The Project Gutenberg EBook of Thekla, oder die Flucht nach der Trkei., by 
August Schrader

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Title: Thekla, oder die Flucht nach der Trkei.
       Epilog zum Staatsgefngni. Nebst zwei andern Novellen.

Author: August Schrader

Release Date: August 13, 2014 [EBook #46576]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Thekla,
  oder
  die Flucht nach der Trkei.

  Epilog zum Staatsgefngni.

  Nebst
  zwei andern Novellen
  von
  August Schrader.

  Leipzig, 1851.

  Verlag von Christian Ernst Kollmann.




  Thekla,
  oder
  die Flucht nach der Trkei.




1.


In einer der lebhaftesten Straen Semlin's prangte an einem freundlichen
einstckigen Wohnhause ein blaues Schild, auf welchem mit groen
goldenen Buchstaben die Worte standen Lwen-Apotheke. Neben der groen
Glasthr, die in das Innere des Hauses fhrte, stand auf einem weien
Piedestal von Holz die Illustration zu dem Texte im blauen Schilde,
nmlich ein kleiner gelber Lwe mit einer Krone, der in seinen
Vordertatzen ein dunkelrothes Herz hielt, auf welchem abermals das Wort
Apotheke in Goldbuchstaben zu lesen war.

Das Erdgescho dieses Hauses enthielt auer dem Verkaufslocale und dem
Laboratorium noch die Wohnzimmer des Besitzers, deren freundliche mit
feinen weien Gardinen geschmckten Fenster einen scharfen Contrast
gegen die dunkeln, unfreundlichen Nachbarhuser bildeten, die fast alle
von Handwerkern und Krmern bewohnt wurden.

Das erste und einzige Stockwerk, obgleich es nur von einem jungen
unverheiratheten Advokaten bewohnt ward, stand an Eleganz und Sauberkeit
dem Erdgeschosse nicht nach, es zeichnete sich vielmehr durch einen Flor
ausgewhlter Blumen in den reinlichen Fensterbrstungen vor demselben
aus.

Der Besitzer dieser Niederlage von Heilmitteln war ein Mann von ungefhr
fnfzig Jahren und nannte sich Istvan Czabo. Sein Haupthaar war bereits
stark ergraut, aber die Lebendigkeit seiner Bewegungen, das Feuer der
groen Augen und die mige Korpulenz seiner hochgewachsenen Gestalt
schienen einem krftigen Manne von vierzig Jahren anzugehren.

Herr Czabo war seit lngerer Zeit schon Wittwer, seine Lebensgefhrtin
hatte vor zehn Jahren die Cholera hinweggerafft, die damals mit groer
Gewalt in der armen Stadt gehaus't. Netti, seine einzige Tochter, zhlte
bei dem Tode der Mutter nur erst elf Jahre, so da in ihr eine Sttze
fr die Wirthschaft nicht zu finden war; der betrbte Wittwer war
daher gezwungen, eine Haushlterin zu nehmen, der er die Sorge fr die
Oekonomie unumschrnkt bertrug.

Die Wahl dieser Person war eine glckliche gewesen, denn Meta,
eine kinderlose Wittwe, ersetzte vollkommen die waltende Hand der
geschiedenen Gattin und half durch Sparsamkeit den Wohlstand ihres Herrn
erhhen.

Netti reifte inde zu einer blhenden, schnen Jungfrau heran, auf
die mehr als ein Dutzend junger Leute aus dem mittlern und hhern
Brgerstande der Stadt sehnschtige Blicke warfen. Die Jungfrau hatte
auch bald gewhlt, der Advokat Ferenz, der den ersten Stock des Hauses
bewohnte, war der Auserkorene, beide liebten sich mit dem ersten Feuer
der Jugend und der Vater billigte diese Liebe, da Ferenz einer der
tchtigsten Advokaten der Stadt war und ein jhrliches Einkommen erwarb,
das ihm ein gutes Haus zu fhren erlaubte.

Schon seit lnger als einem Jahre hatte Herr Czabo die Verlobung seiner
Tochter mit dem jungen Advokaten angesetzt, die unglckliche Revolution
der Ungarn, die auch Semlin, die uerste Grenzstadt in steter Ghrung
erhielt, war dem sorglichen Vater inde ein Stein des Anstoes
gewesen und die Liebenden muten sich in Geduld fgen, das Ende der
Volkserhebung zu erwarten.

Ferenz liebte aus voller Seele seine junge Braut, er brachte aber die
verzgerte Verbindung mit ihr dem Vaterlande gern zum Opfer, da er nicht
minder fr die Freiheit des Volkes erglhte und ein eifriger Anhnger
der Kossuth-Parthei war. Seine Gesinnung durch die That zu bewhren
unterlie er aber aus dem Grunde, da er die Abneigung seines knftigen
Schwiegervaters gegen den Umsturz des Bestehenden kannte und seine
politische Meinung ihm verbergen wollte, zumal Netti ihn mit Thrnen in
den Augen darum gebeten hatte.

Oesterreich hatte mit Hlfe der russischen Waffen die groartige
Erhebung der heldenmthigen Ungarn unterdrckt, in allen Stdten
flatterte die schwarz-gelbe Fahne von den Thrmen und die Fhrer der
Volksparthei wurden verfolgt und im Falle man ihrer habhaft ward, vor
ein Kriegsgericht gestellt und erschossen oder erhngt.

Die Rachsucht des Siegers erstreckte sich vorzglich auf den Adel
Ungarns, der, nur mit wenigen Ausnahmen, Leben und Gut der Sache
der Freiheit geopfert und berall als Vorkmpfer in den Reihen der
vaterlndischen Armeen gestanden hatte.

Mit der Uebergabe des Grgey'schen Corps fiel eine groe Anzahl junger
ungarischer Edelleute in die Hnde der bermthigen Sieger, und alle,
die als hhere Officiere dem Vaterlande gedient, wurden als gemeine
Soldaten in die Reihen der sterreichischen Truppen gestellt, um so als
willenlose Werkzeuge der Verfolgung benutzt zu werden.

Aber nicht allein den Mnnern der Revolution galt diese Verfolgung,
sondern auch den Frauen, die durch anfeuernde Worte und Geldsummen in
dem groen Befreiungskampfe mitgewirkt hatten. Zu diesen Frauen gehrte
vor allen die junge Grfin Thekla Andrasy, die als Herrin eines groen
Vermgens die hervorragendste Rolle gespielt hatte. Der groe Sieger
proscribirte die junge Grfin und setzte einen Preis von dreitausend
Ducaten auf ihren schnen, und wie viele versichern, reizenden Kopf,
da sie sich durch die Flucht dem Schicksale ihrer Gesinnungsgenossen
entzogen hatte, whrend ihre Gter der Krone Oesterreichs anheimfielen.

Um dieselbe Zeit, als die Proclamationen des neuen Gouverneurs von
Ungarn die Stdte erfllten und eine genaue Personalbeschreibung der
flchtigen Grfin lieferten, die das Mitleid und die Segenswnsche
aller Ungarn begleiteten, verbreitete sich in Semlin das Gercht, Thekla
Andrasy habe sich hierher gewendet, um bei gnstiger Gelegenheit
auf trkisches Gebiet zu entkommen, das ein groer Theil politischer
Flchtlinge vor Absperrung der Grenze bereits erreicht hatte.

In dem Hause des Apothekers ward nur oberflchlich dieses Gerchtes
erwhnt, da seit der Wendung der Dinge Herr Czabo mit seinen
schwarz-gelben Gesinnungen frmlich prahlte und alles zum Henker
wnschte, was die unglckliche Revolutionsparthei bedauerte. Auerdem
auch hatte ihn ein Zufall betroffen, der eine Strung in seinem
Hauswesen herbeigefhrt, dessen regelmiger Gang ihm ebenfalls so sehr
am Herzen lag, als die Regelmigkeit der alten Staatsmaschine.

Die alte Meta, seine Haushlterin, die schon lngere Zeit an einem
Augenbel litt, stand auf dem Punkte blind zu werden, und der Arzt, der
einer Augenheilanstalt vorstand, hatte erklrt, da die Sehkraft der
treuen Dienerin noch zu retten sei, wenn sie unverweilt sich einer Kur
in der Anstalt unterzge, die freilich einige Monate dauern knne.

Meta hatte also das Haus verlassen und ein Stbchen in der Anstalt
bezogen, die auf einer freundlichen Wiese neben der Stadt lag.

Ein alter Fischer der Save, Namens Lajos, den zufllig ein Geschft
in das Haus des Apothekers fhrte, als Meta sich anschickte, es zu
verlassen, bot Herrn Czabo seine Nichte zum Dienste an; sie sei, hatte
er hinzugefgt, ein schmuckes Mdchen von zweiundzwanzig Jahren und
eigens nach der Stadt gekommen, um sich eine Herrschaft zu suchen, da
ihre vorige aus politischen Grnden flchtig geworden wre.

Kathi, so hie die Nichte des Fischers, stand also seit zwei Tagen im
Dienste des Herrn Czabo, der, beilufig gesagt, die schmucke Dienstmagd
gern sah, obgleich ihr die Arbeit nicht flink genug von der Hand wollte
und Netti sich mehr als sonst der Sorge um die Wirthschaft unterziehen
mute.

Es war an demselben Tage, an dem die Ausschreibung des Preises auf den
Kopf der Grfin Andrasy an den Ecken der Straen von Semlin aushing, als
der Advokat Ferenz, erschttert von der neuen Tyrannei der Sieger, sein
Zimmer betrat und sich mimuthig in den Sessel vor seinem Arbeitstische
warf. Wohl eine Viertelstunde sah der junge Mann starr vor sich hin und
sein Geist schien dem Orte entrckt zu sein, wo der Krper sich befand.
Pltzlich griff er in die Seitentasche seines Rockes und holte ein
zierlich gesticktes Taschenbuch, ein Geschenk seiner Netti, daraus
hervor. Ohne Sumen zog er den Stift, der die Bltter zusammenhielt, aus
den feinen goldenen Oesen, ffnete und las mit halb lauter Stimme, aber
mit groer Begeisterung, folgende Verse:

  Und in den Straen wogte das Gedrnge
  Des wuthentbrannten Volkes, das emprt
  In unabsehbar, frchterlicher Menge,
  Den Tigern gleich, die Durst nach Blut verzehrt,
  Das Stadthaus droh'nden Blicks umschlossen hielt--
  Und Schrecken, berall, wohin man sah--
  Der Ausbruch eines Brgerkriegs war da!
  Noch fehlte nur ein Fhrer, der mit Kraft
  Den rechten Geist im rohen Volke schafft--
  Da stand urpltzlich eine hohe Frau------

-- Herrlich, vortrefflich! unterbrach sich der Leser. O wenn ich in
dieser Begeisterung vollenden knnte, wenn sie nur heute nicht durch
Nebenumstnde unterbrochen wrde! Es ist auch wahrhaftig nicht leicht,
eine Heldin wie die Grfin Thekla Andrasy zu besingen, den groen
Charakter dieser Jungfrau zu malen, die den Muth eines Generals
entwickelt, ohne die eigenthmliche Grazie ihres Geschlechtes zu
verletzen. Aber eben diese Schwierigkeit verdoppelt meine Krfte und ich
besinge sie. Soviel steht fest, fuhr er mit Begeisterung fort, da mein
Gedicht unter den obwaltenden Verhltnissen ein khnes Unternehmen ist,
denn wie viele muten in der jngsten Zeit hnliche Wagnisse mit dem
Leben ben -- Und wenn man entdeckte, da ich, ein einfacher Advokat
von Semlin, es wagte, den Ruhm einer edeln Verbannten zu besingen, die
von der Regierung fr eine Hochverrtherin und von trgen, filzigen
Philistern fr ein berspanntes Weib gehalten wird -- was wrde man
denken? Und vor allen mein knftiger Schwiegervater? Er ist zwar ein
respektabler Apotheker, ein herzensguter Mann -- aber ein Feind des
Fortschrittes, ein Feind der Freiheit und Unabhngigkeit. Ich mu inde
seine Schwachheit ehren, denn bald, fgte er mit einem zrtlichen Blicke
auf das Taschenbuch hinzu, bald werde ich sein Schwiegersohn. Ach,
Netti, Du wirst meine poetische Begeisterung wrdigen und mein Werk
verstehen, Du wirst stolz darauf sein, da ich fr eine so edle,
unglckliche Jungfrau meine Stimme erhebe, denn alle scheinen sie
verlassen zu haben, selbst ihr Oheim, der jetzt kaiserlicher Minister
ist. Ihre Freunde sind theils geflchtet, theils gefangen, theils durch
ein Kriegsgericht zum Schweigen gebracht -- und sie, das zarte, edle
Mdchen, irrt in dem eigenen Vaterlande flchtig durch die Steppen,
verfolgt von fremden Soldatenhorden, welche die sterreichische Ohnmacht
zu Hlfe rief.

Wohlan denn, mgen alle sie verlassen und verdammen, ich allein will es
wagen, sie zu besingen, -- ja, sie soll die Heldin meiner Verse sein!
Ich kenne sie nur nach einem unvollkommenen Gemlde, das ich in der
Gallerie eines ihrer Schlsser sah -- aber noch glaube ich den
sanften und doch so stolzen Blick zu sehen, noch schwebt mir die
anmuthgeschmckte Stirn vor den Blicken. Wenn der Maler das Urbild nicht
erreichen konnte, soll es der Dichter -- ich will das Gemlde vollenden,
beseelen!

Der junge Mann nahm den Stift wieder zur Hand, sttzte den Kopf auf den
linken Arm, sann einige Augenblicke nach und begann zu schreiben:

  -- Da stand urpltzlich eine hohe Frau,
  Wie einst Johanna =d'Arc= im Volksgewhl,
  Die Menge ward begeistert----

Ein Klopfen an der Thr unterbrach den Dichter. Rasch verbarg er das
Buch in seiner Tasche und rief herein!

Herr Czabo trat ein.

Der Apotheker trug einen schwarzen Frack, schwarze lange Beinkleider,
eine weie Weste und ein weies Halstuch. Eine feine goldene Brille, die
er nur dann auf die Nase herabrckte, wenn er ein Recept zu lesen hatte,
lag vor der hohen, glnzenden Stirn. In dieser Kleidung sah man ihn
tglich in der Apotheke.

-- Guten Tag, lieber Sohn! rief freundlich der Greis -- stre ich?

-- O nein, Herr Czabo, sagte Ferenz, indem er aufstand und dem
Ankommenden entgegentrat -- der Vater meiner Netti strt nie, selbst bei
den dringendsten Geschften.

Die beiden Mnner gingen in dem Zimmer auf und ab.

-- Geschfte gehen allem vor, sagte der Apotheker im Tone des Vorwurfs,
selbst der Braut und dem Schwiegervater.

-- Sie kennen ja doch die allgemeine Stockung der Geschfte, antwortete
lchelnd der Advokat -- wenn ich mich nicht mit Privatarbeiten
beschftigte, htte ich jetzt Langeweile.

-- Ein frchterlicher Wurm, der tdtet! rief der Apotheker. Ich habe
eine Arbeit fr Dich.

-- Einen Proce?

-- O nein; ich hatte nur einen Proce in meinem Leben, den Du mir so
glorreich gewinnen halfst -- aber trotzdem ich ihn gewonnen, mchte ich
um die Welt keinen zweiten wieder erleben, ich hasse die Processe, wie
die Langeweile.

-- Nun, was ist es denn?

-- Niklas, mein Zgling und Provisor hat seit einiger Zeit meine
Bcher dergestalt vernachlssigt, da sie einer grndlichen Durchsicht
bedrfen. Willst Du Dich nach Tische diesem Geschfte unterziehen?

-- Gern, bester Vater. Wie kommt es nur, da der sonst so pnktliche
junge Mann----

-- Soll ich es Dir sagen, Ferenz? sagte lchelnd Herr Czabo.

-- Nun?

-- Ich glaube, Deine Heirath mit meiner Netti, die bei der Wiederkehr
des Friedens in naher Aussicht steht, hat dem armen Menschen den Kopf
etwas verdreht. Er ist ein guter Junge, wei seine Medicamente zu
prpariren -- ich mu aber aufrichtig bekennen, da es mir lieb ist,
ihn durch Dich ausgestochen zu sehen, weil Niklas kein Mann fr meine
Tochter ist.

-- Bester Vater, rief der Advokat, ich werde Ihr Zutrauen zu
rechtfertigen wissen, ich fhle, da ich Kenntnisse und Kraft besitze,
eine gute Carriere zu machen, und wem steht ein glnzenderer Weg offen,
als einem Rechtsgelehrten?

Der Apotheker blieb stehen und sah seinen knftigen Schwiegersohn mit
groen Augen an.

-- Wie, rief er erstaunt aus, willst Du vielleicht einen hnlichen Weg
einschlagen, wie jener Kossuth, der nichts Geringeres beabsichtigte, als
durch eine Revolution gegen das angestammte Kaiserhaus sich zum Knige
von Ungarn zu machen? Mensch, nimm Dir sein Schicksal zur Warnung, jetzt
irrt er als Vagabond durch die Lnder -- das wre mein Knig!

-- Bester Vater, er war doch ein muthiger Mann, wandte der Advokat ein.

-- Ein Schreihals, ein verdrehter Kopf war er, den man glcklicherweise
beseitigt hat. O mein Gott, was hat dieser Mensch fr Unglck
angerichtet! Und wer schlo sich ihm an? Nur Leute, die nicht wuten,
was sie wollten -- lderliche Menschen, die keine Lust zur Arbeit hatten
und keine Steuern bezahlen wollten. Der gute Brger, mein Freund, mu
immer zahlen, ohne widerspenstig zu sein, vorzglich, was er dem Staate
schuldet, dann leben wir in Ruhe und Frieden und die Geschfte gedeihen.
Gott sei Dank, rief er aus und hob sein schwarzes Kppchen empor -- Gott
sei Dank, da der Herr Generalfeldzeugmeister Herr im Lande geblieben
ist und die verwnschten Rebellen verjagt hat! Ich hoffe, er wird sie
noch alle erwischen, damit jeder Keim zur Emprung ausgerottet wird.
Wenn er nur so glcklich wre, die Grfin Andrasy dahin zu bringen,
wohin sie gehrt.

-- In diesem Falle mte er doch ihrer erst habhaft werden, sagte
lchelnd der Advokat.

-- Allerdings! Das wei ich auch! Sie entschlpft ihm aus der Hand wie
ein Aal -- doch nur Geduld, wenn sie es jemals wagen sollte, nach Semlin
zu kommen, sollen ihre Abenteuer bald zu Ende sein, denn wir sind alle
dem rechtmigen Kaiser mit Leib und Seele ergeben. Selbst Niklas ist
schwarz-gelb gesinnt, er ist in politischer Beziehung stets meiner
Meinung und um dem Kaiser zu dienen, sind wir zu allem fhig. Und
vorzglich jetzt mu ich doppelten Eifer beweisen----

-- Jetzt -- warum jetzt? fragte der Advokat.

-- Weil ich heute bei der neu errichteten Schutzwache unserer Stadt zum
Kommandanten gewhlt worden bin!

-- Ah, ich gratulire, mein bester Czabo!

-- Danke! antwortete stolz der Apotheker, indem er wrdevoll sein
schwarzes Kppchen mit zwei Fingern emporhob. Morgen ist die erste
Parade, bei der ich in vollem Glanze erscheinen werde -- ich habe heute
noch soviel zu besorgen, da ich nicht wei, wo mir der Kopf steht.

-- Ihre Bcher werde ich nach Tische berichtigen, machen Sie sich
deshalb keine Sorgen -- und was das Hauswesen anbetrifft, so wird
Netti----

-- Ach ja, die hilft soviel sie kann, sie ist meine kleine Haushlterin
-- wird aber nun bald die Deinige werden. Ach, wenn ich doch meine alte
Meta noch htte! Kathi, die seit zwei Tagen in meinen Diensten steht,
ist ein Landmdchen, ein sehr hbsch gewachsenes Landmdchen -- ich habe
auch sonst nichts auf sie zu sagen; aber sie kann und wei nichts. Ihr
Vetter Lajos, der Fischer, auf dessen Empfehlung ich sie genommen habe,
hat mir es vorhergesagt -- da fllt mir etwas ein!

-- Nun? fragte der Advokat, der eine wichtige Neuigkeit erwartete.

-- Dieser Lajos ist so schwarz-gelb, da ich mich recht innig ber den
alten Mann gefreut habe.

-- Wie, ein Fischer kaiserlich gesinnt?

-- Kaiserlich durch und durch! Deshalb habe ich ihm auch erlaubt, da er
in dem Arme der Save, der meinen Garten hinter dem Hause begrenzt,
nach Gefallen fischen kann, denn die Strecke des Flusses an meinem
Grundstcke ist mein Eigenthum. Wenn er nun einen Hecht oder einen
schlanken Aal erwischt, so bringt er sie mir -- doch nun komm, mein
Freund, es wird Zeit zum Mittagessen sein -- vorher will ich noch einmal
in der Kche nachsehen, ob Kathi keine Dummheiten begangen hat.

Die beiden Mnner stiegen die Treppe hinab und traten in das freundliche
Wohnzimmer, wo Netti beschftigt war, den Tisch zu decken.

Die Tochter des Apothekers war ein schnes, blhendes Mdchen von
ein und zwanzig Jahren. Ihre Gestalt war schlank, nicht ppig, aber
wohlgeformt. Ihr dunkelbraunes Haar hing in zwei langen Flechten
ber den Rcken herab, whrend es auf der weien Stirn sich in
einem einfachen Scheitel theilte. Das groe blaue Auge, von dunkeln
Augenbrauen bedeckt, strahlte freundliche, milde Blicke und verrieth
einen nicht gewhnlichen Grad weiblicher Bildung. Ihre Wangen, die bei
jeder Bewegung der frischen Lippen niedliche Grbchen zeigten, waren von
einer leichten Rthe gefrbt, die zu dem weien Teint des zarten ovalen
Gesichts einen lieblichen Kontrast bildeten. Ein einfaches dunkelblaues
Kleid umschlo die schlanke Taille der Braut des jungen Advokaten.

-- Netti, sagte Ferenz zrtlich, indem er ihre Hand ergriff und sie an
seine Lippen zog -- es kostet Mhe, Sie heute zu sehen!

-- Sie haben Recht, antwortete das junge Mdchen mit einer weichen,
wohlklingenden Stimme -- mein guter Vater hat heute soviel Geschfte,
da ich ihm ein wenig helfen mu.

-- Netti, rief Herr Czabo im Tone des Vorwurfs -- Du lt Kathi allein
in der Kche, die von der edeln Kochkunst so wenig versteht -- Du hast
ihr doch gesagt, da der Braten----

Das junge Mdchen trat zu dem Vater und ergriff seine Hand, als ob sie
seinen aufkeimenden Unwillen rasch besnftigen wollte.

-- Gewi, lieber Vater! sagte sie bittend -- Kathi ist noch unerfahren
und an unsere Hausarbeit nicht gewhnt -- haben Sie ein wenig Nachsicht
mit ihr -- bitte, mein guter Vater! Es ist nicht ihre Schuld -- sie ist
nicht einen Augenblick aus der Kche gekommen.

-- Wie, rief aufbrausend der Apotheker, ist etwas mit dem Braten
vorgefallen?

-- Wenn ich nicht darauf geachtet htte -- er wollte anbrennen!

-- Ach, mein Gott, wie ist doch ein armer Wittwer zu beklagen! Ein
so herrlicher Braten, bei dem ich heute Mittag mein Avancement zum
Kommandanten der Schutzmannschaft feiern wollte! Warum mute auch meine
alte Meta blind werden, die htte es gewi nicht geschehen lassen! Nein,
das ist unverzeihlich, ich werde auf der Stelle----

-- Vater, sagte Netti schmeichelnd, indem sie ihn sanft bei der Hand
zurckhielt, wollen Sie mir etwas versprechen?

-- Was?

-- Zrnen Sie der armen Kathi nicht, sie ist so ngstlich, da sie kaum
noch wei, was sie thut.

-- Sie ist ngstlich?

-- Ja, vor Ihrem Unwillen!

Der Apotheker sah seine Tochter einen Augenblick an.

-- Gut, antwortete er pltzlich beruhigt, ich will diesmal noch
schweigen, wenn es aber wieder geschieht--

-- Es wird nicht wieder geschehen!

-- Kathi ist noch jung -- glaubst Du, da wir sie fr unsern Haushalt
werden bilden knnen?

-- Gewi, mein Vater, versicherte Netti.

-- Gut, Netti, besorge Du den Tisch, ich werde in die Kche gehen, um
das arme Mdchen zu beruhigen.

Herr Czabo schob seine goldene Brille von der Stirn auf die Nase herab
und verlie still lchelnd das Zimmer.

Er schlug den Weg nach seiner Kche ein.

Als Netti sich nach ihrem Brutigam umsah, sa er in einer Ecke des
Sopha's, hielt sein Taschenbuch in der Hand und war in tiefes Nachsinnen
versunken. Der junge Mann schien von der ganzen Unterhaltung zwischen
Vater und Tochter nicht ein Wort gehrt zu haben.

-- Nun, fragte Netti lchelnd, woran denken Sie, lieber Ferenz?

Der Angeredete fuhr empor und verbarg sein Taschenbuch.

-- Verzeihung, Netti, ich dachte an Sie, an unser Glck!

-- Oder vielmehr an das, was Sie so oft beschftigt -- fgte sie sanft
hinzu -- an Ihre Verse. Habe ich Recht?

-- Netti! rief der Advokat.

-- Es soll kein Vorwurf sein, lieber Ferenz -- fuhr Netti mit einer
unbeschreiblichen Anmuth fort -- ich bin weit entfernt, mich darber
zu beklagen. Sie besitzen Geist und Talent und Ihre schnen Verse haben
mich oft erfreut -- vernachlssigen Sie die edle Dichtkunst nicht; doch
denken Sie dabei auch an Ihre Netti.

-- Immer, immer, meine geliebte Braut! rief feurig der junge Mann, indem
er sanft seinen Arm um ihre Taille schlang und einen zarten Ku auf ihre
weie, schne Stirn drckte.

-- Ferenz, lispelte Netti, ich werde stolz sein, Ihre Frau zu heien!

-- Und ich der glcklichste der Menschen, Ihr Mann zu sein!

Beide vollendeten jetzt das Arrangement des Mittagstisches.




2.


Herr Czabo war inde in die Kche gegangen.

Der Apotheker schien etwas mehr zu beabsichtigen, als die neue Kchin
wegen des angebrannten Bratens beruhigen zu wollen.

Leise ffnete er die Thr, aus der ihm ein Duft entgegenquoll, der das
erste Zeugni von Kathi's Versehen ablegte. Herr Czabo rmpfte die Nase,
aber er schwieg.

Kathi stand an dem Heerde und fachte mit einem Blasebalge das Feuer
an, da es laut knisterte. In den Tpfen, die auf dem Heerde standen,
rauschte und zischte es, als ob Wasser mit siedendem Oele gemengt sei.
Die Kchin bemerkte den Eintritt ihres Herrn nicht sogleich, der ruhig
an der Thr stand und mit einem gewissen Wohlgefallen das junge Mdchen
beobachtete.

-- Kathi, sagte er nach einer Minute, wie steht es mit dem Mittagessen?

Das junge Mdchen hing den Blasebalg an einen Nagel in der weien Wand.

-- Es kann angerichtet werden, Herr, antwortete sie in einem Tone, der
umsonst einen leichten Schreck zu verbergen suchte.

Herr Czabo sah durch seine Brille auf die hbsche Kchin, als ob er ein
Recept lesen wollte. Dann holte er eine kleine silberne Dose aus der
Tasche und nahm behaglich eine Prise.

Die Kchin des Apothekers war auch in der That von einer auffallenden
Schnheit. Sie trug einen kurzen rothen Friesrock mit schwarzem Bande
besetzt, ein hellgraues wollenes Mieder mit kleinen runden Zinnknpfen
und ein kleines blaues Tuch, das den schlanken runden Nacken und
den ppigen Busen nicht vllig bedecken konnte. Das starke, glnzend
schwarze Haar vermochte die braune Mtze kaum zu fesseln, es fiel
aufgels't an beiden Schlfen herab und bedeckte wie ein spielender
Schatten die Theile des schneeweien Busens und der glnzenden
Schultern, die das Tuch nicht zu verhllen vermochte. Das feine,
blhende Gesicht, etwas von Ru geschwrzt, erglhte hochroth von der
Hitze des Feuers, das die zwar schwarzen, aber wohlgeformten kleinen
Hnde zu unterhalten suchten. Die kurzen Aermeln des Mieders lagen so
fest um den vollen runden Arm, da sie bei jeder Bewegung zu zersprengen
drohten. Weie Strmpfe und schwarze Schuhe bekleideten ein Paar Fe,
die an Zierlichkeit und Elasticitt denen einer Tnzerin zu vergleichen
waren. Kurz, die ganze Gestalt der Kchin war von der Natur mit einer
Ueppigkeit ausgestattet, da man sich ber Herrn Czabo nicht wundern
konnte, wenn er seinen angebrannten Braten darber verga.

Kathi war eine zweite Aschenbrdel, die unter dem ruigen Kchengewande
eine seltene Schnheit verbarg. Und was den Reiz noch erhhte war der
Umstand, da Kathi sich ihrer krperlichen Vorzge kaum bewut zu sein
schien.

-- Kathi, begann der Apotheker, indem er auf seiner Dose trommelte --
weit Du, da heute ein wichtiger Tag fr mich ist?

-- Nein, Herr Czabo! antwortete im Dialect der Landleute die Angeredete,
ohne sich in ihrer Beschftigung unterbrechen zu lassen.

-- Es hat sich seit einigen Tagen eine Schutzmannschaft in unserer Stadt
gebildet, um den flchtigen Rebellen entgegenzutreten, die jetzt hufig
Semlin passiren, die nahe trkische Grenze zu erreichen. Mich hat man
zum Kommandanten fr dieses Stadtviertel ernannt.

Kathi sah mit ihren groen, seelenvollen Augen den Apotheker an, wie es
schien erschreckt.

-- Wundert Dich das? fragte Herr Czabo.

-- Nein.

-- Und doch scheint es so?

-- Ich freue mich, da der junge Kaiser in Semlin so treue Unterthanen
hat.

-- Wahrhaftig? So sind wir von gleicher politischen Farbe. Gefllt es
Dir in meinem Hause?

-- Gewi, Herr Czabo. Sie sind sehr freundlich und Ihre Tochter ist die
Gte selbst. Was kann eine arme Dienstmagd von ihrer Herrschaft mehr
verlangen?

-- Eine arme Dienstmagd? Ich meine, Du besitzest genug, um nicht fr arm
zu gelten.

-- Ich bin so arm, lieber Herr, da ich es kaum zu sagen vermag.

Der Apotheker trat dem jungen Mdchen nher und fate sie scharf, aber
freundlich in's Auge.

Kathi wich betroffen einen Schritt zurck und wandte sich rasch zu den
Tpfen auf dem Heerde.

-- Frchtest Du Dich vor mir, Kathi?

-- Der Braten, Herr----

Kathi bckte sich, um ein Stck Holz aufzuheben. Das Tuch verschob sich
durch diese Bewegung und Herr Czabo sah die nackte, schne Schulter der
Kchin.

-- Kathi!

-- Herr Czabo!

-- Sieh' mich an, ich meine es gut mit Dir.

Bei diesen Worten ergriff er den Arm des jungen Mdchens, so da es
ihn ansehen mute. Des Apothekers Gesicht schwamm in einem Meere von
Freundlichkeit.

-- Kathi, sei offen -- was fehlt Dir? Aengstigt Dich etwas?

-- O nein.

-- Und doch glaube ich es zu errathen.

-- Sie, Herr Czabo?

-- Dein Vetter Lajos ist ein alter Bekannter----

-- Lajos -- war er bei Ihnen?

-- Ich meine nur, er kann es mir sagen.

-- Das glaube ich nicht, sagte Kathi mit einem schmerzlichen Lcheln.

-- Und wenn er es mir schon so halb und halb gesagt htte?

Aus Kathi's Augen blitzte ein seltsamer Strahl und ihr Kopf hob sich
hoch empor.

-- Lajos, rief sie, unmglich!

Herr Czabo wunderte sich einen Augenblick ber den Ton, in welchem diese
Worte gesprochen wurden.

-- Ei, mein Kind, sagte er mit einem feinen Lcheln, frchtest Du, da
Dein Geheimni verrathen werde?

Der Kchin Gesicht nahm den vorigen Ausdruck wieder an.

-- Herr, ich habe keine Geheimnisse.

-- Du liebst -- nicht wahr? Unglcklich?

-- Sie haben Recht, Herr Czabo, sagte Kathi lchelnd, indem sie zu ihren
kleinen Fen hinabsah.

-- Und wer ist denn dieser glckliche Mann?

-- Das kann ich nicht sagen.

-- Ist er jung?

-- Sehr jung.

-- Reich?

-- Sehr reich.

-- Soldat?

-- Von hohem Range.

-- Ah, ich verstehe! rief Herr Czabo. Er diente wohl im Heere der
Rebellen und ist jetzt flchtig oder gar erschossen oder erhngt? Mein
Kind, mit einem Rebellen mut Du es nicht halten, diese Leute haben alle
keinen guten Charakter.

-- Sie irren, Herr Czabo, er ist kein Rebell.

-- Nun, so sage es endlich, wer ist es?

-- Unser junger Kaiser!

-- Mdchen, rief erstaunt der Apotheker, bist Du toll? Doch es freut
mich, da Du nicht zu den sinnverwirrten Frauenzimmern gehrst, die
sich an Rebellen und schlechte Mannsbilder hangen. Du bist ein loyales
Mdchen und sollst so lange in meinem Hause bleiben, als es Dir gefllt.

-- Ich danke, Herr Czabo!

-- Hier nimm, fgte er hinzu, indem er eine Brse mit Geld aus seiner
Tasche zog -- es ist Dein halbjhriger Lohn im Voraus -- kaufe Dir
Kleider, oder was Du sonst gebrauchst, ich habe es gern, wenn meine
Domestiken hbsch gekleidet gehen.

Ohne sich lnger zu besinnen, ergriff Kathi die Brse.

In diesem Augenblicke ertnte ein Marsch von Trommeln durch die Strae.
Als ob der kriegerische Schall sie wie ein Blitzstrahl berhrt htte,
lie Kathi die kaum empfangene Brse mit einem leisen Schrei des
Schreckens zu Boden fallen, wobei sich ihre Blicke starr auf das Fenster
hefteten, das nach der Strae hinaus ging.

Der Apotheker war selbst auf einen Augenblick verblfft, er schob seine
Brille vor die Stirn und starrte ebenfalls nach dem Fenster.

Ein Regiment sterreichischer Infanterie in weien Uniformen, blauen
Hosen und groen Brenmtzen marschirte an dem Hause des Apothekers
vorber.

-- Kaiserliche Soldaten! rief Herr Czabo, ffnete ein Fenster und sah
mit groem Interesse dem kriegerischen Schauspiele zu. Jeder Andere
wrde sich ber die hinkenden Teufel gergert oder sie bemitleidet haben
-- Herr Czabo aber rief entzckt aus:

-- Wie herrlich! Da kommen die Helden, die das Land erhalten! Ihr edeln
Krieger, die Ihr muthig Euer Blut verspritzt fr die gerechte Sache,
fr das milde, gerechte angestammte Kaiserhaus, fr Ruhe und Ordnung im
Lande -- seid willkommen! Es lebe der Kaiser! Der Vater des Vaterlandes!
Der hoffnungsvolle Jngling!

Und rechts und links in der Strae fanden des Apothekers Ausrufungen ein
lebhaftes Echo, man sah selbst weie Tcher aus den Fenstern
flattern, geschwungen von alten Weibern mit Hornbrillen auf den
zusammengeschrumpften Nasen und Hunde oder Katzen zrtlich an ihre Brust
drckend.

-- Gott sei Dank, rief der Apotheker, da wir endlich wieder Soldaten
in unsern Mauern haben, nun kann man sich doch ruhig zu Bett legen und
ruhig wieder aufstehen. Es lebe der Kaiser!

