The Project Gutenberg EBook of Der Findling. Zweiter Band., by Jules Verne

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Title: Der Findling. Zweiter Band.

Author: Jules Verne

Release Date: July 2, 2014 [EBook #46174]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Julius Verne's Reiseromane. Band 65.


  Der Findling.

  Von
  Julius Verne.


  Rechtmssige Ausgabe.

  Zweiter Band.


  Leipzig
  Bibliographische Anstalt
  Adolph Schumann.

  Alle Rechte vorbehalten.




Inhalt.


                                           Seite

  I.    Ihre Herrlichkeiten                    1

  II.   Im Laufe von vier Monaten             15

  III.  In Trelingar-castle                   28

  IV.   Die Seen von Killarney                42

  V.    Schferhund und Jagdhund              64

  VI.   Zwei zusammen achtzehn Jahre alt      82

  VII.  Sieben Monate in Cork                 99

  VIII. Ein erster Heizer                    112

  IX.   Eine Speculation Bobs                127

  X.    In Dublin                            147

  XI.   Der Bazar Zum kleinen Geldbeutel   168

  XII.  Das Wiederfinden                     180

  XIII. Farben- und Standeswechsel           198

  XIV.  Das Meer von drei Seiten             215

  XV.   Und warum nicht?                     235




Zweiter Theil.




I.

Ihre Herrlichkeiten.


Ohne sein gewohntes vornehmes Auftreten zu verleugnen, nahm Lord Piborne
verschiedene, auf seinem Tische liegende Papiere auf, ordnete die da
und dort verstreuten Zeitungsbltter, durchsuchte die Taschen seines
goldgelben Plschschlafrocks, durchwhlte auch die seines stahlgrauen
Ueberziehers, der ber der Lehne eines Armstuhles hing, und wendete sich
dann zurck, whrend ein kaum bemerkbares Runzeln der Augenbrauen an
seiner Stirn sichtbar wurde.

In dieser hocharistokratischen Weise und ohne sonstige Vernderung
der Gesichtszge pflegte Seine Herrlichkeit stets auch dem lebhafteren
Unbehagen Ausdruck zu geben.

Eine leichte Neigung des Oberkrpers deutete darauf hin, da er sich
sogar einmal bcken wollte, um einen Blick unter den von einer groen,
schwer befranzten Decke verhllten Tisch zu werfen. Davon kam er jedoch
zurck und geruhte auf den Knopf einer Klingel zur Seite des Kamins zu
drcken.

Fast augenblicklich erschien John, der Kammerdiener, auf der
Thrschwelle des Gemaches und blieb hier regungslos stehen.

Sieh nach, ob mein Portefeuille hier unter den Tisch gefallen ist,
sagte Lord Piborne.

John bckte sich nieder, hob die faltenreiche Decke etwas in die Hhe
und richtete sich mit leeren Hnden wieder auf.

Das Portefeuille Seiner Herrlichkeit fand sich an dem bezeichneten
Platze nicht.

Ein zweites leichtes Stirnrunzeln des Lord Piborne.

Wo ist Lady Piborne? fragte er.

-- In ihren Gemchern, antwortete der Kammerdiener.

-- Und der Graf Ashton?

-- Er lustwandelt im Parke.

-- Melde Ihrer Herrlichkeit der Lady Piborne meine Empfehlung und sage
ihr, ich wnsche die Ehre zu haben, sie baldmglichst zu sprechen.

John machte steif auf der Stelle Kehrt -- ein stielgerechter Lakei hat
sich im Dienste nicht zu verneigen -- und verlie streng abgemessenen
Schrittes das Cabinet, um die Befehle seines Herrn auszufhren.

Seine Herrlichkeit Lord Piborne zhlt fnfzig Jahre -- fnfzig Jahre,
die seiner mehrere hundert Jahre alten und von keinem Versto gegen die
Ehre des Adels, von keiner Miheirat befleckten Familie hinzuzurechnen
waren. Ein hervorragendes Mitglied des englischen Oberhauses,
bedauert er in gutem Glauben das Aufhren vieler alten Privilegien der
Feudalzeit, die schne Zeit der Lehen, Renten, der Allodialgter und
Domnen, der Macht persnlichen Gerichtsstandes, deren sich seine Ahnen
erfreuten, und der tiefen Ehrerbietung, die diesen jeder Lehensmann
ohne Zgern entgegenbrachte. Alles, was nicht von einer, der seinigen
ebenbrtigen Herkunft ist, was sich eines so alten Stammbaumes nicht
rhmen kann, steht fr ihn auf der Stufe des Bauers, des Brgers,
wenn nicht gar des Leibeignen oder Sclaven. Er ist Marquis, sein Sohn
folglich Graf. Baronetts, Ritter und andre niedre Adelige haben seiner
Auffassung nach kaum das Recht, in den Vorzimmern der wirklich vornehmen
Welt zu erscheinen. Gro, hager, das Gesicht glatt rasiert, die Augen
wie erloschen, so sehr sind sie gewhnt, Miachtung auszudrcken, im
Sprechen karg und trocken, reprsentiert Lord Piborne den Typus jener
hochmthigen Edelleute, die sich in den Hllen bestaubter Pergamente
vergraben und die -- glcklicher Weise -- selbst in dem aristokratischen
Knigreiche Grobritannien und Irland jetzt auf den Aussterbeetat
gesetzt scheinen.

Hierzu ist nachzutragen, da der Marquis englischer Abstammung ist und
da er keine Mesalliance einging, als er die Marquise, die schottischer
Herkunft ist, zum Altare fhrte. Ihre Herrlichkeiten waren ganz fr
einander geschaffen, beide fest entschlossen, niemals von ihrem hohen
Sitze herabzusteigen, und wahrscheinlich auserlesen, eine noch hher
steigende Nachkommenschaft zu hinterlassen. Sie bildeten sich ohne
Zweifel ein, da Gott dereinst erst Handschuhe anlegen wrde, um sie in
seinem Paradiese nach Gebhr zu empfangen.

Die Thr ffnete sich, und als htte es sich um den Eintritt einer hohen
Dame in einen Empfangssalon gehandelt, meldete der Kammerdiener:

Ihre Herrlichkeit Lady Piborne.

Die Marquise -- eine reife Vierzigerin -- gro, hager, eckig, die Haare
von breitem Stirnband gehalten, die Lippen dnn, die Nase aristokratisch
adlerartig, die Taille schlank und die Schultern abstehend -- war gewi
niemals schn gewesen; was aber die Vornehmheit der Haltung und des
Benehmens, die Uebereinstimmung in Traditionen und Privilegien anging,
htte Lord Piborne gewi keine bessere Gemahlin finden knnen.

John rollte einen wappengeschmckten Lehnstuhl heran, worauf die
Marquise sich niederlie, und zog sich lautlos zurck.

Der vornehme Gemahl richtete das Wort an die Dame.

Sie werden verzeihen, Marquise, da ich Sie ersuchen lassen mute,
Ihre Gemcher zu verlassen, um mir die Gunst einer Besprechung in meinem
Cabinet zu gewhren.

Es braucht nicht Wunder zu nehmen, da ihre Herrlichkeiten, selbst in
privater Unterhaltung, so schwulstige Phrasen drechselten. Das gehrt
hier einmal zum guten Ton. Und brigens waren beide noch in der Puder-
und Perrckenschule der frheren Gentry aufgewachsen. Nie htten sie
sich zu der Vertraulichkeit des landlufigen Geplauders herabgelassen,
das Dickens im Scherze Perrucobalivernage genannt hat.

Ich stehe zu Ihrem Befehl, Marquis, erwiderte Lady Piborne. Welche
Frage htten Sie an mich zu richten?

-- Ich mchte, Marquise, Sie ersuchen, mir mit Ihrem Gedchtni zu Hilfe
zu kommen.

-- Ich hre.

-- Sind wir nicht gestern gegen drei Uhr nachmittags hier vom Schlosse
weg nach Newmarket und zu unserm Attorney, Herrn Laird, gefahren?

Der Attorney ist der bevollmchtigte Rechtsanwalt, der seinen
Auftraggeber bei den Civilgerichten des Vereinigten Knigreiches
vertritt.

Gewi... gestern... Nachmittag, antwortete Lady Piborne.

-- Erinnere ich mich recht, so hat Graf Ashton, unser Sohn, uns im Wagen
begleitet?

-- Ganz recht, Marquis, er nahm einen Platz auf dem Vordersitze ein.

-- Die beiden Lakeien standen doch hinter uns auf dem Wagen?

-- Ja wohl, wie das ihre Pflicht ist.

-- Gut denn, antwortete Lord Piborne, der seine Uebereinstimmung durch
eine leichte Kopfbewegung zu erkennen gab, dann, Marquise, erinnern Sie
sich wohl auch, da ich ein Portefeuille bei mir fhrte, das die Papiere
betreffs des Rechtsstreites enthielt, der uns mit dem Kirchspiele
bevorsteht?

-- Jenes ungerechten Processes, den man die Khnheit, die
Unverschmtheit hat, uns aufzunthigen! setzte Lady Piborne mit
bezeichnender Geberde hinzu.

-- Dieses Portefeuille, fuhr Lord Piborne fort, enthielt nicht allein
sehr wichtige Documente, sondern auch eine Summe von hundert Pfund in
Banknoten, die fr unsern Sachwalter bestimmt war.

-- Sie erinnern sich an alles ganz genau, Marquis.

-- Sie wissen auch, Marquise, wie alles zugegangen ist. Wir sind in
Newmarket angekommen, ohne die Kalesche verlassen zu haben. Laird hat
uns an der Schwelle seines Hauses empfangen. Ich zeigte ihm sofort die
Schriftstcke und erbot mich, das Geld bei ihm zu deponieren. Er hat
darauf geantwortet, da er fr jetzt weder des einen noch des andern
bedrfe, unter dem Hinzufgen, da er selbst nach dem Schlosse
kommen werde, wenn es Zeit sei, gegen die Anmaungen des Kirchspiels
aufzutreten.

-- Gegen die schmhlichen Anmaungen, die frher als Attentate auf die
grundherrlichen Rechte betrachtet und bestraft worden wren...

Hiermit sprach die Marquise nur eine Auffassung aus, der der Marquis in
ihrem Beisein oft ganz gleichlautenden Ausdruck gegeben hatte.

Daraus ergiebt sich, nahm Seine Herrlichkeit wieder das Wort, da
ich mein Portefeuille behalten habe, da wir bald wieder in den Wagen
gestiegen sind und das Schlo gegen sieben Uhr, als es bereits zu
dunkeln anfing, erreicht haben.

Der Abend war finster gewesen, denn der Vorgang fiel noch in die letzte
Aprilwoche.

Jenes Portefeuille nun, berichtete der Marquis weiter, das ich bestimmt
in die rechte Brusttasche meines Pelzes gesteckt habe, kann ich nun
nicht mehr finden.

-- Vielleicht haben Sie es bei der Heimkehr auf den Tisch Ihres Cabinets
gelegt?

-- Das vermuthete ich auch, Marquise, habe aber vergeblich unter meinen
Papieren danach gesucht.

-- Seit gestern ist doch niemand hierher gekommen?

-- Doch... John... mein Kammerdiener... dem kann ich aber
vertrauen...

-- Es ist immer klug, die Leute im Verdacht zu haben, erwiderte Lady
Piborne.

-- Uebrigens wr' es mglich, fuhr der Marquis fort, da mein
Portefeuille hinter ein Kissen in der Kalesche geglitten wre.

-- Das mte einer der Lakeien entdeckt haben, und wenn er die hundert
Pfund Sterling nicht fr eine gute Prise ansah...

-- Ach, die hundert Pfund, unterbrach sie Lord Piborne, von denen
will ich nicht viel reden; doch die Familienpapiere, die unsre Rechte
gegenber dem Kirchspiel nachweisen...

-- Gegenber dem Kirchspiel, pah! sagte Lady Piborne.

Man hrte es, da das Herrenhaus aus ihrem Munde sprach und da sie
die Insassen des Kirchspiels als untergeordnete Vasallen ansah, deren
Ansprche ebenso bedauernswerth, wie respectwidrig waren.

Wenn wir nun, aller Gerechtigkeit zum Hohne, fuhr sie fort, diesen
Proce verlieren sollten...

-- Und wir verlieren ihn ganz sicher, erklrte Lord Piborne, wenn wir
jene wichtigen Acten nicht vorzulegen im Stande sind...

-- So wrde das Kirchspiel in Besitz der hundert Acres Wald kommen, die
an den Park grenzen und seit den Plantagenets zur Domne der Piborne
gehrt haben?

-- Ja, Marquise.

-- Das wre abscheulich!

-- Abscheulich, wie alles, was den Feudalbesitz in Irland antastet,
jene Ansprche der Home-rulers, die Ueberlassung des Grund und
Bodens als Eigenthum des Bauern, die ganze Erhebung gegen den
Landlordismus!... O, wir leben in einer seltsamen Zeit! Wenn der
Lordlieutenant nicht bald Ordnung schafft, indem er die Rdelsfhrer
der Landliga aufknpfen lt, wei ich nicht... oder wei ich vielmehr
nur zu gut, wie das enden wird...

Da ffnete sich die Thr des Cabinets, auf deren Schwelle ein junger
Mann erschien.

Ah, Sie sind es, Graf Ashton? unterbrach sich Lord Piborne.

Der Marquis und die Marquise htten es niemals versumt, ihrem Sohne
diesen Titel zu geben, der alle von seiner Geburt ihm auferlegten
Pflichten htte zu vernachlssigen gefrchtet, wenn er darauf nicht
antwortete:

Ich wnsche Ihnen guten Tag, Mylord, mein Vater!

Dann trat er auf Milady, seine Mutter, zu, der er wrdevoll die Hand
kte.

Der junge Gentleman von vierzehn Jahren hatte ein regelmiges,
doch recht ausdrucksloses Gesicht, dessen Zge gewi auch spter an
Lebhaftigkeit und Intelligenz nicht gewannen. Er war ja der natrliche
Abkomme eines Marquis und einer Marquise, die sich, gut zwei
Jahrhunderte hinter ihrer Zeit zurckgeblieben, jedem Fortschritte
des modernen Lebens abhold erwiesen -- zwei Typen aus der Periode der
Cromwell, waschechte, unbelehrbare Tories alten Schlages. Der Instinct
der Rasse bewirkte schon, da dieser Knabe sich etiquettengerecht
verhielt, da er Graf blieb vom Scheitel bis zu den Zehen, obwohl ihn
die Marquise sehr verwhnt hatte und die Dienerschaft des Schlosses
abgerichtet war, sich allen seinen Launen zu fgen. So besa er
keine, der fr dieses Alter charakteristischen Eigenschaften, weder die
ungebundene Beweglichkeit des Krpers, noch die Wrme des Herzens oder
den Enthusiasmus der Jugend.

Es war so ein junger Herr, der in allen, die ihm nahe kamen, nur tief
unter ihm Stehende sah, dem das Mitgefhl fr die Armuth abging, der
zwar in allen Zweigen des Sports -- dem Reiten, Jagen, Wettrennen,
dem Croquett und Lawn-Tennis -- schon recht bewandert, sonst aber
erschreckend unwissend war, trotz des halben Dutzends von Hauslehrern,
die sich vergeblich mit ihm abgemht hatten.

Die Zahl solcher jungen Gentlemen von hoher Geburt, die trotz ihrer
Distinguirtheit spter als klgliche Schwachkpfe durchs Leben wandern,
zeigt zwar entschieden Neigung zur Abnahme. Noch giebt es deren aber
genug, und der Graf Ashton Piborne gehrte unzweifelhaft zu dieser
Sorte.

Er hrte jetzt von dem Verluste des Portefeuilles und erinnerte sich,
da Mylord, sein Vater, dasselbe in der Hand gehabt hatte, als er aus
dem Hause des Sachverwalters zurckkam, und da er es bei der Abfahrt
von Newmarket nicht in die Tasche gesteckt, sondern hinter sich auf den
Wagensitz gelegt habe.

Sind Sie Ihrer Sache sicher, Graf Ashton? fragte die Marquise.

-- Ja, Milady, und ich glaube nicht, da das Portefeuille habe aus dem
Wagen fallen knnen.

-- Dann htte es sich also, meinte Lord Piborne, noch darin befinden
mssen, als wir am Schlosse wieder eintrafen.

-- Und man kommt zu dem Schlusse, da es einer der Diener unterschlagen
hat, setzte Lady Piborne hinzu.

Dieser Ansicht war natrlich auch Graf Ashton. Er hatte gar kein
Vertrauen zu solchen Kerlen, die immer spionieren, wenn sie nicht gar
stehlen -- und beides meist zusammen thun -- die man das Recht haben
sollte, wie einst die Leibeigenen Grobritanniens, nach Belieben
auszupeitschen. Woher er etwas von Leibeignen in Grobritannien gehrt
hatte, das mochte der Himmel wissen. Er beklagte nur, da der Marquis
und die Marquise ihm keinen eignen Kammerdiener oder wenigstens einen
Groom zugetheilt hatten, der wrde schon die Hand des Herren zu fhlen
bekommen haben u. s. w.

Das hie rein herausgesprochen, und um eine solche Sprache zu fhren,
mute man das blaue Blut der Piborne in den Adern haben.

Die Verhandlung lief also darauf hinaus, da das Portefeuille gestohlen,
und zwar von einem der Diener gestohlen sein werde, da darber eine
Untersuchung angestellt und jeder, auf dem der geringste Verdacht haften
bleibe, sofort der Polizei berwiesen werden msse, da dem Lord Piborne
das Recht der hohen und niedern Gerichtsbarkeit abging.

Der Graf Ashton drckte also auf den Knopf der Klingel, und
wenige Augenblicke spter erschien der Schloverwalter vor ihren
Herrlichkeiten.

Dieser Herr Scarlett, der Intendant des Lord Piborne, war der richtige
Scheinheilige, eine schmeichlerische, katzenbuckelnde Persnlichkeit,
der immer den grundehrlichen Mann spielte und von der Dienerschaft
des Hauses bestens gehat wurde, da er seine Untergebenen zwar ohne
Aufbrausen und Anmaung, doch im Grunde schlecht behandelte.

Vor dem Marquis, der Marquise und dem Grafen Ashton erschien er die
Unterwrfigkeit selbst, wie der niedrigste Kirchendiener vor dem ersten
Geistlichen einer Parochie.

Jetzt erzhlte man ihm den Vorfall. Das Portefeuille war ohne Zweifel
auf ein Sitzpolster im Wagen gelegt worden, wo es sich doch htte
wiederfinden mssen.

Das war auch die Meinung Scarlett's, schon weil es die des Lord und
der Lady Piborne war. Bei der Rckkehr des Wagens hatte er, der sich
in respectvoller Entfernung von dessen Thr hielt, bei der Dunkelheit
natrlich nicht sehen knnen, ob das Portefeuille an der vom Marquis
bezeichneten Stelle lag.

Wenn Scarlett auch der Gedanken kam, die Brieftasche htte auf die
Landstrae hinaus gefallen sein knnen, so htete er sich doch,
das auszusprechen, da auf den Lord Piborne damit der Vorwurf der
Unachtsamkeit gefallen wre; er begngte sich vielmehr mit der
Bemerkung, da das Portefeuille selbstverstndlich hochwichtige
Schriftstcke enthalten haben werde, und zwar schon deshalb, weil es
die Ehre hatte, einer so vornehmen, wichtigen Persnlichkeit, wie dem
Schloherrn, zu gehren.

Es liegt auf der Hand, versicherte dieser, da hier eine
Fundunterschlagung stattgefunden hat...

-- Sagen wir gleich: ein Diebstahl, wenn Eure Herrlichkeit gestatten.

-- Jawohl, ein Diebstahl, Herr Scarlett, und zwar einer, bei dem es sich
nicht allein um eine nicht unbetrchtliche Geldsumme, sondern auch um
Schriftstcke handelt, die alte Rechte unsrer Familie gegenber dem
Kirchspiele nachweisen.

Wer die Physiognomie des Verwalters nicht gesehen hat, bei dem Gedanken,
da das Kirchspiel sich unterfange, berhaupt ein Recht gegen das
vornehme Haus der Piborne geltend zu manchen -- eine Unverschmtheit,
die zur Zeit, wo Familienprivilegien noch geachtet wurden, ganz
unmglich gewesen wre -- nein, wer die Indignation des Herrn Scarlett
nicht beobachtet hat, das Zittern seiner halb zum Himmel erhobnen Hnde
und seine auf die Erde gesenkten Blicke, der vermag sich gar keine
Vorstellung zu machen, bis zu welchem Grade so ein Mucker seine
heuchlerischen Grimassen zu vervollkommnen vermag.

Doch wenn ein Diebstahl ausgefhrt worden ist... sagte er endlich.

-- Wie... nur _wenn_ er ausgefhrt worden wre? fiel die Marquise
nselnden Tones ein.

-- Verzeihen Ihre Herrlichkeit, beeilte sich der Verwalter
hinzuzusetzen, ich wollte sagen, da ein solcher vorliegt, so kann er ja
nur...

-- Durch einen unsrer Leute begangen worden sein! fiel ihm Graf Ashton
ins Wort und fuchtelte dazu, ganz nach Feudalherrenart, mit der in der
Hand gehaltenen Reitgerte.

-- Herr Scarlett, nahm Lord Piborne wieder das Wort, wird untersuchen,
den oder die Schuldigen zu entdecken und mittelst Affidavits[1] die
Intervention des Gerichtes herbeizufhren, da es einem nicht einmal mehr
auf eignem Grund und Boden gestattet ist, selbst Gerechtigkeit zu ben.

-- Und wenn meine Ermittelungen zu keinem Ziele fhren, fragte der
Verwalter, was gedenken Eure Herrlichkeit dann zu thun?

-- Dann wird die gesammte Dienerschaft verabschiedet, Herr Scarlett;
hren Sie? Alle Leute!

Nach dieser Entscheidung zog sich der Verwalter zurck, worauf auch
die Marquise wieder ihre Gemcher aufsuchte und der Graf Ashton sich zu
seinen Hunden im Park zurckbegab.

Scarlett mute sich sofort mit der ihm bertragnen Aufgabe befassen,
obgleich er nicht zweifelte, da das Portefeuille whrend der Fahrt von
Newmarket nach dem Schlosse aus dem Wagen gefallen sein werde. Da seine
Herrschaft aber einmal die Constatierung eines Diebstahls verlangte, so
wollte er das thun... da er einen Dieb entdeckte, so wollte er einen
solchen ermitteln, und htte er auch einen beliebigen Diener durch
Auslosung bestimmen sollen.

Nun muten Lakeien, Kammerdiener und Kammerfrauen, der Kchenchef,
die Kutscher und die Stallburschen vor dem gestrengen Schloverwalter
erscheinen. Natrlich betheuerten alle ihre Unschuld, und obwohl
Scarlett sich ber die Angelegenheit schon seine Ansicht gebildet
hatte, ersparte er den Leuten doch nicht die verletzendsten Vorwrfe und
drohte, sie der Polizei auszuliefern, wenn das Portefeuille nicht wieder
zum Vorschein kme. Es war ja nicht allein eine Summe von hundert
Pfund Sterling entwendet worden, sondern der oder die Diebe hatten
auch Documente unterschlagen, die die Rechte des Lord Piborne in einem
schwebenden Processe nachwiesen. Wie leicht konnte es ja einem der Leute
einfallen, seinen Herrn zu Gunsten des Kirchspiels benachtheiligen zu
wollen! Vielleicht wurde dieser gar bezahlt. Nun, wenn es gelang, die
Hand auf den Uebelthter zu legen, so durfte dieser auf eine
Spazierfahrt nach den Strafanstalten der Insel Norfolk rechnen, denn
Lord Piborne war mchtig genug, und einen so groen Herrn zu bestehlen
galt etwa ebenso viel, als sich am Besitzthum eines Mitglieds des
Knigshauses zu vergreifen.

Scarlett stellte das allen, die er wegen der Sache ausfragte,
eindringlich vor. Leider wollte sich keiner zu dem Gestndni, der
Urheber des Verbrechens zu sein, herbeilassen, und nach Beendigung der
hochnothpeinlichen Befragung beeilte sich der Schloverwalter, dem Lord
von der Erfolglosigkeit seiner Bemhungen Kenntni zu geben.

Die Leute stecken unter _einer_ Decke, erklrte der Marquis, und wer
wei, ob sie den Raub nicht unter sich getheilt haben.

-- Ich glaube, da Eure Herrlichkeit damit Recht haben, erwiderte
Scarlett. Auf alle an die Dienerschaft gerichteten Fragen erhielt ich
auch ganz gleichlautende Antworten, ein hinlnglicher Beweis, da die
Leute sich untereinander verstehen.

-- Haben Sie auch ihre Stuben, ihre Schrnke und Koffer durchsucht,
Scarlett?

-- Noch nicht. Eure Herrlichkeit werden einsehen, da ich das mit Erfolg
nur in Gegenwart eines Polizeibeamten vornehmen kann.

-- Das ist richtig, besttigte Lord Piborne. Schicken Sie jemand nach
Kanturk... oder besser, verfgen Sie sich selbst dahin. Natrlich darf
keiner vor Beendigung der Untersuchung das Schlo verlassen.

-- Die Befehle Eurer Herrlichkeit werden ausgefhrt werden.

-- Der Polizeibeamte soll nicht versumen, einige Leute mitzubringen,
Scarlett...

-- Ich werde ihm den Wunsch Eurer Herrlichkeit kund thun und er wird
nicht verfehlen, diesem nachzukommen.

-- Sie werden auch meinen Sachverwalter, Herrn Laird in Newmarket,
benachrichtigen, da ich mit ihm ber diesen Vorfall sprechen mu und
ihn schleunigst hier zu sehen wsche.

-- Noch heute soll er die Mittheilung erhalten....

-- Wann brechen Sie auf?

-- Sofort, ich denke, noch vor dem Abend zurck zu sein.

-- Gut.

Das Erzhlte spielte sich am Morgen des 29. April ab. Ohne jemand zu
sagen, was er in Kanturk vorhabe, lie sich Scarlett eines der besten
Pferde aus dem Stalle satteln und wollte schon aufsitzen, als am
Wirthschaftsthore, nahe dem Wchterhause, eine Glocke ertnte.

Ein Flgel des Thores ffnete sich, und davor stand ein Kind von etwa
zehn Jahren.

Es war Findling.




II.

Im Laufe von vier Monaten.


In der Provinz Munster liegt die Grafschaft Cork, die mit denen von
Limerick und Kerry zusammenstt. Sie erfllt deren sdlichen Theil
zwischen der Bai von Bantry und Youghal-Haven. Ihre Hauptstadt ist Cork,
und der wichtigste Hafenplatz der von Queenstown, an der gleichnamigen
Bucht und einem der belebtesten Hfen von ganz Irland.

Die Grafschaft durchschneiden verschiedene Eisenbahnlinien; die eine
erstreckt sich ber Mallow und Killarney bis nach Tralee. Oberhalb
derselben, an dem Theile der Linie, die etwa lngs des Blackwaterflusses
verluft, und sechs Kilometer sdlich von Newmarket, liegt der Flecken
Kanturk, zwei Meilen von diesem aber das Schlo Trelingar.

Dieser prchtige Grogrundbesitz gehrt der alten Familie der Pibornes.
Er umfat eine geschlossene Flche von hunderttausend Acres (40.000
Hektaren) besten Bodens mit fnf- bis sechshundert Farmen, deren
Ausbeutung dem Landlord die hchsten Einknfte in der ganzen Umgegend
sichert. Der Marquis von Piborne ist also schon hierdurch sehr reich,
ohne von den andern Einnahmen zu reden, die ihm die Besitzthmer der
Marquise in Schottland zufhren. Ueberhaupt wird sein Vermgen als eines
der grten im ganzen Lande angesehen.

Wenn der Lord Rockingham sein Grundeigenthum in der Grafschaft Kerry
niemals besucht hatte, so konnte man den Lord Piborne dagegen des
verhaten Absentismus nicht beschuldigen. Nach vier- bis fnfmonatigem
Aufenthalt in Edinburg oder London, bewohnte er vom April bis zum
November stets sein Trelingar-castle.

Ein Grundbesitz von so groer Ausdehnung bedingt selbstverstndlich auch
sehr viele Pchter. Die ackerbauende Bevlkerung, die auf den Lndereien
des Marquis lebte, htte ein recht ansehnliches Dorf bilden knnen.
Waren die Bauern von Trelingar-castle auch nicht von einem John Eldon
fr Rechnung des Herzogs von Rockingham bedrckt, und wurden sie nicht
von einem Harbert fr Rechnung eines John Eldon ausgesaugt, so darf
man daraus noch nicht schlieen, da sie sich einer besseren Behandlung
erfreuten. Hier gab man sich nur den Anschein grerer Milde. Der
Verwalter hielt streng auf die pnktliche Abfhrung der Pachtzinsen und
vertrieb sie auch aus ihren Gehften; er that das aber auf seine Art,
er drckte ihnen sein Mitleid aus, beklagte sie, bekmmerte sich bei dem
Gedanken, was ohne Obdach und Lebensunterhalt aus ihnen werden sollte,
versicherte auch, da solche Austreibungen seinem Herrn das Herz
brchen... verjagt wurden die armen Leute aber doch, und hchst
wahrscheinlich empfanden sie es als keinen besondern Trost, da Seine
Herrlichkeit darum trauerte.

Das zur Zeit der Stuarts erbaute Schlo war gegen dreihundert Jahre alt,
es reichte also nicht bis zur Epoche der Plantagenet's zurck, worauf
die Piborne's so stolz waren.

Der gegenwrtige Besitzer hatte das Aeuere des Bauwerks neu herstellen
lassen, um ihm mehr das Aussehen eines Feudalsitzes zu verleihen. Da
waren Zinnen angebracht, Spitzthrmchen und Wachthuschen errichtet
und ber einen Graben eine Zugbrcke, die nie aufgezogen, und ein
Fallgatter, das nie herabgelassen wurde.

Das Innere enthielt sehr gerumige Gemcher mit mehr Comfort, als ihn
die Zeiten EduardsIV. oder Johanns ohne Land zu bieten pflegten.
Diese verborgene Stilwidrigkeit entsprach freilich den Bedrfnissen der
verwhnten Schlobewohner.

An den Seiten des Schlosses erhoben sich die Communs (Dienerwohnungen)
und Nebengebude, Stlle, Wagenschuppen und Wirthschaftsrume. Davor lag
ein weiter Ehrenhof mit prchtigen Buchen, nach auen zu abgeschlossen
von zwei Pavillons neben einem verzierten Gitterthore, von denen der
eine dem Portier als Wohnung diente.

Am Thore dieses Pavillons hatte unser junger Held grade die Glocke
gezogen, als es sich ffnete, um den Verwalter Scarlett hinausreiten zu
lassen.

Ungefhr vier Monate waren seit dem unvergelichen Tage verstrichen,
wo das Adoptivkind der Familie Mac Carthy die Farm von Kerwan verlassen
hatte. Wenige Zeilen werden hinreichen, zu berichten, wie es ihm in
diesem Zeitraum ergangen war.

Als Findling gegen fnf Uhr abends von dem zerstrten Hause wegging,
wurde es schon langsam finster. Da er Martin und den Seinigen auf der
Strae von Tralee nicht begegnet war, kam ihm zunchst der Gedanke, sich
nach Limerick zu begeben, wohin die Gefangenen von den Polizisten ohne
Zweifel abgefhrt worden waren. Ihm erschien es als heilige Pflicht, die
Familie Mac Carthy wieder aufzusuchen und auf jeden Fall deren Loos zu
theilen. Ja, wenn er schon gro gewesen wre, um mit seiner Hnde Arbeit
etwas zu verdienen! Gewi wrde er sich gerhrt und keine Mhe gescheut
haben... doch was konnte er, der erst Zehnjhrige erhoffen? Spter,
wenn er einmal einen guten Gehalt bezog, sollte dieser fr seine
Adoptiveltern verwendet werden, und noch spter, wenn er sein Glck
gemacht htte -- und daran zweifelte er gar nicht -- wollte er jenen
alles bieten und das Wohlwollen mit Zinsen heimzahlen, das ihm in der
Farm von Kerwan entgegengebracht worden war.

Jetzt, auf dieser verlassenen Strae freilich, inmitten einer vom
schlimmsten Elend heimgesuchten Gegend, die von denen verlassen war,
welche sie nicht zu ernhren vermochte, und verloren in der kalten
Finsterni fhlte sich Findling vereinsamter als je zuvor. In seinem
Alter ist es ja selten, da Kinder nicht durch irgend ein Band gehalten
werden, das sie entweder mit einer Familie verknpft oder an eine
ffentliche Anstalt fesselt, die sie aufnimmt und erzieht. Der Knabe
aber war ja nichts anders als ein abgerissenes und auf die Landstrae
verwehtes Blatt, das vom Winde hin und her getrieben wird, bis es zu
Staub zerfllt. Niemand, niemand gab es, der sich seiner mitleidig
angenommen htte. Wenn er die Mac Carthy's nicht wiederfand, wute er
vorlufig nicht, was aus ihm werden sollte, oder doch fehlte ihm auch
jeder Anhalt, wo er jene suchen, ja nur nach ihrem Verbleib fragen
knnte. Waren sie nicht verhaftet worden, so hatten sie sich wohl
gar, wie so viele ihrer Landsleute, entschlossen, nach der Neuen Welt
auszuwandern, und dann...

Der Knabe wollte also, quer durch das schneebedeckte Land, nach Limerick
wandern. Die Lufttemperatur wre jetzt kaum zu ertragen gewesen, wenn
etwa ein scharfer Wind geweht htte. Die Atmosphre war aber still und
jeder Laut von weither hrbar. So legte er, ohne einer lebenden Seele
zu begegnen, zwei Meilen ganz aufs Geradewohl zurck, denn er hatte sich
noch nie in diesen von den ersten Auslufern der Berge berhrten Theil
der Grafschaft gewagt. Vor ihm verliehen die dichten Tannenwlder dem
Horizont einen noch dunkleren Rahmen.

Von seiner Wanderung nach Tralee und zurck bereits stark angegriffen,
fhlte Findling jetzt, da ihn die Krfte verlieen. Die Beine zitterten
ihm und die Fe knickten ihm in den Gelenken. Dennoch wollte er auf
keinen Fall Halt machen, und so gelang es ihm mit Mhe, sich noch eine
halbe Meile weit fortzuschleppen. Nach dieser letzten Anstrengung aber
sank er an einem Abhange mit groen Bumen zusammen, deren Zweige sich
unter der Last des Rauhfrostes beugten.

Hier kreuzten sich zwei Landstraen, so da Findling, wenn er sich
wieder zu erheben im Stande gewesen wre, nicht gewut htte, welcher
davon er folgen sollte. Auf dem Schnee ausgestreckt und mit erstarrten
Gliedern, konnte er, als schon seine Augen sich schlieen wollten und er
das Bewutsein fr seine Lage halb verlor, nur noch einmal rufen:

Zu Hilfe!... Zu Hilfe!

Fast gleichzeitig erschallte ein entferntes Gebell in der trocknen
kalten Nachtluft. Dann kam es nher und an der nchsten Straenbiegung
tauchte ein Hund auf, der mit gesenkter Nase, hngendem Schwanze und
mit Augen, die wie solche von Katzen erglnzten, den Boden beschnffelnd
einhertrabte.

Mit wenigen Sprngen stand das Thier neben dem Kinde... doch nicht um
diesem ein Leid zuzufgen, sondern um es zu erwrmen, indem sich der
Hund an dessen Seite ausstreckte.

Findling bekam sofort seine Besinnung wieder. Er schlug die Augen auf
und fhlte, da eine warme, liebkosende Zunge ihm die Hand leckte.

Birk! murmelte er.

Birk war es, sein einziger Freund, sein treuer Begleiter in der Farm von
Kerwan.

Wie gab der Knabe ihm seine Liebkosungen zurck, whrend er sich die
Hnde zwischen seinen Pfoten wrmte. Das flte ihm neuen Muth ein. Er
sagte sich, da er auf der Erde doch nicht allein sei. Jetzt wollten
beide die Aufsuchung der Familie Mac Carthy vornehmen. Ohne Zweifel
hatte Birk diese nach der Austreibung begleitet und zurckgekehrt war
er jedenfalls nur, weil ihn die Hscher und die Polizisten wohl mit
Steinwrfen und Stockschlgen verjagt hatten. So war es in der That
gewesen, und Birk, der herzlos verscheucht wurde, hatte nach der Farm
zu zurcktrotten mssen. Jetzt wrde er ja auch jede Spur der Polizisten
wiederfinden und Findling konnte sich wohl auf den Instinct des Thieres
verlassen, von diesem zur Familie Mac Carthy geleitet zu werden.

Er begann also mit Birk zu plaudern, wie er das in den langen Stunden
auf der Weide bei Kerwan zu thun pflegte. Birk antwortete ihm in seiner
Weise durch ein kurzes Bellen, das Findling leicht genug verstand.

Nun vorwrts, mein getreuer Birk, vorwrts!

Sofort lenkte das Thier nach der einen Strae ein, wo es seinem jungen
Herrn vorauslief.

Nun traf es sich aber, da Birk, eingedenk der erlittenen Mihandlung,
den Weg nach Limerick nicht einschlug. Er folgte vielmehr dem, der an
der Grenze der Grafschaft Kerry hin und nach Newmarket in der Grafschaft
Cork fhrt. Unbewut entfernte sich Findling damit von der Familie Mac
Carthy weiter, und als der Tag graute, machte er, erschpft und von
Hunger geplagt, Rast, um sich in einem Gasthause, ein Dutzend Meilen
sdstlich von der Farm, zu strken und zu erquicken.

Auer seinem Wschepacket besa Findling, wie sich der Leser erinnern
wird, noch den Rest der bei dem Apotheker in Tralee gewechselten
Guinee... die groe Summe von ganzen fnfzehn Schillingen. Damit kommt
man freilich nicht weit, wenn zwei zu ernhren sind, selbst wenn man
sich auf das nothwendigste beschrnkt und tglich nur einige
Pence ausgiebt. Das beobachtete der Knabe auch, und nach
vierundzwanzigstndigem Aufenthalt in dem Gasthofe, wo ihm ein Heuboden
als Schlafraum und Kartoffeln als Speise dienten, machte er sich mit
Birk wieder auf den Weg.

Auf seine Fragen nach den Mac Carthy's hatte der Gastwirth erklrt,
da ihm keine Familie dieses Namens bekannt sei. Austreibungen waren
in diesem schlimmen Winter auch so hufig vorgekommen, da sich die
ffentliche Aufmerksamkeit diesen traurigen Ereignissen gar nicht mehr
zuwandte.

Findling marschierte immer hinter Birk in der Richtung nach Newmarket
weiter.

Wie er fnf lange Wochen, bis zum Eintreffen in diesem Flecken
verbrachte, kann man sich wohl vorstellen. Niemals streckte er die Hand
aus! Sein natrlicher Stolz und das Gefhl eigner Wrde waren auch bei
diesen neuen Prfungen nicht erlahmt. Manche weichherzigen Leute, die
das hilflose Kind dauerte, hatten ihm wohl ein greres Stck Brod oder
Speck u. dgl. gegeben, wenn er sich in den Gasthusern versorgte und mit
einem Penny bezahlte, was eigentlich das doppelte kostete -- doch das
ist immer noch nicht gebettelt. Dabei theilte er alles mit Birk, indem
die beiden in Scheunen schliefen, sich ins Heu verkrochen und Hunger
und Durst zusammen litten, um von der Guinee so wenig als mglich
auszugeben....

Zuweilen blhte ihm auch das Glck, denn wiederholt erhielt Findling
eine kleine Beschftigung. Vierzehn Tage verweilte er z.B. in einer
Farm in Vertretung des abwesenden Schfers. Wohl erhielt er keinen
Lohn, fand dabei aber doch fr sich und Birk Obdach und Nahrung. Nach
vollendeter Arbeit zog er weiter. Einige Auftrge, die er zwischen einem
Dorfe und dem andern ausrichtete, brachten ihm auch ein paar Schillinge
ein. Zum Unglck fand er nur keine dauernde Beschftigung, denn es
war die schlechte Jahreszeit, wo leider so viele rstigere Arme feiern
mssen, und grade in diesem Winter war das Elend schlimmer als sonst.

Findling hatte brigens noch keineswegs darauf verzichtet, mit der
Familie Mac Carthy wieder zusammenzutreffen, obwohl seine Erkundigungen
nach ihr immer erfolglos blieben und er bei seinem Weiterwandern auf gut
Glck nicht einmal wute, ob er sich seinen Freunden nherte oder nicht.
Nur die eine Hoffnung verlie ihn nicht, da er in einer Stadt, in einer
wirklichen Stadt, die gewnschte Auskunft erhalten werde.

Dabei drckte ihn die Sorge, da er in seinem Alter so ganz allein auf
der Landstrae gefunden, vielleicht als Vagabund verhaftet und noch
einmal in die =Ragged-School= oder in ein Arbeitshaus eingeliefert
werden knnte. Lieber wollte er alles Ungemach weiterer Irrfahrten
ertragen, als in eines dieser verhaten Asyle zurckkehren, wobei er
sich ja auch von dem anhnglichen Birk htte trennen mssen.

Nicht wahr, Birk, sagte er, den mchtigen Kopf des Hundes auf seine
Knie legend, wir knnten doch keiner ohne den andern leben?

Gewi antwortete der Hund in seiner Weise, da das unmglich sei.

Von Birk wendeten sich seine Gedanken dann seinem frheren Kameraden von
Galway zu und er fragte sich, ob Grip jetzt wohl auch obdachlos sei
wie er. Ja, wenn sie einander begegnet wren, htten sie zu zweien sich
sicherlich eher fortzuhelfen vermocht... sogar zu dreien; er gedachte
damit der guten Sissy, von der er seit seiner Flucht aus der Htte
der Hard gar nichts gehrt hatte. Jetzt mute sie -- mit vierzehn bis
fnfzehn Jahren -- doch schon ein groes Mdchen sein. In diesem Alter
ist man hier schon in Stellung, im Dorf oder in der Stadt, und verdient
sein Brod zwar sauer, verdient es aber doch. Wenn er erst so alt wre,
wrde er nicht darum verlegen sein, eine Stelle zu finden. Jedenfalls
wrde ihn Sissy nicht vergessen haben. Alle Erinnerungen aus seiner
ersten Kindheit tauchten mit berraschender Schrfe in ihm auf: die
schlechte Behandlung durch das bse Weib, die Grausamkeiten Thornpipe's,
des Puppenschaustellers.... Da fhlte er sich jetzt frei, wenn auch
allein, doch weit glcklicher, als zu jenen traurigen Zeiten!

Immer weiter auf der Landstrae hinziehend, verflossen die Tage ohne
besondre Vernderung seiner Lage. Zum Glck war der Februar dieses
Jahres nicht so hart, und die Armen brauchten von keiner bermigen
Klte zu leiden. Der entschwindende Winter lie die Hoffnung aufkommen,
da der Beginn der Arbeiten und der Frhlingseinsaat nicht verzgert
werden wrde. Fingen dann die Feldarbeiten zeitig an, so wurden auch
Schafe und Khe wieder auf die Weide getrieben und Findling durfte
hoffen, in einer Farm Beschftigung zu finden.

Fnf bis sechs Wochen lang mute er freilich noch hinbringen, und
von den gelegentlich erworbenen wenigen Schillingen, so wie von der
Guinee -- dem ganzen Vermgen des Knaben -- waren gegen Mitte Mrz nur
noch ein halbes Dutzend Pence brig. Dabei hatte er an der tglichen
Nahrung -- und er a nicht einmal alle Tage -- so viel wie mglich
gespart, jedenfalls sich nie ordentlich satt gegessen. So war er
abgemagert, sein Gesicht erbleicht und der Krper von der Anstrengung
erschpft.

Birk, dessen Fell sich ber den hervortretenden Seiten faltete, schien
auch nicht in besserer Verfassung zu sein. Auf die in Drfern gewhnlich
kargen Abflle hingewiesen, mute Findling vielleicht bald auch diese
mit dem Thiere theilen.

Dennoch schtzte ihn sein Charakter davor, ganz zu verzweifeln. Er
bewahrte sich stets die Energie, wenigstens nicht zu betteln. Was sollte
er aber beginnen, wenn sein letzter Penny fr das letzte Stck Brod
dahingegangen war?

Kurz, Findling besa nur noch sechs bis sieben Pence, als er mit Birk am
13. Mrz in Newmarket anlangte.

Seit zweieinhalb Monaten hatten beide die Straen der Grafschaft
durchstreift, ohne irgendwo eine dauerndere Ruhe zu finden.

Newmarket, etwa zwanzig Meilen von Kerwan gelegen, ist weder gro noch
volkreich. Es bildet einen jener Flecken, aus denen die irlndische
Gleichgiltigkeit niemals eine Stadt schaffen wird und die eher rckwrts
als vorwrts gehen.

Vielleicht war es bedauerlich, da der Zufall Findling nicht in der
Richtung nach Tralee zurckgefhrt hatte; das Meer bte ja von jeher
auf den Knaben einen mchtigen Reiz aus -- das Meer, die unerschpfliche
Nhrmutter aller, die den Muth haben, darauf und davon zu leben. Wenn
es an Arbeit in Stadt und Land gebricht, feiert man doch niemals auf dem
Ocean, den Tausende von Schiffen unausgesetzt durchkreuzen. Der Seemann
hat weit weniger die Verarmung zu frchten als der Landbauer und der
Arbeiter. Das bewies ja schon ein Vergleich der Verhltnisse Pats,
des zweiten Sohnes Martin Mac Carthy's, mit denen der aus der Farm von
Kerwan vertriebenen Familie. Und wenn Findling sich auch noch mehr von
der Handelsthtigkeit als von der Seefahrerei angezogen fhlte, sagte er
sich doch, da er schon das Alter habe, wo er als Schiffsjunge an Bord
eines Seglers gehen knnte.

Deshalb sagte er sich auch, da er ber Newmarket hinaus wandern und
sich in der Richtung nach Cork zu der Kste zuwenden wollte. In Cork,
einem Platze mit sehr lebhaftem Seeverkehr, gedachte er Unterkommen auf
einem Schiffe zu suchen. Inzwischen mute er jedoch leben, mute die zur
Fortsetzung seiner Reise nthigen wenigen Schillinge erwerben; doch fnf
Wochen nach seinem Eintreffen in Newmarket befand er sich mit Birk noch
immer dort.

Wie erwhnt, frchtete er sich vor allem, als Landstreicher verhaftet
und in irgend eine Wohlthtigkeitsanstalt gesteckt zu werden. Zum Glck
war seine Kleidung noch in recht gutem Zustande, so da er kaum wie ein
kleiner Armer aussah. Sein geringer Vorrath an Wsche gengte ihm; auch
die Schuhe hatten die Strapazen des langen Weges ausgehalten. Wegen
seiner uern Erscheinung brauchte er also nicht zu errthen, wenn er
sich irgendwo zeigte, und der ffentlichen Armenpflege hoffte er auch
nicht zur Last zu fallen.

So erwarb er sich seinen Lebensunterhalt in Newmarket durch allerlei
Kindern zugngliche Beschftigungen; er bernahm Botschaften fr den
oder jenen, befrderte leichtere Packete und verkaufte schachtelweise
Streichhlzchen, die er fr eine, eines Tags verdiente halbe Krone
einkaufte und Dank seinem frhentwickelten Instinct fr den Handel mit
leidlichem Nutzen absetzte. Seine ernsten Zge machten ihn interessant,
und gern kauften ihm Spaziergnger von seiner Waare ab, wenn er mit
heller Stimme rief:

    =Some light, sir... some light!= [2]

Alles in allem hatten Birk und er in diesem kleinen Orte weniger zu
leiden, als vorher beim Wandern durch die Grafschaft. Es schien sogar,
als sollte Findling, der sich durch Intelligenz einige Hilfsquellen
erffnet hatte, dauernd in Newmarket bleiben, als er in den letzten
Tagen des April, am 29., pltzlich den Weg nach Cork einschlug.

Natrlich begleitete Birk den Knaben, der genau gezhlt drei Schillinge
und sechs Pence in der Tasche hatte.

Wer ihn seit dem Vortage beobachtet htte, dem htte eine gewisse
Vernderung in seinem Gesicht nicht entgehen knnen. Von seltsamer
Angst erfat, blickte er scheu um sich, als frchte er, da jemand ihm
auflauere. Sein Schritt war schnell, und es fehlte nicht viel, so wre
er gelaufen, was ihn die Beine tragen konnten.

Es schlug die neunte Morgenstunde, als er an den letzten Husern von
Newmarket vorberkam. Die Sonne glnzte hell am Himmel. Mit dem Ende des
April fngt auf dem Grnen Erin der Frhling an. Schon regte es sich da
und dort auf den Feldern. Der Knabe war jedoch so von seinen Gedanken
eingenommen, da weder der Pflug, der den Erdboden aufbrach, noch die
Semnner, die die Krner in geschicktem Wurfe ausbreiteten, oder
die auf den Weiden grasenden Thiere in ihm eine Erinnerung an Kerwan
erweckten. Er ging immer gerade aus. Birk an seiner Seite warf ihm einen
fragenden Blick zu, und diesmal war es nicht der Hund, der seinen Herrn
fhrte.

Sechs bis sieben Meilen zwischen Newmarket und Kanturk wurden in zwei
Stunden zurckgelegt. Findling durchwanderte mehrere Ortschaften,
ohne sich Zeit zum Ausruhen zu gnnen, da er unterwegs ein Stck Brod
verzehrte, von dem der treue Birk die Hlfte abbekam, und als er stehen
blieb, da schlug die Uhr auf dem Wartthurm von Trelingar-castle gerade
die Mittagsstunde.




III.

In Trelingar-castle.


Als das Thor neben dem Pavillon sich aufthat, wollte der Verwalter
Scarlett eben den Ehrenhof verlassen, um sich entsprechend dem Befehle
des Schloherrn nach Kanturk zu begeben. Die Hunde des Grafen Ashton,
die Birk, der ihnen offenbar nicht gefiel, wittern mochten, fingen
wthend an zu bellen.

Da Findling frchtete, da sich hier eine Katzbalgerei entwickeln
knnte, bei der Birk doch eine zu groe Uebermacht gegen sich gehabt
htte, gab er diesem ein Zeichen, sich zu entfernen, und das gehorsame
Thier verschwand hinter einem Busche, wo es nicht bemerkt werden konnte.

Als Scarlett den auf das Thor zuschreitenden Knaben bemerkte, rief er
ihn heran.

Was willst Du hier? fragte er mit barscher Stimme.

Wenn der Verwalter sich nmlich kriechend unterwrfig gegen alle
Vornehmen zeigte, so verleugnete er doch gegen niedriger Stehende, und
vorzglich gegen Kinder, niemals seine brutale Natur.

Seine Aufgeblasenheit konnte unsern jungen Helden freilich nicht
schrecken. Er hatte noch weit hrtere Anreden bei der Hard, von
Thornpipe und in der Lumpenschule hinnehmen mssen. Wie es sich
schickte, entblte er den Kopf, als er auf Scarlett zuging, den er
brigens gleich nicht fr Seine Herrlichkeit den Lord Piborne, den
Schloherrn von Trelingar, ansah.

Wirst Du wohl sagen, was Du hier willst? herrschte ihn Scarlett noch
einmal an. Bettelst Du um eine Gabe, dann mach' da Du fortkommst.
Kleine Herumtreiber wie Du erhalten hier nichts, nicht einmal einen
Copper!

Das waren recht unntze Worte, vor denen Findling zu gar keiner Antwort
kommen konnte, zumal er sich immer vor dem etwas unruhigen Pferde des
Verwalters in Acht nehmen mute. Gleichzeitig tobten die Hunde knurrend
und bellend im Hofe umher. Das machte einen Lrm, der jede Verstndigung
erschwerte.

Scarlett mute auch noch lauter sprechen, als er hinzufgte:

Wenn Du jetzt nicht Deiner Wege gehst und ich Dich noch einmal in
der Nhe des Schlosses erwische, dann fhr' ich Dich an den Ohren nach
Kanturk, wo im Arbeitshause fr einen solchen Burschen schon noch Platz
ist!

Findling lie sich weder durch solche Drohungen, noch durch den Ton, in
dem sie ausgestoen wurden, einschchtern. Als es aber einmal ruhiger
war, antwortete er:

Ich verlange kein Almosen und habe nie darum gebettelt!

-- Und Du wrdest auch keines annehmen, he? erwiderte Scarlett ironisch.

-- Nein... von niemand.

-- Was willst Du denn sonst hier?

-- Ich wnsche den Lord Piborne zu sprechen.

-- Seine Herrlichkeit selbst?

-- Ja, Seine Herrlichkeit persnlich.

-- Und Du bildest Dir ein, da er Dich vorlassen wird?...

-- Gewi, denn es handelt sich um eine fr den Lord Piborne sehr
wichtige Sache.

-- Eine sehr wichtige Sache?...

-- Ja wohl, mein Herr.

-- Und was betrfe denn diese?

-- Das mchte ich dem Lord Piborne nur allein mittheilen.

-- Dann hinaus!... Der Marquis ist nicht im Schlosse.

-- O, so werde ich warten.

-- Doch wenigstens nicht hier auf der Stelle.

-- Gut, so komm' ich noch einmal wieder.

Jeder andre als der hliche Scarlett wre von der auffallenden
Zhigkeit, von den so bestimmten Antworten dieses Kindes betroffen
gewesen. Jeder htte sich gesagt, da den Kleinen gewi ein ganz
besondrer Grund nach dem Schlosse getrieben habe, und htte ihn
aufmerksam angehrt. Der Verwalter kam dadurch jedoch nur noch mehr in
die Wolle und knurrte:

So ohne Umstnde spricht man nicht mit Seiner Herrlichkeit Lord
Piborne. Ich bin der Intendant des Schlosses. Wer hier etwas will, hat
sich an mich zu wenden, und Du weigerst Dich sogar zu sagen, was Dich
herfhrte....

-- Das kann ich niemand als dem Lord Piborne sagen, und ich bitte Sie,
mich ihm zu melden!

-- Dich Galgenstrick? versetzte Scarlett, die Reitgerte schwingend,
jetzt packe Dich zum Teufel oder die Hunde sollen Dir in die Beine
fahren!... Nimm Dich in Acht!

Die polternde Stimme des Verwalters reizte die Hunde zu neuem Geklff.

Findling frchtete immer nur, da Birk aus dem Gebsch vorbrechen und
ihm zu Hilfe kommen knnte, was der Sachlage eine noch blere Wendung
gegeben htte.

Auf das immer tollere Bellen der Hunde hin erschien jetzt Graf Ashton
auf dem Hofe und kam auf das Gitterthor zu.

Was giebt's denn hier? fragte er.

-- O, einen Jungen, der betteln will....

-- Ich bin kein Bettler! wiederholte Findling.

-- Aber ein frecher kleiner Landstreicher...

-- Pack' Dich fort, Schlingel, oder ich stehe nicht mehr fr meine Hunde
ein! rief der Graf Ashton.

Die Thiere, die der junge Piborne jetzt noch zu bndigen versuchte,
wurden in der That immer wthender und bedrohlicher.

Da zeigte sich auf der Freitreppe vor dem Mittelportale des Schlosses
der Lord Piborne selbst in all seiner Majestt, und als er sah, da
Scarlett noch immer nicht nach Kanturk weggeritten war, stieg er
gemessenen Schrittes die Stufen hinab, ging steif ber den Ehrenhof
und erkundigte sich nach der Ursache der Verzgerung und des jetzigen
Lrmens.

