The Project Gutenberg EBook of Gsta Berling, by Selma Lagerlf

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Title: Gsta Berling
       Erzhlungen aus dem alten Wermland

Author: Selma Lagerlf

Release Date: May 10, 2009 [EBook #28751]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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     Gsta Berling

     Erzhlungen
     aus dem alten Wermland

     von

     Selma Lagerlf

     [Illustration]

     Im Insel-Verlag zu Leipzig




Einleitung




Der Pfarrer


Endlich stand der Pfarrer auf der Kanzel. Die Leute in der Kirche hoben
die Kpfe in die Hhe. Er war also wirklich da! So fiel denn die Predigt
diesen Sonntag doch nicht wieder aus wie am letzten Sonntage und an
vielen Sonntagen vorher.

Der Pfarrer war jung, von hohem Wuchs, schlank und strahlend schn. Wenn
man ihm einen Helm auf den Kopf gesetzt und ihm ein Schwert und einen
Harnisch umgehangen htte, so wre er der beste Vorwurf fr eine
Marmorstatue gewesen, die man getrost nach dem schnsten aller Griechen
htte benennen knnen.

Der Pfarrer hatte die tiefen Augen eines Dichters und das feste, runde
Kinn eines Feldherrn. Alles an ihm war schn, ausdrucksvoll -- durchglht
von Genialitt und geistigem Leben.

Die Leute in der Kirche fhlten sich eigenartig bedrckt, als sie ihn so
erblickten. Sie waren daran gewhnt, ihn schwankenden Schrittes aus der
Schenke herauskommen zu sehen in Gesellschaft lustiger Kameraden wie
Oberst Beerencreutz mit dem dicken weien Schnurrbart und Kapitn Bergh
mit der gewaltigen Krperkraft.

Er hatte sich derartig dem Trunk ergeben, da er mehrere Wochen hindurch
sein Amt nicht mehr hatte versehen knnen, und die Gemeinde ber ihn
hatte Klage fhren mssen, erst bei seinem Propst und dann bei dem
Bischof und Domkapitel. Jetzt war der Bischof gekommen, um Visitation in
der Gemeinde abzuhalten. Er sa im Chor mit seinem goldenen Kreuz auf
der Brust. Die Prediger aus Karlstad und den Nachbargemeinden saen
rings um ihn herum.

Es unterlag keinem Zweifel, da das Benehmen des Pfarrers die Grenzen
des Erlaubten berschritten hatte. Zu jenen Zeiten -- diese Geschichte
spielt in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts -- nahm man es nicht
so genau, wenn die Leute tranken; dieser Mann aber hatte infolge seiner
Trunksucht sein Amt vernachlssigt, und nun sollte er es verlieren.

Er stand auf der Kanzel und wartete, whrend der letzte Gesangvers
gesungen wurde.

Whrend er so dastand, kam die Gewiheit ber ihn, da er in der ganzen
Kirche, in allen Sthlen lauter Feinde hatte. Die Herrschaft oben in der
Loge, die Bauern unten in der Kirche, die Konfirmanden im Chor -- sie
alle waren seine Feinde. Ein Feind spielte die Orgel, und ein Feind trat
die Blge. Alle haten ihn, von den kleinen Kindern, die in die Kirche
getragen wurden, bis hinab zu dem Kirchendiener, einem steifen, strammen
Soldaten, der die Schlacht bei Leipzig mitgemacht hatte.

Der Pfarrer htte sich auf die Knie werfen und sie um Barmherzigkeit
anflehen mgen.

Aber gleich darauf berkam ihn ein dumpfer Groll. Er entsann sich sehr
wohl, wie er gewesen war, als er vor einem Jahr die Kanzel zum erstenmal
bestieg. Damals war er ein unbescholtener Mann, und jetzt stand er da
und schaute auf den Mann mit dem goldenen Kreuz herab, der gekommen war,
um ihn zu richten.

Whrend er das Gebet sprach, rollte eine Blutwelle nach der andern ber
sein Gesicht -- das war der Groll.

Freilich hatte er getrunken, aber wer hatte ein Recht, ihn deswegen
anzuklagen? Hatte jemand den Pfarrhof gesehen, auf dem er leben sollte?
Der Tannenwald reichte finster und unheimlich bis dicht an die Fenster.
Die Feuchtigkeit tropfte von den schwarzen Decken und trieb an den
schimmligen Wnden herab. Bedurfte er nicht des Branntweins, um den Mut
aufrechtzuerhalten, wenn der Regen oder der treibende Schnee durch die
zerbrochenen Fensterscheiben zu ihm eindrang, wenn das schlecht
bestellte, vernachlssigte Erdreich nicht Brot genug hergeben wollte, um
den Hunger fernzuhalten?

Seiner Meinung nach war er gerade so ein Pfarrer gewesen, wie sie ihn
verdienten. Sie tranken ja alle. Weswegen sollte _er_ der einzige sein,
der sich Zwang antat? Der Mann, der seine Gattin begraben hatte, betrank
sich beim Leichenschmaus; der Vater, der sein Kind zur Taufe gebracht
hatte, hielt hinterher ein Saufgelage. Die Gemeinde trank auf dem
Heimweg von der Kirche, so da die meisten berauscht waren, wenn sie zu
Hause anlangten. Fr _die_ war ein vertrunkener Pfarrer gut genug.

Auf den Amtsreisen, wenn er in seinem dnnen Mantel viele Meilen lang
ber die gefrorenen Seen gesaust war, wo alle Winde sich Stelldichein
gaben, auf seinen Fahrten ber diese selben Seen in offnem Boot bei
Sturm und Platzregen, im Schneegestber, wenn er hatte vom Schlitten
steigen mssen, um seinem Pferd einen Weg durch haushohe Schneeschanzen
zu schaufeln, oder wenn er durch die grundlosen Waldmoore hatte waten
mssen -- da hatte er es gelernt, den Branntwein zu lieben.

Ein Tag nach dem andern hatte sich finster und schwer dahingeschleppt.
Bauer und Edelmann waren gleichsam an den Staub der Erde gefesselt, am
Abend aber hatte der Geist seine Fesseln abgeschttelt, befreit durch
den Branntwein. Die Inspiration war gekommen. Das Herz wurde warm, das
Leben strahlend, Gesang ertnte, und Rosen dufteten. Da war ihm die
Schenkstube zu einem Rosengarten unter sdlichem Himmelsstrich geworden.
Trauben und Oliven hingen ber seinem Haupt, Marmorstatuen schimmerten
durch das dunkle Laubwerk, Philosophen und Dichter wanderten unter
Palmen und Platanen.

Nein, er, der Pfarrer dort oben auf der Kanzel, wute, da das Leben in
dieser Gegend des Landes ohne Branntwein nicht zu ertragen war; alle
seine Zuhrer wuten das, und nun wollten sie ihn richten.

Sie wollten ihm den Talar abreien, weil er betrunken in das Haus ihres
Gottes gekommen war. Hah! -- Alle diese Menschen, hatten die denn --
wollten die sich denn etwa einbilden, da sie einen andern Gott hatten
als den Branntwein!--

Er hatte das Einleitungsgebet gesprochen und beugte sich jetzt herab, um
das Vaterunser zu beten.

Es herrschte atemlose Stille in der Kirche whrend des Gebetes.
Pltzlich griff der Pfarrer mit fester Hand nach den Bndern, mit denen
der Talar zusammengehalten war. Es war ihm, als wenn die ganze Gemeinde
mit dem Bischof an der Spitze die Treppe zur Kanzel heraufgeschlichen
kam, um ihm den Talar abzureien. Er lag auf den Knien und wandte den
Kopf nicht um, aber er konnte fhlen, wie sie an den Bndern zerrten,
und er sah sie so deutlich, die Prpste, Pfarrer, Kirchenvorsteher, den
Kster und die ganze Gemeinde in einer langen Reihe, aus Leibeskrften
zerrend und ziehend, um den Talar herunterzubekommen. Und er konnte es
sich so deutlich vorstellen, wie alle die, die jetzt so eifrig zerrten,
einer ber den andern die Treppe hinabpurzeln wrden, sobald das Gewand
nachgab, und die ganze Reihe da unten, die nicht mitzerren konnten, die
einander nur an den Rockschen zupften -- sie alle wrden mitfallen.

Er sah das so deutlich, da er nahe daran war, laut zu lachen, whrend
er dort auf den Knien lag, aber zu gleicher Zeit trat ihm der kalte
Schwei auf die Stirn. Das war doch zu grauenhaft!

Um des Branntweins willen sollte er jetzt ein verworfener Mann werden!
Ein abgesetzter Pfarrer -- gab es etwas Schimpflicheres hier auf der
Welt?

Er konnte ein Bettler auf der Landstrae werden, betrunken am
Grabenrande liegen, in Lumpen gekleidet gehen, sich zu den
Landstreichern halten.------

Das Gebet war beendet. Jetzt sollte er seine Predigt halten. Da kam ein
Gedanke ber ihn, der ihm das Wort auf der Zunge zurckhielt. Er mute
daran denken, da er heute zum letztenmal auf der Kanzel stehen und
Gottes Lob und Ehre verknden durfte.

Zum letztenmal -- das bewegte den Pfarrer tief. Er verga den Branntwein
und den Bischof. Er mute die Gelegenheit ergreifen und von Gottes Ehre
zeugen.

Es war ihm, als versinke der Fuboden der Kirche in einen tiefen
Abgrund, als werde das Dach der Kirche abgehoben, so da er direkt in
den Himmel schauen konnte. Er stand allein, ganz allein auf seiner
Kanzel, und sein Geist bekam Flgel und flog zu dem offnen Himmel empor,
seine Stimme wurde stark und gewaltig, und er verkndete die Ehre
Gottes.

Er war ein Mann der Inspiration. Er lie die ausgearbeitete Predigt
liegen, die Gedanken flatterten zu ihm herab wie ein Schwarm zahmer
Tauben. Es war ihm, als rede ein anderer, aber er fhlte gleichzeitig,
da dies das Hchste war, was es auf Erden gibt, und da niemand in
Glanz und Herrlichkeit hher gelangen knne, als er, wie er so dastand
und Gottes Ehre verkndete.

Solange die Feuerzunge der Inspiration ber ihm glhte, redete er, als
sie aber erloschen war und das Dach sich wieder auf die Kirche
herabgesenkt hatte, und der Fuboden aus dem tiefen Abgrund
herausgehoben war, da kniete er nieder und weinte, denn er war sich
bewut, da ihm das Leben seine schnste Stunde geschenkt hatte, und da
die jetzt vorber war.

Nach dem Gottesdienst sollte eine Kirchenversammlung und eine
Untersuchung abgehalten werden. Der Bischof fragte, ob die Gemeinde
Klage ber ihren Pfarrer zu fhren habe.

Der Pfarrer war nicht mehr zornig und trotzig wie vor der Predigt. Jetzt
schmte er sich und senkte das Haupt. Ach! jetzt sollten diese elenden
Branntweinsgeschichten aufgetischt werden!

Aber es kam nicht eine einzige. Es war ganz still um den groen Tisch in
der Gemeindestube.

Der Pfarrer blickte auf, erst zu dem Kster hinber -- nein, der schwieg;
dann zu den Kirchenvorstehern, dann zu den Bauern und den
Eisenwerkbesitzern -- sie schwiegen alle. Sie hielten die Lippen fest
aufeinander gepret und sahen halb verlegen auf den Tisch nieder.

Sie warten, da einer den Anfang machen soll, dachte der Pfarrer.

Einer der Kirchenvorsteher rusperte sich.

Ich finde, da wir einen guten Pfarrer haben, sagte er.

Der Herr Bischof haben ja selber gehrt, wie er predigen kann, stimmte
der Kster ein.

Der Bischof sagte etwas von hufigem Ausfallen der Predigt.

Der Pfarrer kann doch ebensogut einmal krank sein wie andere Menschen,
meinte ein Bauer.

Der Bischof deutete an, da man in der Gemeinde Ansto an dem
Lebenswandel des Pfarrers genommen habe.

Da verteidigten sie ihn alle wie aus einem Munde. Ihr Pfarrer sei ja
noch so jung; dazu sei nichts zu sagen. Nein, wenn er nur immer so
predigen wolle wie heute, dann wollten sie ihn selbst fr den Herrn
Bischof nicht hergeben.

Da war kein Klger, kein Richter.

Der Pfarrer fhlte, wie sein Herz sich erweiterte, wie leicht ihm das
Blut durch die Adern strmte. Er befand sich also nicht mehr unter
Feinden, er hatte sie gewonnen, als er es am mindesten dachte, er sollte
auch ferner im Amt bleiben!

Nach der Visitation speisten der Bischof, die Prpste, die Pfarrer und
die Vornehmsten der Gemeinde im Pfarrhof. Eine benachbarte Pfarrersfrau
hatte es bernommen, die Wirtin zu machen, denn der Pfarrer war
unverheiratet. Sie hatte alles aufs beste angeordnet, und zum erstenmal
gingen ihm die Augen darber auf, da der Pfarrhof im Grunde gar nicht
so ungemtlich war. Die lange Mittagstafel war drauen unter den Tannen
gedeckt und prangte festlich mit dem schneeweien Gedeck, dem wei und
blauen Porzellan, den Glsern und den knstlich aufgestellten
Servietten. Zwei Birken waren am Eingang eingepflanzt, die Diele war mit
Wacholderzweigen bestreut, vom Dachbalken herab hing ein Blumenkranz, in
allen Zimmern standen Blumen, der dumpfe Geruch war vertrieben, und die
grnlichen Fensterscheiben glitzerten vergngt im Sonnenschein.

Der Pfarrer war so herzensfroh, er gelobte sich selber, nie wieder zu
trinken.

An der ganzen Tafel sah man nur frohe Gesichter. Die Mnner, die vorhin
hochherzig gewesen waren und verziehen hatten, waren froh, und die
Pfarrer und Prpste waren froh, weil der Skandal glcklich vermieden
war.

Der gute Bischof erhob sein Glas und sagte, er habe diese Reise schweren
Herzens angetreten, denn es seien bse Gerchte an sein Ohr gedrungen.
Er sei ausgezogen, um einen Saulus zu finden, aber siehe, aus dem Saulus
sei schon ein Paulus geworden, der mehr arbeiten werde als alle andern.
Und der fromme Herr sprach weiter von den reichen Gaben, die ihr junger
Bruder erhalten habe, und pries sie. Er solle nicht hochmtig werden,
sondern alle seine Krfte anspannen und acht auf sich geben, wie es dem
gezieme, der eine so beraus schwere und kostbare Last auf den Schultern
trage.

Der Pfarrer betrank sich nicht an jenem Mittag, aber berauscht war er
trotzdem. Das groe, unerwartete Glck stieg ihm zu Kopf. Der Himmel
hatte die Feuerzunge der Inspiration ber ihm flammen lassen, und die
Menschen hatten ihm ihre Liebe geschenkt. Das Blut brauste ihm noch
fieberhei und heftig durch die Adern, als der Abend kam und die Gste
ihn verlieen. Bis tief in die Nacht hinein sa er noch auf seinem
Zimmer und lie die Nachtluft durch das offene Fenster strmen, um das
Glckseligkeitsfieber, diese jauchzende Unruhe zu khlen, die ihn nicht
schlafen lie.

Da vernahm er eine Stimme: Wachst du, Pfarrer?

Und ber dem Rasenplatz nherte sich ein Mann dem Hause. Der Pfarrer
blickte hinaus und erkannte den starken Kapitn Christian Bergh, einen
seiner getreuen Trinkgenossen. Ein umherstreifender Mann, ohne Haus und
Heim, war dieser Kapitn Christian, und ein Riese an Gestalt und
Krperkrften, gro wie ein Berg und dumm wie ein Berggeist.

Freilich wache ich, Kapitn, antwortete der Pfarrer. Meinst du, dies
sei eine Nacht, in der man schlafen knne?

Und nun hrt, was ihm Kapitn Christian erzhlt. Der Riese hat seine
Ahnungen gehabt, er hat begriffen, da sich der Pfarrer hinfort scheuen
werde zu trinken. Er wrde nie wieder Ruhe haben vor diesen Pfarrern aus
Karlstad, sie waren einmal dagewesen und konnten jederzeit wiederkommen
und ihm, falls er in sein altes Laster verfiel, den Talar ausziehen.

Nun hatte sich aber Kapitn Christian der Sache mit seiner starken Hand
angenommen, er hatte es so gemacht, da kein Pfarrer, kein Probst und
auch kein Bischof wiederkommen wrde. In Zukunft konnten der Pfarrer und
seine Freunde dort im Pfarrhof trinken, soviel sie wollten, denn der
Kapitn hat eine Heldentat ausgefhrt.

Als der Bischof und die drei Geistlichen in die geschlossene Kutsche
gestiegen waren und man die Tren fest hinter ihnen geschlossen hatte,
da hatte sich der Kapitn auf den Bock gesetzt und sie eine oder zwei
Meilen in der hellen Sommernacht gefahren. Und er hatte sie fhlen
lassen, was es heie, mit dem Leben in der Hand dasitzen. Er hatte die
Pferde in rasendem Galopp dahinsausen lassen. Das war ihre Strafe, weil
sie einem ehrlichen Manne nicht gnnten, sich einen Rausch anzutrinken.

Glaubt ihr, da er auf der Landstrae blieb? Glaubt ihr, da er sich
genierte, sie tchtig durchzuschtteln? Er fuhr ber Grben und
Stoppelfelder, er rutschte in sausendem Galopp die Hgel hinab, er
lenkte in den See hinein, so da das Wasser bis ber die Rder
aufspritzte, und er lie das Gefhrt Bergabhnge hinabfahren, so da die
Pferde die Vorderbeine steif vorsetzten und sich gleiten lieen. Und die
ganze Zeit hindurch saen der Bischof und die Geistlichen mit bleichen
Gesichtern da und murmelten Gebete. Eine schlimmere Fahrt hatten sie
niemals erlebt.

Und man kann sich vorstellen, wie sie aussahen, als sie im Gasthof zu
Risster ankamen -- lebendig, aber durchgeschttelt wie Hagelkrner in
einem ledernen Beutel.

Was hat dies zu bedeuten, Kapitn Christian? fragt der Bischof, als er
ihnen die Wagentr ffnet.

Es bedeutet, da der Herr Bischof sich die Sache zweimal berlegen
soll, ehe er wieder auf Visitationsreisen zu Gsta Berling kommt, sagt
Kapitn Christian, und den Satz hat er vorher gemacht und auswendig
gelernt, um nicht im Text stecken zu bleiben.

Dann gre nur Gsta Berling und sag ihm, zu ihm kme weder ich noch
ein anderer Bischof jemals wieder.

Diese Heldentat erzhlt der starke Kapitn dem Pfarrer, whrend er in
der hellen Sommernacht vor seinem geffneten Fenster steht. Denn der
Kapitn hat soeben die Pferde im Krug abgeliefert und sich dann mit
seiner Neuigkeit nach dem Pfarrhof begeben.

Jetzt kannst du ruhig sein, Herzensbruder, sagte er.

Ach, Kapitn Christian, wohl saen die Geistlichen mit bleichen
Gesichtern im Wagen, aber der Pfarrer hier am Fenster starrte mit einem
weit bleicheren Gesicht in die helle Sommernacht hinaus. Ach, Kapitn
Christian!

Der Pfarrer hob den Arm in die Hhe und schickte sich an, dem Riesen
einen gewaltigen Schlag in das grobe, dumme Gesicht zu versetzen, aber
er besann sich. Mit lautem Getse schlug er das Fenster zu und blieb
mitten im Zimmer stehen, seine geballte Faust druend gen Himmel
erhoben.

Er, ber dem die Feuerzunge der Inspiration geflammt hatte, er, der die
Ehre Gottes verkndet hatte, er stand dort und dachte, da Gott sein
Gaukelspiel mit ihm getrieben habe.

Mute der Bischof nicht glauben, da der Pfarrer Kapitn Christian
ausgesandt habe? Mute er nicht glauben, da er den ganzen Tag
geheuchelt und gelogen habe? Jetzt wrde er sicher Ernst machen mit dem
Verfahren gegen ihn, ihn erst suspendieren und ihn dann absetzen.

Als der Morgen kam, war der Pfarrer aus dem Pfarrhaus verschwunden. Er
hatte nicht bleiben und sich verteidigen wollen. Gott hatte ihn zum
Narren gehabt. Gott wollte ihm nicht helfen. Er wute, da er abgesetzt
werden wrde. Gott wollte es so. Dann konnte er ja ebensogut gleich
gehen.

Dies trug sich in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts in Schweden,
in einer entlegenen Gemeinde des westlichen Wermland zu.

Es war dies das erste Unglck, das ber Gsta Berling hereinbrach; es
sollte nicht das letzte bleiben.

Denn fr die Pferde, die weder Sporen noch Peitsche dulden, ist das
Leben nicht leicht. Bei jedem Schmerz, der sie trifft, fahren sie dahin
auf wilden Wegen, den ghnenden Abgrnden zu. Sobald der Weg steinig ist
und die Fahrt schwer wird, wissen sie sich nicht anders zu helfen, als
die Fuhre umzuwerfen und in tollem Galopp dahinzusprengen.




Der Bettler


An einem kalten Tag im Dezember kam ein Bettler den Brobyer Hgel
hinaufgewandert. Seine Kleidung bestand aus den elendsten Lumpen, und
seine Schuhe waren so zerrissen, da der kalte Schnee seine Fe
durchnte.

Der Lfsee ist ein langes, schmales Gewsser in Wermland, das sich an
ein paar Stellen zu einem schmalen Sund verengert. Er erstreckt sich
nach Norden zu bis an die finnischen Wlder und nach Sden bis an den
Wenersee. Mehrere Kirchspiele liegen an seinen Ufern, von allen aber ist
die Broer Gemeinde die reichste und grte. Sie nimmt einen guten Teil
des stlichen wie auch des westlichen Ufers ein, an letzterem aber
liegen die grten Gter, Edelsitze wie Ekeby und Bjrne, weitberhmt
wegen ihres Reichtums und ihrer Schnheit, sowie Broby, ein grerer
Flecken mit einem Krug, Gasthaus, Thinghaus, Amtmannswohnung, Pfarrhof
und Marktplatz.

Broby liegt an einem steilen Abhang.

Der Bettler war an dem Kruge vorbergekommen, der an dem Fu des Hgels
liegt, und arbeitete sich nun nach dem auf dem Gipfel gelegenen Pfarrhof
hinauf.

Vor ihm her ging ein kleines Mdchen, das einen Schlitten zog, auf dem
ein Sack Mehl lag.

Der Bettler holte das kleine Mdchen ein und begann eine Unterhaltung
mit ihm.

Das ist doch ein kleines Pferd fr eine so schwere Last, meinte er.

Das Kind wandte sich um und sah ihn an. Es war ungefhr zwlf Jahre alt,
klein, mit sphenden, scharfen Augen und einem zusammengekniffenen Mund.

Gott gebe, da das Pferd kleiner und die Last grer wre, dann hielte
sie wohl lnger vor, erwiderte das Mdchen.

Ist es vielleicht dein eigenes Futter, was du da schleppst?

Ja, Gott sei's geklagt. Ich mu mir meine Nahrung selber verschaffen,
so klein ich bin.

Der Bettler schob von hinten an dem Schlitten. Das Mdchen wandte sich
um und sah ihn an.

Du brauchst nicht zu glauben, da du etwas dafr bekommst, sagte sie.

Der Bettler lachte laut auf. Du bist wohl die Tochter des Pfarrers von
Broby, sagte er, das kann man merken.

Freilich bin ichs. Einen rmeren Vater hat manch ein Kind -- einen
schlechteren Vater hat keins. Es ist die reine Wahrheit, wenngleich es
auch eine Schande ist, da sein eigen Kind es sagen mu.

Er ist wohl geizig und bse obendrein, dein Vater?

Geizig ist er und bse obendrein, aber seine Tochter wird, wenn sie am
Leben bleibt, noch schlimmer als er, das sagen alle Leute.

Darin mgen die Leute recht haben. Ich mchte wohl wissen, wie du zu
dem Sack Mehl gekommen bist.

Es kann wohl nicht schaden, wenn ich dirs sage. Ich nahm heute morgen
Korn aus des Vaters Scheune, und nun bin ich damit zur Mhle gewesen.

Wird er dich denn nicht sehen, wenn du nun damit angeschleppt kommst?

Du scheinst mir noch ziemlich grn zu sein! Vater ist auf einer
Amtsreise!

Da kommt jemand hinter uns den Hgel hinaufgefahren. Ich kann den
Schnee unter den Schlittenkufen knirschen hren. Wenn er das nun wre?

Die Kleine lauschte und sphte; dann fing sie an zu brllen. Das ist
Vater! schluchzte sie. Er schlgt mich tot. Er schlgt mich tot!

Ja, nun ist guter Rat teuer, und ein schneller Rat ist besser als Gold
und Silber, sagte der Bettler.

Weit du was, sagte das Kind, du kannst mir helfen. Nimm den Strick
und zieh den Schlitten, dann glaubt Vater, da es der deine ist.

Was soll ich denn damit machen? fragte der Bettler und warf den Strick
ber die Schulter.

Geh damit hin, wohin du willst, komm aber, sobald es dunkel wird, nach
dem Pfarrhof. Ich werde dir schon aufpassen.

Ich kann es ja versuchen.

Gott gnade dir, wenn du nicht kommst! rief das Mdchen und lief dann,
so schnell es konnte, um vor dem Vater nach Hause zu kommen.

Der Bettler wandte den Schlitten schweren Herzens und schob ihn nach dem
Krug hinab. Der rmste hatte seinen Traum gehabt, whrend er dort auf
nackten Fen durch den Schnee watete. Er hatte von den groen Wldern
nrdlich vom Lfsee -- von den groen finnischen Wldern getrumt.

Hier unten in der Broer Gemeinde, wo er jetzt an dem schmalen Sund
entlang wanderte, der den oberen und den unteren Teil des Sees
miteinander verband, in diesen reichen, frhlichen Gegenden, wo ein
Schlo neben dem andern, ein Eisenwerk neben dem andern liegt, hier war
ihm der Weg zu schwer, jedes Zimmer zu eng, jedes Bett zu hart. Hier
empfand er ein schmerzliches Sehnen nach dem Frieden der groen, ewigen
Wlder.

Hier hrte er den Dreschflegel auf die Tenne fallen, als solle das
Dreschen nie ein Ende haben. Holz- und Kohlenladungen kamen unablssig
aus den unerschpflichen Waldungen herab. Endlose Reihen erzbeladener
Wagen zogen in tiefen Spuren, die Hunderte von Vorgngern hinterlassen
hatten, die Wege entlang. Hier sah er Schlitten von Gehft zu Gehft
fahren, und es war ihm, als fhre die Freude die Zgel, als stehe
Schnheit und Liebe hinten auf den Kufen. Ach, wie sich der arme einsame
Wanderer nach dem Frieden der groen Wlder sehnte!

Dort oben, wo die Bume wie schlanke Sulen aus der ebenen Flche
emporragen, wo der Schnee in schweren Schichten auf den unbeweglichen
Zweigen liegt, wo der Wind keine Macht hat, sondern nur ganz leise mit
den Nadeln der Wipfel spielen kann, _dort_ wollte er tiefer und tiefer in
den Wald hinein wandern, bis ihn die Krfte eines Tages verlassen wrden
und er unter den groen Bumen umsank, um vor Hunger und Klte zu
sterben.

Er sehnte sich nach dem groen, sausenden Grab oberhalb des Lfsees, wo
ihn die zerstrenden Mchte bermannen konnten, wo es endlich dem
Hunger, der Klte, der Ermattung und dem Branntwein gelingen mochte,
die Herrschaft ber diesen elenden Krper zu gewinnen, der allem zu
widerstehen schien.

Er war nach dem Krug hinuntergekommen und wollte dort bis zum Abend
warten. Er trat in die Schenkstube und sa in stumpfer Ruhe auf der Bank
neben der Tr, von den ewigen Wldern trumend.

Die Schenkwirtin hatte Mitleid mit ihm und gab ihm ein Glas von ihrem
starken, sen Branntwein. Und sie gab ihm noch eins dazu, weil er sie
so instndig darum bat.

Mehr wollte sie ihm nicht geben, und der Bettler geriet in helle
Verzweiflung. Er _mute_ mehr haben von diesem starken, sen Branntwein.
Er mute noch einmal fhlen, wie ihm das Herz im Leibe hpfte, wie die
Gedanken im Rausch aufflammten. O, dies herrliche Kornbru! Des Sommers
Sonne, des Sommers Vogelsang, des Sommers Duft und Schnheit umfluteten
ihn auf seinen Wogen. Noch einmal, ehe er in Nacht und Finsternis
verschwindet, will er Sonne und Glck trinken.

Und so vertauschte er denn erst das Mehl, dann den Mehlsack und
schlielich den Schlitten -- alles gegen Branntwein. Damit trank er sich
einen tchtigen Rausch an und verschlief den grten Teil des
Nachmittags auf einer Bank in der Schenkstube.

Als er erwachte, sah er ein, da ihm nur eins hier auf der Welt
brigblieb. Sintemal dieser elende Krper die ganze Herrschaft ber
seine Seele gewonnen hatte, sintemal er das vertrinken konnte, was ihm
ein Kind anvertraut hatte, sintemal er eine Schande fr die Erde war,
mute er sie von der Last all dieses Elends befreien. Er mute seiner
Seele die Freiheit schenken, mute sie zu Gott gehen lassen.

Er lag auf der Bank in der Schenkstube und ging mit sich selber ins
Gericht: Gsta Berling, abgesetzter Pfarrer, angeklagt, das Eigentum
eines hungernden Kindes vertrunken zu haben, wird zum Tode verurteilt.
Zu welchem Tode? Zum Tode im Schnee.

Er griff nach seiner Mtze und wankte hinaus. Er war weder ganz wach
noch ganz nchtern. Er weinte aus Mitleid mit sich selber, mit seiner
armen, erniedrigten Seele, der er die Freiheit schenken mute.

Er ging nicht weit und entfernte sich auch nicht vom Wege. Am Rande des
Weges hatte der Wind den Schnee hoch aufgetrmt, dort legte er sich hin,
um zu sterben. Er schlo die Augen und versuchte zu schlafen.

Niemand wei, wie lange er so gelegen haben mochte, aber es war noch
Leben in ihm, als die Tochter des Brobyer Pfarrers die Landstrae
dahergelaufen kam, eine Laterne in der Hand, und ihn am Wegesrande im
Schnee liegen sah. Sie hatte stundenlang auf ihn gewartet, jetzt war sie
die Brobyer Hgel hinabgelaufen, um sich umzusehen, wo er denn nur
blieb.

Sie erkannte ihn sofort und fing an ihn zu schtteln und aus
Leibeskrften zu schreien, um ihn zu erwecken.

Sie mute wissen, was der Mann mit ihrem Mehlsack gemacht hatte. Sie
mute ihn ins Leben zurckrufen-- wenigstens so lange, da er ihr sagen
konnte, was aus ihrem Schlitten und ihrem Mehlsack geworden war. Ihr
Vater wrde sie totschlagen, wenn sie seinen Schlitten fortgebracht
hatte. Sie beit den Bettler in den Finger, zerkratzt ihm das Gesicht
und schreit wie eine Verzweifelte.

Da kam jemand die Landstrae entlang gefahren.

Wer zum Teufel schreit denn da so? fragte eine barsche Stimme.

Ich will wissen, was er mit meinem Schlitten und mit meinem Mehlsack
gemacht hat, schluchzte das Kind und schlug den Bettler mit den
geballten Fusten vor die Brust.

Schmst du dich nicht, einen erfrorenen Mann so zu zerkratzen? Fort mit
dir, du wilde Katze!

Eine groe, grobknochige Frau entstieg dem Schlitten und nherte sich
dem Schneehaufen. Das Kind ergriff sie beim Nacken und schleuderte es
auf die Landstrae. Dann beugte sie sich herab, schob den Arm unter den
Rcken des Bettlers und hob ihn in die Hhe. So trug sie ihn bis an den
Schlitten und legte ihn hinein.

Komm mit in die Schenke, du wilde Katze! rief sie der Pfarrerstochter
zu, damit wir hren, was du hierber zu erzhlen weit.

       *       *       *       *       *

Eine Stunde spter sa der Bettler auf einem Stuhl neben der Tr in der
besten Stube der Schenke, und vor ihm stand die willensstarke Frau, die
ihn aus dem Schnee errettet hatte.

So wie Gsta Berling sie jetzt auf dem Heimwege vom Kohlenfahren in den
Wldern sah, mit ruigen Hnden, eine Tonpfeife im Munde, bekleidet mit
einem kurzen, ungeftterten Pelz aus Lammfellen und einem Kleide aus
gestreiftem Beiderwand, mit eisenbeschlagenen Schuhen an den Fen, ein
Messer in einer Scheide in das Mieder gesteckt, so wie er sie da vor
sich stehen sah, das graue Haar ber dem alten, schnen Gesicht glatt
in die Hhe gestrichen -- so hatte er sie wohl tausendmal beschreiben
hren, und er wute, da er mit der weit und breit bekannten Majorin aus
Ekeby zusammengetroffen war.

Sie war die mchtigste Frau in Wermland, die Herrin ber sieben
Eisenwerke, gewohnt zu befehlen und zu gebieten. Und er war nur ein
elender, zum Tode verurteilter Bettler, der nicht das Geringste besa
und der es fhlte, da ihm jeder Weg zu schwer, jede Stube zu eng war.
Sein Krper bebte vor Angst, whrend ihr Blick auf ihm ruhte.

Sie stand schweigend da und sah herab auf diesen Haufen menschlichen
Elends vor ihr, auf die roten, geschwollenen Hnde, die abgezehrte
Gestalt und den herrlichen Kopf, der trotz des Verfalls und der
Vernachlssigung in wilder Schnheit strahlte.

Er ist Gsta Berling, der tolle Pfarrer? fragte sie.

Der Bettler sa unbeweglich da.

Ich bin die Majorin auf Ekeby.

Es ging ein Beben durch den Bettler. Er faltete seine Hnde und erhob
die Augen mit sehnsuchtsvollem Blick. Was wollte sie ihm? Wollte sie ihn
zwingen zu leben? Er bebte vor ihrer Strke. Er war ja doch dem Frieden
der ewigen Wlder so nahe gewesen!

Sie begann den Kampf, indem sie ihm sagte, da die Tochter des Brobyer
Pfarrers ihren Schlitten und ihren Mehlsack wiederbekommen, und da sie,
die Majorin, fr ihn wie fr so viele andere ein Heim im Kavalierflgel
auf Ekeby habe. Sie biete ihm ein Leben in Lust und Freude an.

Er aber antwortete, da er sterben msse.

Da schlug sie mit der geballten Faust auf den Tisch und sagte ihm ihre
Ansicht offen heraus.

Also sterben will Er -- sterben? Ja, darber wrde ich mich nicht
wundern, wenn Er berhaupt lebte. Aber seh Er nur Seinen abgezehrten
Krper, Seine ohnmchtigen Glieder, die matten Augen an -- glaubt Er
wirklich, da da noch viel zu tten ist? Glaubt Er, da man, um tot zu
sein, unter einem zugenagelten Sargdeckel zu liegen braucht? Glaubt Er
nicht, da ich es Ihm ansehen kann, wie tot Er ist, Gsta Berling, tot!
Ich sehe, da ein grinsender Totenkopf auf Seinen Schultern sitzt, und
es scheint mir, als sehe ich die Wrmer durch Seine Augenhhlen aus- und
einkriechen. Merkt Er nicht, da Er den Mund voll Erde hat? Kann Er
nicht hren, wie die Gebeine rasseln, sobald Er sich bewegt? Er hat sich
in Branntwein ertrnkt, Gsta Berling, und tot ist Er. Was sich jetzt in
Ihm rhrt, ist nur das Totengebein, und dem will Er es nicht gnnen zu
leben -- wenn man das berhaupt Leben nennen kann? Es ist fast, als wolle
Er den Toten einen Tanz ber die Grber im Mondschein mignnen.

Schmt Er sich, da Er Pfarrer gewesen ist, weil Er jetzt sterben will?
Es wre ehrenvoller, wenn Er jetzt Seine Gaben dazu verwenden wollte,
Nutzen zu schaffen auf Gottes grner Erde -- das kann Er mir glauben.
Weshalb ist Er nicht gleich zu mir gekommen? Da htte ich die Sache
schon fr Ihn ordnen wollen. Ja, nun erwartet Er wohl viel Ehre davon,
eingekleidet und auf Hobelspne gelegt und eine schne Leiche genannt zu
werden!

Der Bettler sa ruhig, halb lchelnd da, whrend sie ihre heftigen
Worte ber ihn hindonnern lie. Das hat keine Not, jubelte er, keine
Not! Die ewigen Wlder warten, und sie hat keine Macht, meine Seele
davon abzuwenden.

Die Majorin aber schwieg und ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder;
dann nahm sie Platz am Kamin, setzte die Fe auf den Rost und sttzte
die Ellbogen auf die Knie.

Tausend Teufel auch, fuhr sie fort und lachte vor sich hin. Was ich
da sage, ist so wahr, da ich es selber kaum gemerkt habe. Glaubt Er
nicht, da die meisten Menschen in dieser Welt tot oder doch halbtot
sind? Glaubt Er etwa, da ich lebe? Ach nein! Ach nein!

Ja, sieh Er mich nur an! Ich bin die Majorin auf Ekeby, und ich sollte
meinen, da ich die mchtigste Frau in ganz Wermland bin. Winke ich mit
einem Finger, so springt der Landrat, und winke ich mit zweien, so
springt der Bischof, und winke ich mit dreien, so tanzen Domkapitel und
Ratsherren und alle Grundbesitzer in ganz Wermland Polka auf dem Markt
zu Karlstad. Tausend Teufel, ich sage Ihm, Pfarrer, ich bin nichts als
eine aufgeputzte Leiche. Unser Herrgott wei am besten, wie wenig Leben
in mir ist.

Der Bettler beugte sich vor und lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit.
Die alte Majorin sa vor dem Feuer und wiegte sich hin und her. Sie sah
ihn nicht an, whrend sie sprach.

Glaubt Er nicht, fuhr sie fort, da ich, wenn ich ein lebendiges
Menschenkind gewesen wre, das Ihn dort so elend und traurig mit
Selbstmordgedanken im Herzen sitzen sah -- da ich sie da nicht alle mit
einem Atemhauch aus Seinem Herzen htte vertreiben knnen? Da htte ich
Trnen fr Ihn gehabt und Gebete, die alles in Ihm aufgerhrt htten,
und ich htte Seine sndige Seele erlst. Jetzt aber bin ich tot. Gott
allein wei, wie wenig Leben noch in mir ist.

Hat Er gehrt, da ich einstmals die schne Margarete Celsing war? Das
war nicht gestern, aber noch heute kann ich dasitzen und meine alten
Augen rot weinen ber sie. Weshalb mute Margarete Celsing sterben und
Margarete Samzelius leben? Weshalb soll die Majorin auf Ekeby leben?
Kann Er mir das sagen, Gsta Berling?

Wei Er, wie Margarete Celsing beschaffen war? Sie war schlank und fein
und sittsam und unschuldig, Gsta Berling. Sie gehrte zu denen, auf
deren Grabe die Engel weinen. Sie kannte nichts Bses, niemand hatte ihr
Kummer gemacht, sie war gut gegen alle. Und schn war sie.

Da war ein herrlicher Mann, Altringer hie er. Gott mag wissen, wie es
kam, da er da oben in die wilde Einde des Elfdals hinaufgeriet, wo
ihrer Eltern Gut lag. Ihn sah Margarete Celsing, er war schn, er war
ein Mann, und er liebte sie. Aber er war arm, und sie kamen berein, da
sie fnf Jahre aufeinander warten wollten, wie es im Liede heit.

Als die drei ersten Jahre verstrichen waren, meldete sich ein anderer
Freier. Er war hlich zu schauen, ihre Eltern glaubten aber, da er
reich sei, und sie zwangen sie durch Reden und Versprechungen, durch
Schlge und bse Worte, ihn zum Manne zu nehmen. An jenem Tage starb
Margarete Celsing.

Seit jener Zeit hat es keine Margarete Celsing gegeben, sondern nur
eine Majorin Samzelius, und sie war nicht gut, nicht sittsam; sie
glaubte an viel Bses und gab nicht acht auf das Gute.

Du weit es wohl, wie dann alles gekommen ist. Wir wohnten in Sj, hier
am Lfsee, der Major und ich. Aber er war nicht reich, wie die Leute
gesagt hatten.

Ich hatte oft schwere Tage.

Da kam Altringer heim, und nun war er reich. Er ward Besitzer von Ekeby
und unser Nachbar. Er kaufte auch noch sechs andere Gter am Lfsee. Er
war tchtig, unternehmend; ein herrlicher Mann war er. Er stand uns bei
in unserer Armut, wir fuhren in seinem Wagen, er sandte uns Speisen fr
unsere Kche, Wein fr unsern Keller. Er fllte mein Leben mit Fest und
Freude. Als der Krieg ausbrach, reiste der Major fort, was aber kehrten
wir uns daran! Den einen Tag war ich sein Gast auf Ekeby, den nchsten
Tag kam er nach Sj. Ach, es ging wie ein Freudenreigen an den Ufern des
Sees entlang!

Dann aber fingen sie an, Bses ber mich und Altringer zu reden. Htte
Margarete Celsing gelebt, so wrde es sie sicherlich betrbt haben, mir
aber tat es nichts. Doch wute ich noch nicht, da ich, weil ich tot
war, so gefhllos war.

Die bsen Gerchte ber uns fanden ihren Weg bis zu meinem Vater und
meiner Mutter, die da oben zwischen den Kohlenmeilern im Elfdalswalde
lebten. Die Alte besann sich nicht lange; sie reiste hierher, um mit mir
zu reden.

Eines Tages, als der Major fort war und ich mit Altringer und mehreren
anderen zu Tische sa, kam sie nach Sj. Ich sah sie in den Saal
eintreten, aber ich fhlte nicht, da es meine Mutter war. Gsta
Berling. Ich begrte sie wie eine Fremde und bat sie, an meinem Tische
niederzusitzen und teil an der Mahlzeit zu nehmen. Sie wollte mit mir
reden, als wenn ich ihre Tochter sei, aber ich sagte ihr, sie irre sich,
meine Eltern lebten nicht mehr, sie seien beide an meinem Hochzeitstage
gestorben.

Da ging sie auf das Spiel ein. Siebzig Jahre zhlte sie, dreiig Meilen
war sie in drei Tagen gefahren. Jetzt setzte sie sich ohne weitere
Umstnde an den Mittagstisch und a mit uns; sie war eine krftige alte
Frau.

Sie meinte, es sei doch traurig, da ich just an dem Tage einen solchen
Verlust erlitten habe.

Das Traurigste bei der Sache war, entgegnete ich, da meine Eltern
nicht einen Tag frher gestorben wren, denn dann wre nichts aus der
Hochzeit geworden.

Frau Majorin sind also nicht glcklich in Ihrer Ehe? fragte sie darauf.

Ja, sagte ich, jetzt bin ich glcklich. Ich werde stets glcklich sein,
dem Willen meiner teuren Eltern zu folgen.

Sie fragte, ob es der Wille meiner Eltern gewesen sei, Scham und
Schande ber sie und mich selber zu bringen und meinen Gatten zu
betrgen. Wenig Ehre erzeige ich meinen Eltern, indem ich mich selber in
der Leute Mund bringe.

Sie mssen so liegen, wie sie sich gebettet haben, erwiderte ich. Und
brigens mag die fremde Dame wissen, da ich mich nicht darein finde,
da jemand die Tochter meiner Eltern verhhnt.

Wir aen allein, wir beide. Die Mnner rings um uns her saen
schweigend da und konnten weder Messer noch Gabel rhren.

Die Alte blieb einen Tag und eine Nacht, um sich auszuruhen. Aber
solange ich sie sah, konnte ich nicht begreifen, da es meine Mutter
war. Ich wute nur, da meine Mutter gestorben sei.

Als sie reisen wollte, Gsta Berling, und ich neben ihr auf der Treppe
stand und der Wagen vorgefahren war, da sagte sie zu mir: Einen Tag und
eine Nacht bin ich hier gewesen, ohne da du mich als Mutter hast
anerkennen wollen. Auf den Wegen bin ich hierhergereist, dreiig Meilen
in drei Tagen. Und aus Scham ber dich zittert mein alter Krper, als
sei er mit Ruten gepeitscht. Mchtest du verleugnet werden, wie ich
verleugnet worden bin, verstoen werden, wie ich verstoen bin. Mge die
Landstrae dein Heim, der Graben dein Bett, der Kohlenmeiler deine
Feuersttte werden. Schande und Verschmhung sei dein Lohn, mgen dich
andere schlagen, so wie ich dich jetzt schlage!

Und sie versetzte mir einen harten Schlag auf die Wange.

Ich aber hob sie auf, trug sie die Treppe hinab und setzte sie in den
Wagen.

Wer bist du, da du mich verfluchst? fragte ich. Wer bist du, da du
mich schlgst? Das leide ich von niemand!

Und ich gab ihr die Ohrfeige zurck. Im selben Augenblick fuhr der
Wagen, aber da, in dem Augenblick, Gsta Berling, wute ich, da
Margarete Celsing tot war. Sie war gut und unschuldig. Sie kannte
nichts Bses. Die Engel wrden auf ihrem Grabe geweint haben. Htte sie
gelebt, sie wrde niemals ihre Mutter geschlagen haben.

Der Bettler an der Tr hatte gelauscht, und die Worte hatten fr einen
Augenblick das Sausen der ewigen Wlder bertubt. Sieh, diese reiche
Frau stieg zu ihm herab in ihren Snden, ward seine Schwester in ihrem
Elend, nur um ihm Mut zum Leben zu machen. Er sollte erkennen lernen,
da auch auf den Huptern anderer Sorge und Schuld lastete. Er erhob
sich und trat auf die Majorin zu.

Willst du jetzt leben, Gsta Berling? fragte sie mit einer Stimme, die
von Trnen fast erstickt war. Weshalb willst du sterben? Du httest ein
tchtiger Pfarrer werden knnen, nie aber war der Gsta Berling, den du
in Branntwein ertrnktest, so strahlend unschuldsrein wie die Margarete
Celsing, die ich in Ha erstickte. Willst du jetzt leben?

Gsta fiel vor der Majorin auf die Knie. Vergib mir, sagte er, aber
ich kann nicht!

Ich bin eine alte Frau, sagte die Majorin, verhrtet in bitterem
Kummer, und ich sitze hier und gebe mich selber einem Bettler preis, den
ich halb erfroren in einer Schneewehe am Wege gefunden habe. Es
geschieht mir recht. Geh Er nur hin und werd' Er ein Selbstmrder, dann
kann Er jedenfalls nichts von meiner Torheit erzhlen.

Ich bin kein Selbstmrder, ich bin ein zum Tode Verurteilter. Mache mir
den Kampf nicht zu schwer! Ich kann nicht leben. Mein Krper hat die
Obergewalt ber meine Seele gewonnen, deswegen mu ich die freigeben,
damit sie zu Gott kommen kann.

Er glaubt also, da sie zu Gott kommt?

Lebt wohl, Majorin Samzelius, und habt Dank!

Leb wohl, Gsta Berling!

Der Bettler erhob sich und ging mit hngendem Kopf und schleppenden
Schritten auf die Tr zu. Diese Frau machte ihm den Weg zu den ewigen
Wldern schwer.

Als er an die Tr kam, mute er sich umwenden. Da begegnete er einem
Blick der Majorin, die regungslos dasa und ihm nachsah. Er hatte
niemals eine solche Vernderung in einem Gesicht wahrgenommen, und er
stand still und starrte sie an. Sie, die eben noch bse und drohend
gewesen war, sa still da wie verklrt, und ihre Augen strahlten vor
erbarmender, mitleidiger Liebe. Es war etwas in ihm, in seinem
verwilderten Herzen, das vor diesem Blick schmolz; er lehnte seine Stirn
gegen den Trpfosten, hob die Arme ber dem Kopf in die Hhe und weinte,
als wenn sein Herz brechen sollte.

Die Majorin warf die Tonpfeife ins Feuer und kam zu ihm hin. Ihre
Bewegungen waren pltzlich so sanft wie die einer Mutter.

Nun, nun, mein Junge!

Und sie zog ihn zu sich auf die Bank neben der Tr, so da er, den Kopf
in ihrem Scho, weinte.

Will Er noch sterben?

Er wollte aufspringen. Sie mute ihn mit Gewalt festhalten.

Jetzt sage ich Ihm zum letztenmal, da Er tun kann, was Er will. Das
aber verspreche ich Ihm, wenn Er leben will, so werde ich die Tochter
des Brobyer Pfarrers zu mir nehmen und sie zu einem tchtigen Menschen
erziehen: dann kann Er ja Gott danken, da Er ihr Mehl stahl. Nun, will
Er?

Er hob den Kopf in die Hhe und sah ihr in die Augen.

Ist das Euer Ernst?

Freilich ist es das, Gsta Berling.

Da rang er die Hnde in unsagbarer Angst. Er sah vor sich die
eingeschchterten Augen, die zusammengekniffenen Lippen, die kleinen,
abgemagerten Hnde. Das arme kleine Wesen sollte Schutz und Pflege
haben, das Brandmal der Erniedrigung sollte aus ihrem Krper getilgt
werden, wie das Bse aus ihrer Seele. Jetzt ward ihm der Weg zu den
ewigen Wldern verschlossen.

Ich werde mir das Leben nicht nehmen, solange sie unter Eurem Schutz
steht, sagte er. Ich wute es ja, da die Majorin strker sei als ich,
da sie mich zwingen wrde zu leben.

Gsta Berling, sagte sie feierlich, ich habe um dich gekmpft wie um
meine eigene Seligkeit. Ich sagte zu Gott: Wenn noch eine Spur von
Margarete Celsing in mir ist, so mache, da sie sich zu erkennen gibt
und den Mann verhindert, sich das Leben zu nehmen! Und Gott erhrte mein
Flehen, und du hast sie gesehen, und deswegen konntest du nicht gehen.
Und sie flsterte mir zu, da du vielleicht um des armen Kindes willen
den Gedanken an den Tod aufgeben wrdest. Ach, ihr fliegt so khn, ihr
wilden Vgel, Gott aber kennt das Netz, das euch fangen kann.

Er ist ein groer, wunderbarer Gott! sagte Gsta Berling. Er hat mich
zum Narren gehabt und mich verworfen, aber er will mich nicht sterben
lassen. Sein Wille geschehe.

Seit jenem Tage wurde Gsta Berling Kavalier auf Ekeby. Zweimal
versuchte er es, sich loszumachen und sich einen Weg zu bahnen, um von
der eigenen Arbeit zu leben. Das einemal gab ihm die Majorin ein Haus in
der Nhe von Ekeby; er zog dahin und wollte versuchen, als Arbeiter zu
leben. Es gelang ihm auch eine Zeitlang, aber er ward bald der
Einsamkeit und der tglichen Arbeit mde und wurde wieder Kavalier. Das
zweitemal ward er Hauslehrer auf Borg bei dem jungen Grafen Heinrich
Dohna. Dort verliebte er sich in Ebba Dohna, des Grafen Schwester; als
sie aber starb, gerade als er sie zu gewinnen meinte, gab er jeden
Gedanken, etwas anderes als ein Kavalier auf Ekeby zu werden, auf. Es
schien ihm, als seien einem abgesetzten Pfarrer alle Wege zur
Wiederherstellung seiner Ehre verschlossen.




Gsta Berlings Sage




Die Landschaft


Nun mu ich diejenigen, die den langen See, die reichen Ebenen und die
blauen Berge schon kennen, bitten, da sie einige Seiten berschlagen.
Sie knnen es ruhig tun, das Buch wird trotzdem lang genug.

Ein jeder wird verstehen, da ich gezwungen bin, diese drei Szenerien
denen zu beschreiben, die sie noch nicht gesehen haben, denn sie waren
der Schauplatz, auf dem Gsta Berling und die Kavaliere ihr lustiges
Leben lebten. Aber fr diejenigen, die sie gesehen haben, ist es gar
leicht zu verstehen, da dies die Krfte eines Menschen bersteigt, der
nur die Feder fhren kann.

Am liebsten wrde ich mich damit begngen, _von dem See_ zu erzhlen, da
er der Lfsee heit, da er lang und schmal ist, da er sich von den
groen einsamen Wldern im nrdlichen Wermland bis hinab in die
Niederungen des Wenersees nach Sden zu erstreckt; _von der Ebene_, da
sie zu beiden Seiten des Sees dahinluft, und _von den Bergen_, da sie
mit ihren ragenden Ketten das ganze Tal umschlieen. Aber das ist nicht
genug fr mich, wenn ich den See meiner Kindheitstrume und das Leben
meiner Kindheitshelden schildern will.

Die Quellen des Sees liegen hoch oben im Norden, und da ist ein
herrliches Land fr einen See. Wald und Berge werden niemals fertig,
Wasser fr ihn zu sammeln, Elfe und Bche strzen das ganze Jahr
hindurch in ihn hinab. Er hat feinen, weien Sand, auf dem er sich
ausstrecken kann, Landzungen und Inseln, die er widerspiegeln kann, da
ist freier Spielraum fr den Wassermann und die Meerfrau, und er wchst
gro und schn heran. Da oben im Norden ist er munter und freundlich.
Ihr solltet ihn nur an einem Sommermorgen sehen, wenn er ganz wach
daliegt und unter dem Nebelschleier blitzt, wie lustig er da ist. Er
verbirgt sich erst eine Weile, dann schlpft er leise, ganz leise aus
seiner lichten Hlle heraus, so bezaubernd schn, da man ihn kaum
wiedererkennen kann. Aber dann, mit einem Ruck, wirft er die ganze Decke
ab und liegt da, blo und frei und rosenrot und strahlt im Morgenlicht.

Aber der See begngt sich nicht mit Spiel und Lustigkeit; er bricht sich
einen Weg durch einige Sandhgel nach Sden zu, schnrt sich zu einem
engen Sund zusammen und sucht sich ein neues Reich. Das findet er, wird
bald wieder gro und mchtig, hat eine bodenlose Tiefe auszufllen und
eine fleiige Gegend zu schmcken. Aber nun wird das Wasser auch
dunkler, die Ufer werden weniger abwechselnd, die Winde schrfer, der
ganze Charakter wird strenger. Aber es ist noch immer ein stattlicher,
ein herrlicher See. Mannigfach sind die Schiffe und die Holzfle, die
auf ihm fahren, und selten findet er vor Weihnacht Zeit, sich zur
Winterruhe zu legen. Oft ist er schlechter Laune; er kann wei schumen
und Boote umstrzen, aber er kann auch in trumerischer Ruhe daliegen
und den Himmel abspiegeln.

Aber der See will noch weiter hinaus in die Welt, obwohl die Berge
fester werden und der Platz enger wird, je weiter er hinabkommt, so da
er schlielich wie ein schmaler Sund zwischen sandigen Ufern
dahinkriechen mu. Dann breitet er sich zum drittenmal aus, aber nicht
mit derselben Schnheit und Macht.

Die Ufer liegen flach und einfrmig da, mildere Winde wehen, und der See
legt sich frh zur Winterruhe. Er ist noch schn, doch er hat die
Wildheit seiner Jugend und die Kraft seines Mannesalters eingebt -- er
ist ein See wie alle anderen. Mit zwei Armen tastet er sich nach dem
Wenersee hin, und wenn er den gefunden hat, strzt er sich in
Altersschwche steile Abhnge hinab, und mit dieser letzten Heldentat
begibt er sich zur Ruhe.

Die Ebene ist ebensolang wie der See, aber es wird ihr schwer, vor Seen
und Bergen weiter zu kommen, gleich von der Schlucht am nrdlichen
Endpunkt des Sees an und bis sie sich behaglich an den Ufern des
Wenersees zur Ruhe legt. Natrlich wrde die Ebene am liebsten an dem
See entlang laufen, von dem einen Ende bis zum andern; aber das erlauben
ihr die Berge nicht. Die Berge sind mchtige Mauern aus Granitgestein,
mit Wldern bedeckt, voll von Schluchten, es ist schwierig, dort zu
wandern; reich sind sie an Moos und Flechten, und in alten Zeiten waren
sie die Heimsttte fr Unmengen von Wild. Oft stt man oben auf den
weitausgedehnten Bergrcken auf ein Moor mit Schlammboden oder auf einen
Sumpf mit schwarzem Wasser, und hier und da findet man einen Khlerplatz
oder eine offene Stelle, wo Holz geschlagen ist, oder ein Stck
abgesengter Heide, und das zeugt davon, da die Berge auch Arbeit
ertragen knnen; gewhnlich aber liegen sie in sorgloser Ruhe da und
begngen sich damit, Licht und Schatten ihr ewiges Spiel auf ihren
Abhngen spielen zu lassen.

Mit diesen Bergen liegt die Ebene -- die fromm und fruchtbar ist und die
Arbeit liebt -- in einem ewigen Krieg.

Knnt ihr euch nicht damit begngen, Mauern um mich her zu errichten?
sagt die Ebene zu den Bergen; das ist Sicherheit genug fr mich.

Aber die Berge lauschen dieser Rede nicht. Sie entsenden lange Reihen
von Hgeln und kahlen Hochebenen bis ganz hinab an den See. Sie bauen
prchtige Aussichtstrme auf jeder Landzunge und weichen so selten von
dem Ufer des Sees zurck, da sich die Ebene nur an ganz einzelnen
Stellen in dem weichen Sand des Ufers rollen kann. Aber es ntzt ihr
nicht, zu klagen.

Freue du dich, da wir hier stehen, sagen die Berge. Denk an die Zeit
vor Weihnacht, wenn die eiskalten Nebel Tag fr Tag ber den Lfsee
dahinrollen. Wir tun gute Dienste da, wo wir stehen!

Die Ebene klagt darber, da sie zu wenig Platz und zu schlechte
Aussicht hat.

Du Trin! antworten die Berge; du solltest nur fhlen, wie es hier
unten am See weht. Man mu allermindestens einen Rcken aus Granitstein
haben und einen Pelz aus Tannen, um das aushalten zu knnen. Und im
brigen kannst du froh sein, da du uns ansehen darfst!

Und darber ist die Ebene auch wirklich froh. Sie kennt sehr wohl jedes
wunderliche Wechseln von Licht und Schatten, das ber die Berge
hinhuscht. Sie hat sie in der Mittagsbeleuchtung gleichsam bis zu dem
Horizont hinabsinken sehen, niedrig und ganz hellblau, hat sie sich in
der Morgen- und Abendbeleuchtung zu ehrwrdiger Hhe emporheben sehen,
klar, blau wie der Himmel im Zenit. Zuweilen kann das Licht so scharf
auf sie herabfallen, da sie grn oder schwarzblau werden, und jede
Furche, jeden Weg, jede Schlucht sieht man da aus meilenweiter
Entfernung.

Aber dann geschieht es an einzelnen Stellen, da die Berge ein wenig zur
Seite weichen und die Ebene nach dem See hinablugen lassen. Aber wenn
sie dann den See in seinem Zorn erblickt, wie er faucht und speit gleich
einer Wildkatze, oder wenn sie ihn mit dem kalten Rauch bedeckt sieht,
der daher kommt, da die Wasserleute bken oder brauen, da gibt sie gar
bald den Bergen recht und zieht sich wieder in ihr enges Gefngnis
zurck.

Seit Olims Zeiten haben die Menschen die herrliche Ebene bebaut, und sie
ist gut bevlkert. Wo sich nur ein Bach mit seinem weischumenden
Wasserfall das Ufer hinabstrzt, lag ein Sgewerk oder eine Mhle.

Auf den offenen, hellen Stellen, wo die Ebene bis an den See hinabging,
lagen Kirchen und Pfarrhuser; aber am Talrande, halbwegs am Abhang, auf
den mit Steinen angefllten Feldern, wo kein Korn gedeiht, lagen die
Gehfte der Bauern, die Offiziershuser und hin und wieder ein
Herrensitz.

Aber man darf nicht vergessen, da die Gegend in den zwanziger Jahren
lange nicht so angebaut war wie jetzt. Groe Strecken, die heute
fruchtbare Felder tragen, lagen damals als Wald, Sumpf und See da. Die
Bevlkerung war auch nicht so zahlreich und ernhrte sich teils durch
Fuhren, teils durch Arbeit in Mhlen und Sgewerken und an fremden
Orten; der Ackerbau konnte ihnen das Leben nicht fristen. Zu jener Zeit
kleideten sich die Bewohner der Ebene in selbstgewebte Stoffe, sie aen
Haferbrot und begngten sich mit zwlf Schilling Tagelohn. Die Not war
oft gro unter ihnen; aber sie wurde gemildert durch einen leichten und
munteren Sinn, durch Tchtigkeit, Handgeschicklichkeit, die namentlich
an fremden Orten zur Entfaltung gelangten.

Aber alle diese drei, der lange See, die reiche Ebene und die blauen
Berge, bildeten die schnste Landschaft, und das tun sie noch heutigen
Tages, und das Volk ist noch heute krftig, mutig und gut begabt. Jetzt
hat es auch groe Fortschritte in bezug auf Wohlstand und Bildung
gemacht.

Mge es denen gut ergehen, die dort oben an dem langen See und an den
blauen Bergen wohnen! Was ich hier schildern will, sind einige von ihren
Erinnerungen.




Die Christnacht


Sintram heit der bse Gutsherr auf Fors, mit dem schwerflligen Krper,
den langen Affenarmen, dem kahlen Kopf und dem hlichen, grinsenden
Gesicht, der nichts Schneres kennt als Unfrieden stiften.

Sintram heit er, der nur Landstreicher und Raufbolde als Knechte
annimmt, der nur keifende, verlogene Mgde in seinem Dienst hat, er, der
die Hunde bis zur Raserei qult, indem er ihnen Knopfnadeln in die
Schnauze steckt, der sich am glcklichsten zwischen bsen Menschen und
wilden Tieren fhlt.

Sintram heit er, dessen schnstes Vergngen es ist, sich wie der
leibhaftige Teufel auszukleiden mit Hrnern und Schwanz und Pferdefu,
und der dann pltzlich aus den dunklen Ecken, aus dem Backofen oder
hinter dem Holzschober hervorstrzt, um furchtsame Kinder und
aberglubische Frauen zu erschrecken.

Sintram heit er, der sich freut, wenn er alte Freundschaft in
flammenden Ha verwandeln und die Herzen mit Lgen vergiften kann.

Sintram heit er -- und eines Tages kam er nach Ekeby.

       *       *       *       *       *

Zieht den groen Brennholzschlitten in die Schmiede, stellt ihn in die
Mitte des Raumes, legt einen Karren darber, den Boden nach oben
gewendet, dann haben wir einen Tisch. Hurra, der Tisch soll leben!

Jetzt herbei mit Sthlen und mit allem, was sich zum Sitzen benutzen
lt! Herbei mit dreibeinigen Schusterhockern und leeren Kisten! Herbei
mit zerfetzten Lehnsthlen ohne Lehne, und her mit dem alten
Einspnnerschlitten ohne Kufen und mit der alten Karosse! Ha, ha! her
mit der alten Karosse! Das soll die Rednertribne sein. Nein, seht nur,
das eine Rad ist ab, und der ganze Wagenkasten fehlt! Es ist nichts als
der Bock briggeblieben. Das Polster ist zerfetzt, die Krollhaare
quellen daraus hervor, das Leder ist rot von Alter. Hoch wie ein Haus
ist das alte Stck Rumpelzeug. Stot, stot, sonst strzt es um!

Hurra! Hurra! Es ist Christnacht auf Ekeby!

Hinter den seidenen Gardinen des Doppelbettes schlafen der Major und die
Majorin, schlafen und glauben, da auch der Kavalierflgel schlft.
Knechte und Mgde knnen schlafen, bersttigt von dem festlichen
Reisbrei, mde von dem starken Weihnachtsbier, nicht aber die Herren im
Kavalierflgel. Kann berhaupt jemand glauben, da der Kavalierflgel
schlft?

Keine barfigen Schmiede rasseln mit den eisernen Stangen, keine
rugeschwrzten Knaben ziehen die Kohlenkarren hinter sich her, der
groe Hammer hngt wie ein Arm mit geballter Faust oben unterm Dach. Der
Ambo steht leer, die fen sperren ihren roten Schlund nicht auf, um
Kohlen zu verschlingen, die Blge knirschen nicht. Es ist Weihnacht. Die
Schmiede schlft.

Sie schlft, schlft! O du Menschenkind, sie schlft, wenn die Kavaliere
wachen! Die langen Zangen stehen aufrecht auf dem Fuboden, halten
Talglichter in ihrem Schnabel. Aus dem Zehnkannenkessel aus blankem
Kupfer schlgt die blaue Flamme des Punsches zu dem dunklen Dach empor.

Beerencreutz' Hornlaterne hngt an dem Stangeneisenhammer. Der gelbe
Punsch schimmert in der Bowle wie die helle Sonne. Hier ist ein Tisch,
und hier sind Bnke. Die Kavaliere feiern Weihnachten in der Schmiede.

Hier ist Lrm und Lustigkeit und Musik und Gesang. Das mitternchtliche
Getse weckt niemand. Aller Lrm, alles Gerusch aus der Schmiede
ertrinkt in dem mchtigen Brausen des Giebaches da drauen.

Da ist Lrm und Lustigkeit. Wenn die Frau Majorin sie jetzt she?

Nun, was dann? Sie wrde sich sicher bei ihnen niederlassen und einen
Becher mit ihnen leeren. Eine tchtige Frau ist sie, sie luft nicht
davon vor einem donnernden Trinkliede, vor einem Spiel Rabouge. Die
reichste Frau in ganz Wermland, barsch wie ein Kerl und stolz wie eine
Knigin. Gesang liebt sie, gellende Waldhrner und Violinen. Wein und
Spiel hat sie gern und lange Tische, umringt von frhlichen Gsten. Sie
sieht es gern, wenn die Vorrte schwinden, wenn Tanz und Lustbarkeit in
Kammer und Saal herrschen und der Kavalierflgel voller Kavaliere ist!

Seht sie dort rings im Kreise um die Bowle sitzen, Kavalier an Kavalier!
Es sind ihrer zwlf, zwlf Mnner! Keine Eintagsfliegen, keine
Modehelden, sondern Mnner, deren Ruf erst spt in Wermland ersterben
wird, mutige Mnner, starke Mnner!

Keine drren Pergamente, keine zugeschnrten Geldbeutel, sondern arme
Mnner, sorglose Mnner, Kavaliere vom Morgen bis zum Abend.

Keine Hngeweiden, keine schlfrigen Stubenhocker, wegefahrende Mnner,
frhliche Mnner, Ritter von tausend Abenteuern.

-- -- Jetzt hat der Kavalierflgel schon seit Jahren leer gestanden. Ekeby
ist kein Zufluchtsort fr heimatlose Kavaliere mehr. Pensionierte
Offiziere und arme Edelleute fahren nicht mehr in wackeligen Gefhrten
auf den Landstraen Wermlands umher; hier aber sollen sie wieder
auferstehen, die Frhlichen, Sorglosen, die ewig Jungen!

Alle diese weitberhmten Mnner konnten ein oder mehrere Instrumente
spielen. Alle sind sie so voller Eigenheiten, voller Redensarten,
Einflle und Lieder wie der Ameishaufen voller Ameisen, aber ein jeder
von ihnen hat doch seine besondere vorzgliche Eigenschaft, seine
hochgeschtzte Kavaliertugend, die ihn von den brigen unterscheidet.

Zuerst von alle denen, die um die Bowle herumsitzen, will ich
Beerencreutz nennen, den Obersten mit dem groen weien Schnurrbart, den
Rabougespieler, den Bellman-Snger, und neben ihm seinen Freund und
Kriegskameraden, den wortkargen Major, den groen Brenjger Anders
Fuchs, und als dritten im Bunde den kleinen Ruster, den Trommelschlger,
der lange Bursche des Obersten gewesen war, aber infolge seiner
Geschicklichkeit im Punschbrauen und im Generalba Kavalierrang erhalten
hatte. Dann mu der alte Fhnrich, Rutger von rneclou, erwhnt werden,
der Herzenbrecher in Percke, steifer Halsbinde und Jabot, der
geschminkt war wie eine Frau. Er war einer der hervorragendsten
Kavaliere, und das war auch Christian Bergh, der starke Hauptmann, ein
gewaltiger Held, aber ebenso leicht an der Nase herumzufhren wie der
Riese im Mrchen. In Gesellschaft dieser beiden sah man oft den kleinen,
kugelrunden Patron Julius, frhlich und munter, ein heller Kopf, Redner,
Maler, Liedersnger und Anekdotenerzhler. Er lie seine gute Laune
gewhnlich ber den gichtbrchigen Fhnrich und den dummen Riesen aus.

Hier sah man auch den groen Deutschen Kevenhller, den Erfinder des
selbstttigen Wagens und der Flugmaschine, ihn, dessen Name noch in den
sausenden Wldern widerhallt. Ein Ritter war er von Geburt wie von
Gestalt, mit groem, gedrehtem Schnurrbart, spitzem Kinnbart, Adlernase
und kleinen schiefen Augen in einem Netz sich kruselnder Falten. Hier
sa der groe Kriegsheld, Vetter Kristoffer, der nie aus den vier Wnden
des Kavalierflgels herauskam, es sei denn, da eine Brenjagd oder
sonst ein verwegenes Abenteuer in Aussicht war; und neben ihm Onkel
Eberhard, der Philosoph, der nicht des Scherzes und der Lustbarkeit
halber nach Ekeby gezogen war, sondern um ungestrt von Nahrungssorgen
seine groe Arbeit in der Wissenschaft der Wissenschaften verrichten zu
knnen.

Zu allerletzt nenne ich die Besten der ganzen Schar: den sanften
Lwenberg, den frommen Mann, der zu gut war fr diese Welt und sich so
blitzwenig auf ihr Treiben verstand, und Liliencrona, den groen
Musiker, der ein gutes Heim hatte und sich stets dahin sehnte, der aber
doch auf Ekeby bleiben mute, weil sein Geist des Reichtums und der
Abwechselung bedurfte, um das Leben ertragen zu knnen.

Alle diese elfe hatten ihre Jugend hinter sich und waren ein gutes Stck
ins Alter hineingekommen; in ihrer Mitte aber gab es einen, der nicht
mehr als dreiig Jahre zhlte und dessen geistige wie krperliche Krfte
noch ungebrochen waren. Das war Gsta Berling, der Kavalier der
Kavaliere, er, der allein ein grerer Redner, Snger, Musiker, Jger,
Trinkheld und Spieler war als alle die andern zusammengenommen. Welch
einen Mann hatte nicht die Majorin aus ihm gemacht!

Seht ihn an, wie er jetzt da oben auf dem Rednerstuhl steht! Die
Dunkelheit senkt sich von dem rugeschwrzten Dach in schweren Festons
auf ihn herab. Sein blondes Haupt schimmert daraus hervor wie das der
jungen Gtter, jener jungen Lichttrger, die das Chaos ordneten.
Schlank, schn, abenteuerbegehrlich steht er da.

Aber er redet mit tiefem Ernst.

Kavaliere und Brder! Die Mitternacht naht heran, das Fest ist weit
vorgeschritten, es ist Zeit, den Becher auf das Wohl des Dreizehnten am
Tische zu trinken!

Lieber Bruder Gsta, ruft Patron Julius, hier ist kein Dreizehnter,
wir sind nur zwlf!

Auf Ekeby stirbt alljhrlich ein Mann, fhrt Gsta mit immer finsterer
werdender Stimme fort. Einer von den Gsten des Kavalierflgels stirbt,
einer von den Frohen, den Sorglosen, den ewig Jungen. Nun ja! Kavaliere
drfen nicht alt werden. Wenn unsere zitternden Hnde das Glas nicht
mehr halten knnen, wenn unsere halbblinden Augen die Karten nicht mehr
zu unterscheiden vermgen, was ist das Leben dann fr uns, was sind wir
dann fr das Leben? Einer von den Dreizehn, die die Christnacht in der
Schmiede auf Ekeby feiern, _mu_ sterben, aber jedes Jahr kommt ein neuer,
um die Zahl voll zu machen; ein Mann, der wohlerfahren ist in dem
Handwerk der Freude, ein Mann, der eine Violine streichen, der ein Spiel
Karten spielen kann, mu unsere Schar vollzhlig machen. Alte
Schmetterlinge mssen zu sterben wissen, solange die Sonne scheint! Auf
das Wohl des Dreizehnten!

Aber Gsta, wir sind nur zwlf! wandten die Kavaliere ein, und keiner
griff zum Glase.

Gsta Berling, den sie den Poeten nannten, obwohl er niemals einen Vers
schrieb, fuhr mit ungestrter Ruhe fort: Kavaliere und Brder! Habt ihr
vergessen, wer ihr seid? Ihr haltet die Freude in Wermland am Leben. Ihr
bringt Fahrt in den Strich des Fiedelbogens, ihr haltet den Tanz im
Gange, lat Gesang und Spiel durch das Land erschallen. Wenn ihr nicht
wret, so wrde der Tanz ersterben, die Rosen wrden sterben,
Kartenspiel und Gesang wrden sterben, und in diesem ganzen herrlichen
Lande wrde es nichts weiter geben als Eisenwerke und Grundbesitzer. Die
Freude wird leben, solange ihr lebet. Sechs Jahre habe ich jetzt die
Christnacht in der Schmiede zu Ekeby gefeiert, und niemals hat sich
jemand geweigert, auf das Wohl des Dreizehnten zu trinken. Wer von euch
frchtet sich, zu sterben?

Aber Gsta! riefen sie, wenn wir doch nur zwlf sind, wie knnen wir
da auf das Wohl des Dreizehnten trinken?

Tiefe Bekmmernis malt sich auf Gstas Zgen. Sind wir nur zwlf?
fragt er. Und weshalb denn? Sollen wir aussterben? -- Sollen wir im
nchsten Jahr nur elf und in dem darauffolgenden nur zehn sein? Soll
unser Leben eine Sage werden, soll unsere Schar zugrunde gehen? Ich rufe
ihn herbei, den Dreizehnten, denn ich habe mich erhoben, um auf sein
Wohl zu trinken. Aus der Tiefe des Meeres, aus den Eingeweiden der Erde,
vom Himmel herab, aus der Hlle herauf rufe ich ihn, der die Zahl der
Kavaliere vervollstndigen soll!

Da rasselt es im Schornstein, da schlagen die Flammen des Schmelzofens
auf, da kommt der Dreizehnte. Behaart kommt er mit Schwanz und
Pferdehuf, mit Hrnern und spitzigem Bart, und bei seinem Anblick fahren
die Kavaliere mit einem lauten Aufschrei in die Hhe.

Aber unter nicht endenwollendem Jubel ruft Gsta Berling: Der
Dreizehnte ist gekommen -- auf das Wohl des Dreizehnten!

So ist er denn gekommen, der alte Feind der Menschheit, gekommen zu den
Verwegenen, die den Frieden der heiligen Nacht stren. Der Freund der
Hexen vom Blocksberg, der seine Kontrakte mit Blut auf kohlschwarzes
Papier schreibt, er, der sieben Tage mit der Grfin auf Ivarsns tanzte
und den sieben Pfarrer nicht vertreiben konnten -- er ist gekommen.

In strmischer Eile fliegen die Gedanken bei seinem Anblick den alten
Abenteurern durch die Kpfe. Sie grbeln darber nach, um wessentwillen
er wohl ber Nacht unterwegs sein mag.

Viele von ihnen sind nahe daran, vor Angst fortzulaufen; bald aber
verstehen sie, da er nicht gekommen war, um sie in sein finsteres Reich
hinabzuholen, sondern da der Becherklang und der Gesang ihn
herbeigelockt hatte. Er wollte teilhaben an der Freude der Menschen in
der heiligen Christnacht und die Last der Regierung in dieser Zeit der
Freuden abschtteln.

Kavaliere! Kavaliere! Wer von euch denkt wohl daran, da dies die
Christnacht ist! Jetzt singen die Engel den Hirten auf dem Felde ihren
Gru zu, jetzt liegen die Kinder in den Betten und frchten sich zu fest
zu schlafen, so da sie nicht rechtzeitig zu der schnen Frhmette
erwachen. Bald ist es Zeit, die Weihnachtskerzen in der Kirche zu Bro
anzuznden, und weit weg in der Waldhtte hat der Jngling einen Haufen
knisternder Tannenzweige in Brand gesteckt, die seiner Herzliebsten auf
dem Wege zur Kirche leuchten sollen. In allen Htten haben die Frauen
Lichter in die Fenster gestellt, die angezndet werden sollen, wenn die
Kirchgnger vorberziehen. Der Kster berhrt sich im Traum die
Weihnachtsgesnge, und der alte Probst liegt im Bett und stellt Versuche
an, ob er noch Stimme genug hat, um Ehre sei Gott in der Hhe und
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen zu singen.

Ach, Kavaliere, es wre besser fr euch gewesen, wenn ihr in dieser
Nacht des Friedens in euren Betten gelegen httet, statt Umgang mit dem
Frsten der Finsternis zu pflegen!

Aber sie begren ihn mit Willkommensrufen, wie es Gsta bereits getan
hat. Einen Becher, gefllt mit dem brennenden Trank, setzen sie vor ihn
hin, und sie rumen ihm den Ehrenplatz am Tische ein. Beerencreutz ladet
ihn zu einem Spiel Rabouge ein, Patron Julius singt ihm seine schnsten
Lieder vor, und rneclou redet mit ihm ber schne Frauen, diese
himmlischen Wesen, die das Leben versen. Er befindet sich uerst
wohl, der Gehrnte, whrend er sich mit kniglicher Haltung gegen den
alten Kutscherbock lehnt und den gefllten Pokal an den grinsenden Mund
hebt.

Gsta Berling hlt natrlich eine Rede auf ihn.

Euer Gnaden, sagt er, wir haben Sie lange hier auf Ekeby erwartet,
denn Sie haben wohl kaum Zutritt zu einem andern Paradies. Hier lebt
man, ohne zu sen oder zu spinnen, wie Euer Gnaden wohl schon wei. Hier
fliegen einem die gebratenen Tauben in den Mund; hier fliet starkes
Bier und ser Branntwein in allen Bchen und Strmen. Hier ist gut
sein, merkt Euch das, Euer Gnaden!

Wir Kavaliere haben uns wirklich nach Ihnen gesehnt, denn wir sind
bisher nicht recht vollzhlig gewesen. Denn wir sind ein wenig mehr, als
wofr wir uns ausgeben: wir sind der Dichtung alte Zahl der Zwlfe, die
sich durch alle Zeiten hindurchzieht. Zwlf waren wir, als wir die Welt
da oben auf dem wolkenumkrnzten Gipfel des Olympos regierten, zwlf,
als wir gleich Vgeln in Yggdrasils grner Krone wohnten. Saen wir
nicht zu Zwlfen um Knig Arturs Tafelrunde, und gingen nicht zwlf
Genossen in Carolus Magnus' Heer? Einer von uns ist Thor gewesen, ein
anderer Jupiter, das mu uns ein jedes Kind noch heute ansehen knnen.
Man kann noch den Gtterglanz unter den Lumpen, die Lwenmhne unter der
Eselshaut erkennen. Die Zeit hat uns arg mitgenommen, hier aber wird uns
die Schmiede zum Olymp, der Kavalierflgel zu Walhall!

Aber, Euer Gnaden, wir sind nicht vollzhlig gewesen. Wir wissen ja,
da in der Schar der Zwlfte in der Dichtung stets ein Loke, ein
Prometheus, ein Ganelon sein mute. Den haben wir vermit.

Euer Gnaden! Ich heie Sie willkommen!

Seht, seht! sagte der Bse. Schne Worte, schne Worte. Und ich, der
ich keine Zeit habe zu antworten! Geschfte, meine Freunde, Geschfte!
Ich mu gleich fort, sonst stnde ich euch zu jeglicher Rolle zu
Diensten. Habt Dank fr eure freundliche Aufnahme, Kameraden. Auf
Wiedersehen!

Da fragen die Kavaliere, wohin es ihn denn so eilig zieht, und er
antwortet, da die Herrin auf Ekeby, die Majorin selber ihn erwartet, um
ihren Kontrakt zu erneuern.

Groe Verwunderung ergreift die Kavaliere. Eine strenge und tchtige
Frau ist sie, die Majorin auf Ekeby. Sie hebt eine Tonne Roggen auf ihre
breiten Schultern. Sie fhrt den Erztransport von den Gruben bis nach
Ekeby. Sie schlft wie ein Fuhrknecht auf der Tenne, einen Sack als
Kopfkissen unter dem Haupt. Im Winter kann sie einen Kohlenmeiler
beaufsichtigen, im Sommer eine Bretterladung den Lfsee hinabflen.
Eine willensstarke Frau ist sie. Sie flucht wie ein Kerl und regiert
ihre sieben Besitzungen und die Gter ihrer Nachbarn, regiert ihr
eigenes Kirchspiel und die benachbarten Kirchspiele, ja das ganze schne
Wermland. Den heimatlosen Kavalieren aber ist sie eine Mutter gewesen,
und deswegen haben sie ihre Ohren verschlossen, wenn das Gercht zu
ihnen drang, da sie mit dem Teufel im Bunde stehe. Also fragen sie ihn
mit groem Staunen, welchen Kontrakt sie mit ihm geschlossen hat.

Und er, der Schwarze, antwortete ihnen, da er der Majorin ihre sieben
Besitzungen geschenkt hat, gegen das Versprechen, da sie ihm
alljhrlich eine Seele sendet.

O, welch ein Entsetzen schnrt da die Herzen der Kavaliere zusammen!

Sie wuten es ja, aber sie haben es bisher nicht verstanden. Auf Ekeby
stirbt alljhrlich ein Mann, einer von den Gsten des Kavalierflgels
stirbt, einer von den Frhlichen, den Sorglosen, den ewig Jungen stirbt.
Nun ja, -- Kavaliere drfen nicht alt werden! Wenn ihre zitternden Hnde
kein Glas mehr halten knnen, wenn ihre halbblinden Augen die Karten
nicht mehr zu unterscheiden vermgen -- was ist das Leben da fr sie, was
sind sie fr das Leben? Schmetterlinge mssen zu sterben wissen, solange
die Sonne scheint.

Aber erst jetzt verstanden sie die rechte Bedeutung der Sache.

Wehe der Frau! Deswegen also hat sie ihnen so manche gute Mahlzeit
gereicht, deswegen lt sie sie ihr starkes Bier, ihren sen Branntwein
trinken, damit sie vom Trinksaal und den Spieltischen auf Ekeby zu dem
Frsten der Finsternis hinabstrzen, einer alljhrlich -- einer in jedem
flchtigen Jahr!

Wehe der Frau, wehe der Hexe! Starke, herrliche Mnner waren nach
diesem Ekeby gekommen, um zu vergehen. Und sie strzte sie ins
Verderben; ihre Gehirne wurden zu Schwmmen, ihre Lungen zu trockener
Asche, ihr Geist war umnachtet, wenn sie auf das Totenbett sanken, um
ohne Hoffnung, ohne Seele diese lange Reise anzutreten. Wehe der Frau!
So sind alle die gestorben, die bessere Mnner waren als sie, und so
sollen auch sie sterben.

Lange aber stehen die Kavaliere nicht vom Schrecken gelhmt da.

Du Frst der Verdammnis! rufen sie. Mit der Hexe sollst du nie wieder
deine mit Blut geschriebenen Kontrakte schlieen; sie soll sterben.
Christian Bergh, der starke Hauptmann, hat den schwersten Hammer der
Schmiede ber die Schulter geworfen; der soll in dem Kopf dieses
Ungeheuers begraben werden. Sie soll dir keine Seele mehr opfern. Und du
selber, du Gehrnter, dich legen wir auf den Ambo, und dann lassen wir
den Stangeneisenhammer los. Whrend die Hammerschlge fallen, halten wir
dich mit den Zangen fest; wir wollen dich lehren, auf Jagd nach
Kavalierseelen auszugehen!

Feige ist er, der schwarze Herr, das ist eine alte Geschichte, und die
Aussicht, unter den groen Hammer zu kommen, sagt ihm nicht zu. Er ruft
Christian Bergh zurck und fngt an, mit den Kavalieren zu unterhandeln.

Nehmt die sieben Eisenwerke in dem kommenden Jahr, nehmt sie selber,
Kavaliere, und berlat mir die Majorin!

Glaubst du, da wir ebenso niedrig denken wie sie? ruft Patron Julius.
Ekeby und alle sieben Besitztmer wollen wir haben, mit der Majorin
aber mut du dich selber abfinden.

Was sagt Gsta? Was sagt Gsta? fragt der sanfte Lwenberg. Gsta
Berling soll reden. Bei einer so wichtigen Angelegenheit mssen wir
seine Ansicht hren.

Das Ganze ist Unsinn! sagt Gsta Berling. Kavaliere, lat euch nicht
von ihm anfhren! Was sind wir gegen die Majorin? Mit unseren Seelen mag
es gehen, wie es will, aber mit meinem freien Willen werden wir nicht zu
undankbaren Wichten, benehmen wir uns nicht wie Schurken und Verrter.
Ich habe das Brot der Majorin zu lange Jahre gegessen, um sie jetzt im
Stich zu lassen.

Ja, fahr du zur Hlle, Gsta, wenn du Lust dazu hast! Wir wollen Ekeby
lieber selber regieren.

Aber seid ihr denn ganz toll, oder habt ihr all euren Sinn und Verstand
vertrunken? Glaubt ihr, da das die Wahrheit ist? Glaubt ihr, da das
der Teufel ist? Knnt ihr denn nicht merken, da das Ganze eine
verdammte Lge ist?

Sieh, sieh, sieh! sagt der schwarze Herr. Er merkt noch nicht, da Er
auf dem besten Wege ist, zur Hlle zu fahren, und doch ist Er schon
sieben Jahre auf Ekeby gewesen! Er merkt nicht, wie weit Er schon
gekommen ist.

Ach was, Unsinn, Alter! Ich bin dir ja selber behilflich gewesen, dort
in den Ofen hineinzukriechen!

Als ob das einen Unterschied machte. Als ob ich deswegen nicht
ebensogut ein Teufel sein knnte wie jeder andere. Ja, ja, Gsta
Berling! Dich habe ich sicher. Du hast dich schon recht nett entfaltet
unter der Behandlung der Majorin.

Sie hat mich gerettet! sagt Gsta. Was wre ich wohl ohne sie
gewesen?

Sieh, sieh! Als ob sie nicht ihren eigenen Zweck dabei gehabt htte,
als sie dich auf Ekeby zurckhielt. Du kannst viele in die Falle locken;
du hast groe Gaben. Einmal suchtest du dich von ihr zu befreien, du
lieest dir von ihr ein Haus geben, und du wurdest Arbeiter; du wolltest
dein eigenes Brot essen. Jeden Tag ging sie an dem Hause vorber, und
sie hatte schne Mdchen in ihrem Gefolge. Eines Tages war Marianne
Sinclaire bei ihr; da warfest du Spaten und Schurzfell weg, Gsta
Berling, und wurdest wieder Kavalier.

Der Weg fhrte an meinem Hause vorber, du Dummkopf.

Freilich fhrte der Weg dort vorber. Spter kamst du nach Borg,
wurdest Henrik Dohnas Hauslehrer und wrest fast der Schwiegersohn der
Grfin Mrta geworden. Wer war schuld daran, da die junge Grfin Ebba
Dohna erfuhr, da du nur ein verabschiedeter Pfarrer seiest, so da sie
dir einen Korb gab? Daran war die Majorin schuld, Gsta Berling! Sie
wollte dich wieder zurck haben.

Ei was! erwidert Gsta. Ebba Dohna starb bald darauf. Die htte ich
doch nicht bekommen.

Da trat der schwarze Herr dicht an ihn heran und zischte ihm ins
Gesicht: Starb -- ja freilich starb sie. Gemordet hat sie sich um
deinetwillen -- das tat sie, aber dir hat das niemand gesagt.

Du bist kein so bler Teufel! sagt Gsta.

Die Majorin hat das Ganze besorgt, sage ich dir! Sie wollte dich wieder
fr ihren Kavalierflgel haben!

Gsta lachte laut auf. Du bist kein so bler Teufel! rief er wild.
Weshalb sollten wir nicht einen Kontrakt mit dir schlieen? Du kannst
uns, wenn du willst, die sieben Eisenwerke verschaffen.

Gut, da du deinem Glck nicht mehr im Wege stehst.

Die Kavaliere atmeten erleichtert auf. So weit war es mit ihnen
gekommen, da sie nichts mehr ohne Gsta unternehmen mochten. Wre er
nicht darauf eingegangen, so wre der ganze Pakt nicht zustande
gekommen. Und doch war es keine Kleinigkeit fr die armen Kavaliere, die
Herrschaft ber sieben Eisenwerke zu bekommen!

Gebt jetzt acht, sagte Gsta, da wir die sieben Besitzungen
annehmen, um unsere Seelen zu retten, nicht aber um reiche Gutsherren zu
werden, die Geld zhlen und Eisen wiegen; keine trocknen Pergamente,
keine zugeschnrten Geldbeutel wollen wir werden, sondern Kavaliere
wollen wir sein und bleiben.

Goldene Krner der Weisheit! murmelte der schwarze Herr.

Wenn du uns deswegen die sieben Besitzungen auf ein Jahr geben willst,
so nehmen wir sie an, merk dir aber eins: wenn wir whrend der Zeit
etwas tun, was nicht kavaliermig ist, wenn wir irgend etwas tun, was
ntzlich oder klug oder schurkenhaft ist, so kannst du uns alle zwlfe
holen, wenn das Jahr um ist, und die Eisenwerke geben, wem du willst.

Der Bse rieb sich vor Wonne die Hnde.

Dahingegen aber, wenn wir uns stets benehmen wie wahre Kavaliere, fuhr
Gsta fort, so darfst du nie wieder einen Kontrakt in bezug auf Ekeby
schlieen und erhltst in diesem Jahr keinen Lohn, weder von uns noch
von der Majorin.

Das sind harte Bedingungen, sagte der Bse. Ach, lieber Gsta, du
knntest mir immerhin eine Seele gnnen, eine einzige kleine Seele.
Knnte ich nicht die Majorin bekommen? Weswegen schonst du nur die
Majorin?

Ich treibe keinen Handel mit dergleichen Waren, brllt Gsta. Willst
du aber eine Seele haben, so hol dir den alten Sintram auf Fors; der ist
reif fr die Hlle, dafr steh ich ein!

Sieh, sieh, sieh! Das lt sich hren, sagt der alte Herr, ohne zu
blinken. Die Kavaliere oder Sintram -- das geht gegeneinander auf. Das
wird ein fettes Jahr.

Und dann wird der Kontrakt mit Blut aus Gstas kleinem Finger
geschrieben auf das schwarze Papier des Bsen und mit seiner Gnsefeder.

Als das aber getan ist, jubeln die Kavaliere. Jetzt soll die
Herrlichkeit der Welt ihnen ein ganzes Jahr lang gehren -- und spter
wird man schon einen Ausweg finden.

Sie rcken die Sthle beiseite, reichen einander die Hnde und bilden
einen Kreis um den Punschkessel mitten auf dem schwarzen Fuboden und
schwingen sich in wildem Tanz herum. In der Mitte des Kreises tanzt der
Bse mit hohen Sprngen, schlielich lt er sich, so lang er ist, neben
dem Kessel fallen, neigt ihn zu sich heran und trinkt.

Da wirft sich Beerencreutz neben ihm und Gsta Berling nieder, und dann
lagern sie sich alle im Kreis um den Kessel, der von dem einen Mund zum
andern geneigt wird. Schlielich bekommt er einen Sto, so da er
umstrzt und der ganze heie, klebrige Trank sich ber die Lagernden
ergiet.

Als sie sich fluchend erheben, ist der Bse verschwunden, aber seine
goldenen Versprechungen schweben gleich strahlenden Kronen ber den
Scheiteln der Kavaliere.




Das Weihnachtsfestmahl


Am Weihnachtstage gibt die Majorin Samzelius ein groes Festmahl auf
Ekeby.

Da sitzt sie als Wirtin an ihrem Tisch, der fr fnfzig Gste gedeckt
ist. Sie sitzt dort in Glanz und Herrlichkeit; der kurze Pelz, das
gestreifte Kleid aus Beiderwand, die Tonpfeife sind verschwunden. Seide
umrauscht sie, Gold ziert ihre Arme, Perlen khlen ihren weien Hals.

Wo aber sind die Kavaliere, wo sind die, die auf dem schwarzen Fuboden
der Schmiede aus dem blanken Kupferkessel auf das Wohl der neuen
Besitzer von Ekeby tranken?

In einer Ecke am Ofen sitzen die Kavaliere an einem Tisch fr sich;
heute ist kein Platz fr sie an der groen Tafel. Zu ihnen gelangen die
Speisen spt und die Weine sprlich, zu ihnen fliegen nicht die Blicke
der schnen Damen hinber, niemand lauscht dort Gstas Scherzen.

Die Kavaliere gleichen aber gezhmten Fllen, matten Raubtieren. Nur
eine Stunde Schlaf hatte die Nacht fr sie, dann fuhren sie beim
Fackel- und Sternenschein zur Frhmesse. Sie sahen die Weihnachtskerzen,
sie hrten die Weihnachtslieder, ihre Mienen wurden wie die sanfter
Kinder. Sie vergaen die Christnacht in der Schmiede, wie man einen
bsen Traum vergit.

Gro und mchtig ist die Majorin auf Ekeby. Wer wagt es, seinen Arm zu
erheben, um sie zu schlagen, wer wagt es, den Mund zu ffnen, um gegen
sie zu zeugen? Sicherlich nicht die armen Kavaliere, die jahrelang ihr
Brot gegessen und unter ihrem Dach geschlafen haben. Sie setzt sie hin,
wo es ihr beliebt, sie kann ihnen die Tr verschlieen, wenn sie will,
und sie knnen sich nicht einmal ihrer Macht entziehen. Gott steh ihnen
bei! Fern von Ekeby knnen sie nicht leben.

An dem groen Tisch geniet man das Leben; dort strahlen Marianne
Sinclaires schne Augen, dort klingt das frhliche Lachen der munteren
Grfin Dohna.

Bei den Kavalieren aber ist es still. Wre es nicht recht und billig,
wenn sie, die um der Majorin willen in den Abgrund gestrzt werden
sollen, an demselben Tische sen wie ihre anderen Gste? Was fr eine
beschmende Einrichtung ist dies mit diesem Tisch unten in der Ofenecke?
Als ob die Kavaliere nicht wrdig seien, an der Gesellschaft der
Honoratioren teilzunehmen!

Die Majorin brstet sich, wie sie da zwischen dem Grafen auf Borg und
dem Probst zu Bro sitzt. Die Kavaliere lassen die Kpfe hngen wie
Kinder, die in die Ecke gestellt sind. Und whrenddes fangen die
Gedanken der Nacht an, bei ihnen zu erwachen.

Gleich scheuen Gsten kommen die munteren Einflle, die lustigen
Lgengeschichten zu dem Tisch in der Ecke. Dort halten der Zorn der
Nacht, die Gelbde der Nacht ihren Einzug in die Gehirne. Wohl macht
Patron Julius dem starken Hauptmann, Christian Bergh, weis, da die
gebratenen Haselhhner, die jetzt am groen Tisch herumgereicht werden,
nicht fr alle Gste ausreichen, aber dieser Einfall ruft kein munteres
Lachen hervor.

Sie knnen nicht ausreichen, sagt er. Ich wei, wie viele da waren.
Aber deswegen ist man nicht in Verlegenheit, Hauptmann Christian, man
hat fr uns hier an dem kleinen Tisch Krhen gebraten.

Aber Oberst Beerencreutz' Lippen kruseln sich nur zu einem matten
Lcheln unter dem wsten Schnurrbart, und Gsta sieht den ganzen Tag
hindurch aus, als gehe er mit dem Gedanken um, irgend jemand
totzuschlagen.

Ist nicht jegliches Essen gut genug fr die Kavaliere? fragt er.

Da gelangt denn endlich eine hochgetrmte Schale voll prchtiger
Haselhhner an den kleinen Tisch.

Aber Hauptmann Christian ist wtend. Hat er nicht den ganzen Ha seines
Lebens den Krhen geweiht, diesen abscheulichen, schreienden Geschpfen.
So bitter war sein Ha, da er im Herbst Frauengewnder anlegte und sich
zum Gesptt fr alle machte, nur um bis auf Schuweite an sie heran zu
gelangen, wenn sie das Korn auf den Feldern verzehrten. Er berraschte
sie im Frhling beim Liebestanz auf den kahlen Feldern und erschlug sie.
Er suchte im Sommer ihre Nester auf und warf die schreienden, federlosen
Jungen heraus oder vernichtete die halbausgebrteten Eier.

Jetzt rckt er die Schale mit den Haselhhnern zu sich heran.

Glaubst du etwa, da ich die nicht kenne? brllt er dem Diener zu.
Glaubst du, da ich sie krchzen hren mu, um sie zu kennen? Zum
Teufel mit euch, Christian Bergh Krhen anzubieten! Zum Teufel, sage
ich!

Damit nimmt er ein Haselhuhn nach dem andern und schleudert es gegen die
Wand. Sauce und Fett spritzen ringsumher. Die zermalmten Vgel prallen
von der Wand ab und fliegen ber den Fuboden hin. Und der ganze
Kavalierflgel jubelt.

Da dringt die erzrnte Stimme der Majorin an das Ohr der Kavaliere:
Werft ihn zur Tr hinaus! ruft sie den Dienern zu.

Aber das wagen diese nicht. Ist er doch Christian Bergh, der starke
Hauptmann!

Werft ihn zur Tr hinaus!

Er hrt den Ruf. Und schreckeinflend in seinem Zorn wendet er sich nun
an die Majorin, wie sich ein Br von einem gefallenen Feind gegen den
neuen Angreifer wendet. Er tritt an den hufeisenfrmig gedeckten Tisch.
Der Fuboden erbebt unter den Schritten des Riesen. Er bleibt ihr
gegenber stehen, den Tisch zwischen sich und ihr.

Werft ihn zur Tr hinaus! ruft die Majorin noch einmal.

Er aber ist rasend; seine gerunzelte Stirn, seine grobe, geballte Faust
sind schrecklich zu schauen. Er ist gro wie ein Riese, stark wie ein
Riese. Gste und Diener zittern und wagen nicht, Hand an ihn zu legen.
Wer sollte es auch wohl wagen, jetzt, wo ihm der Zorn den Verstand
geraubt hat?

Er steht der Majorin gerade gegenber und droht ihr. Ich schleuderte
die Krhen gegen die Wand. Hatte ich nicht ein Recht dazu?

Hinaus mit dir, Hauptmann!

Du Weibsbild! Christian Bergh Krhen zu bieten! Handelte ich gegen
dich, wie du es von Gottes und Rechts wegen verdienst, so nhme ich dich
mitsamt deinen sieben Teufeln...

Bei allen Teufeln, Christian Bergh, untersteh dich nicht zu fluchen --
hier darf nur ich allein fluchen.

Glaubst du, da ich mich vor dir frchte, du Hexe? Glaubst du, da ich
nicht wei, woher du deine sieben Besitztmer hast?

Schweige, Hauptmann!

Als Altringer starb, gab er sie deinem Mann, weil du seine Liebste
gewesen warst.

Schweig, sage ich dir!

Weil du eine so treue Gattin gewesen warst, Margarete Samzelius. Und
der Major nahm die sieben Gter ruhig an und berlie dir die Verwaltung
und tat, als wisse er von nichts. Und der Teufel hat die ganze
Geschichte angezettelt. Jetzt aber soll es ein Ende haben mit dir!

Die Majorin setzt sich, sie ist bleich, sie zittert am ganzen Leibe.
Dann besttigt sie seine Worte mit einer sonderbar leisen Stimme: Ja,
jetzt ist es aus mit mir, und das ist dein Werk, Christian Bergh!

Bei dem Ton erbebt der starke Hauptmann; seine Zge verzerren sich,
Trnen der Angst treten ihm in die Augen.

Ich bin betrunken! ruft er. Ich wei nicht, was ich sage, ich habe
nichts gesagt. Hund und Sklave, Hund und Sklave und nichts weiter bin
ich in diesen vierzig Jahren fr sie gewesen. Sie ist Margarete Celsing,
der ich mein ganzes Leben lang gedient habe. Ich sage nichts Bses von
ihr. Sollte ich etwas ber die schne Margarete Celsing sagen? Ich bin
der Hund, der ihre Tr bewacht, der Sklave, der ihre Lasten trgt. Sie
kann mich schlagen, mich mit Fen stoen, aber ihr seht ja, da ich
schweige und leide. Ich habe sie vierzig Jahre lang geliebt. Wie sollte
ich wohl etwas Schlechtes von ihr sagen!

Und ein wunderlicher Anblick ist es, wie er sich ihr zu Fen wirft und
um Verzeihung bittet, und da sie an dem andern Ende des Tisches sitzt,
geht er auf seinen Knien um den Tisch herum, bis er zu ihr gelangt; da
beugt er sich herab, kt den Saum ihres Gewandes und benetzt den
Fuboden mit seinen Trnen.

Aber nicht weit von der Majorin sitzt ein kleiner, wohlbeleibter Mann.
Er hat krauses Haar, kleine, schielende Augen und einen vorstehenden
Unterkiefer. Er gleicht einem Bren. Ein wortkarger Mann ist er, er geht
am liebsten seine eigenen Wege und kmmert sich nicht um die Welt und
ihr Treiben. Das ist Major Samzelius.

Er erhebt sich, als er Hauptmann Christians letzte Worte hrt, und die
Majorin erhebt sich, und alle die fnfzig Gste tun ein gleiches. Die
Frauen weinen aus Angst vor dem, was da kommen wird. Die Mnner stehen
verzagt da, und zu den Fen der Majorin liegt Hauptmann Christian und
kt den Saum ihres Gewandes, whrend seine Trnen den Fuboden netzen.

Die breite, behaarte Hand des Majors ballt sich langsam, er erhebt den
Arm.

Sie aber redet zuerst. Es ist ein dumpfer Klang in ihrer Stimme, der ihr
sonst fremd ist.

Du hast mich gestohlen! ruft sie aus. Du kamst wie ein Ruber und
nahmst mich. Daheim zwang man mich mit Hieben und Schlgen, mit Hunger
und bsen Worten, dein Weib zu werden. Ich habe gegen dich gehandelt,
wie du es verdienst.

Die breite Faust des Majors hat sich geballt. Die Majorin zieht sich
einen Schritt zurck. Dann spricht sie weiter: Ein lebender Aal windet
sich unter dem Messer, eine zur Ehe gezwungene Gattin schafft sich einen
Liebhaber an. Willst du mich fr das schlagen, was vor zwanzig Jahren
geschah? Weshalb schlugst du mich damals nicht? Weit du nicht mehr, da
er auf Ekeby wohnte und wir auf Sj? Hast du vergessen, wie er uns aus
unserer Armut half? Wir fuhren in seinem Wagen, wir tranken seinen Wein.
Haben wir dir etwas verheimlicht? Waren nicht seine Diener unsere
Diener? Fllte sein Gold nicht deine Taschen? Nahmst du die sieben
Besitzungen nicht an? Damals hast du geschwiegen und alles angenommen;
da httest du dreinschlagen sollen, Berndt Samzelius, da httest du
dreinschlagen sollen!

Der Mann wendet sich von ihr ab und sieht alle Anwesenden an. Er liest
auf ihren Gesichtern, da sie ihr recht geben, da sie alle geglaubt
haben, er habe Geld und Gut fr sein Schweigen genommen.

Ich wute es nicht! sagt er und stampft auf den Fuboden.

Ein Glck, da du es jetzt weit! unterbricht sie ihn mit schneidender
Stimme. Ich frchtete, du wrdest sterben, ohne es erfahren zu haben.
Ein Glck, da du es jetzt weit, da kann ich offen mit dir reden, der
du mein Herr und mein Gefngniswchter gewesen bist. So wisse denn, da
ich ihm doch angehrt habe, dem du mich gestohlen hast. Alle, die mich
verklatscht haben, sollen es wissen!

Es ist die alte Liebe, die in ihrer Stimme jubelt, die aus ihren Augen
strahlt. Sie sieht ihren Mann mit erhobener, geballter Faust vor sich
stehen. Entsetzen und Verachtung liest sie auf den fnfzig Gesichtern
vor sich. Sie fhlt, da dies die letzte Stunde ihrer Macht ist. Aber
sie kann nicht umhin, sich zu freuen, da sie offen von den schnsten
Erinnerungen ihres Lebens reden darf.

Er war ein Mann, ein herrlicher Mann! Wer warst du, da du dich
zwischen uns stellen durftest? Nie habe ich seinesgleichen gesehen. Er
schenkte mir Glck, er schenkte mir Hab und Gut. Gesegnet sei sein
Andenken!

Da senkt der Major den erhobenen Arm, ohne zuzuschlagen -- jetzt wei er,
wie er sie strafen soll.

Hinaus! brllt er, hinaus aus meinem Haus!

Sie regt sich nicht.

Die Kavaliere aber stehen mit bleichen Gesichtern da und starren
einander an. Jetzt ging ja alles in Erfllung, was der Schwarze
geweissagt hatte. Jetzt sahen sie die Folge davon, da der Kontrakt der
Majorin nicht erneut war. Wenn dies wahr ist, so ist es wohl auch wahr,
da sie seit mehr denn zwanzig Jahren Kavaliere in die Hlle
hinabgesandt hat, da auch sie zu dieser Reise bestimmt gewesen sind. O
diese Hexe!

Hinaus mit dir! wiederholte der Major. Erbettle dir dein Brot auf der
Landstrae. Du sollst keine Freude mehr von seinem Geld haben, du sollst
nicht auf seinen Gtern wohnen. Jetzt ist es aus mit der Majorin auf
Ekeby. An dem Tage, wo du deinen Fu in mein Haus setzt, schlage ich
dich tot!

Verjagst du mich aus meinem Heim?

Du hast kein Heim! Ekeby gehrt mir!

Da kommt ein Geist der Verzagtheit ber die Majorin. Sie weicht zurck
bis an die Tr, und er folgt ihr auf den Fersen.

Du, der du das Unglck meines Lebens gewesen bist, klagt sie, sollst
du nun auch Macht haben, mir dies anzutun?

Hinaus, hinaus mit dir!

Sie lehnt sich gegen den Trpfosten, faltet die Hnde und hlt sie vor
das Gesicht. Sie denkt an ihre Mutter und murmelt vor sich hin:
Mchtest du verleugnet werden, wie ich verleugnet worden bin. Mge die
Landstrae dein Heim, der Graben dein Bett, der Kohlenmeiler deine
Feuersttte sein. So sollte es also doch geschehen, so sollte es also
doch geschehen!

Der gute alte Pfarrer aus Bro und der Landrichter aus Munkerud traten
nun an den Major heran und versuchten, ihn zu beruhigen. Sie sagten ihm,
da er am besten daran tue, wenn er alle diese alten Geschichten ruhen
lasse, wenn er alles beim alten liee, vergessen und vergeben. Er aber
schttelt die sanften Hnde von seinen Schultern ab. Es ist gefhrlich,
sich ihm zu nahen, so wie vorhin Christian Bergh.

Das ist keine alte Geschichte! ruft er. Ich habe bis zum heutigen Tag
nichts gewut. Ich habe die Ehebrecherin bisher nicht strafen knnen.

Bei diesem Wort richtet die Majorin den Kopf in die Hhe, ihr alter Mut
kehrt wieder.

Du sollst vor mir aus dem Hause hinaus! Glaubst du, da ich dir
weiche? sagte sie. Und sie tritt von der Tr zurck.

Der Major antwortet nicht, aber er verfolgt eine jede ihrer Bewegungen
mit den Augen, bereit zuzuschlagen, wenn er sie nicht auf andere Weise
los werden kann.

Helft mir, ihr guten Herren, ruft sie, damit wir den Mann binden und
hinausschaffen knnen, bis er seine Vernunft wiedererlangt hat! Bedenkt,
wer er ist, und wer ich bin! Bedenkt das, ehe ich ihm weichen mu! Ich
verwalte die ganze Wirtschaft auf Ekeby, und er sitzt den ganzen Tag in
der Brengrube und fttert die Bren. Helft mir, ihr guten Freunde und
Nachbarn! Hier wird ein Elend ohnegleichen entstehen, wenn ich nicht
mehr hier bin. Der Bauer hat seine Nahrung und Behausung davon, da er
mir Holz im Walde fllt, da er Erz fr mich fhrt. Der Khler lebt
davon, da er mir Kohlen schafft, und der Fler davon, da er mein Holz
stromabwrts fhrt. Ich teile alle diese wohlstandverbreitende Arbeit
aus. Glaubt ihr, da der da mein Werk aufrechterhalten kann? Ich sage
euch, wenn ihr mich fortjagt, ffnet ihr der Hungersnot das Tor!

Abermals erhoben sich eine Menge Hnde, um der Majorin zu helfen,
abermals legen sich milde Hnde berredend auf die Schultern des Majors.

Nein, sagt er, weg mit euch! Wer will die Ehebrecherin verteidigen?
Ich sage euch, wenn sie nicht gutwillig geht, so nehme ich sie auf meine
Arme und trage sie hinab zu meinen Bren.

Bei diesen Worten sinken die erhobenen Hnde wieder herab.

Da, in ihrer uersten Not, wendet sich die Majorin an die Kavaliere.

Wollt auch ihr ruhig zusehen, da ich aus meinem Hause verjagt werde,
Kavaliere? Habe ich euch des Winters im Schnee frieren lassen, habe ich
euch starkes Bier und sen Branntwein versagt? Habe ich Lohn oder
Arbeit von euch angenommen, weil ich euch Kleidung und Nahrung gab?
War't ihr nicht geborgen bei mir, wie die Kinder bei der Mutter? Sind
nicht Munterkeit und Freude euer tgliches Brot gewesen? Lat nicht
diesen Mann, der das Unglck meines Lebens gewesen ist, mich aus meinem
Hause verjagen, Kavaliere! Lat mich nicht zur Bettlerin auf der
Landstrae werden.

Gsta Berling beugt sich zu einem schnen, dunkelhaarigen Mdchen hinab,
das an dem groen Tisch gesessen hat. Du verkehrtest vor fnf Jahren
viel auf Borg, Anna, sagt er. Weit du, ob die Majorin Ebba erzhlt
hat, da ich ein abgesetzter Pfarrer bin?

Hilf der Majorin, Gsta! antwortet sie ihm.

Du wirst begreifen, da ich erst Klarheit darber haben mu, ob sie
mich zum Mrder gemacht hat.

Ach, Gsta, was sind das fr Gedanken! So hilf ihr doch!

Ich merke schon, du willst nicht antworten. Dann hat Sintram doch die
Wahrheit geredet. Und Gsta kehrt zu den Kavalieren zurck. Er rhrt
keinen Finger, um der Majorin zu helfen.

Ach, htte doch die Majorin die Kavaliere nicht an einen Tisch fr sich
in die Ecke gesetzt! Jetzt sind die Gedanken der Nacht in ihren Gehirnen
erwacht, jetzt funkelt in ihren Augen ein Zorn, der nicht geringer ist
als der des Majors. Mu nicht alles, was sie sehen, die nchtlichen
Gesichte besttigen?

Es ist sehr wohl zu merken, da ihr Kontrakt nicht erneuert wurde,
murmeln sie.

Nein, von dieser murrenden, drohenden Kavalierschar hat die Majorin
keine Hilfe zu erwarten.

So weicht sie denn wieder zurck bis an die Tr und hebt die gefalteten
Hnde vors Gesicht.

Mgest du verleugnet werden, wie ich verleugnet worden bin! ruft sie
sich selber in bitterem Schmerz zu. Mge die Landstrae dein Heim, der
Graben dein Bett werden!

Dann legt sie die eine Hand auf das Trschlo, die andere aber hebt sie
hoch in die Hhe: Merkt es euch, ihr, die ihr mich jetzt fallen lat!
Merkt es euch, da eure Stunde gar bald kommen wird. Jetzt werdet ihr
euch zerstreuen, und euer Platz wird leer stehen. Wie werdet ihr stehen
knnen, wenn ich euch nicht sttze? Du, Melchior Sinclaire, der du eine
schwere Hand hast und die Deinen sie fhlen lt, nimm dich in acht! Du,
Pfarrer zu Broby, nun kommt das Strafgericht! Du, Frau Uggla, gib acht
auf dein Haus, die Armut kommt! Ihr jungen, schnen Frauen, Elisabeth
Dohna, Marianne Sinclaire, Anna Stjrnhk, glaubt nicht, da ich die
einzige bleibe, die von ihrem Hause fliehen mu! Und ihr, Kavaliere,
nehmt euch in acht, jetzt kommt ein Sturm bers Land gezogen. Ihr werdet
von der Erde fortgefegt werden, jetzt ist eure Zeit um! Ich klage nicht
meinetwegen, sondern euretwegen, denn der Sturm wird ber eure Hupter
hinfahren, und wer vermag zu stehen, wenn ich gefallen bin? Ach, mein
Herz blutet um der armen, elenden Menschen willen! Wer wird ihnen Arbeit
schaffen, wenn ich fort bin?

Die Majorin ffnet die Tr; da aber hebt Hauptmann Christian den Kopf in
die Hhe und sagt: Wie lange soll ich hier zu deinen Fen liegen,
Margarete Celsing? Willst du mir nicht verzeihen, auf da ich aufstehen
und fr dich streiten kann?

Da kmpft die Majorin einen harten Kampf mit sich selber; aber sie
sieht, da er, wenn sie ihm verzeiht, sich erheben und mit ihrem Gatten
kmpfen wird, und da der Mann, der sie vierzig Jahre lang treu geliebt
hat, zum Mrder werden mu.

Soll ich nun auch noch verzeihen? sagt sie. Bist du nicht schuld an
all meinem Unglck, Christian Bergh? Kehre zurck zu den Kavalieren und
freue dich deines Werkes!

Und damit ging die Majorin. Sie ging in Ruhe, aber sie lie Entsetzen
hinter sich zurck. Sie fiel, aber selbst in ihrer Erniedrigung war sie
nicht ohne Gre. Sie gab sich keinem weichlichen Schmerz hin, aber noch
im Alter jubelte sie ber ihre Jugendliebe. Sie gab sich keiner Klage,
keinen feigen Trnen hin, als sie alles begriff; sie schreckte nicht
davor zurck, mit dem Bettelstab und Sack das Land zu durchwandern. Sie
bemitleidete nur die armen Bauern und die frohen, sorglosen Menschen an
den Ufern des Lfsees, die armen Kavaliere, alle die, die sie gesttzt
und beschtzt hatte. Von allen verlassen war sie, und dennoch besa sie
die Kraft, ihren letzten Freund von sich zu weisen, um ihn nicht zum
Mrder zu machen.

Eine merkwrdige Frau war sie, gro in ihrer Kraft und in ihrem
Tatendrang. Ihresgleichen werden wir so leicht nicht wiedersehen.

Am nchsten Tage brach Major Samzelius von Ekeby auf und zog nach Sj,
das ganz nahe bei dem groen Eisenwerk liegt. In Altringers Testament,
kraft dessen der Major die sieben Eisenwerke bekommen hatte, stand mit
klaren, deutlichen Worten geschrieben, da nichts davon verkauft oder
verschenkt werden drfe, sondern da alles nach dem Tode des Majors auf
seine Gattin oder auf deren Erben bergehen solle. Da er also das
verhate Erbe nicht vergeuden konnte, setzte er die Kavaliere als Herren
darber ein, in dem Glauben, da er dadurch Ekeby und den andern sechs
Besitzungen den schlimmsten Schaden zufge.

Da nun niemand im Lande daran zweifelte, da der bse Sintram die
Befehle des Satans ausfhrte, und da alles, was er ihnen versprochen
hatte, so glnzend in Erfllung gegangen war, so waren die Kavaliere
fest berzeugt, da der Kontrakt Punkt fr Punkt erfllt werden wrde,
und sie waren fest entschlossen, das ganze Jahr hindurch nichts Kluges
oder Ntzliches oder Schurkenhaftes zu tun, auch waren sie ganz davon
durchdrungen, da die Majorin eine bse Hexe sei, die ihr Verderben
gewollt habe.

Der alte Onkel Eberhard, der Philosoph, machte sich ber diese
Anschauung lustig; aber wer kmmerte sich um so einen, der so verhrtet
in seinem Glauben war, da er, selbst wenn er mitten in den Flammen der
Hlle gelegen und alle Teufel um sich herum htte stehen und ihn
auslachen sehen, doch behauptet haben wrde, da sie nicht existierten,
weil sie nicht existieren _knnten_. Denn Onkel Eberhard war ein groer
Philosoph.

Gsta Berling sagte niemand, was er glaubte. Das steht fest, er war der
Ansicht, da er der Majorin keinen Dank schulde, weil sie ihn zum
Kavalier auf Ekeby gemacht hatte; er glaubte, es wre besser fr ihn
gewesen, tot zu sein, als sich mit dem Bewutsein herumzutragen, schuld
an Ebba Dohnas Selbstmord zu sein. Er erhob nicht die Hand, um sich an
der Majorin zu rchen, aber auch nicht, um ihr zu helfen. Er konnte es
nicht.

Die Kavaliere aber waren zu groer Macht und Herrlichkeit gelangt. Das
Weihnachtsfest mit seinen Gastmhlern und Zerstreuungen stand vor der
Tr, die Herzen der Kavaliere waren voller Jubel, und welch Kummer auch
Gsta Berlings Herz bedrcken mochte, so trug er ihn nicht auf dem
Antlitz oder auf den Lippen.




Gsta Berling, der Poet


Es war Weihnachten, und auf Borg sollte ein Ball stattfinden.

Um diese Zeit wohnte ein junger Graf Dohna auf Borg; er war neuvermhlt
und hatte eine junge, schne Gemahlin. Es sollte schon lustig hergehen
in dem alten Grafenschlo!

Auch nach Ekeby war eine Einladung gelangt, aber es stellte sich heraus,
da von allen denen, die in diesem Jahr dort Weihnachten feierten, Gsta
Berling, der Poet, wie man ihn nannte, der einzige war, der Lust
hatte, sich nach Borg zu begeben.

Borg und Ekeby liegen beide an dem langen Lfsee, aber jedes an seinem
Ufer. Wenn der See nicht zugefroren ist, so ist es eine Reise von zwei
Meilen von Ekeby bis nach Borg.

Der arme Gsta Berling wurde zu diesem Fest von den alten Herren
ausgerstet, als sei er ein Knigssohn, der die Ehre eines Knigreichs
zu vertreten hat. Neu war der Frack mit den blanken Knpfen, steif das
Jabot, und glnzend waren die Lacklederschuhe. Er bekam einen Pelz vom
feinsten Biberfell und eine Zobelmtze auf sein blondes, lockiges Haar.
Sie breiteten ein Brenfell mit silbernen Klauen ber den
Einspnnerschlitten und spannten den schwarzen Don Juan, den Stolz des
Stalles, davor. Er pfiff seinem weien Tankred und ergriff die
geflochtenen Zgel. Jubelnd fuhr er von dannen, umgeben vom Glanz des
Reichtums und der Pracht, er, der schon ohnedem hinreichend strahlte in
der krperlichen Schne und den groen, glnzenden Geistesgaben.

Er fuhr am frhen Vormittag. Es war Sonntag, und er hrte den Gesang aus
der Broer Kirche erschallen, als er daran vorberfuhr. Dann schlug er
den einsamen Waldweg ein, der nach Berga fhrte, wo Hauptmann Uggla
damals wohnte, und wo er zu Mittag zu bleiben gedachte.

Berga war nicht eines reichen Mannes Heim. Der Hunger kannte den Weg zu
des Hauptmanns grassodengedecktem Hause, aber er ward mit Scherzen
empfangen, mit Gesang und Spiel unterhalten wie andere Gste und ging
ungern wie sie.

Die alte Mamsell Ulrika Dillner, die der Kche und der Webstube auf
Berga vorstand, hie Gsta Berling auf der Treppe willkommen. Sie
knickste, und die falschen Locken, die ihr in das braune Gesicht mit den
tausend Runzeln hingen, tanzten vor Freude. Sie fhrte ihn in den Saal
hinein und fing an, von den Bewohnern des Gutes und den unsicheren
Verhltnissen zu sprechen.

Kummer und Sorge stnden vor der Tr, sagte sie; harte Zeiten herrschten
auf Berga. Sie htten nicht einmal Meerrettich zu dem gesalzenen Fleisch
am Mittag; aber Ferdinand und die Mdchen htten Disa vor einen
Schlitten gespannt und seien nach Munkerud gefahren, um ein wenig zu
leihen. Der Hauptmann sei wieder in den Wald gegangen und kme
vermutlich mit einem zhen Hasen heim, der mehr Butter zum Braten
erfordere, als er selber wert sei. Das nenne er Essen frs Haus
schaffen. Das ginge aber noch allenfalls, wenn er nur nicht mit einem
jmmerlichen Fuchs kme, dem elendesten Tier, das der liebe Gott
erschaffen, gleich unbrauchbar, mag er nun tot oder lebendig sein!

Und die gndige Frau -- ja, die war noch nicht aufgestanden. Sie lag im
Bett und las Romane, wie sie es jeden Tag zu tun pflegte. Sie war nicht
zum Arbeiten geschaffen, diese Engelsunschuld!

Nein, das berlie man den Alten, im Dienst Ergrauten, so wie sie es
war. Tag und Nacht war man auf den Beinen, um nur die Brocken
zusammenzuhalten. Und das war nicht so ganz leicht. Einen ganzen Winter
hindurch hatten sie wahrhaftig keine andern Fleischspeisen im Hause
gehabt, als einen einzigen Brenschinken. Und einen groen Lohn
erwartete sie nicht; bisher hatte sie noch nicht das geringste davon
gesehen, aber man wrde sie wohl auch nicht auf die Landstrae
hinauswerfen, wenn sie einmal nicht mehr frs tgliche Brot arbeiten
knne. Hier im Hause betrachtete man die Wirtschafterin wie einen
Menschen und wrde der alten Ulrika schon ein ehrliches Begrbnis
gnnen, falls Geld genug da sei, um einen Sarg zu kaufen.

Denn wer wei, wie es werden soll? rief sie, sich mit der Schrze ber
die Augen fahrend, die stets so leicht bergingen. Wir schulden dem
bsen Gutsherrn Sintram Geld, und er kann uns alles nehmen. Nun ist ja
Ferdinand mit der reichen Anna Stjrnhk verlobt, aber sie wird seiner
berdrssig, sie wird seiner berdrssig. Und was soll nun aus uns
werden mit unsern drei Khen und unsern neun Pferden, mit unsern
frhlichen jungen Frulein, die von einem Ball zum andern fahren wollen,
mit unsern drren ckern, wo nichts wchst, mit unserm guten Ferdinand,
aus dem nie im Leben ein Mann wird! Was soll aus diesem ganzen Hause
werden, wo alles gedeiht, die Arbeit ausgenommen!

Aber es wurde Mittag, und die Hausbewohner versammelten sich. Der gute
Ferdinand, der sanfte Sohn des Hauses und die munteren Tchter kamen mit
dem geborgten Meerrettich heim. Der Hauptmann kam, erfrischt durch ein
Bad in einer Wake des Sees und durch die Jagd im Walde. Er ri das
Fenster auf, um frische Luft zu bekommen, und reichte Gsta die Hand mit
warmem Druck. Und die gndige Frau kam in seidenem Kleide mit breiten
Spitzen ber den weien Hnden, die sie Gsta gndigst zum Ku reichte.
Alle begrten Gsta mit Jubel, Scherz und Lachen kam in den Kreis
hineingeflogen. Frhlich fragte man: Wie lebt ihr denn auf Ekeby, wie
sieht es aus in dem Gelobten Lande?

Dort fliet Milch und Honig, erwiderte er. Wir entleeren die Berge
allen Eisens und fllen unsere Keller mit Wein. Die cker tragen Gold;
damit vergolden wir das Elend des Lebens, und unsere Wlder fllen wir,
um Kegelbahnen und Lusthuser zu bauen.

Frau Uggla aber seufzte und lchelte ber die Antwort, ihren Lippen
entschwebte ein einziges Wort: Poet!

Viele Snden habe ich auf dem Gewissen, erwiderte Gsta, nie aber
habe ich eine Zeile Poesie geschrieben.

Du bist trotzdem ein Poet, Gsta, den Spitznamen hast du nun einmal
weg. Du hast mehr Gedichte erlebt, als unsere Dichter geschrieben
haben.

Spter sprach Frau Uggla sanft wie eine Mutter zu ihm ber sein
vergeudetes Leben. Ich werde es sicher noch erleben, dich zum Manne
heranreifen zu sehn, sagte sie. Und es erschien ihm s, sich von
dieser milden Frau vorwrtstreiben zu lassen, die eine so treue Freundin
war und deren starkes, schwrmerisches Herz vor Liebe zu groen Taten
entbrannte.