Kathi schien die Begeisterung ihres Herrn fr das angestammte Kaiserhaus
nicht zu theilen, der Anblick der Soldaten schien einen tiefen Eindruck
auf sie ausgebt zu haben.

Unbeweglich stand sie an der Seite des Fensters und sah mit
schmerzlichen Blicken die weien Krieger vorberziehen.

Die Strae war nicht breit, so da die uern Rotten des Regimentes
dicht an den Husern marschirten.

Ein junger Mann mit gebruntem Gesichte und einem groen vollen Barte
sah das hbsche Mdchengesicht -- rasch trat er einen Schritt seitwrts
aus dem Gliede, streckte die Hand aus und trommelte eine Secunde mit
den Fingern an der Stelle der Fensterscheibe, wo sich Kathi's Gesicht
zeigte.

Mit einem unterdrckten Schrei der hchsten Ueberraschung oder des
Schreckens fuhr die Kchin zurck und verbarg sich hinter der Wand.

In demselben Augenblicke mute der junge Soldat seinen Scherz ben: ein
Korporal hob seinen langen Stock und fhrte einige derbe Schlge auf die
Beine des Kriegers, der fr seinen Kaiser in die Schlacht zog, um ihm
den Thron zu erhalten.

Diese Aufrechterhaltung strenger Mannszucht sahen die beiden Personen in
der Kche nicht mehr, nur die Hunde und alten Weiber in den Fenstern der
Huser hatten Gelegenheit, sich darber zu wundern.

-- Kathi, rief Herr Czabo, Du zitterst ja am ganzen Krper!

-- Es ist nichts, Herr, der bermthige Soldat hat mich ein wenig
erschreckt.

Der Apotheker trat mitleidig zu seiner Kchin und streichelte ihr sanft
die Wangen. Fast wre er in laute Bewunderung ausgebrochen ber die
Zartheit der weichen Haut, das hatte er nicht erwartet.

-- Sei nur ruhig, sagte er fast stammelnd, ich bin ja Kommandant dieses
Stadtviertels, es soll Dir niemand etwas zu Leide thun. Und wenn ich
meine Sorge fr Dich etwas mehr ausdehne, als ich sonst fr meine Mgde
gethan, so bedenke, da ich Wittwer bin und niemandem Rechnung von
meinen Handlungen schulde. Hrst Du, Kathi, vergi nicht, da ich
Wittwer bin!

Noch einen freundlichen Blick warf er auf die erschreckte und erstaunte
Magd, dann verlie er die Kche.

Nach einer Viertelstunde hatte Netti mit Kathi's Hlfe die Speisen
aufgetragen und Herr Czabo setzte sich mit seiner kleinen Familie zu
Tische.

Kathi sa in der Kche auf einer Bank und hielt sinnend ihren Kopf in
der Hand.




3.


Es war drei Uhr Nachmittags.

Ferenz war in seinem Zimmer mit dem Ordnen der Rechnungsbcher
beschftigt und Herr Czabo befand sich in dem Verkaufslocale, weil
um diese Zeit Niklas, der Apothekergehlfe, die Geschfte in dem
Laboratorium besorgte.

Netti sa in dem Wohnzimmer und arbeitete an einer Stickerei, wobei sie
dann und wann einen Blick in die Strae warf, in welcher Soldaten mit
Zetteln in der Hand auf und abgingen, ihre Quartiere zu suchen.

Pltzlich lie sich ein leises Klopfen an der Thr vernehmen. Das junge
Mdchen mochte es nicht gehrt haben, denn sie sah nur dann erst von
ihrer Arbeit auf, als die Thr sich ffnete und ein langer, magerer Mann
eintrat.

Man denke sich eine ungewhnlich lange Gestalt mit bleichem Gesicht,
dessen Backenknochen hoch emporragen, mit einer fast durchsichtigen
groen Adlernase, groen grauen Augen, hellblondem Haare, mit breiten,
langen Hnden und Fen, einem linkischen Benehmen, wie es Leuten von
dieser Krperbildung eigen zu sein pflegt -- angethan mit abgetragenen
brgerlichen Kleidern, die nicht mehr passen, und einer grnen wollenen
Schrze, so hat man ungefhr ein Bild von dem Gehlfen des Herrn Czabo,
der zu Netti in das Zimmer trat.

Unter verlegenem Lcheln stammelte der Eingetretene einige
unverstndliche Worte, die, wie es schien, einen Gru bedeuten sollten.

Netti kannte die zarten Gefhle des langen Niklas und bedauerte ihn von
Herzen -- deshalb sah sie ihn freundlich an und fragte in einem sanften,
fast bewegten Tone:

-- Was meinen Sie, lieber Herr Niklas?

Die freundlichen Worte des jungen Mdchens hatten dem Schchternen Muth
eingeflt.

-- Was ich meine? fragte er laut.

-- Nun ja!

-- Soll ich es Ihnen offen bekennen, liebe Netti?

-- Ich bitte darum, wenn Sie anders gekommen sind, mit mir zu reden.

Als ob die Verzweiflung seinen Muth noch erhhte, holte er tief Athem
und sagte in einem weinerlichen Tone:

-- Ich meine, da ich nicht mehr wei, was ich meine, noch was ich thue.
Ich dachte so eben ber Pferde-Arznei-Kunde nach, denn ich stand im
Begriffe, acht Gran Brechpulver anstatt vier in ein Paket zu thun. Ich
zittere, wenn ich an die Wirkung denke! So kann das nicht mehr gehen,
liebe Mamsell Netti, ich mu Abschied von Ihnen nehmen!

Niklas lie den Kopf sinken und trocknete sich mit der grnen Schrze
die Stirn, als ob ihm dieses Gestndni blutsauer geworden wre.

-- Himmel, rief Netti erschreckt, was fllt Ihnen ein? Sie wollen unser
Haus verlassen?

-- Glauben Sie denn, da ein Apotheker kein Herz im Leibe hat? Im
Gegentheil, dieses Organ des menschlichen Krpers ist bei ihm sehr
gefhlvoll -- dies ist wenigstens die Meinung Ihres Herrn Vaters, denn
er erlaubte mir, sanfte Gefhle zu hegen, die, die----

Niklas konnte keine Worte mehr finden, er ergriff abermals seine Schrze
und trocknete sich die schweitriefende Stirn.

-- Mein Gott, was ist Ihnen denn? fragte Netti theilnehmend. Sind Sie
krank?

-- O nein, ich stampfte vorhin Senf in dem Laboratorium und dieses
beiende Gewrz ist mir in die Nase gefahren -- das ist alles, nun ist
es schon vorbei.

-- Das freut mich, lieber Herr Niklas.

-- Darf ich fortfahren, Mamsell Netti?

-- Ich bitte darum!

-- Vor einer Stunde sprach ich einen Korporal von den kaiserlichen
Soldaten, welche diesen Vormittag hier eingerckt sind.

-- Nun? fragte Netti, die ihre Arbeit wieder ergriffen hatte.

-- Der Korporal suchte Rekruten!

-- In unserer Stadt?

-- Ja! Korporal, sagte ich zu ihm, ich mu Ihnen gestehen, da ich mich
nicht mehr kenne -- Korporal, wollen Sie mich?

Netti blickte von ihrem Stickrahmen auf und sah den Apothekergehlfen
verwundert an. Dieser schien mit groer Spannung eine Antwort zu
erwarten.

Eine Pause von einigen Secunden trat ein. Netti antwortete nicht.

-- Herr Korporal, rief Niklas verzweiflungsvoll, ich will Soldat werden!

Netti schwieg immer noch.

-- Herr Korporal, fuhr Niklas fort, ich will mich morden, das heit, mit
in die Schlacht ziehen, denn das ist eben so gut wie ein Selbstmord!

-- Herr Niklas, rief Netti ngstlich, Sie wollen Soldat werden -- was
fllt Ihnen ein?

-- Netti, rief der lange Mann, indem er seine Arme ausstreckte, Sie
wollen mich zurckhalten?

-- Das nun eben nicht, indeߠ----

-- Sie hlt mich nicht zurck, flsterte Niklas vor sich hin -- das
htte ich nicht erwartet! Leben Sie wohl, Mamsell Netti, der Korporal
hat mir sein Wort gegeben, ich bin angeworben!

Mit Thrnen in den Augen verlie der verliebte und verzweifelnde Niklas
das Zimmer. Noch hatte sich Netti von dem Schrecken ber diese Scene
nicht erholt, als sich pltzlich die Thr wieder ffnete und der
Apothekergehlfe mit einem Korporal in weier Uniform eintrat.

-- Kommen Sie, Herr Korporal, rief er mit glhenden Augen, hier ist die
Tochter des Hauses, wenden Sie sich an diese!

Ein junger, schn gewachsener Soldat mit einem vollen braunen Barte und
feurigen schwarzen Augen stand vor der erstaunten Netti und hielt ein
Quartierbillet in seiner Hand.

-- Heil und Ehre den Schnen! sagte er mit einer wohlklingenden Stimme,
indem er militairisch grte. Ein allerliebstes Kind! flsterte er dem
langen Niklas zu.

-- Eine gefhrliche Einquartierung, dachte Niklas, indem er den schnen
Soldaten vom Kopfe bis zu den Fen betrachtete.

Netti hatte ihren Platz verlassen.

-- Verzeihung, mein Herr, -- darf ich wissen wen ich die Ehre
habe----?

-- Janos Esthi, mein schnes Kind, kaiserlicher Korporal im zwanzigsten
Infanterie-Regimente. Es lebe der Kaiser! Es leben die Schnen! Es lebe
der Krieg!

Mit einem Anstande, der den sterreichischen Korporalen in der Regel
nicht eigen zu sein pflegt, ergriff Janos Esthi Netti's weiche Hand und
drckte ehrfurchtsvoll einen Ku darauf, ohne da es das junge Mdchen
zu verhindern vermochte. Nicht ein Korporal, ein Officier hhern Ranges
schien sich in dem Zimmer zu befinden.

-- Herr Korporal! rief Niklas, der sich rgerte, ihn bei Netti
eingefhrt zu haben.

-- Ah, mein Rekrut! Ich sehe, mein junger Freund, Sie haben einen
unbedingten Beruf fr das Heldenhandwerk. Liebesgram -- es ist klar!
fgte er mit einem Seitenblicke auf Netti hinzu. O der kleine Gott mit
der Binde vor den Augen ist der glcklichste Werber in allen Armeen der
Welt!

-- Herr Korporal, was sagen Sie da?

-- Ich sage, da Sie eine edle, kriegerische Physiognomie besitzen, da
Sie fr den Ruhm geschaffen sind. Wahrhaftig, ich glaube in Ihnen den
Kriegsgott zu erblicken, wie er fr das Regiment angeworben wird. Nur
eins ist mir unerklrlich, fgte der Korporal lchelnd hinzu.

-- Und was? fragte Niklas.

-- Da ein so liebenswrdiger junger Mann Unglck in der Liebe haben
kann. Bei Gott, man ist hier sehr difficil!

In Niklas Augen glnzte ein Hoffnungsstrahl, er hielt die Ironie des
frhlichen Korporals fr Wahrheit.

-- Wahrhaftig, sagte er vorwurfsvoll, ich begreife es auch nicht!

-- Um den Schnen zu gefallen, fuhr Janos Esthi mit Galanterie fort,
bedarf es nur einer Uniform und vorzglich der meines Regimentes. Wenn
man einmal darin steckt, hat man ununterbrochen Glck bei dem schnen
Geschlecht.

-- Ach, Herr Korporal, so haben Sie doch die Gte und stecken Sie mich
hinein! rief eifrig der lange Mann.

-- In die Uniform? Gut, verabredet und beschlossen. Ich habe Ihr Wort,
alles Uebrige ist unntz. Freuen Sie sich, junger Held, in dem Regimente
der Ehemnner wren Sie vielleicht ein schlechter Soldat geworden, aber
in dem meinigen werden Sie ein verfhrerischer Grenadier werden.

-- Ich wre doch lieber in das andere Regiment eingetreten, flsterte
Niklas vor sich hin und stie einen tiefen Seufzer aus.

-- Herr Niklas, sagte Netti, die ruhig in einer Fenstervertiefung
gestanden und dem Gesprche der beiden Mnner zugehrt hatte -- gehen
Sie in die Apotheke und bitten Sie meinen Vater, da er komme.

Niklas entfernte sich. Nach einigen Minuten trat Herr Czabo ein.

-- Was wnschen Sie? fragte er grend den Korporal.

-- Mein Herr, war die artige Antwort, hier ist mein
Einquartierungsbillet. Es lebe der Kaiser!

Der Apotheker hob sein schwarzes Kppchen mit der linken Hand empor und
reichte die rechte dem Soldaten.

-- Bei diesem erhabenen Namen seien Sie mir willkommen! Ja, es lebe
der Kaiser! Sie sind hier bei einem seiner wrmsten Anhnger und
einem Soldaten, wie Sie -- ich habe die Ehre, Kommandant der hiesigen
Schutzwehr zu sein.

-- Doppelter Grund, uns nher kennen zu lernen. Ihr Name, mein Herr?

-- Istvan Czabo, Apotheker.

-- Ein herrliches Geschft! rief der Korporal. Nun, Herr Istvan Czabo,
ist mein Quartier in Ordnung?

-- Versteht sich. Sie sollen bei mir vollkommen zufrieden sein.

-- Ich zweifle nicht einen Augenblick daran, sagte der Soldat mit einer
nachlssigen Verbeugung. Gleich bei dem Eintritte wird das Riechorgan
durch einen angenehmen Geruch gekitzelt, ohne die angenehmen Gegenstnde
zu bercksichtigen, die das Auge erfreuen.

-- Ein galanter Soldat! dachte Herr Czabo.

-- Frulein Tochter? fragte der Sohn des Mars mit einer Protectormiene,
die zugleich auch den Kenner verrieth.

-- Ja, mein Herr!

Der Korporal wandte sich mit groer Unbefangenheit zu Netti.

-- Frulein Czabo ist der Inbegriff aller Vorzge des schnen
Geschlechts. Ich mache Ihnen mein Compliment!

Die Ungezwungenheit des Gastes schien dem Apotheker nicht zu behagen, er
trat rasch zu seiner Tochter und sagte in einem unwilligen Tone:

-- Herr Korporal, meine einzige Tochter Netti!

-- Bei Gott, ein schner Name! Aber noch schner ist das Gesicht----!

-- Bitte, mein Herr, fuhr Czabo rasch fort -- ich mu Ihnen bemerken,
da meine Tochter Braut ist und vielleicht in einigen Tagen schon ihre
Verlobung feiert -- mit einem braven jungen Manne. Sind Sie noch im
Orte, so lade ich Sie hiermit dazu ein.

-- Ich nehme die Einladung an. Wir trinken dann auf das Wohl des
Kaisers.

-- Und des wackern Generals Grgey! rief der Apotheker.

-- Das Eine geht nicht ohne das Andere. Ich sehe, da Sie----

-- Da ich als Ungar eben so gut kaiserlich gesinnt bin, als Sie?

-- Dazu gehrt nicht viel! lachte der Korporal vor sich hin.

-- Kathi, Kathi! rief der Apotheker durch die halbgeffnete Thr.

-- Gleich, Herr Czabo, gleich! hrte man die Stimme der Kchin im Hause
rufen.

Der Korporal war zu Netti getreten und unterhielt sich halb leise mit
ihr.

Kathi, die nach Tische ihre Toilette gemacht und den Ru aus dem
Gesichte und von den Hnden gewaschen hatte, trat ein. Als sie den
Korporal sah, der ihr den Rcken zuwandte, schwand auf einen Augenblick
die Rthe ihres Gesichts, sie behielt jedoch uerlich ihre Fassung.

-- Kathi, befahl der Apotheker, hier ist der Schlssel zu dem Garten
und hier der zu dem Gartenhause. Arrangire sogleich das Zimmer darin und
fhre dann den Herrn dorthin, er wird es bewohnen.

-- Kathi, rief Netti, ich werde Dich begleiten!

Der Korporal wandte sich und sah die Kchin, die zitternd an der Thr
stand.

Als ob ein jher Schlag alle seine Glieder gelhmt, stand er wie Lot's
Salzsule in der Mitte des Zimmers und starrte mit groen Augen die
bebende Magd an. Kathi's Blicke hafteten eben so starr auf dem Soldaten.
Sie fuhr mit der Hand ber die Augen, als ob sie eine Wolke verwischen
wollte.

-- Thekla! flsterte der Soldat.

-- Himmel, er ist's! flsterte das junge Mdchen.

Der gegenseitige Anblick der beiden Personen hatte einen tiefen Eindruck
der Freude und des Schreckens hervorgebracht, sie behaupteten inde mit
groer Anstrengung dergestalt ihre Fassung, da Herr Czabo und Netti
nichts davon bemerkten.

Kathi und Netti verlieen das Zimmer, um das Gartenhaus zum Empfange des
Gastes vorzubereiten.

-- Was ist Ihnen, Herr Korporal? fragte der Apotheker. -- Sie sind ja
pltzlich wie umgewandelt!

-- Das bin ich, antwortete ernst der junge Mann.

-- Und der Grund?

-- Ihre liebenswrdige Tochter erinnert mich an eine Person, die meinem
Herzen ber alles geht.

-- Haben Sie vielleicht eine Geliebte in der Heimath zurckgelassen?

-- Sie haben Recht!

-- Nun, trstete Herr Czabo, so beruhigen Sie sich, der Krieg ist zu
Ende, Sie werden sie gewi bald wiedersehen!

Nach einer halben Stunde berichtete Netti, da das Gartenhaus in Ordnung
sei. Herr Czabo fhrte seinen Gast selbst dorthin. Ein freundliches
Stbchen empfing den mden Krieger, ausgestattet mit allen
Bequemlichkeiten. Der Abend begann zu dmmern, als der Apotheker den
Korporal verlie.

Obgleich ermdet von dem Marsche, litt es den jungen Mann dennoch nicht
in dem Zimmer. Nachdenkend verlie er das Huschen und begann durch
die Wege des Gartens zu gehen, die der Herbst bereits mit gelbem Laube
bedeckt hatte. Pltzlich hrte der Spaziergnger das Rauschen eines
Flusses. Er durchschritt eine kleine Baumgruppe und eine ziemlich breite
Wasserflche blinkte ihm durch die Abenddmmerung entgegen. Das Ufer war
flach ohne Gestruch und mit Rasen bewachsen. Sinnend blieb der junge
Mann stehen und gab sein glhendes Gesicht dem Luftzuge preis, der
schneidend ber die Wasserflche kam. Nach und nach senkte sich ein
dichter Nebel auf den Flu und das Gestruch des jenseitigen Ufers
zeigte sich in phantastischen Gestalten, bis es endlich vllig
verschwand.

Schon stand der Soldat im Begriffe, in sein Zimmer zurckzukehren,
als sich Ruderschlge und das Rauschen eines Kahnes, der von dem
entgegengesetzten Ufer zu kommen schien, anfangs leise und dann immer
strker vernehmen lieen.

Janos zog sich in die Baumgruppe zurck, die ungefhr zehn Schritte
hinter ihm lag. Noch waren nicht fnf Minuten verflossen, als ein Kahn
sich der Stelle des Ufers nherte, die er so eben verlassen hatte.

Ein Mann stieg aus. Vorsichtig befestigte er das Fahrzeug und nachdem
er sich noch einmal berzeugt, da der Strom es nicht losreien konnte,
schlug er den Weg nach der Baumgruppe ein. Erschreckt blieb der Mann
stehen, als er die weie Uniform erblickte.

-- Wohin? fragte der Soldat.

-- Zu Herrn Czabo, mit dem ich Geschfte habe, war die Antwort.

Der Mann wollte seinen Weg fortsetzen.

-- Halt! rief Janos.

-- Was wollen Sie? fragte fest der Mann.

-- Ich bin ein kaiserlicher Soldat.

-- Das sehe ich. Es lebe der Kaiser!

-- Doch wer sind Sie, der Sie in der Dunkelheit auf diesem
ungewhnlichen Wege zu meinem Wirthe wollen.

-- Ich bin der Fischer Lajos, dessen Nichte bei Herrn Czabo als Kchin
dient. Dies ist mein gewhnlicher Weg, wenn ich sie nach vollbrachtem
Tagewerk besuchen will -- der Besitzer hat ihn mir gestattet.

-- Lajos, sagen Sie? rief erstaunt der junge Mann. Wenn ich nicht irre,
standen Sie vor zwei Jahren im Dienste der Grfin Thekla Andrasy?

Dem Fischer schien vor Schrecken die Sprache vergangen zu sein.

-- Und wenn es wre? fragte er nach einer Pause.

-- Dann wrde ich Dir, mein alter Lajos als einem Freunde die Hand
reichen. Kennst Du meine Stimme nicht mehr?

-- Mein Gott, stammelte der Fischer, bei dem Namen der Grfin steigt
eine Erinnerung in mir empor -- doch nein, ich kann es nicht glauben, --
es ist nicht mglich! Ein Graf Esthi----

-- Steckt in der Uniform eines sterreichischen Korporals, es ist
die volle Wahrheit. Du weit, ich diente als Oberst im Grgey'schen
Corps--?

-- Grgey! Grgey! knirschte der Fischer und hob beide Fuste zum Himmel
empor, als ob sie ein Krampf durchzuckte.

-- Wir wurden verrathen und muten die Waffen strecken, dann degradirte
man uns zu gemeinen Soldaten und wir wurden den sterreichischen
Regimentern einverleibt. Seit drei Tagen hat man mich zum Korporal
avancirt, weil mein Eifer im Dienst, den Du Dir bei der Bestimmung
unseres Regimentes leicht erklren kannst, eine Belohnung erhalten
sollte. Doch wir verplaudern die Zeit und denken nicht an das Wichtigste
---- folge mir in das Gartenhaus, man knnte uns hier belauschen.

Nach einigen Minuten befanden sich die beiden Mnner in dem Zimmer. Der
Korporal zndete ein Licht an, das auf dem Tische stand.

-- Ja, bei Gott, rief Lajos, als er das Gesicht des Soldaten sehen
konnte -- Sie sind es, Herr Graf! Ach, ich mu weinen, da wir uns unter
so traurigen Umstnden wiedersehen!

Der Greis trocknete sich die nassen Augen. Der junge Mann schlo ihn
gerhrt an seine Brust.

-- Lajos, ich wei bereits alles -- ich habe sie erkannt. O meine Thekla
-- sie dient als Kchin bei dem Apotheker! Eine Grfin Andrasy ist Magd!
Furchtbares Schicksal!

-- Und doch blieb ihr weiter nichts brig, sagte der Fischer. Unter
welcher Maske sollte sie sich anders hier aufhalten? So lange die Russen
die Grenze besetzt hielten, war an eine Ueberschreitung derselben
nicht zu denken. Was sollten wir nun beginnen? Ich benutzte meine
Bekanntschaft, die ich seit einem Jahre mir erworben und brachte meine
frhere Herrin zu dem Apotheker.

-- Wie aber ist Thekla zu Dir gekommen?

-- Mein Sohn, der sie auf der Flucht begleitete, brachte sie vor drei
Tagen in mein Huschen, das dort unten am Ufer der Save steht. Ich
konnte sie nicht bei mir behalten, weil die Grenzpatrouillen tglich bei
meiner Wohnung vorbeipassiren. Zum Glck fand ich diesen Dienst fr sie.
Doch, Herr Graf, die Gefahr hat den hchsten Gipfel erreicht, wenn die
junge Grfin diesen Abend Semlin nicht verlt, ist sie verloren.

-- Lajos, was ist's?!

-- Wie ich von einer Magistratsperson gehrt, in deren Haus ich heute
Mittag Fische brachte, soll diese Nacht in der ganzen Stadt Haussuchung
gehalten werden, weil man wissen will, da sich mehrere Fhrer der
Revolution, und unter ihnen unsere arme Grfin, hier befinden sollen.
Um Mitternacht soll das Regiment unter die Waffen treten. Sehen Sie, aus
diesem Grunde mu ich in die Apotheke.

-- Und hast Du einen Rettungsplan ersonnen? rief eifrig der junge Graf.
O, so sage ihn mir, da ich Dich untersttzen kann! Ich begleite meine
Thekla, meine geliebte Braut, und wenn es sein mu, in den Tod!

-- Hren Sie mich an, flsterte der Fischer. Dort liegt mein Boot.
Es ist zwar nur ein Fahrzeug fr die Save, das darf uns aber nicht
abhalten, uns ihm anzuvertrauen, um eine halbe Stunde unter der Stadt in
die Donau auszulaufen und das gegenseitige Ufer zu gewinnen. Erreichen
wir es glcklich, so sind wir gerettet, denn wir befinden uns dort auf
trkischem Boden, wo den Flchtlingen eine gastfreie Aufnahme zu Theil
wird.

-- Du hast Recht, Lajos, es ist besser in den Wellen zu sterben, als
einen schimpflichen Tod von feilen Knechten zu erleiden.

-- So will ich gehen und die Grfin vorbereiten.

-- Nein, bleibe. Es ist besser, Du htest den Kahn, unser einziges
Rettungsmittel; ich schreibe an Thekla und stecke ihr heimlich das
Briefchen zu. Auch frchte ich, da Deine Anwesenheit im Hause Verdacht
erregen knnte. Geh, und bewache unser Rettungswerkzeug!

Lajos kehrte an das Ufer zurck.

Auf einem Tische befand sich Schreibzeug und Papier. Der Soldat setzte
sich zum Schreiben. Seine Hand zitterte, als er die Feder ergriff.




4.


Whrend der Apotheker sich im Gartenhause befand und der Korporal seinen
Spaziergang machte und mit dem Fischer die Flucht der Grfin Andrasy
berieth, hatte die arme Kathi eine neue Ueberraschung zu erfahren,
die nicht minder erschtternd auf sie einwirkte, als der Anblick des
kaiserlichen Soldaten.

Niklas, des Apothekers Gehlfe, hatte mit der schnen Kchin eine
Unterredung angeknpft, um seinen Gram verschmhter Liebe etwas zu
mildern. Als Einleitung dazu hatte er die Neuigkeit erzhlt, da
die Regierung einen Preis von dreitausend Ducaten auf den Kopf der
flchtigen Grfin Andrasy gesetzt habe und da sie sich in der Umgegend
oder in der Stadt selbst befinden solle.

In einer fieberhaften Aufregung und kmpfend mit der Angst vor Verrath,
stieg sie um vier Uhr die Treppe hinan, um nach der Hausordnung dem
Advokaten Ferenz den Kaffee auf das Zimmer zu bringen, den sie auf einem
Prsentirteller in den zitternden Hnden trug. Leise trat sie in das
Arbeitszimmer des jungen Mannes. Ruhig blieb sie an der Thr stehen,
denn Ferenz sa an seinem Arbeitstische, die Fortsetzung des Gedichtes,
an welchem er, statt an den Bchern des Herrn Czabo, gearbeitet hatte,
mit lauter Stimme lesend:

  Da stand urpltzlich eine hohe Frau,
  Wie einst Johanna =d'Arc=, im Volksgewhl--
  Die Menge ward begeistert, denn so schn
  War selbst die gottgesandte Jungfrau nicht!

-- Ein Dichter! dachte Kathi und hielt sich ganz still, denn es war das
erste Mal seit langer Zeit, da sie wieder Verse hrte, sie, die selbst
als Dichterin bekannt war.

Der Advokat fuhr mit erhhter Stimme fort, da er sich allein whnte:

  _Du_ bist die Gottgesandte, hohe Tochter
  Des wrdigen Andrasy, denn dich schmckt
  Das Attribut der hchsten Majestt.
  Im Kampfe gro und nach dem Siege mild
  Bist du es, die die Thrnen Armer stillt--
  Du trgst mit Wrde der Verbannung Schmerz,
  Vertrauend blickt dein Auge himmelwrts--
  Vom Glorienlicht der Hoffnung mild umzogen,
  Stehst eine Heldin du in Sturmeswogen.

Das arme Mdchen zitterte, als sie vernommen, da die Verse an sie
gerichtet waren, ein heller Thrnenstrom entstrzte ihren schnen Augen.

  Und herrlich hat die Gottheit dich geweiht,
  Mit Stolz verbindest du Bescheidenheit--
  Der Frauen hchste Schne strahlt darin,
  Mein Ideal, du, meine Knigin!

Mit groer Selbstzufriedenheit legte der Advokat sein Taschenbuch
auf den Tisch. Da hrte er das laute Schluchzen der Jungfrau, die das
berstrmende Gefhl in ihrer wogenden Brust nicht mehr verschlieen
konnte.

Ferenz wandte sich erschreckt nach der Thr.

-- Kathi, Kathi! rief er, was ist geschehen?

-- Ach, Herr Advokat, diese Verse -- o wie schn, wie gro, eine
verbannte, verfolgte Frau zu besingen!

Ferenz starrte die Kchin an -- diese Worte waren nicht in dem
gewhnlichen Dialecte der Landleute gesprochen. -- Und welche Empfindung
verriethen sie!--

Die Grfin Thekla Andrasy hatte ihre Maske vergessen. Doch schon im
nchsten Augenblicke erinnerte sie sich wieder daran. Rasch trat sie
zum Tische und setzte das Kaffee-Servie nieder, dann wollte sie sich
entfernen. Doch ehe sie noch die Thr erreicht hatte, lie sich
ein Trommelwirbel in der Strae vernehmen. Thekla mute sich an dem
nahestehenden Stuhle halten, um nicht zu Boden zu sinken.

-- Diese Angst, diese Verwirrung! rief Ferenz. Wer bist Du -- Wer sind
Sie? fgte er rasch hinzu.

-- Lassen Sie mich! lassen Sie mich! Ein augenblicklicher Schwindel --
er ist vorber.

-- Allmchtiger Gott, Sie zittern vor diesem Gerusch -- Und diese Zge,
die ich schon im Bilde gesehen -- Nein, nein, Sie sind nicht, was Sie
scheinen -- Sie sind die Grfin Thekla Andrasy!

Die Grfin erhob sich wieder. Angst und Besorgni schienen pltzlich
verschwunden zu sein, denn aus ihren Augen strahlte das Feuer des
Muthes, der groe Geist, der Gefahren trotzt -- die Schwche der Frau
war besiegt.

-- Ja, ich bin es, sagte sie stolz. Ihre Hand, mein Herr, dem Dichter
darf ich mich vertrauen -- ich bin die flchtige Thekla, auf deren Kopf
man dreitausend Ducaten gesetzt hat.

-- O mein Gott, rief Ferenz, dies ist der schnste Lohn, der je einen
Dichter krnen konnte! Bauen Sie fest darauf, da ich mit meinem
Leben bereit bin, Sie den Verfolgungen Ihrer rachschtigen Feinde zu
entziehen!

-- Wissen Sie, was der Trommelwirbel bedeutet?

-- Er ruft die Schutzmannschaft zum Appell, deren Kommandant Herr Czabo
ist. Sie haben fr diesen Augenblick nichts zu frchten.

-- Und was habe ich von dem Dichter zu hoffen? fragte sie mit einem
unbeschreiblichen Ausdrucke.

-- Da er mehr thun als Verse schreiben -- da er Sie retten wird!

Auf der Hausflur des Erdgeschosses lie sich Herrn Czabo's Stimme
vernehmen, der nach seiner Kchin rief.

-- Mein Schwiegervater! flsterte Ferenz. Tragen Sie Sorge, da er Ihren
wahren Stand nicht entdeckt, er ist zwar gut, aber schwach -- leicht
knnte er eine Unbesonnenheit begehen, um sich als Kommandant zu zeigen,
die Sie in's Unglck strzt.

-- Kathi, Kathi! rief der Apotheker mit stets lauterer Stimme -- Kathi!

-- Mein Herr, sagte Thekla, da Sie an meinem Schicksale Theil nehmen,
ist ein schner Trost, der mich an meiner Rettung nicht verzweifeln
lt. So darf ich im Augenblicke der Gefahr fest auf Ihre Hlfe zhlen?

-- So wahr ich hoffe, da der Sieg der Tyranney kein ewiger ist! Noch
diesen Abend werden Sie von mir hren! Beugen Sie sich nur heute noch in
das Joch der Kchin.

-- Ich eile, um keinen Verdacht zu erwecken.

Als Thekla die Hausflur betrat, war sie ganz wieder Kchin.

Herr Czabo, ein Licht in der Hand tragend -- denn es begann zu dunkeln
-- kam ihr aus der Kche entgegen. Er war mit einer blauen Uniform
bekleidet und mit einem mchtigen Sbel bewaffnet. Auf den Schultern
erglnzten groe Epauletts mit silbernen Candillen.

-- Kathi, sagte der Kommandant sich in die Brust werfend, ich verlasse
auf eine Stunde das Haus, weil meine Mannschaft auf dem Sammelplatze
zusammentritt -- es ist etwas Wichtiges im Werke. Wahre die Kche und
besorge unserm Gaste das Abendessen. Sobald es vllig dunkel geworden,
schliee die Fensterladen und bleibe ruhig in deinem Zimmer neben der
Kche. Adieu, Kathi, sagte freundlich der Apotheker und gab der Kchin
das Licht, wobei er die Finger ihrer niedlichen Hand drckte, als ob es
absichtslos geschehen sei.

-- Ich werde alles pnktlich besorgen, Herr, sagte Kathi und verschwand
durch die halbgeffnete Kchenthr, um ihre Bewegung zu verbergen.

-- Ein reizendes, liebes Mdchen! flsterte der Apotheker vor sich hin.
Den Lohn hat sie auf ein halbes Jahr voraus erhalten -- so lange ist sie
gebunden -- wer wei, was dann geschieht!

Still lchelnd verlie er das Haus und eilte durch die halbdunkeln
Straen dem Marktplatze zu, wo sich die Schutzmnner bereits versammelt
hatten.




5.


Thekla war so erschttert von den Begebnissen dieses verhngnivollen
Tages, da sie sich einige Augenblicke der Ruhe berlassen mute. Sie
setzte sich auf das Bett in ihrer Kammer neben der Kche und lie das
glhende Kpfchen in das weie Kissen herabsinken.

-- Janos, Graf Esthi als Korporal in einem kaiserlichen Regimente!
flsterte sie leise. Htten ihn meine Augen nicht gesehen, ich wrde
es fr ein Spiel meiner aufgeregten Phantasie halten -- welch' ein
Schicksal! der grfliche Brutigam Korporal und die grfliche Braut
die Kchin eines Apothekers in Semlin! Wahrhaftig, man knnte darber
lachen, wenn die Sache nicht zu ernst wre, denn es handelt sich um
Leben und Tod. Janos, rief sie aus, rette deine Braut, deine Thekla,
nach deren Kopfe die Tyrannen trachten -- man will sie morden, wie man
das Vaterland gemordet hat!

Thekla hielt beide Hnde vor das Gesicht, sie wollte den Thrnenstrom
ersticken, der aus ihren Augen strzte.

Ein Knistern, als ob jemand durch die Kche schliche, lie sich
vernehmen.

Thekla fuhr empor, rasch ihre Thrnen trocknend. Dann ergriff sie das
Licht und trat unter lautem Herzklopfen in die Kche hinaus.

Der Schein des Lichtes fiel auf die weie Uniform des Korporals.

-- Thekla! rief mit unterdrckter Stimme der junge Mann.

-- Janos! schluchzte das junge Mdchen.

Beide strzten sich in die Arme und feierten durch einen innigen Ku,
den das Salz der Thrnen wrzte, das schmerzliche, verhngnivolle
Wiedersehen.

Der Graf gewann seine Fassung zuerst wieder, er wute ja, welche Gefahr
seiner geliebten Thekla bevorstand.

-- Kein Wort mehr, -- flsterte er; -- nimm dieses Papier, es wird Dir
alles sagen.

Er drckte dem zitternden Mdchen ein Briefchen in die Hand, dann
verlie er eben so leise und vorsichtig das Haus, als er es betreten
hatte.

