The Project Gutenberg EBook of Die Judenbuche, by Annette von Droste-Hlshoff

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Title: Die Judenbuche

Author: Annette von Droste-Hlshoff

Illustrator: Max Unold

Release Date: May 28, 2014 [EBook #45798]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE JUDENBUCHE ***




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11.-25. Tausend




            Annette von Droste-Hlshoff

                  Die Judenbuche

              Mit 37 Zeichnungen von
                    Max Unold

                  [Illustration]

            Im Insel-Verlag zu Leipzig


  Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig


[Illustration]

  Wo ist die Hand so zart, da ohne Irren
  Sie sondern mag beschrnkten Hirnes Wirren,
  So fest, da ohne Zittern sie den Stein
  Mag schleudern auf ein arm verkmmert Sein?
  Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen,
  Zu wgen jedes Wort, das unvergessen
  In junge Brust die zhen Wurzeln trieb,
  Des Vorurteils geheimen Seelendieb?
  Du Glcklicher, geboren und gehegt
  Im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt,
  Leg hin die Wagschal, nimmer dir erlaubt!
  La ruhn den Stein -- er trifft dein eignes Haupt!




[Illustration]

Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sogenannten
Halbmeiers oder Grundeigentmers geringerer Klasse im Dorfe B., das, so
schlecht gebaut und rauchig es sein mag, doch das Auge jedes Reisenden
fesselt durch die beraus malerische Schnheit seiner Lage in der grnen
Waldschlucht eines bedeutenden und geschichtlich merkwrdigen Gebirges.
Das Lndchen, dem es angehrte, war damals einer jener abgeschlossenen
Erdwinkel ohne Fabriken und Handel, ohne Heerstraen, wo noch ein
fremdes Gesicht Aufsehen erregte und eine Reise von dreiig Meilen
selbst den Vornehmeren zum Ulysses seiner Gegend machte -- kurz, ein
Fleck, wie es deren sonst so viele in Deutschland gab, mit all den
Mngeln und Tugenden, all der Originalitt und Beschrnktheit, wie sie
nur in solchen Zustnden gedeihen.

[Illustration]

Unter hchst einfachen und hufig unzulnglichen Gesetzen waren die
Begriffe der Einwohner von Recht und Unrecht einigermaen in Verwirrung
geraten, oder vielmehr, es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites
Recht gebildet, ein Recht der ffentlichen Meinung, der Gewohnheit und
der durch Vernachlssigung entstandenen Verjhrung. Die Gutsbesitzer,
denen die niedere Gerichtsbarkeit zustand, straften und belohnten nach
ihrer in den meisten Fllen redlichen Einsicht; der Untergebene tat, was
ihm ausfhrbar und mit einem etwas weiten Gewissen vertrglich schien,
und nur dem Verlierenden fiel es zuweilen ein, in alten staubigten
Urkunden nachzuschlagen. -- Es ist schwer, jene Zeit unparteiisch ins
Auge zu fassen; sie ist seit ihrem Verschwinden entweder hochmtig
getadelt oder albern gelobt worden, da den, der sie erlebte, zu viel
teure Erinnerungen blenden und der Sptergeborene sie nicht begreift. So
viel darf man indessen behaupten, da die Form schwcher, der Kern
fester, Vergehen hufiger, Gewissenlosigkeit seltener waren. Denn wer
nach seiner berzeugung handelt, und sei sie noch so mangelhaft, kann
nie ganz zugrunde gehen, wogegen nichts seelenttender wirkt, als gegen
das innere Rechtsgefhl das uere Recht in Anspruch nehmen.

Ein Menschenschlag, unruhiger und unternehmender als alle seine
Nachbarn, lie in dem kleinen Staate, von dem wir reden, manches weit
greller hervortreten als anderswo unter gleichen Umstnden. Holz- und
Jagdfrevel waren an der Tagesordnung, und bei den hufig vorfallenden
Schlgereien hatte sich jeder selbst seines zerschlagenen Kopfes zu
trsten. Da jedoch groe und ergiebige Waldungen den Hauptreichtum des
Landes ausmachten, ward allerdings scharf ber die Forsten gewacht, aber
weniger auf gesetzlichem Wege als in stets erneuten Versuchen, Gewalt
und List mit gleichen Waffen zu berbieten.

[Illustration]

Das Dorf B. galt fr die hochmtigste, schlauste und khnste Gemeinde
des ganzen Frstentums. Seine Lage inmitten tiefer und stolzer
Waldeinsamkeit mochte schon frh den angeborenen Starrsinn der Gemter
nhren; die Nhe eines Flusses, der in die See mndete und bedeckte
Fahrzeuge trug, gro genug, um Schiffbauholz bequem und sicher auer
Land zu fhren, trug sehr dazu bei, die natrliche Khnheit der
Holzfrevler zu ermutigen, und der Umstand, da alles umher von Frstern
wimmelte, konnte hier nur aufregend wirken, da bei den hufig
vorkommenden Scharmtzeln der Vorteil meist auf seiten der Bauern blieb.
Dreiig, vierzig Wagen zogen zugleich aus in den schnen Mondnchten mit
ungefhr doppelt so viel Mannschaft jedes Alters, vom halbwchsigen
Knaben bis zum siebzigjhrigen Ortsvorsteher, der als erfahrener
Leitbock den Zug mit gleich stolzem Bewutsein anfhrte, wie er seinen
Sitz in der Gerichtsstube einnahm. Die Zurckgebliebenen horchten
sorglos dem allmhlichen Verhallen des Knarrens und Stoens der Rder
in den Hohlwegen und schliefen sacht weiter. Ein gelegentlicher Schu,
ein schwacher Schrei lieen wohl einmal eine junge Frau oder Braut
auffahren; kein anderer achtete darauf. Beim ersten Morgengrauen kehrte
der Zug ebenso schweigend heim, die Gesichter glhend wie Erz, hier und
dort einer mit verbundenem Kopf, was weiter nicht in Betracht kam, und
nach ein paar Stunden war die Umgegend voll von dem Migeschick eines
oder mehrerer Forstbeamten, die aus dem Walde getragen wurden,
zerschlagen, mit Schnupftabak geblendet und fr einige Zeit unfhig,
ihrem Berufe nachzukommen.

[Illustration]

In diesen Umgebungen ward Friedrich Mergel geboren, in einem Hause, das
durch die stolze Zugabe eines Rauchfangs und minder kleiner Glasscheiben
die Ansprche seines Erbauers, sowie durch seine gegenwrtige
Verkommenheit die kmmerlichen Umstnde des jetzigen Besitzers bezeugte.
Das frhere Gelnder um Hof und Garten war einem vernachlssigten Zaune
gewichen, das Dach schadhaft, fremdes Vieh weidete auf den Triften,
fremdes Korn wuchs auf dem Acker zunchst am Hofe, und der Garten
enthielt auer ein paar holzigten Rosenstcken aus besserer Zeit mehr
Unkraut als Kraut. Freilich hatten Unglcksflle manches hiervon
herbeigefhrt; doch war auch viel Unordnung und bse Wirtschaft im
Spiel. Friedrichs Vater, der alte Hermann Mergel, war in seinem
Junggesellenstande ein sogenannter ordentlicher Sufer, das heit einer,
der nur an Sonn- und Festtagen in der Rinne lag und die Woche hindurch
so manierlich war wie ein anderer. So war denn auch seine Bewerbung um
ein recht hbsches und wohlhabendes Mdchen ihm nicht erschwert. Auf der
Hochzeit gings lustig zu. Mergel war gar nicht zu arg betrunken, und die
Eltern der Braut gingen abends vergngt heim; aber am nchsten Sonntage
sah man die junge Frau schreiend und blutrnstig durchs Dorf zu den
Ihrigen rennen, alle ihre guten Kleider und neues Hausgert im Stich
lassend. Das war freilich ein groer Skandal und rger fr Mergel, der
allerdings Trostes bedurfte. So war denn auch am Nachmittage keine
Scheibe an seinem Hause mehr ganz, und man sah ihn noch bis spt in die
Nacht vor der Trschwelle liegen, einen abgebrochenen Flaschenhals von
Zeit zu Zeit zum Munde fhrend und sich Gesicht und Hnde jmmerlich
zerschneidend. Die junge Frau blieb bei ihren Eltern, wo sie bald
verkmmerte und starb. Ob nun den Mergel Reue qulte oder Scham, genug,
er schien der Trostmittel immer bedrftiger und fing bald an, den
gnzlich verkommenen Subjekten zugezhlt zu werden.

[Illustration]

Die Wirtschaft verfiel; fremde Mgde brachten Schimpf und Schaden; so
verging Jahr auf Jahr. Mergel war und blieb ein verlegener, zuletzt
ziemlich armseliger Witwer, bis er mit einem Male wieder als Brutigam
auftrat. War die Sache an und fr sich unerwartet, so trug die
Persnlichkeit der Braut noch dazu bei, die Verwunderung zu erhhen.
Margret Semmler war eine brave, anstndige Person, so in den Vierzigen,
in ihrer Jugend eine Dorfschnheit und noch jetzt als sehr klug und
wirtlich geachtet, dabei nicht unvermgend; und so mute es jedem
unbegreiflich sein, was sie zu diesem Schritte getrieben. Wir glauben
den Grund eben in dieser ihrer selbstbewuten Vollkommenheit zu finden.
Am Abend vor der Hochzeit soll sie gesagt haben: Eine Frau, die von
ihrem Manne bel behandelt wird, ist dumm oder taugt nicht: wenns mir
schlecht geht, so sagt, es liege an mir. Der Erfolg zeigte leider, da
sie ihre Krfte berschtzt hatte. Anfangs imponierte sie ihrem Manne;
er kam nicht nach Haus oder kroch in die Scheune, wenn er sich
bernommen hatte; aber das Joch war zu drckend, um lange getragen zu
werden, und bald sah man ihn oft genug quer ber die Gasse ins Haus
taumeln, hrte drinnen sein wstes Lrmen und sah Margret eilends Tr
und Fenster schlieen. An einem solchen Tage -- keinem Sonntage mehr --
sah man sie abends aus dem Hause strzen, ohne Haube und Halstuch, das
Haar wild um den Kopf hngend, sich im Garten neben ein Krautbeet
niederwerfen und die Erde mit den Hnden aufwhlen, dann ngstlich um
sich schauen, rasch ein Bndel Kruter brechen und damit langsam wieder
dem Hause zugehen, aber nicht hinein, sondern in die Scheune. Es hie,
an diesem Tage habe Mergel zuerst Hand an sie gelegt, obwohl das
Bekenntnis nie ber ihre Lippen kam. -- Das zweite Jahr dieser
unglcklichen Ehe ward mit einem Sohne, man kann nicht sagen erfreut,
denn Margret soll sehr geweint haben, als man ihr das Kind reichte.
Dennoch, obwohl unter einem Herzen voll Gram getragen, war Friedrich ein
gesundes, hbsches Kind, das in der frischen Luft krftig gedieh. Der
Vater hatte ihn sehr lieb, kam nie nach Hause, ohne ihm ein Stckchen
Wecken oder dergleichen mitzubringen, und man meinte sogar, er sei seit
der Geburt des Knaben ordentlicher geworden; wenigstens ward der Lrmen
im Hause geringer.

[Illustration]

Friedrich stand in seinem neunten Jahre. Es war um das Fest der heiligen
drei Knige, eine harte, strmische Winternacht. Hermann war zu einer
Hochzeit gegangen und hatte sich schon beizeiten auf den Weg gemacht, da
das Brauthaus dreiviertel Meilen entfernt lag. Obgleich er versprochen
hatte, abends wiederzukommen, rechnete Frau Mergel doch um so weniger
darauf, da sich nach Sonnenuntergang dichtes Schneegestber eingestellt
hatte. Gegen zehn Uhr schrte sie die Asche am Herde zusammen und machte
sich zum Schlafengehen bereit. Friedrich stand neben ihr, schon halb
entkleidet, und horchte auf das Geheul des Windes und das Klappen der
Bodenfenster.

Mutter, kommt der Vater heute nicht? fragte er. --

Nein, Kind, morgen. -- Aber warum nicht, Mutter? Er hats doch
versprochen. --

[Illustration]

Ach Gott, wenn der alles hielte, was er verspricht! Mach, mach voran,
da du fertig wirst.

Sie hatten sich kaum niedergelegt, so erhob sich eine Windsbraut, als ob
sie das Haus mitnehmen wollte. Die Bettstatt bebte, und im Schornstein
rasselte es wie ein Kobold. -- Mutter -- es pocht drauen! -- Still,
Fritzchen, das ist das lockere Brett im Giebel, das der Wind jagt. --
Nein, Mutter, an der Tr! -- Sie schliet nicht; die Klinke ist
zerbrochen. Gott, schlaf doch! bring mich nicht um das armselige
bichen Nachtruhe. -- Aber wenn nun der Vater kommt? -- Die Mutter
drehte sich heftig im Bett um. -- Den hlt der Teufel fest genug! --
Wo ist der Teufel, Mutter? -- Wart, du Unrast! er steht vor der Tr
und will dich holen, wenn du nicht ruhig bist!

Friedrich ward still; er horchte noch ein Weilchen und schlief dann ein.
Nach einigen Stunden erwachte er. Der Wind hatte sich gewendet und
zischte jetzt wie eine Schlange durch die Fensterritze an seinem Ohr.
Seine Schulter war erstarrt; er kroch tief unters Deckbett und lag aus
Furcht ganz still. Nach einer Weile bemerkte er, da die Mutter auch
nicht schlief. Er hrte sie weinen und mitunter: Gegrt seist du,
Maria! und Bitte fr uns arme Snder! Die Kgelchen des Rosenkranzes
glitten an seinem Gesicht hin. -- Ein unwillkrlicher Seufzer entfuhr
ihm. -- Friedrich, bist du wach? -- Ja, Mutter. -- Kind, bete ein
wenig -- du kannst ja schon das halbe Vaterunser --, da Gott uns
bewahre vor Wasser- und Feuersnot.

Friedrich dachte an den Teufel, wie der wohl aussehen mge. Das
mannigfache Gerusch und Getse im Hause kam ihm wunderlich vor. Er
meinte, es msse etwas Lebendiges drinnen sein und drauen auch. Hr,
Mutter, gewi, da sind Leute, die pochen. -- Ach nein, Kind; aber es
ist kein altes Brett im Hause, das nicht klappert. -- Hr! hrst du
nicht? es ruft! hr doch!

Die Mutter richtete sich auf; das Toben des Sturms lie einen Augenblick
nach. Man hrte deutlich an den Fensterlden pochen und mehrere Stimmen:
Margret! Frau Margret, heda, aufgemacht! -- Margret stie einen
heftigen Laut aus: Da bringen sie mir das Schwein wieder!

Der Rosenkranz flog klappernd auf den Brettstuhl, die Kleider wurden
herbeigerissen. Sie fuhr zum Herde, und bald darauf hrte Friedrich sie
mit trotzigen Schritten ber die Tenne gehen. Margret kam gar nicht
wieder; aber in der Kche war viel Gemurmel und fremde Stimmen. Zweimal
kam ein fremder Mann in die Kammer und schien ngstlich etwas zu suchen.
Mit einem Male ward eine Lampe hereingebracht. Zwei Mnner fhrten die
Mutter. Sie war wei wie Kreide und hatte die Augen geschlossen.
Friedrich meinte, sie sei tot; er erhob ein frchterliches Geschrei,
worauf ihm jemand eine Ohrfeige gab, was ihn zur Ruhe brachte, und nun
begriff er nach und nach aus den Reden der Umstehenden, da der Vater
vom Ohm Franz Semmler und dem Hlsmeyer tot im Holze gefunden sei und
jetzt in der Kche liege.

