The Project Gutenberg EBook of Die Reise zum Mars, by Hans Dominik

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Title: Die Reise zum Mars

Author: Hans Dominik

Release Date: September 12, 2012 [EBook #40737]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REISE ZUM MARS ***




Produced by Jens Sadowski








Die Reise zum Mars.


Erzhlung von Hans Dominik.


I.

Es war im Jahre 2108. Die Menschheit hatte whrend der letzten zweihundert
Jahre auf allen Gebieten gewaltige Fortschritte gemacht. Dank einer
bewunderungswrdigen Nahrungsmittelindustrie lebten zehn Milliarden einer
durchgehends hochkultivierten Menschenrasse auf dem Erdball, welcher im
Jahre 1908 kaum fnfzehnhundert Millionen ernhren konnte. Die
Wissenschaften standen in hoher Blte.

Die Ergebnisse einer verbesserten und erweiterten Spektralanalyse lieen
mit untrglicher Sicherheit erkennen, da der Nachbarplanet der Erde, der
Mars, Wasser, Luft und eine grne Vegetation besa. Man mute mit vollem
Recht annehmen, da dort menschliches Leben gedeihen knne, da der Mars,
falls er selbst nicht bewohnt sei, eine Dependence, eine Kolonie der
irdischen Menschheit werden knne. Das alles stand fest, aber auch diese
Kenntnis blieb fruchtlose Theorie. Bot sich doch keine Mglichkeit, dem
Bannkreis der Erde zu entrinnen, den Weg zu jenem Planeten zu finden.

In der zweiten Hlfte des zwanzigsten Jahrhunderts hatte ein australischer
Milliardr, wohl durch eine phantastische Schrift Jules Vernes angeregt,
den Versuch unternommen, aus einem Riesengeschtz ein gewaltiges Gescho
zum Mars zu senden. Der Versuch war schmhlich milungen. Noch bevor das
Gescho die Atmosphre der Erde selber passiert hatte, war es durch die
unendliche Reibung zerschmolzen und zu Dampf zerspritzt. Es hatte sich
gezeigt, da bei solchen Geschwindigkeiten die Luft wie ein starrer Strper
wirkt. hnlich geht es ja bei sehr viel geringeren Geschwindigkeiten
bereits mit dem Wasser. Wasser aus der Pistole geschossen wirkt fast
schlimmer als Eisen und Blei. Bei der Riesengeschwindigkeit, welche das
australische Gescho beim Verlassen des Rohrmundes hatte, wirkte die Luft
ebenso wie das Wasser, welches aus der Pistole kommt. Das Gescho war, wie
gesagt, beinahe im Augenblick verpufft. Der Versuch, ein Projektil auf den
Mars zu feuern, mute als gnzlich undurchfhrbar fallen gelassen werden.

Auf gewaltige Strahlungen mit elektrischen Wellen, die man in den Weltraum
gesandt hatte, war nie eine Antwort gekommen. Man durfte daher annehmen,
da der Mars selbst unbewohnt sei oder doch zum wenigsten nicht von
hochzivilisierten Menschen bewohnt, bei denen man elektrische
Wellentelegraphen selbstverstndlich voraussetzen mute. Der berhmte
Pariser Marspreis, der im Jahre 1894 fr die erste zuverlssige
Kommunikation zwischen Erde und Mars gestiftet wurde, war daher noch
unbehoben. Sein Wert von hunderttausend Mark hatte zweihundertzwanzig Jahre
auf Zins und Zinseszins gestanden, und man wei ja, wie sich solche Summen
im Laufe der Jahre vermehren. Ein Kapital zu etwa sieben Prozent auf Zins
und Zinseszins angelegt verdoppelt sich in zehn Jahren, dies Kapital hatte
demnach Gelegenheit gehabt, sich zweiundzwanzigmal zu verdoppeln. So war
jener Marspreis auf die fabelhafte Hhe von nahezu zweihundertzehn
Milliarden Franken angewachsen und drohte ins Ungemessene zu steigen, wenn
nicht in absehbarer Zeit die Kommunikation zwischen beiden Planeten
irgendwie hergestellt werden konnte. Hervorragende Volkswirtschaftler
rechneten bereits heraus, da in weiteren hundert Jahren annhernd das
gesamte Nationalvermgen der Menschheit im Dienste des Marspreises stehen
wrde und schrieben lange Abhandlungen ber das Fr und Wider einer solchen
Entwicklung. So standen die Dinge im Jahre 2108.


II.

Es war an einem Januartage des Jahres 2109. Im Verwaltungsgebude des
Marspreises zu Paris sa der erste Direktor des Kuratoriums in seinem
Arbeitszimmer. Die Arbeiten dieses Kuratoriums hatten im Laufe der
vergangenen zweihundert Jahre auch manche Wandlung erfahren. Whrend der
ersten hundert Jahre seines Bestehens war der Preis hufig von Leuten
beansprucht worden, die allerlei mehr oder weniger unbrauchbare Projekte
zur Erschlieung des Marses vorbrachten. Gem den Statuten durfte der
Preis jedoch nur verteilt werden, wenn die Verbindung wirklich hergestellt
war, und so waren alle diese Projektenmacher abgeblitzt. Damals hatte das
Kuratorium hauptschlich solche Ablehnungsbriefe zu schreiben, whrend das
Geld des Preises selbst in sicheren Staatspapieren angelegt war. In den
folgenden hundert Jahren hatte sich das Bild gendert. Projektenmacher
kamen kaum noch, weil sie ein fr allemal wuten, da ihre Bestrebungen
aussichtslos waren. Dafr aber war das Kuratorium immer kaufmnnischer
geworden, denn ein Vermgen, welches in die Milliarden geht, kann man nicht
mehr einfach in mndelsicheren Papieren festlegen, sondern mu es durch
Handelsherren in grtem Stile verwalten lassen.

So sa denn auch jetzt Monsieur Charles Durand, der Vorsitzende des
Kuratoriums, in seinem Bureau und berdachte soeben eine
Hundertmillionenbeteiligung der Marsstiftung an einer chemischen
Eiweifabrik in Tiflis, als der Diener ihm einen Besucher meldete. Alfred
Mller, Doctor rerum phys. et. chem., las Monsieur Durand auf der Karte und
hatte nicht bel Lust, den Besucher abzuweisen. Mimutig wollte er die
Visitenkarte des Fremden auf den Tisch werfen. Dieser Versuch gelang ihm
indessen nicht. Freilich flog die Karte bis auf die Tischplatte. Dort blieb
sie jedoch nicht liegen, sondern stieg langsam im Raum empor. Einen
Augenblick stand Monsieur Durand verdutzt da. Dann erhaschte er die Karte
mit schnellem Griff und drckte sie abermals auf die Tischplatte nieder.
Sowie er jedoch die Hand wieder zurckzog, begann die Karte von neuem zu
steigen. Erst als er einen Briefbeschwerer darber stellte, behielt sie
ihren Platz auf der Schreibtischplatte.