Die junge Grfin zog sich in die Kammer zurck. Nachdem sie noch einmal
sich berzeugt, da der Laden des Fensters geschlossen sei, ffnete sie
das Papier und las:

Jede Stunde mehrt die Gefahr. Man wei, da Du Dich in der Stadt
verborgen hltst. Ein Zufall fhrte mich mit Deinem treuen Lajos
zusammen, wir haben gemeinschaftlich den Plan zur Flucht berathen, die
diesen Abend noch ausgefhrt werden mu. Am Ufer der Save, dort, wo
die kleine Baumgruppe im Garten des Apothekers steht, liegt ein Kahn zu
unserer Aufnahme bereit. Wir fahren in der Finsterni die Save hinab,
um die Donau und das jenseitige Ufer derselben zu gewinnen. Es ist ein
khnes Wagni, da Lajos nur einen kleinen Kahn zu unserer Verfgung
stellen kann. Ich ziehe es aber vor, in den Wellen zu sterben, als von
der Hand blutdrstiger Tyrannen. Empfngt uns das rettende Ufer nicht,
so wird der Schoo der Donau unser Brautbett. Sei vorsichtig und meines
Winkes gewrtig.

Noch einmal durchflog sie die Zeilen von geliebter Hand, dann drckte
sie das Blatt an ihre Lippen und flsterte, den Blick gen Himmel
gewandt:

-- Ja, mein Janos, mein geliebter Mann, entweder das rettende Ufer, oder
an Deiner Seite den Tod in den Wellen der Donau!

Als ob mit diesem heroischen Entschlusse das Gemth der jungen,
unglcklichen Grfin vllig beruhigt sei, unterzog sie sich, ohne
lngeres Zgern, der Hausarbeit, welche die Zeit des Tages mit sich
brachte. Sie ging zunchst auf die Strae und schlo die Laden an den
Fenstern des Erdgeschosses, die von auen angebracht waren.

Ein ungewhnlich reges Treiben herrschte in der sonst, um diese Zeit, so
stillen Gasse, Soldaten und Brger gingen hin und wieder. Vor den Thren
standen Gruppen von Mnnern und Frauen und unterhielten sich lebhaft,
ungeachtet des khlen Herbstabends. Thekla kmmerte es nicht, die Nhe
des Geliebten hatte ihr Herz mit Muth und Vertrauen erfllt, sie ging
ruhig in das Haus zurck.

Im Wohnzimmer traf sie Netti.

-- Kathi, -- sagte das junge Mdchen, -- hast Du fr unsern Gast das
Abendessen besorgt?

-- Nein, -- antwortete die Magd; -- ich dachte, es sei noch zu frh.

-- So besorge es. Der Vater sagte mir, es sei mglich, da das Regiment
sich versammeln msse, da diesen Abend oder diese Nacht eine allgemeine
Haussuchung in der Stadt vorgenommen werden solle, man vermuthe die
Anwesenheit wichtiger, politischer Flchtlinge.

-- Soll geschehen, -- antwortete Kathi und verlie das Zimmer.

Thekla's Herz begann wieder zu pochen, so nahe hatte sie die Gefahr
nicht geglaubt. Unschlssig, ob sie in das Gartenhaus gehen und diese
Nachricht dem Grafen mittheilen sollte, oder nicht, stand sie einen
Augenblick auf der Hausflur, als der Advokat Ferenz eilig von der Strae
hereintrat. Vorsichtig sah er sich um, dann trat er zu Thekla heran.

-- Man scheint Sie verrathen zu haben, -- flsterte er eifrig, -- ich
komme vom Marktplatze, wo sich das Gercht verbreitet hat, die Grfin
Andrasy halte sich in diesem Stadttheile verborgen. Wechseln Sie schnell
die Kleidung, da man auf die Frauen ein besonderes Augenmerk richten
wird -- meine Garderobe steht zu Ihrer Verfgung. Eilen Sie auf
mein Zimmer, ich werde Netti unterhalten und ihr sagen, ich habe Sie
ausgeschickt. Verlieren Sie keine Zeit, man theilt schon die Patrouillen
ab.

Der Advokat gab der bestrzten Grfin den Schlssel zu seinem Zimmer.

-- Und dann? -- fragte sie kaum hrbar.

-- Bleiben Sie, bis ich zu Ihnen komme. Fort, fort!

Ferenz ging in das Zimmer zu Netti.

Mit dem Vorsatze, sobald die Umkleidung geschehen, in das Gartenhaus zu
eilen, flog Thekla, deren Muth wieder erwacht war, die Treppe hinan und
betrat das Zimmer des jungen Advokaten. Da ihr die Einrichtung desselben
bekannt war, zndete sie ein Licht an, das auf einem Seitentischchen
stand. Nach einer Minute hatte sie auch den Schrank, der die Kleider
aufbewahrte, gefunden. Dann verschlo sie die Thr.

Whrend dieser Zeit erschien der Korporal auf der Hausflur. Vorsichtig
schlich er zur Kche. Ein Lmpchen brannte auf dem Heerde, die Kchin
war nicht zu erblicken. Der junge Mann sah in die Kammer -- auch diese
war leer.

-- Mein Gott, -- flsterte er, -- was bedeutet das? Wir drfen nicht
lnger zgern -- wo mag sie sein? Kathi, -- rief er leise, -- Kathi!

Alles blieb still.

Janos trat auf die Hausflur zurck und lauschte, -- nichts regte sich.
Pltzlich hrte er in dem Wohnzimmer sprechen. Ohne sich lnger zu
besinnen, klopfte er an die Thr, ffnete und trat ein.

Der Advokat und seine Braut waren die einzigen Personen im Zimmer.

-- Auch hier nicht! -- dachte er, und seine Besorgni vermehrte sich.

Ferenz erschrack, als er den mit einem Sbel bewaffneten Korporal
erblickte.

-- Was wollen Sie? -- fragte er, seine Fassung zusammennehmend.

Janos hatte bald einen Vorwand gefunden.

-- Verzeihung, -- antwortete er im Tone des Soldaten, -- wenn ich stre.
Ich suche berall die Kchin und kann sie nirgends finden.----

-- Was wollen Sie von unserer Kchin? -- fragte rasch der Advokat
und sein Gesicht verrieth den Eindruck, den die Worte des Korporals
hervorgebracht.

Dem Soldaten entging die Bewegung des Fragenden nicht; er sah ihn einen
Augenblick prfend an. Er unterdrckte jedoch seine Befrchtung und
sagte mit einem erzwungenen Lcheln:

-- An wen soll sich anders ein Soldat, der bei einem Brger im Quartier
liegt, wenden, wenn er Hunger hat?

-- Ah, Sie liegen hier im Quartier -- das wute ich nicht!

-- Schon vor einiger Zeit, -- sagte Netti, -- habe ich ihr Auftrag
ertheilt, unserm Gaste das Abendessen zu bereiten, ich begreife nicht,
warum es nicht schon geschehen.

-- Verzeihung, Netti, ich hatte vergessen, Ihnen zu sagen, da ich Kathi
zu einem meiner Kollegen geschickt habe, um mir ein Aktenstck holen zu
lassen.

-- In diesem Falle werde ich selbst die Vorbereitung treffen, -- sagte
das junge Mdchen und verlie das Zimmer.

-- Sie sind Korporal in kaiserlichen Diensten? -- fragte Ferenz, der
durch ein gleichgltiges Gesprch den Soldaten auszuforschen suchen
wollte.

-- Wie Sie sehen, -- antwortete der Graf, der wie auf Kohlen stand.

-- Ein schner, aber ein gefhrlicher Stand.

-- Ich lugne es nicht; aber die Gefahr, mein Herr, macht ihn zu dem,
was er ist. Nur im Kriege lebt der Soldat, im Frieden ist er nur eine
todte Puppe. Jetzt habe ich Ihnen gesagt, was _ich_ bin, darf ich nun
auch wissen----?

-- Wer _ich_ bin? Ich bin Advokat und heie Ferenz.

Der Soldat schien von dieser Antwort berrascht zu sein, er sah mit
groen Augen den Advokaten an.

-- Ferenz ist Ihr Name? -- fragte er endlich.

-- Ja. Wundert Sie das?

-- Stehen Sie mit Pesth in Correspondenz?

-- Ja.

-- Und wer ist Ihr Correspondent, wenn ich fragen darf?

-- Der Graf Janos Esthi, dessen Gut, das eine Stunde von Semlin entfernt
liegt, ich verwaltet habe.

-- Und Sie verwalten es aus dem Grunde nicht mehr, -- fuhr sardonisch
lchelnd der Korporal fort, weil es die Krone Oesterreichs an sich
genommen hat, um den jungen Grafen fr die Dienste zu belohnen, die er
in der Armee des treuen, braven Grgey seinem Vaterlande geleistet?

-- Ganz recht.

-- Ihr letzter Brief, den Sie ihm nach Komorn sandten, enthielt eine
Beileidsbezeigung fr den Grafen und die Aufforderung, sich nach Semlin
zu wenden, im Fall er gezwungen wre, flchtig zu werden -- den Brief
brachte ein Expresser.

-- Mein Gott, -- rief der Advokat erstaunt, -- woher wissen Sie das
Alles?

-- Weil der Graf mein Freund war.

-- So knnen Sie mir auch wohl sagen, warum der Graf meiner Aufforderung
nicht nachkam, da er doch meinen Eifer, ihm zu dienen, kannte?

-- Er kannte auch aus Ihren Briefen, zwar nicht Ihre Person, mein Herr,
aber Ihren Patriotismus, Ihren ehrenwerthen Charakter -- und wenn er
sich nicht zu Ihnen wendete, als der Freiheitskampf zu Ende war, so
geschah es deshalb, weil man ihn zwang, die Uniform eines Korporals vom
zwanzigsten kaiserlichen Infanterie-Regimente zu tragen.

-- O Himmel, diese Sprache, dieser Anstand----

-- Gehrt dem Korporal Janos Grafen Esthi!

-- Welch' ein frchterliches Geschick fhrt Sie in unsere Stadt! Herr
Graf, die Uebertragung der Verwaltung Ihres bedeutenden Gutes gab meiner
Subsistenz den ersten Sttzpunkt.--

-- Sie wurden mir durch den jetzt verstorbenen =Dr.= S. als einen
zuverlssigen, tchtigen Sachwalter empfohlen.--

-- Ich mute mich dankbar bezeigen -- erinnern Sie sich des Schlusatzes
meines Briefes?

Der Soldat zog ein Taschenbuch aus der Brusttasche seiner Uniform und
holte einen erbrochenen Brief daraus hervor, den er entfaltete.

-- Ja, das ist mein Brief! rief freudig der Advokat.

-- Sie sprechen darin von einer Erffnung, die sie nur mndlich mir zu
machen vermchten, sagte der Graf, die Augen auf das Papier geheftet --
ich bin bereit, sie zu hren, doch fassen Sie sich kurz, meine Zeit ist
abgemessen.

-- Ich habe Ihnen ein Kapital von hunderttausend Gulden gerettet, das
zur Empfangnahme bereit liegt.

-- Herr Ferenz, rief Janos, was sagen Sie?

-- Die Wahrheit. Ich ahnte nach der unglcklichen Schlacht den Verlauf
der Dinge, und da sich mir gerade eine gnstige Gelegenheit bot,
veruerte ich vor der Confiscation des Gutes die Aecker und Wiesen
jenseits der Save, sowie alles Mobile, was zu demselben gehrte. Der
gerichtlich besttigte Kauf gestattete keinen Widerruf -- Herr Graf,
nehmen Sie Ihr gerettetes Vermgen in Empfang!

Schweigend umarmten sich die beiden Mnner.

-- Freund, rief bewegt der Graf, Sie haben mir einen Dienst erwiesen,
der mich so glcklich macht, da ich ihn Ihnen nie vergelten kann! Als
ersten Dank zolle ich Ihnen mein unbedingtes Vertrauen. Man verfolgt die
Grfin Andrasy, meine Braut.

-- Thekla, Ihre Braut? Herr Graf, noch ist sie geborgen!

-- Wie, Sie kennen Ihren Aufenthalt?

-- Noch mehr: in diesem Augenblicke trifft sie die erste Vorbereitung zu
ihrer Rettung, darum ist sie abwesend.

-- Ich suchte sie in der Kche.

-- Sie ist auf meinem Zimmer, um meine Kleider anzulegen.

-- Sie untersttzen meinen Plan -- am Ufer der Save im Garten liegt ein
Kahn--

Die Schritte einer Patrouille lieen sich in der Strae vernehmen.

-- Groer Gott! rief Ferenz. Gehen Sie an das Ufer, ich folge im
Augenblicke mit der Grfin.

-- Edler Mann, der Himmel lohne Ihnen!

Der Soldat verlie eilig das Zimmer und strzte in den Garten hinaus.
Als Ferenz auf die Hausflur trat, hrte er, da die Patrouille im
Nachbarhause Nachsuchung hielt. Wie ein Pfeil flog er die Treppe hinan
und klopfte leise an die Thr seines Zimmers.

-- Ich bin es, Ferenz, flsterte er dabei.

Die Thr ward von innen geffnet und die Grfin, als Mann gekleidet,
erschien an der Schwelle. Das schne Haar hatte sie unter einer Mtze
verborgen, welche Ferenz auf seinen Reisen zu tragen pflegte.

Vorsichtig schlo er die Thr wieder. Thekla stand zitternd in der Mitte
des Zimmers.

-- Nehmen Sie meinen Mantel, flsterte er, er hngt im Nebenzimmer dort,
Sie werden seiner bedrfen.

Die Grfin schwankte in das bezeichnete Zimmer, die Hast des jungen
Advokaten lie sie die hchste Gefahr ahnen. Ferenz erschlo rasch einen
Secretair und holte einen groen, schweren Lederbeutel daraus hervor.

-- Wo ist der Korporal, der das Gartenhaus bewohnt? fragte die
zurckkehrende Grfin.

-- Er erwartet Sie am Ufer der Save.

-- Sie haben mit ihm gesprochen und wissen, wer er ist?

-- Er ist der Besitzer dieser Summe, die ich ihm gerettet habe. Fort,
fort, man sucht schon in dem Nachbarhause!

Der Advokat lschte das Licht aus, dann ergriff er den Arm der Grfin
und zog sie mit sich fort. Vorsichtig verschlo er das Zimmer wieder, da
er die Kleider der Kchin darin wute. Auf der Hausflur trat ihnen Netti
entgegen. Erschreckt blickte sie den jungen Mann im Mantel an.

-- Netti, flsterte Ferenz flchtig, in zehn Minuten bin ich bei Ihnen,
um Ihnen alles zu erklren -- gehen Sie in das Wohnzimmer, es ist
mglich, da Sie Besuch erhalten.

Das junge Mdchen starrte den beiden Personen nach, die hastig aus dem
Hause in den Garten strzten. Am Ufer trafen sie den Soldaten und den
Fischer.

-- Herr Graf, sagte leise der Advokat, hier ist Ihre Braut und hier der
Rest Ihres Vermgens, soviel ich davon in Golde vorrthig hatte. Die
Hlfte davon besitze ich in Papieren, die in der Trkei ohne Werth sind;
ich werde sie jedoch in klingende Mnze umzusetzen suchen, da sie stets
zu Ihrer Verfgung stehen.

-- Ich leiste Verzicht auf die Papiere, sie mgen der Lohn meines
gromthigen Advokaten sein.

-- Herr Graf!

-- Leben Sie wohl, vielleicht sehen wir uns wieder!

Hastig umarmte der Graf den jungen Mann, dann half er der Grfin in das
Boot, in welchem Lajos schon wartete, zuletzt sprang er selbst hinein.

Das Wasser rauschte und der Kahn verschwand in dem Nebel, der wie ein
graues, undurchsichtiges Tuch auf dem Wasser ruhete.

Als ob er die Flucht des unglcklichen Paares segnen wollte, streckte
Ferenz seine Arme ihm nach. Leichten Herzens kehrte er in die Wohnung
des Apothekers zurck.

Die Patrouille hatte das Haus des Kommandanten der Schutzwehr
bergangen, da man bei ihm einen Schlupfwinkel fr Flchtlinge unmglich
hielt. Der Advokat sa in dem freundlichen Zimmer und erzhlte der
staunenden Netti die Flucht der Grfin Thekla Andrasy.

Es war zehn Uhr, als Herr Czabo an die Thr seines Hauses klopfte.
Niklas ffnete ihm.

-- Warum ffnet Kathi nicht? fragte der erhitzte Kommandant, dem das
hbsche Gesicht und der schne Arm der Kchin nicht mehr aus dem Sinne
wollte.

-- Sie ist nicht da, antwortete Niklas.

Nachdem der Apotheker in die finstere Kche gesehen, trat er in das
Wohnzimmer.

-- Wo ist Kathi? fragte er unmuthig, warum ffnet sie mir die Thr
nicht?

-- Vater, sagte Netti, wir haben eine frchterliche Entdeckung gemacht.
Die Grfin Andrasy hatte sich in unserm Hause versteckt.

-- Himmel, welche Frechheit, rief erstaunt der Apotheker.

-- Doch, beruhigen Sie sich, lieber Vater, fgte der Advokat hinzu, sie
ist schon seit einer Stunde nicht mehr unter Ihrem Dache. Niemand wird
glauben, da eine Grfin als Kchin in Ihren Diensten gestanden hat.

-- Wie, Kathi wre--?

-- Die Grfin Andrasy! sagten lchelnd Ferenz und Netti.

Herr Czabo sank vernichtet auf einen Stuhl.

-- Himmel, rief er pltzlich aus, wenn das bekannt wird, bin ich
verloren, entehrt, man wird mich meines Postens als Kommandant
entsetzen! O, diese Schlange! Nicht genug, da sie im Lande Zwist und
Hader veranlat, sie geht auch noch in die Huser friedlicher Brger, um
Unglck anzurichten!

-- Vater, sagte Ferenz trstend, wenn Sie selbst ber diesen sonderbaren
Vorfall schweigen knnen, wird Niemand etwas davon erfahren, denn auer
mir und Netti wei keine Seele darum.

-- Wohin hat sie sich gewendet?

-- Wenn ihr kein Unglck begegnet, schwebt sie jetzt auf den Wellen der
Donau, um das trkische Ufer zu erreichen.

-- Kinder, rief Herr Czabo nach einer Pause, versprecht Ihr mir, zu
schweigen, wie das Grab?

-- Wir versprechen es! sagten feierlich die jungen Leute.

-- Gut, dann mag die Grfin mit den zwlf Gulden, die ich ihr im voraus
bezahlt, in der Trkei ihr Glck versuchen -- meine Reputation ist mir
mehr werth, als diese elende Summe.

-- Vater, sagte Netti, ich habe Ihre Brse in der Kche am Boden
gefunden -- wenn Sie sie vermissen -- hier ist sie.

Herr Czabo steckte die Brse zu sich. Seine Hand zitterte, als er
sie ergriff, denn er erinnerte sich des Augenblicks, wo er sie in die
niedliche Hand legte, die ein Heirathsproject in dem Kopfe des Wittwers
erzeugt hatte.

Eine Stunde spter hatte sich alles in die Schlafzimmer zurckgezogen.
Netti trumte von ihrer nahen Hochzeit -- Ferenz sandte noch ein Gebet
fr die Rettung der Flchtlinge zum Himmel empor, dann entschlief er
-- und der Apotheker lag wachend in seinem Bette, er hatte mit einer
schwermthigen Freude den Schlu aus der ganzen Sache gezogen, da es
fr die Ruhe seines Wittwerherzens gut sei, da es so und nicht anders
gekommen wre. Ein Mann, dachte er, der jeden Tag Brgermeister von
Semlin zu werden hofft, kann doch seine Kchin nicht heirathen, und ich
htte sie geheirathet, wenn sie Kathi Lajos geblieben wre. Der Wille
des Himmels sei gepriesen!

Mit einem tiefen Seufzer hllte sich der Kommandant in seine Decke und
entschlief.

Als nach Mitternacht der Mond hinter einer schwarzen Wolke hervortrat
und die romantischen Gestade der Donau beleuchtete, knieten drei
Gestalten an dem Ufer des rauschenden Flusses und verrichteten ein
kurzes Gebet.

Es waren Janos, Thekla und der treue Fischer -- sie hatten glcklich
nach einer dreistndigen gefahrvollen Fahrt das rettende Ufer erreicht.




  Das rothe Band
  oder
  die Civilehe.

  Novelle
  von
  August Schrader.




1.


Ein heier Augusttag neigte sich seinem Ende zu. Die hchsten Spitzen
des Harzgebirges umfing schon die Glorie des ersten Abendrothes, whrend
auf den kleinern Bergen und in den Thlern Bume und Gestruche lange
Schatten warfen. In geheimnivollem Schweigen lag die Natur, Waldblumen
und Kruter dufteten Weihrauch empor, der Gesang der Vgel verstummte
nach und nach und alles bereitete sich vor, den Abend, den stillen
Vorboten der Nacht, festlich zu empfangen.

Da schritten auf einem Fupfade, der sich zwischen den riesigen
Stmmen eines dunkeln Eichenwaldes wie ein Bach zwischen Felsen dahin
schlngelte, drei junge Mnner, deren Aeueres auf den ersten Blick
verabschiedete Krieger bekundete. Sie trugen graue Beinkleider, kurze
blaue Rcke mit gelben Knpfen und rothen Kragen, runde Mtzen mit
Streifen von derselben Farbe und Reisebndel in Form eines Kranzes, der
auf der rechten Schulter lag und auf die linke Hfte herabhing.

Ohne sich um den Reiz des duftenden Waldes zu kmmern, dessen Moosboden
sich rechts und links wie ein grner Teppich ausbreitete, schritt einer
dicht hinter dem andern auf dem schmalen Wege und das Echo des Haines
gab das Gerusch der krftigen Futritte zurck.

Pltzlich lichtete sich der Wald, die Baumstmme verschwanden zu beiden
Seiten und die Wanderer standen auf der Platte eines Bergrckens,
an dessen Fue sich ein kleines, romantisches Thal ausbreitete.
Der Abendnebel hatte einen feinen, durchsichtigen Schleier ber
die Niederung gezogen, so da die Huser eines Dorfes, die wie
Schwalbennester an den Bergen hingen, wie Schemen durch den Reflex der
Lichtstrahlen gebildet, erschienen. Der Kopf des weien Kirchthurms,
weit ber die Nebelflche emporragend, glhete im Abendstrahle wie ein
Meteor, und die langen, schmalen Fenster des Kirchleins flimmerten
wie glnzende Stahlplatten. Ein dunkles Gebirge bildete den nchsten
Hintergrund der zauberhaften Landschaft und die flammende Kuppel des
gigantischen Brockens, die weiteste Fernsicht, umsumte das ganze Bild
mit einem milden Heiligenscheine.

Als ob ein Gedanke die Mnner beseelte, blieben sie zugleich stehen und
sahen in das heimathliche Thal hinab. Ihre braunen Gesichter rthete
eine stille Freude, denn keiner wollte dem andern seine Bewegung
verrathen, und in den Augen des einen, dessen Gesichtsbildung sich vor
den brigen durch Regelmigkeit auszeichnete, erglnzten selbst ein
paar Thrnen, die sich bei dem lngern Anschauen des Drfchens in die
langen, braunen Wimpern hingen, bis sie die Hand verwischte.

-- Da liegt die Heimath! rief ein munterer Bursche, indem er sich auf
seinen krftigen Haselstock sttzte und die lachenden Blicke ber das
Thal schweifen lie.

-- Gott sei Dank, rief der Zweite, hier hat kein Krieg gewthet,
sie zeigt uns noch die alte wohlbekannte Phisiognomie -- es lebe die
Heimath!

-- Sie lebe! riefen seine beiden Gefhrten mit bewegter Stimme.

-- Nicht wahr, Konrad, sagte der Erste wieder, unsere Harzberge bieten
doch einen andern Anblick dar, als die ewige Flche Holsteins, die
wir so halb und halb dem deutschen Lande erhalten haben. Wenn wir hier
einmal die tckischen Dnen auf das Rohr nehmen knnten, wo sie ihre
Schiffe nicht im Rcken haben, ich glaube die Lust zu der deutschen Erde
sollte ihnen auf ewig vergehen.

-- La den Krieg, sagte Konrad und fuhr mit der Hand ber die Augen,
als ob er klarer sehen wollte -- wenigstens den Krieg, aus dem wir
zurckkehren. Da liegt die Heimath, das Bild des Friedens -- trbe den
freundlichen Anblick durch solche Erinnerungen nicht, sie sind mir in
der Seele verhat!

-- Kamerad! rief lachend der dritte -- und doch hast Du wie ein Lwe mit
dem Kolben auf die strupphaarigen Rothrcke eingehauen, als ob Du sie
alle mit einem Schlage von der deutschen Erde vertreiben wolltest
-- macht Dir die Medaille, die Du in Deiner Rocktasche trgst, kein
Vergngen?

-- Ich bitte Dich, schweig! antwortete Konrad in einem unmuthigen Tone
-- htte ich sie nicht fr die Lebensrettung meines Majors, des Grafen
Rudolph erhalten, der zu gleicher Zeit unser Gutsherr ist, ich glaube,
ich htte sie nicht genommen. Der Graf denkt wie ich, darum hat er mit
dem Abschlusse des Waffenstillstandes den Kriegsdienst verlassen und
sich auf sein Schlo zurckgezogen, das dort so freundlich ber den Wald
emporragt.

-- Glaubst Du denn wirklich, da ihn der Ha gegen den Krieg zum
Ausscheiden aus dem Heere angetrieben hat? fragte der Erste wieder.
Konrad, Du stehst in einem fast vertraulichen, freundschaftlichen
Verhltnisse zu dem Grafen, und solltest den wahren Grund nicht kennen?
Ich will ihn Dir nennen!

-- Nun? fragten zwei Stimmen zugleich.

-- Nicht der Ha, sondern die Liebe hat ihn auf seine Gter
zurckgefhrt.

-- Ja, die Liebe zu seiner Cousine Emma von Linden, die seit einigen
Jahren, da sie Waise ist, auf dem Edelhofe des alten Baron von H. lebt
-- fgte der Dritte hinzu -- das konnte ich mir wohl denken, man sprach
schon davon, ehe wir zu unserm Regimente gingen.

-- Frulein Emma soll ein bedeutendes Vermgen besitzen -- das wird
unserm Grafen zu statten kommen, denn seine Gter befinden sich nicht im
besten Zustande.

-- Nun, sagte Konrad, indem er sich zum Weitergehen anschickte, ich
wte keinen Edelmann in der ganzen Gegend, der die Hand der schnen
Emma und ihr groes Vermgen mehr verdiente, als unser Graf, ich wnsche
ihm Glck zu dieser Heirath.

-- O auch wir, riefen die Andern, er ist ein braver junger Herr!

-- Doch nun kommt, Freunde, da wir noch mit der Dmmerung das Dorf
erreichen, die Kuppel des Brockens wird schon dunkelroth und aus den
Thlern weicht das letzte Licht -- kommt!

Bei diesen Worten warf Konrad sein Bndel auf der Schulter zurecht und
begann rstig auszuschreiten. Auch seine Gefhrten setzten ihre mden
Beine wieder in Bewegung.

-- Sieh, flsterte einer dem andern zu, wie Konrad luft! Man sollte
glauben, er habe heute erst eine Stunde Wegs zurckgelegt, statt acht
Meilen.

-- Blicke dorthin und du kennst den Magnet der ihn zieht -- jetzt wird
er sichtbar.

-- Wo?

-- Dort, wo der Rauch aus dem weien Schornsteine wirbelt!

-- Ist das nicht die Meierei der hbschen Marie?

-- Ganz recht, des hbschesten Mdchens im ganzen Dorfe. Konrad ist in
sie verliebt bis ber die Ohren, darum luft er so.

-- Es ist wahr, ich hrte davon reden. Nun, wenn er die bekommt, kann er
von Glck sagen.

-- Ich mchte nur wissen, warum er die Sache so geheim hlt, auf dem
ganzen Marsche hat er nicht ein Wort darber gesprochen.--

-- Kameraden, rief Konrad, der einen Vorsprung von hundert Schritten
gewonnen hatte und an einer Biegung des Weges stand -- wo bleibt Ihr
denn? Soll ich allein die ersten Huser unseres Drfchens begren?
Vorwrts. In zehn Minuten sind wir an der Mhle -- ich hre schon das
Rauschen des Wassers und das Geklapper der Rder.

Die Angerufenen brachen ihr Gesprch ab und verdoppelten die Schritte.
Dann setzten sie mit Konrad gemeinschaftlich den Weg fort, der durch
eine Gruppe weistmmiger Birken fhrte. Nach einigen Minuten traten sie
unter dem Bltterdache hervor auf eine duftende Wiese. Am Himmel zogen
die flimmernden Sterne auf und ber die Erde hatte sich ein weier
Schleier ausgebreitet, den der Abendnebel gewebt. Die Fe der
heimkehrenden Krieger, durch den Anblick des dicht vor ihnen liegenden
Drfchens gestrkt, nte khlend der Nachtthau, der an den Grashalmen
hing.

Kein Wort strte die Stille des prachtvollen Abends, schweigend blickten
die jungen Leute nach dem Dorfe, in dessen Husern ein Fenster nach dem
andern sich erleuchtete. Die Wiese war berschritten und die Wanderer
standen unter einer groen Linde, deren Riesenzweige ein Schilfdach
bedeckten, unter dem das monotone Geklapper einer Mhle sich vernehmen
lie.

-- Gute Nacht, Freunde, sagte einer der Burschen, ich bin am Ziele --
hier wohnt mein altes Mtterchen, das ihren Sohn noch an den Ksten
des Meeres whnt, oder vielleicht auch unter der Erde -- ich werde mich
sacht hineinschleichen und ihr eine Ueberraschung bereiten, an die sie
gewi nicht gedacht hat. Gute Nacht!

-- Gute Nacht, Philipp, flsterten die Andern und reichten dem
scheidenden Kameraden die Hand. Dieser ffnete leise die mit Mehlstaub
bedeckte Thr und verschwand.

Als Konrad mit seinem Begleiter an dem Giebel der Mhle vorbeiging,
hrten sie durch das kleine geffnete Fenster in demselben das laute
Schluchzen einer Frau -- Philipp hielt sein altes Mtterchen in seinen
Armen.

An der Kirche trennte sich auch Konrad von seinem Begleiter, und der
junge Mann ging allein dem entgegengesetzten Ende des Dorfes zu, wo die
freundlichen Huser wie Vogelnester an den Bergen lagen.

Pltzlich blieb er vor einem weien Huschen stehen, dessen Fenster sich
in dem Augenblicke erhellten als er ankam.

-- Hier wohnt Marie! flsterte er vor sich hin. Ob ich ihr eine hnliche
Ueberraschung bereite, wie Philipp seinem Mtterchen? Nein, fgte er
nach einer Pause der Ueberlegung hinzu, sie bewohnt ganz allein ihren
kleinen Meierhof, da ihr Vater vor fnf Jahren gestorben ist, ich will
den neidischen Leuten keine Nahrung fr ihre Lsterzungen geben, meine
Schwester Rschen soll sie in unser Haus rufen, als ob sie ihr etwas
mitzutheilen htte, wenn sie mich dann sieht, wird ihre Ueberraschung
nicht minder gro sein. Guten Abend Marie! flsterte er dem Fenster
zu und setzte seinen Weg fort. Nach zehn Minuten empfing ihn das
Jubelgeschrei der frhlichen Schwester, die mit den Knechten und Mgden
das Abendessen verzehrte, als er in das reinliche Zimmer trat.




2.


Um dieselbe Zeit, als die drei jungen Leute auf dem Bergrcken standen
und den ersten Blick auf ihre Heimath warfen, trat ein junger Mann
in die Wohnung des Dorfrichters Valentin, die unmittelbar an Mariens
Meierei grenzt. Er trug einen grnen Rock, einen Hirschfnger an der
Seite und einen grauen Hut mit breiter Krmpe. Er mochte nur erst fnf
bis sechsundzwanzig Jahre alt sein, aber schon war sein Gesicht, das ein
voller dunkler Bart umgab, von einigen Furchen durchzogen, die ihn um
zehn Jahre lter erscheinen lieen. Seine Gestalt war schlank, es fehlte
ihr aber das Geprge der Jugend, der Ausdruck der Kraft und des Feuers.

-- Guten Abend, Vetter, sagte der Jger, indem er mimuthig seinen Hut
auf den runden Tisch warf, der in der Mitte des Zimmers stand.

Der Vetter, der an einem kleinen Schreibepulte sa und Papiere in
ein aufgezogenes Schubfach zurcklegte, schien an dem Besuche kein
sonderliches Vergngen zu finden, denn er sah sich mit rgerlicher
Miene um, ohne auf den Gru zu danken und vollendete schweigend das
angefangene Geschft. Der Jger warf sich inde, als ob er an einen
solchen Empfang schon gewhnt sei oder ihn unter Umstnden vorausgesetzt
hatte, in einen groen Lederstuhl und schlug behaglich die langen Beine
bereinander. Ein groer Jagdhund trat langsam hinter dem Ofen hervor,
leckte einen Augenblick die Hand des Angekommenen und zog sich dann
ruhig wieder auf seinen Platz zurck. Nach einiger Zeit schlo der
Dorfrichter das Pult und steckte den Schlssel in die Tasche. Der
Augenblick schien gekommen, wo er einem lngst gehegten Aerger freien
Lauf geben konnte, denn er schob seine pelzverbrmte Sammtmtze auf ein
Ohr, stemmte dann beide Fuste in die Seiten, trat vor den schweigenden
Neffen und rief mit wuthblitzenden Augen:

-- Weit Du auch, Neffe, da Du ein Taugenichts bist, dem ich eigentlich
meine Thr verschlieen mte?

-- Lieber Vetter, sagte ruhig der Jger, ohne sich zu rhren, das ist
ein Fehler der Erziehung, die Sie mir gegeben.

-- Wie, _ich_ trage die Schuld? rief entrstet der Alte. Ich habe Dir
nichts gegeben, was Dich auf den betretenen Weg fhren knnte; ich habe
vielmehr geglaubt, da mein konomisches System Dir heilsam sein wrde
-- jetzt sehe ich aber, da mir dieses System theuer zu stehen kommt.

-- Hat Sie vielleicht meine Anstellung als Revierfrster, die mir der
Graf Rudolph gab, ehe er in den Krieg zog, ruinirt? Ich glaube nicht.

-- Du glaubst es nicht, aber ich glaube es! Wer hat die Kuh erschossen,
die sich einmal an unsern Gartenzaun verirrt hatte? Wer hat dem Mller
die Fenster eingeworfen, als er Dir wehrte, einen Hasen bis in seinen
Garten zu verfolgen? Wer hat am letzten Sonntag in der Schenke den
Musikanten die Instrumente zertrmmert, als sie nach Mitternacht nicht
mehr spielen wollten, weil sie sonst in Strafe genommen werden?
Du, lderlicher Neffe. Und wer mu das Alles bezahlen? Ich, Dein
unglcklicher Vetter! Aber jetzt werde ich einmal selbst Gerechtigkeit
ben, denn Du weit doch, da ich nicht mehr Schulmeister, sondern
Dorfrichter bin? Ich werde Dich hngen lassen!

Des Jgers Zge verzogen sich zu einem mitleidigen Lcheln, ruhig gab er
zur Antwort:

-- Lieber Vetter, wenn Sie Sich nicht selbst in der ganzen Gegend
blamiren wollen, so beobachten Sie ein tiefes Schweigen ber die
Jugendthorheiten Ihres Neffen, und zahlen ganz ruhig, was zu zahlen ist.
Damit Sie aber sehen, da ich es gut mit Ihnen meine----

-- Herr Gott im hohen Himmel, rief zornbebend Valentin und strich sich
seine langen Haare hinter die Ohren -- dieser Mensch meint es noch
gut mit mir! Nein, da mchte man doch den Verstand verlieren! Ich habe
mindestens einen Schadenersatz von zweihundert Thalern zu zahlen, woran
er Schuld ist, und nun will er es noch gut mit mir meinen.

-- Lassen Sie mich nur ausreden, lieber Vetter, und Sie werden mir Recht
geben. Also zweihundert Thaler haben Sie fr mich zu zahlen?

-- Ich mu sie zahlen, wenn ich mich bei dem Antritte meines neuen Amtes
nicht gleich blamiren will -- Mensch, woher soll ich das Geld nehmen.

