The Project Gutenberg EBook of Onkel Tom's Hütte, by Harriet Beecher Stowe

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Title: Onkel Tom's Hütte
       oder die Geschichte eines christlichen Sklaven. Band 1 (von 3).

Author: Harriet Beecher Stowe

Translator: L. du Bois

Release Date: March 1, 2010 [EBook #31459]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Onkel Tom's Hütte

oder die

Geschichte eines christlichen Sklaven.

Von

Harriet Beecher Stowe.


Aus dem Englischen übertragen

von

L. Du Bois.

Erster Band.


S. Zickel.
Nro. 19. Dey-Street.
NEW-YORK.

Inhalt:

Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel

Erstes Kapitel.

In welchem der Leser die Bekanntschaft eines menschenfreundlichen Mannes macht.

An einem kalten Februartage, spät des Nachmittags, saßen zwei Herren in einem schön möblirten Eßzimmer, in der Stadt P– in Kentucky, allein beim Weine. Keine Dienstboten waren gegenwärtig, und die Herren, mit dicht an einander gerückten Stühlen, schienen den Gegenstand ihrer Unterhaltung mit sehr großem Eifer zu besprechen.

Der Bequemlichkeit halber haben wir uns bisher des Ausdrucks: „zwei Herren“ bedient; allein einer derselben würde bei einer genaueren Untersuchung, im strengeren Sinne des Wortes, nicht unter diese Kathegorie zu bringen gewesen sein. Er war ein kurzer, untersetzter Mann, mit groben, gemeinen Zügen, und jenem großthuenden, gemeinen Wesen, welches stets einen Menschen niedrigen Standes verräth, der bemüht ist, sich in höhere Sphären hinauf zu drängen. Seine Kleidung war überladen, und ließ eine bunte Weste von zahllosen Farben mit einer blauen, gelbgefleckten Halsbinde sehen, deren stutzermäßige Schleife mit dem ganzen Wesen des Mannes in genauem Einklange stand. Seine großen, ungeschickten Hände waren reich mit Ringen bedeckt, und an seiner Brust hing eine schwere goldene Uhrkette, mit Petschaften von ungewöhnlicher Größe und sehr verschiedenartigen Farben, welche er im Eifer des Gesprächs, augenscheinlich mit großem Wohlgefallen, durch seine Hände spielen ließ. Seine Unterhaltung verrieth eine freie und dreiste Verachtung jeder grammatischen Regel, und war überdies in passenden Zwischenräumen mit verschiedenen gemeinen Ausdrücken und Wendungen ausgeschmückt, die selbst der Wunsch, in unserer Schilderung getreu zu sein, uns nicht bestimmen kann, hier wiederzugeben.

Sein Gesellschafter, Mr. Shelby, hatte das Aeußere eines Gentleman, und die häuslichen Einrichtungen, so wie das ganze Aeußere des Hauses und Haushaltes ließen auf gute Verhältnisse und sogar auf Reichthum schließen. Wie wir vorher erwähnt haben, befanden sich Beide in sehr angelegentlicher Unterhaltung.

„Dies ist der Weg, den ich vorschlagen würde, um die Sache in Ordnung zu bringen,“ sagte Mr. Shelby.

„Kann auf diese Weise keinen Handel machen, – kann wahrhaftig nicht, Mr. Shelby,“ sagte der Andere, ein Glas Wein zwischen seinem Auge und dem Lichte haltend.

„Ja, aber ich versichere Euch, Haley, der Tom ist ein ganz ungewöhnlicher Kerl; er ist ganz ohne Zweifel die Summe überall werth, – beständig, ehrlich, tüchtig, und verwaltet eine ganze Wirthschaft wie nach der Uhr.“

„Ihr meint, so ehrlich, wie's bei Negern möglich ist,“ sagte Haley, sich selbst ein Glas Brandwein einschenkend.

„Nein, ich meine in vollem Ernste, Tom ist ein guter, stätiger, vernünftiger, frommer Kerl. Er hat seine Religion in einer Brüderversammlung, vor vier Jahren empfangen; und ich glaube, er besitzt wirklich Religion. Ich habe ihm seitdem Alles anvertraut, was ich besitze, – Geld, Haus und Pferde, – habe ihn durch das Land gehen lassen und ihn dennoch stets treu und redlich gefunden.“

„Manche Leute glauben nicht an fromme Neger, Shelby,“ sagte Haley mit einer ungenirten Handbewegung, „aber ich glaube dran. Ich hatte 'mal einen Kerl, – er war mit unter dem letzten Trupp, den ich dieses Jahr nach Orleans brachte, – 's war so gut wie eine Betstunde, wenn man den Kerl beten hörte, und dabei war er ganz sanft und gefügig. Brachte mir auch eine gute Summe ein, denn ich hatte ihn von Einem gekauft, der verkaufen mußte; so gewann ich netto sechs hundert an ihm. Ja, kein Zweifel, Religion ist eine ganz vortreffliche Sache in einem Neger, wenn's ächte Waare ist, kein Zweifel.“

„Nun, bei Tom ist es ächte Waare,“ entgegnete der Andere. „Seht, letzten Herbst ließ ich ihn allein nach Cincinnati gehen, um für mich Geschäfte abzumachen und ungefähr fünfhundert Dollar zu holen. ‚Tom,‘ sagte ich zu ihm, ‚ich vertrau Dir, weil ich weiß, daß Du ein Christ bist, – daß Du nicht betrügen willst.‘ Tom kömmt zurück, pünktlich, ich wußte es wohl. Einige schlechte Kerle sollen zu ihm gesagt haben: ‚Tom, warum nahmst Du nicht den Weg nach Canada?‘ ‚Ah,‘ hat er geantwortet, ‚Master hat mir getraut, und ich konnte nicht.‘ So ist mir erzählt worden. Ich muß sagen, es thut mir leid, mich von ihm zu trennen. Ihr solltet ihn für den ganzen Rest der Schuld annehmen; und Ihr würdet es thun, Haley, wenn Ihr ein Gewissen hättet.“

„Je nun, ich habe gerade so viel Gewissen, wie ein Mann in Geschäften brauchen kann, – grade so etwas, um drauf zu schwören, so zu sagen,“ entgegnete der Händler scherzhaft, „und dann bin ich auch immer gern bereit, guten Freunden gefällig zu sein; aber dieses Jahr, seht, dieses Jahr ist ein wenig zu schwer für einen Mann, – zu schwer.“ Bei diesen Worten seufzte der Händler gedankenvoll und schüttete von Neuem etwas Brandwein hinunter.

„Nun so sagt, Haley, wie soll der Handel werden?“ sagte Mr. Shelby nach einer peinlichen Pause.

„Wohl, ist denn da kein Junge oder Mädchen, das mit Tom in den Handel geworfen werden kann?“

„Hm! – ich wüßte keinen, den ich entbehren könnte, und, um die Wahrheit zu sagen, es ist nur eine bittere Nothwendigkeit, was mich überhaupt dazu bestimmt, zu verkaufen. Ich trenne mich höchst ungern von irgend einem meiner Leute, ganz gewiß.“

Hier öffnete sich die Thür, und ein kleiner Mulattenknabe von vier bis fünf Jahren kam in das Zimmer. Es lag etwas außerordentlich Liebliches und Einnehmendes in seiner Erscheinung. Sein schwarzes, seidenfeines Haar hing in vollen Locken um sein volles Gesicht, während ein Paar großer, dunkler Augen unter schweren, langen Wimpern hervorschauten, als er neugierig in das Zimmer blickte. Ein buntes Röckchen von gelber und scharlachrother Farbe, welches sehr sorgfältig gearbeitet und besonders passend für ihn war, hob seine üppige, dunkle Schönheit noch mehr, und eine gewisse komische Zuversicht mit einer eigenthümlichen Mischung von Schüchternheit in seinem Wesen verrieth, daß er von seinem Herrn nicht unbeachtet und ungehätschelt geblieben war.

„Sieh da, Jim Crow!“ rief Mr. Shelby pfeifend und ihm eine Weintraube zuwerfend, „greif zu!“

Das Kind sprang mit allen Kräften nach der Beute, während sein Herr lachte.

„Komm hierher, Jim Crow,“ sagte Mr. Shelby, und klopfte, als das Kind zu ihm getreten war, freundlich seinen lockigen Kopf und sein Kinn. „Nun, Jim Crow, zeige diesem Herrn, wie Du tanzen und singen kannst.“

Der Knabe begann augenblicklich mit seiner hellen, klaren Stimme einen jener wilden Gesänge, die unter den Negern üblich sind, und begleitete ihn mit mannigfachen Bewegungen seiner Hände, Füße und seines ganzen Körpers, welche in genauem Einklange mit dem Takte der Musik waren.

„Bravo!“ sagte Haley, ihm eine halbe Orange zuwerfend.

„Nun, Jim, laß uns sehen, wie Onkel Cudjoe geht, wenn er die Gicht hat,“ sagte sein Herr.

Sofort nahmen die biegsamen Glieder des Knaben eine mißgestaltete verzerrte Form an, während er, mit hinaufgezogenen Schultern, den Stock seines Herrn in der Hand, durch das Zimmer hinkend, sein kindliches Gesicht in eine schmerzhafte Miene verzog, und, nach rechts und links speiend, die Gewohnheit eines alten Mannes nachäffte.

Beide Anwesende brachen in ein schallendes Gelächter aus.

„Nun, Jim, zeige uns, wie der alte Elder Robins den Psalm singt,“ sagte drauf sein Herr.

Der Knabe verzog sein rothwangiges Gesicht in unglaubliche Länge und begann einen Psalm mit unerschütterlichem Ernste durch die Nase zu singen.

„Hurra, bravo! was für ein Junge ist das!“ rief Haley. „Der Junge ist ein Kapital, auf mein Wort! – Hört,“ sagte er dann plötzlich, seine Hand auf Mr. Shelby's Schulter legend, „werft den Jungen mit in den Handel – und unsre Rechnung soll abgemacht sein. Kommt, seht, das ist der beste Weg!“

In diesem Augenblicke wurde die Thüre langsam geöffnet, und eine junge Mulattin, ungefähr fünfundzwanzig Jahr alt, trat ein. Es bedurfte nur eines Blickes auf sie und das Kind, um sie als die Mutter desselben zu erkennen. Sie hatte dasselbe tiefe, volle und dunkle Auge, mit den langen Wimpern, und dieselben Locken schwarzen seidenen Haares. Das Braun ihrer Haut wich auf den Wangen einem deutlich erkennbaren Anfluge von Röthe, welche sich steigerte, als sie den Blick des fremden Mannes in dreister und unverstellter Bewunderung auf ihre Person geheftet sah. Ihre Kleidung war im höchsten Grade sauber und passend, und ließ ihre schönen Körperformen vortheilhaft hervortreten. Ihre zart geformte Hand und ihr niedlicher Fuß waren Dinge, die dem schnellen Auge des Händlers nicht entgingen, welches daran gewöhnt war, in einem Blicke alle Merkmale eines schönen weiblichen Artikels aufzufassen.

„Nun, Elisa?“ fragte der Herr, als sie zaudernd still stand und ihn anblickte.

„Ich suchte Harry,“ erwiderte sie, während der Knabe in großen Sätzen auf sie zugesprungen kam, ihr seine Beute zeigend, die er im Schooße seines Kleides trug.

„Wohl, so nimm' ihn hinweg,“ sagte Mr. Shelby, worauf sie sich eiligst, den Knaben auf den Arm nehmend, mit ihm entfernte.

„Bei Jupiter!“ rief der Händler, sich voll von Bewunderung zu Mr. Shelby umwendend, „das ist ein Artikel! Ihr könntet Euer Glück mit dem Mädchen allein jeden Augenblick in Orleans machen. Ich habe mehr als tausend für Mädchen bezahlen sehen, die kaum so hübsch waren.“

„Ich will mein Glück mit ihr nicht machen,“ entgegnete Mr. Shelby trocken, und suchte das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken, indem er eine neue Flasche öffnete und den Gast um seine Meinung darüber fragte.

„Vortrefflich, – erste Qualität!“ sagte der Händler und fuhr dann fort, sich zu Shelby wendend und ihm vertraulich auf die Schulter schlagend: „Kommt, was wollt Ihr für das Mädchen haben? – was soll ich sagen? – was verlangt Ihr?“ „Mr. Haley, sie soll nicht verkauft werden,“ sagte Shelby, „meine Frau würde sich nicht für eben so viel Gold, als sie wiegt, von ihr trennen.“

„Pah, pah, Weiber reden immer so, weil sie keine Berechnung haben. Zeigt ihnen nur, wie viel Uhren, Federn und andere Sachen für so viel Gold, als ein Mensch wiegt, gekauft werden können, das wird die Sache schon ändern, denke ich.“

„Ich sage Euch, Haley, davon darf keine Rede sein, ich sage nein und ich meine nein,“ sagte Shelby mit Nachdruck.

„Nun, so werdet Ihr mir wenigstens den Jungen lassen,“ sagte der Händler, „Ihr müßt zugestehen, daß ich ein hübsches Gebot für ihn gemacht habe.“

„Wozu in aller Welt braucht Ihr den Jungen?“ sagte Shelby.

„Wozu? seht, ich habe einen Freund, der in diesen Artikeln handelt, – der hübsche Jungen aufkaufen und für den Markt aufziehen will. Sind natürlich Luxusartikel, – werden als Aufwärter und so dergleichen an Reiche verkauft, die dafür bezahlen können. Es macht sich gar nicht übel in solchen großen Häusern, – wenn ein wirklich hübscher Junge die Thür aufmacht, und aufwartet und bedient. Diese Art bringt einen hübschen Preis; und dieser kleine Hallunke ist so ein komisches, musikalisches Exemplar, daß er gerade dazu paßt.“

„Ich möchte ihn doch lieber nicht verkaufen,“ sagte Mr. Shelby nachdenkend; „seht, Herr, ich habe menschliches Gefühl, und kann das Kind nicht von der Mutter reißen.“

„O wahrhaftig? – So etwas von der Art? – ich verstehe, ganz richtig. S'ist manchmal gewaltig fatal, mit Weibern zu thun zu haben. Ich hasse das Geschrei und Geheul. S'ist gewaltig fatal; aber seht, so wie ich das Geschäft einrichte, wird es gewöhnlich vermieden. Warum schickt Ihr nicht das Mädchen für eine Woche, oder ein paar Tage oder so aus dem Wege? – dann macht sich die Sache ganz ruhig ab; – ehe sie zurückkömmt ist Alles vorüber. Eure Frau mag ihr dann ein Paar Ohrringe, oder ein neues Kleid, oder so etwas Aehnliches geben, was Alles wieder gut macht bei ihr.“

„Ich fürchte nicht!“ sagte Shelby.

„Gott helf mir! Diese Geschöpfe sind ja nicht wie weiße Menschen; die kommen da bald drüber weg, wenn Ihr's richtig angreift. Da sagt das Volk,“ fügte er, eine vertrauliche Miene annehmend, hinzu, – „diese Art Geschäft mache Einen hartherzig; aber ich habe das nie gefunden. Die Sache ist, ich hab's nie so treiben können; wie es Manche thun. Ich habe Viele gesehen, die die Kinder den Weibern aus den Armen rissen, und zum Verkaufe ausstellten, während jene wie wahnsinnig schrieen; – große Thorheit, – schadet dem Artikel nur, – macht ihn zuweilen ganz unbrauchbar. Ich sah einmal in Orleans ein hübsches Weib, das durch solche Art Behandlung total drauf ging. Der Kerl, der sie in Handel hatte, wollte ihr Kind nicht haben, und sie war eine von der rechten, hohen Art, wenn ihr Blut heiß war. Ich sage Euch, sie drückte das Kind in ihre Arme, und schrie, und gebährdete sich auf eine schrecklich Weise. Es läuft mir noch jetzt kalt über, wenn ich daran denke; und als sie das Kind fortschleppten und sie einsperrten, fing sie an zu rasen, und war acht Tage nachher todt. Tausend Dollar, Herr, gradezu weggeworfen, – nur durch unrichtige Behandlung, – so ist's. Es ist am besten, die Sache menschlich zu betreiben; das ist meine Erfahrung.“

Nach diesen Worten lehnte sich der Händler, mit verschränkten Armen und einer Miene tugendhafter Entschlossenheit, zurück in seinen Stuhl, und hielt sich augenscheinlich für einen zweiten Wilberforce. Der Gegenstand schien indeß den Ehrenmann zu interessiren, denn während Mr. Shelby gedankenvoll eine Orange abschälte, hub er von Neuem an, zwar mit bescheidener Zurückhaltung, aber als wenn er von der Gewalt der Wahrheit unwiderruflich getrieben würde, noch einige Worte hinzuzufügen.

„Es sieht zwar nicht gut aus, wenn ein Mensch sich selbst rühmt, aber ich sage es nur, weil's die Wahrheit ist. Ich glaube, ich bin bekannt dafür, daß ich die besten Negerzüge auf den Markt bringe; wenigstens hat man mir so gesagt: alle in gutem Stande, – fett und gesund, und ich verliere weniger als irgend Einer im Geschäfte. Alles das kommt aber nur von der Art her, wie ich das Geschäft betreibe, Herr! Menschlichkeit, Herr, kann ich sagen, ist die große Säule meines Geschäfts.“

Mr. Shelby wußte nicht, was er eben dazu sagen sollte, und sagte deshalb nur: „Wirklich?“

„Ja, seht, man hat mich ausgelacht wegen dieser Ideen, und hat mir Vorwürfe gemacht. Sie wären nicht populär, und nicht allgemein, hieß es; aber ich blieb dabei, – blieb dabei, und habe guten Profit damit gemacht; – ja, Herr, sie haben sich bezahlt gemacht, kann ich sagen,“ fügte er, über seinen eigenen Witz lachend, hinzu.

Es lag etwas so Pikantes und Originelles in dieser Anschaulichmachung von Menschlichkeit, daß Mr. Shelby unwillkürlich mitlachen mußte. Vielleicht lachst Du auch, lieber Leser; allein Du weißt, daß Menschlichkeit sich heut zu Tage unter sehr verschiedenartigen Formen und Gestalten zeigt, und daß die Sonderbarkeiten des menschlichen Thuns und Treibens nie aufhören werden.

Mr. Shelby's Lachen ermuthigte den Händler, fortzufahren.

„S'ist kurios! aber ich habe das niemals den Leuten in den Kopf bringen können. Da war Tom Locker, mein alter Compagnon, in Natchez, – ein gewandter, geschickter Kerl, dieser Tom, – aber ein wahrer Teufel bei den Negern; – und aus Grundsatz, – aus Grundsatz, denn einen gutherzigeren Kerl hat es nie gegeben; – aber s'war sein System, Herr. Ich pflegte mit ihm zu reden. ‚Tom,‘ sagte ich, ‚wenn Deine Weiber an zu schreien fangen, was nützt es dann, ihnen mit der Peitsche um die Ohren zu hauen? S'ist lächerlich,‘ sagt' ich, ‚und thut nicht gut. Ich nehm's ihnen nicht übel,‘ sagt' ich, ‚s'ist Natur,‘ sagt' ich, – ‚und muß sich Bahn machen so oder so. Und nebenbei, Tom,‘ – sagt' ich – ‚verdirbt's Dir die Weiber, sie werden kränklich und lassen's Maul hängen; – und manchmal werden sie häßlich, – besonders die gelben, – oder der Teufel holt sie ganz und gar. Warum‘ – sagt' ich – ‚kannst Du sie nicht lustig machen, und freundlich mit ihnen reden? Glaube mir, Tom, so ein Bischen Menschlichkeit mit hineingeworfen in's Geschäft, ist ein gut Theil besser, als Dein Fluchen und Peitschen; und außerdem bringt's mehr ein,‘ – sagt' ich, – ‚glaube mir.‘ Aber Tom wollte nichts davon wissen, und verdarb mir so Viele, daß ich zuletzt mit ihm abbrechen mußte, obgleich er ein gutherziger Kerl war, und ganz vortrefflich im Geschäfte.“

„Und findet Ihr, daß Eure Art das Geschäft zu betreiben, vortheilhafter ist, als Tom seine?“ sagte Mr. Shelby.

„Ja, ich glaube. Seht, wenn ich irgend kann, so geb' ich wohl Acht, bei den unangenehmen Theilen des Geschäfts, wie Kinder verkaufen, – schaffe die Weiber aus dem Wege, – aus den Augen, aus dem Sinn, Ihr wißt ja, – und wenn Alles abgemacht ist, und Nichts mehr dran geändert werden kann, so gewöhnten sie sich natürlich daran. S'ist ja nicht, als wenn es Weiße wären, die dazu erzogen worden sind, für ihre Weiber und Kinder zu sorgen, und alles das. Neger, wißt Ihr wohl, die richtig aufgebracht worden sind, wissen von allem Dem nichts und so wird's ihnen viel leichter.“

„Dann fürchte ich, daß die meinigen nicht richtig aufgebracht worden sind,“ sagte Mr. Shelby.

„Wahrscheinlich. Ihr Kentucky Leute verderbt alle Eure Neger. Ihr meint's ganz gut, aber das heißt nicht ihnen wirklich Gutes thun. Seht, ein Neger, der in der Welt herumgestoßen und geworfen, und an Tom, und Dick, und Gott weiß wen, verkauft werden soll, – für den ist's keine Wohlthat, Begriffe zu bekommen und Hoffnungen, oder zu gut aufgebracht zu werden, denn das Rauhe und Harte fällt ihm nachher um so schwerer. Die Sache ist, Mr. Shelby, jeder Mensch hält natürlich seinen eigenen Weg für den besten; und ich denke, ich behandle meine Neger gerade so gut, als es ihnen zuträglich ist.“

„Es ist eine schöne Sache, mit sich selbst zufrieden zu sein,“ sagte Mr. Shelby mit einem leichten Schauder und einer lebhaften Empfindung von Abscheu.

„Wohl,“ sagte Haley, nachdem Beide eine Zeit lang stillschweigend ihre Nüsse geschält hatten, „was meint Ihr dazu?“

„Ich will die Sache mit meiner Frau überlegen und besprechen,“ sagte Mr. Shelby. „Inzwischen, Haley, wenn Ihr wünscht, daß die Sache in aller Stille abgemacht werden soll, wie Ihr vorhin erwähntet, so würdet Ihr am besten thun, Euch nichts davon hier in der Nachbarschaft merken zu lassen. Es könnte sonst unter meine Leute kommen, und es möchte kein sehr ruhiges Geschäft sein, einen von ihnen von hier wegzubekommen, wenn sie es vorher wissen, – darauf verlaßt Euch.“

„Versteht sich, auf jeden Fall, nichts gesprochen. Aber hört, ich hab's teufelmäßig eilig, und muß es so schnell wie möglich wissen, woran ich bin,“ sagte er indem er aufstand und sich seinen Ueberrock anzog.

„Wohl, kommt diesen Abend zwischen sechs und sieben Uhr, dann sollt Ihr meine Antwort haben,“ sagte Mr. Shelby, worauf der Händler sich mit einer Verbeugung aus dem Zimmer entfernte.

„Ich wollte, ich hätte den Kerl die Treppe hinunter werfen können,“ sagte Shelby zu sich selbst, als die Thür wieder fest geschlossen war, – „mit seiner Unverschämtheit! allein er weiß, welchen Vortheil er über mich hat. Wenn Jemand jemals zu mir gesagt hätte, daß ich den Tom an einen dieser schuftigen Händler im Süden verkaufen sollte, so würde ich gefragt haben: ‚Ist Dein Diener ein Hund, daß das mit ihm geschehen soll?‘ – und nun muß es doch geschehen, so viel ich sehen kann. Und Elisa's Kind dazu! Ich weiß im voraus, daß ich deshalb bei meiner Frau einen harten Strauß zu bestehen haben werde: und eben so wegen Tom's. Alles wegen der fatalen Schulden! – Der Kerl sieht seinen Vortheil und will so viel Nutzen wie möglich davon ziehen.“

Die mildeste Form von Sklaverei ist vielleicht in Kentucky zu finden, wo die ausgedehntere Betreibung eines ruhigen Feldbaues in regelmäßigen Abstufungen nicht jene periodischen Ueberhäufungen von Arbeit herbeiführt, die in den südlicheren Provinzen so gewöhnlich sind, und deshalb das Loos des Negers ein unerträglicheres ist, während der Herr, zufrieden mit einem allmählicheren Erwerbe, nicht jenen Versuchungen, hartherzig zu werden, ausgesetzt ist, die stets den Sieg über die schwache menschliche Natur davon tragen, sobald die Aussicht auf einen schnellen und plötzlichen Gewinn in die Wagschaale fällt, und kein schwereres Gegengewicht vorhanden ist, als die Rücksicht auf Hülflose und Schutzlose.

Wer gewisse Besitzungen dort besucht, und die nachsichtige, wohlwollende Behandlung einzelner Herren und Herrinnen, und die aufrichtige Anhänglichkeit einzelner Sklaven sieht, möchte sich versucht fühlen, von der oft wiederholten poetischen Fabel patriarchalischer Institutionen zu träumen; allein über diesen Scenen hängt ein schwarzer Schatten, – der Schatten des Gesetzes. So lange das Gesetz alle diese menschlichen Wesen mit schlagenden Herzen und regen Empfindungen nur als eben so viel Dinge ansieht, die einem Herrn gehören, – so lange das Falissement, oder sonstiges Unglück, oder Unklugheit, oder der Tod eines menschenfreundlichen Herrn die Ursache werden kann, daß dieselben ein Leben freundlichen Schutzes und Wohlwollens gegen ein Leben voll harter Arbeit und endloses Elend vertauschen müssen, – so lange ist es unmöglich, auch das bestverwaltete Sklavenverhältniß zu einem schönen, angenehmen Loose zu machen.

Mr. Shelby war ein gewöhnlicher, gutmüthiger Mensch, freundlich und stets bereit, den Wünschen seiner Umgebung zu entsprechen, so daß den Negersklaven seiner Besitzung nie etwas mangelte, was zu ihrem körperlichen Wohlbefinden beitragen konnte. Er hatte sich aber in bedeutende und unvorsichtige Speculationen eingelassen, hatte sich dabei tief verwickelt, und seine Wechsel waren zu einem bedeutenden Betrage in Haley's Hände gefallen. Dieser Umstand diene als Schlüssel zu der vorangegangenen Unterhaltung.

Inzwischen hatte es sich zugetragen, daß Elisa, als sie sich der Thür nahte, genug von obiger Unterhaltung hörte, um zu erfahren, daß der Händler ihrem Herrn Anerbietungen für irgend Jemanden mache. Sie hätte gern an der Thür gehorcht, als sie das Zimmer wieder verließ, allein ihre Herrin rief gerade nach ihr und zwang sie davon zu eilen. Dennoch glaubte sie gehört zu haben, daß der Händler ein Gebot für ihr Kind gemacht habe; – konnte sie sich geirrt haben? Ihr Herz schlug fieberhaft, und unwillkürlich preßte sie ihn so gewaltsam an sich, daß das Kind ihr erstaunt ins Gesicht blickte.

„Elisa, Mädchen, was ist heut mit Dir?“ fragte ihre Herrin, als Elisa das Waschbecken ausgeschüttet, die Wasserkaravine umgestoßen hatte, und endlich ihrer Herrin in voller Gedankenlosigkeit ein langes Nachthemde an Stelle des seidenen Kleides brachte, welches sie ihr aufgetragen hatte, aus der Garderobe zu holen.

Elisa erschrack, und kam zur Besinnung. „O Mistreß!“ sagte sie, indem sie ihre Augen aufschlug, und dann in Thränen ausbrechend, sich schluchzend auf einen Stuhl niedersetzte.

„Elisa, Kind, was fehlt Dir?“ fragte ihre Herrin.

„O Mistreß, Mistreß,“ sagte Elisa, „ein Sklavenhändler ist bei dem Herrn im Zimmer, und hat mit ihm gesprochen. Ich hörte ihn.“

„Nun, dummes Mädchen, wenn auch, was ist's weiter?“

„O Mistreß, glauben Sie, daß der Herr meinen Harry verkaufen könnte?“ Und das arme Wesen fiel von Neuem in einen Stuhl, und begann convulsivisch zu schluchzen.

„Ihn zu verkaufen! Nein, albernes Mädchen! Du weißt, daß Dein Herr nie mit diesen südlichen Händlern Geschäfte macht, und nicht Willens ist, je einen seiner Dienstboten zu verkaufen, so lange diese sich gut betragen. Wer denkst Du denn, thörichtes Kind, würde Deinen Harry kaufen wollen? Glaubst Du denn, daß die ganze Welt in ihn so vernarrt ist, wie Du, Gänschen? Komm her, sei munter, und hake mein Kleid zu. Nun lege mein Haar in die hübsche Flechte, die Du vor ein paar Tagen gelernt hast, und horche nie wieder an den Thüren.“

„Ja, aber nicht wahr, Mistreß, Sie würden nie Ihre Einwilligung dazu geben, daß – daß –“

„Dummes Zeug! Kind. Gewiß, nimmer. Wozu sind diese Schwatzereien? Eben so wenig, wie daß eins meiner Kinder verkauft würde. Aber wahrhaftig, Elisa, Du wirst mir beinahe zu stolz auf den Buben. Kein Mensch darf seine Nase zur Thüre hinein stecken, ohne daß Du glaubst, Dein Bube soll verkauft werden.“

Beruhigt durch den zuversichtlichen Ton ihrer Herrin fuhr Elisa flink und gewandt mit ihren Toilettengeschäften fort, und lachte selbst über ihre Befürchtungen.

Mistreß Shelby war eine Frau von hoher geistiger und moralischer Bildung. Mit jener angeborenen Hochherzigkeit, welche so häufig als ein charakteristisches Merkmal der Weiber in Kentucky gefunden wird, verband sie ein religiöses Gefühl, welches sich in allen ihren Handlungen praktisch kund gab. Ihr Mann, der keinen Anspruch auf besondere Religiosität machte, achtete und ehrte nichts destoweniger diese Seite in ihrem Charakter, und hegte vielleicht sogar eine Art Scheu vor ihrer Meinung. Gewiß ist, daß er ihr unbegränzte Machtvollkommenheit in allen ihren Bestrebungen für das Wohl und den Unterricht ihrer Dienstboten gab, obgleich er selbst keinen direkten Antheil daran nahm. In der That, wenn er auch nicht an die Lehre von der Wirksamkeit der besondern guten Werke der Heiligen glaubte, so schien er doch gewissermaßen anzunehmen, daß seine Frau Frömmigkeit und Wohlthätigkeit genug für zwei besitze, – und die schwache Hoffnung zu hegen, durch Vermittlung derjenigen Tugenden in den Himmel zu gelangen, welche seine Frau in so großem Maaße besaß, obgleich er selbst darauf keinen besondern Anspruch machen konnte.

Die schwerste Last auf seiner Seele jetzt, nach der Unterredung mit dem Sklavenhändler, war die von ihm vorempfundene Nothwendigkeit, seiner Frau die getroffenen Verabredungen mitzutheilen, und den dringenden Gegenvorstellungen zu begegnen, auf die er, wie er wußte, mit Sicherheit rechnen konnte.

Da Mistreß Shelby von den finanziellen Verlegenheiten ihres Ehemannes durchaus keine Ahnung hatte, und die gewöhnliche Gutmüthigkeit seines Herzens kannte, so war sie in dem Ausdrucke ihrer Ungläubigkeit rücksichtlich des von Elisa geäußerten Verdachtes ganz aufrichtig gewesen. Sie hatte in der That mit keinem Gedanken weiter daran gedacht; und da sie überdieß mit den Vorbereitungen zu einem Abendbesuche beschäftigt war, so entschwand der Gegenstand gänzlich aus ihrem Kopfe.


Zweites Kapitel.

Die Mutter.

Elisa war von ihrer Kindheit an bei ihrer Herrin als ein gehätschelter und verwöhnter Günstling auferzogen worden.

Der Reisende im Süden wird oft jene Zartheit und Sanftheit der Stimme und des ganzen Wesens bemerkt haben, welche sehr häufig eine besondre Gabe der Mestizen und Mulattenweiber zu sein scheint. Die natürliche Grazie der Mulattin ist oft mit einer blendenden Schönheit, und stets wenigstens mit einem äußerst angenehmen und einnehmenden Aeußeren verbunden. Elisa, wie wir sie geschildert haben, ist kein Phantasiebild, sondern der Erinnerung entnommen, wie wir sie vor Jahren in Kentucky gesehen haben. Sicher unter der schützenden Sorge ihrer Herrin hatte sie ihre körperliche Reife ohne jene Versuchungen erlangt, welche die Schönheit einer Sklavin so häufig zu einer so unheilvollen Erbschaft machen. Sie war an einen hübschen und talentvollen jungen Mulatten verheirathet worden, der Sklave auf einer nachbarlichen Besitzung war, und den Namen Georg Harris führte.

Dieser junge Mann war von seinem Herrn in eine Fabrik von Sackleinwand verdungen worden, wo seine Geschicklichkeit und Einsicht ihm sehr bald den Ruf des besten Arbeiters verschafft hatten. Er hatte eine Maschine erfunden, den Hanf zu reinigen, welche, wenn man die Erziehung und Verhältnisse des Erfinders berücksichtigte, eben so viel mechanisches Genie verrieth, wie Whitney's Baumwollenspinnmaschine. Er war von hübscher Figur und einnehmendem Wesen, wodurch er bald der allgemeine Liebling in der Fabrik wurde. Nichtsdestoweniger waren alle diese edleren Eigenschaften, da der junge Mann vor dem Gesetze nicht ein Mensch, sondern nur eine Sache war, der Herrschaft eines gemeinen, engherzigen, tyrannischen Herrn unterworfen. Dieser Ehrenmann, als er von der in der Umgegend viel besprochenen Erfindung Georgs gehört hatte, nahm sich eines Tages die Mühe, nach der Fabrik hinüber zu reiten, um zu sehen, was dieses einsichtsvolle Stück seines Eigenthums dort treibe. Der Besitzer empfing ihn mit großer Begeisterung, und gratulirte ihm, einen so werthvollen Sklaven zu besitzen. Er wurde durch die ganze Fabrik geführt, und Georg zeigte ihm das ganze Maschinenwesen, und sprach dabei so lebhaft und so fließend, zeigte eine solche Haltung, und erschien so schön und männlich, daß seinen Herrn ein gewisses unbehagliches Gefühl von Untergeordnetheit beschlich. Wozu hatte sein Sklave nöthig, durch das Land zu gehen, Maschinen zu erfinden, und mit Gentlemen zu verkehren? Er wollte dem bald ein Ende machen, – er wollte ihn zurückholen und hacken und graben lassen, und sehen, „ob er sich dabei auch so stattlich ausnehmen werde.“ Wie gesagt, so geschehen. Der Fabrikbesitzer und alle dabei gegenwärtigen Arbeiter waren erstaunt, als er plötzlich Georgs Lohn verlangte, und seine Absicht zu erkennen gab, ihn mit sich nach Hause zu nehmen.

„Aber, Mr. Harris,“ entgegnete der Fabrikbesitzer, „ist das nicht eigentlich zu schnell?“

„Und wenn es ist? – ist der Mann nicht mein?“

„Ich würde nichts dagegen haben, Mr. Harris, den Lohn zu erhöhen.“

„Gleichviel, Herr, ich habe nicht nöthig meine Arbeiter auszudingen, wenn ich keine Lust dazu habe.“

„Aber, Herr, er scheint ganz besonders geeignet zu diesem Geschäfte.“ „Mag sein, – er taugte aber nie viel zu irgend einer Sache die ich ihm auftrug, mein Seel'!“

„Denken Sie aber nur an seine Erfindung der Maschine,“ wendete hier einer der Arbeiter unglücklicher Weise ein.

„O ja! – eine Maschine um Arbeit zu sparen, nicht wahr? So etwas wird er schon erfinden, ohne Zweifel! 's müßte ja kein Neger sein. Die sind alle selbst Maschinen, die Arbeit zu sparen, – einer wie der andere! Nein, er soll das Feld treten!“

Georg stand wie angezaubert da, als er so plötzlich sein Urtheil von einer Gewalt ausgesprochen hörte, gegen die kein Widerstand möglich war. Er preßte die Lippen krampfhaft zusammen, und ein ganzer Vulkan bitterer Empfindungen brannte in seinem Busen, und sandte Feuerströme durch seine Adern. Sein Athem ging kurz, seine großen, dunklen Augen glühten wie feurige Kohlen, und es möchte vielleicht ein gefährlicher Ausbruch bei ihm statt gefunden haben, wenn nicht der gutherzige Fabrikbesitzer seinen Arm berührt, und ihm leise zugeflüstert hätte: „Gieb nach, Georg; geh jetzt mit ihm; wir wollen doch sehen, wie wir Dir helfen können.“

Der Tyrann bemerkte das Flüstern, und errieth seine Bedeutung, obgleich er nicht hören konnte, was gesagt wurde, und diese Wahrnehmung bestärkte ihn nur in seinem Vorsatze, die Gewalt, die ihm über sein Opfer zustand, geltend zu machen.

Georg wurde nach Hause geführt und an die niedrigsten Arbeiten der Farmwirthschaft gestellt. Er hatte es über sich vermocht, jedes unehrerbietige Wort zu unterdrücken; aber das funkelnde Auge und die finstere Stirn waren Theile einer natürlichen Sprache, welche sich nicht unterdrücken ließ, – sichere Anzeichen dessen, daß der Mensch nicht zur Sache werden könne.

Es war während jener glücklichen Periode seiner Beschäftigung in der Fabrik, daß Georg sein Weib kennen gelernt und geheirathet hatte. Während jener Zeit hatte er, da der Fabrikherr ihm seine Gunst und sein Vertrauen in besonderem Grade zugewendet hatte, volle Freiheit gehabt, zu gehen und zu kommen, wann und wie er wollte. Die Heirath wurde von Mistreß Shelby besonders begünstigt, die, mit einer Art weiblichen Gefallens an Ehestiftungen, sich gefreut hatte, ihren schönen Schützling mit einem in jeder Beziehung passenden Manne derselben Klasse verbunden zu sehen; und so wurden Beide in dem Wohnzimmer ihrer Herrin verbunden, und diese selbst schmückte das schöne Haar der Braut mit Orangenblüthen, und warf den bräutlichen Schleier darüber, der ohne Zweifel auf keinem schöneren Kopfe geruht haben könnte. Auch fehlte es nicht an weißen Handschuhen und Kuchen und Wein, und an Gästen, die die Schönheit der Braut und die Güte und Freigebigkeit der Herrin priesen.

Ein oder zwei Jahre lang sah Elisa ihren Gatten häufig, und nichts störte ihr Glück, als der Verlust zweier Kinder im ersten Alter, an denen sie mit leidenschaftlicher Liebe hing, und um die sie mit so verzehrendem Kummer trauerte, daß ihre Herrin sich veranlaßt fühlte, ihr sanfte Vorwürfe zu machen, und sich bemühte, ihre von Natur leidenschaftlichen Empfindungen durch den Einfluß der Vernunft und Religion zu mäßigen. Nach der Geburt des kleinen Harry war sie jedoch allmählig ruhiger geworden und jeder blutende, zuckende Nerv schien durch die neue Verbindung mit diesem jungen Leben geheilt worden zu sein, und Elisa war wieder ein glückliches Weib bis zu dem Augenblicke, wo ihr Mann von seinem menschenfreundlichen Principale auf so rohe Weise losgerissen, und unter die eiserne Herrschaft seines rechtmäßigen Besitzers zurückgebracht worden war.

Der Fabrikherr besuchte, seinem Versprechen getreu, nach ein oder zwei Wochen Mr. Harris, in der Hoffnung, daß die erste Hitze sich gelegt haben werde, und wandte alles Mögliche an, um ihn zu bestimmen, Georg seiner früheren Beschäftigung zurückzugeben.

„Sie brauchen sich keine Mühe zu geben, und weiter darüber zu sprechen,“ sagte er mürrisch, „ich weiß am besten selbst was ich zu thun habe.“

„Ich wollte mir nicht anmaßen, mich in Ihre Angelegenheiten zu mischen; sondern ich dachte nur, Sie würden es selbst Ihrem Interesse angemessen finden, uns diesen Mann unter den offerirten Bedingungen zu überlassen.“

„O ich verstehe Alles vollkommen. Ich sah Ihr Winken und Flüstern an dem Tage, wo ich ihn von der Fabrik wegholte, aber ich lasse mich auf diese Weise nicht hintergehen. Es ist hier ein freies Land, Herr; der Mann ist mein, und ich thue mit ihm was mir gefällt, – verstanden?“

Und so fiel Georgs letzte Hoffnung zu Boden. Nichts lag nun vor ihm als ein Leben voll Mühe und Qual, welches durch die gesuchten Kränkungen und Entwürdigungen noch mehr verbittert wurde, welche eine tyrannische Erfindungskunst zu erdenken vermochte.

Ein sehr menschenfreundlicher Jurist sagte einst: „das größte Uebel, das du dem Menschen zufügen kannst, ist ihn zu hängen.“ Nein, es gibt noch ein anderes Uebel, welches dem Menschen zugefügt werden kann, und welches größer ist!


Drittes Kapitel.

Der Gatte und Vater.

Mistreß Shelby hatte das Haus verlassen, um ihren Besuch zu machen, und Elisa stand in der Veranda des Hauses und schaute traurig dem fortfahrenden Wagen nach, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Sie wandte sich um, und ein freundliches Lächeln leuchtete augenblicklich aus ihren schönen Augen.

„Georg, bist Du es? Wie Du mich erschreckt hast! Ach, wie froh bin ich, daß Du gekommen bist! Mistreß ist ausgefahren, um einen Besuch zu machen; komm' also in mein kleines Zimmer, wir haben den ganzen Nachmittag für uns.“

Indem sie dies sagte, zog sie ihn in ein niedliches kleines Gemach, welches an der einen Seite der Vorhalle lag und in welchem sie sich gewöhnlich aufhielt, mit ihren Nähereien beschäftigt, um den Ruf ihrer Herrin hören zu können.

„Wie froh ich bin! Warum bist Du denn nicht freundlich? – Und sieh' Harry, wie er wächst.“ Der Knabe blickte scheu durch seine Locken hindurch auf den Vater und hielt sich ängstlich an den Röcken seiner Mutter fest. „Ist er nicht hübsch?“ sagte Elisa, seine Locken aufhebend und ihn küssend.

„Ich wollte, er wäre nie geboren worden!“ sagte Georg bitter. „Ich wollte, ich wäre selbst nie geboren worden!“

Ueberrascht und erschreckt setzte sich Elisa nieder, lehnte ihren Kopf an ihres Gatten Schulter und brach in Thränen aus.

„Das noch, Elisa, o es ist zu sündlich von mir, Dir solchen Schmerz zu bereiten, armes Weib!“ sagte er zärtlich, „'s ist zu sündlich. O, wie wünsche ich, daß Du mich nie gesehen hättest, – dann hättest Du vielleicht glücklich werden können.“

„Georg, Georg, wie kannst Du so reden? Was ist denn Schreckliches geschehen, oder was soll geschehen? Wir waren doch so glücklich bis vor Kurzem.“

„Das waren wir,“ sagte Georg. Dann das Kind auf seinen Schooß nehmend, schaute er ihm in seine funkelnden, dunklen Augen und fuhr mit den Händen durch seine langen Locken.