Als sie aber die muntere Mahlzeit beendet und das Meerrettichfleisch und
den Kohl und die Waffeln verzehrt und das Weihnachtsbier getrunken
hatten, als Gsta sie durch seine Erzhlungen von dem Major und der
Majorin und dem Pfarrer zu Broby zum Weinen und Lachen gebracht hatte,
vernahm man pltzlich Schellengelute im Hofe, und gleich darauf trat
der bse Sintram bei ihnen ein.

Er strahlte vor Vergngen von seinem kahlen Scheitel bis hinab zu den
langen, breiten Fen.

Er schlenkerte mit seinen langen Armen und schnitt Grimassen; man sah es
ihm auf den ersten Blick an, da er als Trger schlechter Nachrichten
kam.

Habt ihr es gehrt? fragte der Bse, habt ihr es schon gehrt, da
Anna Stjrnhk und der reiche Dahlberg heute zum erstenmal in der
Svartsjer Kirche aufgeboten sind? Sie mu es vergessen haben, da sie
mit Ferdinand verlobt ist.

Sie hatten kein Wort davon gehrt. Sie waren erschrocken und traurig.

Sie sahen im Geiste schon ihr Heim geplndert, damit ihre Schulden an
den bsen Mann bezahlt werden konnten; sie sahen ihre geliebten Pferde
verkauft und ebenso die alten Mbel, ein Erbe aus dem Kindheitsheim der
Mutter. Sie sahen das Ende des frhlichen Lebens mit Festen und Fahrten
von Ball zu Ball. Der Brenschinken wrde wieder auf ihrem Tische
stehen, und die Jungen muten zu fremden Leuten in den Dienst gehen. Die
Mutter streichelte ihren Sohn zrtlich und lie ihn eine nie versiegende
Liebe empfinden.

Doch -- da sa Gsta Berling mitten zwischen ihnen, und dem
Unberwindlichen gingen tausenderlei Plne durch den Kopf.

Ei was! rief er, noch ist es keine Zeit zum Jammern. Die Pfarrerin in
Svartsj hat die ganze Sache gemacht. Sie hat Anna ganz in ihrer Gewalt,
seit sie bei ihr auf dem Pfarrhof wohnt. Sie hat sie dazu gebracht,
Ferdinand im Stich zu lassen und den alten Dahlberg zu nehmen; aber noch
sind sie nicht getraut, und es soll auch nichts daraus werden. Jetzt
fahre ich nach Borg, und dort treffe ich Anna. Ich will mit ihr reden,
ich will sie den Pfarrersleuten, dem Brutigam schon abspenstig machen.
Ich bringe sie ber Nacht hierher; dann soll der alte Dahlberg keine
Freude mehr an ihr haben.

Und so geschah es. Gsta fuhr allein nach Borg, ohne eins der munteren
Frulein, aber geleitet von den heien Wnschen der Zurckbleibenden.
Und Sintram, der frohlockte, da der alte Dahlberg angefhrt werden
sollte, beschlo, auf Berga zu bleiben, um Gstas Rckkehr mit der
Treulosen abzuwarten. In einem Anfall von Wohlwollen hllte er ihn sogar
in seinen grnen Reiseschal -- ein Geschenk von Mamsell Ulrika selber.

Frau Uggla aber kam mit drei rot eingebundenen Bchern auf die Treppe
hinaus.

Nimm die, sagte sie zu Gsta, der schon im Schlitten sa, nimm die
und behalte sie, wenn du kein Glck haben solltest. Es ist Corinna,
Madame de Stals Corinna; ich mchte nicht gern, da die Bcher unter
den Hammer kmen.

Ich habe stets Glck!

Ach, Gsta, Gsta, sagte sie und strich mit der Hand ber sein
entbltes Haupt, du Strkster und Schwchster unter den Menschen! Wie
lange wirst du daran denken, da das Glck von uns armen Menschen in
deiner Hand ruht!

Abermals flog Gsta ber die Landstrae dahin, gezogen von dem schwarzen
Don Juan, gefolgt von dem weien Tankred, und das Bewutsein des
bevorstehenden Abenteuers erfllte seine Seele mit Jubel.

Er fhlte sich wie ein junger Eroberer; der Geist war ber ihm. Sein Weg
fhrte ihn am Pfarrhofe zu Svartsj vorber. Er fuhr dort vor und
fragte, ob er Anna Stjrnhk nicht zum Balle fahren drfe. Ja, das drfe
er. Ein schnes, eigensinniges Mdchen stieg zu ihm in den Schlitten.
Wer wre nicht gern mit dem schwarzen Don Juan gefahren!

Anfangs waren die Jungen schweigsam, dann aber begann die Unterhaltung,
trotzig wie nur der bermut sie eingibt.

Hast du gehrt, Gsta, was der Pfarrer heute von der Kanzel verlesen
hat?

Hat er gesagt, da du das schnste Mdchen zwischen dem Lfsee und dem
Klar-Elf seiest?

Du bist dumm, Gsta. Das wissen die Leute auch ohnedem. Nein, er hat
mich und den alten Dahlberg aufgeboten.

Wei Gott, htte ich das gewut, so wrde ich dich nicht aufgefordert
haben, dich zu mir in den Schlitten zu setzen! Darauf kannst du dich
verlassen!

Und die stolze Erbin antwortete: Ich wre auch wohl ohne Gsta Berling
nach Borg gekommen.

Es ist doch eigentlich schade um dich, Anna, sagte Gsta nachdenklich,
da du weder Vater noch Mutter hast. Nun bist du, wie du bist, und man
darf es nicht so genau mit dir nehmen.

Es ist weit mehr schade, da du das nicht frher gesagt hast, dann
htte mich ein anderer fahren knnen.

Die Pfarrerin denkt wie ich, da du eines Mannes bedarfst, der dir
zugleich den Vater ersetzen kann, sonst htte sie dich wohl nicht mit so
einer alten Kracke eingespannt.

Die Pfarrerin hat nichts damit zu tun.

Groer Gott, hast du selber dir den schnen Mann ausgesucht?

Der nimmt mich wenigstens nicht des Geldes wegen.

Nein, die alten sehen nur auf blaue Augen und rote Wangen, und Narren
sind sie, da sie das tun.

Ach, Gsta, du solltest dich schmen!

Bedenke aber, da du fortan nicht mehr mit den jungen Mnnern spielen
darfst. Mit Tanz und Spiel ists nun vorbei. Du gehrst in die Sofaecke --
oder vielleicht ziehst du es vor, eine Partie Rabouge mit dem alten
Dahlberg zu spielen?

Dann saen sie stumm da, bis sie die steilen Hgel bei Borg hinanfuhren.

Ich danke dir fr die gtige Befrderung. Es soll nicht sobald wieder
geschehen, da ich mit Gsta Berling fahre!

Danke bestens! Ich kenne mehr als einen, der es bereut hat, mit dir zum
Fest gefahren zu sein.

Ein wenig milder als sonst trat die trotzige Schne in den Tanzsaal und
berschaute die versammelten Gste.

Zu allererst erblickte sie den kleinen, kahlkpfigen Dahlberg neben dem
hohen, schlanken, blondlockigen Gsta Berling. Sie hatte die grte
Lust, sie beide zur Tr hinauszujagen. Ihr Verlobter kam, um sie zum
Tanz aufzufordern, aber sie empfing ihn mit hhnischem Staunen.

Willst du tanzen? Seit wann pflegst du zu tanzen?

Und die jungen Mdchen kamen, um sie zu beglckwnschen.

Verstellt euch doch nicht, Kinder! Ihr glaubt doch unmglich, da man
sich in den alten Dahlberg verlieben kann? Aber er ist reich, und ich
bin reich, deswegen passen wir zueinander.

Die alten Damen kamen auf sie zu, drckten ihr die weie Hand und
sprachen von dem hchsten Glck des Lebens.

Gratuliert der Pfarrerin, erwiderte sie, die freut sich mehr darber
als ich.

Aber dort stand Gsta Berling, der muntere Kavalier, mit Jubel begrt
ob seines frischen Lachens und seiner schnen Worte, die Goldstaub ber
das graue Einerlei des Lebens streuten. Nie zuvor hatte sie ihn so
gesehen wie an diesem Abend. Er war kein Verstoener, kein Verworfener,
kein heimatloser Spamacher, nein, ein Knig war er unter Mnnern, ein
geborener Knig.

Er und die andern jungen Mnner verschworen sich gegen sie. Sie sollte
Mue haben, darber nachzudenken, wie bel sie daran getan, da sie sich
mit ihrem schnen Gesicht und ihrem groen Reichtum an einen alten Mann
weggeworfen hatte. Und sie lieen sie zehn Tnze hindurch sitzen.

Ihr Blut kochte vor Zorn.

Als der elfte Tanz begann, kam ein Mann, der Geringste unter den
Geringen, einer, mit dem niemand tanzen wollte, und forderte sie auf.

Das Bier ist getrunken, jetzt kommt die Brme, sagte sie.

Dann spielte man Pfnderspiele. Blondlockige junge Mdchen steckten die
Kpfe zusammen und verurteilten sie, den zu kssen, der ihr der liebste
sei. Und lchelnden Mundes warteten sie auf das Schauspiel, wie die
stolze Schne den alten Dahlberg kssen wrde. Sie aber erhob sich stolz
in ihrem Zorn und sagte: Darf ich nicht lieber demjenigen eine Ohrfeige
geben, den ich am wenigsten leiden kann?

Einen Augenblick spter brannte Gstas Wange unter ihrer festen Hand. Er
wurde dunkelrot, ergriff ihre Hand, hielt sie eine Sekunde fest und
flsterte: Warte in einer halben Stunde im roten Saal unten auf mich!

Seine blauen Augen strahlten auf sie herab und umschlossen sie mit
magischen Banden. Sie fhlte, da sie gehorchen mute.

Dort unten empfing sie ihn mit Stolz und bsen Worten.

Was geht es Gsta Berling an, mit wem ich mich verheirate?

Er hatte noch keine freundlichen Worte auf der Zunge, auch erschien es
ihm noch nicht ratsam, gleich von Ferdinand zu reden.

Ich meine nicht, da die Strafe, dich zehn Tnze ber sitzen zu lassen,
zu gro war. Aber du willst die Freiheit haben, ungestraft Eidschwre
und Versprechungen zu brechen. Htte ein besserer Mann als ich das
Strafgericht in die Hand genommen, so htte er es hrter handhaben
knnen.

Was habe ich dir und euch allen getan, da ihr mich nicht in Frieden
lassen knnt? Nur des Geldes wegen verfolgt ihr mich. Ich will es in den
Lfsee werfen, mag es da auffischen, wer Lust hat.

Sie barg ihr Antlitz in den Hnden und weinte vor Zorn.

Da ward das Herz des Poeten gerhrt. Er schmte sich seiner Hrte. Seine
Stimme ward zrtlich.

Ach, Kind, Kind, verzeih mir! Verzeih dem armen Gsta Berling! Niemand
kehrt sich daran, was so ein Lump sagt oder tut, das weit du ja.
Niemand weint ber seinen Zorn; man knnte ebensowohl ber den Stich
einer Mcke weinen. Es war Wahnsinn -- aber ich wollte es verhindern, da
sich unser schnstes und reichstes Mdchen mit dem Alten verheiratete.
Und nun habe ich nichts erreicht, als dich zu betrben.

Er setzte sich neben sie ins Sofa. Leise legte er seinen Arm um ihre
Taille, um sie mit zrtlicher Frsorge zu sttzen und aufzurichten. Sie
entzog sich ihm nicht. Sie schmiegte sich an ihn, schlang ihre Arme um
seinen Hals und weinte, ihr schnes Haupt an seine Schulter gelehnt.

Ach, Poet, du Strkster und Schwchster unter den Menschen! Nicht an
deinem Halse sollten diese weien Arme ruhen!

Wenn ich dies gewut htte, so wrde ich niemals den Alten genommen
haben, heute abend erst habe ich dich kennen gelernt, niemand ist wie
du!

Zwischen bleichen Lippen aber drngte Gsta ein Wort hervor:
Ferdinand!

Sie brachte ihn mit einem Ku zum Schweigen.

Er ist nichts! Niemand auer dir ist etwas. Dir will ich treu sein!

Ich bin Gsta Berling, erwiderte er finster, mit mir kannst du dich
nicht verheiraten.

Dich liebe ich, dich, den ersten unter allen Mnnern! Du brauchst
nichts zu tun, nichts zu sein. Du bist ein geborener Knig.

Da wallte das Blut des Poeten auf. Sie war schn und liebreizend in
ihrer Liebe. Er schlo sie in seine Arme.

Wenn du die Meine werden willst, kannst du nicht auf dem Pfarrhof
bleiben. La mich dich diese Nacht nach Ekeby fahren, dort werde ich
dich schon zu verteidigen wissen, bis wir Hochzeit halten knnen.

       *       *       *       *       *

Es ward eine berauschende Fahrt in jener Nacht. Sie beugten sich dem
Gebot der Liebe und lieen sich von Don Juan entfhren. Es war, als wenn
das Knirschen des Schnees unter den Schlittenkufen die Klage des
Betrogenen sei. Was kehrten sie sich daran? Sie hing an seinem Halse,
und er beugte sich zu ihr hinab und flsterte ihr ins Ohr: Kann sich
eine Seligkeit mit gestohlenem Glck vergleichen?

Das Aufgebot -- was hatte das zu bedeuten? Sie hatten Liebe. Und der Zorn
der Menschen? Gsta Berling glaubte an das Schicksal. Das Schicksal
hatte sie bezwungen, gegen das Schicksal kann niemand streiten. Wren
die Sterne Hochzeitslichter gewesen, die zu ihrer Hochzeit angezndet
waren, wren Don Juans Schellen Kirchenglocken gewesen, die die Leute zu
ihrer Hochzeit mit dem alten Dahlberg zusammenriefen -- sie htte dennoch
mit Gsta Berling fliehen mssen. So mchtig ist das Schicksal!------

Sie waren glcklich und wohlbehalten am Pfarrhof zu Munkerud
vorbergekommen. Sie hatten noch eine halbe Meile bis Berga und eine
zweite halbe Meile bis Ekeby zurckzulegen. Der Weg fhrte am
Waldesrande entlang, rechts von ihnen lagen dunkle Berge, links ein
langes, weies Tal.

Da kam Tankred herangestrzt. Er lief, als lge er der Lnge nach am
Boden. Heulend vor Angst sprang er in den Schlitten und verkroch sich zu
Annas Fen.

Don Juan zog mit einem Ruck an und sprang im Galopp dahin.

Wlfe! sagte Gsta Berling.

Sie sahen einen langen grauen Strich, der sich am Waldessaum entlang
bewegte. Es waren mindestens ein Dutzend.

Anna erschrak nicht. Der Tag war reich an Abenteuern gewesen, und die
Nacht versprach, ihm darin nicht nachzustehen. Das war Leben! So ber
die schimmernde Schneeflche dahinzusausen, den wilden Tieren und den
Menschen trotzend.

Gsta stie einen Fluch aus, beugte sich vornber und versetzte Don Juan
einen scharfen Schlag mit der Peitsche.

Frchtest du dich? fragte er. Sie schlagen einen Richtweg ein und
werden uns da hinten, wo die Landstrae eine Biegung macht, einholen.

Don Juan sprang und lief um die Wette mit den wilden Tieren des Waldes,
und Tankred heulte vor Wut und Angst. Sie erreichten die Krmmung des
Weges gleichzeitig mit den Wlfen, und Gsta trieb den ersten mit der
Peitsche zurck.

Ach, Don Juan, mein Junge, wie leicht knntest du zwlf Wlfen
entfliehen, wenn du uns Menschen nicht zu schleppen httest!

Sie banden den grnen Reiseschal hinten am Schlitten fest. Die Wlfe
wurden davor bange und hielten sich eine Zeitlang in einiger Entfernung.
Als sie aber ihre Furcht berwunden hatten, sprang einer von ihnen mit
lang heraushngender Zunge und mit geffnetem Rachen auf den Schlitten
zu. Da nahm Gsta Madame de Stals Corinna und warf es ihm ins Maul.

Abermals hatten sie eine kleine Ruhepause, whrend die Tiere ihre Beute
zerrissen, und abermals fhlten sie die Rucke, wenn die Wlfe an dem
grnen Reiseschal zerrten, und der kurze, hastige Atemzug der wilden
Tiere drang an ihr Ohr. Sie wuten, da sie vor Berga an keiner
menschlichen Wohnung vorberkamen; aber es erschien Gsta weit schlimmer
als der Tod, denen ins Auge sehen zu sollen, die er betrogen hatte. Er
sah auch ein, da das Pferd ermden wrde, und was sollte dann nur aus
ihnen werden?

Da ward das Bergaer Haus am Waldesrande sichtbar. In den Fenstern
brannten Lichter. Gsta wute sehr wohl, wem die galten.

Doch nun flchteten die Wlfe, bange vor der Nhe der Menschen, und
Gsta fuhr an Berga vorber. Er kam aber trotzdem nicht weiter als bis
zu der Stelle, wo der Weg sich wieder in den Wald verliert; da erblickte
er eine dunkle Gruppe vor sich -- die Wlfe warteten auf ihn.

La uns nach dem Pfarrhof umwenden, wir knnen ja sagen, da wir eine
kleine Spazierfahrt im Sternenschein gemacht haben. Dies geht nun und
nimmer gut.

Sie wandten um, aber im nchsten Augenblick war der Schlitten von Wlfen
umringt. Graue Gestalten glitten an ihnen vorber, die weien Zhne
schimmerten in den weit aufgerissenen Rachen, die funkelnden Augen
leuchteten. Sie heulten vor Hunger und Blutdurst. Die schimmernden Zhne
waren bereit, sich in das weiche Menschenfleisch zu hauen. Die Wlfe
sprangen an Don Juan in die Hhe und hngten sich in dem Geschirr fest.
Anna dachte darber nach, ob die Bestien sie mit Haut und Haar verzehren
oder ob sie wohl ein wenig von ihnen briglassen wrden, und ob wohl die
Leute am nchsten Morgen zernagte Gebeine in dem niedergetretenen,
blutigen Schnee finden wrden.

Jetzt gilt es unser Leben, sagte sie, beugte sich herab und ergriff
Tankred beim Nacken.

La das, es ntzt nichts! Nicht des Hundes wegen sind die Wlfe ber
Nacht unterwegs.

Damit fuhr Gsta auf den Bergaer Hof ein, aber die Wlfe verfolgten ihn
bis an die Treppe. Er mute sich ihrer mit der Peitsche erwehren.

Anna, sagte er, als er an der Treppe hielt, Gott wollte es nicht.
Mach nun eine gute Miene dazu, wenn du das Mdchen bist, fr das ich
dich halte, hrst du!

Drinnen hatten sie das Schellengeklingel gehrt und kamen heraus.

Er hat sie! riefen sie. Er hat sie! Gsta Berling soll leben! Und
die Gste taumelten aus einer Umarmung in die andere.

Es wurden nicht viele Fragen gestellt. Die Nacht war weit
vorgeschritten, die Reisenden waren berwltigt von ihrer gefhrlichen
Fahrt und bedurften der Ruhe. Es gengte ja, da Anna da war.

Alles war gut. Nur Corinna und der grne Reiseschal, Mamsell Ulrikas
wertvolles Geschenk, waren vernichtet.

       *       *       *       *       *

Das ganze Haus schlief. Da stand Gsta Berling auf, kleidete sich an und
schlich hinaus. Unbemerkt zog er Don Juan aus dem Stall, spannte ihn vor
den Schlitten und wollte sich davonmachen. Da kam Anna Stjrnhk aus dem
Hause.

Ich hrte dich fortgehen, sagte sie. Da stand ich auf. Ich bin
bereit, mit dir zu fahren.

Er trat an sie heran und ergriff ihre Hand.

Verstehst du es denn noch nicht? Es kann nicht sein! Gott will es
nicht! Hr mich an und versuche, mich zu verstehen! Ich war heute mittag
hier und sah, wie sie ber deine Treulosigkeit jammerten. Da fuhr ich
nach Borg, um dich zu Ferdinand zurckzufhren. Aber ich bin stets ein
erbrmlicher Wicht gewesen und werde nie mehr etwas anderes. Ich verriet
ihn und behielt dich fr mich. Hier ist eine alte Frau, die glaubt, da
noch einmal ein Mann aus mir werden kann. An ihr habe ich ehrlos
gehandelt. Und eine andere arme Alte will hier frieren und hungern, nur
um zwischen Freunden sterben zu knnen, ich aber war kurz davor, sie vom
bsen Sintram heimfhren zu lassen. Du warst schn, und die Snde war
s. Gsta Berling ist so leicht zu verlocken.

Ach, was fr ein armseliger Schuft bin ich doch! Ich wei, wie sehr die
da drinnen ihr Heim lieben, und doch war ich kurz davor, es der
Plnderung preiszugeben. Ich verga alles um deinetwillen. Du warst so
entzckend in deiner Liebe. Aber jetzt, Anna, jetzt, wo ich Zeuge ihrer
Freude gewesen bin, will ich dich nicht behalten. O, du meine Geliebte!
Der dort oben spielt mit unserm Willen. Jetzt ist es Zeit, da wir uns
unter seine zchtigende Hand beugen. Sag mir, da du von heute an deine
Last auf dich nehmen willst! Alle da drinnen verlassen sich auf dich.
Sag, da du bei ihnen bleiben und ihnen eine Sttze, eine Hilfe sein
willst! Wenn du mich liebst, wenn du meinen bittern Kummer erleichtern
willst, so versprich mir dies! Meine Geliebte, ist dein Herz so gro,
da es sich selbst berwinden und dabei lcheln kann?

Sie nahm voller Begeisterung das Gebot des Entsagens hin.

Ich will tun, wie du willst -- mich opfern und dazu lcheln.

Sie lchelte wehmtig.

Solange ich dich liebe, werde ich die da drinnen lieben.

Jetzt erst wei ich, welch ein Mdchen du bist. Es ist schwer, von dir
zu lassen.

Lebe wohl, Gsta! Geh mit Gott! Meine Liebe soll dich nicht zur Snde
verleiten.

Sie wandte sich ab, um hineinzugehen. Er gab ihr das Geleite.

Wirst du mich bald vergessen?

Fahre jetzt, Gsta. Wir sind nur Menschen.

Er sprang in den Schlitten, da aber kehrte sie zurck.

Denkst du nicht an die Wlfe?

Freilich denke ich an die. Aber die haben ihren Nutzen getan. Mit mir
haben sie diese Nacht nichts mehr zu schaffen.

Noch einmal streckte er die Arme nach ihr aus, Don Juan aber ward
ungeduldig und zog an. Er griff nicht nach den Zgeln. Er sa
hintenbergelehnt und schaute zurck. Dann beugte er sich ber den Rand
des Schlittens und schluchzte wie ein Verzweifelter.

Ich habe das Glck besessen und es von mir gestoen. Weswegen hielt ich
es nicht fest?

Ach, Gsta Berling! Du Strkster und Schwchster unter den Menschen!




=La cachucha=


Streitro, Streitro! Du altes, das jetzt auf dem Felde grast. Gedenkst
du deiner Jugend?

Gedenkst du des Schlachtentages, mutiges Ro? Du sprengtest voran, als
trgen dich Flgel, deine Mhne flatterte ber dir gleich wehenden
Gluten, Blut und Schaum bedeckten deine schwarzen Flanken. In
goldverziertem Zaum sprangst du dahin, das Feld erdrhnte unter deinem
Hufschlag. Du zittertest vor Wonne, du mutiges Ro. Ach, wie schn du
warst!

       *       *       *       *       *

ber dem Kavalierflgel liegt graue Dmmerung. In dem groen Zimmer
stehen die rot angestrichenen Kisten der Kavaliere an den Wnden, und
ihre Sonntagskleider hngen in der Ecke. Der Schein aus dem Kamin fllt
auf die weigetnchten Wnde und die gelb gewrfelten Gardinen, die die
Alkoven in der Wand verbergen. Der Kavalierflgel ist kein knigliches
Gemach, kein Serail.

Aber Liliencronas Violine ertnt dort. Er spielt =la cachucha= in der
Dmmerstunde.

Wieder und wieder spielt er sie.

Zerschneidet die Saiten, zertrmmert den Bogen! Weshalb spielt er diesen
verdammten Tanz? Weshalb spielt er ihn gerade jetzt, wo rneclou, der
Fhnrich, im Bett liegt, von den heftigsten Gichtschmerzen geplagt, so
da er sich nicht rhren kann? Nein, entreit ihm die Violine, werft sie
gegen die Wand, wenn er nicht aufhren will!

=La cachucha=, soll die fr uns sein, Maestro? Kann die auf den
schwankenden Brettern des Kavalierflgels, zwischen den engen, von Rauch
geschwrzten und mit Schmutz bedeckten Wnden, unter diesem niederen
Dach getanzt werden? Wehe dir, wie du spielst!

=La cachucha=, soll die fr uns Kavaliere sein? Drauen heult der
Schneesturm. Willst du die Schneeflocken lehren, im Takt zu tanzen?
Spielst du den leichtfigen Kindern des Schneeknigs zum Tanze auf?

Frauenkrper, die unter dem Pulsschlag des heien Blutes zittern, kleine
ruige Hnde, die den Kochtopf beiseite schieben und zu den
Kastagnetten greifen, nackte Fe unter hochgeschrzten Rcken, ein Hof
mit Marmorfliesen, Zigeuner, die mit Sackpfeife und Tamburin am Boden
kauern, maurische Bogengnge, Mondschein und schwarze Augen, hast du
das, Maestro? Sonst la deinen Bogen ruhen!

Die Kavaliere trocknen ihre nassen Kleider am Feuer. Knnen sie sich in
hohen, eisenbeschlagenen Stiefeln mit fingerdicken Sohlen im Tanze
schwingen? Den ganzen Tag sind sie durch ellenhohen Schnee gewatet, um
dem Bren auf die Spur zu kommen. Glaubst du, da sie in feuchten,
dampfenden Frieskleidern tanzen mgen, mit dem zottigen Petz als Dame?

Sternenberster Abendhimmel, rote Rosen in dunklem Frauenhaar,
berauschende Wrme in der Abendluft, angeborene Plastik in den
Bewegungen, Liebe, von der Erde aufsteigend, vom Himmel herabregnend, in
der Luft schwebend, hast du das, Maestro? Weshalb uns sonst dazu
zwingen, uns nach alledem zu sehnen?

Du Grausamer, blst du das Kompagniesignal fr das angebundene
Streitro? Rutger von rneclou liegt von Gichtschmerzen gefesselt in
seinem Bett. Erspar ihm die Qual der schnen Erinnerungen! Auch er hat
den Sombrero und das bunte Haarnetz getragen, auch er hat die
Sammetjacke getragen und den Dolch im Grtel. Schone den alten rneclou,
Maestro!

Aber Liliencrona spielt =la cachucha=, wieder und wieder =la cachucha=. Und
rneclou leidet wie der Liebende, der die Schwalbe den Weg zu der fernen
Wohnung der Geliebten nehmen sieht, wie der lechzende Hirsch, der von
den Verfolgern an der Quelle vorbergetrieben wird.

Liliencrona nimmt einen Augenblick die Violine unter dem Kinn fort.

Fhnrich, entsinnst du dich der schnen Rosalie von Berger?

rneclou stt einen gewaltigen Fluch aus.

Sie war leicht wie eine Flamme. Sie glitzerte und tanzte wie der
Diamant an der Spitze des Violinbogens. Du entsinnst dich ihrer wohl
noch vom Theater in Karlstad? Wir sahen sie damals, als wir jung waren,
entsinnst du dich dessen noch, Fhnrich?

Ob sich der Fhnrich dessen entsinnt! Sie war klein und wild und
sprhend wie Feuer. Sie konnte =la cachucha= tanzen! Sie lehrte alle die
jungen Herren in Karlstad =la cachucha= tanzen und Kastagnetten schlagen.
Auf dem Balle des Landrats tanzten der Fhnrich und Frulein von Berger
in spanischer Tracht =la cachucha=. Und er hatte so getanzt, wie man unter
Feigenbumen und Platanen tanzt -- wie ein echter Spanier.

Niemand in ganz Wermland konnte die Cachucha tanzen wie er. Niemand
auer ihm konnte sie so tanzen, da es sich verlohnte, davon zu reden.
Welchen Kavalier verlor nicht Wermland, als die Gicht seine Glieder
steif machte und sich ber den Gelenken groe Knoten bildeten! Welch ein
Kavalier war er, so schlank, so schn, so ritterlich! Den schnen
rneclou nannten ihn diese jungen Mdchen, die sich seinetwegen auf
Lebenszeit verfeinden konnten.

Und Liliencrona stimmt abermals =la cachucha= an, wieder und wieder =la
cachucha=, und rneclou wird zurckversetzt in die alten Zeiten.

Da steht er, und da steht sie -- Rosalie von Berger! Sie sind soeben
allein im Toilettenzimmer gewesen. Sie war Spanierin, er Spanier. Er
durfte sie kssen, aber vorsichtig, denn sie frchtete seinen gewichsten
Bart. Jetzt tanzen sie. Ach, wie man unter Feigenbumen und Platanen
tanzt! Sie weicht zurck, er folgt ihr, er wird khn, sie stolz, er
beleidigt, sie vershnlich. Als er schlielich aufs Knie fllt und sie
in den ausgebreiteten Armen auffngt, geht ein Seufzer durch den Saal,
ein Seufzer des Entzckens.

Er war ein Spanier gewesen, ein echter Spanier!

Gerade bei dem Bogenstrich hatte er sich so herabgebeugt, die Arme so
ausgestreckt, den Fu vorgereckt, um auf den Zehenspitzen zu schweben.
Welche Grazie! Man htte ihn in Marmor aushauen knnen.

Er wei nicht, wie es zugeht, aber er hat den Fu ber den Rand des
Bettes gesetzt, er steht aufrecht da, er beugt sich herab, er breitet
die Arme aus, knipst mit den Fingern und will ber den Fuboden
dahinschweben wie in alten Tagen, als er so enge Schuhe trug, da man
die Flinge von den Strmpfen abschneiden mute.

Bravo, rneclou! Bravo, Liliencrona! Spiel Leben in ihn hinein!

Der Fu versagt ihm, er kann nicht auf die Zehenspitze kommen. Er
zappelt ein paarmal mit dem einen Bein, mehr kann er nicht, dann fllt
er wieder aufs Bett zurck.

Schner Seor, Ihr seid alt geworden. Die Seorita vielleicht ebenfalls?

Nur unter Granadas Platanen wird =la cachucha= von ewig jungen Gitanos
getanzt. Ewig jung sind sie wie die Rosen, denn jeder Lenz bringt neue.

So ist denn die Zeit gekommen, wo die Saiten der Violine zerschnitten
werden mssen?

Nein, spiel, Liliencrona, spiel =la cachucha=, wieder und wieder =la
cachucha=! Lehr uns, da wir hier im Kavalierflgel, selbst wenn wir
schwere Krper und steife Glieder haben, im Herzen doch stets dieselben
bleiben-- stets Spanier!

Streitro, Streitro! Sage, da du die Trompetenste liebst, die dich
zum Galopp verleiten, wenn du dir auch das Bein blutig reit an dem
Strick, der dich bindet!




Der Ball auf Ekeby


O, ihr Frauen entschwundener Zeiten! Wenn man von euch spricht, das ist,
als sprche man vom Himmelreich: eitel Schnheit waret ihr, eitel Licht!
Ewig jung, ewig schn waret ihr, milde wie die Augen einer Mutter, wenn
sie ihr Kind anschaut. Weich wie die jungen Eichhrnchen hinget ihr am
Halse des Gatten. Niemals machte der Zorn eure Stimme erbeben, niemals
legte sich eure Stirn in Falten, eure weiche Hand ward niemals rauh oder
hart. Ihr sanften Heiligen! Gleich geschmckten Bildsulen standet ihr
im Tempel des Hauses. Rucherwerk und Gebete wurden euch geopfert, durch
euch verrichtete die Liebe ihre Wunder, und um euren Scheitel wand die
Poesie ihren goldigstrahlenden Glorienschein.

O, ihr Frauen entschwundener Zeiten, diese Erzhlung soll jetzt
berichten, wie eine von euch Gsta Berling ihre Liebe schenkte.

       *       *       *       *       *

Vierzehn Tage nach dem Balle auf Borg fand ein Fest auf Ekeby statt. Es
war das herrlichste Fest von der Welt. Alte Frauen und Mnner konnten
wieder jung werden, konnten lachen und sich freuen, wenn sie nur davon
sprachen.

Aber die Kavaliere waren zu jener Zeit auch Alleinherrscher auf Ekeby.
Die Majorin wanderte mit Bettelsack und Stab im Lande umher, und der
Major wohnte auf Sj. Er konnte nicht einmal teilnehmen an dem Fest,
denn auf Sj waren die Blattern ausgebrochen, und er frchtete die bse
Krankheit weiter zu verbreiten.

Welch eine Flle von Genu umschlossen nicht diese zwlf Stunden vom
Knall des ersten Flaschenkorkes bei Tische bis zu dem letzten
Bogenstrich, als die Mitternachtsstunde lngst geschlagen hatte. Hinab
in den Abgrund der Zeit sanken sie, diese gekrnten Stunden, angeregt
von feurigem Wein, von den leckersten Speisen, von der herrlichsten
Musik, von den geistreichsten Ausfhrungen, von den schnsten lebenden
Bildern. Hinab sanken sie, schwindelig von dem wildesten Tanz. Wo gab es
auch wohl so glatte Fubden, so galante Kavaliere, so schne Frauen!

Ja, ihr Frauen entschwundener Zeiten! Ekebys Sle wimmeln von den
schnsten aus eurer schnen Schar. Da ist die junge Grfin Dohna in
ihrer ausgelassenen Frhlichkeit, stets aufgelegt zu Spiel und Tanz, wie
es sich fr ihre zwanzig Jahre ziemt, da sind die drei schnen Tchter
des Landrichters aus Munkerud und die munteren Frulein aus Berga, da
ist Anna Stjrnhk, tausendmal schner als frher, in der sanften
Schwermut, die seit jener Nacht, als sie von den Wlfen verfolgt wurde,
ber sie gekommen war; da sind noch weit mehr, die wohl noch nicht
vergessen sind, die es aber bald sein werden, und da ist auch die schne
Marianne Sinclaire.

Sie, die Weitberhmte, die am Hofe des Knigs geglnzt, die in
Grafenschlssern gestrahlt hat, die Knigin der Schnheit, die durch das
Land gezogen ist und berall Huldigungen in Empfang genommen hat, sie,
die den Funken der Liebe entzndete, wo sie sich zeigte, sie hatte sich
herabgelassen, zu dem Fest der Kavaliere zu erscheinen.

Wermlands Ehre strahlte hell in jenen Zeiten, aufrechterhalten von manch
stolzem Namen. Die frhlichen Kinder des schnen Landes hatten vieles,
worauf sie stolz sein konnten, wenn sie aber ihre Schtze nannten, so
unterlieen sie es niemals, Marianne Sinclaires Namen zu nennen.

Der Ruf von ihren Siegen erfllte das ganze Land. Man sprach von den
Grafenkronen, die ber ihrem Haupt geschwebt hatten, von den Millionen,
die ihr zu Fen gelegt waren, von den Kriegerschwertern und
Dichterkrnzen, deren Glanz ihr gewinkt hatte.

Und sie war nicht allein schn, sie war auch geistreich und belesen. Die
besten Mnner der Zeit unterhielten sich gern mit ihr. Eine
Schriftstellerin war sie selber nicht, aber viele ihrer Gedanken, die
sie in die Seelen ihrer dichtenden Freunde gelegt hatte, lebten in
Liedern auf.

In Wermland, im Brenlande, hielt sie sich nur selten auf. Sie brachte
ihr Leben auf Reisen zu. Ihr Vater, der reiche Melchior Sinclaire, sa
mit seiner Frau daheim auf Bjrne und lie Mariannen zu ihren vornehmen
Freunden in die groen Stdte oder auf die prchtigen Schlsser reisen.
Er hatte seine Freude daran, von all dem Geld zu erzhlen, das sie
verbrauchte, und die beiden Alten lebten glcklich im Glanze von
Mariannens strahlendem Dasein.

Ihr Leben war ein Leben voller Vergngungen und Huldigungen. Die Luft um
sie her war Liebe, Liebe war ihr Licht, ihre Leuchte, Liebe ihr tglich
Brot.

Oft, gar oft hatte sie selber geliebt, niemals aber hatte eine solche
Flamme lange genug gewhrt, da man in ihr die Fesseln htte schmieden
knnen, die frs Leben binden.

Ich warte auf die Liebe, die da kommt wie ein Eroberer, pflegte sie zu
sagen. Bisher ist sie ber keinen Wall geklettert und durch keinen
Graben geschwommen. Ich warte auf die gewaltige Liebe, die mich ber
mich selber erhebt; so stark will ich die Liebe in mir fhlen, da ich
vor ihr erbeben mu; jetzt kenne ich nur die Liebe, ber die mein
Verstand lacht.

Ihre Nhe verlieh dem Worte Feuer und dem Wein Leben. Ihre glhende
Seele beschleunigte den Bogenstrich, der Tanz schwebte leichter,
berauschender ber den Boden dahin, sobald sie ihn mit ihrem schmalen
Fu berhrte. Sie strahlte in den lebenden Bildern, sie flte den
Lustspielen Geist ein, ihre schnen Lippen----

Ach, stille, es war nicht ihre Schuld, es war niemals ihre Absicht
gewesen! Der Balkon, der Mondschein, der Spitzenschleier, die
Ritterkleidung, der Gesang waren schuld daran. Die armen jungen Leute
waren ganz unschuldig.

Alles dies, was so viel Unheil anstiften sollte, war doch in der besten
Absicht geplant. Patron Julius, der sich auf alles verstand, hatte ein
lebendes Bild arrangiert, nur damit Marianne in ihrem vollen Glanze
strahlen knne.

Vor der Bhne, die in dem groen Saal zu Ekeby errichtet war, saen ber
hundert Gste und sahen, wie Spaniens gelber Mond an dem dunklen,
nchtlichen Himmel dahinzog. Ein Don Juan schlich sich ber die Straen
Sevillas und machte halt unter einem efeuumkrnzten Balkon. Er war als
Mnch verkleidet, doch sah man eine geflickte Manschette aus dem rmel
hervorgucken und eine blanke Schwertspitze unter der Kutte zum Vorschein
kommen.

Der Vermummte stimmte ein Lied an:

     Ich trinke keinen Becher Wein,
     Auf keinem roten Mdchenmund
     Hat meine Lipp geruht.
     Ein Antlitz noch so zart und fein,
     Entfacht von meinem Aug in Glut,
     Ein Blick, der fleht: 'Ach, sei mir gut!'
     Dringt nicht auf meines Herzens Grund.

     Kommt nicht in Eurer Schne Glanz,
     Seora, an das Gittertor.
     Ich scheue Euren Blick!
     Ich trage Kutt und Rosenkranz,
     Madonna ists, die ich erkor,
     Dem Wein zieh ich den Quelltrunk vor,
     Der ist mein Trost, mein Glck!

Sobald der letzte Ton verklang, trat Marianne in schwarzem
Sammetgewande, in einen Spitzenschleier gehllt, auf den Balkon. Sie
beugte sich ber das Gitter und sang langsam und ironisch:

     Weshalb denn weilst du, frommer Mann,
     Um Mitternacht vor dem Altan,
     Flehst fr mein Seelenheil du bang?

Pltzlich aber fuhr sie schneller und mit Wrme fort:

     Ach flieh, ach flieh, es geht nicht an!
     Dein Degen guckt hervor gar lang,
     Man hrt durch deinen frommen Sang
     Der Silbersporen hellen Klang!

Bei diesen Worten warf der Mnch seine Vermummung ab, und Gsta Berling
stand in einer Rittertracht aus Gold und Seide unter dem Balkon. Er
kehrte sich nicht an die Warnung der Schnen, sondern kletterte an einer
der Sulen, die den Balkon trugen, hinauf, schwang sich ber das Gitter
und fiel -- wie Patron Julius es arrangiert hatte -- der schnen Marianne
zu Fen.

Sie lchelte ihm holdselig zu, ihm ihre Hand zum Kusse reichend, und
whrend die beiden jungen Leute einander, von Liebe bezaubert,
betrachteten, fiel der Vorhang.

Und vor ihr lag Gsta Berling mit einem Antlitz, sanft wie das eines
Dichters und keck wie das eines Feldherrn, mit tiefen Augen, die von
Schelmerei und Geist strahlten, die flehten und drohten. Geschmeidig und
krftig war er, feurig, berckend.

Whrend der Vorhang aufgerollt und wieder herabgelassen wurde, verharrte
das junge Paar regungslos in derselben Stellung. Gstas Augen sahen
unverwandt die schne Marianne an, sie flehten und drohten.

Dann verstummte der Beifall. Der Vorhang ward nicht wieder aufgezogen,
niemand sah die beiden.

Da beugte die schne Marianne sich hinab und kte Gsta Berling. Sie
wute nicht, weshalb sie es tat, sie mute es tun. Er schlang den Arm
um ihren Hals und prete sie an sich. Sie kte ihn wieder und wieder.

Aber der Balkon, der Mondschein, der Spitzenschleier, die Rittertracht,
der Gesang, der Beifall waren schuld daran; die armen jungen
Menschenkinder waren ganz unschuldig. Sie hatten es nicht gewollt. Sie
hatte die Grafenkronen nicht von sich gestoen, die ber ihrem Haupte
schwebten, war nicht an den Millionen vorbergeschritten, die zu ihren
Fen lagen, weil sie sich nach Gsta Berling sehnte, und er hatte Anna
Stjrnhk noch nicht vergessen. Nein, sie hatten keine Schuld daran,
keiner von ihnen hatte es gewollt.

Der sanfte Lwenberg, dem die Trne im Auge und das Lcheln auf den
Lippen schwebte, zog an jenem Tage den Vorhang auf. Bedrckt von der
Erinnerung vieler kummervoller Ereignisse, schenkte er den Dingen dieser
Welt nur wenig Aufmerksamkeit, hatte er es nie gelernt, sie gebhrend zu
beachten. Als er nun sah, da Marianne und Gsta eine neue Stellung
eingenommen hatten, meinte er, da dies mit zu der Auffhrung gehre,
und zog den Vorhang nochmals wieder auf.

Das junge Paar auf dem Balkon merkte nichts, ehe der Beifallssturm sie
abermals umbrauste.

Marianne schreckte auf, sie wollte entfliehen, Gsta aber hielt sie
zurck und flsterte ihr zu: Stehe still, man glaubt, da dies mit zu
den lebenden Bildern gehrt.

Er fhlte ihren Krper vor Angst erbeben, und die Glut der Ksse erlosch
auf ihren Lippen.

Frchte dich nicht, flsterte er, schne Lippen haben ein Recht zu
kssen.

Sie muten stillstehen, whrend der Vorhang fiel und wieder aufging und
Hunderte von Augen sie jedesmal anstarrten, Hunderte von Hnden ihnen
strmischen Beifall zuklatschten.

Denn es ist erhebend, zwei schne junge Menschen eine Darstellung von
dem Glck der Liebe geben zu sehen. Niemand kam auf den Gedanken, da
die Ksse etwas anderes sein knnten als Theaterblendwerk, niemand
ahnte, da die Seora vor Scham errtete, da der Ritter vor Unruhe
bebte. Sie alle glaubten, da das mit zur Auffhrung gehre.

Endlich standen Marianne und Gsta hinter der Bhne Sie strich sich mit
der Hand das Haar aus der Stirn. Ich verstehe mich selber nicht, sagte
sie.

Pfui Kuckuck, Frulein Marianne, sagte er, machte eine Grimasse und
eine abwehrende Bewegung mit den Hnden, Gsta Berling zu kssen! Pfui
Kuckuck!

Marianne mute lachen.

Alle Welt wei ja, da Gsta Berling unwiderstehlich ist. Mein Vergehen
ist nicht grer als das anderer.

Und sie kamen berein, da sie gute Miene dazu machen wollten, damit
niemand Verdacht ber den wahren Sachverhalt schpfen solle.

Kann ich mich darauf verlassen, da die Wahrheit nie ans Licht kommt,
Herr Gsta? fragte sie, ehe sie sich unter die Zuschauer begaben.

Darauf kann Frulein Marianne sich verlassen. Die Kavaliere wissen zu
schweigen, fr die stehe ich ein.

Sie schlug die Augen nieder, und ein eigentmliches Lcheln kruselte
ihre Lippen.

Wenn nun die Wahrheit trotzdem ans Licht kommen sollte, was werden die
Leute dann nur einmal von mir denken, Herr Gsta?

Sie werden nichts denken; sie werden wissen, da die Sache nichts zu
bedeuten hat. Sie werden meinen, da wir in der Rolle gewesen sind und
weiter gespielt haben.

Noch eine Frage schlich sich unter dem gesenkten Blick, unter dem
erzwungenen Lcheln hervor: Was aber denkt Herr Gsta selber davon?

Ich denke, da Frulein Marianne in mich verliebt ist, lachte er.

So etwas sollte Herr Gsta nicht glauben, erwiderte sie lchelnd, da
mte ich Herrn Gsta mit diesem spanischen Dolch durchbohren, um ihm zu
beweisen, da er unrecht hat.

Teuer sind Frauenksse, sagte Gsta. Kostet es das Leben, von
Frulein Marianne gekt zu werden?

Da traf ihn ein Blick aus Mariannens Augen, der war so scharf, da er
ihn wie einen Dolchsto empfand.

Ich mchte Ihn tot vor mir sehen, Gsta Berling, tot, tot!

Diese Worte erweckten aufs neue ein altes Sehnen in der Brust des
Poeten.

Ach, sagte er, wren doch diese Worte mehr als Worte. Wren sie
Pfeile, die aus dem finstern Dickicht herausflgen, wren sie ein Dolch
oder Gift -- htten sie doch die Macht, diesem elenden Krper ein Ende zu
machen, meiner Seele die Freiheit zu geben!

Sie hatte ihre Ruhe wiedergewonnen und lchelte. Torheiten, sagte sie,
seinen Arm ergreifend, um sich zu den Gsten zu begeben.

Sie behielten ihre Kostme an, und ihr Triumph wiederholte sich, sobald
sie sich im Publikum zeigten. Alle waren des Lobes voll, niemand hegte
den geringsten Verdacht.

Der Ball nahm seinen Fortgang, Gsta aber floh aus dem Tanzsaal. Sein
Herz krmmte sich unter Mariannens Blick, als habe es ein scharfer
Strahl getroffen. Er verstand sehr wohl den Sinn ihrer Worte. Eine
Schande war es, ihn zu lieben, eine Schande, von ihm geliebt zu werden,
eine Schande, schlimmer als der Tod. Er wollte nie wieder tanzen, wollte
sie nicht wiedersehen, die schnen Frauen. Er wute es nur zu gut: diese
schnen Augen, diese roten Wangen strahlten nicht fr ihn. Fr ihn
schwebten diese leichten Fe nicht, fr ihn erklang nicht dies
gedmpfte Lachen. Ja, mit ihm tanzen, mit ihm schwrmen, das konnten
sie, keine von ihnen aber wollte im Ernst die Seine werden.

Der Poet begab sich zu den alten Herren ins Rauchzimmer und nahm Platz
an einem der Spieltische. Zuflligerweise kam er an denselben Tisch, an
dem der mchtige Herr von Bjrne sa; bald spielte er, bald hielt er
Bank und hufte eine ganze Menge von Sechs- und Zwlfschillingstcken
vor sich auf.

Man spielte bereits hoch, Gsta aber brachte noch mehr Fahrt hinein. Die
grnen Scheine kamen zum Vorschein, und der Geldhaufen vor dem mchtigen
Melchior Sinclaire wuchs von Minute zu Minute.

Aber auch vor Gsta hufte sich das Kupfer- und Papiergeld an, und bald
war er der einzige, der den Kampf mit dem Besitzer von Bjrne aushielt.
Es whrte denn auch nicht lange, bis der groe Geldhaufen von Melchior
Sinclaire zu Gsta Berling hinberwanderte.

Nun, Gsta, rief der Gutsherr lachend, als er alles verspielt hatte,
was sich in seiner Brse und in seinem Taschenbuch befand, was sollen
wir jetzt anfangen? Ich bin vllig ausgeplndert, und mit geliehenem
Gelde spiele ich niemals, das habe ich meiner Mutter versprochen.

Er fand aber einen Ausweg. Er verspielte seine Uhr und seinen Biberpelz
und war gerade im Begriff, sein Pferd und seinen Schlitten aufs Spiel zu
setzen, als Sintram ihn davon zurckhielt.

Setze doch lieber gleich etwas ein, was sich verlohnt, rief der bse
Besitzer von Fors. Nimm etwas, was den Unglcksbann brechen kann!

Der Teufel mag wissen, was ich aussetzen soll!

Spiel um dein rotestes Herzblut, Melchior, spiel um deine Tochter!

Das kann der Herr Sinclaire getrost wagen, lachte Gsta. Den Preis
bekomme ich nimmer unter mein Dach!

Der mchtige Melchior konnte ebenfalls nicht umhin zu lachen. Er duldete
es nur ungern, da Mariannens Name am Spieltisch genannt wurde, aber
diese Idee war zu toll, um darber bse zu werden. Mariannen an Gsta zu
verspielen -- ja, das konnte er getrost wagen.

Das heit, Gsta, erklrte er, unter der Bedingung, da, wenn du ihr
Jawort erringen kannst, so setze ich meinen vterlichen Segen auf diese
Karte.

Gsta setzte seinen ganzen Gewinn dagegen, und das Spiel begann. Er
gewann, und der Gutsherr Melchior Sinclaire hielt mit dem Spielen inne.
Gegen das Unglck konnte er nicht ankmpfen, das sah er ein.----

Nun, Gsta Berling, pocht nicht dein Herz bei alledem! Begreifst du
nicht, was dein Schicksal will? Was bedeuteten Mariannens Ksse, was
bedeutete Mariannens Zorn? Verstehst du dich denn nicht mehr auf
Weiberherzen? Und nun dies gewonnene Spiel! Siehst du denn nicht, da
das Schicksal will, was die Liebe will? Auf, Gsta Berling!

Nein, an diesem Abend ist Gsta Berling nicht in Erobererlaune. Er murrt
ber die Unbeugsamkeit des Schicksals. Warum wird Liebe nur von Liebe
gestillt? Er wei, wie alle diese schnen Lieder enden. Liebe kann er
bekommen, aber keine Gattin. Es kann nicht ntzen, das zu versuchen.--

Die Nacht verstrich, es war bereits ber Mitternacht. Die Wangen der
schnen Damen fingen an zu erbleichen, die Locken fielen aus, die
Spitzengarnituren waren zerdrckt. Die alten Damen erhoben sich aus
ihren Sofaecken und sagten, das Fest habe nun volle zwlf Stunden
gedauert, da sei es Zeit, aufzubrechen.

Und das schne Fest sollte wirklich ein Ende haben, da aber griff
Liliencrona selber zur Fiedel und spielte die letzte Polka. Die
Schlitten hielten vor den Tren, die alten Damen hllten sich in ihre
Pelze und Kapuzen, die alten Herren knoteten die Schals um den Hals und
knpften die Pelzstiefel zu.

Die Jungen aber konnten sich nicht vom Tanz losreien. Sie tanzten in
ihren warmen Hllen, es war ein wildes, wahnsinniges Tanzen. Sobald ein
Kavalier eine Dame zu Platz fhrte, kam ein anderer und ri sie mit sich
fort.

Selbst der schwermtige Gsta Berling wurde mit hineingezogen in diesen
Wirbel. Er wollte den Kummer und die Demtigung forttanzen, er wollte
sich brausende Lebenslust ins Blut tanzen, er wollte frhlich sein wie
die andern. Und er tanzte, so da die Wnde im Saal sich drehten und
seine Gedanken schwindelten.

Aber was fr eine Dame war es denn, die er aus der Menge mit sich
fortgerissen hatte? Sie war leicht und geschmeidig, und es war ihm, als
wenn Feuerstrme zwischen ihm und ihr hin und her zuckten. Ach,
Marianne!

Whrend Gsta mit Marianne tanzte, sa Sintram bereits unten im Hof in
seinem Schlitten, und neben ihm stand Melchior Sinclaire. Der mchtige
Gutsherr war ungeduldig, weil er auf Marianne warten mute. Er stampfte
mit den groen Pelzstiefeln in den Schnee und machte sich Bewegung mit
den Armen, denn es war bitter kalt.

Du solltest doch nicht am Ende Marianne an Gsta verspielt haben,
Sinclaire? sagte Sintram.

Wie beliebt?

Sintram ordnete die Zgel und hob die Peitsche in die Hhe, dann
erwiderte er: Diese Ksserei vorhin gehrte nicht mit zu den lebenden
Bildern.

Der mchtige Gutsherr erhob den Arm zu einem vernichtenden Schlage, aber
Sintram war bereits fort. Er fuhr dahin, hieb auf die Pferde ein, so da
sie in wilder Flucht von dannen jagten, und wagte es nicht, sich
umzusehen; denn Melchior Sinclaire hatte eine schwere Hand und eine
kurze Geduld.

Der Besitzer von Bjrne begab sich nun in den Tanzsaal, um seine Tochter
zu holen, und da sah er denn, wie Gsta und Marianne tanzten.

Wild und strmisch war die letzte Polka. Einige Paare waren bleich,
andere glhendrot; der Staub lag gleich einer Rauchwolke ber dem Saal,
die Wachskerzen flackerten tief herabgebrannt in den Leuchtern, und
inmitten all dieser ungemtlichen Zerstrung flogen sie dahin -- Gsta
und Marianne, kniglich in ihrer unerschpflichen Kraft, ohne Makel an
ihrer Schnheit, glcklich in dem Gefhl, sich dieser herrlichen
Bewegung ganz hingeben zu knnen.

Als Marianne aufhrte zu tanzen und nach ihren Eltern fragte, waren
diese nach Hause gefahren. Sie lie sich jedoch ihre berraschung nicht
merken, sondern kleidete sich ruhig an und ging hinaus. Die Damen im
Toilettenzimmer glaubten, da sie im eigenen Schlitten fahre.

Sie aber eilte in ihren dnnen, seidenen Schuhen den Weg entlang, ohne
jemand ihre Not zu klagen. In der Finsternis erkannte keiner der Gste
sie, wie sie dort am Rande des Weges ging, niemand wrde geglaubt haben,
da diese nchtliche Wanderin, die von den vorbereilenden Schlitten in
die hohen Schneeschanzen gedrngt wurde, die schne Marianne sei. Sobald
sie ungestrt in der Mitte des Weges gehen konnte, fing sie an zu
laufen. Sie lief, solange sie konnte, ging dann eine Strecke und lief
darauf wieder. Eine unheimliche, qualvolle Angst trieb sie vorwrts.

Von Ekeby bis Bjrne ist nur eine Viertelmeile. Marianne war bald zu
Hause, aber sie glaubte beinahe, da sie sich verirrt habe. Als sie auf
den Hof kam, waren alle Tren verschlossen, alle Lichter ausgelscht,
sie glaubte anfnglich, da ihre Eltern noch nicht nach Hause gekommen
seien.

Sie ging an die Haustr und klopfte mit einigen schweren Schlgen an.
Sie fate an das Schlo und rttelte daran, da es im ganzen Hause
widerhallte. Niemand kam und ffnete; als sie aber die eiserne Trklinke
loslassen wollte, die sie mit den bloen Hnden erfat hatte, ri sie
sich die an dem Metall festgefrorene Haut von den Hnden.

Der mchtige Gutsherr Melchior Sinclaire war nach Hause gefahren, um
seinem einzigen Kinde die Tr zu verschlieen. Er war berauscht von
Getrnken, wild vor Zorn. Er hate seine Tochter, weil sie Gsta Berling
liebte. Jetzt sperrte er die Dienstboten in die Kche und seine Frau in
die Schlafstube. Mit krftigen Eiden gelobte er, denjenigen
totzuschlagen, der es wagen wrde, Marianne einzulassen. Und man wute,
da er Wort halten wrde.

So erzrnt hatte ihn noch niemand gesehen. Ein grerer Kummer war ihm
noch niemals widerfahren. Wre ihm seine Tochter vor die Augen gekommen,
so wrde er sie vielleicht gettet haben.

Er hatte ihr goldenes Geschmeide und seidene Kleider geschenkt; er hatte
ihr eine feine Bildung und eine wissenschaftliche Erziehung zuteil
werden lassen. Sie war sein Stolz gewesen, seine Ehre. Er hatte zu ihr
aufgesehen, als trge sie eine Krone. Ach! seine Knigin, seine Gttin,
seine angebetete, schne, stolze Marianne! Hatte er jemals gespart, wo
es sich um sie gehandelt hatte? Hatte er sich nicht zu niedrig gefhlt,
um ihr Vater sein zu knnen? Ach, Marianne, Marianne!

Mute er sie nicht hassen, wenn sie in Gsta Berling verliebt war und
ihn kte! Mute er sie nicht verstoen, ihr seine Tr verschlieen,
wenn sie seine Hoheit krnkte, indem sie einen solchen Mann liebte! Lat
sie auf Ekeby bleiben, lat sie zu den Nachbarn laufen, um Nachtquartier
zu begehren, lat sie im Schnee schlafen, das ist einerlei, sie ist doch
schon durch den Schmutz geschleift, die schne Marianne. Der Glanz von
ihr ist fort. Der Glanz von seinem Leben ist dahin!

Er liegt in seinem Bett und hrt sie an die Haustr klopfen. Was geht
das ihn an! Er schlft! Da drauen steht die Dirne, die sich mit einem
abgesetzten Pfarrer verheiraten will -- fr die hat er kein Heim. Htte
er sie weniger geliebt, wre er weniger stolz auf sie gewesen, so htte
er sie hereinlassen knnen.

Ja, seinen Segen kann er ihnen nicht verweigern. Den hatte er verspielt.
Ihr aber seine Tr ffnen, das wollte er nicht. Ach, Marianne!

Das schne junge Mdchen stand noch immer vor der Tr des Hauses. Bald
rttelte sie in ohnmchtigem Zorn an dem Schlo, bald fiel sie auf die
Knie, faltete ihre zerfleischten Hnde und flehte um Vergebung.

Niemand aber hrte sie, niemand antwortete, niemand ffnete ihr.

Ach, war dies nicht schrecklich! Entsetzen erfat mich, whrend ich dies
erzhle. Sie kam von einem Ball, dessen Knigin sie gewesen war. Sie war
stolz, reich, glcklich gewesen, und einen Augenblick spter war sie in
ein so bodenloses Elend gestrzt. Aus ihrem Hause ausgeschlossen, der
Klte preisgegeben, nicht verhhnt, nicht geschlagen, nicht verflucht,
nur mit kalter, mitleidsloser Hrte ausgeschlossen.

Ich denke an die kalte, sternklare Nacht, die sie umgab, diese groe,
weie Nacht mit den leeren, den Schneefeldern, mit den stillen Wldern.
Alles schlief, alles war in schmerzlosen Schlummer versenkt; nur einen
einzigen lebenden Punkt gab es in diesem schlafenden Wei. Aller Kummer,
alle Angst, alle Sorgen, die sonst ber die ganze Welt verteilt sind,
schlichen an diesen einen Punkt heran. Ach Gott! so allein mitten in der
schlafenden, steifgefrorenen Welt leiden zu mssen!

Zum erstenmal in ihrem Leben trat ihr Unbarmherzigkeit und Hrte
entgegen. Ihre Mutter wollte nicht einmal aus ihrem Bette aufstehen, um
sie zu erretten. Alte, treue Diener, die ihre ersten Schritte geleitet
hatten, hrten sie und rhrten keine Hand fr sie.

Fr welch ein Verbrechen wurde sie denn gestraft? Wo durfte sie auf
Barmherzigkeit hoffen, wenn nicht an dieser Tr? Wenn sie einen Menschen
gemordet htte, wrde sie dennoch angepocht haben im festen Glauben, da
die da drinnen ihr verzeihen wrden. Wenn sie zu dem erbrmlichsten von
allen Wesen herabgesunken und elend in Lumpen verkommen wre, so wrde
sie dennoch an diese Tr geklopft und einen liebevollen Empfang erwartet
haben. Diese Tr war der Eingang zu ihrem Heim -- hinter dieser Tr
konnte ihrer nur Liebe harren.

Hatte ihr Vater sie denn jetzt nicht genugsam geprft? Wrde er ihr
nicht bald ffnen?

Vater, Vater! rief sie. La mich ein! Mich friert, ich zittere vor
Klte. Es ist entsetzlich hier drauen!

Mutter, Mutter! Die du so viele Schritte mir zuliebe getan, die du so
viele Nchte meinetwillen gewacht hast, weshalb schlfst du jetzt?
Mutter, Mutter, so wache doch noch diese eine Nacht, und ich will dir
nie wieder Kummer bereiten.

Sie ruft und versinkt dann in atemloses Schweigen, um einer Antwort zu
lauschen. Niemand aber hrte sie, niemand gehorchte ihr, niemand
antwortete.

Da ringt sie die Hnde in wilder Angst, aber ihre Augen haben keine
Trnen.

Das lange dunkle Haus mit seinen verschlossenen Tren und schwarzen
Fenstern liegt unheimlich, unbeweglich da in der Nacht. Was sollte jetzt
nur aus ihr werden, heimatlos wie sie war? Gebrandmarkt, entehrt war
sie, solange der Himmel dieser Erde sich ber ihr wlbte. Und ihr Vater
selber drckte ihr dies glhende Eisen auf die Schulter!

Vater! rief sie noch einmal, was soll aus mir werden? Die Menschen
werden das Schlimmste von mir glauben.

Sie weinte und jammerte, ihr Krper war starr vor Klte.

Ach, da ein solcher Jammer ber einen Menschen hereinbrechen kann, der
eben noch so hoch stand! Ach, es gehrt nicht viel dazu, um in das
tiefste Elend gestrzt zu werden! Mu uns nicht bange werden vor dem
Leben? Wer sitzt in einem sicheren Fahrzeug? Rings um uns her wogt die
Sorge gleich einem strmischen Meer; begehrlich lecken die Wogen an den
Seiten des Schiffleins herauf, siehe, sie brausen auf, um es zu
berwltigen. Kein sicherer Halt, kein fester Boden, kein zuverlssiges
Fahrzeug, soweit das Auge reicht, nur ein unbekannter Himmel ber einem
Meer von Kummer.----

Aber horch! endlich, endlich! ber die Diele nahen leichte Schritte.

Bist du es, Mutter? fragt Marianne.

Ja, mein Kind.

Kann ich jetzt hineinkommen?

Der Vater will dich nicht einlassen.

Ich bin in meinen dnnen Schuhen von Ekeby bis hierher durch den Schnee
gelaufen. Ich habe hier eine Stunde gestanden und gerufen. Ich friere
tot hier drauen. Weshalb seid ihr mir fortgefahren?

Mein Kind, mein Kind, weshalb ktest du Gsta Berling?

Aber so sage dem Vater doch, da ich ihn deswegen nicht liebe. Es war
ja ein Spiel. Glaubt er, da ich Gsta heiraten will?

Geh auf den Pachthof hinab, Marianne, und bitte, da sie dich dort fr
die Nacht aufnehmen. Der Vater ist trunken. Er will keine Vernunft
annehmen. Er hat mich oben gefangen gehalten. Ich schlich hinaus, als
ich glaubte, da er schliefe. Er schlgt dich tot, wenn du ins Haus
kommst.

Mutter, Mutter, soll ich zu Fremden gehen, wenn ich ein Heim habe? Ist
denn meine Mutter ebenso hart wie mein Vater? Wie kannst du es nur
zugeben, da ich ausgeschlossen werde? Ich lege mich hier drauen in den
Schnee, wenn du mich nicht einlt!

Da legte Mariannens Mutter die Hand auf das Schlo, um zu ffnen. Im
selben Augenblick aber wurden schwere Tritte auf der Treppe hrbar, und
eine scharfe Stimme rief nach ihr.

Marianne lauschte, ihre Mutter eilte von dannen, die scharfe Stimme
schalt sie aus -- und dann----

Marianne hrte etwas Entsetzliches -- sie konnte jeden Ton hren in dem
stillen Haus.

Sie hrte den Schall eines Schlages, eines Stockschlages oder einer
Ohrfeige, dann vernahm sie ein schwaches Gerusch und dann abermals
einen Schlag.

Er schlug ihre Mutter, der schreckliche, der riesenhafte Melchior
Sinclaire schlug seine Frau!

Und in bleichem Entsetzen warf sich Marianne auf die Trschwelle nieder
und wand sich in ihrer Angst. Jetzt weinte sie und ihre Trnen gefroren
zu Eis auf der heimatlichen Schwelle.

Gnade und Erbarmen! ffnet, ffnet, damit sie hineinkommen und ihren
Rcken unter den Schlgen beugen kann! Ach, da er ihre Mutter schlagen
kann, weil sie ihre Tochter nicht im Schnee erfrieren lassen will, weil
sie ihr Kind trsten wollte!

Tief erniedrigt ward Marianne in jener Nacht. Sie hatte getrumt, da
sie eine Knigin sei, und lag nun dort, nicht viel besser als eine
gepeitschte Sklavin.

Aber sie erhob sich in kaltem Zorn. Noch einmal schlug sie ihre blutige
Hand gegen die Tr und rief: Hre, was ich dir sage, du, der du meine
Mutter schlgst. Du sollst weinen, Melchior Sinclaire, weinen sollst
du!

Dann ging die schne Marianne hin und legte sich in den Schnee zur Ruhe.
Sie warf den Pelz ab und lag dort in ihrem schwarzen Sammetkleide, das
sich von dem weien Schnee grell abhob. Sie lag da und malte es sich
aus, wie ihr Vater am nchsten Tage bei seiner frhen Morgenwanderung
herauskommen und sie dort finden wrde. Sie hatte nur den _einen_ Wunsch,
da er selber sie finden mge.

O Tod, bleicher Freund, ist es denn ebenso wahr, wie es trstlich ist,
da ich nie umhin kann, dir zu begegnen. Auch zu mir, dem saumseligsten
von den Arbeitern der Erde, kommst du einmal, ziehst den verschlissenen
Lederschuh von meinem Fu, reiest mir den Breilffel und die Mehltonne
aus der Hand, nimmst mir die Arbeitskleider vom Leibe. Mit sanfter Hand
streckst du mich auf das spitzenverzierte Lager und schmckst mich mit
langen, gestickten Linnenkleidern.

Meine Fe bedrfen der Schuhe nicht mehr, aber meine Hnde werden mit
schneeweien Handschuhen bedeckt, die keine Arbeit beschmutzen soll. Von
dir der sen Ruhe geweiht, schlafe ich einen tausendjhrigen Schlaf.

O Erlser! der saumseligste von den Arbeitern der Erde bin ich, und ich
trume mit einem Schaudern von Wollust von dem Augenblick, in dem ich in
dein Reich aufgenommen werden soll.

Bleicher Freund, an mir kannst du gern deine Kraft ben, aber ich sage
dir, hrter war der Kampf gegen die Frauen entschwundener Zeiten! Die
Lebenskrfte waren stark in ihren schlanken Krpern, keine Klte konnte
ihr warmes Blut khlen.

Du hattest die schne Marianne auf dein Lager gelegt, o Tod, und du
saest an ihrer Seite, wie ein altes Kindermdchen an der Wiege sitzet,
um das Kind in Schlaf zu lullen. Du treue alte Amme, die du weit, was
gut ist fr die Kinder der Menschen, wie mu es dich nicht erbosen, wenn
die Spielgefhrten mit Lrm und Getse kommen und dein halbschlummerndes
Kind aufwecken. Wie konntest du anders als zrnen, als die Kavaliere die
schne Marianne von dem Lager aufhoben, als ein Mann sie an seine Brust
prete und warme Trnen aus seinen Augen auf ihr Antlitz fielen.

Auf Ekeby waren alle Lichter gelscht, alle Gste hatten sich
verabschiedet. Die Kavaliere standen oben im Kavalierflgel allein um
die letzte, halbgeleerte Punschbowle.

Da schlug Gsta an die Bowle und hielt eine Rede auf euch, ihr Frauen
entschwundener Zeiten. Von euch zu reden, sagte er, sei, als rede man
vom Himmelreich, eitel Schnheit wret ihr, eitel Licht. Ewig jung, ewig
schn wret ihr und milde wie die Augen einer Mutter wenn sie ihr Kind
anschaut. Weich wie die jungen Eichhrnchen hinget ihr an dem Halse des
Gatten. Niemals hrte man eure Stimme im Zorn erbeben, niemals legte
sich eure Stirn in Falten, eure weiche Hand wurde niemals rauh und hart.
Sanfte Heilige wret ihr, geschmckte Bildsulen im Tempel des Hauses.
Die Mnner lgen euch zu Fen, opferten euch Rucherwerk und Gebete.
Durch euch verrichte die Liebe ihre Wunder, um eure Stirn schlnge die
Poesie ihren goldstrahlenden Glorienschein.

Und die Kavaliere sprangen auf, wirr vom Wein, wirr von seinen Worten,
ihr Blut wallte auf vor Festesfreude. Der alte Onkel Eberhard und der
trge Vetter Kristoffer hielten sich nicht zurck von dem Scherz. In
fliegender Eile spannten die Kavaliere Pferde vor die Schlitten und
eilten hinaus in die kalte Nacht, um denen noch eine Huldigung zu
bringen, denen man niemals gengend huldigen kann, um einer jeden von
denen, deren rote Wangen und helle Augen vor wenigen Stunden in Ekebys
groen Slen gestrahlt hatten, eine Serenade zu bringen.

Aber die Kavaliere kamen nicht weit auf diesem Zuge, denn gleich, als
sie nach Bjrne kamen, fanden sie die schne Marianne an der Tre ihres
Heims im Schnee liegen.

Sie schauderten und ergrimmten, als sie sie daliegen sahen. Es war, als
htten sie ein angebetetes Heiligenbild zertrmmert und beraubt vor der
Kirchentr gefunden, es war, als habe ein Missetter den Bogen einer
Stradivarius-Geige zerbrochen und die Saiten zerrissen.

Gsta drohte mit geballter Faust in der Richtung nach dem dunklen Hause
zu. Ihr Kinder des Hasses! rief er; ihr Hagelschauer, ihr Nordwinde,
ihr Zerstrer von Gottes Paradies!

Beerencreutz zndete seine Hornlaterne an und beleuchtete das
totenbleiche Antlitz. Da sahen die Kavaliere Mariannens zerfleischte
Hnde und die Trnen, die in ihren Wimpern gefroren waren, und sie
jammerten wie die Weiber; denn sie war doch nicht nur ein Heiligenbild
und ein Saitenspiel, sondern eine schne Frau, die ihrem alten Herzen
eine Freude gewesen war.

Gsta Berling warf sich neben sie auf die Knie.

Hier liegt sie nun, meine Braut! sagte er. Vor wenigen Stunden gab
sie mir den Brautku, und ihr Vater hat mir seinen Segen versprochen.
Sie liegt und wartet, da ich kommen und ihr weies Bette teilen soll.

Und Gsta hob die Leblose auf seine starken Arme.

Heim, mit ihr nach Ekeby! rief er. Jetzt ist sie die Meine! Im Schnee
habe ich sie gefunden, jetzt soll niemand sie mir wieder nehmen. Die da
drinnen wollen wir nicht wecken. Was hat sie hinter den Tren zu tun,
gegen die sie ihre Hnde blutig geschlagen hat?

Und sie willfahrteten ihm. Er legte Mariannen in den ersten Schlitten
und setzte sich neben sie. Beerencreutz stellte sich hinten auf und
ergriff die Zgel.

Nimm Schnee und reibe sie damit, Gsta! befahl er.

Die Klte hatte ihre Glieder gelhmt, das war alles. Das wilde,
unbndige Herz schlug noch. Sie hatte nicht einmal das Bewutsein
verloren, sie war sich ganz klar darber, wie die Kavaliere sie gefunden
hatten, aber sie konnte sich nicht rhren. So lag sie steif und
unbeweglich im Schlitten, whrend Gsta Berling sie mit Schnee rieb und
abwechselnd weinte und sie kte. Sie empfand ein unsagbares Verlangen,
nur eine Hand so weit erheben zu knnen, um seine Liebkosung zu
erwidern.

Sie erinnerte sich alles dessen, was geschehen war, lag starr und
unbeweglich da und dachte so klar wie nie zuvor. Liebte sie Gsta
Berling? Ja, das tat sie. War es nur eine Laune, die mit dem heutigen
Abend gekommen war und ebenso schnell wieder schwinden wrde? Nein, sie
hatte ihn schon lange geliebt -- seit vielen Jahren.

Sie verglich sich selber mit ihm und mit den andern Menschen in
Wermland. Sie waren alle unmittelbar wie die Kinder. Jedem Gelst, das
sie ankam, gaben sie nach. Sie lebten nur ein uerliches Leben, hatten
nie die Tiefen ihrer Seele erforscht. Sie aber war so geworden, wie man
zu werden pflegt, wenn man sich in der Fremde unter Menschen bewegt; sie
konnte sich nie ganz hingeben. Wenn sie liebte -- ja, sie mochte sich
noch so sehr bemhen --, so stand die eine Hlfte ihres Ich gleichsam da
und schaute mit einem kalten, hhnischen Lcheln zu. Sie hatte sich nach
einer Leidenschaft gesehnt, die kommen und sie in wilder
Besinnungslosigkeit mit fortreien wrde. Und nun war er, der
Gewaltige, gekommen. Als sie Gsta Berling auf dem Balkon kte, da
hatte sie sich selbst zum erstenmal vergessen.

Und jetzt berkam sie die Leidenschaft von neuem, ihr Herz arbeitete, so
da sie sein Pochen hren konnte. Erhielt sie denn noch immer nicht die
Herrschaft ber ihre Glieder zurck? Sie empfand eine wilde Freude bei
dem Gedanken, aus ihrem Heim verstoen zu sein. Jetzt wollte sie ohne
Bedenken Gstas Gattin werden. Wie dumm war sie doch gewesen, wie viele
Jahre hatte sie nicht ihre Liebe bekmpft. Ach, herrlich, herrlich ist
es, der Liebe nachzugeben, das Brausen des Blutes zu fhlen! Wrde sie
denn aber nimmer, nimmer die Eisfesseln abschtteln! Bisher war sie im
Innern Eis gewesen, und Feuer nach auen hin, jetzt war das Gegenteil
eingetreten -- in einem Eiskrper brannte eine Feuerseele.

Da fhlte Gsta, wie sich zwei Arme um seinen Hals legten, er empfand
einen schwachen, kraftlosen Druck.

Er konnte ihn nur eben empfinden, Marianne aber glaubte, da sie der in
ihrem Innern eingeengten Leidenschaft in einer heftigen Umarmung Luft
gemacht habe.

Als aber Beerencreutz dies sah, lie er das Pferd auf dem wohlbekannten
Wege laufen, wie es wollte. Er erhob den Blick und starrte hartnckig
und unverwandt zu dem Siebengestirn empor.




Die alten Gefhrte


Freunde, Menschenkinder! Sollte der Zufall es so fgen, da ihr dieses
in spter Nacht leset, so wie ich es jetzt in den stillen Nachtstunden
niederschreibe, da sollt ihr nicht erleichtert aufseufzen und denken,
da die guten Herren Kavaliere sich eines ungestrten Schlafes erfreuen
durften, nachdem sie mit Mariannen nach Hause gekommen und sie in ein
gutes Bett in dem besten Fremdenzimmer neben dem groen Saal zur Ruhe
hatten bringen lassen.

Zu Bett gingen sie freilich und in Schlaf fielen sie auch, aber es
sollte ihnen nicht vergnnt sein, bis zum Mittag ruhig zu schlafen.

Denn man darf nicht vergessen, da die alte Majorin inzwischen mit dem
Bettelsack und Stab das Land durchschweifte und da es nie ihre Art
gewesen war, Rcksicht auf die Bequemlichkeit mder Snder zu nehmen.
Jetzt konnte sie das um so weniger tun, als sie beschlossen hatte, in
dieser Nacht die Kavaliere aus Ekeby zu vertreiben.

Die Zeit, wo sie in Glanz und Herrlichkeit auf Ekeby gesessen und Freude
ber die Welt ausgestreut hatte, wie Gott Sterne ber den Himmel
ausstreut, die war dahin. Und whrend sie heimatlos im Lande umherzog,
waren die Macht und die Ehre der groen Besitztmer den Hnden der
Kavaliere berlassen, um von ihnen gehtet zu werden, wie der Wind die
Asche htet, wie die Lenzsonne den Schnee htet.

Zuweilen geschah es, da die Kavaliere in einem langen Schlitten mit
frhlichem Schellengelute ausfuhren. Begegnete ihnen dann die Majorin,
die gleich einer Bettlerin auf der Landstrae einherwankte, so schlugen
sie die Augen nicht nieder. Die lrmende Schar streckte ihr die
geballten Fuste entgegen. Durch eine schnelle Wendung des Schlittens
zwangen sie sie in die hohen Schneeschanzen hinein, und Major Fuchs,
der Brenjger, versumte es niemals, dreimal auszuspucken, damit eine
solche Begegnung keine bse Folgen habe.

Sie hatten kein Mitleid mit ihr, sie betrachteten sie wie eine bse
Hexe. Wre ihr ein Unglck zugestoen, sie wrden sich deswegen nicht
mehr gegrmt haben wie jemand, der in der Walpurgisnacht eine mit
Messingknpfen geladene Bchse abfeuert, sich darber grmt, wenn er
zufllig eine vorbeifliegende alte Hexe trifft. Es war fr die armen
Kavaliere, als hinge ihrer Seelen Seligkeit davon ab, da sie die
Majorin verfolgten. Die Menschen haben einander oft auf das grausamste
gepeinigt, wo es sich um ihrer Seelen Seligkeit handelte.

Wenn die Kavaliere spt in der Nacht vom Trinktische nach dem Fenster
schwankten, um zu sehen, ob die Nacht ruhig und sternenklar war, sahen
sie oft einen dunklen Schatten ber den Hofplatz gleiten, dann wuten
sie, da die Majorin gekommen war, um sich nach ihrem geliebten Heim
umzusehen. In solchen Augenblicken hallte der Kavalierflgel wider von
dem Hohngelchter der alten Snder, und spttische Bemerkungen flogen
durch die geffneten Fenster bis zu ihr hinab.

Wahrlich -- Herzlosigkeit und Hochmut hatten angefangen, ihren Einzug bei
den armen Abenteurern zu halten. Sintram hatte Ha in ihre Herzen gest.
Wenn die Majorin ruhig in Ekeby geblieben wre, htten ihre Seelen nicht
in grere Gefahr geraten knnen. Es fallen mehr Krieger auf der Flucht
als in der Schlacht.

Die Majorin hegte keinen weiteren Zorn gegen die Kavaliere. Htte sie
ihre alte Macht noch gehabt, so wrde sie ihnen die Rute gegeben haben
wie ungezogenen Knaben, um ihnen dann hinterher wieder gut zu sein.
Jetzt aber war sie in Sorge um ihr geliebtes Besitztum, das den
Kavalieren preisgegeben war, um von ihnen gehtet zu werden, wie der
Wolf die Schafe htet.

Gar mancher hat denselben Kummer durchmachen mssen. Sie ist nicht die
einzige, die es mit angesehen hat, wie sich der Verfall ber ein
geliebtes Heim ausbreitet, die fhlt, was es heit, wenn uns das Heim
unserer Kindheit anschaut wie ein verwundetes Wild. Manch einer fhlt
sich wie ein Verbrecher, wenn er sieht, wie die Bume von Flechten
berwuchert, wie die Kiesgnge mit Gras bewachsen sind. Er mchte sich
auf die Knie werfen auf diesen Feldern, die einstmals im reichen
Saatenschmucke prangten, und sie bitten, ihm die Schmach nicht
anzurechnen, die man ihnen angetan hat. Er wendet sich ab von den armen
Pferden, es fehlt ihm an Mut, ihrem Blick zu begegnen. Er wagt es nicht,
am Zauntor zu stehen, wenn die Herde von der Weide heimkehrt. Kein Fleck
auf der Welt erweckt so viel bittere Regungen wie ein verfallendes Heim.

Ach, ich bitte euch alle, die ihr Felder und Wiesen und freudespendende
Blumengrten habt, Sorge dafr zu tragen, sie wohl zu pflegen. Pflegt
sie mit Liebe, mit Arbeit! Es ist nicht gut, wenn die Natur ber die
Menschen trauern mu.

Wenn ich daran denke, was das stolze Ekeby unter dem Regiment der
Kavaliere leiden mute, da wnsche ich, da die Majorin ihr Ziel
erreicht htte, da Ekeby den Kavalieren entrissen wre.

Es war nicht ihre Absicht, selber wieder zur Macht zu gelangen. Sie
hatte nur ein Ziel, ihr Heim von diesen Tollen zu befreien, von diesen
Heuschrecken, diesen Rubern, unter deren Schritten kein Gras wchst.

Whrend sie bettelnd das Land durchstreifte und von Almosen lebte, mute
sie unausgesetzt an ihre Mutter denken, und in ihrem Herzen fate der
Gedanke Wurzel, da niemals bessere Zeiten fr sie kommen wrden, ehe
nicht ihre Mutter das Joch des Fluches von ihren Schultern genommen
hatte. Niemand hatte ihr bisher den Tod der Alten vermeldet, folglich
mute sie noch da oben in den Wldern leben. Trotz ihrer neunzig Jahre
lebte sie noch in unablssiger Arbeit, sorgte im Winter fr ihre
Milchschsseln und im Sommer fr ihre Kohlenmeiler, bis zur Ermdung
arbeitend, sehnsuchtsvoll den Tag erwartend, an dem ihr Lebensberuf
erfllt sein wrde.

Und die Majorin dachte, wenn die Alte so lange lebe, so habe das sicher
den Zweck, da sie den Fluch wieder von ihr nehmen solle. Die Mutter,
die ein solches Elend ber ihr Kind gebracht hatte, konnte unmglich
sterben.

So beschlo denn die Majorin, zu der Alten zu gehen, damit sie beide
Ruhe finden knnten. Sie wollte durch die finsteren Wlder wandern, an
dem langen Flu entlang, bis sie das Heim ihrer Kindheit erreicht hatte.
Eher konnte sie keine Ruhe finden. Gar viele boten ihr in diesen Tagen
ein trautes Obdach und die Gaben einer treuen Freundschaft an, sie aber
hatte keine bleibende Sttte. Barsch und zornig ging sie von Gehft zu
Gehft, denn der Fluch bedrckte sie.

Sie wollte zu ihrer Mutter ziehen, vorerst aber wollte sie fr ihr
geliebtes Ekeby sorgen. Sie wollte es nicht in den Hnden leichtsinniger
Taugenichtse, untchtiger Zechbrder, gleichgltiger Verschwender der
Gaben Gottes lassen. Sollte sie gehen und wiederkommen, um ihr Erbe
vergeudet, ihre Schmieden leer, ihre Pferde ausgehungert und ihre
Dienstboten fern zu finden? Nein, noch einmal wollte sie alle ihre Kraft
zusammenraffen und die Kavaliere vertreiben!

Wohl wute sie, da es ihrem Gatten eine Freude war, zu sehen, wie ihr
Erbe vergeudet wurde. Aber sie kannte ihn hinreichend, um zu wissen, da
er, falls sie seine Heuschrecken vertrieb, zu trge sein wrde, um fr
andere zu sorgen. Waren die Kavaliere erst einmal fort, da wrde ihr
alter Verwalter und Vogt die Leitung des ganzen Betriebes bernehmen und
es wieder in die gewohnten Spuren lenken.

Deswegen war ihr finsterer Schatten viele Nchte lang auf den schwarzen
Wegen, die die Eisenwerke umgaben, umhergeschlichen. Sie war bei den
Huslern ein und aus gegangen, sie hatte unten im untersten Raum der
groen Mhle mit dem Mller und seinen Gesellen geflstert sie hatte in
dem dunklen Kohlenschuppen mit den Schmieden Rat gepflogen.

Und alle hatten geschworen, ihr zu helfen. Die Ehre und das Ansehen des
groen Besitzes sollte nicht lnger den Hnden ruchloser Kavaliere
berlassen werden, um von ihnen gehtet zu werden, wie der Wind die
Asche htet, wie der Wolf die Schafe htet.

Und in dieser Nacht, in der die munteren Herren getanzt und getrunken
haben, bis sie in todesmdem Schlaf auf ihre Betten gesunken sind -- in
dieser Nacht sollen sie fort. Sie hat das Ma ihres bermutes voll
werden lassen. Finsteren Blickes hat sie in der Schmiede gesessen und
gewartet, bis das Fest vorber war. Sie hat noch lnger gewartet, bis
die Kavaliere von ihrer nchtlichen Fahrt zurckkamen, sie hat
schweigend gewartet, bis man ihr vermeldete, da das letzte Licht im
Kavalierflgel erloschen sei, da der groe Hof schlummernd daliege. Da
erhob sie sich und ging hinaus. Es war bereits fnf Uhr des Morgens,
noch aber wlbte die dunkle, strahlende Februarnacht sich ber der Erde.

Die Majorin hie alle Leute sich am Kavalierflgel versammeln; sie
selber betrat zuerst den Hof. Sie nherte sich dem Hauptgebude, klopfte
an die Tr und ward eingelassen. Die Tochter des Pfarrers von Broby, die
sie zu einem tchtigen Dienstmdchen erzogen hatte, nahm sie in Empfang.

Die gndige Frau sind herzlich willkommen, sagte sie, ihr die Hand
kssend.

Lsche das Licht! sagte die Majorin. Glaubst du, da ich hier den Weg
nicht ohne Licht finden kann?

Und dann begann sie ihre Wanderung durch das stille Haus. Sie ging vom
Keller bis zum Boden, um Abschied zu nehmen. Leisen Schrittes schlich
sie von einem Zimmer in das andere.

Die Majorin sprach mit ihren Erinnerungen. Das Mdchen seufzte und
schluchzte nicht, doch Trne auf Trne rollte ihr von den Wangen herab,
whrend sie ihrer Herrin folgte. Die Majorin lie sie den Leinenschrank
und den Silberschrank ffnen und strich mit der Hand ber die feinen
Damastgedecke und ber die prchtigen silbernen Kannen. Auf der
Bettenkammer lie sie die Hand ber die hochaufgetrmten Daunenbetten
gleiten. Alles Hausgert -- Websthle, Spinnrocken, Garnwinden mute sie
berhren. Prfend steckte sie die Hand in die Gewrzlade und befhlte
die Reihen von Talglichten, die unter der Decke hingen.

Die Lichte sind trocken, sagte sie. Sie knnen herabgenommen und
verwahrt werden.

In den Keller ging sie, klopfte an die Fsser und lie die Hand ber die
Borde mit den Weinflaschen gleiten. Sie war in Speisekammer und Kche,
sie befhlte, sie untersuchte alles. Sie streckte ihre Hand aus und nahm
von allem in ihrem Hause Abschied.

Schlielich ging sie in die Zimmer. Im Speisesaal lie sie die Hand ber
den groen Klapptisch gleiten.

Gar mancher hat sich hier an diesem Tisch sattgegessen, sagte sie.

Sie schritt durch alle Zimmer. Sie fand die langen, breiten Sofas an
ihrem alten Platz, sie streichelte den kalten Marmor der Konsolen, die,
von vergoldeten Greifen getragen, die kostbaren Spiegel sttzten.

Ein reiches Haus, sagte sie. Ein herrlicher Mann war der, der mich
zur Herrin ber dies alles setzte.

In dem groen Saal, wo der Tanz noch soeben gewirbelt hatte, standen
schon die hochlehnigen Armsthle wieder in steifer Ordnung an den
Wnden.

Sie trat an das Klavier und schlug leise einen Ton an.

Auch zu meiner Zeit gebrach es hier nicht an Freude und Frohsinn,
sagte sie.

Auch in das Fremdenzimmer hinter dem groen Saal ging die Majorin. Es
war stockfinster. Sie tastete mit der Hand vor sich hin und berhrte
dabei das Gesicht des Mdchens.

Weinst du? fragte sie, denn ihre Hand wurde na von Trnen.

Da schluchzte das junge Mdchen laut. Ach, Herrin, teure Herrin, rief
sie aus, sie zerstren alles! Weshalb ginget Ihr von uns und lieet die
Kavaliere das ganze Haus zerstren?

Die Majorin zog die Gardine zur Seite und zeigte in den Hof hinaus.
Habe ich dich gelehrt, zu weinen und zu jammern? fragte sie. Siehe,
der Hof ist voll von Menschen; morgen wird sich nicht ein einziger
Kavalier mehr in Ekeby befinden.

Kommt Ihr dann wieder? fragte das Mdchen.

Meine Zeit ist noch nicht gekommen, sagte die Majorin. Die Landstrae
ist meine Heimat, der Graben mein Bett. Aber du sollst an meiner Statt
ber Ekeby wachen, whrend ich fort bin, Mdchen.

Und sie gingen weiter. Keins von beiden wute oder dachte daran, da
Marianne gerade in diesem Zimmer schlief.

Sie schlief auch nicht. Sie war ganz wach, hrte alles und verstand
alles. Sie hatte in ihrem Bett gelegen und eine Hymne auf die Liebe
gedichtet.

Du Herrliche, die du mich ber mich selber erhoben hast, sagte sie.
Ich lag in grenzenlosem Elend, und du hast es in ein Paradies
verwandelt. An dem eisernen Schlo der verriegelten Tr hingen meine
Hnde fest, wurden sie mir wund gerissen; auf der Schwelle meines Hauses
liegen meine Trnen zu Perlen von Eis gefroren. Die Klte des Zornes
durchschauerte mein Herz, als ich die Schlge auf den Rcken meiner
Mutter hrte. In der kalten Schneeschanze wollte ich meinen Zorn
verschlafen; aber da kamst du! O Liebe, du Kind des Feuers, du kamst --
zu der von Klte Durchschauerten kamst du. Wenn ich mein Elend mit der
Herrlichkeit vergleiche, die mir daraus ersprossen ist, so erscheint es
mir wie nichts. Losgelst von allen Banden bin ich, habe weder Vater
noch Mutter noch ein Heim mehr. Die Menschen werden alles mgliche
Schlechte von mir glauben und sich von mir abwenden. Wohlan, so geschehe
dein Wille, o Liebe, denn weshalb sollte ich hher stehen als mein
Geliebter? Hand in Hand wollen wir in die Welt hinauswandern. Arm ist
Gsta Berlings Braut. In der Schneeschanze hat er sie gefunden. So la
uns denn ein Heim zusammen grnden, nicht in den hohen Slen, sondern in
der Bauernhtte am Waldesrande. Ich will ihm helfen, den Meiler zu
besorgen, ich will ihm helfen, dem Hasen und dem Birkhuhn Schlingen zu
legen, ich will seine Speisen bereiten, seine Kleider flicken. O mein
Geliebter, glaubst du wohl, da ich trauern und mich sehnen werde, wenn
ich allein am Waldesrande sitze und deiner harre? Das werde ich tun!
Doch nicht nach den Tagen des Reichtums werde ich mich sehnen, nur nach
dir will ich sphen und verlangen, nach deinen Schritten auf dem
Waldpfade, nach deinem frohen Gesang, wenn du mit der Axt ber dem
Nacken daherkommst. O mein Geliebter, mein Geliebter! Solange mein Leben
whrt, knnte ich sitzen und deiner harren.----

So hatte sie dagelegen und Hymnen an den allmchtigen Gott des Herzens
gedichtet, sie hatte ihre Augen noch nicht geschlossen, als die Majorin
eintrat.

Nachdem sie gegangen war, stand Marianne auf und kleidete sich an. Noch
einmal mute sie das schwarze Sammetkleid und die dnnen Ballschuhe
anlegen. Sie hllte sich in ihre Decke wie in einen Schal und eilte noch
einmal in die schreckliche Nacht hinaus.

Ruhig, sternenklar und beiend kalt ruhte die Februarnacht noch ber der
Erde; es war, als solle sie niemals ein Ende nehmen. Und die Finsternis
und die Klte, die diese lange Nacht verbreitete, ruhte noch lange,
lange, nachdem die Sonne aufgegangen war, ber der Erde, noch lange,
lange, nachdem die Schneeschanzen, die die schne Marianne durchwandert
hatte, zu Wasser geworden waren.----

Marianne eilte von Ekeby fort, um Hilfe zu schaffen. Sie konnte es nicht
geschehen lassen, da die Mnner, die sie aus dem Schnee aufgehoben und
ihr Haus und Herz geffnet hatten, vertrieben werden sollten. Sie wollte
nach Sj hinabgehen, zu Major Samzelius. Sie mute sich beeilen. Erst in
einer Stunde konnte sie wieder zurck sein.

Als die Majorin von ihrem Heim Abschied genommen hatte, ging sie auf den
Hofplatz hinaus, wo die Leute sie erwarteten, und der Kampf um den
Kavalierflgel begann.

Die Majorin stellte die Leute rings um das hohe, schmale Gebude auf,
dessen oberes Stockwerk das berchtigte Heim der Kavaliere ist. In dem
groen Zimmer da oben mit den getnchten Wnden, den rotgemalten Kisten
und dem groen Klapptisch, auf dem die Rabougekarten in dem
verschtteten Branntwein schwimmen, wo die breiten Betten von
gelbgewrfelten Vorhngen verhllt sind, da schlafen die Kavaliere. Die
Sorglosen!

Und im Stall, vor gefllten Krippen, schlafen die Kavalierpferde und
trumen von den Fahrten ihrer Jugend. Es ist schn, in Tagen der Ruhe
von den wilden Taten der Jugend zu trumen, von Jahrmarktreisen, wo sie
Tage und Nchte unter offnem Himmel stehen muten, von Wettfahrten
heimwrts von der Frhmesse am Weihnachtsmorgen, von der Probefahrt vor
dem Pferdetausch, wenn tolle Kavaliere, die losen Zgel in der Hand,
sich ber den Wagen hinausbogen, ber ihre Rcken und ihnen Flche in
die Ohren brllten. Es ist schn zu trumen, wenn sie wissen, da sie
nie mehr Ekebys volle Krippen verlassen werden. Die Sorglosen!

In einem alten, verfallenen Wagenschuppen, wo unbrauchbare Wagen und
abgedankte Schlitten hineingeworfen werden, befindet sich eine drollige
Sammlung alter Gefhrte.

Da stehen grnbemalte Korbschlitten und rot und gelb bemalte
Lattenwagen. Da steht das erste Karriol, das man in Wermland gesehen
hat, das Beerencreutz im Jahre 1814 als Kriegsbeute gewann. Da stehen
alle erdenklichen Arten von Einspnnerwagen, Giggs auf schaukelnden
Schwanenhalsfedern, und da stehen Postkarren, lcherliche
Martergertschaften, deren Bock auf hlzernen Federn ruht. Da findet man
sie, alle die rumpelnden Karren und Kutschen und Gefhrte, mit denen
unsere Groeltern auf den Landstraen durchgerttelt wurden. Und da
steht der lange Schlitten, der zwlf Kavaliere fat, und der
Kaleschenschlitten des verfrorenen Vetters Kristoffers, und rneclous
alter Familienschlitten mit dem mottenzerfressenen Brenfell und dem
verschlissenen Familienwappen auf dem Schlag, sowie Spitzschlitten. Eine
wahre Unendlichkeit von Spitzschlitten!

Gro ist die Zahl der Kavaliere, die auf Ekeby gelebt haben und dort
gestorben sind. Ihre Namen hat die Welt vergessen; und sie haben keinen
Platz mehr in den Herzen der Menschen, aber die Majorin hat die Gefhrte
aufbewahrt, in denen sie auf den Hof kamen. Sie hat sie alle in dem
alten Wagenschuppen gesammelt.

Und da drinnen stehen sie und schlafen und lassen den Staub in dichten
Schichten auf sich fallen. Schrauben und Ngel verlieren ihren Halt in
dem vermoderten Holz. Die Farbe schilpert ab, das Krollhaar in der
Rcklehne und in den Polstern guckt aus den Lchern heraus, die die
Motten gefressen haben. Lat uns ruhen, lat uns auseinanderfallen!
sagen die alten Gefhrte. Wir haben lange genug auf den Wegen
gehumpelt, und wir haben Feuchtigkeit genug aus Regen und Schnee in uns
eingesogen. Lat uns ruhen! Lange ist es her, seit wir mit den jungen
Herren zu ihrem ersten Ball ausfuhren, lange ist es her, als wir
frischgewaschen und schimmernd auf die herrlichen Abenteuer der
Schlittenfahrt auszogen, als wir muntere Helden auf aufgeweichten Wegen
in das Lager von Trosns trugen. Sie schlafen, die meisten von ihnen,
aber die letzten und besten werden Ekeby nie mehr verlassen, nie mehr!

Und dann platzt das Oberleder, und dann lsen sich die Ringe von den
Rdern, dann verfaulen Speichen und Radschrauben; die alten Gefhrte
machen sich nichts mehr daraus, zu leben; sie wollen sterben. Der Staub
liegt schon auf ihnen wie ein Leichentuch, und unter seinem Schutz
lassen sie das Alter Macht ber sich gewinnen. In einem ungestrten
Faulenzerleben stehen sie da und verfallen. Niemand benutzt sie, und
doch werden sie zerstrt. Einmal im Jahr tut sich die Tr des
Wagenschuppens auf, wenn ein neuer Kamerad gekommen ist, der sich auf
Ekeby niederlassen will, und sobald sich die Tr wieder geschlossen
hat, legt sich Mdigkeit, Schlaf, Altersschwche auch ber den
Neuangekommenen. Muse und Motten und Holzwrmer und wie sie alle heien
mgen, die Raublustigen, beugen sich ber ihn, und er rostet und
zerfllt in stiller, traumloser Ruhe.

Aber jetzt in der Februarnacht lt die Majorin die Tr weit ffnen.
Beim Schein von Laternen und Lichtern lt sie die Gefhrte
herausfhren, die den jetzigen Kavalieren von Ekeby gehren:
Beerencreutz' altes Karriol und rneclous wappengeschmckten Schlitten,
und die schmale Kalesche, in der Vetter Kristoffer zusammenkroch. Ob es
Winter- oder Sommergefhrte sind, daran kehrt sie sich nicht. Sie sorgt
nur dafr, da jeder das seine bekommt.

Und im Stall werden sie nun geweckt, alle die alten Kavalierpferde, die
eben noch vor den gefllten Krippen trumten. Einmal noch soll der Traum
Wahrheit werden, ihr Sorglosen! Ihr sollt wieder das muffige Heu in den
Reisestllen der Wirtshuser fressen, sollt zittern vor der
Knutenpeitsche der betrunkenen Pferdehndler und den wahnsinnigen
Wettfahrten auf dem schimmernden Eis, das so glatt ist, da ihr davor
bebt, es zu betreten.

Jetzt kommt der rechte Schick ber die alten Gefhrte, wenn die kleinen
grauen Gebirgspferde vor einen hohen, gerippeartigen Gigg gespannt
werden, oder wenn die langbeinigen, knochigen Reiterpferde vor die
niedrigen Spitzschlitten geschirrt werden. Die alten Tiere schnauben und
wiehern, wenn ihnen der Stangenzaum in das zahnlose Maul gelegt wird,
die alten Gefhrte knarren und kreischen. Jammervolle Gebrechlichkeit,
die Erlaubnis htte haben sollen, bis ans Ende der Welt in Ruhe zu
schlafen, wird jetzt an das Tageslicht gezerrt; steife Knie, lahme
Vorderbeine, Spat und Kropf kommen zum Vorschein.

Den Stallknechten gelingt es aber doch, sie alle vorzuspannen. Dann
gehen sie zu der Majorin und fragen, welch Fuhrwerk Gsta Berling haben
soll, denn wie Gott und jedermann wei, kam er in der Kohlenkarre der
Majorin nach Ekeby gefahren.

Spannt Don Juan vor unsern besten Schlitten, sagt die Majorin, und
breitet das Brenfell und die silbernen Glocken darber. Und als der
Stallknecht murrt, sagt sie: Es steht kein Pferd in meinem Stall, das
ich nicht hergeben wrde, um den Kerl loszuwerden, mt ihr wissen!

So, jetzt sind die Gefhrte geweckt und die Pferde, aber die Kavaliere
schlafen noch. Jetzt ist die Reihe an ihnen, in die Winternacht
hinausgefhrt zu werden. Aber es ist eine gewagtere Tat, sie in ihren
Betten anzugreifen, als steifbeinige Pferde und alte, verfallene Wagen
herauszuziehen. Sie sind khne, starke, gefhrliche Mnner, abgehrtet
durch Hunderte von Abenteuern. Sie sind bereit, sich bis auf den letzten
Blutstropfen zu verteidigen; es ist keine leichte Sache, sie gegen ihren
Willen aus ihren Betten zu holen, hinab in die Wagen, die sie von dannen
fhren sollen.

Dann lt die Majorin eine Strohmiete anznden, die so nahe am Hofe
steht, da der Schein zu den schlafenden Kavalieren hineinleuchten mu.

Die Strohmiete gehrt mir, ganz Ekeby gehrt mir! sagt sie. Und als
die Miete in hellen Flammen steht, ruft sie: Jetzt weckt sie!

Aber die Kavaliere schlafen hinter wohlverriegelten Tren. Die
Volksschar drauen stt diesen frchterlichen, schreckeinflenden Ruf:
Feuer! Feuer! aus. Aber die Kavaliere schlafen.

Der schwere Hammer des Schmieds donnert gegen die Tr, aber die
Kavaliere schlafen.

Ein hartgepreter Schneeball zertrmmert die Fensterscheibe, fhrt in
das Zimmer und prallt gegen den Bettvorhang, aber die Kavaliere
schlafen.

Sie trumen, da ein schnes Mdchen ihnen ihr Taschentuch zuwirft, sie
trumen von Beifallssalven hinter dem herabgelassenen Vorhang, sie
trumen von munterem Lachen und dem polternden Lrm mitternchtlicher
Gelage. Ein Kanonenschu vor ihrem Ohr, ein Meer von eiskaltem Wasser
gehrt dazu, um sie zu wecken. Sie haben getanzt, musiziert, gesungen
und Komdie gespielt. Sie sind schwer von Wein, todmde, und sie
schlafen einen Traum so tief wie den Schlaf des Todes.

Dieser gesegnete Schlaf wre fast ihre Rettung geworden. Die Knechte
fangen an zu glauben, da diese Stille eine Fahrt in sich birgt. Wie,
wenn es bedeutete, da sie, die Hand am Gewehr, auf der Wache hinter
Fenster und Tren stehen, bereit, den ersten, der eintritt,
niederzuschieen! Sie sind schlau und streitbar, diese Mnner; etwas
mssen sie mit ihrem Schweigen beabsichtigen. Wer kann von ihnen
glauben, da sie sich berrumpeln lassen wollen wie ein Br in seiner
Hhle?

Die Leute brllen: Feuer! Feuer! Einmal ber das andere, aber es hilft
nichts.

Da, als alle andern zittern, ergreift die Majorin selbst eine Axt und
sprengt die Auentr. Dann luft sie allein die Treppe hinauf, reit
die Tr zum Kavalierflgel auf und brllt: Feuer!

Das ist eine Stimme, die besseren Widerklang in den Ohren der Kavaliere
findet als das Gebrll der Knechte. Gewohnt, dieser Stimme zu gehorchen,
strzen auf einmal zwlf Mnner aus den Betten, sehen den Schein des
Feuers, reien die Kleider an sich und strzen die Treppe hinab, hinaus
auf den Hof.

Aber am Tor stehen der groe Schmied des Gutes und zwei handfeste
Mllerknechte, und nun kommt eine groe Schande ber die Kavaliere. Nach
und nach, so wie sie herunterkommen, werden sie gepackt, niedergeworfen,
an Hnden und Fen gebunden und dann ohne weiteres ein jeder nach dem
Gefhrt getragen, das fr ihn bestimmt war. Niemand entkam. Sie wurden
alle gefangen. Beerencreutz, der barsche Oberst, ward gebunden und
abgefhrt, ebenso Kristian Bergh, der starke Hauptmann, und Onkel
Eberhard, der Philosoph. Selbst der unberwindliche Gsta Berling ward
gefangen. Der Anschlag der Majorin war geglckt, sie ist doch grer als
alle Kavaliere.

Jammervoll sind sie anzusehen, wie sie da mit gebundenen Gliedern in den
alten, wackligen Gefhrten sitzen. Mit hngenden Kpfen und schielenden
Blicken sitzen sie da, und der Schlohof hallt wider von Flchen und
wilden Ausbrchen ohnmchtigen Zornes.

Aber die Majorin geht von dem einen zu dem andern. Schwre, sagt sie,
da du niemals nach Ekeby zurckkehren willst!

Reite du nach dem Blocksberg, du Hexe!

Schwre! sagt sie, oder ich werfe dich wieder in den Kavalierflgel,
gebunden, wie du bist, dann kannst du mit ihm zusammen verbrennen, denn
ber Nacht brenne ich den Kavalierflgel ab, da du das nur weit!

Das darf Frau Majorin nicht!

Ich es nicht drfen? Gehrt Ekeby nicht mir? Du Schurke! Glaubst du,
ich wte es nicht mehr, wie du auf der Landstrae nach mir gespien
hast? Wenn dir recht geschhe, so liee ich dich und euch alle gleich
verbrennen! Hast du deine Hand zu meiner Verteidigung erhoben, als ich
aus meinem Heim vertrieben wurde? Schwre!

Und die Majorin steht da so schreckeinflend, obwohl sie sich
vielleicht zorniger anstellt, als sie ist, und da stehen so viele Mnner
mit groen xten um sie herum, da sie gezwungen sind, zu schwren,
damit nicht ein noch greres Unglck geschieht.

Aber whrend dies alles vor sich gegangen, ist die Zeit verstrichen, und
Marianne hat Sj erreicht. Der Major war ein Frhaufsteher, sie traf ihn
im Hofe, wo er seinen Bren das Frhmahl gereicht hatte. Er machte nicht
viele Worte, legte aber seinen Bren sofort Maulkrbe an, fhrte sie
hinaus und eilte nach Ekeby.

Marianne folgte ihm. Sie war nahe daran, vor Erschpfung umzusinken; da
aber sah sie einen Feuerschein am Himmel, und eine namenlose Angst
ergriff sie.

Was fr eine Nacht war doch dies! Ein Mann schlgt seine Frau und lt
sein Kind vor der Tr erfrieren. Wollte nun eine Frau ihre Feinde
einbrennen, und wollte der alte Major seine Bren auf seine eigenen
Leute hetzen?

Sie berwand ihre Ermattung, eilte dem Major voraus und kam zuerst nach
Ekeby, wo die Majorin inmitten ihrer Leute die Gefhrte der gebundenen
Kavaliere umstand. Atemlos rief sie: Der Major! Der Major kommt mit den
Bren!

Es entstand eine groe Bestrzung. Aller Blicke waren auf die Majorin
gerichtet.

Du hast ihn geholt, sagte sie zu Marianne.

Fliehe um Gottes willen! rief diese noch eifriger. Ich wei nicht,
was der Major im Schilde fhrt, aber er hat seine Bren mitgenommen.

Alle standen still, die Augen auf die Majorin gerichtet.

Habt Dank fr die Hilfe, liebe Kinder! sagte sie ruhig zu ihren
Leuten. Alles, was ber Nacht geschehen ist, war so geordnet, da
niemand von euch deswegen ins Unglck kommen kann. Geht jetzt nach
Hause! Ich will nicht sehen, wie einer von meinen Leuten ttet oder
gettet wird. Geht jetzt!

Aber die Leute blieben stehen.

Die Majorin wandte sich an Marianne. Ich wei, da du liebst, sagte
sie, du handelst im Wahnsinn der Liebe. Mge nie der Tag kommen, an dem
du machtlos zusehen mut, wie dein Heim zerstrt wird! Mchtest du stets
die Herrschaft ber deine Zunge und deine Hand behalten, wenn Zorn deine
Seele anfllt!

Aber kommt jetzt, liebe Kinder, kommt jetzt! fuhr sie zu den Leuten
gewendet fort. Jetzt mu Gott Ekeby beschtzen, ich gehe zu meiner
Mutter. Ach, Marianne, wenn du deinen Verstand wiederbekommst und Ekeby
zerstrt ist und das Land in Not seufzt, dann denke an das, was du ber
Nacht angerichtet hast, und nimm dich der armen Menschen an!

Und dann ging sie, und die Leute gaben ihr das Geleit.

Als der Major auf den Hof kam, fand er keine lebende Seele vor auer
Marianne und einer langen Reihe von Wagen und Pferden, eine lange,
betrbliche Reihe, wo Wagen und Pferd und Besitzer alle gleich gering,
alle gleich mitgenommen vom Leben waren.

Marianne ging umher und lste die Gebundenen. Sie bissen die Lippen
zusammen und sahen nach der Seite. Sie schmten sich wie nie zuvor. Ein
grerer Schimpf war ihnen niemals angetan.

Mir erging es nicht besser, als ich vor ein paar Stunden auf der Treppe
auf den Knien lag, sagte Marianne.

Und dann, lieber Leser, was sich in jener Nacht weiter zutrug, wie die
alten Gefhrte wieder in den Schuppen, die Pferde in den Stall und die
Kavaliere in den Kavalierflgel kamen, das zu erzhlen, darauf will ich
mich nicht einlassen. Die Morgenrte begann sich ber den Bergen im
Osten zu zeigen, und der Tag brach mit Klarheit und Frieden an. Wieviel
friedlicher sind nicht die hellen, sonnigen Tage als die dunklen Nchte,
unter deren beschtzenden Schwingen die Raubtiere jagen und die Eulen
schreien.

Nur das will ich sagen, da, als die Kavaliere wieder hineingekommen
waren und in der Punschbowle noch einige Tropfen gefunden hatten, die
sie in ihre Glser fllen konnten, sie eine pltzliche Begeisterung
berkam.

Die Majorin soll leben, hurrah hoch! riefen sie.

Sie war doch ein Weib ohnegleichen! Was konnten sie wohl Besseres
verlangen, als ihr zu dienen und sie anzubeten.

War es nicht traurig, da der Teufel Macht ber sie gewonnen hatte, und
da all ihr Trachten darauf ausging, die Seelen der Kavaliere in die
Hlle zu schicken!




Der groe Br auf dem Gurlita-Berge


In der Dunkelheit des Waldes wohnen friedlose Tiere, deren Kiefer mit
unheimlich schimmernden Zhnen bewaffnet sind, und deren Fe scharfe
Klauen tragen, die sich danach sehnen, sich in einem blutgefllten Hals
festzubeien, und deren Augen vor Mordlust leuchten.

Da wohnen die Wlfe, die des Nachts zum Vorschein kommen und hinter dem
Schlitten des Bauern herjagen, bis die Mutter das kleine Kind nehmen
mu, das sie auf dem Schoe hlt, und es ihnen hinwirft, um ihr eigenes
und ihres Mannes Leben zu retten.

Da wohnt der Luchs, den der Bauer Gpa nennt; denn im Walde ist es
gefhrlich, ihn bei seinem rechten Namen zu nennen. Wer ihn am Tage
genannt hat, mu am Abend gut nachsehen, ob die Tren und die Luken des
Schafstalls versichert sind, denn sonst kommt er. Er klettert an der
steilen Wand herauf, denn seine Krallen sind wie scharfe Stahlhaken,
schleicht sich durch den engsten Gang und strzt sich ber die Schafe.
Und der Gpa hngt sich an ihre Kehle und trinkt Blut aus der Halsader
und mordet und zerreit, bis das letzte Schaf gettet ist. Er hlt nicht
inne in seinem wilden Totentanz unter den eingeschchterten Tieren,
solange noch ein einziges von ihnen ein Lebenszeichen von sich gibt. Und
am Morgen findet der Bauer alle Schafe tot, mit zerrissenen Kehlen
daliegen, denn der Gpa hinterlt nichts Lebendes, wo er haust.

Da wohnt die Eule, die in der Dmmerung schreit. Schreit man dann
wieder, so kommt sie auf ihren breiten Flgeln ber einen herabgesaust
und hackt einem die Augen aus, denn sie ist kein wirklicher Vogel,
sondern ein verhexter Geist.

Und da wohnt der schrecklichste von ihnen allen, der Br, der eine
Strke von zwlf Mnnern hat und der, wenn er ein Mannbr geworden
ist, nur mit einer silbernen Kugel gettet werden kann. Kann wohl irgend
etwas ein Tier in dem Mae mit dem Nimbus des Schreckens umgeben, wie
dies, da er nur mit einer silbernen Kugel gettet werden kann? Was fr
furchtbare verborgene Krfte wohnen in ihm und machen ihn so hart, da
gewhnliches Blei nichts ausrichtet? Mssen nicht die Kinder viele
Stunden wach liegen und sich vor diesem grauenhaften Tier ngstigen, das
die bsen Mchte beschtzen?

Und sollte man einmal dem Mannbren im Walde begegnen, gro und hoch wie
ein wandernder Held, da soll man nicht laufen und sich auch nicht
verteidigen, sondern sich glatt an die Erde werfen und so tun, als sei
man tot. Viele kleine Kinder haben in Gedanken an der Erde gelegen und
den Bren ber sich gehabt. Er hat sie aber mit seiner Tatze
herumgerollt, und sie haben seinen heien, fauchenden Atem in ihrem
Gesicht gefhlt; aber sie haben still gelegen, bis er weggegangen ist,
um ein Loch zu graben und sie darin zu verbergen. Da sind sie leise
aufgestanden und haben sich weggeschlichen, zuerst ganz sachte, dann
aber in atemloser Hast.

Aber denkt, denkt doch, wenn der Br nun meinen sollte, da sie nicht
richtig tot waren, wenn er versuchte, in sie hineinzubeien, oder wenn
er sehr hungrig wre, oder wenn er she, da sie sich rhrten, und
hinter ihnen drein liefe! Ach Gott!

Das Grauen ist eine Hexe, die in der Dunkelheit des Waldes sitzt und das
Ohr der Menschen mit Zauberliedern erfllt und ihre Herzen mit
unheimlichen Gedanken. Daher kommt die lhmende Furcht, die das Leben
bedrckt und die Schnheit lchelnder Gefilde verfinstert. Die Natur ist
bse und grausam, hinterlistig wie eine schlafende Schlange, nichts kann
man glauben. Da liegt der Lfsee in prahlender Schne, trau ihm aber
nicht, er lauert auf Beute: jedes Jahr fordert er seinen Zoll an
Ertrunkenen! Da liegt der Wald friedlich lockend, trau ihm aber nicht!
Der Wald ist voll von friedlosen Tieren, die von den Seelen bser Hexen
und mordlustiger Ruber besessen sind.

Trau nicht dem Bach mit seinem rieselnden Wasser! Es bringt Krankheit
und Tod, wenn man nach Sonnenuntergang in ihm watet. Trau nicht dem
Kuckuck! Gar lustig ruft er im Frhling. Wenn der Sommer vorber ist,
wird er zum Habicht mit scharfen Augen und frchterlichen Krallen! Trau
nicht dem Moos, nicht dem Heidekraut, nicht dem Berge! Die Natur ist
bse, von unheimlichen Mchten besessen, die die Menschen hassen. Es
gibt keine Sttte, wohin du mit Sicherheit deinen Fu setzen kannst, es
ist unbegreiflich, wie das schwache Menschengeschlecht all diesen
Verfolgungen entrinnen kann.

Das Grauen ist eine Hexe. Sitzt sie noch in der Finsternis der
wermlndischen Wlder und singt Zauberlieder? Verdunkelt sie noch die
Schnheit lchelnder Gefilde? Lhmt sie noch die Freude am Leben? Ihre
Macht ist gro gewesen, das wei ich, in deren Wiege Stahl und in deren
Badewasser glhende Kohlen gelegen haben; ich wei es, ich, die ich ihre
eiserne Hand um mein Herz gefhlt habe.

Im brigen aber soll niemand glauben, da ich jetzt von etwas
Unheimlichem und Schrecklichem erzhlen will.

Es ist nur eine alte Geschichte von dem groen Bren auf dem
Gurlita-Berge, die ich jetzt erzhlen will, und es soll einem jeden
freistehen, sie zu glauben oder sie nicht zu glauben, so wie es bei
allen richtigen Jagdgeschichten sein soll.

       *       *       *       *       *

Der groe Br haust auf dem prchtigen Berggipfel, den man den
Gurlita-Felsen nennt und der sich steil und unzugnglich am Ufer des
oberen Lfsees erhebt. Die Wurzel einer umgewehten Tanne, an der noch
die Grassoden hngen, bildet die Wand und das Dach seiner Behausung; die
Zweige und das Gestrpp beschtzen sie, der Schnee macht sie dicht. Er
kann dadrinnen liegen und einen guten, ruhigen Schlaf von einem Sommer
zum andern halten.

Ist er denn ein Poet, ein krankhafter Trumer, dieser zottige Knig des
Waldes, dieser schiefugige Ruber? Will er die kalten Nchte und die
farblosen Tage des Winters verschlafen, um von brausenden Bchen und
Vogelgesang geweckt zu werden? Will er daliegen und von wartenden
Erdbeerhgeln trumen und von Ameisenhaufen, voll von leckern braunen
kleinen Wesen, und von den weien Lmmern, die an den Abhngen grasen?
Will er dem Winter des Lebens aus dem Wege gehen, der Glckliche?

Der Wind weht und stiebt hinein zwischen die Fhren da drauen; da
drauen streifen Wolf und Fuchs umher, wahnsinnig vor Hunger. Warum soll
der Br allein Erlaubnis haben zu schlafen? Mag er aufstehen und fhlen,
wie die Klte beit, wie schwer es ist, in dem tiefen Schnee zu waten.
Er soll herauskommen!

Er hat sich gut gebettet, er gleicht der schlafenden Prinzessin im
Mrchen: so wie sie von dem Prinzen geweckt wurde, so will er von dem
Frhling geweckt werden. Von einem Sonnenstrahl, der sich durch das
Gestrpp stiehlt und ihm die Schnauze wrmt, von einigen Tropfen des
schmelzenden Schnees, die durch seinen Pelz dringen, will er geweckt
werden. Wehe dem, der ihn zur Unzeit weckt!

Aber den Fall gesetzt, da niemand fragt, was der Knig des Waldes
wnscht! Den Fall gesetzt, da jetzt pltzlich ein ganzer Schwarm von
Hagelkrnern hereingesaust kommt und ihn sticht wie boshafte Mcken!

Er hrt pltzlich Rufe, Lrm und Schsse. Er schttelt den Schlaf aus
seinen Gliedern und schiebt das Gestrpp zur Seite, um zu sehen, was es
ist. Hier gibt es Arbeit fr den alten Raufbold. Es ist nicht der
Frhling, der da drauen vor seiner Hhle lrmt und poltert, es ist
nicht der Wind, der die Tannen umwirft und den Schnee aufwirbelt, es
sind die Kavaliere -- die Kavaliere aus Ekeby.

Sie sind alte Bekannte von dem Knig des Waldes. Er entsinnt sich gar
wohl der Nacht, als Beerencreutz und Fuchs in der Scheune eines Bauern,
wo man seinen Besuch erwartete, auf der Lauer lagen. Sie waren gerade
ber dem Schnapsglas eingeschlafen, als er sich durch das Grassodendach
hereinschwang; aber sie erwachten, als er die gettete Kuh aus dem Stand
herausheben wollte, und fielen mit Bchse und Messer ber ihn her. Die
Kuh nahmen sie ihm weg und das eine Auge auch, aber das Leben rettete er
doch.

Ja -- er und die Kavaliere sind alte Bekannte. Der Knig des Waldes
entsinnt sich gar wohl eines andern Males, als sie ber ihn herfielen,
gerade als er und seine hohe Gemahlin sich hier in der alten Knigsburg
auf dem Gurlita-Felsen mit ihren Jungen zur Winterruhe niedergelassen
hatten. Er entsinnt sich noch, wie unerwartet sie ber ihn herfielen.
Wohl entwischte er ihnen, er fegte alles zur Seite, was ihn hinderte,
und sauste dahin, ohne auf die Kugeln zu achten; aber lahm ward er frs
Leben durch einen Schu, den er in den Schenkel bekam. Und als er des
Nachts in seine Knigsburg zurckkehrte, war der Schnee rot gefrbt von
dem Blut seiner hohen Gemahlin, und die kniglichen Kinder waren
weggefhrt nach der Wohnung der Menschen, um dort aufzuwachsen und
Diener und Freunde der Menschen zu werden.

Ja, jetzt erbebt die Erde, jetzt wird die Schneewehe zerteilt, die die
Hhle verdeckt, jetzt bricht er heraus, der groe Br, der alte Feind
der Kavaliere. Gib jetzt acht, Fuchs, alter Brenjger, gib jetzt acht,
Beerencreutz, Oberst und Rabougespieler, gib jetzt acht, Gsta Berling,
du Held von hundert Abenteuern!

Wehe ber alle Poeten, alle Trumer, alle Liebeshelden! Da steht jetzt
Gsta Berling, den Finger am Hahn der Bchse, und der Br kommt ihm
gerade entgegen. Warum schiet er nicht? Woran denkt er? Warum schickt
er ihm nicht gleich eine Kugel in die breite Brust? Er steht gerade auf
dem rechten Fleck, um das zu tun. Die andern knnen nicht im rechten
Augenblick zum Schu kommen. Glaubt er vielleicht, da er vor der
Majestt des Waldes Parade stehen soll?

Gsta hat natrlich dagestanden und von der schnen Marianne getrumt,
die in diesen Tagen ernstlich krank auf Ekeby liegt, krank von der
Nacht, in der sie im Schnee geschlafen hat. Er denkt an sie, die nun
auch ein Opfer von dem Fluch des Hasses geworden ist, der auf der Erde
ruht, und er schaudert vor sich selbst, da er ausgegangen ist, um zu
verfolgen und zu tten.

Und da kommt der groe Br gerade auf ihn zu. Blind auf dem einen Auge
infolge eines Stiches von dem Messer eines der Kavaliere, lahm auf dem
einen Bein infolge einer Kugel aus der Bchse eines der Kavaliere.
Grausig und struppig, einsam seit der Zeit, als sie seine Gattin tteten
und seine Kinder entfhrten. Und Gsta sieht ihn so, wie er ist: ein
armes, verhetztes Tier, das er nicht des Lebens berauben will, des
letzten, was ihm noch geblieben, nachdem ihm die Menschen alles andere
genommen haben.

Mag er mich tten, denkt Gsta, aber ich schiee ihn nicht tot.

Und whrend der Br auf ihn losstrzt, steht er still wie zur Parade,
und als der Knig des Waldes ihm gerade gegenbersteht, tut er einen
Schritt zur Seite und schultert das Gewehr.

Da setzt der Br seinen Weg fort, wohl wissend, da er keine Zeit zu
verlieren hat, bricht in den Wald ein, bahnt sich einen Weg durch
mannshohe Schneeschanzen, rollt an jhen Abhngen herab und ist dann
hoffnungslos verschwunden, whrend alle die, die mit gespannten Hhnen
dagestanden und auf Gstas Schu gewartet haben, ihre Bchsen hinter ihm
drein abschieen.

Aber es ist vergebens, der Ring ist gebrochen, und der Br ist weg.
Fuchs schimpft, und Beerencreutz flucht; aber Gsta lacht nur. Wie
knnen sie doch nur verlangen, da ein Mensch, der so unglcklich ist
wie er, einem Geschpf Gottes ein Leid antun soll?

Der groe Br auf dem Gurlita-Berge entkam also mit dem Leben, und aus
dem Winterschlaf aufgeweckt ist er, das sollen die Bauern fhlen. Kein
Br hat eine grere Geschicklichkeit, das Dach auf ihren niedrigen,
kellerartigen Viehhusern zu zerreien, keiner versteht es besser, aus
einem Hinterhalt herauszuschleichen.

Die Leute da oben am oberen Lfsee wuten sich bald nicht vor ihm zu
bergen. Einmal ber das andere wurde nach den Kavalieren geschickt, sie
mchten doch herauskommen und den Bren tten.

Tag fr Tag, Nacht fr Nacht, den ganzen Februar hindurch ziehen jetzt
die Kavaliere nach dem oberen Lfsee hinauf, um den Bren zu finden;
aber er entweicht ihnen. Hat er Schlauheit vom Fuchs und Geschwindigkeit
von dem Wolf gelernt? Liegen sie auf der Lauer in dem einen Gehft, so
verheert er das andere. Suchen sie ihn im Walde, dann verfolgt er den
Bauern, der ber das Eis gefahren kommt. Er ist der frechste Ruber
geworden: er kriecht auf den Boden hinauf und leert Mutters Honigkruke.
Er schlgt das Pferd vor Vaters Schlitten tot.