-- Nun sehen Sie einmal ihren Geiz, lchelte ruhig der Jger. Diese
Summe bringt einen Mann wie Sie nicht in Verlegenheit!

-- Mensch, mache mich nicht rasend! rief der Dorfrichter und sprang
mit beiden Fen zugleich empor, da er mit dem Kopfe fast an die Decke
stie. Ich bin arm, arm wie eine Kirchenmaus!

-- Aber das Geld mu dennoch bezahlt werden, denn der Ortsrichter mu
seinen Bauern mit einem guten Beispiele vorangehen.

-- Leider, leider, stammelte Valentin, mu es bezahlt werden!

-- Sehen Sie, lieber Vetter, ich will Ihnen helfen, Ihre Reputation
retten, sagte schmeichelnd der Jger.

-- Du mir helfen? fragte der Alte mit einem verachtenden Seitenblicke.

-- Ja ich! antwortete bestimmt der junge Mann, indem er aufstand und dem
Zrnenden nher trat.

-- Da wre ich doch neugierig.

-- Wollen Sie, da morgen die zweihundert Thaler bezahlt sind?

-- Aus meiner Tasche?

-- Nein!

Das Gesicht des Ortsrichters nahm einen andern Ausdruck an.

-- Und woher denn, wenn ich fragen darf?

-- Das ist eben das Geheimni, lieber Vetter, da Ihnen beweisen soll,
wie gut ich es mit Ihnen meine.

-- Nun so rede, vielleicht ist Dein Vorschlag nicht zu verwerfen, sagte
Valentin, indem er seine Hnde auf den Rcken legte.

Der Jger legte seine rechte Hand auf die breite Schulter des Vetters,
sah ihm einen Augenblick in das graue Auge und flsterte geheimnivoll:

-- Lieber Vetter, ich bin verliebt!

-- Na, das fehlte auch noch! rief rgerlich der Richter, der sich in
seiner Hoffnung getuscht sah. Deine Liebe, fgte er hhnend hinzu,
trgt keinen Heller ein.

-- Aber meine Heirath!

-- Mit wem?

-- Mit unserer Nachbarin, der hbschen Marie, deren Vormund Sie sind.

Das Gesicht des Ortsrichters nahm denselben Ausdruck wieder an, als
einige Augenblicke zuvor. Des Jgers Bekenntni schien eine neue
Hoffnung in ihm erweckt zu haben.

-- Eberhard, sagte er erstaunt, das Mdchen ist schn und gut--

-- Eben deshalb will ich sie heirathen, und Sie werden meine Absicht
untersttzen, weil Marie reich ist.

-- O ja, meinte Valentin in einem vllig vernderten Tone, sie besitzt
ein recht artiges Vermgen. Der junge Graf Rudolph hat ihr vor
einigen Jahren die eintrgliche Meierei geschenkt, die sie jetzt
bewirthschaftet, und auerdem noch dreitausend Thaler versprochen, wenn
sie sich einmal verheirathet. Der Graf hlt Wort, denn Marie ist seine
Milchschwester, die er herzlich liebt, weil er keine rechten Geschwister
besitzt. Der Plan ist nicht bel!

-- Und auerdem ist sie eine Waise, die allein in der Welt steht -- sie
hat weder Eltern noch Geschwister, mit denen sie zu theilen hat -- nicht
einmal einen Vetter, fgte Eberhard lchelnd hinzu.

-- Einen Vetter! rief rasch der Richter. Ich will nicht mit Dir theilen,
ich will nur das Darlehen zurck haben, wozu mich mein lderlicher Neffe
gezwungen hat!

-- Sie sehen also, mein bester Vetter, da ich mehr in Ihrem Interesse
handle, als in dem meinigen, wenn ich das Mdchen heirathe, darum
untersttzen Sie mich.

Vetter Valentin legte einen Augenblick die Hand an sein Kinn und blickte
sinnend zur Erde, wobei sich seine Augen so eng zusammenzogen, da sie
nur noch zwei schwarzen Strichen glichen.

-- Hre, Eberhard, Dein Heirathsproject ist nicht bel, es hat meinen
Beifall. Ich bin Dein Vetter und Mariens Vormund -- das trgt schon
etwas zum Gelingen desselben bei -- ich hoffe, Du wirst dies nicht
vergessen.

-- Nie, rief der Jger und sein bleiches Gesicht belebte eine
widerwrtige Freundlichkeit -- nie! Gebrauchen Sie also Ihr Ansehen als
Ortsrichter und Vormund!

-- Du hast Recht, man mu das Mdchen verblffen, antwortete Valentin
und ging in groen Schritten, die Hand in die Oeffnung der schwarzen
Weste gesteckt, durch das Zimmer.

-- Sagen Sie ihr, fuhr Eberhard fort, indem er neben seinem Vetter auf
und abging, da ich einst Ihr Nachfolger im Amte werden wrde.

-- Mensch, rief der Alte, soll ich lgen?

-- Es kommt ja nur auf Sie an, Vetter, ob diese Lockspeise eine Lge
sei, oder nicht. Warum soll ich nicht eben so gut Ortsrichter werden
knnen, als Sie, vorzglich, wenn Sie mir Ihren Platz einrumen? Nun
vorwrts, Marie wohnt nicht weit!

-- Was soll das heien?

-- Da wir auf der Stelle zu ihr gehen und um ihre Hand werben.

-- Wie, diesen Abend noch?

-- In diesem Augenblicke!

-- Die Werbung geht Dich an, Du bist der Brutigam -- bedarfst Du der
Hlfe, so bin ich immer noch da!

-- O nein, rief lebhaft der Jger, die Angelegenheit ist eine
Familiensache, und Sie sind der Vetter! Ich gehe nicht ohne Sie!

-- Nun gut, sagte Valentin nach einigem Zaudern, so gehen wir zusammen
-- heute ist Sonnabend, morgen ein Sonntag -- ich erzhle die Neuigkeit
in der Kirche einigen Nachbarn -- morgen Abend wei sie das ganze Dorf.

-- Auch wenn Marie meine Hand ausschlgt? fragte Eberhard.

-- Sie wird sich wohl hten, wenn ich dabei bin, mein lieber Neffe, denn
ich bin ihr Vormund und Ortsrichter!

Mit den letzten Worten hatte Valentin seinen Rock von einem Nagel der
Wand genommen, ihn angezogen und seine Mtze mit einem runden, schwarzen
Hute vertauscht. Dann ergriff er einen gelben Rohrstock und schritt
gravittisch zur Thr hinaus. Der Jger folgte und lchelte dabei, als
ob er sagen wollte: ich wute es wohl, da der geizige Filz auf meinen
Vorschlag eingeht.

-- Des Burschen Heirathsproject kommt mir gelegen, flsterte der
Richter vor sich hin, indem er ber den Hof schritt -- es ist sogar ein
Lieblingsgedanke von mir, denn ist Eberhard Mariens Mann und im Besitze
ihres Vermgens, so wird man mir die Bewirthschaftung der Wiese nicht
streitig machen, die ich seit fnf Jahren benutze, ich verlange sie von
meinem Neffen als Kuppelpelz -- das Grundstck ist seine achthundert
Thaler werth!

Nach einigen Minuten standen die beiden Mnner an der Pforte, die in
Mariens Hof fhrte. Valentin schritt voran. Die Hausflur war schon
dunkel, da der letzte Schein des Tages nur durch ein einziges Fenster
hereindringen konnte. Auf ein Klopfen an die Stubenthre rief Mariens
sanfte Stimme herein!

-- Sie ist zu Hause, flsterte der Vetter dem Neffen zu, indem sie beide
in das freundliche Zimmer traten, das nur noch schwach von Dmmerung
erfllt war.

Ueberrascht von dem Abendgrue der Mnner fuhr Marie aus einem kleinen
Lehnstuhle empor, in welchem sie trumend gesessen hatte. Der Besuch des
Vetters schien keinen befremdenden Eindruck auf sie auszuben, wohl aber
der des Neffen, der ihr als ein leichtsinniger Mensch bekannt war.

-- Mein Gott, rief sie mit zitternder Stimme aus, was verschafft mir die
Ehre dieses seltenen Besuches -- und diesen Abend, noch so spt?

-- Ob Jungfer Marie das wohl rathen kann, antwortete lachend der
Ortsrichter, indem er wie ein alter Bekannter des Hauses seinen Hut
auf den Stock hing und beides an ein Uhrgehuse lehnte, in welchem ein
schwerflliger Pendel seine langsamen Schwingungen machte.

-- Nehmen Sie Platz, flsterte das junge Mdchen und schob zwei Sthle
heran.

Die Mnner folgten der Einladung. Marie setzte sich wieder in ihren
Stuhl; doch schon in der nchsten Secunde erhob sie sich rasch wieder.

-- Es ist schon dunkel, rief sie aus, ich werde Licht holen!

Der Jger ergriff ihre Hand und zog sie leise auf den Stuhl zurck.

-- Bleiben Sie, schne Marie, sagte er so sanft, als es seine tiefe
Stimme erlaubte, es ist noch Zeit genug, Licht zu holen -- berauben Sie
uns jetzt Ihrer Gegenwart nicht.

-- Womit kann ich den Herren dienen? fragte sie in einem Tone, der
deutlich den peinlichen Zustand verrieth, in den sie die Berhrung des
Jgers gesetzt hatte.

-- Marie, sagte der Richter, Sie wissen, da groe Umwege meine Sache
nicht sind, ich steuere stets direct auf mein Ziel los. Und dies
mu nach meiner Ansicht auch ein Mann, der die hchst wichtige und
einflureiche Wrde eines Ortsrichters bekleidet. Ich habe keine
leiblichen Kinder, meine ganze Familie besteht aus meiner kleinen Mndel
und meinem Neffen, dem grflichen Revierfrster Eberhard. Um nun nach
Pflicht und Gewissen fr die Zukunft meiner Pflegebefohlenen zu sorgen,
habe ich mich mit Gott zu dem gegenwrtigen Besuche entschlossen.

-- Und der Zweck dieses Besuches? fragte Marie kaum hrbar, da ihr die
Angst die Brust zusammenschnrte.

-- Marie, sagte der Richter mit feierlicher Stimme, ich bin gekommen, um
fr meinen Neffen Eberhard um Ihre Hand zu werben.

-- Und ich, fgte der Jger hinzu, um meine Bitte, die sich auf Achtung
und Liebe grndet, mit der Werbung meines Vetters zu vereinigen.

Marie antwortete nicht, eine ngstliche Pause trat ein, und beide Theile
segneten im Stillen den Umstand, da das Zimmer dunkel war.

-- Nun, liebe Mndel, begann betonend der Ortsrichter wieder, was haben
Sie auf unsern Antrag zu antworten? Nicht wahr, das htten Sie wohl
nicht erwartet?

-- Nein! antwortete Marie, und ihre Angst schien pltzlich verschwunden
zu sein, denn sie sprach dieses Wort mit einer Unbefangenheit, die
Valentin und Eberhard fr eine freudige Zustimmung hielten.

-- Das habe ich mir gedacht! rief lachend der Richter, indem er seine
groen Hnde rieb, da es laut rauschte. Nicht wahr, mein Eberhard ist
ein schmucker Bursche?

-- Marie! rief Eberhard und wollte ihre Hand ergreifen.

-- Herr Vormund, sagte das junge Mdchen, indem es aufstand, Ihr Antrag
schmeichelt meinem Herzen und meiner Eitelkeit, denn Sie denken mir
eine Ehre zu, an die ich nimmer geglaubt htte -- trotzdem aber kann ich
Ihren Antrag nicht annehmen!

-- Warum? fragten beide Mnner zugleich.

-- Weil mein Herz meine Hand schon versprochen hat! antwortete Marie in
einem festen Tone.

-- So, rief der Richter erstaunt -- und ohne mein Wissen? Wer ist denn
dieser heimliche Liebhaber?

-- Der Mann, den ich liebe, und dem ich meine Hand versprochen, ist
Konrad, mein junger Nachbar.

Vetter und Neffe konnten ihrem neuen Erstaunen keine Worte verleihen, da
ihnen eine Magd, die in diesem Augenblicke Licht in das Zimmer brachte,
Schweigen auferlegte. Marie, deren liebliches Gesicht wie eine Rose im
Frhlinge glhete, trat der Magd entgegen, nahm ihr das Licht ab und
verabschiedete sie wieder durch ein Zeichen mit der Hand. Dasselbe
Licht, das jetzt dem Jger das reizende Mdchen zeigte, hatte Konrad
durch das Fenster schimmern sehen, der leise seinen Gru flsternd
vorberging.

Als ob der Gru des Geliebten, den Marie noch in weiter Ferne whnte,
eine wunderbare Kraft geuert, stand sie mit freundlichen, aber
entschlossenen Mienen vor den beiden Mnnern, die Blicke der
Verlegenheit und des Aergers wechselten. Der Jger nahm zuerst das Wort
wieder.

-- Demnach htte ich einen Korb erhalten? fragte er mit einem stechendem
Blicke.

-- Es thut mir leid, antwortete das junge Mdchen mit einer kurzen
Verbeugung -- Sie sehen aber, ich kann nicht anders.

-- Konrad? rief der Richter, indem er aufstand -- ist er nicht mit
unserm jungen Grafen in den Krieg gezogen?

-- Derselbe, Herr Ortsrichter, und ich mu bekennen, da ich ihm deshalb
noch einmal so gut bin, denn es zeigt, da er Muth und Vaterlandsliebe
im Herzen trgt.

-- Konrad, sagte der Jger verchtlich, ein sonderbarer Geschmack!

-- Mag sein, Herr Eberhard, aber ich liebe ihn!

-- Auerdem hat der Mensch nicht hundert Thaler im Vermgen! fgte der
Richter hinzu.

-- Mag sein, Herr Valentin; aber ich liebe ihn und besitze eine Meierei,
die uns beide ernhrt.

-- Hren Sie, Marie, ich bin Ihr Vormund und freue mich ber Ihren
braven Charakter -- aber whrend Sie so fest an Ihrem Versprechen
hangen, ist es ein leicht mglicher Fall, da der arme Junge --
vielleicht ohne es zu wollen----

-- Mein Gott, rief Marie erschreckt -- was wollen Sie sagen? Wissen Sie
vielleicht----?

-- Als Ortsrichter wei ich Alles, mein Kind, und wei auch, da in
dem Kriege gegen die furchtbaren Dnen viel Menschen gefallen sind, die
eigentlich htten zu Hause bleiben knnen.

Marie schwankte und sank in den Stuhl zurck.

-- Konrad, Konrad ist todt! rief sie schluchzend und bedeckte ihr
Gesicht mit der weien Schrze, die ihren schlanken Leib umschlo.

-- Das habe ich nicht gesagt! rief der Richter erschreckt.

-- Er ist nicht todt? fuhr Marie empor. Ist er verwundet?

-- Auch das habe ich nicht gesagt!

-- Nun, sagte sie mit fester Stimme und sah mit ihren thrnenden Augen
den verwirrten Valentin an, whrend Eberhard seinen Nebenbuhler um diese
Thrnen beneidete -- nun, Herr Richter, was wollen Sie denn sagen?

-- Ich will sagen, mein liebes Kind, da alles geschehen kann, was man
frchtet, und da es in Ihrem Alter sehr unklug gehandelt ist, wenn
man daran denkt, sein Leben an das eines Soldaten im Kriege ketten zu
wollen. Sehen Sie, unser junger Graf Rudolph ist diesen Morgen schon
zurckgekehrt, folglich mu der Krieg aus sein, und wer zurckkehren
kann, wird gewi nicht sumen, zumal wenn er ein Brutchen in der
Heimath hat. Entweder hat ein solcher Soldat sein Liebchen vergessen
und ein anderes gefunden, oder er hat sonst einen Grund, der ihn
hindert----

Des Richters Rede ward durch das hastige Oeffnen der Thr unterbrochen.
Aller Blicke wandten sich dahin.

Ein junges Mdchen strzte in frhlicher Hast herein, denn seine Blicke
leuchteten vor Freude und Lust, wie die eines Boten, der gute Nachricht
verknden will.

-- Rschen, Rschen! rief Marie und strzte der Freundin entgegen, die
in diesem Augenblicke erstaunt den Besuch betrachtete. Rschen, wo ist
Konrad?

-- Mein Bruder? fragte die Eingetretene verwundert. Weit Du es schon?

-- Also hast Du Nachricht -- o erzhle, wo ist er, wie geht es ihm?

-- Du weit noch nichts, meine Marie, sagte Rschen lchelnd, folge mir
in meine Wohnung und Du sollst alles erfahren!

-- Nein, nein, berichte hier gleich, die Unruhe tdtet mich! Rschen,
wenn Du mich liebst, fgte sie mit einem Seitenblicke auf die Mnner
hinzu, so theilst Du mir gleich Deine Nachrichten mit.

Rschen hatte den Blick verstanden, denn sie sagte betonend:

-- Nun denn, mein Bruder Konrad ist so eben angekommen!

-- Gott sei Dank! rief Marie und bedeckte den Mund, der diese Botschaft
gesprochen, mit glhenden Freudenkssen. Herr Ortsrichter, wandte sie
sich zu Valentin, was sagten Sie doch vorhin?

-- Ich sagte, stammelte der Alte, ich sagte, da sich alles ereignen
knne -- und hatte ich nicht Recht? Er ist angekommen, den wir noch
im Kriege whnten! Nun, Jungfer Mndel, wir wollen Ihre Freude des
Wiedersehens nicht stren, gute Nacht! Doch vergessen Sie nicht, da ich
Ihr Vormund bin! Gute Nacht!

Valentin ergriff Stock und Hut und verlie das Zimmer. Der Jger
grte kalt die beiden Mdchen und folgte seinem Vetter, der mit groen
Schritten seinem Hause zueilte.

-- Was bedeutet das? fragte Rschen verwundert -- der Jger Eberhard in
Deiner Wohnung--?

-- Morgen, beste Freundin, sollst Du alles erfahren -- jetzt komm zu
Konrad, da ich ihn in der Heimath als sein treues Mdchen begren
kann. Komm, Rschen, komm!

Wie Rehe, die den Jger ahnen, hpften die beiden Mdchen ber den
mondbeleuchteten Dorfplatz dem gegenberliegenden Hause zu, dessen weie
Mauer das milde Licht des Himmels wiederstrahlte.

In der dunkeln Thr ffneten sich zwei Arme und empfingen die bebende
Marie, die Rschen mit Absicht vorangehen lie.

-- Konrad!

-- Marie!




3.


Es war Sonntagabend. Ruhig und schwl lag er auf dem Dorfe, und der
Horizont im Westen, wo gestern das heiterste Abendroth prangte, kndigte
heute ein heranziehendes Gewitter an. Vor den Husern saen in ihrem
Sonntagstaate Mnner, Weiber und Kinder und unter den breiten Linden vor
den Thren hatten sich Gruppen junger Burschen und Mdchen versammelt,
um zu plaudern und zu scherzen.

Wie die Menschen, schien auch die Natur den Tag des Herrn zu feiern,
denn es lag eine ernste Stille ber der ganzen Gegend ausgebreitet, die
durch das Drckende der Luft noch vermehrt wurde.

Von dem Kirchthurme herab verkndete die Glocke die siebente Stunde, als
zwei Jger aus dem Dorfe traten und einen Fupfad einschlugen, der ber
eine Wiese dem nahen Walde zufhrte. Den einen von ihnen kennt der Leser
bereits, es war Eberhard, des Ortsrichters Neffe. Der andere war ein
kurzer, stmmiger Mann von ungefhr zwei und dreiig Jahren, mit breiten
Schultern, kurzem Halse und einem dicken, runden Kopfe, den ein
krauses, schwarzes Haar bedeckte. Sein Gesicht war voll und breit, mit
Blatternarben beset und von schmutzig rother Farbe. Seine Augen hatten
mit denen eines Schweines groe Aehnlichkeit, sie waren geschlitzt,
grnlich grau und von starken buschigen Brauen bedeckt. Die Kleidung
dieses Mannes war dieselbe Jgeruniform, die Eberhard trug.

Schweigend gingen sie ber den Wiesenplan, der mit halb trockenen
Heuhaufen bedeckt war und einen angenehmen Krutergeruch verbreitete.
Als sie die erste Eiche des beginnenden Waldes erreicht hatten, blieb
Eberhard pltzlich stehen und sah nach dem Dorfe zurck, das nach und
nach durch Bume und Hecken den Blicken entschwunden war. Sein Gefhrte
sah ihn mit einem grinsenden Lcheln an.

-- Du wunderst Dich wohl ber die Hochzeit, Eberhard, sagte er mit
heiserer Stimme -- von der heute den ganzen Tag in unserm lieben
Drflein die Rede war? Ich mu Dir bekennen, da ich mich auch ein wenig
darber gewundert habe.

-- Graff, antwortete der junge Jger, wenn Du mich nicht rgern willst,
so sprich nicht davon -- ich denke an ganz andere Dinge!

-- Ah, ich verstehe, rief Graff, Du denkst an das Spiel!

-- An das Spiel! Womit soll ich spielen?

-- Nun, Du hattest doch vorgestern noch Geld?

-- Vorgestern und heute! sagte Eberhard mit gerunzelter Stirn --
dazwischen liegt ein ganzer Tag!

-- Was ist geschehen? fragte Graff, indem er den Arm seines Freundes
ergriff, und ihn veranlate, langsam den Weg fortzusetzen.

-- Alles Geld, was Du vorgestern bei mir sahest, habe ich verspielt. Ich
setzte hoch, weil ich viel gewinnen wollte.

-- Verspielt? lachte der dicke Jger.

-- Ich habe diesen Monat ein besonderes Unglck!

-- Sage nicht Unglck, Eberhard, der Ausdruck ist falsch.

-- Was trgt denn die Schuld an meinem Verluste?

-- Deine Ungeschicklichkeit, mein bester Freund! Wie kann ein gescheuter
Mensch sich mit Spielern von Profession einlassen -- o wie dumm!

-- Wie, rief Eberhard, so bin ich wohl gar der Geprellte gewesen?

-- Das ist leicht mglich! gab Graff kalt zur Antwort.

-- Und Du hast mich nicht gewarnt?

-- Was Du da verlangst, Freund Eberhard! Jene sind so gut meine Freunde,
als Du!

-- Also solche Freunde hast Du! rief der junge Jger im Tone des
Vorwurfs.

-- Auch solche, antwortete trocken der Freund, denn es ist mein
Grundsatz, mit Leuten von allen Gesinnungen Bekanntschaft zu pflegen.
Und auerdem hast Du ja hufiger Gelegenheit, Deine Revanche zu nehmen,
als jene armen Teufel.

Die beiden Freunde hatten whrend dieses Gesprchs ein dichtes
Haselgestruch erreicht, das wie ein Bosquet rechts und links zur Seite
stand. Einzelne Eichen ragten daraus empor und verhllten die Aussicht
auf das Firmament, so da auf dem Waldwege schon starke Dmmerung
herrschte. Nirgends regte sich ein Blatt in den Zweigen, nur dann und
wann flatterte ein Vogel aus dem Dickicht auf, den die Schritte der
Mnner in seinem Verstecke erschreckt hatten.

-- Du sprichst von Revanche, Graff -- begann nach einer Pause der
Revierfrster wieder -- was ntzt mir die Gelegenheit dazu, wenn mich
auf Tritt und Schritt das Unglck verfolgt?

-- Es giebt verschiedene Branchen, sein Glck zu machen, mu es denn
immer nur das Spiel sein? Eberhard, ich drfte nicht in Deiner Haut
stecken, oder es mte mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht in kurzer
Zeit ein reicher Mann wre. Sieh' Dich nach einem reichen Mdchen um,
Freund, es giebt ja so viel Bauerdirnen, die nur deshalb noch ledig
sind, weil sie keinen Bauerjungen heirathen, sondern etwas hher
hinauswollen.

-- Die Absicht hatte ich gestern, antwortete Eberhard, und glaubte
schon, da mir ein hbsches Mdchen mit einer eintrglichen Meierei
nicht entgehen knne--

-- Mit einer Meierei--? Nun--?

-- Der Teufel trieb wieder sein Spiel, denn die Rckkehr jenes Konrad,
der so dumm war, mit unserm Grafen in den Krieg gegen die Dnen zu
ziehen, vereitelte alle meine Aussichten.

-- Und dies macht Dich so untrstlich? rief Graff, indem er in ein so
lautes Gelchter ausbrach, da das Echo des Waldes es zurckgab.

-- Wenn man keine andere Aussicht hat, allerdings! gab Eberhard dster
zur Antwort.

-- Bist Du ein engherziger Mensch! Giebt es nicht noch tausend andere
Quellen auf der Welt, aus welcher der Kluge leicht und ohne Mhe seinen
Vortheil schpfen kann?

-- Nenne mir eine solche Quelle, rief Eberhard, nenne sie mir und
beweise, da Du ein kluger Mensch bist!

Graff blieb stehen und sah seinen dstern Freund einen Augenblick an,
dann sagte er halb laut, als ob er frchtete gehrt zu werden:

-- Geh hinaus auf die Landstrae -- prfe die glcklichen Leute --
beschftige Dich mit den Reichen -- es giebt ja so viel Gewerbe -- die
Erde ist gro -- das Feld ist weit -- eine einzige goldne Erndte, und Du
bist ein gemachter Mann!

-- Ja, antwortete Eberhard in einem dumpfen Tone, ich bin ein gemachter
Mann, weil ich auf dem Punkte stehe, mich entweder in den Teich zu
strzen, oder eine Kugel durch den Kopf zu jagen!

-- Mein Gott, sagte Graff lchelnd, wie kann man auf solche
abgeschmackte Gedanken gerathen! Bist Du denn so entsetzlich in das
Mdchen verliebt, das Dir jener Konrad vor der Nase wegschnappt?

-- Nein!

-- Nun, was ist es denn, was Dich so mchtig erschttert?

-- Ich schulde in der Stadt eine bedeutende Summe, deren Zahlungsfrist
bereits abgelaufen ist.

-- So la sie laufen, was kmmert es Dich!

-- Sehr viel, Graff, denn es ist eine Wechselschuld.

-- O Du dummer Teufel! Wie kann ein vernnftiger Mensch einen Wechsel
unterschreiben?

-- Man gab mir Zeit, fuhr Eberhard fort, weil ich die sicherste Hoffnung
auf die Heirath hegte; diesen Morgen aber schrieb mir ein Freund,
da ich jeden Tag gewrtigen knne, bei Wasser und Brod in das
Schuldgefngni gesperrt zu werden, denn mein Glubiger habe bereits bei
den Gerichten darum nachgesucht.

-- Komm, rief Graff und zog den Frster mit sich fort, die Sache wird
so schlimm nicht werden, als Du denkst! Schlagen wir diesen Weg nach dem
Wirthshause ein, wir wollen einen Schoppen zusammen trinken, vielleicht
giebt uns der Wein einen gesunden Rathschlag, der uns wieder flott
macht! Komm, Freund Eberhard, und verliere den Kopf nicht!

-- Du hast Recht, rief Eberhard mit glhenden Augen, denn in diesem
erbrmlichen Leben sind ja doch nur die Augenblicke glcklich, wo der
Verstand zum Teufel geht. Komm, ich folge Dir!

-- Recht so, Freund, wir wollen die Grillen verplaudern und vertrinken!

Singend, da der Wald wiederhallte, zogen sie Arm in Arm den Fuweg
fort, der nach zehn Minuten auf einen Platz mndete, auf welchem ein
einsames Huschen stand. Es ward von einem alten Jger bewohnt, der
Getrnke und Speisen im Sommer feil bot, weil es an der Strae lag,
welche von den Reisenden am hufigsten gewhlt wurde, um den Brocken zu
besuchen.

Jauchzend, als ob ihnen das grte Glck begegnet, traten die beiden
Mnner ein und forderten lrmend von dem besten Weine. In einem Zimmer,
dessen niederes Fenster nach dem Waldplatze hinausging, setzten sie sich
an einen Tisch und begannen wacker zu zechen, wobei Graff Anecdoten und
Schnurren erzhlte, ber welche Eberhard, dem nach und nach der Wein zu
Kopfe stieg, aus vollem Herzen lachte und Heirath und Schulden verga.

Der Abend war whrend dieser Zeit vllig hereingebrochen, im Westen
zogen sich die Gewitterwolken immer drohender zusammen, im Osten aber
stieg der Mond herauf und beleuchtete mit seinem melancholischen Lichte
den schweigenden, duftenden Wald.

In der Unterhaltung der beiden Jger war eine Stockung eingetreten, denn
Eberhard's schwerer Kopf hatte sich auf den Tisch gesenkt und schien
dem Weine und der drckenden Schwle vllig zu unterliegen. Graff
betrachtete durch das geffnete Fenster die prachtvolle Abendlandschaft.
Das Zimmer war dunkel und in den brigen Rumen des einsamen Hauses
regte sich kein Laut, da diesen Abend die beiden Jger die einzigen
Gste waren.

Pltzlich hrte Graff ein Gesprch in dem Walde. Er lauschte. Es schien
unter Leuten stattzufinden, die den Weg von dem kaum eine halbe Stunde
entfernten Dorfe herkamen. Die Worte tnten laut durch den stillen
Abend, aber Graff konnte sie dennoch nicht verstehen, da das gleich
darauf folgende Echo sich mit ihnen mischte. Soviel vermochte er aber
zu unterscheiden, da eine der Stimmen einer Frau oder einem Mdchen
angehrte.

Nach einigen Minuten sah der Jger zwei Personen aus dem Gebsche auf
den hell erleuchteten Waldplatz treten; sie gingen langsam Arm in Arm
und fhrten ein frhliches Gesprch, dessen Worte Graff schon seit
einiger Zeit gehrt hatte. Leise zog er sich in das dunkele Zimmer
zurck und begann zu lauschen.

-- Weiter gehe ich nicht, Konrad, sagte die Mdchenstimme -- hier ist
das Wirthshaus des alten Vaters Kaspar, wir sind eine halbe Stunde von
unserm Dorfe entfernt, und das Gewitter zieht immer drohender herauf.

-- Wie Du willst, meine Marie, antwortete die Stimme eines Mannes. Wir
wollen uns auf die Bank unter dem Fenster setzen und so lange warten,
bis meine Schwester Rschen kommt. Ich hoffe, sie wird sich beeilen,
wenn sie den schwarzen Himmel sieht.

-- Ich an Rschens Stelle htte den Weg zu der Tante auch an einem
andern Tage abgemacht, sagte Marie wieder -- es wre besser gewesen,
wenn wir heute zusammengeblieben wren und Deine Ankunft durch eine
Parthie nach dem Ilsensteine gefeiert htten.

-- Du hast Recht, liebe Marie; aber die Tante ist eine alte Frau, die
meinetwegen in Sorgen ist und es gewi nicht gut aufgenommen htte, wenn
wir mit der Nachricht von meiner Rckkehr noch einige Tage gezgert.
Auerdem hat sie noch ein wichtiges Geschft mit ihr abzumachen.

-- Ein Geschft?

-- Das Dich und mich betrifft.

-- Ich verstehe, flsterte das Mdchen -- ihre Einwilligung?

-- Ja, Marie; und morgen gehe ich selbst hinber, um sie persnlich
darum zu bitten.

-- Ach, Konrad, wenn aber der Krieg mit den Dnen wieder ausbricht?

-- Mag er ausbrechen, sagte heftig der junge Mann, ich rhre keine Hand,
ich bleibe bei meiner Marie und besorge die Wirthschaft.

-- Wenn man Dich aber mit Gewalt zwingt?

-- Man wird mich nicht zwingen, mein Mdchen, denn, noch ehe das Laub
von den Bumen fllt, bin ich Dein Mann, und wenn ich nachweise, da
die Verwaltung der Meierei auf mir allein lastet, kann mich kein Teufel
zwingen, diesen erbrmlichen Krieg mitzumachen.

-- Du sahest auch viel besser aus, als Du den Soldatenrock abgelegt
und Deine gewhnlichen Kleider wieder angezogen hattest, und vorzglich
stand Dir die alte Feldmtze schlecht. Da lobe ich mir den schwarzen
Hut, rief lchelnd das junge Mdchen -- Du siehst noch einmal so hbsch
darin aus.

-- Und wie werde ich erst aussehen, antwortete Konrad, wenn das rothe
Brutigamsband daran flattert!

-- Das wollen wir gleich einmal probiren! rief Marie, indem sie dem
jungen Manne den Hut vom Kopfe nahm.

-- Nun, was willst Du mit dem Hute?

-- Gieb Acht, Konrad!

Mit einer leichten Handbewegung hatte Marie ein rothes Band von ihrem
schwarzen Mieder abgels't, das auf der Brust eine groe Schleife
bildete, und schlang es um den Hut, den sie auf ihren Knien hielt.

-- So, sagte sie frhlich und setzte dem Geliebten den Hut wieder auf
das Haupt -- so sieht ungefhr der Hut eines Brutigams aus -- schade,
da das Band keine lngern Schleifen hat!

-- Marie, rief der entzckte Konrad, dieses Band gebe ich Dir nicht
zurck!

-- Nun, so behalte es, bester Freund, seine rothe Farbe mag Dir ein
Sinnbild meiner Liebe sein!

-- Und dieser Ku mag Dir sagen, da meine Liebe noch grer ist, als
die Deinige!

-- Das ist nicht wahr!

-- O ja!

-- O nein!

Konrad schlo das Mdchen in seine Arme und machte durch einen feurigen
Ku dem kleinen Streite ein Ende. In inniger Umarmung blieb das
glckliche Paar wohl zehn Minuten lang, ohne den Lauscher am Fenster
zu gewahren. Der Mond war inde hinter den Zweigen einer Eiche
hervorgetreten und beleuchtete sanft die Gesichter der beiden Liebenden,
die sich schweigend ansahen und nur durch Ksse die Gefhle ihrer Herzen
uerten.

Pltzlich erklangen Schritte in dem Walde.

-- Hrst Du? rief Marie; jetzt kommt Rschen. Ich werde ein wenig mit
ihr zanken, da sie so lange auf sich warten lt.

Und wie eine Gemse flog sie ber den Rasenplatz dem Waldwege zu, von
woher die Schritte sich vernehmen lieen. Doch kaum hatte sie das
dunkele Gebsch betreten, als die schwarze Gestalt eines Mannes vor ihr
stand. Mit einem lauten Schrei fuhr Marie erschreckt zurck und flog auf
Konrad zu, der ihr nachgeeilt war.

-- Was giebt es? rief der junge Mann mit krftiger Stimme.

-- Sieh' jene Gestalt -- sie kommt nher! La uns fliehen, vielleicht
ist es ein Ruber!

-- Fliehen, ich? rief Konrad und vertrat dem Manne, der jetzt den
Rasenplatz erreicht hatte, den Weg.

-- Konrad, sagte der Fremde, bist Du es?

-- Konrad ist mein Name; wer aber ist der, der danach fragt?

-- Kennst Du mich nicht? flsterte der Fremde.

-- Mein Gott, ist es mglich -- Sie, Herr Graf -- allein hier im Walde?

-- Still, mein Freund, ich habe mit Dir zu reden.

-- Mit mir? fragte Konrad verwundert.

-- Ich bin nur deshalb gekommen. Ich wollte Dich in Deiner Wohnung
aufsuchen. -- Wer ist jenes Mdchen, das bei meinem Anblicke floh?

-- Es ist ja Marie, meine Braut, Herr Graf. Ach, wie wird sie sich
freuen, wenn sie Sie wiedersieht -- ich will sie holen!

-- Konrad, wenn Du mich liebst, so sorge, da mich niemand erkennt, auch
Marie nicht.

-- Um des Himmelswillen, Herr Graf, was ist Ihnen? Sie sind so bewegt --
ihr Gesicht ist bleich -- was ist vorgegangen?

-- Du sollst alles erfahren, doch zuvor sende Marien in das Dorf zurck,
ich bedarf Deiner.

-- Marie soll allein zurckkehren?

-- Sende einen Mann aus dem Wirthshause als ihren Begleiter mit.

-- Was soll sie davon denken? wandte Konrad ein.

-- Mir fllt ein, da Du sie begleiten kannst. La sie einen Augenblick
in das Haus treten, dann kehre zurck, ich erwarte Dich hier, um Dir ein
Geheimni anzuvertrauen.

