The Project Gutenberg EBook of Der violette Tod, by Gustav Meyrink

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Title: Der violette Tod
       und andere Novellen

Author: Gustav Meyrink

Release Date: February 3, 2010 [EBook #31164]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VIOLETTE TOD ***




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Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Textauszeichnungen wurden folgendermaen ersetzt:

  Sperrung:       =gesperrter Text=
  Antiquaschrift: #Antiquatext#

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende vor das erste Kapitel verschoben.



                           Der violette Tod

                         und andere Novellen

                                 von

                            Gustav Meyrink


                Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig



              #Copyright 1913 by Albert Langen, Munich#

                    bersetzungsrecht vorbehalten

               =Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig=




  Inhaltsverzeichnis
                                     Seite

  Das dicke Wasser                       3

  Die Urne von St. Gingolph             11

  Das ganze Sein ist flammend Leid      19

  Das Automobil                         27

  Blamol                                35

  Bocksure                             47

  Das Fieber                            56

  Der violette Tod                      65




Das dicke Wasser


Im Ruderklub Clia herrschte brausender Jubel. Rudi, genannt der
Sulzfisch, der zweite Bug, hatte sich berreden lassen und sein
Mitwirken zugesagt. -- Nun war der Achter komplett. -- Gott sei Dank.

Und Pepi Staudacher, der berhmte Steuermann, hielt eine schwungvolle
Rede ber das Geheimnis des englischen Schlages und toastierte auf den
blauen Donaustrand und den alten Stefansturm (duli, duli). Dann
schritt er feierlich von einem Ruderer zum andern, jedem das
Trainingsehrenwort -- vorerst das kleine -- abzunehmen.

Was da alles verboten wurde, es war zum staunen! Staudacher, fr den als
Steuermann all dies keinerlei Geltung hatte, wute es auswendig:
Erstens nicht rauchen, zweitens nicht trinken, drittens keinen Kaffee,
viertens keinen Pfeffer, fnftens kein Salz, sechstens -- -- siebentens
-- -- -- achtens -- -- --, und vor allem keine Liebe -- hren Sie --
keine Liebe! -- weder praktische noch theoretische -- -- -- --!

Die anwesenden Klubjungfrauen sanken um einen halben Kopf zusammen, weil
sie die Beine ausstrecken muten, um ihren Freundinnen #vis--vis#
bedeutungsvolle Futritte unter dem Tisch zu versetzen. Der schne Rudi
schwellte die Heldenbrust und stie drei schwere Seufzer aus, die
anderen schrien wild nach Bier, der kommenden schrecklichen Tage
gedenkend.

Eine Stunde noch, meine Herren, heute ausnahmsweise, dann ins Bett, und
von morgen an schlft die Mannschaft im Bootshause.

Mhm, brummte besttigend der Schlagmann, trank aus und ging. Ja, ja,
der nimmt's ernst, sagten alle bewundernd. --

Spt in der Nacht traf ihn die heimkehrende Mannschaft zwar Arm in Arm
mit einer auffallend gekleideten Dame in der Bretzelgasse, aber es
konnte ja gerade so gut seine Schwester sein. -- Wer kann denn in der
Dunkelheit eine anstndige Dame von einer Infektioneuse unterscheiden!

                            *      *      *

Der Achter kam dahergesaust, die Rollsitze schnarchten, die schweren
Ruderschlge drhnten ber das grne, klare Wasser.

Jetzt kommt der Endspurt, da schauen S', da schauen S'!

Eins, zwei, drei, vier, fnf -- -- -- -- -- -- aha -- ein
Vierundvierziger!

Staudachers Kommandogeheul ertnte: Achtung, stopp. Achter, Sechster:
zum streichen! Einser, Dreier: fort. -- Ha--alt!

Die Mannschaft stieg aus, keuchend, schweibedeckt.

Da schauen S' den Nummer drei, die Pratzen! Wie junge Reisetaschen,
was? berhaupt die Steuerbordseiten is gut beisamm'. -- Der beste Mann
im Boot ist halt doch Nummer sieben. -- Ja, ja unser Siebener. Gelt,
Wastl, ha, ha.

No, und die Haxen von Nummer acht san gar nix, was?

Wissen S', wievll mr heut g'fahren san, Herr von Borgenheld? wandte
sich Sebastian Kurzweil, der zweite Schlagmann, an den Vizeobmann, der
verstndnislos dem Herausheben des vierzehn Meter langen, einem Haifisch
gleichenden Achtriemers zusah.

Dreimal, riet der Vizeobmann.

Wievll, sag' ich, brllte Kurzweil.

Fnfmal, stotterte erschreckt Herr von Borgenheld.

Himmelsakra! -- der Ruderer schttelte den Arm.

Er meint: -- >wie lang<, warf ein Junior ein, der schchtern dabei
stand und einen schmutzigen Fetzen in der Hand hielt.

Ach so! -- Fnf Kilometer!

Die Mannschaft machte Miene, sich auf Herrn von Borgenheld zu strzen.
Sie htten ihn zerrissen, da rief sie eine Serie rtselhafter Kommandos
wieder an das Boot: Mann an Rigger -- aufff -- auf mich (prschsch -- da
lief das Wasser aus dem umgewendeten Boot) -- schwen--ken -- fort!

Und acht rot-wei und sprlich bekleidete Gestalten, ohne Strmpfe und
mit phantastischem Schuhwerk hantierten an dem Boot herum und schleppten
es mit tiefem Ernst in den Schuppen.

No, raten Sie jetzt! und der Steuermann schwenkte eine silberne
Taschenuhr an einem roten Strick hin und her. Also wieviel? -- Der
Vizeobmann aber mochte nicht mehr. Staudacher zndete sich eine
Virginia an, denn ein echter Steuermann mu gewissenhaft alles tun, was
gesundheitsschdlich ist, um leichter zu werden.

Also raten Sie, Herr #Dr.# Hecht!

Fglich -- h -- fglich -- soll man die >Zeit< geheim halten, nselte
dieser fachgewandt und zwinkerte nervs mit den Augenlidern.

No, dann schauen Sie selbst, sagte Staudacher. Alle beugten sich vor.

5 Minuten 32 Sekunden, kreischte der Junior und schwenkte den
schmutzigen Fetzen ber dem Kopf.

Jawohl 5: 32! -- Wissen Sie, was das heit, meine Herren, 5: 32 fr
2000 Meter -- stehendes Wasser, ich bitte!

Fnfi zwoadrei'g, fnfi zwoadrei'g, brllte Kurzweil, der jetzt
splitternackt auf der Terrasse des Bootshauses stand, wie ein Stier
herunter.

Eine wilde Begeisterung ergriff alle Mitglieder.

5: 32!!

Sogar der Obmann Schn machte einen dicken Hals und meinte, da man
selbst seinerzeit in Zrich, im Seeklub, keine bessere Zeit gefahren
sei.

Jawohl 5: 32! Und kennen Sie auch den Hamburger Rekord im Training?
fuhr Staudacher fort. -- -- 6 Minuten 2 Sekunden!! bei Windstille -- --
mir hat es ein Freund telegraphiert. -- -- 6: 2! -- -- -- und wissen Sie
auch, was 30 Sekunden Differenz sind? 11 Lngen -- klare Lngen --
jawohl!

Sie, Ihre Zeit kann absolut nich stimm', wandte sich ein Berliner
Ruderer, der als Gast zugegen war, an Staudacher, sehen Se mal, der
englische Professionalrekord is 5: 55, da wren Sie ja um 23 Sekunden
besser. Nu, hren Se mal! -- berhaupt die Wiener >Zeiten< sind
verflucht verdchtig, -- vielleicht jehen Ihre Stoppuhren falsch!

Schauen S', da S' weiter kommen, S -- fnfifnfafufz'g S, -- setzen
S' s in d'Lotterie d fnfifnfafufz'g. Haben S' berhaupt an Idee --
bereits -- -- was mr Weana fr a Kraft hab'n, hhnte Kurzweil von der
Terrasse, dann hob er die Arme und brllte, wie weiland Ares im
Trojanischen Krieg, da es durch die Erlenwldchen an den Ufern des
Donaukanals gellte.

Hren Se doch nu endlich mit dem Jebrlle auf -- Sie da oben -- oder
wollen Se vielleicht 'n dreibnd'jes Buch ber planloses Jeschrei
herausjeben! rief der Berliner rgerlich.

Pst, pst -- nur keinen Streit, besnftigte Staudacher. -- brigens,
meine Herren, -- ich nehme heute schon die Glckwnsche zu unserem
knftigen groen Siege in Hamburg entgegen. -- Meine Herren, auf diesen
Sieg --, meine Herren -- hip -- hip -- --

Die harmonischen Tne einer Drehorgel schnitten ihm die Worte ab --
einen Augenblick Totenstille, dann rhythmisches Trampeln im Ankleideraum
der Mannschaft und alle stimmten begeistert mit ein in das Lied:


    Ds is wos fr 'n Weana,
    Fr a wean'risches Bluat,
    Wos a wean'rischer Walzer
    An 'm Weana all's tuat.


                            *      *      *

Der Ausschu des Klubs war auf dem Bahnhof versammelt und wartete auf
die aus Hamburg heimkehrende Mannschaft in grter Erregung, denn in den
Morgenblttern war ein schreckliches Telegramm abgedruckt gewesen:

  Hamburg -- Achterrennen um den Staatspreis. Resultate: Favorit
  Hammonia, Hamburg -- erste: 6 Min. 2 Sek.; Ruderklub Clia,
		    Wien -- letzte: 6 Min. 32 Sek.

  Interessantes Rennen zwischen Favorit Hammonia, Hamburg, und
  Berliner Ruderklub. Wien unter acht Booten achtes, kam nie
  ernstlich in Betracht. Die Arbeit der sterreicher saft- und
            kraftlos und auffallend marionettenhaft.

Sehen Se wohl, was hab ich jesagt, hhnte der Berliner, der schon eine
Stunde auf dem Perron wartete, jerade ne janze Minute schlechtere Zeit
als anjeblich hier im Training.

Ja, es ist schrecklich fatal, lispelte der Obmann, und wir haben
schon gestern Einladungen zum Siegesfest verschickt und das Bootshaus
beflaggt und mit Reisig geschmckt.

Es mu rein etwas passiert sein, meinte zgernd ein alter Herr -- dann
schrien pltzlich alle durcheinander: Der Nummer zwei is schuld -- --
der Sulzfisch, der zieht ja nicht einmal das Gewicht seiner Kappe -- der
ganze Kerl ist schwabberig wie Hektographenmasse.

Was denn Nummer zwei! Die ganze Backbordseite ist keinen Schu Pulver
wert.

berhaupt der >Einsatz< fehlt. #Catch the water!# -- verstehen Sie
mich, -- verstehen Sie Englisch? #Catch the water.# Schauen Sie her,
so! #catch#, #catch#, #catch#!

Meine Herren, meine Herren, was nutzt das alles: #catch#,
#catch#, #catch#, wenn man >Swivels< hat, wie wollen Sie da
>einsetzen<. Hab' ich nicht immer gesagt: feste Dollen, was, Herr von
Schwamm? -- Ja, feste Dollen, haha, zu meiner Zeit: rum -- bum -- rum
bum --

Htt' alles nicht g'schadt, aber natrlich knapp vorm Training bei der
Nacht mit Weibern rumlaufen, daran liegt's. Haben S' damals unsern
>Stroke< g'segn in der Bretzelgass'n? Wissen S', wer die Frauensperson
war? Die blonde Sportmirzl, wann S's no nt kenna!

Ein gellender Pfiff. Der Zug fhrt ein.

Aus verschiedenen Coups steigen die Clianesen aus. rgerliche
Gesichter, mde, abgespannte Mienen: -- -- -- Trger! Trger! --
Himmelsakra, sind denn keine Trger da!

Erzhlt's doch, was ist denn g'schehn? Letzte, immer letzte?

Der >Sulzfisch<, murmelt Kurzweil ingrimmig.

Der schne Rudi hat es gehrt und tritt mit geschwellter Heldenbrust an
ihn heran: Mein Herr, ich bin Reserveleutnant im Artillerieregiment Nr.
23, verstehen Sie mich? Und er zwinkert mit entzndeten Lidern, und
sein Gesicht ist klebrig und rugeschwrzt, als ob er auf einem
Stempelkissen geschlafen htte.

Ruhe, meine Herren, Ruhe! Staudacher ist es, der eine Flasche in der
Hand hlt.

Erzhlen, Staudacher, erzhlen! -- Alles umdrngt ihn. Der kleine
Steuermann hebt die Flasche in die Hhe, Hier ist des Rtsels Lsung,
-- wissen Sie, was da drin ist? -- Alsterwasser, Hamburger Alsterwasser!
-- -- Und da drin soll unsereins rudern, wo wir an unser dnnes klares
>Kaiserwasser< gewhnt sind -- net wahr, Kurzweil? Wissen S', da dieses
Alsterwasser bereits um ein Fnftel dicker ist als wie das unsrige? --
[ja, wirklich, m'r siecht's] -- Ich hab's selbst mit dem Arometer
g'messen, und unsere Zeit ist trotzdem nur um ein Sechstel schlechter!
-- Nur um ein Sechstel -- meine Herren! -- H? Hab'n S' an Idee, wie wir
hier g'wonnen htten! -- Da wren die Hamburger gar net mitkommen.

Alle waren voll Bewunderung: Nein, wirklich, alles was recht ist, unser
Staudacher ist ein findiger Kopf, so einen sollen S' uns zeigen, die,
die... die deutschen Brder aus dem >Reich< -- --

Ja, ja! -- 's gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wean!




Die Urne von St. Gingolph


Von St. Gingolph eine halbe Wegstunde -- hinter den Hgeln -- liegt ein
uralter Park, verwildert und einsam -- auf keiner Karte vermerkt.

Vor Jahrhunderten schon mag das Schlo, das einst in seiner Mitte stand,
zerfallen sein; Reste weier Grundmauern -- kaum bis zur Kniehhe eines
Mannes -- ragen verloren aus dem wilden, tiefen Gras wie gebleichte
gigantische Zahnstmpfe eines Ungeheuers der Vorzeit.

Alles hat achtlos die Erde verscharrt und der Wind vertragen, Namen und
Wappen, Tor und Tr.

Und auf Trme und Giebel hat die Sonne gestarrt, bis alles langsam und
unmerklich in Atome zerfiel -- um dann als toter Staub mit dem Dunste
des Tales emporzuwandern.

