Project Gutenberg's Die schwarzen Brder. III. (of 3), by Heinrich Zschokke

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Title: Die schwarzen Brder. III. (of 3)
       Eine abentheuerliche Geschichte

Author: Heinrich Zschokke

Release Date: July 9, 2013 [EBook #43165]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                                 Die
                          schwarzen Brder.


                   Eine abentheuerliche Geschichte
                                 von
                               M. J. R.


                     Drittes und leztes Bndchen.


                 Leipzig und Frankfurt an der Oder,
              bei Christian Ludw. Friedr. Apitz. 1795.




                                 An
                          Wilhelm Burgheim.



_Lieber_,

Man las weiland so gern die wundervollen Mrchen des Orients, und konnte
sich nicht mde hren an den Plaudereien der schwatzhaften _Scheherazade_.
-- _Aladins_ magische Lampe und seine ebentheuerliche Bewerbung um die
schne Prinzessin _Badrulbudur_ entzckten mich, als Knaben, und, ich
lugne es nicht, behagen mir in mancher Stunde noch izt.

Statt des _orientalischen_ Mrchens schrieb ich ein _deutsches_; statt der
Zauberer und Elfen, an deren Existenz in Deutschland der Glaube selten
geworden ist, erwhlt' ich den geheimen Bund einer ausgebreiteten
Gesellschaft, und wo mir der Wunder noch nicht genug waren, schuf ich neue.

Ich schrieb dies Mrchen in einer Periode meines Lebens, worin sich die
ppige Phantasie noch nicht vor dem Gesetz der Kunsttheorien beugt, sondern
_gern_, und darum _oft_, aus dem Lande des Wahrscheinlichen in die
Labyrinthe des Wunderbaren hinbereilt. Ich kannte kein Gesetz und keine
Sitte, sondern nur die Inspirationen meiner eigensinnigen Laune. Ich
schrieb, und gewi mehr zu meinem, als anderer Vergngen. Es sollte
Probearbeit seyn, meinen Pinsel zu prfen, meiner Hand Festigkeit zu geben
in der poetischen Zeichnung, und mich in den Farbenmischungen zu ben.

Ueberzeugt von dem wenigen Werth dieser Arbeit, die schon vor mehrern
Jahren beendigt war, stand ich lange an, den Rest derselben herauszugeben.
Es geschieht izt, wiewohl die lesende Welt gewi durch diese Gutwilligkeit
nichts gewinnt; es geschieht, theils um das schmeichelnde Verlangen meiner
Freunde und mancher Unbekannten zu erfllen, theils um eine Gelegenheit zu
haben, ffentlich zu gestehn: da das schnste Loos, welches ich diesem
Mrchen wnsche, sey -- _Vergessenheit_! -- Ist dieses erfllt: so wird mir
manche brennende Schaamrthe erspart seyn.

Nimm inzwischen, Du, mein Lieber, dieser Gemlde Schlu; lies und sinn,
lchle und denke, wenn hie und da sich ein bekanntes Schauspiel vor Deine
Seele hindrngt: es _war_ und _wird nicht wieder seyn_!

Nimm diese Gemlde, aber nicht, als ein Ganzes, mit den nothwendigen
Parthien kunstgerecht ausgesteuert, oder worin Licht und Schatten
sorgfltig nach der Regel abgemessen wren; sondern denke, da sie nur, als
hingeworfne Linien, nie blinde Umrisse gelten knnen, an sich selbst ohne
Werth, nur reich an Spielrumen fr eine geschftige Phantasie.

Nimm und denke, manches dieser Bilder sey ein Leichenstein erstorbner
Freuden; ein kleines Monument grosser, seeligkeitsvoller Augenblicke, die
wir einst _unser_ nannten; ein trauriges _Mementomori_ fr die Himmeltage,
welche fr uns beide noch auf Erden, vielleicht in den paradiesischen
Thlern der Schweiz oder Italiens anbrechen drften.

Hinfllig sind aber diese Monumente, wie die Freuden selber waren, auf
welche sie hindeuten. _Mancher_ wird sie betrachten, sie tadeln, sie loben
-- aber gewi, _jeder_ wird sie vergessen. Nur Dich mgen sie in einer
einsamen Stunde oft erinnern an Deinen Freund, den

_Verfasser_




Inhalt
des dritten Bndchens.


Erster Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Die Auferstehung.                                   1
   Zweites Kapitel. Idalla's Htte.                                   11
   Drittes Kapitel. Ein halbes Jahr.                                  16
   Viertes Kapitel. Die Erzhlung.                                    20
   Fnftes Kapitel. Die Verwandlung.                                  25
   Sechstes Kapitel. Der Wechselgesang.                               29
   Siebentes Kapitel. Das Abentheuer im Walde.                        37
   Achtes Kapitel. Louisens Erscheinung.                              42
   Neuntes Kapitel. Imada.                                            49
   Zehntes Kapitel. Der Winter.                                       56


Zweiter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Auswanderung in die neue Welt.                     60
   Zweites Kapitel. Das Abentheuer am Schlagbaum.                     65
   Drittes Kapitel. Der Commendant.                                   68
   Viertes Kapitel. Fr keinen Freund des achtzehnten Jahrhunderts.   73
   Fnftes Kapitel. Fortsetzung, oder: der Commendant plaudert.       77
   Sechstes Kapitel. Rosalia medisirt.                                88
   Siebentes Kapitel. Die Spazierfahrt.                               92
   Achtes Kapitel. Gobby.                                            102
   Neuntes Kapitel. Der Kupferstich.                                 109
   Zehntes Kapitel. Der Salomonismus.                                114
   Eilftes Kapitel. Josselin.                                        125
   Zwlftes Kapitel. Brderschaft.                                   129
   Dreizehntes Kapitel. Erscheinungen.                               137
   Vierzehntes Kapitel. Traumwunder.                                 145
   Funfzehntes Kapitel. Die schwarzen Brder.                        154
   Sechzehntes Kapitel. Dialog. Aufklrungen.                        164


Dritter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Nur Einleitung.                                   169
   Zweites Kapitel. Verzweiflung.                                    172
   Drittes Kapitel. Sie wandern alle in ihre Heimath.                184
   Viertes Kapitel. Sie reisen zur Hochzeit.                         187
   Fnftes Kapitel. Zuerst ins Tollhaus.                             190
   Sechstes Kapitel. Was ist der Mensch!                             204
   Siebentes Kapitel. Das Fest der Menschheit.                       215
   Achtes Kapitel. Ach!                                              227
   Neuntes Kapitel. Hoffnungen. -- Die Todtenfeier.                  234
   Zehntes Kapitel. Die Futapfen der schwarzen Brder.              252
   Eilftes Kapitel. Sie wandern weiter.                              263
   Zwlftes Kapitel. Die Heimath.                                    271


Vierter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Mont-Rousseau.                                    276
   Zweites Kapitel. Das Willkommen.                                  279
   Drittes Kapitel. Die Flucht.                                      286
   Viertes Kapitel. Der Brutigam erscheint.                         295
   Fnftes Kapitel. Epilog an die Leser.                             299




Die schwarzen Brder.




Erster Abschnitt.





Erstes Kapitel.
Die Auferstehung.


Wie das Gras auf dem Felde duftet und verdorret zu seiner Zeit: so
veraltern und verschwinden die Geschlechter der Menschen. Knaben spielen
mit den Hirnschdeln ihrer Ahnen, und nach hundert Jahren tanzt ein neues
Geschlecht ber ihren Grbern.

Mit rstiger Schwinge strmen Jahrhunderte an Jahrhunderten unserm Erdstern
vorbei. Wer hrt ihr Sausen? wer mit ihre Schnelle? Unter ihrem
zerstrenden Flgelschlage fallen Gebrge und Maulwurfshgel, Pyramiden und
Grberkreuze; Strohhtten und Knigsstdte vernichtet zusammen; die
schnsten Geburten der Natur zerstieben und der fruchtbare Schoos dieser
Allmutter gebiert aufs neue, um von neuem ihre Schpfungen sterben zu sehn.

Dies ist der alte, einfrmige Lauf der Dinge whrend des gegenwrtigen
Augenblicks und durch Jahrhunderte hinab und durch Jahrtausende.

Auch das achtzehnte Jahrhundert war nun hineingegangen in den stillen
Pallast der Vergangenheit; seines Gewandes Saum trof vom Blute der Edeln,
die fr und wider Barbarei und Menschheitswrde fochten. _Eine_ Republik
war untergesunken eine _neue_ erstanden!

Vier bis fnf Secula folgten, und _waren_ gewesen; Knige und Kaiser hatten
regiert, Bettler gebettelt, Schriftsteller sich mde geschrieben, und
_Vergessenheit_ war ihr Loos; denn die Nachkommen lassen sich so wenig, als
ihre Vorfahren den schnen Wahn rauben, da sie am besten regieren, betteln
und schreiben.

Aber auch nach einem halben Jahrtausend blhte noch ein herrlicher Morgen
auf; so herrlich ihn nur immer die Brger des achtzehnten Jahrhunderts
sahn. Noch standen die Alpen, noch grnten die Fluren, noch dufteten die
Blumen, noch hrte man die Vglein singen -- alles schien noch immer die
alte Welt zu seyn und doch schrieben die christlichen Calender schon das
Jahr 2222 nach unsers Herrn Geburt.

O, mein Gott! -- -- rief Florentin pltzlich in der Alpenhhle aus; ich
erwache -- zu frh!

Es schwebte seinem Gedchtni das Bild der lezten Scene in dieser Hhle aus
dem achtzehnten Jahrhundert, wie eine Geschichte von Gestern, vor; er
gedachte des Holderschen Gelbdes erst nach fnfhundert Jahren zu erwachen,
und fand zwischen izt und der Vergangenheit das ohngefhre Intermezzo einer
Nacht.

Wahrscheinlich zur rechten Zeit! entgegnete ihm eine Stimme. _Holder_ war
erwacht und lchelnd rieb er sich den Tod von den Wimpern.

Wie Du mich getuscht hast! sagte _Florentin_ mit unzufriednem Tone.

Getuscht? stammelte Holder, und tappte wie in einem dumpfen Traume um
sich: _getuscht_? -- _getuscht_? Nein, nein, es ist berstanden: nein
das achtzehnte Jahrhundert ist vorber -- wir haben lange -- lange hier
gelegen; das fhl' ich.

Eine Nacht!

_Eine_ Nacht freilich fr uns, aber sie mu wenigstens, ich sage
_wenigstens_, die Dauer eines halben Jahrtausends gehabt haben.

Wollte Gott, mein Holder, dem wre so. Wollte Gott, ich trt hinaus aus
dem Gebrg in eine neue Welt! -- o, die Schwrmerei gefllt mir, und noch
izt, da ich ihre Unmglichkeiten, ihre Widersprche lebendiger, als je,
erblicke.

Wie befindest Du Dich?

Matt, sehr matt, Freund, und Fieberfrost in allen Gebeinen.

Oheim! Oheim! rief _Karlchen_.

Mein Sohn! schrie Florentin und raffte sich mhsam auf. Er wollte seinen
Karl umarmen, und fhlte schaudernd sein Gewand rein abgemodert vom Krper;
die Ngel ausgewachsen, wie Greifenklauen, und den langen Bart
hinunterfliessen bis zum Nabel.

Ein kalter Schauder belief ihn.

Holder! lieber Holder!

Was ist Dir?

Verwandlung! -- Holder, wenn Du recht httest! Beinah mcht' ich an Deine
Wunder glauben lernen. --

La uns aufbrechen. Jezt ist jede Minute unsers Lebens kostbar! --
Freilich, Bruder, haben wir nun eine kleine Ungemchlichkeit zu bestehn.
Wir werden ein ganzes Weilchen die Rolle des Rousseauschen Favoritmenschen
spielen, oder uns mit Feigenblttern bekleiden mssen, als weiland unsre
Stammeltern. Doch wenn die Genossen dieses Zeitalters noch mit eben der
Lsternheit an Gold und Juwelen hangen; so haben wir nicht Ursach die
Zukunft zu frchten; Hier steht ja noch das eiserne Kstlein, zerfressen
vom Rost.

Meinst Du, Holder, wir werden durch unsre Juwelen auch in dieser Welt die
Herzen der Menschen unterthan machen? -- Wie, wenn -- -- --

Nrrchen! -- versezte Holder: -- so lange der Erdball von Menschenkindern
bewohnt wird, bleibt _Geld_ das groe Losungswort; welches man unter allen
Zonen verstehe, der _Schlssel_ zum Paradiese gesellschaftlicher Freuden,
die _Leiter_ zur Unsterblichkeit, der _Talisman_, mit welchem wir
Oberherrschaften erringen, das Centnergewicht in der Waagschale des
Verdienstes! -- _und Armuth_? ach, sie ist und bleibt die gefhrlichste
Klippe, woran die ehrwrdigsten Bndnisse scheitern, sie ist das Schwerdt,
welches die Eisenbanden der Freundschaft, wie einen losen Zwirn
zerschneidet, ist der Riese, welcher die natrliche Freiheit und Gleichheit
der Menschen zersthrte und die alte Ordnung aus ihren Fugen schlug!

So redeten sie noch manches unter einander. Endlich machten sie ernsthafte
Anstalten zum Aufbruch aus der Hhle. Mhsam erhoben sich die Mnner des
achtzehnten Jahrhunderts; mhsam schlichen sie an den Felsenwnden in der
Finsterni hin, und der holde Sohn Louisens taumelte wie ein Schlaftrunkner
zwischen ihnen.

Sie muten fters stille stehn; theils um auszuruhn, theils um nach und
nach ihr Auge an die beginnende Dmmerung zu gewhnen.

Siehe! rief Holder in einer solchen Pause: wenn unsre Seele unsterblich
ist, und diese Seele Bewutsein und Gedchtnis und Empfindungsvermgen
behlt, so wird es uns dann seyn, wie izt, wenn wir den Todeskampf
bestanden haben und einer neuen Welt entgegen reisen. -- Gestorben sind wir
vor fnfhundert Jahren, hinter uns liegt unser Grab, vor uns nun die neue
Welt mit ihren neuen Leiden und Freuden. Vielleicht erwartet uns eine Hlle
dort, vielleicht ein Elysium!

Vielleicht -- -- -- Elysium! seufzte _Duur_!

Verstorben sind fr uns alle Freunde, alle Bekannte der ehmaligen Welt;
zerrissen sind alle seeligen und unseeligen Verhltnisse, worin Liebe,
Freundschaft, Ehrgeiz, Eitelkeit, Nervenktzel und Ohngefhr uns
versponnen; es hngt von uns ab, andre einzufdeln!

Und so werd' ich Louisen nicht wiedersehn? keine Spur von den Ruinen
meines vterlichen Schlosses mehr finden? -- Fnfhundert Jahre schlummerte
nun sanft die Asche meines Onkels, meiner guten Schwester? Ich werde nicht
mehr Rikchens Grab entdecken; von Louisens Schnheit nicht mehr reden und
Herzog Adolfs Lob nicht mehr singen hren?

Es ist nun alles vorber, Florentin, _alles_. Du bist der Brger einer
fremden Erde. Der Strom der Zeit, der ber uns hinwegrauschte, hat allen
meinen Kummer fortgesplt, aber Dir scheint er Deine Schwrmerei gelassen
zu haben.

Ich bin ruhig, Holder, sehr ruhig. Vielleicht geht in dieser neuen Welt
der Stern meines Glckes ungetrbter auf. Ich will Dir dann mit Thrnen
danken. --

Nun vorwrts!

Glck zu! murmelte _Florentin_ und zog seinen Sohn mit heimlichem Grauen
nher an sich.

Schon dmmerte es durch die Felsengnge von der Oberwelt herunter; schon
athmeten die unterirrdischen Pilger eine andre Luftart; schon hrten sie
aus der Ferne das se Zwitschern der Bergschwalben und das Herz
verdoppelte seine Schlge in allen.

Nach langem Tappen und Schleichen gewannen sie der Grotte Ausgang -- -- das
helle Tageslicht strmte ihnen entgegen -- -- -- entgegen scholl ihnen der
Vgel liebliche Melodei aus dem drei und zwanzigsten Jahrhundert; entgegen
ihnen der Eichenzweiche Lispeln im Morgenhauche. Schwelgend hing ihr Blick
am grnen Teppich des Erdbodens, schwelgend an den Gruppen der leichten
Gebsche und Felsen, schimmernd in Aurorens Herrlichkeit -- -- -- Alles,
_alles_ war den Brgern dieser Welt neu, und und alles, _alles so schn_!

Elysium! schrie _Florentin_, bermannt von unaussprechlicher Seeligkeit,
hintaumelnd in das hohe duftige Gras, und abkssend den Thau vom zitternden
Halme.

Elysium! jauchzte _Holder_ und sank auf seine Knieen, und der Mann
weinte, wie ein Kind, der sonst von keiner Thrne zu sagen wuste. Gefaltet
streckte er seine Hnde gen Himmel; sein Blick, seine Miene, sein Seufzer,
seine Thrne war Gebet -- heisses, glhndes Gebet zum ewiglebenden,
ewigsorgenden Schpfer des Schnen und Guten.

_Elysium!_ rief der _Knabe_ und tauchte sich in das wogende Gras unter.
Er verstand das fremde Wort nicht, aber den Ton der Wonne darin.




Zweites Kapitel.
Idalla's Htte.


Wer htte es glauben sollen, da der Herr von Sorbenburg jemals in
Gesellschaft seines Schwagers so nackt, als sie beide vor fnfhundert
Jahren den Hnden der Mutter Natur entsprungen waren, am Alpengebrge
umherstreifen wrden? Ein seltsamer Kontrast! Die ehmaligen feinen
gewandten Hofmnner zogen in ziemlich patriarchalischem Kostum umher, und
suchten Menschen; lagen bald an einer Quelle, sich zu baden, oder ihren
Durst zu lschen, bald unter einem Baum, um vor der Sonnenglut geschirmt,
von ihren Wanderungen auszuruhn, oder die aufgefundnen Wurzeln zu
verzehren; Inzwischen hatten sie Zeit genug, sich nach und nach des
entstellenden Bartes und der Greifenklauen zu entledigen, und wahrzunehmen,
da ihre Gesichtszge so wenig, als ihr ganzer Krper veraltet sei.

Ihre erste Sorge war Menschen zu entdecken. Es war ihnen nicht unbekannt,
da am Fue eines hohen Felsen, der _Kubbi_ hie, ein Drfchen gleichen
Namens gelegen war. Den Felsen fanden sie, aber das Dorf war verschwunden.
Neben einer kleinen Anhhe entdeckten sie verwittertes hinter Dornenhecken
und Wacholdergestruchen verborgnes Mauerwerk. Trostlos sezten sich die
beiden Abentheurer auf den Ruinen nieder, inzwischen der kleine _Karl_
umherjagte, einen Schmetterling zu fangen. Wie von einem guten Geist
gefhrt, entdeckte dieser von ohngefhr ein Bndel Matten, aus Bast
zusammengeflochten. Er schleppte es herbei; man trennte es und theilte sich
lachend in den Fund, der jezt die Stelle der seidnen Kleider ersetzen
mute.

Wahrhaftig, sagte _Duur_: die neue Welt ist gegen uns sehr geizig;
inzwischen bin ich doch froh, Spuren von Menschenhnden zu erblicken; denn
beinah glaubt ich, der ganze Erdball sei whrend unseres Schlafs entvlkert
und wir wankten noch allein auf dem ausgestorbnen Stern herum. Geduld, nun
knnen wir uns doch keuschen Augen prsentiren!

Sie gingen zu der Sttte zurck, wo Karl das Bndelchen gefunden hatte,
vielleicht in der Hoffnung noch mehr zu finden. Wirklich berraschte sie
eine angenehme Erscheinung; nmlich ein halb verwischter Fusteig schlich
ber einer Wiese dem benachbarten Gehlz entgegen. Man beschlo ihn zu
verfolgen. Der Wald umfing sie mit seiner Khlung und der Weg verlor sich.
Die Wandrer liessen sich nicht irren; sie trabten mit Muth und Glauben
weiter und fanden sich endlich am andern Tage an einem anmuthigen See, der
mitten im Walde sich ausdehnte und viele kleine Inseln bildete. --

Die grte von diesen Inseln zeigte ihnen ein hinter krausen Gebschen
hervorragendes Httendach -- eine Entdeckung, welche sie alle vor Freude
wirbeln machte.

So jauchzten, so sprangen nicht die Entdecker _Amerikas_ auf _Colombs_
Schiffe durch einander, da nach der langen frchterlichen Seefahrt vom
Mastbaume heruntergeschrien wurde: Land! Land! als hier unsre Abentheurer
jauchzten und tanzten.

Eine Htte! eine Htte! -- Glck zu! -- wir haben berwunden! so schrieen
sie durch einander und fielen sich um den Hals, kten sich und hpften her
und hin, und bemerkten nicht, da ein allerliebstes, junges, weibliches
Geschpf ihren Sprngen mit Wohlgefallen zusah.

_Holder_ gewahrte der schnsten unter allen schnen Erscheinungen in der
neuen Welt zuerst.

Bruder! rief er und zeigte auf das Mdchen, welches wie eine Nympfe
dieses Hains, in idealischer Pracht des alten Roms, mit freien lockigten
Haar vor ihnen stand, zur Hlfte hinter einem wilden blhenden Rosenbusch
versteckt.

Elysium! rief _Florentin_, und nherte sich mit bittender Geberde dem
Mdchen des drei und zwanzigsten Jahrhunderts.

Ach, und das Mdchen verstand ihn nicht. Sie sprach, und was sie sprach,
war gewi der Mhe werth, es zu hren, aber keiner verstand sie.

Eine neue und keine geringe Verlegenheit! Die Pilger machten Blicke, Mienen
und Hnde zur Zunge, und es gelang. Tiefen Mitleides voll trat die junge
Schne nher, beantlizte sie schweigend, kte den Knaben, und fhrte die
Fremdlinge durch einige Gebsche an das Ufer des Sees, wo in einer Bucht
ein Khnchen angebunden lag. --

Sie stiegen ein. Die niedliche Schifferin stie vom Ufer ab. Hin tanzte der
Kahn freiwillig ber die silbernen Spitzen der krausen Wellen und nach
einigen Minuten nahm sie alle das wildbewachsne Ufer der kleinen Insel auf.

Ausser einem Pudel und einem schwarzen Kater schien die Insel und die Htte
kein geselliges Wesen zu umfassen. Aber doch brachte die gefllige Wirthin
ihren entzckten Gsten mnnliche Kleider. -- _Florentin_ und sein Gefhrte
benuzten die Gte der wohlthtigen Insulanerin, und vertauschten ihre
patriarchalische Tracht mit Matrosenkleidern.

Da die Wandrer nicht sobald das liebliche Eiland und die schne Bewohnerin
desselben verliessen, darf ich wohl nicht sagen. Und weil die Sprache der
Insulanerin eine entfernte Aehnlichkeit mit der deutschen des achtzehnten
Jahrhunderts besa: so wurd' es ihnen leicht sie zu lernen, und bald
konnten sie ihrer Freundin sagen: Ich heisse _Florentin von Duur_! --
ich heisse _Ludwig Holder_! -- ich _Karlchen_!

Und ich bin _Idalla_! entgegnete die freundliche Wirthin.




Drittes Kapitel.
Ein halbes Jahr.


Ein halbes Jahr verstrich den Kindern des achtzehnten Jahrhunderts in
dieser romantischen Insel, wie ein halber Frhtraum.

_Idalla_ eine andre _Calypso_ wuste durch den Zauber ihrer Unschuld und
Schnheit mchtiger zu fesseln, als weiland ihre Vorgngerin den Sohn des
schlauen _Odysseus_.

Ist es mglich! -- rufen die Leserinnen: also darum schliefen sie ein
halbes Jahrtausend auf harter Streu, um im drei und zwanzigsten Jahrhundert
bei einem hbschen Mdchen zu tndeln, ohne sich um die neue Welt zu
bekmmern. Das glaube, wer da will. Htten sie am Ende des achtzehnten
Jahrhunderts nur die schlechteste deutsche Provinzialzeitung mitgehalten:
so wrden sie den Augenblick nach Paris gewandert seyn, um zu sehn, wohin
die Franzosen mit ihrer Revolution gekommen wren. Wenigstens htten sie
eine alte Chronik, oder dergleichen nachschlagen knnen, um zu erfahren,
wie weit es dem alliirten Europa gelang, die Neufranken von ihrem
Revolutionsruschchen nchtern zu machen. Es ist nicht mglich!

Nun, warum nicht. _Holder_, _Florentin_, _Karlchen_, _Idalla_, der Pudel
und der schwarze Kater lebten in einer so beneidenswrdigen Harmonie
beisammen, da unsre Abentheurer nicht selten in den verzeihlichen Wahn
versanken, das wundersame Getrnk in der Alpenhhle habe sie in die
elysischen Gefilde gesandt, statt in das drei und zwanzigste Seculum.

Zwar war das Leben auf dieser Zauberinsel so einfach, jeder Tag in seinen
Begebenheiten dem andern so hnlich, da, so wie sich Tag und Nacht, sich
auch die tglichen Begebenheiten der Inselbewohner wiederholten. Aber dies
Einerlei war nie ermdend, denn es war nie das _Einerlei der Empfindungen_.

Go die Morgensonne ihre Purpurstrahlen ber die Htte, Eichen, Gebsche,
Blumen, und Halme der Insel aus: so enthpfte frohlockend jeder seinem
Gemache. Zrtlich war die Umarmung, als wre eine Trennung durch die Nacht,
die Trennung durch ein Jahr gewesen. _Karlchen_ umklammerte jeden; jedem
bellte der Pudel seinen guten Morgen zu: der ernsthafte Kater wandelte
gnurrend vom Schoos des einen zum Schoos des andern und wedelte mit dem
Schwanze und schmeichelte.

Nun ging _Florentin_, die Flinte ber die Schulter geworfen, auf die Jagd;
der Pudel begleitete ihn. -- _Holder_ verbesserte den Bau der Htte,
drechselte ntzliche Maschinen zusammen, sah zuweilen nach -- -- --
_Idalla_, welche im Garten entweder, oder am Heerde in Gesellschaft ihres
Katers geschftig war, oder das Hhnervolk ftterte, oder ihre Ziegen und
Schafe auf grasreiche Pltze trieb.

Unter solcher Arkadischen Lebensart schmolzen Minuten, Stunden und Tage
hinweg.

Am Abend lagerte sich, nach vollendetem Tagewerk, die glckliche Familie
unter den groen Nubaum neben der einsiedlerischen Htte, dann muten wohl
_Holder_, oder _Florentin_ ihre Schicksale erzhlen und die gute _Idalla_
glaubte ihnen alles gern, nur der fnfhundertjhrige Schlaf machte sie
unglubig.

Aber Du, schne _Idalla_, fragte dann _Holder_ und _Florentin_: wie bist
Du so unglcklich oder glcklich gewesen, Dich in diese Einsamkeit
verschlagen zu sehn? Du hast uns noch nie davon erzhlt. --

Noch nie? entgegnete sie: o, das sollt Ihr leicht erfahren. -- Ich
erzhle gern. Aber es wird Euch ermden.

Ermden? _Idalla_, Du uns ermden? sprach _Holder_ in einem
zrtlichstrafenden Ton.

Nein, nein, es war mein Scherz! erwiederte sie und sah ihm ins Auge, als
frchtete sie, er zrne. Sie rckte ihm nher, ergriff seine Hand, und
lehnte sich an ihn.

Hier will ich erzhlen, sagte sie: hier will ich erzhlen. Aber
aufmerksam mt Ihr seyn!

Sie warens alle. _Holder_ fhlte sich nie glcklicher, als in diesen
Augenblicken, wo _Idalla_, die fromme, unschuldige _Idalla_, in seinem Arm
wohnend, plauderte. _Florentin_ sa dem glcklichen Paar gegenber, in
seinem Arme den kleinen _Karl_, seiner Louise Sohn. Zu seinen Fen lag der
treue Pudel, und um die Reihe voll zu machen, hatte sich der ehrsame Kater
eingefunden, der gesellschaftlich Platz nahm und mit verschlossenen Augen
schnurrte.




Viertes Kapitel.
Die Erzhlung.


Ihr wit doch, wie es jezt Krieg und Kriegesgeschrei ist im ganzen
deutschen Lande? hub die sstimmigte _Idalla_ an: Nun, und da sich das
traurige Unwesen anspann, sagte mein Vater -- doch Ihr werdet nicht wissen,
wer mein Vater gewesen? Er war der reichste Mann im ganzen Dorfe Eldern,
und war ein sanfter, lieber, seelenguter Mann. -- Das Dorf Eldern haben die
Nordmnner abgebrannt, dort ist alles Wstenei -- ach und glaubt es, mein
Vater wrde bettelarm geworden seyn, htte er nicht zur glcklichsten
Stunde die Flucht ergriffen.

Kinder, sagte er zu uns -- denn ich hatte noch zwei Brder -- Kinder, die
Deutschen sind schlaffe, entnervte, mark- und saftlose Geschpfe -- die
Nordmnner kommen mit eisernen Gliedern und schlagen die Deutschen, und ehe
wirs erwarten, dringen sie bis zu uns vor. Ja, vor alten Zeiten, vor vielen
hundert Jahren -- da wars anders! Da lebte ein gewisser Knig -- nun, wie
heit er denn, der Vater wute ihn zu nennen -- und dieser soll die
Deutschen zu Helden gemacht haben -- soll -- o, was soll er nicht alles
gethan haben! -- Drum, Kinder, fuhr der Vater fort, lat uns von hinnen
ziehn, gebt acht, die Deutschen werden unterliegen!

Der Vater hatte Recht. Wir flchteten. Ich war damals noch ein Kind. Wie,
das wei ich nicht, kamen wir endlich auf diese Insel her, und sicher
lebten wir vor jedem Ueberfall. Aber --

Aber mein armer Vater wurde endlich so schwach, so matt, da ich ihn
fhren mute. O, httet Ihr ihn nur gesehn, Ihr httet ihn wahrlich lieb
gewonnen. -- Einen solchen ehrlichen sanften Blick und die zarten Falten,
die von den Winkelspitzen seiner Augen ausliefen und bei jedem Lcheln
sichtbarer wurden, einen solchen Mund, der noch nie Ursach gehabt hatte,
begangne Snden zu bekennen -- ach, solchen Mann habt Ihr gewi noch nicht
gesehn. -- Es war ein heisser Mittag. -- Vater, fragt' ich ihn, willst du
nicht draussen ruhn in dem khlen Schatten des hohen Eichbaums? -- Ich
will, gab er zur Antwort, und hurtig fhrt ich ihn hieher, sezte mich neben
ihn nieder und hielt sein Haupt in meinem Schoos -- Idalla, sagte er, Gott
lohne Dirs, im bessern Leben sehn wir uns wieder. -- Da sehn wir uns
wieder! entgegnete ich, und schluchzte.

Der Vater schlief. Ich ward still wie eine Maus, hrte auf zu weinen,
athmete nur kaum, um den holden Greis nicht zu erwecken.

Es rckte der Abend heran. Meine Brder erschienen mit ihm, sahen mich und
den Vater und lachten, lachten ob meiner Einfalt, denn der Vater schlief
den Schlaf des Todes. -- O, meine Brder, wie sie so grausam waren! Sie
lachten ein lautes, schallendes Gelchter -- inde ich mich weinend ber
den Leichnam meines lieben Vaters hinbog. -- Der Mond ging auf, aber sehr
bla, als htte er auch geweint. -- So viel Sterne am Himmel blinkten, so
viel Thrnen weint' ich in dieser Nacht, und meine unbarmherzigen Brder
gruben eine tiefe Gruft. -- Und der Morgen erwachte, aber mein Vater,
nicht, da weinte ich noch mehr. Und die Brder rissen mir den alten Mann,
ach, denkt doch, rissen ihn mir aus dem Schoos -- und strzten ihn hinunter
in die Gruft. -- Ich lag auf den Knien vor den harten Mnnern, und bat fr
den armen lieben Vater, aber sie verstieen mich. -- Ich wollte mich
hineinwerfen zum Vater in die Gruft, doch man zerrte mich bei den Haaren
zurck. -- O weh, wie hatt' ich so grausame Brder!

Gutes Kind! rief Holder bewegt, und drckte die unschuldige Erzhlerin an
sich.

Aber fuhr _Idalla_ fort: aber ich hrmte mich endlich nicht mehr so
sehr. Ich wurde wieder munter und sprang umher. -- Da kamen meine Brder zu
mir und sagten: es wird uns das Leben hier unertrglich. Folg' uns in die
weite Welt hinein, oder wir gehn allein. -- Geht allein! sagt' ich, denn
unser Vater prie sich glcklich hier zu wohnen -- ich bleibe hier.

Sie verlieen mich. -- Ich habe sie nicht wieder gesehn. Drauen ist Krieg
und Kriegsgeschrei, Gott steh ihnen bei! -- und ich -- ach ich war
zufrieden in meiner Einsamkeit, die wilden Brder thaten mir nicht mehr
weh. -- Ich fing mir meine Fische, ftterte meine Ziegen, plauderte mit
meinem Pudel, badete mich in schnen Stunden, und in einer derselben -- nun
das wit ihr ja!

Ich sah Euch, und glaubte, Ihr wret meine Brder. Ich war bestrzt und
froh. -- Ihr sahet meine Htte, zeigtet auf sie. Ha, dacht ich, sie haben
gewi nichts sich zu bedecken, gieb ihnen die Kleider deiner Brder. Und
nun fhrt ich Euch hieher, und gab Euch die Kleider, und das war meine
Geschichte. Mehr wei ich nicht. -- Seid Ihrs zufrieden?

Holder kte ihre Stirne.

Solche Scenen hatte Florentin, hatte Holder noch nie gekannt; wren ihnen
izt Knigskronen fr die Insel der schnen Idalla geboten; sie httest
keinen Tausch gewagt. -- Auch weiter hinaus in die Welt wagte sich keiner
von ihnen; wie ein Paar Schiffbrchige, die so eben den schumenden Wirbeln
des Oceans entwischt sind, angesplt daliegen auf einer freundlichen
Uferklippe, und sich dankbar und froh fest anschmiegen an diese, und nicht
weiter forschen und fragen, ob dahinter blhnde Fluren wohnen: so
_Florentin_ und _Holder_.

Zufrieden mit dem Leben, zufrieden nur noch _dazusein_, sehnten sie sich
nach keinem Futter fr ihre Neugier.

_Holder_ war gar nicht mehr der ernste, dstre Mann, sondern das wahre
Muster einer feinen Jovialitt. Die fnf Jahrhunderte hatten keine Spur
ihrer Gewesenheit auf seinem Antlitz hinterlassen; mit frischer,
brunlicher Wange, hellem, brennenden Auge, hoher, lachender Stirn, webte
er in voller, mnnlicher Schne, und keine Krankheit, keine Leidenschaft
blies die Schminke der Gesundheit von seiner Wange ab. Bei alle dem hatte
er jenen interessanten, merkwrdigen Zug der Mienen verloren, welcher
Mnner- und Weiberherzen magnetisch an sich zog, welchen _Rikchen_ einst
verfhrerisch fand, und dessen Gewalt auch -- Idalla eingestand, ohne sich
dessen bewut zu seyn.




Fnftes Kapitel.
Die Verwandlung.


_Idalla_ schlich hinter dem Garten im Mondenschein umher und dachte und
nannte -- _Ludwig Holdern_. Und _Holder_ schlich an der Htte diesseits des
Gartens, und dachte -- an wen? -- an _Rikchen_ und _Idalla_.

Nein, Florentin, nein! rief er: ich verlasse diese Insel und diese
_Idalla_ nicht! -- Und hinge der Weltlauf dieses Jahrhunderts in einem
Spiegel vor mir, ich hbe meine Augen nicht zum Spiegel auf. Ruhe der
Seelen ist ein Kleinod, welches mit keiner Monarchie bezahlt, mit aller
Stubenweisheit nicht erphilosophirt werden kann. Ich habe dies Kleinod
gefunden und vertausch es nicht fr die Befriedigung meiner Neugier.

Zwar mifllt mir dies idealische Schferleben nicht, entgegnete dann
gewhnlich _Florentin_: Aber, Holder, dies Jahrhundert zu betrachten, und
seinen Kontrast mit dem unsern -- dies wr' eine Seligkeit mehr. Ich gehre
nun einmal schon zu den Alltagsmenschen, die das Leben blo aus Neugier
lieben.

Holder. Ach, glaube mir, es werden die Menschen dieses Zeitalters um nichts
besser, um nichts glcklicher seyn, als ihre Brder in der Vorwelt. Die
Weltordnung wird keine Revolutionen erleben; das Wesen bleibt, wenn gleich
das Kleid veraltet; die Dinge verlieren nichts, sondern wechseln nur Farb'
und Namen. Ist dies Jahrhundert reich an Philosophen: so ists gewi auch
reich an gediegnen Narren; erblickst du starkes Licht, so fehlt gewi auch
der grelle Schatten nicht.

Florentin. So htten wir unsern Schlaf ersparen knnen.

Holder. Nein, er war nothwendig zu unsrer Ruhe. Siehe, izt schwimmt die
Vergangenheit nur in nebelhaften Gestalten vor mir, wie ein halbvergener
Traum. Alle meine Wunden sind geheilt; ich fhle in mir nichts, als
Anlagen, glcklich zu werden. Weg nun mit der Welt, weg mit ihrer
Herrlichkeit, ihren Lorbeerkronen; sie lockt mich nicht mehr, denn ich
kenne sie.

Florentin. (mit Verwunderung.) Holder, bist du es wirklich?

Holder. Ich habe gelebt; habe gerungen, gearbeitet, gelacht und geblutet
und der ganze Schatz welchen ich mir endlich eroberte, ist nur ein kleines,
goldnes Sprchlein: Glcklich zu seyn ist unser groer Beruf: _suche dein
Heil nicht auf den Schlachtfeldern als Held_, denn die Lorbeern, welche du
dort pflckest, wurden begossen mit Thrnen und Blut, und hchstens die
feile Fama der Zeitungen, hchstens ein gewssertes Band -- ist dein Lohn.
_Suche dein Glck nicht neben den Thronen;_ dort gedeiht die zarte Pflanze
des chten Glcks nicht; zwar lockt der Sonnenstrahl der Frstengunst das
Pflnzchen schnell hervor aus dem Boden, aber es verwelkt auch eben so
leicht an diesem heien Strahl; _Suche deinen Himmel nicht in dem
buhlerischen Blick der Weiber;_ deine Nerven werden stumpfer und dein
Himmel wird trbe. _Berechne deine Seligkeit nicht nach der Summe deiner
Goldstcken;_ wer den Schlssel zum Thor der Freuden hat, versteht darum
noch nicht das Zauberschlo zu ffnen, sondern friert oft zeitlebens an der
Schwelle von auen. -- Losgekettet von der sogenannten groen Welt, wo der
Zufall ber das Verdienst, die Narrheit ber die Vernunft, der Geldbeutel
ber die Tugend, die Mode ber die Wahrheit siegt, eben so fern vom Mangel,
als vom Ueberflu, in unverdorbner Gesundheit des Leibes und der Seele
leben, nicht von _tausenden_ bewundert, aber von _einem_ freundlichen
Herzen recht hei geliebet werden, -- Bruder, dies ist Erdenseligkeit!

Florentin. Ich widerspreche dir nicht.

Holder. Topp, folge mir! Glaube mir, da alle Erfahrungen, welche wir ber
dieses Zeitalter einsammeln werden, mehr unsre glckliche Laune tdten, als
nhren werden. Ich mag von der Iztwelt grade nicht mehr und nicht weniger
wissen, als mir das Ohngefhr davon zu Ohren bringt. -- Wenn mich ja einmal
der Dmon Neugier zu sehr foltert, ei nun, so wird sich ja wohl ein
historisches Compendium auftreiben lassen, worin die Genealogien, Rathen
und Thaten der Knige, Kaiser, Frsten, Republiken, Helden, Narren,
Scribler und Queerkpfe erzhlt sind. Damit will ich mich gern begngen. --

Florentin. Aber Kanella, und Frankreich, und Pohlen, und Preussen -- -- --

Holder. (lchelnd.) Und Dnemark, Otaheite, die ottomanische Pforte,
Abessynien, China, Ruland und Spanien!

Florentin. Wo ist meine Flinte und mein Pudel?

Holder. Du wirst doch nicht Knall und Fall in diesem Augenblick -- -- --

Florentin. Wenigstens ein Schmalthier!




Sechstes Kapitel.
Der Wechselgesang.


Der spte Abend kmmt, aber Florentin nicht! lispelte die kleine
_Idalla_, indem sie im Mondenschein stand vor _Holder_. Sie schlug ihr
grosses Auge traurig nieder zur Erde; ein loser Abendwind wehte die Locken
ihres braunen Haars vom Scheitel und Nacken zum Angesicht vor, als wollt'
er ein Thrnchen verstecken, welches im Begriff war, dem schnen Auge zu
entfallen.

Vielleicht hat er sich verirrt. Entgegnete _Holder_ und sein Auge
verirrte sich unwillkhrlich in _Idalla's_ Reize und in die Nacht der
Zukunft. Wie ein Engel der Unschuld stand die kleine Liebenswrdige vor
ihm; sie war um so verfhrerischer, je weniger sie es wute, da sie es
sey. --

Er ergriff ihre Hand -- er kte sie. _Idalla_ sah lchelnd und
schwermthig zu dem Fremdling auf, mit einem Blick, so reich an Liebe, so
reich an Zweifeln.

Er wird und verlassen. Seufzte sie, und ihr Auge sezte hinzu: auch Du
mich bald!

Das glaub' ich nicht! antwortete _Holder_: wer wollte Dich verlassen?
sagte sein Auge und ein Ku auf ihre blhnde Wange.

Als sie zurckkam, war er verschwunden; Tiefer hinein in einzelnes Gebsch
hatt' er sich verloren, dem Ufer des umschilften Sees nher. Hier sa er
und rauschte er mit leichtem Finger ber die Saiten seiner Laute, und sank
mit seinem Geist hinunter in dass stille Grab der fernen Vergangenheit.

Hier waren _Rikchen_ und ihr trauter Oheim in der Sorbenburg die Gespielen
seiner Seele. Er gedachte mit leiser Wehmuth jener elysischen Zeiten, da
sie noch sein waren auf Erden, und der Tod ihren Himmel zersthrt hatte.

Er griff strker in die Saiten, und sang wie sein Herz ihm diktirte:

   Ergie Dich in die Adern, ssse Schwermuth
   Drnge mein Herz, bis das Auge thrnt,
   Und eine Zhr auf blasser Wange
   Im Mondenschein zittert!

Der Abend ward stiller. Kein Lftchen suselte durch der Bume schlummernde
Zweige; das Ufer des Sees drben hauchte sanft ber die Wellen den
sterbenden Ton der Stimm' und Saiten zurck.

_Idalla_ horchte vor der Htte. _Holder_ hatte sie das Spiel der Laute, die
Natur aber sie Empfindung und Gesang gelehrt. Kaum herrschte die alte
Stille, so hub sie an, in Begleitung der Saitenakkorde:

   _Freud'_ und _Ruhe_ sind Geschwister,
   Sie nennen dich Mutter, Natur!
   Sie flstern im hangenden Maibusch,
   Sie wohnen im Busen
   Des duftenden Veilchenthals;
   Sie tanzen vertraulich auf deinen
   Zitternden Wellen, o See!

   Holder. Weinend gedenk' ich deiner,
   Heilige Vergangenheit!
   Weinend gedenk' ich eurer,
   Heilige Minuten der Freundschaft,
   Heilge Momente der Liebe. -- --
   Entbltterte Rosen
   Blhen nicht wieder, --
   Und ihrem Grabe entsteiget
   Nicht die gestorbene Freude.

   Idalla. Im weichen Arm der Ruhe
   Schlft die Vergangenheit;
   Am Arm der Freude tanzet
   Die junge Gegenwart!
   Und Ruh und Freude wohnen
   In deinem Schoos, Natur!

   Holder. Und euer Staub,
   Und eure Grber
   Sind lngst verweht,
   Ihr, meines Lebens Engel,
   Verwandte meines Herzens!
   Ach, euer Geist
   Durchwandert fremde Sterne.
   Und denkt nicht mehr
   Des Weinenden im Staube.

   Idalla. Was Grab sonst war
   Wird eine Freudengrotte;
   Wo sonst die Freude schwrmte
   Ist nun der Ruhe Schlummerbett.
   Was hier verblht,
   Blht herrlich drben auf.
   Denn Freud' und Ruhe
   Sind zrtliche Geschwister.

   Holder. (indem er sich Idallen nhert.)
   La uns, so lange sie uns lchelt,
   Die Freude kssen,
   Und dann ermdet sinken
   In ihrer Schwester Arm!

_Idalla_ eilte ihm entgegen: Du hast das Lied mich gelehrt, Holder, und so
straf' ich Dich mit Deiner eignen Lehre. Httest Du Dich nicht bald bekehrt
und _mein_ Lied gesungen: so htt' ich Dir die Laute genommen.

Aber Deine Augen sind ja feucht, Idalla. Hast Du geweint? fragte
_Holder_.

Beinah.

Warum denn?

Warum? Dich machte die Vergangenheit, mich die Zukunft traurig. Ach,
Holder, wenn ich Dir die Vergangenheit vergessen machen knnte, und Du
_Idallen_ in Schutz nhmest fr die Zukunft! -- Ich hab so allerlei bei mir
gedacht -- meine Brder haben mich verlassen, dem guten _Florentin_
gefllts bei mir nicht mehr, und, dacht' ich dann, wenn _Holder_ mich -- --
--

Was denn? fragt' er zrtlich.

Mich nicht mehr -- -- -- ach, lieber Holder! sagte sie stockend und
schlug ihren Arm um seinen Nacken.

Wrde mich Idalla gern verlieren?

Ich antworte Dir nicht.

Gute Idalla! seufzte er, und starrte ihr ins freundlich-traurige Auge.

Was willst Du? lispelte sie unruhig, und ihr Busen erhob sich. Der Mond
brach in diesem Augenblick durch ein falbes Gewlk und berstrmte die
unbefangne Engelsmiene dieser kleinen Heiligin mit einem verklrenden
Glanz. _Holdern_ ward, als wr er verzaubert in eine wunderbare Feenwelt;
als wandelt er neben einer Ueberirrdischen. Das feierliche Schweigen
allgemein umher; nur dann und wann ein melancholisches Aufmurmeln der
fernen Wellen; das magische Helldunkel der Landschaft, der grelle Wechsel
und Contrast des tiefsten Schattens und hellsten Silberlichts -- alles
wirkte sonderbar auf sein empfindsames Herz.

Holder, lieber Holder! sagte endlich nach einer langen Pause die schne
Insulanerin, und wute nicht, oder sehnte sich nicht, mehr zu fragen. Aber
unwillkrlich entschlpfen ihren Lippen die Worte: Ich mgte wohl etwas
wissen von Dir.

Und was denn?

Ob ich -- ob Du -- ob Du meines Vaters Grab weit?

Eine seltsame Frage. Nein ich wei es nicht.

Hier, hier unter uns, am jungen Eichbaum hier.

La ihn ruhn!

O, wenn er doch noch lebte, wenn er Dich doch auch she, wenn -- -- -- er
wrde Dir gewi auch recht herzlich gut seyn.

Idalla ist mit also _herzlich_ gut?

O, Holder, so htte ich Dich nicht fragen mgen. Wenn ich nur alles,
_alles_ Dir _so sagen_ knnte. Wenn ich nur -- -- o, Du verstehst Idallen
niemals!

Ich versteh Idalla's Sprache _dennoch_!

Aber ist Dir denn auch so zu Muth bei Idallen, wie Idallen bei Dir?

