der hufigen Regen eine herrliche Frische zeigte.
Selbst Gras und Blumen, welche den sandigen, sonst unfruchtbaren Boden
schmckten, prangten in voller Blthe, whrend in den Trockenzeiten, welche
Alles drr und verwelken machen, dem Auge ein unfreundliches Bild sich
darbietet. Unter Bananen-, Papayas- und Awarrabumen fanden wir die Drfer
der Indianer versteckt. Zwei derselben waren von Waraus, und das dritte,
weiter entfernte von Arowacken bewohnt; und sie zhlten zusammen etwa 200
Bewohner.

Wir wurden vom Oberhaupt dieser Drfer, der als Zeichen seiner Wrde einen
Stock mit grossem, silbernem Knopf erhielt, aufs Beste empfangen, und mit
Cassave und Ananas (mehr hatte er nicht) bewirthet, wogegen ich den Rest
meines Drames mit ihm theilte.

Die Merkwrdigkeiten des Platzes waren bald besehen, und bestanden, die
schne Lage ausgenommen, in nichts Besonderem, wodurch er sich vor andern
Indianerdrfern ausgezeichnet htte. Es war Alles mit dem Reiben von
Cassave und Ananas, sowie mit der Bereitung eines Trankes, den man
Casiri nennt, beschftigt; denn in ein paar Tagen sollte ein grosser Tanz
stattfinden, und die Corjaal, nebst den Trgen, worin die Leckerei bereitet
wurde, standen bereits in der grssten Htte. Die Sitzbnke sind aus
Cederblcken geschnitzt und sehr massiv. Ihre Enden stellten Kaimans- und
Kferkpfe vor, und waren blau und roth bemalt. Es wurde mir hier ein Trank
gereicht, der aus den reifen Frchten der Awarra bereitet war und sehr
angenehm schmeckte[11]. Die reifen Frchte der Awarra werden einige Tage in
die Erde eingegraben, wodurch ihr Fleisch mrbe und weich wird, so dass
es sich in einem grossen Troge leicht von den Steinen abstampfen lsst. Es
wird dieses sodann in einen Kurikuri, einen Korb, der aus dem Baste einer
rohrartigen Pflanze, Warimbo genannt, gemacht ist, und der vorher dicht mit
Heliconienblttern belegt wird, eingedrckt, und sodann im kalten
Wasser der Kreek, das nicht durch die Bltter dringen kann, einige Tage
ausgesetzt, wodurch die lige Substanz, die in dem faserigen Fleische
sitzt, mehr flssig gemacht wird.

Eine Handvoll dieser Masse in eine Kalabas voll Wasser ausgedrckt, frbt
dieses mennigroth, macht es fett und angenehm suerlich sss. Mit Zucker
vermischt, ist es wirklich ein kstlicher Trank, und ich ziehe ihn dann
selbst dem Cumu vor.

Das Vlkchen schien im Ueberfluss zu leben; denn Cassavebrod war in Menge
vorhanden, und die Felder befanden sich im besten Zustand. Nur Schade,
dass dieses Wohlleben nur temporr ist und gar hufig Zeiten eintreten, in
welchen Awarra, Maripa und andere Waldfrchte den hungrigen Magen stopfen
mssen, und zwar nur desshalb, weil die Leute zum Pflanzen zu faul
waren. Die Waraus besonders sind als Faullenzer bekannt; doch sind solche
Hungerzeiten bei den Caraiben ebenfalls nicht selten.

Ich habe hier eine merkwrdige Art von Begrssung wahrgenommen, die ich,
wenn ich auch den Sinn der Worte nicht begriff, wenigstens doch sehr
zeitraubend fand. Der Neuangekommene wird gewhnlich mit Essen oder einem
Tranke traktirt, und bedankt sich dann zuerst bei dem Oberhaupt der Htte
in hchst weinerlichem Tone, worauf derselbe nichts anders als Wan
erwidert. Hierauf bedankt er sich bei jedem andern mnnlichen Bewohner
besonders, und bekommt ebenfalls nichts als Wan zur Antwort. Ist nun
Niemand mehr zu becomplimentiren, so bedankt man sich ganz auf dieselbe
Weise bei dem Fremden fr seinen Besuch, der dann auch die bekannte Formel
gegen jeden gebraucht.

Die Caraiben sind bei weitem nicht so ceremonis, und bedanken sich blos im
Allgemeinen und beim Empfang der Speisen mit Jo.

Im Hause meines Wirthes sah ich ein paar Frauen, die wohl hundert Jahre alt
seyn mochten. Sie spannen Baumwolle und sassen in ihren Hngematten,
die sie nie verliessen. Sie waren beinahe blind; desswegen musste das
Feuerchen, das unter ihren Hngematten brannte, von Kindern unterhalten
werden. Ihre Haare waren trotz ihres hohen Alters kohlschwarz und dicht.

Beinahe in jeder Htte fand man Hunde, die bei unserer Ankunft immer
ein schreckliches Gebell erhoben, in welches Affen, Papageyen und andere
gezhmte Thiere miteinstimmten. Am auffallendsten sind die Hhner, die
beinahe noch einmal so gross als die gewhnlichen, in Menge vorhanden,
und desshalb wohlfeil zu bekommen waren. Auf den Plantagen leben sie nicht
lange, geben auch keine ihnen gleiche Zucht.

Mit einem Affen, Hhnern und Ananassen reichlich versehen, trat ich die
Rckreise an, und war am achten Tag wieder auf meinem Posten.

Mein Kommandant hatte mir bei seiner Abreise das Versprechen gegeben, mich
so bald als mglich nach Paramaribo kommen zu lassen, weil er wusste,
dass ich auf Nickerie wenig Vergngen hatte; denn der Umgang mit meinen
Kameraden hatte fr mich wenig Angenehmes, und das Herumschwrmen nach
Insekten im Busch und Wald war hier unmglich. Mit grosser Ungeduld sah ich
der Zeit meiner Abberufung entgegen. Ein Ereigniss aber, das ich kurz hier
anfhre, um zu beweisen, wie listig manche Neger sind, und wie schwer
es hlt, sie vor Desertion zu hten, wenn sie sich dieselbe in den Kopf
gesetzt haben, verzgerte meine Abreise.

Mehrere Monate vorher, ehe ich den Posten verliess, kam ein
Gouvernementsbrief an den Landdrost, welcher die Nachricht enthielt, dass
ein berchtigter Weglufer sich in den Wldern zwischen dem Ober- und
Niederdistrikt aufhalten msse. Dieser war nmlich schon vor lngerer Zeit
von einer Pflanzung an der Hoerhelena-Kreek in einem Corjaal entwischt
und hatte sich zur Nachtzeit nach Paramaribo begeben. Dort liess er sein
Fahrzeug wegtreiben und stahl in den Aeckern im Umkreise der Stadt seinen
Lebensunterhalt. Da er aber hier der Gefahr sich aussetzte, gefangen zu
werden, beschloss er, sich nach dem Niederdistrikt zu begeben, weil er dort
frher gearbeitet hatte und desshalb bekannt war. Zu diesem Zweck stahl er
in der Saramakka, wohin er sich zu Fuss begab, aufs Neue eine Corjaal,
fuhr blos bei dunkler Nacht diesen Strom abwrts, passirte so ungesehen die
Militrposten und das Wachtschiff und kam glcklich in die See. Whrend er
aber nahe am Oberdistrikt den Tag ber seine Corjaal in einer kleinen Kreek
verbergen wollte, wurde er von Fischernegern einer nahegelegenen Pflanzung
entdeckt, gefangen genommen und nach dem Posten Coroni gebracht. Dort
wusste er sich unter den Augen einer Schildwache seiner Ketten zu
entledigen, und es gelang ihm, zu entkommen, ohne dass man ihn sogleich
vermisste. Ein altes Hemd und ein gesalzener Fisch wurden von ihm noch aus
der Kche der Soldaten mitgenommen.

Die Schildwache, unter deren Aufsicht er stand, wurde in Folge seiner
Flucht in Paramaribo zu fnf Jahren Festungsarbeit verurtheilt.

Fruchtlos wurden von uns Patrouillen nach ihm ausgesandt. Endlich
entdeckte man ihn hinter den Kostckern der Pflanzung Nursery, wo er sich
verproviantirte. Er hatte im Walde ein kleines Httchen gebaut, das er
so lange zu bewohnen gedachte, bis sich eine gnstige Gelegenheit zum
Entkommen nach der englischen Colonie zeigen wrde. Mit Stricken und
Ketten gefesselt wurde er nach dem Posten gebracht, wo ihm die besten Eisen
angelegt wurden. Den Tag ber wurde ihm eine Schildwache beigegeben,
unter deren Aufsicht er den Platz vom Grase subern musste, und des Nachts
schloss man ihn in die Arrestkammer. Man wartete nun auf eine gnstige
Gelegenheit, um ihn nach Paramaribo zu bringen.

Inzwischen wurde der Kerl krank und so schwach, dass man ihm die Ketten
abnehmen musste. Er sthnte und jammerte so erbrmlich, dass man ihn seinem
Ende nahe glaubte, und bat daher den wachhabenden Corporal um Gotteswillen,
ihn doch aus der Arrestkammer, wo ohne Feuer die Mosquittos freies Spiel
hatten, zu nehmen und in der Wachtstube in den Block zu schliessen, was der
gutmthige Corporal auch that. Scheinbar halb todt brachte man ihn aus dem
Arrest und schloss seine Fsse in den Block.

Kaum war es dunkel, so brach er mit einem alten Stck Eisen, das er in
seinem Kamis (Binde um den Leib) versteckt hatte, das Charnier des Blockes
auf und lief ganz still weg. Man schlug nun Allarm, und der ganze Posten
machte sich auf die Beine, um dem Entlaufenen, dessen Krankheit blos eine
geheuchelte war, nachzusetzen, aber ohne Erfolg.

Zwei Tage hernach kam meine Ablsung aus Paramaribo. Diese trat aber an
die Stelle des Corporals, dem der Neger entschlpft war, und der nun nach
Paramaribo vor den Kriegsrath geschickt wurde. So musste ich denn zu meinem
grossen Aerger noch bleiben. Hiezu kam noch der angenehme Auftrag, auf
den Plantagen die abermalige Flucht des gefhrlichen Kerls anzuzeigen, bei
welcher Gelegenheit ich gar manches bittere Wort ber die Wachsamkeit von
60 Mann hren musste.

Sechs Wochen spter wurde der Entlaufene beinahe auf demselben Flecke, wo
er zuerst gefangen ward, wieder arretirt und unter grossem Jubel nach
dem Posten gebracht. Dass man jetzt alle Vorsicht gebrauchte, lsst sich
denken. Geschlossen musste er unter der Gallerie des Wachthauses sitzen, wo
ihn die Schildwache bestndig zu beobachten hatte.

Aber auch hier wre er beinahe wieder entwischt; denn er bentzte den
Augenblick, wo die Schildwache um das gegenberliegende Hospital ging, um
in die Wachtstube zu kriechen, wo er aus der unverschlossenen Schublade den
Schlssel seiner Fesseln holte.

Als die Schildwache von ihrer, kaum eine Minute dauernden Wanderung
zurckgekommen war, sass er wieder ruhig an seinem Platze. Kaum drehte ihm
diese von Neuem den Rcken, so schloss er behend seine Fesseln auf, legte
diese zum Spott auf den Tisch und lief weg. Glcklicherweise sah diess aber
die Schildwache, und er wurde bald wieder eingeholt, weil er einige Tage
krumm geschlossen gesessen hatte und in Folge davon nicht so schnell laufen
konnte.

Dass es nun neue Hiebe regnete, und die ganze Wachmannschaft ihre Wuth
an ihm ausliess, versteht sich von selbst. Der Landdrost aber, der des
gefhrlichen Kerls sich gerne entledigt htte, hatte im Sinn, ihn unter
meiner Aufsicht mit dem Tentboot auf der Nickerie und Saramacca nach der
Stadt zu schicken. Glcklicherweise kam aber zwei Tage spter ein Schooner,
auf welchem ich mit zwei Soldaten und dem Gefangenen, nebst 26 Khen,
welche der Kapitn des Schooners mitnahm, Nickerie verliess.

Wir kamen nach einer siebentgigen, strmischen Fahrt, whrend welcher
fnf unserer vierfssigen Reisegefhrten starben, den 5. September 1839 in
Paramaribo an.

Es ging nun alles wieder seinen alten, maschinenmssigen Gang: Wache,
Exerciren und Compagniedienst wechselten wie frher; zuweilen fand ich auch
einen freien Tag, den ich zum Besuch der umliegenden Wlder bentzte.

Zu Ende Octobers wurde ich abermals detachirt und kam nun an den
Seeposten Alsimo, der bei der Pflanzung gleichen Namens an der Mndung der
Warappakreek liegt.

Dieser Posten wurde von einem Sergeanten kommandirt, und die sechs Soldaten
hatten die leichtesten Dienste.

Lebensmittel gab es hier in Menge; nur musste man das Regenwasser
anderthalb Stunden weit herbeiholen, obgleich auf der Pflanzung in grossen
Wasserbehltern solches im Ueberfluss war. Das Detachement lebte aber
in grosser Feindschaft mit dem Director derselben, der sogar behauptete,
Sergeant und Soldaten seyen seinen Hhnerstllen gefhrlicher, als
Tigerkatzen und Awaris (Beutelratzen).

Diese Behauptung war freilich nicht ganz ungegrndet; denn manche Ente und
mancher Truthahn, welche sich erfrechten, das herumliegende Welschkorn in
der Kaserne aufzupicken, kehrte nicht mehr nach der Plantage zurck.

Eine alte Negerin der Pflanzung, welche die Aufsicht ber das Federvieh
hatte, bekam dann regelmssig eine Tracht Schlge. Der Director liess sogar
nach Federn im Umkreise der Kaserne suchen, um seine Anklagen beweisen zu
knnen; aber die Soldaten waren so klug, und sandten sie mit der Ebbe in
die See.

Nach sechs Wochen langweiligen Aufenthalts wurde ich zu meiner grossen
Freude wieder abgelst und nach dem Hauptquartier versetzt.




Sechster Abschnitt.

  Abreise nach der Marowyne. Seekrankheit. Haferey. Posten Prinz Willem
  Frederik. Erste Beschftigungen. Umgebung des Postens. Stranden der
  Catharina Jakoba. Raubsucht der Matrosen. Ueberfluss auf dem Posten.
  Interessante Soire. Abholen der Gter von Bord. Brodtrunkenheit
  der Soldaten und Matrosen. Ankunft des Kommandanten. Das Wrak. Ein
  Possenreisser. Abfahrt der Soldaten nach Armina. Kriegsmatrosen und
  Arowack-Indianer. Nachtbilder in der Bckerei. Lebensweise, Sitten und
  Gebruche der Caraiben. Zurckkunft des Schooners. Die Haushlterin.
  Wohlfeiler Tabak. Seeschildkrten. Mosquittosplage. Bremsen. Arbeiten
  am Wrak. Reise nach Armina. Leben der Soldaten dort. Handel. Kauf des
  Wraks. Fahrt nach dem Kloster Mana. Die Aebtissin. Das Etablissement
  Mana. Bevlkerung. Reinlichkeitssinn. Bereitung des Tapioca. Weitere
  Arbeiten am Wrack. Verkauf desselben. Besuch auf Mana. M's. Streit mit
  der Aebtissin. Der Rokou oder Orleanbaum. Gefahr auf der Zurckreise.
  Muschelfang. Die Seekuhkreek. Traurige Nachricht. M's. Abreise.
  Die Chika oder Sandfloh. Der Mosquittoswurm. Vampyre. Schlangen.
  Klapperschlange. Streit mit einem Indianer. Besuch der franzsischen
  Leproserie. Bau neuer Huser auf dem Posten. Der Geelbakker. Krankheit.
  Die Pompaschlange. Zurckreise nach Paramaribo.


Ich hatte nun von 4 Dienstjahren 2 Jahre auf Posten zugebracht und glaubte
desshalb, beim Anfang des Jahres 1840, wenn die Posten gewhnlich abgelst
werden, in Garnison bleiben zu drfen.

Diess war aber nicht der Fall, denn ich wurde nach dem entlegenen Posten
Armina, dessen smmtliche Wachmannschaft abgelst wurde, beordert.

Unser Detachement bestand aus dem Kommandanten, einem zweiten Lieutenant
der Colonial-Guiden, einem Sergeanten, einem Korporal, 10 Jgern und 3
Kanonieren. Die Haushlterin des Sergeanten (eine Mulattin mit ihrem Kind)
vermehrte die Gesellschaft. Ausserdem waren noch 10 Matrosen von allen
Farben, sowie ein Kapitn, an Bord.

Es war der Schooner Beschermer, der frher auf Nickerie als Wachtschiff
gedient hatte und ganz besonders darin geschickt war, die zur Seekrankheit
geneigten Constitutionen so krank und elend, als mglich, zu machen.

Die fr den Posten bestimmten Lebensmittel und das Gepck der Offiziere
fllten den Raum des an sich schon kleinen Fahrzeuges so an, dass es
unmglich war, einen Fuss auf das Verdeck zu setzen. Selbst fr unsere
Kisten fand sich kein Platz mehr und sie mussten desshalb auf dem Verdeck
stehen bleiben.

Es war Ende Januars, als wir Paramaribo verliessen und noch war die Mndung
des Flusses noch nicht erreicht, als schon die meisten von uns, und ich
wohl am rgsten, von der Seekrankheit befallen waren. Man hrte nichts als
Klagen und Sthnen, und einer fiel ber den andern. An Essen und Trinken
war bei mir wenigstens nicht zu denken und immerwhrendes Erbrechen
schwchte mich so, dass selbst der Lieutenant, der sonst nicht viel weggab,
mir eine Tasse Kaffee anbot.

Glcklicherweise whrte die Reise nicht lange; denn schon am Morgen des
vierten Tages lagen wir in der Mndung der Marowyne vor Anker.

Kaum hrte man das Brausen der Fluth an den vielen Sandbnken, welche
diesen Strom so gefhrlich machen, als der Kapitn die Anker lichten liess
und unter bestndigem Looden hineinsegelte.

Noch hatten wir drei Faden Wasser, als kaum eine Minute spter der Schooner
mit solcher Gewalt an eine Bank stiess, dass wir Alle zu Boden strzten.

Jetzt folgte Stoss auf Stoss, so dass das Steuerruder losriss und der lose
Kiel sich ablste. Die Sache sah sehr gefhrlich aus, denn es zeigte sich
ein bedeutender Leck. Anhaltend musste man pumpen; berhaupt wurden alle
erdenklichen Mittel angewendet, um das Fahrzeug wieder flott zu machen.

Obgleich die Sache weniger lebensgefhrlich war, weil in den zwei Booten
des Schooners wir uns Alle leicht htten retten knnen, so stand doch die
Ladung auf dem Spiel.

Der sonst so bedchtige Kapitn hatte den Kopf ganz verloren; doch wurde
das Fahrzeug bei aufsteigender Fluth wieder von selbst flott und unter
immerwhrendem Pumpen erreichten wir glcklich den Posten Prinz Willem
Frederik, der von Ferne einem halbverfallenen Indianerdorfe nicht unhnlich
sah.

Abends 5Uhr betraten wir mit unsern Habseligkeiten das Land, wo wir den
Kommandanten und den Doctor von Armina trafen. Sogleich traf man Anstalten,
um den Schooner auszuladen und wir waren beinahe die ganze Nacht damit
beschftigt, Fleisch-, Mehl- und Salzfsser nach dem Posten zu rollen. An
Schlaf war bei der Unzahl von Mosquittos gar nicht zu denken.

Der Posten selbst war wirklich noch tausend Mal schlechter, als er, vom
Strande aus gesehen, schien; denn er bestand nur aus drei Htten, von
welchen die erste, am Strome stehende, grossartig Kommandanten-Wohnung
genannt wurde. Eine andere hiess Kaserne, diese lehnte sich unter einem
Winkel von beinahe 40 an die Bckerei an, welche eine entgegengesetzte
Richtung angenommen hatte. Alle drei waren aus Pallisaden gebaut, mit
Pinablttern gedeckt und so gut gegen Regen und Mosquittos verwahrt, dass,
wenn Thren und Fenster geschlossen waren, die Ziegen durch die Lcken der
fehlenden Palissaden ins Haus kommen konnten. Beim Regen blieb kaum ein
Pltzchen brig, um die Gewehre trocken zu halten, und bei heftigem Winde
flchtete man aus guten Grnden ins Freie.

Ein weites Feld fr einen wirksamen Geist, dachte ich, als der
kommandirende Korporal, den ich ablsen musste, mir einige Tage spter
nebst dem Inventarium den Posten bergab und mit wichtiger Miene, als
gbe er Juwelen weg, die alten Schaufeln, Rechen u.s.w. zustellte.
Die Gerthschaften waren berhaupt so alt und abgenutzt, dass man in der
Amsterdamer Judenbrenstrasse keine schlechteren finden wird.

Die Soldaten, welche zur Ablsung des Postens Armina bestimmt waren, wurden
gleich am Tage nach unserer Ankunft im grossen Boote des Postens dahin
abgeschickt, und wir mussten dem Kapitn des Beschermers bei der Reparation
seines unglcklichen Fahrzeuges helfen. Da der als trefflicher Segler
bekannte Schooner ungemein spitz und tief gebaut war, der Leck aber unten
am Kiel sich befand, so kostete es keine geringe Mhe, das Fahrzeug so hoch
ans Land zu schaffen, dass man dem Schaden abhelfen konnte. Endlich war er
wieder so weit in Stand gesetzt, dass man die kleine Reise nach Paramaribo
mit ihm wagen konnte.

In den letzten Tagen des Januar schiffte sich der abgehende Offizier mit
seinen Untergebenen ein, und ich dankte Gott fr die Erlsung von einer
Truppe, fr welche es bei den schlechten Lokalitten noch an Platz fehlte.

Zum Unglck stiess der Beschermer in der Mndung des Stromes abermals auf
eine Bank, verlor das Ruder und bekam einen solchen Leck, dass es nur
unter anhaltendem Pumpen mglich war, die Stadt zu erreichen, wo seine
Ausbesserung ber 2000fl. kostete.

Einen Tag nach der Abreise des Detachements machten sich auch der
Lieutenant und der Doctor auf den Weg nach dem Hauptposten. Ersterer lud
so viel als mglich in seine zwei Boote und segelte unter meinem herzlichen
Glckwunsch einer glcklichen Reise davon.

Ich bezog nun die Kommandanten-Wohnung, welche ebenfalls aus Pallisaden
bestund, doch in einem etwas besseren Zustand, als die Kaserne sich befand.

Zum Glck war eine hinreichende Menge von Ngeln und neuen Pallisaden
vorrthig, so dass ich mit Hlfe meiner 5 Soldaten mein Haus nothdrftig
ausbessern und wenigstens so weit herrichten konnte, dass die Ziegen nicht
mehr herein konnten.

Mein Geschft auf dem Posten war ein sehr einfaches und geringes und die
Besatzung, welche aus einem Korporal und 5 Soldaten bestand, unter welchen
ein Bcker war, hatte nichts zu thun, als fr ihren Unterhalt zu sorgen.
Sah man auf der See ein Schiff in der Richtung nach Westen, so zog man die
hollndische Flagge auf, und nahm sie wieder weg, wenn dasselbe passirt
war.

Ausserdem mussten die Lebensmittel, welche alle drei Monate auf einem
Schooner von Paramaribo aus hieher geschickt wurden, so lange verwahrt
werden, bis sie nach und nach vom Hauptposten Armina abgeholt wurden.
Dieser lag etwa achtzehn Stunden weiter landeinwrts, diente zur
Vertheidigung gegen die Buschneger und war mit 1 Offizier, 1 Sergeanten,
13 weissen und 6 schwarzen Soldaten besetzt. Ueberdiess waren noch etwa
8 Neger zum Unterhalt des Postens und zum Transport der Lebensmittel
bestimmt. Ein Doctor und ein Krankenwrter besorgten das Hospital.

So wenig wir nun auch auf unserem Posten zu thun hatten, so rmlich wre
unser Leben gewesen, wenn uns nicht bei jeder Gelegenheit von Armina
her Bananen geschickt worden wren; denn der Posten selbst war auf einer
Sandritze und der unfruchtbare Boden brachte nur wenige Awarapalmen hervor,
die ein undurchdringliches Gestruch bildeten.

Hinter dem Posten waren Smpfe, die nur in den grossen Trockenzeiten
zugnglich waren und lngs des aus Sand bestehenden Seestrandes, auf
welchem man zur Zeit der Ebbe fnf Stunden westlich gehen konnte, zog
sich ein Saum von Hochwald hin, worin Cokus-, Haiawa- und andere Bume des
Hochlandes gefunden wurden, hinter welchem Ssswassersmpfe, bewachsen mit
Schilf und Gras, parallel mit der Kste liefen. Lngs des Strandes fand
man stellenweise ganze Gruppen von Cactuspflanzen (Cactus sexagonus), die
manchmal 25' hoch und ber und ber mit Stacheln bedeckt waren. Eine rothe,
faustgrosse Feige wuchs in Menge an ihr, diese war zwar sss von Geschmack,
aber zh und selbst von den Indianern wenig beachtet.

Meine erste Arbeit nach der Ausbesserung meines Hauses war die Reparation
meines Bettes.

Es befand sich nmlich in meiner Kammer eine aus alten Brettern
zusammengenagelte Bettstelle, deren vier verlngerte Pfosten da waren, um
mit Gardinen behangen zu werden. Diese waren aus alten Hosen und Hemden
meiner Vorgnger zusammengeflickt und hatten so viel Lcher und Risse, als
Tage im Jahr sind, daher die Mosquittos freien Eingang hatten. Nach zwei
Tagen, welche ich mit Schneiden und Nhen zubrachte, war die Bettlade im
besten Zustand und es fehlte nichts mehr, als eine Art Strohsack, wenn ich
nicht auf den harten Brettern liegen wollte. Doch zu einem solchen fehlte
es an Zeug und ich musste mich bequemen, auf getrocknetem Gras und Laub
meine Nchte zu durchtrumen.

Vom Lieutenant hatte ich auf Credit mehrere Ziegen gekauft, die sein
Vorgnger ihm zurckgelassen hatte, und so konnte ich nun meinen Caffee mit
Milch trinken; berdiess hatte ich noch einige Hhner. Auch meine fnf Mann
liessen sich, wenn kein Dram zu bekommen war, zu Manchem gebrauchen, und so
war ich in meiner neuen Lage sehr wohl zufrieden.

Der ganze, bedeutende Strom war ausser den beiden Militrposten bloss
von Indianern und weiter landeinwrts vom Hauptstamme der Buschneger, den
Aukanern, bewohnt. Ein ziemlich bedeutendes Caraibendorf lag bloss eine
Viertelstunde vom Posten entfernt, und die Bewohner desselben besuchten
mich beinahe tglich. Die Lebensweise, Sitten und Gebruche dieser Menschen
werde ich spter weitlufig beschreiben, um jetzt an ein Ereigniss zu
kommen, das eine bedeutende Rolle whrend meines Aufenthaltes auf dem
Posten Prinz Willem Frederik spielte, und aus dem ich einen bedeutenden
Vortheil htte ziehen knnen. Wenn ich auch hier, wo durch Zufall das Glck
mir lchelte, nur so schchtern zugriff und nicht nach dem Beispiel meines
Kommandanten, der mehr Routine hatte, mich richtete, so war diess gerade
nicht Folge einer bertriebenen Ehrlichkeit, sondern ich frchtete mich
theils vor der Strafe, theils regte sich der Wunsch in mir, mich in dieser
Sache vortheilhaft auszuzeichnen.

Ich war nmlich seit der Abreise des Offiziers kaum acht Tage frei und ohne
Zwang auf meinem Posten, als wir am frhen Morgen des 7. Septembers das
Boot eines grossen Schiffes, das seit zwei Tagen in der Mndung des Stromes
vor Anker zu liegen schien, auf unsern Posten zukommen sahen. In diesem
befand sich der Kapitn desselben mit der ganzen Equipage, nebst zwei
Passagieren. Sie hatten ihr reichbeladenes, nach Paramaribo bestimmtes
Schiff, ein grosses hollndisches Backschiff, Catharina Jakoba, das auf
einer Bank des Stromes gestrandet war, verlassen. Sie hatten vorher die
Rettung des Schiffes vergeblich versucht und dabei beide Anker verloren.
Kapitn und Passagiere, die ber den Verlust ihrer hoch versicherten
Ladung getrstet schienen, sahen bald ein, dass wir in Ermangelung eines
Fahrzeuges nichts zur Rettung des Schiffes beitragen konnten. Doch gab
mir Ersterer die Erlaubniss, an Bord gehen zu drfen und auf Rechnung der
Assecuranz, welche doch den ganzen Plunder, der zu 45,000fl. versichert
war, bezahlen musste, abzuholen, was ich fr gut fnde.

Es war diess das erstemal, dass ich in einen solchen Fall kam, der mich um
so mehr in Verlegenheit brachte, als in meinen Instruktionen, in denen es
keineswegs an kleinlichen Clauseln fehlte, kein Wort ber einen solchen
Fall vorgemerkt war. Ich fragte desshalb den Kapitn um Rath, dieser
bergab mir das Handelsgesetzbuch und berliess es mir, die betreffenden
Stellen herauszufinden. Bald war ich darber im Reinen und ich erklrte dem
Kapitn, dass ich mit Hlfe der Indianer so viel als mglich von der Ladung
ans Land schaffen, davon ein Inventarium aufsetzen und diess dem Gouverneur
bersenden wolle; berdiess werde ich den Vorfall dem Kommandanten auf
Armina per Expressen anzeigen und innerhalb zwei Tagen einen Extrarapport
durch Indianer ber See dem Gouverneur zuschicken. Hierauf wurde ich vom
Kapitn mit dem Inhalt der Ladung bekannt gemacht, welche, ausser einer
Menge feiner und ordinrer Lebensmittel, in Manufakturwaaren und ber
1200 Kisten Genever bestand. Wegen der Menge der verschiedensten Weine
und geistiger Getrnke konnte ich auf den Beistand der Soldaten, welche
Erztrunkenbolde waren, nicht rechnen: denn die Gegenstnde, welche ich von
Bord abzuholen gedachte, mussten wegen Mangels an Raum unter freiem Himmel
aufbewahrt werden und waren somit jedem Angriff blossgestellt.

Ich sprach jedoch mit meinen fnf Mann, bat sie aufs Dringendste, sich
nicht zu betrinken, mir in Allem getreulich beizustehen, setzte ihnen auch
auseinander, welchen Vortheil wir aus diesem unglcklichen Zufall ziehen
knnten, und gebrauchte dabei alle Ueberredungskunst, die mir zu Gebot
stand. Hierauf erhielt ich von ihrer Seite das heiligste Versprechen, dass
sie sich lieber die Zunge abbeissen, als einen Schnaps trinken wollen, um
diese Vortheile doch ja nicht entschlpfen zu lassen.

Die Matrosen waren gegen Mittag in ihrem Boote abgefahren, um, wie sie
vorgaben, ihre zurckgelassenen Kleidungsstcke abzuholen.

Voll vom Gedanken an Reichthum und Ehre, lief ich, wiewohl es beinahe
Hochwasser war, und ich stellenweise bis um den Hals in demselben gehen
musste, nach dem ersten Indianerdorf, um noch denselben Abend so viel
als mglich von dem Schiff abholen zu knnen. Es war aber gerade
Tanzunterhaltung im Dorfe und ein ganzes Boot stand voll Tapana zum Labsal
der Tanzenden in der grossen Htte. Desswegen war es fr heute nicht
mglich, weder durch Belohnung noch Drohung Corjaalen zu bekommen, weil sie
sich in ihrer Freude nicht stren lassen wollten. Doch versprach mir der
Kapitn des Dorfes, am andern Morgen mit wohlbemannten kleinen und grossen
Corjaalen zu kommen.

Schon glaubte ich, meinen Plan, noch diesen Tag an Bord zu gehen, aufgeben
zu mssen, als sich ein fremder Indianer anbot, mich in seinem kleinen
Corjaal, das kaum zwei Menschen fassen konnte, auf das Schiff, das wohl
eine Stunde seewrts vom Posten lag, zu bringen.

Glcklicherweise war es stilles Wetter und bei der Ebbe, die unterdessen
eingetreten war, gelangten wir schnell an Bord.

Es bemerkte mich kein Mensch; denn alle Matrosen waren unterm Verdecke, wo
Kisten und Ballen aufgeschlagen und aufgeschnitten wurden, um so viel als
mglich plndern zu knnen. Das war eine Haushaltung zum Entzcken! Hier
ward eine Kiste mit Leinwand, dort eine Porzellankiste erbrochen und was
den rohen Kerls nicht anstand, wurde in Scherben zerschlagen. Fsschen
Butter, die ihnen im Wege standen, wurden nicht auf die Seite gesetzt,
sondern muthwillig zertrmmert, so dass die schne Butter, welche sonst fr
die Soldaten meist nur ein Schauessen blieb, in allen Ecken herumspritzte.
Lampenballons, von welchen das Stck 4-5fl. kostete, hatten, wie so
manches andere Werthvolle, dasselbe Schicksal.

Kaum hatte man mich erblickt, so wurde ich mit einem Hurrah empfangen
und vom Bootsmann mit einer diesen Leuten eigenen Hflichkeit zum Essen
eingeladen. Das Aufgetischte war freilich nichts Warmes, bestand aber doch
in Sachen, die nie auf dem Kchenzettel eines Korporals figuriren. Man
hatte nmlich eine Kiste voll blecherner, luftdicht verschlossener Bchsen
gefunden, welche gebratene Feldhhner, Gnse, Fleischspeisen, Salm und
andere Leckereien enthielten und man las mir, whrend ich mit einem alten
Messer eine Bchse Feldhhner ffnete, all' das Kstliche vor, wovon ich
Gebrauch machen knne, verbunden mit der Aufforderung, zu essen, bis mir
der Bauch berste. Zugleich holte der Kchenjunge weissen Zwieback und der
Steuermann ffnete eine Kiste mit feinem Rheinwein, wozu der dienstfertige
Bootsmann noch als Dessert eine grosse Flasche Confect beifgte, von
welchem man gerade eine Kiste gefunden hatte.

Nachdem sie sich davon berzeugt hatten, dass ich mit allem zu einem guten
Diner Nthigen versehen war, gingen sie an ihre fernere Untersuchung,
whrend welcher ich bei schrecklichem Appetit, da ich seit dem Morgen
nichts mehr gegessen hatte, eine treffliche Mahlzeit hielt, obgleich Lffel
und Gabel mir dabei fehlten.

Wein trank ich wenig; denn ich hatte mir fest vorgenommen, mir in diesem
Wirrwarr meine fnf vollen Sinne zu erhalten.

Kaum war ich fertig, so gab man mir durch ein Freudengeschrei aus dem
untern Raum zu erkennen, dass man einen angenehmen Fund gethan habe. Dieser
bestand in einer Kiste seidener Tcher und Westenzeuge, wovon man mir mit
einem halben Dutzend Foulards ein Geschenk machte. Leider wurde mir dieses,
wie noch so manches Andere von Matrosen oder Soldaten aus meiner Kiste
gestohlen, und es blieb mir von allen diesen Kleinigkeiten am Ende beinahe
nichts brig. Endlich hatten die Matrosen ihre Kisten vollgepfropft, an
Lebensmitteln und Getrnken so viel mitgenommen, als man laden konnte und
segelten damit nach dem Posten, whrend meine ganze Ladung nur in drei
Fsschen Butter bestand, weil ich nicht mehr mitnehmen konnte.

Zu Hause traf ich schon Alle betrunken an, und Nachts sah ich Bacchanalien,
worber ich erstaunte, obgleich ich doch schon manche solche Partie mit
angesehen hatte. Kapitn, Passagiere und Steuermnner logirten in meiner
Wohnung; die Matrosen aber, deren es etwa acht waren, bei den Soldaten in
einer Kammer von 16' Lnge und 9' Breite, aus der die Kaserne bestand, in
welcher nun zwlf Personen campiren sollten. Ans Schlafen wurde natrlich
bei dem Ueberfluss an Genever nicht gedacht; denn jeder wollte diese
Gelegenheit bentzen, um sich einmal wieder etwas zu gut zu thun. Alles
lagerte sich im Kreise um ein Licht, das alle Augenblicke auslschte, weil
der Wind von allen Seiten durch die Wnde blies. Endlich stellte man es in
eine leere Geneverkiste, wodurch die Hlfte der Gesellschaft sich immer
im Dunkeln befand. Zwei offene Kisten Genever und Branntwein, nebst acht
grossen Glsern Confect, von deren einem ich schon auf dem Schiff gegessen
hatte, standen zur Verfgung der ehrbaren Gesellschaft.

Gesang und sittsame Erzhlungen wechselten ab, und um diese Soire noch
interessanter zu machen, zog sich einer der Soldaten nackt aus, theils
um die Gesellschaft durch allerlei gymnastische Sprnge und Stellungen
zu unterhalten, theils um den Schiffsjungen, die ber Mosquittosstiche
klagten, zu zeigen, wie wenig er darauf achte. Ich liess sie machen, was
sie wollten, weil ich fest davon berzeugt war, dass ein Verbot nichts
helfen wrde. In der Bckerei sass ich die halbe Nacht, mit dem Schreiben
eines langen, ausfhrlichen Rapports an den General-Gouverneur beschftigt,
was bei der Unzahl von Mosquittos, die in Legionen mich umschwrmten, keine
Kleinigkeit war. Meine Hnde waren auch in Folge unzhliger Stiche so rauh,
wie ein Reibeisen geworden und das Papier war mit Blutflecken beset. Zum
Glck war es jedoch nur das Concept, das ich bei Tag ins Reine schrieb. Es
war bereits nach Mitternacht, als ich in meine Wohnung mich zurckzog, um
da eine Schlafstelle zu suchen.

Der Lrm in der Kaserne war verstummt; denn die meisten lagen wie
bewusstlos am Boden und fhlten keine Mosquittosstiche mehr; nur die
Schiffsjungen, welche noch keine solche Sufer waren, liefen heulend und
fluchend umher.

Ich hatte mein Bett an den Schiffskapitn, einen schon bejahrten
Mann abgetreten; die zwei Passagiere hatten sich aus meiner und den
Schiffsflaggen eine Art Zelt ber ihre Matratzen gemacht, die Steuerleute
aber und ich lagen auf dem Fussboden der Aussenkammer, wo es nicht mglich
war, vor dem Gesumse und den Stichen dieser diabolischen Insekten ein Auge
zu schliessen.

Mit Sehnsucht erwartete ich den Morgen. Pltzlich vernahm ich ein
jammervolles Angstgeschrei, das auf dem Platze erscholl, und eilte hinaus,
um die Ursache zu erfahren. Einer der Schiffsjungen, der noch nie in einem
Tropenlande gewesen war, kam mir zitternd entgegen und erzhlte von einem
schrecklichen Thiere, das unter einem Stapel Bretter, worunter er sich
vor den Mosquittos habe verstecken wollen, ssse. Ich untersuchte nun den
Stapel und fand eine grosse Krte, die durch ihren dumpfen Schrei den armen
Jungen so erschreckt hatte.

In der Frhe des andern Morgens kamen beinahe alle Indianer des Dorfes
mit ihren Corjaalen, von welchen die grsste, dem Kapitn der Indianer,
Christian, gehrig, wenigstens 50' Lnge und 5' Breite hatte. Er selbst,
neugierig gemacht durch die Erzhlungen des Indianers, der mich den vorigen
Tag aufs Schiff brachte, hatte seine drei Weiber mitgenommen, von welchen
die jngste, kaum 16 Jahre alte, ihm besonders ans Herz gewachsen zu seyn
schien.

Wir kamen schnell an Bord, und jetzt sah ich erst, wie grulich die
Matrosen den Abend zuvor hier gehaust hatten. Im Schiffsraum lag Alles
durcheinander, wie Heu und Stroh, und vor den Glas- und Porzellanscherben
war den Indianern besonders bange. Ich fand glcklicherweise einen Korb mit
Stiefeln und Schuhen, von welchen ich den Mnnern austheilte, die freilich
fr ihre niedlichen Fsse die meisten zu gross fanden. Nun zog man ans
Licht, was mir von Bedeutung zu seyn schien, und es wurden so schnell als
mglich alle Corjaalen damit beladen. Es kostete wirklich keine geringe
Mhe, das Vlkchen im Zaume zu halten und grssere Trunkenheit zu verhten.

So verschiedene Getrnke und Leckereien auch an Bord waren, so machte doch
nichts auf diese Menschen Eindruck; nur Genever, Zwieback und Stockfische
wurde von ihnen in Anspruch genommen.

Gleichgltig luden sie Alles, was ich ihnen bot, in ihre Corjaalen; nur
als ich zuflliger Weise einige grosse Schachteln mit seidenen Frauenhten,
Blumen und Bndern fand, kamen Alle auf mich zu, mich darum zu bitten. Als
ich ihnen den Plunder, der doch nicht viel werth war, berliess, fielen
sie wie reissende Thiere darber her, und die Vordersten, welche das Glck
hatten, mehrere zu bekommen, setzten sie bereinander auf, whrend die,
welche keine bekamen, sich nicht zufrieden geben wollten.