Wollen Eure Herrlichkeit entschuldigen, stammelte der Verwalter, es ist
der Bursche hier, ein Bettelbube....

-- Ich erklre Ihnen nun zum dritten Male, da ich kein Bettler bin,
fiel ihm Findling ins Wort.

-- Was will dieser Knabe also? fragte der Marquis.

-- Er will nur mit Euer Herrlichkeit sprechen.

Lord Piborne trat einen Schritt zurck, nahm eine mglichst vornehme
Haltung an und richtete sich dabei in seiner ganzen Lnge auf.

Was haben Sie mir zu sagen? fragte er.

Er duzte ihn nicht, obwohl er noch ein Kind vor sich hatte. Als Ausflu
hchster Vornehmthuerei redete der Marquis berhaupt niemand mit Du
an, weder die Marquise, noch den Grafen Ashton -- wahrscheinlich vor
fnfzig Jahren nicht einmal seine eigene Amme.

Sprechen Sie! setzte er hinzu.

-- Der Herr Marquis hatte sich gestern nach Newmarket begeben, nicht
wahr?...

-- Ja.

-Gestern Nachmittag?...

-- Ja wohl.

Scarlett wute nicht, wie ihm geschah. Hier fragte der Gassenjunge, und
Seine Herrlichkeit geruhte zu antworten!

Herr Marquis, fuhr das Kind fort, haben Sie da nicht ein Portefeuille
verloren?

-- Ganz recht; und dieses Portefeuille...

-- Hab' ich auf der Landstrae nach Newmarket gefunden und komme, es
Ihnen abzuliefern.

Damit hielt er dem Lord Piborne das Portefeuille hin, dessen
Verschwinden so viele Unruhe verursacht, so vielfachen Verdacht erweckt
und in Trelingar-castle so viele Unschuldige compromittiert hatte. Die
Schuld daran lag also, mochte sich seine Eigenliebe dadurch auch schwer
verletzt fhlen, an Seiner Herrlichkeit selbst, jede Anklage gegen die
Dienerschaft wurde zwecklos und es erschien jetzt -- zu seinem lebhaften
Bedauern -- unnthig, da der Verwalter von Kanturk polizeiliche Hilfe
herholte.

Lord Piborne ergriff das Portefeuille, das im Innern seinen Namen und
seine Adresse trug, und berzeugte sich, da es die Schriftstcke und
die Banknoten noch enthielt.

Sie also haben dieses Portefeuille gefunden? fragte er Findling.

-- Gewi, Herr Marquis.

-- Und haben es natrlich geffnet?

-- Das mut ich wohl, um zu erfahren, wem es gehrte.

-- Sie haben darin eine Banknote gefunden... deren Werth war Ihnen aber
wohl unbekannt?

-- Das nicht; es war eine Banknote von hundert Pfund, erklrte Findling
ohne Zgern.

-- Hundert Pfund... das ist so viel wie?...

-- Zweitausend Schillinge.

-- Ah, das wissen Sie also, und trotzdem fiel es Ihnen nicht ein, sich
das Geld anzueignen?

-- Ich bin kein Dieb, Herr Marquis, erwiderte Findling stolz, so wenig
wie ein Bettler!

Lord Piborne hatte das Portefeuille wieder geschlossen, die Banknoten
daraus aber in seine Tasche gesteckt. Der Knabe verneigte sich grend
und that schon einige Schritte rckwrts, als Seine Herrlichkeit ihn --
doch ohne ein Zeichen, da die ehrliche Handlungsweise seine Anerkennung
fand -- noch einmal ansprach.

Welche Belohnung verlangen Sie fr die Wiederbeschaffung dieses
Portefeuilles?

-- Ah, was da... ein paar Schillinge... meinte Graf Ashton.

-- Oder einige Pence, das ist fr den Jungen brig genug! beeilte sich
Scarlett hinzuzufgen.

Findling emprte es, da man hier mit ihm handelte, wo er doch gar
nichts verlangt hatte, und er erklrte deshalb:

Mir kommen dafr weder Pence noch Schillinge zu.

Dabei wandte er sich nach der Landstrae.

Warten Sie, rief Lord Piborne. Wie alt sind Sie?

-- Bald zehnundeinhalb Jahre.

-- Und Ihr Vater... Ihre Mutter?...

-- Ich habe keinen Vater und keine Mutter.

-- Ihre sonstigen Angehrigen?

-- Ich habe auch keine solchen.

-- Woher kommen Sie berhaupt?

-- Von der Farm von Kerwan, wo ich vier Jahre gewesen bin und die ich
vor vier Monaten verlassen mute.

-- Weshalb denn?

-- Weil der Farmer, der mich aufgenommen hatte, von den Gerichten
vertrieben wurde.

-- Kerwan... Kerwan... murmelte Lord Piborne. Ich glaube, das gehrt
ja zu dem Grundbesitze von Rockingham?

-- Eure Herrlichkeit tuschen sich nicht, sagte der Verwalter.

-- Und was denken Sie nun zu beginnen? wendete sich der Marquis wieder
an Findling.

-- Nun, ich kehre nach Newmarket zurck, wo ich mir bis jetzt mein Brod
verdiente.

-- Wollen Sie hier im Schlosse bleiben, so knnen Sie wohl in einer oder
der andern Weise Beschftigung finden.

Das war gewi ein verlockendes Angebot. Vom Herzen war es dem
hochmthigen, gefhllosen Lord Piborne aber keineswegs eingegeben, und
von einem Lcheln oder einer Freundlichkeit war es auch nicht begleitet.

Findling empfand das ganz gut, und statt schnell zu antworten, begann er
erst zu berlegen. Was er bisher vom Schlosse Trelingar gesehen hatte,
gab ihm zu denken.

Er fhlte sich nicht angezogen von Seiner Herrlichkeit und von dessen
Sohne Ashton, der recht spttische, widerwrtige Zge besa, und noch
viel weniger von dem Verwalter Scarlett, dessen brutaler Empfang ihn
emprt hatte. Dabei gedachte er auch noch Birks. Wenn man ihm Aufnahme
bot, so wrde man Birk diese doch verweigern, und zu einer Trennung von
seinem Genossen in guten und bsen Tagen knnte er sich doch niemals
entschlieen.

Immerhin mute der Knabe, dessen Lebensunterhalt bis heute doch
keineswegs gesichert war, dieses Anerbieten als einen Wink der Vorsehung
betrachten. Die Vernunft rieth ihm, darauf einzugehen, da er es
vielleicht zu bereuen gehabt htte, wenn er nach Newmarket zurckkehrte.
Nur der Hund bildete ein Hinderni, doch davon zu reden, wrde es ja
eine Gelegenheit geben. Vielleicht nahm man ihn, und wre es nur als
Wachthund, schlielich dennoch mit auf. Von einer Stellung im Schlosse
mute er ja Vortheil haben, und bei der nthigen Sparsamkeit...

Na... bist Du mit Dir im Reinen? brummte der Verwalter, der ihn lieber
htte zum Teufel gehen sehen.

-- Was werd ich verdienen? fragte Findling, den sein praktischer Sinn
nie verlie, ohne alle Schchternheit.

-- Zwei Pfund Sterling monatlich, erklrte Lord Piborne.

Zwei Pfund im Monat!... Das erschien ihm ungeheuer viel, und in der
That konnte ein Kind seines Alters so viel ja kaum erwarten.

Ich danke Eurer Herrlichkeit, sagte er. Ich nehme das Anerbieten an und
werde mich bemhen, Sie nach Krften zufriedenzustellen.

Mit Zustimmung der Marquise noch desselben Tages unter die
Schlobediensteten aufgenommen, sah sich Findling eine Woche spter
schon zu der verantwortungsreichen Stellung eines Grooms des Erben der
Piborne's erhoben.

Den armen Birk hatte sein Herr whrend der sieben Tage noch nicht am
Hofe -- natrlich des Schlosses -- vorgestellt, denn er frchtete fr
ihn einen ungndigen Empfang.

Der Graf Ashton besa nmlich drei Hunde, die er fast so sehr wie
sich selbst liebte. In ihrer Gesellschaft zu leben, entsprach seinem
Geschmacke und gengte seiner Intelligenz. Es waren Racethiere,
deren Stammbaum -- wenigstens -- bis zur normnnischen Eroberung
zurckreichte, drei schne, aber sehr bissige schottische Pointer
(Wachtelhunde). Kam ein andrer Hund am Gitterthore vorbei, so mute
er sich schnell davon machen, um nicht von den wthenden Thieren
zerfleischt zu werden, die der Piqueur (Rdenmeister) zu solchen
Grothaten aufzuhetzen liebte. Birk begngte sich auch, in der Nhe
der Wirthschaftsgebude umherzustreifen und wartete ruhig, bis der neue
Groom des Abends kam und ihm etwas Futter zusteckte, das der Findling
sich an der eignen Nahrung absparte. Die Folge davon war, da beide
magrer wurden. Ei was, es wrden ja auch wieder bessere Tage kommen, wo
sie sich auf Vorrath msten konnten.

Jetzt begann fr den Findling, dessen traurige Geschichte wir erzhlen,
ein Leben, das sich von dem bisher gefhrten wesentlich unterschied.
Ohne von den bei der Hard und in der =Ragged-School= verbrachten Jahren
zu sprechen, zeigte seine Lage, nur im Vergleich zu der in der Farm von
Kerwan, doch eine groe Vernderung.

Bei der Familie Mac Carthy zhlte er zum Hause, unbelastet von dem
Joch der Knechtschaft. Hier im Schlosse galt er fr nichts. Der Marquis
betrachtete ihn als Almosenbecken, in das er monatlich zwei Pfund
Sterling legte, die Marquise als ein kleines Vorzimmerhndchen, und
der Graf sah ihn fr ein Spielzeug an, das man ihm, sogar ohne die
Ermahnung, es nicht zu zerbrechen, geschenkt hatte. Scarlett endlich
hatte sich gelobt, ihm durch fortwhrende Chicanen seine Abneigung
fhlen zu lassen, und dazu fehlte es nicht an Gelegenheit. Selbst die
Diener betrachteten das heimatlose Kind, das Lord Piborne in das Schlo
Trelingar aufgenommen hatte, fr tief unter ihnen stehend. Leute von
gutem Herkommen haben einmal ihre Einbildung, ihren Stolz einer lange
eingenommenen Stellung, und es pat ihnen nicht, mit solchen Gestalten
von der Landstrae her in einen Topf geworfen zu werden. Bei den
gemeinschaftlichen Mahlzeiten lieen sie das Findling auch fhlen, wo
es nur anging. Dieser lie darum keine Klage laut werden; er antwortete
nicht und that gewissenhaft seine Pflicht, wenn er auch nach Ausfhrung
der letzten Befehle seines Herren mit groer Erleichterung nach seinem
besondern Kmmerchen hinaufging.

Inmitten so vielen Uebelwollens fand er doch eine Frau, die sich seiner
annahm. Es war das nur eine Wscherin, namens Kat, die, jetzt im Alter
von fnfzig Jahren, von jeher auf der Piborne'schen Domne gelebt hatte
und hier voraussichtlich ihr Leben beschlo, wenn sie der Verwalter
Scarlett nicht fortjagte -- was er brigens schon versucht hatte, da
sie ihm etwas verhat war. Ein Vetter des Marquis, Sir Edward Kinney,
offenbar ein sehr geistreicher Herr, behauptete, da die Kat schon zur
Zeit Wilhelms des Eroberers am Waschzuber gestanden habe. Die Frau lie
sich jedoch durch nichts beirren. Sie besa ein vortreffliches Herz, und
Findling schtzte sich glcklich, bei ihr Trost fr manches Ungemach zu
finden.

Oft plauderten beide, wenn der Graf Ashton einmal allein vom Hause
weg war. Und wenn der Groom von dem Verwalter oder einem andern Diener
angelassen worden war, dann ermahnte die Kat den Knaben:

Nur Geduld, mein Sohn! Kmmere Dich nicht um ihre Redereien. Der beste
unter ihnen ist nicht gar viel werth, ich wte wenigstens keinen, der
das Portefeuille zurckgegeben htte!

Vielleicht hatte die Wscherin damit Recht, denn die gewissenlosen
Leute erklrten Findling wegen seiner Ehrlichkeit nur fr einen
Einfaltspinsel.

Der Groom war dem Grafen Ashton also gewissermaen als Spielzeug
geschenkt worden, und wie ein launenhaftes, eigenwilliges Kind amsierte
sich der junge Graf auch mit ihm. Meist ertheilte er ihm ganz sinnlose
Befehle und widerrief diese dann ohne Grund. Zehnmal in der Stunde
klingelte er ihn herbei, um das oder jenes in Ordnung oder in Unordnung
zu bringen. Er hie ihn die groe oder die kleine Livre anlegen,
mit hunderten von Knpfen, wie die Knospen an einem Rosenstock im
Frhsommer. Ihn so zwanzig Schritte hinter sich her marschieren zu
lassen, wobei die Hnde auf der Naht der Beinkleider liegen muten, und
nicht nur in den Straen der Ortschaft, sondern auch in den Alleen des
Parks, das war fr den eitlen Grafen das allergrte Vergngen. Findling
unterwarf sich allen Launen, er gehorchte wie eine Maschine ihrem
Fhrer. Man htte ihn nur sehen sollen, wie er mit fest gekreuzten Armen
vor dem Pferde seines Herrn wartete, bis dieser in den Sattel stieg,
oder wie er hinter dem in tollem Galopp hinsausenden Cabriolet sich an
das zusammengeschlagene Wagenverdeck klammerte, wenn sein Herr damit
ber Stock und Stein jagte, oder gelegentlich einen Menschen umri,
wofr das Gefhrt des Grafen Ashton in Kanturk schon bekannt war.

Abgesehen davon, da er sich allen Thor- und Tollheiten seines Herrn
zu fgen hatte, war Findling nicht eigentlich unglcklich. Das ging
voraussichtlich so lange, wie jenem das neue Spielzeug gefiel. Bei dem
unberechenbaren jungen Gentleman war freilich jede Ueberraschung
mglich. Kinder bekommen ihr Spielzeug schlielich zum Ueberdru und
werfen es weg, wenn sie's nicht gar zerbrechen. Findling war freilich
fest entschlossen, dergleichen von sich abzuwenden.

Seine Stellung im Trelingar-castle betrachtete er nur als Nothnagel und
lebte der Hoffnung, da sich ihm schon noch eine bessere bieten
werde. Sein kindlicher Ehrgeiz strebte hher hinauf, als nach den
Obliegenheiten eines Grooms. Die Verneinung seines eignen Ich gegenber
diesem Erben der Piborne's, dem er sich berlegen fhlte, erniedrigte
ihn. Ja... berlegen, obwohl der Graf Ashton noch immer Unterricht
in Latein, Geschichte u. s. w. geno und seine Lehrer sich redlich
bemhten, ihm wenigstens einige Kenntnisse einzutrichtern. Sein Latein
blieb aber doch Hundelatein (die englische Bezeichnung fr unser
Kchenlatein) und seine Geschichtskunde beschrnkte sich auf das, was
er im goldenen Buche der Pferdegeschlechter gelesen hatte.

Kannte Findling nun auch diese schnen Dinge nicht, so verstand er es
doch mit zehn Jahren, zu denken, zu berlegen. Er schtzte jenen Sohn
der Familie nach seinem richtigen Werthe und errthete manchmal ber die
Dienste, die er ihm leisten mute. Wie bedauernd erinnerte er sich dann
der strkenden, heilsamen Beschftigung auf der Farm, seines Lebens
inmitten der Mac Carthy's, von denen er noch immer keine Kunde erhalten
hatte. Die Wscherin im Schlosse war und blieb das einzige Wesen, dem er
sich anschlieen konnte.

Uebrigens bot sich bald Gelegenheit, die Freundschaft der guten Frau zu
erproben.

Hier sei noch angefhrt, da der Proce mit dem Kirchspiele von Kanturk
zu Gunsten der Familie Piborne ausgefallen war, doch nur, weil diese die
von Findling abgelieferten Documente dabei in die Wagschale zu werfen
vermochte. Was der Knabe gethan, war jetzt freilich vergessen, warum
also htte ihm dafr ein besondrer Dank gebhrt?

Mai, Juni und Juli waren vorber. Birk hatte, so gut es anging, sein
Futter erhalten. Das Thier schien zu verstehen, da es sich vorsichtig
verhalten mute, um in der Umgebung des Schloparks unentdeckt zu
bleiben. Findling hatte schon dreimal seine zwei Pfund Sterling
eingeheimst, die in seiner Agende auf der Einnahmeseite gebucht standen,
whrend die Ausgabenseite noch leer geblieben war.

Im Laufe dieser drei Monate hatten Lord und Lady Piborne nichts
anderes zu thun, als Besuche zu empfangen und zu erwidern, und allerlei
Hflichkeiten mit den Schlobesitzern der Nachbarschaft auszutauschen.
Hierbei drehte sich die Unterhaltung natrlich meist um die Lage der
irischen Landlords. Da fielen recht grimmige Worte ber die Ansprche
der Pchter und der Landliga, ber den dreiundsiebzigjhrigen Gladstone
und ber Parnell, den man an den hchsten Galgen wnschte. So verlief
ein Theil des Sommers. Dann pflegten Lord und Lady Piborne nebst ihrem
Sohne gewhnlich eine mehrwchige Reise, meist nach den schottischen
Besitzthmern der Marquise, zu unternehmen. Dieses Jahr sollte sich
der Ausflug nach einer andern Seite lenken, die von der groen Welt
bevorzugt und von den Trelingarer Herrschaften noch nicht besucht worden
war. Es handelte sich nmlich um die herrliche Gegend der Seen von
Killarney, wohin am 3. August aufgebrochen werden sollte.

Findlings Hoffnung, infolge dessen eine Zeit lang dienstfrei zu werden,
ging nicht in Erfllung. Da Lady Piborne ihre Kammerfrau Marion und der
Marquis seinen Leibdiener John mitnahm, mute der Graf Ashton doch auch
seinen Groom bei sich haben.

Dieser kam dadurch in nicht geringe Verlegenheit wegen Birks, da er
nicht wute, wer inzwischen fr den Hund sorgen sollte.

Findling beschlo deshalb, Kat ins Vertrauen zu ziehen, die es gern
bernahm, den Liebling des Knaben zu pflegen, ohne da jemand davon
etwas erfhre.

Beruhige Dich, mein Sohn, erklrte die gute Frau. Ich liebe Deinen
Hund schon ebenso wie Dich, und er wird in Deiner Abwesenheit keine Noth
leiden!

Findling umarmte die freundliche Kat fr diese Zusage, und nachdem er
sie am Abend vor der Abreise noch mit Birk bekannt gemacht hatte, nahm
er von dem treuen Thiere Abschied.




IV.

Die Seen von Killarney.


Die Abfahrt erfolgte, wie hchsten Orts bestimmt war, am Morgen des 3.
August. Kammerdiener und Kammerfrau der Herrschaft bestiegen den Omnibus
des Schlosses, der das Reisegepck nach dem drei Meilen entfernten
Bahnhof befrderte.

Findling begleitete sie, um speciell die Effecten seines jungen Herrn
zu berwachen. Marion und John lieen auch das Kind von niemand sich
dabei helfen, so gut es anging.

Der Groom machte seine Sache ganz vortrefflich, und das Gepck des
Grafen Ashton wurde unter seiner Aufsicht sorgsamst fr den erwarteten
Bahnzug zurechtgestellt.

Gegen Mittag traf -- von der Strae lngs des Flusses Allo -- die
Equipage vom Schlosse ein, der nun Lord und Lady Piborne entstiegen.
Da mehrere Personen aus der Vorhalle des Bahnhofs traten, um die hohen
Reisenden -- natrlich aus respectvoller Entfernung -- zu sehen, konnte
der Graf Ashton die Gelegenheit nicht vorbergehen lassen, mit seinem
Groom eine Vorstellung zu geben. Er rief ihn nur =Boy= (Junge), wie er
dies gewhnt war, und als dieser an den Wagen herantrat, bekam er einen
ganzen Packen Reisedecken an die Brust geworfen, so da er von dem Stoe
fast hinfiel, was die Umstehenden weidlich zu belustigen schien.

Der Marquis und die Marquise begaben sich nach dem fr sie reservierten
Coup eines Waggons erster Classe. John und Marion richteten sich in
zweiter Wagenclasse ein, forderten aber den Groom nicht auf, bei ihnen
Platz zu nehmen. Dieser mute vielmehr ein andres leerstehendes Coup
besteigen, was er gerade fr den Anfang der Reise nicht im mindesten
bedauerte.

Der Zug setzte sich sofort in Bewegung. Es sah aus, als habe er nur auf
die hochvornehme Schloherrschaft von Trelingar gewartet.

Schon einmal war Findling, damals in den Armen der Mi Anna Walston, mit
der Eisenbahn gefahren, doch dessen entsann er sich kaum, da er ja meist
geschlafen hatte. Die aneinander gekuppelten, schnell dahinrollenden
Wagen waren ihm ja bei Galway und bei Limerick bekannt geworden. Heute
sollte nun sein heier Wunsch in Erfllung gehen, selbst von einer
Locomotive, diesem keuchenden, dampfenden Rosse aus Stahl und Kupfer,
durchs Land gezogen zu werden.

Findling blickte durch das Fenster hinaus, dessen Scheibe herabgelassen
war. Obwohl der Zug sich nur mit miger Schnelligkeit bewegte, erschien
diese ihm doch ganz auerordentlich, wenn er Huser und Bume scheinbar
nach rckwrts eilend vorberfliegen sah, wenn die Telegraphenstangen
an ihm vorbeihuschten, auf deren Drhten die Depeschen noch ungleich
schneller dahinblitzten, oder wenn ein andrer Zug an ihm vorbersauste,
den er nur als eine verschwommene, polternde Masse erkannte. Das
waren fr seine Vorstellung ebenso viele neue Eindrcke, die sich
unauslschlich in ihm festsetzten.

Einige Meilen weit folgte der Zug durch schne Gegenden dem linken Ufer
des Blackwaterflusses. Gegen zwei Uhr machte er, nach kurzem Verweilen
an mehreren Zwischenstationen, im Bahnhofe von Millstreet fr
fnfundzwanzig Minuten Halt.

Die vornehme Familie blieb im Waggon, nach dem Marion zur Bedienung
ihrer Herrin gerufen wurde; auch John hielt sich vor der Coupthr zu
Befehl seines Herrn. Der Knabe erhielt von dem Grafen Ashton Auftrag,
ihm eine unterhaltende Lectre fr zwei bis drei Stunden zu besorgen.
Er begab sich also zu dem Perronbuchhndler, wo er, durch die groen
Vorrthe von Bchern und Zeitschriften in Verlegenheit gebracht,
schlielich eine Wahl mehr nach eignem Geschmack, als nach dem des
jungen Piborne traf. Dieser empfing ihn auch hchst ungndig, als er ihm
den Touristenfhrer nach den Seen von Killarney einhndigte. Als ob
es dem Erben von Trelingar-castle einfallen knnte, ein Reisehandbuch
zu studieren! Als ob diesem die Gegend, die er besuchte, berhaupt etwas
anginge! Er begab sich dahin, weil man ihn dahin fhrte. So mute
der Groom noch ein Witzblatt mit Carricaturen und fadem Texte
herbeischaffen, das dem Geschmack des jungen Grafen mehr zusagte.

Die Abfahrt von Millstreet erfolgte um zweieinhalb Uhr. Findling hatte
sich wieder ans offne Fenster gesetzt. Der Zug rollte jetzt durch eine
abwechslungsreiche, bergige Gegend hin. Das Wetter war schn, die Sonne
nicht zu dicht verhllt. Lord Piborne konnte sich beglckwnschen, fr
diesen Ausflug eine mehr trockene Periode getroffen zu haben, wo der
Sonnenschirm der Marquise mehr Dienste leistete, als ihr Waterproof.
Immerhin enthielt die Atmosphre jene leichten Dnste, die den
Berggipfeln, deren scharfe Linien sie abstumpfen, erhhten Reiz
verleihen. Findling konnte im Sden von der Bahnlinie die hohen Pics
dieses Theiles der Grafschaft, den Caherbarnagh und den Pa, erkennen,
die bis zweitausend Fu aufsteigen. Gerade in der Umgebung von Killarney
treten die geologischen Umwlzungen in Irland am mchtigsten zu Tage.

Der Zug berschritt bald die Grenze zwischen den Grafschaften Cork und
Kerry. Mit dem von seinem Herren verachteten Reisefhrer in der Hand,
verfolgte Findling voller Interesse die Gelnde neben der Bahnlinie.
Hier erweckte schon der Name Kerry seine lebhaftesten Erinnerungen.
Zwanzig Meilen weiter nrdlich waren ihm die schnsten Jahre der
Kindheit verflossen, dort in der jetzt leer stehenden Farm von Kerwan,
woraus der mitleidlose Middleman die Familie Mac Carthy vertrieben
hatte. Da wandte er die Augen von der Landschaft ab. Er blickte tief in
sein Inneres, und der schmerzliche Eindruck davon hielt noch an, als der
Zug im Bahnhofe von Killarney eintraf.

Fr diesen kleinen Ort ist es ein von manchen Stdten Europas
empfundener Vorzug, am Ufer eines schnen Binnensees zu liegen, und
Killarney verdankt sein glckliches Gedeihen ohne Zweifel der Kette
von Wasserflchen, die sich von seinem Fue aus hinzieht. Wegen seines
Palastes, worin der katholische Bischof der Grafschaft residiert, wegen
seiner Kathedrale oder wegen der hier befindlichen Irrenanstalt, auch
wegen seines Franciscanerklosters oder seines Armenhauses strmen die
Touristen in der schnen Jahreszeit hier wahrlich nicht zusammen.
Nur seinen Seen verdankt es das Stdtchen, der Sammelpunkt vieler
Lustreisenden zu sein. Verlre es seine herrliche Umgebung, so htte
Killarney sozusagen ausgelebt, was sehr zu bedauern wre, vorzglich
fr die Familie der Kenmare's, da dieses Stdtchen einen Theil ihres
neunzigtausend Hektar groen Besitzthums bildet. An Htels hier und an
dem eine Viertelstunde entfernten Ufer des Lough-Leane fehlt es nicht.

Lord Piborne hatte eines der bestempfohlenen ausgewhlt; unglcklicher
Weise war aber dieses Htel gerade jetzt boycottiert. Dieses neue
irlndische Wort stammt von dem Namen eines Capitns Boycott her, der
zur Einbringung seiner Ernte polizeiliche Hilfe herbeigerufen hatte,
da die Arbeiter sich weigerten, auf seinen Feldern thtig zu sein. Das
betreffende Htel stand also in Acht und Bann, weil sein Besitzer die
gerichtliche Austreibung einiger seiner Pchter veranlat hatte. Jetzt
gab es hier deshalb weder Kellner noch Kche, und kein Lieferant htte
gewagt, etwas dahin zu verkaufen.

Der Marquis und die Marquise Piborne muten sich wohl oder bel nach
einem andern Htel begeben und ihre Abfahrt nach den Seen auf den
nchsten Tag verschieben.

Nach Besorgung des Reisegepcks seines Herrn erhielt der Groom Befehl,
sich den ganzen Abend zu dessen Verfgung zu halten. So konnte dieser
also das Vorzimmer nicht verlassen, whrend der junge Piborne inmitten
der im Salon lesenden, plaudernden und spielenden Touristen den groen
Herrn spielte.

Am folgenden Tage wartete ein Wagen vor dem Thore des Htels. Es war das
ein groer, bequemer Landauer, zum Niederschlagen des ganzen Verdecks
eingerichtet und hinten mit einem schwebenden Sitze fr John und Marion.
Der Groom hatte auf dem Bocke neben dem Kutscher Platz zu nehmen. In
den Koffern fhrte man auer Kleidungsstcken und Wsche auch
einen tchtigen Vorrath an Speisen und Getrnken mit, um gegen alle
Zwischenflle, wie Verzgerungen der Fahrt und Unzulnglichkeit der
Gasthfe, gerstet zu sein, denn die regelmigen Mahlzeiten der
vornehmen Familie durften auf keinen Fall in Frage gestellt sein. Ihre
Herrlichkeiten verzichteten inde beim Aufbruch aus Killarney auf die
Bentzung des Wagens.

Mit dem praktischen Verstande, dessen sich Lord Piborne -- sogar in
den Sitzungen des Oberhauses -- zu rhmen pflegte, hatte er die
Vergngungsreise in zwei Abtheilungen zerlegt. Der erste Theil umfate
den Besuch der Seen selbst, der zu Wasser abgemacht werden, und der
zweite den der Grafschaft bis zur Kste, der zu Lande erfolgen sollte.
Der Landauer hatte die vornehmen Touristen also erst whrend des letzten
Theils der Reise aufzunehmen. Trotzdem fuhr er an diesem Morgen ab, um
jene bei Brandons-cottage, am Ende der Seen von Killarney, deren Ostufer
er umfuhr, zu erwarten. Da der Lord Piborne in seiner Weisheit die Fahrt
ber die Seen auf drei Tage bemessen hatte, durften Kammerdiener, Zofe
und Groom ihrer Herrschaft natrlich so lange Zeit nicht fern bleiben.
Der Findling wenigstens freute sich auch herzlich, ber diese glnzenden
Wasserspiegel fahren zu sollen.

Das Meer war das freilich nicht, das unendliche Meer, das sich von einem
Continente zum andern ausspannt... nur einige beschrnkte Seen, die
keine Handelsstrae bilden und nur von Touristenbooten durchschnitten
werden. Doch auch das gengte schon unserm Findling. Gestern hatte er
zum zweitenmale in einem Bahnzuge gesessen, heute sollte er zum ersten
Male in einem Boote fahren.

Whrend John, Marion und der Groom sich zu Fu nach dem eine Meile
entfernten Nordende der Seenreihe begaben, fhrte den Marquis, die
Marquise und deren Sohn eine leichte Kalesche nach derselben Stelle.
An der Ecke eines Platzes erblickte Findling im Vorbergehen auch
die Kathedrale, zu deren Besuch er keine Zeit gefunden hatte. Auf den
Straen waren nur wenige Leute, und unter diesen mehr Spaziergnger als
Geschftsleute. In Killarney beschrnkt sich der regere Verkehr auf die
wenigen Monate, whrend der aus dem Vereinigten Knigreiche jhrlich
gegen zehn- bis zwlftausend Touristen hier eintreffen. Dann scheint
die eingeborne Bevlkerung nur noch aus Kutschern und Bootsleuten zu
bestehen, die sich um die Kundschaft streiten, welche ihre Dienste
gehrig bezahlen mu.

Am Landeplatz erwartete ihre Herrlichkeiten ein Boot mit fnf Mann,
vieren fr die Ruder und einem fr das Steuer. Polstersitze und ein
abnehmbares Zeltdach gegen den Sonnenbrand oder gegen anhaltenden
Regen sicherten den Fahrgsten die nthige Behaglichkeit. Lord und
Lady Piborne nahmen auf den weichen Bnken Platz, der Graf Ashton
neben ihnen, die Diener und der Groom setzten sich im Vordertheile des
Fahrzeugs nieder. Nun wurde das Tau losgeworfen, die Ruder tauchten
gleichmig ins Wasser und das Boot entfernte sich vom Ufer.

Die Seen von Killarney bedecken eine Flche von einundzwanzig
Quadratkilometern. Es sind ihrer drei: der Obere See, der aus der
Umgebung die Flsse Grenshorn und Doogary aufnimmt; der Muckro-
oder Toresee, in den sich nach einem Verlaufe lngs des schmalen
Lough-Range-Canals die Gewsser des Owengariffe ergieen, und der
Untere See, der Lough-Leane, der durch die Lawne und einige kleinere
Wasseradern am Meeresufer in die Bai von Dingle ausmndet. Die Strmung
in den Seen verluft von Sden nach Norden, so da der Untere See also
der nrdlichste ist.

Das Gesammtbild der drei Wasserbecken hnelt etwa einem gewaltigen
Schwimmvogel, einem Pelikan oder dergleichen, dessen Fe der
Lough-Range, dessen Beine der Obere See und dessen Rumpf der Muckro
und der Lough-Leane darstellten. Da die Einschiffung am Nordufer des
Lough-Leane stattgefunden hatte, ging die Fahrt stromaufwrts, erst
durch den unteren, dann durch den Muckro-See und hierauf mittelst
des Lough-Range-Canals nach dem Oberen See. Nach dem Programm des Lord
Piborne sollte jedem Seebecken ein Tag gewidmet werden.

Im Sden und Westen dieser Gegend erheben sich die hchsten Bergzge
des Grnen Erin bis zu der prchtigen, in die Kste der Grafschaft Cork
eingeschnittenen Bai von Bantry. Hier befindet sich auch der kleine
Fischerhafen, in dem Hoche mit seinen vierzehntausend Mann ans Land
stieg, als die Republik Frankreich diese 1796 ihren irischen Brdern zu
Hilfe geschickt hatte.

Lough-Leane, der grte der drei Seen, mit fnf Meilen in der Lnge und
drei Meilen in der grten Breite. Sein von der Bergkette des Carn-Tual
beherrschtes Ostufer ist mit dunkelgrnen Waldmassen eingerahmt, die
zum grten Theil zur Domne von Muckro gehren. Er enthlt zahlreiche
Inseln, wie Brown, Lamb, Heron, Mouse u. a., unter denen die Insel Ro
die grte und Innishallen die schnste ist.

Nach letzterer steuerte das Boot zuerst bei herrlichem Wetter und in
diesen Gegenden recht seltenem klaren Sonnenscheine. Eine leichte Brise
kruselte die Oberflche des Wassers. Findling berauschte sich an dem
erquickenden Lufthauche, whrend er die reizenden Bilder, die an ihm
vorberzogen, bewunderte. Er htete sich aber, seinen Empfindungen
lauten Ausdruck zu geben, denn man htte ihm doch Stillschweigen
geboten.

Lord und Lady Piborne wren gewi auch gar zu verwundert gewesen, da
ein Wesen ohne Geburt und Erziehung fr diese Naturschnheiten, die doch
nur fr das Vergngen aristokratischer Augen geschaffen waren, htte
empfnglich sein knnen. Uebrigens unternahmen Ihre Herrlichkeiten
diesen Ausflug, wie wir wissen, ja nur, weil es fr Leute ihres Ranges
zum guten Ton gehrte, ihn ausgefhrt zu haben, whrend in ihrem
Gedchtni wahrscheinlich kein dauernder Eindruck davon zurckblieb. Dem
Grafen Ashton war die ganze Sache vllig gleichgiltig. Er hatte einige
Angelschnuren mitgenommen und wollte Fische fangen, whrend seine
erhabenen Eltern pflichtgem die Landsitze und Ruinen der Umgebung
aufsuchen wrden.

Das schmerzte vorzglich Findling. Als Innishallen erreicht war, stiegen
der Marquis und die Marquise aus, auf den an ihren Sohn gerichteten
Vorschlag aber, sie zu begleiten, antwortete der liebenswrdige junge
Mann nur:

Ich danke; ich will whrend Ihres Spaziergangs lieber angeln!

-- Und doch, erwiderte Lord Piborne, befinden sich hier die Reste einer
berhmten Abtei, und mein Freund, Lord Kenmare, dem diese Insel gehrt,
wrde es mir wohl bel deuten...

-- Wenn es der Graf aber vorzieht... warf die Marquise nachlssig ein.

-- Gewi ziehe ich es vor, erklrte der Graf Ashton, und mein Groom wird
mir die Angelhaken mit Kder versorgen.

Der Marquis und die Marquise brachen also, mit John und Marion als
Gefolge, auf, und so kam es, da Findling, der ja den Launen des jungen
Piborne nachgeben mute, zu seinem groen Leidwesen nichts von den
archologischen Merkwrdigkeiten von Innishallen kennen lernte. Der
Marquis und die Marquise brachten davon brigens auch keine dauernde
Erinnerung mit heim. Wie konnten auf ihren indifferenten, blasierten
Geist die Schnheiten dieses Klosters Eindruck machen, dessen Grndung
bis ins 6. Jahrhundert zurckreicht, die Anordnung der vier dasselbe
bildenden Gebude, die romanische Kapelle mit ihren herrlichen
Steinarbeiten am Bogengewlbe, das Ganze verloren in ppigem Grn,
inmitten dichter Gruppen von Stechginster, Taxusbumen, Eschen und
Erdbeerbumen, deren vorzglichste Arten dieser Insel -- der Insel der
Heiligen, wie Frulein de Bouret so treffend das Juwel von Killarney
genannt hat -- anzugehren scheinen?

Hatte der Graf Ashton es auch abgeschlagen, Ihre Herrlichkeiten whrend
der Stunde, die sie der Besichtigung von Innishallen widmeten, zu
begleiten, so darf man nicht glauben, da er deshalb seine Zeit
verloren htte. Freilich war ihm eine schne Forelle durch eigne Schuld
wiederholt entschlpft, und sein Mivergngen darber machte sich in
ebenso unverdienten, wie malosen Vorwrfen gegen seinen Groom Luft.
Einige Aale, die an seinem Haken zappelten, galten ihm in der That
mehr als jene erbrmlichen Ruinen, um die er sich keinen Pfifferling
kmmerte.

Das erschien ihm als eine so wrdige Ausfllung seiner Mue, da er
nicht einmal die Insel Ro mit durchstreifen wollte, wo das Boot
eine Stunde spter anlegte. Auch hier vertndelte er die Zeit mit der
Angelschnur, und Findling mute bei ihm bleiben, whrend Lord und Lady
Piborne mit majesttischer Gleichgiltigkeit im Schatten der Wlder des
Lord Kenmare lustwandelten.

Die vierundzwanzig Hektar groe Insel gehrt nmlich zu dem Besitzthum
des Genannten, der sie am Ostufer des Sees durch eine gute Strae mit
seinem Schlosse, einer alten Feudalveste aus dem 14. Jahrhundert, in
bequeme Verbindung gesetzt hat. Dem Marquis und der Marquise fiel
es allerdings auf, da sowohl die Insel Ro als auch der Schlopark
jedermann offen stehen, dem es beliebt, das grne, mit Minzen und
Goldwurz zwischen Gruppen herrlicher Azaleen und Rhododendrons
geschmckte Gelnde zu durchstreifen.

Nach zweistndigem, durch wiederholte Ruhepausen unterbrochenem Besuche
kehrten Ihre Herrlichkeiten wieder nach dem kleinen Bootshafen zurck.
Der Graf Ashton war gerade dabei, seinen Groom tchtig abzukanzeln, und
der Marquis nebst der Marquise fand das ganz in Ordnung, ohne zu wissen,
was dazu Veranlassung gegeben htte. Das war aber nichts andres, als da
die Fische sich gehtet hatten, an die Angelhaken des jungen Edelmannes
anzubeien, worber dieser unwillig wurde und es auch bis zum Abend
blieb.

Die Gesellschaft bestieg wieder das Boot. Jetzt steuerte dieses mehr
nach der Mitte des Sees, um dann am Westufer noch die murmelnde Cascade
von O'Sullivan zu besuchen, ehe man in die Mndung des Lough-Range
einfuhr. Nahe derselben liegt die Dinish-Cottage, wo Lord Piborne zu
bernachten beabsichtigte.

Mit trauerndem Herzen ber die erlittene Ungerechtigkeit hatte Findling
seinen Platz im Vordertheile wieder eingenommen. Bald aber verga er
seinen Kummer und lie seine Phantasie unter das schlummernde Wasser
schweifen. Im Reisefhrer hatte er eine wunderbare Sage ber die Seen
von Killarney gelesen. Hier lag danach vor Zeiten ein glckliches
Thal, das durch ein Schutzwehr gegen Ueberfluthung aus der Umgebung
abgeschlossen wurde. Eines Tags hatte das mit dessen Bedienung betraute
junge Mdchen aus Unbedachtsamkeit die Schtzen dieses Wehres gezogen
und sofort strzte das Wasser in gurgelndem Strome hindurch. Drfer und
Menschen sammt ihrem Vorsteher, dem Thanist, gingen dabei zu Grunde.
Seitdem sollen jene unten im See fortleben, von woher ein scharfes Ohr
sie unter den Fluthen des Lough-Leane ihre Festtage im Reiche der Aale
und Forellen feiern hren kann.

Es war um vier Uhr, als Ihre Herrlichkeiten bei der Dinish-Cottage, nahe
der Mndung des Lough-Range und am rechten Ufer der sogenannten Bai von
Glenoo, ans Land gingen. Hier fanden sie ziemlich bequeme Unterkunft.
Als Findling jedoch um neun Uhr entlassen wurde, erhielt er die
bestimmte Anweisung, auf sein Zimmer zu gehen, so da er also auch jetzt
nicht einige Stunden der Freiheit genieen konnte.

Der nchste Tag galt dem Besuche des Muckrosees. Dieser zweieinhalb
Meilen lange und kaum halb so breite See von regelmiger Gestalt bildet
eigentlich nur einen groen Teich inmitten eines von den Eigenthmern
nicht mehr bewohnten Besitzthums, dessen prchtiger Wald dadurch, da er
in den Naturzustand zurckverfiel, mehr gewonnen als verloren hat.

Diesmal lie sich der Graf Ashton herbei, seine hohen Eltern zu
begleiten. Auch der Groom, der Flinte und Jagdtasche trug, mute sich
anschlieen. Frher hausten hier im Walde zahlreiche Wildschweine. Jetzt
trifft man statt derselben noch auf rothes Damwild, das im Vereinigten
Knigreich sonst dem Aussterben nahe zu sein scheint.

Der Graf Ashton htte gewi eine cygenetische Heldenthat vollbracht,
wenn ihm eines der sehr scheuen Thiere vors Rohr gekommen wre. Daraus
wurde aber nichts, obwohl zwei der Ruderer als Treiber und Findling
als -- Jagdhund dienten. Dieser bekam auch den malerischen Wasserfall
von Tore nicht zu sehen, ebenso wie eine alte Franciscanerabtei mit
Kirche und Kloster aus dem 13. Jahrhundert, von deren Aufsuchung den
vornehmen Reisenden besser abgerathen worden wre.

In diesem Kloster befindet sich noch ein ungeheurer Eibenbaum, dessen
Stamm fnfzehn Fu Umfang hat. Einem pltzlichen Einfalle nachgebend,
vielleicht um ein Andenken an ihren Besuch der Abtei von Muckro
mitzunehmen, wollte die Marquise ein Blatt von dem uralten Baume
abreien. Schon hatte sie die Hand danach ausgestreckt, als ein Anruf
des Fhrers sie aufhielt.

Hten sich Ihre Herrlichkeit...

-- Sich hten?... Warum? fragte Lord Piborne.

-- Gewi, Mylord! Htte die Frau Marquise ein solches Blatt
abgepflckt...

-- Nun, ist das etwa vom Besitzer von Muckro verboten? unterbrach ihn
der Lord hochfahrenden Tones.

-- Das nicht, Herr Marquis, antwortete der Fhrer, doch wer hier ein
Blatt abpflckt, stirbt noch in demselben Jahre...

-- Auch eine Marquise?

-- Gewi, auch eine Marquise!

Lady Piborne wurde hierdurch so betroffen, da sie sich fast unwohl
fhlte. Noch einen Augenblick und sie htte das Blatt abgerissen
gehabt. An jene alten Sagen glaubt man auf der Smaragdnen Insel wie ans
Evangelium, und berhaupt zeichnet sich Paddy in der Stadt und auf dem
Lande durch einen fast lcherlichen Aberglauben aus.

Lady Piborne kam, eingedenk der Gefahr, die ihr so nahe gedroht hatte,
ganz verstrt nach Dinish-Cottage zurck. Lord Piborne mute, obwohl es
erst um zwei Uhr war, aus Rcksicht auf sie den Besuch des Oberen Sees
bis zum nchsten Tage verschieben.

Der junge Ashton war hchst verstimmt darber, ohne Jagdbeute
zurckgekehrt zu sein. War er von der Anstrengung erschpft, wie viel
mehr mute es sein kleiner Groom sein, dem er keine Minute Rast gegnnt
hatte. Findlings Stolz verbot es ihm aber, eine Klage laut werden zu
lassen.

Am nchsten Tage nahmen Ihre Herrlichkeiten gleich nach dem Frhstck
wieder im Boote Platz. Die Ruderer muten fest anziehen, wie Pat
Mac Carthy gesagt haben wrde, um gegen die Strmung im Lough-Range
aufzukommen. Die Enge der Mndung erzeugt hier heftige Wirbel und die
Passagiere wurden davon tchtig geschttelt. War das auch ein Vergngen
fr unsern jungen Helden, so theilten es Lord und Lady Piborne doch
keineswegs. Der Marquis wollte im Hinblick auf die Angst seiner Gemahlin
schon wieder umkehren lassen, und auch der Graf Ashton befand sich in
ganz traurigem Zustande. Einige Ruderschlge gengten jedoch, das Boot
durch die schlimmsten Stellen zu treiben, und danach schwamm es
wieder in verhltnimig ruhigem Wasser zwischen den mit Seelilien
geschmckten Ufern. Anderthalb Meilen von hier erhob sich ein
achtzehnhundert Fu hoher Berg, Eagle's-Nest genannt von den Adlern, die
ihn zahlreich umschwrmen.

Die Ruderer machten ihre vornehmen Gste aufmerksam, da dieser Berg,
wenn sie geruhen wollten, ihn anzurufen, ihnen antworten wrde. Alle
Touristen bewundern das in der That berraschende Echo. Der Marquis und
die Marquise erachteten es aber jedenfalls unter ihrer Wrde, dieses
Echo, das ihnen nicht vorgestellt war, zu wecken. Der Graf Ashton
dagegen konnte die Gelegenheit nicht vorberlassen, einige recht
lppische Worte laut auszurufen, zuletzt auch die Frage, wer er sei.

Ein Einfaltspinsel! antwortete Eagle's-Nest durch den Mund eines
Spaziergngers, der hinter dichtem Wachholdergebsch auf halber
Bergeshhe verborgen war.

Wie von der Tarantel gestochen, erklrten Ihre Herrlichkeiten,
da dieses unverschmte Echo bestraft worden wre, wenn jetzt die
Schloherren die hhere und niedere Gerichtsbarkeit noch selbst ausgebt
htten. Die Ruderer trieben das Boot mglichst schnell von der Stelle,
und gegen vier Uhr wurde der Obere See erreicht.

Dessen Aussehen gleicht im allgemeinen dem des Muckrosees, doch zeigt
er eine unregelmigere Gestalt, was ihm erhhten Reiz verleiht. Im
Sden erheben sich die steilen Abhnge der Cromaglans, im Norden die
Grate des Tomie und des Purpurberges, der mit lebhaft rothem Strauchwerk
bedeckt ist. Das sdliche Ufer trgt einen dichten Kranz der herrlichen
Baumarten, die das Thal von Killarney beschatten. So bezaubernd der
Anblick dieses Sees auch war, schenkten Ihre Herrlichkeiten ihm doch nur
eine sehr geringe Beachtung, und auer Findling hatte wohl niemand einen
besondern Genu von diesem Ausfluge. Lord Piborne lie wenigstens sofort
nach der Mndung des Geanhmeen zu steuern, um nach Brandons-Cottage zu
gelangen, wo vor dem Besuche des Ufergelndes ordentlich Rast gehalten
werden sollte.

Nach so ungewohnten Anstrengungen bedurften Ihre Herrlichkeiten
natrlich der Ruhe. Fr sie war diese Spazierfahrt auf den Seen gleich
einer Reise ber das Weltmeer gewesen. Die beiden Diener muten mit
dem Groom im Htel bleiben, und wenn letzterer nicht zwanzig sich
widersprechende Befehle erhielt, kam das nur daher, da der Graf Ashton
beim neunzehnten fest eingeschlafen war.

Am nchsten Tage mute frhzeitig aufgestanden werden, denn es galt
jetzt, eine ziemlich lange Wegstrecke zurckzulegen. Die Marquise lie
sich sehr bitten. Marion fand sie ziemlich bla und angegriffen, so da
man unschlssig wurde, ob man die Fahrt fortsetzen oder unmittelbar
nach Trelingar-castle zurckkehren sollte. Lady Piborne stimmte fr das
letztere; Lord Piborne aber erinnerte daran, da ihre intimsten Freunde,
der Herzog von Francastar und die Herzogin von Wersgalber, ihren Ausflug
bis nach Valentia ausgedehnt htten, und daraufhin wurde beschlossen,
es diesen nachzuthun -- zur groen Freude Findlings, der vor allem
frchtete, nach dem Schlosse heimkehren zu mssen, ohne das Meer gesehen
zu haben.

Um neun Uhr des Morgens stand der Landauer bereit. Der Marquis und die
Marquise nahmen den hinteren Sitz, der Graf Ashton den vorderen ein.
John und Marion saen nebeneinander hinter dem Wagen und der Groom auf
dem Bocke neben dem Kutscher. Der Landauer, der ja im Nothfalle leicht
zu schlieen war, blieb vorlufig offen. Endlich brachen die vornehmen
Reisenden auf, nachdem sich das Personal der Brandons-Cottage
ehrerbietig von ihnen verabschiedet hatte.

Eine Viertelmeile weit folgten die beiden muthigen Pferde dem linken
Ufer des Doogary, einem der Zuflsse des Oberen Sees, dann bogen sie
nach den oft steilen Wegen der Kette der Gillyenddy-Reeks ein, wo der
Wagen nur im Schritt vorwrts kam. Jede Straenbiegung entrollte hier
ein neues Bild. Findling war aber wohl der einzige, der es bewunderte.
Hier befand man sich im bergigsten Theile der Grafschaft Kerry und damit
von ganz Irland. Neun Meilen im Sdosten, jenseits der Gillyenddy-Reeks,
tauchte die in den Wolken halb verlorne Spitze des Carrantuohill empor.
Unten an den Bergen lagen zerstreute Mornen, ein Chaos erratischer
Blcke, die das langsame, aber unausgesetzte Fortschreiten der Gletscher
hier abgelagert hatte.

Gegen Mittag gelangte der Landauer, den Tomie und den Purpurberg
zur Rechten lassend, nach einer schmalen, in die Gillyenddy-Reeks
eingeschnittenen Rampe. Dieser Durchbruch von Dunloe ist weit und breit
berhmt, und der kraftvolle Roland hat die Pyrenenkette wohl kaum mit
einem mchtigeren Hiebe gespalten. Da und dort glitzern kleine Seen
in der wilden Landschaft, und Findling htte, so wenig das Ihre
Herrlichkeiten interessierte, hier manche Sage erzhlen knnen, denn
er befleiigte sich stets, vor dem Aufbruch seinen Reisefhrer zu
studieren. Es htte ihm aber doch keiner zugehrt.

Jenseits dieses Durchbruchs rollte der Landauer schneller die Abhnge
nach Nordwesten hinunter. Binnen drei Stunden erreichte er das Ufer der
Lawne, deren Bett das berschssige Wasser der Seen von Killarney nach
der Bai Dingle abfhrt. Diesem Flusse folgte man vier Meilen weit, und
es war sechs Uhr geworden, als die Reisenden, ermdet von einer Fahrt
ber neun Meilen, in dem kleinen Flecken Kilgobinet Halt machten.

Im dortigen Gasthaus, wo man die mangelnde Bequemlichkeit durch
unterwrfige Hflichkeit vergessen zu machen suchte, verbrachte man eine
ungestrte Nacht. Zur groen Beunruhigung Findlings entstand aber am
nchsten Morgen wieder eine Verhandlung darber, ob der Wagen nach
rechts abschwenken und unmittelbar nach Killarney zurckkehren, oder
sich nach links wenden sollte, um nach Valentia zu gelangen. Da der
Htelwirth aber versicherte, da vor zwei bis drei Monaten der Frst
und die Frstin von Kardigan denselben Weg genommen htten, gab der Lord
Piborne der Lady Piborne zu verstehen, da sie doch nicht wohl anders
knnten, als dem Beispiele dieser hochedeln Vorgnger zu folgen.

Die Abfahrt von Kilgobinet erfolgte um neun Uhr Morgens. Heute war
regnerisches Wetter, so da der Landauer geschlossen werden mute.
Die Herrschaften meinten sogar, der Groom neben dem Kutscher werde den
strmischen Wind kaum aushalten knnen. Bah! Der hatte schon ganz anderm
Wetter getrotzt!

Der Knabe verlor also keines von den schnen Landschaftsbildern und
bewunderte ebenso die nebelumfangenen Bergzge des Ostens, wie die
tiefen Abhnge des Westens, die zur Kste hinabfallen. In seiner Seele
sprote die Empfindung fr Naturschnheiten immer mehr auf, und immer
schrfer prgten sich diese seinem Gedchtni ein.

Am Nachmittage zeigten sich, je weiter die vom Carrantuohill berragten
Berge im Osten verschwanden, die Iveraghberge am entgegengesetzten
Horizonte. Weiter hinaus sollte, dem Reisehandbuche nach, eine bequeme
Strae nach dem kleinen Hafen von Cahersiveen hinabfhren.

Gegen Abend erreichten Ihre Herrlichkeiten nach einer Fahrt von zehn
Meilen die Ortschaft Carramore. Entsprechend dem hier sehr lebhaften
Touristenverkehr giebt es daselbst auch zahlreiche, gut ausgestattete
Htels, so da die im Landauer mitgefhrten Vorrthe nicht angegriffen
zu werden brauchten.

Am folgenden Tage ging es bei Regenwetter weiter. Am Himmel jagten, bei
steifem Winde vom Meere her, die Wolken schnell dahin. Nur von Zeit zu
Zeit stahl sich ein Sonnenstrahl dazwischen hindurch. In vollen Zgen
athmete Findling aber die mit den salzigen Dnsten des Meeres beladne
Luft ein.

Kurz vor Mittag lenkte der Wagen nach einer scharfen Straenbiegung
gerade nach Westen hin ein. Nachdem er nicht ohne einige tchtige
Ste einen Engpa der Iveraghkette passiert hatte, rollte er, von dem
Schleifzeug im Laufe gemigt, allein nach der Ausmndung der Valentia
hinab, und gegen fnf Uhr hielt er am Ziele der Reise vor einem Htel in
Cahersiveen.

Wie viel mgen Ihre Herrlichkeiten wohl unterwegs von allen Schnheiten
der Natur gesehen haben? fragte sich Findling mit einem gewissen
Bedauern fr die Gleichgiltigkeit der vornehmen Herrschaft.

Er wute ja noch nicht, da so viele von den Oberen Zehntausend nur
reisen, um sagen zu knnen, da sie gereist seien.

Der Flecken Cahersiveen liegt am linken Ufer der Valentia, die sich hier
zu einem Nothhafen erweitert, der den Namen Valentia-Harbour erhalten
hat. Vor ihm erhebt sich die gleichnamige Insel mit ihrem Brag-Head, als
einem der am weitesten nach Westen hinausragenden Punkte Irlands. Was
den Flecken selbst betrifft, so wird kein Ire vergessen, da er der
Geburtsort O'Connell's ist.

Am folgenden Tage muten Ihre Herrlichkeiten, die nun darauf bestanden,
ihr Reiseprogramm bis zur letzten Nummer zu erledigen, dem Besuche
der Insel Valentia noch einige Stunden widmen. Das Verlangen, Mven zu
schieen, hatte den Grafen Ashton erfat, und deshalb bekam Findling zu
seinem grten Vergngen Befehl, ihn zu begleiten.

Ein Fhrdampfer unterhielt den Verkehr zwischen Cahersiveen und der eine
Meile vor der Mndung aufragenden Insel. Lord Piborne, Lady Piborne und
ihr Gefolge schifften sich nach dem Frhstck ein und das Ferry-Boat
setzte sie in dem kleinen Hafen ab, wo die Fischerboote bei pltzlichen
Strmen Schutz finden.