Eben so, und ewig so.

_Ewig_ so? das ist ein kleines Wrtchen mit unermelichem Sinn. Ach, dann
knntest Du auch Idallen nie verlassen, denn Idalla kann Dich nicht
verlassen.

Ich will es nie.

Holder! Holder! schluchzte sie und warf sich an sein Herz und weinte
heie Thrnen.

Und Idalla weint?

Ach, Idalla mu weinen, denn sie ist Holdern zu gut! rief sie, und
klettete sich fest an ihn, und es war ihr, als stnd' ihr Vater ihr zur
Seiten und segnete sie.

_Holder_ sank an _Idallens_ Busen. Ich glaub' eine Seelenwanderung, rief
er mit nassen Augen: ich hre _Rikchens_ Stimme; aus dir spricht wieder
meiner _Friedrike_ Geist zu mir!

Er schwieg. Die Eichen summsten im Winde. Die abendliche Natur feierte
mitempfindend das Fest der schnen Seelen. _Rikchens_ Geist schien auf
einer Wolke niedersinkend, ihrem _Holder_ Beifall zu lcheln.




Siebentes Kapitel.
Das Abentheuer im Walde.


Erst am Abend des folgenden Tages kam _Duur_ von seiner Jagd heim.
Aengstlich und bekmmert hatten _Holder_ und _Idalla_ den ganzen Tag
vergebens seine Zurckkunft gehofft.

Wie heiter lachte ihm _Holder_ nun entgegen; wie freundlich drckt' ihm
_Idalla_ die Hand! Er kam aber nicht _allein_, sondern ein fremder Mann mit
ihm.

_Florentin_ war finster. Er warf die Flinte in einen Winkel nieder und bat
fr den Fremdling um Speis' und Trank und Nachtlager.

Gastfreundlich trug die liebe Wirthin ihr Bestes auf. _Florentin_ warf sich
in einen Sessel, und lachte bald und knirschte bald mit den Zhnen.

_Holder_ lehnte sich ihm gegenber an die Wand, und betrachtete das
seltsame Mienenspiel seines Freundes mit Verwunderung.

Alles schwieg. _Holder_ wollte doch ein Gesprch anknpfen, und fragte, um
etwas zu fragen, den Fremden: was giebts neues in der Welt?

Neues? entgegnete der Gast: Das Neuste wre nun wohl, da der deutsche
Kaiser in der vorgen Woche zu Berlin gestorben ist.

Wie? sind Preuen und Oesterreich so gute Freunde und Nachbarn?

Ich verstehe Sie nicht?

Ihr sagtet, der Kaiser sey in Berlin gestorben.

Freilich -- in der Residenz.

In der Residenz? residiren die Kaiser in der preuischen Residenz? fragte
Holder und sah den Gast mit verdchtigem Lcheln an.

Nun ja, wo denn anders? Ach, Sie scherzen -- ja, ja, ich besinne mich. Vor
dreihundert Jahren sollen sie noch in Wien gewohnt haben. Ich wei das noch
von der Schule her, wenn wir das drre Namenregister der deutschen Kaiser
auswendig lernen muten.

_Holdern_ scho bei diesen Worten das Blut ins Gesicht -- er erinnerte sich
der Alpen, und das, woran er unterweilen selbst noch zu zweifeln gewohnt
war, besttigte sich ihm immer mehr und auf neue Art zur sonderbaren
Gewiheit.

Aber _Florentin_ sa da, starr und unbeweglich, sah und hrte nicht. Sein
rthselhaftes Betragen ward mit jedem Augenblick auffallender.

Es war ein langweiliger Abend. Der _Fremde_ sehnte sich endlich zur Ruhe.
_Idalla_ wies ihm sein Lager.

Was fehlt Dir, Florentin? fragte _Holder_ endlich in einem herzlichen
Tone, indem er die Hand des Sonderlings ergriff: Du bist
niedergeschlagen!

La mich!

Nein, ich kann unmglich lnger ein verlegner Zuschauer deines Mimuths
seyn. Erklre Dich. Sey offenherzig. Was hast Du vor?

_Florentin_ antwortete nicht, sondern ein tiefer Seufzer drngte sich aus
seiner Brust auf. _Holder_ schttelte den Kopf. _Idalla_ warf den Arm um
ihren Liebling, und sah, das Haupt traulich an seine Achsel gelehnt, der
ungewohnten Szene zu.

Bruder! rief _Florentin_ endlich, stand auf und ergriff _Holders_ Hand
mit Ungestm: Hast Du mich betrogen? -- Bei dem ewigen Gott, bei unsrer
Freundschaft, bei der Asche meiner Schwester, die Du einst so sehr
liebtest, bei allem was dir theuer war und noch ist, sei beschworen: hast
Du mich betrogen?

Holder. (kalt.) Ich Dich betrogen?

Florentin. (mit glhndem Gesicht.) Hast Du mich betrogen?

Holder. Ich verstehe Dich nicht.

Florentin. Triebst Du Gaukelei mit mir in der _Alpenhhle_? wirkte Dein
Schlaftrunk auf fnf Jahrhunderte oder fnf Tage?

Holder. Wie kmmst Du erst jezt auf die Frage?

Florentin. (wilder.) Antworte mir! es liegt mir alles daran -- mein Leben,
meine Seligkeit; antworte!

Holder. Nach meinem Willen auf fnf Jahrhunderte.

Florentin. So hintergehn mich Verstand und Sinne. Denn, Holder, -- Holder!
ich, habe sie gesehn!

Holder. Wen hast Du gesehn?

Florentin. O, da Du so fragen kannst; ich habe _Louisen_, -- _Louisen_,
_Adolphs_ Schwester -- gesehn! Wir leben noch im achtzehnten Jahrhundert!
Ich habe sie gesehn!

Holder. (verwirrt.) Du die Prinzessin?

Florentin. Eben die, welche mich an _Adolphs_ Hofe liebte, eben die, welche
ich im Garten von Dosa gesehn!

Holder. Das ist unnatrlich! --

Florentin. Meinst Du? -- O, ich war beinahe zufrieden, hatte das achtzehnte
Jahrhundert mit seinen Leiden und Freuden schon halb vergessen; mein Onkel,
mein _Rikchen_, mein _Badner_, _Louise_, _Adolph_, _Kanella_, -- alles hing
nur noch in verbleichten Farben vor meiner Seele. Ich glaubte die Wunden
meines Herzens schon zugeheilt; kein Gram nagte mehr an meiner Ruhe -- o,
mein Gott, und das alles hatt' ich mir nur vorgelogen. -- _Louise_ lebt
noch, und ich mit ihr in _einem_ Jahrhundert.

Holder. Dich betrgt ein Traumbild.

Florentin. Sprich lieber, es hatte mich betrogen, und da ich so -- so,
davon _erwachen_ mute! -- --

Idalla. (mitleidig.) Du bist unglcklich?

Florentin. Ja, liebe Idalla, ich bin sehr unglcklich.

Idalla. Armer Florentin!

Florentin. Ja wohl, _rmer_ bin ich zu keiner Zeit gewesen!

Holder. Es bleibt mir alles ein Rthsel, ehe Du mir nicht umstndlich Dein
Abentheuer im Walde erzhlst.

Florentin. Ich wills erzhlen -- vielleicht machts mich ruhiger. O, klaube
aus meiner Erzhlung jedes Mgliche heraus, um mir nur zu beweisen, ich
habe _Louisen_ nicht _gesehn_. Hrst Du? -- Ach, ich liebe sie noch, ich
_mu_ sie lieben, trotz ihrer Untreue!

_Holder_ wute nicht, was er glauben sollte, und sah seinem Freunde mit
einer unbeschreiblichen Verlegenheit ins Gesicht.




Achtes Kapitel.
Louisens Erscheinung.


Idalla zndete die Lampe an; sie und ihr Liebling nahmen den Schwrmer in
die Mitte, der endlich ihre Neugier stillte und seine Erzhlung begann:

Gestern verlie ich Euch; ich war etwas dster; Gott wei, was ich dachte,
was ich empfand. -- Ich war noch keine Stunde umhergetrabt, als ich mich
mivergngt unter einem Baum niederwarf, und mich in die Tage der Vorwelt
heimtrumte. -- Ist er nicht wunderbar zusammengesponnen der Traum meines
Lebens, dacht' ich.

Ich war ein Kind, und _war glcklich_. Ich blhte zum Jngling auf, und
_hoffte_ auf einstige Seligkeiten! -- Ich wurde ein Mann, und -- _war
unglcklich_. Louise machte mich unglcklich, oder vielmehr ich mich
selber. Dem Tode nahe, wurd' ich errettet. Ich war der Verzweiflung nahe,
und die Hand der _schwarzen Brder_ fhrte mich von dem Abgrunde hinweg,
ber dessen Tiefen ich schwebte, Ich suchte Ruhe, suchte Zerstreuung, und
befreite _Kanella_ mit Lebensgefahr. Lorbeern erndtete ich, aber keine Ruhe
des Herzens. Meine Wnsche, meinen Lohn, welchen ich mir ersah, konnte mir
des schwarzen Bundes Allgewalt nicht verleihen. Das Schicksal kmpfte wider
mich mit eiserner Faust. Ich war elend, schmachtete nach einem _bessern
Leben_ -- die _schwarzen Brder_ wollten mich belohnen und ertheilten wir
zum Geschenk -- ein andres Jahrhundert. --

Ich bin noch nicht glcklich, dacht' ich weiter. Und woher meine
Unzufriedenheit? wohinaus will dies unaufhrliche Sehnen? -- Ich wollte in
mein Innres hinunterschaun, und fand -- und fand die Phantasie mir
_Louisens_ Bildni vorhaltend. --

Also dahin willst du? Unmglichkeit ist dein Ziel? -- o, rief ich mir
selber zu, so unmglich ist denn auch dein Glck hienieden! -- Verdammt sey
der Schlaftrunk, der mich um den Rest des Zeitalters plnderte, in welchem
noch eine _Louise_ wohnte. Verdammt sey die Stunde, in welcher ich den
ungeheuren Riesensprung in der Zeit wagte, welcher eine Ewigkeit zwischen
mir und _Louisen_ wlzte. -- So dacht ich. In dem Augenblick rauschte etwas
hinter mir auf; mein Pudel bellte -- dies erweckte mich. Ich sah mich um;
eine _Hndin_ sprang neben mir vorbei. -- Ich fuhr auf, verfolgte das
Thier, welches vielleicht noch von keinem Jger verfolgt worden war, denn
es blieb oft stehn und neckte mich immer weiter. --

Du sollst mein werden! rief ich und dachte an _Louisen_: Du sollst mein
werden, denn uns scheidet noch nicht die unberspringliche Kluft von
Jahrhunderten! -- ich verfolgte das Thier Stundenlang und erreichte es
nie!

Der Mittag mochte noch nicht vorber sehn, als ich, von der fatalen Hndin
verfhrt, ziemlich entfernt von dieser Gegend, mich mit einemmale aus des
Waldes Dunkel in einen grnen, zirkelfrmigen Platz strzte, in dessen
Mitte zwei niedliche mit Wimpeln und Segeln versehne Khne auf trocknem
Boden standen!

Ich blieb stehn. Ich whnte in der Feenwelt zu wohnen. -- Die Hndin
entwischte, ich dachte nicht mehr an sie.

Nun, bei Gott! sagte _Holder_: lt sich doch Deine Erzhlung so
drolligt an, wie irgend ein Mrchen aus _Gallands_ Tausend und einer Nacht.
-- Zulezt glaub ich gar, die Weltbegebenheiten laufen aus und repetiren
sich, wie ein Uhrwerk. -- Wir leben und weben wieder in den Tagen, die
_Wieland_ und _Ariost_ so schn besangen.

Das wird mir immer wahrscheinlicher! sezte _Holder_ muthwillig hinzu,
indem er sich in _Idallens_ groen blauen Augen spiegelte, die ihn so
liebevoll anblickten.

Erzhle Du weiter, armer Florentin! sagte _Idalla_, und faltete ihre Hand
in _Holders_ Hand.

Indem ich, fuhr _Florentin_ erzhlend fort: versteinert dastand, und die
beiden prachtvoll ausgeschmckten Khne mit der waldigten Wildni zu paaren
suchte, flsterten die Zweige eines nahen Wacholdergebsches neben mir. Ich
wandte meine Augen dahin, und, o Gott, wie wurde mir, als ich -- _Louisen
vor mir stehn sah!_ --

Sie bebte vor mir zurck -- ich vor ihr. Wir starrten uns lange an -- ich
fand sie schner, als ich sie je gesehn hatte -- ich wollte sprechen,
wollte ihr Vorwrfe machen -- meine Lippen bewegten sich, aber die Worte
erstarben in ihrem Werben. --

Unwillkhrlich fhlt' ich mich zu ihr hingezogen, zu ihr, die wie eine
Gottheit da vor mir stand. Ich whnte ihren _Geist_ zu erblicken, sank zu
ihren Fen nieder, umarmte die Kniee eines _irrdischen Weibes_, die Kniee
meiner _Louise_! -- Schreck, Hoffnung, Entzcken, alles umfing mich mit
grnzenloser Kraft; meine Vorstellungen wurden dunkel, die Welt verschmolz
vor meinen Sinnen in Nichts -- ich ward ohnmchtig!

Gott im Himmel! rief die weichgeschaffne _Idalla_: was ist das!

O, wr' ich so vernichtet, so ganz ausgestrichen geblieben aus der Liste
der Schpfung, ich wre vielleicht glcklicher! -- -- Aber ich erwachte --
wie -- von einem _Kusse_. Ich schlug die Augen auf. _Louise_ kniete neben
mir auf dem Erdboden, sie schien sich mit mir beschftigt zu haben. -- Ihr
Auge sprach etwas, das -- ach, wer hat Worte dafr? --

Und pltzlich entstand ein Gerusch im Walde von Mnnerstimmen. Es drang
immer nher. _Louise_ drckte mir die Hand, sah mich noch einmal an, und
lief zum nchsten Kahn. Es liessen sich verschiedne Mnner sehn, die sich
in die beiden Khne vertheilten. Sie sprachen heftig unter einander, aber
ich verstand sie nicht. -- Pltzlich schwollen die Khne von allen Seiten
auf, und vergrerten sich in einigen Minuten ungeheuer; in eben den
Augenblicken stiegen sie in die Luft empor und mit Vogelschnelle schwammen
sie ber den Wipfeln der hchsten Bume hin -- und verschwanden meinem
Gesicht.

Noch immer lag ich auf dem Erdboden; meine Augen starrten auf den
Luftpunkt hin, in welchem mir _Louise_ entflog. -- Hier lag ich im dumpfen
Hinbrten, ich empfand vieles und nichts, ich dachte an _Louisens_ lezten
Blick, an ihren lezten Hndedruck; So bereilte mich der Abend, und ich
konnte mich nicht trennen von dem Orte, an welchem _Louise_ mir erschienen
war. Ich sah das Laub des Waldes, die Wolken des Himmels verrinnen ins
nchtliche Schwarz, allein ich blieb, wo ich war. Ein leichter Schlummer
erquickte mich; er war mir wohlthtig.

Ich erwachte eher, als die Sonne. Ich dachte an das Gestrige, und mir
wars, wie Rckerinnrung an einen Traum. _Louise_ kam nicht heim; vergebens
erwartete ich sie. Ich stand auf und begab mich, in dstre Melancholien
verloren, hieher zurck. -- Unterwegs ward ich des Mannes gewahr, der mich
um Gotteswillen bat, ihn im Walde zurechtzuweisen. Ich winkte ihm, mir
nachzufolgen. Er wollte mir mit seinem Gewsche die Zeit vertreiben, ich
hrte nicht auf ihn. --

Versetze Dich im Geist in meine Lage, Holder, und zweifle noch, ob ich
unglcklich, ob ich wahnsinnig sey, wenn ich mich noch im achtzehnten
Jahrhundert zu befinden glaube. _Louise_ lebt ja noch! --

Desto besser! entgegnete Holder: so lebt Dir auch noch die Hoffnung,
wieder glcklich werden zu knnen, wenn denn _Louise_ einmal Deinen Himmel
enthlt.




Neuntes Kapitel.
Imada.


Das ganze Rthsel lste sich zum Theil am folgenden Tage, als die kleine
arkadische Familie beim Frhstck versammelt sas. --

Der _Fremde_ nemlich, welcher sich _Matthias_ nennen lie, erzhlte seinen
neugierigen Zuhrern auf _Holders_ Verlangen die Begebenheit, durch welche
er in das benachbarte Gehlz und zu _Florentin_ gekommen sey.

Meiner Kunst und Profession nach sagte er: bin ich eigentlich ein
Luftgondler. Mein Vater und Grovater, und deren Ahnen, so weit sie mir
bekannt sind, trieben dies Geschft. Ich lebte dabei sehr gemchlich, bis
der unselige Krieg ausbrach, welcher izt einen Theil meines Vaterlandes
verwstet. Wider meinen Willen ward ich bei der Armee als Luftgondler
angeworben. Ich mute mich in mein Geschick ergeben, und konnt' es um so
leichter, da ich zu Hause weder Weib noch Kind zu ernhren hatte.

Eines Tags wurd' ich mit meiner Gondel zur Recognoscirung des feindlichen
Lagers commandirt. In meiner Barke befand sich der General nebst mehrern
Offizieren. Zwei Nebengondeln waren mit uns zur Beschtzung. Es war ein
trber, neblichter Morgen. Das Wetter kam uns zu Statten, um unvermerkt
aufsteigen, und beim fallenden Nebel das ganze Lager den Norder berschaun
zu knnen. Allein, wie erschraken wir, als wir in den hhern Revieren der
wolkigten Luft auf feindliche Segel stieen, die in gleicher Absicht dort
schwebten und an Zahl uns beiweiten berlegen waren. Wir hatten uns noch
kaum besonnen: so umzingelten sie uns, und der Luftscharmtzel begann. --

Von allem, was Ihr da saget, versteh ich kein Wort, Herr Luftgondler!
rief _Holder_ mit Lcheln des Erstaunens: fhrt man denn izt _Kriege in
der Luft_, wie die Vgel?

Sie scheinen auf Ihrer Insel hier in einer glcklichen Unwissenheit zu
leben, mein Herr! entgegnete der Luftschiffer: eine Unwissenheit, die mir
ans Unbegreifliche grnzt, da Sie doch brigens so viel Kenntnisse zu
verrathen scheinen. --

Wir leben hier erwiederte _Holder_ mit lustiger Verlegenheit: wir leben
hier zu Lande ohne Umgang mit andern Menschen, ohne Bcher, ohne Zeitungen.
Kurz und gut, ich glaubs Euch. Die Europer bekriegen sich nicht nur auf
Erden, auf dem Wasser, sondern auch in der Luft.

Ich sagte vorhin, fuhr der _Gondler_ fort: da wir von den Nordern
umzingelt wurden; wir schossen tapfer auf einander, allein die Uebermacht
war zu gro. Zum Unglck hatten wir uns nicht einmal mit Lrmgeschtz
versehn, um ein Nothzeichen zu geben. Unten hrte man und wute man von
nichts.

Erlaubet, fiel _Holder_ ein: unten _hrte_ man nichts? War man denn so
weit von der Erde entfernt, da der Flintendonner unten nicht mehr hrbar
war?

Der _Gondler_ lchelte: Sie mssen wissen, mein Herr, da zu geheimen
Expeditionen, Ueberfllen, Recognoscirungen u. s. f. im Kriege die Patronen
mit stillem Pulver gefllt werden. Der Schu ist ohne Lrmen, und am Tage
kaum sichtbar. Vor Zeiten, da die Kriegskunst noch in der Wiege lag, wute
man von den schrecklichen Wirkungen und Vortheilen des stillen Pulvers
nichts. -- Doch zur Sache. Meine Barke verlor die Luft. Der General warf
sich in den Nothschirm, und strzte auf gut Glck hinunter -- einige
Offiziere folgten. Wir brigen ergaben uns.

Ich ward als Kriegsgefangner einem nordischen Heerfhrer, dem _Grafen von
Gabonne_, zu Theil. Dieser behandelte mich sehr menschlich -- allein ich
schmachtete doch nach Freiheit und Vaterland. Und die Gelegenheit erschien
endlich vor kurzem. Der Friede ist izt so gut, als unterzeichnet --
_Preussens Adler_ ist diesmal Deutschlands Genius geworden. Der
Waffenstillstand war schon lngst geschlossen zwischen beiden Herren. Mein
Herr, der _Graf von Gabonne_, konnte es also vom Oberfeldherrn um so
leichter erhalten, die Armee auf einige Zeit zu verlassen. Er benuzte
diese, um seine Beute in Sicherheit zu bringen.

Diese Beute war ein schnes, liebenswrdiges Mdchen, von welchem ich
nicht mehr, als den Namen, _Imada_, wei. Da diese _Imada_ von bedeutender
Herkunft war, konnte man gar nicht bezweifeln. Sie soll dem _Gabonne_ durch
einen seltsamen Zufall in die Hnde gerathen seyn; man erzhlte sich im
Lager davon allerlei Anekdoten. Kurz, er beschlo, sein Liebchen in
Verwahrung zu bringen; es wurden einige Luftgondeln ausgerstet und unsre
Fahrt ging anfangs nach der _Lombardei_; von da wieder, warum? ward mir
nicht gesagt, zurck nach _Mont-Rousseau_, an den Grnzen der frnkischen
Republik. Als wir uns eines Tages in jenem Walde niederliessen,
entschlpft' ich meinen Feinden und entkam glcklich. Aber gewi htt' ich
meinen Tod in jenen Wildnissen gefunden, wenn dieser Herr nicht das Werk
der Barmherzigkeit gethan, und mich hieher gefhrt htte.

_Florentin_, der diese Erzhlung anhrte, sas unbeweglich da, wie ein
Marmorbild. -- Nicht _Louise_ also wars, sondern eine unbekannte _Imada_!
rief er, und sank _Holdern_ in die Arme.

Unaufhrlich schwebte ihm nun _Imada's_ und _Louisens_ Bildni vor der
Seele. _Imada_ und _Louise_ waren eins; die Erscheinung trug nur einen
_doppelten Namen_.

Diese _Imada_ wich nicht an Reizen der _Louise des achtzehnten
Jahrhunderts_. Ihr Hervorschweben aus dem Gebsch war das Hervorschweben
einer Gttin, den therischen Hallen der Oberwelt entschlpft. Zwar ihren
Lippen war kein Laut entflossen, aber welche Sprache ging nicht aus ihren
Mienen, ihren Blicken? Mit welcher Theilnehmung fand er die Seltne nicht
ber sich hingebogen, und was verrieth ihm ihr lezter Blick, ihr
Hndedruck?

Sie ists wohl werth, solch eine Krperform, wie die _Louisens_ war,
dachte der gute _Graf_ bei sich selber: da die Natur sie der Welt _mehr
als einmal_ vorzeigt. Und mein Herz ist geschaffen, solche Form zu lieben.

Freilich war der Gang der Geschichte, und noch mehr der Gang seiner
Empfindungen etwas abentheuerlich -- allein er lebte nun einmal in einer
Welt von Unbegreiflichkeiten, und es fiel ihm daher um so weniger bei, sein
Empfinden, Denken und Wollen systematisch zu ordnen.

Es ward beschlossen, die _Louise_ dieses Zeitalters aufzusuchen, in welchem
Winkel der Welt sie auch versteckt leben mchte. Es war ihm berdem noch
immer so unwahrscheinlich die Begebenheit in der Alpenhhle -- und rumte
er _Holdern_ viele Kunst ein: so glaubte er hchstens an den
widernatrlichen Schlaf _einger Jahre_, aber nicht einger Jahrhunderte.

Auch im Verlauf einger Jahre konnten die Gewnder abmodern, und die
Schicksale der Welt ungehoffte _Vernderungen_ erleiden -- aber _Louise_
konnte auch noch leben! -- _konnte noch!_ und neugeboren fhlte sich _Duur_
bei diesem Gedanken. Er athmete dann freier und tiefer, als wr er von
einem dumpfen Traum erwacht, worin eine despotische Einbildungskraft ihn an
wste, menschenlose Inseln warf, und er kmpfen mute mit wthenden
Brandungen und schrofen Klippen, getrennt durch einen unermelichen Ocean
auf ewig von seinen Geliebten. -- Es ward ihm dann wieder so wohl, so
heimisch. Das Zeitalter hatte nichts Fremdes, Entlegnes mehr; er
schmeichelte sich noch, bald hie und da, auf seinen Wanderungen durchs
Vaterland, einen Freund, ein altes, bekanntes Gesicht wieder zu finden. --
Ungern lie er sich aus diesen Trumereien aufstren.

Da sich _Duur_ von nun an mit dem Luftgondler in ftere Plaudereien
vertiefte; da _Imada-Louise_, _Gabonne_ und _Mont-Rousseau_ allein ihrer
Gesprche ewiger Text war; da er jede Kleinigkeit, welche die Unbekannte
betraf, genau und mit kritischer Aengstlichkeit erforschte; da ihm
_Idalla's_ schne, einsiedlerische Insel immer trauriger, wstenhaftiger,
unertrglicher wurde -- alles dies lt sich errathen. Ich darf davon
nichts erzhlen.

Kaum nur, und mit ungeheurer Ueberwindung, gab er _Holders_ und _Idalla's_
zrtlichen Bitten nach, seine Reise bis zum knftigen Frhling zu
verschieben und den Winter ber in ihrer Gesellschaft zu bleiben.

Herr _Matthias, der Luftgondler_, fing an, sich in diesem schnen Cirkel zu
gefallen. Man behielt ihn auch gern bei, weil er ein guter, ehrlicher
Schlag von Menschen war, der weiter keinen Fehler hatte, als da er gar zu
gern philosophirte und docirte, wozu ihn wahrscheinlich die Unwissenheit
der Insulaner verfhrte. Er versprach auch, den Grafen auf seinen Reisen
als ein getreuer _Sancho_ zu begleiten, und, wo mglich, den _Badner_ des
achtzehnten Jahrhunderts vergessen zu machen.




Zehntes Kapitel.
Der Winter.


Es brach der Winter ein; die Silberflocken des Schnees gaukelten lustig um
die kleinen Scheiben der Httenfenster, und die bltterlosen Gestruche und
Bume strahlten im funkelnden Reif. Der See erstarrte im kalten Hauch des
Dezembers; das Wild brllte durch den Forst und vor der Htte schwrmten
vertraulich kleine Schaaren von Sperlingen und Meisen, _Idalla's_
Wohlthtigkeit in Versuchung zu fhren.

_Duur_ wurde in seinem Innern ruhiger; er durchstreifte, mit seinem Pudel,
fleissig die Waldung und versorgte _Idalla's_ Heerd mit Wild. --
_Imada-Louise_ stand freilich noch immer in einsamen Stunden vor seinem
Geiste, umgeben mit aller Pracht, zu deren Erfindung eine schwrmerische
Phantasie fhig ist. Allein er betrachtete dies schne Bild mit immer
kltern Blute, und berlie es dem gtigen Zufall, ob je noch seine
Lieblingswnsche erfllt werden sollten.

Auch hatt' er sich allmhlig fr die Zukunft schon sein Plnchen entworfen,
einfach und ntzlich. Er wollte mit dem Frhlinge auswandern in die Welt,
um die Verwandlungen der Welt zu studieren, seiner Neugier zu gngen und zu
erfahren, ob der Favorittraum seines guten Oheims _von der glcklichen
Nachwelt_ realisirt wre. -- Nebenbei wollt' er dann umhersuchen unter den
Tchtern des Landes -- _Imada-Louise_! um eine Theilnehmerin seiner Leiden
und Freuden mit sich in _Idalla's_ Insel zu fhren, seinem Abgott, seinem
_Karlchen_, eine Mutter zu geben, und der lieben _Idalla_ eine
schwesterliche Gesellschaft.

Denn fest hatte ers beschlossen, sich nimmer wieder verwickeln zu lassen in
die qulenden Verhltnisse der groen Welt, sondern die Seligkeiten des
huslichen Lebens und der Einsamkeit jenem leeren Gerusch vorzuziehn,
welches nur den Unwissenden entzcken, und die Thoren beschftigen kann.

_Holder_ war von seiner Seite ebenfalls nicht mssig, sich den traurigen
Winter zu verschnern. Er nannte _Idalla_ Weib, _Idalla_ war glcklich
durch ihn und ahndete Mutterfreuden.

Jeder, vom ersten bis zum lezten in dieser kleinen Republik, sann,
wnschte, empfand nicht fr _sich_, sondern nur _fr die andern_. Jeder Tag
war ein kleines Fest. Man liebte und wurde geliebt. Man war erfinderisch in
neuen berraschenden Freuden fr die brigen, und sah den schnsten Theil
der Lust auf sich selbst wieder zurck strmen.

Und versammelte sich Abends die liebenswrdige Familie um das lodernde
Feuer des Camins; schien die Unterhaltung stocken zu wollen, und die
Frhlichkeit zu schweigen: so rief _Holder_ zur Aufmerksamkeit, und
erzhlte die seltsam verwickelten Begebenheiten seines frhern Lebens, die
ihn zu dem herrlichen Manne machten, der er war.

Dann schmiegte sich schauderndfroh _Idalla_ an den Arm ihres Gattens; dann
drckte _Duur_ sein schlummerndes Kind fester an seine Brust und _Matthias_
der Luftgondler starrte mit Verwundrung und Entsetzen den Mann an, welcher
als Jngling Thaten vollendete, woneben seine Bataille in den Wolken wie
Kinderspielerei aussah.

Es thut mir viel zu leid, hier den Faden der Geschichte abzureissen und die
Begebenheiten des wilden, groen _Holders_ in einer Episode drr zu
skizziren -- sie verdienen wohl, eigen behandelt zu werden.

Vielleicht erzhl ich sie meinen Lesern zu einer andern Zeit -- vielleicht
bald!




Zweiter Abschnitt.





Erstes Kapitel.
Auswanderung in die neue Welt.


So verlor sich der Winter unter Lust und Arbeit. Die Flocken des
leuchtenden Schnees zerschmolzen am milden Hauch des Aprils, und die
erwachenden Gestruch' und Bume trieben Knospen an Knospen und Blten an
Blten. Der Grund der Wiesen und Anhhn und Thler vertauschte das falbe,
veraltete Kleid mit einem duftigen Grn, und die Lerchen schwangen sich mit
sem Wirbelton dem mildern Himmel entgegen.

Das war ein Jahr! rief _Holder_ an einem schnen Maitage: Ein schnes,
einfrmiges Jahr, ohne Sturm und Drang, und doch so ppig reich an stiller
Lust! -- Gewhrt der Himmel mir eines Wunsches Erfllung: so sey der Rest
meines Lebens dieser kleinen Vergangenheit gleich.

Ich will werden, wie Du -- lchelte _Duur_: darum will ich hinaus und
mir eine _Idalla_ suchen.

Und ich will auch nicht mssig bleiben whrend Deiner Entfernung,
entgegnete _Holder_: eine Htte will ich Dir und Deiner _Idalla_
inzwischen bauen, und wenn Du heimkmmst sollst Du alles vollendet finden,
um ein patriarchalisches Leben zu fhren.

Die Anstalten und Zurstungen zum Ausfluge in die neue Welt wurden gemacht;
_Florentin_ belud sich mit einem Theil der Juwelen und Steine des
achtzehnten Jahrhunderts; _Matthias_ der Luftgondler lie sich von der
geschftigen _Idalla_ den Renzel fllen mit Speis' und Trank; jeder nahm
seinen Wanderstab zur Hand und der treue Pudel sprang hoch und freundlich
an dem Grafen auf.

Lebt wohl! tief _Florentin_, und prete _Holdern_ und _Idallen_ in einer
langen Umarmung an seine Brust und seine Augen funkelten von einer Thrne,
als er den weinenden _Karl_ zu sich empor hob.

_Holder_ geleitete die Wandrer bis zum jenseitigen Ufer des Sees, und
schied dann von ihnen mitWehmuth. _Idalla_ und _Karlchen_ standen am
Inselufer und riefen tausendmal Lebewohl und warfen tausend Kchen
hinber, bis die Theuren unter dem Laube der Gebsche ihnen aus den Augen
verschwanden.

Der Graf kannte dies Revier meilenweit umher durch seine Jagden. Er
wanderte gen Nordost, wo er am ehsten Weg und Steg und Menschen zu finden
hoffte.

Gegen Abend trafen sie wirklich in der Wildni eine Spur von befahrnem
Wege, und ohne Zgern ward die glckliche Entdeckung benuzt. Die Waldung
schien sich allmhlig zu verdnnen; die Gegend wurde unebner, felsichter.
Auf dem Gipfel eins Berges hielten sie zulezt an, um auszuruhn, denn die
Nacht war schon eingebrochen.

_Matthias_ schnrte den Renzel auf und that sich gtlich; nur _Florentin_
konnte noch nicht rasten. Er kletterte von einem Fels zum andern in die
Hhe, um wo mglich noch eine frohe Entdeckung zu machen.

   Allein die wilden Berg und Klippen
   Stehn, wie ein Lanzenheer vor ihm gedrngt;
   Kein Moos, kein Laub; nur da an Felsenrippen
   Noch hie und da ein des Strauchwerk hngt.
   Geborstne Schlnde, schrofe Mauern,
   Khnhangende Stcke drohnde Last,
   Untiefen den dem Tag gehat,
   Des Stralen matt zurcke schauern. --

Dies war seine ganze Aussicht. Traurig schlich er zurck zum
Reisegefhrten, der neben dem treuen Pudel und offnen Renzel in ser Ruhe
schlief. Der Graf betrachtete Beide mit wohlgeflligem Lcheln, und warf
sich in ihre Mitte nieder.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen am folgenden Tage, als die kleine
Caravane schon ihre Strae weiter zog im Gebrge; allein mit ziemlich beln
Humor, weil sie den Weg verloren hatte, der zu Menschen zu fhren
versprach.

Eine Stunde mochten sie schon zurckgelegt haben, als sie den Gipfel eines
benachbarten Berges erstiegen hatten. Md' und odemlos langten sie oben an
-- aber ihre Mhseligkeit wurd' ihnen berraschend vergolten, als sie den
Blick von der andern Seite des Gebrgs hinunterwarfen.

   Ein junges Eden lag hier ausgegossen,
   Vom Arm der Felsen eingeschlossen,
   Die mit dem tiefsten Schwarz das helle Grn
   Der Landschaft hoben. Her und hin
   Sahn sie ein fliessend Silber unter Bumen
   Sich schlngeln; dort von schrofen Hhn
   Kaskaden brausend niederschumen,
   Die unten sich in weiten Wirbeln drehn.
   Um jeden Baum, um Strauch und Hgel,
   Um jeden kleinen Bltenwald,
   Weit ber stiller Seen Spiegel,
   Der dann und wann im Lftchen wallt;
   Tief ber Blumenschwangern Grnden,
   Sanft ber hangende Gebsch',
   Die ihr Gebild in reinen Wellen finden,
   Schwamm, allverklrend, lchelnd frisch
   Aurorens Schleier ausgebreitet,
   Von Glanz und Rosenlicht bereitet.

Doch reizender als alles war den Pilgern der Prospekt eines fernen
Drfchens, welches im Hintergrunde aus dem Duft des Morgens hervorstieg.

Frisch auf! rief der _Graf_, in einer Art von Begeisterung, wie damals,
als er mit _Badner_ einst beim Sonnenuntergang auf dem Felsen an der Grnze
des deutschen Vaterlandes lag.

Der Pudel ging voran und zeigte den Weg. Gegen Abend war das Dorf erreicht.
-- Nun hatte _Duur_ berwunden. Er erkundigte sich nach dem Namen der
Gegend und der Herrschaft, kaufte dem Gutsbesitzer einen bequemen
Reisewagen nebst zwei prchtigen Wallachen ab und _Matthias_, der
Luftkutscher, machte von nun an den Fuhrmann auf Erden.




Zweites Kapitel.
Das Abentheuer am Schlagbaum.


Wer sind Sie? fragte ein wohlgekleideter Mann, der mit vieler
Bescheidenheit zum Wagen trat, als sie eben vor einer ansehnlichen Stadt
ankamen.

_Matthias_ hielt die Pferde an.

Ich bin der Graf von Duur.

_Florentin_ hatte kaum seinen Namen genannt, als sich der Examinator
ehrfurchtsvoll verbeugte, und eine Schildwacht den Schlagbaum niederzog,
auf welches Signal die ganze Thorwache heraus unter Gewehr trat.

Der Graf, welcher sich nicht einbildete, da diese Achtungsbezeugungen
seinetwillen geschahn, wrdigte sie kaum eines Blicks, sondern sah nur auf
den Examinator, welcher in ehrfurchtsvoller Stellung fragte:

Aus Deutschland?

Allerdings.

In Diensten welches Frsten?

Keines einzigen.

Oder gewesen?

Keines einzigen.

Der Thorschreiber schttelte den Kopf lchelnd und ging zum wachthabenden
Offizier.

Ich mu gestehn, Matthias, sagte der _Graf_: da die Thorschreiber
dieses Jahrhunderts in der Cultur richtige fnfhundert Jahre voraus haben
vor den Thorschreibern meiner Zeit. Vom Thorschreiber auf die Obern dieser
Stadt, und von dieser Stadt auf das ganze Reich zu schliessen, mu
unterdessen eine gewaltige Revolution der Sitten vorgegangen seyn.

Ei! rief _Matthias_: und ich mu gestehn, da ich mir nicht getrumt
habe, einen _Grafen von Duur_ zu fahren!

Der Offizier kam an den Wagen. Mein Herr, Sie geben sich fr einen Grafen
aus, ohne weder in Diensten zu seyn, noch gewesen zu seyn. Erlauben Sie,
wie hngt das zusammen? Womit legitimiren Sie sich?

Florentin ward bestrzt.

Sie verzeihn, fuhr der _Offizier_ fort: der Krieg im Lande hat das
strengste Examen nothwendig gemacht. Also? --

Ich kann doch unmglich meine Diplomen bei mir fhren, oder meinen
Stammbaum.

_Stammbaum?_ Was wollen Sie damit sagen?

Um Ihnen meine Herkunft zu beweisen.

_Herkunft?_ reden Sie deutlicher. Was intressirt uns Ihr Stammbaum und
Ihre Herkunft?

_Duur_ fand sich in einer hlichen Verlegenheit; er sah leicht ein, da
hier ein Miverstndni herrsche, nur wute er nicht, auf welcher Seite.
Der Thorschreiber blinzelte den Offizier seitwrts an, mit einem
bedeutenden Blick, der so viel sagen sollte, als: bei dem Herrn ists nicht
richtig im Kopf, oder im Herzen.

Sie wollen wissen, _woher_ ich _Graf_ sey?

Richtig, und _durch wen_?

Durch wen? ei durch meine _Geburt_. Mein Vater und Grovater waren im
Grafenstand.

Sie sind doch aus Deutschland?

Ganz gewi.

Mein Herr, _Grafen werden hier zu Lande nicht geboren_. --

Nicht _geboren_? stotterte _Duur_ verwirrt.

Der Offizier lachte laut auf, winkte einem Soldaten, und befahl diesem, den
Wagen zu folgen. Mgen Sie seyn, wer Sie wollen, so mu ich Sie dem
_Commendanten_ melden. Wo treten Sie ab?

Im ersten besten Gasthof.

Zur _goldnen Hoffnung_! tief der Offizier und _Matthias_ fuhr bin zur
goldnen Hoffnung, wo der Soldat den Grafen bewachte.




Drittes Kapitel.
Der Commendant.


_Duur_ war etwas rgerlich ber den Empfang in der Welt des drei und
zwanzigsten Jahrhunderts. Er ward sich fremd mitten im Vaterlande, und
schien sich in seinen eignen Augen, wie ein unwissender Knabe.

Wein her? rief er. Ein niedliches, geflliges Mdchen brachte Wein.
Befehlen Sie mehr? fragte die Zofe mit einem lockenden Lcheln.

_Matthias_ soll zu mir aufs Zimmer kommen.

Das Mdchen ging. _Matthias_ kam.

Aber Matthias -- -- -- seufzte _Duur_ mit einem tragischen Lcheln.

Aber mein Herr seufzte der _Luftgondler_: ich bitte Sie, besinnen Sie
sich doch, was haben Sie dort alles am Schlagbaum gesprochen? -- Beinah
mcht' ich Ihnen Ihren Spas glauben, da Sie fnfhundert Jahre geschlafen
haben.

Ich sehe nur nicht ein, was ich _Bses_ gesprochen?

He, he, he! Sie sagten zum Beispiel, Sie wren ein Graf von Geburt -- wie
in aller Welt kann man denn _grflich_, oder auch nur _edel geboren_
werden? Besinnen Sie sich doch! Freilich, vor alten Zeiten, da die Menschen
noch kindisch genug waren, sich einzubilden, da die Snden erblich wren,
glaubte man auch noch, die _Tugend_ wre so erblich, wie ein Geldkasten.
Damals wurden noch die edeln Leute _geboren_! he, he, he! aber izt ist man
kein Kind mehr.

Die Geburt von adlichen Eltern adelt also nicht mehr?

Sie wollen mich zum Besten haben. Verstellen Sie sich doch nicht. Ein
Schulknabe kann ja das berechnen.

So, so! murmelte _Florentin_ und ahndete, da es in dieser Welt um seinen
Adel gethan sey.

Die Bouteille war noch nicht leer, als er zum _Commendanten_ gerufen wurde.

Er ging und fand einen liebenswrdigen Greis, dessen sanfte Miene ihm alles
Liebe voraus versprach.

Setzen Sie sich, mein Freund; sagte der gute _Commendant_, indem er ihm
einen Stuhl zuschob.

Gndiger Herr, Sie mssen verzeihn -- -- --

Der _alte Herr_ lchelte, und winkte mit der Hand und dem Schtteln des
Kopfs zum Stillschweigen.

Wofr halten Sie mich, lieber Freund, da Sie mich wie einen _Frsten des
Landes_ anreden? Ich bin ja nur Commendant dieser Stadt. -- Allein der
wachthabende _Offizier_ hat mir schon von Ihrem sonderbaren Betragen
Nachricht gegeben. Gestehn Sie offenherzig. Sie kommen entweder aus der
_Krim_, oder aus _Portugal_; denn ich kann Sie weder fr bldsinnig noch
boshaft nehmen.

_Duurs_ Bestrzung wurde immer grer. Er unterstand sich kein Wort von
seinem langen Schlaf zu erzhlen, um nicht fr vollkommen verrckt gehalten
zu werden. Und doch sah er auf der andern Seite keinen einzigen Weg, um
sich aus den immer neu anwachsenden Verlegenheiten zu erretten.

Sie schweigen?

Gndger Herr -- --

Still! ich bitte Sie! erholen Sie sich. Ich bin, wie gesagt, nur
_Commendant_.

Herr Commendant -- --

Nun?

Wie ich endlich wohl einsehe aus allen den seltsamen Verhltnissen, worin
ich durch mein Betragen verstrickt werde: so hab' ich von meinem Vater die
albernste Erziehung erhalten. Ich bin in allen meinen Kenntnissen und
Handlungen noch um ein paar Jahrhundert zurck.

Wer ist Ihr Vater.

Er lebte mit mir, ausser eingen Bedienten, abgesondert von der Welt auf
seinem Landschlosse an den Alpen, studierte die ltere Geschichte und erzog
mich so, als wr' ich ein Brger des achtzehnten Jahrhunderts. So brachte
er mir von allen Dingen die absurdesten, schiefsten Vorstellungen bei, bis
die Ausschweifungen seines kranken Verstandes sichtbarer wurden. Er starb
unter den Hnden der Aerzte und ich wurde von meiner Familie auf Reisen
geschickt, um mich selbst auszubilden.

_Duur_ gab sich alle Mhe, seine Nothlge noch mehr auszuschmcken und
wahrscheinlicher zu machen. Der _alte Commendant_ zweifelte so lange, bis
ihn der Inquisit offenbare Beweise von der speciellsten Kenntni des
achtzehnten Jahrhunderts lieferte.

Nun mu ichs endlich glauben, was Sie mir da sagten; aber ich gestehe
auch, da dies der wunderlichste Fall sey, der mir in meinem Leben
vorgekommen ist. Seyn Sie ruhig, Sie sind frei. Aller hten Sie sich in
Zukunft, von Ihrer Grafenwrde zu reden.

Der _Ex-Graf_ gratulirte sich im Stillen, diesmal so entschlpft zu seyn.
Er unterhielt sich mit dem humanen _Commendanten_ noch einige Zeit, und
dieser, der den gewizten Brger des achtzehnten Jahrhunderts Geschmack
abzugewinnen schien, nthigte ihn, zum Abendessen zu bleiben. _Duur_
schlugs nicht ab.




Viertes Kapitel.
Fr keinen Freund des achtzehnten Jahrhunderts.


Der _Commendant_ fhrte seinen Gast in ein greres Zimmer, worin sich
mehrere Damen, grtentheils Verwandtinnen des alten Herrn, befanden.
_Florentin Duur_ wurde ihnen vorgestellt, und von allen mit zuvorkommender
Liebe aufgenommen. Es dauerte nicht lange: so hatte er sich in diesem
Cirkel orientirt. Jeder und jede gewann den Abentheurer lieb; an
Unterhaltung konnt' es nicht mangeln.

An der Seite stand ein prchtiges _Euphon_, dessen Aussenseite in allem
einem Claviere glich. _Duur_ vermuthete auch nichts anders darin und
darunter. Er mute sich setzen und spielen, weil er das _Knnen_ schon
gestanden hatte.

Aber welche Tne entzckten hier sein Ohr -- er war ausser sich. Nie hatte
er die Mglichkeit eines solchen sanftdurchdringenden Klanges gekannt; er
phantasirte leicht und wirbelte durch Moll und Dur, und sein Geist lebte in
einer andern Region.

O welch ein Jahrhundert! seufzte er leise bei sich, und ahndete eine
Reihe von Seligkeiten, welche ihm bevorstanden bei der nhern Erkenntni
des groen Fortschrittes der Menschheit.

Die Damen umringten ihn lchelnd und beobachteten nur den schwrmerischen
Blick des liebenswrdigen Gastes.

Zuweilen berhrte sein Auge sie, und der Anblick dieses schnen Halbzirkels
erhhte die Grade seiner angenehmen, unerklrlichen Empfindungen. Hier sah
er keine _Buffanten_, _Trompeusen_, _C de Paris_, und knstliche
_Pendles_ -- sondern Einfalt und Natur, wiewohl die anwesenden Schnen
gallamssig kostbar gekleidet waren.

Ein einfarbiges, leichtes Uebergewand flo hinab bis zu den Fen, unterm
Busen zusammengeschlossen von einem gestickten Grtel. -- Keine
Schnrbrust, keine Poschen gaben dem Krper ein steifes, gedrechseltes,
eckigtes Aeuere -- sondern die ganze schne, weiche Bildung den Weibes
stand unverrathen da. Ein Schleier verhllte mit tausend Falten des Busens
Heiligthum, von keinen fischbeinernen Sttzen und Drathbgeln aufgeblht.
Das Haupt trug keinen sinnlosen Tok, kein gothisches Gebude von
Haarwulsten und Locken oder Flor und Spitzen, Drathskelets und
Straussenfedern; sondern das Haar lief ungepudert in natrlichen Locken um
Nacken und Hals. Die jngern Damen schmckten ihr Haupt mit einer
schimmernden Tiara, die ltern verhllten es mit einem weissen Schleier.

Er war die Tracht der griechischen Grazien.