Mehrere blechene Bchsen voll sogenannter St.Nicolas-Kuchen, welche
allerlei Figuren, als Dampfboote, Thiere u.s.w. vorstellten und mit
kleinen Stckchen Schaumgold beklebt waren, erregten ihre Aufmerksamkeit
in ebenso hohem Grade und zwar nicht wegen seines feinen Geschmackes, denn
keiner wollte auch nur die Probe machen und davon essen, sondern wegen der
Figuren, die sie so drollig fanden. Sie machten Schnre daran und
trugen sie so lange um den Hals, bis der Kuchen, von Schweiss und Wasser
durchnsst, als Brei an ihnen herabfloss. Man denke sich nun ein paar
Dutzend rothe, nackte Menschen in Stiefeln und Schuhen, mit stapelweise
bereinander gesetzten und mit Blumen garnirten Damenhten, behangen mit
Colliers von Lebkuchen, die Masten und Schiffsleitern auf- und abklettern,
Kisten und Fsser einladen und die Flaschenzge versetzen, so kann man
wirklich nichts Barockeres sich vorstellen.

Indessen wir Alle aus Krften arbeiteten, sass das Oberhaupt mit seiner
Frau in der Kajte und trank eine Flasche nach der andern aus. Die
mancherlei Getrnke, welche sein junges Weibchen getrunken hatte,
verursachten ihr einen solchen Rausch, dass sie ohne Bewegung am Boden
lag, und mit starren Augen wie ein Schaf blckte. Trostlos sass der total
betrunkene, alte Mann neben seiner Liebsten, unvermgend, ihr beizustehen.

Das Boot war unterdessen geladen und die Indianer drangen auf die Abreise,
weil die Fluth mit Gewalt heraufkam, und es gefhrlich war, lnger
zu verweilen. Nach manchem vergeblichen Versuche, die Frau wieder zur
Besinnung zu bringen, rieb ich ihr das Gesicht mit Eau de Cologne, von
welchem eine Kiste voll der schlechtesten Sorte sich an Bord befand. Es
mochte ihr vielleicht etwas davon in die Nase gekommen seyn, denn sie
fing an, schrecklich zu niesen und machte ein Gesicht, das mir so komisch
vorkam, als ihr mit Lebkuchen geschmcktes Volk.

Mit Mhe klomm endlich Christian in die Corjaal und empfing sein Weibchen
sanft in seinem Schoos. Wir hatten ihr ein Tau um den Leib gemacht und sie
wie ein Fass in die Corjaal gelassen.

Die See war unterdessen so ungestm geworden, dass mir fr die Ladung und
mein Leben bange war und das Jammern und Streiten der furchtsamen Weiber
war gar nicht geeignet, mir Muth einzuflssen. Die Corjaal war bermssig
geladen; denn ausser 400 Fsschen Butter,  14Pfd., 10 Fssern Madeira
im Werthe von 1200fl., war noch eine Menge Wein und Lebensmittel,
Quincaillerie und Federbetten aufgethrmt. Dabei sassen mit Alt und Jung
gewiss 40 Personen darin. Endlich waren Alle eingestiegen und schon liess
man das Tau los, um abzufahren, als eine Welle das Brett (den Stern),
woran an grossen indianischen Corjaalen das Steuerruder befestigt ist,
herausschlug und das Wasser wie durch eine geffnete Schleusse in die
Korjaal strmte. Ein Zetergeschrei der Weiber erfllte die Luft. Schnell
aber hatte der Steuermann sich mit seinem Hintern in die Oeffnung gesetzt,
um das weitere Eindringen von Wasser zu verhten, whrend ein anderer
Brett und Steuer wieder befestigte und die Risse mit Stcken seines Camises
ausstopfte, wodurch dem Schaden abgeholfen war. Ich dankte Gott, als ich zu
Hause ankam.

Hier wurde nun Alles in grsster Eile ausgeladen und am Strand
niedergelegt. Die Sorge fr Weiterschaffung und Aufbewahrung des
Mitgebrachten wurde mir allein berlassen. Mit zwei Kisten Genever fuhr
mein Vlkchen nach seinem Drfchen, um sich da recht gtlich zu thun. Meine
Soldaten waren wieder in dulci jubilo und konnten sich kaum auf den Fssen
halten.

Die Matrosen schliefen, somit war ich genthigt, Alles selbst zu thun.

Auf Brettern, welche ich in den Sand gelegt hatte, rollte ich die schweren
Fsser aufwrts in die Mitte des Platzes. Mit schweren Kisten formte
ich ein Carr, in dessen Mitte die kleineren Gegenstnde, als Butter-,
Weinfsschen, Kisten u.s.w. niedergelegt wurden. Hierauf berdeckte
ich Alles mit Brettern, um den Regen und die Sonnenhitze abzuhalten. Es
herrschte nun ein Ueberfluss auf dem Posten, bei welchem die Soldaten weder
Maas noch Ziel kannten. Was sie nicht von den Matrosen bekommen konnten,
suchten sie von meinen mitgebrachten Waaren, ber welche ich ein geregeltes
Inventarium fhrte, wegzunehmen. Sie assen und kochten gemeinschaftlich
mit den Matrosen, wobei die vielen, vom Schiffe abgeholten Lebensmittel die
besten Mahlzeiten gegeben htten. In Folge des bestndigen Trinkens aber
verwendete man keine besondere Sorgfalt auf die Kche. So wurde einmal ein
ganzes etwa 10Pfd. schweres Fsschen gesalzener Bratwrste in den Topf
gethan; dadurch wurde das Essen so salzig, dass man es nicht mehr geniessen
konnte, und man vor Zorn den ganzen Frass zur Thre hinauswarf, wo die
auflauernden Stinkvgel kniglich schmausten, und wobei es lustig anzusehen
war, wie sie sich um die noch aneinandergereihten Bratwrste herumzerrten.

Den zweiten Tag fuhr ich mit so vielen Corjaalen, als aufzutreiben waren,
wieder an Bord, und weil da die grosse Corjaal von den zwei Passagieren,
welche den andern Tag nach Paramaribo fahren wollten, gemiethet wurde, so
fuhr ich des Abends abermals ans Schiff, um heute noch so viel als mglich
abzuholen.

Von jetzt an gebrauchte ich die Vorsicht, alle feineren Weine und theuren
Leckerbissen in der Vorkammer meines Hauses niederzulegen und so aus den
Klauen der Soldaten und Matrosen zu retten. Mit diesen hatte ich meine
liebe Noth; denn sie waren nicht mehr mit Genever und rothem Wein, von
welchem ein Fass offen dalag, so dass sie trinken konnten, so viel sie
wollten, zufrieden, sondern verlangten Rheinwein und Madeira, wovon ich
Fsser und Kisten im Hause aufbewahrte.

Da ich ihnen erklrte, dass ich nicht befugt sey, ber diese Gter,
welche der Assecuranz gehrten, zu disponiren, und natrlich das Verlangte
verweigerte, so beschlossen sie, mich zu zwingen und das Haus zu strmen.
Diess wre nun gerade kein Hexenwerk gewesen; denn ausser dem alten und
krnklichen Kapitn und den zwei Passagieren befanden sich darin nur noch
die zwei Steuermnner, welche aber geheime Ursachen dazu hatten, auf Seiten
ihres Schiffsvolkes zu bleiben. Sie marschirten nun mit Aexten und Sbeln
bewaffnet, heran, und forderten mich noch einmal zur Herausgabe von
Rheinwein auf. Statt der Antwort lud ich meine zwei Gewehre und drohte, den
ersten, der ber meine Schwelle kme, niederzuschiessen. Der Kapitn kramte
gegen sein Volk alle seine Beredtsamkeit aus und stellte ihnen vor, welchen
Strafen sie verfallen wrden.

Sie zogen sich endlich unter allerlei bekannten Einladungen, die sie an
mich ergehen liessen, zurck, und tranken nun wieder Schiedams edlen Trank,
der ihnen kurz zuvor viel zu schlecht gewesen war.

Bei dieser Scene waren die Matrosen die Aergsten gewesen, und sie hatten
offenbar die Soldaten dazu aufgewiegelt.

Am dritten Tag kam Christian mit seiner Corjaal, um die beiden Passagiere
nach Paramaribo zu bringen. Ich setzte durch, dass auch zwei der
schlimmsten Matrosen, welchen ich nicht trauen konnte, mitgeschickt wurden.
Der Kapitn wollte noch einige Zeit bleiben, um das Schicksal seines
Schiffes abzuwarten.

Sonderbar schienen mir die Gesetze der Assecuranz zu seyn, weil er es nicht
wagte, etwas von Bord zu holen. Eine grosse Barkasse, mit welcher man
in 4-6 Tagen bei anhaltender Thtigkeit die ganze Ladung ausser den
Backsteinen, welche als Ballast dienten, leicht hatte retten knnen,
lag unbentzt am Strand, und so war ich genthigt, ohne die mindeste
Hlfeleistung von Seiten des Schiffsvolks, die Sachen nach und nach ans
Land zu bringen.

Die Passagiere hatten meinen Rapport an den General-Gouverneur, dem ich ein
Inventarium ber alle bis jetzt ans Land gebrachten Gter beigelegt hatte,
mitgenommen. Einen andern Rapport hatte ich den Tag zuvor dem Kommandanten
auf Armina durch Indianer zugeschickt.

Mir war nun nach der Abreise der zwei Passagiere und Matrosen wieder
leichter ums Herz, weil ich einerseits mich vor Revolutionen auf meinem
Posten gesichert glaubte, anderseits desswegen, weil ich wieder in meiner
eigenen Kammer logiren konnte.

Tglich fuhr ich mit Corjaalen an Bord; aber da diese nur klein waren, so
war auch das ans Land Gebrachte von geringer Bedeutung.

Da das Schiff auf seiner Sandbank jedem Wellenschlag zu trotzen schien, und
selbst nach sechs Tagen noch kein Leck an ihm zu bemerken war, so war
ich auch fest davon berzeugt, dass bei eifriger Arbeit Ladung und Schiff
htten gerettet werden knnen.

Acht Tage nach dem Stranden des Schiffes kam mein Kommandant von Armina
in Begleitung des Doctors. Er war sogleich nach Empfang meines Schreibens
abgereist; denn die Sache lag ihm sehr am Herzen, und er bedauerte nur,
dass ich die armen Schiffbrchigen nicht genugsam untersttzen konnte. Auch
von dem, auf dem Posten herrschenden Wirrwarr und Wohlleben war er durch
meinen Brief und den Ueberbringer desselben hinlnglich unterrichtet,
und er hatte desswegen ausser einigen Boschen Bananen nicht das Mindeste
mitgebracht, das zur Untersttzung der Armen htte dienen knnen.

Der Doctor, welcher den Kommandanten begleitete, merkte so gut wie dieser,
dass es hier etwas zu verdienen gbe. Seine Menschenfreundlichkeit war
also nicht der geringste Grund, diese Reise zu machen, bei welcher ihn der
Kommandant nur mit Widerwillen mitgenommen hatte, und blos desswegen, weil
er sich auf keine Weise zurckhalten liess. Ich machte sogleich nach der
Ankunft des Kommandanten ihm den pflichtschuldigen Rapport, zeigte ihm das
Inventarium, und gab ihm auch das Concept des, an den General-Gouverneur
abgesandten Briefes. Letzteren missbilligte er hchlich, weil ich als
Korporal nur an ihn zu rapportiren, und durch mein eigenmchtiges Handeln
mich eines unverantwortlichen Fehlers gegen die Disciplin schuldig gemacht
habe, wesswegen auch ohne Zweifel ein ernstlicher Verweis wegen eines
solchen gesetzwidrigen Schritts vom Gouvernement erfolgen werde. Ich machte
mir darber keine Sorgen, weil ich wohl einsah, dass der Unzufriedenheit
des Lieutenants ber meine Anmasung ganz andere Motive zu Grunde lagen, als
die eines Versehens gegen die Dienstordnung.

So unangenehm ihm mein eigenmchtiger Schritt auch war, so beruhigte er
sich doch wieder bei der Masse von Gegenstnden, welche theils noch an
Bord sich befanden und zu bekommen waren, theils seit der Absendung meines
Inventariums durch mich wieder abgeholt worden waren.

Das gemeinschaftliche Interesse, welches wir bei der Sache hatten, hob
so ziemlich die Scheidewand auf, welche zwischen mir als Corporal und den
beiden Officieren bestand, und es herrschte eine Vertraulichkeit unter uns,
als wren wir aus _einem_ Teige gebacken.

Inzwischen fuhren die zwei Boote, welche der Kommandant mitgebracht hatte,
alle Tage an Bord und holten den grssten Theil der Gter ab.

Das Schiff sank spter immer tiefer, so dass bei hoher Fluth die Wellen
manchmal darber hinschlugen und den untern Raum bald mit Wasser ausgefllt
hatten. Man war desshalb genthigt, einige grosse Lcher hineinzuhauen,
damit das Wasser mit der Ebbe wieder herauslaufen konnte. Viele hundert
Krbe mit Erdpfeln und Zwiebeln fllten den vordern Theil des Raumes aus,
wo ich sie gelassen hatte, weil sie mir von zu geringem Werth waren.

Diese waren nun dem Seewasser ausgesetzt und verfaulten mit unertrglichem
Geruche, von welchem wir selbst auf dem Posten die Nase voll hatten, wenn
der Wind nordstlich wehte.

Einige Tage nach der Ankunft des Kommandanten wurden die Soldaten, welche
sich so schlecht betragen hatten, mit Ausnahme von einem, der mir zuweilen
noch ein wenig geholfen hatte, nach dem Posten Armina gesandt. Ihre Kisten
wurden zuvor auf dem Platze vom Kommandanten untersucht und ihnen Genever
und Branntwein abgenommen, weil auf der Reise dahin leicht ein Unglck
htte entstehen knnen.

Nun war unter den Abgehenden ein junger Kerl, der durch frhlichen Humor
und seine Possenstreiche Jedermann belustigte.

Der Lieutenant hatte, um seinem Respecte nichts zu vergeben, die
leuchtenden Zeichen seiner Wrde auf seinen Schultern hangen, und war
gerade an der Kiste des Possenreissers beschftigt, als dieser hinter dem
Rcken des Officiers eine abscheuliche Maske mit langen, grauen Brten
aufsetzte, die er wahrscheinlich von einem Matrosen bekommen hatte. Doctor,
Kapitn und ich sahen dem Spasse zu, und die Neger, Indianer, Matrosen und
Soldaten, welche den Kommandanten umstanden, erwarteten begierig das Ende.

Endlich wandte sich dieser um, und vor ihm stand die gruliche Gestalt des
Spassvogels, der sich berdiess noch hchst barock herausgeputzt hatte.

Entsetzt wich der Kommandant zuerst etliche Schritte zurck, verfolgte
denselben aber sogleich unter dem schallenden Gelchter der Umstehenden bis
in die Savannen.

Nachdem der Kapitn, die Matrosen und Soldaten abgereist waren, war ein
stilles, angenehmes Leben, bei welchem man Alles recht untersuchen konnte,
ohne gestrt zu werden, an die Stelle lrmender Bewegung getreten.

Es waren vier Neger zurckgeblieben, welche mit mir oder dem Doctor tglich
an Bord fuhren. Bei unserer Zurckkunft berraschte uns der Kommandant, der
ein Meister in der Kochkunst war, mit den delicatesten Mahlzeiten, welche
aus dem Ueberflusse unter seiner Leitung bereitet wurden.

Das Boot kam endlich von Armina an und brachte drei schwarze und einen
weissen Soldaten.

Zugleich kam ein Schooner mit einem Gouvernementsbefehl an mich, worin mir
das Gouvernement seine besondere Zufriedenheit ber die von mir getroffenen
Maasregeln bezeugte, und mir zugleich befohlen war, die geretteten Gter
mit dem Schooner abzuladen, an dessen Bord sich sechs Kriegsmatrosen
befanden, um dem Kapitn, einem alten, schlauen Englnder, dem solche
Affairen nichts Neues waren, beizustehen. Jetzt machte sich der Kommandant,
nachdem er noch so viel als mglich in seine zwei Boote gepackt hatte, mit
dem Doctor davon, ber die Unmglichkeit seufzend, dass man nicht das ganze
Schiff nach Armina transportiren knne.

Der Kapitn war nun vor der Hand damit beschftigt, Schiffsartikel, als
Segel, Tauwerk u.s.w., seinem Schooner anzupassen, so dass dieses alte,
gichtbrchige Fahrzeug bald ein gar stattliches Aussehen hatte und
alle seine Rume und Ecken fr die Zukunft mit brauchbaren Gegenstnden
ausgefllt waren.

Die Kriegsmatrosen hatten whrend dieser Zeit freien Lauf und bentzten
diese auch auf's Kstlichste. Am Tage ihrer Ankunft war gerade eine
indianische Arowackenfamilie bei mir auf Besuch gekommen. Es waren meistens
Weiber, welche der Schnaps angelockt hatte. Die Matrosen nahmen nun von
meinem Haufen, dessen Gegenstnde verzeichnet waren, ein paar Kisten
Branntwein, und bald lag das ganze Vlkchen besinnungslos auf der Savanne.
Es war gerade nicht nthig, dass die Nacht ihren Schleier ber diese Scene
warf; denn die Indianer waren so betrunken, wie ihre Weiber, dass sie die
Fehltritte derselben nicht bemerken konnten.

Ich hatte mich in mein Haus eingeschlossen und lag schon in tiefem Schlaf,
als ein hllisches Geschrei und Gepolter, das aus der Bckerei zu kommen
schien, mich weckte. Mit dem Licht in der Hand lief ich sogleich hin, um
dieses Nachtstck zu beleuchten. Dort fanden sich zwei Matrosen mit zwei
indianischen Weibern, welche, um sich vor Mosquittosstichen zu schtzen,
in's Bett des Bckers gekrochen waren, das er gutmthig ihnen abgetreten
hatte. Dieses, aus Mehlfassdauben zusammengenagelte, wurmstichige Mbel,
das schon seit Olim's Zeiten ein Bcker dem andern berlieferte und blos
fr einen Mann bestimmt war, brach unter seiner Last und fiel mit derselben
auf die, unter ihm liegenden Mehlfsser.

Diese (der Teufel hatte offenbar sein Spiel dabei) waren mit der
Schlafmaschine einige Schritte fortgerollt und stiessen an den Backofen an,
der, ebenfalls schon lange im schlechten Zustande, einige Risse bekam. Die
Matrosen und ihre Schnen waren bei dieser Rutschparthie mit heiler Haut
davon gekommen; dem Bcker aber, der sich im Backtroge gebettet hatte,
fiel in Folge der Erschtterung der Deckel desselben auf den Kopf und
verursachte ihm einige Beulen.

Ich fand, als ich mit dem Lichte kam, noch Alle voll Bestrzung. Die
Indianerinnen schoben ihre Feigenbltter (Kwejus) wieder zurecht, und
die Matrosen tranken auf diesen Schrecken mit dem Bcker einige Glser
Branntwein.

Nach etwa vierzehntgigem Aufenthalt, whrend welcher Zeit der Kapitn
seine legale und nicht legale Arbeit verrichtet hatte, zog auch er mit
seinen Matrosen von dannen.

Jetzt hatte ich wenigstens einige Wochen vor Besuchen Ruhe, und wendete
diese Zeit zu hufigen Besuchen bei meinen Nachbarn, den Indianern, an, um
ihre Sitten und Gebruche kennen zu lernen.

Sie gehren, wie die meisten der Indianer, zum Stamme der Caraiben; ihr
ganzes Dorf mochte etwa 100 Kpfe stark seyn. Das Oberhaupt, ein 55-60
Jahre alter Mann, hiess Christian. Er hatte von verschiedenen Weibern
wenigstens 12 Kinder, von welchen die meisten erwachsen und verheirathet
waren. Er stand bei allen Indianern als Piaiman, d.h. Doctor oder
Zauberer, in grossem Ansehen und wurde, wenn Jemand ernstlich krank war,
sogleich gerufen. Ich hatte spter Gelegenheit, seine Beschwrungen mit
allen Zubereitungen in bester Form zu sehen.

Die Lebensweise der Caraiben ist im Allgemeinen von der der Arowacken
nicht sehr verschieden, nur sind diese sanfter von Character. Auch die
Gesichtszge der Arowacken, besonders die der Frauen, sind feiner und
geflliger und haben nicht den derben Ausdruck der Caraiben.

In Beziehung auf die Reinlichkeit ihrer Haushaltungen und ihres Krpers
sind die Caraiben viel pnktlicher, und obgleich beide Stmme in
Freundschaft mit einander leben, verachtet doch einer den andern. Die
Arowacken sind meist gute Jger; dagegen scheinen die Caraiben den
Fischfang besser zu verstehen, auch sind letztere im Bau der Corjaalen und
in der Fhrung derselben bei strmischem Wetter jenen berlegen.

Die Caraiben sind ein schner, krftiger Menschenschlag; die Mnner sind
selten ber 5' hoch, die Weiber aber bedeutend kleiner. Sie ttowiren
sich nicht, bemalen aber zur Zeit ihrer Feste, und besonders, wenn sie von
Reisen zurckkommen, den Leib mit dem Safte einer Frucht (Taburiba), der
das Eigenthmliche hat, dass er sich durch nichts abwaschen oder
ausbeizen lsst, aber tglich blsser wird, und mit dem achten Tage ganz
verschwindet. Die Farbe dieses Saftes ist schwarz und wird mit einer
Federspule auf den Leib aufgetragen. Das Bemalen aber, dem sich Mnner
und Weiber unterziehen, ist ein langweiliges Geschft, das mehrere Stunden
dauert, weswegen man auch nur wenige so bemalte Indianer sieht. Die Meisten
begngen sich damit, dass sie den Saft auf den Leib spritzen und denselben
mit der Frucht einreiben.

Die Haare werden mit einer Salbe von Rocou (Orlean) und Crapatl
beschmiert, und diese besonders auf der Stirne beinahe fingersdick
aufgetragen. Die Fsse werden ebenfalls bis zu den Knieen roth gefrbt. Auf
dem Gesichte werden mit einer Farbe, Crawaru, vermischt mit dem angenehm
riechenden Harze (Arakasiri), Striche und Punkte angebracht. Federkronen,
Colliers von Affen-, Pakir-, oder Caimanzhnen vollenden den Putz.

Ihre Weiber sind von denen der Arowacken besonders leicht zu unterscheiden,
denn die Caraibinnen tragen statt des niedlichen Perlenschrzchens, das
deren einzige Bedeckung ist, ein langes, dunkelblaues Tuch, das durch einen
Grtel von Affenhaaren (vom Stentor ursinus) befestigt ist, und durch die
Beine gezogen, zu demselben Zweck dient. Ihre schnen, schwarzen Haare sind
auf der Stirne glatt abgeschnitten, meistens los, aber auch oft in Zpfe
gebunden. Die Unterlippe ist von einer grossen Stecknadel durchbohrt, deren
Spitze nach aussen gekehrt ist und als Waffe gegen unerlaubte Freiheit
dienen kann.

Manche caraibische Schne trgt in ihren Ohrlppchen Prpfe oder Knochen,
welche zuweilen daumendick sind. Das Auffallendste aber sind ihre Waden,
welche gleich kleinen Fsschen hervorstehen. Die starken baumwollenen, 3"
breiten Bnder, mit welchen das kleine Mdchen oberhalb der Knchel und
unterhalb der Kniee gebunden wird, und die nie abgenommen werden,
hindern das natrliche Wachsthum und machen, dass die Waden so unfrmlich
heraustreten.

Die jungen Mdchen sind, diesen Misswachs abgerechnet, niedliche Geschpfe,
werden aber, wenn sie lter werden, bermssig breit, platt wie eine
Bratpfanne, und ihre Brste, an welchen manchmal Kinder, Affen und
junge Hunde zugleich saugen, haben besonders in ihren spteren Jahren so
ziemliche Aehnlichkeit mit schweinenen Tabaksblasen.

Wie ganz anders ist dagegen eine junge Buschnegerin gestaltet! Welches
Ebenmaas, welche Flle der Glieder! Die schwarze, atlasfeine Haut, die
ppigen Verhltnisse der Glieder wrden einem Bildhauer das reinste Modell
eines schnen Weibes liefern. Nur Schade, dass diese schwarzen Schnheiten
einen Geruch um sich verbreiten =witch all the perfums of Arabia not can
sweeting=, eine Eigenschaft, welche die Indianer nicht besitzen.

In ihren huslichen Verhltnissen findet zwischen den Caraiben und
Arowacken wenig Unterschied statt. Die Meisten begngen sich mit Einem
Weibe. Man findet aber auch solche, die zwei, drei oder mehr Weiber haben,
von welchen jede eine besondere Htte fr sich und ihre Kinder hat. Kommt
nun ein Mann, der einen solchen Harem besitzt, nach Hause, so wird ihm von
seinen Weibern sein Essen vorgesetzt, das immer in Cassavebrod und einer,
aus zahllosen spanischen Pfeffern gekochten Sauce, nebst Wild und Fischen
besteht, wenn er solches mitbrachte. Jede dieser Weiber bringt ihr Essen
dem Mann, setzt es vor ihm nieder und entfernt sich sogleich wieder,
ohne ein Wort zu sprechen. Man kann desshalb aus der Anzahl der Schsseln
errathen, wie viele Weiber ein Mann hat. Nach dem Essen nimmt jedes Weib
wieder ihre Schssel weg und verzehrt den Ueberrest mit den Kindern in
ihrer Htte.

In solchen polygamischen Ehen gibt es aber manchmal Mordspektakel, und die
Autoritt des Mannes wird, wenn die Damen einmal in der Wuth sind, wenig
mehr beachtet. Ehliche Treue ist unter ihnen gar nicht zu finden, und es
geschieht hufig, dass ein Weib monatelang sich bei einem andern Indianer
aufhlt, und nachher wieder zu ihrem Manne zurckkehrt. Ebenso ist es nicht
selten, dass Mnner ihre Weiber und Kinder verlassen und sich an andern
Pltzen wieder ansiedeln.

Es gibt gewiss kein unbestndigeres Volk, als die Indianer. Der kleinste
Umstand kann ihre Laune ndern und machen, dass sie Aecker und Wohnungen,
selbst wenn diese erst neu angelegt sind, sowie ihre Familien verlassen,
und sich lieber mit unsglicher Mhe an andern Pltzen wieder anbauen, die
ihnen bei weitem den Vortheil ihrer verlassenen Heimath nicht geben. Und
wie die Alten, so die Jungen!

Es ist nichts Ungewhnliches, dass Kinder von 10-12 Jahren von ihren Eltern
weglaufen, und nach andern, oft weit entfernten Drfern, wo sie Bekannte
haben, gehen. Eine Hngematte, Pfeil und Bogen und vielleicht noch ein
altes Messer sind der ganze Reichthum eines solchen kleinen Vagabunden, der
aus jeder Eidechse, jedem Vogel oder Fisch, den sein Pfeil erreicht, seine
Mahlzeit zu bereiten weiss.

Eltern- und Kinderliebe gehrt zu den Seltenheiten, und fr Alte und Kranke
scheint man ganz gefhllos zu seyn. Selbst Mtter, deren Kinder des Nachts
aus ihrer Hngematte ins Feuer fielen und sich auf schauderhafte Weise
verbrannten, liessen diese armen Wrmer ohne Hlfe wimmern und tanzten
ungerhrt beim Tapanafeste in den Reihen der Uebrigen.

Solche Brandwunden kommen sehr hufig vor, weil die Indianer immer Feuer
unter der Hngematte haben, und manches Kind, das von der betrunkenen
Mutter wegkroch, ins Feuer fllt.

Die Drfer sind ohne alle Symmetrie, meist dicht an einem Flusse oder einer
fahrbaren Kreek angelegt, und die Huser stehen ohne alle Ordnung in die
Kreuz und Quer da, wo sie eben die Laune des Eigenthmers hinstellte.

Jede Familie hat ihre eigene Htte, die so lange bentzt wird, bis sich
kein Pltzchen mehr findet, an welchem die Hngematte vor Regen geschtzt
ist. Der Bau dieser Htten ist zweckmssig und sehr einfach. Zwei oder drei
etwa 8 Zoll dicke Pfosten von schnem, geradem Holze werden so weit von
einander in die Erde eingegraben, als die Htte lang werden soll. Sie sind
10-12' hoch und tragen eine starke Querstange, die so lang ist, als das
Haus, und zum Tragen des Daches bestimmt ist. Vier Pfosten von etwa 4'
Hhe sind an vier Ecken in die Erde eingerammt, und tragen zwei mit der
Mittelstange parallel laufende Stangen von gleicher Lnge. An dieses
Rahmenwerk wird eine gewisse Anzahl leichter Stangen mit Buschtau
festgebunden und im Gipfel des Hauses an die grosse Querstange befestigt.

Die Bltter der grossen Heliconie werden in der Mittelrippe zusammengelegt,
und ein Blatt neben das andere mit Lianen angereift.

Nachdem durch das Zusammenfgen vieler dieser grossen Bltter ein
ansehnliches Stck des Daches gemacht ist, wird dieses mit Sparren und
Stangen beschwert und bleibt so lange auf dem, zuvor sorgfltig gesuberten
Boden liegen, bis die steifen Bltter etwas welk geworden sind und das
ganze Stck sich zusammenrollen lsst. Man befestigt sodann das eine Ende
am Giebelbalken mit starken Lianen, und entrollt die Decke. Diese Stcke
sind gerade so lang, als die Bltter breit sind, etwa 7-8' lang, und
es werden desshalb ihrer so viele verfertigt, als die Lnge des Hauses
erfordert. An das erste wird das zweite, etwas ber jenes, und so jedes
Stck gelegt, damit der Regen nicht eindringen kann.

Sind beide Seiten des Daches auf diese Weise gedeckt, so wird mit knstlich
zusammengeflochtenen Cumublttern der Giebel bedeckt.

Alles dieses wird mit Lianen ans Rahmwerk festgebunden. So leicht diese
Dcher auch sind, so undurchdringlich sind sie doch fr den Regen. Eine
solche Htte ist 2-3 Jahre in gutem Zustand, und wenn sie dem Winde nicht
zu sehr ausgesetzt ist, noch von lngerer Dauer.

Fleissige Indianer pflegen auch noch ein Schlafgemach zu bauen. Die Htte
wird dann bedeutend hher, und etwa 6' vom Boden sind ber die ganze Breite
desselben sogenannte Pallisaden gelegt, die den Fussboden bilden.
Die Giebelseiten werden sorgfltig mit Tas oder andern Palmblttern
verschlossen, und nur auf einer Seite wird eine Oeffnung, welche die Thre
vorstellt, gelassen, die des Nachts mit einer, ebenfalls aus Palmblttern
geflochtenen Decke verschlossen wird.

Zu diesem Schlafzimmer fhrt eine Treppe, welche aus einem Baumstamme roh
gearbeitet ist.

Auch hier hat jedes Individuum sein Feuerchen unter der Hngematte, und es
ist in der That unbegreiflich, dass nicht mehr Brandunglck entsteht. Die
Palissaden werden zu diesem Zwecke mit alten Scherben bedeckt, auf diese
wird etwas Erde geschttet und hierauf das Feuer angemacht. Das Holz hiezu
schaffen die Weiber herbei, deren Aufgabe auch das Anmachen der Feuer ist.

Am frhen Morgen (denn mit anbrechendem Tage verlsst alles die Hngematte,
um sich im Strome zu waschen) reinigen die Weiber die Htte, backen Brod
und kochen das Essen.

Die Mnner gehen hierauf auf die Jagd, fischen manche Krbe, oder liegen
wieder in die Hngematte und bekmmern sich nicht im mindesten um die
Haushaltung.

Die Caraibinnen sind sehr geschickt im Verfertigen von Krgen, Tpfen und
grossen Trgen, worin Casiri und Tapana gebraut wird. Ebenso haben sie
eine grosse Geschicklichkeit in der Verfertigung von Hngematten. Die Tpfe
werden aus einem grauen oder rthlichen, sehr fetten Lehm gemacht, den
sie meist weit her holen. Dieser Lehm wird zuerst von allen Unreinigkeiten
gesubert und mit dem Pulver der zu Kohlen verbrannten Rinde des
Kwepiebaumes vermischt und dann mit den Hnden so lange gerieben, bis sich
alles gleichmssig vermengt hat. Die Werkzeuge zu dieser Tpferarbeit sind
sehr einfach und bestehen bloss aus einem Brettchen, auf welches das zu
Verfertigende gestellt wird, einigen Stcken Calabassen, die wie Lffel
oder Spatel gestaltet und zum Abkratzen des berflssigen Thons, sowie zur
Glttung des Werks bestimmt sind, auch aus einer Calabasse mit Wasser, um
das Werk zu befeuchten.

Der Thon wird zu dnnen, langen Wrstchen ausgerollt, auf dem Brettchen ein
runder Boden verfertigt, an den diese Wrstchen angeklebt und immer in der
Runde mit dem Spatel bearbeitet werden. Ist die Arbeit fertig, so stellt
man sie an einem luftigen Ort zum Trocknen auf.

Die Schsseln werden sodann von innen mit Orlean und einer Art Firniss von
Copal bestrichen, nachdem sie zuvor mit einem rothen, jaspisartigen Stein,
der in der Correntin oder dem Maho gefunden wird, geglttet wurden.

Sind die Tpfe oder Krge trocken genug, so wird ein Feuer aus Baumrinde um
sie angemacht, und sie dann, wenn sie vortheilhaft ins Auge fallen sollen,
mit dem Safte eines Kfers, welcher braun frbt, bemalt.

Diese Wasserkrge sind in der ganzen Colonie im Gebrauche, und es erhlt
sich das Wasser auch sehr khl in ihnen, weil sie pors sind und immer
schwitzen.

Eine andere bedeutende Beschftigung ist die Verfertigung von Hngematten.

Cattun, den sie theils selbst um ihre Htten pflanzen, theils von den
Plantagen eintauschen, wird in mssigen Stunden von ihnen gesponnen, und
dann, wenn eine hinreichende Quantitt, etwa 10-15 Pfund Garn vorhanden
sind, der Webstuhl aufgeschlagen. An zwei aufrecht stehenden Pfosten
sind zwei andere so weit auseinander befestigt, als die halbe Lnge der
Hngematte betragen soll. Um diese Pfosten wird nun der Zettel gewunden,
der Eintrag durch Aufhebung der Zettelfden durchgeschoben und mit einem
harthlzernen, glatten Lineal festgeklopft.

Dass diese Arbeit sehr langsam fortschreitet, ist leicht begreiflich.
Diese Hngematten sind aber sehr dicht und warm, und werden mit 25-30fl.
bezahlt. Die andern Hngematten werden aus Schnren, welche aus den
Blttern der Mauritia geflochten sind, gewoben, gleichen aber einer Art
Netzwerk, und sind nicht dauerhaft.

Die Bebauung der Felder ist ebenfalls den Weibern berlassen. Die Mnner
fllen zwar die schweren Bume mit der Axt, aber die Weiber mssen das
kleinere Gestruch mit den Hauern abschlagen. Nachdem nun alles in vier bis
sechs Wochen gut ausgetrocknet ist, steckt man den Haufen an der Windseite
in Brand. Was nicht verbrannte, wird in kleinere Stcke gehauen und wieder
angezndet, und das thut man so lange, bis man einen hinlnglichen Platz
zur Anpflanzung der Cassavestcke hat. Auf einem solchen Acker sind bei
weitem nicht alle Bume verbrannt, sehr viele liegen noch durcheinander
am Ort, wo sie gefllt wurden, und es ist desshalb eine Promenade in einem
indianischen Acker sehr ermdend, weil man bald ber Bume klettern, bald
unter ihnen durchkriechen muss.

Beim Beginn der kleinen Regenzeit, Anfangs December, wird der Acker mit
Cassave oder Maniok bepflanzt. Die knotigen Zweige dieses Strauches werden
in 3-4 Fuss lange Stcke zerbrochen, und zwei oder drei derselben etliche
Zoll unter dem Boden kreuzweise bereinandergelegt und vergraben. In
einigen Tagen schon schlagen die Stcke aus und wachsen sehr schnell, so
dass bei gutem Boden die Wurzeln oder Knollen in neun Monaten reif sind.
Mais und Ananas wird zwischen den Maniok hinein gepflanzt, auch Yamswurzeln
oder dergleichen, aber alles ohne die mindeste Ordnung.

Wird ein solcher Acker nicht fleissig gejtet, so findet man nach zwei
bis drei Monaten mehr Unkraut als Frchte darauf. Stachlichte Solaneen,
Brennnesseln und schneidende Grasarten berziehen den Boden und die
Gewchse, und ein Indianer nur kann sich in solcher Wildniss zurecht
finden.

Das Reinigen dieser Felder, ein nicht gar leichtes Geschft, bleibt den
Weibern berlassen, welche auch die Wurzeln ausgraben und nach Hause
bringen. Die Krbe, in welchen diese Feldfrchte, Holz und andere
Gegenstnde getragen werden, hngen auf dem Rcken und sind mit einer
starken Liane um die Stirne befestigt.

Auf dem Kopfe wird nichts getragen, whrend die Neger die grssten Lasten
auf dem Kopfe schleppen.

Die Mnner sind sehr geschickt im Verfertigen von Pagaals, einer Art
viereckiger Krbe, die aus der Rinde eines Rohres (Warimbo) gemacht werden.
In die Deckel dieser Krbe werden verschiedene Figuren eingeflochten. Da
sie sehr dicht geflochten sind und den Regen nicht durchlassen, so sind sie
berall im Gebrauche und der Haupthandelsartikel der Indianer.

Andere kleine Krbe, welche zur Aufbewahrung von Krabben, Maniokwurzeln
und dergleichen bestimmt sind, nennt man Kurikuri und sind ebenfalls
aus Warimbo geflochten. Bogen, Pfeile, Corjaals und Pagait werden
ausschliesslich von den Mnnern gemacht, die trotz ihrer unvollkommenen
Werkzeuge in der Verfertigung sehr behend sind.

Die Bogen werden aus 6' langen Stcken eines harten Holzes, meist Letter
oder Konordeppi, geschnitzt. Sie haben in der Mitte etwa 1" Durchmesser,
sind halbrund und laufen von der Mitte aus allmhlig spitzig zu. Die meist
schlaffe Bogensehne ist aus Bromelienflachs gedreht. Die etwa 3' langen
Pfeile werden aus einer Art Schilfrohr gemacht; am einen Ende sind zwei
durchschlitzte Federn, um den Flug zu regeln, am andern aber ist die, etwa
1' lange, aus sehr hartem Holze gemachte Spitze. Pfeilspitzen fr grssere
Fische sind von Eisen, und werden aus alten Reifen, zerbrochenen Hauern und
Messern gefeilt. Sie haben zwei Widerhaken und werden Tokosi genannt. Man
bindet sie an die hlzerne Verlngerung des Pfeils mit Bromelienflachs, den
man mit einer Pechart, Mani, dem Harze des Manibaumes (Symphonia coccinea)
bestreicht, Pfeile fr Tiger, Pakire und grosses Wild sind ebenfalls von
Eisen, aber strker, whrend die Pfeile fr Vgel und kleinere Fische
verschiedene, auseinander laufende Spitzen von Palmholz haben.

Die Pfeile, welche beinahe so lange als die Bogen sind, werden mit
demselben in einer Hand getragen, whrend das Jagdmesser im Grtel steckt.
Auf der Jagd gehen die Indianer so geruschlos, dass man sie kaum hrt,
und Gehr und Geruch sind so fein, dass sie beim geringsten Gerusch im
Gestruch oder auf den Bumen augenblicklich wissen, welches Thier dasselbe
verursachte. Ich habe diess mit Verwunderung manchmal beobachtet. Nie, wie
sehr ich auch meine Augen anstrengte, konnte ich die Fische bemerken, auf
welche sie schossen, und wenn auch nicht immer, doch meistens trafen.

Sehr selten ist es, dass ein Indianer ohne Beute von der Jagd nach Hause
geht. Findet er auch kein Wild, so bringt er doch Eidechsen, Anamueier
(vom Pesus serratus) oder Kabbiswrmer in seinem Jagdsacke, und er ist doch
nicht genthigt, ohne Wild die unentbehrliche Pfeffersauce zu essen. Aber
meistens sind sie zum Jagen zu faul und bleiben tagelang zu Hause, wo sie
sich mit Kindereien beschftigen und meistens in der Hngematte liegen.

Wie bei den Weibern die Verfertigung einer Hngematte vor allen andern
Beschftigungen hervorgehoben zu werden verdient, so ist bei den Mnnern
der Bau einer Corjaal das wichtigste Geschft, und Hngematten und
Corjaalen werden daher nur im dringenden Falle verfertigt.

Der Indianer, welcher sich entschlossen hat, eine Corjaal zu bauen, sucht
einen schnen, geraden, so dicht als mglich am Wasser stehenden Wanabaum.
In der Nhe desselben wird nun eine temporre Htte errichtet und der
Baum gefllt. Ist derselbe gesund, ohne Risse und Hhlungen, so wird das
tauglichste Stck in derjenigen Lnge abgeschnitten, welche die Corjaal
erhalten soll. Die Werkzeuge, deren sie sich dabei bedienen, sind ein
Beil und eine Hohlaxt. Der Baum wird nun von aussen so zugehauen, wie die
Corjaal werden soll. Ist man mit der ussern oder untern Seite fertig, so
wird der ganzen Lnge nach Holz heraus ausgehauen, und wenn eine gengende
Hhlung entstanden ist, Feuer darin angemacht. Nun sorgt man, dass die
Seiten der Corjaal, noch ehe sie auseinandergetrieben werden, die nthige
Dicke erhalten. Ist diese Arbeit alle gethan, ber welcher manchmal mehrere
Wochen, ja Monate hingehen, so werden die Seiten der Corjaal, welche bis
jetzt noch einer zugespitzten Walze gleicht, durch Stcke, welche man quer
ber hineinzwngt, auseinandergetrieben. Damit nun durch das gewaltsame
Auseinandertreiben der Seiten keine grossen Risse entstehen, wird in und
unter derselben immer Feuer unterhalten. Es werden nun immer lngere Stcke
hineingetrieben, so lange, bis die Corjaal ihre gehrige Weite hat. Diess
letztere Geschft erfordert grosse Aufmerksamkeit und Sorgfalt; denn obwohl
alle Corjaalen dabei Risse erhalten, so kann ein Sachkundiger es doch so
einrichten, dass diese auf Stellen fallen, wo sie weniger nachtheilig sind.