Hchst verwundert, betrachtete Monsieur Durand dieses eigenartige
Kartenblatt und sagte dann kurz entschlossen zum Diener: Ich lasse Herrn
Doktor Mller bitten. Nach wenigen Sekunden stand ein junger Gelehrter,
der Typus des blonden blauugigen Deutschen vor ihm und begann nach wenigen
einleitenden Worten die folgenden Erklrungen und Ausfhrungen
vorzubringen:

Es ist mir bekannt, Monsieur Durand, da der Marspreis statutenmig nicht
fr vorbereitende Arbeiten, sondern nur fr die endgltige Herstellung
einer Verbindung zwischen Erde und Mars verliehen werden darf. Mit Recht
hat Ihr Kuratorium Jahrhunderte hindurch das groe Heer der Projektenmacher
abgewiesen und ich wrde nicht zu Ihnen gekommen sein, wenn ich Ihnen nicht
etwas Besonderes zu bieten htte. Sie werden nun vielleicht bereits das
eigentmliche Verhalten meiner Visitenkarte bemerkt haben. Whrend alle
anderen Dinge in diesem Zimmer unter dem Einflusse der Schwerkraft stehen
und dementsprechend ihren Platz auf der Erdoberflche unvernderlich
beibehalten, ist diese Karte der Schwerkraft zum allergrten Teile
entzogen. Sie steht lediglich unter dem Einflu der allgemeinen
Massentrgheit. Infolgedessen wird sie zu irgend einem Zeitpunkt sich
selbst berlassen, nicht mehr den blichen Kreis mitmachen, den jeder Punkt
der Erdoberflche beschreibt, sondern sich tangential von der Erdoberflche
entfernen. Wir werden sie praktisch in die Hhe steigen sehen.

Das habe ich bemerkt, unterbrach ihn Monsieur Durand.

Ich will Sie, sehr verehrter Herr Durand, nun nicht weiter mit den
bekannten wissenschaftlichen Tatsachen langweilen, fuhr Doktor Mller
fort. Ich mchte nur daran anknpfen. Wir alle stehen wohl heute auf dem
Standpunkt, da die Schwerkraft ein rein mechanisches Druckphnomen ist und
durch das fortwhrende Bombardement des Lichtthers zustande kommt, dessen
Atome die Poren der Materie durchsetzen, wie Wasser die Poren eines
Schwammes. Obwohl wir diese Tatsache fr wahrscheinlich, ja fr
wahrscheinlich bis zur Sicherheit halten, ist irgend ein experimenteller
Nachweis, der zur Bekrftigung dieser Theorie htte dienen knnen, bis
jetzt noch nicht gelungen.

Ich selbst bin nun im Verfolg langwieriger Forschung dazu gekommen, die
Molekle eines Krpers derart zu schichten, da die Ste des Lichtthers
zum allergrten Teile glatt hindurchgehen und die Erscheinung der
Schwerkraft infolgedessen nicht mehr oder doch nur in so geringem Mae
zustande kommt, da sie durch die Zentrifugalkraft bequem berwunden werden
kann. Ich will das Geheimnis meiner Erfindung vorlufig noch nicht bekannt
geben, berzeugende Experimente, die ich Ihnen vorfhren kann, sprechen
berdies deutlicher als alle Theorien. Ich habe hier einen goldenen Ring am
Finger. uerlich mag Ihnen vielleicht ein gewisser opalisierender Glanz
des Goldes auffallen. Dieser Ring nun ist polarisiert abarisch gemacht, das
heit er ist in einer bestimmten Richtung fr die Schwerkraftstrahlen
unfabar. Ich nehme den Ring jetzt vom Finger und stelle ihn hochkantig auf
den Tisch. Sie sehen, er bleibt ruhig liegen. Die Schwerkraftstrahlen
drcken ihn auf die Tischkante. Jetzt lege ich den Ring flach auf den Tisch
und sofort beginnt er zu steigen. Im Gegensatz zu dieser polarisierten
Abarie war meine Visitenkarte berhaupt und in jeder Richtung fr die
Schwerkraftstrahlen durchdringlich und daher in jedem Falle geneigt,
emporzusteigen. Um es nun kurz zu machen. Ich kann eine groe Anzahl
irdischer Stoffe der Schwerkraft entziehen und damit bin ich ohne weiteres
in der Lage, ein Fahrzeug zu bauen, mit dem sich der Mars erreichen lt.
Wenn ich in einem Augenblick mit einem derartigen abarischen Raumschiff die
Erdoberflche verlasse, in welchem die Tangente in diesem Punkte genau auf
den Mars gerichtet ist, so mu ich diesem geradeswegs in die Arme laufen.

Monsieur Durand hatte schweigend zugehrt.

Theoretisch haben Sie zweifelsohne recht, begann er jetzt, aber
berlegen wir uns einmal, wie lange die Reise dauern wird. Gesetzt den
Fall, Sie nehmen den Augenblick groer Marsnhe zum Zeitpunkt der Abreise,
so mssen Sie immerhin sieben Millionen Meilen durchfahren. Gesetzt weiter
den Fall, Sie reisen vom quator ab, woselbst die Tangentialgeschwindigkeit
der Erde etwa vier geographische Meilen in der Sekunde betrgt, so brauchen
Sie immerhin noch rund eine Million achthunderttausend Sekunden oder
zwanzig Tage und zwanzig Stunden. Das wrde zeitlich nicht zu lange sein.
Nicht lnger, als noch vor zweihundert Jahren die Dampfschiffahrt ber den
Stillen Ozean dauerte. Aber weitere Einwnde sind zu machen. Zunchst
finden Sie keinen Punkt der Erdoberflche, dessen Tangentialbewegung fr
die Zeit der Marsnhe genau auf den Mars gerichtet wre. Dazu sind die
Ebenen beider Planetenbahnen und die Achsen beider Planeten zu sehr
gegeneinander geneigt. Die Punkte, welche fr solche Abreise allenfalls in
Betracht kommen wrden, haben die drei- bis vierfache Entfernung der
Marsnhe zur Voraussetzung. Ferner aber: wie wollen Sie mit Ihrem
abarischen Fahrzeug, das nun in der Sekunde dreiig Kilometer zurcklegt,
auf dem Mars landen, ohne zu Grunde zu gehen. Entweder Sie verfehlen die
Marsscheibe und treiben dann verloren in die Unendlichkeit hinein, wenn Sie
nicht vorher nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit in der Region der
Planetoiden von irgend einem Boliden, oder irgendwelchem im Weltraum
treibenden Felsgetrmmer zerschmettert werden. Diese Aussicht ist wenig
erbaulich. Aber auch die zweite ist nicht schn. Treffen Sie wirklich die
Marsscheibe, so mu Ihr Fahrzeug durch den Aufprall gleichfalls
zerschmettert werden und Ihre Expedition findet ein ruhmloses Ende.