_Duur_ sas noch immer am Euphon, und sein Ohr konnte sich nicht sttigen im
Genu dieser sen Tone. Er spielte einige Symphonien von _Reichard_ und
_Rolle_ und _Graun_, und erndtete dafr den verbindlichsten Dank ein. Was
ihn am meisten freute, war, da die Namen jener Tonknstler den Genossinnen
des drei und zwanzigsten Jahrhunderts nicht unbekannt waren. Die reizende
Tochter des Commendanten nannte ihm sogar die Namen eines _Hndel_ und
_Bach_ mit einer gewissen Begeisterung, wie man sie nur fr Lieblinge
fhlt. Noch mehr, sie spielte ihm selbst Theile von den Arbeiten dieser
Meister mit vieler Geschicklichkeit vor.

Ist Ihnen auch _Dittersdorf_, _Martin_, _Salieri_ bekannt? fragte _Duur_
nach einem Weilchen.

Die Spielerin schttelte den Kopf. Die Namen waren ihr fremd.

Aber was halten Sie von unsern neuem Komponisten, denn alle, die wir
bisher kritisirten, gehren zu den uralten Vtern in der Musik. Es ist
wahr, man mu erstaunen, wie weit es jene Patriarchen der Tonkunst schon im
achtzehnten Jahrhundert brachten -- allein, man kann doch auch nicht
lugnen, da ihre Manieren gewaltig altfrnkisch und ngstlich sind,
wiewohl unsre jungen Knstler ihre Werke noch immer studieren mssen.

Das wollen wir auf ein andermal verschieben! rief lchelnd der
_Commendant_, welcher sich an der Verwunderung seines Gastes weidete: Jezt
zu Tische, ehe die Suppe erkaltet. Ueberhaupt, Rosalia, mu ich Dich im
voraus daran erinnern, da Du unserm Gaste keine Fragen ber die Produkte
unsers Zeitalters vorlegst, denn er ist nur im achtzehnten Jahrhundert, und
wahrhaftig sonst nirgends zu Hause.

_Duur_ ward feuerroth. _Rosalia_ lchelte ihn an, und ihr Lcheln machte
alles wieder gut. Sie sezte sich am Tische neben ihn, und noch hatte
_Florentin_ in diesem Jahrhundert keinen frhlichern Abend fr seinen Geist
gehabt, als diesen.

Es war schon Dmmerung. Der _Commendant_ sah sich allenthalben um,
klingelte endlich und -- eine krystallene Sonne sank aus der Mitte der
Zimmerdecke, um den ganzen Saal mit Tageshelle zu berstrmen.

Unser Pilger fhlte sich bei allen diesen zauberhaften Erscheinungen recht
wohl. Er htte bei jeder Kleinigkeit fragen mgen, wie ein Kind: wie ist
das? wie heit dies? wodurch entspringt jenes? -- Aber eine Empfindung der
Schaam und Furcht, dieser Gesellschaft, und besonders der geflligen
_Rosalia_ lcherlich zu werden, fesselte seine Zunge und lie ihm die beste
Belehrung vom gewognen Zufall erwarten.




Fnftes Kapitel.
Fortsetzung, oder: der Commendant plaudert.


Nach aufgehobner Tafel zog der brave _Commendant_ (dessen Namen ich nicht
lnger verschweigen will) _Silberot_ den Mann des achtzehnten Jahrhunderts
zu sich auf einen elastischen Divan.

Die Damen, deren Geist durch Wein und geselligen Scherz zur Freude gestimmt
war, spielten, plauderten und tndelten unter einander; eine von ihnen
behauptete immer den Sitz am Euphon; nur _Rosalia_ entwischte fter ihren
Freundinnen und dem Euphon, um dem sonderbaren Fremdling etwas nher zu
kommen.

Der alte Commendant verwickelte sich aber bald mit seinem Gaste in ein
neues Gesprch, wozu besonders _Florentins_ Abentheuer am Schlagbaum den
meisten Anlas gab.

Zwar bin ich kein Gelehrter, sagte er: aber ich habe doch sonst gern,
besonders in meinen jngern Jahren, von alten Geschichten gelesen, und
besonders von einem preussischen Knig _Friedrich_, den seine Zeitgenossen
den _Einzigen_ nannten. Wahrhaftig, der Mann war zu _frh_ in die Welt
gekommen. Man mu erstaunen, nicht sowohl ber das, was er gethan _hat_,
sondern was er, wenn er in einem polizirtern Zeitalter gelebt htte, gewi
gethan haben wrde, und was sein ganzes Wesen auch ahnden lie. Frwahr!
dieser Einzige hat den Beinahmen des _Groen_ in den Annalen der
Weltgeschichte theuer gemacht, da man ihn vorher an _jedem
Menschenschlchter_ und _bigotten Narren_ zu verschwenden gewohnt war.

Duur. Sie haben recht. Aber Sie sagten, er sey zu frh geboren worden. Ich
mchte behaupten: grade zur _rechten Zeit_.

Commendant. Nun ja. _Christus_ und _Luther_ kamen auch zur rechten Zeit,
wenn sie gleich unter blinden Barbaren leben muten. Das _Licht_ brennt
dann immer zur rechten Zeit, wenns _dunkel_ umher ist. Ich gebs zu.

Duur. Halten Sie denn das Zeitalter jenes preussischen Knigs fr so
_dunkel_?

Commendant. Fr _hell_ wenigstens nicht. Sie haben heut an unserm Thore
sich selbst den Beweis geliefert, als Sie von Ihrer -- nehmen Sie's mir
nicht bel, wenn ich lache, denn der Spas war einzig in seiner Art! -- als
Sie von Ihrer _adlichen_ Geburt sprachen, ha, ha, ha!

Duur. Ich rum es ein, da -- -- -- allein -- --

Commendant. Ich bitte Sie um des Himmels willen, liebster bester Schatz,
die gesunde Vernunft giebts ja an die Hand, da wir alle, gro und klein,
arm und reich, wie wir da sind -- allzumal als elende Krppelchen in die
Welt treten! -- Freilich auf die grausamen, finstern, barbarischen Zeiten
der _Vorwelt_ mssen wir nicht sehn, denn damals wute die liebe Menschheit
noch blutwenig von der _Vernunft_; ja, die Menschen sind damals so toll
gewesen und haben die Vernunft verschrien, wie wir heutiges Tages die
_Verrcktheit_. -- Nun freilich, da gings denn unter den Sterblichen nicht
viel besser, als unter den wilden Thieren; wer die schrfsten Zhne und
derbsten Fuste besas, der hatte das Recht immer zur Seite.

Duur. Sie sprechen von den Ritterzeiten.

Commendant. Nun ja. Damals gabs _Freie_ und _Sklaven_; pfui, Blut und Galle
mchte man speien, wenn man daran denkt, da der Mensch vorzeiten ein
_Thier_ war! -- Die Freien bildeten sich ein, sie wren bessere Menschen,
wie die armen Unterjochten, und nannten sich _Edle_. Die Knige und Frsten
machten diese Leute zu ihren Freunden, Rthen und Unterbefehlshabern. Das
konnte man den _Frsten_ gar nicht verargen, denn der gemeine Mann, der
sogenannte _Unedle_, war abgeschnitten von aller guten Erziehung und
Bildung. -- Als aber endlich die Aufklrung allmhlig zum _Durchbruch_ kam,
fingen auch die Unedeln an sich in Knsten und Wissenschaften hervorzuthun,
und im Durchschnitt genommen waren am Ende die Brgerlichen reicher,
klger, gelehrter als die Edeln, noch mehr, sie waren auch biederer, als
diese. Trotz dem allen behauptete sich dass alte barbarische Herkommen noch
lange. Die Edelleute erhielten sich, trotz ihres auffallenden
_Minderwerths_, oben an, und hatten den spashaften Einfall, den sie auch
mnniglich verfochten: da sie mit mehrern Rechten geboren wrden, als die
Unedeln. -- Nun fragte man freilich: Wie knnt ihr denn, ohne Verdienst,
blos durch Geburt, mehr Rechte haben, als andre ehrliche Menschen, eure
Brder? Aber darauf hrte man nicht. -- Kurz, man behielt die barbarische,
vernunftwidrige Grille der Vorwelt bei.

Duur. Im achtzehnten Jahrhundert?

Commendant. Im _achtzehnten_ und _neunzehnten_.

Duur. Verzeihn Sie, Herr Commendant, da ich das achtzehnte im Schutz
nehme. Schon damals beschnitt man die alten Vorrechte des Erbadels sehr,
und der Brgerliche geno, wenn er Verdienste besa, mit dem Adlichen
gleiche Achtung, nur mit dem Unterschiede, wie Sie selbst schon bemerkt
haben, da der Adliche die hchsten Wrden und Aemter des Staats allein
besezte.

Commendant. Sie sind diesmal ein nachgiebiger Advokat von der
Lieblingsperiode Ihres Vaters. Eben dies, da man zu der Zeit schon einsah,
die Natur oder Gottheit habe _einen_ Menschen mit so vielen Anrechten
ausgestattet, als den _andern_; da man einsah, des _Vaters_ Genie erbe
nicht auf die _Kinder_, macht jene Zeit noch _lcherlicher_. Dem besten
Kopf und dem besten Herzen, nicht dem besten Stammbaum gehren die ersten
Posten des Reichs. -- Unter uns gesagt, liebster Mann, ich war in meinem
Leben immer ein elender Wortfechter, aber bei _diesem_ Streit wrd' ich
siegen, wenn ich Ihre Einwrfe auch gar nicht widerlegte.

Duur. Sie meinen, die Sache sprche fr sich.

Commendant. Meinen Sie anders? -- Apropos, lebte nicht der alte
_Balladendichter Brger_ so ungefhr in jenen Zeiten? Wie mirs deuchtet, so
ums neunzehnte oder zwanzigste Seculum.

Duur. Ich bitt' um Verzeihung, im _achtzehnten_ schon.

Commendant. Er schrieb eine Ballade: _des Pfarrers Tochter von Taubenhain_.
Ein sogenannter Edelmann verfhrt und verlt um seines Standes willen ein
Mdchen, welches in der Verzweiflung das Kind ermordet und selbst nachher
aufs Rad geflochten wird. -- Wahrhaftig, heutiges Tages, wenn wir noch
Rder htten, wrde der Kerl und nicht das Mdchen aufs Rad geflochten
seyn. -- Gabs wirklich im achtzehnten Jahrhundert solche unmenschliche
Szenen und Verhltnisse?

Duur. (stockend) Sehr viel.

Commendant. Gabs wirklich _edle Leute_, die einem armen Mdchen alles --
alles nahmen, um Ruhe, Ehr' und Liebe der Menschen brachten, und dann
satanisch genug waren, sich hinter ihren _Stammbaum_ zu verstecken?

Duur. O viel! viel!

Commendant. Viel? -- nun mein Gott, so dank ich Dir, da ich nicht geboren
ward unter den Barbaren, die _edel_ genannt wurden, und _schndlich_ sich
wlzten in Lastern, deren Geburt _Adel_, deren Leben _Unadel_ war. Htt'
ich damals gelebt -- beim Himmel, ich htte Mordthaten begehn mssen! --

Duur. Und izt?

Commendant. O, ich mchte den Bsewicht sehn, der ein Mdchen entehren, und
dann es nicht wieder zu Ehren bringen wollte, weil er -- _edler_ wre, als
die Unglckliche! -- Doch lassen Sie sich erzhlen, wie's spterhin ward.

Duur. Ich bin sehr begierig.

Commendant. Der Brger stieg immer mehr durch seine Verdienste, der Erbadel
sank. Er sank, weil die gesunde Vernunft siegreicher wurde. In Frankreich
war er schon im achtzehnten Jahrhundert vernichtet -- weit spter in
Deutschland. Hier schien er sogar wieder zu steigen im neunzehnten
Jahrhundert, denn die Knige und Frsten adelten in solcher Menge, und so
ohne Unterschied, da es zulezt eine Ehre war -- _unadlich zu seyn_. Ich
erinnre mich, in einem alten Historienbuche gelesen zu haben, da die
Knige sogar ihren Kchen und Leibschustern, wegen einer _guten Suppe_,
oder eines _schnen Stiefelschnitts_, die erblichen, unnatrlichen
Vorrechte verliehen haben.

Duur. Ich erstaune.

Commendant. Aber so mut' es kommen, wenn die Deutschen ihre Thorheit
endlich einsehn sollten. Man konnte sich zulezt vor allen Edelleuten nicht
mehr retten. Man hatte nicht mehr Aemter genug fr sie. Die Aermern
bequemten sich zu usserst brgerlichen Handthierungen; verdienstvolle
Brger betraten, ohne Adel, die erhabensten Ehrenstufen im Militair- und
Civilwesen, und da man endlich bemerkte, wie sich das Land dabei sehr wohl
befand, so -- -- --

Duur. Und das ging ohne Ghrungen und Revolten ab?

Commendant. Ohne Gerusch. Freilich, die Edelleute schrien wohl dagegen und
prophezeihten, da mit ihrem Untergang _alle Monarchien einstrzen wrden_,
aber dies war eben so lcherlich, als da die Mnche in den uralten
katholischen Zeiten, bei Schmlerung ihrer Rechte, schrien: die Welt wrde
untergehn und der Antichrist sich von seinen Ketten losrtteln und die Erde
verwsten.

Duur. Sonderdar!

Commendant. Nein, sagen Sie lieber, sehr natrlich. _Dnnemark_ machte
endlich den Anfang zur Reformation des Adels. Der _Erbadel_ ward
durchgngig aufgehoben, und statt dessen der _Verdienstadel_ eingefhrt. --
Das deutsche Reich, um allen Verwirrungen abzuhelfen, bequemte sich endlich
auch zu dieser Reforme.

Duur. Also giebts noch einen Adel?

Commendant. Freilich. Machen Sie sich um das Vaterland durch eine groe
That, durch Lebensrettung des Monarchen, durch Erhebung und sichtbare
Vermehrung der Wissenschaft und Kunst, durch wohlthtige, groe
Erfindungen, die der Menschheit willkommen sind, um den Staat, um die
Menschheit verdient: so werden Sie in die Reihe _der Edeln des Volks_
versezt; ganz Deutschland wird Sie schtzen, und im Ein- und Auslande
erhalten Sie Freundschaft und Ehrenbezeugungen, als wren Sie der Sohn
eines Frsten.

Duur. (mit Rhrung) Ich erstaune.

Commendant. Der Adel ist daher selten, und jeder strebt nach ihm -- aber
Kinder erben ihn nicht vom Vater, so wenig, als sein Verdienst, wodurch er
ihn gewann. Sollte auch nun ja einmal bei Ertheilung des Adels menschlich
verfahren werden, so hat dies doch fr die Nachwelt keinen Schaden. Es
giebt izt unadliche Feldherrn und adliche Knstler. Zudem wrde man den,
der seinen Adel erschlichen htte, leicht und auffallend bemerken, da
erwiesen werden mte, da er allgemein bekannte, ffentliche Verdienste
errungen habe; auf _geheime Verdienste bei den Knigen_ wird nicht
reflektirt.

Duur. _Wer_ erhebt denn aber in den Adelstand?

Commendant. Ich sehe, Sie sind in allen ziemlich unwissend -- verzeihn Sie
mir diese Bemerkung, denn Sie sind mir das auffallendste Rthsel, was ich
kenne. -- Das Land und der allgemeine Ruf schlgt den Candidaten vor; das
Collegium der Edeln whlt und der Landesherr besttigt. --

Duur. Man hat auch Grafen und -- -- --

Commendant. O ja, allein diese sind in Wrden nicht mehr, als andre Edle.
Der Landesherr hat das Recht, einen verdienstvollen Adlichen -- blos auf
seine Lebenszeit -- mit Gtern, kleinen Grafschaften zu belehnen. Daher
denn der _Name_. Nach dem Tode des Adlichen fllt das Gut einem andern zu.

Duur. Glckseliges Zeitalter!

Commendant. _Glckselig_ mcht' ichs nun wohl nicht nennen. Aber freilich,
wenn Sie an Ihr achtzehntes Jahrhundert denken: so mu ich Ihnen Recht
geben. Allein wie knnen Sie auch zwischen diesen Zeitaltern eine Paralelle
ziehn?

Duur. Ich fhls beinah, die Paralelle wrde sehr gedehnt ausfallen. -- So
kann ich mir nun auch das Betragen derer erklren, die mich am Thore
empfingen.

Commendant. Ha, ha, ha! --

Duur. Ich glaubte nicht, da die Ehrenbezeugungen mir gelten knnten; ich
bildete mir ein, man verwechsle mich.

Commendant. Ha, ha, ha, ha!

Duur. Ich wills mir nie wieder beikommen lassen, mich _Graf_ zu nennen.




Sechstes Kapitel.
Rosalia medisirt.


Die schne Tochter des Commendanten konnt's unmglich lnger dulden, da
der Fremde auf dem Divan wie geschmiedet sas. Sie mischte sich ins
Gesprch, wiegelte auch die andern Damen auf, und der ehrliche Commendant
mute in dieser allgemeinen Revolution seinen aufmerksamen Schler fahren
lassen.

Die Unterhaltung ward mit diesem Augenblick gemeinschaftlicher und
lebhafter; _Florentin_ mischte sich unter die lieben Schwtzerinnen, und
ohne da er es wute, drngte er sich _Rosalien_ nher.

Um Verzeihung, mein Herr! fing das _Frulein_ an, mit einem ironischen
Lcheln, worin doch noch so viel Seelengte wohnte:

Sie sind wohl gar _Professor der Alterthumskunde_ auf einer Akademie?

Beinah errathen, mein Frulein.

Wirklich? Sie sehn doch aber so jung? Ich dachte mir unter solchen
Alterthumsprofessoren wenigstens Graubrte von sechzig Jahren.

Sie wissen _mein_ Alter nicht.

Aber sagen Sie offenherzig, gehren Sie denn wirklich zu den sonderbaren
Leuten, die in der Vorwelt alles besser finden, als in der Iztwelt?

Wer knnte bei _Ihnen_ die _Vorwelt_ schner finden?

Das kam nicht von Herzen. --

Gewi. Darin war die Vorwelt besser, da sie nicht halb so _mitrauisch_
war.

O ja, sie war _glubig -- leichtglubig, aberglubig, berglubig_, wie
Sie wollen, dafr ist sie bekannt.

Sie sind eine bittre Sptterin, und grade die _Damen_ sollten die Vorwelt
am meisten lieben, weil sie von ihr am meisten vergttert wurden.

Sie haben recht; allein ich wei nicht, ob unser Geschlecht Ursach hat,
auf solche Vergtterung stolz zu seyn. Ein Weib, das mit Schnheit und List
das schwache Gehirn unter einem frstlichen Schdel in Ghrung brachte,
konnte im Ueberflu schwelgen, und wrdige, verdienstvolle Mnner muten
unterdessen in Armuth darben und umkommen.

Man schzte auch _damals_ schon das Verdienst.

O ja, aber immer zu _spt_, wie die Narren _gewhnlich_ pflegen. Nach
_ihrem Tode_ erbaute man den braven Mnnern _Ehrensulen_ und _Staten_,
denen man, so lange sie lebten, kaum ein abgelegtes Kleid und ein Stck
Brod zuwarf.

Die Ehrensulen waren nicht -- --

O ich wei, was Sie sagen wollen, aber damit entwischen Sie nicht, Herr
Professor. -- Waren die Monumente und Staten fr die _Todten_? O Himmel,
wer konnte sich denn einbilden, da sich die Schlummernden im Grabe ber
diese kahlen Ehrenbezeugungen freun wrden? Sie ruhn und wissen nicht, ob
ber ihren Aschenhgel ein _Schandpfahl_, oder ein _Triumpfbogen_ errichtet
steht. Sie werden damit nicht mehr gereizt, nicht bestraft, nicht belohnt.
-- Oder sorgte man mit solchen Ehrenbezeugungen fr die _Lebendigen_? Ach,
mein lieber Herr Professor, so sorgte man schlecht; die Lebendigen
verlangten gewi nicht _Steine nach dem Tode_, sondern _Brod im Leben_; sie
rangen nicht nach jenem, sondern nach diesem, und mit _diesem_ htte man
sie belohnen mssen. -- Was hilfts, wenn ich meinen Kanarienvogel, trotz
seinem sen Gesang, verhungern und verdursten lasse, und ihm, wenn er tod
ist, von einem Gelegenheitsdichter lobpreisen lasse? Wre das nicht
nrrisch? Nun, mein Herr, was waren nun die dankbaren Menschen in Ihrem
beliebten Alterthum?

Ich wrde besiegt seyn, wenn ich wider Sie htte zu Felde ziehn wollen,
mein Frulein. Ich bin Ihr treuer Bundesgenosse. Aber baut man nicht auch
in unsern Zeiten den Todten noch Ehrensulen und Obelisken?

Gewi, aber sie werden gebaut, nicht den Todten, sondern den Lebendigen
zur Nacheiferung; und heutiges Tages Verdienst ums Vaterland zu haben, ist
wahrlich der Mhe werther, als vor fnf, sechshundert Jahren.

Stnd es in meiner Macht, so sollte auch Ihnen ein Denkmal gesezt werden,
um recht viel so schne Vertheidigerinnen dieses Zeitalters zu erwecken.

Ich bin Ihnen sehr verbunden; der Ruhm gehrt Ihnen, weil Sie allenthalben
zur Vertheidigung Anla geben.

So stritten Beide noch ein Weilchen hin, unter Scherz und Lachen. Die
Gesellschaft theilte sich in Partheien und shnte sich erst mit Anbruch der
Mitternacht aus.

Wir sehn uns doch wieder? rief _Rosalia_ beim Abschiede, und der alte,
biederbe _Silberot_ drckte dem entzckten _Duur_ freundlich die Hand.




Siebentes Kapitel.
Die Spazierfahrt.


O mein Oheim! mein guter, lieber Oheim, wenn Du izt lebtest -- wenn Du nun
so herrlich verwandelt shest Deine Trume von der glcklichen Nachwelt in
Wirklichkeit! rief der _ehmalige Graf_, als er nach Mitternacht in sein
Quartier ankam, wo ihn der treue Pudel nach so langer Trennung mit
freundlichem Gebell empfing.

_Matthias_ schlief s und fest.

Holder, was werd' ich Dir alles zu erzhlen haben, was werd' ich noch
alles erleben! Ich war in meinem Jahrhundert keiner der unvollkommensten,
und gleiche in der neuen Welt einem unwissenden Schler, der allenthalben
lernen mu. Ach, knnt' ich sie aus ihren Grbern rufen, die begeisterten
Apologeten und Lobredner meines Zeitalters, knnten sie hren das Urtheil
der Nachwelt ber unser _hochgepriesenes, aufgeklrtes Jahrhundert_!

Mit solchen Apostrophen entschlief er, und erwachte er wieder.

Einige Juwelen von bedeutendem Werth wurden sogleich am andern Tage in die
Welt gesandt und in klingende Mnze verwandelt. _Duur_ kleidete sich dem
damaligen Geschmack gems vom Kopf bis zu den Fen neu; wer ihn izt sah,
htte nicht vermuthet, da dieser Elegant ein Sohn der frhern Vorwelt war.

_Rosalia_ sah ihn einige Tage spter, und bemerkte mit einem gutmthigen
Lcheln, da der _Professor der Alterthumskunde_ schlechterdings fr sein
antikes Fach nicht geschaffen sey.

Wissen Sie was Neues, Freundchen? rief ihm eins Morgens der Commendant
entgegen, welcher ihn hatte zu sich bitten lassen: wir haben so viel von
Edelleuten gesprochen, aber noch haben Sie keinen gesehn. Hier in der Stadt
ist kein einziger -- aber drei Meilen von hier auf dem Lande wohnt ein
Edler; er ist mein guter Freund, wir wollen ihn besuchen. Der Wind ist
trefflich, in einer halben Stunde knnen wir da sehn.

_Florentin_ war willig.

Es ist ein simpler, schlichter Biedermann; Sie mssen ihm keine
Complimente machen. Vielleicht kennen Sie ihn schon, es ist der brave
_Gobby_.

Ich kenn' ihn nicht.

Als Gelehrter mten Sie ihn doch kennen.

Ich versichre, er ist mir durchaus unbekannt.

Hm! nun seine Geschichte ist krzlich folgende, denn die mssen Sie
wissen, um ihn schtzen zu knnen. Er ist der einzige Sohn und Erbe des
reichsten und filzigsten Bankiers; sein Vater starb und hinterlie ihm ein
ungeheures Vermgen, von welchem er gemchlich, wie ein Frst leben konnte.
Statt das Gold in den Kisten und Kasten gefangen zu halten, wie sein Vater,
verschwendete ers auf die wohlthtigste Weise. In fnf deutschen Stdten
legte er fnf gleich groe Kapitalien nieder, von welchen der Arbeit
unfhige Greise, Krppel, arme Wittwen, Waisen, Findelkinder und andre
Unglckliche, so lange sie der Untersttzung bedrftig sind, erhalten
werden sollten. Fr sich selbst behielt er nur so viel, da er ein mssiges
Auskommen hatte und eine Reise vollenden konnte, die schon lngst
projectirt ward. -- Nmlich, er ging nach Amsterdam, kaufte ein batavisches
Schiff, warb auf eigne Unkosten Freiwillige und segelte nach den
_Sandwichslndern_. Von hier aus steuerte er dem Sdpol zu, so weit er
konnte, versorgte sich mit Proviant und andern Bedrfnissen, und segelte
mit zwanzig Luftgondeln und fnf geschickten Matrosen ber den unbekannten
Sdpol, von welchem er uns die erste gute Karte geliefert hat. -- Seine
Reisebeschreibung lt sich nicht ohne Schaudern lesen; drei von seinen
Gefhrten erfroren am Pol, weil sie im Genu des Feuergeistes zu nachlssig
waren.

Des _Feuergeistes_? was verstehn Sie darunter?

Was ich darunter verstehe? haben Sie noch keinen Feuergeist gesehn in den
Apotheken? Der _Commendant_ klingelte, ein Bedienter erschien und brachte
nach einger Zeit auf dessen Befehl ein Flschchen, welches, ins Dunkele
gehalten, phosphorisch schimmerte.

Sehn Sie, fuhr er fort: dies chemische Produkt ist ausser dem grbern
Feuer das einzige, welches die Wirkungen der Klte besiegt. Es erhlt das
Blut im warmen Kreislauf beim hchsten Grad der Klte, und ein Tropfen
davon in einen Becher voll Wassers, bewahrt dieses mitten im Winter auf dem
hchsten Gebrge vor dem Frost.

_Florentin_ starrte bald das Flschchen, bald den Commendanten mit einer
Miene an, wie sie im achtzehnten Jahrhundert die Einwohner _Australiens_
hatten, als sie zum erstenmal der Explosion einer Flinte beiwohnten.

Ist es mglich! rief er.

Kurz! fuhr der _alte Silberot_ mit einem sanften Lcheln in seiner
Erzhlung fort: _Gobby_ kam glcklich mit seinen beiden Reisegefhrten
zurck zu dem Schiffe. Ein Jahr nachher theilte er den Europern seine
Entdeckungen mit. Ganz Europa zollte dem khnen Mann den wrmsten Dank, und
da man ihn unter die verdienstvollen _Edeln des Landes_ sezte, war
Schuldigkeit.

_Rosalia_, heut schner, als je, trat in diesem Augenblick mit einer ihrer
Freundinnen ins Zimmer. _Florentin_ htte gern noch Stundenlang dem
gastfreundlichen Lehrer zugehrt. Aber er mute auch nur _so_ in seiner
Unterhaltung gestrt werden, um freundlich zu bleiben.

Es ist alles bereit! rief _Rosalia_ ihrem Vater entgegen. Der
_Commendant_ nahm die fremde Dame und fhrte sie in den Hof hinunter;
_Rosalia_ bot lchelnd dem trumenden _Duur_ ihren Arm.

In einem gerumigen, mit Quadersteinen gepflasterten Hof standen zwei
Gondeln, mit Segeln von rosenfarbner Seide, und Fischbeinrudern von
Taffent, die viele Aehnlichkeit mit Flosfedern des Wallfisches hatten.

_Rosalia_ sprang in einen dieser Khne, und winkte dem versteinerten
_Duur_, der nun wohl merkte, wohin es mit ihm sollte. -- Er betrachtete das
leichte, magische Gebu mit einer sonderbaren Aengstlichkeit, und wrde
alles darum gegeben haben, wenn man ihn mit dieser Promenade verschont
htte.

Kommen Sie, kommen Sie, lieber Duur! rief _Rosalia_, und streckte die
Hand ihm entgegen. Ein leichter Schauer berlief ihn; zitternd fate er des
Fruleins Hand und -- htte ein herzliches _ex profundis_ beten mgen --
und sezte sich. Der Gondelier stieg ein. Der Kahn schwoll auf allen Seiten
an. _Florentin_ sah sich verlegen nach allen Seiten um und prete sich
dichter an _Rosalien_.

In diesem Augenblick sanken vor seinen erstaunten Augen die hohen, massiven
Mauern und Gebude rechte und links neben ihm nieder, wie auf der Bhne
beim Klingeln des Soufleurs die gemalten Straen; schon dampften, in
gleicher Richtung mit ihm, die Schornsteine; bald verloren sie sich unter
ihm, und die hohen Kuppeln der Kirchthrme nherten sich ihm vertraulich.
Der Kahn gaukelte izt noch um die funkelnde Spitze des Thurmgipfels, wie
ein Schmetterling um die Blume, und die aufgescheuchten Dohlen flatterten
mit ngstlichem Geschrei an den Wimpeln der Gondel vorber. Aber bald
verloren sich auch die Thrme unter ihm hinab und wurden wie kleine Stbe,
und die Dohlen darum wie Fliegen.

Mein Gott! rief _Duur_: wohin mit uns?

In den Himmel! antwortete _Rosalia_ mit einem schalkhaften Blick.

Sie haben Recht, denn ich habe ja schon einen Engel an meiner Seite,
erwiederte er und drckte _Rosaliens_ Hand fester an sich.

Ein falber Nebel umfing sie. Die Nebengondel, worin sich der Commendant mit
der Fremden befand, verschwand vor ihren Blicken. Sie schwebten allein ber
der stillen, furchtbaren Tiefe im unendlichen Raum.

Pltzlich scholl aus den Nebeln herber eine Stimme: Rosalia, versieh
Deine Pflicht! Duur passirt die Linie zum erstenmal! -- Es war die Stimme
des Commendanten.

Hren Sie wohl, was mein Vater sagt? Sie befahren diese Gegenden zum
erstenmal; und wissen Sie wohl, was da Sitte ist?

Ich wei wahrhaftig nichts.

Wenn ein Reisender zur See zum erstenmal die Linie passirt, wird er von
den Schiffern nach Schifferbrauch getauft -- das heit, nur ein paarmal ins
khle Meer untergetaucht. --

Das war schon vor alten Zeiten ein grausamer -- -- --

Kommen Sie mir schon wieder mit Ihren _alten Zeiten_? Ich will davon gar
nichts mehr wissen. -- Mit einem Worte, Sie mssen sich alles gefallen
lassen, was ich hier mit Ihnen vorzunehmen das Recht habe.

Nur -- Liebe -- _nur nicht tauchen_!

O Scherz, es ist noch dreimal rger!

Noch dreimal rger? Sie wollen mich doch nicht _hinauswerfen_? -- es ist
verdammt tief unten, und ich kann fr meinen Hals nicht brgen.

Alles Protestiren hilft Ihnen nichts. Sie mssens sich nun einmal
schlechterdings gefallen lassen -- -- --

Was denn?

Von mir -- --

Haben Sie Erbarmen!

_Drei -- Ksse_ anzunehmen.

Milder Genius dieses Jahrhunderts, ich erkenne Dich! rief _Duur_, und
hing an _Rosaliens_ Lippen.

Duur! rief sie endlich halbbse: wissen Sie nicht mehr, wie viel _drei_
ist? Oder bedeutete drei in Ihrem achtzehnten Jahrhundert _mehr_, wie _bei
uns_? -- Sie haben nun wohl zehnmal gekt.

Ich bin im _Himmel_! rief er: und im Himmel soll ja Seligkeit seyn ohne
_Aufhren_!

So werden sich dereinst die zehntausend Jungfraun vor Ihnen in Acht zu
nehmen haben.

Nur _eine_, und die wren _Sie_!

Sie wollte antworten, aber -- die Sylben erstarben in einem langen Kusse.

Die Gondel schwebte langsam ber eine unabsehbare wellenfrmigte Ebne
falben Dufts, und des Aethers reines Ultramarin wlbte sich oberwrts
herab.

_Duur_ whnte sich in die Zauberwelt der Trume verirrt zu haben.

Majesttisch tauchte sich der Kahn wieder hinunter in die zerfliehenden
Wollen -- ha! und mit niegesehner Pracht zeigte sich in tiefer Ferne unten
ein Weltkrper, welchen _Duur_ nicht fr die Erde anerkennen wollte.

Wir sind nach dem Mond hin verschlagen! jauchzte er an _Rosaliens_ Seite,
die den naiven Mann und sein anhaltendes Erstaunen mit stiller Freude
beobachtete.

Reglos, wie eine buntilluminirte Landcharte mit ihren Meeren und Provinzen,
lags unter ihm ausgespannt. Wald und Wiese, Gebrg und Bach schwammen
einfrmig in einander verschmolzen in der Tiefe.

Mit jedem Augenblick aber dehnten sich die kleinen Gestalten immer weiter
und grer aus einander, wie unterm Vergrerungsglase; aus grnen Flecken
entfalteten sich Wlder, das schimmernde Pnktchen rollte sich aus und ward
ein Landsee; der schwarze Stumpf verlngerte sich zum Dorfthurm und aus den
Maulwurfshgeln erstanden Huser. --

Schon begrten die Vgel in der Luft die fremde Erscheinung in ihren
Revieren; schon rhrte den Geruchssinn ein aromatischer Duft, welcher die
Nhe junger Blten verrieth; schon rauschten seitwrts an den Gondelrudern
die Wipfel der Fichten und Eichen -- ein prchtiges, regelmiges
Landschlo stieg in der Mitte eines Gartens auf -- sie waren zur Stelle. --




Achtes Kapitel.
Gobby.


Wie gefllts Ihnen im Himmel? rief unserm Luftfahrer der alte
_Commendant_ mit herzlichem Lachen entgegen.

Besser noch, als mirs die Bibel versprochen hat; antwortete _Florentin_,
indem er auf _Rosalien_ hinblickte.

O Vterchen! sezte _diese_ hinzu: unser Alterthumsprofessor sndigt
oben, wie unten. Schicken Sie ihn nur erst ins Fegefeuer.

Bei diesen Worten ffneten sich die Pforten -- ein blasser, hagrer Mann,
mehr klein, als gro, einfach gekleidet, trat heraus. Hinter ihm zeigte
sich im festlichen Kleide, von Goldstickereien blitzend, der
wahrscheinliche Herr des Gebiets, mit einem ernsten, feierlichen Wesen.

_Florentin_ freute sich wirklich, den Umflieger und Bewandler des Sdpols,
den Freund und Schutzgeist der leidenden Armuth kennen zu lernen, als er
bemerkte, da der kleine, hagre Mann die Umarmung des _Commendanten_
verlie, um _Rosalien_ zu kssen.

Dieser also? lchelte _Florentin_, dem die Phantasie ihr gewhnliches
Spschen gespielt hatte, die nur groe Geister in groen Gestalten und
schne Seelen in schnen Krpern sucht.

_Gobby_ -- er wars -- nherte sich endlich auch ihm, mit einem Blick voll
gastfreundlicher Liebe und Vertraulichkeit; -- der _Commendant_ war im
Begriff, seinen Gast zu prsentiren, als Gobby, wie mit Entsetzen, einen
Schritt zurckprallte.

Herr _Duur_, ein neuer Bekannter und Freund! rief der _Commendant_.

Und unser ehrenfester Professor der Antiquitten -- sezte _Rosalia_
hinzu, und, indem sie _Florentinen_ argwhnisch anlchelte: unser --
Freund?

Sie sind mir bekannt, Herr _Duur_ -- -- wir haben uns irgendwo gesehn,
gesprochen -- ich wei nicht wo? und nicht wie? sagte _Gobby_: seyn Sie
mir willkommen!

Man trat in einen Saal, der vom Geschmack und Reichthum des Besitzers
zeugte.

Die Wnde waren Spiegel, und jede Wand, wie ein einziger Gu, ohne Reifen
und Fugen; oben hingen sich an goldnen Stben und Ringen Blumenguirlanden,
so tuschend, so frisch, als wren sie erst vor einem Augenblick den Beeten
geraubt. Ausser den nothwendigsten Meublen erblickte man vier Nischen in
den vier Wnden; in jeder einen Marmoraltar, worauf sich paarweise
_Gobby's_ Penaten befanden -- Bronzebsten. Ein _Sokrates_- und
_Christus_kopf standen vertraulich beisammen, ein _Aristoteles_ und _Kant_,
ein _Friedrich der Groe_ und ein Unbekannter, ein _Rousseau_ und ein
Unbekannter.

Es war schon mehrere Gesellschaft gegenwrtig; man mischte sich freundlich
durch einander und sprach von diesem und jenen -- _Gobby_ aber entfernte
sich mit dem _Commendanten_.

Am meisten unterhielt eine Note des verstorbnen Kaisers an seine
Unterthanen, welche wenige Monate vor seinem Tode ans Licht getreten war.
Man debattirte lange darber, und schien sich nicht vereinigen zu knnen,
ob der Kaiser billig gedacht habe, oder nicht. _Florentin_ mischte sich in
die kleine Fehde, und, um richtig zu urtheilen, las man ihm die Note vor:

   An meine Unterthanen.

Da die vorliegenden nrdlichen Provinzen durch den langen Krieg fast
gnzlich verwstet sind, und ich, ohne Noth, Euch durch keine Auflagen
drcken wollte, um den Flor jener Provinzen wieder herzustellen: so
entschlos ich mich, die kostbaren Feierlichkeiten, Opern, Feuerwerke und
dergleichen an meinem Hofe einzustellen, auch die Gehalte der Prinzen und
Prinzessinnen um die Hlfte zu verringern, bis die verwsteten Drfer und
Stdte wieder erbauet und die verarmten Familien gerettet seyn werden. Es
war dies von meiner Seite ein freiwilliger Beitrag zur Linderung der
allgemeinen Noth -- Aber da man mich wegen meiner erfllten Pflicht so
unaufhrlich mit ffentlichen Lobreden und Lobgedichten heimsucht, find'
ich von meinen Unterthanen nicht schn, weil damit nichts gesagt zu seyn
scheint, als: es ist sehr ungewhnlich, da Frsten auch Menschenpflichten
erfllen! -- Wie viel Elogen und Hymnen htt' ich auf diejenigen von meinen
Unterthanen zu verfertigen, die so viel nach Verhltni ihrer Krfte
thaten, als ich? --

Nun sagen Sie Ihre Meinung! rief man, nach Durchlesung der Note, dem
bestrzten _Florentin_ zu.

Ist es nicht hart, wenn der Vater seiner Kinder Dank nicht hren will?
riefen einige.

Ist es nicht billig und vernnftig vom Kaiser? schrie die Gegenfaction.

_Florentin_ las das Blatt noch einmal und wollte seinen Augen nicht trauen.
Meine Herrn und Damen, sagte, er endlich: ich mu gestehn, _solche
Denkart_ eines Frsten, _solche_ Aeusserung des feinsten moralischen
Gefhls ist nur allein dem drei und zwanzigsten Jahrhundert eigen.

Dies Urtheil konnt' ich voraussehn! sagte _Rosalia_ lachend: der Herr
wird uns so gleich mit einen Beispiel vom Gegentheil aus der Vorwelt
aufwarten.

Mit mehr, als einem! erwiederte _Duur_: ich erstaune izt weder ber die
Billigkeit noch Hrte des kaiserlichen Wunsches, sondern darber, da Sie
noch getheilte Meinungen hegen knnen.

Bravo! rief eine Parthei.

Welch ein edler Ton herrscht in der Sprache. Schon da er von allen
Curialwust ablt, und seine Person mit dem simpeln _Ich_ bezeichnet,
schildert den Kaiser -- -- --

Ein verworrnes Gelchter unterbrach ihn. Wie soll er denn von sich anders
reden?

Es wird Ihnen bekannt seyn, da sonst groe und kleine Frsten nie anders
ihre Vielheit bezeichneten, als durch ein groes _Wir_.

O! rief einer aus der Gesellschaft lachend: das war in dem finstern
Zeitalter guter Ton, als die Frsten noch bse wurden, wenn man sie nicht
die allergndigsten, gromchtigsten, unberwindlichsten nannte. Seitdem
aber diese _unberwindlichsten_ Herrn mehr als einmal _berwunden_ wurden,
und die _allergndigsten_ sich mehr als einmal sehr _ungndig_ fanden:
waren sie selbst so billig, ihre Titel in mildere zu verwandeln, um die
Suppliken der Unterthanen fr keine Satyre zu halten.

Erlauben Sie, fiel dem Redner ein andrer ins Wort: ich wei nicht, ob
die itzigen Titel: -- unser guter, _menschenfreundlicher Knig_, oder
_Kaiser_, oder _Frst_ und _Herr_ -- nicht weit _schmeichelnder_ sind, als
die vorzeiten gebruchlichen, welche man noch in alten Chroniken und
Urkundensammlungen findet: denn unsre bestimmen den frstlichen Charakter
sehr deutlich, zwar nicht immer als das, was er ist, sondern als das, was
er eigentlich _seyn sollte_; allein die alten waren oft ganz
unverstndlich, wobei sich weder der Unterthan, welcher sie schrieb, noch
der Frst, welcher sie las, etwas denken konnte -- zum Beispiel, wenn es
hie: _allerdurchlauchtigster_ -- -- --

Dagegen bemerk ich erwiederte der _Gegner_: da es die _Alten_
verstanden, aber _wir_ freilich nicht, da unsre Sprache sich unterdessen
sehr verndert hat.

Ich bitte um Verzeihung, da ich Ihnen widersprechen mu, entgegnete
_Duur_: auch die Alten wuten von solchen Ausdrcken keinen Sinn -- schon
im achtzehnten Jahrhundert nicht.

Und dieser Herr rief _Rosalia_, indem sie muthwillig auf _Florentinen_
deutete: hat Autoritt; er ist in der Vorwelt zu Hause, wie bei uns.

Ich geb es zu, antwortete der _Widerlegte_: allein dann wr es ja
wunderlich gewesen von unsern Ur-Grovtern, wenn sie sich Redensarten
bedient htten, welche weder _die_ verstanden, so sie gaben, noch _die_,
welche sie nahmen?

Was erwiedern Sie _darauf_, lieber Professor? fragte _Rosalia_?

_Duur_ wischte sich leise ber die Stirn.




Neuntes Kapitel.
Der Kupferstich.


Eine Raritt, meine Herrn! rief der edle _Gobby_, welcher mit einem
Quartanten unterm Arm in Gesellschaft des alten _Silberot_ hereintrat.

Neugierig wandte sich jedes Auge auf den achtungswrdigen Mann hin, von
welchem man, selbst wenn er scherzte, nichts ganz Gewhnliches zu hoffen
hatte. Die Versammlung schlo einen Kreis um ihn.

Wers errth _sit mihi magnus Apollo_! sagte er mit einem bedeutenden
Lcheln.

Den Nachsatz erbitten wir Ungelehrte deutsch! rief eine Dame.

_Der_ oder _die_ soll heut Knig oder Knigin unsers Cirkels seyn und von
jedem Anwesenden einen Ku empfangen!

Da ists der Mhe werth, zu rathen.

Der lezte Theil Ihrer Reise zum Sdpol! rief ein Gelehrter.

Eine neue Ausgabe! ein andrer.

Das Buch vom Stein der Weisen! ein dritter. Und so riethen sie alle und
_Gobby_ schttelte zu allem den Kopf.

_Rosalia_ lchelte ihren Reisegefhrten an: Merkwrdige Rathen, Thaten und
Faten aus dem achtzehnten oder neunzehnten Seculum fr Lehrer der
Alterthumskunde!

Getroffen! rief _Gobby_ und schlug das Buch von einander: Eine uerst
seltsame Erscheinung mu ich Ihnen bekannt machen, die freilich nur fr
diese Versammlung ein anziehendes Intresse hat; Dies Buch enthlt eine
Kupferstichsammlung; unter derselben befindet sich auch ein gewisser
_Florentin von Duur_ -- -- --

_Florentin_ wurde feuerroth; das Blut pickte laut in allen Pulsen und
Fingerspitzen.

Und dieser Herr fuhr _Gobby_ fort, indem er auf _Florentinen_ zeigte:
trgt denselben Namen. Er heit _Florentin Duur_. Vor ohngefhr vier bis
fnfhundert Jahren warf sich _jener_ Florentin von Duur in _Kanella_ auf,
und bewirkte eine sehr schlau eingefdelte Revolution wider den damaligen
Beherrscher Kanella's. Das Volk nahm eine republikanische Verfassung von
seiner Hand an, aber diese Regierungsform war von kurzer Dauer; das Reich
ward in sich selbst uneins; ehrschtige und gelddrstige Egoisten schwangen
sich wechselnd empor, zerrtteten das Land, welches endlich wieder
zertheilt unter den Zepter der benachbarten Monarchen kam. _Florentin von
Duur_ ward von den Geschichtschreibern in die Gesellschaft der
_Masaniello's_, _Kosciuskos_, _Fayette's_ und _Mirabeau's_ gesezt.

Ich selbst habe neulich noch in einem Traktate seiner gedacht, sagte
hierauf ein _Gelehrter_: worin ich unter andern die Meinungen derjenigen
Scribenten mit neuen Grnden unterstzte, welche sehr wahrscheinlich
behaupten, da er nur den Namen hergeliehen habe zu der Revolution, deren
Plan und Vollendung eigentlich dem versteckt gebliebenen, und mit ihm
verbundnen _Badner_ angehrte. Der berhmte _Ocellius_ in seiner
Dissertation _de Badnero vindicato_ bezieht sich allein auf die State des
_Badner_, und leitet von ihr seine Grnde her.

_Duur_ spizte die Ohren mchtig; ein Wort von ihm wre hinreichend gewesen,
die gelehrten historischen Hypothesen der uerst schlauen
_Geschichtsklitterer_ dieses Zeitalters zu zerstren[A], wenn er nur irgend
htte Hoffnung hegen knnen, mit seinem fnfhundertjhrigen Schlummer
Glauben zu finden.

In der Geschichte darf nicht philosophirt, sondern nur Datum an Datum
gekettet werden, wenn sie uns mehr als Roman seyn soll; sagte er, um den
Mann doch einigermaen zu widerlegen, und sein kleiner Ehrgeiz erwachte
unter jener Beleidigung.

So wird uns die Geschichte nicht mehr, als Zahlen, Namen und drre
Begebenheiten, ohne Zusammenhang, wie Glieder einer zerrissenen Kette,
liefern; erwiederte der _Gelehrte_.

Es ist die Frage: ob die Geschichte mehr zu leisten berechtigt sey?
antwortete _Duur_.

Der edle _Gobby_ unterbrach den beginnenden Streit. Zur Sache. Der
Kanellesische Revolutionair hat nicht nur mit unserm Freunde hier gleichen
Namen, sondern -- sehen Sie her, meine Herrn und Damen! -- sondern auch
dasselbe Gesicht gemein!

[Funote A: Die Geschichtsklitterer des drei und zwanzigsten Seculums
hatten auf diese Weise noch viel Aehnlichkeit mit ihren Brdern des
achtzehnten Jahrhunderts.]

Ein tiefes Erstaunen ergriff die ganze Versammlung; man gaffte den
Kupferstich bald, und bald dessen lebendiges Ebenbild an; das Spiel des
Zufalls war hier mehr, als seltsam.

_Duur_ stellte sich nicht weniger betroffen; er konnte ein anhaltendes
Errthen nicht verbergen, und wagte es nicht, das Stillschweigen zuerst zu
unterbrechen.