Sehr wild und rauh von auen, entbehrt diese Insel doch nicht gewisser
mineralischer Schtze, denn es finden sich auf ihr mehrere ergiebige
Schieferbrche. In einem Dorfe kann man verschiedene Huser sehen, deren
Mauern und Dach aus je einem einzigen groen Stck Schiefer bestehen. In
diesem Dorfe ist auch fr Unterkommen fr Touristen gesorgt, obwohl kaum
einer, trotz des vortrefflichen Gasthofs, davon Gebrauch macht. Wozu
auch? Wenn sie, wie es auch Ihre Herrlichkeiten thaten, das alte
verfallene Fort, das Cromwell einst erbaute, besucht und den
Leuchtthurm, den Wegweiser fr die Seeschiffe, bestiegen, und wenn
sie die Skellings, das sind zwei hohe Bergkuppen in der Entfernung
von fnfzehn Meilen, bewundert haben, deren Feuer die Nhe dieser
gefhrlichen Kstenstrecke weit hinaus anzeigt, dann bietet Valentia
nichts besondres mehr. Es ist nur eine jener Inseln, die man an der
Westkste Irlands zu Hunderten findet.

Immerhin geniet Valentia eine dreifache specielle Berhmtheit.

Es diente als Ausgangspunkt der Triangulierung, mittelst der ein
Bogenstck der Erde gemessen wurde, das quer durch Europa bis zum
Uralgebirge reicht.

Es ist thatschlich die am weitesten nach Westen vorgeschobene
meteorologische Station, an der die Sturmwellen von Amerika her zuerst
anprallen.

Endlich besitzt es ein isoliert stehendes Gebude, wohin Lord und Lady
Piborne sich fhren lieen. Hier beginnt das erste Transatlantische
Kabel, das zwischen der Alten und der Neuen Welt ausgespannt wurde.
Im Jahre 1858 lie es Kapitn Anderson von dem einst berhmten
Riesendampfer, dem Great-Eastern, abrollen, whrend es 1866 zuerst
fungierte -- damals allein, bis spter vier weitere Kupferfden Amerika
und Europa verbanden.

Hier traf das erste zwischen einem Continent und dem andern gewechselte
Telegramm ein, das vom Prsidenten der Vereinigten Staaten, Buchanan,
abgesendet, als Text die Worte hatte:

Ehre sei Gott in der Hhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen.

Armes Irland! Du hast es nicht unterlassen, dem Hchsten die Ehre zu
geben, doch werden die Menschen Dir jemals den socialen Frieden sichern,
indem sie Dir die Unabhngigkeit zurckgeben?




V.

Schferhund und Jagdhund.


Von Cahersiveen am Morgen des 11. August abgefahren, machte der
Landauer, der der an den ersten Verzweigungen der Iveraghberge
verlaufenden Kstenstrae folgte, nach kurzer Rast in Kells, einem
Flecken an der Dingle-Bai, am Abend und fr die Nacht in Killorglin
Halt. Den ganzen Tag ber hatte das windige, regnerische Wetter
angehalten; am nchsten Tage aber wurde es geradezu abscheulich. Nur
Schloen und Sturm, unter denen Ihre Herrlichkeiten die dreiig Meilen
zwischen Valentia und Killarney zurcklegen muten, wo sie in einer
ebenso abscheulichen Stimmung eintrafen, um hier die letzte Nacht auf
der Reise zuzubringen.

Am folgenden Tage bestieg die Gesellschaft die Eisenbahn und kam gegen
drei Uhr, nach zehntgiger Abwesenheit, wieder in Schlo Trelingar an.

Der Marquis und die Marquise hatten den traditionellen Ausflug nach den
Seen von Killarney und durch die Berggegend von Kerry... berstanden.

Und das wr' es werth gewesen, so viele Beschwerden auf sich zu nehmen!
sagte die Marquise.

-- Und so entsetzliche Langweile! setzte der Marquis hinzu.

Findling freilich brachte eine Menge schner Erinnerungen mit heim.

Seine erste Sorge war es, sich bei der Kat nach Birk zu erkundigen.

Der Hund befand sich wohl. Kat hatte ihn nicht vergessen. Jeden Abend
war er nach der Stelle gekommen, wo ihn die Wscherin nach besten
Krften ftterte.

Noch am nmlichen Abend und ehe er auf sein Stbchen ging, begab sich
Findling nach der Auenseite der Wirthschaftsgebude, wo Birk
ihn erwartete. Die Freude des Wiedersehens und die gegenseitigen
Liebkosungen dabei kann man sich wohl denken. Birk erschien zwar etwas
abgemagert, denn ganz satt mochte er nicht jeden Abend geworden sein,
es war damit aber nicht zu schlimm bestellt und noch zeigten seine
intelligenten Augen den frheren Glanz. Sein Herr versprach ihm, wenn
irgend mglich, jeden Abend zu kommen, und sagte dem Thiere gute
Nacht. Birk verstand, da er sich fgen mute und machte keine weiteren
Ansprche. Uebrigens galt es, klug zu sein. Die Anwesenheit Birks in der
Nhe von Trelingar-castle war mindestens gesprt worden, denn die Hunde
hier hatten wiederholt verdchtig angeschlagen.

Im Schlosse begann nun das frhere Leben wieder -- das Vegetieren, wie
es den Insassen von hoher Geburt so vorzglich zusagte. Der Aufenthalt
hier sollte bis zur letzten Septemberwoche dauern, bis zu dem
Zeitpunkte, wo die Piborne's ihr Winterquartier in Edinburg zu beziehen
pflegten, von wo sie nur zur Zeit der Parlamentssitzungen nach London
bersiedelten. Inzwischen puppten sich der Marquis und die Marquise
in langweiliger Vornehmheit vllig ein. Nur die Besuche in der
Nachbarschaft begannen wieder mit tdtlicher Regelmigkeit. Dabei
konnte man von dem Ausfluge nach Killarney sprechen. Lord und Lady
Piborne mischten da ihre Reiseeindrcke zu denen einiger Freunde, die
jene Fahrt bereits gemacht hatten. Sie muten sich brigens beeilen,
denn schon verblichen der Marquise alle Erinnerungen, ja sie konnte
sich schon nicht mehr des Namens der Insel entsinnen, von der das
elektrische Tau abging, an dem Europa zog, um Amerika anzuklingeln, so
wie sie nach John oder Marion klingelte.

Dieses einsilbige Leben wurde Findling allgemach hchst peinlich. Er sah
sich immer der schlimmen Behandlung durch Scarlett ausgesetzt, der
ihn als Sndenbock betrachtete. Andrerseits lieen ihm die Grillen
des Grafen Ashton keine Stunde Mue. Jeden Augenblick war ein Befehl
auszufhren, ein Gang zu machen, und dann kam wieder Gegenbefehl, so da
der junge Groom niemals zur Besinnung kam. Er fhlte gleichsam an Hnden
und Fen einen tyrannischen Faden, der ihn unaufhrlich in Bewegung
setzte. Im Vorzimmer wie in den Dienerstuben lachten die Leute, ihn so
gerufen, weggeschickt und doch eigentlich zum Narrn gehalten zu sehen,
was ihn tief genug krnkte.

Des Abends, wenn er endlich nach seinem Stbchen gekommen war, begann er
dann ber die Lage nachzugrbeln, in die ihn das Elend gedrngt hatte.
Immer der Groom des Grafen Ashton zu bleiben, das fhrte ja zu nichts.
Er war zu etwas besserem geschaffen. Nur ein Diener, gleichsam eine
Maschine zum Gehorchen zu sein, verletzte seinen Sinn fr Unabhngigkeit
und den Ehrgeiz, der in ihm wohnte. Auf der Farm... ja, da stand er mit
den brigen Bewohnern wenigstens auf gleicher Stufe und man sah ihn als
Kind des Hauses an. Wohin waren jetzt die Zrtlichkeiten der Gromutter,
die Liebkosungen Martines und Kittys, wohin die Aufmunterungen durch
Martin und dessen Shne? Wahrlich, hher schtzte er die damaligen
Kieselsteine, die er in der nun unter Ruinen begrabenen Kruke sammelte,
als die Guineen, womit diese Piborne's monatlich seine Sclaverei
bezahlten. In Kerwan unterrichtete er sich, arbeitete er und lernte,
dereinst auf eignen Fen stehen zu knnen. Hier -- nichts als
diese widerwrtige, keinerlei Aussichten bietende Beschftigung, die
Unterwerfung gegenber einem verzogenen, eitlen und unwissenden halben
Kinde! Er war fast stets mit Ordnen beschftigt, doch nicht etwa mit
dem von ntzlichen Bchern -- denn davon gab es hier kein einziges --
sondern mit dem Wiederordnen dessen, was der junge Graf nachlssig
umhergeworfen hatte.

Weiter trieb ihn das Cabriolet des jungen Edelmannes fast zur
Verzweiflung. Findling konnte das leichte Gefhrt nur mit hellem
Schrecken ansehen. Auf die Gefahr hin, in einen Graben gestrzt zu
werden, schien es dem Grafen Ashton ein besonderes Vergngen, die
schlechtesten Wege auszuwhlen, wie um seinen, sich an die Riemen des
Verdecks klammernden Groom nur um so schlimmer durchgeschttelt zu
sehen. Gestattete es die Witterung, mit dem Tilbury oder dem Dog-cart --
das waren die andern Wagen des jungen Piborne -- auszufahren, so
konnte der Groom wenigstens sichrer sitzen. Leider ffnen sich ber der
Smaragdnen-Insel die Schleusen des Himmels aber gar zu oft, und nicht
selten gar zu unerwartet.

Selten verging ein Tag ohne die Qual mit dem Cabriolet. Einmal wollte er
zur Parade nach Kanturk, und dann wieder wurden lange Spazierfahrten in
der Umgebung von Trelingar-castle unternommen. Lngs der Wege liefen
und purzelten dann, mit nackten, von den Kieseln verletzten Fen ganze
Haufen zerlumpter Buben nebenher und riefen athmenlos: Coppers!... Ein
paar Coppers! Findling gab es einen Stich ins Herz. Er kannte ja das
Elend aus eigner Erfahrung und bemitleidete die Jungen. Der Graf Ashton
wies sie dagegen barsch ab und bedrohte sie mit der Peitsche, wenn
sie nher herankamen. Gern htte der Knabe den Gassenbuben einige
Kupfermnzen zugeworfen, er wagte es aber nicht aus Furcht vor seinem
Herrn.

Einmal trat die Versuchung jedoch gar zu stark an ihn heran. Ein
hbsches, blondlockiges Kind von etwa vier Jahren schaute ihn mit den
groen blauen Augen an und bat um einen Copper. -- Die fast werthlose
Mnze flog der Kleinen zu, die sie mit einem Jubelschrei aufhob....

Der Graf wurde dadurch aufmerksam. Er ertappte seinen Groom auf frischer
That bei einem Acte der Barmherzigkeit.

Wer hat Dir das erlaubt, Boy? fragte er ihn streng.

-- Herr Graf... das kleine Mdchen... es macht einem ja so viel
Vergngen... nur einen Copper...

-- Ah, so wie man ihn Dir zuwarf, nicht wahr, als Du noch im Lande
herumstrichst....

-- Nein... niemals! rief Findling, den es immer emprte, wenn jemand
von ihm sagte oder andeutete, da er frher gebettelt habe.

-- Warum gabst Du dem Kinde ein Almosen?

-- Es sah mich so bittend an... ich sah es auch an...

-- Und ich verbiete Dir, Kinder, die sich auf der Strae herumtreiben,
anzusehen. Merk' Dir das!

Findling mute wohl gehorchen, so weh es ihm auch that.

Sah er sich also darauf beschrnkt, das Mitleid, das er fr arme Kinder
fhlte, in sich zu verschlieen, ohne die kleine Gabe eines Coppers
wagen zu drfen, so kam doch einmal die Gelegenheit, wo er die Bewegung
seines Innern nicht mehr bemeistern konnte.

Es war am 3. September. Der Graf Ashton hatte zu seiner Fahrt nach
Kanturk den Dog-cart bestellt. Findling begleitete ihn wie gewhnlich,
Rcken an Rcken mit dem Herrn sitzend, der ihm befahl, sich mit
gekreuzten Armen ganz bewegungslos zu halten.

Der Wagen erreichte die Ortschaft ohne Zwischenfall. Hier lobten die
Miggnger auf den Straen die stolze Haltung des schumenden Rosses,
whrend der junge Piborne die besten Lden des Ortes besuchte. Sein
Groom hielt einstweilen, am Kopfe des Thieres stehend, das
muthige Pferd, das er zum Jubel der Gassenjungen, die den kleinen,
reichaufgeputzten Diener beneideten, kaum zu bndigen vermochte.

Gegen drei Uhr und nachdem er sich berall umgesehen, schlug Lord Ashton
den Weg nach Trelingar-castle wieder ein, fuhr aber recht langsam dahin.
Auf der Strae schwrmte die gewhnliche Rotte kleiner Bettler umher.
Ermuthigt durch die langsame Bewegung des Dog-cart, wollte sie sich
nher an diesen herandrngen; das Schwirren der Peitsche hielt sie
jedoch in gemessener Entfernung und sie blieben endlich zurck.

Nur ein einziger hielt weiter aus. Es war das ein geweckter Knabe von
sieben Jahren, dem die irische Frhlichkeit aus dem Gesicht lachte.
Trotz der gemigten Gangart des Pferdes mute er rennen, um sich an
der Seite des Wagens zu halten. Schon waren seine kleinen Fe an den
Steinen des Wegs wund geworden; trotzdem trabte er, ohne Furcht vor der
Peitsche, weiter mit. Dabei hielt er einen Heidelbeerzweig in der Hand,
den er gegen ein Almosen anbot.

Ein Unglck frchtend, bemhte sich Findling -- freilich vergebens --
ihn durch Zeichen abzuweisen. Das Kind folgte dem Dog-cart dennoch
weiter.

Natrlich hatte auch Graf Ashton diesem schon wiederholt zugerufen, sich
wegzuscheeren. Ohne das zu beachten, hielt sich der kleine Bursche, auf
die Gefahr hin, zermalmt zu werden, immer dicht bei den Rdern.

Es htte nur einer Andeutung bedurft, um das Pferd in Trab zu setzen.
Das fiel dem jungen Piborne inde gar nicht ein. Er wollte einmal
langsam fahren, und so blieb es dabei. Belstigt von der Gegenwart des
Kindes, schlug er schlielich mit der Peitsche nach ihm.

Die pfeifende Schnur schlang sich dabei um den Hals des Kleinen,
der halb erwrgt einige Schritte weit geschleppt wurde und endlich
loskommend zur Erde fiel.

Findling sprang vom Dog-cart herab und eilte auf das Kind zu. Dieses
hatte einen rothen Streifen um den Hals und weinte vor Schmerz laut auf.
Dem jungen Knaben schwoll der Zorn und er hatte groe Lust, ber den
Grafen Ashton herzufallen, wobei dieser, wenn auch lter als sein Groom,
gewi den Krzeren gezogen htte.

Hierher, Boy! rief er, indem er das Pferd parierte.

-- Aber das arme Kind?...

-- Hierher, sag' ich Dir! wiederholte der junge Piborne, die Peitsche
schwingend, komm sofort, oder es geht Dir nicht besser als dem da!

Zu seinem Glcke lie er es bei der Drohung bewenden, denn es lt sich
nicht sagen, was sonst geschehen wre. Jedenfalls gelang es Findling,
sich zu beherrschen, und nachdem er dem Jungen einige Pence in die
Tasche gesteckt hatte, eilte er nach dem Dog-cart zurck.

Wenn Du Dir noch einmal erlaubst, ohne Befehl abzuspringen, fuhr ihn
der Graf Ashton an, dann bekommst Du eine tchtige Tracht Prgel und
wirst auf der Stelle davongejagt!

Findling antwortete nicht, obgleich ein Blitz in seinen Augen
aufflammte. Dann entfernte sich der Dog-cart schnell und lie das Kind
auf der Strae zurck, das sich beim Klimpern der erhaltenen Geldstcke
schon etwas getrstet zu haben schien.

Von diesem Tage ab machte der boshafte Graf Ashton seinem Groom das
Leben womglich noch schwerer; er chicanierte und erniedrigte ihn auf
jede Weise. Was er frher krperlich gelitten hatte, das litt er jetzt
geistig, ja er fhlte sich vielleicht nicht weniger unglcklich, als
frher in der Htte der Hard oder unter der Fuchtel Thornpipe's. Oft
kam ihm der Gedanke, Trelingar-castle zu verlassen. Doch wohin sollte
er sich wenden? Die Familie Mac Carthy aufsuchen, dazu fehlte ihm jeder
Fingerzeig, und diese htte jetzt ja auch nichts fr ihn thun knnen.
Jedenfalls stand sein Entschlu aber fest, im Dienste des Erben der
Piborne's nicht zu bleiben.

Nun kam etwas hinzu, was ihn ernstlich beunruhigte.

Mit Ende des Septembers pflegten der Marquis, die Marquise und deren
Sohn das Besitzthum von Trelingar zu verlassen. Mute er ihnen nach
England oder Schottland folgen, so schwand ihm jede Hoffnung, die
Familie Mac Carthy wieder aufzufinden.

Auerdem lag ihm auch Birk am Herzen, den er auf keinen Fall verlassen
wollte.

Ich werde ihn behalten, versicherte eines Tages die freundliche Kat,
ich werde schon fr ihn sorgen.

-- Ach ja, Sie haben ein gutes Herz, antwortete Findling, Ihnen knnte
ich ihn anvertrauen, und wenn ich bezahle, was sein Futter kostet...

-- Warum nicht gar! fiel ihm Kat ins Wort, so war es nicht gemeint!...
Ich habe das arme Thier einmal gern...

-- Und doch, er darf Ihnen nicht zur Last fallen. Wenn ich aber von
hier mit weggehe, sehe ich ihn den ganzen Winter, ja vielleicht niemals
wieder...

-- Warum, mein Kind?... Wenn Du zurckkommst...

-- Zurckkommen, Kat?... Bin ich denn so sicher, nach dem Schlosse
zurckzukehren, wenn ich einmal daraus weg bin? Da unten... wohin sie
gehen... da knnen sie mich ja fortschicken, oder... oder ich laufe
vielleicht selbst davon...

-- Was sagst Du da?

-- Jawohl, ich gehe der Strae nach, wohin es Gott gefllt... wie ich
es frher gethan habe.

-- Armes Kind!... Armer Junge! seufzte die gute Frau.

-- Ich frage mich auch, Kat, ob es nicht das beste wre, sofort zu
brechen... das Schlo mit Birk zu verlassen... mir irgendwo bei einem
Farmer, nicht zu weit von hier und nahe der Kste, Arbeit zu suchen...

-- Du bist ja noch nicht elf Jahre alt!

-- Nein, Kat, noch nicht!... O, wenn ich zwlf oder dreizehn wre...
dann wr' ich gro... htte ein Paar starke Arme und fnde wohl
Beschftigung. Wie langsam schleichen die Jahre doch hin, wenn man
unglcklich ist...

-- Und wie lange dauern sie! htte die gute Kat antworten knnen.

Da ereignete sich ein Zufall, der dieser Ungewiheit ein pltzliches
Ende machte.

Am 15. September war es, wo Lord und Lady Piborne also nur noch vierzehn
Tage in Trelingar-castle verweilen sollten, und hier begann man bereits
mit dem Einpacken. Im Gedanken an den Vorschlag der Kat bezglich Birks,
mute sich Findling fragen, ob Scarlett wohl auch den Winter ber auf
dem Schlosse bleiben wrde. Ja, er blieb hier als oberster Verwalter des
Besitzthums. Der in der nchsten Umgebung umherschweifende Hund konnte
von ihm gar nicht unbemerkt bleiben, und niemals wrde er der Wscherin
gestatten, jenen bei sich zu behalten. Die Kat mute Birk sein Futter
also heimlich zustellen, wie sie es schon einmal kurze Zeit gethan
hatte. Erfuhr Scarlett aber gar, da der Hund dem jungen Groom gehrte,
dann htte er sich gewi beeilt, das dem Grafen Ashton zu hinterbringen,
und dieser wieder htte kein greres Vergngen haben knnen, als dem
Thiere, wenn es ihm in den Weg kam, eine Kugel zwischen die Rippen zu
jagen.

Am genannten Tage trollte Birk, entgegen seiner Gewohnheit, schon des
Nachmittags in der Nhe der Wirthschaftsgebude einher. Der Zufall --
der unglckliche Zufall wollte es, da einer der Hunde des Grafen
Ashton, ein bissiger Wachtelhund, auf der Landstrae umherlief.

Sobald sie sich witterten, gaben die beiden Thiere durch dumpfes Knurren
ihrer gegenseitigen feindlichen Stimmung Ausdruck. Schon ihrer Rasse
wegen htten sie sich schwerlich vertragen. Der Lords-Hund konnte
fr den Bauern-Hund nur tiefe Verachtung hegen, seine bissige Natur
veranlate ihn aber zum Angriffe vorzugehen. Sobald er den ruhig am
Waldessaume stehenden Birk erblickte, lief er, die Zhne fletschend, auf
diesen zu.

Birk lie ihn auf halbe Leibeslnge herankommen und behielt ihn scharf
im Auge, um nicht berrascht zu werden, whrend er sich mit eingezogenem
Schwanze selbst sprungfertig hielt.

Pltzlich, nach kurzem, wthendem Gebell, strzte sich der Wachtelhund
auf Birk und bi ihn in die Seite. Was nun kommen mute, kam. Mit einem
Satze war Birk dem Feinde an der Kehle, die er ihm aufri.

Das ging nicht ohne ein schreckliches Geheul ab. Die beiden andern, noch
im Hofe befindlichen Hunde, schlugen ebenfalls an. Das machte Aufsehen,
und sogleich kam der Graf Ashton mit dem Verwalter herzugelaufen.

Kaum aus dem Gitterthore, bemerkte er den Wachtelhund, der unter den
Zhnen Birks rchelte.

Da schrie er laut auf, wagte aber, aus Angst, dasselbe Los zu theilen,
nicht, seinem Hunde zu Hilfe zu kommen. Sobald Birk den jungen Mann
bemerkte, machte er dem Wachtelhunde mit noch einem Bisse vollends
den Garaus und ging dann, ohne sich zu beeilen, in den Wald hinter das
Unterholz zurck.

Jetzt trat der junge Piborne mit Scarlett nher heran, und als sie auf
dem Kampfplatze waren, fanden sie nur noch einen Cadaver.

Scarlett!... Scarlett! rief der junge Graf. Mein Hund ist erwrgt!...
Er hat ihn erwrgt... jene Bestie!... Wo ist er denn?... Kommen
Sie... den finden wir wieder. Ich werde ihn tdten!

Der Verwalter sprte sehr wenig Lust, die Verfolgung des
Wachtelhundmrders aufzunehmen. Er hatte brigens keine Mhe, den jungen
Piborne etwa zurckzuhalten, denn dieser frchtete sich ebenso vor einem
Wiederauftauchen des schrecklichen Birk.

Seien Sie vorsichtig, Herr Graf, sagte er, bringen Sie sich dieser
wilden Bestie gegenber nicht in Gefahr!... Die Jger werden ihn schon
gelegentlich abthun....

-- Ja, wem gehrt er denn eigentlich?

-- Niemand!... Das ist einer der herrenlosen Hunde, wie sie die
Landstraen unsicher machen.

-- Dann wird er uns entwischen....

-- Das ist kaum anzunehmen, denn schon seit Wochen schleicht er in der
Nhe des Schlosses umher.

-- Seit mehreren Wochen, Scarlett?... Und mir hat das keiner gemeldet?
Keiner hat uns von der Bestie befreit? Von diesem Thiere, das mir meinen
besten Wachtelhund getdtet hat!

Der so selbstschtige, fhllose junge Mann hegte doch fr seine
Hunde eine Zuneigung, die ihm kein Mensch htte einflen knnen. Der
Wachtelhund war sein besondrer Liebling und steter Begleiter auf der
Jagd gewesen -- jedenfalls zu dem Lose bestimmt, einmal durch einen
ungeschickten Schu seines Herrn getdtet zu werden -- und der Zahn
Birks hatte ja sein Schicksal nur beschleunigt.

Wie dem auch sei, jedenfalls schlich der Graf Ashton, trostlos, aber
wthend und auf furchtbare Rache sinnend, nach dem Hofe zurck, wo er
Befehl gab, da der Krper des Wachtelhundes hereingeholt wrde.

Zum Glck war Findling nicht Zeuge dieser Scene gewesen. Vielleicht
htte er dabei das Geheimni seiner Zusammengehrigkeit mit dem Mrder
verrathen, vielleicht wre Birk auch auf ihn zugesprungen und htte
damit dasselbe gethan. Der Knabe hrte jedoch bald genug von dem
Vorfalle. Ganz Trelingar-castle hallte wider von den Klagen des
unglcklichen Grafen Ashton. Der Marquis und die Marquise bemhten sich
vergeblich, den einstigen Erben ihrer Besitzthmer zu beruhigen. Der
wollte aber auf nichts hren. Ehe das Opfer nicht gercht war, gab es
fr ihn keinen Trost. Auch das auf Anordnung des Lords veranstaltete
ehrenvolle Begrbni des Hundes vermochte seinen Schmerz nicht zu
lindern, und als jener nach einer Ecke des Parkes getragen und dort die
letzte Scholle Erde auf seine sterblichen Ueberreste hinabgerollt war,
zog sich der Graf Ashton traurig und stumm nach seinem Zimmer zurck,
das er den ganzen Abend nicht wieder verlassen wollte.

Die Unruhe, die unsern Findling qulte, kann man sich recht wohl leicht
vorstellen. Vor dem Niederlegen hatte er noch eine geheime Unterredung
mit der Kat, die sich wegen Birks nicht weniger gengstigt zeigte.

Wir mssen auf der Hut sein, mein Junge, sagte die Frau, und vorzglich
nicht an den Tag kommen lassen, da der Hund Dir gehrt, das fiele auf
Dich zurck... und ich wei nicht, was daraus werden knnte.

Findling dachte eigentlich kaum, da er fr den Tod des Wachtelhundes
verantwortlich gemacht werden knnte, sondern nur daran, da es fr ihn
nun sehr schwierig, wenn nicht unmglich wrde, fr Birk zu sorgen.
Da der Hund sich den jetzt berwachten Wirthschaftsgebuden ungestraft
nicht mehr nhern konnte, wrde auch die Kat ihn des Abends schwerlich
finden und heimlich Futter bringen knnen.

Der Knabe verbrachte eine schlechte Nacht -- eine schlaflose Nacht,
whrend er sich weit mehr um Birk als um sich selbst absorgte. Er
berlegte auch, ob es fr ihn nicht gerathen sei, den Dienst bei dem
Grafen Ashton gleich morgen aufzugeben, und entschied sich nach Erwgung
des Fr und Wider, nun auszufhren, was ihn schon seit Wochen bewegte.

Erst gegen drei Uhr frh schlief er ein. Bei hellem Tag wieder
erwachend, sprang er aus dem Bett, verwundert, heute von der Klingel
seines Herrn nicht wie gewhnlich gerufen worden zu sein.

Bei dem Entschlusse von der Nacht her sollte es jedenfalls bleiben. Am
nmlichen Tage wollte er fortgehen unter der Angabe, da er sich zu
dem Dienste als Groom untauglich fhle. Niemand hatte ein Recht, ihn
zurckzuhalten, und wenn er wegen seines Verlangens gescholten werden
sollte, so fand er sich damit schon im Voraus ab. In der Erwartung,
Knall und Fall weggejagt zu werden, zog er die Kleidung von der Farm
her an, die zwar etwas abgenutzt, aber reinlich war, da er sie immer
sorgfltig aufbewahrt hatte, und steckte die Brse mit seinem seit drei
Monaten gesparten Lohn zu sich. Wenn er dann dem Lord Piborne seine
Absicht, das Schlo zu verlassen, in hflichster Form mitgetheilt htte,
wollte er diesen auch noch um seinen halbmonatlichen Gehalt -- bis zum
15. September -- bitten, und endlich versuchen, der Kat Lebewohl zu
sagen, ohne sie blozustellen. Hatte er dann Birk in der Nachbarschaft
aufgefunden, so wrden beide -- gleichmig befriedigt, von
Trelingar-castle wegzukommen -- auf und davon gehen.

Erst gegen neun Uhr kam Findling nach dem Hofe hinunter, wo er mit
Verwunderung hrte, da der Graf schon seit Sonnenaufgang ausgegangen
sei. Sonst brauchte dieser stets seinen Groom, um ihm beim Ankleiden
behilflich zu sein, was niemals ohne Nrgeleien und grobe Vorwrfe
abging.

Zu dieser Verwunderung kam aber bald noch eine sehr gerechtfertigte
Beunruhigung, als er bemerkte, da weder Bill, der Piqueur, noch die
Hunde da waren.

Kat stand eben an der Thr des Waschhauses und winkte ihn zu sich heran.

Der Graf ist mit Bill und den beiden Hunden aufgebrochen, flsterte sie
ihm zu, sie wollen auf Birk Jagd machen.

Vor Erregung und Ingrimm konnte Findling zuerst gar nicht antworten.

Nimm Dich in Acht, mein Junge, setzte die Wscherin hinzu. Der
Verwalter beobachtet uns; es darf nicht sein....

-- Es darf nicht sein, da Birk getdtet wird, rief er endlich, da hab'
ich auch ein Wort mit dreinzureden....

-- Was sagst Du da, Groom, und was machst Du berhaupt hier? fragte
Scarlett, der einige Brocken des Gesprchs aufgefangen hatte.

Der Groom wollte sich in keine Verhandlung mit dem Schloverwalter
einlassen und erwiderte darauf ruhig:

Ich wnsche nur mit dem Herrn Grafen zu sprechen.

-- Das kannst Du, wenn er zurckkommt, erwiderte Scarlett, wenn er dem
verwnschten Kter drauen eins aufs Fell gebrannt hat....

-- Das wird er nicht thun, fiel Findling ein, der sich zwingen mute,
ruhig zu bleiben.

-- Wirklich?...

-- Nein, Herr Scarlett; und wenn er ihn aufjagt, sag' ich Ihnen, da er
das Thier nicht tdten wird.

-- Und warum nicht?...

-- Weil ich ihn daran hindern werde!

-- Du?...

-- Ich, Herr Scarlett! Jener Hund gehrt mir und ich lasse ihn nicht
tdten!

Whrend der Verwalter von dieser Erklrung noch ganz verblfft dastand,
strmte Findling schon aus dem Hof und hatte bald den Saum des Waldes
erreicht.

Hier zwngte er sich wohl eine halbe Stunde lang durch das Buschwerk,
wobei er zuweilen innehielt, um zu hren, ob ihn ein Gerusch auf die
Spur des Grafen Ashton fhren knnte. Der Wald war todtenstill, und ein
Gebell htte von sehr weit her vernehmlich sein mssen. Nichts wies aber
darauf hin, da Birk von den Wachtelhunden des jungen Piborne etwa wie
ein Fuchs gehetzt wrde; ebensowenig konnte er sich klar werden, welche
Richtung er wohl einzuschlagen htte.

Das war eine Ungewiheit zum verzweifeln! Mglicherweise befand
sich Birk, wenn die Hunde ihn verfolgten, schon sehr fern von hier.
Wiederholt rief er dessen Namen in der Hoffnung, da das treue Thier
seine Stimme hren wrde. Er fragte gar nicht, was er thun wrde, um
den Grafen Ashton und dessen Rdenmeister an der Tdtung Birks zu
verhindern, wenn ihnen dieser zum Schusse kam -- er wute nur, da er
ihn vertheidigen wrde, und da ihm die Kraft nicht fehlen wrde, das zu
thun.

So auf gut Glck weiter gehend, hatte sich Findling schon gegen zwei
Meilen vom Schlosse entfernt, als er aus der Entfernung von einigen
Hundert Schritten und hinter einer Gruppe groer Bume, die neben einem
Teiche aufragte, lautes Bellen hrte.

Findling blieb stehen: er hatte die Stimme der Wachtelhunde erkannt.

Ohne Zweifel war Birk jetzt aufgestbert worden und vielleicht schon mit
den vom Piqueur aufgehetzten Hunden in Kampf gerathen.

Bald lieen sich auch deutlich folgende Worte vernehmen:

Achtung, Herr Graf!... Wir haben ihn!

-- Ja, Bill... hierher... hierher!...

-- Nun drauf, packt ihn! rief Bill den Hunden zu.

Findling eilte nach der Stelle zu, woher der Lrm erschallte. Kaum hatte
er zwanzig Schritte gemacht, als ein Knall die Luft erschtterte.

Gefehlt!... Gefehlt! rief der Graf Ashton. Nun, Bill, schiee Du, nimm
ihn gut aufs Korn!

Ein zweiter Flintenschu krachte und so in der Nhe, da Findling den
Blitz davon durch die Bltter aufleuchten sah.

Der sa! rief Bill, whrend die Wachtelhunde wthend bellten.

Als htte die Kugel des Piqueurs ihn selbst getroffen, fhlte Findling
seine Knie schwanken, und er wre vielleicht zusammengesunken, als noch
etwa sechs Schritte vor ihm ein Gerusch entstand und durch das Gebsch
ein Hund mit triefendem Fell und schumendem Maule hervorbrach.

Das war Birk mit einer Wunde in der Seite, der sich nach dem Schusse des
Rdenmeisters in den Teich gestrzt hatte.

Birk erkannte seinen Herrn, der ihm die Schnauze zuhielt, um jeden
Klagelaut zu ersticken, und ihn nach einem noch dichteren Gebsche zog,
da er frchtete, da die Wachtelhunde ihm nachkmen.

Doch nein. Erschpft von der Hetzjagd und von einigen Bissen, die Birk
ihnen zum Andenken mitgegeben hatte, folgten die Hunde jetzt Bill nach.
Die Fhrte des Grooms und Birks entging ihnen, obwohl sie so nahe an
deren Versteck vorberkamen, da Findling deutlich hren konnte, was der
Graf Ashton zu dem Piqueur sagte.

Du bist berzeugt, ihn getdtet zu haben, Bill?

-- Gewi, Herr Graf... durch eine Kugel in den Kopf, als er ins Wasser
sprang. Das wurde ja an der Stelle ganz roth, und jetzt liegt er tief
unten, bis er wieder heraufkommt....

-- Ich htte ihn gern lebend gehabt! rief der junge Piborne.

Freilich, das wre so nach dem rohen Geschmacke des Erben von Trelingar
gewesen und htte seinen Rachedurst befriedigt, wenn er selbst Birk
htte abthun oder von seinen Hunden zerfleischen lassen knnen, die ja
an Grausamkeit ihrem Herrn nicht nachstanden.




VI.

Zwei zusammen achtzehn Jahre alt.


Findling athmete auf, wie vielleicht noch nie in seinem Leben...
tief, erleichtert, als er den Grafen Ashton, den Piqueur und die Hunde
verschwinden sah, und, fgen wir hinzu, Birk wohl auch, als Findling die
Hnde von seiner Schnauze loslie, indem er sagte:

Belle jetzt nicht... belle nicht, Birk!

Und Birk bellte nicht.

Ein Glck war es, da Findling an diesem Morgen, einmal entschlossen
fortzugehen, seine alten Sachen angezogen, sein Bndelchen geschnrt und
die Brse eingesteckt hatte. Das ersparte ihm die Unannehmlichkeit, ins
Schlo zurckzukehren, wo der Graf Ashton nun gewi erfahren hatte,
wem der Mrder des Wachtelhundes gehrte, und das htte fr den
Groom natrlich eine schreckliche Scene heraufbeschworen. Mit seinem
Fernbleiben verlor er freilich den Lohn fr einen halben Monat, den er
hatte beanspruchen wollen, doch ertrug er lieber diesen Verlust. Jetzt
einmal aus dem Trelingar-castle heraus, fern von dem jungen Piborne und
dem Verwalter Scarlett, dafr aber in Gesellschaft seines Hundes, dachte
er nur daran, sich schnellstens aufzumachen.

Sein kleines Vermgen belief sich genau auf vier Pfund siebzehn
Schillinge und sechs Pence -- die grte Summe, die er je sein eigen
genannt hatte. Er berschtzte diese jedoch keineswegs, denn er gehrte
nicht zu den Kindern, die sich mit so wohlgefllter Tasche schon fr
reich gehalten htten; nein, er wute, da seine Ersparnisse schnell
genug zu Ende gehen wrden, wenn er sich nicht streng einschrnkte,
bis er Gelegenheit fnde, sich irgendwo -- natrlich mit Birk -- ein
Unterkommen zu sichern.

Die Verwundung des braven Thieres war zum Glck nicht schwer -- eine
einfache Hautverletzung, die voraussichtlich bald heilte. Als er auf
Birk zielte, hatte sich der Piqueur als ebenso ungeschickt wie sein Herr
bewiesen.

Die beiden Freunde wanderten nach Erreichung der Landstrae jenseits
des Waldes schnellen Schrittes dahin, Birk vor Freude umherspringend,
Findling etwas besorgt wegen der Zukunft.

Dieser ging jetzt aber keineswegs sozusagen ins Blaue hinein. Erst
war ihm der Gedanke gekommen, sich nach Newmarket oder nach Kanturk
zu begeben, welche beide Ortschaften er, die eine von seinem lngeren
Aufenthalte daselbst, die andere daher, da er den jungen Piborne oft
genug dahin begleitet hatte, genau kannte. Damit htte er sich jedoch
Begegnungen ausgesetzt, die besser vermieden wurden. So wute er
also recht gut, was er that, als er eine sdliche Richtung einschlug.
Einerseits entfernte er sich damit von Trelingar-castle nach einer
Gegend zu, wo ihn keiner suchen wrde, und andrerseits nherte er sich
dem Hauptorte der Grafschaft Cork an der verkehrsreichen Bai gleichen
Namens. Von da gingen die Schiffe aus... Handelsschiffe... groe,
wirkliche Seeschiffe... nach allen Punkten der Erde, und nicht nur
Kstenfahrer und Fischerbarken, wie in Westport oder Galway. Sein
unwiderstehliches Interesse fr alles, was mit dem Handel zusammenhing,
bte auch jetzt auf ihn den gewohnten Reiz.

Sein Hauptziel, Cork, zu erreichen, erforderte freilich einige Zeit.
Findling hatte an besseres zu denken, als sein Geld fr Wagen oder
Eisenbahn wegzugeben, denn es war ja nicht ausgeschlossen, da er
unterwegs, wie frher zwischen Limerick und Newmarket, einige Schillinge
verdienen konnte. Dreiig Meilen sind fr ein Kind von elf Jahren
schon eine tchtige Strecke, wozu er, etwaigen Aufenthalt in Farmen
eingerechnet, wohl acht Tage gebrauchen wrde.

Das Wetter war schn, fr die Jahreszeit etwas kalt, und kein Schmutz
oder Staub auf den Straen, also lauter gnstige Verhltnisse fr eine
Fureise. Mit dem Filzhute auf dem Kopfe, Weste, Jacke und Beinkleider
aus warmem Tuche, mit guten Schuhen mit Lederriemen, sein Packet unter
dem Arme, sein Messer -- das Geschenk von der Gromutter -- in
der Tasche und in der Hand einen Stock, den er sich an einer Hecke
abgeschnitten hatte, machte Findling nicht den Eindruck eines Armen. Er
mute sich vielmehr vor unangenehmen Begegnungen hten. Doch es gengte
wahrscheinlich, da Birk seine Zhne zeigte, um verdchtiges Gelichter
von ihm fernzuhalten.

Am ersten Tage legte er, bei zweistndiger Rast, fnf Meilen zurck und
hatte dabei einen halben Schilling ausgegeben. Fr zwei, ein Kind und
einen Hund, war das ja nicht viel und dafr gab es nur knappe Portionen
von Speck und Kartoffeln. Deshalb dachte Findling aber keineswegs mit
Bedauern an die Kche in Trelingar-castle zurck. Am Abend schlief er
etwas jenseits des Fleckens Baunteer mit Erlaubni des Farmers in einer
Scheune und wanderte, nach einem frugalen Frhstck, das ihm wenige
Pence kostete, am nchsten Tage rstig weiter.

Das Wetter hielt sich noch ziemlich im gleichen, doch der Weg, der mehr
aufwrts fhrte, wurde schon mhsamer. Dieser Theil der Grafschaft Cork
hat eine sehr wechselnde Oberflche. Die von Kanturk nach dem
Hauptorte fhrende Strae durchschneidet das verwickelte Gelnde der
Boggeraghberge mit steilen Pfaden und vielfachen Windungen. Findling
brauchte nur dem Wege nachzugehen, so konnte er sich nicht verirren.
Uebrigens besa er ein Orientierungsvermgen wie ein Chinese oder ein
Fuchs, und auerdem begegnete er wiederholt von den Feldern und Wiesen
kommenden Landleuten oder auch Wagen, die von dem einen Dorfe nach
dem andern fuhren. Wenn nthig, htte er sich also stets nach der
einzuschlagenden Richtung erkundigen knnen, er zog es aber vor, nicht
erst die Aufmerksamkeit andrer zu erwecken.

Nach einem halben Dutzend schnellen Schrittes zurckgelegter Meilen
kam er nach Derry-Gounva, einem kleinen Orte, wo die Landstrae die
Bergmasse der Boggeraghs schneidet. Hier fragte ihn in einer Schnke ein
Fremder, der eben zu Abend essen wollte, woher er kme, wohin er ginge
und wann er wieder aufbrechen wolle. Offenbar befriedigt durch die
Antworten des Knaben, bot er diesem an, seine Mahlzeit mit ihm zu
theilen, und zwar mit solcher Herzlichkeit, da Findling es ohne
Zgern annahm. Er strkte sich dabei ordentlich und Birk wurde von dem
freundlichen Amphytrio auch nicht vergessen. Es war schade, da der
Fremde nicht in Cork zu thun hatte, denn er htte dem Knaben gewi einen
Platz in seinem Wagen angeboten; er begab sich aber nach dem Norden der
Grafschaft.

Nach ruhig verbrachter Nacht verlie Findling Derry-Gounva mit
Tagesanbruch wieder und betrat nun die Engpsse der Boggeraghs.

Dieser Tag wurde anstrengend. Ein steifer Wind heulte durch die
bewaldeten Bergeshnge. Zwar aus Sdwest kommend, strich er durch die
Windungen der Psse doch je nach deren Richtung hin. Findling hatte
ihn immer gerade im Gesicht, ohne, wie ein Schiff, in der Lage zu sein,
dagegen aufzukreuzen. Zuweilen mute er sich gar an Bschen neben dem
Wege festhalten, um ber eine scharfe Ecke wegzukommen -- kurz, hier
ging es unter groer Anstrengung langsam vorwrts. Jetzt htte ihm ein
Wagen, ein Jaunting-car, gute Dienste geleistet; leider traf er keinen
solchen an. Diese Gegend der Boggeraghs hat wenig Verkehr. Nach den
Drfern im Lande kann man gelangen, ohne sich in diese Irrgnge zu
wagen. Auch Fugnger sah Findling kaum, und diese hielten dann die
entgegengesetzte Richtung ein.

Der Knabe nebst seinem Hunde mute sich wiederholt einmal niederlegen,
um auszuruhen. Im Laufe des Nachmittags berschritt er, etwas schneller
gehend, den hchsten Punkt des Bergrckens, hatte im ganzen aber doch
nur vier bis fnf Meilen hinter sich gebracht. Das war ein anstrengender
Wandertag. Jetzt, nach Ueberwindung des schlimmsten, hoffte er binnen
zwei Stunden die Ostseite des Gebirgsrckens zu erreichen.

Es wre vielleicht unklug gewesen, nach Sonnenuntergang weiter zu
marschieren. Auf diesen hohen Abhngen wird es schnell Nacht und schon
von sechs Uhr ab herrscht daselbst tiefe Dunkelheit. So war es wohl
besser, auf der Stelle Halt zu machen, da sich keine Farm und kein
Gasthaus zeigte. Es war hier sehr de, eine Art Einschnitt der
Landstrae, und Findling fhlte sich nicht besonders sicher. Zum Glck
hatte er in Birk einen scharfen und treuen Wchter, auf den er sich wohl
verlassen konnte.

In dieser Nacht diente ihm als Obdach nur eine enge Aushhlung in der
Felsenwand des Abhanges, die ein Vorhang von Mauerkraut fast abschlo.
Da schlpfte er hinein und streckte sich auf dem weichen, trocknen
Erdboden aus. Birk legte sich zu seinen Fen nieder, und beide
schlummerten unter der Obhut Gottes ein.

Am folgenden Tag ging es frhzeitig wieder vorwrts. Das Wetter war
unsicher, feucht und kalt geworden. Noch eine Strecke von fnfzehn
Meilen, und Cork mute am Horizonte auftauchen. Um acht Uhr waren die
Engpsse der Boggeraghs berwunden und nun fiel der Weg merkbarer. Die
beiden gingen schnell, sie hatten aber Hunger. Der Vorrathsbeutel wurde
allmhlich leer. Birk trottete herber und hinber auf der Strae und
suchte mit der Nase an der Erde nach Nahrung. Dann kam er zu seinem
Herrn zurck, den er ansah, als wollte er sagen:

Nun, giebt's denn heute gar nichts?

-- Bald, warte nur noch ein wenig, antwortete Findling.

Gegen zehn Uhr machten beide in einem Weiler, Zehn-Meilen-Haus genannt,
Halt.

Hier wurde der Geldbeutel des jungen Wandrers in dem bescheidenen
Gasthofe um einen Schilling erleichtert, wofr er das gewhnliche
irische Essen erhielt, nmlich Kartoffeln, Speck und ein groes Stck
von dem rothen Cheddarkse. Birk bekam ein gutes Futter, sogar mit
etwas Fleischbrhe dran. Nachher ruhten beide ein wenig aus und machten
sich dann mit frischen Krften auf den Weg. Die Gegend war noch immer
hgelig, doch da und dort angebaut, und die Bauern fuhren die in diesem
Klima sich versptigende Gersten- und Roggenernte ein.

Findling befand sich also nicht allein auf der Strae; er bot den
vorberkommenden Landleuten einen Guten Morgen, und diese erwiderten
treuherzig seinen Gru. Kinder waren kaum zu sehen -- wenigstens nicht
solche, die um einen Copper bettelnd jedem Wagen nachliefen. Freilich
kamen auch nur selten Touristen in diese Gegend, das Geschft wre also
nicht lohnend gewesen, obwohl es Findling nicht bers Herz gebracht
htte, einem armen Kinde das erbetene Almosen zu verweigern.

Um drei Uhr nachmittag erreichten sie den Punkt, von wo aus die
Landstrae sieben bis acht Meilen weit neben einem Flusse oder greren
Bache hin verluft. Es war das die Dripsey, ein Zuflu der Lee, die sich
in einer der sdwestlichsten Baien verliert.

Wollte er die Nacht nicht wieder unter freiem Himmel zubringen, so
mute Findling noch bis zu dem, von Cork nur noch drei bis vier Meilen
entfernten Flecken Woodside zu gelangen suchen. Das war von hier noch
eine groe Strecke, die er jedoch noch zurcklegen zu knnen glaubte.

Also vorwrts, sagte er fr sich, tchtig ausschreitend. Da unten werd'
ich ja Zeit haben, um ausruhen zu knnen.

Zeit... ja, daran wrde es ihm wohl nicht fehlen, wenn nur sein Geld
ausreichte. Doch darum beunruhigte er sich nicht. Er besa ja vier
Pfund in gutem Gelde, ohne die Pence, die noch darber waren. Mit einem
solchen Schatze konnte er ja wochenlang wandern.

Der Himmel ist bedeckt; der Wind hat sich gelegt. Wenn es anfinge
zu regnen, ohne da man ein andres Obdach hat als vielleicht einen
Heuhaufen, so ist das kein besondres Vergngen, wenn man in einem der
Gasthfe von Woodside ein trocknes Fleckchen finden kann.

Findling und Birk beeilten sich nach Krften und waren etwas vor sechs
Uhr abends nur noch drei Meilen von ihrem heutigen Ziele entfernt, als
Birk ganz auffllig zu knurren anfing.

Findling blieb stehen und sah nach der Strae hinaus, bemerkte aber
nicht das geringste.

Was hast Du denn, Birk?

Birk bellte jetzt schwach und lief dann rechts nach dem Flusse zu,
dessen Ufer nur gegen zwanzig Schritte entfernt war.

Er hat wahrscheinlich Durst, dachte Findling, und ich mchte in der
That auch einmal trinken.

Damit wandte auch er sich der Dripsey zu, als der Hund, laut
anschlagend, eben in das Wasser sprang.

Hchst erstaunt sprang der Knabe mit einigen Stzen an das Ufer und
wollte seinen Hund rufen....

Da gewahrte er den Krper eines Kindes, der von der Strmung
hinweggefhrt wurde. Der Hund hatte ihn an den Kleidern oder vielmehr
an seinen Lumpen gepackt. Die Dripsey ist aber voller Wirbel und
deshalb ein recht gefhrliches Wasser. Birk bemhte sich, ans Ufer
zurckzuschwimmen, was ihm nur schwer gelingen zu sollen schien, da das
Kind sich krampfhaft an dem Thiere festhielt.

Findling konnte schwimmen; Grip hatte es ihm ja seiner Zeit gelehrt.
Jetzt warf er ohne Zgern die Jacke ab, doch da erreichte Birk mit einer
letzten Anstrengung das Ufer.

Findling brauchte sich nur zu bcken und das Kind an der Kleidung zu
fassen, um es in Sicherheit zu bringen, whrend der Hund sich freudig
bellend schttelte.

Das Kind war ein Knabe von hchstens sechs bis sieben Jahren. Die Augen
hatte er geschlossen, der Kopf hing schlaff herab und das Bewutsein
hatte er verloren....

Wie erstaunte Findling aber, als er dem Kleinen die herabhngenden
nassen Haare aus dem Gesicht gestrichen hatte....

Das war ja der hbsche Bursche, den der Graf Ashton vor kaum zwei Wochen
so rcksichtslos mit der Peitsche geschlagen hatte, und wobei Findling
fr seine mitleidige Intervention von dem jungen Piborne so heftig
ausgescholten wurde.

Seit vierzehn Tagen irrte das arme Kind plan- und ziellos auf der
Landstrae umher. Im Laufe des Nachmittags mochte er an die Dripsey
gekommen sein... hatte wohl seinen Durst lschen wollen, war dabei
ausgeglitten und vom Strome fortgerissen worden, und jetzt wre er
jedenfalls, wenn Birk ihn nicht in letzter Minute rettete, in einem
Wasserwirbel versunken.

Nun galt es, den Knaben wieder zu sich zu bringen, was Findling so gut
wie mglich versuchte.

Das arme, bedauernswerte Wesen! Sein schmales Gesicht, der hagere,
fleischlose Krper, alles verrieth, was es gelitten haben mochte:
Anstrengung, Klte und Hunger! Der Leib des Kleinen war eingesunken, wie
ein leerer Sack. Wie sollte er ihn nun wieder zum Bewutsein bringen?
Jedenfalls mute er zuerst von dem verschluckten Wasser befreit werden,
dann wollte Findling ihm Mund auf Mund Luft einblasen. -- Wirklich that
das Kind nach kurzer Zeit wieder einen ersten schwachen Athemzug, dann
schlug es die Augen auf und ber seine Lippen kamen die klagenden Worte:

Ich habe Hunger... ach, ich habe solchen Hunger.

=I am hungry!= Das ist der Ausruf des Irlnders, den er whrend seines
ganzen Lebens und noch, wenn ihm die Augen schon brechen, vernehmen
lt.

Findling besa noch einigen Mundvorrath. Aus Brot und Speck machte er
zwei bis drei Bissen und schob sie dem Knblein in den Mund, der sie
gierig verschlang. Er mute ihn migen, sonst wre er erstickt. Die
Speise glitt in ihn hinein, wie die Luft in eine vorher luftleere
Flasche.

Mhsam richtete er sich auf. Sein Blick haftete auf Findling, er schien
sich unklar, dann rief er ihn erkennend:

Du?... Du? murmelte er.

-- Ja... Du erinnerst Dich also....

-- Ach ja... auf der Strae... ich wei nicht wann....

-- Ich... wei es... mein Junge....

-- O, verlasse mich nicht!

-- Nein, nein; ich begleite Dich. Wohin wolltest Du gehen?

-- Wei nicht... der Strae nach....

-- Wo wohnst Du denn?

-- Wohnen?... Nirgends....

-- Wie bist Du denn in den Flu gefallen?... Hast wohl trinken wollen?

-- Nein.

-- So bist Du nur ausgeglitten?

-- Nein. Ich bin... mit Willen hineingefallen!

-- Absichtlich?

-- Ja... ja... jetzt thu' ich's aber nicht wieder, wenn Du bei mir
bleibst....

-- Beruhige Dich; ich bleibe bei Dir!

Findling traten die Thrnen in die Augen. Mit sieben Jahren der
entsetzliche Gedanke, sterben zu wollen!... Die Verzweiflung trieb
dieses Kind in den Tod, die Verzweiflung, die aus der Entblung von
allem, aus dem Verlassensein, aus dem Hunger emporwuchert!

Das Kind hatte die Augen wieder geschlossen. Findling hielt es fr
angezeigt, jetzt mit weiteren Fragen zurckzuhalten. Dazu war spter
Zeit. Die Geschichte des Kleinen kannte er ja schon, es war doch die
aller dieser armen Geschpfe... war seine eigne.... Ihm freilich war,
Dank seiner ungewhnlichen Energie, nie der Gedanke gekommen, seinem
Elend auf diese Weise ein Ende zu machen.

Jetzt galt es eine Entscheidung. Das Kind war nicht imstande, noch
mehrere Meilen bis Woodside zu gehen, und Findling htte es nicht bis
dahin tragen knnen. Auerdem brach die Nacht schon an, und da schien es
das nthigste, einen Schutz zu finden. In der Nhe war kein Gasthaus
zu sehen, auf der Dripsey neben der Strae zeigte sich kein Boot. Zur
linken stand dichter Wald. Hier muten sie also wohl die Nacht am Fue
eines Baumes hinbringen, auf einer Streu von Blttern und, wenn nthig,
neben einem Feuer aus drrem Holze. Mit Sonnenaufgang und wenn das Kind
wieder mehr bei Krften war, konnten sie Woodside oder Cork unschwer
erreichen. Fr heute Abend war genug zu essen da und es blieb auch noch
ein wenig zum Frhstck fr morgen brig.

Findling nahm den vor Mdigkeit eingeschlafenen Knaben in die Arme. Birk
hinter sich ging er quer ber die Strae und zwanzig Schritte in den
Wald hinein, wo es unter den hundertjhrigen Buchen, deren es in Irland
unzhlige giebt, schon sehr dunkel war.

Wie freute er sich da, einen geneigt stehenden und vom Alter
ausgehhlten Stamm zu entdecken! Das war eine Art Wiege oder richtiger
ein Nest, in das er seinen kleinen Vogel niederlegen konnte. Die Hhlung
war unten mit gleich Sgespnen weichem Staub bedeckt, und wenn er noch
einen Arm voll drrer Bltter darber breitete, war das schnste Bett
fertig. Beide konnten darin Platz und ein warmes Lager finden, so da
das Kind sogar im Schlafe fhlen wrde, da es nicht mehr allein sei.

Bald darauf war der Knabe in dieser Aushhlung untergebracht. Die
Augen ffnete er vorlufig nicht wieder, doch athmete er sanft und fiel
schnell in tiefen Schlaf.