Aber dann, nach und nach fngt man an zu verstehen, was fr ein Br es
ist und warum Gsta nicht auf ihn schieen konnte. Es ist unheimlich,
davon zu sprechen, schrecklich, es zu glauben; aber es ist kein
gewhnlicher Br. Niemand kann daran denken, ihn zu erlegen, falls er
nicht eine silberne Kugel in der Bchse hat. Eine Kugel aus Silber und
Glockenerz, an einem Donnerstag-Abend bei Neumond im Kirchturm gegossen,
ohne da Pfarrer oder Kster oder irgendein Mensch davon wei, die wrde
ihn tten knnen; aber eine solche Kugel ist nicht leicht zu beschaffen.

       *       *       *       *       *

Auf Ekeby wohnt ein Mann, der sich mehr als sonst jemand ber dies alles
grmen mu. Das ist, wie man sich wohl denken kann, Anders Fuchs, der
Brenjger. Er verliert die Lust am Essen, er verliert seinen Schlaf aus
Groll darber, da er den groen Bren auf dem Gurlita-Berge nicht
erlegen kann. Schlielich sieht auch er ein, da der Br nur mit einer
silbernen Kugel erlegt werden kann.

Der barsche Major Fuchs war kein schner Mann. Er hatte einen
schwerflligen, ungeschickten Krper und ein breites, rotes Gesicht mit
schlaffen Wangen und einem vielfachen Doppelkinn. Steif wie Borsten sa
der kleine schwarze Schnurrbart ber seinen dicken Lippen, und das
schwarze Haar stand starr und dicht vom Kopf ab. Dazu war er ein Mann
von wenig Worten, aber von mchtigem Appetit. Er gehrte nicht zu denen,
die die Frauen mit sonnigem Lcheln gren, auch sandte er ihnen keine
sanften Blicke zu. Er glaubte, da er niemals eine Frau finden knne, an
der er Gefallen fand, und alles, was mit Liebe und Schwrmerei zu tun
hatte, lag ihm fern. Wenn er also im Mondschein umherging und wartete,
so mu man nicht glauben, da er die gute Frau Luna zur Vertrauten in
seinen Herzensangelegenheiten machen wollte. Nein, er dachte nur an die
silberne Kugel, die bei Neumond gegossen werden mute.

Und dann kommt ein Donnerstag-Abend, an dem der Mond gerade zwei Finger
breit ist und ein paar Stunden, nachdem die Sonne untergegangen ist,
ber dem Horizont verweilt; da begibt sich Major Fuchs von Ekeby fort,
ohne etwas davon zu sagen, was er vorhat. Er hat Feuerstahl und
Kugelform in der Jagdtasche und die Bchse auf dem Rcken und geht auf
die Broer Kirche zu, um zu sehen, was das Glck fr einen ehrlichen Mann
tun wird.

Die Kirche liegt an dem stlichen Ufer des schmalen Sunds zwischen dem
oberen und dem unteren Lfsee, und Major Fuchs mu ber die Brcke
gehen, um dahin zu gelangen. Also geht er auf die Brcke zu, in tiefen
Gedanken und ohne nach den Brobyer Hgeln hinberzusehen, wo sich die
Huser scharf von dem klaren Abendhimmel abheben, oder nach dem
Gurlita-Felsen, dessen runder Scheitel im Abendschein aufragt. Er sieht
nur zu Boden und grbelt darber nach, wie er des Kirchenschlssels
habhaft werden soll, ohne da es jemand bemerkt.

Als er an die Brcke hinabkommt, hrt er jemand so verzweifelt schreien,
da er gezwungen ist, die Augen vom Erdboden zu erheben.

Zu jener Zeit war Faber, der kleine Deutsche, Organist in Broby. Er war
ein kleiner, schmchtiger Bursche, gering auf die eine wie auf die
andere Weise. Kster war Jan Larsen, ein tchtiger Bauer, aber arm, denn
der Brobyer Pfarrer hatte ihn um sein vterliches Erbe, um ganze
fnfhundert Reichstaler betrogen.

Der Kster wollte sich gern mit der Schwester des Organisten, der
kleinen feinen Jungfer Faber, verheiraten, aber der Organist wollte sie
ihm nicht geben; daher waren die beiden keine guten Freunde. An diesem
Abend begegnete der Kster dem Organisten unten auf der Brcke und fuhr
auf ihn los. Er packt ihn bei der Brust und hlt ihn mit steifem Arm
ber das Gelnder der Brcke, whrend er hoch und heilig schwrt, da er
ihn ins Wasser werfen will, wenn er die kleine feine Jungfer nicht
bekommen soll. Aber der kleine Deutsche will sich nicht ergeben, er
zappelt und schreit, sagt aber in einem fort nein, obwohl er tief unter
sich die schwarze Furche des offenen Wassers zwischen weien Eiskanten
hervorbrausen sieht.

Nein, nein, schreit er, nein, nein!

Es ist nicht zu wissen, ob der Kster in seiner Wut ihn nicht zuletzt
doch noch in das kalte schwarze Wasser htte hineinplumpsen lassen, wenn
nicht Major Fuchs gerade ber die Brcke gekommen wre. Nun wird dem
Kster bange, er setzt Faber wieder auf die Brcke nieder und luft
davon, so schnell er kann.

Der kleine Faber fllt nun dem Major um den Hals und dankt ihm fr sein
Leben; aber der Major schttelt ihn ab und sagt, da sei gar kein Grund
zu danken. Der Major hatte nichts fr Deutsche brig, seit der Zeit,
als er in Putbus auf Rgen whrend des pommerschen Kriegs in Quartier
gelegen hatte. Er war nie in seinem Leben so nahe daran gewesen zu
verhungern wie dazumal.

Nun will der kleine Faber zum Amtmann Scharling hinauflaufen und den
Kster wegen Mordversuchs verklagen; aber der Major teilt ihm mit, da
sich das nicht der Mhe verlohnt, denn hierzulande kostet es nichts,
einen Deutschen totzuschlagen, keinen roten Heller. Und um die Wahrheit
seiner Worte zu beweisen, erbietet er sich selbst, ihn in den Strom
hinabzuwerfen.

Da beruhigt sich denn der kleine Faber und ladet den Major ein, mit nach
Hause zu kommen und Schmorwurst zu essen und altes Bier zu trinken.

Der Major begleitet ihn, denn ihm ist eingefallen, da der Organist
sicher daheim einen Kirchenschlssel haben mu, und so gehen sie denn
den Hgel hinan, auf dem die Broer Kirche mitsamt dem Propsthause, dem
Ksterhause und der Organistenwohnung liegt.

Entschuldigen Sie, entschuldigen Sie, sagt der kleine Faber, als er
und der Major in sein Haus eintreten. Es ist hier heute gar nicht recht
fein. Wir haben heute so viel zu tun gehabt, meine Schwester und ich;
wir haben einen Hahn geschlachtet.

Ei der Tausend! rief der Major aus.

Und dann kam die kleine feine Jungfer Faber mit altem Bier in groen
Tonkrgen herein. Nun wei ja ein jeder, da der Major Frauen nicht mit
milden Augen ansah, aber die kleine Jungfrau Faber mute er doch mit
einem gewissen Wohlwollen ansehen, so allerliebst wie sie dastand in
Leibchen und Mtze. Das blonde Haar war glatt in die Stirn gestrichen,
das selbstgewebte Kleid war so zierlich und so blendend rein; ihre
kleinen Hnde waren so geschftig und geschwind, und ihr kleines Gesicht
war so rosenrot und rund, da er es nicht lassen konnte, zu denken, da,
wenn er so ein niedliches Frauenzimmerchen vor fnfundzwanzig Jahren
gesehen htte, er sicher Anstalten gemacht htte, um sie zu freien. Aber
so nett und rotwangig und behende sie auch war, ihre Augen sind doch
ganz verweint. Und gerade das flt ihm so milde Gedanken ber sie ein.

Whrend die Mnner essen und trinken, geht sie in der Stube ein und aus.
Einmal tritt sie an ihren Bruder heran, macht einen Knix und sagt: Wie
befiehlt mein Bruder, da wir die Khe im Schuppen aufstellen sollen?

Stelle zwlf zur Rechten und elf zur Linken, dann knnen sie sich nicht
stoen, sagte der kleine Faber.

Das ist doch des Teufels! Hat Faber so viele Khe? sagt der Major.

Die Sache hing aber so zusammen, da der Organist nur zwei Khe hatte,
aber er nannte die eine Elf und die andere Zwlf, damit es groartig
klingen sollte, wenn er von ihnen sprach. Und dann erfhrt der Major,
da Faber im Begriff ist, seine Scheune umzubauen, so da die Khe des
Tags drauen gehen und des Nachts im Wetterschuppen stehen.

Die kleine Jungfer Faber geht in der Stube ein und aus. Sie tritt wieder
an ihren Bruder heran und macht ihm einen Knix und sagt, da der
Zimmermann fragt, wie hoch die Scheune sein soll.

Mi die Kuh, sagt der Organist, mi die Kuh!

Major Fuchs findet, da das eine gute Antwort ist.

Wie sie so dasitzen, fngt der Major an, den Organisten zu fragen, warum
die Augen seiner Schwester so rot sind; und da erfhrt er denn, da sie
weint, weil er ihr nicht erlauben will, sich mit dem armen Kster zu
verheiraten, verschuldet und erblos, wie der ist.

Bei alledem verfllt Major Fuchs mehr und mehr in Sinnen. Er leert die
eine Kanne Bier nach der andern und it eine Wurst nach der andern, ohne
darber nachzudenken. Der kleine Faber ist ganz entsetzt ber einen
solchen Appetit und einen solchen Durst; aber je mehr der Major it und
trinkt, um so klarer wird sein Gehirn, um so entschlossener wird sein
Herz. Um so fester wird auch sein Vorsatz, etwas fr die kleine Jungfer
Faber zu tun.

Es war derselbe Major Fuchs, der merkwrdige Mann, der an einem Abend
der Lehnsmannsfrau in Munkerud einen ganzen Prekopf aufa, von dem sie
gedacht hatte, da er die Weihnachtszeit ber vorhalten sollte.

Ihm ward so frhlich zumute, wenn er daran dachte, was fr eine
herrliche Schmorwurst dies doch war. Er, er wollte wahrhaftig dafr
sorgen, da Jungfer Fabers Augen nicht mehr zu weinen brauchten.

Er hat whrenddessen die Augen auf den groen Schlssel mit dem krausen
Bart gerichtet, der an einem Haken an der Tr hing, und kaum hat der
kleine Faber, der dem Major in dem alten Bier Bescheid tun mu, den Kopf
auf den Tisch gelegt und angefangen zu schnarchen, als auch Major Fuchs
sich schon des Schlssels bemchtigt hat, nach der Mtze greift und von
dannen eilt.

Eine Minute spter tastet er sich die Turmtreppe hinauf. Beim Schein
seiner kleinen Hornlaterne gelangt er endlich in den Glockenraum hinauf,
wo die Glocken ihre mchtigen Rachen ber ihm aufsperren. Da oben schabt
er erst mit einer Feile ein wenig Glockenerz ab und will gerade die
Kugelform und das Feuerzeug aus der Jagdtasche nehmen, als er merkt, da
ihm das Allerwichtigste fehlt: er hat kein Silber bei sich. Soll Kraft
bei der Kugel sein, so mu sie ja dort im Turm gegossen werden. Alles
ist in Ordnung: es ist Donnerstag-Abend und Neumond, und niemand hat
eine Ahnung davon, da er da ist, und nun kann er nichts machen. In der
Stille der Nacht stt er einen Fluch aus, und zwar mit einer solchen
Wucht, da die Glocken drhnen.

Gleich darauf hrt er ein leises Gerusch unten aus der Kirche und es
ist ihm, als hre er Schritte auf der Treppe. Ja, wahrhaftig, schwere
Schritte kommen die Treppe hinauf!

Major Fuchs, der da oben steht und flucht, da die Glocken widerhallen,
wird ein wenig bedenklich. Er kann nicht umhin, daran zu denken, wer es
wohl ist, der da herauf kommt, um ihm beim Kugelgieen zu helfen. Die
Schritte kommen nher und nher. Der Betreffende will offenbar ganz in
den Glockenturm hinauf.

Der Major schleicht beiseite, ganz zwischen die Balken und Sparren
hinein, und lscht die Hornlaterne aus. Bange ist er ja gerade nicht,
aber die ganze Geschichte wrde ja verdorben sein, wenn ihn jemand da
oben erblickte. Kaum hat er sich verkrochen, als der Ankmmling den Kopf
durch das Treppenloch steckt.

Der Major erkennt ihn sofort: es ist der geizige Pfarrer aus Broby. Er,
der fast wahnsinnig ist vor Geiz, pflegt seine Schtze an den
wunderlichsten Stellen zu verstecken. Er kommt jetzt mit einem Pckchen
Papiergeld, das er im Turm verbergen will. Da er nicht wei, da ihn
jemand sieht, hebt er eine Diele im Fuboden auf, legt das Geld darunter
und entfernt sich sofort wieder.

Aber der Major ist nicht faul, er hebt dieselbe Diele auf. Nein, welch
eine Menge Geld! Ein Bndel Papiergeld neben dem andern, und dazwischen
braune Lederbeutel voll Silbergeld. Der Major nimmt genau so viel
Silber, wie zu einer Kugel ntig ist; das brige lt er liegen.

Als er wieder unten anlangt, hat er die silberne Kugel in der Bchse. Er
geht und denkt darber nach, ob ihm das Glck in dieser Nacht wohl noch
mehr gute Dinge zugedacht hat; in den Donnerstagnchten knnen ja die
wunderlichsten Dinge geschehen. Erst macht er einen Gang nach der
Organistenwohnung. Ob der verteufelte Br wohl wei, da Fabers Khe in
einem elenden Schuppen stehen, so gut wie unter freiem Himmel?

Ja, wahrhaftig! Sieht er nicht etwas Groes, Schwarzes ber das Feld auf
den Bretterschuppen zukommen? Das mu der Br sein!

Er legt die Bchse an die Wange und will schon losdrcken, besinnt sich
aber wieder.

Jungfer Fabers verweinte Augen erscheinen ihm in der Dunkelheit; er
denkt daran, da er ihr und dem Kster helfen will, aber es kostet ihn
eine groe berwindung, nicht selbst den groen Gurlita-Bren tten zu
sollen. Er sagte selbst hinterher, da ihn nichts in der Welt so groe
berwindung gekostet habe, aber da die kleine Jungfer eine so feine
kleine Person war, mute er es tun.

Er geht nach dem Ksterhaus, weckt den Kster, zieht ihn halb
angekleidet und halb nackend heraus und sagt, er solle auf den Bren
schieen, der Fabers Bretterschuppen umschleicht.

Wenn du den Bren erschieest, so gibt er dir sicher seine Schwester,
sagt er, denn dann wirst du auf einmal ein geachteter Mann. Es ist kein
gewhnlicher Br, und die besten Mnner des Landes wrden sich eine Ehre
daraus machen, ihn erlegt zu haben.

Und er drckt ihm seine eigene Bchse in die Hand, mit der Kugel aus
Silber und Glockenerz geladen und in einem Kirchturm an einem
Donnerstagabend bei Neumond gegossen; aber er zittert vor Neid bei dem
Gedanken, da ein anderer als er selbst den Knig des Waldes, den alten
Bren vom Gurlita-Berge, erlegen soll.

Der Kster zielt -- ja, Gott steh uns bei, er zielt, als wolle er den
Groen Bren erschieen, der hoch oben am Himmel sitzt und sich im Kreis
um den Polarstern dreht, nicht aber einen Bren, der auf den Brobyer
Feldern umherspaziert; und der Schu geht mit einem Knall los, den man
bis oben hinauf auf dem Gurlita-Felsen hren kann.

Aber wie er nun auch gezielt haben mag, der Br fllt. So ist es, wenn
man mit silbernen Kugeln schiet. Man trifft den Bren ins Herz, selbst
wenn man auf das Himmelsgestirn gezielt hat.

Aus allen Gehften und Husern kommen sogleich die Leute herbeigestrzt
und fragen, was da los ist, denn nie hat ein Schu rger geknallt und
mehr schlafende Eichhrnchen geweckt als dieser; und der Kster wird
hchlich belobt, denn der Br ist eine wahre Landplage gewesen.

Auch der kleine Faber kommt heraus, aber nun wird Major Fuchs arg
genarrt. Da steht der Kster, gerhmt und geehrt, und obendrein hat er
Fabers Khe gerettet, aber der kleine Organist ist weder gerhrt noch
dankbar. Er ffnet ihm nicht seine Arme und begrt ihn nicht als Held
und Schwager.

Der Major runzelt die Stirn und stampft mit den Fen vor Zorn ber eine
solche Schndlichkeit. Er will reden und dem kleinen geizigen,
engherzigen Kerl erklren, welch eine Heldentat dies ist, aber da fngt
er an zu stottern, so da er kein Wort herausbringen kann. Und er wird
immer ergrimmter bei dem Gedanken, da er ohne allen Zweck auf die Ehre
verzichtet hat, den groen Bren zu fllen. Es ist ihm unmglich, zu
begreifen, da derjenige, der eine solche Tat vollfhrt hat, nicht
wrdig sein sollte, die stolzeste Braut zu gewinnen.

Der Kster und einige junge Burschen wollen sich daran machen, dem Bren
das Fell abzuziehen; sie gehen an den Schleifstein, um ihre Messer zu
wetzen, die andern gehen nach Hause zu Bett, und der Major bleibt allein
bei dem toten Bren zurck.

Da geht er noch einmal nach der Kirche hinauf, steckt den
Kirchenschlssel in das Schlo, klettert die schmale Treppe und die
steilen Stiegen hinauf, weckt die schlafenden Tauben und gelangt wieder
in den Glockenraum.

Nach einer Weile, als man dem Bren unter der persnlichen Aufsicht des
Majors das Fell abzieht, findet man in seinem Rachen ein Bndel
Papiergeld -- fnfhundert Reichstaler. Es ist unmglich zu sagen, wie
das dahin gekommen ist, aber es ist ja ein merkwrdiger Br, und da der
Kster den Bren erschossen hat, so gehrt ihm das Geld, das ist ja ganz
klar.

Als dies bekannt wird, begreift auch der kleine Faber, welche ehrenvolle
Tat der Kster ausgefhrt hat, und er erklrt, da er stolz darauf sein
wird, ihn seinen Schwager zu nennen.

Freitag abend kehrt Major Fuchs nach Ekeby zurck, nachdem er das
Brenfest im Ksterhaus und den Verlobungsschmaus in der
Organistenwohnung mitgemacht hat. Schweren Herzens wandert er von
dannen, keine Freude empfindet er darber, da der Feind gefallen ist,
und keinen Stolz ber das prchtige Brenfell, das ihm der Kster
geschenkt hat.

Vielleicht wird nun mancher denken, er traure darber, da die kleine
feine Jungfer einem andern gehren soll. Ach nein, das verursacht ihm
keinen Kummer. Aber was ihm zu Herzen geht, ist, da der alte einugige
Knig des Waldes gefallen ist, ohne da er Gelegenheit gehabt hat, eine
Kugel auf ihn abzuschieen.

Und dann kommt er in den Kavalierflgel hinauf, wo die Kavaliere um das
Feuer sitzen, und wirft, ohne ein Wort zu sagen, das Brenfell mitten
unter sie. Niemand mu nun glauben, da er etwas von seinem Abenteuer
erzhlt hat; erst lange nachher gelang es ihnen, ihm den richtigen
Zusammenhang zu entlocken. Auch verriet er nicht das Versteck des
Brobyer Pfarrers, und der hat vielleicht niemals den Diebstahl entdeckt.

Die Kavaliere untersuchten das Fell.

Ein prchtiger Balg, sagte Beerencreutz. Ich mchte wohl wissen, wie
der Bursche aus seinem Winterschlaf herausgekommen ist, oder hast du ihn
vielleicht in der Hhle erschossen?

Er wurde in Bro erlegt.

Ja, so gro wie der Gurlita-Br ist er aber doch nicht, sagte Gsta.
Ein mchtiges Tier ist es freilich gewesen.

Wre er einugig gewesen, sagt Kevenhller, so htte ich geglaubt, du
httest den Alten selbst erlegt, so gro ist er; aber dieser hat weder
eine Wunde noch eine Narbe an dem einen Auge, folglich kann er es nicht
sein.

Fuchs fngt an, ber seine Dummheit zu fluchen und zu schwren; nach
einer Weile aber erhellt sich sein Gesicht so, da er frmlich schn
wird. Dann ist der groe Br also doch nicht von eines andern Mannes
Schu gefallen!

Herr Gott, wie bist du gut! sagt er und faltet die Hnde.




Die Auktion auf Bjrne


Oft muten wir Jungen uns ber die Erzhlungen der Alten wundern. War
denn jeden Tag Ball, solange eure strahlende Jugend whrte? fragten wir
sie. War denn das Leben ein einziges langes Mrchen? Waren zu jener
Zeit alle jungen Damen schn und liebenswrdig? Endete denn jedes Fest
damit, da Gsta Berling eine von ihnen entfhrte?

Da schttelten die Alten ihre ehrwrdigen Hupter und fingen an zu
erzhlen von dem Schnurren der Spindel, dem Klappern des Webstuhls, von
der Geschftigkeit in der Kche, von dem Schlag des Dreschflegels auf
der Tenne und dem Klang der Axt im Walde. Aber es whrte nie lange, bis
sie wieder in den alten Ton verfallen waren. Da hielten die Schlitten
vor der Freitreppe, da eilten die Pferde mit den frhlichen jungen
Menschenkindern durch die dunklen Wlder dahin, da wirbelte der Tanz, da
sprangen die Saiten der Geige. Mit Lrm und Peitschengeknall sauste die
wilde Jagd aus dem Mrchen um den Lfsee. In weiter Ferne hrte man das
Getse, die Bume des Waldes schwankten und fielen, alle Mchte der
Zerstrung wurden losgelassen: die Feuersbrunst flammte, der Giebach
trat ber seine Ufer, heulend umschlichen die hungrigen Wlfe die
Gehfte. Die Hufe der achtfigen Pferde traten alles stille Glck in
den Staub. Wo die Jagd vorbersauste, da entflammten die Herzen der
Mnner in Wildheit, und die Frauen muten in bleichem Entsetzen von Haus
und Hof fliehen.

Und wir Jungen saen staunend, schweigend, grausend und doch glckselig
da. Welche Menschen! dachten wir. Ihresgleichen werden wir nimmer
sehen.

_Dachten_ denn die Menschen jener Zeit niemals ber das nach, was sie
taten? fragten wir.

Freilich _dachten_ sie, Kinder, erwiderten die Alten.

Aber nicht so wie wir denken, behaupteten wir. Und dann verstanden die
Alten nicht, was wir meinten.

_Wir_ aber dachten an den wunderlichen Geist der Selbstkritik, der seinen
Einzug schon in unsere Herzen gehalten hatte. Wir dachten an ihn mit den
Eisaugen und den langen, kncherigen Fingern, an ihn, der im
finstersten Winkel unserer Seele sitzt und unser Wesen in Fasern
zerpflckt, so wie alte Frauen Flicken aus Wolle oder Seide zerzupfen.

Stck fr Stck hatten die langen, kncherigen Finger zerpflckt, bis
unser ganzes Ich wie ein Haufe alter Lumpen dalag, und dann waren unsere
besten Gefhle, unsere unmittelbarsten Gedanken, alles, was wir getan
und gesagt hatten, grndlich untersucht, durchforscht, zerpflckt, und
die Eisaugen hatten zugeschaut, und der zahnlose Mund hatte hhnisch
gelacht und geflstert: Seht, es sind Lumpen -- nichts als Lumpen!

Unter den Menschen jener Zeiten waren auch wohl einige, die ihre Seele
dem Geist mit den Eisaugen erschlossen hatten. Bei dem einen sa er
beobachtend an der Quelle der Handlungen, hohnlachend ber Gutes und
Bses, alles verstehend, nichts verurteilend, untersuchend, leitend,
zerpflckend, die Regungen des Herzens und die Kraft des Gedankens durch
sein unablssiges Hohnlachen lhmend.

Die schne Marianne trug diesen Geist der Selbstkritik in sich. Sie
fhlte, da sein Eisblick, sein Hohnlcheln jedes Wort, jeden Schritt
begleiteten. Ihr Leben war zu einem Schauspiel geworden, bei dem er der
einzige Zuschauer war. Sie war kein Mensch mehr, sie litt nicht, freute
sich nicht, liebte nicht; sie fhrte die Rolle der schnen Marianne
Sinclaire aus, und die Selbstkritik sa mit starrenden Eisaugen und
fleiig zupfenden Fingern da und sah zu, wie sie auftrat.

Sie war in zwei Hlften geteilt. Bleich, unsympathisch, hhnisch sa die
eine Hlfte ihres Ichs da und schaute spttisch zu, wie die andere
handelte, und niemals hatte der wunderliche Geist, der ihr Wesen
zerpflckte, auch nur ein einziges mitfhlendes Wort.

Wo aber war dieser bleiche Wchter der Quelle der Handlungen denn in
jener Nacht gewesen, als sie die Flle des Lebens kennen lernte? Wo war
er, als sie, die kluge Marianne, Gsta Berling vor Hunderten von
Augenpaaren kte, als sie sich in ihrer Verzweiflung in den Schnee
geworfen hatte, um zu sterben? Da waren die Eisaugen geblendet, da war
das Hohnlcheln gelhmt, denn die Leidenschaft hatte ihre Seele mit
Sturm erfllt. Das Getse der wilden Jagd aus dem Mrchen hatte ihr vor
den Ohren gesaust. Sie war in jener entsetzlichen Nacht ein ganzer
Mensch gewesen.

O du Gott der Selbstverhhnung! Als es Marianne nach unendlicher
Anstrengung gelang, ihre erstarrten Arme zu erheben und sie um Gsta
Berlings Hals zu schlingen, da mutest du in der Gestalt des alten
Beerencreutz deine Augen von der Erde ab- und den Sternen zuwenden. In
jener Nacht besaest du keine Macht. Tot warst du, whrend sie ihre
Liebeshymnen dichtete, die schne Marianne -- tot, whrend sie nach Sj
eilte, um den Major zu holen, tot, als sie die Flammen den Himmel ber
den Wipfeln der Wlder rten sah.

Siehe, sie waren gekommen, die mchtigen Sturmvgel, die Adler
dmonischer Leidenschaften. Mit Feuerschwingen und Stahlklauen waren sie
sausend ber dich herabgekommen, du Geist mit den Eisaugen; sie hatten
ihre Klauen in deinen Nacken geschlagen und dich in das Unbekannte
hinweggeschleudert. Tot und zerschmettert warst du. Nun aber waren sie
weiter gefahren, die Stolzen, die Gewaltigen, sie, deren Weg keine
Berechnung kennt, denen noch kein Beobachter zu folgen vermochte; und
aus der Tiefe des Unbekannten war der wunderliche Geist der Selbstkritik
wiedererstanden und hatte sich wieder in der Seele der stolzen Marianne
niedergelassen.------

Den ganzen Februar hindurch lag Marianne krank auf Ekeby. Auf Sj war
sie von den Blattern angesteckt worden. Die entsetzliche Krankheit hat
sich mit ihrer ganzen Gewalt auf sie geworfen, erkltet, erschpft, wie
sie war; sie war dem Tode nahe gewesen; gegen Ende des Monats aber fing
sie an, sich zu erholen. Schwach war sie aber noch und sehr entstellt.
Nie wieder wrde sie die schne Marianne genannt werden.

Dieser Verlust, der Trauer ber ganz Wermland bringen sollte, als sei
einer der kstlichsten Schtze des Landes verloren, war bisher jedoch
nur Marianne und ihrer Pflegerin bekannt. Nicht einmal die Kavaliere
wuten es. Das Krankenzimmer, in dem die Blattern herrschten, stand
nicht einem jeden offen.

Wann aber ist die Selbstkritik strker als in den langen Stunden der
Genesung? Da sitzt sie und starrt und starrt mit ihren Eisaugen und
zupft und pflckt mit ihren harten, kncherigen Fingern. Und sieht man
recht zu, so sitzt dahinter ein anderes, gelblich blasses Wesen, das mit
seinem Hohnlcheln starrt und lhmt, und dahinter noch eins und noch
eins -- alle hohnlachend ber einander und ber die ganze Welt.

Und whrend Marianne dalag und sich mit allen den starren Eisaugen
betrachtete, erstarben alle ursprnglichen Gefhle in ihr.

Sie lag da und spielte die Kranke, sie lag da und spielte die
Unglckliche, spielte die Verliebte, spielte die Rachelustige. Sie war
dies alles, und doch war es nur Spiel.

Unter dem Blick der Eisaugen wurde alles Spiel und Unwirklichkeit, sie
bewachten sie und wurden selber von einem andern Augenpaar bewacht, das
wiederum von einem andern bewacht wurde -- in endloser Perspektive.

Alle starken Krfte des Lebens lagen im Zauberschlaf. Sie hatte die
Fhigkeit zu glhendem Ha, zu hingebender Liebe nur eine einzige Nacht
besessen -- nicht lnger. Sie wute nicht einmal, ob sie Gsta Berling
liebte. Sie sehnte sich danach ihn zu sehen, um zu versuchen, ob er
imstande sei, sie sich selbst vergessen zu machen.

Solange die Macht der Krankheit whrte, hatte sie nur _einen_ klaren
Gedanken gehabt: sie hatte Sorge getragen, da ihre Krankheit nicht
bekannt wurde. Sie wollte ihre Eltern nicht sehen, sie wollte keine
Vershnung mit ihrem Vater, sie wute, da er bereuen wrde, was er
getan, sobald er erfuhr, wie krank sie war. Deswegen befahl sie, da
ihren Eltern und allen andern gesagt werden soll, da dies Augenleiden,
das sie hufig befiel, wenn sie sich auf Bjrne aufhielt, sie zwnge,
hinter herabgelassenen Rouleaus zu sitzen. Sie verbot ihrer Pflegerin zu
sagen, wie krank sie sei; sie verbot den Kavalieren, einen Arzt aus
Karlstad zu holen. Sie habe ja die Blattern, aber nur sehr leicht, und
die Hausapotheke zu Ekeby enthalte genug, um ihr Leben zu fristen.

Sie dachte nie daran, da sie sterben knne; sie lag nur da und wartete
auf ihre Genesung, um mit Gsta zu dem Pfarrer zu fahren und das
Aufgebot zu bestellen.

Nun aber waren die Krankheit und das Fieber berstanden. Sie war wieder
khl und klug. Es war ihr, als sei sie in dieser ganzen Welt von Toren
die einzig Vernnftige. Sie hate nicht und liebte nicht. Sie verstand
ihren Vater, sie verstand sie alle. Wer versteht, der hat nicht.

Sie hatte erfahren, da Melchior Sinclaire die Absicht habe, eine
Auktion auf Bjrne abzuhalten und alles zu zerstren, was er besa,
damit sie nichts von ihm erben knne. Man sagte, er wolle die Zerstrung
so grndlich wie nur mglich machen; erst wollte er alle Mbel und allen
Hausrat verkaufen, dann das Vieh und die Ackergertschaften und zuletzt
den ganzen Hof; und alles Geld wollte er in einen Sack stecken und in
den Lfsee versenken. Zerstrung, Vernichtung sollte ihr Erbe sein.
Marianne lchelte beifllig, als sie das hrte: so war sein Charakter,
so mute er handeln.

Sonderbar erschien es ihr, da sie jemals das Lob der Liebe gesungen
hatte. Sie hatte von einer Htte und von seinem Herzen getrumt; jetzt
konnte sie nicht verstehen, da sie jemals einen solchen Traum gehabt
hatte.

Sie seufzte nach Natur. Sie war dieses ewigen Spiels mde. Nie hatte sie
ein starkes Gefhl. Sie trauerte kaum um ihre Schnheit, aber ihr graute
vor fremdem Mitleid.

O, nur eine Sekunde Selbstvergessenheit! Ein Wort, eine Handlung, eine
Bewegung, die nicht berechnet war!

Eines Tages, als das Zimmer gelftet und von der Aufdeckung gereinigt
war und sie angekleidet auf einem Sofa lag, lie sie Gsta Berling
rufen. Man antwortete ihr, er sei zur Auktion nach Bjrne gefahren.

Wahrlich, das war eine groe Auktion auf Bjrne! Es war ein altes,
reiches Haus. Meilenweit waren die Leute gereist, um zu bieten.

Der groe Melchior Sinclaire hatte alles, was das Haus besa, in dem
groen Saal aufeinander gehuft. Tausende von Dingen lagen bunt
durcheinander in hohen Bergen, die vom Fuboden bis an die Decke
reichten. Er selber war wie der Engel der Zerstrung am Tage des
Gerichts im Hause umhergegangen und hatte alles zusammengeschleppt, was
er verkaufen wollte. Die schwarzen Kochtpfe, hlzernen Sthle,
zinnernen Krge, die Kupfergerte, das alles hatte Ruhe vor ihm, denn
daran war ja nichts, was an Marianne erinnerte; aber das war auch das
Einzige, was seinem Zorn entging.

Er brach in Mariannens Zimmer ein und zerstrte alles. Dort stand ihr
Puppenschrank und ihr Bcherbord, der kleine Stuhl, den er fr sie hatte
machen lassen; ihre Schmucksachen und ihre Kleider, ihr Sofa und ihr
Bett, das alles mute fort.

Dann ging er von einem Zimmer ins andere. Er ri alles an sich, was ihm
mifiel, und trug groe Lasten in den Auktionssaal hinab. Er sthnte
unter den schweren Sofas und Marmortischen, aber er hielt stand. Und er
warf alles in einem entsetzlichen Wirrwarr bunt durcheinander. Er
zerschlug die Schrnke und nahm das kostbare Familiensilber heraus. Weg
damit! Marianne hatte es berhrt. Er nahm die Arme voll von schneeweiem
Damast, solide, eigengemachte Arbeit, die Frchte jahrelangen Fleies,
und warf das Ganze auf den Haufen. Weg damit! Marianne war nicht wert,
es zu besitzen! Er strmte mit Stapeln von Porzellan durch die Zimmer,
ohne sich daran zu kehren, da er die Teller zu Dutzenden zerbrach, und
er ergriff die alten Svrestassen, auf denen das Familienwappen
eingebrannt war. Weg damit! Nehme sie, wer da will! Er warf Berge von
Betten vom Boden herab: Kissen und Daunendecken so weich, da man darin
versank wie in einer Welle. Weg damit! Marianne hatte darauf geschlafen.

Er warf wtende Blicke auf die alten, wohlbekannten Mbel. Gab es wohl
einen Stuhl, ein Sofa, auf dem sie nicht gesessen, ein Gemlde, das sie
nicht betrachtet, einen Kronleuchter, der ihr nicht gestrahlt, einen
Spiegel, der ihre Zge nicht wiedergegeben htte? Finster ballte er
seine Faust gegen diese Welt von Erinnerungen. Am liebsten wre er mit
einer Keule auf sie losgefahren und htte das Ganze in Splitter
zerschlagen.

Doch fand er, da die Rache noch grndlicher war, wenn er das Ganze auf
die Auktion brachte. Zu Fremden hinaus sollte es! Sollte in
Tagelhnerwohnungen beschmutzt werden, unter den Hnden gleichgltiger,
fremder Menschen verfallen. Kannte er nicht zur Genge diese
abgestoenen Auktionsmbel in den Bauernstuben, verachtet, entehrt,
geradeso wie seine schne Tochter! Weg damit! Mochten sie dastehen mit
zerrissenem Polster, aus dem das Krollhaar herausguckte, mit
verschlissener Vergoldung, mit zerbrochenen Beinen und geborstenen
Tischplatten, mochten sie sich nach ihrem alten Heim sehnen! Weg damit
in alle Ecken der Welt, da kein Auge sie wiederfinden, keine Hand sie
wiedersammeln konnte!

Als die Auktion begann, hatte er den halben Saal mit einem unglaublichen
Wirrwarr von aufgestapeltem Hausgert angefllt.

Quer durch den Saal hatte er einen langen Tisch aufgestellt. Dahinter
stand der Auktionshalter und rief auf, dort saen die Schreiber und
schrieben auf, und dort hatte Melchior Sinclaire ein Branntweinfchen
stehen.

Im andern Teil des Saales, auf der Diele und auf dem Hofe befanden sich
die Kufer.

Da waren viele Menschen, viel Lrm und Munterkeit. Die Gebote fielen
schnell, und die Auktion ging lebhaft vonstatten. Aber an dem
Branntweinfchen, seinen ganzen Besitz in grenzenlosen Wirrwarr hinter
sich, sa Melchior Sinclaire, halb betrunken und halb verrckt. Das Haar
umrahmte in wilden Bscheln sein rotes Gesicht, die blutunterlaufenen,
wilden Augen rollten. Er rief und lachte, als sei er in bester Laune,
und jedesmal, wenn jemand ein gutes Gebot machte, rief er ihn zu sich
heran und schenkte ihm einen Schnaps ein.

Unter denen, die ihn dort sahen, befand sich auch Gsta Berling, der
sich zwischen die Kufer gemischt hatte, es aber vermied, Melchior
Sinclaire vor die Augen zu kommen. Ihm ward unheimlich zumute bei dem,
was er sah, und sein Herz schnrte sich zusammen wie im Vorgefhl eines
Unglcks.

Er wunderte sich, wo wohl Mariannens Mutter nur sein mochte. Und
schlielich ging er, halb wider Willen, aber vom Schicksal getrieben,
hin, um Frau Gustava Sinclaire zu suchen.

Er ging durch viele Tren, ehe er sie fand. Der groe Gutsherr hatte
nicht viel Geduld und war kein Freund von Klagen und Weibertrnen. Er
hatte es satt, ihre Trnen flieen zu sehen bei dem Geschick, das ber
die Schtze ihres Hauses hereingebrochen war. Er ward wtend, da sie
ber Leinenzeug und Betten weinen konnte, wo doch das, was weit mehr
war, seine schne Tochter selbst, verloren war, und da hatte er sie mit
geballten Fusten vor sich her durch das ganze Haus getrieben, in die
Kche hinaus, bis in die Speisekammer.

Weiter konnte er nicht kommen, und er hatte sich damit begngt, sie dort
zusammengekauert hinter der Treppe sitzen zu sehen, harte Schlge, ja
vielleicht gar den Tod erwartend. Dort lie er sie sitzen, die Tr aber
schlo er ab und steckte den Schlssel in die Tasche. Da konnte sie
bleiben, bis die Auktion vorber war. Verhungern konnte sie nicht, und
seine Ohren hatten Ruhe vor ihren Klagen.

Da sa sie nun als Gefangene in ihrer eigenen Speisekammer, als Gsta
durch den Gang in die Kche kam. Dort erblickte er Frau Gustavas Gesicht
an einem kleinen Fenster ganz oben an der Wand; sie war da
hinaufgekrochen und guckte aus ihrem Gefngnis heraus.

Was macht Tante Gustava[1] da droben? fragte Gsta.

[1] In Schweden, wo es kein eigentliches Sie gibt, ist es Sitte, da
jngere Leute ltere Freunde Tante und Onkel nennen.

Er hat mich hier eingesperrt, antwortete sie.

Der Gutsherr?

Ja -- ich glaubte, er wrde mich ganz totschlagen. Ach, Gsta, hole doch
den Schlssel, der in der Saaltr steckt, und schliee die
Speisekammertr auf, damit ich hinauskommen kann. Der Schlssel schliet
hier.

Gsta tat, wie ihm geheien, und wenige Minuten spter stand die kleine
Frau in der Kche, die ganz menschenleer war.

Tante htte eins der Mdchen mit dem Saalschlssel aufschlieen lassen
sollen, sagte Gsta.

Glaubst du, da ich die den Kniff lehren will? Dann htte ich ja nie
mehr Frieden in meiner Speisekammer. Und brigens habe ich die Zeit
benutzt, um die oberen Borde aufzurumen. Das tat gro not! Ich begreife
nicht, wie ich es so habe ansammeln lassen knnen.

Tante hat so viel zu tun, sagte Gsta entschuldigend.

Ja, das kannst du glauben. Wenn ich selber nicht berall mit dabei bin,
so kommt weder die Spindel noch der Rocken ordentlich in Gang. Und
wenn...

Hier hielt sie pltzlich inne und trocknete eine Trne aus dem Auge.

Ach, du lieber Gott, seufzte sie, hier stehe ich und rede und bekomme
wohl nie wieder etwas, wofr ich sorgen kann. Er verkauft ja alles, was
wir besitzen und haben.

Ja, das ist ein groer Jammer, sagte Gsta.

Du weit, der groe Spiegel unten im Saal. Das war so ein Prachtstck,
denn das ganze Glas war aus einem Stck, und an der Vergoldung war auch
nicht ein Fleck. Ich habe ihn von meiner Mutter bekommen, und nun will
er ihn verkaufen.

Er ist ja verrckt!

Ja, das kannst du wohl sagen. Verrckt ist er. Er hrt wahrhaftig nicht
eher auf, als bis wir auf die Landstrae geworfen sind und betteln
mssen, so wie die Majorin.

So weit wird es wohl nicht kommen, meinte Gsta.

Ja, Gsta! Als die Majorin von Ekeby fortging, prophezeite sie uns
Unglck, und nun kommt es. Sie wrde es nie zugegeben haben, da er
Bjrne verkaufte. Und stell dir nur vor, sein eigenes Porzellan, die
alten Tassen aus seiner eigenen Familie, die verkauft er. Darin htte
sich die Majorin nie gefunden.

Aber was hat er nur einmal? fragte Gsta.

Ach, es ist nichts weiter, als da Marianne nicht wieder nach Hause
gekommen ist. Er hat darauf gewartet und gewartet. Die ganzen Tage ist
er in der Allee auf und nieder gegangen und hat auf sie gewartet. Er
sehnt sich so nach ihr, da ich glaube, er hat den Verstand darber
verloren; aber ich darf ja nichts sagen.

Marianne glaubt, da er ihr zrnt.

Das glaubt sie nicht. Sie kennt ihn; aber sie ist stolz und will den
ersten Schritt nicht tun. Sie sind strrisch und hart -- alle beide, und
ber mich geht es her, ich sitze zwischen zwei harten Steinen.

Tante wei wohl, da Marianne sich mit mir verheiraten will?

Ach, Gsta, das tut sie niemals. Sie sagt das nur, um dich zu necken.
Sie ist viel zu sehr verwhnt, um sich mit einem armen Mann zu
verheiraten, und auch viel zu stolz. Geh du nach Hause und sage ihr,
wenn sie nicht bald kommt, so geht ihr ganzes Erbe vor die Hunde. Er
lt das Ganze fort, ohne das Geringste dafr zu bekommen.

Gsta ward bse auf sie. Dort sa sie auf einem groen Kchentisch und
hatte fr nichts Sinn als fr ihre Spiegel und ihr Porzellan.

Tante sollte sich schmen! rief er aus. Erst stot Ihr Eure Tochter
in den Schnee hinaus, und dann glaubt Ihr, da sie nur aus lauter
Schlechtigkeit nicht wiederkommt. Und Ihr traut ihr zu, da sie den
verlt, den sie liebhat, nur um nicht erblos gemacht zu werden!

Lieber Gsta! Werde du nun nicht auch noch bse. Ich wei ja gar nicht,
was ich sage. Ich versuchte, Mariannen die Tr zu ffnen, er aber zerrte
mich fort. Hier im Hause heit es stets, da ich nichts verstehe. Ich
gnne dir Marianne von Herzen, wenn du sie glcklich machen kannst. Es
ist kein leichtes Ding, eine Frau glcklich zu machen, Gsta.

Gsta sah sie an. Wie konnte er bse mit einem Menschen wie Frau Gustava
sprechen! Eingeschchtert und abgehetzt war sie, aber sie hatte ein so
gutes Herz.

Tante fragt nicht, wie es Mariannen geht, sagte er leise.

Da brach sie in Trnen aus. Wirst du nicht bse, wenn ich dich frage?
sagte sie. Ich habe mich die ganze Zeit danach gesehnt, dich zu fragen.
Ich wei ja nichts weiter von ihr, als da sie lebt. Nicht einen Gru
habe ich die ganze Zeit hindurch von ihr bekommen, nicht einmal, als ich
ihr ihre Sachen sandte, und da dachte ich, du und sie, ihr wolltet mich
nichts von ihr hren lassen.

Gsta konnte es nicht lnger aushalten. Er war ein wilder, toller Mensch
-- zuweilen mute der Herr seine Wlfe hinter ihm drein senden, um ihn
zum Gehorsam zu zwingen -- aber die Trnen dieser alten Frau waren fr
ihn schlimmer als das Geheul der Wlfe. Er erzhlte ihr die ganze
Wahrheit.

Marianne ist die ganze Zeit hindurch krank gewesen, sagte er. Sie hat
die Pocken gehabt. Heute sollte sie zum erstenmal auf das Sofa gebettet
werden. Ich habe sie seit jener ersten Nacht nicht gesehen.

Mit einem Sprung stand Frau Gustava auf ihren Fen. Sie lie Gsta
stehen und lief, ohne ein Wort zu sagen, zu ihrem Mann hinein.

Die Leute im Auktionssaal sahen sie erregt auf ihn zu laufen und ihm
etwas ins Ohr flstern. Sie sahen, da sein Gesicht noch rter wurde und
da die Hand, die auf dem Hahn ruhte, diesen herumdrehte, so da der
Branntwein auf den Boden flo.

Das sahen alle -- Frau Gustava war mit so wichtigen Nachrichten gekommen,
da die Auktion eine Stockung erlitt. Der Hammer des Auktionators fiel
nicht, die Federn der Schreiber kratzten nicht mehr auf dem Papier, kein
Gebot ward hrbar.

Melchior Sinclaire fuhr aus seinen Grbeleien auf.

Nun, rief er, wirds bald?

Und die Auktion war wieder im vollen Gange.

Gsta sa und wartete in der Kche, und Frau Gustava kam weinend zu ihm
hinaus.

Es half nichts, sagte sie. Ich dachte, er wrde innehalten, wenn er
erfhre, da Marianne krank gewesen ist, aber nun lt er sie
fortfahren. Er wrde schon aufhren, wenn er sich nicht schmte.

Gsta zuckte die Achseln und verabschiedete sich von ihr. Auf der Diele
begegnete er Sintram.

Eine verteufelt amsante Geschichte! rief Sintram und rieb sich die
Hnde. Du bist ein Meister, Gsta! Was du doch alles zustande bringen
kannst!

Es wird bald noch viel amsanter! flsterte Gsta. Der Pfarrer aus
Broby ist hier mit einem ganzen Schlitten voll Geld; man sagte, er will
ganz Bjrne kaufen und kontant bezahlen. Da will ich doch sehen, was fr
ein Gesicht der groe Gutsherr aufsetzt.

Sintram zog den Kopf ganz zwischen die Schultern und lachte ein langes,
inwendiges Lachen. Dann ging er in den Auktionssaal und trat dicht an
Melchior Sinclaire heran.

Willst du einen Schnaps haben, Sintram, so mut du, hol mich der
Teufel! erst bieten.

Du hast doch auch stets Glck, Bruder, sagte Sintram. Hier kommt
einer mit einem ganzen Schlitten voll Geld gefahren. Er will Bjrne mit
Inventar, Besatzung und allem kaufen. Er hat mit andern die Verabredung
getroffen, da sie fr ihn bieten sollen. Er selber will sich solange
gar nicht zeigen.

Du kannst mir wohl sagen, wer es ist, wenn ich dir einen Schnaps fr
die Mhe gebe?

Sintram nahm den Schnaps und trat ein paar Schritte zurck, ehe er
antwortete.

Es soll der Pfarrer von Broby sein, Bruder Melchior!

Melchior Sinclaire hatte bessere Freunde als den Pfarrer von Broby. Es
hatten jahrelange Feindseligkeiten zwischen ihnen bestanden. Die Sage
ging, da der groe Gutsherr in dunklen Nchten auf den Wegen, die der
Pfarrer zurcklegen mute, auf der Lauer gelegen und ihm manche Tracht
Prgel verabreicht hatte, diesem Bauernschinder, diesem Geizkragen!

Wohl hatte sich Sintram einige Schritte zurckgezogen, doch entging er
nicht ganz dem Zorn des groen Mannes. Er bekam ein Schnapsglas an die
Stirn und das ganze Branntweinfchen vor die Fe gesegelt. Dann aber
folgte auch eine Szene, die sein Herz noch fr lange Zeiten erfreute.

Will der Pfarrer von Broby mein Gut haben? brllte Sinclaire. Steht
ihr da und schlagt dem Pfarrer von Broby meinen Besitz zu? Wie die Hunde
solltet ihr euch schmen! -- Er nahm einen Leuchter und ein Tintenfa
und schleuderte beides in die Volksmenge. Alle die Bitterkeit seines
armen Herzens machte sich endlich Luft. Brllend wie ein wildes Tier,
ballte er die Faust gegen die Umherstehenden und schleuderte alles, was
ihm in die Hand kam, als Wurfgeschosse gegen sie. Schnapsflaschen und
Glser sausten durch den Saal. Er wute selber nicht, was er tat. Die
Auktion ist beendet! brllte er. Hinaus mit euch! Solange ich lebe,
soll der Pfarrer von Broby nun und nimmer Herr auf Bjrne werden. Hinaus
mit euch! Ich will euch lehren, fr den Pfarrer von Broby zu bieten.

Er ging auf den Auktionshalter und die Schreiber los. Sie sprangen zur
Seite. In der Verwirrung rissen sie den Tisch um, und der Gutsherr fuhr
wie ein Rasender unter die groe Schar friedlicher Menschen.

Es entstand Flucht und wilde Verwirrung. Ein paar hundert Menschen
drngten nach der Tr aus Furcht vor einem einzigen Manne. Und er stand
still, sein Hinaus mit euch! brllend. Er sandte ihnen laute
Verwnschungen nach, indem er einen Stuhl wie eine Keule ber seinem
Haupte schwang.

Er verfolgte sie bis auf die Diele hinaus, aber nicht weiter. Als der
letzte Fremde die Treppe hinab war, ging er in den Saal zurck und
schlo die Tr hinter sich ab. Dann zog er eine Matratze und ein paar
Kissen aus dem Haufen heraus, legte sich darauf nieder und schlief
mitten in der Zerstrung ein, um erst am andern Tage wieder zu
erwachen.----

Als Gsta nach Hause kam, erfuhr er, da Marianne mit ihm sprechen
wolle. Das traf sich gnstig, er hatte gerade darber nachgedacht, wie
er sie zur Sprache bekommen knne.

Als er in das dunkle Zimmer trat, in dem sie lag, blieb er einen
Augenblick an der Tr stehen. Er konnte nicht sehen, wo sie war.

Bleibe, wo du bist, Gsta, sagte Marianne. Es kann gefhrlich sein,
mir nahezukommen.

Aber Gsta war die Treppen in ein paar Sprngen hinangeeilt, bebend vor
Eifer und Sehnsucht. Was kmmerte er sich um die Ansteckung. Er wollte
die Seligkeit genieen, sie zu sehen.

Denn sie war schn, die Geliebte seines Herzens. Niemand hatte so
weiches Haar, eine so klare, strahlende Stirn. Ihr ganzes Gesicht war
ein Spiel schn geschwungener Linien.

Er dachte an die Augenbrauen, die sich so scharf und klar abhoben wie
die Honiggrbchen einer Lilie, an die keck geschwungene Linie der Nase,
an die Lippen, die sich fein kruselten wie eine rollende Woge, an das
Oval der Wangen und die ausgesucht feine Form des Kinns. Er dachte an
die zarte Farbe ihrer Haut, an die nachtschwarzen Brauen unter dem
blonden Haar, an die blauen Augpfel in dem klaren Wei, an den Schimmer
in den Augenwinkeln.

Schn war sie, seine Geliebte! Er dachte daran, welch ein warmes Herz
sie unter dem stolzen uern verbarg. Sie hatte die Kraft, sich
hinzugeben, sich zu opfern, verbarg sie aber sorgsam unter dem eleganten
Wesen, unter den stolzen Worten. Es war Seligkeit, sie zu sehen.

In zwei Sprngen war er die Treppe hinaufgekommen, und dann glaubte sie,
da er an der Tr stehenbleiben wolle! Er strmte durch das Zimmer und
sank neben ihrem Lager auf die Knie.

Er wollte sie sehen, sie kssen, Abschied von ihr nehmen. Er liebte sie,
er wrde niemals aufhren, sie zu lieben, aber sein Herz war daran
gewhnt, in den Staub getreten zu werden.

O, wo sollte er sie finden, diese Rose ohne Sttze, ohne Wurzel, die er
zu sich nehmen und die Seine nennen durfte? Nicht einmal sie, die er
verworfen und halbtot am Wegesrande gefunden hatte, durfte er behalten.
Wann wrde wohl seine Liebe ihren Gesang anstimmen, so hoch und rein,
da kein Miklang hindurchtnte? Wann wrde sein Glck auf einem Grund
erbaut werden, nach dem sich kein anderes Herz mit Unruhe und Verlangen
sehnte?

Er dachte darber nach, wie er Abschied von ihr nehmen sollte.

Es herrscht groer Jammer daheim bei dir, wollte er sagen. Mein Herz
blutet, wenn ich daran denke. Du mut nach Hause gehen und deinem Vater
seinen Verstand wiedergeben. Deine Mutter schwebt in bestndiger
Lebensgefahr. Du mut nach Hause, Geliebte!

Seht, solche Worte der Entsagung hatte er auf den Lippen, aber sie
wurden nicht ausgesprochen.

Er fiel an ihrem Lager auf die Knie, nahm ihren Kopf zwischen beide
Hnde und kte sie. Dann aber fand er keine Worte. Sein Herz begann so
heftig zu schlagen als wollte es seine Brust zersprengen.

Die Blattern hatten das schne Gesicht zerstrt, die Haut war grob und
narbig geworden. Nie wieder sollte das rote Blut durch die Wangen
schimmern oder in den feinen blauen Adern an der Stirn sichtbar werden.
Die Augen lagen matt unter den geschwollenen Lidern. Die Brauen waren
verschwunden, und die weie Emaille in den Augen hatte einen gelblichen
Schimmer.

Alles war zerstrt. Die kecken Linien waren grob und schwerfllig
geworden.

Es waren ihrer nicht wenige, die spter Marianne Sinclaires
entschwundene Schnheit beweinten. Aber der erste Mann, der sie sah,
nachdem sie ihre Schnheit verloren hatte, gab sich nicht dem Schmerz
hin. Unsagbare Gefhle erfllten seine Seele. Je lnger er sie ansah, um
so wrmer wurde es in ihm. Die Liebe schwoll und schwoll wie ein Flu im
Frhling. Gleich Feuerwogen entstrmte sie seinem Herzen, sie erfllte
sein ganzes Wesen, sie stieg ihm als Trnen in die Augen, seufzte auf
seinen Lippen, zitterte in seinen Hnden, in seinem ganzen Krper.

O, sie zu lieben, sie zu verteidigen, sie schadlos zu halten, schadlos!
Ihr Sklave zu sein, ihr Schutzgeist!

Stark ist die Liebe, wenn sie die Feuertaufe des Schmerzes erhalten hat.
Er konnte nicht mit Marianne von Trennung und Entsagung reden. Er konnte
sie nicht verlassen. Er schuldete ihr sein Leben. Er htte um
ihretwillen Todsnden begehen knnen.

Er sprach kein vernnftiges Wort; er weinte nur und kte sie, bis die
alte Pflegerin meinte, da es jetzt fr ihn an der Zeit sei zu gehen.

Nachdem er gegangen war, lag Marianne da und dachte an ihn und an seine
Erregung.

Es ist gut, so geliebt zu werden, dachte sie.

Ja, es war gut, geliebt zu werden; wie aber stand es mit ihr selber? Was
fhlte sie? Ach, nichts! Weniger als nichts!

War sie tot, ihre Liebe, oder wohin war sie entflohen? Wo verbarg es
sich, das Kind ihres Herzens? Lebte es noch, hatte es sich in den
innersten Winkel ihres Herzens verkrochen und sa dort und fror unter
den Eisblicken, eingeschchtert durch das Hohngelchter, halberstickt
von den kncherigen Fingern?

Ach, meine Liebe, seufzte sie, mein Herzenskind! Lebst du oder bist
du tot, tot wie meine Schnheit?

       *       *       *       *       *

In der Frhe des nchsten Morgens kam der groe Gutsherr zu seiner Frau
herein.

Sieh zu, da du wieder Ordnung im Hause schaffest, Gustava, sagte er.
Ich fahre hinber, um Marianne zu holen.

Ja, lieber Melchior, es soll alles wieder in Ordnung gebracht werden,
erwiderte sie.

Damit war alles zwischen ihnen klar. Eine Stunde spter befand sich der
groe Gutsherr auf dem Wege nach Ekeby.

Man konnte keinen stattlicheren und freundlicheren Herrn sehen als Herrn
Melchior Sinclaire, wie er dort in dem zurckgeschlagenen
Kaleschenschlitten sa, in seinem besten Pelz und mit seinem besten
Halstuch. Jetzt lag sein Haar glattgekmmt ber dem Scheitel, das
Gesicht aber war bleich, und die Augen lagen tief in ihren Hhlen.

Und unbeschreiblich war auch der Glanz, der von dem wolkenlosen Himmel
ber den Februartag herabstrmte. Der Schnee funkelte, wie die Augen der
jungen Mdchen, wenn zum ersten Tanz aufgespielt wird. Die Birken
streckten ihr Spitzengewebe von feinen rotbraunen Zweigen zum Himmel
empor, und an einigen sa noch eine Franse von kleinen, funkelnden
Eiszapfen.

Es lag Festglanz ber dem Tage. Die Pferde warfen tanzend die
Vorderbeine in die Hhe, und der Kutscher mute vor lauter Vergngen mit
der Peitsche knallen.

Nach einer kurzen Fahrt hielt der Schlitten des groen Gutsherrn vor der
Treppe zu Ekeby. Der Diener kam heraus.

Wo ist deine Herrschaft? fragte Melchior Sinclaire.

Sie sind auf Jagd nach dem groen Bren in den Gurlita-Bergen.

Alle zusammen?

Alle zusammen, Herr. Wer nicht um des Bren willen mitgeht, der geht
des Fouragesacks wegen mit.

Der Gutsherr lachte, so da es ber den stillen Hof schallte. Er gab dem
Diener einen Taler fr die Antwort.

Sage meiner Tochter, da ich hier bin, um sie zu holen. Sie soll nicht
bange sein, da sie frieren wird. Ich habe einen Kaleschenschlitten, und
einen Wolfspelz habe ich auch mitgebracht, um sie einzuhllen.

Wollen der gndige Herr nicht eintreten?

Nein, ich sitze gut, wo ich sitze.

Der Diener verschwand, und der Gutsherr schickte sich an zu warten. Er
war an jenem Tage in so strahlender Laune, da ihn nichts zu stren
vermochte. Er hatte es sich wohl gedacht, da er auf Marianne wrde
warten mssen; vielleicht war sie noch nicht einmal aufgestanden. Er
konnte sich indessen die Zeit vertreiben, indem er ein wenig um sich
blickte.

Dort am Dachfirst hing ein langer Eiszapfen, mit dem die Sonne groe
Mhe hatte. Sie fing von oben damit an, schmolz einen Tropfen los und
wollte nun, da er an dem Eiszapfen entlang laufen und herabfallen
sollte. Ehe aber der Tropfen den halben Weg zurckgelegt hatte, war er
schon wieder erstarrt. Die Sonne machte bestndig neue Versuche, hatte
aber niemals Glck damit. Endlich aber war da ein eigenmchtiger Strahl,
der sich an die Spitze des Eiszapfens festhngte, ein ganz winzig
kleiner, der vor Tatendrang blitzte, und ehe man sichs versah, hatte er
sein Ziel erreicht: ein Tropfen fiel klatschend zur Erde.

Der Gutsherr sah das und lachte. Du warst nicht dumm, du! sagte er zum
Sonnenstrahl.

Der Hof war still und leer. Aus dem groen Haus drang kein Laut bis zu
ihm heraus. Aber er wurde nicht ungeduldig. Er wute, da die Damen viel
Zeit gebrauchen, bis sie fertig sind.

Er sa da und betrachtete den Taubenschlag. Der war vergittert. Die
Tauben waren eingeschlossen, solange der Winter whrte, damit der
Habicht sie nicht rauben sollte. Von Zeit zu Zeit kam eine Taube und
steckte ihren weien Kopf durch das Drahtnetz.

Die wartet auf den Frhling! sagte Melchior Sinclaire; aber da mu
sie Geduld haben.

Die Taube kam so regelmig, da er seine Uhr herauszog und achtgab.
Przise jede dritte Minute steckte sie den Kopf heraus.

Nein, mein Herzchen, sagte er, glaubst du, da der Frhling in drei
Minuten fertig wird? Du mut es lernen zu warten!

Und er selber mute warten, aber er hatte Zeit genug.

Die Pferde scharrten anfangs ungeduldig im Schnee, dann aber wurden sie
mde vom Stehen und von der Sonne, die ihnen in die Augen schien. Sie
steckten die Kpfe zusammen und schliefen. Der Kutscher sa steif auf
dem Bock, Peitsche und Zgel in der Hand, das Gesicht der Sonne
zugewandt, und schlief, so da er schnarchte.

Aber der Gutsherr schlief nicht. Er war niemals weniger zum Schlafen
aufgelegt als jetzt. Selten hatte er sich wohler gefhlt als in dieser
frohen Wartezeit. Marianne war krank gewesen. Sie hatte nicht frher
kommen knnen, jetzt aber kam sie sicher. Ja natrlich kam sie. Und
alles sollte wieder gut werden.

Jetzt mute sie ja sehen knnen, da er ihr nicht mehr zrnte. Er war ja
selber gekommen, mit der Kalesche und mit zwei Pferden!

Auf dem Brett, das vor dem Flugloch des Bienenkorbes angebracht war,
hatte sich eine Meise eine wahrhaft satanische List ersonnen. Sie wollte
ihr Mittagessen haben, deswegen pochte sie mit ihrem kleinen, scharfen
Schnabel gegen das Brett. Drinnen im Bienenkorb aber hingen die Bienen
in einem groen schwarzen Klumpen, alles ist in der strengsten Ordnung;
die Schaffner teilen die Rationen aus, der Mundschenk luft mit Nektar
und Ambrosia von Mund zu Mund. Die, welche ganz nach innen hinein
hngen, tauschen in einem ewigen Gewimmel ihren Platz mit den auen
hngenden Genossen, so da Wrme und Bequemlichkeit gleichmig verteilt
sind.

Da hren sie das Pochen der Meise, und der ganze Bienenkorb ist ein
Gesumme von Neugier. Ist es Freund oder Feind? Droht Gefahr fr den
Staat? Die Knigin hat ein schlechtes Gewissen; sie kann nicht in Ruhe
warten. Ist es der Geist der ermordeten Drohnen, der da drauen spukt?
Geh hinaus und sieh nach, wer da ist! befiehlt sie der Pfrtnerin.
Diese geht. Mit einem: Es lebe die Knigin! strzt sie hinaus, und
schwapp! fllt die Meise ber sie her. Mit vorgestrecktem Hals und
Flgeln, die vor Eifer zittern, fngt sie sie, zermalmt sie, verzehrt
sie -- und niemand bringt der Herrscherin Kunde von ihrem Tode. Aber die
Meise klopft nochmals, und die Knigin fhrt fort, ihre Trhterinnen
auszusenden, und sie verschwinden alle. Nicht eine kehrt mit der Meldung
zurck, wer es gewesen, der da pochte. Hu! es wird unheimlich in dem
dunklen Bienenkorb. Es sind die Rachegeister, die da drauen ihr Spiel
treiben. Wer nur keine Ohren htte! Wer nur seine Neugier unterdrcken
knnte! Wer nur ruhig warten knnte!

Der groe Gutsherr lachte, so da ihm die Trnen in die Augen traten,
ber die dummen Frauenzimmer im Bienenkorbe und ber den schlauen
Kavalier da drauen auf dem Brett.

Es ist keine Kunst, zu warten, wenn man seiner Sache sicher ist und wenn
man so vielerlei hat, womit man seine Gedanken ablenken kann.

Die Sonne begann, sich den Bergen im Westen zuzuneigen. Melchior
Sinclaire sah nach seiner Uhr. Es war drei, und die Mutter hatte das
Mittagessen zu zwlf Uhr bereithalten wollen.

Im selben Augenblick kam der Diener und meldete, da Frulein Marianne
mit ihm zu sprechen wnsche. Der Gutsherr hngte den Wolfspelz ber den
Arm und stieg in strahlender Laune die Treppe hinan.

Als Marianne seine schweren Schritte auf der Treppe vernahm, wute sie
noch nicht, ob sie mit ihm heimkehren wolle oder nicht. Sie wute nur,
da diese lange Wartezeit ein Ende haben msse.

Sie hatte gehofft, da die Kavaliere nach Hause kommen wrden; aber sie
kamen nicht. So mute sie denn selber dafr sorgen, da diese Sache ein
Ende nahm. Sie konnte es nicht lnger ertragen.

Sie hatte gedacht, da er voller Zorn wieder fortfahren wrde, sobald er
zehn Minuten gewartet hatte, da er die Tren einschlagen oder das Haus
in Brand stecken wrde.

Aber da sa er ganz ruhig und lchelte und wartete. Sie empfand weder
Ha noch Liebe fr ihn. Eine innere Stimme aber warnte sie, sich wieder
in seine Macht zu geben. Auch wollte sie ihr Gsta gegebenes Wort
halten.

Wre er nur eingeschlafen oder unruhig geworden, htte er eine Spur von
Zweifel verraten oder den Schlitten in den Schatten fahren lassen! Aber
er war lauter Geduld und Sicherheit. So sicher war er, so ansteckend
sicher, da sie schon kommen wrde, wenn er nur wartete!

Ihr Kopf schmerzte, ein jeder Nerv in ihr erbebte. Sie konnte keine Ruhe
finden, solange sie wute, da er dasa. Es war, als wenn sein Wille sie
gebunden die Treppe hinabschleifte.

Sie wollte wenigstens mit ihm sprechen.

Ehe er kam, lie sie die Rouleaus aufziehen und legte sich so hin, da
ihr das Tageslicht voll ins Gesicht schien. Es war ihre Absicht gewesen,
ihn damit gewissermaen auf die Probe zu stellen. Aber Melchior
Sinclaire war an jenem Tag ein eigentmlicher Mann.

Als er sie sah, vernderte er keine Miene, tat keinen Ausruf. Es war,
als knne er keine Vernderung an ihr wahrnehmen. Sie wute, wie stolz
er auf ihre Schnheit gewesen war. Aber er lie es sie nicht merken, da
er Kummer empfand. Er beherrschte sein ganzes Wesen, um sie nicht zu
betrben. Dies ergriff sie tief. Sie fing an zu verstehen, da ihre
Mutter fortfuhr, ihn liebzuhaben.

Er verriet keinen Zweifel. Er kam weder mit Vorwrfen noch mit
Entschuldigungen.

Ich hlle dich in den Wolfspelz, Marianne. Der ist nicht kalt. Er hat
die ganze Zeit auf meinem Scho gelegen.

Und trotzdem ging er an den Kamin und wrmte ihn. Dann half er ihr vom
Sofa auf, hllte sie in den Pelz, schlang einen Schal um ihren Kopf,
legte ihn ihr kreuzweise ber der Brust zusammen und knpfte ihn auf dem
Rcken zu.

Sie lie es geschehen. Sie war willenlos. Es tat so gut, gehegt und
gepflegt zu werden. Es war schn, selber nicht wollen zu brauchen. Es
tat gut fr jemand, der so angegriffen war wie sie, fr jemand, der
nicht einen einzigen Gedanken, nicht ein Gefhl besa, das er sein eigen
nennen konnte.

Sie schlo die Augen und seufzte, teils aus Wohlbehagen, teils aus
Wehmut. Sie nahm Abschied von dem Leben, dem wirklichen Leben; aber das
konnte ja auch einerlei fr sie sein, die sie ja doch nicht leben,
sondern nur Komdie spielen konnte.

       *       *       *       *       *

Ein paar Tage spter sorgte ihre Mutter dafr, da sie Gelegenheit
hatte, mit Gsta zu sprechen. Sie schickte einen Boten nach Ekeby,
whrend der Gutsherr von Hause abwesend war, und fhrte ihn zu Marianne
hinein.

Gsta trat ein, aber er grte nicht und sprach auch nicht. Er blieb an
der Tr stehen und starrte vor sich nieder wie ein trotziger Junge.

Aber Gsta! rief Marianne aus, die in einem Lehnstuhl sa.

Ja, so heie ich!

Komm doch hierher, ganz her zu mir, Gsta!

Er nherte sich ihr still, erhob aber den Blick nicht.

Komm nher heran! Knie hier nieder.

Aber mein Gott, was soll das alles nur? rief er aus, gehorchte aber
dennoch.

Gsta, ich will dir nur sagen, da ich glaube, es war richtig, da ich
wieder nach Hause kam.

Hoffen wir, da man Frulein Marianne nicht wieder in den Schnee
hinauswerfen wird.

Ach, Gsta! Hast du mich denn nicht mehr lieb? Findest du, da ich zu
hlich bin?

Er zog ihren Kopf zu sich herab und kte sie, sah aber noch immer so
kalt aus.

Er amsierte sie im Grunde. Wenn er es fr gut befand, eiferschtig auf
ihre Eltern zu sein, was dann? Es wrde wohl wieder vorbergehen. Jetzt
amsierte es sie, ihn zurckzuerobern. Sie wute nicht recht, weshalb
sie ihn festhalten wollte, aber sie wollte es nun einmal. Sie dachte
daran, da es ihm doch einmal gelungen war, sie von sich selbst zu
befreien. Er war sicher der einzige, der es noch einmal zu tun
vermochte.

Und nun begann sie zu reden, entschlossen, ihn zurckzugewinnen. Sie
sagte, es sei nicht ihre Absicht gewesen, ihn fr bestndig zu
verlassen, eine Zeitlang aber mten sie des Scheines halber ihre
Verbindung aufheben. Er habe ja selber gesehen, da ihr Vater an der
Schwelle des Wahnsinns gestanden und da ihre Mutter in steter
Lebensgefahr schwebte. Er msse ja einsehen knnen, da sie gezwungen
sei, heimzukehren.

Da machte sich sein Zorn in Worten Luft. Sie brauche keine Komdie zu
spielen. Er wolle nicht lnger ihr Popanz sein. Sie habe ihn verlassen,
sobald ihr das Elternhaus wieder offen gestanden, er knne sie nicht
mehr lieben. Als er vorgestern von der Jagd heimgekehrt war und gehrt
hatte, da sie verschwunden sei, ohne einen Gru, ein Wort fr ihn zu
hinterlassen, da sei ihm das Blut in den Adern erstarrt; er sei nahe
daran gewesen, vor Kummer zu sterben. Aber er knne diejenige nicht mehr
lieben, die ihm einen solchen Schmerz zugefgt habe. Sie habe ihn
brigens niemals geliebt. Sie sei eine Kokette, die auch hier in der
Gegend jemand haben wolle, der sie kssen und herzen knne, das sei das
Ganze.

Ob er denn glaubte, da es ihre Gewohnheit sei, sich von jungen Herren
herzen und kssen zu lassen?

Natrlich glaubte er das. Die Frauen waren keine solche Heilige, wie sie
sich den Anschein gaben. Eigenliebe und Koketterie von Anfang bis zu
Ende! Sie sollte nur ahnen, was er empfunden hatte, als er von der Jagd
heimkehrte. Es sei ihm gewesen, als wate er in Eiswasser. Den Schmerz
wrde er nie wieder verwinden. Der wrde ihn durch das ganze Leben
begleiten. Er wrde nie wieder Mensch werden.

Sie suchte ihm zu erklren, wie das Ganze sich zugetragen hatte. Sie
suchte ihm zu beweisen, da sie ihm noch immer treu sei.

Ja, das war einerlei, denn jetzt liebe er sie nicht mehr. Jetzt habe er
sie durchschaut. Sie sei eine Egoistin. Sie habe ihn nie geliebt. Ohne
ein Wort, ohne einen Gru sei sie von ihm gegangen.

Darauf kam er wieder und wieder zurck. Sie amsierte sich beinahe
darber. Zrnen konnte sie ihm nicht. Sie verstand seinen Zorn nur zu
gut. Einen wirklichen Bruch befrchtete sie auch nicht. Schlielich
wurde sie doch unruhig. War denn wirklich ein solcher Umschlag bei ihm
eingetreten, da er sie nicht mehr liebhaben konnte?

Gsta, war ich egoistisch, als ich nach Sj ging, um den Major zu
holen? Ich wute sehr wohl, da die Blattern dort waren. Es ist auch
gerade nicht angenehm, in Schnee und Klte auf dnnen Tanzschuhen zu
gehen.

Die Liebe lebt von Liebe allein und nicht von Dienstleistungen und
Wohltaten, sagte Gsta.

Du willst also, da wir einander in Zukunft fremd sein sollen, Gsta?

Ja, das will ich.

Gsta Berling ist sehr launenhaft.

Das sagt man mir nach.

Er war kalt wie Eis und nicht aufzutauen, und im Grunde war sie selber
noch klter. Die Selbstkritik lachte hhnisch ber ihre Bemhungen, die
Verliebte zu spielen.

Gsta, sagte sie, eine letzte Anstrengung machend, ich habe dir
niemals absichtlich wehe getan, wenn es auch den Anschein haben mag. Ich
bitte dich, verzeih mir!

Ich kann dir nicht verzeihen.

Sie wute, da sie ihn htte zurckgewinnen knnen, wenn sie nur ein
einziges ungeteiltes Gefhl besessen htte. Und sie versuchte, die
Leidenschaftliche zu spielen. Die Eisaugen verhhnten sie, aber sie
versuchte es auf alle Flle. Sie wollte ihn nicht verlieren.

Geh nicht, Gsta, geh nicht im Zorn von mir! Bedenke, wie hlich ich
geworden bin. Mich kann niemand mehr lieben.

Auch ich liebe dich nicht mehr, sagte er. Du mut dich dareinfinden,
da man auf dein Herz tritt, wie du auf das andere getreten hast.

Gsta, ich habe niemals jemand lieben knnen auer dir! Verzeih mir!
Verla mich nicht! Du bist der einzige, der mich vor mir selbst zu
erretten vermag.

Er stie sie von sich. Du redest nicht die Wahrheit, sagte er mit
eiskalter Ruhe. Was du von mir willst, wei ich nicht, aber ich sehe,
da du lgst. Weshalb willst du mich festhalten? Du bist so reich, dir
wird es niemals an Freiern fehlen!

Damit ging er.

Und kaum hatte er die Tr geschlossen, als die Sehnsucht und der Schmerz
in ihrer ganzen Majestt Einzug in Mariannens Herz hielten.

Die Liebe, ihr eigenes Herzenskind, kam aus dem Winkel hervor, in den
die Eisaugen es verbannt hatten. Jetzt kam sie, die sehnlichst
Erwartete, jetzt, wo es zu spt war. Jetzt trat sie hervor, ernsthaft
und allmchtig -- und der Schmerz und die Sehnsucht trugen die Schleppe
ihres Knigsmantels.

Als Marianne sich mit Bestimmtheit sagen konnte, da Gsta Berling sie
verlassen hatte, empfand sie einen frmlich krperlichen Schmerz, so
heftig, da sie fast davon betubt wurde. Sie prete die Hnde gegen
das Herz und blieb stundenlang auf demselben Fleck sitzen, mit
trnenlosem Kummer ringend.

Und sie selber litt, nicht eine Fremde, nicht eine Schauspielerin --
nein, sie selber war es.

Weshalb war ihr Vater gekommen und hatte sie getrennt? Ihre Liebe war ja
noch nicht tot; nur in ihrem Schwchezustand nach der Krankheit konnte
sie ihre Macht nicht empfinden.

Ach Gott! ach Gott! Da sie ihn verloren hatte! Ach Gott, da sie zu
spt erwacht war!

Ach, er war der Einzige, er war der Herr ihres Herzens! Von ihm konnte
sie alles erdulden. Hrte und bse Worte von ihm beugten sie nur zu
demtiger Liebe. Htte er sie geschlagen, so wrde sie wie ein Hund zu
ihm hingekrochen sein, um seine Hand zu kssen.

Sie wute nicht, was sie tun sollte, um sich Linderung in diesem
entsetzlichen Schmerz zu verschaffen.

Sie ergriff Feder und Papier und schrieb mit fieberhafter Hast. Erst
schrieb sie von ihrer Liebe, von ihrem Verlust; dann flehte sie um seine
Liebe, nur um seine Barmherzigkeit. Es war eine Art Poesie, die sie
schrieb.

Als sie fertig war, dachte sie, da er, wenn ihm dies zu Augen kam, doch
glauben mte, da sie ihn geliebt hatte. Und weshalb sollte sie ihm
nicht senden, was sie geschrieben hatte? Sie wollte es am nchsten Tage
tun, und sie glaubte sicher, da es ihn zu ihr zurckfhren werde.

Am nchsten Tage rang und kmpfte sie mit sich. Was sie geschrieben,
erschien ihr so unbedeutend, so dumm. Da war weder Reim noch Rhythmus.
Es war die reine, schiere Prosa. Er wrde sicher nur lachen ber solche
Verse. Auch ihr Stolz erwachte. Liebte er sie nicht mehr, so war es
eine entsetzliche Entwrdigung, um seine Liebe zu betteln.

Auch die Klugheit meldete sich und sagte, sie knne froh sein, da sie
dieser Verbindung mit Gsta entronnen sei -- es wrden nur traurige
Verhltnisse daraus entsprossen sein.

Aber die Qual ihres Herzens war doch so heftig, da das Gefhl
schlielich die Oberhand gewann. Drei Tage, nachdem sie sich ihrer Liebe
bewut geworden war, wurden die Verse in einen Briefumschlag gelegt und
dieser mit Gsta Berlings Namen versehen. Aber sie wurden niemals
abgesandt. Denn ehe sie einen passenden Boten gefunden hatte, hrte sie
derartige Neuigkeiten von Gsta, da sie einsah, da es schon zu spt
sei, ihn zurckzugewinnen.

Es ward der Kummer ihres Lebens, da sie die Verse nicht rechtzeitig
abgesandt hatte, solange es noch in ihrer Macht lag, ihn zu gewinnen.
All ihr Schmerz gipfelte in diesem Punkt: Htte ich nur nicht so lange
gewartet, htte ich nur nicht so viele Tage gewartet!

Das Glck des Lebens oder doch wenigstens die Wirklichkeit des Lebens
hatten diese geschriebenen Worte ihr erobern sollen. Sie war fest
berzeugt, da sie ihn ihr zurckgefhrt haben wrden.

Doch der Kummer leistete ihr denselben Dienst wie die Liebe. Er machte
sie zu einem ganzen Menschen mit der Fhigkeit, sich im Guten wie im
Bsen hinzugeben. Brennende Gefhle strmten frei durch ihre Seele, ohne
von der eisigen Klte der Selbstkritik gehemmt zu werden.

Und so kam es denn, da sie trotz ihrer Entstelltheit dennoch von vielen
geliebt ward.

Man sagt aber, da sie Gsta Berling nie ganz vergessen konnte. Sie
trauerte um ihn, wie man um ein vergeudetes Leben trauert.

Und ihre armen Verse, die eine Zeitlang viel gelesen wurden, sind lngst
vergessen. Doch liegt etwas wunderlich Rhrendes ber ihnen, wie ich sie
hier vor mir sehe, auf vergilbtem Papier und mit verblater Tinte, mit
einer feinen, zierlichen Handschrift geschrieben. Die ganze Entbehrung
eines Lebens ist in diesen armseligen Worten enthalten, und ich schreibe
sie mit einem gewissen heimlichen Beben ab, als wohnten mystische Krfte
in ihnen.

Ich bitte euch, sie zu lesen und an sie zu denken. Wer wei, welche
Macht sie htten haben knnen, wenn sie abgeschickt wren? Sie sind doch
leidenschaftlich genug, um von einem wahren Gefhl zu zeugen. Vielleicht
htten sie ihn zu ihr zurckfhren knnen.

Sie sind ergreifend genug, zrtlich genug in ihrer unbeholfenen
Formlosigkeit. Niemand kann sie anders wnschen. Niemand kann den Wunsch
hegen, sie in die Ketten des Reimes und der Rhythmen gezwngt zu sehen.
Und doch ist es so wehmtig zu denken, da gerade diese Unvollkommenheit
sie daran gehindert hat, sie rechtzeitig abzuschicken.

Ich bitte euch, leset sie und habt sie lieb! Ein Mensch, der in groer
Not war, hat sie geschrieben.

     Geliebt hast du, Kind, doch nimmermehr
     Sollst die Wonne der Liebe du kosten.
     Strme der Leidenschaft schttelten dich,
     Freu dich, o Seele, nun fandst du Ruh!
     Hebst nicht mehr die Schwingen zu himmlischer Wonn.
     Freu dich, o Seele, nun fandst du Ruh!
     Sinkst nicht hinab mehr in Schmerzensnacht,
     Ach, nimmermehr!

     Geliebt hast du, Kind, doch nimmermehr
     Loht deine Seele in Flammenglut.
     Gleich einer Flur mit versengtem Gras
     Fllten dich Gluten eine flchtige Stund!
     Erstickende Wolken aus Rauch, Wolken aus Feuer
     Scheuchten die Vglein des Himmels, die schreiend entflohen.
     Kehrten sie heim doch! Du brennst nicht mehr,
     Kannst nicht mehr brennen!

     Geliebt hast du, Kind, doch nimmermehr
     Sollst du hren der Liebe Stimme.
     Des Herzens Krfte gleich mden Kindern,
     Auf der Schule harter Bank sie sitzen,
     Sich sehnend nach Freiheit und Spielen,
     Doch niemand rufet sie mehr!
     Sie sitzen wie der Wachtposten, den man vergessen,
     Niemand rufet sie mehr!

     Kind, er ist fort nun
     Und mit ihm all Liebe und Liebeswonne,
     Er, den du liebtest, wie er dichs gelehrt
     Zu fliegen mit Flgeln im Himmelsraum.
     Er, den du liebtest, als htt er dir gewiesen
     Den einzig sichren Platz in der berschwemmten Stadt:
     Er ging von dannen, er, der allein
     Die Tr deines Herzens zu ffnen verstand.

     Um Eins nur will ich dich bitten, Geliebter:
     Ach, wlze nimmer die Last des Hasses auf mich!
     Das Schwchste von allem, was schwach, ists nicht ein Menschenherz?
     Wie knnt es leben unter der nagenden Pein,
     Da einem andern zur Qual es gereicht?

     O mein Geliebter, willst du mich tten,
     Da schaff dir keinen Dolch, kaufe kein Gift, keinen Strick.
     La mich nur wissen, da du wnschst, ich entschwnde
     Von der Erde blhender Flur, aus des Lebens Reich --
     Und ins Grab will ich sinken.

     Du gabst mir des Lebens Leben. Du gabst mir die Liebe.
     Und du nimmst deine Gabe zurck. Ach, ich wei es --
     Doch gib mir nicht Ha stattdessen!
     Ich liebe ja dennoch das Leben. O, denke daran!
     Doch ich wei, da des Hasses Last mich ttet.




Die junge Grfin


Die junge Grfin schlft bis um zehn Uhr des Morgens und will jeden Tag
frisches Gebck auf dem Frhstckstisch haben. Die junge Grfin macht
feine Stickereien und liest Gedichte. Auf Kochen und Weben versteht sie
sich nicht. Die junge Grfin ist ein verhtscheltes Kind.

Aber sie ist frhlich und lt ihre Heiterkeit auf alles und alle
strahlen. Man verzeiht ihr gern den langen Morgenschlaf und das frische
Gebck, denn sie ist verschwenderisch in ihren Wohltaten gegen die Armen
und freundlich gegen jedermann.

Der Vater der jungen Grfin ist ein schwedischer Edelmann, der sein
ganzes Leben lang in Italien gewohnt hat, weil das schne Land und eine
von seinen schnen Tchtern ihn dort gefesselt hat. Als Graf Henrik
Dohna in Italien reiste, war er in dem Hause des Edelmanns gastlich
aufgenommen worden und hatte mit den Tchtern Bekanntschaft gemacht und
schlielich eine von ihnen als Gattin nach Schweden heimgefhrt.

Sie, die stets Schwedisch gesprochen hat und so erzogen ist, da sie
alles liebt, was schwedisch ist, befindet sich sehr wohl hier oben im
Brenland. Sie schwingt sich so frhlich im Reigen und nimmt so gern
teil an allen Vergngungen, die den langen Lfsee umkreisen, da man
glauben sollte, sie habe stets hier oben gelebt. Eins aber versteht sie
nicht recht -- Grfin zu sein. Da ist nichts Steifes, keine herablassende
Wrde an dieser frhlichen jungen Frau.

Besonders die alten Herren waren ganz entzckt von der jungen Grfin. Es
war ganz sonderbar, welch einen Stein sie bei ihnen im Brett hatte. Wenn
sie sie auf einem Ball getroffen hatten, so konnte man sicher sein, da
sie alle, sowohl der Amtsrichter aus Munkerud wie der Probst in Bro und
Melchior Sinclaire und der Hauptmann von Berga, hinterher ihren Frauen
im tiefsten Vertrauen mitteilten, da, wenn sie die junge Grfin vor
dreiig, vierzig Jahren getroffen htten -- so --

Ja, damals war sie noch gar nicht geboren, sagen dann die alten
Frauen. Und das nchstemal, wenn sie die junge Grfin sehen, necken sie
sie damit, da sie ihnen das Herz ihrer Mnner raubt.

Die alten Frauen sehen sie mit einer gewissen Sorge an. Sie denken an
die Grfin Mrta. Die war ebenso frhlich und gut und geliebt, als sie
zum erstenmal nach Borg kam; und aus ihr war eine eitle, genuschtige
Kokette geworden, die jetzt an nichts weiter dachte, als wie sie sich am
besten amsieren knne.

Htte sie nur einen Mann, der sie zur Arbeit anhalten knnte! sagen
die alten Frauen.

Wenn sie nur einen Webstuhl einzurichten verstnde! Denn das ist ein
Trost gegen allen Kummer, das verschlingt alle Interessen, das ist die
Rettung manch einer Frau gewesen.

Die junge Grfin mchte gern eine tchtige Hausfrau werden. Sie kennt
nichts Schneres, denn als glckliche Gattin in einem guten Heim zu
leben; in den groen Gesellschaften setzt sie sich oft zu den Alten.

Henrik mchte so gern, da ich eine tchtige Hausfrau wrde, sagte
sie. So wie seine eigene Mutter. Lehrt mich doch weben!

Da seufzten die Alten zweimal tief auf; einmal ber Graf Henrik, der
glauben kann, da seine Mutter eine tchtige Hausfrau war, und dann ber
die Schwierigkeit, dies junge, unerfahrene Kind in so verwickelte Sachen
einzuweihen. Fing man nur an, ihr die technischen Ausdrcke und die
einzelnen Teile des Webstuhls zu nennen, so lief ihr schon alles rund im
Kopf herum, geschweige denn, wenn man von Gerstenkorn und Gansauge
und Drillich sprach.

Niemand, der die junge Grfin sieht, kann umhin, sich darber zu
wundern, da sie sich hat mit dem dummen Grafen Henrik verheiraten
knnen.

Die rmsten, die dumm sind! Es ist hart fr sie, wo sie auch sein
mgen. Am schlimmsten aber ist es fr den, der dumm ist und in Wermland
wohnt.

Es waren schon viele Geschichten ber Graf Henriks Dummheit im Umlauf,
und doch war er erst Anfang der Zwanziger. Man erzhlte sich, auf welche
Weise er einstmals Anna Stjrnhk auf einer Schlittenfahrt unterhalten
habe.

Du bist schn, Anna! sagte er.

Ach, Unsinn, Henrik!

Du bist die Schnste in ganz Wermland!

Nein, das bin ich nicht.

Aber die Schnste hier auf der Schlittenpartie bist du doch.

Nein, Henrik, das bin ich auch nicht.

Ja, aber die Schnste hier im Schlitten bist du; das kannst du doch
nicht leugnen!

Nein, das konnte sie nicht, denn Graf Henrik ist nicht schn, er ist
ebenso hlich, wie er dumm ist. Man pflegt von ihm zu sagen, der Kopf,
der auf seinen Schultern sitzt, habe sich mehrere hundert Jahre hindurch
in der Familie vererbt; deswegen sei das Gehirn bei dem letzten Erben so
abgenutzt. Der Kopf ist bei seinem Vater und bei seinem Grovater in
Gebrauch gewesen; woher sollte sonst wohl das Haar so dnn, das Kinn so
spitz, sollten die Lippen so blutlos sein?

Er ist stets von Spamachern umgeben, die ihn verleiten, Dummheiten zu
sagen, die sie dann in verbesserter Auflage weiterverbreiten. Ein wahres
Glck fr ihn ist es, da er nichts davon merkt. Er selber ist feierlich
und wrdevoll in seinem ganzen Auftreten; er kann es sich nicht
vorstellen, da andere nicht ebenso sein sollten. Die Wrde ist ihm in
Fleisch und Blut bergegangen, er bewegt sich gemessen, geht steif
einher, dreht nie den Kopf herum, ohne da sich nicht der ganze Krper
mitdreht.

Aber die junge Grfin hat ihn doch lieb, trotz seines Greisenkopfes. Sie
ahnte ja nicht, als sie ihn da unten in Rom sah, da er in seinem
eigenen Lande von einer solchen Mrtyrerglorie der Dummheit umgeben ist.
Da unten hatte etwas von dem Glanz der Jugend ber ihm gelegen, und sie
waren unter hchst romantischen Umstnden miteinander vereint worden.
Man mute nur die junge Grfin erzhlen hren, wie Graf Henrik sie
entfhrt hatte. Mnche und Kardinle waren rasend darber, da sie die
Religion ihrer Mutter, in der sie aufgewachsen war, verlassen und zum
Protestantismus bertreten wollte. Der ganze Pbel war in Aufruhr, der
Palast ihres Vaters war belagert worden. Henrik wurde von Banditen
verfolgt, ihre Mutter und ihre Schwestern flehten sie an, diese Ehe
aufzugeben. Ihr Vater aber war wtend, da das italienische Pack ihm
verbieten wollte, seine Tochter zu geben, wem er wolle. Er befahl Graf
Henrik, sie zu entfhren. Und dann, da es unmglich fr sie war, zu
Hause getraut zu werden, schlichen sie und Henrik durch allerlei
Hintergassen nach dem schwedischen Konsulat. Und nachdem sie dort ihrem
katholischen Glauben entsagt und Protestantin geworden war, wurden sie
sofort getraut und in einem mit ein paar feurigen Pferden bespannten
geschlossenen Wagen gen Norden gesandt. Zum Aufgebot blieb uns keine
Zeit, das seht ihr wohl ein, pflegte die junge Grfin zu sagen, und es
war ja ungemtlich, auf dem Konsulatsbureau getraut zu werden, statt in
einer unserer schnen Kirchen, aber sonst htte Henrik mich nicht
bekommen. Da unten sind sie alle so heibltig, sowohl Papa als Mama und
die Kardinle und die Mnche, alle sind sie leicht erregbar. Deswegen
mute alles so heimlich vor sich gehen, denn wenn die Leute uns htten
wegschleichen sehen, wrden sie uns wohl alle beide totgeschlagen haben,
nur um meine Seele zu retten. Henrik hielten sie ja fr einen
Verlorenen.

Aber die junge Grfin hat ihren Mann lieb, auch nachdem sie in der
Heimat ihr ruhigeres Leben auf Borg begonnen haben. Sie liebt bei ihm
den Glanz des alten Namens und die berhmten Vorfahren. Es freut sie zu
sehen, wie ihre Nhe sein steifes Wesen mildert, zu hren, wie seine
Stimme weich wird, wenn er mit ihr spricht. Und auerdem hat er sie lieb
und verhtschelt sie, und dann ist sie nun ja einmal mit ihm
verheiratet. Die junge Grfin kann es sich nicht anders denken, als da
eine verheiratete Frau ihren Mann liebhaben mu.

Gewissermaen entspricht er auch ihrem Ideal von Mnnlichkeit. Er ist
rechtschaffen und wahrheitsliebend. Er hat niemals ein gegebenes Wort
gebrochen. Sie hlt ihn fr einen echten Edelmann.

       *       *       *       *       *

Am achten Mrz feiert der Amtmann Scharling seinen Geburtstag, und da
wimmelt es von Gsten, die alle die Brobyer Hgel hinanziehen. Aus Osten
und Westen kommen sie, Bekannte und Unbekannte, gebetene und ungebetene
Gste! Und alle sind sie willkommen. Da sind Speisen und Getrnke genug
fr alle, und im Tanzsaal ist Platz fr alle Tanzlustigen aus sieben
Kirchensprengeln.

Die junge Grfin kommt auch. Sie stellt sich berall ein, wo man Tanz
und Lustbarkeit erwarten kann.

Aber sie ist nicht so frhlich wie sonst, es ist, als habe sie eine
Ahnung, da jetzt die Reihe an sie kommt, von der wilden Jagd aus dem
Mrchen mit fortgerissen zu werden.

Sie hat unterwegs dagesessen und die untergehende Sonne betrachtet. Sie
sank von einem Himmel herab, an dem sie keine Goldstreifen auf leichten
Wolken hinterlie. Graubleiche Dmmerung mit jagenden, kalten Windsten
hing ber der Gegend. Die junge Grfin sah, wie Tag und Nacht
miteinander kmpften und wie alles Lebende bei diesem Streit der
Gewaltigen von Angst und Schrecken ergriffen wurde. Die Pferde jagten
mit dem letzten Fuder dahin, um bald unter Dach zu kommen. Die Holzhauer
eilten aus dem Walde heim, die Mdchen verlieen die Wirtschaftsgebude.
Im Waldesdickicht heulten die wilden Tiere. Der Tag, der Menschen Lust
und Freude, ward berwunden.

Die Farben verschwanden, das Licht erlosch. Klte und Unschnheit, wohin
sie blickte. Auch was sie gehofft, geliebt und gewirkt hatte, verhllte
sich vor ihrem geistigen Auge in das Grau der Dmmerung. Es war fr sie
wie fr die ganze Natur die Stunde der Ermdung, der Niederlage, der
Ohnmacht. Sie dachte daran, da ihr eigenes Herz, das jetzt in
sprudelnder Freude das Dasein in Gold und Purpur hllte, da dies Herz
vielleicht einmal seine Kraft, ihre Welt zu erleuchten, einben wrde.

Ach, Ohnmacht, Ohnmacht meines eigenen Herzens! sagte sie zu sich
selber. Du erstickende graue Dmmerung, du wirst einstmals auch in
meiner Seele Herrscher werden! Da werde ich das Leben hlich und grau
erblicken, wie es vielleicht ist, da wird mein Haar ergrauen, mein
Rcken sich krmmen, mein Gehirn erlahmen.

In demselben Augenblick bog der Schlitten in den Hof des Amtmanns ein,
und als die junge Grfin aufschaute, fiel ihr Blick auf ein vergittertes
Fenster in einem Seitengebude, und dahinter gewahrte sie ein Gesicht
mit ein paar zornigen Augen.

Dies Gesicht gehrte der Majorin von Ekeby, und die junge Frau fhlte,
da es nun mit ihrer Freude fr heute Abend ein Ende hatte. Man kann
wohl frhlich sein, wenn man den Kummer nicht sieht und ihn nur als
etwas ganz Entferntes erwhnen hrt. Schwerer ist es, die Freude des
Herzens zu bewahren, wenn man der bittern Not von Angesicht zu Angesicht
gegenbersteht.

Die Grfin wei wohl, da der Amtmann die Majorin hat arretieren lassen
und da sie wegen der Gewalttat verklagt werden soll, die sie in jener
Nacht verbte, als der groe Ball auf Ekeby stattfand. Aber sie hat
nicht daran gedacht, da sie dort auf dem Gehft des Amtmanns in
Verwahrsam gehalten wird, so nahe dem Ballsaal, da man von dort in ihr
Zimmer hineinsehen kann, so nahe, da sie die Tanzmusik und den
frhlichen Lrm hren mu. Und der Gedanke an sie raubt der Grfin alle
Freude.

Wohl tanzt die Grfin Walzer und Quadrille, sie schreitet in der
Menuette und in der Anglaise dahin, zwischen jedem Tanz aber mu sie ans
Fenster schleichen und nach dem Seitengebude hinbersehen. Da ist Licht
im Fenster der Majorin, sie kann sie im Zimmer auf und nieder gehen
sehen. Es sieht so aus, als ruhe sie niemals, als wandere sie
unablssig, ohne Rast. Aber nach jedem Mal, wenn die Grfin
hinausgeschaut hat, bewegen ihre Fe sich schwerflliger im Tanz, und
das Lachen bleibt ihr in der Kehle stecken.

Die Frau des Amtmanns bemerkt, da sie den Tau von den Fenstern
trocknet, um hinaussehen zu knnen, und tritt an sie heran.

Ach, welch ein Elend, welch ein Elend! flsterte sie der Grfin zu.

Ich finde es beinahe unmglich, heute abend zu tanzen, gibt ihr die
Grfin flsternd zurck.

Es ist nicht meine Schuld, da wir einen Ball geben, whrend sie dort
sitzt, erwidert Frau Scharling. Sie hat die ganze Zeit hindurch in
Karlstad im Gefngnis gesessen, aber jetzt soll die Sache vor Gericht,
und deswegen ist sie heute hierhergeschafft worden. Wir konnten sie
nicht in der elenden Gefngniszelle sitzen lassen, deswegen haben wir
sie drben in der Webstube untergebracht. Sie htte in meinem Zimmer
gewohnt, Frau Grfin, wenn nicht alle diese Menschen gerade heute
hierher gekommen wren. Die Frau Grfin haben sie ja kaum gekannt, uns
allen aber ist sie gleichsam eine Mutter und Knigin gewesen. Was mu
sie nur von uns denken, die wir hier tanzen, whrend sie sich in einer
solchen Not befindet? Ein Glck, da die meisten nicht ahnen, da sie
dasitzt.

Sie htte niemals verhaftet werden drfen, sagt die Grfin streng.

Nein, das ist ein wahres Wort, Frau Grfin; aber es war nichts weiter
dabei zu machen, wenn nicht noch greres Unheil geschehen sollte.
Niemand konnte ihr verbieten, ihre eigenen Strohmieten in Brand zu
stecken und die Kavaliere fortzujagen, aber der Major machte Jagd auf
sie. Gott wei, was er getan haben wrde, wenn sie nicht in Gewahrsam
genommen wre. Scharling hat viele Unannehmlichkeiten davon gehabt, da
er sie einstecken lie. Selbst in Karlstad waren die Leute unzufrieden,
da er nicht ein Auge zu dem zudrckte, was sich auf Ekeby ereignete.
Aber er handelte ja nach bestem Ermessen.

Jetzt wird sie wohl verurteilt? fragt die Grfin.

Ach nein, verurteilt wird sie nicht, die Majorin auf Ekeby wird schon
freigesprochen; aber das, was sie in diesen Tagen hat durchmachen
mssen, ist doch zu viel fr sie gewesen. Wenn sie nur nicht den
Verstand verliert. Denken Sie nur, so eine stolze Frau und dann als
Verbrecherin behandelt zu werden! Ich glaube, es wre das Richtigste
gewesen, wenn man ihr Erlaubnis gegeben htte zu gehen; da wre sie
vielleicht auf eigene Hand entkommen.

Lassen Sie sie doch entschlpfen, sagt die Grfin.

Das kann jeder andere tun, nur nicht der Amtmann oder seine Frau,
flstert Frau Scharling. Wir mssen ja acht auf sie geben. Besonders in
dieser Nacht, wo so viele von ihren Freunden hier sind; deswegen halten
auch zwei Mnner Wache vor ihrer Tr, und die ist verschlossen und
verriegelt, so da niemand zu ihr hineinkommen kann. Wenn ihr aber
jemand zur Flucht behilflich sein wollte, so wrden sowohl Scharling als
ich uns freuen.

Darf ich nicht einmal zu ihr hineingehen? fragte die junge Grfin.

Frau Scharling erfat sie eifrig bei der Hand und zieht sie mit sich
hinaus. Auf der Diele hllen sie sich in ein paar Schals und eilen dann
ber den Hof.

Es ist sehr leicht mglich, da sie nicht einmal mit uns sprechen
will, sagt Frau Scharling. Aber dann kann sie doch wenigstens sehen,
da wir sie nicht vergessen haben.

Sie gehen durch das erste Zimmer, wo die beiden Mnner sitzen und bei
verschlossenen Tren Wache halten, und gelangen dann ungehindert zur
Majorin. Sie war in einem groen Zimmer eingeschlossen, das mit
Websthlen und hnlichen Gertschaften angefllt war. Es war
ursprnglich die Webstube, wurde jedoch in Notfllen auch als Gefngnis
gebraucht, weswegen Eisenstangen vor den Fenstern und schwere Schlsser
vor der Tr angebracht waren.

Die Majorin setzt ihre Wanderung fort, ohne sie weiter zu beachten. Sie
hat in diesen Tagen einen langen Weg zurckzulegen. Sie kann an nichts
weiter denken, als da sie die dreiig Meilen bis zu ihrer Mutter
zurcklegen mu, die da oben in den Elfdalswldern sitzt und auf sie
wartet.

Sie hat keine Zeit zu ruhen. Sie mu wandern. Eine rastlose
Geschftigkeit hat sie ergriffen. Ihre Mutter ist ber neunzig Jahre
alt. Sie kann nicht lange mehr leben.

Sie hat die Lnge des Zimmers nach Ellen gemessen, und nun zhlt sie die
Male, die sie hin und her wandert, legt die Ellen zu Faden, die Faden zu
Meilen zusammen.

Schwer und lang erscheint ihr der Weg, und doch darf sie nicht ruhen.
Sie watet durch tiefe Schneeschanzen. Sie hrt die ewigen Wlder sausen
dort, wo sie geht. Sie ruht in den Rauchstuben der Finnen aus und in
den Reisightten der Khler. Zuweilen, wenn sie in meilenweitem Umkreis
auf keinen einzigen Menschen stt, mu sie sich Zweige zu einem Lager
abbrechen und unter den Wurzeln einer umgewehten Tanne schlafen.

Und endlich hat sie das Ziel erreicht, die dreiig Meilen sind
zurckgelegt, der Wald ffnet sich, rote Huser werden auf einem
schneebedeckten Hofplatz sichtbar. Der Giebach braust schumend dahin,
eine Reihe kleiner Wasserflle bildend, und an dem wohlbekannten Brausen
hrt sie, da sie zu Hause ist.

Und ihre Mutter, die sie kommen sieht, als Bettlerin, wie sie es gewollt
hat, geht ihr entgegen------

Als die Majorin so weit gekommen ist, erhebt sie den Kopf, schaut sich
um, erblickt die verschlossene Tr und wei nun, wo sie ist.

Da fragt sie sich selbst, ob sie im Begriff ist, wahnsinnig zu werden,
und sie setzt sich wieder hin, um zu denken und zu ruhen. Aber einen
Augenblick spter ist sie wieder auf der Wanderung, zhlt Ellen, Faden
und Meilen, hlt Rast in den Htten und schlft weder Tag noch Nacht,
bis sie die dreiig Meilen zurckgelegt hat. In der ganzen Zeit, seit
sie gefangen gesessen, hat sie fast gar nicht geschlafen.

Und die beiden Frauen, die gekommen sind, um sich nach ihr umzusehen,
schauen sie voller Angst an. Die junge Grfin kann diesen Anblick spter
nie wieder vergessen. Sie sieht sie oft in ihren Trumen und erwacht
dann mit trnenfeuchten Augen, eine Klage auf den Lippen.

Die Alte hat sich traurig verndert; das Haar sieht so dnn aus, und
lose Zotteln hngen aus der kleinen Flechte heraus. Das Gesicht ist
scharf und eingefallen, die Kleider sind unordentlich und zerlumpt. Bei
alledem aber haftet doch noch so viel von der vornehmen Dame an ihr, von
der Herrscherin, da sie nicht nur Mitleid, sondern auch Ehrfurcht
einflt.

Was die Grfin aber gar nicht wieder vergessen kann, das sind die Augen,
eingesunken, nach innen gewendet, noch nicht des Lichts des Verstandes
beraubt, aber nahe daran zu erlschen, und mit einem Funken von
Wildheit, der in der Tiefe lauert, so da einem angst und bange werden
kann, da die Alte sich im nchsten Augenblick auf einen strzen wird,
die Zhne bereit zu beien, die Ngel zu kratzen.

Sie haben eine Weile dort gestanden, als die Majorin pltzlich vor der
jungen Frau stehenbleibt und sie mit einem strengen Blick anschaut. Die
Grfin weicht einen Schritt zurck und ergreift Frau Scharlings Arm.

Die Zge der Majorin erhalten pltzlich Leben und Ausdruck, ihre Augen
schauen wieder mit voller Klarheit in die Welt hinaus.

Ach nein, ach nein, sagt sie lchelnd, so schlimm ist es denn doch
noch nicht, meine liebe junge Dame.

Sie fordert sie auf, sich zu setzen, und setzt sich selbst. Sie nimmt
ein Air altmodischer Vornehmheit an, wohlbekannt von den groen Festen
auf Ekeby und den Knigsbllen im Statthalterpalais in Karlstad. Sie
vergessen die Lumpen und das Gefngnis und sehen nur die stolzeste,
reichste Frau in ganz Wermland.

Meine liebe Grfin, sagt sie, was veranlat Sie, den Ball zu
verlassen und mich einsame alte Frau aufzusuchen? Das ist wirklich zu
gtig.

Grfin Elisabeth kann nicht antworten; Bewegung erstickt ihre Stimme.
Frau Scharling antwortet fr sie, da sie nicht tanzen kann, weil sie an
die Majorin denken mu.

Liebe Frau Scharling, antwortet die Majorin, ist es denn jetzt so
weit mit mir gekommen, da ich die Jugend in ihrer Freude stre? Weinen
Sie nicht ber mich, liebe junge Grfin, fhrt sie fort. Ich bin eine
bse, alte Frau, die ihr Schicksal verdient hat. Sie halten es doch
nicht fr richtig, seine Mutter zu schlagen?

Nein, aber...

Die Majorin unterbricht sie und streicht ihr das krause blonde Haar aus
der Stirn. Kind, Kind, sagt sie, wie konnten Sie sich nur mit dem
dummen Henrik Dohna verheiraten?

Aber ich liebe ihn.

Ich sehe das Ganze, ich sehe das Ganze, sagt die Majorin. Ein gutes
Kind und nichts weiter, weint mit den Betrbten und lacht mit den
Frhlichen. Und mu 'ja' zu dem ersten sagen, der kommt und sagt:
'Ich liebe dich!' -- Ja, ja, so ist es! -- Gehen Sie nur hinein und tanzen
Sie, meine liebe junge Grfin. Tanzen Sie und seien Sie frhlich. In Ihnen
ist nichts Bses.

Aber ich mchte so gern etwas fr die Frau Majorin tun!

Kind, sagt die Majorin feierlich, es wohnte eine alte Frau auf Ekeby,
die hielt die Winde des Himmels gefangen. Jetzt ist sie selbst eine
Gefangene, und die Winde sind frei. Ist es da so wunderlich, da ein
Sturm ber das Land dahinsaust?

Ich, die ich alt bin, habe ihn schon frher gesehen, Grfin. Ich kenne
ihn. Ich wei, da Gottes gewaltiger Sturm ber uns kommt. Bald braust
er ber die groen Reiche dahin, bald ber die kleinen, vergessenen
Staaten. Gottes Sturm vergit keinen. Er kommt ber die Groen wie ber
die Kleinen. Es ist groartig, Gottes Sturm kommen zu sehen.

Gottes Sturm, du gesegnetes Wetter des Herrn, wehe ber die Erde dahin!
Ihr Stimmen aus der Luft und aus dem Wasser, ertnt, entsetzet! Macht
Gottes Sturm gewaltig, macht Gottes Sturm schreckeinflend! Lat die
Strme ber das Land dahinsausen, gegen die schwankenden Wnde fahren,
die verrosteten Schlsser zersprengen, die morschen Huser umstrzen!

Schrecken soll sich ber das ganze Land ausbreiten. Die kleinen
Vogelnester sollen aus den Zweigen herausgeschttelt werden. Das
Habichtsnest im Wipfel der Tanne soll mit lautem Krachen zur Erde
fallen, und bis hinein in das Eulennest in der Bergkluft soll der Wind
mit seiner Drachenzunge zischen.

Wir meinten, alles bei uns sei so gut, aber das war es nicht. Wir haben
Gottes Sturmwetter sehr ntig. Ich verstehe es, und ich klage nicht. Ich
wnsche nur nach Hause zu kommen, zu meiner Mutter!

Sie bricht pltzlich zusammen.

Geh jetzt, junge Frau, sagt sie. Ich habe keine Zeit mehr. Ich mu
gehen. Geh jetzt, hte dich aber vor denen, die auf den Schwingen des
Sturmes kommen!

Und dann beginnt sie ihre Wanderung von neuem wieder. Die Zge werden
schlaff, der Blick wendet sich nach innen. Die Grfin und Frau Scharling
mssen sie verlassen.

Sobald sie zu den Tanzenden zurckgekehrt sind, geht die junge Grfin
direkt auf Gsta Berling zu.

Ich soll Herrn Berling von der Majorin gren, sagt sie. Sie
erwartet, da Herr Berling sie aus ihrem Gefngnis befreien wird.

Da kann sie lange warten, Frau Grfin!

Ach, helfen Sie ihr doch, Herr Berling!

Gsta schaut finster vor sich nieder. Nein, sagt er, weswegen sollte
ich ihr helfen? Wofr schulde ich ihr Dank? Alles, was sie getan hat,
ist zu meinem Unglck gewesen.

Aber Herr Berling...

Wre sie nicht gewesen, erwidert er heftig, so schliefe ich jetzt
dort oben in den ewigen Wldern. Bin ich verpflichtet, mein Leben fr
sie zu wagen, weil sie mich zum Kavalier auf Ekeby gemacht hat? Glauben
Frau Grfin, da das ein sehr ehrenvolles Amt ist?

Ohne zu antworten, wendet sich die junge Grfin von ihm ab. Sie ist
zornig.

Mit bitteren Gedanken ber die Kavaliere begibt sie sich an ihren Platz.
Mit Waldhorn und Violinen sind sie hierhergekommen und wollen die Bogen
ber die Saiten fahren lassen, bis sie zerspringen, ohne daran zu
denken, da die lustigen Tne zu der Gefangenen in das elende Zimmer
hinberdringen. Sie sind hierhergekommen, um zu tanzen, bis die
Schuhsohlen durchgetreten sind, und denken nicht daran, da ihre alte
Wohltterin ihre Schatten an den betauten Fensterscheiben vorbergleiten
sehen kann! Ach, wie grau und hlich doch die Welt wird! Ach, welche
Schatten doch die Not und die Hartherzigkeit der Menschen in die Seele
der jungen Grfin werfen!

Nach einer Weile kommt Gsta und fordert sie zum Tanz auf.

Sie sagt nein, geradezu nein!

Wollen Frau Grfin nicht mit mir tanzen? fragt er tief errtend.

Weder mit Ihnen noch mit irgendeinem von den Kavalieren, antwortet
sie.

Sind wir einer solchen Ehre nicht wrdig?

Es ist keine Ehre, Herr Berling! Aber ich finde kein Vergngen daran,
mit Leuten zu tanzen, die das Gebot der Dankbarkeit vergessen.

Gsta hat sich bereits auf dem Absatz umgedreht.

Gar viele sind Augen- und Ohrenzeugen dieser Szene gewesen. Alle geben
der Grfin recht. Die Undankbarkeit und Herzlosigkeit der Kavaliere
gegen die Majorin hat eine allgemeine Entrstung wachgerufen.

Aber in jenen Tagen ist Gsta Berling gefhrlicher als ein wildes Tier
des Waldes. Seit dem Augenblick, wo er von der Jagd heimkehrte und
Marianne nicht mehr vorfand, ist sein Herz wie eine offene Wunde
gewesen. Er hat die grte Lust, irgend jemand ein blutiges Unrecht
zuzufgen, Kummer und Sorge ber weite Kreise zu verbreiten.

Wenn sie es so haben will, sagt er zu sich selber, so soll es ihr
werden. Aber sie soll nicht geschont werden. Die Grfin schwrmt ja fr
Entfhrungen. Das Vergngen soll ihr werden. Er hat nichts gegen ein
Abenteuer einzuwenden. Acht Tage lang hat er um eine Frau getrauert. Das
ist lange genug. Er ruft Beerencreutz, den Oberst, Christian Bergh, den
starken Hauptmann, und den saumseligen Vetter Kristoffer, der stets zu
einem verwegenen Abenteuer aufgelegt ist, und beratschlagt mit ihnen,
wie man die gekrnkte Ehre des Kavalierflgels retten soll.

Und dann kommt der Schlu des Festes. Eine lange Reihe von Schlitten
fhrt im Hofe auf. Die Herren ziehen ihre Pelze an, die Damen suchen in
dem verzweifelnden Wirrwarr des Ankleidezimmers nach ihren wrmenden
Hllen.

Die junge Grfin hat sich beeilt, von diesem abscheulichen Ball
fortzukommen. Sie ist von allen Damen zuerst fertig. Lchelnd steht sie
mitten im Zimmer und sieht sich die allgemeine Verwirrung an, als die
Tr aufgerissen wird und Gsta Berling auf der Schwelle erscheint.

Kein Mann hat sonst das Recht, in dies Zimmer einzudringen. Alte Damen
flehen da mit ihrem dnnen Haar, jetzt wo sie die feinen Hauben
abgenommen haben, und die jungen haben ihre Kleider unter den Pelzen
hoch in die Hhe gezogen, damit die steifen Garnierungen bei der Fahrt
nicht zerknittert werden sollen.

Ohne sich aber an die warnenden Rufe zu kehren, springt Gsta Berling
auf die Grfin zu und ergreift sie. Er hebt sie auf seine Arme und
strzt mit ihr zum Zimmer hinaus, auf die Diele und von da auf die
Treppe.

Die Schreie der berraschten Frauen hemmen ihn nicht. Als sie hinter ihm
drein eilen, sehen sie nur, da er sich, die Grfin noch immer im Arm
haltend, in einen Schlitten wirft. Sie hren den Kutscher mit der
Peitsche knallen und sehen das Pferd von dannen jagen. Sie kennen den
Kutscher -- es ist Beerencreutz. Sie kennen das Pferd -- es ist Don Juan.
Und in tiefer Besorgnis um das Schicksal der Grfin rufen sie die
Herren.

Und diese verbringen keine Zeit mit vielen Fragen, sondern strzen zu
den Schlitten. Den Grafen an der Spitze, machen sie Jagd auf den
Frauenruber.

Er aber liegt im Schlitten und hlt die junge Grfin fest. Aller Kummer
ist vergessen, hingerissen von der berauschenden Freude des Abenteuers
singt er aus vollem Halse ein Lied von Liebe und von Rosen. Er hlt sie
fest an sich gepret, sie aber macht keinen Versuch, ihm zu entfliehen.
Ihr Antlitz ruht wei und versteinert an seiner Brust.

Ach, was soll ein Mann tun, wenn er ein bleiches, hilfloses Gesicht so
unmittelbar in seiner Nhe hat, wenn er das blonde Haar, das sonst die
schimmernd weie Stirn beschattet, zurckgestrichen sieht, wenn die
Lider sich schwer ber den grauen, schelmischen Augen geschlossen haben?

Kssen, natrlich, die bleichen Lippen, die geschlossenen Augen, die
weie Stirn kssen!

Da aber erwacht die junge Frau. Sie wirft sich auf die Seite, sie ist
elastisch wie eine Feder. Und er mu mit seiner ganzen Kraft gegen sie
kmpfen, damit sie sich nicht aus dem Schlitten strzt, ehe es ihm
gelingt, sie ergeben aber zitternd in die eine Ecke des Schlittens zu
zwingen.

Siehe, sagt Gsta ganz ruhig zu Beerencreutz, die Frau Grfin ist die
Dritte, die Don Juan und ich diesen Winter entfhren. Aber die andern
hingen an meinem Halse und kten mich, und sie will weder von mir
gekt werden noch mit mir tanzen. Kannst du aus diesen Frauen klug
werden, Beerencreutz?

Aber als Gsta aus dem Hofe fuhr, als die Frauen schrien und die Mnner
fluchten, als die Schlittenglocken klingelten und die Peitschen knallten
und berall Lrm und Verwirrung herrschte, da ward den Mnnern, die die
Majorin bewachten, gar wunderlich zumute.

Was geht denn da vor sich? dachten sie. Weshalb schreien die Leute?

Pltzlich wird die Tr aufgerissen und eine Stimme ruft ihnen zu: Sie
ist fort. Jetzt fahren sie mit ihr ab.

Und sie laufen wie verrckte Menschen davon, ohne nachzusehen, ob es die
Majorin oder sonst jemand war, der verschwunden ist.

Das Glck war ihnen gnstig, sie fanden sogar noch Platz in einem
Schlitten. Und sie fuhren eine lange Strecke, ehe es ihnen klar ward,
wer die Verfolgte war.

Aber Bergh und Vetter Kristoffer gingen ganz gemchlich nach der Tr,
sprengten das Schlo und ffneten der Majorin.

Sie kam heraus. Sie standen so steif wie zwei Bildsulen zu jeder Seite
der Tr und sahen sie nicht an.

Drauen hlt ein angespannter Schlitten!

Da ging sie hinaus, setzte sich in das Fuhrwerk und fuhr von dannen.
Niemand verfolgte sie. Es wute auch niemand, wohin sie fuhr.

Don Juan eilt die Brobyer Hgel hinab, an die eisbedeckte Flche des
Sees. Das stolze Ro fliegt dahin. Eiskalte Luft umsaust schneidend die
Wangen der Fahrenden. Die Schellen luten. Die Sterne und der Mond
funkeln. Der Schnee liegt blauwei und schimmert mit seinem
eigentmlichen Glanz.

Gsta fhlt poetische Gedanken in sich erwachen.

Beerencreutz, sagt er, dies ist das Leben. So wie Don Juan mit dieser
jungen Dame enteilt, so entflieht die Zeit mit den Menschen. Du bist die
bittere Notwendigkeit, die das Gefhrt lenkt. Ich bin das Verlangen, das
den Willen gefangen hlt. Und so wird der Machtlose tiefer und tiefer
hinabgezogen.

Rede nicht so viel, brllt Beerencreutz. Jetzt sind sie uns auf den
Fersen. Und mit sausendem Peitschenschlag treibt er Don Juan zu immer
wilderer Fahrt an.

Da sind die Wlfe, hier ist die Beute, ruft Gsta.

Don Juan, mein Junge, bilde dir ein, da du ein junges Elentier bist.
Strze durch das Gestrpp, wate durch das Moor, springe vom Felsabhang
hinab in den klaren See, schwimme mit keck erhobenem Haupt darber hin
und verschwinde, verschwinde in der errettenden Finsternis des dichten
Tannenwaldes. Laufe, Don Juan, alter Frauenruber! Laufe wie ein junges
Elentier!

Sein wildes Herz schwillt vor Jubel bei der blitzschnellen Fahrt. Die
Schreie der Verfolger sind ihm ein Jubelgesang. Sein wildes Herz
schwillt vor Jubel, als er bemerkt, da die Glieder der Grfin vor
Schreck erbeben, als er ihre Zhne klappern hrt.

Pltzlich lst sich der eiserne Griff, mit dem er sie festgehalten hat.
Er richtet sich hoch im Schlitten auf und schwingt die Mtze.

Ich bin Gsta Berling! ruft er, Herr ber tausend Ksse und
dreizehntausend Liebesbriefe. Hurra! fr Gsta Berling! Fange ihn, wer
da kann!

Und im nchsten Augenblick flstert er der Grfin ins Ohr: Ist dies
nicht eine herrliche Fahrt? Ist es nicht eine knigliche Fahrt? Hinter
dem Lfsee liegt der Wenersee, hinter dem Wenersee liegt das Meer.
berall unendliche Flchen von spiegelblankem, blauschwarzem Eis und
dahinter wieder eine strahlende Welt. Rollender Donner in dem krachenden
Eis, gellende Rufe hinter uns, Sternschnuppen in der Luft und
Schlittengelute vor uns. Vorwrts! Immer vorwrts! Haben Sie Lust,
diese Reise mit mir zu machen, schne junge Frau Grfin?

Er hat sie freigegeben. Sie stt ihn heftig von sich.

Im nchsten Augenblick liegt er zu ihren Fen auf den Knien.

Ich bin ein Elender, ein Elender! Die Frau Grfin htte mich nicht
reizen sollen. Sie standen so stolz und fein da und glaubten, da eine
Kavalierfaust Sie niemals erreichen knne. Himmel und Erde lieben Sie.
Sie sollten den nicht noch mit Steinen belasten, der von Himmel und Erde
verachtet ist.

Er ergreift ihre Hnde und fhrt sie an sein Gesicht.

Wenn Sie nur wten, sagt er, was es heit, zu wissen, da man ein
Ausgestoener ist. Es ist einem einerlei, was man tut, ganz einerlei.

Im selben Augenblick bemerkt er, da sie nichts an den Hnden hat. Er
nimmt ein Paar groe Pelzhandschuhe aus der Tasche und zieht sie ihr an.
Und dann ist er pltzlich ganz ruhig geworden. Er setzt sich im
Schlitten zurecht, so weit wie nur mglich von der jungen Grfin
entfernt.

Die Frau Grfin brauchen sich nicht zu frchten, sagt er. Sehen die
Frau Grfin nicht, wohin wir fahren? Sie werden doch begreifen knnen,
da wir Ihnen kein Leides antun wollen.

Sie ist beinahe ganz besinnungslos gewesen vor Schrecken, aber nun sieht
sie, da sie schon ber den See gefahren sind und da Don Juan jetzt die
steilen Hgel bei Borg hinaufkeucht. Sie halten das Pferd vor der Treppe
zum Hauptgebude an und lassen die junge Grfin an der Tr ihres eigenen
Hauses absteigen.

Als sie sich aber von der Dienerschaft umringt sieht, die
herausgestrzt kommt, kehrt ihr Mut und ihre Geistesgegenwart zurck.

Sorgen Sie fr das Pferd, Andersson, sagt sie, die Herren, die mich
nach Hause gefahren haben, sind sicher so freundlich, ein wenig nher zu
treten. Der Graf mu gleich hier sein.

Wie die Frau Grfin befehlen, sagt Gsta und steigt sofort aus dem
Schlitten. Beerencreutz wirft, ohne sich zu besinnen, dem Kutscher die
Zgel zu. Die junge Grfin aber geht voraus und fhrt sie mit schlecht
verhehlter Schadenfreude in den Saal.

Die Grfin hatte sicher gedacht, da die Kavaliere sich besinnen wrden,
auf ihren Vorschlag einzugehen und ihren Mann zu erwarten. Sie wuten
also nicht, welch ein strenger, gerechter Mann er war. Sie frchteten
sich nicht vor der Strafe, die er denen zuerteilen wrde, die sie mit
Gewalt ergriffen und gezwungen hatten, mit ihnen zu fahren. Sie wollte
es mit anhren, wie er ihnen untersagte, jemals wieder den Fu ber ihre
Schwelle zu setzen. Sie wollte es erleben, wie er die Dienerschaft
hereinrief und vor ihnen die Kavaliere als Persnlichkeiten hinstellte,
die sie in Zukunft niemals in die Tore von Borg einlassen drften. Sie
wollte hren, wie er seine Verachtung aussprach, nicht nur ber das, was
sie ihr angetan, sondern auch ber ihr Benehmen gegen die alte Majorin,
ihre Wohltterin.

Ja, er, der ihr gegenber lauter Zrtlichkeit und Rcksicht war, er
wrde sich in gerechtem Zorn gegen ihre Verfolger erheben. Die Liebe
wrde seinen Worten Feuer verleihen. Er, der sie beschtzte und bewachte
wie ein Wesen feinerer Art als jede andere, er wrde es nicht dulden,
da rohe Mnner ber sie herfielen und sie ergriffen, wie der Raubvogel
ber den Sperling herfllt. Die ganze kleine Frau erglhte vor
Rachedurst vom Scheitel bis zur Sohle. Ihr Mann sollte ihr in ihrer
Ohnmacht helfen und die dunklen Schatten vertreiben.

Beerencreutz, der Oberst mit dem dicken weien Schnurrbart, ging ganz
unerschrocken in den Speisesaal, trat an den Kamin, in dem stets, wenn
die Grfin aus einer Gesellschaft kam, ein helles Feuer brannte.