Das ist wunderbares Zusammentreffen der Umstnde! rief endlich einer.

Etwas Unerhrtes, Niegesehnes! ein andrer.

Und scheint wahrhaftig mehr, denn absichtslose Tndelei der Natur zu
seyn! ein dritter.

Jeder gab endlich seine Meinung darber, und _Gobby_ machte das Ganze
zulezt zum Scherz. Sie knnten, sagte er zum bestrzten _Florentin_: Sie
knnten nach Kanella gehn, und dort mit Glck den _Pseudo-Duur_ spielen.
Wenn die Kanelleser noch den Enthusiasmus der Vorltern fr die Revolution
haben: so wird es Ihnen leicht seyn, aus dem unbekannten Privatmann ein
bedeutender Diktator zu werden, um Kanella zu erobern.

Wrden Sie das? fragte Rosalia.

Wenn Sie Kanella wren -- gewi. antwortete _Duur_.




Zehntes Kapitel.
Der Salomonismus.


_Gobby's_ Einsiedelei war so anmuthig, sein Ton so herzlich und einladend,
die Gesellschaft, welche er um sich versammelt hatte, so intressant, der
Wind zum Zurckschiffen den Luftgondeln so wenig gnstig, da der
Commendant mit seinen Gefhrten sich sehr bald entschlo, mehrere Tage bei
dem wackern _Gobby_ zu verweilen.

_Florentinen_ war diese Verzgerung nichts weniger, als ungelegen. -- Er
blieb gern, denn fast alles, was ein Herz, wie das seinige, zu fesseln im
Stande war, fesselt es in Gobbys lieblichen Bezirk. -- Der Abentheurer des
achtzehnten Jahrhunderts schwamm in einer niegefhlten Seligkeit -- er sah
die Nachwelt, sah die weissagenden Trume von ihr erfllt, und sich unter
den glckseligen Bewohnern einer gebildeten Welt.

Noch hatt' er nirgends einem melancholischen Gesicht begegnet, worauf Gram
und Verzweiflung, Hunger und Bettlersorgen ihren Empfehlungsbrief
geschrieben; noch hatt' er keiner weinenden Unschuld Thrnen gesehn, noch
keines Unterthanen Flche gehrt unter den Druck eiserner Gesetze -- aber
noch hatt' er auch nur wenige Menschen erblickt, und wenige beobachtet.

Hier in _Gobby's_ frhlichem Cirkel, wo man Unzufriedenheit und Kummer
zulezt gesucht hatte, erblickte _Duur_ den ersten Mann des glcklichen
Zeitalters, der unglcklich, und wie es sich anlie, durch sein Zeitalter
unglcklich zu seyn schien. -- _Josselin_ war sein Name, und die
Erscheinung viel zu fremdartig, als da sie nicht von unserm
philosophischen Kundschafter aufs genauste htte beobachtet werden sollen.

_Josselin_ war ein junger Mann von fnf und zwanzig Jahren, der, wenn er
sich gleich keiner apollonischen Schnheit rhmen konnte, doch durch
gewisse, intressante Zge seines Gesichts, den vielsagenden Blick seines
Auges, das Angenehme seines Betragens und das Geistvolle seiner
Unterhaltung allen Kennerinnen das Gestndni ablockte, er sey ein
liebenswrdiger Mann. Der auffallendste Beweis seiner Gewalt ber da
weibliche Herz war fr _Florentinen_ dieser, da _Rosalia_ von ihm
bezaubert wurde, ehe sie es selbst wute, so da ihr ganzes Wesen an jedem
Tage deutlicher von gewissen Empfindungen predigte, die ganz verschieden
von denen waren, welche sie bisher fr _Florentinen_ hatte.

_Josselin_ wurde geliebt von allen Weibern, geliebt von allen Mnnern, und
nur er schien es nicht zu wissen, sondern stand ernst und melancholisch da,
wie ein Verbannter aus dem Lande des Glcks.

_Florentin_ konnte bei diesem Anblick sich nicht einer unwillkhrlichen
Erinnrung an Holder, den Jngling im achtzehnten Jahrhunderte erwehren. Er
drngte sich nher an den Schwermthigen; _Josselin_ selbst kam ihm immer
entgegen -- beide sympathisirten, ehe sie sich kannten.

Aber wer ist Josselin? fragte _Duur_ den edeln _Gobby_ in einer
vertraulichen Stunde.

Er war Lehrer der Weltweisheit an einer Akademie, hatte einen
ausserordentlichen Anhang und Beifall, nherte sich aber endlich dem
Salomonismus und legte eben deswegen sein Amt nieder.

Und er scheint sehr unglcklich.

Haben Sie je einen Salomonisten gesehn, der sich ganz glcklich fhlte?

Sie sprechen immer von Salomonisten und Salomonismus -- -- -- verzeihn
Sie, wenn ich meine Unwissenheit gestehe -- was soll ich mir darunter
denken?

Sind Sie in der Geschichte der Philosophie so unbewandert?

Ich reiche, wie Sie schon wissen, nicht weiter mit meinen Kenntnissen
herunter, als zum achtzehnten Jahrhundert. Damals ward die kritische Schule
von _Kant_ gestiftet, und die grten Denker jener Zeit gingen aus ihr
hervor. Hat die Welt seitdem einen neuen _Kant_ gehabt?

Ich bekenn' es Ihnen frei, da ich selbst nur Dilettant in der Philosophie
und ihrer Geschichte bin. Ich wag es also auch nicht ber _Kants_ Geist zu
urtheilen, und ob die Welt schon wieder einen Mann seines Gleichen gehabt.
Aber dies wei ich Ihnen zu sagen, da _Kant_ einer der merkwrdigsten
Reformatoren in der Geisterwelt gewesen, der zwar selbst zu der groen
Reformation nichts mehr, als das _erste Signal_ gab, aber durch seine
_Schler_ auf das _kultivirte Europa_ und _Amerika_ einen seltnen Einflu
gewann. Selbst die Wissenschaften, welche auer dem Gebiet der eigentlichen
Philosophie gelegen sind, empfingen neues Licht und eine gewisse
Vollendung, die ihnen vorher mangelte; die _edeln Knste_ wurden erhabnern
Zielen entgegengefhrt.

Deutschland hatte schon glnzende Fortschritte auf der Bahn gemacht,
welche _Kants_ Genie vorzeichnete, als man auer seinem Namen im Auslande
noch wenig von ihm wute, und von seiner ehrenvollen Revolution. Erst im
neunzehnten Jahrhundert breiteten sich die Grundstze der kritischen Schule
in England und bald darauf in der Republik Frankreich aus. Frher zwar als
in beiden Staaten war der Kantianismus unter den Dnen aufgenommen, aber
wenig gepflegt worden.

Erhielt sich die kritische Schule lange in ihrer Oberherrschaft? fragte
_Duur_.

Ein Paar Jahrhunderte; antwortete _Gobby_: sie verdrngte allmhlig alle
brige Schulen und Systeme, so heftig man sie auch, bald mit den Waffen des
Dogmatismus, bald mit denen des Skepticismus bekriegte. In England ward der
spekulative, in Frankreich besondere der praktische Theil der Philosophie
nach Kantischen Grundstzen bearbeitet. -- Deutschland blieb inzwischen
immer die Mutterschule der kritischen Philosophie, bis diese endlich
allmhlig von ihrem gefhrlichsten Feinde, dem Salomonismus, grtentheils
zerstrt ward.

Sie machen mich neugierig! Im achtzehnten Jahrhundert glaubte man durch
die Kantische Philosophie das _Nonplusultra_ aller menschlichen Weisheit
erreicht zu haben. Wr es mglich, da auch _Kant_ seinen Ueberwinder
gefunden?

Sehn Sie nur, dies nahm einen sehr natrlichen Gang. Die Verbreitung der
kritischen Philosophie regte bald allenthalben einen allgemeinen
Skepticismus auf, der zulezt so weit um sich griff, da die Sekte der
Skeptiker im zwei und zwanzigsten Jahrhundert mchtiger, als jemals auf
Erden war. Aus den Skeptikern entwickelte sich zu Ende des vorigen Seculums
eine neue Parthei, welche allen brigen den Krieg ankndigte, und wirklich
nicht ohne Glck kmpfte; spottweise nannte man diese Schule die
Salomonische, welchen Namen die Sekte zulezt, als ihr Eigenthum,
beibehielt. Herr _Josselin_ knnte Sie mit den Grundstzen der Salomonisten
vertrauter machen, inzwischen, da wir einmal im Gesprch sind, geb' ich
Ihnen soviel, als ich selbst habe. Es kann Ihnen dies um so willkommner
seyn, weil Sie dadurch Gelegenheit erhalten, selbst _Josselins_ Charakter
nher zu kennen.

Dies wre mir sehr lieb, denn ich lugne es nicht, da mir der
liebenswrdige Mann seit meiner ersten Unterhaltung mit ihm das Herz
abgenommen habe. Es ist mein Vorsatz, mich dichter an ihn zu schlieen,
wenn er mich anders nicht zurckstoen wird.

Seyn Sie ruhig. Er liebt Sie -- er hats mir gestanden. Doch, lassen Sie
uns mit einander in die Laube drben am Kanal treten. Die Sonne ist heut
brennend; wir wollen im Schatten weiter philosophiren.

Sie wanderten Arm in Arm mit einander durch den Garten, der Laube entgegen.
Die Hitze war drckend; kein Lftchen khlte den Wandrer und das Laub hing
welk und schmachtend von Zweigen und Blumen und Stauden.

Ich wollte Ihnen einen ohngefhren Begriff von dem Lehrgebude der
Salomonisten geben, -- hub der sanfte _Gobby_ an: nehmen Sie also mit
meinen kleinen Notizen vorlieb, wie sie mir beifallen. Das System dieser
neuen, herrschendwerdenden philosophischen Parthei ist ein sonderbares
Gewebe von Dogmatismus und Skepticismus, da man glauben sollte, es knne
unmglich von Festigkeit seyn; und doch ist dies nicht nur der Fall,
sondern, wie mirs scheint, auch die Ursach an dem wunderbar schnellen
Wachsthum der Sekte, indem Dogmatiker und Skeptiker zu ihr bertreten, weil
sie zwischen beiden Faktionen mitten inne liegt.

Die Salomonisten behaupten, wiewohl es ntzlich seyn knne, im gemeinen
Leben Wahrscheinlichkeiten, Hypothesen, Meinungen, Glauben und dergl. mehr
zu hegen: so mten diese doch gnzlich aus dem Gebiet der Philosophie
verwiesen werden, und man drfe und knne, als vernnftiges Wesen, durchaus
nichts anders glauben, als was fr uns den Stmpel der apodiktischen
Gewiheit trge -- oder Wahrheit. --

Das Gebiet der Wahrheit, sagen sie, ist sehr klein und in sich selbst
unsicher, weil das, was der Mensch fr Wahrheit halten mu, nur eine
nothwendige Folge seiner ihm eigenthmlichen feinern Nervenorganisation,
oder Produkt seiner Gemthseinrichtung ist. Dazu kmmt noch, da die
Kenntni dieser wenigen Wahrheiten nicht einmal etwas zu seiner
Glckseligkeit beitrgt.

Der Mensch kennt die Aussenwelt an sich nicht, er wei nichts von dem da
draussen, und die Erscheinungen, welche ihm durch den Kanal der Sinne
zugefhrt werden, beweisen von der Beschaffenheit der Aussenwelt nichts,
weil sie nur Zeugungen der Sinne, berhrt durch ussere Gegenstnde, seyn
knnen. Eine andre Construktion der Sinnorgane wrde eine andre Welt vors
Gemth fhren.

Der Mensch kennt sich nicht. Die Lehren vom Materialismus und
Immaterialismus, Substanz, Kraft, Einfachheit u. s. f. sind lcherliche
Hirngespinnste. Wir kennen die sogenannte Materie nicht und das
Immaterielle gar nicht.

Die Vernunft lebt mit sich selber in einem unaufhrlichen Widerstreit,
besonders wo sie sich auf das Praktische bezieht. So lange z. B. die Lehren
von der Freiheit, von Gott, der Seelenunsterblichkeit und der moralischen
Welteinrichtung zu einem Moralsystem nothwendig sind, werden wir nie die
Moral zu einem _festen System_ erheben, denn wir wissen nicht, ob wirklich
so etwas existirt, als wir uns unter Gott, Unsterblichkeit und moralischer
Welteinrichtung vortrumen.

Die Philosophie stt alles, was Religion heit, von sich aus, betrachtet
aber Religion und Moral als ein nothwendiges Gngelband fr die Menschheit,
damit sie unter einander in Frieden beisammen lebe.

Was von Vervollkommnerung des Menschen und der Menschheit gelehrt wird,
ist nichts als eine liebliche Schwrmerei. Der erleuchtete Philosoph spielt
im achtzigsten Jahre wiederum kindisch mit seinen Windeln; die
aufgeklrtesten Nationen morden sich wechselsweise um leere Chimren, die
nichts zur Seligkeit des Einzelnen und des Ganzen beitragen.

Mit einem Worte: es ist alles eitel unterm Monde! wie _Salomo_ bei den
Juden sagte. Wir wissen nichts von der Aussenwelt, noch weniger von uns
selbst. Wir wissen nicht, was wir sind, noch _warum_ wir sind, noch
seitwann wir _waren_, noch wie lange wir _seyn werden_; ob wir als Zwecke,
oder als Mittel hier umherirren in der rthselhaften Dmmerung. -- Der
Mensch bildet sich aber ein, _mehr zu seyn_, als er wirklich ist; er lt
die Welt _fr sich_ geschaffen, und einen Gott _fr sich_ gekreuzigt seyn.
Der Mensch bildet sich ein, _mehr zu wissen_, als er _wei_, und zu den
bisherigen Systemen der Philosophie hat die Phantasie mehr Materialien
geliefert, als die Vernunft. Weil die Menschheit aber sich in den
kindischen Trumereien von ihrer Hoheit glcklich fhlt so lasse man ihr
den seligmachenden Eigendnkel.

Das ist ein gefhrliches System! tief _Duur_: Religion und Moral,
brgerliche Glckseligkeit, Ruhe der Seelen -- alles wird von diesem
Ungeheuer verschlungen. Wird der Salomonismus geduldet vom Staate?

Er wird geduldet, weil er wirklich keinen offenbaren Schaden stiftet und
immer nur das Eigenthum der hellsten und scharfsinnigsten Kpfe ist. Zudem
ist er noch nicht _widerlegt_; ja man hat die Beispiele erlebt, da zwei
der berhmtesten Philosophen und eifrigsten Antisalomonisten, durch das
Gefhl ihrer Ohnmacht beim Widerlegen bewogen, zur Gegenparthei
bergegangen sind.

Die Sekte lehrt an sich wenig neues; einzelne Stze sind lngst schon
behauptet worden -- nur da hier alles in einer so frchterlichen
Verbindung zusammengedrngt ist. Es ist eine Philosophie, die zur
Verzweiflung fhrt.

Das ist sie, sagen die Salomonisten, so lange man noch nicht von der
Ammenmilch der bisherigen Phantasiephilosophie entwhnt ist.

Aber man fhlt sich glcklicher bei dieser Ammenmilch.

Dies gestehn die Philosophen selber ein, und erklren auch _dies_ fr
einen der vielen unauflslichen Widersprche in unsrer Natur, da wir den
drngenden Trieb in uns fhlen, so weit, als mglich, vorwrts zu eilen,
und dann doch dreimal elender, als vorher, werden.




Eilftes Kapitel.
Josselin.


Ein muthwilliger Schwarm junger Damen umringte mit lautem Gelchter die
heimliche Laube und fhrte den sanften _Gobby_ und _Duur_ gefangen, wie im
Triumphe zum Schlosse zurck, wo die brigen versammelten Mnner dasselbe
Schicksal erfahren hatten.

Auch _Josselin_ war unter den Gefangnen. Er schien nur fr die frohsten
Scherze in der Welt zu seyn; er war die Seele der Gesellschaft; alle Weiber
horchten auf ihn und die Mnner bewunderten lchelnd seine Gewandtheit,
sich als Gefangner mitten unter den Weibern aus der Sklaverei zur
Souverainett ber dieselben zu heben.

Der Abend nahte sich mit lieblicher Khlung; man floh die Zimmer, um sich
im Freien unterm blauen Himmel zu belustigen; Gesellschaftliche Spiele von
allerlei Art wurden angegeben und ausgefhrt -- keine Kinderspiele des
achtzehnten Jahrhunderts!

_Duur_ hatte anfangs im Sinn, auch ein Spielchen aus seinem Zeitalter
vorzuschlagen -- etwa ein unterhaltendes _Pfandspiel_, wo zulezt Ksse,
gegeben und geraubt, die Wrze der Unterhaltung seyn muten. Aber beschmt
zog er sich zurck, als er wahrnahm, wie auch in gesellschaftlichen
Vergngungen der gebildete Geist dieses Jahrhunderts webte.

Man entlehnte Sjets aus der Geschichte der Vorwelt, und gab sie aus dem
Stegreif in dramatischen Darstellungen wieder, oder drckte in Pantomimen
und charakteristischen Tnzen eine liebliche Reihe von Empfindungen aus.
Ermdet von der schnen Arbeit ruhten dann die Spieler, und das Chor der
Zuschauer bezahlte das genossne Vergngen mit Absingung einiger Hymnen auf
die groen Mnner des Alterthums. Barmherzigkeit und Liebe, Gromuth,
heldenmthige Selbstaufopferung, und andre bewundernswrdige Tugenden waren
der Gesnge Inhalt. Dann wurden extemporirte Melodramen aufgetischt --
_Rosalia_ entwickelte die Empfindungen der _Charlotte Corday_ unter dem
reifenden Entschlu, _Marats_ Ermordung zu wagen fr das Vaterland.
_Rosalia's_ Deklamation war Gesang; in den Pausen phantasirte _Josselin_
auf einer Art von Harfe durch Moll und Dur in reizenden Tnen den
Empfindungen _Rosaliens_ nach.

Gesang und Freude stimmten alle Seelen zu einem zrtlichen Verein.
_Josselin_ ergriff einen vollen Becher Weins, mit lebendigen Rosen
umkrnzt, eilte _Florentinen_ entgegen und rief: _Freundschaft!
Freundschaft!_ Er trank den Becher zur Hlfte leer. Begierig nahm _Duur_
ihn von Josselins Hand und trank und rief mit einem unnennbaren Entzcken:
_Freundschaft! Freundschaft!_

Beide sanken einander in die Arme. _Duur_ fhlte eine Thrne in seinem Auge
zittern und _Josselin_ ksste ihn. O la uns einen Gott glauben! es ist so
schn! schrie _Josselin_ in einer begeistrungsvollen Ekstase.

La uns einen Gott glauben! rief der liebenswrdige _Gobby_, indem er
sich, einen Becher Weins in der emporgehobnen Hand, den beiden Freunden
nherte und sie beide kte.

O! entgegnete _Josselin_ schluchzend: knnt' ich mich ewig so vertiefen
in den schnen Rausch der Sinnlichkeit -- knnt' ich einen Schleier ziehn
vor den unseligen Offenbarungen der vorwitzigen Vernunft -- knnt' ich
werden wieder ein Kind und arglos spielen im Schoos meiner Mutter Natur!

Die Gesellschaft sah, schweigend um diese Gruppe versammelt, dem Spiele
dieses Auftrittes zu, und, wie von _einem_ Geist ergriffen, von _einem_
Gefhl gerhrt, ertnte pltzlich von allen Lippen der Gesang eines uralten
deutschen Volksliedes: Freude schner Gtterfunken!

Eine liebliche Schwrmerei verbreitete sich ber die Versammelten. -- Den
heiligen Manen des alten Dichters dieses Glas! rief _Gobby_: ihm, der
nach Jahrhunderten noch erfreut und trstet!

Schiller! rief _Duur_. Alles rief ihm den Namen nach -- eine groe Thrne
strzte aus _Florentins_ Augen.




Zwlftes Kapitel
Brderschaft.


_Duur_ bemerkte am folgenden Tage eine sonderbare Vernderung in _Gobbys_
und _Josselins_ Mienen. Es schien, als drcke irgend ein schnes Geheimni
ihr Herz; auch der brave Commendant, stimmte in den wunderlichen Ton jener
Beiden ein.

Demungeachtet war diese Verwandlung so auffallend nicht, da _Duur_ mit
guter Art nach den Ursachen derselben kundschaften konnte. Er wars
zufrieden, da man ihn nicht nur nicht klter oder fremder, sondern weit
liebkosender behandelte, denn sonst. _Gobby_ trat zuweilen schweigend vor
ihm hin, starrte ihn mit einem Blick voller Liebe und Bewunderung an und
schlo ihn in seine Arme. -- _Josselin_ drckte ihm fter die Hand, und
kte ihn fter. _Silberot_ lchelte, so oft er ihn erblickte.

Am Nachmittage fuhren einige Karossen vor -- die Gesellschaft wollte einen
benachbarten Freund des edeln _Gobbys_ besuchen. Nur _Josselin_ schlo sich
aus, unter dem Vorwand einer Unplichkeit, und ersuchte _Florentinen_ ihm
zur Gesellschaft ebenfalls zurck zu bleiben.

Wer willigte lieber in _Josselins_ Wunsch ein, als _Duur_, der diesem
einnehmenden Mann unmglich etwas abschlagen konnte.

La uns Bruderschaft trinken, du Lieber! rief _Josselin_ am Abend dieses
Tages, als sich Beide in einer schnen Jelngerjelieberlaube befanden,
wohin ein Diener zwei Flaschen Weins brachte.

Ach, es ist doch so schn, sich in dem Feenarm der Sinnlichkeit zu wiegen
und zu entsagen dem Hinblick auf die schauerlichen Wsteneien, welche die
Vernunft entschleiert! Was haben wir vom Leben, wenn wir nicht pflcken die
sparsam blhnden Rosen, und in dem Gtterrausche der Lieb' oder
Freundschaft vergessen, welche erbrmliche, elende Wesen wir sind!

_Josselin_ schwang bei diesen Worten den Becher seinem Freunde entgegen.
Sie tranken. Das Abendroth schimmerte durch die Fugen der Laube ber ihre
Wangen; ein khles Lftchen flsterte unter den Blumen herber, und im
benachbarten Gestruch schlug eine Nachtigall.

Wenn der Mensch auf Erden elend ist, so klag' er nicht den Himmel, sondern
sich selber an! rief _Duur_: Wohlauf! Brderschaft, Josselin -- verdammt
sey die schwarze Philosophie des Salomonismus, es leben die schnen Trume
der Phantasie!

Josselin. (dster.) Wohl dem, ders rufen kann vom Herzen.

Duur. Jede Blume hat hienieden ihren Honig, jede ihren Gift -- ich nenne,
den weise, welcher nur vom Honig zu naschen wei.

Josselin. Hast recht!

Duur. O Josselin, Du bist so unglcklich -- Du, und Du ein Brger des drei
und zwanzigsten Jahrhunderts?

Josselin. Eben darum, _Duur_! htt' ich gelebt in der barbarischen Vorwelt,
als die Wissenschaften kaum noch der Wiege entschlpft waren, so wr' ich
glcklicher. Die Wissenschaften ziehn den Menschen ab von der Welt und auf
sich zurck -- ach, und je mehr er ablt von jener, je enger er mit sich
vertraut wird, je elender er wird; denn er erkennt dann, da die Gottheit
seines Wesens ein disharmonisches Nervenspiel, sein Himmel ein eitler Traum
sey. Glaube nicht, Duur, da die Menschheit vollkommner werde, je lnger
sie auf dem Stern dieser Erde lebet und webet. Sie bleibt ewig, die sie von
Anbeginn war. Ihre Grnzen sind unabnderlich festgesezt von der strengen
Hand der Nothwendigkeit. Sie kann ihr Gebiet nicht erweitern, Seligkeit und
Elend liegen ihr immer auf beiden Seiten; sie gewinnt nie ohne Verlust,
verliert nie ohne Gewinnst. Wir vertauschen nur die Namen und Moden, aber
behalten die Sache.

Duur. Du salomonisirst!

Josselin. Das Gebude der menschlichen Glckseligkeit ist eine elende
Flickerei, lieber Duur -- und doch flickt und bessert man immer so gern
daran. Sieh Dich um, Duur, und Du wirst allenthalben mit Entsetzen die
Spuren des Elendes finden, wo Du es am wenigsten suchest. -- Doch ich will
Deine frohen Einbildungen Dir nicht zerstren -- sey, wer Du willst,
glaube, was Du willst -- nur hte Dich vor dem Einfall, die Hoheit und
Seligkeit der menschlichen Natur zu anatomiren. -- Trink!

Duur. Ich glaube Dir nicht, Josselin. So weit ich die Welt izt gesehn habe,
hab' ich auch allenthalben die herrlichen Fortschritte der Menschheit
bemerkt.

Josselin. Du hast die Welt nur eine kleine Weile gesehn.

Duur. Die Sterblichen haben sich ihrer thierischen Natur mit Glck
entwunden -- Gefhle und Empfindungen sind gereinigter, sind verfeinerter
-- -- --

Josselin. Ist damit gewonnen?

Duur. Die dichterischen Trume vom schnen grichischen Sinn und Geist
verwandeln sich in Wirklichkeit.

Josselin. Es ist wahr, das Empfindungsvermgen ist zrter, und durch den
Flei der edeln Knste verfeinerter; die groben Belustigungen der Vorwelt
sind uns ein Greuel; wir schwelgen izt da in Seligkeiten, wo man vorzeiten
kaum ihr Daseyn ahndetet. Aber eben diese gebildetere Empfindsamkeit lt
uns auch doppelt fhlen jedes Leiden; wir empfinden izt da einen namenlosen
Schmerz, wo die Mnner der Vorwelt nicht einmal die Mglichkeit eines
Uebels vermuthen konnten. Wo man sonst lchelte, in glcklicher Taubheit
der Sinne, da weint man izt; wo man sonst weinte, verzweifelt man heutiges
Tages.

Duur. Dafr hat aber auch die Vernunft an Strke und Bildung gewonnen --
sie giebt dem duldenden Wandrer izt einen sichern Eisenstab, worauf er sich
lehnen kann im Ungewitter des Lebens; die schndlichen Ketten der
Priesterherrschaft und des Aberglaubens sind zerbrochen, in welchen der
grte Theil der Sterblichen noch vor einem halben Jahrtausend keuchte.

Josselin. Freund, Du redest wie ein Mann, der die Welt nur aus Romanen
kennt. Wo ist der Eisenstab der Vernunft? welchen Stab kann die Vernunft
gewhren? Wenn sie sich selber nur aufrecht erhalten will, mu sie sich
demthig auf ihren verkrppelten Bruder, den _Glauben_, sttzen. -- Geh
hin, und wo Du die Vernunft am gebildetsten findest, siehst Du trostlose
Atheisten, die nicht wissen, warum sie sich in dieser Welt herumplagen
sollen, die verzweiflungsvoll hinausstarren in die Gegend jenseits des
Grabes, wo es nur immer dunkler wird, je lnger ihr Auge dort verweilt.
(Indem er die Glser fllt) Trink, die Flaschen mssen leer werden! die
Sonne geht unter -- einst, Bruder, wir, wie sie!

Duur. Du bist sehr verstimmt.

Josselin. Nein, Lieber, wohlgestimmt bin ich, wie ichs lange nicht war. --
Man hat viel darber gefochten, wie weit in der Kultur und Aufklrung der
Nationen gegangen werden msse. Einige behaupteten, hier drfe, keine
Grnze bestimmt werden; man knne ein Volk nie genug aufklren, nie genug
kultiviren; man msse nie still stehn, sondern unermdet vorwrts eilen. --
Andre stritten fr das Gegentheil, meinten, da Aufklrung und Kultur
zulezt der Glckseligkeit des Ganzen Gift werde, da Religionen und
Staatsverfassungen an diesen Klippen nothwendig scheitern mten und jeder
Reformator daher als ein Friedensstrer anzusehn sey. -- Beide Partheien
hatten recht und unrecht, aber wie berall in der empyrischen Welt, wo die
Vernunft _a priori_ durchaus nichts zu sagen hat, mute auch hier die
Erfahrung die beste Schiedsrichterin seyn.

Duur. Und wie hat sie entschieden?

Josselin. Der Mensch ohne Kultur ist ein erbrmliches, freudenloses
Geschpf, und immer um einen halben Grad elender, wie das vernunftlose
Thier. Die Menschheit konnte sich, der ihr beiwohnenden, ewig regen Triebe
willen, nicht lange in der Finsterni erhalten -- sie strebte nach einem
Ausgang, nach Licht. -- Allzuweitgetriebne Verfeinerung, hchste Kultur der
Vernunft, besonders im speculativen Gebrauch, bewirkt aber einen
furchtbaren Indifferentismus, Erschlaffung der wichtigsten Triebfedern zum
moralischen Handeln, Verleihung der sssesten Lebensfreuden, allzufrhen
Ueberdru und Ekel der Welt -- oder strzte den Menschen wieder hinab zum
Hang nach grberer Sinnenlust und thierischen Dumpfheit. -- Dies lehrt die
Erfahrung. Betrachte die Menschen, und Du wirst entweder hypochondrische
Gerippe erblicken, welche mit der Naturnothwendigkeit wegen ihres Daseyns
hadern mchten, oder -- Thierseelen in Menschenhaut.

Nein, Duur, es ist und bleibt gewilich wahr, der Mensch ward nicht geboren
fr die Nacht der blinden Sinnlichkeit, nicht fr das blendende Licht der
Vernunft, durch welches wir uns in einer schrecklichen Lage zwischen
Abgrnden und Felsenmauern gewahren -- sondern fr eine wohlthtige, sanfte
Dmmerung, zusammengeschmolzen aus den Schatten der Sinnlichkeit und den
Lichtstrahlen der Vernunft, wo wir mehr ahnden, als sehn, mehr hoffen, als
besitzen, mehr trumen, als wissen.

_Duur_ versank in ein tiefes Schweigen; _Josselin_ lchelte -- er fllte
die Glser von neuem und trank auf das Wohl der _glcklichen Nachwelt_!

Immer der _glcklichen Nachwelt_, und _immer_ der Nachwelt! rief _Duur_
mit einem Seufzer und erinnerte sich seines lngstverwesten Oheims und
seiner Favoritgrille.

Es ward still um sie her. Sie plauderten noch vieles, und verloren sich in
schwermthige Betrachtungen.

_Duur_ schwieg. _Josselin_ klagte ber Schlfrigkeit, und _Florentin_ hatte
schon lngst mit einer unnatrlichen Mdigkeit gekmpft. Es ward immer
stiller, immer dunkler. Sie sanken Arm in Arm auf eine Rasenbank nieder, um
sich dem Schlummer zu berlassen und dann mit einander in Gesellschaft eine
schne Sommernacht zu durchwachen.




Dreizehntes Kapitel.
Erscheinungen.


Der _Exgraf_ erwachte erst spt -- es war schon so hell rings herum; die
schnste Sommernacht, war ungenossen verschlafen. Er wollte nach _Josselin_
greifen, als er bemerkte, da man ihn, um ihn nicht der khlen, feuchten
Nachtluft prei zu geben, in ein Zimmer und Bett gebracht habe.

Aber welches Zimmer? welches Bette? er erinnerte sich nie, ein solches
Zimmer im _Gobbyschen_ Pallaste gesehn zu haben. -- Er sprang lchelnd und
bestrzt vom Bett' auf, fand sich noch vollkommen angekleidet, nur da sein
Ueberrock auf eine Ottomanne hingeworfen lag.

Er trat in die Schuhe, hllte sich in den Ueberrock. -- Der Nebel seiner
Schlaftrunkenheit verlor sich immer mehr, und seine Verwunderung wuchs mit
jedem Augenblick. Es war nicht Tageslicht, was ihn so hell umleuchtete,
sondern der Schimmer einger Krystallsonnen oben an der Decke des Zimmers.

Mit dieser Entdeckung eilte er zu den Fenstern, ri die Gardinen zurck und
sah hinaus. Es war Nacht -- der Vollmond schwebte in freundlicher Majestt
durchs Gewlk -- die Sterne funkelten am dunkeln Gewlbe des Himmels -- und
die ganze Gegend unten, vom Mond verklrt, war still und fremd.

Ein kleiner See dehnte sich zwischen einigen Hgeln aus, und spielte mit
den Schatten berhangender Maien und dem Silberglanz des Mondes -- und
berall, zur Rechten und zur Linken, dichter, hoher Wald, dann und wann
aufbrausend durch die feierliche Stille.

_Florentin_ stand bestrzt da, wie in ein Feenland bezaubert. Er begriff
die Wahrnehmungen seiner Sinne nicht -- er htte sich gern eingebildet, in
einem Traum zu leben, wenn ihn nicht jede Kleinigkeit laut und
unwiderstehlich von seinem Wachen berredet htte.

Josselin! Josselin! treibst Du Gaukelspielerei mit Deinem Freunde? tief
der Graf verdrlich, und fhlte sich immer muntrer und berzeugter, da
man sich mit ihm einen Scherz vorgenommen haben msse.

Er stand lange an, welchen Entschlu zu ergreifen izt am schicklichsten
wre, ob er Lrmen machen, oder den anbrechenden Morgen erwarten solle?

In diesen Ueberlegungen machte er einige Gnge durchs Zimmer. Mit
verbissnen Lippen, gerunzelter Stirn, verschrnkten Armen blieb er endlich
in der Nhe eines Spiegels stehn -- er sah sich selbst, und erschrak, ohne
zu wissen warum? -- Er machte eine Wendung, um sich vom Spiegel abzudrehn,
als er in eben dem Augenblick unter demselben das Bildni eines
Frauenzimmers erblickte. Sein Auge haftete unvernderlich an dem Gemlde;
er fand gewisse Aehnlichleiten -- bekannte Zge -- berraschende Spuren von
-- -- --

Er trat nher -- immer nher -- es war _Louisens_ Bild! -- er streckte die
Hnde nach dem kostbaren Bilde und blieb unwillkhrlich eine Weile in
dieser Stellung. Sein Herz schlug lauter; seine Arme zitterten; sein Blick
verdunkelte sich.

Schnes Gespenst! -- sprach er leise bei sich: schnes Gespenst,
verfolgst Du mich allenthalben durch die Irrgnge meines verworrnen
Schicksals? -- Sind es fnf Jahrhunderte, die sich zwischen dieser und der
Gtternacht im Dosanischen Garten lagern, wie kommst Du dann hieher? --
_Louise_! _Imada_! -- es wird mir immer unertrglicher dieses Blendwerk.
Lnger darfs nicht anhalten. O Josselin! Josselin! -- aber ich hab' ihm ja
nie von einer _Imada_ erzhlt; nur der alte _Silberot_ wei darum -- er ist
ausser _mir_ und _Matthias_ hier der _Einzige_! --

Er nahm das Gemlde von der Wand und betrachtete es genauer mit scharfem
Blick; alle Freuden der seligen Vergangenheit wachten mit diesem Blicke von
neuem in seinem Busen auf. _Louise_ an _Adolfs_ Hofe -- wie das erste bange
Gefhl der Liebe in ihm aufkeimte -- wie er einstmals zu ihren Fen sas im
Schlogarten, und die reizende Frstin auf der alten, hlzernen Bank; unter
seinen Fen das stille Thal, zur Rechten die Eremitage mit dem
schimmernden Kreuze im Mondschein -- ber ihm der Himmel, und mehr, als
Himmel, in _Louisens_ schnen, liebereichen Augen; -- wie er sie sah, sie
hrte im Walde von Riedelsheim, einer Erscheinung hnlich aus der Oberwelt;
-- wie er sie wiederfand im romantischen Paradiese von Dosa, und dann --
dann wieder im Haine in der Nachbarschaft von _Idalla's_ Insel! -- das
alles gaukelte izt vor seinem Geiste in verschntem Farbenspiele -- er fing
an seinen Verstand zu bezweifeln, zu frchten, er rase in einem lieblichen
Wahnsinn.

Unter dem Spiegel stand auf einem Tischchen eine silberne Klingel. Er hob
sie auf -- klingelte. Zur Rechten erffnete sich eine Thr; ein Mensch
erschien, dem mans an der demthigen Stellung ansah, da er zur Bedienung
geschaffen sey.

Florentin gaffte ihn einige Augenblicke mit Verlegenheit an. Er erinnerte
sich nicht, auch dieses Menschen Angesicht je gesehn zu haben.

Befehlen Sie etwas? fragte der Diener.

Wo ist Herr Josselin?

Herr Josselin? -- Wen meinen Sie?

Kennest Du ihn nicht?

Der Name ist mir unbekannt. Erklren Sie sich nur deutlicher.

Wie soll ich mich deutlicher machen? -- Wer hat mich in dies Zimmer
bringen lassen?

Unser Herr. Sie lagen im Garten und schliefen; wir frchteten, Sie wrden
sich erklten.

Nun ja, und wo ist Josselin geblieben?

Ich habe schon gesagt, ich kenne keinen Josselin.

_Duur_ sah den Menschen mit einem Blick voll unaussprechlicher Verwirrung
an.

Nun was ist denn das? wo bin ich? wer ist Dein Herr?

Der Graf von Gabonne.

_Der Graf von Gabonne?_ schrie _Duur_, und fing izt wirklich an, entweder
sich, oder seinen Gegner fr unsinnig zu halten.

Bist Du auch gesund, Bursche? sagte _Florentin_, indem er dem bestrzten
Diener nher trat und dessen Puls berhrte.

Wie Sie; antwortete jener.

Nun wo bin ich denn? Ich bitte Dich, antworte mit ehrlich -- ich bin
erkenntlich. Wo bin ich?

Das sollten Sie nicht wissen? Sind Sie nicht schon seit eingen Tagen bei
uns? Sehn Sie sich doch um!

Wo bin ich? frag ich! tief _Florentin_ etwas aufgebracht.

Sie befinden sich nicht wohl. Der Hausarzt ist noch wach in seinem
Zimmer.

Mensch, ich flehe Dich an, um Gotteswillen, qule mich nicht -- antworte,
wie ich frage, oder ich werde im ganzen Hause Lrmen machen.

Ei nun -- Sie sind im Schlosse des _Grafen von Gabonne_, einen Spaziergang
weit von _Mont-Rousseau_.

Wie bin ich hieher gekommen?

Der Diener lchelte ihn schweigend mit einem verdachtvollen Blick an, ging
endlich auf ihn zu, und sagte mit vertraulichem Tone:

Gedulden Sie sich nur ein Augenblickchen, mein Herr, nur ein
Augenblickchen. Ich bin sogleich wieder hier.

Wo willst Du hin?

Ich will den Herrn Charly herbeiholen.

Wer ist der Herr Charly?

Der Hausarzt. Er wacht noch. Ich habs Licht an seinem Fenster gesehn.

Mensch, ich bitte Dich, willst Du mich mit Gewalt um meine Geduld bringen,
mich berreden, ich habe meinen Verstand eingebt! -- Steh und rede, wie
bin ich hieher gekommen?

In dies Zimmer?

Freilich.

Sie schliefen unten in der Jelngerjelieberlaube am Teiche -- die
Abendluft ist ungesund. Der Herr Graf befahl, Sie auf Ihr Zimmer zu
tragen.

_Duur_ hrte dies und brach in ein lautes Gelchter aus. Montrousseau war
von Gobbys Gute sechzig und etliche Meilen entfernt -- dies wute er:
Josselin, willst Du Scherz mit mir treiben: so mut Du wenigstens das
Gesetz des Wahrscheinlichen beobachten! dachte er bei sich, und sah das
Portrait an, welches er noch immer in der Hand trug.

Kennst Du dies Gemlde? weit Du, wer dies seyn soll? fragte er.

Sie ist zum Sprechen getroffen -- das Frulein _Imada_, des Grafen
Nichte.

Wie hoch ists an der Zeit?

Ein Uhr mag es seyn.

Das ist mit unbegreiflich! -- ich unten in der Jelngerjelieberlaube
geschlafen, und wre nicht bei Gobby, sondern in Mont-Rousseau gewesen --
ich mgte die Laube sehn -- -- Hre, hast Du selber mich aus der Laube
tragen helfen?

Freilich.

Was befand sich auer Mir drinnen?

Nichts. Auf dem Tische standen zwei Weinflaschen und zwei Becher.

Du lgst. -- Es ist mir draussen alles fremd. -- Hast Du das Herz, mich
hinunter zu fhren in den Garten und zur Laube?

Warum nicht?

Da wr' ich neugierig! sagte _Duur_ und drehte sich um, seinen Hut zu
holen, der auf dem Stuhle lag.

In eben dem Augenblick wards stockfinster um ihn herum. Die Krystallsonnen
an der Zimmerdecke waren verschwunden; Gerusch lie sich rechts und links
um ihn hren. Er rief dem Diener, aber ohne Antwort zu erhalten.




Vierzehntes Kapitel.
Traumwunder.


In allem Ernst htte unser Abentheurer izt bse werden mgen, wenn er nur
irgend gewut, sich damit aus seinen Verwirrungen zu retten. Offenbar
trieb, wie er glaubte, _Josselin_ sein Spiel mit ihm; er gedachte izt des
sonderbaten, rthselhaften Betragens, welches _Gobby_ und der biedre
_Silberot_ am vorigen Tage gegen ihn so unwillkhrlich annahmen, und er
zweifelte keineswegs daran, da nicht auch sie ihren gewissen Antheil an
diesen Spiegelfechtereien htten, von welchen sich nur kein Zweck einsehn
lie.

Das Gerusch um ihn her verlor sich. Er tappte durch die Dunkelheit, um ans
Fenster zu treten, und sich wenigstens durch den Mond einige Erleuchtung zu
verschaffen. Aber sein Erstaunen vermehrte sich, als er die Fenster von
dieser Seite verschwunden, und auf der ganz entgegenliegenden Seite des
Zimmers erschienen sah. Es ging alles mit ihm im Ringe herum; alles war ihm
verdreht.

Pltzlich gossen die Krystallsonnen ihr blendendes Licht wieder herab -- er
erkannte wieder alles um sich her -- aber das war nicht mehr dasselbe
Zimmer, worin er sich vor eingen Minuten befand, und doch hatte er kaum ein
Paar Schritt von seiner Stelle gethan.

Dies Kabinet war beinah um die Hlfte grer, als das vorige; das vorige
war dunkelroth, dieses blagelb; Spiegel und Fenster lieen sich in einer
ganz andern Gegend sehn -- der Diener war verschwunden.

Unmglich konnte er sich bei dieser Zauberei des Lchelns erwehren. Er
drehte sich rings herum und erblickte hinter sich -- hinter sich -- o, izt
htt' er zu Boden sinken mgen; es flirrten alle sieben Farben des
Regenbogens um seine Augen; sein Odem stockte; seine Knien zitterten; seine
ganze Besinnung verlor sich; er sah nichts, als hinter sich -- _Imada_, wie
sie leibte und lebte.

Mein Gott! -- mehr konnte er nicht stammeln.

Wie eine Ueberirrdische schwebte das Phantom seines Herzens, der Abgott
seiner Trume, ihm entgegen, in der emporgehobnen Hand eine Schaale
dampfenden Weines tragend.

Was ist aus mir geworden? lallte er in halber Ohnmacht.

Trinken Sie! lispelte der weibliche Engel mit einem unbeschreiblich sen
Ton.

Wo bin ich?

Wohl aufgehoben!

O gewi! -- ist hier nicht Elysium? Ich mchte izt an die Wunder
berauschter Dichter, an die Fabelwelt Griechenlands glauben lernen.

Glauben Sie!

Ich wandre in Plutons schnsten Hallen, und _Imada_ ist die Unsterbliche,
welche mir den Lethebecher bringt.

_Imada_ lchelte des Schwrmers. Er nahm zitternd die Schaale aus ihrer
schnen Hand, sein Auge verlor sich trunken in ihren Blick.

Geben Sie mir _Vergessenheit_? -- Vergessenheit fr all die tausend
Jammerstunden meines elenden Lebens; Vergessenheit fr meine tausend
Seufzer und Thrnen?

Wnschen Sie Vergessenheit? Es ist Ihr Ernst nicht.

Gewi! gewi! -- wen freut das Ueberlebte noch, wenn man _Imada_ sieht?

Trinken Sie! die Schaale giebt Vergessenheit -- zur Strafe soll nun alles
Gut und Bse von Ihres Gedchtnisses Tafel gewischt werden -- auch die
Erinnrung an _Louisen_!

An _Louisen_? lallte _Duur_ mit starrer Verwunderung, von _Imada's_
Lippen _diesen_ Namen zu hren. _Welche_ Louise?

Imada. (lchelnd.) Die Sie zum leztenmal in Dosa sahn.

Florentin. (sie anstarrend.) Sagen Sie -- ich bitte Sie, -- glauben Sie,
da ein Gott sey -- um _Gotteswillen_ bitt' ich, beschwr' ich Sie: wie
kommen Sie darauf? -- wie wissen Sie -- -- --? Wo bin ich?

Imada. In Mont-Rousseau.

Florentin. Soll ich von Sinnen kommen?

Imada. Gefllt es Ihnen nicht bei uns?

Florentin. Imada -- nein, izt ist der Scherz zu weit getrieben -- ach, und
da auch Sie, _auch Sie_ Vergngen daran finden, mich zu qulen.

Imada. Behte Gott -- Vergngen, Sie zu qulen? -- O, wenn Sie mich
kennten!

Florentin. Ach, da -- ich sie kenne! wohler wre mir, ich htte solche
reizende Gestalt -- ein solch Gesicht nie wieder gesehn.

Imada. Das klingt nicht schmeichelhaft -- -- --

Florentin. Vielleicht dann mehr, wenn Sie mit dieses Wunsches Grnden
vertrauter wren. (heiter.) Und sey es, wie es sey. Gefllt es meinen
Freunden, sich an meinen Bestrzungen zu weiden, und mich mit Seltsamkeiten
zu berraschen, wie die Einbildungskraft sie kaum in unsern Trumen
zusammenschleppt: so mgen sie es immer thun. Ich bin zufrieden, da auch
Imada -- Imada zu den seltnen Dingen gehrt, die ich in diesem Traum mit
offnen Augen sehe.

Imada. Wer wei, ob alles hier wohl mehr, als Traum ist!

Florentin. Das wre schrecklich, wre boshaft! das verzieh ich meiner
Phantasie in diesem Leben nicht. -- Von ohngefhr, beinahe ists ein Jahr,
verirrt' ich mich in einem Walde -- mir trumte, oder trumte nicht -- mir
wars -- ach Gott, Imada, Sie erschienen mir, und ich, in Ohnmacht,
Seligkeit und Bangigkeit versunken -- Imada, liebe, schne Imada -- trumte
Ihnen nie von einem lcherlichen Abentheur, als auf der Reise nach
Mont-Rousseau ein Gondler Ihnen entwischt war?

Imada. (mit schalkhaftem Lcheln) Beinahe ist mirs so.

Florentin. _Ists_ Ihnen so? -- _Wars_ Ihnen auch wie mir? -- Doch welche
Frage! Sagen Sie, _soll_ alles dies _Traum_ seyn, und nicht mehr?

Imada. Es kmmt darauf an, wie Sie zufrieden sind mit diesem Traum.

Florentin. O dann, dann trum' ich ewig; Dann erwach ich in dieser Welt
nicht wieder; dann lege man mit meinem Traum mich in das Grab, ich werde
den Himmel nicht vermissen.

Imada. Schwrmer!

Florentin. Dann geb ich mein ganzes Leben, und noch zehn Leben, wie das
meinige, dazu fr solchen Traum. Gute Nacht, Vergangenheit -- (er sezt die
Schaale an den Mund) Imada, ich trinke Vergessenheit! -- Sie knnen, wollen
mich doch schadlos halten fr das, was ich vergessen will?