Ohne ein Wort zu entgegnen eilte Konrad zu seiner Braut, die zitternd an
der Thr des Wirthshauses stand.

-- Marie, sagte er leise, gehe auf einige Augenblicke zu dem alten
Kaspar hinein, dann hole ich Dich ab, und wir kehren zusammen nach Hause
zurck.

-- Wer ist der Fremde? fragte ngstlich das bebende Mdchen.

-- Ich kann ihn Dir jetzt nicht nennen; doch frchte nichts, die
Unterredung, die er von mir wnscht, kann nur zu unserm Vortheile sein
-- komm in das Haus!

Konrad ergriff Marien's Arm und zog sie sanft mit sich fort, wobei er
ihre Befrchtungen durch freundliches Zureden zu verscheuchen suchte.
Nachdem er sie der Obhut des alten Kaspar bergeben, der sie mit
herzlicher Freude aufnahm, kehrte er auf den Platz zurck.

Der Graf hatte sich auf der Bank unter dem Fenster niedergelassen und
hielt sinnend seinen Kopf in beiden Hnden.

Graff hatte whrend des Gesprchs der beiden Mnner Konrads Hut mit dem
Bande von der leicht zu erreichenden Bank genommen und den Schlfer am
Tische geweckt.

-- Eberhard, rief er leise, wache auf!

-- Was giebt es, rief dieser schlaftrunken.

-- Sieh diesen Hut!

-- Was soll der Hut?

-- Das Band, das ihn schmckt, ist von Marien, welche die eintrgliche
Meierei besitzt!

-- Wem gehrt er?

-- Konrad, Deinem Nebenbuhler. Doch sei still, man nhert sich der Bank
vor dem Hause.

In diesem Augenblicke, und whrend Eberhard den Hut zornig mit Fen
trat, nherte sich der Graf und lie sich auf der Bank nieder. Einen
Augenblick spter erschien auch Konrad. Beide ahnten die Nhe der
lauschenden Jger nicht.

-- Herr Graf, begann Konrad, warum geben Sie sich die Mhe zu mir zu
kommen, anstatt mich auf das Schlo rufen zu lassen?

-- Konrad, sagte bewegt der Graf, indem er dessen Hnde ergriff, Du bist
glcklich, sehr glcklich, denn Du kannst das Mdchen Deiner Liebe zu
Deiner Gattin machen.

-- Ja, Herr Graf, flsterte freudig der junge Mann, ehe der Herbst das
Laub auf diesen Bumen gelb frbt, soll Marie meine Frau sein -- noch
im Laufe dieser Woche htte ich um Ihre Erlaubni nachgesucht, und nicht
wahr, Sie htten sie mir nicht verweigert.

-- Habe ich Dir nicht gesagt, Freund Konrad, als wir vor zwei Monaten
am Wachtfeuer lagen und von unserer Heimath plauderten, da wir an einem
Tage vor den Altar treten wrden?

-- O, ich wei es noch, am andern Tage standen wir auf Vorposten----

-- Wo ich von den hinterlistigen Dnen niedergehauen worden wre, fiel
rasch der Graf ein, wenn Du nicht mit muthiger Todesverachtung mich
gerettet httest.

-- Das wollte ich nicht sagen, Herr Graf, -- was ich gethan, htte jeder
andere fr seinen Major auch gethan.

-- Konrad, rief der Graf im Tone der Verzweiflung, Konrad, ich wolle,
die dnischen Bayonette htten mich durchbohrt, da ich nie diese Berge
wiedergesehen!

-- Mein Gott, was ist geschehen? Sie wollten mir ja erzhlen----

-- Hre mich an, sagte seufzend der Graf, und urtheile selbst, ob mein
Wunsch ein gerechter ist: man hat mich meiner Emma beraubt!

-- Wie, rief Konrad, der jungen Grfin, von der Sie stets mit so groer
Liebe sprachen, so oft wir uns sahen?

-- Und die ich bei meiner Rckkehr zum Altare zu fhren gedachte.
Whrend meiner Abwesenheit hat man ber ihre Hand verfgt, die Familie
hat bestimmt, da sie den alten Baron von H. heirathen soll.

-- Unglaublich! rief Konrad.

-- Und dennoch wahr! seufzte der Graf.

-- Der Baron ist ja mindestens noch einmal so alt, als Sie, Herr Graf.
Die junge Grfin Emma kann den Greis nicht lieben!

-- Sie liebt nur mich, ich wei es; ihre Familie aber will es, und das
arme Mdchen mu gehorchen. Wie man mir gesagt, soll in einigen Tagen
die Verlobung stattfinden.

-- In einigen Tagen schon?

-- Wahrscheinlich, um die Sache vor meiner Heimkehr abzumachen, die man
so bald nicht vermuthet hat. Das Ganze ist das Werk des Barons, darum
habe ich ihm geschrieben und ihn auf Degen gefordert.

-- Herr Graf, was haben Sie gethan! rief Konrad zurckfahrend.

-- Was meine Ehre erfordert! Diesen Abend neun Uhr findet das Duell in
den Ruinen der nahen Abtei statt.

Graff, der am Fenster aufmerksam gelauscht, flsterte seinem Genossen
zu:

-- Der Ort ist gut gewhlt, denn er eignet sich vortrefflich, jemandem
ungestrt den Hals zu brechen!

-- Aber haben Sie auch alles reiflich bedacht? wandte Konrad ein, dem
das Geschick des Grafen tief zu Herzen ging -- erwgen Sie, da schon
Ihr Brief gengt, Sie anzuklagen und zu verurtheilen!

-- Ich trotze allem, antwortete finster der junge Graf, da ich an der
Zukunft verzweifele.

-- Und wenn sich der Baron nun nicht stellt und Sie anklagt, einen
Anschlag auf sein Leben ausgebt zu haben?

-- Er wird sich stellen, denn er besitzt Muth.

-- Und wahrscheinlich auch Kaltbltigkeit, whrend Sie in der grten
Aufregung sind. O mein Gott, wenn er Sie tdtete! rief Konrad.

-- Nein nein, frchte nichts, ich kann mich auf meinen Arm verlassen!

-- Und wenn Sie den Baron tdten oder verwunden?

-- In diesem Falle, den ich fast voraussetze, zhle ich auf Dich.
Hre mich an, fuhr rascher der Graf fort: Du kennst die Wohnung meines
Freundes, des Oberfrsters von G.?

-- Ich kenne sie -- eine halbe Stunde jenseits des Dorfes, am Walde--

-- Dorthin gehst Du, nachdem Du Deine Marie zu Hause geleitet. Du
erzhlst dem Oberfrster mein Duell und bittest ihn um seine Pferde
und seinen Wagen. Dann fhrst Du nach dem Kreuzwege unterhalb dieses
Gehlzes und erwartest mich.

-- Wie, Herr Graf, ich soll nicht an Ihrer Seite stehen, wenn Sie sich
schlagen?

-- Nein, mein Brief kndet an, da ich allein komme, und auerdem habe
ich keinen, dem ich meine Flucht anvertrauen knnte. Bin ich einmal
jenseits der Grenze, schiffe ich mich nach Amerika ein.

-- Aber haben Sie denn auch Geld zur Reise?

-- Ich habe alles vorbereitet, in meinem Grtel befindet sich eine
bedeutende Summe in Golde.

-- Und Ihr herrliches Gut, Herr Graf, mit den eintrglichen
Waldungen--?

-- Gehrt schon lange nicht mehr mir, es ist verpfndet. Doch nun beeile
Dich, sagte der Graf und stand auf, denn es ist acht Uhr und ich darf
nicht auf mich warten lassen. Sei pnktlich und verschwiegen!

-- O mein Gott, rief Konrad, vermag denn nichts Ihren Entschlu zu
ndern--?

-- Nichts in der Welt! antwortete fest der Graf. -- Du zgerst und
berlegst -- sollte ich mich in Dir getuscht haben? Willst Du mir den
letzten Dienst nicht erweisen?

-- Sie wollen es, Herr Graf -- so sei es denn! Ich werde mich mit dem
Gespanne an dem Kreuzwege einfinden. Gebe nur der Himmel, da ich nicht
lange auf Sie zu warten brauche!

-- Konrad, kann ich auf Deine Verschwiegenheit zhlen?

-- Wie auf mein Bayonett in der Dnenschlacht!

-- Selbst Marie wird nichts erfahren, da sie mir herzlich zugethan ist?

-- Mein Wort darauf!

-- Auf Wiedersehen!

Der Graf schlug seinen Mantel um die Schultern, um ein Paar Degen zu
verbergen, dann verschwand er im Walde. Konrad eilte so bestrzt in das
Wirthshaus, da er nicht an den Hut dachte, den er auf der Bank unter
dem Fenster hatte liegen lassen.

Nach einigen Minuten trat der junge Mann wieder aus dem Hause; er fhrte
Marien am Arme, die ihn mit Fragen ber den fremden Mann bestrmte. Aber
Konrad hielt sein Wort, er gab ausweichende Antworten und verschwieg,
obwohl mit schwerem Herzen, seiner Braut den Namen des Grafen und dessen
Absicht. Bald hatten sie das Dorf erreicht. An der Meierei schieden sie.
Marie, obgleich sie den braven Character ihres Geliebten kannte, mit
sorglichem Herzen, und Konrad, den das Schicksal seines Gutsherrn
kmmerte, mit klopfender Brust, denn er glaubte, zu seiner Rettung nicht
frh genug auf dem Kreuzwege einzutreffen.

Als die beiden jungen Leute den Waldplatz verlassen, traten Graff und
Eberhard aus dem Wirthshause. Sie wnschten dem alten Kaspar laut eine
gute Nacht und verschwanden im Walde. Der Greis schlo die Thr seines
Huschens.




4.


Neun Uhr war vorber, als die Nachtstille, welche ber dem Dorfe
ausgebreitet lag, durch Musik und Vivatgeschrei unterbrochen wurde. Die
jungen Burschen und Mdchen zogen von der Schenke aus nach der Wohnung
Valentins, um dem neuen Ortsrichter ihre Huldigungen darzubringen.
In bunter Gruppe machten sie unter den Fenstern Halt, whrend die
Musikbande mit Hrnern, Trompeten und Klarinetten einen schmetternden
Marsch ausfhrte. Was sich dem Zuge nicht angeschlossen hatte, erschien
jetzt auf dem Platze, um theils die Musik, theils die Rede des Richters
zu hren, der sich in der Kirche schon als ein guter Redner bewhrt
hatte.

Auch Marie, die ihren Konrad noch einmal zu sehen hoffte, trat in
demselben Augenblicke zu einer Gruppe junger Mdchen, als Valentin mit
stolzer Miene aus dem Hause kam, einen groen Stein bestieg, der an
der weien Mauer lag, und laut und vernehmlich zu reden begann, da der
ganze Platz wiederhallte.

Die unruhige Braut hrte wenig von den begeisterten Worten des zum
Ortsrichter verwandelten Schulmeisters, ihre Gedanken beschftigten sich
nur mit Konrad und dem geheimnivollen Fremden im Walde. Ueberall, wo
nur Mnner standen, sphte sie mit den Blicken; sie traf wohl in dem
hellen Mondenscheine manches Gesicht, das ihr freundlich zulchelte,
doch nicht das Gesicht dessen, den sie liebte.

Die Rede war zu Ende und die Dorfmusiker begannen einen neuen Marsch.
Marie, deren Angst mit jeder Minute sich vergrerte, obgleich sie sich
keinen Grund dafr angeben konnte, entfernte sich unbemerkt von den
jungen Mdchen und wollte eben in die Thr ihres Hauses treten, als
die Musik pltzlich schwieg und die Menge sich neugierig nach dem Orte
drngte, wo der Richter seine Rede gehalten hatte. Bestrzt blieb sie
stehen und lauschte, ihr war, als ob sie eine Unglcksbotschaft von
Konrad hren mte. Diese Ahnung schien in Erfllung gehen zu sollen,
denn sie erkannte aus dem Gemurmel deutlich Rschens Stimme, die sie
noch bei der Tante in dem benachbarten Dorfe whnte. Mit ungeheurer
Anstrengung fate sie allen ihren Muth zusammen und drngte sich durch
den dichten Haufen, bis sie an die Hausthr des Richters gelangte.

Hier stand Rschen bleich und athemlos vor Valentin und versuchte zu
reden, Angst und Erschpfung aber erstickten das Wort im Munde.

-- Was giebt's? Was ist geschehen? hrte man Mnner und Frauen rufen,
indem sich alle immer nher herandrngten.

-- Rschen, Rschen, stammelte Marie, indem sie die bis zum Tode
erschpfte Freundin untersttzte -- um Gotteswillen, was treibt Dich
hieher? Ist ein Unglck geschehen?

-- Ruhe! gebot der Richter. Was fhrt Dich zu mir, mein Kind?

Nach einigen Minuten hatte sich Konrad's Schwester soweit erholt, da
sie zu Worte kommen konnte.

-- Lnger als ich dachte, sprach sie in abgebrochenen Stzen, hielt
mich ein Geschft bei meiner Tante auf -- es war Nacht, als ich bei den
Ruinen der Abtei vorberging -- da hre ich pltzlich Schritte -- die
Angst befllt mich -- aber ich setze meinen Weg fort -- ich trete um die
Biegung der verfallenen Mauer -- da sehe ich im Mondenscheine, wie
sich ein Mann gegen zwei Ruber vertheidigt -- vor Angst und Schrecken
verberge ich mich hinter einem Felsen, der am Wege steht -- ich lausche
zitternd -- das Gerusch der Kmpfenden entfernt sich -- aber der Wind,
der sich aufmacht, treibt mir den Hut eines der Mrder zu -- ich raffe
ihn auf -- und strze dem Dorfe zu -- hier ist der Hut!

Mit zitternder Hand reichte sie Marien, die ihr zunchst stand, den Hut,
den sie bisher unter der Schrze verborgen gehalten hatte. Doch kaum hat
diese einen Blick darauf geworfen, als sie vor Schrecken zur Bildsule
erstarrt -- sie erkennt an der Schleife das rothe Band, das sie diesen
Abend als einen Beweis ihrer Liebe um Konrads Hut gewunden -- es war der
seinige.

Starr sah sie auf das verhngnivolle Zeichen, bis der Richter sich
seiner bemchtigte. Konrad's ausweichende, unbestimmte Antworten, sein
verschlossenes Wesen, das er nach der Unterredung mit dem Fremden
im Walde beobachtete, -- alles stand pltzlich vor ihrer Seele, sie
zweifelte nicht einen Augenblick daran, da der Mann, den sie liebte,
Theil an dem begangenen Verbrechen genommen habe -- und Rschen, seine
eigene Schwester mute ihn verrathen.

-- Also in den Ruinen der Abtei hast Du gesehen, da ein Mensch von
Raubmrdern angefallen wurde? fragte der Richter.

-- Ja, antwortete Rschen, die sich wieder erholt hatte, ich habe es
deutlich gesehen, und jener Hut mu einem der Mrder gehren.

-- Freunde, rief Valentin, der den Hut betrachtet, es unterliegt keinem
Zweifel, da in der Nhe unsers Dorfes ein Raubmord stattgefunden, denn
dieser Hut ist feucht von Blut. Geht in Eure Huser und holt was Ihr
an Waffen besitzt -- dann seid in fnf Minuten wieder hier, wir wollen
ausziehen und den ganzen Wald durchsuchen -- ich als Richter stelle mich
an Eure Spitze!

Die Bauern zerstoben nach allen Seiten, um der Aufforderung Valentins
nachzukommen; die Frauen und Mdchen gingen erschreckt ihren Husern zu.
Auf allen Pltzen und Gassen des Dorfes hrte man ein dumpfes Murmeln
und selbst Vermuthungen ber die Thter wurden ausgesprochen, die
freilich nur auf berchtigte Personen fielen.

Marie war die einzige, die Konrad in Verdacht hatte, denn sie nur allein
hatte seinen Hut wiedererkannt. Aber mit mnnlichem Muthe verschlo sie
diesen Verdacht in ihrer Brust, obgleich der Schmerz um die Verirrung
des geliebten Mannes sie zu zersprengen drohete.

-- Marie, fragte Rschen, indem sie den Arm der Freundin ergriff -- wo
ist mein Bruder Konrad?

-- Ich wei es nicht! stammelte die Arme.

-- War er nicht mit hier?

-- Ich habe ihn in der Menge nicht gesehen.

-- Du zitterst, Marie; bist noch mehr erschreckt, als ich--? Frchtest
Du vielleicht--?

-- O nein, antwortete rasch Marie, ich frchte nichts -- Deine Erzhlung
hat mich so mit Angst und Schrecken erfllt, da ich kaum zu reden
vermag -- das ist alles.

-- Gieb Dich nur zufrieden, sagte unbefangen das muntere Rschen, man
wird den Missethtern schon auf die Spur kommen, da sie weiter keinen
Schaden anrichten knnen. Ich freue mich, da ich das ganze Dorf
versammelt fand, und da der Richter gleich aufbrechen kann. Sieh, dort
kommt schon ein Trupp junger Leute, und dort wieder einer -- o, da sie
die Bsewichter doch fingen!

Unter diesem Gesprche hatten sie Mariens Thr erreicht.

-- Gute Nacht, Rschen, sagte die unglckliche Braut.

-- Gute Nacht, Marie! Und was sage ich meinem Bruder?

-- Ich wnschte, da er ruhiger schlafen mge, als ich! Gute Nacht.

Marie trat in ihr Haus und schlo die Thr. In ihrem Stbchen, wo sie
allein war, brachen die lange zurckgehaltenen Thrnen hervor, sie sank
auf einen Stuhl und begann bitterlich zu weinen.

Die ersten Donnerschlge des heranziehenden Gewitters lieen sich
vernehmen und starke Blitze erhellten auf Augenblicke das ganze Zimmer.
Auf dem Platze vor des Richters Hause war es wieder lebendig geworden,
denn mehr als fnfzig Mnner, mit Gewehren, Aexten und Stangen
bewaffnet, hatten sich zur Durchsuchung des Waldes eingefunden.

In dem Augenblicke, als der mit einem langen Sbel bewaffnete
Ortsrichter aus seinem Hause trat, vermehrte sich der kriegerische Trupp
noch um zwei Kpfe -- Graff, der Eberhard am Arme fhrte, fragte nach
dem Zwecke der Versammlung, obgleich er ihn im Dorfe schon vernommen
hatte. Valentin, der sich ber die Ankunft der beiden waffenkundigen
Mnner freute, da er nichts weniger als muthig war, berichtete kurz den
Vorfall.

-- Wir begleiten Euch, Freunde, rief Graff. Die Gegend mu gelichtet
werden von diesem Gesindel! Fort zu der Abtei!

Als Valentin von dem Hute sprach, den einer der Ruber verloren
haben sollte, mute sich Eberhard auf seinen Freund Graff sttzen, er
vermochte sich kaum noch aufrecht zu erhalten.

-- Memme, flsterte der Jger ihm zu, willst Du uns verrathen? Nimm Dich
zusammen, der Hut mit dem rothen Bande wlzt allen Verdacht auf Konrad,
und Du kannst die Meierei noch erhalten, denn einen berfhrten Ruber
wird die zchtige Marie nicht heirathen!

-- Du hast Recht! antwortete Eberhard, dessen Hoffnung auf Mariens
Besitz die Wendung der Dinge neu belebt hatte. Ich folge Ihnen, Vetter,
rief er den abziehenden Bauern nach, ich will nur mein Gewehr holen, das
in Ihrem Hause steht!

Nach einigen Minuten schritten die beiden Jger an Mariens Fenster
vorber.

Bei dem Leuchten eines Blitzes sahen sie das bleiche Gesicht des armen
Mdchens, das weinend ber den leer gewordenen Dorfplatz blickte.

-- Hast Du sie gesehen? flsterte Graff.

-- Wie es scheint, wartet sie auf Konrad, antwortete der Frster.

-- Ich zweifle, da er kommen wird.

-- Und wenn er kommt? fragte zitternd Eberhard.

-- Wird sie ihn diesen Abend zum letzten Male empfangen haben.

Als der Zug den Wald erreichte, brach das schwere Gewitter mit einer
Gewalt los, da die Bume in lichten Flammen zu stehen schienen und die
Berge von den kurz aufeinander folgenden Donnerschlgen wiederhallten.

Marie sa die ganze Nacht am Fenster und weinte.




5.


Ein heiterer Morgen stieg aus dem Nebelschooe der Nacht, Flur und Wald,
erquickt durch den Gewitterregen, sandten einen balsamischen Duft in
das Lichtmeer, das in glnzenden Strahlen ber der Landschaft wogte. Die
bekmmerte Marie, bleich und mit rothgeweinten Augen, verlie ihr Haus
und ging durch den duftenden Garten einer dichten Laube zu, die am
uersten Ende desselben lag. Langsam lie sie sich auf der Holzbank
nieder und sttzte ihr brennendes Kpfchen in die hohle Hand, whrend
die Augen sich starr auf den freundlichen Kirchthurm richteten, der
jenseits des Gartenzaunes hinter einer Gruppe Linden emporragte.

Marie hing mit warmer, treuer Liebe an dem Manne, von dessen Verbrechen
sie die deutlichsten, unlugbarsten Beweise gehabt. Was kann ihn
dazu bewogen haben? hatte sie sich tausendmal whrend der schlaflos
verbrachten Nacht gefragt. Sie gab sich seine Armuth als einen Grund
an, seinen Ehrgeiz, ein kleines Vermgen ihr zuzubringen -- aber stets
verwarf sie ihn wieder, wenn sie daran dachte, da sie selbst eine gut
gehaltene Meierei bese, von deren Ertrage ihr knftiger Gatte leben
knne. Nein, rief sie aus, die Liebe zu mir hat ihn nicht zum Verbrecher
gemacht, er mu eine andere Veranlassung gehabt haben. Htte er mich
wahrhaft geliebt, so mute er seine Ehre rein und makellos erhalten, da
sie jetzt schon die meinige ist. Konrad, Du hast Deine Marie verrathen!

Seufzend senkte sie das bleiche Gesicht auf die wogende Brust herab
und das trbe Auge richtete sich auf den mit gelben Kiessand bestreuten
Boden, wo Konrad ihr gestern Nachmittag mit einem Stocke den Plan der
Schlacht gezeichnet hatte, in der er dem jungen Grafen Rudolph das Leben
gerettet.

Unwillkhrlich einen Schrei ausstoend, legte sie beide Hnde vor die
Augen, als der Gedanke in ihr aufstieg: wre er doch eines ehrenvollen
Todes gestorben! -- das arme Mdchen liebte Konrad noch, selbst als
einen Verbrecher.

Ein Gerusch von Schritten weckte die Sinnende. Sie schlug die Augen
auf und sah Rschen, die heiter und froh durch die Wege des Gartens der
Laube zueilte.

-- Sie kennt das Verbrechen des Bruders nicht, flsterte sie vor sich
hin -- wenn es von mir allein abhngt, soll sie es nie erfahren -- ja,
ja, weder sie noch sonst ein Mensch in der Welt!

-- Guten Morgen, Marie! rief Konrad's Schwester schon aus, noch ehe
sie die schattige Laube erreicht hatte. Man sagte mir, Du wrst in
den Garten gegangen, um nachzusehen, ob der Sturm dieser Nacht keinen
Schaden angerichtet und nun finde ich Dich trumend in der Laube --
was hast Du denn? Ist ein kleiner Streit zwischen Dir und Konrad
vorgefallen? Schon gestern Abend kamst Du mir niedergeschlagen vor --
heute sehe ich, da Du wirklich traurig bist, und meinen Bruder vermisse
ich auch----

-- Rschen, fragte Marie mit ngstlicher Neugierde -- glaubtest Du
Deinen Bruder hier zu finden?

-- Ei freilich! Wo denn sonst?

-- Hast Du ihn diesen Morgen noch nicht gesehen?

-- Nein, er ist diese Nacht nicht zu Hause gewesen!

Erbleichend wandte sich Marie ab, Rschen brachte ihr einen neuen Beweis
von Konrad's Verbrechen.

-- La Dich das nicht erschrecken, fuhr Rschen unbefangen und
theilnehmend fort -- er hat gestern Abend uns sagen lassen, da wir
nicht auf ihn warten sollten, da ihn ein wichtiges Geschft von Hause
fern halte. Diesen Morgen nun, dachte ich, wrde sein erster Weg zu
Dir sein, und das ist auch ganz in der Ordnung, denn die Braut geht der
Schwester vor.

Mit den letzten Worten hatte sich Rschen an Marien's Seite gesetzt und
begann ihr in das trbe Auge zu sehen.

-- Ich wei nicht, wo Dein Bruder ist, antwortete Marie, ihre Bewegung
verbergend -- vielleicht drngt es ihn nicht so sehr mich zu sehen, als
Du glaubst. Er ist im Kriege gewesen, unter rohen Soldaten -- er hat
schlechte Beispiele vor Augen gehabt -- dies alles kann das Herz eines
braven Menschen schon verderben.

-- Wie, rief Rschen entrstet, Du hltst meinen Bruder fr ungetreu?
Nein, Marie, so tief ist mein Bruder nicht gesunken, selbst wenn er
im Kriege unter lauter schlechten Menschen gewesen wre! Doch sei nur
ruhig, er wird und mu kommen, ich kenne ihn besser und setze durchaus
kein Mitrauen in ihn. Auch unser neuer Ortsrichter wundert sich, da er
diese Nacht nicht mit ausgezogen ist, die Ruber zu verfolgen.

-- Nun, was hat man entdeckt? fragte eifrig Marie.

-- Nichts! An dem Orte, den ich bezeichnet, hat man eine Menge Laub
und abgebrochener Zweige gefunden -- das ist alles. Da brigens eine
Rauferei dort stattgefunden, ist klar -- aber von Blutspuren war nichts
zu sehen, es ist wahrscheinlich nur eine einfache Plnderung gewesen.

-- Rschen, ist das nicht genug? Einen Straenraub bestraft das Gesetz
mit dem Tode -- und wenn auch nicht, so ist die Schande mindestens
dasselbe.

-- Ei, das will ich meinen, Marie! Der Ortsrichter will auch durchaus
einen hngen lassen. Diesen Morgen ganz frh war er schon bei mir und
plagte mich mit verschiednen Fragen. Unter andern: ob ich nicht in der
Angst einen Busch fr Ruber angesehen htte? O nein, Herr Valentin,
meine Augen sind nur zu gut, ich habe ganz deutlich gesehen, was ich
berichtet. Aber denke Dir, noch deutlicher habe ich die ganze Geschichte
im Traume gesehen. Mir hat die ganze Nacht hindurch nur von Rubern
getrumt -- Marie, Marie, rief sie pltzlich, indem sie mit dem Finger
nach einem Hgel deutete, der sich dicht am Gartenzaune erhob -- sieh'
dorthin -- habe ich nicht Recht gehabt?

Beide Mdchen blickten schweigend nach dem bezeichneten Orte: Rschen
mit Verwunderung, Marie mit Entsetzen, denn sie sahen Konrad mit
verschrnkten Armen und gesenktem Haupte den Fupfad herabkommen, der
von dem Hgel zu einer kleinen Thr in dem Gartenzaune fhrte, die in
der Regel geffnet war, da sie den Knechten und Mgden einen nhern Weg
in das Feld bot.

Nach einer Minute war der junge Mann so nahe gekommen, da Marie
deutlich seine Kopfbedeckung wahrnehmen konnte -- er trug statt des
Hutes eine Tuchmtze mit einem Lederschirme.

-- Es ist Konrad, sagte sie zitternd.

-- Was ihm nur begegnet sein mag? fragte Rschen. Er ist sonst stets so
frhlich, und diesen Morgen----

-- Rschen, willst Du mir gefllig sein?

-- Gern!

-- Ich vermuthe, Dein Bruder kommt zu dieser Laube -- wir wollen uns ein
wenig zurckziehen, um ihn in seinem Nachsinnen nicht zu stren.

-- Ich wette, antwortete lchelnd Rschen, Ihr habt einen kleinen Streit
gehabt----

-- Komm, liebe Freundin, komm!

Rschen ward in ihrer ersten Meinung bestrkt, deshalb lie sie sich
unter leisem Gelchter von Marien aus der Laube hinter einen nahen
Fliederbusch ziehen, der sie dem Ankommenden vllig verbarg.

Kaum hatten die beiden Mdchen ihr Versteck erreicht, als Konrad die
Gartenthr ffnete, langsam durch den Weg ging und sich in der halb
dunkeln Laube niederlie.

-- Weiter kann ich nicht, murmelte er leise vor sich hin. O mein Gott,
welch' eine schreckliche Nacht! und immer noch keine Nachricht -- ich
habe mit meinem Wagen vergebens auf dem Kreuzwege gewartet. Diesen
Morgen schon durchsuchte ich die Ruinen und den Wald -- nirgends eine
Spur von meinem armen Grafen. Was wohl aus ihm geworden ist? Ob sie sich
geschlagen haben? -- Frchterliche Ungewiheit -- und niemandem darf ich
mich mittheilen!

-- Verstehst Du, was er mit sich selbst redet? fragte bebend die arme
Marie ihre Freundin.

-- Nein.

-- Er seufzt.

-- Vielleicht qult ihn sein Gewissen, sagte Konrad's Schwester mit
einem leichten Lcheln.

-- Sein Gewissen? fuhr Marie erschreckt empor.

-- Still, er redet wieder!

-- Und Marie -- fuhr Konrad in seinem Selbstgesprche so laut fort, da
es die Mdchen deutlich verstehen konnten -- was wird die arme Marie
ber meine Abwesenheit denken? Schon gestern Abend ward sie traurig, als
ich ihr keine gengende Antwort auf ihre Fragen geben konnte--!

Lnger vermochte sich Rschen nicht zu halten; sie entwand sich der
zurckhaltenden Hand der Freundin und stand mit zwei Sprngen vor dem
berraschten Konrad.

-- Du willst wissen, was Marie ber Deine Abwesenheit denkt? rief sie
laut.

-- Rschen!

-- Sie denkt, wie ich: da es von einem Brutigam, der nchstens
Hochzeit zu machen gedenkt, durchaus nicht liebenswrdig ist, sich eine
ganze Nacht zu entfernen, und niemand wei, wohin!

In diesem Augenblicke trat auch die bleiche Braut heran und richtete
schweigend ihre vorwurfsvollen Blicke auf den jungen Mann.

-- Marie, rief er aus, ich ward wider meinen Willen die ganze Nacht
abgehalten -- kannst Du mir verzeihen?

-- Ich soll Dir verzeihen, Konrad? antwortete sie schmerzlich. Frage
Dein Gewissen!

-- Rschen, Marie, fragte der junge Mann mit verstrten Blicken -- hat
man ihn diesen Morgen im Dorfe gesehen?

-- Wen?

-- Unsern jungen Grafen Rudolph!

-- Nein. Doch was willst Du von dem Grafen? fragte Rschen erstaunt.

-- Ich mu ihn sehen, ihn sprechen, damit ich endlich aus dieser
frchterlichen Ungewiheit komme!

Marie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Hnden, denn sie glaubte, er wolle
dem Grafen sein Verbrechen gestehen, da ihm mit Centnerlast auf dem
Herzen zu liegen schien. Auch Rschens Verdacht ward erweckt, je lnger
sie den Bruder ansah, es mute doch wohl etwas mehr sein, das ihn
qulte, als ein kleiner Liebeszwist.

-- Konrad, rief sie ngstlich, was ist denn geschehen -- Du bist ja ganz
bestrzt?

-- Man hat mir ein Geheimni anvertraut, das mir Sorgen macht--!

-- Ein Geheimni? darf Deine Braut und Deine Schwester dieses Geheimni
nicht wissen?

-- Fragt mich nicht, ich bitte Euch -- denn ich kann es keinem in der
Welt mittheilen!

-- O ich unglckliches Mdchen! schluchzte Marie und sank laut weinend
auf die Bank in der Laube.

-- Marie, Marie! rief Konrad, eilte bestrzt zu dem weinenden Mdchen
und wollte es durch freundliches Zureden beruhigen; dieses aber hielt
ihn mit der Hand zurck und fuhr fort laut zu weinen.

-- O mein Gott, sagte Rschen mitleidig, die Angst wird sie noch krank
machen!

-- Angst? O sage schnell, was macht ihr Angst?

-- Nun der Raubanfall in den Ruinen der Abtei.

-- Nicht mglich! rief Konrad und starrte die Schwester an. Rschen,
wei man schon darum?

Der junge Mann hatte diese Worte mit einer Angst gesprochen, da Marien
das Herz erbebte, denn sie waren das letzte vollgltige Zeugni seiner
Schuld.

-- Konrad, Konrad, fragte sie mit bebender Stimme, weit Du um den
Vorgang in den Ruinen?

Doch ohne sich um diese an ihn gerichteten Worte zu kmmern, ergriff
er beide Hnde seiner Schwester und rief in einem dringenden, bittenden
Tone:

Rschen, wenn Dir mein Glck, meine Ruhe lieb ist, o so sage mir alles,
was Du weit -- sprich, sprich!

-- Nun ja; aber la meine Hnde los, Du drckst sie ja so fest zusammen,
da sie schmerzen.

-- Was weit Du denn von den Ruinen?

-- Was ich mit meinen eigenen Augen gesehen, da ein frchterlicher
Kampf dort stattgefunden, wobei ein Mann am Boden lag -- dann lief ich
in das Dorf und rief um Hlfe -- man eilte in die Abtei, aber man hat
nichts gefunden.

-- Und das alles hast Du selbst gesehen?

-- Mein Gott, ja! Der Mann am Boden war in Uniform, denn seine
Epaulettes blitzten im Mondenscheine.

-- Schweig, Mdchen, rief Konrad erschreckt -- um Gotteswillen, kein
Wort mehr!

-- Warum denn?

-- Weil das Leben eines Menschen davon abhngt!

Marie war wieder auf die Bank gesunken und verfolgte mit starren Blicken
jede Bewegung Konrad's, ihr Ohr verschlang jedes seiner Worte.

-- O mein Gott, murmelte der junge Mann vor sich hin -- wer mag der
Ueberwundene sein? Ist er todt, oder noch am Leben? Und wo ist er? --
Wenn ich mich an seinen Gegner wende?

-- Mensch, rief Rschen erschreckt ber das Wesen des Bruders -- was
sinnst Du? Hast Du denn Deinen Verstand verloren?

-- La mich, ich mu Gewiheit haben, es koste was es wolle!

-- Wohin willst Du?

-- Ich kehre bald zurck -- jetzt lat mich -- mir brennt der Boden
unter meinen Fen!

Wie ein Sinnverwirrter, der von seiner Umgebung nichts mehr wei,
strzte der arme Konrad aus der Laube der Gartenthr zu, durch welche
er eingetreten war. Doch ehe er sie erreicht hatte, trat keuchend der
Ortsrichter Valentin ein.

-- Halt! rief er dem Flchtigen zu und versperrte ihm den Weg einen
Augenblick.

-- Ich kann nicht! rief Konrad.

-- Sie mssen warten, entgegnete der erhitzte Ortsrichter, ich habe mit
Ihnen zu reden!

-- Was wollen Sie? reden Sie schnell!

-- Nur ein Wort! Kennen Sie diesen Hut? fragte Valentin, indem er den
Hut mit dem rothen Bande unter seinem Rocke hervorholte und ihn Konrad
zeigte.

-- Gewi, er ist ja der meinige! war die rasche, unbefangene Antwort.

-- Wie, was? stotterte der Richter, Ihr, Dein Hut?

-- Nun ja! Das rothe Band, das ihn schmckt, hat mir Marie geschenkt --
warum fragen Sie? Was soll der Hut?

-- Und Du bekennst, da er Dir gehrt?

-- O mein Gott, ich verga meinen Weg! rief Konrad und wollte fort.

-- Halt! rief der Richter, indem er den Arm des Eilenden ergriff.

-- Hinweg! Hinweg! wiederholte der junge Mann und strzte durch die
Gartenthr in das Feld.

Das laute Weinen und Schluchzen der beiden Mdchen erfllte jetzt die
Laube und brachte den verblfften Valentin wieder zur Besinnung.