Ist das letzte Geschft gethan und das Boot so weit vollendet, dass es
in's Wasser gebracht werden kann, so wird ein Weg bis zu dem Fluss oder
der Kreek geebnet, runde Stcke oder Rollen werden auf ihn gelegt, und dann
wird die Corjaal von einer gehrigen Anzahl Indianer in's Wasser geschafft.
Die Risse werden mit Bienenwachs oder Mani bestrichen, und Bnke,
Querstangen u.s.w. mit Lianen befestigt.

Hat nun eine Familie sich einen Vorrath von Schsseln, Krgen, Pagaals
u.s.w. verfertigt, und ist sie im Besitze eines Boots, so wird eine Reise
nach Paramaribo oder den Pflanzungen unternommen. Da diese meist ber See
geht, so werden an der Corjaal lange, dnne Bretter, die aus dem weichen
Holz des Trompetenbaumes (Cecraphia peltata) gehauen sind, an beiden
Seiten befestigt, um dieselbe dadurch ein wenig hher zu machen und die
berschlagenden Wellen abzuhalten. Diese Brettchen sind so lange als die
Corjaal und 6-12" breit, durch Lianen und Querhlzer an diese befestigt.
Die Fugen zwischen den Brettern und der Corjaal werden mit harzigen Fasern,
die man aus einer gewissen Baumrinde schabt, und welche die Stelle des mit
Theer getrnkten Werges vertreten, ausgefllt.

Segel werden verfertigt, indem man die Blattstiele der Mauritia trocknen
lsst, den ussern Bast abzieht und die markige Substanz mittelst eines
Bindfadens in " dicke, 1" breite und 4' bis 6' lange Latten schneidet.
Diese, mit Bindfaden aus Bromelienflachs so dicht als mglich aneinander
befestigt, geben ein gutes und leichtes Segel von beliebiger Lnge, das man
leicht zusammenrollen kann.

Indessen der Mann fr die Ausrstung des Fahrzeuges sorgt, beschftigen
sich die Weiber mit der Zubereitung von Kost und Getrnke. Kassavekuchen
werden in Menge gebacken und in der Sonne getrocknet. Ausgepresster Maniok
(Madappi) wird in Krbe verpackt und mehrere Pllen (grosse steinerne
Krge) werden mit Tapana und Cosiri gefllt.

Eine Hauptsache aber darf bei einer Seereise nicht fehlen, das ist Sacura,
eine Art Mus, das aus gekautem Cassavebrod, gekochtem Yams und dergleichen
besteht. Man mengt hievon eine Hand voll unter eine Kalabas Wasser, das der
Indianer beinahe nie ohne Beimischung trinkt, und bereitet auf diese Weise
eine Art Suppe, welche zu kosten ich nie ber's Herz bringen konnte.

Ist nun endlich die ganze Haushaltung: Menschen, Affen, Hunde, Papagayen,
Hhner und Schildkrten im Boote, so setzt sich der Eigenthmer desselben
gravittisch an's Steuer, und die Mnner blasen auf ihren Pfeifen, dass man
Ohrenweh bekommt; alsdann fhrt man ab.

Da man die Zeit sehr wenig schtzt, so gehen solche Reisen manchmal sehr
langsam von statten. Ist es stilles Wetter, so schiessen die Mnner auf
jeden auftauchenden Fisch, und an der ersten besten, gnstigen Stelle wird
angehalten und gekocht. Da die Kste sehr nieder ist und mit jeder Fluth
berschwemmt wird, so sind sie hufig genthigt, ihre Mahlzeiten im Boot
zu bereiten. Man holt dann grosse Stcke schlammigen Lehms aus dem Wasser,
breitet dieselbe in der Corjaal aus, und macht hierauf das Feuer an.

Manchmal werden auch in den niedrigen Zweigen der Parcagestruche Holz und
Lehm so hoch aufgethrmt, dass sie das Wasser nicht erreichen kann; kommt
nun die Fluth, so geschieht es nicht selten, dass eine Welle Feuer und Topf
fortsplt, und man mit hungrigem Magen weiter ziehen muss. Daraus macht
sich aber der Indianer nichts, und man muss sich darber wundern, dass
Hunger und Durst ihn wenig aus seiner guten Laune bringen. Ich bin manchmal
mit Indianern gereist, die 12 Stunden hintereinander krftig pagaiten,
whrend dieser Zeit nichts genossen, und doch immer lustig und aufgerumt
waren. Bei den strksten Drohungen wrde ein Neger diess nicht thun, und
man findet selten Neger, welche eine Fluth (6 Stunden) rudern, ohne etwas
genossen zu haben.

Hat man nun die Pflanzungen erreicht, so wird beinahe Alles fr Branntwein
vertauscht, und selten bringen sie ntzliche Dinge, als: Zeuge, Beile,
Messer u.s.w. in ihre Heimath zurck. In Paramaribo verweilen sie bloss
einige Tage, begaffen das ihnen Ungewohnte ohne besondere Theilnahme und
laufen meist betrunken in der Stadt herum.

Mit Dram, Melassin und etwas Salz betreten sie den Rckweg, der, weil
ihnen nun Wind und Strmung entgegen sind, viel schwieriger ist, als die
Herreise. Hier hilft nun kein Segel, man muss pagaien und fhrt desshalb
auch meist nach Mitternacht, wenn der Wind sich gelegt hat und die See
stiller ist. Den Tag ber liegt man an einer ruhigen Stelle vor Anker,
d.h. an einem in den Boden befestigten Stock. Das Ankertau ist gedreht aus
dem Baste des zum Geschlecht der Hibiscus gehrigen Strauches Maho, der
am sandigen Ufer wchst; es entspricht seinem Zweck auf krzere Zeit
vollkommen.

Ist man des Pagaiens mde, so laufen die Mnner wohl halbe Tage lang im
Wasser und ziehen die Corjaal fort. Hat man das sandige Ufer der Mndung
erreicht, so wird bei Ebbe das Fahrzeug an einem langen Tau durch zwei oder
drei Mnner gezogen, whrend einer am Steuer sitzt und dafr Sorge trgt,
dass das Fahrzeug sich nicht zu sehr dem Lande nhert.

Bei der Ankunft im Dorfe wird natrlich bestialisch getrunken; doch finden
sich noch immer einige im Dorfe, die abwechselnd nchtern sind.

Man sieht dann allenthalben tolle Lustbarkeiten und Schlgereien, und es
ist fr einen Nchternen allerdings interessant, den Einfluss des Drams
auf die verschiedenen Gemther zu beobachten. Man sieht hufig in derselben
Htte die Weiber sich an den Haaren herumzerren und mit Feuerbrnden das
Fell vergerben, Mnner mit Hauern sich oft gefhrliche Wunden schlagen,
total Betrunkene auf dem Boden liegen, und Halbbetrunkene in ihren
Hngematten ein Lied auf der Flte herheulen.

Zu dieser Musik kommt noch das Geschrei der Betrunkenen (denn so stille und
geruschlos der Indianer im nchternen Zustand ist, so lrmend und polternd
macht ihn die Betrunkenheit), das Zetergeschrei der Kinder, das Gekreisch
der Papagayen, das Geklff der Hunde, die aus einem Winkel in den andern
flchten, und das Gewinsel der Affen. Da jedes mnnliche Individuum,
das die Reise mitmachte, seine Waaren selbst vertauscht und nichts
gemeinschaftlich hat, so traktirt nun auch jeder seine Freunde
insbesondere, so dass der Vorrath von Dram, sey er auch noch so gross, in
wenigen Tagen getrunken ist.

Im Rausche vorgekommene Injurien und Schlgereien werden, wenn sie auch von
noch so arger Art waren, nachher nicht mehr beachtet und bleiben vergessen
auf die einfache Entschuldigung hin: Ich war betrunken; damit ist allem
Processiren ein Ende gemacht.

Ein anderes Vergngen eigenthmlicher Art sind ihre Tnze, bei welchen man
sie recht in ihrer Nationalitt, unvermischt mit andern Sitten, beobachten
kann. Diese Tanz- oder vielmehr Trinkbelustigungen werden theils von
einzelnen Familien, die einen ziemlichen Vorrath an Cassave haben, oder vom
ganzen Dorfe, wobei dann jede Familie das Ihrige beitrgt, veranstaltet.
Ist der Tag, an welchem ein Tapanafest begangen werden soll, bestimmt,
so wird durch die Weiber eine hinlngliche Menge Maniokwurzeln vom Acker
geholt. Diese werden nun auf Brettchen, welche Simari heissen, und in
welche spitzige, harte Steinchen dicht nebeneinander eingeschlagen sind, so
dass sie die Stelle der Reibeisen vertreten, zerrieben[1].

Der hierdurch entstandene Brei wird in einem Madappi ausgepresst, und das
nun von seinem giftigen Safte befreite Mehl etwa zollhoch auf grossen,
runden, eisernen Platten, unter welchen ein Feuer brennt, ausgebreitet[2].
Das noch etwas feuchte Mehl klebt durch die Hitze zusammen und es entsteht
ein Kuchen, welcher umgedreht wird, wenn er auf der einen Seite gebacken
ist. Zum gewhnlichen Gebrauch werden diese Kuchen bei mssigem Feuer
gebacken, um das Anbrennen zu verhten; zum Tapanatranke aber werden
sie absichtlich der Hitze so lange ausgesetzt, bis sie auf beiden Seiten
verbrannt sind.

Der Saft der Maniokwurzel, der, wie ich schon frher bemerkte, giftig ist,
wird etwa auf die Hlfte eingekocht und dadurch unschdlich gemacht. Man
vermischt diese Brhe mit den schwarzgebrannten Broden und lsst das Ganze
ein bis zwei Tage lang ghren. Inzwischen haben nun die Mnner in die beste
und grsste Htte des Dorfes eine sauber gewaschene Corjaal gebracht, und
sie mit Wasser angefllt, damit in ihr das kstliche Getrnk gebraut werden
kann.

Es wird nun eine Menge Cassavebrod an Gross und Klein im Dorfe vertheilt,
und Alt und Jung ist damit beschftigt, dasselbe zu kauen und in Kalabassen
auszuspucken, welche sie zu diesem Zweck bei sich haben. Sind diese voll,
so wird das appetitliche Mus in die Corjaal geleert, und von Neuem mit dem
Kauen fortgefahren, bis die ausgegebene Quantitt zweimal die Kinnladen
des Volkes in Bewegung gesetzt hat, um als Trank noch zweimal dieselben zu
passiren.

Ist Alles fertig, so wird die Corjaal mit Palmblttern dicht verschlossen,
um so schnell als mglich die Ghrung zu bewirken.

So eckelhaft auch diese Zubereitung ist, so angenehm und erfrischend
schmeckt der fertige Trank, der beinahe den Geschmack von saurer Rhrmilch
hat, sich aber nicht lange hlt, und in grosser Menge genossen ebenso
trunken macht, wie das Bier.

Am Morgen des Trinktages sind die Mnner meistens mit der Ausbesserung
der Wege, welche zu ihrem Dorfe fhren, oder mit der Verrichtung sonstiger
gemeinntziger Arbeiten beschftigt. Gegen Mittag beginnt das Fest.

Jedes hat sich hiezu nach seinem Geschmack und Vermgen herausgeputzt. Die
Mnner sind, wie ich oben bemerkte, mit Rocou und Tapuriba bemalt und haben
ihre lngsten und besten Camisen umhngen. Bogen und Pfeile, sowie eine
viereckige Keule aus hartem Holze, Abadou genannt, drfen dabei nicht
fehlen. Hiezu kommen noch Colliers von Pakir-, Affen- oder Kaimanszhnen,
Federkronen in allen mglichen Farben und eine Unzahl Glasperlen.

Die Weiber und besonders die jungen Mdchen haben sich prchtig
herausgeputzt. Ihre Lippen stecken voll Nadeln, die kohlschwarzen Haare
sind sorgfltig gekmmt und anstatt der Pommade mit Capatl beschmiert.
Rothe Flecken und Streifen geben den Gesichtern etwas tigerhnliches,
und der durch Tapouriba schwarzgefrbte Leib sticht grell gegen
die feuerfarbenen, mit Rocu gewichsten Waden ab. Dabei sind sie mit
Glaskorallen von allen Grssen und Farben behangen, und nicht selten zieren
sie ihren Hals mit Ketten, worin sich alle Arten Silbergeld eingefdelt
finden. Ich habe an einer solchen ber 100 Franken gezhlt.

An den Seiten der Htte sind lange, plump aus Cedernholz geschnitzte Bnke
angebracht, deren Ende Krokodil- oder Tigerkpfe vorstellen. Auf diesen
Bnken nehmen nun die Familienhupter Platz, und die Weiber kredenzen den
kstlichen Trank in Kalabassen oder irdenen Schsseln. Mehrere Weiber und
Mdchen umfassen sich mit den Armen und bilden einen Halbkreis um den,
welchem sie den Trank bringen. Nach einem jmmerlichen Gesang biegen sie
taktmssig die Kniee und den Oberleib, ohne brigens von der Stelle zu
kommen, und singen nun in einem wehklagenden Ton einige Dutzend Male
denselben Vers. Hat der damit Beehrte getrunken, so kommt die Reihe an
einen andern. Grosse Trommeln, mit Hirsch- oder Pakirfellen berzogen,
hngen an langen Schnren von der Decke herab, und werden von jungen
Mnnern nach dem Takte ihrer Lieder, welche ganz dieselbe Melodie, wie die
der Weiber haben, geschlagen. Auch sie bewegen sich auf dieselbe Weise,
ohne vom Platze zu kommen.

Es ist unglaublich, welche Menge dieses Trankes bei einer solchen
Tanzparthie getrunken wird. Sowohl das damit angefllte Boot, als auch
die Tpfe sind des Abends gewhnlich ausgetrunken. Sind bei einem solchen
Gelage hundert Personen, die Kinder mitgerechnet, anwesend, so bin
ich berzeugt, dass mehr als zehn Fsser, je 320 Flaschen enthaltend,
verbraucht werden.

Hat der Indianer so viel getrunken, dass er die von den Weibern dargebotene
Schssel nicht mehr leeren kann, so erbricht er sich, um aufs Neue trinken
zu knnen. Dieses Vomiren geschieht nicht heimlich; es gehrt gewissermasen
zum Feste selbst; denn er erhebt sich nicht einmal von seinem Sitze. Der
Boden des Tanzhauses gleicht alsdann einer Pftze, in welcher man bis um
die Knchel im Tapana herumwatet.

Ausser den angefhrten Tnzen sah ich bei dieser Gelegenheit einen
andern, welchen zwei Mnner ausfhren. Jeder hat ein aus Thon gemachtes,
rothbemaltes Blasinstrument, das zwei aufeinandergesetzten Trichtern
gleicht und auf beiden Seiten eine kleine Oeffnung hat, in welche
hineingeblasen wird. Unter den sonderbarsten Wendungen und Verdrehungen des
Krpers, indem sie sich bald entfernen, bald nhern, auf den Bauch legen,
oder auf allen Vieren herumlaufen, endigt sich diese Scene nach etwa einer
Viertelstunde unter dem Gelchter der Uebrigen.

Des Nachts ist zwar das Fest beendigt, aber am andern Morgen thut man sich
mit dem Ueberrest gtlich, wenn ein solcher noch vorhanden ist.

Einen andern Tanz sah ich mehrere Jahre nachher.

Der Piaiman _Thomas_ war auf einer Reise nach den Pflanzungen pltzlich
gestorben, und seine Wittwe gab zur Erinnerung ein Jahr nach seinem Tode
eine Tanzparthie.

Ich sah wohl im Hause derselben Cassave backen, Tapana und Casiri
zubereiten, aber weitere Vorbereitungen fanden nicht statt. Der Tag
wurde wie gewhnlich beschlossen; einer nach dem andern legte sich in die
Hngematte, und man sah nirgends das mindeste Zeichen einer Festlichkeit.

In der grssten Htte des Dorfes hingen die Hngematten der ledigen
Personen in die Kreuz und Quere, und nur beim Schein des Feuers, das unter
jeder brannte, konnte man sich zurechtfinden.

Auf einmal hrte ich aus einer Ecke der Htte ein jmmerliches Geheul und
Wehklagen. Ich lief dahin und fand die Wittwe, welche wie eine Schildwache
unbeweglich stand und in der Hand Bogen und Pfeile, sowie einen alten
Strohhut ihres verstorbenen Mannes hatte. Mit einem Feuerbrand beleuchtete
ich sie auf allen Seiten, was sie aber keineswegs irre machte; denn sie
heulte ihren wehklagenden Gesang unter bestndigem Schluchzen und einer
Fluth von Thrnen.

Die Indianer erklrten mir den Inhalt ihrer Worte so: Es ist nicht gut,
dass du uns verlassen hast, dein Knabe ist noch zu jung, um fr mich zu
jagen und Fische zu fangen u.s.w.[3].

Nachdem dieses Geheul beinahe eine halbe Stunde ohne Unterbrechung gedauert
hatte, trat eine kleine Pause ein, und in einer andern, ebenso dunkeln Ecke
erschien ein anderes altes Weib, das ein so jammervolles Geheul anhub, als
wre der Verstorbene ihr Mann oder nchster Anverwandter gewesen. Nachdem
dieses Geheul ebenso lang, wie das der noch unbeweglich in ihrem
Winkel stehenden Wittwe gedauert hatte, heulten beide miteinander wie
Schlosshunde, so dass ich es beinahe nicht mehr in der Htte aushalten
konnte. Da brigens jedes Ding sein Ende hat, so war endlich auch der
Thrnenquell beider Weiber gnzlich versiegt, und man schritt zu einem
neuen ganz besondern Tanze, zu welchem sich nach und nach mehrere Weiber
und Kinder eingefunden hatten. Alle bildeten einen Kreis, wobei sie sich
um den Hals schlangen; ein Lied wurde wieder auf ihre eigenthmliche Weise
angestimmt, die Kniee und der Oberleib hin- und hergebogen, und endlich
rasch hintereinander der Kreis umlaufen. Es herrschte hiebei eine tolle
Frhlichkeit, und auch die Worte schienen nichts Trauriges zu enthalten,
obgleich ich den Sinn derselben nicht verstand.

Meiner selbst wurde in diesem Gesange mehrere Male gedacht; auch schloss
ich mich dem Kreise an und tanzte zur allgemeinen Belustigung mit. Whrend
des Tanzes, welcher beinahe bis zum Morgen whrte, machte man Gebrauch von
den bereiteten Getrnken.

In den Lebensmitteln vegetabilischer und animalischer Art, welche Gewsser
und Wlder liefern, sind die Caraiben nicht sehr whlerisch, indem sie
beinahe Alles, nur wenige Thiere ausgenommen, essen. Schlangen und grosse
Seeschildkrten sind zwar von ihrer Tafel verbannt; dagegen werden aber
wieder Pipa-Krten, Laubfrsche, Wespenlarven, Ameisenweibchen, die
Larven verschiedener Rsselkfer, sowie die Kfer, welche die Blumen der
Wasserlilie zerfressen, und alle Arten Eier mit grossem Appetit verspeist.

Feinschmecker sind die Indianer eben nicht, und wenn sie auch gewisse
Gerichte vorziehen, so ist es ihnen ziemlich gleichgltig, ob z.B. das
Fleisch halb oder ganz gar, versalzen oder ohne Salz gekocht ist. Wenn
es nur den Magen fllt und mit den Zhnen zerrissen werden kann. Zu ihren
vorzglichen Delicatessen gehrt besonders der Leguan. Ich habe mich oft
darber gewundert, wie sie dieses Thier auf den dichtbelaubtesten Bumen
entdeckten und mich hufig gergert, wenn sie meiner Bitten und Drohungen
ungeachtet Jagd auf dieses harmlose Thier machten, und dadurch die Reise
verzgerten, ungeachtet Fleisch und Fisch in Ueberfluss im Boote war.

Eine andere Leckerei sind Haifische, die an seichten Stellen der See
geschossen werden, und kleine Kaimans, welche entweder am Ufer der Flsse
und Kreeken liegen, oder die Schnauze aus dem Wasser strecken. Die Indianer
bedienen sich beim Fischfang nie der Netze, sondern immer der Angeln; auch
schiessen sie die Fische, oder betuben dieselbe mit dem Stinkholz, Nekko.

Kleine Fische werden auf gewhnliche Weise mit Angelruthen gefangen;
grosse Fische aber mit Wurfleinen, etwa 100' langen, aus Bromelienflachs
geflochtenen, starken Schnren, an deren Ende ein Stck Blei ist, und nahe
bei demselben drei bis vier krzere Schnre sind, an welchen die Angeln
sitzen.

Das Tau wird vom Boote oder Lande ausgeworfen, und das andere Ende so lange
in der Hand behalten, bis man merkt, dass ein Fisch angebissen hat. Eine
andere Art von Angeln sind die Springangeln, bei welchen ein starker,
elastischer Stock im Wasser befestigt wird, an welchem ein langes Tau
mit der Angel hngt. Dieser Stock wird nach unten gespannt und durch ein
klammerfrmiges Hlzchen, das in der Mitte des Taues sitzt, in dieser
Spannung erhalten. Schnappt der Fisch nach der Angel, so springt die
Klammer los und der Stock schnellt in seine natrliche Lage zurck;
zugleich zieht er den Fisch halb aus dem Wasser. Oft findet daher der
Fischer blos die Kpfe, weil auf das Gezappel des Fisches die Kaimans und
besonders die gefrssigen Pirais herbeikommen, und so viel abbeissen, als
sie bekommen knnen. Die Art und Weise, wie der Fischfang mit Maschoas
betrieben wird, habe ich schon frher beschrieben, den mit Stinkholz aber
sah ich zuerst an der Marowyne. Die Indianer gebrauchen dreierlei mir
bekannte Pflanzen, durch deren Saft die Fische betubt werden.

Die erste und gewhnliche ist eine, im Hochwald wachsende, manchmal
schenkeldicke Liane, welche zum Geschlechte der Papilionaceen
(Lonchocarpus) gehrt. Die zweite ist eine Syanthere, der Conamistrauch,
der um die Huser gepflanzt wird, und dessen Bltter und Blthen zu
einem Brei gestampft werden. Die dritte ist das Bumchen Gunapalu, eine
Euphorbiacee mit herzfrmig zugespitzten Blttern, die wahrscheinlich mit
den Jatrophas verwandt ist. Auch diese wird um die Huser gepflanzt, und
ich bin nicht gewiss, ob sie hier einheimisch ist. Die sehr milchigen
Bltter und Zweige werden ebenfalls zerstampft, und wie die der Conami mit
dem Wasser vermischt.

Zur Zeit der Fluth, die sich in der untern Marowyne 8-10' erhebt, ziehen
die Flussfische in die Buchten und Kreeken, wo sie, bis die Ebbe eintritt,
ihrer Nahrung nachgehen, die theils in Baumfrchten, welche ins Wasser
gefallen sind, theils in Wrmern und andern Fischen besteht.

Will man nun mit Stinkholz, oder den zwei andern betubenden Pflanzen
fischen, so wird, sobald die Fluth ihre grsste Hhe erreicht hat, eine
geschickte Kreek abgeschlossen, so dass den Fischen der Rckweg in den
Strom abgeschnitten ist. Diess geschieht mit einem sogenannten Paarl, der
aus etwa 8' hohen Stben aus Palmblattstielen besteht, welche mit Lianen so
an einander befestigt sind, dass zwischen jedem Stab eine Oeffnung von etwa
1" Breite gebildet wird und eine Art spanischer Wand entsteht, durch welche
das Wasser ungehindert ablaufen kann.

Ist nun das Wasser bedeutend gefallen, so begeben sich einige Mnner mit
grossen Stcken Stinkholz, das man zuvor durch Schlagen mit harten Stcken
Holz zerfetzt und locker gemacht hat, an das obere Ende der Kreek, wo man
durch bestndiges Reiben und Schlagen im Wasser alle giftigen Theile der
Pflanze demselben mittheilt.

Nach wenigen Minuten bemerkt man bereits die Wirkungen an den
Wasserbewohnern. Kleine Fischchen schwimmen auf dem Bauche herum, Krabben
und Krebse suchen ans Land zu flchten und wackeln wie besoffen hin und her
und es schnellt bald da, bald dort ein Fisch aus dem Wasser oder streckt
die Schnauze hervor.

Die ganze Mannschaft ist lngs der Kreek vertheilt und schiesst mit Pfeilen
auf die auftauchenden. Weiber und Kinder waten im Schlamm umher, um die
berauschten Fische herauszuziehen. Alles, was Leben hat, stirbt in dem
vergifteten Wasser und wird eine Beute der Indianer. Diese sagen, dass in
einer solchen Kreek lange nicht mehr gefischt werden knne, weil sich der
giftige Geruch den im Wasser liegenden Baumstmmen und selbst dem Schlamme
mittheile, auch nur langsam wieder verliere.

Beim Fischen mit Conami und Gunapalu wird der Brei mit dem Wasser vermischt
und hat ganz denselben Erfolg. Das Fischen auf diese Weise heisst man
Ponsen; es ist jedenfalls sehr schdlich, weil auch eine Menge Laich und
Brut dadurch zu Grunde geht.

Beim Beginn der Regenzeit, wenn die Buschfische aus den Strmen und
grsseren Kreeken in kleinere Bche und Smpfe ziehen, dmmt man diese
gewhnlich mit Paarls und Pinablttern ab.

Die dadurch in ihrem Lauf aufgehaltenen Fische suchen ber das Hinderniss
wegzuspringen und fallen dabei in eine, zu diesem Zweck dahinter gelegte
Corjaal. Wenn die Fische recht im Zug sind, kann man des Morgens Hunderte
derselben in der Corjaal finden.

Ist der Fischfang so ergiebig, dass man auf mehrere Tage Vorrath hat,
so werden die Fische gebarbakot (geruchert). Man nimmt dabei bloss die
Eingeweide heraus und legt sie ungesalzen auf eine Art Rost, der aus
Stcken gemacht ist. Unter demselben unterhlt man so lange Feuer, bis die
Fische gebraten und getrocknet sind. Ebendesswegen halten sie sich auch
bloss einige Tage und wimmeln hufig von Wrmern, die aber dem Indianer
seinen Appetit nicht benehmen. In der Regenzeit (Mai, Juni) legen die
rothen Ibise, hier flschlich Flamingos genannt, sowie andere reiherartige
Vgel ihre Eier in die Gebsche am niederen Seestrande und brten.

Eier und junge Vgel werden von den Indianern besonders geschtzt, und sie
scheuen daher die Reise nach den Legepltzen nicht.

Zwei grosse Corjaalen meiner Nachbarn kamen eines Tages an den Posten, um
auf eine solche Eierexpedition auszugehen. Man gelobte mir, nachdem ich
die Mannschaft mit Branntwein erquickt hatte, auch einen Korb voll Eier
mitzubringen.

Wenige Tage nachher kamen beide Corjaalen wieder zurck, vollgeladen mit
Eiern und einer Menge junger, sehr mager aussehender Vgel. Ich bekam nun
etwa hundert von diesen Eiern, welche grn und schwrzlich gedupft und von
der Grsse kleiner Hhnereier waren. Sogleich machte ich mich daran, einen
Eierkuchen zu backen, fand aber zu meinem Verdruss, dass nur ein frisches
Ei dabei war. Alle brigen waren entweder halbbebrtet und stinkend oder
enthielten schon beinahe reife Vgel, welche sich noch bewegten. Desshalb
glaubte ich, dass man wirklich dieses Geschenk fr mich ausgelesen habe.
Da ich nun aber durchaus Eierkuchen essen wollte, so fuhr ich sogleich in
meiner Corjaal nach dem Dorfe, wo ich in jeder Htte die Weiber mit dem
Kochen der Eier beschftigt antraf. Diese waren aber ebenso, wie die
meinigen. In einer Brhe von stinkenden Dottern schwammen Vgel von allen
Brutprocessen, reichlich mit spanischem Pfeffer gewrzt, und dieses Mahl
wurde mit wahrem Heisshunger verzehrt.

Man wrde bei einer solchen Lebensweise sich nicht verwundern, wenn
gefhrliche Krankheiten entstnden; es ist diess aber nicht der Fall, und
nur selten findet man krnkliche Personen.

Ausser den, mit den hier zu Lande herrschenden entsetzlichen Krankheiten,
als Lepra und Elephantiasis heimgesuchten Personen, findet man hchst
selten Gebrechliche, weder Krppel noch Krumme, und wenn man an den nackten
Leibern Wunden oder Narben wahrnimmt, so sind es immer ehrenvolle
Zeichen eines Kampfes oder eines, in der Trunkenheit geschehenen Falles.
Zeitenweise kommt es vor, dass Dissenterie unter ihnen grassirt, auch
sind Wechselfieber hufig. Sie kennen brigens eine Menge vegetabilischer
Arzneien, welche meist von guter Wirkung sind. Ist die Krankheit ernsterer
Natur, so wird ein geschickter Doctor oder Piaiman zu Rathe gezogen. Dem
Kranken wird in seiner Htte eine Art Zelt aus Camisen und anderen Tchern
zurechtgemacht und seine Hngematte darin aufgehangen. In einem andern
hnlichen Zelte sitzt der Piaiman, der die unentbehrliche Maraka (eine
runde, hohle, kugelfrmige Kalabas, durch deren Mitte ein Stock geht,
dessen oberes Ende mit Rabenfedern geziert ist, und welche runde
Quarzkrner oder Marowynesteine enthlt), bei sich hat. Er bespricht sich
in seinem Zelte mit dem bsen Geiste, der die Krankheit verursacht. Sein
Gesprch ist bald flehend, bald drohend, jetzt brllend, dann wieder mit
Schluchzen und Weinen vermischt.

Je schwerer die Krankheit ist, um so mehr gibt sich der Piaiman Mhe, durch
seine Drohungen dem Geiste Furcht einzujagen.

Man muss beinahe bezweifeln, dass _eine_ Person im Stande ist, so
verschiedene Stimmen nachahmen zu knnen; denn auf Alles, was der Piaiman
dem bsen Geiste vorsagt, antwortete er selbst mit vernderter Stimme.
Dabei tnt unaufhrlich die Maraca, deren Laut dem Gerassel von Erbsen in
einer trockenen Blase gleichkommt.

Das Piaien dauert Nchte lang ununterbrochen fort, nur dass von Zeit zu
Zeit der Doctor dem Kranken Tabaksrauch ins Gesicht blst, oder seine
Beschwrungen an der Hngematte selbst vornimmt. Als Hauptgenesungsmittel
in usserst schwierigen Fllen dient der Saft des Dakinibaumes, welcher
sehr selten zu seyn scheint. Um diesen zu bekommen, hat der Piaiman erst
die Erlaubniss der den Baum bewohnenden Geister nthig, und erst nach
manchen Unterredungen mit ihnen haut er die Oeffnung, aus welcher der Saft
fliessen soll, in den Baum. Der Patient trinkt nun denselben als letztes
Mittel, und es versteht sich von selbst, dass bei einer so wichtigen
Kur der Piaiman die ganze Nacht bei dem Kranken zubringt und die Geister
beschwrt. Diese schweigen aber auch nicht still, sondern lassen sich in
verschiedenen Stimmen, bald als Poweesen, Agamis, bald als Affen und Tiger
hren.

Diesen Kuren habe ich noch nie beigewohnt, aber schon manche Nacht auf den
Drfern zugebracht, in der mich der Piaiman am Schlafen hinderte.

Auf Arzneien der Europer setzen die Indianer wenig Vertrauen; sie
gebrauchen dieselben zuweilen, nehmen aber, wenn nicht gleich ein gnstiger
Erfolg erzielt wird, sogleich ihre Zuflucht wieder zu ihren Hausmitteln.
Chinin brigens, das so schnell vom Fieber hilft, hat ihnen grosse Achtung
eingeflsst. In dem Charakter des Indianers sind nicht viele Laster, aber
auch wenige Tugenden vereinigt. Der Hauptzug, den die Caraiben mit den
Arowacken gemeinschaftlich besitzen, ist Gleichgltigkeit. Der Augenblick
regiert ihn und sein Interesse bercksichtigt er nur dann, wenn seine Laune
hiezu gestimmt ist. Wie ein Kind wnscht er bald dieses, bald jenes zu
besitzen, und scheut keine Mhe, um in den Besitz desselben zu gelangen.
Vom Worthalten hat er keine Idee, und man kann sich desswegen nie auf ihn
verlassen. Ebenso wenig weiss er, was Wahrheit ist, und lgt, wenn es sein
Interesse erfordert.

Bei ihren wenigen Bedrfnissen achten sie auf ihr Eigenthum wenig; wenn sie
z.B. Monate lang sich damit abgemht haben, ein langes Stck Salemporis
(blaugefrbter Baumwollenzeug) zu verdienen, so wird dieses entweder als
Segel gebraucht, wenn sie kein anderes haben, oder in Fetzen zerrissen, um
die Corjaalen damit zu stoppen.

Misstrauen hegen sie keines, verlassen Tage lang ihre Htten, ohne ihr
Eigenthum zu verbergen; die Diebsthle kommen selten vor; doch sind
Getrnke und Esswaaren vor ihnen nicht sicher, auch lassen sie wohl andere
Gegenstnde, die ihnen anstehen, mitspazieren. Im Allgemeinen sind sie faul
und man findet desshalb wenige, die bemittelt sind.

Ihre Wanderlust ist sehr gross und wegen der unbedeutendsten Vorflle
machen sie grosse Reisen. Frher pflegten sie aus dem Lande der Makusis am
Rupununi und Maho im Innern Guyana's Sklaven zu holen; doch scheint diess
nicht mehr vorzukommen. Ich kannte noch ein solches Sklavenmdchen, welches
Christian gehrte.

Ihre Leidenschaften sind, die Liebe zum Trunk ausgenommen, viel
gemssigter, als die der Nordamerikaner; daher bezweifle ich auch, dass die
Civilisation grosse Fortschritte bei ihnen machen wird.

Es wird freilich von uns gar nichts gethan, um sie auf eine hhere
Stufe sittlicher Bildung zu bringen. Aber auch bei unsern Nachbarn, den
Franzosen, welche sich die Bildung der Indianer sehr angelegen seyn und sie
in Schulen unterrichten lassen, bemerkt man keine grssere Fortschritte.
Der einzige Magnet, der sie anzieht, ist leider der Branntwein, und die
Schnapsflasche darf nie leer werden, wenn sie Dienste leisten sollen. Wer
ihnen einschenkt, ist ihr Freund. Fr andere Dienste und Wohlthaten sind
sie gefhllos; Dankbarkeit ist ihnen fremd. Auch Beleidigungen werden
vergessen, und nie habe ich bemerkt, dass Hndel oder Thtlichkeiten
vorfielen, wenn der allgemeine Friedensstrer, der Branntwein, die Gemther
nicht erhitzt hatte.

Obgleich ihre Sinneswerkzeuge so ausgebildet und fein wie die der
Nordamerikaner seyn mgen, so scheinen sie diesen doch im Allgemeinen
nachzustehen, wozu freilich auch das milde Klima viel beitrgt, das bei so
leichter Mhe alle Bedrfnisse befriedigt, whrend der Nordamerikaner bei
ungleich rauherer Witterung sich alle Bedrfnisse erringen muss.

Mein Detachement, das aus dem Bcker und zwei schwarzen Soldaten bestand,
wurde abermals abgelst und durch vier Weisse ersetzt, zu welchen der
Bcker den fnften ausmachte. Die Besatzung war desshalb wieder auf dem
alten Fusse.

Ich hatte mir bis jetzt alle Mhe gegeben, von den Indianern eine Corjaal
zu kaufen, um selbst kleine Wasserfahrten machen zu knnen. Sie hatten
aber, so viel ich auch um eine bot, keine berflssige fr mich. Endlich
fand ich zuflligerweise eine schne, 18' lange Corjaal von Cedernholz, die
von irgend einem Indianerdorfe vom Strom mitgefhrt und durch die Fluth
an den Strand war geworfen worden. Sie hatte ihrer ganzen Lnge nach drei
ungeheure Risse, und es kostete desshalb viele Mhe, bis das Fahrzeug von
seinen Schden kurirt war. Doch gelang diess nach zwei Tagen anhaltender
Arbeit vollkommen. Die Risse hatte ich durch mit Werg umwundene Stcke
ausgefllt, diese verpicht und darber der ganzen Lnge nach oben und unten
lange Streifen Eisenblech genagelt. Meine Probefahrt nach der andern Seite
des Flusses berzeugte mich von der Vortrefflichkeit meiner Arbeit.

Zu Ende Mrz schrieb mir der Kommandant von Armina, dass der Schooner
abermals unterwegs sey, um den Rest der geretteten Gter abzuholen, und
dass er damit seine Frau (Haushlterin) erwarte. Zugleich ersuchte er mich,
diese Dame freundlich zu behandeln und ihn von ihrer Ankunft sogleich
in Kenntniss zu setzen. Ich hatte dieses Frauchen noch nie gesehen und
erwartete desshalb in ihr eine Mulattin oder Mestizin, welche meistens
die Haushaltung lediger Unteroffiziere fhren, dieselben nach den Posten
begleiten und sich manchmal mehr Autoritt anmasen, als eine rechtmssige
Frau.

Solche Missis verkauften (ich rede da von lngstvergangenen
Zeiten) gewhnlich auf den Posten Alles, was der Soldat in seiner
Junggesellenwirthschaft nthig hat, als: Zucker, Caffee, Tabak, Butter,
Kse, Saife u.s.w. an denselben auf Credit. Der Betrag wurde aber, wenn
die Soldgelder von Paramaribo kamen, davon vom Kommandanten abgezogen.
Geht ein Fahrzeug nach der Stadt, so hat der mitgehende Corporal tausend
Commissionen in Paramaribo zu bestellen und ist er nicht eifrig genug, so
weiss die Missi es ihm spter schon einzubrocken. Oft geht aber die Dame
selbst mit, um bekannte Pflanzungen heimzusuchen, und sich dort mit
Zucker, Caffee, Dram u.s.w. zu versehen und in der Stadt recht billig
einzukaufen. Der grsste Theil des Soldes wandert dann, besonders wenn sie
noch unter der Hand Schnaps verkauft, was aber der Kommandant natrlich
nicht wissen darf, in ihre Geldbchse. Eine solche Dame dachte ich
ebenfalls auf dem Schooner zu finden, und fuhr aus grosser Galanterie
demselben entgegen.

Ich bewillkommte den Schatz meines Kommandanten auf negerenglisch, das ich
in dieser Zeit zum Entzcken schlecht sprach. Die Dame gab sich mir
aber sogleich als Hollnderin zu erkennen, und enthob mich desshalb der
Verlegenheit, in der armseligen Creolensprache mich auszudrcken.

Sogleich schrieb ich an den Kommandanten, dass seine Haushlterin (welches
Wort ich aber bei reiflicher Erwgung zu anstssig fand und in Madame
umwandelte) nebst dem Doctor angekommen sey. Um die glckliche Ankunft dem
Lieutenant so schnell als mglich zu melden, sandte ich die ganze Besatzung
bis auf den Bcker weg. Da ich aber bloss einen einzigen Pagai im
Vermgen hatte, so mussten drei der mitgehenden Soldaten bis zum nchsten
Arowackendorfe mit den Samenkapseln der Maripapalme rudern; dort konnten
sie von meiner Freundin, dem Oberhaupte des Dorfes, drei Pagais entlehnen.

Vier Tage spter kam der Kommandant von Armina an, um seine Liebste
abzuholen. Diese hatte unter Anderem ein ungeheures Fass ordinren
Blttertabaks, von dem das Pfund 16-20 Cents kostet, mitgebracht, und das
Detachement konnte es fr Geld in Rauch verwandeln. Leider hatte sie auch
Verschiedenes in Paramaribo gekauft, das durch den reichlichen Strandsegen
entbehrlich geworden war und desswegen dem Kommandanten manchen Seufzer
auspresste.

Das Fass Tabak, so erzhlte die Haushlterin, wge ber 700 Pfd. und wenn
sie das Pfund zu 1fl.50kr. verkaufe, so geschehe diess mehr den Soldaten
zu lieb, als des Nutzens wegen.

Kommandant, Doctor und Haushlterin segelten mit gutem Winde nach Armina
und ich hatte gottlob wieder lngere Zeit vor derlei Besuchen Ruhe.

Der Schooner hatte den Rest der geretteten Gter eingeladen und es blieb
also nichts mehr brig, als das Wrack, das sich bei der Fluth mit Wasser
fllte und in dem Haie, Lumpen und andere Raubfische die verfaulten
Kartoffel-, Zwiebel- und Ksereste durchschnoberten.