Ihre Auslassungen sind durchaus gerechtfertigt, warf jetzt Doktor Mller
ein, aber Sie wissen noch nicht alles. Darf ich Sie noch einmal um meine
abarische Karte bitten. Ich habe hier in diesem Flschchen eine ganz
besondere Flssigkeit, welche die Atomlagerung stark beeinflut. Ich
bestreiche die Karte damit, und Sie sehen, da sie jetzt liegen bleibt. Sie
steht wieder unter dem Einflusse der Schwerkraft. Ihre Atome haben sich so
weit verlagert, da die Schwerkraftstrahlen nicht mehr glatt hindurchgehen,
aber auch nur ebenso weit. Sobald ich diese zweite Flssigkeit, welche ich
hier in einer anderen Flasche bei mir fhre, darber streiche, klappen die
thergnge gewissermaen wieder auf. Die Karte steigt wieder in die Hhe.
Um es also kurz zu sagen: ich werde auch mein Marsschiff nach Belieben der
Schwerkraft unterwerfen oder es ihrem Einflusse entziehen knnen. Damit
aber bieten sich mir ungeahnte Mglichkeiten. Ich brauche keineswegs in
einem Bummeltempo von dreiig Kilometern in der Sekunde zum Mars zu fahren.
Eine Grenze ist mir ja hier nicht gesetzt. Fahren doch einzelne
Sternschnuppen mit dreihundert und mehr Kilometern in der Sekunde durch den
Raum. Ich kann einen Augenblick zur Abfahrt whlen, in dem unser Mond mir
bequem im Wege liegt, und diesen kann ich dann als die groe Stellweiche
fr die Einfahrt in das Geleise zum Mars betrachten. Von der Erde nehme ich
zunchst die Richtung in die Nhe des Mondes. Sobald ich in den Bereich
seiner Anziehungskraft gelangt bin, kann ich mein Fahrzeug wieder schwer
machen und mit quadratisch gesteigerter Geschwindigkeit in seine Nhe
strzen. Sobald mein Fahrzeug dabei eine Geschwindigkeit von etwa
zweihundert Kilometern und die genaue Richtung auf den Mars erlangt hat,
werde ich die Schwerkraft wieder abstellen und in sausender Fahrt dem Mars
zueilen. In wenigen Stunden kann ich ihn erreicht haben, dicht an ihm
vorbeigehen und im Augenblicke des Vorbeiganges die Schwerkraft wieder
anstellen. Sie wird jetzt bremsend auf meine Geschwindigkeit wirken, wobei
mir die beiden Marsmonde noch besonders gute Dienste leisten werden. In dem
Augenblick, da die Anziehungskraft des Mars berwiegt und ich langsam auf
ihn zurckfalle, kann ich dann die Schwerkraft ganz abstellen und nun nach
dem Gesetz der Trgheit allein sanft auf seiner Oberflche landen.

Nicht schlecht gedacht, unterbrach ihn Monsieur Durand, aber nun einmal
geschftlich gesprochen. Aus welchen Mitteln wollen Sie die Kosten der
Expedition bestreiten? Das Marskuratorium darf statutenmig den Preis nur
fr die gelungene Kommunikation auszahlen und ganz im Vertrauen gesagt: das
Marskuratorium hat gar kein Interesse daran, da der Preis berhaupt jemals
zur Auszahlung gelangt. Augenblicklich sind wir unabhngige Herren eines
Riesenvermgens, beinahe die Herren der Welt. Gewinnt morgen irgend jemand
den Preis, so sind wir entweder seine Untergebenen oder wir mssen an
anderer Stelle von vorne anfangen. Ich denke, Sie verstehen.

Ich verstehe, erwiderte Doktor Mller, und eben deswegen bin ich zu
Ihnen gekommen. Sie werden ohne weiteres einsehen, da ich auf Grund meiner
Errungenschaften das Unternehmen einer Marsexpedition mit anderen
Kapitalisten bewerkstelligen knnte. Natrlich wrden diese ihre
Bedingungen machen. Ich wrde den Preis gewinnen, aber jene wrden den
allergrten Teil davon beanspruchen. Sie wren ihn jedenfalls los. Also
denke ich, wir einigen uns.

Und in welchem Sinne? fragte Monsieur Durand.

Sie stellen mir alle Mittel zur Durchfhrung der Expedition zur Verfgung.
Dafr machen wir einen besonderen Vertrag, demzufolge ich verpflichtet bin,
von dem rechtmig gewonnenen Preise fnfundsiebzig Prozent an die
juristische Person des Kuratoriums geschenkweise abzufhren.

Gemacht! rief Monsieur Durand und lie den Syndikus des Kuratoriums
kommen, um sofort alle darauf bezglichen Vertrge festzulegen.


III.

In den nchsten Monaten herrschte in einem der groen Fabrikwerke des
Marskuratoriums lebhafte Ttigkeit. Maschinen schnurrten, elektrische
Strme flossen und in einem Geheimlaboratorium sa Doktor Mller, braute,
hantierte und mischte wie ein Apotheker von Profession.

Das Material, welches aus den Werksttten hervorging, ein besonders zher
und fester Spezialstahl, unterschied sich uerlich nur durch einen
leichten Opalschimmer von dem gewhnlichen Stahl. Aber er war in seiner
Struktur verschieden von ihm. Bereits einmal abarisch gewesen, konnte er
jeden Augenblick durch einfaches Besprengen mit der entsprechenden
Flssigkeit wiederum den Schwerestrahlen entzogen werden. Aus diesem
Material nun wurde das Raumschiff gefgt. In der Hauptsache ein
kugelfrmiger Krper, der im Innern alle Bequemlichkeiten fr die Reisenden
enthielt. Selbstverstndlich waren die erforderlichen Apparate fr
Lufterneuerung, Beheizung, Beleuchtung und so weiter reichlich vorhanden.
Die Arbeiten gingen flott vonstatten und in wenigen Monaten war das
Raumschiff vollendet.