Findling trocknete nun die Kleidungsstcke, die sein Schtzling -- der
Schtzling des Knaben von elf Jahren! -- morgen wieder anziehen sollte.
Nachdem er mit trocknem Holz ein Feuer angezndet hatte, rang er die
Lumpen aus und hing sie dann in der Nhe der Gluth an einem niedrigen
Buchenaste auf.

Jetzt war es Zeit, ans Essen zu denken. Der Hund bekam auch seinen
Antheil an Brod und Kartoffeln -- zwar nicht viel, doch er beklagte
sich deshalb nicht. Sein junger Herr streckte sich nun in dem hohlen
Buchenstamme aus und schlief, den Arm um den Knaben gelegt und vom
treuen Birk bewacht, auch endlich ein.

Am nchsten Tage, dem 18. September, erwachte das Kind zuerst,
hchst verwundert, in einem so guten Bette zu liegen. Birk klffte es
schweifwedelnd an... er hatte sich doch auch um die Rettung des Kleinen
verdient gemacht.

Findling schlug sofort die Augen auf, und der Knabe warf sich ihm um den
Hals.

Wie heiest Du? fragte er.

-- Findling. Und Du?...

-- Bob.

-- Nun so komm, Bob, zieh' Dich an.

Bob lie sich das nicht zweimal sagen. Er erinnerte sich kaum daran,
gestern ins Wasser gegangen zu sein. Jetzt hatte er ja eine Familie,
einen Vater, der ihn nicht verlassen wrde, wenigstens einen groen
Bruder, der ihn einmal auf der Strae nach Trelingar-castle mit einer
Handvoll Coppers erfreut hatte. Er lie sich mit der seinem Alter eignen
Vertrauensseligkeit gehen, mit jener natrlichen Vertraulichkeit, die
man bei irischen Kindern gewhnlich trifft. Andrerseits erschien es
Findling, da das Zusammentreffen mit Bob ihm nun Pflichten, gleichsam
Vaterpflichten, auferlegt habe.

Und wie glcklich war Bob, ein weies Hemd unter seinen trocknen Sachen
zu fhlen! Wie machte er die Augen -- doch auch den Mund -- weit auf vor
einer Schnitte Brod, einem Stck Kse und einer warmen Kartoffel, die in
der Asche des Feuers gerstet worden war! Dieses Frhstck zu zweien war
vielleicht das beste, das er seit seiner Geburt genossen hatte.

Seit seiner Geburt?... Seinen Vater hatte er zwar nicht, wohl aber --
glcklicher als Findling -- seine Mutter gekannt, die vor zwei bis drei
Jahren, genauer wute Bob es nicht, aus Mangel und Entbehrung gestorben
war. Nachher hatte man ihn in der Armenanstalt einer nicht zu groen
Stadt, auf deren Namen er sich nicht besann, untergebracht. Spter war
jene Anstalt wegen fehlender Geldmittel geschlossen worden, und Bob
sah sich, er wute nicht warum, auf die Strae geworfen, ebenso wie die
andern Kinder, die meist auch keine Eltern hatten. Von da an lebte er
auf der Landstrae, schlief wo er ging und stand, und a, wenn... er
konnte, bis zu dem Tage, wo ihm nach achtundvierzigstndigem Fasten der
Gedanke kam, in den Tod zu gehen.

Das war seine Geschichte, die er erzhlte, whrend er die groe
Kartoffel verzehrte, und diese Geschichte klang ja nicht neu fr einen
frheren Pflegling der Hard, der darauf bei Thornpipe zur Kurbel
erniedrigt worden und schlielich als Zgling in die =Ragged-School=
gesteckt worden war.

Mitten im Plaudern vernderten sich pltzlich die Gesichtszge Bobs,
seine sonst so lebhaften Augen erloschen und er wurde ganz bleich.

Was fehlt Dir? fragte Findling theilnehmend.

-- Du lt mich nicht wieder allein, nicht wahr? murmelte er.

Das war seine schlimmste Befrchtung.

Nein... Bob.

-- Und... wohin fhrst Du mich denn?

-- Ja... dahin, wohin ich selbst gehe!

Das Wohin verlangte Bob nicht weiter zu wissen, ihm war's ja genug, da
Findling ihn mitnahm.

Doch Deine Mama... Dein Papa?...

-- Ich habe keine....

-- O, rief Bob, da werd' ich Dich desto mehr lieb haben drfen.

-- Ich Dich auch, mein Junge; wir wollen schon versuchen, zusammen
durchzukommen.

-- Ei, Du sollst einmal sehen, sagte Bob, wie ich den Wagen nachlaufe,
und was ich da an Coppers bekomme, das geb' ich Dir.

Der Knabe hatte bisher nichts andres zu thun gewut.

Nein, Bob; den Wagen mu man nicht nachlaufen.

-- Warum denn nicht?

-- Weil es nicht recht ist, zu betteln.

-- Ach!... stie Bob nachdenklich werdend hervor.

-- Sag' mir, hast Du ein Paar gute Beine?

-- Ja, aber gro sind sie nicht.

-- Nun, wir haben heute einen tchtigen Marsch vor uns, wenn wir die
Nacht schon in Cork schlafen wollen.

-- In Cork?...

-- Ja freilich... das ist eine schne Stadt da unten... mit
Schiffen...

-- Schiffen... ja ich wei.

-- Und am Meere gelegen. Hast Du das Meer schon gesehen?

-- Nein, noch nicht.

-- Das wirst Du auch zu sehen bekommen... o, das ist gro!... Nun
vorwrts!

Beide brachen auf und Birk trabte lustig vor ihnen her.

Zwei Meilen weiter hin verlt die Strae das Ufer der Dripsey und
begleitet dafr das der Lee, die in der Bai von Cork ausmndet. Hier
erschienen einige Wagen mit Touristen, die sich nach den Berggegenden
der Grafschaft begaben.

Aus alter Gewohnheit sprang Bob diesen nach und rief: Copper...
Copper!

Findling holte ihn zurck.

Ich habe Dir gesagt, Du sollst das unterlassen, sagte er.

-- Warum denn?

-- Weil es unrecht ist, um Almosen zu betteln.

-- Auch wenn man's thut, um etwas zu essen zu haben?

Findling antwortete nicht und Bob fhlte sich sehr beunruhigt wegen
seines Frhstcks, bis er in einem Gasthause der Landstrae am Tische
sa. Hier thaten sich fr sechs Pence drei -- der groe Bruder, der
kleine Bruder und der Hund -- gtlich.

Bob konnte kaum seinen Augen trauen: Findling besa ja einen Geldbeutel
mit Schillingen darin, und von diesen blieb noch brig, als die Rechnung
des Wirthes bezahlt war.

Woher hast Du denn das schne Geld?

-- Das hab' ich verdient, Bob, durch ehrliche Arbeit....

-- Durch Arbeit?... O, ich mchte wohl auch arbeiten, ich wei aber
nicht, wie ich's anfangen soll.

-- Das werd' ich Dir lehren, Bob.

-- Gleich jetzt?

-- Nein; erst wenn wir da unten sind.

Wollten sie am Abend in Cork eintreffen, so war keine Minute zu
verlieren. Findling und Bob machten sich also wieder auf den Weg und
gingen so schnell, da sie zwischen vier und fnf Uhr in Woodside waren.
Hier kehrten sie nicht wieder ein, da es gerathener schien, nun gleich
bis zu der nur noch drei Meilen entfernten Hafenstadt zu wandern.

Du bist doch nicht zu mde, mein Junge? fragte Findling.

-- Ach nein... es geht... es geht an, versicherte das Kind.

Nachdem sie sich noch einmal durch etwas Nahrung gestrkt hatten,
setzten beide ihre Wanderung fort.

Um sechs Uhr erreichten sie eine der Vorstdte Corks. Hier fanden sie
bei einem Gastwirth Nachtlager und schliefen einer im Arme des andern
hoffnungsfreudig ein.




VII.

Sieben Monate in Cork.


Sollte Findling nun in Cork, der Hauptstadt der Provinz Munster, sein
Glcksstern aufgehen? Die dritte Stelle in Irland einnehmend, zeichnet
sich diese Stadt durch ihren Handel, ihre Industrie, doch auch durch
wissenschaftliches Streben aus. Doch was konnte alles das einem Knaben
von elf Jahren im Beginn seiner selbststndigen Laufbahn ntzen? Er war
ja vielleicht nur hierher gekommen, um die Zahl der Elenden, von denen
es in den Seestdten des Vereinigten Knigreichs wimmelt, noch weiter zu
vermehren.

Findling hatte nach Cork gewollt, er war jetzt da, freilich unter
weniger gnstigen Verhltnissen zur Durchfhrung seiner Zukunftsplne.
Einst, als er noch auf dem Strande bei Galway umherschweifte, und
spter, als Pat Mac Carthy von seinen Reisen erzhlte, da begeisterte er
sich fr das eintrgliche Handelswesen. Waaren im Auslande zu kaufen und
sie daheim theurer wieder abzusetzen... welch schner Traum! Seit dem
Weggange von Trelingar-castle hatte er aber tiefer nachdenken gelernt.
Um aus dem Kinde vom Armenhaus in Donegal einen Befehlshaber eines
schnen, tchtigen Schiffes zu machen, das die Weltmeere durchkreuzte,
mute er von unten beginnen, als Schiffsjunge, als Leichtmatrose,
als Vollmatrose und als Bootsmann dienen, dann erst konnte er hoffen,
Offizier und Kapitn fr lange Fahrt zu werden. Jetzt aber, wo er fr
Bob und Birk zu sorgen hatte, war an so etwas nicht zu denken. Was htte
auch aus beiden werden sollen, wenn er sie verlie? Da er -- mit Hilfe
Birks -- Bob das Leben gerettet hatte, fhlte er sich verpflichtet, es
ihm zu erhalten.

Am folgenden Tage einigte sich Findling mit dem Wirthe ber den
Miethzins fr eine Dachkammer mit einfacher Strohmatratze, der brigens
nicht hoch war, nmlich zwei Pence, an jedem Morgen zu zahlen. Ihre
Mahlzeiten wollten sie einnehmen, wo sich das gerade machen lie. So
gingen die beiden Knaben mit dem Hunde aus, als die Sonne eben die
Morgennebel zerstreute.

Und die Schiffe?... fragte Bob.

-- Welche Schiffe?

-- Die von denen Du mir gesprochen hast.

-- Warte nur, bis wir an den Flu kommen.

Nun trollten sie durch eine ausgedehnte Vorstadt von etwas rmlichem
Aussehen dahin, um die Schiffe zu suchen. Bei einem Bcker unterwegs
wurde ein Stck Brod erkauft. Wegen Birks brauchten sie sich nicht zu
beunruhigen -- der fand schon sein Futter in den Abraumhaufen auf den
Straen.

Am Quai der Lee, die Cork mit zwei Armen umfat, lagen wohl einige
Barken, doch keine Schiffe -- wenigstens nicht solche, die den Canal
Saint-Georges oder das irische Meer und gar den Atlantischen Ocean
htten berschreiten knnen.

Der eigentliche Hafen liegt auch weiter stromabwrts bei Queenstown, dem
alten Cowes, und dahin kann man mittelst rascher Dampffhre bequem und
billig gelangen.

Bob an der Hand fhrend, betrat Findling nun die eigentliche Stadt.

Auf der Hauptinsel des Flusses erbaut, verbinden sie mehrere Brcken
mit dem Festlande. Andre, weiter oben oder unten gelegene Inseln sind
in Spaziergnge und Grten verwandelt, die das herrlichste Grn
und erquickenden Schatten bieten. Da und dort erheben sich einzelne
Denkmler, daneben eine stillose Kathedrale mit sehr altem Thurme, die
Kirche Sainte-Marie und Saint-Patrick. An Kirchen fehlt es in Irland
berhaupt nicht, auch nicht an Armen- und Krankenanstalten und
Workhouses. Im Lande Erins giebt es recht viele fromme Leute, doch
auch ebenso viele Arme. Der Gedanke, etwa in eine solche Armenanstalt
zurckkehren zu mssen, erfllte Findling mit Abscheu und Schrecken. Ja,
da htte er das Queenscollege, ein prchtiges Gebude, weit vorgezogen.
Um da Aufnahme zu finden, wird freilich etwas mehr verlangt, als lesen,
schreiben und rechnen zu knnen.

Die Straen der Stadt waren ziemlich belebt... belebt von Leuten, die
schon frhzeitig ihre Arbeit beginnen; jetzt ffneten sich die Lden
oder die Thren der Huser, aus denen die Dienstmdchen, den Besen in
der Hand oder einen Korb am Arme, heraustraten, jetzt knarrten viele
Wagen und zeigten sich viele Hausierer mit ihren zur Schau gelegten
Kleinwaaren, und es summte auf den Mrkten, wo die Lebensmittel fr
eine Bevlkerung von hunderttausend Seelen -- Queenstown eingerechnet --
feilgeboten werden. Auf dem Wege durch das Handels- und Industrieviertel
sah man Fabriken fr Leder, Papier und Tuche, Brennereien und Brauereien
u. s. w., vom wirklichen Hafen- und Seeleben aber noch nichts.

Nach einem angenehmen Spaziergange lieen sich Findling und Bob auf der
Steinbank an der Ecke eines groen Gebudes nieder. Hier roch es schon
mehr nach Welthandel, denn hier lagerten Salzfleisch, scharfe Gewrze,
Colonialwaaren aller Art, und auch Butter, wofr Cork ein Hauptmarkt
nicht nur fr das Vereinigte Knigreich, sondern fast fr ganz Europa
ist. Findling sog den ihm fremden Duft mit grtem Wohlbehagen ein.

Das betreffende Gebude erhob sich an der Vereinigung der beiden Arme
der Lee, die von hier aus vereinigt nach der Bai hinabstrmen. Jenes
war das Zollamt mit seinem unaufhrlichen Menschenverkehr. Von diesem
Zusammenflusse aus spannt sich keine Brcke mehr ber den Strom, und
so findet die Schiffahrt keinerlei Hindernisse zwischen Queenstown und
Cork.

Ebenso wie er vorher nach den Schiffen gefragt hatte, rief Bob jetzt:

Nun, aber das Meer?...

Ja, das Meer, das ihm sein groer Bruder versprochen hatte...

Das Meer ist weiter drauen, Bob; dahin werden wir schon auch noch
kommen.

Dazu brauchten sie nur eins der Fhrboote zu besteigen, die den Verkehr
in der Bai vermitteln; das ersparte ihnen Zeit und Mhe. Das Fahrgeld
fr zwei Personen betrug nur wenige Pence. Das konnten sie sich am
ersten Tage wohl erlauben, zumal da Birk ganz frei mitfuhr.

Wie freute sich Findling, auf der Lee in dem schnellen Dampfboote
hinabzugleiten. Er gedachte dabei der vornehmen Familie der Piborne's
und deren Besuchs auf der Insel Valentia, hinter der das weite, weite
Meer sich ausdehnte. Whrend der Fahrt kamen Schiffe von jeder
Gre vorber. An den Ufern lagen groe Speicher, Badeanstalten und
Schiffswerfte, die die auf dem Vorderdeck des Fhrschiffes sitzenden
Knaben mit Interesse betrachteten.

Schlielich gelangten sie nach Queenstown, einem schnen, acht bis neun
Meilen langen, und von Ost nach West gegen sechs Meilen breiten Hafen.

Ist das nun das Meer? fragte Bob.

-- Nein, kaum ein Stckchen davon, erwiderte Findling.

-- Da ist es also wohl noch grer?

-- Gewi. Man kann kein Ende desselben sehen.

Da das Fhrboot aber nur bis Queenstown ging, kam Bob das, wonach er
sich so sehr sehnte, jetzt nicht vor Augen.

Schiffe jeder Gre gab es hier zu Hunderten, solche der langen Fahrt
ebenso wie Kstenfahrzeuge. Das erklrte sich damit, da Queenstown
nicht nur ein Ankerplatz, sondern auch ein Provianthafen ist. Die groen
transatlantischen Dampfer der englischen oder amerikanischen Linien,
die von den Vereinigten Staaten kommen, liefern hier die Postbeutel fr
England ab, die dadurch einen halben Tag frher eintreffen. Dann steuern
die Dampfer weiter nach London, Liverpool, Cardiff, Newcastle, Glasgow,
Milford und nach andern Hfen des Vereinigten Knigreichs, kurz, es
herrscht hier ein Schiffsverkehr, der sich auf zwlfhunderttausend
Tonnen beluft.

Bob verlangte nach Schiffen.... Niemals jedoch htte er geahnt, da
es deren so viele gebe -- Findling brigens auch nicht -- die einen
verankert oder von Tauen gehalten, die andern ein- oder ausfahrend,
die einen von berseeischen Lndern herkommend, die andern nach weit
entfernten Lndern aussegelnd, die hier in vollem Schmuck ihrer sich vor
der Brise aufblhenden Segel, und die dort wieder, das Wasser der Bai
von Cork mit ihren mchtigen Schrauben aufwirbelnd.

Und whrend Bob mit fast verdutzten Augen das rege Leben auf der Bai
betrachtete, grbelte Findling ber die Handelsthtigkeit, die sich
vor seinen Blicken entrollte, ber die reichen Ladungen im Raume jener
Schiffe, die Baumwollen- und Wollenballen, die Weintonnen, die Gefe
mit Alkohol, ber die Scke mit Zucker, die Kisten mit Kaffee, und er
sagte sich, da alles das gekauft und verkauft werde... da das ein
richtiges Abbild der Handelsthtigkeit darstelle.

Auf dem Quai von Queenstown zu lange zu verweilen, hier, wo so vieles
Elend neben so groen Reichthmern sichtbar ist, htte ihnen auch nichts
ntzen knnen. Mit Schrecken sahen sie da und dort groe Haufen von
Mudlarks, kleinen, armen Kindern und alten elenden Frauen, die den
von der Ebbe freigelegten Schlamm durchwateten, und an den Straenecken
andre Unglckliche, die sich mit den Hunden um einige Abflle stritten.

So bestiegen beide wieder das Fhrboot und kehrten nach Cork zurck.
Die Spazierfahrt war unterhaltend und belehrend gewesen, hatte aber viel
gekostet. Vom nchsten Tage ab galt es nur daran zu denken, etwas
mehr zu verdienen als auszugeben, wenn die kostbaren Guineen nicht
zusammenschmelzen sollten, wie ein Stck Eis in der warmen Hand.

Wir wollen nicht auf alle Einzelheiten des Leben Findlings und seines
Freundes Bob whrend der sechs Monate nach seinem Eintreffen in Cork
eingehen. Der lange und rauhe Winter wre fr an Hunger und Klte
weniger gewhnte Kinder gewi verderblich gewesen. Jetzt machte die Noth
aus diesem Knaben von elf Jahren schon einen Mann. Einstmals, bei der
Hard, lebte er von nichts, und wenn er heute von wenig lebte, so lebte
er doch, und Bob noch mit ihm. Mehr als einmal hatten sie freilich des
Abends nur ein Ei zu theilen, das sie mit einem Stck Brod verzehrten,
dennoch sprachen sie nie um ein Almosen an. Bob hatte eingesehen, da
das Betteln eine Schande war. Beide besorgten sie kleine Auftrge,
holten Wagen von den Haltepltzen und trugen, manchmal ziemlich
schweres, Reisegepck, das die Fremden ihnen beim Verlassen des Bahnhofs
bergaben.

Findling verstand von dem Reste seines Lohnes von Trelingar-castle
mglichst viel zu erhalten. Nur in den ersten Tagen des Aufenthaltes in
Cork hatte er einen Theil davon opfern mssen. Bob brauchte ja Kleider
und Schuhe und freute sich unbndig, als er einen ganz neuen Anzug fr
dreizehn Schillinge auf dem Leibe hatte. Er konnte ja aber auch nicht
in Lumpen und barfu nebenher gehen, wenn sein groer Bruder anstndig
gekleidet erschien. Nach dieser einmaligen Ausgabe galt es aber, von dem
zu leben, was tagsber verdient wurde. Zuweilen, wenn ihnen der Magen
ein wenig knurrte, beneideten sie wohl Birk, der sein Futter auf der
Strae fand.

Ich mchte fast auch ein Hund sein! meinte Bob.

-- Nun, verwhnt bist Du offenbar nicht! antwortete Findling.

Mit dem Miethzins im Gasthaus blieben sie nie im Rckstand. Der
Eigenthmer, der sich fr die beiden Kinder interessierte, bedachte sie
von Zeit zu Zeit einmal mit einer guten warmen Suppe, und die konnten
sie ja wohl ohne Errthen annehmen.

Wenn Findling darauf hielt, die beiden Pfund, die ihm nach den ersten
Einkufen noch verblieben, zu bewahren, so geschah das, weil er auf die
Gelegenheit wartete, dieses Capital ins Geschft zu stecken, wie er
sagte. Bob ri die Augen weit auf, als er ihn so sprechen hrte,
und Findling erklrte ihm dann, das bestehe darin, irgendwo Dinge
einzukaufen und sie um hheren Preis wieder zu verkaufen.

Dinge, die man essen kann? fragte Bob.

-- Die man essen kann oder nicht, das hngt vom Zufall ab.

-- Ich wrde lieber Sachen kaufen, die ebar sind.

-- Warum denn, Bob?

-- Nun, wenn man sie einmal nicht verkauft, kann man sie wenigstens
selbst verzehren.

-- Ei, Bob, Du hast ja schon rechtes Verstndni fr den Handel! Es
kommt inde darauf an, gut auszuwhlen, was man einkauft, dann wird man
das wohl immer mit Nutzen wieder los.

Hieran dachte unser Held unablssig, und er machte auch einige
schchterne Versuche, die nicht fehlschlugen. Wenn es mit Papier,
Bleistiften und Streichhlzchen auch -- wegen starker Concurrenz --
nicht recht gehen wollte, so hatte er doch bessern Erfolg mit dem
Verkauf von Zeitungen, mit denen er sich in der Nhe des Bahnhofs
aufstellte. Bob und er sahen so interessant, und vorzglich so
grundehrlich aus, sie boten ihre Waare so geschickt und hflich an, da
nur selten Jemand sich enthalten konnte, ihnen die neuesten Journale,
die Coursbcher der Eisenbahnen, oder Fahrplne und kleine billige
Reisebcher abzunehmen. Findling und Bob besaen jeder einen Kasten,
in dem die Zeitungen und Bcher so lagen, da man die Titel und auch
etwaige Illustrationen gut sehen konnte, und auch an Kleingeld, um
wiederzugeben, fehlte es niemals. Natrlich verlie Birk seinen Herrn
auch hier nie; er mochte sich als Geschftstheilhaber oder wenigstens
als Gehilfe desselben betrachten. Zuweilen lief er mit einem
Zeitungsblatt in den Zhnen auf Vorbergehende zu und bot es diesen mit
bezeichnenden Sprngen an. Bald sah man ihn gar mit einem Korbe auf
dem Rcken, worin die Preerzeugnisse schon geordnet lagen und den ein
Wachstuchdach gegen gelegentlichen Regen schtzte.

Das war ein Gedanke Findlings gewesen, und gewi kein so bler. Die
Kufer muten ja angelockt werden, wenn sie Birk so ernsthaft, so
durchdrungen von der Wichtigkeit seines Dienstes sahen. Da war's
freilich mit tollen Sprngen und mit Spielen mit Hunden aus der
Nachbarschaft zu Ende. Wenn solche sich dem gescheuten Thiere nherten,
da empfing er sie nur mit dumpfem Knurren, und der vierbeinige
Colporteur zeigte den Vorwitzigen die Zhne. In der Umgebung des
Bahnhofs sprach man schon berall von dem Hunde der kleinen Hndler. Ja
man handelte wohl unmittelbar mit ihm. Die Kufer entnahmen dem Korbe
das gewnschte Zeitungsexemplar und steckten den Preis dafr in eine
Sparbchse, die an Birks Halse hing.

Ermuthigt durch diesen Erfolg, dachte Findling daran, sein Geschft
auszudehnen. Dem Handel mit Bchern und Journalen fgte er noch
Streichhlzer, Tabak, billige Cigarren und hnliches hinzu. In Folge
davon trug Birk allmhlich einen ganzen Kramladen auf den Schultern.
An manchem Tage vereinnahmte er sogar mehr als seine Herrn, die deshalb
nicht eiferschtig wurden -- im Gegentheil, Birk wurde vielmehr mit
einem guten Futter und mit herzlicher Liebkosung belohnt. Die drei
Genossen vertrugen sich vortrefflich, und es wre ein Glck, wenn alle
Familien so einig wren, wie hier der Hund und die beiden Kinder!

Findling hatte an Bob bald gute Anlagen und Wissensdrang bemerkt. Der
siebenundeinhalbjhrige Knabe, von vielleicht minder praktischem Geiste
als sein grerer Bruder, war dafr lustiger und lie seiner natrlichen
Frhlichkeit gern freien Lauf. Da er weder lesen, schreiben noch rechnen
konnte, unterlie es Findling selbstverstndlich nicht, ihn bald darin
zu unterrichten. Er mute doch wenigstens die Titel der Bltter angeben
und lesen knnen, die man von ihm verlangte. Die Sache gefiel ihm und
er machte schnell Fortschritte. Nach den groen Buchstaben der Titel
erlernte er die kleinen im Texte der Bltter. Dann ging's ans Schreiben
und Rechnen, was ihm etwas mehr Schwierigkeiten machte. Dennoch berwand
er diese schnell. Schon sah er sich als Gehilfe einer Buchhandlung, der
den Verkaufsladen Findlings besorgte, welcher in der schnsten Strae
von Cork eine weit leuchtende Firma mit =Bookseller= darauf hatte.
Er verstand jetzt schon einen guten Verdienst zu machen, und in seiner
Tasche befanden sich mehrere wohlverdiente Pence, auch weigerte er
sich nicht, ein kleines Almosen zu geben, wenn Kinder bettelnd die
Hand ausstreckten. Er erinnerte sich ja zu gut der Zeit, wo er auf der
Landstrae hinter den Wagen hergelaufen war.

Seiner angebornen Neigung entsprechend, hatte Findling natrlich jeden
Tag Buch und Rechnung gefhrt, und so und so viel fr die Wohnung, fr
Essen und Trinken, fr Wsche und fr Heizung und Licht ausgeworfen.
Jeden Morgen schrieb er in sein Notizbuch die zum Einkauf von Waaren
bestimmte Summe ein und stellte eine Bilanz mit den Ausgaben
und Einnahmen auf. Er verstand bereits recht vortheilhaft ebenso
einzukaufen, wie zu verkaufen. In Folge dessen hatte er mit Ende des
Jahres 1882 schon ein Dutzend Pfund in der Casse -- wenn er eine Casse
besessen htte. Dafr hatte ein wohlwollender Hndler, bei dem er
gewhnlich ziemlich viel entnahm, ihm seinen Geldschrank zur Verfgung
gestellt, und in diesen wurde jede Woche der erzielte Ueberschu
eingelegt, fr den er sogar schon einige Zinsen erhielt.

Angesichts dieser durch seine Sparsamkeit und Intelligenz erzielten
Erfolge regte sich in dem Knaben bald der gewi nicht unberechtigte
Ehrgeiz, seine Geschfte zu vergrern. Das wre ihm, auch wenn er
dauernd in Cork blieb, mit der Zeit wohl gelungen. Er sagte sich
jedoch, nicht ohne Grund, da eine bedeutendere Stadt, z.B. Dublin,
die Hauptstadt Irlands, dafr gnstigere Aussicht bieten msse. In Cork
laufen ja die Schiffe nur vorbergehend an und der Waarenumsatz ist
verhltnimig beschrnkt... whrend Dublin... Dublin lag nur gar
so weit von hier!... Doch das war ja zu berwinden. Wenn auch die
Mglichkeit vorlag, da der Knabe dabei den Sperling aus der Hand fr
die Taube auf dem Dache hingab, wenn er seine Trume fr verwirklicht
ansah, so kann man es einem halben Kinde doch schwerlich verwehren, zu
trumen.

Der Winter war nicht streng, weder in den letzten Monaten des Jahres
1882, noch in den ersten des nachfolgenden Jahres. Findling und Bob
brauchten jetzt ja auch nicht mehr unter Leiden und Entbehrungen vom
Morgen bis zum Abend auf den Straen umherzulaufen. Immerhin ist es
beschwerlich, mitten im scharfen Winde auf Pltzen und an Straenecken
lngere Zeit auszuhalten. Sie waren das inde von frher Jugend an
gewhnt, und wenn es ihnen auch zuweilen hart ankam, so wurden sie
wenigstens nicht krank, obgleich sie sich in keiner Weise schonten. Bei
jeder Witterung standen sie Tag fr Tag mit dem Morgenrothe auf, kauften
dann ihre Vorrthe ein, um diese schleunigst wieder abzusetzen, wozu
sich auf dem Perron des Bahnhofs bei Ankunft und Abgang der Zge
die beste Gelegenheit bot, und wanderten dann durch verschiedene
Stadttheile, whrend Birk ihren Schaukasten ohne Murren auf dem Rcken
trug. Nur des Sonntags, wenn im Vereinigten Knigreich alle Stdte,
Flecken und Drfer feiern, gnnten sie sich einige Ruhe, besserten
die Kleidung aus, rumten zu Hause auf und stellten ihre Dachkammer so
sauber wie mglich her, wonach der eine seine Buchfhrung in Ordnung
brachte und der andre sich im Lesen, Schreiben und Rechnen bte. Am
Nachmittage gingen sie dann in Begleitung Birks bis hinunter nach
Queenstown -- zwei wackre kleine Brger, die nach einer Woche fleiiger
Arbeit zur Erholung lustwandelten.

Eines Tages gestatteten sie sich, in einem Boote um die Bai zu fahren,
und hier erblickte Bob zum ersten Male das grenzenlose Meer.

Und weiter drauen, fragte er, wenn man auf dem Wasser immer, immer
weiter fhrt, was findet man denn da?

-- Ein groes Land, Bob.

-- Grer als unsres?...

-- Tausendmal so gro, Bob, und die groen Schiffe, die Du siehst,
brauchen zur Reise dahin wenigstens acht volle Tage!

-- Giebt's denn in jenem Lande auch Zeitungen?

-- Zeitungen, Bob?... O, zu hunderten... Zeitungen, die das Stck
sogar mit sechs Pence verkauft werden.

-- Das weit Du bestimmt?

-- Ganz bestimmt... ich wei auch, da man Monate brauchen wrde, um
sie alle durchzulesen!

Bob betrachtete mit Bewunderung den erstaunlichen Findling, der im
Stande war, so etwas zu versichern. Bezglich der gewaltigen Schiffe,
der mchtigen Dampfer, die gewhnlich in Queenstown vor Anker gingen,
fhlte er das lebhafteste Verlangen, einmal deren Deck zu betrachten
und auf den Masten herumzuklettern, whrend Findling es sicherlich
vorgezogen htte, den Laderaum und die Fracht in Augenschein zu nehmen.

Bisher hatten aber beide nicht gewagt, an Bord eines solchen zu gehen
ohne Erlaubni des Kapitns -- einer Persnlichkeit, von der sie sich
die bertriebensten Vorstellungen machten. Ihn zu fragen, dazu fehlte
ihnen der Muth. Der Kapitn ist auf dem Schiffe ja der Nchste nach
Gott, wie es Findling gehrt und es Bob wieder gesagt hatte.

So blieb der Wunsch der beiden Knaben noch immer unbefriedigt.
Hoffentlich sollte er noch einmal in Erfllung gehen, gleich den andern
Wnschen, die in ihnen erwachten.




VIII.

Ein erster Heizer.


So vollendete sich das Jahr 1882, das in den Activen und Passiven
Findlings mit so vielen glcklichen und unglcklichen Conten, mit der
Vertreibung und dem Verschwinden der Familie Mac Carthy, von der er
nie wieder etwas gehrt hatte, mit den drei auf Trelingar-castle
zugebrachten Monaten, seinem Zusammentreffen mit Bob, der Niederlassung
in Cork und mit dem Gedeihen seines kleinen Handels, verzeichnet stand.

Whrend der ersten Monate des neuen Jahres erlahmte der Verkehr zwar
noch nicht, er schien aber seinen Hhepunkt berschritten zu haben. Da
Findling einsah, da er unter solchen Umstnden nicht weiter
vorwrts kommen knne, trug er sich stets mit dem Gedanken, nun
eine eintrglichere Operation -- nicht in Cork, sondern in einer
bedeutenderen Stadt Irlands zu wagen. Immer lag ihm dafr Dublin im
Sinn, und er hoffte, es werde sich schon eine Gelegenheit bieten, sein
Vorhaben auszufhren.

Januar, Februar und Mrz verstrichen. Die beiden Knaben sparten, wo sie
konnten, jeden Penny. Ihr kleines Vermgen nahm einmal auch pltzlich
mehr zu, als ihnen ein besonders Geschft mit recht gutem Nutzen
zufiel. Es handelte sich dabei um eine politische Flugschrift bezglich
der Wahl Parnell's, zu deren Vertrieb in den Straen von Cork und von
Queenstown Findling das ausschlieliche Recht erhielt. Wer die Broschre
kaufen wollte, mute sich also an ihn, allein an ihn wenden, und
Birk trug einen hbschen Posten davon auf dem Rcken. Die Sache hatte
berraschenden Erfolg, und beim Abschlu der Rechnung zu Anfang des
April befanden sich in der Cassa dreiig Pfund, achtzehn Schillinge und
sechs Pence. So reich waren die Knaben noch niemals gewesen.

Jetzt entstanden lange Verhandlungen ber die Frage der Ermiethung eines
kleinen Ladens in der Nhe des Bahnhofs. Es wre ja so hbsch gewesen,
ein eignes Heim zu haben. Gerade Bob, dem schon nichts mehr unerreichbar
schien, drngte mehr und mehr dazu. Da wre nun ein Zeitungs- und
Bcherladen entstanden mit einem Chef von elf und einem Gehilfen von
acht Jahren -- Ladeninhabern, die nun schon htten Steuern entrichten
mssen. Voraussichtlich htten die Kinder, die bereits das ffentliche
Interesse erregt hatten, auch gute Geschfte gemacht. Findling dachte
jedoch auch noch an das und jenes andre und erwog es nach allen
Richtungen. Vor allem beschftigte ihn der Gedanke der Uebersiedlung
nach Dublin, wohin es ihn wie eine Ahnung zog. Dennoch zgerte er und
fgte sich Bobs Einwrfen, als sich etwas ereignete, was fr seine
Zukunft sofort entscheidend werden sollte.

Es war am Sonntag den 8. April. Findling und Bob hatten sich
vorgenommen, den Tag in Queenstown zuzubringen. Vorzglich bestimmte
sie dazu das Verlangen, einmal in einer wirklichen Matrosenschnke zu
frhstcken und zu speisen.

Da giebts wohl Fische? fragte Bob.

-- Ja, antwortete Findling, sogar Hummern, und wenn nicht diese, dann
wenigstens Krabben, wenn Du diese magst....

-- Ich?... Natrlich!

Die Knaben legten die besten, sorgsam gereinigten Kleider an, zogen
blank gewichste Stiefeln an die Fe und brachen frhzeitig mit dem
glattgebrsteten Birk zu ihrem Ausfluge auf.

Heut' war prchtiges Wetter, glnzend strahlte die Frhlingssonne herab
und ber dem Wasser wehte eine leichte, laue Brise. Die Fahrt auf der
Lee in einem Fhrboot machte ihnen schon das grte Vergngen. Hier
befanden sich nmlich Musiker an Bord, Straenvirtuosen, deren Vortrge
Bob geradezu entzckten. Der Tag begann also in angenehmster Weise, und
es war nur zu wnschen, da er ebenso endigte.

Kaum auf dem Quai von Queenstown angelangt, entdeckte Findling eine
Schnke mit der Firma zum =Old Seaman=, die ihm ganz passend erschien,
um darin einzukehren.

Vor der Thr stand ein Kbel, in dem ein halb Dutzend Krustenthiere
ihre Beine und Scheeren durcheinander bewegten, bis sie in den Kochtopf
wanderten, wenn ein Gast den dafr verlangten Preis anlegen wollte.
Von einem Tische neben dem Fenster aus konnte man die an den Pfhlen im
Wasser befestigten Schiffe bersehen.

Findling und Bob wollten eben in die vielversprechende Schnke
eintreten, als ihre Aufmerksamkeit durch ein groes Dampfschiff
abgelenkt wurde, das am Abend vorher in Queenstown angelaufen war und
noch seine Sonntagstoilette machte.

Es war der Vulcan, ein Dampfer, von acht- bis neunhundert Tonnen, der
von Amerika kam und am nchsten Tage nach Dublin weiter gehen sollte.
Das hatte wenigstens ein Matrose in gelber Wachstuchjacke Findling auf
dessen Fragen mitgetheilt.

Beide betrachteten noch das eine halbe Kabellnge vom Quai vertute
Fahrzeug, als sich ein groer Bursch mit geschwrztem Gesicht und
noch schwrzeren Hnden Findling nherte, ihn ansah und den Mund weit
aufsperrend rief:

Du... Du!... Bist Du es wirklich?

Findling wurde ganz bestrzt, und Bob war es nicht minder. Der junge,
fremde Mann duzte ihn? Und noch dazu ein Neger?... Kein Zweifel, hier
mute ein Irrthum vorliegen.

Der vermeintliche Neger lie sich durch die Zurckhaltung des Knaben
jedoch nicht abschrecken.

Ich bin's ja!... Kennst Du mich denn nicht?... Ich bin's... Die
=Ragged-School=... Grip!...

-- Grip! wiederholte Findling ganz auer sich.

In der That war das Grip, und nun fielen sich beide in die Arme und
kten sich mit solcher Innigkeit, da Findling selbst dabei so schwarz
wie ein Kohlentrger wurde.

Das war eine Freude des Wiedersehns! Der alte Aufseher der Lumpenschule
war jetzt ein groer, krftiger junger Mann von zwanzig Jahren, der
durch nichts mehr an die Leidenszeit in Galway erinnerte, oder hchstens
nur dadurch, da sein Gesicht noch den gleichen gutmthigen Ausdruck
zeigte.

Grip... Grip... Du bist es... Du! rief Findling immer und immer
wieder.

-- Ja, ich bin's... und ich hatte Dich auch niemals vergessen, mein
Junge!

-- Und Du bist jetzt Matrose?...

-- Nein, Heizer an Bord des Vulcan!

Die Eigenschaft als Heizer machte auf Bob, der dabei ans Kochen dachte,
einen sehr tiefen Eindruck.

Was machen Sie denn da am Feuer? fragte er. Wohl Suppe?...

-- Nein, Kleiner, erwiderte Grip lachend, ich koche gar nichts, ich
heize nur den Dampfkessel, der unsre Maschine in Bewegung setzt und die
dann das Schiff vorwrts treibt.

Findling stellte seinem alten Beschtzer aus der =Ragged-School= nun
seinen Bob vor.

Eine Art Bruder, sagte er, den ich auf der Landstrae gefunden habe...
und der Dich gut genug kennt, denn ich habe ihm unsre Geschichte oft
erzhlt. Ach, mein guter Grip, wie viel mut Du mir erst zu erzhlen
haben, wo wir nun seit sechs langen Jahren getrennt gewesen sind!

-- Und Du doch wohl auch? entgegnete der Heizer.

-- Nun, komm, komm, frhstcke mit uns... dort in jener Schnke, in die
wir eben gehen wollten....

-- O nein, erwiderte Grip, im Gegentheil, Ihr werdet mit mir
frhstcken. Zunchst kommt jedoch einmal mit an Bord....

-- An Bord des Vulcan?...

-- Natrlich.

Wie, beide sollten auf das Schiff gehen? -- Findling und Bob wagten
kaum, Grip zu glauben. Das war ja fr sie dasselbe, als htte man ihnen
vorgeschlagen, ins Paradies einzutreten.

Ja, aber unser Hund?...

-- Welcher Hund?...

-- Birk.

-- Das Thier, das hier um mich herumstolziert?... Ist das Euer Hund?

-- Unser Freund, Grip... ein Freund, fast in der Art wie Du!

Wer wei, ob Grip sich durch diesen Vergleich besonders geschmeichelt
fhlte, jedenfalls streichelte er das Thier, das so warm gelobt worden
war.

Doch der Kapitn?... warf Bob noch ein, dem dieser Gedanke eine starke
Zurckhaltung auferlegte.

-- Der Kapitn ist am Lande, und der Oberbootsmann wird Euch wie groe
Herren empfangen!

Daran zweifelte Bob, wenn er in Gesellschaft Grips kam, weit weniger.
Ein erster Heizer... das hat doch etwas zu bedeuten!

Uebrigens, fuhr Grip fort, mu ich noch ein bischen Toilette machen und
mich vom Kopf bis zu den Fen waschen, da mein Dienst zu Ende ist.

-- Du hast also den ganzen Tag frei, Grip?

-- Den ganzen Tag.

-- Das war doch ein herrlicher Gedanke, Bob, heute nach Queenstown zu
fahren!

-- Ja, ich glaub's Dir, sagte Bob.

-- Und Du, nahm Grip lachend wieder das Wort, Du mut Dich auch etwas
abseifen, ich habe Dich ja ganz schwarz gemacht, Findling. Du heit doch
noch immer so?

-- Jawohl, Grip.

-- Das ist mir lieb.

-- Grip... ich mchte Dich noch einmal umarmen!

-- Geniere Dich nicht, mein Junge, wir stecken nachher doch die Nase in
den Kbel!

-- Nun, und ich? lie sich Bob vernehmen.

-- Du auch!

Der junge Mann kte auch den Kleinen, der davon ebenso negerhnlich wie
Grip selbst wurde.

Was schadete das? Sie konnten sich ja an Bord des Vulcan und in der
kleinen Cabine, worin der Heizer schlief, Gesicht und Hnde wieder
reinigen. -- An Bord und in einer Cabine!... Bob konnte noch gar nicht
daran glauben!

Einen Augenblick danach bestiegen alle drei -- Birk nicht zu
vergessen -- das kleine Boot des Dampfers, das Grip mittelst Riemens
vorwrts trieb -- zur grten Freude Bobs, sich so herrlich geschaukelt
zu sehen -- und binnen zwei Minuten legten sie am Vulcan an.

Der Hochbootsmann machte Grip ein einladendes Zeichen mit der Hand und
der Heizer lie seine Gste durch die Luke des Feuerraums hinabsteigen,
whrend Birk auf dem Verdeck umhertrottete.

Hier wurde ein Fa neben dem Lager Grips mit warmem Wasser gefllt, so
da sie ihre natrliche Farbe wieder erlangen konnten. Whrend er sich
dann umkleidete, erzhlte Grip seine Geschichte.

Beim Brande der =Ragged-School= ziemlich ernstlich verwundet, hatte
er gegen sechs Wochen im Krankenhause gelegen, das er zum Glck
wieder vllig hergestellt verlie, nur da es ihm an allen Mitteln zum
Unterhalt gebrach. Die Stadt ging eben daran, die Lumpenschule wieder
herzustellen, denn man konnte deren Insassen doch nicht auf der Strae
liegen lassen. In Erinnerung an die in jenem abscheulichen Obdach
zugebrachten Jahre, empfand Grip aber nicht das geringste Verlangen,
dahin zurckzukehren. Auch ferner mit O'Bodkins und der alten Kri
zu leben, so boshafte Schlingel wie Carker und dessen Kameraden zu
berwachen, das erschien ihm keineswegs verlockend. Nun war ja auch
Findling nicht mehr dort. Grip wute zwar, da diesen eine schne Dame
mitgenommen habe, doch wohin... das konnte er nicht erfahren; und
als er das Krankenhaus verlassen hatte, da blieben seine Erkundigungen
danach leider ohne jeden Erfolg.

Grip verlie also Galway und durchstreifte auf gut Glck das Land. Zur
Erntezeit fand er zuweilen auf einer Farm Beschftigung, doch keine
feste Anstellung, was ihn natrlich beunruhigte. So wanderte er von Ort
zu Ort, manchmal bittre Noth leidend, im ganzen aber doch glcklicher
als frher in der Lumpenschule.

Ein Jahr spter war Grip nach Dublin gekommen, er wollte auf die See
gehen. Der Beruf als Seemann schien ihm sichrer als irgend ein andrer.
Mit achtzehn Jahren ist es aber zu spt, Schiffsjunge, ja sogar
Leichtmatrose zu werden. Da er sich also nicht als Matrose einschiffen
konnte, schon weil ihm die dazu nthigen Kenntnisse fehlten, so begngte
er sich, als Kohlenschaufler einzutreten, und als solcher war er an
Bord des Vulcan aufgenommen worden. Da unten in der Tiefe in einer
von schwarzem Rauch geschwngerten Luft zu verweilen und noch dazu
bei erstickender Hitze, das erscheint zwar nicht als das Ideal des
Wohllebens hienieden. Grip war jedoch entschlossen und arbeitsam. Sauber
und eifrig von Natur, gewhnte er sich schnell an die Disciplin an Bord.
Niemals zog er sich einen Vorwurf zu. So erwarb er sich die Achtung des
Kapitns und der Officiere, die sich fr den armen Teufel ohne Familie
interessierten.

Der Vulcan fuhr zwischen Dublin und New-York oder andern Hfen der
Ostkste von Amerika. In zwei Jahren war Grip vielmals ber den Ocean
gekommen, immer damit betraut, die Bunker richtig zu fllen und das
Heizmaterial vor die Feuerffnung zu schaffen. Da erwachte in ihm der
Ehrgeiz. Er hielt darum an, unter dem Befehl des Maschinisten als Heizer
verwendet zu werden. Man stellte ihn probeweise als solchen an und
er befriedigte bald seine Vorgesetzten. So wurde er nach einiger Zeit
erster Heizer, und als solchen fand Findling seinen alten Genossen von
der Lumpenschule auf dem Quai von Queenstown wieder.

Der brave junge Mann, der keine Ausschreitungen liebte und dem
unsinniges Zechen zuwider war, whrend das bei Matrosen der
Handelsmarine, wenn die Leute ans Land kommen, so oft zu finden ist,
hatte seinen Lohn stets zum grten Theil zurckgelegt. Er besa also
ein kleines Vermgen, das er mit Vergngen wachsen sah -- einige sechzig
Pfund, an deren Verwendung er noch niemals gedacht hatte. Von seinem
Gelde Interessen zu beziehen, das konnte ihm ja gar nicht in den Sinn
kommen; war es ja schon wunderbar genug, da Grip berhaupt vorrthige
Geldmittel sein eigen nannte.

Das war die Geschichte, die Grip lustig erzhlte und nach der auch
Findling die seinige zum Besten gab. Diese war freilich bewegter, und
Grip wollte kaum seinen Ohren trauen, als er von dem knstlerischen
Erfolge der Mi Anna Walston hrte, von der glcklichen, schnen Zeit
in der Farm von Kerwan, von dem Unglck, das die ehrenwerthe Familie
betroffen hatte. Es schmerzte ihn mit, da Findling von seinen
Pflegeeltern gar nichts weiter hatte in Erfahrung bringen knnen,
er staunte aufrichtig ber den Reichthum und die Pracht von
Trelingar-castle und emprte sich ber die Hochmthigkeit des Grafen
Ashton, die Findling veranlat hatte, seiner Existenz daselbst ein Ende
zu machen.

Auch Bob mute einiges aus seiner Lebensgeschichte erzhlen. Sie war
freilich mehr als einfach, denn in der That hatte er gar keine. Sein
Leben begann ja eigentlich erst mit dem Tage, wo ihn Findling auf der
Strae gefunden oder vielmehr aus der Dripsey wieder aufgefischt hatte,
als er sich den Tod geben wollte.

Birks Geschichte fiel natrlich mit der seines Herrn zusammen und
brauchte nicht weiter geschildert zu werden.

Na, nun ist es an der Zeit, frhstcken zu gehen, sagte der erste
Heizer des Vulcan.

-- Doch nicht, bevor wir uns das Schiff angesehen haben? erwiderte
Findling lebhaft.

-- Und bevor wir einmal auf die Masten geklettert sind? setzte Bob
hinzu.

-- Wie es Euch beliebt, meine Boys! erwiderte Grip.

Nun ging's durch die Luken im Verdeck hinunter in den Schiffsraum,
was fr unsern Handelsmann das allergrte Vergngen war. Hier lagen
Baumwollenballen, Zuckerfsser, Scke mit Kaffee, und Kisten, die
allerlei berseeische Naturerzeugnisse enthielten, deren Duft Findling
begierig einsog. Diese Schtze waren nun also aus weiter Ferne fr
Rechnung der Rheder des Vulcan eingekauft, um auf den Mrkten des
Vereinigten Knigreichs wieder veruert zu werden. O, wenn Findling
jemals in die Lage kam....

Grip unterbrach den schnen Traum mit der Einladung, wieder nach dem
Deck hinaufzugehen, um die im Hintertheil des Schiffes gelegenen Cabinen
des Kapitns und der Officiere zu besuchen, whrend Bob auen auf den
Wanten umherkletterte und wirklich bis auf die Stenge des Fockmastes
gelangte. Im ganzen Leben war er noch nicht so entzckt, aber auch
so gewandt im Klettern gewesen. Vielleicht steckte das Zeug zu einem
Schiffsjungen in dem Knaben.

Gegen elf Uhr saen Grip, Findling und Bob vor einem Tische in der
Schnke zum =Old Seaman=, Birk natrlich dahinter, der mit der
Schnauze bis zur Hhe des Tischtuchs reichte, und es ist wohl kein
Wunder, da jetzt alle tchtigen Appetit versprten.

Dafr gab es auch eine vortreffliche Mahlzeit, deren Kosten Grip
auf sich nahm. Nmlich Eier mit brauner Butter, kalten Schinken mit
gelblichem zitternden Gele darber, ferner Chesterkse und zu dem allen
vorzglich schumendes Ale! Auerdem wurde Hummer aufgetischt, nicht die
gewhnlichen Krabben des Armen, nein, wirklicher Hummer mit weirothem
Fleisch in der hochrothen Schale, der Hummer der reichen Leute, ein
Leckerbissen, den Bob als das weitaus beste bezeichnete, womit man sich
den Magen fllen knnte.

Natrlich wurde auch whrend des Essens geplaudert. Wenn es in feinem
Kreise nicht vorkommt, mit vollem Munde zu sprechen, so hatte unsre
kleine Gesellschaft doch die Entschuldigung, da sie keine Zeit
verlieren durfte.

Dabei tauschten nun Grip und Findling alte Erinnerungen aus von der Zeit
her, wo sie in der erbrmlichen =Ragged-School= gelebt hatten... sie
erwhnten den Vorfall mit der armen Mve, die als Geschenk erhaltene
wollene Jacke... die schlechten Streiche Carker's u. s. w.

Was ist denn aus dem Thunichtgut geworden? fragte Grip.

-- Ich wei es nicht und habe mich nicht darum gekmmert, antwortete
Findling. Das schlimmste fr mich wr's jedenfalls gewesen, wenn ich
wieder mit ihm zusammengetroffen wre.

-- Beruhige Dich, Du wirst ihm nicht wieder begegnen, versicherte Grip;
da Du aber Zeitungen verkaufst, mein Boy, so rathe ich Dir, sie auch
zuweilen zu lesen.

-- Das thu ich wohl auch.

-- Dann wirst Du sehr bald erfahren, da jener Bsewicht Carker krzlich
an einem Hanffieber gestorben ist.

-- Gehenkt?... Ach, Grip...

-- Jawohl, gehenkt! Es war ja nicht anders zu erwarten!

Hierauf kamen die Einzelheiten von der Feuersbrunst zur Sprache. Grip
war es ja, der den Knaben mit eigner Lebensgefahr gerettet hatte, und
jetzt hatte dieser zum ersten Male Gelegenheit, ihm zu danken.

Ich habe, seit wir getrennt waren, immer und immer an Dich gedacht!
sagte er.

-- Das freut mich herzlich, mein Boy!

-- Nur ich, ich habe nicht an Grip gedacht, rief Bob mit dem Ausdrucke
lebhaften Bedauerns.

-- Weil Du mich nur dem Namen nach gekannt hast, Bob, antwortete Grip.
Jetzt kennst Du mich...

-- Und ich werde auch immer von Dir sprechen, wenn wir beide mit
einander plaudern, wir beide, Birk!

Birk antwortete zustimmend mit Bellen, was ihm ein mit Speck belegtes
Stck Brod einbrachte, das er auf einmal verschlang. Trotz der
Versicherung Bobs schien er dem Hummer dagegen keinen Geschmack
abgewinnen zu knnen.

Grip wurde nun ber seine Reisen nach Amerika gefragt. Er erzhlte von
den groen Stdten Amerikas, von ihrer Industrie, ihrem Handel, und
Findling hrte so aufmerksam zu, da er darber sogar das Essen ganz
verga.

Uebrigens, bemerkte Grip, giebt es auch sehr groe Stdte in England,
und wenn Du jemals nach London, Liverpool oder Glasgow kommst...

-- Ja, Grip, das wei ich. Ich hab' es in den Journalen gelesen, groe
Handelsstdte, sie liegen nur gar so weit von hier....

-- O nein, nicht so weit....

-- Fr Seeleute, die dahin fahren, ja, doch fr alle andern...

-- Nun, aber zum Beispiel Dublin? rief Grip. Das ist nur dreihundert
Meilen von hier entfernt. Ein Bahnzug erreicht es in einem Tage, ohne
da man ber See zu gehen braucht....

-- Ach ja, Dublin! murmelte Findling.

Das entsprach so genau seinem lebhaften Wunsche, da er nachdenklich
wurde.

Sieh, fuhr Grip fort, das ist eine sehr schne Stadt mit sehr lebhaftem
Geschftsverkehr. Dort legen die Schiffe nicht nur vorbergehend an, wie
hier in Cork. Dort nehmen sie Fracht ein und kehren mit solcher dahin
zurck....

Findling lauschte voller Spannung... seine Gedanken trugen ihn mit sich
fort.

Du solltest Dich in Dublin versuchen, sagte Grip. Ich bin berzeugt,
da wrden sich die Verhltnisse fr Dich besser gestalten als hier; und
wenn Du etwa Geld brauchst...

-- Wir haben etwas erbrigt, Bob und ich, unterbrach ihn Findling.

-- Das will ich meinen, fiel Bob ein, der einen Schilling sechs Pence
aus der Tasche zog.

-- Ich auch, erklrte Grip, und ich wei nicht, was ich damit beginnen
soll.

-- Warum legst Du das Geld nicht an... irgendwo... in einer Bank?

-- Dazu hab' ich kein Vertrauen....

-- Ja, dann verlierst Du aber die Zinsen, die es Dir einbringen wrde,
Grip....

-- Das ist besser, als alles zu verlieren, was man besitzt. Wenn ich
keins zu andern Leuten habe, zu Dir wrde ich es haben, mein Boy, und
wenn Du nach Dublin kmst, nach dem Heimathafen des Vulcan, da wrden
wir uns auch oft sehen knnen. Ich wiederhole Dir, wenn Du, um einen
Handel anzufangen, etwas Geld brauchst, so wr' ich gern erbtig, es Dir
zu geben....

Der wackre Bursche war schon daran, das zu thun. Er fhlte sich ja
berglcklich, seinen Findling wieder getroffen zu haben, und ihm schien
es, als wren sie durch Bande verknpft, die kein Zufall lsen knnte.

Komm' nach Dublin, wiederholte Grip. Soll ich Dir sagen, was ich denke?

-- Sprich, lieber Grip.

-- Nun, siehst Du, mir schwebt immer der Gedanke vor... da Du... dort
Dein Glck machen mssest....

-- Mir wohl auch... ich habe immer denselben Gedanken gehabt,
antwortete Findling einfach. Seine Augen leuchteten aber in hellerem
Glanze auf.