Gsta verharrte im Dunkeln an der Tr und betrachtete schweigend die
Grfin, die der Diener ihres Pelzes entledigte. Wie er so dasa und die
junge Frau ansah, ward er so heiter, wie er es seit Jahren nicht gewesen
war. Es ward ihm so klar, er war so berzeugt davon, als sei es eine
Offenbarung, da in ihrem Innern die schnste Seele wohnen msse.

Lange hatte sie in tiefem Schlaf befangen gelegen, aber sie wrde schon
ans Tageslicht kommen. Er war so froh, da er all die Reinheit und
Frmmigkeit und Unschuld entdeckt hatte, die in ihrem innersten Herzen
wohnten. Er war nahe daran, ber sie zu lachen, weil sie so erzrnt
aussah und mit flammenden Wangen und gerunzelter Stirn dastand.

Du weit es ja selber nicht, wie gut und milde du bist, dachte er.

Die Seite ihres Wesens, die der Auenwelt zugewendet war, wrde ihrem
inneren Ich niemals volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, dachte er.
Von diesem Augenblick an mute aber Gsta Berling ihr Diener sein, wie
man allem Schnen und Gttlichen dienen mu. Ja, es war ihm nicht
mglich zu bereuen, da er vorhin so gewaltsam gegen sie vorgegangen
war. Wenn sie nicht so bange gewesen wre, wenn sie ihn nicht so heftig
von sich gestoen htte, wenn er nicht gefhlt htte, wie sich ihr
ganzes Wesen ber seine Roheit emprte, so htte er niemals erfahren,
welch ein feiner, welch ein edler Geist in ihr wohnte.

Er hatte bisher keinen Grund gehabt, es zu glauben. Sie war ja lauter
Tanzlust und Frohsinn. Und dann hatte sie ja das Unglaubliche tun und
sich mit dem dummen Grafen Henrik verheiraten knnen.

Ja, nun wrde er bis an den Tod ihr Sklave sein: Hund und Sklave, wie
Hauptmann Christian zu sagen pflegte, und nichts anderes.

Dort an der Tr sa Gsta Berling mit gefalteten Hnden und hielt eine
Art Gottesdienst ab. Seit jenem Tage, als er zum erstenmal die
Feuerzunge der Inspiration ber sich hatte flammen fhlen, hatte er
keine solche Erhebung in seiner Seele gefhlt. Er lie sich nicht
stren, obwohl Graf Dohna mit einer Menge Menschen hereinkam, die ber
alle die dummen Streiche der Kavaliere donnerten und fluchten.

Er lie Beerencreutz den ersten Anprall hinnehmen. Er selber hatte an
anderes zu denken. Ganz ruhig stand der Ritter der vielen Abenteuer am
Kamin, setzte den einen Fu auf das Kamingitter, sttzte den Ellbogen
gegen das Knie und das Kinn in die Hand und sah die Hereinstrmenden an.

Was hat dies alles zu bedeuten? brllte der kleine Graf ihn an.

Das bedeutet, erwiderte er, da, solange es Frauenzimmer gibt, es
auch nicht an Toren fehlen wird, die nach ihrer Pfeife tanzen.

Der kleine Graf wurde dunkelrot. Ich frage, was das zu bedeuten hat?
wiederholte er.

Ja, das frage ich auch, sagte Beerencreutz. Darf ich mir die Frage
erlauben, was es zu bedeuten hat, da Graf Henrik Dohnas Gemahlin nicht
mit Gsta Berling tanzen will?

Der Graf wandte sich fragend an seine Gattin.

Ich konnte nicht, Henrik, rief sie aus. Ich konnte weder mit ihm,
noch mit einem von den anderen tanzen. Ich dachte an die Majorin, die
sie im Gefngnis verschmachten lieen.

Der kleine Graf richtete seinen steifen Krper stramm auf und warf
seinen Greisenkopf in den Nacken.

Wir Kavaliere, sagte Beerencreutz, gestatten niemand, uns zu
verhhnen. Wer nicht mit uns tanzen will, mu mit uns fahren. Es ist der
Grfin kein Schaden zugefgt, und damit mag die Sache ein Ende haben.

Nein, sagte der Graf, damit hat sie kein Ende. Ich mu fr die
Handlungen meiner Gattin einstehen. Jetzt frage ich, weshalb sich Gsta
Berling nicht an mich wandte, um von mir Satisfaktion zu erlangen, als
meine Frau ihn beleidigt hatte.

Beerencreutz lchelte.

Ich frage... wiederholte der Graf.

Man bittet den Fuchs nicht um Erlaubnis, wenn man ihm das Fell abziehen
will, sagte Beerencreutz.

Der Graf legte die Hand auf seine schmale Brust.

Man sagt mir nach, da ich ein gerechter Mann bin, entgegnete er. Ich
kann Gericht ber meine Dienerschaft halten. Weshalb sollte ich nicht
auch Gericht ber meine Gemahlin halten? Die Kavaliere haben kein Recht,
sie zu richten. Die Strafe, die sie ihr auferlegt haben, hebe ich auf.
Die hat fr mich gar nicht stattgefunden. Verstehen Sie, meine Herren,
die hat gar nicht stattgefunden.

Der Graf schrie die Worte in seinem hchsten Falsett.

Beerencreutz warf einen schnellen Blick auf die Gesellschaft. Da war
nicht einer der Anwesenden -- Sintram und Daniel Bendix und Dahlberg und
wer sonst noch mit hereingekommen war --, der nicht in den Bart gelacht
htte, weil er sich so ber den dummen Grafen Henrik lustig machte.

Die junge Grfin verstand es nicht sofort. Was war es eigentlich, das
fr null und nichtig erklrt wurde? Ihre Angst, die harte Behandlung
ihres zarten Krpers von seiten der Kavaliere, der wilde Gesang, die
wilden Worte, die wilden Ksse, sollte das alles gar nicht stattgefunden
haben?

Aber Henrik...

Schweig! herrschte er sie an. Und nun richtete er sich auf, um ihr
eine Strafpredigt zu halten. Wehe dir, da du, die du eine Frau bist,
dich hast zum Richter ber Mnner aufwerfen wollen, sagte er. Wehe
dir, da du, die du meine Frau bist, es wagst, jemand zu beleidigen,
dessen Hand ich drcke. Was geht es dich an, da die Kavaliere die
Majorin ins Gefngnis geworfen haben? Hatten sie nicht das Recht dazu?
Du wirst es niemals verstehen knnen, wie ein Mann sich im Innersten
seiner Seele verletzt fhlt, wenn er von der Treulosigkeit der Frauen
hrt. Gedenkst du selber, den schlpfrigen Weg zu wandeln, da du eine
solche Frau in Schutz nimmst?

Aber Henrik...

Sie jammerte wie ein Kind und streckte die Arme aus, als wolle sie die
bsen Worte abwenden. Sie hatte wohl noch niemals so harte Worte an sich
richten hren. Sie war so hilflos zwischen diesen harten Mnnern, und
nun wandte ihr einziger Verteidiger sich gegen sie. Nie mehr wrde ihr
Herz Kraft haben, die Welt hell zu machen.

Aber Henrik! Du solltest mich ja beschtzen!

Gsta Berling war jetzt, wo es zu spt war, aufmerksam geworden. Er
wute nicht, was er tun sollte. Er meinte es so gut mit ihr. Aber er
wagte nicht, sich zwischen Mann und Frau zu drngen.

Wo ist Gsta Berling? fragte der Graf.

Hier, sagte Gsta. Und er machte einen miglckten Versuch, das Ganze
als Scherz darzustellen. Der Herr Graf waren gewi dabei, eine Rede zu
halten, und ich schlief ein! Was meinen der Herr Graf dazu, wenn wir
jetzt nach Hause fhren und Sie zu Bette gehen lieen?

Gsta Berling! Sintemal meine Gattin sich geweigert hat, mit dir zu
tanzen, befehle ich, da sie deine Hand kssen und dich um Verzeihung
bitten soll.

Mein lieber Graf Henrik, sagt Gsta lchelnd, das ist keine Hand,
geeignet von einer jungen Dame gekt zu werden. Gestern war sie rot von
dem Blut eines erlegten Elentiers, morgen ist sie schwarz von Ru nach
einer Schlgerei mit einem Khler. Der Graf hat ein edles, hochherziges
Urteil gefllt. Das ist eine hinreichende Genugtuung. Komm,
Beerencreutz!

Der Graf stellte sich ihm in den Weg. Geh nicht, sagt er. Meine Frau
mu mir gehorchen. Ich will, da meine Gemahlin erfhrt, wozu es fhrt,
wenn sie eigenmchtig handelt.

Gsta blieb unschlssig stehen. Die Grfin stand bleich da, rhrte sich
aber nicht.

Geh! sagte der Graf.

Henrik, ich kann nicht!

Du kannst! sagte der Graf hart. Du kannst. Aber ich wei, was du
willst. Du willst mich zwingen, mich mit dem Manne zu duellieren, den du
in deiner Launenhaftigkeit nicht leiden kannst. Wohlan! Wenn du ihm
keine Genugtuung geben willst, so will ich es. Es ist stets ein
besonderes Vergngen fr eine Frau, wenn Mnner ihretwegen gettet
werden. Du hast den Fehler begangen, willst ihn aber nicht shnen. Ich
werde mich duellieren, Frau Grfin! In wenigen Stunden werde ich eine
blutige Leiche sein.

Sie schaute ihn mit einem langen Blick an. Und sie sah ihn so, wie er
war: dumm, feige, aufgeblasen vor Hochmut und Eitelkeit, der elendeste
Mensch, den man sehen kann.

Beruhige dich, sagte sie. Und sie war kalt wie Eis. Ich werde es
tun.

Jetzt aber geriet Gsta Berling ganz auer sich.

Das drfen die Frau Grfin nicht! Nein, Sie drfen es nicht! Sie sind
ja nur ein Kind, ein schwaches, unschuldiges Kind, und Sie sollten meine
Hand kssen! Sie haben eine so reine und schne Seele. Ich werde nie
wieder in Ihre Nhe kommen, nie wieder! Ich bringe Tod und Verderben
ber alles, was gut und unschuldig ist. Sie sollen mich nicht anrhren.
Ich schrecke vor Ihnen zurck wie das Feuer vor dem Wasser. Sie drfen
es nicht tun!

Er hielt die Hnde auf dem Rcken.

Es schadet mir nichts, Herr Berling! Jetzt schadet es mir nicht mehr.
Ich bitte Sie um Verzeihung! Ich bitte Sie, lassen Sie mich Ihre Hand
kssen!

Gsta hielt seine Hnde noch immer auf dem Rcken. Er lie den Blick
durch den Saal schweifen und nherte sich der Tr.

Wenn du die Genugtuung nicht annimmst, die meine Frau dir bietet, mu
ich mich mit dir duellieren, Gsta Berling, und mu ihr auerdem eine
noch hrtere Strafe auferlegen.

Die Grfin zuckte die Achseln. Er ist ja ganz verrckt vor Feigheit,
flsterte sie. Lassen Sie es geschehen! Es ist ja einerlei, ob ich
gedemtigt werde. Das haben Sie ja die ganze Zeit hindurch gewollt.

Habe ich das gewollt? Glauben Sie, da ich das gewollt habe? Jetzt, wo
ich keine Hnde mehr habe, die Sie kssen knnen, werden Sie verstehen,
da ich es nicht gewollt habe! rief er aus.

Er lief nach dem Kamin und steckte seine Hnde hinein. Die Flammen
schlugen darber zusammen, die Haut schrumpfte ein, die Ngel
knatterten. Im selben Augenblick aber ergriff Beerencreutz ihn beim
Nacken und schleuderte ihn gewaltsam durch das Zimmer. Er taumelte auf
einen Stuhl und blieb dort sitzen. Er schmte sich fast ber sein
Benehmen. Wrde sie glauben, da er es nur aus Prahlerei getan hatte?
Sich in einem mit Menschen angefllten Zimmer so aufzufhren -- das
mute ja wie dumme Prahlerei erscheinen. Es war kein Gedanke an Gefahr
dabei gewesen.

Ehe er sich vom Stuhl erhoben hatte, lag die Grfin neben ihm auf den
Knien. Sie ergriff die roten, rauchgeschwrzten Hnde und betrachtete
sie.

Ich will sie kssen, ich will sie kssen, rief sie aus, sobald sie
nicht mehr zu wund und zu krank sind. Trnen strzten ihr aus den
Augen, whrend sie sah, wie sich die Brandblasen unter der versengten
Haut hoben.

So ward es fr sie eine Offenbarung ungekannter Herrlichkeit. Da noch
so etwas auf Erden geschehen konnte, da so etwas um ihretwillen
ausgefhrt werden konnte! Was fr ein Mann war er nicht, zu allem fhig,
gewaltig im Guten wie im Bsen, ein Mann groer Taten, starker Worte,
glnzender Eigenschaften! Ein Held, ein Held! Aus einem andern Stoffe
gemacht als andere. Sklave einer Laune, der Lust eines Augenblickes,
wild und schrecklich, aber im Besitz einer rasenden Kraft, nichts in der
Welt frchtend.

Sie hatte sich den ganzen Abend so bedrckt gefhlt, hatte nichts
gesehen als Kummer und Grausamkeit und Feigheit. Jetzt war alles
vergessen. Die junge Grfin war wieder froh, ein Mensch zu sein. Die
Dmmerungsgttin war besiegt. Die junge Grfin sah Licht und Farben und
eine sonnige Welt.

       *       *       *       *       *

Als die Grfin bald darauf erfuhr, da die Majorin befreit war, gab sie
eine groe Mittagsgesellschaft den Kavalieren zu Ehren. Damit begann
ihre und Gsta Berlings lange Freundschaft.




Gespenstergeschichten


Ihr Kinder spter Zeiten! Ich habe euch nichts Neues zu erzhlen, nur
das, was alt und beinahe vergessen ist. Nur Mrchen habe ich aus dem
Kinderzimmer, wo die Kleinen auf niedrigen Schemeln um die alte
Mrchenerzhlerin herumhockten, von dem flackernden Herdfeuer in der
Htte, um das die Knechte und Tagelhner im Kreise herumsaen und
schwatzten, whrend ihre feuchten Kleider dampften und sie ihr Messer
aus der ledernen Scheide am Halse zogen, um Butter auf dickes, weiches
Brot zu streichen, oder aus dem Saal, wo alte Herren in wiegenden
Schaukelsthlen ruhten und, von dem dampfenden Grog belebt, von alten
Zeiten redeten.

Stand dann ein Kind, das der Mrchenerzhlerin, den Tagelhnern, den
alten Herren gelauscht hatte, an Winterabenden am Fenster, da waren es
keine Wolken, die es am Himmel dahinziehen sah, nein, die Wolken wurden
zu Kavalieren, die in wackeligen Gefhrten am Horizont dahinjagten; die
Sterne waren Wachskerzen, die in dem alten Grafenschlo auf der Borger
Landzunge angezndet wurden, und der Spinnrocken, der im Nebenzimmer
schnurrte, ward von der alten Ulrika Dillner getreten. Denn der Kopf des
Kindes war angefllt mit den Menschen alter Zeiten, fr sie lebte es,
fr sie schwrmte es.

Wurde aber so ein Kind, dessen ganze Seele mit Mrchen gesttigt war,
ber den dunklen Boden in die Vorratskammer gesandt nach leinenen
Tchern oder Zwiebacken, da eilten die kleinen Fe, da ging es in
fliegender Fahrt die Treppe hinab, ber die Diele und in die Kche
hinaus. Denn da oben im Dunkeln waren dem Kinde alle die alten
Geschichten eingefallen, die es von dem bsen Gutsherrn auf Fors gehrt
hatte, von ihm, der sich dem Teufel verschrieb.

Der Staub des bsen Sintram weilt lngst auf dem Svartsjer Kirchhof,
niemand aber glaubt, da seine Seele in Gott ruht, wie es auf dem
Grabstein geschrieben steht.

Whrend er lebte, war er einer von jenen, zu denen an langen,
regnerischen Sonntagnachmittagen eine schwere, mit schwarzen Pferden
bespannte Karosse gefahren kam. Ein eleganter, schwarz gekleideter Herr
steigt aus dem Wagen und hilft dem Hausherrn bei Karten und Wrfeln die
schleichenden Stunden vertreiben, die ihn in ihrer Einfrmigkeit zur
Verzweiflung gebracht haben. Die Partie wird bis nach Mitternacht
fortgesetzt, und wenn der Fremde in der Morgendmmerung abfhrt,
hinterlt er stets irgendeine unheilverkndende Abschiedsgabe.

Ja, solange Sintram hier auf Erden weilte, war er einer von denen,
dessen Kommen von Geistern angekndigt wird. Es gehen ihnen Warnungen
voraus; ihr Wagen rollt auf den Hof, ihre Peitsche knallt, ihre Stimme
wird auf der Treppe hrbar, die Haustr wird geffnet und zugeschlagen.
Hunde und Menschen erwachen von dem Gerusch, so stark ist es, aber es
kommt niemand -- es sind nur Vorbedeutungen.

Hu! diese entsetzlichen Menschen, die von bsen Geistern heimgesucht
werden! Was fr ein groer Hund konnte das doch nur sein, der sich zu
Sintrams Zeit auf Fors zeigte? Er hatte schreckliche, funkelnde Augen
und eine lange feuerrote Zunge, die ihm weit aus dem keuchenden Maul
heraushing. Eines Tages, gerade als die Knechte in der Kche beim
Mittagessen saen, hatte er an die Kchentr gekratzt, und alle Mdchen
hatten vor Entsetzen aufgeschrien; aber der grte und strkste von den
Knechten hatte ein brennendes Scheit vom Herd genommen, die Tr
aufgerissen und es dem Hund in den Rachen geschleudert. Da war er mit
entsetzlichem Geheul entflohen, Feuer und Rauch waren aus seinem Maul
herausgeschlagen, Funken hatten ihn umwirbelt, und seine Fuspuren
schimmerten auf dem Wege wie Feuer.

Und etwas ganz Schreckliches war es, wenn der Gutsherr auf Reisen ging;
er fuhr mit Pferden von Hause fort, aber wenn er des Nachts nach Hause
kam, hatte er stets schwarze Stiere vor dem Wagen. Die Leute die an der
Landstrae wohnten, konnten die groen schwarzen Hrner sich gegen den
nchtlichen Himmel abheben sehen, wenn er vorberfuhr: sie hrten die
Stiere brllen und entsetzten sich ber die funkensprhenden Streifen,
die die Wagenrder und Hufe in dem trocknen Kies hinterlieen.

Ja, die kleinen Fe konnten wohl Eile haben, wenn sie ber den groen,
dunklen Boden hinber muten. Denkt nur, wenn etwas Entsetzliches, wenn
er, dessen Namen sie nicht zu nennen wagten, da oben aus einem dunklen
Winkel herausgekommen wre! Wer konnte sicher davor sein? Er zeigte sich
nicht nur den schlechten Menschen. Hatte Ulrika Dillner ihn nicht
gesehen! Sowohl sie als auch Anna Stjrnhk konnten davon erzhlen, wie
sie ihn gesehen hatten.


       *       *       *       *       *


Freunde, Menschenkinder! Ihr, die ihr tanzet und lachet! Ich bitte euch
so flehentlich, tanzet vorsichtig, lachet leise, denn es kann zu so
vielem Unglck Anla geben, wenn eure dnnsohligen seidenen Schuhe auf
Menschenherzen treten statt auf Bretter, und euer silberhelles Lachen
kann eine Seele in Verzweiflung jagen.

Sicher hatten die jungen Fe zu hart auf das Herz der alten Ulrika
getreten, hatte das Lachen der Jungen zu bermtig in ihre Ohren
geklungen, so da sie pltzlich eine unwiderstehliche Sehnsucht nach dem
Namen und der Wrde einer verheirateten Frau berkam. Sie sagte endlich
ja zu der langjhrigen Werbung des bsen Sintram, folgte ihm als
Gattin nach Fors und war so getrennt von den alten Freunden auf Berga,
von den ihr lieb gewordenen Beschftigungen und der alten Sorge um das
tgliche Brot.

Es ging ber Hals und Kopf mit dieser Heirat. Um die Weihnachtszeit
freite Sintram, und im Februar fand die Hochzeit statt.

Anna Stjrnhk wohnte nun in Hauptmann Ugglas Hause. Sie war ein guter
Ersatz fr die alte Ulrika, so da diese ohne Gewissensbisse ausziehen
und sich ihren Frauentitel erobern konnte.

Ohne Gewissensbisse, aber nicht ohne Reue. Es war kein guter Ort, an den
sie kam; die groen, leeren Zimmer waren mit Schreckbildern angefllt.
Sobald es zu dunkeln begann, grauste und bangte sie sich. Sie war nahe
daran, vor Heimweh zu vergehen.

Die langen Sonntagnachmittage waren schlimmer als alles andere. Sie
wollten nie ein Ende nehmen, so wenig wie die nagenden Gedanken, die
sich durch ihr Gehirn schleppten.

Da geschah es eines Tages, als Sintram nicht von der Kirche zu Mittag
nach Hause gekommen war, da sie in den Saal ging und sich ans Klavier
setzte. Das war ihr letzter Trost. Das Klavier mit dem gemalten
Fltenspieler und der Hirtin auf dem weien Deckel war ihr Eigentum, sie
hatte es von ihren Eltern geerbt. Dem konnte sie ihre Not klagen, denn
es verstand sie.

Aber wit ihr, was sie spielt? Nur eine Polka -- sie, die so tief betrbt
ist!

Ach, sie kann nichts weiter als diese eine Polka; die hatte sie gelernt,
ehe ihre Finger sich um den Kochlffel und das Vorschneidemesser steif
gekrmmt haben. Die sitzt ihr noch in den Fingern, aber sie kann nicht
ein einziges Stck auer dieser Polka, keinen Trauermarsch, keine
leidenschaftliche Sonate, nicht einmal eine wehmtige Volksmelodie, nur
eine Polka.

Die spielt sie jedesmal, wenn sie dem alten Klavier etwas anzuvertrauen
hat. Sie spielt sie, wenn sie lachen mchte, sie spielt sie, wenn sie
weinen mchte. Als sie ihre Hochzeit feierte, spielte sie sie, und als
sie zum erstenmal in ihr eigenes Heim kam, und so auch jetzt.

Die alten Saiten verstehen sie wohl; sie ist unglcklich -- ach, so
unglcklich!

Ein Vorberfahrender, der die Tne der Polka hrt, knnte glauben, da
der bse Gutsherr seinen Freunden und Nachbarn einen Ball gbe, so
munter klingt es. Es ist eine flotte, frhliche Melodie. Damit hat sie
in alten Tagen die Sorglosigkeit in Berga hinein- und den Hunger aus
Berga herausgespielt; wenn sie ertnte, mute sich alles im Tanze
schwingen. Sie sprengte die Fessel der Gicht und lockte achtzigjhrige
Greise in den Tanzsaal. Die ganze Welt htte Lust bekommen, nach der
Polka zu tanzen, so munter klingt sie -- die alte Ulrika aber weint.

Sie ist von bissigen Tieren und unfreundlichen Dienstboten umgeben. Sie
sehnt sich danach, ein freundliches Gesicht und einen lchelnden Mund zu
sehen. Und dieser verzweifelnden Sehnsucht soll die Polka Ausdruck
verleihen.

Es wird den Leuten so schwer, sich zu erinnern, da sie Frau Sintram
ist. Alle nennen sie Mamsell Dillner. Deswegen soll die Polka ihrer Reue
Ausdruck verleihen, da sie sich von der Eitelkeit hat verlocken lassen,
nach dem Frauentitel zu trachten.

Die alte Ulrika spielt, als wolle sie die Saiten zersprengen. Da ist so
viel zu bertuben: Wehrufe von verarmten Bauern, Flche ausgesogener
Arbeiter, Hohngelchter trotziger Dienstboten und vor allem die Schande
-- die Schande, die Frau eines bsen Mannes zu sein.

Zu diesen Tnen hat Gsta Berling den Tanz mit der jungen Grfin Dohna
aufgefhrt. Marianne Sinclaire und ihre vielen Bewunderer haben danach
getanzt, und die Majorin auf Ekeby hat sich im Takt zu diesen Tnen
geschwungen, als der schne Altringer noch lebte. Sie sieht sie
vorberwirbeln, Paar auf Paar, vereint in Jugend und Schnheit. Es ging
ein Strom von Munterkeit von ihnen auf sie ber, von ihr auf sie. Ihre
Polka machte ihre Wangen glhen, ihre Augen strahlen. Jetzt ist sie von
alledem geschieden. La die Polka ertnen -- da sind so viele, so viele
Erinnerungen zu bertuben!

Sie spielt, um ihre Angst zu betuben. Ihr Herz ist nahe daran, vor
Entsetzen zu zerspringen, wenn sie den schwarzen Hund sieht, wenn sie
die Dienstboten von den schwarzen Stieren flstern hrt. Sie spielt die
Polka wieder und wieder, um ihre Angst zu bertuben.

Da merkt sie, da ihr Mann nach Hause gekommen ist. Sie hrt, da er ins
Zimmer kommt und sich in einen Schaukelstuhl setzt. So gut kennt sie den
Ton, wenn die Gngeln den Fuboden knirschend berhren, da sie sich
nicht einmal umzusehen braucht.

Und whrend sie spielt, fhrt das Schaukeln fort -- jetzt hrt sie die
Tne nicht mehr, sondern nur das Schaukeln.

Arme alte Ulrika, vergrmt, einsam, hilflos, verirrt in Feindesland,
ohne einen Freund, dem sie ihr Leid klagen kann, ohne einen andern
Trster als das alte, klapperige Klavier, das ihr mit einer Polka
antwortet! Es klingt wie ein schallendes Gelchter bei einem Begrbnis,
wie ein Trinklied in einer Kirche.

Whrend aber der Schaukelstuhl fortfhrt zu schaukeln, hrt sie
pltzlich, da das Klavier ihrer Klage spottet, und sie hlt mitten im
Takt inne. Sie erhebt sich und sieht nach dem Schaukelstuhl hinber.

Im nchsten Augenblick aber liegt sie ohnmchtig an der Erde. Dort im
Schaukelstuhl sa nicht ihr Mann, sondern ein anderer -- er, dessen Namen
die Kinder nicht zu nennen wagen, er, vor dem sie tot umgefallen wren,
wenn sie ihn auf dem einsamen Boden getroffen htten.

       *       *       *       *       *

Ob wohl derjenige, dessen Seele mit Mrchen angefllt ist, sich jemals
von ihrer Macht befreien kann? Der Nachtwind heult da drauen, ein
Gummibaum und ein Oleander peitschen mit ihren steifen Blttern gegen
das Gitterwerk des Balkons. Der Himmel wlbt sich finster ber den
langgestreckten Bergen, und ich, die ich zur nchtlichen Stunde allein
sitze und bei dem Schein der Lampe und bei aufgezogenem Rouleau
schreibe, ich, die ich jetzt alt bin und klug sein sollte, ich fhle
dasselbe Grauseln mir am Rckgrat herabkriechen wie damals, als ich
diese Geschichte zum erstenmal hrte, und ich mu jeden Augenblick die
Augen von der Arbeit erheben, um nachzusehen, ob sich nicht jemand dort
in der Ecke versteckt hat; ich mu auf den Balkon hinaus, um zu sehen,
ob nicht ein schwarzer Kopf ber das Gitterwerk guckt. Er verlt mich
nie, dieser Schrecken, den die alten Geschichten wachrufen, wenn die
Nacht finster und die Einsamkeit tief ist, und er gewinnt schlielich
eine solche bermacht, da ich in mein Bett kriechen und die Decke ber
den Kopf ziehen mu.

Ich habe mich in meiner Kindheit nie genug darber verwundern knnen,
da Ulrika Dillner diesen Nachmittag berlebte. Ich htte es nicht
gekonnt.

Ein Glck war es, da Anna Stjrnhk gleich darauf nach Fors gefahren
kam, da sie sie im Saal am Fuboden liegend fand und sie wieder ins
Leben zurckrief. Mit mir wre es sicher nicht so gut abgegangen. Ich
wre lngst tot gewesen.

Ich will euch wnschen, liebe Freunde, da ihr davor bewahrt werden
mget, die Trnen alter Augen zu sehen. Da ihr nicht hilflos dastehen
mget, wenn sich ein graues Haupt an eure Brust lehnt, um Sttze zu
suchen, oder alte Hnde sich in schweigendem Flehen um euch falten. Mge
es euch erspart bleiben, die Alten in Kummer versenkt zu sehen, den ihr
nicht zu lindern vermget.

Was sind die Klagen der Jungen? Sie haben Kraft, sie haben Hoffnung.
Aber welch ein Elend ist es nicht, wenn die Alten weinen, wenn die, die
eurer jungen Tage Sttze gewesen sind, in machtlose Klage hinsinken!

Dort sa Anna Stjrnhk und hrte die alte Ulrika an, und sie sah keinen
Ausweg fr sie. Die Alte weinte und bebte. Ihre Augen rollten wild, sie
sprach zuweilen so verwirrt, als wisse sie nicht mehr, wo sie war. Die
tausend Runzeln, die ihr Gesicht durchfurchten, waren doppelt so tief
wie gewhnlich, die Hngelocken, die ihr ber die Augen hingen, fielen
durch die Feuchtigkeit der Trnen aus, und die ganze lange, magere
Gestalt erschtterte ein Schluchzen.

Endlich mute Anna dem Jammer ein Ende machen. Sie hatte ihren Entschlu
gefat; sie wollte sie mit nach Berga nehmen. Wohl war sie Sintrams
Gattin, aber auf Fors konnte sie nicht bleiben. Sie wrde ja den
Verstand verlieren, wenn sie bei dem bsen Manne bliebe. Anna beschlo,
die alte Ulrika mitzunehmen.

Ach, wie freudig erschrak die Alte ber diesen Entschlu! Aber sie wagte
es wirklich nicht, ihrem Mann und ihrem Heim zu entfliehen. Er war
imstande, ihr den groen Hund nachzusenden.

Aber Anna Stjrnhk berwand ihren Widerstand, teils mit Scherzen, teils
mit Drohungen, und ehe eine halbe Stunde vergangen war, hatte sie sie
neben sich im Schlitten. Anna fuhr selber, und zwar mit der alten Disa.
Die Wege waren tief, denn es war gegen Ende Mrz, aber es tat der alten
Ulrika gut, wieder in dem wohlbekannten Schlitten mit dem alten Pferd
davor zu sitzen, es war viele Jahre lang ein treuer Diener auf Berga
gewesen -- mindestens so lange wie sie.

Da nun diese alte Sklavin der Arbeit einen guten Humor und einen
frischen Sinn besa, hielt sie mit dem Weinen inne, als sie an
Arvidstorp vorberkamen; bei Hgberg lachte sie schon, und als sie an
Munkeby vorbeifuhren, war sie ganz vertieft in ihre Jugenderinnerungen
und erzhlte ihrer Begleiterin, was sich in ihren jungen Jahren
zugetragen hatte, damals als sie bei der Grfin auf Svaneholm war.

Sie kamen nun zu der einsamen, menschenleeren Strecke nrdlich von
Munkeby, wo der Weg hgelig und steinig war. Er schlngelte sich an
allen Hhen hinauf, die er erreichen konnte, kroch in langsamen
Windungen aufwrts, strzte sich kopfber an ihnen hinab und eilte in so
gerader Linie wie nur mglich ber den ebenen Talboden, um sofort wieder
einen neuen Abhang zu finden, an dem er in die Hhe klettern konnte.

Sie waren gerade im Begriff den Vestratorpshgel hinabzufahren, als die
alte Ulrika pltzlich verstummte und krampfhaft Annas Arm packte. Sie
starrte einen groen Hund am Wegesrande an.

Sieh! sagte sie.

Der Hund sprang von dannen in den Wald. Anna hatte ihn nicht recht
gesehen.

Fahr zu! sagte die alte Ulrika, fahr so schnell du kannst! Jetzt
erhlt Sintram Bescheid, da ich hier bin.

Anna versuchte, ber ihre Angst zu lachen, aber sie fuhr fort: Wir
werden bald seine Schlittenglocken hren. Wir hren sie, noch ehe wir
auf dem nchsten Hgel sind.

Und whrend die alte Disa sich einen Augenblick auf dem Gipfel des
Elofshgels verschnaufte, erschallte von unten her Schlittengelute.

Jetzt geriet die alte Ulrika ganz auer sich. Sie bebte, schluchzte und
jammerte, genau so wie vorhin in dem Saal zu Fors. Anna wollte Disa zur
Eile antreiben, die aber wandte den Kopf ab und sandte ihr einen hchst
verwunderten Blick zu. Glaubte sie, da Disa nicht wisse, wann es Zeit
war zu laufen und wann zu gehen? Wollte sie sie lehren, einen Schlitten
zu ziehen, sie, die doch seit mehr als zwanzig Jahren jeden Stein, jede
Brcke, jeden Zaun, jeden Hgel in meilenweitem Umkreis gekannt hatte!

Inzwischen kam das Schlittengelute nher und nher.

Das ist er, das ist er, ich kenne seine Glocken! jammert die alte
Ulrika.

Der Laut kommt immer nher. Zuweilen ist er so unnatrlich stark, da
Anna sich umwendet, um zu sehen, ob Sintrams Pferd mit seinem Kopf schon
ihren Schlitten berhrt, bald stirbt er vllig hin. Sie hren ihn bald
rechts, bald links vom Wege, sehen aber niemand. Es ist, als verfolge
sie nur das Gelute der Schlittenglocken.

Wie des Nachts, wenn man aus einer Gesellschaft heimkehrt, so ist es
nun: die Glocken klingen in Melodien, singen, sprechen, antworten. Der
Wald hallt wider von ihrem Getn. Anna sehnt sich fast danach, da der
Verfolger allmhlich so nahe kommen soll, da sie ihn selber und sein
rotes Pferd sehen kann. Ihr wird ganz unheimlich zumute bei diesem
unablssigen Schlittengelute. Sie ist nicht ngstlich, ist es niemals
gewesen, aber diese Glocken peinigen und plagen sie.

Die Glocken peinigen mich, sagt sie. Und sofort fangen die Glocken das
Wort auf. Peinigen mich, klingeln sie, peinigen mich, peinigen,
peinigen, peinigen mich, singen sie in allen mglichen Tonarten.

Es war nicht lange her, seit sie, von Wlfen verfolgt, diesen selben Weg
gefahren war. Sie hatte in der Finsternis die weien Zhne in dem offnen
Rachen schimmern sehen, sie hatte gedacht, da sie von den wilden Tieren
des Waldes zerrissen werden wrde. Damals aber war sie nicht bange
gewesen. Eine herrlichere Nacht hatte sie niemals erlebt. Schn und
krftig war das Pferd gewesen, das sie zog, schn und krftig war der
Mann, der die Freude des Abenteuers mit ihr teilte.

Ach, dies alte Pferd, diese alte, zitternde Reisegenossin! Sie fhlt
sich so machtlos, da sie gern weinen mchte. Sie kann dies
entsetzliche, aufregende Glockengelute nicht los werden.

Sie hlt still und steigt aus dem Schlitten. Dies mu ein Ende haben.
Weshalb soll sie fliehen, als frchte sie sich vor dem bsen,
verchtlichen Schurken?

Endlich sieht sie aus der zunehmenden Dmmerung einen Pferdekopf
sichtbar werden, und dem Kopf folgt ein ganzes Pferd, ein Schlitten, und
in dem Schlitten sitzt Sintram selber. Sie bemerkt indessen, da es
nicht so aussieht, als seien sie von der Landstrae hergekommen, dies
Pferd, dieser Schlitten und dieser Mann, sondern vielmehr, als seien sie
pltzlich vor ihren Augen entstanden und allmhlich, sowie sie fertig
geworden, aus der Dunkelheit herausgetreten.

Anna wirft Ulrika die Zgel zu und geht Sintram entgegen. Er hlt das
Pferd an.

Sieh, sieh, sagt er, welch ein glcklicher Zufall! Liebes Frulein
Stjrnhk, lassen Sie mich meinen Reisegefhrten in Ihren Schlitten
setzen. Er will noch heute Abend nach Berga, und ich habe Eile, nach
Hause zu kommen.

Wo ist der Reisegefhrte?

Sintram knpft den Fusack auf und zeigt Anna einen Mann, der schlafend
am Boden des Schlittens liegt. Er ist ein wenig betrunken, sagt er,
aber was macht das? Er schlft wohl. Es ist brigens ein guter
Bekannter, Frulein Stjrnhk -- es ist Gsta Berling.

Anna schaudert.

Denn ich will Ihnen nur sagen, da derjenige, der seinen Geliebten
verlt, ihn dem Teufel verkauft. So bin ich in seine Klauen geraten.
Man glaubt natrlich, da man sich so richtig benimmt; entsagen, das ist
das Gute, lieben, das ist vom Bsen!

Was meinen Sie damit? Wovon reden Sie? fragt Anna tief erschttert.

Ich meine, Frulein Anna htte Gsta Berling nicht von sich lassen
sollen.

Es war Gottes Wille.

Jawohl, so geht es. Die Entsagung ist vom Guten und die Liebe ist vom
Bsen. Der gute Gott mag die Menschen nicht glcklich sehen. Er sendet
Wlfe nach ihnen aus; aber setzen Sie nun einmal den Fall, da es nicht
Gott war, der sie sandte, Frulein Anna. Htte ich es nicht ebensogut
sein knnen, der meine kleinen grauen Lmmer vom Hochgebirge holte und
sie hinter dem jungen Manne und dem jungen Mdchen dreinsandte? Wenn
ich Ihnen nun die Wlfe gesandt htte, weil ich nicht einen von denen
verlieren wollte, die mir gehren? Wenn es nun gar nicht Gott war, der
es getan hat?

Sie sollen mich nicht verlocken, an der Sache zu zweifeln, sagt Anna
mit schwacher Stimme, denn dann bin ich verloren.

Sehen Sie einmal her, sagt Sintram und beugt sich ber den schlafenden
Gsta Berling, sehen Sie seinen kleinen Finger an. Die Wunde da heilt
niemals. Der entnahmen wir das Blut, als er den Pakt unterschrieb. Er
gehrt mir. Es liegt eine groe Kraft im Blute. Er ist mein. Nur die
Liebe kann ihn lsen; aber wenn ich ihn behalten darf, soll er schon gut
werden.

Anna Stjrnhk kmpft und kmpft, um den Zauber abzuschtteln, der sie
ergriffen hat. Dies ist ja Wahnsinn, der reine Wahnsinn! Niemand kann
seine Seele dem Bsen verschreiben. Aber sie hat keine Macht ber ihre
eigenen Gedanken, die Dmmerung lastet schwer auf ihr, der Wald steht
finster und schweigend da. Sie kann sich nicht von dem unheimlichen
Entsetzen des Augenblicks befreien.

Meint Frulein Anna vielleicht, fhrt Sintram fort, da nicht viel
Gutes mehr an ihm ist? Glauben Sie das nicht! Hat er je Bauern geplagt,
hat er je arme Freunde betrogen? Hat er je falsch gespielt? Ist er,
Frulein Anna, ist er je der Geliebte einer verheirateten Frau gewesen?

Ich glaube, Sie sind der Bse selber!

Lassen Sie uns tauschen, Frulein Anna! Nehmen Sie Gsta Berling und
verheiraten Sie sich mit ihm! Behalten Sie ihn und geben Sie denen auf
Berga Geld! Ich will ihn Ihnen abstehen, denn Sie wissen ja, da er mir
gehrt. Nehmen Sie an, da nicht Gott in jener Nacht die Wlfe sandte,
und lassen Sie uns tauschen!

Was wollen Sie als Ersatz haben?

Sintram grinste.

Was ich haben will? Ach, ich bin mit wenigem zufrieden. Ich will nur
das alte Frauenzimmer dort in Ihrem Schlitten haben, Frulein Anna!

Satan, Versucher! rief Anna. Weiche von mir! Soll ich meine alte
Freundin, die sich auf mich verlt, im Stich lassen? Soll ich sie in
deine Gewalt geben, damit du sie um ihren Verstand bringen kannst?

Nun, nun, ruhig, Frulein Anna! berlegen Sie sich die Sache! Hier ist
ein junger, schner Mann, und da ein altes, verlebtes Weib. Einen von
beiden mu ich haben. Wen wollen Sie mir berlassen?

Anna lachte; ein verzweifeltes Lachen. Wollen Herr Sintram und ich hier
stehen und Seelenhandel betreiben, wie man auf dem Brobyer Markt
Tauschhandel mit den Pferden betreibt?

Ja, akkurat so! Aber wenn Frulein Anna es vorzieht, knnen wir die
Sache auch auf eine andere Weise angreifen. Wir knnen an die
Stjrnhksche Ehre denken.

Und dann fngt er mit lauter Stimme an, seine Frau zu rufen, die in
Annas Schlitten sitzt, und zum unsagbaren Entsetzen des jungen Mdchens
gehorcht diese sofort, steigt aus dem Schlitten und kommt schaudernd und
bebend zu ihm hin.

Sieh, sieh! Eine gehorsame Ehefrau, sagt Sintram. Frulein Anna kann
nichts dagegen machen, da sie kommt, wenn ihr Mann ruft. Jetzt hebe ich
Gsta aus meinem Schlitten und lasse ihn hier. Ich verlasse ihn fr
_immer_, Frulein Anna. Wer da will, kann ihn jetzt nehmen.

Er beugt sich hinab, um Gsta aufzuheben, da aber beugt Anna sich tief
zu ihm herunter, so da sie fast sein Antlitz berhrt, durchbohrt ihn
mit ihrem Blick und zischt wie ein wildes Tier: In Gottes Namen, fahr
nach Hause! Weit du nicht, wer dort im Saal im Schaukelstuhl sitzt und
auf dich wartet? Wagst du es, den warten zu lassen?

Es ist fr Anna fast der Hhepunkt von allen Schrecken des Tages, zu
sehen, wie diese Worte auf den bsen Mann wirken. Er rckt an den
Zgeln, wendet den Schlitten und fhrt heimwrts, das Pferd mit
Peitschenschlgen und wilden Rufen zum Galopp antreibend. Den
schrecklichen Abhang hinab geht die lebensgefhrliche Fahrt, whrend ein
langer Streif von Funken unter den Schlittenkufen und den Pferdehufen in
dem dnnen Mrzschnee sichtbar wird.

Anna Stjrnhk und Ulrika Dillner bleiben allein auf dem Wege zurck,
aber sie reden nicht ein einziges Wort. Ulrika schaudert vor Annas
wilden Blicken, und Anna hat der armen Alten, um derentwillen sie den
Geliebten geopfert hat, kein einziges Wort zu sagen.

Sie htte weinen, rasen, sich auf dem Wege wlzen und ihr Haupt mit Sand
und Schnee bestreuen knnen. Bisher hatte sie die erhebende Wirkung der
Entsagung empfunden, jetzt fhlte sie nur die Bitterkeit. Was war das,
seine Liebe zu opfern, gegen das Entsetzliche, den Geliebten zu opfern!

Sie fuhren nach Berga, ohne ein Wort zu wechseln als sie aber da waren
und die Tr zum Wohnzimmer geffnet wurde, da fiel Anna Stjrnhk zum
ersten und einzigen Mal in ihrem Leben in Ohnmacht. Da drinnen saen
Sintram und Gsta Berling und unterhielten sich in aller Ruhe. Dichter
Tabaksqualm erfllte das Zimmer, sie waren mindestens eine Stunde dort
gewesen.

Anna Stjrnhk fiel in Ohnmacht, die alte Ulrika aber stand ruhig da.
Sie hatte sehr wohl gemerkt, da es nicht seine Richtigkeit hatte mit
dem, der sie auf der Landstrae verfolgte.

Spter ordneten der Hauptmann und seine Frau es so mit dem bsen
Sintram, da die alte Ulrika bei ihnen auf Berga blieb.

Er wolle sie wahrhaftig nicht verrckt machen, sagte er.

       *       *       *       *       *

Ihr Kinder spter Zeiten! Ich verlange ja nicht, da jemand diese alten
Geschichten glauben soll. Es kann ja nichts weiter sein als Lgen und
Hirngespinste. Aber die Reue, die ber dem Herzen hin und her wiegt, bis
es kreischt und jammert wie die Dielenbretter in Sintrams Saal unter den
Gngeln des Schaukelstuhls, und der Zweifel, der in den Ohren klingelt,
wie die Schlittenglocken vor Anna Stjrnhks Ohren in dem einsamen Walde
erklangen, wann werden die zu Lgen und Hirngespinsten?

Ach, da sie es werden knnten!




Ebba Dohnas Geschichte


Die schne Landzunge am stlichen Ufer des Lfsees, die von den sanften
Wellen der Bucht umspielt wird, die stolze Landzunge, wo das Schlo Borg
liegt, die zu betreten mut du dich hten!

Niemals sieht man den See schner als von der Spitze dieser Landzunge.
Niemand wei, wie schn der See meiner Trume ist, bevor er von dort aus
die Morgennebel hat ber die glatte Flche gleiten sehen, bevor er aus
dem Fenster in dem kleinen Kabinett, wo so viele Erinnerungen wohnen,
einen rosigen Sonnenuntergang sich im See hat spiegeln sehen.

Aber ich sage trotzdem: Geh nicht dahin!

Denn vielleicht ergreift dich der Wunsch, in den trauererfllten Slen
des alten Schlosses zu weilen, vielleicht erwirbst du dir diesen schnen
Fleck als Eigentum, und wenn du jung, reich und glcklich bist, schlgst
du vielleicht dort dein Heim mit einer jungen Gattin auf.

Nein, es ist besser, die schne Landzunge gar nicht zu sehen, denn auf
Borg kann kein Glck wohnen. Das mut du wissen: Wie reich, wie
glcklich du auch sein magst, der du in das Schlo einziehst, so werden
die alten, trnengetrnkten Dielen auch bald von _deinen_ Trnen genetzt
werden, diese Wnde, die so manchen Klagelaut von sich geben knnten,
werden auch _deine_ Seufzer aufnehmen und aufbewahren.

Es ruht ein unsanftes Schicksal ber diesem schnen Schlo. Es ist, als
lge das Unglck dort begraben, knne aber nicht Ruhe finden in seinem
Grabe; bestndig steht es wieder auf, um die Lebenden zu erschrecken.
Wenn ich Herr auf Borg wre, wrde ich die Erde durchwhlen, sowohl den
Steingrund des Tannenwaldes als den Boden des Kellers und die schwarze
Erde drauen auf den Feldern, bis ich die wurmzerfressene Leiche der
Hexe fnde, und dann wrde ich ihr ein Grab in geweihter Erde auf dem
Svartfjer Kirchhof geben. Und bei dem Begrbnis wrde ich nicht sparen
mit der Bezahlung fr den Glckner, damit die Glocken lange und laut fr
sie schallten, und ich wrde dem Pfarrer und dem Kster reiche Gaben
senden, damit sie sie mit doppelter Kraft zur ewigen Ruhe einweihten,
mit Rede und Gesang.

Und wenn das nicht hlfe, wrde ich in einer strmischen Nacht die alten
hlzernen Wnde in Brand stecken und die Flammen alles verzehren lassen,
so da die Menschen sich nicht mehr verlocken lieen, in diesem Heim des
Unglcks zu wohnen. Dann sollte niemand mehr diesen verdammten Ort
betreten, nur die schwarzen Elstern im Kirchturm sollten Erlaubnis
haben, eine neue Ansiedlung in der groen Schornsteinmauer anzulegen,
die sich ruig und unheimlich ber dem schwarzen Brandplatz erhebt.

Doch wrde mir sicherlich wunderlich beklommen zumute werden bei dem
Anblick der Flammen, die ber dem Dach zusammenschlagen, und der dicken
Rauchwolken, die vom Feuerschein gertet und voller Funken sich ber den
alten Hofplatz wlzen. Im Knittern und Zischen des Feuers wrde ich die
Klage der heimatlosen Erinnerungen zu hren glauben, auf den blauen
Spitzen der Flammen wrde ich die vertriebenen Geister des Hauses zu
sehen glauben. Ich wrde daran denken, wie der Kummer verschnert, wie
das Unglck mit Glanz umgibt, ich wrde weinen, als wenn ein Tempel
alter Gtter dem Untergange geweiht sei.

Doch stille, du unglckverkndender Rabe! Warte, bis die Nacht gekommen
ist, wenn du um die Wette mit den Eulen des Waldes klagen willst! Noch
liegt Schlo Borg vom Sonnenschein umstrahlt hoch oben auf der
Landzunge, beschtzt von seinem Parke riesiger Tannen, und die
schneebedeckten Felder da unten glitzern in dem stechenden Sonnenschein
des Mrztages; noch vernimmt man innerhalb seiner Wnde das frhliche
Lachen der munteren Grfin Elisabeth.

Des Sonntags geht sie in die Svartsjer Kirche, die in der Nhe von Borg
liegt, und ladet nach dem Gottesdienst eine ganz kleine Gesellschaft
aufs Schlo. Der Amtmann und seine Frau aus Munkerud pflegen zu kommen
und der Hauptmann mit Familie aus Berga und der Kaplan und der bse
Sintram.

Und wenn Gsta Berling zu Fu ber das Eis nach Svartsj gekommen ist,
so ladet sie auch ihn ein. Weshalb sollte sie Gsta Berling nicht
einladen?

Sie wei ja nicht, da die Klatschbasen schon anfangen darber zu
flstern, da Gsta Berling so oft an das stliche Ufer kommt, um die
junge Grfin zu treffen. Vielleicht kommt er auch, um mit Sintram zu
trinken und zu spielen, aber darber spricht man nicht soviel. Alle
wissen, da sein Krper von Eisen ist, mit seinem Herzen aber ist es
eine andere Sache. Niemand glaubt, da er ein Paar strahlender Augen und
blondes Haar, das sich um eine weie Stirn kruselt, sehen kann, ohne
sich zu verlieben.

Die junge Grfin ist gut gegen ihn. Es ist nichts Sonderbares darin, sie
ist gut gegen alle. Sie nimmt zerlumpte Bettelkinder auf den Scho, und
wenn sie auf der Landstrae an einem armen alten Fugnger vorberfhrt,
so lt sie den Kutscher halten und nimmt den Frierenden in ihren
Schlitten.

Gsta sitzt gern in dem kleinen blauen Kabinett, von wo man die
herrliche Aussicht nach Norden zu ber den See hat, und liest ihr
Gedichte vor. Darin kann doch nichts Bses sein? Er vergit nie, da sie
eine Grfin und er ein armer, heimatloser Abenteurer ist, und es ist gut
fr ihn, mit einer Frau zu verkehren, die hoch und heilig fr ihn
dasteht. Er knnte ebensogut daran denken, sich in die Knigin von Saba
zu verlieben, deren Bild die Pulpitur in der Svartsjer Kirche schmckt,
als in sie.

Er wnscht nur Gelegenheit zu haben, ihr zu dienen, wie ein Page seiner
hohen Herrin dient, ihr die Schlittschuhe anschnallen, ihr Garn halten
und ihren Schlitten lenken zu drfen. Es kann keine Rede sein von Liebe
zwischen den beiden; aber er ist gerade der Mann, der sich bei einer
romantischen, unschuldigen Schwrmerei glcklich fhlen kann.

Der junge Graf ist still und ruhig, und Gsta ist von sprudelnder
Lebhaftigkeit. Es ist gerade der Verkehr, den die junge Grfin sich
wnscht. Niemand, der sie sieht, glaubt, da sie eine verbotene Liebe im
Herzen trgt. An Tanz und Lustbarkeit denkt sie. Sie she es am
liebsten, da die Erde ganz glatt wre, ohne Steine, Felsen und Seen, so
da man ber die ganze Flche dahintanzen knnte. Auf schmalen,
dnnsohligen, seidenen Schuhen mchte sie von der Wiege bis zum Grabe
tanzen.

Aber das Gerede geht nicht nachsichtig um mit jungen Frauen.

Wenn diese Gste nach Borg kommen und dort zu Mittag essen, pflegen die
Herren nach Tische in das Zimmer des Grafen zu gehen, um zu schlafen
oder zu rauchen, und die alten Damen pflegen im Saal in die Lehnsthle
zu sinken und ihre ehrwrdigen Kpfe gegen die hohen Rcklehnen zu
sttzen; die Grfin aber und Anna Stjrnhk gehen in das blaue Kabinett
und wechseln vertrauliche Mitteilungen in das Unendliche aus.

Hier sitzen sie auch am Sonntag, nachdem Anna Stjrnhk Ulrika Dillner
nach Berga geholt hat.

Niemand auf der ganzen Welt ist unglcklicher als das junge Mdchen. All
ihre Munterkeit ist verschwunden, vorbei ist es mit dem frhlichen
Trotz, den sie allem und allen entgegensetzte, die ihr zunahe kamen.

Alles, was sich auf dem Heimwege zugetragen hat, ist in ihrer Erinnerung
in das Halbdunkel versunken, aus dem es hervorgezaubert wurde; sie hat
nicht einen einzigen klaren Eindruck mehr.

Ja, _einen_, und der vergiftet ihre Seele.

_Wenn_ es nun nicht Gott war, der es getan hat, flstert sie sich wieder
und wieder zu. _Wenn_ es nun nicht Gott war, der die Wlfe sandte?

Sie begehrt Zeichen und Wunder. Sie spht am Himmel und auf der Erde.
Aber sie sieht keinen Finger aus den Wolken hervorgestreckt, um ihr den
Weg zu weisen. Keine Wolkensule, keine Feuersule geht vor ihr her.

Wie sie jetzt der Grfin gerade gegenber in dem kleinen Kabinett sitzt,
fllt ihr Blick auf einen kleinen Strau blauer Anemonen, den die Grfin
in der Hand hlt.

Wie ein Blitz durchzuckt es sie, da sie wei, wo die Anemonen gewachsen
sind, und sie wei, wer sie gepflckt hat.

Sie braucht nicht zu fragen. Wo in der ganzen Gegend wachsen schon
Anfang April Anemonen, auer im Birkenhain am Strandhgel bei Ekeby?

Sie sitzt da und starrt die kleinen blauen Sterne an, diese glcklichen,
die alle Menschen lieben, diese kleinen Propheten, die an sich schn,
auch noch umstrahlt werden von dem Glanz all des Schnen, das sie
verheien, all des Schnen, das da kommen soll. Und whrend sie dasitzt
und sie anschaut, zieht sich in ihrer Seele ein Zorn zusammen, dumpf wie
der Donner, lhmend wie der Blitz.

Mit welchem Recht, denkt sie, trgt Grfin Dohna diesen Strau blauer
Anemonen, der am Strandhgel von Ekeby gepflckt ist?

Sie waren Versucher alle miteinander, Sintram, die Grfin, alle diese
Menschen, die Gsta Berling zu dem verlocken wollten, was bse war, sie
aber wollte ihn verteidigen, ihn gegen alle verteidigen. Wenn es ihr
auch ihr Herzblut kosten sollte, sie wollte es tun.

Sie fhlt, da sie die Blumen aus der Hand der Grfin gerissen, an die
Erde geworfen, zertreten, zermalmt sehen mu, bevor sie das kleine blaue
Kabinett verlt.

Das fhlt sie, und sie beginnt einen Kampf gegen die kleinen blauen
Sterne. Drauen im Saal sttzen die alten Damen die ehrwrdigen Kpfe
gegen die Stuhllehnen und ahnen nichts, die Herren paffen in Ruhe und
Gemchlichkeit im Zimmer des Grafen auf ihren Pfeifen -- alles atmet
Frieden, nur in dem kleinen blauen Kabinett wtet ein verzweifelter
Kampf.

Ach, wie klug handeln sie, die ihre Hnde vom Schwert fortlassen, sie,
die zu schweigen und zu warten wissen, die ihre Herzen beschwichtigen
und Gott walten lassen knnen! Immer geht das unruhige Herz irre. Immer
macht das Bse das Bse nur noch rger.

Aber Anna Stjrnhk glaubt, da sie jetzt endlich einen Finger in den
Wolken erblickt hat.

Anna, sagt die Grfin, erzhle mir eine Geschichte.

Wovon soll sie handeln?

Ach, sagt die Grfin, den Strau mit ihrer weien Hand liebkosend,
weit du nicht etwas von Liebe zu erzhlen?

Nein, ich wei nichts von Liebe.

Wie du redest! Gibt es nicht einen Ort, der Ekeby heit, und wimmelt es
da nicht von Kavalieren?

Ja, sagt Anna, es gibt einen Ort, der Ekeby heit, und dort wohnen
Mnner, die das Mark des Landes aussaugen, die uns untchtig machen zu
ernster Arbeit, die die heranwachsende Jugend verfhren und unsere
besten Kpfe auf Abwege leiten. Willst du von denen hren? Willst du
Liebesgeschichten von denen hren?

Ja, das will ich! Ich kann die Kavaliere wohl leiden!

Da redet Anna Stjrnhk, redet in kurzen Strophen wie ein altes
Psalmbuch, denn sie ist nahe daran, von strmischen Gefhlen erstickt zu
werden. Heimliche Leidenschaft zittert unter jedem Wort und die Grfin
mu ihr ngstlich und gespannt zugleich lauschen:

Was ist die Liebe eines Kavaliers, was ist die Treue eines Kavaliers?
Eine Geliebte heute, eine morgen, eine im Osten, eine im Westen. Nichts
ist ihm zu hoch, nichts ist ihm zu gering: den einen Tag eine Grfin,
den andern Tag eine Betteldirne. Nichts in der Welt ist so gerumig wie
sein Herz. Aber wehe der Armen, die einen Kavalier liebt! Sie mu nach
ihm suchen, wenn er bezecht am Grabenrande liegt. Sie mu schweigend
zusehen, wie er das Heim ihrer Kinder verspielt. Sie mu es dulden, da
er andere Frauen umschwrmt. Ach, Elisabeth, bittet ein Kavalier eine
ehrbare Frau um einen Tanz, so sollte sie es ihm abschlagen, gibt er ihr
einen Strau Blumen, so sollte sie ihn zu Boden werfen und mit Fen
treten, liebt sie ihn, so sollte sie lieber sterben als ihn heiraten. --
Unter den Kavalieren war einer, der ein abgesetzter Pfarrer war. Er
hatte sein Amt verloren, weil er trank. Betrunken war er in die Kirche
gekommen. Er trank den Altarwein aus. Hast du von ihm gehrt?

Nein.

Gleich nachdem er seines Amtes entsetzt war, streifte er als Bettler im
Lande umher. Er trank wie ein Verrckter. Er konnte stehlen, um sich
Branntwein zu schaffen.

Wie heit er?

Er weilt nicht mehr auf Ekeby. -- Die Majorin nahm sich seiner an,
schenkte ihm Kleider und berredete deine Schwiegermutter, ihn als
Hauslehrer fr deinen Mann, den jungen Grafen Henrik, zu nehmen.

Einen abgesetzten Pfarrer?

Ach, er war ein junger, krftiger Mann und besa gute Kenntnisse. Es
war nichts an ihm auszusetzen, wenn er nur nicht trank. Grfin Mrta
nahm so etwas nicht so genau. Es amsierte sie, dem Probst und dem
Kaplan einen Streich zu spielen. Doch befahl sie, da niemand mit ihren
Kindern von seiner Vergangenheit sprechen solle, denn da wrde ihr Sohn
den Respekt verlieren, und ihre Tochter wrde ihn nicht geduldet haben;
denn sie war eine Heilige.

So kam er denn hierher nach Borg. Er blieb an der Tr stehen, er setzte
sich auf die Ecke des Stuhls, er schwieg bei Tische und flchtete in
den Park hinab, wenn Gste kamen.

Doch da unten, auf den einsamen Wegen begegnete er oft der jungen
Grfin Ebba Dohna. Sie gehrte nicht zu denen, die die lrmenden Feste
lieben, die durch die Sle des Schlosses brausten, seit die Grfin
verwitwet war. Sie gehrte nicht zu denen, die trotzige Blicke in die
Welt hinaussenden. Sie war so sanft und so scheu. Selbst nachdem sie ihr
siebzehntes Jahr zurckgelegt hatte, war sie so scheu wie ein Kind, aber
schn war sie mit ihren braunen Augen und der zarten Rte auf den
Wangen. Ihr schlanker Krper war ein wenig gebeugt. Ihre schmale Hand
schob sich mit einem schwachen Druck in die unsere. Ihr kleiner Mund war
der schweigsamste und dabei der ernsthafteste von allen Mndern. Und
dann ihre Stimme, ihre zarte, weiche Stimme, die die Worte so schn und
so langsam aussprach, nie aber jugendfrisch, jugendwarm klang, sondern
zgernd mit einem matten Tonfall, wie der Schluakkord eines mden
Knstlers.

Sie war nicht wie andere. Ihr Fu berhrte die Erde so leicht, als sei
er ein banger Flchtling. Sie hielt die Augen gesenkt, um nicht gestrt
zu werden in der Beschauung der Herrlichkeit innerer Bilder. Ihre Seele
hatte sich schon, als sie noch ein Kind war, von der Erde abgewandt.

Als sie klein war, pflegte ihre Gromutter ihr Mrchen zu erzhlen, und
eines Abends saen sie beide am Kamin, aber mit den Mrchen waren sie
fertig. Die hatten ihre Zeit ausgelebt, die hatten sich wie die Flammen
des Feuers in Glanz und Herrlichkeit getummelt; aber nun lagen die
Helden erschlagen, und die schnen Prinzessinnen waren verkohlt -- bis
das nchste Feuer sie aufs neue erweckte. -- Aber die Hand der Kleinen
lag noch immer auf dem Knie der Gromutter, und sie strich ber die
Seide hin, ber diesen sonderbaren Stoff, der schreien konnte wie ein
kleiner Vogel. Und diese kleine Bewegung sollte ihre Bitte bedeuten,
denn sie gehrte zu den Kindern, die niemals mit Worten bitten.

Da begann die Alte ganz leise ihr von einem kleinen Kinde im Judenland
zu erzhlen, einem kleinen Kinde, das geboren ward, um ein groer Knig
zu sein. Die Engel hatten die Erde mit Lobgesngen erfllt, als es
geboren ward. Weise aus dem Morgenlande kamen, geleitet von den Sternen
des Himmels, und brachten Gold und Rucherwerk, und alte Mnner und
Frauen weissagten von seiner Herrlichkeit. Dies Kind wuchs heran zu
grerer Schnheit und hherer Weisheit als alle andern Kinder. Schon
als es zwlf Jahre zhlte, war seine Weisheit grer als die der
Hohenpriester und Schriftgelehrten.

Dann erzhlte die Alte ihr von dem Schnsten, das die Erde gesehen hat,
von dem Leben dieses Kindes, whrend es unter den Menschen weilte, unter
den bsen Menschen, die es nicht als ihren Knig anerkennen wollten.

Sie erzhlte ihr, wie das Kind zum Mann heranwuchs, aber die Wunder
umstrahlten ihn noch immer. Alles auf Erden diente ihm und liebte ihn,
ausgenommen die Menschen. Die Fische lieen sich in sein Netz fangen,
das Brot fllte seine Krbe, das Wasser verwandelte sich in Wein, wenn
er es wollte.

Aber die Menschen setzten den groen Knig nicht auf den Thron, gaben
ihm keine goldene Krone. Er war nicht umgeben von schmeichelnden
Hflingen. Als Bettler lieen sie ihn unter sich wandeln.

Und der groe Knig war doch so gut gegen sie. Er heilte ihre Kranken,
gab den Blinden ihr Gesicht wieder und erweckte die Toten.

Aber, sagte die Alte, die Menschen wollten den guten Knig nicht zu
ihrem Herrn haben; sie sandten Kriegsleute nach ihm aus und fingen ihn,
sie schmckten ihn hhnend mit Krone und Zepter, hingen ihm einen langen
Mantel um und lieen ihn, das Kreuz auf dem Rcken, zur Richtsttte
wandern. O mein Kind, der gute Knig liebte die hohen Berge. Des Nachts
stieg er oft auf sie hinauf, um mit den Bewohnern des Himmels zu reden,
und am Tage liebte er es, an einem Bergabhang zu sitzen und zu den
lauschenden Menschen zu reden. Jetzt aber fhrten sie ihn auf einen
Berg, um ihn zu kreuzigen. Sie schlugen Ngel durch seine Hnde und Fe
und hngten den guten Knig an ein Kreuz, als sei er ein Ruber und ein
Missetter gewesen.

Und das Volk verspottete ihn. Nur seine Mutter und seine Freunde
weinten, weil er sterben mute, ehe er es erreicht hatte, Knig zu
werden.

Ach, wie die toten Dinge bei seinem Hinscheiden trauerten! Die Sonne
verlor ihren Glanz, die Berge erbebten, der Vorhang im Tempel ri mitten
durch, und die Grber ffneten sich, damit die Toten herausgehen und
ihren Schmerz zeigen konnten.------

Da lag die Kleine mit dem Kopf im Schoe der Gromutter und schluchzte,
als solle ihr Herz brechen.

Weine nicht, mein Kind, der gute Knig ist aus seinem Grabe
auferstanden und zu seinem Vater gen Himmel gefahren.

Gromutter, schluchzte die Kleine, bekam er denn niemals ein
Knigreich?

Er sitzt zu Gottes rechter Hand im Himmel.

Aber das beruhigte sie nicht. Sie weinte so verzweifelt und
unaufhrlich, wie nur ein Kind weinen kann.

Weswegen waren sie so bse gegen ihn? Weshalb durften sie so bse gegen
ihn sein?

Der Alten ward beinahe bange bei diesem bermigen Schmerz des Kindes.

Gromutter, Gromutter, sag, da du nicht richtig erzhlt hast, da es
nicht so endete! Sag, da sie nicht so bse gegen den guten Knig waren!
Sag, da er ein Reich hier auf Erden erhielt!

Sie schlang ihre Arme um den Hals der Alten und bat und weinte
unaufhrlich.

Kind, Kind! sagte darauf die Gromutter, um sie zu trsten. Es gibt
Menschen, die glauben, da er wiederkommen wird. Da wird er sich die
Erde unterwerfen und sie regieren, und da wird die Erde zu einem schnen
Reiche werden. Das soll tausend Jahre bestehen. Da sollen die bsen
Tiere gut werden, kleine Kinder werden an dem Nest der Nattern spielen,
Bren und Schafe werden friedlich beieinander weiden. Die Menschen
werden einander kein Leid mehr tun, die Spiee werden in Sensen und die
Schwerter in Pflugschare verwandelt werden. Und alles wird Lust und
Freude sein, denn die Guten sollen die Erben der Erde werden.

Da verklrte sich das Gesicht der Kleinen unter Trnen.

Bekommt dann der gute Knig einen Thron, Gromutter?

Einen goldenen Thron, mein Liebling.

Und Diener und Hofleute und eine goldene Krone?

Ja, das bekommt er alles.

Kommt er bald, Gromutter?

Niemand wei, wann er kommen wird.

Darf ich dann auf einem Schemel zu seinen Fen sitzen?

Ja, das darfst du, mein Herz.

Gromutter, ich bin so glcklich! sagt die Kleine.

Abend fr Abend, viele Winter hindurch, saen diese beiden am Feuer und
sprachen von dem guten Knig und von seinem Reich. Die Kleine trumte
Tag und Nacht von dem tausendjhrigen Reich; sie ward nie mde, es mit
all der Schnheit auszuschmcken, die sie sich nur vorzustellen
vermochte.

So steht es um viele der schweigsamen Kinder, die wir um uns herum
sehen; sie tragen sich mit heimlichen Trumen, die sie nicht
auszusprechen wagen. Es regen sich wunderliche Gedanken unter dem
weichen Haar, die sanften braunen Augen sehen wunderliche Dinge hinter
den gesenkten Lidern. Mehr als eine schne Maid hat ihren Brutigam im
Himmel; mehr als eine wnscht die Fe des guten Knigs zu salben und
sie mit ihrem Haar zu trocknen.

Ebba Dohna wagte es nicht, ihre Gedanken auszusprechen, aber seit jenem
Abend lebte sie nur fr die Wiederkehr des Herrn und fr sein
tausendjhriges Reich.

Wenn am Abend das Schlo am westlichen Horizont seine goldenen Tore
ffnete, dachte sie, ob er wohl nicht jetzt in seinem strahlenden Glanz
daraus hervortreten, gefolgt von einer Heerschar von Engeln an ihr
vorberziehen und ihr gestatten wrde, einen Zipfel seines Gewandes zu
berhren. Sie dachte auch gern an die frommen Frauen, die ihn sicher
ebenso hei geliebt hatten wie sie, und die den Nonnenschleier ber den
Kopf gehngt und die Augen niemals vom Boden erhoben hatten, sondern
sich in die Stille des grauen Klosters verschlossen, in die Finsternis
der kleinen Zellen, um stets die strahlenden Gesichte zu sehen, die aus
der Nacht der Seele auftauchen.

So war sie herangewachsen, so war sie, als sie und der neue Hauslehrer
sich auf den einsamen Pfaden des Parks begegneten.

Ich will nicht mehr Bses von ihm sagen, als ich zu sagen gezwungen
bin. Ich will gern glauben, da er dies Kind liebte, das ihn bald zum
Begleiter auf seinen einsamen Wanderungen erwhlte. Ich glaube, da
seiner Seele die Schwingen wieder wuchsen, wenn er neben diesem
schweigsamen Kinde einherging, das sich niemals einem anderen anvertraut
hatte; ich glaube, da er sich da selber wieder wie ein Kind fhlte,
fromm und gut.

Wenn er sie aber wirklich liebte, weshalb dachte er dann nicht daran,
da er ihr keine geringere Gabe geben konnte als seine Liebe? Er, einer
der Verworfenen dieser Erde, was wollte er, woran dachte er, whrend er
an der Seite des Grafenkindes einherschritt? Woran dachte der abgesetzte
Pfarrer, whrend sie ihm ihre frommen Trume anvertraute? Er, der ein
Trunkenbold, ein Raufbold gewesen war, und der es wieder werden wrde,
sobald sich ihm die Gelegenheit dazu bot, was wollte er an der Seite des
jungen Kindes, das von einem Brutigam im Himmel trumte? Weshalb floh
er nicht weit fort von ihr? Wre es nicht besser fr ihn gewesen, als
Bettler oder Dieb im Lande umherzuirren, als dort in den schweigsamen
Alleen zu lustwandeln und wieder fromm und gut zu werden, wenn das
Leben, das er gefhrt hatte, doch nicht wieder rckgngig gemacht werden
konnte und es sich nicht vermeiden lie, da Ebba Dohna ihn liebte?

Glaube nicht, da er wie ein armer Betrunkener aussah, mit bleichen
Wangen und roten Augen. Er war noch immer ein stattlicher Mann, schn
und krftig, mit einer Haltung wie ein Knig und mit einem eisernen
Krper, der dem wildesten Leben Widerstand zu leisten vermochte.

Lebt er noch? fragte die Grfin.

Ach nein, jetzt ist er wohl tot -- es ist so lange her, seit dies alles
geschah!

In Anna Stjrnhks Innerem erwacht eine Angst vor dem, was sie tut. Sie
beschliet, der Grfin niemals zu sagen, wer der Mann ist, von dem sie
spricht, sondern sie in dem Glauben zu lassen, da er lngst gestorben
ist.

Damals war er noch jung, fhrt sie fort, die Freude am Leben ward
wieder in seiner Seele entzndet, er besa die Gabe des Wortes und ein
feuriges, leicht begeistertes Herz.

Es kam eine Abendstunde, in der er Ebba Dohna von Liebe sprach. Sie
antwortete ihm nicht, sie sagte ihm nur, was ihre Gromutter ihr an den
Winterabenden erzhlt hatte, und beschrieb ihm das Land ihrer Trume.
Und dann nahm sie ihm ein Gelbde ab. Sie lie ihn schwren, da er ein
Verknder des Wortes werden wolle, einer von denen, die dem Herrn den
Weg bereiten, damit seine Wiederkehr beschleunigt werde.

Was sollte er tun? Er war ein abgesetzter Pfarrer, und kein Weg war ihm
so verschlossen wie der, den zu betreten sie von ihm forderte. Aber er
wagte nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Er wagte es nicht, dies
liebliche Kind zu betrben, das er liebte. Er versprach alles, was sie
verlangte.

Einer weiteren Aussprache bedurfte es nicht zwischen ihnen. Er war
sicher, da sie einst seine Gattin werden wrde. Es war keine Liebe mit
Kssen und Liebkosungen. Er wagte kaum, sich ihr zu nhern; sie war
empfindlich wie eine feine Blume. Zuweilen aber erhob sie ihre braunen
Augen, um die seinen zu suchen. Wenn sie an mondhellen Abenden auf der
Veranda saen, lehnte sie sich an ihn, und dann kte er ihr Haar, ohne
da sie es merkte.

Du siehst, seine Snde bestand darin, da er Vergangenheit und Zukunft
verga. Da er arm und gering war, mochte er gern vergessen, er htte
aber bedenken mssen, da der Tag nicht ausbleiben konnte, wo sich in
ihrem Herzen Liebe gegen Liebe erhob, wo Erde und Himmel miteinander
kmpften, wo sie sich gezwungen sah, zwischen ihm und dem strahlenden
Herrscher des tausendjhrigen Reichs zu whlen. Aber sie war nicht
danach angetan, einen solchen Kampf auszuhalten.

Ein Sommer, ein Herbst und ein Winter vergingen. Als der Frhling kam
und das Eis schmolz, erkrankte Ebba Dohna. In den Tlern brausten die zu
Flssen angeschwollenen Bche, die Hgel waren mit Eis und Schneeschlamm
bedeckt, die Wege waren unfahrbar fr Wagen wie fr Schlitten.

Da wollte die Grfin Dohna nach Karlstad zum Arzt schicken. Es war kein
anderer in der Nhe. Aber ihre Befehle waren vergeblich. Weder durch
Bitten noch durch Drohungen vermochte sie ihre Diener zu bewegen, sich
auf den Weg zu machen. Sie warf sich vor dem Kutscher auf die Knie, der
aber sagte nein. Sie bekam Krmpfe und hysterische Anflle vor Kummer um
ihre Tochter -- Grfin Mrta ist wild in Schmerz wie in Freude.

Ebba Dohna hatte Lungenentzndung, und ihr Leben schwebte in Gefahr,
ein Arzt konnte aber nicht geholt werden.

Da fuhr der Hauslehrer nach Karlstad. Die Fahrt in einem solchen Wetter
zu machen, hie das Leben aufs Spiel setzen -- aber er tat es. Es ging
ber wogendes Eis und halsbrecherisch glatte Hgel, zuweilen mute er
Stufen fr das Pferd in das Eis hauen, zuweilen mute er es aus dem
tiefen Schlamm des lehmigen Weges herausziehen. Man erzhlte, der Doktor
habe sich geweigert, mit ihm zu kommen, er aber habe ihn, die Pistole in
der Hand, dazu gezwungen.

Als er zurckkam, war die Grfin nahe daran, sich ihm vor die Fe zu
werfen. Nehmen Sie alles, was ich habe, sagte sie, meine Tochter, mein
Gut, mein Geld -- sagen Sie nur, was Sie wnschen!

Ihre Tochter, Frau Grfin, antwortete der Hauslehrer.--

Da schweigt Anna Stjrnhk pltzlich.

Nun, und dann, und dann? fragt die junge Grfin Elisabeth.

Jetzt mag es genug sein, erwidert Anna; denn sie ist eines jener
unglcklichen Menschenkinder, die in der Angst und dem Zagen des
Zweifelns leben. Das hat sie nun eine ganze Woche lang getan. Sie wei
nicht, was sie will. Was ihr die eine Stunde recht erscheint, wird schon
in der nchsten zum Unrecht. Jetzt wnscht sie, niemals die Geschichte
begonnen zu haben.

Ich glaube gar, du willst mich zum Narren haben, Anna. Begreifst du
denn nicht, da ich den Schlu dieser Geschichte hren _mu_?

Es ist nicht mehr viel zu erzhlen. -- Die Stunde des Kampfes war fr
die junge Ebba Dohna gekommen, Liebe erhob sich gegen Liebe, Himmel und
Erde rangen miteinander.

Grfin Mrta erzhlte ihr von der lebensgefhrlichen Reise, die der
junge Mann um ihretwillen gemacht hatte, und sie sagte ihr, da sie ihm
zum Lohn dafr die Hand ihrer Tochter versprochen habe.

Das junge Frulein Ebba war zu dieser Zeit so weit in Besserung, da
sie angekleidet auf einem Sofa lag. Sie war matt und bleich und noch
stiller als sonst.

Als sie diese Worte vernahm, erhob sie ihre braunen Augen klagend und
vorwurfsvoll zu der Mutter und sagte: Mutter, du hast mich einem
abgesetzten Pfarrer gegeben, einem, der sein Recht verscherzt hat,
Gottes Diener zu sein, einem Manne, der ein Dieb und ein Bettler gewesen
ist!

Aber Kind, wer hat dir denn das alles erzhlt? Ich glaubte, du ahntest
nichts davon.

Ich erfuhr es zufllig. Ich hrte deine Gste ber ihn reden -- es war
an demselben Tage, an dem ich erkrankte.

Aber Kind, so bedenke doch, da er dir das Leben gerettet hat!

Ich denke nur daran, da er mich betrogen hat. Er htte mir sagen
mssen, wer er ist.

Er sagt, da du ihn liebst.

Das habe ich getan. Ich kann den nicht lieben, der mich betrogen hat.

Wie hat er dich betrogen?

Das kannst du nicht verstehen, Mutter.

Sie wollte nicht mit ihrer Mutter von dem tausendjhrigen Reich ihrer
Trume sprechen, bei dessen Verwirklichung der Geliebte ihr hatte helfen
sollen.

Ebba, sagte die Grfin, wenn du ihn liebst, sollst du nicht fragen, was
er gewesen ist, sondern dich mit ihm verheiraten. Wer sich mit der
Grfin Dohna verheiratet, wird so reich und so mchtig, da seine
Jugendsnden ihm schon vergeben werden.

Bedenke, da ich ihm mein Wort gegeben habe, Ebba!

Das junge Mdchen wurde leichenbla.

Mutter, ich sage dir, wenn du mich mit ihm verheiratest, so scheidest
du mich von Gott.

Ich habe beschlossen, dein Glck zu machen, sagt die Grfin. Ich bin
berzeugt, da du mit diesem Manne glcklich wirst. Es ist dir ja schon
gelungen, ihn zum Heiligen zu machen.

Ich habe beschlossen, den Standesunterschied zu bersehen und zu
vergessen, da er arm und verachtet ist, um dir die Mglichkeit zu
geben, ihn zu retten. Ich fhle, da ich tue, was recht ist. Du weit,
da ich alle alten Vorurteile verachte.

Das alles aber sagt sie nur, weil sie es nicht leiden kann, da sich
jemand ihrem Willen widersetzt. Vielleicht meinte sie es auch so, als
sie es sagte. Aus Grfin Mrta ist nicht leicht klug zu werden.

Das junge Mdchen blieb lange auf ihrem Sofa liegen, nachdem die Grfin
sie verlassen hatte. Sie kmpfte ihren Kampf. Die Erde rang mit dem
Himmel, Liebe lehnte sich gegen Liebe auf, doch der Geliebte ihrer
Kinderjahre trug den Sieg davon. Dort, wo sie lag -- es war hier auf dem
Sofa --, sah sie den westlichen Himmel im Sonnenuntergang erglhen. Sie
glaubte, da es ein Gru von dem guten Knig sei, und da sie keine Kraft
besa, ihm treu zu bleiben, falls sie leben wrde, so beschlo sie zu
sterben. Sie konnte nicht anders, da ihre Mutter verlangte, da sie
einem Manne angehren sollte, der kein Diener des guten Knigs werden
konnte.

Sie trat an das Fenster, ffnete es und lie die feuchte, kalte
Abendluft ihren armen, schwachen Krper durcheisen.

Es war ihr ein leichtes, sich den Tod zuzuziehen. Er war unvermeidlich,
falls die Krankheit sich von neuem einstellte, und das tat sie.

Niemand auer mir wei, da sie den Tod suchte, Elisabeth. Ich fand sie
am Fenster. Ich hrte ihre Fieberphantasien. Sie wnschte mich in den
letzten Tagen an ihrer Seite zu behalten.

_Ich_ sah sie sterben, _ich_ sah sie in jener Abendstunde die Hnde nach
dem glhenden Abendhimmel ausstrecken und mit einem Lcheln scheiden,
als habe sie jemand aus dem Glanz des Sonnenuntergangs heraustreten und
ihr entgegenkommen sehen. _Ich_ mute ihm, den sie geliebt hatte, ihren
letzten Gru berbringen. _Ich_ sollte ihn bitten, ihr zu verzeihen, da
sie nicht seine Gattin werden knne. Der gute Knig habe es nicht
erlauben wollen.

Aber ich habe nicht den Mut gehabt, dem Manne zu sagen, da er ihr
Mrder sei. Ich habe nicht den Mut gehabt, ihm die Last einer solchen
Qual auf die Schultern zu legen. Und doch -- er, der sich ihre Liebe
durch Lgen erschlichen, war er nicht ihr Mrder? War er das nicht,
Elisabeth?--

Die junge Grfin hat schon lange aufgehrt, mit den blauen Blumen zu
spielen. Jetzt erhebt sie sich, und der Strau fllt zu Boden.

Anna, du fhrst mich die ganze Zeit hinters Licht. Du sagst, es sei
eine alte Geschichte, der Mann sei bereits lange tot. Aber ich wei sehr
wohl, da kaum fnf Jahre seit Ebba Dohnas Tode verstrichen sind, und du
sagst ja, da du selber alles erlebt hast. Du bist nicht alt! -- Sage mir
nun, wer der Mann ist!

Anna Stjrnhk fngt an zu lachen.

Du wolltest ja eine Liebesgeschichte haben! Nun hast du eine bekommen,
die dir sowohl Trnen als auch Unruhe gekostet hat.

Ist die Geschichte denn nicht wahr?

Es ist ein Hirngespinst von Anfang bis zu Ende!

Du bist abscheulich, Anna!

Das mag sein. Ich bin auch nicht glcklich, damit du es nur weit! --
Aber die Damen sind erwacht, und die Herren sind in den Saal gekommen.
La uns hineingehen!

In der Tr hlt Gsta Berling sie zurck, der gekommen ist, um nach den
jungen Damen zu sehen.

Sie mssen Geduld mit mir haben, sagt er lachend. Ich will Sie nicht
lnger als zehn Minuten qulen, aber jetzt mssen Sie einige Verse
anhren!

Er erzhlt ihnen, da er in der letzten Nacht so lebhaft getrumt habe
wie nie zuvor, und zwar habe er getrumt, da er Verse geschrieben habe.
Er, den die Leute den Poeten nannten, obwohl er diesen Spottnamen
bisher ganz unverschuldeterweise getragen, sei mitten in der Nacht
aufgestanden und habe sich, halb im Schlaf, halb wach, hingesetzt, um zu
schreiben. Und am Morgen habe er ein ganzes Gedicht auf dem Schreibtisch
gefunden. Er habe sich selber nie so etwas zugetraut! Jetzt sollten die
Damen es hren. Und er liest:

     Der Mond ging auf, und mit ihm kam die Stunde,
     Die in der Seele weckt die trumenden Gedanken.
     Von Mondeslicht bestrahlt, im hellen Silberscheine
     Glnzt der Veranda Dach, umwebt von Weinlaubranken.
     Im Winde schwankt der Lilie Kelch aus witterndem Gesteine.
     Auf der Veranda Stufen, zur abendlichen Runde,
     Sind jung und alt vereint, und alter Lieder Weise,
     Die noch im Herzen lebt, ertnet sanft und leise,
     Wie ferner Zeiten Gru in weihevoller Stunde.

     Vom Resedabeet her umwehn uns liebliche Dfte,
     Schatten schweben empor aus der Bsche flsternden Zweigen
     ber des Grases Flche, von nchtlichem Tau befeuchtet:
     Also ringet der Geist, in des Himmels Hhen zu steigen
     Aus des Leibes Nacht zum Licht, das ewig uns leuchtet
     Aus dem hellen Gewlk, wo klarer und reiner die Lfte
     Und im unendlichen Raum die Sterne den Blicken entschwinden.
     O, wer mag in der Stille der Nacht der Gefhle Drang berwinden,
     Wenn sich Schatten ihm nahn und der Blumen berauschende Dfte!

     Gleich dem welkenden Blatt, das mde zur Erde sich senket,
     Leise flatternd dahin, wenn ihr Blhen die Rose vollendet,
     Nicht vom Sturme geknickt: so wollen dahin wir gehen,
     Wie verhallet der Tne Klang, wenn unser Leben sich endet,
     Still und stumm, wie im Herbst die Bltter im Winde verwehen.
     Und zufrieden mit dem, wie Gott es weise gelenket,
     Unsrer Jahre Ziel und den Pfad, den wir wandern sollen hienieden:
     Der Tod ist des Lebens Lohn; so la uns scheiden in Frieden,
     Wie der Rose welkendes Blatt zur Erde leise sich senket.

     Vorber flog die Fledermaus lautlos auf ihren Schwingen
     Und kehrt zurck im Mondenschein in schnellem Zickzackfluge,
     Und wie sie flattert hin und her, steigt auf in unsere Herzen
     Das alte Rtsel, ungelst fr Toren wie fr Kluge,
     Das Rtsel, schwer wie Gram und Leid, alt wie der Liebe Schmerzen:
     Wohin geht unser Lebensweg, wohin wird er uns bringen,
     Wenn wir nicht mehr auf Erden hier in Wald und Wiese wandern?
     Ach, keiner kann des Geistes Pfad geleiten wohl den andern;
     Viel eher zeigt' er noch den Weg des Vogels leichten Schwingen.

     Und schmiegend fest sich an mich an, legt sie mir Haar und Wangen,
     Sie, die mich liebt, an meine Brust und spricht in leisem Flstern:
     'In ferne Welten sollen nie die Seelen ganz entschweben,
     Und ob des Todes Schatten auch mein Auge mag verdstern,
     Fr dich, du Heigeliebter, will ich dennoch weiterleben:
     Von eines guten Menschen Herz ist dann mein Geist umfangen!'
     O welche Qual, so schweres Leid, so bangen Schmerz zu tragen!
     Sie sterben! -- Und zum letztenmal soll ich ihr heute sagen:
     'Ich hab dich lieb!' und kssen sie auf Mund und Haar und Wangen!

     Jahre schwanden dahin -- noch oft in nchtlicher Stunde
     Such ich die Sttte mir auf, wo einst ich kosend gesessen,
     Wo mein Mund sie gekt; doch seh ich vom Monde beleuchtet
     Hell der Veranda Dach, dann kann ich es nimmer vergessen,
     Wie der Mond es gesehn, da Trnen ihr Auge gefeuchtet,
     Als vom Scheiden sie sprach, die Geliebte, mit zitterndem Munde.
     O der Erinnerung Qual! Wie soll ich shnen die Snde,
     Da den Sturm ich erregt in der Brust dem schuldlosen Kinde
     Und es gefesselt an mich in jener unseligen Stunde!

Gsta! sagt Anna in scherzendem Ton, whrend die Angst ihr die Kehle
zusammenschnrt. Man sagt von dir, da du mehr Gedichte erlebt hast,
als andere geschrieben haben, die sich doch ihr Leben lang mit nichts
weiter beschftigen; aber du tust sicher am besten, auf deine eigene Art
und Weise zu dichten: das Gedicht da ist Nachtarbeit!

Du bist kein milder Richter.

Und so etwas von Tod und Elend vorzulesen! Schmst du dich nicht?

Gsta hrt nicht mehr auf ihr Reden; unverwandt sieht er die junge
Grfin an. Sie sitzt starr und unbeweglich wie eine Bildsule. Er
glaubt, da sie kurz davor ist, in Ohnmacht zu fallen.

Aber mit unendlicher Mhe bringt sie ein Wort hervor: Geh! sagt sie.

Wer soll gehen? Soll ich gehen?

Der Pfarrer soll gehen, stammelt sie.

Elisabeth! So schweig doch.

Der vertrunkene Pfarrer soll mein Haus verlassen!

Anna! Anna! fragt Gsta. Was meint sie nur?

Es ist am besten, wenn du gehst, Gsta.

Weshalb soll ich gehen? Was hat dies alles zu bedeuten?

Anna, sagt Grfin Elisabeth, sag es ihm, sag es ihm.

Nein, Grfin, sagen Sie es selber!

Die Grfin beit die Zhne zusammen und sucht ihrer Bewegung Herr zu
werden.

Herr Berling, sagt sie und geht auf ihn zu, Sie haben ein
merkwrdiges Talent, die Leute vergessen zu machen, wer Sie sind. Ich
habe es bis auf den heutigen Tag nicht gewut. Ich habe soeben von Ebba
Dohnas Tode erzhlen hren und habe erfahren, da nur die Gewiheit, da
der Mann, den sie liebte, ihrer nicht wert war, sie in den Tod getrieben
hat. Aus Ihrem Gedicht ersehe ich, da Sie dieser Mann sind. Ich
begreife nicht, wie ein Mann mit Ihrer Vergangenheit sich vor den Augen
einer anstndigen Frau sehen lassen darf. Ich verstehe das nicht, Herr
Berling. Bin ich jetzt deutlich genug geworden?

Frau Grfin sind deutlich genug geworden. Ich will nur ein einziges
Wort zu meiner Verteidigung sagen. Ich habe in dem festen Glauben
gelebt, da Sie alles von mir wuten. Ich habe nie versucht, etwas zu
verbergen; aber es ist nicht angenehm, das bitterste Unglck seines
Lebens auf Straen und Gassen ausschreien zu hren, geschweige denn, es
selbst auszuposaunen.

Er geht, und im selben Augenblick setzt Grfin Dohna den schmalen Fu
auf den Strau blauer Sterne.

Jetzt hast du getan, was ich wollte, sagte Anna Stjrnhk hart zu der
Grfin, aber jetzt hat es auch ein Ende mit unserer Freundschaft. Du
mut nicht glauben, da ich dir deine Grausamkeit gegen ihn verzeihen
werde. Du hast ihn von dir gewiesen, hast ihn verhhnt und verletzt und
ich folgte ihm gern ins Gefngnis und auf die Bettelbank, wenn es sein
mte. Ich will ihn bewachen und bewahren. Du hast getan, was ich
wollte, aber ich verzeihe es dir niemals!

Aber Anna, Anna!

Als ich dir das alles erzhlte, glaubst du, da ich es mit frhlichem
Sinn getan? Habe ich nicht hier gesessen und mir das Herz Stck fr
Stck aus der Brust gerissen?

Weshalb tatest du es denn aber?

Weshalb? Weil ich nicht wollte -- weil ich nicht wollte, da er der
Geliebte einer verheirateten Frau werden sollte.




Mamsell Marie


Ah, stille! St!

Es summt ber meinem Kopf! Das mu eine Biene sein, die geflogen kommt.

Aber nein, so sei doch nur still! Welch ein Duft! So wahr ich lebe, sind
das nicht Levkoien und Lavendel und Flieder und Narzissen? Das ist eine
wahre Wohltat an diesem grauen Herbstabend mitten in der Stadt. Wenn ich
nur an das entzckende Fleckchen Erde denke, so fngt es rings um mich
her gleich an zu duften und zu summen, und ehe ich michs versehe,
befinde ich mich mitten in einem kleinen, viereckigen Rosengarten voller
Blumen, von einer Ligustrumhecke eingeschlossen. In den Ecken stehen
Fliederlauben mit schmalen, hlzernen Bnken, und rings um die
Blumenbeete, die wie Sterne und Herzen geformt sind, luft der schmale,
mit weiem Sand bedeckte Steig. An drei Seiten ist der Rosengarten von
Wald umgeben. Ebereschen und Faulbume, die halb zivilisiert sind und
schne Blumen haben, stehen dem Garten zunchst und vermischen ihren
Duft mit dem der Fliederbsche. Hinter ihnen kommt die Birke, und dann
beginnt der Tannenwald, der richtige Wald, still und finster,
hochaufragend und brtig.

Und an der vierten Seite liegt ein kleines, graues Haus.

Der Rosengarten, an den ich jetzt denke, war vor sechzig Jahren das
Eigentum der alten Frau Morus, die sich durch Sticken ernhrte. Daneben
ging sie auch als Kochfrau auf die umliegenden Bauernhfe.

Liebe Freunde! Von allem Guten, was ich euch wnsche, mchte ich in
erster Linie einen Stickrahmen und einen Rosengarten nennen. Einen
groen, altmodischen Stickrahmen von der Art, an denen fnf, sechs
Personen auf einmal arbeiten knnen, wo man wetteifert, wer am
geschwindesten ist und wessen Kehrseite die hbschesten Stiche
aufzuweisen hat, wo man Bratpfel it und gesellige Spiele spielt und so
dabei lacht, da die Eichhrnchen vor Schrecken aus den Bumen
herabfallen. Einen Stickrahmen fr den Winter und einen Rosengarten fr
den Sommer! Keinen groen Garten, in den man mehr Geld hineingraben mu,
als Vergngen wieder daraus emporsprot, nein, einen kleinen
Rosengarten, den man mit den eigenen Hnden pflegen kann. Es mssen
kleine Rosenbsche mitten zwischen den Beeten stehen, und ein Kranz von
Vergimeinnicht mte sich um ihren Fu schlingen, der groblumige Mohn,
der sich selbst st, mte berall aufschieen, sowohl in der Rasenkante
als in dem Kieswege, und da mte eine von der Sonne braungesengte
Rasenbank sein, auf deren Sitz und Lehne Akelei und Kaiserkronen
wachsen.

Die alte Frau Morus besa allerlei. Sie hatte drei frhliche, fleiige
Tchter und ein kleines Haus am Wegesrande. Sie hatte einen Notschilling
auf dem Boden ihrer alten Truhe, dicke seidene Schals, hochlehnige
Sthle und Erfahrung in mancherlei Dingen, die ntzlich fr denjenigen
sind, der sich sein Brot selber verdienen mu. Das beste aber, was sie
besa, war der Stickrahmen, der ihr das ganze Jahre hindurch Arbeit gab,
und der Rosengarten, der ihr Freude machte, solange der Sommer whrte.

Dann ist noch zu vermelden, da sich in Frau Morus' kleinem Huschen
eine Mieterin befand, eine kleine, verdrrte alte Jungfer von ungefhr
vierzig Jahren, die ein Giebelzimmer auf dem Boden bewohnte. Mamsell
Marie, wie sie allgemein genannt wurde, hatte ihre eigenen Anschauungen
ber mancherlei, wie sie derjenige leicht bekommt, der viel allein sitzt
und dessen Gedanken alles das umkreisen, was das Auge einmal gesehen
hat.

Mamsell Marie glaubte, da die Liebe die Wurzel und der Ursprung zu
allem Bsen hier in dieser traurigen Welt sei.

Es wrde ja das reine Elend werden, sagte sie. Ich bin alt und
hlich und arm. Nein, Gott bewahre mich nur davor, da ich mich
verliebe.

Sie sa tagaus, tagein auf der Bodenkammer in Frau Morus' kleinem
Huschen und filierte Gardinen und Decken. Die verkaufte sie dann an die
Bauern und auf den Gtern in der Umgegend. Sie hatte sich bald ein
ganzes kleines Haus zusammenfiliert, denn ein kleines Haus auf dem
Aussichtshgel, der Svartsjer Kirche gegenber, das war ihr hchster
Wunsch, ein Haus, das hoch oben auf einem Hgel lag, so da man weit in
die Ferne hinausschauen konnte, das war ihr Traum. Von der Liebe wollte
sie aber nichts wissen.

Wenn sie an Sommerabenden die Violine vom Kreuzwege herberschallen
hrte, wo der Spielmann auf dem Zaun sa und die Jugend sich zu den
Takten der Polka schwang, da ihnen der Staub um die Ohren wirbelte, da
machte sie einen langen Umweg durch den Wald, um nur nichts davon zu
hren und zu sehen.

Am zweiten Weihnachtstage, wenn die Bauernbrute kamen, oft fnf bis
sechs an der Zahl, um von Madame Morus und ihren Tchtern angekleidet
zu werden, wenn sie mit Myrtenkrnzen und hohen, mit Glasperlen
verzierten Kronen, mit Grteln aus Seide und selbstgemachten Rosen
geschmckt wurden und das Kleid unten mit einer Girlande aus Stoffblumen
besetzt wurde, da schlo sie sich auf ihrem Zimmer ein, um nur nicht zu
sehen, wie man sie der Liebe zu Ehren herausputzte.

Wenn die Schwestern Morus an Winterabenden am Stickrahmen saen und das
groe Zimmer von Gemtlichkeit strahlte, wenn die Bratpfel im Ofen
prasselten und wenn der schne Gsta Berling oder der gute Ferdinand,
die zu Besuch gekommen waren, die Mdchen neckten, indem sie ihnen den
Faden aus der Nadel zogen oder sie verwirrten, so da sie schiefe Stiche
machten, und das Zimmer von Gelchter, Geschwtz und Neckereien
widerhallte und die Hnde sich unter dem Stickrahmen begegneten, da
rollte sie rgerlich ihre Filetarbeit auf und ging hinauf, denn sie
hate die Liebe und alles, was dazu gehrte.

Aber die beltaten der Liebe, die kannte sie, und davon wute sie zu
erzhlen. Sie konnte nicht begreifen, da Gott Amor es noch wagte, sich
auf der Erde zu zeigen, da er sich nicht hatte verscheuchen lassen
durch die Klagen der Verlassenen, durch die Verfluchungen derer, die er
zu Missettern gemacht, durch die Weherufe aller, die er in verhate
Fesseln geschmiedet hatte. Sie konnte es nicht begreifen, da seine
Flgel ihn so leicht und frei zu tragen vermochten, da er nicht in eine
unendliche Tiefe hinabgesunken war, bedrckt von Sorge und Scham.

Nein, auch sie war jung gewesen wie andere, aber die Liebe hatte sie
niemals geliebt. Niemals hatte sie sich zu Tanz und Liebkosungen
verlocken lassen. Verstaubt und ohne Saiten hing die Gitarre ihrer
Mutter auf dem Boden. Niemals sang sie Liebeslieder zu ihren Tnen.

Die Rosenbume ihrer Mutter standen in ihrem Fenster. Sie bego sie
kaum. Sie liebte die Blumen nicht, diese Kinder der Liebe! Die Bltter
hingen staubig herab, die Spinnen spannen ihre Gewebe zwischen den
Zweigen, und die Knospen brachen niemals auf. Und in Madame Morus'
Rosengarten, wo die Schmetterlinge flatterten und Vgel sangen, wo
duftende Blumen den schwrmenden Schmetterlingen Liebesgre sandten, wo
alles von dem Verhaten sprach -- da hinein setzte sie nur selten den
Fu.

Da geschah es einstmals, da die Gemeinde von Svartsj eine Orgel in
ihrer Kirche setzen lie. Es war in dem Sommer vor dem Jahr, in welchem
die Kavaliere regierten. Ein junger Orgelbauer kam in den Ort. Auch er
mietete sich bei Frau Morus ein und bewohnte das zweite kleine
Giebelstbchen auf dem Boden.

Und dann stellte er die Orgel auf, die so wunderliche Tne hat, deren
gewaltige Posaunenstimme pltzlich hervorbricht, niemand wei, woher
oder wodurch; mitten in einem friedlichen Gesang erschallt sie, so da
die Kinder in der Kirche anfangen zu weinen.

Da der junge Orgelbauer kein Meister in seiner Kunst war, mag ja sein.
Aber ein lustiger Bursch war er, mit Sonnenschein in den Augen. Er hatte
freundliche Worte fr einen jeden, reich oder arm, alt oder jung. Er
ward bald der gute Freund seiner Hausgenossen -- ach, mehr als ein
Freund!

Wenn er des Abends von seiner Arbeit heimkehrte, hielt er Madame Morus
das Garn und arbeitete an der Seite der jungen Mdchen im Rosengarten.
Da deklamierte er Axel und sang Frithjof. Da nahm er Mamsell Mariens
Knuel auf, wie oft sie es auch fallen lie, ja brachte sogar ihre alte
Tafeluhr so weit, da sie wieder ging.

Niemals verlie er einen Ball, ohne mit allen getanzt zu haben, von der
ltesten Frau bis zu dem jngsten kleinen Mdchen; und wenn ihn ein
Migeschick betraf, setzte er sich neben das erste weibliche Wesen und
machte es zu seiner Vertrauten. Ja, er war ein Mann, wie ihn die Frauen
in ihren Trumen erschaffen. Ich will nicht sagen, da er zu irgendeiner
von Liebe sprach. Als er aber einige Wochen in Madame Morus' kleinem
Giebelstbchen gewohnt hatte, waren alle Tchter in ihn verliebt, und
selbst die arme Mamsell Marie wute, da sie alle ihre Gebete umsonst
gebetet hatte.

Es war eine Zeit des Kummers und eine Zeit der Freude. Trnen fielen auf
den Stickrahmen und lschten die Kreidestriche aus. Zur Abendzeit sa
oft eine bleiche Trumerin in der Fliederlaube, und oben in Mamsell
Mariens kleiner Kammer wurden neue Saiten an die Gitarre befestigt und
zu deren Tnen altmodische Liebeslieder gesungen, die sie von ihrer
Mutter gelernt hatte.

Der junge Orgelbauer aber ging sorglos und frhlich umher, streute
Lcheln und Dienstleistungen unter diese sehnsuchtsvollen Frauen aus,
die sich um ihn stritten, wenn er fern vom Hause bei seiner Arbeit war.
Und endlich kam der Tag, an dem er reisen mute.

Der Wagen stand vor der Tr, das Gepck war schon aufgeladen, und der
junge Mann sagte Lebewohl. Er kte Madame Morus die Hand, umarmte die
weinenden Mdchen und kte sie auf die Wangen. Er weinte selber, weil
er gezwungen war zu reisen, denn er hatte einen sonnenhellen Sommer in
dem kleinen Hause verlebt. Zu allerletzt sah er sich nach Mamsell Marie
um.

Da kam sie in ihrem besten Staat die enge Bodentreppe herab. Die Gitarre
hing ihr an einem breiten, grnen, seidenen Bande um den Hals, und in
der Hand hielt sie einen Strau Monatsrosen, denn in diesem Jahre hatten
die Rosenbume ihrer Mutter Blten getragen.

Sie stand vor dem jungen Manne still, klimperte auf der Gitarre und
sang:

     Du reisest nun von uns. Ach, kehr einst zurck,
     Wir sehen dich scheiden mit Schmerzen.
     Vergi nicht die Freunde in deinem Glck,
     Wir tragen dich treulich im Herzen.

Darauf befestigte sie die Blumen in seinem Knopfloch und kte ihn
gerade auf den Mund. Ja, und dann floh sie die Bodentreppe hinauf -- die
arme Alte!

Die Liebe hatte sich an ihr gercht und sie zum Gesptt fr alle
gemacht. Sie aber hat nie wieder auf die Liebe gescholten. Sie legte die
Gitarre nicht wieder beiseite und hat es nie wieder verlernt, die
Rosenbume ihrer Mutter zu pflegen.

Lieber traurig mit der Liebe, als frhlich ohne sie, pflegte sie zu
sagen.

       *       *       *       *       *

Die Zeit ging dahin. Die Majorin wurde von Ekeby fortgejagt, die
Kavaliere kamen ans Ruder und es geschah, wie vorhin erzhlt ist, da
Gsta Berling eines Abends der jungen Grfin auf Borg ein Gedicht vorlas
und da sie ihm darauf die Tr wies.

Man erzhlt, da, als Gsta Berling die Tr hinter sich schlo, er
einige Schlitten vor der Freitreppe vorfahren sah. Er warf einen Blick
auf die kleine Dame, die in dem ersten Schlitten sa. Wie dunkel auch
die Stunde fr ihn war, wurde sie bei diesem Anblick doch noch dunkler.
Er eilte von dannen, um nicht erkannt zu werden, aber eine Vorahnung von
kommendem Unheil erfllte seinen Sinn. Hatte die Unterhaltung da drinnen
diese Frau herbeigezaubert? Ein Unglck hat stets ein anderes im
Gefolge.

Diener kamen herbeigeeilt, Fuscke wurden aufgeknpft, Decken beiseite
geworfen. Wer war denn gekommen? War es wirklich Mrta Dohna selber, die
weitberhmte Grfin?

Sie war die heiterste und leichtsinnigste von allen Frauen. Die Weltluft
hatte sie auf ihren Thron erhoben und sie zu ihrer Knigin gemacht.
Spiele und Scherze waren ihre Untertanen. Spiel und Tanz und Abenteuer
waren ihr als Anteil zugefallen, als die Lebenslose verteilt wurden. Sie
war jetzt nicht weit von den Fnfzigern, aber sie gehrte zu den weisen
Menschen, die nicht die Zahl der Jahre zhlen. Wer den Fu nicht mehr
zum Tanz, den Mund nicht mehr zum Lcheln bewegen kann, pflegte sie zu
sagen -- der ist alt. Der kennt die schwere Last der Jahre -- nicht ich.

In den Tagen ihrer Jugend sa die Freude nicht ungestrt auf ihrem
Thron, aber die Unsicherheit und das Schwankende machten das lustige
Dasein Ihrer Majestt nur noch lustiger. Ihre Majestt mit den
Schmetterlingsflgeln gab den einen Tag eine Kaffeegesellschaft in den
Hofdamenzimmern auf dem Stockholmer Schlo, tanzte den nchsten Tag im
Frack und mit dem Knotenstock bewaffnet in Paris, besuchte Napoleons
Feldlager, segelte auf Nelsons Flotte ber das blaue Mittelmeer, wohnte
einem Kongre in Wien bei, wagte sich am Tage vor einer berhmten
Schlacht auf einen Ball nach Brssel. Und wo die Freude war, da war
Grfin Mrta ihre auserwhlte Knigin. Tanzend, spielend, scherzend
durchflog Grfin Mrta die Welt. Was hatte sie nicht gesehen, was hatte
sie nicht erlebt? Sie hatte Throne umgetanzt, um Frstentmer im Ecart
gespielt, hatte darber gelacht, wenn verheerende Kriege ber Europa
dahingebraust waren.

War die Freude zeitenweise heimatlos in der zu einem Schlachtfeld
verwandelten Welt, so pflegte sie auf lngere oder auf krzere Zeit nach
dem alten Grafenschlo am Lfsee zu ziehen. Dahin war sie auch gezogen,
als die Frsten und ihr Hof ihr zur Zeit der Heiligen Allianz zu
trbselig wurden. In einer solchen Zeit hatte sie es fr gut befunden,
Gsta Berling zum Hauslehrer ihres Sohnes zu machen. Sie pflegte sich
wohl zu fhlen da oben. Niemals hatte die Freude ein herrlicheres Reich.
Da waren Gesang und Spiel, zu Abenteuern aufgelegte Mnner und schne,
lebensfrohe Frauen. Da fehlte es nicht an Gastmhlern oder Bllen, an
Segelfahrten auf mondbeschienenen Seen oder Schlittenfahrten durch
dunkle Wlder oder an herzerschtternden Ereignissen oder an der Liebe
Freuden und Schmerzen. Seit dem Tode ihrer Tochter aber hatte sie ihre
Besuche auf Borg eingestellt; sie hatte das Schlo seit fnf Jahren
nicht gesehen. Jetzt kam sie, um sich zu berzeugen, wie ihre
Schwiegertochter das Leben da oben zwischen den Tannenwldern,
Schneeschanzen und Bren aushalten knne. Sie hielt es fr ihre Pflicht,
nachzusehen, ob der dumme Henrik sie nicht mit seiner Langweiligkeit zu
Tode gepeinigt hatte. Jetzt wollte sie des Hauses milder Engel sein.
Sonnenschein und Glck lagen wohlverpackt in ihren vierzig ledernen
Koffern, Heiterkeit hie ihre Kammerzofe, Scherz ihr Kutscher, Spiel
ihre Gesellschaftsdame.

Und als sie die Treppe hinaufflog, wurde sie mit offenen Armen
empfangen. Ihre alte Wohnung im unteren Stockwerk stand fr sie bereit.
Ihr Diener, ihre Kammerzofe, ihre Gesellschaftsdame, ihre vierzig
ledernen Koffer, ihre dreiig Hutschachteln, ihre Necessaires, ihre
Schals und Pelze, alles kam nach und nach ins Haus. berall herrschte
Lrm und geschftiges Treiben. Tren wurden zugeschlagen, man lief
treppauf und treppab. Es war nicht schwer zu merken, da Grfin Mrta
gekommen war.

       *       *       *       *       *

Es war an einem Frhlingsabend, an einem wundervollen Abend, obwohl man
sich erst im April befand und das Eis noch nicht geschmolzen war.
Mamsell Marie sa oben auf ihrer Kammer vor dem offenen Fenster,
klimperte auf der Gitarre und sang.

Sie war so vertieft in ihr Spiel und in ihre Erinnerungen, da sie es
nicht bemerkte, wie ein Wagen des Weges kam und vor dem kleinen Hause
hielt. Im Wagen sa Grfin Mrta und die hatte ihren Spa daran, Mamsell
Marie zu beobachten, die am Fenster sa, die Gitarre an einem Bande um
den Hals, die Augen gen Himmel gerichtet, und alte, lngst abgedroschene
Liebeslieder sang. Schlielich stieg die Grfin vom Wagen und trat in
das Zimmer, wo die jungen Mdchen um den Stickrahmen saen. Hochmtig
war sie nicht; der Wind der Revolution hatte sie umsaust und ihr frische
Luft in die Lungen geblasen.

Sie bestellte Stickereien bei Madame Morus und lobte die Tchter. Sie
schaute sich im Rosengarten um und erzhlte von ihren Reiseabenteuern.
Sie erlebte stets Abenteuer. Schlielich wagte sie sich die Bodentreppe
hinauf, die entsetzlich steil und schmal war, und besuchte Mamsell Marie
auf ihrem Giebelstbchen.

Dort lie sie ihre schwarzen Augen ber das einsame kleine Wesen blitzen
und ihre melodische Stimme einschmeichelnd in die Ohren der alten
Jungfer klingen. Sie kaufte Gardinen von ihr. Sie knne nicht leben auf
Schlo Borg, ohne filierte Gardinen vor allen Fenstern zu haben, und auf
allen Tischen msse sie von Mamsell Mariens filierten Decken haben.

Dann ergriff sie ihre Gitarre und sang ihr von Freude und Liebe. Sie
erzhlte ihr Geschichten, so da sich Mamsell Marie mitten in die
heitere, brausende Welt hinausversetzt fhlte. Und der Grfin Lachen war
eine solche Musik, da die verfrorenen Vgel im Rosengarten zu singen
begannen, als sie es hrten, und ihr Antlitz, das kaum mehr schn war --
denn der Teint war durch Schminke verdorben, und um den Mund lagen Zge
roher Sinnlichkeit --, erschien Mamsell Marie so schn, da sie nicht
begriff, wie der kleine Spiegel es verschwinden lassen konnte, wenn er
es einmal auf seiner blanken Flche aufgefangen hatte. Als sie ging,
kte sie Mamsell Marie und bat sie, nach Borg zu kommen.

Mamsell Mariens Herz stand leer, wie die Schwalbennester zur
Weihnachtszeit. Sie war frei, aber gleich dem alten, freigelassenen
Sklaven seufzte sie nach Ketten.

Jetzt begann abermals eine Zeit der Freuden und der Sorgen fr Mamsell
Marie; sie whrte aber nicht lange -- nur acht kurze Tage. Die Grfin
holte sie jeden Augenblick nach Borg. Sie spielte ihr Komdie vor und
erzhlte von ihren Freiern, und Mamsell Marie lachte, wie sie nie im
Leben gelacht hatte. Sie wurden die besten Freundinnen von der Welt.
Bald wute die Grfin alles von dem jungen Orgelbauer und von dem
stattgefundenen Abschied. Und in der Dmmerstunde brachte sie Mamsell
Marie so weit, da sie sich in dem kleinen blauen Kabinett in die
Fensternische setzte, die Gitarre um den Hals hngte und Liebeslieder
sang. Dann beobachtete die Grfin, wie die trocknen, mageren Finger und
der hliche kleine Kopf der alten Jungfer sich gegen den roten
Abendhimmel abhoben, und sie sagte, da die arme Mamsell einem
schmachtenden Burgfrulein gleiche. Aber alle Lieder handelten von
verliebten Hirten und grausamen Hirtinnen, und Mamsell Mariens Stimme
war so dnn, so dnn, und ein jeder wird begreifen knnen, da eine
solche Komdie fr die Grfin ein kstliches Vergngen sein mute.

Und dann ward ein Gastmahl auf Borg gegeben, was ganz selbstverstndlich
war, da ja die Mutter des Grafen heimgekehrt war. Wie gewhnlich ging es
munter her. Die Gesellschaft war nicht gro, es waren nur die Nachbarn.

Der Speisesaal lag im untern Stockwerk, und nach der Mahlzeit gingen die
Gste nicht wieder hinauf, sondern begaben sich in Grfin Mrtas Zimmer,
die ebenfalls im Erdgescho lagen. Da ergriff die Grfin Mamsell Mariens
Gitarre und fing an, der Gesellschaft etwas vorzusingen. Sie war eine
muntere Dame, Grfin Mrta, und sie konnte alle Menschen in Gebrden und
Stimme nachahmen. Jetzt hatte sie den Einfall, Mamsell Marie zu spielen.
Sie wandte den Blick gen Himmel und sang mit dnner, kreischender
Kinderstimme.

Ach nein, ach nein, Frau Grfin! flehte Mamsell Marie.

Aber Grfin Mrta machte es Vergngen, und die meisten der Gste konnten
sich ebenfalls des Lachens nicht enthalten, obwohl sie fanden, da es
unrecht gegen Mamsell Marie sei.

Die Grfin nahm eine Handvoll trockener Rosenbltter aus einer
Potpourrikruke, trat unter tragischen Gebrden an Mamsell Marie heran
und sang:

     Du reisest nun von uns; ach, kehr einst zurck,
     Wir sehen dich scheiden mit Schmerzen.
     Vergi nicht die Freunde in deinem Glck!
     Wir tragen dich stets im Herzen.

Dabei streute sie ihr die Rosenbltter auf den Kopf. Die Gste lachten,
Mamsell Marie aber geriet ganz auer sich vor Zorn. Sie sah aus, als
wolle sie der Grfin die Augen auskratzen.

Du bist ein schlechtes Geschpf, Mrta Dohna, sagte sie. Keine
anstndige Frau sollte mit dir verkehren.

Aber nun ward Grfin Mrta ebenfalls zornig. Heraus mit der Mamsell!
rief sie. Ich habe genug von ihren Verrcktheiten.

Ja, ich will schon gehen, sagte Mamsell Marie, erst aber will ich das
Geld fr meine Gardinen haben.

Das alte Jux! sagte die Grfin. Fr solchen Bettel will sie noch Geld
haben? Nimm es nur mit! Ich will den Schund nicht mehr vor Augen sehen.

Und die Grfin reit die Gardinen herunter und wirft sie ihr hin, denn
jetzt ist sie in voller Wut.

Am nchsten Tage bat die junge Grfin ihre Schwiegermutter, sich doch
mit Mamsell Marie zu vershnen. Das wollte aber die Grfin nicht. Sie
war ihrer berdrssig. Da fuhr Grfin Elisabeth hin und kaufte Mamsell
Marie ihr ganzes Gardinenlager ab und hngte sie in dem oberen Stockwerk
auf. Das war eine groe Genugtuung fr Mamsell Marie.

Grfin Mrta neckte ihre Schwiegertochter mit ihrer Vorliebe fr
filierte Gardinen. Aber sie konnte ihren Zorn auch verbergen und ihn
Jahre hindurch frisch und neu bewahren, denn Grfin Mrta war eine
begabte Dame.




Vetter Kristoffer


Oben im Kavalierflgel wohnte ein alter Raubvogel. Er sa stets im
Ofenwinkel und gab acht, da das Feuer nicht ausging. Zerzaust und grau
war er. Der kleine Kopf mit der groen Nase und den halb erloschenen
Augen neigte sich schwermtig auf dem langen, magern Hals ber den
braunen Pelzkragen. Denn der Raubvogel trug Sommer und Winter Pelzwerk.

Er hatte mit zu dem Schwarm gehrt, der im Gefolge des groen Kaisers
ber Europa hinjagte, aber welchen Namen und Titel er damals trug, das
vermag jetzt niemand mehr zu sagen. In Wermland wute man nur, da er an
den groen Kriegen teilgenommen, da er blutige Schlachten mitgemacht
hatte und da er nach 1815 sein undankbares Vaterland verlassen mute.
Er hatte Schutz bei dem schwedischen Kronprinzen gefunden, und dieser
hatte ihm den Rat erteilt, in dem fernen Wermland zu verschwinden. Die
Zeiten waren jetzt derart, da der, dessen Name die ganze Welt erzittern
gemacht hatte, jetzt froh sein konnte, da niemand seinen einst so
gefrchteten Namen kannte.

Er hatte dem Kronprinzen sein Ehrenwort gegeben, da er Wermland nicht
verlassen und nicht ohne zwingende Notwendigkeit erzhlen wolle, wer er
sei. Und dann kam er nach Ekeby mit einem Handschreiben des Kronprinzen
an den Major, dem er auf das wrmste empfohlen wurde. Da ffneten sich
ihm die Tren des Kavalierflgels.

Anfnglich zerbrach man sich den Kopf, wer diese bekannte Persnlichkeit
sein mge, die sich unter dem angenommenen Namen verbarg. Allmhlich
aber wurde er in einen Kavalier und Wermlnder verwandelt. Alle Menschen
nannten ihn Vetter Kristoffer, ohne eigentlich zu wissen, woher er
gerade diesen Namen bekommen hatte.

Aber es war nicht leicht fr einen Raubvogel, im Bauer zu leben. Er ist
ja an etwas anderes gewhnt, als von einer Stange auf die andere zu
hpfen und aus der Hand seines Wchters gefttert zu werden. Die
Aufregung der Schlachten und der Todesgefahr hatte einst sein Blut
entflammt; ihm ekelte vor dem stumpfsinnigen Frieden.

Freilich waren auch die andern Kavaliere nicht lauter zahme Vgel; bei
keinem aber brannte das Blut so hei wie bei Vetter Kristoffer. Eine
Brenjagd war das einzige, was seine schlaffen Lebensgeister wieder
anzuregen vermochte -- eine Brenjagd oder eine Frau -- eine einzige Frau.

Er war wieder aufgelebt, als er vor zehn Jahren zum erstenmal Grfin
Mrta gesehen hatte, die damals schon Witwe war. Eine Frau, launenhaft
wie der Krieg, anstachelnd wie die Gefahr, ein sprudelndes, keckes Wesen
-- er liebte sie.

Und nun sa er da und wurde alt und grau, ohne sie zur Gattin begehren
zu knnen. Jetzt hatte er sie seit fnf Jahren nicht mehr gesehen. Er
welkte und starb allmhlich hin, wie ein Adler in der Gefangenschaft.
Mit jedem Jahr wurde er drrer und frostiger. Er mute tiefer in den
Pelz und nher an den Ofen heran kriechen.

       *       *       *       *       *

Und so sitzt er da, erfroren, zerzaust und grau an dem Morgen des Tages,
da man am Abend die Osterschsse abfeuern will. Die Kavaliere sind alle
aus -- er aber sitzt in seiner Ofenecke.

Ach, Vetter Kristoffer, Vetter Kristoffer, weit du es denn nicht?

Der lchelnde Lenz ist gekommen. Die Natur erwacht aus ihrem bleiernen
Schlaf, und in den blauen Wolken tummeln sich schmetterling-beschwingte
Wesen in bermtigem Spiel. Dicht aneinandergedrngt wie die Blten an
einem wilden Rosenbusch schimmern ihre Gesichter aus den Wolken heraus.
Sie luten es in die Welt hinein wie mit tausend Sturmglocken: Lust und
Freude! Lust und Freude! Er ist gekommen, der sprudelnde Lenz!

Vetter Kristoffer aber sitzt regungslos da und versteht nichts. Er beugt
sein Haupt herab auf die steifen Finger und trumt von Kugelregen und
vom Baum der Ehre, der auf dem Schlachtfelde wchst. Vor seinem
geistigen Auge erblhen Rosen und Lorbeeren, die nicht der sanften
Schnheit des Lenzes bedrfen.

Es ist doch ein Jammer um ihn, den einsamen alten Fremdling, der dort
oben in dem Kavalierflgel sitzt, ohne Volk, ohne Land, er, der nie
einen Laut von der Sprache seines Heimatlandes hrt, er, dessen Los
einst ein namenloses Grab auf dem Broer Kirchhof sein wird. Was kann er
dafr, da er ein Adler ist, geboren zu verfolgen und zu tten?

O Vetter Kristoffer, du hast lange genug im Kavalierflgel gesessen und
getrumt! Auf und trinke den sprudelnden Wein des Lebens in den hohen
Schlssern! Wisse, Vetter Kristoffer, da heute ein Brief an den Major
gekommen ist, ein kniglicher Brief, mit dem schwedischen Reichssiegel
versehen. Er ist an den Major gerichtet, der Inhalt aber betrifft dich.
Du bist wunderlich zu schauen, whrend du den Brief liesest, du alter
Raubvogel. Das Auge bekommt Glanz, der Kopf hebt sich. Du siehst die Tr
des Bauers offen stehen, siehst den ganzen Weltenraum deinen
sehnsuchtsvollen Schwingen erschlossen.

       *       *       *       *       *

Vetter Kristoffer taucht tief nieder bis auf den Boden seiner
Kleiderkiste. Dann holt er die sorgfltig verwahrte goldgestickte
Uniform hervor und legt sie an. Er setzt den federgeschmckten Hut auf
den Kopf und sprengt von Ekeby fort auf seinem prchtigen weien Ro.

Das ist etwas anderes, als in der Ofenecke zu sitzen. Jetzt sieht er
auch, da der Frhling gekommen ist.

Er hebt sich im Sattel und spornt das Pferd zum Galopp an. Der Dolman
und das Pelzwerk flattern; der Federbusch auf dem Hut weht. Der Mann ist
verjngt wie die Erde; er ist aus einem langen Winterschlaf erwacht. Das
alte Gold kann noch glnzen. Das kecke Kriegergesicht unter dem
Dreimaster ist gar stolz zu schauen.

Ein wunderlicher Ritt! berall, wo er reitet, sprudeln Bche hervor,
sprossen Anemonen aus dem Erdboden. Die Zugvgel schreien und jubeln um
den befreiten Gefangenen. Die ganze Natur nimmt teil an seiner Freude.

Herrlich wie ein Sieger kommt er. Der Frhling selber reitet auf einer
schwebenden Wolke vor ihm her. Er ist leicht und luftig, der lichte
Geist, blst ins Waldhorn und hpft bersprudelnd von Freude im Sattel
auf und nieder. Und rings um Vetter Kristoffer herum tummelt ein Stab
von alten Waffenbrdern die Pferde: da ist das Glck, das auf seinen
Zehenspitzen im Sattel steht, und die Ehre auf ihrem stattlichen Ro und
die Liebe auf ihrem feurigen Araber.

Ein wunderlicher Ritt, ein wunderlicher Reiter. Die Drossel ruft ihn an:
Vetter Kristoffer, Vetter Kristoffer. Wo willst du hin? Wo willst du
hin?

Nach Borg, um zu freien! Nach Borg, um zu freien! antwortet Vetter
Kristoffer.

Reit nicht nach Borg! Reit nicht nach Borg! Ein lediger Mann hat keine
Sorg! ruft ihm die Drossel nach.

Er aber hrt nicht auf die Warnung. Bergauf und bergab reitet er, bis er
endlich da ist. Er springt vom Sattel und wird zur Grfin hineingefhrt.

Alles geht gut. Grfin Mrta ist gndig gegen ihn. Vetter Kristoffer
merkt, da sie nicht abgeneigt ist, seinen berhmten Namen zu tragen und
ihm auf sein Schlo zu folgen. Er sitzt da und schiebt den glcklichen
Augenblick hinaus, wo er ihr den Brief des Knigs zeigen wird. Er
geniet dies Warten.

Sie plaudert und unterhlt ihn mit tausend Geschichten. Er lacht ber
alles und bewundert alles. Da sie aber gerade in einem der Zimmer
sitzen, in denen Grfin Elisabeth Mamsell Mariens Gardinen aufgehngt
hat, fngt die Grfin auch an, die Geschichte dieser Gardinen zu
erzhlen.

Sehen Sie, sagt sie schlielich, sehen Sie, so schlecht bin ich, und
hier hngen nun diese Gardinen, damit ich stets an meine Snden erinnert
werde. Das ist eine Bue sondergleichen. Pfui, diese abscheuliche
Filetarbeit!

Der groe Krieger, Vetter Kristoffer, schaut sie mit blitzenden Augen
an.

Auch ich bin arm und alt, sagt er. Auch ich habe zehn Jahre im
Ofenwinkel gesessen und mich nach meiner Geliebten gesehnt. Lachen Euer
Gnaden darber etwa auch?