Um diese Zeit trat Monsieur Durand mit neuen Plnen hervor. Einmal wollte
er Doktor Mller nicht allein fahren lassen, sondern die Reise mitmachen.
Wenn man sich erinnert, wie behaglich ihrerzeit die drei Freunde Jules
Vernes, die Amerikaner Barbicane und Nicholl, sowie der Franzose Michel
Ardan zum Monde reisten, so wird man eine derartige Vermehrung der
Reisegesellschaft gewi nur mit Freude begren knnen. Aber Monsieur
Durand ging noch weiter. Er hatte sich immer mehr und mit liebevollster
Aufmerksamkeit in die Mllerschen Plne versenkt und war jetzt in der Lage,
einen wertvollen Verbesserungsvorschlag zu machen. Es war ihm die Idee
eines Richtrohres gekommen. Lie man das Fahrzeug frei abschweben, so mute
es ja durchaus tangential fliegen. Lie man es dagegen aus einem Rohr
auslaufen, so konnte man seine Richtung innerhalb ziemlich weiter Grenzen
beeinflussen. Man konnte ihm sofort eine Richtung geben, welche es direkt
ans Ziel fhren mute. Auch Doktor Mller mute das Zutreffende dieses
Vorschlages einsehen und so wurde denn jene Vorrichtung erbaut, welche
unser farbiges Titelbild besser als alle Worte erklren knnen zur
Darstellung bringt. Wir sehen auf ihm das gewaltige teleskopartige Rohr,
aus welchem das Fahrzeug vor wenigen Sekunden ausgefahren ist.

Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor. Der Bau von Richtrohr und
Weltraumschiff wurde sachgem durchgefhrt. Dann wurde das Richtrohr im
Kongostaate am Kongoflusse selbst, gerade an der Stelle, an welcher dieser
den quator schneidet, aufgestellt und dorthin auch das Raumschiff
gebracht, ber alle diese Vorarbeiten waren nahezu zwei Jahre verstrichen
und im Herbst des Jahres 2110 war alles zur Abfahrt bereit und der Mars in
gnstiger Nhe. Der Tag der Abfahrt war herangekommen und bereits am hellen
Vormittage war die Richtung des Rohres nach den Berechnungen der Astronomen
erfolgt und die Abfahrtszeit auf die Minute und Sekunde festgelegt. Das
Raumschiff selbst lag in dem riesigen Gleitrohr und war bereits vllig
abarisch gemacht. Ein gewichtiger Verschluriegel war vor dem Schiff quer
durch das Rohr gezogen und eine geschftige Mannschaft bereitete alles zum
eigentlichen Stapellauf des Raumschiffes vor. Ein gewaltiger
elektromagnetischer Apparat stand neben dem Rohre, gengend stark und
geeignet, den Sperriegel im gegebenen Zeitpunkt blitzschnell herauszuziehen
und dadurch dem Schiff freie Bahn zu bieten. Die elektrische Leitung fhrte
zu einem eleganten Druckknopf. Hier sollte der Prsident des Kongostaates
als der Landesherr der Abfahrtstation in der gegebenen Sekunde den Strom
wirken lassen, das Schiff vom Stapel lassen.

Um die Mittagstunde erschienen die beiden Marsreisenden, Monsieur Durand
und Doktor Mller, um in ihrem Raumschiff Platz zu nehmen. Es braucht nicht
erst besonders erwhnt zu werden, da das Innere dieses Schiffes alle die
Einrichtungen und Bequemlichkeiten bot, auf welche Weltraumreisende nun
einmal berechtigten Anspruch haben. Selbstverstndlich sorgten Sauerstoff-
und tznatronapparate, die sich ja bereits im zwanzigsten Jahrhundert auf
einer groen Hhe der Ausbildung befanden, fr dauernde vorzgliche Luft.
Ebenso waren Schutzvorrichtungen gegen die Klte des Weltraumes und
Einrichtungen fr die Beleuchtung getroffen. Proviant und Luftvorrat waren
fr ein halbes Jahr an Bord. Whrend dieser Zeit muten die Reisenden
irgendwo festen Fu gefat haben oder wieder zurck sein. Jetzt saen sie
in ihrem Raumschiff und harrten des nahen Zeitpunktes der Abreise.


IV.

Um ein Uhr fnfzehn Minuten erschien der Prsident des Kongostaates mit
seinen Begleitern und lie sich im Fahrstuhl auf die Plattform eines
turmartigen Gerstes befrdern. Whrend er mit seiner Umgebung, zu welcher
auch der Direktor der Sternwarte vom Kilimandscharo gehrte, im Gesprch
blieb, rckte der Zeiger an der Uhr allmhlich weiter. Um ein Uhr zwanzig
Minuten legte der Astronom sein Chronometer auf den Tisch neben den
elektrischen Druckknopf. Um ein Uhr fnfundzwanzig Minuten blieben Minuten-
und Sekundenzeiger auf der Uhr des deutschen Astronomen stillstehen und
setzten sich erst nach etwa zehn Sekunden wieder in Bewegung.

Soeben habe ich mit Hilfe der drahtlosen Telegraphie die Sternwartenzeit
vom Kilimandscharo bekommen, bemerkte der Astronom. Das Chronometer ist
jetzt magebend fr die Abfahrt des Raumschiffes. Um ein Uhr dreiig
Minuten begann der Prsident den Sekundenzeiger dieses Chronometers zu
beobachten. Als der Zeiger die zwanzigste Sekunde passierte, drckte er auf
den Knopf. In demselben Augenblick vernahm man einen schrillen Klang. Ein
gewaltiger Riegel flog zur Seite und schimmernd und opalisierend drang das
Raumschiff einem riesigen Geschosse gleich aus dem Rohr. Etwa mit der
Schnelligkeit einer Rakete stieg es schrg in die Hhe, um nach wenigen
Sekunden der Reichweite des unbewaffneten Auges zu entschwinden.

Wiederum war ein Sendbote zum Mars entlassen, trieb ein Gebilde von
Menschenhand in den Weltraum. Die Frage, ob es glcklicher sein wrde als
seine Vorgnger, beschftigte alle Herzen und lag auf allen Lippen.
Vorlufig indessen konnte man nichts anderes tun, als abwarten und man
verkrzte sich die Zeit wirksam, indem man sich zu einem feierlichen
Bankett begab, welches das Marskuratorium zu Ehren der Abgereisten
veranstaltete. Man trank auf das Wohl der Herren Durand und Doktor Mller,
ebenso wie auf das des Mars und seiner hypothetischen Bewohner. Whrend man
noch beim Nachtisch sa und ber die Vorzge des Kapweines und der Reben
vom Rhein praktische Untersuchungen anstellte, lief eine Depesche der
Deutschen Sternwarte vom Kilimandscharo ein, der zufolge man das Raumschiff
an der Mondscheibe vorberziehen und hinter derselben verschwinden gesehen
habe. Neue Toaste wurden darob ausgebracht und erst in spter Abendstunde
trennte man sich vom gemeinschaftlichen Mahle.