So ruft die zehrende Sonne die Dinge dieser Erde.

Eine verwitterte steinerne Urne, tief im Schatten von Zypressen, hat
sich der Park noch bewahrt aus der Zeit eines vergessenen Lebens; die
dunklen ste haben sie verborgen vor den Ungewittern.

Neben dieser Urne warf ich mich einst ins Gras, habe auf das verdrossene
Treiben der Krhen da oben in den Wipfeln gehorcht -- und gesehen, wie
die Blumen ernst wurden, wenn ber die Sonne die Wolken ihre Hnde
legten; -- und als schlssen sich traurig tausend Augen um mich her, war
mir dann, wenn das Licht des Himmels erlosch.

Lange lag ich so und rhrte mich kaum.

Die drohenden Zypressen hielten finster Wache bei der Urne, die auf mich
herniedersah mit ihrem verwitterten Steingesicht wie ein Wesen ohne Atem
und Herz -- grau und empfindungslos.

Und meine Gedanken glitten leise in ein versunkenes Reich hinab -- voll
Mrchenlaut und dem heimlichen Klingen metallener Saiten; -- ich dachte,
geschmckte Kinder mten kommen und auf den Zehenspitzen stehend mit
kleinen Hnden Kieselsteine und drres Laub in die Urne werfen.

Dann grbelte ich lange nach, warum ein schwerer Deckel auf dieser Urne
lag wie eine steinerne trotzige Hirnschale, und mir wurde so eigen
seltsam bei dem Gedanken, da der Luftraum in ihr und die armseligen
paar vermoderten Dinge, die sie bergen mochte, vom Herzschlag des Lebens
so zwecklos und geheimnisvoll wohl fr immer geschieden seien.

Ich wollte mich bewegen und fhlte, wie meine Glieder fest im Schlafe
lagen und wie die farbigen Bilder der Welt langsam verblaten.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --
--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Und ich trumte, die Zypressen seien jung geworden, und unmerklich
schwankten sie in leisem Windhauch.

Auf der Urne schimmerte das Licht der Sterne, und der Schatten eines
nackten riesigen Kreuzes, das stumm und gespenstisch aus der Erde ragte,
lag wie der Eingang in einen finsteren Schacht auf dem weien
nchtlichen Glanz der Wiese.

Die Stunden schlichen, und hie und da fr eine Spanne Zeit flossen
leuchtende Kreise auf das Gras und ber die glitzernden Dolden des
wilden Fenchel, der dann zauberhaft erglhte gleich farbigem
Metall -- -- Funken, die der Mond durch die Stmme des Waldes warf,
wie er ber die Hgelkmme zog.

Der Park wartete auf etwas oder auf jemand, der kommen sollte, und als
vom Wege -- vom Schlosse her, das in tiefer Dunkelheit versunken lag,
der Kies unter Schritten leise klirrte und die Luft das Rauschen eines
Kleides herbertrug, schien es mir, als streckten sich die Bume und
wollten sich vorneigen, dem Ankmmling warnende Worte zuzuraunen.

Es waren die Schritte einer jungen Mutter gewesen, die aus dem Schlosse
kam, sich vor dem Kreuze niederzuwerfen, und jetzt den Fu des Holzes
verzweifelt umschlang.

Es stand aber ein Mensch im Schatten des Kreuzes, den sie nicht sah und
dessen Hiersein sie nicht ahnte. Er, der ihr schlummerndes Kind in der
Dmmerung aus der Wiege gestohlen hatte und hier auf ihr Kommen wartete,
Stunde um Stunde -- ihr Gatte, von nagendem Argwohn und qulenden
Trumen aus der Ferne heimgetrieben.

Er hielt sein Gesicht an das Holz des Kreuzes gepret und lauschte mit
angehaltenem Atem den geflsterten Worten ihres Gebetes.

Er kannte die Seele seines Weibes und die verborgenen Triebfedern der
inneren Natur und hatte gewut, sie wrde kommen. Zu diesem Kreuz. So
hatte er es auch im Traume gesehen. -- Sie mute kommen, ihr Kind hier
zu suchen.

Wie das Eisen zum Magnetstein mu, wie der Instinkt die Hndin ihr
verlorenes Junge finden lt, so wird dieselbe dunkle rtselhafte Kraft
-- und wre es im Schlafe -- auch den Fu einer Mutter lenken -- -- --

Der Betenden zur Warnung rauschten die Bltter und Zweige, und der Tau
der Nacht fiel auf ihre Hnde. Sie aber hielt die Augen gesenkt, und
ihre Sinne waren blind in Sorge und Gram um ihr verschwundenes Kind.

Darum fhlte sie nicht, da das Kreuz nackt war und den nicht trug, zu
dem sie rief, und der da gesagt hatte: Gehe hin und sndige hinfort
nicht mehr.

Der aber statt Seiner die Worte ihrer Pein hrte, wollte ihr ein
Beichtiger ohne Erbarmen sein.

Und sie betete und betete, und immer deutlicher formte sich ihr Flehen
zu dem Gestndnis -- -- -- Siehe, Herr, nicht an meine Schuld, und wie
du vergabst jener Ehebrecherin... -- -- da sthnten die alten ste laut
auf in Qual und Angst und griffen wild nach dem Horcher hinter dem
Kreuze und faten seinen Mantel -- -- -- ein Windsto raste durch den
Park.

Die letzten verrterischen Worte ri sein Sausen fort, ein haerflltes
Ohr aber tuscht auch der Sturm nicht, und blitzartig reift zur
Gewiheit, was als Argwohn lange gekeimt.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Wieder Todesstille ringsumher.

Die Beterin am Kreuz war zusammengesunken -- regungslos wie in tiefem
Schlafe gefangen.

Da drehte sich leise, leise der steinerne Deckel, und die Hnde des
Mannes leuchteten wei aus der Dunkelheit, wie sie langsam und
geruschlos gleich groen furchtbaren Spinnen um den Rand der Urne
krochen.

Kein Laut im ganzen Park. -- Lhmendes Entsetzen schlich durch die
Finsternis.

Linie um Linie senkten sich und schwanden die steinernen Schraubengnge.

Da traf durch das Dickicht ein winziger Mondstrahl ein Ornament der Urne
und schuf auf dem geschliffenen Knauf ein glhendes, grliches Auge,
das mit glotzendem, tckischem Blick weit aufgerissen in das Gesicht des
Mannes starrte.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Von Grauen und Furcht gehetzte Fe flohen durch das Gehlz, und das
Prasseln des Reisigs schreckte die junge Mutter auf.

Das Gerusch wurde schwcher, verlor sich in der Ferne und erstarb.

Sie aber achtete nicht darauf und lauschte in die Dunkelheit mit
stockendem Pulse einem unmerklichen, kaum hrbaren Laut nach, der wie
aus der Luft entstanden ihr Ohr getroffen hatte.

War das nicht ein leises Weinen gewesen? Ganz dicht bei ihr?

Unbeweglich stand sie und horchte und horchte mit verbissenen Lippen;
ihr Ohr wurde scharf wie das Ohr eines Tieres -- sie hemmte den Atem bis
zum Ersticken und hrte dennoch den Hauch aus ihrem Munde wie das
Rauschen des Sturmwindes; -- das Herz drhnte, und ihr Blut brauste in
den Adern gleich tausend unterirdischen Quellen.

Sie hrte das Scharren der Larven in der Rinde der Bume und die
unmerkbaren Regungen der Halme.

Und die rtselhaften Stimmen der keimenden ungeborenen Gedanken des
Innern, die das Schicksal des Menschen bestimmen, seinen Willen in
unsichtbare Fesseln zu schlagen, und doch leiser, viel viel leiser sind
als der Atem der wachsenden Pflanzen, schlugen fremdartig und dumpf an
ihr Ohr.

Dazwischen ein Weinen, ein schmerzliches Weinen, das sie ganz umhllte,
das ber ihr und unter ihr ertnte -- in der Luft -- in der Erde.

Ihr Kind weinte -- -- irgendwo -- da -- dort -- -- ihre Finger krampften
sich in Todesangst -- -- Gott wrde es sie wiederfinden lassen.

Ganz, ganz nahe bei ihr mute es sein -- Gott wollte sie nur prfen --
gewi.

Jetzt klingt das Weinen nher -- -- und lauter; -- der Wahnsinn schwingt
seine schwarzen Fittiche, die den Himmel verfinstern werden -- -- ihr
ganzes Gehirn ist ein einziger schmerzender Hrnerv.

Einen, nur einen Augenblick Erbarmen noch, o Gott, bis ihr Kind
wiedergefunden ist. -- Verzweifelt will sie suchend vorwrts strmen,
doch schon verschlingt das Gerusch des ersten Schrittes den feinen
Laut, verwirrt das Ohr und bannt ihren Fu an die alte Stelle.

Und hilflos mu sie stehenbleiben -- regungslos wie ein Stein, um nicht
jede Spur zu verlieren.

Wieder hrt sie ihr Kind -- jetzt schreit es nach ihr, da bricht das
Mondlicht durch den Park und fliet von den Wipfeln in schimmernden
Strmen; -- und die Zieraten der Urne leuchten wie nasses Perlmutter.

Die Schlagschatten der Zypressen deuten: Hier, hier ist dein Kind
gefangen, den Stein zertrmmere. Schnell, schnell, eh' es erstickt; --
doch die Mutter hrt und sieht nicht.

Ein Lichtschein hat sie betrogen, besinnungslos hat sie sich in das
Dickicht gestrzt, reit sich blutig an den Dornen und zerwhlt das
Strauchwerk wie ein rasendes Tier.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Grausig gellt ihr Schreien durch den Park.

Und weie Gestalten kommen aus dem Schlo und schluchzen und halten ihre
Hnde und tragen sie mitleidig fort.

Der Wahnsinn hat seinen Mantel ber sie gebreitet, und sie starb in
derselben Nacht.

Ihr Kind ist erstickt, und niemand hat den kleinen Leichnam gefunden; --
die Urne hat ihn gehtet -- bis er in Staub zerfiel.

Die alten Bume haben gekrankt seit jener Nacht und sind langsam
verdorrt.

Nur die Zypressen halten Leichenwacht bis zum heutigen Tag.

Nie sprachen sie ein Wort mehr und sind vor Gram starr und regungslos
geworden.

Das Holzkreuz aber haben sie stumm verflucht, bis der Nordsturm kam --
der ri es aus und warf es aufs Gesicht.

Die Urne wollte er zerschmettern in seiner Wut, doch das hat Gott
verboten; ein Stein ist immer gerecht, und dieser da war nicht hrter
gewesen als ein Menschenherz.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Schwer lastet es auf meiner Brust und macht mich erwachen.

Ich sehe um mich, und der Raum unter dem Himmel ist erfllt mit
gebrochenem Licht.

Die Luft hei und giftig.

ngstlich scheinen die Berge zusammengerckt; -- und schreckhaft
deutlich jeder Baum. -- Einzelne weie Schaumstreifen jagen ber das
Wasser, von einer rtselhaften Kraft gehetzt; -- der See ist schwarz; --
wie der geffnete Rachen eines tollen Riesenhundes liegt er unter mir.

Eine langgestreckte violette Wolke, wie ich sie noch niemals gesehen,
schwebt in furchteinflender Unbeweglichkeit hoch ber dem Sturm und
greift -- ein gespenstischer Arm -- ber den Himmel.

Noch liegt wie ein Alp der Traum von der Urne auf mir, und ich fhle,
das ist der Arm des Fhn -- da oben -- und seine ferne unsichtbare Hand
tastet und sucht auf Erden nach jenem Herzen, das hrter gewesen ist als
Stein.




Das ganze Sein ist flammend Leid


Um sechs Uhr ist es lngst dunkel in den Strflingszellen des
Landesgerichtes, denn Kerzen sind dort nicht gestattet, und berdies war
es Winterabend -- neblig und sternenlos.

Der Aufseher ging mit dem schweren Schlsselbund von Tr zu Tr,
leuchtete noch einmal durch die kleinen vergitterten Ausschnitte -- wie
es seine Pflicht ist -- und berzeugte sich, da die Eisenstangen
vorgelegt waren. -- Endlich verhallte sein Schritt und die Ruhe des
Jammers lag ber all den Unglcklichen, die der Freiheit beraubt --
immer vier beisammen -- in den trostlosen Zellen auf ihren hlzernen
Bnken schliefen.

Der alte Jrgen lag auf dem Rcken und blickte zu dem kleinen
Kerkerfenster empor, das wie mattleuchtender Dunst aus der Finsternis
schimmerte. -- Er zhlte die langsamen Schlge der mitnenden
Turmglocke und berlegte, was er morgen vor den Geschworenen sagen
wolle, und ob er wohl freigesprochen wrde.

Das Gefhl der Emprung und des wilden Hasses, da man ihn, wo er doch
vollkommen unschuldig war, so lange eingesperrt hielt, hatte ihn in den
ersten Wochen bis in den Traum verfolgt, und oft htte er vor
Verzweiflung am liebsten aufgeschrien.

Aber die dicken Mauern und der enge Raum -- kaum fnf Schritte lang --
schlagen den Schmerz nach innen und lassen ihn nicht heraus; -- dann
lehnt man nur die Stirn an die Wand oder steigt auf die Holzbank, um
einen Streifen blauen Himmels durch das Kerkergitter zu sehen.

Jetzt waren diese Regungen erloschen, und andere Sorgen, die der freie
Mensch nicht kennt, drckten ihn nieder.

Ob er morgen freigesprochen wrde oder verurteilt, regte ihn nicht
einmal so sehr auf, wie er sich frher wohl gedacht hatte. -- Gechtet
war er, was blieb ihm da als Betteln und Stehlen!

Und fiel das Urteil, so wrde er sich erhenken -- bei der nchsten
besten Gelegenheit -- und sein Traum wre in Erfllung gegangen, den er
in der ersten Nacht in diesen verfluchten Mauern gehabt.

Seine drei Gefhrten lagen schon lange still; -- sie hatten nichts Neues
zu hoffen, da sie wach geblieben wren, und die langen Freiheitsstrafen
krzt nur der Schlaf. -- Er aber konnte nicht schlafen, seine trbe
Zukunft und trbe Bilder der Erinnerung zogen an ihm vorbei: anfangs,
als er noch ein paar Kreuzer besa, hatte er sein Los verbessern, sich
hie und da eine Wurst und etwas Milch, manchmal einen Kerzenstummel
kaufen knnen, solange er mit Untersuchungsgefangenen beisammen bleiben
durfte. -- Spter hatte man ihn zu den Strflingen gesteckt, aus
Bequemlichkeitsgrnden -- und in diesen Zellen wird es bald Nacht --
auch in der Seele.