Ach nein, das ist etwas ganz anderes, erwidert die Grfin.

Gott hat mir mein Glck und mein Vaterland genommen und mich gezwungen,
fremder Leute Brot zu essen, sagt Vetter Kristoffer in ernsthaftem Ton.
Ich habe gelernt, die Armut zu achten!

Sie auch? ruft die Grfin und hebt die Hnde in die Hhe. Wie
tugendhaft die Menschen doch sind! Mein Gott, wie tugendhaft sie alle
geworden sind!

Ja, sagt er, merken Sie sich das, Frau Grfin, sollte mir Gott einmal
in Zukunft meine Macht und meinen Reichtum wiedergeben, dann will ich
einen bessern Gebrauch davon machen, als sie mit einer Weltdame zu
teilen, mit einem geschminkten, herzlosen Geschpf, das sich ber die
Armut lustig macht.

Darin haben Sie vollkommen recht, Vetter Kristoffer!

Und damit marschiert Vetter Kristoffer aus dem Zimmer und reitet wieder
heim nach Ekeby; die Geister aber folgen ihm nicht, die Drossel ruft ihn
nicht an, er sieht nicht mehr den lchelnden Frhling.

Er kommt gerade in dem Augenblick nach Ekeby, als die Osterschsse
abgefeuert werden und man die Osterhexe verbrennt. Die Osterhexe ist
eine groe Strohpuppe, deren Gesicht aus alten Lumpen besteht, auf denen
Augen, Nase und Mund mit Kohle aufgezeichnet sind. Sie trgt die
abgelegten Kleider einer Armenhuslerin, einen langstieligen Feuerhaken
und Besenschaft an der Seite und das Salbenhorn[2] um den Hals. Sie ist
bereit, nach Blkulla zu fahren.

[2] Das Salbenhorn mit der Hexensalbe gehrt dem schwedischen
Volksglauben nach zu den Attributen der Hexen, wenn sie nach Blkulla,
dem schwedischen Blocksberg, reiten.

Major Fuchs ladet seine Flinte und schiet sie einmal ber das andere in
die Luft ab. Dann wird ein Feuer von Reisig angezndet, die Hexe darauf
geworfen und verbrannt. Ja, die Kavaliere tun, was sie knnen, um auf
alte, erprobte Weise die Macht der bsen Geister zu vernichten.

Vetter Kristoffer steht da und schaut mit finsterer Miene zu. Pltzlich
reit er den groen kniglichen Brief aus seinem rmelaufschlag und
wirft ihn ins Feuer. Gott allein wei, was er dabei denkt. Vielleicht
bildete er sich ein, da Grfin Mrta selber dort auf dem Scheiterhaufen
verbrannt werde. Vielleicht meinte er, da es nichts mehr auf der Erde
gibt, was taugt, da ja diese Frau, die er so viele Jahre geliebt hat,
nur aus Lumpen und Stroh bestand.

Er geht wieder in den Kavalierflgel zurck, zndet das Feuer an und
verwahrt seine Uniform. Wieder setzt er sich in die Ofenecke und wird
mit jedem Tage zerzauster und grauer. Er stirbt nach und nach, so wie
die alten Vgel in der Gefangenschaft.

Er ist kein Gefangener mehr, aber er macht sich nichts daraus, seine
Freiheit zu gebrauchen. Die Welt steht ihm offen. Der Walplatz, die
Ehre, das Leben erwarten ihn. Aber er hat keine Kraft mehr, die
Schwingen zum Fluge auszubreiten.




Lebenswege


Schwer sind die Wege, die die Menschen hier auf Erden wandern mssen.

Wstenpfade, Sumpfpfade, Bergpfade.

Weshalb darf so viel Kummer seinen Gang gehen, bis er sich in der Wste
verirrt oder in den Sumpf versinkt oder vom Berge herabstrzt? Wo sind
die kleinen Blumenmdchen, wo sind die kleinen Mrchenprinzessinnen,
auf deren Spuren Rosen wachsen, wo sind die Wesen, die Blumen auf die
schweren Wege streuen sollen?

Jetzt hat Gsta Berling, der Poet, beschlossen, sich zu verheiraten. Er
sucht nur nach einer Braut, die arm genug, gering genug ist fr einen
verrckten Pfarrer. Schne und edle Frauen haben ihn geliebt, aber sie
sollen nicht vortreten und um seine Hand werben. Der Verstoene whlt
unter den Verstoenen. Wen soll er whlen, wen wird er finden?

Zuweilen kommt ein armes junges Mdchen aus einer einsamen Waldgegend
hoch oben zwischen den Bergen nach Ekeby, um Besen zu verkaufen. In
dieser Gegend, wo groe Armut und stetes Elend herrschen, gibt es viele,
die nicht im Besitz ihres vollen Verstandes sind, und das Mdchen mit
den Besen ist eine von diesen vielen.

Aber schn ist sie. Ihr starkes, schwarzes Haar ist in zwei Zpfe
geflochten, die so dick sind, da sie kaum Platz auf ihrem Kopf haben,
und ihre Wangen sind fein gerundet, die Nase ist gerade und nicht sehr
gro, die Augen sind blau. Sie gehrt zu jenen melancholischen,
madonnenhnlichen Schnheitstypen, wie man sie noch heute bei schnen
Mdchen an den Ufern des langen Lfsees findet.

Nun, da hatte Gsta ja eine Braut -- eine halbverrckte Besenverkuferin
ist eine gute Frau fr einen verrckten Pfarrer. Etwas Passenderes kann
es nicht geben. Er braucht nur nach Karlstad zu reisen, um die Ringe zu
bestellen, dann knnen die Leute am Lfsee wieder einen vergngten Tag
haben. Sie sollen noch einmal ber Gsta Berling lachen, wenn er sich
mit der Besenverkuferin verlobt und Hochzeit mit ihr hlt. Ja, lachen
sollen sie! Hat er jemals einen lustigeren Streich geplant?

Schwer sind die Wege, auf denen die Menschen wandern -- Wstenpfade,
Sumpfpfade, Bergpfade.

Mu nicht der Verstoene den Weg des Verstoenen wandeln? Den Weg des
Zornes, den Weg des Kummers, den Weg des Unglcks? Was macht es, wenn er
strzt, wenn er zugrunde geht? Ist da irgend jemand, der sich daran
kehrt, ihn zurckzuhalten? Ist da irgend jemand, der ihm eine sttzende
Hand, einen labenden Trunk reicht? Wo sind die kleinen Blumenmdchen, wo
sind die kleinen Mrchenprinzessinnen, wo sind alle die Wesen, die Rosen
auf die schweren Pfade streuen sollen?

Nein, nein, die junge, sanfte Grfin auf Borg will Gsta Berling nicht
in seinen Plnen stren. Sie will an ihren Ruf denken, an den Zorn ihres
Mannes und den Ha ihrer Schwiegermutter, sie will nichts tun, um ihn
zurckzuhalten.

Whrend des langen Gottesdienstes in der Svartsjer Kirche will sie ihr
Haupt beugen, will ihre Hnde falten und fr ihn beten. In schlaflosen
Nchten kann sie ber ihn weinen und sich um ihn sorgen, aber sie hat
keine Blumen, um sie auf den Weg des Verstoenen zu streuen, keinen
Tropfen Wasser, um ihn dem Durstenden zu reichen, keinen leisen
Hndedruck, der ihn vom Rande des Abgrunds htte zurckfhren knnen.

Gsta Berling macht sich nichts daraus, seine Auserwhlte in Seide zu
kleiden und mit Juwelen zu schmcken. Er lt sie nach wie vor mit ihren
Besen von Gehft zu Gehft gehen, aber wenn er alle die vornehmen Mnner
und Frauen aus der ganzen Gegend zu einem groen Gastmahl auf Ekeby
versammelt hat, da will er seine Verlobung verffentlichen. Da will er
sie aus der Kche hereinrufen, so wie sie von ihren langen Wanderungen
heimgekehrt ist, den Staub und Schmutz der Landstrae auf den Kleidern,
vielleicht zerlumpt, vielleicht ungekmmt, mit wirrem Blick, einen
verwirrten Wortstrom auf den Lippen. Und dann will er die Gste fragen,
ob er jetzt nicht eine passende Braut gewhlt hat, ob nicht der
verrckte Pfarrer stolz sein mu auf eine so schne Braut, auf dies
sanfte Madonnengesicht, auf diese blauen, schwrmerischen Augen. Es war
seine Absicht, da niemand im voraus etwas davon erfahren sollte; aber
es gelang ihm nicht, das Geheimnis zu bewahren, und unter andern erfuhr
auch die junge Grfin Dohna davon.

Aber was konnte sie tun, um ihn daran zu hindern? Der Verlobungstag ist
gekommen, die Dmmerung hat sich herabgesenkt. Die Grfin steht in dem
blauen Kabinett und schaut gen Norden. Sie glaubt fast, da sie Ekeby
sehen kann, obwohl Trnen und Nebel ihren Blick hemmen. Sie sieht so
deutlich das groe, dreistckige Haus, in dem drei Reihen erleuchteter
Fenster strahlen, sie stellt sich vor, wie der Champagner in die Glser
geschenkt wird, wie die Toaste erschallen und Gsta Berling seine
Verlobung mit der Besenverkuferin verkndet.

Wenn sie ihm nun nahe wre und ganz leise ihre Hand auf seinen Arm
legte, oder ihm nur einen freundlichen Blick schenkte, wrde er da nicht
umwenden von dem bsen Wege der Verstoenen? Wenn ein Wort aus ihrem
Munde ihn zu einer so verzweifelten Handlung getrieben hatte, wrde ihn
da nicht ein Wort von ihr zurckhalten knnen?

Sie schauderte vor dem Unrecht, das er an diesem armen, unglcklichen
Kinde begehen will, das jetzt verlockt werden soll, ihn zu lieben,
vielleicht nur fr die Kurzweil eines einzigen Tages. Vielleicht auch --
und da schauderte sie noch mehr vor der Snde, die er an sich selbst
beging -- vielleicht auch, um sie als drckende Fessel an seinen Fu zu
schmieden, um fr ewig seinem Geist die Kraft zu rauben, aufwrts zu
streben.

Und wenn sie schlielich alles genau erwog, so lag die Schuld bei ihr.
Sie hatte ihn mit einem Wort der Verdammnis auf den bsen Weg gestoen.
Sie, die gekommen war, um zu segnen, um zu mildern, weshalb hatte sie
noch einen Dorn mehr in die Dornenkrone des Snders geflochten?

Ja, jetzt wei sie, was sie tun will. Sie will die schwarzen Pferde an
den Schlitten spannen lassen, will ber den Lfsee fahren, in den Saal
zu Ekeby strzen, sich gerade vor Gsta Berling stellen und ihm sagen,
da sie ihn nicht verachtet, da sie nicht wute, was sie sagte, als sie
ihn aus ihrem Hause jagte. Nein, so etwas konnte sie doch nicht tun; sie
wrde verschmt sein, unfhig, ein Wort hervorzubringen. Sie war ja
verheiratet und mute vorsichtig sein. Es wrde Anla zu so viel Klatsch
geben, wenn sie so etwas tat. Aber wenn sie es nicht tat -- was sollte
dann aus ihm werden?

Sie mute von dannen!

Und dann denkt sie daran, da es unmglich ist, hinberzugelangen. Um
diese Jahreszeit kann kein Pferd mehr ber den See hinber. Das Eis ist
schon im Begriff zu schmelzen; am Ufer hat es sich schon gelst.
Unsicher, geborsten liegt es da, hlich zu schauen. Das Wasser quillt
zwischen den morschen Eisschollen empor, an einzelnen Stellen hat es
sich in schwarzen Pftzen gesammelt, an andern Stellen ist das Eis
blendend wei. Der grte Teil des Sees ist jedoch grau und schmutzig
von schmelzendem Schnee, und die Wege laufen wie lange schwarze Streifen
ber seine Flche.

Wie kann sie nur daran denken, fort zu wollen? Ihre Schwiegermutter, die
alte Grfin Mrta, wrde ihr so etwas niemals erlauben. Den ganzen Abend
mu sie an ihrer Seite in dem groen Wohnzimmer sitzen und die alten
Hofgeschichten mit anhren, die das Entzcken der Alten sind.

Doch die Nacht kommt, und ihr Mann ist verreist, und nun ist sie frei.

Fahren kann sie nicht, sie wagt es nicht, die Dienstboten zu wecken,
aber die Angst treibt sie heraus aus ihrem Heim. Sie kann nicht anders.

Schwer sind die Wege, die die Menschen auf Erden wandern -- Wstenpfade,
Sumpfpfade, Bergpfade.

Womit aber soll ich diesen natrlichen Weg ber das schmelzende Eis
vergleichen? Ist das nicht derselbe Weg, den auch die kleinen
Blumenmdchen zu gehen haben, ein unsicherer, schwankender, schlpfriger
Weg, der Weg derer, die die geschlagene Wunde heilen wollen, der Weg
derer, die wieder gutmachen wollen, des leichten Fues, des schnellen
Auges, des mutigen, liebevollen Herzens Weg?

Es war ber Mitternacht, als die Grfin das Ufer bei Ekeby erreichte.
Sie war auf dem Eise gefallen, sie war ber breite Risse gesprungen, sie
war leicht hinweggehuscht ber Stellen, wo das hervorquellende Wasser
die Fuspuren fllte, sie war geglitten, sie war gekrochen. Es war eine
schwere Wanderung gewesen, und sie hatte geweint, whrend sie ging. Sie
war na und mde geworden, und da drauen auf dem Eise hatten die
Dunkelheit, die Einsamkeit und die Leere ihre Gedanken beschwert. Jetzt,
kurz vor Ekeby, hatte sie in fuhohem Wasser waten mssen, um das Land
zu erreichen. Und als sie auf das Ufer hinaufgekommen war, hatte sie
keinen Mut zu etwas anderem gehabt, als sich auf einen Stein zu setzen
und vor Mdigkeit und Hilflosigkeit zu weinen.

Schwere Wege wandern die Menschenkinder, und die kleinen Blumenmdchen
sinken oft neben ihrem Korbe nieder, gerade im selben Augenblick, wo sie
denjenigen erreicht haben, dessen Weg sie mit Blumen bestreuen wollten.

Diese junge, vornehme Dame war doch eine liebenswerte kleine Heldin.
Solche Wege war sie in ihrem sonnigen Heimatlande nicht gewandert. Da
ist es denn kein Wunder, da sie am Ufer dieses unheimlichen,
entsetzlichen Sees sitzt, na, mde und unglcklich, wie sie ist, und an
die sanften, blumenverbrmten Pfade ihres sdlichen Geburtslandes denkt.

Ach, fr sie handelt es sich nicht mehr darum, ob Sd, ob Nord. Sie
steht mitten im Leben. Sie weint nicht vor Heimweh. Sie weint, das
kleine Blumenmdchen, die kleine Heldin, weil sie so mde ist, da sie
den nicht mehr erreichen kann, dessen Weg sie mit Blumen bestreuen will
-- sie weint, weil sie glaubt, da sie zu spt gekommen ist.

Da kommen einige Menschen den Strand entlang gelaufen. Sie eilen an ihr
vorber, ohne sie zu sehen, aber sie hrt ihre Worte: Strzt der Damm,
so ist die Schmiede verloren! sagt der eine. Und die Mhle und die
Werksttten und die Huser der Schmiede, fgt ein anderer hinzu.

Da fat sie neuen Mut, erhebt sich und folgt ihnen.

       *       *       *       *       *

Die Mhle und die Schmiede von Ekeby lagen auf einer schmalen Landzunge,
die der Bjrkseebach umbraust. Er strzte sausend auf die Landzunge
herab, weischumend von dem gewaltigen Fall, und um die bebaute Strecke
gegen das Wasser zu schtzen, war ein groer Wellenbrecher vor der
Landzunge angebracht. Aber der Damm war jetzt alt, und die Kavaliere
regierten. Die lieen den Tanz ber Stock und Stein gehen; niemand aber
lie sich Zeit, nachzusehen, wie der Strom und die Klte und der Zahn
der Zeit an dem alten Steindamm gearbeitet hatten.

Und dann kommt der Frhling, und der Damm fngt an nachzugeben.

Der Wasserfall bei Ekeby ist eine gewaltige Granittreppe, ber die die
Wogen des Bjrkseebaches herabgebraust kommen. Sie werden schwindlig von
dem eiligen Lauf, berschlagen sich, prallen gegeneinander. Sie fahren
in Zorn auf, bespritzen sich gegenseitig mit Schaum, straucheln ber
einen Stein, ber einen Baumstamm, raffen sich dann wieder auf, um
wieder und wieder unter Schumen und Prusten und Brllen zu straucheln.

Und diese wilden, erregten Wogen, berauscht von der Frhlingsluft,
schwindlig von der wiedergewonnenen Freiheit, laufen nun Sturm gegen
die alte Steinmauer. Sie kommen keuchend und sthnend, strmen hoch auf
die Mauer hinauf und ziehen sich wieder zurck, als htten sie ihre
weigelockten Kpfe gestoen. Es ist ein Sturm, wie er nicht heftiger
sein kann; die groen Eisschollen dienen ihnen als Schilde, die
Baumstmme als Mauerbrecher, sie strzen, brechen, brausen gegen diese
arme Mauer, bis es pltzlich aussieht, als habe ihnen jemand ein Gebt
acht! zugerufen. Da strzen sie zurck, und hinter ihnen drein kommt
ein groer Stein, der sich von dem Damm losgelst hat und polternd im
Strom versinkt.

Es hat fast den Schein, als habe dies sie erschreckt; sie stehen still,
sie jubeln, sie ratschlagen -- und dann: vorwrts mit frischem Mut! Da
sind sie wieder mit Eisschollen und Baumstmmen, voll von lustigen
Streichen, unbarmherzig, wild, toll vor Zerstrungslust.

Wre nur der Damm fort -- sagen die Wellen -- wre nur der Damm fort, da
sollte gar bald die Reihe an die Schmiede und an die Mhle kommen!

Der Tag der Freiheit ist da -- fort mit Menschen und Menschenwerk! Sie
haben uns schwarz und ruig gemacht mit ihren Kohlen, sie haben uns
eingestubt mit ihrem Mehl, sie haben uns das Arbeitsjoch aufgelegt wie
den Ochsen, sind im Kreise mit uns herumgefahren, haben uns
eingeschlossen, unsern Lauf gehemmt, uns gezwungen, die schweren Rder
zu treiben, die klotzigen Baumstmme zu tragen. Aber nun wollen wir uns
freimachen!

Der Tag der Freiheit ist da! Hrt es, ihr Wogen oben im Bjrksee, hrt
es, ihr Brder und Schwestern in Mooren und Smpfen, in Bergbchen und
Waldbchen! Kommt, kommt! Strzt euch herab, vereinigt euch mit uns,
kommt mit frischen Krften, polternd, zischend, bereit, das
hundertjhrige Joch zu zertrmmern! Kommt! Das Bollwerk der Tyrannei
soll fallen. Tod und Verderben ber Ekeby!

Und sie kommen. Woge auf Woge strzt sich in den Fall hinab, um den Kopf
gegen den Damm zu stoen, um das groe Werk frdern zu helfen. Berauscht
von der neuerrungenen Lenzfreiheit, mannesstark, einig, kommen sie und
lsen Stein auf Stein, Erdschicht auf Erdschicht von dem schwankenden
Wellenbrecher.

Weshalb aber lassen denn die Menschen die wilden Wellen tosen, ohne
Widerstand zu leisten? Ist Ekeby ausgestorben?

Nein, die Menschen sind da, eine verwirrte, ratlose, hilflose
Menschenschar. Die Nacht ist dunkel, sie knnen einander nicht sehen,
knnen nicht sehen, wohin sie treten. Der Wasserfall braust stark, es
ist ein entsetzliches Getse von zertrmmerndem Eis und
zusammenprallenden Baumstmmen; sie knnen ihr eigen Wort nicht
verstehen. Die Wildheit, die die brausenden Wellen ergriffen hat, fllt
auch die Gehirne der Menschen, sie haben keinen Gedanken in ihren
Kpfen, sie sind ganz ohne Besinnung.

Die Fabrikglocken ertnen, wer Ohren hat zu hren, der hre! Wir hier
unten an der Ekebyer Schmiede sind nahe daran zu vergehen. Der Bach
strzt ber uns hinweg. Der Damm schwankt, die Schmiede ist in Gefahr,
die Mhle ist in Gefahr und unsere eigenen armseligen Wohnungen, die wir
trotz all ihrer Geringheit lieben.

Die Wogen glauben wohl, da die Glocken ihre Genossen herbeirufen
sollen, denn es zeigt sich kein Mensch. Aber drauen in den Wldern und
Mooren entsteht ein geschftiges Treiben. Zu Hilfe! Zu Hilfe! rufen
die Glocken. Nach hundertjhriger Sklaverei haben wir uns endlich
befreit. Kommt! Kommt! Die brausenden Wogen und die lutenden
Fabrikglocken singen Ekebys Ehre und Glanz den Totengesang.

Und indessen wird ein Bote nach dem andern zu den Kavalieren aufs Schlo
geschickt.

Sind die in der Stimmung, an Schmiede und Mhle zu denken? Hunderte von
Gsten sind in den groen Slen von Ekeby versammelt. Die
Besenverkuferin wartet drauen in der Kche. Der spannende Augenblick
der berraschung ist gekommen. Der Champagner perlt in den Glsern;
Julius erhebt sich, um die Festrede zu halten. Alle die alten Abenteurer
auf Ekeby freuen sich auf das stumme Staunen, das sich der Versammlung
bemchtigen wird.

Drauen auf dem Eis des Lfsees wandert die junge Grfin Dohna einen
unheimlichen, lebensgefhrlichen Weg, um Gsta Berling ein warnendes
Wort ins Ohr zu flstern. Unten am Giebach laufen die Wogen Sturm gegen
Ekebys Macht und Ehre, aber in den groen Slen herrscht nur Freude und
gespannte Erwartung; die Wachskerzen strahlen, und der Wein strmt, da
drinnen denkt niemand an das, was da drauen in der dunklen, strmischen
Frhlingsnacht vor sich geht.

Gerade jetzt ist der Augenblick gekommen. Gsta erhebt sich und geht
hinaus, um seine Braut zu holen. Er mu durch den Vorsaal gehen, die
groen Tren sind weit geffnet -- er bleibt stehen, er schaut hinaus in
die stockfinstere Nacht -- und er hrt, er hrt.

Er hrt die Glocken luten, er hrt den Giebach brausen. Er hrt das
Gepolter des krachenden Eises, den Lrm der zusammenprallenden
Baumstmme, die brausende, hhnende, siegreiche Freiheitshymne der
aufrhrerischen Wogen.

Da vergit er alles und strzt in die Nacht hinaus. Seinetwegen knnen
die da drinnen mit erhobenen Glsern stehenbleiben und bis an den
Jngsten Tag warten; er macht sich nichts mehr aus ihnen. Seine Braut
kann warten. Patron Julius' Rede mag ihm auf den Lippen ersterben. Heut
nacht werden keine Ringe gewechselt, kein stummes Staunen wird sich der
glnzenden Versammlung bemchtigen.

Jetzt wehe euch, ihr aufrhrerischen Wogen, jetzt gilt es in Wahrheit,
fr die Freiheit zu kmpfen, jetzt ist Gsta Berling an den Giebach
hinabgekommen, jetzt haben die Leute einen Fhrer bekommen, jetzt steht
der Verteidiger auf den Mauern, jetzt beginnt ein frchterlicher Kampf.

Hrt, wie er der Menge zuruft, er befiehlt, er versetzt alle in
Ttigkeit.

Licht mssen wir haben, vor allen Dingen Licht! Hier gengt die
Hornlaterne des Mllers nicht. Nehmt die Reisigbndel da, tragt sie
auf den Hgel und zndet sie an! Das ist eine Arbeit fr Frauen und
Kinder. Nur schnell! Macht einen groen Scheiterhaufen aus drren
Zweigen! Das soll uns bei unserer Arbeit leuchten, das soll bis
weithin scheinen und Hilfe herbeirufen. Und sorgt dafr, da das Feuer
nicht erlischt, holt Stroh und Holz, und lat die Flammen hell zum
Himmel emporschlagen.------

Seht, ihr Mnner, hier ist Arbeit fr euch! Hier ist Holz, hier sind
Balken, zimmert einen Notdamm, den wir vor diese schwankende Mauer
hinabsenken knnen. Schnell, schnell an die Arbeit, macht sie sicher und
stark! Haltet Steine und Sandscke bereit, um das Gerst hinabzusenken!
Schnell! Schwingt eure xte, lat die Hammerschlge erdrhnen, lat den
Bohrer sich tief ins Holz nagen und die Sge in den trocknen Brettern
kreischen!

Und wo sind die Buben? Herbei mit euch, ihr wilden Strolche! Holt
Stangen, holt Bootshaken und kommt hierher, mitten ins Kampfgewhl! Auf
den Damm hinaus mit euch, Buben, mitten in die Wellen hinein, die
schumen und brausen und uns mit weiem Gischt bespritzen! Wehrt sie ab,
schwcht sie, weist sie zurck, diese Angriffe, die die Mauern bersten
machen! Schiebt die Baumstmme und die Eisschollen zur Seite, werft euch
nieder, wenn nichts weiter helfen will, und haltet die Steine mit euren
Hnden fest, beit in sie hinein, umklammert sie mit eisernen Klauen!
Kmpfet, ihr Buben, ihr Taugenichtse, ihr Wildfnge! Auf die Mauer
hinaus mit euch! Wir mssen um jeden Zoll breit Erde kmpfen!

Gsta selber stellt sich auf die uerste Kante des Dammes und steht
dort, von Schaum umspritzt, whrend der Grund unter ihm schwankt. Die
Welle brllt und tobt, sein wildes Herz aber schwelgt in der Gefahr, in
der Unruhe, in dem Kampf. Er lacht, er hat muntere Einflle, die er den
Knaben zuruft; nie hat er eine lustigere Nacht erlebt.

Das Rettungswerk schreitet schnell vorwrts, die Flammen schlagen hoch
zum Himmel empor, die xte der Zimmerleute drhnen, der Damm steht noch
immer.

Auch die andern Kavaliere und die hundert Gste sind an den Wasserfall
hinabgekommen. Von nah und fern kommen die Leute herbeigestrzt, alle
arbeiten, sie schren das Feuer, sie zimmern den Notdamm, sie fllen die
Scke, sie wehren den Wogen drauen auf dem schwankenden, zitternden
Steindamm.

Jetzt ist der Notdamm fertig, jetzt soll er vor den schwankenden
Wellenbrecher hinabgesenkt werden. Haltet Steine und Sandscke bereit,
und Bootshaken und Stricke, so da sie nicht fortgerissen werden, da
die Menschen den Sieg davontragen und die unterjochten Wellen in die
Sklaverei zurckkehren!

Da geschieht es, gerade im entscheidenden Augenblick, da Gstas Blick
auf eine Frauengestalt fllt, die auf einem Stein am Bach sitzt. Die
auflodernden Flammen lassen ihren Schein auf sie fallen, wie sie dasitzt
und in die Wogen hinausstarrt, er kann sie nicht klar und deutlich
sehen, Nebel und Schaum hindern ihn, aber sein Auge kehrt wieder und
wieder zu ihr zurck. Immer wieder mu er sie ansehen. Es ist ihm, als
habe diese Frau einen Auftrag an ihn auszurichten.

Unter all den Hunderten, die am Ufer des Giebaches arbeiten und sich
bewegen, ist sie die einzige, die stillsitzt, und sein Blick sucht sie
unaufhrlich, er sieht niemand auer ihr.

Sie sitzt so weit hinaus, da die Wellen gegen ihre Fe schlagen und
sie mit ihrem Schaum bespritzen. Sie mu ganz durchnt sein. Sie ist
dunkel gekleidet, trgt einen groen Schal um den Kopf und sitzt
zusammengekauert da, das Kinn in die Hnde gesttzt, und starrt
unablssig zu ihm dort oben auf dem Wellenbrecher hinber. Er fhlt, da
diese starrenden Augen ziehen und locken, obwohl er nicht einmal ihr
Antlitz unterscheiden kann, er denkt nur an sie, wie sie dort am Ufer
zwischen den weien Wogen sitzt.

Das ist die Meermaid aus dem Lfsee, die hier in den Bach
hinausgekommen ist, um mich ins Unglck zu locken, denkt er. Sie sitzt
da und lockt -- ich mu sie noch fortjagen.

Es ist ihm, als seien alle diese Wellen mit den weien Kmmen das Heer
der schwarzen Frau; sie hat sie aufgestachelt, sie hat sie zum Angriff
gegen ihn gefhrt.

Ich bin ja gezwungen, sie fortzujagen, sagt er.

Er ergreift einen Bootshaken, springt ans Land und eilt zu der
Frauengestalt hin. Er verlt seinen Platz auf der uersten Spitze des
Wellenbrechers, um die Meerfrau zu vertreiben. Es ist ihm in diesem
Augenblick der Erregung, als kmpften die bsen Mchte der Tiefe gegen
ihn. Er wei nicht, was er denkt, was er glaubt -- er mu die schwarze
Gestalt dort vom Stein am Elfufer fortjagen.

Ach, Gsta! Weshalb steht dein Platz im entscheidenden Augenblick leer?
Jetzt kommen sie mit dem Notdamm, eine lange Reihe von Mnnern stellt
sich auf dem Wellenbrecher auf; sie haben Stricke und Steine und
Sandscke bereit, um ihn zu beschweren und ihn niederzuhalten; sie
stehen bereit, sie warten, sie lauschen. Wo ist der Befehlshaber?
Vernimmt man denn seine Stimme nicht, die gebieten und anordnen soll?

Aber Gsta Berling macht Jagd auf die Meerfrau. Sie sah ihn, wie er mit
dem Bootshaken auf sie zugestrzt kam. Ihr ward bange. Es sah aus, als
wolle sie sich ins Wasser strzen, aber sie besinnt sich und flchtet
ans Land.

Meerweib! ruft Gsta und schwingt den Bootshaken ber ihr. Sie luft
zwischen das Erlengestrpp am Ufer, das hlt sie mit seinen dichten
Zweigen fest, und sie bleibt stehen.

Da wirft Gsta Berling den Bootshaken hin und legt ihr seine Hand auf
die Schulter.

Sie sind in dieser Nacht spt drauen, Grfin Elisabeth! sagt er.

Lassen Sie mich, Herr Berling! Lassen Sie mich nach Hause gehen!

Er gehorcht augenblicklich und wendet sich von ihr ab.

Da sie aber nicht nur eine vornehme Dame, sondern auch ein herzensgutes
Geschpf ist, das den Gedanken nicht ertragen kann, einen Menschen zur
Verzweiflung getrieben zu haben, da sie ein kleines Blumenmdchen ist,
das stets Rosen genug in ihrem Korb hat, um den einsamsten Weg damit zu
schmcken, bereut sie es sofort, geht hinter ihm drein und ergreift
seine Hand.

Ich kam, sagte sie stammelnd -- ich kam, um -- ach, Herr Berling! Sie
haben es doch nicht getan -- sagen Sie, da Sie es nicht getan haben! Ich
ward so erschrocken, als Sie hinter mir hergelaufen kamen, und doch habe
ich nur Sie gesucht. Ich wollte Sie bitten, zu vergessen, was ich
neulich gesagt habe, und wieder zu uns zu kommen wie ehedem.

Wie sind die Frau Grfin hierhergekommen?

Sie lacht nervs. Ich wute ja, da ich zu spt kommen wrde, aber ich
wollte niemand erzhlen, da ich hierherging, und dann wissen Sie ja,
kann man nicht mehr ber den See fahren.

Sind die Frau Grfin ber den See gegangen?

Freilich bin ich das. Aber, Herr Berling, sagen Sie mir doch -- sind Sie
verlobt? Sie begreifen wohl, da ich es sehr gern sehen wrde, wenn es
nicht der Fall wre! Es ist ja doch ein Unrecht, und ich habe ein
Gefhl, als wenn ich schuld an dem Ganzen wre. Sie htten keinen so
groen Wert auf meine Worte legen sollen! Ich bin eine Fremde, die die
Sitten des Landes nicht kennt. Es ist so leer auf Borg gewesen, seit Sie
Ihre Besuche eingestellt haben, Herr Berling.

Wie Gsta Berling so dasteht zwischen dem nassen Erlengestrpp auf dem
sumpfigen Boden, ist es ihm, als wenn ihn jemand ber und ber mit Rosen
bestreue. Er watet bis an die Knie in Rosen, sie schimmern im Dunkeln
vor seinen Augen, begehrlich atmet er ihren Duft ein.

Ist es wirklich geschehen? wiederholt sie.

Er mu sich entschlieen, ihr zu antworten und ihrer Angst ein Ende zu
machen, obwohl er so glcklich darber ist. Wie warm es doch in ihm
wird, und wie hell, wenn er daran denkt, welchen Weg sie zurckgelegt
hat, wie na sie ist, wie erfroren, wie angsterfllt sie sein mu, und
wie verweint ihre Stimme klingt.

Nein, sagt er, ich bin nicht verlobt.

Da ergreift sie noch einmal seine Hand und streichelt sie. Ich bin so
glcklich, so glcklich! sagt sie, und ihre Brust, die die Angst
zusammengeschnrt hatte, erbebt jetzt von Schluchzen.

Da ist der Weg des Poeten ganz mit Blumen bedeckt. Alles Dunkle, Bse
und Gehssige schmilzt aus seinem Herzen fort.

Wie gut Sie sind, wie gut Sie sind! sagt er.

Dicht neben ihnen laufen die Wogen Sturm gegen Ekebys ganze
Herrlichkeit und Ehre. Jetzt haben die Leute keinen Fhrer mehr,
niemand, der ihnen Mut und Hoffnung einflt, jetzt strzt der
Wellenbrecher, die Wogen schlagen darber zusammen und strzen sich
siegesstolz gegen die Landzunge, wo die Mhle und die Schmiede liegen.
Niemand arbeitet mehr, um den Wellen Widerstand zu leisten, niemand
denkt an etwas anderes, als sein Leben und sein Hab und Gut zu retten.

Die beiden jungen Menschen finden es ganz in der Ordnung, da Gsta die
Grfin nach Hause begleiten mu; er kann sie ja nicht allein lassen in
der dunklen Nacht, kann sie nicht noch einmal allein ber das
schmelzende Eis wandern lassen. Sie denken nicht einmal daran, da man
seiner oben bei der Schmiede bedarf, sie sind so glcklich, da die alte
Freundschaft jetzt wiederhergestellt ist.

Es liegt so nahe zu glauben, da diese jungen Menschenkinder eine warme
Liebe zueinander hegen, aber wer kann das sicher wissen? In
abgerissenen, einzelnen Stcken ist das strahlende Mrchen ihres Lebens
bis zu mir gelangt. Ich wei ja nichts, so gut wie nichts von dem, was
in ihrer innersten Seele wohnte. Was kann ich von den Beweggrnden zu
ihren Handlungen sagen? Ich wei nur, da eine junge Frau in jener Nacht
ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Ehre, ihren guten Namen aufs Spiel
setzte, um einen armen, elenden Mann wieder auf den rechten Weg
zurckzufhren. Ich wei nur, da Gsta Berling in jener Nacht den Glanz
und die Macht des geliebten Besitztums fallen lie, um sie zu begleiten,
die um seinetwillen die Furcht vor dem Tode, die Furcht vor der Schande,
die Furcht vor der Strafe berwunden hatte.

Oft habe ich sie in Gedanken in dieser entsetzlichen Nacht ber das Eis
verfolgt, in dieser Nacht, die doch fr sie ein so gutes Ende nahm. Ich
glaube nicht, da sich etwas Verstecktes, Verbotenes in ihrer Seele
findet, das unterdrckt, das erstickt werden mu, gerade jetzt, wo sie
ber das Eis wandern, frhlich ber alles plaudernd, was ihnen whrend
dieser Zeit der Trennung begegnet ist.

Er ist wieder ihr Sklave, ihr Page, der zu ihren Fen liegt, und sie
ist seine Dame. Sie sind nur froh, nur glcklich. Keins von beiden sagt
ein Wort, das von Liebe spricht. Lachend patschen sie durch das Wasser
am Ufer. Sie lachen, wenn sie den Weg finden, wenn sie sich verirren,
wenn sie ausgleiten, wenn sie fallen, wenn sie wieder aufstehen -- stets
lachen sie.

Es ist wieder zu einem frhlichen Spiel geworden, dies schne Leben, und
sie sind Kinder, die unartig waren und sich gezankt haben. Ach, wie
schn ist es, wieder vershnt zu sein und das Spiel von neuem zu
beginnen!

Die Gerchte kamen und die Gerchte gingen. Im Laufe der Zeiten kam die
Erzhlung von der Wanderung der Grfin auch bis zu Anna Stjrnhk.

Da sieht man doch, sagte sie, da Gott mehr als eine Saite auf seinem
Bogen hat. Ich will mein Herz zur Ruhe bringen und bleiben, wo man
meiner bedarf. Gott kann auch ohne meine Hilfe einen Mann aus Gsta
Berling machen.




Bue


Liebe Freunde! Wenn es geschehen sollte, da ihr einem Armen, Elenden
auf eurem Wege begegnet, einem betrbten Wesen, das den Hut auf den
Rcken herabhngen lt und seine Schuhe in der Hand trgt, um keinen
Schutz gegen den Sonnenbrand und gegen die Steine des Weges zu haben,
einem Verteidigungslosen, der aus freiem Willen alles Bse auf sein
Haupt herabbeschwrt, so geht mit stillem Beben an ihm vorber. Es ist
ein Ber, versteht ihr wohl, ein Ber auf der Wanderung zum Heiligen
Grabe.

Der Bufertige mu einen groben Mantel tragen und von Wasser und Brot
leben, selbst wenn er ein Knig ist. Er mu gehen und darf nicht fahren.
Er mu betteln und darf nichts besitzen. Er mu zwischen den Disteln
schlafen, auf den Knien ber die harten Grabsteine rutschen. Er mu die
knotige Geiel ber seinem Rcken schwingen und kann keinen Genu finden
auer im Leiden, keine Freude auer im Kummer.

Die junge Grfin Elisabeth gehrte einstmals zu denen, die den groben
Mantel trugen und die dornenvollen Pfade gingen. Ihr Herz klagte sie der
Snde an. Es trachtete nach Schmerz wie der Mde nach einem warmen Bade.
Not und Elend brachte sie ber sich, indem sie jubelnd in die Nacht des
Lebens hinabstieg.

Ihr Mann, der junge Graf mit dem alten Kopf, kehrte am Morgen nach jener
Nacht, in der die Frhlingsfluten die Ekebyer Mhle und Schmiede
vernichtet hatten, von seiner Reise heim. Er war kaum angelangt, als
Grfin Mrta ihn rufen lie und ihm wunderliche Dinge erzhlte.

Deine Frau ist ber Nacht ausgewesen, Henrik. Sie ist viele Stunden
fortgewesen. Sie kam in Begleitung eines Mannes zurck. Ich hrte, wie
er ihr 'Gute Nacht' sagte; ich wei auch, wer er ist. Ich hrte es, als
sie ging und als sie kam, wenn das auch wohl kaum ihre Absicht gewesen
ist. Sie hintergeht dich, Henrik! Sie hintergeht dich, das scheinheilige
Wesen, das filierte Gardinen vor alle Fenster hngt, nur um mich zu
rgern. Sie hat dich nie geliebt, mein armer Junge. Ihr Vater wollte sie
nur gut verheiratet wissen. Sie nahm dich, um versorgt zu sein.

Sie machte ihre Sache so gut, da Graf Henrik ganz auer sich geriet. Er
wollte eine Scheidung beantragen. Er wollte seine Frau zu ihrem Vater
zurcksenden.

Nein, mein Sohn, sagte Grfin Mrta, auf die Weise wrde sie vllig
zugrunde gehen. Sie ist verzrtelt und hat eine schlechte Erziehung
gehabt. Ich will mich ihrer annehmen, ich will sie auf den Weg der
Pflicht zurckfhren.

Und der Graf rief die junge Grfin herein und sagte ihr, da sie fortan
unter seiner Mutter stehen solle. Ach, welch eine Szene nun folgte! Eine
elendere Komdie ist wohl niemals in diesem der Trauer geweihten Hause
gespielt worden.

Viele bse Worte lie er sie hren. Er erhob die Hnde gen Himmel und
klagte Gott an, weil er es erlaubt hatte, da sein Name von einer
schamlosen Frau in den Schmutz geschleppt wurde. Er drohte ihr mit der
geballten Faust und fragte, welche Strafe sie gro genug fr ihr
Verbrechen halte.

Sie war gar nicht bange vor ihrem Mann. Sie glaubte noch immer, da sie
recht gehandelt habe. Sie sagte, sie habe schon einen schrecklichen
Schnupfen bekommen, das sei doch wohl Strafe genug.

Elisabeth! sagte Grfin Mrta, dies ist nichts, worber man scherzen
kann.

Wir beide, erwidert die junge Frau, haben uns nie darber einigen
knnen, wann es Zeit sei, zu scherzen oder ernsthaft zu sein.

Aber du mut doch begreifen knnen, Elisabeth, da keine ehrbare Frau
ihr Haus mitten in der Nacht verlassen und mit einem berchtigten
Abenteurer umherstreifen kann.

Da begriff Elisabeth, da ihre Schwiegermutter beschlossen hatte, sie
ins Elend zu strzen. Sie begriff, da sie bis zum uersten kmpfen
msse, damit es dieser Frau nicht gelnge, ein schreckliches Unglck
ber sie zu bringen.

Henrik, bittet sie, la deine Mutter sich nicht zwischen uns stellen.
Ich will dir erzhlen, wie das Ganze sich zugetragen hat. Du bist
gerecht, du wirst mich nicht ungehrt verurteilen. Ich will dir alles
erzhlen und du wirst sehen, da ich so handelte, wie du mich zu handeln
gelehrt hast.

Der Graf nickte schweigend als Zeichen seiner Zustimmung, und nun
erzhlte Grfin Elisabeth, wie sie dazu gekommen war, Gsta Berling auf
den Weg des Bsen zu stoen. Sie erzhlte alles, was sich in dem kleinen
blauen Kabinett zugetragen hatte, und wie ihr Gewissen sie getrieben,
den zu retten, dem sie unrecht getan.

Ich hatte ja kein Recht, ihn zu verurteilen, sagte sie, und mein Mann
hat mich selbst gelehrt, da kein Opfer zu gro ist, wenn man ein
Unrecht wieder gutmachen will. Nicht wahr, Henrik?

Graf Henrik wandte sich an seine Mutter.

Was sagst du dazu, Mutter? fragte er. Sein kleiner Krper war jetzt
ganz steif vor Wrde, und seine hohe, schmale Stirn hatte er in
majesttische Falten gelegt.

Ich, erwiderte die Grfin, ich sage, da Anna Stjrnhk ein kluges
Mdchen ist und da sie wohl wute, was sie tat, als sie Elisabeth diese
Geschichte erzhlte.

Du beliebst mich mizuverstehen, Mutter, sagte der Graf. Ich frage,
was du zu dieser Geschichte sagst. Hat Grfin Mrta Dohna versucht, ihre
Tochter, meine Schwester, zu einer Ehe mit einem abgesetzten Geistlichen
zu berreden?

Grfin Mrta schwieg einen Augenblick. Ach, wie dumm dieser Henrik doch
war! Jetzt war er auf ganz falscher Fhrte. Der Jagdhund verfolgte den
Jger selbst und lie den Hasen laufen. Aber wenn Mrta Dohna auch einen
Augenblick um die Antwort verlegen gewesen war, so besann sie sich doch
schnell.

Lieber Sohn, sagte sie mit einem Achselzucken, wir haben allen Grund,
diese alten Geschichten von dem unglcklichen Mann ruhen zu lassen, es
ist derselbe Grund, der mich jetzt veranlat, dich zu bitten, allen
ffentlichen Skandal zu vermeiden. Es ist nmlich hchstwahrscheinlich,
da er in dieser Nacht ums Leben gekommen ist.

Sie sprach in einem sanften, beklagenden Ton, aber es war kein wahres
Wort an ihrer Rede.

Elisabeth hat heute lange geschlafen und hat deswegen nicht gehrt, da
schon Leute rings um den See herum entsandt sind, um Herrn Berling zu
suchen. Er ist nicht nach Ekeby zurckgekehrt, und man frchtet, da er
ertrunken ist. Das Eis ist heute morgen aufgegangen. Sieh nur, der Sturm
hat es in tausend Stcke zersplittert.

Grfin Elisabeth schaute hinaus, der See lag beinahe eisfrei da. Da
schmte sie sich ihrer selbst. Sie hatte Gottes Gerechtigkeit entgehen
wollen. Sie hatte gelogen und geheuchelt. Sie hatte sich in den weien
Mantel der Unschuld gehllt.

Die Verzweifelte warf sich vor ihrem Gatten auf die Knie, und das
Bekenntnis rang sich aus ihrer Brust:

Richte mich! Verstoe mich! Ich habe ihn geliebt. Ich zerraufe mir das
Haar, ich zerreie meine Kleider vor Kummer. Mir ist alles gleichgltig,
jetzt, wo er tot ist. Ich mache mir nichts daraus, mich zu verteidigen.
Du sollst die ganze Wahrheit erfahren. Ich habe meinem Manne die Liebe
meines Herzens entzogen und sie einem Fremden geschenkt. Ach, ich
Unglckliche, ich habe mich zu verbotener Liebe verlocken lassen!

Du junge Verzweifelte! Liege da zu den Fen deiner Richter und sage
ihnen alles! Willkommen, Martyrium, willkommen, Entehrung, willkommen!
Ach, wie kannst du nur den Blitz des Himmels zwingen, auf dein junges
Haupt herabzufahren?

Sage deinem Gatten, wie du dich entsetzt hast, als die Leidenschaft dich
berwltigt hat, wie du bebtest ber die Schlechtigkeit deines Herzens.
Lieber wrest du den Gespenstern auf dem Kirchhof begegnet, als den
Dmonen in deiner eigenen Brust.

Sage ihnen, wie du, die du von Gottes Angesicht verwiesen warst, dich
unwrdig fhltest, auf der Erde zu wandeln. In Gebet und Trnen hast du
gerungen. Ach, Gott, errette mich! Ach, Sohn Gottes, du, der du die
bsen Geister austreibst, errette mich vor dem Verderben! So hast du
gefleht.

Sage ihnen, da du glaubtest, es sei das beste, alles zu verbergen.
Niemand sollte deine Schlechtigkeit kennen lernen. Du glaubtest, da es
Gott wohlgefllig sei, wenn du so handeltest. Du glaubtest auch, da du
auf Gottes Wegen wandeltest, als du den Mann erretten wolltest, den du
liebtest. Er ahnte nichts von deiner Liebe. Er sollte deinetwegen nicht
ins Verderben geraten. Wutest du, was recht war? Wutest du, was
unrecht war? Gott allein wute es, und er hatte dich gerichtet. Er hatte
den Abgott deines Herzens getroffen. Er hatte dich auf den groen,
erlsenden Weg der Bue gefhrt.

Sage ihnen, da du es weit, da in der Verheimlichung keine Erlsung
liegt. Die Dmonen lieben die Finsternis. La sich die Hnde deiner
Richter nur um die Geiel ballen! Die Strafe wird wie lindernder Balsam
auf die Wunden der Snde fallen. Dein Herz sehnt sich nach dem Leiden.

Sag ihnen dies alles, whrend du auf den Knien liegst und die Hnde in
namenlosem Schmerz ringst, mit dem wilden Tonfall der Verzweiflung
redest und mit wildem Lachen den Gedanken an Strafe und Entehrung
begrest, bis dein Mann dich nimmt und dich vom Boden hebt.

Benimm dich, wie es sich fr eine Grfin Dohna geziemt, sonst mu ich
meine Mutter bitten, dich wie ein Kind zu zchtigen.

Tue mit mir, was du willst!

Da fiel das Urteil des Grafen: Meine Mutter hat fr dich gebeten,
deswegen darfst du hier in meinem Hause wohnen. In Zukunft aber wird _sie_
befehlen, und du wirst gehorchen.

       *       *       *       *       *

Seht den Weg der Bue!

Die junge Grfin ist die Geringste von allen Dienstmgden geworden. Wie
lange, ach, wie lange?

Wie lange wird ein stolzes Herz sich beugen knnen? Wie lange werden
ungeduldige Lippen schweigen knnen, wie lange wird eine heftige Hand
zurckzuhalten sein?

Wohltuend ist das Elend der Erniedrigung. Whrend der Rcken von der
harten Arbeit schmerzt, schweigt das Herz. Zu dem, der nur wenige kurze
Stunden auf einem harten Strohlager schlft, kommt der Schlaf ungerufen.

Selbst wenn sich die alte Frau in einen bsen Geist verwandelt, um die
junge hinreichend peinigen zu knnen, so dankt sie ihrer Wohltterin.
Noch ist das Bse nicht in ihr erstorben. Jage die Todmde des Morgens
um vier Uhr auf! Gib der ungebten Arbeiterin ein unmiges Tagewerk an
dem schweren Webstuhl! Das ist gut. Die Berin hat vielleicht selber
nicht Kraft genug, die Geiel mit gengender Heftigkeit zu schwingen.

Als die groe Frhlingswsche kommt, lt Grfin Mrta sie an dem
Waschzober im Waschhaus stehen. Sie kommt selbst, um sich nach ihrer
Arbeit umzusehen. Dein Wasser ist zu kalt, sagt sie, schpft siedendes
Wasser aus einem Kessel und giet es ber ihre nackten Arme.

Es ist ein kalter Tag, als die Waschfrauen am See stehen und die Wsche
splen mssen. Regenschauer ziehen ber sie hin und durchnssen sie bis
auf die Haut. Ihre Kleider sind schwer wie Blei. Die Arbeit mit dem
Waschholz ist hart. Das Blut springt ihr unter den feinen Ngeln heraus.

Aber Grfin Elisabeth klagt nicht. Gelobt sei Gottes Gte! Gibt es wohl
eine andere Erquickung fr die bufertige Seele als das Leiden? Die
scharfen Knoten der Geiel fallen weich wie Rosenbltter auf den Rcken
der Bufertigen.

Die junge Frau erfhrt bald, da Gsta Berling lebt. Die Alte hat ihr
nur ein Gestndnis entlocken wollen. Ja, was dann? Es ist Gottes Wille
gewesen! Auf die Weise hat er die Snderin auf den Weg der Bue gelockt.

Nur eins bengstiget sie. Wie soll es ihrer Schwiegermutter ergehen,
deren Herz Gott um ihretwillen so verhrtet hat? Ach, er wird sie milde
richten. Sie mu bse sein, um der Snderin zu helfen, Gottes Liebe
wieder zu gewinnen.

Sie wei nicht, wie oft eine Seele, die alle anderen Gensse gekostet
hat, eine wahre Wollust in der Grausamkeit sucht. Wenn die unduldsame,
verfinsterte Seele Schmeicheleien und Liebkosungen und den Rausch des
Tanzes und den Reiz des Spiels entbehren mu, da taucht sie in ihre
finstere Tiefe hinab und holt die Grausamkeit hervor. Es gibt noch einen
Freudenquell fr die erschlafften Gefhle, nmlich die Tier- und
Menschenqulerei.

Die Alte ist sich keiner Bosheit bewut. Sie glaubt nur, da sie eine
leichtfertige Gattin zchtigt; und so liegt sie denn des Nachts oft
stundenlang wach und grbelt ber neue Martern nach. Wehe ihr, welche
Tempelschndung begeht sie! Die Arbeit, diese groe Wohltat, verwandelt
sie in eine Marter, in eine Strafe!

Eines Abends geht sie durch das Haus und lt sich von der jungen Grfin
mit einem Licht leuchten. Sie trgt es ohne Leuchter in der Hand.

Das Licht ist herabgebrannt, sagt die Junge.

Ist das Licht herabgebrannt, so la den Leuchter brennen, erwidert
Grfin Mrta.

Und sie gehen weiter, bis der qualmende Docht auf der verbrannten Hand
erlischt.

Aber dies sind nur Kleinigkeiten. Es gibt Qualen fr die Seele, die alle
krperliche Pein bersteigen. Grfin Mrta ladet Besuch ein und lt die
Hausfrau die Gste an ihrem eigenen Tische bedienen.

Siehe, dies ist der groe Tag der Bufertigen! Fremde Menschen sollen
sie in ihrer Erniedrigung sehen. Sie sollen sehen, da sie nicht mehr
wrdig ist, an ihres Mannes Tische zu sitzen.

O, mit welchem kalten Hohn werden die kalten Blicke nicht auf ihr ruhen!

Aber es soll tausendmal schlimmer werden! Kein Blick begegnet dem ihren.
Alle am Tische, Mnner wie Frauen, sitzen schweigsam, verstimmt da.

Sie aber sammelt das alles wie glhende Kohlen und legt sie auf ihr
Haupt. Ist ihre Snde denn so erschrecklich? Ist es eine Schande, in
ihrer Nhe zu weilen?

Und dann kommt die Versuchung: Anna Stjrnhk, die ihre Freundin gewesen
ist, und der Amtmann aus Munkernd, Annas Tischnachbar, umarmen sie, als
sie zu ihnen kommt, nehmen ihr die Bratenschssel aus der Hand, schieben
ihr einen Stuhl hin und wollen sie nicht loslassen.

Setz dich zu uns, mein Kind, sagt der Amtmann; du hast nichts Bses
getan.

Und wie aus _einem_ Munde erklren alle Gste, wenn sie nicht am Tische
sitzen bleibt, so werden sie das Haus verlassen. Sie sind keine Bttel.
Sie tanzen nicht nach Grfin Mrtas Pfeife. Sie lassen sich nicht so
leicht zum Narren haben wie der schwachsinnige Graf!

Ach, ihr guten Herren! Ach, ihr lieben Freunde! Seid nicht so
barmherzig! Ihr zwingt mich, meine Snde selber auszuposaunen. Da ist
einer, den ich zu lieb gehabt habe.

Aber Kind, du ahnst ja nicht, was Snde ist! Du weit nicht, wie
unschuldig du bist. Gsta Berling wute ja nicht einmal, da du ihn
liebhattest. Nimm jetzt wieder deinen Platz in deinem Hause ein! Du hast
nichts Bses getan.

Sie halten ihren Mut eine Zeitlang aufrecht und sind selbst pltzlich
frhlich wie die Kinder. Scherz und Lachen erschallt rings im Kreise.
Die heibltigen, leichtgerhrten Menschen sind so gut; aber trotzdem
sind sie vom Versucher gesandt. Sie wollen ihr einreden, da sie eine
Mrtyrerin ist, und verhhnen Grfin Mrta ganz ffentlich, als sei sie
eine alte Hexe. Aber sie verstehen es nicht. Sie wissen nicht, wie sich
die Seele nach Reinheit sehnt, sie wissen nicht, wie der Bufertige von
seinem Herzen gezwungen wird, sich den Steinen des Weges und dem Brand
der Sonne auszusetzen.

Zuweilen mu Grfin Elisabeth ganze Tage still am Stickrahmen sitzen,
und da erzhlt die alte Grfin ihr unendliche Geschichten von Gsta
Berling, diesem Pfarrer und Abenteurer. Reicht ihr Gedchtnis nicht aus,
so erdichtet sie etwas und sorgt nur dafr, da sein Name der jungen
Frau den ganzen Tag in den Ohren klingt. Das frchtet sie am meisten. An
solchen Tagen sieht sie ein, da ihre Bue niemals ein Ende nehmen wird.
Ihre Liebe will nicht sterben. Sie glaubt, da sie selber eher sterben
wird. Ihre Krperkrfte fangen an zu schwinden. Sie ist oft sehr krank.

Wo bleibt denn dein Ritter? fragt die Grfin hhnend. Tag fr Tag
habe ich ihn an der Spitze der Kavaliere erwartet. Weshalb erstrmt er
Schlo Borg nicht, setzt dich auf den Thron und wirft mich und deinen
Mann gebunden in den Turm? Hat er dich schon vergessen?

Sie empfindet fast das Bedrfnis, ihn zu verteidigen und zu sagen, da
sie selber ihm verboten hat, ihr irgendwelche Hilfe angedeihen zu
lassen. Aber nein, es ist am besten zu schweigen, zu schweigen und zu
leiden.

Von Tag zu Tage schwindet sie mehr dahin im Feuer der beranstrengung.
Sie fiebert bestndig und ist so matt, da sie sich kaum
aufrechtzuhalten vermag. Sie hat nur einen Wunsch: zu sterben. Die
starken Krfte des Lebens sind gebannt. Die Liebe und die Freude wagen
nicht, sich zu rhren. Sie hat keine Furcht mehr vor dem Leiden.

       *       *       *       *       *

Es ist, als habe ihr Mann keine Ahnung mehr von ihrer Existenz. Er sitzt
fast den ganzen Tag in seinem Zimmer eingeschlossen und studiert halb
unleserliche Handschriften und alten, klecksigen Druck.

Er liest Adelsbriefe auf Pergament mit dem schwedischen Reichssiegel,
gro und gewaltig, aus rotem Wachs und in einer gedrechselten hlzernen
Kapsel verborgen. Er studiert alte Schildabzeichen mit Lilien in weiem
Felde und Greifen in blauem. Auf dergleichen Sachen versteht er sich,
die wei er mit Leichtigkeit auszulegen. Und er liest wieder und wieder
alte Leichenreden und Personalia von den edlen Grafen Dohna, in denen
ihre Taten mit denen der Helden Israels und der Gtter Griechenlands
verglichen werden.

Diese alten Sachen haben ihm immer Freude gemacht. An seine junge Frau
aber mag er nicht mehr denken.

Grfin Mrta hat ein Wort gesagt, das alle Liebe in ihm erttet hat:
Sie hat dich deines Geldes wegen genommen! So etwas kann wohl kein
Mann ertragen. Das lscht alle Liebe aus. Jetzt war es ihm einerlei, wie
es dieser jungen Frau erging. Wenn seine Mutter sie auf den Weg der
Pflicht zurckfhrte, so war das gut. Graf Henrik hegte eine groe
Bewunderung fr seine Mutter.

Dies Elend whrte einen Monat. Aber die ganze Zeit war ja nicht so
strmisch und bewegt, wie es den Anschein haben mag, wenn die Ereignisse
auf einige geschriebene Seiten zusammengedrngt sind. Grfin Elisabeth
soll stets ein ruhiges uere zur Schau getragen haben. Nur das einemal,
als sie hrte, da Gsta Berling tot sein solle, war sie von
Gemtsbewegung berwltigt worden. Aber so gro war ihre Reue darber,
da sie ihrem Manne ihre Liebe nicht hatte bewahren knnen, da sie sich
wahrscheinlich von Grfin Mrta htte zu Tode martern lassen, wenn nicht
eines Abends ihre alte Wirtschafterin mit ihr geredet htte.

Frau Grfin _mssen_ mit dem Herrn Grafen sprechen, sagte sie. Mein
Gott, Frau Grfin sind so ein Kind. Frau Grfin wissen wohl selber
nicht, was im Anzuge ist, aber ich sehe sehr wohl, wie es damit bestellt
ist.

Aber das war ja gerade dies, was sie ihrem Manne nicht sagen konnte,
solange er einen so schwarzen Verdacht gegen sie hegte.

In jener Nacht kleidete sie sich lautlos an und ging aus dem Hause. Sie
trug die Kleidung eines gewhnlichen Bauernmdchens und hatte ein Bndel
in der Hand. Es war ihre Absicht, aus ihrem Heim zu entfliehen und nie
wieder dahin zurckzukehren. Sie floh nicht, um sich der Qual und der
Marter zu entziehen. Jetzt aber glaubte sie, da Gott ihr ein Zeichen
gegeben habe, da sie gehen drfe, um die Gesundheit und die Krfte
ihres Krpers zu bewahren.

Sie zog nicht gen Westen ber den See; denn dort wohnte der, den sie
liebhatte. Sie ging auch nicht gen Norden, denn dort wohnten viele von
ihren Freunden, und auch nicht gen Sden, denn weit hinab gen Sden lag
ihr Vaterhaus, und dem wollte sie keinen Schritt nher kommen. Sondern
sie wanderte gen Osten, dort, wute sie, hatte sie kein Heim, keinen
geliebten Freund, keinen Menschen, den sie kannte, keine Hilfe, keinen
Trost.

Sie ging nicht mit leichten Schritten, denn sie glaubte sich nicht mit
Gott vershnt. Aber trotzdem war sie froh darber, da sie in Zukunft
die Last ihrer Snde unter Fremden tragen sollte. Gleichgltige Blicke
sollten auf ihr ruhen, lindernd wie kalter Stahl, der auf ein
geschwollenes Glied gelegt wird.

Sie wollte gehen, bis sie eine armselige Htte am Waldesrande fand, wo
niemand sie kannte. Ihr seht, wie es um mich steht, wollte sie sagen,
und meine Eltern haben mich fortgejagt. Gebt mir Nahrung und Kleider
und ein schtzendes Dach, bis ich mir selbst mein Brot verdienen kann.
Ich bin nicht ganz ohne Geld.

Und so wanderte sie in der hellen Juninacht dahin, denn der Mai war
unter ihren schweren Leiden verstrichen. Ach, der Mai, die schne Zeit,
in der die Birken ihr lichtes Grn mit dem Dunkel der Tannenwlder
vermischen, wo der Sdwind von weither wrmegesttigt ber das Meer
kommt.

Ich mu undankbarer als andere erscheinen, die du mit deinen Gaben
erfreut hast, du schner Monat! Nicht mit einem Wort habe ich deine
Schnheit gepriesen.

Ach, Mai, du lieber, heller Monat! Hast du jemals ein Kind beachtet, das
auf seiner Mutter Scho sitzt und Mrchen erzhlen hrt? Solange das
Kind von grausigen Kmpfen und dem bitteren Leiden schner Prinzessinnen
hrt, hlt es Kopf und Augen offen, wenn aber die Mutter anfngt, von
Glck und Sonnenschein zu reden, schliet das Kind die Augen und
entschlummert sanft, den Kopf gegen ihre Brust geschmiegt.

Sieh, du schner Monat, so ein Kind bin auch ich. La andere den
Erzhlungen von Blumen und Sonnenschein lauschen, ich fr mein Teil, ich
whle die dunklen Nchte voller Erscheinungen und Abenteuer, ich whle
die dunklen Geschicke, die trauererfllten Leidenschaften der verirrten
Herzen.




Das Ekebyer Eisen


Es war Frhling, und aus allen Eisenwerken Wermlands sollte das Eisen
nach Gteborg gesandt werden.

Auf Ekeby aber hatten sie kein Eisen zu versenden. Im Herbst war lange
Zeit groer Wassermangel gewesen, und im Frhling hatten die Kavaliere
regiert.

Zu ihrer Zeit schumte starkes, bitteres Bier die breiten Granitstufen
des Bjrkseefalles herab, und der Lfsee war nicht mit Wasser, sondern
mit Branntwein gefllt. Zu ihrer Zeit ward kein Roheisen in die
Schmieden gelegt, in Hemdsrmeln und auf Holzschuhen standen die
Schmiede vor dem Feuer und drehten gewaltige Braten an langen Spieen,
whrend die Schmiedegesellen gespickte Kapaunen mit groen Zangen ber
das Feuer hielten. In jenen Tagen ging der Tanz ber die Hgel dahin.
Man schlief auf der Hobelbank und spielte Karten auf dem Ambo. In jenen
Tagen wurde kein Eisen geschmiedet.

Aber der Frhling kam, und auf den Handelskontoren in Gteborg fing man
an, auf das Eisen aus Ekeby zu warten. Man holte die Kontrakte hervor,
die mit dem Major und der Majorin abgeschlossen waren und worin
Lieferungen von vielen hundert Zentnern verheien waren.

Aber was kmmerten die Kavaliere sich um die Kontrakte der Majorin? Sie
hielten die Freude und das Violinspiel und die Gastereien im Gange. Sie
sorgten dafr, da der Tanz ber die Hgel hinging.

Es kam Eisen aus Stmne, und es kam Eisen aus Slje. Das Eisen aus
Kymsberg fand seinen Weg ber die Heiden bis hinab an den Wenersee. Aus
Uddeholm kam Eisen und aus Munkefors und von allen den groen Gtern
ringsumher. Wo aber ist das Eisen aus Ekeby?

Ist Ekeby nicht mehr das wichtigste von allen Eisenwerken in ganz
Wermland? Wacht niemand mehr ber der Ehre des alten Hauses? Ach nein!
Die ist gleichgltigen Kavalieren in die Hnde gelegt, die nur dafr
sorgen, da der Tanz ber die Hgel hingeht. Wofr vermgen ihre elenden
Gehirne auch weiter noch zu sorgen?

Aber Wasserflle und Giebche und Prhme und Flsse und Schleusen und
Hfen wundern sich und fragen: Kommt das Eisen aus Ekeby denn nicht?

Und es flstert und fragt von Wald zu See, von Berg zu Tal: Kommt das
Eisen aus Ekeby denn nicht? Kommt denn kein Eisen mehr aus Ekeby?

Und tief drinnen im Walde fngt der Kohlenmeiler an zu lachen, und es
ist, als wenn die Kpfe auf den groen Hammern in den dunklen Schmieden
hhnisch lachen, die Gruben ffnen ihren breiten Rachen und stimmen ein
Hohngelchter an. Die Pulte auf den Handelskontoren, in denen die
Kontrakte der Majorin aufbewahrt liegen, schtteln sich vor Lachen.
Habt ihr je so etwas gehrt? Es ist kein Eisen auf Ekeby! Auf dem
besten Eisenwerke in ganz Wermland haben sie kein Eisen!

Auf, ihr Sorglosen! Auf, ihr Heimatlosen! Duldet ihr es, da eine solche
Schande ber Ekeby hereinbricht? So wahr ihr den schnsten Fleck auf
Gottes grner Erde liebt, so wahr er das Ziel eurer Sehnsucht auf fernen
Wegen ist, so wahr ihr seinen Namen unter Fremden nicht nennen knnt,
ohne da euch Trnen in die Augen treten, erhebt euch, Kavaliere, rettet
Ekebys Ehre!

Nun ja, wenn auch in Ekeby die Hammer geruht haben, so ist doch wohl in
den sechs anderen Eisenwerken, die uns gehren, gearbeitet worden. Dort
gibt es sicher mehr Eisen als wir gebrauchen!

Und dann zieht Gsta Berling aus, um mit den Verwaltern auf den sechs
anderen Hfen zu reden.

Auf Hgfors, das am Bjrkseebach, dicht bei Ekeby liegt, meint er, wird
es sich nicht verlohnen zu fragen. Das liegt zu nahe bei Ekeby und hatte
zu unmittelbar unter dem Einflu der Kavaliere gestanden. Aber er fuhr
ein paar Meilen weiter nordwrts, bis er nach Ltafors kam. Das war ein
hbscher Ort, das lie sich nicht leugnen! Der obere Teil des Lfsees
breitete sich an der einen Seite aus, und dahinter lag der
Gurlittafelsen mit seinem spitzen Gipfel und seinem wildromantischen
Aussehen, das so gut fr einen alten Berg pat. Aber die Schmiede, die
ist nicht so, wie sie sein soll: das Treibrad ist zerbrochen und ist es
das ganze letzte Jahr hindurch gewesen.

Weshalb ist es denn aber nicht in Ordnung gebracht?

Der Tischler, der einzige Tischler hier in der ganzen Gegend, der es
wieder heil machen kann, ist anderwrts beschftigt gewesen. Wir haben
nicht ein einziges Schiffspfund Eisen schmieden knnen.

Aber weshalb habt ihr denn nicht zum Tischler geschickt?

Zum Tischler geschickt! Als ob wir nicht jeden Tag zu ihm geschickt
htten! Aber er konnte ja niemals kommen. Er hat genug zu tun gehabt, um
alle die Lauben und Kegelbahnen auf Ekeby fertig zu schaffen.

Da wird es Gsta pltzlich klar, wie es ihm auf dieser Reise ergehen
wird.

Er zieht weiter aufwrts nach Bjrnidet. Auch das ist ein herrlicher Ort
mit einer Lage, die sich fr ein Schlo eignen knnte. Das groe
Wohnhaus schaut ber ein halbkreisfrmiges Tal hinweg, auf drei Seiten
umgeben von mchtigen Hhen, und auf der vierten von dem Lfsee
begrenzt. Und Gsta wei, da es keinen besseren Ort fr
Mondscheinwanderungen und Schwrmen gibt, als den Pfad an den Elfufern
entlang, vorbei an dem Wasserfall und hinab bis zur Schmiede, die ihren
Platz in Gewlben hat, die in die Bergwand selbst hineingesprengt sind.
Aber Eisen, ist dort Eisen?

Nein, natrlich nicht. Sie hatten ja keine Kohlen gehabt, und aus Ekeby
hatten sie weder Geld bekommen knnen, um den Khler zu bezahlen, noch
Leute, um die Kohlen zu fahren. Den ganzen Winter hindurch hatte das
Werk stillgestanden.

Und dann strzt Gsta weiter, gen Sden. Er kommt nach Hn am stlichen
Ufer des Sees und nach Lfstafors tief drinnen im Walde und nach Elgfors
-- aber auch dort ergeht es ihm nicht besser. Nirgends haben sie Eisen,
und berall scheint es die Schuld der Kavaliere zu sein, da es sich so
verhlt.

Schlielich kommt er nach Elgfors, einem kleinen Eisenwerk, tief drinnen
zwischen den stlichen Hgeln, einem von diesen lieblichen Orten, die
immer eine lockende Macht ber die Menschen besessen haben. Dort gibt es
prchtige Jagd in den Wldern und reiche Fischerei im See. Da sind
Landzungen mit Birkenwldern, auf denen man wohl in stillen Grbeleien
verweilen mchte, solange der Tag whrt. Und dort herrscht eine solche
Stille und ein solcher Friede, da man nicht mehr der bekmmerten und
unruhigen Welt anzugehren meint.

Aber die Mchte des Friedens, die dort herrschen, haben es immer so
eingerichtet, da der Weg dahinauf unfahrbar oder doch fast unfahrbar
ist. Das sollte Gsta Berling spren, als er und Don Juan endlich nach
dem Eisenwerk hinaufgelangten.

Auf Elgfors war Gustav Bendix Verwalter. Er legt sein langes Gesicht in
die ernsthaftesten Falten, als er den Zweck von Gstas Kommen erfhrt.

Sie haben wohl nichts auf den andern Werken? fragt er.

Nein, gar nichts!

Die Schurken! ruft er aus. Mit solchen Geschichten zu kommen. Willst
du wohl glauben, da ich ihren Eisenkarren diesen Winter hier im Walde
begegnet bin? Glaub mir, Gsta, sie haben ihr Eisen schon in Gteborg.

Da fate Gsta Hoffnung. Er hatte sich nicht viel von Gustav Bendix
versprochen, aber nun fngt er an zu glauben, da hier Eisen ist.

Gustav Bendix nimmt ihn bei der Hand und fhrt ihn auf das Kontor.

Nun will ich dir etwas Wunderbares zeigen, lieber Bruder, sagt der
alte Spamacher und nimmt ein paar kleine Stahlfeilen aus der Schublade.

Kannst du wohl raten, wo ich sie gefunden habe? Und dabei sieht er ihm
mit schrecklichem Ernst ins Gesicht.

Nein, das kann Gsta nicht erraten.

Siehst du, hier! Und er nimmt eine groe tote Ratte aus derselben
Schublade, und dann zeigt er Gsta, da die Ratte keine gewhnlichen
Vorderzhne im Maul gehabt hat, sondern ein paar Stahlfeilen.

Was sagst du dazu, lieber Bruder? fhrt Gustav Bendix fort. Sieh, das
finde ich unrecht vom lieben Gott. Eine solche Ratte kann ja Eisen
fressen. Das tun diese kleinen Teufel. All unser Stangeneisen haben sie
aufgefressen. Auch nicht ein Schiffspfund ist briggeblieben. Als ich
gestern in den Speicher komme, ist die ganze Bescherung weg, der
Speicher ist wie reingefegt. Es war nichts weiter brig als ein paar
Spne und eine tote Ratte; aber die beiden Feilen saen in ihrem Maul,
und da begriff ich ja, wie das Ganze zugegangen war. Willst du die
Feilen haben? Sie sind doch recht interessant.

Und da wendet er sich mit seinem bekmmerten Gesicht nach Gsta Berling
um, der auf einen Kontorstuhl niedersinkt und nahe daran ist, vor Lachen
umzukommen, obwohl es ja nicht das erstemal ist, da er hrt, da die
Ratten auf den Eisenwerken das Eisen auffressen.

So kehrt Gsta nach Ekeby heim, und die Kavaliere betrachten mit
finsteren Mienen die paar Zentner, die sich auf Lager befinden, und sie
beugen die Hupter voller Trauer und Scham, denn sie hren, wie die
ganze Natur ber Ekeby hohnlacht, und glauben zu vernehmen, wie die Erde
vor Schluchzen erbebt, wie das Gras und die Blumen klagen, da es aus
ist mit der Ehre von Ekeby.

       *       *       *       *       *

Aber wozu so viele Worte und so viel Verwundern? Da ist ja das Eisen aus
Ekeby!

Da ist es, am Ufer des Klarelfs auf Prhme verladen, bereit, den Flu
hinabzusegeln, fertig, in Karlstad auf der Wage gewogen und auf einer
Wenernschute nach Gteborg gefahren zu werden. So ist denn die Ehre von
Ekeby gerettet!

Aber wie ist das nur mglich? In Ekeby waren ja nur einige Zentner
Eisen, und auf den sechs andern Hfen war nichts zu finden gewesen. Wie
ist es mglich, da schwerbeladene Prhme jetzt eine unerhrte Menge
Eisen nach der Wage in Karlstad fhren knnen? Ja, danach mu man die
Kavaliere fragen.

Die Kavaliere sind selbst an Bord der schweren, hlichen Fahrzeuge; sie
wollen das Eisen selbst von Ekeby nach Gteborg bringen. Kein
gewhnlicher Fhrknecht darf das Eisen begleiten. Mit Flaschen und
Proviantkrben, mit Waldhorn und Violinen, mit Flinten und Angelschnren
und Spielkarten sind die Kavaliere an Bord gegangen. Sie wollen alles
fr ihr liebes Eisen tun und es nicht verlassen, ehe es auf dem Quai in
Gteborg ausgeschifft ist. Sie wollen selbst lschen und ausladen,
wollen Segel und Ruder hantieren. Sie sind ganz dazu angetan, eine
solche Aufgabe zu lsen. Gibt es wohl eine Sandbank im Strom, eine
Klippe im Wenersee, die sie nicht kennen? Handhaben sie nicht das Steuer
und die Segelleinen genau so gewandt wie Violine und Zgel?

Keiner von den Kavalieren ist daheimgeblieben. Onkel Eberhard hat sein
Schreibpult verlassen, und Vetter Kristoffer ist aus der Ofenecke
hervorgekrochen. Selbst der sanfte Lwenberg ist mit dabei. Niemand kann
sich zurckhalten, wo es die Ehre von Ekeby gilt.

Aber es ist nicht gut fr Lwenberg, den Klarelf zu sehen; seit
siebenunddreiig Jahren hat er ihn nicht gesehen, und ebensolange ist
es her, seit er zuletzt in einem Boot gewesen ist. Er hat die blanken
Flchen der Seen und die grauen Flsse. Er mu an gar zu traurige Dinge
denken, wenn er auf das Wasser kommt, und deswegen vermeidet er es;
heute aber hat er sich nicht zu Hause halten knnen. Auch er mu mit
dabei sein, wo es sich darum handelt, die Ehre von Ekeby zu retten. Vor
siebenunddreiig Jahren hatte Lwenberg seine Braut im Klarelf ertrinken
sehen, und seit jener Zeit war sein armer Kopf oft verwirrt gewesen.

Aber wie er so dasteht und in den Strom hinabsieht, wird sein armes
Gehirn mehr und mehr umnebelt. Der graue Strom, der mit vielen kleinen,
glitzernden Wellen dahinfliet, ist eine groe Schlange mit silbernen
Schuppen, die daliegt und auf Raub lauert. Die hohen, gelben Sandufer
mit sprlichen Grasbscheln, durch die sich der Flu sein Bett gebohrt
hat, sind die Wnde einer Fallgrube, auf deren Boden die Schlange
lauert, und die breite Landstrae, die ein Loch in die Wand bricht und
sich durch tiefen Sand bis an die Fhre hinabschlngelt, neben der die
Prhme vertuet liegen, ist der Eingang zu der frchterlichen Mordgrube.

Und der kleine Mann steht da und starrt mit seinen kleinen blauen Augen.
Sein langes weies Haar flattert im Winde, und seine Wangen, die
gewhnlich ein zarter Rosenschimmer frbt, sind ganz bleich vor Angst.
Er wei so gewi, als habe es ihm jemand gesagt, da bald jemand dort
vom Wege herkommen und sich in den Rachen der lauernden Schlange strzen
wird.

Jetzt sind die Kavaliere bereit, vom Ufer abzustoen. Sie greifen zu den
langen Stangen, um die Prhme in den Strom hineinzuschieben, da aber
ruft Lwenberg: Haltet! Um Gottes willen, haltet!

Sie begreifen, da er anfngt verwirrt zu werden, weil er fhlt, wie der
Prahm schaukelt, lassen aber doch unwillkrlich die Stangen sinken, und
er, der sieht, wie der Strom auf Raub lauert, und da notwendigerweise
jemand kommen und sich hineinstrzen _mu_, zeigt mit einer warnenden
Bewegung auf die Landstrae, ganz als she er jemand kommen.

Wir wissen ja alle, da das Leben oft so ein Zusammentreffen herbeifhrt
wie das, was nun folgte. Wer sich noch wundern kann, mag darber
staunen, da die Kavaliere gerade an dem Morgen, der auf die Nacht
folgte, in der sich die Grfin Elisabeth auf die Wanderung gen Osten
begeben hat, mit ihren Prhmen an der Fhre liegen mssen, die ber den
Klarelf fhrt. Aber es wrde doch noch weit wunderlicher gewesen sein,
wenn die junge Frau keine Hilfe in ihrer Not gefunden htte. Es traf
sich nun gerade so, da sie, die die ganze Nacht gewandert war, eben in
dem Augenblick an die Fhre kam, als die Kavaliere im Begriff waren, vom
Ufer abzustoen. Sie blieben regungslos stehen und sahen ihr zu, whrend
sie mit dem Fhrknecht sprach, der sein Boot flottmachte. Sie trug
Bauernkleidung, und sie ahnten nicht, wer sie war. Aber sie starrten
doch zu ihr hinber, weil sie ihnen so bekannt vorkam. Wie sie nun dort
stand und mit dem Fhrknecht sprach, ward eine Staubwolke auf der
Landstrae sichtbar, und aus der Staubwolke heraus kam eine groe gelbe
Kalesche. Sie wute sofort, da sie aus Borg kam, und da sie
ausgefahren waren, um sie zu suchen, und da sie nun entdeckt werden
wrde. Sie konnte nicht mehr daran denken, im Fhrboot zu entkommen,
und das einzige Versteck, das sie erblickte, waren die Prhme der
Kavaliere. Sie strzte darauf zu, ohne zu sehen, wer sich an Bord
befand. Und es war gut, da sie es nicht sah, denn dann htte sie sich
wohl lieber unter die Pferdehufe geworfen, als ihre Zuflucht zu ihnen
genommen.

Als sie an Bord gekommen war, schrie sie nur: Verbergt mich! Verbergt
mich! Und dann strauchelte sie und fiel ber die Eisenladung. Die
Kavaliere aber baten sie, ruhig zu sein. Sie stieen schnell vom Ufer
ab, damit der Prahm in den Strom hinaus kam und nach Karlstadt zu trieb.
Gerade in dem Augenblick langte die Kalesche an der Fhre an.

In dem Wagen saen Graf Henrik und Grfin Mrta. Jetzt lief der Graf zu
dem Fhrknecht, um zu fragen, ob er die Grfin gesehen habe. Da Graf
Henrik aber verlegen war und nicht nach einer fortgelaufenen Gattin
fragen mochte, sagte er nur: Es ist etwas verschwunden!

So? sagte der Fhrknecht.

Es ist etwas verschwunden. Ich frage, ob Er etwas gesehen hat?

Wonach fragt Ihr?

Ja, das ist einerlei! Aber es ist etwas verschwunden. Ich frage nur, ob
Er heute jemand ber den Strom gesetzt hat?

Auf die Weise bekam er natrlich nichts zu wissen, und die Grfin Mrta
mute selbst mit dem Burschen sprechen. Eine Minute spter wute sie,
da die Vermite sich an Bord einer der langsam dahingleitenden Prhme
befand.

Was fr Leute sind da auf den Prhmen?

Ach, das sind ja die Kavaliere, wie wir sie nennen.

Ach! sagt die Grfin. Ja, dann ist deine Frau gut aufgehoben, Henrik!
Dann knnen wir ja ebensogern gleich umwenden.

       *       *       *       *       *

Drauen auf dem Prahm herrschte gerade keine so groe Freude, wie die
Grfin Mrta geglaubt hatte. Solange die gelbe Kalesche sichtbar war,
sa die eingeschchterte junge Frau zusammengekauert auf der
Schiffslast, ohne sich zu rhren oder ein Wort zu sagen. Sie starrte nur
ins Wasser hinab.

Wahrscheinlich erkannte sie die Kavaliere erst, als sie die gelbe
Kalesche umwenden sah. Sie sprang auf. Es war, als wolle sie von neuem
fliehen, sie wurde aber von dem Zunchststehenden angehalten und sank
dann mit leisen Klagen wieder auf die Last nieder.

Und die Kavaliere wagten nicht, mit ihr zu reden oder ihr Fragen zu
stellen. Sie sah aus, als stehe sie am Rande des Wahnsinns.

Da begann das Gefhl der Verantwortung die sorglosen Kpfe zu belasten.
Schon allein dies Eisen war eine schwere Brde fr ungewohnte Schultern,
und jetzt sollten sie noch obendrein die Sorge fr eine junge Dame von
edler Geburt bernehmen, die ihrem Gatten entflohen war.

Als sie dieser jungen Frau auf den Festen des Winters begegnet waren,
hatte der eine und der andere von ihnen an eine junge Schwester denken
mssen, die er einstmals geliebt hatte. Wenn er im Spiel mit ihr seine
Krfte erprobte, hatte er sie behutsam anfassen mssen, und wenn er mit
ihr sprach, hatte er acht auf sich geben mssen, um nicht hliche Worte
zu gebrauchen. Hatte ein fremder Knabe im Spiel zu wild hinter ihr
dreingejagt oder ihr gar hliche Lieder vorgesungen, so hatte er sich
in grenzenloser Erbitterung ber den Knaben geworfen und ihm fast das
Leben aus dem Leibe geprgelt, denn seine kleine Schwester sollte nichts
Bses hren, sollte kein Leid erfahren, sollte weder mit Ha noch mit
Feindseligkeit in Berhrung kommen.

Grfin Elisabeth war die frhliche Schwester aller Kavaliere gewesen.
Wenn sie ihre kleinen Hnde in ihre harten Fuste gelegt hatte, war es,
als wolle sie sagen: Fhlt, wie gebrechlich ich bin, aber du bist mein
groer Bruder und du sollst mich gegen andere und gegen dich selber
beschtzen. Und sie waren ritterliche Herren gewesen, solange sie sie
gesehen hatten.

Jetzt sahen die Kavaliere sie mit Entsetzen und erkannten sie nicht
wieder. Sie war vergrmt und abgemagert, der Hals hatte seine Rundung
verloren, das Gesicht war durchsichtig geworden. Sie hatte sich wohl auf
ihrer nchtlichen Wanderung gestoen, denn von Zeit zu Zeit perlte ein
Blutstropfen aus einer kleinen Wunde in der Schlfe, und das lockige,
blonde Haar, das ihr in die Stirn hing, war von geronnenem Blut
zusammengeklebt. Ihr Kleid war schmutzig von der langen Wanderung auf
taufeuchten Wegen, und ihre Schuhe waren bel zugerichtet. Die Kavaliere
hatten ein unheimliches Gefhl, da dies eine Fremde sei. Die Grfin
Elisabeth, die sie gekannt, hatte nicht so wilde, brennende Augen
gehabt. Ihre arme kleine Schwester war fast bis zum Wahnsinn getrieben.
Es war, als kmpfe eine Seele, die aus einer andern Welt herabgestiegen
war, um die Herrschaft in diesem abgezehrten Krper.

Aber sie brauchen sich keine Sorgen darber zu machen, was sie mit ihr
anfangen sollen. Die alten Gedanken erwachen bei ihr. Die Versuchung hat
sich ihrer wieder bemchtigt. Gott will sie wieder versuchen. Siehe, sie
ist unter Freunden. Hat sie die Absicht, den Weg der Bue zu verlassen?

Sie sprang auf und rief, da sie fortmsse.

Die Kavaliere versuchten sie zu beruhigen. Sie sagten ihr, sie knne
ganz ruhig sein. Sie wollten sie schon gegen jegliche Verfolgung
beschtzen.

Sie bat nur, ob sie nicht in das kleine Boot steigen drfe, das hinten
an den Prhmen angebunden war, um ans Land zu rudern und ihre Wanderung
allein fortzusetzen.

Aber sie konnten sie ja nicht gehen lassen. Was sollte nur aus ihr
werden? Es war besser, wenn sie bei ihnen blieb. Wohl waren sie nur
arme, alte Mnner, aber sie wrden schon Mittel und Wege finden, ihr zu
helfen.

Da rang sie ihre Hnde und bat, sie mchten sie gehen lassen. Aber sie
konnten ihre Bitte nicht erfllen. Sie sahen, da sie elend und schwach
war, da sie auf der Landstrae sterben wrde.

Gsta Berling stand eine Strecke von ihr entfernt und schaute ins Wasser
hinab. Vielleicht wrde die junge Frau ihn nicht gern sehen. Er wute es
nicht, aber seine Gedanken spielten und lachten. Jetzt wei niemand, wo
sie ist, dachte er, jetzt knnen wir sie mit nach Ekeby nehmen. Wir
wollen sie dort verborgen halten, wir Kavaliere, und wir wollen schon
gut gegen sie sein. Sie soll unsere Knigin, unsere Herrscherin sein,
niemand aber soll wissen, da sie dort ist. Wir wollen sie so gut, so
gut bewachen! Vielleicht kann sie glcklich unter uns werden; alle die
Alten werden eine vterliche Frsorge fr sie empfinden wie fr eine
Tochter. Sie wird uns zu Menschen machen, wir werden Mandelmilch trinken
und Franzsisch sprechen. Und wenn unser Jahr um ist, was dann? Kommt
Zeit, kommt Rat!

Er hatte nie gewagt, es sich selber klarzumachen, ob er sie liebte. Er
konnte sie nicht ohne Snde besitzen, und er wollte sie nicht zu etwas
Niedrigem oder Schlechtem herabziehen, das war alles, was er wute. Aber
sie auf Ekeby zu verbergen und gut gegen sie sein zu drfen, jetzt, wo
die andern schlecht gewesen waren, sie alles genieen zu lassen, was das
Leben an Gutem besitzt, ach, welche Trume, welche seligen Trume!

Aber er erwachte aus diesen Trumen, denn die junge Grfin war ganz
verzagt, und ihre Worte hatten den schneidenden Klang der Verzweiflung.
Sie hatte sich mitten zwischen den Kavalieren auf die Knie geworfen und
flehte sie an, ihr fortzuhelfen.

Gott hat mir noch nicht vergeben, rief sie, lat mich gehen!

Gsta sah, da keiner der andern imstande war, ihr zu gehorchen, er sah
ein, da er es tun msse. Er, der sie liebte, mute es tun.

Es war so schwer fr ihn zu gehen, als wenn jedes Glied an seinem Krper
Widerstand gegen seinen Willen leiste, aber er schleppte sich bis zu ihr
hin und sagte ihr, da er sie ans Ufer bringen wolle.

Sie stand sofort auf. Er trug sie ins Boot hinab und ruderte sie an das
stliche Ufer. Er landete an einem schmalen Steg und half ihr aus dem
Boot.

Was soll jetzt aus Ihnen werden, Frau Grfin? sagte er.

Sie erhob ernsthaft die Finger und zeigte gen Himmel.

Wenn Frau Grfin in Not geraten sollten... Er konnte nicht sprechen.
Die Stimme versagte ihm, aber sie verstand ihn.

Ich werde Sie es wissen lassen, wenn ich Ihrer bedarf.

Ich mchte Sie so gern vor allem Bsen beschirmen, sagte er.

Sie reichte ihm ihre Hand zum Abschied, und er war nicht imstande, mehr
zu sagen. Kalt und schlaff lag ihre Hand in der seinen.

Die Grfin hatte nur Sinn fr diese inneren Stimmen, die sie zwangen,
unter fremde Menschen zu gehen. Sie wute wohl kaum, da der Mann, den
sie jetzt verlie, gerade derjenige war, den sie liebte.

Dann lie er sie gehen und ruderte wieder zu den Kavalieren zurck. Als
er auf den Prahm zurckkam, zitterte er vor Mdigkeit und sah ganz
erschpft und kraftlos aus. Es schien ihm, da er soeben die schwerste
Arbeit seines ganzen Lebens vollbracht hatte.

Noch einige Tage hielt er den Mut aufrecht, bis Ekebys Ehre gerettet
war. Er brachte das Eisen auf die Wage nach dem Kannikens, dann war es
fr lange Zeit vorbei mit seinen Krften und seinem Lebensmut.

Die Kavaliere bemerkten die Vernderung nicht, solange sie sich an Bord
befanden. Er spannte jeden Nerv an und hielt die Munterkeit und die
Sorglosigkeit aufrecht, um Ekebys Ehre zu retten. Wie htte ihnen auch
das Wagnis gelingen sollen, wenn sie mit bekmmerten Gesichtern und
mutlosen Herzen darangegangen wren?

Wenn es wirklich wahr ist, was das Gercht erzhlt, da die Kavaliere
mehr Sand als Eisen auf den Prhmen hatten, wenn es wahr ist, da sie
unablssig dieselben Stangen zu und von der Wage trugen, bis die vielen
hundert Zentner gewogen waren -- wenn es wahr ist, da dies alles vor
sich gehen konnte, weil der Wagemeister und seine Leute so gut aus den
Proviantkrben und Flaschen traktiert wurden, die die Kavaliere aus
Ekeby mitgebracht hatten -- so kann man sehr wohl verstehen, da es auf
den Eisenprhmen munter hergehen mute.

Wer kann das alles jetzt wissen? Aber wenn das wirklich der Fall war, so
ist es ganz sicher, da Gsta Berling keine Zeit hatte zu trauern. Doch
fhlte er nichts von der Freude des Abenteuers und der Gefahr. Sobald er
frei war, brach er verzweifelt zusammen.

O Ekeby! du Land meiner Sehnsucht! rief er sich selber zu, mge deine
Ehre strahlen.

Sobald die Kavaliere die Quittung von dem Wagemeister erhalten hatten,
beluden sie eine Wenernschute mit ihrem Eisen. Gewhnlich fhrten
Schiffer vom Fach das Eisen nach Gteborg, und die Verkufer aus
Wermland bekmmerten sich in der Regel nicht mehr um ihre Ware, sobald
sie die Quittung des Wagemeisters erhalten hatten, die die richtige
Ablieferung besttigte. Aber die Kavaliere wollten ihre Sache nicht halb
machen; sie wollten das Eisen bis nach Gteborg bringen.

Auf dem Wege dahin wurden sie von einem Unglck betroffen. In der Nacht
brach ein Sturm los, die Schute trieb steuerlos umher, stie auf ein
Riff und versank mit der ganzen kostbaren Ladung. Waldhorn und
Kartenspiele und alle die leeren Flaschen ertranken. Aber wenn man die
Sache bei Licht besah, was machte es da, da das Eisen verloren war?
Ekebys Ehre war doch gerettet. Das Eisen war auf der Wage am Kannikens
gewogen. Und selbst wenn der Major sich hinsetzen und an die Kaufleute
in Gteborg schreiben mute, da, sintemal sie sein Eisen nicht bekommen
htten, er auch ihr Geld nicht haben wollte -- so machte das doch nicht
viel aus. Ekeby war so reich, und seine Ehre war gerettet.

Aber wenn nun Hfen und Schleusen und Gruben und Meiler und Schuten und
Prhme anfangen, wunderliche Dinge zu flstern? Wenn es wie ein dumpfes
Sausen durch die Wlder geht, da die ganze Fahrt ein Betrug war, wenn
man in ganz Wermland behauptet, da nur ein paar elende Zentner die
ganze Schiffsladung ausgemacht hatten, da der Schiffbruch mit
Vorbedacht in Szene gesetzt sei? -- Da ist eine khne Tat vollfhrt
worden, ein echter Kavalierstreich. So etwas schadet der Ehre des Gutes
nicht!

Aber das ist nun schon so lange her. Es mag ja gern sein, da die
Kavaliere anderwrts Eisen gekauft, oder da sie etwas auf den Speichern
gefunden haben, wovon sie vorher nichts wuten. In solchen Dingen kommt
man der Wahrheit niemals auf den Grund. Der Wagemeister wollte
jedenfalls nichts davon hren, da ein Betrug mglich sei, und er mute
es ja wissen.

Als die Kavaliere nach Hause kamen, erfuhren sie eine groe Neuigkeit:
Graf Dohnas Ehe sollte aufgelst werden. Der Graf hatte seinen
Haushofmeister nach Italien gesandt, um Beweise zu sammeln, da die Ehe
nicht rechtmig gewesen sei. Dieser kehrte auch im Sommer mit
hinreichenden Aufklrungen zurck. Worin diese bestanden, wei ich nicht
so genau zu sagen. Man mu behutsam mit den alten Sagen umgehen, sie
sind wie halbverwelkte Rosen; sie verlieren leicht die Bltter, wenn man
sie zu fest anfat. Die Leute behaupten, die Eheschlieung in Italien
sei nicht von einem richtigen Pfarrer ausgefhrt. Ich wei es nicht;
eins aber steht fest: das Gericht in Bro erklrte, da die Ehe des
Grafen Dohna mit Elisabeth von Thurn niemals bestanden habe.

Davon wute die junge Frau jedoch nichts. Sie lebte unter Bauern in
einer weit entlegenen Gegend -- wenn sie berhaupt noch lebte.




Liliencronas Heim


Unter den Kavalieren war einer, den ich oft als groen Musiker erwhnt
habe. Er war ein hochgewachsener, grobknochiger Mann mit gewaltigem Kopf
und schwarzem, buschigem Haar. Er war um diese Zeit sicher nicht mehr
als vierzig Jahre, aber er hatte ein grobes Gesicht und ein gemessenes
Wesen. Das machte, da ihn viele fr alt hielten. Er war ein guter Mann,
aber schwermtig.

Eines Nachmittags nahm er seine Violine unter den Arm und verlie Ekeby.
Er sagte niemand Lebewohl, und doch war es seine Absicht, nie
wiederzukommen. Ihm ekelte vor dem Leben dort, seit er Grfin Elisabeth
in ihrem Unglck gesehen hatte. Er ging, ohne auszuruhen, den ganzen
Abend und die ganze Nacht, bis er frh am Morgen um Sonnenaufgang an
ein kleines Gehft namens Lfdala kam, das ihm gehrte.

Es war so frh, da dort noch kein Mensch wach war. Liliencrona setzte
sich auf die grne Wippe vor dem Hauptgebude und betrachtete sein
Eigentum. Groer Gott, ein schneres Heim gab es doch nicht auf Gottes
Erdboden. Der Rasen vor dem Hause war mit feinem, hellgrnem Gras
bedeckt. Einen hnlichen Rasen gab es nicht mehr. Die Schafe durften
darauf grasen, und die Kinder tummelten sich dort mit ihrem Spielzeug,
er hielt sich aber immer gleich dicht und grn. Er wurde niemals gemht,
aber mindestens einmal in der Woche lie die Hausfrau alle Zweige, alles
Stroh und alle welken Bltter von dem frischen Gras fegen. Er beschaute
den Kiesweg vor dem Hause und zog pltzlich die Fe zurck. Die Kinder
hatten ihn spt am Abend hbsch bunt geharkt, und seine groen Fe
hatten in der feinen Arbeit eine wahre Zerstrung angerichtet. Wie doch
auf diesem Fleck alles wuchs! Die sechs Ebereschen, die den Hofplatz
bewachten, waren so hoch wie Buchen und hatten so breite Kronen wie
Eichen. Solche Bume hatte man sicher nie zuvor gesehen. Prchtig waren
sie mit den dicken, von gelben Flechten berwucherten Stmmen und mit
den groen weien Bltentrauben, die aus dem dunklen Laub hervorragten.
Er mute an den Himmel und seine Sterne denken. Es war wirklich
wunderbar, wie die Bume dort wuchsen. Da stand eine alte Weide, so
dick, da zwei Mnner sie nicht zu umspannen vermochten. Sie war jetzt
hohl und geborsten, und der Blitz hatte ihr die Krone geraubt, aber sie
wollte nicht sterben. Jeden Frhling sproten frische grne Bschel aus
dem geknickten Hauptstamm auf, um zu zeigen, da sie lebte.

Der Faulbaum an dem stlichen Giebel des Hauses war so gro geworden,
da er das ganze Haus berschattete. Das ganze mit Grassoden belegte
Dach war wei von den herabfallenden Bltenblttern, denn der Faulbaum
hatte ausgeblht. Und die Birken, die in kleinen Gruppen hier und da auf
dem Felde wuchsen, fr die war sein Gehft sicher ein Paradies. Sie
wuchsen dort auf so viele verschiedene Weisen, als htten sie es sich
vorgenommen, allen andern Bumen nachzuffen. Eine hnelte einer Linde,
dicht und bltterreich, mit einer groen Krone, eine andere stand
schlank und pyramidenfrmig da wie eine Pappel, wieder eine andere lie
die Zweige hngen wie eine Trauerweide. Nicht zwei waren sich gleich,
aber schn waren sie alle.

Und dann erhob er sich und ging rund um das Haus herum. Dort lag der
Garten so wunderbar schn, da er stillstehen und tief aufatmen mute.
Die Apfelbume blhten. Ja, das wute er; das hatte er auch auf anderen
Gtern gesehen. Es war nur der Unterschied, da sie nirgends so blhten
wie auf seinem Gut, wo er sie hatte blhen sehen, seit er ein kleiner
Knabe war. Er ging mit gefalteten Hnden und vorsichtigen Schritten die
Kieswege auf und nieder.

Die Erde war wei, und die Bume waren wei, hier und da mit einem
blarosa Anflug. Etwas so Schnes hatte er nie zuvor gesehen. Er kannte
jeden Baum, so wie man seine Geschwister und Spielkameraden kennt. Die
Blten der Winterpfel waren ganz wei, aber die Sommerapfelbume
blhten rosenrot, und die Paradiespfel hatten ganz rote Blten. Am
schnsten war der alte wilde Holzapfelbaum, dessen Frchte so bitter
waren, da niemand sie essen konnte. Der sparte nicht an Blumen, er
glich einer groen Schneeschanze in der Morgensonne.

Bedenkt, da es um die Morgenstunde war, ganz frh! Der Tau lie die
Bltter erglnzen, aller Staub war fortgesplt. ber die waldbestandenen
Hgel, an deren Fu das Gehft lag, kamen die ersten Sonnenstrahlen
geschlichen. Es sah aus, als htten sie die Tannenwipfel in Brand
gesteckt. ber den frischen Kleewiesen, ber den Roggen- und
Gerstenfeldern und ber den zarten Haferkeimen lag der leichteste Nebel,
der zarteste Schnheitsschleier, und die Schatten fielen scharf wie im
Mondenschein.

Und dann stand er stille und beschaute die groen Gemsebeete zwischen
den Gartenwegen. Er wei, da die Hausfrau diese Arbeit mit ihren
Dienstmdchen verrichtet hat. Sie haben gegraben, geharkt, gejtet,
gedngt und die Erde bearbeitet, bis sie fein und leicht geworden ist.
Wenn sie das Beet geglttet und die Kanten abgestochen haben, nehmen sie
Schnre und Pflcke und grenzen Streifen und Vierecke ab. Dann haben sie
die Gnge mit munteren Schritten zurechtgetreten und gest und
gepflanzt, bis alle Streifen und Vierecke voll waren. Und die Kinder
sind mit dabeigewesen und waren eitel Freude und Eifer, weil sie helfen
durften, obwohl es eine schwere Arbeit fr sie gewesen ist, krumm zu
stehen und die Arme ber die breiten Beete zu strecken. Und unglaublich
vielen Nutzen haben sie gestiftet, wie ein jeder begreifen wird.

Jetzt fangen die Pflanzen an zu sprossen.

Gott segne sie! Wie keck sie dastanden, die Erbsen wie die Bohnen mit
ihren zwei dicken Keimblttern, und wie gerade und hbsch die gelben
Wurzeln und die Rben aufgelaufen sind! Am lustigsten waren die kleinen,
krausen Petersilienbltter, die die Erddecke ein ganz klein wenig in die
Hhe hoben und noch ein Weilchen Versteck mit dem Leben spielten.

Und hier war ein kleines Beet, wo die Streifen nicht so gerade liefen
und wo die kleinen Vierecke aussahen wie eine Probekarte von allem, was
gepflanzt und gest werden konnte. Das war der Garten der Kinder.

Und Liliencrona prete schnell die Violine gegen das Kinn und begann zu
spielen. Die Vgel in dem groen Gebsch, das den Garten gegen den
Nordwind schtzte, fingen an zu singen. Es war allen Wesen, die mit
einer Stimme begabt waren, ganz unmglich zu schweigen, so schn war der
Morgen. Der Bogen ging ganz von selber.

Liliencrona ging im Garten auf und nieder und spielte. Nein, dachte
er, einen schneren Fleck Erde gibt es nicht. Was war Ekeby gegen
Lfdala? Sein Heim war mit Grassoden gedeckt und war nur ein Stockwerk
hoch. Es lag am Waldesrande, den Berg dicht hinter sich und das lange
Tal vor sich. Es war nichts Bemerkenswertes dort: da war kein See, kein
Wasserfall, da gab es keine Strandwiesen und Parks, aber schn war es
doch. Es war schn, weil es ein gutes, friedliches Heim war. Das Leben
war dort leicht zu leben. Alles, was anderwrts Bitterkeit und Ha
erzeugt haben wrde, wurde dort durch Milde ausgeglichen. So sollte es
in jedem Hause sein.

Und drinnen im Hause liegt die Hausfrau und schlft in einem Zimmer, das
nach dem Garten hinaus wendet. Sie erwacht pltzlich und lauscht, aber
sie rhrt sich nicht. Sie liegt lchelnd da und lauscht. Dann kommt die
Musik nher und nher und schlielich ist es, als sei der Spielmann
unter ihrem Fenster stehengeblieben. Es ist nicht das erstemal, da sie
Violinspiel unter ihrem Fenster gehrt hat. Ihr Mann pflegt auf diese
Weise zu kommen, wenn sie drben in Ekeby einen ungewhnlich wilden
Streich ausgefhrt haben.

Er steht dort und beichtet und bittet um Verzeihung. Er erzhlt ihr von
den bsen Mchten, die ihn von dem fortlocken, was er am heiesten
liebt: von ihr und den Kindern. Aber er liebt sie! Ja, wahrlich, er
liebt sie.

Whrend er spielt, steht sie auf und kleidet sich an, ohne eigentlich zu
wissen, was sie tut. Sie ist so ganz von seinem Spiel erfllt.

Es ist nicht Luxus, nicht Wohlleben, das mich fortgelockt hat, spielt
er, nicht Liebe zu andern Frauen, nicht Ehre, sondern die verlockende
Vielfltigkeit des Lebens: seine Schnheit, seine Bitterkeit, seinen
Reichtum mu ich um mich fhlen. Aber nun habe ich genug davon, jetzt
bin ich satt und mde. Ich will mein Heim nicht mehr verlassen. Verzeih
mir, hab Nachsicht mit mir!

Da zieht sie die Gardine zur Seite und ffnet das Fenster, und er sieht
ihr schnes, gutes Gesicht.

Sie ist gut und sie ist klug. Ihr Blick fllt segnend wie der Blick der
Sonne auf alles, was ihr in den Weg kommt.

Sie lenkt und sie behtet. Wo sie ist, mu alles wachsen und gedeihen.
Sie trgt das Glck in sich.

Er schwingt sich auf das Fensterbrett zu ihr und ist glcklich wie ein
Liebender.

Dann hebt er sie hinab in den Garten und trgt sie unter die Apfelbume.
Dort erklrt er ihr, wie schn alles ist und zeigt ihr die Blumenbeete
und die Pflanzungen der Kinder und die kleinen, lustigen
Petersilienbltter.

Als die Kinder erwachen, entsteht ein Jubel und ein Entzcken ber die
Heimkehr des Vaters. Sie belegen ihn ganz mit Beschlag. Er mu all das
Neue und Merkwrdige in Augenschein nehmen. Das kleine Mhlwerk, das sie
sich am Bach gemacht haben, das Vogelnest im Weidenbaum und die jungen
Karauschen im Teich, die zu Tausenden dicht unter dem Wasserspiegel
schwimmen.

Und dann machen der Vater, die Mutter und alle Kinder einen langen
Spaziergang durch die Felder. Er mu sehen, wie dicht der Roggen steht,
wie der Klee wchst, wie die Kartoffeln anfangen, ihre krausen Bltter
aus dem Boden zu stecken.

Er mu die Khe sehen, die vom Felde heimkehren, mu die Neugeborenen in
der Klberkoppel und im Schafstall begren, nach Eiern suchen und allen
Pferden Zucker geben.

Die Kinder hngen den ganzen Tag an seinen Rockschen. Keine Schule,
keine Arbeiten -- nur Umherstreifen mit dem Vater!

Am Abend spielt er ihnen Polkas vor, und den ganzen Tag ist er ihnen ein
so guter Freund und Spielkamerad gewesen, da sie mit dem Gebet
entschlummern, der Vater mge doch stets bei ihnen bleiben.

Er bleibt auch ganze acht Tage und ist whrend der ganzen Zeit frhlich
wie ein Kind. Er ist in alles daheim verliebt, in seine Gattin, seine
Kinder; er denkt gar nicht an Ekeby.

Aber dann kommt ein Morgen, an dem er fort ist. Er konnte es nicht
lnger ertragen -- es war zu viel Glck fr ihn. Ekeby war tausendmal
geringer, aber Ekeby lag mitten in dem Wirbel der Begebenheiten!

Ach, wie viel war da, wovon er trumen, worber er spielen konnte! Wie
konnte er getrennt von den Taten der Kavaliere leben, getrennt von dem
langen Lfsee, den die wilde Jagd des Mrchens umbrauste?

Auf seinem Gut ging alles seinen ruhigen Gang. Alles wuchs und gedieh
unter der Obhut der milden Hausfrau. Alle dort auf dem Hofe gingen in
einem stillen Glck umher. Alles, was anderwrts Bitterkeit und Streit
hervorgerufen htte, ging hier ohne Klage und Schmerz. Alles war, wie es
sein sollte. Wenn nun der Herr des Hauses sich einmal danach sehnte, als
Kavalier auf Ekeby zu leben, was dann? Kann es vielleicht ntzen, sich
ber die Sonne des Himmels zu beklagen, weil sie an jedem Abend im
Westen verschwindet und die Erde im Finstern zurcklt?

Was ist unbezwinglich auer der Unterwrfigkeit! Was ist siegesgewi
auer der Geduld!




Die Hexe vom Hochgebirge


Die Hexe vom Hochgebirge ist an die Ufer des Lfsees hinabgekommen. Man
hat sie dort gehen sehen, klein, rundrckig, im Fellkittel und mit
silberbeschlagenem Grtel. Weshalb ist sie aus den Wolfshhlen in die
Behausungen der Menschen hinabgekommen? Was sucht die Alte aus den
Bergen in den grnen Tlern?

Sie geht betteln! Sie ist auf Gaben erpicht trotz ihres Reichtums. In
den Bergschluchten hat sie groe, weie Silberbarren versteckt, und auf
saftigen Wiesen tief drinnen zwischen den Bergen grasen ihre groen
Herden von schwarzen, goldgehrnten Khen. Und doch geht sie in
Holzschuhen und in einem fettigen Pelzwams, dessen bunte Kante eben noch
zu erkennen ist, durch den Schmutz der Jahrhunderte. Sie stopft ihre
Pfeife mit Moos und bettelt von den rmsten. Der Teufel mag einem
solchen Weibe geben, das nie dankt, das nie genug bekommt!

Alt ist sie. Wie lange ist es her, seit der helle Glanz der Jugend ber
dem breiten Gesicht mit der braunen Haut gelegen, die vor Fett glnzt,
ber der flachen Nase und den schmalen Augen, die unter dem Schmutz
leuchten wie glhende Kohlen unter grauer Asche? Wie lange ist es her,
seit sie als kleines Mdchen auf dem Zaun vor der Sennhtte sa und mit
den Tnen ihres langen Horns dem Hirtenknaben Antwort auf seine
Liebesmelodien sandte? Mehrere hundert Jahre hat sie gelebt. Die
ltesten knnen sich der Zeit nicht entsinnen, da sie nicht durchs Land
ging. Ihre Vter haben sie alt gesehen, als sie selber noch jung waren.
Und sie ist noch nicht tot! Ich, die ich dies schreibe, habe sie selbst
gesehen.

Mchtig ist sie, die Tochter der zauberkundigen Finnen; sie beugt sich
vor niemand. Ihre breiten Fe hinterlassen keine ngstlichen Spuren auf
dem Kies des Weges. Sie beschwrt den Hagel herauf, sie lenkt den
Blitzstrahl. Sie kann die Khe irreleiten und die Wlfe auf die Schafe
hetzen. Sie kann viel Bses tun, aber nur wenig Gutes. Es ist am besten,
sich gut mit ihr zu stehen. Bettelt sie dir deine einzige Ziege ab, so
gib sie ihr, sonst strzt dein Pferd oder dein Haus brennt, sonst wird
deine Kuh krank oder dein Kind stirbt, sonst bringt sie die sparsame
Hausfrau um Sinn und Verstand.

Willkommen ist sie nie; und doch ist es am besten, sie mit lchelndem
Munde zu empfangen. Wer wei, um wessentwillen sie gekommen ist! Ihr
Zweck besteht nicht allein darin, sich ihren Bettelsack fllen zu
lassen. Bse Vorbedeutungen folgen ihr auf den Fersen; Fchse und Wlfe
heulen unheimlich in der Dmmerstunde, und das ekelhafte rote und
schwarze Gewrm, das Eiter speit, kommt aus den Wldern und kriecht bis
an die Trschwelle.

Stolz ist sie. Ihr Kopf umschliet der Vter mchtige Weisheit. So etwas
erhebt den Sinn. Starke Runen sind in ihren Stab geritzt; sie verkauft
ihn nicht um alles Gold des Tals. Zauberlieder kann sie singen,
Zaubertrnke kann sie brauen, sie kann Zauberschsse ber den See
abfeuern und Sturmknoten schrzen.

Was denkt sie, die aus der Finsternis der Wlder, von dem gewaltigen
Hochgebirge herabkommt, was denkt sie von den Leuten im Tal? Fr sie,
die an Thor glaubt, an den Riesentter und die mchtigen Finnengtter,
sind die Christen dasselbe, was zahme Hofhunde den Wlfen sind. Doch
kommt sie hufig von den Bergen herab, um sich ihre Zwergsitten
anzuschauen. Die Menschen schaudern vor Entsetzen, wenn sie sie sehen;
aber die starke Tochter der Wildnis geht sicher zwischen ihnen dahin,
sicher bei ihrem Entsetzen. Die Heldentaten ihres Stammes sind nicht
vergessen, so wenig wie ihre eigenen. Wie die Katze sich auf ihre
Krallen verlt, so verlt sie sich auf die Weisheit ihres Gehirns und
auf die Kraft, die in den Zaubergesngen der Gtter liegt. Kein Knig
ist seiner Macht sicherer als sie des Schreckensreiches, ber das sie
herrscht.

So ist die Hexe durch viele Ortschaften gewandert. Jetzt ist sie nach
Borg gekommen, und sie zaudert nicht, das Grafenschlo zu besuchen.
Durch die Kche geht sie nur selten. Sie steigt geradeswegs die
Terrassenstufen hinan, sie setzt ihren breiten Holzschuh auf die
blumenumhegten Kieswege, so ruhig, als wandere sie den Sennpfad hinan.

Und es trifft sich gerade so, da Grfin Mrta auf die Terrasse
hinausgetreten ist, um sich an der Pracht des Junitages zu erfreuen. Auf
dem Kiesgange unterhalb der Treppe sind gerade zwei Mdchen auf dem Wege
zum Vorratshause stehengeblieben. Sie kommen aus der Rucherkammer, wo
der Speck im Rauch hngt, und tragen die frischgerucherten Schinken auf
einer Stange zwischen sich. Will die gndige Frau Grfin die Schinken
einmal besehen und riechen, ob sie stark genug geruchert sind? fragt
eins der Mdchen.

Grfin Mrta, die zurzeit Hausfrau in Borg ist, beugt sich ber das
Treppengelnder und betrachtet den Speck, aber im selben Augenblick legt
die Finnin die Hand auf einen der Schinken.

Ei, seht doch diese braune, glnzende Schwarte, diese dicke Fettschicht!
Dieser frische Duft von Wacholderzweigen, der dem Schinken entstrmt!
Das ist ein Festschmaus fr Gtter! Den mu die Hexe haben! Sie legt
ihre Hand auf die Speckseiten.

Die Tochter der Berge kennt kein Bitten oder Betteln. Ist es nicht die
Folge ihrer Gnade, da die Kruter wachsen, da die Menschen leben?
Frost und Unwetter und Hochflut -- alles vermag sie zu senden. Deswegen
geziemt es sich nicht fr sie, zu bitten oder zu betteln. Sie legt ihre
Hand auf das, was sie wnscht, und es gehrt ihr.

Aber Grfin Mrta wei nichts von der Macht der Alten. Weg mit dir, du
Bettelweib! ruft sie.

Gib mir den Schinken! sagt die Wolfsreiterin aus dem Hochgebirge.

Sie ist verrckt! ruft die Grfin und befiehlt den Mgden, mit ihrer
Last ins Vorratshaus zu gehen.

Die Augen der Hundertjhrigen flammen vor Zorn und Begierde. Gib mir
den braunen Schinken, ruft sie, oder es wird dir bel ergehen!

Lieber gebe ich ihn den Elstern als so einer wie dir!

Da erbebt die Alte vor Zorn. Sie hebt ihren Stab mit den Runen in die
Hhe und schwingt ihn wild. Ihre Lippen stoen wunderliche Worte aus.
Das Haar steht ihr zu Berge, die Augen sprhen Funken, ihr Antlitz
verzerrt sich.

Dich selbst sollen die Elstern fressen! schreit sie schlielich.

Und dann geht sie, Flche murmelnd und den Stab schwingend. Sie wendet
ihre Schritte heimwrts; weiter nach Sden wandert sie nicht. Jetzt hat
die Tochter der Wildnis den Zweck erfllt, um dessentwillen sie aus den
Bergen herabgestiegen ist.

Grfin Mrta bleibt auf der Gartentreppe stehen und lacht ber ihr
verrcktes Gebaren, aber das Lachen soll gar bald auf ihren Lippen
verstummen. Denn da kommen sie! Sie kann ihren eigenen Augen nicht
trauen. Sie glaubt, da sie trumt, aber da kommen sie, die Elstern,
die sie fressen sollen.

Aus Park und Garten kommen sie auf sie herabgesaust, Elstern zu
Dutzenden mit ausgestreckten Klauen und gierigen Schnbeln, bereit, auf
sie einzuhauen. Sie kommen mit Lrmen und Schreien. Schwarze und weie
Flgel flimmern vor ihren Augen. Sie sieht wie im Schwindel hinter
diesem Schwarm alle Elstern aus der ganzen Gegend heranfliegen, sieht
den ganzen Himmel voll schwarzer und weier Flgel. Die Metallfarben der
Federn schimmern in der scharfen Mittagssonne. Die Schwanzfedern brausen
wie bei kmpfenden Raubvgeln. In dichteren und dichteren Kreisen
umfliegen die Ungetme die Grfin und zielen mit Schnabel und Krallen
nach ihrem Gesicht. Sie mu auf die Diele fliehen und die Tr hinter
sich schlieen. Sie taumelt gegen die geschlossene Tr, atemlos vor
Angst, whrend die schreienden Elstern drauen flattern und fliegen.

Damit war sie aber abgeschlossen von der lichten Schnheit des Sommers,
von allen Freuden des Lebens. Fr sie gab es hinfort nichts mehr als
geschlossene Tren und herabgelassene Rouleaus, fr sie gab es nur
Verzweiflung, Angst, Verwirrung, die an Wahnsinn grenzte.

Auch diese Erzhlung mag wie Wahnsinn erscheinen, aber wahr mu sie doch
wohl sein. Es leben Hunderte von alten Leuten, die die Geschichte kennen
und bezeugen wollen, da die Sage so lautet.

Die Vgel lieen sich auf dem Gelnder der Terrasse und auf dem Dache
nieder. Sie saen da, als warteten sie nur darauf, da die Grfin sich
zeigen sollte, um sich ber sie zu strzen. Sie schlugen ihre Wohnung
im Park auf und da blieben sie. Es war unmglich, sie vom Hof zu
verjagen. Scho man auf sie, so ward es nur schlimmer, denn fr jede,
die fiel, kamen zehn neue geflogen. Zuweilen entfernten sich wohl groe
Scharen, um Futter zu schaffen, aber es blieben stets zuverlssige
Schildwachen zurck. Wenn sich Grfin Mrta nur zeigte, wenn sie nur zu
einem Fenster hinaussah oder die Gardine einen Augenblick zur Seite zog,
wenn sie es nur versuchte, auf die Treppe hinauszugehen, gleich waren
sie da. Der ganze frchterliche Schwarm kam mit lrmendem Flgelschlag
auf das Wohnhaus zugefahren, und die Grfin mute in ihr innerstes
Zimmer fliehen.

Sie hielt sich im Schlafzimmer hinter dem roten Saal auf. Ich habe das
Zimmer oft beschreiben hren, so wie es in dieser Schreckenszeit aussah,
als Borg von Elstern belagert war. Schwere Vorhnge vor Tren und
Fenstern, dicke Teppiche auf dem Fuboden, schleichende, flsternde
Menschen!

Im Herzen der Grfin wohnte der leichenblasse Schrecken. Ihr Haar war
ergraut. Ihre Haut war voller Runzeln. In einem Monat war sie eine alte
Frau geworden. Sie konnte ihr Herz nicht sthlen gegen diesen
entsetzlichen Zauber. Laut schreiend fuhr sie aus ihren nchtlichen
Trumen auf, in dem Wahn, da die Elstern ber sie herstrzten. Sie
weinte den ganzen Tag ber dies Schicksal, dem sie nicht entgehen
konnte. Sie scheute die Menschen aus lauter Angst, da der Vogelschwarm
jedem Eintretenden auf den Fersen folgen wrde, und sa gewhnlich stumm
da, die Hnde vor dem Gesicht, sich in ihrem Lehnstuhl hin- und
herwiegend, krank und verstimmt durch die eingeschlossene Luft, um dann
pltzlich mit Schreien und Klagen aufzuspringen.

Keines Menschen Leben konnte hrter sein. Wer wird die rmste nicht
beklagen?

Ich habe jetzt nicht mehr viel von ihr zu erzhlen, und das, was ich
erzhlt habe, ist nicht gut gewesen. Es ist mir fast, als schlge mir
das Gewissen. Sie war doch gutmtig und lebensfroh, als sie jung war,
und viele ergtzliche Geschichten von ihr haben mein Herz erfreut, wenn
sie hier auch keinen Platz gefunden haben.

Aber es geht so, obwohl diese Arme es nicht wute, da die Seele stets
hungert. Von Tand und Spiel kann sie nicht leben. Bekommt sie keine
andere Nahrung, so zerreit sie gleich einem wilden Tier erst andere und
dann sich selber.




Hochsommer


Der Hochsommer war dazumal hei wie jetzt, whrend ich dies schreibe.
Die herrlichste Zeit des Jahres war gekommen.

Das war die Zeit, in der Sintram, der bse Gutsherr, auf Fors trauerte
und litt. Er grollte ber den Siegeszug des Lichtes whrend der Stunden
des Tages und ber die Niederlage der Dunkelheit, und er grmte sich
ber die Bltterpracht, in die die Bume gekleidet waren, und ber den
bunten Teppich, der die Erde bedeckte.

Alles war in Schnheit gehllt. Der Weg, so grau und steinig er auch
war, erhielt doch einen Rand von Blumen; gelbe und violette
Sommerblumen, Wicken und Lwenzahn.

Als die Kraft des Hochsommertages ber den Bergen lag und die
Glockentne von der Broer Kirche durch die Luft bis nach Fors
herabgetragen wurden, als der unsagbare Friede des stillen Tages ber
den Landen herrschte, da erhob er sich im Zorn, da meinte er, da Gott
und die Menschen sich erkhnten, zu vergessen, da er existierte, und er
beschlo, nun auch in die Kirche zu gehen. Alle, die ber den Sommer
jubelten, sollten ihn sehen, ihn, Sintram, der die Finsternis ohne
Morgen, den Tag ohne Auferstehung, den Winter ohne Frhling liebte.

Er zog den Wolfspelz an und die Fausthandschuhe aus Pelz. Er lie ein
rotes Pferd vor einen Schlitten spannen und befestigte Schellen an dem
blanken Geschirr mit den Schlangenkpfen. Ausgerstet, als seien es
dreiig Grad Klte, zog er zur Kirche. Wenn es unter den Schlittenkufen
knirschte, glaubte er, da das von der Klte kme. Er glaubte, da der
Schaum auf dem Pferdercken Reif sei. Er fhlte keine Wrme. Von ihm
ging Klte aus, wie Wrme von der Sonne ausstrahlt.

Er fuhr ber die breite Ebene nrdlich von der Broer Kirche. Groe,
helle Drfer lagen auf seinem Wege und Felder mit singenden Lerchen
darber. Niemals habe ich die Lerchen so singen hren wie ber diesen
Feldern, und ich habe oft darber nachgegrbelt, ob er sich auch taub
machen konnte fr diesen hundertstimmigen Sngerchor.

Auf seinem Wege kam er aber an vielem vorber, was ihn gergert haben
wrde, wenn er ihm einen Blick geschenkt htte. Vor der Tr einer jeden
Htte wrde er zwei sich neigende Birken gesehen haben, und durch die
geffneten Fenster wrde er in Stuben geblickt haben, deren Wnde mit
grnen Zweigen geschmckt waren.

Das kleinste Bettelmdchen ging mit einem Fliederzweig in der Hand auf
der Landstrae, und jede Bauernfrau hatte einen ganz kleinen
Blumenstrau in das Taschentuch hineingesteckt.

Maienbume mit Blumen und grnen Krnzen standen auf den Hfen. Das Gras
ringsumher war niedergetreten, denn der Tanz war in der
Mittsommernacht lustig ber sie dahingegangen.

Unten auf dem Lfsee wimmelte es von Holzflen; kleine weie Segel
waren zur Ehre des Tages gehit, obwohl kein Wind sich rhrte; da war
keine Mastspitze, die nicht einen grnen Kranz trug.

Auf allen den vielen Wegen, die nach Bro fhrten, kamen die Leute zur
Kirche gewandert, namentlich die Frauen in zierlich geschmckten,
hellen, selbstgewebten Sommerkleidern, die gerade fr den heutigen Tag
fertig geworden waren. Alle waren festlich gekleidet.

Und die Menschen konnten gar nicht fertig werden, sich ber den
Feiertagsfrieden und die Ruhe von der Alltagsarbeit zu freuen, ber die
liebliche Wrme, ber die vielversprechende Ernte und die Erdbeeren, die
am Wegrande sich zu rten begannen. Sie sprachen von der Stille der
Luft, von dem wolkenlosen Himmel und dem Lerchengesang und sagten: Ja,
wahrlich, dies ist der Tag des Herrn!

Da kam Sintram dahergefahren. Er fluchte und schwang die Peitsche ber
dem schweitriefenden Pferde. Der Sand knirschte hlich unter den
Schlittenkufen, der scharfe Klang der Schellen bertnte den Laut der
Kirchenglocken. Die Stirn lag in zornigen Falten unter der Pelzmtze.

Da stutzten die Kirchengste und meinten, sie htten den leibhaftigen
Gottseibeiuns gesehen. Nicht einmal heute, an dem Festtage des Sommers
selbst, durften sie die Klte und die Bosheit vergessen. Es ist ein
bitteres Los, auf Erden zu wandern.