Imada. Wenn ich denn auch das Wollen htte, _kann_ ich auch

Florentin. Wenns daran nur allein liegt -- -- (er trinkt.)

Imada. Auch fr _Louisen_ schadlos?

Florentin, (mit Schwrmerei) Sie _sind_ Louise; nein, _mehr_, als Louise!

Imada. Und -- fr _Holdern_?

Florentin. (lt bestrzt die Hand mit der Schaale sinken) Gott im Himmel!
was ist das? -- Wie kommen Sie zur Kenntni aller derer, die meinem Herzen
am nchsten wohnen? -- Sie sind mit mir, mit meinen schnsten Geheimnissen
vertraut, wie ich es bin. O Imada, izt wird die schne Tuschung mir zur
Last -- es ist mir zu viel Unbegreifliches darin -- Imada, fhlen Sie, wie
ich -- Imada, wenn Sie mich nur ein wenig lieben: so zerreissen Sie den
Schleier, welcher mir vor den Dingen dieser sonderbaren Nacht hngt. --

Imada. (lchelnd) Sie sind des Traums so frh schon satt und mde? wollen
Sie so _bald_, so _gern_ erwachen?

Florentin. Nur _Sie_ nicht mit dem Traum verlieren. (Indem er ihre Hand
ergreift und sie an seine Lippen drckt) So schn -- so schn bin ich noch
nie gefoltert worden!

Imada. Noch nie? Ich dchte doch, vor alten. Zeiten schon einmal.

Florentin. Noch nie!

Imada. (lchelnd) Besinnen Sie sich nur, _Vinzenz_!

Florentin. (lt erschrocken ihre Hand fahren) Was war das? Imada, noch
einmal -- wie nannten Sie mich da?

Imada. Ist Ihnen in diesem Traum Ihr eigner Name fremd geworden? --
_Vinzenz_!

Florentin. (nachlallend) _Vinzenz_! -- Jezt sind die Rthsel mir gelst. So
streckt sich euer Arm durch alle Jahrhunderte hinab, ihr sonderbaren
Weltregierer! Imada -- mein Traum ist hin -- nun alles hin! -- Ach Gott, so
werd' ich gttlich noch belohnt -- Imada, eine goldne Hoffnung geht mir
auf; die Macht, die uns zusammenfhrte, kann noch mehr. Ich glaub an ihre
Wunder. -- Verzeihn Sie, ich rede etwas verwirrt --

Imada. Und doch versteh ich Sie.

Florentin. Verstehen Sie auch das, was ich _nicht_ sage, was mein Herz nur
im Geheimen sich von Ihnen plaudert?

Imada. (verwirrt) Von mir?

Florentin. Kann izt mein Herz von etwas anderm plaudern? --

Imada. Die Antwort -- auf ein andermal.

_Florentin_ hatte eine Wiederholung seiner Frage auf den Lippen -- er
ergriff _Imada's_ Hand -- und die Sonnen verschwanden von oben -- die alte
Finsterni war zurckgekehrt.

Folgen Sie mir nur nach! flsterte _Imada_, indem sie ihm an der Hand mit
sich fhrte.

Er ging. Der Weg fhrte durch eitel Nacht, Trepp auf, Trepp ab, bis zu
einem schmalen Gang.

Gehn Sie nur getrost voran, lispelte _Imada_, und wollte sich von seiner
Hand losmachen, weil zwei Personen neben einander nicht gehen konnten. --
Sie blieben stehn. -- Ein leiser Ku streifte ber _Florentins_ Wange.
Still! flsterte _Imada_, und sie gingen weiter.

_Florentins_ Herz befand sich in einem Gedrnge wunderbarer Empfindungen.
Er war glcklich -- so glcklich, da er htte laut aufjubeln mgen, und
doch -- unterdrckte er alles. Seine Hand zitterte ihm in _Imada's_ Hand.

Der Weg erweiterte sich -- einige Zimmersonnen strahlten urplzlich herab
-- _Florentin_ stand still, und fand an seiner Hand -- _einen schwarzen
Bruder_.




Funfzehntes Kapitel.
Die schwarzen Brder.


In einem groen ovalen Saal, dessen schimmernde Gewlbdecke sich auf hohen
Marmorsulen lehnte, mit goldnen Kapiteelen und Reifen mit goldnen
Eichblattkrnzen geschmckt, stand der Verzauberte. In der Ferne erhob sich
ein fnf Stufen hoher Thron, beschirmt von einem goldgestickten Baldachin,
umringt von einer Versammlung ernster Mnner, smmtlich schwarz gekleidet
und dennoch kostbar.

Und auf dem Throne sas -- _Duur_ glaubte versinken zu mssen im Erstaunen
-- sas _Holder_, in kniglicher Pracht, still und schweigend, wie ein Bild
-- _Holder_, welchen er nirgends anders, als auf _Idalla_'s schner Insel
whnte.

Julius! _Regent Julius!_ rief _Duur_. Alle Gesichter wandten sich um zu
dem Bestrzten. Zwei aus der Versammlung traten ihm entgegen, hingen ihm
einen langen schwarzen, mit Silber und Perlen kstlich geschmckten Mantel
um, und fhrten ihn in feierlicher Stille zum Thron hinauf, wo er sich
neben _Julius_ zu setzen genthigt ward.

Er ergriff die Hand seines Freundes; ein leiser Gegendruck verkndigte ihm:
du hast dich nicht geirrt! -- Still und horchend, mit einem bangen
Wohlgefallen, sah _Florentin_ vor sich hinab auf die feierliche
Versammlung, die den Thron umringte, und aus deren Mitte nach einer Weile
ein Greis hervortrath. Dieser verneigte sich dreimal vor den Mnnern des
achtzehnten Jahrhunderts, und sprach mit der Wrde, welche seinem Alter
eigen war, mit dem Feuer eines Jnglings, folgende Worte:

Seid uns willkommen, Ihr wunderbaren Shne der Vorwelt, deren endlichen
Erscheinung auch wir mit Zweifeln entgegensahn. Es ist keine Tuschung; wir
haben Euch in unsrer Mitte; die ehrwrdigen Orakel unsrer Vorwelt logen
nicht, und Ihr habt das sonderbarste Unternehmen, welches jemals der
menschliche Geist ausbrten konnte, mit bewundernswrdiger Khnheit
begonnen und mit noch bewundernswrdigerm Glck vollendet. Die Mglichkeit
ist in der Natur nun erwiesen, die geizige Zeit um ihre Jahrhunderte zu
betrgen und Vorwelt und Nachwelt auf eine seltsame Weise in Verbindung zu
bringen.

Seid uns willkommen, Shne, des achtzehnten Jahrhunderts, Ihr einzigen und
ersten Menschen Eurer Art, nehmt von uns im Namen der Brder dieses
Zeitalters, im Namen der Menschheit den Dank fr Eure groe That an. So
weit die Krfte der Sterblichen reichen, sollen Eure Wnsche erfllt
werden, um Euch die berstandne Gefahr zu versen; Ihr sollt nur fodern,
wir wollen erfllen; Ihr seid, Fremdlinge, Gste dieses Jahrhunderts.

Wir entlassen Euch hiemit feierlich Eurer Pflicht und Arbeiten fr den
Orden -- fr Euch sey izt die Zeit der Ruhe.

Freilich habt Ihr nun das vollkommenste Recht zu der Frage: was hat die
Menschheit im Allgemeinen seit einem halben Jahrtausend gewonnen? Ist sie
glcklicher geworden, als sie es sonst war? Finden wir der Thrnen weniger
unterm Monde, der Freuden mehr?

Ach, da ich mit gutem Gewissen ein herzliches _Ja_! erwiedern knnte --
aber -- -- -- das Loos der Menschheit ist und bleibt durch alle Weltalter,
in allen Graden der Cultur, unter allen Zonen immer dasselbe, und
verwandelt sich nicht; Lust und Jammer bleiben die ewigen Gefhrten der
Menschheit, und auch ber sechstausend Jahren werden keine Rosen wachsen
ohne Dornen.

Wahr ists, Knste und Wissenschaften sind seit fnfhundert Jahren zu einer
Hhe emporgestiegen, welche unsern Vorfahren gewi ungedenkbar seyn mute;
eine ungeheure Zahl von Entdeckungen und Erfindungen in allen Gebieten der
Erkenntni hat die Summe unsers Wissens so vermehrt, da izt das Erlernen
einer einzigen Wissenschaft hinreichend ist, einen Menschen durch sein
ganzes Leben zu beschftigen, da vor einem halben Jahrtausend ein Gelehrter
noch im Besitz vieler Wissenschaften seyn, und sie alle grndlich studirt
haben konnte; wahr ists, Cultur, Aufklrung, Wissenschaftsliebe ist nicht
mehr, wie sonst, das Eigenthum einiger Nationen; _Deutschland, Frankreich,
England, Schweiz, Batavien_ sind nicht mehr die alleinglnzenden Gestirne,
welche Europa und die brigen Welttheile erleuchten, sondern _Amerika_ und
_Ostindien_, selbst _Australien_ haben ihre Staaten, ihre Gelehrte, welche
mit uns um den Vorrang wetteifern, ber den verwehten Pyramiden _Aegyptens_
sind izt Schulen der Philosophie errichtet, aus welchen groe Mnner
hervorgingen, deren Einflu das barbarische Afrika und Asien ehrt; und jene
Frstenthmer und Republiken, welche man sonst unter dem Namen der
Russischen Monarchie begriff, wo sonst Bren und Wlfe durch die Wlder
heulten, und Unwissenheit und Aberglaube nisteten unter den Zellen und
Hirnschdeln der Pfaffen, sehen izt mit Stolz auf die traurige
Vergangenheit zurck. Allein was ist damit fr die Glckseligkeit und
Zufriedenheit der Sterblichen gewonnen? Nichts. Denn wenn wir auch _Engel_
wrden dem _Geiste nach_, so bleiben wir doch immer elende, gebrechliche,
leidende Wesen durch den Einflu der _Sinnlichkeit_. Sinnlichkeit ist die
unverwstliche Kette, welche uns _ewiglich_ mit Unvollkommenheit und Elend
verbindet!

Vor Zeiten glaubte man, und es war ein verzeihungswrdiger Glaube, da die
Art der Regierungsformen keinen geringen Einflu auf das Glck, auf die
Zufriedenheit der Nationen habe. Es gab eine Zeit, wo man begierig wnschte
alle Monarchien in _Republiken_ zu verwandeln, und selbst unser Orden,
benebelt von dem Rausche seines Jahrhunderts, neigte sich zu jenem
Wunsche.

Allein die Erfahrung hat uns endlich gelehrt, da nicht die _Art_, sondern
die _Beschaffenheit_ der Regierungsformen die Aufmerksamkeit der Vlker
verdiene; wir hrten Republiken seufzen unterm Despotismus ihrer
Gesetzgeber, wir sahen monarchische Staaten Freudenthrnen weinen ihren
Knigen. Die Erfahrung hat uns gelehrt, da nicht Liebe und Achtung fr die
Menschheit, sondern Egoismus und Stolz, die Stifter und Zerstrer gewisser
Regierungsformen beseelten; das Wohl der Sterblichen war nur Deckmantel
ihrer mrderischen Plne, der Epheu ihres vergifteten Weins. -- Ehrgeiz und
Habsucht der Groen waren die Eltern der Monarchien, Geldgeiz und
Bettelstolz des Pbels die Urquelle des Republikanismus.

Die Erfahrung hat uns gelehrt, da so lange die Erde um die Sonne tanzt,
und tanzen wird, selbst die besten und weisesten Menschen die _Thorheit_
als ihr _Schooskindchen_ pflegen und hegen. Die Frsten raffiniren noch
immer izt, wie sonst, auf Vergrerung ihrer Macht, auf Ausdehnung ihrer
Reichsgrnzen. Die blutigsten Kriege werden noch immer _dieser_ unedeln
Maxime willen gefhrt, aber doch heit es: es geschehe alles _zum Besten
des Volks_; man sezt die _Vaterlandsliebe_ der Unterthanen fr die Grillen
ihrer Beherrscher in Contribution, ungeachtet das Volk keine _Minute an
Freude_ mehr dadurch gewinnt, wenn sein Regent eine Provinz mehr in seinem
Titel trgt. -- Welteroberungstrume waren von jeher eine Erbsnde der
monarchischen und republikanischen Regenten; man unterjochte sich Land auf
Land, bis der Krper des Staats zu einem Ungeheuer anschwoll und in eine
Menge kleinerer Reiche auseinanderfiel. Dann begannen diese kleinern
Staaten das alte Spiel von neuem, arbeiteten sich wieder zu einer gewissen
Grsse hinan, und strzten wieder auseinander. Was ist izt noch von der
alten persischen, rmischen, frnkischen, oder russischen
Allgemeinherrschaft brig? -- kaum ein _matter Schatten_ in den Bchern der
Weltgeschichte -- der _Name_! -- Dafr wurden tausend gute Menschen, die
sich ihres Daseyns auf Erden weit lnger erfreuen konnten, hingeschlachtet?
Dafr wurden tausend Familien in Elend gejagt? Dafr wurden die ruhigen
Wohnungen glcklicher, stiller Brger und Bauern mit Feuerkugeln, Bomben
und Pechkrnzen in Aschenhgel verwandelt -- dafr die zahllosen Thrnen
und Blutstropfen vergossen?

Ach, es ist bitter, sich an alles dies zu erinnern -- zu bersehen das
groe Jammerfeld des menschlichen Elendes und dabei zu fhlen, da man zu
ohnmchtig sei, um zu ndern, zu bessern, zu helfen. Es ist bitter daran zu
denken, da doch am Ende niemals das gute Herz und die veredelte Vernunft,
sondern List und Gewalt und die aufgewiegelte Leidenschaft im Kampfe
obsiegten; da wir in fnf Jahrhunderten, mit fnfhundertjhrigem Fleis nur
immer wenig zur Genesung der Sterblichen beitrugen. Wir ersparen mit aller
unsrer Arbeit hchstens der allesheilenden Zeit einige Mhe; wir stillen am
Krper der menschlichen Gesellschaft einige blutende Wunden frher, knnen
aber nicht verhindern, da immer neue geschlagen werden!

Was frommt also unser Dichten und Trachten, unser Ringen und Streben? --
_eitel wenig_! und der Salomonismus hrt auf fr eine melancholische
Schwrmerei zu gelten, wenn man sich diesen Betrachtungen weiter berlt.

Fr Euch, Ihr edeln Shne des achtzehnten Jahrhunderts, _Julius_ und
_Vinzenz_! die Ihr Euer Zeitalter freiwillig verliesset, um ein
glcklicheres aufzusuchen, mu diese Nachricht, welche ihr von uns
empfanget, wenig trstend seyn, da sie Euern schnen Traum von einer frohen
Nachwelt unwiederbringlich zerstrt. Allein Ihr seid _Mnner_ -- wir geben
Euch den herben Trank der Wahrheit, wie er ist, und wollen ihn nicht mit
dem Honig der Lge verzuckern.

Wir sind _vollkommner_ und _elender_ geworden; wir haben tausend _neue
Erfindungen_ gemacht, und tausend _neue Rthsel_ in der Natur gefunden; wir
haben neue _Wissenschaften, Lehrstze und Wahrheiten_, aber auch eben so
viel _neue Irrthmer_; wir haben unzhlige _neue Produkte_ der edeln und
unedeln Knste, aber auch eben so viel _neue Bedrfnisse_; wir haben viele
_sonst unbekannte Speisen_ und _Getrnke_ und _Bequemlichkeiten_, aber auch
viele _sonst unbekannte Krankheiten_ -- seht, dies ist alles, was wir Euch
ber die Fortschritte der Menschheit sagen knnen.

Seyd glcklich, Ihr Beide, so sehr Ihrs nach der Disposition Eures Krpers
und Geistes seyn knnet. An uns soll es nicht liegen, wenn Eure Wnsche
nicht erfllt werden.

So sprach der ehrwrdige _Redner_, und schwieg. Eine tiefe, schwermthige
Stille folgte seinen Worten.

_Vinzenz_ und _Julius_ verliessen ihren Thron und mischten sich unter die
Versammelten. Gern htte Florentin tausend Fragen an Holdern gethan, aber
theils war dieser von vielen andern Fragern umringt, theils hatte er selbst
fr sich genug den neugierigen Schwarzen zu beantworten. -- Die Becher
wurden mit Wein gefllt; alles berlie sich der Freude, und Florentinen
erstarben allmhlig die Gegenstnde dieser Versammlung, wie die Bilder
eines Traums.

Er erwachte von einem festen, tiefen Schlafe. Die Sonne stand hoch am
Himmel und schien warm durch die Zweige der Jelngerjelieberlaube, wo
Freund _Josselin_, auf die Rasenbank hingeworfen, noch ruhig
fortschlummerte.

Florentin rieb sich die Augen, und sah sich wild um. --

Was ist das? rief er: hab' ich wirklich nur getrumt, oder war dies eine
Spielerei der schwarzen Brder?

Josselin schnarchte, und lies sich nicht sthren. He Josselin! Josselin!

Josselin erwachte; er sah sich bestrzt um; Nun, wahrhaftig! fing er
lchelnd an: wir knnen doch in der Welt noch fr _Schlfer_ gelten!

Und zur Noth auch fr _Trumer_!

Auch das, wenn Du willst.

Aber ich sehe nicht ein warum die Schwarzen mit mir den Scherz trieben?

Nothwendig war es freilich nicht -- aber man wollte Dir wahrscheinlich
beweisen, da man im drei und zwanzigsten Jahrhundert sich noch eben so gut
auf Sinnenspiel und Gaukelei verstnde, als vor fnf Jahrhunderten.

Und wahrhaftig man hat es in der Kunst sehr weit gebracht.




Sechzehntes Kapitel.
Dialog. Aufklrungen.


In diesem Augenblick erschien ein _Bedienter_, welcher ungerufen ein
willkommnes Frhstck brachte; bald nach ihm meldete ein andrer, da der
Edle von Gobby mit seiner Gesellschaft binnen einer Stunde eintreffen
wrde.

_Florentin_ sa still vor sich da, mit seinem Geiste bei den Abentheuern
dieser Nacht, -- beschftigt mit _Holder_ -- mit _Imada_.

Josselin. Wie gefiel Dir der Inhalt Deines Traums?

Florentin. Verschieden, wie er selber war; ich mu gestehn, er hatte viel
Zauberartiges und Du erwiesest mir einen Gefallen, wenn Du mir die Magie
der schwarzen Brder enthlltest.

Josselin. Eine gute Unterhaltung beim Frhstck. Der Commendant _Silberot_,
selbst ein Schwarzer, war der erste, welcher Deine Erscheinung dem Orden
bekannt machte, die anfangs wenig Glauben fand. Dein Bedienter, der Gondler
_Matthias_, verrieth dem Commendanten _Holders_ Aufenthalt und
Verhltnisse; auch dies erfuhr der Bund, und es wurde sogleich eine
Gesandschaft und Einladung an _Holdern_ abgeschickt. Dein Abentheuer im
Walde mit der schnen Nichte des Grafen von _Gabonne_ kam auf eben diese
Weise zu unsrer Kenntni. _Gobby_, ein vertrauter Freund desselben, meldete
ihm die Erscheinung eines Mannes aus dem achtzehnten Jahrhundert, bat ihn
mit _Imada_ zu sich, und alles ging nach Wunsch. _Gabonne_, _Imada_ und
_Holder_ kamen; die Versammlung der schwarzen Brder ward berufen und ich
gab Dir den Schlaftrunk, der Dich zwei Stunden ums Bewutseyn brachte. --
Man hatte es einmal beschlossen, Dich mit Wundern zu berraschen, folglich
gehorcht' ich.

Florentin. Und _Holder_ ward nicht in die Zaubereien verwickelt?

Josselin. Nein; er hat drei Tage mit den Obern der schwarzen Brder
conferirt; gestern eilte auch _Gobby_ und die andre Gesellschaft zu ihm.
Ich hab' ihn diese Nacht gesprochen. Es ist ein usserst intressanter Mann.
-- Bruder, ich reise mit Dir nach _Idallas_ Insel -- ich will meine brigen
Tage bei Euch vertrumen in einer himmlischen Zufriedenheit.

Florentin. Nun wird mirs schon licht! wohin bin ich in dieser Nacht
gebracht worden?

Josselin. Eine halbe Meile von hier, auf das Landgut eines Edeln, und
Obern. Du schliefst in seinem Doppelzimmer, bei dessen Verwandlung Dir
_Imada_ zugefhrt ward, welche berhaupt Deine Feindin nicht zu seyn
scheint.

Florentin. Doppelzimmer? -- Du mut mich immer, als ein Kind betrachten,
welches unwissend und neugierig vor allen Kleinigkeiten stehn bleibt. Was
nennst Du ein _Doppel_zimmer?

Josselin. Wahrhaftig, ich htt' es nie geglaubt; dermaleinst noch der
Lehrer eines canellesischen Revolutionairs zu werden. -- Sieh nur, die
Landhuser unsrer Vornehmen werden so gebaut, da die eine Fassade der
Flgel, welche immer im Durchschnitt nur ein Zimmer breit sind, gen Morgen,
die andre gen Abend sieht. Gegen Morgen und Abend sind Fenster. Die Wnde
sind mit Tapeten bekleidet, welche mit leichter Mhe aufgerollt werden.
Daher kann man nun aus einem Zimmer gleichsam zwei machen; das Morgenzimmer
hat Fenstern nach Osten, das Abendzimmer Fenstern nach Westen. So wie man
an _einem_ Tage oft gern verschiedne Kleider trgt, so kann man sich auch
in ganz verschiednen Zimmern befinden, ohne einen Fu von der Stelle zu
rhren.

Florentin. Eine mir ganz neue Art des Luxus!

Josselin. Imada fhrte Dich in den grossen Saal der Brderloge, wo Dir nun
nichts Unbegreifliches gewesen seyn wird. Ich trank mit Dir zugleich einen
kleinen Schlaftrunk und wurde bei Sonnenuntergang mit Dir hiehergeschafft.

Florentin. Die Rthsel waren kurz und bndig gelst.

Josselin. Elende Spielereien, fr den vielleicht noch zu gebrauchen, der an
ihnen einen Gefallen finden kann. Fr mich sind sie ohne Reiz. Ich ziehe
mit Dir in _Holders_ und _Idallas_ Einsamkeit; ich will mich meiner Tage
freuen, so sehr ichs noch kann; die Welt, mit allen ihren Tndeleien kann
mich nicht mehr ergtzen und fesseln. La uns eilen nach _Idalla's_
romantischer Insel; da wollen wir eine freie, unabhngige Colonie grnden
und man soll sie weit und breit _die Colonie der Glcklichen_ nennen.

Florentin. Aber, lieber, bester Josselin -- -- --

Josselin. (lchelnd.) Imada?

Florentin. Kannst Du in mein Herz sehen?

Josselin. Ruhig! ich habe Lust an Sympathien zu glauben, denn in der
vergangnen Nacht sagte _Imada_, als sie Dich verlassen hatte, zu ihrem
Oheim: _Vinzenz_ glaubte in Elysium zu seyn, und mir wars beinah auch so!

Florentin. (indem er Josselin feurig umarmt.) Josselin! Josselin! dann hin
nach Idallas Insel, um ein Gtterleben und die Colonie der Glcklichen zu
beginnen, deren Patriarchen wir seyn wollen!




Dritter Abschnitt.





Erstes Kapitel.
Nur Einleitung.


Mit Schchternheit und Sehnsucht erwartete _Duur_ die Ankunft der
Gesellschaft. Er zitterte, die schne _Imada_ wieder zu sehn; noch mehr
aber vor seinen verwegnen Wnschen.

Die Stunde schlug; hoch wirbelten die Staubwolken daher vom Wege, welcher
sich aus dem Walde hervorzog; die nahen Bachbrcken drhnten unterm Huf der
Rosse; man hielt still und die frhliche Gesellschaft umringte in wengen
Augenblicken unsern Abentheurer.

Auch _Holder_ und _Imada_ waren da; _Imada_, deren Blick sich durch das
bunte Gewhl der Versammelten zu ihm herberstahl. _Holder_, welcher seinen
Freund hier mit zrtlichem Enthusiasmus umarmte.

_Duur_ nherte sich _Gabonnens_ schner Nichte; wie ein Gefhl von Schaam
und Verlangen prete es ihm das Herz, rthete es seine Wangen. _Josselin_
hing an _Rosaliens_ Arm.

So wollen wir die _Colonie der Glcklichen_ grnden! rief _Josselin_
lchelnd seinem Freunde zu, indem sie in das Haus traten.

Seit Florentin sich in der neuen Welt umhertummelte, hatte er fr Herz und
Geist nicht so anhaltende Schwelgerei gefunden. Es blhte alles um ihn her,
wie ein Paradies; alles wollte sich zu seiner Seligkeit vereinen. _Gobby's_
ernste Weisheit, verbunden mit der liebenswrdigsten Laune, _Silberots_
deutsche Biederkeit, _Holders_ stille Selbstzufriedenheit, _Josselins_
grell abwechselnde Melancholie und Frohsinn, _Rosaliens_ tndelnder
Muthwille, _Imada_'s Schchternheit und Liebe bildeten den schnsten
Kontrast von Karakteren, in deren Gesellschaft man gern auf Erden den
Himmel vergessen htte.

_Duur_ berzeugte sich bald, da _Imada's_ Wnsche mit den seinigen in
geheimer Eintracht lebten, da er unter allen Mnnern dieser Gesellschaft
der einzige sey, auf welchen _Imada's_ Augen mit entschiednem Wohlgefallen
ruhten; er hatte ihr seine Empfindungen auf mannigfache Weise kund gethan,
ohne _einmal_ das Wrtchen Liebe ihr zu nennen; errthend hatte sie ihm bei
den auffallenderen Gestndnissen die Hand gedrckt -- und doch wars ihm
immer, als fehle zu seiner vollendeten Seligkeit etwas; als mischte sich
ein fremdes Wesen zwischen ihm und _Imada_ mitten in ihren vertraulichsten
Unterhaltungen.

Seine Ahndung betrog ihn nicht. Er fhlte immer mehr, da seine Besorgnisse
gegrndet seyn muten. Begierig sprte er allen Gelegenheiten nach, um sich
_Imada_ ganz zu entdecken und ihr ein offenherziges Gestndni ber ihr
Herz zu entlocken.

Zehnmal des Tages fand er die Gelegenheit, aber niemals wagte er sie zu
benutzen. Schchtern wich er von seinem Vorsatz zurck, wenn er seiner
Erfllung am nchsten stand.

So verstrich ein Tag nach dem andern. Es wurden allmhlig von allen Seiten
Anstalten zur Abreise getroffen. Florentin bemerkte dies und verlor seine
Heiterkeit.

Mde, sich mit den ewigen Zweifeln und Besorgnissen zu qulen, entschlo er
sich endlich, am lezten Abend vor der Abreise den entscheidenden Gang zu
wagen; er machte sich selber wegen seiner kindischen Zaghaftigkeit die
heftigsten Vorwrfe, und niemand hatte auch wichtigere Ursachen dazu, als
er, der in den Fehden und Irrgngen der Liebe kein Neuling war.




Zweites Kapitel.
Verzweiflung.


ES war ein prchtiger Abend; frisch duftete das Grn der Gebsche und
Halmen rings umher; die Lerchen wirbelten ihr leztes Lied der
halbversunknen Sonne nach, und die Wipfel der Bume strahlten in feuriger
Verklrung des Abendroths.

_Imada_ sas im Garten am Teiche.

Ein wildes Pflaumengebsch, durchwachsen vom freundlichen Epheu, hatte sich
um und ber dem schnen Weibe zu einer natrlichen Laube gebildet; zu Fen
pltscherten die kleinen Wellen am Blumenufer, und spielten die Fische
sorglos ihr Spiel. -- Buchfinken und Meisen sangen von allen Zweigen herab;
Schmetterlinge verfolgten sich in weiten tndelnden Ringen umher, und im
tiefsten Dunkel eines alten Nubaums girrte ein Turteltaubenpaar.

_Imada_ sas in sich selbst geschmiegt, tief in Betrachtungen verloren da,
die weissen Arme nachlssig auf den blumigten Rasen hingeworfen, die Augen
unverwandt auf die schimmernden Furchen des Wassers.

_Florentin_ sah sie -- kaum hundert Schritt stand er entfernt von ihr. Es
war ihm vor den Augen, wie ein prchtiges Sommerstck von _West_. Sein Odem
verengte sich; er htte die schne _Imada_, umgeben von allen Schnheiten
der lndlichen Natur, hinzeichnen mgen auf ein Blatt zum ewigen Andenken
dieser kostbaren Minute.

Er ging einige Schritte vor. Die Sonne verlor sich hinter dem Hgel;
_Imada_ schlug die Augen auf.

Duur! rief sie mit einer sanften Stimme, die Lwen und Tyger gebndigt
htte.

_Duur_ stand dicht vor ihr.

Wo schwrmen Sie umher, Schmetterling? fragte _Imada_ und reichte ihm
lchelnd die Hand.

Ich schwrmte nach meiner Lieblingsblume und fand sie nicht.

Hat ein Schmetterling auch eine _Lieblingsblume_? -- mir ists, als nascht
der Luftprinz gern von _allen_.

Von _allen_, wenn er _naschen_ will; von _einer_, wenn er _geniessen_,
_schwelgen_ will.

Schmetterlinge knnen nur _naschen_.

Dann bin ich kein Schmetterling -- ich sehne mich nach einem _bleibenden_
Genu.

Man sagt, dies sey nicht _Mnnerart_. -- Sie werden doch nun nicht
behaupten: dann bin ich kein Mann?

Wenn die Mnner _Schmetterlingsnatur_ haben, so liegt die Schuld an den
Weibern und ihrer _Blumennatur_, die sich _jedem_ ffnet, und _keinen_
verstt.

Wir sind das schwchere Geschlecht -- die armen Blumen _mssen_ ja wohl
geduldig jeden Ruber leiden.

_Das ist_ eben das Unglck der Mnner!

Sie werden boshaft.

Gewi nicht. Gestehen Sie nur ein, da wir so wenig Aehnlichkeit mit den
Schmetterlingen, als die Damen mit den Blumen haben.

Das lezte gern, das erste nie.

Wohlan, ich schwrmte nach meiner Lieblingsblume -- und nun hab ich sie
gefunden -- nun bleib ich -- hier! (indem er ihre Hand an seine Lippen
drckt.) hier!

Ob wohl auch die Blume gewinnt, wenn der Schmetterling wirklich bei ihr
bleibt und an ihren Zweigen sein Wohnhaus zusammenspinnt? Was wird aus dem
schnen, kosenden Liebhaber? -- eine hliche, giftige Raupe -- ich wollte
sagen, -- ein Ehemann.

Wer hat _nun_ Ursach, ber _Bosheit_ zu klagen?

Ach wie _manche_ Blume hat schon mit Entsetzen die Verwandlung ihres
Liebhabers erlebt!

Imada! -- Bosheit um Bosheit, so wnsch' ich Ihnen nie einen treuen
Freund, einen treuen Liebhaber!

Der Wunsch kann leicht erfllt werden; weil treue Freunde und treue
Liebhaber ohnedem zu den Seltenheiten unterm Monde gehren?

Salomonisiren Sie auch schon?

Nichts weniger, als dies. Und doch mchte manche Blume ihren
Favoritschmetterling gern aufnehmen und beherbergen, wenn sie gleich
vorausshe, da er dereinst ihr Mrder werden wrde, denn es soll ja ss
seyn, zu sterben von geliebter Hand -- aber wie, wenn sich nun ein
hlicher Nachtvogel bei ihr einnistet, und sie wider ihren Willen seine
Beute wird? --

Wenn mir ein Nachtvogel meine Blume stehlen wollte, bei Gott, so
verwandelt' ich mich aus dem Schmetterling in eine Wespe.

Das war eine lcherliche Hyperbel! -- Kann der Schmetterling seine Natur
vertauschen? Sie wrden traurig umherflattern und sich ein andres Blmchen
suchen.

Das knnt' ich nicht; bei Gott das knnt' ich nicht! -- Zum Beispiel --
liebe, theure Imada -- zum Beispiel -- Sie, _Sie_ wren meine
Lieblingsblume -- -- --?

So wrden Sie ein fremdes Eigenthum verletzen.

Fremdes Eigenthum? stammelte _Florentin_ und wurde todtenblas.

Was fehlt Ihnen, Duur? Sie verwandeln die Farbe? fragte _Imada_, und
schlo mit zrtlicher Bekmmerni seine kalte Hand in die ihre: Reden Sie
doch! was fehlt Ihnen?

O, fragen Sie mich nicht! -- Es fehlt mir alles! Imada -- liebe, einzige
Imada -- fremdes Eigenthum, _Sie_?

Bekmmert Sie _das so sehr_?

O mein Gott, wie sollts nicht! -- Imada, war das Ernst? -- Imada! Gehren
Sie schon einem andern an?

Ja.

Entsetzlich! -- dies Ja schlgt meine Hoffnungen auf immer zernichtet zu
Boden, und stt mich aus dem Paradiese, wo ich schon so sicher zu wohnen
glaubte.

Das Mdchen sah ihn lange und schweigend an; sah den Sturm seiner Seele
sich wiedermalen in dem dstern Spiel seiner Mienen und Blicke, sah wie er
so gern sich verstellen, wie seine Lippe so gern Entschuldigungen seines
sonderbaren Betragens hervorbringen wollte, aber nicht einen Laut ertnen
lie. --

Das ist entsetzlich! rief er endlich mit beklemmter Brust, und seine
Augen funkelten feucht.

_Imada_ zitterte neben ihm. Unwillkhrlich drckte sie seine Hand fester an
sich, unwillkhrlich strzte eine Thrne aus ihren schnen Augen ber die
Wange herab.

Was soll ichs Ihnen verheelen, sagte _Florentin_ nach einer langen Pause
mit verhaltner Wehmuth: was soll ichs Ihnen verheelen, Imada, da ich --
Sie unaussprechlich liebgewonnen habe? warum soll ichs Ihnen nicht gestehn,
da ich mir eine goldne Zukunft durch Ihre Gegenliebe vorschmeichelte? --
Ach, ja, Imada, Sie -- Sie waren mein lezter Wunsch in dieser Welt, weiter
hatt' ich keinen, dann htt' ich ruhig Grab und Tod erwartet. -- Morgen
reisen Sie ab -- morgen will ich auch zurck von der Welt, und mich
flchten in _Holders_ Einsiedelei -- -- -- O, Imada, was haben Sie aus mir
gemacht!

Lieber Duur -- beruhigen Sie sich. Ich htte geglaubt, Sie wren mehr
_Mann_. Ich habe gehrt, Sie sollen schon der Leiden so viel getragen
haben, -- wie, und Sie sind noch so schwach, so hinfllig?

Eben darum. Ich bin ein junger Baum, den alle Strme, alle Ungewitter zu
ihrem schadenfrohen Spiel erwhlt haben. Meine Blte ist verwstet; ich bin
zerrissen, zerschmettert; wie soll ich noch _stehn_ knnen, unter einem
neuen Sturm.

Was gb' ich darum, Sie zu beruhigen!

Sie _knnen_ nichts geben; Sie _haben_ nichts, mir zu geben -- Sie sind
fremdes Eigenthum!

Wrd' es zu Ihrem Troste beitragen, wenn ich Ihnen gestnde, da ich Ihnen
herzlich -- herzlich gut sey? -- Ihnen hold ward beim ersten Anblick, als
ich Sie im Walde traf?

Das ist ein matter Abendschein auf zerknickte Saaten, die ein schwarzes
Hagelwetter zu Boden schlug. Dies Abendlicht richtet die hingeworfnen
Saaten nicht wieder auf, sondern macht hchstens durch seine Erleuchtung
das Bild der Verwstung noch lebhafter. -- Nein, Imada, lassen Sie mich! --
Es ist so gut! ich bin es schon gewohnt, da immer meine theuersten Wnsche
vernichtet wurden auf eine schreckliche Weise.

Aber, so -- in dieser Stimmung lass' ich Sie nicht von mir! Sie mssen
wieder heitrer werden. Sehn Sie mich an -- lcheln Sie einmal! -- Nein, so
mit dem starren Blick, mit der finstern Stirn sind Sie gar nicht hbsch. --
Weg mit den Falten hier! --

O Imada, Ihre Freundlichkeit ist grausam!

Warum lernten wir uns nicht frher kennen?

O warum muten wir uns jemals kennen lernen?

Ein neues Stillschweigen trat ein. _Imada_ schien mit Wehmuth und
heimlichem Vergngen den Kummer des Unglcklichen in seinem Gesicht zu
studiren.

Mit heimlichen Vergngen? Nun warum nicht? Welcher Feldherr zhlt nicht mit
_Vergngen_ auf dem gewonnenem Schlachtfelde die _Leichen seiner Feinde_,
sieht nicht mit heimlicher Wollust vor sich auflodern die feindlichen
Stdte unter den wirksamen Feuerkugeln, -- und _doch_ mag ihm das Herz
bluten. -- Welches Mdchen, welches Weib sieht nicht mit Lust auf die
verheerenden Siege, welches seine Schnheit erwirbt, selbst dann, wann es
die Siege nicht geniessen darf. Denn Weibern ist es genug, _gesiegt zu
haben_; die liebe Eitelkeit ist mit dem Opfer zufrieden und der Stolz
fodert nicht _mehr_ noch.

Ich sehe -- meine _Leserinnen_ -- Sie werden bse; ich lese den Wunsch in
Ihrer Seele, da Sie mich wohl mit eben den Waffen strafen mchten, die ich
izt schalt. -- Aber wahrhaftig, ich htte diesen gelegentlichen Ausfall
nicht gewagt, wenn ich vor Ihnen Allen nicht viel zu sicher wre. -- Ein
Greis, der beinah siebzig Jahre zhlt, und des Morgens sein Haupthaar, ohne
Puder, weisser, als das Haar manches Stutzers, findet -- der _frchtet_
sich nicht mehr vor schnen Augen, den _locken_ nicht mehr blhnde Wangen,
den fhrt kein strmischer Busen _irre_. -- Welche Rache wollen Sie nun an
mir nehmen?

Es ist nicht artig, sagen die _Kunstrichter_, wenn ein Erzhler mitten im
Text abbricht, und mit seinen Lesern von sich und ihnen spricht. Es ist
eben so wenig fein, als wenn ein Prediger mitten in seinem Eifer wider die
eitle Lust der Welt seinen Kragen in Ordnung zupft und den Locken eine
bessre Richtung giebt.

Also still!

Unterdessen, da wir hier mit einander schwazten, hatten _Florentin_ und
_Imada_ ebenfalls nicht geschwiegen. Inzwischen was sie gesprochen haben,
wei ich wirklich nicht; nur izt, da wir sie wieder ansehn und anhren
wollen, finden wir sie nicht mehr in der vorigen Lage, auf dem moosigten
Erdboden sitzen, sondern sie _stehn_ -- und das sonderbarste ist, sie stehn
so, wie ich ebenfalls in meinen jngern Jahren oft gestanden _habe_, und
mancher meiner Leser vielleicht in diesem Moment um alles in der Welt gern
stehen _mchte_. -- Nmlich? -- Arm in Arm verschlungen, Aug in Auge
gesenkt, Mund an Mund gepret -- das heit mit einem Worte: _kssend_. --

Wie sie zu dieser wirklich unvermutheten Stellung in allmhligen
Uebergngen des Gesprchs gekommen seyn mgen, wei ich selber nicht. An
alle dem sind unsre episodischen, unzeitigen Plappereien Schuld gewesen.
Knftig wollen wir uns besser in Acht nehmen.

Also: _kssend_ -- --

Und nun ists gewi? sagte _Imada_, indem sie den _Traurigfrohen_ sanft
zurckdrngte.

Gewi! ich komme zu Ihnen nach Mont-Rousseau, und zwar zu Ihrem
Vermhlungsfeste, und wenn mich der Schmerz beim Anblick des Glcklichen
tdten sollte. -- Ich _komme_!

Das soll mir die reinste, entscheidendste Probe Ihrer Freundschaft seyn.
-- Mein Vermhlungstag ist der _erste September_!

Gott, so bald?

Schon wieder der alte Ton? -- Mit einem Worte, Sie kommen. Dann wird doch
der unglckselige Tag _eine_ Freude fr mich haben, und die ist -- Sie zu
sehn. O, Duur, lieber Duur -- ich htte Sie nicht so sehr liebgewinnen
mssen, wenn meine einstige Ehe nur halbleidlich fr mich seyn sollte -- --
-- Duur, Sie lieben mich, ich Sie --, Freundschaft ist oft zur Liebe
ausgeartet, lassen Sie bei uns izt die Liebe zur _Freundschaft_ werden.

Freundschaft ist der schnsten Lebenslust erster Sprsling; der Sprsling
treibt unter glcklichen Verhltnissen weiter auf, wird _Blume_, heit
_Liebe_. -- Unsre Liebe in Freundschaft verwandeln, heit der Blume ihre
Krone abschlagen, und sie dem Sprsling hnlich machen -- ach sie wird nie
_Sprsling_ werden, sondern bleibt der _traurige Stumpf_ -- einer
zerstrten Blume.

Und auch dann noch dem, _der sie kennet_, lieb und theuer!

Wie ein Schattenri von verstorbnen Freunden!

Still davon -- wir sehn uns wieder!

Wir sehn uns wieder! rief _Duur_ mit Wehmuth und sank an _Imada's_ Herz.

Es war dunkler und khler geworden. Man vermite die _Beiden_ schon lngst
in der Gesellschaft. -- Es lie sich ein Ruspern in der Nhe hren.

Man sucht uns auf! lispelte _Imada_; und indem sie dies sagte, trat ihr
Oheim, der _Graf von Gabonne_ -- ein alter, freundlicher Krieger mit
narbenvoller Stirn und schneeweissem Haupte -- aus dem Gebsch am Teich
hervor.

_Imada_ flog ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen; sie warf sich an seinen
Hals; ihre ganze Bewegung schien dem bestrzten _Duur_ Ausbruch eines
verhaltnen Entzckens, ihre Stimme ein seliges Jauchzen zu seyn.

Er rieb sich die Stirn -- diese Verwandlung hatt' er nicht erwartet; eine
solche Freude verrieth mehr, als Liebe fr den Oheim, oder Vergngen an
seinem Hieherkommen.

Weiber! wer ergrndet Euer Herz, wer studirt Eure Laune aus, wer die
Falten Eures Charakters? Niemand in der Welt, auch der erfahrenste
Menschenkenner nicht -- und Ihr selbst? -- am _allerwenigsten_! -- rief
_Duur_ mit eingem Unwillen.




Drittes Kapitel.
Sie wandern alle in ihre Heimath.


Leb wohl! und folg mir bald! rief _Holder_, indem er seinen Bruder noch
einmal in die Arme schlo und an sein redliches Herz drckte.

Leb wohl! tausend Ksse Deiner _Idalla_, und meinem _Karl_, die in der
Einsamkeit Dir entgegen seufzen. Leb wohl! Ich folge Dir bald! entgegnete
_Florentin_, dems weh und bang ums Herz ward, ungeachtet die Scheidung
nicht auf ewig gelten sollte.

_Holder_ umarmte izt den ehrwrdigen _Grafen von Gabonne_ -- und Beide,
statt einige Rhrung bei ihrer Trennung zu empfinden, und zu ussern, da
sie sich doch einander so theuer geworden waren, Beide, sag ich, brachen
statt in Thrnen, -- in ein lautes schallendes Gelchter, aus.

_Florentin_ machte ein paar groe Augen. -- Aber die Herrn liessen sich
nicht sthren, sondern lachten so herzlich und so anhaltend fort, da die
ganze Versammlung bald darauf mit einstimmte und _Florentin_, der auf keine
Weise errathen konnte, warum sich das Zwergfell dieser scheidenden Freunde
so unwillkhrlich erschtterte, geneigt ward, selbst mit zu lachen.

Er erkundigte sich endlich, mit sehr verzeihlicher Neugier, nach dem Grund
dieser unerwarteten Erscheinung, aber statt aller Antwort -- lachte man. --
Lachend stieg _Holder_ in die fr ihn bereitete Luftgondel; lachend empfahl
er sich nochmals und in einigen Minuten war er in der Luft ihren Blicken
entfhrt.

Weinend stand _Imada_ an eine Mauer gelehnt -- eben sie, die vor wenigen
Augenblicken selbst an dem Gelchter ihren grossen Antheil nahm.
Schluchzend wankte sie _Florentinen_ entgegen, schweigend kte sie ihn,
verhllte sich das Gesicht, und nahm in einer andern Montgolfiere ihren
Platz.

_Florentin_ verbi seinen Schmerz.

Am ersten September sind Sie doch bei uns? fragte sie mit einem
wehmthigen Lcheln.

Gewi! antwortete bebend _Duur_.

Das _mssen_ Sie, rief der alte _Graf von Gabonne_, indem er _Florentins_
Hand schttelte: das _mssen_ Sie mir _feierlich_ noch einmal vor dieser
ganzen lieben Gesellschaft angeloben. Es soll Ihr Schade nicht seyn; ich
will alles dran wenden, Sie vollkommen vergngt zu machen!

Ich werde erscheinen -- gewi erscheinen! antwortete _Duur_ mit
stockender Stimme.

Verlassen Sie sich auf mich! rief _Josselin_ dazwischen: ich brge fr
ihn; er trifft mit mir zugleich bei Ihnen ein!

Der Bund ward mit Kssen und Hndedrcken wechselseitig besttigt -- der
alte Graf sezte sich zu seiner reizenden Nichte -- die Gondel flog auf und
ruderte langsam und majesttisch durch die Luft hin, wie ein Schwan in den
Wellen.

So ri sich einer nach dem andern von _Gobby_ los. Der _Commendant_ und
_Rosalia_ mit ihrer Freundin, _Josselin_ und _Duur_ waren in einigen
Stunden wieder in der alten Heimath.

Wie behagte Ihnen die kleine Spazierfahrt? fragte der biedre _Commendant_
den trumenden _Duur_.

Sie war reicher an Intresse, als das ganze Leben manches Menschen!
erwiederte der Trumer, nicht um seine Meinung, sondern um eine Antwort zu
geben.




Viertes Kapitel.
Sie reisen zur Hochzeit.


_Duur_ war niedergeschlagen und so mivergngt, nach seiner Heimkunft, da
er keine kleine Lust hatte, sich in den Salomonismus einweihen zu lassen.

Er verlie ungern sein Zimmer; floh alle Gesellschaften, so sehr es
thunlich war; nachtwandelte in seinem Zimmer, trumte, schwrmte, seufzte,
klagte und zankte mit dem Schicksal, wie es seit dem achtzehnten
Jahrhundert noch immer die Sitte der unglcklichen Liebhaber war.

_Josselin_ hingegen schien seinen Trbsinn zu verlieren und seinen Vorsatz
ausfhren zu wollen, in Zukunft sich ganz dem schnen Spiel der
Sinnlichkeit zu berlassen. -- _Rosalia_ war ein reizendes Mdchen; das
wute _Josselin_, er wute auch noch mehr, da er -- von ihr geliebt wurde.

Es dauerte nicht lange: so kam es zwischen ihm und ihr zu umstndlichen
Erklrungen; der alte brave _Silberot_ hatte gegen diese Erklrungen keine
Sylbe einzuwenden, und -- eh mans sich versah, hie _Josselin_ des braven
_Commendanten_ Schwiegersohn.

_Florentin_ wnschte seinem Freunde Glck -- mit schwerem, traurigen Herzen
wnschte er Glck, freuen konnt' er sich nicht.