„Gerade wie Du, Elisa; und Du bist das hübscheste Weib, das ich je gesehen habe, und das beste, das ich je zu sehen wünsche. Aber ach! ich wollte, ich hätte Dich nie gesehen, und Du nie mich.“

„O Georg, wie kannst Du –?“

„Ja, Elisa, 's ist Alles Elend, Elend, nichts als Elend. Mein Leben ist bitter wie Wermuth; alle Lebenskraft verzehrt sich in mir. Ich bin ein armes, elendes, verlorenes Lastthier; ich werde Dich nur mit mir hinabziehen, das ist Alles! Was nützt es, daß man sich Mühe giebt, etwas zu verrichten, etwas zu lernen, etwas zu sein? Wozu nützt das ganze Leben? Ich wollte, ich wäre todt!“

„O lieber Georg, aber das ist wahrhaftig sündlich! Ich weiß, wie sehr es Dich schmerzt, daß Du Deinen Platz in der Fabrik verloren hast, und daß Du einen harten Herrn hast; aber, bitte, sei geduldig, vielleicht –“

„Geduldig!“ sagte er, sie unterbrechend; „bin ich nicht geduldig gewesen? Sagte ich ein Wort, als er kam und mich ohne jeden irdischen Grund von dem Orte wegnahm, wo Jeder freundlich gegen mich war? Ich habe ihm gewissenhaft jeden Cent von meinem Lohne ausgeliefert, – und Alle sagten, daß ich ein guter Arbeiter wäre.“

„Ja, es ist schrecklich,“ sagte Elisa, „aber Du weißt, er ist doch nun einmal Dein Herr!“

„Mein Herr? und wer machte ihn zu meinem Herrn? Das ist es gerade, was mir durch den Kopf geht, – welches Recht hat er auf mich? Ich bin ein Mensch, so gut wie er; – ich bin ein besserer Mensch als er. Ich verstehe mehr vom Geschäfte als er; ich kann besser lesen als er, besser schreiben als er, – und ich habe es Alles selbst gelernt, ohne seinen Beistand, – selbst gegen seinen Willen. Welches Recht hat er nun, aus mir ein Zugpferd zu machen? – mich von Geschäften wegzunehmen, die ich verrichten kann, und besser verrichten kann als er, um mich zu Arbeiten anzustellen, die nur für ein Pferd geeignet sind. Er versucht es; er sagt, er will mich niederdrücken, er will mich demüthigen, und giebt mir deshalb absichtlich die schwerste, niedrigste und schmutzigste Arbeit.“

„O Georg, Georg! Du erschreckst mich! Ich habe Dich nie so reden hören; ich fürchte mich, daß Du etwas Schreckliches begehen könntest. Ich wundere mich durchaus nicht über Deine Empfindungen, aber ich bitte Dich, sei vorsichtig, – bitte, bitte, – um meinetwillen, um Harry's willen!“

„Ich bin vorsichtig gewesen, und bin geduldig gewesen, aber es wird immer schlimmer; Fleisch und Blut kann es nicht länger tragen: jede Gelegenheit, die sich darbietet, mich zu kränken und zu quälen, benutzt er. Ich dachte, ich könnte meine Arbeit ruhig und still verrichten, und würde dann nach den Arbeitsstunden einige Zeit zum Lesen und Lernen haben; allein je mehr er sieht, daß ich thun kann, desto mehr ladet er mir auf. Er sagt, daß obgleich ich nichts sage, er dennoch sehe, daß ich den Teufel in mir habe, und den wolle er austreiben; – ja, er soll dieser Tage herausfahren, aber in einer Weise, die ihm nicht gefallen wird, denke ich.“

„O Gott! was sollen wir thun?“ sagte Elisa traurig.

„Erst gestern wieder,“ sagte Georg, „als ich beschäftigt war, Steine in einen Wagen zu laden, stand der junge Master Tom dabei und knallte mit seiner Peitsche so dicht über dem Pferde, daß es unruhig wurde. Ich bat ihn so freundlich als ich konnte, es nicht zu thun, – allein nun fuhr er erst recht fort. Ich bat ihn abermals, worauf er sich gegen mich wendete und mich an zu peitschen fing. Ich hielt seine Hand fest, und dann schrie er und schlug um sich und lief zu seinem Vater, dem er erzählte, ich habe ihn angreifen wollen. Der kam wüthend zu mir gerannt und sagte, er wolle mir zeigen, wer mein Herr sei, und band mich an einen Baum und schnitt Ruthen für den jungen Herrn aus, und hieß ihn mich peitschen, so lange er könne, – und das that er. – Wenn ich ihm das nicht noch 'mal vergelte!“

Bei diesen Worten wurde die Stirn des jungen Mannes so finster und seine Augen begannen so zu funkeln, daß seine junge Frau davor erbebte. „Wer machte diesen Mann zu meinem Herrn? Das ist es, was ich wissen will!“ sagte er.

„Wohl,“ sagte Elisa traurig, „ich dachte immer, daß ich meinem Herrn und meiner Herrin gehorchen müsse, oder ich könne keine Christin sein.“

„In Deinem Falle hat es Etwas für sich. Sie haben Dich auferzogen wie ein Kind, haben Dich genährt, gekleidet und unterrichtet, so daß Du eine gute Erziehung bekommen hast. Hier ist wenigstens einiger Grund, weshalb sie auf Dich Anspruch haben. Aber ich bin gestoßen und gepeitscht und verflucht worden, und im glücklichsten Falle mir allein überlassen worden; und was schulde ich? Ich habe meine Erhaltung mehr als hundertmal bezahlt. Ich will es nicht länger tragen! Nein, ich will nicht!“ sagte er, seine Faust mit einem wilden Blicke ballend.

Elisa zitterte und schwieg. Sie hatte ihren Gatten noch nie in solcher Stimmung gesehen, und ihr sanftes System von Ethik schien sich wie Schilf in der Brandung solcher Leidenschaft zu beugen.

„Du weißt, du gabst mir den armen kleinen Carlo,“ fügte Georg hinzu; „das Thierchen war mein einziger Trost. Er schlief mit mir des Nachts und folgte mir des Tages überall, und sah mich an, als wenn er wisse, was ich fühlte. Eines Tages fütterte ich ihn gerade mit einigen Ueberbleibseln, die ich vor der Küchenthür gefunden hatte, als der Herr vorüber kam und sagte, ich füttere den Hund auf seine Kosten, und das könne er nicht ausführen, daß jeder Neger seinen Hund halte. Er befahl mir, ihm einen Stein an den Hals zu binden und ihn in's Wasser zu werfen.“

„O Georg, Du thatest es doch nicht?“

„Ich nicht, aber er that es. Er und Tom warfen das arme Thier mit Steinen, während es im Ertrinken war. Es sah mich so traurig an, als wenn es sich wundere, daß ich ihm nicht zu Hülfe komme. Ich wurde gepeitscht, weil ich es nicht selbst thun wollte. Ich frage nichts darnach. Er wird schon sehen, daß ich Keiner bin, der sich durch Peitschenhiebe zähmen läßt. Meine Zeit wird schon noch kommen, wenn er sich nicht vorsieht.“

„Was hast Du im Sinne? O Georg, thue nichts Schlechtes! Wenn Du nur auf Gott vertraust und Recht thust, so wird er Dich erretten.“

„Ich bin kein Christ, wie Du, Elisa; mein Herz ist voll Bitterkeit; ich kann nicht auf Gott vertrauen. Warum läßt er das so geschehen?“

„O Georg, wir müssen glauben. Mistreß sagt, daß, wenn uns Alles mißglückt, wir glauben müssen, Gott habe es zu unserm Besten gethan.“

„Das können solche Leute leicht sagen, die auf ihrem Sopha sitzen und in ihrem Wagen fahren; aber laß sie an meinem Platze sein, ich glaube, dann würde es ihnen etwas schwerer fallen. Ich wollte, ich könnte fromm sein; aber mein Herz brennt mir und kann nicht wieder ruhig werden. Du könntest es auch nicht in meiner Stelle, – Du kannst es jetzt nicht, wenn ich Dir Alles gesagt habe, was ich zu sagen habe. Du weißt noch nicht Alles.“

„Was kann denn jetzt noch kommen?“

„Vor einiger Zeit sagte mein Herr, er sei ein Narr gewesen, daß er mir erlaubt habe, außerhalb des Platzes zu heirathen; daß er Mr. Shelby und seine ganze Familie hasse, weil sie Alle stolz wären und ihre Köpfe höher trügen als er, und daß ich stolze Begriffe von ihnen bekommen hätte; und sagte, daß er mich gar nicht wieder hierher gehen lassen wolle, und daß ich auf seinem Gute ein Weib nehmen solle. Anfangs sagte er diese Dinge nur, wenn er brummte und schalt, aber gestern befahl er mir, Mina als Weib zu mir zu nehmen und mit ihr in eine Hütte zu ziehen, oder er wolle mich den Fluß hinunter schicken und verkaufen lassen.“

„Wie? – Du bist ja aber mit mir verheirathet worden, durch den Geistlichen, gerade so, als wenn Du ein Weißer wärest!“ sagte Elisa einfach.

„Weißt Du nicht, daß ein Sklave sich nicht verheirathen kann? Es giebt kein Gesetz dafür in diesem Lande. Ich kann Dich nicht als mein Weib behalten, wenn es ihm einfällt uns zu trennen. Das ist der Grund, weshalb ich wollte, ich hätte Dich nie gesehen, – weshalb ich wünschte, ich wäre nie geboren worden; es wäre für uns beide besser gewesen, – es wäre für dieses arme Kind besser gewesen, wenn es nie geboren worden wäre. Alles dies kann ihm auch noch begegnen!“

„O, aber mein Herr ist so gut!“

„Ja, aber wer weiß? – er kann sterben, – und dann kann er verkauft werden, Gott weiß, an wen. Welche Freude kann es uns gewähren, daß er schön und kräftig ist? Ich sage Dir, Elisa, daß ein Schwert Dein Herz durchdringen wird für jede gute und schöne Eigenschaft, die das Kind besitzt; es wird ihn Dir zu werth machen, als daß Du ihn behalten könntest!“

Diese Worte fielen Elisa schwer auf's Herz. Die Erscheinung des Sklavenhändlers trat wieder vor ihre Augen, und als wenn irgend Jemand ihr einen tödtlichen Schlag versetzt hätte, wurde sie plötzlich bleich und verlor den Athem. Sie blickte angstvoll nach der Veranda, wohin sich der Knabe, überdrüssig der ernsten Unterhaltung, zurückgezogen hatte, und wo er auf Mr. Shelby's Spazierstock triumphirend auf- und niederritt. Sie war im Begriff, ihrem Manne ihre Befürchtungen mitzutheilen, aber hielt dennoch zurück.

„Nein, nein, – er hat genug zu tragen, der Arme!“ dachte sie. „Nein, ich will ihm nichts davon sagen; überdies ist es ja auch nicht wahr; Mistreß täuscht uns niemals.“

„Also, Elisa, mein Weib,“ sagte der Mann traurig, „sei standhaft, und nun lebe wohl, ich gehe.“

„Du gehst, Georg? – wohin denn?“

„Nach Canada,“ sagte er, sich hoch aufrichtend, „und wenn ich dort bin, will ich Dich kaufen; das ist die einzige Hoffnung, die uns bleibt. Ich will Dich und den Knaben kaufen, – so Gott mir helfe!“

„O schrecklich! wenn Du gefangen werden solltest!“

„Ich werde nicht gefangen werden, Elisa; eher will ich sterben! Ich will frei sein, oder sterben!“

„Du wirst Dich doch nicht selbst umbringen?“

„Das wird nicht nöthig sein, – sie werden mich schnell genug niedermachen. Nimmer sollen sie mich lebendig den Fluß hinab bringen!“

„O Georg, um meinetwillen sei vorsichtig! Thue nichts Böses, lege nicht Hand an Dich selbst, oder an irgend einen Andern! Du bist zu sehr gereizt, – zu sehr. Gehen mußt Du, – aber sei vorsichtig, sei weise. Bitte Gott, daß er Dir beistehe.“

„Wohlan denn, Elisa, so höre meinen Plan. Meinem Herrn fiel es ein, mich grade hier vorbei zu schicken mit einem Briefe an Mr. Symmes, der eine Meile weiter wohnt. Ich glaube, er rechnete drauf, daß ich hierher gehen würde, Dir zu erzählen, was ich bekommen habe. Es würde ihm Freude machen, wenn er denken könnte, daß das ‚Shelby'sche Volk‘, wie er es nennt, sich darüber ärgerte. Ich gehe jetzt nach Hause, und thue, als wenn ich ganz resignirt wäre, verstehst Du, als wenn Alles vorbei wäre. Inzwischen habe ich schon einige Vorbereitungen getroffen, – und ich habe Freunde, die mir helfen werden, – und in Zeit von acht Tagen oder so werde ich vermißt werden. Elisa, bete für mich, vielleicht erhört Dich der gute Gott!“

„O bete selbst für Dich, Georg, und vertraue auf ihn, wenn Du gehst; dann wirst Du nichts Böses thun.“

„So lebe wohl denn,“ sagte Georg, Elisa's Hände haltend, und unverwandt in ihre Augen blickend. Beide standen eine Zeit lang schweigend; dann folgten die letzten Worte, Schluchzen und bittre Thränen, und ein solcher Abschied, wie er zwischen Personen stattfinden muß, deren Hoffnung auf Wiedersehen so schwach wie Spinngewebe ist. Dann trennten sich Gatte und Gattin.


Viertes Kapitel.

Ein Abend in Onkel Tom's Hütte.

Onkel Tom's Hütte war ein kleines von Balken errichtetes Gebäude dicht bei „dem Hause“, wie die Neger par excellence die Wohnung ihres Herrn bezeichnen. Vor demselben lag ein sauberer Gartenfleck, in welchem jeden Sommer Stachelbeeren und Himbeeren und allerhand andere Früchte und Gemüse unter sorgsamer Hand blühten. Die ganze Front des Häuschens war von den Stauden einer einheimischen, immerblühenden Rose bedeckt, deren Ranken sich so verflochten, daß kaum eine Spur von den rauhen Balken sichtbar war. Auch verschiedene Jahresblumen, wie Goldlack, Nelken und Levkojen fanden hier im Sommer ein stilles Plätzchen, in dem sie ihre Pracht und ihre Wohlgerüche entfalten konnten, und waren der Stolz und die Freude Tante Chloë's.

Laßt uns in die Wohnung eintreten. Die Abendmahlzeit im Herrenhause ist vorüber, und Tante Chloë, die als oberste Köchin die Zubereitung desselben zu leiten pflegt, hat den Unterbeamten der Küche das Geschäft des Reinigens und Aufräumens überlassen, und sich in ihr eignes, behagliches Territorium begeben, um „ihrem Alten“ das Abendbrod zu reichen. Ihr dürft deshalb nicht daran zweifeln, daß sie es ist, die am Feuer steht, und mit ängstlicher Aufmerksamkeit gewisse zischende Gegenstände in einer Pfanne beobachtet, und von Zeit zu Zeit mit sehr ernster Vorsicht den Deckel der Backpfanne aufhebt, unter welchem ganz unzweifelhafte Anzeigen von „etwas Guten“ hervordampfen. Ihr Gesicht ist rund, schwarz und so glänzend, daß man glauben möchte, sie wäre, wie eine ihrer Theezwiebacke, mit Eiweiß überstrichen worden. Ihr ganzes, volles Gesicht strahlt unter ihrem wohlgestärkten Turbane von Zufriedenheit und Frohsinn, obgleich es, wenn wir doch einmal gestehen müssen, einen leichten Anstrich des Selbstbewußtseins verräth, welches der ersten Köchin in der ganzen Nachbarschaft, wofür Tante Chloë ganz allgemein galt und gehalten wurde, rechtmäßig zustand.

Eine Köchin war sie ohne Zweifel durch und durch. Allen Hühnern, Truthähnen und Enten auf dem Hühnerhofe wurde Angst, wenn sie Tante Chloë sich nahen sahen, und dachten augenscheinlich an ihr Ende; und gewiß ist, daß sie fortwährend über schmoren, braten und backen mit solcher Lebhaftigkeit nachdachte, daß sie jeden denkenden lebendigen Vogel dadurch in Schrecken setzen mußte. Ihr Kornkuchen, in allen seinen Modificationen war ein erhabenes Geheimniß für alle weniger geübten Küchenpraktikanten; und sie schüttelte ihre fetten Seiten vor Freude und Stolz, wenn sie von den fruchtlosen Versuchen erzählte, die einer oder der andre ihrer Collegen gemacht hatte, ihren Höhenpunkt zu erreichen.

Die Ankunft von Gästen im „Hause“, die Zubereitung von Mittag- und Abendessen im „großen Style“ erweckte alle ihre Lebensgeister; und kein Anblick war ihr erfreulicher als eine hohe Schicht Reisekoffer in der Veranda, denn dann hatte sie Aussicht auf neue Anstrengungen und neue Triumphe.

Grade in diesem Augenblicke schaut jedoch Tante Chloë in die Backpfanne, und wir wollen sie in dieser ihr innig verwandten Beschäftigung lassen, bis wir das Bild der Hütte vollendet haben.

In einer Ecke derselben steht ein Bett mit saubrer, weißer Decke; und an der Seite desselben lag ein Stück Teppich von ziemlich bedeutendem Umfange. Auf diesem Stücke Teppich hatte Tante Chloë ihren Stand, da sie unzweifelhaft zu den höheren Regionen des menschlichen Lebens gehörte, und dasselbe, so wie das Bett, bei dem es lag, und überhaupt die ganze Ecke des Zimmers, wurden mit rücksichtsvoller Achtung behandelt, und so viel wie möglich vor den Einbrüchen und Entheiligungen des kleineren Volkes geschützt. Diese Ecke war das Gastzimmer des Hauses. In einer andern Ecke stand ein Bett von weit unscheinbarerem Aeußern, und war augenscheinlich für den Gebrauch bestimmt. Die Wand über dem Kamin war mit einigen hellfarbigen Bildern aus der heiligen Schrift und einem Portrait General Washington's geschmückt, welches dergestalt gezeichnet und colorirt war, daß es ohne Zweifel diesen Helden in Erstaunen gesetzt haben würde, wenn er je einen Abdruck desselben gesehen hätte.

Auf einer rohen Bank in einer andern Ecke war ein Paar wollköpfiger Knaben mit glänzend schwarzen Augen und fetten, glänzenden Wangen beschäftigt, die ersten Gehversuche des jüngsten Kindes zu überwachen, welche, wie gewöhnlich, darin bestanden, sich auf den Füßen zu erheben, einen Augenblick zu schwanken, und dann wieder umzufallen, wobei jeder erfolglose Versuch mit schallendem Gelächter begleitet wurde.

Ein Tisch, schon etwas rheumatisch in seinen Gliedmaßen, befand sich vor dem Feuer, und war mit einem Tuche bedeckt, welches Tassen und Schalen, von unzweifelhaft schönem Muster, mit noch anderen Symptomen eines herannahenden Mahles trug. An diesem Tische saß Onkel Tom, Mr. Shelby's bester Sklave, den wir, da er der Held unserer Erzählung ist, für unsere Leser daguerreotypiren müssen. Er war ein großer, kräftig gebauter Mann, mit breiter Brust, vom glänzendsten Schwarz und mit einem Gesichte, dessen ächt afrikanische Züge Ernst und Verstand in Verbindung mit natürlicher Herzensgüte verriethen. Es lag in seinem ganzen Aeußern eine gewisse Selbstachtung und Würde, verbunden mit vertrauungsvoller Einfachheit des Sinnes.

Er war grade in diesem Augenblicke sehr eifrig mit einer Tafel beschäftigt, welche vor ihm lag, und auf der er langsam und mit großer Sorgfalt einige Buchstaben nachzumalen versuchte, während Master Georg, ein muntrer, hübscher Knabe von dreizehn Jahren, diese Beschäftigung überwachte, und der Würde seiner Stellung als Lehrer vollkommen zu entsprechen schien.

„Nicht so, Onkel Tom, – nicht so,“ sagte er lebhaft, als Onkel Tom mühsam den Schweif seines G auf die falsche Seite gebracht hatte; „das macht Q, siehst Du?“

„Gott's Willen, wirklich?“ sagte Onkel Tom, ehrfurchtsvoll und bewundrungsvoll seinen jungen Lehrer anblickend, während dieser mit flüchtiger Hand zahllose Q's und G's zu seiner Erbauung auf die Tafel malte; und sodann den Griffel in seine dicken, schweren Finger nehmend, begann er sein Werk von Neuem.

„Wie leicht weiße Menschen Alles machen!“ sagte Tante Chloë, einen Augenblick inne haltend, während sie beschäftigt war, eine eiserne Pfanne mit einem Stück Speck auf der Gabel auszufetten, und blickte stolz auf Master Georg. „Wie er schreiben kann! und lesen dazu! Und dann Abends herunter zu kommen, und uns die Bibel vorzulesen, – s'ist mächtig interessant!“

„Aber Tante Chloë, ich werde mächtig hungrig,“ sagt Georg; „ist denn der Kuchen in der Pfanne noch nicht bald gut?“

„Beinahe, Master Georg,“ sagte Tante Chloë, den Deckel aufhebend und hinunter blickend; – „bräunt wunderschön, – prächtiges Braun. Für das, laßt nur Tante Chloë allein! Neulich Missis ließ Sally Versuch machen, 'nen Kuchen zu backen, – grade nur, um's zu lernen,“ sagte sie. „O geht, Missis,“ sagte ich, „es thut mir wirklich weh, zu sehen, die guten Sachen alle so wegzuwerfen! Kuchen riß ganz auf an einer Seite, – keine Form, nichts – nicht mehr als mein Schuh, geht!“

Und mit diesen Schlußworten, dem Ausdrucke über die Ungeschicklichkeit Sally's, nahm Tante Chloë den Deckel der Backpfanne schnell hinweg, und ließ einen schön gebackenen Pfundkuchen sehen, dessen sich kein städtischer Zuckerbäcker zu schämen gehabt haben würde. Da dieser augenscheinlich der wesentlichste Bestandtheil des Gastmahls war, so begann Tante Chloë nunmehr sehr ernstlich den Tisch herzurichten.

„Hier, Ihr, Mose und Pete! geht aus dem Wege, Ihr Niggers! – Geh' Polly, mein Honig, – Mama gibt ihrem Kinde was, nachher. Nun, Master Georg, Sie, nehmen Sie die Bücher fort da, und setzen Sie sich zu meinem Alten, und ich will die Würste heraus nehmen, und Ihre Teller sollen im Augenblick voll Kuchen sein.“

„Ich sollte zum Abendessen in's Haus kommen,“ sagte Georg, „aber ich wußte was besser war, Tante Chloë.“

„Ja, ja, Sie wußten's – Sie wußten's, Zuckerkind,“ sagte Tante Chloë, die dampfenden Kuchen auf seinen Teller häufend; „Sie wußten's, alte Tante würde schon s'Beste aufheben für Sie. O freilich!“ Und mit diesen Worten gab Tante Chloë Georg einen Stoß mit ihrem Finger, und wandte sich dann wieder mit großer Geschäftigkeit zu ihrer Pfanne.

„Nun soll's an den Kuchen gehen,“ sagte Master Georg, als die Thätigkeit der Pfanne etwas nachgelassen hatte, und schwang dabei ein großes Messer über besagtem Artikel.

„Gott's willen, Master Georg!“ rief Tante Chloë, mit großem Ernste ihm in den Arm fallend, „Sie wollen ihn doch nicht mit dem großen, schweren Messer schneiden? Zerquetschen ja Alles, verderben's ganz und gar. Hier, ich habe ein altes, dünnes Messer; ich halt's immer scharf, grade dazu! Hier, nun, sehen Sie, – geht aus einander leicht wie 'ne Feder! Nun essen's los! – s'nichts zu beißen drin.“

„Tom Lincoln sagt,“ bemerkte Georg, mit vollem Munde redend, „daß ihre Jinny eine bessere Köchin wäre, als Du.“

„Kommt nichts drauf an, was die Lincoln's sagen, – gar nicht!“ sagte Tante Chloë verächtlich; „sind nichts, ich meine neben unsern Leuten. Sind ganz achtbare Leute, ganz genug, in 'ner einfachen Art; aber was in großen Style machen – nichts davon, keinen Begriff davon. Just nun, stellen Sie Master Lincoln neben Master Shelby! Guter Gott! und Missis Lincoln! – kann sie auftreten wie meine Missis – so glänzend verstehen Sie? O nichts! gehn Sie mir, sagen Sie mir nichts von den Lincoln's!“ – und Tante Chloë warf ihren Kopf in die Höhe, wie Jemand, der sich selbst bewußt war, etwas von der Welt zu verstehen.

„Gut, aber ich habe Dich doch selbst sagen hören, Tante Chloë,“ sagte Georg, „daß Jinny eine gute Köchin sei.“

„Ganz richtig,“ sagte Tante Chloë, – „und das 's wahr. Gut, gewöhnlich, einfachen kochen – Jinny kann; – kann gutes Brod backen, – Kartoffeln kochen, – ihr Kornkuchen sind nicht extra, nein, Jinny's Kornkuchen sind nicht extra; aber nun höher 'nauf, in höheren Zweigen, was kann sie? – lieber Gott! Sie kann Pasteten machen, – gewiß, sie kann, – aber was für Teig und Kruste? Kann sie den wirklichen, leichten Teig machen, der Ihnen im Munde zerfließt und aufgeht wie ein Hauch? Just, hören Sie, – ich ging da h'nüber, wenn Miß Marien's Hochzeit war, und Jinny just zeigte mir die Hochzeitpasteten. Jinny und ich sind's gute Freunde immer, Sie wissen. Ich sagte nichts, nimmer, Master Georg! Gewiß, glauben's mir, – könnte nicht 'nen Augenblick schlafen, die ganze Woche, wenn ich solches Gebäck Pasteten gemacht hätte; – waren nichts werth, gar nichts!“

„Ich glaube, Jinny hat gedacht, sie wären vortrefflich,“ sagte Georg.

„Nicht wahr? – so sie dachte. Da war sie, zeigte sie, ganz unschuldig, – sehen Sie's just hier, Jinny wußte's nicht. Geht mir, die Familie ist nichts! Wie kann sie's wissen? Nicht ihre Schuld. Ah, Master Georg, Sie kennen nicht halb Ihre Privilegien in Ihrer Familie, und in 'er Auferziehung!“ Bei diesen Worten seufzte Tante Chloë und schlug ihre Augen mit tiefer Bewegung auf.

„Ganz gewiß, Tante Chloë, ich kenne alle meine Pasteten und Puddings-Privilegien,“ sagte Georg. „Frage nur Tom Lincoln, ob ich mich nicht jedesmal damit rühme, wenn ich ihn treffe und ihn auslache.“

Tante Chloë lehnte sich in ihren Stuhl zurück und lachte aus Herzenskräften über den Witz des jungen Herrn, lachte, bis die Thränen ihre schwarzen, glänzenden Backen hinunterliefen, während sie abwechselnd dabei beschäftigt war, ihn im Scherze zu stoßen und zu schlagen und ihm zu sagen, daß er fortgehen solle und daß er ein Bösewicht sei, – daß er im Stande sei, sie zu tödten und daß er sie sicherlich nächstens umbringen werde, und verfiel dabei zwischen diesen blutigen Prophezeihungen in immer neue Ausbrüche des Lachens, die immer länger anhielten, bis endlich Georg wirklich zu glauben begann, er sei ein höchst gefährlich witziger Mensch, und daß er wohl Acht geben müsse, auf was er spreche.

„Und das haben Sie Tom gesagt? Haben Sie? O Herr, was die Jugend nicht alles thut? Haben ihn ausgelacht, und wie haben Master Georg ihn ausgelacht!“

„Ja,“ sagte Georg, „ich sagte zu ihm, ‚Tom, Du mußt 'mal Tante Chloë's Pasteten sehen; das ist die rechte Art!‘ sagte ich.“

„'S ist ein Jammer, nun, Tom kann nicht,“ sagte Tante Chloë, auf deren menschenfreundliches Herz Tom's ungünstiges Loos einen tiefen Eindruck zu machen schien. „Sollten ihn doch 'mal zu Mittag laden, 'mal dieser Tage, Master Georg,“ fügte sie hinzu; „'s würde sich ganz hübsch von Ihnen machen. Sie wissen's, Master Georg, Sie sollen sich nicht über Niemand erheben, wegen Ihrer Priv'legien, weil alle unsre Priv'legien uns sind gegeben. Wir sollen immer daran denken,“ sagte Tante Chloë ganz ernsthaft.

„Gut, ich will Tom an irgend einem Tage in der nächsten Woche hierher einladen,“ sagte Georg, „und Du thust Dein Bestes, Tante Chloë, und er soll die Augen aufreißen. Soll er uns nicht so viel essen, daß er für vierzehn Tage genug hat?“

„Ja, ja, – gewiß!“ sagte Tante Chloë ganz erfreut, – „Sie sollen sehen. O Herr! an manche von unsern Mahlzeiten zu denken! Wissen's noch die große Hühnerpastete, die ich machte, wenn General Knox war hier? Ich und Missis, wir beinahe hatten was Streit, wegen des Teigs. Was manchmal solche Damen Einfälle haben, – weiß nicht; aber manchmal, wenn ein Mensch just am meisten Verantwortlichkeit hat auf sich, so zu sagen, und ist 'ne ganz wichtige Sache, solche Damen haben den Einfall um Einen herumzuhängen, und sich in Alles zu mischen! Nun, Missis wollte, ich sollte's so machen, und dann sollt' ich's so machen; und endlich wurd ich beinahe unartig und sagte: ‚Nun, Missis, schauen Sie auf die schönen, weißen Hände, Ihre, mit langen Fingern, alle mit blanken Ringen, just wie meine weißen Lilien, wenn der Thau drauf liegt; und nun schauen Sie meine großen, schwarzen Hände. Nun, denken Sie nicht, daß der Herr gewollt hat, ich soll den Pastetenteig machen, und Sie sollen im Zimmer bleiben?‘ Da haben Sie's, Master Georg, so unartig war ich.“

„Und was sagte Mutter?“ fragte Georg.

„Sagte? – je nun, sie lachte gar mit den Augen, – den schönen, großen Augen, ihren, und sagte: ‚Gut Tante Chloë, ich glaube, Du hast recht,‘ sagte sie, und fort ging sie in's Zimmer. Sie hätte mir eins an den Kopf geben sollen, daß ich so unartig war; aber so ist's, – ich kann nichts thun mit Damen in der Küche!“

„Wohl, Du legtest große Ehre mit dem Gastmahle ein, – ich entsinne mich deutlich, Jedermann sagte es,“ bemerkte Georg.

„Und stand ich nicht hinter der Thür des Speisezimmers an dem Tage? und sah ich nicht, wie General Knox dreimal seinen Teller hinreichte, grade nach dieser Pastete? – und, sagte er: ‚Sie müssen eine außerordentliche Köchin haben, Mistreß Shelby.‘ – O Herr! ich hätte aus einander gehen mögen!“ –

„Und der General, er weiß, was kochen ist,“ fügte Tante Chloë hinzu, sich stolz aufrichtend. „Sehr hübscher Mann, der General! Er kommt von der ersten Familie in Virginien! Er weiß was es heißt, so gut wie ich – der General. Sehen Sie, da sind Punkte in allen Pasteten, Master Georg; aber 's weiß nicht jeder, was das ist oder sein soll. Aber der General, er weiß es; o, ich merkt's, was er sagte. Ja, er weiß, was die Punkte sind!“

Um diese Zeit war Master Georg endlich zu dem Punkte gelangt, den selbst ein Knabe (unter besondern Umständen) erreichen kann, daß er in der That keinen Bissen mehr hinunterbringen konnte, und hatte deßhalb Zeit, die Reihe von Wollköpfen und leuchtenden Augen zu bemerken, die aus einem entfernten Winkel seine Operationen mit hungrigem Magen beobachtet hatten.

„Hier, Du, Mose, Pete,“ rief er, freigebig große Stücke vom Kuchen vor sich abbrechend und ihnen zuwerfend; „Ihr wollt was haben, nicht wahr? Komm, Tante Chloë, backe ihnen ein paar Kuchen.“

Und Georg und Tom begaben sich nach einem bequemen Sitze in der Kaminecke, während Tante Chloë, nachdem sie einen ansehnlichen Haufen Kuchen gebacken hatte, ihr jüngstes Kind auf den Schooß nahm, und nun begann abwechselnd dessen Mund und ihren eigenen zu füllen und angemessene Antheile an Mose und Pete auszutheilen, welche es vorzuziehen schienen, ihre Portionen zu verzehren, während sie sich auf dem Erdboden, unter dem Tische, umherwälzten und einander kitzelten.

„O geht, wollt Ihr?“ sagte die Mutter, ihnen von Zeit zu Zeit, wenn die Bewegungen derselben zu lästig wurden, einen Stoß mit dem Fuße unter dem Tische gebend. „Könnt Ihr nicht artig sein, wenn weiße Leute hier sind bei Euch? Wollt Ihr? ruhig da, oder ich setze Euch ein Knopfloch tiefer, wenn Master Georg fort ist!“

Was diese schreckliche Drohung für eine Bedeutung hatte, läßt sich schwer sagen, gewiß ist aber, daß sie einen sehr geringen Eindruck auf die jungen Sünder machte.

„Na, denn!“ sagte Onkel Tom, „die sind so voller Uebermuth, die können sich nicht ordentlich betragen.“

Die Knaben tauchten unter dem Tische hervor, Gesicht und Hände wohl bedeckt mit einer Mischung von Fett, Zucker und Schmutz, und begannen ein herzhaftes Küssen des jüngsten Kindes.

„Fort mit euch!“ sagte die Mutter, die wolligen Köpfe bei Seite stoßend. „Ihr müßt ja alle zusammenkleben und nie wieder los kommen, wenn Ihr's so macht. Fort, geht an den Brunnen, und wascht Euch!“ sagte sie, diese Worte mit einem Schlage begleitend, welcher einen furchtbaren Schall verursachte, aber keine andere Wirkung zu haben schien, als ein noch größeres Gelächter auf Seiten der Kinder zu erzeugen, während sie über einander zur Thür hinauspurzelten und im vollsten Jubel aus Leibeskräften schrieen.

„Gab es je solche ungezogenen Bälge?“ sagte Tante Chloë, halb schmunzelnd, während sie ein altes Handtuch hervorsuchte, welches besonders für solche Zwecke gehalten wurde, etwas Wasser aus dem halbzerbrochenen Theetopfe darauf schüttete und jene pflasterartige Mischung von dem Gesichte und den Händen des jüngsten Kindes abwusch, worauf sie es in Tom's Schooß setzte und sodann das Geschirr und die Ueberreste des Abendessens wegzuräumen begann. Das Kind benutzte diese Zwischenzeit dazu, an Tom's Nase zu zupfen, ihm das Gesicht zu zerkratzen und die kleinen, fetten Hände in sein wolliges Haar zu stecken, was ihm besonderes Vergnügen zu gewähren schien.

„Ist's nicht ein prächtiges Kind?“ sagte Tom, es von sich entfernt haltend, um es in seiner ganzen Länge zu betrachten; und sodann aufstehend setzte er es auf seine breite Schulter und begann mit ihm zu springen und zu tanzen, während Master Georg mit dem Taschentuche nach ihm schnappte, und Mose und Pete, welche inzwischen zurückgekehrt waren, dergestalt hinter her brüllten, daß Tante Chloë erklärte, sie verliere ihren Kopf in dem Lärmen. Da jedoch, ihrer eigenen Angabe zufolge dies eine chirurgische Operation war, welche sich täglich wiederholte, so verminderte diese Erklärung nicht im geringsten die Heiterkeit der Kinder, bis sie sich vollständig müde getanzt, gewälzt und geschrieen hatten.

„Na, denn, hoffe, nun seid Ihr fertig,“ sagte Tante Chloë, die inzwischen ein aus einem rohen Kasten bestehendes Rollbett hervorgezogen hatte; „nun, Mose und Pete, hier hinein, denn wir haben jetzt Betstunde.“

„O Mutter, noch nicht. Wir wollen mit in Betstunde, – Betstunde ist so komisch, – wir gern in Betstunde.“

„Ah was, Tante Chloë, schieb's wieder hinunter, und laß sie mit aufbleiben,“ sagte Master Georg mit Bestimmtheit, der rohen Maschine einen Stoß gebend.

Nachdem Tante Chloë auf diese Weise den Schein gewahrt hatte, schien sie höchlich erfreut, den Kasten wieder bei Seite schieben zu können, indem sie sagte: „Gut, vielleicht thut's ihnen gut!“

Nunmehr löste sich das Haus in eine Comite auf, um die Vorbereitungen und Vorrichtungen für die Betstunde zu berathschlagen.

„Wo nun Stühle her bekommen, ich weiß wahrlich nicht,“ sagte Tante Chloë.

Da die Betstunde seit längerer Zeit regelmäßig jede Woche bei Onkel Tom gehalten worden war, ohne Hülfe von mehr „Stühlen,“ so war einige Aussicht vorhanden, daß sich gegenwärtig vielleicht ein Ausweg finden lassen werde.

„Onkel Pete hat beide Beine von der alten Stuhl abgesungen – vorige Woche,“ bemerkte Mose.

„Du geh! weiß gewiß, Du hast sie abgebrochen, selbst,“ sagte Tante Chloë, „so einer von Deinen Streichen.“

„Aber er steht noch,“ sagte Mose, „wenn er nur an der Wand stehen bleibt.“

„Denn Onkel Pete muß nicht sitzen drin, denn er rückt immer, wenn er anfängt singen. Einen Abend er beinahe durch das ganze Zimmer gerückt,“ sagte Pete.

„Ho, denn lass' ihn sitzen drin,“ sagte Mose, „und denn er wird anfangen: ‚O Heilige und Sünder kommt –‘ und denn bricht er ein;“ – und Mose ahmte dabei den näselnden Ton des alten Mannes genau nach und wälzte sich zugleich an der Erde, um ein Bild der zu erwartenden Katastrophe zu geben.

Während Mose und Pete dies zwischen sich verhandelten, waren zwei leere Fässer in die Hütte gerollt worden, und nachdem beide durch an die Seiten gelegte Steine einen festen Stand bekommen hatten, wurden Bretter darüber gelegt, so daß durch diese Vorrichtung, mit Hülfe verschiedentlicher umgestülpter Eimer und anderer ähnlicher Hausgeräthe, die Vorbereitungen beendigt waren.

„Master Georg liest die Bibel so wunderschön, na, ich weiß, er wird doch hier bleiben, und uns was lesen,“ sagte Tante Chloë, – „ich dächte, s'wäre gleich viel mehr interessant.“

Georg bequemte sich sehr gern dazu, denn welcher Knabe ist nicht jeder Zeit zu Allem bereit, was ihm eine Art Wichtigkeit verleiht. Das Zimmer füllte sich bald mit einer gemischten Versammlung vom alten, greisen achtzigjährigen Patriarchen bis zum jungen Mädchen und dem fünfzehnjährigen Buben hinab, von denen Mehrere nachbarlichen Familien angehörten und Erlaubniß erhalten hatten, dieser Versammlung beizuwohnen.

Nach einer einleitenden Unterhaltung über die verschiedenartigsten Gegenstände, je nachdem sie gerade die Interessen der anwesenden Andächtigen berührten, begann zum augenscheinlichen Ergötzen Aller der Gesang. Selbst die störende Einwirkung der näselnden Töne konnte den mächtigen Eindruck der natürlich schönen Stimmen in Gesängen, die zugleich lebhaft und geistig waren, nicht vernichten. Der Text war zuweilen der wohlbekannter gewöhnlicher Kirchenhymnen, und zuweilen von einem unbestimmteren, milderen Charakter, wie er namentlich in den freien Brüderversammlungen zu hören ist.

In vielen dieser Gesänge kamen wiederholte Beziehungen auf „die Ufer des Jordan“, „die Felder Canaan's“ und „das neue Jerusalem“ vor; denn der Geist des Negers, von Natur mit Leidenschaftlichkeit und Einbildungskraft begabt, wählt sich Hymnen und Ausdrücke eines lebhaften, malerischen Charakters; und während die Anwesenden sangen, lachten Einige derselben, und Andere weinten, und noch Andere schlugen die Hände zusammen, oder drückten sich die Hände in Entzückung, als wenn sie schon glücklich am jenseitigen Ufer des Flusses angelangt wären.

Master Georg las auf Verlangen die letzten Kapitel der Offenbarung, wobei er oft durch Ausrufungen wie: „O hört nur das!“ „O denkt an das!“ „Wird das nicht alles geschehen?“ u. s. w. unterbrochen wurde.

Georg, der ein aufgeweckter Knabe, und in religiösen Gegenständen von seiner Mutter wohl unterrichtet worden war und sich hier ein Gegenstand allgemeiner Bewunderung sah, warf von Zeit zu Zeit Erklärungen seiner eignen Eingebung mit hinein, natürlich mit dem erforderlichen Ernste und der nöthigen Würde, wofür er von den Alten gesegnet und von den Jungen bewundert wurde; und Alle stimmten endlich darin überein, daß „ein Geistlicher es nicht besser auslegen könne, als er,“ und daß „es wirklich zum Erstaunen sei!“

Onkel Tom galt in der ganzen Nachbarschaft als eine Art Patriarch in religiösen Gegenständen. Da in seinem Geiste, vermöge natürlicher Anlage, das moralische Gefühl vorherrschend war, und da sein Geist einen größeren Umfang und größere Bildung besaß, als seine Gefährten sich dessen zu rühmen vermochten, so wurde er von Allen mit großer Achtung und als eine Art Geistlicher angesehen; und der einfache, herzliche, aufrichtige Ausdruck seiner Ermahnungen hätte vielleicht selbst höher gebildete Personen erbauen können. Aber es war namentlich die Art des Gebets, worin er sich auszeichnete. Nichts konnte die rührende Einfachheit, die kindliche Begeisterung seines Gebetes übertreffen, so getreu gehalten in der Sprache der Bibel, die ein so integrirender Theil seines Wesens geworden zu sein schien, daß sie unwillkührlich seinen Lippen entfloß. Er betete in der Ausdrucksweise eines frommen, alten Negers „gerade hinauf.“ Und einen solchen Eindruck äußerte stets sein Gebet auf die Empfindungen der Andacht unter seiner Zuhörerschaft, daß oft Gefahr drohte, es möchte ganz verloren gehen unter dem Ausbruche der Gefühle und Antworten von allen Seiten.


Während sich diese Scene in der Hütte des Sklaven zutrug, fand eine davon sehr verschiedene in dem Salon des Herrn statt.

Der Sklavenhändler und Mr. Shelby saßen wieder in dem früher erwähnten Eßzimmer beisammen, an einem Tische, der mit Papieren und Schreibmaterialien bedeckt war.

Mr. Shelby war beschäftigt, verschiedene Packete Wechsel zu überzählen und zu überrechnen, und schob sie sodann zu dem Händler hinüber, der sie ebenfalls nachzählte.

„Alles richtig,“ sagte der Händler; „nun also unterzeichnen diese da!“

Mr. Shelby zog hastig die Verkaufsbriefe an sich und unterzeichnete sie, wie ein Mann, der über ein unangenehmes Geschäft hinwegeilt, und schob sie sodann mit dem Gelde zur andern Seite hinüber. Haley zog hierauf aus einer stark abgenutzten Brieftasche ein Pergament hervor, welches er, nachdem er es zuvor überblickt hatte, an Mr. Shelby aushändigte, der es mit einer Bewegung unterdrückten Eifers an sich nahm.

„Wohl, die Sache ist gemacht,“ sagte der Händler aufstehend.

„Ist abgemacht!“ sagte Mr. Shelby in sinnendem Tone und wiederholte nach einem langen und tiefen Athemzuge: „ist abgemacht!“

„Ihr scheint mir nicht sonderlich damit zufrieden zu sein,“ sagte der Händler.

„Haley,“ sagte Mr. Shelby, „ich hoffe, Ihr werdet nicht vergessen, was Ihr mir auf Eure Ehre versprochen habt, daß Ihr nämlich den Tom nicht verkaufen wollt, ohne vorher zu wissen, in was für Hände er geht.“

„Warum? Ihr habt jetzt gerade dasselbe gethan,“ sagte der Händler.

„Umstände, wie Ihr wohl wißt, nöthigten mich,“ sagte Shelby in stolzem Tone.

„Wohl, sehet, die können mich auch nöthigen,“ sagte der Händler. „Indeß, will mein Bestes thun, ihm 'ne gute Koje zu verschaffen; – und was mich betrifft, so braucht Ihr nicht besorgt zu sein, daß ich ihn schlecht behandele. Wenn's etwas in der Welt gibt, wofür ich dem Herrn dankbar bin, so ist's, daß ich nicht grausam bin.“

Nach den Erläuterungen, welche der Händler zuvor über die Principien seiner Menschlichkeit gegeben hatte, fühlte sich Mr. Shelby durch diese Erklärungen nicht sonderlich beruhigt; allein da sie die einzige Beruhigung waren, die er finden konnte, so ließ er den Händler schweigend gehen und suchte Zerstreuung in einer einsamen Cigarre.


Fünftes Kapitel.

Die Gefühle lebenden Eigenthums unter wechselnden Besitzern.