Sobald Margret wieder zur Besinnung kam, suchte sie die fremden Leute
loszuwerden. Der Bruder blieb bei ihr, und Friedrich, dem bei strenger
Strafe im Bett zu bleiben geboten war, hrte die ganze Nacht hindurch
das Feuer in der Kche knistern und ein Gerusch wie von Hin- und
Herrutschen und Brsten. Gesprochen ward wenig und leise, aber zuweilen
drangen Seufzer herber, die dem Knaben, so jung er war, durch Mark und
Bein gingen. Einmal verstand er, da der Oheim sagte: Margret, zieh dir
das nicht zu Gemt; wir wollen jeder drei Messen lesen lassen, und um
Ostern gehen wir zusammen eine Bittfahrt zur Mutter Gottes von Werl.

Als nach zwei Tagen die Leiche fortgetragen wurde, sa Margret am Herde,
das Gesicht mit der Schrze verhllend. Nach einigen Minuten, als alles
still geworden war, sagte sie in sich hinein: Zehn Jahre, zehn Kreuze.
Wir haben sie doch zusammen getragen, und jetzt bin ich allein! dann
lauter: Fritzchen, komm her! --

[Illustration]

Friedrich kam scheu heran; die Mutter war ihm ganz unheimlich geworden
mit den schwarzen Bndern und den verstrten Zgen. Fritzchen, sagte
sie, willst du jetzt auch fromm sein, da ich Freude an dir habe, oder
willst du unartig sein und lgen, oder saufen und stehlen? -- Mutter,
Hlsmeyer stiehlt. -- Hlsmeyer? Gott bewahre! Soll ich dir auf den
Rcken kommen? Wer sagt dir so schlechtes Zeug? -- Er hat neulich den
Aaron geprgelt und ihm sechs Groschen genommen. -- Hat er dem Aaron
Geld genommen, so hat ihn der verfluchte Jude gewi zuvor darum
betrogen. Hlsmeyer ist ein ordentlicher, angesessener Mann, und die
Juden sind alle Schelme. Aber, Mutter, Brandis sagt auch, da er Holz
und Rehe stiehlt. -- Kind, Brandis ist ein Frster. -- Mutter, lgen
die Frster?

Margret schwieg eine Weile; dann sagte sie: Hre, Fritz, das Holz lt
unser Herrgott frei wachsen, und das Wild wechselt aus eines Herren
Lande in das andere; die knnen niemandem gehren. Doch das verstehst du
noch nicht; jetzt geh in den Schuppen und hole mir Reisig.

Friedrich hatte seinen Vater auf dem Stroh gesehen, wo er, wie man sagt,
blau und frchterlich ausgesehen haben soll. Aber davon erzhlte er nie
und schien ungern daran zu denken. berhaupt hatte die Erinnerung an
seinen Vater eine mit Grausen gemischte Zrtlichkeit in ihm
zurckgelassen, wie denn nichts so fesselt wie die Liebe und Sorgfalt
eines Wesens, das gegen alles brige verhrtet scheint, und bei
Friedrich wuchs dieses Gefhl mit den Jahren, durch das Gefhl mancher
Zurcksetzung von seiten anderer. Es war ihm uerst empfindlich, wenn,
solange er Kind war, jemand des Verstorbenen nicht allzu lblich
gedachte; ein Kummer, den ihm das Zartgefhl der Nachbarn nicht
ersparte. Es ist gewhnlich in jenen Gegenden, den Verunglckten die
Ruhe im Grabe abzusprechen. Der alte Mergel war das Gespenst des
Brederholzes geworden; einen Betrunkenen fhrte er als Irrlicht bei
einem Haar in den Zellerkolk (Teich); die Hirtenknaben, wenn sie nachts
bei ihren Feuern kauerten und die Eulen in den Grnden schrien, hrten
zuweilen in abgebrochenen Tnen ganz deutlich dazwischen sein Hr mal
an, feins Lieseken, und ein unprivilegierter Holzhauer, der unter der
breiten Eiche eingeschlafen und dem es darber Nacht geworden war, hatte
beim Erwachen sein geschwollenes blaues Gesicht durch die Zweige
lauschen sehen. Friedrich mute von andern Knaben vieles darber hren;
dann heulte er, schlug um sich, stach auch einmal mit seinem Messerchen
und wurde bei dieser Gelegenheit jmmerlich geprgelt. Seitdem trieb er
seiner Mutter Khe allein an das andere Ende des Tales, wo man ihn oft
stundenlang in derselben Stellung im Grase liegen und den Thymian aus
dem Boden rupfen sah.

[Illustration]

Er war zwlf Jahre alt, als seine Mutter einen Besuch von ihrem jngern
Bruder erhielt, der in Brede wohnte und seit der trichten Heirat seiner
Schwester ihre Schwelle nicht betreten hatte.

Simon Semmler war ein kleiner, unruhiger, magerer Mann mit vor dem Kopf
liegenden Fischaugen und berhaupt einem Gesicht wie ein Hecht, ein
unheimlicher Geselle, bei dem dicktuende Verschlossenheit oft mit ebenso
gesuchter Treuherzigkeit wechselte, der gern einen aufgeklrten Kopf
vorgestellt htte und statt dessen fr einen fatalen, Hndel suchenden
Kerl galt, dem jeder um so lieber aus dem Wege ging, je mehr er in das
Alter trat, wo ohnehin beschrnkte Menschen leicht an Ansprchen
gewinnen, was sie an Brauchbarkeit verlieren. Dennoch freute sich die
arme Margret, die sonst keinen der Ihrigen mehr am Leben hatte.

Simon, bist du da? sagte sie und zitterte, da sie sich am Stuhle
halten mute. Willst du sehen, wie es mir geht und meinem schmutzigen
Jungen? -- Simon betrachtete sie ernst und reichte ihr die Hand: Du
bist alt geworden, Margret! -- Margret seufzte: Es ist mir derweil oft
bitterlich gegangen mit allerlei Schicksalen. -- Ja, Mdchen, zu spt
gefreit, hat immer gereut! Jetzt bist du alt, und das Kind ist klein.
Jedes Ding hat seine Zeit. Aber wenn ein altes Haus brennt, dann hilft
kein Lschen. -- ber Margrets vergrmtes Gesicht flog eine Flamme, so
rot wie Blut.

Aber ich hre, dein Junge ist schlau und gewichst, fuhr Simon fort.
-- Ei nun, so ziemlich, und dabei fromm. -- Hum, 's hat mal einer eine
Kuh gestohlen, der hie auch Fromm. Aber er ist still und nachdenklich,
nicht wahr? er luft nicht mit den andern Buben? -- Er ist ein eigenes
Kind, sagte Margret wie fr sich; es ist nicht gut. -- Simon lachte
hellauf: Dein Junge ist scheu, weil ihn die andern ein paarmal gut
durchgedroschen haben. Das wird ihnen der Bursche schon wieder bezahlen.
Hlsmeyer war neulich bei mir; der sagte, es ist ein Junge wie 'n Reh.

[Illustration]

Welcher Mutter geht das Herz nicht auf, wenn sie ihr Kind loben hrt?
Der armen Margret ward selten so wohl, jedermann nannte ihren Jungen
tckisch und verschlossen. Die Trnen traten ihr in die Augen. Ja,
gottlob! er hat gerade Glieder. -- Wie sieht er aus? fuhr Simon fort.
-- Er hat viel von dir, Simon, viel. -- Simon lachte: Ei, das mu ein
rarer Kerl sein, ich werde alle Tage schner. An der Schule soll er sich
wohl nicht verbrennen. Du lt ihn die Khe hten? Ebenso gut. Es ist
doch nicht halb wahr, was der Magister sagt. Aber wo htet er? Im
Telgengrund? im Roderholze? im Teutoburger Wald? auch des Nachts und
frh? -- Die ganzen Nchte durch; aber wie meinst du das?

Simon schien dies zu berhren; er reckte den Hals zur Tre hinaus: Ei,
da kommt der Gesell! Vaterssohn! er schlenkert geradeso mit den Armen
wie dein seliger Mann. Und schau mal an! wahrhaftig, der Junge hat meine
blonden Haare!

In der Mutter Zge kam ein heimliches, stolzes Lcheln; ihres Friedrichs
blonde Locken und Simons rtliche Borsten! Ohne zu antworten, brach sie
einen Zweig von der nchsten Hecke und ging ihrem Sohne entgegen,
scheinbar eine trge Kuh anzutreiben, im Grunde aber, ihm einige rasche,
halb drohende Worte zuzuraunen; denn sie kannte seine strrische Natur,
und Simons Weise war ihr heute einschchternder vorgekommen als je. Doch
ging alles ber Erwarten gut; Friedrich zeigte sich weder verstockt noch
frech, vielmehr etwas blde und sehr bemht, dem Ohm zu gefallen. So kam
es denn dahin, da nach einer halbstndigen Unterredung Simon eine Art
Adoption des Knaben in Vorschlag brachte, vermge deren er denselben
zwar nicht gnzlich seiner Mutter entziehen, aber doch ber den grten
Teil seiner Zeit verfgen wollte, wofr ihm dann am Ende des alten
Junggesellen Erbe zufallen solle, das ihm freilich ohnedies nicht
entgehen konnte. Margret lie sich geduldig auseinandersetzen, wie gro
der Vorteil, wie gering die Entbehrung ihrerseits bei dem Handel sei.
Sie wute am besten, was eine krnkliche Witwe an der Hilfe eines
zwlfjhrigen Knaben entbehrt, den sie bereits gewhnt hat, die Stelle
einer Tochter zu ersetzen. Doch sie schwieg und gab sich in alles. Nur
bat sie den Bruder, streng, doch nicht hart gegen den Knaben zu sein.

Er ist gut, sagte sie, aber ich bin eine einsame Frau; mein Kind ist
nicht wie einer, ber den Vaterhand regiert hat. Simon nickte schlau
mit dem Kopf: La mich nur gewhren, wir wollen uns schon vertragen,
und weit du was? gib mir den Jungen gleich mit, ich habe zwei Scke aus
der Mhle zu holen; der kleinste ist ihm grad recht, und so lernt er mir
zur Hand gehen. Komm, Fritzchen, zieh deine Holzschuh an! -- Und bald
sah Margret den beiden nach, wie sie fortschritten, Simon voran, mit
seinem Gesicht die Luft durchschneidend, whrend ihm die Sche des
roten Rocks wie Feuerflammen nachzogen. So hatte er ziemlich das Ansehen
eines feurigen Mannes, der unter dem gestohlenen Sacke bt; Friedrich
ihm nach, fein und schlank fr sein Alter, mit zarten, fast edlen Zgen
und langen blonden Locken, die besser gepflegt waren, als sein briges
uere erwarten lie; brigens zerlumpt, sonneverbrannt und mit dem
Ausdruck der Vernachlssigung und einer gewissen rohen Melancholie in
den Zgen. Dennoch war eine groe Familienhnlichkeit beider nicht zu
verkennen, und wie Friedrich so langsam seinem Fhrer nachtrat, die
Blicke fest auf denselben geheftet, der ihn gerade durch das Seltsame
seiner Erscheinung anzog, erinnerte er unwillkrlich an jemand, der in
einem Zauberspiegel das Bild seiner Zukunft mit verstrter
Aufmerksamkeit betrachtet.

Jetzt nahten die beiden sich der Stelle des Teutoburger Waldes, wo das
Brederholz den Abhang des Gebirges niedersteigt und einen sehr dunkeln
Grund ausfllt. Bis jetzt war wenig gesprochen worden. Simon schien
nachdenkend, der Knabe zerstreut, und beide keuchten unter ihren
Scken. Pltzlich fragte Simon: Trinkst du gern Branntwein? -- Der
Knabe antwortete nicht. Ich frage, trinkst du gern Branntwein? gibt dir
die Mutter zuweilen welchen? -- Die Mutter hat selbst keinen, sagte
Friedrich. -- So, so, desto besser! -- Kennst du das Holz da vor uns?
-- Das ist das Brederholz. -- Weit du auch, was darin vorgefallen
ist? -- Friedrich schwieg. Indessen kamen sie der dstern Schlucht
immer nher.

[Illustration]

Betet die Mutter noch so viel? hob Simon wieder an. -- Ja, jeden Abend
zwei Rosenkrnze. -- So? und du betest mit? -- Der Knabe lachte halb
verlegen mit einem durchtriebenen Seitenblick. -- Die Mutter betet in
der Dmmerung vor dem Essen den einen Rosenkranz, dann bin ich meist
noch nicht wieder da mit den Khen, und den andern im Bette, dann schlaf
ich gewhnlich ein. -- So, so, Geselle! --

Diese letzten Worte wurden unter dem Schirme einer weiten Buche
gesprochen, die den Eingang der Schlucht berwlbte. Es war jetzt ganz
finster; das erste Mondviertel stand am Himmel, aber seine schwachen
Schimmer dienten nur dazu, den Gegenstnden, die sie zuweilen durch eine
Lcke der Zweige berhrten, ein fremdartiges Ansehen zu geben. Friedrich
hielt sich dicht hinter seinem Ohm; sein Odem ging schnell, und wer
seine Zge htte unterscheiden knnen, wrde den Ausdruck einer
ungeheuren, doch mehr phantastischen als furchtsamen Spannung darin
wahrgenommen haben. So schritten beide rstig voran, Simon mit dem
festen Schritt des abgehrteten Wanderers, Friedrich schwankend und wie
im Traum. Es kam ihm vor, als ob alles sich bewegte und die Bume in den
einzelnen Mondstrahlen bald zusammen, bald voneinander schwankten.
Baumwurzeln und schlpfrige Stellen, wo sich das Wegwasser gesammelt,
machten seinen Schritt unsicher; er war einige Male nahe daran, zu
fallen. Jetzt schien sich in einiger Entfernung das Dunkel zu brechen,
und bald traten beide in eine ziemlich groe Lichtung. Der Mond schien
klar hinein und zeigte, da hier noch vor kurzem die Axt unbarmherzig
gewtet hatte. berall ragten Baumstmpfe hervor, manche mehrere Fu
ber der Erde, wie sie gerade in der Eile am bequemsten zu
durchschneiden gewesen waren; die verpnte Arbeit mute unversehens
unterbrochen worden sein, denn eine Buche lag quer ber dem Pfad, in
vollem Laube, ihre Zweige hoch ber sich streckend und im Nachtwinde mit
den noch frischen Blttern zitternd. Simon blieb einen Augenblick stehen
und betrachtete den gefllten Stamm mit Aufmerksamkeit. In der Mitte der
Lichtung stand eine alte Eiche, mehr breit als hoch; ein blasser Strahl,
der durch die Zweige auf ihren Stamm fiel, zeigte, da er hohl sei, was
ihn wahrscheinlich vor der allgemeinen Zerstrung geschtzt hatte. Hier
ergriff Simon pltzlich des Knaben Arm.