Damit die Lust vollkommen werde, sagte der brave _Commendant_: so soll
die Vermhlung ebenfalls am ersten September, und zwar auf dem Gute des
Grafen von _Gabonne_ vollzogen werden. _Rosalia_ und _Imada_ sind
Freundinnen; -- das giebt ein Doppelfest, eine Doppelhochzeit.

_Josselin_ und _Rosalia_ nickten freundlich und schweigend mit dem Kopf.

Damit aber, sezte _Josselin_ hinzu, indem er _Florentinens_ Hand fate:
unser lieber Freund dort heitrer sey, als ers bei uns izt ist; so werd'
ich mit ihm zu Fu nach Mont-Rousseau reisen, kreuz und quer durch
Deutschland. -- Das vertreibt die hypochondrischen Grillen. Vielleicht
finden wir unterwegs ein niedliches Mdchen, das sich nicht schmen darf,
neben _Rosalia_ und _Imada_ vor dem Altar zu stehn, das nehmen wir mit uns,
wenn _Florentin_ will -- und die Triple-Allianz ist da. Zum ersten
September treffen wir gewi in Mont-Rousseau ein.

_Rosalia_ wollte freilich bei diesem Vorschlage etwas bse seyn -- aber
dann fiel ihr Blick auf den schwermthigen _Duur_, und sie wars zufrieden.

_Florentin_ hatte _Josselinen_ selbst gebeten, mit ihm eine solche
Wanderung zu unternehmen, weil er doch, vor seinem Rckzuge nach _Holders_
Einsiedelei, die Genossen des dreiundzwanzigsten Jahrhundertes noch ein
wenig nher kennen zu lernen wnschte.

Es wurden also die besten Anstalten zu der Pilgerschaft getroffen, und --

Warum soll ich meinen Lesern vorerzhlen von den Thrnen der schnen
_Rosalia_, die sie beim Abschiede ihrem lieben _Josselin_ und _Duur_
nachweinte? -- Warum soll ich die Ksse berechnen, die wechselseitig
gegeben und genommen wurden? --

Man reiste ab.




Fnftes Kapitel.
Zuerst ins Tollhaus!


Die Reise hatte fr den Brger des achtzehnten Jahrhunderts kein gemeines
Intresse, denn, wo _Josselin_ nichts, als alltgliche Dinge, erblickte,
fand _Duur_ bewundernswrdige Neuigkeiten. Jener mute es sich daher oft
gefallen lassen, bei den unbedeutendsten Quisquilien, wie vor ausgemachten
Seltenheiten stehn zu bleiben.

_Florentin_ lebte ganz auf; er verga beinah seines eignen Leidens ber den
Reichthum an Glckseligkeit, welchen sich vorzugsweise selbst der rmste
Landmann vor den Zeitgenossen des achtzehnten Jahrhunderts zu freuen hatte;
er wnschte tausendmal, da sein ehrwrdiger Oheim izt ihn unsichtbar
begleiten, und die Wunderdinge dieses Zeitalters mit ihm betrachten mchte;
er bildete sich ein, auf dem Boden einer idealischen Republik zu wandern.

Von allen Seiten her lachte von den schnbepflanzten Weinbergen, von den
unermelichen Saatfeldern, von den schiffreichen Flssen ihm Freude
entgegen; wohin er sah, fand er die goldnen Spuren der dankbaren Industrie
-- und zwar das alles in einer Gegend des deutschen Vaterlandes, wo vor
fnf Jahrhunderten noch kein Geist herrschte, wie er damals schon in der
preussischen Monarchie sich regte.

Die Drfer waren zierlich gebaut; sie glichen kleinen Stdten. Auf den
Gesichtern der Einwohner las man Zufriedenheit und Lust. Lndliche Einfalt
und stdtische Wohlhabenheit paarten sich freundlich in jedem Hause; wohin
sie kamen, fanden sie, selbst in den Htten der Armuth, einen groen Schatz
-- _Reinlichkeit_.

Wie sich das alles so schn verndert hat! tief _Duur_ in einer frohen
Ekstase seinem Gefhrten zu: um wie viel glcklicher ist doch, bei allen
ihren Mngeln, dennoch diese Nachwelt! -- Zu meiner Zeit htt' ichs nicht
einmal wagen mgen, in die Htten armer Landleute zu treten. Ich glaube,
die Gefngnisse sind izt Pallste gegen die meisten Dorfhtten des
achtzehnten Jahrhunderts. --

Nun wahrhaftig, entgegnete _Josselin_: schilderst Du doch das Vaterland
Deiner Zeit wie ein Kamschatka.

Es ist die Frage, ob ich daran Unrecht thte? -- Denke Dir einen Haufen
unordentlich durch einander geworfner Htten, als htte sie ein Sturm
zusammengefhrt und ein Wirbelwind geordnet -- diesen Haufen nannte man
sonst ein Dorf. Denke Dir eine alte, kothige Cajtte, mit Schmuz
austapeziert, mit einem Fenster, zwei Spannen lang und breit; ein
niedriges, enges, dumpfes Gemach, worin drei Odemzge die Luft verpesten
konnten -- dazu Kinder und Eltern im Schmuz _erzogen_, mit Schmuz
_bekleidet_ -- und Du hast das anschauliche Bild von den meisten
Bauerwohnungen jener Zeit.

Dann hast Du Recht. So sind unsre Kerker wahre Pallste.

Der Bauer meiner Zeit war in vielen Gegenden nichts mehr, als das
ntzlichste Vieh der _Gutsherrschaft_. Er mute fr die Ueppigkeiten seines
Herrn im blutigen Schwei seines Angesichts arbeiten, und hatte nichts --
gar nichts davon, als einen kmmerlichen Unterhalt -- _Kartoffeln_, und
_Lumpen_.

Warum duldete es der Bauer?

Weil er _mute_. Es kam freilich hin und wieder zu Aufstnden und
Tumulten; die Sklaven rttelten an ihren Ketten, und foderten Entlassung
von dem grausamen Frohndienst, der Ursach daran war, da sie nie ihrer Tage
froh, und ihrer Arbeit Frchte mchtig wurden -- allein selten halfs. Die
Edelleute und Gutsbesitzer hatten Geld, Gnner und einen Schein des
Rechts.

Was? einen Schein des Rechts? willst Du mir von Deinem Jahrhundert Mrchen
aufbinden? einen _Schein des Rechts_ Menschen fr sich, die ihre
Mitmenschen statt des Lastviehs gebrauchten und sie nothdrftig dafr mit
Kartoffeln und Lumpen bezahlten?

Warum nicht? die Gutsbesitzer beriefen sich zum Beispiel auf alte
Vertrge, und sagten: unsre Vorfahren luden vorzeiten diesen und jenen ein,
ihr Land zu bauen. Dafr wollten sie eine Htte, und soviel Acker geben,
da man sich davon nhren konnte. Der Vertrag war geschlossen, und erbte
auf Kinder und Kindeslinder fort. Daher schwelgte der Gutsbesitzer immer in
Ueberflu und sein armer Unterthan mute sich bei Wasser und Brodrinden
_quid iuris_ lehren lassen, wenn es ihm zur unrechten Zeit beifiel, da er
doch _auch ein Mensch sey_. Ja, der Gutsbesitzer lie sich wohl gar noch
einen _Menschenfreund_ und _Wohlthter schelten_, wenn er bei schlechten
Erndten seinen armen Unterthanen aushalf, damit sie nicht --
_verhungerten_. Im Grunde that er ihnen nicht mehr Gutes, als seinem
Vieh_,_ welches er fttern _mute_, wenn er seine Felder in der Zukunft
damit bestellen wollte.

Das ist traurig!

Wenn nun so ein armer Schelm _vier_ saure Tage in der Woche fr seinen
Herrn, und einen, oder zwei fr sich gearbeitet hatte, so war der siebente
Tag -- Ruhetag. Dann ging er in die Kirche, und lie sich von seinem oft
herzlich unwissenden Pfarrer etwas _ber die Leiden der Gerechten in diesem
Jammerthal_, oder einige Geheimnisse der _Dogmatik_ vorpredigen. -- Du
kannst leicht denken, wie es da um die _Bildung des Geistes und des
Herzens_ der Bedauernswrdigen stand. Die wenigsten konnten lesen und
schreiben.

Schndlich! und doch haben die Genossen jenes Zeitalters ihr Jahrhundert
das _philosophische_ nennen knnen?

Scherz! es gab damals noch _Philosophen_, die sogar in Barbara und Ferio
bewiesen, da es _hchst schdlich_ seyn wrde, dem _grten Theil
derselben vernnftige Begriffe beizubringen_, behaupteten: der Landmann
msse in seiner dumpfen Unwissenheit gelassen werden; die Frohndienste
wren das fruchtbarste Befrdrungsmittel der lndlichen Industrie,
besonders da man dann und wann fnde, da _freie_ Bauern weit armer und
_lderlicher_ wren, als die frohnenden.

Ich mag nichts weiter hren von der Barbarei Deiner Philosophen -- so was
kmmt mir in _bsen Trumen_ wieder vor! rief Josselin bewegt: so dank
ich dem Schicksal, welches mich ein halbes Jahrtausend spter in die Welt
warf.

Mit solchen Gesprchen verkrzten sich unsre Pilger den Weg. _Josselin_
fhlte sich dann jedesmal einen Grad trauriger, _Florentin_ einen Grad
frhlicher.

Sie kehrten unterwegs gewhnlich bei den Pfarrern auf dem Lande ein, welche
im Durchschnitt Mnner von Kenntni und Erfahrung waren, die so viel Gehalt
besaen, da sie _ohne Nahrungssorgen_ gemchlich leben _und_ sich ihrem
wichtigen Amte _ganz_ widmen konnten.

Die Wichtigkeit ihres Amtes bestand aber nicht darin, da sie ihre
Catechismusschler zu _Papageichristen_ bildeten, sich _magre_ Predigten
und _fette_ Aecker besorgten, auf Beichtgroschen lauschten oder in trger
Mue ihre Tage gedankenlos hinhungerten: sondern sie waren die
Sittenrichter, die Lehrer, die Seelenrzte ihrer Gemeinde, und ausserdem
die _leiblichen_ Aerzte derselben. Jeder Landprediger mute Medicin
studirt, und so grndlich studirt haben, da er im _Collegio medico_ der
Hauptstadt reif befunden wurde. Dies gab den guten Pfarrern in ihren
Bezirken einen doppelten Werth und doppeltes Verdienst. -- Statt der
_Septuaginta, Concordanz_ und _hebrischen Bibel_ fand man in ihren Zimmern
ein _Arzneischrnkchen_, welches auf Unkosten der Gemeinde immer im Stande
gehalten ward.

Aber unsre Wandrer entdeckten auch auf ihrer ganzen Reise kein Dorf, in
welchem der Leib- und Seelenarzt nicht der Liebling, der Allgemeinverehrte
war; wo nicht mit Freundlichkeit und kindlichen Vertrauen sich ihm
jechlicher nahte. Mit welchem Gefhl mute so ein Mann auf der Kanzel
stehn, wenn er die um sich versammelt sah, welche ihm oft die Rettung des
Lebens, oft die Rettung der Seele zu danken hatten!

Ja, meine Herrn, sagte einstmals ein Landgeistlicher im Gefhl seines
Werths zu unsern Abentheurern: ich gesteh es gern, da der Stand, in
welchem ich lebe, ein beneidenswrdiges Glck mit sich fhrt fr jedes gute
Herz. Wer in der Welt kann sich der Freude rhmen, so tglich mit eignen
Augen die Saat reifen zu sehn, welche er auswarf? Meine Gemeinde ist meine
Familie; ich bin ihr Vater, ihr Vertrauter zu dem sie in Verlegenheit
flieht, der Schpfer ihres guten Herzens, der Beschirmer ihrer Gesundheit.

Ein schnes Loos! rief _Florentin_: vorzeiten wars nicht so. Da mute
der Landgeistliche hebrisch und grichisch verstehn; man htte ihn
ausgelacht, wenn er statt dessen seine medicinischen Kenntnisse zeigen
wollte.

Das war _vorzeiten_! Gott seys gedankt, wir leben in einem _vernnftigern
Jahrhundert_, wo die Lehrer des Volks den _ersten_ Lehrern des
Christenthums hnlicher werden. Waren nicht auch Christus und die meisten
seiner Apostel Leib- und Seelenrzte? -- So lange man in den Kirchen noch
_hlzerne Kelche_ besa, hatte man noch _goldene Priester_; seitdem die
Christen sich _goldner Kelche_ freuten, hatten sie _hlzerne Priester_. --
Sehn Sie, es wre ja traurig wenn mir uns nicht endlich wieder ber das
barbarische Alterthum emporschwingen wollten.

Nicht genug, sich nur mit den Honoratioren in den Drfern vertrauter zu
machen, besuchte _Florentin_ auch die glcklichen Landleute in ihren
Wohnungen. -- Ueberall ward er mit Hflichkeit und patriarchalischer
Gastfreundschaft empfangen; niemand fragte auch nur mit einem scheelen
Blick: wer bist du? was willst du? -- Selbst der Aermste sezte ihm ein
reinliches Butterbrod, ein klares Glas Wassers vor.

Gott! welch ein herrliches Volk ist das! rief _Duur_ mehr, als einmal:
und Du, Josselin, kannst da so ruhig, so gefhllos stehn, -- auch nicht
einmal eine Spur von Freude ussern?

Ich sehe nicht ein, warum ich immer, wie Du, den Entzckten spielen soll?
entgegnete _Josselin_: ists denn so was Wunderbares, da der Bauer kein
_Vieh_, sondern ein _Mensch_ ist?

Einigemal hatten unsre Pilger das Vergngen, einem Bauernexamen
beizuwohnen, einer Sitte, welche _Josselinen_ selbst neu war, weil sie erst
auf landesherrlichen Befehl seit Kurzem eingefhrt war.

Jeder Bauer nmlich, welcher sich in einem Dorfe huslich niederlassen,
oder sich verheurathen wollte, mute sich vorher einer gewissen Prfung
unterwerfen, die der _Prediger_ und der _Oberbauer_ des Dorfes fhrten. Er
mute beweisen, da er Kenntnisse genug habe, um ein guter Mensch, ein
guter Unterthan, ein guter Gatte, ein guter Landmann zu seyn.

Diese Kenntnisse konnten leicht erworben werden, theils durch den
Schulunterricht, theils durch das Lesen ntzlicher Bcher, welche fr den
Landmann geschrieben waren.

In den Schulen lehrten nun freilich keine _Invaliden_, keine _verlaufne
Schneidergesellen_, wie im _philosophischen_, _achtzehnten_ Jahrhundert,
sondern zu diesem Unterricht gebildete Mnner. Ihre Schler lernten nicht
nur lesen, schreiben, rechnen, Religions- und Sittenlehren, sondern auch
allerlei ntzliche Haus- und Wirthschaftsregeln, und andre im gemeinen
Leben heilsame Dinge.

Dazu kam noch, da jeder Hausvater fr seine Familie einige vom Landesherrn
vorgeschriebne Bcher halten mute, die deutlich und falich ber allerlei
Gegenstnde der Natur und des huslichen Lebens, vom Benehmen bei Feuer-
und Wassergefahr, bei Gewittern, bei Kranken und Sterbenden, u. s. w.
handelten. Ohne diese Bcher konnte kein Bauer so wenig ein Hausvater, als
vordem ohne Bibel, Catechismus und Gesangbuch ein Christ werden.

Schmle, so viel Du willst, sagte _Duur_: meine Freude ist eben so
grnzenlos, als meine Verwunderung! Ich begreif es in Ewigkeit nicht, wie
man den Landmann zu einer solchen Stufe der Polizirung hinanbringen
konnte.

Josselin. (lchelnd.) Das find ich nicht unbegreiflich. Kann man doch Bren
tanzen und Hunde exerziren lehren.

Duur. An der Fhigkeit des Bauern, ein Mensch zu _werden_, zweifle ich
nicht. Ich wundre mich nur ber den Willen, -- da man ihn zum Menschen zu
machen _gewollt_ habe.

Josselin. _Gewollt_? ich verstehe Dich nicht.

Duur. Das glaub' ich gern. Zu meiner Zeit hie es noch: wozu hat der Bauer
die Bildung des Herzens und des Verstandes nthig? -- das ist Ueberflu. Es
ist genug, wenn er sein Feld bestellen und zur gehrigen Zeit seine Abgaben
entrichten kann. -- Ob so ein wirklich _unglckliches_ Wesen nicht eben so
gut Ansprche auf die hhern Freuden der Menschheit, auf die Freuden des
Herzens und des Geistes, auf gewisse Bequemlichkeiten u. s. w. habe, als
der Stadtbewohner, darauf ward gar nicht einmal Rcksicht genommen. Kurz,
er war ein Bauer, ein _gebornes_ Lastvieh in der Welt.

Josselin. Das ist schndlich gedacht.

Duur. Glaube mir, da ich ausgelacht geworden wre, wenn ich im achtzehnten
Jahrhundert nur prophezeit und vorgeschlagen htte, was izt Wirklichkeit
ist.

Josselin. Das sieht dem achtzehnten Jahrhundert hnlich.

Duur. Freilich entdeck' ich nicht, woher die Kosten zur Besoldung der
Schulmeister, Prediger, Anschaffung der Bcher und dergleichen mehr
gewonnen sind.

Josselin. Ich bin zu unbewandert in der speciellen Geschichte der Staaten
und ihrer Finanzvernderungen, um Dir das Rthsel zu lsen. So viel aber
wei ich, unsre Frsten fttern an ihren Hfen keine Ceremonienmeister,
Hofmarschlle und Castraten mehr, wie sonst; sie vertheilen das ungeheure
Gehalt solcher unntzen Staatsfiguranten, und befrdern damit die Cultur
ihrer Unterthanen.

Duur. (ihn anstarrend.) Bist Du -- -- -- ach, verzeih, ich lebe ja im
dreiundzwanzigsten Jahrhundert! -- So ist wirklich also die Polizirung der
obern und niedern Glieder des Staatskrpers in gleichen Verhltnissen
gewachsen.

Josselin. Ei nun, die Welt wird ja mit jeder Periode lter, sollte sie
nicht auch klger werden? Man hat ja traurige Erfahrungen genug erlebt;
sollte man sie nicht benutzen? Der Staat wurde schon von den alten
Politikern mit dem menschlichen Krper verglichen, aber sie umfaten den
groen Sinn des schnen Vergleichs nicht. -- Wenn der Kopf alles Blut aus
dem Leibe an sich ziehn will: so entsteht aus diesem falschen Verhltni
gewhnlich Schwindel und Ohnmacht; die Fe schwanken und versagen beim
besten Willen den Dienst -- ein Schlagflu zerstrt dann am Ende wohl die
ganze Maschine. So ists mit dem Staat. Der regierende Stand ist das Haupt;
Bauer und Brger tragen und erhalten den Krper; das cirkulirende Geld ist
das Blut. Das Haupt mu freilich _verhltnimig_ immer das meiste Blut,
der regierende Stand den meisten Reichthum haben. Zerstrt dieser aber die
Ordnung der Natur, zieht er den Reichthum _allein an sich_, schmachtet der
erwerbende und ernhrende Stand in Armuth: so verlieren die _Fe_ ihre
Kraft, und der Krper strzt unter dem falschen Verhltni ohnmchtig
nieder. -- Eine Reihe schrecklicher Revolutionen hat endlich im Catechismus
der Politiker mit _blutiger Schrift_ das richtige Verhltni der
_verzehrenden_ und _ernhrenden_ Volksklasse bestimmt.

Duur. Es ist traurig, da die Menschen keine andre Lehren lieben knnen,
als solche, die unter Donner und Blitz von Sinai herab gegeben, oder von
der Erfahrung mit blutigem Finger geschrieben wurden.

Josselin. Das ist Menschenloos bis an der Welt Ende! Die Sterblichen
gebrauchen die Vernunft, wie ihre Taschenuhren, mehr um mit den _Berloken_
derselben zu _glnzen_ und zu _spielen_, als sich nach ihrem _Weiser zu
richten_. Daher sind die wenigsten Uhren aufgezogen, noch weniger richtig
gestellt. Mit der menschlichen Vernunft stehts nicht besser.

_Florentin_ seufzte tief auf.

Sie erreichten endlich eine ansehnliche Stadt, worin _Florentin_ fr seine
Wibegierde keine gemeine Nahrung zu finden hoffte.

Zuerst ins Tollhaus! rief _Josselin_: damit Du Dich von Deinem Entzcken
ber die Menschheit etwas erholest.




Sechstes Kapitel.
Was ist der Mensch!


Am folgenden Tage, als sie sich von den Ermdungen der Reise etwas erholt
hatten, wanderten sie wirklich, _Josselins_ Vorschlag gem, den
Behausungen des Elendes zu.

Abgesondert von der Stadt, auf einer Anhhe lag, umgeben von hohen,
unbersteiglichen Mauern, der Ort, welcher von den Einwohnern des Landes
_die Jammerburg_ genannt wurde -- ein charakteristischer Name fr das
Aeussre und Innre dieser Sttte.

Der Weg fhrte ber eine schmale Zugbrcke zum Eingang durch die Ringmauer.
Ueber dem Thore lag, in Stein gehauen, der trauernde _Genius der
Menschheit_, mit erloschner Fackel, die er an dem Altarfeuer, bei welchem
die _Tugend_ und _Vernunft_ wachen, wieder anznden zu wollen scheint. --
Darunter stand die goldne Inschrift: _Eingang zum Siechenhause des
menschlichen Verstandes_.

Du darfst aber nicht glauben, sagte _Josselin_: da hier nur der
Aufenthalt der Wahnsinnigen und Rasenden sey; nein, hier werden auch
Verbrecher jeder Art aufbewahrt, die, abgesondert von der glcklichen
Menschheit, ihre Snden mit dem Verlust der Freiheit und bitter schwerer
Arbeit ben mssen. -- Man rechnet also auch die unmoralischen Handlungen
und Gesinnungen zu den Krankheiten des Verstandes.

Der Aufseher der Jammerburg, ein dem Anscheine nach sehr
menschenfreundlicher Mann, fhrte unsre Pilger, so lange sie wollten, durch
alle Zimmer der Unglcklichen, die nach den verschiednen Arten ihrer
Krankheiten in verschiednen Revieren wohnten.

Am auffallendsten waren unserm _Duur_ zwei Erscheinungen, nmlich, das der
grte Theil der Wahnwitzigen in der Jammerburg die Rolle der _Philosophen_
spielte, und da die meisten von denen, welche in theologische Narrheiten
verfallen waren, entweder _Schuster_ oder _Mediciner_ gewesen.

Unter den _philosophischen Narren_ zeichnete sich vorzglich ein gewisses
Faulthier aus, welches nichts anders that, als as und trank, schlief und
trumte, und auch mit den grten Martern zu keiner ntzlichen Arbeit
bewogen werden konnte. Es war ein Mann in den besten Jahren, reich an
Kenntnissen, aber ohne Gefhl fr Ehr und Schande, fr Tugend und Laster --
und das sonderbarste von allem, er war, was er war, aus _Grundstzen_.

Wenn er sich ja noch einer Beschftigung unterzog, so war es die, zu
schriftstellern, nicht aber damit der Welt, sondern nur der Ausbildung
seines eignen Ichs zu ntzen, wie er vorgab. Seine Gedanken waren schn
gesagt, zusammengreifend, oft sehr scharfsinnig. Er duldete es auch, da
sie gedruckt wurden, aber bald duldete es die Landesregierung nicht mehr.
Denn sein philosophisches System, welches er aus den Systemen des
Idealismus und Salomonismus zusammengeflickt hatte, machte Proselyten, und
ein Dutzend Narren mehr, von seinem Schlage.

Er bildete sich ein, da er ein hheres Etwas, ein Lieblingswesen des
unbekannten Welturhebers sey, welcher ihn dazu bestimmt habe, ihn zu sich
und zur seligen Theilnahme an seinen Vollkommenheiten zu erheben. Zu diesem
Zwecke fhre das hchste Wesen ihn durch die Schule des Universums, um ihn
zu der groen Stufe auszubilden, welche er dereinst betreten solle. Er
behauptete, schon frher existirt zu haben, als auf dem Wandelstern,
welchen wir Erde nennen; allein von dieser Prexistenz seines Ichs sey nur
eine dumpfe Ahndung in dem Gedchtni heimgeblieben.

Die Welt, mit allen ihren Theilen, sagte er ferner, sey -- nicht fr das
hchste Wesen, denn dieses bedarf keiner Schule, keiner elenden Sinnenlust
fr sich, sondern -- fr ihn erschaffen. Alle Gegenstnde, ausser ihm,
wren nur Erscheinungen, und fr ihn da, um seinen Verstand daran zu ben.
Diese vergnglichen Erscheinungen -- welche bei seinen Uebergang in eine
hhere Schule auf immer verschwinden, wie die belustigenden Bilder einer
Laterna magica, nachdem sie nicht mehr nthig sind -- wren ein Spiel der
Nothwendigkeit, nach dem Plan des hchsten Wesens, zu seiner Bildung; es
habe daher eigentlich nichts einer wirklichen Freiheit sich zu rhmen --
Tugend und Laster, Ehr' und Schande sehen nichts als Begriffe, an deren
Bearbeitung und Pflegung sein Ich nichts, als mehr subjektive Fertigkeit
des Denkvermgens in ihm, gewnne. Die Begebenheiten der Vorwelt seyen
nicht wirklich geschehn, sondern gehrten mit zu dem Schein, zu den
Bildern, welche zur Veredlung seines Ichs aufgestellt, und in andern
Mittelwesen eingepflanzt wren, um sie ihm vorzuhalten. -- Der Zweck seines
Daseyns sey daher, nicht etwa zu arbeiten und mit dem ihm umgebenden Schein
sich, als mit Realitten, einzulassen, sondern nur in contemplativer Ruhe
das fr ihn aufgefhrte Schauspiel zu betrachten, und darber weiter
nachzugrbeln. -- Was man ihm vom Tode sagte, sey nichts anders, als ein
Wink, welchen ihm das hchste Wesen geben wolle ber den Hintritt in eine
andre Schule. Der Tod, oder die Vernichtung des gegenwrtigen Schauspiels,
sey daher nichts weniger, als furchtbar, sondern ihm willkommen. Er mte
aber geduldig warten, bis ihn das groe Weltwesen abrufen wrde, mittelbar
oder unmittelbar. -- Die Schmerzen und Einschrnkungen, die er in seiner
gegenwrtigen Lage zu erdulden habe, mten mit in den groen, fr ihn izt
noch unbegreiflichen Plan des ersten Urhebers der Dinge liegen, sonst
begriffe er nicht, wie er dazu kme, noch wozu sie ihm nzten. Die
Anstalten, welche man getroffen habe, ihn von seinen Ideen zurckzubringen,
seyen von seinem Erzieher angeordnet, ihn darin fester zu machen, weil er
dadurch Gelegenheit gewnne, noch mehr ber die Tuschung und den Schein
der Dinge nachzudenken, und seine Kraft beim Widerstande zu ben.

Stellte man diesem Philosophen vor, was aus der menschlichen Gesellschaft
werden wrde, wenn jeder einen hnlichen Egoismus in sich nhrte, so
antwortete er: die mir scheinbar hnlichen Gestalten hngen so wenig von
ihrer, als meiner Willkhr ab; sie _mssen_ sich so bewegen, so handeln, so
zu wollen scheinen, als es dem Plan des hchsten Bildners entsprechend ist.
Sie _knnen_ folglich nichts, knnen auch nicht einmal _wollen_.

_Duur_ fragte ihn: womit er sich denn bewiese, da alles ausser ihm nur
Spiel und Schein, er allein nur das Lieblingswesen des hchsten Urhebers
sey? -- und womit er diesen ausschliessenden Vorzug verdient habe?

Womit ichs verdient habe? antwortete der Philosoph: da mtest Du nicht
_mich_, sondern das hchste Wesen fragen, wenn Du _knntest_. Ich bin ohne
Verdienst; es ist aber nun so der Wille des grossen Weltwesens, mein Ich zu
schaffen und zu bilden. -- Womit ich beweise da auer mir nur alles Spiel
und Schein sey? -- Dies sagt mir erstlich mein innres, vom Weltwesen mir
gegebnes, leitendes Gefhl, zweitens weil ich wirklich von der Auenwelt
auch durchaus _nichts anders wei_, als da sie eine Reihe vorbergehnder
Erscheinungen sey, die sich auf mich bezieht. Noch hat mir das Gegentheil
keiner bewiesen.

Warum aber sollte das Urwesen sich nur _einen_ Liebling geschaffen haben,
warum nicht _mehrere_ glcklich machen wollen?

Warum sollte das Urwesen _mehrere_ Lieblinge sich erkoren, und nicht an
_einem_ sich begngt haben?

Stimmt jenes nicht harmonischer mit dem groen Ideal, welches der
menschliche Geist sich von der Gottheit entwerfen _mu_?

Freilich _mu_! -- Du _kannst_ nicht anders, als _so_ denken, wie Du
denkest. Hast Du aber Deines Ideales reelles Objekt jemals kennen gelernt?
Hast Du dem verborgnen Weltwesen in den ewigen, willkhrlichen Plan
geschaut? --

Bei diesen Worten wandte sich der Philosoph mit vieler Ruhe und
Selbstzufriedenheit von dem Frager ab, wahrscheinlich, um ber diese
Unterredung weiter zu speculiren.

_Duur_ konnte sich einer Verwundrung ber die sonderbare Mischung von
_Scharfsinn_ und _Narrheit_ nicht erwehren.

O, rief _Josselin_ lchelnd: wundre Dich nicht. Es giebt der
philosophischen Narren in Deutschland heuer so viele, da nicht diese
Jammerburg, und wre sie dreimal grer, sie beherbergen knnte, wenn sie
versammelt wrden. Aber man lt sie frei unter den Menschen umherwandern,
wohl gar von den _Cathedern_ predigen, weil sie zum Glck ihre Theorien
nicht im gemeinen Leben anwendbar machen.

Sie haben recht, sagte der _Aufseher_, indem er ein andres Gemach
erffnete: auch dieser Mensch hier hat in der Theorie noch viele seines
Gleichen. Er ist ein theologischer Narr, dem die Schriften des Bischofs von
Hippo den Kopf verrckt haben. Er glaubt und, lehrt, da Gott, ohne
Rcksicht auf die Handlungen der Menschen, einen Theil der Erdbrger zur
ewigen Lust, den andern zur ewigen Quaal verdammt habe, und eben darum nahm
ers sich nicht bel, seinen einzigen Sohn tdtlich zu verwunden, weil
dieser das Gegentheil behauptet hatte.

_Duur_ seufzte: treibt das Augustinische Gespenst auch noch im drei und
zwanzigsten Jahrhundert seine Spuckerei?

Weit Du nicht, da von tiefen Wunden wenigstens tiefe Narben bleiben?
entgegnete _Josselin_.

O! fuhr _dieser_ fort, als sie nach einigen Stunden die Jammerburg wieder
verlassen, und noch immer die grausenhaften Bilder des Elendes vor der
Seele schweben hatten: wo bleibt _hier_ des Menschen schnste Hoffnung,
sein seligmachender Traum von Hoheit und Majestt der menschlichen Natur?
-- Worin grndet sich diese Majestt, oder der Traum von ihr? -- gewilich
leider in unsre Unwissenheit ber uns selbst, wo Eitelkeit und Phantasie
das liebliche Lustschlo hinbauten, ohne den Boden zu prfen! -- Elend und
gebrechlich erscheinen wir in der Welt, oft ohne Absicht unsrer Urheber.
Wer dachte an uns in der frhlichen Stunde, darin wir gezeugt wurden, wo
nicht wir, sondern die Stillung eines wilden Nervenktzels lezter Zweck
war? -- _da_ wir erschienen, war die Folge einer Tndelei, wozu ein
Glschen Weins, Einsamkeit und Ohngefhr das Signal gaben.

Eben so gehn wir hinaus aus der Welt, und bleiben uns am Ende der kurzen
und mhseligen Laufbahn selbst die Antwort zur Frage schuldig: _wozu waren
wir da?_ -- Wir kamen, ohne unsern Willen, und mssen davon, ohne da wirs
wnschen. Wir haben im Leben kein Auge fr den Tod; er wandelt uns immer
zur Seite. Wir trinken seinen Gift aus Weinkelchen und Arzeneiglsern; im
frohsten Tanze springt unsichtbar der Wrger mit.

Das Beste hoffen wir freilich von unsrer unsterblichen Seele und ihrer
Fortdauer in andern Welten. Aber es ist traurig, da von den Gegenden
jenseits des Grabes immer nur diejenigen erzhlten, schrieben und,
schwrmten, welche das goldne Eldorado selbst nur erst aus _Bchern_
kannten. Niemand, welcher dahin wanderte, drehte sein Angesicht zu uns
zurck und rief: Land! Land! --

Wir schmeicheln uns unnennbare Vollkommenheiten vor, welche drben das
Eigenthum den Geistes werden sollen. Die gutwillige Einbildungskraft leiht
zu dem Gemlde ihre schnsten Farben her, und unsre Philosophie behauptet
mit weisem Ernst: Vervollkommnerung ist das hohe Ziel unsers Daseyns! --

Aber wenn wir nun schon auf Erden abfallen sehn, nach einem gewissen
Zeitpunkte, die Blten und Frchte der Vollkommenheit? wenn wir nun sehn,
wie der _gereifte Mann_ allmhlig wieder zum _welken Greise_ abstirbt, und
mit dem _Krper_ zugleich der _Geist_? -- Wenn wir den Mann, welcher die
hchste Ausbildung in sich trug, der die Sterne und ihre Bahnen ma, die
Wunder der Natur entschleierte, oder Welttheilen Gesetze schrieb, wenn wir
ihn in einem Alter von siebzig, achtzig Jahren wieder entkleidet finden von
seinen Vollkommenheiten, und sehn ihn wieder _kindisch mit seinen Windeln_
spielen? -- was sagen wir da? was sollen wir dann noch hoffen? Wohl dem,
der dann die Augen wegdrehen kann; wehe dem, der mit dumpfen Erstaunen das
Bild der Vergnglichkeit durchforscht!

Welch ein Bewandni mu es mit unserm unsterblichen, zur ewigen
Vervollkommnerung berufnen Geist haben, wenn eine Zerschellung des
Hirnschdels seine Systeme zerrtten, sein Gedchtni verwsten, seine
Einbildungskraft verwirren, seinen Verstand zertrmmern kann? Tdte einen
Nerven in Deinem Hinterhaupte, wo man der unsterblichen Seele die Residenz
anweiset, und Du tdtest mit dem Nerven eine Million Vorstellungen
zugleich! -- Wenn einst dieser Nerven Spiel erstarrt, und ihre Organisation
im Grabe von der Fulni verwstet liegt, wird dann noch dem mrderischen
Arm der Verwesung etwas entrinnen, was einer Vorstellung hnlich sieht? --
Wird dann noch entfliehn, das was bis dahin in uns _Kraft_ hie? Wenn der
Baum, welcher einst lachende Frchte trug, so lang er mit seinen Wurzeln
unter der Erde sog, dieser Erde entrissen ist, hat er dann noch die _Kraft_
zum Bltetreiben und Fruchtbringen?

Ach, Duur, lieber Duur, _was ist der Mensch_?




Siebentes Kapitel.
Das Fest der Menschheit.


Die Wandrer kamen in die Stadt zurck. Es war schon spt. Traurig und
verstimmt legten sie sich zu Bett. -- Hier ist Wohlseyn! rief _Duur_.

Ja wohl, entgegnete _Josselin_: _Nichts_ haben, _nichts_ empfinden,
_nichts_ wissen, ist auch ein Reichthum, auch ein Glck!

Unser ewiger Reichthum im Grabe! sezte _Florentin_ hinzu.

Unter dem lrmenden Schall der Trompeten und Pauken erwachten sie am andern
Morgen. Die Sonne war schon hoch herauf. Man brachte das Frhstck;
_Florentin_ und _Josselin_ warfen sich ins Fenster um sich am bunten
Getmmel der Menschen in den Straen unten zu weiden.

Es scheint heut ein wichtiger Tag dieser Stadt zu seyn! sagte _Duur_,
indem er mit Verwundrung und Vergngen die vielen frhlichen Gesichter
zhlte.

Das Fest der Menschheit! erwiederte mit lachender Miene der _Aufwrter_.

Ein herrliches Volksfest! intonirte _Josselin_: Heut wollen wir wieder
selig seyn, und die dstre Jammerburg vergessen.

Wie so?

Es ist ein Tag der allgemeinen Freude, ein Festtag der Liebe, der
Barmherzigkeit und jeder gesellschaftlichen Tugend! Hurtig, wir wollen uns
ankleiden, und unsre Brsen fllen, um den Armen wohl zu thun.

Du bist ja einem Entzckten gleich.

Und Du einem Erstaunten. Es ist wahr, ich dachte nicht daran, da Du ein
Kind des achtzehnten Jahrhunderts seyst; aber wer kann sich auch immer
daran erinnern? -- Ich mu Dir nun wohl erst eine umstndliche Vorbereitung
geben, wenn Du den heutigen Tag recht schmecken sollst. Aber wahrhaftig,
ich bin grade izt zu den Vorbereitungen wenig aufgelegt.

Nur kurz und bndig den Inhalt und die Ursach des Festes!

Das ists eben, wovor ich mich frchte; da mu ich Dir ja eine besondre
Rede ber unsre Feste halten.

Nur Skizze!

Wahrhaftig, mehr sollst Du auch heut nicht von mir fodern drfen. -- Also
_Ursach_ und _Inhalt_ des Fests? -- Ursachen kann ich Dir von dieser
Feierlichkeit nicht mehr und nicht weniger angeben, als von jeder andern.
Man will dadurch Herz und Geist des Volks erfreun, den Umlauf des Geldes
rascher befrdern, Gemeingeist und Brudersinn erwecken und was man nun von
solchen Gelegenheiten mehr anzugeben pflegt. -- Vor Zeiten wurden mehr
Kirchen- als Nationalfeste gefeiert; seit anderthalbhundert Jahren sind
mehr National- als Kirchenfeste. Vor Zeiten war fast jeder _Sonntag_ ein
christlicher _Festtag_, izt ist der Sonntag nur _Ruhetag_ und groer
Volksfeste haben wir in jedem Jahresviertel nur ein _einziges_.

Und die christlichen _Kirchenfeste_?

Sind beinah sammt und sonders secularisirt. Die Welt hat an ihnen nichts
verloren; gewi aber mit ihrem Verlust gewonnen.

Das mcht' ich nicht behaupten. Die _Religion der Christen_ hat
_unstreitig_ durch die Aufhebung oder Secularisirung der Feste von ihrer
Autoritt und Wirksamkeit vieles eingebt. --

La doch die _Religion_ einben, wenn die _Menschheit_ nur Vortheile
erringt.

Ist eins ohne das andre _mglich_?

Gewi; nur ehrlich Nach- und Vortheile gegen einander abgewogen! -- Wozu
wurden die Kirchenfeste angeordnet? Wir wollen den Stiftern den _edelsten_
Zweck beimessen, wollen nicht daran denken, da der hierarchische Sinn der
ersten Anordner vielen Antheil daran hatte, sondern glauben: da man sie
einsezte, um durch die Feier der wichtigsten Begebenheiten des ersten
Christenthums einen Enthusiasmus fr die Religion selbst zu befrdern.

Ich bin mit dem Zweck zufrieden.

Wurd' er _erreicht_? -- Selten war darunter ein Fest der Freude -- es
waren mehrentheils _Bu_- und _Bettage_, welche den durch tausend
Widerwrtigkeiten niedergebeugten Geist nicht im Stande waren aufzurichten
und zu erquicken fr die folgenden Schicksale. Das alte Sndenregister ward
unaufhrlich revidirt und in der Nachbarschaft des Himmels der hllische
Flammenpfuhl gewiesen. Eine schwermthige, dstre Schwrmerei war
gewhnlich die ganze Frucht des Festes fr den, welcher es mit ganzer
Seele, nach der jedesmaligen Anlage der Tagesfeier, begangen hatte. --

Aber wie viele begingen es so?

Desto schlimmer; so ward die ganze Absicht der Stiftung verfehlt. Der
Reichere, oder sich aufgeklrt Dnkende, erinnerte sich nicht an den Sinn
des Festes, sondern machte dieses zu einer Gelegenheit grerer
Lustbarkeiten. Man verprate den kostbaren Tag in dem Ringe seiner Tisch-
und Kellerfreunde, und des Nothleidenden gedachte man grade dann am
seltensten. Der Stolz des gemeinen Mannes feierte das Fest wieder auf eine
besondre Weise; neue Kleider muten an diesem Tage figuriren, und ein Wein-
oder Brannteweinsrausch Leib und Gemth erquicken. -- Was gewann dabei die
_Religion_, was die _Menschheit_?

Ich kann Dir nicht widersprechen.

So lange die Deutschen mehr Kirchen- als Volksfeste hatten, war an keinen
_Gemeingeist_ zu denken; nicht einmal an Gemeingeist in einzelnen
_Stdten_; ich will nicht von _Staaten_ sprechen. Man lie die bequemste
Gelegenheit ungenzt entschlpfen, das schne Band der Eintracht um die
Herzen der Brger zu schlingen und fr Tugend und Vaterland zu begeistern.
Nie wurde ein Versuch gemacht, die Menschen einander, als _Brder und
Schwestern_, nher zu fhren; nie wurde ein Versuch gemacht, den
schneidenden Unterschied der Stnde zu mildern, Stolz und Neid, Egoismus
und Kabale, und alle tausend Wurzeln oder Nebenzweige des Partheigeistes,
trotz seiner Verderblichkeit fr das gemeine Wesen, zu vernichten. Es
fehlte daher den Deutschen Deiner Zeit an dem, was _allein_ Nationen, so
wie einzelne Familien, _liebenswrdig_ macht, -- _Geselligkeit, Humanitt_!
Der Vorwurf, welcher ihnen von jeher gemacht ward, gebhrte ihnen
_rechtens_; sie waren im Durchschnitt, halbpolizirte, steife, trge Thiere,
unter sich selbst nie Freunde, sondern mit hndischem Geiz nur das eigne
Intresse bewachend.

Unter diesem Gesprch hatten sie sich beide angekleidet.

Vom Inhalt des heutigen Festes magst Du Dich mit Deinen eignen Sinnen
belehren! sagte _Josselin_ und fhrte seinen Freund hinaus auf die Strae,
wo alles von Fugngern, Reutern und Wagen wimmelte.

_Florentin_ konnte sich des Lchelns nicht erwehren beim nhern Anblick
dieses bunten Getmmels -- es war ihm die grte Maskerade, welche er je
erlebt hatte, wenigstens einer Maskerade nicht ungleich.

Greise und Kinder, Mnner und Weiber, Hohe und Niedre, Arme und Reiche
tummelten sich freundlich durch einander. Jeder prangte, (so brachte es die
Ordnung des Festes mit sich) mit dem besten Theil seiner Garderobe; alles
erhielt dadurch einen glnzenden Anstrich von Wohlhabenheit und
Feierlichkeit, und der Contrast des Reichthums und der Armuth ungemein viel
Auffallendes.

Aber alles dies war das Unbedeutendste in der ganzen Erscheinung; nein die
sonderbare Verbindung der Wandelnden machte das Schauspiel einer Maskerade
hnlich. Hier fhrte ein biedrer Handwerksbursch eine stattlich geschmckte
Dame; dort fhrte ein junges, blhndes Mdchen einen alten, blinden Mann.
Drben schlenderte Hand in Hand ein christlicher Prediger mit einem
jdischen Lehrer; ein kraftvoller, schner Jngling stzte dort einen
schwachen, halbgenesenen Kranken.

Wo bin ich? rief _Florentin_ lachend.

Unter _Menschen_! entgegnete _Josselin_.

Wohin solls gehn?

Wohin Du willst. Hinaus zur Stadt, ins Feld, in die Grten. Allenthalben
wirst Du Gesellschaft finden. Aber izt wollen wir uns den Gesetzen dieses
schnen Tages unterwerfen: wir mssen uns trennen. Bekannte und Freunde
drfen heut nicht beisammen bleiben, Familien drfen nicht an
einanderhalten, sondern mssen sich unter die Fremden zerstreuen, sich den
Unbekannten nhern, Freundschaften stiften und Bekanntschaften; Freude
verbreiten, wo sie knnen; die Armen freigebig bewirthen; Krppel, Lahme
und Blinde das Ungemach ihres traurigen Geschicks vergessen machen. --

Trumst Du, oder trum' ich?

Keiner von uns. Ich verspreche Dir viel Vergngen; wer ein reines Herz und
einen gesunden Menschenverstand zu diesem Feste bringt, kann hier nicht
anders denn glcklich seyn. Denke doch nicht ewig an die grauen, lppischen
Thorheiten Deines Jahrhunderts, wo man sichs nicht einbilden konnte, da
die Menschen, wie Brder und Schwestern, wie Glieder einer und derselben
Familie unter einander zu wohnen im Stande wren. Siehe hier ist der
allgemeine Pickenick, wo jeder sein freiwilliges Contingent zur Freude des
Ganzen liefert, hier sind die Agapen des ersten Christenthumes wieder, wo
der Reiche dem Armen seine Noth, der Frohe dem Weinenden die Thrnen
vergessen macht; hier ist wahre Polizirung des Volks und eben darum
natrliche Einfalt, Wegwerfung des knstlichen und natrlichen
Unterschiedes -- denn die lezte Sprosse auf der Leiter der Menschencultur
ist wieder _Natur_. -- Geh hin, und werde froh, indem Du andre frhlich
machst. Heut Abend, oder morgen frh finden wir uns wieder zusammen.

Mit einem herzlichen Kusse entfernte sich _Josselin_, und ergriff die Hand
eines vorbergehnden Brgers, welcher sich so freundlich mit ihm
unterhielt, als htt' er einen alten Bekannten wiedergefunden.

_Florentin_ stand lange da, wie ein Trumer. Mein Gott! mein Gott! welche
Menschen leben izt, welch' ein Jahrhundert ist dieses! sprach er bei sich,
und zerdrckte mit den Augenwimpern eine Thrne, die sich unwillkhrlich
hervordrngte: O, mein Oheim, knntest du mit mir feiern das Fest der
Menschlichkeit und Menschheit!

Indem er so vor sich hinstarrte, und sein Herz voll war von Rhrung und
Seligkeit, fhlte er den sanften Druck einer Hand auf seiner Achsel.

So traurig? fragte ein wohlgekleideter, ltlicher Mann, mit biedrer
Herzlichkeit.

Nichts weniger, als das! antwortete _Duur_: ich sah mich nach einem
Gefhrten um.

Kommen Sie mit mir.

Mit Vergngen. Ich bin ein Fremdling in dieser Stadt; fhren Sie mich,
wohin Sie wollen.

Der Fremde lehnte sich freundlich an ihn, und so wanderten sie durch die
Stadt ins Freie hinaus, von Promenade zu Promenade, von Garten zu Garten,
wo sie allenthalben Geselligkeit und Freude fanden.

Ich wundre mich, sagte _Duur_: da alles in so guter Ordnung bei so
gemischter Gesellschaft bleibt.

Vielleicht eben daher, weil die Gesellschaft zu gemischt ist; es finden
keine Partheien, keine Faktionen statt. Der gemeine Mann mssigt sich und
verfeinert sich selbst im Umgang mit den Vornehmern und Gebildetern; man
erlaubt sich nicht so leicht auch nur die kleinsten Ausschweifungen, und
vielleicht eben darum, weil man, alles Zwanges los, keine grssere Freiheit
wnschen kann. -- Zur Vorsicht fr die Ruhesthrer sind freilich
allenthalben Wachen beordert, inzwischen hat man seit sechs Jahren keine
Beschftigung fr diese gefunden. --

Wird aber nicht mancher durch solche Gelegenheit zu einem bermssigen
Aufwand verfhrt?