V.

Unsere Reisenden hatten sich, wie bereits erzhlt, in dem Raumschiff
huslich eingerichtet und den Augenblick der Abfahrt ohne nennenswerte
Erschtterung berstanden.

Da sehen Sie, wie vorteilhaft sich mein System von demjenigen der alten
Mondartilleristen unterscheidet, begann Doktor Mller die Unterhaltung,
als sich das Raumschiff unter leichtem Rucken und Schttern in Bewegung
setzte. In frheren Zeiten gab es den furchtbaren Sto einer gewaltigen
pltzlichen Pulverexplosion unter derartigen interplanetarischen
Geschossen. Nach meinem System setzt auch die Beschleunigung allmhlich,
wenn auch schnell steigend ein und praktisch spren wir kaum etwas von der
ganzen Abreise.

Ich bin berzeugt, da Ihr System einen bedeutenden Fortschritt darstellt
und uns hoffentlich zum erwnschten Ziele bringen wird, erwiderte Monsieur
Durand und dann taten die beiden Reisenden das Gleiche, wie die
Zurckgebliebenen auf der Erde, nmlich sie begannen lebhaft und mit
liebevoller Hingabe an das Gebotene zu frhstcken. Das hinderte sie
freilich nicht, gelegentlich Blicke durch die an zahlreichen Stellen des
Raumschiffes angebrachten Fensterscheiben auf die entschwindende Erde und
den herannahenden Mond zu richten. Noch waren keine zwei Stunden vergangen,
als die Erde bereits in Form eines gewaltigen leuchtenden Mondes am
schwarzen Himmel hing, whrend der Mond selbst sie an scheinbarer Gre
bereits erheblich bertraf und an die rechte Seite des Raumschiffes trat.

Wir htten uns doch schwer machen sollen und aus der Anziehungskraft des
Mondes beschleunigte Reisegeschwindigkeit holen, meinte jetzt Doktor
Mller.

Gewi! und dabei die Richtung nach dem Mars endgltig verfehlen,
unterbrach ihn Monsieur Durand. Dann knnten wir bis in die Unendlichkeit
im Weltraum umhertreiben und mit unserer Marsfahrt she es bel aus. Wir
wollen vielmehr auf dieser ersten Reise lieber zu vorsichtig als zu khn
sein und solche Extrafahrten auf knftige Zeiten versparen. Mit diesen
Worten schlo Monsieur Durand die Debatte ber dieses Thema, und die
Reisenden verbrachten die folgenden Tage und Stunden teils im Gesprch,
teils in der Beobachtung des gestirnten Himmels, soweit sie nicht der Ruhe
und der Einnahme der regelmigen Mahlzeiten gewidmet waren. Nach der Uhr
konstatierten sie, wann ein Tag verflossen war. Eine andere Mglichkeit gab
es nicht, da sie ja hier in stndigem Sonnenlichte reisten. Die Sonne
durchflutete ihr Raumschiff und erleuchtete und erwrmte es mit ihren
Strahlen. Auf der der Sonne abgewandten Seite indessen bemerkten sie den
pechschwarzen gestirnten Himmel, und von Tag zu Tag wuchs an Gre und
Leuchtkraft ein einzelner Stern, das Ziel ihrer Reise, der Mars. Bereits
nach zehn Tagen stand er als blutroter Stern von Faustgre am Himmel. Nach
fnfzehn Tagen erinnerte er bereits an den Mond, und nach zwanzig Tagen sah
man seine gewlbte Kugel mit allen ihren Einzelheiten im Weltraume
schwimmen.

Jetzt wird die Sache kritisch, begann nun Doktor Mller. Unsere
Astronomen muten zwar mit dem groen Abfahrtsrohr nach Mglichkeit auf den
Mars zielen, aber sie durften ihn unter keinen Umstnden bis zum Treffen
genau aufs Korn nehmen. Sollten Sie so genau gezielt haben, da unser
Raumschiff mitten auf die Marskugel trifft, so sind wir rettungslos
verloren. Ich habe kein Mittel, um das Raumschiff alsdann in eine andere
Richtung zu lenken. Whrend ich das Raumschiff wiederum schwer machen und
dadurch recht eigentlich an das Ziel heranholen kann, wenn es etwa zu weit
danebenging, habe ich keinerlei Mglichkeit, es von diesem Ziel zu
entfernen. Haben wir also glatten Kurs auf die Marskugel, so mssen wir mit
wenigstens dreiig Kilometer in der Sekunde auf seine Oberflche strzen
und unser Untergang wre damit sicher. Kommen wir dagegen schrg neben der
Marskugel vorbei, so knnen wir uns im Augenblick des Vorbeifluges die
Schwere wiedergeben und dadurch in eine Kreisbahn um den Mars herum
einlenken. Weiter knnen wir die Geschwindigkeit unseres Raumschiffes
whrend dieser Rundfahrt durch das Luftmeer so weit abbremsen, da wir
schlielich ohne jeden harten Sto auf der Marsoberflche landen. Nun, in
wenigen Stunden werden wir ja wissen, ob wir zersplittern mssen oder ob
wir von unseren Astronomen richtig bedient worden sind.

Sie sehen entschieden zu trbe, begann jetzt Monsieur Durand. Wenn uns
unsere Astronomen wirklich genau gegen das Zentrum der Marskugel
losgelassen haben, so haben wir immer noch Gelegenheit, uns vom einen oder
anderen der Marsmonde von diesem gefhrlichen Kurse abziehen zu lassen.
Beobachten wir also beizeiten und benutzen wir ntigenfalls die Marsmonde
als Notweichen.

Unter solchen Reden verging Stunde um Stunde, und die Marsscheibe begann
einen immer greren Teil des Himmelsraumes vor den Reisenden einzunehmen.
Angestrengt beobachteten diese ihre Fahrtrichtung und behielten fortwhrend
den Marsrand im Auge.

Hurra, wir kommen glcklich vorbei, rief endlich Doktor Mller nach
mehrstndiger Beobachtung. Wir brauchen vorlufig gar nichts zu tun.
Unsere Astronomen haben erstaunlich gut gerechnet und gerichtet.