Jetzt war die Legezeit der grossen Seeschildkrten, die Nachts lngs des
sandigen Seestrandes ihre schwerflligen Promenaden ausfhrten und an dem
erhhten Ufer, das ber dem hchsten Wasserspiegel der Fluth lag, ihre Eier
verscharrten.

Meist beim Mondlicht und in der Zeit des ersten und letzten Viertels
kriechen diese schwerflligen Thiere herauf, whlen im Sand einen Platz von
manchmal 200[Symbol: white square]' um, graben dabei die dicksten Wurzeln
und Gestruche aus, bis sie eine gnstige Stelle gefunden haben.

Mit den Hinterfssen wird sodann ein beinahe 2' tiefes und 8" weites Loch
gegraben, und in dieses etwa 100-200 runde, mit einer pergamentartigen Haut
berzogene Eier von der Grsse einer kleinen Billardkugel gelegt. Das Loch
wird mit Sand ausgefllt und das Thier geht in die See zurck. Die Spur der
Fsse und des Schwanzes, welche durch das Auf- und Abkriechen entsteht, ist
tief im Sande eingegraben und wellenfrmig.

Ueberrascht man eine Schildkrte beim Legen, so schnaubt und blst sie,
setzt aber ihr Geschft ruhig fort, es sey denn, dass man versucht, sie auf
den Rcken zu legen, in welchem Falle sie dann wthend um sich schlgt.
Ein krftiger Mann kann bei einiger Erfahrung leicht eine auf den Rcken
werfen, obschon sie manchmal gegen 500 Pfund schwer sind. Umgedreht
schlagen sie mit allen Vieren auf den Brustschild und wren wohl im
Stande, den Unvorsichtigen schwer zu verletzen. Man bindet ihnen sodann die
Vorderfsse fest und ladet sie in die Corjaal.

Sie haben ein sehr zhes Leben und die Indianer, welche sie hufig zum
Verkauf nach den Pflanzungen bringen, lassen sie manchmal 14 Tage auf dem
Rcken liegen; es darf aber alsdann keine Sonne auf sie scheinen. Wenn
schon Herz und Eingeweide herausgenommen sind, so zappeln sie noch
stundenlang und das Schlachten derselben ist ein blutiges Gemetzel.

Gewhnlich haben sie ausser den gelegten Eiern noch ganze Kbel voll
Dotter bei sich und viele sind so fett, dass man aus einer 2-3 Gallons Oel
ausschmelzen kann. Das Fett ist bekanntlich grn und das Fleisch liefert
die berhmten Schildkrtensuppen, die man in London und andern Seepltzen
so theuer bezahlt. In Surinam ist es nicht geachtet und ich finde ebenfalls
nichts Leckeres daran; denn es ist grob und faserig und das Fett hat einen
eigenthmlichen, thranigen Geruch. Nur die Eier sind gut zu gebrauchen und
sie waren whrend der Legezeit eine Hauptspeise auf unserem Kchenzettel.
Das Weisse dieser Eier, das nie hart wird, wirft man weg.

Man kocht sie im Wasser mit Salz und isst ihren Dotter mit Pfeffer und
Zitronensaft; auch lassen sich gute Pfannenkuchen daraus backen.

Um sie lngere Zeit aufzubewahren, ruchert man sie, wobei aber das Eiweiss
ganz eintrocknet. Die Begattungszeit fllt in den Februar; die Thiere
bleiben alsdann Tage lang aneinander hngen und werden so hufig durch
die Brandung auf den Strand geworfen, wodurch ihr angenehmes Geschft
unterbrochen wird.

Die Indianer schwimmen, wenn sie zwei solche Liebende erblicken, mit
einem Strick auf sie zu und schieben den Vorderfuss des Mnnchens in eine
Schlaufe, was von diesem erst bemerkt wird, wenn man es ans Boot zieht,
wobei es dann unter wthendem Gezappel seine Ehehlfte loslsst.

Die Mnnchen sind meistens fetter, als die Weibchen und haben dieselbe
Grsse; nur ist ihr Schwanz bei 2' lang. Sie gehen nie ans Land und werden
daher selten gefangen.

Die ersten Eier findet man in der Mitte Februars; im Mai werden die meisten
gelegt und zu Ende Juli kommen die Jungen heraus. Diese kriechen meist
Nachts in die See. Aus einem Nest kommen manchmal 30-40. Die anderen Eier
verderben. Sie haben brigens viele Feinde und besonders sind die Aasgeier
auf sie erpicht. Auf der Stelle, wo eine Schildkrte gelegt hat, sticht
man mit einem Pfeil oder glatten Stabe auf dem umgewhlten Platze an
verschiedenen Stellen in den Sand. Findet man eine Stelle, wo der Pfeil
leicht und ohne Widerstand eindringt, so grbt man nach und findet die
Eier.

Bereits sitzen auch mehrere Aasgeyer in der Nhe und warten nur, bis man
weg ist, um die mit dem Pfeil durchstochenen Eier, welche man liegen lsst,
zu fressen. Sobald sie damit fertig sind, fliegen sie voran zu einem neuen
Haufen, um auch da ihren Finderlohn wegzuschnappen.

Im Mai und Juni kommen kleinere Seeschildkrten von einer andern Gattung,
welche man Varana nennt, hervor. Diese werden bloss 80-100 Pfund schwer und
legen kleinere, aber schmackhaftere Eier. An mondhellen Abenden laufen sie
zu Dutzenden am Seestrande herum und, wie es scheint, nicht bloss um Eier
zu legen, sondern auch zu ihrem Vergngen. Sie sind bei weitem nicht so
phlegmatisch, wie die grossen, lassen sich aber auch nicht so lange beim
Leben erhalten.

Zuweilen, aber sehr selten, kommt auch die Carettschildkrte ans Ufer. Sie
ist kleiner als die Riesenschildkrte und man erkennt ihre Spur am Zeichen
des Kopfes, den sie im Sande zu schleppen scheint.

Die Seeschildkrten werden ausser dem Menschen bloss von dem Jaguar
angegriffen, der mit seinen scharfen Krallen sie geschickt auszuhhlen
weiss. Die zwei mir bekannten Arten leben von Tangen und Seegras.

Die sonderbare Matamatta (Chelys infibriata) ist in Surinam nicht zu Hause,
kommt aber hufig am Oyapok vor und wird von da nach Cayenne auf den Markt
gebracht.

Die grosse Regenzeit war angebrochen und obgleich an der See die Regengsse
bedeutend schwcher sind, als im Innern des Landes, so war sie doch fr
uns desswegen hchst unangenehm, weil in den gewhnlich stillen Nchten
die Mosquittos in ungeheurer Menge alle lebenden Geschpfe plagten. Wir
schleppten den Tag ber grosse Stcke Holz, welche die See ansplte,
zusammen, und machten des Abends davon ein grosses Feuer, zu dem manchmal
mehrere Klafter verbraucht wurden. Um dieses lagerten wir uns so, dass der
Rauch uns bestrich, und meine Ziegen, welche sehr wohl merkten, was gegen
die Mosquittosstiche schtze, drngten sich so dicht als mglich an uns an.
Man unterhielt sich bei diesem Wachtfeuer mit Soldatengeschichten, die wohl
berall ber denselben Leist geschlagen sind. Wenn das Feuer erlosch und
man zu schlafen versuchte, so ging's ans Fluchen und Lamentiren. Jedes
Mittel wurde versucht; ja einige gruben sich frmlich in den Sand ein und
liessen nur eine kleine Oeffnung zum Athemholen, bloss um einige Stunden
Ruhe zu geniessen.

War das Wetter hell, so liefen wir stundenweit lngs des Seestrandes hin
und trieben unsere Spsse mit den Seeschildkrten. Manchmal sassen wir zu
dreien auf eine, welche dennoch mit uns in die See lief. Fanden wir eine
in der Nhe des Postens, so schlachteten wir sie zuweilen; mit weiter
entfernten aber gaben wir uns keine weitere Mhe.

Eines Abends sass ich in meiner Kammer; auf einmal hrte ich ein starkes
Klopfen an meiner Schwelle. Da auf meinen Ruf Niemand antwortete, so
ffnete ich die Thre und fand eine grosse Seeschildkrte, welche damit
beschftigt war, unter die Schwelle ein Nest zu graben. Ich wlzte sie auf
den Rcken und wir schlachteten sie am andern Morgen.

Kamen wir von unsern nchtlichen Promenaden nach Hause, so war man so matt
und mde, als htten wir drei Tage lang nicht geschlafen. Der ganze Krper
war auf einem solchen Marsche in fortwhrender Bewegung, und man war
gleichsam in einer Atmosphre von Mosquittos, wo man immerwhrend zu
klopfen und zu wehren hatte. An Ruhen oder Sitzen war nicht zu denken, und
wenn wir einen Augenblick ruhen wollten, so liefen wir gewhnlich in die
See und streckten bloss den Kopf aus dem Wasser. Kam nun der Morgen, so
beeilte sich jeder, nach dem Frhstck die entbehrte Nachtruhe in der
Hngematte nachzuholen. Wir konnten aber weder bei Nacht noch bei Tag ruhig
schlafen; denn sobald es warm wurde, fand sich eine ganz besondere Art
dreieckiger Fliegen oder Bremsen ein, die in den brigen Kolonien nicht
zu finden waren, und durch ihre Stiche die Schlafenden auf eine solche
unbarmherzige Weise weckten, dass diese oft den Posten und sich vor Zorn in
den Abgrund der Hlle wnschten.

Gegen das Ende des April kam unser Kommandant abermals, um die Lebensmittel
frs zweite Quartal, welche alle Tage erwartet wurden, in Empfang zu
nehmen.

Fast zu gleicher Zeit kam aus Paramaribo ein Fischerboot mit vier Weissen,
welche bei der Auction, wobei die vom Schiffe abgeholten Gter verkauft
wurden, das Wrack um 100fl. erstanden hatten. Sie kamen in Begleitung von
vier Negern, mit deren Hlfe sie Alles abbrechen und nach der Stadt zum
Verkauf bringen wollten. Sie hofften am Schiffsinventarium noch eine gute
Beute zu machen, fanden sich aber in ihren Erwartungen getuscht.

Vierzehn Tage waren sie unterwegs gewesen, hatten durch Sturm und Regen
viel gelitten und kamen, von Allem entblsst, bei uns an.

Sie gingen nun mit Eifer ans Werk, untersuchten das Wrack und arbeiteten
in den Zeiten der Ebbe, um Alles, was an Kupfer, Blei u.s.w. noch von
einigem Werth war, auf den Posten zu bringen. Ihr Eifer erkaltete aber
schon nach einigen Tagen; denn ausserdem, dass der Regen sie an ihrer
Arbeit hinderte, sah man sie beinahe alle Tage betrunken und unter sich in
Streit und Schlgereien gerathen.

Des Nachts liessen ihnen die Mosquittos keine Ruhe, ihre Neger waren
abwechslungsweise krank; Bananen und Reis, was sie vom Kommandanten
erhalten hatten, war bald genug aufgezehrt und unsere kargen Rationen mit
diesen acht Menschen noch zu theilen, war nicht mglich. Der Lieutenant
beschloss desshalb, von Armina, wohin das Boot zurckgekehrt war, noch
einige Dutzend Boschen Bananen kommen zu lassen. Weil ich nun wnschte,
den Strom, welchen ich noch nie befahren hatte, zu sehen, so ging ich mit
meiner Corjaal, zwei Negern und einem Indianer, welchen ich auf eigene
Kosten mitnahm, dahin ab. Vorher aber rieth mir der Kommandant, seiner
Liebsten einige Dutzend Flschchen Pomade und Riechwasser, welche er mit
seinen Luchsaugen in meiner Kiste entdeckt hatte, als Geschenk mitzunehmen,
obgleich sie weit ber die Jahre hinaus war, in welchen diese Toilettmittel
mit Erfolg angewendet werden.

Mit einem Segel auf meiner leichten Corjaal, fuhr ich am zweiten Mai mit
gutem Winde ab und bald hatten wir die erste Inselgruppe, welche aus fnf
mit Hochwald und niedrigem Gestruch bewachsenen Inseln besteht, erreicht,
und landeten am ersten Arowackendorf auf hollndischer Seite, das Woman
Contry (Weiberdorf) genannt wurde.

Das Oberhaupt war eine alte Frau, Saantje, welche mich, nachdem ich ihr
eine Flasche Genever, den sie sehr liebte, gegeben hatte, mit Cosiri,
Cassave und Ananassen beschenkte.

Auf der andern Seite des Stromes lag ein Caraibendorf, dessen Oberhaupt
ebenfalls eine Frau war, welche Anna hiess.

Der Fluss, welcher oberhalb der ersten Insel sich auf die Hlfte seiner
frheren Breite vermindert und bloss noch eine halbe Stunde breit ist,
bildet beinahe ohne jede Krmmung eine acht Stunden lange Bucht, in welcher
eine Menge Inseln liegen und deren sdliches Ende sich wieder ganz in
Wasser zu verlieren scheint.

Ein hoher Hgelzug ist aus der Ferne sichtbar; die beiderseitigen Ufer
sind mit den schnsten Bumen geziert, deren verschiedene Blthen gegen
das dunkle Grn der mannigfaltig geformten Bltter wunderschn abstechen.
Besonders fllt die herrliche Caracalla, caraibische Knopojorogorli
(Naranthea guianensis) mit ihren scharlachrothen, 1-2' langen,
hrenfrmigen Blthen ins Auge. In gleicher Farbe glnzen die Blthentrosse
des Manibaumes (Symphonia coccinea), aus welchem die Indianer ein
pechartiges Harz zu gewinnen wissen.

Auf beiden Seiten sieht man mehrere Indianerdrfer; der Boden, auf dem sie
gebaut sind, ist meistens eine rothe, eisenhaltige Erde.

Wir bernachteten in einem dieser Drfer, dessen Oberhaupt, Jan, sich
lngere Zeit in Cayenne aufgehalten hatte und desswegen gebildeter als die
andern war.

Das immerwhrende Klaffen der Hunde, denen ich fremd war und der Schall
der Trommeln, durch welchen der bse Geist Jorka sollte verscheucht werden,
liessen mich beinahe zu keinem Schlaf kommen. Man behauptet irgendwo,
die sdamerikanischen Hunde bellen nicht. Ich habe davon zur Genge das
Gegentheil erfahren; denn auf Buschneger- und Indianerdrfern sind die
Hunde bei der Ankunft eines Fremden nicht zum Schweigen zu bringen. In der
Frhe verliessen wir unser Nachtquartier und fuhren bis nach Kibido-County,
einem Karaibendorfe, das auf der Sdspitze einer langen Insel liegt. Hier
kochten wir whrend eines heftigen Regens unser Mittagessen. Da die Fluth
auf dem durch hufige Regengsse angeschwollenen Strome nicht mehr wirkte,
so miethete ich noch einen jungen Indianer.

Eine kleine Stunde weiter aufwrts liegt das letzte Caraibendorf. Hier
trafen wir eine Menge Buschneger, die von Armina gekommen waren und nach
Paramaribo gingen, und da ich rgerliche Scenen befrchtete, so wollte ich
ungeachtet der Bitten meiner Neger und Indianer hier nicht bernachten,
wiewohl sie mich versicherten, dass in der Nhe kein Kamp mehr wre und wir
desshalb im freien Walde bernachten mssten. Da ich dergleichen Ausreden
und Ausflchte zu schtzen wusste, so liess ich mich nicht beschwatzen und
sie fuhren mit Widerwillen weiter.

Das Ufer beider Seiten erhebt sich steil und bildet kleine Berge, welche
sich ununterbrochen bis Armina hinziehen.

Der Abend brach an und das Geschrei der Papageyen, die meistens auf
den Strominseln schlafen und, wenn es zuvor geregnet hat, ein wahrhaft
hllisches Concert auffhren, war verstummt. Grosse Fledermuse und
Nachtschwalben umflatterten uns, und in der Dmmerung konnte man nur noch
schwach die Umrisse einer kleinen Insel unterscheiden, auf welcher Htten
stehen sollten und der wir nun voll Hoffnung zusteuerten.

Wir erreichten bei Dunkel die Mndung der Siparawini, welche von Osten her
in die Marowyne sich ergiesst und es kostete die angestrengtesten Krfte
von uns Allen, die reissende Strmung dieser Kreek zu berwinden und ihr
sdliches Ufer zu erreichen. Gerade vor dieser Mndung lag die kleine
Insel, auf welcher wir zu schlafen gedachten; aber zu unserem grssten
Verdruss fanden wir Alles unter Wasser stehend und bloss die Dcher ragten
daraus hervor.

Jetzt war guter Rath theuer und ich bereute nun, nicht im letzten Dorfe
geblieben zu seyn; denn eine Nacht, und wre es auch die schnste,
so enggepresst in einer kleinen Corjaal sitzen zu mssen, die bei der
geringsten Bewegung rechts und links umzuschlagen droht, ist hchst
mhsam und beschwerlich. Die Nacht war wirklich herrlich, der Himmel voll
funkelnder Sterne und kein Lftchen bewegte die Oberflche des Wassers.

In dem dunkeln Wald sah man die grossen Leuchtkfer, die sich im Innern
des Landes aufhalten und in ihrem rothen und grnen Lichte wie Irrlichter
herumschwrmen. Man hrte bloss das Gepfeife der Cicaden und zuweilen den
melancholischen, einer Tonleiter hnlichen Gesang einer Nachtschwalbe.

Die Neger sangen aus Verdruss, und der ltere Indianer, welcher in
dieser Gegend nicht bekannt war und bei den Buschnegern unterwegs zu viel
getrunken hatte, fluchte in allen Sprachen. Der jngere war total betrunken
und schlief.

Wegen der vielen Klippen, welche sich am Ufer des Stromes befinden, waren
wir genthigt, in der Mitte desselben zu fahren; auch hatten wir alle
Hoffnung, noch unter Dach zu kommen, aufgegeben. Endlich hatte der Kleine
seinen Rausch ausgeschlafen; er betrachtete die Ufer, zu deren Erkennung
ein Paar Eulenaugen nthig waren, und versicherte uns, dass nicht weit von
hier auf der hollndischen Seite ein paar Htten oder Kampen sich befnden.
Wir pagaiten munter darauf los und sahen bald durchs Gestruch den Schein
von Feuer blinken. Der Kleine blies, worauf wir sogleich durch geblasene
Antwort erfuhren, dass zuflligerweise Indianer, welche nach Armina
wollten, ihr Nachtquartier hier aufgeschlagen haben.

Bald erreichten wir die Htten, nachdem wir vorher wohl hundert Schritte
hatten durch den berschwemmten Wald fahren mssen. Ich war jetzt von
Herzen froh, traktirte reichlich mit Schnaps, wofr der beste Platz einer
Hngematte mir eingerumt wurde.

So schliefen wir herrlich; mehrere aber wurden von Fledermusen gebissen.

Des Morgens fuhren wir nun in Gesellschaft zusammen, immer das hollndische
Ufer entlang, und hatten wegen der reissenden Strmung eine langsame und
beschwerliche Fahrt. Das Wetter war trbe. Gegen 10Uhr erreichten wir
die Ecke, welche der Strom dadurch bildet, dass sein sdwestlicher Lauf
pltzlich ein nordwestlicher wird.

Die grosse Bucht, an welcher der Posten liegt, lag vor uns. Die zahllosen
Klippen, Bnke und Inseln, welche dieselbe ausfllen, waren alle
berschwemmt und whrend die vielen Cascaden und Flle in der Trockenzeit
ein betubendes Getse verursachen, hrte man nun nichts, als das sachte
Murmeln des mit reissender Schnelligkeit dahinstrmenden Wassers.

Etwas unterhalb ist der Landungsplatz der fr den Posten bestimmten Gter
und ein breiter Weg fhrt in einer halben Stunde nach Armina. In der
Trockenzeit, wenn die Klippen bloss liegen und Cascaden und Wasserflle
die Fahrt nach Armina hemmen, wird Alles hier ausgeladen und dann weiter
gerollt oder getragen. Jetzt war selbst der Weg berschwemmt und wir fuhren
bis zum Posten, den wir gegen Mittag erreichten.

Die Haushlterin empfing mich und meine Riechflschchen sehr artig und
ich fand bei ihr einen kleinen Laden eingerichtet, in dem gar manche
Gegenstnde zur Schau stunden, die man mir oder den Soldaten auf dem Posten
abgeschwatzt hatte.

Von allen Soldaten, die brigens an jedem Kommandanten, und wre es unser
Herrgott selbst, etwas auszusetzen haben, hrte ich klagen ber den
hier herrschenden Handelsgeist; die den Soldaten unnthigsten Dinge und
Leckereien, die allemal noch vom Strandsegen brig waren, wurden auf
Krmerweise angepriesen. So wurden getrocknete Zwetschgen und Aepfel fr
den Fall einer Krankheit fr 2fl. die Flasche den Soldaten angeschwatzt,
die natrlich der Kufer in einer halben Stunde mit dem besten Appetit
aufass. Ja man verkaufte selbst Nachtgeschirre, ein Luxusartikel, den
mancher erst bei dieser Gelegenheit gebrauchen lernte.

Man muss sich freilich wundern ber den Leichtsinn der Soldaten, die fr
solche unnthige Bagatellen ihren Sold ausgeben, den der Kommandant jeden
Monat fr seine gelieferten Waaren einstrich, whrend mancher im Besitze
eines Nachttopfes war, oder seinen Sold fr hollndische Leckereien oder
klnisches Wasser, das einige nur desswegen kauften, um es als _Schnaps_
zu trinken, missen musste, und dabei beinahe keine Hosen hatte, um auf die
Wache zu ziehen.

Das ganze Detachement stand freilich auf einer sehr niederen moralischen
Bildungsstufe, und die Behandlungsweise des Kommandanten war nicht
geeignet, dieselbe zu heben.

Arbeit, auf welche der frhere Kommandant, das Gegentheil vom jetzigen, so
sehr gesehen hatte, wobei der Soldat Feldfrchte aller Art im Ueberfluss
baute, seinen Sold sparen und seine Kiste mit Kleider fllen konnte, war
ganz aus der Mode gekommen; denn man konnte ja Alles bei dem Kommandanten
oder der Haushlterin kaufen. War nun ein leichtsinniger Kerl dem
Kommandanten seinen Sold von drei und vier Monaten voraus schuldig,
so wollte man natrlich nicht mehr borgen. Gleichwohl befrchtete man
unangenehme Raisonnements und schickte desswegen solche zur Gesundheit nach
meinem Posten, wo sie zerlumpt ankamen und bei ihrer krglichen Ration
Noth gelitten haben wrden, wenn ich ihnen nicht htte Gelegenheit bieten
knnen, sie fr Rechnung von Mana (davon spter) etwas verdienen zu lassen.

Wegen der grossen Menge Vampyrs war man genthigt, die ganze Nacht Licht
in der Kaserne brennen zu lassen. Die Kerzen hiezu, welche das Gouvernement
zum Dienste der Wachen liefert, verkaufte man dem Detachement, das
gemeinschaftlich diese Auslage bestritt, um von dem Ungeziefer nicht
gebissen zu werden. Daher war es kein Wunder, dass ein kleiner Aufruhr
ausbrach, der den Kommandanten nthigte, vier der rgsten zu Lande nach dem
Posten Gouverneurslust abzuschicken, wo sie vom Flgelkommandanten bestraft
wurden. Ich besuchte, da sich das Wetter etwas aufheiterte, den grossen
Mamabum und fuhr des andern Tages um 9Uhr mit einigen Boschen Bananen von
Armina ab.

Mit reissender Schnelligkeit ging die Fahrt stromabwrts. Da das Wetter
hell war, so sah ich im Sden die Gebirge, welche am Tapanahoni liegen und
wie ein blauer Dunst ber die Wlder hervorragten.

Nachts 9Uhr kam ich, ganz durchnsst von heftigen Regengssen, wieder auf
meinem Posten an.

Den 6. Mai kam der Schooner mit den erwnschten Lebensmitteln und der
Kommandant reiste, nachdem er diese in Empfang genommen hatte, wieder nach
Armina zurck.

Die vier Eigenthmer des Wracks luden alles Eisen, Kupfer, Tauwerk
u.s.w., was noch von einigem Werthe fr sie war, auf den Schooner und
fuhren mit demselben nach Paramaribo ab. Mir boten sie das entmastete Wrack
zum Kaufe an und gleichsam zum Spass wurden wir um 8fl. handelseinig.

Jetzt glaubte ich fr einige Zeit Ruhe zu haben; denn die Lebensmittel
waren fr sechs Monate zugleich gekommen und das geleerte Wrack konnte
meinen Kommandanten nicht mehr reizen, mich mit Extrabesuchen zu beehren.
Wiewohl ich das Wrack eigentlich nur zum Spasse gekauft hatte, hoffte ich
dennoch nach nherer Besichtigung Vortheil daraus zu ziehen.

Unter den Soldaten hatte ich einen alten Kupferschmied, der, obwohl ein
Erztrunkenbold, durch sein Handwerk doch von grossem Nutzen fr mich war.

Gleich beim ersten Besuche an Bord fanden wir das Steuerruder, von dem
wir die metallenen Ngel und Ringe, sowie die grossen gegossenen Hacken
abschlugen. Blei und Eisen wurde ebenfalls nicht verachtet und um letzteres
zu bekommen, steckten wir das Vordertheil des Schiffes in Brand, wodurch
wir mehrere Centner Ngel und Stbe erhielten, welche zu Hause gereinigt
wurden.

Tglich gingen wir zu Viere an Bord, arbeiteten whrend der Ebbe und fuhren
nach Hause, wenn das Wasser wieder zu hoch stieg. Dabei bekam jeder der
mir Helfenden 50 Cents und zwei Schnpse fr die Reise, und ich hatte alle
Ursache, mit ihrem Eifer zufrieden zu seyn.

Schon lngst hatte ich gehrt, dass auf der franzsischen Seite eines
benachbarten kleinen Flusses ein Etablissement und ein Nonnenkloster wren,
auch gleich in der ersten Zeit meines Hierseyns der Aebtissin geschrieben
und sie um die Erlaubniss gebeten, ihr meine Aufwartung machen zu drfen.
Kurze Zeit darauf bekam ich auch eine frmliche Einladung, von welcher
ich Gebrauch gemacht htte, wenn nicht die Menge von Waaren, welche ich zu
beaufsichtigen hatte, und die immerwhrenden Besuche vom Kommandanten mich
davon abgehalten htten. Da alle diese Schwierigkeiten beseitigt waren,
miethete ich zwei Indianer und fuhr in meiner kleinen Corjaal, die ich
mit einigen Fsschen Butter und anderen Kleinigkeiten zum Verkauf beladen
hatte, dahin ab.

Das Wetter war still und trbe und wir waren mit anbrechendem Tage an der
franzsischen Seite der Marowyne. Eine wohl drei Stunden lange Schlammbank,
die bei Ebbe trocken wird, erstreckt sich bis an die Mndung des Amanabo,
an dessen linkem Ufer zwei Stunden aufwrts das Etablissement sich
befindet. Vom rechten Ufer dieses Flusses aus erstreckt sich ebenfalls eine
Bank weit in die See und beide bilden auf diese Weise einen schmalen Canal,
durch welchen nicht tief gehende Schiffe einlaufen knnen. Wir fuhren ganz
nahe am Ufer, da man ungeachtet der Fluthzeit die Wirkung derselben beinahe
nicht versprte. An beiden Seiten bildet der Mangrove einen schtzenden
Wall gegen das Schlagen der Wellen und an seinen zahllosen Zweigen und
Auslufern findet man bei der Ebbe eine Menge der kstlichsten Austern.
Aber man muss diesen Genuss durch die Stiche von Millionen Mosquittos
theuer erkaufen.

Etwa eine halbe Stunde flusseinwrts fuhren wir unter einem berhngenden
Baume durch, auf dem ein prchtiger Jaguar lag, den wir an seinem
herabhngenden Schwanze leicht in die Corjaal htten ziehen knnen. Ohne
sich von der Stelle zu rhren, sah uns das schne Thier aufmerksam an
und wir strten es auch nicht weiter, weil ich kein Gewehr hatte und die
Indianer bloss mit Fischpfeilen versehen waren. Erst nachdem wir uns etwa
50 Schritte entfernt hatten, verliess auch er seine Stelle. Endlich gegen
10Uhr erblickten wir das Zuckerfeld des Klosters und kurz darauf stiegen
wir nahe am Jungfernzwinger ans Land.

Die Aebtissin und mehrere Herren kamen mir entgegen, empfingen mich wie
einen alten Bekannten und da man gerade am Essen sich befand, das ganz
klsterlich excellent war, so liess ich es mir kstlich schmecken.

=Ma chre mre=, so titulirte man die Aebtissin, war trotz ihres Alters
eine sehr lebhafte Dame, so dass ich anfangs Mhe hatte, ihre schnelle
Sprache zu begreifen und gehrig zu beantworten. Sie war die Stifterin
des Ordens des soeurs de St.Joseph de Cluny, einer Congregation, die aus
Nonnen besteht, welche sich meist dem weiblichen Unterrichte widmen und
theils in Frankreich selbst, theils in den franzsischen Besitzungen in
Ost- und Westindien und in Afrika zu diesem Zwecke sich aufhalten. Dieses
Etablissement hiess Mana und war frher von freien Negern bewohnt, die aber
meist durch Verrath und Krankheit weggerafft wurden.

Das franzsische Ministerium hatte diejenigen Neger, welche nach
Schliessung des Tractats wegen Abschaffung des Sklavenhandels noch aus
Afrika in Cayenne eingefhrt wurden, frei erklrt, um sie aber von der
Sklavenbevlkerung zu trennen, nach dem abgelegenen Mana gebracht, wo sie
der Leitung dieser Madame _Javouhey_, Generalbtissin, bergeben wurden.
Ansehnliche Summen waren zu diesem Zweck bewilligt worden und das
Etablissement Mana war gewissermaasen eine fr sich selbst bestehende und
von Cayenne beinahe unabhngige Colonie. Die Neger, etwa 600-700 Kpfe
stark, bauten das Land und lieferten ihre Produkte, die in Erdfrchten,
als: Reis und Maniok bestanden, ins Magazin des Klosters ab, wo man sie
ihnen theils mit Waaren, die sie nthig hatten, theils mit Geld bezahlte.
Ein grosser Theil der mnnlichen Bevlkerung fllte fr Rechnung der
Congregation Bau- und Mbelholz, das an den Ufern des Amanabo leicht und
von vorzglicher Gte zu bekommen war.

Ausser der schwarzen Bevlkerung befanden sich hier mehrere weisse
Handwerker, ein Doctor, einige Intendanten, zwei Priester und etwa eilf
Nonnen. Letztere mussten verschiedene Geschfte verrichten; einige waren
in der Kirche, andere im Hospital angestellt. Einige gaben den Kindern
Unterricht, whrend andere im Garten, in der Bckerei oder Zuckermhle die
Aufsicht fhrten.

Das Kloster selbst hat bedeutende Aecker, die mit Zucker, Caffee, Bananen
u.s.w. bepflanzt sind und von den Negern unter Aufsicht der Damen
bearbeitet werden. Ein grosses Magazin, das mit Allem, was die Bevlkerung
betraf, reichlich versehen ist, zieht so zu sagen Alles an sich, was die
Neger verdienen und scheint der Congregation mehr abzuwerfen, als das ganze
Etablissement dem franzsischen Ministerium. Die Nonnen sind meist bejahrte
Damen und geborne Franzsinnen. Wiewohl sie in einer kirchlichen Uniform
stecken, denken sie doch tolerant und ich zweifle, ob man etwaige
Snderinnen einmauern wrde.

Ein Militr-Posten lag frher auf Mana, wurde aber eingezogen, weil Nonnen
und Soldaten nicht gut harmoniren konnten.

Das Etablissement liegt am linken Ufer des Flusses auf einer sandigen
Flche, die bis an die Marowyne sich ausdehnt und grosse Smpfe enthlt,
die selbst in den grossen Trockenzeiten schwer zu passiren sind. Die Huser
sind von Holz, und die Zwischenrume der Balken werden mit einem in Latten
gespaltenen und sehr biegsamen Holze (bois golette) verflochten, sodann mit
Lehm beworfen, auf welchen Kalk aufgetragen wird. Die Dcher sind wie in
Surinam mit Schindeln bedeckt. So zweckmssig diese Bauart auch ist,
so stehen doch die Huser auf Mana den unsrigen an Zierlichkeit und
Bequemlichkeit bei weitem nach. Ein grosser Hauptfehler, den man einem so
gebildeten Volke gar nicht verzeihen kann, ist der Mangel an Abtritten. Man
geht ganz ungenirt ins Freie, legt ab, was man nicht mehr tragen will,
ob Leute in der Nhe sind oder nicht. Man denke sich nun die Verlegenheit
eines Fremden, der in einer so ungrazisen Sitzung von einer Klosterfrau
berrascht wird und doch aus Hflichkeit bon jour ma soeur sagen und mit
der Hand die Mtze ziehen muss! Selbst in Cayenne herrscht dieser Mangel;
doch hat man da eigene Kbel in der Kche, dem passendsten Orte, den man in
einem so heissen Klima hiezu auswhlen kann! Auch das Innere der Huser
ist sehr einfach und lsst sich mit dem der unsrigen nicht vergleichen.
Die Kche ist berall excellent und da man isst, was der liebe Gott fr die
Flinte schickt und die lcherlichen Vorurtheile Surinams nicht kennt,
so fehlt es beinahe nie an frischem Fleisch. Affenfricasses und
Faulthiercarminaden werden von Jedem gegessen und sind wirklich excellente
Speisen. Die Mahlzeiten werden um 10 und 4Uhr gehalten; Wein und Brod darf
dabei nicht fehlen.

So wie die gesammte Bevlkerung Surinams beinahe ausschliesslich von
Bananen lebt und diese jeder andern Kost vorzieht, so ist hier das Mehl des
Maniok, Qouak oder Tapioca genannt, das Hauptnahrungsmittel. Die Bereitung
dieser nhrenden und sehr zweckmssigen Speise, die viele Aehnlichkeit mit
Sago hat, ist sehr einfach. Die Wurzel wird zerrieben und ausgepresst, die
noch etwas feuchte Masse zerbrckelt und durch ein Menari oder Sieb auf
eine kesselartig eingemauerte, heisse eiserne Platte gestreut, unter
welcher Feuer unterhalten wird. Dieses Mehl wird nun einige Male umgerhrt,
um nicht festzubacken, und weggenommen, wenn es sich brunt; dann wird
anderes an seine Stelle gethan. Um den Qouak zu essen, wird er mit
Fischbrhe oder andern Saucen befeuchtet, wodurch er wie das Cassavebrod
anquillt.

Ein Schooner, der ebenfalls den Schwestern gehrt, bringt die Erzeugnisse
Manas monatlich nach Cayenne und holt dort alle anderen Lebensmittel und
Bedrfnisse ins Magazin.

Die von mir mitgebrachten Sachen hatte ich gegen Hemde und Hosen, die wir
alle sehr nthig hatten, vertauscht.

Ein paar Backsteine und Ziegel, deren das Wrack noch 70,000 inne hatte,
zeigte ich zur Probe der Aebtissin, in der Hoffnung sie werde mir das Wrack
abkaufen. Hiezu schien sie auch nicht abgeneigt zu seyn; denn sie versprach
mir, einen Sachkundigen zu schicken, der untersuchen solle, ob sich die
Ziegel ausladen und transportiren liessen.

Abends 5Uhr fuhr ich wieder ab. Das Wetter war trbe und kein Lftchen
kruselte die Oberflche des Flusses, dessen Mndung wir schon mit
dem Dunkel erreichten. Der junge Indianer, den ich bei mir hatte, war
eingeschlafen und sein Vater steuerte. Es war so finster, dass wir das Land
nicht sahen, besonders auch, weil wir wegen der Bank weit von demselben
entfernt bleiben mussten. Erst am Sandgrund, ber den wir fuhren, erkannten
wir, dass wir nahe an der Marowyne wren. Die Soldaten, welche mich
zurckerwarteten, hatten als Leuchte fr mich ein grosses Feuer
unterhalten, das wie ein Stern ber den breiten Strom schimmerte und
uns die Richtung zeigte. Wir konnten desshalb nicht irren und langten
wohlbehalten zu Hause an.

Gleich den andern Tag setzten wir unsere Arbeit am Wrack fort und
glcklicherweise gelang es uns, die Poort (eine Art Thre von 3' Breite und
Hhe, wodurch man Holz und andere lange Stcke einladet und die, wenn das
Schiff geladen ist, sorgfltig verschlossen und verstopft wird) zu ffnen
und so mit der Corjaal ins Schiff selbst hineinfahren zu knnen.

Alles, was uns im Wege lag, wurde auf diesem Wege hinausgeschafft. Die
Rudera von unzhligen Kisten und Erdpfelkrben, nebst leeren Fssern
bedeckten bald die umliegenden Sandbnke und wurden mit der Fluth in die
Nhe unseres Postens gesplt, wo sie uns zur Unterhaltung von Wachtfeuern
dienten.

Wenige Tage nach meiner Zurckkunft von Mana kamen zwei Franzosen mit vier
Negern an, um im Auftrag der Aebtissin das Wrack zu besehen. Wir fuhren
zusammen dahin. Es war gerade sehr niedere Ebbe, daher die Zeit geschickt,
den Schlamm im Schiff zu durchsuchen. Einer der Soldaten, der ein
geschickter Taucher war, hatte ein schweres Fsschen entdeckt, das wir mit
Mhe aus dem Schlamm hervorholten. Es war ein werthvoller Fund; denn es
enthielt Ngel, die besonders auf Mana sehr gesucht waren. Unter dem ersten
lag ein zweites, und nach und nach brachten wir deren 17 ans Tageslicht,
von denen jedes 50 Pfund wog. Da wir nur einen kleinen Theil der gefundenen
Fsschen mitnehmen konnten, so legten wir die brigen auf den hchsten
Theil des Wracks, die Cajtskappe, welche selbst bei einer Springfluth
nicht ganz unter Wasser gesetzt wurde.

Mittags reisten die Franzosen wieder nach Mana zurck, nachdem sie mich
versichert hatten, dass die Aebtissin mir das Wrack abkaufen werde. Diess
war in der That auch fr sie hchst vortheilhaft; denn bei eifriger Arbeit
konnte man noch viele Bretter und Balken abbrechen und Steine und Kalk
waren bei niederer Ebbe ganz leicht zu bekommen. Weil nun berdiess um
diese Jahreszeit wenig Wind wehte, so war auch Alles leicht nach Mana zu
transportiren. Alles dieses sah die Aebtissin eben so gut ein, als ich,
und es whrte desshalb auch keine zwei Tage, bis das Boot von Mana wieder
zurckkam. Mit diesem kamen der Neffe der Aebtissin und der Intendant
des Etablissements, um den Kauf mit mir abzuschliessen. Wir kamen dahin
berein, dass ich um die Summe von 500 Frcs. das Wrack an die Congregation
berliess, dass aber Alles, was ich bis jetzt abgeholt hatte, nicht im
Kaufe eingeschlossen sey, sondern noch besonders bezahlt werden msse.
Einer der Herren, welche frher das Wrack untersucht hatten, blieb nun bei
mir, um die Arbeiten der Neger und den Transport zu beaufsichtigen.

Ich hatte nun wieder mit einem verstndigen Manne zu thun, der mir um so
angenehmer war, als ich mich im Franzsischen tchtig ben konnte. Hr.M.,
so hiess mein Gast, war ein Mann von 40 Jahren, sehr lebhaften Temperaments
und kein Weinverchter. Er war verheirathet, seine Familie blieb aber
auf Mana zurck. Es fand jetzt eine ununterbrochene Verbindung mit diesem
Platze statt.

Einige Neger waren bestndig damit beschftigt, bei der Ebbe die Backsteine
und Kalkfsser aus dem untern Raume aufs Verdeck zu bringen, whrend
grssere Boote sie nach Mana brachten. Alles, was von Metall am Wrack
war, wurde abgebrochen und sammt den noch brauchbaren Balken und Brettern
mitgenommen.

Da man bloss periodisch arbeiten konnte, so hatten die Leute viel freie
Zeit und ich fand an Hrn.M. einen angenehmen Gesellschafter. Leider
aber wurde ihm seine Arbeit durch viele unangenehme Nachrichten aus Mana
entleidet. Die Aebtissin, welcher die Arbeiten zu lange dauern mochten,
machte ihm Vorwrfe darber, und Zeichen von Misstrauen, die sie
verschiedene Male gegeben hatte, erregten seinen Unwillen aufs Hchste.
Er beschloss desshalb, selbst nach Mana zu gehen, um sich persnlich zu
vertheidigen. Da ich weder Lieutenant noch Schooner zu erwarten hatte, so
entschloss ich mich, ihn dahin zu begleiten, und wir fuhren den 20. Juni,
an einem Sonntag, dahin ab.

Im Canot sass ausser ihm und mir noch ein Soldat meines Postens und ein
Neger.

Ermdet und von der Sonne verbrannt, kamen wir Abends nach 6Uhr auf Mana
an.

Die Aebtissin spazierte mit zwei Nonnen am Flusse auf und ab, und kam, als
sie unser Boot bemerkte, an den Landungsplatz, um uns zu bewillkommen. Kaum
aber hatte Hr.M. sie erblickt, als er, ohne ihren freundlichen Gruss zu
erwidern, seinen Pagaal aus dem Canot nahm und ihr denselben vor die
Fsse warf mit den Worten: Sehen sie nun selbst, ob etwas von dem Wracke
Gestohlenes darin ist. Die Dame, dadurch hchst indignirt, fasste sich
augenblicklich ber diesen unerwarteten und brutalen Gegengruss und sagte:
Wenn Sie, Hr.M., auch meinen Rang nicht achten, so wren Sie doch meinem
Alter mehr Hflichkeit schuldig. So sprechend, grsste sie mich freundlich,
und setzte dann ihren Spaziergang fort.