Die Leute, die im Schatten der Kirchhofsmauer standen oder auf den
Kirchhofsteinen saen und darauf warteten, da der Gottesdienst beginnen
sollte, sahen mit stiller Verwunderung, wie er dort auf die Kirchentr
zuschritt. Eben noch hatte der schne Tag ihre Herzen mit Freude darber
erfllt, da es ihnen vergnnt war, auf Gottes grner Erde zu wandern
und die Schnheit des Daseins zu genieen. Jetzt, wo sie Sintram sahen,
wurden sie von der Ahnung eines geheimnisvollen Unglcks ergriffen.

Als er durch die Schar ging, bemerkten sie mit aberglubischer Angst die
Art und Weise, wie er grte. Froh war jeder, an dem er vorberging,
ohne ihn anzusehen, denn er grte nur diejenigen, die seiner Sache
dienten. Vor dem Brobyer Pastor nahm er die Mtze tief ab, und vor
Marianne Sinclaire und den Kavalieren lftete er sie, aber fr den
Probst in Bro und fr den Amtmann hatte er keinen Gru.

Sintram trat in die Kirche, setzte sich in seinen Stuhl und warf die
Fausthandschuhe auf die Bank, so da man in der ganzen Kirche das
Rasseln der Wolfsklauen hren konnte, die in das Fell eingenht waren.
Und einige von den Frauen, die sich in die vorderen Sthle gesetzt
hatten, wurden ohnmchtig, als sie die zottige Gestalt sahen, und muten
hinausgetragen werden.

Aber niemand wagte Sintram hinauszujagen. Er strte die Andacht der
Gemeinde, aber er war zu sehr gefrchtet, als da jemand es gewagt
htte, ihm zu befehlen, da er die Kirche verlassen solle.

Vergebens redete der alte Probst von dem lichten Fest des Sommers,
niemand hrte ihm zu. Alle dachten nur an Bosheit und Klte und an das
geheimnisvolle Unglck, dessen Vorbote der bse Gutsherr war.

Als alles vorber war, sah man den Bsen an den Abhang des Hgels
treten, auf dem die Broer Kirche liegt. Er sah auf den Brobyer Strand
nieder und folgte ihm mit den Augen, vorbei an den drei Landzungen des
westlichen Ufers, bis in den Lfsee hinein. Und man sah ihn die Hand
ballen und ber den See und die grnen Ufer hinberdrohen. Dann glitt
sein Blick gen Sden, ber den sdlichen Lfsee hinab, bis zu den
blauenden Landzungen, die den See abzuschlieen schienen. Und meilenweit
flog er gen Norden hinauf, vorbei an dem Gurlitaberge und bis Bjrnidet,
wo der See endet. Er sah nach Westen und Osten, wo die Berge das Tal
umkrnzen, und er ballte die Hand von neuem. Und alle fhlten, da, wenn
er ein Bndel Blitze in der Rechten gehabt htte, er sie in wilder
Freude ber die friedliche Landschaft geschleudert und Tod und Jammer
verbreitet haben wrde, so weit seine Macht reichte. Denn nun hatte er
sein Herz so an das Bse gewhnt, da er an nichts Freude fand als am
Elend. Er hatte sich allmhlich selbst gelehrt, alles zu lieben, was
hlich und bse ist. Er war wahnsinniger als der unbndigste Tolle,
aber das begriff niemand, hinterher machten wunderliche Gerchte die
Runde in der Umgegend. Man erzhlte, da, als der Kster kam, um die
Kirche zu schlieen, der Bart an dem Schlssel abbrach, weil ein hart
zusammengerolltes Papier in das Schlo hineingesteckt worden war. Er
brachte es dem Propst. Es war, wie man wohl begreifen kann, ein Brief,
der fr ein Wesen in der anderen Welt bestimmt war.

Man flsterte davon, was auf dem Papier zu lesen gestanden hatte. Der
Propst hatte es verbrannt, aber der Kster hatte zugesehen, whrend der
Teufelskram brannte. Die Buchstaben hatten hellrot auf schwarzem Grund
geleuchtet. Er hatte nicht umhin knnen, es zu lesen. Er las, so
erzhlte man, da der bse Mann das Land zerstren wolle, so weit, wie
der Broer Kirchturm sichtbar war. Er wollte den Wald ber die Kirche
hinwegwachsen sehen. Er wollte Br und Fuchs in den Wohnungen der
Menschen hausen sehen. Die Felder sollten de daliegen, und weder Hund
noch Hahn sollte man mehr in diesen Gegenden hren. Der Bse wollte
seinem Herrn dienen, indem er ber jedermann Unglck brachte. Das hatte
er gelobt.

Und die Menschen sahen der Zukunft in stummer Verzweiflung entgegen,
denn sie wuten, da die Macht des Bsen gro war, da er alles Lebende
hate, da er wnschte, die Wildnis sich ber das Tal ausbreiten zu
sehen, und da er gern die Pest oder die Hungersnot oder den Krieg in
seinen Dienst nahm, um jeden zu vertreiben, der die gute,
freudebringende Arbeit liebte.




Frau Musika


Als nichts Gsta Berling erheitern konnte, nachdem er der jungen Grfin
zur Flucht verholfen hatte, beschlossen die Kavaliere, Hilfe bei der
guten Frau Musika zu suchen -- die ist eine mchtige Fee und hat gar
manche getrstet.

Deswegen lieen sie eines Abends im Juli die Tren zu dem groen Saal
auf Ekeby ffnen und die Fensterlden entfernen. Sonne und Luft wurden
eingelassen, die groe, rote Sonne des Sptabends, die milde,
dufterfllte Luft der khlen Abendstunde. Die gestreiften berzge
wurden von den Mbeln genommen, das Klavier wurde geffnet und der Flor
von den venezianischen Kronleuchtern entfernt. Die goldenen Greife unter
den weien Platten der Marmortische durften wieder im Licht blitzen. Die
weien Gttinnen tanzten in dem schwarzen Feld ber den Spiegeln. Die
verschieden geformten Blumen des Seidendamasts schimmerten in der
Abendrte. Und es wurden Rosen gepflckt und in Wasser gesetzt, der
ganze Saal war von ihrem Duft erfllt. Es waren wunderbare Rosen, deren
Namen niemand kannte, die aber aus fremden Landen nach Ekeby gekommen
waren. Da waren die gelben Rosen, in deren Adern das Blut so rot
schimmert wie in denen eines Menschen, und die sahnefarbigen mit dem
faserigen Rand und die rosaroten mit den groen Blttern, die am
uersten Rande farblos wie Wasser werden, und die dunkelroten mit den
schwarzen Schatten. Alle Rosen Altringers brachten sie herein, die aus
fernen Landen gekommen waren, um die Augen schner Frauen zu erfreuen.

Und dann schaffen sie Noten und Notenpulte herbei und Messinginstrumente
und Bogen und Violinen in allen Gren, denn jetzt soll die gute Frau
Musika auf Ekeby herrschen und versuchen, Gsta Berling zu trsten.

Frau Musika hat die Oxfordsymphonie des guten Vater Haydn gewhlt, und
die Kavaliere ben sie ein. Patron Julius schwingt den Taktstock, und
die andern spielen jeder sein Instrument. Alle Kavaliere knnen spielen
-- sonst wren sie ja keine Kavaliere!

Als alles fertig ist, wird Gsta geholt. Er ist noch immer matt und
mutlos, aber er freut sich ber den prchtigen Saal und ber die schne
Musik, die er bald hren wird. Denn es ist ja eine bekannte Sache, da
die gute Frau Musika fr den, der leidet, die beste Gesellschaft ist.
Sie ist munter und frhlich wie ein Kind. Sie ist feurig und einnehmend
wie eine junge Schne. Sie ist gut und klug wie die Alten, die ein
segensreiches Leben gelebt haben.

Und dann spielten die Kavaliere so leise, so mild wie ein Sausen.

Der kleine Ruster nimmt die Sache sehr ernsthaft. Er liest die Noten mit
der Brille auf der Nase, kt sanfte Tne aus der Flte und lt die
Finger auf den Klappen und Lchern spielen. Onkel Eberhard sitzt
krummgebeugt ber dem Violoncell, die Percke ist ihm auf das eine Ohr
geglitten, die Lippen zittern vor Gemtsbewegung. Bergh steht stolz da
mit seinem langen Fagott. Hin und wieder vergit er sich und setzt mit
der vollen Kraft seiner Lungen ein, dann aber schlgt Patron Julius ihn
mit dem Taktstock auf den dicken Schdel.

Es geht gut, es geht brillant. Sie zaubern Frau Musika selber aus den
toten Notenzeichen hervor. Breite deinen Zaubermantel aus, liebe Frau
Musika, und fhre Gsta Berling zurck in das Land der Freude, wo er zu
leben pflegte.

Da es wirklich Gsta Berling ist, der da bleich und mutlos sitzt und
den die alten Herren jetzt amsieren mssen, als wre er ein Kind! Jetzt
wird es krglich aussehen mit der Freude im Wermland!

Ich wei, weshalb die Alten ihn liebten, ich wei wohl, wie lang der
Winterabend werden und wie die Finsternis auf den den Gehften die
Sinne beschleichen kann. Ich kann wohl begreifen, wie es war, wenn er
kam.

Stellt euch einen Sonntagnachmittag vor, wenn die Arbeit ruht und die
Gedanken schlaff sind. Stellt euch einen hartnckigen Nordwind vor, der
Klte in das Zimmer peitscht, eine Klte, der kein Feuer abhelfen kann.
Stellt euch das einsame Talglicht vor, das unaufhrlich geputzt werden
mu. Stellt euch den einfrmigen Gesang geistlicher Lieder drauen von
der Kche hervor.

Nun, und dann ertnt pltzlich helles Schlittengelute, schnelle Fe
stampfen den Schnee drauen auf der Treppe ab, und herein tritt Gsta
Berling. Er lacht und treibt Kurzweil. Er ist Leben, er ist Wrme. Er
ffnet das Klavier und spielt so, da man sich ber die alten Saiten
wundert. Er kann alle Lieder singen, kann alle Melodien spielen. Er
beglckt alle Hausbewohner! Ihn fror nie, er war niemals mde. Der
Betrbte verga seine Sorgen, wenn er ihn sah. Und welch ein gutes Herz
er doch hatte! Welch Mitleid hatte er mit den Armen und Schwachen!
Welch ein Genie er war! Ja, ihr httet die Alten nur hren sollen, wenn
sie von ihm erzhlten!

Es mochte wohl ein solcher Abend sein, als er nach Munkerud hinabkam, wo
der gute Amtmann wohnte, nach dem stillen, liebenswerten Heim, das so
wenig in dieser Erzhlung erwhnt ist, weil die Strme der Zeit sein
Glck nicht zu erschttern vermochten, und wo er mit dem Pfarrer von Bro
zusammentraf.

Und sobald der Probst ihn sah, setzte er ihn ans Klavier. Setz dich ans
Klavier, Gsta Berling, sagte er, dort stiftest du am meisten Nutzen.
Und dann spielte und sang Gsta, und als er eine kleine Weile gespielt
hatte, konnten die Leute nicht mehr stillsitzen. Die alten, vernnftigen
Herren und Damen muten aufstehen und tanzen. Es prickelte ihnen in
allen Gliedern. Sie konnten nicht stillsitzen. Und so tanzten sie denn
rundherum, und als Gsta ein Bellmannsches Lied anstimmte, stimmten sie
mit ein, und die Prpstin, so alt und dick sie war, hob den Kleiderrock
in die Hhe, hpfte und drehte sich im Kreise, als sei sie ein
zwanzigjhriges Mdchen mit zierlichem Spann gewesen. Und dazu sang sie
falsch und mit heiserer Stimme:

     Hurrah! Seht Ulla tanzen!
     In Spitzen, Flor und Fransen,
     Mit weien Beinen, mit weien Beinen,
     Wie hell die Kerzen und Lampen scheinen!

Der Probst und alle die andern lachten so herzlich ber sie: Ja, der
Schelm dort am Klavier, der kann alte Leute zu Narren machen!

Aber nun sitzt Gsta Berling still und traurig da und lauscht Frau
Musikas Bemhungen, ihn zu ermuntern. Vielleicht wre er am liebsten
mit seinem Kummer allein gewesen, aber er mute ja der alten Herren
wegen die Musik anhren. Er kann sehr wohl einsehen, wie traurig es fr
sie ist, da er jetzt nicht mehr frhlich sein kann. Sie haben keine
Freude daran, Herren auf Ekeby zu sein, seit er sich so verndert hat.
Er glaubt, bemerken zu knnen, da sie alt geworden sind.

Und wie sie gerade am allerschnsten spielen, bricht er in Trnen aus.
Das ganze Leben erscheint ihm so traurig. Er hlt die Hnde vor das
Gesicht und weint. Die Kavaliere erschrecken. Dies sind nicht die
sanften, heilenden Trnen, die Frau Musika hervorzulocken pflegt. Er
schluchzt wie ein Verzweifelter. Ganz ratlos legen sie die Instrumente
hin.

Da gibt ihnen Frau Musika den Gedanken ein, da sie es mit etwas
Heiterem versuchen sollen, und Patron Julius nimmt seine Gitarre hervor
und fngt an, eins seiner lustigen Tischlieder zu singen. Er verdreht
sein Gesicht und ahmt Khe und Schafe nach.

Aber das ist kein guter Einfall von der guten Frau Musika. Gsta schlgt
pltzlich mit der geballten Faust auf den Tisch, so da Julius ngstlich
zusammenschrickt, und dann sagt er ihnen seine Meinung.

Wenn ich auch ein ausgestoener Elender bin, der nur hier auf Erden
weilt, um Unheil anzustiften, sagt er, so solltet ihr Kavaliere doch
nicht euern Spott mit meinen Leiden treiben. Bessere Leute als ihr
wrden sich wohl davor hten.

Er ist ungerecht. Er wei das sehr gut selber, aber er kann sich nicht
beherrschen. Und dann bleibt er schweigend und beschmt sitzen. Auch die
andern schweigen. Sie sind tief verletzt, aber was kann es ntzen, sich
zu verteidigen? Selbst die gute Frau Musika, die Gsta Berling so
liebhat, ist nahe daran, den Mut zu verlieren, aber dann fllt ihr
pltzlich ein, da sie noch einen gewaltigen Recken unter den Kavalieren
hat.

Das ist der sanfte Lwenberg, der seine Braut in dem lehmigen Strom
verloren hat und der jetzt Gsta Berlings Sklave ist -- mehr als
irgendeiner von den andern. Er schleicht jetzt nach dem Klavier hin. Er
umkreist es scheu, befhlt es vorsichtig und streicht mit weicher Hand
ber die Tasten.

Oben im Kavalierflgel hat Lwenberg einen groen, hlzernen Tisch, auf
den er eine Klaviatur gemalt und ein Notenpult gestellt hat. Dort kann
er stundenlang sitzen und die Finger ber die schwarzen und weien
Tasten gleiten lassen. Dort bt er Tonleitern und Etden, und dort
spielt er seinen Beethoven. Frau Musika hat ihm mit ihrer besonderen
Gnade beigestanden, so da er viele von den sechsunddreiig Sonaten hat
abschreiben knnen.

Aber der alte Mann wagt sich niemals an ein anderes Instrument als an
den hlzernen Tisch. Vor dem Klavier hat er eine entsetzliche Angst. Das
lockt ihn, aber es schreckt ihn noch mehr ab. Das schrille Instrument,
auf dem so viele Polkas gespielt sind, ist ihm ein Heiligtum. Er hat nie
gewagt, es zu berhren. Dies wunderbare Ding mit den vielen Saiten, das
den Werken des groen Meisters Leben verleihen kann! Er braucht nur das
Ohr daranzulegen, gleich hrt er Scherzos und Andantes darin brausen.
Ja, das Klavier ist der rechte Altar, auf dem Frau Musika angebetet
werden soll. Aber er hat niemals auf einem Klavier gespielt. Er selber
wird ja niemals so reich, da er sich eins kaufen kann, und auf diesem
zu spielen, hat er niemals Mut gehabt. Die Majorin ist auch nicht gerade
sehr geneigt gewesen, es ihm aufzuschlieen.

Er hat wohl Polkas und Walzer und Bellmannsche Melodien darauf klimpern
hren. Aber bei so unheiliger Musik konnte das herrliche Instrument ja
nur einen unreinen Klang von sich geben, konnte nur jammern. Nein, wenn
Beethoven kam, wrde es erst seinen richtigen hellen Klang ertnen
lassen.

Jetzt denkt er, da die Zeit fr Beethoven und fr ihn vielleicht
gekommen ist. Er will Mut fassen, will das Heiligtum berhren und seinen
jungen Herrn und Gebieter durch den schlummernden Wohllaut erfreuen.

Er setzt sich hin und fngt an zu spielen. Er ist ganz unsicher und
benommen, aber er tastet sich durch ein paar Takte hindurch, sucht den
richtigen Klang zu finden, runzelt die Stirn, beginnt von neuem -- und
bedeckt dann das Gesicht mit den Hnden und fngt bitterlich an zu
weinen.

Ja, liebe Frau Musika, es ist hart fr ihn. Das Heiligtum ist ja kein
Heiligtum. Es liegen keine klaren, hellen Tne darinnen und trumen, da
ist kein dumpfer, mchtiger Donner, kein gewaltig brausender Orkan.
Nichts von dem unendlichen Wohllaut, der die Luft des Paradieses
durchstrmte, ist dort zurckgeblieben. Es ist ein altes klapperiges
Klavier und nichts weiter.

Da aber gibt Frau Musika dem klugen Oberst einen Wink. Er nimmt Ruster
mit; sie gehen in den Kavalierflgel und holen Lwenbergs Tisch mit den
gemalten Tasten.

Sieh hier, Lwenberg! sagt Beerencreutz, als sie zurckkehren. Da
hast du dein Klavier, spiel jetzt Gsta etwas vor.

Da versiegen Lwenbergs Trnen, er setzt sich hin und spielt seinem
jungen, betrbten Freunde Beethoven vor. Jetzt sollte er schon wieder
froh werden.

In dem Kopf des alten Mannes klingen die lebhaftesten Tne. Er kann
nicht anders glauben, als da Gsta hrt, wie gut er heute abend spielt.
Jetzt hat er alle Schwierigkeiten berwunden. Er fhrt seine Lufe und
Triller ohne die geringste Beschwerde aus. Er wnschte, da der Meister
selber ihn hren knnte.

Je lnger er spielt, je mehr steigert sich seine Begeisterung. Er hrt
jeden einzelnen Ton mit berirdischer Strke.

Leid, Leid, spielt er, weshalb sollte ich dich nicht lieben? Weil
deine Lippen kalt sind und deine Wangen bleich, weil deine Umarmung
erstickt, deine Blicke versteinern?

Leid, Leid, du bist eine jener stolzen, schnen Frauen, deren Liebe
schwer zu gewinnen ist, die aber strker brennt als die aller andern. Du
Verstoene, ich legte dich an mein Herz und liebte dich. Ich liebkoste
dich, bis die Klte aus deinen Gliedern entwich, und deine Liebe hat
mich mit Glckseligkeit erfllt.

Ach, wie habe ich gelitten! Ach, wie habe ich mich gesehnt, seit ich
die verlor, die ich zuerst geliebt! Es war finstere Nacht in mir,
finstere Nacht um mich her. Ich lag versunken im Gebet, in endlosen,
unerhrten Gebeten. Der Himmel war meinem langen Warten verschlossen.
Kein guter Geist kam von der sternenbersten Himmelswlbung herab, um
mich zu trsten.

Aber meine Sehnsucht zerri den verschleiernden Vorhang. Du kamst zu
mir herabgeschwebt auf einer Brcke von Mondstrahlen. Du kamst im
Lichtglanz, Geliebte, und mit lchelnden Lippen. Frohe Genien umringten
dich. Sie trugen Krnze von Rosen. Sie spielten auf der Zither und der
Flte. Es war eine Seligkeit, dich zu schauen.

Aber du verschwandest, du verschwandest! Und es gab keine Brcke und
keine Mondstrahlen fr mich, als ich dir folgen wollte. Auf der Erde lag
ich, flgellos, an den Staub gebunden. Meine Klage war wie das Brllen
eines wilden Tiers, wie der polternde Donner des Himmels. Ich wollte dir
den Blitz als Boten senden. Ich verfluchte die grne Erde. Mge Feuer
ihr Wachstum verzehren, Pest die Menschen ausrotten! Ich rief den Tod an
und den Abgrund. Ich meinte, die Qualen im ewigen Feuer mten Seligkeit
sein gegen mein Ende.

Leid, Leid, da war es, da du mein Freund wurdest! Weshalb sollte ich
dich nicht lieben, wie man diese stolzen, strengen Frauen liebt, deren
Liebe schwer zu erringen ist, die aber strker brennt als die anderer?

So spielte er, der arme Mystiker. Er sa dort, strahlend vor
Begeisterung, whrend die wunderbaren Tne vor seinen Ohren klangen,
fest berzeugt, da Gsta ihn auch hren und Trost finden msse.

Gsta sa da und sah ihn an. Zuerst war er rgerlich ber diese neue
Komdie, allmhlich aber ward er milder. Er war unwiderstehlich, der
Alte, wie er dasa und seinen Beethoven geno. Und Gsta mute daran
denken, da auch dieser Mann, der jetzt so sanft und sorglos war, in
Leid versenkt gewesen, da auch er die Geliebte verloren hatte. Und nun
sa er dort, strahlend heiter, an seinem hlzernen Tisch. Es bedurfte
also nicht mehr, um einen Menschen glcklich zu machen.

Er fhlte sich gedemtigt. Gsta, sagte er zu sich selber, kannst du
nicht mehr dulden und leiden? Du, der du dein Leben lang in Armut
abgehrtet bist, du, der du jeden Baum im Walde, jeden Hgel auf dem
Felde hast Entsagung und Geduld predigen hren, du, der du in einem
Lande aufgewachsen bist, wo der Winter streng ist und der Sommer geizig,
hast du die Kunst auszuharren denn ganz verlernt?

Ach, Gsta, ein Mann mu alles, was das Leben bietet, mit mutigem Herzen
und lchelnden Lippen ertragen; sonst ist er kein Mann. Entbehre so viel
du willst, wenn du die Geliebte verloren hast, so la Gewissensbisse an
deinem Innern nagen und zehren, zeige dich aber als Mann, als echter
Wermlnder! La deinen Blick vor Freude strahlen und begegne deinen
Freunden mit frhlichen Worten.

Das Leben ist hart, die Natur ist hart. Beide erzeugen sie Mut und
Freude als Gegengewicht gegen ihre Hrte, sonst wrde es wohl niemand
ertragen knnen.

Mut und Freude! Es ist, als seien diese beiden die ersten Pflichten des
Lebens. Du hast sie bisher niemals verleugnet und darfst es auch jetzt
nicht tun.

Bist du geringer als Lwenberg, der dort an seinem hlzernen Klavier
sitzt, als alle die andern Kavaliere, die mutigen, die sorglosen, die
ewig jungen? Du weit ja, da das Leid keinen von ihnen verschont hat.

Und dann sieht Gsta sie an. Ach, welch ein Anblick! Da sitzen sie alle
ganz ruhig und ernsthaft und lauschen dieser Musik, die niemand hren
kann.

Pltzlich wird Lwenberg durch ein munteres Lachen aus seinen
Trumereien aufgeschreckt. Er hebt die Hnde von den Tasten und lauscht
ganz begeistert. Das ist Gsta Berlings altes Lachen, sein gutes,
freundliches, ansteckendes Lachen. Das ist die schnste Musik, die der
Alte in seinem ganzen Leben gehrt hat.

Wute ich doch, da Beethoven dir helfen wrde, Gsta, ruft er aus.
Nun bist du ja wieder genesen!

So geschah es, da die gute Frau Musika Gsta Berlings Melancholie
heilte.




Der Pfarrer von Broby


Eros, du Allmchtiger, du weit wohl, da es oft aussieht, als wenn ein
Mensch sich ganz von deiner Herrschaft befreit htte. Alle die weichen
Gefhle, die die Menschen vereinen, scheinen in seinem Herzen erstorben
zu sein. Der Wahnsinn streckt seine Krallen nach dem Unglcklichen aus,
aber da kommst du in deiner Allmacht, du Schutzpatron des Lebens, und
das eingeschrumpfte Herz grnt und trgt Blten wie der Stab des
Heiligen.

Niemand kann geringer sein als der Pfarrer von Broby, niemand kann durch
Schlechtigkeit und Unbarmherzigkeit mehr von den Menschen getrennt sein.
Seine Stuben stehen den ganzen Winter ungeheizt, er sitzt auf einer
ungestrichenen hlzernen Bank, er kleidet sich in Lumpen, lebt von
trocknem Brot und wird rasend, wenn ein Bettler ber seine Schwelle
tritt. Er lt das Pferd im Stall hungern und verkauft das Heu; seine
Khe nagen das trockne Gras vom Wegesrande und das Moos von der Wand des
Hauses; bis auf die Landstrae hinaus kann man das Blken der hungrigen
Schafe hren. Die Bauern werfen ihm die Speisen hin, die ihre Hunde
nicht fressen wollen, und die Kleider, die ihre Armen verschmhen.

Seine Hand ist ausgestreckt, um zu betteln, sein Rcken gekrmmt, um zu
danken. Er bettelt von den Reichen und leiht den Armen. Sieht er ein
geprgtes Geldstck, so brennt ihm das Herz vor Ungeduld im Leibe, bis
es in seiner Tasche ist. Wehe dem, der am Tage des Verfalls nicht zahlen
kann!

Er verheiratete sich spt, und es wre besser gewesen, wenn er es
niemals getan htte. Vergrmt und beranstrengt starb seine Frau. Seine
Tochter dient jetzt bei fremden Leuten. Er wird alt, doch das Alter
bringt ihm keine Ruhe. Der Wahnsinn des Geizes verlt ihn niemals.

Aber eines schnen Tages zu Anfang August kommt eine schwerfllige
Kutsche, von vier Pferden gezogen, den Brobyer Hgel hinan. Ein feines
altes Frulein fhrt in voller Gala mit Kutscher und Diener und
Kammerjungfer vor. Sie kommt, um den Pfarrer in Broby zu besuchen. Ihn
hat sie in ihren jungen Tagen geliebt.

Whrend er Hauslehrer im Hause ihres Vaters war, liebten sie einander,
aber die stolze Familie trennte sie. Und nun kommt sie den Brobyer Hgel
hinangefahren, um ihn zu sehen, ehe sie stirbt. Alles, was das Leben ihr
bieten kann, ist ein Wiedersehen mit dem Geliebten ihrer Jugend.

Das kleine, feine Frulein sitzt im Wagen und trumt. Sie fhrt nicht
die Brobyer Hgel hinan nach einem kleinen, armseligen Pfarrhof. Sie ist
auf dem Wege zu der khlen, dichten Laube unten im Park, wo der
Geliebte wartet. Sie sieht ihn, er ist jung, er kann kssen, er kann
lieben. Jetzt, wo sie wei, da sie ihn sehen wird, steigt sein Bild mit
seltener Klarheit vor ihr auf. Wie schn er doch ist! Er kann schwrmen,
er kann glhen, er erfllt ihr ganzes Wesen mit dem Feuer des
Entzckens.

Jetzt ist sie gelbbleich, welk und alt. Er kennt sie vielleicht gar
nicht wieder, sechzig Jahre alt, wie sie ist, aber sie kommt nicht, um
gesehen zu werden, sondern um zu sehen, um den Geliebten ihrer Jugend zu
sehen, den der Zahn der Zeit unberhrt gelassen hat, der noch immer
jung, schn, herzenswarm ist.

Sie kommt aus so weiter Ferne, da sie nie etwas von dem Pfarrer zu
Broby gehrt hat.

Und dann rasselt die Kutsche die Hgel hinan, und jetzt wird der
Pfarrhof oben auf der Spitze sichtbar.

Um Gottes Barmherzigkeit willen, jammert ein Bettler am Wegesrande,
gebt dem armen Manne einen Schilling.

Die vornehme Dame gibt ihm eine Silbermnze und fragt, ob der Brobyer
Pfarrhof in der Nhe liegt.

Der Bettler sieht sie mit einem schlauen, scharfen Blick an. Der
Pfarrhof liegt dort, sagt er, aber der Pfarrer ist nicht zu Hause, es
ist niemand dort zu Hause.

Das feine, kleine Frulein sieht aus, als sollte sie ohnmchtig werden.
Die khle Laube verschwindet, der Geliebte ist nicht da. Wie konnte sie
auch glauben, da sie ihn nach vierzigjhrigem Warten dort wiederfinden
wrde?

Was fhrt das gndige Frulein nach dem Pfarrhof?

Das gndige Frulein war gekommen, um den Pfarrer zu besuchen. Sie hatte
ihn in frheren Zeiten gekannt.

Vierzig Jahre und vierzig Meilen haben zwischen ihnen gelegen. Und mit
jeder Meile, die sie zurckgelegt, hat sie ein Jahr mit seinen Lasten,
Sorgen und Erinnerungen abgeschttelt, so da sie jetzt, wo sie den
Pfarrhof erreicht hat, wieder zum zwanzigjhrigen Mdchen geworden ist,
ohne Sorgen, ohne Erinnerungen.

Der Bettler steht da und sieht sie an, und vor seinen Augen verwandelt
sie sich von zwanzig Jahre in sechzig und von sechzig wieder in zwanzig.

Der Pfarrer kommt heut nachmittag nach Hause, sagt er. Das gndige
Frulein wrde am besten daran tun, nach dem Gasthof in Broby zu fahren
und heute nachmittag wiederzukommen. Ich stehe dafr ein, da der
Pfarrer heute nachmittag zu Hause sein wird.

Einen Augenblick spter rollt die schwere Kutsche mit der kleinen welken
Dame die Hgel zum Gasthof hinab, der Bettler aber steht da und sieht
ihr nach, am ganzen Krper bebend. Es ist ihm, als knne er auf die Knie
fallen und die Wagenspuren kssen.

Fein, frisch rasiert, geputzt, in Schuhen mit blanken Spannen, mit
seidenen Strmpfen, mit Jabot und Manschetten steht der Pfarrer von
Broby am Mittag desselben Tages vor der Prpstin in Bro.

Ein feines Frulein, sagt er, eine Grafentochter; wie kann die Frau
Prpstin glauben, da ich armer Mann sie zu mir einladen kann? Meine
Fubden sind schwarz, meine Staatsstube ist ganz leer, die Decke im
Saal ist grn von Schimmel und Feuchtigkeit. Helfen Sie mir, liebe Frau
Prpstin! Denken Sie doch nur daran, da sie eine vornehme Grafentochter
ist!

Knnen Sie denn nicht sagen lassen, da Sie verreist sind, Herr
Pfarrer?

Liebe Frau Prpstin, sie ist vierzig Meilen weit gereist, um mich armen
Mann zu sehen. Sie wei nicht, wie es mit mir steht. Ich habe ihr kein
Bett anzubieten. Ich habe keine Betten fr ihre Dienerschaft.

Nun, so lassen Sie sie wieder reisen.

Liebe, gute Prpstin! Verstehen Sie denn nicht, was ich meine? Ich gebe
lieber alles hin, was ich besitze, alles, was ich mit Flei und Mhe
zusammengescharrt habe, als da ich sie wieder fortreisen lasse, ohne
sie unter meinem Dache empfangen zu haben. Sie zhlte zwanzig Jahre, als
ich sie zuletzt sah, und das sind nun vierzig Jahre her; bedenken Sie
das doch, Frau Prpstin! Helfen Sie mir, da ich sie bei mir aufnehmen
kann. Hier ist Geld, wenn Geld helfen kann, aber Geld allein tut es auch
nicht.

O, Eros, die Frauen lieben dich. Sie legen lieber hundert Schritte fr
dich zurck, als einen fr die andern Gtter.

Im Propsthofe wurden die Zimmer und die Kche und die Speisekammer
geleert. Im Propsthofe wurden Arbeitswagen beladen und nach dem Pfarrhof
gefahren. Wenn der Probst von seinem Konfirmandenunterricht heimkehrt,
kann er in den leeren Stuben umhergehen und in die Kche hinausgucken,
um nach seinem Mittagessen zu fragen, aber er wird nichts finden. Kein
Mittagessen, keine Prpstin, keine Mgde. Was ist dazu zu sagen? Eros
hat es so gewollt, Eros, der Allmchtige.

Am Nachmittage kommt dann die schwere Kutsche die Brobyer Hgel
hinaufgehumpelt. Und das kleine Frulein sitzt da und denkt, ob jetzt
wohl kein neues Unglck wieder eintreffen wird, ob es wirklich wahr ist,
da sie jetzt der einzigen Freude ihres Lebens entgegengeht.

Und dann biegt die Kutsche auf den Pfarrhof ein, im Tor aber hlt sie
still. Der groe Wagen ist zu breit, das Tor ist zu schmal. Der Kutscher
knallt mit der Peitsche, die Pferde ziehen an, der Diener flucht, aber
das hinterste Rad der Kutsche sitzt fest und kann nicht wieder
loskommen. Die Grafentochter kann nicht auf den Hof des Geliebten
gelangen.

Aber da kommt jemand -- da kommt er. Er hebt sie aus dem Wagen, er trgt
sie auf seinen Armen, deren Kraft noch ungeschwcht ist, er drckt sie
so warm und zrtlich an sich wie vor vierzig Jahren. Sie schaut in ein
Paar Augen, die genau so strahlen wie damals, als sie erst
fnfundzwanzig Lenze geschaut hatten.

Da braust ein Sturm von Gefhlen ber sie hin, wrmer denn je zuvor. Sie
entsinnt sich, da er sie einmal die Treppe zur Terrasse hinaufgetragen
hat. Sie, die glaubte, da ihre Liebe alle diese Jahre hindurch gelebt,
sie hatte doch vergessen, was es war, in starke Arme geschlossen zu
werden, in junge, strahlende Augen zu schauen.

Sie sieht nicht, da er alt ist. Sie sieht nur die Augen, die Augen.

Sie sieht nicht die schwarzen Fubden, die Decken, die grn sind von
Feuchtigkeit, sie sieht nur seine strahlenden Augen. Der Brobyer Pfarrer
ist ein stattlicher Mann, und in diesem Augenblick ist er ein schner
Mann. Er wird schn, nur weil er sie ansieht. Sie hrt seine Stimme,
seine klare, starke Stimme; die klingt wie Liebkosungen. So spricht er
nur zu ihr. Wozu braucht er die Mbel aus dem Propsthof fr seine leeren
Zimmer? Wozu braucht er Speisen und Dienstboten? Das alte Frulein wrde
kaum etwas von alledem vermit haben. Sie hrt seine Stimme und sieht
seine Augen.

Niemals, nie zuvor ist sie so glcklich gewesen.

Wie zierlich er sich verneigt, zierlich und stolz, als sei sie eine
Frstin und er ihr begnstigter Liebling. Er bedient sich der vielen
stehenden Redensarten der Alten, wenn er mit ihr redet. Sie lchelt nur
und ist glcklich.

Gegen Abend bietet er ihr den Arm, und sie lustwandeln in seinem alten,
verfallenen Garten. Sie sieht nichts Hliches, Vernachlssigtes.
Verwachsene Bsche werden zu beschnittenen Hecken, das Unkraut breitet
sich als weiche, smaragdgrne Rasenflchen aus, lange Alleen beschatten
sie, und in Nischen von dunklem Laub schimmern weie Statuen -- die
Jugend, die Treue, die Hoffnung und die Liebe.

Sie wei, da er verheiratet gewesen ist, aber sie denkt nicht daran.
Wie knnte sie auch wohl an so etwas denken? Sie zhlt ja zwanzig Jahre
und er fnfundzwanzig. Er ist sicher nur fnfundzwanzig Jahre alt, jung
und sprudelnd von Kraft. Soll er wirklich der geizige Pfarrer von Broby
werden, er, dieser lchelnde Jngling! Zuweilen saust es ihm vor den
Ohren -- eine Mahnung an eine finstere Zukunft. Aber der Jammer der
Armen, die Flche der Betrogenen, die spttischen Bemerkungen der
Verachtung, Schmhlieder, Hohn, das alles existiert noch nicht fr ihn.
Sein Herz erglht nur in reiner, unschuldiger Liebe. Dieser stolze
Jngling wird das Gold niemals so lieben, da er in dem schlimmsten
Schmutz danach kriechen, es von den Vorberfahrenden erbetteln wird,
Demtigungen dulden, Schmach erleiden, Klte und Hunger darum erleiden
wird. Wird er wohl sein Kind hungern lassen, seine Frau peinigen fr
dies elende Geld? Das ist unmglich. So kann er nicht sein. Er ist ein
guter Mensch wie alle andern. Er ist kein Ungeheuer.

Die Geliebte seiner Jugend geht nicht neben einem verachteten Schuft,
der des Amtes unwrdig ist, das er zu bernehmen gewagt hat. Das tut sie
nicht. Nein, Eros, du allmchtiger Gott, heute abend ist er nicht der
Pfarrer von Broby, auch nicht am nchsten und an dem darauf folgenden
Tage.

Am vierten Tage reist sie. Das Tor ist breiter gemacht. Die Kutsche
rollt die Brobyer Hgel so schnell hinab, wie nur Pferde laufen knnen,
die geruht haben.

Welch ein Traum! Welch ein herrlicher Traum! Keine Wolke in diesen drei
Tagen!

Sie kehrte lchelnd heim in ihr Schlo und zu ihren Erinnerungen. Sie
hrte seinen Namen nie wieder nennen, sie fragte niemals nach ihm. Sie
wnschte nur, solange sie lebte, diesen Traum noch einmal zu trumen.

Der Pfarrer von Broby sa in seinem einsamen Hause und weinte wie ein
Verzweifelter. Sie hatte ihn jung gemacht. Sollte er nun wieder alt
werden? Sollte der bse Geist zurckkehren, sollte er wieder verchtlich
werden -- verchtlich, wie er gewesen war?




Patron Julius


Patron Julius trug seine rotangemalte Kiste aus dem Kavalierflgel
hinunter. Er fllte ein greres Lgel, das ihn auf vielen Reisen
begleitet hatte, mit duftendem Pomeranzenbranntwein, den groen,
geschnitzten Vorratskasten packte er voll Brot und Butter und alten
Kse, schn grn und braun schattiert, voll fetten Schinken und
Reiskuchen, die in Himbeerkompott schwimmen.

Und dann ging Patron Julius umher und sagte allen Herrlichkeiten Ekebys
mit trnenden Augen Lebewohl. Er streichelte zum letztenmal die
blankgeschliffenen Kegelkugeln und die rotwangigen Kinder auf dem Hgel.
Er ging umher zu den Lauben im Garten und zu den Grotten im Park. Er war
im Stall und in den Scheunen, streichelte die Pferde, rttelte den bsen
Stier an den Hrnern und lie sich die Hnde von den Klbern lecken.
Schlielich ging er mit flieenden Trnen in das Hauptgebude hinauf, wo
das Abschiedsfrhstck seiner harrte.

Wehe ber das Dasein! Wie kann es so viel Elend enthalten? Da war Gift
in den Speisen, Galle im Wein. Die Kehlen der Kavaliere waren vor
Gemtsbewegung zusammengeschnrt so wie seine eigene. Der Schleier der
Trnen lag wie ein Nebel vor seinen Blicken. Die Abschiedsrede wurde von
Schluchzen unterbrochen. Wehe ber das Dasein! Sein Leben wrde hinfort
nur eine einzige lange Sehnsucht sein. Niemals sollten sich seine Lippen
zu einem Lcheln formen. Die Lieder wrden aus seiner Erinnerung
fortstreben, wie die Blumen von der herbstkalten Erde fortsterben. Er
wrde verblassen, abfallen, welken wie eine frostgeknickte Rose, wie
eine drstende Lilie. Nie wieder sollten die Kavaliere den armen Julius
sehen. Schwere Ahnungen durchzuckten seine Seele, wie Schatten von
sturmgepeitschten Wolken ber frisch gepflgte Felder dahinjagen. Er
wollte nach Hause reisen, um zu sterben.

Blhend von Gesundheit und Kraft stand er jetzt vor ihnen. Nie wieder
sollten sie ihn so sehen. Nie mehr sollten sie ihn scherzend fragen,
wann er zuletzt seine eigenen Knie gesehen habe; nie mehr sollten sie
sich seine Wangen zum Kegelspiel wnschen. Das bel hat sich ihm schon
in Leber und Lunge festgesetzt. Es whlte und nagte. Schon lange hatte
er es gefhlt. Seine Tage waren gezhlt.

Mchten doch die Ekebyer Kavaliere den Toten in treuer Erinnerung
bewahren! Mchten sie ihn doch niemals vergessen!

Die Pflicht rief ihn. Daheim sa seine Mutter und wartete auf ihn.
Siebzehn Jahre lang hatten sie ihn aus Ekeby heim erwartet. Jetzt hatte
sie geschrieben und ihn nach Hause gerufen, und er wollte gehorchen. Er
wute, da es sein Tod sein wrde, aber als guter Sohn wollte er
gehorchen.

O, diese gttlichen Festmhler! Diese schnen Fluren, der stolze
Giebach! O, die jubelnden Mrchen, der geliebte Kavalierflgel! O
Violine und Waldhorn, o Leben voll Glck und Freude! Von alledem zu
scheiden war der Tod.

Und dann ging Patron Julius in die Kche hinaus und sagte den Leuten im
Hause Lebewohl. In berstrmender Rhrung umarmte und kte er jeden
einzelnen, von der Haushlterin bis zu dem Bettler auf dem Hofe. Die
Mgde weinten und jammerten ber sein Schicksal. So ein guter und
munterer Herr sollte sterben, nie sollten sie ihn wiedersehen!

Patron Julius befahl, da sein Gig aus dem Wagenschuppen herausgeschoben
und sein Pferd aus dem Stall gezogen werden sollte. Was wohl die alte
Kajsa dazu sagen wrde, hgelauf und hgelab zu traben nach einer
siebzehnjhrigen Ruhe vor der gefllten Krippe?

Die Stimme war nahe daran, Patron Julius zu versagen, als er diese
Befehle erteilte. So sollte denn das Gig nicht in Ruhe auf Ekeby
vermodern, so sollte denn die alte Kajsa von der bekannten Krippe
getrennt werden. Er wollte nichts Schlechtes von seiner Mutter sagen,
aber sie htte an die alte Kajsa und an das Gig denken sollen, wenn sie
auch nicht an ihn dachte. Wie sollten die die lange Reise berstehen?

Das Bitterste war aber doch der Abschied von den Kavalieren. Der kleine
rundliche Patron Julius, dessen Figur mehr danach angetan war zu rollen
als zu gehen, fhlte sich tragisch bis in die Fingerspitzen hinein. Er
dachte an den groen Athener, der ruhig den Giftbecher im Kreise seiner
Schler leerte. Er dachte an den alten Knig Gustav, der dem
schwedischen Volke prophezeite, da es einstmals wnschen wrde, man
mchte ihn aus seinem Grabe herausgraben.

Schlielich sang er ihnen sein schnstes Lied vor. Er dachte an den
Schwan, der im Singen stirbt. So wnschte er, da sie sich seiner
erinnern mchten: eines kniglichen Geistes, der sich zu keiner Klage
herablt, sondern auf den Schwingen der Tne heimfhrt.

Endlich war der letzte Becher geleert, war das letzte Lied gesungen,
die letzte Umarmung ausgetauscht. Er zog seinen Mantel an und nahm die
Peitsche in die Hand. Kein Auge ringsumher blieb trocken. Seine eigenen
Augen waren so verschleiert von dem dmmernden Nebel des Leids, da er
nichts unterscheiden konnte.

Da ergriffen die Kavaliere ihn und trugen ihn Portechaise hinunter.
Hurrarufe umdonnerten ihn. Sie setzten ihn irgendwo nieder, er sah nicht
wo. Eine Peitsche knallte, der Wagen setzte sich mit ihm in Bewegung. Er
fuhr. Als er den Gebrauch seiner Augen wiedergewann, war er drauen auf
der Landstrae.

Wohl hatten die Kavaliere geweint und waren von tiefer Wehmut ergriffen,
aber der Kummer hatte doch nicht alle frohen Gefhle des Herzens bei
ihnen erstickt. Einer von ihnen -- war es Gsta Berling, der Poet, oder
Beerencreutz, der Rabougespieler, der alte Kriegsmann, oder der
lebensmde Vetter Kristoffer? -- hatte es so eingerichtet, da die alte
Kajsa nicht aus ihrem Stall und der mottenzerfressene Wagen nicht aus
seinem Schuppen hervorgeholt zu werden brauchte. Sie hatten einen
groen, weischeckigen Ochsen vor einen Heuwagen gespannt, und nachdem
die rote Kiste, das grne Lgel und der geschnitzte Vorratskasten auf
den Wagen gestellt waren, wurde schlielich Patron Julius selbst, dessen
Augen von Trnen geblendet waren, nicht auf den Vorratskasten oder auf
die Kiste gesetzt, sondern auf den Rcken des weischeckigen Ochsen.

Seht, so ist der Mensch, zu schwach, um dem Leid in all seiner
Bitterkeit zu begegnen! O Freunde, sicher beweinten die Kavaliere diesen
Freund, der von dannen zog, um zu sterben, diese welkende Lilie, diesen
sterbenden Singschwan, und doch erleichterte es die Beklommenheit ihres
Herzens, als sie ihn so von dannen ziehen sahen, auf dem Rcken des
groen Ochsen reitend, whrend sein fetter Krper vom Schluchzen bebte;
seine Arme, zu einem letzten Umfangen ausgebreitet, senkten sich in
Verzweiflung, und seine Augen suchten Gerechtigkeit bei einem strengen
Himmel.

Da drauen auf der Landstrae kehrten dem umnebelten Patron Julius die
Sinne zurck, und er merkte, da er auf dem schaukelnden Rcken eines
Tieres sa. Und da, so erzhlt man, begann er ber alles nachzugrbeln,
was sich in siebzehn Jahren ereignen kann. Die alte Kajsa war auffallend
verndert. Hatten die Haferkrippe und die Kleewiesen auf Ekeby so viel
vermocht? Und er rief -- ich wei nicht, ob die Steine am Wege oder die
Vgel in dem Gestruch es hrten --, aber wahr ist es, da er rief: Der
Teufel soll mich frikassieren, wenn ich nicht glaube, da du Hrner
bekommen hast, Kajsa!

Nachdem er noch eine Weile gegrbelt hatte, lie er sich sanft von dem
Rcken des Ochsen hinabgleiten, stieg in den Heuwagen, setzte sich auf
den Vorratskasten und fuhr in tiefe Gedanken versunken weiter.

Bald darauf, in der Nhe von Broby, vernahm er taktfesten Gesang:

     Eins zwei,
     Nur immer zu!
     Pantoffel und Schuh.
     Die Wermlandjger kommen herbei!
     Eins zwei, eins zwei!

So tnte es ihm entgegen; aber es waren keine Jger, es waren die
munteren Frulein aus Berga und einige von den schnen Tchtern des
Amtmanns aus Munkerud, die des Weges daherkamen. Sie hatten ihre kleinen
Vorratsbeutel an langen Stcken aufgehngt, die sie wie ein Gewehr
schulterten, und zogen mutig dahin in der Sommerhitze und sangen
taktfest:

     Eins zwei, nur immer zu!

Wohin geht die Reise, Patron Julius? riefen sie, als sie ihm
begegneten, ohne auf die Wolken der Sorge zu achten, die seine Stirn
umflorten.

Ich ziehe fort aus dem Hause der Snde und Eitelkeit, sagte Patron
Julius. Ich will nicht lnger unter Tagedieben und Missettern
verweilen. Ich kehre heim zu meiner Mutter.

Ach! riefen sie, das ist ja nicht wahr! Patron Julius kann doch Ekeby
nicht verlassen!

Ja, entgegnete er und schlug mit der geballten Hand auf die
Kleiderkiste. Wie Loth aus Sodom und Gomorra, so fliehe ich aus Ekeby.
Jetzt gibt es dort nicht _einen_ Gerechten mehr. Aber wenn sich die Erde
unter ihnen auftut, wenn Feuer und Schwefel vom Himmel herabregnen, da
will ich mich ber Gottes gerechtes Gericht freuen. Lebt wohl, ihr
kleinen Mdchen! Htet euch vor Ekeby!

Er wollte weiterfahren, aber damit waren die munteren Mdchen keineswegs
einverstanden. Sie hatten die Absicht, den Donnerfelsen zu besteigen.
Aber der Weg war lang, und sie hatten wohl Lust, in Julius' Heuwagen bis
an den Fu des Berges zu fahren. Glcklich, wer sich ber den
Sonnenschein des Lebens freuen kann und keiner Krbispflanze bedarf, um
seinen Scheitel zu beschatten! In zwei Minuten hatten die jungen
Mdchen ihren Willen durchgesetzt. Patron Julius kehrte um und fuhr sie
bis an den Donnerfelsen. Lchelnd sa er auf dem Vorratskasten, whrend
die jungen Mdchen den Heuwagen fllten. Am Wege entlang wuchsen Winden
und Kamillen und Pechnelken. Der Ochse mute von Zeit zu Zeit ein wenig
ruhen, dann stiegen die jungen Mdchen ab und pflckten Blumen. Bald
hingen bunte Krnze um Julius' Kopf und um die Hrner des Ochsen.

Ein wenig weiterhin kamen sie an helle, junge Birken und dunkle
Erlenbsche. Da stiegen sie vom Wagen und brachen Zweige ab, um ihn
damit zu schmcken. Bald war er zu schauen wie ein wandernder Wald. So
ging es den ganzen Tag mit Spiel und Lustigkeit.

Je weiter der Tag vorschritt, um so sanfter und milder wurde Patron
Julius. Er traktierte die jungen Mdchen aus seinem Vorratskasten und
sang ihnen Lieder vor. Als sie auf dem Gipfel des Donnerfelsens standen,
die ausgedehnte Landschaft so stolz und schn unter sich -- da fhlte
Julius sein Herz mchtig pochen, die Worte strmten ihm ber seine
Lippen, und er redete ber sein geliebtes Land:

Ach, Wermland, sagte er, du schnes, du herrliches Land! Oft wenn ich
dich auf einer Karte vor mir gesehen habe, dann habe ich darber
nachgedacht, was du eigentlich vorstellst; aber jetzt verstehe ich, was
du bist. Du bist ein alter, frommer Eremit, der mit gekreuzten Beinen,
die Hnde im Scho, still dasitzt und trumt. Du hast eine Zipfelmtze
ber deine halbgeschlossenen Augen gezogen. Du bist ein Grbler, ein
heiliger Trumer, und du bist wunderbar schn. Groe Wlder sind dein
Gewand. Lange Bnder von blauem Wasser und gerade Reihen von blauen
Bergen verbrmen es. Du bist so natrlich, da der Fremde nicht sieht,
wie schn du bist. Du hast die Armut, die die Frommen zu besitzen
wnschen. Regungslos sitzest du da, whrend die Wellen des Wenersees
deine Fe und deine gekreuzten Beine umsplen. Zur Linken breiten sich
deine Erzlager und deine Gruben. Das ist dein pochendes Herz. Gen Norden
liegen die dunklen, schnen Wiesen der Einsamkeit, des Geheimnisvollen.
Das ist dein trumendes Haupt.

Wenn ich dich sehe, du alter, ernsthafter Riese, so fllen sich meine
Augen mit Trnen. Du bist strenge in deiner Schnheit, du bist Andacht,
Armut, Entsagung, und doch sehe ich mitten in deiner Strenge die sanften
Zge der Milde. Ich sehe dich und bete dich an. Sehe ich nur hinein in
den tiefen Wald, berhrt nur ein Zipfel deines Gewandes mich, so findet
meine Seele Heilung. Stunde fr Stunde, Jahr fr Jahr habe ich in dein
heiliges Antlitz geschaut. Welche Rtsel verbirgst du nicht unter den
gesenkten Augenlidern, du Gottheit der Entsagung? Hast du das Rtsel des
Lebens oder des Todes gelst, oder grbelst du nach, du Heiliger, du
Riesengleicher? Fr mich bist du der Hter ernster, groer Gedanken.
Aber ich sehe Menschen auf dir und um dich wimmeln, Wesen, die nie die
Hoheit des Ernstes auf deiner Stirn gesprt haben. Sie sehen nur die
Schnheit deines Antlitzes und deiner Glieder und lassen sich davon
betren, so da sie alles vergessen.

Wehe mir, wehe uns allen, uns Kindern Wermlands! Schnheit, Schnheit
und nichts weiter verlangen wir vom Leben! Wir, Kinder des Entsagens,
des Ernstes, der Armut, erheben unsere Hnde in einem einzigen langen
Gebet und begehren dies einzige Gut: Schnheit! Mge das Leben sein wie
ein Rosenbusch, blhend von Liebe, Wein und Freude, und mgen seine
Rosen einem jeden erreichbar sein! Siehe, dies wnschen wir, und unser
Land trgt die Zge der Strenge, des Ernstes, der Entsagung. Unser Land
ist das ewige Symbol der Grbelei, wir aber haben keine Gedanken.

O Wermland, du schnes, du herrliches Land!

So sprach er mit Trnen in den Augen und mit einer Stimme, die vor
Begeisterung bebte. Die jungen Mdchen lauschten ihm voll Staunen, aber
nicht ohne Rhrung. Nur wenig ahnten sie die Tiefe des Gefhls, die sich
unter dieser Oberflche verbarg, die von Scherz und Lachen glitzerte.

Als der Abend nahte und sie wieder auf den Heuwagen stiegen, wuten die
jungen Mdchen kaum, wohin Patron Julius sie gefahren hatte, ehe sie vor
der Treppe von Ekeby hielten.

Nun wollen wir hierhinein und ein Tnzchen machen, ihr kleinen
Mdchen! sagte Patron Julius.

Was sagten denn die Kavaliere, als sie Patron Julius herbeikommen sahen,
einen welken Kranz um den Hut und den Wagen voll junger Mdchen?

Dachten wirs uns doch, da die jungen Mdchen mit ihm abgezogen wren,
sagten sie, sonst htten wir ihn schon vor Stunden wieder hiergehabt!
Denn die Kavaliere entsannen sich sehr wohl, da dies genau das
siebzehnte Mal war, da Patron Julius den Versuch gemacht hatte, Ekeby
zu verlassen, -- regelmig einmal jedes Jahr. Jetzt hatte Patron Julius
sowohl diesen Versuch als auch alles andere vergessen. Sein Gewissen
schlief von neuem seinen einjhrigen Schlaf.

Er war ein seltener Mann, dieser Patron Julius. Er war leicht im Tanz,
munter am Spieltisch. Feder und Violinbogen lagen ihm gleich leicht in
der Hand. Er hatte ein leichtbewegliches Herz und schne Worte auf der
Zunge, sein Mund war voll von Liedern. Aber was htte ihm dies alles
gentzt, wenn er nicht ein Gewissen gehabt htte, das nur einmal im Jahr
von sich hren lie, gleich jenen Eintagsfliegen, die sich aus der
dunklen Tiefe erheben und die Flgel ausbreiten, um nur einige Stunden
in Tageslicht und Sonnenschein zu leben.




Die tnernen Heiligen


Die Kirche zu Svartsj ist von innen und von auen wei; die Wnde sind
wei, die Kanzel, die Bnke, die Pulpitur, die Decke, die
Fensterbretter, die Altardecke -- alles ist wei. In der Svartsjer
Kirche ist kein Schmuck, da sind keine Bilder, keine Wappenschilder.
ber dem Altar steht nur ein hlzernes Kreuz mit einem weien, leinenen
Tuch. Frher war das anders. Da war die Decke voller Malereien, da war
eine Mannigfaltigkeit von bunten Figuren aus Stein und Ton in diesem
Gotteshause.

Einstmals, vor vielen Jahren an einem Sommertage, hatte ein Knstler in
Svartsj dagestanden und den Zug der Wolken nach der Sonne hin
beobachtet. Er hatte die weien, schimmernden Wolken, die am Morgen
unten am Horizont stehen, sich hher und hher auftrmen sehen, er
hatte alle die schwebenden Kolosse grer und grer werden und zu dem
Hohen emporstrmen sehen. Sie spannten die Segel aus wie Schiffe. Sie
erhoben ihre Standarten wie Krieger. Sie zogen aus, um den ganzen Himmel
zu erobern. Der Sonne, diesem Herrscher des Weltenraums gegenber,
verstellten sie sich, diese wachsenden Wunder, und nahmen eine ganz
unschuldige Gestalt an.

Da war zum Beispiel ein reiender Lwe, der sich in eine gepuderte Dame
verwandelte. Da war ein Riese mit Armen, die alles zermalmen konnten;
der legte sich hin wie eine trumende Sphinx. Einige schmckten ihre
weie Nacktheit mit goldverbrmten Mnteln, andere streuten rote
Schminke auf schneeweie Wangen. Da waren Ebenen. Da waren Wlder. Da
waren festgemauerte Burgen mit hohen Trmen. Die weien Wolken errangen
die Herrschaft ber den Wolkenhimmel. Sie fllten die ganze blaue
Wlbung. Sie erreichten die Sonne und verbargen sie.

Ach, wie schn, dachte der fromme Knstler, wenn die sehnsuchtsvollen
Geister auf die turmhohen Berge hinaufsteigen knnten und von ihnen wie
auf einem schaukelnden Schiff hher und hher hinausgetragen wrden.

Und pltzlich ward es ihm klar, da die weien Wolken des Sommertages
die Fahrzeuge waren, auf denen die Seelen der Seligen dahinzogen.

Er sah sie dort oben, dort standen sie auf den schwebenden Massen mit
Lilien in der Hand und goldenen Kronen auf dem Haupte. Die Luft hallte
wider von ihrem Gesang. Engel flogen auf starken, breiten Flgeln herab,
um ihnen zu begegnen. O, welch eine Menge von Seligen! Je mehr sich die
Wolken ausbreiteten, desto mehr wurden sichtbar. Sie ruhten auf den
Wolkenbetten wie weie Wasserrosen auf einem stillen See. Sie schmckten
sie, wie die Lilien das Feld schmcken. Welch eine jubelnde Fahrt in die
Hhe hinauf! Eine Wolke nach der andern rollte heran, und alle waren sie
angefllt mit himmlischen Heerscharen in Rstungen von Silber, mit
unsterblichen Sngern in purpurverbrmten Mnteln.

Dieser Knstler hatte spter die Decke in der Svartsjer Kirche gemalt.
Dort hatte er die schwebenden Wolken des Sommertages wiedergeben wollen,
die die Seligen in die Herrlichkeit des Himmels einfhrten. Die Hand,
die den Pinsel fhrte, war krftig gewesen, aber ein wenig steif, so da
die Wolken mehr den krausen Locken in einer Allongepercke glichen als
wachsenden Bergen aus weichem Nebel. Und so wie sich die Heiligen vor
der Phantasie des Malers gebildet hatten, war er nicht imstande gewesen,
sie wiederzugeben; er hatte sie auf Menschenweise in lange rote Mntel
und steife Bischofsmtzen gekleidet oder in groe Kaftane mit steifen
Priesterkragen. Er hatte ihnen groe Kpfe und kleine Glieder gegeben
und hatte sie mit Taschentchern und Gebetbchern versehen. Lateinische
Sentenzen hingen ihnen aus dem Munde, und fr die, die er fr die
hervorragendsten hielt, hatte er solide, hlzerne Sthle auf den
Wolkenkmmen angebracht, so da sie in einer bequemen sitzenden Stellung
in die Ewigkeit eingefhrt werden konnten.

Aber Gott und alle Welt wuten ja, da sich Geister und Engel dem armen
Knstler niemals gezeigt hatten, und deswegen wunderte man sich auch
nicht weiter, da er sie nicht so berirdisch schn hatte machen knnen.
Manch einer hatte aber doch wohl die Malerei des guten Meisters beraus
schn gefunden, und sie hatte manch eine heilige Stimmung erweckt. Sie
htte wohl verdient, auch von unsern Augen geschaut zu werden.

Aber im Kavalierjahr lie Graf Dohna die ganze Kirche wei malen. Da
wurde die Deckenmalerei verdorben. Ebenso wurden alle die tnernen
Heiligen vernichtet.

Ach, diese tnernen Heiligen!

Es wre besser fr mich gewesen, wenn mir menschliche Not so viel Kummer
htte bereiten knnen, wie ich ihn ber ihren Untergang empfunden -- wenn
mich menschliche Grausamkeit gegen Menschen mit einer solchen Bitterkeit
htte erfllen knnen, wie ich sie um ihretwillen gekostet habe.

Aber denkt nur, da war ein St. Olaf mit einer Krone auf dem Helm, einer
Axt in der Hand und einem berwundenen Riesen unter den Fen; da war
auf der Kanzel eine Judith in rotem Mieder und blauem Rock, ein Schwert
in der einen, ein Stundenglas in der andern Hand -- als Ersatz fr das
Haupt des assyrischen Feldherrn; da war eine geheimnisvolle Knigin von
Saba mit blauer Taille und rotem Rock, mit einem Gnsefu an dem einen
Bein, die Hnde voll von sibyllinischen Bchern; da war ein grauer St.
Jrgen, der ganz allein auf einer Bank im Chor lag, denn sowohl das
Pferd als auch der Drache waren zerschlagen; da war St. Kristoffer mit
seinem grnenden Stab und St. Erich mit Zepter und Axt in einem
fufreien, goldgeblmten Mantel.

Gar manchen Sonntag habe ich dort in der Svartsjer Kirche gesessen und
mich darber gegrmt, da die Bilder fort waren und mich nach ihnen
gesehnt. Ich wrde es nicht so genau genommen haben, wenn ihnen die Nase
oder die Fe gefehlt htten, wenn die Vergoldung abgegangen wre. Ich
htte sie vom Glanz der Legenden umstrahlt gesehen.

Es soll stets so mit diesen Heiligen gewesen sein, da sie ihre Zepter
oder ihre Ohren oder ihre Nase verloren und wieder instand gesetzt und
aufgeputzt werden muten. Aber die Bauern htten den Heiligen kein Leid
zugefgt, wenn Graf Henrik Dohna nicht gewesen wre. Er lie sie
fortnehmen.

Ich habe ihn deswegen gehat, wie nur ein Kind hassen kann. Ich habe ihn
gehat, wie ein armer Fischer einen unwissenden Knaben hat, der sein
Netz zerstrt und ihm ein Loch in sein Boot geschlagen hat. Ich habe ihn
gehat, wie der hungrige Bettler die geizige Hausfrau hat, die ihm das
Brot verweigert. Wie habe ich nicht gehungert und gedrstet whrend der
langen Gottesdienste! Er hatte das Brot fortgenommen, von dem mein Geist
leben sollte. Wie sehnte ich mich nicht in die Unendlichkeit hinaus,
hinauf zum Himmel! Und er hatte mein Fahrzeug zerstrt, hatte mein Netz
zerrissen, mit dem ich die heiligen Visionen hatte fangen wollen.

In der Welt der Erwachsenen ist kein Raum fr einen richtigen Ha. Wie
knnte ich jetzt wohl ein so elendes Wesen wie diesen Grafen Dohna
hassen, oder einen so wahnsinnigen Menschen wie Sintram oder eine so
verlebte Weltdame wie die Grfin Mrta! Aber als ich ein Kind war -- ja,
da war es ein Glck fr sie, da sie schon lange tot waren.

Der Pfarrer stand vielleicht gerade auf der Kanzel und sprach von
Frieden und Vershnlichkeit, aber seine Worte waren auf unserm Platz
unten in der Kirche niemals zu hren. Ach, htte ich nur die alten
tnernen Heiligen gehabt, die htten mir wohl predigen sollen, so da
ich es hren und verstehen konnte.

Aber nun sa ich gewhnlich da und dachte darber nach, wie es
eigentlich zuging, da sie geraubt und zerstrt wurden.

Als Graf Dohna seine Ehe hatte fr ungltig erklren lassen, statt seine
Frau aufzusuchen und sie besttigen zu lassen, erregte dies einen
gerechten Zorn bei allen; denn man wute, da Grfin Elisabeth sein Haus
nur verlassen hatte, um nicht zu Tode gemartert zu werden. Es schien
nun, als wenn er Gottes Gnade und die Achtung der Menschen durch eine
gute Tat wiedergewinnen wolle, und deshalb lie er die Kirche zu
Svartsj renovieren. Er lie die ganze Kirche wei malen und das
Deckengemlde herunterreien. Er selber und seine Knechte trugen die
Bildwerke in ein Boot und versenkten sie in die Tiefe des Lfsees.

Wie konnte er es doch nur wagen, Hand an diese Gewaltigen des Herrn zu
legen?

Da diese Untat geschehen durfte! -- Fhrte denn die Hand, die
Holofernes' Haupt abgeschlagen hatte, kein Schwert mehr? Hatte die
Knigin von Saba all ihre herrliche Weisheit vergessen, die gefhrlicher
verwundet als ein giftiger Pfeil? St. Olaf, du alter Wiking, St.Jrgen,
du alter Drachentter, lebt denn das Gercht von euren Heldentaten nicht
mehr, ist der Glorienschein der Wunder verblat? Aber es verhielt sich
wohl so, da die Heiligen keine Gewalt gegen diese Gewaltttigen
gebrauchen wollten. Da die Svartsjer Bauern doch keine Farbe mehr fr
ihre Kleider und keine Vergoldung mehr fr ihre Kronen spendieren
wollten, fanden sie sich darein, da Graf Dohna sie hinaustrug und sie
in die bodenlose Tiefe des Lfsees versenkte. Sie wollten dort nicht
lnger stehen und Gottes Haus verunglimpfen. Die rmsten, sie dachten
wohl an die Zeit, da sie mit Gebeten und Kniefllen verehrt wurden!

Ich sa da und dachte an dies Boot mit seiner Last aus Heiligen, das an
einem stillen Sommerabend im August ber die blanke Flche des Lfsees
dahinglitt. Der Ruderknecht zog die Ruder langsam durch das Wasser und
warf den seltsamen Passagieren, die da hinten im Boot lagen, scheue
Blicke zu; Graf Dohna aber, der auch mit dabei war, frchtete sich
nicht. Er nahm sie nacheinander mit hchsteigenen Hnden und warf sie
ins Wasser. Seine Stirn war klar und er atmete tief auf. Er fhlte sich
wie ein Vorkmpfer der reinen evangelischen Lehre. Und es geschah kein
Wunder den alten Heiligen zu Ehren. Still und mutlos sanken sie in die
Vernichtung hinab.

Aber am nchsten Sonntagmorgen stand die Svartsjer Kirche schimmernd
wei da. Keine Bildwerke strten mehr die Ruhe der inneren Betrachtung.
Nur mit dem seelischen Auge sollen die Frommen die Herrlichkeit des
Himmels und die heiligen Visionen schauen. Die Gebete der Menschen
sollen auf ihren eigenen Schwingen zum Hchsten hinaufgelangen. Sie
sollen sich nicht mehr an dem Kleidersaum der Heiligen festklammern.

Grn ist die Erde, die herrliche Wohnung der Menschen, blau ist der
Himmel, das Ziel ihrer Sehnsucht. Die Welt strahlt von Farben. Weswegen
ist die Kirche wei? Wei wie der Winter, nackt wie die Armut, bleich
wie die Angst. Sie schimmert nicht von Reif wie der Wald im Winter. Sie
strahlt nicht in Perlen und Spitzen wie eine weie Braut. In kalter,
weier Leimfarbe steht die Kirche da, ohne Bildsule, ohne Gemlde.

An jenem Sonntag sa Graf Dohna in einem blumengeschmckten Lehnstuhl im
Chor, damit alle ihn sehen und preisen knnten. Jetzt wollte er geehrt
werden, weil er die alten Bnke hatte instand setzen lassen, weil er die
verunglimpfenden Bildsulen zerstrt hatte, neues Glas in alle
zersprungenen Fenster hatte setzen und die ganze Kirche mit Leimfarbe
hatte streichen lassen. Es stand ihm ja frei, das alles zu tun. Wenn er
den Zorn des Allmchtigen mildern wollte, so war es ja gut, da er
seinen Tempel schmckte, so gut er es verstand. Weshalb aber nahm er
denn Lob dafr entgegen?

Er, der mit einem durch unvershnte Strenge belasteten Gewissen kam, er
htte sich ja vor der Armenbank auf die Knie werfen und seine Brder und
Schwestern in der Kirche bitten mssen, zu Gott zu flehen, da er ihn in
seinem Heiligtum dulde. Es wre besser fr ihn gewesen, dort als armer
Missetter zu stehen, als oben im Chor zu sitzen und Lob und Ehren in
Empfang zu nehmen, weil er sich hatte mit Gott vershnen wollen.

Ach, Graf Henrik! Gott hatte dich sicher auf der Armenbank erwartet! Er
lie sich nicht dadurch betren, da die Menschen dich nicht zu tadeln
wagten. Er ist noch immer der strenge Gott, der die Steine reden lt,
wenn die Menschen schweigen.

Als der Gottesdienst beendet und der letzte Gesang gesungen war,
verlie niemand die Kirche, der Pfarrer aber stieg auf die Kanzel, um
dem Grafen eine Dankesrede zu halten. Aber so weit sollte es denn doch
nicht kommen!

Denn die Tr ffnete sich pltzlich, und die alten Heiligen kamen wieder
herein, triefend vom Wasser des Lfsees, beschmutzt von grnem Schlamm
und braunem Morast. Sie hatten wohl gehrt, da hier dem eine Lobrede
gehalten werden sollte, der sie aus Gottes heiligem Haus vertrieben und
sie in die kalten, auflsenden Wogen versenkt hatte. Die alten Heiligen
wollten auch ein Wort mit zu reden haben.

Sie lieben das einfrmige Pltschern der Wellen nicht.

Sie sind an Gebete und frommen Gesang gewhnt. Sie schwiegen und fanden
sich in alles, solange sie glaubten, da es zu Gottes Ehre geschhe.
Aber das war nicht der Fall. Hier sitzt Graf Dohna, umgeben von Ruhm und
Ehren, oben im Chor und will in Gottes Haus angebetet und gepriesen
werden. Das knnen sie nicht zugeben. Deswegen sind sie aus ihrem
feuchten Grab heraufgestiegen und kommen in die Kirche gewandert, und
die ganze Gemeinde erkennt sie wieder. Dort geht St. Olaf mit der Krone
ber dem Helm und St. Erich mit den goldenen Blumen auf dem Mantel und
der graue St. Jrgen und St. Kristoffer. Mehr sind es nicht; die Knigin
von Saba und Judith sind nicht mitgekommen.

Als aber die Leute sich ein wenig von ihrem Staunen erholt haben, geht
ein hrbares Flstern durch die Kirche: Die Kavaliere!

Freilich sind es die Kavaliere. Und sie gehen, ohne ein Wort zu sagen,
direkt auf den Grafen zu, heben seinen Stuhl auf ihre Schultern, tragen
ihn zur Kirche hinaus und setzen ihn auf dem Kirchenhgel nieder.

Sie sagen nichts und schauen weder nach rechts noch nach links. Sie
tragen ganz einfach Graf Dohna aus dem Gotteshause heraus, und als das
geschehen ist, gehen sie wieder, den nchsten Weg nach dem See
einschlagend. Niemand hielt sie auf und niemand gab sich damit ab, ber
ihre Absicht nachzugrbeln -- die lag klar auf der Hand. Wir Kavaliere
von Ekeby haben unsere eigene Ansicht. Graf Dohna verdient es nicht, im
Gotteshause gepriesen zu werden, deshalb tragen wir ihn hinaus. Jetzt
mag ihn hereinholen, wer da will.

Aber er wurde nicht wieder hereingeholt. Die Lobrede des Pfarrers wurde
niemals gehalten. Die Gemeinde strmte zur Kirche hinaus. Da war
niemand, der nicht gefunden htte, da die Kavaliere richtig gehandelt
hatten.

Sie dachten an die frhliche junge Grfin, die sie auf Borg so grausam
geqult hatten. Sie dachten an sie, die so gut gegen die Armen gewesen,
die so schn zu schauen war, da es schon einen Trost gewhrte, sie nur
anzusehen.

Wohl war es sndhaft, in einem solchen Aufzug in die Kirche zu kommen,
aber sowohl der Pfarrer als auch die Gemeinde fhlten, da sie im
Begriff gestanden hatten, noch rgeren Spott mit dem lieben Gott zu
treiben. Und sie standen den verwilderten alten Tollkpfen gegenber
ganz beschmt da.

Wenn die Menschen schweigen, mssen die Steine reden, sagten sie.

Aber nach jenem Tage konnte Graf Henrik es gar nicht mehr auf Borg
aushalten. In einer finsteren Nacht zu Anfang August hielt eine
geschlossene Kutsche vor der groen Freitreppe. Alle Dienstboten
stellten sich ringsumher auf, und in Schals gehllt, einen dichten
Schleier vor dem Gesicht, kam Grfin Mrta heraus. Der Graf fhrte sie,
aber sie zitterte und bebte. Nur mit der grten Schwierigkeit konnte
man sie bewegen, ber die Diele und die Treppe hinabzugehen.

Und dann sa sie glcklich im Wagen, der Graf sprang hinter ihr hinein,
die Tren wurden zugeschlagen, und der Kutscher trieb die Pferde an. Als
die Elstern am nchsten Morgen erwachten, war sie auf und davon.

Der Graf lebte seither fern im Sden. Borg wurde verkauft und hat hufig
den Besitzer gewechselt. Alle mssen das schne Stck Erde lieben, aber
wohl nur wenige sind dort glcklich gewesen.




Gottes Gesandter


Gottes Gesandter, Hauptmann Lennart, kam an einem Nachmittag im August
in den Brobyer Gasthof gewandert und ging geradeswegs in die Kche. Er
befand sich auf dem Wege nach seinem Heim Helgester, das eine
Viertelmeile nrdlich von Broby hart am Waldesrande liegt.

Hauptmann Lennart wute damals noch nicht, da er ein Gesandter Gottes
hier auf Erden werden sollte. Sein Herz war von jubelnder Freude erfllt
bei dem Gedanken, da er sein Heim wiedersehen sollte. Er hatte ein
hartes Schicksal durchgekmpft, aber nun war er daheim, nun sollte alles
wieder gut werden. Er wute nicht, da er einer von denen werden sollte,
die nicht unter eigenem Dache ruhen, die sich nicht am eigenen Herde
wrmen drfen.

Hauptmann Lennart hatte einen frhlichen Sinn. Als er niemand in der
Kche traf, wirtschaftete er dort herum wie ein wilder Bube. Im
Handumdrehen verstellte er den Webstuhl und brachte die Schnur des
Spinnrades in Unordnung. Er warf die Katze dem Hund an den Kopf und
lachte, da es durch das ganze Haus schallte, als die beiden Kameraden
in der Hitze des Augenblicks die alte Freundschaft brachen und mit
gekrmmten Krallen, mit wtenden Blicken und borstigem Haar aufeinander
losfuhren.

Und dann kam, vom Lrm herbeigelockt, die Wirtin herein. Sie blieb auf
der Trschwelle stehen und betrachtete den Mann, der ber die kmpfenden
Tiere lachte. Sie kannte ihn wohl, als sie ihn aber zuletzt sah, hatte
er mit Handeisen auf dem Gefngniskarren gesessen. Sie entsann sich
dessen sehr wohl. Vor fnf und einem halben Jahr hatte ein Dieb auf dem
Wintermarkt in Karlstad alle die Schmucksachen der Frau des
Landeshauptmanns gestohlen. Viele Ringe, Armbnder und Spangen, auf die
die vornehme Frau groe Stcke hielt -- denn es waren alles Geschenke und
Erbstcke --, waren verloren gegangen. Sie wurden niemals gefunden. Aber
im ganzen Lande verbreitete sich das Gercht, da Hauptmann Lennart auf
Helgester der Dieb sei.

Die Buerin hatte niemals begreifen knnen, wie ein solches Gercht
entstehen konnte. War denn dieser Hauptmann Lennart nicht ein guter,
ehrenhafter Mann? Er hatte in glcklicher Ehe mit seiner Frau gelebt,
die er erst vor ein paar Jahren heimgefhrt hatte; denn seine Mittel
hatten es ihm erst spt erlaubt, sich zu verheiraten. Hatte er jetzt
nicht sein gutes Auskommen durch sein Gehalt und seine Amtswohnung? Was
sollte wohl einen solchen Mann dazu verleiten, Armbnder und Ringe zu
stehlen? Und noch wunderbarer erschien es ihr, da ein solches Gercht
Glauben finden und so klar bewiesen werden konnte, da Hauptmann Lennart
seinen Abschied bekam, seinen Orden verlor und zu fnf Jahren
Zwangsarbeit verurteilt wurde.

Er hatte selber gesagt, er sei auf dem Markt gewesen, sei aber von dort
heimgekehrt, ehe er von dem Diebstahl gehrt habe. Auf der Landstrae
habe er eine hliche, alte Spange gefunden, die er mitgenommen und
seinen Kindern geschenkt habe. Aber diese Spange war von Gold und
gehrte zu den gestohlenen Sachen; und das wurde sein Unglck. Aber im
Grunde war Sintram an allem schuld gewesen. Der bse Mann hatte den
Anklger gespielt und ein Zeugnis abgegeben, das ihn gefllt hatte. Es
schien fr ihn ganz notwendig gewesen zu sein, Hauptmann Lennart aus dem
Wege zu schaffen, denn bald darauf wurde eine gerichtliche Verhandlung
gegen ihn selber eingeleitet, weil man entdeckte, da er den Norwegern
in dem Kriegsjahre 1814 Pulver verkauft hatte. Man glaubte allgemein,
da er Hauptmann Lennart als Zeugen gefrchtet habe. Jetzt wurde er
wegen mangelnder Beweise freigesprochen.

Die Wirtin konnte sich nicht satt sehen an dem Manne. Sein Haar war grau
geworden und sein Rcken gebeugt -- er hatte sicher harte Tage
durchgemacht. Aber sein freundliches Gesicht und seine gute Laune hatte
er noch. Er war noch derselbe Hauptmann Lennart, der sie als Braut an
den Altar gefhrt und auf ihrer Hochzeit getanzt hatte. Noch immer blieb
er am Wege stehen, um mit jedem Menschen zu reden, der ihm begegnete, um
jedem Kinde eine Mnze zuzuwerfen; er wrde noch jedem alten, runzeligen
Weibe sagen, da sie mit jedem Tage jnger und schner werde, er konnte
sich noch sehr wohl auf eine Tonne stellen und den Leuten aufspielen,
die um einen Maibaum tanzten. Ach Gott, ja!

Nun, Mutter Karin, begann er, mag Sie mich denn nicht einmal
ansehen?

Er war eigentlich eingekehrt, um zu hren, wie es den Seinen daheim
ergehe, ob sie ihn erwarteten. Sie muten ja wissen, da er seine Strafe
ungefhr um diese Zeit verbt hatte.

Die Wirtin hatte nur Gutes zu berichten. Seine Frau sei so tchtig
gewesen wie ein Mann. Sie habe die Amtswohnung von dem neuen Inhaber
gepachtet, und alles sei ihr wohl gelungen. Die Kinder seien munter, es
wre ein Vergngen, sie anzusehen. Und natrlich erwarteten sie ihn. Die
Frau des Hauptmanns war eine strenge Frau, die niemals ber das sprach,
was sie dachte; so viel aber wute die Wirtin, da niemand mit Hauptmann
Lennarts Lffel hatte essen oder in seinem Stuhl hatte sitzen drfen,
whrend er fort war. Jetzt im Frhling war kein Tag vergangen, wo sie
nicht auf den hchsten der Brobyer Hgel gegangen war und den Weg
hinabgeschaut hatte, ob er wohl nicht kam. Und neue Kleider hatte sie
fr ihn bereit, eigengemachte Kleider, die sie fast ausschlielich
allein angefertigt hatte. An alledem konnte man doch sehen, da er
erwartet wurde, selbst wenn sie nichts sagte.

Sie glauben es doch nicht? fragte Hauptmann Lennart.

Nein, Herr Hauptmann, erwiderte die Bauernfrau, niemand glaubt es!

Da hielt es Hauptmann Lennart nicht lnger im Zimmer, da wollte er heim.

Drauen traf er ganz zufllig gute, alte Freunde. Die Kavaliere von
Ekeby waren gerade in den Gasthof gekommen. Sintram hatte sie dahin
eingeladen, um seinen Geburtstag zu feiern. Und die Kavaliere besannen
sich keinen Augenblick, die Hand des Strafgefangenen zu drcken und ihn
wieder willkommen zu heien. Dasselbe tat auch Sintram.

Lieber Lennart, sagte er, sei du fest berzeugt, da Gott einen Zweck
dabei gehabt hat.

Du Schurke! rief Lennart. Glaubst du etwa, ich wte es nicht, da es
nicht der liebe Gott gewesen, der dich vom Richtblock befreit hat?

Die andern lachten, Sintram aber wurde ganz und gar nicht bse. Er hatte
gar nichts dagegen, da man Anspielungen darauf machte, da er mit dem
Bsen im Bunde stand.

Und dann berredeten sie Hauptmann Lennart, wieder mit hineinzukommen
und einen Willkommsbecher zu trinken; dann knne er ja gleich
weitergehen. Aber es erging ihm bel. Er hatte seit fnf Jahren nicht
das geringste von diesen heimtckischen Waren genossen. Er hatte
vielleicht den ganzen Tag nichts gegessen und war erschpft von der
langen Wanderung. Infolgedessen machten ihn ein paar Glser ganz
umnebelt.

Als die Kavaliere ihn erst so weit hatten, da er nicht mehr recht
wute, was er tat, zwangen sie ihm ein Glas nach dem andern auf. Sie
meinten nichts Bses damit, es war nur Wohlwollen gegen ihn, der seit
fnf Jahren nichts dergleichen gekostet hatte.

Sonst war er der nchternste Mann, den man sich nur denken konnte. Man
kann ja auch begreifen, da er nicht die Absicht hatte, sich zu
betrinken -- er wollte ja nach Hause zu Frau und Kindern. Stattdessen
aber blieb er auf der Bank im Schenkzimmer liegen und schlief ein.

Wie er nun so verfhrerisch bewutlos dalag, nahm Gsta eine Kohle und
ein wenig Kronsbeerensaft und malte ihn damit an. Er gab ihm ein echtes
Verbrechergesicht; er meinte, das passe gut fr ihn, da er doch soeben
aus dem Gefngnis kam. Er gab ihm ein blaues Auge, zog ihm eine rote
Narbe ber die Nase, zog das Haar in zusammengekletteten Bscheln in die
Stirn hinein und schwrzte ihm das ganze Gesicht mit Ru.

Sie lachten eine Weile darber, dann wollte Gsta es abwaschen.

Ach nein, la es! sagte Sintram, dann kann er es sehen, wenn er
erwacht. Es wird ihn amsieren.

Und so blieb es, wie es war, und die Kavaliere dachten nicht mehr an den
Hauptmann. Das Trinkgelage whrte die ganze Nacht. Bei Tagesgrauen
brachen sie auf. Da war zweifelsohne mehr Wein als Verstand in ihren
Kpfen.

Jetzt trat die Frage an sie heran, was sie mit Hauptmann Lennart
anfangen sollten.

Wir fahren ihn nach Hause, sagte Sintram. Denkt doch, wie seine Frau
sich freuen wird. Es wird ein Genu, ihre Freude zu sehen. Ich werde
ganz gerhrt, wenn ich nur daran denke. Lat uns ihn nach Hause fahren.

Sie wurden alle ganz gerhrt bei dem Gedanken. Groer Gott, wie sie sich
freuen wrde, die gestrenge Frau auf Helgester!

Sie rttelten Hauptmann Lennart, bis er erwachte, und setzten ihn auf
einen der Wagen, die die mden Stallknechte schon lngst vorgefahren
hatten. Und dann zog die ganze Schar nach Helgester; einige schliefen
halb und waren nahe daran, vom Wagen zu fallen, andere sangen, um sich
wach zu erhalten. Sie sahen alle miteinander nicht viel besser aus als
Landstreicher mit ihren schlaffen, geschwollenen Gesichtern.

Sie kamen indessen an ihren Bestimmungsort, lieen Pferde und Wagen im
Hinterhof halten und stiegen mit einer gewissen Feierlichkeit die Treppe
hinan. Beerencreutz und Julius fhrten den Hauptmann zwischen sich.

Erwache jetzt, Lennart, sagten sie zu ihm, du bist jetzt zu Hause.
Siehst du denn nicht, da du zu Hause bist?

Er ri die Augen auf und wurde beinahe nchtern. Er war ganz gerhrt,
da sie ihm das Geleite gegeben hatten.

Meine Freunde! sagte er stehenbleibend, um zu ihnen allen auf einmal
zu reden. Ich habe Gott gefragt, weshalb ich so viel Bses habe
erleiden mssen.

Ach schweig, Lennart, sagte Beerencreutz, behalte deine Predigten fr
dich.

La ihn nur reden, sagte Sintram, er spricht ganz gut.

Ich habe ihn gefragt und habe es nicht verstanden; jetzt aber verstehe
ich es ganz gut. Er wollte mir zeigen, was fr Freunde ich habe.
Freunde, die mich heimgeleiten, um meine und meiner Gattin Freude zu
sehen. Denn meine Gattin erwartet mich. Was sind fnf Jahre des Elends
hiergegen?

Jetzt donnerten harte Fuste an die Tr. Die Kavaliere hatten keine
Zeit, mehr zu hren.

Drinnen entstand Bewegung. Die Mgde erwachten und sahen hinaus. Sie
warfen schnell einige Kleider ber, wagten es aber nicht, dieser Schar
von Mnnern zu ffnen. Endlich wurden die Riegel zurckgeschoben. Frau
Lennart selber trat heraus.

Was wollt ihr? fragte sie.

Beerencreutz antwortete: Wir bringen dir deinen Mann.

Sie schoben Hauptmann Lennart vor, und sie sah ihn auf sich zu
schwanken, betrunken, mit einem Verbrechergesicht. Und hinter ihm
erblickte sie die ganze Schar betrunkener, schwankender Mnner.

Sie ging einen Schritt zurck, er folgte ihr mit ausgebreiteten Armen.
Du gingst als Dieb, rief sie aus, und als Landstreicher kommst du
zurck! Damit wollte sie ins Haus gehen.

Er verstand sie nicht. Er wollte ihr folgen, da versetzte sie ihm einen
Sto vor die Brust. Glaubst du, da ich gesonnen bin, so einen wie dich
als Herrn ber mein Haus und ber meine Kinder aufzunehmen? fragte sie.

Die Tr fiel ins Schlo und der Riegel wurde vorgeschoben. Hauptmann
Lennart strzte auf die Tr zu und fing an, daran zu rtteln.

Da konnten die Kavaliere sich des Lachens nicht enthalten. Er war
seiner Gattin so sicher gewesen, und nun wollte sie nichts von ihm
wissen. Das fanden sie ergtzlich.

Als Hauptmann Lennart hrte, da sie lachten, fuhr er auf sie ein und
wollte sie schlagen. Sie liefen davon und sprangen auf ihre Wagen. Er
hinterdrein, aber in seinem Eifer strauchelte er ber einen Stein und
fiel. Er stand wieder auf, verfolgte sie aber nicht weiter. In seiner
Verwirrung zuckte ihm ein Gedanke durch den Kopf: In dieser Welt
geschieht nichts ohne den Willen Gottes, nicht das geringste.

Wohin willst du mich fhren? fragte er. Ich bin eine Feder, die vor
deinem Atemhauch dahinfliegt. Ich bin dein Spielball. Wohin willst du
mich fhren? Weshalb verschliet du mir die Tr zu meinem Heim?

Er wanderte fort von seinem Hause in dem Glauben, da dies Gottes Wille
sei.

Als die Sonne aufging, stand er oben auf den Brobyer Hgeln und schaute
ins Tal hinab. Ach, die Bevlkerung des Tals wute damals nicht, da ihr
Erretter nahe war. Da war kein Armer, kein Betrbter, der Krnze
gewunden und sie ber die Tr zu seiner Htte gehngt hatte. Es waren
keine Bltter von duftendem Lavendel und Feldblumen auf die Schwelle
gelegt, die er betreten sollte. Die Mtter nahmen nicht ihre Kinder auf
die Arme, um ihn ihnen zu zeigen, wenn er kam. Das Innere der Htten
stand nicht fein und geputzt da, der schwarze Feuerherd von duftenden
Wacholderzweigen verborgen. Die Mnner arbeiteten nicht mit rastlosem
Eifer auf dem Felde, damit die wohlgepflegten cker und die gut
gegrabenen Grben sein Auge erfreuen sollten.

Ach, von dort aus, wo er stand, sah sein bekmmerter Blick, wie die
Drre die Gegend verwstet hatte, wie versengt die Saaten waren, wie die
Bevlkerung es kaum der Mhe wert hielt, die Erde fr die Saat des neuen
Jahres vorzubereiten. Er sah zu den blauen Bergen auf, und die
Morgensonne zeigte ihm die braunen, verdorrten Stellen, wo der Waldbrand
gerast hatte. Er beschaute die Birken am Wegesrande, die waren vor Drre
fast eingegangen. Er konnte es an verschiedenen kleinen Anzeichen merken
-- an dem Geruch der Mast, wenn er an einem Hofe vorberkam, an den
Zunen, die umgefallen waren, an der geringen Menge Brennholz, die nach
Hause gefahren und zerkleinert war, -- da die Leute sich nicht um ihre
Sachen bekmmerten, da die Not gekommen war, da die Menschen ihren
Trost in Gleichgltigkeit und im Branntwein suchten.

Aber vielleicht war es gut fr ihn, da er sah, was er sah. Denn ihm war
es nicht vergnnt, die Saat auf seinem eigenen Acker grnen und keimen
zu sehen, es war ihm nicht vergnnt, an seinem eigenen Herd zu sitzen
und zu sehen, wie die glhenden Kohlen erloschen, auch nicht zu fhlen,
wie sich die weichen Hnde seiner Kinder in seine eigenen legten, oder
eine fromme Gattin an seiner Seite zu haben. Vielleicht war es gut fr
ihn, dessen Sinn von schwerem Kummer belastet war, da es andere gab,
denen er Trost in ihrer Armut schenken konnte. Vielleicht war es gut fr
ihn, da diese Zeit eine so bittere Zeit war, wo die Kargheit der Natur
Armut ber die kleinen Leute gebracht hatte, wo manch einer, der
glcklicher gestellt war, das Seine tat, um sie zu verderben. Denn nicht
umsonst hatte der Pfarrer von Broby als begehrlicher Geizhals unter
seinen Gemeindegliedern gesessen, statt ihnen ein rechter Hirte zu
sein; nicht umsonst hatten die Kavaliere in Verschwendung und
Trunkenheit regiert, nicht umsonst hatte Sintram ihnen den wilden
Glauben beigebracht, da Zerstrung und Tod ber sie alle hereinbrechen
werde.

Hauptmann Lennart stand dort auf dem Brobyer Hgel und mute
unwillkrlich denken, da Gott seiner vielleicht bedrfe. Er ward auch
nicht von einer reuigen Gattin heimgerufen.

Es mu noch erwhnt werden, da die Kavaliere spter gar nicht begreifen
konnten, da sie die Schuld an Frau Lennarts hartem Benehmen trugen.
Sintram sagte nichts. In der Gegend wurden viele mibilligende Worte
ber die Gattin laut, die zu stolz gewesen war, um einen so guten Mann
aufzunehmen. Man erzhlte, da sie jeden kurz unterbrach, der den
Versuch machte, mit ihr von ihrem Gatten zu reden. Sie konnte es nicht
ertragen, da sein Name genannt wurde. Hauptmann Lennart aber tat
nichts, um sie auf andere Gedanken zu bringen.

Es war einen Tag spter.

Ein alter Bauer in Hgberg liegt auf dem Totenbette. Er hat das
Sakrament empfangen und seine Lebenskraft ist verzehrt; er mu sterben.
Rastlos wie jemand, der im Begriff steht, eine lange Reise anzutreten,
lt er sein Bett aus der Kche in die Stube und aus der Stube wieder
zurck in die Kche bringen. Hieraus kann man, mehr als aus seinem
schweren Rcheln, erkennen, da seine letzte Stunde gekommen ist.

Um ihn herum stehen seine Frau, seine Kinder, sein Gesinde. Er war
glcklich, reich und angesehen gewesen Sein Totenbett ist nicht einsam.
Er ist in seiner letzten Stunde nicht von ungeduldigen Fremden umgeben.
Der alte Mann spricht von sich immer selber, als stehe er vor Gottes
Angesicht, und mit vielen Seufzern und besttigenden Worten bezeugen die
Umstehenden, da seine Rede wahr ist.

Ich bin ein fleiiger Arbeiter und ein guter Hausherr gewesen, sagte
er. Ich habe meine Frau geliebt wie meine rechte Hand. Ich habe meine
Kinder nicht ohne Zucht und Pflege aufwachsen lassen. Ich habe nicht
getrunken. Ich habe die Grenzscheide nicht verrckt. Ich habe meinem
Pferd, wenn es bergan ging, nicht die Sporen gegeben, ich habe die Khe
im Winter nicht hungern lassen. Ich habe die Schafe im Sommer nicht mit
ihrer Wolle herumlaufen lassen.

Und um ihn her wiederholt das weinende Gesinde wie ein Echo: Er ist ein
guter Hausherr gewesen, ach, Herr Gott! Er hat dem Pferd, wenn es bergan
ging, nicht die Sporen gegeben, er hat die Khe im Winter nicht hungern
lassen.

Aber ganz unbemerkt ist ein armer Mann zur Tr hereingekommen, um ein
wenig Speise und Trank zu erbitten. Auch er hrt die Worte des
Sterbenden, wie er schweigend an der Tr steht.

Und der Kranke beginnt wieder: Ich habe die Wlder urbar gemacht und
die Wiesen ausgetrocknet. Ich habe den Pflug in geraden Furchen gezogen.
Ich habe die Scheune dreimal so gro gebaut, zu dreimal mehr Saatkorn
als zu meiner Vter Zeiten. Ich habe drei silberne Becher von blanken
Speziestalern machen lassen -- mein Vater lie nur einen machen.

Die Worte des Sterbenden dringen bis an das Ohr des Fremdlings an der
Tr. Er hrt ihn von sich selber zeugen, als stnde er vor Gottes Thron.
Er hrt die Kinder und das Gesinde besttigend wiederholen: Er fuhr den
Pflug in geraden Furchen, das tat er.

Gott wird mir schon einen guten Platz in seinem Himmelreich geben,
sagt der Alte.

Der liebe Gott wird unsern Herrn wohl gut aufnehmen, sagt das Gesinde.

Der Mann an der Tr hrt die Worte, und Entsetzen ergreift ihn, der fnf
lange Jahre hindurch Gottes Spielball gewesen ist, eine Feder, die von
seinem Atemhauch bewegt wird. Er tritt an den Kranken heran und ergreift
seine Hand.

Mein Freund, mein Freund, sagt er, und seine Stimme zittert vor
Erregung, hast du bedacht, wer der Herr ist, vor dessen Antlitz du bald
treten sollst? Er ist ein groer Gott, ein mchtiger Gott. Welten sind
seine cker, der Sturm ist sein Pferd. Groe Himmel erzittern unter dem
Gewicht seiner Futritte. Und du stellst dich ihm gegenber und sagst:
'Ich habe gerade Furchen gezogen, ich habe Roggen gest, ich habe Holz
geschlagen.' Willst du dich vor ihm rhmen und dich mit ihm messen? Du
weit nicht, wie mchtig der Herr ist, nach dessen Reich du ziehst!

Der Alte reit die Augen auf, sein Antlitz verzerrt sich vor Angst, sein
Rcheln wird heftiger.

Tritt nicht mit groen Worten vor deinen Gott! fhrt der Wandersmann
fort. Die Mchtigen auf Erden sind wie gedroschenes Stroh in seiner
Scheune. Sein Tagewerk besteht darin, Samen zu sen. Er hat die Meere
gegraben und die Berge aufgetrmt; er hat die Erde mit Krutern
bekleidet. Er ist ein Arbeiter ohnegleichen; du kannst dich nicht mit
ihm messen. Beuge dich vor ihm, du fliehende Menschenseele! Wirf dich in
den Staub vor deinen Herrn und Gott! Gottes Sturm fhrt ber dich hin.
Gottes Zorn ist ber dir wie ein verheerendes Gewitter. Beuge dich!
Erfasse wie ein Kind den Zipfel seines Mantels und flehe um Schutz!
Wlze dich im Staube, bitte um Gnade! Demtige dich vor deinem Schpfer,
du Menschenseele!

Die Augen des Kranken stehen weit geffnet, seine Hnde falten sich,
aber sein Antlitz erhellt sich, und der rchelnde Laut hlt inne.

Menschenseele! fliehende Menschenseele! ruft der Mann aus. So sicher,
wie du dich jetzt in deiner letzten Stunde demtig vor deinem Gott
niedergeworfen hast, so sicher ist es, da er dich als Kind auf seine
Arme nehmen und dich in die Herrlichkeit seines Himmels einfhren wird.

Der Alte seufzt noch einmal tief auf, und alles ist vorbei. Hauptmann
Lennart beugt sein Haupt und betet. Alle im Zimmer beten unter tiefen
Seufzern.

Als sie aufschauen, liegt der alte Bauer in tiefem Frieden. Seine Augen
scheinen noch zu strahlen von dem Widerschein herrlicher Bilder, sein
Mund lchelt, sein Antlitz leuchtet. Er hat Gott geschaut.

O du groe, schne Menschenseele! denken alle, die ihn gesehen haben, so
hast du denn die Banden des Staubes zerrissen. In deiner letzten Stunde
erhobest du dich zu deinem Schpfer. Du demtigtest dich vor ihm, und er
hob dich wie ein Kind auf seine Arme.

Er hat Gott geschaut, sagt der Sohn und drckt dem Toten die Augen zu.

Er sah den Himmel offen, schluchzen die Kinder und das Gesinde.

Die alte Mutter legt ihre zitternde Hand in Hauptmann Lennarts Rechte:
Herr Hauptmann, Ihr habt ihn ber das Schlimmste hinweggeholfen.

Er steht stumm da. Ihm ist die Gabe der starken Worte und der groen
Handlungen gegeben. Er wei nicht wie. Er zittert wie ein Schmetterling
am Rande der Puppe, whrend seine Flgel sich im Sonnenschein entfalten
und strahlen wie die Sonne selber.

       *       *       *       *       *

Dieser Augenblick trieb Hauptmann Lennart unter die Leute hinaus. Sonst
wre er wohl nach Hause gegangen und htte seiner Frau sein wahres
Gesicht gezeigt, aber von diesem Augenblick an glaubte er, da Gott
seiner bedrfe. So wurde er denn Gottes Gesandter, der den Armen zu
Hilfe kam. Die Not war gro zu jener Zeit, und da war viel Elend, dem
Klugheit und guter Wille steuern konnten, besser als Gold und Macht es
vermocht htten.

Hauptmann Lennart kam eines Tages zu den armen Bauern, die in der Gegend
um den Gurlitaberg wohnten. Unter ihnen war die Not gro; sie hatten
keine Kartoffeln mehr, und sie konnten keinen Roggen auf den versengten
Feldern sen, denn es fehlte ihnen an Saatkorn.

Da nahm Hauptmann Lennart ein kleines Boot und ruderte geradeswegs ber
den See und bat Sintram, ihnen Roggen und Kartoffeln zu geben. Sintram
nahm ihn gut auf: er fhrte ihn auf die groen, wohlversehenen
Kornbden und hinab in die Keller, wo noch Kartoffeln von der
vorjhrigen Ernte lagen, und lie ihn alle die Scke und Beutel fllen,
die er mitgebracht hatte.

Als aber Sintram das kleine Boot sah, meinte er, da es fr die groe
Last viel zu klein sei. Der bse Mann lie die Scke in eins seiner
groen Boote tragen und es von seinem Knecht, dem starken Mns, ber den
See rudern. Hauptmann Lennart brauchte nur acht auf sein kleines Boot zu
geben.

Der starke Mns segelte aber doch an ihm vorbei, denn er war ein Meister
im Rudern und gewaltig stark. Hauptmann Lennart sitzt auch da und
trumt, whrend er ber den schnen See rudert: er denkt an das
wunderliche Schicksal der kleinen Saatkrner. Jetzt sollen sie auf den
schwarzen Erdboden geworfen werden, der voller Asche ist, zwischen
Steine und Baumstmpfe, aber sie werden schon wachsen und Wurzeln
schlagen in der Wildnis! Er denkt an die weichen, lichtgrnen Halme, die
die Erde bedecken werden, und er beugt sich in Gedanken herab und
streichelt mit der Hand liebkosend darber hin. Und dann denkt er, wie
der Herbst und der Winter hingehen werden ber diese armen Kleinen, die
so spt aus der Erde emporgekommen sind, und wie sie doch frisch und
mutig sein werden, wenn der Frhling kommt, und sie allen Ernstes
wachsen sollen. Da freut sich sein altes Kriegerherz bei dem Gedanken an
die steifen Strohhalme, die so rank und mehrere Ellen hoch mit spitzen
hren dastehen werden. Die hren werden mit ihren kleinen Federbschen
fcheln, der Samenstaub aus den Staubgefen wird bis oben hinauf in die
Baumwipfel fliegen, und dann, unter sichtlichem Kampf und Angst, werden
die hren mit sen, weichen Krnern gefllt werden. Und spter, wenn
die Sense kommt und die Halme fallen, und wenn der Dreschflegel
klappernd darber hinfhrt, wenn die Mhle die Krner zu Mehl zermahlt,
und das Mehl zu Brot verbacken wird, wie viel Hunger wird da nicht durch
die Saatkrner vor ihm im Boot gestillt werden!

Sintrams Knecht legte an der Landungsbrcke der Gurlitabauern an, und
viele hungrige Menschen kamen an das Boot hinab. Da sagte der Knecht,
wie sein Herr ihm befohlen hatte: Herr Sintram sendet euch hier Malz
und Korn. Er hat gehrt, da es euch an Branntwein gebricht.

Da wurden die Menschen wie toll. Sie strzten in das Boot hinab und
sprangen ins Wasser, um sich der Scke und Beutel zu bemchtigen. Aber
das war keineswegs Hauptmann Lennarts Absicht gewesen.

Er war jetzt auch gelandet, und er ward zornig, als er die bereiltheit
der Bauern sah. Er wollte die Kartoffeln als Nahrungsmittel und den
Roggen zur Aussaat verteilen; er hatte gar nicht daran gedacht, um Malz
zu bitten.

Er rief ihnen zu, die Scke liegen zu lassen, sie aber gehorchten ihm
nicht.

So mge euch denn der Roggen zu Sand und die Kartoffeln zu Stein in
euren Hlsen werden! rief er, denn er war sehr erbittert, da sie ihm
das Korn wegrissen.

Im selben Augenblick sah es aus, als wenn Hauptmann Lennart ein Wunder
getan habe. Zwei Frauen, die sich um einen Beutel zankten, rissen ein
Loch hinein und bekamen nichts als Sand. Die Mnner, die die
Kartoffelscke trugen, merkten, da sie so schwer waren, als seien sie
mit Steinen gefllt.

Es war alles Sand und Steine, nichts als Sand und Steine. Die Leute
standen in stillem Entsetzen ber diesen Mann Gottes, der zu ihnen
gekommen war. Hauptmann Lennart selber stand einen Augenblick starr vor
Staunen da. Der starke Mns aber lachte.

Rudere du heim, Mann, sagte Hauptmann Lennart, ehe den Bauern klar
wird, da niemals etwas anderes als Sand in den Scken gewesen ist,
sonst frchte ich, da sie dein Boot in den Grund bohren.

Ich bin nicht bange, sagte der Knecht.

Rudere aber doch nur lieber nach Hause, sagte Hauptmann Lennart in so
bestimmtem Ton, da er es tat.

Und dann erzhlte Hauptmann Lennart den Bauern, da Sintram sie
angefhrt habe, wie es sich nun aber verhalten mochte, so wollten sie
doch nicht anders glauben, als da ein Wunder geschehen war. Das Gercht
hierber verbreitete sich bald, und da die Vorliebe des gewhnlichen
Mannes fr das Wunderbare gro ist, so entstand allgemein der Glaube,
da Hauptmann Lennart Wunder tun knne. Dadurch erhielt er eine groe
Macht ber die Bauern, und sie nannten ihn den Gesandten Gottes.




Der Kirchhof


Es war an einem schnen Abend im August. Der Lfsee lag klar da wie ein
Spiegel, Sonnennebel hllte die Erde ein, die Abendkste senkte sich
herab.

Beerencreutz, der Oberst mit dem dicken weien Schnurrbart, untersetzt,
stark wie ein Riese und mit den Rabougekarten in der hinteren
Rocktasche, kam an den See hinabgegangen und setzte sich in ein flaches
Boot. Major Andas Fuchs, sein Waffenbruder, und der kleine Ruster, der
Fltenspieler, der bei den Wermlnder Jgern Trommelschlger gewesen und
viele Jahre lang dem Obersten als sein Freund und Diener gefolgt war,
befanden sich in seiner Gesellschaft.

Am jenseitigen Ufer des Sees liegt der Kirchhof. Der vernachlssigte
Svartsjer Kirchhof ist nur sprlich geschmckt mit schiefen,
wackelnden, eisernen Kreuzen; voll von Hgeln liegt er da wie eine
umgepflgte Wiese, mit Riedgras bewachsen und mit dem streifigen Gras,
das im Munde des Volkes Menschengras heit, um daran zu erinnern, da
das Leben eines jeden Menschen nicht dem des andern gleicht, sondern da
sie verschieden sind wie die Bltter dieser Pflanze. Da sind keine
kiesbedeckten Steige, keine schattenspendenden Bume, auer der groen
Linde auf dem vergessenen Grabe des alten Pfarrers. Hoch und traurig
umgibt die steinerne Mauer den rmlichen Fleck. rmlich und trostlos ist
der Kirchhof. Hlich wie das Antlitz eines Geizhalses, das durch die
Jammerrufe derer verheert ist, dessen Glck er gestohlen hat. Und doch
sind sie selig, die hier drauen ruhen, die in geweihter Erde unter
geistlichen Liedern und Gebeten hinabgesenkt sind. Acquilon, den
Spieler, ihm, der im vergangenen Jahr auf Ekeby starb, muten sie
auerhalb der Mauer begraben. Dieser Mann, der einstmals so stolz und so
ritterlich war, der tapfere Krieger, der khne Jger, der Spieler, der
das Glck gefangenhielt, er hat damit geendet, da er das Erbteil seiner
Kinder durchbrachte, wie auch alles, was er selbst erworben und was
seine Frau zusammengespart hatte. Frau und Kinder hatte er vor vielen
Jahren verlassen, um das Leben eines Kavaliers auf Ekeby zu fhren.
Eines Abends im vergangenen Sommer hatte er das Gut verspielt, das ihnen
ihren Lebensunterhalt gewhrte. Da erscho er sich -- lieber tot, als
seine Schulden bezahlen. Aber die Leiche des Selbstmrders wurde
auerhalb der moosbewachsenen Mauer des armseligen Kirchhofes begraben.

Nach seinem Tode waren da nur noch zwlf Kavaliere gewesen, nach seinem
Tode war keiner wieder hinzugekommen; um den Platz des Dreizehnten
einzunehmen, kein anderer als der Schwarze, der am Weihnachtsabend aus
dem Schmelzofen herausgekrochen kam.

Die Kavaliere hatten sein Schicksal bitterer gefunden als das seines
Vorgngers. Sie wuten ja, da einer von ihnen in jedem Jahr sterben
mute. Es war ja auch nichts Bses dabei, Kavaliere drfen nicht alt
werden. Wenn ihre matten Augen die Karten nicht mehr unterscheiden
knnen, wenn ihre zitternden Hnde das Glas nicht mehr heben knnen, was
ist ihnen da das Leben, und was sind sie dem Leben? Aber wie ein Hund an
der Kirchhofsmauer zu liegen, wo die Grassoden einen nicht in Ruhe
bedecken drfen, sondern von den weidenden Schafen niedergetreten, vom
Spaten und Pflug zerschnitten werden, wo der Wandersmann schnell
vorbergeht, ohne seinen eiligen Gang zu hemmen, wo die Kinder spielen,
ohne ihr Lachen und ihre Scherze zu dmpfen -- dort zu ruhen, wo die
steinerne Mauer den Laut verhindert hineinzudringen, wenn der Engel des
Jngsten Gerichts mit seiner Posaune die Toten da drinnen erweckt -- o,
dort zu ruhen!

Jetzt rudert Beerencreutz in seinem Boot ber den Lfsee. Er zieht zur
Abendzeit ber den See meiner Trume, an dessen Ufern ich Gtter habe
wandern sehen und aus dessen Tiefe mein Traumschlo aufsteigt. Er rudert
vorber an den Lagunen der Lag-Insel, wo sich die Tannen von niedrigen,
kreisfrmigen Sandbnken gerade aus dem Wasser erheben, und wo die
Ruinen der zerstrten Seeruberburg noch auf der steilen Felsklippe der
Insel liegen; er rudert unter dem Tannenwald auf der Landzunge von Borg
hin, wo die alte Tanne noch an dicken Wurzeln ber die Schlucht hngt,
dort, wo ein mchtiger Br einstmals gefangen wurde und wo alte
Steinhaufen und Hnengrber von dem Alter des Ortes zeugen.

Er rudert rund um die Landzunge herum, steigt gerade vor dem Kirchhof
aus dem Boot und geht dann ber abgemhte Felder, die dem Grafen auf
Borg gehren, bis an Acquilons Grab.

Da beugt er sich nieder und streichelt die Grassoden, wie man leise die
Decke streichelt, unter der ein kranker Freund ruht. Dann holt er seine
Rabougekarten hervor und setzt sich neben das Grab nieder.

Er liegt hier so einsam, Johan Frederick, er sehnt sich gewi nach
einem Spiel Karten.

Eine Snde und Schande ist es, da ein solcher Mann hier drauen liegen
soll, sagt der groe Brenjger Anders Fuchs und setzt sich neben ihn.

Aber der kleine Ruster, der Fltenspieler, dankt mit bewegter Stimme,
whrend die Trnen fleiig aus seinen kleinen roten Augen tropfen.

Nchst Euch, Oberst, nchst Euch war er der beste Mann, den ich gekannt
habe.

Das war der kleine Ruster, der Straenjunge aus Karlstad, der ein
groer Tagedieb und Raufbold gewesen war, den aber die Liebe zur Musik
ganz wunderbar zivilisiert hatte, so da er sich zum Gleichgestellten
seines Herrn aufschwang. Zwei groe Heldentaten hatte er aus seiner
Jugend zu berichten. Die eine war die, da er und Acquilon nach Gteborg
hinabgefahren waren und als groe Herren gelebt, in den feinsten Hotels
gegessen, in den reichsten Husern verkehrt, mit den schnsten Damen
getanzt und jede Nacht um Tausende von Kronen Karten gespielt hatten,
und das alles, ohne einen einzigen re zu besitzen. Und die andre, da
er einmal als Trommelschlger bei dem Regiment seines lieben Obersten
mit dabei gewesen war, einen feindlichen Angriff abzuwehren, da unten in
Deutschland. Das halbe Regiment war schon niederschlagen, aber er und
der Oberst rhrten sich nicht vom Fleck. Da kam ein Adjutant vom
Kronprinzen. Rckzug! rief er dem Obersten zu. Grt Se.kgl. Hoheit
und sagt, da ich mich bis auf den letzten Mann schlagen und dann mit
dem Rest den Rckzug antreten werde, erwiderte der Oberst, und die
Soldaten riefen: Hurrah! und der kleine Ruster schlug einen jubelnden
Trommelwirbel.

Seit jenem Tage waren der Oberst und Ruster immer Freunde gewesen, aber
dem Kronprinzen war Beerencreutz seither ein Dorn im Auge, und er hatte
seinen Abschied ohne Gnade oder Pension bekommen. Und das kam nun daher,
weil er zu tapfer gewesen war, sagte der kleine Ruster.

Diese drei wrdigen Mnner sitzen nun in der Runde um das Grab und geben
die Karten, eifrig und ernsthaft.

Ich sehe ber die Welt hinaus, ich sehe viele Grber. Dort ruhet der
Mchtige, vom Marmorstein beschwert. Der Trauermarsch braust ber ihn
hin. Fahnen senken sich ber das Grab. Ich sehe die Grber derer, die
viel geliebt sind. Trnenbenetzte Blumenkrnze ruhen leicht auf dem
Rasen ber ihnen. Ich sehe vergessene Grber und vermessene Grber,
Ruhesttten, die lgen, und andre, die nichts sagen. Nie aber habe ich
Treffbube einen Bewohner des Grabes zu Gast einladen sehen.

Johan Frederick hat gewonnen, sagt der Oberst stolz. Wute ich es
doch. Ich habe ihn spielen gelehrt. Ja, jetzt sind wir tot, wir alle
drei, und er ist der einzige, der lebt.

Damit sammelt er die Karten zusammen, erhebt sich und kehrt, von den
andern gefolgt, nach Ekeby zurck. Nun mu der Tote doch wohl gesprt
haben, da nicht alle ihn und sein verlassenes Grab vergessen haben. Es
ist eine seltsame Huldigung, die verwirrte Herzen denen darbringen, die
sie lieben; aber der, der auerhalb der Mauer liegt, dessen toter Krper
nicht in geweihter Erde hat Ruhe finden knnen, er mu sich doch darber
freuen, da nicht alle ihn verwerfen.

Freunde, Menschenkinder, wenn ich sterbe, werde ich wohl mitten auf dem
Friedhof in dem Erbbegrbnis meiner Vter ruhen. Ich habe meinen Lieben
ihren Lebensunterhalt nicht geraubt, habe auch die Hand nicht gegen mein
eigenes Leben erhoben, aber sicherlich habe ich nicht solche Liebe
gewonnen, sicherlich wird niemand so viel fr mich tun, wie die
Kavaliere fr diesen Verbrecher taten. Es kommt sicherlich niemand am
Abend, wenn die Sonne untergeht und wenn es traurig und einsam im
Garten der Toten wird, um die bunten Karten zwischen meine knochigen
Finger zu legen.

Es kommt nicht einmal jemand -- und das wrde ich noch lieber sehen, denn
die Karten locken mich nur wenig -- mit Violine und Bogen an mein Grab,
damit mein Geist, der unter dem Rasen in moderndem Staub umherwankt,
sich auf den Strmen der Tne wiegen kann, wie sich ein Schwan auf
glitzernden Wellen wiegt.




Alte Lieder


Marianne Sinclaire sa an einem stillen Nachmittag zu Ende August in
ihrem Zimmer und ordnete ihre Briefe und andere Papiere.

Alles lag und stand um sie her. Groe lederne Reisetaschen und
eisenbeschlagene Wagenladen waren ins Zimmer gezogen. Ihre Kleider waren
ber Sthle und Sofas gebreitet. Aus Bodenkammern und aus den Schrnken
und aus den gebeizten Truhen war alles hervorgeholt, Seide und feine
Leinwand schimmerte, Schmucksachen waren herausgelegt, um geputzt zu
werden, Schals und Pelzwerk sollten ausgesucht und nachgesehen werden.

Marianne stand im Begriff, sich zu einer langen Reise zu rsten. Es war
ungewi, ob sie jemals wieder heimkehren wrde. Sie stand an einem
Wendepunkt in ihrem Leben und verbrannte deswegen eine Menge alter
Briefe und Tagebcher. Die Erinnerung an die Vergangenheit sollte sie
nicht beschweren.

Wie sie so dasitzt, fllt ihr ein Pckchen alter Lieder in die Hand. Es
waren Abschriften von alten Volksliedern, die ihre Mutter ihr
vorzusingen pflegte, als sie noch klein war. Sie lste die Schnur, mit
der sie zusammengebunden waren, und fing an zu lesen.

Sie lchelte wehmtig, als sie eine Weile gelesen hatte; es war eine
wundervolle Weisheit, die diese alten Lieder verkndeten:

Glaube nicht dem Glck, glaube nicht den Zeichen des Glcks, glaube
nicht den Rosen und den lieblichen Blumen.

Glaube nicht dem Lachen, sagten sie. Siehe, die schne Jungfer
Valborg fhrt in roter, goldverzierter Kutsche, und doch ist sie so
traurig, als wenn Hufe und Rder ber das Glck ihres Lebens dahingehen
sollten.

Glaube nicht dem Tanz, sagten sie. Manch ein Fu gleitet leicht ber
die gebohnte Diele dahin, whrend das Herz schwer ist wie Blei. Jung
Kirsten trat den Tanz so heiter und froh, whrend sie ihr junges Leben
forttanzte.

Glaub nicht dem Scherz, sagten sie. Mancher geht mit scherzendem
Munde zu Tische und wrde doch gern sterben, so traurig ist er. Dort
sitzt schn Adelin und lt sich Herzog Frydenborgs Herz in neun Stcken
servieren, fest berzeugt, da dies der Anblick ist, der ihr Kraft
verleihen wird, sterben zu knnen.

Ach, ihr armen Lieder, woran soll man glauben? An Trnen und Kummer?

Selten seufzt ein frohes Herz, oft aber lacht ein trauriger Mund. An
Trnen und Seufzer glauben die alten Lieder, an Kummer und an Zeichen
des Kummers. Der Kummer ist der wirkliche, der bestehende, der feste
Grundfelsen unter dem losen Sand. An den Kummer kann man glauben und an
die Zeichen des Kummers.

Aber die Freude ist nichts als Kummer, der sich verstellt. Auf der Welt
gibt es eigentlich nichts weiter als Kummer.

Ach, ihr Trostlosen, sagte Marianne, wie viel zu kurz kommt nicht
eure alte Weisheit gegenber der Flle des Lebens!

Sie trat an das Fenster und schaute in den Garten hinaus, wo ihre Eltern
lustwandelten. Sie gingen auf den breiten Wegen auf und nieder und
sprachen ber alles, was ihrem Auge begegnete, ber das Gras des Feldes
und die Vgel des Himmels.

Siehe, sagte Marianne, da geht nun ein Herz und seufzt vor Kummer,
obwohl es noch nie zuvor so glcklich gewesen ist. Und es fiel ihr
pltzlich ein, da schlielich doch wohl alles bei den Menschen selber
liege, da Freude und Kummer nur von ihrer verschiedenen Art und Weise,
die Dinge aufzufassen, abhinge. Sie fragte sich selbst, ob es Freude
oder Kummer sei, was ihr in dem letzten Jahr widerfahren. Sie wute es
selber kaum.

Sie hatte bittere Zeiten durchgemacht. Ihre Seele war krank gewesen; sie
war in ihrer tiefen Erniedrigung zu Boden gebeugt. Denn als sie nach
Hause zurckgekommen war, hatte sie zu sich selbst gesagt: Ich will
alles Bse vergessen, was mein Vater getan hat. Aber ihr Herz sprach
anders. Er hat mir einen tdlichen Schmerz verursacht, sagte es, er
hat mich von dem Geliebten getrennt, er hat mich zur Verzweiflung
gebracht, als er die Mutter schlug. Ich wnsche ihm nichts Bses, aber
ich frchte mich vor ihm. Und sie merkte, da sie sich zwingen mute,
ruhig sitzenzubleiben, wenn ihr Vater sich neben sie setzte; sie empfand
die grte Lust, vor ihm zu entfliehen. Sie versuchte, sich zu
ermannen, sie sprach mit ihm wie gewhnlich und hielt sich fast
ausschlielich in seiner Gesellschaft auf. Beherrschen konnte sie sich,
aber sie litt unsagbar. Es kam schlielich so weit, da sie alles an ihm
verabscheute: seine starke, grobe Stimme, seinen schwerflligen Gang,
seine groen Hnde, seine ganze, gewaltige Riesengestalt. Sie wnschte
ihm nichts Bses, sie wollte ihm nicht schaden, aber sie konnte sich ihm
nicht nhern, ohne ein Gefhl des Entsetzens und des Abscheus zu
empfinden. Ihr unterjochtes Herz rchte sich. Du lieest mich nicht
lieben, sagte es, aber ich bin dennoch dein Herr, du wirst noch damit
enden, mich zu hassen.

Gewohnt wie sie war, alles zu beobachten, was sich in ihrer Seele
rhrte, merkte sie sehr wohl, wie dieser Abscheu sich mit jedem Tage
steigerte. Gleichzeitig war es ihr, als sei sie fr bestndig an ihr
Heim gebannt. Sie sah ein, da es am besten sein wrde, wenn sie unter
Menschen kme, dazu aber konnte sie sich seit ihrer Krankheit gar nicht
entschlieen. Sie wrde niemals Linderung fr dies alles finden. Sie
wrde nur immer unglcklicher werden, und eines schnen Tages wrde es
mit ihrer Selbstbeherrschung ein Ende haben und sie wrde ihrem Vater
alles sagen und ihm die ganze Bitterkeit ihres Herzens zu erkennen
geben, und dann wrde Streit und Unglck entstehen.

So waren der Frhling und der erste Teil des Sommers vergangen. Im Juli
hatte sie sich mit Baron Adrian verlobt, um ihr eigenes Heim zu haben.

Eines schnen Vormittags war Baron Adrian auf einem prchtigen Pferd auf
den Hof gesprengt. Seine Husarenjacke hatte in der Sonne geblitzt und
gestrahlt, gar nicht zu reden von seinem eigenen frischen Gesicht und
seinen strahlenden Augen. Melchior Sinclaire hatte selber auf der Treppe
gestanden und ihn in Empfang genommen, als er kam. Marianne hatte am
Fenster gesessen und genht. Sie hatte ihn kommen sehen und hrte nun
jedes Wort, das er mit ihrem Vater sprach.

Guten Tag, Ritter Sonnenschein! rief der Gutsherr. Du bist ja ganz
verteufelt fein! Du solltest doch wohl nicht auf Freiersfen gehen?

Ja, Onkel, da hast du den Nagel auf den Kopf getroffen! antwortete er
lachend.

Hast du denn keine Scham mehr im Leibe, Junge? Womit willst du denn
deine Frau ernhren?

Ich habe nichts, Onkel! Htte ich etwas, so wrde ich mich schon hten,
ins Ehejoch zu kriechen.

Was du sagst, Ritter Sonnenschein! Aber die gestickte Jacke hast du dir
doch anschaffen knnen?

Auf Kredit, Onkel, auf Kredit!

Und das Pferd, auf dem du sitzest, schner Junker, das ist einen ganzen
Packen Geld wert. Woher hast du denn das?

Geborgt, Onkel!

Dem konnte der groe Gutsherr nicht widerstehen. Gott segne dich, mein
Junge, sagte er. Du hast freilich eine Frau ntig, die dir eine gute
Mitgift zubringt. Wenn du Marianne bekommen kannst, so nimm sie nur.

Auf diese Weise war alles zwischen ihnen klipp und klar gewesen, noch
ehe der Baron vom Pferde stieg. Aber Melchior Sinclaire wute sehr wohl,
was er tat, denn Baron Adrian war ein tchtiger Bursche.

Dann war der Freier zu Marianne hineingegangen und gleich mit seinem
Anliegen herausgeplatzt.

Ach, Marianne, liebe Marianne, ich habe schon mit deinem Vater
gesprochen. Ich mchte dich so gern zur Frau haben. Sage, da du es
willst, Marianne!

Sie hatte ihm die Wahrheit entlockt. Der alte Baron, sein Vater, hatte
sich wieder verleiten lassen, mehrere leere Gruben zu kaufen. Sein
ganzes Leben lang hatte der alte Baron Gruben gekauft, und es war
niemals etwas darin gewesen. Seine Mutter war besorgt, er selber war in
Schulden geraten, und nun hielt er um ihre Hand an, um dadurch sein
vterliches Gut und seine Husarenjacke zu retten. Sein Heim, die
Hedeby-Alm, lag jenseits des Sees, Bjrne fast gerade gegenber. Sie
kannte ihn sehr gut, waren sie doch Altersgenossen und Spielkameraden.

Du knntest dich wirklich mit mir verheiraten, Marianne, es ist ein
elendes Leben, das ich fhre. Ich mu auf geborgten Pferden reiten und
kann meine Schneiderrechnung nicht bezahlen. Auf die Dauer kann das ja
nicht gehen. Ich mu meinen Abschied nehmen, und dann jage ich mir eine
Kugel durch den Kopf.

Aber Adrian! was fr eine Ehe soll das nur werden? Wir sind ja nicht im
mindesten ineinander verliebt.

Ja, was die Liebe betrifft, so mache ich mir nichts aus dem Trdel,
hatte er darauf erklrt. Ich mag gern gute Pferde reiten und auf die
Jagd gehen, aber ich bin kein Kavalier, ich will arbeiten. Wenn ich nur
so viel Geld htte, da ich das Gut daheim bernehmen und meiner Mutter
sorgenlose Tage verschaffen knnte, so wollte ich schon zufrieden sein.
Ich wollte pflgen und sen, denn ich liebe die Arbeit.