In der Tat wurde der Lauf des Raumschiffes immer schrger zur
Marsoberflche, und man konnte deutlich wahrnehmen, wie sich die Wlbung
der Kugel unter dem Raumschiffe in drehender Bewegung zu befinden schien.

Ein gutes Zeichen! bemerkte Monsieur Durand. Wenn wir gerade auf den
Mars trfen, mte er ohne solche scheinbare Drehung auf uns zukommen.
Jetzt bemerken wir solche Drehung, wie sich die Felder vor unseren Augen
drehen, wenn wir in der elektrischen Bahn mit fnfhundert Kilometern in der
Stunde an ihnen vorbeifahren. In der Tat hatten die Reisenden immer noch
nicht das Gefhl des Falles. Die gewaltige Marsflche schien unter ihnen
vorbeizuziehen, whrend ihr Auge auf wolkige Gebilde, grnlichen Schimmer
und bluliche, an Wasserspiegel erinnernde Blitze fiel.

Er sieht nicht viel anders aus als unsere gute Erde, als wir sie
verlieen, bemerkte Doktor Mller. Aber jetzt ist es Zeit, da wir uns
etwas schwer machen, um im Bereich der Marsanziehung zu bleiben und den
groen Puffersto in seiner Atmosphre zu unternehmen. Mit diesen Worten
warf er einen Augenblick einen Hebel herum, und aus tausend feinen Rhrchen
rieselte die schwermachende Flssigkeit auf die Platten des Raumschiffes
herab. Einen Augenblick nur war der Hebel geffnet gewesen, aber man merkte
deutlich die Wirkung. Die Marsflche, welche sich bereits wieder ein wenig
entfernt hatte, schien nher zu kommen, und die gerade Fahrt des Schiffes
ging in eine kreisfrmige ber.

Stunde um Stunde verrann, und immer nher kam die schnell vorbeiziehende
Oberflche des Planeten ihren Blicken. Als sie jetzt wieder, in die
Beobachtung des Planeten versunken, am Fenster standen, zog Doktor Mller
pltzlich die Hand von der Wand des Schiffes zurck.

Wir befinden uns bereits in der Marsatmosphre, rief er gleichzeitig.
Die Reibung ist so stark, da sich die Wnde bei einer Geschwindigkeit von
rund vier Meilen in der Sekunde, die wir gegen diese Atmosphre haben,
merklich erhitzen. Wir drfen nicht zu schnell fallen, nicht zu schnell in
dichtere Luftschichten kommen, sonst schmilzt unser ganzes Raumschiff.
Unsere Geschwindigkeit mu langsam vermindert werden. Mit diesen Worten
setzte er ein anderes Rhrensystem in Ttigkeit, durch welches ein
betrchtlicher Teil des Raumschiffes wieder abarisch gemacht wurde, und
gleichzeitig stellte er die Heizung des Schiffes ab, denn die Temperatur im
Innern hatte bereits eine ungemtliche Hhe erreicht. Nur noch ganz langsam
kam das Schiff der Marsoberflche nher, aber whrend es Meile um Meile
voranscho, verlor es Kilometer um Kilometer seiner groen
Eigengeschwindigkeit durch die Reibung in der Marsatmosphre. Immer
langsamer flog die Oberflche unter ihm dahin, immer nher kam es ihr. Wir
mssen vorsichtig sein, meinte Doktor Mller. Mit einer Geschwindigkeit
von hchstens noch ein bis zwei Metern in der Sekunde und mit einem
Niederfall von hchstens einem Millimeter in der Sekunde drfen wir
irgendwo auf der Marsoberflche landen, wenn wir unser Raumschiff nicht
ernstlich gefhrden wollen.

So begannen nun die Landungsmanver. Nach Stunden war aus dem
Weltraumschiff ein veritabler Luftballon geworden. Nur ein wenig schwerer
als die ihn tragende Luft, senkte er sich ganz allmhlich und mit leichtem
Schwanken auf einen baumfreien Gebirgskamm hernieder, whrend seine
Vorwrtsbewegung beinahe gnzlich aufgehrt hatte. Zum Schlu noch ein
leichtes Scharren und Schrfen. Dann hatte das erste Weltraumschiff der
Erde auf dem Mars Anker geworfen.


VI.

Arriv! sagte Monsieur Durand, als das Kratzen und Scharren aufgehrt
hatte.

In der Tat angekommen! meinte Doktor Mller. Auf diesem hohen
Gebirgskamm liegen wir ganz gut. Die Waldungen beginnen erst fnfhundert
Meter tiefer, und selbst wenn der Mars bewohnt wre, brauchten wir seine
Bewohner hier nicht zu frchten. Bevor wir aber versuchen, unser Raumschiff
zu ffnen, schlage ich vor, da wir erst einmal Auentemperatur und
Luftdruck messen. Dann wollen wir eine Probe der Auenluft untersuchen und,
wenn das alles stimmt, dann wollen wir aussteigen.

Alsbald brachten die Reisenden ein Barometer und ein Thermometer aus dem
Raumschiff ins Freie. Das Thermometer zeigte zehn Grad Celsius, das
Barometer nur einen Druck von fnfhundert Millimetern.

Die Temperatur geht, die Luft wird uns ein wenig dnn vorkommen, und ich
frchte, wir werden Sauerstoffapparate ntig haben, meinte Doktor Mller,
whrend er die Zusammensetzung der Luft untersuchte. Aber schon nach
wenigen Minuten richtete er sich befriedigt auf. Die Luft hat vierzig
Prozent Sauerstoff und sechzig Prozent Stickstoff, da geht es auch ohne
Apparat, und nur mit dem verringerten Druck mssen wir vorsichtig sein. Wir
drfen nicht pltzlich hinaustreten, sondern mssen die Luftschleuse
benutzen. Darnach traten die beiden Reisenden durch eine Tr in die Kammer
der Luftschleuse und schlossen die Tr wieder luftdicht hinter sich.

Nun also! sprach Doktor Mller und drehte einen Hahn in der Auenwand
auf. Man vernahm ein Zischen. Die Luft in der Schleusenkammer, welche noch
unter dem Druck der irdischen Atmosphre stand, strmte in die leichtere
Marsatmosphre ab.