-- Haltet ihn! Haltet ihn! schrie er mit seiner sonoren Stimme, da der
Garten wiederhallte. Haltet ihn, er ist verdchtig!

-- Wo ist mein Bruder? fragte Rschen.

-- Fort, ber alle Berge! Ihr mt zeugen, Kinder, was er selbst
gestanden hat. Ha, meine Ahnung! Also ihm gehrt der verhngnivolle
Hut. Jetzt will ich dem Herrn Landrath beweisen, da ich ein geborener
Ortsrichter bin. Die Landgensd'armen sollen satteln und den Flchtling
einholen!

-- Gerechter Gott! rief Rschen und strzte dem Bruder nach, ohne sich
weiter um die Zurckbleibenden zu kmmern.

-- Auf Wiedersehen, Jungfer Marie! sagte hhnisch der Richter. Sie haben
einen braven Brutigam!

Marie konnte nicht mehr weinen; aber die Blsse des Todes bedeckte ihr
liebliches Gesicht und aus dem Auge strahlte ein unheimlicher Glanz.

-- Herr Valentin, sagte sie mit fester Stimme, ich mu mit Ihnen reden
-- bleiben Sie!

-- Wenn ich den Missethter gefnglich eingebracht! antwortete der
Richter und wollte den Garten verlassen.

-- Nein, jetzt auf der Stelle!

-- Ah, sie ist klug, Jungfer, sie will mich hier noch halten, da ihr
wackerer Konrad erst entwischen kann -- o nein, so leicht lt sich
Valentin nicht fangen.

-- Sie mssen bleiben! sagte fest Marie und zog den Widerstrebenden mit
Gewalt zur Laube.

-- Mdchen, soll ich auch gegen Dich das Gesetz in Anwendung bringen?
Du vergreifst Dich an Deiner Obrigkeit? Wie mir scheint, weit Du um das
Bubenstck Deines Liebhabers?

Diese Worte des hartherzigen Alten, in dessen Brust sich eine teuflische
Schadenfreude regte, ffneten die erstarrten Thrnenschleusen des armen
Mdchens wieder, laut weinend sank es auf die Knie und streckte beide
Hnde bittend empor.

-- Gnade! Gnade! rief sie aus -- rauben Sie mir die letzte Hoffnung
nicht, welche dieser frchterliche Augenblick in mir angefacht -- ich
wei nichts von dem Vorfalle in den Ruinen!

-- Nun, mein Kind, was gedenkst Du denn zu thun?

-- Ich will ihn vom Tode retten!

-- Doch nicht mit meiner Hlfe? Ich bin der Ortsrichter!

-- Hren Sie mich erst an!

-- Nein, nein, mein Amt verbietet es mir! Ein Verbrecher ist der
Gegenstand meines glhendsten Hasses!

-- So haben Sie Mitleid mit Ihrer armen Mndel, der Sie Vater zu sein
gelobt haben!

-- Ich lege die Stelle eines Vormunds nieder. Mit einem Mdchen, das
einen Verbrecher liebt, mag ich nichts zu schaffen haben!

-- O mein Gott, sprechen Sie doch in einem so frchterlichem Augenblicke
nicht von Liebe!

-- Meinen Neffen, der ein braver Bursche ist, und Dich von Herzen liebt,
hast Du verschmht -- ja, ja, fgte der Richter grinsend hinzu, das
glaube ich wohl, der ehrliche Konrad verdient in jeder Beziehung den
Vorzug. Mdchen, die Schmach, die Du mir und ihm angethan, wird nie aus
meinem Gedchtnisse verschwinden!

Als ob ihr pltzlich ein rettender Gedanke gekommen, erhob sich Marie
und sah unter Thrnen lchelnd den Ortsrichter einen Augenblick an, der
mit hhnenden Mienen das rothe Band an Konrad's Hute betrachtete. Das
grte Opfer, das je die Liebe gebracht, wollte Marie bringen.

-- Herr Valentin, sagte sie in einem schmerzlich freudigen Tone -- Sie
sagen, Ihr Neffe Eberhard liebt mich--

-- So sagte er mir gestern----

-- Hren Sie mich an, bis jetzt sind Sie der Einzige, der auer mir und
Rschen das frchterliche Geheimni dieser Nacht kennt -- beobachten Sie
ein ewiges Stillschweigen darber und stellen jede Verfolgung gegen den
unglcklichen Konrad ein, so da er mit seinem schuldbeladenen Gewissen
aus dem Lande fliehen kann und sein Andenken der Schande nicht anheim
fllt -- so werde ich ffentlich bekennen, da ich Ihren Neffen liebe
und werde ihm meine Hand reichen. -- Nehmen Sie mein Leben -- ist Konrad
gerettet, will ich gern sterben!

Valentin's Gerechtigkeitsliebe erhielt durch diesen Vorschlag der
verzweifelnden Marie einen gewaltigen Sto; nicht aus Mitleid mit
dem blassen, schnen Mdchen, nicht um die Neigung seines Neffen zu
befriedigen, sondern weil sein Geiz auf ein eintrgliches Geschft
hoffte, ergriff er ihre Hand und fhrte sie zu der Bank.

-- Marie, sagte er in einem ruhigen Tone, es freut mich Ihretwegen,
da Sie endlich zur Erkenntni gelangen und sich von diesem schlechten
Menschen lossagen, der schon als Knabe kein gutes Gemth verrieth. Damit
Sie Ihre Ehre retten knnen und weil ich Ihr Vormund bin, will ich die
Obrigkeit hintenansetzen und auf Ihren Vorschlag eingehen.

-- Sie wollen es? rief Marie.

-- Hier ist meine Hand. Da am Orte des Verbrechens sich nichts ergeben,
glaube ich fr die Bewahrung des Geheimnisses einstehen zu knnen.

-- Der Himmel lohne es Ihnen! sagte weinend das arme Mdchen.

-- Doch noch eine Bedingung habe ich zu stellen, fuhr der Richter nach
einer Pause fort, in der er den wohlgepflegten, ausgedehnten Garten und
das freundliche Wohnhaus betrachtet hatte.

-- Was wollen Sie noch? flsterte Marie.

-- Nach dem neuen Gesetze ist die Civilehe in unserm Lande eingefhrt
und seit acht Tagen rechtsgltig -- ich verlange, da Sie heute noch den
Ehecontract mit meinem Neffen unterzeichnen, wie ich ihn Ihnen vorlege.

-- Mein Leben ist in Ihrer Hand, war die resignirte Antwort, ich fge
mich allem, wenn Konrad vor Entehrung gesichert bleibt.

-- Da er es bleibt, liegt eben so gut in meinem als in Ihrem Interesse
-- jetzt folgen Sie mir in das Haus und fassen Sie sich, liebe Mndel,
vergessen Sie die verflossene Nacht und den unwrdigen Konrad, der
wahrscheinlich in Amerika sein Glck weiter versuchen wird -- wenigstens
werde ich ihm den Rath ertheilen, wenn er es wagen sollte, sich wieder
sehen zu lassen.

Am Arme des entzckten Ortsrichters betrat Marie, bis zum Tode
erschpft, ihr kleines Stbchen, wo sie in dumpfer Verzweiflung den
Vormittag verbrachte.

Valentin, der kaum die Zeit erwarten konnte, seine Habsucht zu
befriedigen, nahm sogleich mit seinem Neffen Eberhard Rcksprache, der
ihm entgegenkam, als er sein Haus betreten wollte. Der junge Wstling
setzte den Vetter von seiner Wechselschuld in Kenntni, und dieser
versprach, sobald der Ehecontract unterzeichnet sei, die Summe nach der
Stadt zu senden.

Um drei Uhr Nachmittags ward der Contract unterzeichnet, Marie lie sich
leiten wie ein willenloses Kind.




6.


Um dieselbe Zeit, als in Mariens Wohnung der Ehecontract unterzeichnet
ward, erreichte Konrad, der um das Leben seines Gutsherrn in der grten
Sorge war, den prchtigen Edelhof des Barons von H. Von diesem, als dem
Gegner des Grafen, hoffte er Gewiheit ber das Schicksal desselben zu
erhalten, da man ihm auf dem Schlosse berichtet hatte, der junge Herr
sei seit gestern Abend nicht sichtbar gewesen.

Durch einen Diener lie er sich dem Baron melden.

-- Sie knnen eintreten, war die Antwort.

Mit klopfendem Herzen ffnete Konrad die hohe Flgelthr eines
Pavillons, der von hohen Kastanien beschattet ward, und trat in einen
gerumigen, khlen Saal. Doch kaum hatte er einen Blick in denselben
geworfen, als er einen lauten Freudenschrei ausstie: der junge Graf
Rudolph sa mit dem alten Baron in einem Sopha, seine Ankunft schien ein
vertrauliches Gesprch der beiden Mnner unterbrochen zu haben.

-- Konrad! Konrad! rief der Graf und stellte den Angekommenen dem Baron
als seinen Lebensretter vor.

-- Herr Baron, sagte Konrad, ich habe nicht mehr nthig, Sie mit einer
Unterredung zu belstigen -- sie betraf den Herrn Grafen, meinen Major,
ber dessen Schicksal ich in Ungewiheit schwebte.

-- Bleibt, Kinder, und besprecht, was nthig ist -- mich rufen Geschfte
zu meinem Haushofmeister, der schon den ganzen Tag vergebens nach mir
verlangt hat -- bleibt und erleichtert Eure Herzen.

Mit diesen Worten verlie der Greis den Saal, nachdem er dem jungen
Grafen freundlich die Hand gereicht.

-- Ach, Herr Graf, rief Konrad, ich vermag meine Freude nicht in Worten
auszudrcken -- darf ich denn meinen Augen trauen? Sie -- an der Seite
Ihres Gegners? Und keiner von Ihnen verwundet--!

-- Wer wei, ob ich noch am Leben wre, antwortete lchelnd der Graf,
wenn der Baron um einige Minuten spter auf dem Kampfplatze erschienen
wre!

-- Der Baron? rief Konrad erstaunt.

-- Kein anderer! Die beiden Banditen, welche ich unglcklicherweise
nicht erkennen konnte, sind lebensgefhrliche Bsewichter. Nachdem
sie mich bestohlen hatten, wollten Sie mich auch noch ermorden. Ich
vertheidigte mich aus allen Krften, die Ruber aber warfen mich zu
Boden und htten sicher ihre Absicht erreicht, wenn der Baron, den
blanken Degen in der Hand, nicht als Retter dazwischen getreten wre.

-- Es lebe der brave Baron! rief Konrad, den die letzten Worte wie
begeistert hatten.

-- Und nun denke Dir mein Erstaunen, fuhr der Graf fort, als er mir
lchelnd die Hand reicht und in einem freundlichen Tone zu mir spricht:
Junger Brausekopf! Warum haben Sie mir Ihre Liebe verborgen gehalten?
Emma, die Sie aus voller Seele liebt, hatte mehr Zutrauen zu mir;
anstatt uns hier zu schlagen, begleiten Sie mich auf mein Schlo und
beruhigen Sie die Braut, die wegen Ihrer in Sorgen ist.

-- Gott sei Dank! Es lebe der brave Baron!

-- Ich wollte dem Verknder dieses unerwarteten Glckes zu Fen fallen,
er aber breitete seine Arme aus und schlo mich an seine Brust. Jetzt,
lieber Konrad, bin ich der glcklichste aller Menschen!

-- Das glaube ich wohl, antwortete lchelnd der junge Mann. Aber ich
-- whrend Sie in dem Schlosse Ihrer Schnen waren, brachte ich unter
Regen, Donner und Blitz auf dem Kreuzwege zu, wie wir verabredet hatten.
Ich wartete die ganze Nacht und sandte alle Gebete, die mich einst meine
alte Mutter gelehrt, zu dem zrnenden Himmel empor. Als der Morgen kam,
durchirrte ich wie ein Verzweifelnder die Ruinen und den Wald -- ich
fragte auf Ihrem Gute nach; doch nirgends fand ich eine Spur.

-- Armer, guter Konrad!

-- Endlich entschlo ich mich, Ihren Gegner um den Ausgang des Duells
zu befragen, und, Gott sei Dank, er hat sich besser gestaltet, als wir
beide hoffen konnten. Nun will ich aber eilen, um meine arme Marie zu
beruhigen, die gestern Abend schon mit mir bse that, weil ich ihr
wegen meiner Unterredung mit dem geheimnivollen Fremden im Walde keine
gengende Antwort geben konnte. Nicht wahr, Herr Graf, fgte Konrad
lchelnd hinzu, jetzt kann ich meiner Braut unter dem Siegel der
Verschwiegenheit das Geheimni anvertrauen, um mich von allem etwaigen
Verdachte zu reinigen?

-- O nein, lieber Konrad, rief frhlich der Graf, nicht Dir, sondern
mir ziemt es, Deine Schne zu beruhigen und sie der verursachten Sorgen
wegen um Verzeihung zu bitten.

-- Herr Graf, wo denken Sie hin!

-- Ich denke, da Marie, meine hbsche Milchschwester, einen Besuch
von mir wohl erwarten kann, und da ich ihr offen den Brutigam
zurckbringe, den ich ihr so geheimnivoll auf einige Zeit entfhren
mute.

-- Dann habe ich nichts dagegen, Herr Graf, denn Sie bereiten meiner
Marie eine Freude, die ihren Zorn wegen meines seltsamen Betragens
schon besnftigen wird. Wann kann ich Sie in der Wohnung meiner Braut
erwarten?

-- Erwarten? Wir betreten sie zusammen. Ich erwarte jeden Augenblick
meinen Wagen, nach dem ich einen Boten gesendet habe -- Du fhrst an
meiner Seite vor die Thr Deiner Braut.

-- Nein, Herr Graf--!

-- Ich leide keinen Widerspruch, mein Vorsatz bleibt unabnderlich!

Konrad wollte noch weiter Einwendungen machen, der Graf aber schlo ihn
in die Arme und erstickte ihm im wahren Sinne jedes Wort im Munde.

Die Mittagstafel des Barons war lngst vorber, deshalb mute Konrad
auf den Wunsch seines Gutsherrn in einem Seitenzimmer allein zu Tische
gehen. Der junge Mann hatte seit dem vergangenen Abend nichts genossen,
es lt sich wohl denken, da ihm die Einladung nicht unwillkommen war.

Gestrkt an Herz und Krper trat er in den Hof, als der erwartete Wagen
endlich ankam. Der Graf befand sich noch im Schlosse, um Abschied von
seiner Braut und dem Baron zu nehmen.

-- Konrad, rief der Kutscher, der ein Jugendfreund des jungen Mannes
war und den Feldzug als Reitknecht des Grafen mitgemacht hatte -- es ist
gut, da ich Dich hier treffe.

-- Warum?

-- Deine Schwester war auf unserm Schlosse, gerade als ich abfahren
wollte. Sie suchte Dich, weil Du gesagt httest, Du wolltest zu dem
Herrn Grafen. Ich sagte ihr, da ich im Begriff stehe, ihn abzuholen,
er sei auf dem Edelgute des Barons -- da antwortete sie: so wird mein
Bruder auch dort sein -- dann gab sie mir diesen Brief fr Dich und
meinte, er wrde Dich zur Rckkehr antreiben, wenn Du noch keine Lust
dazu haben solltest -- hier ist er!

Konrad erkannte auf den ersten Blick Marien's Handschrift. Eine dunkele
Ahnung durchbebte seine Brust, da er nur mit zitternder Hand den Brief
erbrechen konnte. Noch einmal schpfte er Athem, dann las er: Es gab
nur ein Mittel, Dich zu retten, und Gott hat mir Kraft verliehen, es
anzuwenden; es ist das grte, das letzte Opfer meiner Liebe zu Dir!
Dafr verlange auch ich ein Opfer -- fliehe, wenn Du meine Zeilen
gelesen, diese Gegend und kehre nie -- nie zurck!

Der arme junge Mann wollte seinen Sinnen nicht trauen, der Inhalt
des Briefes war ihm eben so rthselhaft als frchterlich. Mit
geisterbleichem Gesicht las er ihn noch einmal, aber es blieb derselbe
Inhalt, dieselben Zge von Mariens Hand geschrieben. Als ob ihn ein
Blitz gelhmt, stand er da und starrte auf das verhngnivolle Papier.

In dieser Verfassung traf ihn der Graf, der frhlich die Schlotreppe
herabkam und dem Wagen zueilte. -- Nun Konrad, rief er, nachdem er
eingestiegen -- setze Dich mir zur Seite!

Der Angeredete vermochte nicht zu antworten. Mechanisch folgte er der
Einladung.

-- Was hast Du da fr ein Papier in der Hand? fragte der Graf,
verwundert ber den Zustand des jungen Mannes, indem der Wagen durch das
Gitterthor des Schlosses in das Freie rollte.

Konrad berreichte den Brief ohne ein Wort zu sprechen.

-- Seltsam! sagte der Graf, nachdem er gelesen, und sah theilnehmend
seinem Lebensretter in das trbe, starre Auge. -- Bist Du auch fest
berzeugt, da Mariens Hand diese Zeilen geschrieben?

-- Ja! war die leise, bebende Antwort.

-- Sie hat sich einen Scherz erlaubt, um Dich fr Dein Ausbleiben ein
wenig zu strafen.

-- Das Geheimnivolle und der Ernst des Briefes, den meine Schwester dem
Kutscher bergeben, lassen mich kaum auf einen Scherz schlieen -- auch
erinnere ich mich jetzt des sonderbaren Wesens meiner Braut, als ich
diesen Morgen zu ihr in die Laube trat und bei der Nachricht von dem
Raubanfalle auf Ihre Person mich schnell wieder entfernte.

-- So wei man darum?

-- Rschen, die von ihrer Tante zurckkehrte, will den Kampf gesehen
haben.

-- Hier liegt ein Miverstndni zum Grunde, das wir bald aufklren
wollen. Peter, rief der Graf dem Kutscher zu, fahre Galopp, in einer
halben Stunde mssen wir im Dorfe sein. Du hltst vor Marien's Meierei
an, nicht im Schlosse!

Peter befolgte augenblicklich den Befehl, er hieb mit seiner Peitsche
auf die feurigen Rosse, da sie einen Lauf begannen, als ob sie bei
einem Wettrennen den Preis erringen wollten. Die beiden jungen Leute
sprachen kein Wort mehr, ein jeder berlie sich seinen Gedanken.

Kaum war eine halbe Stunde verflossen, die dem armen Konrad wie eine
Ewigkeit vorkam, als der Wagen die ersten Huser des Dorfes erreichte,
das von dem Edelhofe des Barons eine Meile entfernt lag. Noch einige
Minuten, und die dampfenden Rosse standen vor Mariens Hause still. Der
Graf richtete noch einige ermuthigende Worte an Konrad, dann traten sie
in das reinliche Stbchen.

-- Himmel! rief Marie, die weinend und bleich in ihrem Stuhle sa und
die Ankunft des Wagens nicht gehrt zu haben schien -- Unglcklicher,
was willst Du hier? Hast Du meinen Brief nicht erhalten?

-- Herr Graf, stammelte Konrad, Sie sehen, da es traurige Wahrheit
ist--!

-- Marie, sagte ernsthaft der Graf, was soll das bedeuten?

-- Meide diese Gegend! rief das Mdchen mit fliegender Brust -- fort,
fort, ehe das Verderben hereinbricht!

-- Mdchen, redest Du im Wahnsinn? Gieb uns Aufklrung ber Dein
seltsames Benehmen.

Jetzt erst erkannte Marie den Grafen. Sie sah ihn einen Augenblick mit
starren, ausdruckslosen Mienen an, dann sank sie laut weinend in den
Stuhl und verhllte das Gesicht mit ihrer Schrze.

Als ob Konrad wirklich ein Verbrechen begangen, stand er in der Mitte
des Zimmers und hielt seine bebende Hand vor die Augen, aus denen ein
Thrnenstrom ber die braunen Wangen herabrieselte. Der Graf war zu
Marien getreten und suchte sie zum Reden zu bewegen.

-- Konrad, sagte sie endlich und deutete nach der Thr -- fliehe,
fliehe, ehe der Richter zurckkehrt!

-- Mein Gott, fragte der Graf, weshalb hat Konrad den Richter zu
frchten?

-- Weshalb? soll ich das Furchtbare wiederholen?

Pltzlich erhob der junge Mann sein Haupt, der Stolz gab ihm Fassung und
verscheuchte auf einen Augenblick den Schmerz der Liebe.

-- Marie, sagte er fest, Du willst, da ich Dein Haus verlasse, damit
mich der Richter hier nicht finde -- meine Ehre als Soldat erfordert es,
da ich nicht einen Schritt weiche, bevor ich Aufklrung erlangt habe,
da ich mich rechtfertigen kann. Was hast Du gegen mich?

-- Konrad, Du willst mich noch tuschen?! rief Marie erschttert, welche
des jungen Mannes Stolz fr Verstocktheit hielt.

-- Marie, ich verlange bei Deiner und meiner Ehre, da Du in Gegenwart
des Herrn Grafen, meines Majors und Gutsherrn, offen und frei erklrst,
was Du mir zur Last legst!

-- Wo warst Du diese Nacht? fragte sie mit abgewandten Blicken und indem
sie mit ngstlich klopfendem Herzen auf die Antwort lauschte.

-- Ich war bei dem Freunde des Herrn Grafen, dem Oberfrster von G.

-- Und zwar in einer Angelegenheit fr mich, fuhr der Graf fort, die ich
nur meinem Freunde und Lebensretter anvertrauen konnte.

Marie erhob ihr Haupt und sah die beiden Mnner an, als ob die Worte des
Grafen sie ihres Verstandes beraubt htten -- das trbe Auge schien
aus seinen Hhlen hervortreten zu wollen und die Brust der Lebenskraft
beraubt zu sein.

-- Schwester, sagte freundlich der Graf, verbanne Schmerz und
Eifersucht, denn Konrad liebt Dich mit der ganzen Kraft seines guten
Herzens. Wenn er fehlte, so trage ich die Schuld, denn ich war jener
Mann, der ihn gestern Abend suchte, um einen Dienst von ihm zu fordern,
der ihn die ganze Nacht aus dem Dorfe entfernte. Ich nahm ihm das
Versprechen ab, ein tiefes Schweigen, auch gegen Dich, zu beobachten,
und Konrad, mein treuer Soldat, hat Wort gehalten -- ich verbrge mit
meinem grflichen Ehrenworte, da Dein Brutigam bis zum Morgen in
meinem Dienste gewesen ist!

Mit einem durchdringenden Schrei der Verzweiflung sank die arme Marie
ohnmchtig zu Boden. Konrad strzte herbei und umschlo die bleiche
Braut mit beiden Armen, als ob er ihr neue Lebenskraft einhauchen
wollte.

-- Mein Gott, rief der Graf, was ist hier geschehen? Hat die Eifersucht
dem armen Mdchen den Verstand geraubt?

In diesem Augenblicke ffnete sich die Thr und der Ortsrichter
Valentin, von seinem Neffen Eberhard gefolgt, trat ein. Eine tiefe
Stille des Staunens und Schreckens herrschte einen Augenblick in dem
Gemache. Marie lag immer noch leblos in Konrad's Armen.

-- Was seh' ich? rief endlich Valentin -- dieser Mensch ist immer noch
hier? Und Sie, Herr Graf, fgte er mit einer Verbeugung hinzu, sollten
Sie noch nicht wissen----

-- Unverschmter, rief Eberhard, Du wagst es noch, dieses Haus zu
betreten? Entferne Dich, ehe die Gerechtigkeit die Hand nach Dir
ausstreckt!

Jetzt war Konrad seiner Sinne kaum noch mchtig.

-- Ha, Elender, rief er mit zornblitzenden Augen, also Du hast den Fu
whrend meiner kurzen Abwesenheit in dieses Haus gesetzt? Jetzt erklre
ich mir alles--!

-- Hinweg, befahl Eberhard, Marie ist meine Frau!

-- Deine Frau?

-- Der Ehecontract ist unterzeichnet und gerichtlich vollzogen --
hinweg, ich bin hier Herr im Hause.

Leise lie Konrad, als ob ihn die Kraft verliee, die ohnmchtige Marie
neben dem Stuhle nieder, er selbst mute sich an dem Tische halten, um
nicht zu Boden zu sinken.

-- Herr Graf, wisperte der Ortsrichter und zog ein Papier aus der Tasche
-- hier ist der gerichtlich besttigte Ehecontract -- Sie wissen, die
Civilehe----

Der Graf schob das Papier abwehrend mit der Hand zurck, dann trat er
zu Marien, die in diesem Augenblicke sich wieder zu regen begann. Es war
ihr deutlich anzusehen, da die feste Kraft des Geistes die Schwche des
Krpers zu besiegen strebte.

-- Marie, sagte er ernst, wie mir scheint, bist Du das Opfer eines
nichtswrdigen Verrathes geworden -- bei dem Gotte, der die Schurken
bestraft, fordere ich Dich auf, mir Licht zu geben in dieser
frchterlichen Verwirrung.

Mariens Blicke suchten den armen Konrad, der wie die Bildsule des
Schmerzes und der Verzweiflung an dem Tische stand. Als sie ihn
gefunden, erhob sich das junge Mdchen mit der grten Anstrengung und
trat mit schwankenden Schritten zu ihm.

-- Konrad, flsterte sie, was ich that, geschah aus Liebe zu Dir --
Du weit ja, wie ich Dich liebe! Und nimmer, nimmer werde ich Dich
vergessen -- doch meide diesen Ort -- Du hast mich glcklich in der
Liebe zu Dir gesehen -- mein Elend und meine Verzweiflung sollst Du
nicht sehen -- denn ich bin die Frau des Frsters Eberhard.

-- Konrad, rief entschlossen der Graf -- die Braut hast Du verloren,
doch einen Freund gewonnen, der mit allem, was ihm zu Gebote steht, fr
Dein Glck sorgen wird. Und liebst Du diesen Freund, so folge ihm jetzt,
an seinem Arme sollst Du den Ort Deines Unglcks verlassen und sein
Schlo betreten, das Du so lange als Deine Heimath betrachten kannst,
bis es mir gelungen ist, einen nichtswrdigen Verrath zu entlarven!
Folge mir!

Bei den letzten Worten trat er zu Konrad und drckte den Willen- und
Gedankenlosen mit groer Bewegung an seine Brust. Dann ergriff er seinen
Arm und wollte ihn aus dem Zimmer fhren.

-- Konrad! Konrad! schrie verzweiflungsvoll Marie, indem sie ihre Hnde
nach ihm ausstreckte.

Der junge Mann warf noch einen Blick zurck, dann lie er sich
schweigend von dem Grafen fortziehen.

Nach zwei Minuten hrten die in dem Zimmer bestrzt Zurckgebliebenen
das Gerassel des Wagens, der die beiden Freunde nach dem Schlosse
brachte.

-- Herr Valentin, sagte Marie mit fester Stimme und alle ihre Kraft
zusammennehmend -- nach dem Gesetze bin ich die Frau Ihres Neffen.

-- Kein Mensch kann etwas dagegen haben, antwortete der Richter -- Sie
haben meinem Eberhard das Wort gegeben und das Gesetz hat es besttigt.

-- Das Gesetz, fuhr Marie fort; nicht aber die Kirche!

-- Das thut nichts; ist dem Gesetze Genge geschehen, so ist es nach
unsern aufgeklrten Begriffen genug.

-- Aber nicht nach den meinigen. Hren Sie deshalb meinen Willen!

-- Was wollen Sie denn, liebe Mndel? fragte mit Ironie der Richter.

-- Ich will, sagte Marie mit Wrde, da man mich so lange als
unverheirathet betrachtet, bis der Priester dem contractlich
abgeschlossenen Ehebunde die kirchliche Weihe ertheilt. So lange bleibe
ich allein im vollen Besitze aller meiner Rechte und meines Vermgens.

-- Und wann wird der Priester sein Geschft vollziehen? fragte Eberhard.

-- Dann, wenn ich mich dazu vorbereitet haben werde -- vielleicht
nchsten Sonntag.

-- Marie, sagte der Jger mit Galanterie, zwar ist dieser Aufschub ein
Unglck fr mein Herz, ich fge mich aber und harre!

-- Sie begreifen wohl, da mir bis dahin die Einsamkeit wnschenswerth
ist----

-- Das heit mit andern Worten -- fiel rasch und rgerlich der Richter
ein -- wir sollen uns entfernen?

-- Vetter! sagte mahnend der Neffe, dem bei der Unterredung nicht ganz
wohl zu Muthe war.

-- Gut, schne Mndel, eigensinnige Marie, wir gehen. Heute ist es
Montag -- es bleiben uns also noch fnf Tage Zeit, um Vorbereitungen zu
einer glnzenden Hochzeit zu treffen.

-- Treffen Sie keine Vorbereitungen, Herr Valentin!

-- Und warum nicht?

-- Weil eine stille Feier den Umstnden angemessen ist.

-- Aber das Haus meines Neffen, das so reizend am Saume des Waldes
liegt, werden Sie doch beziehen.

-- Ich werde thun, was als Gattin meine Pflicht ist!

Marie grte und ging in ihr Schlafzimmer, dessen Thr sich in dem
Stbchen ffnete.

Vetter und Neffe verlieen das Haus und theilten sich unterwegs ihre
Besorgnisse wegen Mariens Absichten mit.

-- Der Contract ist nach allen Formen richtig abgeschlossen -- meinte
der Richter -- will Deine Frau die eingegangenen Verpflichtungen nicht
erfllen, wird sie das Gesetz schon dazu anhalten.

Der Abend fand Eberhard und Graff in dem Wirthshause wieder beisammen,
wo sie auf das vllige Gelingen ihres Planes eine Flasche um die andere
leerten und die Civilehe hoch leben lieen.




7.


Whrend Marie einsam in ihrem Stbchen weinte und sich von aller
Welt absonderte, bewohnte Konrad ein Zimmer auf dem Schlosse seines
Gutsherrn. Rschen, der die Besorgung der kleinen Wirthschaft ihres
Bruders allein oblag, besuchte ihn jeden Tag und berichtete, was man im
Dorfe ber den Vorfall sprach.

-- O mein Gott, rief er aus, htte mich Marie auf die schndlichste
Art von der Welt betrogen, ich wrde mich zu trsten wissen und sie mit
Verachtung bestrafen, wie sie es in diesem Falle verdiente -- so aber
ist sie selbst ein Opfer ihrer Liebe zu mir geworden und ich habe ein
treues Mdchen verloren!

Der Graf, dem das Geschick des armen Konrad tief zu Herzen ging,
hatte vergebens sich bemht, ihn zu einem Antrage auf gerichtliche
Untersuchung und Aufhebung des erzwungenen Ehecontracts zu bewegen; er
hatte sich aber stets entschieden dagegen ausgesprochen, da er Marien
nicht in eine Untersuchung verwickeln wollte. Im Grunde des Herzens
hoffte er inde, Marie selbst wrde Schritte thun, ihre Freiheit wieder
zu erlangen, und in dieser Voraussetzung, die mit jedem Tage mehr zur
Gewiheit wurde, lebte er wie ein Einsiedler unthtig im Schlosse;
als er aber von Rschen hrte, da am Sonntage die kirchliche Trauung
stattfinden sollte, schwand sein letzter Hoffnungsstrahl, er kndigte
dem Grafen an, da er nach Amerika auswandern wrde. Obgleich der
Umstand, da Konrads Hut in den Ruinen gefunden sei, den Grafen ein
vorbereitetes Bubenstck ahnen lie, so stand er dennoch von einer
gerichtlichen Untersuchung ab und fgte sich Konrads dringendem Wunsche,
zumal da jede Vermuthung des Thters ihm fehlte. Heimlich aber hatte
er dennoch bei dem Landrathe Anzeige von dem Angriffe auf seine Person
gemacht und auf genaue Vigilirung in der Gegend angetragen.

Denselben Sonntag, den Valentin zur Trauung seines Neffen mit Marien
erwartete, hatte auch der Baron zur Verbindung seiner Mndel Emma mit
dem jungen Grafen festgesetzt und es wurden die Vorbereitungen dazu auf
das Eifrigste betrieben. Dies gab dem grflichen Brutigam Veranlassung,
fter den Edelhof des Barons zu besuchen und seinen Freund Konrad sich
selbst zu berlassen, der am folgenden Tage die Gegend und das Land
meiden wollte. Er frchtete des Grafen Zureden, deshalb fate er den
festen Entschlu, heimlich seine Reise anzutreten.

Der Donnerstag hatte sein Ziel erreicht und die Nacht lag auf der Erde,
als Konrad das Schlo verlie und langsam dem Dorfe zuging. Er wollte
von seiner Schwester Abschied nehmen. Unbekmmert um den Weg, den er
eingeschlagen, stand er pltzlich still und fate seine Umgebung in's
Auge -- er befand sich an Mariens Gartenthr, neben welcher die Laube
lag, wo er im Frhling Abschied von ihr genommen, als er in den Krieg
zog. Unwillkhrlich trat er an den Zaun und sah sinnend durch die
Bltter, die ein leichter Abendwind von Zeit zu Zeit leise rauschen
lie.

Pltzlich glaubte er Schritte zu vernehmen -- er verdoppelte seine
Aufmerksamkeit -- er hatte sich nicht getuscht -- die Schritte kamen
nher und knisterten zuletzt leise im Sande der Laube.

-- O mein Gott, dachte Konrad, wenn es Marie wre!

Er hatte Mhe, bei diesem Gedanken den Ausbruch seiner Bewegung zu
verhindern. Mit angehaltenem Athem blieb er stehen und sah starr nach
der dunkeln Laube, von der ihn nur die Bltter des Zaunes trennten.
Noch war er unschlssig, ob er bleiben oder gehen sollte, als ein lautes
Weinen an sein Ohr schlug. Ein Laut gengte, um ihn Mariens Stimme
erkennen zu lassen. Auch dem jungen Manne traten die Thrnen in die
Augen und die kaum erlangte Fassung verscheuchte der heftigste Schmerz
um das geliebte Mdchen.

-- Die Kraft verlt mich -- hrte er Marien mit sich selbst reden --
ich kann des Frsters Frau nicht werden -- und Konrad flieht mich --
er unternimmt nichts fr sein Mdchen, giebt es dem Schmerze und der
Verzweiflung preis -- o mein Gott, mein Gott!

-- Marie! Marie! rief Konrad unwillkhrlich und sank zitternd auf die
Knie in das bethaute Gras nieder.

-- Himmel! rief die Stimme in der Laube -- wer ruft mich?

-- Marie, nur ein Wort, ehe ich von Dir scheide!

-- Konrad, Du kommst zu mir, zu dem Mdchen, das Du hassen solltest,
denn es hielt Dich fhig, ein Verbrechen zu begehen--?

Als ob ihn eine unsichtbare Gewalt dazu antriebe, raffte sich der junge
Mann empor, ri die Gartenthr auf und strzte in die Laube, in der
Marie weinend am Boden lag.

-- Konrad, rief sie ihm entgegen, ich bin ein elendes, unglckliches
Geschpf! Kannst Du mir verzeihen? Wirst Du mich nicht hassen?

-- Nein, Marie, ich beklage Dich und liebe Dich immer noch mit der
ganzen Kraft meines Herzens.

Sanft zog er das bebende Mdchen empor und drckte einen innigen, langen
Ku auf ihre glhende Stirn.

-- Marie, Dein Schicksal betrbt mich mehr, als das meinige, denn Du
mut den Jugendfreund vergessen, und die Liebe, welche das Glck Deines
Lebens machen sollte, wird Dir zur bittersten Qual.

-- Konrad! Konrad!

-- Sieh, fuhr Konrad fort, indem er seinen Arm um ihren Hals schlang --
ich bin glcklicher, als Du, denn mein Herz ist frei, es kann Dir treu
bleiben und Dich lieben -- mich fesselt kein anderes Band, ich kann
meinen letzten Seufzer zu Dir senden, ich kann sterben mit Deinem Namen
auf den Lippen -- darum weine nicht ber mich -- ich bin ja weniger zu
beklagen, als Du!

Mit bebenden Armen klammerte sich Marie an Konrad und hielt ihn
krampfhaft einige Minuten umschlungen.