Es that mir leid, Zeuge dieser Scene gewesen zu seyn, da ich eine traurige
Figur dabei spielte. Spter erfuhr ich, dass dergleichen Complimente auf
Mana gar nichts Seltenes wren. M., der im Dienste der Aebtissin stand,
verstndigte sich am andern Morgen wieder mit ihr.

Whrend er nun seine Geschfte besorgte und die Aebtissin in der Frhmesse
war, ging ich ausserhalb des Dorfes in den Lndereien des Klosters umher.
Man hatte hier frher Rockou oder Orlean (bixa orelana) bereitet und eine
vierfache Allee dieser Bume zog sich lngs der Kartoffelfelder hin. Sie
standen eben in voller Pracht da, mit Blthen und Frchten bedeckt. Etwa
10' hoch, gleichen sie vollkommen den Aprikosenbumen. Ihre purpurrothen,
mit weichen Stacheln bedeckten Frchte und ihre grossen, weissen Blumen
nehmen sich wunderschn aus.

Im franzsischen Guyana bestehen noch viele Rockou-Pflanzungen und da die
Bereitung dieser Farbe einfach ist und wenige Maschinen und Manipulationen
dabei nthig sind, so wre es auch fr unsere Colonie ein Culturzweig,
wobei kleinere Effecte besonders gut stehen wrden.

Zucker und Caffee wird hier ebenfalls gepflanzt. Ersteres Produkt wird
auf einer kleinen, durch Maulesel getriebenen Mhle gemahlen und aus dem
Schaume Tafia (Zuckerbranntwein) destillirt.

Fr die Caffeebume scheint hier das rechte Land zu seyn, denn obwohl sie
ganz ohne Schatten waren und bei weitem nicht so gut angepflanzt schienen,
wie bei uns, brachen sie beinahe unter der Last ihrer Frchte. Der Reis
ist, wiewohl nicht so schn weiss, wie der unsrige, viel billiger und von
nahrhafterer Sorte.

Der Vormittag ging unter Besuchen und Einkufen schnell vorbei und wir
verliessen gegen Mittag Mana wieder.

Von M. hatte ich einen hbschen Affen zum Geschenke erhalten und die
Aebtissin gab mir etwa zwanzig Ananas mit. Ueberdiess war die Corjaal mit
allerlei Waaren, als Hemden, Wein, Seife u.s.w. beladen. Da wir auf Wind
hofften, hatte ich meine Hngematte an einen kleinen Mast befestigt und
so gerstet fuhren wir ab. Es blieb aber die Luft zu unserem Leidwesen
todtstille und die See war spiegelglatt. Durch Pagaien kamen wir jedoch
bald an die Mndung der Marowyne. Das Wetter war trbe und schwarze Wolken
hingen drohend im Osten. M. meinte, es wre besser, mit der Ueberfahrt so
lange zu warten, bis das Ungewitter vorber sey; aber da diess lange
zu dauern schien, so bestand ich auf alsbaldiger Abfahrt. Ein leichtes
Windchen schien uns sehr zu Statten zu kommen; die Hngematte wurde
desswegen gut befestigt und wir fuhren ab.

Rasch ging es vorwrts, whrend das Windchen bald zu einem Sturm anwuchs.
Grosse Wellen erhoben sich und pfeilschnell flog die Corjaal ber den
Strom hin. Leider war aber der Mast zu schwach, um die Gewalt des Sturmes
auszuhalten. Er brach und im Nu berschtteten uns die Wellen, so dass das
leichte Fahrzeug sich umkehrte und wir mit allem Schwereren sanken.

Da ich nicht schwimmen konnte, so hatte ich den gewissen Tod vor Augen;
denn an Rettung vom Posten aus war bei diesem strmischen Wetter nicht zu
denken. Statt aber, wie es sich in diesem kritischen Augenblick geziemt
htte, auf mein geistiges Wohl bedacht zu seyn, erinnerte ich mich meines
zu Hause gelassenen Geldes, das etwa 200fl. betragen mochte und rgerte
mich darber, welche Freude meine Soldaten bezeugen wrden, wenn sie
meinen Tod vernhmen und sich in das Geld theilten. Solche Gedanken, in
der Todesgefahr gehegt, waren ein Beweis dafr, dass ich noch nicht fr den
Himmel reif sey und glcklicherweise warf mich auch eine Welle wieder an
die Corjaal, die, ihres Inhalts entledigt, wegen ihrer grossen Leichtigkeit
nicht gesunken war. Ich klammerte mich daran fest und fand die Andern,
welche sich bereits beim Sinken an ihr festgehalten hatten.

Wir wurden von den Wellen schrecklich hin- und hergeworfen; doch glckte
es uns, die Corjaal umzukehren und ber die Wlbung derselben hinber zu
liegen. Jetzt hatten wir das Aergste berstanden und ich dachte nun auch
wieder an meine, von Mana mitgebrachten Waaren, von welchen der grsste
Theil um uns herumschwamm. In dieser Inspektion wurde ich durch einen
Schreckensruf M's. unterbrochen, der uns auf einen grossen Hai aufmerksam
machte, welcher in einiger Entfernung die Ananas auffrass. Er htte
sehr leicht auch an uns kommen knnen, wurde aber zum Glck durch die
immerwhrende Bewegung unserer Fsse verscheucht. Auch M's. kleinem Hunde,
der gleich uns herumschwamm und gerade einen Bissen fr ihn ausgemacht
htte, widerfuhr kein Leid.

Wir hatten etwa eine halbe Stunde in dieser Lage zugebracht und waren durch
die immerwhrende Anstrengung, uns flott zu erhalten, todtmde geworden,
als wir das grosse Boot von Mana auf uns zukommen sahen. Es war eine Stunde
nach uns von Mana abgefahren und gerade an der andern Seite angekommen, als
der Wind unser leichtes Fahrzeug umgekehrt hatte. In Folge des schnellen
Verschwindens unseres Segels ahnten die Neger unser Unglck. Bald sassen
wir gerettet im Boote und auch der grsste Theil der noch herumschwimmenden
Gegenstnde wurde aufgefischt. Der erlittene Schaden war nicht sehr
bedeutend und nur der Affe, welcher an die Corjaal angebunden war, ertrank.

Whrend unserer Ueberfahrt hatte mein Aufwrter einen enormen Pfannenkuchen
von Schildkrteneiern auf das Feuer gethan, um uns bei unserer Ankunft
sogleich regaliren zu knnen. Da man aber unsern Schiffbruch bemerkte,
vergass man, die Pfanne vom Feuer zu nehmen und dieses Meisterstck
verbrannte zu Kohlen.

Alle halfen mir nun beim Trocknen und da unser Schaden sonst nicht
bedeutend war, so waren am Abend durch Wein und Genever wieder alle
Gemther in eine frhliche Stimmung versetzt.

Kleine Streitigkeiten, welche Hr.M. theils wegen der Arbeiten am Wrack,
theils wegen Familiensachen mit der Aebtissin hatte, wurden zwar stets
wieder beigelegt, machten ihn aber gleichgltig gegen das ihm aufgetragene
Geschft.

Wenige Tage nach unserer gefhrlichen Zurckreise von Mana htte ich
beinahe durch eigene Schuld mein Leben verlieren knnen. Es erstreckten
sich nmlich vom Posten aus grosse, hohe Sandbnke tief in die See hinein.
Diese sind vom Posten selbst durch ein etwa 150 Schritte breites, bei
niederer Ebbe leicht zu durchwatendes Fahrwasser geschieden. Auf diesen
Bnken fand man bei niederem Wasser in Menge eine essbare Muschel, die
unterm Sand steckt und deren Daseyn man an zwei kleinen Lchern im Sande
bemerkt. Auf diese Sandbnke ging ich eines Morgens bei sehr niederem
Wasserstande, um Muscheln zu suchen. Ich fand deren eine solche Menge, dass
ich, um sie mitnehmen zu knnen, meine Hosen auszog, diese unten zuband und
dann damit anfllte. Ganz in mein vortheilhaftes Geschft vertieft, war ich
beinahe eine Viertelstunde vom Posten entfernt, als ich die Fluth bemerkte,
die in der Springzeit sehr schnell heraufkommt. Eilig lief ich nun mit
meinen Muscheln dem Posten zu, aber das Wasser war schon zu angewachsen,
um es durchwaten zu knnen. So befand ich mich denn in einer verzweifelten
Lage auf der Bank, denn auf dem Posten war kein Boot und ich konnte nicht
schwimmen. Das Wasser stieg immer hher und es ging mir auf der Bank
bereits um die Hften, als ein Indianer, der in der Nhe des Postens
angelte, meine Noth bemerkte. Er rollte ein grosses angeschwemmtes Stck
Holz ins Wasser und schwamm mit demselben auf mich zu. Es war die
hchste Zeit, denn ich konnte weder vor- noch rckwrts. Ich legte meinen
Muschelsack auf das Stck Holz, klammerte mich an dieses an und der
Indianer schwamm mit der ganzen Ladung dem Posten zu. So war ich denn
wieder um eine Erfahrung reicher. An einem schnen Sonntagsmorgen fuhr ich
mit Hrn.M. nach der andern Seite der Marowyne, um auf ein an einer grossen
Kreek, die wir die Seekuhkreek nannten, gelegenes Indianerdorf zu kommen.
Diese Kreek, bloss eine Stunde von der See entfernt, hat an ihren Ufern
hohes, bergiges Land, und soll, wie man mir sagte, in einem grossen Sumpfe
ihren Ursprung nehmen.

Das Indianerdorf, etwa eine Viertelstunde von der Mndung der Kreek in die
Marowyne gelegen, bestand bloss aus zwei Htten und lag auf einem etwa 50'
hohen Sandhgel, an dessen Fusse eine Quelle ihr reines, ssses Wasser mit
dem faulen, trben Kreekwasser vermischte. Eine ungemein ppige Vegetation
ziert die Abhnge des Hgels; Maripa- und Cumu-Palmen mit grossen
Heliconien wachsen an den Seiten, whrend in den feuchten Niederungen
grosse Baumfarren und verschiedene Schlingpflanzen ein undurchdringliches
Dickicht bilden. Die Ufer der Kreek sind an beiden Seiten mit einer
stachlichten Papilionacee, hier Brandi Macca genannt, bewachsen, deren
Bltter und junge Zweige sehr gerne von dem Manati gefressen werden.
Diese Thiere halten sich desshalb sehr hufig in der Kreek auf, und werden
manchmal von den Indianern harpunirt. Das Gestruch selbst ist so dicht
verworren und mit Dornen besetzt, dass beinahe keine Mglichkeit vorhanden
ist, sich da durchzuhauen.

Wir fuhren in Begleitung eines Indianers, den wir vom Dorfe mitnahmen,
weiter.

Nach einer etwa halbstndigen Fahrt theilte sich die Kreek in mehrere Arme,
und weiter aufwrts in eine Menge kleinerer Kreeken, die manchmal kleine
Inselchen bildeten, so dass es schwer war, in diesem Labyrinth sich zurecht
zu finden.

Die ganze Umgegend hatte hier ein desolates Aeussere und schien sich
jedem weitern Vordringen zu widersetzen. Die Seiten der Kreeken waren weit
landeinwrts mit der obenerwhnten, stachlichten Papilionacee besetzt, aus
denen eine Unzahl ganz mit Stacheln bedeckter Palmen hervorwuchs.

Nach einer etwa dreistndigen Fahrt weigerte sich der Indianer, weiter zu
fahren, da, wie er sich ausdrckte, ein bser Geist hier haushalte. Wir
kehrten desshalb zurck.

Bei der Mndung der Kreek fanden wir den Strom durch heftigen Wind
aufgeregt, und nur unter mhsamem, unausgesetztem Pagaien erreichten wir
die andere Seite.

Bei unserer Ankunft Abends 5Uhr bemerkten wir durch das Fernrohr in der
Nhe der Mndung des Amanabo ein Fahrzeug; wegen der grossen Entfernung
waren nur die Spitzen der Masten sichtbar. Wir hielten es fr das erwartete
Boot, das nach der Messe Mana musste verlassen haben. Da M. seine Frau mit
demselben erwartete, so zndeten wir Abends ein grosses Wachtfeuer an.
Es kam aber nichts. Auch Montag Morgens war noch nichts zu sehen, und wir
glaubten uns getuscht zu haben. M. ging an seine Arbeit auf dem Wracke,
nachdem wir zuvor verabredet hatten, dass, wenn je das Boot noch kme, ich
die Flagge aufziehen wollte.

Gegen Mittag kamen etwa zwlf Indianer vom Nachbardorfe bei mir an und
setzten sich wie gewhnlich auf Sthle und Kisten, ohne ein Wort zu
sprechen. Nachdem ich ihre Zungen erst durch einen Schnaps gelst hatte,
fragte mich einer im gleichgltigsten Tone, ob ich schon wisse, dass das
Boot von Mana gestern Abend in Folge des Sturms umgeschlagen sey und alle
Neger ertrunken wren? Wir waren, so ergnzte er seine Hiobspost, an der
andern Seite mit dem Krabbenfang beschftigt, und sahen das Boot aus dem
Amanabo kommen, und ehe es die Mndung der Marowyne erreichte, umschlagen.
Ja, ja, sie sind alle ersoffen, wiederholten die Uebrigen, um die Aussage
ihres Kameraden zu bekrftigen.

Wie bestrzt ich bei dieser Nachricht war, kann man sich kaum denken; denn
die acht Neger, welche gewhnlich mit dem Boote kamen, waren brave Kerls
und Familienvter, und es konnte dazu noch M's. Frau, welche er erwartete,
dabei seyn. Ein hartes Stck Arbeit war nun, ihm diese Nachricht
mitzutheilen und das Gejammer dieses leidenschaftlichen Mannes anzuhren.
Ich zog eiligst die Flagge verkehrt auf, und kurze Zeit darauf kam M. an.
Er zeigte sich, wie ich erwartet hatte, ganz trostlos, und wir brachten den
Rest des Tages mit Seufzen und Sthnen zu.

Noch ehe der Tag anbrach, verliess M. mit einigen Indianern den Posten, um
nach Mana zurckzukehren und dort die fatale Nachricht bekannt zu
machen, nachdem er mich noch dringend gebeten hatte, die Leichen dieser
Unglcklichen zu begraben, wenn sie an den Strand getrieben wrden. Ich
versprach ihm dieses und ging, nachdem ich mein Frhstck getrunken hatte,
wozu es mir nicht an Appetit fehlte, denn ein guter Schlaf hatte meine
Traurigkeit sehr vermindert, und berdiess war mir die Sache zweifelhaft,
mit zwei Indianern den Seestrand entlang. Wir waren wohl anderthalb Stunden
fortgegangen, als wir in der Ferne eine Menge Aasgeyer um einen am Strande
liegenden, schwarzen Krper versammelt sahen.

Bis jetzt hegte ich noch immer die Hoffnung, die Indianer htten sich
getuscht; nun aber schien das Unglck sich gewiss ereignet zu haben, und
nicht lstern nach dem traurigen Anblick, schickte ich die Indianer voraus,
whrend ich ihnen langsam folgte. Kaum waren sie bei dem todten Krper
angekommen, so erhoben sie ein Freudengeschrei: Tamanoa, Tamanoa! denn
wirklich war es die Leiche eines, wenigstens 8' langen Ameisenfressers
(Tamanoa) (Myrmecophaga jubata), der beim Schwimmen ber den breiten Strom
seinen Tod gefunden hatte, und da angeschwemmt worden war. Die Indianer
beraubten ihn seiner Krallen, whrend die Aasgeyer in der Nhe ruhig
warteten, bis wir unsere Reise fortsetzten. Wir fanden auf dem weitern
Wege ebenfalls nicht die geringste Spur, und kehrten Abends mit einigen
geschossenen Vgeln nach Hause zurck.

Des andern Tages kamen die Indianer, welche M. nach Mana gebracht hatten,
mit der frohen Nachricht zurck, dass das gesehene Fahrzeug die von Cayenne
zurckkehrende Goelette des Klosters gewesen sey, und dass desshalb das
Boot gar nicht von Mana abgegangen wre. M. blieb aber auf Mana.

Nun war ich wieder bei meinen Soldaten und Indianern allein. Die
Hauptbeschftigung war, wie immer, Essen und Trinken, und die grsste
Sorge, wie man sich vor den Mosquittos schtzen knne. Des Morgens ging
einer von uns den Seestrand entlang, um Schildkrteneier zum Frhstck zu
holen. Bereits stand der Topf auf dem Feuer, und man bestimmte fr den Mann
eine Anzahl, die auch den Hungrigsten sttigen konnte. Man ass sie gekocht
mit Salz, Citronensaft und spanischem Pfeffer zum Caffee, wozu meine Ziegen
die Milch lieferten. Am Mittage paradirten auf der Tafel Fische, oder
Schildkrtenfleisch, oder irgend ein Wild, das die Indianer brachten.
Schildkrtenpfannenkuchen mit Caffee beschlossen den tglichen
Kchenzettel. Ich hatte jedoch immer Leckereien von Mana, und auch noch
vom Schiffe war das eine oder andere fr magere Zeiten aufbewahrt. Nach
der Mittagsmahlzeit legte sich jeder schlafen, um neue Kraft auf den Abend
gegen die Anflle der Mosquittos zu sammeln.

Ausser dieser Plage, die ohne Zweifel die grsste der Tropenlnder ist,
gibt es noch andere, die ebenfalls viel zu schaffen machen.

Von den Sandflhen oder Siccas habe ich schon frher gesprochen. Auch hier
fanden sie sich in grosser Menge; doch ist Reinlichkeit das beste Mittel
gegen sie[4].

Eine andere Plage, und eigentlich den Schmerzen nach die grsste, sind die
Mosquittenwrmer. Sie sind vermuthlich Larven einer grossen Fliege. Ich
hatte deren einmal fnf in meiner Haut. Man erkennt sie an kleinen, rothen
Punkten, die sich auf der Haut zeigen, und besonders wenn das Insekt sich
bewegt, an entsetzlichen Schmerzen. Allmhlig wie das Thier wchst, wird
die Geschwulst grsser; es zeigt sich eine kleine Oeffnung, durch welche
das Thier Athem holt, das man nur durch starkes Zusammenpressen der Haut
heraustreiben kann. Manchmal aber nisten sie sich an Stellen ein, wo man
diess nicht thun kann, z.B. auf dem Kopfe, und erreichen dann wohl "
Lnge und die Dicke einer starken Federspule. Durch stundenlanges Anrauchen
mit Tabak bringt man sie ebenfalls heraus. Die Thiere werden am meisten von
ihnen geplagt: Khe, Ziegen, Rehe, Hunde, Tiger u.s.w. haben sie manchmal
bei Dutzenden in der Haut sitzen, und junge Vgel, besonders Cassicus,
die doch in langen, wohlverschlossenen Nestern sitzen, sterben manchmal an
dieser Plage.

Whrend der Trockenzeit, wenn der Seewind wehte, waren wir von der grssten
Plage, den Mosquittos, ein wenig befreit; dann aber galt es, sich vor den
Fledermusen in Acht zu nehmen. Beinahe jede Nacht wurde der eine oder
andere gebissen, und manchmal so stark, als htte man zur Ader gelassen.
Sie whlen meistens die Zehen, nur selten die Finger oder das Gesicht.
Die Wunden, welche sie machen, sind zwar klein, heilen aber langsam. Einer
meiner Soldaten wurde acht Nchte hintereinander gebissen, und war durch
den Blutverlust so geschwcht, dass er beinahe nicht mehr gehen konnte.
Ich hatte ihm schon manchmal angerathen, Strmpfe aus alter Leinwand
zusammenzuflicken und seine Fsse damit zu bedecken, aber aus Faulheit
hatte er es stets unterlassen. Da ich ihm aber mit Arrest unter dem
Flaggenstock drohte, wenn er wieder gebissen wrde, so nhte er sich solche
Strmpfe zusammen, und war von nun an nicht mehr von den Fledermusen
geplagt. Auf Pltzen, die von blutsaugenden Fledermusen hufig besucht
werden, ist es schwierig, Rindvieh, Pferde, Hhner u.s.w. zu halten. Die
Thiere magern ab und gehen bald zu Grunde. Ich habe alle Hhner, die nicht
im Hhnerhause schliefen, auf diese Weise verloren, whrend meine Enten und
einige zahme Poweesen nie davon gebissen wurden. Es ist brigens nicht blos
_eine_ Art, sondern verschiedene grosse und kleine beissen, sie thun aber
diess blos zeitenweise.

Die kleinste, doch gefhrlichste Plage waren die Schlangen, die man im
Palmdach der Kaserne, in Kisten und Fssern, oder im Hhnerstalle fand.
Meist waren es giftige, was um so mehr zu verwundern ist, da man sonst
berall vielmehr unschdliche und nur selten eine giftige sieht.

Ich schoss auf dem Posten mit einem Pfeile eine Klapperschlange, die bei
einer Lnge von 5' armsdick war, 28 Junge im Leib, und eine Klapper mit 12
Ringen hatte.

Die Verbindung mit Mana war seit M's. Abreise nicht mehr so lebhaft; doch
kam noch jede Woche ein Boot, um so viel als mglich vom Wrack abzuholen.
Die Aebtissin hatte mich ersucht, Kalk, Steine und Ziegel durch die
Soldaten ausladen und ans Land bringen zu lassen, wofr jedem per Tag
1 Franc bezahlt wurde. So hatten wir nun wieder vollauf Arbeit, und die
Soldaten konnten sich Kleider und Weisszeug kaufen, obgleich sie von ihrem
Solde, den der Kommandant fr verkaufte Waaren einsteckte, keinen Cent
bekamen.

Mit meinen rothen Nachbarn lebte ich in fortdauernder Freundschaft, und wir
besuchten einander gegenseitig beinahe alle Tage. Eines Tages kam Thomas,
der Piaiman oder Doctor, welcher als ein falscher, streitschtiger Mann
bekannt war, und schon zwei Weiber ermordet hatte, zu mir. Auch wir bekamen
Streit, wobei ich ihn von meinem Rechte dadurch berzeugte, dass ich ihn
mit einer Maulschelle beehrte, und zur Thre hinauswarf. Er ging wider
Erwarten geduldig nach Hause, und ich mit drei Soldaten nach dem Wrack, um
Ziegelsteine und dergleichen abzuholen.

Als ich Abends zurckkam, fand ich die Thre meines Magazins aufgebrochen,
und statt des Hngeschlosses mit einem alten Lappen zugebunden. Aus einer
offenstehenden Kiste waren zwei Flaschen Genever genommen worden.
Sogleich hielt ich Untersuchung in der Kaserne, und fand einen der zwei
zurckgebliebenen Soldaten betrunken in seiner Hngematte liegen. Ohne
weitere Untersuchung liess ich ihn unter den Flaggenstock tragen und
schloss ihn in Ermanglung einer Arrestkammer an denselben an. Umsonst
betheuerte er, als ihm am Abend die Mosquittos seinen Rausch vertrieben,
seine Unschuld, denn ich war zu sehr vom Gegentheil berzeugt.

Am andern Morgen aber kam der Sohn des Oberhauptes zu mir, und erzhlte,
dass Thomas aus Rache ber die ihm angethane Unbill mein Haus aufgebrochen,
Genever gestohlen, und mir berdiess noch schreckliche Rache geschworen
habe. Er habe sogar gedroht, mich mit Pfeilen todtschiessen zu wollen, wenn
ich mich wieder im Dorfe sehen lasse.

Auf diese unerwartete Nachricht hin liess ich sogleich meinen Arrestanten
los und vergtete ihm mit einem Schnapse, seine schlaflose Nacht. Ich nahm
mir nun vor, die Sache nicht kalt werden zu lassen, sondern den Dieb trotz
seiner Drohungen zu arretiren, um in Zukunft meinen Nachbarn Respect vor
fremdem Eigenthum einzuflssen.

Um die Sache noch ernster und drohender zu machen, zogen wir, das Erstemal
seit sechs Monaten, unsere Uniform an, und ich marschirte, nachdem wir den
Bcker als Besatzung zurckgelassen hatten, mit meinen vier Soldaten dem
Dorfe zu. Unserem Anzug fehlte nichts, als Schuhe, sonst war unser Aufzug
tadelfrei und rein militrisch. Wie erstaunt waren daher die Indianer
ob unserer noch nie gesehenen Pracht, als sie uns durchs Dorf marschiren
sahen.

Thomas, der Unrath witterte, griff sogleich nach Pfeil und Bogen und nahm
den Abadu zur Hand. Whrend er von meinen vier Mann in seiner Htte bewacht
wurde, sprach ich mit dem Oberhaupte und drang auf Auslieferung des Diebes,
der sich am Eigenthum des Gouvernements vergriffen hatte, und den ich,
da eine solche Frevelthat eclatant bestraft werden msse, nach Paramaribo
senden wolle.

Das Oberhaupt bat mich, die Sache ruhen zu lassen, und versprach mir
Vergtung des Gestohlenen; die brigen Indianer nahmen sich gar nichts um
die Sache an und der Piaiman kam endlich selbst, mich heulend um Verzeihung
bittend; er ging auch geduldig mit mir und wurde zur Strafe eine halbe
Stunde unter den Flaggenstock geschlossen, damit war die Sache abgemacht
und wir tranken hierauf neue Freundschaft, die auch bis an seinen Tod
im April 1844 whrte. Meinen Genever bezahlte er mir mit zwei hbschen
Pagaalen.

Schon frher hatte ich mit Hrn.M. abgemacht, gelegenheitlich das
Leprosenetablissement des franzsischen Guyana's, welches nur etwa vier
Stunden von Mana entfernt ist, zu besuchen. In der Mitte Augusts fuhr ich
desshalb nach Mana und fand M. sogleich bereit, das Reischen mit mir zu
unternehmen.

Wir verliessen gegen Mittag das Dorf in meinem kleinen Canot in Begleitung
zweier Indianer. Eine kleine Viertelstunde von dem Dorfe entfernt
fuhren wir am linken Ufer des Amanabo in die Accarouanykreek, an der
das Etablissement liegt. Die hohen Ufer dieser Kreek, welche in grossen
Krmmungen von Sden kommt, sind mit prchtigem Hochwalde geziert, worin
die Neger von Mana grosse Cederstmme zu Brettern sgen.

Ausser der Leproserie ist sie aber nicht bewohnt. Ihr Ursprung scheint
in einem grossen Moraste zu seyn, der ein wahres Chaos von Sumpfpflanzen,
Palmen, riesenmssigen Arums bildet, und zwischen dem Amanabo und der
Marowyne liegt. Wahrscheinlich entspringt in ihm auch die Seekuhkreek, und
es liesse sich daher vielleicht mit wenigen Kosten ein Kanal bilden,
durch welchen man aus der Marowyne in den Manabo gelangen knnte, ohne den
manchmal so schwierigen Weg ber die See machen zu mssen.

Ein durch den Wald gebahnter Weg, der eine grosse Krmmung der Kreek
abschneidet, brachte uns in kurzer Zeit nach dem Etablissement, whrend die
Indianer mit der Corjaal viel spter ankamen.

Das Dorf der Unglcklichen liegt auf einem Hgel von etwa 80' Hhe, an
dessen Fusse die Accarouanykreek eine grosse, hufeisenfrmige Bucht bildet.
Es besteht aus einigen Strassen, die sich winkelrecht durchschneiden, und
durch welche Alleen von Mangos nach dem Abhang des Hgels hin sich ziehen.
Diese Huser sind wie die auf Mana gebaut; eine kleine Kapelle, welche
durch eine geistliche Schwester bedient wird, steht am Rande des Berges.
Man war gerade oben im Baue zweier Huser begriffen, von welchen eines fr
den Director, das andere der Nonne bestimmt war. Einstweilen aber logirten
beide friedlich zusammen in _einem_ Gebude unten an der Kreek. Dieses
enthielt drei Zimmer, wovon die Eckzimmer vom Director und der Nonne
bewohnt, und allein durch das Speisezimmer (Salon) geschieden waren. Beide
empfingen uns sehr freundlich, und die Schwester bedauerte nur, dass man
uns aus Mangel an Fischen zum Abendessen keine Pimentade (Fischsuppe)
vorsetzen knne. Inzwischen war unsere Corjaal angekommen, und M.
prsentirte einen Kaiman, den die Indianer geschossen hatten, und der
wegen seiner Grsse uns die Fische reichlich ersetzen konnte. =Ma soeur=
verwunderte sich keineswegs ber dieses seltsame Wildprt, sondern bergab
den Kaiman dem Kochneger, der die besten Stcke davon abschnitt, und den
Rest den Indianern zurckgab.

Bald wurde das Souper aufgetischt, und wir assen von dem Kaiman mit dem
grssten Appetit. Der Wein, welcher hiebei nicht gespart wurde, machte
gesprchig; und die Nonne machte die Honneurs der Tafel auf recht
liebenswrdige Weise. Nach dem Essen prsentirte sie auf Anis gesetzten
Tafia, den ich jedoch, weil ich nie dergleichen trank, nicht annahm.

Mein Glschen war brigens schon eingeschenkt, und die Nonne trank, indem
sie sich darber verwunderte, dass ich als Soldat nicht trinke, das meinige
nebst dem ihrigen aus.

Nachts 11Uhr verliessen wir L'Accarouany, und kamen um 3Uhr Morgens auf
Mana an.

Als ich des Nachmittags auf meinem Posten ankam, traf ich blos zwei
Soldaten zu Hause an. Es waren Indianer aus Paramaribo zurckgekehrt, und
ihre Ankunft wurde auf dem Dorfe durch eine Trinkparthie gefeiert, bei der
sich wahrscheinlich ungeladen auch meine drei Jger eingefunden hatten. Sie
waren dabei nicht so bescheiden, als ich den Abend zuvor auf L'Accarounay,
und kamen nicht sehr nchtern, und mit einem Kruge des stinkenden
Lebenswassers auf dem Posten an. Zwei davon fielen glcklicherweise in
meine Hnde, und mussten Quartier unter dem Flaggenstock nehmen; der dritte
aber lief mit dem Kruge in den Awarrawald und drohte, den Verrther, der
auf seinem Posten geblieben und pflichtgetreu mir diess erzhlt hatte,
todtzuschiessen. Der arme Mann, der die Tcke seines Kameraden im
betrunkenen Zustand kannte, sprach kein Wort, sondern brachte die Nacht
in meinem Hhnerstall zu, wo ihn die oben sitzenden Hhner ber und ber
marmorirten. Des andern Morgens kam der Weggelaufene, welcher des Nachts
die unter dem Flaggenstock Sitzenden mit seinem Kruge gelabt hatte, ganz
nchtern zu mir, und bat um Entschuldigung seines Fehltritts, sowie um
seinen Schnaps, der ihm von rechtswegen gebhre, da solcher ein probates
Mittel gegen jegliche Art von Katzenjammer wre.

Einige Zeit nachher kam durch die Wanekreek eine Corjaal mit einem Weissen
und vier Negern, die vom Forte New-Amsterdam gesandt waren, uns andere
Huser zu bauen.

Des erbrmlichen Zustandes unserer Wohnungen habe ich gleich Anfangs
gedacht, und auf die vielen Klagen und Bitten unseres Kommandanten hatte
sich endlich der Major des Genie oder Bauwesens erweichen lassen. Der
Weisse war ein Kanonier und liess sich Zimmermann nennen, verstand aber
so wenig von der Sache, wie drei seiner Untergebenen, whrend der
vierte einmal Handlanger bei einem Huserbau gewesen seyn mochte und die
schwierige Sache leitete.

Man brach nun mein Haus zuerst ab, was eigentlich ein starker Wind htte
thun knnen, und errichtete aus Brettern eine temporre Htte, welche ohne
Fussboden 20' lang und 8' breit war, und deren Gipfel ich in der Mitte mit
dem Kopfe berhren konnte. Die ganze Baracke hatte kein einziges Fenster
und war mit Brettern bedeckt, die mit einer Presailing (getheertem
Segeltuche) berhangen waren. Den Tag ber herrschte eine Backofenhitze
darin, weil ausser der Thre keine andere Oeffnung angebracht war. Man
arbeitete nun auf die gewhnliche langsame Weise und hieb die nthigen
Balken in der Umgegend. Die Zimmerneger fuhren beinahe jede Nacht in die
Mitte des Stromes, um den Mosquittos zu entfliehen und Fische zu angeln.
Manchmal brachten sie ber 100 Pfund verschiedene Fische, von denen sich
besonders einer durch seine Farbe auszeichnete. Er gehrt zum Geschlechte
der Welse, ist goldgelb, schuppenlos, und manchmal 50-60 Pfund schwer. Aus
dem Kopfe kocht man gute Suppen, und die Schwimmblase, die bei grossen
wohl ein Pfund und darber schwer wird, gibt einen vortrefflichen Leim. Wir
nennen diesen Fisch Geelbakker, die Franzosen heissen ihn Majoran.

Ein anderer, etwas kleinerer Fisch, ebenfalls ein Wels, ist grau und
ungemein fett; er heisst bei den Arowacken Lau Lau, bei den Caraiben
Pasisi. Das Geschlecht der Welse ist im Sss- und Salzwasser vorherrschend,
und die Anzahl der Schuppenfische, wiewohl an Individuen reicher, ist an
Gattungen rmer.

Anfangs Oktober war mein Haus fertig, kunstreich zusammengeflickt aus den
noch brauchbaren alten und einigen neuen Balken, die man in der Umgegend
gehauen hatte. Es war kleiner als das frhere, mit Palissaden beschlagen
und mit Pinablttern gedeckt. Auch hatte es einen Fussboden, und wurde
von mir, nachdem es mit einigen Flaschen Genever eingeweiht war, sogleich
bezogen. Man fing nun an der Kaserne an, deren Sttzen man nur wegzuziehen
brauchte, um sie ber den Haufen zu werfen. Die Soldaten zogen indessen in
meine Wohnung.

Wenige Tage nach unserem Einzug fhlte ich mich krank. Kolik,
Schlaflosigkeit und Mangel an Appetit hielten mich mehrere Tage im
Bett gefesselt, und weder meine, noch die von Mana geschickten Arzneien
verbesserten meinen Zustand. Meine Krankheit ward auf allen Drfern
bekannt. So lag ich denn hoffnungslos auf meinem Lager, und Sterbegedanken,
die mich sonst noch nicht viel beunruhigt halten, erfllten meine Seele.
Da besuchte mich etwa am achten Tage meines Uebelbefindens ein altes
caraibisches Weib, und erkundigte sich genau nach allen Umstnden meiner
Krankheit. Sie versprach mir, am andern Morgen einen Trank zu bringen, der
Kopf und Magen wieder ins rechte Geleis bringen sollte.

Der Trank, den sie mir auch wirklich brachte, war ein Decoctum aus einer
Rinde, die einen bittern, aromatischen Geschmack hatte, und Aehnlichkeit
mit der Samarubo hat. Die Caraiben nennen sie Sibiru; der Baum wchst im
hhern Lande.

Kaum hatte ich diesen Trank, den sie mir in einer schmutzigen Calabasse
brachte, im Leibe, als meine Leibschmerzen nachliessen und ich in
einen, wohl fnf Stunden dauernden, erquickenden Schlaf fiel. Des Abends
verschlang ich mit wahrem Heisshunger den kstlichen Blaff, den mein
Aufwrter zubereitet hatte. Kurz gesagt, ich war vollkommen genesen und
erlangte in wenigen Tagen meine Krfte wieder.

Dass ich das alte Weib freigebig belohnte, versteht sich von selbst; nie
ging sie an meiner Thre vorber, ohne dass ich ihr einen Labetrunk aus der
Schnapsflasche gereicht htte.

Anfangs October stellte sich der Kommandant und der Doctor wieder bei mir
ein, um die Lebensmittel, welche man alle Tage erwartete, in Empfang zu
nehmen.

Wir lebten auf die gewohnte Weise; der Kommandant sorgte fr das Essen,
dessen Zubereitung er meisterhaft verstand. Der Doctor und ich machten
kleine Ausflge nach den benachbarten Indianerdrfern, oder gingen auf die
Jagd. Eines Morgens kamen zwei Indianer zu mir und erzhlten, dass eine
schne Papa- oder Abgottschlange nicht weit vom Posten in einer Awarapalme
verschlungen liege, und sich vielleicht lebendig fangen lassen wrde.

Ich eilte schnell dahin und fand das wunderschne Thier, das ruhig in den
stachlichten Blttern verschlungen dalag, und seinen Kopf hart an den Stamm
angeschmiegt hatte. Ihr Leib von der Dicke eines Mannsleibes, und ihre
Lnge mochte 10-14' betragen. Ich stand eine Weile unentschlossen da und
liebugelte mit der Schlange, die in trger Ruhe uns ganz gleichgltig
begaffte. Da ich auf die Hlfe der Indianer nicht rechnen konnte, so
war ich auf meine eigenen Krfte angewiesen; aber der Wunsch, die schne
Schlange lebend zu bekommen, siegte ber meine Bedenklichkeiten.

Ich holte nun vom Posten ein neues, ziemlich starkes Seil, woraus ich eine
Schlinge machte. Aus der Schnur eines indianischen Bogens drehte ich eine
kleinere und steckte den Kopf der Schlange ganz behutsam darein. Um den
Stamm und den Leib befestigte ich die grosse Schlinge, welche mir ein
Indianer, jedoch mit grossem Widerwillen hielt. Jetzt zogen wir, und ich
fasste sogleich den Kopf, whrend der Leib sich langsam aus der Schlinge
zog und sich mir um den Arm wickelte. Unterdessen lief ich mit der Schlange
nach dem etwa 300 Schritte entfernten Posten, wo ein Guide mir das
Thier vom Arm und der Hand abwickelte, um welche beide sie sich so fest
geschlungen hatte, dass ich grosse Schmerzen empfand.

Ich warf sie nun in eine leere Weinkiste, wo sie einige Zeit betubt lag.
Jetzt erst fing sie an zu zischen und liess sieben Stunden lang einen Ton
hren, der vollkommen dem Gerusche des aus einer Dampfmaschine strmenden
Dampfes glich.

Ich liess eine passendere Kiste von Cedernholz fr sie machen, in welcher
man durch ein Gitter das Thier recht gut beobachten konnte, setzte die
Kiste nun unter die Gallerie und war glcklich bei dem Gedanken, so
wohlfeilen Kaufs in den Besitz eines so schnen Thieres gekommen zu seyn.
Wie gross war daher mein Schrecken, als man mich in der ersten Nacht
mit der Nachricht weckte, die Schlangenkiste wre offen, und das Thier
entflohen. Ein Soldat, der ohne Zweifel ber mein Glck neidisch war, hatte
die Kiste aufgemacht. Mein Jammer war gross! Aber ungeachtet alles Suchens
mit Lichtern und Laternen in der Savanne und am Strand, fand man keine Spur
von ihr. Auch als der Tag anbrach, und Kisten und Fsser weggerollt werden
konnten, fand man keine Spur, bis man sie zufllig im Giebel des Hauses
entdeckte, wo sie, in den Palmblttern verschlungen, ruhig dalag.

Bald darauf machte ich eine Reise nach Mana, wo ich gegen Mehl Seife und
Wein fr den Kommandanten eintauschte. Es war diess die letzte, denn am 29.
Oktober kam der Schooner mit den Lebensmitteln und einem Korporal, der mich
ablsen sollte. Man hatte mich zum Fourier gemacht, und ich musste desshalb
in die Garnison zurck.

Schwerer, als von meinem Kommandanten, der mir wiederholt betheuerte, wie
leid ihm meine Abreise thue, fiel mir der Abschied von meinen Indianern.
Die Meisten derselben hatten sich am Ufer versammelt, und ich bekam noch
von den Weibern eine Menge Wasserkrge als Geschenk.

Bepackt mit meinen sieben Sachen, worunter eine Schlange, ein Kwatta
und ein Eichhrnchen, bestieg ich den Schooner und verliess nicht ohne
heimliche Thrnen die mir so liebe Marowyne. Fest stand mein Vorsatz, nach
Ablauf meiner Dienstzeit an ihren Ufern mich festzusetzen, um in reizender
Abgeschiedenheit, ganz unabhngig in der freien Natur leben zu knnen.

Ich habe jetzt, indem ich die Bltter berlese, und manche wahre Bemerkung
wegstrich, weil sie Anstoss htte geben knnen, meinen Wunsch erreicht,
aber nach wie vielen Mhen und Gefahren, Entbehrungen und Missgeschicken!




Siebenter Abschnitt

  Ankunft in Paramaribo. Die Komdie Thalia und Polyhymnia.
  Vorstellung in letzterer. Huldigung des Knigs. Militrische Ansprache.
  Dreiwchentlicher Urlaub. Abreise nach dem obern Surinam. Aufenthalt
  auf der Judensavanne. Beschftigungen. Abstecher nach Mauritzburg.
  Spinnenfang. Plantagen Worsteling Jakobs und Bergendaal. Der blaue
  Berg. Fahrt nach Victoria. Die Saramneen. Buschnegerdorf Tja Tja.
  Buschnegertanz. Abreise. Pflanzung Moria. Die Buschneger: ihr Ursprung.
  Frieden und Contracte mit der Regierung. Eintheilung in drei Stmme.
  Das Grossoberhaupt. Ihre Lebensweise und Gottesdienst. Aberglauben.
  Krankheiten. Bestrafung der Giftmischer. Handel mit den Weissen
  und ihresgleichen. Ende meiner Dienstzeit und Abreise nach Europa.
  Ueberfahrt. Ankunft in Holland.