Den ganzen langen Tag sitzt man und brtet vor sich hin, die Ellbogen
auf die Knie gesttzt -- nur ab und zu eine Unterbrechung, wenn der
Schlieer die Tr ffnet und ein Strfling schweigend den Wasserkrug
bringt oder die Blechtpfe mit den gekochten Erbsen.

Da hatte er stundenlang gegrbelt, wer den Mord wohl mochte begangen
haben, und immer klarer war es ihm geworden, da nur sein Bruder der
Tter sein knnte. -- Der Bursche war nicht umsonst so schnell
verschwunden.

Dann dachte er wieder an die morgige Gerichtsverhandlung und den
Advokaten, der ihn verteidigen sollte.

Er hielt nicht viel von ihm. Der Mann war immer so zerstreut gewesen und
hatte nur mit halbem Ohr zugehrt und so devot wie mglich
gekatzenbuckelt, wenn der Untersuchungsrichter hinzugetreten war. --
Aber offenbar gehrte das schon so mit dazu.

Jrgen hrte noch von weitem das Rasseln der Droschke, die immer um
dieselbe Stunde am Gerichtsgebude vorbeifuhr. -- Wer wohl darin sitzen
mochte? -- Ein Arzt -- ein Beamter vielleicht. -- Wie scharf die
Hufeisen auf dem Pflaster klangen.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Die Geschworenen hatten Jrgen freigesprochen, -- -- aus Mangel an
Beweisen -- und jetzt ging er zum letzten Male hinunter in die Zelle.

Die drei Strflinge sahen stumpf zu, wie er mit zitternden Hnden einen
alten Kragen am Hemde befestigte und seinen dnnen schbigen Sommeranzug
anlegte, den ihm der Aufseher hereingebracht hatte. -- Die
Zuchthauskleider, in denen er acht Monate gelitten, warf er mit einem
Fluche unter die Bank. -- Dann mute er in die Kanzlei beim Eingangstor
-- der Kerkermeister schrieb etwas in ein Buch und lie ihn frei.

Es kam ihm alles so fremd vor auf der Strae: die eiligen Menschen, die
gehen durften, wohin sie wollten, und das so selbstverstndlich fanden
-- und der eisige Wind, der einen fast umwarf.

Vor Schwche mute er sich an einem Alleebaum halten, und sein Blick
fiel auf die steinerne Aufschrift ber dem Torbogen:

#Nemesis bonorum custos.# -- Was das wohl heien mag?

Die Klte machte ihn mde; zitternd schleppte er sich zu einer Bank in
den Parkgebschen und schlief ermattet fast ohnmchtig ein.

Als er erwachte, lag er im Krankenhause -- man hatte ihm den linken Fu
amputiert, der ihm erfroren war. -- -- -- -- -- -- -- -- --

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Aus Ruland waren zweihundert Gulden fr ihn gekommen -- wohl von seinem
Bruder, den das Gewissen gemahnt haben mochte, und Jrgen mietete ein
billiges Gewlbe, um Singvgel zu verkaufen.

Er lebte kmmerlich und einsam und schlief hinter einem Bretterverschlag
in seinem armseligen Laden.

Wenn des Morgens die Bauernkinder in die Stadt kamen, kaufte er ihnen
die kleinen Vgel um einige Kreuzer ab, die sie in Schlingen und Fallen
gefangen hatten, und steckte sie zu den brigen in die schmutzigen
Kfige. -- -- --

Von dem eisernen Haken in der Mitte des Gewlbes hing an vier Stricken
befestigt ein altes Brett herab, auf dem ein rudiger Affe kauerte, den
Jrgen von seinem Nachbarn -- dem Trdler -- gegen einen Nuhher
eingetauscht hatte.

Tag fr Tag blieben die Schuljungen stundenlang vor dem blinden Fenster
stehen und starrten den Affen an, der unruhig hin und her rckte und
mrrisch die Zhne fletschte, wenn ein Kufer die Tr ffnete.

Nach ein Uhr kam gewhnlich niemand mehr, und dann sa der Alte auf
seinem Schemel, blickte trbselig auf sein hlzernes Bein und brtete
vor sich hin, was wohl jetzt die Strflinge machen mchten und der Herr
Untersuchungsrichter, und ob der Advokat noch immer auf dem Bauch vor
ihm lge.

Wenn dann ab und zu der Polizeibeamte, der in der Nhe wohnte,
vorberging, wre er am liebsten aufgesprungen, um ihm ein paar mit der
Eisenstange da ber seine bunten Schandlappen zu hauen.

O Gott, da doch das Volk einmal aufstnde und die Schurken erschlge,
die arme Teufel einfangen und fr Taten bestrafen, die sie selbst
insgeheim und mit Lust begehen.

An den Wnden bereinandergeschichtet standen die Kfige bis fast zur
Decke, und die kleinen Vgel flatterten, wenn man ihnen zu nahe kam. --
Viele saen ganz traurig und still und lagen frhmorgens mit
eingesunkenen Augen tot auf den Rcken.

Jrgen warf sie dann achtlos in den Schmutzkbel -- sie kosteten ja
nicht viel -- und da es Singvgel waren, hatten sie auch kein schnes
Gefieder, das man noch htte verwenden knnen.

Ruhig war es eigentlich im Laden nie -- ein ewiges Scharren und Kratzen
und leises Piepsen -- doch das hrte der Alte nicht -- er war zu sehr
daran gewhnt. -- Auch der unangenehme faule Geruch strte ihn nicht
weiter.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Einmal hatte ein Student eine Elster verlangt, und als er fort war,
bemerkte er Jrgen, dem an diesem Tage ganz eigentmlich zumute war, da
der Kufer ein Buch hatte liegen lassen.

Obwohl es deutsch war, wenn auch aus dem Indischen bersetzt, wie es auf
dem Titelblatte hie, verstand er doch so wenig davon, da er den Kopf
schtteln mute. -- Nur eine Strophe las er immer wieder flsternd
durch, weil sie ihn so schwermtig stimmte:


    Das ganze Sein ist flammend Leid.
    Wer dies mit weisem Sinne sieht,
    Wird bald des Leidensleben satt.
    Das ist der Weg zur Luterung!


Als dann sein Blick auf die vielen kleinen Gefangenen fiel, die elend in
den engen Kfigen saen, zog es ihm das Herz zusammen und er fhlte mit
ihnen, als ob auch er ein Vogel sei, der um seine verlorenen Fluren
trauert.

Ein tiefer Schmerz zog in seine Seele, da ihm die Trnen in die Augen
traten. -- Er gab den Tieren frisches Wasser und schttete ihnen neues
Futter zu, was er sonst nur frhmorgens tat.

Dabei mute er der grnen, rauschenden Wlder im goldenen Sonnenglanz
gedenken, die er schon lange vergessen hatte wie alte Mrchen aus
frher Jugend.

Eine Dame in Begleitung eines Dieners, der ein paar Nachtigallen trug,
strte ihn in seinen Erinnerungen.

Ich habe diese Vgel bei Ihnen gekauft, sagte sie, da sie aber zu
selten singen, mssen Sie mir sie blenden.

Was? blenden? stotterte der Alte.

Ja, -- blenden. -- Die Augen ausstechen oder brennen, oder wie man das
macht. -- Sie als Vogelhndler mssen das doch besser verstehen. --
Sollten auch vielleicht ein paar eingehen, so schadet das nichts,
ersetzen Sie mir die fehlenden Stcke einfach durch andere. -- Und
schicken Sie sie mir bald zu. -- Meine Adresse wissen Sie doch? --
Adieu.

Jrgen dachte noch lange nach und ging nicht schlafen.

Die ganze Nacht sa er auf seinem Schemel -- stand auch nicht auf, als
der Nachbar -- der Trdler --, den es befremdete, da der Laden so lange
offen blieb, an die Fensterscheibe klopfte.

Er hrte es in der Dunkelheit in den Kfigen flattern und hatte die
Empfindung, als ob kleine weiche Fittiche an sein Herz schlgen und um
Einla bten.

Als der Morgen graute, ffnete er die Tr, ging ohne Hut bis auf den
den Marktplatz und sah lange in den erwachenden Himmel.

Dann kehrte er still zurck in seinen Laden, machte langsam die Kfige
auf -- einen nach dem andern -- und wenn ein Vogel nicht sogleich
herausflog, holte er ihn mit der Hand aus dem Bauer.

Da flatterten sie in dem alten Gewlbe umher, alle die kleinen
Nachtigallen, Zeisige und Rotkehlchen, bis Jrgen lchelnd die Tr
ffnete und sie ins Freie, in die luftige, gttliche Freiheit lie.

Er sah ihnen nach, bis er sie aus den Augen verlor, und dachte an die
grnen, rauschenden Wlder im goldenen Sonnenglanz.

Den Affen band er los, nahm das Brett von der Decke, da der groe
eiserne Haken freiwurde.

Den Strick, den er daran hngte, wand er zu einer Schlinge und legte sie
sich um den Hals. -- Nochmals zog der Satz aus dem Buche des Studenten
durch seinen Sinn, dann stie er mit dem Stelzfu den Schemel unter sich
fort, auf dem er stand -- -- -- -- -- -- -- -- -- --




Das Automobil


Sie erinnern sich meiner wohl gar nicht mehr, Herr Professor?! Zimt ist
mein Name, Tarquinius Zimt; vor wenigen Jahren noch war ich Ihr Schler
in Physik und Mathematik --

Der Gelehrte drehte die Visitkarte unschlssig hin und her und heuchelte
verlegen eine Miene des Wiedererkennens.

-- und da ich gerade durch Greifswald komme, wollte ich die
Gelegenheit, Ihnen einen Besuch abstatten zu knnen, nicht versumen --

(Einige Minuten verstrichen in peinlichem Stillschweigen.)

-- -- ehm -- -- -- nicht versumen...

Mibilligend musterte der Professor den Lederanzug des jungen Mannes.
Sie sind wohl Walfischfnger? fragte er mit leisem Spott und tippte
seinem Besuch auf den rmel.

Nein, Automobilist; ich selbst habe die bekannte Automobilmarke
>Zimt< -- -- --

Also Schauspieler! unterbrach ungeduldig der Gelehrte; aber weshalb
haben Sie denn frher Physik und Mathematik studiert? Wohl umgesattelt,
junger Freund, umgesattelt!? Nun sehen Sie!

Aber keineswegs, Herr Professor, keineswegs. Im Gegenteil. Sozusagen im
Gegenteil! Ich bin Konstrukteur von Automobilen -- -- von Motoren --
von Benzinmotoren, -- Ingenieur -- --!

Ah, Sie stellen die Phantasiebilder fr die Kinematographen zusammen,
ich verstehe. Aber das kann man doch nicht Ingenieur nennen!

Nein, nein, ich baue selber Automobile. Oder Kraftfahrzeuge, wenn Ihnen
dieses Wort lieber ist. Wir verkaufen jhrlich bereits -- -- --

Ich darf beide Namen, mein lieber Herr Zimt, Automobil und
Kraftfahrzeug, nicht gelten lassen; denn weder kann so eine Maschine
sich vom Fleck fortbewegen -- diese Bedeutung soll doch wohl im Worte
Automobil liegen -- noch ist aus demselben Grunde der Ausdruck Fahrzeug
zulssig, sagte der Gelehrte.

Wie meinen Sie das: >kann sich nicht vom Fleck fortbewegen<? Vielleicht
nur noch zehn Jahre, und wir werden berhaupt kein anderes Landfuhrwerk
mehr benutzen. Fabrik um Fabrik wchst aus dem Boden, und wenn es auch
vielleicht in Greifswald noch kein Automobil gibt, so -- -- --

Sie sind ein Phantast, junger Mann, und verlieren den Boden der
Wirklichkeit unter den Fen! Frnen Sie wohl gar dem Spiritismus? In
der Tat wohl das bedauerlichste Zeichen unserer Zeit, immer wieder das
Gespenst des Perpetuum mobile unerfreulicherweise sein hliches Haupt
erheben sehen zu mssen. Rein als ob die Lehrstze der Physik gar nicht
existierten. Traurig, frwahr sehr traurig! Und auch Sie, obschon noch
vor wenigen Jahren mein Schler, konnten den klaren, besonnenen Weg
unserer Wissenschaft verleugnen, um den schwlen Fieberphantasien
roher, gedankenloser Empirie nachzujagen! Nun ja, mag wohl das heutige
Treiben der Grostadt erschlaffend auf die Denkkraft unserer Jugend
wirken, aber bis zum krassen Aberglauben, bis zur Wahnidee, man knne
mittels Benzinmotoren einen Wagen von der Stelle bewegen, ist denn doch
ein gewaltiger Schritt. So sollte man wenigstens glauben! Und erregt
putzte der Gelehrte seine Brillenglser.

Tarquinius Zimt war fassungslos.

Aber um Gottes willen, Herr Professor! Sie werden doch nicht die
Existenz der Motorwagen leugnen wollen. Heute, wo bereits viele Tausende
im Verkehr sind! Wo jeder Monat eine Neuerung brachte. Ich selber bin
doch mit meinem Automobil, einem fnfzigpferdekrftigen >Zimt<, den ich
selber konstruiert und gebaut habe, von Florenz hierher gefahren! --
Wenn Sie einen Blick aus dem Fenster werfen wollen, knnen Sie es vor
dem Haustor stehen sehen. Um Gottes willen! Ich sage nur: um Gottes
willen!

Junger Freund, #omnia mea mecum porto#, wie der Lateiner so trefflich
sagt. Ich sehe keinen zureichenden Grund, aus dem Fenster zu blicken;
und weshalb auch -- trage ich doch den alles umfassenden mathematischen
Verstand stets in mir. -- Dem schwankenden Boden der Sinneswahrnehmung
sich anvertrauen? Sagt mir nicht mehr -- mehr, als die Sinne je vermgen
-- die schlichte Formel, die jedes unmndige Schulkind begreift -- gewi
sind Sie ihrer noch aus der Studienzeit froh eingedenk! -- die Formel:

    M = My * Integral von p*d*F*y

      = 2*My*r*r * l * Integral von 0 bis Phi0 von p * d * Phi1

      = 2*Pi* P * r * sin(Phi0) / (Phi0 + sin(Phi0)* cos(Phi0))

und so weiter! Nun sehen Sie?