-- Jetzt fasse Dich, sagte Konrad, ich scheide, um Dir die Erfllung
Deiner Pflicht nicht zu erschweren.

-- O mein Gott, la mich sterben, denn das Leben macht mich elend!

-- Komm, Marie, in Dein Haus, ehe uns ein Spherauge belauscht -- ich
begleite Dich bis zur Schwelle, dann lebe wohl!

Langsam gingen beide durch den vom Sternenlichte erhellten Garten. Als
sie an der Thr des Hauses waren, drckte Konrad schweigend den letzten
Ku auf Mariens Lippen, entwand sich ihren Armen und eilte in die Nacht
hinaus. Ohne eine bestimmte Absicht zu haben, folgte er dem Fuwege, den
er betreten, sein Kopf glhte in Fieberhitze, und je mehr er sich von
Mariens Wohnung entfernte, je mehr steigerte sich sein Schmerz zum
Lebensberdru.

Wohl eine Viertelstunde war er durch Gebsche und Felder geirrt, als ihm
pltzlich eine weite Flche entgegenblinkte. Es war der Teich, dessen
Wasser Philipp's Mhle trieb. Mit einem unheimlichen Lcheln blieb er
stehen und sah auf den ruhigen Spiegel des schilfbedeckten Weihers. Der
Abend war still, nichts regte sich in der schweigenden Natur, das ferne
monotone Geklapper der Mhle, deren erleuchtetes Fenster wie ein Stern
flimmerte, war das einzige Gerusch, das an das Ohr des unglcklichen
Konrad schlug.

-- Nein, flsterte er endlich vor sich hin -- ich will die Last des
Lebens wenigstens hier nicht von mir werfen, da Marie sich meinen Tod
nicht zum Vorwurf machen kann, sie ist ja schon unglcklich genug. Fort,
rief er aus, indem er abwehrend die Hnde gegen den Weiher streckte --
fort, da mich der Dmon nicht erfat -- berall wthet der Krieg,
er nehme mich als sein Opfer, dann sterbe ich einen Tod, den die
ffentliche Meinung nicht zum Verbrechen stempelt!

Rasch wandte er dem Ufer den Rcken und eilte einem Gehlze zu, dessen
Umrisse sich von dem gelben Stoppelfelde in phantastischen Gestalten
absonderten. Das Feld war durchschritten und Konrad stand an einer
lebendigen Hecke, die ein freundliches Jgerhaus umschlo. Aus einem
Fenster des Erdgeschosses, das bis zur Hlfte von den Blttern und
Ranken des Zaunes bedeckt ward, schimmerte ihm ein Licht entgegen.

-- Himmel, flsterte Konrad berrascht -- ist das nicht das Haus des
Frsters Eberhard, des Mannes der unglcklichen Marie? Fhrt mich der
Zufall hierher, oder hat mich die Hand des Schicksals geleitet? Ha,
Bube, rief er aus und drohete mit der geballten Faust dem Fenster zu --
Du bist der Teufel, der zwei Menschen unglcklich macht, Du trgst die
Schuld, da Marie weint und ich von Verzweiflung getrieben die Welt
durchirren mu! Herr Gott im Himmel, hast Du mich hierhergefhrt, da
ich Mariens Bande brechen soll, o so gieb mir ein Zeichen und mache mich
zum Werkzeuge Deiner Vorsehung!

Ein lautes Klopfen an des Hauses Thr, die sich auf der
entgegengesetzten Seite befand, gab dem jungen Manne Antwort auf diese
Frage, die ihm die Verzweiflung erpret. Lauschend blieb er stehen.

-- Wer klopft? fragte Eberhard's Stimme in dem Hause.

-- Ich -- Graff! war die Antwort an der Thr.

-- Wer es auch sei, ich ffne um diese Stunde nicht!

-- Eberhard, ffne die Thr!

-- Komm morgen wieder!

-- Oeffne, ich mu Dich sprechen in Deinem Interesse!

Das Gesprch schwieg. Statt seiner hrte Konrad das Oeffnen der Thren
und Schritte im Innern des Hauses. Von einer Ahnung getrieben, als ob er
ein wichtiges fr sein Leben entscheidendes Geheimni entdecken wrde,
bog er leise die Zweige und Bltter zurck und steckte den Kopf durch
eine Oeffnung des Zaunes, da er durch das Fenster das beleuchtete
Zimmer vllig bersehen konnte. Kaum hatte er diese Stellung
eingenommen, als er Eberhard und Graff durch die Thr eintreten sah.
Eberhard trug einen schlichten Hausrock, Graff war mit Gewehr und
Hirschfnger bewaffnet.

Konrad hrte deutlich folgendes Gesprch, das sich zwischen den beiden
Jgern entspann.

-- Nun, sagte Graff eintretend, Du bist wohl in Deinem Glcke so
bermthig geworden, da Du den Freund und Genossen im Hofe warten lt,
als ob er Dein Treibjunge wre? Ich dchte, wenn ich komme, mten alle
Thren offen stehen!

-- Was willst Du? Was fhrt Dich zu mir? fragte verdrielich der
Revierfrster.

-- Unsere Sicherheit, und mehr noch ein gutes Geschft.

-- Ein gutes Geschft -- was soll das heien?

-- Du weit doch, da der junge Graf Rudolph die Grfin Emma von Linden
heirathet und da die Braut dem Brutigam ein betrchtliches Vermgen
zubringt?

-- Nun? fragte Eberhard.

-- Nun, Herr Compagnon, habe ich diesen Nachmittag in Erfahrung
gebracht, da der Graf diese Nacht das Schlo des Barons von H. verlt
und zwanzigtausend Thaler in Golde mit sich fhrt -- dieses Smmchen
soll der Braut den Weg in das Haus des Gemahls bahnen -- er will vor der
Hochzeit noch einige Wechsel damit einfangen, damit man ihn nicht fngt.

-- Was kmmert das mich? sagte Eberhard gleichgltig.

-- Gegen Mitternacht wird er in seinem Jagdwagen allein nach Hause
zurckkehren -- sein Weg fhrt ihn an den Steinbrchen vorbei--

-- Himmel, rief der Frster, solltest Du vielleicht noch einmal auf den
Gedanken kommen----

-- Ah, verstehst Du mich endlich? rief Graff mit heiserm Lachen --
Nicht wahr, es wre doch jammerschade, wenn die schne Summe mit in den
Steinbrchen begraben wrde. Das Geschft ist von doppeltem Nutzen:
wir entledigen uns eines gefhrlichen Menschen, der unsere Pffe in den
Ruinen der Abtei nicht vergessen kann, und werden auf einmal reich -- Du
freilich sitzest schon in der Wolle, denn Du heirathest ein niedliches
Mdchen und eine eben so niedliche Meierei -- aber ich mit meiner Fratze
kann an Heirathen nicht denken, ich mu auf ein anderes Mittel sinnen,
mir ein Vermgen zu erwerben -- und siehe da, meinem Scharfsinn ist
es gelungen -- Du bist mein Freund, Eberhard, Du sollst von diesem
Geschfte den dritten Theil erhalten, mehr gebrauchst Du nicht, um fr
einen wohlhabenden Mann zu gelten -- ich lade Dich hiermit feierlichst
dazu ein.

Dem Lauscher am Fenster erstarrte das Blut in den Adern, ihm war, als
ob ein Traum seine Sinne umnebelte. Mit aller Kraft, die ihm zu Gebote
stand, behauptete er seine Stellung, um den Ausgang des Gesprchs zu
erfahren, denn so viel war ihm trotz seines Zustandes klar, da eine
bloe Anzeige ohne Beweise nicht nur ohne Nutzen, sondern selbst von
Nachtheil fr ihn sein knnte. Der Gedanke, Marie ist durch die Civilehe
an einen Raubmrder gekettet, gab ihm Kraft zur Ausdauer.

-- Ich folge Dir nicht, hrte er Eberhard sprechen. Du hast mich einmal
zu einem Verbrechen verleitet, aber nie wird es wieder geschehen!

-- Beim Himmel, rief Graff, die Civilehe scheint Dein Gewissen sehr zart
gemacht zu haben!

-- Nicht die Ehe, sondern das geraubte Geld -- dort liegt es im Schranke
-- ich mag es nicht berhren! Knnte ich mit der Zurckgabe desselben
meine Ruhe wieder erkaufen, ich wrde mich ohne Bedauern davon trennen.
O, da ich Deinen Worten Gehr gegeben habe! Fliehe, Du bist der Teufel,
der mein Leben vergiftet!

-- Sieh, mein Brschchen, wie klug Du redest! Das Geld verachtest Du
jetzt, weil Du ein reiches Mdchen geheirathet hast -- wie aber, mein
wackerer Freund, wenn ich nicht auf den Gedanken gekommen wre, durch
die Zurcklassung des Hutes in den Ruinen den Brutigam Marien's
zu verdchtigen, da sie ihm den Abschied geben und aus Angst Dich
heirathen mute -- wie aber, frage ich, stnde es jetzt mit Dir? Glaubst
Du denn, da Marie den Konrad htte fahren lassen, nur um Dir den Vorzug
zu geben? Htte mein Scharfsinn das Netz nicht gewebt, Du httest sicher
den Vogel nicht gefangen, der Dich stolz und Dein Gewissen zart macht
-- Du sest jetzt im Schuldgefngnisse und shest durch die Eisenstbe
Deines Fensters, wie andere Leute sich des Lebens freuen.

-- La' mich Graff, ich will knftig als rechtlicher Mann leben!

-- Ha, ha, ha! lachte der Jger -- glaubst Du denn, da man nach
Belieben aufhren kann, wenn man einmal angefangen hat -- das wre sehr
bequem -- Nein, mein Junge, ich brauche Dich, und Du mut mitgehen,
oder----

-- Oder? wiederholte Eberhard.

-- Oder ich beweise Dir, sagte der Jger in einem drohenden Tone -- da
Du mir Gehorsam schuldig bist!

-- Mensch, rief der Frster, la mich in Ruhe!

-- Wenn Du Deine Pflicht gegen mich erfllt hast!

-- So nimm das Geld aus dem Schranke und geh'!

-- Wie, den Freund willst Du mit Geld abkaufen?

-- Du bist nicht mein Freund, ich schme mich Deiner!

-- Nicht Dein Freund? Oho, wer bin ich denn? fragte Graff mit
wutherstickter Stimme.

-- Mein Teufel bist Du!

-- Aber doch Dein guter Teufel?

-- Geh' aus meinem Hause! rief Eberhard, den die Ironie des Jgers fast
zur Verzweiflung brachte.

-- Hre noch ein Wort, Freund Eberhard, ehe Du mich aus Deinem Hause
jagst: Bist Du mit dem Schlage elf Uhr nicht in dem Wirthshause des
alten Kaspar, um mich zu begleiten, so gehe ich morgen frh zu Marien
und entdecke ihr das se, unschuldige Geheimni ihres Mannes -- hast Du
gehrt?

-- Allmchtiger Gott, das wolltest Du thun? Graff, nimm jenes Geld aus
dem Schranke, es fehlt kein Thaler daran -- nimm es, aber la' mich in
Ruhe! Geh, geh, Du frchterlicher Mensch!

-- Ohne Dich keinen Schritt!

-- Bedenke, da wir ein neues Verbrechen auf unsere Seele laden!

-- Eins oder zwei -- das ist ganz gleich! Feigling, lachte der Jger, Du
frchtest Dich, ein kluger Mann zu sein?

-- Du lachst noch? fragte Eberhard mit Schaudern.

-- Ja, ich lache Freund, um Dir meine Achtung zu beweisen! Noch einmal
whle: willst Du zu dem =Rendez-vous= kommen, oder soll ich gehen -- Du
weit wohin?

-- Mensch, ist das Dein Ernst?

-- Bei meiner Jgerehre, die ich nie verletzte!

-- Noch einmal, Graff--!

-- Nicht ein Wort -- ja, oder nein?

Eine Pause trat ein. Die beiden Jger in dem Zimmer standen sich
einander gegenber, Konrad am Fenster wagte nicht zu athmen, obgleich
ihm ein unnennbares Gefhl die Brust zersprengen wollte.

-- Gut, ich komme! sagte endlich Eberhard. Aber nur unter einer
Bedingung.

-- Nenne sie!

-- Da kein Blut vergossen wird.

-- Narr, ein halbes Geschft ist keins. Wenn uns der Graf nun erkennt?
Sieh', ich bin auf Deinen Vortheil bedacht: ich mache mich aus dem
Staube, so bald ich das Geld habe, das kannst Du nicht, Du mut bei
Deiner Frau bleiben -- mir ist es ganz gleich, ob der Graf mit heiler
Haut davon kommt oder nicht -- Dir, dem Zurckbleibenden, mu alles
daran liegen, die Zeugen bei Seite zu schaffen -- also sei gescheit und
folge mir!

-- O furchtbar, furchtbar! Ich soll einen Mord auf mein Gewissen laden!

-- Nein, das sollst Du nicht, das Auerwesentliche ist meine Sache -- Du
nimmst nur das Geld! Also Schlag elf Uhr an dem Wirthshause -- auf der
Bank, wo wir den verhngnivollen Hut mit dem rothen Bande eroberten.
Auf Wiedersehen, Kamerad!

Jetzt zog sich Konrad behutsam aus der Hecke zurck, sandte einen Blick
des Dankes zum Himmel empor und lief mit einer solchen Schnelle den Weg
ber das Stoppelfeld zurck, da er nach kaum zehn Minuten keuchend an
Philipp's Mhle stand. Er traf den jungen Mller auf der Bank unter
der Linde, wo er einem kleinen Kreise Zuhrer die Scene schilderte, wie
Konrad das Leben des Gutsherrn gerettet hatte.

-- Willkommen, Konrad! riefen alle, als sie ihn erkannten, und umringten
ihn freudig, denn sie wuten um sein hartes, unverdientes Schicksal und
beklagten ihn von Herzen.

-- Philipp, flsterte der Angekommene, ich mu Dich allein sprechen!

-- Mein Gott, Konrad, Du bist auer Athem -- was ist geschehen?

-- Noch nichts; doch komm auf einen Augenblick in Dein Haus.

Die beiden jungen Leute verschwanden in der Mhle. Die Zurckgebliebenen
unter der Linde uerten laut ihre Befrchtungen, sie schlossen
aus Konrads hastiger Ankunft, Mariens Verlust habe ihm den Verstand
zerstrt.

Die Uhr im Dorfe schlug zehn und der kleine Kreis der Nachbarn wollte
sich eben trennen, als Konrad und Philipp eilig aus der Mhle traten.
Letzterer trug die Uniform seines Regiments, einen alten Sbel an der
Seite und ein Jagdgewehr auf der Schulter.

-- Wohin? riefen die Leute erstaunt.

-- Zum Appell! war die Antwort der eilenden Mnner, die im nchsten
Augenblicke schon in dem Dunkel verschwunden waren. Auf einem Platze
im Dorfe trennten sie sich wieder, Konrad, um seine Uniform und Waffen
anzulegen, Philipp, um den dritten Kameraden zu holen.

Rschen empfing den Bruder mit einem lauten Freudengeschrei. Dieser
grte kaum und strzte in seine Kammer. Die Schwester folgte ihm.

-- Konrad, rief Rschen, deren Freude sich in Schreck verwandelt hatte
-- Du willst doch nicht wieder in den Krieg ziehen, da Du die Uniform
hervorsuchst?

-- In den Krieg, war die rasche, freudige Antwort -- in den Krieg, um
mir meine Marie wieder zu erobern!

Rschen brach in ein lautes Schluchzen aus, denn sie glaubte, der Bruder
sei wahnsinnig geworden.

-- Bruder, ich lasse Dich nicht von der Stelle!

-- Warum nicht? fragte Konrad lchelnd, indem er den Soldatenrock anzog.

-- Wie Du glhst -- Du bist krank!

-- Du irrst, Schwester, ich war in meinem Leben nicht so gesund, als
eben jetzt.

-- Aber wo willst Du hin?

-- In den Krieg!

-- Konrad, Konrad, was soll ich glauben? Diese Antwort, -- Deine
funkelnden Blicke--!

Der junge Mann prfte inde den Inhalt einer Jagdtasche. Als er den
nthigen Schiebedarf darin vorgefunden, warf er sie ber die Schulter,
ergriff ein Gewehr, das an der Wand hing, und trat dann ruhig und
freundlich zu seiner Schwester.

-- Rschen, sagte er sanft, Du weinst und zweifelst vielleicht an meinem
Verstande, weil ich von Dingen rede, die Dir sonderbar erscheinen;
aber sei auer Sorge, der Gang, den ich jetzt zu machen gedenke, rettet
unserm jungen Grafen das Leben, mir die schwer gekrnkte Ehre und Marien
die Freiheit. Begreifst Du nun meine pltzliche Umwandelung, liebe
Schwester?

-- Aber so erklre mir doch--!

-- Soll ich meinen Zweck nicht verfehlen, so la mich ziehen -- bald
kehre ich zurck und Du wirst alles erfahren.

-- Willst Du allein fort? fragte Rschen besorgt.

-- Komm zurck in das Zimmer und Du wirst sehen, wer mich begleitet.

In demselben Augenblicke, als die Geschwister aus der Kammer eintraten,
ffnete sich die Thr, die auf die Hausflur fhrte, und Philipp und
ein anderer junger Mann in Uniform und bewaffnet erschienen auf der
Schwelle.

-- Willkommen, Christian! rief Konrad, beiden die Hand reichend. Siehst
Du, wandte er sich zu Rschen, da stehen meine Begleiter -- hast Du nun
noch Angst? Jetzt bleibe wach, bis wir zurckkehren und sorge fr ein
gutes Frhstck, denn vor Mitternacht wird unser Geschft nicht beendet
sein. Doch la kein Wort von unserm Ausmarsche laut werden, sonst ist
alles verloren.

-- Und Marie wird frei? fragte Rschen noch einmal.

-- Frei, antwortete Konrad, um meine Frau zu werden. Adieu, Rschen!

Vorsichtig verlieen die drei Soldaten das Haus und das Dorf. Rschen
ging zur Kche, schrte Feuer an und begann das ihr aufgetragene Mahl zu
bereiten.




8.


Der Jger Graff hatte wahr gesprochen: Graf Rudolph bestieg in der That
im Edelhofe des Barons gegen Mitternacht seinen Wagen, um nach seinem
Schlosse zurckzukehren. Nur fhrte er nicht die Summe Gold mit
sich, nach der Graff sich sehnte, die Kunde davon war nichts als ein
Domestiken-Geschwtz, das dem wilden Waidmann durch einen Jger des
Barons in der Waldschenke zu Ohren gebracht worden. Der junge Graf,
obgleich beglckt durch die Liebe eines schnen, reichen Mdchens,
befand sich nicht in der heitersten Laune, Konrad's Unglck, zu dem er
willenlos den Grund gelegt, ging ihm tief zu Herzen und erfllte ihn um
so mehr mit Mimuth und innigem Bedauern, als er nicht im Stande war,
durch irgend ein Mittel das Geschehene auszugleichen. Er hatte seiner
Braut die Unglcksgeschichte mitgetheilt und diese hatte ihm unter
Thrnen den Vorschlag gemacht, dem armen Konrad ein kleines Gut als
Eigenthum zu berweisen, das sie in der Gegend von B. besa und durch
einen Verwalter bewirthschaften lie. Rudolph war freudig auf diesen
Vorschlag eingegangen, da er aber dem braven Manne mit der Verleihung
der Glcksgter nicht auch das Glck und die Ruhe des Herzens
zurckgeben konnte, deren Verlust er noch vor Kurzem so schmerzlich
empfunden, trbte die Freude, die ihm die Umgestaltung seines Geschickes
bereitete.

Die Wchter der nahen Drfer riefen die Mitternachtsstunde und ihre
Hrner erklangen hell durch die stille Nacht, als der Graf die weien
Mndungen der Steinbrche erblickte, an denen eine kurze Strecke seines
Weges vorbeifhrte. Das Passiren dieses Weges war vllig gefahrlos, da
die Abgrnde sich in einer Entfernung von mehr als hundert Schritten
ffneten und selbst in der grten Dunkelheit sich durch einen weien
Schimmer des Gesteins zu erkennen gaben. Hinter den Steinbrchen zu
beiden Seiten liefen ziemlich hohe Bergrcken hin, welche ein langes,
schmales Thal bildeten, das eine Biegung machte, um sich ostwrts
fortzusetzen, der Weg aber zum Schlosse schied sich in dieser Biegung
und fhrte sdwrts durch einen tiefen Hohlweg wieder in das freie Feld.

Peter, der Kutscher, des Weges kundig, hieb lustig in die Pferde, da
der leichte offene Wagen wie ein Pfeil durch das Thal schwirrte. Als
er an die Stelle kam, wo er in den Hohlweg einbiegen mute, fuhr er
vorsichtig etwas langsamer; doch kaum hatte er das tiefe Gleis erreicht,
als aus einem an dem Abhange stehenden Haselbusche ein Schu fiel und
dem armen Burschen die Hand verwundete, mit der er die Peitsche schwang.
In demselben Augenblicke strzte ein Mann den Pferden in die Zgel.

Der Graf, seit seinem letzten Anfalle vorsichtig geworden, holte rasch
ein Pistol aus der Wagentasche hervor, legte an, ein zweiter Schu
knallte durch das Thal und der Mann, der die sich bumenden Pferde
hielt, strzte mit einem lauten Schrei zusammen. Die Hufe der scheu
gewordenen Pferde zermalmten den tdtlich verwundeten Ruber. Peter
behielt inde so viel Geistesgegenwart, da er mit der gesunden Hand die
Zgel krftig erfate und das Durchgehen der Rosse verhinderte.

Noch stand der Graf aufrecht im Wagen und hielt das abgeschossene Pistol
in der Hand, als er von hinten mit einem Hirschfnger angegriffen wurde
-- ein zweiter Ruber hatte den Wagen erstiegen. Ohne ein Wort zu reden,
vertheidigte sich der Angegriffene mit dem umgekehrten Pistol und es
entspann sich ein Kampf in dem Wagen, der sich sicher zu Gunsten des
strkeren Banditen entschieden, wenn nicht ein paar krftige Fuste den
Nichtswrdigen bei den Haaren ergriffen und ihn rcklings von dem Sitze
herab in den Hohlweg geschleudert htten. Unten standen noch zwei
Mnner und nahmen den wuthknirschenden Ruber mit ihren Gewehrkolben in
Empfang.

Der Graf, in der Meinung, er habe den Angreifenden durch einen Schlag
seiner Waffe kampfunfhig gemacht, suchte nach einem zweiten Pistol, das
er aber nicht gleich erfassen konnte, da es aus der zerrissenen Tasche
auf den Boden des Wagens gefallen war.

-- Zurck, rief er emsig suchend, oder meine Kugel zerschmettert Euch
Banditen den Schdel!

-- Herr Graf, rief Konrad's Stimme, die Banditen knnen nicht mehr
zurck, der eine ist todt, der andere geknebelt!

-- Himmel -- Kinder, wer seid Ihr?

Die drei Mnner in ihrer Uniform mit den blinkenden Knpfen traten
heran, und der Mond, der in diesem Augenblicke hinter einer Wolke
hervortrat, beschien ihre muthigen Gesichter.

-- Soldaten Ihres Bataillons, antworteten sie und streckten dem Grafen
die Arme entgegen, um ihm aussteigen zu helfen.

-- Konrad, Philipp, Christian! rief fast weinend der Gerettete und
schlo einen nach dem andern in seine Arme.

-- Nun, rief Peter, wollt Ihr mir denn nicht auch helfen? Ich bin am
Arme verwundet--!

Rasch sprang Christian zu den Pferden und Konrad und Philipp nahmen den
Kutscher in Empfang.

-- Wo bist Du verwundet? fragte theilnehmend der Graf.

-- Am rechten Arme; es scheint jedoch nur ein Streifschu zu sein, denn
ich fhle keine Schmerzen.

Graf Rudolph zog sein Taschentuch hervor und verband den Arm des
Kutschers, der glcklicher Weise nur leicht gestreift war.

-- Wo sind die Ruber? fragte er dann.

-- Hier ist der gefhrlichste! rief Konrad und schleppte mit Philipps
Hlfe den geknebelten Graff herbei, der wie ein zusammengerollter Igel
am Boden lag. Es ist derselbe, der in den Ruinen der Abtei schon einmal
die ruberische Hand nach Ihnen ausstreckte, derselbe, der meinen
Hut mit dem rothen Bande stahl und ihn an dem Orte seines Verbrechens
zurcklie, um den Verdacht auf mich zu wlzen -- derselbe, der
zwanzigtausend Thaler in Ihrem Wagen vermuthet und Sie morden und
berauben wollte, um als ein reicher Mann sich aus dem Staube zu machen
-- ist es nicht so, Herr Graff? Jetzt theilen Sie doch mit Ihrem
Kameraden -- dort liegt er!

-- Ich wollte, ich htte mit ihm getheilt! murmelte der Geknebelte.

-- Wer ist der Andere? fragte der Graf und trat zu dem Todten.

-- Sehen Sie ihn an, sagte Philipp, er ist noch zu erkennen.

-- Himmel, mein eigener Revierfrster! O ber den treuen Diener! Konrad,
Du hast mir Dein Leben, Dein Glck geopfert -- ber der Leiche dieses
Bsewichts gebe ich Dir Deine Marie zurck -- Gott sei gelobet, der
alles so gefgt!

-- Herr Graf, rief Konrad jauchzend, Marie liebt mich noch, ich kann
wieder glcklich werden!

-- Wie Du es verdienst, mein braver, guter Konrad! -- Kinder, wandte
sich der Graf jetzt zu den Soldaten und freudige Rhrung machte seine
Stimme schwanken -- Kinder, ich lade Euch zu meiner Hochzeit ein, die
nchsten Sonntag auf dem Edelhofe des Barons gefeiert wird -- werdet
Ihr mich zu der Kirche begleiten und den Ehrenplatz an der Festtafel
einnehmen?

-- Herr Graf! riefen Philipp und Christian berrascht.

-- Ihr mt erscheinen, wenn Ihr mir meine Freude nicht stren wollt!

-- Wir sind Bauern, sagte Philipp, wir passen nicht in vornehme
Gesellschaft.

-- Philipp, wo wre ich und meine Hochzeit, wenn Ihr nicht gewesen
wret?

-- Herr Graf, fiel Konrad ein, wenn Sie meine Kameraden einladen, was
bleibt mir dann?

-- Freund, rief der Graf, ist Deine Hochzeit nicht die meine? Oder soll
Marie Deine Frau nicht werden?

-- Ja, sie wird meine Frau! aber nicht durch eine Civilehe!

-- Nun, Konrad, wir haben Unglckstage zusammen verlebt, wir wollen
auch den hchsten Festtag unseres Lebens zusammen begehen, und unsere
Kameraden sind unsere gemeinschaftlichen Gste!

Jetzt warfen die jungen Leute den todten Revierfrster in den Wagen, und
banden dann den grimmigen Graff mit den Hnden an die Hinterachse, da
er nur die Fe zum Gehen bewegen konnte. Peter bestieg seinen Sitz
wieder und fuhr langsam dem Dorfe zu. Der Graf und die Soldaten folgten
zu Fu.

Ein weier Wolkenstreif im Osten kndete den jungen Tag an, als der Zug
vor dem Hause des Ortsrichters anhielt.

       *       *       *       *       *

Wir bergehen den Schmerz des Richters Valentin -- nicht ber den
Tod seines Neffen, sondern ber das Geld, das er fr ihn in der Stadt
bezahlt, und ber den Verlust der fetten Wiese; wir bergehen aber auch
die Seligkeit Mariens, als der Graf mit dem Ortsrichter in ihr Zimmer
trat und Letzterer ihr den Ehecontract mit der Anzeige zurckgab,
sie sei frei und knne dem Manne ihrer Liebe die Hand reichen -- wir
berichten nur noch, da Konrad und Marie denselben Tag in Gegenwart des
jungen Grafen und des Richters Valentin einen neuen Contract fr Zeit
und Ewigkeit schlossen und da am nchsten Sonntage in der mit Blumen
und Krnzen geschmckten Dorfkirche unter dem Gesange der andchtigen
Gemeinde zwei Brautpaare die Weihe des Priesters erhielten -- es waren
der Graf Rudolph und Emma, gefhrt von den adelichen Verwandten, und
Konrad und Marie, begleitet von Rschen, Philipp und Christian.

Graff ward dem Arme der Gerechtigkeit bergeben und Eberhard in einem
Winkel des Kirchhofs dem Schooe der Erde.

Acht Tage spter hielt ein Reisewagen vor Mariens Meierei -- er war
bestimmt, das junge Ehepaar nach dem Gute zu fhren, das die Grfin dem
Retter ihres Gatten als Eigenthum berwiesen hatte.




  Zu spt!

  Novelle
  von
  August Schrader.




1.


Zwischen den hohen mit ehrwrdigen Eichen geschmckten Bergrcken des
Teutoburger Waldes hat der Schpfer ein kleines Thal ausgebreitet, in
welchem die Natur mit ihren Reizen frmlich zu kokettiren scheint. Wohin
das Auge blickt, gewahrt man nur sanft ablaufende Wiesen, von einem
rauschenden Bchlein durchschnitten, dessen Ufer mit Haselgestruch und
schlanken Rstern so dicht bewachsen sind, da das Moosbette desselben
von einem herrlichen Laubdache berschattet wird. Kein Felsen, keine
Mauer, kein alter Thurm unterbricht die Lieblichkeit und Anmuth dieser
Landschaft -- nirgends zeigt sich etwas wildes oder verfallenes, berall
Reiz und ppiges Gedeihen, junges Leben und zauberische Flle. Die
Frmmigkeit eines Einsiedlers oder der Schmerz eines unglcklichen,
verlassenen Liebenden wrde hier kein Asyl finden, denn wie kann man im
Angesichte einer lachenden Natur, die durch duftende Blumen und wrzige
Frchte zu den Freuden des Lebens einladet, beten oder weinen? Dieses
Thal ist vom Himmel mit einem solchen Segen berschttet, da man
vergebens nach einem unfruchtbaren Landstriche spht, selbst die Wege
sind mit fettem Grase und duftenden Blumen bewachsen. Wohin soll man
sich wenden, um einsam zu weinen, wenn alles grnt und lacht, wenn
aus den Zweigen auf den Schwingen einer balsamischen Luft der Gesang
munterer Vgel herniedersuselt und zur Freude auffordert? Man wrde das
trbe Auge vergebens durch die Landschaft schweifen lassen, einem
Bilde des Todes zu begegnen; berall spriet das Leben, selbst auf dem
Friedhofe, der von einer blhenden Weidornhecke umgeben ist und mehr
Apfelbume als Grabsteine zhlt. Doch nein! der Schmerz ist ein Kind
aller Lnder, er trifft seine Beute im stolzen Pallaste, wie in der
Htte auf blhender Flur.

Es war im Jahre 1839 gegen das Ende des Monats Mai, als ein junger
Mann, mit Reisetasche und Wanderstab ausgerstet, dieses herrliche
Thal betrat. Die Fruchtbume und Hagedornhecken standen in voller
Blthenpracht, die grnen Wege deckte ein frisch gefallener
Blthenschnee und verhllte den blauen Veilchenflor, der lieblich
duftete unter seiner sen Brde. Langsam schritt er dahin, das Bild
der Jugend und Poesie wollstig einsaugend, als pltzlich auch die Liebe
auftrat, dem Ganzen die Weihe der Vollendung aufzudrcken. Aus einer
Baumgruppe, die vor dem jungen Wanderer lag, klang ihm nmlich eine
Mdchenstimme entgegen, welche an Anmuth und Frische mit der ihn
umgebenden Natur wetteiferte; lieblich wie die Tne einer Nachtigall,
und ohne sich der Wirkung bewut zu sein, mischte sich der Gesang in das
groe Concert des Universum, und wahrlich, es war nicht der schlechteste
Ton in der himmlischen Harmonie! Entzckt stand der Jngling einige
Minuten still und lauschte mit angehaltenem Athem.

Pltzlich trat aus einem Seitenwege ein schnes Mdchen von siebzehn
bis achtzehn Jahren hervor. In der linken Hand trug sie ein kleines
Fischnetz und in der rechten ein hlzernes Gef, worin die gefangenen
Forellen so laut pltscherten, da mitunter das Wasser ber den Rand
spritzte. Bei dem Anblicke des jungen Reisenden schwieg die Jungfrau und
eine hohe Rthe berzog ihr liebliches Gesicht. Dieser setzte sich auf
einem am Wege stehenden Baumstamme nieder und lie die holde Fischerin
in kurzer Entfernung an sich vorbergehen. Hatte ihn die Stimme
entzckt, so that es die Gestalt noch mehr. In der ganzen Erscheinung
war der Frhling mit seinen Veilchen und Rosen ausgedrckt, die Frische
des jungen Morgens strahlte auf ihren Wangen und Unschuld und kindliche
Frhlichkeit auf der weien Stirn. Eine Schnur milchweier Zhne,
eingerahmt von ein paar Purpurlippen, wurden sichtbar, als sie kaum
vernehmbar und fast ngstlich grte; lange blonde Haare, zu natrlichen
Locken geformt, entquollen rebellisch dem kleinen Sammtmtzchen, das bei
dem Ziehen des Netzes verschoben, schalkhaft auf einer Seite hing. Ein
niedliches schwarzes Mieder umschlo den schlanken, zarten Leib, der
eher einer Juno, als einer Bewohnerin dieses Thales anzugehren schien.
Weder ein Ohrgehnge noch ein Halsband war zu bemerken, nicht einmal
eine Rose oder ein Strau Veilchen schmckten den zchtig verhllten
Busen und dennoch erschien das Mdchen dem entzckten Beschauer so
schn, da er eine Fee zu sehen und sich in dem Lande der Wunder zu
befinden whnte.

Als die Erscheinung hinter der nchsten Baumgruppe verschwunden war,
erklang der Gesang wieder, der jetzt durch nichts mehr gehemmt, laut
durch das ppige Thal ertnte. Wie von einer Zaubermacht geleitet, erhob
sich der junge Mann und schlug willenlos den Weg ein, den ihm der Gesang
des lieblichen Mdchens bezeichnete. Aus den Baumstmmen hervortretend,
sah er die lndliche Hebe vor einer kleinen Wassermhle stillstehen, die
wie das Nest eines Vogels unter den starken Zweigen einer gigantischen
Eiche in kurzer Entfernung vor ihm lag. Mit der Behendigkeit der Jugend
hing die Fischerin das Netz an einem Holzhaken neben der niedrigen von
Mehlstaub wei gefrbten Hausthr zum Trocknen auf und die gefangenen
Fische nahm sie aus dem kleinen Behlter, um ihnen einen greren,
ebenfalls mit Wasser gefllten anzuweisen, der im Hofe stand. Dann
ergriff sie einen Rechen, trat zu dem pltschernden Mhlrade, und zog
das Kraut an das Ufer, das sich whrend ihrer Abwesenheit vor einem im
Wasser angebrachten Holzgitter aufgehuft hatte.

Als sie diese Arbeit vollendet, war auch der junge Mann vor der Mhle
angelangt. Er wollte reden, aber ein unerklrliches Etwas band ihm die
Zunge, da er keines Wortes mchtig war. Die hbsche Mllerin -- denn
die Mhle war das Eigenthum ihrer Mutter -- schien von dem Benehmen des
Fremden berrascht zu sein, verwundert sah sie ihn einen Augenblick an,
dann entfernte sie sich mit einer Miene, als ob sie sagen wollte: ist
der Mensch nicht bei Sinnen? An der Thr eines kleinen Gartens, der mit
Sallat und einigen Frhlingsblumen bepflanzt war, blieb sie stehen und
ordnete die auf dem Zaune zum Trocknen ausgebreitete Wsche. Diesmal
fate sich der Fremde ein Herz und trat ihr mit den Worten nher:

-- Wenn ich nicht irre, bin ich von dem Wege nach D. abgekommen?

-- Ja, sprach das Mdchen mit einer lieblichen Stimme, denn der Fuweg
endet hier bei der Mhle meiner Mutter.

Eine neue Pause trat ein. Die Mllerin fuhr errthend in ihrer
Beschftigung fort.