Mr. und Missis Shelby hatten sich am Abend in ihr Zimmer zurückgezogen. Er streckte sich in einem großen, bequemen Armstuhle und las einige Briefe, die mit der Nachmittagspost angekommen waren, während sie vor dem Spiegel stand und die verwickelten Flechten und Locken wieder glatt bürstete, welche Elisa zuvor gemacht hatte; denn als ihr die bleichen Wangen und verweinten Augen derselben zu Gesicht gekommen waren, hatte sie sie von ihren Dienstgeschäften für diesen Abend entbunden und sie zu Bett geschickt. Ihre gegenwärtige Beschäftigung erinnerte unwillkührlich an die Unterhaltung dieses Morgens mit ihrer Dienerin. Indem sie sich deßhalb zu ihrem Manne umwandte, sagte sie nachlässig:

„Sage mir doch, lieber Arthur, wer war denn der ordinaire Mensch, den Du heut an unsern Mittagstisch zogst?“

„Haley ist sein Name,“ sagte Shelby, sich unbehaglich in seinem Stuhle umwendend und seine Augen unverwandt auf den Brief gerichtet haltend.

„Haley! Bitte, sage mir, was ist er denn? und was mag er denn nur für Geschäfte hier gehabt haben?“

„Nun, s'ist ein Mann, mit dem ich einige Geschäfte gemacht hatte, als ich zum letzten Male in Natchez war,“ sagte Mr. Shelby.

„Und deßhalb machte er sich's hier so bequem und kam und lud sich zum Mittagessen ein, – ja?“

„Nein, ich lud ihn ein; ich hatte einige Rechnungen mit ihm abzumachen,“ sagte Shelby.

„Ist er ein Sklavenhändler?“ fragte Mrs. Shelby, eine gewisse Verlegenheit im Wesen ihres Mannes erkennend.

„Warum, mein Kind, was bringt Dich denn auf die Frage?“ sagte Mr. Shelby aufblickend.

„O nichts, – nur, Elisa kam heut nach Tische weinend und in größter Verzweiflung zu mir und sagte, Du sprächest mit einem Händler und sie habe ihn gehört Dir ein Gebot für ihren Jungen machen, – das alberne Gänschen!“

„So?“ sagte Mr. Shelby, wieder auf seinen Brief blickend, der einige Augenblicke lang seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schien, obgleich er nicht bemerkte, daß er ihn verkehrt in der Hand hielt.

„Es muß heraus, jetzt oder später,“ sagte er im Geiste zu sich.

„Ich sagte Elisa,“ bemerkte Mrs. Shelby, während sie fortfuhr, ihr Haar zu bürsten, „daß sie eine Närrin sei, sich solche Angst zu bereiten, und daß Du nie irgend etwas mit solchen Menschen zu thun habest. Ich wußte ja, daß Du nie die Absicht hattest, irgend einen unserer Leute zu verkaufen, – am wenigsten an solchen Menschen.“

„Richtig, Emilie,“ sagte der Mann, „so habe ich immer gedacht und gesagt; allein die Sache ist, meine Verhältnisse sind jetzt von der Art, daß ich jetzt nicht mehr umhin kann. Ich werde einige meiner Leute verkaufen müssen.“

„An dieses Geschöpf? Unmöglich! Shelby, das kann nicht Dein Ernst sein.“

„Es thut mir leid, sagen zu müssen, daß es wirklich mein Ernst ist,“ sagte Mr. Shelby. „Ich habe mich dazu verstanden, Tom zu verkaufen.“

„Was? unsern Tom? – dieses gute, treue Geschöpf! – ist Dein treuer Diener von seiner Kindheit an gewesen! – O Shelby! – und Du hast ihm außerdem die Freiheit versprochen, – Du und ich, wir haben hundertmal mit ihm davon gesprochen. – Wohl, nun kann ich Alles glauben, – nun kann ich auch glauben, daß Du den kleinen Harry, das einzige Kind der armen Elisa, verkaufen könntest!“ sagte Mrs. Shelby in einem Tone, der eine Mischung von Kummer und Unwillen verrieth.

„Wohl, da Du doch einmal Alles wissen mußt, – es ist so. Ich habe versprochen, Tom und Harry zu verkaufen; und ich sehe nicht ein, weßhalb ich um einer Handlung willen für ein Ungeheuer gehalten werden soll, die von Andern jeden Tag verübt wird.“

„Aber warum unter Allen grade diese wählen?“ sagte Mrs. Shelby, „wenn Du überhaupt verkaufen mußt.“

„Weil diese die höchste Summe von Allen einbringen, – das ist der Grund. Ich hätte allerdings noch eine andere Wahl treffen können, wenn Du so willst. Der Kerl machte mir ein hohes Gebot für Elisa. Hätte Dir das besser zugesagt?“

„Der Elende!“ sagte Mrs. Shelby mit Heftigkeit.

„Ich habe ihn natürlich keinen Augenblick angehört; – aus Rücksicht für Dich wollte ich nicht. Laß mir also wenigstens so viel Gerechtigkeit widerfahren.“

„Mein Lieber,“ sagte Mrs. Shelby sich sammelnd, „verzeihe mir. Ich war überrascht, und gänzlich unvorbereitet für diese Nachrichten; aber gewiß wirst Du mir erlauben, ein Fürwort für diese armen Geschöpfe einzulegen. Tom ist ein edelherziger, treuer Mensch, wenn er auch schwarz ist. Ich glaube, Shelby, daß, wenn es nöthig wäre, er sogar willig sein Leben für Dich hingeben würde.“

„Ich weiß es, – ich glaube es, – aber was hilft das alles? Ich kann mir nicht anders helfen!“

„Warum nicht ein Opfer in Geld bringen? Ich will gern meinen Theil daran tragen. O, Shelby, ich habe mich bemüht, – gewissenhaft bemüht, wie eine Christin soll, – meine Pflichten gegen diese armen, einfachen, abhängigen Geschöpfe zu erfüllen. Ich habe für sie gesorgt, sie unterrichtet, über sie gewacht, und alle ihre kleinen Sorgen und Freuden seit Jahren gekannt; und wie kann ich jemals wieder meinen Kopf unter ihnen aufrichten, wenn wir, um eines kleinen, erbärmlichen Gewinnes willen, ein so treues, vortreffliches, vertrauungsvolles Wesen, wie den armen Tom, verkaufen, und in einem Augenblick ihn von Allem losreißen, was wir ihn schätzen und lieben gelehrt haben? Ich habe ihnen die Pflichten der Familie gelehrt, der Eltern und der Kinder, des Gatten und des Weibes; und wie kann ich den Gedanken tragen, öffentlich anerkennen zu müssen, daß wir, sobald es sich um den Werth des Geldes handelt, keine Pflicht und kein Band ehren, wie heilig es auch immer sein möge. Ich habe mit Elisa über ihren Knaben gesprochen, – über ihre Pflicht gegen ihn als eine christliche Mutter über ihn zu wachen, für ihn zu beten, und ihn nach christlichen Grundsätzen zu erziehen; und was soll ich nun sagen, wenn Du ihn von ihr reißest, und ihn verkaufst, Seele und Leib, an einen gemeinen Menschen ohne alle Grundsätze, – nur um etwas Geld zu gewinnen? Ich habe ihr gesagt, daß eine menschliche Seele mehr werth sei, als alles Geld in der Welt: und wie kann sie nun meinen Worten Glauben schenken, wenn sie uns, im Widerspruche hiermit, ihr Kind verkaufen sieht, – vielleicht zu seinem sichern Ruine an Leib und Seele!“

„Es thut mir leid, daß Du Dir das so sehr zu Herzen nimmst, Emilie, – wahrlich,“ sagte Mr. Shelby, „und ich ehre Deine Empfindungen, wenn ich sie auch nicht in ihrer ganzen Ausdehnung theile, aber ich versichere Dir heilig, daß es nichts nützt, – ich kann mir nicht anders helfen. Es war nicht meine Absicht, Dir dies zu sagen; aber, um die reine Wahrheit zu gestehen, es bleibt mir keine andere Wahl, als entweder diese Beiden oder – Alles zu verkaufen. Haley ist in den Besitz einer Hypothek gekommen, welche, wenn ich sie nicht unverzüglich abzahle, Alles verschlingt. Ich habe zusammengescharrt und gekratzt, was möglich war, ich habe geborgt und Alles gethan, nur nicht gebettelt, und der Preis für diese Beiden war grade noch nöthig, um das Fehlende zu decken, und so mußte ich sie dran geben. Haley hatte an dem Kinde Gefallen gefunden, und wollte auch kein anderes Arrangement eingehen. Ich war in seiner Gewalt und mußte es thun. Wenn es Dir so nahe geht, diese verkauft zu sehen, würde es besser sein, wenn Alle verkauft würden?“

Mrs. Shelby stand wie vom Schlage gerührt. Endlich, sich wieder zu ihrer Toilette wendend, bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen und seufzte tief.

„Das ist der Fluch der Sklaverei! – Ein Fluch für den Herrn wie für den Sklaven! Ich war eine Thörin zu glauben, daß ich aus einem so tödtlichen Uebel noch etwas Gutes bilden könne. Es ist eine Sünde, unter Gesetzen, wie die unsrigen sind, Sklaven zu halten; ich fühlte das immer, – ich dachte das immer, als ich noch ein Mädchen war, – ich fühlte es noch mehr, als ich in den Kirchenverband getreten war; aber ich dachte, ich könne es mit Gold überziehen, ich könne durch Güte, Sorgfalt und Belehrung das Verhältniß der Meinigen besser machen, als es in der Freiheit sein würde, – Thörin, die ich war!“

„Aber Weib, Du wirst ja ein vollständiger Abolitionist.“

„Abolitionist! Wenn Jene von der Sklaverei so viel wüßten wie ich, so möchten sie reden. Wir bedürfen ihrer nicht. Du weißt, daß ich Sklaverei nie gebilligt habe, – daß ich nie gewünscht habe, Sklaven zu besitzen.“

„Ja, in diesem Punkte bist Du verschiedener Meinung von vielen weisen und gelehrten Männern,“ sagte Mr. Shelby. „Erinnerst Du Dich an Mr. B...'s Predigt, vor einigen Wochen?“

„Ich will solche Predigten nicht hören; ich mag Mr. B. nie wieder in unserer Kirche hören. Geistliche können dem Uebel vielleicht nicht abhelfen, – können es nicht heilen, so wenig wie wir, – aber es vertheidigen! – das ging immer gegen meinen Verstand. Und ich glaube, Du selbst hast auch von der Predigt nicht viel gehalten!“

„Ich muß gestehen,“ sagte Mr. Shelby, „diese Geistlichen treiben die Sache zuweilen noch weiter, als wir armen Sünder es thun würden. Wir Weltmenschen müssen gewaltig oft ein Auge zudrücken, und uns an Manches gewöhnen, was nicht ganz in Ordnung ist; aber wir mögen's nicht leiden, wenn Weiber und Geistliche groß und breit auftreten und in solchen Dingen noch weiter gehen als wir. Aber nun, meine Liebe, hoffe ich, hast Du die Nothwendigkeit eingesehen, und Dich überzeugt, daß ich das Beste gethan habe, was die Umstände zuließen.“

„O ja, ja,“ sagte Mrs. Shelby hastig und zerstreut, ihre goldene Uhr in der Hand wiegend, und fügte sodann nach einer Pause gedankenvoll hinzu: – „ich besitze keine Juwelen von einigem Werthe, aber – würde diese Uhr nicht vielleicht etwas nützen? – sie war sehr theuer, als sie gekauft wurde. Wenn ich nur wenigstens Elisa's Kind retten könnte, so würde ich gern Alles opfern, was ich habe.“

„Es thut mir leid, sehr leid, Emilie,“ sagte Mr. Shelby, „daß Dir dies so sehr zu Herzen geht; aber es hilft nichts. Die Sache ist, Emilie, Alles ist bereits abgemacht; die Verkaufsscheine sind bereits unterschrieben und in Haley's Händen, und Du mußt Gott danken, daß es nicht noch schlimmer ist. Der Mann hatte es in seiner Gewalt, uns alle zu Grunde zu richten, – und nun sind wir ihn glücklich los. Wenn Du den Mann kenntest, wie ich ihn kenne, so würdest Du einsehen, daß wir einer großen Gefahr entgangen sind.“

„Ist er denn so hartherzig?“

„Nicht hart und grausam grade, aber ein Mensch wie Leder, – ein Mensch, der für nichts Anderes lebt, als für Handel und Gewinn, – kalt und ohne Bedenken, und unerbittlich wie Tod und Grab. Er würde für einen guten Gewinn seine eigne Mutter verkaufen, – ohne dabei der alten Frau irgendwie Uebles zu wünschen.“

„Und diesem Elenden gehören der gute, treue Tom, und Elisa's Kind!“

„In der That, meine Liebe, dies liegt mir schwer auf dem Herzen, – ich kann nicht daran denken. Haley will die Sache schnell betrieben haben, und schon morgen Besitz ergreifen. Ich werde mein Pferd aus dem Stalle nehmen, bei guter Zeit, und mich auf und davon machen. Ich kann Tom nicht sehen, das ist gewiß; und Du thätest auch am besten, wenn Du eine Fahrt irgendwohin unternähmest, und Elisa mit Dir führtest. Laß die Sache abgemacht werden, während sie aus dem Wege ist.“

„Nein,“ sagte Mrs. Shelby, „ich will auf keine Weise Mitschuldige oder Mithelferin in diesem grausamen Geschäfte sein. Ich will den armen, alten Tom sehen, und möge Gott ihm Kraft geben in seinem Unglück! Sie sollen wenigstens sehen, daß ihre Herrin für sie und mit ihnen fühlen kann. Was Elisa betrifft, so wage ich nicht an sie zu denken! – Gott sei uns gnädig! Was haben wir denn gethan, daß diese grausame Nothwendigkeit über uns kommen muß?“ –

Es gab einen Zuhörer dieser Unterhaltung, an den Mr. und Mrs. Shelby wenig dachten.

In Verbindung mit dem Zimmer, in welchem sich Beide befanden, stand ein geräumiges Kabinet, welches nach dem äußeren Gange führte. Als Elisa von Mrs. Shelby für den Abend entlassen worden war, hatte ihr fieberhaft aufgeregter Geist sie an dieses Kabinet erinnert, und sie hatte sich dort versteckt, und mit fest gegen die Spalte der Thüre gedrücktem Ohre kein Wort der ganzen Unterhaltung verloren.

Als die Stimmen allmählig erstarben, schlich sie leise davon. Blaß, fröstelnd, mit starren Zügen und zusammengepreßten Lippen, schien aus dem zarten, furchtsamen Geschöpfe, was sie bisher gewesen war, ein ganz anderes Wesen geworden zu sein. Sie schlich vorsichtig den Flur entlang, hielt einen Augenblick an der Zimmerthür ihrer Herrin an, hob ihre Hände auf wie in stummem Rufe zum Himmel, und schlich dann in ihr eignes Zimmer. Es war ein stilles, reinliches Gemach, auf demselben Flure mit dem Zimmer ihrer Herrin belegen. Hier war das freundliche, sonnige Fenster, wo sie so oft singend, mit ihrer Näherei beschäftigt, gesessen hatte; dort stand eine kleine Büchersammlung, vor der verschiedene kleine Schmuckartikel, Geschenke des Weihnachtsfestes, in sorgfältiger Ordnung lagen; hier befand sich ihre einfache Garderobe, im Wandschranke und in der Kommode; hier, mit einem Worte, war ihre Heimath, die im Ganzen genommen bisher eine glückliche gewesen war. Aber dort, auf dem Bette, lag ihr schlummerndes Kind, dessen lange Locken nachlässig um seine bewußtlosen Züge fielen, während sein rosiger Mund halb geöffnet war, seine kleinen, fetten Hände ausgestreckt auf der Bettdecke lagen, und ein Lächeln, gleich einem Sonnenstrahle, sich über das ganze Gesicht breitete.

„Armes Kind! armes Wesen!“ sagte Elisa, „sie haben Dich verkauft! aber Deine Mutter will Dich dennoch retten!“

Keine Thräne fiel auf das Kissen; in solchen Momenten hat das Herz keine Thränen; – es tröpfelt nur Blut, bis es sich still und schweigend ausgeblutet hat. Sie ergriff ein Blatt Papier und Bleifeder, und schrieb eilig folgende Worte:

„O Mistreß! theure Mistreß! halten Sie mich nicht für undankbar, – denken Sie nicht zu hart von mir, – ich habe Alles gehört, was Sie heut Abend mit dem Herrn gesprochen haben. Ich will es versuchen, mein Kind zu retten, – Sie werden mich nicht verdammen! Gott segne Sie, und lohne Ihnen alle Ihre Güte!“

Nachdem sie dieses Blatt hastig zusammengelegt und addressirt hatte, öffnete sie eine Kommode, und legte ein kleines Packet Kleidungsstücke für das Kind zurecht, welches sie mittelst eines Taschentuches fest um ihren Leib band; und so zärtlich ist die Sorge einer Mutter, daß sie selbst in den Schrecken dieser Stunde nicht vergaß, ein oder zwei Lieblingsstücke seines Spielzeugs mit in das Packet zu legen, während sie einen bunt gemalten Papagei zurückbehielt, um ihn damit zu unterhalten, wenn sie ihn aufwecken mußte. Es kostete einige Mühe, den kleinen Schläfer zu ermuntern; allein nach einigen Versuchen saß er im Bette auf, und spielte mit seinem Vogel, während seine Mutter sich den Hut aufsetzte und das Tuch umhing.

„Wo willst Du hingehen, Mutter?“ fragte er, als sie sich mit seinem Röckchen und seiner Mütze dem Bette näherte.

Seine Mutter kam dicht zu ihm heran, und sah ihm so ernst in die Augen, daß er sogleich merkte, daß etwas Ungewöhnliches vorgehen müsse.

„Still, Harry,“ sagte sie, „Du mußt nicht laut sprechen, oder sie hören uns. Ein böser Mann ist gekommen, um den kleinen Harry seiner Mutter wegzunehmen, und im Dunkeln fortzutragen; Mutter aber will ihn nicht lassen, – Mutter will ihrem kleinen Harry das Röckchen anziehen und die Mütze aufsetzen, und mit ihm davon laufen, so daß der böse Mann ihn nicht fangen kann.“

Während dieser Worte hatte sie dem Kinde die einfache Kleidung angelegt, und ihn in ihre Arme genommen, und indem sie ihm zuflüsterte, recht still zu sein, öffnete sie eine Thüre ihres Zimmers, welches in die äußere Veranda führte, und schlich leise hinaus.

Es war eine sternhelle, kalte Nacht, und die Mutter schlug ihr Tuch so dicht wie möglich um das Kind, welches von dumpfen Schrecken ganz still geworden war, und sich ängstlich um ihren Hals klammerte.

Der alte Bruno, ein großer Neufundland-Hund, welcher am Eingange des Portals schlief, erhob sich mit leisem Geknurre, als sie sich ihm nahte. Sie rief jedoch freundlich seinen Namen, worauf das Thier, ihr alter Spielgefährte, augenblicklich zu wedeln und ihr zu folgen begann, obgleich er in seinem schlichten Kopfe mit großem Bedenken zu erwägen schien, was diese nächtliche Promenade zu bedeuten haben möge; denn mehrmals stand er still, und blickte außerordentlich ernsthaft erst nach Elisa und dann nach dem Hause, bis er endlich, wie durch Nachdenken beruhigt, ihr weiter nachtrabte. Wenige Minuten brachten sie an das Fenster von Onkel Toms Hütte, wo Elisa still stand und leise an die Scheibe klopfte.

Die Betstunde bei Onkel Tom war durch Absingen mehrerer Hymnen bis zu einer späten Stunde ausgedehnt worden; und da Onkel Tom nach derselben noch zu seiner eigenen Erbauung einige lange Solos unternommen hatte, so war die Folge davon, daß, obgleich es jetzt zwischen zwölf und ein Uhr war, er und seine würdige Ehehälfte noch nicht schliefen.

„Guter Gott! was ist das?“ sagte Tante Chloë, aufspringend und hastig den Fenstervorhang wegziehend. „Meiner Seel! ist's nicht Lizy! Zieh Dich an, Alter, schnell! – da ist Bruno auch, der herumwedelt; was in aller Welt! Ich will die Thür aufmachen.“

Wie gesagt, so geschehen. Die Thüre flog auf, und der Schein des Talglichtes, welches Tom in der Eile angezündet hatte, fiel auf das bleiche Gesicht und die dunklen, wilden Augen des Flüchtlings.

„Gott helf! – Ich fürchte mich, Dich anzusehen, Lizy! Bist Du so krank, oder was ist vorgegangen mit Dir?“

„Ich will entfliehen, Onkel Tom und Tante Chloë, – und mein Kind mit mir nehmen, – Master hat es verkauft!“

„Verkauft?“ riefen Beide einstimmig, ihre Hände vor Schrecken aufhebend.

„Ja verkauft,“ sagte Eliza mit fester Stimme. „Ich kroch diesen Abend in das Kabinet an Mistreß's Thür, und hörte, wie der Herr ihr erzählte, daß er meinen Harry und Euch, Onkel Tom, an einen Händler verkauft habe; und daß er diesen Morgen fort reiten wolle, und daß der Händler heut' Besitz ergreifen wolle.“

Tom hatte während dieser Rede mit aufgehobenen Händen und aufgerissenen Augen wie ein Träumender da gestanden. Langsam und allmählig, wie er die Bedeutung begriff, sank er in seinem alten Stuhl zusammen, und ließ sein Haupt auf das Knie herabfallen.

„Der gute Gott sei uns barmherzig!“ sagte Tante Chloë. „O, es scheint mir, es kann nicht wahr sein! Was hat er denn gethan, daß der Herr ihn verkaufen sollte?“

„Nichts hat er gethan, – es ist nicht deßwegen. Master verkauft ihn nicht gern; und Mistreß, – ach, sie ist immer gut. Ich hörte, wie sie für uns stritt und bat; aber er sagte ihr, daß Alles vergeblich sei, daß er in der Schuld dieses Mannes sei, und daß dieser Mann ihn in seiner Gewalt habe; und daß, wenn er ihn nicht rein ausbezahle, es damit enden müsse, daß das ganze Gut mit allen Leuten verkauft würde, und er fortziehen müsse. Ja, ich hörte ihn deutlich sagen, daß er keine andere Wahl habe, als entweder diese beiden oder Alles zu verkaufen, weil der Mann ihn so hart dränge. Master sagte, es thäte ihm leid; aber o! Missis, – Ihr hättet sie sprechen hören sollen! Wenn sie keine Christin und kein Engel ist, so hat es nie einen gegeben. Ich bin ein schlechtes Weib, daß ich sie so verlasse, aber ich kann nicht anders. Sie sagte selbst, eine Seele sei mehr werth als die Welt, – und dieser Knabe hat eine Seele; und wenn ich ihn fortschleppen lasse, wer kann dann wissen, was daraus wird? Es muß recht sein; – aber wenn es unrecht ist, so mag Gott mir verzeihen, denn ich kann nicht anders!“

„Nun, Alter,“ sagte Tante Chloë, „warum gehst Du nicht auch? Willst Du warten, bis Du den Fluß 'nuntergeschleppt wirst, wo sie Niggers tödten mit schwerer Arbeit und Hungerleiden? Ich wollte viel, viel lieber sterben, als dahin gehen, jemals! S' ist noch Zeit, – mach' fort mit Lizy, – Du hast 'nen Paß zu kommen und zu gehen, alle Zeit. Komm', mach' auf, – ich will Deine Sachen zusammen suchen.“

Tom hob langsam seinen Kopf auf, und blickte kummervoll und gefaßt um sich und sagte:

„Nein, nein, – ich will nicht gehen. Laß' Elisa gehen, – sie hat recht! Ich wollte nicht der Eine sein, zu sagen, nein - 's ist nicht in Natur für sie, zu bleiben; aber Du hast gehört, was sie sagte! Wenn ich verkauft werden muß, oder alles Volk auf dem Gute, und Alles geht zu Grunde, nun – so laßt mich verkauft werden. Denke, kann's tragen so gut wie Einer,“ fügte er hinzu, während ein Seufzer und eine Art Schluchzen seine breite, rauhe Brust convulsivisch erschütterte. – „Master hat mich immer am Platze gefunden, – er soll es immer. Ich habe nie mein Wort gebrochen, – und nie meinen Paß nirgend gegen mein Versprechen gebraucht, und will es nimmer. S' ist besser, daß ich allein gehe, als daß Alles genommen und verkauft wird. Master ist nicht zu tadeln, Chloë, und er wird sorgen für Dich und die armen –“

Hier wandte er sich zu dem breiten Rollbett um, welches voll von kleinen, wolligen Köpfen lag, und brach gänzlich zusammen. Er lehnte über dem Rücken eines Stuhles, und bedeckte sein Gesicht mit seinen großen Händen. Schweres und tiefes Stöhnen machte den Stuhl unter ihm wanken, und große und schwere Thränen fielen durch seine Finger auf den Fußboden; grade solche Thränen, Mann, wie Du über dem Sarge Deines Erstgeborenen weintest; solche Thränen, Weib, wie Deinem Auge entströmten, als Du das Schreien Deines sterbenden Säuglings hörtest. Denn, Herr, er war ein Mann, und Du bist auch nur einer; – und, Weib, wenn gleich mit Seide und Juwelen bedeckt, bist Du doch nur ein Weib, und in des Lebens schweren Stunden fühlt Ihr beide denselben Schmerz!

„Und nun noch,“ – sagte Elisa, während sie in der Thür stand, „ich sah und sprach noch diesen Nachmittag meinen Mann, als ich keine Ahnung von dem hatte, was kommen würde. Sie haben ihn ganz niedergetreten, und er sagte mir heut', daß er entfliehen wolle. Bitte, seht zu, ihm Nachricht zu geben. Sagt ihm, wie ich gegangen bin, und warum; und sagt ihm, daß ich versuchen wolle, Canada zu erreichen. Ihr müßt ihm meinen Gruß bringen, und ihm sagen, im Fall ich ihn nie wieder sehen sollte,“ – hier wandte sie sich um, und stand einen Augenblick lang Jenen mit dem Rücken zugewandt; dann fügte sie mit heiserer Stimme hinzu: „ihm sagen, daß er immer gut sein möge, – um mich im Himmel wieder zu sehen.“

„Ruft Bruno herein,“ fügte sie hinzu. „Macht die Thür vor ihm zu, gutes Thier! Er darf nicht mit mir gehen!“

Einige Worte und Thränen noch, ein einfaches Lebewohl, und ihr verwundertes, erschrecktes Kind in ihre Arme drückend, schlich sie leise davon.


Sechstes Kapitel.

Die Entdeckung.

Mr. und Mrs. Shelby fanden in Folge der langen Besprechung am Abend nicht sehr bald ihren Schlaf, und schliefen deßhalb am nächsten Morgen etwas länger als gewöhnlich.

„Ich wundre mich, wo Elisa bleibt,“ sagte Mrs. Shelby, nachdem sie die Glocke mehrmals vergeblich gezogen hatte.

Mr. Shelby stand vor seinem Toilettenspiegel, und wetzte sein Rasirmesser, und grade in diesem Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein farbiger Knabe brachte das Rasirwasser herein.

„Andy,“ sagte seine Mistreß, „geh' an Elisa's Thür, und sage ihr, daß ich schon dreimal geschellt habe. Armes Wesen!“ fügte sie seufzend hinzu.

Andy kehrte bald zurück, aber mit Augen, die vor Erstaunen weit aufgerissen waren.

„O Missis! Lizy's Kommode ist alles offen, und ihre Sachen alles umher, – und ich glaube, sie ist davon!“

Mr. Shelby und seine Frau erkannten in demselben Moment, was geschehen war. Er rief: „Dann hat sie Verdacht geschöpft, und ist fort!“

„Gott sei gedankt!“ sagte Mrs. Shelby. „Ich hoffe es!“

„Weib, Du sprichst wie eine Thörin! Wahrhaftig, das wird eine schöne Verlegenheit für mich geben, wenn sie wirklich fort ist. Haley sah, daß ich zauderte, dieses Kind zu verkaufen, und nun wird er denken, ich habe mit dazu geholfen, es fortzuschaffen. Das berührt meine Ehre!“ Und Mr. Shelby verließ eiligst das Zimmer.

Nun begann etwa eine Viertelstunde lang ein Laufen und Schreien, und Thürenauf- und Zumachen, und Gesichter in allen Farben und Schattirungen wurden an verschiedenen Orten sichtbar. Nur eine Person, die vielleicht etwas Licht über die Sache hätte verbreiten können, sagte kein Wort, und das war die oberste Köchin, Tante Chloë. Schweigend und mit einer finstern Wolke auf ihrem sonst so frohen Gesichte, war sie beschäftigt, die Zwiebacke für das Frühstück zu rösten, als wenn sie von der allgemeinen Bewegung um sie her nichts hörte und sähe.

Sehr bald hing etwa ein Dutzend junger farbiger Sprößlinge, gleich ebenso vielen Krähen, auf dem eisernen Gitter der Veranda, jeder fest entschlossen, der Erste zu sein, der dem fremden Herrn die Nachricht bringe.

„Er wird ganz toll werden, mein Seel'!“ sagte Andy.

„Wird er nicht fluchen?“ sagte der kleine schwarze Jack.

„Ja, denn er flucht immer,“ sagte die wollköpfige Mandy. „Ich hören ihn gestern, bei Tische, ich hören denn Alles, weil ich in Missis Kammer gewesen, wo die großen Töpfe sein, – da ich Alles hören.“ Und Mandy, die nie zuvor in ihrem Leben an die Bedeutung eines Wortes, welches sie gehört, mehr gedacht hatte als eine schwarze Katze, gab sich nun das Ansehen eines besonderen Wissens, und vergaß dabei gänzlich zu erwähnen, daß, obgleich sie sich zur angegebenen Zeit zusammengekauert in der Geschirrkammer befunden, sie dort die ganze Zeit fest geschlafen hatte.

Als endlich Haley erschien, gestiefelt und gespornt, wurde er von allen Seiten mit der bösen Nachricht begrüßt. Die jungen Kobolde an der Veranda wurden in ihrer Erwartung, ihn „fluchen“ zu hören, nicht getäuscht, denn er that dies mit einer Geläufigkeit, die Alle höchlich ergötzte, während sie sich duckten und schmiegten, um außerhalb des Bereiches seiner Reitpeitsche zu sein, und dann, ihn in vollem Chore verhöhnend, unter endlosem Gelächter in einen Haufen auf dem dürren Rasen unter der Veranda zusammenfielen, und nach Herzenslust schrieen und lärmten.

„Wenn ich die kleinen Teufel nur hätte!“ murmelte Haley zwischen den Zähnen.

„Aber Ihr habt sie nicht!“ rief Andy mit triumphirendem Lachen hinter dem Rücken des unglücklichen Händlers her, als dieser entfernt genug war, um nicht mehr gehört zu werden, und schnitt ihm die abscheulichsten Gesichter nach.

„Nun wahrhaftig, Shelby, dies ist ein ganz sonderbarer Handel!“ sagte Haley, während er ohne Umstände in dessen Wohnzimmer trat. „Es scheint, die Dirne ist fort mit ihrem Jungen!“

„Mr. Haley, Mistreß Shelby ist gegenwärtig,“ sagte Shelby.

„Ah, ich bitte um Verzeihung, Madame,“ sagte Haley, sich ein wenig verneigend, doch immer noch mit finsterer Stirn; „aber ich muß es noch 'mal sagen, dies ist 'ne sehr sonderbare Nachricht. Ist es wahr, Herr?“

„Mr. Haley,“ sagte Shelby, „wenn Sie mit mir zu sprechen wünschen, so müssen Sie in Ihrem Betragen das Decorum eines Gentleman beobachten. Andy, nimm dem Herrn den Hut und die Reitpeitsche ab. Setzen Sie sich. Ja, mein Herr, ich bedaure Ihnen sagen zu müssen, daß das junge Frauenzimmer, nachdem es entweder unsere Unterhaltung behorcht oder deren Inhalt auf andere Weise erfahren hat, während der Nacht mit ihrem Kinde entflohen ist.“

„Ich muß gestehen,“ sagte Haley, „ich erwartete hier ehrlichen Handel.“

„Halt, Herr!“ sagte Mr. Shelby, sich scharf gegen ihn umwendend, „wie soll ich diese Bemerkung verstehen? Sobald Jemand meine Ehre in Zweifel zieht, so habe ich nur eine Antwort.“

Diese Worte machten Eindruck auf den Händler und er bemerkte nun mit gemäßigterer Stimme, daß es verdammt hart für einen Menschen sei, der sich ehrlich auf einen Handel eingelassen habe, auf diese Weise hintergangen zu werden.

„Mr. Haley,“ sagte Shelby, „wenn ich nicht annähme, daß Sie einigen Grund zur Unzufriedenheit hätten, so würde ich selbst nicht die rohe und unhöfliche Weise, mit der Sie diesen Morgen in dieses Zimmer traten, geduldet haben. Ich muß Ihnen jedoch so viel sagen, da es nothwendig zu sein scheint, daß ich keine Bemerkungen erlauben werde, die mich einer Unredlichkeit in diesem Geschäfte beschuldigen. Ueberdies werde ich es für meine Pflicht halten, Ihnen jeden möglichen Beistand durch Benützung meiner Pferde, Diener u. s. w. zu leisten. Also mit einem Worte, Haley,“ fügte er, plötzlich aus dem Tone einer gemessenen Kälte in seinen gewöhnlichen freimüthigen verfallend, hinzu, „das Beste, was Sie thun können, ist, guter Laune zu bleiben, und mit mir zu frühstücken, und dann wollen wir sehen, was zu thun ist.“

Nach diesen Worten erhob sich Mrs. Shelby, indem sie erklärte, daß ihre Geschäfte sie verhinderten, diesen Morgen beim Frühstücke gegenwärtig zu sein; und nachdem sie sodann eine Mulattin von ganz wohlgefälligem Aeußern beauftragt hatte, beim Frühstücke den Herren aufzuwarten, verließ sie das Zimmer.

„Alte Dame – mag ihren ergebenen Diener nicht leiden, durchaus nicht,“ sagte Haley, mit einiger Anstrengung, einen möglichst vertraulichen Ton anzunehmen.

„Ich bin nicht gewohnt, von meiner Frau in dieser Weise reden zu hören,“ bemerkte Mr. Shelby trocken.

„Bitte um Verzeihung; natürlich nur Scherz, – versteht sich,“ sagte Haley, ein Lachen erzwingend.

„Es giebt gewisse Scherze, die nicht angenehm sind,“ entgegnete Shelby.

„Verdammt dreist, seit ich die Papiere unterzeichnet habe, – der Teufel soll ihn holen!“ brummte Haley für sich. „Ganz vornehm seit gestern.“

Nie verursachte der Fall irgend eines Premierministers bei Hofe mehr Sensation als Tom's Schicksal unter seinen Gefährten auf dem Gute. Es war der Gegenstand des Gespräches in jedem Munde und überall; und auf dem Felde wie im Hause geschah fast nichts Anderes als daß die möglichen Folgen dieses Ereignisses besprochen wurden. Endlich trug Elisa's Flucht – ein ganz unerhörter Fall auf dem Gute – noch dazu bei, die allgemeine Aufregung zu erhöhen.

Der schwarze Sam, wie er gewöhnlich genannt wurde, weil seine Haut ungefähr um drei Schatten schwärzer war als die seiner andern ebenholzfarbigen Brüder auf dem Gute, betrachtete die Sache von allen Seiten und Gesichtspunkten mit einer Schärfe des Urtheils und einer Fürsorge für seine eigne Wohlfahrt, die dem besten Patrioten in Washington Ehre gemacht haben würde.

„Ein böser Wind, das weht hier jetzt, – das 's gewiß!“ sagte Sam mit geheimnißvoller Miene, während er beschäftigt war, seine Beinkleider höher hinaufzuziehen und an Stelle eines abgerissenen Knopfes einen langen Nagel zu befestigen. „Ja, 's ist ein böser Wind, das weht,“ wiederholte er. – „Da, Tom ist nieder, – natürlich, Platz für einen andern Nigger 'naufzukommen, – und warum ich nicht dieser Nigger? Tom – reitet in's Land, – Stiefeln geputzt – Paß in Tasche – ganz groß wie Kuffe – wer anders als er? Nu, warum nicht Sam? – Das ist, was ich wissen möchte.“

„Halloh, Sam, – Sam! Master will, Du sollst Bill und Jerry fangen,“ sagte Andy, Sams Selbstgespräch unterbrechend.

„Hoho, was 's nun los, Junge?“ fragte Sam.

„Haha, weißt nicht – gar – daß Lizy ist ausgerissen, mit ihrem Jungen?“

„Du geh' zu Deiner Großmutter!“ sagte Sam mit unaussprechlicher Verachtung, „wußt's 'nen Haufen früher als Du, dummer Nigger!“

„Gut, Master will, Bill und Jerry soll 'sattelt und 'zäumt werden; und Du und ich soll mit Master Haley gehen, und suchen nach ihr.“

„Gut, das 's die rechte Zeit!“ sagte Sam. „S' ist Sam, der jetz' nöthig ist, – in solcher Zeit; ja, er's der Nigger. Sehn, ob ich sie nicht fange, nun; Master soll sehen, was Sam kann!“

„Eh, aber Sam,“ sagte Andy, „Du besser denkst noch 'mal nach; denn Missis will nicht, sie soll gefangen werden, – Missis wird Dir in die Wolle fahren.“

„Hoho!“ sagte Sam, seine Augen weit aufreißend. „Wie wissen Du das?“

„Hört' sie sagen so – mir selbst – diesen Morgen, wenn ich Master Wasser brachte. Sie schickte mich nach Lizy, zu sehen, warum sie nicht kommen that, sie anziehen; und wenn ich ihr sagte, daß sie davon war, stund sie grad' auf und sagt: ‚Der Herr sei gelobt!‘ und Master, er schien ganz toll, er sagte: ‚Weib, sprichst wie ein Narr!‘ Aber eh, sie wird ihn bringen 'rum! weiß schon, ganz genau, wie das wird sein, – sage Dir, 's ist immer 's Beste, bei Missis stehen, – sage Dir!“

Der schwarze Sam kratzte sich nach dieser Mittheilung seinen wolligen Schädel, welcher, wenn er auch nicht sehr tiefe Weisheit enthielt, doch einen großen Theil jener besondern Art Klugheit besaß, die in der Volkssprache am besten dadurch auszudrücken ist: „daß er wußte, auf welcher Seite das Brod mit Butter geschmiert ist.“

„Kann's kein Mensch nie sagen, – was will geschehen in dieser Welt,“ sagte er endlich.

Sam sprach wie ein Philosoph, einen besondern Nachdruck auf „dieser“ legend, als wenn er eine ausgedehnte Kenntniß andrer Welten habe, und deshalb nach reiflicher Ueberlegung zu diesem Schlusse gelangt sei.

„Nun doch, ganz gewiß, hätte ich gesagt, Missis würde die ganze Welt nach Lizy durchfegen,“ fügte Sam sinnend hinzu.

„Und das würde sie,“ sagte Andy, „aber – kannst denn nicht durch 'ne Leiter sehen, schwarzer Nigger? Missis will nicht, daß dieser Master Haley Lizy's Jungen haben soll, – das ist's!“

„Hoh!“ rief Sam mit einer unbeschreibbaren Betonung, die nur Denen bekannt sein kann, welche sie unter den Negern gehört haben.

„Und ich will Dir noch mehr sagen, – und Alles,“ sagte Andy, „ich meine, am besten Du machtest jetzt hinter die Pferde her, – ganz schnell dazu, – denn ich höre Missis fragen nach Dir, – hast lange genug hier 'rum genarrt.“

Sam begann nunmehr in allem Ernste sich an das Geschäft zu machen, und erschien nach einiger Zeit mit Bill und Jerry in kurzem Gallop graden Weg's nach dem Hause zureitend, und indem er geschickt absprang, ehe noch die Pferde daran dachten, still zu stehen, brachte er sie, gleich einer Windsbraut, grade an die Seite des Pferdepfostens heran. Haley's Pferd, welches ein munteres junges Hengstfüllen war, schlug aus, und bäumte sich, und riß gewaltsam am Halfter.

„Hoho!“ sagte Sam, „scheu? bist du?“ und sein schwarzes Gesicht leuchtete von einem sonderbaren, boshaften Scheine. „Ich will dich festmachen,“ sagte er.

Auf dem Platze stand eine große Buche mit breiten schattigen Zweigen, deren kleine, scharfe, dreieckige Nüsse den Boden unterhalb bedeckten. Eine derselben zwischen seinen Fingern haltend, nahte sich Sam dem Füllen, streichelte und klopfte es, und bemühte sich scheinbar, die Unruhe desselben zu stillen. Unter dem Scheine, den Sattel befestigen zu wollen, schob er geschickt die kleine, scharfe Nuß darunter, so daß die geringste Last auf dem Sattel das reizbare Gefühl des Thieres schmerzhaft erregen mußte, ohne eine sichtbare Schramme oder Wunde zu verursachen.

„Da!“ sagte er, seine Augen mit einem beifälligen Grinsen rollend, „ich es festgemacht.“

In diesem Augenblicke erschien Mrs. Shelby auf dem Balkone, und winkte ihm. Sam näherte sich mit einem eben so festen Entschlusse, sich angenehm zu machen, als es je ein Bewerber um eine leere Stelle am Hofe von St. James oder in Washington that.

„Weshalb hast Du Dich so lange herum getrieben, Sam? Ich ließ Dir durch Andy sagen, eilig zu sein.“

„Gott helf mir, Missis,“ sagte Sam, „Pferde kann nicht alle im Nu gefangen werden; – waren ein gut Stück Weg die Weide hinunter gerannt, und Gott weiß, wo alles.“

„Sam, wie oft muß ich Dir sagen, nicht die Worte zu gebrauchen: ‚Gott helf, und Gott weiß,‘ und solche Dinge? Es ist sündlich.“

„O Gott sei mir gnädig! Ich 's ganz vergessen, Missis! Ich will nichts solches mehr sagen.“

„Ja aber, Sam, grade in diesem Augenblicke hast Du es wieder gesagt.“

„Habe ich? Gott! ich meine – ich wollts nicht sagen, Missis.“

„Du mußt auf Dich Acht geben, Sam.“

„Laßt mich nur zu Athem kommen, Missis, und ich will ganz ordentlich reden; – ich sehr Acht geben.“

„Gut, Sam, Du mußt mit Mr. Haley reiten, und ihm den Weg zeigen, und ihm helfen. Nimm die Pferde wohl in Acht, Sam, Du weißt, Jerry war vorige Woche etwas lahm; reite sie nicht zu schnell.“

Mrs. Shelby sprach die letzten Worte mit gedämpfter Stimme und besonderem Nachdrucke.

„Laßt mich nur machen!“ sagte Sam, seine Augen bedeutungsvoll rollend. „Gott weiß! – Hei! – hab's nicht gesagt, das!“ fügte er mit einer possierlichen Affectation von Schrecken hinzu, die selbst Mrs. Shelby wider Willen zum Lachen nöthigte. „Ja, Missis, ich die Pferde schon in Acht nehmen.“

„Nu, Andy,“ sagte Sam, als er zu seinem Stande unter der Buche zurückkehrte, „siehst Du, ich würd' gar nicht wundern, wenn den Herrn sein Thier 'nen Satz machen sollte, nachher, wenn er aufsteigen will. Weißt ja, Andy, Thiere machens so,“ und gab Andy bei diesen Worten in höchst bedeutungsvoller Weise einen Stoß in die Seite.

„Hei!“ sagte Andy, mit dem Ausdrucke augenblicklichen Verständnisses.

„Ja, siehst Du, Andy, Missis will Zeit gewinnen, – das ist klar, – das ein blinder Mann sieht. Ich will dazu was thun. Siehst nun, Du machst alle die Pferde da los, laß sie alle permiskus hier um diese da 'rum springen, und 'nunter da an den Wald, und ich denke, Master soll so schnell nicht fortkommen.“

Andy grinste.

„Siehst Du,“ sagte Sam, „siehst Du, Andy, wenn so was sollt' passiren, wie Masters Pferd widerspenstig sein, – und ausschlagen, – denn Du und ich just lassen gehn uns're, ihm zu helfen, eh' wir wollen ihm helfen, – o ja!“ Und Sam und Andy legten ihre Köpfe zurück, und brachen in ein unmäßiges aber unterdrücktes Lachen aus, und schnappten mit den Fingern, und schlugen mit den Hacken aus in unbegränztem Entzücken.