Friedrich, kennst du den Baum? Das ist die breite Eiche. -- Friedrich
fuhr zusammen und klammerte sich mit kalten Hnden an seinen Ohm.
Sieh, fuhr Simon fort, hier haben Ohm Franz und der Hlsmeyer deinen
Vater gefunden, als er in der Betrunkenheit ohne Bue und lung zum
Teufel gefahren war. -- Ohm, Ohm! keuchte Friedrich. -- Was fllt
dir ein? Du wirst dich doch nicht frchten? Satan von einem Jungen, du
kneipst mir den Arm! La los, los! -- Er suchte den Knaben
abzuschtteln. -- Dein Vater war brigens eine gute Seele; Gott wirds
nicht so genau mit ihm nehmen. Ich hatte ihn so lieb wie meinen eigenen
Bruder. -- Friedrich lie den Arm seines Ohms los; beide legten
schweigend den brigen Teil des Waldes zurck, und das Dorf Brede lag
vor ihnen mit seinen Lehmhtten und den einzelnen bessern Wohnungen von
Ziegelsteinen, zu denen auch Simons Haus gehrte.

Am nchsten Abend sa Margret schon seit einer Stunde mit ihrem Rocken
vor der Tr und wartete auf ihren Knaben. Es war die erste Nacht, die
sie zugebracht hatte, ohne den Atem ihres Kindes neben sich zu hren,
und Friedrich kam noch immer nicht. Sie war rgerlich und ngstlich und
wute, da sie beides ohne Grund war. Die Uhr im Turm schlug sieben, das
Vieh kehrte heim; er war noch immer nicht da, und sie mute aufstehen,
um nach den Khen zu schauen. Als sie wieder in die dunkle Kche trat,
stand Friedrich am Herde; er hatte sich vornbergebeugt und wrmte die
Hnde an den Kohlen. Der Schein spielte auf seinen Zgen und gab ihnen
ein widriges Ansehen von Magerkeit und ngstlichem Zucken. Margret
blieb in der Tennentr stehen, so seltsam verndert kam ihr das Kind
vor.

Friedrich, wie gehts dem Ohm? -- Der Knabe murmelte einige
unverstndliche Worte und drngte sich dicht an die Feuermauer. --
Friedrich, hast du das Reden verlernt? Junge, tu das Maul auf! du weit
ja doch, da ich auf dem rechten Ohr nicht gut hre. -- Das Kind erhob
seine Stimme und geriet dermaen in Stammeln, da Margret es um nichts
mehr begriff. -- Was sagst du? einen Gru von Meister Semmler? wieder
fort? wohin? die Khe sind schon zu Hause. Verfluchter Junge, ich kann
dich nicht verstehen. Wart, ich mu einmal sehen, ob du keine Zunge im
Munde hast! -- Sie trat heftig einige Schritte vor. Das Kind sah zu ihr
auf mit dem Jammerblick eines armen, halbwchsigen Hundes, der
Schildwacht stehen lernt, und begann in der Angst mit den Fen zu
stampfen und den Rcken an der Feuermauer zu reiben.

Margret stand still; ihre Blicke wurden ngstlich. Der Knabe erschien
ihr wie zusammengeschrumpft, auch seine Kleider waren nicht dieselben,
nein, das war ihr Kind nicht! und dennoch -- Friedrich, Friedrich!
rief sie.

In der Schlafkammer klappte eine Schranktr, und der Gerufene trat
hervor, in der einen Hand eine sogenannte Holzschenvioline, das heit
einen alten Holzschuh, mit drei bis vier zerschabten Geigensaiten
berspannt, in der andern einen Bogen, ganz des Instruments wrdig. So
ging er gerade auf sein verkmmertes Spiegelbild zu, seinerseits mit
einer Haltung bewuter Wrde und Selbstndigkeit, die in diesem
Augenblicke den Unterschied zwischen beiden sonst merkwrdig hnlichen
Knaben stark hervortreten lie.

Da, Johannes! sagte er und reichte ihm mit einer Gnnermiene das
Kunstwerk; da ist die Violine, die ich dir versprochen habe. Mein
Spielen ist vorbei, ich mu jetzt Geld verdienen. -- Johannes warf noch
einmal einen scheuen Blick auf Margret, streckte dann langsam seine Hand
aus, bis er das Dargebotene fest ergriffen hatte, und brachte es wie
verstohlen unter die Flgel seines armseligen Jckchens.

Margret stand ganz still und lie die Kinder gewhren. Ihre Gedanken
hatten eine andere, sehr ernste Richtung genommen, und sie blickte mit
unruhigem Auge von einem auf den andern. Der fremde Knabe hatte sich
wieder ber die Kohlen gebeugt mit einem Ausdruck augenblicklichen
Wohlbehagens, der an Albernheit grenzte, whrend in Friedrichs Zgen der
Wechsel eines offenbar mehr selbstischen als gutmtigen Mitgefhls
spielte und sein Auge in fast glasartiger Klarheit zum ersten Male
bestimmt den Ausdruck jenes ungebndigten Ehrgeizes und Hanges zum
Grotun zeigte, der nachher als so starkes Motiv seiner meisten
Handlungen hervortrat.

Der Ruf seiner Mutter strte ihn aus Gedanken, die ihm ebenso neu als
angenehm waren. Sie sa wieder am Spinnrade.

Friedrich, sagte sie zgernd, sag einmal -- und schwieg dann.
Friedrich sah auf und wandte sich, da er nichts weiter vernahm, wieder
zu seinem Schtzling. -- Nein, hre -- und dann leiser, was ist das
fr ein Junge? wie heit er? -- Friedrich antwortete ebenso leise: Das
ist des Ohms Simon Schweinehirt, der eine Botschaft an den Hlsmeyer
hat. Der Ohm hat mir ein Paar Schuhe und eine Weste von Drillich
gegeben; die hat mir der Junge unterwegs getragen; dafr hab ich ihm
meine Violine versprochen; er ist ja doch ein armes Kind; Johannes heit
er. -- Nun --? sagte Margret. -- Was willst du, Mutter? -- Wie
heit er weiter? -- Ja -- weiter nicht -- oder warte -- doch: Niemand,
Johannes Niemand heit er. -- Er hat keinen Vater, fgte er leiser
hinzu.

Margret stand auf und ging in die Kammer. Nach einer Weile kam sie
heraus mit einem harten, finstern Ausdruck in den Mienen. So,
Friedrich, sagte sie, la den Jungen gehen, da er seine Bestellung
machen kann. -- Junge, was liegst du da in der Asche? hast du zu Hause
nichts zu tun? --

Der Knabe raffte sich mit der Miene eines Verfolgten so eilfertig auf,
da ihm alle Glieder im Wege standen und die Holzschenvioline bei einem
Haar ins Feuer gefallen wre.

Warte, Johannes, sagte Friedrich stolz, ich will dir mein halbes
Butterbrot geben, es ist mir doch zu gro, die Mutter schneidet allemal
bers ganze Brot. -- La doch, sagte Margret, er geht ja nach
Hause. -- Ja, aber er bekommt nichts mehr; Ohm Simon it um sieben
Uhr. Margret wandte sich zu dem Knaben: Hebt man dir nichts auf?
Sprich, wer sorgt fr dich! -- Niemand, stotterte das Kind. --
Niemand? wiederholte sie; da nimm, nimm! fgte sie heftig hinzu; du
heit Niemand, und niemand sorgt fr dich! Das sei Gott geklagt! Und nun
mach dich fort! Friedrich, geh nicht mit ihm, hrst du, geht nicht
zusammen durchs Dorf. -- Ich will ja nur Holz holen aus dem Schuppen,
antwortete Friedrich. -- Als beide Knaben fort waren, warf sich Margret
auf einen Stuhl und schlug die Hnde mit dem Ausdruck des tiefsten
Jammers zusammen. Ihr Gesicht war bleich wie ein Tuch. Ein falscher
Eid, ein falscher Eid! sthnte sie. Was ists? Simon, Simon, wie willst
du vor Gott bestehen!

[Illustration]

So sa sie eine Weile, starr mit geklemmten Lippen, wie in vlliger
Geistesabwesenheit. Friedrich stand vor ihr und hatte sie schon zweimal
angeredet. Was ists? was willst du? rief sie auffahrend. -- Ich
bringe Euch Geld, sagte er, mehr erstaunt als erschreckt. -- Geld?
wo? Sie regte sich, und die kleine Mnze fiel klingend auf den Boden.
Friedrich hob sie auf. Geld vom Ohm Simon, weil ich ihm habe arbeiten
helfen. Ich kann mir nun selber was verdienen. -- Geld vom Simon?
wirfs fort, fort! -- nein, gibs den Armen. Doch nein, behalts,
flsterte sie kaum hrbar; wir sind selber arm. Wer wei, ob wir bei
dem Betteln vorbeikommen! -- Ich soll Montag wieder zum Ohm und ihm
bei der Einsaat helfen. -- Du wieder zu ihm? nein, nein, nimmermehr!
-- Sie umfate ihr Kind mit Heftigkeit. -- Doch, fgte sie hinzu, und
ein Trnenstrom strzte ihr pltzlich ber die eingefallenen Wangen;
geh, er ist mein einziger Bruder, und die Verleumdung ist gro! Aber
halt Gott vor Augen und vergi das tgliche Gebet nicht!

Margret legte das Gesicht an die Mauer und weinte laut. Sie hatte manche
harte Last getragen, ihres Mannes ble Behandlung, noch schwerer seinen
Tod, und es war eine bittere Stunde, als die Witwe das letzte Stck
Ackerland einem Glubiger zur Nutznieung berlassen mute und der Pflug
vor ihrem Hause stillestand. Aber so war ihr nie zumute gewesen;
dennoch, nachdem sie einen Abend durchgeweint, eine Nacht durchwacht
hatte, war sie dahin gekommen, zu denken, ihr Bruder Simon knne so
gottlos nicht sein, der Knabe gehre gewi nicht ihm. hnlichkeiten
wollen nichts beweisen. Hatte sie doch selbst vor vierzig Jahren ein
Schwesterchen verloren, das genau dem fremden Hechelkrmer glich. Was
glaubt man nicht gern, wenn man so wenig hat und durch Unglauben dies
wenige verlieren soll!

Von dieser Zeit an war Friedrich selten mehr zu Hause. Simon schien alle
wrmern Gefhle, deren er fhig war, dem Schwestersohn zugewendet zu
haben; wenigstens vermite er ihn sehr und lie nicht nach mit
Botschaften, wenn ein husliches Geschft ihn auf einige Zeit bei der
Mutter hielt. Der Knabe war seitdem wie verwandelt, das trumerische
Wesen gnzlich von ihm gewichen, er trat fest auf, fing an, sein ueres
zu beachten und bald in den Ruf eines hbschen, gewandten Burschen zu
kommen. Sein Ohm, der nicht wohl ohne Projekte leben konnte, unternahm
mitunter ziemlich bedeutende ffentliche Arbeiten, zum Beispiel beim
Wegbau, wobei Friedrich fr einen seiner besten Arbeiter und berall
als seine rechte Hand galt; denn obgleich dessen Krperkrfte noch nicht
ihr volles Ma erreicht hatten, kam ihm doch nicht leicht jemand an
Ausdauer gleich. Margret hatte bisher ihren Sohn nur geliebt, jetzt fing
sie an, stolz auf ihn zu werden und sogar eine Art Hochachtung vor ihm
zu fhlen, da sie den jungen Menschen so ganz ohne ihr Zutun sich
entwickeln sah, sogar ohne ihren Rat, den sie, wie die meisten Menschen,
fr unschtzbar hielt, und deshalb die Fhigkeiten nicht hoch genug
anzuschlagen wute, die eines so kostbaren Frderungsmittels entbehren
konnten.

[Illustration]

In seinem achtzehnten Jahre hatte Friedrich sich bereits einen
bedeutenden Ruf in der jungen Dorfwelt gesichert durch den Ausgang einer
Wette, infolge deren er einen erlegten Eber ber zwei Meilen weit auf
seinem Rcken trug, ohne abzusetzen. Indessen war der Mitgenu des Ruhms
auch so ziemlich der einzige Vorteil, den Margret aus diesen gnstigen
Umstnden zog, da Friedrich immer mehr auf sein ueres verwandte und
allmhlich anfing, es schwer zu verdauen, wenn Geldmangel ihn zwang,
irgend jemand im Dorf darin nachzustehen. Zudem waren alle seine Krfte
auf den auswrtigen Erwerb gerichtet; zu Hause schien ihm, ganz im
Widerspiel mit seinem sonstigen Rufe, jede anhaltende Beschftigung
lstig, und er unterzog sich lieber einer harten, aber kurzen
Anstrengung, die ihm bald erlaubte, seinem frhern Hirtenamte wieder
nachzugehen, was bereits begann, seinem Alter unpassend zu werden, und
ihm gelegentlichen Spott zuzog, vor dem er sich aber durch ein paar
derbe Zurechtweisungen mit der Faust Ruhe verschaffte. So gewhnte man
sich daran, ihn bald geputzt und frhlich als anerkannten Dorfelegant an
der Spitze des jungen Volks zu sehen, bald wieder als zerlumpten
Hirtenbuben einsam und trumerisch hinter den Khen herschleichend, oder
in einer Waldlichtung liegend, scheinbar gedankenlos und das Moos von
den Bumen rupfend.

[Illustration]

Um diese Zeit wurden die schlummernden Gesetze doch einigermaen
aufgerttelt durch eine Bande von Holzfrevlern, die unter dem Namen der
Blaukittel alle ihre Vorgnger so weit an List und Frechheit bertraf,
da es dem Langmtigsten zuviel werden mute. Ganz gegen den
gewhnlichen Stand der Dinge, wo man die strksten Bcke der Herde mit
dem Finger bezeichnen konnte, war es hier trotz aller Wachsamkeit bisher
nicht mglich gewesen, auch nur ein Individuum namhaft zu machen. Ihre
Benennung erhielten sie von der ganz gleichfrmigen Tracht, durch die
sie das Erkennen erschwerten, wenn etwa ein Frster noch einzelne
Nachzgler im Dickicht verschwinden sah. Sie verheerten alles wie die
Wanderraupe, ganze Waldstrecken wurden in einer Nacht gefllt und auf
der Stelle fortgeschafft, so da man am andern Morgen nichts fand als
Spne und wste Haufen von Topholz, und der Umstand, da nie Wagenspuren
einem Dorfe zufhrten, sondern immer vom Flusse her und dorthin zurck,
bewies, da man unter dem Schutz und vielleicht mit dem Beistande der
Schiffeigentmer handelte. In der Bande muten sehr gewandte Spione
sein, denn die Frster konnten wochenlang umsonst wachen; in der ersten
Nacht, gleichviel ob strmisch oder mondhell, wo sie vor bermdung
nachlieen, brach die Zerstrung ein. Seltsam war es, da das Landvolk
umher ebenso unwissend und gespannt schien als die Frster selber.

Von einigen Drfern ward mit Bestimmtheit gesagt, da sie nicht zu den
Blaukitteln gehrten, aber keines konnte als dringend verdchtig
bezeichnet werden, seit man das verdchtigste von allen, das Dorf B.,
freisprechen mute. Ein Zufall hatte dies bewirkt, eine Hochzeit, auf
der fast alle Bewohner dieses Dorfes notorisch die Nacht zugebracht
hatten, whrend zu ebendieser Zeit die Blaukittel eine ihrer strksten
Expeditionen ausfhrten.

[Illustration]

Der Schaden in den Forsten war indes allzu gro, deshalb wurden die
Maregeln dagegen auf eine bisher unerhrte Weise gesteigert; Tag und
Nacht wurde patrouilliert, Ackerknechte, Hausbediente mit Gewehren
versehen und den Forstbeamten zugesellt. Dennoch war der Erfolg nur
gering, und die Wchter hatten oft kaum das eine Ende des Forstes
verlassen, wenn die Blaukittel schon zum andern einzogen. Das whrte
lnger als ein volles Jahr, Wchter und Blaukittel, Blaukittel und
Wchter, wie Sonne und Mond, immer abwechselnd im Besitz des Terrains
und nie zusammentreffend.