Ein Narr wre, wer sich verfhren liesse. Der Reiche giebt, der Arme
empfngt. Jeder thut, so viel er kann, so weit seine Krfte reichen. Der
stockende Kreislauf des Geldes erhlt hier einen neuen Ansto; selbst der
filzigste Kaufmann wird durch das allgemeine Beispiel der Humanitt zur
Freigebigkeit gereizt; Geldkasten, welche, sonst immer verschlossen, ihr
goldnes Eingeweide sparten, ffnen sich an diesem Tage zur Wohlthtigkeit.

In einem grossen, volkreichen Garten trennte sich im Getmmel der Fremde
von unserm Pilger, welcher bald wieder neue Bekanntschaften anspann, und in
der frhlichen Gesellschaft von Mnnern und Frauenzimmern aus allen
Stnden, Altern und Religionen sein Mittagsbrod verzehrte. Er geno dabei
das Vergngen, einen armen Knaben, welcher in seiner Nhe war, auf eigne
Kosten, zu speisen und zu trnken.

Von Wein und Freude berauscht, durchschwrmten sich die zahllosen Tausende
izt wilder, welche hier allein das heilige Band der Menschheit und
Menschlichkeit umschlang. --

Der braune Abend sank herab. Musik brach aus allen Gebschen hervor; Tnze,
um Mittag, beim hellen Sonnenlicht begonnen, wurden im Schimmer des Mondes,
der Lampen und Fackeln fortgesezt.

_Florentin_, allenthalben und nirgends, ward von einer reizenden Bacchantin
aus einem Cedernbschchen entfhrt, worin er sich selbst berlassen, den
schnen Gttergang des Menschengeschlechts bersinnend, umher lustwandelte.

Zu nahe an ihre zaubrischen Wirbel gelockt, berlie er sich der
verfhrerischen Charybdis -- tanzend verweilte er hier bis gegen
Mitternacht. Dann entschlpft er heimlich wieder um auszuruhn; aber seine
Fhrerin verlie ihn nicht; schmachtend hing sie an seinem Arm, schmachtend
sank sie neben ihm nieder auf das Rasenbnkchen einer matt erleuchteten
Laube.




Achtes Kapitel.
Ach!


Nahe vor der Laube erhob sich unter einer Anzahl mehrerer Staten eine, als
einzig und vorzglich ber alle empor; beschirmt von dem gewaltigen Arm
einer alten Eiche, berflossen vom Licht des Mondes. -- _Duur_ hatte sie
schon, vor dem Eintritt in die Laube nher betrachtet, und die Gestalt
_Friedrichs des Einzigen_ erkannt.

Wovon sollt' er mit der ermdeten Fhrerin plaudern im heimlichen Dunkel
der Laube?

Sie heissen? fragte das schwarzugigte Mdchen, indem es die dstern
Haarlocken von Stirn und Nacken sich zurckwarf, und bei der Gelegenheit
einen weissen, sanft gerundeten Arm an den Strahl der Lampe sichtbarer
werden lie.

Duur! Antwortete der Befragte, und drckte der Fragerin die Hand: -- und
Sie?

Imada.

_Imada_? -- _Imada_? fuhr _Florentin_ auf, als wenn vom klaren
wolkenlosen Himmel ein schwerer Blitz herabstrzte.

Sie erschrecken mich! sagte _Imada_: warum springen Sie so auf?

Warum? -- ich -- ich liebe den Namen -- ich liebe alles, was ihn fhrt --
der Name hat etwas Magisches fr mein Ohr und mein Herz.

Dann sind Sie sehr unglcklich. Wie viele Mdchen tragen den gefhrlichen
Namen, wie viele Mdchen mssen Sie nicht lieben!

Ich hrte ihn nirgends und nirgends so oft, als in dieser Gegend, worin
ich ein Fremdling bin.

Ein Fremdling? -- So mu ich denn wohl natrlich fragen: wie Sie sich
diesen Tag ber bei uns gefallen haben? --

Wie im Himmel.

Sind Sie denn schon mit dem Himmel so vertraut?

Seit ich bei Ihnen bin, kann ich ja sagen.

So haben Sie ein gngsames Herz, wenn Sie vom Himmel nicht mehr erwarten,
als von meiner Gesellschaft.

Sie knnen die Grade meiner Seligkeit versteigern, knnen mich weit ber
meine Erwartungen hinausfhren.

Ich versteh Sie nicht. Wohin fhren?

Wohin Gefhl und Einsamkeit in einer nchtlichen Laube fhren _knnen_.
Antwortete _Duur_ und sah dabei dem liebenswrdigen Mdchen tief ins Auge.

Ihre Hnde verstrickten sich von beiden Seiten fester in einander, ihre
Blicke verloren sich in einander. -- Das Mdchen lchelte ihn unbefangen
an, und schttelte den Kopf zu seinen Worten.

_Duur_ fand sich in einer kleinen Verlegenheit; er kannte seine Gegnerin zu
wenig, und zu wenig den Charakter der itzigen Zeitgenossinnen.

Er nahm sichs vor, diese Gelegenheit zur Bereicherung seiner Erfahrung zu
benutzen, obwohl schchtern; denn er wute nicht, wer zulezt in der
gefhrlichen Prfung mehr verlieren knnte, er, oder das Mdchen.

Das Umhertreiben seiner Gedanken machte ihn ein Weilchen stumm. Gott wei,
womit sich inzwischen des Mdchens Geist beschftigte; es ma und musterte
den sonderbaren Fremdling, und schien doch dabei immer mehr, mit sich, als
mit ihm zu schaffen zu haben.

Beide wurden der unartigen Pause inne; beide hatten den Faden des Gesprchs
verloren; beide suchten ihn ngstlich auf und keiner wute ihn zu finden.

Wem mag die hohe Statue vorstellen sollen unter der Eiche? sagte er,
indem er mit der Hand auf Friedrichs Bild hinauszeigte, und nicht bemerkte,
da in eben dem Augenblick ein junger Mann und ein Mdchen, an die
Bildsule gelehnt, sich schweigend umarmten.

Wahrscheinlich einen weissen Raben; antwortete _Imada_, und schlug die
Augen nieder.

Einen weissen Raben? entgegnete _Duur_.

Nun ja, einen _guten_ Knig aus der barbarischen Vorwelt. Das Gute mu
damals, und besonders unter den Knigen, usserst selten gewesen seyn, da
man es in steinernen Denkmahlen verewigte.

Ist die Gruppe darunter auch ein Bild der Barbarei? lchelte _Duur_.

Vielleicht! antwortete verschmt das Mdchen.

So wnscht' ich unaufhrlich unter Barbaren zu leben.

Dann wrd' ich Ihren barbarischen Geschmack bemitleiden.

Bemitleiden?

Gehn Sie hin, Sie werden noch viele Weiber, viele Mdchen Ihres Sinnes
finden, die die ffentliche Tugend zum Toilettenstck machen, und sie
Abends, oder in der Einsamkeit wo der Putz lstig ist, mit dem brigen
Schmuck ablegen.

Ich liebe die Damen nicht, welche die Schminkdose und die Tugend neben
einander liegen haben.

Sie scheinen sich izt auch zu schminken.

Gewi nicht -- nie gern -- bei Ihnen am aller wenigsten.

Ich mchte den Versuch nicht machen, Ihnen die Schminke abzublasen!

Ich wrde bei der Prfung nicht verlieren.

Held! antwortete das Mdchen mit ironischem Lcheln und klopfte ihm
schalkhaft auf die Wangen.

Sie schwiegen.

Aus den fernen Gebschen herber tnte lieblich die Musik durch die Nacht;
das Getmmel der Menschen ward leiser; nur hin und wieder schlich verloren
durch die einsamen Gnge ein liebendes Prchen. Wie Sterne aus schwarzen
Wolken funkelten die Lampen in der Ferne aus Bumen und hohen Gestruchen.

Die Tnze haben mich ermdet! seufzte _Imada_, und lehnte sich an den
Frhlichen, der mit Sehnsucht und Schchternheit seinen Arm um das Mdchen
warf. _Imada's_ Stirn berhrte seine Wange. Er schwieg, und ward immer
unruhiger. Hei glhten alle Adern in ihm auf, sein Odem flog schneller,
denn ach, die er im Arme hielt, war wirklich schn, und wurde schner vor
seinen Augen in jeder Minute, und -- _Imada_ war ihr Name.

Draussen wards immer stiller und stiller -- hier und da erstarb die Musik
-- aber in ihm wards immer lauter, immer strmischer.

Sie wagen viel, schne Imada! stotterte er.

Wagen? was wag ich?

Tanz, Wein und Gesang und leichtes Blut, Einsamkeit, halbe Ermdung und
Nacht, welche gefhrliche Feinde unsrer Tugend!

Wir haben von Wein, Tanz, Gesang und Einsamkeit nichts zu frchten -- sie
sind keine Feinde der Tugend -- nur die _Mnner_ sinds! lispelte sie und
lchelte mit schelmischem Blick zu ihm hinauf.

Das war bitter! dafr verdient dieser lose Mund die hrteste Strafe!
entgegnete _Duur_ und kte des Mdchens Lippen. -- Sie kte zurck -- wie
brennendes Feuer durchliefs ihm Adern und Nerven.

Man schwieg; wie konnte in so sen Beschftigungen der Mund zum Plaudern
gemibraucht werden? _Duur_ ward ungestmer -- matten Widerstand leistete
die Mde. Man zankte flsternd und vershnte sich kssend.

Eva's Tchter bleiben sich gleich durch alle Jahrhunderte! dachte _Duur_,
und sank berauscht mit seinen Lippen auf ihren schnen Busen.

Pltzlich brach die -- _Unbesiegte_ in ein helles Gelchter aus: Sie sind
geschminkt; geschminkt! ich hab' Ihnen abgeblasen Ihre Tugend! rief sie
lachend, stand auf, entschlpfte aus seinem Arm, aus der Htte und
verschwand im Gebsch.

Tiefbeschmt und errthend verweilte _Duur_ einen Augenblick auf der Stelle
-- bald sammelte er sich wieder, flog der Fliehenden nach und rief ihren
Namen.

Imada!

Er sah sie nicht; statt ihrer erblickte er ein andres Frauenzimmer,
welches, aufmerksam durch sein Rufen sich zu ihm hindrehte. Im hellen
Mondenschein erkannt' er das Gesicht der Fremden -- sie war ihm sehr
bekannt -- sie war -- _Imada_, _Gabonnens_ Nichte!

Ach! rief _Florentin_, und blieb wie festgewurzelt stehn.

Ach! rief _Imada_, indem sie bei _Florentins_ Anblick einen Schritt
rcklings bebte.




Neuntes Kapitel.
Hoffnungen. -- Die Todtenfeier.


Solch' ein Wiederfinden, dem einen sowohl als dem andern unvermuthet und
berraschend, mute sie Beide auf einige Augenblicke entgeistern.

Er nherte sich der schnen Erscheinung, begrte sie schchtern und
erinnerte sich seines schndlichen Sndenfalls in der Laube. Er freute
sich, die Theure, Liebe, so bald, so unerwartet wiedergefunden zu haben
-- und doch war ihm die pltzliche Erscheinung so demthigend in diesem
Augenblick, da er vieles darum gegeben htte, seinem Herzen die
unangenehme Empfindung zu sparen.

Ich suche meinen Oheim, sagte _Imada_, indem sie sich an seinen Arm
lehnte: er befindet sich drben, in jenem Lusthause. Wollen Sie mich
begleiten?

_Duur_ gehorchte gern.

Mein Oheim will sich einen ruhigen Winter in Mont-Rousseau bereiten;
deswegen hat er einige Reisen zu machen, auf welchen ich ihm Gesellschaft
leiste. Wir fahren in einer Stunde wieder ab. -- Wo haben Sie Ihren Freund
_Josselin_?

Er hat mich schon heut frh verlassen; Gott wei, wo er umherschwrmen
mag.

Und Sie riefen meinen Namen? -- galt er mir, oder einem andern
Frauenzimmer?

Liebe Imada!

Sie waren so eilig -- so, ich wei nicht wie? -- hatten Sie mich erkannt,
wuten Sie -- -- --

Nein -- ich wute nichts -- ich vermuthete Ihre Nhe nicht -- -- -- ich
war im Begriff, eine Snde wieder gut zu machen.

Eine Snde?

_Florentin_ wurde feuerroth; -- aber die Dunkelheit verhinderte _Imaden_,
es zu bemerken.

Eine Snde? fragte sie nochmals.

_Florentin_ ward immer verlegener. Er wute nicht, ob er bekennen oder
schweigen sollte. Er bersann die ganze Begebenheit mit seiner Tnzerin; es
lag izt viele Wahrscheinlichkeit darin, da _Gabonnens_ Nichte selbst bei
dem verdrlichen Handel eine Rolle mitgespielt, wohl gar die _Imada_ in
der Laube instruirt habe, um ihn -- auf die Probe zu stellen.

Auf die Probe? sehr unwahrscheinlich, da _Gabonnens_ schne Nichte schon
die versprochne Braut eines andern war. -- Aber wie wre die unbekannte
Tnzerin darauf gekommen, sich in der Nhe eines kritischen Augenblicks
_Imada_ zu nennen? -- und dann, bei aller mglichen Nachgiebigkeit, zulezt
so rasch zu entfliehn, und ihn auf diese Weise der _eigentlichen_ Imada in
die Hnde zu liefern? -- Beantworten lie sich die Frage wohl; _Imada_ war
ein Vorname, welcher mehrern Frauenzimmern angehrte; -- und da _Imada_
die Geliebte grade da stand, wohin die Unbekannte entfloh, konnte ja ein
Spiel des Zusalls seyn.

Um sich auf jeden Fall zu sichern, beschlo _Duur_ ein reuiges Gestndni
seiner Snde abzulegen, und _Imada's_ Richterspruch abzuwarten. Er
beichtete also die ganze Begebenheit, und kleidete sie so behutsam, als
mglich, in seine Worte, da die ganze Begebenheit zulezt den Schein
gewann, als sey er der Prfende, die Unbekannte aber die Geprfte gewesen.

Man mu sich vor Ihnen in Acht nehmen, sagte _Imada_: wer brgt mir
dafr, da Sie mich nicht auch in _Gobby's_ Garten auf die Probe stellten?
--

Die Sache, welche anfangs von schweren Folgen zu seyn schien, wurde nun
vergessen; _Florentin_ fhlte sich wieder beglckt in der Nhe der _Louise_
des drei und zwanzigsten Jahrhunderts. Was htt' er darum gegeben, so Arm
in Arm mit ihr durch das ganze Leben wandern zu knnen?

Er bat sie, nebst ihrem Oheim nur noch einige Tage in dieser Gegend zu
verweilen. _Imada_ gestand es gern, da sie mit Vergngen seinen Wunsch,
der zugleich der ihrige wre, erfllen mchte, wenn die Geschfte des alten
_Grafen von Gabonne_ nicht jeden stndlichen Verzug unerlaubt machten.

Indem sie sich so dem Lusthause nherten, bemerkten sie, ohngefhr tausend
Schritt von sich, ein groes helles Feuer, von unzhligen Menschen umringt.

Gewi die lezte Feierlichkeit ber einen Verstorbnen! sagte schaudernd
_Imada_ und blieb stehn: lassen Sie uns einen Augenblick von dieser
Todtenfeier einen Zuschauer abgeben.

Gern, sehr gern -- es ist ein Trauerfest fr mein eignes Herz -- so werd'
ich nie wieder stehn drfen in dieser Welt neben _Imada_. Ein
eiferschtiges Auge Wird _sie_ bewachen, und _mich_ und meine Schritte
hten, meine Blicke belauern, meine Worte auf Wagschaalen legen.

_Imada_ lchelte ihn schalkhaft an; ihr leiser Hndedruck, der feurige
Spruch ihres Auges lie ihm alles Schne dieses Lebens fr sich sehn und
hoffen, -- Nun -- flsterte sie: den ersten September nicht zu
vergessen! --

Vergessen? -- so leicht vergit man den Sterbetag seiner Freuden nicht.

Nennen Sie ihn nicht so. Ich hab es beschlossen; Sie sollen ihn vergngt
feiern, und wenn sich die ganze Welt sich dawider auflehnte. Aber Sie
kommen doch gewi mit _Josselin_!

Gewi!

Dann will ich Sie dreimal mehr, als heut lieben, und -- -- -- doch ich
verspreche gern weniger, um doppelt mehr zu leisten.

Imada! tief _Duur_ und schlang seinen Arm mit Entzcken um das holde
Weib: wie drft' ich in meinen frechsten Trumereien wohl bis da
hinausschwindeln! --

Es erfolgte eine Pause.

Der Mond sank in ein dstres Meer von Wolken -- hin und wieder schimmerte
das zitternde Licht einer verglimmenden Lampe; in der Ferne das Todtenfeuer
-- sonst tiefe Dunkelheit um die beiden, deren Lippen schwiegen, deren
Seelen feierlich zu einander sprachen.

Vertraulicher durch Nacht, verheelte Lieb' und das goldne Ohngefhr,
welches, sonderbar genug, sie hier zusammenfhrte, schlossen sie sich
dichter an einander, und berliessen sie sich fessellos dem sanften Drange
ihrer Empfindungen.

Du naschest von verbotner Frucht! lispelte _Imada_.

Und sie ist so s! erwiederte _Duur_. Er stammelte ihr dass heiligste
und theuerste Wort jeder Sprache, das Wort: _Liebe_ vor, ungeachtet er sein
Unglck voraussah, wenn ein andrer dereinst _Imaden_ vor dem Altar an sich
fesseln wrde. Aber eben der Gedanke an diesen mglichen Augenblick
erfllte ihn mit Muth; er wollte einen _Raub_ begehn; er fhlte es
trstlich fr sein eignes Herz _Imada's_ Herz zu berwinden; --
vielleicht, dacht' er: wenn ich sie abwendig mache von dem glcklichen
Gegner, und das Ohngefhr einst ihren Oheim sanfter gegen mich stimmt --
vielleicht giebt sie mir dann meine verwegensten Wnsche erfllt zurck.

_Imada_, viel zu schlau, nicht den glcklichen Moment zu benutzen in der
Gesellschaft eines Mannes, der in ihrem schnen Herzen schon eine Stelle
erobert hatte, ehe er seine Siege selber wute, _Imada_ stammelte
_Liebe_, und verbarg ihr Angesicht schaamhaft an seine Brust.

Knnen Sie denn wirklich ein Mdchen lieben, welches dem einstigen Gemahl
schon treulos wird, ehe einmal der Frhling der Ehe begonnen ist?

War der Frhling nicht von jeher dem Winter treulos? Sollen Sie allein die
Ausnahme machen? Sie sollen einen Mann lieben, der wie Sie mir selbst
sagten, an Gold und Jahren reich ist, aber von dessen Herz Sie nicht die
mindeste Kundschaft besssen, wie kann man da Ihrem Herzen verargen, wenn
es sich nach den goldnen Abwegen der Freiheit sehnt?

Duur! Duur! Sie sind ein Bsewicht, ein frchterlicher Bsewicht, der
seine Beredtsamkeit nie mit besserm Glck, als bei den Weibern verwendet.
Duur ist das Recht? -- Was wrden Sie sagen, wenn Sie sich ein Mdchen
gewhlt htten, um mit ihm das Erdenleben himmlisch hinzubringen; wenn Sie
wirklich von diesem Mdchen nicht gehat, sondern geschzt, wenn auch noch
nicht geliebt, wrden, und ein andrer kme und schwazte mit sem Munde ihm
Herz und Liebe ab -- Duur, und Sie mten eine Treulose zum Altar fhren!

Imada!

Was wrden Sie sagen, wenn die Gattin in Ihrem Arm entschlummerte, um von
einem Geliebtern zu trumen? wenn sie sich, beim heissesten Kusse, bei der
glhendsten Umarmung einen andern dchte? wenn sie in der Einsamkeit nach
einem Fremdling seufzte und ihre Thrnen nicht Ihnen flssen? -- Und Sie
sprten die traurige Verrtherei, sahen sich um die Paradiese betrogen,
welche Ihnen die Liebe des Mdchens aufzuschliessen versprach. --

Imada -- ich fhl' es -- ich bekenne es. --

Duur, Duur, es ist grausam, es ist gottlos, einen Feuerbrand in die
friedliche Wohnung glcklicher Menschen zu werfen, und doch ihn nicht
lschen knnen und wollen. Aber es ist noch unendlich grausamer, ein Herz
um seinen Frieden zu betrgen, das stille Glck einer Ehe zu vergiften,
ohne dafr etwas wieder geben zu knnen. Niedergebrannte Stdte knnen
endlich wieder erbaut werden, aber Hymens Rosenbande, einmal zerrissen,
knnen nie wieder so innig, als vorher, zusammen geflochten werden.

_Duur_ war durch diese Rede bis in sein Innerstes erschttert -- er drckte
wehmthig _Imada's_ Hand.

Ist wirklich Ihr einstiger Gatte zweimal und dreimal Ihnen an Jahren
berlegen?

Er ists.

Sind Sie gezwungen, sich mit ihm zu vermhlen?

Ich bins. Noch mehr, ich hab' ihm meine Hand angetragen, selbst
angetragen, und _will_ sie ihn nicht wieder rauben.

Dann leben Sie wohl, Imada! -- dann verzeihn Sie, da ich die Ruhe Ihres
Herzens anzugreifen wagte. -- Ach, ich bin zu entschuldigen, sehr zu
entschuldigen; Sie sollten meine Schicksale, und den wunderbaren Gang
derselben kennen, und Sie wrden mir Ihr Mitleid nicht verweigern.

Nur Mitleid? rief lachend _Imada_: ich verweigre Ihnen ja meine _Liebe_
nicht.

Leben Sie wohl! rief _Duur_, als sie ganz in der Nhe des Lusthauses sich
befanden: Leben Sie wohl, Imada!

_Imada_ wollte ihn festhalten; er aber drckte einen Ku auf ihre Wangen
und entfloh.

Jezt war ihm durch das traumhafte Abentheuer alle Lust, alle Freude dieses
Tages wieder vergllt. Mismthig schlich er vor sich hin, um Menschen zu
finden, in deren Gesellschaft er zur Stadt kommen konnte.

Er erreichte den flammenden Scheiterhaufen, um welchen Tausende versammelt
standen, und in ernster feierlicher Stille, bei den dumpfen Tnen einer
schnen Klagemusik, dem Spiel der Flammen zusahn.

Die Scene, so grell sie auch neben den heitern Bildern des vergangnen Tages
abstach, war izt seinem Herzen willkommen. Seine Seele schwelgte in den
traurigen Accorden der Musik. Er fand Beruhigung und Zerstreuung, ohne sie
zu suchen.

Je lnger er ber _Imada's_ Betragen nachsann, je verwickelter erschien ihm
der Charakter dieses Mdchens. _Imada_ lchelte, wo sie weinen sollte, und
ihre Klagen, ihre Vorwrfe, welche sie ihm hren lie, waren immer in einem
Ton gesprochen, als triebe sie Scherz. -- Unwillkhrlich verband sich mit
diesen Gedanken die Erinnerung an den Abschied auf _Gobbys_ Landhause, wo
ebenfalls das rthselhafte Lachen, die Stelle der Thrnen ersetzen mute.

Beinah htt' er an die Verwandlung der menschlichen Natur und ihre Freuden-
und Schmerzusserungen glauben mgen, um sich das Widersprechende in den
sonderbaren Erfahrungen aufzulsen.

Eben so viel Widersprechendes fand er auch in diesem Augenblick bei dem
gegenwrtigen Auftritt am Scheiterhaufen. Er sah in seiner Nachbarschaft
betrbte Gesichter, und wer bringt diese wohl zu einem Scheiterhaufen. Er
hrte Trauermusik, welche man sonst nur geliebten Verstorbnen, aber keinen
bestraften Missethtern brachte.

Er ist doch nicht lebendig verbrannt? sagte er zu seinem Nachbar, um ein
Gesprch anzuzetteln.

_Lebendig_? gegenfragte dieser, und schttelte den Kopf und zuckte
mitleidig die Achsel: wer wird denn Menschen lebendig verbrennen?

_Florentin_ wollte weiter reden, aber der Befragte wandte sich unwillig von
ihm, und wollte nichts mehr hren. -- _Duur_ verlie die Stelle, und suchte
einen geflligern Mann auf.

Was hat der Verbrannte verbrochen? fragte er einen andern, der ihm
freundlicher aussah.

Verbrochen? antwortete dieser und machte groe Augen: Bei Gott, es war
ein wrdiger Mann, der Liebling unsrer Stadt, der Wohlthter aller
Unglcklichen.

Ich bin hier ein Fremdling.

Das verrieth Ihre seltsame Frage.

Nun sagen Sie mir nur, warum lt ihn denn die Obrigkeit nach seinem Tode
noch -- --

Nicht die Obrigkeit -- seine Erben erweisen sich den Liebesdienst.

Das ist sonderbar.

Ich find' es nicht.

Bei mir zu Lande pflegt man Missethter nur auf den Scheiterhaufen zu
legen und sie in Asche zu verwandeln, um -- -- --

Wo sind Sie denn zu Hause?

_Florentin_ gerieth in Verlegenheit und blieb die Antwort schuldig, indem
er sich davonschlich.

Ein glckliches Ohngefhr leitete ihn zu seinem Freunde _Josselin_, welcher
mitten unter den Zuschauern stand. Dieser gab ihm nun mit willigem Herzen
ber alles eine befriedigende Aufklrung.

Zu Deiner Zeit, sagte er: warf man nur die Leichname der grbern
Verbrecher auf den Scheiterhaufen -- izt behlt man diese Art der Auflsung
nur den Leichnamen reicher und wrdiger Personen auf. Das Verbrennen der
Krper ist ein besondrer Zweig des tragischen Luxus. So verndern Schand'
und Ehre ihre willkhrlichen Trachten und Beziehungen! --

Ich erstaune.

Warum? ich gestehe, mir selbst gefllt dieser Luxus, der, wie immer, seine
besondern Abstufungen hat. _Das Verbrennen auf_ _dem Scheiterhaufen_ ist
kostbar, und darum selten, unsre Verfahren haben, ihrem Egoismus zufolge,
uns Nachkommen herzlich schlecht mir Holz bedacht. Sie haben ganze Wlder
zerstrt und in Aecker verwandelt, das Holz ppig vergeudet und selten an
Ersatz gedacht. Deswegen ist der Gebrauch des Brennholzes, besonders zu den
Werken des Luxus, nach den Landesgesetzen, sehr kostspielig. -- Auf eine
wohlfeilere und gewhnlichere Weise werden daher die Leichname durch einen
chemischen Proce in Staub verwandelt; nur die Armen werden noch unter die
Erde begraben, so auch Missethter und Menschen, welche ihrer Familie nicht
theuer genug gewesen sind, um ihre Asche aufzubewahren.

Das ist nun freilich einerlei, _wie_ wie verwesen, ob im Grabe, oder in
der Flamme.

Nein, Freund, den hinterlassnen Freunden ist es nicht so ganz
gleichgltig. Ich mu bekennen, da der heiligste Schatz fr mich zwei
Urnen sind, welche den Staub meines Vaters und meiner Mutter umfassen. Ich
finde ein Glck darin, von diesen beiden Theuern noch die kstlichen
Ueberbleibsel zu besitzen, und zu wissen, da ihre faulenden Cadaver nach
dem Tode nichts zur Verpestung der Luft beigetragen haben.

Wie? die Asche der Verstorbenen wird aufbewahrt?

Das wird sie; und ich wette hundert gegen eins, da das Verbrennen der
Leichname in der physischen und moralischen Welt ungleich mehr Vortheile
bringt, als das Vergraben der Todten. --

Ich kanns zwar dunkel beahnden -- aber, Du thtest wohl daran, mir diese
Vortheile einleuchtender zu machen. Denn unter uns gesagt, es schaudert
mich, wenn ich daran denke, da mein Leichnam -- --

Schaudert? pfui! was _ist schauderlicher und ekelhafter_, durch die
_Flamme_ in reine Theile aufgelst zu werden und als Staub in Urnen
verwahrt zu ruhn -- oder, mit Fleisch und Blut unter der Erde zu _faulen_,
von schwelgenden Wrmern durchwhlt zu werden, und nach funfzig Jahren
nackte Knochen und hohle Schdel fr den Muthwillen der Kinder zu liefern,
die auf den Grbern mit den Gebeinen ihrer gottseligen Ahnen zu spielen
gekommen sind? -- Antworte!

Freilich, es ist zulezt wohl einerlei, ob -- -- --

_Nicht_ einerlei! um Gotteswillen nicht. -- Nutzen, Nutzen! Dies ist die
ewiggeltende Foderung aller Lebendigen; auch die Todten mssen mehr noch
ntzen, als mit ihrem Fette einen unbeseten Strich Landes dngen. --
Keiner, der verbrannt oder chemisch aufgelst seyn will, hat zu frchten,
im Grabe lebendig, von einem Scheintode wieder zu erwachen -- schreckliche
Flle, die man in der Vorwelt zu oft erlebt hat. Nach den Landesgesetzen
darf kein Leichnam, ohne Erlaubni und vorherige Besichtigungen vom Land-
oder Stadtphysikus zur Auflsung abgeliefert werden. Ist er einmal
aufgelst worden: so darf niemand das Wiedererwachen auch nur als eine
bloe Mglichkeit frchten.

Es lt sich hren.

Da ich einmal die Apologie meines Zeitalters bernommen habe, so hre mich
geduldig weiter an. Ehmals, in den Tagen des Aberglaubens und der
Bigotterie, lie man die Todten in der Stadt, in den Kirchen und bei den
Kirchen, nrrischer Hoffnungen, lcherlicher Meinungen willen beerdigen.
Spterhin, als mit der fortschreitenden Kultur sich auch die Nasen zu
verfeinern schienen, quartirte man die Todten ausser der Stadt, wo mans der
Laune des Windes berlie, die pestilenzialischen Ausdnstungen der Aeser
nach Sden oder Norden zu fhren. Jezt, da die Sitte der chemischen
Auflsung so allgemein geworden, und wirklich wohlfeiler ist, als das
ehmalige Beerdigen mit unntzem Sang und Klang, izt, sag ich, da der
gemeinste Mann seinen Erben so viel Scheidemnze hinterlt, um ihn dafr
veraschen zu lassen, izt hat man von der giftigen Athmosphre der Leichname
nichts zu befrchten. Noch mehr -- -- --

Vergi Dich nicht; Du erwhntest auch gewisser moralischen Vortheile. Ich
bin sehr neugierig, sie zu kennen; denn ich frchte grade, vom Verbrennen
zum Beispiel, das Gegentheil.

Unmoralische Erfolge?

Natrlich. Denn wenn sich die bravsten Brger als Leichname verbrennen
lassen: so ist der Scheiterhaufen fr die Missethter weder Strafe noch
Schande.

Sonderbarer Mensch, Du wirst doch nicht glauben, da man in unsern Tagen
noch lebendige Menschen von Gottes- und Rechtswegen verbrenne? Aus der
Barbarei sind wir endlich heraus. -- Und berdem, war der Scheiterhaufen
wohl noch fr den _todten_ Verbrecher eine _Strafe_, oder fr ihn eine
_Schande_? -- Doch, ich will Dirs auch angeben, wie die Asche der
Verstorbnen noch einen, wiewohl immer nur zuflligen, moralischen Nutzen
stiften knne.

Welches Kind liebt nicht seine Eltern? ich fhre dies Beispiel an, weil es
mir das rhrendste und ehrwrdigste ist. Kann nach dem Tode eines
zrtlichgeliebten Vaters der Sohn wohl ein kstlicheres Denkmal von ihm
brig behalten, als den Staub des Leibes, welcher ihn zeugte, und in dessen
Bezirk einst ein wohlthtiger menschenfreundlicher Geist wohnte?

Wir haben Erfahrungen, da der Anblick der vterlichen Asche verfhrte
Jnglinge von ihren Irrwegen zurckgebracht habe; wir haben Erfahrungen,
da manches Mdchen ihre Unschuld gerettet hat, wenn die Stauburne ihrer
Mutter und das Bild der Vergnglichkeit sie zu ernstern Vorstellungen
necessitirte. -- Die Vasen, welche Du fast in allen Wohnungen, mit Blumen
bestreut, unter den Spiegeln findest, sind mehrentheils heilige
Todtenurnen; Kann man einen bessern Prediger wider die Eitelkeit, einen
beredsamern Ermahner zur Tugend dahinstellen, wohin jeden Morgen Jnglinge
und Mdchen eilen?

Von dem Eindruck eines solchen Gegenstandes berzeugt, werden in den
_Gerichtshfen_ die Todtenurnen auch beim _Eide_ gebraucht. Der Sohn mu
ber der Asche seines Vaters schwren, der Bruder ber der Asche seiner
Schwester, die Gattin ber den Staub ihres Geliebten, oder ihrer Kinder u.
s. f. -- Der mu ein verstockter, arger Bsewicht seyn, welcher ohne Gefhl
die Asche seiner Lieblinge zum Spiel seiner Meineide macht! --




Zehntes Kapitel.
Die Futapfen der schwarzen Brder.


Wie konnte _Florentin_ mde werden, immer weiter zu fragen und zu forschen
unter den Brgern dieses Jahrhunderts? -- Schon einmal, nun von einem
gnstigen Vorurtheil bestochen, sah er allenthalben das Gute nur und
drckte gefllig das Auge zu, wenn er den Scenen des menschlichen Elendes
begegnete. -- Ihm wars, als wandelt' er auf einer neuen Erde, als wlbte
sich ber ihn ein neuer Himmel.

Unter allem was er sah und hrte, intressirte ihn bald nichts mehr so sehr,
als die Religion dieses Zeitalters. Ueberzeugt vom wechselseitigen Einflu
religiser Meinungen auf den Charakter des Volks, und des Charakters auf
die Meinungen, vertraut mit dem Geiste des Christenthums, der Geschichte
und den mannigfaltigen Verwandlungen desselben, beschlo er auch hier,
einen unermdeten Forscher abzugeben. --

Wird Jesus Christus noch verehrt in Euern Tempeln? -- fragte er eines
Tages seinen Freund und Gefhrten.

Es ist wahr, wir haben auch noch nicht einmal die Kirchen besucht;
antwortete dieser: Ich verwechsle noch immer mein Interesse mit dem
Deinigen. Er wird verehrt!

Es gab eine Zeit, da der Stand der Prediger in denjenigen Provinzen,
welche sich der Aufklrung rhmten, immer tiefer und tiefer in der
ffentlichen Achtung sank. Wer fr einen Wizling gelten wollte, mute
gewisse Waidsprche und Anekdoten ber Pfaffen auftischen knnen. --

Wie? rief _Josselin_ erstaunt: in Euerm Zeitalter, da die rmischen
Frsten sich noch Christi Statthalter nannten und als geistliche Regenten
angesehn seyn wollten, in Euerm Zeitalter, da -- -- --

Halt! Du sprachst von Rmerfrsten -- meinst Du -- --

Die sonst Pbste hiessen.

Ist es mglich?

Was ich Dir sage. Die Rmer haben ihre Oberherrn aus eben dem Grunde
secularisirt, aus welchem das Volk Gottes weiland die Theokratie in eine
Monarchie verwandelte. Das Licht der Wahrheit brannte lngst auch in den
Klosterzellen Italiens, wenn gleich versteckt; eine starke politische
Erschttrung brachte dies Licht zur ffentlichen Erscheinung. Vor ohngefhr
neunzig Jahren war das falsche Verhltni des Reichthunis bis aufs
usserste getrieben; der Brger war rmer, als weiland ein Leibeigner, Adel
und Geistlichkeit besaen alles. Hier durfte nun kein neuer _Cola di
Rienzo_ wider die _Colonna's_ auferstehn -- es erstand das ganze Volk und
die Revolution war begonnen und vollendet. Eine Folge der Begebenheit,
welche den witzigen Kpfen vielen Spas machte, war die Secularisirung der
Pabstheit.

Das ist mehr, als ich erwartete.

Ich hoffte, Du wrdest sagen: _weniger_.

Und die christliche Religion?

Dauert ewig fort. Freilich giebt es noch immer _Partheien_ und _Sekten_
ohne Zahl, denn dies liegt einmal in der Natur des Menschen und seiner
Religion, aber man kennt keine Ketzer mehr.

Herrlich!

Die herrschende oder die zahlreichste Kirchparthei ist anizt die, welche
sich ohne Zusatz _die christliche_ nennt. Wir haben brigens noch
Lutheraner, Calvinisten, Katholiken und andre kleine Sekten, welche aber
smmtlich im Aussterben begriffen sind.

Fhre mich in eine _christliche_ Kirche.

Sie gingen. -- Es war Sonntag, und ffentliche Versammlung zum
Gottesdienste.

Voll stiller Neugier trat _Duur_ in den Tempel der Christen, welche weder
Lutheraner noch Calvinisten, weder Catholiken noch Socinianer, weder
Orthodoxe noch Dissenters seyn wollten, welche, wie _Josselin_ sagte, sich
von allen brigen Sekten schelten und verdammen liessen, ohne wieder zu
schelten und zu verdammen.

Ihr Tempel war einfach, ungeziert, rein, ohne Spielwerk fr Aug' und
Phantasie, ohne dmmernde Tiefen und gothische Winkel -- ein Symbol ihres
Glaubens.

Ein kurzer, rhrender Gesang ging der Predigt voran; die Predigt selbst
beschftigte sich mit der Entwickelung einer Christenpflicht, und deutete
besonderes auf die verschiednen Abwege, welche sich die Menschen bei
Erfllung dieser Pflicht so gern zu erlauben pflegen. --

Man sah, man hrte, da der Prediger vor einem Auditorium des drei und
zwanzigsten Jahrhunderte stand. Eine scharfsinnige Absonderung und
Verbindung der Vorstellungen und Theile der Rede; ein schnes Gewand von
Seiten der Einbildungskraft ber das Ganze; studirtes Mienenspiel,
schwesterliche Harmonie unter Tnen und Geberden -- alles verrieth die hohe
Stufe der Polizirung, von welcher den Brgern der Vorwelt kaum eine
Mglichkeit im Traume anschwebte.

Hier wirst Du nicht viel Neues erblickt haben; unser Gottesdienst ist ohne
Aufwand, ohne Ceremoniel, einfach und belehrend! sagte _Josselin_.

Eben dies ist das Neue.

Die Illustration der Christen durch die Taufe und die schne Feier des
Abendmahls sind allein noch blich.

Desto ehrenvoller fr Euch. Ceremonien und Symbole sind zur Untersttzung
der sinnlichen Menschheit, ein Leitband fr die noch schwache Vernunft,
nothwendig in der Kindheit, berflssig und wohl belstigend im reifern
Alter des menschlichen Geistes. Ihr seid des Gngelbandes nicht mehr
bedrftig, aber fr die Christen des achtzehnten Jahrhunderts war es
durchaus nothwendig. -- Nichts fiel mir in Euern Tempel von den Zuhrern
mehr auf, als da ich unter ihnen keine Kinder entdeckte. Sind diese vom
ffentlichen Gottesdienst ausgeschlossen, oder war ihre smmtliche
Abwesenheit ein Zufall?

Nichts weniger, denn Zufall. Wen ich mich recht erinnre: so ward einmal
eine Preisfrage ber die Ursachen am Verfall des ffentlichen
Gottesdienstes gegeben. Sonderbar stimmten ohne Ausnahme alle Antworten
auch darin berein, da ein zu frher, gezwungner Besuch der Kirche in den
Kinderjahren einen gewissen Widerwillen, eine schdliche Gleichgltigkeit
gegen den ffentlichen Gottesdienst erzeuge. -- Seit dieser Zeit wurden die
Kinder allmhlig, bis zu ihrem reifern Alter, ausgeschlossen.

Das gefllt mit nicht ganz. Ich frchte, da auch _diese_ Sitte die Liebe
und Achtung fr den Gottesdienst schwche.

Gewi nicht. Die Erfahrung berzeugt uns vom Gegentheil. Eltern und
Erzieher reden nur in den ehrfurchtsvollsten Ausdrcken von der
ffentlichen Gottesverehrung, und flssen dadurch ihren Zglingen eine
gleiche Ehrfurcht ein, welche theils durch die Neugier und das Verlangen,
endlich in das Allerheiligste eintreten zu drfen, theils durch einen
gewissen Stolz, nun dem feierlichen Schritte nher zu seyn, vergrert
wird. -- Der Tag, an welchem der junge Christ zum erstenmal am Genu des
Abendmahls Theil nimmt, ist der erste Tag, an welchem er dem ffentlichen
Gottesdienst beiwohnt. Eingeweiht mit den Thrnen seiner Eltern,
eingesegnet von seinen Lehrern, umringt von einer andachtsvollen Menge,
welche einstimmig singt und betet, einmthig hret und lernet, wird ihm
dieser Tag einer der rhrendsten und feierlichsten seinen Lebens. Er
erinnert sich seiner nie ohne ein Wiedererwachen aller damaligen
Empfindungen; er erneuert dieses Fest, so oft neue Mitglieder in die
Versammlung eingeweiht werden. Er prgt seinen Kindern nachmals eben
dieselben Vorstellungen ein und spannt ihr Verlangen zur Gemeinschaft und
Theilnahme an der feierlichen Verehrung Gottes.

Ich selbst fuhr _Josselin_ fort: bin jenes heiligen Tages noch immer
nicht ohne Rhrung eingedenk; unauslschlich whren jene Eindrcke in mir
fort, welche damals das _Ungewhnliche_ erzeugte. -- Und wie lt es sich
auch wohl denken, da Kinder, welche geqult von heimlicher Langeweile,
vielleicht wohl umringt von plaudernden, lachenden oder schlafenden
Gefhrten, Achtung und Liebe fr den ffentlichen Gottesdienst erhalten
sollten? Man hat Gelegenheit, hin und wieder, besonders in den lutherischen
und den weiland auch sogenannten reformirten Kirchen lehrreiche Bemerkungen
ber diesen leztern Punkt zu machen.

_Duur_ wollte nicht widerstreiten, denn im Gebiet der Erfahrung ist nur die
_Erfahrung_ Schiedsrichterin; er erkundigte sich statt dessen mit
brennender Neugier nach dem Lehrbegriff der Christen.

Die Religion, sezte _Duur_ hinzu: ist wirklich fr das menschliche
Gemth alles das, und mehr, als Gold und Lorbeerkrnze nur jemals fr die
Sinnlichkeit seyn und werden knnen. Der heisse Trieb zum Leben, das
unvergngliche, mit jedem Jahre anwachsende Verlangen unsterblich
fortzudauern nach der Todesstunde; das falsche qulende Verhltni, in
welcher oft auf Erden die Tugend und das irrdische Wohlseyn stehn; die nie
gerchten Thrnen der Unschuld, die ungestraften, glnzenden Triumpfe der
Bosheit, -- alles treibet hin zum Glauben an die hohen Lehren von Gottheit,
Ewigkeit, Vergeltung, -- zur Umarmung einer Religion.

Und doch, was hat nicht oft den schnen Namen tragen mssen? der Pfaffen
schlauer Witz, der Laien blinde Thorheit hie oft Jahrhunderte hinab
Religion. -- Wie viele tausend glckliche Erdenshne bluteten ihr Leben aus
fr ihre Religion? Wo sind noch Foltern, Todesmartern, die nicht fr die
Religion von Pfaffen in Requisition gesezt sind?

_Josselin_ hrte ihm lchelnd zu: Wie, Mann des philosophischen
Jahrhunderts, sprichst Du von Deiner Zeit?

Nein und Ja! antwortete _Florentin_: Wenn selbst in protestantischen
Staaten die freien Protestanten nicht von neuen in die alten Ketten der
Symbole geschlagen, Inquisitionen und ew'ge Kerker, Scheiterhaufen und
dergleichen eingefhrt, und das Volk in seine halbverlassne Finsterni
zurckgetrieben wurde, so lag die Schuld wahrhaftig nicht am Willen der
Pfaffen. Versuche sind gemacht, ob sie gelungen sind -- -- --

Wie kannst Du dieses frchten? fiel _Josselin_ ihm ins Wort: Der Gang
der Menschheit zur Vollendung ist nicht Plan, nicht freie Ausfhrung von
Menschen selber, sondern Nothwendigkeit, Vollstreckung eines dunkeln Plans,
den eine hhere Hand entwarf. Der Menschheit Gang ist Wogenbruch durch neue
Ufer; mag sich hie und da doch immerhin ein Strauch, ein Baum dem Laufe
widerstmmen, er hindert nichts, er macht den Strom, wenns viel ist, etwas
lauter.

Du fragst mich nach dem Lehrbegrif der Christen? Ein fester Lehrbegrif ist
hier nicht geltend. Ein jeder glaubt und meint uneingeschrnkt, was nach
der Disposition und Strke oder Schwche seines Geistes ihm das beste
scheint. Glaubensformen gelten nicht mehr, denn endlich hat die Welt
gelernt, da ber Glaubenssachen kein fremder Spruch entscheidend gilt, und
da der Zepter eines Herrn der halben Welt sich auch nicht ber das
unbedeutendste Produkt im Geisterreich erstreckt.

Allein ich sollte glauben, die Christen wrden doch gewisse Lehren unter
sich gemeinschaftlich hegen, wodurch sie sich von andern Sekten trennen.

Nun ja, die haben sie. Sie glauben einen Gott, der unaussprechlich,
unbeschreiblich ist, das hchste Ideal der reinsten Sittlichkeit, der sich
nur matt im Wesen der Vernunft und in den Wundern der Natur nach eingen
Eigenschaften offenbart. Sie nennen ihn den Weltgeist, der Dinge Urkraft;
in ihm leben, weben und sind wir.

Die Menschheit weiter in des Lebens grosser Schule zu fhren, sandt' er
Lehrer, welche unter glcklichen Verhltnissen von ihm und unsern Pflichten
predigten. Der Erste, Einzige und Unnachahmliche ist Jesus Christus. -- Nur
was _er_ lehrte ist den Christen heilig; sie sehen nur auf _ihn_, als ihren
Fhrer, sie glauben _seinen_ Worten nur. Was andre _von ihm_ zu andern,
unter anderen Convenienzen in anderen Verbindungen predigten, das
entkleiden sie vom Ausserwesentlichen, welches die Verhltnisse liehen. --
Vernunft und Christenthum, Vernunft und Glauben haben unter sich die alte
Zwietracht aufgehoben. Wer die Vernunft verehrt, ist heut zu Tag ein
Christ, wer Christ seyn will, huldigt die Vernunft.

Auch hier ein groer Schritt zur allgemeinen Seligkeit, zur wahren
Menschenwrde!

Beinah ist die Religion in unsern Tagen, was sie seyn soll -- werden kann.
Im Ganzen fhlt die menschliche Gesellschaft sich in ihrem Schutze sicher
und getrstet. Wir haben wenigstens so viel gewonnen, da kein blutiger
Partheigeist, keine Proselytenmacherei, kein Verdammen, kein Verketzern
unter uns mehr gilt. -- Uebrigens haben wir noch immer Narren, Schwrmer,
Seher unter uns; allein die meisten wandern endlich den Weg ins Irrenhaus.
Es krnkeln freilich auch noch izt so manche Pfaffen, vom Egoismus
verfhrt, und von den Begebenheiten der Vorwelt aufgehezt, am
Hierarchenfieber; doch ihre Pfeile, auf das Herz der Menschheit gerichtet,
fallen kraftlos an der vorgestreckten Aegide der Vernunft zurck.

_Josselin_ schwieg. _Duur_ pries die Menschen dieser Tage glcklich, und
jammerte bei der Erinnrung an die traurige Vorwelt.