-- Ja, ja, fuhr Grip fort, ich sehe Dich dort eines Tages schon
reich... sehr reich. In Cork freilich wirst Du nicht so viel verdienen.
Ueberlege Dir meine Worte, denn man soll niemals ohne Ueberlegung
handeln.

-- Ganz recht, Grip.

-- Jetzt aber, wo es nichts mehr zu essen giebt... seufzte Bob
aufstehend.

-- Du willst sagen, Junge, fiel ihm Grip ins Wort, da Du wohl auch
keinen Hunger mehr hast....

-- Ja, vielleicht... ich wei nicht. Das ist das erste Mal, da mir das
vorkommt....

-- So wollen wir also ein wenig spazieren gehen, schlug Findling vor.

So verlief der Nachmittag, wobei die Freunde vielerlei Plne
schmiedeten, whrend sie auf den Quais und durch die Straen Queenstowns
lustwandelten.

Als dann die Trennungsstunde gekommen war und Grip die Knaben nach dem
Landungsplatze des Fhrbootes begleitet hatte, begann er:

Wir werden uns wiedersehen. Man kann sich nicht gefunden haben, um
einander nie wieder zu begegnen.

-- Gewi, Grip... in Cork... sobald der Vulcan hier wieder
anlegt...

-- Warum nicht in Dublin, wo er meist einige Wochen liegen bleibt?...
Ja, in Dublin, und wenn Du Dich entschlieen kannst...

-- Leb wohl, leb wohl, Grip!

-- Auf Wiedersehen, mein Boy!

Sie umarmten sich herzlich und mit tiefer Erregung, die keiner von
beiden zu verheimlichen sich bemhte.

Bob und Birk nahmen ebenfalls mit Abschied, und als das Fhrboot
abgestoen war, da folgte ihm Grip noch lange mit den Augen, whrend
jenes den Flu empor dampfte.




IX.

Eine Speculation Bobs.


Einen Monat spter schoben auf der Strae, die sdwestlich von Cork und
durch die stlichen Gebiete der Grafschaft nach Youghal fhrt, ein Knabe
von elf und ein kleiner von acht Jahren einen leichten Karren, der von
einem Hunde gezogen wurde.

Die beiden Kinder waren Findling und Bob. Der Hund war Birk.

Das Zureden Grips hatte gefruchtet. Ehe er mit dem ersten Heizer des
Vulcan zusammentraf, trumte Findling nur davon, Cork zu verlassen und
sein Glck in Dublin zu versuchen. Nach dem Zusammentreffen machte er
seinen Traum zur Wahrheit. Gewi hatte er ber diesen wichtigen Schritt
reiflich nachgedacht, denn er gab dabei ja das Gewisse fr das Ungewisse
hin. In Cork konnte er jedoch voraussichtlich niemals weiter vorwrts
kommen, in Dublin dagegen erffnete sich seiner Thtigkeit ein viel
weiteres Feld. Auch Bob, den er deshalb befragte, erklrte sich bereit,
sofort aufzubrechen, und einem Rathschlag Bobs durfte er schon einiges
Gewicht beilegen.

Unser junger Held mute infolge dessen seine Einlagen bei dem
Buchhndler zurckziehen, der ihm einige Einwrfe wegen seiner
Zukunftsplne machte. Er erzielte damit aber nichts bei dem so
frhreifen Kinde, das ja nicht gewhnt war, Chimren nachzujagen,
was sonst vielfach in Paddys Natur liegt. Findling war nun einmal
entschlossen, hher hinauf zu streben, und eine Ahnung sagte ihm, da
das nur gelingen werde, wenn er Cork mit Dublin vertauschte.

Ueber den einzuschlagenden Weg und die Art des Fortkommens war sich
Findling bald im klaren.

Den krzesten Weg bietet allerdings die Bahnlinie nach Limerick und
von da durch die Provinz Leinster nach Dublin, und die schnellste
Befrderung fand man, wenn man in Cork in einen Eisenbahnzug ein- und
nach dessen Ankunft in der Hauptstadt Irlands wieder ausstieg. Das htte
aber das Opfer einer Guinee fr jeden gekostet, und Findling pflegte auf
seine Guineen zu halten. Wer gesunde Beine und genug Zeit hat,
braucht sich den Kopf ja nicht zu zerbrechen und sich in einem Waggon
durchrtteln zu lassen. Jetzt war die schnste Jahreszeit, und die Wege
der Grafschaft sind vom Mai bis zum September in recht gutem Zustande.
Da lag doch der Vortheil auf der Hand, lieber unterwegs noch etwas zu
verdienen, als so viel Geld fr eine schnelle Befrderung auszugeben.

So wollte der junge Hndler also, von Dorf zu Dorf, von Flecken
zu Flecken ziehend, das in Cork begonnene Geschft ununterbrochen
fortsetzen, wollte Journale, Broschren, Papiere u. dgl. verkaufen,
kurz, Handel treiben bis Dublin.

Dazu brauchte er hchstens noch einen Karren, um seine Hausierwaaren
unterzubringen, und darber eine Wachstuchdecke, um sie gegen Staub und
Nsse zu schtzen. Vor den Karren sollte Birk gespannt werden, der sich
gewi nicht weigerte, ihn zu ziehen, und die beiden Kinder wollten dem
Hunde durch nachschieben helfen. Als Weg sollte der lngs der Kste
gewhlt werden, weil dieser ber mehrere, nicht unwichtige Stdte,
Waterford, Wexford, Wicklow, und auch durch verschiedene, zu dieser Zeit
stark besuchte Badeorte hinfhrt. Kostete das auch zwei, vielleicht gar
drei Monate Zeit, so brauchten sie sich darum nicht zu kmmern, wenn
unterwegs nur immer etwas verdient wurde.

Am 18. April, einen Monat nach der Begegnung mit Grip in Queenstown,
befanden sich also Findling, Bob und Birk, der letztere ziehend, die
andern beiden schiebend, auf der Landstrae von Cork nach Youghal, wo
sie nach wenig anstrengendem Marsche am Nachmittage ankamen.

Zu klagen hatten sie keine Ursache, jedenfalls fiel es Birk gar
nicht ein zu murren. Dieser wurde brigens nicht zu stark in Anspruch
genommen, und wo der Weg anstieg, halfen die Knaben durch schieben mit
besten Krften nach. Der zweirdrige Karren war sehr leicht. Findling
hatte ihn durch Gelegenheitskauf von einem Kaufmann in Cork erworben.
Der Waarenvorrath bestand in Zeitungen, politischen Broschren --
einige freilich in Gedankengang und Stil gleich schwerfllig -- in
Schreibpapier, Bleistiften, Federn und andern hnlichen Sachen, ferner
in Tabakspacketen, deren Bestand durch Einkauf in den besten Lden mit
dem bunten Schilde des Bergschotten erneuert werden sollte, und endlich
in verschiedenen Artikeln und Kleinigkeiten. Alles das wog nicht schwer
und lie sich voraussichtlich leicht und mit hbschem Profit absetzen.

Die Leute auf dem Lande interessierten sich berall fr die beiden
Knaben, von denen der eine so ernst war, wie ein ergrauter Kaufmann, und
der andre ein so gewinnendes Lcheln zeigte, da es gar niemand einfiel,
mit ihm zu feilschen.

Der Karren kam in Youghal an, einem groen Flecken mit sechstausend
Einwohnern und einem in der Ausmndung des Blackwater gelegnen Hafen
fr Kstenfahrzeuge. Hier ist das Land, wo die heilige Kartoffel in
hchsten Ehren steht. Der Irlnder knnte es wohl nie vergessen, da
Sir Walter Raleigh in der Umgebung von Youghal mit der Kartoffel, dem
eigentlichen Brode Irlands, die ersten Anbauversuche unternahm.

Findling verbrachte den Rest des Tages in Youghal, gnnte sich aber
keine Rast, ehe er nicht sein Waarenlager, das auf dem Wege nach
Dungarvan jedenfalls schnell gelichtet wurde, vollstndig ergnzt hatte.
Ein nahrhaftes Essen am Tisch eines Gasthauses, ein Bett fr beide und
ein Lager fr Birk fanden sie fr migen Preis. Am folgenden Morgen
zogen sie dann nach dem nchsten Drfchen weiter und hielten auch vor
den Farmen an, deren sie auf jede Meile zweien bis dreien begegneten.
Meist blieben sie auch ber Nacht auf einer solchen Farm, da es nicht
rathsam erschien, noch im Dunkeln auf der Landstrae zu sein, wenn
Birk auch da war, seinen Herrn und dessen zweirdrigen Kramladen zu
vertheidigen.

Wie empfand Findling da die Vernderung gegen jene Zeit, wo er auf
den Landstraen von Connaught so schwer hatte leiden mssen! Welcher
Unterschied zwischen seinem Karren und dem des rohen Thornpipe, jenem
finstern Kasten, worin er immer dem Ersticken nahe war! Diese
Dinge hnelten sich so wenig, wie Birk dem zottigen Kter des
Puppenschaustellers. Jetzt brauchte er nicht mehr durch Drehen des
Mechanismus die knigliche Familie und den Hof von England Walzer tanzen
zu lassen.... Er lebte nicht mehr von Almosen, sondern von seinem
tglichen, ehrlichen Verdienst. Das flte ihm auch Vertrauen fr die
Zukunft ein, die Hoffnung, in Dublin ebensoviel und wohl noch mehr
Erfolg zu haben, als das halbe Jahr in Cork.

Von Cork aus mute eine Brcke berschritten werden, um zur Landstrae
nach Dungarvan zu gelangen.

Da ist eine Brcke, rief Bob; von solcher Lnge hab' ich noch keine
gesehen.

-- Ich auch nicht, antwortete Findling.

Die Brcke ber die Bai des Blackwater, ohne die man einen starken
Tagesmarsch mehr gehabt htte, ist in der That zweihundertsiebzig Toisen
(circa 527 Meter) lang.

Der Karren rollte auf ihrem Plankenbelag hin, ber den ein frischer
Westwind strich.

Das ist fast, als wre man auf einem Schiffe! bemerkte Bob.

-- Jawohl, Bob, wie auf einem Schiffe mit Rckenwind. Fhlst Du, wie er
uns vorwrts treibt?

Jenseits der Brcke gelangte man nun in die Grafschaft Waterford, die
ihrerseits wieder an die Grafschaft Kilkenny in der Provinz Leinster
grenzt.

Findling und Bob ermdeten sich nicht allzusehr. Sie wanderten ohne
besondre Eile weiter. Es kam ihnen ja vor allem darauf an, die in
Youghal eingekauften Waaren mit Nutzen abzusetzen, ehe sie Dungarvan
erreichten, wo alle Vorrthe erneuert werden sollten. Fnfundzwanzig bis
dreiig Meilen, die Abweichungen vom geraden Wege eingerechnet, htten
einen Spaziergang von wenigen Tagen erfordert. Lagen hier auch nahe
der Kste nur wenige Drfer, so trafen sie doch auf weit mehr einzelne
Gehfte, und das bot ihnen Aussichten auf reichlichen Absatz, die
sie nicht unbeachtet lassen durften. Eine Eisenbahn gab es auf dem
Kstengrtel nicht und die Bauern konnten sich nur schwierig mit den
gewhnlichsten kleinen Bedrfnissen versorgen. Findling wollte sich
diesen Vortheil also jedenfalls nicht entgehen lassen.

Der Erfolg gab ihm Recht. Jeden Abend, ehe sie sich zur Ruhe begaben,
zhlte Bob die seit dem Morgen vereinnahmten Schillinge und Pence, und
Findling trug die Summe in sein Cassabuch auf der Seite der Einnahmen
gegenber der der Ausgaben fr persnliche Bedrfnisse, Essen, Trinken,
Nachtlager u. s. w. gewissenhaft ein. Nichts machte Bob mehr Vergngen,
als die Geldstcke hbsch in Ordnung aufzuzhlen, und Findling nichts
mehr, als sein Guthaben zusammenzurechnen, whrend Birk zufrieden bei
ihnen lag, bis sie fertig waren und dann alle die Ruhe suchten.

Am 3. Mai gelangte der Karren nach dem Flecken Dungarvan. Er war leer --
nicht der Flecken, sondern der Karren -- und mute von Grund auf frisch
gefllt werden, was in dem sechstausend Einwohner zhlenden Orte keine
groen Schwierigkeiten machte. Dungarvan hat einen Hafen fr flcher
gehende Schiffe, an der Bai gleichen Namens, deren Ufer durch einen
fnfhundert Toisen (975 Meter) langen Damm mit Durchla fr die Schiffe,
verbunden sind. Wie bei Youghal kann man also auch hier ber die Bai
hinweg gelangen, statt diese umkreisen zu mssen.

Zwei Tage verweilte Findling in Dungarvan. Er hatte hier den trefflichen
Einfall, von den Kstenfahrern sehr billig verschiedene Wollenwaaren
zu kaufen, die ihm seiner Meinung nach im Lande drauen gern abgenommen
wrden. Birks Last wurde dadurch auch nicht wesentlich vergrert.

Die nutzbringende Reise ging immer langsam weiter, und wenn sie nicht
von erwhnenswerthen Ereignissen unterbrochen wurde, so blieb sie zum
Glck doch auch frei von Unfllen. Die Witterung blieb unverndert
gnstig. Auf der Landstrae kein Abenteuer. Wer htte den Kindern auch
ein Leid anthun sollen? An den Ksten Sdirlands begegnet man berhaupt
wenigeren zu Rohheiten und Gewaltthtigkeiten geneigten Leuten. Die
Gegend ist auch nicht so arm, wie viele andre Grafschaften, z.B.
die von Connaught und von Ulster. Das Meer liefert hier reiche Beute.
Fischfang und Kstenfahrt ernhren den Schiffer und den Matrosen
hinreichend, und der Landmann fhlt noch deren Nachbarschaft.

Unter solchen gnstigen Verhltnissen gelangte der Karren ber das
siebzehn Meilen von Dungarvan entfernte Trenmore und erreichte vierzehn
Tage spter das von hier wieder ebenso weite Waterford an der Grenze von
Munster. Nun sollte Findling endlich die Provinz verlassen, wo ihm ein
so wechselvolles Schicksal beschieden gewesen war, das seinen Aufenthalt
in Limerick, auf der Farm von Kerwan, im Schlosse Trelingar, die
Reise nach den Seen von Killarney und endlich den Anfang seiner
Handelsthtigkeit in Cork umschlo. Alle traurigen Tage hatte er jetzt
schon vergessen. Er erinnerte sich nur seines Verweilens im Schoe der
Familie Mac Carthy, und die Tage dort vermite er allein, wie man den
Verlust der Freuden des huslichen Herdes schmerzlich empfindet.

Sagt' ich Dir nicht, Bob, begann er da, da wir in Waterford ausruhen
wollten?

-- Ich glaube, antwortete Bob. Mde bin ich aber gar nicht, und wenn Du
weiter gehen willst...

-- Nein, nein; wir wollen einige Tage hier bleiben....

-- Und gar nichts thun?...

-- O, etwas zu thun giebt es immer, Bob.

Man thut ja doch auch etwas, wenn man, wie hier, eine hbsche Stadt
von fnfundzwanzigtausend Einwohnern besucht, die am Ufer des mit einer
Brcke von neununddreiig Bogen berspannten Suir liegt. Waterford
ist berdies ein ziemlich lebhafter Hafenplatz, was unsern jungen
Handelsmann stets interessierte -- der bedeutendste des stlichen
Munster und mit regelmiger Schiffsverbindung mit Liverpool, Bristol
und Dublin.

Nach Auffindung eines passenden Gasthofs, in dem der Karren eingestellt
wurde, begaben sich beide Knaben nach den Quais, wo sie einige Stunden
umherspazierten. Bei dem Anblick der ein- und auslaufenden Schiffe
konnte ihnen ja keine Langeweile ankommen.

Ei, rief Bob, wenn wir jetzt zufllig Grip wieder trfen!

-- Nein, Bob, das ist nicht mglich. Der Vulcan geht in Waterford
nicht vor Anker und meiner Berechnung nach mu er jetzt weit fort... an
der Kste Amerikas sein.

-- Da drauen, fragte Bob, der nach dem entfernten Horizonte hinwies.

-- Ja... nur noch weiter; ich glaube aber, er wird in Dublin zurck
sein, wenn wir daselbst eintreffen.

-- Wie freue ich mich, Grip wiederzusehen! rief der kleine Knabe. Ob er
dann wohl immer noch so schwarz aussieht?

-- Hchst wahrscheinlich.

-- Ach, deshalb kann man ihn doch lieb haben!

-- Gewi, Bob; er hat mich, als ich recht unglcklich war, auch so
herzlich geliebt....

-- Ja, so wie Du mich! antwortete das Kind, dessen Augen dankbar
erglnzten.

Htte Findling mehr Eile gehabt, Dublin zu erreichen, so htte er
sich hier auf einem Passagierdampfer, der zwischen Waterford und der
Hauptstadt verkehrt, einschiffen knnen. Der Fahrpreis ist ein sehr
niedriger. Da der Waarenkarren ausverkauft war, wre dieser an
Bord geschafft worden, die beiden Knaben htten dafr, so wie fr
Verdeckpltze fr sich (und den Hund) nur einige Schillinge zu zahlen
gehabt und wren binnen zwlf Stunden an ihr Reiseziel gekommen.
Auerdem wre es ein herrliches Vergngen gewesen, auf einem groen
Dampfer ber den St. Georgscanal auf dem schnen irischen Meere fast
stets angesichts der Kste dahinzugleiten.

Das war gewi verlockend. Findling blieb jedoch besonnen wie immer und
es erschien ihm gar nicht angezeigt, vor der Rckkehr Grips in Dublin
einzutreffen. Grip kannte die Stadt, er wrde die beiden Kinder durch
das Husermeer lootsen, das ihrer regen Phantasie noch weit ausgedehnter
erschien, so da sie sich nicht darin verirrten. Warum htten sie auch
die so eintrgliche Landreise unterbrechen sollen? Die Empfindung fr
das Richtige, die Findling von jeher auszeichnete, berwog auch den Reiz
einer so verlockenden Seefahrt. Nachdem er Bob nicht ohne Mhe zu einer
verstndigeren Auffassung der Verhltnisse bekehrt hatte, wurde
denn beschlossen, die Reise auf dem Kstenlande von Leinster in der
bisherigen Weise fortzusetzen.

Drei Tage spter sehen wir die beiden also in der Grafschaft Wexford
wieder, wo Birk den aufs neue assortierten Karren unverdrossen weiter
zog. Ein Maulesel, selbst ein Pferd htte keine besseren Dienste leisten
knnen. Ging es zu sehr bergaufwrts, dann spannte sich freilich Bob mit
an die Deichsel und Findling schob, sich mit der Schulter anstemmend,
von rckwrts, so gut er konnte.

Im Hintergrunde der Bai von Waterford verlt die Landstrae die
vielfach von Buchten und kleinen Fjorden eingeschnittene Kste, und
damit verloren sie den Theil des Meeres aus den Augen, wo das Cap
Carnsore, die uerste Spitze des Grnen Erin, am weitesten in den St.
Georgscanal vorspringt.

Zu beklagen brauchten sie sich deshalb nicht. Statt durch einen wilden,
den Landstrich zu verlaufen, berhrt die Strae Drfer und Weiler und
verbindet sie viele Pachtgter miteinander, wo die verschiedenen Waaren
des Wanderladens zu hohen Preisen an den Mann zu bringen waren. In
Wexford langte Findling auch erst am 27. Mai an, obgleich die Luftlinie
zwischen hier und Waterford nur etwa dreiig Meilen mit. Freilich war
der Karren genthigt gewesen, nach rechts und links vielfach vom geraden
Wege abzuweichen.

Wexford ist ein Stdtchen von zwlf- bis dreizehntausend Seelen.
Es liegt am Flusse Sancy, nahe der Mndung desselben, und macht den
Eindruck, als wre eine kleine englische Stadt mitten in eine irische
Grafschaft versetzt worden. Das kommt daher, da Wexford der erste
Waffenplatz war, den die Englnder hierzulande inne hatten, und der
Ort hat dann, zur Stadt aufgewachsen, seine ursprngliche Physiognomie
beibehalten. Findling erstaunte nicht wenig, hier so viele Ruinen,
verfallene Wlle und zerstrte Vertheidigungswerke zu sehen. Er kannte
aber die Geschichte dieser Gegend zur Zeit GeorgsIII. nicht, wo hier,
whrend der erbitterten Kmpfe zwischen Protestanten und Katholiken,
schreckliche Metzeleien auf beiden Seiten, Feuersbrnste und
Verwstungen zur Tagesordnung gehrten. Vielleicht war es besser, da er
hiervon nichts wute, denn es sind entsetzliche Erinnerungen, die auf so
vielen Seiten der irischen Geschichte mit Blut geschrieben stehen. Das
konnte er noch zeitig genug kennen lernen, wenn er dazu Mue hatte.

Von Wexford aus mute sich der wohlausgestattete Wagen wieder von der
Kste entfernen, die er erst fnfzehn Meilen weiter hin, in der Nhe
des Hafens von Arklow, wieder treffen sollte. Das war, und zwar aus zwei
Grnden, nicht zu bedauern.

Erstens beherbergt dieser Theil der Grafschaft eine dichtere Bevlkerung
und hat auch viel mehr Drfer und Einzelgter, wohl infolge der
Bahnlinie, die Wexford ber Arklow und Wicklow mit Dublin in Verbindung
setzt.

Zweitens ist das Land hier ausnehmend schn. Der Weg verluft durch
ppige Wlder mit mchtigen Buchen und Eichen, darunter die im
galischen Lande so bemerkenswerthe schwarze Eiseneiche. Die Landschaft
war von der Slaney, der Ovoca und deren Nebenflssen ebenso reich
bewssert, wie sie zur Zeit der religisen Zwistigkeiten mit Blut
begossen wurde. Und gerade dieser Theil des irischen Bodens, der an
Schwefel und Kupfer so reich ist, auf den so viele Wasseradern von
den nahen Bergen herabrieseln, die sogar etwas Gold fhren -- dieser
besonders begnstigte Theil mute zum Schauplatz der wildesten Kmpfe
werden. Die Spuren davon erkennt man noch heute in Ennscarthy, in Ferns
und in andern Orten bis nach Arklow hin, wo die Sldner des Knigs Georg
von dreiigtausend Rebellen -- so nannte man die, die ihr Vaterland und
ihren Glauben vertheidigten -- aufs Haupt geschlagen wurden.

Zu einem Aufenthalt im Hafen von Arklow glaubte Findling seinem Personal
-- wenn man Birk als Person zhlt -- einen Rasttag aufnthigen zu
mssen.

Arklow mit fnftausend Einwohnern ist ein Fischerort mit regem Leben.
Den Hafen schlieen breite Sandbnke vom hohen Meere ab. Am Fue mit
grnen See-Eichen bedeckter Felsen werden hier viele Austern gefangen,
die an Ort und Stelle natrlich billig zu haben sind.

Ich glaube sicherlich, da Du noch keine Austern gegessen hast? fragte
Findling den Gourmand Bob.

-- Niemals.

-- Mchtest Du sie denn probieren?

-- Ei, herzlich gern.

Bob wollte so etwas immer gern. Hier kam er aber damit nicht weiter, als
bis zu einem Versuche.

Nein, da ist mir Hummer lieber! erklrte er.

-- Du bist nur noch zu jung zum Austern essen, Bob.

Und Bob erwiderte, er sehne sich gar sehr nach dem Alter, wo er diese
Mollusken richtiger zu schtzen verstehen werde.

Am Vormittag des 19. Juni legten beide die Wegstrecke nach Wicklow
zurck, dem Hauptorte der gleichnamigen Grafschaft, die an die von
Dublin anstt.

Von hier aus kamen sie durch die schnste und merkwrdigste Gegend von
ganz Irland, die von Touristen fast ebenso viel besucht wird, wie
das Seengebiet von Killarney, und die dem Blicke die entzckendste
Abwechslung bietet. Da und dort streben Berge empor, die mit denen von
Donegal und Kerry wetteifern knnen, schimmern herrliche Seen, wie die
von Bray und von Dan, deren klares Wasser die Alterthmer an ihren Ufern
wiederspiegelt. Ferner dehnt sich hier, lngs des Ovocabettes, das Thal
von Glendalough aus mit seinen epheuumrankten Thrmen, seinen alten
Kapellen am Rande eines mit glitzernden Mornen besetzten Sees, und das
Heilige Thal mit den sieben Kirchen von Saint-Kevin, wo die Wallfahrer
aus dem ganzen Erin zusammenstrmen.

Das Handelsgeschft der Knaben entwickelte sich inzwischen mehr und
mehr. Ueberall wurden die jungen Hausierer willkommen geheien. Freilich
zogen sie hier durch eine der wohlhabendsten Landschaften Irlands, wo
sich schon die Nhe der groen Hauptstadt bemerkbar machte. Von Arklow
aus verbindet die Landstrae nmlich eine Anzahl Seebadeorte, die zur
Zeit bereits von der Dubliner Gentry besucht waren. Diese ganze elegante
Welt hatte wohlgefllte Taschen. In diesen Bdern sah man mehr Guineen,
als Schillinge in den Ortschaften von Sligo oder Donegal. Es bedurfte
nur des Talents fr den jungen Hndler, um davon etwas in seine Tasche
herberzulocken. Das gelang ihm auch nach und nach, und Findling hatte
die beste Aussicht, mit verdoppeltem Vermgen in Dublin anzukommen.

Da hatte Bob einen recht guten Gedanken, der seinem groen Bruder
bisher nicht gekommen war, einen Gedanken, dessen Ausfhrung ihm hundert
Procent Nutzen abwerfen mute, allein durch die vielen Kinder reicher
Leute, die sich gewhnlich auf dem Strande von Wicklow tummelten.

Bob war nmlich -- er hatte das schon hufig bewiesen -- sehr
geschickt im Ausnehmen von Vogelnestern, und solche giebt es auf den
Chausseebumen Irlands in groer Menge.

Bisher hatte Bob seine Kunstfertigkeit im Klettern noch gar nicht
ausgebeutet. Nur ein- oder zweimal verkaufte er um geringen Preis einige
Vgel, die er dem Neste auf einer hohen Buche entnommen oder in einer
sehr einfachen Falle gefangen hatte. Ehe sie Wicklow verlieen, fiel es
ihm aber ein, daraus einen Erwerb zu machen, und daher bat er Findling,
einen Bauer anzuschaffen, der eine grere Anzahl Sperlinge, Meisen,
Finken, Stieglitze und andre kleine Vgel aufnehmen konnte.

Und wozu? fragte Findling. Willst Du etwa Vgel zchten?

-- Keineswegs.

-- Was soll also damit geschehen?

-- Ich will sie wieder fliegen lassen.

-- Weshalb sollen sie dann erst in einen Kfig gesteckt werden?

Wenn Findling das zuerst nicht begriff, so verstand er es doch, als Bob
sich etwas weiter erklrt hatte.

Dieser beabsichtigte nmlich, den Thierchen gegen Entgelt die Freiheit
zu geben. Mit den zwitschernden Vgeln im Kfig wollte er unter die
nicht weniger zwitschernde Schaar von Kindern am Strande der Seebder
treten, die gewi gern bereit waren, den oder jenen der Gefangenen Bobs
fr einige Pence loszukaufen; ist's doch so reizend, einen Vogel lustig
davonfliegen zu sehen, wenn man fr ihn das Lsegeld bezahlt hat.

Bob zweifelte gar nicht an dem Erfolge seiner Speculation und auch
Findling erkannte die praktische Idee des Kleinen an. Ein Versuch
kostete ja so gut wie nichts. So wurde also ein Kfig gekauft, und
Bob war von Wicklow kaum eine Meile weit weg, da hatte er diesen schon
voller Vgel, die unruhig darin umherflatterten.

In den zahlreichen Badeorten, die jetzt viele Gste hatten, lie sich
das Nebengeschft sehr gut an. Whrend Findling seine Waaren vertrieb,
erweckte Bob mit dem Kfig in der Hand das Mitleid der jungen Gentlemen
und der jungen Misses fr seine hbschen Gefangenen. Unter lautem Jubel
der Kinder flogen die freigekauften Vgel davon; der Kfig wurde
bald leer und die Tasche des findigen Knaben bald voll von den dafr
vereinnahmten Pence.

Jetzt freute er sich desto mehr ber seinen eintrglichen Gedanken
und berechnete jeden Abend diesen besondern Gewinn, ehe derselbe der
Gesammteinnahme zugeschlagen wurde.

Beide Knaben befanden sich, immer lngs der Kste nach Dublin
hinaufwandernd, am Nachmittage des 9. Juli in Bray, das nur noch etwa
fnfzehn Meilen von Dublin entfernt und am Fue eines zu der Gruppe der
Wicklow-Mounts gehrigen Vorgebirges liegt, das von dem dreitausend Fu
hohen Lugnaquilla berragt wird.

Dank dieser bezaubernden Lage bertrifft es hierin sogar Brighton an
der englischen Kste. So urtheilt wenigstens Frulein de Bovet, die bei
ihrer Beschreibung der Schnheiten der Grnen Insel einen sehr feinen,
knstlerischen Geschmack erkennen lt.

Ganz Bray besteht nur aus schnen Htels, blendend weien Villen und
zierlichen Landhusern und zhlt im Sommer mit den Badegsten gegen
sechstausend Bewohner. Die Strae bis Dublin ist fast ohne Unterbrechung
von hbschen Landsitzen umrahmt. Bray steht mit der Hauptstadt auch
durch einen Schienenweg in Verbindung. Dieser verschwindet nicht selten
unter den hereintreibenden Dunstmassen vom Meere, das schumend in die
enge, nach Sden zu durch ein schroffes Vorgebirge abgeschlossene Bai
von Killiney fluthet. Wie berall auf der Smaragdenen Insel finden
sich auch bei Bray zahlreiche Ruinen: hier die Ueberreste einer alten
Benedictinerabtei, dort eine Gruppe sogenannter Martellothrme, die im
13. Jahrhundert zur Kstenvertheidigung dienten. Erklimmt man den
Abhang des Caps, so kann man mittelst guten Fernrohres und bei gnstiger
Witterung die Umrisse der Waliser Berge jenseits des Irischen Meeres
erkennen. Findling erfreute sich jedoch an dieser Aussicht nicht, einmal
weil er kein Fernrohr besa, und dann, weil er Bray unerwartet schnell
verlassen mute.

Auf dem sandigen, von den Wellen weithin bersplten Strande tummeln
sich sehr viele Kinder, ebenso wie lngs der Parade, d. i. des Molos
von Bray. Hier treffen die kleinen pausbckigen und rothwangigen Reichen
zusammen, deren Leben nur ein ununterbrochener Sonnenschein war, Knaben,
die die Ferienzeit genieen, und Mdchen, die sich unter der Aufsicht
ihrer Mtter und Erzieherinnen belustigen. Man wre jedoch nicht in
Irland, wenn -- selbst hier in Bray -- nicht das darbende Elend durch
eine Rotte zerlumpter Jungen vertreten gewesen wre, die den Tang am
Ufer durchwhlten.

Die ersten drei Tage waren -- was den Handel der Knaben betraf -- recht
ergiebig, so da der Karren sich beinahe leerte. Sein Inhalt bestand
auch aus Dingen, die den fremden Kindern viel Vergngen versprachen, aus
billigen, reichen Gewinn abwerfenden Spielwaaren. Mit den Vgeln Bobs
wurde ebenfalls hbsches Geld verdient. Von frh vier Uhr beschftigte
sich dieser mit dem Fange, der seinen Kfig meist schnell fllte. Am
Nachmittage drngte sich dann die jugendliche Kundschaft, ihn wieder zu
entleeren. Immerhin durften Findling und Bob ihr Reiseziel Dublin nicht
aus den Augen verlieren; sie freuten sich ja auch gar zu sehr darauf,
den Vulcan dort vor Anker und Grip auf seinem Posten zu finden, Grip,
von dem sie nun schon seit mehreren Monaten ohne jede Nachricht waren.

Findling gedachte also am folgenden Tage aufzubrechen, als ein
Zwischenfall eintrat, der seine Abreise unerwarteter Weise noch
beschleunigte.

Es war am 13. Juli. Gegen acht Uhr des Morgens kam Bob mit dem
frischbevlkerten Kfig nach dem Hafen, wo er fr den letzten Tag noch
eine reiche Ernte zu machen hoffte.

Noch befand sich niemand am Strande oder auf der Parade.

Als Bob gerade am Anfang des Molos vorberkam, begegnete er drei
Knaben von zwlf bis fnfzehn Jahren, bermthigen Brschchen in feiner
Kleidung, mit dem Matrosenhut tief im Nacken und scharlachrothen,
goldknpfigen Jacken, die mit dem vorschriftsmigen Anker verziert
waren.

Bob wollte womglich seinen Vorrath gleich bei dieser Gelegenheit
abzusetzen suchen, da er ihn bis zur eigentlichen Badestunde wieder
erneuern zu knnen hoffte. Die etwas hhnisch aussehenden und deshalb
wenig Vertrauen erweckenden jungen Gentlemen veranlaten ihn jedoch,
davon abzustehen. Er frchtete sammt seinen Vgeln einen beln Empfang.
Das Dreiblatt schien weit mehr aufgelegt, ihn und seinen Handel zu
verspotten, darum ging er an den Knaben stumm vorber.

Das pate aber den Brschchen nicht, deren ltester -- schon ein kleiner
Herr mit recht boshaften Augen -- Bob den Weg vertrat und ihn barsch
fragte, wohin er gehe.

Ich will eben wieder nach Hause gehen, antwortete Bob hflich.

-- Und der Kfig da?...

-- Der gehrt mir.

-- Die Vgel darin aber?...

-- Die hab' ich heute frh gefangen.

-- Aha, das ist der Junge, der sich immer am Strande umhertreibt! rief
da einer der drei Gentlemen. Den hab' ich schon gesehen... ich erkenne
ihn wieder.... Fr zwei bis drei Pence lt er allemal einen der Vgel
fliegen....

-- Jetzt aber, fiel ihm der grere ins Wort, sollen alle ihre Freiheit
umsonst haben... alle!

Damit entri er Bob den Kfig, ffnete ihn, und die ganze gefiederte
Gesellschaft flog davon.

Fr Bob war das ein fhlbarer Verlust, und er rief bestrzt:

Meine Vgel!... Meine Vgel!

Die frechen Knaben antworteten darauf nur durch ein hhnisches
Gelchter.

Erfreut durch ihre garstige Handlung, wollten sie sich schon nach dem
Molo begeben, als sie hinter sich eine Stimme vernahmen.

Das war ein schlechter Streich, den Ihr ausgefhrt habt!

Findling war mit Birk eben auf dem Platze erschienen. Er sah, was sich
zugetragen hatte, und rief mit lauter Stimme:

Ja... das war ein Unrecht, eine Schlechtigkeit von Euch!

Und als er den greren Burschen strker ins Auge gefat hatte, setzte
er hinzu:

Uebrigens ist eine solche Bosheit von dem Grafen Ashton nicht zu
verwundern!

Hier stand in der That der Erbe des Marquis vor ihm. Die hochvornehme
Familie hatte sich von Trelingar-castle aus nach diesem Seebade begeben
und bewohnte seit dem Tage vorher eine der schnsten Villen des Ortes.

Ah, das ist der Schlingel von Groom! versetzte mit verchtlichem Tone
der Graf Ashton.

-- Gewi!... Ich bins.

-- Und, irre ich nicht, ist da auch der Kter, der meinen Wachtelhund
todtgebissen hat?... Er ist also davon gekommen?... Ich glaubte ihm
das Lebenslicht ausgeblasen zu haben....

-- Es scheint nicht so, bemerkte Findling, der sich durch das
hochmthige Auftreten seines frhern Herrn nicht irre machen lie.

-- Nun, da ich Dich erwische, arger Schlingel, will ich gleich
heimzahlen, was ich Dir schulde, rief der Graf Ashton, mit geschwungenem
Stocke auf ihn eindringend.

-- Oder Sie... Sie werden vielmehr den Preis fr Bobs Vgel zahlen,
Herr Piborne.

-- Nein... erst Du... dann ich!

Damit schlug er schon mit seinem Stckchen auf Findling los.

Dieser, obwohl jnger als sein Gegner, war ihm doch an Krperkraft
gleich und an Muth berlegen. Mit einem Satze sprang er auf den Grafen
Ashton zu, entri ihm den Stock und versetzte ihm ein paar schallende
Ohrfeigen.

Der Nachkomme der Piborne's wollte Gleiches mit Gleichem vergelten...
er kam jedoch gar nicht dazu. Im nchsten Augenblick lag er auf der Erde
und Findling hielt ihn hier mit den Knien fest.

Seine beiden Kameraden wollten ihm zu Hilfe kommen. Da richtete sich
jedoch Birk auf und zeigte ihnen knurrend die Zhne. Er wrde den
Brschchen wohl bel mitgespielt haben, wenn ihn sein Herr, der wieder
aufgestanden war, nicht gehalten htte.

Dann wandte sich dieser an Bob.

Komm her! rief er ihm zu.

Ohne sich weiter um den Grafen Ashton und die beiden andern zu
bekmmern, die sich wohl hteten, mit Birk in Streit zu kommen, kehrten
Findling und Bob nach ihrem Gasthofe zurck.

Nach einem fr die Eigenliebe des jungen Piborne so unerquicklichen
Auftritte schien es das beste, Bray schleunigst zu verlassen. Es mute
immerhin eine unangenehme Geschichte werden, wenn der Geschlagene,
obwohl er der Angreifer war, Klage erhob. Bei richtiger Beurtheilung der
menschlichen Natur htte sich Findling freilich sagen mssen, da der
thrichte und eitle junge Mann sich hten wrde, ein Abenteuer, um
dessenwillen er errthen mute, unter die Leute zu bringen. Da er dessen
aber nicht ganz sicher war, beglich er seine Rechnung, spannte Birk vor
den jetzt leeren Karren, und bald nach acht Uhr hatten Bob und er Bray
schon verlassen.

Sehr spt am Abend desselben Tages kamen unsre jungen Reisenden in
Dublin an, nachdem sie binnen drei Monaten von Cork aus eine Strecke von
fast zweihundertfnfzig Meilen zurckgelegt hatten.




X.

In Dublin.


Dublin!... Findling in Dublin!... Jetzt gleicht er dem Thespisjnger,
der sich zum ersten Male in groen Rollen versucht oder von einer
umherziehenden Gesellschaft an die Bhne der Grostadt bergeht.

Dublin, die Hauptstadt Irlands, hat eine Bevlkerung von
dreihundertfnfundzwanzigtausend Seelen. Verwaltet von einem Lordmajor,
der gleichzeitig Chef des Militrwesens und damit berhaupt der
zweithchste Beamte der Insel ist, whrend ihm vierundzwanzig Aldermen,
zwei Sheriffs und hundertvierundvierzig Rthe zur Seite stehen, gehrt
Dublin mit zu den bedeutendsten Stdten des britischen Inselreichs.
Handelsthtig mit seinen Docks, gewerbfleiig mit seinen Fabriken,
wissenschaftlich hervorragend mit seiner Universitt und seinen Schulen,
reichen hier dennoch weder die Workhouses fr die Armen, noch die
=Ragged-Schools= fr die Verlassenen und Waisen aus.

Da er auf die letzteren beiden Anstaltsorte keine Ansprche zu
machen gedachte, mute Findling also ein Gelehrter, ein Kaufmann oder
Gewerbtreibender werden, wenn ihn die Zukunft nicht etwa zum Rentier
machte.

Cork verlassen zu haben, bedauerte unser junger Held gewi nicht, und
furchtsam machte es ihn nicht, den Vorschlgen Grips, die ja mit seinen
geheimen Wnschen so schn bereinstimmten, gefolgt zu sein. Auch der
Gedanke, da der Kampf ums Dasein bei den vielen Mitbewerbern hier weit
schwerer werden msse, vermochte ihn nicht zu ngstigen -- er war mit
Vertrauen von Cork abgereist und sein Vertrauen war unterwegs nicht
erschttert worden.

Die Grafschaft Dublin gehrt zur Provinz Leinster. Bergig im Sden, eben
oder wellenfrmig im Norden, erzeugt sie vor allem viel Lein und Hafer.
Hierin liegt inde die Quelle ihres Reichthums nicht. Diesen verdankt
sie dem Meere, dem Seehandelsverkehr, der sich auf eine Jahresbewegung
von zwlftausend Schiffen mit dreiundeinhalb Millionen Tonnen beziffert.
Hiermit nimmt Dublin unter allen Hfen des Vereinigten Knigreichs die
siebente Rangstufe ein.

Die Bai von Dublin, an der sich die elf Meilen im Umfang messende
Stadt erhebt, hlt den Vergleich mit den schnsten in Europa aus. Sie
erstreckt sich vom Hafen Kingstown im Sden bis zum Hafen Howth im
Norden; der von Dublin selbst wird durch die Mndungen der Liffey
gebildet. Zwei zur Abhaltung der Versandung bis weit hinaus
vorgeschobene Walls haben die Barre, die sonst den Zugang zum Hafen
erschwerte, beseitigt und gestatten jetzt Schiffen bis zu zwanzig Fu
Tiefgang die Fahrt auf dem Flusse bis zur ersten (der Carlisle-) Brcke
hinauf.

Vom Meere aus, bei einem sonnigen Tage mit klarer Luft, mu man nach
dieser Hauptstadt kommen, um das prchtige Gesammtbild mit einem Blicke
erfassen zu knnen. Bob und Findling hatten sich dieses Glcks nicht zu
erfreuen gehabt. Die Nacht war finster und die Atmosphre dunsterfllt,
als sie die ersten Huser einer Vorstadt von Dublin erreichten, nachdem
sie der Strae lngs der Bahnlinie, auf der man von Kingstown aus die
Hauptstadt binnen zwanzig Minuten erreicht, nachgegangen waren.

Der Anblick der unteren Quartiere der Stadt in trbem, nur von wenigen
Gasflammen unterbrochenem Dunste war keineswegs einladend zu nennen.
Der von Birk gezogene Wagen bewegte sich durch enge, verwickelte Gassen
dahin. Ueberall schmutzige Huser, geschlossene Lden und offne =publics
houses=, berall eine Menge obdachloser Armer oder ein Gedrnge ganzer
Familien in qualmerfllten Spelunken, und das widerwrtige Bild der
Trunkenheit, vor allem der von Whisky, der den schlimmsten
Rausch verursacht und so oft Streitigkeiten, Beleidigungen und
Gewaltthtigkeiten erzeugt.

Die beiden Knaben hatten so etwas auch anderswo gesehen, darber
erstaunten sie also nicht besonders. Wie zahlreich lungerten hier aber
auch Kinder ihres Alters herum, die auf den Stufen und Ecksteinen saen
oder Abflle durchwhlten -- alle barfu, ohne Kopfbedeckung und mit
jmmerlichen Lumpen umhllt! Bob und Findling kamen an einer, jetzt
schwer zu berblickenden groen Kirche vorbei, einer der beiden
phantastischen Kathedralen, die mit den Millionen des groen Brauers Leo
Guine und des groen Branntweinbrenners Roe wieder hergestellt worden
war. Von dem gewaltigen Thurme mit seiner achteckigen Spitze, die von
den Bewegungen seines achtstimmigen Glockenspiels ins Schwanken kommt,
schlug gerade die neunte Stunde.

Von der langen und schnellen Wanderung von Bray bis hierher ermdet,
hatte Bob im Karren Platz genommen. Findling schob diesen zur Entlastung
Birks. Er suchte ein Unterkommen fr die Nacht, bereit, es am folgenden
Tage, wenn nthig, umzutauschen. Ohne es zu wissen, durchzog er den
Stadttheil, der die Freiheiten genannt wird, nahe dem Eingang der
Hauptstrae Saint-Patrick, die von der erwhnten Kathedrale bis zur
andern, Christ-Church, hin verluft. Es ist das eine breite, mit
Husern, die frher als comfortabel galten, besetzte Strae, auf die
ungesunde Gassen, schmutzige Lanes einmnden. Diese sind angefllt mit
erbrmlichen Hhlen, mit Lchern, denen gegenber man die Htte der Hard
noch vorgezogen htte. Findling erinnerte sich dieser mit heimlichem
Entsetzen. Und doch befand er sich ja nicht in einem Dorfe von Donegal,
sondern in Dublin, der Hauptstadt der Smaragdnen Insel, und er besa
jetzt mehr verdiente Guineen, als alle diese Bettelkinder Farthings
in der Tasche haben mochten. Er suchte auch nicht nach einem jener
verdchtigen Huser, wo es mit der Sicherheit sehr zweifelhaft bestellt
ist, sondern einen bescheidnen Gasthof, in dem Nachtlager und Nahrung
fr einen bescheidnen Preis zu haben waren.

Das fand er zufllig in der Mitte der Saint-Patrick-Street, ein Gasthaus
von bescheidnem, aber ordentlich erscheinendem Aeuern, in dem der
Karren in einem Schuppen Platz fand. Nach dem Abendessen stiegen die
Knaben nach ihrem engen Kmmerchen hinauf, und in dieser Nacht htten
alle Glockenspiele der Kathedrale, aller Lrm der Freiheiten ihren
Schlaf nicht zu stren vermocht.

Am folgenden Tage standen sie frhzeitig auf; sie wollten auf
Recognoscierung ausgehen und vorzglich vielleicht Grip aufsuchen, was
ja nicht schwierig sein konnte, wenn der Vulcan in seinem Heimathafen
wieder zurck war.

Birk nehmen wir doch mit? fragte Bob.

-- Natrlich, antwortete Findling, er mu doch die Stadt kennen lernen.

Birk lie sich darum nicht bitten.

Dublin bildet ein Oval, dessen groer Halbmesser drei Meilen betrgt.
Die von Westen nach Osten flieende Liffey scheidet es in zwei fast
gleich groe Theile. An ihrer Mndung verbindet sich der Strom
mit einem, die Stadt umrahmenden doppelten Canal -- im Norden dem
Royal-Canal, der sich an der Midland-Great-Western hinzieht, im Sden
dem Grand-Canal, der bis Galway reicht und den Atlantischen Ocean mit
dem Irischen Meere verbindet.

Die Saint-Patrick-Street zhlt unter ihren Bewohnern -- und zwar als
den wohlhabensten -- zahlreiche jdische Trdler. Von diesen Hndlern
entnehmen die Paddys der untern Volksclassen alles, was zu ihrer sehr
primitiven Kleidung gehrt, ausgebesserte Leibwsche, abgetragene
Rcke, Hosen mit aufgesetzten andersfarbigen Flicken, unbeschreibbare
Mnnerhte und Frauenhte mit unmglichen Federn. Hier versetzen
die Leute auch ihre Lumpen fr wenige Pence, die sie dann in den
benachbarten Inns schnellstens vertrinken, wo Whisky und Gin
verschnkt werden. Jene Kramladen erregten schon die Aufmerksamkeit
Findlings.

Jetzt zu frher Morgenstunde waren die Straen fast menschenleer. Man
steht spt auf in Dublin, wo es brigens nicht viel Industrie giebt.
Werksttten findet man fast gar nicht, auer den Etablissements, die
Seide, Flachs, Wolle und vor allem Popeline (Halbseidenstoffe) erzeugen,
deren Fabrication einst durch Franzosen eingefhrt wurde, welche in
Folge der Aufhebung des Edicts von Nantes hier eingewandert waren.
Brauereien und Brennereien stehen dagegen in hoher Blthe. Hier erhebt
sich die groartige und weitberhmte Whiskybrennerei von Roe, dort die
ausgedehnte Stoutbrauerei von Guine, die einen Werth von hundertzwanzig
Millionen Mark haben soll und die durch unterirdische Canle mit
dem Victoria-Dock in Verbindung steht, von wo hunderte von Schiffen
ausgehen, die das Bier nach beiden Welten befrdern. Ist aber die
Industrie drftig, so nimmt der Handelsverkehr wenigstens immer mehr zu,
und was die Ausfuhr von Schweinen und Rindern betrifft, hat sich Dublin
unter den Hfen des Vereinigten Knigreichs sogar zum ersten Range
emporgeschwungen.

Findling wute das, da er den volkswirthschaftlichen Theil der Zeitungen
und Broschren, die er verkaufte, stets zu lesen pflegte.

Whrend sie nach der Liffey wanderten, verloren Bob und er nichts
Bemerkenswerthes aus den Augen. Bob schwatzte unterwegs nach alter
Gewohnheit.

O, diese Kirche!... Ah, dieser Platz!... Welch' ungeheures
Gebude!... Welch' schner Square!

Das genannte Gebude war die Brse, die Royal-Exchange. In der
Dame-Street lag die City-Hall, die Commercial Building, der Sammelplatz
fr die Kaufleute der Stadt. Weiterhin erschien das Schlo auf dem
Rcken des Cork-Hill, mit seinem groen, zinnengekrnten Thurm und den
schwerflligen Backsteinmauern. Frher ein von Elisabeth ausgebautes
Festungswerk, dessen Spuren man kaum noch wiederfindet, dient es
jetzt als Amtswohnung des Lord-Lieutenant und als Sitz der
Civil-Militrbehrden. Darunter breitet sich Steffen-Square aus mit
einer Reiterstatue GeorgsI., die von ppigen Rasenpltzen und schnen
Bumen umgeben ist. Die Einfassung des Square aber bilden ebenso
traurige wie symmetrische Huser, unter denen der Palast des
protestantischen Erzbischofs und der Boardroom die umfnglichsten sind.
Weiter nach rechts liegt dann der Merrion-Square, wo sich die alte
Ritterburg von Leinster, das Htel der kniglichen Gesellschaft, mit
korinthischer Faade und dorischem Vestibl erhebt und an dem auch das
Geburtshaus O'Connell's liegt.

Findling lie Bob plaudern und gab sich seinen Gedanken hin. Er bemhte
sich, aus dem, was er sah, einen praktischen Nutzen zu ziehen. Noch
wute er ja nicht, was er mit seinem kleinen Vermgen beginnen, welche
Art von Handel er mit Aussicht auf Erfolg anfangen sollte.

Auf ihrem Wege durch die rmlichen Straen, die die bessern Quartiere
umgeben, verliefen sich die Knaben mehr als einmal, so da sie eine
Stunde nach ihrem Aufbruche aus Saint-Patrick-Street noch nicht einmal
die Quais der Liffey erreicht hatten.

Einen Flu giebt's hier also wohl gar nicht? fragte Bob wiederholt.

-- Doch... einen Flu, der in den Hafen mndet, versicherte Findling.

Immer fast blindlings weitergehend, gelangten sie nach einer Gruppe vier
Etagen hoher, aus Portland-Cement errichteter Gebude, mit hundert
Meter langer griechischer Faade, einem von vier korinthischen Sulen
getragenen Fronton und mit zwei Eckpavillons mit Pilastern und Antiken.
Um das Ganze erstreckt sich ein wirklicher Park, worin junge Leute
dem Sport aller Art huldigten. Das Ganze war aber nicht etwa eine Art
Turnanstalt, sondern die von Elisabeth gegrndete Universitt, das
Trinity-College. Die jungen Leute hier waren irische Studenten, lauter
eifrige Sportsmen, die sich an Khnheit und Feuer mit ihren Kameraden
von Oxford und Cambridge messen knnen. Das Ganze glich freilich nicht
der =Ragged-School= von Galway, und der Vorsteher hier mochte wohl eine
ganz andre Persnlichkeit sein, als jener O'Bodkins.

Bob und Findling wandten sich von hier aus weiter nach rechts, und
sie hatten kaum hundert Schritte gemacht, als der kleine Knabe jubelnd
ausrief:

Dort... dort sehe ich Masten!

-- Also, Bob, mu auch ein Strom dort sein!

Von den Masten sah man zunchst freilich nur die ber die Huser am
Quai hinausragenden Spitzen. Deshalb suchten sie sich also eine nach der
Liffey hinabfhrende Strae, wobei ihnen Birk, mit der Nase an der Erde
schnffelnd, als htte er eine Spur gewittert, lustig vorauslief.

Ihm schnell folgend, schenkten sie der Christ-Church-Kathedrale nur
einen flchtigen Blick. Diese liegt aber von der ersten Kathedrale nur
durch die Lnge der Saint-Patrick-Street getrennt -- ein Beweis fr die
weiten Umwege, die die Knaben gemacht hatten. Letztere ist brigens eine
recht bemerkenswerthe Kirche, erbaut im 13. Jahrhundert in Form eines
lateinischen Kreuzes, mit Nebenthurm und spitzen Dachreitern u. s. w.
Doch sie nher zu betrachten, dazu fand sich wohl immer noch einmal
Zeit.

Endlich erreichten Findling und Bob das rechte Ufer der Liffey.

O, wie schn das ist, rief der eine.

-- Etwas so Schnes haben wir noch nie gesehen! meinte der andre.

In Limerick wie in Cork, am Shannon wie an der Lee wrde man freilich
das herrliche Bild granitner Quais, die mit prchtigen Gebuden besetzt
sind, vergeblich suchen -- zur Rechten die von Ushers-Aleschants, von
Word und von Essex, zur Linken die von Ellis, Avan, von Kings-Inn und
andre.

Hier gingen die Seeschiffe inde nicht vor Anker. Ihr Mastenwald erhob
sich weiter stromabwrts in einem tiefen Einschnitt des linken Ufers der
Liffey.

Das sind dort jedenfalls die Docks? sagte Findling.

-- Ei, komm, dahin gehen wir sofort! antwortete Bob, dessen Neugier das
Wort Dock erregte.

Die beiden Hlften von Dublin stehen durch neun Strombrcken in
bequemer Verbindung, und die stlichste davon, die Carlisle-bridge --
gleichzeitig die bedeutendste -- fhrt unmittelbar von der
Westmoreland-Street auf der einen, nach der Sackeville-Street auf der
andern Seite.

In die letztere bogen die Knaben nicht ein, denn das htte sie zu weit
von den Docks weggefhrt. Dagegen musterten sie aufmerksam alle Schiffe,
die unterhalb der Carlisle-bridge auf der Liffey lagen. Vielleicht
fanden sie den Vulcan darunter. Den Dampfer Grips htten sie ja unter
Tausenden erkannt.

Der Vulcan lag aber nicht an den Quais der Liffey. Vielleicht war er
noch gar nicht zurckgekehrt, vielleicht ankerte er inmitten der Docks
oder war wegen nothwendiger Ausbesserungen ins Trockendock gegangen.

Findling und Bob folgten dem Quai am linken Stromufer. In Gedanken an
den Vulcan bemerkte der eine vielleicht gar nicht das Custom-house
(Zollgebude), ein mchtiges, viereckiges Bauwerk mit hundert Fu hoher,
von einer Statue der Hoffnung bekrnter Kuppel. Der andre dagegen blieb
einen Augenblick in Betrachtung verloren stehen. Er dachte daran, ob
wohl jemals auch Waaren von ihm hier der Zollbehandlung unterliegen
wrden. Ein erhebendes Gefhl mute es sein, hier Frachtgter, die aus
fremdem Lande fr ihn eingetroffen wren, in Empfang zu nehmen. Doch
sollte ihm das jemals beschieden sein?

Die Knaben gelangten nach den Victoria-Docks. In dem Bassin, dem Herzen
der Handelsstadt, dessen Venen nach allen Meeren hin ausstrahlen, lagen
eine Menge Schiffe, die entweder ihre Ladung lschten oder aufs neue
befrachtet wurden.

Da entfuhr Bob ein Schrei.

Der Vulcan! Da... da!

Wirklich lag der Vulcan an einem der Quais und nahm eben Fracht ein.

Bald darauf hatte Grip, der an Bord unbeschftigt war, seine beiden
Freunde gefunden.