Und dann hatte er sie mit seinen guten Augen angesehen, und sie wute,
da er die Wahrheit sprach und da er ein Mann war, auf den man sich
verlassen konnte. Sie verlobte sich mit ihm, hauptschlich um von Hause
fortzukommen, aber auch, weil sie ihn stets gut hatte leiden knnen.

Nie aber wrde sie den Monat vergessen, der nun folgte, jenen
Augustabend, an dem ihre Verlobung erklrt war, diese ganze Zeit des
Wahnsinns.

Baron Adrian war mit jedem Tage schweigsamer und melancholischer
geworden. Er kam oft genug nach Bjrne, zuweilen zweimal am Tage, aber
sie konnte nicht umhin, zu bemerken, wie verstimmt er war. Wenn er mit
andern zusammentraf, konnte er noch scherzen, in ihrer Gegenwart aber
wurde er ganz unmglich, lauter Schweigen und Langeweile. Sie verstand
sehr wohl, was ihm fehlte: es war nicht so leicht, wie er es sich
gedacht hatte, ein hliches Mdchen zu heiraten. Jetzt hatte er
Widerwillen gegen sie gefat. Niemand wute besser als sie selber, wie
hlich sie war. Sie hatte ihm wohl gezeigt, da sie kein Verlangen nach
Liebkosungen oder Liebesversicherungen besa, aber es war fr ihn
natrlich trotzdem eine Qual, sie sich als seine Gattin vorzustellen,
und das wurde mit jedem Tage schlimmer. Weshalb qulte er sich selber
denn so? Weshalb lste er die Verlobung denn nicht? Sie hatte ihm Winke
gegeben, die deutlich genug waren. Sie selber konnte nichts tun. Ihr
Vater hatte ihr geradezu gesagt, ihr Ruf vertrge keine weiteren
Extravaganzen in bezug auf Verlobungen. Da hatte sie beide gleich
grndlich verachtet, und jeder Ausweg, der sie aus dem Bereich dieser
ihrer beiden Herren fhrte, war ihr gut erschienen.

Und dann -- nur ein paar Tage nach dem groen Verlobungsfest -- war der
Umschlag gekommen, pltzlich und wunderbar.

       *       *       *       *       *

Im Kieswege auf Bjrne gerade vor der Treppe lag ein Stein, der viel
rgernis und Beschwerden verursachte. Wagen strzten darber, Pferde und
Menschen fielen darber, Mgde, die mit groen Milchbtten des Weges
kamen, strauchelten und verschtteten ihre Milch; der Stein blieb aber
trotzdem liegen, weil er so viele Jahre dort gelegen hatte. Er hatte
schon zu Lebzeiten der Eltern des Gutsherrn dort gelegen, lange ehe
irgend jemand daran dachte, Bjrne zu erbauen. Der Gutsherr konnte nicht
einsehen, weshalb er ihn sollte fortrumen lassen.

An einem der letzten Augusttage aber geschah es, da zwei Mgde, die
einen groen Kbel trugen, ber den Stein fielen. Sie kamen arg zu
Schaden, und der Unwille ber den Stein war gro.

Es war um die Frhstckszeit. Der Gutsherr machte seinen morgendlichen
Rundgang, da aber die Leute gerade auf dem Hofe waren, stellte Frau
Gustava zwei Knechte dabei an, den Stein herauszugraben. Sie kamen mit
Spaten und Hebeln, gruben und hoben, und schlielich gelang es ihnen
auch, den alten Friedensstrer aus seinem Loch herauszuheben. Dann
trugen sie ihn in den Hinterhof; das war eine Arbeit fr sechs Mann.

Kaum war der Stein fort, als der Gutsherr heimkehrte und die Zerstrung
auf den ersten Blick gewahrte. Da ergrimmte er. Er behauptete, es sei
gar nicht mehr dasselbe Gehft. Wer hatte es gewagt, den Stein
fortzuschaffen? Also Frau Gustava hatte den Befehl erteilt! Diese
Frauenzimmer hatten doch gar kein Herz im Leibe! Wute seine Frau denn
nicht, da er den Stein liebte?

Und dann ging er direkt auf den Stein zu, hob ihn mit seinen Armen auf
und trug ihn vom Hinterhof wieder auf den Hofplatz hinaus, an den Platz,
wo er bisher gelegen hatte; dort warf er ihn hin. Und es war ein Stein,
mit dem sechs Mnner ihre Mhe gehabt hatten. Diese Tat ward in ganz
Wermland sehr bewundert.

Whrend er den Stein ber den Hof trug, hatte Marianne im Ezimmer am
Fenster gestanden und ihn angeschaut. Nie zuvor war er ihr so
schrecklich erschienen. Er war ihr Herr, dieser Entsetzliche mit der
grenzenlosen Kraft! Ein unvernnftiger, launenhafter Herr, der nie
Rcksicht auf etwas anderes nahm als auf seine eigenen Wnsche.

Sie waren beim Frhstck, und sie stand mit einem Tischmesser in der
Hand da. Unwillkrlich erhob sie es.

Frau Gustava erfate sie beim Handgelenk. Marianne!

Was hast du nur, Mutter?

Marianne, du sahest so entsetzlich aus. Mir wurde ganz bange.

Marianne sah sie lange an. Sie war eine kleine, eingeschrumpelte Frau
mit grauem Haar und vielen Runzeln, obwohl sie erst fnfzig Jahre
zhlte. Sie liebte wie ein Hund, ohne sich an Hiebe und Schlge zu
kehren. Sie war fast immer guter Laune und machte trotzdem einen
traurigen Eindruck. Sie glich einem sturmgepeitschten Baum am Strande --
sie hatte niemals Ruhe zum Wachsen gehabt. Sie hatte es gelernt, krumme
Wege zu gehen, sie log, wenn es ntig war, und stellte sich oft dmmer
als sie war, um Vorwrfen zu entgehen. Sie war ganz und gar das Werk
ihres Mannes.

Wrdest du sehr trauern, Mutter, wenn der Vater strbe? fragte
Marianne.

Marianne, du zrnst deinem Vater, du zrnst ihm noch immer. Warum kann
denn nicht alles wieder gut werden, jetzt, wo du einen neuen Brutigam
hast?

Ach, Mutter, ich kann nichts dafr. Was kann ich dafr, da mir vor ihm
graut! Weit denn nicht auch du, wie er ist? Wie kann ich ihn wohl
liebhaben? Er ist heftig, er ist roh, er hat dich geqult, so da du vor
der Zeit alt geworden bist. Weshalb soll er unser Herr sein? Er benimmt
sich ja wie ein Verrckter. Weshalb soll ich ihn ehren und achten? Er
ist nicht gut, er ist nicht barmherzig. Ich wei, da er stark ist, er
kann uns jeden beliebigen Tag totschlagen. Er kann uns aus dem Hause
werfen, wann er will. Soll ich ihn deswegen lieben?

Da aber war Frau Gustava pltzlich wie umgewandelt. Sie hatte Kraft und
Mut und sprach mit groer Bestimmtheit: Nimm dich in acht, Marianne,
ich glaube fast, dein Vater hatte recht, als er dich im Winter
ausschlo. Du sollst sehen, du wirst hierfr gestraft werden. Du mut es
lernen zu dulden, ohne zu hassen, Marianne, zu leiden, ohne dich zu
rchen!

Ach, Mutter, ich bin so unglcklich!

Gleich darauf kam die Entscheidung. Von der Diele her vernahmen sie
einen schweren Fall.

Sie erfuhren niemals, ob Melchior Sinclaire auf der Treppe gestanden und
durch das geffnete Estubenfenster Mariannens Worte gehrt hatte, oder
ob nur die krperliche Anstrengung den Schlaganfall herbeigefhrt hatte.
Als sie hinauskamen, lag er besinnungslos da. Sie wagten niemals, nach
der Veranlassung zu fragen. Er selbst lie sich niemals etwas darber
merken. Marianne wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken, da sie
sich unfreiwillig gercht hatte. Aber der Anblick des Vaters, der dort
auf derselben Treppe lag, wo sie gelernt hatte ihn zu hassen, nahm auf
einmal die Bitterkeit aus ihrem Herzen.

Er kam bald wieder zum Bewutsein, und als er sich ein paar Tage ruhig
verhalten hatte, war er wieder der Alte -- und doch ein ganz anderer.

Marianne sah die Eltern Arm in Arm im Garten lustwandeln. Das taten sie
jetzt immer. Er ging nie mehr allein und verreiste niemals. Wenn Besuch
kam, so ward er verstimmt, wie ber alles, was ihn von seiner Frau
trennte. Das Alter war pltzlich ber ihn gekommen. Er konnte sich nicht
dazu entschlieen, einen Brief zu schreiben. Seine Frau mute es tun. Er
entschied nicht das geringste auf eigene Hand, sondern fragte sie nach
allem und lie alles so geschehen, wie sie selber es bestimmte. Und er
war stets sanft und freundlich. Er fhlte selber, wie sehr er sich
verndert hatte und wie glcklich seine Frau darber war. Sie hat jetzt
gute Tage, sagte er eines Tages zu Marianne und zeigte auf Frau
Gustava.

Ach, lieber Melchior, rief sie aus, du weit, ich she es weit
lieber, da du wieder gesund wrdest!

Und das wnschte sie sicher. Es war ihre grte Freude, von dem starken
Gutsherrn zu erzhlen, wie er in den Tagen seiner Kraft gewesen war. Sie
erzhlte, wie er es vertragen konnte, in ewigem Saus und Braus zu leben,
besser als irgendeiner der Ekebyer Kavaliere, wie er Geschfte abschlo
und viel Geld verdiente gerade dann, wenn sie glaubte, da er sie in
seiner Wildheit um Haus und Hof bringen wrde. Marianne aber wute, da
sie trotz all ihrer Klagen glcklich war. Ihrem Manne alles sein zu
drfen, das gengte ihr. Sie sahen beide alt aus, gebrochen vor der
Zeit. Marianne meinte sehen zu knnen, wie sich ihr Leben mit der Zeit
gestalten wrde. Er wrde nach und nach schwcher und schwcher werden,
ein Schlaganfall nach dem andern wrde ihn immer hilfloser machen, und
sie wrde um ihn sein und ihn pflegen, bis der Tod sie schied. Das Ende
konnte ja aber in weiter Ferne liegen; Frau Gustava konnte ihr Glck
noch eine Zeitlang behalten. So mute es sein, meinte Marianne, das
Leben schuldete ihr noch so viel.

Auch mit ihr selber war es besser geworden. Es war keine hoffnungslose
Verzweiflung, die sie zwang, sich zu verheiraten, um einen andern Herrn
zu finden. Ihr wundes Herz hatte Ruhe gefunden. Der Ha hatte es
durchsaust wie die Liebe, aber sie dachte nicht mehr an die Qualen, die
sie dadurch erlitten hatte. Sie mute erkennen, da sie ein wahrerer,
grerer, reicherer Mensch geworden war als ehemals; weshalb sollte sie
da das Geschehene ungeschehen wnschen? Fhrte vielleicht jedes Leiden
zu etwas Gutem? Konnte sich noch alles zum Glck wenden? Sie hatte
angefangen, alles das zum Guten zu rechnen, was dazu beitragen konnte,
sie zu einem hheren Grad der Menschlichkeit zu entwickeln. Die alten
Lieder hatten nicht recht. Der Kummer war nicht das einzige, was von
Bestand war. Sie wollte nun fortreisen und versuchen, einen Platz zu
finden, wo sie Nutzen schaffen konnte. Wre ihr Vater noch so gewesen
wie frher, so wrde er ihr niemals gestattet haben, ihre Verlobung
aufzuheben. Jetzt hatte Frau Gustava mit milder Hand die Sache geordnet.
Marianne hatte sogar die Erlaubnis erhalten, Baron Adrian das Geld zu
geben, dessen er bedurfte.

Auch seiner konnte sie mit Freude gedenken -- jetzt war sie ja frei! Er
hatte sie mit seiner Lebenslust und Khnheit stets an Gsta erinnert,
jetzt wollte sie ihn wieder frhlich sehen. Er sollte wieder der Ritter
Sonnenschein sein, der in seinem ganzen Glanz auf den Hof ihres Vaters
gekommen war. Sie wollte ihm Erde verschaffen, in der er pflgen und
sen konnte, soviel sein Herz begehrte, sie wollte es erleben, da er
eine schne Braut an den Traualtar fhrte.

Unter solchen Gedanken setzt sie sich hin und schreibt, um ihm seine
Freiheit zurckzugeben. Sie schreibt sanfte, eindringliche Worte,
Vernunft in Scherz gehllt und dabei doch so, da er verstehen kann, wie
ernst sie es meint.

Whrend sie noch schreibt, ertnt Hufschlag auf der Landstrae.

Mein lieber Ritter Sonnenschein, denkt sie, das ist das letztemal!

Gleich darauf tritt der Baron bei ihr ein.

Aber Adrian, kommst du hier herein! Und sie sieht entsetzt all die
Unordnung an.

Er wird ganz verlegen und stammelt einige Worte der Entschuldigung.

Ich bin gerade im Begriff, dir zu schreiben, sagt sie. Schau her, du
kannst es ja gleich lesen.

Er nimmt den Brief, und sie beobachtet ihn, whrend er liest. Sie sehnt
sich danach, sein Antlitz vor Freude aufleuchten zu sehen. Aber er hat
nicht lange gelesen, als Purpurrte sein Antlitz bergiet; er wirft den
Brief auf den Boden, stampft darauf und flucht, als solle der Himmel
einstrzen.

Da geht ein leises Beben durch Marianne. Sie ist kein Anfnger im
Studium der Liebe, aber bisher hat sie diesen unerfahrenen Knaben, dies
groe Kind nicht verstanden.

Adrian, lieber Adrian, sagt sie, was fr eine Komdie hast du mir
vorgespielt? Komm und erzhle mir die Wahrheit!

Er kam und war nahe daran, sie mit seinen Liebkosungen zu ersticken.
Armer Junge! Wie hatte er sich gesehnt, wie hatte er gelitten!

Nach einer Weile schaute sie aus dem Fenster. Da ging Frau Gustava noch
immer und redete mit dem groen Gutsherrn ber Blumen und Vgel, und
hier sa sie und sprach von Liebe. Das Leben hat uns beide seinen
harten Ernst fhlen lassen! dachte sie und lchelte wehmtig. Es wird
uns trsten, da wir jeder unser groes Kind bekommen, mit dem wir
spielen knnen.

Es war doch gut, da sie geliebt werden konnte. Es tat doch wohl, ihn
von der Zauberkraft flstern zu hren, die von ihr ausging, und wie er
sich ber das schmte, was er in seiner ersten Unterredung mit ihr
gesagt hatte. Er ahnte damals nicht, welche Macht sie besa. Ach, kein
Mann konnte in ihrer Nhe weilen, ohne sie zu lieben, aber sie habe ihn
eingeschchtert, er sei sich so wunderlich nichtig vorgekommen.

Dies war kein Glck und auch kein Unglck, aber sie wollte versuchen,
das Leben mit diesem Manne zusammen zu leben.

Sie fing an, sich selbst zu verstehen und dachte an die Worte des alten
Liedes von der Turteltaube, dem Vogel der Sehnsucht: Sie trinkt niemals
das klare Wasser, sie macht es erst trbe mit ihrem Fuߠ..., damit es
besser zu ihrem traurigen Sinn passen mge. So sollte auch sie nicht an
die Quelle des Lebens kommen und das klare, unvermischte Glck trinken.
Von Wehmut getrbt -- so war das Leben am besten fr sie.




Der Tod, der Befreier


Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, kam im August, als die
Nchte bleich vom Mondschein waren, zu Hauptmann Ugglas Heim. Aber er
wagte es nicht, geradeswegs in das gastfreie Haus zu treten; denn derer,
die ihn lieben, sind nur gar wenige.

Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, hat ein mutiges Herz. Es
ist seine Lust, von glhenden Kanonenkugeln getragen durch die Luft zu
reiten. Er nimmt die pfeifende Granate auf den Nacken und lacht, wenn
sie springt und die Splitter umherfliegen. Er schwingt sich im
Gespenstertanz auf den Kirchhfen und scheut nicht die Pestsle der
Hospitler, aber er zittert an der Schwelle des Redlichen, an der Tr
des Guten. Denn er will nicht mit Trnen, sondern mit Freuden begrt
werden, er, der die Geister aus den Banden des Schmerzes befreit, der
sie von dem bedrckenden Staub befreit, der sie das freie, herrliche
Leben im Weltenraum erproben lt.

In den alten Hain hinter dem Wohnhause, wo noch heutzutage schlanke,
weistmmige Birken wetteifern, den dnnen Laubbscheln an ihren Wipfeln
das Licht des Himmels zu verschaffen, dort schlich der Tod sich ein. In
diesem Hain, der damals jung und voll verbergenden Grns war, versteckte
mein bleicher Freund sich, whrend die Sonne am Himmel stand; in der
Nacht aber stand er am Waldesrande, wei und bleich, mit seiner Sense,
in der der Mond sich spiegelte.

O Eros! Du warst der Gott, dem damals der Hain gehrte. Die Alten wissen
davon zu erzhlen, wie ehedem die liebenden Paare seine Ruhe aufsuchten.
Und noch heutzutage, wenn ich an Berga vorbergehe, rgerlich ber die
lstigen Hgel und den erstickenden Staub, so freue ich mich ber den
Anblick des Hains mit den jetzt sprlichen weien Stmmen, der von der
Erinnerung an die Liebe junger, schner Menschen widerstrahlt.

Nun aber war es der Tod, der dort stand, und die Tiere der Nacht sahen
ihn. Abend fr Abend hrten die Bewohner von Berga, wie der Wolf heulte,
um sein Kommen zu melden. Die Natter schlngelte sich auf den Kieswegen
bis an das Wohnhaus hinan. Sie konnte nicht sprechen, aber sie
verstanden wohl, da sie kam als Vorbote des Gewaltigen. Und im
Apfelbaum unter Frau Ugglas Fenster lie die Eule ihr Geschrei ertnen.
Denn alles in der Natur kennt den Tod und erbebt.

So geschah es denn, da der Amtmann und seine Frau aus Munkerud, die im
Broer Pfarrhof zum Gastmahl gewesen waren, gegen zwei Uhr in der Nacht
an Berga vorberkamen und ein Licht im Fenster des Fremdenzimmers
stehen und brennen sahen. Sie sahen ganz deutlich die gelbe Flamme und
das weie Licht und erzhlten spter voller Verwunderung von dem Licht,
das in der Sommernacht gebrannt hatte.

Da lachten die frhlichen jungen Damen auf Berga und sagten, Amtmanns
htten Gespenster gesehen, denn die Talglichter daheim bei ihnen seien
schon seit dem Mrz aufgebraucht; und der Hauptmann schwur heilig und
teuer, da seit Wochen und Tagen niemand im Fremdenzimmer gewohnt habe;
aber die Frau des Hauptmanns schwieg und erbleichte, denn dies weie
Licht mit der klaren Flamme pflegte sich stets zu zeigen, wenn jemand in
ihrer Familie von dem Tode, dem Befreier, erlst werden sollte.

Bald darauf, eines Tages im strahlenden August, kam Ferdinand von seinem
Vermessungsdienst in den nrdlichen Wldern heim. Er kam bleich und
krank zurck mit einem unheilbaren Lungenleiden, und sobald seine Mutter
ihn sah, wute sie, da er sterben msse.

So sollte er denn von hinnen gehen, dieser gute Sohn, der seinen Eltern
niemals den geringsten Kummer bereitet hatte. Der Jngling sollte die
Luft und die Freude dieser Welt verlassen und seine schne, geliebte
Braut, die seiner harrte, und die reichen Besitzungen, die drhnenden
Eisenwerke, die sein Eigentum hatten werden sollen.

Endlich, als mein bleicher Freund einen Mondwechsel gewartet hatte,
fate er Mut und begab sich eines Nachts nach dem Wohnhause. Er wute,
da die Bewohner dort dem Hunger und der Not frhlich ins Auge sahen,
weshalb sollten sie ihn denn nicht mit Freuden empfangen?

Leise ging er den Kiesweg hinauf und warf einen dunklen Schatten ber
den Rasenplatz, wo die Tauperlen im Mondschein glitzerten. Er kam nicht
als frhlicher Schnitter mit Blumen um den Hut und den Arm um die Taille
eines jungen Mdchens geschlungen. Er ging gebeugt und sah abgezehrt aus
und hielt die Sense in den Falten des Mantels verborgen, whrend Eulen
und Fledermuse ihn umflatterten.

In jener Nacht hrte Frau Uggla, die wach lag, da jemand ans Fenster
pochte, und sie richtete sich im Bett auf und fragte: Wer klopft da?

Und die Alten erzhlen, da der Tod ihr antwortete: Der Tod klopft.

Da stand sie auf und ffnete das Fenster und sah Fledermuse und Eulen
im Mondlicht flattern, den Tod aber sah sie nicht.

Komm, sagte sie halblaut; Freund und Befreier, weshalb hast du so
lange gezgert? Ich habe gewartet, ich habe gerufen. Komm und erlse
meinen Sohn.

Da glitt der Tod ins Haus, froh wie ein entthronter Knig, der in seinem
Greisenalter seine Krone zurckerhlt, froh wie ein Kind, das zum
Spielen gerufen wird.

Am nchsten Tage setzte Frau Uggla sich an das Krankenbett ihres Sohnes
und sprach mit ihm ber die Seligkeit der befreiten Geister und ber ihr
herrliches Leben.

Sie arbeiten, sagte sie, sie wirken. Welche Knstler, mein Sohn,
welche Knstler! Wenn du zu ihnen hinaufgelangst, so sage mir, was du
dann werden willst? Einer der Bildhauer ohne Meiel, die Rosen und
Lilien bilden, einer der Meister des Abendrots? Und wenn die Sonne in
all ihrer Schnheit untergeht, will ich dasitzen und denken: das ist
Ferdinands Werk!

Mein teurer Sohn, bedenke, wie viel da zu sehen, wie viel da zu tun
ist! Denke an alle die Samenkrner, die im Frhling zum Leben erweckt
werden sollen, an alle die Strme, die gelenkt werden, an die Trume,
die entsendet werden sollen! Und denke an die langen Reisen durch den
Himmelsraum, von Welt zu Welt!

Denke an mich, mein teurer Junge, wenn du so viel Schnes zu sehen
bekommst! Deine arme Mutter bekommt niemals etwas anderes zu sehen als
Wermland.

Aber eines Tages gehst du zum lieben Gott hinein und bittest ihn, ob er
dir nicht eine der kleinen Welten geben will, die im Himmelsraum
umherrollen, und er wird sie dir geben. Wenn du sie erhltst, so ist sie
finster und kalt, voller Abgrnde und Felsblcke, und es wachsen dort
keine Blumen, es leben dort keine Tiere. Aber du arbeitest auf dem
Stern, den Gott dir gegeben hat. Du schaffst ihm Licht und Wrme und
Luft, du bringst Pflanzen und Nachtigallen und hellugige Gazellen
dahin, du lt Giebche in die Abgrnde strmen, du trmst Berge auf
und besest die Ebenen mit den schnsten roten Rosen.

Und wenn ich einst sterbe, Ferdinand, wenn meine Seele vor der langen
Reise erbebt und sich vor dem Abschied von den bekannten Gegenden
frchtet, da sitzest du und wartest vor dem Fenster in einem mit
Paradiesvgeln bespannten Wagen, in einem Wagen aus schimmerndem Gold,
mein Ferdinand.

Und meine arme, unruhige Seele wird in deinen Wagen aufgenommen und
sitzet nun neben dir, geehrt wie eine Knigin. Und dann fahren wir durch
den Himmelsraum, vorbei an den strahlenden Welten, und wenn wir in die
Nhe dieser Himmelswohnungen kommen und sie immer herrlicher werden, da
frage ich, die ich es nicht besser wei: Wollen wir nicht hier oder dort
bleiben?

Aber du lachst still fr dich und treibst das Vogelgespann an. Endlich
kommen wir zu dem kleinsten von allen Weltkrpern, aber zu dem
schnsten, den ich je gesehen habe, und dort halten wir vor einem
goldenen Schlo, und du lt mich eintreten in das ewige Heim der
Freude.

Dort sind die Vorratskammern gefllt und die Bcherschrnke. Der
Tannenwald steht dort nicht wie hier auf Berga und beschattet die ganze
schne Welt, sondern ich schaue hinaus ber groe Meere und
sonnenbeschienene Ebenen, und tausend Jahre sind wie ein Tag.

Und dann starb Ferdinand, schwelgend in lichten Bildern, der knftigen
Herrlichkeit entgegenlchelnd.

Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, hatte nie etwas so Schnes
erlebt. Denn wohl war Ferdinand Ugglas Todeslager von weinenden Menschen
umstanden, der Kranke selber aber lchelte dem Manne mit der Sense zu,
als er sich auf den Rand seines Bettes setzte, und seine Mutter lauschte
seinem Todesrcheln wie einer sen Musik. Sie zitterte, da der Tod
nicht imstande sein wrde, sein Werk zu vollenden, und als alles vorbei
war, traten ihr Trnen in die Augen, aber es waren Freudentrnen, die
auf die erstarrten Zge ihres Sohnes fielen.

Niemals ward meinem bleichen Freund so viel Ehre erzeigt wie bei
Ferdinand Ugglas Begrbnis. Htte er es gewagt, sich zu zeigen, da wre
er in federgeschmcktem Barett und mit goldgesticktem Mantel erschienen
und htte vor dem Leichenzug her den Kirchhofsgang entlang getanzt, nun
aber sa er, der Alte, Einsame, in seinem verschlissenen schwarzen
Mantel zusammengekauert auf der Kirchhofsmauer und sah den Zug kommen.

O, es war ein wunderliches Leichenbegngnis! Sonne und lichte Wolken
machten den Tag strahlend, lange Reihen von Roggenhocken schmckten die
Felder. Die Sommerpfel im Garten des Propsthofes schimmerten
durchsichtig und klar, und im Garten des Ksters strahlten Nelken und
Georginen.

Es war ein wunderlicher Leichenzug, der die Lindenallee hinabging. Vor
dem blumengeschmckten Sarge schritten schne Kinder einher und streuten
Blumen. Da waren keine Trauerkleider, keine Kreppflore, keine
Schneppenhauben zu erblicken, denn die Mutter hatte es so gewollt, da
er, der heiter gestorben, nicht von einem traurigen Leichenzuge, sondern
von einem glnzenden Hochzeitszuge nach der guten Freisttte geleitet
werden sollte.

Dem Sarge zunchst ging Anna Stjrnhk, die schne, strahlende Braut des
Verstorbenen. Sie hatte den Brautkranz auf ihr Haupt gesetzt, sich in
den Brautschleier gehllt und ein Brautgewand von weier, schimmernder
Seide mit langer Schleppe angelegt. So geschmckt ging sie, um dem
Grabe, um einem dahingeschiedenen Brutigam geweiht zu werden.

Und nach ihr kam Paar auf Paar, stattliche alte Damen und Herren. Die
schnen, vornehmen Frauen kamen mit schimmernden Spangen und Broschen,
mit milchweien Perlhalsgeschmeiden und Armbndern aus Gold. Die Federn
in ihren Turbanen ragten hoch auf zwischen dem Seidenstoff und den
Spitzen, und von ihren Schultern wogten die dnnen seidenen Schals, die
sie einst als Brautgeschenk erhalten hatten, ber bunte, seidene Kleider
hinab. Und die Mnner kamen in ihrem schnsten Staat mit bauschenden
Jabots, in Leibrcken mit hohen Kragen und vergoldeten Knpfen und mit
Westen aus steifem Brokat oder reich gesticktem Samt. Es war ein
Hochzeitszug: die Herrin von Berga hatte es so gewollt.

Sie selber ging dicht hinter Anna Stjrnhk am Arme ihres Gatten. Htte
sie ein Kleid aus schimmerndem Brokat besessen, sie wrde es angelegt
haben, htte sie Geschmeide und einen prachtvollen Turban ihr eigen
genannt, sie wrde sie getragen haben an dem Ehrentage ihres Sohnes. Nun
aber hatte sie nichts als dies schwarzseidene Kleid und diese gelben
Spitzen, die sie auf so vielen Festen getragen hatte, und die trug sie
auch auf diesem Fest.

Obwohl die Gste mit Pomp und Pracht zum Begrbnis kamen, blieb doch
kein Auge trocken, whrend sie bei leisem Glockengelute zum Grabe
hinauswanderten. Mnner und Frauen weinten, nicht so sehr ber den Toten
wie ber sich selbst. Siehe, da ging die Braut, dort trug man den
Brutigam, da wanderten sie selber festlich geschmckt -- wo ist der
Mensch, der auf Gottes grner Erde wandelt und nicht wei, da er dem
Kummer, der Sorge, dem Unglck, dem Tode anheimgefallen ist? Sie gingen
einher und weinten bei dem Gedanken, da nichts in der Welt imstande
sei, sie zu beschtzen.

Die Mutter weinte nicht, sie war aber auch die einzige, deren Augen
trocken blieben.

Als das Ritual verlesen und das Grab zugeschttet war, kehrten alle zu
den Wagen zurck. Nur Frau Uggla und Anna Stjrnhk blieben am Grabe
zurck, um dem Toten ein letztes Lebewohl zu sagen. Die Alte hockte sich
auf den Grabhgel, und Anna setzte sich neben sie.

Siehe, meinte Frau Uggla, ich habe zu Gott gesagt: La den Tod, den
Befreier, kommen und meinen Sohn holen, la ihn den, den ich am
heiesten geliebt habe, mit sich in die stillen Wohnungen des Friedens
nehmen, es sollen nur Freudentrnen in meine Augen kommen; mit
Hochzeitsgeprnge will ich ihn zu Grabe geleiten, und meinen roten
Rosenbusch, den reichblhenden, der vor meinem Schlafstubenfenster
steht, will ich ihm auf den Friedhof pflanzen! Und nun ist es geschehen,
mein Sohn ist tot. Ich habe den Tod wie einen Freund begrt, habe ihn
bei den zrtlichsten Namen gerufen, ich habe Freudentrnen ber das
erstarrte Antlitz meines Sohnes geweint, und im Herbst, wenn die Bltter
fallen, pflanze ich ihm meinen roten Rosenbusch aufs Grab. Aber du, die
du hier an meiner Seite sitzest, weit du, weshalb ich solche Gebete zu
Gott emporgesandt habe?

Sie sah Anna Stjrnhk an, das junge Mdchen aber sa still und bleich
an ihrer Seite. Vielleicht kmpfte sie, um die innere Stimme zur Ruhe zu
bringen, die schon dort, auf dem frischen Grabe des Toten, ihr
zuzuflstern begann, da sie nun endlich frei sei.

Du trgst schuld daran, sagte Frau Uggla.

Da sank das junge Mdchen zusammen wie unter einem Keulenschlag. Sie
erwiderte kein Wort.

Anna Stjrnhk, du warst einstmals stolz und eigensinnig, da spieltest
du mit meinem Sohn, nahmst ihn und verstieest ihn. Was war dazu zu
sagen? Er mute sich dareinfinden so gut wie alle die andern.
Vielleicht haben auch wir so wie er dein Geld ebensosehr geliebt wie
dich. Aber du kamst wieder zurck, du kamst mit reichem Segen in unser
Heim, du warst milde und sanftmtig, stark und gut, als du wiederkamst.
Du umgabst uns mit Liebe, du machtest uns so glcklich, Anna Stjrnhk,
und wir armen Menschen lagen dir zu Fen.

Und doch, und doch habe ich gewnscht, da du nicht gekommen wrest. Da
htt ich Gott nicht zu bitten brauchen, da er das Leben meines Sohnes
verkrzen mge. Um die Weihnachtszeit htte er deinen Verlust berwinden
knnen, aber nachdem er dich kennen gelernt hatte, so wie du nun bist,
hatte er nicht die Kraft dazu.

Du mut wissen, Anna Stjrnhk, du, die du heute dein Brautgewand
angelegt hast, um meinem Sohn das Geleite zu geben, du wrdest niemals
in dem Gewande mit ihm vor dem Traualtar gestanden haben, denn du
liebtest ihn nicht.

Ich sah es, du kamst nur aus Barmherzigkeit, denn du wolltest unser
hartes Schicksal mildern. Du liebtest ihn nicht. Glaubst du nicht, da
ich die Liebe kenne, da ich sie sehe, wo sie vorhanden ist, da ich es
fhle, wenn sie fehlt? Da dachte ich: Mge Gott meinen Sohn zu sich
nehmen, ehe ihm die Augen geffnet sind!

Ach, httest du ihn doch geliebt! Wrest du doch niemals zu uns
gekommen, um unser Leben zu versen, wenn du ihn nicht liebtest! Ich
kannte meine Pflicht: wenn er nicht gestorben wre, htte ich ihm sagen
mssen, da du ihn nicht liebtest, da du dich mit ihm verheiraten
wolltest, weil du die Barmherzigkeit selbst bist. Ich htte ihn zwingen
mssen, dich freizugeben, und dann wre sein Lebensglck vernichtet
gewesen. Siehst du, deswegen bat ich Gott, da er sterben mge, damit
ich den Frieden seines Herzens nicht zu zerstren brauchte. Und ich habe
mich ber seine eingefallenen Wangen gefreut, habe mich ber seine
schweren Atemzge gefreut, habe gezittert, da der Tod sein Werk nicht
vollenden wrde.

Sie schwieg und wartete auf Antwort; aber Anna Stjrnhk konnte noch
nicht sprechen, sie lauschte noch zu vielen Stimmen in der Tiefe der
Seele.

Da rief Frau Uggla ganz verzweifelt aus: O, wie glcklich sind doch
die, die ber ihre Toten trauern, die Strme von Trnen vergieen
knnen. Ich mu mit trocknen Augen am Grabe meines Sohnes stehen, ich
mu mich ber seinen Tod freuen. Wie unglcklich bin ich doch!

Da prete Anna Stjrnhk die Hnde hart gegen ihre Brust. Sie gedachte
jener Winternacht, da sie bei ihrer jungen Liebe geschworen hatte,
diesen armen Menschen ein Trost und eine Sttze zu sein, und sie
erbebte. War denn alles vergebens gewesen, war ihr Opfer eines von
denen, das Gott nicht wohlgefllig ist? Sollte sich alles zum Fluch
wenden?

Aber wenn sie alles opferte, wrde Gott da nicht dem Werke seinen Segen
geben und sie zur Glcksspenderin, zur Sttze, zur Hilfe fr Menschen
machen?

Was ist denn erforderlich, damit du ber deinen Sohn trauern kannst?
fragte sie.

Es ist erforderlich, da ich meinen Augen nicht mehr glaube. Wenn ich
glaubte, da du meinen Sohn liebtest, da wrde ich ber seinen Tod
trauern.

Da erhob sich das junge Mdchen mit von Begeisterung strahlenden Augen.
Sie ri ihren Brautschleier ab und breitete ihn ber das Grab, sie nahm
Kranz und Krone ab und legte beides auf den Schleier.

Sieh jetzt, wie ich ihn liebe! rief sie aus. Ich schenke ihm meinen
Kranz und meine Krone. Ich weihe mich ihm! Niemals will ich einem andern
angehren!

Da erhob sich auch Frau Uggla. Sie stand eine Weile schweigend da; ihr
ganzer Krper bebte, ihr Antlitz verzog sich, aber schlielich kamen die
Trnen, die Trnen des Schmerzes.

Doch mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, schauderte, als er
diese Trnen erblickte; so war er denn auch hier nicht mit Freude
begrt, nicht einmal hier hatte man sich von Herzen ber ihn gefreut.

Er zog die Kapuze tief ber das Gesicht, glitt leise von der
Kirchhofsmauer herunter und verschwand zwischen den Kornhocken auf dem
Felde.




Die Drre


Wenn tote Dinge lieben knnen, wenn Erde und Wasser einen Unterschied
zwischen Freunden und Feinden machen knnen, dann mchte ich gern ihre
Liebe besitzen. Ich mchte gern, da die grne Erde meine schweren
Schritte nicht als schwere Last empfnde. Ich mchte gern, da sie es
mir leichten Herzens verziehe, da sie um meinetwillen mit Pflug und
Egge verwundet wird, da sie sich meinem toten Krper willig ffnete.
Und ich mchte gern, da die Welle, deren blanken Spiegel meine Ruder
zertrmmern, dieselbe Geduld mit mir htte, wie eine Mutter sie mit
einem unruhigen Kinde hat, wenn es auf ihren Scho klettert, ohne sich
daran zu kehren, da es ihr seidenes Sonntagskleid zerknittert. Ich
mchte in freundschaftlichem Verhltnis zu der klaren Luft stehen, die
ber den blauen Bergen zittert, und zu der strahlenden Sonne und den
schnen Sternen. Denn es will mir oft scheinen, als wenn die toten Dinge
mit den lebenden fhlen und leiden. Die Schranke zwischen ihnen und uns
ist nicht so gro, wie die Menschen glauben. Wo ist der Teil von dem
Staub der Erde, der nicht mit im Kreislauf des Lebens gewesen ist? Ist
nicht der wirbelnde Staub der Landstrae einstmals als weiches Haar
geliebkost, als gute, hilfreiche Hnde geliebt worden? Ist nicht das
Wasser in der Wagenspur ehedem als Blut durch pochende Herzen gestrmt?

Der Geist des Lebens wohnt noch in den toten Dingen. Was hrt er,
whrend er in traumlosem Schlaf schlummert? Gottes Stimme hrt er --
achtet er auch auf die der Menschen?

Ihr Kinder spter Zeiten, habt ihr es nicht gesehen? Wenn Unfriede und
Ha auf Erden herrschen, mssen auch die toten Dinge vielfach leiden. Da
wird die Welle wild und raubgierig wie ein Wegelagerer, da wird das Feld
geizig wie ein Geizhals. Aber wehe dem, um dessentwillen der Wald seufzt
und die Berge weinen.

Es war ein merkwrdiges Jahr, in dem die Kavaliere regierten. Es sieht
mir fast so aus, als wenn die Unruhe der Menschen damals die Ruhe der
toten Dinge zerstrt htte. Wie soll ich die Ansteckung bezeichnen, die
sich in jenen Tagen ber das Land verbreitete? Sollte man nicht glauben,
da die Kavaliere die Gtter der Umgegend waren, da alles von ihrem
Geist beseelt war? Von dem Geist des Abenteuers, der Sorglosigkeit, der
Zgellosigkeit.

Knnte man das alles erzhlen, was sich in jenem Jahr unter den Menschen
zutrug, die am Ufer des Lfsees wohnten, da wrde die Welt sich wundern.
Denn da erwachte alte Liebe, aber auch alter Ha entzndete sich aufs
neue. Da flammten alle auf in Begierde nach der Schnheit des Lebens:
Tanz und Scherz, Spiel und Trunk ergriffen sie. Da offenbarte sich alles
das, was im tiefsten Innern der Seele verborgen liegt.

Von Ekeby ging die Ansteckung dieser Unruhe aus; sie verbreitete sich
erst ber die Eisenwerke und Begterungen und verleitete die Menschen zu
Unrecht und Snde. So weit haben wir sie bis zu einem gewissen Grad
verfolgen knnen, weil die Alten die Erinnerung an die Begebenheiten auf
einigen der greren Gter bewahrt haben, wie sie sich aber weiter unter
der Bevlkerung verbreitete, davon wissen wir nur wenig. Niemand aber
kann daran zweifeln, da die Unruhe der Zeit von Dorf zu Dorf, von Htte
zu Htte schlich. Wo ein Laster verborgen glimmte, da kam es zum
Ausbruch; wo ein kleiner Ri zwischen Mann und Frau vorhanden war, da
gestaltete er sich zur Kluft; wo sich eine groe Tugend oder ein starker
Wille verbargen, da muten die ebenfalls ans Licht. Denn nicht alles,
was geschah, war schlecht; aber die Zeit war derartig, da das Gute
zuweilen ebenso verderblich ward wie das Schlechte. Es war so, als wenn
der Sturm tief in den Wald einhaut -- ein Baum strzt ber den andern,
eine Tanne reit im Fallen die andere mit um, und selbst das Unterholz
wird von den strzenden Riesen mit ins Verderben gezogen.

Ja, wahrlich, die Tollheit griff auch unter den Bauern und dem Gesinde
um sich. berall wurden die Herzen wild und die Kpfe verwirrt. Niemals
war es beim Tanz am Kreuzwege so munter hergegangen, niemals war die
Biertonne so schnell geleert worden, niemals hatte der Branntweinkessel
so viel Korn verschlungen. Niemals waren die Gastmhler so zahlreich,
niemals war der Raum zwischen dem bsen Wort und dem Messerstich krzer
gewesen.

Es war eine starke Hand, die die Zgel fallen lie, als die Majorin
Ekeby verlie. Berauscht von der Freiheit strmten die Menschen dahin zu
Zerstrung und Verwirrung. Ein Herr und Meister war ihnen noch
geblieben. Ein Herr, den sie liebten -- das war der Branntwein. Denn dies
war in den schweren Jahren, als man noch keine Rettung, keine Hoffnung
fr die Bauern erblickte, als man zu glauben begann, da der Branntwein
sie vernichten, sie von der Erde ausrotten werde.

Aber die Unruhe beschrnkte sich nicht auf die Menschen. Sie verbreitete
sich auf alles Lebende. Niemals hatten Wlfe und Bren schlimmer
gehaust, niemals hatten Fchse und Eulen unheimlicher geschrieen oder
frecher geraubt, niemals hatten sich die Schafe hufiger im Walde
verirrt, niemals hatten so viele Krankheiten unter dem kostbaren Vieh
geherrscht.

Wer den Zusammenhang der Dinge sehen will, mu aus den Stdten
fortziehen und in einer einsamen Htte am Waldesrande wohnen. Er mu die
Nacht hindurch den Kohlenmeiler hten oder Tag und Nacht, einen ganzen
hellen Sommermonat hindurch, auf den langen Seen leben, whrend das
Holzflo langsam nach dem Wenersee hinabgleitet; da wird er alle
Zeichen in der Natur kennen und beachten lernen, da wird er verstehen,
wie abhngig die toten Dinge von den lebenden sind. Er wird sehen, da
der Friede der toten Dinge gestrt wird, sobald Unruhe auf Erden
herrscht. Das wei der Bauer. In solchen Zeiten lschen bse Geister den
Meiler aus, zertrmmert die Meerjungfrau das Boot, kommen Krankheiten
ber die Menschen und Seuchen ber das Vieh. Und so geschah es auch in
diesem Jahr. Niemals hatte der Eisgang im Frhling so viel Schaden
angerichtet. Die Mhle und die Schmiede von Ekeby waren nicht seine
einzigen Opfer. Kleine Bche, die sonst, wenn der Frhling ihnen Krfte
verliehen hatte, allerhchstens imstande gewesen waren, eine leere
Scheune fortzuschwemmen, richteten ihre Angriffe jetzt gegen ganze
Gehfte und splten sie fort. Niemals hatte man gehrt, da die Gewitter
schon vor Johannis so viel Schaden angerichtet hatten -- nach Johannis
merkte man nichts mehr davon, da kam die Drre.

Solange die langen Tage whrten, kam kein Regen. Von Mitte Juni bis
Anfang September lag die ganze Gegend in ununterbrochenen Sonnenschein
gebadet da.

Der Regen wollte nicht fallen, die Erde wollte keine Nahrung geben, der
Wind wollte nicht wehen. Nur der Sonnenschein strmte auf die Erde
herab. Ach, der schne Sonnenschein, der lebenerweckende Sonnenschein --
wie kann ich nur von seinem bsen Werke erzhlen? Der Sonnenschein
gleicht der Liebe; wer kennt nicht die Missetaten, die sie begangen hat,
und wer ist imstande, sie nicht zu verzeihen? Der Sonnenschein gleicht
Gsta Berling -- er erfreut alle Menschen, deswegen schweigen alle von
dem bel, das er ihnen zugefgt hat.

Eine solche Drre nach Johannis wrde kaum in einer andern Gegend so
unheilschwanger sein als gerade in Wermland. Dort aber war der Frhling
spt gekommen. Das Gras war noch nicht sehr hoch und wurde auch nicht
hoch. Dem Roggen fehlte es an Nahrung gerade zu der Zeit, als er blhen
und Krner ansetzen sollte. Die Frhlingssaat, die zu jener Zeit das
meiste Brot lieferte, trug dnne, kleine hren auf Halmen, die nicht
lnger als eine viertel Elle waren. Die spt gesten Rben wollten gar
nicht wachsen, nicht einmal die Kartoffeln vermochten aus dieser
versteinerten Erde Nahrung zu saugen.

In solchen Jahren fingen sie droben in den Waldhtten an sich zu
ngstigen, und von den Bergen verbreitete sich die Angst bis zu der
ruhigeren Bevlkerung in den Ebenen.

Gottes Hand sucht jemand! sagen die Bauern.

Und ein jeder schlgt sich vor die Brust und sagt: Bin ich es? -- Ach,
Mutter, ach, Natur, bin ich es? Bleibt der Regen aus Unwillen ber mich
fort? Wird die strenge Erde aus Zorn ber mich hart und trocken? Und
strmt dieser ewige Sonnenschein in seiner Klarheit jeden Tag von einem
wolkenlosen Himmel herab, um glhende Kohlen auf mein Haupt zu sammeln?
Oder, wenn ich es nicht bin, wen sucht denn da die Hand Gottes?

Whrend die Roggenkrner in den kleinen hren verschmachten, whrend die
Kartoffeln keine Nahrung aus der Erde saugen knnen, whrend sich das
Vieh mit roten Augen und nach Luft schnappend um die fast
ausgetrockneten Brunnen schart, whrend die Angst vor der Zukunft das
Herz zusammenschnrt, werden dort in der Gegend wunderliche Reden
gefhrt.

Eine solche Heimsuchung kommt nicht ohne Grund, sagen die Leute. Wen
sucht Gottes Hand?

Es war an einem Sonntag im August. Der Gottesdienst war beendet. In
kleinen Gruppen wanderten die Leute ber die sonnenheie Landstrae
dahin. Ringsumher erblickten sie versengte Wlder und eine verdorbene
Ernte. Der Roggen stand in Hocken, aber die Garben waren dnn und die
hren klein. Das Urbarmachen durch Absengen war in diesem Jahr eine
leichte Arbeit gewesen, aber es war auch gar oft geschehen, da die
drren Wlder Feuer gefangen hatten. Und was der Waldbrand verschont
hatte, das hatten die Insekten verzehrt; die Tannen hatten ihre Nadeln
verloren und standen kahl da wie ein Laubwald im Herbst, die Bltter der
Birken hingen ausgefranst herab mit blogelegten Rippen und zerfressenen
Blattflchen.

Den bekmmerten Gruppen fehlte es nicht an Unterhaltungsstoff. Gar
manche konnten erzhlen, wie es in den Notjahren 1808 und 1809 und in
dem kalten Winter 1812 gewesen war, als die Sperlinge totfroren. Die
Hungersnot war ihnen nicht fremd, sie hatten ihr schreckliches Antlitz
schon gesehen. Sie wuten, wie man Brot aus Rinde buk und die Khe daran
gewhnte, Moos zu fressen.

Eine Frau hatte einen neuen Versuch gemacht, Brot aus Kronsbeeren und
Gerstenmehl zu backen. Sie hatte eine Probe davon mit und lie die Leute
kosten. Sie war stolz auf ihre Entdeckung. ber ihnen allen aber
schwebte dieselbe Frage, sie starrte aus aller Augen, sie schwebte auf
aller Lippen: Wen, o Herr, suchet deine Hand? Du strenger Gott, wer hat
dir die Opfer des Gebets und der guten Werke vorenthalten, da du uns
unser armseliges Brot entziehst?

Eine harte Strafe von Gott war es, da die Majorin nun in der Ferne
weilte. Infolge des reichlichen Verdienstes, den zu ihrer Zeit der
Eisentransport, das Holzfllen und dergleichen ergaben, hatten die
Bewohner der Heide ihre vielhundertjhrige Gewohnheit, Arbeit fern von
der Heimat zu suchen, fast gnzlich abgelegt. Jetzt muten die Jungen
auswandern, aber es blieben doch noch immer genug zurck, die daheim
sitzen und hungern muten.

Ein Mann aus den finsteren Schren, die westwrts ber Sundsbroen
gezogen waren und die Brobyer Hgel hinanschritten, blieb einen
Augenblick an dem Wege stehen, der zu der Wohnung des geizigen Pfarrers
fhrte. Er nahm einen trockenen Zweig von der Erde und warf ihn auf den
Weg zum Pfarrhaus.

Trocken wie dieser Zweig sind die Gebete gewesen, die er zu Gott
emporgesandt hat, sagte der Mann.

Der ihm zunchst Gehende blieb ebenfalls stehen. Auch er nahm einen
trockenen Zweig auf und warf ihn neben den andern.

Wie der Pfarrer, so das Opfer, sagte er.

Der dritte in der Schar folgte dem gegebenen Beispiel. Er ist gewesen
wie die Drre. Reisig und Stroh -- das ist alles, was er uns hat behalten
lassen.

Der vierte sagte: Wir geben ihm wieder, was er uns gegeben hat.

Und der fnfte: Zu ewiger Schmach werfe ich ihm dies hin. Mge er
hinwelken und verdorren wie dieser Zweig.

Drres Futter fr den Pfarrer, der die Drre ber uns gebracht hat,
sagte ein sechster.

Die Leute, die hinterdrein kommen, sehen und hren, was sie tun und
sagen. Jetzt wird ihnen Antwort auf das, wonach sie so lange gefragt
haben.

Gebt ihm, was ihm zukommt! Er hat die Drre ber uns gebracht! heit
es unter der Menge.

In dem Winkel zwischen den Wegen lag bald ein Haufe von drren Zweigen
und Stroh -- der Schandhgel fr den Pfarrer von Broby!

Das war die einzige Rache der Bevlkerung. Niemand erhob die Hand wider
den Pfarrer oder sagte ein bses Wort zu ihm selber. Verzweifelte Herzen
erleichterten sich teilweise von ihrer Last, indem sie drre Zweige auf
diesen Hgel warfen. Sie nahmen selber keine Rache. Sie zeigten dem Gott
der Wiedervergeltung nur den Schuldigen an.

Haben wir dir nicht gedient, wie wir sollten, so ist es die Schuld
dieses Mannes. Sei barmherzig, Herr, und la ihn allein leiden! Wir
brandmarken ihn mit Schande und Entehrung. Wir sind nicht eins mit ihm.

Es wurde sehr bald Sitte, da jeder, der an dem Wege zum Pfarrhof
vorberkam, einen trockenen Zweig auf den Schandhgel warf. Mgen Gott
und die Menschen es sehen, dachte jeder Vorbergehende. Auch ich
verachte ihn, der den Zorn Gottes ber uns gebracht hat.

Der alte Geizhals bemerkte gar bald den Hgel am Wegesrande. Er lie ihn
wegrumen -- einige sagten, da er seinen Herd damit heize. Am nchsten
Tage hatte sich an derselben Stelle ein ebensolcher Hgel angesammelt,
und sobald er den einen wegrumen lie, wurde ein neuer aufgeworfen. Die
drren Zweige lagen da und sagten: Schande, Schande ber den Pfarrer
von Broby!

Es war in den warmen, trockenen Hundstagen. Schwer von Rauch, gesttigt
von Brandgeruch, lag die Luft ber der Gegend. Die Gedanken wurden
verwirrt in den erregten Gehirnen. Der Pfarrer von Broby war zum Dmon
der Drre geworden. Es war den Bauern, als sitze der alte Geizhals da
und bewache die Quellen des Himmels.

Bald ward sich der Pfarrer klar ber die Ansicht der Gemeinde. Er
verstand, da man ihn als Urheber des Unglcks bezeichnete. Aus Zorn
ber ihn lie Gott die Erde verschmachten. Die Schiffsbesatzung, die auf
dem wilden Meer in Not war, hatte das Los geworfen. Er war der Mann, der
ber Bord sollte. Er versuchte, ber sie und ihre trockenen Zweige zu
lachen, als es aber eine Woche gewhrt hatte, lachte er nicht mehr. Ach,
welch eine Kinderei war dies doch! Er begriff sehr wohl, da ein
jahrelang verhaltener Ha nach Gelegenheit suchte, sich Luft zu machen.
Nun ja -- er war nicht an Liebe gewhnt.

Milder wurde er dadurch nicht. Er hatte nach dem Besuch des alten
Fruleins vielleicht den Wunsch gehabt, sich zu ndern; jetzt konnte er
es nicht. Er wollte sich nicht zwingen lassen, besser zu werden.

Allmhlich aber wurde der Hgel ihm zu mchtig. Er mute stets daran
denken, und die Ansicht, die alle hegten, fate auch bei ihm Wurzel. Es
war das entsetzlichste Zeugnis, dies Abwerfen drrer Zweige. Er
betrachtete den Hgel und zhlte die Zweige, die jeden Tag hinzugekommen
waren. Der Gedanke hieran griff um sich und verdrngte alle andern
Gedanken. Der Hgel besiegte ihn.

Mit jedem Tag, der verging, mute er den Leuten mehr recht geben. Er
fiel ab und ward im Laufe weniger Wochen ein Greis. Er bekam
Gewissensbisse, so da er ganz krank davon wurde. Aber es war ihm, als
stehe das alles mit diesem Hgel im Zusammenhang. Es war ihm, als mten
die Gewissensbisse schweigen, als wrde die Last des Alters wieder von
ihm weichen, wenn nur der Hgel nicht mehr da wre.

Schlielich sa er den ganzen Tag da und gab acht. Aber die Leute waren
unbarmherzig, und in der Nacht wurden stets wieder neue Zweige auf den
Hgel geworfen.

       *       *       *       *       *

Eines Tages kam Gsta Berling des Weges gefahren. Der Pfarrer von Broby
sa am Wegesrande, alt und abfllig. Er sa da und zerrte an den drren
Zweigen und legte sie zu Haufen und Reihen zusammen und spielte damit,
als sei er wieder zum Kinde geworden. Gsta jammerte seines Elends.

Was machen Sie denn da? sagte er, schnell vom Wagen springend.

Ach, ich sitze hier und suche die Zweige aus -- eigentlich tue ich
nichts.

Sie sollten nach Hause gehen, Herr Pfarrer, und hier nicht im Staub der
Landstrae sitzen.

Es wird doch wohl das beste sein, wenn ich hier sitze.

Da setzt sich Gsta zu ihm. Es ist nicht so leicht, Pfarrer zu sein,
sagt er, als er eine Weile dagesessen hat.

Hier unten lt es sich doch aushalten, hier, wo Menschen sind, sagt
der Pfarrer. Es ist weit schlimmer da oben.

Gsta wei wohl, was er sagen will. Er kennt diese Gemeinden im
nrdlichen Wermland, wo sich oft nicht einmal eine Wohnung fr den
Pfarrer findet, die groen Walddistrikte, wo die Finnen in den
Rauchhtten wohnen, die armseligen Gegenden mit ein paar Menschen auf
jede Meile, wo der Pfarrer der einzige Gebildete ist. In einer solchen
Gemeinde hatte der Brobyer Pfarrer ber zwanzig Jahre gewirkt.

Dahin senden sie uns, wenn wir jung sind, sagt Gsta. Es ist
unmglich, das Leben dort zu ertragen. Und dann wird man fr immer
verdorben. Gar mancher ist dort oben zugrunde gegangen.

Dort, sagt der Pfarrer von Broby, verdirbt uns die Einsamkeit.

Man kommt, fllt Gsta eifrig ein, und redet und ermahnt und glaubt,
da alles gut werden kann, da die Gemeinde bald auf besseren Bahnen
wandeln wird.

Ja, so ist es!

Doch man merkt gar bald, da Worte nichts ntzen. Die Armut steht uns
im Wege. Die Armut hindert jegliche Besserung.

Die Armut, wiederholt der Pfarrer. Die Armut hat mein Leben
zerstrt.

Ein junger Pfarrer, fhrt Gsta fort, kommt da hinauf, arm wie alle
die andern. Er sagt zu dem Trunkenbold: 'La das Trinken!'

Da antwortet der Trunkenbold, fllt ihm der Pfarrer in die Rede: 'Gib
mir etwas, das besser ist als Branntwein! Der Branntwein ist mir ein
Pelz im Winter, er gibt mir Khlung im Sommer. Der Branntwein ist mir
eine warme Stube und ein weiches Bett. Gib mir dies alles, dann will ich
das Trinken lassen.'

Und dann, fhrt Gsta fort, sagt der Pfarrer zum Dieb: 'Du sollst
nicht stehlen', und zu dem bsen Mann: 'Du sollst deine Frau nicht
schlagen', und zu dem Aberglubischen: 'Du sollst an Gott glauben und
nicht an Gespenster und Kobolde!' Der Dieb aber antwortet: 'Gib mir Brot',
und der bse Mann sagt: 'Mach uns reich, dann wollen wir den Unfrieden
nachlassen', und der Aberglubische: 'Lehre mich etwas Besseres!' Wer
aber kann ihnen ohne Geld helfen?

Das ist wahr, das ist wahr! Jedes Wort ist wahr! ruft der Pfarrer aus.
An Gott glaubten sie, mehr aber noch an den Teufel und an die Kobolde
in den Bergen und an bse Geister. Alles Korn wanderte in den
Branntweinkessel. Niemand konnte das Ende des Elends absehen. In den
meisten der grauen Htten war die Not zu Hause. Heimlicher Kummer machte
die Zunge der Frauen bitter. Die Ungemtlichkeit im Hause trieb die
Mnner zum Trinken. Das Feld und das Vieh wuten sie nicht zu behandeln.
Sie frchteten den Edelmann und machten sich lustig ber den Pfarrer.
Was sollte man mit ihnen anstellen? Was ich von der Kanzel zu ihnen
sprach, verstanden sie nicht. Was ich sie lehren wollte, glaubten sie
nicht. Und niemand, mit dem man sich htte beraten knnen, niemand, der
mir helfen konnte, den Mut aufrechtzuerhalten.

Es gibt Geistliche, die es ausgehalten haben, sagt Gsta. Gottes
Gnade ist so reich ber einigen von ihnen gewesen, da sie nicht als
gebrochene Menschen von einem solchen Leben zurckgekehrt sind. Ihre
Krfte haben ausgereicht, sie haben die Einsamkeit, die Armut, die
Hoffnungslosigkeit ertragen. Sie haben das wenige Gute ausgerichtet, was
sie vermochten, und sind nicht verzweifelt. Solche Mnner hat es stets
gegeben, gibt es auch noch. Ich begre sie als Helden. Ich will sie
ehren, solange ich lebe. Ich htte es nicht durchfhren knnen.

Ich vermochte es nicht, sagt der Pfarrer.

Der Pfarrer dort oben, sagt Gsta nachdenklich, beschliet, da er
ein reicher Mann, ein beraus reicher Mann werden will. Kein Armer kann
das Bse bekmpfen. Und dann fngt er an, Geld zu sammeln.

Wenn er kein Geld sammelte, wrde er anfangen zu trinken, antwortete
der Alte, er sieht so viel Elend.

Oder er wrde schlaff und trge werden und alle seine Krfte einben.
Es ist gefhrlich dort hinaufzukommen, wenn man nicht da geboren ist.

Er mu sich hart machen, um Geld zu sammeln. Anfnglich gibt er sich
den Anschein, als wenn er es wre, und schlielich wird es ihm zur
Gewohnheit.

Er mu hart gegen sich und gegen andere werden, fhrt Gsta fort. Es
ist schwer, Geld zu sammeln. Er mu Ha und Verachtung erleiden, er mu
frieren und hungern und sein Herz verhrten; es ist fast, als verge
er, weshalb er angefangen hat zu sparen.

Der Brobyer Pfarrer blickte scheu zu ihm auf. Er fragte sich, ob Gsta
dort sitze und sich lustig ber ihn mache. Aber Gsta war ganz Eifer und
Ernst. Es war, als rede er seine eigene Sache.

So ist es mir ergangen, sagte der Alte leise.

Aber Gott beschtzt ihn, fhrt Gsta fort. Er erweckt die Gedanken
seiner Jugend in ihm, wenn er genug gesammelt hat. Er gibt dem Pfarrer
ein Zeichen, wenn das Volk Gottes seiner bedarf.

Aber wenn der Pfarrer nun dem Zeichen nicht gehorcht, Gsta Berling?

Er kann ihm nicht widerstehen, entgegnete Gsta mit strahlendem
Lcheln. Der Gedanke an die warmen Htten, bei deren Bau er den Armen
helfen soll, ist zu verlockend.

Der Pfarrer sieht herab auf die kleinen Gebude, die er aus den drren
Zweigen des Schandhgels aufgefhrt hat. Je lnger er mit Gsta redet,
desto mehr fhlt er sich berzeugt, da er recht hat. Er hatte stets den
Gedanken gehabt, Gutes zu tun, wenn er einmal genug eingesammelt htte.
Er klammert sich daran fest; natrlich hatte er diesen Gedanken gehabt.

Weshalb baut er denn keine Htten? fragt er scheu.

Er schmt sich. Man knnte ja leicht glauben, da er aus Furcht vor den
Leuten tte, was er stets zu tun beabsichtigt hat.

Er kann den Gedanken nicht ertragen, da man ihn zwingen will; das ist
der Grund.

Aber er kann doch im Verborgenen helfen. In diesem Jahr bedarf es
vieler Hilfe. Er kann sich jemand verschaffen, der seine Gaben austeilt.
Ich verstehe das alles! ruft Gsta aus, und seine Augen strahlen. In
diesem Jahr sollen Tausende Brot von dem erhalten, den sie mit Flchen
berhufen.

So soll es sein, Gsta!

Ein Rausch berkam diese beiden, die es so wenig verstanden hatten, den
Beruf auszufllen, den sie erwhlt hatten. Die Lust ihrer Jugend, Gott
und den Menschen zu dienen, berkam sie von neuem. Sie schwelgten in den
Wohltaten, die sie ausfhren wollten. Gsta sollte der Gehilfe des
Pfarrers sein.

Vor allen Dingen mssen wir Brot schaffen, sagte der Pfarrer.

Und Schullehrer mssen wir schaffen. Wir lassen Landesvermesser kommen,
die den Grund und Boden austeilen. Und dann sollen die Leute es lernen,
ihre cker zu bestellen und das Vieh zu pflegen.

Wir wollen neue Wege bahnen und ein neues Dorf bauen.

Wir wollen unten am Giebach Schleusen anlegen, dadurch wird der Weg
zwischen dem Lfsee und dem Wenersee erffnet.

All der Reichtum unserer Wlder wird zu doppeltem Segen werden, wenn
der Weg zum Meere frei ist.

Die Flche werden sich in Segenswnsche verwandeln, ruft Gsta aus.

Der Pfarrer sieht auf. Sie lesen gegenseitig in ihren Blicken dieselbe
glhende Begeisterung. Aber im selben Augenblick fllt ihr Auge auf den
Schandhgel.

Gsta, sagt der Alte, dies alles erfordert die Krfte eines starken
Mannes, ich aber bin dem Tode nahe. Du siehst, was mir am Leben zehrt.

Schaffen Sie es fort!

Wie soll ich das machen, Gsta Berling?

Gsta tritt dicht an ihn heran und sieht ihm scharf in die Augen.
Bitten Sie Gott um Regen! sagt er. Sie sollen ja am Sonntag
predigen. Bitten Sie Gott dann um Regen.

Entsetzt sinkt der alte Pfarrer zusammen.

Wenn es Ihr Ernst ist, wenn Sie nicht die Drre bers Land gebracht
haben, wenn Sie dem Hchsten nicht mit Ihrer Hrte haben dienen wollen,
so bitten Sie Gott um Regen. Das soll das Zeichen sein. Daraus wollen
wir erkennen, ob Gott dasselbe will, was wir wollen.

Als Gsta die Brobyer Hgel hinabfuhr, wunderte er sich ber sich selber
und ber die Begeisterung, die ihn ergriffen hatte. Aber es konnte doch
ein schnes Leben werden. Ja, nur nicht fr ihn. Von seiner Hilfe
wollten sie da oben nichts wissen.

       *       *       *       *       *

In der Brobyer Kirche war die Predigt gerade beendet, und die
gewhnlichen Gebete waren verlesen. Der Pfarrer war im Begriff, die
Treppe der Kanzel hinabzugehen. Aber er zgerte. Schlielich fiel er auf
die Knie und flehte um Regen.

Er betete, wie ein verzweifelter Mensch betet, mit wenigen Worten, ohne
eigentlichen Zusammenhang.

Ist es meine Snde, die deinen Zorn erregt hat, so strafe nur mich.
Gibt es Barmherzigkeit bei dir, du Gott der Gnade, so la es regnen!
Nimm die Schande von mir! La es regnen um meines Flehens willen! La
Regen herabfallen auf das Feld des Armen! Gib deinem Volke Brot!

Der Tag war warm, es war unertrglich schwl. Die Gemeinde hatte halb im
Schlaf dagesessen, aber bei diesen abgerufenen Lauten, dieser heiseren
Verzweiflung erwachten alle.

Wenn es noch einen Weg zur Umkehr fr mich gibt, so sende Regen...

Er schwieg. Die Tren standen offen. Jetzt kam ein heftiger Windsto
herangesaust. Er fuhr ber das Feld, wirbelte bis zur Kirche herauf und
sandte eine Staubwolke voller Reisig und Stroh herein. Der Pfarrer
konnte nicht weitersprechen; er schwankte von der Kanzel herab.

Die Menschen schauderten. Sollte dies eine Antwort sein?

Aber der Windsto war nur ein Vorlufer des Gewitters. Es zog sich mit
einer Geschwindigkeit ohnegleichen zusammen. Als der Gesang beendet war
und der Pfarrer vor dem Altar stand, zuckten schon die Blitze, und der
Donner rollte gewaltig, den Klang seiner Worte bertubend. Als der
Kster den letzten Vers spielte, peitschten schon die ersten
Regentropfen gegen die grnen Fensterscheiben, und alle Leute strmten
hinaus, um den Regen zu sehen. Aber sie begngten sich nicht damit, zu
sehen: einige weinten, andere lachten, whrend sie den starken
Gewitterregen auf sich herabstrmen lieen. Ach, wie gro war ihre Not
gewesen! Wie unglcklich waren sie gewesen. Aber Gott ist gut. Gott
sendet Regen. Welch eine Freude, welch eine Freude!

Der Brobyer Pfarrer war der einzige, der nicht in den Regen hinauskam.
Er lag auf den Knien vor dem Altar und erhob sich nicht. Die Freude war
fr ihn zu gewaltig gewesen. Er starb vor Freude.




Des Kindes Mutter


Man konnte nur _einer_ Ansicht ber die Sache sein: das Kind mute einen
Vater haben.

Das Kind war das jmmerlichste kleine Wesen, das man sich denken konnte,
klein und rot mit tausend Falten. Das Kind war ein kleines Wesen, das
niemals schrie, das gleich von der Geburt an Krampfanflle gehabt hatte,
ein armes, verirrtes Wesen, das sechs oder sieben Wochen frher ins
Leben eingetreten war, als es von Rechts wegen durfte, und das sich
deswegen niemals auf der Erde zurechtzufinden vermochte.

Das Kind wog so wenig, da es sich nicht einmal der Mhe verlohnt, zu
sagen, wie wenig es war. Man mute es in Lammfelle nhen, und es wollte
weder essen noch schlafen. Aber es lebte. Niemand wute, wie es am Leben
erhalten wurde, aber leben tat es.

Das Kind war in einer kleinen Bauernhtte stlich vom Klarelf geboren.
Des Kindes Mutter war Anfang Juni dahin gekommen und hatte einen Dienst
gesucht. Sie habe einen Fehltritt begangen, hatte sie zu den Leuten im
Hause gesagt, und ihre Mutter sei so hart gegen sie gewesen, da sie
habe fliehen mssen. Sie nannte sich Elisabeth Karlsdatter, aber sie
wollte nicht sagen, woher sie sei, denn dann wrden sie natrlich ihre
Eltern von ihrem Aufenthaltsort benachrichtigen, und die wrden sie zu
Tode peinigen, wenn sie sie fnden; davon sei sie berzeugt. Sie
verlange keinen Lohn, sie wolle nur Essen und Trinken und ein Dach ber
dem Haupte haben. Sie knne arbeiten, weben oder spinnen oder die Khe
hten -- was sie wollten. Wenn man es verlange, knne sie auch fr ihren
Aufenthalt bezahlen.

Sie war so vorsichtig gewesen, barfu auf den Hof zu kommen, die Schuhe
unterm Arm; sie hatte grobe Hnde, sie redete die Sprache der Gegend
und trug die Kleidung eines Bauernmdchens. Sie glaubten ihr. Der
Hausherr meinte, sie she gebrechlich aus, er traute ihrer
Arbeitstchtigkeit nicht recht. Aber irgendwo msse sie ja bleiben die
rmste. Und so durfte sie denn dableiben.

Es war etwas an ihr, was bewirkte, da alle auf dem Hofe freundlich
gegen sie waren. Sie war in ein gutes Haus gekommen. Die Menschen dort
waren ernsthaft und still. Die Hausfrau hielt groe Stcke auf sie, seit
sie entdeckt hatte, da sie Drell weben konnte. Sie lieh einen
Drellwebstuhl von der Prpstin, und des Kindes Mutter hatte den ganzen
Sommer am Webstuhl gesessen.

Es fiel niemand ein, da sie geschont werden msse: sie mute die ganze
Zeit hindurch wie ein Bauernmdchen arbeiten. Sie war nicht sehr
unglcklich. Das Leben unter den Bauern sagte ihr zu, obwohl sie alle
Bequemlichkeiten, an die sie gewhnt war, entbehren mute. Aber man
fate dort alles ganz ruhig und natrlich auf. Aller Gedanken drehten
sich um die Arbeit, und die Tage vergingen so einfrmig, da man sich
verrechnen konnte und glauben, man befinde sich mitten in der Woche,
wenn der Sonntag kam.

Eines Tages gegen Ende August hatten sie den ganzen Tag Hafer gemht,
und des Kindes Mutter war mit aufs Feld gegangen, um Garben zu binden.
Dabei hatte sie sich beranstrengt, und das Kind ward geboren, aber zu
frh. Sie hatte es im Oktober erwartet.

Jetzt stand die Bauernfrau mit dem Kinde am Feuer und erwrmte es, denn
das arme kleine Wesen fror mitten in der Augustwrme. Des Kindes Mutter
lag nebenan in der Kammer und lauschte, was von dem Kleinen gesagt
werde. Sie konnte sich vorstellen, wie die Knechte und Mgde hingingen
und es in Augenschein nahmen.

So ein armes, kleines Ding, sagten sie dann immer, und hinterdrein
folgte ohne Ausnahme: Du armer Kleiner, der du keinen Vater hast!

Irgend jemand wunderte sich regelmig, da das Kind so rot und runzelig
sei, dann aber antwortete ebenso regelmig eine andere Stimme, so shen
alle kleinen Kinder aus.

Sie klagten nicht ber das Geschrei des Kindes: sie waren ganz davon
durchdrungen, da Kinder schreien mten, und schlielich, wenn man
alles recht erwog, war das Kind ganz krftig fr sein Alter. Es schien
alles ganz in Ordnung zu sein, wenn es nur einen Vater gehabt htte.

Die Mutter lag da und lauschte und wunderte sich. Die Sache erschien ihr
pltzlich von groer Wichtigkeit. Wie sollte der arme Kleine, der keinen
Vater hatte, durchs Leben kommen?

Sie hatte ihren Plan im voraus gemacht. Sie wollte das erste Jahr auf
dem Bauernhof bleiben. Spter wollte sie sich ein Zimmer mieten und ihr
Brot durch Weben verdienen. Sie wollte selber das Erforderliche
verdienen, um das Kind zu ernhren und zu kleiden. Ihr Mann mochte gern
glauben, da sie seiner unwert war. Sie hatte gedacht, da das Kind
vielleicht ein besserer Mensch werden wrde, wenn es von ihr allein
erzogen wurde, als wenn ein hoffrtiger Vater es leitete.

Jetzt aber, nachdem das Kind geboren war, konnte sie die Sache nicht von
diesem Gesichtspunkt auffassen. Sie fand, da sie selbstschtig
gehandelt hatte. Das Kind mu einen Vater haben, sagte sie zu sich.

Wre das Kind nicht so ein kleines, jmmerliches Wesen gewesen, htte es
schlafen und essen knnen wie andere Kinder, htte sein kleiner Kopf
nicht immer auf die eine Seite gehangen, wre es nicht nahe daran
gewesen zu sterben, wenn die Krampfanflle kamen, so wrde die Frage
nicht von so beraus groer Wichtigkeit gewesen sein. Aber dies kleine,
hilflose Wesen _mute_ einen Vater haben.

Es war nicht so leicht, sich zu entschlieen, aber entschlieen mute
sie sich, und zwar sofort. Das Kind war drei Tage alt, und die Bauern in
Wermland warten selten lnger damit, ihre Kinder zur Taufe zu tragen.
Unter welchem Namen sollte nur der Kleine ins Kirchenbuch eingetragen
werden, und was wollte der Pfarrer von des Kindes Mutter wissen? Es war
doch sicher ein Unrecht gegen das Kind, es als vaterlos einschreiben zu
lassen. Es war nun einmal in diese Welt der Leiden gekommen, schien sich
aber nur danach zu sehnen, sie wieder zu verlassen. Vielleicht wrde es
besser gedeihen, wenn es einen Vater bekme. Wenn nun dies Kind zu einem
schwachen, krnklichen Manne heranwuchs, wie konnte sie es da
verantworten, es der Vorteile zu berauben, die ihm infolge seiner Geburt
und seines Reichtums zukamen?

Des Kindes Mutter wute ja sehr wohl, da es ein groes Ereignis und
eine groe Freude war, wenn ein Kind zur Welt kam. Jetzt erschien es
ihr, da es schwer sein msse, fr diesen Kleinen zu leben, da ihn alle
bemitleideten. Sie wollte ihn gern auf Seide und in Spitzen gebettet
sehen, wie es sich fr einen Grafensohn geziemt. Sie wollte ihn gern
von Glanz und Stolz umgeben sehen. Ja, das Kind _mute_ einen Vater haben!

Des Kindes Mutter fing an zu meinen, da sie ein zu groes Unrecht gegen
seinen Vater begehe. Hatte sie ein Recht, es fr sich allein zu
behalten? Das konnte sie doch wohl nicht haben. So ein teures kleines
Wesen, dessen Wert kein Mensch abzuwgen vermag, sollte sie sich
aneignen? Es war gar nicht rechtschaffen von ihr, so zu handeln.

Des Kindes Mutter wollte nicht gern zu ihrem Gatten zurck. Sie war
bange, da es ihr Tod werden wrde. Aber der Kleine schwebte in grerer
Gefahr als sie. Er konnte jeden Augenblick sterben, und er war nicht
getauft.

Das, was sie von Hause fortgetrieben hatte, die groe Snde, die in
ihrem Herzen gewohnt hatte, war verschwunden. Jetzt empfand sie keine
andere Liebe als fr den Kleinen, der keinen Vater hatte. Es war ihr
keine schwere Pflicht zu versuchen, ihm einen zu verschaffen.

Des Kindes Mutter lie den Mann und die Frau im Hause zu sich rufen und
sagte ihnen alles. Der Mann fuhr nach Borg, um Graf Dohna zu erzhlen,
da seine Frau lebe, und da ein Kind geboren sei, das einen Vater haben
msse.

Der Bauer kam spt am Abend nach Hause. Er hatte den Grafen nicht
getroffen, denn der war verreist, aber er war beim Pfarrer in Svartsj
gewesen und hatte mit ihm ber die Sache geredet. Da erfuhr denn die
Grfin, da ihre Ehe fr ungltig erklrt war, und da sie keinen Mann
mehr hatte.

Der Pfarrer schrieb ihr einen freundlichen Brief und bot ihr ein Heim in
seinem Hause an. Es ward ihr auch ein Brief von ihrem eigenen Vater an
den Grafen Henrik gesandt; der mute wenige Tage nach ihrer Flucht auf
Schlo Borg angekommen sein. Vielleicht hatte gerade dieser Brief, in
welchem ihr Vater den Grafen bat, die Legalisierung der Ehe zu
beschleunigen, Graf Henrik den leichtesten Weg gezeigt, auf dem er sich
seiner Gattin entledigen knne.

Man kann sich wohl vorstellen, da des Kindes Mutter vor Zorn
entflammte, grer aber war doch noch ihr Schmerz, als sie die Erzhlung
des Bauern hrte. Die Mutter eines krftigen, schnen Kindes htte diese
Nachricht mit Verachtung hinnehmen und stolz darber sein knnen, da
sie das Kind nun ganz allein besa. Aber die Mutter dieses kleinen,
hilflosen Wesens hatte fast ein Gefhl, als htte sie ihren Mann tten
knnen. Sie besa keinen Stolz, zu dem sie ihre Zuflucht nehmen konnte.

Die ganze Nacht hindurch floh sie der Schlaf. Das Kind _mute_ einen Vater
haben! Darum kreisten alle ihre Gedanken.

Am nchsten Morgen mute der Bauer auf ihr Verlangen nach Ekeby fahren
und Gsta Berling holen.

Gsta richtete viele Fragen an den schweigsamen Mann, aber er erfuhr
nichts. Ja, die Grfin sei den ganzen Sommer bei ihm im Hause gewesen
und habe gearbeitet. Jetzt sei ihr ein Kind geboren. Das Kind sei
schwach, die Mutter aber wrde bald wieder gesund sein.

Gsta fragte, ob die Grfin wisse, da ihre Ehe fr ungltig erklrt
sei.

Ja, jetzt wisse sie es; gestern habe sie es erfahren.

Auf dem ganzen Wege dahin war Gsta bald in brennendem Fieber, bald
berliefen ihn kalte Schauer. Was wollte sie von ihm? Weshalb sandte sie
nach ihm?

Er dachte an das Sommerleben da oben am Ufer des Lfsees. Sie hatten die
Tage mit Tanz und Spiel und Lustfahrten verbracht, und inzwischen hatte
sie gearbeitet und gelitten. Niemals hatte er an die Mglichkeit
gedacht, sie wiederzusehen. Ach, htte er das doch nur hoffen knnen! Da
wrde er als besserer Mann vor sie getreten sein. Worauf konnte er jetzt
zurckblicken? Auf nichts als auf die gewhnlichen Torheiten.

Gegen acht Uhr des Abends erreichte er sein Ziel und ward sogleich zu
des Kindes Mutter gefhrt. Es war halb dunkel im Zimmer, er konnte sie
kaum sehen, wie sie dalag. Auch der Mann und die Frau kamen herein.

Jetzt darf man nicht vergessen, da sie, deren weies Antlitz ihm in der
Dmmerung entgegenleuchtete, fr ihn stets das Hchste und Reinste war,
was er kannte, die schnste Seele, die sich in irdische Gewnder
gekleidet hatte. Als er nun wieder den Segen ihrer Nhe empfand, fhlte
er das Bedrfnis, sich auf die Knie zu werfen und ihr zu danken, weil
sie sich ihm aufs neue offenbarte, aber er war so berwltigt von
Bewegung, da er nichts sagen oder tun konnte.

Teure Grfin Elisabeth! stammelte er nur.

Guten Abend, Gsta!

Sie reichte ihm die Hand, die wieder wei und durchsichtig geworden war.
Sie lag schweigend da, whrend er mit seiner Gemtsbewegung kmpfte.

Des Kindes Mutter wurde nicht von gewaltsam hervorstrmenden Gefhlen
erschttert, als sie Gsta erblickte. Es wunderte sie nur, da er
hauptschlich an sie zu denken schien, da er ja doch begreifen konnte,
da es sich jetzt ausschlielich um das Kind handelte, das einen Vater
haben mute.

Gsta, sagte sie sanft, jetzt mut du mir helfen, wie du mir einst
gelobtest. Du weit, da mein Mann mich verlassen hat, folglich hat mein
Kind keinen Vater mehr.

Ja, Frau Grfin, aber die Sache lt sich doch ndern. Jetzt, wo ein
Kind da ist, kann der Graf sicher gezwungen werden, die Ehe zu
legalisieren. Sie knnen sich darauf verlassen, da ich Ihnen helfen
werde, Frau Grfin.

Des Kindes Mutter lchelte. Glaubst du, da ich mich Graf Dohna
aufdrngen will?

Das Blut strmte Gsta zu Kopf. Was wollte sie denn nur? Was verlangte
sie von ihm?

Komm hierher, Gsta, sagte sie und reichte ihm wieder ihre Hand. Du
mut mir nicht bse werden wegen dessen, was ich nun sagen will, aber
ich dachte, da du, der du, der du...

Der ich ein abgesetzter Pfarrer bin, ein Saufbruder, ein Kavalier, Ebba
Dohnas Mrder -- ich kenne die ganze Liste meiner Meriten...

Bist du schon jetzt bse, Gsta?

Ich mchte am liebsten, da die Frau Grfin nicht fortfhre.

Aber des Kindes Mutter fuhr fort: Mehr als eine, Gsta, wrde aus Liebe
deine Gattin geworden sein, aber so ist es nicht mit mir. Wenn ich dich
liebte, wrde ich nicht den Mut haben, so mit dir zu reden, wie ich
jetzt rede. Um meiner selbst willen wrde ich nicht um so etwas bitten,
Gsta, aber siehst du, das Kind mu ja einen Vater haben. Du begreifst
wohl schon, um was ich dich bitten will. Es ist allerdings eine groe
Erniedrigung fr dich, weil ich eine unverheiratete Frau bin und ein
Kind habe. Ich dachte nicht daran, da du es wohl tun wrdest, weil du
geringer bist als andere, obwohl -- ja, ich dachte auch daran.
Hauptschlich aber dachte ich, da du es wohl tun wrdest, weil du so
gut bist, Gsta, weil du ein Held bist und dich aufopfern kannst. Aber
das ist vielleicht zu viel verlangt. Vielleicht _kann_ ein Mann nicht so
viel tun. Wenn du mich zu sehr verachtest, wenn es dir gar zu sehr
zuwider ist, als Vater eines andern Kindes genannt zu werden, so sage es
nur. Ich will dir nicht zrnen. Ich sehe sehr wohl ein, da es zu viel
verlangt ist, aber das Kind ist krank, Gsta. Es ist so hart, da man
bei seiner Taufe nicht den Namen von seiner Mutter Gatten nennen kann.

Whrend er ihr zuhrte, empfand er dasselbe wie damals, als er sie an
jenem Frhlingstage an Land setzen und sie ihrem Schicksal berlassen
mute. Jetzt mute er ihr helfen, ihre Zukunft zu zerstren, ihre ganze
Zukunft. Er mute das tun, er, der sie liebte!

Ich will alles tun, was Frau Grfin wnschen! sagte er.

Am nchsten Tage sprach er mit dem Propst in Bro, denn Svartsj ist eine
Nebenpfarre von Bro, und dort sollte das Aufgebot stattfinden. Der gute
alte Propst wurde gerhrt und versprach, alle Verantwortung und die
Erfllung aller Formalitten zu bernehmen.

Ja, sagte er, du mut ihr helfen, Gsta, das mut du tun. Sie knnte
sonst leicht wahnsinnig werden. Sie glaubt, da sie dem Kinde einen
Schaden zugefgt hat, weil sie seinen Vater nicht hat angeben knnen.
Sie hat ein sehr zartes Gewissen, diese junge Frau.

Aber ich wei, da ich sie unglcklich machen werde, rief Gsta aus.

Das mut du nicht tun, Gsta! Du mut ein vernnftiger Mann werden,
jetzt, wo du fr Frau und Kind zu sorgen hast.

Der Propst wollte nach Svartsj hinabfahren und mit dem Pfarrer und dem
Amtmann reden. Das Ende vom Liede war, da am nchsten Sonntag Gsta
Berling und Elisabeth von Thurn in der Svartsjer Kirche aufgeboten
wurden.

Dann wurde des Kindes Mutter mit der grten Vorsicht nach Ekeby
gefahren, und dort wurde das Kind getauft.

Der Propst sprach mit ihr und sagte ihr, da sie ihren Entschlu noch
rckgngig machen knne. Ehe sie sich mit einem Manne wie Gsta Berling
verheirate, msse sie an ihren Vater schreiben.

Ich kann es nicht bereuen, sagte sie. Denkt doch, wenn mein Kind
sterben sollte, ehe es einen Vater bekommen hat!

Als das Aufgebot zum drittenmal verlesen wurde, war des Kindes Mutter
schon mehrere Tage wieder ganz frisch und gesund gewesen. Am Nachmittage
kam der Propst und traute sie und Gsta Berling. Niemand aber dachte
daran, da dies eine Hochzeit sei. Es waren keine Gste geladen. Man
verschaffte nur dem Kinde einen Vater, das war das Ganze.

Des Kindes Mutter strahlte in stiller Freude, als wenn sie ein groes
Ziel erreicht htte. Der Brutigam war betrbt. Er dachte daran, wie sie
ihre Zukunft durch die Ehe mit ihm verdarb. Er merkte mit Entsetzen, da
er eigentlich gar nicht fr sie existierte. Alle ihre Gedanken waren bei
dem Kinde.

Einige Tage darauf wurden des Kindes Vater und Mutter in Trauer
versetzt. Das Kind war whrend eines Krampfanfalls gestorben.

Es wollte manchem scheinen, als wenn des Kindes Mutter nicht so heftig
und tief trauere, wie man erwartet hatte. Es lag ein Ausdruck von
Triumph ber ihr. Es war, als jubele sie, da sie ihre ganze Zukunft um
des Kindes willen zerstrt hatte. Wenn der Kleine zu den Engeln
hinaufkam, wrde er sich doch erinnern, da er auf Erden eine Mutter
gehabt hatte, die ihn liebte.

       *       *       *       *       *

Dies alles ging still und unbemerkt vor sich. Als Gsta Berling und
Elisabeth von Thurn in der Svartsjer Kirche aufgeboten wurden, wuten
die meisten nicht einmal, wer die Braut war. Die Geistlichen und die
Edelleute, die ber die Sache Bescheid wuten, sprachen so wenig wie
mglich davon. Es war, als frchteten sie, da der eine oder der andere,
der den Glauben an die Macht des Gewissens verloren hatte, der
Handlungsweise der jungen Frau eine ble Deutung geben mge. Man war so
besorgt, da jemand sagen knne: Da knnt ihr sehen, es ist doch wahr
gewesen, da sie ihre Liebe zu Gsta nicht berwinden konnte; jetzt hat
sie sich unter einem Vorwand, der ja recht edel erscheint, mit ihm
verheiratet. Ach, die Alten behandelten die junge Frau stets mit so
groer Zartheit. Niemals duldeten sie es, da man schlecht von ihr
sprach. Sie wollten kaum einrumen, da sie gesndigt hatte. Sie wollten
nicht sehen, da diese Seele, die so ngstlich vor allem Bsen war, von
Snde befleckt sein knne.

Ein anderes groes Ereignis, das gerade um dieselbe Zeit geschah, trug
auch dazu bei, da Gsta Berlings Ehe nicht mehr beredet wurde. Major
Samzelius wurde von einem Unglck betroffen. Er war mehr und mehr
sonderlich und menschenscheu geworden. Er verkehrte fast ausschlielich
mit Tieren und hatte auf Sj einen ganzen kleinen Tierpark um sich
versammelt. Gefhrlich war er auch, denn er hatte stets eine geladene
Flinte bei sich und feuerte sie einmal ber das andere ab, ohne darauf
zu achten, wohin der Schu ging. Eines Tages wurde er von einem zahmen
Bren gebissen, den er versehentlich angeschossen hatte. Das verwundete
Tier strzte sich ber ihn, whrend er dicht vor dem Gitter stand, und
bi ihn in den Arm. Dann brach es aus der Gefangenschaft aus und
flchtete in den Wald.

Der Major wurde bettlgerig und starb an dieser Wunde, aber erst kurz
vor Weihnachten. Htte die Majorin gewut, da er krank daniederlag, so
htte sie die Herrschaft ber Ekeby wieder bernehmen knnen. Aber die
Kavaliere wuten, da sie nicht kommen wrde, ehe ihr Jahr verstrichen
war.




=Amor vincit omnia=


Unter der Treppe zu der Pulpitur in der Svartsjer Kirche befindet sich
eine Rumpelkammer, die ganz angefllt ist mit allerlei altem Germpel:
mit zerbrochenen Grabscheiten, unbrauchbaren Kirchenbnken und
dergleichen.

Da drinnen, wo der Staub dick liegt und sie gleichsam vor jedem
menschlichen Auge verbirgt, steht eine mit dem reichsten
Perlmuttermosaik eingelegte Truhe. Wischt man den Staub davon ab, so
scheint sie zu schimmern und zu strahlen wie eine Felswand in einem
Mrchen. Die Truhe ist verschlossen, und der Schlssel ist gut verwahrt.
Sie darf nicht geffnet werden; kein Sterblicher darf einen Blick
dahinein werfen. Niemand wei, was darin ist. Erst wenn das neunzehnte
Jahrhundert verstrichen ist, darf der Schlssel in das Schlo gesteckt,
der Deckel aufgehoben, drfen die Schtze, die hier verschlossen liegen,
von Menschen erblickt werden. Also hat er es angeordnet, der einst diese
Truhe besa.

Auf der Messingplatte des Deckels steht eine Inschrift: =Labor vincit
omnia=. Aber eine andere Inschrift wrde besser gepat haben: =Amor
vincit omnia= htte dort stehen sollen. Denn sogar die alte Truhe in der
Rumpelkammer ist ein Zeugnis von der Allmacht der Liebe.

O Eros, du alles beherrschender Gott!

Du, o Liebe, bist der in Wahrheit Ewige. Alt ist das Menschengeschlecht
auf Erden, du aber gabst ihm durch alle Zeiten das Geleite.

Wo sind die Gtter des Ostens, die starken Helden, deren Waffe der
Blitzstrahl war, sie, die an den Ufern der heiligen Flsse Opfer aus
Milch und Honig in Empfang nahmen? Tot sind sie. Tot ist Bel, der
mchtige Krieger, und Thoth, der Riese mit dem Ibiskopf. Tot sind die
Herrlichen, die auf den Wolkenlagern des Olymps ruhten, wie auch die
Tatenreichen, die in dem schildgedeckten Walhall wohnten. Alle die
alten Gtter sind tot, mit Ausnahme von Eros -- von Eros, dem
Allbeherrschenden.

Alles, was du siehst, ist sein Werk. Er erhlt die Geschlechter. Siehe
ihn berall! Wo kannst du gehen, ohne eine Spur seines Fues zu finden?
Was hat dein Ohr vernommen, in dem nicht das Sausen seiner Schwingen der
Grundton war? Er wohnt in dem Herzen der Menschen und in dem
schlummernden Samenkorn. Fhle mit Beben seine Nhe in den toten Dingen!

Was gibt es wohl, das sich nicht sehnt, das sich nicht hingezogen fhlt?
Alle Gtter der Rache werden fallen, alle Gtter der Strke und Macht.
Du, o Liebe, bist der in Wahrheit Ewige!

       *       *       *       *       *

Der alte Onkel Eberhard sitzt an seinem Schreibtisch, einem prchtigen
Mbel mit hundert Schubfchern, mit einer Marmorplatte und mit Beschlag
aus dickem Messing. Er arbeitet mit Eifer und Flei allein oben im
Kavalierflgel.

Aber Eberhard, warum streifst du nicht umher in Wald und Feld in diesen
letzten flchtigen Sommertagen, so wie die andern Kavaliere? Niemand,
das weit du, darf ungestraft der Gttin der Weisheit huldigen. Dein
Rcken ist gebeugt, obwohl du nur sechzig Jahre alt bist, das Haar, das
deinen Scheitel bedeckt, ist nicht dein eigenes, die Runzeln scharen
sich auf deiner Stirn, die sich ber den eingefallenen Augenhhlen
wlbt, und alle die vielfltigen Stellungen, die die Degen zweier
Fechter in einem Duell einnehmen knnen, zeichnen sich in den tausend
Runzeln um deinen zahnlosen Mund ab. Eberhard, Eberhard, warum streifst
du nicht umher in Wald und Feld? Der Tod wird dich nur um so schneller
von deinem Schreibpult trennen, dich, der du das Leben dich nicht von
ihm fortlocken lt.

Onkel Eberhard macht einen dicken Tintenstrich unter die letzte Linie.
Und dann entnimmt er den unzhligen Schubfchern des Pultes alte
vergilbte Haufen dichtbeschriebenen Papiers, alle die verschiedenen
Teile seines groen Werkes, des Werkes, das Eberhard Berggrens Namen
durch alle Zeiten tragen soll. Aber gerade als er den einen Haufen auf
den andern gestapelt hat und sie in stummem Entzcken anstarrt, tut sich
die Tr auf und die junge Grfin tritt herein.

Da ist sie, die junge Herrin der alten Herren. Sie, der sie mehr dienen,
die sie mehr anbeten, als Groeltern den ersten Enkel anbeten und ihm
dienen. Da ist sie, die sie in Armut und Krankheit gefunden und der sie
nun alle Herrlichkeiten der Welt geschenkt haben, wie es der Knig im
Mrchen mit dem armen Mdchen machte, das er im Walde fand. Fr sie
ertnen Waldhorn und Violinen auf Ekeby. Fr sie atmet, regt sich und
arbeitet alles auf dem groen Gut.

Sie ist jetzt wieder gesund, wenn auch noch sehr schwach. Die Einsamkeit
in dem groen Haus bedrckt sie ein wenig, und da sie wei, da die
Kavaliere weg sind, will sie sehen, wie es in dem Kavalierflgel, diesem
berchtigten Ort, aussieht.

Also kommt sie leise herein und sieht sich um, betrachtet die
weigetnchten Wnde und die gelbgewrfelten Bettvorhnge. Sie sieht
Gstas Drechselbank, Lwenbergs Tisch, an dem er seinen Beethoven auf
gemalten Tasten spielt, die ausgestopfte Krhe ber Kristian Berghs
Bett und das Brenfell vor Major Fuchs' Ruhestatt. In der einen Ecke
sieht sie die sonderbare Webarbeit, die Beerencreutz' Zeitvertreib ist.
Er hat die Kette auf dem Fuboden ausgespannt und schlgt den Eintrag
ohne Hilfe von Webstuhl oder Schiffchen auf. Sie sieht den Stuhl am
Ofen, auf dem Vetter Kristoffer das Leben ohne Taten und ohne Namen
vertrumt. Patron Julius' geschnitzte Vorratstruhe, Liliencronas
Violinkasten, Kevenhllers Ranzen und Knotenstock, Rusters Punschlffel
-- alles sieht sie, aber sie wird verlegen, als sie entdeckt, da das
Zimmer nicht leer ist.

Onkel Eberhard geht ihr feierlich entgegen und fhrt sie an den groen
Haufen betriebenen Papiers.

Seht, Grfin, sagt er, jetzt ist mein Werk beendet. Jetzt soll das,
was ich geschrieben habe, in die Welt hinaus. Jetzt werden groe Dinge
geschehen.

Was wird denn geschehen, Onkel Eberhard?

Ja, Grfin, es wird niederschlagen wie ein Blitz, wie ein Blitz, der
leuchtet und ttet. Seit ihn Moses aus der Donnerwolke des Berges Sinai
hervorgezogen und ihn in dem Allerheiligsten des Tabernakels auf den
Gnadenstuhl gesetzt hat, seit der Zeit hat er sicher und ruhig
dagesessen, der alte Jehova; aber jetzt sollen die Menschen sehen, was
er ist: Einbildung, Leere, Dunst, die totgeborene Ausgeburt unseres
eigenen Gehirns. Er soll zu nichts zusammensinken! rief der Greis aus
und legte seine runzelige Hand auf den Papierhaufen. Hier steht es, und
wenn die Menschen es erst lesen, dann _mssen_ sie es glauben. Sie werden
auffahren und ihre eigene Dummheit sehen; sie werden das Kreuz als
Brennholz, die Kirchen zu Kornspeichern gebrauchen, und die Geistlichen
werden den Erdboden pflgen.

O Onkel Eberhard, sagt die Grfin mit einem leichten Schaudern,
stehen da wirklich so schreckliche Dinge?

Schrecklich? wiederholt der Alte. Das ist ja die Wahrheit. -- Aber wir
sind wie die Kinder, die den Kopf in dem Rock einer Frau verbergen,
sobald sie einem Fremden begegnen; wir haben uns daran gewhnt, uns vor
der Wahrheit zu verstecken, vor dem ewig Fremden. Aber nun wird sie
kommen und unter uns wohnen, nun wird sie von allen gekannt sein.

Von allen?

Nicht nur von den Philosophen, sondern von allen, verstehen Frau
Grfin, von allen.

Und dann soll Jehova sterben?

Er und alle Engel, alle Heiligen, alle Teufel, alle Lgen.

Wer soll dann die Welt regieren?

Glauben Frau Grfin, da jemand sie bisher regiert hat? Glauben Frau
Grfin an diese Vorsehung, die acht gibt auf die Sperlinge und auf das
Haar auf dem Haupte? Niemand hat sie regiert, und niemand wird sie
regieren.

Aber wir, wir Menschen, was wird denn aus uns?

Dasselbe, was immer aus uns geworden ist: Staub. Wer ausgebrannt ist,
kann nicht mehr brennen; er ist tot. Wir sind Brennmaterial, das von den
Flammen des Lebens umflackert wird. Der Funke des Lebens fliegt von dem
einen zu dem andern. Er wird angezndet, flammt auf und erlischt. Das
ist das Leben.

O Eberhard, gibt es denn kein ewiges Leben?

Keins.

Nichts jenseits des Grabes?

Nichts.

Nichts Gutes, nichts Bses, kein Ziel, keine Hoffnung?

Nichts!

Die junge Grfin tritt an das Fenster. Sie sieht hinaus auf das
gelbwerdende Laub des Herbstes, auf Georginen und Astern, die die
schweren Kpfe auf den vom Herbstwind geknickten Stengeln hngen lassen.
Sie sieht die schwarzen Wellen des Lfsees, den finsteren Gewitterhimmel
des Herbstes, und einen Augenblick gibt sie sich der Verleugnung hin.

Onkel Eberhard, sagt sie, wie grau und hlich die Welt ist, wie
unntz und eitel alles ist. Ich will mich hinlegen und sterben.

Aber da hrt sie gleichsam eine Klage in ihrer eigenen Seele. Die
starken Krfte des Lebens und die warmen Gefhle schreien laut nach dem
Glck zu leben.

Gibt es denn nichts, ruft sie aus, was dem Leben Schnheit verleihen
kann, wenn ihr mir Gott und die Unsterblichkeit genommen habt?

Die Arbeit! antwortet der Alte.

Sie aber sieht wieder hinaus, und ein Gefhl der Verachtung vor dieser
armseligen Welt beschleicht sie. Das Unergrndliche erhebt sich vor ihr,
sie sieht den Geist in allem wohnen, sie fhlt die Kraft, die in der
scheinbar toten Materie gebunden liegt, die sich aber zu tausendfltig
wechselndem Leben entwickeln kann. Mit schwindelnden Gedanken sucht sie
nach einem Namen fr das Vorhandensein von Gottes Geist in der Natur.

Ach, Eberhard, sagt sie, was ist Arbeit? Ist das ein Gott? Hat sie
ein Ziel in sich selbst? Nenne etwas anderes!

Ich wei nichts anderes, erwidert der Alte.

Aber nun hat sie den Namen gefunden, den sie sucht, einen armen, oft
geschndeten Namen.

Onkel Eberhard, warum nennst du nicht die Liebe?

Da gleitet ein Lcheln ber den zahnlosen Mund, um den sich die vielen
Runzeln kreuzen.

Hier, sagt der Philosoph und schlgt mit der geballten Faust auf den
groen Haufen, hier werden alle Gtter gemordet, und ich habe Eros
nicht vergessen. Was ist die Liebe anders als das Bedrfnis des
Fleisches? Warum sollte sie hher stehen als andere Forderungen des
Krpers? Mache den Hunger zu einem Gott! Mache die Mdigkeit zu einem
Gott! Sie sind ebenso wrdig. Aber diese Torheiten sollen ein Ende
haben! Die Wahrheit soll leben!

Da senkt die junge Grfin das Haupt. So ist es nicht. Es ist nicht wahr,
dies, aber sie kann nicht mit ihm streiten.

Deine Worte haben meine Seele verwundet, sagt sie, aber noch glaube
ich dir nicht. Die Gtter des Hasses und der Rachsucht knnt ihr tten,
aber nur sie.

Aber der Alte ergreift ihre Hand, legt sie auf das Buch und erwidert mit
dem Fanatismus des Unglaubens:

Wenn du dies gelesen hast, mut du glauben!

Dann mge es mir niemals vor Augen kommen, sagt sie, denn wenn ich es
glaube, kann ich nicht leben.

Und sie verlt den Philosophen, in Kummer versunken. Er aber sitzt
lange da und grbelt, nachdem sie gegangen ist.--

Diese alten Hefte, dicht beschrieben mit gotteslsterlichen Worten, sind
noch nicht von der Welt geprft. Noch hat Onkel Eberhards Name die
Zinnen des Ruhmes nicht erklommen.

Sein groes Werk liegt verwahrt in einer Truhe in der Rumpelkammer unter
der Pulpiturtreppe in der Svartsjer Kirche; erst am Ausgang des
Jahrhunderts soll es ans Licht kommen.

Aber warum hat er das getan? Frchtete er seine Behauptungen nicht
beweisen zu knnen? War er bange vor Verfolgungen? Ach -- ihr kennt Onkel
Eberhard nicht.

So sollt ihr es denn wissen! Die Wahrheit hat er geliebt, nicht seine
eigene Ehre; darum hat er diese, nicht jene geopfert, damit das Kind,
das er wie ein Vater geliebt hat, im Glauben an das sterben kann, was es
geliebt hat!

O Liebe, du bist der in Wahrheit Ewige!




Das Mdchen aus Nygaard


Niemand kennt den Fleck unter dem Berge, wo die Tannen am dichtesten
wachsen und wo eine dicke Schicht aus weichem Moos die Erde bedeckt. Wie
sollte auch wohl jemand den kennen? Er ist nie zuvor von Menschen
betreten worden. Kein Fupfad fhrt zu dem verborgenen Fleck. Felsblcke
trmen sich ringsumher auf, engverflochtene Wacholderzweige bewachen
ihn, drres Reisig und umgestrzte Baumstmme versperren den Weg, der
Hirte kann ihn nicht finden, der Fuchs verachtet ihn. Es ist der
einsamste Fleck im Walde, und nun suchen Tausende von Menschen danach.

Welch ein unendlicher Zug von Suchenden! Sie wrden die Kirche von Bro
fllen und die von Lfviks und von Svartsj noch obendrein. Welch ein
unendlicher Zug von Suchenden!

Kinder, die keine Erlaubnis erhalten, sich dem Zuge anzuschlieen,
stehen am Wege oder sitzen auf den Zunen und Hecken, berall, wo der
Zug vorberkommt. Die Kleinen haben gar nicht geglaubt, da es so viele
Menschen auf der Welt gibt, so eine unendliche Menge. Wenn sie gro
sind, werden sie sich noch dieser langen, wogenden Menschenflut
erinnern. Ihre Augen werden sich mit Trnen fllen nur bei der
Erinnerung an das berwltigende, diesen unendlichen Zug den Weg entlang
ziehen zu sehen, wo man sonst den ganzen Tag hindurch nichts zu sehen
pflegte als einige einsame Wanderer, Bettler oder einen Bauernwagen.

Alle, die am Wege wohnen, fahren auf und fragen: Ist ein Unglck ber
das Land hereingebrochen? Ist der Feind hereingerckt? Wohin geht ihr,
ihr Wandersleute, wohin geht ihr?

Wir suchen! antworten sie. Wir haben zwei Tage gesucht. Wir wollen
auch heute noch suchen; lnger knnen wir es nicht aushalten. Wir wollen
den Wald von Bjrne durchsuchen und die tannenbewachsenen Hhen westlich
von Ekeby.

Der Zug ist von Nygaard, einem armen Dorf in den stlichen Bergen,
ausgegangen. Das hbsche junge Mdchen mit dem dicken schwarzen Haar und
den roten Wangen ist seit acht Tagen verschwunden gewesen. Das
Besenmdchen, das Gsta Berling zu seiner Braut machen wollte, hat sich
in den groen Wldern verirrt. Seit acht Tagen hat niemand sie gesehen.
Da brachen die Leute aus Nygaard auf, um sie zu suchen. Und alle
Menschen, denen sie begegneten, gingen mit, um zu suchen. Aus jedem
Hause kamen Menschen, um sich dem Zug anzuschlieen.

Da geschieht es denn hufig, da ein Neuhinzugekommener fragt: Ihr
Mnner von Nygaard, woher kommt dies alles? Weshalb lieet ihr das
hbsche Mdchen allein auf fremden Wegen gehen? Der Wald ist tief, und
Gott hat ihr ihren Verstand genommen.

Ihr fgt niemand ein Leid zu, antworteten sie dann, und sie tut
niemand ein Leid. Sie geht so sicher wie ein Kind. Wer geht wohl
sicherer als der, den Gott selber bewachen mu? Sie ist sonst stets
zurckgekommen.

So ist der suchende Zug durch die stlichen Wlder gezogen, die Nygaard
von der Ebene trennen. Jetzt, am dritten Tage, zieht er an der Broer
Kirche vorber, den westlich von Ekeby gelegenen Wldern zu.

Aber wohin der Zug kommt, braust ihnen auch ein Sturm des Staunens
entgegen, stets mu ein Mann aus der Schar zurckbleiben, um die Fragen:
Was wollt ihr? Was sucht ihr? zu beantworten.

Wir suchen das blauugige, schwarzhaarige junge Mdchen. Sie hat sich
in den Wald gelegt, um zu sterben. Sie ist acht Tage lang fortgewesen.

Weshalb hat sie sich in den Wald gelegt, um zu sterben? War sie
hungrig? War sie unglcklich?

Nein, Not hat sie nicht gelitten, aber ein Unglck hat sie in diesem
Frhling betroffen. Sie hat den tollen Pfarrer, Gsta Berling, gesehen
und ihn mehrere Jahre hindurch geliebt. Sie wute es nicht besser. Gott
hat ihr den Verstand genommen.

Ja, Gott hat sie ihres Verstandes beraubt, ihr Mnner von Nygaard.

In diesem Frhling traf das Unglck ein. Bis dahin hatte er sie niemals
gesehen. Da sagte er zu ihr, da sie seine Braut sein solle. Es war nur
ein Scherz; er lie sie wieder laufen, aber sie konnte sich gar nicht
trsten. Sie kam stets nach Ekeby zurck. Sie folgte ihm auf den Fersen,
wohin er auch ging. Er ward ihrer berdrssig. Als sie zuletzt da war,
hetzten sie die Hunde auf sie. Seither hat niemand sie gesehen.

Auf, ihr Mnner! Es gilt ein Menschenleben. Ein Mensch hat sich in den
Wald gelegt, um zu sterben. Vielleicht ist sie schon tot. Oder
vielleicht wandert sie noch da drauen herum und kann den rechten Weg
nicht finden. Der Wald ist gro, und ihr Verstand ist bei Gott.

Schlieet euch dem Zuge an, kommt mit! Lat den Hafer in Hocken stehen,
bis die dnnen Krner aus den hren fallen, lat die Kartoffeln in der
Erde verfaulen; lat die Pferde los, damit sie nicht im Stall
verdursten; lat die Tr zum Kuhstall offen stehen, so da die Khe die
Nacht unter Dach kommen knnen; nehmt die Kinder mit, denn die Kinder
gehren Gott. Gott ist mit den Kleinen; er leitet ihre Schritte. Sie
sollen helfen, wo menschliche Klugheit zu Ende ist.

Kommt alle, Mnner, Frauen und Kinder! Wer wagt es, zu Hause zu bleiben?
Wer kann wissen, ob Gott sich nicht gerade seiner bedienen will? Kommt
herbei, alle, die ihr der Barmherzigkeit bedrft, damit eure Seele
nicht einstmals hilflos auf den drren Sttten umherschwanken mu, ohne
Ruhe finden zu knnen. Kommt! Gott hat ihr den Verstand genommen, und
der Wald ist gro.

Ach, wer kann den Fleck finden, wo die Tannen am dichtesten stehen, wo
das Moos am weichsten ist? Liegt dort nicht etwas Dunkles hart an der
Bergwand? Ach, ein Ameisenhaufen. Gelobt sei, der den Weg der Toren
lenkt! Es ist nichts anderes!

Welch ein Zug! Kein feierlich geschmckter Festzug, der den Sieger
begrt, der Blumen auf seinen Weg streut und seine Ohren mit Jubelrufen
erfllt, kein Pilgerzug mit Psalmengesang und sausenden Geielschlgen
auf dem Wege nach dem Heiligen Grabe, kein Auswandererzug auf
knirschenden Lastwagen, der auszieht, um neue Behausungen fr die
Menschen in ihrer Not zu suchen, keine Armee mit Trommeln und Waffen; es
sind nur Bauern in Arbeitskleidern aus Beiderwand mit vertragenen
Schurzfellen, nur ihre Frauen mit Strickstrmpfen in der Hand, die
Kinder auf dem Rcken oder an den Rcken hngend.

Es ist gro, Menschen zu groen Zielen vereint zu sehen. Lat sie
ausziehen, um ihre Wohltter zu begren, um ihren Gott zu preisen, um
neuen Erdboden zu suchen, um ihr Land zu verteidigen; lat sie ziehen!
Diese Menschen aber hat kein Hunger, keine Gottesfurcht, kein Unfriede
ausgetrieben. Ihre Mhe ist vergeblich, ihre Arbeit ohne Lohn, sie
ziehen nur aus, um eine Irrsinnige zu finden. Wie viele Schweitropfen,
wie viele Schritte, wie viele Gebete dies auch kosten mag, sie haben
doch keinen andern Lohn als den, eine arme Irrsinnige wiederzufinden,
deren Verstand bei Gott ist.

Kann man umhin, dies Volk zu lieben? Mssen nicht jeden, der sie hat
vorberziehen sehen, die Trnen in die Augen treten, wenn er sie sich im
Geiste zurckruft, diese Mnner mit den scharfen Zgen und den harten
Hnden, Frauen mit vor der Zeit gefurchten Stirnen und diese Kinder, die
Gott an den rechten Ort leiten sollte?

Er fllt die Landstrae, dieser Zug aus traurig Suchenden. Mit ernsten
Blicken sehen sie den Wald an; mit finstern Mienen wandern sie dahin,
denn sie wissen, da sie mehr Aussicht haben, eine Tote zu finden als
eine Lebende.

Ach, das Schwarze dort unter der Bergwand, ist es doch wohl kein
Ameisenhaufen -- aber vielleicht ein umgestrzter Baum? Gelobt sei Gott,
es ist nur ein umgestrzter Baum. Aber so genau kann man es ja nicht
sehen, da die Tannen so dicht nebeneinander stehen.

So lang ist der Zug, da die Vordersten, die starken Mnner, schon am
Walde westlich von Bjrne angelangt sind, whrend die letzten, die
Krppel und die schwachen Greise und die Frauen, die ihre kleinen Kinder
tragen, kaum an der Brobyer Kirche vorber sind.

Und dann verschwindet dieser ganze wogende Zug in den finstern Wald. Die
Morgensonne leuchtet ihm unter die Tannen -- die sinkende Sonne des
Abends wird den Scharen begegnen, wenn sie aus dem Walde kommen.

Es ist der dritte Tag, da sie suchen. Sie sind an diese Arbeit gewhnt.
Sie suchen unter der steilen Felswand, wo der Fu gleitet, unter den
umgewehten Bumen, wo man leicht Arm und Bein brechen kann, unter den
Zweigen der dichten Tannen, die ber das weiche Moos herabhngen und zur
Ruhe einladen.

Das Versteck des Bren, die Hhle des Fuchses, der unterirdische Bau des
Dachses, der schwarze Boden, auf dem der Kohlenmeiler gestanden hat, der
rote Kronsbeerenberg, die Tanne mit den weien Nadeln, der Berg, den der
Waldbrand vor einem Monat heimgesucht hat, der Stein, der von dem Riesen
dahin geworfen war, das alles haben sie gefunden, nicht aber den Fleck
an der Bergwand, wo das Schwarze liegt. Niemand ist dort gewesen, um zu
sehen, ob es ein Ameisenhaufen ist oder ein Baumstamm oder ein Mensch.
Ach, es ist sicher ein Mensch, aber niemand ist dort gewesen, niemand
hat sie gesehen.

Die Abendsonne sieht sie auf der anderen Seite des Waldes herauskommen,
aber das junge Mdchen, dessen Verstand Gott genommen hat, ist nicht
gefunden. Was sollen sie nun tun? Sollen sie den Wald noch einmal
durchsuchen? Der Wald ist gefhrlich im Dunkeln; dort liegen bodenlose
Moore und steile Felsklfte. Und was knnen sie, die nichts fanden, als
die Sonne schien, wohl jetzt finden, wo sie fort ist?

Lat uns nach Ekeby gehen! ruft einer aus der Schar.

Lat uns nach Ekeby gehen! rufen sie alle. Lat uns nach Ekeby
gehen!

Lat uns diese Kavaliere fragen, weshalb sie die Hunde auf eine
loslieen, deren Verstand Gott genommen hatte, weshalb sie eine
Irrsinnige zur Verzweiflung trieben. Unsere armen, hungrigen Kinder
weinen, unsere Kleider sind zerrissen, das Korn steht in Hocken, bis die
Kerne aus den Hlsen fallen, die Kartoffeln verfaulen in der Erde,
unsere Pferde laufen wild umher, unsere Khe sind ohne Pflege, wir
selber sind nahe daran, vor Mdigkeit zu vergehen -- und das alles ist
ihre Schuld. Lat uns nach Ekeby gehen und Gericht ber sie halten! Lat
uns nach Ekeby gehen!

In diesem Jahr der Verdammung mssen wir Bauern alles ausbaden. Gottes
Hand ruht schwer auf uns; der Winter wird uns Hungersnot bringen. Wen
suchet Gottes Hand? Der Pfarrer von Broby war es nicht. Seine Gebete
konnten noch zu dem Thron des Hchsten hinaufdringen. Wer kann es wohl
anders sein als diese Kavaliere? Lat uns nach Ekeby gehen!

Sie haben das Gut ruiniert, sie haben die Majorin als Bettlerin auf die
Landstrae getrieben. Es ist ihre Schuld, da wir ohne Arbeit sind. Es
ist ihre Schuld, da wir hungern mssen. Die Not ist ihr Werk. Lat uns
nach Ekeby gehen!

Und dann eilen finstere, erbitterte Mnner gen Ekeby, hungrige Frauen
mit weinenden Kindern auf dem Arm folgen ihnen, zuletzt kommen die
Krppel und die schwachen Alten. Und die Erbitterung fliet wie ein
wachsender Strom durch die Reihen, von den Alten geht er auf die Frauen
und von den Frauen auf die starken Mnner an der Spitze des Zuges ber.

Die Herbstflut kommt! Entsinnt ihr euch der Frhlingsflut, Kavaliere?
Jetzt kommen neue Wogen von den Bergen herabgebraust, jetzt geht eine
neue Zerstrung ber Ekebys Ehre und Macht dahin.

Ein Tagelhner, der das Feld am Wege pflgt, hrt das wtende Schreien
der Menge. Er spannt eins der Pferde aus, setzt sich darauf und sprengt
von dannen nach Ekeby. Das Unglck kommt! ruft er. Die Bren kommen!
Die Wlfe kommen! Die bsen Geister kommen und nehmen Ekeby!

Er reitet im Hofe umher, auer sich vor Entsetzen. Alle bsen Geister
des Waldes sind los! ruft er. Sie kommen und stecken den Hof in Brand
und schlagen die Kavaliere tot. Und hinter ihm hrt man das Getse und
das Gebrll der vorwrtsstrmenden Menschenscharen. Die Herbstflut
braust herab gen Ekeby!

Wei sie denn, was sie will, diese vorwrtsstrmende Flut der
Erbitterung? Will sie Feuer, will sie Mord, will sie Plnderung?

Es sind keine Menschen, die kommen, es sind die bsen Geister des
Waldes, die wilden Tiere der Einde. Wir finsteren Mchte, die wir uns
unter der Erde verborgen halten mssen, wir sind eine einzige, selige
Stunde frei. Die Rache hat uns losgelst.

Es sind die Geister der Berge, die das Erz gebrochen haben; es sind die
Geister des Waldes, die Bume gefllt, die den Meiler bewacht haben; es
sind die Geister des Feldes, die das Korn wachsen lieen: sie sind frei,
sie gebrauchen ihre Krfte zur Zerstrung. Tod ber Ekeby! Tod ber die
Kavaliere!

Hier fliet der Branntwein in Strmen. Hier liegt das Gold in den
Kellergewlben aufgestapelt. Hier sind die Vorratskammern voll Korn und
Fleisch. Weshalb sollen die Kinder der Gerechten hungern und die
beltter im berflu leben?

Jetzt aber ist ihre Zeit vorbei. Das Ma ist voll, Kavaliere! Ihr
Lilien, die ihr niemals gesponnen habt, ihr Vgel, die ihr nie in die
Scheuer gesammelt habt, das Ma ist voll! Im Walde liegt sie, die
richtet; wir sind ihre Gesandten. Es ist kein Amtmann, kein Hardesvogt,
der euer Urteil fllt. Sie, die im Walde liegt, hat euch gerichtet.

Die Kavaliere stehen oben im Hauptgebude und sehen die Leute kommen.
Sie wissen schon, wessen sie angeklagt sind. Ausnahmsweise sind sie
einmal unschuldig. Wenn sich das arme Mdchen im Walde hingelegt hat, um
zu sterben, so geschah das nicht, weil sie die Hunde auf sie hetzten --
das haben sie niemals getan --, sondern weil Gsta Berling sich vor acht
Tagen mit Grfin Elisabeth verheiratet hat.

Aber was kann es ntzen, mit diesen rasenden Menschen zu reden? Sie sind
mde, sie sind hungrig, die Rache reizt sie, die Raublust spornt sie an.
Sie kommen mit wilden Rufen herbeigestrzt, und vor ihnen her reitet der
Tagelhner, den der Schreck wahnsinnig gemacht hat. Die Bren kommen,
die Wlfe kommen, die bsen Geister kommen und nehmen Ekeby!

Die Kavaliere haben die junge Grfin in dem innersten Zimmer verborgen.
Lwenberg und Onkel Eberhard sollen dort sitzen und sie bewachen; die
brigen gehen hinaus zu der Volksmenge. Sie stehen auf der Treppe vor
dem Hauptgebude, unbewaffnet und lchelnd, als der erste lrmende
Schwarm bis zu ihnen herandringt.

Und die Leute stehen still vor dieser kleinen Schar ruhiger Mnner. Es
sind einzelne unter ihnen, die sie in ihrer glhenden Erbitterung gern
zu Boden geworfen und mit ihren eisenbeschlagenen Abstzen totgetreten
htten, wie die Leute im Bergwerk zu Sund es vor fnfzig Jahren mit dem
Verwalter und dem Inspektor getan haben; aber sie waren auf
verschlossene Tren, auf khn erhobene Waffen gefat gewesen, sie
hatten Widerstand und Streit erwartet.

Liebe Freunde, sagen die Kavaliere, liebe Freunde, ihr seid mde und
hungrig, et einen Bissen Brot und kostet vor allen Dingen den auf Ekeby
gebrauten Branntwein.

Der Schwarm will nicht von dergleichen hren, man heult und droht; die
Kavaliere aber nehmen es nicht bel.

Wartet nur, sagen sie, wartet nur einen Augenblick! Seht, Ekeby steht
euch offen, die Kellertr ist geffnet, das Vorratshaus ist offen, die
Milchstube steht offen. Eure Frauen sind nahe daran, vor Mdigkeit
umzusinken, die Kinder schreien. Erst wollen wir ihnen Speise und Trank
schaffen, hinterdrein knnt ihr uns totschlagen. Wir laufen euch nicht
weg. Aber wir haben den ganzen Boden voller pfel, die wollen wir fr
eure Kinder holen.

       *       *       *       *       *

Eine Stunde spter ist das Fest auf Ekeby in vollem Gange; das grte
Fest, das je auf dem stolzen Gut stattgefunden hat, wird in der
Herbstnacht beim Schein des groen, hellen Vollmonds gefeiert.

Die Holzstapel sind herabgerissen und angezndet; ber dem ganzen Hof
flammt ein Feuer neben dem andern. Die Leute sitzen in Gruppen da und
genieen die Wrme und die Ruhe, whrend alle Gter der Erde ber sie
ausgegossen werden.

Tchtige Mnner sind in die Scheunen und Stlle gegangen und haben
geholt, was man ntig hatte. Klber und Schafe sind geschlachtet und im
Handumdrehen gebraten. Diese Hunderte von hungrigen Menschen
verschlingen die Speisen. Ein Tier nach dem andern wird herausgefhrt
und geschlachtet. Es sieht so aus, als sollten alle Stlle ber Nacht
geleert werden.

Man hatte gerade in den Tagen groe Herbstbckerei auf Ekeby gehalten.
Seit die junge Grfin dort weilte, waren die huslichen Arbeiten in
vollem Gange. Es war, als denke die junge Frau keinen Augenblick daran,
da sie jetzt die Gattin Gsta Berlings sei. Weder er noch sie sprachen
ein Wort darber, dahingegen machte sie sich zur Herrin von Ekeby. Sie
suchte, wie jede gute, tchtige Frau es tut, mit brennendem Eifer der
Verschwendung und der Nachlssigkeit abzuhelfen, die auf dem Hofe
herrschte. Und man gehorchte ihr. Die Leute empfanden ein gewisses
Wohlbehagen, wieder unter einer Hausfrau zu stehen.

Aber was half es jetzt, da sie den Kchenboden hatte mit Brot anfllen
lassen, da sie fr Butter und Bier gesorgt hatte, da man den ganzen
September hindurch, solange sie dort war, Kse bereitet hatte? Was half
das alles jetzt?

Herausgerckt mit allem, was da ist, damit die Leute Ekeby nicht
abbrennen und die Kavaliere nicht totschlagen. Her mit Tonnen und
Fssern, her mit den Schinken vom Rauchboden, mit den Branntweinfssern,
mit den pfeln!

Wie kann Ekebys ganzer Reichtum wohl verschlagen, um den Zorn der Bauern
zu mildern? Knnen wir sie von hier fortbekommen, ohne da eine Missetat
geschehen ist, so mssen wir uns freuen.

Alles, was geschieht, geschieht doch schlielich nur um derer willen,
die jetzt Herrin in Ekeby ist. Die Kavaliere sind mutige und
waffenkundige Mnner; sie wrden sich verteidigt haben, wenn es nach
ihrem eigenen Kopf gegangen wre. Sie wrden diese raubgierigen Scharen
lieber mit einigen scharfen Schssen abgeschreckt haben -- wre es nicht
um ihretwillen unterblieben, die mild ist und sanft, die fr die Leute
bittet.

Je weiter die Nacht vorschreitet, um so milder wird die Stimmung unter
den Leuten. Die Wrme und die Ruhe und das Essen und der Branntwein
beschwichtigen ihre gewaltsame Erregung. Sie fangen an zu scherzen und
zu lachen; sie trinken das Begrbnisbier des Mdchens aus Nygaard;
Schande ber den, der es beim Begrbnisbier an Durst und an Scherzen
gebrechen lt, das gehrt beides dazu!

Die Kinder strzen ber die Unmengen von Obst, die man ihnen bringt.
Arme Tagelhnerkinder, die wilde Waldbeeren fr Leckerbissen halten,
schwelgen in den klaren Glaspfeln, die im Munde schmelzen, in den
lnglichen, sen Paradiespfeln, den gelblichweien Zitronenpfeln, in
den Birnen mit roten Backen und den Pflaumen aller Art, den gelben, den
roten, den blauen. Ach, nichts ist zu gut fr den Pbel, wenn es ihm
beliebt, seine Macht zu zeigen!

Als es gegen Mitternacht geht, sieht es fast so aus, als wenn die Schar
sich zum Aufbruch anschicken will. Die Kavaliere bringen keine Speisen
und Getrnke mehr, sie ziehen keine Korke mehr von den Flaschen und
zapfen kein Bier mehr. Erleichtert seufzen sie auf, in dem Gefhl, da
die Gefahr berstanden ist.

Aber gerade in dem Augenblick wird in einem Fenster des Hauptgebudes
ein Licht sichtbar. Alle, die dahinschauen, schreien auf. Eine
jugendliche Frauengestalt trgt das Licht.

Es whrt nur einen Augenblick. Die Erscheinung verschwindet, die Leute
aber glauben, da sie die Trgerin des Lichts erkannt haben.

Sie hatte dickes, schwarzes Haar und rote Wangen, rufen sie. Sie ist
da, sie halten sie hier verborgen!