Eilftes Kapitel.
Sie wandern weiter.


Der erste September nherte sich immer mehr; unsre Pilger fingen an, ftrer
an Mont-Rousseau zu denken, _Josselin_ mit Vergngen, _Duur_ mit heimlichen
Grauen.

Zwar hatte _Duur_ von der neuen Welt nur immer noch sehr wenig gesehn und
erfahren; aber was er gesehn und gehrt, machte ihn nur noch lsterner auf
das Uebrige.

Begnge Dich mit diesem, rief dann _Josselin_ oft: ehe Du mehr siehest
und Du zu Reue Ursachen erhltst, in diesem Zeitalter zu leben. -- Komm
nach Mont-Rousseau, da wohnt fr uns der Himmel.

Fr mich nicht! seufzte _Duur_.

Kannst Du der Zukunft ins Herz sehn? Damit Du inzwischen doch noch einen
Deiner Wnsche stillest, so wollen wir die Gegenden aufsuchen, in welchen
weiland die Sorbenburg stand, und wo Du so glcklich Deine Kinderjahre
vertndelt hast.

Das Grab meinen Oheims! -- Das Grab meines Rikchens! rief _Duur_ und die
Abreise war beschlossen.

Sie zogen von dannen, durch Dorf und Stadt, und allenthalben erblickte der
Sohn des achtzehnten Jahrhunderts den schnsten Kontrast zwischen dieser
Zeit und der Vergangenheit.

Hier la uns ausruhn! rief eines Tages _Josselin_, und warf sich am Fue
eines grnen Hgels nieder, auf dessen Rcken alt und baufllig Galgen und
Rad standen.

Hier? -- die Aussicht ist nicht intressant.

Sehr!

Galgen und Rad ber uns.

Eben deswegen. Weit Du was das Merkwrdigste von jenem Gerste ist? --
betrachte es genau.

_Duur_ sah hinauf, aber er erblickte berall nichts, was seinen Blick
fesseln konnte.

Was denkst Du Dir dabei? fragte _Josselin_.

Wahrhaftig wenig!

Es ist, was Du siehest, eine Reliquie der Vorwelt, der _lezte Galgen in
Deutschland_ und das _lezte Rad_!

Da ists der Mhe werth noch einmal hinaufzusehn. -- Aber wie? Sind die
Todesstrafen durchgngig aufgehoben?

Die Todesstrafen nicht, aber diese Arten der Todesstrafen.

Damit ist wenig gewonnen.

Immer genug fr die Menschlichkeit; Mu es nicht ein abscheulicher,
emprender Anblick gewesen seyn, wenn man verwesende Knochen und faules
Menschenfleisch auf solchen Gersten, umringt von hungrigen Raben und
Krhen, erblickte? -- Es ist wirklich ein redender Beweis von Rohheit und
Barbarei, wo solch ein grausames Schauspiel noch Beifall finden konnte.

Gefallen hatte gewi niemand daran.

Desto schlimmer. Der Tod war fr den Verbrecher genug, und _hart_ genug.
Ob sein Leichnam nachher von den Vgeln des Himmels beschmaut, zum Ekel
und Entsetzen aller Vorbergehnden dalag, oder unter der Erde verborgen
ruhte, konnte ihm gleichviel gelten. Nach dem Tode sind uns _Ehrensulen_
und _Schandpfhle_ gleich theuer. -- Dies wei jeder, auch jeder Bsewicht
wute es, so gut, wie ein andrer. Die ekelhafte Ansicht war folglich ganz
zwecklos. Ja, die Erfahrung hat es gelehrt, da, so wie ehmals in Italien,
wo die Statthalter Christi unaufhrlich fulminirten, die meisten
Freigeister lebten, eben so auch in denjenigen Staaten die meisten
Verbrechen begangen wurden, wo Galgen und Rad am gewhnlichsten waren.

Daran hatten Galgen und Rad wenigstens die geringste Schuld.

Und ich mchte sagen: die meiste. Ein Volk mu noch sehr verwildert seyn,
wenn die Glieder desselben dass Landesgesetz nur aus Furcht vor Rad und
Galgen respektiren. Je seltner berhaupt die Todesstrafe in einem Lande
wird, jemehr kann man darauf rechnen, da der Geist der Nation veredelter
und die Gesetzgebung vernnftiger geworden seh. Wenn endlich die
Todesstrafen sich ganz verlieren im Codex des Criminalwesens; wenn der
Staat mehr dahinstrebt das Volk zur Tugend selbst _hinzulenken_ statt es
nur von Lastern _abzuhalten_, so hat die Gesetzgebung sich dort den lezten
und herrlichsten Lorbeer gepflckt.

Ich verstehe Dich nicht ganz.

Daran hat vielleicht nur die Dir vom achtzehnten Jahrhundert eigenthmlich
gewordne Denkart schuld. Ich will mich aber deutlicher erklren und Dir bei
dieser Gelegenheit zeigen, wie weit wir wirklich das _philosophische_
Jahrhundert hinter uns zurckgelassen haben.

Zu Deiner Zeit bildete man sich etwas Groes darauf ein, da die _Foltern_
abgeschaft wurden, nannte sie eine Erfindung der Barbarei und Grausamkeit,
fand es brigens gar nicht anstssig, an den ffentlichen Landstrassen
stinkende Menschenkrper auf dem Rade geflochten zu sehn; fand es nicht
anstssig, wenn Kindermrderinnen und andere Verbrecher, die den Gang ihres
Verbrechens selten in kalter Ueberlegung entwarfen und vollendeten, sondern
entweder in betubender Verzweiflung oder verdorbner Erziehung sndigten,
kurz und bndig vom Leben zum Tode gebracht wurden.

Jezt kennt man die Folter nur den Namen nach, und mit dem Tode wird nur
der bestraft, dessen Leben nothwendig mit der Ruhe und dem Glcke der
menschlichen Gesellschaft im Zweikampf stehen mte. Die hrteste Strafe
ist eine _ewige Beraubung der Freiheit_; sie ist _hrter_, als der _Tod_
selbst; eben darum _schrecklicher_, als er. Der Feind des ffentlichen
Wohls wird dann gezwungen, den Schaden, welchen er stiftete, auf einge Art
wieder zu vergten.

Der Tod ist fr manchen Bsewicht ein wnschenswerthes Gut; besonders wenn
er so gegeben wird, wie ehmals, da noch Priester den Delinquenten zur
Schdelsttt begleiteten, und seine Phantasie mit angenehmen Bildern von
den nahen Freuden der Ewigkeit erhizten, um ihm die Schauer des Todes
minder empfindlich zu machen. Folglich war der Tod kaum einmal eigentliche
Strafe des Snders, und durch den Verlust seines Lebens ersprang dem
gemeinen Wesen wenig Heil.

Man begngte sich in Deinem Zeitalter berhaupt nur die negativen Zwecke
der Staatsverbindungen zu erfllen; man dachte nicht daran, ein
_glckliches_, sondern nur ein _ruhiges_, _gesichertes_ Volk, nicht
_aufgeklrte Brger_, sondern nur _keine Wilden_; nicht _Edle_ und
_Tugendhafte_, sondern nur _keine Bsewichte_ zu haben.

Die Gesetzbcher Deiner Zeit prangen daher gewhnlich mit Galgen und Rad,
Schwerd und Scheiterhaufen; sie _drohen_ berall, verheissen aber
nirgends.

In unsern Tagen sind im Gefolge der Gesetze nicht nur die _ffentlichen
Strafen_ fr den _Uebertreter_, sondern auch die _ffentlichen Belohnungen_
fr den _Erfller_. Unsre Brger werden weit mehr zur Umarmung der Tugend
_gelockt_, als vom Verbrechen _zurckgeschreckt_. Und es kmmt darauf an,
in welcher Schule die besten Kinder gezogen werden? Da, wo die Ruthe
ewiglich herrscht, oder wo am Ziel eine schnvergeltende Palme weht?

_Duur_ starrte verwundert, mit freudiger Seele, den Mann dieses
Jahrhunderts an.

Ich schwre Dirs! rief er: ich schwre Dirs, Josselin, so weit strebte
die Khnheit unsrer verwegensten Politiker nicht; ich schwre Dirs, da
_solch ein groer Gedanke_ durch die Seele der wenigsten gegangen ist --
da man im achtzehnten Jahrhundert noch an der Mglichkeit verzweifelte, ob
ein Staat jemals zu solch einer idealischen Hhe der Cultur gehoben werden
knne. -- Ja, ich bekenne es nun gern, ich habe gelebt unter Barbaren, fr
welche das Gesetz nur Zuchtruthen, aber keine Palmen hatte; die menschliche
Gesellschaft erscheint mir von jenen Zeiten wie ein zusammengetriebener
Haufe wilder Thiere, welcher nur _gezhmt_ werden sollte, aber nicht
_beglckt_.

Du bist schon wieder hoch entzckt, und doch seh ich berall keine
durchgreifende Ursachen. Verdient es denn unser Entzcken, nicht unter
wilden Bestien zu wohnen, verdient es unsre Freudenthrne, wenn die
Menschen endlich _sich selber hnlicher_ werden, oder geworden sind?

Diese Vorwrfe sind Dein Ernst nicht, Josselin. Gedenke der Menschheit,
was sie war vor einem halben Jahrtausend, wie sie damals noch schmachtete
in ihrer _Knechtschaft_, und zitterte unter der Ruthe des Gesetzes, und
gedenke ihrer izt, wo sie _wahrhaftig frei_ ist, selbst in den
souverainesten Monarchien! -- Ich mte ohne Gefhl seyn, wenn ich hier
kalt bliebe. Ach, Gott! an Belohnung des _guten Brgers_, des
ausgezeichneten Biedermanns dachte man _selten_ -- zum Gefngni und zum
Schaffot schickte man _fters_; die Obern fragten nicht nach der Tugend und
Aufklrung ihrer Unterthanen, sondern nach deren Gehorsam und richtigen
Abgaben nur. Die Hirten schzten ihre Heerden und fhrten sie nur darum auf
gute Weiden, um bessere Wolle scheeren zu knnen. Die genaue
Verschwisterung der Politik und Moral waren Dichterschwrmereien, und izt?
-- -- --

Nun ja, wir haben die Knechtschaft verloren, und den Geist der Kindschaft
empfangen. Was sonst die Ruthe bewirkte, wirkt izt das vorgehaltne
Zuckerpltzchen. Es ist nichts mehr, als eine Vertauschung der Mittel in
der Erziehung. Aber _Mnner_ sind wir noch nicht, die die Tugend lieben,
nicht aus Furcht vor der Strafe, nicht aus Lust zur Belohnung, sondern um
ihres eignen Werths, den sie fr die Vernunft besizt.

O, Josselin, es ist noch eine groe Frage: ob wir Menschen in dieser Welt
jemals mehr werden knnen, denn _gute Kinder_; ob wir jemals in dieser
Schule _mnnlichen Geist_ empfahen knnen?




Zwlftes Kapitel.
Die Heimath.


Wo nun? fragte _Josselin_ nach einigen Tagen, als sie die Gegenden
erreicht hatten, wohin _Florentin_ seufzte, da wo er die Tage seiner
Kindheit einst so glcklich verlebte.

Ich kenne diese Gegend nicht mehr; antwortete _Florentin_: Aber nun
hinauf auf diesen Hgel, den ein kleiner Fichtenwald bedeckt. Einst stand
dieser Wald nicht, sondern auf dem Gipfel ragte einsam ein einziger Baum
nur empor. -- Das ist nun so alles anders worden, und ich kenne meine
Heimath nicht wieder.

Sie klimmten den Hgel hinan. Wehmuthsvoll stand der Sohn der Vorwelt da,
im Strahl der Abendsonne, und sah hinab auf die vernderte Bhne seiner
Kinderzeiten. Er stand da, sprachlos und unbeweglich; groe Thrnen perlten
ihm ber die Wangen.

Hier ists! rief er: hier ists! -- ich erkenne diesen Hgel, diese
Landschaft wieder an matten Aehnlichkeiten mit der Vergangenheit; auch der
Greis behlt ja noch manchen Zug von dem Kindheitsalter, wenn er gleich
schrfer und fester worden. Dies ist der Hgel, ich kenne ihn, wo ich mit
Rikchen oft gesessen, und mich der schnen Aussicht freute; hier lasen wir
so gern unsern _Gener_, unsern _Ossian_ und wiegte uns ein in schne
Trume unser _Wieland_. -- Hier unten ist der kleine Bach, auf welchem ich
so manche Flotte von Papier und Eichenrinde seegeln lie und scheitern sah.
-- Ach alles, alles ist nun anders worden! Wo ist das Dorf geblieben, wo
das vterliche Schlo von Ulmen umringt? -- Dort drben ist die Sttte, und
-- sie ist leer! --

Sie stiegen schweigend den Hgel von der andern Seit' hinab; sie wandelten
am krummen Bach entlang; sie sahn umher und suchten noch die Spuren der
Vergangenheit, und fanden endlich hinter wuchernden Gestruchen einige
Ruinen vom ehemaligen _Duurschen_ Schlosse, izt fast der Erde gleich.

_Florentin_ konnte izt sich nicht ermannen; er weinte wie ein Kind, und
strzte nieder und kte das kalte Gestein, die lezten Reste der
vterlichen Burg.

Mein Oheim! -- o mein Rikchen! schluchzte er: so ists vorber, alles nun
vorber! -- Eure Asche ist verweht, verweset euer Name im Gedchtni der
Lebendigen, verwittert eure Wohnung. Ach, und ihr waret doch so gut, -- so
gut! wir waren alle einst so glcklich!

_Josselin_ wurde durch seines Freundes bittre Wehmuth zum Mitgefhl
gestimmt: -- die Welt ist ein Theater nur; ein jeder Akt hat andre
Decorationen, andre Spieler, und das Vergangene lt keine Spur; -- Wir
spielen noch und gehen ab, und wissen nicht, warum wir spielen muten? --
Was haben wir zulezt von unserm Seyn gerettet? Unsterblichkeit des Namens?
-- Das ist noch weniger, als der Schatten unsers Ichs. Frwahr der Nachruhm
ists nicht werth, da man ihm fr _Jahrtausende_ auch _eine_ einzige
Lebenslust nur opferte.

Hier steh ich nun zum leztenmal! rief _Duur_: ach wr' es auch die lezte
Thrne, die ich dir nachweinte, heilige Vergangenheit! -- Auch ich werde
bald meine Rolle auf diesem Theater zu Ende gespielt haben; bald wird mein
Vorhang fallen -- o Gott! o Gott! was bin ich dann gewesen? wofr hab' ich
die tausend Thrnen dann geweint? wofr so viele Leiden, so manchen
namenlosen Schmerz getragen? --

Die Sonne sank unter. In ihrem rthlichen Wiederschein glnzten noch die
Wipfel der Gebsche, aus welchem die Finsterni der Nacht hervorschlich.

Jezt hin zur neuen Heimath, Florentin! sagte _Josselin_ nach einem langen
Stillschweigen: hin auf _Idalla's_ schner Insel, wo in sel'gem Frieden
wir unser Leben schliessen wollen. Sey doch der Zweck unsers Hierseyns auf
Erden, welcher er wolle; mag jenseits des Grabes die abgestorbne Blume
unsers Ichs von neuem aufblhn, oder mit Saat und Wurzel auf ewig verwesen,
so wollen wir uns nicht muthlos machen lassen; Leben wollen wir, als wrde
jenseits nichts mehr seyn; und sterben, als htten wir das Beste noch von
drben zu erwarten.

Sie brachen auf, und verliessen traurig die Ruinen des Duurschen Schlosses.

Gute Nacht; mein Oheim! gute Nacht, Rikchen! gute Nacht, du liebe, theure
Heimath meiner Jugend! rief weinend _Florentin_.

Ein Westwind suselte durch die dunkeln Gestruche; ein leiser Schauer
umwallte die Wandrer; im Flstern des Windes wars, als lispelten die
Geister der Entschlummerten ihm ein stilles Lebewohl nach.




Vierter Abschnitt.





Erstes Kapitel.
Mont-Rousseau.


So sey es denn! Ich bin des Wanderns mde. Die Reise war der Mhe werth;
die kleine Mhe ist mir herrlich belohnt. -- Ich bins zufrieden, Josselin,
la uns eilen nach Mont-Rousseau. Der erste September liegt nahe vor der
Thr; Du sehnest Dich nach Deiner _Rosalia_, und ich mich endlich nach
Ruhe! --

Herzlich stimmte _Josselin_ in den Willen seines Reisegefhrten; sie
kehrten um, und zogen graden Wegs nach Mont-Rousseau.

Die wengen bittern Stunden dort werd' ich ja auch noch berleben, und dann
weg von der Welt, aus welcher ich nichts mitnahm, als ein blutendes Herz,
auf ewig in den Schoos der Einsamkeit!

_Josselin_ lachte bei diesen Seufzern seines Freundes. _Duur_ sah ihn
verlegen an; das Lachen war ihm rthselhaft, so rthselhaft wie einst beim
Abschiede von _Gobby_.

Er konnte lnger nicht seine Verwundrung verheelen. Er bat den Lacher um
Aufschlu; aber statt dessen erhielt er eine Menge Worte mit unbedeutendem
Sinn.

In der nchsten Stadt ward zur mehrern Bequemlichkeit ein Reisewagen
angeschafft, und nun gings ohne Rast dem Ziel entgegen.

Glcklich trafen sie am lezten Tage des Augusts an dem erwnschten Orte
ein, Schon war es gegen Abend, als ihnen die Kuppeln und Sller eines
prchtigen Schlosses, hinter hohen Eichbumen halb versteckt,
entgegenfunkelten.

Sie stiegen ab vom Wagen, als sie eben aus einem kleinen Birkenwalde
hervortraten. Der Wagen blieb zurck; sie wanderten zu Fu voran, um ihre
Freunde unverhofft zu berfallen, allein sie hatten sich verrechnet. --

Kaum waren sie einige Schritte vorwrts geeilt, als ein Pistolenschu in
ihrer Nhe fiel. Auf diesen Schu folgten mehrere. Dies Signal machte bald
die hohe Kastanienallee, die sie zu durchwandern hatten, lebendig von
allerlei Spaziergngern.

Wir sind verrathen! sagte _Josselin_: der Lrmen gilt uns!

_Duur_ schwieg. Eine sonderbare Empfindung bemchtigte sich seiner -- es
waren Schmerz und Vergngen, welche mit jedem Schlage des Pulses in ihm
abwechselten. -- Er sollte wiedersehn, zum leztenmale wiedersehn die Holde,
welche er ber alles liebte, und deren Miene, Blicke, Sprache, Ku und
Hndedruck ihm Gegenliebe verheissen hatte; er sollte sie wiedersehn, an
welcher sein ganzes Seyn, die ganze Seligkeit seiner Erdentage hing -- um
sie auf immer wieder zu verlieren.

Er ging, und jeder Schritt ward ihm ein Schritt zum unaussprechlichen
Unglck. Er blieb stehn, schwankte wieder vor, blieb abermals stehn,
inzwischen _Josselin_ ihm schon weit vorausgeeilt war, und sich in einer
jauchzenden Versammlung, in unaufhrlichen Umarmungen, von Brust zu Brust,
von Mund zu Mund strzte.

Ach, es ist peinlich, dazustehn, wie ein Verwiesener aus dem Lande der
Freude, und arm an aller Lust unter Glcklichen zu wohnen! seufzte er: es
ist peinlich, unter den Frohen mitzulcheln, inzwischen das Herz blutet und
die Augen ihre Thrnen mhsam verbergen mssen.

Er schlenderte langsam weiter. Schon hrte er nher und lauter das Gerusch
der Kommenden, ihr Frohlocken, ihr lustiges Geschwtz, ihr
Entgegenjauchzen. -- Er rieb sich hurtig von den Wimpern eine Thrne, und
eilte ihnen mit verstellter Lust zu.




Zweites Kapitel.
Das Willkommen.


Willkommen! rief der ehrwrdige _Graf von Gabonne_ indem er unserm
Betrbten entgegenwankte, und ihn mit Jnglingskraft an seine Brust
drckte. Fast verzweifelten wir an Ihrer Heimkunft; aber -- so ists recht!
-- nun ist die Reihe an uns, Ihre Liebe zu vergelten. Was Wetter -- mir
ists, als htten Sie eine Thrne in den Augen. -- Was will der ungebetne
Gast in diesen Wohnungen der Freude? Weg mit ihm, wenn Freude nicht seine
Mutter heit!

Gewi heit Freude seine Mutter -- ich bin ja wieder unter den Meinigen;
ich sehe ja meine Lieblinge in der Welt alle wieder beisammen, und Sie an
der Spitze derselben!

Seyn Sie uns gegrt, Wandersmann! jauchzte der wackre Commendant
_Silberot_, und schttelte _Florentinem_ herzlich die Hand: haben Sie sich
endlich mde geschwrmt? -- Nach der Arbeit ist die Ruhe s! -- Ich will
nun auch ruhn, von meiner Arbeit. Mein Haar ist wei worden; meine Krfte
erlahmen. -- Wie gefllt Ihnen hier die Gegend?

Sie ist romantisch! antwortete _Florentin_.

O, da sollten Sie sie nur erst nher kennen lernen. Ein irrdisches
Paradies blht hier. Da sind Wlder, Felsen, Thler, Seen, Wiesen, Bche in
einer prchtigen Mischung durcheinander geworfen, da es eine Lust ist,
anzuschaun; und nun, wissen Sie was neues? Hier werd' ich mir eine Htte
baun, und mich ansiedeln, und wohnen darin mein Lebelang. Commendant bin
ich nicht mehr!

Ich wnsche Glck! lchelte _Duur_.

Ihm nicht allein! unterbrach ihn der sanfte _Gobby_. Mein Wohnhaus lehnt
sich dicht an meines _Silberots_ Htte. Ich wohne mit ihm hier, bis er mit
meiner Asche eine Urne fllt. Willkommen indessen, Herr Revolutionair,
haben Sie nicht auch Kanella besucht, um die Eitelkeit des menschlichen
Dichtens und Trachtens zu bejammern?

Nein, nimmermehr wr ich dahin gegangen! Es ist ja nichts mehr daran
gelegen, ob die Staaten einen Freiheitshut, oder eine Frstenkrone im Wapen
fhren; die Brger dieser Welt sind von den Tndeleien lngst
zurckgekommen, und ich mit ihnen! sagte _Florentin_, und schlo den
liebenswrdigen Greis in seinen Arm.

Indem er ihn kte, hatten sich die Damen allmhlig rings umher versammelt.
Eine derselben hielt ihm die Augen zu. Errathen sollt' er ihren Namen, er
rieth her und hin und errieth ihren Namen nicht. -- Sie lie los.

Ach, Gott, Idalla! Idalla! rief _Florentin_ mit lebhafter Freude, und
drckte das liebe Weib an sein Herz, als wr es seine Schwester.

Endlich hat man Dich wieder, Du lieber Irrgeist, endlich! stammelte
Idalla, voll herzlicher Rhrung, und ein helles, schnes Thrnenpaar
funkelte in ihren Augen.

Sieh mich nur an, Du Irrgeist, und sage mir, wie hast Du so lange fern
leben knnen von Deinem _Karlchen_, von _Holder_ und _mir_. Ach, tausendmal
haben wir Dein gedacht an jedem Tage, und tausendmal heim Dich gewnscht zu
unsrer Insel! Und Du bist nicht gekommen.

Nun bleib ich ewig bei Dir; nun will ich Dich nicht wieder verlassen, bis
der Tod einen von uns abruft. Antwortete _Duur_ und sank ihr von neuem in
die Arme.

_Karlchen_ umklammerte izt seinen Leib, und rief Vater! Vater! ihm zu.

O das ist der Seligkeit zu viel auf einmal! jauchzte _Duur_, und hob den
lieblichen Knaben zu sich empor und hielt ihn Minutenlang und konnte sich
an ihm nicht satt sehn, satt kssen, satt freuen.

Aber mich wirst Du doch nicht ganz bersehn und vergessen wollen? tnte
eine andre Stimme seitwrts. _Holder_, der alte treue Reisegefhrte durch
Leben und Tod, _Holder_ eilte ihm mit weit ausgebreiteten Armen entgegen.
--

Nein! rief _Duur_: wie sollt' ich Dich bersehen, Dich meinen Genius in
zweien Welten, meinen ltesten und zrtlichsten Freund! -- O Holder,
Holder, wieviel hab' ich Dir zu erzhlen; die Wunder dieses Zeitalters sind
es werth, da man ihrentwillen fnf Jahrhunderte verschlft; sie mssen
selbst gesehn und erfahren werden, denn in der besten Beschreibung
verlieren sie an Glanz, und bleiben dennoch unglaublich.

Desto besser, da Du mein Referent seyn wirst, denn Dir glaub' ich mehr,
als zehn beeidigten Zeugen.

Auch, Bruder, auch Rikchens, _Deines Rikchens Grab_, -- auch meines
theuern Oheims Burg und Grab, den Schauplatz meiner Jugendspiele habe ich
aufgesucht; und in seiner wilden Verwandlung kaum wieder entdeckt. Das alte
Duursche Schlo ist izt ein kleiner Hgel verwitterten Gesteins vom
Fundament; die Grber, ihre Spuren, sind verweht.

Dies wre grade noch fr mich das Sehenswrdigste gewesen.

Indem sie sprachen, und die drei biedern Greise, _Gabonne_, _Gobby_,
_Silberot_ sich in das trauliche Geschwtz mischten, erschien _Idalla_
seitwrts, an ihrem schwesterlichen Arm gelehnt, verschmt und selig --
_Imada_.

_Duur_ erblate, als er seine Augen aufschlug und sie erkannte; ein
brennendes Roth flog dann wieder ber die Leichenfarbe seines Angesichts;
er konnte kaum sich nur ermannen, kaum einge Hflichkeiten stammeln, kaum
einen Ku mit starren Lippen auf ihre Hand pressen.

Da stand sie nun vor ihm, die ihn allein zum Gott auf dieser Welt htte
machen knnen, und welche nicht die Seine werden _konnte_, und _wollte_;
stand vor ihm, angethan mit allen Liebreiz, welche Jugend und
Harmlosigkeit, Kunst und Natur verschwenden knnen; stand vor ihm, bebend
und schweigend und errthend, und sah ihn an mit einem Blick, der so
unaussprechlich mild und verfhrerisch war und doch nicht das verheissen
durfte, was _Florentinen_ allein nur glcklich machen konnte.

Eingedenk der lezten, sonderbaren Unterredung in der Nacht, beim Schimmer
des Todtenfeuers, wagte ers auch nicht, nur mit einem einzigen Blick, die
qulenden Empfindungen verrathen zu geben, welche in seinem Innern tobten.

Und so kalt? fragte _Gabonne_, der lchelnd ihnen beiden zur Seite stand:
Pflckt Rosen, so lange Ihr _drfet_! -- hurtig, ich wei, da Ihr im
Leben das Kssen nicht verschworen habt, gebt Euch Ksse, eh' der Brutigam
kommt und dem Spiel ein Ende macht.

Er schlo beide in seine Arme. Errthend nherten sie sich einander unter
dem sanften Zwange; ihre Lippen hingen unauflslich in einem entseelenden
Kusse zusammen.

Es verdriet mich doch, da die Dinge solch' einen Gang nahmen! brummte
der _silberlockigte Gabonne_ halb freundlich, halb bse: wrdet Ihr beiden
Leutchen nicht das beneidenswrdigste Ehepaar auf Erden geworden seyn, wenn
-- -- -- Doch, vergangene Dinge sind nicht zu ndern. Aber lieb wr mirs
doch gewesen, wenn Ihr Beide so eins geworden wret!

_Florentin_ warf einen schwermthigen Blick auf den plaudernden Alten.
_Imada_ lchelte. _Duur_ seufzte.

An _Josselins_ Arm erschien, blhend wie eine Frhlingsrose _Rosalia_. --

Mit schwesterlicher Unbefangenheit umarmte sie ihren _Professor der
Alterthumskunde_, und half ihn, wie im Triumpf, sie auf der einen, _Imada_
auf der andern Seite, einfhren in die Burg des _Grafen von Gabonne_.

Wo ist Ihr Brutigam? flsterte _Duur_ unterwegs _Imada'n_ ins Ohr.

Noch ist er nicht hier, antwortete sie: er kennt Sie sehr gut und liebet
Sie herzlich. Aber hten Sie sich doch etwas vor ihm, denn er soll sehr
_eiferschtig_ seyn. Bis dahin wollen wir beide unter uns allen Zwang
vergessen.




Drittes Kapitel.
Die Flucht.


Sie traten ins Schlo des Grafen von _Gabonne_. Leben und Freude theilte
sich allen Versammelten mit; nur _Florentin_ war allein der einzige,
welcher bei allem Vergngen dster und mimthig blieb. Vergebens waren
alle Aufmunterungen; er konnte nicht froher werden.

An seinen sehr erklrlichen Trbsinn schlo sich eine neue Art des
Mivergngens, welche aus der unangenehmen Bemerkung entstand, da man sich
im Grunde auch nicht zu viel Mhe zu geben schien, seine Aufheiterung zu
bewerkstelligen, sondern sich sogar unter einander, lachend und flsternd,
wie heimlich, verband, ohne ihn in diesen Kreis einzuschliessen.

Der Leidende ist der einzige Ueberflssige in der Gesellschaft der
Frhlichen! dachte er bei sich und der Plan war entworfen, der Entschlu
gefat, mit einbrechender Nacht wieder davon zu reisen, bis die
Hochzeitsfeierlichkeiten vorber wren, und dann zurckzukommen, um den
Heimweg nach _Idalla's_ Insel anzutreten.

Er ging hinaus; der Fuhrmann ward in aller Stille bestellt; er kam zurck
und stellte sich froher.

Der Abend schlich allmhlig vorber. Um den knftigen Morgen desto besser
zu geniessen, beschlo man ein frhes Zubettegehn.

Gute Nacht! sprach beim Abschiede der freundliche _Graf von Gabonne_ zu
seiner Nichte: morgen hast Du einen andern Freund, einen andern Beschtzer
an Deinem Gemahl. -- Heut hab' ich die Rolle zum leztenmal gespielt, und
ich bins sehr zufrieden. Wahrhaftig, nichts ist gefhrlicher, als ein
Mdchen zu hten; ich htte bei meiner Ritterschaft leicht einmal das Leben
eingebt.

Das Leben? fragte Holder.

Es war kein Scherz. antwortete der Graf: aber eben der fatalen
Begebenheit hat _Imada_ ihre erste Bekanntschaft mit unserm _Florentin_ zu
danken. -- Im lezten Kriege hatte Imada das Unglck, von den Feinden in
ihrem verwaisten, vterlichen Schlosse berfallen und gefangen zu werden.
Es geschah dies nicht ohne Absicht. Der feindliche General war ein alter
Liebhaber meiner Nichte. Weil der Himmel aber keine Snde unbestraft lt,
so fgte ers, da der General bei einer Rekognoscirung grade in meine Hnde
fiel. Ich ward zwar dabei verwundet, allein er mute sich nun mit seiner
Geliebten ranzioniren; aber ehe er den Vertrag unterschrieb, ward _Imada_
als Deserteur, in mnnlicher Kleidung, zu uns ins Lager gebracht. Niemand
war froher, als ich; sobald ichs durfte, rstete ich einige Luftgondeln
aus, um meine Beute in eine entfernte Gegend zur Sicherheit zu bringen.
Unterwegs erhielten wir die Nachricht vom Friedensschlu, vom Zurckzug der
Armeen, und wir begaben uns also hieher nach Mont-Rousseau, wo wir denn vor
weitern Anfechtungen geschzt waren. Auf der Reise nach Mont-Rousseau fand
_Imada_ unsern _Florentin_, wie einen Arkadier im Holze.

Man scherzte noch vielerlei ber das gefhrliche Abentheuer; besonders gab
_Imadas_ Heroismus, in Mannskleidern aus dem feindlichen Lager zu
entwischen, zum Lachen manchen Stoff. Nur _Florentin_ nahm keinen Theil
daran, indem er selbst schon mit dem Plan _seiner_ Flucht zu sehr
beschftigt war.

Die Freunde schieden aus einander; jeder erhielt sein Zimmer; _Florentin_
schrieb einige Zeilen, worin er seinen Schritt rechtfertigte, und als er
alles im tiefen Schlafe whnte, machte er sich auf, und entkam glcklich
aus dem Schlosse.

Es war eine schne Mondscheinnacht. Er hatte den Fuhrmann befohlen seiner
am Ende der Allee zu erwarten. Wie erschrak aber unser Flchtling, als er
Pferd' und Wagen nicht weit vom Schlosse stehend fand! Wie leicht konnt' er
hier entdeckt werden!

Um keine Zeit zu verlieren, eilte er sogleich zum Wagen und warf sich
hinein.

Um Gotteswillen, wer ist hier? rief er bestrzt, als er eine weibliche
Figur neben sich erblickte, die er in Angst und Eil nicht gesehn hatte.

Eine Reisegefhrtin! lispelte ihm eine se Stimme zur Antwort.

_Duur_ war ausser sich. _Imada_ selbst sas neben ihn. Seine Flucht war
verrathen durch die Unvorsichtigkeit des Fuhrmanns.

In grerer Verwirrung und Bestrzung hatte _Florentin_ sich nie befunden.
Er konnte kaum ein Wort zu seiner Entschuldigung hervorstammeln. Er
frchtete die bittersten Vorwrfe, aber -- _Imada_ lchelte.

So haben wir nicht gewettet! sagte sie in einem scherzenden Tone. Nicht
so, die Geschichte von meiner Desertion hat sie verfhrt?

Imada!

Nein, so entrinnen Sie nicht. Hier stehn Weiber auf der Wacht, und mich
hteten nur Mnner damals, die ihr Geschft handwerksmig betrieben.
Weiber, wissen Sie ja wohl, sind in solchen Fllen wegen ihrer Schlauheit
berhmt.

Sie sind grausam mit Ihrem Spotte.

Wollen Sie sich ergeben?

Ihnen? o wie gern!

Auf Gnad' und Ungnade?

Ich mu.

Und zugleich gestehn, warum Sie uns so ohne Abschied entrinnen wollten?

Um glcklicher zu sein, wenn ich mich und meinem Kummer selbst berlassen
war. Ich wollte die Gesellschaft der Frhlichen nicht stren.

Welcher Kummer qult Sie?

O Imada, knnen Sie noch fragen?

Allerdings. Hab' ich Ihnen von Ihrem Aufenthalte bei uns nicht alles Lieb'
und Gute verheissen?

Aber nur das nicht verheissen, was mich in der Welt allein glcklich
machen, und mit meinem unglcklichen Leben allein ausshnen knnte.

Lieben Sie mich wirklich?

Imada -- zweifeln Sie wirklich?

So kommen Sie, ohne da uns eine Seele bemerkt, sogleich wieder ins Schlo
zurck.

Lassen Sie mich fliehn. Ich frchte den morgenden Tag. Ich kann diesen
schrecklichen Tag unmglich in Ihrer Gesellschaft berleben. Lassen Sie
mich fliehn.

Sie wollen also davon, und wissen doch, wie unaussprechlich theuer Sie mir
sind? -- Nun, so mu ich Gebrauch von meiner Gewalt machen. -- He, herbei!
der Deserteur ist gefangen!

Kaum hatte sie diese Worte gerufen, als lachend die ganze Schaar, welche
_Florentin_ lngst im tiefsten Schlummer glaubte, aus dem Schlothore
hervoreilte, _Josselin_, _Gabonne_, _Holder_, _Gobby_, _Silberot_ und die
Damen.

_Florentin_, umringt von der scherzenden Menge, welche ihn mit freundlichen
Vorwrfen bestrmte, mute sich gern oder ungern zum Kriegsgefangnen
ergeben.

Es schlafen nicht alle, welche die Augen verschliessen! rief lachend der
alte _Gabonne_: Glauben Sie nicht, da ich in meinem eignen Hause ein
sorgloser Commendant sey. Ihre Flucht war mit verrathen, als Sie den ersten
Schritt zur selbigen gethan hatten -- morgen soll Kriegsrecht ber Sie
gehalten werden. Jezt sind Sie unser Gefangner.

_Florentin_, immer verlegner, mimhiger, doch zu discret, um den
gutmthigen Scherz zu verderben durch seinen Ernst, stotterte nur
Entschuldigungen.

Seyn Sie ruhig, lieber Deserteur! sagte der Graf: Ich mu Ihnen
offenherzig bekennen, da Sie mir durch ihre Desertion noch liebenswrdiger
geworden sind, und dies wird Ihre Strafe morgen sehr lindern. -- Verlassen
Sie sich darauf. Inzwischen, damit Sie mir nicht den Versuch zur Flucht in
dieser Nacht wiederholen, so sollen Sie eine Wache von eitel Frauenzimmern
empfangen. -- Rechts und links neben Ihrem Zimmer liegen die Schlafzimmer
von unsern Damen. Wollen Sie also entfliehn, so mssen Sie erst vor den
Betten Ihrer Wchterinnen vorber. Und wehe Ihnen dann!

Man brachte ihn wie im Triumpf zurck ins Schlo. _Holder_ sah seinem
niedergeschlagnen Freund lchelnd ins Gesicht, sprach zwar kein Wort, aber
blinkte ihm mit den Augen Muth zu.

Die Greise bergaben den versammelten Damen, zu welchen sich auch mehrere
Fremde gesellt hatten, den Gefangnen feierlich in Verwahrung. -- Diese
fhrten ihn nun, als Siegerinnen, die Treppen hinauf, in sein schnes
Gefngni, vor welchem sie selber die Wacht halten sollten.

Jede empfahl sich ihm mit einem Ku der Vershnung -- _Imada_ war die
lezte.

Ich habe sie nicht verdient, diese Liebe diese peinigende Freundlichkeit!
rief er: ich kann sie auch nicht erwiedern. -- O Imada, wie wre der
Schlu im Roman meines Lebens so schn gewesen, wenn Ihre Liebe mich
schadlos gehalten htte fr die unzhligen Leiden, die ich trug.

Lieb ich Dich nicht, Flchtling? flsterte sie, und es schauerte ihm warm
durch sein ganzes Wesen bei dem vertraulichen Du.

Aber morgen?

Morgen?

Verlier ich dies Herz, diese Hand und das vertrauliche Du. Doch ich wills
erwarten. Sehn will ich den Mann wenigstens, welchen _Imada_ zum irrdischen
Gott macht.

Httest ihn beinah nicht gesehn. Er ist zwar schon gekommen -- -- --

Schon hier?

Freilich. Allein, da er ankam, lie er sogleich wieder umwenden, als er
von Deiner Anwesenheit hrte. Er ist wirklich eiferschtig; ich htt' es,
seinem Alter nach, nicht von ihm geglaubt. Mhsam gelang es mir, ihn fest
zu halten.

Ach httest Du -- -- --

Ihn _laufen_ lassen. Nicht so? Nein, Wort mu man halten. Sieh, ich will
mich theilen. Meine Person gehrt _ihm_ ein fr allemal an; _Dir_ aber
meine Liebe, mein Herz?

Wolltest Du das? Knntest Du das? Nein, Imada, ich wills, ich kanns nicht.
Gieb Dich ihm ganz hin. Erinnre Dich, was Du sprachest, als wir unverhofft
uns im Garten bei der Todtenfeier fanden vor einigen Wochen.

O Florentin, wir Weiber schwatzen manches, von dem unser Herz keine Sylbe
soufflirt hat. Worte sind nicht immer der Wiederschall unsrer Empfindungen
und Wnsche. -- Dabei bleibts. Morgen siehst Du meinen knftigen Gemahl,
und er soll seinen beglckten Nebenbuhler sehn. Ich hoffe, Ihr werdet Beide
in freundlicher Eintracht mit einander leben. Damit er aber nicht Ursach
hat, vor der Zeit eiferschtig zu werden ohne Noth, so sag ich izt:
Florentin, gute Nacht! Denn wenn er erfhre, da seine Braut um Mitternacht
mit Dir allein in einem Zimmer kosete: so mchte ihm dies doch nicht die
besten Gedanken erregen.

Bei diesen Worten schmiegte sie sich freundlich an ihn. _Florentin_ nahm
Abschied in einem langen sen Kue -- _Imada_ entwischte, und mit
unruhigem Herzen schlummerte, trumte und wachte alles dem kommenden Morgen
entgegen.




Viertes Kapitel.
Der Brutigam erscheint.


Die Natur feierte einen Festtag; duftiger, erquickender strahlte das
mannigfache Grn herab von Bumen, Gebschen und Hgeln; schner sangen die
kleinen Snger in den dstern Hecken und unter des Frhhimmels azurnem
Gewlbe; majesttischer erschien der Sonne Aufgang am flammenden Horizont,
in jeder Sekunde mit verwandeltem Farbenspiele an dem schwebenden Gewlk.
--

_Florentin_ verlie das Bett; er eilte dem Fenster zu, um sich zu laben an
dem erquickenden Anblick der aufwachenden Landschaft. Der emporsteigende
Duft von Blumen und Krutern, die im Morgenschimmer verklrten Gestatten
einer anmutigen Gegend, alles machte einen wundersamen, wohlthtigen
Eindruck auf sein Herz.

Er fhlte sein ganzes Wesen leichter, ruhiger sein Herz und abgeschieden
von aller Leidenschaft. Er sah die Bilder der gestrigen Nacht, des
gestrigen Tages, der ganzen strmischen Vergangenheit, wie einen
zurckgelegten Traum in nebelhafter Ferne noch schweben vor seinem Geist.

Ihm wars so wohl in dieser Verwandlung; sein lebendigster Wunsch wars izt,
da diese liebliche Wiedergeburt nicht das vergngliche Spiel einer
angenehmen Morgenlaune seyn mchte. -- Er war so zufrieden mit sich, er
htte -- beten mgen.

Was htt' er darum geben mgen, wenn er diese feierliche Stille in seiner
Natur mehr einem philosophischen Siege seines Geistes ber die rebellische
Sinnlichkeit, als der einstweiligen Disposition seines Krpers zu danken
gehabt htte!

Bald darauf wards neben ihm in den Zimmern lebendiger. Er hrte das
Flstern und verstohlne Gelchter der Damen. Es dauerte nicht lange, so
ffneten sich von beiden Seiten die Thren.

Umringt von blhenden Jungfrauen erschien _Imada_, in einem einfachen
Morgenkleide, einen lebendigen Blumenkranz durch das freischwebende Haar
geschlungen.

Sie war nicht mehr _Imada_, sie war eine Gttin in allen ihren Bewegungen.
Mit Seligkeit und Liebe umkleidet schienen die brigen Mdchen und Weiber
nur Reize von ihrer Nhe zu erborgen -- eine Sonne unter leuchtenden
Gestirnen, wandelte sie.

_Florentin_ bebte ihr nher. Der seste Morgengru ward gegeben und
genommen. _Florentin_ war entzckt, aber er ahndte es, wie bald dies
Entzcken Verzweiflung werden wrde.

Im Namen meines Oheims und der brigen lieben Gesellschaft befehle ich
Ihnen, als meinem Gefangnen, mir zu folgen, um fr Ihre gestrige Flucht
Red' und Antwort zu geben, und Urthel und Recht zu empfahen, als es billig
ist! sagte _Imada_ lchelnd.

_Florentin_ wollte der Holdseligen eine Antwort geben, aber _Imada_ winkte;
_Idalla_ und _Rosalia_ ketteten sich an seine Arme und fhrten ihn, als
einen Staatsverbrecher, mit muthwilligem Ernste davon.

Sie fhrten ihn hinab zum Verhr; eine hohe Thr sprang vor ihnen auf;
_Florentin_ stand in einem groen Sulensaal, voll kniglicher Pracht. In
der Ferne ein Altar, mit brennenden Kerzen; von beiden Seiten eine
zahlreiche Versammlung.

Freundlich begrte sich unter einander die Menge, aber bald trat die
vorige, feierliche Stille wieder ein.

Der _Graf von Gabonne_ trat lchelnd in die Mitte der Versammlung, kndigte
nochmals die Vermhlung _Rosaliens_ und _Imada's_ an, sprach darauf von
_Florentins_ frevelhaften Beginnen, in der Nacht zu entfliehn, und kndigte
ihm im Namen der Gesellschaft, im Fall er Besserung geloben wolle,
Erlassung der schweren, wohlverdienten Strafe an.

Aber, fuhr der liebe Greis in seinem feierlichen Sermon fort: aber da
wir, die wir hier um Dich, Flchtling, versammelt stehn, wir _Gabonne_,
_Gobby_ und _Silberot_, _Josselin_ und _Rosalia_, _Holder_ und _Idalla_
beschlossen haben, in dem romantischen Reviere Mont-Rousseaus fernerhin zu
wohnen, gemeinsam uns eintrchtig, bis der Tod das Band unsrer Gesellschaft
auflsen wird, -- da wir befrchten mssen, da Du Deine Versuche zur
Flucht erneuern mchtest; so diktiren wir Dir hiemit _eine ewige
Gefangenschaft_!

Um selbst sichrer zu seyn, vertrauen wir Dich ganz besonders der
Wachsamkeit unsrer _Imada_ an, und binde ich Dich durch dieses Wort auf
ewig an sie!

_Florentin_ horchte, und traute seinen Sinnen nicht. Er war am Ziele, mit
welchem man ihn berraschte, da er sich am fernsten von ihm glaubte. Er
hrte nichts, er fhlte nichts mehr. Sprachlos sank er in _Gabonnens_ und
_Imadas_ Arm; trumend stand er mit _Imada_, an _Josselins_ und _Rosaliens_
Seite vor dem Altar, und empfing er den Segen des Greises _Gabonne_.

So, Vinzenz! rief _Gobby_ lchelnd: lohnen Dich die schwarzen Brder!

Betubt, entnervt vom gewaltsamen Gefhl seines unaussprechlichen Glcks
sank er in _Holders_ offnen Arm. _Imada_ kte ihn als Weib, und _Josselin_
rief: Segen ber diesen Augenblick! so wollen wir grnden die Colonie der
Glcklichen!




Fnftes Kapitel.
Epilog an die Leser.


Der Vorhang fllt; das Schauspiel ist geschlossen! -- Man legt das Buch
zurck; man rmpft die Nase, spizt den Mund, und sinnt auf ein Bonmot. Der
Kritiker schnizt seine Feder, um das Mrchen, welches ich auf gutes Glck
erzhlte, nach Gebhr zu wrdigen und zu verdammen. -- Ich sehe
allenthalben krause Stirnen, keiner will mir einen stillen Dank
entgegenlcheln.

Wohlan, es sey; ich habe nichts dagegen. Vergessenheit sey meines Buches
Loos. -- Auch Tadeln macht Vergngen, denn es giebt dem Gefhl unsers
Besserseyns zweifaches Leben.

Wer aber in den Labyrinthen meiner Trumerein ein frohes Stndchen schlagen
hrte; wem ich durch mein Geschwtz nach ernstern Geschften den Augenblick
der Ruh verste; wer bei den Abentheuern meiner Helden sein eignes Leid
auf einge Zeit verga; wem hie und da ein frommer Wink, ein Wort aufs Herz,
wie Funken auf den Zunder fiel, -- der zrne wenigstens mir nicht, da ich
nichts bessers gab.

Ich htte freilich manches -- manches Gemlde noch aus dem drei
undzwanzigsten Jahrhundert liefern knnen: das Feld war gro, der Beute
viel; allein ein andrer mag den Faden nehmen und die Erzhlung weiter
spinnen, ich schweige still und hre selber zu.




Anmerkungen zur Transkription


Die krftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des
Originales wurden unverndert beibehalten. Lediglich offensichtliche
Druckfehler wurden korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Die schwarzen Brder. III. (of 3), by 
Heinrich Zschokke

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