Das hilft nun aber alles nichts, antwortete gereizt der Ingenieur,
denn ich selber bin mit meinem Automobil von Florenz bis Greifswald --
bis vor Ihr Haus gefahren!

-- und wenn selbst die zitierte Formel nicht wre, fuhr der Gelehrte
unbeirrt fort, deren Ergebnis hinsichtlich des sogenannten
zylindrischen Zapfens gewi das noch gnstigst Zulssige ist, indem die
mit der Verminderung des Umschlingungsbogens der Lagerschale verknpfte
Steigerung der Flchenpressung nicht auf eine Erhhung von My
hinwirkt und, insoweit sie berhaupt zulssig erscheint, den Aufwand zur
berwindung der Reibung bei Phi_0 < Pi / 2 verringert, gbe es noch eine
Reihe wirksamer Einwrfe, deren jeder einzelne die reine Mglichkeit
denkbaren Gelingens -- --

Aber um Gottes willen, Herr Professor --

Pardon! -- -- -- die reine Mglichkeit denkbaren Gelingens in beraus
in die Augen springender Weise entkrften mte. Wie knnte es, um
laienhaft zu sprechen, beispielsweise in das Bereich mechanischer
Mglichkeiten verlegt werden, der durch die schnell aufeinanderfolgenden
Benzingasgemischexplosionen in den Zylindern #a#, #b#, #c#,
#d# stets anwachsenden betrchtlichen Erhitzung und hierdurch
resultierenden Ausdehnung und wiederum hieraus sich ergebenden Anpressung
an die Zylinderwnde bis zur Unbeweglichkeit des metallischen
Kolbenmaterials anders als durch immerwhrende gromengige Zufuhr behufs
ausreichender Khlung stets neu zu beschaffenden Wasserquantitten, was
wiederum angesichts des verkehrten Verhltnisses des Gewichtes zum
Krafteffekte des Motors das Resultat des Versuches im negativen Sinne klar
zutage treten lt, vorzubeugen? -- Fassen wir ferner -- -- --

Ich bin von Florenz bis Greifswald gefahren --, warf verbissen der
andere ein.

-- -- fassen wir ferner unter Zugrundelegung der Formel:

      P = (n/30)^2 * r (cos(Phi)  r/e cos(2 * Phi)) (G_1 + G_2)

             + (n/30)^2 * r * G_3 cos (Phi)

ins Auge, da durch Erzitterungen und sonstige der Ruhe des Ganges
nachteilige Schwingungen infolge ihrer eigenartigen zur Wachrufung von
Massenkrften unliebsame Veranlassung gebende Bewegungen von
Maschinenteilen, in diesen, seien sie auch elastisch, fortgesetzt
Formvernderungen vor sich gehen mssen, so ergibt sich -- -- --

Ich bin aber dennoch von Florenz bis Greifswald gefahren!

-- -- -- Formvernderungen vor sich gehen mssen, so ergibt
sich -- -- -- --

Ich -- bin -- aber -- von -- Florenz bis Greifswald ge--fah--ren!

Der Gelehrte warf einen verweisenden Blick ber seine Brille auf den
Sprecher. Es knnte mich nichts hindern -- gesttzt auf zwingende
mathematische Formeln --, meinen Zweifel an Ihren Aussagen mit direkten
Worten Ausdruck zu verleihen, doch ziehe ich es vor, nach Art der alten
Griechen lieber alles Verletzende zu vermeiden, und will blo, wie schon
Parmenides, hervorheben, da es dem Weisen nicht zukommt, seinen eigenen
Sinnen, geschweige denn denen eines Fremden, irgendwelche Beweiskraft
einzurumen.

Tarquinius Zimt dachte einen Augenblick nach, dann griff er in die
Tasche und reichte dem Professor schweigend einige Photographien.

Dieser betrachtete sie nur flchtig und sagte: Nun, und Sie glauben,
junger Freund, durch derlei Lichtbilder von scheinbar in Fahrt
befindlichen Automobilen die Gesetze der Mechanik in Mikredit bringen
zu knnen!? -- Ich erinnere nur der hnlichkeit der Flle wegen an die
Abbildungen animistischer Phnomene durch Crookes, Lombroso, Ochorowicz,
Mendelejeff! Wie genau versteht man heutzutage solche Photographien
durch allerlei Kunstgriffe hinsichtlich des wahren Tatbestandes
tuschend zu gestalten. Im brigen, wute nicht schon Heraklit, da nach
den Gesetzen der Logik ein abgeschossener Pfeil auf jedem mathematischen
Punkte seiner Flugbahn sich in vollkommener Ruhe befindet? Nun, sehen
Sie! Und mehr als das -- im bertragenen Sinne -- knnen auch im besten
Falle Ihre Lichtbilder nicht beweisen.

In den Augen des Ingenieurs glomm eine tckische Freude. Gewi werden
Sie mir als Ihrem ehemaligen, Sie so sehr bewundernden Schler,
hochgeehrter Herr Professor, die Bitte aber nicht abschlagen, sagte er
mit heuchlerischer Miene, mein vor Ihrem Hause stehendes Automobil
wenigstens anzusehen?

Der Gelehrte nickte gtig, und beide begaben sich auf die Strae.

Eine Menge Menschen umstand den Wagen.

Tarquinius Zimt zwinkerte seinem Chauffeur zu. Ignaz! Der Herr
Professor mchte unser Automobil besichtigen, zeigen Sie doch mal die
Maschine.

Der Mechaniker, in der Meinung, es handle sich um einen Verkauf des
Wagens, begann eine Lobeshymne:

Hundertfnfzig Kilometer knnen wir mit unserem >Zimt< machen, und von
Florenz bis hierher haben wir nicht einen einzigen Defekt gehabt. Wir
fahren -- --

Lassen Sie das nur, guter Mann, wehrte der Professor berlegen ab.

Der Chauffeur klappte die Haube des Motors auf, da die Maschine frei
lag, und erklrte die Bestandteile.

Wie bringen Sie, Herr Professor, fragte Tarquinius Zimt mit
verhaltenem Spott, eigentlich die Tatsache, da heute von den Fabriken
Daimler, Benz, Drkopp, Opel, Brasier, Panhard, Fiat und so weiter und
so weiter Tausende solcher Wagen gebaut werden, mit Ihrer Behauptung,
die Maschinen knnten unmglich funktionieren, in Einklang? brigens,
Ignaz, lassen Sie den Motor angehen!

In Einklang? Junger Freund, ich bin lediglich Fachgelehrter, und so
interessant die Lsung dieser Frage einem Psychologen dnken mag, so
wenig, ich mu es gestehen, liegt es mir zu wissen am Herzen, aus
welchen Grnden wohl diese Fabriken solch anscheinend miger
Beschftigung frnen mgen.

Das Schwirren des leerlaufenden Motors unterbrach die Rede des
Professors. Die Menschenmenge wich einen Schritt zurck.

Tarquinius Zimt grinste. Also Sie glauben noch immer nicht, da der
Wagen fahren wird, Herr Professor? Ich brauche nur diesen Hebel
anzuziehen, die Kuppelung setzt ein, und das Automobil saust mit
hundertfnfzig Kilometer Geschwindigkeit dahin.

Der Gelehrte lchelte mild. Oh, Sie jugendlicher Schwrmer! Nichts
dergleichen kann sich ereignen. Unter dem Drucke der Explosion -- die
Festigkeit der Kuppelung vorausgesetzt -- werden vielmehr augenblicklich
die Zylinder #a#, #b# und #d# springen. Mutmalich bleibt
hingegen der Zylinder #c# unversehrt nach der Formel -- nach der
Formel -- wie lautet sie doch nur! -- -- nach der Formel -- --

-- Los, jauchzte Zimt, los! Fahren sie los, Ignaz!

Der Chauffeur zog den Hebel an.

Da! -- Ein lauter, dreifacher Knall -- und die Maschine steht still!

Tumult!

Ignaz springt aus dem Wagen. Lange Untersuchung. Da! die Zylinder eins,
zwei und vier sind geborsten! Geborsten in einer Weise, wie niemals
Zylinder, und wenn Nitroglyzerin in ihnen gewesen wre, bersten knnen.

Mit glanzlosem Blick starrt der Professor ins Weite, seine Lippen
bewegen sich murmelnd: Warten Sie, nach der Formel -- -- nach der
Formel --

Zimt fat ihn am Arm und schttelt ihn -- weint fast vor Wut. Es ist
unerhrt, unglaublich; seit es ein Automobil gibt, ist so etwas noch
nicht vorgekommen. Es ist hirnverbrannt. Zum Verstandverlieren. Ich
telegraphiere sofort um Ersatzzylinder. -- Das geht so nicht, Sie mssen
sich mit eigenen Augen hier berzeugen, Sie mssen!

rgerlich reit sich der Gelehrte los: Junger Mann, das geht zu weit,
Sie vergessen sich. -- Glauben Sie wirklich, ich htte Zeit brig, Ihren
kindischen Versuchen ein zweites Mal beizuwohnen! Sind Sie denn noch
immer nicht berzeugt? Danken Sie lieber Ihrem Schpfer, da es nicht
rger ausfiel, Maschinen lassen nicht mit sich spaen. Nun sehen Sie!

Und er eilt ins Haus.

Noch einmal dreht er sich im Tor um, erhebt abweisend den Finger und
ruft zrnend zurck:

#Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant.#




Blamol

                               Wahrhaftiglich, ohne Betrug und gewi,
                             ich sage dir: So wie es unten ist, ist es
                                                           auch oben.

                                             #Tabula smaragdina.#


Der alte Tintenfisch sa auf einem dicken blauen Buch, das man in einem
gescheiterten Schiffe gefunden hatte, und sog langsam die
Druckerschwrze heraus.

Landbewohner haben gar keinen Begriff, wie beschftigt so ein
Tintenfisch den ganzen Tag ber ist.

Dieser da hatte sich auf Medizin geworfen, und von frh bis Abend muten
die beiden armen kleinen Seesterne -- weil sie ihm soviel Geld schuldig
waren -- umblttern helfen.

Auf dem Leibe -- dort wo andere Leute die Taille haben -- trug er einen
goldenen Zwicker -- ein Beutestck. Die Glser standen weit ab -- links
und rechts --, und wer zufllig durchsah, dem wurde grlich
schwindelig.

-- -- -- -- Tiefer Friede lag ringsum. -- --

Mit einemmal kam ein Polyp angeschossen, die sackfrmige Schnauze
vorgestreckt, die Fangarme lang nachschleppend wie ein Rutenbndel, und
lie sich neben dem Buche nieder. -- Wartete, bis der Alte aufschaute,
grte dann sehr tief und wickelte eine Zinnbchse mit eingepreten
Buchstaben aus sich heraus.

Sie sind wohl der violette Pulp aus dem Steinbuttgchen? fragte
gndig der Alte. Richtig, richtig, habe ja Ihre Mutter gut gekannt --
geborene >von Octopus<. (Sie, Barsch, bringen Sie mir mal den Gothaschen
Polypenalmanach her.) Nun, was kann ich fr Sie tun, lieber Pulp?

Inschrift -- ehm, ehm -- Inschrift -- lesen, hstelte der verlegen
(er hatte so eine schleimige Aussprache) und deutete auf die
Blechbchse.

Der Tintenfisch stierte auf die Dose und machte gestielte Augen wie ein
Staatsanwalt: Was sehe ich -- Blamol!? -- Das ist ja ein unschtzbarer
Fund. -- Gewi aus dem gestrandeten Weihnachtsdampfer? -- Blamol -- das
neue Heilmittel -- je mehr man davon nimmt, desto gesnder wird man!

Wollen das Ding gleich ffnen lassen. Sie, Barsch, schieen Sie einmal
zu den zwei Hummern rber -- Sie wissen doch, Korallenbank, Ast #II#,
Brder Scissors -- aber rasch.

Kaum hatte die grne Seerose, die in der Nhe sa, von der neuen Arznei
gehrt, huschte sie sogleich neben den Polypen: -- -- Ach, sie nahm so
gerne ein; -- ach, fr ihr Leben gern!

Und mit ihren vielen hundert Greifern fhrte sie ein entzckendes
Gewimmel auf, da man kein Auge von ihr abwenden konnte.

Hai--fisch! -- war sie schn! Der Mund ein bichen gro zwar, doch das
ist gerade bei Damen so pikant.

Alle waren vergafft in ihre Reize und bersahen ganz, da die beiden
Hummern schon angekommen waren und emsig mit ihren Scheren an der
Blechbchse herumschnitten, wobei sie sich in ihrem tschnetschenden
Dialekt unterhielten.

Ein leiser Ruck, und die Dose fiel auseinander.

Wie ein Hagelschauer stoben die weien Pillen heraus und -- leichter als
Kork -- verschwanden sie blitzschnell in die Hhe.

Erregt strzte alles durcheinander: Aufhalten, aufhalten!

Aber niemand hatte rasch genug zugreifen knnen. Nur der Seerose war es
geglckt, noch eine Pille zu erwischen und sie schnell in den Mund zu
stecken.

Allgemeiner Unwillen; -- am liebsten htte man die Brder Scissors
geohrfeigt.

Sie, Barsch, Sie haben wohl auch nicht aufpassen knnen? -- Wozu sind
Sie eigentlich Assistent bei mir?!

War das ein Schimpfen und Keifen! Blo der Pulp konnte kein Wort
herausbringen, hieb nur wtend mit den geballten Fangarmen auf eine
Muschel, da das Perlmutter krachte.

Pltzlich trat Totenstille ein: -- Die Seerose!

Der Schlag mute sie getroffen haben: sie konnte kein Glied rhren. Die
Fhler weit von sich gestreckt, wimmerte sie leise.

Mit wichtiger Miene schwamm der Tintenfisch hinzu und begann eine
geheimnisvolle Untersuchung. Mit einem Kieselstein schlug er gegen einen
oder den anderen Fhler oder stach hinein. (Hm, hm, Babynskisches
Phnomen, Strung der Pyramidenbahnen.)

Nachdem er schlielich mit der Schrfe seines Flossensaumes der Seerose
einige Male kreuz und quer ber den Bauch gefahren war, wobei seine
Augen einen durchdringenden Blick annahmen, richtete er sich wrdevoll
auf und sagte: Seitenstrangsklerose. -- Die Dame ist gelhmt.

Ist noch Hilfe? Was glauben Sie? Helfen Sie, helfen Sie -- ich schie
rasch in die Apotheke, rief das gute Seepferd.