Da stie Monsieur Durand einen lauten Schrei aus, whrend ihm einige
Blutstropfen aus der Nase flossen. Der verminderte Luftdruck war die
Ursache eines leichten Nasenblutens fr ihn gewesen. Es ging wohl etwas zu
schnell, meinte Doktor Mller, aber nun ist es wohl vorber, und wir
knnen die uere Schleusentr ffnen. Ein Druck und die Tr schlug auf.
Die beiden Reisenden standen zum ersten Male, seitdem sie irdischen Boden
verlassen hatten, wiederum auerhalb ihres Raumschiffes, standen auf
marsischem Boden. Sie schritten ber steiniges Gebirgsland, wie es auch
unsere Alpen zeigen, und sie sahen grne Kruter und Bume, sahen die ihnen
wohlbekannten Formen der Glockenblumen, der Lippenbltler und der
Doldenblten. Sie sahen Pilze, Moose und Farne, sahen die allbekannten
Gestalten von Wrmern, Kfern und Schmetterlingen, whrend ihre Lungen die
Lebensluft des Mars einatmeten.

Man knnte es fr einen Nachmittag im Berner Oberland halten, meinte
Doktor Mller.

Ich mag gar nicht mehr in das Raumschiff hinein, sagte Monsieur Durand.

Aber wir mssen, erwiderte Doktor Mller. Wir mssen erst einen
ausgedehnten Kriegsrat halten, bevor wir etwas Weiteres unternehmen knnen,
also vorlufig noch einmal zurck in das Raumschiff.


VII.

Als unsere beiden Reisenden wieder in ihrem Fahrzeuge Platz genommen
hatten, setzte sich Doktor Mller in Positur und begann also: Wir haben
einen groartigen Erfolg zu verzeichnen gehabt, einen Erfolg, wie kein
Irdischer vor uns. Unser Planetenschiff liegt fest verankert auf dem
jungfrulichen Boden des Mars. Wir haben auf unserer ersten Reise
zweifelsohne konstatiert, da die physikalischen Verhltnisse des Mars hier
eine Ansiedlung der Menschheit ganz sicherlich zulassen. Wir haben auch
niedere Lebensformen, wie Wrmer und Insekten, gefunden. Wirbeltiere haben
wir einstweilen noch nicht zu Gesicht bekommen und ber die etwaige
menschenhnliche Bevlkerung des Mars wissen wir noch gar nichts. Mag sein,
da vernnftige menschenhnliche Wesen nahe bei uns in den Tlern dieses
Gebirges leben, mag auch nicht sein. In keinem Falle knnen sie die Hhe
unserer Entwicklung erreicht haben, denn sonst wre es an ihnen gewesen,
unserer Erde zuerst einen Besuch abzustatten. Selbstverstndlich knnen wir
nicht wissen, wie weit ihre Entwicklung fortgeschritten ist. Vielleicht
stehen sie bereits auf der Hhe, die wir im Jahre 1896 kurz vor der
Erfindung der elektrischen Wellentelegraphie erreicht hatten, vielleicht
auch leben sie noch im Zustande der Griechen zur Zeit des trojanischen
Krieges oder gar der uralten Hhlenmenschen des Neandertales. Vielleicht
auch hat das Leben von Primaten, von hochorganisierten Wirbeltieren, auf
diesem Planeten noch gar nicht begonnen und wir sind die ersten
vernunftbegabten Geschpfe auf einem neuen Stern. Sei dem nun aber, wie ihm
wolle. In jedem Falle knnten wir das nur ersphen, wenn wir mit unserem
Raumschiff eine Umfahrt um den Mars in sehr miger Hhe vollfhrten. Wenn
wir in etwa zweihundert Meter Hhe seine Oberflche bestrichen, wrde uns
alles dieses klar werden. Dazu aber mten wir das Fahrzeug wiederholt
abarisch und dann wieder schwer machen. Unser Flssigkeitsvorrat ist aber
auergewhnlich knapp geworden. Wir knnen nur noch eben unsere Erde wieder
erreichen, whrend jeder Versuch, hier eine Kreuzfahrt zu vollfhren, uns
dieser letzteren Mglichkeit beraubt. Mein entschiedener Vorschlag geht
daher dahin: wir errichten hier einen zuverlssigen Merkstein, da wir im
Namen der Erde auf dem Mars gelandet sind, und kehren dann sofort zur Erde
zurck, um von dort aus mit neuen und reicheren Mitteln eine zweite
Expedition zu unternehmen.

Wenn dem so ist, haben Sie unbedingt recht, erwiderte Monsieur Durand.
Dann mssen wir zurck, aber vorher wollen wir ein Denkmal unserer
Anwesenheit errichten. Ich denke, wir machen es folgendermaen: zunchst
wollen wir die genaue geographische Breite und Lnge unserer Landungsstelle
ermitteln und auf unseren Marskarten eintragen. Das ist so wie so ntig, da
unsere Astronomen mir eine genaue Tabelle mitgegeben haben, aus welcher ich
fr jeden Ort der Marsoberflche die besten Abfahrtszeiten zur Erde
entnehmen kann.

Nach diesen Worten verlieen die beiden Reisenden wiederum das Raumschiff,
und Doktor Mller begann mit dem Sextanten zu arbeiten. Es folgte eine
kurze Rechnung. Dann markierte er einen Punkt der vor ihm liegenden
Marskarte und trug die genauen Lngen- und Breitengrade in das auf der
Karte bereits befindliche Gradnetz ein. Weiter begann er in einer
umfangreichen Tabelle zu blttern und bemerkte nach einem Blick auf die
Uhr: Wir haben noch sechs Stunden achtzehn Minuten und zehn Sekunden Zeit.
Wenn wir dann mit voller Abarie abfahren, erreichen wir die Erdscheibe in
guter glatter Fahrt. Jetzt wollen wir an den Merkstein gehen. Zunchst eine
kleine Steinpyramide vor dieser glatten Felswand und auf diese Pyramide die
Flaggen unserer beiden Lnder. Weiter aber irgend eine allgemein
verstndliche Zeichnung auf diese glatte Felswand. Nach diesen Worten
begannen die beiden Feldsteine zusammenzuschleppen, und im Laufe einer
Stunde war eine zwei Meter hohe Pyramide errichtet, von deren Spitze lustig
die Fahnen Deutschlands und Frankreichs im Winde flatterten. Danach ging
Doktor Mller in das Raumschiff zurck, um in Krze mit verschiedenen
lfarbentpfen und Pinseln wiederzukehren.

Ich denke, begann er, zunchst einmal malen wir unser Sonnensystem mit
seinen Planeten und Planetoiden an diese Felswand. Wenn wir dann den
Erdplaneten mit den Fahnen Deutschlands und Frankreichs schmcken und eine
schne knallrote Routenlinie von der Erde zum Mars und wieder zurck
ausmalen, werden auch weniger intelligente Martier begreifen, da hier
jemand von der Erde zu Besuch gewesen ist. Seinen Worten lie der Doktor
alsbald die Tat folgen.