Endlich... seid Ihr da! rief er, sie an sich drckend, als sollte er
sie ersticken.

Alle drei gingen nun, um ungestrter plaudern zu knnen, am Quai
wieder zurck nach dem Ufer des Royal-Canal zu, wo dieser in die Liffey
einmndet.

Hier war es hbsch still.

Seit wann seid Ihr denn in Dublin? fragte Grip, der beide Knaben an den
Armen fhrte.

-- Seit gestern Abend, erwiderte Findling.

-- Erst?... Ich sehe, mein Boy, Du hast Dir Zeit genommen zu einem
Entschlusse....

-- Nein, das nicht, Grip; nach Deiner Abfahrt zgerte ich gar nicht
mehr, Cork zu verlassen.

-- Ja, das ist aber drei Monate her, und ich bin inzwischen zweimal
in Amerika gewesen. Allemal, wenn ich nach Dublin kam, bin ich in der
Hoffnung, Dich zu treffen, in der ganzen Stadt umhergelaufen... doch
keine Spur von Findling oder dem Kleinen und Eurem Birk. Darauf hab' ich
an Dich geschrieben. Hast Du keinen Brief von mir erhalten?

-- Nein, Grip, jedenfalls, weil wir bei dessen Eintreffen gar nicht mehr
in Cork waren. Wir befinden uns schon volle zwei Monate unterwegs.

-- Zwei Monate, rief Grip. Nun sagt mir, welchen Zug habt Ihr denn
hierher bentzt?

-- Welchen Zug? fragte Bob, den Heizer verwundert anschauend, den Zug
mit unsern Beinen.

-- Ihr habt die ganze Strecke zu Fu zurckgelegt?

-- Natrlich, und auch nicht einmal auf dem nchsten Wege.

-- Zwei volle Monate unterwegs! rief Grip.

-- Die uns aber nichts gekostet haben, versicherte Bob.

-- Sondern die sogar ein hbsches Smmchen einbrachten! setzte Findling
hinzu.

Sie berichteten Grip nun ausfhrlich ber ihre Fahrt lngs der Kste,
ber den Handel, den sie getrieben, und dabei wurde auch die Speculation
Bobs mit dem Einfangen und Freilassen von Vgeln erwhnt.

Natrlich kam dabei der Aufenthalt in Bray, das Zusammentreffen mit
dem Erben der Piborne's, dessen tadelnswerthes Auftreten und was darauf
folgte, mit zur Sprache.

Du hast ihn doch ordentlich durchgeprgelt? fragte Grip.

-- Nein, der erbrmliche Ashton war mehr dadurch gestraft, da er unter
meinen Knien auf der Erde lag, als wenn ich ihn geschlagen htte.

-- Das ist gleichgiltig, ich htte ihm noch einen Denkzettel obendrein
gegeben, erklrte der erste Heizer des Vulcan.

Inzwischen spazierte das frhliche Kleeblatt am rechten Ufer des Canals
hinauf. Grip wollte immer weitere Einzelheiten hren. Seine Bewunderung
Findlings suchte er gar nicht zu verbergen. Was der schon alles vom
Handel verstand!

Er wute zu kaufen, zu verkaufen und Buch und Rechnung zu fhren...
mindestens ebensogut wie O'Bodkins. Und als Findling ihm mitgetheilt
hatte, da er jetzt ein Capital von hundertfnfzig Pfund in der Casse
hatte, rief er verwundert:

Alle Wetter, da bist Du ja ebenso reich wie ich, mein Junge!... Nur
da ich sechs Jahre gebraucht habe, diese Summe zu erwerben, und Du
nur sechs Monate!... Ich wiederhole Dir, was ich schon damals in Cork
sagte, Du wirst Geschfte machen... wirst ein Vermgen ansammeln...

-- Wo denn? fragte Findling.

-- Ueberall, wohin Du gehst, versicherte Grip mit dem Tone vollster
Ueberzeugung. In Dublin, wenn Du hier bleibst... irgendwo, wenn Du wo
anders hingehst.

-- Und ich? lie Bob sich vernehmen.

-- Du auch, Knirps, vorzglich wenn Du fters so gute Ideen hast, wie
die mit den Vgeln.

-- Daran soll's nicht fehlen, Grip.

-- Und wenn Du nichts unternimmst, ohne Dich mit dem Patron zu
besprechen...

-- Mit wem?... Dem Patron?...

-- Natrlich mit Findling! Erscheint er Dir denn etwa nicht wie ein
richtiger Patron oder Principal?...

-- Ja, ja, davon plaudern wir noch mehr....

-- Doch erst nach dem Frhstck, meinte Grip. Fr heute bin ich ganz
frei. Ich kenne die Stadt durch und durch und will Euch durch Dublin
lootsen. Da wirst Du auch sehen, Findling, was hier am besten zu thun
ist.

Das Frhstck wurde in einer Matrosenschenke am Quai eingenommen und
mundete vortrefflich, wenn auch die Leckerbissen des unvergelichen
Festmahls in Cork dabei nicht wieder auf den Tisch kamen. Grip erzhlte
von seinen Reisen. Bob lauschte seinen Worten mit Entzcken, Findling
immer nachsinnend. -- Der Knabe machte wirklich den Eindruck, als ob
er gleich zwanzig Jahre alt geboren wre und jetzt im dreiigsten Jahre
stnde.

Hierauf fhrte Grip seine beiden Freunde nach der Mitte der Stadt, in
die Gegend der Liffey. Hier erhob sich das reiche Quartier Dublins, das
umsomehr von den andern absticht, als es an einem vermittelnden
Uebergang von den Htten zu den Palsten gnzlich fehlt. Einen
Mittelstand giebt es in der Hauptstadt Irlands nicht. Luxus und Armuth
stoen sich mit dem Ellbogen. Das reiche Stadtviertel erstreckt sich vom
Flusse aus bis nach dem Stephens-Square, wo die vornehme Brgerschaft
wohnt, die sich zwar durch seine Sitten und Bildung auszeichnet, leider
aber durch religise und politische Streitfragen in zwei Lager zerfllt.

Eine der schnsten Straen ist hier die Sackeville-Street. Hier hat auch
das Centralcomit der Landliga seinen Sitz, der durch ein Schild mit
goldnen Buchstaben gekennzeichnet ist.

In der herrlichen Strae wimmelt es freilich auch von Armen, die berall
herumsitzen und am Fue der Denkmler stehen. Findling fhlte sich
recht sehr davon ergriffen. Was in dem Quartier Saint-Patrick vielleicht
natrlich erschien, bildete in der schnen Sackeville-Street einen gar
zu schreienden Contrast.

Auffallend war hier auch die erstaunliche Menge von Kindern, die alle
Zeitungen, wie die Gazette de Dublin, den Dublin Expre, die National
Pre, Freemann's Journal, die hauptschlichsten protestantischen und
katholischen Bltter und noch manche andre zum Verkauf ausboten.

Seh' einer, bemerkte Grip, die vielen kleinen Hndler auf den Straen,
an den Bahnhfen und den Quais!

-- Ja freilich, an ein solches Geschft ist hier gar nicht zu denken,
antwortete Findling. In Cork ging das ganz gut, hier drfte es
fehlschlagen.

In der That machte es die bermige Concurrenz sehr wahrscheinlich, da
der frh morgens gefllte Karren Birks am Abend auch noch voll gewesen
wre. Auf dem weiteren Spaziergange entdeckten sie nun noch andre
schne Straen mit prchtigen Gebuden, so die Post-Office, deren
Mittelporticus auf einer Reihe jonischer Sulen ruht. Findling dachte
beim Anblick derselben an die unendliche Menge von Briefen, die hier
zusammenstrmen oder von hier ausgehen.

Dieses Haus hat man auch fr Deinen Gebrauch gebaut, mein Boy, sagte
Grip, denn hier werden Deine Briefe eingehen mit der Adresse: Master
Findling, Kaufmann in Dublin.

Der Knabe konnte nicht umhin, ber den Enthusiasmus seines alten
Gefhrten aus der =Ragged-School= zu lachen.

Fernerhin kamen die drei Freunde nach dem Gebude der vier unter einem
Dache vereinigten Gerichtshfe, mit seiner dreiundsechzig Toisen langen
Front und der von zwlf Fenstern unterbrochenen Kuppel, die heute dann
und wann von einem Sonnenstrahl erglnzten.

Ich hoffe, lie Grip sich vernehmen, da Du mit dem groen Hause da
niemals etwas zu thun hast!

-- Und warum nicht?...

-- Weil das auch ein Heizraum ist, wie der auf dem Vulcan, nur da
man hier keine Steinkohlen verbrennt, sondern Verklagte langsam schmoren
lt, wobei Solicitors, Attorneys, Proctors und andre Hndler mit
Gesetzen einheizen... einheizen....

-- Man kann kein Geschft machen, ohne einmal in einen Proce zu
gerathen, Grip.

-- Jedenfalls bemhe Dich, deren so wenig wie mglich zu haben. Es
kostet einem viel Geld, wenn man sie gewinnt, und ruiniert einen, wenn
man sie verliert!

Es klang, als wenn Grip aus Erfahrung sprche. Wie wechselte er aber den
Ton, als alle drei ein rundes Gebude bewunderten, das durchweg einen
dorischen Styl zeigte.

Die Bank von Irland! rief er grend. Da hinein, mein Boy, solltest Du
einmal recht hufig zu gehen haben. Da drinnen stehen Geldschrnke so
gro wie Huser! Mchtest Du nicht in einem solchen wohnen, Bob?

-- Sind die aus Gold?

-- Nein, doch was darin steckt, ist Gold.... Ich hoffe bestimmt, da
Findling hier einmal seine Gelder anlegen wird!

Grip bertrieb wie immer, wenn er auch nur seiner festen Ueberzeugung
Ausdruck gab. Findling hrte ihm nur halb zu, whrend er das gerumige
Gebude betrachtete, worin nach Grips Aussage ein Haufe von Millionen
auf dem andern liegen sollte.

Weiterhin fhrte der Weg wiederholt aus den Straen des Elends in
die des prunkenden Luxus; hier die reichen Leute, die zum Vergngen
lustwandelten, dort die Armen, die die Hand ausstreckten, ohne sich
gerade Mhe zu geben, die Vorbergehenden zu rhren. Ueberall Polizisten
mit dem Skiff in der Hand und zur besseren Sicherheit der Schwesterinsel
den Revolver im Grtel, eine Vorsicht, die bei der leidenschaftlichen
politischen Erregung hier allerdings geboten erscheint. Die Irlnder
vertragen sich untereinander nur, so lange keine religise oder eine
Home-rule betreffende Frage sie nicht gegeneinander aufhetzt. Dann
gerathen sie ganz auer sich, dann fliet nicht mehr das Blut der alten
Galer in ihren Adern und sie sind so weit unter einander uneinig, da
sie ein Sprichwort ihres Landes besttigen, welches lautet: Setzt einen
Irlnder an den Bratspie, so wird sich stets ein andrer einfinden, um
diesen zu drehen.

Bei ihrem Ausfluge zeigte Grip seinen kleinen Freunden auch eine groe
Menge Statuen. Noch ein halbes Jahrhundert, und es sind ihrer so viele
wie Einwohner in der Stadt. Da steht in Bronze oder Marmor eine ganze
Bevlkerung von Wellington, O'Connell, O'Brien, Burke, Goldsmith,
Grawan, Thomas Moore, Crampton, Nelson, der Wilhelme von Oranien und
der Knige Georg, von denen vor der Hand erst vier vorhanden sind.
Noch niemals hatte Findling oder Bob eine solche Versammlung berhmter
Persnlichkeiten auf ihren Piedestalen gesehen.

Dann unternahmen sie eine Fahrt mit der Trambahn und whrend der
Wagen an verschiedenen Gebuden, die ihre Aufmerksamkeit erregten,
vorberrollte, fragten sie Grip darber, der allemal Auskunft zu geben
wute. Einmal war es das Gefngni, wo man die Leute einsperrt, und
dann wieder Workhouses, wo man sie gegen sehr geringe Entschdigung zum
Arbeiten zwingt.

Und das da?... erkundigte sich Bob, auf ein sehr groes Haus in der
Coombe-Street zeigend.

-- Das?... antwortete Grip; das ist die =Ragged-School=.

Das Wort erweckte in Findling manch' trbe Erinnerung. Hatte er unter
einem solchen traurigen Dache aber einst auch viel gelitten, so hatte er
daselbst doch Grip kennen gelernt... und das hob sich auf. Jene Mauern
bargen also eine Schaar verlassner Kinder! Mit ihrem blauen Jersey, dem
grauen Beinkleid und derben Schuhen an den Fen, nebst einem Barret
auf dem Kopfe, glichen sie freilich nicht im geringsten den zerlumpten
Knaben in Galway, um die sich O'Bodkins so wenig bekmmerte. Hier
bemhte sich die Missionsgesellschaft der Irischen Kirche, die
Eigenthmerin der Schule, ihre Zglinge nicht nur krperlich und geistig
zu erziehen, sondern ihnen auch die Glaubensstze der anglicanischen
Kirche einzupflanzen, und hnliche Ziele verfolgen mit den gleichen
Mitteln auch verschiedne katholische religise Vereine.

Immer unter Leitung ihres Fhrers verlieen Findling und Bob endlich die
Trambahn am Eingang eines im Westen der Stadt gelegenen Gartens, der auf
jener Seite von der Liffey begrenzt wird.

Ein Garten ist es weniger, vielmehr ein groer Park von
eintausendsiebenhundertundfnfzig Acres (709 Hektaren), der Phnix-Park,
auf den Dublin mit Recht stolz ist. Dickichte von herrlichen Ulmen,
saftige Rasenflchen, auf denen Khe und Schafe weiden, dichte Gebsche,
in denen sich Ziegen tummeln, groe Beete mit prchtigen Blumen,
freie Pltze fr Paraden, gerumige Flchen fr das Fuball- und das
Polospiel... nichts fehlt diesem mitten in einer Stadt gelegenen Stck
Landschaft. Unfern der groen Mittelallee erhebt sich die Residenz des
Lord-Lieutenant, neben der sich eine Schule und ein Krankenhaus fr das
Militr sowie ein Artilleriehof mit Kaserne befinden.

Der Phnix-Park ist freilich auch der Schauplatz mancher Mordthat
gewesen, und Grip zeigte den Knaben zwei Einschnitte in Form eines
Kreuzes, wo kaum drei Monate vorher, am 6. Mai und fast unter den Augen
des Lord-Lieutenant, der Dolch der Unbezwinglichen den Staatssecretr
von Irland und den Untersecretr, Burke und Lord Frederick Cavendish,
tdtlich getroffen hatte.

Ein Spaziergang durch den Phnix-Park bis zu dem hier angeschlossenen
Zoologischen Garten beendigte diesen Ausflug durch die Stadt. Es war
um fnf Uhr, als die Knaben von Grip Abschied nahmen, um nach ihrem
Gasthaus in der Saint-Patrick-Street zurckzukehren, nachdem sie
bereingekommen waren, sich alle drei jeden Tag bis zur Abfahrt des
Dampfers zu treffen.

Als sie sich trennen wollten, sagte Grip noch zu Findling:

Nun, mein Boy, ist Dir denn im Laufe dieses Nachmittags ein guter
Gedanke gekommen?

-- Ein Gedanke, Grip?...

-- Nun ja, hast Du Dich fr etwas entschieden, was Du anfangen willst?

-- Was ich anfangen will... nein, das noch nicht, doch was ich nicht
anfangen will, ja. Unsern Straenhandel wie in Cork wieder aufzunehmen,
das ist hier aussichtslos. Fr den Verkauf von Zeitungen und Broschren
giebt es zu viel Concurrenz.

-- Das mein' ich auch, sagte Grip.

-- Ob wir mit dem Karren durch die Straen fahren sollen... das wei
ich nicht... welcherlei Waaren sollte man da verkaufen?... Auch solche
fahrende Hndler giebt es schon sehr viele. Nein, es erscheint mir das
rathsamste, gleich einen kleinen Laden zu miethen....

-- Jetzt bist Du auf dem richtigen Wege, mein Boy!

-- Einen Laden in einem Stadttheil mit lebhaftem Verkehr... nicht von
reichen Leuten... so etwa in einer Strae der Freiheiten....

-- Ganz vortrefflich! rief Grip.

-- Was sollen wir da aber verkaufen? fragte Bob.

-- Lauter ntzliche Dinge, antwortete Findling, alles, was tglich
gebraucht wird....

-- Also etwas zum Essen? meinte Bob, zum Beispiel Kuchen, nicht wahr?

-- Das Leckermulchen! rief Grip. Kuchen gehren doch nicht zu den
ntzlichen Dingen....

-- O doch, weil sie gut schmecken.

-- Das gengt nicht, vor allem mssen die Dinge nothwendig sein,
erwiderte Findling. Doch... das wird sich finden. Erst will ich mir das
Quartier da unten noch ansehen. Allem Anscheine nach machen die Hndler
daselbst gar nicht so schlechte Geschfte. Ich denke, so eine Art
Bazar....

-- Ein Bazar... richtig! jubelte Grip, der schon den groen, reich
ausgestatteten Laden Findlings mit glnzender Firma vor sich sah.

-- Ich werde mir's berlegen, Grip. -- Nur nicht berhasten! Ehe man
sich entscheidet, mu man alles reiflich erwgen.

-- Und vergi nicht, mein Boy, da ich mein ganzes Geld zu Deiner
Verfgung stelle. Ich wei so wie so nicht, was ich damit anfangen
soll, und wirklich, es belstigt mich nicht wenig, es immer bei mir zu
tragen....

-- Warum legst Du es denn nicht an, Grip...?

-- Ja, gern, bei Dir... Willst Du es?

-- Wir werden sehen, vielleicht spter... wenn unser Handel gut
geht. Fr jetzt fehlt mir ja nur mehr das Haus, in dem ich einen Laden
erffnen knnte, und wo nicht zu viel Risico dabei wre...

-- Keine Angst, mein Boy! Ich sage Dir, Du erwirbst Dir ein Vermgen,
das wei ich gewi! Ich sehe Dich schon im Besitz von hunderten, von
tausenden Pfund Sterling...

-- Wann fhrt denn der Vulcan ab, Grip?

-- Etwa in acht Tagen.

-- Und kehrt hierher zurck?

-- Nicht vor Verlauf von zwei Monaten, denn wir wollen nach Boston,
Baltimore, ich wei nicht, wohin, oder vielmehr berall hin, wo Fracht
einzunehmen...

-- Und hierher zu bringen ist! rief Findling mit heimlichem Neide.

Endlich trennten sie sich. Grip wandte sich nach den Docks zu, whrend
Findling mit Bob und Birk die Brcke ber die Liffey berschritt, um
nach Saint-Patrik zurckzugelangen.

Wie vielen Armen beiderlei Geschlechts begegneten sie da, doch auch
wie vielen, die von bermig genossenem Whisky und Gin widerwrtig
dahinschwankten!

Wozu hatte es gentzt, da der Erzbischof Johann bei einem 1186 in der
Hauptstadt Irlands abgehaltenen Concil so wthend gegen die Trunksucht
gedonnert hatte? Sieben Jahrhunderte spter trank Paddy noch immer ber
die maen und weder ein andrer Erzbischof noch ein andres Concil drfte
jemals im Stande sein, diesen traurigen Erbfehler auszurotten.




XI.

Der Bazar Zum kleinen Geldbeutel.


Unser Held zhlte jetzt elfeinhalb und Bob acht Jahre, so da beide
zusammen noch nicht einmal das majorenne Alter dargestellt htten.
Findling schon mitten in der Geschftsthtigkeit, im Begriff, ein
Handelshaus zu grnden. Es gehrte wirklich die blinde Vorliebe eines
Grip dazu, um zu glauben, da er damit gleich Glck haben, da sein
Handel nach und nach Umfang genug erreichen werde, um damit ein Vermgen
zu erwerben.

Jedenfalls besa das Quartier Saint Patrik zwei Monate nach dem
Eintreffen der beiden Knaben in der Hauptstadt Irlands einen Bazar,
der die Aufmerksamkeit der Leute erregte und auch eine groe Kundschaft
heranlockte.

Dieser Bazar aber war nicht etwa in den rmlichen Straen der Freiheiten
zu suchen, die sich in der Umgebung der Saint-Patrick-Street kreuzen.

Findling hatte es vorgezogen, sich mehr nach der Liffey zu, in der
Bedfort-Street, zu etablieren, wo man nichts berflssiges, sondern
nur Bedarfsgegenstnde einzukaufen pflegt. Fr die nothwendigsten
Gegenstnde finden sich ja stets Kufer, wenn jene gut und nicht zu
theuer sind. Das hatte die Erfahrung dem jungen Kaufmann schon gelehrt,
als er noch mit dem Karren durch die Straen von Cork zog und dann die
Grafschaften von Munster und Leinster durchwanderte.

Ein wirkliches Magazin war es, treu bewacht von Birk, der jetzt nicht
mehr zum Zugthier erniedrigt wurde. Der Laden fhrte ein in die Augen
fallendes Schild mit der Inschrift Zum kleinen Geldbeutel, und
darunter die Firma Little Boy and Co.

Little Boy, das war Findling; and Co., das war Bob... und ohne Zweifel
auch Birk.

Das betreffende Haus in der Bedfort-Street bestand aus drei Stockwerken.
Eine Treppe hoch wohnte darin der Besitzer O'Brien, ein frherer
Colonialwaarenhndler, der sich nach erfolgreicher Thtigkeit vom
Geschft zurckgezogen hatte, brigens ein rstiger alter Junggeselle
von fnfundsechzig Jahren, der mit Recht im Rufe eines hochachtbaren
Mannes stand. O'Brien war natrlich nicht wenig erstaunt, als ein Kind
von elfeinhalb Jahren kam, um einen seit einigen Monaten leerstehenden
Laden im Erdgescho von ihm zu miethen. Die verstndigen und praktischen
Antworten aber, die er auf seine Fragen von dem Knaben erhielt, nahmen
ihn schnell fr diesen ein, und so kam ein Miethcontract bald zu Stande,
vorzglich, da der junge Miether sich erbot, den Zins fr ein ganzes
Jahr gleich im Voraus zu entrichten.

Der freundliche Leser will nicht vergessen, da der Held unsrer
Erzhlung wegen seiner Gre und Schulterbreite lter erschien, als er
war. Doch wenn man ihn auch fr vierzehn oder fnfzehn Jahre schtzte,
so erschien er doch jedem Fernstehenden gewi noch als viel zu jung,
um einen selbstndigen Ladenhandel anzufangen, wenn dieser auch die
bescheidne Bezeichnung Zum kleinen Geldbeutel trug.

Jedenfalls handelte O'Brien nicht, wie es vielleicht viele gethan
htten. Als sich der ordentlich gekleidete Knabe mit einer gewissen
Sicherheit vorstellte, sein Anliegen klar und deutlich vorbrachte, da
fhrte er ihn nicht ohne Erwiderung hinaus, sondern hrte ihn bis zum
Ende ruhig an. Was er da von der Vergangenheit desselben, von seinem
Handel in Cork, seiner Wanderung nach der Hauptstadt vernahm, das rief
unwillkrlich sein Interesse wach. Er erkannte in Findling einen so
gereiften Verstand, eine solche Klarheit der Gedanken, da er an
dessen glcklicher Zukunft gar nicht zweifeln konnte. Der alte Kaufmann
versprach daher, Findling mit seinem Rathe beizustehen, indem er sich
vornahm, alles, was sein junger Miethsmann thte, zu beobachten.

Mit Unterzeichnung des Contractes und Zahlung des Miethpreises wurde
Findling endgiltig zu einem der Ladeninhaber der Bedfort-Street.

Das an Little Boy and Co. vermiethete Erdgescho bestand aus zwei
Rumlichkeiten, von denen eine nach der Strae, die andre nach dem Hofe
zu lag. Die erste sollte als Geschftslocal, die andre als Schlafzimmer
dienen. Nach dem Hofe schlo sich hieran noch ein Kmmerchen und eine
Kche, wo eine Kchin hausen konnte... wenn einmal eine solche da war.
Jetzt erschien eine solche fr die zwei Knaben noch nicht nthig. Sie
wollten essen, wenn sie dazu Zeit hatten und keine Kunden zu bedienen
waren. Zuerst immer die Kundschaft!

Auf Zuspruch konnte Findling ja rechnen, da er in seinem saubern Laden
eine groe Auswahl von Waaren bot. Mit dem nach Zahlung des Miethzinses
brig gebliebnen Geld hatte der junge Kaufmann alles von den
Grohndlern und Fabrikanten gegen baar bezogen, und jetzt war der Bazar
Zum kleinen Geldbeutel auf Tischen und Regalen reichlich ausgestattet.

Nach Beschaffung des nothwendigen Mobiliars fr Laden und Schlafstube
war von den hundertundfnfzig Pfund, die Findling mit nach Dublin
gebracht hatte, freilich nur noch der dritte Theil brig. Weitere
Ausgaben vermied er weislich, um sich fr den Nothfall eine Reserve zu
sichern. Lcken, die in seinen Waarenvorrthen entstanden, hoffte er mit
den laufenden Einnahmen wieder fllen zu knnen.

Selbstverstndlich verlangte eine geordnete Geschftsfhrung die Anlage
eines sogenannten Journals fr die tglichen Verkufe, ferner eines
Hauptbuches -- das Hauptbuch Findlings! -- wo Einnahmen und Ausgaben
eingetragen werden sollten, um jeden Abend die Richtigkeit der Casse
prfen zu knnen. Wahrlich, O'Bodkins von der Lumpenschule htte seine
Sache auch nicht besser machen knnen.

In dem Bazar von Little Boy fand man etwas von allem, was in diesem
Stadttheil vorwiegend gebraucht wurde. Was der Papierhndler, der
Kurzwaaren-, der Eisenwaaren-, der Buchhndler und andre ihren Kunden
einzeln boten, das vereinigte der Laden Findlings an einer Stelle. Im
Bazar Zum kleinen Geldbeutel konnte man nahezu alles zu festem,
aber billigem Preis haben. Neben den eigentlichen Bedarfsgegenstnden
enthielt der Laden noch eine reiche Auswahl von Spielwaaren aller
Art, doch nur solche fr Kinder von fnf bis zu zwlf Jahren. Diese
Abtheilung besorgte Bob mit besondrer Vorliebe und bemhte sich, sie in
bester Ordnung zu halten, wenn er sich auch nicht berwinden konnte,
das eine oder das andre Spielzeug einmal selbst zu versuchen. Vorzglich
beschftigte er sich da mit den Schiffen und Booten -- fr wenige Pence,
wobei er sich sorglich htete, dieselben irgendwie zu beschdigen, denn
der Principal scherzte damit nicht und ermahnte ihn manchmal.

Sei doch ernsthaft, Bob! Wenn Du das jetzt nicht bist, knnte man
glauben, da Du es niemals wrdest!

Wir haben nicht nthig, Tag fr Tag die Fortschritte zu verfolgen, die
der Bazar von Little Boy and Co. in der Achtung und dem Vertrauen der
Leute machte. Auf jeden Fall erfreute er sich des besten Erfolges.
O'Brien konnte sich nicht genug wundern ber die Gewandtheit und
den richtigen Blick seines jungen Miethers, der stets vortheilhaft
einzukaufen und wieder zu verkaufen verstand. So hatte es auch der alte
Kaufmann gemacht und sich dadurch ein recht schnes Vermgen erworben.
Freilich begann er sein Geschft im Alter von fnfundzwanzig Jahren,
nicht in dem von zwlf Jahren. Auch O'Brien theilte bald die Ansicht
Grips, da es Findling gar nicht fehlen knne, bald zu Vermgen zu
kommen.

Zur Erklrung des wirklich auergewhnlichen Erfolges, dessen sich der
Bazar Zum kleinen Geldbeutel erfreute, diene die Bemerkung, da es
sich in der ganzen Stadt mit Windeseile verbreitet hatte, da dieses
Geschft von einem kaum den Schuljahren entwachsenen Knaben begrndet
worden war, und von ihm nur mit Untersttzung eines noch weit jngeren
Knaben gefhrt wurde. Das gengte, um Findlings Laden sozusagen in die
Mode zu bringen. Dieser hatte auch nicht unterlassen, sich durch einige
Annoncen in den Blttern zu empfehlen, die er recht theuer bezahlen
mute. Bald begannen aber die hervorragendsten Bltter der Hauptstadt
seines ungewhnlichen Geschftes auch aus freien Stcken Erwhnung
zu thun, und nun stellten sich viele Reporter ein, die Little Boy and
Co. -- ja, auch Bob selbst! -- mit ebenso vieler Sorgfalt interviewten,
als wenn es dem Lord Gladstone gegolten htte. Ueberall sprach man
schon von dem jugendlichen Kaufmann der Bedfort-Street und von seinem
Unternehmen, dem sich die allgemeine Theilnahme zuwandte. Er wurde der
Held des Tages und -- was das Wichtigste ist -- die Leute drngten sich,
seinen Bazar zu besuchen.

Natrlich wurde hier die Kundschaft mit grter Hflichkeit und
Zuvorkommenheit behandelt. Findling hatte die Augen berall und Bob mit
dem Lockenkopfe sprang hin und her, um jeden nach Wunsch zu bedienen.
Sogar Damen aus dem vornehmen Viertel kamen zu Wagen an und machten es
sich zum Vergngen, wenigstens das Spielwaarenlager Findlings bald zu
vermindern oder gar zu leeren.

Mit einem Worte, Findling konnte sich eines glnzenden Erfolges rhmen,
und um sich diesen auch weiter zu sichern, lie er sich's an keiner Mhe
fehlen.

Als der Vulcan in Dublin wieder eingelaufen war, galt der erste
Ausgang Grips natrlich seinen Freunden. Ueber den Bazar in der
Bedford-Street konnte er seiner Verwunderung gar nicht laut genug
Ausdruck verleihen; ja, seiner Meinung nach hatte sich die ganze Strae
dadurch so verwandelt, da sie wenigstens der Sackevillestrae hier
in Dublin, womglich auch gar dem Strand in London, dem Broadway in
Newyork, dem Boulevard des Italiens in Paris gleichkam. Bei jedem
Besuche hielt er sich fr verpflichtet, etwas zu kaufen, um das
Geschft in Gang zu erhalten, wie er sagte, obgleich er das gewi nicht
nthig hatte.

Einmal whlte er eine Brieftasche, um diejenige zu ersetzen, die er...
niemals besessen hatte, ein andermal eine hbsche, bunt angestrichene
Brigg, die er den Kindern eines seiner Kameraden vom Vulcan zum
Geschenk machen wollte. Schlielich erwarb er sogar einmal eine ziemlich
theure Pfeife aus falschem Meerschaum, deren Mundstck aus gelbem
Bernstein geschnitzt war.

Findling mute von ihm natrlich wie von andern Leuten Bezahlung
annehmen.

Siehst Du, mein Boy, die Sache macht sich!... Das geht ja wie mit
hundert Schraubenumdrehungen, nicht wahr? Jetzt bist Du Befehlshaber an
Bord des Kleinen Geldbeutel und brauchst nur darauf zu achten, da das
Feuer nicht ausgeht. Es ist lange her, da wir zwei noch in Lumpen durch
die Straen von Galway trabten, oft Hunger und Klte zu erleiden hatten,
damals in der =Ragged-School=. Da fllt mir ein, ist Carker denn gehenkt
worden?

-- So viel ich wei, noch nicht, Grip.

-- Das kann aber nicht mehr lange dauern, und jedenfalls legst Du mir
das Journal bei Seite, das darber ausfhrlich berichtet!

Grip fuhr mit dem Vulcan wieder hinaus aufs weite Meer, und kaum
von der Reise zurckkehrend, erschien er auch aufs neue im Bazar und
ruinierte sich durch fortwhrende Einkufe.

Da sagte Findling eines Tags zu ihm:

Glaubst Du es denn noch immer, Grip, da ich es einmal zu einem
gewissen Vermgen bringe?

-- Natrlich, mein Boy, so sicher, wie ich glaube, da unser einstiger
Kamerad Carker mit einem Strick um den Hals endigen wird!

-- Nun aber Du selbst, mein guter Grip, denkst Du denn niemals an die
Zukunft?

-- Ich?... Weshalb sollte ich daran denken?... Hab' ich nicht einen
Beruf, den ich doch gegen keinen andern vertauschen mchte.

-- Einen beschwerlichen Beruf, der sich auch nicht besonders lohnt.

-- Wie?... Vier Pfund monatlich, und dazu Nahrung, Wohnung, Heizung,
da man zuweilen fast selbst gebraten wird?

-- Und das in einem Schiffe! fiel Bob ein, dessen grtes Glck es
gewesen wre, einmal auf dem Meere zu schwimmen.

-- Das thut nichts, Grip, fuhr Findling fort. Ein Heizer zu sein, hat
noch niemand Vermgen gebracht, und Gott will, da man auf Erden sein
Glck suche....

-- Bist Du dessen so sicher? fragte Grip mit den Achseln zuckend. Steht
das mit in seinen Geboten?

-- Ja, antwortete Findling. Er will, da man etwas erwirbt, nicht um
allein glcklich zu sein, sondern um auch die glcklich zu machen, die
es nicht sind und doch zu sein verdienten!

In seinen Gedanken tauchte dabei die Erinnerung an Sissy auf, an seine
Leidensgefhrtin in der Htte der Hard, und an die Familie Mac Carthy,
deren Spuren er nicht zu entdecken vermocht hatte, sowie an sein
Pathenkind Jenny, der es jetzt gewi recht traurig erging, whrend
er...

Nun, Grip, nahm er wieder das Wort, berlege Dir wohl, welche Antwort
Du giebst. Warum willst Du nicht auf dem Lande bleiben?

-- Ich sollte den Vulcan verlassen?...

-- Ja, doch nur, um Dich mit mir zu associieren. Du weit ja... Little
Boy and Co.... ist durch Bob nicht hinreichend vertreten, doch wenn Du
mit eintrtest...

-- Ach, lieber, bester Grip, fiel Bob ein, das wrde fr uns beide das
grte Vergngen sein.

-- Fr mich auch, meine Kinder, erwiderte Grip sehr gerhrt von diesem
Vorschlage, doch soll ich Euch etwas sagen?

-- So sprich, Grip.

-- Nun also... ich bin zu gro.

-- Zu gro?

-- Ja, wenn die Leute mich im Laden shen, so einen langen Bengel,
so ginge das Geschft nicht mehr, da wr es nicht mehr Little Boy and
Co.... and Co. mu klein sein, um die Leute heranzuziehen. Ich wrde
die Handelsgesellschaft stren, wrde Euch Unrecht thun. Gerade weil Ihr
noch Knaben seid, blht das Geschft so ganz besonders.

-- Vielleicht hast Du recht, Grip, antwortete Findling. Doch wir werden
auch grer...

-- Natrlich werden wir alle Tage grer, versetzte Bob, sich auf den
Zehen aufrichtend.

-- Gewi, und htet Euch nur, nicht allzuschnell zu wachsen!

-- Das kann man wohl nicht hindern, bemerkte Bob.

-- Nein, freilich nicht. Darum seht zu, da Ihr Euer Geschft gemacht
habt, so lange Ihr noch Knaben seid. Zum Kuckuck, ich messe fnf Fu
sechs Zoll, und was ber fnf Fu ist, das pat nicht in Euer Geschft.
Wenn ich brigens Dein Geschftstheilhaber nicht sein kann, Findling, so
weit Du doch, da mein Geld Dir gehrt....

-- Ich bedarf desselben nicht.

-- Na, wie es Dir beliebt. Wenn Du Dich inde einmal vergrern
willst....

-- Dann knnten wir zwei dem Geschft nicht gut mehr allein
vorstehen....

-- Ei, warum nehmt Ihr nicht wenigstens eine Frau ins Haus, um Euch die
Wirthschaft zu besorgen?

-- Daran hab' ich allerdings bereits gedacht, Grip, und der
vortreffliche Herr O'Brien hat mir dasselbe angerathen.

-- Er hat ganz recht damit, der brave Mann. Kennst Du denn kein
weibliches Wesen, das Dein Vertrauen bese?

-- Nein, Grip.

-- Das findet sich... wenn man danach sucht....

-- Ah warte... eben denke ich an eine alte Freundin... Kat!

Bei Erwhnung dieses Namens erscholl ein lustiges Gebell. Birk hatte ihn
verstanden und sprang wie toll hin und her.

Ah, Du erinnerst Dich ihrer, Birk? sagte sein junger Herr. Kat...
nicht wahr, der guten Kat?...

Da scharrte Birk an der Thr und schien nur noch den Auftrag zu
erwarten, sofort in der Richtung nach dem Schlosse hinzulaufen.

Grip erhielt nun eine weitere Erklrung. Eine bessere als Kat konnte
man gar nicht finden; sie wrde dem Haushalt vorstehen und die Kche
besorgen, ohne selbst gesehen zu werden, und so konnte sie auch die
sociale Lage der Firma Little Boy and Co. nicht durchkreuzen.

Freilich entstand die Frage, ob sie berhaupt noch in Trelingar-castle
war oder nicht.

Findling schickte mit der ersten Post einen Brief an sie. Schon am
nchsten Tage erhielt er eine Antwort in etwas grober, aber leserlicher
Schrift, und kaum waren achtundvierzig Stunden verflossen, als Kat auf
dem Dubliner Bahnhofe anlangte.

Den herzlichen Empfang nach achtzehnmonatlicher Entfernung kann man sich
wohl vorstellen. Findling sank ihr in die Arme und Birk sprang an ihr
empor. Sie wute gar nicht, wem sie zuerst antworten sollte. Die Thrnen
strmten ihr aus den Augen, und als sie in die Kche eingetreten war, wo
sie Bob kennen lernte, wiederholte sich der Empfang noch einmal.

An diesem Tage hatte Grip die Ehre und das Glck, mit seinen jungen
Freunden das erste, von der guten Kat bereitete Mittagsmahl zu theilen,
und als der Vulcan am nchsten Tage die Anker lichtete, trug er den
zufriedensten Heizer von der Welt mit aufs Meer hinaus.

Die Bedingungen, unter denen die gute Frau ihre neue Stellung bernahm,
waren bald und ohne Feilschen verabredet, denn sie empfand es
keineswegs als einen Rckschritt, jetzt bei Little Boy statt frher
im Trelingar-castle in Dienst zu stehen. Ihren neuen Herrn noch mit Du
anzureden, dazu war sie freilich nicht zu bewegen; dieser war ja nicht
mehr der Groom des Grafen Ashton, sondern der Chef des Hauses Zum
kleinen Geldbeutel. Auch Bob wurde von ihr nur Herr Bob genannt, und
hchstens Birk erfreute sich der alten vertraulichen Anrede. Bald machte
sich die Anwesenheit der braven Frau im Hause bemerkbar. Jetzt blieb die
Wirthschaft stets in schnster Ordnung und im Zimmer wie im Laden sah es
noch einmal so sauber aus. Nach einem Restaurant zu Tische zu gehen, das
mochte wohl fr einen Commis passen; fr den Principal eines Geschfts
aber schickte es sich ja nicht mehr, dieser mute sein vllig
eingerichtetes Home haben und am eigenen Tische speisen.

Das Jahr 1882 brachte fr Little Boy and Co. einen sehr vortheilhaften
Abschlu. Whrend der letzten Wochen konnte der Bazar zu Weihnachten
und zum neuen Jahre kaum den Ansprchen der Kufer gengen. Die
Spielwaarenabtheilung mute wohl zwanzigmal erneuert werden und Bob
verkaufte mit einem Eifer sondergleichen Schaluppen, Kutter, Goletten,
Briggs, Dreimaster und selbst mechanische Dampfboote. Doch auch die
andern Waaren fanden reienden Absatz. In der feinen Welt gehrte es
zum guten Ton, seine Bedrfnisse im Bazar Zum kleinen Geldbeutel
zu decken. Ein Geschenk galt nicht als =select=, wenn ihm die Marke
Little Boy and Co. fehlte. Ja, die Mode ist etwas werth, wenn die
Kinder sie machen und die Eltern diesen, wie es ihre Pflicht ist,
gehorchen.

Findling hatte keine Ursache sich zu beklagen, da er Cork verlassen und
seinen Handel mit Zeitungen aufgegeben hatte. Den erweiterten Markt, den
er in der Hauptstadt Irlands suchte, hatte er gefunden. O'Brien freute
sich aufrichtig ber die Zunahme der Geschftsthtigkeit seines jungen
Miethers, die dieser mit eignen Krften und eignen Hilfsmitteln erzielt
hatte. Seine Rathschlge wurden stets gern beachtet, sein Geld aber, das
er in die Firma einzuschieen bereit war, lehnte Findling hflich ab.

Kurz nach Abschlu der Inventuraufnahme des ersten Jahres, dessen
Verllichkeit O'Brien in allen Stcken anerkannte, konnte Findling
gewi hchst zufrieden sein: binnen sechs Monaten, seit dem Eintreffen
in Dublin, hatte er sein Capital verdreifacht.




XII.

Das Wiederfinden.


    Wer irgendwelche Mittheilungen ber die Familie
    Martin Mac Carthy (frheren Pchter der Farm von
    Kerwan, Grafschaft Kerry, Kirchspiel Silton) zu machen
    im Stande ist, wird dringend gebeten, diese der Firma
    Little Boy and Co., Bedford-Street, Dublin, zugehen
    zu lassen.

Diese Anzeige in der Nummer vom 3. April 1884 der Gazette de Dublin
hatte unser junger Held selbst aufgegeben und mit zwei Schillingen fr
die Zeile bezahlt. Am nchsten Tage stand derselbe Aufruf auch in den
andern Blttern der Hauptstadt. Findling htte eine halbe Guinee gar
nicht besser anzuwenden gewut, denn wie htte er, das Adoptivkind der
unglcklichen Familie, die ihm so viele Wohlthaten erwiesen hatte,
diese jemals vergessen knnen? Er hielt es fr seine Pflicht, alles zu
versuchen, um sie wiederzufinden, ihr nach Krften zu helfen, und er
freute sich schon im voraus von ganzem Herzen darauf, der Familie an
Lebensglck zurckerstatten zu knnen, was er an Liebe von ihr empfangen
hatte.

Wie konnte er aber wissen, wo die Leute jetzt ein Obdach gefunden
hatten, ob sie in Irland geblieben waren und jetzt vielleicht ihr
Brod von Tag zu Tag erwerben muten, ob Murdock, um sich weiteren
Verfolgungen zu entziehen, vielleicht ausgewandert war und ob dessen
Angehrige etwa gar sein Exil in fernem Lande, in Australien oder
Amerika, theilten. Er hatte auch keine Ahnung, ob Pat noch segelte, und
der Gedanke, da die brave Familie wahrscheinlich jetzt noch unter der
Last des Unglcks seufzte, verursachte ihm recht schweren Kummer.

Obwohl Findlings Aufruf jeden Sonnabend mehrere Wochen hindurch in allen
Dubliner Blttern stand, blieb er doch erfolglos. Wre Murdock in ein
Gefngni des Landes eingeliefert worden, so htte er das jedenfalls
erfahren. So konnte der Knabe nur annehmen, da Martin Mac Carthy sich
inzwischen mit den Seinigen nach Amerika oder Australien eingeschifft
habe, von wo sie vielleicht nie mehr zurckkehrten, wenn sie da eine
zweite Heimat gefunden hatten.

Die Hypothese einer Auswanderung nach Australien wurde brigens durch
Nachrichten, die O'Brien von frheren Geschftsfreunden einzog, bald
besttigt. Ein von Belfast eingetroffener Brief brachte die erste
Aufklrung. Nach Angabe der Bcher einer Auswanderungsagentur hatten
sich die Mac Carthy's -- drei Mnner, zwei Frauen und ein Kind --
vor fast zwei Jahren nach Melbourne eingeschifft. Hier ihre Spuren zu
entdecken, war fast unmglich, und alle Schritte, die O'Brien in dieser
Richtung that, blieben ohne jeden Erfolg. Findling rechnete nun blos
noch auf den zweiten Sohn Mac Carthy's, vorausgesetzt, da dieser noch
auf einem Schiffe des Hauses Macuard von Liverpool in Diensten stand. Er
schrieb also an den Chef dieser Firma, erhielt aber die Antwort, da Pat
vor fnfzehn Monaten aus seiner Stellung bei ihnen geschieden sei und
sie nicht wten, auf welchem Schiffe er jetzt segelte.

So blieb nur die einzige Hoffnung, da Pat bei gelegentlicher Rckkehr
nach Irland von der seine Familie betreffenden Anzeige Kenntni erhielt,
und an diese, wenn auch schwache Hoffnung wollte Findling sich vorlufig
halten.

O'Brien bemhte sich vergeblich, seinem jungen Abmiether mehr Zuversicht
einzuflen, und eines Tages, als sie von der gleichen Angelegenheit
sprachen, sagte er:

Es sollte mich wundern, junger Freund, wenn Du die Familie Mac Carthy
nicht frher oder spter wiedershest.

-- Jetzt, wo alle in Australien... Tausende von Meilen von hier weg
sind, Herr O'Brien?

-- Wie kannst Du nur so sprechen, mein Kind! Australien gehrt doch
fast zu unsrer Stadt, es liegt beinahe vor unsrer Hausthr. Entfernungen
giebt es heutigen Tages nicht mehr, die hat der Dampf zunichte gemacht.
Jener Martin und seine Frau werden schon nach der Heimat zurckkehren.
Irlnder vergessen ihr Irland niemals, und haben sie da drauen etwas
vor sich gebracht....

-- Knnte ich das wirklich erhoffen, Herr O'Brien? fragte Findling
kopfschttelnd.

-- Gewi, wenn sie so tchtige Arbeiter sind, wie Du sagst.

-- Muth und Einsicht gengen nicht immer, Herr O'Brien. Man mu auch
etwas Glck haben, und das war den Mac Carthy's fast stets versagt
geblieben.

-- Was nicht ist, kann noch werden, mein Sohn! Glaubst Du etwa, da
ich selbst immer vom Glck begnstigt gewesen wre?... Nein, ich habe
manche Schwierigkeiten zu berwinden, manche Verluste zu tragen gehabt,
bis ich mich als Herrn meiner Lage fhlte. Bist Du nicht selbst ein
Beispiel dafr? Hast Du Deine Laufbahn nicht als ein Spielball des
Elends begonnen, und jetzt...

-- Ja, Sie haben Recht, Herr O'Brien; ich frage mich auch manchmal, ob
nicht alles nur ein Traum ist.

-- Nein, mein liebes Kind, es ist echte, schne Wirklichkeit! Da Du
ganz anders gehandelt hast, als man es von einem zwlfjhrigen Kinde
erwarten konnte, ist freilich etwas ganz auergewhnliches. Doch, die
Vernunft ist nicht immer nach dem Alter zu messen, und von ihr hast Du
Dich von jeher leiten lassen.

-- Von der Vernunft?... Vielleicht. Und doch, wenn ich mir meine
heutige Lage vergegenwrtige, scheint es mir, da der Zufall daran nicht
wenig Antheil hat.

-- Im Leben giebt es weniger Zufall, als Du glaubst, alles geht mit
logischer Nothwendigkeit eines aus dem andern hervor. Das wirst Du
noch erfahren. Es ist auch selten, da ein Unglck nicht durch einen
Glcksfall wett gemacht wrde.

-- Das glauben Sie, Herr O'Brien?

-- Ja, und um so fester, als es, was Dich betrifft, gar nicht
zweifelhaft sein kann. Das hab' ich mir schon oft gesagt, wenn ich ber
Deinen Lebenslauf nachdachte. So bist Du zu der bsen Hard gekommen, das
war ein Unglck....

-- Aber auch ein Glck, weil ich dort die gute Sissy kennen lernte,
deren Liebe zu mir ich nie vergessen kann. Was mag aus meiner armen,
kleinen Leidensgefhrtin geworden sein, und ob ich sie wohl jemals
wiedersehe?... Ja, das war damals ein Glck....

-- Und auch das war ein solches, da die Hard eine so abscheuliche
Megre war, sonst wrst Du ja in Rindock bis zu der Zeit geblieben, wo
Du in das Armenhaus von Donegal zurck mutest. Da bist Du entflohen und
in die Hnde des Puppenschaustellers gefallen....

-- O, das Ungeheuer! rief Findling.

-- Dennoch betrachte ich es als Glck, da er das war, denn sonst
irrtest Du vielleicht noch heute, wenn auch nicht versteckt im Kasten,
so doch im Dienste Thornpipe's auf den Landstraen umher. Von da kamst
Du nach der =Ragged-School= in Galway...

-- Ja, und da lernte ich Grip kennen... Grip, der so gut zu mir war,
dem ich das Leben verdanke, das er mir rettete, whrend er das seinige
aufs Spiel setzte....

-- Und damit kamst Du zu der launenhaften Schauspielerin. Zugegeben, da
Du bei ihr ein weit schneres Leben hattest, zu einem ehrenvollen Ziele
htte es Dich aber doch nicht gefhrt, und ich betrachte es als ein
Glck, da sie, nachdem sie ihr Vergngen mit Dir gehabt hatte, Dich
eines schnen Tages verlie....

-- Darum zrne ich ihr nicht, Herr O'Brien. Sie hatte mich aufgenommen,
war liebreich gegen mich... und seit jener Zeit... ist mir manches
klar geworden. Ihrem Gedankengang nach wurde ich in Folge dessen von der
Familie Mac Carthy in der Farm von Kerwan aufgenommen....

-- Richtig, mein Sohn. Und auch da...

-- O, Herr O'Brien, Sie werden mich schwerlich berzeugen, da das
Unglck dieser braven Leute auch ein Glck fr mich gewesen wre.

-- Ja und nein, antwortete O'Brien.

-- Nein, Herr O'Brien, nein! versicherte Findling energisch. Und wenn
ich mir etwas erwerbe, wird mir immer das schmerzliche Gefhl bleiben,
da der Grund dieses Vermgens nach dem Untergange der Mac Carthy's
gelegt wurde. Wie gern htt' ich als Kind des Hauses mein Leben auf
jener Farm verbracht! Da htt' ich mein Pathenkind Jenny aufwachsen
sehen, und ein greres Glck, als das meiner Adoptivfamilie zu
betrachten, knnt' ich mir gar nicht denken.

-- Ich verstehe Dich, mein Kind. Es ist aber nicht minder richtig, da
grade dieser Verlauf der Dinge Dir einmal gestatten wird, Dich fr das,
was jene an Dir gethan, erkenntlich zu zeigen.

-- Besser wr' es doch, Herr O'Brien, wenn sie nicht nthig htten, von
irgend jemand Hilfe anzunehmen.

-- Ich erkenne gern diese Empfindungen an, die Dir alle Ehre
machen. Doch setzen wir unsre Betrachtungen fort. Du kamst nach
Trelingar-castle....

-- O, diese widerwrtigen Leute, der Marquis, die Marquise und ihr Sohn
Ashton!... Welche Krnkungen hab' ich da erdulden mssen!... Das war
die schlimmste Zeit meines Lebens.

-- Und doch ein Glck, da es so war. Bei guter Behandlung wrst Du
vielleicht in Trelingar-castle geblieben....

-- Nein, Herr O'Brien, im Dienste als Groom?... Nein, gewi nicht!...
Ich blieb nur da, um auf ein besseres Unterkommen zu warten und bis ich
mir etwas erspart htte.

-- Nun, bemerkte O'Brien, eine Person mu doch sehr befriedigt davon
sein, da Du berhaupt in jenes Schlo gekommen warst; ich meine die
Kat.

-- O, die vortreffliche Frau!

-- Und einer, der sehr zufrieden sein mu, da Du von dort weggegangen
bist, ich meine Bob, denn sonst konntest Du den nicht auf der Landstrae
finden,... nicht ihn retten und mit nach Cork nehmen, wo Ihr beide so
tchtig gearbeitet, wo Ihr Grip wiedergefunden habt, und heute wrst Du
nicht in Dublin...

-- Und im vertraulichen Gesprch mit dem besten aller Menschen, der uns
so freundlich entgegenkam! antwortete Findling, die Hand des Exkaufmanns
ergreifend.

-- Der Dir auch spter, wenn nthig, mit Rath und That beistehen wird.

-- Ich danke Ihnen, Herr O'Brien, ich danke! Ja, Sie haben recht; Ihre
Erfahrungen knnen Sie nicht trgen. Im Leben ist alles miteinander
verkettet. Gebe Gott, da auch ich allen ntzlich sein knnte, die ich
liebe und die mich geliebt haben!

Das Geschft des Knaben blhte immer weiter, der Zudrang von Kufern
verminderte sich nicht. Der Bazar erhielt vielmehr noch eine neue
Einnahmequelle.

Auf Anrathen O'Brien's legte sich Findling noch den Einzelverkauf von
Specereien zu und zu diesen wird jetzt ja vielerlei gerechnet. Der Laden
wurde bald zu beschrnkt, so da noch der andre Theil des Erdgeschosses
gemiethet werden mute, und es whrte nicht lange, da wollte sich
das ganze Stadtviertel mit derlei Waaren nur im Kleinen Geldbeutel
versorgen. Diese Abtheilung fiel Kat zu, und sie entledigte sich ihrer
Aufgabe auch mit rhmlichstem Eifer. Nun gab's freilich vom Morgen
bis zum spten Abend sehr viel zu thun und Findling wre mit seiner
Buchfhrung und dem tglichen Cassenabschlu manchmal nicht fertig
geworden, wenn ihm nicht der alte Kaufmann hilfreich beigesprungen wre.

Jetzt htte sich unbedingt die Einstellung eines Gehilfen nthig
gemacht, und doch wollte der jugendliche Principal sich nicht
entschlieen, einen ganz Fremden bei sich aufzunehmen. Ja, wenn Grip
dazu zu bewegen gewesen wre! Doch daran war vorlufig nicht zu denken,
obwohl dieser wie ausersehen schien, auf hohem Sessel hinter dem Pulte
zu sitzen und die Conti fr alle Lieferanten in Ordnung zu halten.
Das war doch jedenfalls angenehmer, als sich vor den Dampfkesseln
des Vulcan den Magen ausbraten zu lassen. Vergeblich wurde ihm das
vorgestellt. Beim jedesmaligen Aufenthalt in Dublin widmete der erste
Heizer zwar alle freien Stunden dem Bazar seines Freundes und unterzog
sich hier gern jeder Arbeit; doch das dauerte nur eine Woche, dann fuhr
der Vulcan wieder ab, und achtundvierzig Stunden spter befand sich
Grip schon Hunderte von Meilen weit entfernt von der Smaragdenen Insel.
Seine Abfahrt war allemal ein Schmerz, seine Rckkehr eine Freude, so
als ob ein lterer Bruder fortgegangen und wieder gekommen wre.

Der ltere Bruder machte nach wie vor seine Einkufe bei Little Boy and
Co. Immer kam er mit seinem ganzen Vermgen im Grtel dahin, doch lie
er sich schlielich bestimmen, sich dieser Last und Sorge zu entledigen.
Findling nahm die Ersparnisse des Freundes, aber nicht etwa fr sein
Geschft, an; er brauchte das nicht, denn er besa schon eine hbsche
Einzahlung bei der Bank von Irland und ein Chequebuch, womit er alle
vorkommenden Bedrfnisse bequem decken konnte. Grips Capital wurde in
der Sparcasse angelegt, die mit ihrem Capital von fast vier Millionen
mehr als gengend Sicherheit bot. Nun konnte Grip ruhig schlafen und
dazu vermehrten sich seine Ersparnisse noch durch die auflaufenden
Zinsen, die zum Capital geschlagen wurden.