[Illustration]

Es war im Juli 1756 frh um drei; der Mond stand klar am Himmel, aber
sein Glanz fing an zu ermatten, und im Osten zeigte sich bereits ein
schmaler gelber Streif, der den Horizont besumte und den Eingang einer
engen Talschlucht wie mit einem Goldbande schlo. Friedrich lag im
Grase, nach seiner gewohnten Weise, und schnitzelte an einem
Weidenstabe, dessen knotigem Ende er die Gestalt eines ungeschlachten
Tieres zu geben versuchte. Er sah bermdet aus, ghnte, lie mitunter
seinen Kopf an einem verwitterten Stammknorren ruhen und Blicke,
dmmeriger als der Horizont, ber den mit Gestrpp und Aufschlag fast
verwachsenen Eingang des Grundes streifen. Ein paarmal belebten sich
seine Augen und nahmen den ihnen eigentmlichen glasartigen Glanz an,
aber gleich nachher schlo er sie wieder halb und ghnte und dehnte
sich, wie es nur faulen Hirten erlaubt ist. Sein Hund lag in einiger
Entfernung nah bei den Khen, die, unbekmmert um die Forstgesetze,
ebensooft den jungen Baumspitzen als dem Grase zusprachen und in die
frische Morgenluft schnaubten.

Aus dem Walde drang von Zeit zu Zeit ein dumpfer, krachender Schall;
der Ton hielt nur einige Sekunden an, begleitet von einem langen Echo an
den Bergwnden, und wiederholte sich etwa alle fnf bis acht Minuten.
Friedrich achtete nicht darauf; nur zuweilen, wenn das Getse
ungewhnlich stark oder anhaltend war, hob er den Kopf und lie seine
Blicke langsam ber die verschiedenen Pfade gleiten, die ihren Ausgang
in dem Talgrunde fanden.

[Illustration]

Es fing bereits stark zu dmmern an; die Vgel begannen leise zu
zwitschern, und der Tau stieg fhlbar aus dem Grunde. Friedrich war an
dem Stamm hinabgeglitten und starrte, die Arme ber den Kopf
verschlungen, in das leise einschleichende Morgenrot. Pltzlich fuhr er
auf: ber sein Gesicht fuhr ein Blitz, er horchte einige Sekunden mit
vorgebeugtem Oberleib wie ein Jagdhund, dem die Luft Witterung zutrgt.
Dann schob er schnell zwei Finger in den Mund und pfiff gellend und
anhaltend. -- Fidel, du verfluchtes Tier! -- Ein Steinwurf traf die
Seite des unbesorgten Hundes, der, vom Schlafe aufgeschreckt, zuerst um
sich bi und dann heulend auf drei Beinen dort Trost suchte, von wo das
bel ausgegangen war.

In demselben Augenblicke wurden die Zweige eines nahen Gebsches fast
ohne Gerusch zurckgeschoben, und ein Mann trat heraus, im grnen
Jagdrock, den silbernen Wappenschild am Arm, die gespannte Bchse in der
Hand. Er lie schnell seine Blicke ber die Schlucht fahren und sie dann
mit besonderer Schrfe auf dem Knaben verweilen, trat dann vor, winkte
nach dem Gebsch, und allmhlich wurden sieben bis acht Mnner sichtbar,
alle in hnlicher Kleidung, Weidmesser im Grtel und die gespannten
Gewehre in der Hand.

Friedrich, was war das? fragte der zuerst Erschienene. -- Ich wollte,
da der Racker auf der Stelle krepierte. Seinetwegen knnen die Khe mir
die Ohren vom Kopf fressen. -- Die Kanaille hat uns gesehen, sagte
ein anderer. --

Morgen sollst du auf die Reise mit einem Stein am Halse, fuhr
Friedrich fort und stie nach dem Hunde. -- Friedrich, stell dich nicht
an wie ein Narr! Du kennst mich und du verstehst mich auch! -- Ein
Blick begleitete diese Worte, der schnell wirkte. -- Herr Brandis,
denkt an meine Mutter! -- Das tu ich. Hast du nichts im Walde gehrt?
-- Im Walde? -- Der Knabe warf einen raschen Blick auf des Frsters
Gesicht. -- Eure Holzfller, sonst nichts. -- Meine Holzfller!

Die ohnehin dunkle Gesichtsfarbe des Frsters ging in tiefes Braunrot
ber. Wie viele sind ihrer, und wo treiben sie ihr Wesen? -- Wohin
Ihr sie geschickt habt; ich wei es nicht. -- Brandis wandte sich zu
seinen Gefhrten: Geht voran; ich komme gleich nach.

[Illustration]

Als einer nach dem andern im Dickicht verschwunden war, trat Brandis
dicht vor den Knaben: Friedrich, sagte er mit dem Ton unterdrckter
Wut, meine Geduld ist zu Ende; ich mchte dich prgeln wie einen Hund,
und mehr seid ihr auch nicht wert. Ihr Lumpenpack, dem kein Ziegel auf
dem Dach gehrt! Bis zum Betteln habt ihr es, gottlob! bald gebracht,
und an meiner Tr soll deine Mutter, die alte Hexe, keine verschimmelte
Brotrinde bekommen. Aber vorher sollt ihr mir noch beide ins Hundeloch.

Friedrich griff krampfhaft nach einem Aste. Er war totenbleich, und
seine Augen schienen wie Kristallkugeln aus dem Kopfe schieen zu
wollen. Doch nur einen Augenblick. Dann kehrte die grte, an
Erschlaffung grenzende Ruhe zurck. -- Herr, sagte er fest, mit fast
sanfter Stimme, Ihr habt gesagt, was Ihr nicht verantworten knnt, und
ich vielleicht auch. Wir wollen es gegeneinander aufgehen lassen, und
nun will ich Euch sagen, was Ihr verlangt. Wenn Ihr die Holzfller nicht
selbst bestellt habt, so mssen es die Blaukittel sein, denn aus dem
Dorfe ist kein Wagen gekommen; ich habe den Weg ja vor mir, und vier
Wagen sind es. Ich habe sie nicht gesehen, aber den Hohlweg hinauffahren
hren. -- Er stockte einen Augenblick. --

Knnt Ihr sagen, da ich je einen Baum in Eurem Revier gefllt habe?
berhaupt, da ich je anderwrts gehauen habe als auf Bestellung? Denkt
nach, ob Ihr das sagen knnt?

Ein verlegenes Murmeln war die ganze Antwort des Frsters, der nach Art
der meisten rauhen Menschen leicht bereute. Er wandte sich unwirsch und
schritt dem Gebsche zu -- Nein, Herr, rief Friedrich, wenn Ihr zu
den andern Frstern wollt, die sind dort an der Buche hinaufgegangen.
-- An der Buche? sagte Brandis zweifelhaft, nein, dort hinber, nach
dem Mastergrunde. -- Ich sage Euch, an der Buche; des langen Heinrich
Flintenriemen blieb noch am krummen Ast dort hngen; ich habs ja
gesehen!

[Illustration]

Der Frster schlug den bezeichneten Weg ein. Friedrich hatte die ganze
Zeit hindurch seine Stellung nicht verlassen; halb liegend, den Arm um
einen drren Ast geschlungen, sah er dem Fortgehenden unverrckt nach,
wie er durch den halbverwachsenen Steig glitt, mit den vorsichtigen
weiten Schritten seines Metiers, so geruschlos, wie ein Fuchs die
Hhnerstiege erklimmt. Hier sank ein Zweig hinter ihm, dort einer; die
Umrisse seiner Gestalt schwanden immer mehr. Da blitzte es noch einmal
durchs Laub. Es war ein Stahlknopf seines Jagdrocks; nun war er fort.
Friedrichs Gesicht hatte whrend dieses allmhlichen Verschwindens den
Ausdruck seiner Klte verloren, und seine Zge schienen zuletzt unruhig
bewegt. Gereute es ihn vielleicht, den Frster nicht um Verschweigung
seiner Angaben gebeten zu haben? Er ging einige Schritte voran, blieb
dann stehen. Es ist zu spt, sagte er vor sich hin und griff nach
seinem Hute. Ein leises Picken im Gebsche, nicht zwanzig Schritte von
ihm. Es war der Frster, der den Flintenstein schrfte. Friedrich
horchte. -- Nein! sagte er dann mit entschlossenem Tone, raffte seine
Siebensachen zusammen und trieb das Vieh eilfertig die Schlucht entlang.

Um Mittag sa Frau Margret am Herd und kochte Tee. -- Friedrich war krank
heimgekommen, er klagte ber heftige Kopfschmerzen und hatte auf ihre
besorgte Nachfrage erzhlt, wie er sich schwer gergert ber den
Frster, kurz, den ganzen eben beschriebenen Vorgang, mit Ausnahme
einiger Kleinigkeiten, die er besser fand, fr sich zu behalten. Margret
sah schweigend und trbe in das siedende Wasser. Sie war es wohl
gewohnt, ihren Sohn mitunter klagen zu hren, aber heute kam er ihr so
angegriffen vor wie sonst nie. Sollte wohl eine Krankheit im Anzuge
sein? Sie seufzte tief und lie einen eben ergriffenen Holzblock fallen.

Mutter! rief Friedrich aus der Kammer. -- Was willst du? -- War das
ein Schu? -- Ach nein, ich wei nicht, was du meinst. -- Es pocht
mir wohl nur so im Kopfe, versetzte er. Die Nachbarin trat herein und
erzhlte mit leisem Flstern irgendeine unbedeutende Klatscherei, die
Margret ohne Teilnahme anhrte. Dann ging sie. --

Mutter! rief Friedrich. Margret ging zu ihm hinein. Was erzhlte die
Hlsmeyer? -- Ach gar nichts, Lgen, Wind! -- Friedrich richtete sich
auf. -- Von der Gretchen Siemers; du weit ja wohl die alte Geschichte;
und ist doch nichts Wahres dran. -- Friedrich legte sich wieder hin.
Ich will sehen ob ich schlafen kann, sagte er.

Margret sa am Herde; sie spann und dachte wenig Erfreuliches. Im Dorfe
schlug es halb zwlf; die Tre klinkte, und der Gerichtsschreiber Kapp
trat herein. --

Guten Tag, Frau Mergel, sagte er; knnt Ihr mir einen Trunk Milch
geben? ich komme von M. -- Als Frau Mergel das Verlangte brachte,
fragte er: Wo ist Friedrich? Sie war gerade beschftigt, einen Teller
hervorzulangen, und berhrte die Frage. Er trank zgernd und in kurzen
Abstzen. Wit Ihr wohl, sagte er dann, da die Blaukittel in dieser
Nacht wieder im Masterholze eine ganze Strecke so kahl gefegt haben wie
meine Hand! -- Ei, du frommer Gott! versetzte sie gleichgltig. --
Die Schandbuben, fuhr der Schreiber fort, ruinieren alles; wenn sie
noch Rcksicht nhmen auf das junge Holz, aber Eichenstmmchen wie mein
Arm dick, wo nicht einmal eine Ruderstange drin steckt! Es ist, als ob
ihnen andrer Leute Schaden ebenso lieb wre wie ihr Profit! -- Es ist
schade! sagte Margret. Der Amtsschreiber hatte getrunken und ging noch
immer nicht. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. Habt Ihr nichts
von Brandis gehrt? fragte er pltzlich. -- Nichts; er kommt niemals
hier ins Haus. -- So wit Ihr nicht, was ihm begegnet ist? -- Was
denn? fragte Margret gespannt. -- Er ist tot! -- Tot! rief sie,
was, tot? Um Gottes willen! er ging ja noch heute morgen ganz gesund
hier vorber mit der Flinte auf dem Rcken! -- Er ist tot,
wiederholte der Schreiber, sie scharf fixierend; von den Blaukitteln
erschlagen. Vor einer Viertelstunde wurde die Leiche ins Dorf gebracht.

Margret schlug die Hnde zusammen. -- Gott im Himmel, geh nicht mit ihm
ins Gericht! er wute nicht, was er tat! -- Mit ihm! rief der
Amtsschreiber, mit dem verfluchten Mrder, meint Ihr? Aus der Kammer
drang ein schweres Sthnen. Margret eilte hin, und der Schreiber folgte
ihr. Friedrich sa aufrecht im Bette, das Gesicht in die Hnde gedrckt,
und chzte wie ein Sterbender. -- Friedrich, wie ist dir? sagte die
Mutter. -- Wie ist dir? wiederholte der Amtsschreiber. -- O mein
Leib, mein Kopf! jammerte er. -- Was fehlt ihm? -- Ach, Gott wei
es, versetzte sie, er ist schon um vier mit den Khen heimgekommen,
weil ihm so bel war. -- Friedrich, Friedrich, antworte doch, soll ich
zum Doktor? -- Nein, nein, chzte er, es ist nur Kolik, es wird
schon besser.

Er legte sich zurck, sein Gesicht zuckte krampfhaft vor Schmerz; dann
kehrte die Farbe wieder. -- Geht, sagte er matt; ich mu schlafen,
dann gehts vorber. --

Frau Mergel, sagte der Amtsschreiber ernst, ist es gewi, da
Friedrich um vier zu Hause kam und nicht wieder fortging? -- Sie sah
ihn starr an. -- Fragt jedes Kind auf der Strae. Und fortgehen? --
wollte Gott, er knnt es! -- Hat er Euch nichts von Brandis erzhlt?
-- In Gottes Namen, ja, da er ihn im Walde geschimpft und unsere Armut
vorgeworfen hat, der Lump! -- Doch Gott verzeih mir, er ist tot! --
Geht! fuhr sie heftig fort; seid Ihr gekommen, um ehrliche Leute zu
beschimpfen? Geht! -- Sie wandte sich wieder zu ihrem Sohne; der
Schreiber ging. -- Friedrich, wie ist dir? sagte die Mutter; hast du
wohl gehrt? schrecklich, schrecklich! ohne Beichte und Absolution! --

Mutter, Mutter, um Gottes willen la mich schlafen; ich kann nicht
mehr!

In diesem Augenblick trat Johannes Niemand in die Kammer; dnn und lang
wie eine Hopfenstange, aber zerlumpt und scheu, wie wir ihn vor fnf
Jahren gesehen. Sein Gesicht war noch bleicher als gewhnlich.
Friedrich, stotterte er, du sollst sogleich zum Ohm kommen; er hat
Arbeit fr dich; aber sogleich. -- Friedrich drehte sich gegen die
Wand. -- Ich komme nicht, sagte er barsch, ich bin krank. -- Du
mut aber kommen, keuchte Johannes; er hat gesagt, ich mte dich
mitbringen. --

Friedrich lachte hhnisch auf: Das will ich doch sehen! -- La ihn in
Ruhe, er kann nicht, seufzte Margret, du siehst ja, wie es steht. --
Sie ging auf einige Minuten hinaus; als sie zurckkam, war Friedrich
bereits angekleidet. -- Was fllt dir ein? rief sie, du kannst, du
sollst nicht gehen! -- Was sein mu, schickt sich wohl, versetzte er
und war schon zur Tre hinaus mit Johannes. -- Ach Gott, seufzte die
Mutter, wenn die Kinder klein sind, treten sie uns in den Scho, und
wenn sie gro sind, ins Herz!