In diesem Augenblicke erschien Haley in der Veranda. Etwas besänftigt durch eine Anzahl Tassen vortrefflichen Kaffe's kam er schmunzelnd und schmalzend in ziemlich guter Laune heraus. Sam und Andy griffen nach gewissen Stücken von Palmblättern, die sie gewohnt waren, als ihre Hüte zu betrachten, und eilten nach dem Pferdepfosten, um dem „Master zu helfen.“

Sam's Palmblatt war auf sehr sinnreiche Weise von jeder Art Flechtung befreit, und die grade auf- und abwärts stehenden Nebenschößlinge verliehen der ganzen Kopfbedeckung einen solchen Schein von Freiheit und Trotz, daß sie irgend eines Fejee-Häuptlings würdig gewesen sein würde; während Andy den Scheitel seiner Kopfhülle mit einem geschickten Drucke zusammenpreßte, und sich so wohlgefällig umschaute, als wollte er sagen: „Wer sagt, daß ich keinen Hut habe?“

„Nun, Jungens,“ sagte Haley, „jetzt munter; wir haben keine Zeit zu verlieren.“

„Nicht einen Moment, Master!“ sagte Sam, indem er Haley die Zügel seines Pferdes in die Hände gab und den Steigbügel hielt, während Andy die andern beiden Pferde vom Pfosten los machte.

In demselben Augenblicke, wo Haley den Sattel berührte, hob sich das feurige Thier in einem plötzlichen Sprunge von der Erde, und warf seinen Herrn einige Fuß weit auf den weichen trockenen Rasen. Sam versuchte mit einem wilden Schreie einen Griff nach den Zügeln, aber erreichte weiter nichts, als daß er das vorher erwähnte, hoch aufstehende Palmblatt dem Pferde in's Auge stieß, was keineswegs zur Beruhigung der erregten Nerven desselben beitrug. Indem es ihn deßhalb mit heftiger Gewalt umrannte, zwei oder dreimal ein verächtliches Schnaufen ausstieß, und kräftig mit den Hufen in die Luft schlug, jagte es dem unteren Ende des freien Platzes zu, während Bill und Jerry ihm folgten, welche Andy, der Uebereinkunft gemäß, nicht verfehlt hatte, los zu machen, und nun mit verschiedenen wüthenden Ausrufungen zu noch größerer Eile antrieb. Und nun folgte eine Scene der größten Verwirrung. Sam und Andy rannen und schrieen, – Hunde bellten hier und dort, – und Mike, Mose, Mandy, Fanny, und alle die jüngeren Sprößlinge des Gutes, weiblichen wie männlichen Geschlechts, rannen und schlugen in die Hände, pfiffen und schrieen mit unmäßiger Geschäftigkeit und unermüdlichem Eifer.

Haley's Pferd, ein Schimmel, flüchtig und feurig, schien mit großem Wohlgefallen auf den Geist der ganzen Scene einzugehen; und indem es zu seinem Rennlaufe, einen freien Platz, von beinahe einer halben Meile Ausdehnung vor sich hatte, der nach allen Seiten hin sich in eine unbegränzte Waldung sanft abdachte, schien es besonderes Vergnügen daran zu finden, seine Verfolger nahe herankommen zu lassen, und dann, wenn sie sich ihm bis auf eine Hand breit genähert hatten, schnaubend und springend davon zu fliegen, und weit hinab in einen der Holzwege zu galoppiren. Nichts war Sam's Absicht weniger, als daß irgend eins der Pferde früher gefangen werden solle, als er für zeitgemäß hielt, – und dabei waren die Anstrengungen, die er machte, wirklich heroisch. Gleich dem Schwerdte Coeur de Lion's, welches stets voran und im dicksten Gefechte flammte, war Sam's Palmblatt überall sichtbar, wo nicht die entfernteste Gefahr vorhanden war, daß das Pferd gefangen werden könne; – da sprang er in vollem Laufe drauf los, und schrie: „drauf! drauf! fang ihn! fang ihn!“ in solcher Weise, daß in einem Augenblicke Alles in die vollständigste Verwirrung gesetzt war.

Haley rann inzwischen auf und ab, und schwor und fluchte und stampfte mit dem Fuße abwechselnd. Mr. Shelby bemühte sich vergeblich, Befehle vom Balkone aus hinunter zu rufen, und Mrs. Shelby stand bald lachend, bald sich wundernd am Fenster ihres Zimmers, – jedoch nicht ohne eine leise Ahnung dessen, was dieser ganzen Verwirrung zu Grunde lag.

Endlich, ungefähr gegen zwölf Uhr Mittags, erschien Sam triumphirend, auf Jerry reitend und Haley's Pferd an der Seite führend, welches zwar von Schweiß triefend war, aber dessen noch immer flammende Augen und ausgedehnten Nasenlöcher verriethen, daß der Geist der Freiheit es noch nicht gänzlich verlassen hatte.

„Er's gefangen!“ rief Sam mit triumphirender Miene. „Wenn's nicht ich gewesen wäre, die Alle hätten sich können quälen, – Alle! aber ich ihn gefangen.“

„Du!“ brummte Haley in keiner sehr liebenswürdigen Stimmung, „wenn Du nicht gewesen wärest, so würde Alles das nicht geschehen sein.“

„Gott helf mir! Master,“ sagte Sam im Tone tiefster Betrübniß, „ich, der 'rumgejagt und gerannt ist, daß der Schweiß mir 'nunter läuft!“

„Gut, gut!“ sagte Haley, „Du hast mich um beinahe drei Stunden mit Deinem verfluchten Unsinn gebracht; – nun fort, keine Narrheiten weiter.“

„Wie, Master?“ sagte Sam in einem beschwörenden Tone, „ich glaube, Ihr wollt uns Alle umbringen, – Pferde und Alle. Hier, wir sind Alle just fertig, umzufallen, und die Pferde rauchen nur so von Schweiß. Denke, Master wird nicht wollen aufbrechen, nur erst nach Tische. – Masters Pferd muß abgerieben werden, – hat sich ganz voll gespritzt; – und Jerry ist noch dazu lahm! – glaube nicht, Missis wird uns lassen reiten so just nun. Gott helf mir, Master, – wir wollen sie schon noch fangen, – warten thut nichts. Lizy nie war großer Läufer nicht.“

Mrs. Shelby, welche von der Veranda aus diese Unterhaltung nicht ohne großes Vergnügen mit angehört hatte, beschloß nunmehr, auch ihren Theil zu thun. Sie trat deßhalb hervor, drückte in höflichster Weise ihr Bedauern über Haleys Unfall aus, und bat ihn dringend, zum Mittagessen zu bleiben, indem sie hinzufügte, daß die Köchin es sofort auf den Tisch bringen sollte.

Unter diesen Umständen sah Haley sich genöthigt, sich, obgleich mit sehr zweifelhafter guter Laune, in das Wohnzimmer zu begeben, während Sam, seine Augen mit unaussprechlicher Bedeutung hinter ihm her rollend, sodann die Pferde mit der ernsthaftesten Miene nach dem Stalle führte.

„Hast ihn gesehen, Andy? hast ihn gesehen?“ sagte Sam, nachdem er glücklich hinter eine ihn verbergende Scheune gelangt war und die Pferde an einen Pfosten befestigt hatte. „O Herr, war's nicht ein Spaß, zu sehen – wie er tanzte und schlug und fluchte. Fluche nur, alter Kerl (sagt' ich zu mir), – willst Dein Pferd jetzt haben, oder willst warten, bis ich's fange? (sagte ich). O Herr, ich denke, ich seh'n noch jetzt!“ Und Sam und Andy legten sich gegen die Scheune und lachten aus vollem Herzen.

„Hätt'st nur sehen sollen, wie toll er aussah, als ich's Pferd 'rauf brachte. Guter Gott, glaub', er hätt' mich umgebracht, wenn er gedurft hätte; – und da stand ich – ganz unschuldig und demüthig.“

„O ja, ich sah Dich,“ sagte Andy, „bist Du nicht ein altes Pferd, Sam?“

„Glaub's beinahe, ich bin's,“ sagte Sam. „Hast nicht Missis gesehen – oben am Fenster? Ich sah's, wie sie lachte.“

„Nein,“ sagte Andy, „hatte so gelaufen, habe nichts gesehen.“

„Wohl, siehst Du,“ sagte Sam, indem er ernsten Gesichts dazu schritt, Haley's Tony abzuwaschen, – „ich habe mir angenommen eine Gewohnheit, was man Beobachtung nennen kann, Andy. S' ist 'ne sehr wichtige Gewohnheit, Andy; und ich rathe Dir's, zu üben, weil Du jung bist. – Heb' den Hinterfuß hier auf, Andy. Siehst, Andy, 's ist Beobachtung, was allen Unterschied macht zwischen Niggers. Hab' ich nicht gesehen, wo der Wind her kam, diesen Morgen? Hab' ich nicht gesehen, was Missis wollte, wenn sie auch nichts sagte? Das 's Beobachtung, Andy. Glaube, 's ist, was man 'ne Gabe nennen kann. Gaben ist verschieden in verschiedenen Leuten, aber Uebung thut groß viel.“

„So? ich glaube, wenn ich Deiner Beobachtung nicht geholfen hätte, diesen Morgen, würdest Deinen Weg nicht so gut gefunden haben,“ sagte Andy.

„Andy,“ erwiderte Sam, „bist ein hoffnungsvolles Kind, – kein Zweifel! Denke groß viel von Dir, Andy, – schäme mich nicht, Ideen von Dir anzunehmen. Sollen Niemand übersehen, Andy, denn der Klügste wird auch manchmal angeführt. Und nun, Andy, laß uns in's Haus gehen; – bin gewiß, Missis gibt uns 'nen ganz besonders guten Bissen – diesmal.“


Siebentes Kapitel.

Der Kampf der Mutter.

Es ist unmöglich, sich ein mehr verlassenes und verlorenes menschliches Wesen zu denken, als Elisa in dem Augenblicke war, wo sie ihre Schritte von Onkel Tom's Hütte abwendete. Ihres Mannes Leiden und Gefahren, die Gefahr ihres Kindes, Alles vermischte sich in ihrem Geiste mit einem dunkeln, betäubenden Gefühle des großen Wagnisses, welches sie unternahm, indem sie die einzige Heimath verließ, die sie jemals gekannt hatte, und sich von dem Schutze einer Freundin losriß, die sie geliebt und geehrt hatte. Dazu kam die Trennung von jedem ihr vertrauten Gegenstande, – von dem Orte, an dem sie aufgewachsen war, den Bäumen, unter denen sie gespielt hatte, den Gebüschen, in denen sie so manches Mal Abends an der Seite ihres jungen Gatten gewandelt hatte, – jeder Gegenstand, der in der kalten, sternhellen Nacht vor ihr lag, schien sie vorwurfsvoll zu fragen, wohin sie sich von einer so glücklichen Heimath wenden wolle?

Aber stärker als Alles war das Gefühl der Mutterliebe, welches sich vor der so nahe drohenden, schrecklichen Gefahr zu einem Paroxismus von Raserei steigerte. Ihr Knabe war alt genug, um an ihrer Seite gehen zu können, und unter anderen Umständen würde sie ihn nur an der Hand geführt haben; allein jetzt machte sie der bloße Gedanke, ihn aus ihren Armen zu lassen, schaudern, und während sie eilends vorwärts schritt, preßte sie ihn mit krampfhaftem Drucke an ihren Busen.

Der gefrorene Boden knarrte unter ihren Füßen und sie zitterte bei diesen Tönen; jedes rauschende Blatt und jeder fliehende Schatten machte ihr Blut im Herzen erstarren und trieb ihre Füße zu noch größerer Eile an. Sie wunderte sich innerlich selbst über die Stärke, die sie zu durchströmen schien; denn sie fühlte die Last ihres Kindes wie die einer Feder, und jede neu aufsteigende Regung von Furcht schien die übernatürliche Kraft zu erhöhen, die sie forttrug, während von ihren bleichen Lippen häufige Anrufe an einen Freund im Himmel flossen: „Gott, hilf mir! Gott, rette mich!“

Wenn es Dein Harry wäre, Mutter, oder Dein William, der Dir morgen früh durch einen rohen Sklavenhändler entrissen werden sollte, – wenn Du den Mann gesehen und gehört hättest, daß die Papiere unterzeichnet und übergeben wären, und Du hättest nur Zeit von Mitternacht bis zum Morgen, um Deine Flucht zu bewerkstelligen, wie schnell würden Deine Schritte sein? Wie viel Meilen würdest Du nicht in jenen wenigen, kurzen Stunden zurücklegen können, mit dem Liebling an Deiner Brust, – die kleinen, schlafmüden Hände auf Deiner Schulter, und die zarten, weichen Arme um Deinen Nacken geschlungen?

Denn der Knabe schlief. Anfangs hatten ihn die Neuheit der Umstände und die Unruhe wach erhalten; aber seine Mutter hielt so ängstlich den Athem und jeden Laut zurück, und hatte ihn so fest versichert, daß, wenn er nur still sei, sie ihn sicherlich retten werde, daß er beruhigt ihren Nacken umschlang, und schon halb entschlummert nur noch Fragen an sie richtete.

„Mutter, ich brauche nicht wach zu bleiben, nicht wahr?“

„Nein, mein Liebling, schlafe, wenn Du müde bist.“

„Aber, Mutter, wenn ich einschlafe, wirst Du doch nicht zugeben, daß er mich nimmt?“

„Nein, so Gott mir helfe!“ sagte die Mutter mit blässerer Wange und hellerer Gluth in ihrem dunklen Auge.

Gewiß nicht, Mutter?“

Gewiß nicht!“ sagte die Mutter mit einer Stimme, vor der sie selbst erschrack, denn sie schien von einem geistigen Wesen in ihr zu kommen, das keinen Theil an ihr habe; und der Knabe senkte seinen kleinen, müden Kopf auf ihre Schulter, und war bald entschlummert. Wie die Berührung dieser warmen Arme, der sanfte Hauch seiner Athemzüge an ihrem Nacken ihren Bewegungen neues Leben und Feuer zu verleihen schienen! Es kam ihr vor, als wenn aus jeder Berührung, jeder Bewegung des schlummernden, auf sie vertrauenden Kindes elektrische Ströme neuer Kraft auf sie ausströmten. Erhaben ist die Herrschaft des Geistes über den Körper, die Fleisch und Nerven unüberwindlich macht, und die Sehnen sich wie Stahl spannen läßt, so daß Schwache so mächtig werden.

Die Grenzen der Farmbesitzung, die Gebüsche, die Waldung schwanden dämmernd an ihr vorüber, während sie weiter schritt; aber sie hielt nicht an, sie eilte vorwärts, einen vertrauten Gegenstand nach dem andern hinter sich zurücklassend, bis die röthlichen Strahlen des ersten Tageslichtes sie, manche lange Meile weit von jeder Spur vertrauter Gegenstände entfernt, auf der offenen Landstraße fanden.

Sie hatte öfters ihre Herrin auf Besuchen bei Bekannten in dem kleinen Dorfe T– nicht weit vom Ohioflusse, begleitet, und kannte den Weg dahin genau. Dorthin zu eilen und über den Ohiofluß zu fliehen, waren die ersten Umrisse ihres Fluchtplanes gewesen; darüber hinaus konnte sie nur auf Gottes Hülfe vertrauen.

Als Wagen und Pferde sich auf der Landstraße zu bewegen begannen, wurde sie vermöge der einem aufgeregten geistigen Zustande so eigenthümlichen Schärfe des Fassungsvermögens inne, daß ihr eilender Schritt und ihr verstörtes Aeußere Veranlassung zu Aufmerksamkeit und Verdacht geben könnten. Sie ließ deßhalb den Knaben auf die Erde nieder, brachte ihre Kleidung und Kopfbedeckung in Ordnung, und ging so schnell, wie es sich mit der Bewahrung des äußeren Scheines vertrug, weiter. In ihrem kleinen Vorrathe hatte sie für eine hinreichende Quantität von Kuchen und Aepfeln gesorgt, deren sie sich als Mittel bediente, um den Fortschritt des Kindes zu beschleunigen, indem sie den Apfel einige Schritte weit vorauswarf, dem der Knabe sodann mit allen Kräften nacheilte; und diese List öfters wiederholt, brachte sie über manche halbe Meile hinweg.

Nach einiger Zeit kamen sie an eine dichte Waldung, durch die ein klarer, murmelnder Bach floß. Da der Knabe über Hunger und Durst klagte, so stieg sie mit ihm über den umgebenden Zaun, setzte sich hinter einem großen Felsen nieder, der sie den auf der Landstraße Vorübergehenden verbarg, und reichte ihm sein Frühstück aus ihrem kleinen Bündel. Der Knabe wunderte sich und war traurig, daß sie nicht essen wolle; und als er seine Arme um ihren Nacken schlang und etwas Kuchen in ihren Mund zu drücken versuchte, war es ihr, als müsse das in ihrer Kehle aufsteigende Gefühl sie ersticken.

„Nein, nein, Harry, mein liebes Kind! Mutter kann nicht essen, bis Du in Sicherheit bist! Wir müssen fort, – fort, bis wir an den Fluß kommen!“ Und sie eilte wieder auf den Weg zurück, und zwang sich wieder, ordentlich und in ruhiger Haltung weiter zu gehen.

Sie war jetzt viele Meilen über denjenigen Theil der Gegend hinaus, wo sie persönlich bekannt war. Im Falle sie irgend Jemanden begegnen sollte, der sie kannte, dachte sie, daß die allbekannte Güte der Familie, der sie angehörte, jeden Verdacht insofern unterdrücken werde, als es eben um deßhalb unwahrscheinlich erschien, daß sie auf der Flucht sein könne. Da sie überdies so weiß war, daß ihre farbige Abstammung, ohne besonders scharfe Beobachtung, nicht erkennbar war, und ihr Kind dieselbe Farbe hatte, so war es für sie um so leichter, ihren Weg ohne Erregung von Verdacht fortsetzen zu können.

In dieser Annahme hielt sie um Mittag bei einem niedlichen, reinlichen Farmhause an, um sich auszuruhen und um ein Mittagsmahl für ihr Kind und sich selbst zu erlangen; denn, indem die Gefahr mit der zunehmenden Entfernung abnahm, ließ auch die übernatürliche Spannung ihres Nervensystemes nach, und sie fühlte sich ermattet und hungrig.

Die Wirthin, welche freundlich und geschwätzig war, schien froh zu sein, daß irgend jemand bei ihr eingekehrt sei, mit dem sie schwatzen könne, und nahm deßhalb Elisa's Angaben, „daß sie einen kleinen Ausflug mache, um Freunde einige Tage zu besuchen,“ ohne weitere Prüfung und Untersuchung als richtig an.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichte sie das Dorf T–, am Ohioflusse, müde zwar, und mit wunden Füßen, aber immer noch stark im Herzen. Ihr erster Blick war auf den Fluß, der gleich dem Jordan zwischen ihr und dem Canaan der Freiheit auf der andern Seite lag. Es war jetzt in der ersten Zeit des Frühjahrs, weßhalb der Fluß angeschwollen und unruhig war, und große Schollen schwimmenden Eises im trüben Wasser schwerfällig auf- und niederschwankten. Vermöge der eigenthümlichen Gestaltung des Ufers an der Kentucky-Seite, wo das Land sich weit in das Wasser hinein erstreckte, hatte sich das Eis in großen Massen angesammelt, und der enge Kanal, welcher diese Landzunge umfloß, war mit übereinander geschichteten Schollen so angefüllt, daß sich daselbst ein förmlicher Wall gebildet hatte, welcher das heranschwimmende Eis aufhielt, und dieses eine Art wellenförmigen Flosses bildete, welches den ganzen Fluß bedeckte und sich beinahe bis dicht an das Ufer der Kentucky-Seite erstreckte.

Elisa stand einen Augenblick still, diesen unglücklichen Zustand der Dinge betrachtend, welcher, wie sie sogleich erkannte, das Ueberfahren der gewöhnlichen Fähre verhindern mußte, und begab sich sodann in ein kleines Wirthshaus am Ufer, um Erkundigungen einzuziehen.

Die Wirthin, welche mit Braten und Schmoren, als Vorbereitungen zum Abendessen beschäftigt war, hielt, mit der Gabel in der Hand, inne, als Elisa's sanfte und klagende Stimme sie anredete.

„Was giebts?“ sagte sie.

„Geht jetzt hier keine Fähre über, die Reisende nach B– bringt?“ fragte Elisa.

„Nein, jetzt nicht!“ sagte das Weib. „Die Boote gehen jetzt nicht.“

Der Ausdruck von Furcht und getäuschter Hoffnung in Elisa's Gesichte fiel der Frau auf, und sie fragte:

„Ihr wollt wohl überfahren? – Jemand krank? Ihr scheint in großer Unruhe zu sein?“

„Ich habe ein Kind, das gefährlich krank ist,“ sagte Elisa. „Ich bekam gestern Abend die erste Nachricht davon, und bin nun den ganzen Tag gewandert, in der Hoffnung, hier eine Fähre zu finden.“

„So, das ist freilich unglücklich,“ sagte die Frau, deren mütterliche Sympathie angeregt worden war. „Ihr thut mir wahrlich leid. Solomon!“ rief sie dann zum Fenster hinaus nach einem kleinen Hintergebäude, worauf ein Mann mit einer Lederschürze und sehr schmutzigen Händen erschien.

„Höre, Sol,“ sagte die Frau zu ihm, „geht denn der Mann mit den Fässern heute Abend noch hinüber?“

„Er sagte, er woll's versuchen, wenn's einiger Maßen rathsam wäre,“ entgegnete der Mann.

„Da ist ein Mann hier, ein Stück Weg's weiter hinunter, der diesen Abend mit Waaren hinüberfahren will, wenn's geht; er wird zum Abendessen hier sein. So thut Ihr am besten, Ihr setzt Euch und wartet hier. Was für ein lieber kleiner Bube,“ sagte die Frau, dem Knaben ein Stück Kuchen reichend.

Allein das Kind, übermäßig erschöpft, weinte vor Müdigkeit.

„Armer Wurm! er ist nicht daran gewöhnt, so weit zu gehen, und ich habe ihn so getrieben,“ sagte Elisa.

„Nun, so nehmt ihn in das Zimmer da,“ sagte die Frau, ein kleines Schlafgemach öffnend, in welchem ein bequemes Bett stand.

Elisa legte den ermüdeten Knaben darauf, und hielt seine Hände in den ihrigen, bis er eingeschlafen war. Denn für sie war hier keine Ruhe. Wie ein Feuer in ihren Gebeinen trieb der Gedanke an ihren Verfolger sie weiter, und mit sehnsüchtigen Blicken schaute sie auf die finsteren, brausenden Wellen, die zwischen ihr und ihrer Freiheit lagen.

Allein hier müssen wir für jetzt von ihr Abschied nehmen, um den Lauf ihrer Verfolger zu begleiten.


Obgleich Mrs. Shelby versprochen hatte, daß das Essen so schnell wie möglich auf den Tisch gebracht werden solle, so zeigte sich doch bald, daß mehr als eine Person dazu erforderlich sei, um einen Handel zu machen. Ungeachtet dessen also, daß der Befehl in Haley's Gegenwart ertheilt, und wenigstens durch ein Dutzend jugendlicher Boten an Tante Chloë befördert worden war, ließ diese würdige Dame dennoch nichts als ein wiederholtes mürrisches Schnaufen als Antwort darauf hören, und fuhr in ihren Geschäften auf eine sehr gemächliche und umständliche Weise fort.

Aus irgend einem besondern Grunde, schien sich die allgemeine Meinung unter der Dienerschaft verbreitet zu haben, daß Mistreß über etwas Verzug nicht besonders ungehalten sein werde; und es war wunderbar, was für eine Menge widriger Umstände sich ereigneten, um den Lauf der Dinge zu verzögern. Ein unglücklicher Bursche schüttete die Sauçe aus; und dann mußte die Sauçe de novo gemacht werden, und zwar mit gehöriger Sorgfalt und Umständlichkeit, wobei Tante Chloë mit der hartnäckigsten Genauigkeit verfuhr, und auf alles Antreiben zur Eile nur kurz antwortete, „daß sie keine rohe Sauçe auf den Tisch bringen wolle, um Anderen beim Fangen behülflich zu sein.“ Ein Andrer stolperte und fiel mit dem Wasser nieder, und mußte deßhalb von Neuem an den Brunnen gehen, um frisches zu holen; und wieder ein Andrer schüttete die Butter als Hinderniß in den Lauf der Begebenheiten; und während dessen gelangten von Zeit zu Zeit kichernde Nachrichten in die Küche, daß Master Haley gewaltig unruhig sei, und auf seinem Stuhle nicht still sitzen könne, sondern unaufhörlich zwischen Fenster und Thür auf und nieder laufe.

„Geschieht ihm recht!“ sagte Tante Chloë unwillig. „Wird ihm schon noch schlimmer ergehen, bald, wenn er seine Wege nicht ändert. Sein Herr wird ihn rufen, und wie wird er dann aussehen!“

„Er kommt in die Hölle, ohne Zweifel!“ sagte der kleine Jack.

„Er verdient's!“ sagte Tante Chloë mit grimmiger Miene, – „ich sage Euch – er hat viele, viele, viele Herzen gebrochen!“ sagte sie, inne haltend in ihrer Beschäftigung, und mit aufgehobener Gabel in ihrer Hand; „'s ist, was Master Georg in der Offenbarung liest: – ‚Seelen, schreien unter dem Altare den Herrn um Rache an, gegen Solche!‘ – und der Herr wird sie hören! – er wird!“

Tante Chloë, welche in der Küche sehr geachtet war, wurde von Allen mit offenem Munde angehört; und da das Mittagessen endlich glücklich abgesendet worden war, so hatte die ganze Küchenbevölkerung Muße mit ihr zu schwatzen, und ihre Bemerkungen anzuhören.

„Solche müssen ewig brennen, – ganz gewiß, – nicht wahr?“ sagte Andy.

„Ich möchte sie brennen sehen, – mein Seel'!“ sagte der kleine Jack.

„Kinder!“ sagte hier plötzlich eine Stimme, welche Alle aufschreckte. Es war Onkel Tom, welcher in die Thür getreten war, und die Unterhaltung mit angehört hatte. „Kinder!“ sagte er, „ich fürchte, Ihr wißt nicht was Ihr sprecht. Ewig ist ein schreckliches Wort; – 's schaudert Einen dran zu denken; – solltet das keiner menschlichen Kreatur wünschen.“

„Wir wollen's Niemanden wünschen, – nur den Seelenverkäufern,“ sagte Andy; – „man kann sich nicht helfen, die sind so schlecht.“

„Thut nicht die Natur selbst schreien gegen sie?“ sagte Tante Chloë. „Reißen sie nicht den Säugling gerade weg von Mutters Brust, und verkaufen ihn, – und die kleinen Kinder, wenn sie schreien, und sich festhalten an Mutters Kleidern, – reißen sie sie nicht los und verkaufen sie? Reißen sie nicht Mann und Weib auseinander?“ fuhr sie zu weinen anfangend fort, – „wenn's ihnen auch das Leben nimmt? – und fühlen sie was dabei? – trinken und rauchen sie nicht, und sind ganz gleichgültig dabei? – O Herr, wenn der Teufel die nicht holt, – wozu ist er dann nütze?“ Und Tante Chloë bedeckte ihr Gesicht mit ihrer buntgefleckten Schürze, und fing in vollem Ernste bitterlich an zu weinen.

„Bittet für die, so Euch beleidigen, sagt das gute Buch,“ bemerkte Tom.

„Bitten für sie,“ sagte Tante Chloë; – „o Herr! das ist zu viel! Ich kann nicht für sie beten.“

„'s ist Natur, Chloë, und Natur ist mächtig,“ sagte Tom, „aber des Herrn Gnade ist mächtiger; – außerdem, solltest auch an den schrecklichen Zustand denken, in dem die Seele solcher armen Kreatur ist, die solche Dinge thut; – solltest Gott danken, Chloë, daß Du nicht bist wie sie. – Weiß gewiß, – wollte lieber zehntausendmal verkauft werden, als die Verantwortung haben, die solche arme Kreatur hat auf sich.“

„Ich auch, ein gut Theil lieber,“ sagte Jack. „O Herr, wie würde 's uns gehen, Andy?“

Andy zuckte mit den Achseln, und gab ein beifälliges Pfeifen zu vernehmen.

„Ich bin froh, daß Master heute früh nicht fortgegangen ist, wie er wollte,“ fuhr Tom fort; – „das hätte mir weher gethan, als verkauft werden. Vielleicht, es wäre natürlich für ihn gewesen, aber mir wär's hart angekommen, – hab' ihn ja gekannt, als er noch ein Säugling war. Aber ich habe Master gesehn, und bin versöhnt nun mit Gottes Willen. Master konnte sich nicht anders helfen; er hat recht gethan, aber fürchte, daß doch Alles wird zu Grunde gehen, wenn ich fort bin. Master kann nicht überall herumkriechen und aufpassen, wie ich habe gethan, – und alle Enden zusammenhalten. Die Jungens meinen's ganz gut, aber sind mächtig nachlässig. Das macht mir Sorge.“

In diesem Augenblicke erscholl die Glocke, und Tom wurde in's Zimmer berufen.

„Tom,“ sagte sein Herr in gütigem Tone zu ihm, „ich mache Dich aufmerksam darauf, daß ich diesem Herrn Verschreibungen über tausend Dollar gegeben habe für den Fall, daß Du nicht da sein solltest, wenn er Dich verlangt. Er hat heut mit seinen übrigen Geschäften zu thun, und Du kannst den Tag für Dich frei haben. Geh', wohin Du willst, mein alter Junge.“

„Dank schön, Master,“ sagte Tom.

„Und paß' auf,“ sagte der Händler, „und bring's nicht über Deinen Herrn mit einem von Deinen Niggerpfiffen, denn ich will jeden Cent aus ihm herausdrücken, wenn Du nicht da bist. Wär' er mir gefolgt, so hätt' er gar nicht einem von Euch – glatten Aalen getraut!“

„Master,“ sagte Tom, – sich grade aufrichtend, – „ich war just acht Jahr alt, wenn alte Missis Euch in meine Arme legte, und Ihr wart noch kein Jahr alt. ‚Da,‘ sagte sie, ‚Tom, das wird Dein junger Herr sein; nimm ihn wohl in Acht,‘ sagte sie. Und nun wollt' ich Euch fragen, Master, hab' ich Euch je ein Wort gebrochen oder Euch zuwider gehandelt, besonders, seit ich ein Christ bin?“

Mr. Shelby war von seinem Gefühle vollständig überwältigt und Thränen drangen aus seinen Augen hervor.

„Mein guter Junge,“ sagte er, „Gott weiß, daß das wahr ist, was Du sagst; und wenn es in meinen Kräften stände, es zu verhindern, so sollte Niemand in der Welt Dich kaufen dürfen.“

„Und so wahr ich eine christliche Frau bin,“ sagte Mrs. Shelby, „Du sollst wieder eingelöst werden, sobald ich einigermaßen Mittel zusammenbringen kann. Mr. Haley,“ fügte sie zu Haley gewendet hinzu, „merken Sie sich ja genau, an wen Sie ihn verkaufen, und lassen Sie mich es wissen.“

„Gott, ja, warum denn nicht?“ sagte der Händler, „kann ihn ja in einem Jahr wieder 'raufbringen, nicht viel abgenutzt, und ihn zurückhandeln.“

„Ich will dann mit Ihnen handeln, und es soll Ihr Nutzen sein,“ sagte Mrs. Shelby.

„Natürlich,“ sagte der Händler, – „'s mir Alles gleich, handle hin und zurück, wenn es nur ein gutes Geschäft gibt. Will ja nur meinen Lebensunterhalt verdienen, Madame, das ist Alles, was unser Einer will, denk' ich.“

Mr. und Mrs. Shelby waren innerlich empört über die unverschämte Vertraulichkeit des Händlers, aber dennoch fühlten Beide die absolute Nothwendigkeit, ihre Gefühle zurückzuhalten. Je gefühlloser und schmutziger er erschien, desto größer war Mrs. Shelby's Furcht, daß es ihm gelingen könne, Elisa und ihr Kind wieder einzufangen, und um so mehr fühlte sie sich deßhalb gedrungen, jeden weiblichen Kunstgriff zu benutzen, um ihn noch länger aufzuhalten. Sie lächelte ihm deßhalb beifällig zu, schwatzte vertraulich mit ihm und that Alles, was sie konnte, um ihm die Zeit unbemerkt entfliehen zu lassen.

Um zwei Uhr endlich führten Sam und Andy die Pferde vor, wie es schien, bedeutend erfrischt und ermuthigt durch den am Morgen gehaltenen Rennlauf.

Sam kam frisch geölt vom Essen, mit einem Ueberfluß von eifriger und williger Geschäftigkeit. Während Haley sich näherte, prahlte er gegen Andy von dem sichern, ganz unzweifelhaften Erfolge, den das Unternehmen haben müsse, nachdem er nun endlich so weit gekommen sei, „dran gehen“ zu können.

„Euer Herr hält wohl keine Hunde?“ sagte Haley nachdenkend, während er sich anschickte aufzusteigen.

„Die Menge,“ sagte Sam triumphirend; „da 's Bruno, – 's ist ein Brüller! und dann hat hier auch noch jeder Nigger ein paar junge Hunde von einer Sorte oder anderer!“

„Pah!“ sagte Haley, – und fügte noch etwas Anderes mit Bezug auf die erwähnten Hunde hinzu, worauf Sam murmelte:

„Seh' nicht ein, wozu – was nöthig – drauf zu fluchen.“

„Aber Euer Herr hält keine Hunde (ich weiß es ganz gewiß), um Niggers aufzuspüren.“

„Unsere Hunde alle haben sehr scharfen Geruch. Glaube, 's ist die rechte Sorte, – haben zwar nie keine Praxis gehabt. Brave Hunde, Master, auf Alles, wenn Ihr sie loslaßt. Hier, Bruno,“ rief er, einem umherschlendernden Neufundländer zupfeifend, worauf dieser mit gewaltigem Geräusche auf ihn zugesprungen kam.

„Du sollst gehenkt werden!“ sagte Haley aufsteigend. „Komm, kriech' hinauf nun.“

Sam kroch demgemäß hinauf, dabei jedoch auf geschickte Weise Gelegenheit findend, Andy zu kitzeln, was diesen nöthigte, in ein helles Lachen auszubrechen, in Folge dessen Haley in heftigem Unmuthe mit der Reitpeitsche nach ihm hieb.

„'s ist erstaunlich, Andy!“ sagte Sam mit schrecklichem Ernste. „Dieß ein sehr wichtiges Geschäft; – mußt hier keinen Spaß treiben; – das ist keine Art, Master zu helfen.“

„Ich werde den graden Weg nach dem Flusse nehmen,“ sagte Haley mit Bestimmtheit, als sie die Gränzen der Besitzung erreicht hatten. „Ich weiß, welchen Weg alle Die nehmen, – die laufen Alle in die Niederung.“

„Sicher,“ sagte Sam, „das ist die rechte Idee. Master Haley trifft's just in die Mitte. Nun, da sind zwei Wege an den Fluß, – der Holzweg und die Chaussee; – welchen will Master nehmen?“

Andy blickte unschuldig zu Sam auf, überrascht, diese neue Geographie zu hören, aber bestätigte augenblicklich, was jener gesagt hatte, durch eine lebhafte Wiederholung desselben.

„Natürlich,“ sagte Sam, „sollte eher denken, Lizy ist den Holzweg gegangen, weil er einsamer ist.“

Haley, obgleich er ein erfahrener alter Fuchs war und stets mißtrauisch, war dennoch nahe daran, sich durch diese Ansicht bestimmen zu lassen.

„Wenn Ihr nicht Beide so verdammte Lügner wäret!“ sagte er gedankenvoll, während er einen Augenblick nachsann.

Der tiefsinnige Ton, in dem dieß gesagt wurde, schien Andy so über alle Maßen zu amüsiren, daß er ein Stückchen hinter Haley zurückblieb und sich vor Lachen so schüttelte, daß er Gefahr lief vom Pferde zu fallen, während Sam's Gesicht unbeweglich den schwermüthigsten Ernst bewahrte.

„Natürlich,“ sagte Sam, „Master kann thun, was er will; – gehen den graden Weg, wenn Master hält's für's Beste, – uns Alles einerlei. Ja, wenn ich so drüber studire, denk' ich auch, der grade Weg ist am Besten, – ohne Zweifel.“

„Sie wird natürlich einen einsamen Weg gewählt haben,“ sagte Haley, laut denkend, und Sam's Bemerkung nicht beachtend.

„Läßt sich da nichts sagen,“ fuhr Sam fort; – „Weiber immer sonderbar, – Weiber immer thun, was Ihr denkt, – gewöhnlich grade 's Gegentheil. Weiber von Natur entgegen, – und so, wenn Ihr denkt, sie sind gegangen den Weg, 's ist gewiß, Ihr thut am Besten und nehmt den andern, – dann findet Ihr sie ganz sicher. Hier nun ist meine Meinung, Lizy hat den Holzweg genommen, – also wäre 's am Besten, den graden zu nehmen.“

Diese gründliche, geschlechtliche Ansicht über die weibliche Natur schien Haley nicht sonderlich für den chaussirten Weg bestimmen zu können, und er erklärte seinen festen Entschluß, den andern zu wählen, und fragte Sam, wann sie diesen erreichen würden.

„Ein Stückchen weiter hinauf,“ sagte Sam, indem er Andy einen Wink mit dem Auge der ihm zugewendeten Seite seines Kopfes gab, und fügte dann im ernstesten Tone hinzu: „aber ich habe drüber nachgedacht und 's ist mir ganz klar, wir sollten nicht diesen Weg gehen. Bin nie diesen Weg gekommen, 's ist ein verzweifelt einsamer, – könnten uns leicht verlieren, – Gott weiß, wo wir hinkommen könnten.“

„Thut nichts,“ sagte Haley, „ich will dennoch diesen Weg gehen.“

„Nun ich nachdenke drüber,“ fuhr Sam fort, „ist mir's, als hätt' ich hören sagen, daß der Weg ganz abgesperrt ist durch Dämme und Zäune, und so – nicht wahr, Andy?“

Andy wußte es nicht gewiß; er hatte nur „reden hören“ von dem Wege, aber war ihn nie selbst gegangen. Mit einem Worte, er hielt sich ganz neutral.

Haley, gewohnt, das Gewicht der Wahrscheinlichkeiten zwischen größeren und geringen Lügen gehörig abzuwägen, nahm an, daß dasselbe sich zu Gunsten des erwähnten Holzweges neige. Er glaubte, daß die erste Erwähnung desselben von Seiten Sam's unwillkührlich gewesen sei, und seine verwirrten Versuche, ihm davon abzurathen, hielt er für verzweifelte Lügen, die aus späterem Nachdenken und der Absicht hervorgingen, Elisa außer Gefahr zu bringen. Als Sam deßhalb den bewußten Weg anzeigte, nahm er mit entschiedener Wendung seine Richtung in denselben, während Sam und Andy ihm folgten.

Dieser Weg war in der That ein alter, der früher zum Flusse geführt hatte, aber seit vielen Jahren, nach Errichtung der Chausseestraße verlassen worden war. Ungefähr eine Stunde weit zu reiten war er offen, aber nachher durch verschiedene Zäune und Farmgebäude abgesperrt. Sam wußte dies alles ganz genau – und der Weg war in der That schon seit so langer Zeit unfahrbar geworden, daß Andy niemals davon gehört hatte. Er ritt deßhalb mit der Miene pflichtschuldiger Ergebung weiter, und nur von Zeit zu Zeit ließ er einzelne Ausrufe hören, wie, „daß es sehr holpriger Weg“ und „sehr böse für Jerry's Fuß“ sei.

„Na denn, ich will Euch was sagen,“ begann Haley plötzlich, „ich weiß, was Ihr wollt mit all dem Geschwätze, – Ihr wollt mich von dieser Straße abbringen, aber 's hilft Euch nichts, – also thut Ihr besser, Ihr haltet 's Maul.“

„Master will seinen eigenen Weg gehen!“ sagte Sam mit dem Ausdrucke schmerzlicher Ergebung, gleichzeitig jedoch Andy sehr bedeutungsvoll zuwinkend, dessen Entzücken jetzt nahe daran war loszubrechen.

Sam schien in besonders guter Laune zu sein und that, als wenn er sich außerordentliche Mühe gebe, die Gegend scharf zu beobachten, indem er bald ausrief, daß er „einen Weiberhut“ auf der Spitze einer entfernten Höhe sehe, und bald Andy fragte, „ob das nicht Lizy sei – da unten in dem Hohlwege,“ und dabei diese und ähnliche Ausrufungen immer grade dann erschallen ließ, wenn sie sich an einer besonders rauhen Stelle des Weges befanden, wo das schärfere Antreiben der Pferde für alle Theile besonders unangenehm war, so daß Haley dadurch in einem Zustande fortwährender Aufregung erhalten wurde.

Nachdem sie auf diesem Wege etwa eine Stunde lang geritten waren, lief derselbe plötzlich in einen Ackerhof aus, welcher zu einer bedeutenden Farmbesitzung gehörte. Keine Seele war daselbst sichtbar, da alle Arbeiter auf dem Felde beschäftigt waren; allein da das nächste Scheunengebäude klar und deutlich quer über dem Wege stand, so konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß ihre Reise in dieser Richtung zu einem entschiedenen Ende gelangt sei.

„War's das nicht, was ich Euch vorher gesagt habe?“ sagte Sam mit der Miene beleidigter Unschuld. „Warum denken fremde Herren mehr zu wissen von der Gegend, als die, die drin geboren und erzogen sind?“

„Du Schuft!“ sagte Haley, „Du hast das Alles vorhergewußt.“

„Hab' ich's denn nicht gesagt, daß ich's wußte, und Ihr wolltet mir nicht glauben! Ich sagte Master, daß Alles wäre gesperrt und daß ich nicht dächte, wir könnten durchkommen – Andy hat's gehört.“

Es war Alles zu wahr, als daß es hätte in Abrede gestellt werden können, und der unglückliche Mann mußte seinen Aerger mit so viel Anstand niederbeißen, als er konnte. Alle drei nahmen dann ihre Wendung zur Rechten, in gerader Richtung nach der Landstraße.

In Folge aller dieser verschiedenen Verzögerungen war es ungefähr drei Viertelstunden später, nachdem Elisa ihr Kind in der Dorfschenke zur Ruhe niedergelegt hatte, als die Gesellschaft auf dasselbe Gebäude zugeritten kam. Elisa stand am Fenster, nach einer andern Richtung blickend, als Sam's scharfes Auge ihrer gewahr wurde. Haley und Andy waren einige Schritte weit hinter ihm zurück. In diesem kritischen Momente gelang es Sam, seine Kopfbedeckung zu verlieren, als wenn der Wind sie ihm abgeweht hätte, in Folge dessen er einen lauten, ihm eigenthümlichen Schrei ausstieß, durch welchen Elisa auf ihn aufmerksam wurde. Sie zog sich schnell vom Fenster zurück, an dem der ganze Zug vorüber ging, um an den Haupteingang zu gelangen.

Tausend Leben schienen in diesem Augenblicke in Elisa concentrirt zu sein. Ihr Zimmer gewährte durch eine Seitenthür einen Ausgang nach dem Flusse. Sie raffte ihr Kind auf und sprang die zum Ufer hinabführenden Stufen hinunter. Der Sklavenhändler bekam sie deutlich zu Gesicht gerade in dem Augenblicke, als sie unter dem Ufer verschwand, und indem er sich vom Pferde hinab warf, und Sam und Andy ihm zu folgen zurief, sprang er hinter ihr her wie ein Hund hinter einer gejagten Hirschkuh. In diesem schwindelnden Momente schienen Elisa's Füße kaum den Boden zu berühren und ein Augenblick brachte sie an den Wasserrand des Flusses. Dicht hinter ihr folgten Jene, und – wie gestählt von einer Kraft, wie sie Gott nur den Verzweifelnden verleiht, und mit einem wilden Schrei und flugartigen Sprunge, flog sie über den trüben Strom am Ufer hin bis auf die nächste Eisscholle. Es war ein unbegreiflicher Sprung, – der nur in Wahnsinn oder Verzweiflung gemacht werden konnte, und Haley, Sam und Andy schrieen instinktmäßig wie aus einem Munde auf und hoben ihre Hände auf, als sie ihn gewahrten.

Das riesige, grüne Eisstück, auf welchem sie Fuß faßte, krachte und senkte sich, als ihre Last darauf nieder fiel, aber sie hielt nicht einen Augenblick an. Unter wilden Schreien und mit verzweifelnder Kraft sprang sie auf ein anderes und wieder ein anderes Eisstück, während sie bald stolperte, bald sprang, bald ausglitt, und wieder aufsprang! Ihre Schuhe waren zurückgelassen – ihre Strümpfe von den Füßen geschnitten, – und jeder Fußtritt war mit Blut gezeichnet; aber sie sah nichts, sie fühlte nichts, bis nebelartig, wie im Traume, die Ohio-Seite des Flusses vor ihre Blicke trat und ein Mann ihr das Ufer hinauf half.