Nach einer Reise von 24 Stunden landeten wir den 1. November in Paramaribo,
und es fiel mir wieder aufs Neue schwer, mich ans enge Joch des Dienstes zu
gewhnen. Mein alter, mir wohlwollender Kommandant, welcher Kapitn meiner
Compagnie war, hatte mir auch dieses Avancement ausgewirkt. Meine Finanzen
und husliche Einrichtung waren in guter Ordnung, und meine Lage und
Aussichten ganz vortheilhaft. Dessenungeachtet fhlte ich stets in der
Stadt den Mangel eines Freundes, der meine Freuden und Gensse mitempfand,
und zur Heiterkeit und angenehmen Gesprchen nicht erst durch den
Geneverkrug gereizt werden musste. Auf den Posten hatte mich die freie
Natur entschdigt, aber jetzt wurde der Wunsch, meine Freunde und Familie
in Europa wiederzusehen, immer lebhafter. Es war aber noch ein langes,
langes Jahr, und desshalb jeder 9. eines Monats ein kleiner Festtag, der
die Zahl meiner Dienstmonate verminderte.

Whrend der Zeit meines Aufenthaltes an der Marowyne ward in der Stadt eine
hbsche Komdie, die Thalia genannt, durch Actien errichtet, welche jeden
Monat einmal das kunstliebende Publikum Paramaribo's in sich versammelte.
Die Schauspieler sind Dilettanten, angesehene Brger von Paramaribo oder
Blanke. Meistens werden veraltete Kotzebue'sche Lust- oder Schauspiele
aufgefhrt.

Nicht das Spiel, das mittelmssig ist oder von dem grssten Theil der
Zuschauer nicht beurtheilt werden kann, noch Decorationen oder Musik wren
hier fr einen Fremden das Merkwrdige, sondern die Zuschauer selbst,
namentlich der weibliche Theil derselben. Von dem tiefsten Schwarz der
wohlbeleibten Negerdamen, bis ins Bleiche der europischen Schnen sieht
man hier alle Nancen aufgeputzt, nach oder ber Vermgen mit Schmuck und
Juwelen verschwenderisch behangen. Manche dieser Schnen leidet lieber
Mangel, als dass sie diese Gelegenheit, wo sie sich zeigen kann, versumt.

Die Preise der Pltze sind hoch, und das Parterre kostet als der niederste
fl.2.50Cent. Concerte sind selten. Sie werden ebenfalls von Liebhabern
gegeben, und in ihnen verschiedene Instrumente meisterhaft gespielt.

Die Komdie Thalia, welche in der ersten Zeit hufig besucht wurde, spornte
den Ehrgeiz einiger unternehmenden Mulatten an, eine Gesellschaft unter dem
Namen Polyhymnia zu bilden, welche als Concurrent der Thalia bei niederen
Preisen die zahlreiche Klasse der Farbigen belustigen und erfreuen sollte.
Man erffnete die Bhne mit einem Ziegler'schen Schauspiel: der Findling.
Eine sogenannte Houtloots, ein bretternes, etwa 80' langes, 12' hohes und
25' breites, frher zur Aufbewahrung von Brettern und Balken bestimmtes
Gebude war nun zum Polyhymnias-Sitze provisorisch eingerichtet. Logen und
Gallerien konnten natrlich bei der geringen Hhe und Breite des Hauses
nicht angebracht werden. Man begngte sich daher blos mit der Erhhung des
Fussbodens, so dass die auf dem letzten Platze Stehenden ihre Kpfe an die
Decke stiessen. Dabei herrschte eine Hitze zum Ersticken.

Ganz Paramaribo strmte dahin; die Farbigen, um das Talent ihrer
Gleichsortigen zu bewundern, die Weissen, um jene zu persifliren; und
wie sehr man auch die Menschen aufeinanderstapelte, so mussten doch viele
abgewiesen werden. Eine zum Ganzen passende Musik wurde glcklicherweise
durch das Getse der Zuschauer unhrbar gemacht.

Nach einem Prologe, der hierin _ein_ Geschick mit der Musik theilte, begann
der erste Akt. Die Rolle der Prima Donna ward bei dem Mangel einer Actrice
durch einen schlanken Mulattenjngling gegeben; und jede neu auftretende
Person, der ehrwrdige, mit schneeweisser Halskrause versehene (Neger)
Pfarrer mit lautem Hurrah des frhlichen Publikums begrsst. Es war des
Applaudirens kein Ende, so dass die hinten Stehenden wenig sprechen hrten,
und nur an den ausdrucksvollen Pantomimen den Zusammenhang des Stcks
erriethen. Beim Schlusse fand das Quasi-Frulein seine Mutter wieder, die
der Pfarrer verschleiert hereinfhrte. Sie schlug, um die wiedergefundene
Tochter zu umarmen, den Schleier zurck, worauf ein Gelchter erschallte,
dass man glauben sollte, das Haus strze davon ein; denn die zrtliche
Mutter wurde von einem Neger gespielt, dessen Gesicht mit Locken sich zum
weissen Kleide und Blumenhut allerliebst ausnahm. Doch man sah und hrte
beim Schlusse vor Getmmel und Beifallrufen nichts mehr, und ging nach
Hause, ohne Reue, sein Geld weggegeben zu haben. Eine Restauration in der
Nhe des Tempels sorgte ihrerseits fr gute Erfrischungen, und Mancher,
der auf den Bnken eingeschlafen war, fand sich bei seinem Erwachen unter
denselben.

Der Ruf der Polyhymnia war nun begrndet, und diese Muse, zu langsilbig und
fremd fr die Farbigen, wurde desshalb bei Verkrzung Pulehembi genannt,
welches Wort verdeutscht: Zieh das Hemd aus bedeutet. Der Reiz der
Neuheit war aber schon nach wenigen Vorstellungen verschwunden und die
Gesellschaft der Pulehembi lste sich auf.

Im Anfang des Jahres 1841 war die Huldigung fr unsern Knig WilhelmII.
Ein schner, heiterer Tag begnstigte diese Festlichkeit. Wrdevoll
und wohlklingend war die Rede, welche der General-Gouverneur bei dieser
Gelegenheit den versammelten Truppen hielt und sie verfehlte den Eindruck
nicht, den sie machen sollte. Den meisten Gefangenen wurde der Rest ihrer
Strafzeit geschenkt; auch _Alexander Bariteaud_ war in dieser Amnestie
mitbegriffen und verliess nach siebenjhriger Gefangenschaft Surinam.

Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich einer andern militrischen
Ansprache, welche kurze Zeit nach meiner Ankunft in Surinam der lteste
Kapitn an das versammelte Bataillon und insbesondere an mehrere Soldaten
richtete, die wegen langjhriger Dienstzeit kupferne oder silberne
Medaillen mit oder ohne Geldgeschenk erhielten, die nun der Kapitn,
an welchen sie vom Kriegsministerium gesandt waren, vor der Front des
Bataillons auszutheilen hatte. Er trug das Geld und die Medaillen in seinen
Hosenscken und lief damit die Front des Bataillons entlang, indem er an
die Betreffenden ihre Auszeichnung mit den Worten berreichte: Ihr bekommt
eine kupferne, Ihr eine silberne Medaille, Ihr bekommt dabei 6fl.,
Ihr nichts u.s.w. Nachdem er alle ausgetheilt hatte, sprach er die
Beschenkten also an: Diess gibt Euch nun Euer Knig, weil Ihr ihm treu
gedient habt und damit Ihr auch ferner treu dienen sollt; aber wenn Ihr
sie putzt, d.h. glnzend reibt, so steck ich Euch 14 Tage ins Loch!
Eingerckt!

Mein Garnisonsleben war natrlich viel einfrmiger, als das auf den mir so
lieben Posten, wo ich stets mein eigener Herr war, whrend hier so mancher
an mir meistern konnte. Doch war der Dienst leicht und ich wurde von meinen
Vorgesetzten stets wohlwollend behandelt. Die Sonntage, an welchen man
weder exerzirte, noch arbeitete, waren von mir meistens zur Insektenjagd in
der Umgegend bentzt und ich kam so zu einer schnen Sammlung, die ich nach
Europa mitnehmen wollte.

Ich hatte nun im Laufe von 5 Jahren die entferntesten Posten der Colonie
besucht und schon lngst war es mein Wunsch gewesen, das hhere Land am
Surinamstrome und die Drfer der Buschneger zu sehen. Meine militrischen
Verhltnisse aber und noch mehr die, mit solchen Reisen verbundenen
Kosten, setzten, wenn ich sie auf eigene Rechnung unternommen htte, grosse
Hindernisse in den Weg. Es kam mir daher die Einladung eines deutschen
Doctors, Hrn.H. in Paramaribo, der am oberen Surinam Pflanzen und
zoologische Gegenstnde sammeln und mich zu seinem Begleiter haben wollte,
sehr erwnscht. Leicht erhielt ich einen dreiwchigen Urlaub und wir
fuhren Mitte Augusts in einem sechsriemigen Tentboote dahin ab. Die langen,
lstigen Regengsse der nassen Jahreszeit hatten aufgehrt. Zwar war das
Land noch berschwemmt und der Strom in Folge der Menge Wasser aus dem
obern Lande reissend, doch schien uns ein heiterer Himmel zu begnstigen.

Mit anbrechender Nacht landeten wir auf einer Zuckerpflanzung, deren
Director ein Freund Hrn.H's. war und Allem aufbot, seinen Gast recht gut
zu bewirthen. Die Tafel war wohlbesetzt mit inlndischen und europischen
Frchten und Speisen. Wein war in Hlle und Flle aufgetischt und sie
bildete desswegen einen mchtigen Contrast mit der Mittagstafel der
Unteroffiziere in Paramaribo, auf welcher als Krone der auslndischen
Speisen eine Schssel graue Erbsen oder Sauerkraut prangte, deren Inhalt
mit klarem Brunnenwasser hinuntergesplt wurde.

In der Frhe des andern Morgens setzten wir unsere Reise in einem andern
unbedeckten Boot fort, das mit Lebensmitteln, Rum fr die Indianer und
Neger, Kisten zur Aufbewahrung von Naturalien, Gewehren u.s.w. so bepackt
wurde, dass uns beinahe kein Pltzchen zu freier Bewegung brig blieb. Es
herrschte eine drckende Hitze; kein Lftchen regte sich und selbst das
Stromwasser, in dem wir von Zeit zu Zeit Gesicht und Hnde wuschen, war lau
und unangenehm. Nachdem Gesicht und Hnde von der Sonnenhitze frchterlich
verbrannt waren, landeten wir auf der Zuckerpflanzung Chatillon, auf
welcher auch von der bekannten Gastfreundschaft der Plantagenbewohner keine
Ausnahme gemacht wurde.

Des Abends fuhren wir weiter. Als die Sonne sank und die Luft milder wurde,
zog ein frchterliches Gewitter heran. Der Regen floss in Strmen herab
und die heftigsten Donnerschlge folgten rasch aufeinander. Dabei herrschte
eine egyptische Finsterniss. Wir waren gerade in einer Gegend, wo wenige
Pflanzungen liegen und mussten desshalb geduldig das Ende des Gewitters
abwarten. Gegen Mitternacht erreichten wir die Judensavanne, wo wir in
einem leeren Hause, das man Hrn.H. zur Verfgung gestellt hatte, unsere
Hngematten aufhingen und bald in den Armen des Schlafes uns von den
Strapazen des Tages erholten.

Kaum war der Tag angebrochen, so erhob eine Negerin in dem angrenzenden
Hofe ein gruliches Klagegeschrei, weil ihr in der Nacht eine Henne
gestohlen ward; sie verwnschte den Dieb unter allen nur mglichen Flchen.
Gleichzeitig mit diesen Exclamationen erscholl aus dem nebenanstehenden
Hause der Schmerzensruf einer alten Jdin, die an der Kolik litt, und kaum
ffneten wir die Lden unserer Zimmer, als schon einige Kranke Hrn.H.,
der als ein geschickter Doctor sehr gesucht war, besuchen wollten. Es waren
diese Besuche um so lstiger, als Hr.H. sich bloss mit der Natur hier
beschftigen wollte und ihn nach keiner Praxis verlangte. Wir eilten
desshalb, um allen Besuchen vorzubeugen, in die Savannen. Die Vegetation
derselben war gerade in der schnsten Pracht und die Savannen, welche
einige Monate spter so trocken und de erschienen, waren mit den
herrlichsten Blumen und Struchern bedeckt. Ein Neger trug das zum Einlegen
nthige Fliesspapier, nebst dem Schmetterlingsnetz und einer Flinte. Wir
verliessen den gewhnlichen Pfad und kreuzten rechts und links durch die
wilden Ananas, die in dichten Gruppen unter dem niedrigen Gestruch stehen
und besonders den nackten Negern und Indianern keine Rosen in den Weg
streuen. Wir erreichten bald ein Indianerdorf, das aus einigen Htten
bestand, die von Caraiben bewohnt wurden. Kleine Kinder, welche spielten,
meldeten schreiend unsere Ankunft und die wenigen Indianer, welche zu Hause
waren, erkundigten sich hauptschlich nach unserem Rumvorrath. Wir ruhten
hier ein wenig aus und assen Cassavebrod mit Ananas, da wir, durch die
freundschaftlichen Besuche der Juden verhindert, nur ein sehr mssiges
Frhstck genossen hatten. Mit Pflanzen beladen kehrten wir am Abend nach
unserem Hause zurck, begleitet von einem jungen Caraiben, den der Anblick
des vielen Rums, von welchem wir sechs grosse Krge, jeder drei Gallonen
enthaltend, im Hause stehen hatten, so fr uns einnahm, dass er sich
sogleich anbot, bei uns zu bleiben und uns seiner Freundschaft bis auf den
letzten Tropfen Rum versicherte.

Den folgenden Tag durchstreiften wir auf gleiche Weise die Umgegend und
wurden dabei von unserem Indianer an Pltze gefhrt, an die wir ohne Fhrer
nicht leicht htten gelangen knnen. Ueberdiess schoss er mit stumpfen
Pfeilen Kolibris und andere kleine Vgel und ruderte, wenn die Reise zu
Wasser vor sich ging. Einer von Hrn.H's. Negern, ein guter Jger, versah
die Kche mit Wildprt, indem er bald Pakire, Ameisenfresser oder Papageyen
und hhnerartige Vgel nach Hause brachte, die verspeist, skelettirt oder
ausgestopft wurden.

An jedem der folgenden Tage hatten wir Arbeit genug und sassen manchmal
noch bis Mitternacht beim Sortiren und Trocknen der Pflanzen.

Eines Morgens gingen wir in Begleitung eines jungen Negers durch die
endlosen Savannen, um an einen alten Judenkirchhof zu kommen, welcher
oberhalb des Dorfes am Strome lag. Die Savannen waren mit baumartigen
Struchern bewachsen, welche blauschwarze, sssliche Beeren trugen, die
man Schwarzbeeren (Blakabeeri) nennt und von den Eingebornen gerne gegessen
werden. Unter diesen Struchern stehen wilde Ananase in solcher Menge,
dass man sich mit dem Sbel den Weg bahnen muss. Eine Menge Orchideen,
mit langen Bulben und wohlriechenden Blumen bedeckt, wachsen zwischen den
krummen Aesten und Wurzeln der Strucher. Wir irrten drei Stunden lang
durch den glhenden Sand, abgemattet von der Hitze, welche durch kein
Windchen gemildert wurde und konnten den verwnschten Kirchhof nicht
finden, obwohl er nur eine gute Viertelstunde vom Dorfe ab lag. Mit
Ananasen und den in der Erde wachsenden lnglichen Frchten einer
Bromeliacee lschten wir unsern Durst; aber der herbe Saft dieser Frchte
machte uns das Zahnfleisch bluten und die Zhne so stumpf, dass wir am
andern Tag noch Mhe hatten, das Essen zu kauen.

Endlich erreichten wir den Wald, der in Schluchten und auf Hgeln den
Strom umsumt und bemerkten, dass wir uns gnzlich verirrt hatten.
Abermals liefen wir eine gute Strecke, um einen Ausweg zu finden und den
langweiligen Rckweg durch die Savannen zu ersparen. Es war aber keine
Spur von einem Weg zu finden. Ungeheure, in Folge ihres Alters
umgesunkene Bume, die auf ihrer halbverfaulten Rinde eine ganze Flora von
Wucherpflanzen trugen und zwischen deren Aesten ein, viele Klafter langes,
schneidendes Gras, Babunnefi (Affenmesser) ppig wuchs, lagen berall herum
und mussten durchkrochen oder berstiegen werden. Wir warfen den grssten
Theil der gesammelten Pflanzen wieder weg, da auch der Negerjunge zu
schwach war, um sie zu tragen.

Glcklich erreichten wir den Strom, dessen Ufer von lothrechten Felsen
gebildet werden und sahen dicht bei uns den Jagdneger, der mit den
Indianern von der Jagd zurckkam. An Lianen, die von den Bumen
herabhingen, kletterten wir in die Corjaal und erreichten nun in wenigen
Minuten den Begrbnissplatz. Der Weg, welcher vom Strom dahin fhrt, ist
von hohen Bumen berwlbt und mit Mimosen (Sinnpflanzen), die beinahe
Mannshhe erreicht hatten und bei unserem Durchgange die Zweige ehrerbietig
neigten, dicht bewachsen. Der Ort selbst liegt auf einer kleinen Anhhe in
der Mitte von Cumu-, Maripa- und Awara-Palmen, wird aber seit vielen Jahren
nicht mehr bentzt, obgleich es hier so freundlich und still ist, dass man
nicht leicht ein passenderes Pltzchen finden knnte.

Nach sechstgigem Aufenthalt auf der Judensavanne ging ich mit dem
Negerjungen auf meinen alten Posten Mauritzburg, um auf den ihn umgebenden
Savannen eine Art Vogelspinne, die in der Erde lebt und sich dort hufig
aufhlt, zu holen.

Ich besuchte meine alten Freunde, die Arowacken, von welchen ich, da sie
gerade ein Bienennest gefunden hatten, mit Honig tractirt wurde. Der
Junge trug eine mit Rum gefllte Flasche, in welche ich die Spinnen werfen
wollte. Kaum war diese vom Familienvater Bakrafassi erspht, so verlangte
er ganz natrlicherweise davon zu trinken. Ich erklrte ihm mit Bedauern,
dass ich diese zum Tdten der Spinnen nthig htte, worber er sich
hchlich entsetzte. Doch solchen kstlichen Trank zu so profanem Zwecke
gebrauchen zu lassen, konnte er nicht bers Herz bringen und meinte, ich
knne die Spinnen am Leben lassen und doch in die Flasche thun. Als ich ihm
aber bemerkte, dass sie sich auf diese Weise auffressen wrden, so rieth er
mir an, jede einzeln zu bewahren und verfertigte sogleich zu diesem Zweck
aus trockenen Parasalla-(Heliconia-)Blttern kleine nette Huschen, die mit
einem Awarastachel geschlossen werden mussten. Ich berliess ihm nun
die Flasche mit der Herzensstrkung und wir gingen dann zusammen auf den
Spinnenfang. Diese Thiere halten sich in den Savannen und an Wassergrben
auf, haben etwa fusstiefe, runde Hhlen, die in schiefer Richtung nach
unten laufen und bis an die Oeffnung umsponnen sind, so dass weder Erde
noch sonst etwas hineinfallen kann. In dieser Hhle sitzt das Thier nahe am
Eingang und lauert auf die vorberziehenden Passagiere, als Kfer, Grillen
und kleine Eidechsen, welche sie im Sprunge fngt und in ihre Hhle
schleppt. Unten in derselben befindet sich immer Wasser, worin vielleicht
die Beute erst ertrnkt wird. Die Spinne selbst hat ausgespannt etwa 14" im
Umkreis, der Thorax ist von der Dicke eines Mannesdaumens und der Leib
von der Grsse eines Taubeneies; die acht Fsse und zwei Fangspitzen
sind schwarz und haben der Lnge nach laufende, weissgelbe Streifen; die
rothbraunen Fresszangen sind beinahe " lang. (Im April 1841 erhielt ich
eine solche Spinne, die mit ausgespannten Fssen die Grsse eines grossen
Esstellers hatte und deren Hinterleib so gross wie ein Hhnerei war. Sie
war sehr wild und sprang auf mich los.)

Bakrafassi gab mir seinen Sohn Walekuleh zur Begleitung nach der
Judensavanne mit und wir traten des andern Morgens unsere Rckreise dahin
an.

Nach zehntgigem Aufenthalt verliessen wir die Judensavanne und fuhren in
Begleitung des Arowacken und Caraiben den Strom weiter aufwrts. Die beiden
Indianer, so ziemlich von gleichem Alter, doch verschiedenen Stammes,
waren bald die besten Freunde und da keiner des andern Sprache verstand, so
hielten sie ihren Diskurs im Negerenglisch, welches beide gleich schlecht
sprachen und uns damit sehr belustigten.

Die Pflanzungen oberhalb der Judensavanne sind klein und gering und liefern
keine Produkte. Bloss Zimmerholz und Bretter werden von hier aus zum
Verkaufe nach der Stadt gebracht.

Wir fuhren bis zu der dem Gouvernement gehrenden Pflanzung Worsteling
Jakobs, wo man frher die zu Fundamenten und Brustwehren nthigen Steine
sprengte. Jetzt war sie der Wohnort zweier Herrnhuter Missionre, die von
da aus Reisen nach den umliegenden Pflanzungen machten, um die Sklaven zu
bekehren. Die dieser Secte eigene Einfachheit und Reinlichkeit herrschte
hier im Hause, das, umgeben von Palmen und andern tropischen Gewchsen, am
Strome lag.

Eine mit Hochwald bedeckte Insel und mehrere Felsenblcke, an denen sich
das Wasser schumend brach, vollendeten das lndliche Bild. Wir wurden
freundlich aufgenommen und bewirthet und fuhren des andern Morgens weiter.
Die Meeresfluth hatte hier beim hohen Wasserstande gar keinen Einfluss mehr
und je hher wir den Fluss aufwrts fuhren, desto mhsamer wurde das Fahren
gegen denselben. Die einst zahlreichen und gut bebauten Niederlassungen
sind grsstentheils verfallen und mit Wald bedeckt, nur wenige
unansehnliche sahen wir im Laufe des Tages.

Durch Pflanzensammeln lngs des blhenden Waldsaumes hatten wir uns so
versptet, dass wir bei Anbruch der Nacht noch ziemlich weit von der
Pflanzung Bergendaal, wo wir verweilen wollten, entfernt waren. Es war eine
herrliche, khle Nacht. Hr.H. und ich legten uns, so gut es anging, in der
Corjaal nieder, bedeckten das Gesicht, um dem Mondschein nicht ausgesetzt
zu seyn und schliefen, bis wir durch das hllische Gebell der Hunde auf
Bergendaal geweckt wurden. Es war 11Uhr und Alles schlief schon auf der
Pflanzung. Der Director derselben, ein alter Mulatte, kam auf den Lrmen
der Hunde unter erzwungener Freundlichkeit herbei. Im Nu waren unsere
Hngematten aufgehngt und bald herrschte die vorige Stille wieder. Ich
hatte schon Vieles von dieser Pflanzung erzhlen hren und stand desswegen
mit Tagesanbruch auf; denn ich war neugierig, sie zu sehen. Dieses
Vergngen musste ich aber noch einige Stunden entbehren, bis der Nebel, der
Fluss und Berge einhllte, sich verzogen hatte.

Die Pflanzung liegt am Fusse einer Hgelkette auf dem linken Ufer des
Flusses. Diese Hgelkette zieht sich sdwestlich und dicht an ihr erhebt
sich am Flusse der sogenannte blaue, etwa 200' hohe Berg. An diesen Berg
angebaut befindet sich das schne und gerumige Wohnhaus in einem Garten
von wohlriechenden Struchern. Mehrere Seitengebude ziehen sich zwischen
dem Berge und Flusse hin. Das Negerdorf besteht aus netten hlzernen
Husern, die mehrere Strassen bilden und berschattet von Kokosbumen einen
freundlichen Anblick gewhren. Die Arbeiten der Sklaven, deren es etwa
dreihundert sind, sind sehr gering, und sie bentzen ihre brige freie Zeit
zum Anbau von Erdfrchten, die sie mit den Ponten, welche Bretter nach der
Stadt bringen, zum Verkaufe dorthin senden. Schweine und Federvieh
ziehen sie in Menge und verschaffen sich desshalb auf diese Weise manche
Annehmlichkeiten, welche die Sklaven anderer Pflanzungen entbehren mssen.

Auf einer kleinen Anhhe neben dem Dorfe steht eine hbsche Kirche.
Die Herrnhuter Missionre haben beinahe alle Neger dieser Pflanzung zum
Christenthum bekehrt und es wird tglich Schule und Gottesdienst gehalten.
Diesem Geschft unterzieht sich ein junger Neger, der von den Herrnhutern
dazu unterrichtet wurde. Alle 14 Tage kommt ein Missionr von Worsteling
Jakobs, dann ist grosser Buss- und Bettag. Dass aber bei diesem vielen
Beten viel weniger gearbeitet wird, als auf andern Pflanzungen, ist
ebenfalls wahr; denn Beten und Arbeiten ist fr die Neger zu viel.

Als sich der Nebel verzogen hatte, bestieg ich den blauen Berg, von dessen
Hhe und Steilheit, sowie von der herrlichen Aussicht auf demselben ich
schon so viel hatte reden hren. Der Wald auf und an ihm ist gnzlich
ausgerodet und nur schlechtes, schneidendes Gras wchst auf der rothen und
eisenhaltigen Erde, aus der grosse Quarzblcke hervorstehen. Seine Abhnge
sind sehr steil und von der Seite des Flusses mhsam zu erklimmen. Ein
kleines Huschen steht auf seinem Gipfel, der wirklich eine berraschende
Aussicht gewhrt. Ungeheure Waldungen bedecken das Land nach allen
Richtungen hin und ausser dem unten liegenden Negerdorfe ist auch nicht
_eine_ Spur menschlicher Cultur zu entdecken. Gegen NNW. und NO. breitet
sich der Wald flach wie ein ungeheurer Teppich in den herrlichsten Nancen
von Grn aus, durch den der Surinam wie ein breites, silbernes Band sich
schlngelt. Nach SO., S. und SW. sieht man Hgel und Berge, ber die im
fernen Horizont hohe, blaue Gebirge hervorragen. Einzelne Rauchsulen,
welche man aus dieser grnen Masse aufsteigen sieht, erinnern daran, dass
das Land bewohnt ist. Auf dem Berge ist der Begrbnissplatz der Herrnhuter
Neger.

Die Waldungen sind hier an guten Holzarten reich, aber der Transport
(der des Zimmerholzes geschieht durch Ochsen und die Bretter mssen oft
stundenweit getragen werden) ist bei dem bergigen Terrain sehr mhsam. Vor
etwa hundert Jahren bildete sich in Holland eine Actiengesellschaft, welche
in dem bergigen Theile Surinams nach Mineralien forschen lassen wollte. Man
machte mit dem blauen Berge eine Probe und legte einen Stollen an, dessen
Oeffnung man noch jetzt sieht. Die Ausbeute war aber sehr gering und die
Bergleute wurden entweder von Krankheiten dahingerafft oder von den damals
rebellischen Buschnegern berfallen und ermordet, so dass der Sache schnell
ein Ende gemacht wurde. Ueberhaupt ist Bergendaal und noch mehr das weiter
landeinwrts liegende Victoria nicht gesund und mehrere Directoren, Creolen
aus Surinam, litten bestndig am Wechselfieber. Hr.H., der sich immer mit
Botanisiren beschftigte und dabei der Nsse zu sehr ausgesetzt hatte, litt
ebenfalls daran, wodurch er verhindert wurde, den Strom weiter aufwrts zu
fahren. Ich beschloss desshalb, allein nach dem noch vier Stunden weiter
aufwrts liegenden Posten Victoria, welcher die Grenze des bewohnten
Landes bildete, zu gehen, und trat, nachdem ich einige Tage auf Bergendaal
zugebracht hatte, die Reise dahin an. Vom Bastian der Pflanzung lieh ich
eine kleine Corjaal, die etwa 12' lang und 2' breit war, packte meine
Habseligkeiten in den Pagaal und verliess, von dem Arowacken begleitet,
Mittag um 1Uhr Bergendaal. Der Strom, welcher nach Osten hin eine wohl
zwei Stunden lange Bucht bildet, war reissend und wir pagaiten desshalb
tchtig darauf los, um noch vor der Nacht Victoria zu erreichen. Ein
starker Regenguss nthigte uns aber, ein Obdach im Walde zu suchen, wo wir,
bedeckt von Heliconienblttern, wohl eine Stunde lang unbeweglich sassen,
bis der Regen nachliess. Weder ich noch der Indianer hatten je die
Reise gemacht und wir wussten desshalb, als der Abend anbrach und keine
menschliche Seele in dieser Wildniss sich zeigte, nicht, wie weit wir noch
zu fahren hatten.

Endlich um Sonnenuntergang waren wir am Ende der langen Bucht und der Strom
kam wieder aus S. Viele bereinander geschichtete Felsen trugen Bume, an
denen mehrere Dutzende von den sackfrmigen Nestern des rothen und gelben
Cassicus hingen. Diese Vgel, welche wir aus ihrer Ruhe aufstrten, erhuben
ein hllisches Geschrei. Die Breite des ganzen Stroms betrgt hier an
dieser Stelle, wo er durch Felsen und ein hohes Ufer eingezwngt ist, kaum
20 Klafter; dabei ist er so reissend, dass es uns beinahe unmglich war,
aufwrts zu pagaien und wir unsere Hnde voll Blasen bekamen. Todtmde und
hungrig kamen wir nach 10Uhr auf dem Posten an. Ich polterte an der Thre
der Kaserne; denn ausser der Wache lag Alles in tiefem Schlaf. Die dadurch
Aufgeweckten fingen an zu fluchen und meinten, es seyen die Khe der
Pflanzung, die zuweilen da Kurzweil zu treiben pflegten. Man ffnete und
war hchlich verwundert, mich zu sehen; denn einen Besuch von mir hatte
man gar nicht erwartet. Schnell wurde ein Feuer angemacht, an dem Kaffee
gekocht, Bananen mit Speck gerstet wurden und ich und mein Indianer hatten
bald die anstrengende Reise vergessen. Man hing meine Hngematte auf,
warnte mich vor den Fledermusen und bald lagen wir in den Armen des
Schlafes.

Des Morgens kam auch der Kommandant des Postens, ein Sergeant, um mich
zu bewillkommnen. Hierauf ging ich mit einigen Soldaten nach dem etwa 200
Schritte entfernten Holzgrunde Victoria, wo ich vom Director desselben,
einem portugiesischen Israeliten, ebenfalls herzlich empfangen wurde.

Dieser Mann ist wegen der weiten Entfernung anderer Pflanzungen einzig auf
die Gesellschaft seiner Nachbarn, der Soldaten beschrnkt, und da die ganze
Sklavenmacht blos aus ungefhr 40 Kpfen besteht, und in der Trockenzeit
wegen des niedrigen Wasserstandes alle Verbindung mit Paramaribo gehemmt
ist, so ist seine Stellung weder vortheilhaft noch angenehm. Er war
brigens ein sehr geflliger Mann, der mir in der Folge uneigenntzig
manchen Dienst leistete.

Ein alter Soldat, der frher mit mir auf Mauritzburg gelegen hatte, liess
es sich besonders angelegen seyn, mich festlich zu bewirthen. Der Director
ward ebenfalls zu dem Essen eingeladen, das um zwlf Uhr in der Kaserne
aufgetragen werden sollte. Die Zeit bis dahin wurde von mir bentzt, mich
in den Wldern umzusehen.

Der Posten und die Pflanzung liegen auf einer grossen Savanne, die gegen
Osten von dem Fluss begrenzt, und auf allen Seiten von Hochwald umgeben
ist. Der Boden, sowie auch das umliegende Land ist hgelig und bildet Berge
und Thler, die mit Hochwald bedeckt sind. In den Bergschluchten, worin das
Regenwasser abluft, findet man stellenweise eine Menge Bohnerz, und die
Felsen sind wie auf Bergendaal sehr eisenhaltig. Die Wlder sind besonders
von Tapiren bevlkert, und Poweesen, Marai's und andere hhnerartige
Vgel halten sich in Menge hier auf. Hufig trifft man hier den schnen
Sonnenvogel (Ardea helios), der sich gern an kleinen, dichtbeschatteten
Kreeken aufhlt.

An Fischen ist die Gegend arm; desto reichlicheren Stoff aber bietet dem
Botaniker die Pflanzenwelt dar. Die Ufer dieses Flusses sind besonders
reichlich mit dem Copaivabaum und verschiedenen Ingaarten bewachsen. In den
Wldern findet man viele Palmen, als Murru Murru (Astrocaryon murru murru)
u.s.w., die im niedrigen Lande nicht vorkommen, und in den Bergschluchten
wuchern die interessantesten Arten von Farnen.

Ebenso reich ist hier die Gegend an Insekten, und ich fing Schmetterlinge,
welche ich auf andern Pltzen der Colonie nie sah.

Erst um 1Uhr kam ich von meiner Wanderung zurck, und ich that den mir
vorgesetzten Leckerbissen alle Ehre an. Freilich gebrach es theilweise an
Tellern und Gabeln, aber die Hauptsache war das Essen, und man kann zur
Noth wohl jene Accessoirs missen.

Auf dem Posten befand sich zugleich der Secretr (Bylegger) der
Saramaccaner-Buschneger, ein Weisser, der von der Regierung beauftragt
ist, den nach der Stadt gehenden Buschnegern ihre Psse auszufertigen, ihre
Anliegen schriftlich einzusenden, und die Beschlsse der Regierung ihnen
wieder mndlich mitzutheilen. Da berhaupt ohne seine Erlaubniss Niemand
ber den Posten hinausgehen durfte, so bat ich ihn um Erlaubniss, die vier
Stunden von Victoria abliegenden Drfer der Buschneger an der Sarakreek
besuchen zu drfen, und erhielt dieselbe auch ohne Schwierigkeit.

Am andern Tage, einem Sonntag, war ich mit meinem Indianer frh um 6Uhr
reisefertig, und mit zwei Negern der Pflanzung, welche von mir gut bezahlt
wurden, fuhren wir ab. Die Corjaal, die fr zwei Menschen nicht zu gross
war, musste nun vier Personen fassen, und war desshalb auch zum Sinken
geladen. Ich selbst sass bewegungslos da und wagte nicht zu pagaien, da wir
kaum zwei Finger breit Bord hatten. Alle Felsen und Sandbnke waren unter
Wasser, und nur die darauf wachsenden Gestruche ragten aus demselben
hervor. Der Strom war berdiess reissend, und wegen der vielen verborgenen
Klippen hchst gefhrlich zu befahren.

Zwei Buschneger, deren einer Kapitn eines Dorfes war, begegneten uns in
einer ziemlich grossen Corjaal, und da sie sahen, dass die meinige zu klein
war, so bot mir der Kapitn seine grssere an, und versprach, noch diesen
Abend, wenn er seine Geschfte auf Victoria besorgt htte, nach seinem
Dorfe zurckzukehren und die Corjaalen auszuwechseln. Ich machte von diesem
freundlichen Anerbieten Gebrauch und fuhr nun in der grsseren Corjaal auf
bequemere Weise weiter.

In der Trockenzeit ist der Fluss an vielen Stellen so seicht, dass man
kaum mit kleinen Corjaalen fahren kann. Grosse Sandbnke erstrecken sich
manchmal ber seine ganze Breite, und lassen blos kleine Kanle offen,
durch welche das Wasser mit grosser Schnelligkeit luft. Auf den Felsen
wchst meistens eine Art Guiaba (Psidium aromaticum), deren Bltter
ungemein wohlriechend sind, und in den Felsenspalten hlt sich den Tag
ber eine besondere Art Nachtschwalbe auf, die ich ebenfalls hufig auf den
Felsen von Armina gesehen habe.

Nach einer sechs Stunden anhaltenden Fahrt kamen wir gegen Mittag in
die Nhe des ersten Dorfes Tja Tja, das auf einem Hgel gerade ber der
Sarakreek liegt.

Meine Neger feuerten viermal zum Zeichen, dass ein Weisser bei ihnen wre,
worauf das Echo an den Bergen und Felsen donnernd wiederhallte. Ich sprang
schnell ans Land, und ohne auf meine Neger zu warten den ziemlich steilen
Hgel hinauf. Oben am Eingang des Dorfes stand unter dem Bogen
einer wunderlich wie ein Korkzieher zusammengewachsenen Liane ein
rohgeschnitztes, hlzernes Gtzenbild, dessen Augenhhlen mit zwei rothen
Bohnen ausgefllt waren.

Der Kapitn des Dorfes, durch die Schsse von der Ankunft eines Weissen
unterrichtet, war eben mit dem Anziehen eines Hemdes beschftigt. Es
war diess nun gerade ein neues, eben aus dem Laden gekommenes, dessen
Halskragen noch zugeknpft war. Er hatte diess in der Eile bersehen
und konnte den Kopf nicht durchbringen, als ich vor seiner Htte stand.
Gewaltig verstimmt, weil ich ihn so im Neglige sah, und ihm keine Zeit
zum Ankleiden gelassen hatte, machte er mir Vorwrfe darber, und arbeitete
sich aus seinen Aermeln heraus. Ich versicherte ihn aber, dass ich ihn auch
ohne Hemd fr den Kapitn angesehen htte, was ihn beruhigte. Den Mnnern
theilte ich Schnaps, den Weibern aber Nhnadeln aus, welche ich zum
Aufstecken der Schmetterlinge mitgenommen hatte, und wurde von ihnen
mit Cassavebrod und Eiern beschenkt. Das ganze Dorf hatte sich um mich
versammelt, und drei Corjaalen mit Buschnegerweibern folgten der meinigen,
als ich nach der Norakreek berfuhr. Wiewohl man diese Kreek mehrere Tage
aufwrts fahren kann, so ist sie doch von geringer Breite, stellenweise von
Sandbnken und Felsen, und durch bergefallene Bume versperrt.

Eine halbe Stunde vom Fluss entfernt liegt das Dorf Kreki, wo das Oberhaupt
dieser Aucanerabtheilung wohnt. Alle zu demselben fhrenden Pfade sind mit
Fetischen und hlzernen Puppen versehen, und grosse, mit beiden Enden in
die Erde gesteckte Stcke der oben erwhnten, wunderlich gedrehten Liane
bilden Bgen, unter denen jene Narrheiten angebracht sind. Das Oberhaupt
war ein stattlicher Neger, der ebenfalls seinen Staatsrock, d.h. einen
alten Schlafrock angezogen, und den silbernen Halsschild, das Zeichen
seines Ranges, umgehngt hatte. Er erwartete mich am Eingang.

Die Htten stehen, wie auf den Indianerdrfern, kreuz und quer und ohne
alle Ordnung. Sie sind meist mit den dauerhaften Blttern der Taspalme
hbsch gedeckt, und die Seitenwnde zierlich aus Pinablttern geflochten.
An Reinlichkeit bertreffen sie die indianischen weit. Nach jedem Essen
wird das Haus und der Platz vor demselben mit dem Blthentross der
Pinapalme, der als Besen dient, gefegt; Tpfe und Geschirre werden
gewaschen, und die Calabassen mit Sand gescheuert. Auch sind hier, wie auf
allen Buschnegerdrfern, Apfelsinen-, Kokos- und Caffeebume gepflanzt,
deren Fruchtbarkeit man durch angehngte Fetische, als getrocknete
Eidechsen, kleine hlzerne Puppen, zusammengebundene Vogelfedern und
dergleichen zu vermehren sucht. Der Caffee, der ohne sonderliche Pflege bei
den Buschnegern wchst, ist von guter Qualitt und beweist, dass der Boden
im obern Lande ganz fr dieses Produkt taugt.

Ein altes Weib mit schneeweissen Haaren, das seine Htte nicht verlassen
konnte, liess mich bitten, sie zu besuchen. Ich traf sie umringt von einer
Truppe junger Mdchen und von wenigstens 20 Papageyen, die bei meinem
Eintritt unter greulichem Geschrei herumflatterten und im nahen Gebsch
sich versteckten. Sie beschenkte mich mit einem Krbchen spanischem
Pfeffer, der Jahrelang zum Verpfeffern meiner Suppen gereicht htte, und
ich vergalt ihre Freigebigkeit mit den letzten Nadeln, welche mir noch
brig geblieben waren.

Nach nur kurzem Aufenthalte -- das Sehenswrdige war bald gesehen -- fuhren
wir nach dem am Surinam liegenden Dorfe Cassaveondro, dessen Oberhaupt
mir seine grsste Corjaal geliehen hatte, und von Victoria schon wieder
zurckgekommen war. Es fuhren mit mir ausser dem Indianer und den zwei
Plantagennegern noch acht Buschneger, jeder mit Gewehr und Hund, nach dem
Dorfe. Dadurch war auch diese Corjaal so geladen, dass sie jeden Augenblick
unterzusinken drohte. Unter vielem Lrmen und Gelchter wurde von Allen
gepagait, und mir war auf der sehr angeschwollenen und reissenden Kreek
nicht gut zu Muthe.