Nun knnten wir noch etwas Mathematisches dalassen, meinte jetzt Monsieur
Durand. Mein Landsmann Laplace hat bereits vor dreihundert Jahren
vorgeschlagen, in den Steppen Sibiriens in ungeheuren Abmessungen aus
starken Lampen die Figur des pythagorischen Lehrsatzes zusammmenzusetzen.
Jedes vernunftbegabte Wesen, so meinte er, mu den Sinn dieser Zeichnung
verstehen.

Das knnen wir ja sofort machen, stimmte Doktor Mller bei, und unter
seinen kunstfertigen Fingern entstand alsbald ein anschauliches Bild des
Pythagoras.

Geben wir ihnen noch etwas zu, fuhr er dann fort und malte weiter den
Satz von den gleichen Scheitelwinkeln, die drei Kegelschnitte, den Satz des
Apollonius und einige andere Dinge, welche auch unseren Lesern aus dem
Mathematikunterricht her sattsam bekannt sein drften.

Nun wird es aber Zeit zum Einsteigen, mahnte schlielich Monsieur Durand.
Wir haben nur noch eine halbe Stunde Zeit. Auerdem haben wir auf dem Mars
unsere Fahnen zurckgelassen. Da wollen wir der alten Mutter Erde von
unserem Ausflug wenigstens einen Strau frischer martischer Gebirgsblumen
mitbringen. Dementsprechend wurde gehandelt, und nach zehn Minuten
betraten die Reisenden, reiche Girlanden und Strue in den Hnden, ihr
Raumschiff, um alles zur Reise fertig zu machen. Rastlos schritt der Zeiger
der Uhr vorwrts, und schon nahte die Sekunde der Abfahrt. In diesem
Augenblick brach ein Lebewesen, etwa einem riesigen Urwaldbren
vergleichbar, durch das Dickicht und trollte auf das Raumschiff zu.

Es ist gut, da uns das Tier nicht berraschte, als wir waffen- und
wehrlos mit unserer Malerei beschftigt waren, meinte Monsieur Durand.

Hoffentlich leckt uns dieser unangenehme Zeitgenosse nicht die frische
Farbe ab, sagte Doktor Mller und lie im selben Augenblick, da die
Abfahrtssekunde gekommen war, den abarischen Hebel spielen. Dicht vor der
Nase des staunenden Meister Petz stieg das Raumschiff in die Hhe und nahm
seinen Kurs mit einer Geschwindigkeit von etwa zwei geographischen Meilen
in der Sekunde auf die Erde. Sorgfltig untersuchte Doktor Mller seine
Vorrte. Man konnte es versuchen, die Geschwindigkeit unter Benutzung der
Anziehungskraft der Marsmonde zu steigern. Dementsprechend verfuhr er und
erzielte wiederum die alte Reisegeschwindigkeit von vier Sekundenmeilen.

Es folgten die ruhigen Zeiten der Heimfahrt, bis endlich die Erde wieder in
ihre Rechte trat. Bereits bedeckte ihre strahlende Scheibe den grten Teil
des Horizontes, und jetzt begann sich auch die irdische Atmosphre durch
die Reibung bemerklich zu machen. Wiederum setzten die Landungsmanver mit
wechselnder Abarie und Schwere ein, welche wir bereits von der ersten
Landung auf dem Mars kennen. Immer langsamer wurde der Flug des Schiffes,
immer mehr schwebte es wie ein Luftballon und schlielich ging es mit kaum
fhlbarem Ruck in der nchsten Nhe von Berlin vor Anker. Bereits nach
wenigen Sekunden ffneten die Reisenden die Luken und betraten mit
Entzcken und in vollem Wohlbefinden wieder den Boden ihres Heimatplaneten,
den sie verlassen hatten, um ein unerhrtes Abenteuer zu bestehen.


VIII.

Die Ankunft des Raumschiffes war nicht unbemerkt geblieben. Bereits seit
Tagen hatten die Astronomen es mit ihren Fernrohren verfolgt, und als es
jetzt nach lngerem Luftflug landete, stand eine zahllose Menge bereit, die
khnen Reisenden zu empfangen. Mit tausendstimmigem Hurra begrte man die
Landung des Schiffes, begrte man ferner das Erscheinen der Reisenden
selbst. Ein reich geschmckter Staatskraftwagen brachte die beiden zunchst
nach der deutschen Hauptstadt. Dort erstatteten sie den ersten vorlufigen
Bericht ber ihre Fahrt, welcher noch am selben Abend durch Millionen von
Extrablttern verbreitet wurde. Dann fuhren sie nach Paris, um dort alle
Angelegenheiten bezglich des Marspreises zu regeln. Doktor Mller gelangte
in den Besitz einer Summe von fnfzig Milliarden Mark, in jedem Falle
genug, um bei einiger Sparsamkeit auszukommen. Das Restkapital der Stiftung
verblieb dem Kuratorium, und es wurde nicht bel angelegt. Diese Art der
Anlage, welche vorzglich dem tatkrftigen Eingreifen des Monsieur Durand
zu verdanken ist, lt sogar den ganzen, an sich nicht ganz einwandfreien
Handel betreffend der Rckzedierung von fnfundsiebzig Prozent in einem
milderen Lichte erscheinen. Unter der tatkrftigen Fhrung des ersten
Direktors, Monsieur Durand, und des zweiten Direktors, Doktor Mller, ging
das Marskuratorium alsbald an die Schaffung regelrechter Marsverbindungen
nach Art der groen Ozeandampfergesellschaften, welche im neunzehnten
Jahrhundert den Verkehr ber den Atlantic vermittelten. Wer die
Verkehrsgeschichte aus der ersten Hlfte des zweiundzwanzigsten
Jahrhunderts mit einigem Eifer verfolgt, wird immer und immer wieder auf
die Namen Durand und Mller stoen, sei es nun als die Leiter der groen
internationalen Erde-Marslinie, sei es auch als die Namen der beiden ersten
groen Marsschnellschiffe, welche die berfahrtszeit zuerst auf einen
Zeitraum von weniger als einer Woche herabdrckten. Doch das sind meistens
Dinge, die man besser in den technischen Geschichtswerken jener Zeit selbst
verfolgt.




Anmerkung zur Transkription


Quelle: Das Neue Universum, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart,
Berlin, Leipzig, 1908, pp. 1-17.





End of the Project Gutenberg EBook of Die Reise zum Mars, by Hans Dominik

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REISE ZUM MARS ***

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