[Illustration]

Die gerichtliche Untersuchung hatte ihren Anfang genommen, die Tat lag
klar am Tage; ber den Tter aber waren die Anzeichen so schwach, da,
obschon alle Umstnde die Blaukittel dringend verdchtigten, man doch
nicht mehr als Mutmaungen wagen konnte. Eine Spur schien Licht geben zu
wollen: doch rechnete man aus Grnden wenig darauf. Die Abwesenheit des
Gutsherrn hatte den Gerichtsschreiber gentigt, auf eigene Hand die
Sache einzuleiten. Er sa am Tische; die Stube war gedrngt voll von
Bauern, teils neugierigen, teils solchen, von denen man in Ermangelung
eigentlicher Zeugen einigen Aufschlu zu erhalten hoffte. Hirten, die in
derselben Nacht gehtet, Knechte, die den Acker in der Nhe bestellt,
alle standen stramm und fest, die Hnde in den Taschen, gleichsam als
stillschweigende Erklrung, da sie nicht einzuschreiten gesonnen seien.

Acht Forstbeamte wurden vernommen. Ihre Aussagen waren vllig
gleichlautend: Brandis habe sie am Zehnten abends zur Runde bestellt, da
ihm von einem Vorhaben der Blaukittel msse Kunde zugekommen sein; doch
habe er sich nur unbestimmt darber geuert. Um zwei Uhr in der Nacht
seien sie ausgezogen und auf manche Spuren der Zerstrung gestoen, die
den Oberfrster sehr bel gestimmt; sonst sei alles still gewesen. Gegen
vier Uhr habe Brandis gesagt: Wir sind angefhrt, lat uns heimgehen.
-- Als sie nun um den Bremerberg gewendet und zugleich der Wind
umgeschlagen, habe man deutlich im Masterholz fllen gehrt und aus der
schnellen Folge der Schlge geschlossen, da die Blaukittel am Werk
seien. Man habe nun eine Weile beratschlagt, ob es tunlich sei, mit so
geringer Macht die khne Bande anzugreifen, und sich dann ohne
bestimmten Entschlu dem Schalle langsam genhert. Nun folgte der
Auftritt mit Friedrich. Ferner: nachdem Brandis sie ohne Weisung
fortgeschickt, seien sie eine Weile vorangeschritten und dann, als sie
bemerkt, da das Getse im noch ziemlich weit entfernten Walde gnzlich
aufgehrt, stillegestanden, um den Oberfrster zu erwarten.

[Illustration]

Die Zgerung habe sie verdrossen, und nach etwa zehn Minuten seien sie
weitergegangen und so bis an den Ort der Verwstung. Alles sei vorber
gewesen, kein Laut mehr im Walde, von zwanzig gefllten Stmmen noch
acht vorhanden, die brigen bereits fortgeschafft. Es sei ihnen
unbegreiflich, wie man dieses ins Werk gestellt, da keine Wagenspuren zu
finden gewesen. Auch habe die Drre der Jahreszeit und der mit
Fichtennadeln bestreute Boden keine Fustapfen unterscheiden lassen,
obgleich der Grund ringsumher wie festgestampft war. Da man nun
berlegt, da es zu nichts ntzen knne, den Oberfrster zu erwarten,
sei man rasch der andern Seite des Waldes zugeschritten in der Hoffnung,
vielleicht noch einen Blick von den Frevlern zu erhaschen. Hier habe
sich einem von ihnen beim Ausgange des Waldes die Flaschenschnur in
Brombeerranken verstrickt, und als er umgeschaut, habe er etwas im
Gestrpp blitzen sehen; es war die Gurtschnalle des Oberfrsters, den
man nun hinter den Ranken liegend fand, grad ausgestreckt, die rechte
Hand um den Flintenlauf geklemmt, die andere geballt, und die Stirn von
einer Axt gespalten.

Dies waren die Aussagen der Frster; nun kamen die Bauern an die Reihe,
aus denen jedoch nichts zu bringen war. Manche behaupteten, um vier Uhr
noch zu Hause oder anderswo beschftigt gewesen zu sein, und keiner
wollte etwas bemerkt haben. Was war zu machen? sie waren smtlich
angesessene, unverdchtige Leute. Man mute sich mit ihren negativen
Zeugnissen begngen.

Friedrich ward hereingerufen. Er trat ein mit einem Wesen, das sich
durchaus nicht von seinem gewhnlichen unterschied, weder gespannt noch
keck. Das Verhr whrte ziemlich lange, und die Fragen waren mitunter
ziemlich schlau gestellt; er beantwortete sie jedoch alle offen und
bestimmt und erzhlte den Vorgang zwischen ihm und dem Oberfrster
ziemlich der Wahrheit gem, bis auf das Ende, das er geratener fand,
fr sich zu behalten. Sein Alibi zur Zeit des Mordes war leicht
erwiesen. Der Frster lag am Ausgange des Masterholzes, ber dreiviertel
Stunden Weges von der Schlucht, in der er Friedrich um vier Uhr
angeredet und aus der dieser seine Herde schon zehn Minuten spter ins
Dorf getrieben. Jedermann hatte dies gesehen; alle anwesenden Bauern
beeiferten sich, es zu bezeugen; mit diesem hatte er geredet, jenem
zugenickt.

[Illustration]

Der Gerichtsschreiber sa unmutig und verlegen da. Pltzlich fuhr er mit
der Hand hinter sich und brachte etwas Blinkendes vor Friedrichs Auge.
Wem gehrt dies? -- Friedrich sprang drei Schritt zurck. Herr Jesus!
ich dachte, Ihr wolltet mir den Schdel einschlagen. Seine Augen waren
rasch ber das tdliche Werkzeug gefahren und schienen momentan auf
einem ausgebrochenen Splitter am Stiele zu haften. Ich wei es nicht,
sagte er fest. -- Es war die Axt, die man in dem Schdel des
Oberfrsters eingeklammert gefunden hatte. -- Sieh sie genau an, fuhr
der Gerichtsschreiber fort. Friedrich fate sie mit der Hand, besah sie
oben, unten, wandte sie um. Es ist eine Axt wie andere, sagte er dann
und legte sie gleichgltig auf den Tisch. Ein Blutfleck ward sichtbar;
er schien zu schaudern, aber er wiederholte noch einmal sehr bestimmt:
Ich kenne sie nicht. Der Gerichtsschreiber seufzte vor Unmut. Er
selbst wute um nichts mehr und hatte nur einen Versuch zu mglicher
Entdeckung durch berraschung machen wollen. Es blieb nichts brig, als
das Verhr zu schlieen.

Denjenigen, die vielleicht auf den Ausgang dieser Begebenheit gespannt
sind, mu ich sagen, da diese Geschichte nie aufgeklrt wurde, obwohl
noch viel dafr geschah und diesem Verhre mehrere folgten. Den
Blaukitteln schien durch das Aufsehen, das der Vorgang gemacht, und die
darauffolgenden geschrften Maregeln der Mut genommen; sie waren von
nun an wie verschwunden, und obgleich spterhin noch mancher Holzfrevler
erwischt wurde, fand man doch nie Anla, ihn der berchtigten Bande
zuzuschreiben. Die Axt lag zwanzig Jahre nachher als unntzes
Korpusdelikti im Gerichtsarchiv, wo sie wohl noch jetzt ruhen mag mit
ihren Rostflecken. Es wrde in einer erdichteten Geschichte unrecht
sein, die Neugier des Lesers so zu tuschen. Aber dies alles hat sich
wirklich zugetragen; ich kann nichts davon- oder dazutun.

[Illustration]

Am nchsten Sonntage stand Friedrich sehr frh auf, um zur Beichte zu
gehen. Es war Mari Himmelfahrt und die Pfarrgeistlichen schon vor
Tagesanbruch im Beichtstuhle.

Nachdem er sich im Finstern angekleidet, verlie er so geruschlos wie
mglich den engen Verschlag, der ihm in Simons Hause eingerumt war.

In der Kche mute sein Gebetbuch auf dem Sims liegen, und er hoffte, es
mit Hilfe des schwachen Mondlichts zu finden; es war nicht da. Er warf
die Augen suchend umher und fuhr zusammen; in der Kammertr stand Simon,
fast unbekleidet, seine drre Gestalt, sein ungekmmtes wirres Haar und
die vom Mondschein verursachte Blsse des Gesichts gaben ihm ein
schauerlich verndertes Ansehen. Sollte er nachtwandeln? dachte
Friedrich und verhielt sich ganz still. -- Friedrich, wohin? flsterte
der Alte. -- Ohm, seid Ihrs? ich will beichten gehen. -- Das dacht
ich mir; geh in Gottes Namen, aber beichte wie ein guter Christ. --
Das will ich, sagte Friedrich. -- Denk an die zehn Gebote: du sollst
kein Zeugnis ablegen gegen deinen Nchsten. -- Kein falsches! --
Nein, gar keines; du bist schlecht unterrichtet; wer einen andern in
der Beichte anklagt, der empfngt das Sakrament unwrdig.

Beide schwiegen. -- Ohm, wie kommt Ihr darauf? sagte Friedrich dann;
Eur Gewissen ist nicht rein; Ihr habt mich belogen. -- Ich, so? --
Wo ist Eure Axt? -- Meine Axt? auf der Tenne. -- Habt Ihr einen
neuen Stiel hinein gemacht? wo ist der alte? -- Den kannst du heute
bei Tag im Holzschuppen finden.

Geh, fuhr er verchtlich fort, ich dachte, du seist ein Mann; aber du
bist ein altes Weib, das gleich meint, das Haus brennt, wenn ihr
Feuertopf raucht. Sieh, fuhr er fort, wenn ich mehr von der Geschichte
wei als der Trpfosten da, so will ich ewig nicht selig werden. --
Lngst war ich zu Haus, fgte er hinzu. -- Friedrich stand beklemmt und
zweifelnd. Er htte viel darum gegeben, seines Ohms Gesicht sehen zu
knnen. Aber whrend sie flsterten, hatte der Himmel sich bewlkt.

Ich habe schwere Schuld, seufzte Friedrich, da ich ihn den unrechten
Weg geschickt -- obgleich -- doch, dies hab ich nicht gedacht, nein,
gewi nicht. Ohm, ich habe Euch ein schweres Gewissen zu danken. -- So
geh, beicht! flsterte Simon mit bebender Stimme; verunehre das
Sakrament durch Angeberei und setze armen Leuten einen Spion auf den
Hals, der schon Wege finden wird, ihnen das Stckchen Brot aus den
Zhnen zu reien, wenn er gleich nicht reden darf -- geh! --

Friedrich stand unschlssig; er hrte ein leises Gerusch; die Wolken
verzogen sich, das Mondlicht fiel wieder auf die Kammertr: sie war
geschlossen. Friedrich ging an diesem Morgen nicht zur Beichte. Der
Eindruck, den dieser Vorfall auf Friedrich gemacht, erlosch leider nur
zu bald. Wer zweifelt daran, da Simon alles tat, seinen Adoptivsohn
dieselben Wege zu leiten, die er selber ging? Und in Friedrich lagen
Eigenschaften, die dies nur zu sehr erleichterten: Leichtsinn,
Erregbarkeit und vor allem ein grenzenloser Hochmut, der nicht immer den
Schein verschmhte und dann alles daransetzte, durch Wahrmachung des
Usurpierten mglicher Beschmung zu entgehen. Seine Natur war nicht
unedel, aber er gewhnte sich, die innere Schande der uern
vorzuziehen. Man darf nur sagen, er gewhnte sich zu prunken, whrend
seine Mutter darbte.

Diese unglckliche Wendung seines Charakters war indessen das Werk
mehrerer Jahre, in denen man bemerkte, da Margret immer stiller ber
ihren Sohn ward und allmhlich in einen Zustand der Verkommenheit
versank, den man frher bei ihr fr unmglich gehalten htte. Sie wurde
scheu, saumselig, sogar unordentlich, und manche meinten, ihr Kopf habe
gelitten. Friedrich ward desto lauter; er versumte keine Kirchweih oder
Hochzeit, und da ein sehr empfindliches Ehrgefhl ihn die geheime
Mibilligung mancher nicht bersehen lie, war er gleichsam immer unter
Waffen, der ffentlichen Meinung nicht sowohl Trotz zu bieten, als sie
den Weg zu leiten, der ihm gefiel. Er war uerlich ordentlich,
nchtern, anscheinend treuherzig, aber listig, prahlerisch und oft roh,
ein Mensch, an dem niemand Freude haben konnte, am wenigsten seine
Mutter, und der dennoch durch seine gefrchtete Khnheit und noch mehr
gefrchtete Tcke ein gewisses bergewicht im Dorfe erlangt hatte, das
um so mehr anerkannt wurde, je mehr man sich bewut war, ihn nicht zu
kennen und nicht berechnen zu knnen, wessen er am Ende fhig sei. Nur
ein Bursch im Dorfe, Wilm Hlsmeyer, wagte im Bewutsein seiner Kraft
und guter Verhltnisse ihm die Spitze zu bieten; und da er gewandter in
Worten war als Friedrich und immer, wenn der Stachel sa, einen Scherz
daraus zu machen wute, so war dies der einzige mit dem Friedrich ungern
zusammentraf. -- --

[Illustration]

Vier Jahre waren verflossen; es war im Oktober; der milde Herbst von
1760, der alle Scheunen mit Korn und alle Keller mit Wein fllte, hatte
seinen Reichtum auch ber diesen Erdwinkel strmen lassen, und man sah
mehr Betrunkene, hrte von mehr Schlgereien und dummen Streichen als
je. berall gabs Lustbarkeiten: der blaue Montag kam in Aufnahme, und
wer ein paar Taler erbrigt hatte, wollte gleich eine Frau dazu, die ihm
heute essen und morgen hungern helfen knne. Da gab es im Dorfe eine
tchtige, solide Hochzeit, und die Gste durften mehr erwarten als eine
verstimmte Geige, ein Glas Branntwein und was sie an guter Laune selber
mitbrachten. Seit frh war alles auf den Beinen; vor jeder Tr wurden
Kleider gelftet, und B. glich den ganzen Tag einer Trdelbude. Da viele
Auswrtige erwartet wurden, wollte jeder gern die Ehre des Dorfes oben
halten.

Es war sieben Uhr abends und alles in vollem Gange; Jubel und Gelchter
an allen Enden, die niedern Stuben zum Ersticken angefllt mit blauen,
roten und gelben Gestalten, gleich Pfandstllen, in denen eine zu groe
Herde eingepfercht ist. Auf der Tenne ward getanzt, das heit wer zwei
Fu Raum erobert hatte, drehte sich darauf immer rundum und suchte durch
Jauchzen zu ersetzen, was an Bewegung fehlte. Das Orchester war
glnzend, die erste Geige als anerkannte Knstlerin prdominierend, die
zweite und eine groe Baviole mit drei Saiten von Dilettanten _ad
libitum_ gestrichen; Branntwein und Kaffee im berflu, alle Gste von
Schwei triefend; kurz, es war ein kstliches Fest.

Friedrich stolzierte umher wie ein Hahn, im neuen himmelblauen Rock, und
machte sein Recht als erster Elegant geltend. Als auch die
Gutsherrschaft anlangte, sa er gerade hinter der Bageige und strich
die tiefste Saite mit groer Kraft und vielem Anstand.