Das wilde Volk erblickte eine Wasserschildkrte, und man ruderte aus allen
Krften, um dieses Thier, dem Pirais drei Fsse abgebissen hatten, zu
erreichen. Whrend sie die Schildkrte ins Boot zu ziehen suchten,
fllte sich dieses halb mit Wasser, und es wre gewiss gesunken, wenn die
Buschneger nicht augenblicklich herausgesprungen wren. Doch diese waren
schnell bei der Hand, schpften im Schwimmen das Wasser mit einer Calabasse
heraus, und stiegen mit grosser Kunstfertigkeit nach einander wieder ins
Boot. Dieser Unfall, der auch fr mich von sehr blen Folgen htte seyn
knnen, machte nicht den mindesten Eindruck auf die Buschneger, die unter
gleicher Lustigkeit ihren Weg fortsetzten.

Bei unserer Ankunft auf Cassaveondro empfing uns beinahe das ganze Dorf
am Landungsplatz, und man veranstaltete augenblicklich mir zu Ehren einen
Tanz, der fr die zwei Plantageneger um so grsseres Interesse hatte,
als einige aus der Stadt zurckgekommene Corjaalen mit Dram beladen am
Landungsplatz lagen. Alles versammelte sich in der Htte des Kapitns, wo
der Tanz vor sich gehen sollte und Mnner, Weiber und Kinder sassen oder
lagen, wie es gerade der sprlich zugemessene Raum gestattete. Ein Mann
und eine Frau, die durch Gesang, sowie durch Klappern mit einer holzichten
Frucht ein schreckliches Getse machten, drehten sich unter allerlei
gar oft unsittlichen Geberden herum. Ein ausgehhlter, mit einem Fell
berspannter Baumstamm diente als Trommel und war das Hauptmusikinstrument.
Das Ganze unterschied sich in keiner Hinsicht von den Tnzen, welche man am
neuen Jahr oder bei andern Gelegenheiten auf den Pflanzungen sieht und die
mir jedesmal Kopfweh und Schwindel verursachten, wenn ich sie nur einige
Minuten lang ansah. Die einzige Abwechslung in dieser monotonen Parthie
brachte der Rum hervor, der Allen recht schmeckte und bald darauf das ganze
Ballpersonal betrunken machte.

So lange es noch Tag war, suchte ich in der Umgegend nach Insekten,
mit einbrechender Nacht ging ich ins Dorf zurck, wo ich, umgeben von
betrunkenen Negern, zwei hchst langweilige Stunden zubrachte. Mein
Indianer war ganz nchtern geblieben, denn er war mit den Buschnegern nicht
bekannt, schien sie zu frchten und verlangte so sehr wie ich nach dem
Posten zurckzukehren.

Jede Negerin, welche ihren Tanz beendigt hatte, sprach mich um Geld an, so
dass mich dieser Abend ber 3fl. Geschenke kostete. Endlich wurde in der
Tanzraserei eine Pause gemacht und ich usserte meinen Wunsch, abzufahren.
Dazu hatten aber die Plantageneger wenig Lust und alle Buschneger
bestrmten mich mit Bitten, erst am nchsten Morgen meine Rckreise
anzutreten. Man bot mir Haus, Hngematte, ja sogar eine hbsche Negerin an
und stellte mir vor, wie gefhrlich es sey, in einer so dunkeln Nacht mit
betrunkenen Negern und in einer so kleinen Corjaal ber die vielen Klippen
des reissenden Stromes zu fahren, wo man ja selbst bei Tage mit der
grssten Behutsamkeit zu Werke gehen msse. Ich beharrte aber auf meinem
Vorsatz, weil ich dem Director der Pflanzung Victoria versprochen hatte,
nicht ber Nacht bleiben zu wollen. Da der Kapitn des Dorfes mich
entschlossen sah, abzureisen, so gab er, um Unglck zu verhten,
den Plantagenegern, welche unter Schimpfen und Fluchen auf mich vom
Ballpersonal Abschied nahmen, eine kleine Corjaal. Man beschenkte mich
mit Apfelsinen, zwei Schildkrten und Cassave und unter immerwhrendem
Schiessen fuhr ich mit dem Indianer in meiner, die Neger in der andern
Corjaal ab. Pfeilschnell flog das leichte Fahrzeug den Fluss hinab und
Punkt zehn Uhr hatten wir den Posten erreicht.

Am andern Morgen verliess ich Victoria und war in zwei Stunden auf
Bergendaal zurck. Hr.H., der immer noch am Fieber litt, erwartete mich,
um nach Paramaribo zurckzukehren. Wir fuhren noch denselben Nachmittag ab,
hatten aber noch keine halbe Stunde zurckgelegt, als der Regen, wie mit
Eimern geschttet, vom Himmel herabstrzte und uns augenblicklich bis auf
die Haut durchnsste. Gleich stark regnete es zwei volle Stunden und da
in dieser menschenleeren Gegend kein Obdach zu finden war, so mussten wir
geduldig warten, bis es dem Himmel gefiel, seine Schleussen zu schliessen.
Wir waren beide, da wir unter so viel Bagage wie eingemauert sassen, so
kalt, als wren wir auf einer Reise nach Spitzbergen begriffen.

In einer solchen Lage ist ein guter Schluck Rum ganz zweckmssig und obwohl
ich sonst nie solchen trank, machte ich doch hier eine Ausnahme. Weil auch
einer unserer Neger das Fieber bekommen hatte, hielten wir, anstatt nach
der Judensavanne zu fahren, auf dem kleinen Kostgrunde Moria an, um hier
zu bernachten und unsere Effecten zu trocknen. Wie aus dem Wasser gezogen
betraten wir das Haus und baten die zwei Mulatten, welche den Platz
beaufsichtigten, um ein Zimmer fr die Nacht. Gesellig und gastfrei, wie
diese Menschen im Allgemeinen sind, stellten sie uns sogleich das ganze
Haus zur Verfgung, entschuldigten sich aber, weil sie uns keinen Genever
noch andern Spiritus anbieten konnten, mit dem komischen Schlusse, dass sie
ganz auf dem Trockenen sssen. Das kme eben recht, meinte Hr.H., denn wir
wren lange genug im Nassen gesessen. Es wurde nun gekocht und gebraten und
bald sassen wir ganz behaglich um den dampfenden Topf. Hr.H. hatte Rum und
Branntwein im Ueberfluss bei sich; die beiden Herren machten sich dieses zu
Nutzen und leerten wohl ein Dutzend Glschen miteinander, dass man zuletzt
recht gut sehen konnte, wie sie aufs Nasse kamen. Durch ihr unertrgliches
Geplauder nthigten sie endlich Hrn.H., die Flaschen einzuschliessen und
das Licht auszublasen, so dass bald allgemeine Ruhe im Hause herrschte.

Am Mittag des andern Tages fuhren wir, nachdem Alles getrocknet war, nach
der Judensavanne zurck. Hier verliessen uns beide Indianer, welche in der
kurzen Zeit, die sie bei uns zubrachten, die besten Freunde geworden waren.
Walekuleh, der Arowack, kehrte nach seinem Dorfe auf den Savannen der
Casewinika zurck. Nachdem er von uns reichlich beschenkt worden war,
wanderte er mit seinen Siebensachen und mit seinem Freunde, dem Caraiben
Kwaku, der ihn halbwegs begleiten sollte, wohlgemuth den glhenden Sandweg
nach der Casewinika.

Am andern Abende waren beide Indianer wieder vor unserer Thre; denn
Walekuleh, den sein Freund Kwaku nicht nur halbwegs, sondern ganz bis
in sein Dorf begleitet hatte, konnte es nicht bers Herz bringen, diesen
allein nach der Judensavanne zurckkehren zu lassen und hatte desshalb
seinerseits seinem Freunde das Geleite eben so weit zurckgegeben. Nach
dreitgigem Aufenthalt verliessen wir die Judensavanne und kamen nach
dreiwchiger Abwesenheit wieder in Paramaribo an.

       *       *       *       *       *

Ehe ich diese Schrift schliesse, will ich noch einige Bemerkungen und
Notizen ber die Buschneger beifgen, die, wiewohl kurz und oberflchlich,
doch einen richtigen Begriff ber ihre Lebensart und ihre Verhltnisse zu
den brigen Bewohnern der Colonie geben knnen.

Schon in der ersten Zeit der Colonie waren Sklaven von den Pflanzungen
weggelaufen und hatten sich an verschiedenen, meist unzugnglichen Pltzen
in grsserer oder kleinerer Anzahl eigene Drfer angelegt und lebten
vom Ertrage ihrer Aecker, von Jagd und Fischerei, oder auch vom Raub
auf benachbarten Pflanzungen, mit deren Negern sie hufig in geheimem
Einverstndnisse standen. Diese Weglauferei fand hufig bei den
neuangekauften Negern statt und nahm mit der Zeit so zu, dass die
Weggelaufenen nicht mehr damit zufrieden waren, versteckt in ihren Wldern
leben zu knnen, sondern in grosser Anzahl auf den Pflanzungen einbrachen,
sie zerstrten, die Sklaven wegfhrten und die Weissen aufs Grausamste
ermordeten. Man war desshalb von Seiten der Regierung genthigt,
kostspielige und meist nutzlose Kriege, Buschpatrouillen genannt, gegen
sie zu fhren, die keinen andern Erfolg hatten, als dass man das Gesindel
weiter in die Wlder jagte, aus welchen sie nach kurzer Zeit wieder
aufs Neue zurckkehrten und ihr altes Unwesen trieben. Man war zwar so
glcklich, mehrere ihrer Drfer zwischen der Saramacca und dem Surinam zu
entdecken, dieselben zu verbrennen und alle ihre Aecker zu vernichten; aber
diese Feldzge kosteten, so reich auch das Land in jener Zeit war, dennoch
Summen, die in keinem Verhltnisse zu dem Errungenen standen und man kam
endlich darauf, dass es das Beste wre, mit diesem Gesindel Frieden zu
schliessen, sie fr unabhngig zu erklren und auf diese Weise die Ruhe
der Colonie zu sichern. Dazu waren sie geneigt und es wurde ein Vertrag
abgeschlossen, wobei ihnen das Gouvernement den innern und unbewohnten
Theil der Colonie einrumte, auch Erlaubniss gab, in gewisser Anzahl
Surinam zu besuchen und sich zu zeitweisen Geschenken, in Pulver, Gewehren,
Leinwand, Sbel, Messern u.s.w. bestehend, bereit erklrte.

Das Gouvernement whlte sodann aus ihrer Mitte ein Oberhaupt, sowie auch
mehrere Capitne und es hielt unter ihnen einen Weissen als Posthalter,
der Psse nach Paramaribo ausfertigen und etwaige Befehle des Gouvernements
ihnen verstndlich machen musste, weil sie natrlich nicht lesen konnten.
Dagegen gaben sie einige aus ihrer Mitte als Unterpfnder des Friedens
nach Paramaribo, lieferten alle, nach Schluss des Vertrags zu ihnen
bergegangenen Sklaven aus und verpflichteten sich, im Falle eines Aufruhrs
auf Seiten der Kolonisten zu seyn.

Die Buschneger theilen sich in drei Stmme, welche nicht auf einmal,
sondern zu verschiedenen Zeiten, doch alle im Laufe des vergangenen
Jahrhunderts Frieden schlossen und den Namen: befriedigte Buschneger
(bevreedigde Boschnegers) fhren. Alle Bewohner des innern Landes ber den
Pflanzungen theilen sich in Aukaner, Saramaccaner und Bekou Moesinga- oder
Matuari-Neger. Der Stamm der Aukaner ist der bedeutendste von allen. Er
bewohnt das Land oberhalb der Zusammenflsse der Lava und des Tapanahoni
am oberen Marowyne, zwischen dem dritten und vierten Grad nrdlicher Breite
und etwa zwischen dem 54.-55. stlicher Lnge von Greenwich. Ein Theil
dieses Stammes hat sich aber in der Sarakreek am Surinamflusse unter dem
5. festgesetzt, whrend ein anderer Theil die Lndereien am oberen Cottika
und Coermotiba unter 5-40 und 3-30 bewohnt. Der ganze Stamm wird nicht
viel ber 3000 Kpfe zhlen. Sie sind in 14 Drfer eingetheilt, deren jedes
unter einem Oberhaupte oder Capitn steht, dessen Rangzeichen ein blaues,
mit silbernen Borten besetztes Wamms, ein Hut mit silberner Tresse und
Orangecocarde, ein Stock mit grossem, silbernem Knopfe, eine Kette mit
einem silbernen Halsschild, der mit dem hollndischen Wappen verziert ist,
besteht. Das Oberhaupt ber alle nennt man Granmann. Diess ist ein alter,
bei feierlichen Gelegenheiten mit einer Generalsuniform behangener
Neger, der aber in seinem Dorfe eben so nackt luft und auf derselben
Bildungsstufe steht, wie seine Untergebenen.

Die Saramaccaner sind am obern Surinam verbreitet und an Zahl den Aucanern
ungefhr gleich. Sie stehen ebenfalls unter einem Oberhaupte und Capitns
und haben theilweise den christlichen Glauben angenommen, in dem sie von
zwei Herrnhuter-Missionren, die bei ihnen wohnen, unterrichtet werden.
Die Kirche, welche aus gehauenen Cedernbrettern gebaut ist, steht auf
dem ersten Dorfe Jinjeh und wird ziemlich regelmssig von den Bekehrten
besucht. Nur darf ihnen diess nicht viele Mhe machen; denn eifrig sind sie
in ihrem Christenthum nicht. Es wurde im Jahre 1850 vom Gouvernement
der Versuch gemacht, den Herrnhuter-Missionren Eingang bei den
Aucaner-Buschnegern zu verschaffen, aber das Oberhaupt derselben
widersetzte sich mit allen seinen Capitns dieser Neuerung und die
Missionre mussten unverrichteter Sache wieder zurckkehren.

Der dritte Stamm sind die Matuari- oder Bekumusinga-Buschneger, deren Zahl
zu 600-700 geschtzt wird und die den obern Saramacca-Fluss bewohnen.

Die Buschneger, meistens ganz schwarz von Farbe, unterscheiden sich von den
Plantagenegern durch einen krftigeren Krperbau und brutalere Manieren. In
ihren Drfern gehen sie immer nackt mit einer um den Leib gebundenen Binde
(Camis). In der Stadt aber haben sie auch kurze Wmschen von farbigem
Cattun an; Hosen tragen sie dagegen selten und Schuhe gar nie. Ihre
wolligen Haare binden sie gerne in kleine Zpfchen, die wie Hrner in die
Hhe stehen. Um Fuss und Handknchel tragen sie meistens Ringe von starkem
Eisen oder Messingdrath und an den Fingern eine Menge Gardinenringe.
Ueberdiess sind bei den meisten Knie, Knchel, Arme und Hals mit Fetischen,
hier Obias genannt, behangen, die ihre besondere Bedeutung haben und sie
vor dem einen oder andern Unfall schtzen mssen. Diese Obias werden
aus allen mglichen Dingen zusammengestellt, z.B. aus Glasperlen,
Kferhrnern, Tigerzhnen, Papageyenfedern, Schnecken oder selbst hlzernen
Puppen und je toller die Zusammenstellung ist, desto krftiger wirkt der
Obia.

So roh und ungesittet dieses Volk auch ist, so kann man ihm doch gesunden
Verstand und Urtheil nicht absprechen und eifrige Versuche, sie der
Civilisation nher zu bringen, wrden wohl gelingen. Aber dazu gehrte ein
Mann mit eiserner Geduld, grosser Menschenliebe und Selbstaufopferung,
der, aufs krftigste vom Gouvernement untersttzt, mit Feuereifer ihre
heidnischen Vorurtheile bekmpfte; ihnen sanftere Sitten einprgte, ohne
dabei ihr physisches Wohl aus dem Auge zu verlieren und, unabhngig von
einer handeltreibenden Congregation, nicht genthigt wre, auf deren
materiellen Vortheile bedacht zu seyn, wodurch er in den Augen seiner
Anvertrauten fr eigenntzig gelten knnte. Hiezu wre wohl ein
katholischer Priester die tauglichste Person, ein Mann mit den Grundstzen
des =Las Casas=. Auch die Ceremonien, Reliquien und Heiligenbilder der
katholischen Kirche wrden bei den Buschnegern willigeren Eingang finden,
als der von allem usseren Schmuck entblste Herrnhuter Gottesdienst. Sie
wren einigermasen in ihren Augen (man verzeihe mir das Wort) ihren
eigenen Gebruchen analog und wrden mehr Vertrauen einflssen, als reiner
intellectueller Unterricht. Die Buschneger haben keinen wahren Begriff von
der Gottheit, obwohl sie ein hchstes Wesen anerkennen, das sie Gran Gado
nennen. Neben dieser Gottheit bestehen zwar noch eine Menge anderer als:
Ampoekoa, Buschgott, Toni, Wassergott und Geister oder Dmonen: Cromanti,
Wintin, Tigri Wintin, Wauwaen u.s.w. -- Sie lassen sich aber ber die
Natur und das Bestehen ihrer Gtter nicht viel ins Philosophiren ein,
sondern berlassen diess ihren Lukumans oder Sehern, die in grossem Ansehen
bei ihnen stehen und bei jeder Gelegenheit um Rath gefragt werden. Diese
sind auch die Verfertiger der Obias oder Fetische, welche gegen Krankheit,
Gift, Schlangen und dergl. schtzen und Glck im Handel und auf der Jagd
verschaffen mssen. Auch Jagdhunde bekommen dergleichen Obias um Hals und
Fsse und sind alsdann probat. Ausser diesen Talismanen bereiten diese
Loekoemanns auch ein weisses Pulver zu demselben Zweck, das in Einschnitte
der Haut eingerieben werden muss. Sie sind natrlicherweise ebenfalls
Doctoren und ihre aus Krutern, Wurzeln und Rinden zusammengesetzten und
unter Beschwrungsformeln zubereiteten Medicinen werden vor den Weissen
sehr geheim gehalten. Uebrigens setzen die Buschneger grosses Vertrauen
in die Heilmittel der Weissen und scheuen bei gefhrlichen Krankheiten die
Reise nach Paramaribo nicht, wo sie auf Landeskosten verpflegt und geheilt
werden. Wird der Buschneger von seinem Loekoemann behandelt, so muss er
denselben vorausbezahlen. Ihre Krankheiten bestehen meist in syphilitischen
Hautausschlgen, Fiebern u.s.w., auch richtet die Lepra bedeutende
Verheerungen unter ihnen an.

So frei und unabhngig sie leben und so gering die Mhe auch ist, sich
ihren Lebensunterhalt zu verschaffen, nehmen sie dennoch bedeutend ab,
anstatt sich zu vermehren, was wohl eine Folge ihrer vielen Ausschweifungen
seyn wird.

Beinahe jede Familie hat eine Pflanze vor ihrer Wohnung, die sie ehrt
und anbetet und sorgfltig verpflegt, um ihr Wachsthum zu frdern. Im
Allgemeinen ist diess der Seidenwollenbaum. In jedem Dorfe sind auch Htten
zum Aufenthaltsort ihrer Gtter bestimmt. Man findet darin Figuren von
Schlangen, Schildkrten, Kaimans und dgl., die aus einem weissen Thon
(Pimpa) roh verfertigt sind. Grosse Kaimans, wie man sie im Innern findet
und Papa- oder Abgottschlangen (Boa canina) werden ebenfalls verehrt und
nie getdtet. Niemand unternimmt eine Reise, ohne vorher einen Kandu oder
Schildwache vor sein Haus gesetzt zu haben. Dieser Kandu besteht meistens
aus dem Blthentrosse einer Palmenart, dem Horn einer Kuh, dem Stachel
eines Rochen, einem Termitennest oder einer Papageyenfeder, kurz, was sie
fr gut finden, welche Stcke, an einem Stock befestigt, ihr Haus, Felder
oder sonstiges Eigenthum, da, wo der Kandu steht, sichern mssen. Die
Uebrigen, welche eine solche knstliche Schildwache sehen, werden es nie
wagen, den ihnen dadurch verbotenen Platz zu betreten oder an demselben gar
zu stehlen. Die am meisten gefrchteten Kandu's sind eine eiserne Schaufel,
deren Stiel recht im Boden steckt, Hobelspne von einem Sarge und ein roth
gefrbtes Kuhhorn. Der Eigenthmer des Kandu glaubt, obgleich er denselben
aus den unbedeutendsten Sachen selbst zusammenstellte, so fest an den
Zauber, als die Uebrigen, und wrde, wenn Jemand den Muth htte, bei seinem
Kandu noch eine Kleinigkeit, als todte Kfer, Schildkrtenschaalen u.s.w.
als zweiten Kandu aufzuhngen, gewiss keinen Fuss mehr auf seinen eigenen
Acker setzen, aus Furcht vor dem mchtigeren.

Von einem Leben nach dem Tode haben sie keinen Begriff; doch glauben sie
an Gespenster von Menschen und Thieren, welche man Jorka nennt, und denen
Opfer gebracht werden. Im Besitze einer beinahe uneingeschrnkten Freiheit
und im Genusse aller Erzeugnisse, welche der fruchtbare Boden des obern
Landes bei geringer Arbeit hervorbringt, sollte man meinen, dass ihre Lage
nichts zu wnschen brig lasse. Aber Hass, Neid, Eifersucht und Misstrauen
herrschen auf jedem Dorfe und Vergiftungen und Todtschlge kommen sehr
hufig vor. Jeder etwas ungewhnliche Todesfall wird dem Gift eines Feindes
zugeschrieben und wehe dann der verdchtigen Person!

In einem aus gut gehobelten Pinalatten verfertigten Sarge wird die Leiche
in schnellem Trab durchs ganze Dorf getragen und vor dem Hause, wo die
Trger in Folge des Einflusses eines Geistes stille halten, wird der
Bewohner desselben als der Thter angesehen und des Mords beschuldigt.
Ein solcher wirklicher oder bloss vermeintlicher Giftmischer wird auf
furchtbare Weise misshandelt oder verbrannt. Der Verdchtige, dessen
Missethat nicht bewiesen werden kann, muss einen frchterlichen Eid, Leba,
schwren, und wird, wenn er sich weigert, von den Aeltesten seines Dorfes
auf ein Brett gebunden, in den Wald gebracht und mit den Fssen an ein
Feuer gehalten, dessen Hitze ihm schnell das Gestndniss auspresst oder ihn
auf immer zum Krppel macht. Ist die Missethat bewiesen, so wird er lebend
von unten auf verbrannt oder, wenn man gndig verfahren will, ihm mit einem
Beil oder einer Keule (Apatu) die Hirnschale zerschmettert.

Von dem Augenblick an, dass Jemand der Giftmischerei (Wisi) beschuldigt
ist, bis zum Tag der Bestrafung, an welchem es an Dram nicht fehlen darf,
bleibt der Beschuldigte in seinem Dorf auf freien Fssen und es wrde, im
Fall er entflhe, seine Familie fr ihn bssen mssen. Offener Streit wird
nie bestraft, auch wenn einer auf dem Platze bleibt.

Ihre Heirathen gehen ohne weitere Ceremonien vor sich. Sind die Aeltern und
das Mdchen zufrieden, so ist die Sache abgemacht und die junge Frau zieht
zu ihrem Mann. Die Mdchen sind bereits im dreizehnten Jahre heirathslustig
und hngen sodann einen Lappen Kattun, den man Kwejo nennt, um, vorher aber
laufen sie nackt.

Vielweiberei ist gebruchlich; die Meisten haben mehrere Weiber, sind
aber manchmal nicht damit zufrieden und verfhren die Frauen Anderer, was
entsetzliche Hndel zur Folge hat.

Die Frauen fhren allein die Haushaltung, pflanzen die Aecker und subern
dieselben. In ihrem Hauswesen sind sie sehr reinlich, waschen und putzen
den ganzen Tag, sind somit in diesem Stck ganz das Gegentheil der
Indianerinnen. Unter gewissen Umstnden drfen sie sich der Wohnung des
Mannes nicht nhern, sondern mssen ihre Wohnungen verlassen und eigene
Htten beziehen, deren man in jedem Dorfe eine oder einige findet. Ein
besonderer Weg fhrt von diesen Htten, welche man Kaaihuser nennt, nach
dem Flusse, bloss um die Begegnung mit Mnnern zu verhten, wodurch die
Obias an Kraft verlieren wrden.

Ihre Staatswirthschaft ist sehr einfach; Gesetze und Advokaten sind ihnen
ganz fremd. Ueber jede Kleinigkeit, die sie nicht begreifen, ber jeden
neuen Vorfall in der bewohnten Colonie werden Palavers oder sogenannte
Gruttus gehalten, zu welchen die Aeltesten und Kapitne sich bei dem
Oberhaupte versammeln, wo man um die Wette streitet und schreit, so dass
man am Ende so weise nach Hause geht, als man gekommen ist.

In ihrem Umgange sind sie gegenseitig sehr hflich und tituliren einander
mit Herr und Madame, ffen berhaupt in Allem die Weissen nach. Unter sich
sind sie sehr gastfrei und geht einer in ein anderes Dorf, so findet er
berall freie Kost und Wohnung; doch bestehlen und betrgen sie einander
bei jeder Gelegenheit und sind eben so argwhnisch gegen sich, als gegen
die Blanken.

Obgleich Faulheit ein Hauptzug ihres Charakters ist, in dem sie den
Indianern ziemlich gleichen, so haben sie doch bedeutend mehr Bedrfnisse,
als jene, und sind daher genthigt, zu deren Anschaffung Dinge zu pflanzen
oder zu suchen, welche sie bei den Weissen austauschen knnen. Diese
Handelsartikel sind bei denen, welche weit im Innern wohnen und auf ihren
Reisen viele Wasserflle zu passiren haben, meistens Tonkabohnen, die
Frchte der Dipterix odorata, Reis, Schildkrten oder Jagdhunde, welche
letztere sie von den Taruma- oder Barokotto-Indianern eintauschen, die
zwischen dem 56.-57. Lngengrade in der Nhe des Aequators wohnen. Diese
Jagdhunde sind von mittlerer Grsse, kurzhaarig, meist weiss und schwarz
oder roth gefleckt. Sie haben einen langen Schwanz und stehende Ohren und
sind auf die verschiedenen Wildarten, als Tapire, Pingos, Pakire und Pakas
abgerichtet und werden sehr theuer bezahlt. Sie sind bissig und falsch,
vielen Krankheiten unterworfen und leben im niedern Lande nicht lang. Der
Haupterwerb der Buschneger aber ist der Holzhandel. Sie fllen und behauen
Bauholz in den unterhalb der Wasserflle gelegenen Waldungen und bringen
dieses in sogenannten Kokrokos zum Verkaufe nach der Stadt oder den
Pflanzungen. Da die meisten Hlzer schwerer als das Wasser sind und in
demselben sinken, so werden die Balken mittelst zweier Querhlzer, die
ber die Corjaal liegen, mit Lianen daran befestigt und auf diese Weise
geflsst, wobei die Corjaal also den Gewichtsunterschied des Holzes im
Wasser trgt. Da sie im Behauen des Holzes sehr geschickt und behend sind,
dasselbe nichts kostet und sie berdiess ans Land keine Abgaben bezahlen,
so kann man das Holz bedeutend wohlfeiler von ihnen bekommen, als es
die Holzgrnde liefern knnen. Sie sind also fr diese gefhrliche
Concurrenten. Auf die Pflanzungen liefern sie ihr Holz gegen Dram,
Melassin, Zucker und Bananen und die Quantitt dieser Produkte, welche sie
auf diese Weise jhrlich ausfhren, ist sehr betrchtlich.

Am Cottica beschftigen sich schon seit vielen Jahren ungefhr 700
Aucaner-Buschneger allein mit diesem Holzhandel. Sie bauen keine
Feldfrchte, weil sie einen Theil ihres Holzes gegen Bananen auf den
Pflanzungen austauschen, somit auf Kosten dieser leben, und wenn Misswachs
oder Theurung eintritt, eine sehr fhlbare Last fr die Colonie sind. Die
Buschneger, welche den Landbau als ein erniedrigendes Geschft ansehen und
ihn nur dann treiben, wenn ihnen kein anderes Mittel zur Gewinnung ihres
Unterhalts brig bleibt, knnen an einem Tage durch Fllen und Bearbeiten
des Holzes so viel verdienen, dass sie auf 3-4 Wochen Lebensmittel auf den
Pflanzungen dafr erhalten knnen.

Ein Buschneger fllt und behaut ohne Mhe tglich 30 Cubikfuss, wodurch
er  25C. 7fl.50kr. verdient. Mehrentheils arbeiten aber verschiedene
zusammen und helfen einander beim Umwlzen des Blockes und dessen
Herausziehen an das Wasser. Von diesem so leicht Erworbenen leben sie
unthtig so lange, bis neuer Mangel sie wieder zur Arbeit zwingt. Bietet
sich aber die Gelegenheit dar, einzeln oder im Einverstndniss mit den
Plantagenegern Bananen oder andere Erdfrchte oder berhaupt Brauchbares zu
stehlen, so ziehen sie diess der Arbeit vor; denn ein Hang zum Stehlen ist
dem Neger angeboren, wie den Katzen das Mausen, und weder Dankbarkeit und
Strafe, noch die liberalste Behandlung hlt sie davon ab.

Haben sie ihre Bedrfnisse in Paramaribo oder auf den Pflanzungen
eingetauscht, so ziehen sie auf mglichst langsame Weise nach ihren
Drfern zurck, wo dann die Manieren der Blanken und die unterwegs erlebten
Abentheuer reichlichen Stoff zu ihren Abendunterhaltungen geben.

Unter sich auf ihren Drfern haben sie so wenig wie die Indianer Gewicht,
Maase oder Mnzen. In der Colonie aber wird ihnen ihr Holz nach dem
allgemein blichen rheinischen Fusse abgekauft. Sie berechnen ihre
verkauften Waaren nach dem vor lngerer Zeit hier gebruchlichen
surinamischen Kartengeld, von welchem der Gulden 32 Cents galt. Zehn
solcher Gulden, also 3fl.20kr., machen eine Biggi Kaarte (grosse Karte);
8 Cents oder der vierte Theil eines solchen Guldens heisst Schilling.
Es ist besonders bei grossen Rechnungen usserst schwierig, ihnen Alles
begreiflich zu machen und ihr Misstrauen mag freilich manchmal nicht
ungegrndet seyn.

Ihre Zeitbestimmungen gehen wie bei den Indianern nach Nchten, d.h. wenn
man z.B. fragt, wie weit man etwa von Paramaribo entfernt sey, so erhlt
man zur Antwort: man schlft 8, 12, 14 Nchte, ehe man dort ankommt. Ebenso
geben sie, wenn sie auf Reisen gehen, den Zurckbleibenden eine Schnur mit
so viel Knpfen, als sie abwesend zu seyn gedenken. Man ffnet daran jede
Nacht einen Knopf und ist keiner mehr da, so erwartet man den Reisenden
zurck. Da sie aber ihre Zeit so gering anschlagen, so dehnen sie manchmal
die Reisen ber den gegebenen Termin aus und wenn Hunger oder andere
Umstnde sie nicht zur Heimreise nthigen, so kommt es ihnen auf Wochen, ja
Monate nicht an.

Eine Leiche bleibt gewhnlich drei bis sechs Tage ber der Erde, whrend
welcher Zeit bestndig Dram getrunken und geschossen wird. Ja manchmal wird
der Krper erst begraben, wenn die Fulniss bereits so berhand genommen
hat, dass die faulende Jauche zum Sarge herausluft.

       *       *       *       *       *

So war denn meine Dienstzeit bis auf zwei Monate geschwunden und ich
hatte in den verschiedenen Theilen der Colonie und unter verschiedenen
Verhltnissen stets einer guten Gesundheit mich erfreut. Das Fieber,
welches so hufig und unter so manchen Formen die Bewohner Surinams
heimsucht, hatte ich bis jetzt nur dem Namen nach gekannt und hielt es fr
Weichlichkeit und Uebertreibung, wenn meine Kameraden, manchmal von ihm
gerttelt, sich unter wollene Decken und Mntel verkrochen. Aber kaum
war ich einige Tage von meiner Reise zurckgekommen, so erfasste mich der
schlimme Gast mit seiner ganzen Strke und alle gebrauchten Hlfsmittel
konnten ihn nicht gnzlich vertreiben. Als um die Mitte Octobers die
Lebensmittel nach dem Posten Nickerie gebracht werden mussten, erbat ich
mir den Transport derselben, um auf der kleinen Seereise und dem mir so
bekannten Beschermer durch die Seekrankheit mich besser auspurgiren zu
lassen, als diess durch die Pillen und Trnke des militrischen Hospitals
geschah.

Scheinbar gesund kam ich am 9. November wieder in Paramaribo, gerade an dem
Tage, an welchem meine sechsjhrige Dienstzeit beendigt war, an, und ich
hatte nun wie Herkules am Scheidewege zu whlen, ob ich meine militrische
Laufbahn fortwandeln oder in den Civilstand zurckkehren wolle. -- Ich
war lange unentschlossen, denn Surinam war mir theuer geworden und im
Vaterlande hatte ich keine Aussichten mehr. -- Im Militr-Stande, der mir
nicht missfiel, hatte ich Aussichten auf Befrderung und im Civilleben
htte ich durch Einsammeln von Naturalien reichliches Auskommen finden
knnen. -- Ich beschloss endlich vorerst nach Europa zurckzukehren und
erhielt, durch die Gunst des General-Gouverneurs, einen Urlaub, nach
welchem es mir freistand, in Holland entweder mich aufs Neue zu engagiren
oder den Dienst zu verlassen.

Ich hatte eine hbsche Sammlung Schmetterlinge im Laufe verschiedener Jahre
zusammengebracht und gab dieselbe einem Kauffartheischiffe nach Amsterdam
mit, wo ich dieselben bei meiner Ankunft zu finden hoffte und verliess nun
am 25. November 1841 auf dem kniglichen Dampfboote Curaao, das uns
an Bord des Transportschiffes, welches in der Coppename Schiffsbauholz
einnahm, bringen sollte, Paramaribo. Zwlf Soldaten und ein
Bataillonsschneider aus Curaao, die ihre Dienstzeit ebenfalls beendigt
hatten, machten die Reise mit. Der letztere, ein altes krnkliches
Mnnchen, hatte seine Frau und zwei erwachsene Tchter bei sich. Es regnete
am Tage unserer Abreise bestndig, denn die kleine Regenzeit hatte sich
mit Heftigkeit eingestellt. -- Ich hatte bis tief in die Nacht geschrieben,
gepackt und die Schreibereien der Compagnie meinem Nachfolger bergeben und
mich dadurch zu sehr angestrengt; so kam es auch, dass, als ich kaum das
Dampfboot betreten hatte, mich ein heftiges Fieber berfiel, das bei der
Seekrankheit, die sich ebenfalls einstellte, und der Reue, Surinam zu
verlassen, mich in einen mitleidwerthen Zustand versetzte. Man umhllte
mich mit Decken und ich lag die ganze Nacht abwechselnd in Frost und Hitze.
Den 26. kamen wir an Bord des Transportschiffes, zuflligerweise derselbe
Prinz Willem Frederik Hendrik, der mich vor sechs Jahren nach Surinam
gebracht hatte. Den 28. gingen wir unter Segel, und der Doctor, ein fr
seine Kranken besorgter, menschenfreundlicher Mann, der seinem Stande Ehre
machte, nahm mich in seine Behandlung. Die Seekrankheit und das Fieber
setzten mir die ersten acht Tage sehr zu, doch erholte ich mich bald so
weit, dass ich wenigstens die Universalkost, Erbsen, Speck und Fleisch,
wieder schmackhaft fand. Der Schneider hatte mit seiner Familie ein kleines
abgesondertes Kajtchen, und ich lebte mit ihm in der besten Freundschaft.
Der Tag, den ich mit Lesen durchbrachte, wurde, wenn die See nicht zu
unruhig war, mit Lotto oder Domino beschlossen. -- Das Leben an Bord eines
Kriegsschiffes habe ich schon am Anfange erwhnt, nur war der Unterschied
mit meiner frheren Ueberfahrt der, dass Matrosen und Soldaten in der
besten Einigkeit lebten und es nie Streitigkeiten gab.

Die Hitze verminderte sich, je nrdlicher wir kamen, und die Klte war um
so empfindlicher fr uns, da Keiner sich mit den fr den Winter passenden
Kleidern versehen hatte, denn solche in Surinam zu bekommen, hlt schwer,
da sie Niemand braucht. So liefen wir, als wir die Hhe Madeiras erreicht
hatten, schon frostig und zitternd herum und sahen mit Schaudern dem
europischen Klima entgegen. Um diese Zeit hatte mir der Kommandant des
Schiffes verschiedene Schreibereien aufgetragen und ich arbeitete desshalb
den ganzen Tag im Longeroom, bis die Klte das Schreiben im ungeheizten
Zimmer nicht mehr zuliess und der Kommandant mich in seine warme Kajte
nahm.

Mein Fieber hatte sich auch wieder eingestellt, und obgleich ich genug
Pulver verschluckte, so verliess es mich doch nicht wieder.

Unsere Reise ging ziemlich schnell, denn schon am 2. Januar waren wir vor
dem Canal. Das Wetter war eisig kalt und obgleich ich mir ein wollenes Hemd
an Bord gekauft hatte und in zwei wollenen Decken eingewickelt des Nachts
in meiner Hngematte lag, so konnte ich doch vor Klte keine Nacht vor
12Uhr einschlafen und lag wie ein Igel zusammengeballt, nur beschftigt,
meine eiskalten Fsse durch Reiben und Drcken zu erwrmen. -- Ebenso ging
es den Soldaten, die noch weniger als ich hatten, aber gesund waren. -- Man
blieb meistens unter dem Verdecke, wo zur Ventilation den ganzen Tag ein
Windsack uns mit so kaltem Hauche erfrischte, dass wir trotz des Verbotes
ihn verschiedene Male zuknpften. Das Aergste bei der Klte war aber, ein
gewisses natrliches Bedrfniss zu befriedigen. Der Ort dazu ist neben dem
Bugspriet, wo aller Wind sich versammelt und die Bewegung des Schiffes am
strksten ist. -- Da hinaufzuklimmen und entblsst der ganzen Gewalt des
Windes preisgegeben, vom eiskalten Wasser bespritzt zu werden, war eine
Affaire, der sich selbst die Matrosen nicht gerne unterzogen und die wir
um so mehr frchteten, als wir, wenn wir von den Wellen durchnsst waren,
keine anderen Kleider zum Wechseln hatten.

Die Frauen, welche sich seit der Klte in ihrem Kajtchen eingeschlossen
hatten, mussten freilich diese Manver nicht mitmachen, sondern hatten
einen dazu bestimmten Topf, den eine von ihnen jeden Abend zur grossen
Belustigung der Matrosen, die es dabei nicht an Glossen fehlen liessen,
ber Bord ausleerten.

Nun war eines Morgens dieser Topf, bei einer starken Bewegung des Schiffes,
umgefallen, und hatte solch einen infernalischen Geruch zwischen der Decke
verbreitet, dass jedes sich beeilte, ungeachtet die Grtze auf der Tafel
stand, aufs Verdeck zu kommen, wo es dann ans Schimpfen und Fluchen ging.
Es war eine grosse Verlegenheit fr die armen Frauenzimmer, die sich den
ganzen Tag nicht sehen liessen und also in der Atmosphre ihres Topfes
beinahe erstickten.

Der Wind, der uns bis an den Canal immer gnstig gewesen war, verliess uns
pltzlich und eine totale Windstille hielt uns 9 Tage lang wie angefesselt.
Eine Menge Schiffe von allen Nationen war hier zusammengekommen und harrte,
wie wir, auf gnstigen Wind. -- Mit gutem Westwinde erblickten wir am 12.
Januar die englischen Ksten und pfeilschnell segelten wir durch den Canal.
Am 16. Januar ankerten wir im Nieuwe Diep, nach fnfzigtgiger Fahrt. Wie
de und traurig zeigt sich im Winter die hollndische Kste den aus dem
Sden Kommenden, wie verfroren sehen ihre Einwohner aus und wie kahl seine
Bume.

Kaum war das Schiff im Hafen befestigt, als wir bestrmt wurden von
Neugierigen: Fleischer und Bcker kamen an Bord, um sich in die Gunst des
Kommandanten zu empfehlen, Wirthe berreichten ihre Adressen, Waschweiber
holten schmutzige Wsche und Juden handelten um Affen und Papageyen.

Ich ging mit meiner Marschordre nach dem Heldos (einem Flecken, der stark
befestigt ist), um die Befehle zur weiteren Reise abzuholen. Wir sollten
in kleinen Tagereisen auf Wgen nach dem Orte unserer Bestimmung,
dem langweiligen Harderwyk gebracht werden, da die Sdersee und der
nord-hollndische Canal noch dicht befroren waren.