„Bist eine brave Dirne, wahrhaftig, wer Du auch immer sein magst!“ sagte der Mann mit einem Schwure.

Elisa erkannte die Stimme und das Gesicht eines Mannes, welcher nicht weit von ihrer alten Heimath eine Farm besaß.

„O Mr. Symmes! – retten Sie mich – bitte, retten Sie mich, – verbergen Sie mich!“ rief Elisa flehend.

„Wie, was ist das?“ sagte der Mann. „Ist denn das nicht Shelby's Dirne?“

„Mein Kind! – dieses Kind! – er hat es verkauft! Dort ist sein Herr!“ sagte sie, nach dem Kentucky-Ufer hindeutend. „O Mr. Symmes, Sie haben auch ein Kind!“

„Das habe ich,“ sagte der Mann, während er rauh, aber gütig sie das steile Ufer hinaufzog. „Ueberdieß bist Du eine brave Dirne. Ich achte Muth, wo ich ihn auch immer finde.“

Als Beide die Höhe des Ufers erreicht hatten, stand der Mann still.

„Ich möchte gern was für Dich thun,“ sagte er, „aber ich weiß keinen Ort, wo ich Dich hinbringen könnte. Das Beste, was ich thun kann, ist, daß ich Dir rathe, dort hinzugehen,“ sagte er, auf ein großes, weißes Gebäude deutend, welches isolirt an der Hauptstraße des Dorfes stand. „Geh dort hin; das sind gute Leute. Dort ist keine Gefahr für Dich, – die werden Dir helfen, – die sind in solchen Fällen immer bereit.“

„Gott segne Sie!“ rief Elisa inbrünstig.

„Keine Ursache, gar keine Ursache,“ sagte der Mann. „Was ich gethan habe, hat gar nichts zu bedeuten.“

„O, und nicht wahr, Herr, – Sie werden's Niemanden sagen?“

„Geh' zum Donnerwetter, Mädchen! Wofür hältst Du Einen? Versteht sich – nein,“ sagte der Mann. „Komm nun, geh' zu, wie eine brave, vernünftige Dirne, was Du bist. Hast Dir Deine Freiheit gewonnen und sollst sie behalten, so weit ich's helfen kann.“

Elisa wickelte ihr Kind dichter an ihren Busen, und schritt fest und eilig weiter. Der Mann blieb stehen und schaute ihr nach.

„Shelby wird dies vielleicht nicht gerade für 'nen sehr nachbarlichen Dienst halten, – aber was soll ein Mensch thun? Wenn er eine von meinen Dirnen auf demselben Striche findet, so mag er mir zurückzahlen. Hab's nie mit ansehen können, wie die armen Kreaturen rennen und keuchen, um sich zu retten, und dann die Hunde hinten drein. Weiß auch überhaupt nicht, warum ich für andere Leute jagen und fangen soll.“

So sprach dieser arme, heidnische Mann von Kentucky, welcher über seine constitutionellen Beziehungen und Verpflichtungen nie aufgeklärt worden war, und sich deßhalb verleiten ließ, in einer Art christlichen Weise zu handeln, welche er, wenn er sich in größerem Wohlstande befunden und mehr Aufklärung genossen hätte, – sich schwerlich erlaubt haben würde.

Haley hatte einen förmlich erstarrten Zuschauer der Scene abgegeben, bis Elisa am gegenüberliegenden Ufer verschwunden war, worauf er sich mit einem leeren, fragenden Blicke nach Sam und Andy umwandte.

„Das war kein übles Stückchen,“ sagte Sam.

„Ich glaube, das Weibstück hat sieben Teufel im Leibe!“ sagte Haley, „Gerade wie 'ne wilde Katze sprang sie!“

„Ja, nu,“ sagte Sam, sich in den Haaren kratzend, – „hoffe, Master wird uns entschuldigen – von dem Wege da. – Denke, habe nicht Courage genug – dazu!“ mit einem heiseren Lachen hinzufügend.

„Du lachst!“ sagte Haley brummend.

„Gott helf mir, Master, ich kann nicht anders – nun,“ sagte Sam, seinem lange zurückgehaltenen Entzücken vollen Lauf lassend. „'s sah so curios aus – wie sie sprang und hüpfte, – und nun, krack – das Eis – und plump! und platsch! – Spring' Du und – o Herr!“ – und Sam und Andy lachten, daß ihnen die Thränen an den Backen hinunter liefen.

„Wart', ich will Euch auf 'ne andere Weise lachen machen!“ sagte Haley, indem er mit der Reitpeitsche um ihre Köpfe schlug.

Beide duckten sich und rannen schreiend und jauchzend das Ufer hinab, und waren bei ihren Pferden, ehe er ihnen nachkommen konnte.

„Guten Abend, Master!“ rief Sam mit großem Ernste. „Vermuthe sehr, Missis wird um Jerry besorgt sein. Master Haley wird uns nicht länger brauchen, – Missis möcht' 's nicht gerne hören, wenn wir die Thiere über Lizy's Brücke ritten – heute Abend noch!“ und, Andy muthwillig in die Rippen stoßend, trabte er, von Letzterem gefolgt, in voller Eile davon, während der Wind ihr fernes, lautes Gelächter zu Haley zurücktrug.


Achtes Kapitel.

Ein würdiges Trio.

Die Dämmerung begann gerade herein zu brechen, als Elisa ihren verzweifelten Rückzug über den Fluß unternahm. Die grauen Abendnebel, welche langsam vom Flusse aufstiegen, umhüllten sie, als sie am jenseitigen Ufer verschwand, und der angeschwollene Lauf des Stromes mit den wogenden Eismassen bildete eine hoffnungslose Schranke zwischen ihr und ihrem Verfolger. Haley kehrte deßhalb langsam und mißmuthig nach dem kleinen Wirthshause zurück, um darüber nachzudenken, was weiter zu thun sei. Die Wirthsfrau öffnete die Thür eines kleinen Zimmers, dessen Boden mit einem Fragmente von Teppich bedeckt war, und in welchem ein Tisch mit einer glänzend schwarzen Wachstuchdecke, sowie verschiedene schlanke, hochlehnige Holzstühle standen, während über dem Kamine und oberhalb eines schwellenden, dampfenden Feuers mehrere Papierbilder mit hellen und grellen Farben die Wand bedeckten. Ein langer, harter, hölzerner Sitz breitete seine unbequeme Länge vor dem Kamine aus, und hier ließ Haley sich nieder, um über die Unbeständigkeit menschlichen Glückes und menschlicher Hoffnungen im Allgemeinen zu reflektiren.

„Wozu brauchte ich den verdammten kleinen Balg nun?“ sagte er zu sich selbst, „daß ich mich wie einen Affen habe behandeln lassen müssen, – was ich bin!“ und erleichterte sein Herz sodann dadurch, daß er eine nicht sehr ausgewählte Litanei von Verwünschungen und Schimpfnamen gegen sich ausstieß, welche, obgleich jeder mögliche Grund vorhanden ist, sie als passend zu erachten, wir hier des guten Geschmackes halber unerwähnt lassen wollen.

Aus diesen Selbstbetrachtungen wurde er durch eine laute und unharmonische Stimme eines Mannes erweckt, welcher vor der Thür des Hauses abzusteigen schien. Er eilte an das Fenster.

„Beim Himmel! nun, wenn das nicht gerade so was ist, was die Leute Vorsehung nennen,“ sagte Haley. „Glaube wahrhaftig, das ist Tom Locker.“

Haley eilte hinaus. Am Schenktische, in der Ecke des Zimmers, stand ein fleischiger, muskulöser Mann, volle sechs Fuß hoch und im Verhältniß ebenso breit. Er trug einen Rock von Buffalohaut, mit der rauhen Seite nach Außen, was ihm ein wildes Aeußere verlieh, welches mit dem ganzen Ausdrucke seiner Physiognomie in vollem Einklange stand. In seiner Kopf- und Gesichtsbildung zeigte sich jedes Organ, welches Rohheit und rücksichtslose Gewaltthätigkeit verrieth, in der höchst vollkommensten Ausbildung. In der That, wenn sich unsere Leser einen Bullenbeißer in menschlicher Gestalt, mit einem Rock und Hut umherwandelnd denken könnten, so würden sie keine unrichtige Vorstellung von der Erscheinung und dem Eindrucke seiner Körperbildung haben. An seiner Seite befand sich ein Reisegesellschafter, welcher in verschiedenen Beziehungen ein vollständiges Gegenstück zu ihm bildete. Er war klein und schlank, und geschmeidig wie eine Katze in seinen Bewegungen, und hatte einen lauernden Ausdruck in seinen stechenden, schwarzen Augen, mit denen jeder Zug seines Gesichts im Einklang zu stehen schien. Seine schmale, lange Nase lief in einer solchen Richtung aus, als wolle sie sich in die Natur aller Dinge im Allgemeinen einbohren; sein glattes, dünnes, schwarzes Haar war sorgfältig nach vorn zusammen gelegt, und alle seine Wendungen und Bewegungen drückten eine trockene, vorsichtige Schärfe aus. Der große, dicke Mann schenkte ein Bierglas halb voll mit reinem Branntwein ein und stürzte es hinunter, ohne ein Wort zu sagen. Der kleine Mann stand auf den Zehen, und nachdem er seinen Kopf zuerst nach der einen, und dann nach der andern Seite vorgestreckt, und in allen Richtungen nach den verschiedenen Flaschen gerochen hatte, bestellte er endlich mit einer dünnen, zitternden Stimme und mit besonders vorsichtiger Miene ein Glas Sodawasser. Als er es eingeschenkt hatte, betrachtete er es mit scharfem, wohlgefälligem Blicke, wie ein Mann, der der Meinung ist, das Rechte gefunden und den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben, und schritt sodann dazu, es in langsamen und wohlbedachten Schlückchen zu leeren.

„Wahrhaftig, wer hätte das gedacht, daß ich's so gut treffen sollte? Sieh da, Locker, wie geht's Euch?“ sagte Haley vortretend und seine Hand dem großen Manne entgegen streckend.

„Der Teufel!“ war die höfliche Antwort. „Was bringt Euch denn hierher, Haley?“

Der Mann mit dem lauernden Blicke, welcher den Namen Marks führte, hielt sofort mit seinem Schlürfen inne und streckte seinen Kopf vor, und betrachtete scharf und neugierig die neue Bekanntschaft, so wie eine Katze zuweilen ein wehendes, trockenes Blatt oder irgend einen andern ähnlichen Gegenstand der Verfolgung betrachtet.

„Na, ich sage, Tom, das ist der glücklichste Zufall in der Welt. Ich bin in 'ner teufelsmäßigen Patsche, und Ihr sollt mir 'raushelfen.“

„Uf! so? – wahrscheinlich!“ grunzte sein höflicher Freund. „Man kann sicher auf so 'was rechnen, wenn Ihr Euch freut, Einen zu sehen, daß Ihr ihn zu irgend 'was braucht. Was gibts denn nun?“

„Ihr habt 'nen Freund hier?“ sagte Haley, etwas zweifelhaft auf Marks blickend, – „vielleicht ein Compagnon?“

„Ja,“ entgegnete Jener. „Hier, Marks! hier, das ist der Kerl, mit dem ich in Natchez zusammen war.“

„Werde mich freuen, seine Bekanntschaft zu machen,“ sagte Marks, seine lange, dünne Hand wie eine Rabenklaue ausstreckend. „Vermuthe, Mr. Haley?“

„Derselbe,“ sagte Haley. „Und nun, meine Herren, da wir hier so glücklich zusammen getroffen sind, so denke ich, ich kann hier 'ne Kleinigkeit zum Besten geben, hier da, in der Wirthsstube. Also nun, alter Affe,“ sagte er zu dem Manne hinter dem Schenktische, „bring' uns heißes Wasser und Zucker und Cigarren, und 'ne gute Quantität ‚ächten Stoff‘, und dann wollen wir 'mal lustig sein.“

Der Anordnung gemäß wurden die Lichter angezündet, das Feuer zur hellen Flamme aufgestört, und bald saßen unsere drei Ehrenmänner um den Tisch, welcher mit den vorher aufgezählten Erfordernissen guter Kameradschaft reichlich bedeckt war.

Haley begann einen pathetischen Vortrag seiner eigenthümlichen Unglücksfälle, welchem Locker mit geschlossenem Munde und finsterer, mürrischer Aufmerksamkeit zuhörte. Marks, welcher mit großer Aengstlichkeit und Sorgsamkeit und sehr lebhaften Bewegungen beschäftigt war, sich ein Glas nach seinem eigenen, besonderen Geschmacke zu bereiten, blickte von Zeit zu Zeit von seiner Beschäftigung auf, und indem er sodann seine lange, scharfe Nase und Kinn bis beinahe in Haley's Gesicht steckte, schien er der ganzen Erzählung die gespannteste Aufmerksamkeit zu widmen. Der Schluß derselben schien ihn außerordentlich zu belustigen, denn er schüttelte schweigend seine Schultern und Seiten, und preßte seine dünnen Lippen mit dem Ausdrucke großen inneren Vergnügens zusammen.

„Also richtig angeführt, – nicht so?“ sagte er, – „he, he, he, he! – 's war gut gemacht!“

„Der verdammte Kinderhandel macht Einem unmenschliche Umstände im Geschäfte,“ sagte Haley mit sehr verdrießlicher Miene.

„Wenn wir 'ne Brut Dirnen ausfinden könnten, die nach ihren Jungen nichts fragen, – ich sage Euch, 's würde der größte moderne Fortschritt sein, den ich kenne, – nicht wahr?“ sagte Marks, indem er seinen Scherz mit einem stillen und wohlgefälligen Lächeln begleitete.

„Ganz recht,“ sagte Haley, – „ich hab's nie begreifen können; Junge machen ihnen doch 'ne schreckliche Menge Umstände; man sollte doch denken, sie müßten froh sein, wenn sie sie los würden, – aber nein. Und je mehr Umstände solch' ein Junges macht, und je weniger es nütze ist im Allgemeinen, desto mehr hängen sie dran.“

„Ja, Mr. Haley,“ sagte Marks, – „just reicht mir das heiße Wasser, – ja, Ihr sagt just das, was ich denke, und wir Alle. Einmal kauft' ich 'ne Dirne, als ich noch im Geschäfte war, – und 's war ein strammes, nettes Mensch, und die hatte ein Junges, ein elendes, kränkliches Ding, bucklich, und wer weiß was Alles. So gab ich's also weg an 'nen Mann, der's versuchen wollte und 's aufziehen, – kostete nichts, natürlich; – dachte nimmer, wißt Ihr, daß sie was darnach fragen würde, – aber, o Herr, nun hättet Ihr sehen sollen, wie sie los ging. Wahrhaftig, mir kam's vor, als wenn sie 's Balg gerade darum lieber hätte, just weil's so elend war und immer schrie und sie plagte; – und sie wollt' sich's nicht beibringen lassen und wollt's nicht glauben, und schrie und lief umher, als wenn sie Alles verloren hätte. 's ist meiner Seel' drollig, daran zu denken. Ja, was die Weiber für Begriffe haben, – da ist kein Ende dran!“

„Just so mit mir,“ sagte Haley. „Vorigen Sommer, unten am Flusse, kriegt' ich 'ne Dirne mit in den Handel, die hatte ein Kind, und 's sah ganz gut aus, und hatte Augen so hell wie Eure; aber, wie ich's näher besah, fand ich, 's war stockblind. So, wißt Ihr, dacht' ich, 's hätte weiter nichts auf sich, wenn ich's so mit weg gäbe in den Handel, ohne weiter was davon zu sagen; – und wurd's auch richtig los für ein Faß Whisky; aber wie 's von der Dirne los kriegen? – die war grade wie ein Tieger. Es war just ehe wir abgingen, und ich hatte meinen Trupp noch nicht zusammen gekettet; so – was hat sie zu thun? – sie springt auf 'nen Ballen Baumwolle wie 'ne Katze, und reißt einem von den Schiffsleuten ein Messer weg, und jagt 'ne Minute lang Alles in die Flucht, bis sie endlich sah, es half ihr nichts; und dann – dreht sie sich herum, und mit dem Kopf zuerst, und ihr Junges im Arm, stürzt sie sich in den Fluß, und, plump, – ging sie unter, und kam nie wieder herauf.“

„Pah!“ sagte Tom Locker, der diese Erzählungen mit schlecht verhehltem Widerwillen mit angehört hatte, – „Dummköpfe, alle beide! meine Dirnen machen mir solche Streiche nicht, – das sag ich Euch!“

„Wirklich! und wie macht Ihr's denn?“ fragte Marks dreist.

„Machen? was, – wenn ich 'ne Dirne kaufe, und sie hat ein Junges, das loszuschlagen ist, so geh' ich zu ihr 'ran, und halt' ihr meine Faust unter's Gesicht, und sage: ‚Gieb Acht, nun, wenn Du mir ein Wort hören läßt aus Deinem Munde, so zerschmettr' ich Dir 's Gesicht. Kein Wort will ich hören, – nicht den Anfang davon.‘ So sag' ich zu ihr, und: ‚das Junge da ist mein, und nicht Dein, Du hast nichts damit zu thun; – ich verkaufe 's an den Ersten besten, und merke Dir, daß Du mir keine Streiche machst, oder Du sollst wünschen, daß Du nie geboren worden wärest.‘ Sage Euch, sie merken's bald, s' ist kein Spaß zu machen, wenn ich sie habe. Ich mache sie so stumm wie Fische; und wenn eine anfängt, und schreit los, und dann –;“ und Mr. Locker ließ seine Faust mit einer solchen Gewalt auf den Tisch niederfallen, daß der unausgesprochene Schluß seiner Rede sich vollständig daraus erklären ließ.

„Das ist, was Ihr Nachdruck nennen könnt,“ sagte Marks, indem er Haley in die Seite stieß, und wieder in ein leises Kichern verfiel. „Ist Tom nicht ein kurioser Kerl? he, he, he! Tom, ich glaube, Ihr bringt's den Negerköpfen bei, – Euch verstehen sie, Tom, ohne Zweifel. Wenn Ihr nicht der Teufel selbst seid, so seid Ihr wenigstens sein Zwillingsbruder, – so viel sage ich!“

Tom nahm das Compliment mit angemessener Bescheidenheit auf, und begann eine so leutselige Miene anzunehmen, wie es, nach John Bunyan's Worten, „mit seiner hündischen Natur möglich war.“

Haley, welcher von den Vorräthen des Abends in reichem Maße zu sich genommen hatte, fühlte seine moralischen Fähigkeiten angeregt und gehoben, – was unter ähnlichen Umständen bei Männern von ernster und schweigsamer Natur kein ungewöhnliches Phänomen ist.

„Na, hört, Tom,“ sagte er, „Ihr seid wirklich zu schlecht, wie ich's immer gesagt habe. Ihr wißt, Tom, Ihr und ich haben öfters über diese Dinge gesprochen in Natchez, und ich habe Euch immer bewiesen, daß wir grade eben so viel machten und wären wohl auf in dieser Welt, wenn wir sie gut behandelten, und hätten außerdem mehr Aussicht endlich in's Himmelreich zu kommen, wenn Staub geht zu Staub, und dann nichts mehr zu holen ist, – Ihr wißt?“

„Pah!“ sagte Tom, „weiß ich nicht? – macht mir nicht übel mit Eurem Unsinn, – mein Magen ist so nicht in Ordnung;“ – und Tom schüttete ein halbes Glas reinen Brandwein hinunter.

„Ich meine,“ sagte Haley, sich in seinen Stuhl zurück legend, und sehr nachdrucksvoll gestikulirend, – „ich meine, 's war immer meine Absicht, meinen Handel so zu treiben, daß ich vor allen Dingen Geld bei verdiene, so viel wie Einer; aber dann, – Handel macht nicht Alles, und Geld macht nicht Alles, denn wir haben Seelen. Ich frage nichts darnach, nun, wer's hört, – und schere mich den Henker darum, – und kann's also grade heraus sagen. Ich glaube an Religion, und nächstens, wenn ich Alles sicher und in Ordnung habe, so will ich meine Seele auf diese Dinge richten; – also wozu nützt's, mehr Schlechtigkeit zu begehen, als durchaus nothwendig ist? – 's scheint mir gar nicht klug gethan.“

„Eure Seele richten!“ wiederholte Tom verächtlich; „sucht nur in Euch herum nach 'ner Seele, – thut besser, spart Euch alle Mühe, was das betrifft. Wenn der Teufel Euch durch ein Haarsieb siebt, so wird er keine finden.“

„Nun, aber, Tom, Ihr nehmt's übel,“ sagte Haley, „warum könnt Ihr's nicht gut aufnehmen, wenn ein Mensch zu Eurem Besten spricht.“

„Halt Euer Maul davon,“ entgegnete Tom brummisch. „Kann meist all' Euer Geschwätz aushalten, ausgenommen Euren frommen Unsinn. Und am Ende, was ist denn der Unterschied zwischen Euch und mir? 'S ist nicht, daß Ihr Euch ein Bißchen mehr daraus macht, oder daß Ihr ein Bißchen mehr Gefühl habt, – nein, 's ist reine, klare, hünd'sche Gemeinheit, – wollt' den Teufel betrügen, und Eure eigne Haut retten; – seh' ich nicht durch und durch? All Euer religiös Werden, wie Ihr's nennt, ist zu erbärmlich gemein für irgend eine Kreatur; – habt Euer ganzes Leben 'ne lange Rechnung mit dem Teufel gemacht, und wollt Euch dann davon schleichen, wenn's an's Zahlen geht! Pah!“

„Kommt', kommt', meine Herren, halt, das ist kein Geschäft,“ sagte Marks. „Ihr wißt, es giebt verschiedene Seiten, alle Dinge zu betrachten. Mr. Haley ist ein vortrefflicher Mann, ohne Zweifel, und hat sein eignes Gewissen; und Ihr, Tom, habt Eure Ansichten, und sehr gute, Tom; aber Streit anfangen, wißt Ihr, führt zu keinem Zwecke. Laßt uns also an's Geschäft gehen. Nun, Mr. Haley, was ist's? – Ihr wollt, wir sollen's übernehmen, die Dirne da einzufangen?“

„Die Dirne geht mich nichts an, – sie gehört Shelby; 's ist nur ihr Junges. Ein Esel war ich, daß ich den Affen gekauft habe!“

„Ihr seid meist immer ein Esel!“ sagte Tom brummisch.

„Na, Locker, keine Bisse weiter,“ sagte Marks, seine Lippen leckend; „Ihr seht, Mr. Haley will uns ein gutes Geschäft machen lassen, gewiß; nun seid 'mal ruhig; – diese Art Sachen abzumachen das ist grade mein Forte. Also, Mr. Haley, diese Dirne, – wie ist sie? was ist sie?“

„Nun, – weiß und hübsch, – gut aufgebracht. Ich hätte Shelby so 'n achthundert oder tausend für geboten, und doch noch ein gutes Geschäft mit gemacht.“

„Weiß und hübsch, – gut aufgebracht!“ sagte Marks, während seine scharfen Augen, Nase und Mund von Begierde strahlten; – „nun, schaut hier, Locker, ist das nicht eine prächtige Gelegenheit? Wir machen hier ein Geschäft für eigne Rechnung; – wir besorgen 's Fangen: – das Junge natürlich kriegt Mr. Haley, – und die Dirne bringen wir nach Orleans, und speculiren mit. Ist es nicht prächtig?“

Tom, dessen großer, schwerer Mund während der Mittheilung weit offen gestanden hatte, ließ ihn jetzt plötzlich zuschnappen, ungefähr so, wie ein großer Hund ein Stück Fleisch fest zu halten pflegt, und schien die Idee in Gemächlichkeit verdauen zu wollen.

„Seht,“ sagte Marks zu Haley, während er seinen Punsch umrührte, „seht, wir haben hier das ganze Ufer entlang, auf allen Punkten, Richter genug, die uns 'nen kleinen Gefallen in unsern Geschäften thun, – ganz billig. Tom besorgt das Festhalten und so, – und ich komme dann herein, – angezogen, – blanke Stiefeln, – alles großartig, wenn das Schwören abzunehmen ist. Solltet nur 'mal sehen,“ sagte Marks in einem Gefühle geschäftigen Stolzes, „wie ich dabei reden kann. Heut bin ich Mr. Twickem, von New-Orleans, – und morgen komm' ich von meinen Plantagen am Perl-Fluß; und ein andres Mal bin ich ein weitläufiger Verwandter von Henry Clay, oder sonst irgend 'nen alten Hahn in Kentucky. Ihr wißt, Talente sind verschieden. Tom ist ein Hauptkerl, wenn's an's Schlagen geht, – aber lügen, – nein, dazu ist er nichts nütze, Tom nicht, – seht, 's ist ihm gar nicht natürlich; aber, Herr, wenn da Einer ist, im ganzen Lande, der Alles und Jedes beschwören kann, und alle die Umstände und was dazu gehört, hinein bringen kann, und bringt's besser durch als ich, – den möcht' ich sehen! – Ich glaube, – meiner Seel' – ich käme durch, wenn auch die Richter genauer wären, als sie sind. Manchmal war's mir wirklich lieber, wenn sie genauer waren; – 's machte mehr Spaß, – wißt Ihr.“

Tom Locker, der, wie wir angedeutet haben, ein Mensch von langsamen Entschlüssen und Bewegungen war, unterbrach hier Marks dadurch, daß er seine schwere Faust in solcher Weise auf den Tisch niederfallen ließ, daß Alles davon wiederhallte. „Das 's genug!“ rief er.

„Gott sei bei Euch, Tom, Ihr braucht ja nicht alle Gläser zu zerbrechen!“ sagte Marks; „hebt Euch Eure Faust auf, wenn's Noth thut.“

„Aber, meine Herren, soll ich denn keinen Theil am Profit haben?“ fragte Haley.

„Ist 's nicht genug, wenn wir 's Junge für Euch fangen?“ sagte Locker. „Was wollt Ihr weiter?“

„So,“ sagte Haley, „wenn ich Euch 's Geschäft gebe, so ist's doch 'was werth, – wenigstens zehn Procent vom Profit, die Ausgaben abgerechnet.“

„Nu seht mir,“ sagte Locker mit einem schrecklichen Fluche seine schwere Faust von Neuem auf den Tisch nieder schlagend, – „kenn' ich denn Euch nicht, Daniel Haley? Denkt nur nicht, daß Ihr über mich kommen wollt! Nicht wahr, – Marks und ich, wir haben den Fanghandel angefangen grade nur um solchen Herren, wie Ihr seid, zu dienen, und nichts für uns selbst dabei zu haben? – Nein, noch lange nicht, wir wollen's Frauenzimmer haben – ganz, und Ihr haltet 's Maul, oder – versteht Ihr – wir wollen sie beide haben. – Wer sollt' uns hindern? – Habt Ihr uns nicht gezeigt, wie man 's machen muß? 'S ist uns so gut erlaubt wie Euch, denk' ich; – und wenn Ihr oder Shelby etwa Jagd auf uns machen wollt, – na, da seht zu wo die Rebhühner voriges Lager lagen; – wenn Ihr sie findet, soll's recht sein.“

„Schon gut, versteht sich, laßt 's nur so gehen,“ sagte Haley unruhig: – „Ihr fangt mir den Jungen dafür; – weiß ja, Tom, Ihr habt immer ehrlich mit mir gehandelt, und Euer Versprechen gehalten.“

„Ihr wißt's,“ sagte Tom, „daß ich keinen von Euren Schleich- und Schniffelwegen habe, aber ich will auch selbst den Teufel nicht belügen in meinem Geschäfte; – was ich sage, das halt' ich, – Ihr wißt das, Dan Haley!“

„Ganz recht, ganz recht, ich sagt's schon,“ entgegnete Haley, „und wenn Ihr mir nur versprechen wollt, den Jungen in acht Tagen oder so an irgend 'nen bestimmten Ort zu bringen, – das ist Alles, was ich will.“

„Aber, 's ist nicht Alles, was ich will, – lange nicht, –“ sagte Tom. „Ihr müßt nicht denken, ich bin mit Euch in Natchez im Geschäfte gewesen für nichts, Haley; – ich hab's gelernt von Euch 'nen Aal festzuhalten, wenn ich ihn gefangen habe. Ihr müßt mir fünfzig Dollar spucken, baar Geld, – oder mit dem Kinde geht's keinen Schritt vorwärts – kenne Euch!“

„Was, wenn Ihr ein Geschäft macht, was Euch 'en tausend oder sechszehnhundert rein einbringt, Tom, – das ist unbillig,“ sagte Haley.

„Ja, und haben wir denn nicht Geschäfte auf fünf Wochen vollauf, – mehr als wir machen können? Und wenn wir nun Alles liegen lassen und rennen hinter Eurem Jungen her und kriegen endlich 's Weibsstück doch nicht, – und Weibsvolk ist teufelmäßig zu fangen, – was dann? Werdet Ihr uns dann einen Cent bezahlen, – he, wollt Ihr? O ja, ich seh's Euch schon thun, – uf! – Nein, nein, Ihr schmeißt Eure fünfzig Dollar 'raus. Wenn wir 's Geschäft machen und 's lohnt sich, so sollt Ihr sie zurück haben; wenn nicht, so ist's für unsre Mühe, – das ist nicht mehr als billig, nicht wahr, Marks?“

„Versteht sich, versteht sich,“ sagte Marks mit versöhnendem Tone, – „'s ist nur ein Kostenvorschuß, versteht Ihr – he! he! he! – wir sind Advokaten. Wohl, wir müssen Alle bei guter Laune bleiben – versteht Ihr. Tom bringt Euch den Jungen wohin Ihr ihn haben wollt, – nicht wahr, Tom?“

„Wenn ich 's Junge finde, will ich's nach Cincinnati bringen und bei Granny Betcher, am Strande, lassen,“ sagte Locker.

Marks hatte inzwischen aus seiner Tasche eine schmutzige Brieftasche hervorgeholt, aus welcher er ein langes Papier herausnahm, sich niedersetzte und seine stechenden, schwarzen Augen darauf heftend, dessen Inhalt halblaut und abgebrochen zu lesen begann: „Barnes – Shelby Distrikt – Bursche Jim, dreihundert Dollar, todt oder lebendig. – Edwards – Dick und Luey – Mann und Frau, sechshundert Dollar; – Weib Polly mit zwei Jungen – sechshundert für sie oder ihren Kopf.“

„Ich laufe grade nur unsre Liste über, um zu sehen, ob wir das Geschäft handlich übernehmen können. Locker,“ sagte er nach einer Pause, „ich denke, wir müssen Adams und Springer auf die Spur setzen; die sind schon 'ne gute Weile hier notirt.“

„Werden zu viel fordern,“ sagte Tom.

„Das will ich schon abmachen; – sind noch jung im Geschäfte und müssen billig arbeiten,“ sagte Marks, während er fortfuhr zu lesen. „Hier sind drei ganz leichte Fälle, – haben natürlich nichts weiter zu thun, als sie niederzuschießen oder zu schwören, daß sie niedergeschossen sind, – können nicht viel fordern dafür. Die andern Fälle,“ fügte er hinzu, sein Papier wieder zusammenschlagend, „lassen sich schon noch 'ne Weile aufschieben. Also laßt uns die besondern Umstände hören, Mr. Haley. Ihr habt sie also gesehen, die Dirne, als sie an's Ufer kam?“

„Zuverlässig, – so deutlich, wie ich Euch sehe.“

„Und ein Mann half ihr das Ufer hinauf?“ fragte Locker.

„Freilich, das hab' ich gesehen.“

„Wahrscheinlich,“ sagte Marks, „ist sie irgendwo versteckt worden; aber wo – das ist die Frage. Tom, was sagt Ihr?“

„Müssen heute Abend noch über den Fluß, – keine Frage,“ sagte Tom.

„Aber da ist kein Boot,“ sagte Marks; – „und das Eis treibt fürchterlich, Tom, – ist's nicht gefährlich?“

„Weiß nicht – nichts, – aber 's muß geschehen,“ sagte Tom entschieden.

„Nun, aber,“ sagte Marks unruhig, „'s wird – seht nur,“ an das Fenster gehend, „'s ist finster wie in 'nem Wolfsrachen, und, Tom –“

„Kurz und lang, Ihr seid furchtsam, Marks; – kann aber nichts helfen, – müßt hinüber. Glaube gar, Ihr wollt hier ein paar Tage liegen bleiben, bis die Dirne in die Niederung geschleppt ist, nach Sandusky oder so, eh' Ihr Euch dran macht.“

„O nein, bin nicht furchtsam, – gar nicht,“ sagte Marks, „nur –“

„Was nur?“ sagte Tom.

„Ich meine 's Boot. Ihr seht, 's ist kein Boot hier.“

„Die Frau hat mir gesagt, daß eins kommt diesen Abend, und daß ein Mann drin überfahren will. Alles oder nichts, wir müssen mit ihm hinüber,“ sagte Tom.

„Ihr habt doch gute Hunde?“ sagte Haley.

„Die allerbesten,“ sagte Marks; „aber was helfen sie? Ihr habt nichts von ihr, um sie dran riechen zu lassen.“

„O ja,“ entgegnete Haley triumphirend. „Hier ist ihr Tuch, was sie in der Eile auf dem Bette zurückgelassen hat, – und ihr Hut auch.“

„Das ist gut,“ bemerkte Locker, „gebt's her.“

„Aber die Hunde könnten 's Weib beschädigen, wenn sie unversehends drauf zu kämen,“ sagte Haley.

„Freilich, das ist 'ne andre Frage,“ erwiderte Marks. „Unsre Hunde rissen neulich 'nen Kerl halb in Stücke, in Mobile, eh' wir sie von ihm loskriegen konnten.“

„Ja, also, seht, die Sorte wird verkauft darnach wie sie aussieht, also, seht, – das geht nicht,“ sagte Haley.

„Freilich,“ entgegnete Marks. „Außerdem, wenn sie irgendwo versteckt worden ist, hilft's auch nichts. Hunde sind nichts nütze hier in diesen Staaten, wo sie diese Ausreißer fahren; natürlich, sie können die Spur nicht finden. Sie sind nur weiter unten gut, in den Plantagen, wo die Niggers, wenn sie ausreißen wollen, selbst laufen müssen und keine Hülfe bekommen.“

„Na denn,“ sagte Locker, der inzwischen hinausgegangen war, um Erkundigungen einzuziehen, „ich höre, der Mann mit dem Boote ist gekommen; also Marks –“

Dieser Ehrenmann warf einen traurigen Blick auf die behaglichen Verhältnisse, die er verlassen mußte, aber erhob sich langsam von seinem Sitze, um zu gehorchen. Nach einigen weiter gewechselten Worten, das Uebereinkommen betreffend, händigte Haley mit sichtbarem inneren Sträuben, die fünfzig Dollar an Tom aus, und das würdige Trio trennte sich sodann für diesen Abend.

Wenn Einigen unter unsern gebildeten und christlichen Lesern die Gesellschaft zuwider ist, in welche sie in dieser Scene eingeführt worden sind, so müssen wir sie bitten, ihre Vorurtheile bei Zeiten zu bekämpfen, indem wir sie daran erinnern, daß das Geschäft des Einfangens der Sklaven jetzt angefangen hat zu einem gesetzlichen und patriotischen Berufe erhoben zu werden. Wenn all' das weite Land zwischen dem Mississippi und dem stillen Ocean ein großer Markt für Körper und Seelen wird und menschliches Eigenthum die locomotiven Tendenzen des neunzehnten Jahrhunderts beibehält, so können der Sklavenhändler und der Sklavenfänger leicht noch in den Reihen unserer Aristokratie Aufnahme finden.


Während diese Scene sich im Wirthshause zutrug, verfolgten Sam und Andy in höchster Selbstzufriedenheit ihren Rückweg. Sam befand sich im Zustande der vollkommensten Ausgelassenheit und drückte seinen Jubel durch übernatürliches Schreien und Geheul aller Art und durch die verschiedenartigsten Bewegungen und Verdrehungen seines ganzen Körpers aus. Zuweilen saß er rückwärts, mit dem Gesichte nach dem Pferdeschweife zugewendet und sprang dann plötzlich mit einem Schrei und Burzelbaume herum auf die andre Seite und zog sein Gesicht in eine ernste Länge und begann Andy in hochtrabenden Worten Vorhaltungen über sein Lachen und seine Narrenstreiche zu machen. Mit allen diesen Evolutionen gelang es ihm, die Pferde in vollster Eile zu erhalten, bis deren Hufe endlich zwischen zehn und elf Uhr auf dem gepflasterten Wege unter dem Balkone des Hauses erklangen. Mistreß Shelby flog hinaus auf den Balkon.

„Bist Du es, Sam? Wo sind sie?“ rief sie.

„Master Haley ausruht in dem Wirthshause; er 's schrecklich müde, Missis,“ entgegnete Sam.

„Und Elisa, Sam?“

„Sie 's über den Jordan, – wie man könnte sagen, im Lande Canaan.“

„Wie, Sam, was meinst Du?“ sagte Mrs. Shelby athemlos und beinahe ohnmächtig, als sie die mögliche Meinung dieser Worte faßte.

„Wohl, Missis, der Herr schützt die Seinen. Lizy ist über den Fluß gekommen, in Ohio, so merkwürdig, als wenn sie der Herr hinüber getragen hätte in 'nem feurigen Wagen und zwei Pferden.“

Sam's Frömmigkeitsader war immer sehr voll und warm, wenn er vor seiner Mistreß stand, und er pflegte sich dann stark in biblischen Figuren und Bildern zu bewegen.

„Komm' hier herauf, Sam,“ sagte Mr. Shelby, der seiner Frau in die Veranda gefolgt war, „und erzähle Deiner Mistreß, was sie zu wissen verlangt. Komm', komm', Emilie,“ fügte er dann hinzu, „Du bist kalt und frierst; Du gibst Dich Deinen Gefühlen zu sehr hin.“

„Meinen Gefühlen zu sehr hin? Bin ich nicht ein Weib und – eine Mutter? Sind wir nicht beide Gott für dieses arme Wesen verantwortlich? O mein Gott! schreibe diese Sünde nicht in unser Schuldbuch!“

„Welche Sünde, Emilie? Du siehst ja selbst, daß wir nur das gethan haben, was wir gezwungen waren zu thun.“

„Und dennoch lastet ein schreckliches Gefühl von Schuld auf mir,“ sagte Mrs. Shelby, – „ich kann es durch keine Vernunftgründe verscheuchen.“

„Hier Andy, Du, Nigger, sei munter!“ rief Sam unter der Veranda; „bringe hier diese Pferde in den Stall, – hörst nicht Master rufen?“ und gleich darauf erschien Sam, sein Palmblatt in der Hand, in der Thür des Zimmers.

„Nun, Sam, erzähle uns deutlich, was sich begeben hat,“ sagte Mr. Shelby. „Wo ist Elisa, wenn Du es weißt.“

„Wohl, Master, ich sah sie mit mein eigen Augen, wie sie ging 'nüber das schwimmende Eis. 's war ganz erstaunlich, 's war beinahe ein Wunder; – und dann sah' ich einen Mann, der half ihr 'nauf die Ohioseite, und dann war sie verschwunden in Nebel.“

„Sam, dies kommt mir etwas apocryphisch vor – dieses Wunder. Ueber das schwimmende Eis zu gehen, ist nicht so leicht,“ sagte Mr. Shelby.

„Leicht, – kein Mensch hätt's thun können ohne den Herrn. Ja, seht,“ sagte Sam, „'s war just so. Master Haley, und ich, und Andy, wir kommen an das kleine Wirthshaus am Flusse, und ich reite ein Stückchen voraus (war so begierig Lizy zu fangen, konnt' mich gar nicht halten) – und wie ich näher an's Fenster komme, da stand sie groß und breit, und Die hinter mir drein. So ich verliere meinen Hut, und schreie auf laut genug, um alle Todten aufzuwecken. Lizy, natürlich, hört's und duckt sich, wie Master Haley das Fenster passirt; und dann, seht, springt sie durch 'ne Seitenthür hinaus und hinunter an den Fluß. Master Haley sah sie ganz deutlich, und schrie uns zu, und er und ich und Andy, wir hinter ihr drein. – Sie springt grad' hinunter an den Fluß, und da ging ein Strom am Ufer entlang – zehn Fuß breit – und dahinter 'ne große Menge Eis auf und nieder – grade als wär's ein Eiland. Wir sind dicht hinter ihr, und ich dacht' mein Seel', er hätte sie sicher genug, – wenn sie mit einmal solchen Schrei ausstößt wie ich nimmer gehört, – und da war sie – grad' hinüber über den Strom – bis auf's Eis, und nun ging sie weiter – springend und schreiend, – und das Eis ging krack! – krack! – auf und nieder – und sie drüber weg springt grad' wie ein Bock! – O Herr! die Sprünge, die diese Dirnen in sich haben, 's ist unglaublich – denk' ich!“

Mrs. Shelby saß schweigend da, blaß vor innerer Aufregung, während Sam seine Geschichte erzählte.

„Gott sei gelobt, so ist sie nicht todt!“ sagte sie dann; „aber wo ist das arme Kind nun?“

„Der Herr wird sorgen,“ sagte Sam, seine Augen fromm aufrollend. „Wie ich gesagt habe, 's ist 'ne Vorsehung und kein Zweifel, wie Missis uns immer gelehrt hat. Da immer sind Werkzeuge, um des Herrn Willen zu thun. So, wenn's ich nicht gewesen wäre heut, sie wäre ein Dutzend Mal gefangen worden. War's nicht ich, der die Pferde los ließ diesen Morgen und bis gegen Mittag mit herum jagte? Und habe ich nicht Master Haley gut fünf Meilen weit vom Wege abgebracht, diesen Abend, oder er hätte Lizy so leicht eingeholt, wie ein Hund 'nen Affen. Diese Dinge alle Vorsehung.“

„Diese Dinge sind eine Art Vorsehung, die ich Dir in Zukunft rathe wohl zu vermeiden, Master Sam. Ich erlaube nicht dergleichen Streiche gegen Herren auf meiner Besitzung,“ sagte Mr. Shelby mit so vielem Ernste, wie er unter den obwaltenden Umständen in seinem Gesichte zusammenbringen konnte.

Es ist jedoch eben so vergeblich, einen Neger glauben machen zu wollen, daß man erzürnt gegen ihn sei, wie ein Kind; beide erkennen instinktmäßig den wahren Stand der Dinge, aller Bemühungen ungeachtet, den entgegengesetzten Eindruck zu erzeugen, und Sam wurde deßhalb durch diesen Vorwurf nicht im Geringsten entmuthigt, obgleich er die Miene ernster Betrübniß annahm und mit heruntergezogenen Mundwinkeln in höchst reuiger Haltung da stand.

„Master ganz recht – ganz recht; war sehr häßlich von mir – ohne Zweifel, – und natürlich, Master und Missis werden so 'was nicht gut heißen. Sehe das ein, ja – aber ein armer Nigger wie ich manchmal groß in Versuchung, häßlich zu handeln, wenn ein Mensch sich solchen Anschein geben will, wie da Mr. Haley; – er kein Gentleman; – wer so erzogen worden wie ich, das leicht kann sehen.“

„Gut, Sam,“ sagte Mrs. Shelby, „da Du Deine Fehler gebührender Maßen einzusehen scheinst, so magst Du nun zu Tante Chloë gehen und ihr sagen, daß sie Dir von dem kalten Schinken etwas geben soll, der von heut Mittag übrig geblieben ist. Du und Andy, Ihr müßt beide hungrig sein.“

„Missis groß viel zu gut für uns,“ sagte Sam, indem er seine Verbeugung mit großer Behendigkeit machte und das Zimmer verließ.

Unsere Leser werden bemerkt haben, was von uns schon früher angedeutet worden ist, daß Sam ein angeborenes Talent besaß, welches ihn in einem politischen Leben ohne Zweifel zu großer Auszeichnung erhoben haben würde, – das Talent, ein Kapital aus Allem zu machen, was sich ihm darbot, und es zu seinem besondern Preise und Ruhme zweckmäßig anzulegen. Nachdem er jetzt, wie er glaubte, hinreichende Frömmigkeit und Demuth an den Tag gelegt hatte, um sich die Zufriedenheit des herrschaftlichen Wohnzimmers zu sichern, klappte er sein Palmblatt um den Kopf mit einer Art rakish, free and easy air, und wandte sich dem Gebiete Tante Chloë's zu, mit der Absicht, diesen Abend in der Küche eine sehr bedeutende Rolle zu spielen.