Wenn Grip sich auch weigerte, die Seemannsjacke mit dem eleganten
Comptoirrocke zu vertauschen, so hatte er doch geholfen, die Kundschaft
von Little Boy zu vermehren. Alle seine Kameraden vom Vulcan und deren
Familien kauften alles mgliche in dem billigen Bazar, und Grip hatte
diesen berhaupt allen Matrosen im Hafen so warm empfohlen, als wenn er
der Reisende des Hauses Zum kleinen Geldbeutel gewesen wre.

Du wirst sehen, sagte er eines Tages, da sich spter auch noch die
Rheder selbst bei Dir versorgen werden. Dann mut Du freilich fr lange
Seereisen Vorrthe an Specereien und Conserven halten. Du wirst dann
Grohndler....

-- Grohndler? fragte Bob dazwischen.

-- Ja freilich... mit Lden, Kellern und Speichern; wie die Herren Roe
und Guine.

-- Oho! stie Bob hervor.

-- Gewi, and Co., erwiderte Grip, der fr Bob gern diesen Spitznamen
gebrauchte, und denkt daran, was ich Euch sage....

-- Bei jeder Reise, fiel ihm Findling ins Wort.

-- Ja... bei jeder Reise, wiederholte Grip. Du wirst noch ein Vermgen
erwerben, ein sehr groes Vermgen....

-- Warum willst Du dann in das Geschft nicht als Theilhaber eintreten,
Grip?

-- Ich?... Ich soll meinen Beruf aufgeben?

-- Denkst Du darin etwa vorwrts zu kommen und vielleicht noch
Maschinist zu werden?

-- O nein... das nicht. So ehrgeizig bin ich nicht. Dazu mu man auch
studiert haben und dazu ist's jetzt zu spt. Nein, ich bin ja zufrieden
mit dem, was ich bin!

-- Hre mich an, Grip. Wir brauchen einen Gehilfen, auf den wir
uns unbedingt verlassen knnen. Warum weigerst Du Dich, als solcher
einzutreten?

-- Ich verstehe nichts von Eurer Buchfhrung.

-- Die wrdest Du in kurzer Zeit erlernen.

-- Dann hab' ich auch den O'Bodkins, da unten in der Lumpenschule, sich
genug damit abmhen sehen. Nein, mein Boy, nein! Auf dem Lande bin ich
so unglcklich gewesen, auf dem Meere bin ich so glcklich. Ich frchte
mich ordentlich vor dem Lande. Ach, wenn Du erst ein groer Handelsherr
bist und eigne Schiffe hast, dann... dann fahr' ich nur fr Dich, das
versprech' ich Dir!

-- Wir wollen ernsthaft sprechen, Grip. Bedenk' einmal, da Du Dich
spter doch einmal recht vereinsamt fhlen knntest. Wenn Dir's nun
einfiele, zu heiraten...

-- Zu hei...raten!... Ich?

-- Ja, Du!

-- Was? Ich, der heimatlose Grip, ich sollte eine Frau haben?... Und
Kinder noch obendrein?

-- Natrlich... so wie alle andern Leute, bemerkte Bob mit dem Tone
eines Mannes von gereiftester Erfahrung.

-- Wie alle andern?

-- Gewi, Grip, ich selbst sogar...

-- Nun hr' einer den Knirps... was der davon versteht!

-- Er hat aber Recht, erklrte Findling.

-- Und Du, mein Boy, Du denkst wohl auch daran...

-- Das knnte spter wohl der Fall sein.

-- Sehr schn! Da ist der eine dreizehn, der andre kaum neun Jahre alt,
und sie sprechen schon vom Heiraten!

-- Von uns ist nicht die Rede, Grip, doch von Dir, der Du bald
fnfundzwanzig Jahre alt bist.

-- Nein, mein Junge, berlege Dir doch! Ich... mich verheiraten!...
Ein Heizer, der whrend zwei Dritteln seines Lebens schwarz aussieht wie
ein Neger!

-- Aha, rief Bob lachend, Grip frchtet, seine Kinder knnten auch
kleine Negerbuben werden.

-- Das wre schon mglich, antwortete Grip. Ich drfte eigentlich nur
eine Negerin heiraten oder hchstens eine Rothhaut aus dem Innern von
Amerika.

-- Grip, nahm Findling wieder das Wort, Du thust unrecht, zu scherzen.
Wir sprechen ja einzig in Deinem Interesse. Die Zeit wird kommen, wo es
Dich reuen drfte....

-- Was willst Du denn, mein Boy... Ich wei ja, Du bist verstndig...
es wre auch so schn, beieinander zu wohnen. Bisher hat mich mein Beruf
aber ernhrt; er wird mich auch spter ernhren, und ich kann's mir gar
nicht vorstellen, ihn aufgeben zu sollen.

-- Nun, wie Du willst, Grip. Hier wird immer Raum fr Dich sein, und
es sollte mich doch sehr wundern, wenn ich Dich nicht eines Tages noch
hinter dem Pulte als Geschftstheilhaber sitzen she.

-- Da mt ich mich erst stark verndert haben....

-- Das wird schon kommen, Grip. Jeder Mensch verndert sich, und das ist
auch ganz recht, denn es geschieht, um sich zu verbessern...

Grip gab jedoch keinem Zureden nach. Er liebte einmal seinen Beruf,
stand bei seinen Rhedern gut angeschrieben, der Kapitn des Vulcan
schtzte und seine Kameraden liebten ihn. Um Findling aber nicht gar so
sehr zu betrben, sagte er:

Wir werden ja sehen... bei meiner Rckkehr!

Wenn er dann wiederkam, wiederholte er freilich nur, was er bei der
Abreise gesagt hatte:

Wir werden ja sehen... werden ja sehen!

Little Boy and Co. muten also fr die schriftlichen Arbeiten einen
Commis anstellen. O'Brien sendete ihnen einen alten Buchhalter, Balfour
mit Namen, zu, fr den er gutsagte und der seine Sache aus dem Grunde
verstand. Grip war es aber doch nicht!

Das Jahr verlief vortrefflich, und als genannter Balfour aus den Bchern
die Lage des Geschftes feststellte, ergab sich -- an Waaren und an
Depositen bei der Bank von Irland -- ein Vermgensstand von tausend
Pfund Sterling.

Zu dieser Zeit -- im Januar 1885 -- trat Findling ins vierzehnte
Lebensjahr und Bob war nun neuneinhalb Jahre alt. Gesund und krftig,
sprten sie nichts mehr von dem frheren elenden Leben. Es war edles
galisches Blut, das in ihren Adern flo, wie der Shannon, die Lee oder
die Liffey, die durch Irland strmen, um es immer frisch zu beleben.

Der Bazar blhte immer weiter. Findling war offenbar auf dem Wege zu
Glck und Wohlstand. Von gewagten Speculationen hielt er sich fern,
obgleich er nicht der Mann dazu war, eine sich bietende gnstige
Gelegenheit unbentzt zu lassen.

Immerfort beunruhigte ihn jedoch das Schicksal der Mac Carthy's. Auf
Erkundigungen, die er von Melbourne in Australien einzog, wurde ihm nur
die Antwort zutheil, da man die Spuren der gesuchten Familie gnzlich
verloren habe, was in dem groen, in seinem Innern kaum bekannten Lande
ja so hufig vorkommt. Mittellos, wie sie waren, hatten Martin und
seine Kinder wahrscheinlich nur auf irgend einer weit entlegenen
Schafzchterei Arbeit finden knnen, doch wo?... Wer htte das zu sagen
vermocht?

Ueber Pat war seit dem Abgange von der Firma Macuard auch nichts bekannt
geworden, und mglicherweise hatte sich dieser zu seinen Eltern nach
Australien begeben.

Neben der Sorge um die Mac Carthy's bekmmerte Findling nur noch die um
Sissy, seine Leidensgenossin bei der Hard. An die letztere selbst, sowie
an den grausamen Thornpipe und an die hochfahrenden Piborne's dachte er
gar nicht mehr.

Hchstens bezglich der Mi Anna Walston wunderte er sich, sie noch
niemals auf einem Dubliner Theater wieder haben erscheinen zu sehen,
doch war er unschlssig, ob er, wenn das doch eintrte, zu ihr gehen
sollte oder nicht.

Und Carker?... Ist der endlich gehenkt worden?

So lautete unverndert Grips Frage nach jeder Heimkehr des Vulcan,
sobald er den Laden Zum kleinen Geldbeutel betrat. Auf die Antwort,
da man ihm darber nichts sagen knne, durchwhlte Grip die alten
Zeitungen, ohne etwas zu finden, was sich auf den vollendetsten
Galgenstrick der Lumpenschule bezogen htte.

Nun, wir wollen's abwarten. Nur ein wenig Geduld!

-- Warum sollte denn Carker nicht ein ganz braver Bursche geworden sein
knnen?

-- Er?... rief Grip,... er, der Schlingel?... Nein, dann knnte es
einem leid werden, ehrenhaft zu sein.

Kat, der die Geschichte der Verwahrlosten von Galway bekannt war,
stimmte mit Grip darin berein, wie berhaupt in allem, bis auf den
einen Punkt, da Kat den Grip stets drngte, das Seefahren aufzugeben,
was dieser wieder hartnckig verweigerte. Mit Ende des Jahres war denn
diese Frage auch um keinen Schritt vorwrts gekommen.

Jetzt war der 25. November; es herrschte schon voller Winter. In groen
Flocken fiel der Schnee herab, der leichten Federn gleich auf der Erde
hintrieb. Es war einer jener eisigen Tage, an denen man am liebsten in
der warmen Stube bleibt.

Findling konnte das heute jedoch nicht. Am Morgen hatte er einen Brief
eines seiner Lieferanten in Belfast erhalten. Die Ausgleichung einer
Rechnung drohte dort einen Proce herbeizufhren, und Processe soll man
in jedem Falle mglichst zu vermeiden suchen. Das war wenigstens die
Ansicht O'Brien's, und dieser drngte den Knaben auch, selbst nach
Belfast zu reisen und jene Angelegenheit so gut wie mglich persnlich
zu erledigen.

Findling mute ihm Recht geben und beschlo diesem Rathe sofort zu
folgen. Es handelte sich ja nur um eine Eisenbahnfahrt von kaum hundert
Meilen. Wenn er um neun Uhr abreiste, traf er noch denselben
Vormittag in Belfast ein, der Nachmittag mute gengen, mit seinem
Geschftsfreunde ins reine zu kommen, und vor Mitternacht hoffte er
wieder zu Hause sein zu knnen.

Bei einer so knapp bemessenen Zeit kann ein Reisender den Einzelheiten
der Fahrt keine groe Aufmerksamkeit schenken. Dazu flog der Zug sehr
schnell dahin, einmal lngs der Kste und dann wieder mehr im Innern des
Landes. Von der Grafschaft Dublin aus durcheilte er die Grafschaft Meath
und hielt nur einige Minuten in Drogheda, einem nicht unbedeutenden
Hafen, von dem Findling freilich nichts sah, ebenso wenig wie von dem
eine Meile davon entfernten berhmten Schlachtfelde von Boyne, das den
schlielichen Sturz der Dynastie der Stuart's sah. Weiter rastete der
Zug einmal in der Grafschaft Louth in Dunkalk, einer der ltesten Stdte
der Grnen Insel, wo der berhmte Robert Bruce einst gekrnt wurde.
Hierauf gelangte er nach der Provinz Ulster, wo die Grafschaft
Donegal unsern jungen Reisenden an sein frheres Elend erinnerte. Nach
Durchschneidung der Grafschaften Armagh und Down berschritt der Zug
endlich die Grenze von Antrim.

Antrim, das Land des vulkanischen Bodens und der wilden Hhlen, hat
Belfast als Hauptstadt; ihrem Handel und ihrer Flotte von drei Millionen
Tonnengehalt nach ist das die zweite Stadt Irlands, ebenso durch
ihre Einwohnerzahl von fast zweimalhunderttausend Kpfen, durch
ihren intensiven, meist auf Lein gerichteten Feldbau, wie durch ihre
Industrie, die sechzigtausend Arbeiter in hundertsechzig Spinnereien
beschftigt, und durch ihre wissenschaftlichen Bestrebungen, von deren
Bedeutung das Queen's-College Zeugni giebt.

Belfast liegt an der engen Ausmndung des Laganflusses, von dem ein
Canal durch die vorgelagerten Sandbnke fhrt. Leichtbegreiflicherweise
herrschte an einem so gewerbthtigen Punkte, wo die politische Erregung
durch die Berhrung, oder besser durch den Zusammenprall persnlicher
Interessen wach gehalten wird, immer hitziger Streit zwischen
Protestanten und Katholiken. Die ersten sind Feinde der Unabhngigkeit,
die die andern erstreben. Die einen mit dem Feldgeschrei Oranien,
die andern mit einem gelben Bande als Erkennungszeichen, kommen sie oft
miteinander ins Handgemenge, regelmig aber am 7. Juli, dem Jahrestage
der Schlacht von Boyne.

Obwohl heute nicht der 7. Juli war und die Temperatur vier Grad
unter Null betrug, herrschte in der Stadt doch der helle Aufruhr. Die
Parnelliten und die Parteignger der Land League und des Landlordismus
waren in bittern Streit gerathen. Der Sitz der Gesellschaft zur
Verbreitung der Leincultur, an den sich die meisten Fabriken der Stadt
anschlieen, hatte sogar ganz besonders geschtzt werden mssen.

Findling, der ja nicht im entferntesten um politischer Streitfragen
willen hierher gekommen war, begab sich zunchst zu seinem Lieferanten,
den er auch glcklicherweise antraf.

Der Mann war nicht wenig erstaunt, als sich ihm ein so junger Knabe
in seinem Bureau vorstellte, ebenso aber ber den Scharfsinn und die
Einsicht, womit dieser seine Interessen vertrat. Bald war alles
zu beiderseitiger Zufriedenheit geordnet. Zwei Stunden hatten dazu
hingereicht und Findling wollte nun in der Nhe des Bahnhofs zum Essen
gehen. Hatte er die heutige Reise schon nicht zu bereuen, da sie ihm
einen Proce ersparte, so sollte der Besuch von Belfast ihm doch noch
eine andre Ueberraschung bereiten.

Es wurde bereits dunkel und hatte zu schneien aufgehrt, nur herrschte
noch eine recht empfindliche Klte.

Vor einer groen Fabriksanlage der Stadt vorbergehend, wurde Findling
durch einen Haufen von Menschen aufgehalten, der die Strae vllig
sperrte. Es war grade Zahltag in den Fabriken, und eine fr die folgende
Woche angekndigte Lohnverkrzung hatte eine groe Arbeiterschaar
gewaltig in Erregung versetzt.

Die Leinindustrie wurde in Belfast von Emigranten nach Aufhebung des
Edicts von Nantes eingefhrt, deren Nachkommen noch heute in derselben
thtig sind. Die betreffende Fabrik gehrte einer anglicanischen
Gesellschaft, deren Arbeiter aber zum grten Theile Katholiken waren,
und diese gaben ihrem Unwillen nun in lrmendster und rohester Weise
Ausdruck.

Auf das anfngliche Geschrei folgten schwere Drohungen und bald wurden
Thren und Fenster des Etablissements mit Steinen beworfen. Da trabte
aber auch schon eine Abtheilung Polizisten in die Strae ein, um die
Zusammenrottung zu zerstreuen und die Rdelsfhrer zu verhaften.

Um den Zug nicht zu versumen, suchte Findling aus dem Tumulte zu
entkommen; vergeblich. Der Gefahr ausgesetzt, umgeworfen, gesteinigt
oder durch den Angriff der berittenen Constabler zermalmt zu werden,
flchtete er sich in eine Hausthrffnung, als gerade fnf oder sechs
Arbeiter, von wuchtigen Schlgen getroffen, in der Nhe niederstrzten.

Neben ihm lag ein junges weibliches Wesen, eines jener armen, blassen
entkrfteten Fabriksmdchen, die, obwohl achtzehn Jahre zhlend, doch
kaum zwlf Jahre alt zu sein schien. Zur Erde geworfen, rief sie noch:

Zu Hilfe!... Zu Hilfe!

Diese Stimme?... Findling glaubte sie zu kennen; es dmmerte wie eine
alte Erinnerung in ihm auf... er konnte kein Wort hervorbringen...
sein Herz schlug zum Zerspringen...

Als die zum Theil zurckgetriebene Menge die Strae etwas frei lie,
beugte er sich ber das arme Mdchen nieder. Diese war bewutlos. Er
hob ihren Kopf in die Hhe und wendete das Gesicht dem Lichte einer
Gasflamme zu....

Sissy!... Sissy! murmelte er.

In der That war es Sissy, die ihn aber nicht hren konnte.

Ohne sich ber seine Handlungsweise Rechenschaft zu geben, hob er die
Unglckliche, als ob sie ihm angehrt htte, und wie ein Bruder die
Schwester, einfach auf und brachte sie, ohne da das Mdchen noch wute,
was mit ihr geschah, nach dem nahen Bahnhof.

Als der Zug abfuhr, lag Sissy in einem Coup erster Classe bequem
und noch immer halb bewutlos auf den Polstern und neben ihr kniete
Findling, der sie rief... anredete... sie umarmte....

Nun, er hatte ja wohl ein Recht darauf, Sissy, die Gefhrtin seiner
Leiden, zu entfhren, und wenn sie bei jemand ein Anrecht auf
Samariterhilfe besa, dann war es doch bei diesem Knaben, den sie frher
so oft gegen die Mihandlungen durch die abscheuliche Hard geschtzt
hatte.




XIII.

Farben- und Standeswechsel.


Am 16. November 1885 gab es in ganz Irland -- vielleicht nirgends auf
der Erde -- eine so groe Summe von Glck, wie im Bazar Zum kleinen
Geldbeutel.

Sissy ruhte noch im besten Zimmer des Hauses. Findling stand an ihrem
Lager. Jetzt hatte sie in ihm das Kind wiedererkannt, das einst durch
ein Museloch aus der Hhle der Hard entwichen und das jetzt zum
krftigen, blhenden Knaben geworden war.

Zur Zeit ihrer Trennung von einander zhlte sie kaum sieben Jahre, heute
war sie achtzehn Jahre alt, doch schien es fraglich, ob sie nach so
vielen Anstrengungen und Entbehrungen sich zu dem schnen jungen
Mdchen entwickeln wrde, das sie zu werden versprach, wenn sie unter
gnstigeren Verhltnissen gelebt htte. Seit fast elf Jahren hatten die
beiden sich nicht gesehen, und doch erkannte Findling Sissy sofort schon
an der Stimme, und auch das junge Mdchen erinnerte sich genau an alles,
was den kleinen schwchlichen Knaben von frher betraf.

Von diesen Dingen sprachen sie, sich an den Hnden haltend, und blickten
in die Vergangenheit wie in einen Spiegel ihres Elends zurck.

Kat, die dabei war, konnte ihre zrtliche Theilnahme nicht verhehlen.
Bob gab seiner Freude in lauten Jubelrufen Ausdruck, denen Birk mit
verhaltenem Bellen antwortete. Auch O'Brien fehlte als Zeuge dieser
Scene nicht. Selbst der Commis Balfour wrde die allgemeine Aufregung
getheilt haben, wre er nicht im Comptoir mit dem Rechnungswesen des
Hauses Little Boy and Co. angestrengt gewesen. Alle hatten von Sissy --
wie von der Familie Mac Carthy -- so hufig sprechen hren, da sie nur
noch deren persnliche Bekanntschaft zu machen brauchten. Fr alle war
sie eine ltere Schwester Findlings, die ins Haus zurckkehrte, als
htte sie es erst gestern verlassen.

Nur Grip fehlte in dem Kreise; man darf aber glauben, da er das junge
Mdchen seines Boy, obwohl er diese nie gesehen hatte, auf den ersten
Blick erkannt htte. Der Vulcan konnte brigens nicht mehr lange
ausbleiben, und dann erst wrde die Familie vollzhlig sein.

Das Leben des jungen Mdchens war bisher das aller armen Kinder in
Irland gewesen. Sechs Monate nach Findlings Flucht starb die Hard
in einem Tobsuchtsanfalle und Sissy war in das Armenhaus von Donegal
zurckgebracht worden, wo sie noch zwei Jahre blieb. Dann mute sie hier
andern Unglcklichen Platz machen. Sie zhlte damals neun Jahre, und
mit diesem Alter mu man schon selbst fr sich sorgen knnen. Kann ein
Mdchen dann nicht in Dienst gehen, eine Maid werden, als welche sie
ohne Lohn nur fr Wohnung und Bekstigung arbeitet, so findet sie wohl
Beschftigung in einer Fabrik. Deshalb sandte man Sissy nach Belfast, wo
die Spinnereien ein ganzes Heer von Arbeitern brauchen. Da lebte sie
von einem Tagesverdienst von einigen Pence inmitten einer ungesunden
Atmosphre, hier- und dorthin gestoen und hart angefahren, ohne jemand
zur Vertheidigung zu haben, doch immer gut, sanft, dienstbereit, und
brigens an Widerwrtigkeiten des Lebens schon lange Zeit gewhnt.

Jener Zeit hielt Sissy eine Besserung ihrer Lage fr ganz unmglich;
doch gerade, als sie verzweifelte, da irgend jemand sie dieser
entreien knnte -- da ergriff sie eine rettende Hand, die Hand des
Kleinen, dem ihre ersten Liebkosungen gegolten hatten und der jetzt der
Chef eines Handelshauses war. Ja, er hatte sie aus der Hlle in Belfast
befreit, und jetzt befand sie sich bei ihm, wo sie Geschftsdame werden
sollte, nicht etwa Dienerin....

Sie?... Eine Dienerin?... Das htte die Kat nicht gelitten und Bob
ebensowenig, wie Findling es erlaubt htte.

Da willst mich also bei Dir behalten? fragte sie.

-- Ob ich das will, Sissy!

-- Ich werde aber wenigstens arbeiten, um Dir keine Last zu sein.

-- Jawohl, liebe Sissy.

-- Und was werd' ich zu thun haben?

-- Vorlufig gar nichts, Sissy.

Weiter war jetzt nicht zu kommen, in der That wurde Sissy aber acht Tage
spter -- auf ihren bestimmten Wunsch -- im Laden angestellt, nachdem
sie sich mit dem Verkauf vertraut gemacht hatte, und hier bildete das
zierliche junge Mdchen, die schon wieder merkwrdig aufgeblht war, ein
neues Zugmittel fr die Kundschaft.

Ein lebhafter Wunsch Sissys war es da, den ersten Heizer des Vulcan
einmal die Schwelle des Hauses berschreiten zu sehen. Sie kannte
das Verhalten Grips in der =Ragged-School= und wute, da er ihre
Schtzerrolle gegenber dem Kinde, nachdem sich dieses der rohen Hard
entzogen, bernommen hatte. Wie sie ihn einst gegen die Hard schtzte,
so hatte er den Knaben spter gegen Carker und dessen Spiegesellen
in Schutz genommen. Ohne die Aufopferung des wackern Burschen wre der
Kleine ja gar in den Flammen umgekommen. Der erste Heizer konnte bei
seiner Rckkehr also auf den besten Empfang rechnen. Besondre Umstnde
verzgerten die Heimkehr des Schiffes diesmal aber bis zum Ende des
laufenden Jahres.

Die am 31. December 1886 gezogene Bilanz ergab ein noch gnstigeres
Resultat als die frheren. Mehr als zweitausend Pfund Sterling betrug
schon das reine Vermgen des Hauses Zum kleinen Geldbeutel. O'Brien
hatte das nach Durchsicht der Bcher besttigt. Der ehrliche Kaufmann
konnte den jungen Chef zu diesem Erfolge nur beglckwnschen, legte ihm
dabei aber ans Herz, immer mit so weiser Vorsicht wie bisher zu Werke zu
gehen.

Schwerer ist es oft, sich sein Vermgen zu erhalten, als es zu
erwerben, sagte er zu Findling bei Zurckgabe der Geschftsbcher.

-- Sie haben Recht, erwiderte dieser, doch glauben Sie mir, Herr
O'Brien, da ich mich nie auf Irrwege locken lassen werde. Immerhin
bedaure ich, da die in der Bank von Irland liegenden Summen keine
lohnendere Verwendung finden sollen. Das ist Geld im Schlaf, und wenn
man schlft, arbeitet man nicht.

-- Nein, mein Sohn, man ruht aber aus, und Ruhe ist dem Gelde ebenso
nothwendig, wie dem Menschen.

-- Und doch, Herr O'Brien, wenn sich eine gute Gelegenheit bte...

-- Die drfte nicht nur gut, sie mte ausgezeichnet sein.

-- Zugegeben, in einem solchen Falle aber wei ich, wrden Sie mir
selbst rathen...

-- Davon Nutzen zu ziehen?... Natrlich, mein Sohn, wenigstens wenn die
Sache zu Deinem jetzigen Geschftsbetriebe pat.

-- Das ist auch fr mich Bedingung, Herr O'Brien, und es wird mir nie
einfallen, mich auf Speculationen einzulassen, die auf mir unbekanntem
Gebiete liegen. Wenn man jedoch mit Klugheit vorgeht, kann man wohl
versuchen, sein Geschft zu erweitern.

-- Es wre unrecht von mir, Dich davon abzuhalten, mein Sohn, und wenn
ich ein ganz sicheres Geschft aufspre... nun ja... vielleicht...
doch, das wird sich finden.

Aus kluger Vorsicht wollte sich der Exkaufmann nicht zu sehr binden.

Ein Tag, der im Kalender des Kleinen Geldbeutels roth angestrichen zu
werden verdient htte, war der 23. Februar.

Auf einer hohen Leiter stehend, wre Bob beinahe heruntergepurzelt, als
er sich anrufen hrte mit den Worten:

He, da sitzt einer auf der Bramstenge!... Heda!

-- Grip! rief Bob, der herunterglitt, wie die Jungen auf einem
Treppengelnder.

-- Ja, ich bin's, and Co!... Findling geht es doch gut, Knirps?...
Kat ebenfalls?... Und Herrn O'Brien auch?... Ich habe doch keinen
vergessen?

-- Keinen?... Und mich, Grip?

Diese Worte kamen von einem jungen Mdchen, die freudestrahlend auf den
ersten Heizer des Vulcan zutrat und ihm ohne Umstnde einen Ku auf
jede Wange drckte.

Wa... was? rief Grip ganz verdutzt. Mein Frulein... ich kenne Sie
ja gar nicht... Umarmt und kt man denn hier die Leute, ohne sie zu
kennen?

-- Nun so fange ich erst wieder an, wenn wir mit einander bekannt
geworden sind....

-- Das ist ja Sissy, Grip!... Sissy!... Sissy! wiederholte Bob laut
auflachend.

Eben traten Findling und die Kat ein. Der Teufelskerl, der Grip, wollte
jetzt aber nichts von einer weiteren Erklrung hren, als bis er dem
Mgdlein die erhaltenen Ksse richtig heimgezahlt htte. Bei Sanct
Patrick! Sissy erschien ihm doch gar zu reizend und thaufrisch! Und da
er von Amerika ein kostbares Herren-Reisenecessaire mit Stiefelknecht,
Rasiermesser und Seifenbecken -- fr die sptere Zeit seines Boy
bestimmt -- mitgebracht hatte, behauptete er flottweg, dieses fr Sissy
gekauft zu haben, deren Anwesenheit im Bazar des Little Boy er
geahnt htte -- und Sissy mute sich schon drein fgen, sein Geschenk
anzunehmen, was der eigentliche Empfnger desselben auch ohne Murren
geschehen lie.

Jetzt gab es in dem Magazin der Bedford-Street herrliche Tage. War er
nicht an Bord zurckgehalten, so lichtete Grip hier gar nicht mehr
die Anker. Im Comptoir des Kleinen Geldbeutels befand sich offenbar
ein Magnet, dessen Anziehungskraft bis zu den Docks reichte und der ihn
bei Sissy festhielt. Den Naturgesetzen kann einmal keiner widerstehen.
Findling hatte es sehr bald bemerkt.

Nicht wahr, sie ist nett, meine groe Schwester? fragte er eines Tages
Grip.

-- Deine groe Schwester, mein Boy?... O, es wre gar nicht hbsch, es
wre hlich von ihr, wenn sie das nicht ganz von selbst wre!... Es
wre garstig von ihr!

-- Garstig... Sissy?... Ich bitte Dich, Grip!...

-- Ja, ja, ich spreche dummes Zeug... das heit, weil ich's nicht
besser von mir geben kann. Ja, wenn ich mich auszudrcken verstnde...

Er drckte sich ja ganz gut aus, mindestens nach Ansicht der Kat, und
seit der Rckkehr Grips waren kaum drei Wochen verstrichen, als sie zu
Findling sagte:

Unser Grip gleicht jetzt den Thieren in der Mauser. Erst ganz schwarz,
bekommt er schon langsam die natrliche Farbe wieder, die weie Farbe,
und mir ahnt, er wird nicht mehr lange auf dem Vulcan bleiben.

Das war auch die Meinung O'Brien's.

Und doch war, als der Vulcan am 15. Mrz nach Amerika abdampfte,
dessen erster Heizer, den die ganze Familie nach dem Hafen begleitet
hatte, wieder auf seinem Posten, als htte der Dampfer gerade seiner
Dienste nicht entrathen knnen.

Als er am 13. Mai nach achtwchentlicher Abwesenheit zurckkehrte,
erschien seine Farbenvernderung noch bemerkbarer als frher.
Natrlich wurde ihm der herzlichste Empfang zu Theil. Findling, die Kat
und Bob drckten ihn an sich. Er selbst blieb aber etwas zurckhaltender
und begngte sich, Sissy einen Ku auf die linke Wange zu geben, so wie
diese ihn nur mit einem einzigen auf die rechte Wange begrt hatte.
Grip wurde nachdenklicher und Sissy immer ernsthafter, wenn sie bei
einander waren, und das drckte sich auch durch eine gewisse Geniertheit
bei dem abendlichen Zusammensein aller aus. Sagte dann Findling, wenn
die Abschiedsstunde Grips gekommen war, zu diesem:

Nun, also auf Wiedersehen morgen!

... so antwortete dieser wohl:

Nein... morgen glaub' ich nicht... ich habe dringende Arbeiten in der
Heizkammer.... Es wird unmglich sein!

Am nchsten Tage stellte sich der gute Grip aber ebenso ein wie vorher,
womglich noch eine Stunde frher, und -- wunderbar! -- seine Haut wurde
von Tag zu Tag weier.

Grip war jetzt offenbar in der Seelenstimmung, einen Antrag, seinen
bisherigen Beruf zu verlassen, gern anzunehmen und als Theilhaber in
die Firma Little Boy and Co. einzutreten. Findling htete sich aber
weislich, diese Angelegenheit wieder zu berhren. Besser, Grip kme
selbst darauf zu sprechen.

Das war auch zu Anfang des Juni in bescheidenem Mae der Fall.

Na, das Geschft geht noch immer nach Wunsch? hatte Grip gefragt.

-- Urtheile selbst, erwiderte Findling. Unsre Lden werden niemals
leer....

-- Ja... es sind immer Kufer da.

-- Sogar viele, Grip; vorzglich seitdem Sissy im Verkauf mit thtig
ist.

-- Das ist kein Wunder, mein Boy! Ich begreife berhaupt nicht, wie
jemand in Dublin... nein, in ganz Irland bei irgend einem andern noch
irgendwas kaufen mag als bei ihr.

-- Thatschlich knnte man nirgends so bedient werden, wie von diesem
liebenswrdigen...

-- O, noch mehr... mehr... fiel Grip ein, ohne das rechte Wort zu
finden.

-- Nun ja, von diesem bezaubernden jungen Mdchen! setzte Findling
hinzu.

-- Es geht also alles gut?

-- Wie ich Dir gesagt habe.

-- Und der Herr Balfour?...

-- Mit Herrn Balfour ebenso.

-- Ich spreche nicht von seinem Gesundheitszustande, antwortete Grip
etwas lebhafter. Was geht mich Herrn Balfour's Gesundheit an?...

-- Wohl aber mich, lieber Grip. Er ist uns sehr ntzlich. Er ist ein
vorzglicher Buchhalter....

-- Er versteht also seine Sache?

-- Vollkommen.

-- Mir kommt er schon etwas alt vor.

-- Nein, davon merkt man nichts.

-- Hm!

Dieses Hm! schien zu sagen, da der Herr Balfour doch baldigst die
Grenze des leistungsfhigen Alters erreichen msse.

Hiermit brach das Gesprch ab. Als Findling der Kat davon erzhlte,
konnte diese ein leises Kichern nicht unterdrcken.

Sogar Bob machte sich darber seine eignen Gedanken, und mehrere Tage
spter fragte er Grip:

Der Vulcan wird wohl bald wieder abdampfen?

-- Ja... man spricht davon... es scheint so, erwiderte Grip, dessen
Stirn sich bewlkte, wie der Himmel bei einem Sdwestwinde.

-- Und da wirst Du, fuhr and Co. fort, auch wieder die Kessel bedienen?

Die Augen des ersten Heizers leuchteten auf, als htte er die Kohlen auf
dem Kesselroste schon durch einen Blick allein haben anznden knnen.
Das kam jedoch wohl nur daher, da Sissy gerade lchelnd durch den Laden
ging und stehend bleibend sagte:

Grip, wrden Sie mir da den Kasten mit Chocolade herunterholen... ich
bin nicht gro genug....

Der Heizer holte sofort den Schubkasten.

... oder auch:

Wrden Sie mir wohl jenen Laib Zucker heruntergeben... ich bin nicht
stark genug dazu.

Und Grip brachte ihr den schweren Zuckerhut.

Wird Deine diesmalige Reise lange dauern? fragte Bob, dem es -- man sah
es an seinen verschmitzten Blicken -- Spa machte, den Freund etwas auf
die Folter zu spannen.

-- Ich frchte, sehr lange! antwortete der Heizer, den Kopf schttelnd.
Wenigstens vier bis fnf Wochen.

-- Bah, fnf Wochen! Die sind bald dahin. Ich glaubte, Du wolltest fnf
Monate sagen.

-- Fnf Monate?... Warum nicht gar gleich fnf Jahre! rief Grip,
erschrocken wie ein armer Teufel, der eben zu fnf Jahren Gefngni
verurtheilt wurde.

-- Na... da bist Du also ganz glcklich, Grip?

-- Sapperment... was soll ich denn sein?... Natrlich bin ich's!

-- Nein, Du bist ein rechter... Querkopf!

Bob lief dabei mit einer bezeichnenden Grimasse davon.

In der That lebte Grip eigentlich gar nicht mehr, denn man kann es nicht
leben nennen, wenn einer, in Gedanken versunken, sich berall an den
Kopf stt, wie die Fliege an einer Lampenglocke. So war es fr ihn, da
er einmal noch nicht zu dem Entschlusse, dazubleiben, kam, ganz gut, da
sein Schiff am 22. Juni wieder abfuhr.

Whrend seiner jetzigen Abwesenheit lie sich die Firma Little Boy auf
ein auch von O'Brien gern gutgeheienes Geschft ein, das reichlichen
Gewinn versprach. Es handelte sich um ein neues Spielzeug, von dessen
Erfinder Findling das Patent erwarb.

Dieses Spielzeug machte umsomehr Aufsehen, weil es das Haus Little
Boy and Co., d.h. weil es zwei Knaben waren, die den Alleinverkauf
desselben in die Hand genommen hatten. Zu Beginn der Sommerreisen nach
den Seeksten wollte die ganze kindliche Gentry das Ding haben, das
brigens nicht zu billig war, und Bob, dem der Verkauf zufiel, vermochte
oft die Wnsche der Kunden kaum zu befriedigen. Sissy mute ihm
beispringen, und deshalb ging der Handel gewi nicht schlechter und
bertraf in den Einnahmen sogar die der andern Branchen des Geschfts.
Jener besondre Artikel bereicherte die Casse allein um mehrere hundert
Guineen. Voraussichtlich betrug das Vermgen des Hauses am Ende des
Jahres, den noch regeren Weihnachtsumsatz eingerechnet, gut dreitausend
Pfund Sterling.

Das gestattete nun dem jungen Inhaber des Kleinen Geldbeutels, Sissy,
wenn diese sich verheiraten sollte, eine hbsche Aussteuer mit auf den
Weg zu geben. Grip war ja ein recht hbscher junger Mann, der einen
vollkommenen Ehemann abgeben mute und der ihr offenbar gefiel, wenn sie
sich auch htete, das merken zu lassen. Alle im Hause wuten es jedoch
ganz gut. Nur Grip schien zu keiner Entscheidung zu kommen; er that, als
ob ohne ihn die ganze Maschinerie seines Dampfers in Unordnung kommen
mte, und hatte damals, als Findling von seiner etwaigen spteren
Verheiratung sprach, vor Lachen fast bersten wollen.

Natrlich erschien unter diesen Umstnden der erste Heizer des am 29.
Juli zurckgekehrten Vulcan nur noch linkischer, grbelnder, dsterer,
kurz, unglcklicher als vorher. Sein Schiff sollte am 15. September
wieder auslaufen, und man fragte sich, ob er wohl auch diesmal wieder
mitfahren wrde.

Das war fast anzunehmen, da Findling -- welche Bosheit! -- fest
entschlossen war, die Lsung der in der Luft schwebenden Frage nicht
zu beschleunigen, so lange es Grip nicht ber sich gewonnen htte,
ausdrcklich davon zu reden und ihn darum zu fragen. Es handelte sich ja
um seine groe Schwester, die von ihm abhing, fr deren Lebensglck er
die Verantwortung trug. Die erste Bedingung -- das =sine qua non= -- die
er stellte, war aber die, da Grip seine Seemannslaufbahn aufgab und als
Theilhaber in das Handelsgeschft eintrat.

Einmal wurde nun Grip bezglich seiner Herzensangelegenheit so sehr an
die Mauer gedrckt, da er sich eigentlich htte erklren mssen.

Eines Tags, als er sich um die Kat zu thun machte -- und dieser wrdigen
Frau htte er sich zuerst vielleicht am liebsten offenbart -- begann die
Kat ganz hingeworfen:

Ist's Ihnen nicht aufgefallen, Grip, da die Sissy von Tag zu Tag
reizender wird?

-- Nein, antwortete Grip, das hab' ich nicht bemerkt. Warum sollte mir's
auch aufgefallen sein?... Ich achte doch darauf nicht so besonders...

-- Ah, so, Sie bemerken das also nicht?... Nun, dann machen Sie
nur einmal die Augen ordentlich auf, da werden Sie ja sehen, welch
wunderhbsches Mdchen wir hier haben. Wissen Sie denn, da sie bald
neunzehn Jahre alt wird?

-- Was?... Schon?... versetzte Grip, der das Alter Sissys auf die
Stunde genau kannte. Sie irren sich wohl, Kat!

-- Nein, gewi nicht... neunzehn Jahre... sie wird nun bald heiraten
mssen... Findling wird einen braven Mann fr sie suchen, so einen
von sechs- bis siebenundzwanzig Jahren... ja, ungefhr wie Sie. Es mu
natrlich einer sein, zu dem man volles Vertrauen haben kann... und der
nicht der Marine angehrt... nicht der Marine... Seemann... Ehemann,
das stimmt nicht gut zusammen. Da Sissy auerdem eine hbsche Mitgift
bekommt...

-- Die braucht sie gar nicht, warf Grip dazwischen ein.

-- Das ist wahr... eine so liebreizende Person... am letzten Ende ist
es aber doch nicht schdlich.... Na, unser junger Herr wird wohl bald
den Rechten finden....

-- Er hat wohl schon einen im Auge?

-- Ich glaub' es.

-- Einen, der hufig nach dem Bazar kommt?

-- Sehr hufig.

-- Kenne ich ihn?

-- Nein... mir scheint, Sie kennen ihn nicht, antwortete Kat mit einem
Blicke auf Grip, der die Augen niederschlug.

-- Und... der... der gefllt auch Mamsell Sissy? fragte er, wobei ihm
die Worte halb in der Kehle stecken blieben.

-- Ja, wer kann das wissen? Bei Leuten, die nicht von der Leber weg
reden...

-- Herr Gott, was giebt es doch fr Schwachkpfe! rief Grip.

-- Ja, das find' ich allerdings auch! stimmte die gute Kat ihm zu.

Auch dieser Wink mit dem Zaunpfahle verhinderte den Heizer nicht, acht
Tage spter mit abzufahren. Als er am 29. October wiederkam, sah man's
ihm auf dem Gesicht an, da er einen groen Entschlu gefat hatte, nur
gelang es ihm noch nicht, diesen in Worte zu kleiden.

Jetzt hatte er freilich gengende Zeit dazu. Der Vulcan sollte zwei
Monate lang hier liegen bleiben, um verschiedene nothwendig gewordene
Reparaturen daran auszufhren, und zwei Monate reichen doch brig dazu,
ein einziges kleines Wort auszusprechen.

Mamsell Sissy ist doch noch nicht verheiratet? hatte er die Kat beim
ersten Besuche gefragt.

-- Das noch nicht... lange wird's aber nicht mehr dauern... Es brennt
schon! antwortete darauf die gute Frau.

Nach Abtakelung des Vulcan hatte Grip an Bord selbstverstndlich
nichts zu thun, und folglich hielt er sich sehr hufig -- sagen wir
lieber immer -- im Bazar von Little Boy auf. Hchstens wenn er hier
gleich wohnte, htte er noch mehr daselbst sein knnen. Whrend seiner
ganzen Urlaubszeit kamen die Sachen jedoch keinen Schritt weiter.

Als die Reparaturen des Vulcan in der dazu bestimmten Frist beendigt
waren, sollte er eine Woche spter wieder in See gehen. Und dieser
Schwachkopf von Grip hatte den Mund noch immer nicht aufgethan --
wenigstens nicht, um das zu sagen, was man von ihm erwartete.

Da ereignete sich in der ersten Decemberwoche ein unerwarteter
Zwischenfall.

Ein an O'Brien gerichteter Brief, die Antwort auf dessen letzte Anfrage
in Australien, brachte folgende Nachrichten:

Martin und Martine Mac Carthy, Murdock, dessen Frau und Tchterchen,
sowie Sim und Pat, die jenen gefolgt waren, hatten sich in Melbourne zur
Rckkehr nach Irland wieder eingeschifft. Das Glck war ihnen auch hier
nicht gnstig gewesen und sie kamen ebenso elend heim, wie sie einst
fortgegangen waren. Das Emigrantenschiff, auf dem sie sich befanden, der
Segler Queensland, konnte vor Ablauf von drei Monaten in Queenstown
schwerlich eintreffen.

Unsern Findling betrbten diese Nachrichten recht schmerzlich, meldeten
sie ihm doch, da die Familie Mac Carthy auch heute noch unglcklich,
ohne Arbeit und ohne Mittel sei. Er sollte aber wenigstens seine
Adoptiveltern wiedersehen, sollte endlich die Genugthuung haben, ihnen
beistehen zu knnen. Ja, wenn er zehnmal so vermgend gewesen wre, um
ihre Lage zehnmal besser gestalten zu knnen!

Den Brief, den er sich von O'Brien erbeten hatte, verschlo er in
seinem Schreibtische, und -- wunderbar! -- von jenem Tage ab erwhnte er
desselben mit keiner Silbe und sprach auch berhaupt nicht mehr von den
frheren Pchtern von Kerwan.

Jene Nachrichten bten aber einen unerwarteten Einflu auf Grip aus. Das
Menschenherz bleibt ja immer gleich, selbst in der Brust eines ersten
Heizers. Da sollten die Mac Carthy's heimkehren, die beiden Brder Sim
und Pat, gewi jetzt ein paar prchtige Burschen, die Findling fast wie
leibliche Brder liebte... wer konnte wissen, ob er nicht einem von
diesen diejenige, die fast seine Schwester war, zugedacht hatte? Kurz,
Grip wurde eiferschtig, entsetzlich eiferschtig, und am 9. December
war er fest entschlossen, der Ungewiheit ein Ende zu machen, als
Findling ihn zur Seite nahm und sagte:

Komm nach meinem Comptoir, Grip, ich habe mit Dir zu sprechen.

Ganz bleich -- er hatte das Vorgefhl, da es sich um etwas sehr
wichtiges handelte -- folgte Grip der Aufforderung Findlings.

Als sie sich allein gegenber saen, begann der Chef des Kleinen
Geldbeutels trocknen Tones:

Ich werde mich voraussichtlich auf ein umfnglicheres Geschft
einlassen, und dazu braucht' ich Dein Geld.

-- Na, meinte Grip, das giebt nicht sehr viel. Wie viel brauchst Du
denn?

-- Alles, was Du in der Sparcasse liegen hast.

-- Nimm, was Du willst.

-- Hier ist Dein Sparbuch. Du mut es unterzeichnen, damit ich das Geld
erheben kann.

Grip schlug das Buch auf und unterschrieb.

Was Deine Zinsen betrifft, fuhr Findling fort, sprech' ich davon jetzt
nicht.

-- Das ist auch nicht der Mhe werth....

-- Nein, weil Du von heute an Theilhaber der Firma Little Boy and Co.
bist.

-- In welcher Eigenschaft?...

-- Nun, als richtiger Associ.

-- Ja... aber mein Schiff?

-- Du verlangst Deine Entlassung.

-- Und mein Beruf?

-- Den giebst Du auf.

-- Weshalb mt' ich den aufgeben?

-- Weil Du Sissy heiraten sollst.

-- Heiraten?... Ich?... Die Mamsell Sissy! rief Grip, der das gar
nicht fassen zu knnen schien.

-- Ja, ja, sie will es selbst.

-- Wa...s? Sie selbst wollte...

-- Gewi; und da es Dein Wunsch auch ist...

-- Mein Wunsch... ich wei nicht... freilich...

Grip wute gar nicht, was er antwortete, und hrte kein Wort mehr von
dem, was Findling zu ihm sagte. Er ergriff seinen Hut, stlpte ihn auf
den Kopf, nahm ihn wieder ab, legte ihn auf einen Stuhl und setzte sich
dann selbst darauf, ohne es zu merken.

Achtung, rief Findling lachend, nun wirst Du Dir zur Hochzeit einen
neuen anschaffen mssen.

Natrlich kaufte er gern einen andern Hut, doch wie er berhaupt zu
dieser Heirat gekommen war, das begriff er nimmermehr. Lange Zeit konnte
ihn niemand aus seiner Verwunderung reien... nicht einmal Sissy. Doch,
so etwas geht ja mit der Zeit vorber.

Jedenfalls legte Grip am frhen Morgen des Weihnachtsheiligabends ganz
schwarze Kleidung an, als ob er zu einer Beerdigung -- und Sissy ein
ganz weies Gewand, als ob sie zu einem Balle gehen wollte. Findling,
Bob und Kat zogen ebenfalls den Sonntagsstaat an, obwohl es Freitag war.
Dann holten zwei Wagen alle an der Thr des Kleinen Geldbeutels ab, um
sie nach der Kapelle in der Bedford-Street zu bringen. Und als Grip und
Sissy eine halbe Stunde spter das Gotteshaus wieder verlieen, da waren
sie pltzlich Mann und Frau geworden.

Auer dieser Kleinigkeit hatte sich nichts verndert, als die frhliche
Gesellschaft nach dem Bazar von Little Boy and Co. zurckkehrte. Sofort
wurde der Verkauf wieder aufgenommen, denn am Abend vor Weihnachten
konnte man doch der zahlreich herbeistrmenden Kundschaft einen so
reichlich ausgestatteten Laden nicht verschlieen.




XIV.

Das Meer von drei Seiten.


Am 15. Mrz, etwa drei Monate nach der Hochzeit Grips und Sissys,
verlie der Schooner Doris den Hafen von Londonderry und stach bei
gnstigem Nordostwind ins Meer.

Londonderry ist die Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft, die
im Norden Irlands an Donegal grenzt. Die Bewohner von London sagen
Londonderry, weil diese Grafschaft fast gnzlich Krperschaften der
Hauptstadt der Britischen Inseln gehrt -- freilich nur in Folge
frherer Confiscationen -- und weil Londoner Capital die Stadt wieder
aus ihren Ruinen erstehen lie. Paddy dagegen sagt, weil er nicht anders
zu protestieren vermag, einfach Derry, und es wird ihn niemand darum
tadeln wollen.

Der am linken Ufer und nahe der Mndung der Foyle gelegne Hauptort der
Grafschaft ist eine bedeutendere Stadt. Ihre breiten, luftigen,
gut unterhaltenen Straen zeigen, trotz einer Bevlkerung von
fnfzehntausend Seelen, nicht viel Verkehr. Man findet hier Spaziergnge
an der Stelle der alten Wlle, eine bischfliche Kathedrale auf einem
Hgel und auch einzelne, kaum erkennbare Spuren der Abtei St. Columba
und des Tempal More, eines merkwrdigen Gebudes aus dem zwlften
Jahrhundert.

Der belebte Hafen fhrt eine Menge Erzeugnisse aus, Waaren aller Art,
Schiefer, Bier und Vieh, aber auch recht viele Auswandrer. Wie viele
dieser von der Noth vertriebenen unglcklichen Irlnder kehren aber
schlielich in die Heimat zurck!

Es ist kein besondres Ereigni, da ein Schooner den Hafen von
Londonderry verlt, wo tglich Hunderte von Fahrzeugen die enge Bai des
Lough-Foyle hinauf- und herabsegeln. Warum sollte also die Abfahrt
der Doris auffallen bei einem Schiffsverkehr, der sich jhrlich auf
sechsmalhunderttausend Tonnen beluft?

Das ist ja richtig. Die Golette verdient aber unsre besondre
Aufmerksamkeit, weil sie Csar und sein Glck trug. Csar war in
diesem Falle freilich Findling, und sein Glck (oder Vermgen) war die
Ladung, die das Schiff nach Dublin bringen sollte.

Der jugendliche Chef von Little Boy and Co. befand sich an Bord der
Doris aber aus folgenden Grnden:

Nach der Verheiratung Sissys und Grips war der Kleine Geldbeutel
wegen des neuen Jahres sehr stark beschftigt gewesen. Da galt es, die
Inventur aufzustellen, die zahlreichen Kufer zu befriedigen, den Bazar
noch mehr zu erweitern u. s. w. Grip war tchtig ins Zeug gegangen,
obgleich er sein eheherrliches Erstaunen noch nicht berwunden hatte.
Der Gatte der reizenden Sissy zu sein, das erschien ihm immer noch wie
ein Traum, der jeden Augenblick verschwinden knnte.

Ich versichere Dir aber, da Du verheiratet bist, sagte ihm Bob
wiederholt.

-- Ja, ja, Bob, es scheint mir auch so, und doch... manchmal kann ich's
gar nicht glauben.

Das Jahr 1887 begann also unter den gnstigsten Verhltnissen. Findling
konnte nur wnschen, da alles in gleicher Weise fortginge; nur eine
schwere Sorge drckte ihn: das Los der Mac Carthy's sicherzustellen,
wenn die armen Leute den Fu wieder auf irischen Boden setzen wrden.

Ueber den Queensland, auf dem sie sich befanden, war bisher nichts zu
hren gewesen, obwohl Findling alle Seeberichte aufmerksam verfolgte.
Erst am 14. Mrz fand er in der Shipping-Gazette folgende Zeilen:

Der Dampfer Burnside hat am 3. laufenden Monats den Segler
Queensland bei Assuncion getroffen.

Segelschiffe, die von Sden her kommen, knnen ihre Fahrt nicht
durch Bentzung des Suezcanales abkrzen, denn es ist schwierig, ohne
Maschinenkraft das Rothe Meer hinauf zu fahren. Der Queensland mute
also von Australien nach Europa den Weg ums Cap der Guten Hoffnung
einschlagen und befand sich demnach jetzt noch auf hoher See. Bei
gnstigem Winde konnte er nach zwei bis drei Wochen in Queenstown
eintreffen. Bis dahin hie es also sich zu gedulden.

Die Begegnung der beiden Schiffe gab doch wenigstens einen Fingerzeig.
Jedenfalls hatte Findling gut daran gethan, jene Nummer der
Shipping-Gazette zu lesen, schon weil er dabei folgende Anzeige fand:

Londonderry, den 13. Mrz. -- Uebermorgen, am 15. d., kommt die Ladung
des Schooners Doris von Hamburg zur ffentlichen Versteigerung. Diese
betrgt hundertfnfzig Tonnen und umfat Alkohol und Wein in Fssern,
Kisten mit Seife, Ballen mit Kaffee, Scke mit Gewrzen u. s. w. --
Der Verkauf findet statt auf Antrag der Glubiger, der Herren Gebrder
Harrington u. s. w.

Findling kam beim Lesen dieser Annonce der Gedanke, da hier vielleicht
etwas zu verdienen sei, da die Fracht der Doris bei einer Auction
voraussichtlich zu billigem Preise wegging. Die Art der Waaren pate
ja fr sein eignes Geschft, und so ging ihm die Sache so sehr im Kopfe
herum, da er O'Brien deshalb um Rath fragte.

Der Ex-Kaufmann durchlas die Anzeige, hrte die Erwgungen des Knaben an
und antwortete nach einiger Ueberlegung:

Ja, hier wre wohl ein Geschft zu machen. Alle diese Waaren lieen
sich, wenn man sie billig ersteht, mit hbschem Nutzen verwerthen...
doch unter zwei Bedingungen: erstens, da sie tadelloser Qualitt
sind, und zweitens, da man sie fnfzig bis sechzig Procent unter dem
Marktpreise erhlt.

-- Das ist auch meine Meinung, Herr O'Brien, antwortete Findling; es
lt sich etwas bestimmtes ber die Sache nicht eher sagen, als bis man
die Ladung der Doris selbst besichtigt hat. Ich denke noch heute Abend
nach Londonderry zu fahren.

-- Du hast Recht... ich werde Dich begleiten, mein Sohn. Ich verstehe
mich auf derlei Waaren, mit denen ich mein Leben lang zu thun gehabt
habe.

-- Ich danke Ihnen, Herr O'Brien, nur wei ich nicht, wie ich Ihnen
meine Erkenntlichkeit beweisen kann....

-- Versuchen wir, aus der Sache ein gutes Geschft zu machen, mehr
verlange ich nicht.

-- Dann ist aber keine Zeit zu verlieren, erwiderte Findling, die
Versteigerung ist schon fr bermorgen angesetzt....

-- Ich bin bereit, mein Sohn; ich brauche nur meine Reisetasche zu
holen. Morgen sehen wir uns die Ladung der Doris ganz genau an.
Uebermorgen kaufen wir sie oder kaufen sie nicht, je nach ihrer Gte und
ihrem Preis, und am Abend geht's zurck nach Dublin.

Findling benachrichtigte Grip und Sissy sofort von seiner Absicht,
ein Geschft zu wagen, das fast seine gesammten Geldmittel in Anspruch
nehmen wrde. Er vertraute ihnen also fr achtundvierzig Stunden die
Oberleitung des Bazars Zum kleinen Geldbeutel an.

So kurz die Trennung auch war, konnten sich Grip und Bob doch gar nicht
darein finden... vorzglich der kleine Knabe nicht. Seit viereinhalb
Jahren war es das erste Mal, da Findling und er nicht bei einander sein
sollten. Auch zwei leibliche Brder htte kein innigeres Band verknpfen
knnen. Sissy sah ihr liebes Kind nicht ohne Beunruhigung fortgehen.
Eine Abwesenheit von wenigen Tagen hatte am Ende aber doch nicht viel
zu bedeuten. Was das Vorgehen Findlings selbst betraf, das auch O'Brien
gebilligt hatte, wute sie ja, da jener nichts unternehmen wrde, was
seine Lage erschttern und einer halsbrecherischen Speculation hnlich
sein knnte. Mit dem Zuge zehn Uhr abends fuhren die beiden Kaufleute,
der alte und der junge, ab. Diesmal kam Findling ber Belfast, die
Hauptstadt der Grafschaft Down hinaus... Belfast, wo er seine liebe
Sissy wiedergefunden hatte. Am folgenden Morgen um acht Uhr langten die
beiden Reisenden am Bahnhofe in Londonderry glcklich an.