Helfen?! -- Herr, sind Sie verrckt? Glauben Sie vielleicht, ich habe
Medizin studiert, um Krankheiten zu heilen? Der Tintenfisch wurde immer
heftiger. Mir scheint, Sie halten mich fr einen Barbier, oder wollen
Sie mich verhhnen? Sie, Barsch -- Hut und Stock -- ja!

Einer nach dem andern schwamm fort: Was einen hier in diesem Leben doch
alles treffen kann, schrecklich -- nicht?

Bald war der Platz leer, nur hin und wieder kam der Barsch mrrisch
zurck, nach einigen verlorenen oder vergessenen Dingen zu suchen.

                            *      *      *

Auf dem Grunde des Meeres regte sich die Nacht. Die Strahlen, von denen
niemand wei, woher sie kommen und wohin sie entschwinden, schwebten wie
Schleier in dem grnen Wasser und schimmerten so mde, als sollten sie
nie mehr wiederkehren.

Die arme Seerose lag unbeweglich und sah ihnen nach in herbem Weh, wie
sie langsam, langsam in die Hhe stiegen.

Gestern um diese Zeit schlief sie schon lngst, zur Kugel geballt, in
sicherem Versteck. -- Und jetzt? -- Auf offener Strae umkommen zu
mssen, wie ein -- Tier! -- Luftperlen traten ihr auf die Stirne.

Und morgen ist Weihnachten!!

An ihren fernen Gatten mute sie denken, der sich, Gott wei wo,
herumtrieb. -- Drei Monate nun schon Tangwitwe! Wahrhaftig, es wre
kein Wunder gewesen, wenn sie ihn hintergangen htte.

Ach, wre doch wenigstens das Seepferd bei ihr geblieben! --

Sie frchtete sich so! --

Immer dunkler wurde es, da man kaum mehr die eigenen Fhler
unterscheiden konnte.

Breitschultrige Finsternis kroch hervor hinter Steinen und Algen und
fra die verschwommenen Schatten der Korallenbnke.

Gespenstisch glitten schwarze Krper vorber -- mit glhenden Augen und
violett aufleuchtenden Flossen. -- Nachtfische! -- Scheuliche Rochen
und Seeteufel, die in der Dunkelheit ihr Wesen treiben. Mordsinnend
hinter Schiffstrmmern lauern.

Scheu und leise wie Diebe ffnen die Muscheln ihre Schalen und locken
den spten Wanderer auf weichen Pfhl zu grausigem Laster.

In weiter Ferne bellt ein Hundsfisch.


-- -- -- Da zuckt durch die Ulven heller Schein: Eine leuchtende Meduse
fhrt trunkene Zecher heim; -- Aalgigerln mit schlumpigen Murnendirnen
an der Flosse.

Zwei silbergeschmckte junge Lachse sind stehengeblieben und blicken
verchtlich auf die berauschte Schar. Wster Gesang erschallt:


    In dem grnen Tange
    hab' ich sie gefragt,
    Ob sie nach mir verlange. -- --

    Ja, hat sie gesagt.
    Drauf hat sie sich gebckt --
    und ich hab' sie gezwickt.
    Ach im grnen Tange...


No, no, aus dem Weg da, S -- S Frechlachs -- S, brllt ein Aal
pltzlich.

Der Silberne fhrt auf: Schweigen Sie! Sie haben's ntig, weanerisch zu
reden. Glauben wohl, weil Sie das einzige Viech sind, das nicht im
Donaugebiet vorkommt -- --

Pst, pst, beschwichtigt die Meduse, schmen Sie sich doch, schauen
Sie dorthin!

Alle verstummen und blicken voll Scheu auf einige schmchtige, farblose
Gestalten, die sittsam ihres Weges ziehen.

Lanzettfischchen, flsterte einer.

? ? ? ? ?

-- -- -- Oh, das sind hohe Herren -- Hofrte, Diplomaten und so. -- Ja
die sind schon von Geburt dazu bestimmt; wahre Naturwunder: haben weder
Gehirn noch Rckgrat.

Minuten stummer Bewunderung, dann schwimmen alle friedlich weiter.

Die Gerusche verhallen. -- Totenstille senkt sich nieder.

Die Zeit rckt vor. -- Mitternacht, die Stunde des Schreckens.

Waren das nicht Stimmen? -- Krevetten knnen es doch nicht sein, --
jetzt so spt?!

Die Wache geht um: Polizeikrebse!

Wie sie scharren mit gepanzerten Beinen, ber den Sand knirschend ihren
Raub in Sicherheit bringen.

Wehe, wer ihnen in die Hnde fllt; -- vor keinem Verbrechen scheuen sie
zurck -- -- und ihre Lgen gelten vor Gericht wie Eide.

Sogar der Zitterrochen erbleicht, wenn sie nahen.

Der Seerose stockt der Herzschlag vor Entsetzen, sie, eine Dame,
wehrlos, -- auf offenem Platze! -- Wenn sie sie erblicken! Sie werden
sie vor den Polizeirat, den schurkischen Meineidskrebs, schleppen -- den
grten Verbrecher der Tiefsee -- und dann -- und dann -- --

Sie nhern sich ihr -- -- jetzt -- -- ein Schritt noch, und Schande und
Verderben werden die Fnge um ihren Leib schlagen.

Da erbebt das dunkle Wasser, die Korallenbume chzen und zittern wie
Tang, ein fahles Licht scheint weithin.

Krebse, Rochen, Seeteufel ducken sich nieder und schieen in wilder
Flucht ber den Sand, Felsen brechen und wirbeln in die Hhe.

Eine blulich gleiende Wand -- so gro wie die Welt -- fliegt durch das
Meer.

Nher und nher jagt der Phosphorschein: die leuchtende Riesenflosse der
Tintorera, des Dmons der Vernichtung, fegt einher und reit
abgrundtiefe glhende Trichter in das schumende Wasser.

Alles dreht sich in rasender Hast. Die Seerose fliegt durch den Raum in
brausende Weiten, hinauf und hinab -- ber Lnder von smaragdenem
Gischt.

Wo sind die Krebse, wo Schande und Angst! Das brllende Verderben strmt
durch die Welt. -- Ein Bacchanal des Todes, ein jauchzender Tanz fr die
Seele.

Die Sinne erlschen, wie trbes Licht.

Ein furchtbarer Ruck. -- Die Wirbel stehen, und schneller, schneller,
immer schneller und schneller drehen sie sich zurck und schmettern auf
den Grund, was sie ihm entrissen.

Mancher Panzer brach da.



Als die Seerose nach dem Sturze endlich aus tiefer Ohnmacht erwachte,
fand sie sich auf weiche Algen gebettet.

Das gute Seepferd -- es war heute gar nicht ins Amt gegangen -- beugte
sich ber das Lager.

Khles Morgenwasser umfchelte ihr Gesicht, sie blickte um sich.
Schnattern von Entenmuscheln und das frhliche Meckern einer Geisbrasse
drang an ihr Ohr.

Sie befinden sich in meinem Landhuschen, beantwortete das Seepferd
ihren fragenden Blick und sah ihr tief in die Augen. Wollen Sie nicht
weiter schlafen, gndige Frau, es wrde Ihnen gut tun!

Die Seerose konnte aber beim besten Willen nicht. Ein unbeschreibliches
Ekelgefhl zog ihr die Mundwinkel herunter.

War das ein Unwetter heute nacht; mir dreht sich noch alles vor den
Augen von dem Gewirbel, fuhr das Seepferd fort. Darf ich Ihnen
brigens mit Speck -- so einem recht fetten Stckchen Matrosenspeck
aufwarten?

Beim bloen Hren des Wortes Speck berkam die Seerose eine derartige
belkeit, da sie die Lippen zusammenpressen mute. -- Vergebens. Ein
Wrgen erfate sie (diskret blickte das Seepferd zur Seite), und sie
mute erbrechen. Unverdaut kam die Blamolpille zum Vorschein, stieg mit
Luftblasen in die Hhe und verschwand.

Gott sei Dank, da das Seepferd nichts bemerkt hatte.

Die Kranke fhlte sich pltzlich wie neugeboren.

Behaglich ballte sie sich zusammen.

O Wunder, sie konnte sich wieder ballen, konnte ihre Glieder bewegen wie
frher.

Entzcken ber Entzcken!

Dem Seepferd traten vor Freude Luftblschen in die Augen. Weihnachten,
heute ist wirklich Weihnachten, jubelte es ununterbrochen, und das mu
ich gleich dem Tintenfisch melden; Sie werden sich unterdessen recht,
recht ausschlafen.



Was finden Sie denn so Wunderbares an der pltzlichen Genesung der
Seerose, mein liebes Seepferd? fragte der Tintenfisch und lchelte
mild. Sie sind ein Enthusiast, mein junger Freund! Ich rede zwar sonst
prinzipiell mit Laien (Sie, Barsch, einen Stuhl fr den Herrn) nicht
ber die medizinische Wissenschaft, will aber diesmal eine Ausnahme
machen und trachten, meine Ausdrucksweise Ihrem Auffassungsvermgen
mglichst anzupassen. Also, Sie halten Blamol fr ein Gift und schieben
seiner Wirkung die Lhmung zu. Oh, welcher Irrtum! Nebenbei bemerkt ist
Blamol lngst abgetan, es ist ein Mittel von gestern, heute wird
allgemein Indiotinchlorr angewandt (die Medizin schreitet nmlich
unaufhaltsam vorwrts). Da die Erkrankung mit dem Schlucken der Pille
zusammentraf, war bloer Zufall -- alles ist bekanntlich Zufall --, denn
erstens hat Seitenstrangsklerose ganz andere Ursachen, die Diskretion
verbietet mir, sie zu nennen, und zweitens wirkt Blamol wie alle diese
Mittel gar nicht beim Einnehmen, sondern lediglich beim Ausspucken.
Auch dann natrlich nur gnstig.

Und was endlich die Heilung anbelangt? -- Nun, da liegt ein deutlicher
Fall von Autosuggestion vor. -- In Wirklichkeit (Sie verstehen, was ich
meine: >Das Ding an sich< nach Kant) ist die Dame genau so krank wie
gestern, wenn sie es auch nicht merkt. Gerade bei Personen mit
minderwertiger Denkkraft setzen Autosuggestionen so hufig ein. --
Natrlich will ich damit nichts gesagt haben -- Sie wissen wohl, wie
hoch ich die Damen schtze: >Ehret die Frauen, sie flechten und
weben -- -- --< -- Und jetzt, mein junger Freund, genug von diesem Thema,
es wrde Sie nur unntig aufregen. -- A propos, -- Sie machen mir doch
abends das Vergngen? Es ist Weihnacht und -- meine Vermhlung.

Wa--? -- Verm-- -- --, platzte das Seepferd heraus, fate sich aber
noch rechtzeitig: Oh, es wird mir eine Ehre sein, Herr Medizinalrat.

Wen heiratet er denn? fragte es beim Hinausschwimmen den Barsch. --
Was Sie nicht sagen: die Miesmuschel?? -- Warum nicht gar! -- Schon
wieder so eine Geldheirat.

Als abends die Seerose, etwas spt, aber mit blhendem Teint an der
Flosse des Seepferdes in den Saal schwamm, wollte der Jubel kein Ende
nehmen. Jeder umarmte sie, selbst die Schleierschnecken und
Herzmuscheln, die als Brautjungfern fungierten, legten ihre mdchenhafte
Scheu ab.

Es war ein glnzendes Fest, wie es nur reiche Leute geben knnen; die
Eltern der Miesmuschel waren eben Millionre und hatten sogar ein
Meerleuchten bestellt.

Vier lange Austernbnke waren gedeckt. -- Eine volle Stunde wurde schon
getafelt, und immer kamen noch neue Leckerbissen. Dazu kredenzte der
Barsch unablssig aus einem schimmernden Pokal (natrlich die ffnung
nach unten) hundertjhrige Luft, die aus der Kabine eines Wracks
stammte.

Alles war bereits angeheitert. -- Die Toaste auf die Miesmuschel und
ihren Brutigam gingen in dem Knallen der Korkpolypen und dem Klappern
der Messermuscheln vllig unter.

Das Seepferd und die Seerose saen am uersten Ende der Tafel, ganz im
Schatten, und achteten in ihrem Glck kaum der Umgebung.

Er drckte ihr zuweilen verstohlen den einen oder anderen Fhler,
und sie lohnte ihm dafr mit einem Glutblick.

Als am Ende des Mahles die Kapelle das schne Lied spielte:


    Ja kssen --
    scherzen
    mit jungen Herrn
    ist selbst bei Frauen
    sehr modern,


und sich dabei die Tischnachbarn der beiden verschmitzt zublinzelten, da
konnte man sich dem Eindruck nicht verschlieen, da die allgemeine
Aufmerksamkeit hier allerlei zarte Beziehungen mutmate.




Bocksure


Malaga ist wunderschn.

Aber hei.

Die Sonne prasselt den ganzen Tag auf die steilen Hgel und reift den
Wein, der auf natrlichen Terrassen wchst.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

In der Ferne auf blauem, stillem Meer die weien Segel, sie ziehen wie
Mwen. -- -- --

Die dicken Mnche dort oben im Kloster Alkazaba sind stolz geworden und
reich -- vom Guindre, den nur Herzge trinken.

Wer kennt nicht den Guindre vom Kloster Alkazaba?! -- -- So feurig, so
s, so schwer; -- -- man spricht von ihm in ganz Spanien.

Doch nur die Erlesenen des Landes gieen ihn in die schimmernden Glser;
ist er doch kostbar gleich trinkbarem Gold.

Wei steht das Kloster in den nachtblauen Schatten, hoch ber der Stadt
von blendenden Strahlen beschienen.

Vor Jahren waren die Brder so arm, da sie betteln gingen und die
Malagueos segneten, die ihnen sprliche Almosen gaben: Milch, Gemse,
Eier.

Dann kam der neue Abt Padre Cesreo Ocriz, der milde, und brachte das
irdische Glck.

Zufrieden und rund wie eine Kugel, verbreitete er frohen Sinn, wohin er
ging.

Die schlanken Mdchen aus den Drfern strmten zu ihm, wenn er die
Beichte abnahm. -- Wie sie ihn liebten! -- Hatte er doch fr die
heiesten Ksse so milde Bue. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

-- -- -- Balsa war gestorben, der Weinbauer, und hatte sein kleines Gut,
das an den Klostergarten stie, den Fratres verschrieben, weil ihm der
Trost des guten Abtes die letzten Stunden gar so leicht gemacht. -- --
-- -- --

Padre Ocriz segnete des Toten Vermchtnis. -- Er schlug die Heilige
Schrift auf und wies den Mnchen das Gleichnis vom Weinberg. -- Und die
Brder gruben und gruben, da die Schollen schwarz glnzten in dem
glhenden Sonnenlicht und die Eseltreiber auf den staubigen Wegen
verwundert stehen blieben.