„Ich will reden zu diesen Niggers,“ sagte er zu sich selbst, „nun ich 'ne Gelegenheit habe. Herr! wie will ich das rollen auf, daß sie sollen starren!“

Es muß hier erwähnt werden, daß es von jeher zu Sam's größten Genüssen gehört hatte, seinen Herrn als Diener auf Reisen zu politischen Versammlungen jeder Art begleiten zu dürfen, wo er, auf irgend einem eisernen Gitter sitzend oder hoch oben in einem Baume hängend, die Redner mit dem größten Wohlgefallen anzuhören schien, und sodann zu den verschiedenartigen Brüdern seiner eignen Farbe hinab stieg, welche sich zu demselben Zwecke hier versammelt hatten, und diese durch die seltsamsten Possen und Nachahmungen zu ergötzen suchte, welche jedoch alle von ihm mit dem feierlichsten und unerschütterlichsten Ernste zum Besten gegeben wurden; und obgleich die um ihn zunächst versammelten Zuhörer meist Brüder seiner eigenen Farbe waren, so geschah es doch nicht selten, daß diese von einem Kranze hellerer Gesichter eingeschlossen wurden, welche lachend und winkend zu Sam's größter Genugthuung zuhörten. Sam sah überhaupt die Redekunst als das Feld seines Berufes an und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, diesen Beruf zu verherrlichen.

Leider herrschte zwischen Sam und Tante Chloë seit alten Zeiten eine Art chronischer Fehde, oder vielmehr eine entschiedene Kälte; allein, da Sam, als nothwendige Unterlage zu seinen Operationen, auf etwas Solides aus dem Departement der Vorrathskammer speculirte, so beschloß er bei dieser Gelegenheit den möglichst versöhnendsten Ton anzustimmen; denn er wußte sehr wohl, daß, obgleich die von „Missis“ gegebenen Befehle ohne Zweifel buchstäblich befolgt werden würden, es dennoch für ihn von Vortheil sein könne, wenn es ihm zugleich gelänge, den guten Willen Tante Chloë's für sich zu gewinnen. Er erschien deßhalb vor ihr mit einer rührenden Miene von Erschöpfung und Resignation, wie Jemand, der um eines verfolgten Mitmenschen willen namenlose Leiden ausgestanden hat, – brachte die von „Missis“ erhaltene Weisung vor, sich an Tante Chloë wegen der zur Wiederherstellung seines Gleichgewichts erforderlichen Speisen und Getränke zu wenden, – und erkannte dadurch auf unzweifelhafte Weise ihr Hoheitsrecht über das ganze Küchendepartement mit allen Zubehörungen an.

Die List gelang vollkommen; denn nie wurde eine arme, einfache, unschuldige Seele durch einen Stimmen sammelnden Parlamentscandidaten leichter gewonnen, als Tante Chloë durch Sam's Schmeicheleien; und wenn er selbst der verlorene Sohn gewesen wäre, so hätte er nicht mit mehr mütterlicher Freigebigkeit überschüttet werden können. Er fand sich also sehr bald, glücklich und ruhmvoll vor einer zinnernen Pfanne sitzend, welche eine Art olla potrida alles dessen enthielt, was in den letzten zwei bis drei Tagen auf den Tisch gekommen war. Saftige Scheiben Schinken, goldene Stücke Kornkuchen und Fragmente einer Pastete von jeder denkbaren mathematischen Figur, Hühnerflügel, Kropf und Magen, Alles zeigte sich in einer malerischen Mischung; und Sam, als Beherrscher alles dessen, was er übersehen konnte, saß mit fröhlich auf die Seite gedrücktem Palmblatte davor, und erlaubte huldreich Andy, an seiner rechten Seite zu sitzen.

Die ganze Küche war angefüllt mit seinen Gevattern, die von ihren verschiedenen Hütten herbeigeeilt waren und sich hineingedrängt hatten, um das Resultat der Tagesbegebenheiten zu hören. Jetzt hatte Sam's glorreiche Stunde geschlagen. Die Geschichte des Tages wurde mit jeder möglichen Ausschmückung wiederholt, die dazu dienen konnte, den Effekt zu erhöhen; denn Sam, gleich einigen unserer modernen Dilettanti, ließ nie eine Erzählung an ihrer Vergoldung dadurch verlieren, daß sie durch seine Hände ging. Brüllendes Gelächter begleitete den Bericht, und wurde von der jüngern Brut, welche in verschiedenen Gruppen auf dem Erdboden und in allen Ecken umher lag, aufgenommen und fortgesetzt. Sam hingegen bewahrte während dieses Tumultes und Gelächters den unerschütterlichsten Ernst, nur von Zeit zu Zeit seine Augen aufrollend und seinen Zuhörern unaussprechlich komische Blicke zuwerfend, ohne jedoch seinen salbungsreichen Ton zu verlassen.

„Seht, Landsleute,“ sagte Sam, während er eine Entenkeule mit großer Energie aufhob, – „Ihr seht nun, dieses Kind grade – wie das ist ein Schutz geworden für Euch alle, – ja, Euch alle, denn wer einen von unsern Leuten versucht zu langen, ist eben so gut, als wenn alle: Ihr seht, das Princip 's dasselbe, – das ist klar. Und jeder von diesen Treibern, der da kommt hier herum schnüffeln nach unsern Leuten, ja, er soll mich treffen in seinem Wege; – ich bin der Kerl, mit dem er anbinden muß, – ich bin der Kerl, zu dem Ihr alle kommen müßt, Brüder, – ich will aufstehen für Eure Rechte, – ich sie vertheidigen bis zum letzten Hauch!“

„Aber Sam, erst diesen Morgen sagtest Du mir, daß Du Master helfen wolltest, Lizy zu fangen, – scheint mir doch, 's hängt nicht recht zusammen, was Du sagst,“ bemerkte Andy.

„Ich will Dir sagen, Andy,“ entgegnete Sam mit dem Ausdrucke einer furchtbaren Ueberlegenheit, „mußt nicht sprechen, von was Du gar nicht verstehst, – Burschen wie Du, Andy, meinen's gut, aber können nicht die großen Princips von Handlungen colludiren.“

Andy machte eine verlegene Miene, besonders in Folge des gewichtigen Wortes „colludiren,“ welches alle die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft als entscheidend in der Sache ansahen, während Sam fortfuhr:

„Das war Gewissen, Andy; – als ich dachte drauf Lizy zu verfolgen, glaubt' ich, Master sitze den Weg; als ich fand, Missis saß den andern Weg, das war Gewissen noch mehr, – denn 's immer besser für unser Einen auf Missis Seite halten, – so Du siehst also, ich bin persistent auf jedem Wege, und halte auf Gewissen – und auf Princips. Ja, Princips,“ sagte Sam, einem Gänsehalse einen enthusiastischen Stoß versetzend, – „wozu sind Princips gut, wenn wir nicht persistent sind, ich möchte wissen? – Da, Andy, kannst den Knochen hier haben, – 's ist noch was dran.“

Da Sam's Zuhörer mit offenem Munde an seinen Worten hingen, so konnte er nicht anders als fortfahren.

„Dieser Gegenstand von Persistenz, Brüder Niggers,“ sagte Sam mit einer Miene, als wolle er auf ein höchst abstraktes Thema eingehen, – „ist ein Ding nicht ganz klar für manchen Einen. Seht, wenn ein Mensch ist ganz einen Tag und Nacht für eine Sache, und den nächsten für 'ne andre, die Leute sagen (natürlich genug) er ist nicht persistent; – Andy, reich' mir das Stück Kornkuchen da. – Aber wollen's näher anschauen. Ich hoffe, die Herren und die Damen vom schönen Geschlecht werden 'ne ordinäre Gleichung entschuldigen. Hier! ich will hinauf steigen den Heuhaufen. Gut, ich setze meine Leiter diese Seite, – 's geht nicht; – dann, versteht sich, ich setze meine Leiter just die andere Seite, – bin ich nicht persistent? Ich bin persistent, weil ich irgend eine Seite hinauf steigen will, wo meine Leiter ist; – seht Ihr nicht das alle?“

„'S ist das Einzige, wo Du je bist persistent in, Gott weiß!“ murmelte Tante Chloë, welche allmählig anfing aufsätzig zu werden, da die Fröhlichkeit des Abends für sie – nach einem biblischen Gleichnisse – „wie Essig auf der Kreide“ war.

„Ja, wirklich!“ sagte Sam, erfüllt von Abendessen und Ruhmgefühl, zu einer letzten Anstrengung sich erhebend. „Ja, meine Mitbürger und Damen vom andern Geschlecht im Allgemeinen, ich habe Princip's, – bin stolz zu bekennen, – sind vortrefflich in dieser Zeit und aller Zeit. Ich habe Princips, und halte fest dran wie vierzig; – ja, Alles was ich denke, ist Princip, ich gehe hinein; – ich fragte nicht, wenn sie mich verbrennen wollten lebendig, ich ging grade 'nauf an den Scheiterhaufen, ich wollte, – und sagte, hier ich komme, mein Blut zu gießen für meine Princips, mein Vaterland, und die gemeinen Vortheile der menschlichen Gesellschaft.“

„So,“ sagte Tante Chloë, „ich denke, eins von Deinen Princips wird sein, endlich zu Bett zu gehen, und nicht alle Welt aufzuhalten bis 'n frühen Morgen. Nu, Ihr da, Jungens, wenn Ihr nicht 'was an den Kopf haben wollt, macht fort, – mächtig schnell!“

„Niggers! Ihr alle!“ sagte Sam, sein Palmblatt mit Wohlwollen schwenkend, „ich gebe Euch allen meinen Segen; – geht zu Bett und seid gute Jungens!“

Und nach dieser pathetischen Benediktion zerstreute sich die Versammlung.


Neuntes Kapitel.

Worin es sich zeigt, daß ein Senator nur ein Mensch ist.

Der Schein eines behaglichen Feuers fiel auf den Teppich eines kleinen, bequemen Wohnzimmers, und schimmerte auf den Seiten der Theetassen und der blank geputzten Theekanne, als Senator Bird sich seine Stiefeln auszog, als Vorbereitung dazu, seine Füße in ein Paar neuer, schöner Pantoffeln schlüpfen zu lassen, welche seine Frau für ihn während seiner Abwesenheit in seinen Geschäften als Senator gefertigt hatte. Mistreß Bird, ein Bild innerer Wonne in diesem Momente, war beschäftigt, das Arrangement des Tisches zu treffen, während sie dabei von Zeit zu Zeit ermahnende Bemerkungen an eine Zahl fröhlicher Kleinen ergehen ließ, welche sich mit allerhand Arten nicht zu beschreibender, muthwilliger Streiche belustigten, die je Mütter seit der Sündfluth in Erstaunen gesetzt haben.

„Tom, laß den Thürknopf los, es kömmt ein Mann! – Marie! Marie! zupfe die Katze nicht an dem Schwanz, – armes Thierchen! Dim, Du mußt nicht auf den Tisch klettern, – nein! – Ach, Du kannst nicht glauben, mein Lieber, wie Du uns Alle überrascht hast, Dich heut Abend noch hier zu sehen!“ sagte sie, als sie endlich einen Augenblick Zeit gefunden, auch ein paar Worte an ihren Mann zu richten.

„Ja, ja, ich dachte, ich wollte grad 'mal hinunterlaufen, eine Nacht hier zubringen und mich zu Hause pflegen. Ich bin todtmüde und mein Kopf thut mir weh.“

Mrs. Bird warf einen Blick nach der Kampferflasche, welche in dem halb geöffneten Wandschranke stand, und verrieth die Absicht, sie holen zu wollen, allein ihr Mann verhinderte es.

„Nein, nein, Marie, nicht doktern, eine Tasse guten, heißen Thees und etwas von unserer guten Hauskost ist Alles, was ich brauche. 's ist ein ermüdendes Geschäft, – diese Gesetzgebung!“

Und der Senator lächelte, als wenn er sich in dem Gedanken gefiele, sich als eine Art Opfer für sein Vaterland anzusehen.

„Nun,“ sagte seine Frau, als die Geschäfte am Theetische allmählich nachzulassen schienen, „was ist denn im Senate verhandelt worden?“

Es war eine ganz ungewöhnliche Erscheinung bei der sanften, kleinen Mistreß Bird, daß sie sich jemals den Kopf mit dem beschwerte, was im Senatshause vorging, indem sie weislich bedachte, daß sie genug mit ihren eigenen Geschäften zu thun habe. Mr. Bird schlug deßhalb seine Augen verwundert auf und sagte nur:

„Nicht viel von Bedeutung.“

„Aber ist es denn wahr,“ fuhr seine kleine Frau fort, „daß ein Gesetz erlassen worden ist, was verbietet, den armen farbigen Leuten, die manchmal des Weges kommen, zu essen und zu trinken zu geben? Ich hörte davon reden, daß ein solches Gesetz im Vorschlage sei; aber ich konnte mir nicht denken, daß irgend eine christliche Gesetzgebung es wirklich erlassen könne!“

„Wie, Marie, Du wirst ja förmlich ein Politiker, – mit einem Male,“ sagte Mr. Bird lächelnd.

„Nein, Thorheit! Ich kümmere mich für gewöhnlich nicht im Geringsten um Eure Politik, aber dieses würde ich für etwas durchaus Grausames und Unchristliches halten. Nicht wahr, lieber Mann, ein solches Gesetz ist nicht erlassen worden?“

„Es ist allerdings ein Gesetz erlassen worden, mein Kind, welches verbietet, den von Kentucky herüber kommenden flüchtigen Sklaven fortzuhelfen. So weit haben es diese rücksichtslosen Abolitionisten getrieben, daß unsere Brüder in Kentucky in gewaltiger Aufregung sind, und es sowohl nothwendig wie christlich und billig zu sein scheint, daß von Seiten unseres Staates Etwas geschehe, um diese Aufregung zu stillen.“

„Und worin besteht das Gesetz? Es verbietet uns doch nicht, diesen armen Kreaturen ein Nachtlager zu geben, und ihnen etwas zu essen und ein paar alte Kleidungsstücke zu reichen, und sodann ruhig wieder fortzuschicken? – oder thut es das?“

„Allerdings, meine Liebe, das würde helfen und begünstigen sein, – verstehst Du?“

Mrs. Bird war eine furchtsame, scheue, kleine Frau, ungefähr vier Fuß groß, mit sanften, blauen Augen, einem Gesichtchen, so zart wie eine Pfirsichblüthe, und einer weichen, sanften Stimme. Was ihren Muth betraf, so war es bekannt, daß ein mäßiger Truthahn sie durch sein erstes Kollern oft in die Flucht gejagt hatte, und ein gewöhnlicher Haushund sie durch bloßes Zähnefletschen zur Unterwürfigkeit bringen konnte. Ihr Mann und ihre Kinder waren ihre Welt, und in dieser herrschte sie mehr durch Bitte und Ueberredung, als durch Gründe und Befehle. Es gab nur eine Art von Veranlassung, die sie zu Heftigkeit aufreizen konnte, und diese war gerade gegen ihr sanftes, mitfühlendes Gemüth gerichtet; – jede Art von Grausamkeit versetzte sie in heftige Leidenschaft, die um so auffallender und unerklärlicher war, als sie mit der gewöhnlichen Sanftmuth ihres Gemüthes in so grellem Widerspruche stand. Obgleich sie für gewöhnlich die nachsichtigste Mutter und so sehr leicht zu erbitten war, so bewahrten ihre Söhne dennoch ein sehr ehrfurchtsvolles Andenken an eine strenge Züchtigung, die sie ihnen einst ertheilt hatte, als sie in Verbindung mit einigen gottlosen Buben der Nachbarschaft ein hülfloses Hühnchen gesteinigt hatten.

„Ich sage Dir,“ pflegte Bill zu sagen, „ich war ganz erschrocken damals. Mutter kam auf mich zu, als wenn sie rasend wäre, und peitschte mich, und warf mich in's Bett, ohne Abendbrod, ehe ich nur zur Besinnung kommen konnte; und nachher hörte ich Mutter'n vor der Thüre weinen, was mir noch mehr weh that, als alles Andere. Ich sage Dir, wir Jungens haben nie wieder ein Huhn gesteinigt!“

Bei der gegenwärtigen Veranlassung erhob sich Mrs. Bird schnell mit hoch gerötheten Wangen, die ihre ganze Erscheinung verschönerten, ging mit einer ganz entschlossenen Miene auf ihren Mann zu und sagte zu ihm in entschiedenem Tone:

„Nun, John, ich möchte wissen, ob Du solch ein Gesetz für recht und christlich hältst?“

„Du wirst mich doch nicht todt schießen, Marie, wenn ich ja sage?“

„Ich hätte es nie von Dir gedacht, John; – nicht wahr, Du hast nicht dafür gestimmt?“

„Ganz gewiß habe ich, mein schöner, kleiner Politiker.“

„So solltest Du Dich schämen, John! Arme, heimathlose, obdachlose Geschöpfe! Es ist ein schändliches, schlechtes, abscheuliches Gesetz, und ich will bei der ersten Gelegenheit, die sich mir darbietet, es übertreten; und ich hoffe, daß sich mir eine darbieten wird, gewiß! Es ist weit gekommen, wenn eine Frau nicht mehr ein warmes Abendbrod und ein Bett solchen verkümmernden Kreaturen geben kann, gerade deßhalb, weil sie Sklaven sind, und ihr ganzes Leben lang mißhandelt und gedrückt worden sind!“

„Aber, Marie, höre mich nur einmal an. Deine Gefühle sind ganz wahr und achtungswerth, und ich liebe Dich um ihrer willen; aber, meine Theuerste, wir dürfen unser Urtheil nicht mit unsern Gefühlen davon laufen lassen; bedenke, es hat nichts mit unsern Privatempfindungen zu thun, – es handelt sich hier um große, allgemeine Interessen, – es herrscht und steigert sich täglich eine so allgemeine Aufregung, daß wir unsere Privatempfindungen bei Seite setzen müssen.“

„Höre, John, ich verstehe nichts von Politik, aber ich kann meine Bibel lesen; und die sagt mir, daß ich Hungrige speisen, Nackte kleiden und die bekümmerten Herzens sind, trösten soll; und meiner Bibel bin ich zu folgen entschlossen.“

„Allein in Fällen, in denen eine solche Handlungsweise von Deiner Seite große allgemeine Nachtheile zur Folge haben würde –“

„Gott gehorchen kann nie allgemeine Uebel herbei führen; ich weiß, es kann nicht. Es ist immer am sichersten, überall das zu thun, was Er uns gebietet!“

„Höre mich nur einmal an, Marie, und ich kann Dir einen ganz klaren Beweis geben, daß –“

„O Thorheit, John! Du könntest die ganze Nacht sprechen, es würde Dir doch nicht gelingen. Ich frage Dich, John, könntest Du ein armes, frierendes, hungriges Wesen von der Thür jagen, weil es ein entlaufener Sklave ist? Könntest Du es thun?“

Um die Wahrheit zu sagen, unser Senator hatte das Unglück, ein Mann von ganz besonders menschenfreundlichem, zugänglichem Gemüthe zu sein, und Jemanden von sich zu stoßen, der sich in Noth und Elend befand, war nie seine starke Seite gewesen; und was die Verlegenheit, in welche ihn dieses Argument versetzte, noch vermehrte, war das, daß seine Frau es wußte, und also einen Angriff auf einen ganz unzuvertheidigenden Punkt machte. Er nahm deßhalb zu den unter solchen Umständen gewöhnlichen Mitteln, Zeit zu gewinnen, Zuflucht: er sagte „hm“ und hustete mehrmals, und nahm sein Taschentuch heraus, um seine Brillengläser abzuwischen. Mrs. Bird inzwischen, die den vertheidigungslosen Zustand des feindlichen Gebietes erkannte, war gewissenlos genug, ihren Vortheil noch weiter zu verfolgen.

„Ich möchte Dich das wohl thun sehen, John, – wahrlich! Zum Beispiel, ein Weib in ein Schneegestöber hinausstoßen; oder vielleicht würdest Du sie aufnehmen und dann in's Gefängniß abliefern, – nicht wahr? Das wäre ganz was für Dich!“

„Es würde natürlich eine sehr unangenehme Pflicht für mich sein,“ begann Mr. Bird in gemäßigtem Tone.

„Pflicht, John! gebrauche nicht diesen Ausdruck! Du weißt, es ist keine Pflicht, es kann keine Pflicht sein! Wenn Leute wollen, daß ihre Sklaven nicht davonlaufen, so mögen sie sie gut behandeln, – das ist meine Ansicht. Wenn ich Sklaven besäße (was, ich hoffe, nie geschehen wird), so möchte ich wohl sehen, ob sie mir oder Dir davonlaufen würden, John. Ich sage Dir, sie laufen nicht davon, wenn sie glücklich sind; und wenn sie entfliehen, – die armen Wesen! – so haben sie genug an Kälte, Hunger und Furcht auszustehen, auch wenn sie nicht von Jedermann feindlich behandelt und verfolgt werden; Gesetz oder nicht, ich will es nimmer thun, so helfe mir Gott!“

„Marie! Marie! Meine Liebe, laß mich mit Dir aus Gründen streiten,“ sagte Mr. Bird.

„Ich hasse dieses Streiten aus Gründen, John, – besonders über solche Gegenstände. Ihr Politiker habt eine Weise, eine einfache, richtige Sache gänzlich zu verdrehen, und wenn es zum Handeln kömmt, so glaubt Ihr selbst nicht dran. Ich kenne Dich zu gut, John, Du hältst es ebenso wenig für recht wie ich, – und Du würdest es ebenso wenig thun wie ich.“

In diesem kritischen Momente steckte der alte Cudjoe, der einzige schwarze Diener des Hauses, seinen Kopf in die Thür und bat, „daß Missis in die Küche kommen möchte;“ und unser Senator, ziemlich erleichtert, schaute seiner kleinen Frau mit einer komischen Mischung von Vergnügen und Aerger nach, und setzte sich sodann in den Lehnstuhl und begann die Zeitungen zu lesen.

Wenige Augenblicke nachher wurde die Stimme seiner Frau in einem hastigen, eifrigen Tone an der Thür gehört: – „John! John! bitte, komm' einen Augenblick hierher!“

Mr. Bird legte die Zeitungen bei Seite und ging nach der Küche, wo er über den Anblick erschrack, der sich ihm darbot. Ein junges, schlank gebautes Frauenzimmer, mit zerrissenen und gefrorenen Kleidungsstücken, nur mit einem Schuhe bekleidet, während von dem andern verwundeten und blutenden Fuße der Strumpf herabgerissen war, befand sich in einer todtenähnlichen Ohnmacht auf zwei Stühlen liegend. Der Ausdruck des verachteten Geschlechtes lag auf ihrem Gesichte, aber jeder Umstehende fühlte unwillkührlich die rührende, traurige Schönheit desselben, während die steinerne Schärfe, der kalte, starre, todtenähnliche Anblick einen feierlichen Schauer über Jeden ausgossen. Mr. Bird hielt den Athem an und stand schweigend da. Seine Frau und deren einzige farbige Dienerin, die alte Tante Dinah, waren eifrigst bemüht, wiederbelebende Mittel zur Anwendung zu bringen, während der alte Cudjoe den Knaben auf seinem Schooße hielt, ihm die Schuhe und Strümpfe auszog und die kalten kleinen Füße zu erwärmen versuchte.

„Nu sicher, ist's nicht ein schrecklicher Anblick zu sehen!“ sagte die alte Dinah mitleidig; „'s scheint, sie ist von der Hitze ohnmächtig geworden. Sie war ziemlich munter als sie hereinkam, und fragte, ob sie sich hier ein Bißchen wärmen könnte; und ich wollte sie just fragen, wo sie her käme, als sie gradezu ohnmächtig niederfiel. Hat nie viel harte Arbeit gethan, vermuthe, nach ihren Händen.“

„Armes Wesen!“ sagte Mrs. Bird mitleidig, während das Frauenzimmer langsam ihre großen, schwarzen Augen aufschlug, und gedankenlos um sich schaute. Plötzlich fuhr ein schmerzhafter Zug über ihr Gesicht, und sie sprang auf mit den Worten: „O mein Harry! Haben sie ihn?“

Der Knabe, als er dies hörte, sprang von Cudjoe's Schooß, und lief an ihre Seite, indem er seine Arme zu ihr hinaufstreckte. „O, da ist er! da ist er!“ rief sie.

„O Madame,“ fuhr sie in wilder Aufregung fort, „ich bitte Sie, beschützen Sie uns! lassen Sie sie ihn mir nicht nehmen!“

„Niemand soll Dir hier ein Leid zufügen, armes Weib,“ sagte Mrs. Bird, ihr Muth einflößend. „Du bist hier sicher; fürchte nichts.“

„Gott segne Sie!“ sagte das Weib schluchzend und ihr Gesicht bedeckend, während der Knabe, als er seine Mutter weinen sah, auf ihren Schooß zu steigen versuchte.

Durch manche sanfte, weibliche Zusprache, die Niemand besser verstand als Mistreß Bird, wurde das arme Weib allmählig ruhiger. Ein einstweiliges Bett wurde für sie auf den Sitz am Feuer aufgeschlagen; und nach kurzer Zeit fiel sie mit dem Kinde in einen festen Schlaf, welches, nicht weniger ermüdet, ebenfalls in tiefen Schlummer versank, während sie es in ihrem Arme hielt; denn die Mutter widerstand mit fieberhafter Angst jedem, auch dem freundlichsten Versuche, es ihr abzunehmen, und selbst während des Schlafes preßte sich ihr Arm mit krampfhaftem Drucke um dasselbe, als könne sie selbst dann nicht in ihrer wachsamen Hut betrogen werden.

Mr. und Mistreß Bird waren nach ihrem Zimmer zurückgegangen, wo, so sonderbar es erscheinen mag, von keiner Seite irgend eine Erwähnung der vorangegangenen Unterhaltung gemacht wurde, indem Mrs. Bird eifrig zu stricken begann, und Mr. Bird sich den Anschein gab, als lese er die Zeitungen.

„Ich möchte wissen, wer und was sie ist!“ sagte endlich Mr. Bird, das Blatt niederlegend.

„Wenn sie aufwacht und sich erholt hat, können wir es hören,“ entgegnete Mrs. Bird.

„Höre, Frau!“ sagte Mr. Bird, nachdem er wieder eine Weile über seinen Zeitungen gebrütet hatte.

„Was, lieber Mann?“

„Sie könnte wohl keins von Deinen Kleidern tragen, wenn Du einen Saum ausließest, oder so etwas? Sie scheint etwas größer zu sein als Du.“

Ein stilles Lächeln schimmerte über Mistreß Bird's Gesicht, während sie antwortete: „Wir wollen sehen.“

Nach einer neuen Pause brach Mr. Bird von Neuem hervor: „höre Frau!“

„Was denn nun?“

„Sieh, da ist der alte Mantel von Bombasin, den Du besonders aufhebst, um ihn über mich zu breiten, wenn ich mein Nachmittagsschläfchen mache, – den könntest Du ihr wohl geben, – sie braucht neue Kleidung.“

In diesem Augenblicke schaute Dinah in die Thür mit der Anzeige, daß die Frau erwacht sei, und Missis zu sehen wünsche.

Mr. und Mistreß Bird gingen nach der Küche, von ihren beiden ältesten Söhnen gefolgt, während die jüngere Brut vorher schon in ihre Betten sicher niedergelegt worden war.

Die Frau saß jetzt aufrecht auf dem Sitze am Feuer, unverwandt in die Gluth mit einem ruhigen, schmerzlichen Ausdrucke schauend, der von ihrer vorherigen, wilden Aufregung sehr verschieden war.

„Hast Du nach mir verlangt?“ sagte Mrs. Bird in sanften Tönen. „Ich hoffe, Du fühlst Dich jetzt wohler, arme Frau.“

Ein tiefer, bebender Seufzer war die einzige Antwort; aber sie schlug ihre dunklen Augen auf, und heftete sie auf die Fragende mit einem so trostlosen, flehenden Blicke, daß der kleinen Frau augenblicklich die Thränen in die Augen traten.

„Du brauchst Dich nicht zu fürchten, wir sind Freunde hier, arme Frau! Sage mir, woher Du kommst, und was Du willst?“ sagte sie.

„Ich kam von Kentucky,“ entgegnete die Frau.

„Wann?“ fragte Mr. Bird, das Verhör fortsetzend.

„Diesen Abend.“

„Auf welche Weise kamst Du herüber?“

„Ich ging über das Eis.“

„Ueber das Eis?“ wiederholten alle Umstehenden.

„Ja,“ entgegnete die Frau langsam. „Gott half mir, und ich ging über das Eis; denn Jene waren hinter mir, – dicht hinter mir, – und es gab keinen andern Weg!“

„O Herr!“ rief Cudjoe, „Missis, das Eis ist lauter Stücke und Blöcke, – geht auf und nieder in dem Wasser!“

„Ich wußte das, – ich wußte es!“ sagte sie wieder mit lebhafter Aufregung; – „aber ich that es! Ich hätte nicht gedacht, daß ich's könnte, – ich dachte nicht, daß ich hinüber kommen würde, aber 's war mir gleich! ich konnte nur sterben, wenn's nicht gelang. Der Herr half mir; – o Niemand weiß, wie groß die Hülfe des Herrn ist, bis er's versucht,“ sagte die Frau mit flammendem Auge.

„Warst Du Sklavin?“ fragte Mr. Bird.

„Ja, Herr, ich gehörte einem Manne in Kentucky.“

„War er hart gegen Dich?“

„Nein, Herr, er war ein guter Herr.“

„Oder war Deine Mistreß hart gegen Dich?“

„Nein, o nein! meine Mistreß war immer gut gegen mich.“

„Was hat Dich denn aber veranlaßt, eine gute Heimath zu verlassen, und davon zu laufen, um Dich solchen Gefahren auszusetzen?“

Die Frau schaute auf zu Mrs. Bird mit einem scharfen, forschenden Blicke, und es entging ihr nicht, daß diese in tiefe Trauer gekleidet war.

„Madame,“ sagte sie plötzlich, „haben Sie jemals ein Kind verloren?“

Die Frage kam unerwartet, und war ein Stoß auf eine frische Wunde; denn erst einen Monat zuvor war ein Lieblingskind der Familie in's Grab gelegt worden.

Mr. Bird wandte sich um und ging an's Fenster, und Mrs. Bird brach in Thränen aus; aber ihre Stimme wieder sammelnd, sagte sie:

„Warum fragst Du mich das? – ja, ich habe ein Kind verloren.“

„Dann werden Sie für mich empfinden. Ich habe zwei verloren, eins nach dem andern, – ich ließ dort ihre Gräber zurück, als ich fortging, – und hatte nur dieses Eine noch. Ich schlief nie eine Nacht ohne ihn; er war Alles, was ich besaß. Er war mein Trost und mein Stolz, Tag und Nacht! und, Madame, sie wollten ihn mir nehmen, – ihn verkaufen – verkaufen nach Süden hinunter, – das Kind, das noch nie in seinem Leben seine Mutter verlassen hatte! – Ich konnt' es nicht tragen, Madame. Ich wußte, daß ich nie wieder zu etwas tauglich sein würde, wenn sie es thaten; und als ich deßhalb wußte, daß die Papiere unterzeichnet waren, und daß er verkauft war, nahm ich ihn und entfloh in der Nacht; und sie verfolgten mich, – der Mann, der ihn gekauft hatte, und einige andre von Masters Leuten, – und sie kamen dicht hinter mir, und ich hörte sie. Da sprang ich auf's Eis, – und wie ich hinüber kam, weiß ich nicht, – das Erste, was ich mich besinnen kann, war, daß mir ein Mann das Ufer hinauf half.“

Das Weib schluchzte nicht und weinte nicht; es war bis zu einem Stadium gelangt, wo Thränen versiegen. Aber alle Umstehenden verriethen, je nach der ihnen eigenthümlichen Weise, das innigste Mitgefühl.

Die beiden kleinen Knaben, nachdem sie verzweiflungsvoll ihre Taschen nach jenen Tüchern durchsucht hatten, von denen Mütter wissen, daß sie dort nie zu finden sind, hatten ihre Gesichter in die Falten des mütterlichen Kleides gesteckt und schluchzten und wischten sich die Augen und Nase nach Herzenslust. Mrs. Bird verbarg ihr Gesicht vollständig im Taschentuche; und die alte Dinah, über deren schwarzes, ehrliches Gesicht die Thränen hinab strömten, rief wiederholt, und mit all' der Inbrunst einer Brüderversammlung: „O Herr! sei uns gnädig!“ während der alte Cudjoe, seine Augen heftig mit dem Rockärmel reibend und die seltsamsten und verschiedenartigsten Gesichter dabei schneidend, zuweilen aus demselben Schlüssel, und mit großer Inbrunst, antwortete. Unser Senator war ein Staatsmann, und konnte deshalb nicht, wie andre Sterbliche, weinen; und deshalb wandte er der ganzen Gesellschaft den Rücken, und sah zum Fenster hinaus, und schien besonders bemüht seine Kehle zu reinigen, und seine Augengläser abzuwischen, wobei er sich zuweilen in einer Weise ausschnaubte, die Verdacht hätte erregen können, wenn Jemand im Stande gewesen wäre, ihn genau zu beobachten.

„Wie kamst Du dazu, mir zu sagen, daß Du einen guten Herrn gehabt habest?“ rief plötzlich Mr. Bird, indem er gewaltsam etwas hinunter schluckte, was ihm in der Kehle aufstieg, und sich plötzlich nach der Frau umwandte.

„Weil er wirklich ein guter Herr war; ich werde das immer von ihm sagen; – und meine Missis war gut; – aber sie konnten sich nicht anders helfen. Sie waren Geld schuldig, und auf eine oder die andre Weise, – ich kann nicht sagen, wie, – war es geschehen, daß ein Mann sie in seine Gewalt bekommen hatte, und daß sie ihm seinen Willen thun mußten. Ich horchte, und hörte, wie er dies zu Missis sagte, und wie sie für mich bat und stritt, – und er sagte, daß er sich nicht helfen könne, und daß die Papiere schon alle unterschrieben wären; – und dann nahm ich mein Kind, und verließ meine Heimath, und floh. Ich wußte, es wäre ganz fruchtlos gewesen, wenn ich hätte versuchen wollen zu leben, nachdem sie 's gethan hätten, – denn dies Kind ist Alles, was ich habe!“

„Hast Du keinen Mann?“

„Ja, aber er gehört einem anderen Herrn. Sein Master ist sehr hart gegen ihn, und will ihn nie ausgehen lassen, um mich zu sehen; und er ist immer schlimmer gegen uns geworden, und hat ihm gedroht, ihn nach Süden zu verkaufen – ich werde ihn wohl nie wieder sehen!“

Der ruhige Ton, in welchem die Frau diese Worte sagte, hätte einen oberflächlichen Beobachter verleiten können zu glauben, daß sie sich in vollständiger Apathie befinde; aber aus ihrem großen dunklen Auge sprach ein stummer, tiefer Schmerz, der einen ganz andern Gemüthszustand verrieth.

„Und wohin willst Du denn gehen, meine gute Frau?“ fragte Mistreß Bird.

„Nach Canada; – wenn ich nur wüßte, wo es wäre. Ist es sehr weit von hier, – Canada?“ sagte sie, mit einfachem, vertrauungsvollem Blicke zu Mrs. Bird aufschauend.

„Armes Wesen!“ sagte Mrs. Bird unwillkührlich.

„Ist es sehr weit von hier, – glauben Sie?“ fragte die Frau eifriger.

„Viel weiter, als Du glaubst, armes Kind!“ sagte Mrs. Bird; „aber wir wollen versuchen und sehen was sich für Dich thun läßt. Hier, Dinah, schlage ihr ein Bett auf in Deinem eignen Zimmer, dicht bei der Küche, und ich will überlegen was morgen früh für sie gethan werden kann. Inzwischen fürchte nichts, liebe Frau; setze Dein Vertrauen auf Gott, er wird Dich beschützen.“

Mrs. Bird und ihr Mann kehrten in das Zimmer zurück. Sie setzte sich in ihren kleinen Wiegenstuhl vor das Feuer und schaukelte sich gedankenvoll hin und her, während Mr. Bird im Zimmer auf und ab schritt, und vor sich hin murmelte: „Puh! pah! fatale, verdammte Geschichte!“ Endlich, zu seiner Frau heran tretend, sagte er:

„Höre, Frau, sie wird von hier fort müssen, heute Nacht noch. Der Kerl wird ihr nach sein auf der Spur und wird morgen früh bei guter Zeit hier sein. Wenn's das Weib allein wäre, so könnte sie ruhig liegen bleiben, bis Alles vorüber ist; aber der kleine Bengel wird nicht still sein können, wenn da ein Trupp Pferde und Menschen ankommt; er wird uns alle verrathen, indem er den Kopf durch irgend ein Fenster oder eine Thür steckt. 'S wär' ein schönes Gericht Fische für mich, wenn Beide gerade jetzt hier gefangen würden! Nein, sie müssen diese Nacht noch fort.“

„Diese Nacht! Wie ist das möglich? – Wohin denn?“

„Gut, ich weiß schon, wohin,“ sagte der Senator, indem er mit nachdenkender Miene anfing, seine Stiefel anzuziehen, und dann innehaltend, als sein Bein halb hinein war, sein Knie mit beiden Armen umschlang und sich in tiefstes Nachsinnen zu verlieren schien.

„'S ist eine verdammte, fatale Geschichte,“ sagte er endlich, seinen Stiefel von Neuem anziehend, „das ist gewiß!“ Als der eine Stiefel glücklich angezogen war, saß der Senator mit dem andern in der Hand da und schien die Figuren des Teppichs gründlich zu studiren. „Aber 's muß doch geschehen, sehe keinen andern Weg, – häng' die ganze Geschichte!“ und er zog den andern Stiefel hastig an und schaute zum Fenster hinaus.

Mrs. Bird war eine sehr discrete kleine Frau, – eine Frau, die nie zu ihrem Manne sagte: ich hab's Dir vorher gesagt! und bei der gegenwärtigen Gelegenheit, obgleich sie recht wohl errieth, welche Richtung die Gedanken ihres Mannes nahmen, hütete sie sich weislich, in dieselben einzugreifen, sondern saß ganz ruhig in ihrem Stuhle und schien ganz vorbereitet, die Beschlüsse ihres Herrn und Gemahls zu hören, sobald er für gut befinden sollte, dieselben zu äußern.

„Siehst Du,“ sagte er, „da ist mein alter Freund, Van Trompe, der von Kentucky herüber gekommen ist und alle seine Sklaven frei gelassen hat, – er hat einen Platz gekauft, etwa sieben Meilen weit die Bucht hinauf, tief in der Waldung drin, wo Niemand hinkommt, ausgenommen, wenn er absichtlich hingeht; – und es ist ein Ort, der nicht leicht ausgefunden wird. Da ist sie sicher genug; aber das Uebel ist, daß Niemand mit einem Wagen diese Nacht dahin fahren kann, als ich selbst.“

„Warum denn nicht? Cudjoe ist ein vortrefflicher Fuhrmann.“

„Ganz gut, aber hier, das ist die Sache. Man muß zweimal über die Bucht fahren, und die zweite Ueberfahrt ist sehr gefährlich, wenn man die Richtung nicht genau kennt. Ich bin hundertmal durchgeritten, und kenne ganz genau alle Wendungen, die ich zu nehmen habe. Also Du siehst, da hilft nichts. Cudjoe muß die Pferde, ungefähr um zwölf Uhr, so still wie möglich anspannen, und ich will sie hinüber bringen; und dann, um der Sache einen Anschein zu geben, muß er mich bis an das nächste Wirthshaus bringen, um mit der Post nach Columbus weiter fahren zu können, die ungefähr zwischen drei und vier Uhr dort ankommt, und so hat es dann den Schein, als wenn ich den Wagen blos zu diesem Zwecke genommen hätte. Ich werde morgen früh recht zeitig in meinen Geschäften sein, aber ich glaube, ich werde nicht viel nütze sein nach alle dem, was gesprochen und gethan worden ist; aber, zum Henker, ich kann nicht anders!“

„Dein Herz ist in diesem Falle besser, als Dein Kopf, John,“ sagte seine Frau, ihre kleine weiße Hand in die seinige legend. „Hätte ich Dich je lieben können, wenn ich Dich nicht besser gekannt hätte, als Du Dich selbst?“ Und die kleine Frau sah bei diesen Worten so hübsch aus, während Thränen in ihren Augen glänzten, daß der Senator dachte, er müsse ganz entschieden ein außerordentlicher Mensch sein, um ein so hübsches Wesen in eine so leidenschaftliche Bewunderung für ihn versetzen zu können; und was konnte er unter diesen Umständen also anderes thun, als gelassen fortgehen, um nach dem Wagen zu sehen. An der Thür hielt er jedoch einen Augenblick an, und kam dann zurück, indem er zaudernd sagte:

„Marie, ich weiß nicht, wie Du darüber denkst, – aber da ist die Kommode voll von Sachen von – von – unsrem armen kleinen Henry.“ So sagend wandte er sich schnell um und schloß die Thür hinter sich.

Die Frau öffnete eine nach einem kleinen Schlafgemach führende Thür, welches dicht neben dem Wohnzimmer belegen war, setzte ein Licht auf ein darin befindliches Bureau, und nahm einen Schlüssel aus einem kleinen Kästchen hervor, den sie gedankenvoll in das Schloß eines unterhalb befindlichen Schubkastens schob, und hielt dann plötzlich inne, während zwei Knaben, welche kinderähnlich ihren Tritten gefolgt waren, hinter ihr standen und ihre Mutter schweigend und mit bedeutsamen Blicken betrachteten. Und o Mutter, die Du dieses liesest, ist in Deinem Hause nie ein Kästchen oder irgend ein Behältniß gewesen, dessen Oeffnen für Dich wie das Wiederöffnen eines kleinen Grabes war? O glückliche Mutter, die Du das nie erfahren hast.

Mrs. Bird öffnete den Schubkasten langsam. Es lagen darin kleine Röckchen von verschiedener Form, Stöße von Hemdchen und Reihen von kleinen Strümpfchen, und aus den Falten eines Papieres blickten selbst ein Paar kleiner, getragener Schuhe mit abgeriebenen Fußspitzen hervor. Ein hölzernes Pferdchen und ein Wagen, ein Kreisel und ein Ball lagen darin, – alles Angedenken, die mit mancher Thräne und dem bittersten Schmerze gesammelt worden waren! Sie setzte sich nieder an den Kasten, lehnte ihr Haupt in ihre Hände, und weinte, bis die Thränen durch ihre Finger in den Kasten niederfielen; dann plötzlich sich aufrichtend, begann sie mit ängstlicher Eile die einfachsten und dauerhaftesten Stücke auszusuchen und sie in ein Bündel zu sammeln.

„Mamma,“ sagte der eine Knabe, ihren Arm sanft berührend, „willst Du denn diese Sachen fortgeben?“

„Meine lieben Kinder,“ entgegnete sie sanft und ernst, „wenn unser lieber kleiner Henry vom Himmel herabblickt, so wird er sich freuen, daß wir dieß thun. Mein Herz hätte sich nie dazu verstehen können, sie an eine gewöhnliche Person fort zu geben, aber ich gebe sie einer Mutter, deren Herz noch mehr gebrochen und noch kummervoller als das meinige ist, und ich hoffe, Gott wird ihnen seinen Segen mit geben!“

Es gibt in dieser Welt besonders gesegnete Seelen, aus deren Kummer Freuden für Andere entsprießen; deren irdische Hoffnungen, wenn sie mit vielen Thränen ins Grab gelegt worden sind, der Same zu heilenden Blumen und zu Balsam für Leidende und Trostlose werden. Und zu diesen gehörte die zarte Frau, die jetzt mit der Lampe dort sitzt und aus deren Augen langsame Thränen fallen, während sie die Angedenken ihres eignen verlorenen Kindes für die ausgestoßene Heimathlose sammelt.

Nach einiger Zeit öffnete Mrs. Bird einen Kleiderschrank, nahm ein oder zwei einfache, brauchbare Kleider heraus, setzte sich an ihrem Arbeitstische mit Nadel, Scheere und Fingerhut nieder, und begann schweigend den ihr von ihrem Manne empfohlenen Proceß des „Auslassens,“ und fuhr emsig damit fort, bis die alte Uhr in der Ecke des Zimmers zwölf schlug und sie ein leises Rasseln der Räder vor der Thür hörte.