-- So mu ich wohl denselben Weg wieder zurckgehen, den ich gekommen
bin? fragte endlich der junge Mann weiter.

-- Wenn Sie wieder auf die Strae nach D. wollen, giebt es kein anderes
Mittel, antwortete lchelnd das Mdchen.

-- Sie tragen die Schuld, mein liebes Kind, da ich jetzt einen Umweg zu
machen habe. Ihr schner Gesang verlockte mich und ich folgte.

Eine brennende Rthe berzog Gesicht und Hals der Mllerin; um diese zu
verbergen, hob sie ein weies Tuch, das sie eben in der Hand hielt, hoch
vor sich empor, als ob sie den Zustand desselben prfen wollte. Auch der
junge Mann errthete als er sie so sah, denn er glaubte sie verletzt zu
haben.

-- Ich bin jedoch nicht bse darber, fuhr er in der Angst seines
Herzens fort. Wollen Sie mir inde eine kleine Entschdigung dafr
gewhren, so verehren sie mir einen Strau von den Veilchen, die zu
Ihren Fen blhen.

Rasch hing sie das Tuch auf den Zaun zurck und kniete in das Gras
nieder, um die verlangten Veilchen zu pflcken. Wie es aber schien, that
sie es mehr, durch diese Beschftigung ihre Verlegenheit zu verbergen,
als dem Wunsche des Fremden zu entsprechen. Dieser war seiner Sinne
kaum noch mchtig, und htte ihn der niedere Gartenzaun nicht von der
lieblichen Jungfrau getrennt, er wre neben ihr niedergekniet, um einen
Strau von diesen sinnigen Blmchen fr die reizende Fee des Thales
zu pflcken. Die Schmeicheleien, die ein junger Mann von Bildung einem
jungen liebenswrdigen Mdchen unter solchen Umstnden zu machen pflegt,
erstarben ihm im Munde, stumm folgte er mit den Blicken den Fingern
des Mdchens, welche die Veilchen dicht bei der Wurzel aus dem grnen
Rasenteppich holten und zu einem Straue bildeten.

-- Marie! Marie! rief pltzlich eine Stimme aus dem Innern der Mhle.

-- Meine Mutter ruft! sprach das Mdchen, indem es sich rasch
emporrichtete und mit zitternder Hand dem Fremden die Veilchen
berreichte. Ohne ein Wort weiter zu sagen, flog sie wie ein Vogel durch
den Hof und verschwand in der kleinen Thr. Mit einem Blicke, in dem
deutlich zu lesen stand, was in seinem Herzen vorging, sah der Reisende
dem Flchtling nach und lauschte einige Minuten auf das eintnige
Geklapper der Wassermhle, das mit dem Klopfen seines Herzens Takt
hielt.

Als er ber den Hof schritt, um den Fuweg wieder zu gewinnen, sah er
das Gesicht eines jungen, rothbackigen Bauernburschen unter einer weien
Mtze aus dem Fenster des Huschens blicken. Wre er nicht zu sehr mit
seinen Gedanken beschftigt gewesen, so htte er in diesem Gesichte
Unwillen, vielleicht auch Eifersucht lesen knnen; so aber drckte
er den Veilchenstrau an seine Lippen und setzte, das Bild des jungen
Mdchens in seinem Herzen tragend, seufzend seinen Weg fort. Das
lachende Thal schien ihm jetzt ein anderes zu sein, die Blumen und
Blthen waren farblos: Mariens Rosen auf den Wangen berstrahlten den
Glanz der ganzen Schpfung.




2.


Ein heier Julitag lag brennend auf der Erde, wie ein dunkelblaues Tuch,
von keinem Wlkchen getrbt, spannte sich der Horizont ber das
Thal, dessen frisches Rasengrn verschwunden und in eine falbe Farbe
umgewandelt war. Kein Lftchen milderte die drckende Hitze, die Sonne
neigte sich ihrem Untergange zu, aber keine Vernderung der Atmosphre
gab Hoffnung auf Labung. Wir erblicken unsern Wanderer auf demselben
Baumstamme wieder, auf dem er einst sa, als der Frhling mit seinem
Hauche das Thal durchwehete, als Blumen und Blthen einen erquickenden
Duft verbreiteten, und ein holdes Mdchen den Fusteig einschlug, der
sich hier von dem Hauptwege scheidet. Die Sonne hatte sein Gesicht
gebrunt, groe Schweitropfen perlten auf seiner hohen, jugendlichen
Stirn und ein lngst verdorrter Veilchenstrau, mit einem weien
Bndchen befestigt, schmckte die weie geffnete Weste, die aus einem
grauen, leinenen Staubhemde hervorsah.

Wohl eine Viertelstunde hatte der junge Mann hier geruht, als er noch
einmal sorgfltig mit einem Tuche sein Gesicht von Schwei und Staub
suberte, dann erhob er sich rasch, als ob pltzlich ein Entschlu in
ihm zur Reife gediehen sei, warf die Reisetasche ber seine Schultern,
und schlug den Fuweg zur Mhle ein.

Wie hatte sich alles rings um ihn verndert! Der kleine Teich, in
welchem das Wasser des Baches gesammelt wurde, war fast ausgetrocknet,
das Mhlrad stand still und das Geklapper der Mhle schwieg; nur das
Klopfen seines Herzens, das mit jedem Schritte heftiger wurde, fhlte
und hrte er.

Als er aus der kleinen Baumgruppe trat, sah er die Bewohner der Mhle
auf einer Wiese, welche an den Teich grenzte, mit Heumachen beschftigt.
Auch Marie, einen groen Strohhut auf dem erhitzten Kpfchen, war unter
ihnen. Unser Freund, fast erschreckt ber diesen Anblick, trat in die
Dmmerung des Gebsches zurck und verbarg sich hinter einem Strauche,
der unfern der arbeitenden Leute am Ufer des Teiches stand. Ungesehen
konnte er nun die Gruppe beobachten und jedes ihrer Worte vernehmen.
Neben Marien bemerkte er, nicht ohne ein bitteres Gefhl, jenen jungen
Bauern wieder, dessen Gesicht er schon einmal gesehen hatte. Der Bauer
arbeitete rstig mit seinem Rechen fort und eine fast ausgelassene
Frhlichkeit sprach sich in seinen Zgen und seinen Geberden aus. Marie
hingegen war nachdenkend, ruhig, fast trge fhrte sie ihre Arbeit aus
und schien nur theilnahmlos, wohl gar mit Widerwillen auf die Scherze
zu hren, die der frhliche Bauer mit ihr trieb, so oft er mit seinem
Rechen in ihre Nhe kam.

-- Flink, flink! rief die alte Mllerin; der Abend bricht schon an.
Marie aber, ihren Hut tiefer in das Gesicht rckend, arbeitete nicht
langsamer und nicht schneller, wie trumend bewegte sie den Rechen in
dem knisternden Grase. In dem Gebsche am Ufer des Teiches sa der
junge Mann auf seiner Reisetasche und verga bei diesem Anblicke die
Beschwerlichkeiten einer Fureise im heien Sommer; unverwandt waren
seine Blicke auf Marien gerichtet, und nur wenn der junge Bauer sich
einen Scherz mit ihr erlaubte, blickte er, vor sich selbst errthend,
einen Augenblick zur Seite.

Endlich hatten die Arbeiter die letzten Streifen zu Haufen geformt und
der Glanz der Abendsonne, die wie eine groe dunkelrothe Kugel durch die
Waldung des am Horizonte hinlaufenden Bergrckens leuchtete, beschien
nur noch matt die hochrothen Gesichter derselben.

-- Tante, begann jetzt der junge Bauer, indem er nach der einen Seite
der Wiese sah -- als Lohn fr unsere Arbeit wollen wir das Vesperbrod
auf der Insel genieen. Nicht wahr, Marie?

-- Ja, ja! antwortete Marie leise und verlegen.

-- Das ist wohl recht schn, sprach mrrisch die alte Mllerin; wir
haben diesen Abend aber noch viel zu schaffen. Die Khe kommen heim,
wir mssen noch melken und buttern. Nach der Insel geht man nur an
Sonntagen.

-- Aber Tante--!

-- Auch mssen wir noch Bohnen pflcken, denn morgenfrh giebt es mehr
zu thun!

-- Die Bohnen werde ich pflcken, und das Buttern werde ich auch
besorgen -- entgegnete rasch der Vetter -- aber seien Sie gut, liebe
Tante, und geben Sie uns nur eine Viertelstunde, da wir als gute
Christen unser Vesperbrod ruhig verzehren knnen. Sehen Sie, dort liegt
der Kahn, ich habe ihn heute Mittag schon vorbereitet. Der Teich enthlt
noch Wasser genug, um Marien und mich zu tragen.

Die Tante, oder vielmehr die Mutter, antwortete mit einem trbseligen
Lcheln, mit einem Lcheln, das dem Lauscher in seinem Verstecke das
Herz durchschnitt. Der Vetter verstand dieses Lcheln, frhlich ergriff
er die Hand seiner Base und zog sie dem Ufer zu. Marie fgte sich; als
ob sie dem Vetter entgehen wollte, sprang sie leicht wie ein Reh in den
kleinen Kahn; in der Hand hielt sie ein Stck Brod mit Kse. Der Bauer
folgte ihr, stie bei dem Hineinspringen das winzige Fahrzeug durch
einen krftigen Futritt vom Ufer ab, da es rauschend nach der Mitte
des Teiches fuhr, und nahm singend neben der jungen Mllerin Platz,
welche ruhig ihr Vesperbrod verzehrte. Nach einigen Minuten hatten sie
ihr Ziel erreicht, nmlich eine kleine Insel, auf deren Moosboden eine
Gruppe wilder Rosen und Akazien sich erhob. Da, wo der Kahn an das
Ufer stie, hing eine Thrnenweide ihre trauernden Zweige auf den
Wasserspiegel herab.

Marie stieg zuerst an das Ufer und setzte sich an dem Stamme der
Thrnenweide in das Moos. Den Rest ihres Brodes, von dem sie nur wenig
gegessen, zerbrach sie in kleine Stcke und warf eins nach dem andern
in den Teich. Nicht lange, so hatte sich eine Heerde Fische versammelt,
welche sich munter nach den Bissen herumtummelten, da der ruhige
Wasserspiegel in weiten Kreisen erglnzte.

-- Nun, Marie, sprach der Vetter, als er neben ihr sa und mit Appetit
zu essen begann, Du giebst den Fischen Dein Brod; hast Du keinen Hunger?

-- Nein, antwortete das Mdchen, die Hitze ist so gro, da ich nicht
essen kann. Und dabei sah sie trumend dem Spiele der Fische zu.

-- Ich werde Dir Appetit machen! rief der junge Bauer und wollte einen
Ku auf den blhenden Mund der Jungfrau drcken.

-- Vetter, zrnte das Mdchen mit drohender Geberde, noch bin ich nicht
Deine Frau!

-- Aber in acht Wochen sptestens wirst Du es sein, und darum denke
ich----

-- Hre, Vetter, wir sind jetzt allein, begann ernst das Mdchen, darum
wollen wir einmal ernstlich darber reden.

-- Rede, liebe Marie, ich bin ganz Ohr.

Der Lauscher am jenseitigen Ufer wagte nicht zu athmen; mit vorgebogenem
Haupte sa er da und lauschte der Worte, die deutlich durch den stillen
Abend an sein Ohr schlugen.

-- Du weit, da Du diesen Herbst Soldat werden mut, sprach Marie in
einem bedchtigen Tone; dringe also nicht darauf, da unsere Hochzeit
angesetzt werde. Wir wollen sie verschieben, bis Deine Dienstzeit
vorber ist.

-- Wer sagt Dir denn, antwortete lachend der Vetter, da man mich nimmt?
Ich habe hundert Thaler zu meiner Loskaufung bestimmt, und mit einer
solchen Summe kann sie mir nicht fehl schlagen. Auerdem nimmt man
einen verheiratheten Mann auch nicht gleich zum Soldaten. Bin ich
verheirathet, habe ich einen Grund mehr, auf meine Freilassung zu
dringen.

-- Aber bedenke, fuhr Marie in einem betrbten Tone fort, wenn man Dich
dennoch nimmt!

-- Man wird mich nicht nehmen, mein liebes Brutchen, sondern ich nehme
Dich. Deine Mutter will es, und wir mssen gehorchen. La Dir kein
graues Haar wachsen, Dein Mann wird kein Soldat!

Marie stand auf und bestieg schweigend den Kahn wieder. Der Vetter
folgte und ruderte singend dem Ufer zu. Als beide ber die Wiese der
Mhle zuschritten, an deren Thr die Mutter ihrer wartete, trat der
Fremde, seine Reisetasche ber den Schultern, aus dem Wldchen hervor
und schritt hastig den Fusteig entlang. Indem er an dem Baumstamme
vorberging, rollte eine Thrne ber seine gebrunte Wange. Noch ehe die
Nacht zur Erde niedersank, hatte er das nchste Stdtchen erreicht; eine
Extrapost nahm ihn auf, um ihn nach B. zu fhren, wo der Vater seiner
Rckkehr harrte.




3.


Julius F. war einer der wenigen jungen Mnner, welche bei ziemlich
bedeutendem Vermgen und in unabhngigen Verhltnissen aus reiner Liebe
zu den Wissenschaften selbst auf der Universitt H. zwei Jahre lang
ernsten Studien obgelegen hatte. Sein fester Charakter, gepaart mit
einem echt poetischen Gemthe, trug das Wesentliche dazu bei, da er
nach vollbrachter Studienzeit mit einem nicht gewhnlichen Schatze von
Kenntnissen in seine Vaterstadt zurckkehrte, wo er einige Wintermonate
hindurch dem Dienste der Musen lebte. Als der Mai mit seinen schnen
Tagen in das Land kam, litt es ihn nicht lnger in seinem Studirzimmer,
er folgte dem Drange seines Herzens, und unternahm eine grere Fureise
durch die schnsten Gauen seines deutschen Vaterlandes. Auf dieser Reise
war es, als wir den fr die Schnheiten der Natur begeisterten jungen
Mann in dem Eingangs beschriebenen Thale antreffen, als er die schne
Mllerin singen hrte, sie bewunderte, ihr folgte und entzckt von ihrem
Anblicke um einen Strau Veilchen bat, den sie ihm, wie wir bereits
wissen, auch willig mittheilte. Mit dem Bilde des jungen Mdchens im
Herzen, das seine Phantasie, jemehr sie sich mit ihm beschftigte,
nach und nach zur Gttin gestaltete, die von dem Heiligenscheine der
entzckenden Natur des Thales umgeben, ihn im Wachen und im Traume
beschftigte, durchwanderte er Westphalen und kam an die romantischen
Ufer des Rheins. Erstaunt betrachtete er die groartige Landschaft von
felsiger Hhe herab, die Brust hob sich begeistert bei dem Rauschen der
mchtigen Wogen und der Geist schweifte in das Mittelalter zurck, in
dem die jetzt nur bemoos'ten Ruinen noch prchtige Schlsser waren, weit
und breit den Rheingau beherrschend. Doch berall belebte die schne
Mllerin die Landschaft, er sah sie als Lorelei auf dem grauen Felsen
sitzen und ihr Syrenenlied singen; er sah sie als schmuckes Burgfrulein
aus dem hohen Thore der Ruine treten, oder auf dem hohen Sller
lustwandeln -- wohin er blickte, stand die liebliche Dirne, und eine
Sehnsucht wurde in ihm wach, die nur der kennt, der in den Fesseln der
ersten Liebe schmachtete.

So wanderte er die Ufer des Rheinstromes hinauf bis zum Bodensee, er
durchma die Thler und bestieg die Berge der Schweiz, er sah auf
dem Rigi das groartigste Naturschauspiel der Welt, den Aufgang
und Untergang der Sonne: berall ward sein Geist zum Staunen, zur
Bewunderung hingerissen, doch das Herz blieb theilnahmlos, es trauerte.
Nur wenn Abends der Kuhreigen durch das Alpthal erklang, wenn das
feierliche Gelut der Vesperglocken durch die stille Luft zitterte und
der Senne am Arme einer schmucken Sennerin in seine Htte heimkehrte,
dann malte sich seine Phantasie ein Bild, an dem das Herz theilnahm,
denn es konnte sich in Wehmuth und Sehnsucht ergieen.

Fast unwillkhrlich kehrte er denselben Weg zurck, den er gekommen war,
und ehe er es sich versah, sa er wieder auf dem Baumstamme, der an dem
Fusteige zur Mhle stand. Was dann geschah, wissen wir: er belauschte
die Scene auf der kleinen Insel, erfuhr das Heirathsprojekt der alten
Mllerin, und verlie mit noch schwererem Herzen das Thal seiner Trume,
als er es betreten hatte.

Mit geschlossenen Augen in die Ecke seines Postwagens gelehnt,
wiederholte er in Gedanken noch einmal alles, was er bei der Mhle
gesehen und gehrt. Es stand noch so deutlich vor seinem Gedchtnisse,
da er an der Wahrheit desselben zu zweifeln durchaus keinen Grund
hatte. Der bausbackige Vetter trat jetzt wie ein zerstrender Dmon in
alle seine Bilder und je frchterlicher ihm dieser Mensch wurde, desto
reizender erschien ihm Marie, desto grer ward seine Sehnsucht nach
ihr. Der Gedanke, sie wird in kurzer Zeit das Weib eines andern,
das Weib eines so materiellen Menschen, als dieses Vetters, fiel mit
Centnerlast auf seine Brust, und wie alles, was schon halb oder ganz
verloren ist, den Reiz, zu besitzen, stets verdoppelt, so gesellte sich
zu der Sehnsucht auch noch Eifersucht, den qualvollen Zustand seines
Herzens zu erhhen.

-- Nein, nein, rief er halblaut aus und warf sich in die andere Ecke des
Wagens, Marie liebt ihn nicht! Wie kann ein Engel sich zu einem Dmon
gesellen, wie kann ein Lamm mit einem Wolfe in einer Htte wohnen? Und
Marie ist schn wie ein Engel, unschuldig wie ein Lamm! Diese zarte
Blume darf nicht von rohen Hnden gepflckt werden, der Schpfer hat sie
erschaffen fr den, der sie versteht, der ihre Schnheit begreift und
den Schatz zu wrdigen wei!

Sinnend blickte er in die prachtvolle Sommernacht hinaus, die ruhig ber
der schlummernden Landschaft lag. Wrzige Dfte, durch die Khle des
Nebels der ppigen Saatflur entlockt, schwngerten die stille Luft,
einige zackige und durchsichtige Wolken bedeckten das melancholische
Licht des Mondes, der wie ein stiller Wchter am Firmamente schwebte und
die fernen Gebirgsketten in phantastischen Gestalten erscheinen lie.
Es war eine Nacht, wie sie sein mu, um die se Qual der Liebe auf den
hchsten Gipfel zu steigern. Eine feierliche Ruhe lag ber der ganzen
Natur ausgegossen, die nur von dem eintnigen Rollen der Rder und von
Zeit zu Zeit durch die rauhe Stimme des Postillons unterbrochen wurde.

-- Aber wrdest _Du_ auch glcklich mit ihr werden, fragte er sich
pltzlich, wrde Marie, das einfache Mllermdchen, das Wesen sein, das
Dich beglcken kann? O gewi, fuhr er nach einer Pause fort, sie wird
mich beglcken, denn sie ist unschuldig und schn, schn wie die Engel
des Paradieses!

Aus dem ganzen Benehmen Marien's gegen den Brutigam, den die Mutter
fr sie bestimmt, glaubte Julius annehmen zu knnen, da sie gegen ihre
Neigung in die Verbindung einwilligen wrde. Suchte sie nicht den
Vetter zu bewegen, noch so lange zu warten, bis seine Befreiung von dem
Soldatenstande entschieden sei? Ein Mdchen, das wahrhaft liebt, sucht
die Heirath mit dem Manne ihres Herzens nicht zu verschieben, es sucht
sie zu beschleunigen. Und vor allen Dingen, warum war sie so traurig und
nachdenkend? Warum verweigerte sie dem Brutigam einen Ku? Sollte sie
eine andere Neigung, die sie geheim zu halten Grnde hatte, veranlat
haben? -- Julius fhlte eine brennende Hitze sich ber sein ganzes
Gesicht verbreiten, als der Gedanke, aber nur ganz leise, in ihm
auftauchte: wenn _Du_ die Veranlassung dazu wrst? Wenn auch bei Marien
die wenig Minuten der Unterhaltung, wie bei Dir, hingereicht htten,
eine ernste Leidenschaft zu entznden? Bildet sich nicht in einem
Augenblicke der Funke, der ein groes Feuer anfacht?

Diese Reflexion erzeugte in dem jungen Manne den festen Vorsatz, noch
vor Ablauf der acht Wochen, welche nach des Vetters Aussage bis zur
Hochzeit verstreichen knnten, in das Thal zurckzukehren und Marien's
Herz zu ergrnden, denn er hielt es fr Pflicht, das arme Mdchen dem
Verderben zu entreien, das ihm ein vielleicht eigenntziger Plan der
Mutter bereitete.

Beruhigt setzte er seine Reise fort und langte am dritten Tage in seiner
Heimath an. Doch ein neuer Schlag des Schicksals erwartete ihn an der
Schwelle des vterlichen Hauses. Der Vater lag an einem schleichenden
Fieber schwer krank darnieder und die Aerzte frchteten, da er seiner
vor einigen Jahren vorangegangenen Gattin folgen wrde. Trostlos warf
sich Julius an dem Krankenbette des geliebten Vaters nieder und verga
ber den heftigen Schmerz die Neigung seines Herzens. Tag und Nacht
widmete er dem theuern Kranken die zrtlichste Sorgfalt und Pflege, die
Aerzte erschpften ihre Kunst; doch umsonst: als die ersten Herbstnebel
die Fluren deckten, stand Julius weinend an der Bahre seines Vaters.

Julius hatte sein fnfundzwanzigstes Jahr zurckgelegt, er war
volljhrig und konnte als einziger Sohn ber das nicht unbedeutende
Vermgen des Verstorbenen verfgen. Als die Wunden des Schmerzes
einigermaen verharrscht waren, ordnete er die Angelegenheiten seines
Hauses; da er dies um so lieber that, als die Beschftigung ihm
Zerstreuung gewhrte, hatte er in kurzer Zeit alles beendet, was ihm zu
thun oblag, und sein Studirzimmer empfing ihn wieder. Doch bald tauchte
auch die Erinnerung an Marien wieder auf und die sonst allmchtigen
Musen vermochten sie nicht zu verbannen, selbst des Vaters Angedenken
trat zurck vor dem lichtumflossenen Bilde der Fee des Thales.

-- Was hindert mich, sprach er zu sich selbst, der Neigung meines
Herzens zu folgen? Warum trage ich die Schmerzen, deren Heilung in
meiner Macht steht? Fort in das Thal, vielleicht ist das Geschick mir
hold!




4.


Der Herbst mit seinen Strmen hatte den Sommer vertrieben und auch
er schickte sich bereits an, dem Winter das Feld zu rumen, als ein
eleganter Reisewagen mit zwei Postpferden bespannt durch das Thal bei D.
fuhr. Wo der Fuweg zur Mhle sich von der Hauptstrae scheidet, hielt
er still und ein junger Mann, in einen blauen Mantel gehllt, stieg aus.
Nachdem er dem Postillon einige Befehle ertheilt, verfolgte er langsam
den schmalen Pfad. Als er einige Minuten fortgeschritten war, konnte er
durch die bltterlosen Zweige der vor ihm liegenden Baumgruppe das Dach
und den Schornstein der Mhle gewahren, aus dem ein weier Rauch in den
schweren, trben Himmel emporwirbelte. Als ob ihm eine groe Angst die
Brust beengte, blieb er stehen und betrachtete die Mhle, deren Rad,
obgleich der Bach mit Wasser berfllt war, still stand. Julius --
denn dieser war der Mann im Mantel -- konnte sich den Grund davon nicht
erklren, wie von einer bsen Ahnung durchbebt, blickte er seufzend
empor. Einzelne groe Schneeflocken fielen ihm in das brennende Gesicht
und ein kalter Wind, der in kurzen Zwischenrumen traurig durch die
kahlen Baumwipfel seufzte, spielte mit seinem flatternden Haare. Eine
bittere Melancholie bemchtigte sich seiner, zusammenschauernd warf er
den Mantel fester um sich, dem Schnee und dem Todeshauche der Natur zu
wehren. Dann setzte er seinen Weg fort.

Die Wiese neben der Mhle war mit Wasser berschwemmt, sie bildete eine
Flche mit dem Teiche, in welchem die kleine Insel lag. Julius mute
einige Augenblicke forschen, ehe er sie erblicken konnte, denn nur die
Spitzen der Gestruche und die kahlen, dnnen Zweige der Thrnenweide
ragten aus der trben Wasserflche empor. Der kleine Kahn, der Marien
gewiegt, lag zerschellt an einem Stamme der Baumgruppe, welche den
jungen Mann verborgen gehalten, als er das Gesprch auf der Insel
belauschte. Die Oberflche des Wassers war mit schwarzen abgebrochenen
Zweigen und schmutzig grnem Schilf bedeckt.

-- Wie, rief Julius, berwltigt von diesem traurigen Anblicke, ist denn
der Winter auch hier so schrecklich? Hlt der rauhe Gast denn berall
schonungslos seinen Einzug? Nirgend, setzte er seufzend hinzu, ist ein
Andenken an die Rosen des Frhlings geblieben! Er hat alles zerstrt!

Als er emporblickte, sah er eine weie Wolke, die sich ber der Mhle
gelagert hatte -- es war der Rauch aus dem Schornsteine, den die
schweren Winterwolken niederdrckten.

Whrend dieser Zeit war er langsam in den kleinen Hof getreten. Das
Fischnetz hing wieder an derselben Stelle neben der Thr, wohin es
Marie gehangen, als er sie das erstemal sah. Betreten blieb er pltzlich
stehen, als sich seine Blicke auf die halbgeffnete Hausthr richteten:
der Platz vor derselben war mit weiem Sande und Blttern von Immergrn
bestreut; an dem Balken ber derselben hing ein groer Kranz von gelben
Strohblumen und Buchsbaum. Julius zitterte, er vermochte nicht weiter zu
gehen.

-- Was bedeutet das, stammelte er vor sich hin, hat der Tod oder die
Freude hier Einzug gehalten?

Ein Blick nach dem kleinen Grtchen gab ihm Antwort auf diese Frage.
Marie, festlich geschmckt, mit dem Brautkranze im Haare, stand an der
drren Hecke und betrachtete sinnend die Stelle, wo sie im Frhlinge fr
Julius die Veilchen gepflckt hatte. Sie schien die Ankunft des Fremden
nicht zu bemerken; mit der einen Hand auf den Zaun gesttzt und mit
der andern an einem bltterlosen Epheu spielend, stand sie da und
betrachtete das erstorbene Gras, aus welchem im Frhlinge die Veilchen
dufteten.

Julius war seiner Sinne nicht mchtig, als er ihr in's Angesicht
blickte, die Rosen auf ihren Wangen waren verschwunden, statt ihrer
deckte eine Blsse das liebliche Gesicht, die von einem herben
Seelenschmerze Kunde gab. War sie unter den Rosen des Frhlings schn
gewesen, so war sie in ihrem Schmerze noch tausendmal schner. Und
diese Schnheit wurde durch den grnen Myrthenkranz noch erhht, denn er
umstrahlte sie mit der Glorie der Braut, mit der Glorie, die keine
Krone der Erde zu berstrahlen vermag. Ein blaues Mieder umschlo den
schlanken, zarten Leib und eine kleine goldene Kette mit einem Kreuz,
die vielleicht die Mutter schon am Traualtare getragen, lag auf dem
Schnee ihres Halses. Ein Myrthenstrau, worin eine weie Monatsrose,
schmckte das Mieder am Busen.

Pltzlich wandte sich die bleiche Braut, um in das Haus zurckzukehren.
Ein unterdrckter Schrei entschlpfte ihrem Munde, als sie den Fremden
im Mantel erblickte. Bebend schritt dieser ihr entgegen, so da er auf
derselben Stelle stand, wo er sie zum erstenmale gesprochen.

-- Marie, stammelte Julius und Thrnen traten ihm in die Augen -- Marie,
ich komme zu spt!

An dem Tone der Stimme hatte ihn Marie erst erkannt, sie mute sich an
der kleinen Gartenthr halten, um nicht zu Boden zu sinken.

-- Mein Herr, sprach sie leise und eine leichte Rthe erschien auf den
bleichen Wangen, heute frh wurde ich getraut--!

-- Marie, Marie! rief eine Stimme aus dem Innern der Mhle.

-- Mein Mann ruft, sprach die junge Frau, leben Sie wohl!

Zitternd nahm sie den Strau von ihrem Busen und reichte ihn Julius;
dann verschwand sie in der Thr des Hauses.

-- Zu spt! rief Julius, indem er den Strau an seine Lippen drckte
und mit einem Strome von Thrnen benetzte, der ber die Wangen rann. Zu
spt, die rauhe Hand des Winters hat auch mein Glck zerstrt!

Hastig verlie er den kleinen Hof der Mhle, schlug den Fupfad ein
und gelangte nach einigen Minuten bei dem Baumstamme an, wo sein Wagen
hielt.

-- Den Weg zurck! rief der junge Mann und warf sich weinend in die
Polster des Reisewagens.

Wie der Dichter ein poetisches Gebild, betrachtete Julius die
Erscheinung Mariens, er liebte sie mit der ganzen Glut seines Herzens
und betete zu ihr, wie zu seiner Madonna. Zwar geschieden durch eherne
Verhltnisse, die das Schicksal feindlich herbeigefhrt, konnte er sich
ihr nicht mehr nahen; aber jener Geist, der die Welten durchkreis't, der
Geist der wahren, ewigen Liebe verband ihn mit ihr.

Mariens Strau bewahrte er in einem kostbaren Rahmen auf. Darunter
standen die Worte eines alten persischen Dichters:

  Glcklich, dreimal glcklich die Menschen, welche nach einem sen
  Liebestraume am eisigen Busen des Todes erwachen!


  Druck der C. H. _Voigt_'schen Offizin in Rochlitz.




In gleichem Verlage und _von dem Verfasser dieses Werks_ sind ferner
erschienen:


  Aug. Schrader.

  Die Braut von Louisiana.

  Roman.

  3 Bnde. 3 Thlr.


  Die Ideale der Liebe.

  Erste Abtheilung:
  Das graue Schlo.

  2 Bnde. 2 Thlr.

  (Die 2. Abtheilung: _Die Doppelehe_ 2 Bde. wird nchstens erscheinen.)


  Das Staatsgefngni.

  Roman aus der neuesten Geschichte.

  4 Bnde. 4 Thlr.

  (Hierzu bildet die Grfin #Thekla Andrasy# einen Epilog.)


  Der
  Graf von Lalli-Collendal.

  Roman.

  2 Bnde. 21/3 Thlr.


  Druck der C. H. _Voigt'schen_ Offizin in Rochlitz.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:

  Seite 7:
  "whrend hatte," gendert in "hatte, whrend"
  (ihrer Gesinnungsgenossen entzogen hatte, whrend ihre Gter)

  Seite 14:
  "." eingefgt
  (da sie einer grndlichen Durchsicht bedrfen.)

  Seite 36:
  "Niclas" vereinheitlicht zu "Niklas"
  (Niklas, der Apothekergehlfe)

  Seite 37:
  "abgetrageuen" gendert in "abgetragenen"
  (angethan mit abgetragenen brgerlichen Kleidern)

  Seite 37:
  "Niclas" vereinheitlicht zu "Niklas"
  (Netti kannte die zarten Gefhle des langen Niklas)

  Seite 37:
  "Niclas" vereinheitlicht zu "Niklas"
  (-- Was meinen Sie, lieber Herr Niklas?)

  Seite 38:
  "sie" gendert in "Sie"
  (wenn Sie anders gekommen sind, mit mir zu reden)

  Seite 38:
  "--" eingefgt
  (-- Glauben Sie denn, da ein Apotheker)

  Seite 40:
  "Nicklas" vereinheitlicht zu "Niklas"
  (-- Herr Korporal, fuhr Niklas fort)

  Seite 42:
  "sie" gendert in "Sie"
  (da Sie fr den Ruhm geschaffen sind)

  Seite 46:
  "Grgei" gendert in "Grgey"
  (Und des wackern Generals Grgey!)

  Seite 56:
  "angekpft" gendert in "angeknpft"
  (hatte mit der schnen Kchin eine Unterredung angeknpft)

  Seite 60:
  "sie" gendert in "Sie"
  (da er Sie retten wird!)

  Seite 67:
  "Stae" gendert in "Strae"
  (eilig von der Strae hereintrat)

  Seite 72:
  "Vattrlande" gendert in "Vaterlande"
  (in der Armee des treuen, braven Grgey seinem Vaterlande geleistet)

  Seite 76:
  "nieder" gendert in "wieder"
  (Vorsichtig schlo er die Thr wieder.)

  Seite 79:
  "frchliche" gendert in "frchterliche"
  (wir haben eine frchterliche Entdeckung gemacht)

  Seite 79:
  "," eingefgt
  (welche Frechheit, rief erstaunt der Apotheker)

  Seite 89:
  "--" eingefgt
  (-- Ich bitte Dich, schweig! antwortete Konrad)

  Seite 89:
  "da" gendert in "das"
  (sich auf sein Schlo zurckgezogen, das dort so freundlich)

  Seite 97:
  "." eingefgt
  (Du, lderlicher Neffe.)

  Seite 102:
  "," eingefgt
  (nicht einmal einen Vetter, fgte Eberhard lchelnd hinzu)

  Seite 106:
  "," eingefgt
  (Ob Jungfer Marie das wohl rathen kann, antwortete lachend)

  Seite 118:
  "," eingefgt
  (-- Deine Ungeschicklichkeit, mein bester Freund!)

  Seite 119:
  "." eingefgt
  (wenn ich nicht in kurzer Zeit ein reicher Mann wre.)

  Seite 121:
  Absatz eingefgt
  (-- So la sie laufen, was kmmert es Dich!)

  Seite 123:
  "in" gendert in "im"
  (im Osten aber stieg der Mond herauf)

  Seite 133:
  "sie" gendert in "Sie"
  (von der Sie stets mit so groer Liebe sprachen)

  Seite 140:
  "Marfch" gendert in "Marsch"
  (die Dorfmusiker begannen einen neuen Marsch)

  Seite 153:
  "neue" gendert in "neuer"
  (unser neuer Ortsrichter wundert sich)

  Seite 170:
  "Ehekontrakt" vereinheitlicht zu "Ehecontract"
  (als in Mariens Wohnung der Ehecontract unterzeichnet ward)

  Seite 180:
  "--" eingefgt
  (-- Konrad, sagte sie endlich und deutete nach der Thr)

  Seite 187:
  "zn" gendert in "zu"
  (um Vorbereitungen zu einer glnzenden Hochzeit zu treffen)

  Seite 192:
  "unwillkrlich" vereinheitlicht zu "unwillkhrlich"
  (-- Marie! Marie! rief Konrad unwillkhrlich)

  Seite 197:
  "b!ieb" gendert in "blieb"
  (Lauschend blieb er stehen.)

  Seite 208:
  "Le-" gendert in "Leben"
  (ich war in meinem Leben nicht so gesund)

  Seite 209:
  "uud" gendert in "und"
  (und sorge fr ein gutes Frhstck)

  Seite 226:
  "die die" gendert in "die"
  (lie die holde Fischerin in kurzer Entfernung)

  Seite 233:
  "Vietelstunde" gendert in "Viertelstunde"
  (Wohl eine Viertelstunde hatte der junge Mann hier geruht)

  Seite 240:
  "sein s" gendert in "seines"
  (er folgte dem Drange seines Herzens)

  Seite 249:
  "seinem" gendert in "seinen"
  (Dann setzte er seinen Weg fort.)]






End of the Project Gutenberg EBook of Thekla, oder die Flucht nach der
Trkei., by August Schrader

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK THEKLA, ODER DIE FLUCHT NACH ***

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
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against accepting unsolicited donations from donors in such states who
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