-- -- -- Ja, damals ging es noch, da waren die Fratres noch mager und
jung, und ihre emsigen Hnde achteten nicht der schmerzenden Schwielen.

Im Schatten sa der Abt in seinem alten Lehnstuhl und warf Brotkrumen
den hellen Tauben zu, die in den Klosterhof geflogen kamen.

Sein rundes, rotes Gesicht glnzte zufrieden und nickte ermunternd, wenn
einer der Fleiigen innehielt und sich den Schwei von der Stirne
wischte. -- Zuweilen klatschte er auch drohend in die fleischigen Hnde,
hatte sich irgendein spanischer Lausbub zu nahe an die Gartenhecke
gewagt.

-- -- -- Und war die Vesperglocke verklungen, und wehte die Abendbrise
ihren khlen milden Segen her vom Meere, sa er oft noch lange unter
dem Maulbeerbaum und sah hinaus auf die spielenden Wellen da unten in
der Bucht.

Wie die sinkenden Strahlen der Sonne an die flimmernden Kmme sich
schmiegen, sich ihnen vermischen zu leuchtendem Schaum -- da wird es so
friedvoll, und die dunkelnden Tler warten und schweigen. -- -- --

Dann lie er sich wohl auch den alten Manuel kommen, den Grtner des
Kaufherrn Otero, der die Geheimnisse des Weinbaues kannte wie kein
zweiter im Lande, und hrte ihm zu. -- Und die Bltter des Maulbeerbaums
rauschten besorgt, als wollten sie die leisen Worte verwehen, da sie
kein Unberufener hrte.

Kopfschttelnd vernahm da der gute Abt, da man verwitterte Lederstcke,
je schmutziger desto besser, in den grenden Most tun msse, um das
Aroma zu erhhen, und sah dem Alten forschend in das gefurchte Gesicht,
ob er auch die Wahrheit sprche.

Wurde es dunkel und war die Sonne hinter den grnen Hgeln versunken, so
sagte er einfach: Gehe nun heim, mein Sohn, ich danke dir. Siehe, da
fliegen schon die Schwalben des Teufels. Damit meinte er die
Fledermuse, die er nicht leiden konnte. Und der Segen der Jungfrau sei
auf deinen Wegen.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Dann kam die blaue schweigende Nacht mit ihren tausend freundlichen
Augen, und Funken glommen im schlummernden Hafen.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Schwer hingen die Trauben an den Stcken, jahraus, jahrein.

Wie der junge strmische Wein im Keller tobte, als msse er fort aus dem
Dunkel, hinaus ins Freie, wo er geboren! -- -- -- -- --

-- -- -- Es waren blo wenige Fsser, und die Mnche murrten, da die
Frchte der harten Arbeit so sprlich seien. -- -- --

-- -- -- Padre Cesreo Ocriz sagte kein Wort, schmunzelte nur listig,
wenn das Botenweib kam und die Briefe der Kaufherren brachte, -- blaue,
rote, grne, -- mit Wappen und krauser Schrift aus allen Gegenden
Spaniens.

Als aber ein Sendschreiben eintraf vom Hofe, mit dem Siegel des Knigs,
da blieb es kein Geheimnis mehr: der Klosterwein von Alkazaba war die
Perle von Malaga geworden. -- Wie den Purpur des Altertums -- kostbar --
wog man ihn mit Gold auf, und sein Duft wurde gepriesen in Lied und
Sang.

Herrscher tranken ihn und hohe Frauen -- und kten die Tropfen vom
Rande des Bechers.

Der Reichtum zog ins Kloster, und wie der Keller sich leerte vom Wein,
fllten sich die Schreine mit prunkenden Schtzen.

Die herrliche Kapelle entstand an Stelle der alten, und eine mchtige
silberne Glocke del Espiritu Santo sang das Lob des Herrn, da es in
heiliger Weihe ber den Tlern klang.

-- -- -- Die Fratres sahen freundlich, wurden dick und rund und saen
gemchlich auf den steinernen Bnken.

Mit dem Graben war es schon lange nichts mehr.

Doch die Trauben wuchsen nach wie vor -- ganz wie von selbst. Und das
war den Mnchen recht.

Die aen und tranken; nur einmal im Jahre zogen sie -- wie zum Feste --
mit ihrem Abt in den Keller, wenn der Most grte, und sahen blinzelnd
zu, wie er in jedes Fa einen halben alten Stiefel warf. -- Das war das
ganze Geheimnis, wie sie meinten, und sie freuten sich mit dem frommen
Alten, der fr diesen feierlichen Moment immer seine eigenen Schuhe
sorgfltig aufhob und sie selber zerschnitt.

-- -- -- Der greise Manuel hatte ihnen wohl oft erklrt, da es
eigentlich ein Wunder sei, da das Leder allein die Ursache der so
besonderen Gte des Weins nicht sein knne. Leder lege doch jeder dritte
Weinbauer in Malaga in seinen Most, whrend er gre. -- Es msse also
wohl nur der segensreiche Boden des Erbstckes sein.

Aber was kmmerte all das die Brder: -- die Sonne schien, die Trauben
wuchsen, und der Hoflieferant aus Madrid kam pnktlich Jahr fr Jahr,
holte die Fsser und brachte das Geld.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

-- -- -- An einem klaren Herbsttage war Padre Ocriz in seinem Sessel
unter dem Maulbeerbaum eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.

Im Tale unten luten die Glocken. --

Jetzt ruht er drauen im Acker Gottes. --

Ein grnes, schlichtes, khles Erdenbett! --

Neben den toten bten schlft er nun. -- -- Und die maurische Ruine auf
dem Gipfel des Hgels wirft ihren stillen, ehrwrdigen Schatten auf sein
Grab. -- Viele kleine dunkelblaue Blumen und eine schmale Steintafel:
#Requiescat in pace#.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --
--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Der Kardinal von Saragossa hat einen jungen Abt geschickt.

Padre Ribas Sobri.

Ein sehr gelehrter Mann von tiefem Wissen -- erzogen in den Schulen der
Fratres vom Herzen Jesu.

Mit festem stechenden Blick -- hager und willensstark.

Vorbei sind die Zeiten sen Nichtstuns -- die Knechte entlassen --, und
chzend bcken sich wieder die feisten Mnche bei der Weinlese. -- Tief
in die Nacht mssen sie auf den Knien liegen und beten, beten.

Im Kloster herrscht die strenge Observanz: -- bleiernes Schweigen. --
Gesenkten Hauptes, aufrecht stehend, mit gefalteten Hnden ben murmelnd
die Fratres die Anmutungen:

#Non est sanitas in carne mea a facie irae tuae: non est pax ossibus meis
a facie peccatorum meorum.#

Auf dem Hofe wchst das Gras zwischen den Steinen, und die weien Tauben
sind fortgeflogen. Aus kahlen Zellen dringt die gramvolle Betrachtung
der Strafen:

#Unusquisque carnem brachii sui vorabit.#

Wenn der kalte Morgen schimmert, siehst du die dunkeln Gestalten zur
Kapelle ziehen, und summende Stimmen beten bei flackerndem Kerzenschein
das Salve Regina.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Die Weinlese ist vorber. -- Streng befolgt Don Pedro Ribas Sobri die
Rezepte seines toten Vorgngers: seine eigenen Schuhe wirft er in die
offenen Fsser, genau wie jener. -- -- Es hallt in dem gewlbten
Keller, wie der se Wein grt und kmpft.

Der Knig wird zufrieden sein mit dem Guindre.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Die schnen Mdchen kommen nicht mehr und beichten nicht mehr. -- Sie
frchten sich.

Schwer lastet die Scheu -- wortlos wie der mrrische Winter, der seine
harten Hnde auf die toten Fluren legt. -- -- -- -- Und der Frhling
zieht vorber und der tanzende junge Sommer -- -- und locken umsonst.

Verdrossen laden die Maultiertreiber um halben Lohn die schweren Fsser
in die Leiterkarren.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Don Pedro Ribas liest und zieht finster die Stirn: -- der ehrwrdige
Vater mu sich wohl geirrt und anderen Wein geschickt haben. -- Das sei
doch nicht der alte Guindre -- gewhnlicher >#Dulce del Color#<, wie
jede andere Sorte aus Malaga, schreibt man aus der Hauptstadt.

Tglich kommen die Sendungen zurck. Volle Fsser. Aus Lissabon, aus
Madrid, aus Saragossa. -- -- --

Der Abt kostet -- kostet -- und vergleicht. Kein Zweifel -- es fehlt der
fremdartige wrzige Duft.

Man holt den greisen Manuel -- der prft und zuckt traurig die Achseln.

Ja, ja, der gute, alte Don Cesreo, der hatte eine glckliche Hand; mehr
Segen als der junge Padre. -- Doch das darf man nicht laut sagen; -- die
Mnche raunen es einander zu.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Don Pedro sitzt Nacht um Nacht in seiner Zelle bei seltsamen Retorten,
und der Kerzenschein wirft den Schatten seines scharf geschnittenen
Profils an die kalkweie Wand. -- Seine langen mageren Finger hantieren
an funkelnden Glsern mit hlichen, dnnen Hlsen. --- Abenteuerliche
Werkzeuge und Kolben stehen umher. -- Ein spanischer Alchimist!

Vergessen die Observanz -- -- -- die ermatteten armen Mnche schlafen
tief und fest. -- -- -- --

Das tut nicht gut! -- Mit weien Pulvern und den gelben beienden
Wssern Luzifers findest du nicht, was die schweigsame Natur in
verschlossene Bcher schrieb mit heimlichem Finger. -- -- --

Die Herzge werden ihn wohl nie mehr trinken, den herrlichen, duftenden
Guindre! -- -- --

Wieder stehen die Fsser in Reih und Glied mit grendem Moste gefllt.
In jedem Gebinde ein anderer zerschnittener Stiefel -- der von dem
dicken Bruder Theodosio -- dort einer selbst vom alten Manuel.

Vom toten Abt noch einer dort im Fasse links in der Ecke. -- -- -- -- --
-- -- --

Und wieder kommt das andere Jahr, man kostet und prft: gut ist der
Wein, aber Guindre ist es nicht; -- ein Fa nur birgt solchen.

Das in der Ecke mit dem Schuh des alten Abtes.

Das schicket dem Knig! -- -- -- -- --

Pedro Ribas Sobri ist ein willensstarker Mann, der nicht aufhrt zu
suchen, zu prfen, zu vergleichen. -- Er sagt, jetzt endlich kenne er
das Geheimnis. -- Die Mnche schweigen und zweifeln. -- Sie fragen
nicht und tun blind, was ihr Abt befiehlt, -- sie kennen seine eiserne
Strenge.

Manuel schttelte den Kopf.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Die Knechte sind wieder in Diensten des Klosters, graben und wenden die
schwarzen Schollen und schneiden den Weinstock, da die Fratres keinen
Finger rhren sollen, wieder feist und rund werden, wie ehedem.

So will es der Abt.

-- -- -- Wenn die glhenden Strahlen der Sonne unbarmherzig den
Klosterhof von Alkazaban sengen, da der Maulbeerbaum lechzend die
Zweige hngt, stehen die braunen Mdchen in den farbigen Mantillas an
der Hecke und recken den Hals und kichern.

-- -- -- In langer Reihe mssen die armen Mnche auf hlzernen Bnken
liegen -- schwitzend -- mit schweren wollenen Kutten in der qulenden
Glut -- die dicken Fe in hohe Stiefel gesteckt und mit breitem Band
aus Gummistoff umflochten. -- --

Denn Pedro Ribas Sobri hat sich gelobt, den Guindre wieder zu finden; er
ist ein willensstarker Mann, der nicht aufhrt zu suchen, zu prfen, zu
vergleichen.

Ich aber sage, es ist alles umsonst, wenn der Wein auch besser wird: dem
alten Abt tut es doch keiner mehr gleich.




Das Fieber

            Alchimist: Wer bist du, trbes Ding im Glase hier, sag an.
                            Der Stoff in der Retorte: #Ater corvus sum.#


Es war einmal ein Mann, den verdro die Welt so sehr, da er beschlo,
im Bette liegen zu bleiben. Jedesmal, wenn er aufwachte, wlzte er sich
auf die andere Seite, und so gelang es ihm, jedesmal noch ein bichen
weiterzuschlafen.

Aber eines Tages ging es durchaus nicht mehr. Es ging nicht mehr und
ging nicht mehr.

Da lag der Mann im Bette und blieb ganz unbeweglich, aus Furcht, es
werde ihn frsteln, wenn er seine Lage verndere.

Von seinem Kopfkissen aus war er gezwungen, durch das Fenster ins Freie
zu sehen, und eben jetzt, wo er ganz ausgeschlafen war, ging es dem
Sonnenuntergang zu.

Eine breite, goldgelbe Wunde klaffte quer ber den Himmel unter einem
dunkeln Wolkenkopf hervor.

Es geht nicht an, gerade um diese unglckselige Stunde herum
aufzustehen, sagte der Mann zhneklappernd -- und frchtete sich noch
mehr vor dem Frsteln als vorher -- auch fr einen, den das Leben nicht
so verdriet, wie mich.

Elend stierte er wieder in das Abendgelb unter dem glimmenden
Nebelsaum.

Eine schwarze Wolke hatte sich losgetrennt, wie ein geschwungener Flgel
geformt, mit befiedertem Rand.

Da kroch langsam im Hirn des Mannes -- mit den flaumigen Umrissen eines
pelzigen Muffs eine Erinnerung an einen Traum aus ihrer Hhle heraus. An
einen Traum von einem Raben, der ein Herz ausgebrtet.

Und die ganze Zeit seines Schlafes ber hatte er sich mit diesem Traum
herumgeschlagen. Dessen war sich der Mann jetzt deutlich bewut.

Ich mu es herausbekommen, wem dieser Flgel gehrt, sagte er, stieg im
Hemd aus dem Bett -- und die Treppe hinunter auf die Strae. Immer
weiter ging er so, immer dem Sonnenuntergang zu.

Die Leute aber, denen er begegnete, raunten: Pst, pst, leise, leise, er
trumt doch alles blo!