Johannes! rief er gebieterisch, und heran trat sein Schtzling von dem
Tanzplatze, wo er auch seine ungelenken Beine zu schlenkern und eins zu
jauchzen versucht hatte. Friedrich reichte ihm den Bogen, gab durch eine
stolze Kopfbewegung seinen Willen zu erkennen und trat zu den Tanzenden:
Nun lustig, Musikanten: den Pagen van Istrup! -- Der beliebte Tanz ward
gespielt, und Friedrich machte Stze vor den Augen seiner Herrschaft,
da die Khe an der Tenne die Hrner zurckzogen und Kettengeklirr und
Gebrumm an ihren Stndern herlief. Fuhoch ber die andern tauchte sein
blonder Kopf auf und nieder wie ein Hecht, der sich im Wasser
berschlgt; an allen Enden schrien Mdchen auf, denen er zum Zeichen
der Huldigung mit einer raschen Kopfbewegung sein langes Flachshaar ins
Gesicht schleuderte.

Jetzt ist es gut! sagte er endlich und trat schweitriefend an den
Kredenztisch; die gndigen Herrschaften sollen leben und alle die
hochadeligen Prinzen und Prinzessinnen, und wers nicht mittrinkt, den
will ich an die Ohren schlagen, da er die Engel singen hrt! -- Ein
lautes Vivat beantwortete den galanten Toast. -- Friedrich machte seinen
Bckling. -- Nichts fr ungut, gndige Herrschaften, wir sind nur
ungelehrte Bauersleute!

In diesem Augenblick erhob sich ein Getmmel am Ende der Tenne,
Geschrei, Schelten, Gelchter, alles durcheinander. Butterdieb,
Butterdieb! riefen ein paar Kinder, und heran drngte sich, oder
vielmehr ward geschoben, Johannes Niemand, den Kopf zwischen die
Schultern ziehend und mit aller Macht nach dem Ausgange strebend. --
Was ists? was habt ihr mit unserem Johannes? rief Friedrich
gebieterisch.

Das sollt Ihr frh genug gewahr werden, keuchte ein altes Weib mit der
Kchenschrze und einem Wischhader in der Hand. -- Schande! Johannes,
der arme Teufel, dem zu Hause das Schlechteste gut genug sein mute,
hatte versucht, sich ein halbes Pfndchen Butter fr die kommende Drre
zu sichern, und ohne daran zu denken, da er es, sauber in sein
Schnupftuch gewickelt, in der Tasche geborgen, war er ans Kchenfeuer
getreten, und nun rann das Fett schmhlich die Rocksche entlang.

[Illustration]

Allgemeiner Aufruhr; die Mdchen sprangen zurck, aus Furcht, sich zu
beschmutzen, oder stieen den Delinquenten vorwrts. Andere machten
Platz, sowohl aus Mitleid als Vorsicht. Aber Friedrich trat vor:
Lumpenhund! rief er; ein paar derbe Maulschellen trafen den geduldigen
Schtzling; dann stie er ihn an die Tr und gab ihm einen tchtigen
Futritt mit auf den Weg. Er kehrte niedergeschlagen zurck; seine Wrde
war verletzt, das allgemeine Gelchter schnitt ihm durch die Seele, ob
er sich gleich durch einen tapfern Juchheschrei wieder in den Gang zu
bringen suchte -- es wollte nicht mehr recht gehen. Er war im Begriff,
sich wieder hinter die Baviole zu flchten; doch zuvor noch ein
Knalleffekt: er zog seine silberne Taschenuhr hervor, zu jener Zeit ein
seltener und kostbarer Schmuck. Es ist bald zehn, sagte er. Jetzt den
Brautmenuett! ich will Musik machen.

Eine prchtige Uhr! sagte der Schweinehirt und schob sein Gesicht in
ehrfurchtsvoller Neugier vor. --

Was hat sie gekostet? rief Wilm Hlsmeyer, Friedrichs Nebenbuhler. --
Willst du sie bezahlen? fragte Friedrich. -- Hast =du= sie bezahlt?
antwortete Wilm. Friedrich warf einen stolzen Blick auf ihn und griff in
schweigender Majestt zum Fidelbogen. -- Nun, nun, sagte Hlsmeyer,
dergleichen hat man schon erlebt. Du weit wohl, der Franz Ebel hatte
auch eine schne Uhr, bis der Jude Aaron sie ihm wieder abnahm. --
Friedrich antwortete nicht, sondern winkte stolz der ersten Violine, und
sie begannen aus Leibeskrften zu streichen.

Die Gutsherrschaft war indessen in die Kammer getreten, wo der Braut von
den Nachbarfrauen das Zeichen ihres neuen Standes, die weie Stirnbinde,
umgelegt wurde. Das junge Blut weinte sehr, teils weil es die Sitte so
wollte, teils aus wahrer Beklemmung. Sie sollte einem verworrenen
Haushalt vorstehen, unter den Augen eines mrrischen alten Mannes, den
sie noch obendrein lieben sollte. Er stand neben ihr, durchaus nicht wie
der Brutigam des Hohen Liedes, der in die Kammer tritt wie die
Morgensonne. -- Du hast nun genug geweint, sagte er verdrielich;
bedenk, du bist es nicht, die mich glcklich macht, ich mache dich
glcklich! -- Sie sah demtig zu ihm auf und schien zu fhlen, da er
recht habe. -- Das Geschft war beendigt; die junge Frau hatte ihrem
Manne zugetrunken, junge Spavgel hatten durch den Dreifu geschaut, ob
die Binde gerade sitze, und man drngte sich wieder der Tenne zu, von wo
unauslschliches Gelchter und Lrm herberschallte. Friedrich war nicht
mehr dort. Eine groe, unertrgliche Schmach hatte ihn getroffen, da der
Jude Aaron, ein Schlchter und gelegentlicher Althndler aus dem
nchsten Stdtchen, pltzlich erschienen war und nach einem kurzen,
unbefriedigten Zwiegesprch ihn laut vor allen Leuten um den Betrag von
zehn Talern fr eine schon um Ostern gelieferte Uhr gemahnt hatte.
Friedrich war wie vernichtet fortgegangen und der Jude ihm gefolgt,
immer schreiend: O weh mir! warum hab ich nicht gehrt auf vernnftige
Leute! Haben sie mir nicht hundertmal gesagt, Ihr httet all Eur Gut am
Leibe und kein Brot im Schranke! -- Die Tenne tobte von Gelchter;
manche hatten sich auf den Hof nachgedrngt. -- Packt den Juden! wiegt
ihn gegen ein Schwein! riefen einige; andere waren ernst geworden.
-- Der Friedrich sah so bla aus wie ein Tuch, sagte eine alte Frau,
und die Menge teilte sich, wie der Wagen des Gutsherrn in den Hof
lenkte. Herr von S. war auf dem Heimwege verstimmt, die jedesmalige
Folge, wenn der Wunsch, seine Popularitt aufrechtzuerhalten, ihn bewog,
solchen Festen beizuwohnen. Er sah schweigend aus dem Wagen. Was sind
denn das fr ein paar Figuren? -- Er deutete auf zwei dunkle Gestalten,
die vor dem Wagen rannten wie Straue. Nun schlpften sie ins Schlo.
-- Auch ein paar selige Schweine aus unserm eigenen Stall! seufzte Herr
von S. Zu Hause angekommen, fand er die Hausflur vom ganzen
Dienstpersonal eingenommen, das zwei Kleinknechte umstand, welche sich
bla und atemlos auf der Stiege niedergelassen hatten. Sie behaupteten,
von des alten Mergels Geist verfolgt worden zu sein, als sie durchs
Brederholz heimkehrten. Zuerst hatte es ber ihnen an der Hhe gerauscht
und geknistert; darauf hoch in der Luft ein Geklapper wie von
aneinandergeschlagenen Stcken; pltzlich ein gellender Schrei und ganz
deutlich die Worte: O weh, meine arme Seele! hoch von oben herab. Der
eine wollte auch glhende Augen durch die Zweige funkeln gesehen haben,
und beide waren gelaufen, was ihre Beine vermochten.

Dummes Zeug! sagte der Gutsherr verdrielich und trat in die Kammer,
sich umzukleiden. Am andern Morgen wollte die Fontne im Garten nicht
springen, und es fand sich, das jemand eine Rhre verrckt hatte,
augenscheinlich um nach dem Kopfe eines vor vielen Jahren hier
verscharrten Pferdegerippes zu suchen, der fr ein bewhrtes Mittel
wider allen Hexen- und Geisterspuk gilt. Hm, sagte der Gutsherr, was
die Schelme nicht stehlen, das verderben die Narren.

Drei Tage spter tobte ein furchtbarer Sturm. Es war Mitternacht, aber
alles im Schlosse auer dem Bett. Der Gutsherr stand am Fenster und sah
besorgt ins Dunkle, nach seinen Feldern hinber. An den Scheiben flogen
Bltter und Zweige her; mitunter fuhr ein Ziegel hinab und schmetterte
auf das Pflaster des Hofes. -- Furchtbares Wetter! sagte Herr von S.
Seine Frau sah ngstlich aus. Ist das Feuer auch gewi gut verwahrt?
sagte sie; Gretchen, sieh noch einmal nach, gie es lieber ganz aus! --
Kommt, wir wollen das Evangelium Johannis beten. Alles kniete nieder,
und die Hausfrau begann: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei
Gott, und Gott war das Wort. Ein furchtbarer Donnerschlag. Alle fuhren
zusammen; dann furchtbares Geschrei und Getmmel die Treppe heran. -- Um
Gottes willen! brennt es? rief Frau von S. und sank mit dem Gesichte
auf den Stuhl. Die Tre ward aufgerissen, und herein strzte die Frau
des Juden Aaron, bleich wie der Tod, das Haar wild um den Kopf, von
Regen triefend. Sie warf sich vor dem Gutsherrn auf die Knie.
Gerechtigkeit! rief sie, Gerechtigkeit! mein Mann ist erschlagen!
und sank ohnmchtig zusammen.

[Illustration]

Es war nur zu wahr, und die nachfolgende Untersuchung bewies, da der
Jude Aaron durch einen Schlag an die Schlfe mit einem stumpfen
Instrumente, wahrscheinlich einem Stabe, sein Leben verloren hatte,
durch einen einzigen Schlag. An der linken Schlfe war der blaue Fleck,
sonst keine Verletzung zu finden. Die Aussagen der Jdin und ihres
Knechtes Samuel lauteten so: Aaron war vor drei Tagen am Nachmittage
ausgegangen, um Vieh zu kaufen, und hatte dabei gesagt, er werde wohl
ber Nacht ausbleiben, da noch einige bse Schuldner in B. und S. zu
mahnen seien. In diesem Falle werde er in B. beim Schlachter Salomon
bernachten. Als er am folgenden Tage nicht heimkehrte, war seine Frau
sehr besorgt geworden und hatte sich endlich heute um drei nachmittags
in Begleitung ihres Knechtes und des groen Schlchterhundes auf den Weg
gemacht. Beim Juden Salomon wute man nichts von Aaron; er war gar nicht
dagewesen. Nun waren sie zu allen Bauern gegangen, von denen sie wuten,
da Aaron einen Handel mit ihnen im Auge hatte.

Nur zwei hatten ihn gesehen, und zwar an demselben Tage, an welchem er
ausgegangen. Es war darber sehr spt geworden. Die groe Angst trieb
das Weib nach Haus, wo sie ihren Mann wiederzufinden eine schwache
Hoffnung nhrte. So waren sie im Brederholz vom Gewitter berfallen
worden und hatten unter einer groen, am Berghange stehenden Buche
Schutz gesucht; der Hund hatte unterdessen auf eine auffallende Weise
umhergestbert und sich endlich, trotz allem Locken, im Walde verlaufen.
Mit einem Male sieht die Frau beim Leuchten des Blitzes etwas Weies
neben sich im Moose. Es ist der Stab ihres Mannes, und fast im selben
Augenblicke bricht der Hund durchs Gebsch und trgt etwas im Maule: es
ist der Schuh ihres Mannes. Nicht lange, so ist in einem mit drrem
Laube gefllten Graben der Leichnam des Juden gefunden. --

Dies war die Angabe des Knechtes, von der Frau nur im allgemeinen
untersttzt; ihre bergroe Spannung hatte nachgelassen, und sie schien
jetzt halb verwirrt oder vielmehr stumpfsinnig. Aug um Auge, Zahn um
Zahn! dies waren die einzigen Worte, die sie zuweilen hervorstie.

In derselben Nacht noch wurden die Schtzen aufgeboten, um Friedrich zu
verhaften. Der Anklage bedurfte es nicht, da Herr von S. selbst Zeuge
eines Auftritts gewesen war, der den dringendsten Verdacht auf ihn
werfen mute; zudem die Gespenstergeschichte von jenem Abende, das
Aneinanderschlagen der Stbe im Brederholz, der Schrei aus der Hhe. Da
der Amtsschreiber gerade abwesend war, so betrieb Herr von S. selbst
alles rascher, als sonst geschehen wre. Dennoch begann die Dmmerung
bereits anzubrechen, bevor die Schtzen so geruschlos wie mglich das
Haus der armen Margret umstellt hatten. Der Gutsherr selber pochte an;
es whrte kaum eine Minute, bis geffnet ward und Margret vllig
gekleidet in der Tre erschien. Herr von S. fuhr zurck; er hatte sie
fast nicht erkannt, so bla und steinern sah sie aus. Wo ist
Friedrich? fragte er mit unsicherer Stimme. --

Sucht ihn, antwortete sie und setzte sich auf einen Stuhl. Der
Gutsherr zgerte noch einen Augenblick.

Herein, herein! sagte er dann barsch; worauf warten wir? Man trat in
Friedrichs Kammer. Er war nicht da, aber das Bett noch warm. Man stieg
auf den Sller, in den Keller, stie ins Stroh, schaute hinter jedes
Fa, sogar in den Backofen; er war nicht da. Einige gingen in den
Garten, sahen hinter den Zaun und in die Apfelbume hinauf; er war nicht
zu finden. --

Entwischt! sagte der Gutsherr mit sehr gemischten Gefhlen: der
Anblick der alten Frau wirkte gewaltig auf ihn. Gebt den Schlssel zu
jenem Koffer. -- Margret antwortete nicht. -- Gebt den Schlssel!
wiederholte der Gutsherr und merkte jetzt erst, da der Schlssel
steckte. Der Inhalt des Koffers kam zum Vorschein: des Entflohenen gute
Sonntagskleider und seiner Mutter rmlicher Staat; dann zwei
Leichenhemden mit schwarzen Bndern, das eine fr einen Mann, das andere
fr eine Frau gemacht. Herr von S. war tief erschttert. Ganz zu unterst
auf dem Boden des Koffers lag die silberne Uhr und einige Schriften von
sehr leserlicher Hand, eine derselben von einem Manne unterzeichnet, den
man in starkem Verdacht der Verbindung mit den Holzfrevlern hatte. Herr
von S. nahm sie mit zur Durchsicht, und man verlie das Haus, ohne da
Margret ein anderes Lebenszeichen von sich gegeben htte, als da sie
unaufhrlich die Lippen nagte und mit den Augen zwinkerte.

[Illustration]

Im Schlosse angelangt, fand der Gutsherr den Amtsschreiber, der schon am
vorigen Abend heimgekommen war und behauptete, die ganze Geschichte
verschlafen zu haben, da der gndige Herr nicht nach ihm geschickt. --

Sie kommen immer zu spt, sagte Herr von S. verdrielich. War denn
nicht irgendein altes Weib im Dorfe, das Ihrer Magd die Sache erzhlte?
und warum weckte man Sie dann nicht? -- Gndiger Herr, versetzte
Kapp, allerdings hat meine Anne-Marie den Handel um eine Stunde frher
erfahren als ich; aber sie wute, da Ihre Gnaden die Sache selbst
leiteten, und dann, fgte er mit klagender Miene hinzu, da ich so
todmde war! -- Schne Polizei! murmelte der Gutsherr, jede alte
Schachtel im Dorf wei Bescheid, wenn es recht geheim zugehen soll.
Dann fuhr er heftig fort: Das mte wahrhaftig ein dummer Teufel von
Delinquenten sein, der sich packen liee.