Den 18. Januar verliessen wir auf zwei Wgen, die mit dem Hausrathe der
Schneiderfamilie vollgepackt waren, das Nieuwe Diep. -- Wir waren auf
eine Weise bekleidet, dass alle Leute uns neugierig anschauten. Bei jeder
Station, wo man die Pferde wechselte oder Nachtquartier bestellte, wurden
unsere Wgen von den Einwohnern umringt und wir wie fremde Thiere staunend
begafft. Zu unserer leichten Uniform und weissen Hosen stachen unsere
bleichen Gesichter wunderbar ab, und die Frauenzimmer, in grossblumigen
Zitz gekleidet und mit leichten Strohhten auf dem Kopfe, zitterten vor
Klte whrend dem Gelchter und den lieblosen Kritiken der Umstehenden.
Zwei Papageyen und ein indianischer Rabe gehrten ebenfalls zu unserer
Gesellschaft und zwei Tpfe mit rauchendem Torfe mussten unsere erstarrten
Fsse der Reihe nach erwrmen. Nach sieben sehr kleinen Tagereisen, wo wir
in Schagew, Alkmar, Haarlem, Amsterdam, Naarden und Amersford bernachtet
hatten, langten wir den 24. Januar wohlbehalten in Harderwyk an. -- Die
meisten meines Detachements schtzten Krankheiten vor, um bis zum Frhjahr
im Hospital der Ruhe pflegen zu knnen; ich aber, wiewohl ich eine
rztliche Behandlung hchst nthig hatte, that meinen Dienst, der freilich
nicht sehr mhsam war. -- Ich erwartete immer das Schiff, mit dem ich meine
Insekten abgeschickt hatte, um dieselben sodann selbst nach Deutschland
mitnehmen zu knnen, aber statt derselben kam die traurige Nachricht vom
Stranden des Schiffes bei Dover an und meine schne Sammlung war fr
mich verloren. Ich hatte nach reiflicher Ueberlegung beschlossen, den
Militrdienst zu verlassen und mein Glck im Civilstand in Surinam zu
suchen, und krank an Krper, und traurig ber meinen Verlust, verliess ich
am 1. Mrz 1842 Holland, um vorerst meine Familie in Stuttgart zu besuchen.




Bemerkungen.


Zweiter Abschnitt (S. 22-50).

[1]: Matrosenponten oder Ponten nennt man viereckige, etwa 60' lange und
15' breite Fahrzeuge mit plattem Boden und einem Dache von Palmblttern.
Es werden damit von den Pflanzungen die Produkte, als: Zucker, Kaffee,
Melassin u.s.w. abgeholt und an Bord der Schiffe gebracht. Die
Eigenthmer dieser Ponten sind meistens Juden, die in der Stadt ansssig
sind. Die Miethe eines solchen Fahrzeuges mit 4 Rudernegern ist 10fl. per
Tag. Ein Weisser oder freier Farbiger, die ihren Lebensunterhalt auf keine
andere Weise mehr verdienen knnen, fhrt darber die Aufsicht und
hat seine Wohnung in einem kleinen Verschlage im Fahrzeug. Ausser dem
krglichen Lohne, den er von dem Eigenthmer der Pont empfngt, lebt
er hauptschlich von den Geschenken, die man ihm aus Mitleiden auf den
Pflanzungen reicht und vom Schleichhandel, den er mit den Negern treibt.

[2]: Das Auffallende, dass eine Stadt von hchstens 16,000 Einwohnern 8
Kirchhfe hat, lsst sich dadurch erklren, dass jede Confession ihren
eigenen Ruheplatz besitzt. Der Orangers-Kirchhof, Niemde Oranjetuin, ist
nur fr wohlhabende Protestanten, ein zweiter fr weniger vermgende. Die
Katholiken haben einen, die Juden zwei, die Soldaten, Neger und Herrnhuter
jeder einen, die, die zwei ersten in der Stadt selbst befindlichen
ausgenommen, alle im Umkreise derselben liegen, wodurch bei der
Auferstehung kein Rangstreit vorkommen kann.

[3]: Die Bevlkerung Paramaribo's besteht aus etwa 2000 Weissen und 4500
freien Farbigen, also etwa 6000 freien Personen und die Sklaven aus etwa
9000, zusammen gegen 15,000 Menschen; durch den Abgang nach und die Ankunft
von den Pflanzungen wechselt diese Bevlkerung bestndig.

[4]: Dass man sich in Surinam nicht nach dem Range, sondern nach dem
Vermgen einrichtet, ist sehr in die Augen fallend, und der Unterschied
besonders zwischen hier und Deutschland sehr gross.

Der Brger und Handwerker in Europa, wenn er auch grosses Vermgen
besitzt, wird doch stets eine brgerliche Haushaltung fhren, die in keinem
Vergleiche steht zu der eines hheren Beamten, der blos von seinem Gehalte
leben kann. Hier findet unter den Reichen kein Unterschied statt. Ich
kannte einen Handwerker in Paramaribo, der, als er nach Europa abreiste,
zur Versteigerung seines Hausrathes ein Inventarium anfertigen liess, wo
blos sein Silberzeug mehrere Blattseiten fllte.

[5]: Die Vertheilung der Pflanzungen besteht in 8 Divisionen, die nach den
Flssen, an welchen sie liegen, benannt sind. In jeder Division befindet
sich ein Hauptmann, Offiziere und Unteroffiziere, die entweder Eigenthmer,
Directoren oder Blankoffiziere sind und auf den Pflanzungen in ihren
Divisionen wohnen. -- Es sind blos zeitliche und unbesoldete Aemter, die
sie verlieren, wenn sie von den Pflanzungen abgehen oder nach anderen
ausserhalb ihres Distrikts liegenden versetzt werden. Der Hauptmann ist vom
Gouvernement beauftragt, alle vorkommenden Flle, als Geburten, Todesflle,
Weglaufen von Negern u.s.w. in seiner Division den betreffenden Behrden
in Paramaribo mitzuteilen. Auf den Nickerie-Distrikten werden diese Beamten
Landdroste genannt und beziehen, da sie in keinem particulren Dienste
stehen, einen lebenslnglichen Gehalt von der Regierung.

Die Sklavenbevlkerung der Pflanzungen wird nicht viel ber 40,000
betragen, whrend die Weissen oder Freien, welche auf den Pflanzungen
wohnen, auf etwa 1000 Personen angeschlagen werden knnen.

[6]: Effect nennt man Alles, was zu einer Pflanzung, als: Boden, Gebude,
Sklaven, Revenen u.s.w. gehrt.

[7]: Der giftige Saft der bittern Cassavewurzel (Jatropha Maniok) hat, wenn
er zu einem Syrop eingekocht ist, die Eigenschaft, das darein Gelegte, als
Fleisch und Fisch, zu conserviren. Es werden desshalb die Ueberreste
der Mahlzeit in einem irdenen Topfe in diesen Syrop Cassiripo genannt,
gethan, und mit spanischem Pfeffer (Copsicum) stark gewrzt. Vor jeder
Mahlzeit wird dieser Pfeffertopf auf das Feuer gesetzt und aufgewrmt.
Gereinigt oder geleert wird derselbe nie und man hat Beispiele von
Veteranen solcher Pfeffertpfe, die zehn Jahre lang tglich auf die Tafel
kamen und nie leer wurden.

[8]: Man nennt diese Barken Tentboote und wenn sie kleiner sind
Tentcorjaalen. Die grsseren sind etwa 40 Fuss lang und 7 Fuss breit und
werden durch acht Neger gerudert. Zwei Drittheile der Lnge werden durch
die Ruderneger eingenommen, auf dem letzten Drittheil befindet sich eine
bedeckte, mit Jalousien und Fenstern versehene Kajte, in der sich an
beiden Seiten breite Bnke befinden, die mit Matrazzen bedeckt werden, auf
denen man sitzt oder liegt. Die Barken sind von innen und aussen hbsch
angestrichen und gefirnisst, manchmal mit Schnitzwerk und Vergoldungen
verziert und kosten nicht selten bei 3000fl. Die Ruderer derselben sind,
besonders wenn sie hhere Beamte oder Eigenthmer von Pflanzungen fhren,
meistens in Livre gekleidet und eine grosse hollndische Flagge weht vom
Hintertheil der Barke.

[9]: Die Kostcker der Pflanzungen werden meistens blos von einem alten
Neger bewacht, der am Eingang in dieselben eine Htte von Palmblttern
bewohnt. Einige Hhner sind sein ganzer Reichthum. Da nun hufig vorkommt,
dass fremde Neger der benachbarten Pflanzungen des Nachts in seinen ihm
zur Bewachung bergebenen Aeckern Bananen und Erdfrchte stehlen, er selbst
aber zu alt ist, um dagegen etwas zu thun, so bedient sich mancher dieser
Wchter einer List, die den Dieben sehr bel bekommt. Er schnitzt aus
hartem Holze 3-4 Zoll lange Stifte, die sehr spitzig in ein Brettchen
eingeschlagen werden, so dass die Spitze etwa 3 Zoll hervorragt. Auf einem
Brettchen befinden sich manchmal zwanzig solcher Spitzen. Diese Brettchen
werden nun berall im Grase und an den Grben versteckt, wo die Diebe
vorbeigehen oder darein springen mssen. In diesem Falle durchstechen sie
den Fuss, brechen ab und verursachen, besonders wenn nicht schnelle Hlfe
angewendet wird, meistens den Brand. Die weggelaufenen Sklaven
verstecken diese Pennen berall im Umkreise ihrer Schlupfwinkel, als
Vertheidigungsmittel vor Ueberfllen der Buschpatrouillen.

[10]: Wie gross die Dieberei der Neger ist, will ich blos durch Folgendes
zeigen. Eine Pflanzung in der Matappica-Kreek lieferte die jede Woche
nthigen Bananen fr den Posten Gouverneurslust, was etwa 80 bis 100 Busche
betrug und die in einer kleinen Pont durch drei Neger und einen Guiden auf
jener Pflanzung abgeholt wurden. Die Lieferungszeit war zu Ende und ich
wurde vom Kommandanten beauftragt, irgendwo auf einer andern Pflanzung
wieder einen neuen Akkord einzugehen. Es war im Monat Mai 1838, als ich
von Gouverneurslust nach der Matappica-Kreek reiste und auf der Pflanzung
Constantia, woher wir unsere Bananen bisher bezogen hatten, mich nach
andern Lieferanten erkundigte. Es befand sich da gerade ein Director, der
in der Nhe wohnte und mir versprach, den Akkord mit dem Posten einzugehen.
Er schickte auch sogleich durch seinen Voeteboy Befehl an den Bastian
seiner Pflanzung, die nthige Anzahl Bananen abhauen zu lassen, bis wir
am Abende selbst kommen wrden. Da ich nun den Mittag ber auf Constantia
blieb, so liess ich meine Pont voraus nach jener Pflanzung Bruinendaal
gehen, um am Abend selbst zu Fusse mit dem Director dahin zu kommen.
Bei unserer Ankunft lag die benthigte Anzahl Bananen bereits am
Landungsplatze, um, nachdem der Director sie nachgesehen hatte, in meine
Pont geladen zu werden. Als ich aber in dieses mit einem Pinadache bedeckte
Fahrzeug trat, fand ich bereits ber hundert Busche Bananen, die, wie mir
der Guide offenherzig gestand, er von den Plantagenegern eingehandelt
hatte und mich um Gotteswillen bat, dem Director nichts davon zu sagen. Ich
unterliess es auch, weil ich befrchtete, dass mein eingegangener Akkord
dadurch zu Nichte gehen knne. Mit diesen Bananen wird dann auf den hher
gelegenen Pflanzungen wieder Handel getrieben und von den Sklaven der
Zuckereffecte Zucker, Likker oder Dram eingetauscht und letzteres auf dem
Posten zu Geld gemacht.

[11]: Die Hauptgemeinde der Herrnhuter ist aber in Paramaribo, wo in dem
grossen Bethause dieser Missionre jeden Tag Schule gehalten und jeden
Freitag gepredigt wird. Wenn es ihnen auch nicht gelingt, allen Aberglauben
und heidnische Begriffe unter ihrer Gemeinde zu vertilgen, so muss man
doch bekennen, dass sie eifrig bemht sind, denselben, die aus dem grssten
Theil der freien Neger und Farbigen, und einem grossen Theil der Sklaven
Paramaribo's besteht, Ordnung und husliche Tugenden beizubringen und ihre
Sitten zu verbessern. Es sitzt im Neger leider zu wenig Geist und Energie,
um eine Religion anzunehmen, die er nicht begreifen kann; wenn ihm dieselbe
nicht dazu ntzt, dass ihm seine Arbeit erleichtert wird, so wird er
trotz allen Belehrungen nie einen Werth auf sie legen. Dasselbe flaue
Christenthum findet man auch unter den franzsischen Negern, wo die
katholischen Priester dieselben mit dem grssten Eifer unterrichten und
keine noch so ekelhafte Krankheit scheuen, um sie zu besuchen und zu
unterrichten, und welchen Dank sie haben, wird man im Laufe dieser Skizzen
sehen.

Vernunft und gute Eigenschaften, wie sie der Weisse besitzt, kommen
beim Neger beinahe nie vor und Charaktere, wie der gute Onkel Tom, sind
Chimren. Man sehe die Neger in den nrdlichen Staaten der Union, wo sie
schon seit Generationen frei sind und eben den Unterricht sich verschaffen
knnen, den der Weisse geniesst. Schwingen sie sich je ber den Rang eines
Bedienten?

[12]: Und es ist nicht allein Gefahr, seine Gesundheit zu verlieren und ein
Opfer der Lepra zu werden, es ist der schlechte Charakter der Neger selbst,
der ihm am meisten droht. Erst im October 1851 wurde der Priester des
Etablissements Batavia, ein Mann, der auf diesem so abgesonderten Platze
unermdet und eifrig in ihren physischen und moralischen Leiden ihnen
beistand, von einem dieser Elenden, weil er ihm, um der Trunkenheit
vorzubeugen, einen Krug Dram abgenommen hatte, aus Rache vergiftet.


Dritter Abschnitt (S. 50-67).

[1]: Paramaribo wurde in der Mitte des 17. Jahrhunderts durch Englnder
angelegt und bestand bei der Uebernahme der Colonie durch die Hollnder nur
aus wenigen Husern. Ueber den Ursprung ihres Namens ist man noch nicht
im Reinen. Man meint aber, dass ihm dieser zu Ehren des Lord _Porham_, der
unter Knig Karl dem Ersten von England Besitzungen hier hatte, gegeben
wurde. Die Indianer nennen die Stadt Pramorbo, was in ihrer Sprache
Blumenplatz bedeuten soll.

[2]: An den Ufern des Tapanahoni wohnen die Aucaner Buschneger, von denen
ich spter reden werde. Wenn man ihren Aussagen Vertrauen schenken darf, so
kann man diesen Fluss noch vierzehn Tagereisen aufwrts fahren, worauf man
ihn verlsst und ber Berge und Savannen zieht, deren Boden aus spitzigen
Steinen besteht, wesshalb sie sich mit aus Moos geflochtenen Schuhen
versehen. Nach einem dreitgigen Marsche kommen sie an die Drfer der
Indianer, von welchen sie gegen Messer, Beile, Glasperlen u.s.w.
knstlich geflochtene Hngematten und vortreffliche Jagdhunde mitbringen,
welche letztere sie auf den Pflanzungen theuer verkaufen. Ich habe durch
Buschneger Arbeiten von diesen Indianern bekommen, deren Geschmack und
Schnheit ich bewunderte. Es waren Kronen und Schrzen von Federn, meist
des Tukans, der Arras und Cassicus und eines hier ganz unbekannten gelben
Papageyen. Haben die Buschneger ihre Waaren vertauscht, so helfen die
Indianer ihnen das Gekaufte bis an den Tapanahoni tragen, wobei die
Buschneger die Strke dieser Indianer besonders rhmen. Sie sollen,
versichern die Buschneger, wenn sie ermattet sind, sich mit einer
Schneckenschale die Haut aufritzen und in das Blut ein weisses Pulver
reiben, wodurch ihre Krfte sich sogleich wieder erneuern und sie ihre
Reise wieder fortsetzen knnen. (Etwas Aehnliches fand _Schomburgk_ auf
seinen Reisen im britischen Guyana.) Diese Indianer, welche die Buschneger
Acouri und Trio nennen, stehen wieder mit den weiter aufwrts wohnenden
Salmos in Verbindung, welche letztere die Pflanzungen der Portugiesen am
Amazonenstrome besuchen. Es ist hchst wahrscheinlich, dass die Indianer,
mit welchen die Buschneger Handel treiben, die Taruma oder Barokotos sind,
die unterm Aequator und zwischen dem 57.-58. Lngengrade von Greenwich
wohnen. Die Lnge des Weges erklrt dieses, denn obwohl die Buschneger sehr
langsam reisen, wobei theilweise die Wasserflle und Strmungen der inneren
Gewsser schuld sind, so msste doch in krzerer Zeit in jeder anderen
Richtung ein franzsisches oder portugiesisches Etablissement erreicht
werden.

[3]: Vor mehreren Jahren, ich glaube im Jahr 1832, ehe man einen
Communikationsweg nach dem Posten Armina aus der oberen Comowyne
angelegt hatte, ging jeden Monat regelmssig eine Patrouille, welche die
militrischen Papiere zu besorgen hatte, vom Posten Prinz Willem Frederik
nach Oranje. Es waren jedesmal drei Soldaten, die auf den Sandbnken lngs
der Kste liefen, bis etwa halbwegs die schlammigen Ufer anfingen, die
bis zu dem Posten Oranje sich ausdehnen. Man schlug, wenn man an diese
Schlammbnke kam, den Weg landeinwrts ein, um eine Sandritze zu finden,
die ebenfalls bis an diesen Posten sich hinzieht. Dabei schlief man eine
Nacht im Walde und erreichte am andern Tage den Posten. Im Jahr 1832 nun
machte ein erst vor Kurzem aus Europa gekommener Korporal die Reise mit
und blieb, um ein natrliches Bedrfniss zu befriedigen, hinter seinen
Begleitern zurck. Da er nicht nachfolgte, so kehrten seine Kameraden
um, ihn zu suchen, fanden aber keine Spur mehr von ihm, und da sie keinen
Vorrath an Wasser hatten, so konnten sie ihre Nachforschungen nicht weiter
ausdehnen. -- Obwohl man sogleich von Oranje Soldaten aussandte, ihn
aufzusuchen, so war doch alle Mhe fruchtlos und man nahm an, dass er
verirrt und dem Durste erlegen sey. Ein Jahr darauf landeten Caraiben,
die aus Paramaribo nach der Marowyne zurckkehrten, bei stillem Wetter am
Seestrande und liessen, whrend sie Krabben fingen, ihre Weiber im Boote.
Pltzlich wurden die Weiber von Weglufern berfallen, die ihnen ein junges
zehnjhriges Mdchen raubten, und ehe die Mnner auf das Hlfegeschrei
der Weiber herbeieilen konnten, mit ihrer Beute flchteten. Es kehrten nun
sogleich alle Indianer nach Paramaribo zurck und baten den Gouverneur,
eine Militr-Patrouille in diese Gegend machen zu lassen, wozu sie
ihre Hlfe anboten. Es wurde nun sogleich mit den Indianern eine starke
Militr-Patrouille ausgesandt, um das geraubte Kind zu finden und die
Drfer der Weglufer zu zerstren. Man fand auch ein bedeutendes, und es
glckte, mehrere Neger und Negerinnen lebend zu fangen. In einer der
Htten fand man die Uniform des vermissten Korporals, sein Gewehr und
die Ueberbleibsel seiner goldenen Uhr, aus deren Gehuse die Neger Ringe
gemacht hatten. Die Gefangenen erzhlten auch ohne Scheue, dass sie den
unglcklichen Verirrten nahe bei ihren Drfern gefunden, ihn geschlachtet
und gegessen htten.


Vierter Abschnitt (S. 68-101).

[1]: Die Kordonwege sollten die Kolonie gegen die Ueberflle von
weggelaufenen Sklaven und Buschnegern, die die Pflanzungen immer
beunruhigten, beschtzen. Sie zogen sich, der rechte Flgel vom Surinam bis
an den Comowyne, der linke von da bis zur See. Die Wege waren ungefhr
80 Fuss breit und hatten, wenn sie durch Waldungen sich zogen, an beiden
Seiten 4 Fuss tiefe und 10 Fuss breite Grben, in denen die Waldwasser sich
sammelten und die einen Abzug nach den Flssen oder Kreeken hatten. Alle
Viertelstunden waren Wachthuser und Pikete, die theils vom Hauptposten
besetzt wurden, theils eine bleibende Besatzung hatten. Das Feldgeschrei
durchlief in wenigen Minuten den Cordonweg von einem Ende bis zum andern.
Der Unterhalt der Wege, Gebude und Besatzungen verursachte grosse Kosten.
Seit dem Frieden mit den Buschnegern wurden die Posten vermindert und kamen
immermehr in Verfall, bis endlich im Jahr 1844 beide Cordonwege verlassen
wurden und man jetzt beinahe die Spur nicht mehr davon entdecken kann.

[2]: Maschoas sind etwa 5 Fuss lange, aus Palmblattstielen gemachte und mit
Lianen verflochtene, spitz zulaufende Krbe oder vielmehr Schluche, deren
Oeffnung etwa 9 Zoll Durchmesser hat. Die Palmstbe stehen etwa  Zoll von
einander, so dass das Wasser durchlaufen kann. Um sie zu gebrauchen, dmmt
man mit Palmblttern und Stcken ein Waldwasser oder den Abfluss eines
Sumpfes ab, so dass kein Fisch durchdringen kann. In diesen Damm werden nun
so viele Abzuglcher gemacht, als man Maschoas setzen will und diese in
die Lcher gesteckt, so dass die weite Oeffnung des Maschoas dem Laufe des
Wassers entgegensteht. Fische, kleine Wasserschildkrten und dgl. gerathen
nun in diese Krbe, in deren spitz zulaufendem Ende sie stecken bleiben.
Jeden Morgen und Abend untersucht man dieselben und kann sich auf diese
Weise das ganze Jahr ber mit Fischen versorgen.

[3]: Diese Schlange bekam ich im August 1842 lebendig und hatte sie mehrere
Wochen lang wohlverwahrt in einem Kfig. Sie frass durchaus nicht und wie
man sie auch plagte, so gebrauchte sie doch nie ihre tdtlichen Waffen. Als
ich eine Reise zu machen hatte, wollte Niemand dieses gefhrliche Thier in
Bewahrung nehmen; ich tdtete es desshalb. Ein Neger packte sie beim Kopfe,
worauf ich ihr den Bauch aufschnitt. Sie wendete alle Kraft und Mhe, um
sich loszuringen und drehte ihre giftigen Zhne hin und her; als sie sich
nicht mehr zu helfen wusste, entledigte sie sich ihres Giftes, das wie ein
feiner Strahl aus den Rinnen ihrer Zhne auf meine Hand fiel. Das Gift war
hell und farblos.

[4]: In der Mitte der trockenen Zeit flogen wenigstens 6 Wochen lang eine
solche Menge gelber Tagschmetterlinge von der Grsse der Zitronfalter lngs
des etwa 80 Fuss breiten Cordonweges, dass ich manchmal drei auf einen
Schlag mit dem Netze in der Luft fing. Der Schwarm kam etwa um 10Uhr des
Vormittags an und dauerte ununterbrochen bis 3Uhr Nachmittags. Sie flogen
in einem fort, ohne sich zu setzen, immer von Osten nach Westen, sowohl
dicht ber der Erde, als bis auf eine Hhe von 50 Fuss. In den Waldungen
und ber dieselben flogen nur wenige. Der Hauptschwarm blieb im Wege
selbst. Wo sie herkamen und hinzogen weiss ich nicht; die Raupen so vieler
Millionen aber mssen ganze Waldungen abgefressen haben. Ich habe noch
mehrere Male hnliche Wanderzge bemerkt. Man betrachtet sie als Vorzeichen
einer grossen Trockenzeit.


Fnfter Abschnitt (S. 102-149).

[1]: Drei Tage vor und nach neuem und vollem Monde steigt die Meeresfluth
bedeutend hher als in den Zwischenzeiten und whrend der Unterschied
zwischen hohem und niederem Wasser an den Flussmndungen bei den
gewhnlichen (todten) Fluthen 6-7 Fuss betrgt, so steigt er in jenen auf
9-10. Die Fluth luft dann gewhnlich viel rascher und man whlt meistens
zum Reisen diese Zeit. Auch auf den Zuckerpflanzungen, welche keine
Dampfmaschinen haben, wird das Rohr in dieser Zeit gemahlen. Man ffnet
bei der Fluth die Schleusse des Mhlgrabens, durch welchen das Wasser des
Flusses diesen fllt. Hat das Wasser seine hchste Hhe erreicht, so
wird die Schleusse niedergelassen. Ist das Wasser im Flusse etwa 3 Fuss
gefallen, so ffnet man eine andere Schleusse, die vom Mhlgraben in die
Mhle fhrt, wodurch das ausstrmende Wasser ein grosses, unterschlchtiges
Rad treibt, das die Walzen, welche das Rohr zerquetschen, in Bewegung
bringt. Die hchsten Springfluthen sind am Anfang April und September, wenn
die Sonne den Meridian, unter dem die Seekste liegt, (6 nrdl. Breite)
durchschneidet. Das Wasser steigt dann noch um 2 oder 3 Fuss hher und
setzt manchmal die halbe Stadt Paramaribo unter Wasser und berstrmt
schlecht eingedmmte Pflanzungen.

[2]: Der Zitteraal (Gymnotus electricus) kommt im innern Lande, wo das
Wasser durch das Seewasser nicht mehr getrbt wird, hufig vor. Er erreicht
manchmal eine Lnge von 7 Fuss und die Dicke eines Mannesarmes. Seine
elektrische Eigenschaft ist hinlnglich bekannt. Die Indianer schiessen
ihn mit Pfeilen und fangen ihn hufig mit Stinkholz (siehe Lebensweise der
Caraiben). Dieser Aal, der aus beinahe nichts, als Schwanz besteht, ist
sehr fett, sein Fleisch locker und wird bloss von den Eingebornen gegessen.
Sie werden leicht zahm und man kann sie dann in die Hand nehmen, ohne dass
sie Schlge ertheilen.

[3]: Ein gegohrenes Bier aus gekochten Erdfrchten, dem man noch den Saft
von Ananas oder indianischen Pflaumen beimischt.

[4]: Pagaien nennt man schaufelfrmige, etwa 5 Fuss hohe, aus hartem
Holze geschnitzte Ruder, die man in schmalen Kreeken oder engen Pltzen
gebraucht.

[5]: Hr. _James B._, der Eigenthmer dieser Pflanzung, ist im August
1841 auf derselben gestorben. Seinen Reichthum hatte er in vielen Legaten
theilweise selbst an seine Neger vertheilt. Die Tochter erhielt ein
bedeutendes Vermgen und kaufte kurze Zeit nach dem Tode ihres Vaters die
Freiheit. Nach dem ausdrcklichen Willen des Verstorbenen wurde ein grosses
Begrbnissmahl veranstaltet, bei dem der Todte im Sarge selbst prsidirte
und woran alle Honoratioren des Distriktes theilnahmen. Nach dem Essen
wurde die Leiche in einem in aller Eile auf ebener Erde aufgemauerten
viereckigen Behlter aus Backsteinen beigesetzt, wo zwischen der Mhle und
dem Kochhause die Sklaven sein Monument bestndig im Auge haben.

[6]: Der Kwi Kwi (Callichys subulatus) ein 6-7 Zoll langer Fisch, zum
Geschlechte der Welse gehrend, ist ber den ganzen Leib mit hornigen,
harten Schienen, wie mit einer Art Panzer, bedeckt. Der Kopf ist breit, der
Mund und die Augen sehr klein und unter dem Munde sind vier Fhlfden oder
Brtel, wie bei den Barben. Die Kiemenflossen werden bei ihm durch 1 Zoll
lange krumme Hacken oder Knochen ersetzt, mit denen er kneipen kann;
eine hnliche rechtstehende ist auf dem Rcken. Gefangen gibt er einen
trauernden Laut von sich, der durch das Reiben dieser Hacken und seiner
Panzer entsteht. Wenn die Smpfe eintrocknen, so verkriecht er sich so
tief, wie mglich, ins feuchte Erdreich, bis die Regenzeit eintritt. Auch
erzhlen die Indianer, dass er, wenn ein Sumpf austrockne, mehrere hundert
Schritte ber Land krieche, um wasserreichere Stellen zu suchen, was ich
gerne glauben will.

[7]: Die Menge Schnepfen oder Strandlufer auf den Schlammbnken lngs der
See und in den angrenzenden Morsten bersteigt allen Glauben. Man sieht
mit aufkommender Fluth Wolken dieser Vgel, die wirklich auf kurze Zeit die
Luft verdunkeln. Ein Schuss mit feinem Hagel schlgt manchmal 2-300 nieder.
Die kleinen, nicht viel grsser als eine Schwalbe, sind die zahlreichsten.
-- Ich ging einmal bei einbrechender Nacht vom Posten Oranje ber eine
solche nur sprlich mit niederen Gestruchen bedeckte Schlammbank, um zu
meinem Boote, das in einer kleinen Kreek am Meeresufer lag, zu kommen.
Es hatte sich auf dieser Bank ein Schwarm solcher kleiner Schnepfen zum
Schlafen gesetzt und war durch mich aus seiner Ruhe aufgejagt; der ganze
Schwarm flog ohne alle Ordnung auf und flatterte um mich herum. Hunderte
habe ich vielleicht zertreten und die Flgelschlge einer solchen Menge
Vgel verursachte eine Hitze und Beklommenheit, dass ich herzlich froh war,
als ich dieses Schnepfenheer im Rcken hatte. Die Indianer wissen ebenfalls
die Schnepfen durch leises Pfeifen zu locken. -- Ich konnte nie erfahren,
wo diese Vgel nisten; wahrscheinlich wohl auf den mehr sdlicher liegenden
Inseln der Mndung des Amazonenstromes.

[8]: In der Trockenzeit des Jahres 1849 zeigten sich die Moschusenten in
unserer Kolonie und im franzsischen Guyana besonders zahlreich. Es wurden
in Paramaribo mehr zu Markte gebracht, als seit Menschengedenken geschah.
In der ganzen Kolonie herrschte dieser Ueberfluss. Dabei waren die Enten so
fett und schwer, dass sie einer Gans an Gewicht so ziemlich gleich kamen.
Die Indianer brachten mir viele, sowohl frisch als geruchert. Auf Mana
liessen die Neger alle Arbeit liegen und schossen Enten, die man zuletzt
nicht mehr kaufen wollte. Dennoch ist die Moschusente bei uns kein Zugvogel
und ich kann mir bloss diese Menge dadurch erklren, dass vielleicht in
anderen Gegenden Sdamerika's eine ungewhnliche Regen- oder Trockenzeit
diese Vgel nthigte, ihre Nahrung anderswo zu suchen.

[9]: Unter der Menge von Wespen-artigen Insekten, die, was Verschiedenheit
von Sorten und Anzahl betrifft, im Verhltniss zu Europa hier gewiss wie 25
zu 1 vorkommen, ist _eine_ Art besonders lstig und gefhrlich. Man nennt
sie schlechtweg Marabonzen (die Franzosen nennen sie Mouche  drague). Sie
halten sich vornehmlich in Husern auf, die wenig oder nicht bewohnt sind,
oder in den Zuckermhlen und machen ihr Nest aus verfaultem Holze, das sie
von den Schindeln abnagen. Es gleicht einer grauen Masse von Fliesspapier
und wird an den Dachsparren oder Gesimsen befestigt. Die Zellen ffnen sich
nach unten und haben keine ussere Schutzumgebung, wie die der Wespen,
auch keine Etagen. Die Wespe selbst nhrt sich von Zucker, Blumensften
und Frchten, ist von der Grsse einer Hornisse, braunroth, hat einen
schwerflligen Flug und gibt einen angenehmen, aromatischen Geruch von
sich. Ihr Stich verursacht beinahe immer gefhrliche Entzndungen und
Fieber. Wo sich diese Insekten eingenistet haben, sind sie eben so
schwierig zu vertreiben, als die durch ihren widerwrtigen Geruch und
Schmutz lstigen Fledermuse.

[10]: Der Lokusbaum (Hymenaea courbaril) wchst meistens auf Sandritzen und
erreicht einen Durchmesser von manchmal 6 Fuss. Sein rothes, schweres
Holz nimmt eine herrliche Politur an und wird zu Meubles und Maschinen
verwendet. Am Stamme und an den Wurzeln findet man bei alten Bumen in
grossen Klumpen den Copalgummi, der zu Firnissen verwandt wird. Die Frucht
ist eine manchmal 6 Zoll lange und 2 Zoll breite rothbraune Schote, die mit
einem trockenen, gelben, sssschmeckenden Mehle angefllt ist, in dem
sich die harten braunen Bohnen befinden. Es hat den Geschmack des
Johannisbrodes.

[11]: Die Awara-Palme (Astrocaryou vulgare) wchst stets im Sandboden und
liefert dem Indianer Manches in seine Haushaltung. Der Baum wird manchmal
30 Fuss hoch, ist ber und ber mit 4 Zoll langen, sehr spitzen, schwarzen
Stacheln bedeckt und die Krone theilt sich in 12-15 etwa 25 Fuss lange
gefiederte Bltter. Die Blattstiele, so wie die Seiten der Blttchen, die
etwa 4 Fuss lang und 1 Zoll breit sind, sind ebenfalls dicht mit Stacheln
bedeckt, so dass man keinen Theil der Pflanze berhren kann, ohne sich zu
stechen. Die Samenkapsel ist etwa 3 Fuss lang und 1 Fuss breit, oval und
braunroth von Farbe. Die Frucht, von der Grsse einer welschen Nuss, ist
mennigroth und besteht aus einem sssen, sehr fetten Fleische, das den
harten, schwarzen, runden Stein umgibt. Der Fruchttross enthlt mehrere
Hunderte solcher Nsse, die im Monat Februar reifen. Die Indianer stampfen
in einem hlzernen Mrser das Fleisch von den Steinen und pressen in einem
Madappi das rothe Oel aus, das sie zum Schmieren der Haare gebrauchen. Die
Frchte werden vom Wild gerne gefressen und die Schweine werden besonders
fett davon. -- Aus den noch nicht ganz entwickelten Blttern machen die
Indianer Fcher u.s.w.


Sechster Abschnitt (S. 150-233).

[1]: Diese Reibeisen, Simaris, werden von den Makusi-Indianern am obern
Rupumuni, im britischen Guyana verfertigt und von den Caraiben, die
manchmal Reisen dahin machen, durch Tausch erhalten.

[2]: Madappis sind 4 Fuss lange, 4 Zoll im Diameter haltende
cylinderfrmige elastische Schluche, die aus dem Baste einer Marantiacee
geflochten werden und haben oben eine Oeffnung, worin man das noch nasse
Cassave-Mehl schttet und den Schlauch an einer Schleife aufhngt. Unten
ist derselbe zugebunden und es wird durch eine am Ende befindliche andere
Schleife ein Stock befestigt, auf den sich die Weiber setzen, wodurch sich
der Schlauch zusammenzieht und der Saft abfliesst.

[3]: Die Indianer geben nicht gerne Aufschluss ber die Bedeutung ihrer
Gebruche und Gesnge, und ihre sehr reichhaltige Sprache zu erlernen,
fllt sehr schwer, und es ist Niemand in der Kolonie, der ausser ihnen
dieselbe versteht.

[4]: Die Chike, auch Sicca genannt, ist ein kleines hellbraunes Insekt,
ganz von der Gestalt einer Floh, aber bloss halb so gross und hpft ebenso,
aber nur nicht so weit. Sie hlt sich sehr hufig in sandigen trockenen
Pltzen auf, kriecht Menschen, Hunden und Katzen unter die Ngel der Zehen
oder in die weicheren Theile des Fusses, wo sie sich ins Fleisch einfrisst.
Man bemerkt ihr Daseyn an einem leichten Jucken, und an der Stelle, wo das
Insekt sitzt, ist die Haut ein wenig entzndet, und man sieht dasselbe als
einen kleinen schwarzen Punkt im Fleische stecken. Man zieht es mit einer
Nadel heraus. Fhlt man es aber nicht und bleibt es im Fleische sitzen, so
geht eine wunderbare Vergrsserung mit ihm vor. Sein Leib schwillt an und
ist strotzend voll von Eiern, die nach und nach ihre natrliche Grsse
erhalten und dem kaum bemerkbaren Insekte die Grsse einer kleinen Erbse
geben. Wird es nun aus dem Fleische herausgenommen, so entsteht ein
ziemliches Loch, das besonders bei Leuten, welche barfuss laufen, sich
mit Sand und Unreinigkeiten fllt und manchmal bedeutende Geschwlste
verursacht. Ich selbst habe auf dem Posten Nepheusburg in der Trockenzeit
jeden Abend wohl 25 dieser Insekten, welche sich den Tag ber eingebissen
hatten, herausgezogen. Nachlssige Leute, die zu faul sind, an ihren
Fssen nachzusehen und diese Flhe in solcher Menge und Grsse bei sich
beherbergen, bekommen bedeutende Geschwre und werden manchmal zur Arbeit
untauglich.




[Hinweise zur Transkription


Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
ungewhnlicher und uneinheitlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 26:
  "lezteren" gendert in "letzteren"
  (Die letzteren Kunden sind die hufigsten)

  Seite 38:
  "technicher" gendert in "technischer"
  (auch in technischer Beziehung eine gute Schule genossen haben)

  Seite 55:
  "Meerreskste" gendert in "Meereskste"
  (von der Meereskste ab, da wo das Flusswasser rein)

  Seite 56:
  "Mauiok" gendert in "Maniok"
  (dem Anbau der Maniok-Wurzel (jatropha) besonders gnstig ist)

  Seite 57/58:
  "Regen" gendert in "Regen-"
  (hohen Wasserstande der Regen- und dem niedrigsten der Trockenzeit)

  Seite 68:
  "dasselbst" gendert in "daselbst"
  (Mauritzburg. Kurzer Aufenthalt daselbst.)

  Seite 79:
  "Manick" gendert in "Maniok"
  (und die dortige Besatzung von Reis, Mais und Maniok leben musste)

  Seite 93:
  "maschiren" gendert in "marschiren"
  (in einem Brei von stinkendem Schlamm marschiren musste)

  Seite 94:
  "mitgebrachten" gendert in "mitgebracht"
  (Bananen, welche die Guiden mitgebracht hatten)

  Seite 113:
  "Mosquitos" vereinheitlicht zu "Mosquittos"
  (alle Soldaten, ungeachtet der vielen Mosquittos)

  Seite 115/116:
  "errrichtet" gendert in "errichtet"
  (wurde mit ungeheuren Kosten eine Dampfsgmhle errichtet)

  Seite 124:
  "Nickerikreek" vereinheitlicht zu "Nickeriekreek"
  (ein kleines Sommerhuschen in die Nickeriekreek hineingebaut)

  Seite 147:
  "Schidwache" gendert in "Schildwache"
  (Die Schildwache, unter deren Aufsicht er stand)

  Seite 149:
  "anderhalb" gendert in "anderthalb"
  (musste man das Regenwasser anderthalb Stunden weit herbeiholen)

  Seite 159:
  "Apetit" gendert in "Appetit"
  (bei schrecklichem Appetit, da ich seit dem Morgen nichts mehr)

  Seite 168:
  ";" gendert in ","
  (vier Neger zurckgeblieben, welche mit mir)

  Seite 174:
  "'" eingefgt
  (Vier Pfosten von etwa 4' Hhe sind an vier Ecken)

  Seite 175:
  "Individium" gendert in "Individuum"
  (hier hat jedes Individuum sein Feuerchen unter der Hngematte)

  Seite 181:
  "Aussgepresster" gendert in "Ausgepresster"
  (Ausgepresster Maniok (Madappi) wird in Krbe verpackt)

  Seite 183:
  "Vergnngen" gendert in "Vergngen"
  (Ein anderes Vergngen eigenthmlicher Art sind ihre Tnze)

  Seite 184:
  "diesselben" gendert in "dieselben"
  (um als Trank noch zweimal dieselben zu passiren)

  Seite 197:
  "Pagaai" vereinheitlicht zu "Pagai"
  (ich aber bloss einen einzigen Pagai im Vermgen hatte)

  Seite 198:
  "ief" gendert in "tief"
  (ist tief im Sande eingegraben und wellenfrmig)

  Seite 198:
  "sie" eingefgt
  (welche sie hufig zum Verkauf nach den Pflanzungen bringen)

  Seite 210:
  "Ansehnliclhe" gendert in "Ansehnliche"
  (Ansehnliche Summen waren zu diesem Zweck bewilligt worden)

  Seite 210:
  "Maniko" gendert in "Maniok"
  (die in Erdfrchten, als: Reis und Maniok bestanden)

  Seite 216:
  "Guiana" vereinheitlicht zu "Guyana"
  (Im franzsischen Guyana bestehen noch viele Rockou-Pflanzungen)

  Seite 226:
  "Pagalen" vereinheitlicht zu "Pagaalen"
  (Meinen Genever bezahlte er mir mit zwei hbschen Pagaalen)

  Seite 243:
  "Mach" gendert in "Nach"
  (Nach zehntgigem Aufenthalt verliessen wir die Judensavanne)

  Seite 250:
  "Casavebrod" vereinheitlicht zu "Cassavebrod"
  (wurde von ihnen mit Cassavebrod und Eiern beschenkt)

  Seite 257:
  "gnze" gendert in "ganze"
  (Der ganze Stamm wird nicht viel ber 3000 Kpfe zhlen)

  Seite 279:
  "Tode" gendert in "Todte"
  (bei dem der Todte im Sarge selbst prsidirte)

  Seite 282:
  "ensteht" gendert in "entsteht"
  (so entsteht ein ziemliches Loch)]






End of Project Gutenberg's Sechs Jahre in Surinam, by August Kappler

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SECHS JAHRE IN SURINAM ***

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violates the law of the state applicable to this agreement, the
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trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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