Nur der beeidete Hostienbcker Vrieslander glaubte sich einen Spa
machen zu drfen. Er stellte sich ihm in den Weg, spitzte den Mund und
machte runde Augen wie ein Fisch. Sein dnner Schneiderbart schien noch
gespenstischer als sonst. Mit den magern Armen und Fingern machte er
eine verrenkte sinnlose Geste und verdrehte die Beine ganz seltsam.
Ssst, ssst, nur gemach, hrst du, flsterte er dem Manne giftig zu,
ich bin das Kichern, weit du, das Kich... und schnellte pltzlich das
spitze Knie zur Brust empor, ri den Mund auf und wurde bleifarben im
Gesicht, als habe ihn mitten in seiner tnzelnden Stellung der Tod
ereilt.

Dem Manne im Hemde strubte sich das Haar vor Grauen, und er lief aus
der Stadt hinaus. -- -- ber Wiesen und Stoppelfelder, immer dem
Sonnenuntergange zu, und immer mit bloen Fen.

Zuweilen trat er auf einen Frosch.

-- -- -- -- Erst in der Nacht, als sich lngst der glhende Ri am
Himmel wieder geschlossen, erreichte er die weie, langgestreckte Mauer,
hinter der der Wolkenfittich verschwunden war.

Er setzte sich auf einen kleinen Hgel. Ich bin hier auf dem Friedhof,
je nun, sagte er sich und sah um sich, je nun, das kann ein arger Kitsch
werden. Aber ich mu doch erfahren, wem der Flgel eigentlich gehrt!

Als die Nacht vorrckte, wurde ihr Schein allmhlich heller, und der
Mond kroch langsam ber die Mauer. Eine gewisse Art dmmernden
Erstaunens legte sich an den Himmel.

Wie der Mondglanz grell auf den Flchen schwamm, schlpften hinter den
Grabsteinen, an den Seiten, die dem Licht abgewandt waren, blauschwarze
Vgel aus der Erde und flogen lautlos in Scharen auf die kalkbetnchte
Mauer.

Dann lag eine lange Zeit eine leichenhafte Unbeweglichkeit auf allem.

Es ist der dunkle Wald in der Ferne, der aus den Nebeln taucht,
natrlich, und in der Mitte der runde Kopf: das ist der Hgel mit seinen
Bumen, trumte der Mann im Hemde, doch als seine Augen schrfer sahen,
da war es ein riesiger Rabe, der mit ausgespannten Schwingen auf der
anderen Mauer sa.

Ah, der Flgel -- besann sich der Mann und war sehr zufriedengestellt,
der Flgel -- -- -- Und der Vogel brstete sich: Ich bin der Rabe, der
die Herzen ausbrtet. Wenn einem Menschen ein Sprung am Herzen geschieht,
so fahren sie ihn schnell heraus zu mir. Dann flog er von der Mauer herab
auf einen Marmorstein, und der Wind von seinem Flgelschlag roch wie
verwelkte Blumen.

Unter dem Marmorstein aber lag einer seit heute morgen bei seiner
Familie.

Der Mann im Hemde buchstabierte einen Namen und wurde sehr neugierig,
was fr ein Vogel aus diesem gesprungenen Herzen kriechen werde, denn
der Verstorbene war ein bekannter Menschenfreund gewesen, hatte sein
ganzes Leben fr Aufklrung gewirkt, nur Gutes getan und gesprochen, die
Bibel gereinigt und erhebende Bcher geschrieben. Seine Augen schlicht
und ohne Falsch -- wie Spiegeleier, -- stets hatten sie Wohlwollen
gestrahlt im Leben, und auch jetzt noch im Tode stand:


    b immer Treu und Redlichkeit
    bis an dein khles Grab
    und weiche keinen Finger breit
    vom Weg des Rechten ab


in goldenen Lettern auf seiner Gruft.

Der Mann im Hemde war sehr gespannt. Aus dem Grabe drang leises
Knistern, wie sich der junge Vogel aus dem Herzen lste -- und da flog's
auch schon -- pechschwarz -- mit Gekrchz hinauf zu den andern auf die
Mauer.

Das war aber doch wirklich vorauszusehen; -- oder? Haben Euer Liebden
vielleicht ein Rebhuhn erwartet? spottete der Rabe.

Etwas Weies hat er doch, sagte der Mann verbissen, und meinte damit
eine leichte helle Feder, die deutlich abstand.

Der Rabe lachte. Der Gnseflaum? -- Der ist doch nur angeklebt. Vom
Daunenkissen, worauf der Tote immer schlief! und weiter flog er von
Grab zu Grab und brtete da und brtete dort, und berall wurde es
flgge und kam schwarz aus dem Boden geflattert.

Alle, alle sind sie schwarz? fragte der Mann beklommen nach einer
Weile.

Alle, alle sind sie schwarz! brummte der Rabe.

Da bereute der Mann im Hemde, da er nicht in seinem Bette geblieben
war.

Und wie er empor zum Himmel blickte, standen die Sterne voll Trnen und
blinzelten. Nur der Mond glotzte vor sich hin und begriff nicht.

Auf einem Kreuz aber sa mit einemmal regungslos ein Rabe, der glnzte
schneewei. Und es schien, als kme all der Schimmer der Nacht von ihm.
Der Mann sah ihn erst, als er zufllig den Kopf nach ihm wandte. Auf dem
Kreuz die Inschrift nannte den Namen eines, der war ein Miggnger
gewesen ein Leben lang.

Der Mann im Hemde kannte ihn gut. Und er sann lange nach.

Welche Tat hat denn sein Herz so wei gemacht? fragte er endlich.

Der schwarze Rabe aber war mrrisch und mhte sich unablssig, ber
seinen eigenen Schatten zu springen.

Welche Tat, welche Tat, welche Tat? qulte der Mann ruhelos.

Da fuhr der Rabe zornig auf: Glaubst du, Taten knnen wei machen?
Du... Du... kannst ja nicht einmal eine Tat tun! -- Eher sprnge ich
noch ber meinen Schatten. Der morsche Hampelmann auf dem kleinen Grab
-- siehst du ihn? er gehrte einst dem Kinde dort unten -- der morsche
Hampelmann glaubte auch eine lange Zeit, er fuchtle in der Welt herum.
Weil er die Schnre nicht sah, an denen er hing, und es nicht wahr haben
wollte, da ein Kind mit ihm spiele. Und du!? Und du!? Was glaubst du
wohl, wird mit dir sein, wenn das -- -- >Kind< ein anderes Spielzeug
sucht! -- Wirst alle viere von dir strecken und ver-- -- --, der Rabe
blinzelte listig zur Mauer hin, -- und ver-- -- --

-- -- --recken! krchzte die Rabenschar, frhlich, da sie auch einmal
dran kam.

Da erschrak der Mann im Hemde ganz auerordentlich.

Und was denn sonst hat sein Herz so wei gemacht? Hrst du denn nicht
-- was denn sonst hat sein Herz so wei gemacht? fragte er.

Unschlssig trat der Rabe von einem Bein aufs andere: Es mu wohl die
Sehnsucht gewesen sein. Die Sehnsucht nach etwas Verborgenem, das ich
nicht kenne und auf der Erde nirgends gefunden habe. Wir alle sahen
seine Sehnsucht wachsen wie ein Feuer und begriffen es nicht; -- es
verbrannte sein Blut und endlich sein Hirn -- -- wir begriffen es nicht
-- --

Den Mann im Hemde fate es eiskalt an: -- -- -- -- Es Schien Das Licht
In Der Finsternis, Und Die Finsternisse Haben Es Nicht Begriffen -- --!

-- -- -- ja, wir begriffen es nicht, fuhr der Rabe fort, doch einer
der gigantischen schimmernden Vgel, die im Weltenraume unbeweglich
schweben seit Anbeginn, ersphte die flammende Lohe und stie herab. --
Wie Weiglut. Und er hat auf jenes Menschen Herz gebrtet Nacht um
Nacht.

Scharfe Bilder traten dem Mann im Hemde vor das Auge, Bilder, die in
seinem Gedchtnis nicht hatten sterben knnen -- Geschehnisse im
Schicksal des Miggngers, die immer noch von Mund zu Mund gingen unter
den Leuten: -- Er sah jenen Menschen unter dem Galgen stehen -- -- der
Henker zog ihm die leinene Maske bers Gesicht -- -- die Feder, die das
Brett unter den Fen des armen Snders kippen sollte, weigerte sich --
da fhrten sie ihn weg und rckten das Brett zurecht.

Und wieder ordnete der Henker die leinene Maske -- -- und wieder
versagte die Feder. Und als nach einem Monat abermals der Mensch dort
stand, die leinene Maske ber den Augen -- -- da brach die Feder.

Die Richter aber ergrimmten und bissen die Zhne zusammen ber -- -- den
Zimmermann, der den Galgen so schlecht gezimmert hatte.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Dann verschwand die Vision. --

Und was ist aus dem Menschen geworden? fragte voll Grauen der Mann im
Hemde.

Ich habe sein Fleisch gefressen und seine Gebeine, die Erde ist kleiner
geworden um das Stck, das sein Leib gro war, sagte der weie Rabe.

Ja, ja, flsterte der schwarze, sein Sarg ist leer, er hat das Grab
betrogen.

-- -- Das hrte der Mann, und sein Haar strubte sich, er zerri sein
Hemd ber der Brust und lief hin zu dem weien Vogel, der auf dem Kreuze
sa: Brte mein Herz, brte mein Herz! Mein Herz ist voll Sehnsucht --
-- --!

Doch der schwarze Rabe warf ihn mit den Schwingen zur Erde und setzte
sich schwer auf ihn -- -- die Luft roch nach sterbenden Blumen -- --
Da Euer Liebden nur nicht irren: Gier und nicht Sehnsucht schlft in
Euer Liebden Herz! Ja, das mchte mancher gerne probieren vor dem Kre--
-- --, listig blinzelte er zur Mauer hin, -- vor dem Kre-- -- --?

-- -- --pieren! pfiff die Rabenschar, entzckt, da sie schon wieder
dran kam.

-- Die Hitze seines Leibes ist fremdartig und erregend wie das Fieber,
fhlte der Mann, dann zerflatterte sein Bewutsein.

Als er nach langem Schlaf erwachte, da stand der Mond gerade im Zenit
und starrte ihm ins Gesicht.

Der Glanz hatte die Schatten getrunken und troff an den Steinen herab
von allen Seiten.

Die schwarzen Raben waren fortgeflogen.

Noch hatte der Mann ihr hmisches Gekrchz in den Ohren und verdrossen
stieg er ber die Mauer in sein Bett.

Schon stand da auch im schwarzen Rock der Herr Medizinalrat, fate
seinen Puls, schlo die Augen hinter der goldenen Brille und babbelte
lang und unhrbar mit der Unterlippe. Suchte dann umstndlich in seinem
Taschenbuch und schrieb auf einen Zettel heraus:


  #Rp:
  Cort. chin. reg. rud. tus                     3beta
  coque c. suff. quant. vini rubri, per horam   j
  ad colat                                      3viij
  cum hac inf. herb. abs.                       3j
        postea solve
  acet. lix                                     3j
        tunc adde
  syr. cort. aur                                3beta
    M. d. ad
    vitr. s.#
3 mal tglich ein Elffel.


Und als er damit fertig war, schritt er mit Weihe zur Tre, sah noch
einmal zurck und sagte geheimnisvoll, den Zeigefinger wrdig erhoben:
Ggn das Fbr, ggn das Fbr.




Der violette Tod


Der Tibetaner schwieg.

Die magere Gestalt stand noch eine Zeitlang aufrecht und unbeweglich,
dann verschwand sie im Dschungel.

Sir Roger Thornton starrte ins Feuer: Wenn er kein Sannyasin -- kein
Ber -- gewesen wre, der Tibetaner, der berdies nach Benares
wallfahrtete, so htte er ihm natrlich kein Wort geglaubt -- aber ein
Sannyasin lgt weder, noch kann er belogen werden.

Und dann dieses tckische, grausame Zucken im Gesichte des Asiaten!?

Oder hat ihn der Feuerschein getuscht, der sich so seltsam in den
Mongolenaugen gespiegelt?

Die Tibetaner hassen den Europer und hten eiferschtig ihre magischen
Geheimnisse, mit denen sie die hochmtigen Fremden einst zu vernichten
hoffen, wenn der groe Tag heranbricht.

Einerlei, er, Sir Hannibal Roger Thornton, mu mit eigenen Augen sehen,
ob okkulte Krfte tatschlich in den Hnden dieses merkwrdigen Volkes
ruhen. Aber er braucht Gefhrten, mutige Mnner, deren Wille nicht
bricht, auch wenn die Schrecken einer anderen Welt hinter ihnen stehen.

Der Englnder musterte seine Gefhrten: -- Dort der Afghane wre der
einzige, der in Betracht kme von den Asiaten -- furchtlos wie ein
Raubtier, doch aberglubisch!

Es bleibt also nur sein europischer Diener.

Sir Roger berhrt ihn mit seinem Stock. -- Pompejus Jaburek ist seit
seinem zehnten Jahre vllig taub, aber er versteht es, jedes Wort, und
sei es noch so fremdartig, von den Lippen zu lesen.

Sir Roger Thornton erzhlt ihm mit deutlichen Gesten, was er von dem
Tibetaner erfahren: Etwa zwanzig Tagereisen von hier, in einem genau
bezeichneten Seitentale des Himavat, befinde sich ein ganz seltsames
Stck Erde. -- Auf drei Seiten senkrechte Felswnde; -- der einzige
Zugang abgesperrt durch giftige Gase, die ununterbrochen aus der Erde
dringen und jedes Lebewesen, das passieren will, augenblicklich tten.
-- In der Schlucht selbst, die etwa fnfzig englische Quadratmeilen
umfat, solle ein kleiner Volksstamm leben -- mitten unter ppigster
Vegetation --, der der tibetanischen Rasse angehre, rote, spitze Mtzen
trage und ein bsartiges satanisches Wesen in Gestalt eines Pfaues
anbete. -- Dieses teuflische Wesen habe die Bewohner im Laufe der
Jahrhunderte die schwarze Magie gelehrt und ihnen Geheimnisse
geoffenbart, die einst den ganzen Erdball umgestalten sollen; so habe es
ihnen auch eine Art Melodie beigebracht, die den strksten Mann
augenblicklich vernichten knne.

Pompejus lchelte spttisch.

Sir Roger erklrt ihm, da er gedenke, mit Hilfe von Taucherhelmen und
Tauchertornistern, die komprimierte Luft enthalten sollen, die giftigen
Stellen zu passieren, um ins Innere der geheimnisvollen Schlucht zu
dringen.