Beide schwiegen eine Weile. -- Mein Fuhrmann hatte sich in der Nacht
verirrt, hob der Amtsschreiber wieder an; ber eine Stunde lang
hielten wir im Walde; es war ein Mordwetter; ich dachte, der Wind werde
den Wagen umreien. Endlich, als der Regen nachlie, fuhren wir in
Gottes Namen darauflos, immer in das Zellerfeld hinein, ohne eine Hand
vor den Augen zu sehen. Da sagte der Kutscher: >Wenn wir nur nicht den
Steinbrchen zu nahe kommen!< Mir war selbst bange; ich lie halten und
schlug Feuer, um wenigstens etwas Unterhaltung an meiner Pfeife zu
haben. Mit einem Male hrten wir ganz nah, perpendikulr unter uns die
Glocke schlagen. Euer Gnaden mgen glauben, da mir fatal zumut wurde.
Ich sprang aus dem Wagen, denn seinen eigenen Beinen kann man trauen,
aber denen der Pferde nicht. So stand ich, in Kot und Regen, ohne mich
zu rhren, bis es gottlob sehr bald anfing zu dmmern. Und wo hielten
wir? dicht an der Heerser Tiefe, und den Turm von Heerse gerade unter
uns. Wren wir noch zwanzig Schritt weiter gefahren, wir wren alle
Kinder des Todes gewesen. -- Das war in der Tat kein Spa߫, versetzte
der Gutsherr, halb vershnt.

Er hatte unterdessen die mitgenommenen Papiere durchgesehen. Es waren
Mahnbriefe um geliehene Gelder, die meisten von Wucherern. -- Ich htte
nicht gedacht, murmelte er, da die Mergels so tief drin steckten. --
Ja, und da es so an den Tag kommen mu, versetzte Kapp; das wird
kein kleiner rger fr Frau Margret sein. -- Ach Gott, die denkt jetzt
daran nicht! Mit diesen Worten stand der Gutsherr auf und verlie das
Zimmer, um mit Herrn Kapp die gerichtliche Leichenschau vorzunehmen.
-- Die Untersuchung war kurz, gewaltsamer Tod erwiesen, der vermutliche
Tter entflohen, die Anzeigen gegen ihn zwar gravierend, doch ohne
persnliches Gestndnis nicht beweisend, seine Flucht allerdings sehr
verdchtig. So mute die gerichtliche Verhandlung ohne gengenden Erfolg
geschlossen werden.

Die Juden der Umgegend hatten groen Anteil gezeigt. Das Haus der Witwe
ward nie leer von Jammernden und Ratenden.

[Illustration]

Seit Menschengedenken waren nicht so viel Juden beisammen in L. gesehen
worden.

Durch den Mord ihres Glaubensgenossen aufs uerste erbittert, hatten
sie weder Mhe noch Geld gespart, dem Tter auf die Spur zu kommen. Man
wei sogar, da einer derselben, gemeinhin der Wucherjoel genannt, einem
seiner Kunden, der ihm mehrere Hunderte schuldete und den er fr einen
besonders listigen Kerl hielt, Erla der ganzen Summe angeboten hatte,
falls er ihm zur Verhaftung des Mergel verhelfen wolle; denn der Glaube
war allgemein unter den Juden, da der Tter nur mit guter Beihilfe
entwischt und wahrscheinlich noch in der Umgegend sei. Als dennoch alles
nichts half und die gerichtliche Verhandlung fr beendet erklrt worden
war, erschien am nchsten Morgen eine Anzahl der angesehensten
Israeliten im Schlosse, um dem gndigen Herrn einen Handel anzutragen.
Der Gegenstand war die Buche, unter der Aarons Stab gefunden und wo der
Mord wahrscheinlich verbt worden war. -- Wollt ihr sie fllen? so
mitten im vollen Laube? fragte der Gutsherr. --

Nein, Ihro Gnaden, sie mu stehenbleiben im Sommer und Winter, solange
ein Span daran ist. -- Aber wenn ich nun den Wald hauen lasse, so
schadet es dem jungen Aufschlag. -- Wollen wir sie doch nicht um
gewhnlichen Preis. -- Sie boten zweihundert Taler. Der Handel ward
geschlossen und allen Frstern streng eingeschrft, die Judenbuche auf
keine Weise zu schdigen.

Darauf sah man an einem Abende wohl gegen sechzig Juden, ihren Rabbiner
an der Spitze, in das Brederholz ziehen, alle schweigend und mit
gesenkten Augen.

Sie blieben ber eine Stunde im Walde und kehrten dann ebenso ernst und
feierlich zurck, durch das Dorf B. bis in das Zellerfeld, wo sie sich
zerstreuten und jeder seines Weges ging. Am nchsten Morgen stand an der
Buche mit dem Beil eingehauen:

#Im ta'amod bamaqom hazeh yiphga' bakh ka'asher atah 'asita ly.#

[Illustration]

Und wo war Friedrich? Ohne Zweifel fort, weit genug, um die kurzen Arme
einer so schwachen Polizei nicht mehr frchten zu drfen. Er war bald
verschollen, vergessen. Ohm Simon redete selten von ihm, und dann
schlecht; die Judenfrau trstete sich am Ende und nahm einen andern
Mann. Nur die arme Margret blieb ungetrstet.

Etwa ein halbes Jahr nachher las der Gutsherr einige eben erhaltene
Briefe in Gegenwart des Amtsschreibers. --

Sonderbar, sonderbar! sagte er. Denken Sie sich, Kapp, der Mergel ist
vielleicht unschuldig an dem Morde. Soeben schreibt mir der Prsident
des Gerichtes zu P.: >_Le vrai n'est pas toujours vraisemblable_; das
erfahre ich oft in meinem Berufe und jetzt neuerdings. Wissen Sie wohl,
da Ihr lieber Getreuer, Friedrich Mergel, den Juden mag ebensowenig
erschlagen haben als ich oder Sie? Leider fehlen die Beweise, aber die
Wahrscheinlichkeit ist gro. Ein Mitglied der Schlemmingschen Bande (die
wir jetzt, nebenbei gesagt, grtenteils unter Schlo und Riegel haben),
Lumpenmoises genannt, hat im letzten Verhre ausgesagt, da ihn nichts
so sehr gereue, als der Mord eines Glaubensgenossen, Aaron, den er im
Walde erschlagen und doch nur sechs Groschen bei ihm gefunden habe.

Leider ward das Verhr durch die Mittagsstunde unterbrochen, und
whrend wir tafelten, hat sich der Hund von einem Juden an seinem
Strumpfband erhngt. Was sagen Sie dazu? Aaron ist zwar ein verbreiteter
Name usw.< -- Was sagen Sie dazu? wiederholte der Gutsherr; und weshalb
wre der Esel von einem Burschen denn gelaufen? --

Der Amtsschreiber dachte nach. -- Nun, vielleicht der Holzfrevel wegen,
mit denen wir ja gerade in Untersuchung waren. Heit es nicht: der Bse
luft vor seinem eigenen Schatten? Mergels Gewissen war schmutzig genug
auch ohne diesen Flecken.

Dabei beruhigte man sich. Friedrich war hin, verschwunden, und --
Johannes Niemand, der arme, unbeachtete Johannes, am gleichen Tage mit
ihm. -- --

[Illustration]

Eine schne lange Zeit war verflossen, achtundzwanzig Jahre, fast die
Hlfte eines Menschenlebens; der Gutsherr war sehr alt und grau
geworden, sein gutmtiger Gehilfe Kapp lngst begraben. Menschen, Tiere
und Pflanzen waren entstanden, gereift, vergangen, nur Schlo B. sah
immer gleich grau und vornehm auf die Htten herab, die wie alte
hektische Leute immer fallen zu wollen schienen und immer standen. Es
war am Vorabende des Weihnachtfestes, den 24. Dezember 1788. Tiefer
Schnee lag in den Hohlwegen, wohl an zwlf Fu hoch, und eine
durchdringende Frostluft machte die Fensterscheiben in der geheizten
Stube gefrieren. Mitternacht war nahe, dennoch flimmerten berall matte
Lichtchen aus den Schneehgeln, und in jedem Hause lagen die Einwohner
auf den Knien, um den Eintritt des heiligen Christfestes mit Gebet zu
erwarten, wie dies in katholischen Lndern Sitte ist oder wenigstens
damals allgemein war. Da bewegte sich von der Breder Hhe herab eine
Gestalt langsam gegen das Dorf; der Wanderer schien sehr matt oder
krank; er sthnte schwer und schleppte sich uerst mhsam durch den
Schnee.

An der Mitte des Hanges stand er still, lehnte sich auf seinen
Krckenstab und starrte unverwandt auf die Lichtpunkte. Es war so still
berall, so tot und kalt, man mute an Irrlichter auf Kirchhfen denken.
Nun schlug es zwlf im Turm; der letzte Schlag verdrhnte langsam, und
im nchsten Hause erhob sich ein leiser Gesang, der, von Hause zu Hause
schwellend, sich ber das ganze Dorf zog:

  Ein Kindelein so lbelich
  Ist uns geboren heute,
  Von einer Jungfrau suberlich,
  Des freun sich alle Leute;
  Und wr das Kindelein nicht geborn,
  So wren wir alle zusammen verlorn:
  Das Heil ist unser aller.
  O du mein liebster Jesu Christ,
  Der du als Mensch geboren bist,
  Erls uns von der Hlle!

Der Mann am Hange war in die Knie gesunken und versuchte mit zitternder
Stimme einzufallen; es ward nur ein lautes Schluchzen daraus, und
schwere, heie Tropfen fielen in den Schnee. Die zweite Strophe begann;
er betete leise mit; dann die dritte und vierte. Das Lied war geendigt,
und die Lichter in den Husern begannen sich zu bewegen. Da richtete der
Mann sich mhselig auf und schlich langsam hinab in das Dorf. An
mehreren Husern keuchte er vorber, dann stand er vor einem still und
pochte leise an.

Was ist denn das? sagte drinnen eine Frauenstimme, die Tre klappert,
und der Wind geht doch nicht. -- Er pochte strker. -- Um Gottes
willen, lat einen halberfrorenen Menschen ein, der aus der trkischen
Sklaverei kommt! -- Geflster in der Kche. -- Geht ins Wirtshaus,
antwortete eine andere Stimme, das fnfte Haus von hier! -- Um Gottes
Barmherzigkeit willen, lat mich ein! ich habe kein Geld. -- Nach
einigem Zgern ward die Tr geffnet, und ein Mann leuchtete mit der
Lampe hinaus. -- Kommt nur herein, sagte er dann, Ihr werdet uns den
Hals nicht abschneiden.

[Illustration]

In der Kche befanden sich auer dem Manne eine Frau in den mittlern
Jahren, eine alte Mutter und fnf Kinder. Alle drngten sich um den
Eintretenden her und musterten ihn mit scheuer Neugier. Eine armselige
Figur! mit schiefem Halse, gekrmmtem Rcken, die ganze Gestalt
gebrochen und kraftlos; langes schneeweies Haar hing um sein Gesicht,
das den verzogenen Ausdruck langen Leidens trug. Die Frau ging
schweigend an den Herd und legte frisches Reisig zu. -- Ein Bett knnen
wir Euch nicht geben, sagte sie; aber ich will hier eine gute Streu
machen; Ihr mt Euch schon so helfen. -- Gotts Lohn! versetzte der
Fremde; ich bins wohl schlechter gewohnt. -- Der Heimgekehrte ward als
Johannes Niemand erkannt, und er selbst besttigte, da er derselbe sei,
der einst mit Friedrich Mergel entflohen.

[Illustration]

Das Dorf war am folgenden Tage voll von den Abenteuern des so lange
Verschollenen.

Jeder wollte den Mann aus der Trkei sehen, und man wunderte sich
beinahe, da er noch aussehe wie andere Menschen. Das junge Volk hatte
zwar keine Erinnerungen von ihm, aber die Alten fanden seine Zge noch
ganz wohl heraus, so erbrmlich entstellt er auch war.

Johannes, Johannes, was seid Ihr grau geworden! sagte eine alte Frau.
Und woher habt Ihr den schiefen Hals? -- Vom Holz- und Wassertragen
in der Sklaverei, versetzte er. --

Und was ist aus Mergel geworden? Ihr seid doch zusammen fortgelaufen?
--

Freilich wohl; aber ich wei nicht, wo er ist, wir sind voneinander
gekommen. Wenn Ihr an ihn denkt, betet fr ihn, fgte er hinzu, er
wird es wohl ntig haben.

Man fragte ihn, warum Friedrich sich denn aus dem Staube gemacht, da er
den Juden doch nicht erschlagen? -- Nicht? sagte Johannes und horchte
gespannt auf, als man ihm erzhlte, was der Gutsherr geflissentlich
verbreitet hatte, um den Fleck von Mergels Namen zu lschen. Also ganz
umsonst, sagte er nachdenkend, ganz umsonst so viel ausgestanden! Er
seufzte tief und fragte nun seinerseits nach manchem. Simon war lange
tot, aber zuvor noch ganz verarmt, durch Prozesse und bse Schuldner,
die er nicht gerichtlich belangen durfte, weil es, wie man sagte,
zwischen ihnen keine reine Sache war. Er hatte zuletzt Bettelbrot
gegessen und war in einem fremden Schuppen auf dem Stroh gestorben.
Margret hatte lnger gelebt, aber in vlliger Geistesstumpfheit. Die
Leute im Dorf waren es bald mde geworden, ihr beizustehen, da sie alles
verkommen lie, was man ihr gab, wie es denn die Art der Menschen ist,
gerade die Hilflosesten zu verlassen, solche, bei denen der Beistand
nicht nachhaltig wirkt und die der Hilfe immer gleich bedrftig bleiben.
Dennoch hatte sie nicht eigentlich Not gelitten; die Gutsherrschaft
sorgte sehr fr sie, schickte tglich das Essen und lie ihr auch
rztliche Behandlung zukommen, als ihr kmmerlicher Zustand in vllige
Abzehrung bergegangen war. In ihrem Hause wohnte jetzt der Sohn des
ehemaligen Schweinehirten, der an jenem Abende Friedrichs Uhr so sehr
bewundert hatte. --

Alles hin, alles tot! seufzte Johannes.

Am Abend, als es dunkel geworden war und der Mond schien, sah man ihn im
Schnee auf dem Kirchhofe umherhumpeln; er betete bei keinem Grabe, ging
auch an keines dicht hinan, aber auf einige schien er aus der Ferne
starre Blicke zu heften. So fand ihn der Frster Brandis, der Sohn des
Erschlagenen, den die Gutsherrschaft abgeschickt hatte, ihn ins Schlo
zu holen.

Beim Eintritt in das Wohnzimmer sah er scheu umher, wie vom Licht
geblendet, und dann auf den Baron, der sehr zusammengefallen in seinem
Lehnstuhl sa, aber noch immer mit den hellen Augen und dem roten
Kppchen auf dem Kopfe wie vor achtundzwanzig Jahren; neben ihm die
gndige Frau, auch alt, sehr alt geworden.