Wie seltsam doch das Schicksal spielt! In Londonderry, wo er jetzt ein
bedeutendes Handelsgeschft abschlieen wollte, befand sich Findling nur
dreiig Meilen weit von dem Weiler Rindock, im Herzen von Donegal, wo
sein Leben unter so elenden Verhltnissen begonnen hatte. Ein Dutzend
Jahre waren vergangen, er hatte inzwischen ganz Irland durchstreift und
wie viel Glckswechsel erlitten, wie viele Widerwrtigkeiten zu besiegen
gehabt! Mute er nicht unwillkrlich an die jetzige Vernderung seiner
Lage denken?

O'Brien unterwarf die Ladung der Doris einer sehr eingehenden Prfung.
Der Qualitt und der Art nach entsprachen die Waaren vollstndig den
Ansprchen des Hauses zum Kleinen Geldbeutel. Konnte er sie billig
erstehen, so erzielte er damit einen groen Gewinn, der sein Capital
mindestens vervierfachte. Der alte Kaufmann htte auch nicht gezgert,
dieses Geschft fr eigne Rechnung zu unternehmen. Er rieth Findling
sogar, den Gebrdern Harrington noch vor der Auction einen annehmbaren
Preis zu bieten.

Der Rath erwies sich gut. Findling traf mit den Glubigern der
Doris ein Uebereinkommen und erhielt die ganze Ladung zu einem desto
annehmbareren Preise, als er sofortige Bezahlung dafr leistete. Wenn
schon die Jugend des Kufers die Verwunderung der Herren Harrington
erweckte, so that das der Scharfsinn, womit dieser sein Interesse
wahrnahm, nur noch viel mehr. Da sich auch O'Brien persnlich verbrgte,
wickelte sich die Angelegenheit ganz allein ab und wurde bei der ersten
Verhandlung darber mittelst eines Checks auf die Bank von Irland
geregelt.

Fr dreitausendfnfhundert Pfund -- fast das ganze Vermgen Findlings --
erhielt dieser die ganze Ladung der Doris, nach Abschlu des Geschfts
aber konnte er sich einer gewissen Erregung doch nicht ganz erwehren.

Was den Transport der Fracht nach Dublin betraf, schien es am
einfachsten, gleich die Doris dazu zu bentzen, um eine Ueberladung
nach einem andern Schiffe zu ersparen. Der Kapitn derselben verlangte
auch gar nicht mehr, als da ihm seine Schiffsmiethe gesichert wurde,
und bei gnstigem Wind konnte die Ueberfahrt kaum mehr als zwei Tage in
Anspruch nehmen.

Nachdem auch das geordnet war, hatten O'Brien und sein junger Begleiter
nur wieder den Abendzug zu besteigen, dann wrde ihre Abwesenheit nicht
mehr als sechsunddreiig Stunden gedauert haben.

Da kam es Findling in den Sinn, O'Brien den Vorschlag zu machen, auf der
Doris nach Dublin heimzukehren.

Ich danke Dir, mein Sohn, antwortete der alte Kaufmann, doch das Meer
und ich, wir sind niemals die besten Freunde gewesen. Doch wenn Du Lust
hast...

-- Gewi, Herr O'Brien. Eine so kurze Ueberfahrt bietet ja keine so
besondre Gefahr und ich wrde lieber bei meiner Waarenladung bleiben.

O'Brien fuhr also allein nach Dublin zurck, wo er mit dem Frhroth des
folgenden Tages eintraf.

Im gleichen Augenblick verlie die Doris den Canal der Foyle und
steuerte nach dem engen Fahrwasser, das die Bai mit dem Canal des
Nordens in Verbindung setzt.

Die Nordwestbrise war ihrer Fahrt gnstig; bei Fortdauer derselben mute
die Ueberfahrt ausgezeichnet verlaufen. Der Schooner konnte sich in der
Nhe der Kste halten, wo das Meer unter dem Schutze der hohen Ksten
stets ruhiger ist. Freilich ist man im Monat Mrz bei Annherung der
Tagundnachtgleiche im irischen Meere niemals vor Ueberraschung sicher.

Die Doris wurde von einem Kapitn der Kstenfahrt John Clear
befehligt, der acht Matrosen zu ihrer Bedienung hatte. Alle schienen
mit ihrer Aufgabe bestens vertraut und kannten die Kste von Irland von
vielen Fahrten lngs derselben her genau. Von Londonderry nach Dublin
wren sie zur Noth mit geschlossenen Augen gesegelt.

Unter vollen Segeln glitt die Doris aus der Bai hinaus. Auf dem Meere
angelangt, konnte Findling den Hafen von Innishafen erkennen, der am
Eingang einer durch die Spitze von Donegal gedeckten Bai liegt, und
weiterhinaus das mit dem Cap Malin auslaufende lange Vorgebirge, das im
Norden Irlands am allerweitesten hinausragt.

Der erste Tag lie sich ganz glcklich an. Fr den jungen Knaben war
es ein wahrer Hochgenu, unter den Segeln der Doris ber das leicht
bewegte Meer dahinzuschaukeln. Von der Seekrankheit fhlte er keine
Spur. Ein Schiffsjunge htte nicht mehr Seemann sein knnen als er. Nur
ein Gedanke beschftigte ihn wiederholt, der an die im Raum der Golette
verstaute Fracht und daneben an die ungeheure Tiefe, die sich nur zu
ffnen brauchte, um sein ganzes Vermgen zu verschlingen.

Fr diese Befrchtung lag jedoch kaum ein Grund vor. Die Doris war
ein solides Fahrzeug und ein vortrefflicher Segler, mit dem ihr Kapitn
unter allen Verhltnissen umzugehen verstand.

Wie schade, da Bob nicht mit an Bord war! Wie htte sich dieser
gefreut, einmal wirklich zu schwimmen, nicht wie auf dem Vulcan, wenn
dieser im Hafen von Cork oder Dublin vor Anker lag. Htte Findling
eine Ahnung von dieser Rckfahrt zu Wasser gehabt, so wrde er Bob
unzweifelhaft mitgenommen haben und dieser wre am Ziele seiner
sehnlichsten Wnsche gewesen.

Das Ufer, das sich lngs der Grafschaft Antrim hinzieht, ist herrlich
anzusehen. Es hat berall weie Mauern von Kreidefelsen und in diesen
so viele Hhlen, da das ganze Personal der galischen Mythologie darin
Raum gefunden htte. Hier ragen die Kaminschornsteine empor, deren
Rauch nur aus dem Wasserdunst der Brandung besteht, und erheben sich
trotzige Steilufer, die mehr den Mauern einer Festung gleichen. Dort
wieder dehnt sich die Chausse der Riesen aus, die aus lothrecht
stehenden Sulen, wunderlichen Basaltpfeilern, gebildet ist, welche von
den anprallenden Wogen einen metallischen Ton geben, und deren es, wenn
man den Touristen glauben darf, ber vierzigtausend geben soll. Alles
das bietet einen bezaubernden Anblick.

Die Doris htete sich freilich, dem Riffgrtel nahe zu kommen, und
um vier Uhr nachmittags segelte sie, das schottische Mull von Cantire
nordstlich liegen lassend, zwischen dem Cap Fair und der Insel Rathlin
ein, um den Nordcanal zu gewinnen.

Die Nordwestbrise hielt sich bis drei Uhr nachmittags und zertheilte die
hoch in der Luft dahinziehenden Wolken.

Whrend der Schooner so in zwei bis drei Meilen Entfernung vom Ufer
dahinsteuerte, war kaum ein leichtes Rollen, und vorzglich gar kein
Schlingern des Schiffes wahrzunehmen. Findling hatte das Deck keinen
Augenblick verlassen; hier wollte er bleiben, bis ihn vielleicht
die nchtliche Klte nach der Cabine des Kapitns hinuntertrieb.
Voraussichtlich lie diese erste Seefahrt in ihm die angenehmste
Erinnerung zurck, und er beglckwnschte sich schon, seine Ladung
selbst begleitet zu haben. Er hoffte mit einem gewissen Stolz in den
Hafen von Dublin einzulaufen, wo ihn Grip, Sissy, Bob und Kat, die
ja von O'Brien benachrichtigt sein muten, gewi mit Jubel empfangen
wrden.

Zwischen vier und fnf Uhr nachmittags ballten sich im Osten dichte
Dunstmassen zusammen. Der Himmel nahm schnell ein mehr bedrohliches
Aussehen an. Die scharfbegrenzten, vor entgegengesetztem Winde
treibenden Wolken stiegen mit groer Schnelligkeit auf. Keine Lichtung
verrieth, da diese Windrichtung vor Einbruch der Nacht wieder
umschlagen wrde.

Achtung vor der Be! Das schien am uersten Rande des Meeres
geschrieben zu sein. John Clear verstand es, denn seine Stirn
verdsterte sich, als er den Horizont aufmerksam musterte.

Nun, Herr Kapitn, fragte Findling, den die Haltung John Clear's nicht
weniger wie die der Matrosen etwas staunen machte.

-- Ja, die Sache gefllt mir nicht, antwortete der Kapitn, der sich
nach Westen zu wandte.

In der That flaute die bisherige Brise schon merkbar ab. Die schlaffen
Segel begannen klatschend an die Masten zu schlagen. Nur dann und wann
vermochte sie noch ein leiser Windhauch zu schwellen. Die jetzt weniger
gehaltene Doris begann zu rollen. Das Steuerruder versagte, da das
Schiff kaum noch Fahrt machte, fast den Dienst.

Findling litt von diesem Rollen inde nicht allzuviel, obwohl dasselbe
auf den sonst ruhigen Meeren unangenehmer erscheint, und er ging auch
nicht nach der Kapitnscabine hinunter, wozu ihn John Clear schon
aufgefordert hatte.

Inzwischen wurden die Windste von Osten her hufiger und strker,
so da sie das Wasser der Oberflche des Canals zerstubten. Ueber zwei
Drittel des Horizonts flohen lange Wolken hin, die bei den Strahlen der
sinkenden Sonne noch drohender erschienen, als sie vielleicht wirklich
waren.

Der Kapitn Clear ordnete nun die nthigen Vorsichtsmaregeln an; er
lie die Segel einziehen oder brassen, und behielt nur die Stagsegel
bei, die ein Schiff nicht entbehren kann, wenn es gegen einen Sturm
aufkommen will. Der Schooner war brigens schon vorher etwas weiter
vom Ufer abgebracht worden, um, wenn er den Wind nicht passend abfangen
konnte, wenigstens nicht bis ans Land getrieben zu werden.

Jeder Seemann wei, da die atmosphrischen Strmungen zur Zeit
der Aequinoctien vorzglich im Norden hufig mit furchtbarer Gewalt
auftreten. Noch war es auch nicht Nacht geworden, als die Doris vom
heulenden Sturm gepackt wurde. Niemand, der nicht selbst Zeuge
eines solchen Vorganges gewesen ist, vermag sich davon eine richtige
Vorstellung zu machen.

Nach Sonnenuntergang erschien der Himmel vollkommen schwarz. Die Luft
zerri ein schrilles Pfeifen, unter dem zahlreiche Mwen nach dem Lande
zu flatterten. In einem Augenblick wurde der Schooner vom Kiel bis zu
den Mastspitzen gewaltig erschttert. Das Meer kam, wie der Ausdruck
lautet, von drei Seiten, das heit, die von wechselnden Windsten
gepeitschten Wogen strzten sich gleichzeitig ber den Bug und ber die
Seiten der Doris herein. Alles, vom Klverbaum bis zum Steuerruder,
wurde umgerissen und nur mit grter Mhe vermochte man sich auf dem
Verdeck zu erhalten. Der Mann am Steuer mute festgebunden werden und
die Matrosen suchten sich lngs der Bordwand zu schtzen.

Gehen Sie hinunter, sagte John Clear zu Findling.

-- Erlauben Sie mir, Kapitn...

-- Nein, nein, hinunter, sag' ich, oder Sie werden von einer Sturzwelle
mit hinausgesplt.

Findling gehorchte. Sehr beunruhigt kam er nach der Cabine, obwohl er
weit weniger an sich selbst dachte. Nur seine Ladung lag ihm am Herzen.
Sein ganzes Vermgen war jetzt an Bord eines Schiffes in Gefahr...
und wenn er es einbte, mute er auf alles, was er Gutes thun wollte,
verzichten....

Die Lage wurde allmhlich sehr ernst. Vergebens hatte der Kapitn
versucht, die Doris dem Sturme gerade entgegenzustellen, um sich
von der Kste zu entfernen, oder wenigstens nicht nher an dieselbe
herangetrieben zu werden. Da wurde gegen ein Uhr nachts leider die Fock-
und die Bugsprietstenge weggerissen und eine Stunde spter brachen auch
Masten.

Sofort neigte sich die Doris auf Steuerbord, und da die Fracht im Raum
sich verschoben hatte, konnte sie sich nicht wieder aufrichten und kam
in Gefahr, ber die Reling voll Wasser zu laufen.

Findling, der gegen die Wnde der Cabine geschleudert worden war, kam,
im Finstern umhertappend, mit Mhe wieder auf die Fe.

Da drang in einem ruhigeren Augenblicke lautes Geschrei bis zu ihm
herab. Auf dem Verdeck entstand ein unerkennbares Gerusch, so da man
fast glauben konnte, es sei durch eine einstrzende Welle eingeschlagen
worden.

Doch nein. Auer Stande, die Golette wieder emporzurichten und in der
Befrchtung, da sie untergehen werde, traf John Clear Vorbereitungen,
sie zu verlassen. Trotz der Schwierigkeit, die das Schiefstehen des
Schiffes mit sich brachte, hatte man bereits die Schaluppe ins Wasser
niedergelassen, um sich sofort in diese zu retten. Findling begriff das,
als er sich vom Kapitn durch die geffnete Treppenkappe rufen hrte.

Ihm konnte es aber gar nicht in den Sinn kommen, die Golette und
alles, was sie trug, zu verlassen. Wenn es nur eine einzige Aussicht auf
Rettung gab, wollte er diese wahrnehmen. Er kannte ja die Seegesetze:
wenn das Meer ein verlassenes Schiff nicht verschlingt, gehrt es dem
ersten, der an Bord desselben kommt. Das ist gesetzliche Bestimmung und
wird in England buchstblich so gehalten.

Das Schreien wurde lauter. John Clear rief auch noch immer nach
Findling.

Wo steckt er denn? wiederholte er.

-- Wir sinken!... Wir sinken! riefen die Matrosen.

-- Aber... der Knabe?...

-- Wir knnen nicht warten...

-- O, ich werde ihn finden!

Der Kapitn kam die Treppe herunter.

Findling war nicht mehr in der Cabine.

Ohne darber nachzudenken, mehr von Instinct geleitet, hatte er sich,
fest entschlossen, auf dem Schiffe auszuhalten, durch eine gebrochene
Luke in den untern Raum geflchtet.

Wo ist er? Wo ist er? wiederholte der Kapitn ihn laut rufend.

-- Er wird auf's Verdeck gekommen sein... meinte ein Matrose.

-- Wird ins Meer gestrzt sein, setzte ein andrer hinzu.

-- Wir sinken!... Wir sinken!

Diese Rufe kreuzten sich unter einem entsetzlichen Wirrwarr. Die Doris
hatte sich in der That bei einer furchtbaren Rollbewegung so weit
geneigt, da man frchten konnte, sie wrde bald mit dem Kiel nach oben
schwimmen.

Ein Zgern war nicht mehr mglich. Da Findling keine Antwort gab, war
er sicherlich, bei der Finsterni von keinem bemerkt, nach dem Verdeck
hinausgekommen und ber Bord geschwemmt worden.

Der Kapitn Clear erschien wieder, als die Golette unter zwei
ungeheuern Wellenbergen fast verschwand. Seine Mannschaft und er
sprangen in die Schaluppe, deren Taue sofort losgeworfen wurden. So
wenig man hoffen konnte, da das Boot dem wthenden Meere werde Trotz
bieten knnen, so gab es doch die letzte Aussicht auf Rettung, und unter
krftigem Ruderschlage entfernte es sich, um nicht in den Strudel des
versinkenden Schooners hineingezogen zu werden.

Die Doris war nun ohne Kapitn, ohne Mannschaft; sie war aber kein
verlassnes Fahrzeug, keine Seetrift, da Findling sich noch darauf
befand.

Er war allein... allein... jeden Augenblick bedroht, in die Tiefe
gerissen zu werden. Und doch verzweifelte er nicht; ein wunderbares
Vertrauen hielt ihn aufrecht. Nach dem Deck emporgestiegen, glitt er
bis zur Schanzkleidung unter dem Winde nach einer Stelle, wo das Wasser
nicht durch Speigatten eindringen konnte. Doch wie drngten sich da die
Gedanken in seinem Kopfe! Vielleicht war es zum letzten Male, da er
derer gedachte, die er liebte, der Mac Carthy's, der Familie, die
er sich mit Grip, Sissy, Bob, Kat und O'Brien geschaffen hatte, und
inbrnstig flehte er zu Gott, da er ihn retten mchte um ihret-, wie um
seiner selbst willen....

Die Doris beugte sich nicht weiter zur Seite, so da eine unmittelbare
Gefahr ausgeschlossen schien. Zum Glck hatte der feste Rumpf des
Schiffes gut zusammengehalten und noch konnte kein Wasser in dessen
Inneres dringen. Lag die Golette im Course eines andern Schiffes
und machten deren Retter ein Eigenthumsrecht daran geltend, so wrde
Findling bei der Hand sein, seine unversehrt gebliebene Fracht zu
beanspruchen, die von dem aufgeregten Meere ja nicht erreicht worden
war.

Die Nacht verging. Mit dem ersten Morgenrothe verlor der Sturm an
Strke. Freilich dauerte der hohe Seegang noch immer fort.

Findling lugte ins Weite hinaus und in der Richtung nach dem Lande zu.

Im Westen war nichts zu erkennen, keine Umrisse einer Kste in Sicht.

Jedenfalls hatte der nchtliche Sturm die Doris aus dem Nordcanal
verschlagen und schwankte sie jetzt auf dem freien irischen Meere,
vielleicht Dundalk oder Drogheda gegenber... doch in welcher
Entfernung von da?...

Drauen auf hoher See zeigte sich auch weder ein Schiff noch ein
Fischerboot, und von einem solchen aus htte man den schiefliegenden
Rumpf, der immer und immer wieder von den Wellenbergen verdeckt wurde,
kaum bemerken knnen.

Die einzige Hoffnung lag aber doch darin, bald aufgefunden zu werden.
Wenn die Doris etwa wieder weiter nach Westen hintrieb, mute sie noch
auf den Klippen, die die Kste umgrten, elend zu Grunde gehen.

Leider erwies sich jeder Versuch, ihr eine bestimmte Richtung zu geben,
ganz vergeblich, und vergeblich spannte Findling einen Fetzen Leinen
zwischen zwei Tauen auf. Auf eigne Hilfe konnte er also nicht mehr
rechnen -- er war nur noch in der Hand Gottes.

Der Tag verstrich ohne Verschlimmerung der Lage. Findling frchtete
jetzt nicht mehr, da die Doris untergehen knne, vorzglich, da auch
ihre Neigung nach Steuerbord nicht weiter zugenommen hatte. Nun blieb
ihm nur noch eins brig: Ausschau zu halten, ob sich nicht ein Schiff in
der Ferne zeige.

Inzwischen verzehrte der Knabe einen Imbi, um wieder etwas zu Krften
zu kommen, und keinen Augenblick bemchtigte sich seiner, der die volle
Herrschaft ber seine geistigen Fhigkeiten behielt, die Verzweiflung.
Er hatte nur das Eine im Auge: er vertheidigte hier sein ganzes Hab und
Gut.

Um drei Uhr nachmittags wirbelte im Osten eine Rauchsule in die Luft.
Eine halbe Stunde spter wurde ein groer Dampfer sichtbar, der in der
Entfernung von fnf bis sechs Meilen von der Doris nach Norden zu
steuerte.

Findling gab mit einer Flagge Nothzeichen... sie wurden nicht bemerkt.

Die auergewhnliche Energie des Knaben lie ihn auch jetzt den Muth
noch nicht verlieren, wo er mit herangekommenem Abend auf eine weitere
Begegnung nicht mehr zhlen durfte. Nichts deutete darauf hin, da er
sich nahe dem Lande befand. Die bewlkte, mondlose Nacht mute ganz
dunkel werden. Zum Glck schien wenigstens der Wind nicht wieder
auffrischen zu wollen und das Meer hatte sich wesentlich beruhigt.

Da es ziemlich kalt geworden war, schien es ihm am rathsamsten, in die
Cabine hinunter zu gehen, denn vom Deck aus htte er schon auf eine
halbe Kabellnge hinaus doch nichts zu erkennen vermocht. Erschpft
von den langen Stunden der Angst und auer Stande, dem Schlafe zu
widerstehen, zog Findling die Decke vom Lager, auf das er sich wegen der
schiefen Haltung des Schiffes nicht htte legen knnen und nachdem er
sich eingehllt und neben der Wand hingestreckt hatte, fiel er bald in
tiefen Schlummer.

Der Tag begann schon zu grauen, als er durch ein lautes Zanken drauen
erweckt wurde. Er richtete sich auf und lauschte. Befand sich die
Doris jetzt nahe der Kste?

War sie am frhen Morgen von einem andern Schiffe aufgefunden worden?

Uns gehrt es!... Wir waren zuerst daran! riefen einige Mnnerstimmen.

-- Nein... uns! antworteten andre.

Findling begriff sofort, was hier vorging. Irgendwelche
Schiffsmannschaften hatten wettgeeifert, das Wrack anzulaufen, und
stritten sich jetzt, wem es zufallen sollte. Jetzt hatten sie den
Rumpf erklettert, waren auf das Verdeck gekommen und geriethen ins
Handgemenge. Zwischen den Rettungsmannschaften hagelte es Schlge.

Findling htte sich nur zu zeigen gebraucht, um die Kampfhhne zur Ruhe
zu bringen. Dessen htete er sich aber weislich. Die Leute htten sich
einfach gegen ihn gewendet und ihn jedenfalls ber Bord geworfen, um
jeder spteren Reclamation zu entgehen. Er mute sich also ohne Sumen
verstecken und brachte sich zwischen den Waarenballen im Schiffsraume in
Sicherheit.

Einige Minuten spter hatte der Tumult aufgehrt -- ein Beweis, da
die Leute Friede geschlossen hatten. Sie waren bereingekommen, das
verlassene Schiff vereint nach dem nchsten Hafen zu bugsieren und dort
ihre Beute zu theilen.

Zwei Fischerboote, die vor Tagesanbruch aus der Bai von Dublin
abgesegelt waren, hatten den treibenden Schooner zwei bis drei Meilen
seewrts entdeckt und sofort aus Leibeskrften darauf zugehalten, denn
nach geltendem Gesetz und Recht gehrte die Trift dem, der zuerst die
Hand daran legte. Die Boote waren jedoch zu gleicher Zeit herangekommen.
Daraus entstand der Streit, das Handgemenge, die Prgelei, und
schlielich der beiderseitige Beschlu, die Beute zu theilen. Da htten
die saubern Kstenfischer freilich einen schnen Fang gemacht.

Kaum hatte Findling sich in den Frachtraum geflchtet, als die
Kerle auch schon die Treppe herabgepoltert kamen, um die Cabine zu
untersuchen. Findling konnte sich wahrlich Glck wnschen, ein sichres
Versteck aufgesucht zu haben, als er die Worte hrte:

Es ist ein wahrer Segen, da sich kein Mensch an Bord befindet!

-- O, wenn's nur einer war, den htten wir ja bald abgethan!

Die rohen Patrone wrden auch vor einem Verbrechen nicht
zurckgeschreckt sein, um sich das Eigenthum an der Seetrift zu sichern.

Eine halbe Stunde spter wurde der Rumpf der Doris von zwei Booten ins
Schlepptau genommen, die mit Hilfe der Segel und der Ruder der Bai von
Dublin zustrebten.

Um neuneinhalb Uhr befanden sie sich an deren Eingange. Da sie bei der
herrschenden Ebbe die Doris aber nur schwierig htten hineinlootsen
knnen, wendeten sie sich nach Kingstown, wo sie am Bollwerke anlegten.

Hier warteten viele Leute. Da die Ankunft der Doris signalisirt worden
war, hatten O'Brien, Grip und Sissy, Bob und Kat, die von deren Rettung
erfuhren, sofort einen Zug nach Kingstown benutzt und befanden sich
jetzt am Bollwerk.

Ihren Schmerz, als sie hrten, da die Fischer nur ein verlassenes Wrack
hereingeschleppt htten, kann man sich wohl vorstellen. Findling war
nicht mehr an Bord... er war also umgekommen. Grip und Sissy, Bob und
Kat weinten heie Zhren.

Da erschien der Hafenkapitn, dem die Untersuchung der Bergung oblag und
der zu entscheiden hatte, wem Schiff und Ladung rechtlich zukam. Hier
schienen die Bergungsmannschaften auergewhnliches Glck gehabt zu
haben.

Pltzlich tauchte durch die Treppenkappe ein Knabe auf. Da jubelten die
Seinigen hoch auf vor Freude und murrten und schimpften die Fischer als
Antwort.

Im nchsten Augenblick befand sich Findling auf dem Quai, wo ihn alle
herzlich umarmten. Dann trat er auf den Hafenkapitn zu.

Die Doris ist niemals verlassen gewesen, erklrte er mit fester
Stimme, und die Fracht, die sie trgt, gehrt mir!

In der That hatte er die reiche Ladung nur durch sein Verbleiben an Bord
gerettet.

Jede Verhandlung erschien berflssig. Findlings Anrecht war
unbestreitbar, das Eigenthum an der Fracht wurde ihm zugesprochen, wie
das an der Doris dem Kapitn Clear und seinen Leuten, die sich am
Tage vorher zu retten vermocht hatten. Die Fischer muten sich mit dem
gesetzlich bestimmten Bergelohn begngen.

Das war nun eine Freude, als alle eine Stunde spter im Bazar Zum
kleinen Geldbeutel wieder vereinigt waren. Die erste Seefahrt Findlings
hatte sich leider gar zu gefhrlich gestaltet. Und doch rief Bob immer:

Ach, ich mchte mit Dir auf dem Schiffe gewesen sein!

-- Auch unter diesen Verhltnissen, Bob?

-- Ja, erst recht!




XV.

Und warum nicht?


Entschieden verfolgte das Glck geradezu Findling, seit er
Trelingar-castle den Rcken gekehrt hatte, das Glck, Bob gerettet und
zu sich genommen, Grip und Sissy wiedergefunden und sie miteinander
vermhlt zu haben, ohne von den erfolgreichen Geschften zu reden, die
der junge Chef des Kleinen Geldbeutels machte. Er ging mit Sicherheit
in Folge seiner Intelligenz, sagen wir auch, seines Muthes, der
Gewinnung eines betrchtlichen Vermgens entgegen. Sein Verhalten auf
der Doris legte von seinem Muthe gewi ein rhmliches Zeugni ab.

Nur eines fehlte ihm, ohne das er nicht vollkommen glcklich sein
konnte: der Familie Mac Carthy die Wohlthaten, die er von ihr genossen
hatte, nicht haben vergelten zu knnen.

Jetzt erwartete er die Ankunft des Queensland mit grter Ungeduld,
wenn er sich auch sagte, da von Wind und Wetter abhngige Segler
ja sehr hufig Versptungen in ihrer Fahrt erleiden. Uebrigens hatte
Findling nicht versumt, nach Queenstown zu schreiben, damit die Rheder
des Queensland ihn sofort benachrichtigten, wenn ein Schiff gemeldet
wurde.

Inzwischen legte man im Bazar Zum kleinen Geldbeutel die Hnde nicht
in den Scho. Durch sein Abenteuer und sein muthiges Aushalten auf
der Doris war Findling zu einem Helden geworden -- einem Helden von
fnfzehn Jahren, was ihm das Interesse der ganzen Stadt nur noch mehr
sicherte. Die mit eigner Lebensgefahr vertheidigte Waarenladung brachte
ihm ber die maen Glck. Der Zulauf im Laden wurde immer grer, denn
jedermann wollte Thee aus der Doris, Zucker aus der Doris,
Gewrze und Wein... immer aus der Doris haben. Jetzt trat das
Spielwaarengeschft etwas zurck. Bob mute deshalb Findling, Grip und
noch zwei eingestellten Verkufern helfen, whrend Sissy kaum mit dem
Schreiben der Rechnungen fertig wurde. Nach O'Brien's Ansicht mute
sich das in jene Speculation gewagte Capital binnen wenigen Monaten
vervierfacht, wenn nicht verfnffacht haben. Aus den dreitausend Pfund
wurden voraussichtlich fnfzehntausend Pfund Sterling. Der Exkaufmann
gab Findling bezglich dieses Unternehmens gern allein die Ehre. Dabei
zugeredet hatte er ihm wohl, den ersten Gedanken daran hatte aber
Findling gehabt, als er die Anzeige in der Shipping-Gazette las, und
der Leser wei, mit welcher Energie er sein Vorhaben durchgefhrt hatte.

So erscheint es als kein Wunder, da der Bazar von Little Boy nicht
allein der reichlichst ausgestattete, sondern auch der schnste in
der Bedford-Street, ja im ganzen Stadtviertel wurde. Da hier eine
Frauenhand eingriff, erkannte man an tausend Kleinigkeiten. Grip, der
redlich half, fing auch allmhlich an zu glauben, da er deren Ehemann
sei, vorzglich als ihm die Ahnung kam, da die Reihe seiner Vorfahren
nicht mit ihm abschlieen wrde.

Alle fhlten sich glcklich und dankbar verpflichtet dem Knaben, der
ihnen ein so schnes Los zu bereiten verstanden hatte -- das heit alle,
die sich jetzt im Bazar Zum kleinen Geldbeutel um Findling vereinigt
fanden.

Was aus den andern, die in seinem Leben eine mehr vorbergehende Rolle
spielten, geworden wre oder werden wrde, darber wollte sich Findling
nicht den Kopf zerbrechen. Thornpipe zog wahrscheinlich noch im Lande
umher und stellte seine etwas alt gewordenen Knigspuppen zur Schau;
O'Bodkins wurmte gewi noch die freche Zerstrung seiner musterhaften
Bcher; der Marquis und die Marquise Piborne lebten in der hochvornehmen
Geistesbeschrnktheit weiter, die ihr Sohn unverndert geerbt hatte;
Scarlett verwaltete ohne Zweifel Trelingar-castle und was dazu gehrte
zu seinem Vortheil weiter und Mi Anna Walston.... starb jedenfalls
fast Abend fr Abend im fnften Acte. Von keinem der genannten war je
etwas zu hren gewesen, auer da sich -- nach der Times -- Lord Piborne
doch einmal entschlossen hatte, im Oberhause eine Rede zu halten, welch
lbliche Absicht nur deshalb nicht zur Ausfhrung kam, weil, als er das
Wort ergreifen wollte, das knstliche Gebi des hochedlen Herrn nicht
nach Wunsch fungierte. Carker war zum Erstaunen Grips noch immer nicht
gehenkt worden; er nherte sich dem Galgen aber jedenfalls mehr und
mehr, nachdem er unlngst in London bei einer polizeilichen Razzia mit
einer ganzen Rotte seines Schlags hinter Schlo und Riegel gebracht
worden war.

Nun blieben nur die Mac Carthy's brig, an die Findling unausgesetzt
dachte und deren Heimkehr er ungeduldig erwartete. In den Seenachrichten
fand sich noch nichts vom Queensland. Erschien er binnen einigen
Wochen noch nicht, so mute man fr ihn frchten, denn in der letzten
Zeit war der Atlantische Ocean von sehr heftigen Strmen heimgesucht
worden. Und noch immer traf keine Depesche von den Rhedern in Queenstown
ein!

Am 5. April brachte diese endlich ein Telegraphenbote. Bob hatte sie in
Empfang genommen und sofort ertnte seine Stimme:

Eine Depesche aus Queenstown!... Ein Telegramm aus Queenstown!

Endlich eine Nachricht ber die Adoptiveltern Findlings, die also
jedenfalls in Irland zurck waren... die erste, einzigste Nachricht
ber sie!

Alle liefen erwartungsvoll zusammen.

Die Depesche hatte folgenden Inhalt:

    Queenstown, 5. April 9, 25, 20.

    Findling, Little Boy and Co., Bedford-Street, Dublin.

    Queensland diesen Morgen eingelaufen. Familie
    Mac Carthy an Bord. Erwarten Ihre Ordres.

                                          Benett.

Findling war es, als ob er ersticken sollte. Sein Herz hatte
einen Augenblick still gestanden. Reichliche Thrnen brachten ihm
Erleichterung und er begngte sich, als er die Depesche in die Tasche
steckte, zu sagen:

Es ist gut.

Weiterhin sprach er gar nicht mehr von den Mac Carthy's, was Herrn und
Frau Grip, Bob, die Kat und O'Brien nicht wenig verwunderte. Er widmete
sich vielmehr seiner Thtigkeit wie gewhnlich. Balfour erhielt nur
Auftrag, ihm einen Check von hundert Pfund auszufertigen, ber dessen
Verwendung der junge Chef sich nicht uerte.

Vier Tage verstrichen, die letzten vier Tage der Charwoche, denn jenes
Jahr fiel Ostern auf den 10. April.

Am Sonnabend Morgen rief Findling sein gesammtes Personal zusammen und
verkndete:

Der Bazar bleibt bis nchsten Dienstag Abend geschlossen.

Damit erhielten Balfour und die beiden Verkufer Urlaub. Bob, Grip und
Sissy beabsichtigten, die freie Zeit nach eignem Belieben auszuntzen,
als sie Findling fragte, ob sie nicht geneigt wren, whrend der drei
Tage eine Reise zu machen.

Eine Reise? rief Bob. Ich bin dabei. Wohin soll's denn gehen?

-- Nach der Grafschaft Kerry, die ich einmal wiedersehen mchte,
erklrte Findling.

Sissy sah ihn fragend an.

Und wir sollen Dich dahin begleiten?

-- Es wrde mir ein groes Vergngen machen.

-- Ich soll also auch dabei sein? fragte Grip.

-- Selbstverstndlich.

-- Und Birk? setzte Bob hinzu.

-- Birk ebenfalls.

Das war also abgemacht. Der Bazar sollte unter Obhut der Kat bleiben
und man beschftigte sich mit den Vorbereitungen, die eine dreitgige
Abwesenheit erheischt. Nachmittag um vier Uhr wollte man den Exprezug
benutzen, um elf Uhr wrde die Gesellschaft in Tralee eintreffen,
dort bernachten, und am nchsten Tage... nun, am nchsten Tage wrde
Findling das weitere Programm kund geben.

Um vier Uhr befanden sich alle auf dem Bahnhofe, Grip und Bob hchst
vergngt, Sissy aber etwas nachsinnend, da ihr Findling gar so
unergrndlich vorkam.

Tralee, sagte sich die junge Frau, das ist doch ganz in der Nhe von
Kerwan... Will er denn etwa in die Farm zurckkehren?

Birk htte ihr darauf vielleicht antworten knnen; dessen bekannte
Discretion hielt sie aber ab, eine bezgliche Frage zu stellen.

Der Hund wurde im Packwagen untergebracht und von Bob der Sorgfalt des
Packmeisters unter Hinzufgung eines vollwichtigen Schillings besonders
empfohlen. Dann nahmen Findling und seine Begleiter ein Coup erster
Classe ein.

Die siebzig Meilen zwischen Dublin und Tralee wurden in sieben Stunden
zurckgelegt. Von den durch den Zugfhrer ausgerufenen Stationsnamen
machte besonders einer auf Findling einen eigenthmlichen Eindruck. Das
war der Name Limerick. Er erinnerte ihn an sein Debut auf dem dortigen
Theater in dem Drama Die Reue einer Mutter und an die Scene, wo er
sich so krampfhaft an die Herzogin von Kendall in der Person der Mi
Anna Walston anklammerte.... Es war das aber nur eine Erinnerung,
welche wie die flchtigen Bilder eines Traumes wieder verschwand.

Findling fhrte seine Freunde in Tralee nach dem ersten Htel, wo sie
gut zu Abend aen und eine ruhige Nacht verbrachten.

Am nchsten Tage, dem Ostersonntage, stand Findling frhzeitig auf.
Whrend Sissy noch Toilette machte, Grip bei seiner Frau blieb und Bob
sich streckend erst die Augen ffnete, wanderte er durch die Straen des
Ortes. Leicht fand er den Gasthof wieder, wo Martin und Martine mit ihm
einzukehren pflegten, den Marktplatz, wo er zuerst am Handel Geschmack
gewonnen hatte, und auch die Apotheke, in der er einen Theil von seiner
Guinee fr die Gromutter hingegeben hatte, die er nicht wieder sehen
sollte.

Um sieben Uhr hielt vor der Thr des Htels ein Jaunting-car mit
tchtigem Pferde und gutem Kutscher, wofr der Wirth gutsagte. Dann
wurde gewissenhaft der Preis festgestellt: so viel fr den Wagen, so
viel fr das Zugthier, fr den Kutscher, fr Trinkgelder u. s. w., wie
das in Irland blich ist.

Nach frugalem Frhstck wurde die Fahrt um halb acht Uhr angetreten.
Ein Sonntag ohne Regen -- und heute schien die Sonne und wehte ein
angenehmer Wind -- gehrt auf der Smaragdnen Insel zu den Ausnahmen.
Dieses Jahr schien der Frhling zeitig einsetzen und die Bume zum
knospen bringen zu wollen.

Ein Dutzend Meilen trennt Tralee von dem Kirchspiele Silton. Wie oft
hatte Findling diese Strecke im Wagen Mac Carthy's zurckgelegt! Das
letzte Mal war er hier freilich allein gewesen... auf dem Heimwege von
Tralee nach der Farm... er hatte sich hinter einem beschneiten Busch
versteckt, als die Polizei- und Gerichtsdienerabtheilung vorber kam.
Das trat ihm jetzt lebhaft vor die Augen. Der Weg selbst sah ja noch
ganz so aus wie damals. Da und dort lag ein Gasthof daran und begrenzten
ihn Brachfelder. Paddy ist ein Feind der Vernderung; in Irland bleibt
ja alles im Gleichen, selbst das Elend!...

Um zehn Uhr hielt der Wagen im Dorfe Silton. Es war die Stunde
der Messe. Die Glocke ertnte. Da stand sie noch immer, die alte,
bescheidne, windschiefe, englische Kirche, in der die Doppeltaufe
Findlings und des Tchterchens Murdocks stattgefunden hatte. Er trat mit
den andern hinein. Weder der Geistliche, noch seine Assistenten oder ein
andrer Kirchenbesucher erkannte ihn wieder. Whrend der Messe fragten
sich die Leute, wer die Familie sei, von der kein Mitglied dem andern
hnelte.

Und whrend Findling seine Erinnerungen aus glcklicher und
unglcklicher Zeit auffrischte, beteten Sissy, Grip und Bob dankbaren
Herzens fr den, dem sie so viel Lebensglck verdankten.

Nach einem Frhstck im besten Gasthofe von Silton rollte der
Jaunting-car nach der drei Meilen entfernten Farm von Kerwan weiter.

Findling wurden die Augen feucht auf diesem Wege, den er des Sonntags
so oft mit Martine und Kitty und auch mit der Gromutter, wenn diese es
konnte, gegangen war. Welch traurigen Anblick bot das verlassene Land!
Ueberall Ruinen... mit Gewalt hergestellte Ruinen, die den vertriebenen
Insassen das letzte Obdach vereiteln sollten. Da und dort fanden sie
Maueranschlge mit der Bekanntmachung, da diese Farm, jene Htte oder
ein Feld zu verpachten oder zu verkaufen sei. Doch wer htte hier kaufen
oder pachten sollen, wo er sich nur das Unglck einhandeln konnte!

Endlich, gegen eineinhalb Uhr, wurde die Farm von Kerwan sichtbar.
Findlings Brust entrang sich ein Seufzer.

Hier stand sie! murmelte er.

Doch welch' entsetzlicher Anblick bot sich hier jetzt! Die Hecken
niedergerissen, die Thr eingerammt, die Wirthschaftsgebude in
Trmmern, der Hof furchtbar verwildert -- kurz, ein Bild trostlosester
Zerstrung. Seit fnf Jahren hatten Regen, Schnee, Wind und Sonne ihr
Werk gethan. Wie traurig sahen die kahlen Wnde der Zimmer aus, und erst
das, wo Findling in der Nhe der Gromutter geschlafen hatte.

Ja, das ist Kerwan! wiederholte er fter, doch es sah aus, als wagte
er gar nicht einzutreten.

Bob, Grip und Sissy hielten sich schweigend hinter ihm. Nur Birk lief
unruhig hin und her und schnffelte am Boden hin... in ihm erwachten
gewi auch Erinnerungen von vergangenen Zeiten....

Pltzlich bleibt der Hund stehen und erhebt den Kopf, seine Augen
leuchten und er wedelt mit dem Schweife.

Vor dem Thore steht eine Gruppe von Menschen -- vier Mnner, zwei Frauen
und ein kleines Mdchen, alle in rmlicher Kleidung. Der lteste tritt
heraus und nhert sich Grip, der seinem Alter nach die Hauptperson der
Fremden zu sein scheint.

Wir sind hierher, beginnt er, zu einem Zusammentreffen bestellt worden.
Ohne Zweifel... waren Sie es...

-- Ich? fllt Grip ein, der den Mann gar nicht kennt und ihn verwundert
anstarrt.

-- Ja. Als wir in Queenstown ans Land kamen, wurde uns eine Summe von
hundert Pfund von der Rhederei ausgehndigt, die den Auftrag hatte, uns
nach Tralee zu befrdern....

In diesem Augenblick schlug Birk mit lautem Freudengebell an und strmte
unter tausend Freundschaftsbezeugungen auf die ltere der Frauen zu.

Ach, ruft diese, das ist ja Birk... unser Hund Birk! Ich erkenne ihn
wieder...

-- Und mich erkennen Sie nicht, meine liebste Mutter Martine, sagt
Findling, mich erkennen Sie nicht mehr?

-- Er!... Ach, unser Kind!

Die Feder vermag die Scene nicht zu schildern, die sich nun abspielte.
Martin, Murdock, Pat und Sim pressen Findling in ihre Arme und er
bedeckt Martine und Kitty mit heien Kssen. Dann hebt er das kleine
Mdchen in die Hhe... er verzehrt sie fast mit seinen Kssen und
stellt sie Bob, Sissy und Grip vor mit den Worten:

Meine Jenny!... Mein Tchterchen!

Nachher setzen sich alle auf die umherliegenden Trmmer. Die Mac
Carthy's muten ihre beklagenswerthe Geschichte erzhlen. Nach der
Austreibung hatte man sie nach Limerick gebracht, wo Murdock zu einigen
Monaten Gefngni verurtheilt wurde.

Nach Ablauf seiner Strafzeit hatte sich Martin mit den seinigen nach
Belfast begeben, von wo sie ein Auswandrerschiff nach Australien
befrderte. Pat, der seinen Beruf aufgab, war ihnen bald nachgekommen.
Doch was hatten sie dann zu leiden gehabt, um schlielich... nichts zu
erreichen! Nur zuweilen fanden sie, vereint oder auch einzeln, auf einer
Farm, doch unter den schlechtesten Bedingungen, etwas Arbeit. Endlich,
nach fnf Jahren, hatten sie jenes Land verlassen knnen, das gegen sie
ebenso grausam gewesen war, wie der heimatliche Boden.

Findling betrachtete die armen Leute mit tiefstem Seelenschmerz. Martin
war stark gealtert, Murdock noch ebenso dster wie vorher, Pat und
Sim herabgekommen von Anstrengungen und Entbehrungen, Martine kaum
ein Schattenbild der lebensfrischen Hausfrau vor wenigen Jahren, Kitty
geschwcht durch ein Fieber, das sie nicht verlie, und Jenny verkmmert
durch die Leiden, die sie schon in so jungen Jahren erduldet hatte. Es
war zum Herz zerbrechen!

Sissy weinte mit den Frauen und Mgdlein und suchte sie zu trsten.

Ihr Unglck hat nun ein Ende, Frau Martine, wie das unsrige schon
lange... und Dank Ihrem Adoptivkinde...

-- Er? rief Martine verwundert. Was vermchte er...?

-- Du, mein Junge? fragte auch Martin.

Findling war auer Stande zu antworten; ihm raubte die Erregung den
Athem.

Warum hast Du uns nach dieser Stelle verlangt, die uns an die
traurigste Vergangenheit mahnt? fragte Murdock. Was sollen wir hier, wo
wir so lange und so schwer gelitten haben? Findling, warum erwecktest Du
uns diese traurigen Erinnerungen?

Dieselbe Frage lag wohl auf aller Lippen, auch auf denen Sissys, Grips
und Bobs.

Warum? antwortete er, sich mhsam beherrschend. Kommt alle, mein Vater,
meine Mutter, meine Brder, kommt mit mir!

Sie folgten ihm nach der Mitte des Hofes.

Hier erhob sich inmitten von wildem Gebsch und Brombeergestruch eine
kleine grnende Tanne.

Jenny, redete er das kleine Mdchen an, siehst Du diesen Baum?... Ihn
hab' ich am Tage Deiner Geburt gepflanzt. Er ist jetzt, wie Du, acht
Jahre alt.

Kitty, die dabei an die Zeit dachte, wo sie so glcklich gewesen war und
auf die Andauer dieses Glcks bauen zu knnen glaubte, schluchzte vor
Schmerz.

Jenny... mein liebes Kind, fuhr Findling fort, Du siehst auch dieses
Messer...

Er hatte dabei ein Messer aus seinem Grtel gezogen.

Das war das erste Geschenk, das mir Gromutter machte... Deine
Urgromutter, die Du kaum gekannt hast....

Bei Erwhnung dieses Namens hier inmitten der Trmmer wollte Martin,
seiner Gattin und seinen Kindern fast das Herz zerspringen.

Jenny, fuhr Findling fort, nun nimm dieses Messer und grabe damit die
Erde am Fue der Tanne auf.

Ohne ihn ganz zu verstehen, kniete das Kind nieder, entfernte das
Strauchwerk und hhlte ein Loch an der bezeichneten Stelle aus. Bald
stie das Messer auf einen harten Gegenstand.

Hier befand sich die Steinkruke, die unter der Erdschicht ganz gut
erhalten war.

Hebe das Gef heraus, Jenny, und ffne es!

Das Mgdlein that, wie ihr geheien, und alle sahen ihr in
erwartungsvollem Schweigen zu.

Als die Kruke geffnet war, bemerkte man darin eine Anzahl Kieselsteine,
wie sie zahlreich im Bette des benachbarten Cashen lagen.

Herr Martin, begann nun Findling, erinnern Sie sich wohl?... Jeden
Abend, wenn Sie mit mir zufrieden gewesen waren, gaben Sie mir einen
solchen Stein....

-- Ja, mein Sohn; es kam aber kein Tag, an dem Du keinen davon erhalten
httest.

-- Sie geben die Zeit an, die ich in der Farm von Kerwan zugebracht
habe. Jetzt zhle sie, Jenny. Du kannst doch zhlen, nicht wahr?

-- O, gewi! versicherte das kleine Mdchen.

Nach lngerer Arbeit rief sie laut:

Fnfzehnhundertundvierzig.

-- Richtig, besttigte Findling. Das ergiebt ber vier Jahre, Jenny,
die ich in Deiner Familie, die auch die meinige geworden war, zugebracht
habe.

-- Und diese Kieselsteine, lie sich Martin, die Augen niederschlagend,
vernehmen, sind der einzige Lohn, den Du je von mir erhalten hast...
diese Steine, die ich einst in Schillinge umzuwechseln hoffte....

-- Und die sich fr Sie, mein guter Vater, in Guineen verwandeln
sollen!

Weder Martin noch einer der Seinigen konnten glauben, konnten begreifen,
was sie eben hrten. Ein solches Vermgen! War Findling denn bei Sinnen?

Sissy erkannte diesen Gedanken ganz und sagte sogleich:

Nein, liebe Freunde, sein Herz ist ebenso gesund wie sein Geist, und
hier hat sein Herz gesprochen.

-- Ach, mein Vater Martin, meine Mutter Martine, meine Brder Murdock,
Pat und Sim, und Du, Kitty, und Dein Tchterchen, ja, ich fhle mich
hochbeglckt, Euch einen Theil des Guten, das Ihr mir erwiesen habt,
zurckerstatten zu knnen. Dieser Grund und Boden ist zu verkaufen.
Ihr werdet ihn erwerben und erbaut die Farm von neuem. An den nthigen
Mitteln soll es nicht fehlen. Spter braucht Ihr keinen herzlosen
Harbert mehr zu frchten. Ihr wohnt dann auf eigner Scholle... seid
Eure eignen Herren!

Findling berichtete nun ber sich selbst, seit dem Tage, wo er von der
Farm von Kerwan weinend weggeschlichen war, und in welchen Verhltnissen
er sich jetzt befnde. Die Summe, die er der Familie Mac Carthy zur
Verfgung stellte, diese Summe in Guineen -- so viele wie Kieselsteine
gezhlt waren -- belief sich auf fnfzehnhundertundvierzig Pfund
Sterling -- fr arme Irlnder ein groes Vermgen.

Vielleicht war es zum ersten Male, da auf diesen so oft von
Schmerzensthrnen begossenen Erdboden warme Thrnen der Freude und
Dankbarkeit niederrieselten.

       *       *       *       *       *

Die Familie Mac Carthy verweilte die drei Osterfeiertage mit Findling,
Bob, Sissy und Grip in Silton und nach rhrendem Abschied kehrten die
letzteren nach Dublin zurck, wo sich am Morgen des 11. April der Bazar
wieder aufthat.

Ein Jahr verstrich, das Jahr 1887, das als eines der glcklichsten im
Leben dieser kleinen Welt gelten konnte. Der junge Kaufmann war nun
sechzehn Jahre alt. Sein Glck war gemacht. Der Erfolg der Speculation
mit der Doris hatte selbst O'Brien's Erwartungen weit bertroffen, und
das Capital von Little Boy and Co. belief sich jetzt auf zwanzigtausend
Pfund Ein Theil dieses Vermgens gehrte zwar dem Ehepaar Grip und ein
Theil Bob, den Gesellschaftern der Firma Zum kleinen Geldbeutel, alle
bildeten am Ende aber nur eine einzige Familie.

Die Mac Carthy's hatten, nach vortheilhafter Erwerbung von zweihundert
Acres Land, die Farm wieder aufgebaut und eingerichtet, auch den
Viehbestand aufs neue angeschafft. Es bedarf wohl kaum der Erwhnung,
da sie mit der Behaglichkeit und dem unerwarteten Glck auch Krfte und
Gesundheit wieder erlangt hatten. Bei Irlndern, die so lange unter der
Geiel des Landlordismus geseufzt hatten und die jetzt nur fr sich,
nicht mehr fr einen unerbittlichen Herrn schafften und wirkten, ist das
ja kein Wunder zu nennen.

Findling aber vergit nicht und wird es nicht vergessen, da er ihr
Adoptivkind ist, und es knnte sich eines Tages wohl ereignen, da er
sich mit ihnen noch durch engere, zartere Bande verknpfte. Jenny
geht in ihr zehntes Jahr, sie verspricht ein sehr hbsches Mdchen
zu werden.... Doch sie ist ja so gut wie seine Tochter, wird der
freundliche Leser einwerfen. Nun, doch nicht im strengen Sinne des
Wortes; warum also nicht?...

  _Ende._




Funoten


[1] Eine unter dem Eide gleichwerthiger Bekrftigung bei Gericht
niederzulegende Urkunde meist ber die Tatsachen eines Vorfalles, der
gerichtlich verfolgt werden soll.

[2] Licht, mein Herr... Licht! (d.h. nmlich: Feuer).




[Hinweise zur Transkription


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Das Inhaltsverzeichnis ist im Original am Buchende und wurde an den
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nderungen

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  Seite 5
  der Kalesche verlassen zu haben. Laird hat uns an die
  die Kalesche verlassen zu haben. Laird hat uns an der

  Seite 15
  zwischen der Bai von Bantry und Yougal-Haven
  zwischen der Bai von Bantry und Youghal-Haven

  Seite 16
  so konnte man dem Lord Piborne dagegen
  so konnte man den Lord Piborne dagegen

  Seite 19
  und jeder Laut von wei her hrbar
  und jeder Laut von weither hrbar

  Seite 44
  Wagen waren ihn ja bei Galway
  Wagen waren ihm ja bei Galway

  Seite 77
  der Hund sich dem jetzt berwachten Wirthschaftsgebuden
  der Hund sich den jetzt berwachten Wirthschaftsgebuden

  Seite 86
  hielten dann die entgegengesetzte Richtung ein
  hielten dann die entgegengesetzte Richtung ein.

  Seite 100
  und dahin kann man mit mittelst rascher Dampffhre
  und dahin kann man mittelst rascher Dampffhre

  Seite 111
  die das Stck soger mit sechs Pence verkauft
  die das Stck sogar mit sechs Pence verkauft

  Seite 122
  in der erbrmlichen Ragged School gelebt hatten
  in der erbrmlichen Ragged-School gelebt hatten

  Seite 136
  Warum htten sei auch die so eintrgliche Landreise
  Warum htten sie auch die so eintrgliche Landreise

  Seite 142
  bertrifft es hierin sogar Brigthon
  bertrifft es hierin sogar Brighton

  abgeschlossene Bai von Killircey fluthet
  abgeschlossene Bai von Killiney fluthet

  die Umrisse der Walliser Berge
  die Umrisse der Waliser Berge

  Seite 157
  Seid wann seid Ihr denn in Dublin?
  Seit wann seid Ihr denn in Dublin?

  Seite 159
  da er jetzt ein Capital von hundertfnzig Pfund
  da er jetzt ein Capital von hundertfnfzig Pfund

  Seite 176
  nahm er wieder des Wort
  nahm er wieder das Wort

  Seite 182
  seinen jungen Abmiether mehr Zuversicht einzuflen
  seinem jungen Abmiether mehr Zuversicht einzuflen

  Seite 186
  mit nach Cork nehmen, wo wo Ihr beide so tchtig
  mit nach Cork nehmen, wo Ihr beide so tchtig

  Seite 207
  Sissy gerade lchelnd durch den Laden gieng
  Sissy gerade lchelnd durch den Laden ging

  Ich glaubte, Du wolltest fnf Monate sagen
  Ich glaubte, Du wolltest fnf Monate sagen.

  Seite 217
  da alles in gleicher Weise fortgienge
  da alles in gleicher Weise fortginge

  Seite 219
  noch heute Adend nach Londonderry zu fahren
  noch heute Abend nach Londonderry zu fahren

  Seite 233
  von zwei Boten ins Schlepptau genommen
  von zwei Booten ins Schlepptau genommen

  Seite 234
  Im nchsten Angenblick befand sich Findling
  Im nchsten Augenblick befand sich Findling

  Seite 241
  Whrend Sissy noch Toiletet machte
  Whrend Sissy noch Toilette machte

  Seite 244
  schlug Birk mit lautem Freudengebell an strmte
  schlug Birk mit lautem Freudengebell an und strmte]






End of Project Gutenberg's Der Findling. Zweiter Band., by Jules Verne

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FINDLING. ZWEITER BAND. ***

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1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