Pompejus Jaburek nickte zustimmend und rieb sich vergngt die
schmutzigen Hnde.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Der Tibetaner hatte nicht gelogen: dort unten lag im herrlichsten Grn
die seltsame Schlucht; ein gelbbrauner, wstenhnlicher Grtel aus
lockerem, verwittertem Erdreich -- von der Breite einer halben Wegstunde
-- schlo das ganze Gebiet gegen die Auenwelt ab.

Das Gas, das aus dem Boden drang, war reine Kohlensure.

Sir Roger Thornton, der von einem Hgel aus die Breite dieses Grtels
abgeschtzt hatte, entschlo sich, bereits am kommenden Morgen die
Expedition anzutreten. -- Die Taucherhelme, die er sich aus Bombay hatte
schicken lassen, funktionierten tadellos.

Pompejus trug beide Repetiergewehre und diverse Instrumente, die sein
Herr fr unentbehrlich hielt.

Der Afghane hatte sich hartnckig geweigert mitzugehen und erklrt, da
er stets bereit sei, in eine Tigerhhle zu klettern, sich es aber sehr
berlegen werde, etwas zu wagen, was seiner unsterblichen Seele Schaden
bringen knne. -- So waren die beiden Europer die einzigen Wagemutigen
geblieben.

--  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --

Die kupfernen Taucherhelme funkelten in der Sonne und warfen wunderliche
Schatten auf den schwammartigen Erdboden, aus dem die giftigen Gase in
zahllosen, winzigen Blschen aufstiegen. -- Sir Roger hatte einen sehr
schnellen Schritt eingeschlagen, damit die komprimierte Luft ausreiche,
um die gasige Zone zu passieren. -- Er sah alles vor sich in
schwankenden Formen wie durch eine dnne Wasserschicht. -- Das
Sonnenlicht schien ihm gespenstisch grn und frbte die fernen Gletscher
-- das Dach der Welt mit seinen gigantischen Profilen -- wie eine
wundersame Totenlandschaft.

Er befand sich mit Pompejus bereits auf frischem Rasen und zndete ein
Streichholz an, um sich vom Vorhandensein atmosphrischer Luft in allen
Schichten zu berzeugen. -- Dann nahmen beide die Taucherhelme und
Tornister ab.

Hinter ihnen lag die Gasmauer wie eine bebende Wassermasse. -- In der
Luft ein betubender Duft wie von Amberiablten. Schillernde handgroe
Falter, seltsam gezeichnet, saen mit offenen Flgeln wie aufgeschlagene
Zauberbcher auf stillen Blumen.

Die beiden schritten in betrchtlichem Zwischenraume voneinander der
Waldinsel zu, die ihnen den freien Ausblick hinderte.

Sir Roger gab seinem tauben Diener ein Zeichen -- er schien ein Gerusch
vernommen zu haben. -- Pompejus zog den Hahn seines Gewehres auf.

Sie umschritten die Waldspitze, und vor ihnen lag eine Wiese. -- Kaum
eine viertel englische Meile vor ihnen hatten etwa hundert Mann,
offenbar Tibetaner, mit roten spitzen Mtzen einen Halbkreis gebildet:
-- man erwartete die Eindringlinge bereits. -- Furchtlos ging Sir Roger
-- einige Schritte seitlich vor ihm Pompejus -- auf die Menge zu.

Die Tibetaner waren in die gebruchlichen Schaffelle gekleidet, sahen
aber trotzdem kaum wie menschliche Wesen aus, so abschreckend hlich
und unfrmlich waren ihre Gesichter, in denen ein Ausdruck
furchterregender und bermenschlicher Bosheit lag. -- Sie lieen die
beiden nahe herankommen, dann hoben sie blitzschnell, wie ein Mann, auf
das Kommando ihres Fhrers die Hnde empor und drckten sie gewaltsam
gegen ihre Ohren. -- Gleichzeitig schrien sie etwas aus vollen Lungen.

Pompejus Jaburek sah fragend nach seinem Herrn und brachte die Flinte in
Anschlag, denn die seltsame Bewegung der Menge schien ihm das Zeichen zu
irgendeinem Angriff zu sein. -- Was er nun wahrnahm, trieb ihm alles
Blut zum Herzen:

Um seinen Herrn hatte sich eine zitternde wirbelnde Gasschicht gebildet,
hnlich der, die beide vor kurzem durchschritten hatten. -- Die Gestalt
Sir Rogers verlor die Konturen, als ob sie von dem Wirbel abgeschliffen
wrden, -- der Kopf wurde spitzig -- die ganze Masse sank wie
zerschmelzend in sich zusammen, und an der Stelle, wo sich noch vor
einem Augenblick der sehnige Englnder befunden hatte, stand jetzt ein
hellvioletter Kegel von der Gre und Gestalt eines Zuckerhutes.

Der taube Pompejus wurde von wilder Wut geschttelt. -- Die Tibetaner
schrien noch immer, und er sah ihnen gespannt auf die Lippen, um zu
lesen, was sie eigentlich sagen wollten.

Es war immer ein und dasselbe Wort. -- Pltzlich sprang der Fhrer vor,
und alle schwiegen und senkten die Arme von den Ohren. -- Gleich
Panthern strzten sie auf Pompejus zu. -- Dieser feuerte wie rasend aus
seinem Repetiergewehr in die Menge hinein, die einen Augenblick
stutzte.

Instinktiv rief er ihnen das Wort zu, das er vorher von ihren Lippen
gelesen hatte: mln --. m--m--ln, brllte er, da die Schlucht
erdrhnte wie unter Naturgewalten.

Ein Schwindel ergriff ihn, er sah alles wie durch starke Brillen, und
der Boden drehte sich unter ihm. -- Es war nur ein Moment gewesen, jetzt
sah er wieder klar.

Die Tibetaner waren verschwunden -- wie vorhin sein Herr --; nur
zahllose violette Zuckerhte standen vor ihm.

Der Anfhrer lebte noch. Die Beine waren bereits in blulichen Brei
verwandelt, und auch der Oberkrper fing schon an zu schrumpfen -- es
war, als ob der ganze Mensch von einem vllig durchsichtigen Wesen
verdaut wrde. -- Er trug keine rote Mtze, sondern ein mitrahnliches
Gebude, in dem sich gelbe lebende Augen bewegten.

Jaburek schmetterte ihm den Flintenkolben an den Schdel, hatte aber
nicht verhindern knnen, da ihn der Sterbende mit einer im letzten
Moment geschleuderten Sichel am Fue verletzte.

Dann sah er um sich. -- Kein lebendes Wesen weit und breit.

Der Duft der Amberiablten hatte sich verstrkt und war fast stechend
geworden. -- Er schien von den violetten Kegeln auszugehen, die Pompejus
jetzt besichtigte. -- Sie waren einander gleich und bestanden alle aus
demselben hellvioletten gallertartigen Schleim. Die berreste Sir Roger
Thorntons aus diesen violetten Pyramiden herauszufinden, war unmglich.

Pompejus trat zhneknirschend dem toten Tibetanerfhrer ins Gesicht und
lief dann den Weg zurck, den er gekommen war. -- Schon von weitem sah
er im Gras die kupfernen Helme in der Sonne blitzen. -- Er pumpte seinen
Tauchertornister voll Luft und betrat die Gaszone. -- Der Weg wollte
kein Ende nehmen. Dem Armen liefen die Trnen ber das Gesicht -- Ach
Gott, ach Gott, sein Herr war tot. -- Gestorben, hier, im fernen Indien!
-- Die Eisriesen des Himalaja ghnten gen Himmel -- was kmmerte sie das
Leid eines winzigen pochenden Menschenherzens? -- -- -- -- -- -- --

Pompejus Jaburek hatte alles, was geschehen war, getreulich zu Papier
gebracht, Wort fr Wort, so wie er es erlebt und gesehen hatte -- denn
verstehen konnte er es noch immer nicht --, und es an den Sekretr
seines Herrn nach Bombay, Adheritollahstrae 17, adressiert. -- Der
Afghane hatte die Besorgung bernommen. -- Dann war Pompejus gestorben,
denn die Sichel des Tibetaners war vergiftet gewesen.

Allah ist das Eins und Mohammed ist sein Prophet, betete der Afghane
und berhrte mit der Stirne den Boden. -- Die Hindujger hatten die
Leiche mit Blumen bestreut und unter frommen Gesngen auf einem
Holzstoe verbrannt. -- -- -- --

Ali Murrad Bei, der Sekretr, war bleich geworden, als er die
Schreckensbotschaft vernahm, und hatte das Schriftstck sofort in die
Redaktion der Indian Gazette geschickt.

Die neue Sintflut brach herein.

Die Indian Gazette, die die Verffentlichung des Falles Sir Roger
Thornton brachte, erschien am nchsten Tage um volle drei Stunden
spter als sonst. -- Ein seltsamer und schreckenerregender Zwischenfall
trug die Schuld an der Verzgerung:

Mr. Birendranath Naorodjee, der Redakteur des Blattes, und zwei
Unterbeamte, die mit ihm die Zeitung vor der Herausgabe noch
mitternachts durchzuprfen pflegten, waren aus dem verschlossenen
Arbeitszimmer spurlos verschwunden. Drei bluliche gallertartige
Zylinder standen statt dessen auf dem Boden, und mitten zwischen ihnen
lag das frischgedruckte Zeitungsblatt. -- Die Polizei hatte kaum mit
bekannter Wichtigtuerei die ersten Protokolle angefertigt, als zahllose
hnliche Flle gemeldet wurden.

Zu Dutzenden verschwanden die zeitunglesenden und gestikulierenden
Menschen vor den Augen der entsetzten Menge, die aufgeregt die Straen
durchzog. -- Zahllose violette kleine Pyramiden standen umher, auf den
Treppen, auf den Mrkten und Gassen -- wohin das Auge blickte.

Ehe der Abend kam, war Bombay halb entvlkert. Eine amtliche sanitre
Maregel hatte die sofortige Sperrung des Hafens, wie berhaupt
jeglichen Verkehrs nach auen verfgt, um eine Verbreitung der
neuartigen Epidemie, denn wohl nur um eine solche konnte es sich hier
handeln, mglichst einzudmmen. -- Telegraph und Kabel spielten Tag und
Nacht und schickten den schrecklichen Bericht, sowie den ganzen Fall
Sir Roger Thornton Silbe fr Silbe ber den Ozean in die weite Welt.

Schon am nchsten Tage wurde die Quarantne, als bereits versptet,
wieder aufgehoben.

Aus allen Lndern verkndeten Schreckensbotschaften, da der violette
Tod berall fast gleichzeitig ausgebrochen sei und die Erde zu
entvlkern drohe. Alles hatte den Kopf verloren, und die zivilisierte
Welt glich einem riesigen Ameisenhaufen, in den ein Bauernjunge seine
Tabakspfeife gesteckt hat.

In Deutschland brach die Epidemie zuerst in Hamburg aus; sterreich, in
dem ja nur Lokalnachrichten gelesen werden, blieb wochenlang verschont.

Der erste Fall in Hamburg war ganz besonders erschtternd. Pastor
Sthlken, ein Mann, den das ehrwrdige Alter fast taub gemacht hatte,
sa frh am Morgen am Kaffeetisch im Kreise seiner Lieben: Theobald,
sein ltester, mit der langen Studentenpfeife, Jette, die treue Gattin,
Minchen, Tinchen, kurz alle, alle. Der greise Vater hatte eben die
eingelangte englische Zeitung aufgeschlagen und las den Seinen den
Bericht ber den Fall Sir Roger Thornton vor. Er war kaum ber das
Wort mln hinausgekommen und wollte sich eben mit einem Schluck Kaffee
strken, als er mit Entsetzen wahrnahm, da nur noch violette
Schleimkegel um ihn herumsaen. In dem einen stak noch die lange
Studentenpfeife.

Alle vierzehn Seelen hatte der Herr zu sich genommen.

Der fromme Greis fiel bewutlos um.

Eine Woche spter war bereits mehr als die Hlfte der Menschheit tot.

Einem deutschen Gelehrten war es vorbehalten, wenigstens etwas Licht in
die Vorkommnisse zu bringen. -- Der Umstand, da Taube und Taubstumme
von der Epidemie verschont blieben, hatte ihn auf die ganz richtige
Idee gebracht, da es sich hier um ein rein akustisches Phnomen handle.

Er hatte in seiner einsamen Studierstube einen langen wissenschaftlichen
Vortrag zu Papier gebracht und dessen ffentliche Verlesung mit einigen
Schlagworten angekndigt.

Seine Auseinandersetzung bestand ungefhr darin, da er sich auf einige
fast unbekannte indische Religionsschriften berief -- die das
Hervorbringen von astralen und fluidischen Wirbelstrmen durch das
Aussprechen gewisser geheimer Worte und Formeln behandelten -- und diese
Schilderungen durch die modernsten Erfahrungen auf dem Gebiete der
Vibrations- und Strahlentheorie sttzte.

Er hielt seinen Vortrag in Berlin und mute, whrend er die langen Stze
von seinem Manuskripte ablas, sich eines Sprachrohres bedienen, so enorm
war der Zulauf des Publikums.

Die denkwrdige Rede schlo mit den lapidaren Worten: Gehet zum
Ohrenarzt, er soll euch taub machen, und htet euch vor dem Aussprechen
des Wortes -- mln.

Eine Sekunde spter waren wohl der Gelehrte und seine Zuhrer nur mehr
leblose Schleimkegel, aber das Manuskript blieb zurck, wurde im Laufe
der Zeit bekannt und befolgt und bewahrte so die Menschheit vor dem
gnzlichen Aussterben.

Einige Dezennien spter, man schreibt 1950, bewohnt eine neue taubstumme
Generation den Erdball.

Gebruche und Sitten anders, Rang und Besitz verschoben. -- Ein
Ohrenarzt regiert die Welt. -- Notenschriften zu den alchimistischen
Rezepten des Mittelalters geworfen -- Mozart, Beethoven, Wagner der
Lcherlichkeit verfallen, wie weiland Albertus Magnus und Bombastus
Paracelsus.

In den Folterkammern der Museen fletscht hie und da ein verstaubtes
Klavier die alten Zhne.

                                   *

=Nachschrift des Autors=: Der verehrte Leser wird gewarnt, das Wort
mln laut auszusprechen.


                    =Auf holzfreies Papier gedruckt=





End of the Project Gutenberg EBook of Der violette Tod, by Gustav Meyrink

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interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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