„Marie,“ sagte ihr Mann, mit dem Mantel auf dem Arme eintretend, „Du mußt sie nun aufwecken; wir müssen fort.“

Mrs. Bird legte schnell die verschiedenen, von ihr gesammelten Artikel in einen kleinen Mantelsack, bat ihren Mann, diesen in den Wagen bringen zu lassen und ging hinaus, um die Frau zu wecken. Bald darauf erschien diese, in einen Mantel gehüllt, mit Hut und Shawl, was Alles ihrer Wohlthäterin angehört hatte, in der Thür, ihr Kind auf dem Arme tragend. Mr. Bird drängte sie in den Wagen und Mrs. Bird folgte ihr bis an den Tritt desselben. Elisa lehnte sich hinaus und streckte ihre Hand aus, eine Hand, so sanft und schön wie die war, die als Erwiederung gereicht wurde. Sie heftete ihre großen, dunkeln Augen mit unbeschreiblichem Ausdrucke auf Mrs. Bird's Gesicht und schien sprechen zu wollen. Ihre Lippen bewegten sich, – sie versuchte ein, zweimal, aber kein Laut wurde hörbar, und indem sie endlich nur himmelwärts zeigte, mit einem nie zu vergessenden Blicke, sank sie in ihren Sitz zurück und bedeckte ihr Gesicht. Die Thür schloß sich und der Wagen fuhr fort.

Welche Lage war dies nun für einen patriotischen Senator, der die ganze Woche vorher den gesetzgebenden Körper seines Geburtslandes angeregt hatte, strengere Bestimmungen gegen flüchtige Sklaven und deren Helfer und Mitschuldige zu erlassen!

Unser guter Senator wurde in seinem Geburtsstaate von keinem seiner Brüder in Washington in Betreff derjenigen Beredsamkeit übertroffen, welche diesen unsterblichen Ruhm erworben hatte! Wie stolz er dort gesessen hatte, mit den Händen in der Tasche, während er die sentimentale Schwäche derjenigen bespöttelte, die die großen Staatsinteressen über das Wohl einiger elenden Flüchtlinge vergessen wollten! Er war kühn wie ein Löwe in dieser Sache, und „vollständig überzeugt“ davon, so wie jeder, der ihn hörte; allein seine Vorstellung von einem Flüchtlinge war lediglich eine Vorstellung, welche den Buchstaben, aus denen das Wort bestand, – oder höchstens der Abbildung irgend eines kleinen Zeitungsbildes entnommen war, welches einen Mann mit einem Stocke und Bündel darstellte und die Unterschrift trug: „dem Unterzeichneten entlaufen!“ Die zauberische Wirkung wirklichen Elends, – das flehende, menschliche Auge, die schwache, zitternde Hand, das verzweifelnde Flehen um Beistand, der hülflose Todesschmerz, – diese waren ihm fremd geblieben. Er hatte nie daran gedacht, daß ein Flüchtling eine unglückliche Mutter, ein wehrloses Kind sein könne, – gleich dem, das jetzt das wohlbekannte Mützchen seines kleinen verlorenen Henry trug, und da unser armer Senator weder von Stein noch von Stahl, sondern ein Mensch war, und dazu ein edelherziger, so muß Jeder sehen, daß er sich mit seinem Patriotismus in einer bösen Lage befand. Du brauchst nicht über ihn zu frohlocken, guter Bruder des Südens, denn wir haben Winke bekommen, daß Mancher von Euch unter ähnlichen Umständen nicht anders gehandelt haben würde. Wir haben Grund anzunehmen, daß in Kentucky sowohl wie in Mississippi edle, großmüthige Herzen schlagen, denen nie eine Schilderung menschlichen Leidens vergeblich gemacht worden ist. Also, guter Bruder, ist es billig, daß Du von uns Dienste erwartest, die Dein eigenes braves ehrenhaftes Herz Dir nicht zu leisten erlauben würde, wenn Du in unsrer Stelle wärest?

Dem sei, wie ihm wolle, wenn unser guter Senator ein politischer Sünder war, so befand er sich auf dem besten Wege, dafür eine nächtliche Buße zu thun. Es hatte seit längerer Zeit anhaltendes Regenwetter geherrscht und der weiche, fruchtbare Boden von Ohio ist, wie jedermann weiß, ganz besonders für die Fabrikation von Schlamm geeignet, – und der Weg war überdies ein Ohio'scher Bahnweg der guten, alten Zeit.

„O bitte, was für eine Art Weg mag dies sein?“ fragt irgend ein östlicher Reisender, der gewohnt ist, keine andern Ideen mit einem Bahnwege zu verbinden, als die der Ebenheit und Schnelligkeit.

So wisse denn, unschuldiger, östlicher Freund, daß in den gesegneten Regionen des Westens, wo der Koth von sublimer, unergründlicher Tiefe ist, Straßen von runden, rohen Scheiten gebaut werden, welche man dicht und quer über einander legt und sodann mit Erde, Rasen, oder was immer zur Hand sein mag, bewirft, – und dies nennt selbstzufrieden der Eingeborene einen Weg, und versucht sofort darauf zu fahren. Im Laufe der Zeit wäscht natürlich der Regen Rasen und Erde ab, und die Scheite verlieren ihre ursprüngliche Lage und nehmen allerhand malerische Stellungen an, auf und nieder und quer, mit verschieden Abgründen und Gleisen schwarzen Schlammes dazwischen.

Ein solcher Weg war es, welchen unser Senator jetzt stolpernd verfolgte, während er sich mit moralischen Betrachtungen in so ununterbrochener Weise beschäftigte, wie die Umstände es zuließen, indem der Lauf des Wagens etwa folgender Art war: – bump! bump! bump! platsch! nieder in den Schlamm! – Der Senator, die Frau und das Kind verändern ihre Sitze so plötzlich, daß sie ohne besondere Vorbereitung gegen die Fenster der Seite liegen. Der Wagen steckt fest, während Cudjoe außerhalb sehr laut mit den Pferden verhandelt.

Nach wiederholtem Anziehen und Reißen der Zügel, gerade in dem Augenblicke, wo der Senator alle seine Geduld verliert, hebt sich plötzlich der Wagen in Bogen, – die beiden Vorderräder gehen nieder in einen andern Abgrund, und der Senator, die Frau und das Kind, fallen in bunter Mischung auf den Vordersitz, – des Senators Hut ist ihm ohne alle Ceremonie bis über Augen und Nase hinunter gedrückt, und er hält sich für vollständig ausgelöscht; das Kind schreit, und Cudjoe hält außerhalb eine sehr lebhafte Anrede an die Pferde, welche toben und schlagen, und unter wiederholten Peitschenhieben die Stränge reißen. Der Wagen springt auf in einen neuen Bogen, – nieder gehen die Hinterräder, – und Senator, Frau und Kind fliegen zurück auf den Rücksitz, während die Ellbogen des Ersteren Elisa's Hut sehr unsanft berühren, und ihre beiden Füße sich in dem Hute des Senators eingeklemmt befinden, welcher ihm während des Stoßes vom Kopfe gefallen ist. Nach einigen Augenblicken hat der Wagen das Morastloch verlassen; – der Senator findet seinen Hut, die Frau bringt den ihrigen wieder in Ordnung, und beruhigt das Kind, und Alle bereiten sich auf eine Wiederholung vor.

Eine Zeit lang mischt sich nur das regelmäßige bump! bump! der Abwechselung halber, mit einigen Seitenstößen, und die Reisenden fangen an sich Glück zu wünschen, daß ihre Lage dennoch nicht so ganz schlimm ist; allein endlich, und zwar mit einem heftigen Stoße, daß Alle in die Höhe und dann mit unglaublicher Schnelligkeit in ihren Sitz zurückgeworfen werden, hält der Wagen plötzlich ganz still, und nach einer längeren und sehr lebhaften Bewegung außerhalb, erscheint endlich Cudjoe an der Wagenthür.

„Verzeihen Sie, Herr, 's ist mächtig dunkel hier; – weiß nicht, wie wir 'raus kommen sollen; – denke, wir müssen frische Gleise legen.“

Der Senator steigt verzweiflungsvoll aus, indem er vorsichtig mit dem einen Fuße nach einem festen Grunde sucht; – nieder fährt ein Fuß in eine bodenlose Tiefe, – er versucht ihn wieder herauszuziehen, allein er verliert das Gleichgewicht und fällt in den Schlamm, aus welchem er durch Cudjoe in einem höchst traurigen Zustande wieder hervorgezogen wird.

Aber wir wollen aus Mitleid für unsere Leser uns jeder weiteren Schilderung enthalten; genug, es war spät in der Nacht, als der Wagen endlich, triefend und mit Koth bedeckt, die Bucht verließ, und vor der Thür eines großen Farmgebäudes anhielt.

Es kostete nicht wenig Geduld und Ausdauer, die schlafenden Inwohner zu erwecken; aber endlich erschien der ehrenwerthe Besitzer und öffnete die Thür. Es war ein großer, struppiger Orson von Mann, volle sechs Fuß und einige Zoll hoch, und in ein rothwollenes Jagdhemde gekleidet. Eine ziemlich schwere Decke rothen Haares, in einem entschieden ungekämmten Zustande, und ein mehrere Tage alter Bart, verliehen dem Ehrenmanne ein, im gelindesten Ausdrucke, nicht sehr einnehmendes Aeußere. Er stand einige Minuten lang, das Licht hoch erhoben haltend, stumm da, und schaute unsere Reisenden mit einer finsteren, mystischen Miene an, die wirklich komisch war. Unser Senator hatte einige Mühe, ihm das ganze Sachverhältniß vollkommen deutlich zu machen; und während der gute Mann sein Bestes thut, es gehörig aufzufassen, wollen wir unsere Leser etwas näher mit ihm bekannt machen.

Der brave, alte John Van Trompe war früher ein sehr bedeutender Land- und Sklavenbesitzer im Staate Kentucky. Da er nichts weiter zu tragen hatte, als seine eigene Haut, und da er von Natur ein großes, gutes, gerechtes Herz besaß, welches im richtigsten Verhältniß mit seinem gigantischen Körper stand, so hatte er schon seit längeren Jahren mit Mißbehagen die Wirkungen eines für den Unterdrücker und den Unterdrückten gleich nachtheiligen Systems beobachtet. Eines Tages endlich, begann John's großes, gutes Herz zu sehr zu schwellen um seine Fesseln länger tragen zu können; und so nahm er sein Taschenbuch aus seinem Schreibtische hervor, und ging hinüber nach Ohio, und kaufte ein Viertel eines ganzen Stadtgebietes, üppiges Land, fertigte Freilassungsscheine für alle seine Sklaven aus, – Männer, Weiber und Kinder, packte sie auf Wagen, und sandte sie fort, um sich dort niederzulassen; und dann wandte sich Ehren John der Bucht zu, und ließ sich auf einer kleinen, abgelegenen Farm nieder, um sich seines Bewußtseins und seiner Betrachtungen zu freuen.

„Seid Ihr der Mann, der ein armes Weib und ein Kind aufnehmen will, um sie nicht den Sklavenhäschern in die Hände fallen zu lassen?“ sagte der Senator mit Nachdruck.

„Denke schon, daß ich's bin,“ entgegnete Ehren John mit demselben Nachdrucke.

„Ich dachte so,“ sagte der Senator.

„Wenn Jemand kommen solle,“ sagte der gute Mann, seine große, muskulöse Figur aufrichtend, „na, so will ich ihn empfangen; habe auch sieben Söhne, jeder sechs Fuß hoch, die für ihn bereit sind. Bestellt ihm nur mein Compliment,“ fügte John hinzu, „und sagt ihm nur, 's komme gar nicht drauf an, wie bald er komme, – macht gar keinen Unterschied,“ sagte John, durch seine struppigen Haare fahrend, und in lautes Lachen ausbrechend.

Matt, ermüdet und gebrochen, schleppte sich Elisa bis an die Thür, während ihr Kind in festem Schlafe auf ihrem Arme lag. Der rauhe Mann hielt das Licht vor ihr Gesicht, und indem er dann eine Art mitleidigen Grunzens ausstieß, öffnete er die Thür eines kleinen Schlafzimmers, welches neben der großen Küche lag, in der sie standen, und bedeutete sie, da hinein zu gehen. Er holte ein Talglicht, zündete es an, setzte es auf den Tisch, und wendete sich dann an Elisa.

„Brauchst Dich hier nicht zu fürchten, mein Wort, laß kommen wer will. Bin fertig für alles das,“ sagte er, auf einige handfeste Gewehre deutend, die über dem Kamine hingen: – „und die Meisten, die mich kennen, wissen, daß es nicht gut gethan ist, Einen aus meinem Hause wegzuholen, so lange ich drin bin. Also nun, lege Dich hin und schlafe, so ruhig als wenn Dich Deine Mutter wiegte,“ sagte er, während er die Thür zumachte.

„Das ist ein ungewöhnlich hübsches Weibsbild,“ sagte er dann zu dem Senator. „Ja, ja, die Hübschen haben die größte Gefahr auszustehen, oft, wenn sie ein Bißchen Gefühl haben, wie ordentliche Frauenzimmer haben sollen. Kenne das alles.“

Der Senator theilte ihm kurz, in wenigen Worten, Elisa's Geschichte mit.

„O! o! sieh Einer!“ sagte der gute Mann mitleidig; „nun ja! das ist natürlich, versteht sich, armes Wesen! – gehetzt wie ein Thier, grade deshalb, weil sie natürliche Gefühle hat, und das thut, was keine Mutter anders kann. Ich sage Euch, diese Dinge hätten mich beinahe zum Fluchen gebracht, – zu wer weiß was,“ sagte der ehrliche John, während er seine Augen mit der Kehrseite seiner großen, fleckigen Hand wischte. „Ich sage Euch, Mann, es hat Jahre und Jahre gedauert, daß ich nicht in die Kirche ging, weil die Geistlichen da in unsrer ganzen Gegend predigten, daß die Bibel alle diese Schändlichkeiten gut heiße, – und ich konnte nicht mit ihnen fertig werden, mit ihrem Griechisch und Ebräisch, und so ließ ich sie hinter mir, Bibel und Alles. Bin nie in der Kirche gewesen, bis ich einen Pfarrer fand, der 's Alles verstand, Griechisch und Alles, und der grade das Gegentheil sagte; und dann hielt ich fest dran, und ging in die Kirche, – so ist's,“ sagte John, der inzwischen emsig beschäftigt gewesen war, einige vortreffliche Flaschen Cider zu öffnen, die er nunmehr, bei dieser Pause, seinem Gaste offerirte.

„Solltet nun grade hier bleiben, bis es Tag wird,“ sagte er in herzlichem Tone; „ich will meine alte Frau wecken, und Ihr sollt ein Bett im Nu fertig haben.“

„Ich danke Euch, mein guter Freund,“ sagte der Senator, „ich muß fort, um die Nachtpost nach Columbus zu treffen.“

„So, nun, wenn Ihr müßt, so will ich Euch ein Stück begleiten, und Euch einen Richteweg zeigen, der Euch besser hinbringen wird, als der, auf dem Ihr kamt. Das ist ein bitter böser Weg.“

John zog sich an, und war bald fertig, mit einer Laterne in der Hand, um des Senators Wagen einen Hohlweg hinab zu führen, der hinter seinem Hause hinlief. Als sie von einander schieden, drückte der Senator ihm einen Zehndollarschein in die Hand.

„Das ist für sie,“ sagte er kurz.

„Ja, ja,“ entgegnete John mit ähnlicher Kürze.

Beide reichten sich die Hand, und schieden.


Zehntes Kapitel.

Das Eigenthum wird fortgeschafft.

Der Februarmorgen blickte trübe und feucht durch Onkel Tom's Hüttenfenster. Er schien auf traurige Gesichter, den Spiegel trauriger Herzen. Vor dem Feuer stand der Tisch, auf dem eine Plettdecke lag; über einem Stuhl am Feuer hingen einige grobe, aber reine Hemden, und Tante Chloë hatte ein andres vor sich auf dem Tische ausgebreitet. Sorgfältig plettete sie jede Falte und jede Naht mit der gewissenhaftesten Genauigkeit, und hob nur von Zeit zu Zeit ihre Hand zum Gesichte auf, um die Thränen abzuwischen, die herabliefen.

Tom saß dabei, die aufgeschlagene Bibel auf dem Knie haltend, und seinen Kopf in die Hand lehnend, – aber keiner sprach. Es war noch früh, und die Kinder lagen alle fest schlafend in ihrem Rollbette.

Tom, der im vollsten Maße das sanfte, weiche Gefühl für Häuslichkeit hatte, welches ein besondrer charakteristischer Zug dieses unglücklichen Geschlechtes ist, stand auf und ging schweigend an das Bett seiner Kinder, um sie zu betrachten.

„'s ist das letzte Mal,“ sagte er.

Tante Chloë antwortete nicht, sondern plettete nur mit erhöhtem Eifer das grobe Hemd weiter, das bereits so glatt war wie Hände es machen konnten; und indem sie endlich ihr Eisen mit einem verzweifelnden Stoße bei Seite schob, setzte sie sich am Tische nieder, und erhob ihre Stimme, und weinte.

„Glaube schon, wir müssen gefaßt sein; aber, o Herr! wie kann ich? Wenn ich nur wüßte, wo Du hinkämst, und wie sie Dich behandeln werden! Missis sagt, sie will versuchen, und Dich einlösen in ein oder zwei Jahren; aber, o Herr, da kommt ja keiner zurück, der hingegangen ist! Jeder wird ja umgebracht! Hab's ja gehört, wie sie abgetrieben werden da in den Plantagen!“

„'s wird derselbe Gott da sein, Chloë, wie hier.“

„Mag sein,“ sagte Tante Chloë, „aber der Herr läßt schreckliche Dinge geschehen, manchmal. Ich kann da keinen Trost drin finden, – nein!“

„Ich bin in Gottes Hand,“ sagte Tom, „nichts kann gehn weiter als er es will; und da ist eins, wofür ich ihm kann dankbar sein. Ich bin's, der verkauft ist, und hinunter gehen muß, und nicht Du oder die Kinder. Ihr seid hier sicher; – was kommt, kommt nur über mich, und der Herr wird mir helfen, – ich weiß, er wird.“

Braves, männliches Herz! – das seinen eignen Kummer niederdrückt, um andre geliebte Wesen zu trösten! Tom sprach mit schwerer stockender Stimme, aber sprach brav und männlich.

„Laß uns an unsre Wohlthaten denken!“ fügte er mit bebender Stimme hinzu, als wenn er dessen gewiß wäre, daß er das Bedürfniß fühle, an diese sehr ernstlich zu denken.

„Wohlthaten!“ sagte Tante Chloë, „sehe keine Wohlthat drin! 's ist nicht recht! 's ist nicht recht, daß es so sein muß! Master hätte 's nie sollen so kommen lassen, daß Du für seine Schulden genommen werden konntest. Hast ihm Alles verdient, was er für Dich kriegt, doppelt. Er war Dir Deine Freiheit schuldig, und hätte sie Dir geben sollen, vor Jahren schon. Mag sein, daß er sich jetzt nicht helfen kann, aber ich fühle 's, 's ist doch unrecht; – nichts bringt das heraus aus mir. Solches treues Geschöpf, wie Du gewesen bist, – hast immer seine Geschäfte vorgesetzt, überall, vor Deinen eignen, – und immer an ihn mehr gedacht als an Dein eigen Weib und Kinder! Wer Herzliebe und Herzblut verkaufen kann, um herauszukommen aus seiner Noth, – der Herr wird ihm schon dafür lohnen!“

„Chloë! nun, wenn Du mich lieb hast, sprichst Du nicht so, wenn 's vielleicht grade das letzte Mal ist, daß wir so mit einander reden! Und ich sage Dir, Chloë, 's geht mir ganz zuwider, ein Wort gegen Master zu hören. Ist er nicht als ein Säugling in meinen Arm gelegt worden? – 's ist natürlich, daß ich viel auf ihn halte, – und Master kann nicht so viel auf den armen Tom halten. Masters sind gewöhnt, sich alle solche Sachen thun zu lassen, und denken natürlich nicht so viel davon; – 's kann's Niemand erwarten. Setz' ihn andern Mastern an die Seite, – wer hat die Behandlung und 's gute Leben, wie ich's gehabt habe? Und er hätte das nie über mich kommen lassen, wenn er 's hätte vorher sehen können. Ich weiß gewiß!“

„'s ist gut, irgendwo steckt da doch was Unrecht's,“ sagte Tante Chloë, in der ein hartnäckiger Gerechtigkeitssinn vorherrschend war; – „ich kann's nicht ausfinden, wo es steckt, aber irgendwo ist was Unrecht's, – das weiß ich gewiß.“

„Du solltest aufblicken zum Herrn über uns, – er ist über Alle – kein Sperling fällt vom Dache ohne ihn.“

„Es will mich nicht trösten, aber 's kann wohl sein, es sollte,“ sagte Tante Chloë. „Aber 's Reden hilft alles nichts; ich will nur jetzt den Kornkuchen herausnehmen, und Dir ein gutes Frühstück zurecht machen, denn wer weiß, wenn Du wieder eins findest.“

Um die Leiden der nach dem Süden verkauft werdenden Neger gehörig zu würdigen, müssen wir daran erinnern, daß alle instinktmäßigen Neigungen dieses Geschlechtes besonders stark sind. Ihre Anhänglichkeit an Orte namentlich ist dauernd; sie sind zwar nicht kühn und unternehmend, aber häuslich und anhänglich. Man rechne hinzu alle die Schrecken, mit denen Unwissenheit das Fremde, Unbekannte bekleidet, und ferner den Umstand, daß nach dem Süden verkauft werden dem Neger von früher Jugend an als der äußerste, schrecklichste Grad von Strafe vorschwebt. Die Drohung, welche mehr schreckt, als gepeitscht werden oder Tortur irgend einer Art, ist die, den Fluß hinab geschickt zu werden. Wir haben selbst den Ausdruck dieses Gefühl's und den ungekünstelten Schrecken beobachtet, mit dem sie in ihren Mußestunden bei einander sitzen, und sich schauderhafte Geschichten von dem Süden erzählen, der ihnen als

„Das unentdeckte Land, von dessen Gränzen
Kein Reisender je kehrt,“

gilt. Ein Missionär unter den entflohenen Negern in Canada erzählte uns, daß viele von ihnen bekannt hätten, verhältnißmäßig gütigen Herrn entflohen zu sein, und sich den Gefahren der Flucht ausgesetzt zu haben, lediglich durch den furchtbaren Schrecken dazu bewogen, den sie vor dem Verkauftwerden nach dem Süden hegten, einem Schicksale, das drohend über den Häuptern Aller, über Männern, Weibern und Kindern hänge. Dies erfüllt den Afrikaner, der von Natur geduldig und schüchtern ist, mit heroischem Muthe, und läßt ihn Hunger, Kälte und Schmerzen tragen, und sich den Gefahren der Wildniß, und den noch schrecklicheren Strafen des Wiedereinfangens aussetzen.

Das einfache Morgenmahl dampfte jetzt auf dem Tische, denn Mistreß Shelby hatte Tante Chloë von ihren Dienstleistungen im Herrenhause für diesen Morgen entbunden. Die arme Seele hatte alle ihre geringen Kräfte zu diesem Abschiedsmahle erschöpft, – hatte ihre besten Hühner geschlachtet und gebraten, und ihren Kornkuchen mit der gewissenhaftesten Genauigkeit, ganz nach dem Geschmacke ihres Mannes, zubereitet, und brachte endlich noch ein Paar Krüge hervor mit einigen aufbewahrten Raritäten, die nur bei ganz besondern Gelegenheiten zum Vorschein kamen.

„O Pete,“ sagte Mose triumphirend, „haben wir nicht ein prächtiges Frühstück auf dem Tisch!“ in demselben Augenblicke nach einem Stücke Huhn greifend.

Tante Chloë gab ihm eine unerwartete Ohrfeige. „Da nun, kräht über 's letzte Frühstück, das Euer armer Tate hier zu Hause essen wird!“

„O Chloë!“ sagte Tom sanft.

„Ach, ich kann mir nicht helfen,“ sagte Tante Chloë, ihr Gesicht in der Schürze bergend! „ich bin so voll Jammer, das macht mich so häßlich.“

Die Knaben blieben still stehen, und sahen erst ihren Vater, und dann ihre Mutter an, während das jüngste Kind an den Kleidern derselben empor kletterte, und einen gebieterischen, befehlenden Schrei zu erheben begann.

„Da!“ sagte Tante Chloë, ihre Augen trocknend und das Kind aufhebend; – „nun bin ich fertig, denk' ich, – nun iß etwas, – das hier ist mein bestes Huhn. Da, Jungens, sollt' auch was haben, arme Bälger! Mamme ist häßlich gegen Euch gewesen.“

Die Knaben bedurften keiner zweiten Einladung, sondern machten sich mit großem Eifer an die Vorräthe, und es war gut, daß sie es thaten, denn sonst würde von keiner Seite zu diesem Zwecke viel gethan worden sein.

„Nun,“ sagte Tante Chloë, nach dem Frühstück geschäftig aufstehend, „ich muß nun Deine Kleider zusammenthun. 's ist zwar so gut, wie nicht; werden sie doch alle nehmen. Kenne ihre Wege, – sind schmutzig, wie Koth, sind sie! Also hier, Deine Unterjacken, gegen den Fluß, hier in der Ecke; sei vorsichtig, denn 's wird Dir keiner wieder welche machen. Dann hier sind Deine alten Hemden und hier die neuen. Habe die Strümpfe hier gestopft, gestern Abend, und neue Hacken eingesetzt, – aber, o großer Gott, wer wird sie je wieder ausbessern?“ und Tante Chloë war von Neuem so überwältigt, daß sie ihren Kopf an die Seite des Kastens lehnte und schluchzte. „Nur dran zu denken! – kein Mensch, der was für Dich thun wird, krank oder gesund! Ich weiß nicht, wozu ich noch gut sein soll!“

Die Knaben, nachdem sie Alles verzehrt hatten, was auf dem Tische zu finden war, begannen ihre Aufmerksamkeit auf das zu richten, was um sie vorging; und als sie ihre Mutter weinen sahen und das traurige Gesicht ihres Vaters gewahrten, fingen sie auch an zu wimmern und ihre Hände zu den Augen zu erheben. Onkel Tom hatte das jüngste Kind auf seinem Knie, und ließ es sich nach Herzenslust damit vergnügen, sein Gesicht zu kratzen und sein Haar zu zausen, während es von Zeit zu Zeit laute Ausbrüche von Wonne hören ließ, die augenscheinlich aus eigenen inneren Betrachtungen hervorgingen.

„Krähe nur, krähe, armes Geschöpf!“ sagte Tante Chloë, „kommst auch noch an die Reihe! wirst leben und sehen, wie Dein Mann verkauft wird, oder selbst verkauft werden; – und diese armen Jungen da werden auch verkauft werden, ohne Zweifel, wenn sie zu was gut sind, – taugt nicht, wenn Niggers zu was gut sind!“

In diesem Augenblicke rief einer der Knaben laut: „Da, Missis kommt herein!“

„Sie kann nichts mehr helfen; – was nützt 's kommen?“ sagte Tante Chloë.

Mrs. Shelby trat ein. Tante Chloë setzte ihr einen Stuhl in einer auffallend mürrischen Weise hin. Sie schien jedoch weder die Handlung noch die Art und Weise zu beachten. Sie sah blaß und aufgeregt aus.

„Tom,“ sagte sie, „ich komme um –“ aber plötzlich inne haltend und die schweigende Gruppe vor sich betrachtend, setzte sie sich nieder auf den Stuhl, bedeckte ihr Gesicht mit dem Taschentuche und brach in heftiges Schluchzen aus.

„Nun, Missis, o nein, nicht – das nicht?“ sagte Tante Chloë, ihrerseits auch in Weinen ausbrechend, und einige Augenblicke lang war die ganze Gesellschaft in Thränen. Und in diesen Thränen, die Alle gemeinschaftlich vergoßen, Hohe und Niedere, schmolz aller Groll und alle Bitterkeit der Unterdrückten hinweg. O Ihr, die Ihr Leidende besucht, wißt Ihr nicht, daß Alles, was Euer Geld kaufen kann, wenn es mit kaltem, abgewandtem Gesichte gegeben wird, nicht so viel werth ist, wie eine warme Thräne, die aus wahrem Mitgefühl geweint wird?

„Mein guter Tom,“ sagte Mrs. Shelby, „ich kann Dir nichts geben, was für Dich von Nutzen wäre. Wollte ich Dir Geld geben, so würde es Dir nur genommen werden. Aber ich verspreche Dir heilig und vor Gott, daß ich Dich nicht aus meinen Augen verlieren und Dich zurückkaufen will, sobald ich genug Geld dazu aufbringen kann, bis dahin vertraue auf Gott!“

Hier riefen plötzlich die Knaben, daß Master Haley komme und unmittelbar darauf flog durch einen sehr unceremoniösen Stoß die Thür auf. Da stand Haley in sehr übler Laune, indem er die vorhergehende Nacht einen langen Ritt gemacht hatte und das in Verfolgung seiner Beute gehabte Mißgeschick nicht sonderlich zur Aufheiterung seines Gemüthes beitrug.

„Komm,“ sagte er, „Nigger, bist Du fertig? – Diener, Madame!“ fügte er, seinen Hut abnehmend, hinzu, als er Mrs. Shelby gewahrte.

Tante Chloë machte den Kasten zu und band einen Strick darum, und stand dann auf, den Händler finster anblickend, wobei ihre Thränen sich in Feuerfunken zu verwandeln schienen.

Tom erhob sich geduldig, um seinem neuen Herrn zu folgen, und legte den schweren Kasten auf seine Schulter. Seine Frau nahm das jüngste Kind auf den Arm, um ihn bis an den Wagen zu begleiten, und die andern Kinder, noch immer weinend, folgten nach.

Mrs. Shelby trat zu dem Händler heran und hielt ihn einige Augenblicke fest, indem sie in sehr eifrigem Tone zu ihm sprach; und während dieß geschah, bewegte sich die ganze Familie einem Wagen zu, der angespannt und bereit vor der Thür stand.

Alle Sklaven der Besitzung, Alt und Jung, hatten sich in großer Menge versammelt und umgaben ihn, um ihrem alten Genossen ein letztes Lebewohl zu sagen. Tom war von Allen als der erste Diener und als ihr christlicher Lehrer angesehen worden, und es zeigte sich deßhalb unter ihnen, namentlich unter den Weibern, viel aufrichtige Theilnahme und Betrübniß.

„Wie, Chloë, Du trägst's besser als wir?“ sagte eins der Weiber, welches in heftigem Weinen begriffen war und die finstere Ruhe bemerkte, mit der Chloë am Wagen stand.

„Bei mir ist's mit den Thränen vorbei!“ entgegnete sie, grimmig den Händler anblickend, der sich näherte, „mag nicht weinen vor dem alten Schuft da!“

„Steig hinein!“ sagte Haley zu Tom, während er durch die Menge von Sklaven hindurchschritt, die ihn mit finsteren Blicken betrachteten.

Tom stieg ein und Haley zog unter dem Wagensitze ein Paar schwerer Fußschellen hervor, welche er um seine Fußgelenke befestigte. Ein unterdrücktes Stöhnen von Unwillen rann durch die ganze Versammlung, und Mrs. Shelby rief von der Veranda aus hinab:

„Mr. Haley, ich versichere Sie, diese Vorsicht ist ganz unnöthig.“

„Weiß nicht, Madame,“ entgegnete Haley, – „habe schon fünfhundert Dollar hier auf dem Platze verloren, kann mich durchaus nicht solcher Gefahr noch 'mal aussetzen.“

„Was konnte sie anders von ihm erwarten?“ sagte Tante Chloë, innerlich empört, während ihre beiden Knaben die Lage ihres Vaters nun mit einem Male zu begreifen schienen, und sich an die Kleider ihrer Mutter hängend heftig schluchzten und stöhnten.

„Es thut mir leid,“ sagte Tom, „daß Master Georg nicht hier ist.“

Georg hatte einen Ausflug in die Umgegend auf einige Tage unternommen, um einen Jugendfreund zu besuchen; und da er früh am Morgen abgereist war, ehe das Gerücht von Tom's Unglück sich allgemein verbreitet hatte, so war es ihm unbekannt geblieben.

„Bringt Master Georg meinen Gruß,“ sagte er dringend zu seiner Frau und den Umstehenden.

Haley hieb auf die Pferde, und mit einem festen, traurigen Blicke, den er unverwandt auf seine heimathliche Stätte richtete, sah Tom sie allmählig vor seinen Augen verschwinden.

Mr. Shelby war um diese Zeit nicht zu Hause. Er hatte Tom im Drange der Nothwendigkeit verkauft, um aus der Gewalt eines Mannes zu kommen, den er fürchtete, – und sein erstes Gefühl nach dem Abschlusse des Geschäftes war das innerer Beruhigung gewesen. Allein die Vorstellungen seiner Frau erweckten seine halb schlummernde Reue, und Tom's männliche Uneigennützigkeit hatte die Peinlichkeit seiner Empfindungen erhöht. Vergeblich sagte er sich, daß er ein Recht habe es zu thun, – daß Jedermann es thue, – und daß Viele sogar es thäten, ohne die Entschuldigung der Nothwendigkeit für sich zu haben, – sein Gefühl wollte sich dadurch nicht beruhigen lassen; und um nicht die traurigen Schlußscenen mit ansehen zu müssen, hatte er eine kleine Geschäftsreise in die Umgegend unternommen, in der Hoffnung, daß bei seiner Rückkehr Alles vorüber sein werde.

Tom und Haley rasselten den staubigen Weg entlang, bei allen den vertrauten Oertern vorüber fliegend, bis die Gränzen der Besitzung hinter ihnen lagen, und sie sich auf der offenen Landstraße befanden. Als sie ungefähr eine Meile weit gefahren waren, hielt Haley plötzlich vor der Thür eines Hufschmieds an, nahm ein paar Handschellen aus dem Wagen hervor und trat damit in die Schmiede, um eine Aenderung derselben vornehmen zu lassen.

„Diese hier sind etwas zu klein für seinen Bau,“ sagte Haley, die Handschellen zeigend und auf Tom deutend.

„Mein Seel'! ist denn das nicht Shelby's Tom? – er hat ihn doch nicht verkauft?“ sagte der Schmied.

„Ja, er hat ihn verkauft,“ entgegnete Haley.

„Warum nicht gar, wirklich?“ sagte der Schmied, „wer hätte das gedacht! Je, ich glaube, Ihr habt nicht nöthig, ihn auf diese Weise fest zu machen, – er ist die treueste, beste Seele –“

„Ja, ja,“ sagte Haley, „aber Eure guten Seelen sind grade die rechten, um davon zu laufen. Die Dummen, die nichts darnach fragen, wohin sie gehen, und andere Versoffene, die sich aus nichts was machen, die bleiben und haben's eher gern, nach allen Gegenden herumgerollt zu werden; aber grade diese Hauptkerle, die hassen's wie die Sünde. Hilft nichts, – die Schellen müssen dran, – hat Beine, wird sie schon gebrauchen – kein Zweifel!“

„Na, Mann,“ sagte der Schmied, unter seinem Arbeitszeug umher suchend, „die Plantagen da unten sind auch nicht grade der Platz, wo ein Kentucky-Nigger hin verlangt; sie sterben da ziemlich schnell, – nicht wahr?“

„O ja, sterben ziemlich schnell; von Klima und sonst so sterben sie so, daß immer ein ziemlich starker Markt ist,“ sagte Haley.

„Man sollte aber doch meinen, daß es ein Jammer wäre, so 'nen ruhigen, ordentlichen, guten Kerl zu haben, so einen wie Tom, und ihn denn nun da fertig machen zu lassen in den Zucker-Plantagen.“

„Na, er hat 'ne gute Aussicht. Ich habe versprochen, was für ihn zu thun; – will sehen, daß ich ihn bei irgend 'ner guten, alten Familie in's Haus bringen kann; und wenn er dann 's Fieber aushält und 's Klima, na, so hat er 's so gut wie 's irgend ein Nigger nur verlangen kann.“

„Seine Frau und Kinder hat er wohl da gelassen?“

„Ja; aber wird schon 'ne andre da kriegen; – 's gibt ja Weiber genug da überall,“ sagte Haley.

Tom saß inzwischen traurig außerhalb der Schmiede, während diese Unterhaltung geführt wurde. Plötzlich hörte er einen schnellen, kurzen Hufschlag hinter sich, und ehe er sich vollständig von seiner Ueberraschung erholen konnte, sprang Master Georg in den Wagen, schlang in wilder Aufregung seine Arme um Tom's Nacken, und schluchzte und schalt aus Leibeskräften.

„Ich sage, es ist abscheulich! Ich frage nichts danach, was sie sagen, wer 's auch ist! Es ist eine Schande! Wenn ich ein Mann wäre, sollten sie es nicht thun, – sollten sie es ganz bestimmt nicht thun!“ rief er mit unterdrücktem Schluchzen.

„O Master Georg! das thut mir wohl!“ sagte Tom. „Ich konnt 's nicht tragen, daß ich fort mußte, ohne Sie noch 'mal gesehen zu haben! Das thut mir wahrlich wohl, – Sie können's nicht glauben!“

Bei diesen Worten machte Tom eine Bewegung mit seinen Füßen, und Georg's Blicke fielen auf die Fessel.

„Welche Schande!“ rief er, seine Hände aufhebend. „Ich schlage den alten Kerl nieder, – ja, ich thue es!“

„Nein, Sie thun 's nicht, Master Georg; und müssen nicht so laut sprechen. Es kann mir zu nichts helfen, ihn ärgerlich zu machen.“

„Gut, ich will es nicht thun, um Deinetwillen; aber nur dran zu denken, – ist es nicht abscheulich? Sie haben mich nicht holen lassen, haben mir nicht einmal Nachricht davon gegeben, und wenn Tom Lincoln nicht gewesen wäre, so hätte ich gar nichts davon gehört. Ich sage Dir, ich habe sie ausgescholten, Alle zusammen zu Hause!“

„Das war wohl nicht recht, Master Georg!“

„Ich konnte nicht anders! Es ist eine Schande, sage ich! – Sieh' hier, Onkel Tom,“ fügte er dann hinzu, seinen Rücken gegen die Schmiede wendend und in geheimnißvollem Tone sprechend: „ich habe Dir meinen Dollar gebracht!“

„O, ich kann ihn ja nicht annehmen, Master Georg, nein, um Alles in der Welt nicht!“ sagte Tom ganz gerührt.

„Aber Du sollst ihn nehmen!“ sagte Georg; „sieh' hier, – ich sagte es Tante Chloë, daß ich's thun wollte, und sie hat mir den Rath gegeben, ein Loch hineinzubohren und eine Schnur hinein zu ziehen, so, nun kannst Du ihn um den Hals hängen und ihn verstecken; sonst würde dieser gemeine Räuber ihn Dir wegnehmen. Ich sage Dir, Tom, ich möchte mit ihm anbinden! es würde mir gut thun!“

„Nein, thun Sie 's nicht, Master Georg, denn es würde mir nichts Gutes bringen!“

„Wohl, ich will es nicht thun, um Deinetwillen,“ sagte Georg, seinen Dollar geschäftig um Tom's Hals hängend; „aber nun knöpfe Deinen Rock fest drüber zu und bewahre ihn, und jedes Mal, wenn Du ihn ansiehst, so denke daran, daß ich zu Dir hinunter kommen will und Dich zurück holen. Ich habe mit Tante Chloë darüber gesprochen; ich habe ihr gesagt, daß sie nichts fürchten soll; ich will dafür sorgen, und ich will Vater'n zu Tode ärgern, wenn er 's nicht thut!“

„O Master Georg, Sie müssen nicht so von Ihrem Vater reden.“

„Gott, Onkel Tom, ich meine ja nichts Böses!“

„Und nun, Master Georg,“ fuhr Onkel Tom fort, „Sie müssen immer ein guter Sohn sein; bedenken Sie, wie viele Herzen da sind, die an Ihnen hängen. Halten Sie immer fest an Ihrer Mutter und fallen Sie nie in solche thörichten Wege, wie Knaben sie manchmal haben, und wollen zu groß sein, um auf ihre Mutter zu hören. Will Ihnen was sagen, Master Georg, der Herr gibt manche gute Dinge zweimal, aber 'ne Mutter gibt er nur einmal. Sie werden nie wieder 'ne solche Frau finden, Master Georg, und wenn Sie hundert Jahr alt werden. Also nun, Sie halten fest an ihr, und werden groß, und werden ihr Trost sein, – da, das ist mein guter Sohn, – nicht wahr, Sie wollen?“

„Ja, ich will, Onkel Tom,“ sagte Georg ernsthaft.

„Und sein Sie vorsichtig was Sie sprechen, Master Georg. Junge Leute, wenn sie in Ihr Alter kommen, sind eigenwillig, manchmal, – 's ist Natur; aber wirkliche Gentlemen, wie Sie einer sein werden, ich hoffe, lassen nie Worte fallen über ihre Eltern, die nicht ehrerbietig sind. Sie sind doch nicht böse, Master Georg?“

„O nein, gewiß nicht, Onkel Tom; Du hast mir immer gute Lehren gegeben.“

„Bin älter, Sie wissen,“ sagte Tom, indem er die schönen lockigen Haare des Knaben mit seiner großen starken Hand strich, aber dabei mit einer Stimme sprach, die so weich wie die eines Weibes war, „und ich sehe Alles was in Ihnen steckt, – Klugheit, Stand, Lesen, Schreiben, – und Sie werden aufwachsen und ein großer, gelehrter, guter Mann sein, und alle Leute im Orte, und Ihr Vater und Ihre Mutter werden stolz auf Sie sein. Sein Sie auch ein guter Herr, wie Ihr Vater, – und ein guter Christ, wie Ihre Mutter. Denken Sie an Ihren Schöpfer in den Tagen wo Sie jung sind, Master Georg.“

„Ja, ich will wirklich gut sein, Onkel Tom, ich gelobe 's Dir!“ sagte Georg, „und sei Du nicht muthlos. Ich will Dich auf jeden Fall zu uns zurück haben. Wie ich Tante Chloë diesen Morgen gesagt habe, – ich will Dein Haus neu ausbauen lassen und Du sollst ein eignes Zimmer haben mit einem Teppich darin, wenn ich ein Mann bin. O, Du sollst noch gute Zeiten haben!“

Haley trat in die Thüre der Schmiede mit den Handeisen in der Hand.

„Hört, Mister Haley,“ sagte Georg mit einer Miene großer Ueberlegenheit, während er aus dem Wagen sprang, „ich werde es meinen Eltern anzeigen, wie Ihr Onkel Tom behandelt!“

„Soll mir lieb sein,“ sagte der Händler.

„Ich sollte denken, Ihr müßtet Euch schämen, Euer ganzes Leben lang Männer und Weiber aufzukaufen und sie wie Vieh zusammen zu schließen! Ich sollte meinen, Ihr müßtet Euch selbst abscheulich vorkommen!“ sagte Georg.

„So lange Eure vornehmen Leute noch Männer und Weiber kaufen wollen, – bin ich so gut wie jene,“ sagte Haley; „'s ist nicht schlechter verkaufen, als kaufen.“

„Ich werde keines von beiden thun, wenn ich ein Mann bin,“ sagte Georg. „Ich schäme mich heut, daß ich ein Kentuckier bin; – früher war ich immer stolz darauf.“ Und Georg saß auf seinem Pferde so grade, und blickte mit einer solchen Miene um sich, als erwarte er, daß der ganze Staat davon durchdrungen werden solle.

„Leb' wohl, Onkel Tom, behalte guten Muth!“ sagte Georg.

„Leben Sie wohl, Master Georg,“ entgegnete Onkel Tom, ihn zärtlich und mit Bewunderung anblickend. „Gott der Allmächtige segne Sie! – Ach, Kentucky hat nicht Viele wie Sie!“ fügte er hinzu, als das freie, offene Gesicht des Knaben seinem Blicke entzogen war. Fort flog Georg, und Tom schaute ihm nach, bis der Hufschlag seines Pferdes nicht mehr zu hören war, – der letzte Ton, der letzte Blick aus seiner Heimath. Aber über seinem Herzen schien eine warme Stelle zu sein, da wo jene jugendlichen Hände den kostbaren Dollar hingelegt hatten. Tom hob seine Hand auf und drückte sie fest auf sein Herz.