Nun, Johannes, sagte der Gutsherr, erzhl mir einmal recht ordentlich
von deinen Abenteuern. Aber, er musterte ihn durch die Brille, du bist
ja erbrmlich mitgenommen in der Trkei! --

[Illustration]

Johannes begann: wie Mergel ihn nachts von der Herde abgerufen und
gesagt, er msse mit ihm fort. -- Aber warum lief der dumme Junge denn?
Du weit doch, da er unschuldig war? -- Johannes sah vor sich nieder:
Ich wei nicht recht, mich dnkt, es war wegen Holzgeschichten. Simon
hatte so allerlei Geschfte; mir sagte man nichts davon, aber ich
glaube nicht, da alles war, wie es sein sollte. -- Was hat denn
Friedrich dir gesagt? -- Nichts, als da wir laufen mten, sie wren
hinter uns her. So liefen wir bis Heerse; da war es noch dunkel, und wir
versteckten uns hinter das groe Kreuz am Kirchhofe, bis es etwas heller
wrde, weil wir uns vor den Steinbrchen am Zellerfelde frchteten; und
wie wir eine Weile gesessen hatten, hrten wir mit einem Male ber uns
schnauben und stampfen und sahen lange Feuerstrahlen in der Luft, gerade
ber dem Heerser Kirchturm.

Wir sprangen auf und liefen, was wir konnten, in Gottes Namen geradeaus,
und wie es dmmerte, waren wir wirklich auf dem rechten Wege nach P.

Johannes schien noch vor der Erinnerung zu schaudern, und der Gutsherr
dachte an seinen seligen Kapp und dessen Abenteuer am Heerser Hange. --

Sonderbar! lachte er, so nah wart ihr einander! aber fahr fort. --

Johannes erzhlte nun, wie sie glcklich durch P. und ber die Grenze
gekommen.

Von da an hatten sie sich als wandernde Handwerksbursche durchgebettelt
bis Freiburg im Breisgau. Ich hatte meinen Brotsack bei mir, sagte er,
und Friedrich ein Bndelchen; so glaubte man uns. -- In Freiburg
hatten sie sich von den sterreichern anwerben lassen: ihn hatte man
nicht gewollt, aber Friedrich bestand darauf. So kam er unter den Train.
Den Winter ber blieben wir in Freiburg, fuhr er fort, und es ging
uns ziemlich gut; mir auch, weil Friedrich mich oft erinnerte und mir
half, wenn ich etwas verkehrt machte. Im Frhling muten wir
marschieren, nach Ungarn, und im Herbst ging der Krieg mit den Trken
los. Ich kann nicht viel davon nachsagen, denn ich wurde gleich in der
ersten Affre gefangen und bin seitdem sechsundzwanzig Jahre in der
trkischen Sklaverei gewesen! -- Gott im Himmel! das ist doch
schrecklich! sagte Frau von S. -- Schlimm genug; die Trken halten uns
Christen nicht besser als Hunde; das schlimmste war, da meine Krfte
unter der harten Arbeit vergingen; ich ward auch lter und sollte noch
immer tun wie vor Jahren.

Er schwieg eine Weile.

Ja, sagte er dann, es ging ber Menschenkrfte und Menschengeduld;
ich hielt es auch nicht aus. -- Von da kam ich auf ein hollndisches
Schiff. -- Wie kamst du denn dahin? fragte der Gutsherr. -- Sie
fischten mich auf, aus dem Bosporus, versetzte Johannes. Der Baron sah
ihn befremdet an und hob den Finger warnend auf; aber Johannes erzhlte
weiter.

Auf dem Schiffe war es ihm nicht viel besser gegangen. Der Skorbut ri
ein; wer nicht ganz elend war, mute ber Macht arbeiten, und das
Schiffstau regierte ebenso streng wie die trkische Peitsche.

Endlich, schlo er, als wir nach Holland kamen, nach Amsterdam, lie
man mich frei, weil ich unbrauchbar war, und der Kaufmann, dem das
Schiff gehrte, hatte auch Mitleiden mit mir und wollte mich zu seinem
Pfrtner machen. Aber -- er schttelte den Kopf -- ich bettelte mich
lieber durch bis hieher. -- Das war dumm genug, sagte der Gutsherr.
Johannes seufzte tief: O Herr, ich habe mein Leben zwischen Trken und
Ketzern zubringen mssen, soll ich nicht wenigstens auf einem
katholischen Kirchhofe liegen? Der Gutsherr hatte seine Brse gezogen:
Da, Johannes, nun geh und komm bald wieder. Du mut mir das alles noch
ausfhrlicher erzhlen; heute ging es etwas konfus durcheinander. Du
bist wohl noch sehr mde? -- Sehr mde, versetzte Johannes; und, er
deutete auf seine Stirn, meine Gedanken sind zuweilen so kurios, ich
kann nicht recht sagen, wie es so ist. -- Ich wei schon, sagte der
Baron, von alter Zeit her. Jetzt geh. Hlsmeyers behalten dich wohl
noch die Nacht ber, morgen komm wieder.

[Illustration]

Herr von S. hatte das innigste Mitleiden mit dem armen Schelm; bis zum
folgenden Tage war berlegt worden, wo man ihn einmieten knne; essen
sollte er tglich im Schlosse, und fr Kleidung fand sich auch wohl Rat.
Herr, sagte Johannes, ich kann auch noch wohl etwas tun; ich kann
hlzerne Lffel machen, und Ihr knnt mich auch als Boten schicken.

Herr von S. schttelte mitleidig den Kopf: Das wrde doch nicht
sonderlich ausfallen. -- O doch, Herr, wenn ich erst im Gange bin --
es geht nicht schnell, aber hin komme ich doch, und es wird mir auch
nicht so sauer, wie man denken sollte. -- Nun, sagte der Baron
zweifelnd, willst du's versuchen? Hier ist ein Brief nach P. Es hat
keine sonderliche Eile.

Am folgenden Tage bezog Johannes sein Kmmerchen bei einer Witwe im
Dorfe.

Er schnitzelte Lffel, a auf dem Schlosse und machte Botengnge fr
den gndigen Herrn. Im ganzen gings ihm leidlich; die Herrschaft war
sehr gtig, und Herr von S. unterhielt sich oft lange mit ihm ber die
Trkei, den sterreichischen Dienst und die See. --

Der Johannes knnte viel erzhlen, sagte er zu seiner Frau, wenn er
nicht so grundeinfltig wre. -- Mehr tiefsinnig als einfltig,
versetzte sie; ich frchte immer, er schnappt noch ber. Ei bewahre,
antwortete der Baron, er war sein Leben lang ein Simpel; simple Leute
werden nie verrckt.

Nach einiger Zeit blieb Johannes auf einem Botengange ber Gebhr lange
aus. Die gute Frau von S. war sehr besorgt um ihn und wollte schon Leute
aussenden, als man ihn die Treppe heraufstelzen hrte. --

Du bist lange ausgeblieben, Johannes, sagte sie; ich dachte schon, du
httest dich im Brederholz verirrt. -- Ich bin durch den Fhrengrund
gegangen. --

Das ist ja ein weiter Umweg; warum gingst du nicht durchs Brederholz?
--

Er sah trbe zu ihr auf: Die Leute sagten mir, der Wald sei gefllt,
und jetzt seien so viele Kreuz- und Querwege darin, da frchtete ich,
nicht wieder hinauszukommen. Ich werde alt und duselig, fgte er
langsam hinzu. -- Sahst du wohl, sagte Frau von S. nachher zu ihrem
Manne, wie wunderlich und quer er aus den Augen sah? Ich sage dir,
Ernst, das nimmt noch ein schlimmes Ende.

Indessen nahte der September heran. Die Felder waren leer, das Laub
begann abzufallen, und mancher Hektische fhlte die Schere an seinem
Lebensfaden. Auch Johannes schien unter dem Einflusse des nahen
quinoktiums zu leiden; die ihn in diesen Tagen sahen, sagten, er habe
auffallend verstrt ausgesehen und unaufhrlich leise mit sich selber
geredet, was er auch sonst mitunter tat, aber selten. Endlich kam er
eines Abends nicht nach Hause. Man dachte, die Herrschaft habe ihn
verschickt; am zweiten auch nicht; am dritten ward seine Hausfrau
ngstlich. Sie ging ins Schlo und fragte nach. -- Gott bewahre, sagte
der Gutsherr, ich wei nichts von ihm; aber geschwind den Jger gerufen
und Frsters Wilhelm! Wenn der armselige Krppel, setzte er bewegt
hinzu, auch nur in einen trocknen Graben gefallen ist, so kann er nicht
wieder heraus. Wer wei, ob er nicht gar eines von seinen schiefen
Beinen gebrochen hat! -- Nehmt die Hunde mit, rief er den abziehenden
Jgern nach, und sucht vor allem in den Grben; seht in die
Steinbrche! rief er lauter.

[Illustration]

Die Jger kehrten nach einigen Stunden heim; sie hatten keine Spur
gefunden. Herr von S. war in groer Unruhe. Wenn ich mir denke, da
einer so liegen mu wie ein Stein, und kann sich nicht helfen! Aber er
kann noch leben; drei Tage hlts ein Mensch wohl ohne Nahrung aus. --
Er machte sich selbst auf den Weg; in allen Husern wurde nachgefragt,
berall in die Hrner geblasen, gerufen, die Hunde zum Suchen angehetzt
-- umsonst! -- Ein Kind hatte ihn gesehen, wie er am Rande des
Brederholzes sa und an einem Lffel schnitzelte; er schnitt ihn aber
ganz entzwei, sagte das kleine Mdchen. Das war vor zwei Tagen gewesen.
Nachmittags fand sich wieder eine Spur: abermals ein Kind, das ihn an
der andern Seite des Waldes bemerkt hatte, wo er im Gebsch gesessen,
das Gesicht auf den Knien, als ob er schliefe. Das war noch am vorigen
Tage. Es schien, er hatte sich immer um das Brederholz herumgetrieben.

Wenn nur das verdammte Buschwerk nicht so dicht wre! da kann keine
Seele hindurch, sagte der Gutsherr. Man trieb die Hunde in den jungen
Schlag; man blies und hallote und kehrte endlich mivergngt heim, als
man sich berzeugt, da die Tiere den ganzen Wald abgesucht hatten. --
Lat nicht nach! lat nicht nach! bat Frau von S.; besser ein paar
Schritte umsonst, als da etwas versumt wird. -- Der Baron war fast
ebenso bengstigt wie sie. Seine Unruhe trieb ihn sogar nach Johannes'
Wohnung, obwohl er sicher war, ihn dort nicht zu finden. Er lie sich
die Kammer des Verschollenen aufschlieen. Da stand sein Bett noch
ungemacht, wie er es verlassen hatte; dort hing sein guter Rock, den ihm
die gndige Frau aus dem alten Jagdkleide des Herrn hatte machen lassen;
auf dem Tische ein Napf, sechs neue hlzerne Lffel und eine Schachtel.

Der Gutsherr ffnete sie; fnf Groschen lagen darin, sauber in Papier
gewickelt, und vier silberne Westenknpfe; der Gutsherr betrachtete sie
aufmerksam. Ein Andenken von Mergel, murmelte er und trat hinaus,
denn ihm ward ganz beengt in dem dumpfen, engen Kmmerchen.

[Illustration]

Die Nachsuchungen wurden fortgesetzt, bis man sich berzeugt hatte,
Johannes sei nicht mehr in der Gegend, wenigstens nicht lebendig. So war
er denn zum zweitenmal verschwunden; ob man ihn wiederfinden wrde --
vielleicht einmal nach Jahren seine Knochen in einem trockenen Graben?
Ihn lebend wiederzusehen, dazu war wenig Hoffnung, und jedenfalls nach
achtundzwanzig Jahren gewi nicht.

Vierzehn Tage spter kehrte der junge Brandis morgens von einer
Besichtigung seines Reviers durch das Brederholz heim. Es war ein fr
die Jahreszeit ungewhnlich heier Tag; die Luft zitterte, kein Vogel
sang, nur die Raben krchzten langweilig aus den sten und hielten ihre
offenen Schnbel der Luft entgegen. Brandis war sehr ermdet. Bald nahm
er seine von der Sonne durchglhte Kappe ab, bald setzte er sie wieder
auf. Es war alles gleich unertrglich, das Arbeiten durch den kniehohen
Schlag sehr beschwerlich. Ringsumher kein Baum auer der Judenbuche.
Dahin strebte er denn auch aus allen Krften und lie sich todmatt auf
das beschattete Moos darunter nieder. Die Khle zog so angenehm durch
seine Glieder, da er die Augen schlo.

Schndliche Pilze! murmelte er halb im Schlaf. Es gibt nmlich in
jener Gegend eine Art sehr saftiger Pilze, die nur ein paar Tage stehen,
dann einfallen und einen unertrglichen Geruch verbreiten. Brandis
glaubte solche unangenehme Nachbarn zu spren, er wandte sich ein
paarmal hin und her, mochte aber doch nicht aufstehen; sein Hund sprang
unterdessen umher, kratzte am Stamm der Buche und bellte hinauf. -- Was
hast du da, Bello? eine Katze? murmelte Brandis. Er ffnete die Wimper
halb, und die Judenschrift fiel ihm ins Auge, sehr ausgewachsen, aber
doch noch ganz erkenntlich. Er schlo die Augen wieder; der Hund fuhr
fort zu bellen und legte endlich seinem Herrn die kalte Schnauze ans
Gesicht. -- La mich in Ruh! was hast du denn? Hiebei sah Brandis, wie
er so auf dem Rcken lag, in die Hhe, sprang dann mit einem Satze auf
und wie besessen ins Gestrpp hinein.

Totenbleich kam er auf dem Schlosse an: in der Judenbuche hnge ein
Mensch; er habe die Beine gerade ber seinem Gesichte hngen sehen. --
Und du hast ihn nicht abgeschnitten, Esel? rief der Baron. --

Herr, keuchte Brandis, wenn Euer Gnaden dagewesen wren, so wten
Sie wohl, da der Mensch nicht mehr lebt. Ich glaubte anfangs, es seien
die Pilze! Dennoch trieb der Gutsherr zur grten Eile und zog selbst
mit hinaus.

Sie waren unter der Buche angelangt. Ich sehe nichts, sagte Herr von
S. -- Hierher mssen Sie treten, hierher, an diese Stelle. --
Wirklich, dem war so: der Gutsherr erkannte seine eigenen abgetragenen
Schuhe. --

Gott, es ist Johannes! -- Setzt die Leiter an! -- so -- nun herunter! --
sacht, sacht! lat ihn nicht fallen! -- Lieber Himmel, die Wrmer sind
schon daran! Macht dennoch die Schlinge auf und die Halsbinde. -- Eine
breite Narbe ward sichtbar; der Gutsherr fuhr zurck. --

Mein Gott! sagte er; er beugte sich wieder ber die Leiche,
betrachtete die Narbe mit groer Aufmerksamkeit und schwieg eine Weile
in tiefer Erschtterung.

Dann wandte er sich zu den Frstern: Es ist nicht recht, da der
Unschuldige fr den Schuldigen leide; sagt es nur allen Leuten: der da
-- er deutete auf den Toten -- war Friedrich Mergel. --

Die Leiche ward auf dem Schindanger verscharrt.

Dies hat sich nach allen Hauptumstnden wirklich so begeben im September
des Jahrs 1789. --

Die hebrische Schrift an dem Baume heit:

Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir
getan hast.





End of Project Gutenberg's Die Judenbuche, by Annette von Droste-Hlshoff

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE JUDENBUCHE ***

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number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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