„Nun höre, Tom, ich will Dir was sagen,“ sagte Haley, während er an den Wagen trat und die Handschellen hinein warf, „ich meine, Du sollst 's gut bei mir haben, wie 's meine Nigger immer haben; und also sag' ich Dir gleich zum Anfang, Du bist ehrlich gegen mich, und ich bin gut gegen Dich. Bin nie hart gegen meine Nigger, – thue immer 's Beste für sie, was ich kann. Also, Du siehst, das Gescheidste ist, Du bist ruhig und zufrieden und machst mir keine Streiche; denn die Niggerstreiche kenn' ich alle, und werde damit fertig. Wenn Niggers ruhig sind und versuchen nicht davon zu laufen, so haben sie gute Zeit bei mir; und wenn nicht, na, denn so ist 's ihre eigne Schuld und nicht meine.“

Tom versicherte Haley, daß er nicht die Absicht habe, davon zu laufen. Die Ermahnung schien in der That ziemlich überflüssiger Weise an einen Mann gerichtet zu sein, der schwere Fußeisen an seinen Beinen trug. Allein Mr. Haley hatte die Gewohnheit angenommen, sein Verhältniß zu neuen Waarenartikeln stets mit kleinen derartigen Ermahnungen zu eröffnen, die darauf hinwirkten, wie er glaubte, ihnen guten Muth und Zutrauen einzuflößen, und die Nothwendigkeit unangenehmer Scenen zu verhüten.

Und hier nehmen wir für jetzt von Onkel Tom Abschied, um die Schicksale andrer Personen unserer Erzählung zu verfolgen.


Elftes Kapitel.

Worin das Eigenthum in einen unpassenden Geisteszustand geräth.

Es war an einem regnichten Nachmittage, als ein Reisender an der Thür eines kleinen Gasthofes im Dorfe N– in Kentucky abstieg. Im Schenkzimmer fand er eine sehr gemischte Gesellschaft, die vom Wetter hier, um Schutz zu suchen, zusammen getrieben worden war, und der Ort gewährte deshalb die gewöhnliche Scenerie solcher Versammlungen. Große, hagere Kentuckier, in ihren Jagdhemden, die ihre gelenkigen Gliedmaßen, in der ihnen so eigenthümlichen, behaglichen Faulheit über einen unglaublichen Raum ausstreckten; – Gewehre, die aufgestapelt in den Ecken standen, Jagdtaschen, Schrotbeutel, Jagdhunde, kleine Neger, in bunter Mischung durch einander rollend, – waren die charakteristischen Züge des Gemäldes. Auf jeder Seite des Kamines saß ein langbeiniger Gentleman, mit zurück gelehntem Stuhle, seinen Hut auf dem Kopfe, und die Hacken seiner schlammigen Stiefel auf dem Kaminsimse ruhen lassend, – eine Stellung, die, wie wir unserm Leser versichern müssen, entschieden günstig für diejenige Art von Betrachtungen ist, welche in jenen westlichen Wirthshäusern gefunden werden, in denen die Reisenden eine besondre Vorliebe für diese besondre Art und Weise, ihrem Reflektionsvermögen nachzuhelfen, an den Tag legen.

Der Wirth, welcher hinter dem Schenktische stand, war, wie die meisten seiner Landsleute, groß von Gestalt, gutmüthig und gewandt, mit einer unglaublichen Decke von Haar auf seinem Kopfe, auf der er einen großen, hohen Hut trug.

Es trug überhaupt Jeder im Zimmer dieses charaktervolle Zeichen der männlichen Souveränetät, sei es ein Felbelhut, oder ein Palmblatt, ein schmutziger Filzhut, oder ein schöner, neuer chapeau, – dort ruhte er mit ächt republikanischer Unabhängigkeit, und schien in der That das charakteristische Merkmal jeder einzelnen Individualität zu sein. Einige trugen ihn verwegen auf die Seite gedrückt, – das waren muntere, lustige, fröhliche Burschen; Andere hatten ihn bis tief auf die Nasen hinabgedrückt, – das waren jene harten Charaktere, Männer durch und durch, die, wenn sie einen Hut trugen, ihn ganz tragen wollten, und grade so wie es ihnen gefiel; noch Andre ließen ihn weit hinten über fallen, – tief blickende Männer, die von Allem eine deutliche Anschauung haben wollten; während wieder andre, sorglose Männer, welche entweder nicht wußten, oder sich nichts daraus machten, wie ihr Hut saß, ihn nach allen Seiten umher schwanken ließen. Die verschiedenartigen Hüte gewährten in der That ein Feld für ein wahrhaft Shakespearsches Studium.

Verschiedene Neger, in weiten Beinkleidern, liefen geschäftig hin und her, ohne daß man ein besondres Resultat ihrer Geschäftigkeit entdecken konnte, aber mit der ihrem Geschlechte eigenthümlichen Willigkeit, Alles in der ganzen Schöpfung umzukehren, um ihrem Master und seinen Gästen dienstlich zu sein. Denke Dir endlich, lieber Leser, zu diesem Bilde ein munteres, prasselndes Feuer, welches den großen, weiten Rauchfang hinauffährt, – alle Thüren und Fenster weit offen, so daß die Gardinen in der kalten, feuchten Zugluft hin und her wehen, – und Du hast eine Idee von den Annehmlichkeiten eines Kentuckischen Wirthshauses.

Der Kentuckier der jetzigen Zeit ist eine treffliche Versinnlichung der Lehre von ererbten Instinkten und Eigenthümlichkeiten. Seine Vorväter waren gewaltige Jäger, – Männer, die in den Wäldern lebten, und unter dem freien Himmel und dem Lichte der Sterne schliefen; und ihr Abkömmling handelt bis auf den heutigen Tag so, als wenn das Haus sein Lager wäre, – trägt seinen Hut zu allen Zeiten, rollt sich umher und wirft seine Hacken auf die Stühle und Kaminsimse, grade so wie sein Vorvater sich auf dem grünen Rasen umher rollte, und seine Füße auf Stämme und Bäume legte, – hält alle Fenster und Thüren Sommer und Winter offen, – nennt jedermann „Fremder“ mit nonchalant bonhommie, und ist überhaupt die offenherzigste, ungenirteste und gemüthlichste Kreatur der Welt.

In eine solche freie und leichte Gesellschaft trat unser Reisender. Er war ein kleiner, untersetzter Mann, sorgfältig gekleidet, mit einem runden, gutmüthigen Gesichte, und hatte etwas Komisches, Sonderbares in seiner ganzen Erscheinung. Er schien für seine Reisetasche und seinen Regenschirm sehr besorgt zu sein, denn er brachte sie mit eignen Händen herein und widerstand dabei hartnäckig allen Versuchen der Dienstboten, ihm diese Last abzunehmen. Indem er sich etwas ängstlich im Schenkzimmer umschaute, zog er sich mit seinen Kostbarkeiten in die wärmste Ecke desselben zurück, legte diese unter seinen Stuhl, setzte sich nieder, und blickte beinahe furchtsam auf zu dem Ehrenmanne, dessen Hacken vom Kaminsimse getragen wurden, und der ununterbrochen von rechts nach links mit einem Muthe und einer Heftigkeit ausspie, daß Leute von schwachen Nerven und besondern Gewohnheiten sich nothwendig dadurch beunruhigt fühlen mußten.

„Guten Tag, Fremder, wie geht's?“ sagte der so eben beschriebene Herr, indem er eine Ehrensalve von Tabackssaft nach der Gegend des neuen Ankömmling's zu abfeuerte.

„Ziemlich gut,“ war die Antwort des Anderen, während er mit einiger Unruhe der drohenden Ehre auszuweichen suchte.

„Neuigkeiten?“ fragte Ersterer wieder, eine Rolle Taback und ein großes Jagdmesser aus seiner Tasche nehmend.

„Wüßte keine,“ war die Antwort.

„Kauen?“ fragte Jener, indem er dem alten Herrn ein Stück Taback mit ächt brüderlicher Miene hinreichte.

„Nein, danke schön, – es bekommt mir nicht,“ sagte der kleine Mann, zurück rückend.

„Nicht, ah so!“ bemerkte der Andre, während er den Taback in seinen eignen Mund steckte, um daselbst den nöthigen Vorrath von Saft zum allgemeinen Besten der Gesellschaft in steter Bereitschaft zu halten.

Der alte Herr ließ jedesmal einen leisen Schrecken sehen, wenn sein langer Bruder nach seiner Gegend zu feuerte; und als dieser das bemerkte, richtete er gutmüthig seine Artillerie nach einer andern Seite, und begann die Feuerzange mit einem Grade militärischen Talentes anzugreifen, der hinreichend gewesen sein würde, um eine Stadt zu stürmen.

„Was ist das?“ fragte der alte Herr, als er mehrere Anwesende um einen großen Anschlagezettel gruppirt sah.

„Ein Nigger ist bekannt gemacht!“ entgegnete Einer derselben kurz.

Mr. Wilson, denn dies war der Name des alten Herrn, stand auf, und nachdem er sorgfältig seine Reisetasche und seinen Regenschirm zurecht gelegt hatte, schritt er bedächtig dazu, seine Brille hervor zu ziehen, setzte diese auf die Nase, und begann sodann zu lesen:

„Dem Unterzeichneten entlaufen ein Mulattenbursche, Georg. Besagter Georg ist sechs Fuß groß, ein sehr hellfarbiger Mulatte, hat braunes, lockiges Haar, spricht gut, kann lesen und schreiben; wird wahrscheinlich versuchen für einen Weißen zu gelten; hat tiefe Narben auf dem Rücken und Schultern, und trägt an der rechten Hand ein Brandmal mit dem Buchstaben H.

Ich will vierhundert Dollar für ihn lebendig geben, und dieselbe Summe für den vollständigen Nachweis, daß er getödtet worden ist.“

Der alte Herr las diese Anzeige von Anfang bis zu Ende mit leiser Stimme, als wenn er sie studiere.

Der langbeinige Veteran, der, wie vorher erwähnt, die Feuerzange gestürmt hatte, ließ jetzt seine bedeutende Länge nieder, erhob seine hohe Gestalt, schritt nach dem Orte, wo diese Anzeige angeschlagen war, und spie dann eine volle Ladung von Tabackssaft auf dieselbe.

„Das ist meine Meinung darüber!“ sagte er kurz, und setzte sich dann wieder nieder.

„Oho, Fremder, was soll das heißen?“ sagte der Wirth.

„Ich würde dasselbe mit Dem thun, der's geschrieben hat, wenn er hier wäre,“ entgegnete kaltblütig der lange Mann, während er seine alte Beschäftigung, Taback zu schneiden, wieder vornahm. „Jeder, der einen Burschen besitzt wie der, und keinen bessern Weg finden kann, ihn zu behandeln, verdient ihn zu verlieren. Solche Papiere wie das da, sind eine Schande für Kentucky! Das ist meine Meinung grade heraus, wenn Jemand sie wissen will!“

„Das ist 'mal gewiß!“ sagte der Wirth, während er Etwas in sein Buch eintrug.

„Ich habe einen Trupp Burschen, Herr,“ sagte der lange Mann, indem er seinen Angriff auf die Feuerzange von Neuem begann, „und rede mit ihnen so: – ‚Jungens,‘ sage ich – ‚rennt nun, lauft! wenn ihr wollt! – ich will Euch nie nachlaufen!‘ – So halt' ich meine. Laßt sie 's wissen, daß sie fortlaufen können wenn sie wollen, dann grade verlieren sie die Lust. Ueberdies habe ich Freischeine für sie alle ausgefertigt, im Fall es mir 'mal zu bunt wird in den jetzigen Zeiten; und das wissen sie. Ich sage Euch, Fremder, 's giebt keinen Kerl hier, der mehr aus seinen Negern herausbringt, als ich. Glaubt Ihr's? Meine Burschen sind bis nach Cincinnati gegangen mit Füllen, fünfhundert Dollar werth, und haben mir das Geld alles richtig heimgebracht, – mehr als einmal. 'S ist ganz natürlich, warum. Behandelt sie wie Hunde, und Ihr habt Hundewerk; behandelt sie wie Menschen, und Ihr habt Menschenwerk.“ Und der ehrliche Pferdehändler bekräftigte sein moralisches Gefühl dadurch, daß er ein förmliches feu de joie gegen den Kamin losließ.

„Ich glaube, Ihr habt vollkommen recht, Freund,“ sagte Mr. Wilson; „und der hier beschriebene Bursche ist wirklich ein braver Bursche, – kein Zweifel darüber. Er hat für mich beinahe sechs Jahre lang in meiner Sackfabrik gearbeitet, und war mein bester Arbeiter, Herr. Er ist außerdem ein kluger, erfinderischer Bursche. Er hat eine Maschine zum Reinigen des Hanfes erfunden, – eine wirklich werthvolle Sache, die jetzt in vielen Fabriken angewendet wird. Sein Herr hat das Patent darauf.“

„Kann mir's denken,“ sagte der Pferdehändler, „hat es und macht Geld mit, und dann dreht er sich um und brennt den Burschen in die rechte Hand. Wenn ich 'ne gute Gelegenheit hätte, ich wollte ihn zeichnen, meiner Seele, er sollte 's 'ne gute Zeit mit sich herum tragen.“

„Ja, die klugen Burschen das sind alle ungezogene, impertinente Schlingel,“ sagte ein Mann von rohem, ungeschlachtem Aeußern auf der andern Seite des Zimmers; „das ist's warum sie gepeitscht und so gezeichnet werden. Wenn sie sich ordentlich betrügen, würde 's nicht geschehen.“

„Das heißt, Gott hat sie Menschen werden lassen, und 's muß ein harter Druck sein, um sie zu Bestien zu machen,“ sagte der Pferdehändler trocken.

„Kluge Niggers sind gar nichts nütze für 'nen Herrn,“ fuhr der Andre fort, der gegen die Verachtung seines Gegners in einer rohen, bewußtlosen Stumpfheit wohl verschanzt war; – „wozu brauchen sie Talente und solche Sachen, wenn Ihr selbst keinen Nutzen davon haben könnt? Alles, was sie mit thun ist, daß sie Euch betrügen. Habe ein paar solche Burschen gehabt, aber habe sie bald den Fluß hinunter verkauft. Wußte doch, daß ich sie früh oder spät verlieren würde, wenn ich's nicht that.“

„Noch besser, Ihr schickt eine Bestellung hinauf zum lieben Gott, daß er Euch welche schafft ohne Seelen,“ sagte der Pferdehändler.

Hier wurde die Unterhaltung durch das Heranfahren eines kleinen, einspännigen Kabriolet's vor das Wirthshaus unterbrochen. Es hatte ein anständiges Aeußeres, und darin saß ein fein gekleideter Mann mit einem farbigen Diener, welcher fuhr.

Die ganze Versammlung im Schenkzimmer betrachtete den neuen Ankömmling mit der Neugierde, mit welcher Wirthshausgäste an einem regnichten Tage gewöhnlich einen frisch Ankommenden beobachten. Er war sehr groß, und hatte eine dunkle, spanische Gesichtsbildung, schöne, ausdrucksvolle Augen, und dichtes, lockiges Haar, welches ebenfalls rabenschwarz war. Seine schöngeformte, gebogene Nase, seine schmalen Lippen, und die auffallend schönen Formen seiner Glieder erregten bei der ganzen Gesellschaft sofort die Idee von etwas Ungewöhnlichem. Er schritt mit leichter Haltung in das Zimmer, grüßte die Gesellschaft, und deutete dem Kellner durch einen Wink an, wo er seinen Mantelsack niederzusetzen habe, worauf er, mit seinem Hute in der Hand, sich nachlässig an den Schenktisch begab, und seinen Namen als Henry Butler, von Oakland, Grafschaft Shelby, angab. Sich sodann mit gleichgültiger Miene umwendend, schlenderte er an die im Zimmer ausgehängte Bekanntmachung heran, und las sie.

„Jim,“ sagte er zu seinem Diener, „ich glaube, wir sind einem Burschen, der diesem ähnlich sieht, in der Nähe von Bernan begegnet, nicht wahr?“

„Ja wohl, Master,“ sagte Jim, „nur weiß ich nicht, ob's mit der Hand zutrifft?“

„Ich habe natürlich nicht darauf geachtet,“ sagte der Fremde, nachläßig gähnend. Sodann sich zum Wirth begebend, verlangte er ein besonderes Zimmer, da er, wie er sagte, sofort einige Schreibereien zu besorgen habe.

Der Wirth war äußerst bereitwillig, und ein halbes Dutzend Neger, alt und jung, männlichen und weiblichen Geschlechts, groß und klein, sprangen gleich darauf umher, eilig und geschäftig, wie ein Volk Rebhühner, einander auf die Füße tretend und über einander stolpernd in ihrem Eifer, um Master's Zimmer in Stand zu setzen, während dessen er sich nachlässig in einen Stuhl in der Mitte des Zimmers niedergelassen und mit dem ihm zunächst Sitzenden ein Gespräch begonnen hatte.

Der Fabrikant, Mr. Wilson, hatte den Fremden vom ersten Augenblicke ab, wo er in's Zimmer getreten war, mit dem Ausdrucke unruhiger Neugierde betrachtet. Er glaubte ihn irgendwo gesehen und kennen gelernt zu haben, aber er konnte sich nicht besinnen, wo. Jeden Augenblick, wenn der Mann sprach oder lächelte, oder sich bewegte, hob er sich und heftete seine Blicke auf ihn und wandte sich dann schnell wieder ab, wenn die dunkeln, leuchtenden Augen desselben den seinigen mit dem Ausdrucke der sorglosesten Ruhe begegneten. Endlich schien eine plötzliche Erinnerung in ihm aufzuflammen, denn er starrte den Fremden mit einer Miene solcher Verwunderung und solchen Schreckens an, daß dieser auf ihn zuging.

„Mr. Wilson, wenn ich nicht irre,“ sagte er in einem Tone, als erkenne er ihn so eben, seine Hand ausstreckend. „Ich bitte um Verzeihung, ich habe Sie vorher nicht erkannt. Ich sehe, Sie erinnern sich meiner – Mr. Butler, von Oakland, Grafschaft Shelby.“

„Ja – ja – ja,“ sagte Mr. Wilson wie Jemand, der in einem Traume spricht.

Grade in diesem Augenblicke kam ein Negerknabe herein, welcher ankündigte, daß das Zimmer des Herrn bereit sei.

„Jim, sieh nach dem Gepäck,“ sagte der Herr nachläßig, und fügte sodann, sich an Mr. Wilson wendend, hinzu: „Ich würde Sie um eine kurze Unterhaltung über Geschäftssachen in meinem Zimmer bitten, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Mr. Wilson folgte ihm, wie Jemand, der im Schlafe wandelt, und sie gelangten in ein großes Zimmer im oberen Stocke, wo ein frisch angezündetes Feuer prasselte, und verschiedene Dienstboten noch umher flogen, um die letzte Hand an die Ordnung des Zimmers zu legen.

Als Alles gethan war und die Dienstboten sich entfernt hatten, schloß der junge Mann vorsichtig die Thür zu und steckte den Schlüssel die Tasche, schaute sich um, und dann seine Arme auf der Brust über einander schlagend, schaute er Mr. Wilson voll in's Gesicht.

„Georg,“ sagte Mr. Wilson.

„Ja, Georg,“ entgegnete der junge Mann.

„Ich hätte mir's nicht denken können!“

„Ich bin ziemlich gut entstellt, glaube ich,“ sagte der junge Mann. „Etwas Wallnußschale hat meiner gelben Haut ein sanftes Braun verliehen, und mein Haar habe ich schwarz gefärbt. So, sehen Sie, paßt die Bekanntmachung auf mich durchaus nicht.“

„O Georg! aber das ist gefährliches Spiel, was Du treibst. Ich hätte Dir nicht rathen können, es zu thun.“

„Ich kann es auf meine eigene Verantwortung thun,“ entgegnete Georg mit demselben stolzen Lächeln.

Wir müssen en passant bemerken, daß Georg von seines Vaters Seite weißer Abkunft war. Seine Mutter war eine jener Unglücklichen ihres Geschlechtes, die durch ihre persönliche Schönheit dazu bestimmt sind, die Sklavinnen der Begierden ihrer Besitzer, und Mütter von Kindern zu werden, die nie ihren Vater kennen dürfen. Von einer der stolzesten Familien in Kentucky hatte er schöne, europäische Züge und einen stolzen, unzähmbaren Geist ererbt. Von seiner Mutter hatte er eine leichte Mulattenfärbung empfangen, die durch das damit verbundene glänzende, dunkle Auge vollständig aufgewogen wurde. Eine kleine Veränderung in der Farbe seiner Haut und seiner Haare hatte ihm das Ansehen eines Spaniers verliehen, unter welchem er sich jetzt zeigte; und da eine edle Haltung und ein anständiges Benehmen ihm von jeher natürlich gewesen waren, so fand er keine Schwierigkeit darin, die kühne Rolle zu spielen, in der er sich jetzt bewegte, – die eines mit seinem Bedienten reisenden Gentlemans.

Mr. Wilson, ein gutmüthiger, aber außerordentlich zaghafter und vorsichtiger alter Mann, lief unruhig im Zimmer auf und ab, während in seinem Innern der Wunsch, Georg beizustehen, mit einem dunkeln Begriffe von Aufrechterhaltung des Gesetzes und der Ordnung zu kämpfen schien. Während er deßhalb im Zimmer umherstrich, gab er sich etwa auf folgende Weise zu vernehmen:

„So, Georg, vermuthe, Du bist davon gelaufen Deinem rechtmäßigen Herrn, Georg, – (wundere mich nicht) – aber ich muß Dir doch sagen, es thut mir leid, Georg, – ja, entschieden – ich muß Dir das sagen, Georg, – es ist meine Pflicht, Dir das zu sagen.“

„Was thut Ihnen leid, lieber Herr?“ fragte Georg ruhig.

„Je nun, daß ich sehe, daß Du dich gleichsam den Gesetzen Deines Vaterlandes entgegen stellst.“

Meines Vaterlandes!“ sagte Georg mit starker und bitterer Betonung; „welches andere Vaterland habe ich, als das Grab? – und ich wünschte bei Gott, daß ich schon darin läge.“

„Wie, Georg, nein – nein – das geht nicht; solches Gespräch ist sündhaft, unchristlich. Georg, Du hast einen schlimmen Herrn – das ist wahr, – sein Betragen ist sehr zu tadeln, – ich will ihn nicht vertheidigen; aber Du weißt, wie der Engel Hagar befahl, zu ihrer Herrin zurückzukehren und sich ihrer Hand zu unterwerfen, – und der Apostel sandte Onesimus zurück zu seinem Herrn.“

„Führen Sie mir nicht die Bibel an auf diese Weise, Mr. Wilson,“ sagte Georg mit flammendem Auge, – „ich bitte Sie, thun Sie es nicht! denn mein Weib ist eine Christin, und ich gedenke ein Christ zu sein, wenn ich je dahin gelangen sollte, wohin ich kann; aber einem Menschen in meinen Verhältnissen gegenüber die Bibel anführen ist genug, um ihn Alles aufgeben zu lassen. Ich berufe mich auf Gott den Allmächtigen, – ich bin bereit, mit meiner Sache vor Ihn zu treten und Ihn zu fragen, ob ich Unrecht thue, indem ich meine Freiheit suche.“

„Diese Gefühle sind ganz natürlich, Georg,“ sagte der gutmüthige Mann, sein Taschentuch gebrauchend. „Ja, sie sind natürlich, aber es ist meine Pflicht, Dich nicht darin zu bestärken. Ja, mein Junge, Du thust mir leid, es ist ein schlimmes Ding – sehr schlimm; aber der Apostel sagt: ‚Ein Jeglicher bleibe in dem Berufe, darinnen er berufen ist.‘ Wir müssen uns alle den Winken der Vorsehung unterwerfen, – siehst Du das nicht ein?“

Georg stand da mit zurückgebogenem Kopfe, mit fest unter einander geschlagenen Armen auf seiner breiten Brust, und mit einem bittern Lächeln auf der Lippe.

„Es sollte mich wundern, Mr. Wilson, ob, wenn die Indianer kämen und Sie von Weib und Kindern wegschleppten, und Sie lebenslang bei sich behalten wollten, um ihnen das Korn zu mahlen, – ob Sie es dann für Ihre Pflicht halten würden, in der Lage zu bleiben, in die Sie versetzt worden sind. Ich glaube eher, Sie würden das erste, beste frei umher laufende Pferd, das Sie finden könnten, für einen Wink der Vorsehung halten, – was meinen Sie?“

Der alte Herr starrte mit beiden Augen, als er diese Anschauung der Sachlage hörte; und obgleich er kein großer Denker war, so hatte er doch so viel gesunden Sinn, worin er von manchen Logikern nicht übertroffen wird, – da nichts zu sagen, wo nichts gesagt werden kann. Während er deßhalb beschäftigt war, seinen Regenschirm zu streichen und jede Falte darin auszuglätten, fuhr er mit seinen Ermahnungen in allgemeiner Beziehung fort.

„Du siehst, Georg, Du weißt, daß ich immer Dein Freund gewesen bin, und was ich gesagt habe, habe ich immer nur zu Deinem Besten gesagt. Hier nun, scheint es mir, setzest Du dich einer schrecklichen Gefahr aus. Du kannst nicht darauf hoffen, es auszuführen, und wenn sie Dich fangen, so wird Deine Lage noch schlimmer werden, als sie bisher gewesen ist. Sie werden Dich mißhandeln und halb umbringen, und Dich den Fluß hinunter verkaufen.“

„Mr. Wilson, ich weiß das Alles,“ sagte Georg. „Ich setze mich einer Gefahr aus, aber –“ hier öffnete er seinen Ueberrock und ließ zwei Pistolen und ein Weidmesser sehen. „Hier!“ sagte er, „ich bin bereit für sie! Hinunter nach Süden will ich nimmer gehen. Nein! wenn es dahin kömmt, so kann ich mir wenigstens noch sechs Fuß freien Grund und Boden erringen, – den ersten und letzten, den ich jemals in Kentucky besitzen werde!“

„Höre, Georg, diese Gemüthsstimmung ist schrecklich! – sie ist ganz verzweifelt, Georg. Das bekümmert mich sehr; – so die Gesetze Deines Vaterlandes übertreten zu wollen!“

„Wieder, meines Vaterlandes! Mr. Wilson, Sie haben ein Vaterland; aber welches Vaterland habe ich oder irgend Einer, der von einer Sklavenmutter geboren worden ist? Welche Gesetze bestehen denn für uns? Wir erlassen sie nicht, – wir geben nicht unsre Stimme dazu, wir haben nichts mit ihnen zu thun; Alles, was sie für uns thun, ist, daß sie uns niederschmettern und uns niederhalten. Habe ich denn nicht ihre Reden am 4ten Juli gehört? Haben sie uns nicht allen alljährlich einmal gesagt, daß die Regierungen ihre Gewalt nur durch den Willen der Regierten erhalten? Kann ein Mensch denn nicht denken, der solche Sachen hört? Kann er dies und jenes nicht zusammenreimen und sich daraus Schlüsse ziehen?“

Mr. Wilson's Geist war einer von denjenigen, die nicht unpassend mit einem Ballen Baumwolle verglichen werden können, – sanft, weich, nachgiebig und verworren. Er bedauerte wirklich Georg von ganzem Herzen, und hatte sogar eine dunkle, nebelichte Ahnung von dem Gefühl, welches diesen erfüllte: aber er hielt es für seine Pflicht, beharrlich mit seinen guten Vorstellungen fortzufahren.

„Georg, das ist unrecht. Ich muß es Dir sagen, als Dein Freund, Du weißt, Du thätest besser, Dich mit solchen Ideen nicht zu beschäftigen; die sind ganz unpassend, Georg, ganz unpassend für Burschen in Deinem Verhältniß.“ Und Mr. Wilson setzte sich nieder und begann in heftigster Aufregung an dem Knopfe seines Schirmes zu kauen.

„Nun sehen Sie hier, Mr. Wilson,“ sagte Georg, indem er zu ihm herantrat und sich mit entschiedenem Wesen dicht vor ihn setzte; – „sehen Sie mich jetzt an. Sitze ich hier nicht vor Ihnen als ein Mensch in jeder Beziehung grade so gut wie Sie? Schauen Sie in mein Gesicht, auf meine Hände, auf meinen Körper,“ und bei diesen Worten hob sich der junge Mann stolz auf, „bin ich nicht ein Mensch so gut wie Einer? Wohl, Mr. Wilson, hören Sie, was ich Ihnen sagen will. Ich hatte einen Vater, – er gehörte zu Ihren Kentucky'schen Gentlemen, – der sich nicht so viel aus mir machte, daß er mich dagegen sicherte, mit seinen Pferden und Hunden nach seinem Tode verkauft zu werden. Ich sah meine Mutter zum Verkaufe ausgestellt mit ihren sieben Kindern. Sie wurden alle, eins nach dem andern, vor ihren Augen an verschiedene Herren verkauft; und ich war das jüngste. Sie kam und sank vor meinem alten Master zu Füßen und flehte ihn an, sie mit mir zu kaufen, damit sie wenigstens ein Kind bei sich habe; – und er stieß sie mit dem Hacken zur Seite. Ich sah es, als er es that; und das Letzte, was ich von ihr hörte, war ihr Stöhnen und Schreien, als ich an den Hals seines Pferdes gebunden wurde, um mit ihm fortgeschleppt zu werden.“

„Nun, also?“

„Mein Herr kaufte später meine älteste Schwester von dem Manne, der sie erstanden hatte. Sie war ein frommes, gutes Mädchen, – und so schön wie ihre arme Mutter gewesen war. Sie war gut erzogen worden, und wußte sich gut zu benehmen. Anfangs freute ich mich, daß sie gekauft worden war, denn ich hatte nun eine Freundin in meiner Nähe; aber bald bereute ich es. Ich habe an der Thür gestanden und gehört, wie sie gepeitscht wurde, während jeder Schlag mein entblößtes Herz zu treffen schien, und konnte ihr nicht helfen; und sie wurde gepeitscht, Herr, blos deshalb, weil sie ein sittliches, christliches Leben führen wollte, ein solches, wie Ihre Gesetze einem Sklavenmädchen nicht erlauben zu führen; und endlich sah ich sie geschlossen in dem Trupp eines Sklavenhändlers, um nach New-Orleans auf den Markt gebracht zu werden, – dort hingeschickt blos deshalb, weil sie – und das ist das Letzte, was ich von ihr weiß. – Ich selbst wuchs auf, – lange, lange Jahre, – keinen Vater, keine Mutter, keine Schwester, kein menschliches Wesen bei mir, das sich um mich mehr als um einen Hund kümmerte; nichts als gepeitscht, geschimpft werden, und Hunger leiden. Ich bin oft so hungrig gewesen, daß ich froh war, die Knochen zu finden, die den Hunden vorgeworfen wurden; und dennoch war es nicht der Hunger, nicht der Schmerz der Peitschenhiebe, weshalb ich oft als ein kleiner Knabe lange Nächte wachend und weinend auf meinem Lager zubrachte. Nein, Herr, es war meine Mutter und meine Schwestern, um die ich weinte, – es war, weil ich keinen Freund auf Erden hatte, der mich liebte. Ich habe nie gewußt, was Friede und Annehmlichkeiten des Lebens waren; nie wurde ein freundliches Wort zu mir gesprochen, bis ich in Ihre Fabrik kam. Mr. Wilson, Sie haben mich gut behandelt, Sie haben mich ermuthigt, gut zu sein, lesen und schreiben zu lernen, und etwas aus mir selbst zu machen; und Gott weiß es, wie dankbar ich Ihnen dafür bin. Dann fand ich meine Frau; Sie haben sie gesehen, – Sie wissen, wie schön sie ist. Als ich sah, daß sie mich liebte, als ich sie heirathete, konnte ich kaum glauben, daß ich wirklich lebe, so glücklich war ich; und sie ist ebenso gut wie schön. Aber was kam nun? – Mein Master kommt und nimmt mich von meiner Arbeit fort, von meinen Freunden und Allem, was ich lieb hatte, um mich in den Staub zu treten! Und weshalb? Weil ich, wie er sagt, vergessen habe, was ich sei, um, wie er sagt, mir zu lehren, daß ich nichts als ein Neger sei! Endlich tritt er auch zwischen mich und mein Weib, und verlangt, ich solle sie aufgeben und mit einem andern Weibe leben. Und zu allen diesen Handlungen geben ihm Ihre Gesetze Macht und Vollkommenheit, trotz Gott und Menschen. Mr. Wilson, hören Sie! Es ist hier nicht eine einzige Handlung unter allen diesen, die die Herzen meiner Mutter, meiner Schwester, meines Weibes und mein eignes gebrochen haben, welche Ihre Gesetze nicht billigten, und jedem Manne in Kentucky ohne Widerspruch erlaubten! Nennen Sie nun diese die Gesetze meines Vaterlandes? Nein, Herr, ich habe nicht mehr ein Vaterland, als ich einen Vater habe. Aber ich bin im Begriffe, eins zu erlangen. Ich verlange nichts von Ihrem Vaterlande, als daß es mich in Frieden lasse und mir erlaube, ruhig hinaus zu gehen; und wenn ich nach Kanada komme, wo die Gesetze mich anerkennen und mich beschützen werden, so soll dies mein Vaterland sein, und ich will seinen Gesetzen gehorchen. Aber wenn Jemand versuchen sollte, mich aufzuhalten, so mag er sich vorsehen, denn ich bin verzweifelt. Ich werde kämpfen für meine Freiheit bis zum letzten Hauche. Sie sagen, Ihre Vorväter thaten dasselbe; wohl, wenn es für sie recht war, so ist es auch für mich recht.“

Diese Rede, welche von ihm, theils am Tische sitzend, theils im Zimmer auf und ab gehend, gesprochen wurde, mit Thränen, funkelnden Augen und verzweifelnden Geberden, war für den guten alten Mann zu viel, an den sie gerichtet war, und der inzwischen ein großes, gelbes Taschentuch herausgezogen hatte und sein Gesicht damit herzhaft wischte.

„Laß sie alle zum Henker gehen!“ brach er plötzlich hervor. „Habe ich's nicht immer gesagt, – die verdammten Hallunken! – Ich habe doch nicht geflucht, jetzt? – Gut, Georg, geh' zu, geh' zu! aber sei vorsichtig, mein Junge; schieße Keinen todt, Georg, wenn's nicht – ja, – aber noch besser, Du schießest gar nicht, denk' ich; wenigstens würde ich Niemandem Schaden zufügen, verstehst Du? – Wo ist Dein Weib, Georg?“ fügte er hinzu, während er heftig erregt aufstand, und im Zimmer auf und ab zu gehen begann.

„Fort, fort, mit ihrem Kinde im Arme, Gott weiß, wohin, – dem Nordstern nach, und wann wir uns wieder sehen, und ob wir uns je wieder in dieser Welt, kann Niemand sagen.“

„Ist es möglich! unglaublich! fort von einer so guten Familie?“

„Ja, aber gute Familien gerathen in Schulden, und die Gesetze unseres Vaterlandes erlauben ihnen, das Kind von der Mutterbrust weg zu verkaufen, um die Schulden des Herrn zu bezahlen,“ sagte Georg mit bitterem Tone.

„Gut, gut,“ sagte der brave alte Mann, in seiner Tasche herum fühlend. „Ich glaube vielleicht, ich folge hier nicht ganz meinem Verstande, – aber, laß Alles gehenkt werden, ich will ihm nicht folgen!“ fügte er plötzlich hinzu; „also hier, Georg!“ diesem eine Rolle Banknoten hinreichend, die er aus seiner Brieftasche genommen hatte.

„Nein, nein, mein guter, guter Herr!“ sagte Georg; „Sie haben so viel für mich gethan, und dies könnte Sie in Verlegenheit bringen. Ich habe Geld genug, hoffe ich, um mich so weit zu bringen, wie ich nöthig habe.“

„Nein, aber Du mußt, Georg. Geld ist eine große Hülfe überall; – man kann nicht zu viel haben, wenn's ehrlich gewonnen ist. Nimm es, – bitte, nimm es, nun, – nimm es, mein Junge!“

„Unter der Bedingung, daß ich es später zurückzahlen darf, will ich es annehmen,“ sagte Georg.

„Und nun, Georg, wie lange denkst Du auf diese Weise zu reisen? – nicht lange oder weit, hoffe ich. 'S ist gut angefangen, aber zu dreist. Und der schwarze Bursche, – wer ist das?“

„Ein treuer Mensch, der länger als vor Jahresfrist nach Kanada ging. Nachdem er dorthin gelangt war, hörte er, daß sein Herr über sein Entlaufen so zornig geworden sei, daß er seine arme alte Mutter gepeitscht habe; und er ist deshalb den ganzen Weg zurückgekommen, um sie zu trösten und sie mit fortzunehmen.“

„Hat er sie?“

„Noch nicht; er ist lange Zeit um den Ort herum geschlichen, aber hat noch keine Gelegenheit gefunden. Inzwischen will er mich bis nach Ohio begleiten, um mich zu Freunden zu bringen, die ihm geholfen haben, und dann will er wieder hierher zurückkehren.“

„Gefährlich, sehr gefährlich!“ sagte der alte Mann.

Georg richtete sich auf und lächelte stolz.

Der alte Mann betrachtete ihn von Kopf bis zu Füßen mit einer Art unschuldiger Verwunderung.

„Georg, irgend Etwas hat Dich erstaunlich verändert. Du trägst Deinen Kopf, und sprichst und bewegst Dich grade wie ein anderer Mensch,“ sagte Mr. Wilson.

„Weil ich ein freier Mensch bin,“ sagte Georg stolz. „Ja, Herr, ich habe zum letzten Male zu irgend einem Menschen ‚Master‘ gesagt. Ich bin frei!

„Sieh Dich vor! Du bist noch nicht sicher, – Du könntest wieder gefangen werden.“

„Alle Menschen sind frei und gleich im Grabe, wenn es dahin kommen sollte, Mr. Wilson,“ entgegnete Georg.

„Ich bin vollständig erstarrt vor Deiner Dreistigkeit!“ sagte Mr. Wilson, – „grade hierher in das nächste Wirthshaus zu kommen!“

„Mr. Wilson, es ist so dreist, und dieses Wirthshaus ist so nahe, daß Niemand je daran denken wird; man wird mich weiter voraus suchen, und Sie selbst würden mich nicht kennen. Jim's Master wohnt nicht in dieser Gegend; es kennt ihn hier Niemand. Ueberdies ist er längst vergessen; Niemand sucht ihn mehr, und Niemand wird mich nach der Bekanntmachung erkennen, glaube ich.“

„Aber das Zeichen an Deiner Hand.“

Georg zog seinen Handschuh aus und zeigte eine frisch geheilte Wunde an seiner Hand.

„Das ist ein Liebeszeichen, was Mr. Harris mir zum Abschiede gegeben hat,“ sagte Georg spöttisch. „Vor ungefähr vierzehn Tagen kam es ihm in den Kopf, mir dies zu geben, weil er, wie er sagte, glaubte, daß ich dieser Tage davon laufen werde. Sieht es nicht interessant aus?“ fügte er hinzu, indem er seinen Handschuh wieder anzog.

„Ich versichere Dich, Georg, mein Blut wird kalt wie Eis, wenn ich daran denke, – an Deine Lage und Deine Gefahren!“ sagte Mr. Wilson.

„Das meinige ist manches lange Jahr kalt gewesen; – jetzt ist es ungefähr im Siedepunkte,“ entgegnete Georg.

„Und nun, mein guter Herr,“ fuhr Georg nach einer Pause von wenigen Minuten fort, „ich bemerkte, daß Sie mich erkannten; und so dachte ich, es wäre am besten, wenn ich eine Unterredung hier mit Ihnen hätte, damit mich Ihre verwunderten Blicke nicht verrathen möchten. Ich reise morgen früh, vor Tagesanbruch, wieder ab, und gedenke morgen Abend in Ohio in Sicherheit zu schlafen. Ich werde bei Tage reisen, in den besten Gasthöfen logiren, und mit den Herren des Landes an einer Tafel speisen. Also leben Sie wohl, lieber Herr; und wenn Sie hören sollten, daß ich gefangen worden bin, so können Sie als gewiß annehmen, daß ich todt bin!“

Georg stand wie ein Fels, und streckte seine Hand mit der Miene eines Fürsten aus. Der gutmüthige, kleine alte Mann drückte sie herzlich, und nahm sodann vorsichtig seinen Regenschirm und suchte tappend seinen Weg zum Zimmer hinaus.

Georg schaute ihm gedankenvoll nach, als der alte Mann die Thüre schloß. Ein Gedanke schien plötzlich in ihm aufzusteigen; er eilte zur Thüre, öffnete sie und sagte:

„Mr. Wilson, noch auf ein Wort!“

Der alte Herr kehrte in's Zimmer zurück, und Georg schloß, wie zuvor, die Thür ab, und stand dann einige Augenblicke lang still, unschlüssig auf den Boden schauend. Endlich seinen Kopf mit plötzlicher Anstrengung erhebend, sagte er:

„Mr. Wilson, Sie haben sich mir in der Behandlung, die ich von Ihnen erfahren habe, als ein Christ gezeigt, – ich wollte Sie um einen letzten christlichen Liebesdienst bitten.“

„Gut, Georg, was ist's?“

„Was Sie vorher sagten, – ist wahr; ich setze mich einer entsetzlichen Gefahr aus. Es gibt auf der ganzen Erde keine lebende Seele, die sich darum kümmert, wenn ich umkomme,“ sagte er mit schwerem Athem und mit großer Anstrengung, – „man wird mich mit dem Fuße auf die Seite stoßen und wie einen Hund einscharren, und kein Mensch wird den folgenden Tag mehr daran denken, – nur mein armes Weib! Arme Seele! sie wird trauern und sich abhärmen. – Wenn es Ihnen nur möglich wäre, Mr. Wilson, ihr diese Busennadel zu senden. Sie gab sie mir einst zum Weihnachtsgeschenke, das arme Wesen! Geben Sie sie ihr, und sagen Sie ihr, daß ich sie bis zum letzten Augenblicke lieben würde. Wollen Sie? wollen Sie es thun?“ fügte er dringend hinzu.

„Ja, sicher, – mein armer Junge!“ sagte der alte Herr, die Nadel nehmend, mit nassen Augen und einem melancholischen Zittern seiner Stimme.

„Sagen Sie ihr dieses Eine noch,“ fuhr Georg fort; „es ist mein letzter Wunsch, – nach Kanada zu gehen, wenn sie irgend hinkommen könne. Gleichviel, wie gut ihre Mistreß sei, – gleichviel, wie sehr sie an ihrer Heimath hänge; bitten Sie sie, nicht dahin zurückzukehren, – denn Sklaverei endet immer in Elend. Sagen Sie ihr, sie solle unser Kind zu einem freien Menschen erziehen, dann werde er nicht das erdulden müssen, was ich erduldet habe. Sagen Sie ihr dies, Mr. Wilson, – wollen Sie?“

„Ja, Georg, ich will es ihr sagen; aber ich hoffe, Du wirst nicht sterben; fasse Muth, – bist ja ein braver Bursche. Vertraue auf Gott, Georg. Ich wünschte nur, Du wärest erst glücklich durch, – das ist mein Wunsch.“

„Gibt es einen Gott, auf den man vertrauen kann?“ sagte Georg in einem Tone so bitterer Verzweiflung, daß der alte Mann dadurch in seiner Rede stockte. „O ich habe mein ganzes Leben lang so viele Dinge gesehen, die in mir das Gefühl erzeugt haben, daß es keinen Gott geben könne. Ihr Christen wißt nicht, wie uns diese Dinge erscheinen. Für Euch gibt es einen Gott, – aber nicht für uns.“

„O nein, sprich nicht so – nicht so, mein Junge!“ sagte der alte Mann beinahe schluchzend; „laß nicht solche Gedanken aufkommen. Es gibt – es gibt einen Gott; Wolken und Dunkel ist um ihn her, aber Gerechtigkeit und Gericht ist seines Stuhles Festung. Es lebt ein Gott, Georg! – glaube an Ihn, vertraue auf Ihn, und Er wird Dir sicher helfen. Er wird Alles in Ordnung bringen, wenn nicht in dieser, doch in einer anderen Welt.“

Die wahrhafte Frömmigkeit und Güte des schlichten, alten Mannes verlieh ihm momentan, während er sprach, eine Art Würde. Georg hielt in seinem verzweifelten Laufe das Zimmer auf und nieder inne, blieb einen Augenblick gedankenvoll stehen und sagte dann ruhig:

„Ich danke Ihnen für das, was Sie mir gesagt haben, mein guter Freund; – ich will daran denken!“

Anmerkungen zur Transcribtion:

Das Inhaltsverzeichnis ist im Original nicht enthalten.





End of Project Gutenberg's Onkel Tom's Hütte, by Harriet Beecher Stowe

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Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
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