Ach, ihr Kavaliere, habt ihr sie da? Habt ihr unser Kind, dessen
Verstand Gott genommen hat, hier auf Ekeby? Ihr Gottlosen, was tut ihr
mit ihr? Und uns lat ihr Wochen hindurch in dieser Angst! Uns lat ihr
drei volle Tage suchen! Fort mit dem Wein und den Speisen! Wehe uns, da
wir etwas aus eurer Hand angenommen haben! Gebt sie uns erst heraus,
dann werden wir schon sehen, was wir mit euch tun wollen!

Das eben erst gezhmte wilde Tier heult und brllt. In rasenden Sprngen
strzt es auf Ekeby los.

Die Leute sind schnell, die Kavaliere aber sind noch schneller. Sie
strzen hinauf und schieben den Riegel vor die Dielentr. Aber was
knnen sie gegen diese andrngenden Scharen ausrichten? Eine Tr nach
der andern wird erbrochen. Die Kavaliere werden zurckgedrngt, sie
haben keine Waffen. Sie werden von der dichten Menge umzingelt, so da
sie sich nicht rhren knnen. Die Leute wollen ins Haus hinein und das
Mdchen aus Nygaard suchen.

Sie finden sie im letzten Zimmer. Niemand hat Zeit, darauf zu achten, ob
sie blond oder dunkel ist. Sie heben sie in die Hhe und tragen sie
hinaus. Sie soll sich nicht frchten, sagen sie. Sie wollen nur den
Kavalieren an die Kehle. Sie sind gekommen, um sie zu erretten.

Aber wie sie nun aus dem Gebude herausstrmen, begegnen sie einem
andern Zug.

An dem einsamsten Fleck im Walde ruht nicht mehr die Leiche eines
Mdchens, das von dem hohen Abhang herabgestrzt und im Fallen gestorben
ist. Ein Kind hat sie gefunden. Einige von den Suchenden, die sich im
Walde verzgert hatten, haben sie auf ihre Schultern gehoben. Da kommen
sie.

Sie ist schner im Tode, als sie im Leben war. Schn ist sie, wie sie
daliegt, mit ihrem langen, dunklen Haar. Sie ist eine herrliche
Erscheinung, jetzt, wo der ewige Friede ber ihr ruht.

Hoch auf die Schultern der Mnner gehoben, wird sie durch die
Volksscharen getragen. Es wird still und lautlos, wo sie vorberkommt.
Gesenkten Hauptes huldigen alle der Majestt des Todes.

Sie ist eben erst gestorben, flstern die Mnner; bis heute ist sie
im Walde umhergewandert. Sie hat wohl vor uns fliehen wollen, die wir
sie suchten, und ist dabei den Felsen hinabgestrzt.

Aber wenn dies das Mdchen aus Nygaard ist, wer ist denn die, die aus
Ekeby herausgetragen wurde?

Der Zug aus dem Walde stt mit dem Zuge aus Ekeby zusammen. Die hellen
Feuerste flackern auf dem ganzen Hof. Die Leute knnen die beiden
Frauen sehen und knnen sie auch erkennen. Die andre ist ja die junge
Grfin aus Borg!

Aber was hat dies zu bedeuten? Ist dies ein neues Verbrechen, dem wir
auf der Spur sind? Weshalb ist die junge Grfin hier auf Ekeby? Weshalb
hat man uns erzhlt, da sie weit fort oder gar tot sei? Im Namen der
ewigen Gerechtigkeit! Wollen wir uns jetzt nicht auf die Kavaliere
strzen und sie mit unsern eisenbeschlagenen Abstzen zu Tode treten?

Da erschallt eine weithin klingende Stimme. Gsta Berling ist auf das
Gelnder der Treppe gestiegen und redet von dort aus.

Hrt mich, ihr Ungetme, ihr Teufel! Glaubt ihr denn nicht, da es
Bchsen und Pulver auf Ekeby gibt? Ihr tollen Menschen! Glaubt ihr etwa
nicht, da ich die grte Lust gehabt habe, euch alle ber den Haufen zu
schieen wie tolle Hunde? Aber die dort hat fr euch gebeten. Ach, htte
ich gewut, da ihr sie anrhren wrdet, so htte nicht ein einziger von
euch sein Leben behalten!

Weshalb macht ihr hier heute abend Skandal und berfallt uns wie Ruber
und droht uns mit Mord und Brand? Was habe ich mit euren irrsinnigen
Mdchen zu tun? Wei ich, wo die hinlaufen? Ich bin zu gut gegen die da
gewesen, das ist das Ganze. Ich htte die Hunde auf sie hetzen sollen --
das wre besser fr uns beide gewesen --, aber das habe ich nicht getan.
Ich habe ihr niemals versprochen, da ich mich mit ihr verheiraten
wollte -- das habe ich niemals getan. Bedenkt das!

Jetzt aber sage ich euch, lat die los, die ihr da aus dem Hause
geschleppt habt! Lat sie los, sage ich, und mgen die Hnde, die sie
berhrt haben, im ewigen Feuer brennen! Versteht ihr denn nicht, da sie
so hoch ber euch steht, wie der Himmel ber der Erde ist? Sie ist
ebenso fein, wie ihr grob seid -- ebenso gut, wie ihr bse seid!

Jetzt will ich euch sagen, wer sie ist. Erstens ist sie ein Engel vom
Himmel -- zweitens war sie die Gattin des Grafen auf Borg. Aber ihre
Schwiegermutter qulte sie Tag und Nacht, sie mute wie ein gewhnliches
Dienstmdchen am See stehen und waschen; sie wurde so geschlagen und
gepeinigt, da keine von euren Frauen es schlimmer haben kann. Ja, sie
war nahe daran, sich in den Bach zu strzen, wie wir alle wissen, weil
sie sie fast zu Tode qulten. Ich mchte wohl wissen, wer von euch, ihr
Schlingel, damals bei der Hand war, um ihr Leben zu retten. Niemand von
euch war da, aber wir Kavaliere taten es. Ja, wir taten es.

Und als sie dann ihr Kind auf einem Bauernhof zur Welt brachte und der
Graf ihr sagen lie: 'Unsere Ehe ward in einem fremden Lande
geschlossen, wir haben den landesblichen Brauch nicht befolgt; du bist
nicht meine Frau, ich bin nicht dein Mann; um dein Kind kmmere ich mich
nicht!' -- ja, als die Sachen so lagen, und sie nicht wollte, da das
Kind vaterlos im Kirchenbuch stehen sollte, da wret ihr sicher
hoffrtig gewesen, wenn sie zu einem von euch gesagt htte: 'Komm und
verheirate dich mit mir! Ich mu einen Vater fr das Kind haben!' Sie
aber whlte keinen von euch. Sie nahm Gsta Berling, den armen Pfarrer,
der nie wieder Gottes Wort verknden darf. Ja, das kann ich euch sagen,
ihr Bauern, nie ist mir etwas so schwer geworden; denn ich war ihrer so
unwrdig, da ich ihr nicht in die Augen zu sehen wagte, aber ich wagte
es auch nicht, nein zu sagen, denn sie war in groer Verzweiflung.

Und nun knnt ihr so viel Bses von uns Kavalieren glauben, wie ihr nur
wollt; an ihr aber haben wir all das Gute getan, was nur in unsern
Krften stand. Und es ist ihr Verdienst, da wir euch nicht alle
miteinander ber den Haufen geschossen haben. Nun aber sage ich euch:
Gebt sie frei und geht eurer Wege; sonst glaube ich, da die Erde sich
ffnet und euch verschlingt. Und wenn ihr von hier fortgeht, so bittet
Gott, da er euch vergeben mge, da ihr sie so erschreckt und betrbt
habt, sie, die so gut und unschuldig ist. Und nun fort mit euch! Wir
haben genug von euch gehabt!

Lange bevor er seine Rede beendete, hatten die Mnner, die die Grfin
hinausgetragen, sie auf eine Stufe der steinernen Treppe niedergesetzt,
und jetzt kam ein groer Bauer ganz ruhig zu ihr heran und reichte ihr
seine breite Hand.

Adieu und vielen Dank! sagte er. Wir wollen der Frau Grfin kein Leid
zufgen. Sie darf uns nicht zrnen.

Nach ihm kam ein anderer und drckte ihr vorsichtig die Hand. Adieu und
vielen Dank! Die Frau Grfin mssen nicht bse auf uns sein!

Gsta sprang herab und stand neben ihr. Da reichten sie auch ihm die
Hand.

Und dann kamen sie langsam und ruhig, einer nach dem andern, um ihnen
gute Nacht zu sagen, ehe sie gingen. Sie waren wieder gezhmt, sie waren
wieder Menschen, so wie sie es gewesen, als sie am Morgen ihr Heim
verlieen, ehe der Hunger und die Rachbegierde sie zu wilden Tieren
gemacht hatte.

Sie sahen der Grfin gerade ins Gesicht, und Gsta konnte merken, wie
der Anblick der Unschuld und Frmmigkeit, die sich in ihren Zgen
abspiegelten, gar manchem Trnen in die Augen brachte. Es war bei ihnen
allen eine stille Anbetung des Edelsten, das sie jemals gesehen hatten;
es waren Menschen, die sich freuten, da einer unter ihnen eine so groe
Liebe zum Guten hatte.

Alle konnten sie ihr ja nicht die Hand drcken, es waren ihrer ja so
unendlich viele, und die junge Frau war mde und schwach. Aber sie
muten doch alle hin, um sie zu sehen, und dann konnten sie Gsta
Berling die Hand drcken; sein Arm konnte es wohl vertragen, geschttelt
zu werden.

Gsta stand da wie im Traum. In seinem Herzen erwachte an diesem Abend
eine neue Liebe.

O mein Volk, dachte er, o mein Volk, wie ich dich liebe! Er fhlte,
wie er diese ganze Schar liebte, die in der Dunkelheit der Nacht von
dannen zog, die Leiche des Mdchens an der Spitze des Zuges tragend,
alle diese Menschen in groben Kleidern und mit belriechenden Schuhen,
die alle in den grauen Htten am Waldesrande wohnten, die keine Feder
fhrten und oft nicht einmal lesen konnten, die nichts von der Flle und
dem Reichtum des Lebens ahnten, die nur die Mhen und Sorgen um das
tgliche Brot kannten.

War das nicht ein groes Volk, ein herrliches Volk? War es nicht mutig
und ausdauernd, war es nicht munter und arbeitsam, war es nicht
geschickt und unternehmend? War der Arme nicht oft gut gegen den Armen?
Lag nicht in den Zgen der Mehrzahl der Ausdruck einer krftigen
Intelligenz? War nicht ein sprudelnder Humor in ihrer Rede?

Er liebte sie mit einer schmerzlich brennenden Zrtlichkeit, die ihm
Trnen in die Augen trieb. Er wute nicht, was er fr sie tun wollte,
aber er liebte sie, alle wie einen, mit ihren Fehlern und Gebrechen. Ach
Gott! wenn doch der Tag einst kme, an dem auch er von ihnen geliebt
wrde!

Er erwachte aus seinem Traum. Seine Frau legte ihre Hand auf seinen Arm.
Die Volksmenge war verschwunden. Sie standen in diesem Augenblick ganz
allein auf der Treppe.

Ach, Gsta, Gsta! Wie konntest du das nur tun!

Sie barg ihr Antlitz in den Hnden und weinte.

Was ich sagte, ist wahr! rief er aus. Ich habe dem Mdchen von
Nygaard niemals versprochen, sie zu heiraten. 'Komm am nchsten Freitag
hierher, dann sollst du etwas Lustiges sehen!' das war alles, was ich zu
ihr gesagt habe. Ich kann nichts dafr, da sie sich in mich verliebte.

Ach, das meine ich ja gar nicht; wie konntest du aber nur zu ihnen
sagen, da ich gut und rein sei? Gsta, Gsta! Weit du denn nicht, da
ich dich geliebt habe, als ich dich noch nicht lieben durfte? Ich
schmte mich vor diesen Menschen! Ich war nahe daran, vor Scham zu
vergehen!

Und ein Schluchzen machte ihren ganzen Krper erbeben.

Er stand da und sah sie an. Ach, Geliebte! sagte er leise. Wie
glcklich bist du, da du so gut bist! Wie glcklich bist du, da du
eine so schne Seele hast!




Kevenhller


Liebe Freunde! Dies hier ist nur eine armselige, kleine Allegorie.

Die Allegorie pflegt sich im allgemeinen in gttliche Schnheit zu
kleiden, mit kniglichen Emblemen; aber diese hier hat mehr hnlichkeit
mit einem zerlumpten und ausgehungerten Straenjungen. Die Allegorie
whlt sich gern ein Heim in schnen arkadischen Hainen und in hohen
Sulenhallen, aber diese arme Kleine habe ich in Karlstad gefunden, wo
sie drauen vor dem groen steinernen Turm, der an der westlichen Brcke
liegt, sa und weinte.

Der alte steinerne Turm ist wohl nicht gern gesehen in der schnen,
zierlichen, modernen Stadt. Es ist ein viereckiges, hohes und schmales
Gebude aus Granitsteinen, und er ist wirklich hlich mit seinen
kleinen, engen Gucklchern. Da ist Schmuck an den grauen Wnden oder an
scharfen Ecken, und ber dem Ganzen liegt etwas Unheimliches und
Schreckeinflendes. Das alte Gebude sieht aus wie der Hauptturm einer
Ritterburg, da aber die meisten behaupten, da er eine Windmhle gewesen
ist, so entbehrt er auch des romantischen Wertes.

Aber es ist wirklich wahr, da die arme kleine Allegorie dort ihr Heim
hat. Ich will euch nun erzhlen, was fr eine gutmtige kleine Allegorie
es ist, dann, denke ich, wird niemand es bers Herz bringen, den Turm
niederzureien. Sie will lieber dort wohnen als auf dem Schlo oder im
Rathaus oder in der Lateinschule. Sie mag am liebsten ungespickte Mauern
und haust gern in Gesellschaft von Ratten und Fledermusen. Aus diesem
Grunde verlohnte es sich nicht, sie zu erzhlen, wenn sie uns nicht
auerdem so viel wissen lie, was wirklich geschehen ist, wenn nicht
einer von den Kavalieren in Ekeby der Held darin gewesen wre, und wenn
sie uns nicht das letzte groe Unglck vermeldet htte, das ber Ekeby
kam.

       *       *       *       *       *

In den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts wurde der spter so
gelehrte und kunstfertige Kevenhller in Deutschland geboren. Er war der
Sohn eines Burggrafen und htte in hohen Schlssern wohnen und an der
Seite des Kaisers reiten knnen, wenn er die Lust dazu gehabt htte.
Aber das hatte er nicht.

Er hatte weit eher Lust, Mhlenflgel an dem hchsten Turm der Burg zu
befestigen, den Rittersaal in eine Schmiede und das Frauengemach in eine
Uhrmacherwerkstatt zu verwandeln. Er hatte Lust, die Burg mit
schnurrenden Rdern und arbeitenden Hebeln anzufllen. Da sich dies aber
nicht tun lie, so kehrte er der ganzen Bescherung den Rcken und ging
in die Uhrmacherlehre. Da lernte er alles, was gelernt werden konnte,
von Zahnrdern und Federn und Pendlen. Er lernte Sonnen- und Sternuhren
machen, Uhren mit piepsenden Kanarienvgeln und trompeteblasenden
Hirten, Glockenspiele, die einen ganzen Kirchturm mit ihrer wunderlichen
Maschinerie ausfllten, und Uhrwerke so klein, da sie in ein Medaillon
eingeschlossen werden konnten.

Als er seinen Meisterbrief bekommen hatte, schnallte er den Ranzen auf
den Rcken, nahm den Knotenstock in die Hand und wanderte von Ort zu
Ort, um alles zu studieren, was auf Walzen und Rdern ging. Kevenhller
war kein gewhnlicher Uhrmacher, er wollte ein groer Erfinder und
Weltverbesserer werden.

Nachdem er also viele Lnder durchwandert hatte, begab er sich auch nach
Wermland, um Mhlenrder und Grubeneinrichtungen eingehend zu studieren.

An einem schnen Sommermorgen traf es sich so, da er quer ber den
Karlstader Marktplatz ging. Aber gerade in dieser selben schnen
Morgenstunde hatte die Hulder, die Herrscherin des Waldes, es fr gut
befunden, aus dem Walde geradeswegs in die Stadt zu wandern. Diese
vornehme Dame kam auch just quer ber den Marktplatz, aber von der
entgegengesetzten Seite, und da begegnete sie Kevenhller.

Das war eine Begegnung fr einen Uhrmachergesellen. Sie hatte
schimmernde grne Augen und dickes, blondes Haar, das fast bis an die
Erde reichte, und war in grne, rauschende Seide gekleidet. Obwohl sie
ein Kobold war und eine Heidin, war sie schner als alle die
christlichen Frauen, die Kevenhller jemals gesehen hatte. Er stand da
wie verloren und sah sie an, als sie an ihm vorberkam.

Sie kam geradeswegs aus dem Dickicht im Innersten des Waldes, wo die
Farne hoch stehen wie Bume, wo die riesenhaften Fhren das Sonnenlicht
ausschlieen, so da es nur als goldene Funken auf das grne Moos fllt,
und wo die Linna ber die flechtenbekleideten Steine kriecht.

Ach, wie gern wre ich an Kevenhllers Statt gewesen und htte sie
gesehen, wie sie daherkam, mit Farnblttern und Tannennadeln in dem
dicken Haar und eine kleine schwarze Natter um den Hals. Stellt sie euch
vor: mit geschmeidigem Gang wie ein wildes Tier und einem frischen Duft
von Harz und Erdbeeren und Linnen und Moos mit sich fhrend!

Wie die Menschen sie angestarrt haben mochten, als sie sich erkhnte,
ber den Karlstader Marktplatz zu wandern! Ich denke mir, die Pferde
sind vor Schrecken ber ihr langes Haar, das im Morgenwinde flatterte,
scheu geworden. Die Gassenbuben liefen hinter ihr drein. Die Knechte
lieen Wagen und Axt stehen, um ihr nachzustarren. Die Frauen schrien
und liefen zu Bischof und Domkapitel, um das Ungeheuer aus der Stadt zu
vertreiben.

Sie selber schritt ruhig und majesttisch daher und lchelte nur ber
den ganzen Spektakel, so da Kevenhller ihre kleinen spitzen
Raubtierzhne hinter den roten Lippen sehen konnte.

Sie hatte einen Mantel ber den Rcken geworfen, damit niemand merken
sollte, wer sie war; aber das Unglck wollte, da sie vergessen hatte,
den Schwanz zu verstecken. Der lag nun da und schleifte auf dem Pflaster
hinter ihr drein.

Kevenhller sah den Schwanz wohl auch; aber man mu bedenken, da er ein
Grafensohn war, wenn er auch nur ein Uhrmacher war. Es tat ihm leid, da
eine so hochgeborene Dame dem Gelchter der Spiebrger preisgegeben
sein sollte; deswegen verbeugte er sich vor der Schnen und sagte
ritterlich:

Belieben Euer Gnaden nicht die Schleppe aufzunehmen?

Die Hulder ward gerhrt, sowohl ber seine freundliche Gesinnung als
auch ber seine Hflichkeit. Sie blieb gerade vor ihm stehen, so da es
ihm war, als fhren glitzernde Funken aus ihren Augen in sein Gehirn
hinein. Merke dir das, Kevenhller, sagte sie, fortan sollst du mit
deinen beiden Hnden jegliches Kunstwerk ausfhren knnen, was du nur
willst, aber nur eines von jeder Art.

Das sagte sie, und sie konnte Wort halten. Denn wer wei nicht, da die
Grngekleidete aus dem Waldesdickicht Macht hat, dem, der ihre Gunst zu
gewinnen wei, Genie und wunderbare Krfte zu schenken?

Kevenhller blieb in Karlstad und mietete sich dort eine Werkstatt. Er
hmmerte und arbeitete Tag und Nacht. Acht Tage spter hatte er ein
Kunstwerk gemacht. Es war ein Wagen, der von selbst ging. Er lief die
Hgel hinauf und wieder hinab, ging schnell und langsam, konnte gelenkt
und gewendet werden, konnte angehalten und wieder in Gang gesetzt
werden, ganz wie man wollte. Es war ein groartiger Wagen.

Nun wurde Kevenhller ein berhmter Mann und bekam Freunde in der ganzen
Stadt. Er war so stolz auf seinen Wagen, da er nach Stockholm fuhr, um
ihn dem Knig zu zeigen. Er brauchte nicht auf Postpferde zu warten oder
sich nicht auf elenden Karriols durchrtteln zu lassen oder auf den
hlzernen Bnken der Poststationen zu schlafen. Er fuhr gar stolz in
seinem eigenen Wagen und gelangte in ein paar Stunden nach Stockholm.

Er fuhr geradeswegs vor das Schlo, und der Knig kam mit Hflingen und
Hofdamen heraus und sah ihn fahren. Sie konnten ihn nicht genug rhmen.

Da sagte der Knig: Den Wagen kannst du mir geben, Kevenhller. Und
obwohl er nein sagte, beharrte der Knig bei seiner Forderung und wollte
den Wagen haben.

Da sah Kevenhller, da in dem Gefolge des Knigs eine Dame mit blondem
Haar und grnseidenem Gewand stand. Er kannte sie sehr wohl, und nun
begriff er, da _sie_ dem Knig geraten hatte, ihn um den Wagen zu bitten.
Aber er geriet in Verzweiflung. Er konnte es nicht ertragen, da ein
anderer seinen Wagen besitzen sollte, und doch wagte er auf die Dauer
nicht, nein zum Knig zu sagen. Darum fuhr er mit einer solchen Wucht
gegen die Schlomauer, da er in tausend Stcke zersprang.

Als er wieder nach Karlstad kam, versuchte er einen neuen Wagen zu
machen, aber er konnte es nicht. Da packte ihn Verzweiflung ber die
Gabe, die ihm die Hulder gegeben hatte. Er hatte das Miggngerleben
auf dem Schlo seines Vaters verlassen, um ein Wohltter fr die vielen
zu werden, nicht um Zauberkram zu machen, was nur einer gebrauchen
konnte. Was half es ihm, da er ein groer Meister wurde, ja der grte
von allen, wenn er seine Meisterwerke nicht vervielfltigen konnte, so
da sie zum Nutzen fr Tausende wurden?

Und der gelehrte und kunstfertige Mann sehnte sich so nach ruhiger,
vernnftiger Arbeit, da er Steinhauer und Maurer wurde. Damals baute er
den groen, steinernen Turm unten an der westlichen Brcke, baute ihn
nach dem Hauptturm auf der Ritterburg seines Vaters, und es war wohl
auch seine Absicht, Wohnhaus, Portale, Burghfe, Burgmauern und
Hngetrme zu bauen, so da sich eine ganze Ritterburg am Ufer des
Klarelfs erheben konnte.

Da drinnen wollte er den Traum seiner Kindheit verwirklichen. Alles, was
es an Handwerk und Kunstgewerbe gab, sollte sein Heim in den Slen des
Schlosses haben. Weie Mllergesellen und schwarze Schmiede, Uhrmacher
mit grnen Schirmen vor den angestrengten Augen, Frber mit dunklen
Hnden, Weber, Drechsler -- alle sollten sie ihre Werksttten in seinem
Schlo haben.

Und es ging gut. Aus den Steinen, die er selbst behauen, hatte er mit
eigenen Hnden seinen Turm aufgemauert.

Er hatte Mhlenflgel daraufgesetzt -- denn der Turm sollte eine
Windmhle sein --, und nun wollte er mit der Schmiede beginnen.

Und dann, eines Tages stand er da und beobachtete, wie sich die
leichten, starken Flgel im Winde drehten. Da kam sein altes Leiden
wieder ber ihn.

Es war ihm, als habe die Frau in dem grnen Gewand ihn wieder mit ihren
schimmernden Augen angesehen, bis sein Gehirn von neuem Feuer fing. Er
schlo sich in seine Werkstatt ein, a keinen Bissen, gnnte sich keine
Ruhe und arbeitete ohne Aufenthalt. Und dann schuf er in acht Tagen ein
neues Kunstwerk.

Eines Tages stieg er auf das Dach seines Turmes und begann, Flgel an
seine Schultern zu schnallen.

Zwei Straenjungen und ein Gymnasiast, die auf dem Gelnder der Brcke
saen und Stichlinge fischten, erblickten ihn und stieen einen Schrei
aus, der in der ganzen Stadt zu hren war. Sie strzten von dannen;
atemlos liefen sie Strae auf und Strae ab, donnerten an alle Tren und
riefen: Kevenhller will fliegen! Kevenhller will fliegen!

Er stand ganz ruhig auf dem Dach des Turmes und schnallte sich die
Flgel an, und whrenddes kamen die Volksscharen aus den engen Straen
der alten Karlstad herausgewimmelt.

Die Mgde liefen von dem kochenden Kessel weg, der auf dem Herd stand,
und von dem Teig, der sich hob. Die Frauen warfen den Strickstrumpf hin,
setzten ihre Brille auf und liefen die Strae hinab. Brgermeister und
Rat erhoben sich von ihren Richtersitzen, der Rektor schmi die
Grammatik in einen Winkel; die Schuljungen strzten aus der Klasse, ohne
um Erlaubnis zu bitten. Die ganze Stadt eilte von dannen, nach der
westlichen Brcke hinab.

Bald war die Brcke schwarz von Menschen. Auf dem Marktplatz standen sie
wie die Heringe in einer Tonne, und das ganze Fluufer bis hinauf nach
dem Bischofsitz wimmelte von Menschen. Da war ein greres Gedrnge als
beim Petersmarkt; da waren mehr Schaulustige wie damals, als Knig
GustavIII. mit acht Pferden durch die Stadt gefahren kam, und zwar mit
einer solchen Geschwindigkeit, da der Wagen, wenn er um eine Ecke bog,
auf zwei Rdern stand.

Endlich hatte Kevenhller die Flgel angeschnallt und stie ab. Er tat
ein paar Schlge damit, und dann war er frei. Er lag da und schwamm im
Luftmeer hoch ber der Erde.

Er sog die Luft in vollen Zgen ein; sie war stark und rein. Seine Brust
weitete sich, und das alte Ritterblut begann sich in ihm zu rhren. Er
tummelte sich wie eine Taube, er schwebte wie ein Habicht, seine Flgel
waren schneller als die der Schwalbe, er steuerte so sicher wie der
Falk. Und er sah hinab auf den ganzen gebundenen Haufen, der ihn
anstarrte, der da oben in der Luft lag und schwamm. Htte er nur ein
paar Flgel fr einen jeden von ihnen machen knnen! Htte er nur einem
jeden von ihnen die Macht verleihen knnen, sich in diese frische Luft
emporzuheben! Was fr Menschen da aus ihnen werden sollten! Die
Erinnerung an das Elend seines eigenen Lebens verlie ihn selbst in
diesem Augenblick des Sieges nicht. Er konnte nicht ausschlielich fr
sich genieen. Ach, die Hulder! Wenn er die nur gefat kriegen konnte!

Da sah er mit Augen, die fast geblendet waren von dem grellen
Sonnenlicht und der zitternden Luft, da etwas auf ihn zugeflogen kam.
Groe Flgel, die ganz den seinen glichen, sah er sich bewegen, und
zwischen den Flgeln schwamm ein Menschenkrper. Gelbes Haar flatterte,
grne Seide wogte, wilde Augen leuchteten. Sie war es, sie!

Kevenhller verlor die Besinnung. In wilder Fahrt strzte er auf das
Wunder zu, um sie zu kssen oder zu schlagen -- er wute nicht recht was
--, aber auf alle Flle, um sie zu zwingen, den Fluch von seinem Leben zu
nehmen. In dieser wilden Fahrt lieen ihn seine Besonnenheit und seine
Sinne im Stich. Er sah nicht, wohin er steuerte, er sah nur das
flatternde Haar und die wilden Augen. Er kam dicht an sie heran und
streckte die Arme aus, um sie zu erfassen. Da griffen seine Flgel in
die ihren, und die ihren waren die strkeren. Seine Flgel wurden
zerrissen und zerfetzt, er selber ward rund herumgeschwenkt und strzte
hinab, er wute nicht wo.

Als er wieder zur Besinnung kam, lag er auf dem Dach seines eigenen
Turmes, die zerschmetterte Flugmaschine an seiner Seite. Er war
geradeswegs auf seine eigene Windmhle zugeflogen, die Flgel hatten ihn
erfat, ihn ein paarmal herumgeschwenkt und ihn dann auf das Dach
niedergeworfen. So endete das Spiel.

Kevenhller war jetzt wieder ein verzweifelter Mann. Ehrliche Arbeit
erregte Ekel in ihm, und mit den wunderlichen Knsten wagte er sich
nicht abzugeben. Schuf er noch ein Kunstwerk und hatte er das Unglck,
es zu zerstren, so wrde sein Herz sicher vor Kummer brechen. Und
zerstrte er es nicht, da wrde er sicher den Verstand verlieren bei dem
Gedanken, da er anderen nicht dadurch ntzen konnte.

Er holte seinen alten Gesellenranzen und seinen Knotenstock hervor, lie
die Mhle stehen, wie sie stand, und beschlo, auszugehen und die Hulder
zu suchen.

Er verschaffte sich Pferd und Wagen, denn er war nicht mehr so jung und
leicht zu Fu. Und man erzhlt, da er jedesmal, wenn er an einen Wald
kam, vom Wagen stieg, hineinging und die Grngekleidete aus dem Dickicht
rief.

Hulder, Hulder! ich bin es, Kevenhller! Komm, komm! Aber sie kam
nicht.

Auf diesen Reisen kam er, wenige Jahre bevor die Majorin vertrieben
wurde, nach Ekeby. Man empfing ihn dort gut, und da blieb er. Und die
Schar im Kavalierflgel wurde um eine hohe, krftige Rittergestalt
vermehrt, um einen schneidigen Herrn, der weder beim Bierkrug noch bei
den Jagdpartien versagte. Seine Kindheitserinnerungen kehrten zurck: er
gestattete, da man ihn Graf nannte, und er bekam mehr und mehr das
Aussehen eines alten deutschen Ruberbarons, mit seiner groen
Adlernase, seinen finsteren Augenbrauen, seinem Vollbart, der unterm
Kinn spitz zulief, sich ber den Lippen aber khn in die Hhe drehte.

Er war ein Kavalier unter den Kavalieren und war nicht besser als alle
die andern in dieser Schar, von der das Volk glaubte, da die Majorin
sie fr den leibhaftigen Bsen in Bereitschaft halte. Sein Haar ergraute
und sein Gehirn schlief. Er ward so alt, da er nicht mehr an die Taten
seiner Jugend glauben konnte. Er war nicht der Mann mit den wunderbaren
Fhigkeiten. Er hatte nicht den selbstfahrenden Wagen und die
Flugmaschine gemacht! Ach nein, Mrchen! Mrchen!

Aber dann geschah es, da die Majorin aus Ekeby vertrieben wurde und da
die Kavaliere Herren auf dem groen Gut wurden. Da begann ein Leben, wie
es nie zuvor rger gewesen war. Ein Sturm ging ber das Land hin; alle
alte Torheit verkehrte sich in Jugendwildheit, alles Bse geriet in
Bewegung, alles Gute erbebte -- die Menschen kmpften auf der Erde und
die Geister im Himmel. Wlfe kamen aus dem Gebirge herab mit Hexen auf
dem Rcken, die Naturmchte wurden losgelassen, und die Hulder kam nach
Ekeby.

Die Kavaliere kannten sie nicht. Sie glaubten, sie sei eine arme,
bedrngte Frau, die von einer bsen Schwiegermutter in Verzweiflung
gehetzt sei. Da nahmen sie sie in ihren Schutz, ehrten sie wie eine
Knigin, liebten sie wie ein Kind und nannten sie Grfin.

Kevenhller allein sah, wer sie war. Im Anfang lie er sich wohl blenden
wie alle die andern. Aber eines Tages hatten Patron Julius und
rneclon, die sich nicht schmten, sie als Schneider zu bedienen, ihr
ein Gewand aus grnem, rauschendem Seidenstoff genht, und als sie das
anzog, da erkannte Kevenhller sie.

Da sa sie auf den Seidenpolstern, auf dem besten Sopha in Ekeby, und
alle die alten Mnner machten sich zu Narren, um ihr zu dienen. Einer
war Koch, ein anderer Kammerdiener, einer war Vorleser, einer
Hofmusikant, einer Schuhmacher: ein jeder hatte seine Beschftigung
gewhlt.

Es sollte ja heien, da sie krank sei, dies bse Ungetm, aber
Kevenhller wute recht gut, wie es mit der Krankheit beschaffen war.
Sie hatte sie nur alle zum Narren, ja, das tat sie.

Er warnte die Kavaliere vor ihr: Seht doch die kleinen, scharfen
Zhne, sagte er, und die wilden, blitzenden Augen. Das ist die Hulder
-- alles Bse ist unterwegs in dieser schrecklichen Zeit. Ich sage euch,
es ist die Hulder, die gekommen ist, um uns zu verderben. Ich habe sie
schon frher gesehen.

Aber wie gro ist doch die Verblendung der Menschen, wenn ihre Herzen
gerhrt sind! Die Kavaliere waren wie eine Mutter, der man einen
Wechselbalg in die Wiege gelegt hat. Sie kann sich nicht berwinden, den
groen Kopf und die dunkle Haut zu sehen; sie findet, da das heisere
Schreien des Koboldkindes dem zwitschernden Lachen ihres eigenen Kindes
gleicht, sie kann nicht sehen, da die Lippen dick sind und da sich die
Ngel wie Klauen krmmen. Und so erging es auch den Kavalieren; sie
waren nahe daran, Kevenhller totzuschlagen, als er ihnen die Augen
ffnen wollte.

Aber sobald Kevenhller die Hulder gesehen und sie wiedererkannt hatte,
kam die Arbeitslust ber ihn. Es begann in seinem Gehirn zu brennen und
zu sieden, seine Finger schmerzten ihm vor Eifer, wieder nach Feile und
Hammer zu greifen; er konnte nicht dagegen ankmpfen. Mit Bitterkeit im
Herzen zog er die Arbeitsbluse an und schlo sich in eine alte
Schlosserwerkstatt ein, wo er arbeiten wollte.

Da ging es wie ein Ruf von Ekeby ber ganz Wermland:

Kevenhller hat zu arbeiten begonnen!

Und man lauschte atemlos den Hammerschlgen aus der verschlossenen
Werkstatt, dem Kreischen der Feile, dem Sthnen des Blasebalgs.

Jetzt werden wir ein neues Wunder sehen. Was es wohl werden mag? Wird er
uns lehren, auf dem Wasser zu gehen oder eine Leiter an das
Siebengestirn zu setzen? -- Nichts ist unmglich fr einen solchen Mann.
Wir haben ihn mit eigenen Augen von Flgeln durch die Luft tragen sehen.
Wir haben seinen Wagen durch die Straen brausen sehen. Er hat die Gabe
der Hulder erhalten: nichts ist ihm unmglich.

Eines Nachts, die erste oder die zweite im Oktober, hatte er das Wunder
fertig. Er kam damit in der Hand aus der Werkstatt heraus. Es war ein
Rad, das unaufhrlich rotierte; wenn es sich drehte, leuchteten die
Speichen wie Feuer, und Licht und Wrme gingen davon aus. Kevenhller
hatte eine Sonne geschaffen. Als er damit aus der Werkstatt herauskam,
wurde die Nacht so hell, da die Spatzen zu zwitschern begannen und die
Wolken sich rteten wie bei Sonnenaufgang.

Es war die herrlichste Erfindung. -- Keine Finsternis, keine Klte wrde
es fortan mehr auf Erden geben. Es schmeichelte ihn, wenn er den
Gedanken ausdachte. Die Sonne des Tages sollte nach wie vor auf- und
untergehen, aber wenn sie verschwand, sollten Tausende und aber Tausende
von seinen Feuerrdern ber dem Lande aufflammen, und die Luft sollte
vor Wrme zittern wie an dem heiesten Sommertage. Da sollte man reifes
Korn unter dem Sternenhimmel des Hochwinters ernten; Erdbeeren und
Heidelbeeren sollten die Waldhgel das ganze Jahr hindurch bedecken; nie
sollte Eis das Wasser in Fesseln schlagen.

Jetzt, wo die Erfindung fertig war, sollte sie eine neue Erde
erschaffen. Sein Feuerrad sollte ein Pelz fr den Armen und eine Sonne
fr den Grubenarbeiter werden.

Es sollte den Fabriken Treibkraft verleihen, der Natur -- die jetzt vom
Herbst bis zum Frhling schlafen mute -- neues Leben spenden, der
Menschheit ein besseres, glckliches Dasein schaffen. Aber er wute nur
zu gut, da das alles Trume waren und da die Hulder ihm niemals
erlauben wrde, sein Feuerrad zu vervielfltigen. Und in seinem Zorn und
seiner Rachlust dachte er, da er sie totschlagen wollte, und dann wute
er wohl kaum mehr, was er tat.

Er ging in das Wohnhaus hinauf, und auf die Diele, gerade unter die
Treppe stellte er das Feuerrad. Es war seine Absicht, da das Haus in
Brand geraten und das Ungeheuer verbrennen sollte.

Dann ging er wieder in seine Werkstatt und sa dort still und lauschte.

Auf dem Hofe entstand Lrm und Rufen. Jetzt fing man an zu merken, da
eine Heldentat ausgefhrt war.

Ja, lauft ihr nur und schreit und lutet mit den Glocken! Jetzt
verbrennt sie doch, die Hulder, die ihr auf Samt und Seide gebettet
habt!

Ob sie sich in Qualen windet, ob sie aus dem einen Zimmer in das andere
luft? Ach, wie wird die grne Seide flammen, wie werden die Flammen in
dem dicken Haar spielen! Frischen Mut, ihr Flammen! Frischen Mut! Fanget
sie, zndet sie an, verbrennet die Hexe! Frchtet euch nicht vor ihren
Zauberworten, ihr Gluten! Lat sie brennen! Da sind Menschen, die um
ihretwillen ihr ganzes Leben haben brennen mssen!

Glocken luteten, Wagen rasselten, Spritzen kamen dahergefahren,
Wassereimer wurden vom See heraufgereicht, aus allen Drfern strmten
Leute herbei. Da war ein Schreien und Jammern und Kommandieren; Dcher
strzten herab, da war ein frchterliches Knistern und Heulen von
Flammen.

Nichts aber brachte Kevenhller aus seiner Fassung; er sa auf dem
Haublock und rieb sich die Hnde.

Da vernahm er ein Krachen, als wenn der Himmel herabstrzte, und er
sprang jubelnd auf. Jetzt ist es geschehen! rief er aus. Jetzt kann
sie nicht entkommen, jetzt ist sie unter den Balken zermalmt oder von
den Flammen verzehrt. Jetzt ist es vollbracht!

Und er dachte an Ekebys Ehre und Macht, die geopfert werden muten, um
sie aus der Welt zu schaffen. Die stolzen Sle, wo so viel Wonne und
Freude gewohnt hatte, die Zimmer, die widergehallt hatten von der
Freude der Frauen, die Tische, die sich schier gebogen hatten unter
leckeren Gerichten, die kostbaren alten Mbel, Silber und Porzellan, das
nie wieder beschafft werden konnte...

Und dann fuhr er mit einem Schrei in die Hhe. Sein Feuerrad, seine
Sonne, das Modell, von dem alles abhing, hatte er das nicht unter die
Treppe gestellt, damit es die Feuersbrunst verursachen sollte?

Kevenhller sah sich selbst an, versteinert vor Schrecken.

Bin ich von Sinnen? sagte er. Wie konnte ich nur so etwas tun?

Im selben Augenblick tat sich die verschlossene Tr der Werkstatt auf,
und die Grngekleidete trat ein.

Da stand die Hulder auf der Schwelle, hold und lchelnd. Ihr grnes
Gewand hatte weder Fleck noch Makel, kein Brandgeruch haftete an ihrem
dicken Haar. Sie war so, wie er sie in den Tagen seiner Jugend auf dem
Marktplatz zu Karlstad gesehen hatte, der Schwanz schleifte zwischen
ihren Fen, und sie fhrte die ganze Wildheit und den Duft des Waldes
mit sich.

Jetzt brennt Ekeby! sagte sie und lachte.

Kevenhller hatte den groen Hammer erhoben und wollte ihn ihr an den
Kopf werfen, da aber sah er, da sie sein Feuerrad in der Hand hielt.

Siehe, was ich fr dich gerettet habe, sagte sie.

Kevenhller warf sich vor ihr auf die Knie nieder. Du hast meinen Wagen
zertrmmert, du hast meine Flgel zerbrochen und hast mein Leben
zerstrt. Erzeige mir jetzt eine Gnade, erbarme dich meiner!

Sie kletterte auf die Hobelbank hinauf und sa dort genau so jung und so
schelmisch wie damals, als er sie zum ersten Male auf dem Marktplatz zu
Karlstad gesehen hatte.

Ich sehe, du weit, wer ich bin, sagte sie.

Ich kenne dich, und ich habe dich immer gekannt, sagte der
unglckliche Mann. Du bist das Genie. Aber gib mich jetzt frei. Nimm
deine Gabe von mir! Nimm die Wundergaben von mir! La mich ein
gewhnlicher Mensch werden! Warum verfolgst du mich? Warum vernichtest
du mich?

Tor! sagte die Hulder. Ich habe dir niemals Bses gewollt. Ich gab
dir eine groe Belohnung, aber ich kann sie dir wieder wegnehmen, wenn
sie dir nicht behagt. Aber bedenke dich wohl -- du wirst es bereuen!

Nein, nein! rief er aus, nimm die Wundergaben von mir!

Zuerst mut du dies hier zerstren! sagte sie und warf das Feuerrad
vor ihn an die Erde.

Er besann sich nicht. Er schwang den groen Hammer ber der strahlenden
Feuersonne, die nichts weiter war als hlicher Zauberkram, wenn sie
nicht zum Nutzen fr Tausende angewendet werden konnte. Die Funken
stoben in der Schmiede umher, Flammen und Scherben umtanzten ihn, und
dann lag auch sein letztes Kunstwerk in Trmmern da.

Ja, dann nehme ich meine Gabe von dir, sagte die Hulder.

Als sie in der Tr stand, um zu gehen, und der Schein der Feuersbrunst
da drauen sich ber ihre Gestalt ergo, sah er ihr zum letztenmal nach.

Schner denn je zuvor erschien sie ihm und nicht mehr ganz so boshaft,
nur strenge und stolz.

Tor! sagte sie, habe ich dir je verboten, deine Kunstwerke von andern
nachmachen zu lassen? Was bezweckte ich weiter, als den Mann des Genies
vor den Mhseligkeiten des Handwerks zu bewahren?

Und dann ging sie. Kevenhller aber war mehrere Tage wahnsinnig. Dann
wurde er wieder wie ein gewhnlicher Mensch.

Das Hauptgebude von Ekeby war niedergebrannt. Menschen waren jedoch
nicht zu Schaden gekommen. Aber es war ein groer Kummer fr die
Kavaliere, da das gastfreie Haus, wo sie so viel Gutes genossen hatten,
zu ihrer Zeit so groen Schaden erleiden sollte.

Ach -- ihr Kinder spter Zeiten! Wre ich es gewesen oder ihr, die der
Hulder auf dem Marktplatz zu Karlstad begegnet wret! Glaubt ihr nicht,
da ich in den Wald gegangen wre und gerufen htte: Hulder, Hulder!
Ich bin es, Kevenhller! Aber wer sieht sie heutzutage? Wer klagt in
unseren Zeiten darber, zuviel von ihren Gaben erhalten zu haben?




Der Markt zu Broby


Am ersten Freitag im Oktober beginnt der groe Markt von Broby, der acht
Tage whrt. Das ist das grte Fest im ganzen Jahr. Demselben geht ein
groes Schlachten und Backen in jedem Hausstand voraus; dann sind die
neuen Winterkleider fertig und knnen zum erstenmal angezogen werden;
die Festgerichte -- Ksekuchen und Schmalzgebck -- stehen den ganzen Tag
auf dem Tisch, und die Branntweinrationen werden verdoppelt; die Arbeit
aber ruht. In jedem Gehft wird ein Fest gefeiert; die Dienstboten und
Tagelhner nehmen von ihrem Lohn auf und erwgen genau, was auf dem
Markt gekauft werden soll. Von weither kommen die Leute in kleinen
Scharen die Landstrae entlang gewandert, den Ranzen auf dem Rcken, den
Stock in der Hand. Viele mssen auch ihr Vieh zu Markt treiben, um es in
diesen schlechten Zeiten zu verkaufen. Kleine, eigensinnige Stierklber
und Ziegen, die stillstehen und die Vorderbeine steif vorsetzen,
schaffen dem Besitzer viel Not und den Zuschauern viel Kurzweil. Die
Fremdenzimmer auf den Gtern sind voll willkommener Gste; es werden
Neuigkeiten ausgetauscht, die Preise fr Vieh und Inventar werden
erwogen. Die Kinder gehen einher und trumen von Jahrmarktsgeschenken.

Und am ersten Markttag -- wie wimmelt es da auf den Brobyer Hgeln und
auf dem ganzen groen Marktplatz von Marktbesuchern! Es sind Zelte
errichtet, in denen Kaufleute aus den Stdten ihre Waren ausgebreitet
haben, whrend Dalekarlier und Westgotlnder ihr Hab und Gut auf langen
Reihen von Scheiben aufstapeln, ber denen die weie Zeltleinwand
flattert. Seiltnzer, Drehorgel- und blinde Violinspieler gibt es zur
Genge, ebenso Wahrsagerinnen, Brustzuckerverkufer, Branntweinschenken.
Hinter den Buden ist steinernes und hlzernes Geschirr aufgehellt.
Zwiebeln und Meerettich, pfel und Birnen werden von den Grtnern der
groen Herrenhfe feilgeboten. Groe Strecken des Marktplatzes sind mit
rotbraunem, innen wei verzinntem Kupfergeschirr bedeckt.

Aber an dem Umsatz kann man wohl merken, da in Svartsj und in Bro und
in den andern Ortschaften am Lfsee Not herrscht. Der Handel in den
Zelten und an den Scheiben geht nur schlecht. Der grte Umsatz wird auf
dem groen Viehmarkt gemacht, denn gar mancher mu Kuh und Pferd
verkaufen, um selber durch den Winter kommen zu knnen. Dort findet auch
der wilde, spannende Pferdetausch statt.

Es geht lustig her auf dem Markt zu Broby. Hat man nur Geld zu ein paar
Schnpsen, so kann man den Humor schon aufrechterhalten. Aber nicht der
Branntwein allein ist der Urheber der Freude. Wenn die Menschen aus den
einsamen Waldhtten nach dem Marktplatz mit seinem wogenden Gewimmel
herabkommen, werden sie anfnglich ganz entsetzt, wenn sie den Lrm
dieser schreienden, lachenden Scharen hren; wenn sie aber erst mitten
im Gewimmel sind, werden sie gleichsam berauscht von der Freude, wild
von dem brausenden Jahrmarktsleben.

Wohl ist da viel Handel zwischen so vielen Menschen, aber das ist doch
kaum die Hauptsache. Das wichtigste ist, sich mit einem Kreis guter
Freunde in eine Bude zu setzen und sie mit Schafwurst, Schmalzgebck und
Branntwein zu traktieren, oder sein Mdchen zu berreden, ein Gesangbuch
und ein seidenes Tuch anzunehmen, oder Marktgeschenke fr die Kinder
daheim einzukaufen.

Alle, die nicht gezwungen sind, daheim zu bleiben und auf Haus und Hof
zu achten, sind nach Broby gekommen. Da sind Kavaliere aus Ekeby und
Khler aus Nygaard, Pferdehndler aus Norwegen, Finnen aus den groen
Wldern und Landstreicher aus aller Herren Lndern.

Hin und wieder sammelt sich das ganze brausende Meer zu einem Wirbel,
der sich in Ringen um einen Mittelpunkt zu drehen scheint. Niemand wei,
was sich in der Mitte befindet, bis ein paar Polizisten die Menge
durchbrechen, um einer Schlgerei ein Ende zu machen oder einen
umgestrzten Wagen wieder aufzurichten. Und im nchsten Augenblick
schart sich die Menge von neuem -- um einen Kaufmann, der mit einer
munteren Dirne feilscht.

Ungefhr gegen Mittag beginnt die groe Schlgerei. Die Bauern haben
sich in den Kopf gesetzt, da die Westgotlnder zu knappes Ellenma
gebrauchen; es entsteht zuerst Zank und Geschimpf um ihre Scheiben,
bald aber geht es zu Handgreiflichkeiten ber. Fr die vielen, die in
jenen Tagen nichts als Not und Elend sahen, war es eine Erleichterung,
einmal tchtig dreinhauen zu knnen, einerlei wen oder was man traf. Und
sobald die Starken und Streitlustigen sehen, da eine Schlgerei im
Gange ist, strzen sie von allen Seiten herbei. Die Kavaliere wollen
gerade in den Knuel einbrechen, um auf ihre Weise Frieden zu stiften,
und die Dalekarlier eilen herbei, um den Westgotlndern zu helfen.

Der starke Mns aus Fors ist der Eifrigste bei der Sache. Betrunken ist
er, und wtend ist er auch; jetzt hat er einen Westgotlnder umgeworfen
und angefangen, ihn durchzuprgeln; auf das Hilfegeschrei aber strzt
ein Landsmann herbei und will den starken Mns zwingen, seine Beute
fahren zu lassen. Da reit der starke Mns alle Waren von einer der
Scheiben herunter, ergreift die Scheibe selbst, die eine Elle breit und
acht Ellen lang ist und aus dicken Planken besteht, und fngt an, sie
als Waffe um sich zu schwingen.

Der starke Mns ist ein schrecklicher Mensch. Er stie im Gefngnis zu
Filipstad eine Wand ein, und er konnte ein Boot aus dem See auf die
Schulter heben und nach Hause tragen. Man kann wohl begreifen, da die
ganze Schar, Westgotlnder und alle, die Flucht ergreifen, als er mit
der schweren Scheibe um sich schlgt. Aber der starke Mns strzt hinter
ihnen drein und schlgt drauflos. Er nimmt keine Rcksicht mehr auf
Freund oder Feind, er will nur jemand haben, auf den er losschlagen
kann, jetzt, wo er eine Waffe hat.

Die Leute fliehen voller Verzweiflung vor ihm. Mnner und Frauen
schreien und rennen. Aber wie ist es den Frauen mglich zu entfliehen --
sie haben ja ihre kleinen Kinder an der Hand! Die Buden und Wagen
versperren den Weg. Khe und Ochsen, die von dem Lrm wild geworden
sind, hindern ihre Flucht.

In einer Ecke zwischen den Buden ist eine Schar Frauen eingeklemmt, und
auf die strmt der Riese los. Meint er doch einen Westgotlnder in ihrer
Mitte zu erblicken! In bleicher, schaudernder Angst nehmen die Frauen
den Anfall entgegen und kriechen zusammen unter dem ttenden Schlag.

Als aber die Scheibe pfeifend auf sie herabfllt, wird ihre Kraft durch
die aufwrtsgestreckten Arme eines Mannes gebrochen. _Ein_ Mann ist nicht
zusammengekrochen, er hat sich mitten in dem Menschenknuel
hochaufgerichtet, _ein_ Mann hat aus freiem Willen den Schlag aufgefangen,
um die vielen zu retten. Frauen und Kinder stehen unbeschdigt da. Ein
Mann hat die Gewalt des Schlages gebrochen, jetzt aber liegt er
bewutlos am Boden.

Der starke Mns hebt seine Scheibe nicht auf, um weiterzustrmen. Der
Blick des Mannes hat ihn getroffen, als die Scheibe auf seinen Scheitel
herabfiel, und dieser Blick hat ihn mit Lhmung geschlagen. Er lt sich
binden und ohne Widerstand fortfhren.

Aber mit Blitzeseile verbreitet sich das Gercht ber den ganzen Markt,
da der starke Mns Hauptmann Lennart erschlagen hat. Man sagt, da er,
der der Freund des Volkes war, gestorben ist, um Frauen und wehrlose
Kinder zu retten.

Und es wird still auf dem groen Platz, wo das Leben soeben noch in
wildem Taumel dahinsauste: der Handel stockt, die Schlgereien hren
auf, die Festschmuse in den Erfrischungsbuden lsen sich auf, vergebens
lockt der Seiltnzer die Zuschauer an. Der Freund des Volkes ist tot,
das Volk hat Trauer. In tiefem Schweigen drngen sich alle um den Ort
zusammen, wo er gefallen ist. Er liegt ausgestreckt am Boden, ganz
bewutlos; keine Wunde ist sichtbar, nur die Hirnschale ist wie
flachgedrckt.

Einige Mnner heben ihn sorgfltig auf die Scheibe, die den Held hat
fallen lassen. Sie glauben zu bemerken, da er noch lebt.

Wohin sollen wir ihn tragen? fragen sie einander.

Nach Hause! antwortet eine barsche Stimme aus der Schar.

Ja, ihr guten Mnner, tragt ihn nach Hause! Hebt ihn auf eure Schultern
und tragt ihn nach Hause! Er ist Gottes Spielball gewesen, er ist vor
seinem Atemhauch wie eine Feder hergetrieben. Tragt ihn jetzt nach
Hause!

Das verwundete Haupt hat auf der harten Pritsche im Gefngnis, auf dem
Heubndel in der Scheune geruht. Lat es jetzt nach Hause kommen und auf
einem weichen Kissen ruhen! Unverschuldet hat er Schande und Not
gelitten, er ist von seiner eigenen Tr fortgejagt. Tragt ihn jetzt nach
Hause! Ein ruheloser Flchtling ist er gewesen, er ist auf Gottes Wegen
gewandelt, wo er sie finden konnte, das Land seiner Sehnsucht aber war
dies Heim, dessen Tr Gott ihm verschlossen hatte. Tragt ihn nach Hause!
Vielleicht steht sein Heim dem offen, der gestorben ist, um Frauen und
Kinder zu erretten.

Jetzt kommt er nicht wie ein Verbrecher, von taumelnden Zechgenossen
begleitet; eine trauernde Schar folgt ihm, er hat in ihren Htten
gewohnt, er hat ihnen in ihren Leiden geholfen. Tragt ihn jetzt nach
Hause!

Und sie tun es. Sechs Mnner heben die Scheibe, auf der er liegt, auf
ihre Schultern und tragen ihn fort vom Marktplatz. Wohin sie kommen,
weichen die Leute zur Seite und stehen still: Mnner entblen das
Haupt, Frauen verneigen sich wie in der Kirche, wenn Jesu Name genannt
wird. Viele weinen und trocknen die Augen; andere fangen an, davon zu
reden, welch ein Mann er gewesen, so gut, so heiter, so hilfbereit, so
gottesfrchtig.

Es ist wunderbar zu sehen, wie, sobald einer der Trger ermdet, sofort
ein anderer kommt und stillschweigend die Schulter unter die Scheibe
stemmt.

Hauptmann Lennart kommt auch an der Stelle vorber, wo die Kavaliere
stehen.

Ich mu wohl mitgehen und acht geben, da er gut nach Hause kommt,
sagt Beerencreutz und verlt seinen Platz am Wegesrande, um mit nach
Helgester zu gehen, und seinem Beispiel folgen gar manche.

Der Marktplatz wird beinahe leer; alle geben Hauptmann Lennart das
Geleite nach Helgester. Man mu ja dafr sorgen, da er nach Hause
kommt. All das Notwendige, das durchaus gekauft werden sollte, mu
unterbleiben; die Jahrmarktsgeschenke fr die Kleinen daheim werden
vergessen, das Gesangbuch wird nicht gekauft, das seidene Tuch, das die
Begier des Mdchens erregte, bleibt auf dem Budentisch liegen. Alle
mssen mit und sehen, da Hauptmann Lennart gut nach Hause kommt.

Als der Zug Helgester erreicht, ist es dort leer und de. Wieder
donnern die Fuste des Obersten an der geschlossenen Tr. Alle
Dienstboten sind auf dem Markt; die Hausfrau allein ist daheim geblieben
und htet das Haus. Sie ffnet auch heute.

Und wie schon einmal zuvor, so fragt sie auch heute: Was wollt Ihr?

Worauf der Oberst, wie schon einmal zuvor, antwortet: Wir sind hier mit
deinem Gatten.

Sie schaut ihn an, der steif und besonnen dasteht wie immer. Sie schaut
die Trger hinter ihm an, die weinen, und die ganze Menschenmenge
dahinter. Sie steht dort auf der Treppe und schaut in Hunderte von
weinenden Augen, die sie betrbt anstarren. Endlich schaut sie den Mann
an, der ausgestreckt auf der Bahre ruht, und sie pret die Hand gegen
das Herz.

Das ist sein wahres Gesicht! murmelt sie.

Ohne weiter zu fragen, beugt sie sich nieder, schiebt den Riegel zurck,
schlgt die Tren weit auf und geht vor den andern her ins Schlafgemach.

Mit Hilfe des Obersten zieht sie das zusammengeschobene Doppelbett
auseinander und schttelt die Betten auf, und dann wird Hauptmann
Lennart wieder auf weiche Daunen und weies Leinen gelegt.

Lebt er? fragt sie.

Ja, antwortet der Oberst.

Ist Hoffnung vorhanden?

Nein, es ist nichts dabei zu machen.

Eine Weile herrscht tiefes Schweigen, dann fragt sie pltzlich: Weinen
alle diese Menschen um seinetwillen?

Ja.

Was hat er denn getan?

Das letzte, was er tat, war, da er sich von dem starken Mns
totschlagen lie, um Kinder und Frauen vor dem sichern Untergang zu
retten.

Sie sitzt eine Weile schweigend da und sinnt.

Was fr ein Gesicht hatte er doch nur, Oberst, als er vor zwei Monaten
nach Hause kam?

Der Oberst zuckt zusammen. Erst jetzt versteht er den ganzen
Zusammenhang!

Gsta hatte ihn ja angemalt!

Also um eines Kavalierstreichs willen habe ich ihm mein Haus
verschlossen? Wie wollt Ihr das verantworten, Oberst?

Beerencreutz zuckte die breiten Achseln: Ich habe wohl mehr auf dem
Gewissen, weswegen ich mich verantworten mu.

Dies ist sicher das Schlimmste, was du getan hast!

Dann habe ich auch niemals einen schlimmeren Gang getan, als heute
hierher nach Helgester. brigens sind noch zwei andere schuld daran.

Und wer denn?

Sintram ist der eine, die andere bist du selber, Cousine. Du bist eine
strenge Frau. Ich wei, da mehr als einer den Versuch gemacht hat, mit
dir ber deinen Mann zu reden.

Das ist wahr! erwidert sie. Und dann bittet sie ihn, von dem
Trinkgelage in Broby zu erzhlen.

Er erzhlt alles, so gut er sich dessen entsinnen kann, und sie lauscht
schweigend. Hauptmann Lennart liegt noch immer bewutlos auf dem Bett.
Das Zimmer ist ganz angefllt mit weinenden Menschen; niemand denkt
daran, diese betrbte Schar hinauszuwerfen. Alle Tren sind weit
geffnet, alle Zimmer, Treppen und Gnge sind voll schweigender,
bekmmerter Menschen -- bis weit auf den Hof hinaus stehen sie in dichten
Scharen.

Als der Oberst seine Erzhlung beendet hat, sagt die Frau des Hauptmanns
mit erhobener Stimme: Falls sich einer der Kavaliere hier im Zimmer
befindet, bitte ich ihn, hinauszugehen. Es ist schwer fr mich, einen
Kavalier hier an dem Sterbebett meines Mannes zu sehen.

Ohne ein Wort zu sagen, steht der Oberst auf und geht hinaus. Dasselbe
tun Gsta Berling und noch ein paar Kavaliere, die Hauptmann Lennart das
Geleite gegeben haben. Die Leute weichen scheu zur Seite vor dieser
kleinen Schar gedemtigter Mnner.

Als sie fort sind, sagt Frau Lennart: Will jemand von denen, die meinen
Mann whrend dieser Monate gesehen haben, mir sagen, wo er sich
aufgehalten und was er vorgenommen hat?

Und nun fangen die da drinnen an, vor Hauptmann Lennarts Frau Zeugnis
abzulegen ber ihn, vor ihr, die ihn verkannt und die ihr Herz in
Strenge gegen ihn verhrtet hat. Jetzt ertnt die Sprache der alten
Hymnen. Mnner, die nie ein anderes Buch gelesen haben als die Bibel,
fangen an zu reden. In Bildern, die sie Hiobs Buch entleihen, in
Wendungen aus den Zeiten der Patriarchen reden sie von dem Gesandten
Gottes, der umherging und allem Volk half.

Es whrt lange, bis sie ausgeredet haben. Whrend die Dunkelheit
hereinbricht und der Abend kommt, stehen sie da und reden; einer nach
dem andern tritt vor und erzhlt der Frau, die seinen Namen nicht hat
nennen hren wollen, von ihm.

Da sind Leute, die erzhlen, da er sie auf dem Krankenbett gefunden und
geheilt hat. Da sind wilde Raufbolde, die er gezhmt hat. Da sind
Trunkenbolde, die er zur Migung gezwungen, Betrbte, denen er Trost
gespendet hat. Jeder, der in grenzenloser Not gewesen ist, hat sich an
Gottes Gesandten gewendet, und er hat ihnen helfen knnen; wenigstens
ist er imstande gewesen, Trost und Hoffnung in ihre Herzen zu gieen.

Den ganzen Abend ertnt die Sprache der alten Hymnen im Krankenzimmer.

Drauen auf dem Hofplatz stehen die dichten Scharen und warten auf das
Letzte. Sie wissen, was da drinnen vor sich geht -- was laut am
Sterbebette gesprochen wird, geht da drauen als Geflster von Mund zu
Munde. Jeder, der etwas zu sagen hat, drngt sich schweigend durch die
Menge. Hier ist einer, der von ihm zeugen kann, sagt man und macht ihm
Platz. Und sie treten aus der Dunkelheit hervor, legen ihr Zeugnis ab
und treten wieder in die Finsternis zurck.

Was sagt sie jetzt? fragen die Drauenstehenden. Was sagt die
gestrenge Frau auf Helgester?

Sie strahlt wie eine Knigin, sie lchelt wie eine Braut. Sie hat
seinen Lehnstuhl an das Bett gerckt und die Kleider darauf gelegt, die
sie ihm eigenhndig gewebt hat.

Aber dann wird es still unter den Leuten. Niemand sagt es, aber alle
wissen es wie mit einem Schlage: Jetzt stirbt er.

Hauptmann Lennart schlgt seine Augen auf, er sieht, und er sieht
gengend. Er sieht sein Heim und die Volksscharen, seine Frau, die
Kinder, die Kleider, und er lchelt. Aber er ist nur erwacht, um zu
sterben. Er seufzt einmal rchelnd auf und haucht dann seinen Geist aus.

Da verstummen die Erzhlungen. Eine Stimme aber beginnt ein Sterbelied.
Alle stimmen mit ein, und von Hunderten von starken Stimmen getragen,
erhebt sich der Gesang zu den ewigen Hhen. Das ist der Abschiedsgru
der Erde an die fliehende Seele.




Der Schatz des Pfarrers von Broby


Es herrschte Schweigen im Kavalierflgel. Die krummen Waldhrner, die in
Veranlassung des Marktes geputzt und mit neuen grnen Schnren und
Quasten verziert waren, hingen unbenutzt in den Ecken. Die Violinen
lagen, in rohe Seide gewickelt, in ihren Kasten, den Bogen zur Seite,
das Harz und die Reservesaiten am Kopfkissen. Die Flten waren nicht aus
dem Bade herausgenommen, in dem sie lagen, um dicht zu werden. Die
Bellmanslieder ertnten nicht, man hrte kein Scherzen und Lachen. Auf
dem groen Tisch, der voll weier Ringe von den Grogglsern war, stand
noch das Tablett, aber niemand mischte den dampfenden Trunk.
Beerencreutz sa da und spielte mit den Karten, niemand aber machte
Miene, Geld auf den Spielteller zu werfen.

Diese Kavaliere, die zu Wchtern der Freude angestellt waren, glichen
jetzt den frierenden Winterfliegen, die in das Dunkel und den Schutz des
Ofens kriechen. Es war kalt und einsam um sie her geworden. Gestern war
Hauptmann Lennart gestorben, von seinem Sterbebett war Gsta Berling in
die Wlder und in die Wildnis hinausgeflchtet, wie es seine Gewohnheit
war, wenn sein Gewissen eine neue, schmerzende Wunde erhalten hatte. Sie
wuten, da er lange fortbleiben wrde, vielleicht Wochen, bis die Zeit
sein Elend geheilt hatte. Ihre junge Grfin hielt sich eingeschlossen
und wollte niemand von ihnen sehen.

Die Rosen waren verwelkt, die Bltter waren abgefallen, das Gras war
gelb geworden. Und die Kavaliere fingen an zu glauben, da das Leben
selber ausgeblht habe. rneclou sah pltzlich, da er alt und hlich
war, Onkel Eberhard hatte sein groes wissenschaftliches Werk
abgeschlossen, Patron Julius' Gewissen wollte nicht schlafen,
Liliencrona sehnte sich nach Hause.

Und sie fragten sich selber, womit sie es verschuldet hatten, da der
Wein seinen Geschmack verloren, da das Kartenspiel ihnen keine Freude
mehr machte, da die Musik sie nicht mehr belebte. Weshalb war die Macht
der Freude von ihnen gewichen? Welch Verbrechen hatten sie begangen, die
armen, elenden Kavaliere?

Da ffnete sich die Tr, und die Tochter des Pfarrers von Broby trat zu
den versammelten Kavalieren ein. Sie war eine energische kleine Person,
die das ganze Jahr hindurch gegen die liederliche Wirtschaft und die
Verschwendung angekmpft hatte. Es war etwas so Strenges,
Pflichtgetreues an ihr, da die Kavaliere stets einen gewissen Respekt
vor ihr gehabt hatten, obwohl sie kaum die Kinderschuhe ausgezogen
hatte.

Heute bin ich wieder zu Hause gewesen und habe nach dem Geld meines
Vaters gesucht, sagte sie zu den Kavalieren. Aber ich habe nichts
gefunden. Alle Schuldbeweise sind ausgestrichen, und Schubfcher und
Schrnke stehen leer.

Das ist traurig fr Sie, Jungfer, sagte Beerencreutz.

Als die Majorin aus Ekeby fortzog, fuhr die Tochter des Pfarrers von
Broby fort, bat sie mich, acht auf ihr Haus zu geben. Und falls ich nun
das Geld meines Vaters gefunden htte, wrde ich es dazu verwendet
haben, Ekeby wieder instand zu setzen. Da ich aber nichts anderes fand,
nahm ich einige von den Stcken und Zweigen von meines Vaters
Schandhgel mit, denn es harrt meiner groe Schande, wenn meine Herrin
heimkehrt und mich fragt, was aus Ekeby geworden ist.

Nehmen Sie sich doch eine Sache nicht so zu Herzen, an der Sie keine
Schuld haben, Jungfer, entgegnete Beerencreutz.

Aber ich habe nicht allein fr mich Stcke vom Schandhgel genommen,
sagte das junge Mdchen. Ich nahm auch einige fr die guten Herren mit.
Bitte recht sehr, meine Herren! Mein Vater ist nicht der einzige
gewesen, der Schmach und Schande in diese Welt gebracht hat.

Und sie ging von dem einen zum andern und legte vor einen jeden einige
der drren Zweige. Mehrere von den Kavalieren fluchten, die meisten aber
lieen sie gewhren. Schlielich sagte Beerencreutz mit der ruhigen
Wrde eines vornehmen Herrn:

Es ist gut, Jungfer. Haben Sie Dank! Jetzt knnen Sie gehen.

Als sie fort war, schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch, so
da die Glser tanzten. Von diesem Augenblick an, sagte er, trinke
ich nie wieder. So etwas soll der Branntwein nicht zum zweitenmal ber
mich bringen. Dann erhob er sich und ging hinaus, und tiefes Schweigen
lagerte sich wieder ber den Kavalierflgel.

Aber vor einem jeden der Kavaliere lagen einige von den Hlzern und
Zweigen des Schandhgels. Und von ihnen ging eine Reihe unheimlicher
Fragen aus:

Wo ist die Majorin? Was ist aus Ekebys Ehre und Macht geworden? Weshalb
ist Gottes Gesandter gettet worden? Wo ist der Reichtum, der ehemals am
Lfsee herrschte?

Und es war pltzlich, als ertne der Kavalierflgel von tausend Stimmen,
die alle antworteten. Es war den alten Herren, als sen sie mitten in
einem summenden, stechenden Bienenschwarm. Denn auf alle diese Fragen
vernahmen sie stechende, beiende Antworten.

Die Kavaliere haben ihre Wohltterin vertrieben, die Kavaliere, denen
sie ein Heim gab, haben sie heimatlos gemacht. Sie gab ihnen Speisung
und Freude, sie gaben ihr Hunger und Sorgen.

Die Kavaliere haben das stolzeste Gut in ganz Wermland ruiniert. Die
Kavaliere haben dem Gesandten Gottes sein eigenes Haus verschlossen. Der
Raufbold, der ihm das Leben nahm, hat ihm weniger Schaden zugefgt als
wir, die wir seine liebste Hoffnung tteten. Die Kavaliere haben die
Sorglosigkeit und den Trunk unter den Armen verbreitet, sie haben die
ganze Lfseer Harde ruiniert.

Diese Stimmen hatten nicht lange gesummt und gestochen, als ein Kavalier
nach dem andern sich erhob und hinausging. Und es traf sich so, da sie
sich nach einer Weile alle unten am Giebach zusammenfanden, dort, wo
die Mhle und die Schmiede gestanden hatten. berall sah man Spuren der
Zerstrung. Der groe Hammer ragte aus einem Haufen von Sparren und
Brettern hervor, die dicken Ofenmauern standen noch mitten in der
Zerstrung, und am Boden sah man noch die groe Esse ihren weiten
Schlund ffnen.

Und seht nur! In all diesem Wirrwarr ging der Oberst umher und
arbeitete, er machte Platz fr eine neue Schmiede und eine neue Mhle.
Und allmhlich, als die anderen kamen, gingen auch sie an die Arbeit.
Bald waren sie alle da; sie schleppten Balken fort, brachen Steine auf,
gruben und zimmerten. Und bald fingen die Lieder wieder an zu klingen,
und Scherzen und Lachen erschallte im Kreise. Wieder waren sie mutig und
stark; sie wrden Ekeby schon wieder aufrichten. Sie wollten die Majorin
heimholen; sobald es mglich war, sollte die Tochter des Pfarrers von
Broby zu ihr hinaufreisen. Die Armen am Lfsee sollten wieder Arbeit
haben.

Aber der Kontrakt, der schwarze, mit Blut geschriebene Kontrakt aus der
Christnacht? Ach -- sie handelten jetzt weit mehr kavaliermig als
ehedem. Sie arbeiteten, und sie wollten fortfahren zu arbeiten, ihr Lohn
aber sollte in Ehre bestehen und nicht in Geld.

Am Sonntagmorgen kam Gsta Berling nach der Brobyer Kirche. Der
Gottesdienst hatte bereits begonnen, infolgedessen war es vor der Kirche
leer, vor dem Portal aber stand ein in Eile zusammengeschlagener Sarg.

Es ward Gsta Berling schwer, an diesem Sarg vorberzugehen. Er wute,
da der gute Hauptmann Lennart darin ruhte, und es war ihm, als wenn er
ihm den Weg zur Kirche versperre.

Gsta war einen Tag und zwei Nchte im Walde umhergewankt, er hatte
nichts gegessen, war mde, hungrig, erschpft von Leiden. Jetzt war er
gekommen, um die armen Leute in der Kirche zu sehen, denn da droben in
der Einsamkeit hatte er an den Tag gedacht, da er am Schandhgel des
Pfarrers von Broby gesessen, an die Nacht, da er die finsteren Scharen
mit der Leiche des Mdchens von Nygaard hatte fortziehen sehen, da ihn
das Verlangen ergriff, der Diener und Freund der Armen zu sein. Jetzt
wollte er sie in der Kirche sehen, um Kraft zu sammeln, damit er ihnen
dienen knne.

Aber er konnte nicht an Hauptmann Lennarts Sarg vorberkommen. Es war
ihm, als rufe der Tote ihm zu: Gsta Berling, wie willst du den Armen
helfen? Du schleppst noch die Folgen all des Bsen, das du getan, hinter
dir her. Vorerst mut du, mssen alle, die du liebst, die Frchte von
dem Unheil ernten, das du geset hast.

Er trat an den Sarg heran und fiel davor auf die Knie. Hilf mir, der
Helfer der Armen zu werden, sagte er, hilf mir, da ich der Geliebten
nie wieder Kummer mache. Und einmal ber das andere wiederholte er:
Hilf mir, da ich fortan keinen Kummer, keine Schande, Not und anderes
Elend in diese Welt bringe!

Da legte sich eine schwere Hand auf Gstas Schulter. Hinter ihm stand
Sintram.

Gsta, willst du jemand einen tchtigen Streich spielen, so leg dich
hin und stirb. Es gibt nichts so Raffiniertes, als zu sterben, nichts,
das einem braven Menschen einen rgeren Strich durch die Rechnung macht,
wenn er es am wenigsten ahnt. Leg dich hin und stirb, sage ich dir!

Das wre auch das Beste fr mich, meinte Gsta.

Vorerst aber ersinne etwas, Gsta, wodurch ich den da im Sarge rgern
kann.

Hat er dich angefhrt?

Freilich hat er das! Sieh mich nur an, mein Junge! Ich bin ein
betrogener Mann. Weshalb mute er sich auch so dumm anstellen und mich
zum besten haben, so da ich an seine Dummheit glaubte, whrend er
schlau genug war, sich gerade im rechten Moment hinzulegen und zu
sterben. Aber er soll seinen Lohn haben! Ich reie Flor und Krnze von
seinem Sarge, stoe ihn um und trete mit Fen darauf.

Nicht, so lange ich lebe! rief Gsta.

Sintram kreuzte die Arme ber der Brust und hob den Kopf in die Hhe; es
lag etwas von der entsetzlichen Majestt des Bsen ber diesem ihrem
Diener.

Es ist mein gutes Recht! sagte er feierlich. Es war ein groes Werk,
und der Plan war geschickt gelegt; er aber hat ihn zerstrt. Es handelte
sich um die ganze Lfseer Harde. Htte ich meinen Willen durchgesetzt,
wrde die ganze Harde zugrunde gerichtet sein. Worauf habe ich denn
sonst dies ganze Jahr hindurch hingearbeitet? Ich habe die Majorin
vertrieben. Ich habe Melchior Sinclaire elend gemacht. Ich halte den
Schatz des Pfarrers von Broby verborgen. Ich habe die Kavaliere regieren
lassen. Und jetzt war das Volk so wild und unglcklich geworden, da
niemand sie daran hindern konnte, sich ins Verderben zu strzen,
niemand, mit Ausnahme dieses Mannes, der sich gerade im rechten
Augenblick hinlegte und starb. Sahest du es, mein Junge, sahest du es
wohl? Die Bauern rckten gegen die Westgotlnder, die Dalekarlier gegen
die Bauern vor; htte es nur eine Sekunde lnger gewhrt, so wre der
ganze Marktplatz in einen groen Walplatz verwandelt gewesen. Frauen und
Kinder wren mit Fen getreten, die Waren in den Schmutz geworfen
worden, Raub und Mord htten gehaust. Wre Hauptmann Lennart nicht
gestorben, so wre das alles eingetroffen. Und hinterher wre dann das
Gericht gekommen. Hungersnot, neue Aufstnde, Einquartierungen wrden
sie ausgesogen haben. Die ganze Harde wre so hlich, so verrufen, so
verhat geworden, da niemand auer dem alten Sintram dort htte wohnen
mgen. Wre das nicht ein groes Werk gewesen?

Aber welchen Zweck sollte dies alles nur haben?

Sintrams Augen sprhten Blitze, als er antwortete: Es wre mir eine
Freude gewesen, denn ich bin schlecht. Ich bin der Br im Gebirge, ich
bin der Schneesturm auf der Ebene; meine Lust ist es, zu morden und zu
verfolgen. Fort, sage ich, fort mit den Menschen und mit dem
Menschenwerk! Ich kann sie nicht leiden. Ich kann sie zwischen meinen
Klauen hindurchlaufen und ihre Sprnge machen lassen -- das kann mich
eine kleine Weile amsieren --, aber nun hatte ich das Spiel satt, Gsta,
nun wollte ich zuschlagen, jetzt wollte ich zerstren.

Er wre wahnsinnig, vollstndig wahnsinnig. Er hatte vor langer Zeit zum
Scherz mit diesen Hllenknsten begonnen, jetzt aber hatte die Bosheit
Oberhand ber ihn gewonnen, jetzt glaubte er selber, da er einer der
Geister der Hlle sei.

Gsta Berling aber, der vor Eifer entbrannte, den Notleidenden zu
helfen, war durch seine Worte wie vom Blitz getroffen.

Weit du, wo der Schatz des Pfarrers von Broby liegt? fragte er.

Sintram antwortete mit einem schnellen, lauernden Blick. Willst du
vielleicht der Helfer des Volkes sein, Gsta?

Ja, erwiderte Gsta; er wute, da es am besten war, mit einem Manne
wie Sintram die Wahrheit zu reden.

Ein Lichtschimmer zuckte ber Sintrams Antlitz. Sieh, sieh! sagte er,
da will ich den im Sarge ruhig liegenlassen, denn dann wei ich eine
bessere Rache.

Was hast du zu rchen? Der beste Freund des Volkes ist tot, und die Not
ist ebenso gro wie vorher.

Ich sage dir, alles ist verloren. Schau nur dahin! Siehst du? Heute
habe ich den Gefngniswagen als Equipage bekommen, und es hat mich viele
Trnen gekostet, den Landvogt zu bewegen, da er drauen hlt, whrend
ich ein Gebet am Sarge des frommen Mannes verrichte.

Und Gsta sah, da der Gefngniswagen an der Kirchhofsmauer hielt und
auf Sintram wartete.

Ich wollte hierher und mich bei der Frau Hauptmann bedanken, da sie
gestern in alten Papieren nachsuchte, um Beweise gegen mich in der
bewuten Pulvergeschichte zu finden, und mir dann die Obrigkeit auf den
Hals sandte, gerade als ich mich anschickte, zum Begrbnis dieses guten
Mannes zu gehen. Aber ich will den Sarg nicht anrhren, ich kann etwas
tun, was noch weit besser ist. -- Hr einmal! Ihr seid wohl jetzt wahre
Engel Gottes da oben in Ekeby? Wenn die Tochter des Brobyer Pfarrers ihr
Erbe bekommt, wollt ihr und sie dann alles unter die Armen austeilen?

Sie will es benutzen, um Ekeby wieder aufzurichten und den Armen zu
helfen; das hat sie oft gesagt.

Sintram lachte vor sich hin. Du wtest wohl fr dein Leben gern, wo
das Geld steckt, Gsta?

Ja, das wte ich gern.

Willst du mir versprechen, geradeswegs von hier zu der Stelle im Walde
zu gehen, wo das Mdchen aus Nygaard sich zu Tode fiel, und dich dort
herabstrzen, so will ich dir sagen, wo das Geld ist. Es wre so schn,
wenn du da sterben knntest; dann wrden alle sagen, da deine
schrecklichen Gewissensqualen dich in den Tod getrieben htten.

Ich habe gelobt, mir das Leben nicht zu nehmen, so lange Anna Lisa im
Dienst der Majorin steht.

Gilt nicht! erwiderte Sintram. Wenn du ihr das Geld verschaffst,
dient sie ja nicht mehr.

Aber bei Gsta Berling schien nun all das alte und all das neue Sehnen
sich zu dem einen zu vereinigen -- sterben zu drfen. Es war niemals zur
Klarheit gekommen zwischen ihm und ihr, die er seine Gattin nannte. Er
war glcklich gewesen, da er ihr dienen durfte wie die anderen
Kavaliere, wie es aber werden sollte, wenn ihre Zeit auf Ekeby um war,
das wute er nicht. Er wute nicht einmal, ob sie zu ihren Eltern
zurckkehren oder bei ihm bleiben wrde. Eins aber stand fest: er konnte
ihr keinen greren Dienst erweisen, als indem er ihr ihre Freiheit
wiedergab, und dazu hatte er jetzt die beste Gelegenheit. Jetzt konnte
er alle seine Gewissensqualen loswerden; jetzt konnte er die Wnsche
seiner besten Momente erfllen, er konnte Gott und den Menschen dienen;
das alles und weit mehr lag in diesem schnen, herrlichen: sterben zu
drfen.

Er reichte Sintram die Hand, und dieser schlug ein.

Das Geld liegt im Kirchturm zu Bro, unter den Dielen in der Nhe der
Schallcher, sagte Sintram. Sorge nun aber dafr, da du aus der Welt
bist, ehe es Abend wird, denn sonst werde ich es schon so einrichten,
da die Tochter des Pfarrers von Broby ihr Geld selbst behlt.

Jetzt folgte ein schner Tag fr Gsta Berling. Er ging in die Kirche
und dachte mit feierlicher Freude daran, da er sein Leben hingeben
wolle, um allen diesen Menschen zu helfen. Er ging in die Sakristei und
schrieb eine Bekanntmachung aus, da die Arbeit in Ekeby wieder
aufgenommen werden solle und da dort Korn an die Armen verteilt werden
wrde. Und er vernahm das Gemurmel der Freude und des Staunens, das
durch die Menge ging, als das Manifest nach dem Gottesdienst verlesen
wurde. Er schrieb auch ein paar Worte an seine Gattin und teilte ihr
mit, wo der Schatz zu finden sei. Gegen seinen Willen lief die Feder
weiter, und er schrieb ihr einige Worte des Abschieds, falls sie
einander nie wiedersehen sollten. Er msse etwas tun, um den Tod des
Mdchens aus Nygaard zu shnen, schrieb er. Sobald er den Brief
abgesandt hatte, wunderte er sich, weshalb er das eigentlich geschrieben
hatte, und er bereute es.

Die Welt war ihm lange nicht so schn erschienen wie an diesem Tage.
Nach dem Gottesdienst sprach er mit Anna Stjrnhk und mit Marianne
Sinclaire. Sie baten ihn beide, sich aufzuraffen und ein Mann zu werden.
Er erfuhr, da Anna Stjrnhk sich mit der Arbeit getrstet hatte; sie
bewirtschaftete jetzt ihre groen Gter selber, und man sagte von ihr,
da sie eine zweite Majorin werden wrde. Er fhlte, da diese beiden
stolzen Frauen unter dem Bewutsein litten, sich des Mannes schmen zu
mssen, den sie geliebt hatten. Jetzt, dachte er, werden sie sich
darber freuen, da ich mein Leben hingebe, um alle die Armen aus ihrer
Not zu erretten, um Ekeby wieder in seinem alten Glanz aufzurichten.

Nach dem Gottesdienst wurde Hauptmann Lennart begraben. Da er am
Markttage gestorben war, hatte sich die Kunde weithin verbreitet, und zu
Tausenden waren die Leute zur Kirche gestrmt. Der ganze Kirchhof, die
Mauer und das an die Kirche grenzende Feld waren voll Menschen. Der alte
Probst war krank und predigte sonst nicht. Aber zu Hauptmann Lennarts
Beerdigung hatte er versprochen zu kommen. Und er kam, gesenkten Hauptes
und in seine eigenen Trume vertieft, wie er es jetzt in seinen alten
Tagen zu sein pflegte, und stellte sich an die Spitze des Leichenzuges.
Der Alte war vor vielen Leichenzgen hergegangen, er ging den bekannten
Weg ohne aufzublicken, er warf Erde auf den Sarg, verrichtete die Gebete
und merkte nichts Ungewhnliches. Als aber der Kster den Gesang
anstimmte, wurde er von hundert und aber hundert Stimmen gesungen,
Mnner, Frauen und Kinder sangen mit. Da erwachte der Alte aus seinen
Trumen. Er strich sich ber die Augen, als wenn die Sonne ihn blende,
und stieg auf den aufgeschtteten Erdhgel, um sich umzuschauen. Niemals
hatte er einen solchen Gesang an einem Grabe gehrt, niemals eine solche
Schar von Trauernden gesehen. Die Mnner hatten die alten, abgetragenen
Begrbnishte aufgesetzt, die Frauen ihre weien Schrzen mit den
breiten Falten umgebunden. Sie trugen alle Trauer, sie weinten und
sangen alle.

Der alte Probst zitterte vor Bewegung. Er empfand eine heilige Freude,
als er die Liebe des Volks zu dem Verstorbenen sah. Als der Gesang
verstummt war, streckte er dem Volk seine Arme entgegen. Er sprach
einige Worte mit schwacher Stimme, hielt dann aber inne. Wieder begann
er, aber nur die Zunchststehenden hrten seine Worte. Auf einmal aber
schpfte seine Stimme Kraft und Klang aus dem liebevollen Verlangen,
dies trauernde Volk zu trsten.

Er erzhlte seinen Zuhrern alles, was er von dem Gesandten Gottes
wute. Er erinnerte sie daran, da weder uerer Glanz noch groes
Vermgen diesem Mann zu seinem Ansehen verholfen hatte, sondern nur das
eine, da er stets auf Gottes Wegen gewandelt war. Und nun bat er sie,
um Gottes und Christi willen ein gleiches zu tun. Ein jeder solle seinen
Nchsten lieben und ihm behilflich sein. Ein jeder solle das Beste von
seinem Nchsten glauben, ein jeder solle so handeln wie dieser gute
Hauptmann Lennart; denn dazu bedrfe es keiner groen Gaben, sondern nur
eines frommen Sinnes. Und er setzte ihnen auseinander, da alles, was in
diesem Jahr geschehen war, eine Vorbereitung sei zu der Zeit der Liebe
und des Glckes, die ihnen jetzt bevorstehe. Er habe in diesen Jahren
oft menschliche Gte in zerstreuten Strahlen hervorbrechen sehen; jetzt
werde sie als helle, glnzende Sonne hervortreten.

Er erhob seine Augen und Hnde und verkndete Frieden ber das Land. In
Gottes Namen, sagte er, der Unfriede hre auf! Der Friede wohne in
euren Herzen und in der ganzen Natur! Mchten die toten Dinge und die
Tiere und Pflanzen Ruhe finden und aufhren, Schaden anzurichten.

Und es war Gsta und ihnen allen, als hrten sie einen Seher reden. Alle
wollten einander lieben, alle wollten gut sein. Es war, als sei ein Mann
Gottes gekommen, der Macht ber alles Erschaffene habe. Ein heiliger
Friede senkte sich auf die Erde herab. Es war, als strahlten die Berge,
als lchelten die Tler, und die Herbstnebel kleideten sich in
Rosenschimmer.

Schlielich bat er um einen Helfer fr das Volk. Es wird einer kommen,
sagte er. Es ist nicht Gottes Wille, da ihr jetzt vergehen sollt. Gott
wird einen erwecken, der die Hungernden sttigt, der euch auf seine Wege
lenkt.

Da fhlte Gsta, da der Alte von ihm redete, der sein Leben schon um
der Armen willen verkauft hatte. Und viele von denen, die die
Kundmachung gehrt hatten, gingen heim und erzhlten, nun wrde sich
schon alles zum Guten wenden, habe doch der tolle Pfarrer auf Ekeby
gelobt, ihnen zu helfen.

Gsta aber schlug den Weg in die westlichen Berge ein und verschwand in
der Finsternis der tiefen Wlder.

       *       *       *       *       *

Es war lange vor jenem Jahr, in dem die Kavaliere auf Ekeby herrschten.

Der Hirtenbube und das Hirtenmdchen spielten zusammen im Walde, bauten
Huser aus flachen Steinen, pflckten Beeren und schnitten
Holunderflten. Sie waren beide im Walde geboren, dort war ihr Heim, ihr
Reich. Sie lebten in Frieden mit allem, was da drinnen war, wie man mit
dem Gesinde und mit den Haustieren in Frieden lebt.

Die Kleinen nannten die Luchse und die Fchse ihre Hofhunde, das Wiesel
war ihre Katze, Hasen und Eichhrnchen ihre Spielgefhrten, Bren und
Elentiere ihr Grovieh. Eulen und Auerhhne saen in ihren Vogelbauern,
die Tannen waren ihre Diener und die jungen Birken ihre Gste bei ihren
Festen. Sie kannten wohl die Hhlen, in denen die Otter im Winterschlaf
zusammengerollt lag, und wenn sie badeten, hatten sie die Natter durch
das klare Wasser schwimmen sehen; aber sie frchteten sich weder vor
Schlangen noch vor Waldgeistern, die gehrten ja mit zum Walde, und der
war ihr Heim. Nichts konnte sie erschrecken.

Tief drinnen im Walde lag die Htte, wo der Junge wohnte. Ein hgeliger
Waldpfad fhrte dahin, ringsumher schatteten die Berge, grundlose Moore
lagen in der Nhe und entsandten das ganze Jahr hindurch ihre eiskalten
Nebel. Fr die Bewohner der Ebene hat eine solche Wohnung sehr wenig
Verlockendes.

Der Hirtenbube und das Hirtenmdchen wollten einmal im Laufe der Jahre
Mann und Frau werden, wollten dort in der Waldhtte wohnen und von ihrer
Hnde Arbeit leben. Ehe sie sich aber verheiraten konnten, brach das
Unglck des Krieges ber das Land herein, und der junge Mann lie sich
werben. Er kehrte heim ohne Wunden oder krperliche Gebrechen, aber
diese Kriegsjahre hatten ihm frs ganze Leben ihren Stempel aufgedrckt.
Er hatte zu viel von der Schlechtigkeit der Welt und der Grausamkeit der
Menschen gegen ihre Mitmenschen gesehen, so da er jetzt das Gute nicht
mehr erblicken konnte.

Anfangs war keine Vernderung an ihm zu bemerken. Er ging mit seiner
Jugendliebe zum Pfarrer und bestellte das Aufgebot. Die Waldhtte
oberhalb Ekeby ward ihr Heim, wie sie es sich lngst ausgemalt hatten;
aber das Glck sollte nicht in diesem Heim wohnen.

Die junge Frau ging einher und schaute ihren Mann an wie einen Fremden.
Seit er vom Kriege heimgekehrt war, hatte sie ihn nicht wiedererkennen
knnen. Er lachte so hart und redete wenig. Sie frchtete sich vor ihm.

Er tat nichts Bses und war ein fleiiger Arbeiter. Doch war er nicht
beliebt, denn er traute allen Menschen Bses zu. Er fhlte sich selber
wie ein verhater Fremdling; jetzt waren die Tiere des Waldes seine
Feinde, der Berg, der ihn beschattete, das Moor, das seine Nebel
entsandte, waren seine Gegner. Der Wald ist eine unheimliche Wohnung fr
jemand, der sich mit bsen Gedanken trgt.

Wer in den Gegenden wohnt, mu sich einen Vorrat von lichten
Erinnerungen schaffen. Sonst sieht er nur Mord und Unterdrckung unter
Tieren und Pflanzen, wie er es unter den Menschen gesehen hat. Er
erwartet Bses von allem, was ihm begegnet.

Jan Hk, der Soldat, konnte selber nicht verstehen, was ihm war, aber er
merkte, da ihm alles zuwiderging. Sein Heim bot ihm nur geringen
Frieden. Die Shne, die dort heranwuchsen, wurden stark, aber wild;
abgehrtete, mutige Mnner waren sie, aber auch ihre Hand war gegen
alle, wie aller Hand gegen sie war.

Seine Frau lie sich von ihrem Kummer verlocken, die Geheimnisse der
Natur zu erforschen. In Mooren und Dickichten suchte sie heilende
Kruter. Sie ergrndete das Wesen der Unterirdischen und wute, welche
Opfer erforderlich waren. Sie konnte Krankheiten heilen, konnte guten
Rat gegen Liebeskummer erteilen. Sie stand in dem Ruf, Zauberkrfte zu
besitzen, und ward gemieden, obwohl sie den Menschen groen Nutzen
erwies.

Einmal fate die Frau sich ein Herz und redete mit dem Mann ber seinen
Kummer. Seit du in den Krieg gingst, bist du wie verhext, sagte sie.
Was haben sie dir angetan?

Da fuhr er auf und war nahe daran, sie zu schlagen, und so ging es
jedesmal, wenn sie den Krieg erwhnte. Er wurde wie wahnsinnig vor Zorn.
Er duldete es nicht, da jemand das Wort Krieg aussprach, das wurde bald
bekannt; da nahmen sich denn die Leute vor diesem Thema in acht.

Aber keiner seiner Kriegskameraden konnte sagen, da er mehr Bses getan
hatte als andere. Er hatte wie ein guter Soldat gekmpft. Nur all das
Entsetzliche, das er gesehen, hatte es ihm so angetan, da er fortan
nur noch das Schlechte sehen konnte. Es war ihm, als wenn die ganze
Natur ihn hasse, weil er an dergleichen teilgenommen hatte. Diejenigen,
die es besser wissen, knnen sich damit trsten, da sie fr das
Vaterland und die Ehre kmpfen. Was wute er davon? Er wute nur, da
alles ihn hate, weil er Blut vergossen und Gewalt gebt hatte.

Zu jener Zeit, als die Majorin aus Ekeby vertrieben wurde, wohnte er
allein in seiner Htte. Seine Frau war gestorben, und seine Shne waren
fortgezogen. Aber zur Marktzeit war die Htte doch voller Gste. Die
dunkelhutigen Zigeuner kehrten dort ein, sie gedeihen am besten bei
dem, den die Menschen scheuen. Kleine, langhaarige Pferde kamen dann den
Waldweg hinaufgeklettert, die Wagen voll von verzinnten Gertschaften,
Kindern und Lumpen. Frh gealterte Frauen mit vom Trunk und vom
Tabakrauchen angeschwollenen Gesichtern und Mnner mit bleichen,
scharfen Zgen und sehnenstarken Gliedern folgten den Wagen. Wenn sie an
der Waldhtte anlangten, wurde die Stimmung heiter, Branntwein und
Karten und Spektakel fhrten sie mit sich, sie erzhlten von
Diebsthlen, Pferdetausch und blutigen Schlgereien.

Es war an einem Freitag, als der Brobyer Markt begann und Hauptmann
Lennart gettet wurde. Der starke Mns, der Mrder, war der Sohn des
Alten in der Waldhtte. Als deswegen die Zigeuner am Sonntagnachmittag
da oben zusammensaen, reichten sie dem alten Jan Hk die
Branntweinflasche hufiger als sonst und sprachen mit ihm von
Gefngnisleben und Gefangenenkost und Verhren, denn das kannten sie.

Der Alte sa auf dem Haublock in der Ofenecke und sprach nicht viel.
Seine groen, glanzlosen Augen starrten ber die wilde Schar hin, die
die Stube fllte. Die Dmmerung war hereingebrochen, aber das flackernde
Fichtenholz erleuchtete den Raum. Es beschien Lumpen und Elend und Not.

Die Tr ffnete sich leise und zwei Frauen traten ein. Es war die junge
Grfin Elisabeth, gefolgt von der Tochter des Pfarrers von Broby.
Sonderbar wollte es dem Alten erscheinen, als sie, liebenswert und
strahlend in ihrer milden Schnheit, in den Lichtkreis des Feuers trat.
Sie erzhlte ihnen, da Gsta Berling sich seit Hauptmann Lennarts Tod
nicht auf Ekeby hatte sehen lassen. Sie und ihr Mdchen htten den
ganzen Nachmittag den Wald durchsucht. Jetzt she sie, da hier Mnner
seien, die weit umhergewandert waren und alle Wege kannten. Hatte
niemand von ihnen Gsta bemerkt? Sie sei hereingekommen, um zu fragen,
ob ihn jemand gesehen habe.

Vergebliche Frage. Niemand hatte ihn gesehen.

Sie rckten ihr einen Stuhl ans Feuer, sie sank darauf nieder und sa
eine Weile schweigend da. Der Lrm im Zimmer war verstummt; alle sahen
sie an und wunderten sich ber sie. Dann ward ihr das Schweigen
unheimlich, sie fuhr zusammen und suchte nach einem gleichgltigen
Gesprchsstoff.

Wenn ich mich nicht irre, bist du Soldat gewesen? wandte sie sich an
den Alten. Erzhle uns doch etwas vom Kriege!

Das Schweigen wurde nur noch unheimlicher. Der Alte sa da, als habe er
nichts gehrt.

Ich mchte gern etwas vom Kriege hren, von einem, der mit dabeigewesen
ist, sagte die Grfin. Aber sie hielt pltzlich inne, denn ihre
Begleiterin machte ihr ein Zeichen mit dem Kopf. Sie mute etwas
Unpassendes gesagt haben; alle da drinnen starrten sie an, als habe sie
gegen die ersten Anstandsregeln verstoen. Pltzlich begann eine der
Frauen mit scharfer Stimme: Ist das nicht die ehemalige Grfin auf
Borg?

Ja, die sei sie.

Die sollte doch auch was Besseres tun, als dem tollen Pfarrer im Walde
nachzulaufen. Pfui!

Die Grfin erhob sich und sagte Adieu, sie habe jetzt gengend geruht.
Die Frau, die vorhin gesprochen hatte, begleitete sie hinaus.

Ich wollte der Frau Grfin nur sagen, da ich meine uerung von vorhin
gar nicht so gemeint habe. Ich mute nur etwas sagen, denn der Alte wird
wie rasend, wenn er von Krieg reden hrt. Ich meinte es ja nicht bse.

Die Grfin eilte weiter, aber sie stand bald wieder still. Sie sah den
drohenden Wald, den schattenwerfenden Berg, den dampfenden Sumpf. Es
mute unheimlich sein hier zu wohnen, wenn der Sinn mit bsen
Erinnerungen angefllt war. Sie hatte Mitleid mit dem Alten, der da
drinnen sa, die dunklen Zigeuner als einzige Gesellschaft.

Anna Lisa, sagte sie, la uns umkehren! Sie waren gut gegen uns dort
in der Htte, ich aber habe mich nicht gut aufgefhrt. Ich will mit dem
Alten ber freundlichere Dinge reden. Und glcklich, jemand gefunden zu
haben, den sie trsten konnte, begab sie sich wieder in die Htte
zurck.

Ich frchte, sagte sie, da Gsta Berling hier im Walde umhergeht mit
dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Deswegen ist es wichtig, da man
ihn bald findet und ihn daran verhindert. Anna Lisa und ich haben oft
gemeint ihn zu sehen; aber er ist uns immer wieder entschwunden. Er hlt
sich gewi in der Nhe des Berges auf, wo das Mdchen von Nygaard ums
Leben kam. Da fiel es mir eben ein, da ich wohl nicht ganz bis Ekeby
zurckzugehen brauche, um Hilfe zu holen. Hier sind so viele starke
Mnner, da sie Gsta Berling sicher fangen knnen!

Auf, ihr Mnner! rief die Frau aus. Wenn die Frau Grfin sich nicht
fr zu gut hlt, unsere Leute um einen Gefallen zu bitten, so sollt ihr
gleich gehen!

Die Mnner erhoben sich und gingen hinaus, um zu suchen.

Der alte Jan Hk sa still und starrte glanzlosen Blickes vor sich hin,
so finster und hart, da man bange vor ihm werden konnte. Der jungen
Frau wollte gar kein Wort einfallen, das sie an ihn htte richten
knnen.

Da sah sie, da ein Kind krank auf einem Bndel Stroh lag und da eine
der Frauen eine kranke Hand hatte. Gleich begann sie, den Kranken zu
helfen. Sie ward bald vertraut mit den geschwtzigen Frauen und lie
sich die kleinsten Kinder zeigen.

Eine Stunde spter kamen die Mnner zurck. Sie fhrten Gsta Berling
gebunden in die Htte und legten ihn vor das Feuer nieder. Seine Kleider
waren zerrissen und beschmutzt, seine Zge verzerrt, und die Augen
rollten ihm wild im Kopf. Er war in den letzten Tagen auch wild
umhergestrmt. Er hatte auf der nassen Erde gelegen, hatte Hnde und
Gesicht in den Schlamm des Moors hineingebohrt, hatte sich ber
Felsblcke hinweggeschleppt und war in das dichteste Dickicht gedrungen.
Jetzt wute er, da der Tod nicht so leicht zu finden ist. Stunde auf
Stunde war er da oben umhergeschwankt, mit seiner aufflammenden
Lebenslust ringend. Gutwillig war er den Mnnern nicht gefolgt, sie
hatten ihn berwltigen und binden mssen.

Als seine Frau ihn so sah, ward sie zornig. Sie besa auch ihren Stolz,
und sie fhlte sich gedemtigt, ihren Mann in einem solchen Zustand zu
erblicken. Sie lste seine gebundenen Glieder nicht, sondern lie ihn am
Boden liegen.

Wie du aussiehst! sagte sie.

Ich wollte dir ja nicht vor die Augen treten, erwiderte er.

Bin ich denn nicht deine Gattin? Habe ich nicht das Recht, zu erwarten,
da du mit deinem Kummer zu mir kommst?

Ich wei nicht, fr was du dich ansiehst. Ich wei nicht, welche Plne
du fr dein Leben hast. Aber ich wei, da ich dir keinen greren
Dienst erweisen kann, als wenn ich sterbe.

Sie sandte einen unsagbar verchtlichen Blick zu ihm hinber. Du
wolltest mich zur Witwe eines Selbstmrders machen!

Sein Antlitz verzog sich schmerzlich. Elisabeth, la uns unter vier
Augen miteinander reden.

Weshalb sollten diese Menschen uns nicht anhren knnen? rief sie mit
scharfer Stimme aus. Sind wir besser als sie? Hat jemand von ihnen mehr
Kummer und Sorge hervorgerufen als wir? Sie sind die Kinder des Waldes
und der Landstrae, aller Hand ist gegen sie erhoben. La sie nur hren,
da auch dem Herrn von Ekeby Snde und Schmach anhaftet, ihm, dem von
allen geliebten Gsta Berling. Glaubst du, da ich mich fr besser halte
als sie -- oder tust du es?

Er richtete sich mit Anstrengung aus seiner liegenden Stellung auf und
sah sie mit aufflammendem Trotz an. Ich bin nicht so elend, wie du
meinst. Und in seinem Zorn erzhlte er ihr von der Begeisterung des
Vormittags und der bereinkunft vor der Kirchentr.

Es wre lngst mit mir aus gewesen, wenn du nur nicht in den Wald
gekommen wrest, sagte er schlielich. Ich konnte nicht sterben,
whrend du mir so nahe warst. La mich jetzt aber frei, damit ich mein
Wort einlsen kann!

Ach, sagte sie, als er geendet hatte, wie gut ich das alles kenne!
Heldenphrasen! Heldenmanieren! Stets bereit, die Hnde ins Feuer zu
stecken, Gsta, stets bereit, dich selber wegzuwerfen. Wie gro habe ich
das nicht einstmals gefunden! Wie sehr liebe ich jetzt aber Ruhe und
Besonnenheit! Wenn du deine Hand auf den Sarg des guten Mannes gelegt
und in Sintrams Gegenwart geschworen httest, zu leben, um diesen armen
Leuten zu helfen, die er ins Verderben strzen wollte, dann wrde ich
dich gepriesen haben. Da du ihnen aber durch ein Verbrechen helfen, da
du Vershnung durch ein Verbrechen suchen wolltest -- wie kannst du
erwarten, da ich das schn finden soll?

Er sah sie voller Verzweiflung an. Ich mute Vershnung suchen! rief
er aus; und was habe ich zu geben, wenn nicht mein Leben? Du vergit,
da ich ein abgesetzter Pfarrer bin, verworfen von den Menschen,
verworfen von Gott.

Wie wagst du es, so zu reden, Gsta! Man ist dir mit zu viel Liebe
begegnet, das ist das Unglck. Frauen und Mnner haben dich geliebt.
Wenn du nur scherztest und lachtest, wenn du nur sangest und spieltest,
dann verziehen sie dir alles. Alles, was du ausfhrtest, fanden sie gut.
Und hrtest du nicht die Rede des Propstes am Grabe? Hrtest du nicht,
was Gott von dir erwartet? Die armen Menschen gingen nach Hause und
sprachen von dir als von ihrem Erretter, und du gingest in den Wald und
wolltest sterben. Du bist aller Held, Gsta, und du willst sie
verlassen!

Wie kann ich ihnen ohne Geld helfen? Habe ich nicht Sintram
versprochen, zu sterben, sobald ich dies Geld bekommen htte?

Wir auf Ekeby, erwiderte die Grfin, und ihre Stimme bebte vor Zorn
und Kummer, wir wuten gestern abend schon, wo das Geld war. Major
Fuchs fiel es pltzlich ein, er hatte den Schatz in einer Nacht
entdeckt, als er in den Kirchturm geschlichen war, um Glockenerz zu
einer Kugel zu holen.

Gsta schlo die Augen und fhrte die gebundenen Hnde an seine Brust,
als wolle er die Qualen seines Herzens beschwichtigen.

Aber das macht in bezug auf dich gar keinen Unterschied, fuhr die
Grfin fort. Sintram hat dir ehrlich gesagt, wo das Geld steckt, du
schuldest es ihm also, zu sterben. Ach, wie kannst du nur glauben, da
Geld einer Not wie der unsern zu steuern vermag! Und siehe, Gsta,
welch ein herrlicher Abschlu fr dein Leben! Man wird dich mit Trnen
zur letzten Ruhesttte geleiten, und du wirst nicht weniger gepriesen
werden als der gute Hauptmann Lennart, denn auch du hast ja dein Leben
fr das Volk dahingegeben. Und ich allein wei, da du es frhlich
hingabst, weil du Reue und Bue schuldetest. Jetzt aber sage ich dir,
da du leben sollst, und du sollst ganz einfach hingehen und deine
Pflicht tun.

Du sollst nicht von Heldentaten trumen, du sollst nicht glnzen und
Staunen erregen, du sollst dafr sorgen, da dein Name nicht zu viel in
aller Leute Munde ist. Bedenke dich aber wohl, ehe du dein Sintram
gegebenes Wort zurcknimmst! Du hast dir nun eine Art von Anrecht
erworben zu sterben, und in Zukunft wird dir das Leben wohl nicht mehr
viele Freude bieten. Es hat bisher keine rechte Klarheit zwischen uns
bestanden, Gsta; du hast es nicht gewagt, mich als deine Gattin zu
betrachten, und ich habe nicht gewut, ob es Gottes Wille war, der uns
zusammenfhrte, oder nur die Folge einer krankhaften berspanntheit von
meiner Seite. Es war eine Zeit hindurch mein Wunsch, gen Sden zu
ziehen, ich glaubte, es sei ein zu groes Glck fr mich Schuldbeladene,
deine Gattin zu sein und an deiner Seite durchs Leben zu wandern. Aber
jetzt will ich hierbleiben. Wenn du den Mut hast zu leben, will ich
hierbleiben. Erwarte aber keine Freude davon; ich werde dich zwingen,
die Wege der schweren Pflichten zu wandern. Niemals darfst du von mir
Worte der Freude und der Hoffnung erwarten. All den Kummer, all das
Unglck, das wir beide hervorgerufen haben, will ich als Wchter an
unserm Herd aufstellen. Kann wohl ein Herz, das so viel gelitten hat
wie das meine, noch lieben? Ohne Trnen, ohne Freude werde ich an deiner
Seite wandern. Bedenke dich wohl, Gsta, ehe du deine Wahl triffst! Es
ist der Weg der Bue, den wir wandern werden.

Sie wartete nicht auf Antwort. Sie winkte ihrer Begleiterin und ging.
Als sie in den Wald kamen, fing die Grfin bitterlich an zu weinen und
weinte, bis sie Ekeby erreichten. Dort angekommen, fiel es ihr pltzlich
ein, da sie ganz vergessen hatte, mit Jan Hk, dem Soldaten, ber
freundlichere Dinge als ber den Krieg zu reden.

In der Waldhtte ward es still, als sie gegangen war.

Herr Gott, dir sei Preis und Ehre! sagte pltzlich der alte Soldat.

Alle sahen ihn an. Er hatte sich erhoben und schaute eifrig um sich.

Schlechtigkeit -- alles ist Schlechtigkeit gewesen, sagte er. Alles,
was ich gesehen habe, seit ich die Augen aufschlug, war Schlechtigkeit.
Bse Mnner, bse Frauen, Ha und Zorn in Wald und Feld. Sie aber ist
gut. Ein guter Mensch hat in meinem Hause geweilt. Wenn ich nun allein
hier sitze, werde ich ihrer gedenken. Auf den Waldpfaden wird sie mir
nahe sein.

Er beugte sich ber Gsta herab, lste seine Bande und richtete ihn auf.
Dann ergriff er feierlich seine Hand.

Von Gott verlassen, sagte er und nickte, das ist die Sache! Jetzt
aber bist du es nicht mehr, und auch ich bin es nicht mehr, seit sie in
meinem Hause geweilt hat. Sie ist gut.

Am nchsten Tage kam der alte Jan Hk zum Amtsrichter Scharling. Ich
will mein Kreuz auf mich nehmen, sagte er. Ich bin ein bser Mann
gewesen, deswegen habe ich bse Shne bekommen. Und er bat, ob er
nicht statt seines Sohnes ins Gefngnis kommen knne. Aber das lie sich
natrlich nicht machen.

Die schnste von den alten Geschichten aber ist die, die davon handelt,
wie er seinen Sohn begleitete, neben dem Gefngniswagen herwanderte, vor
seiner Zelle schlief und nicht von ihm wich, bis er seine Strafe verbt
hatte. Die findet wohl auch mal ihren Erzhler.




Margarete Celsing


In den Tagen vor Weihnachten kam die Majorin an den Lfsee hinab, aber
erst am heiligen Abend erreichte sie Ekeby. Whrend der ganzen Reise war
sie krank; sie hatte Lungenentzndung und heftiges Fieber, doch hatte
man sie niemals heiterer gesehen, hatte niemals freundlichere Worte von
ihr gehrt.

Die Tochter des Pfarrers von Broby, die seit dem Oktober bei ihr gewesen
war, sa neben ihr im Schlitten und wollte gern die Fahrt beschleunigen;
aber sie konnte die Alte nicht daran hindern, die Pferde anzuhalten und
jeden, der des Weges kam, an den Schlitten heranzurufen, um nach
Neuigkeiten zu fragen.

Wie geht es euch hier am Lfsee? fragte die Majorin.

Es geht uns gut! lautete die Antwort. Es kommen bessere Zeiten. Der
tolle Pfarrer und seine Frau helfen uns allen.

Jetzt kommt eine gute Zeit, antwortete ein anderer. Sintram ist fort.
Die Kavaliere auf Ekeby haben angefangen zu arbeiten. Das Geld des
Pfarrers von Broby ist im Kirchturm gefunden worden. Es ist so viel, da
Ekebys Glanz und Ehre wieder aufgerichtet werden kann. Und es bleibt
noch genug, um den Hungernden Brot zu schaffen.

Unser alter Propst ist zu neuer Kraft und neuem Leben erwacht, sagte
ein Dritter. Jeden Sonntag spricht er mit uns ber die Wiederkehr des
Reiches Gottes. Wer kann da noch Lust haben zu sndigen? Die Herrschaft
des Guten bricht an.

Und die Majorin fuhr langsam weiter und fragte jeden, dem sie begegnete:
Wie geht es euch jetzt? Leidet ihr hier am Lfsee Mangel an irgend
etwas?

Und die Fieberhitze und der stechende Schmerz in der Brust lieen nach,
wenn sie ihr antworteten: Hier sind zwei gute und reiche Frauen:
Marianne Sinclaire und Anna Stjrnhk, die helfen Gsta Berling, von
Haus zu Haus zu gehen und nachzusehen, da niemand hungert. Und der
Branntweinkessel verschlingt jetzt das Korn nicht mehr.

Es war, als se die Majorin dort im Schlitten und hielte einen langen
Gottesdienst ab. Sie war in ein heiliges Land gekommen. Sie sah alte,
runzelige Gesichter sich verklren, wenn sie von den Zeiten sprachen,
die gekommen waren. Die Kranken vergaen ihre Schmerzen, um den Tag der
Freude zu preisen.

Wir wollen alle werden wie der gute Hauptmann Lennart, sagten sie.
Wir wollen alle gut sein; wir wollen gut von allen denken, wir wollen
niemand Schaden zufgen. Das wird die Wiederkehr des Reiches Gottes
beschleunigen.

Sie fand alle von demselben Geist beseelt. Auf den Herrenhfen wurden
die meisten frei gespeist. Alle, die Arbeiten zu verrichten hatten,
lieen sie jetzt ausfhren, und auf den sieben Eisenwerken der Majorin
war die Ttigkeit in vollem Gange. Niemals hatte sie sich wohler
gefhlt, als whrend sie hier sa und die kalte Luft in ihre schmerzende
Brust strmen lie. Sie konnte an keinem Gehft vorberkommen, ohne
stillzuhalten und zu fragen.

Jetzt ist alles gut! lautete die Antwort. Hier herrschte groe Not,
aber die Herren von Ekeby helfen uns. Die Frau Majorin wird sich
wundern, was dort alles ausgefhrt ist. Das Mhlwerk ist bald fertig,
und die Schmiede ist in vollem Gange.

Die Not und die herzerschtternden Begebenheiten hatten sie alle
verwandelt. Ach, es wrde nicht lange vorhalten! Aber es war doch gut,
in ein Land zurckzukehren, wo der eine dem andern half und alle das
Gute wollten. Die Majorin fhlte, da sie den Kavalieren verzeihen
knne, und sie dankte Gott dafr. Anna Lisa, sagte sie, ich alte
Person sitze hier und glaube, da ich mich schon auf dem Wege zum Himmel
der Seligen befinde.

Als sie endlich Ekeby erreichte und die Kavaliere herauseilten, um ihr
vom Schlitten zu helfen, konnten sie sie kaum wiedererkennen, denn sie
war ebenso milde und freundlich wie ihre eigene junge Grfin. Die
lteren, die sie gekannt hatten, als sie noch jung war, flsterten
einander zu: Das ist nicht die Majorin von Ekeby -- das ist Margarete
Celsing, die wiederkehrt.

Die Freude der Kavaliere, als sie sie so milde, so ohne alle
Rachegedanken wiederkommen sahen, war gro, sie verwandelte sich aber in
Kummer, als sie sahen, wie krank sie war. Sie mute sofort ins
Schlafzimmer getragen und ins Bett gelegt werden. Auf der Schwelle aber
wandte sie sich um und sagte zu ihnen: Gottes Sturmwind ist ber das
Land gegangen, Gottes Sturmwind! Jetzt wei ich, da alles zum Besten
gewesen ist. Dann schlo sich die Tr ihres Krankenzimmers, und sie
bekamen sie nicht mehr zu sehen.

Wenn jemand sterben soll, so hat man ihm stets so viel zu sagen. Die
Worte drngen sich ber die Lippen, wenn man wei, da im Zimmer nebenan
jemand liegt, dessen Ohr sich bald fr immer schlieen soll. Ach, mein
Freund, mein Freund, wrde man gern sagen, kannst du vergeben? Kannst
du trotz allem glauben, da ich dich geliebt habe? Wie konnte ich dir
doch so viel Kummer bereiten, whrend wir hier beisammen wanderten? Ach,
mein Freund, hab Dank fr all die Freude, die du mir geschenkt hast!
Solche Worte mchte man sprechen und noch weit mehr.

Die Majorin aber lag in brennendem Fieber, und die Stimmen der Kavaliere
konnten sie nicht erreichen. Sollte sie denn nie mehr erfahren, wie sie
gearbeitet hatten, wie sie ihr Werk wieder aufgenommen und die Ehre von
Ekeby gerettet hatten? Sollte sie das niemals erfahren?

Bald darauf gingen die Kavaliere zur Schmiede hinab. Dort wurde nicht
gearbeitet. Sie aber warfen frische Kohlen und neues Roheisen in den
Ofen und bereiteten alles zum Schmelzen vor. Sie riefen nicht die
Schmiede, die nach Hause gegangen waren, um Weihnachten zu feiern,
sondern arbeiteten selber. Konnte die Majorin nur leben, bis der Hammer
in Ttigkeit kam, da sollte der schon ihre Sache bei ihr reden!

Es ward Abend, und die Nacht brach herein ber ihrer Arbeit. Mehrere
von ihnen dachten daran, wie wunderbar es doch sei, da sie nun wieder
Weihnachten in der Schmiede feierten. Der groe Gelehrte Kevenhller,
der den Wiederaufbau der Mhle und der Schmiede geleitet hatte, und
Christian Bergh, der starke Hauptmann, standen am Ofen und
beaufsichtigten das Schmelzen. Gsta und Julius trugen Kohlen. Von den
brigen saen einige auf dem Ambo unter dem in die Hhe gezogenen
Hammer, andere hatten sich auf Kohlenkarren und Haufen von Stangeneisen
niedergelassen. Lwenberg, der alte Mystiker, sprach mit Onkel Eberhard,
dem Philosophen, der neben ihm auf dem Ambo sa.

In dieser Nacht stirbt Sintram, sagte er.

Weshalb gerade ber Nacht? fragte Eberhard.

Du entsinnst dich wohl des Vertrages, den wir vor einem Jahr mit ihm
schlossen? Jetzt haben wir nichts getan, was nicht kavaliermig wre,
folglich hat er verloren.

Wenn du an so etwas glaubst, so weit du doch wohl auch, da wir
vielerlei getan haben, was nicht kavaliermig war. Erstens haben wir
der Majorin nicht geholfen, zweitens fingen wir an zu arbeiten, drittens
war es nicht ganz kavaliermig, da Gsta sich nicht das Leben nahm,
wie er gelobt hatte.

Ich habe darber nachgedacht, erwiderte Lwenberg, aber ich glaube,
da du dich darin irrst. Es war uns verboten, mit kleinlichen Gedanken
zu unserm eigenen Vorteil zu handeln, nicht aber so, wie die Liebe oder
die Ehre oder unsere eigene Seligkeit es von uns erheischt. Ich glaube,
Sintram hat verloren. Ja, ich wei es. Ich habe seine Schlittenglocken
den ganzen Abend gehrt, aber es war kein richtiges Schlittengelut,
wir werden ihn bald hier haben.

Und der kleine alte Mann sa da und starrte auf die offene Tr der
Schmiede und das kleine Stckchen blauen Himmels mit den einzelnen
Sternen, das da hindurch sichtbar ward. Pltzlich sprang er auf.

Siehst du ihn? flsterte er. Da kommt er geschlichen! Siehst du ihn
nicht in der Tr?

Ich sehe nichts, erwiderte Onkel Eberhard, du bist mde, das ist das
Ganze.

Ich sah ihn deutlich gegen den hellen Himmel. Er hatte seinen langen
Wolfspelz an und seine Pelzmtze auf. Jetzt ist er dort im Dunkeln, und
ich kann ihn nicht mehr sehen. Sieh, jetzt ist er dort beim Ofen. Er
steht dicht neben Christian Bergh, aber Christian scheint ihn nicht zu
sehen. Jetzt bckt er sich und wirft etwas ins Feuer. Hu! Wie
abscheulich er aussieht. Nehmt euch dort hinten in acht!

Im selben Augenblick ertnte ein Knall, und die Funken sprangen aus dem
Ofen ber die Schmiede und ihre Gehilfen. Aber es entstand kein Schade.

Er will sich rchen! flsterte Lwenberg.

Nein, du bist zu toll, rief Eberhard aus, von diesen Sachen solltest
du doch nachgerade genug haben!

So etwas kann man denken und wnschen, aber was hilft das? Siehst du
nicht, er steht dort am Balken und grinst ber uns. Aber, so wahr ich
lebe, ich glaube wirklich, da er den Hammer lst!

Er sprang auf und ri Eberhard mit sich. Unmittelbar darauf schlug der
Hammer drhnend auf den Ambo nieder. Es war nur eine Krampe, die sich
gelst hatte, Eberhard und Lwenberg aber waren nur mit genauer Not dem
Tode entgangen.

Siehst du wohl, da er keine Macht ber uns hat? triumphierte
Lwenberg; aber rchen will er sich, das ist klar.

Und er rief Gsta Berling zu: Geh du zu den Frauen hinauf, Gsta.
Vielleicht zeigt er sich denen auch. Sie sind nicht so daran gewhnt,
dergleichen zu sehen wie ich, sie knnten leicht bange werden. Und nimm
dich in acht, Gsta; denn er ist dir nicht gewogen, und vielleicht hat
er des Gelbdes wegen Macht ber dich. Wer kann das wissen?

Spter erfuhr man, da Lwenberg recht gehabt hatte und da Sintram in
der Christnacht gestorben war. Einige wollten wissen, da er sich im
Gefngnis erhngt habe. Andere glaubten, die Diener der Gerechtigkeit
htten ihn ganz im stillen vom Leben zum Tode befrdert; denn die
Untersuchung schien zu seinen Gunsten auszufallen, und es ging ja nicht
an, ihn wieder die Herrschaft ber die Harde gewinnen zu lassen.
Wiederum andere behaupteten, ein gewisser finsterer Herr sei mit einem
schwarzen Wagen und mit schwarzen Pferden gekommen, um ihn aus dem
Gefngnis zu holen, und Lwenberg war nicht der einzige, der ihn in der
Christnacht sah. Auch in Fors ward er gesehen und in Ulrika Dillners
Trumen. Mehr als einer sagte, da er sich ihm gezeigt htte, bis Ulrika
Dillner seine Leiche nach dem Broer Kirchhof berfhrte. Sie lie auch
das bse Gesinde von Fors vertreiben und fhrte ein christliches
Regiment ein. Jetzt spukt es dort nicht mehr.

       *       *       *       *       *

Man erzhlt sich, da, ehe Gsta Berling den Hof erreichte, ein Fremder
dort angelangt sei und einen Brief an die Majorin abgegeben habe.
Niemand kannte den Boten, der Brief aber wurde hineingetragen und neben
der Kranken auf den Tisch gelegt. Gleich darauf trat eine unerwartete
Besserung ein, das Fieber lie nach, die Schmerzen nahmen ab, und sie
fhlte sich wohl genug, um den Brief zu lesen.

Die Alten wollten nur zu gern glauben, da diese Besserung dem Einflu
der finsteren Mchte zuzuschreiben sei. Sintram und seine Freunde
konnten Vorteil davon haben, wenn die Majorin diesen Brief las.

Es war ein mit Blut auf schwarzem Papier geschriebenes Dokument. Die
Kavaliere wrden es wohl wiedererkannt haben; es war in der vergangenen
Christnacht in der Schmiede zu Ekeby geschrieben worden.

Und die Majorin lag nun da und las, da sie, sintemal sie eine Hexe
gewesen sei und Kavalierseelen zur Hlle gesandt habe, verurteilt werde,
Ekeby zu verlieren. Dies und hnliche Torheiten las sie. Sie betrachtete
das Datum und die Unterschriften, und fand bei Gstas Namen folgende
Bemerkung: Sintemal die Majorin sich meine Schwche zunutze gemacht
hat, um mich von ehrlicher Arbeit abzuhalten und mich als Kavalier auf
Ekeby zu behalten; sintemal sie mich zu Ebba Dohnas Mrder gemacht hat,
indem sie ihr verriet, da ich ein abgesetzter Geistlicher bin,
unterschreibe ich.

Die Majorin faltete langsam das Papier zusammen und legte es in den
Umschlag; dann lag sie regungslos da und dachte ber das nach, was sie
soeben erfahren hatte. Sie begriff unter bitteren Schmerzen, da dies
die Meinung der Leute von ihr war. Eine Hexe und eine Zauberin war sie
fr alle die, denen sie wohlgetan, denen sie Arbeit und Brot gegeben
hatte. Dies war ihr Lohn, dies wrde ihr Leumund sein. Einer
Ehebrecherin konnten sie nichts anderes zutrauen.

Was aber machte sie sich aus diesen Unwissenden? Sie hatten ihr doch
ferngestanden. Aber diese armen Kavaliere, die von ihrer Gnade gelebt
hatten und sie genau kannten, auch sie glaubten es oder taten doch so,
als ob sie es glaubten, um einen Vorwand zu haben, unter dem sie Ekeby
an sich reien konnten. Ihre Gedanken jagten schnell durch ihr
fieberheies Gehirn, wilder Zorn, glhende Rachelust sprachen aus ihren
Augen. Sie lie die Tochter des Pfarrers von Broby, die mit Grfin
Elisabeth bei ihr wachte, einen Boten nach Hgfors zum Gutsverwalter und
zum Inspektor senden. Sie wollte ihr Testament machen.

Wieder lag sie da und sann. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, ihr
Antlitz verzerrte sich unheimlich vor Schmerz.

Sie sind sehr krank, Frau Majorin, sagte die Grfin leise.

Das bin ich, krnker denn je zuvor.

Es trat abermals eine Pause ein, dann aber sprach die Majorin mit
harter, scharfer Stimme: Es ist wunderlich zu denken, da auch Grfin
Elisabeth, die von allen geliebt wird, eine Ehebrecherin ist.

Die junge Grfin zuckte zusammen.

Ja, wenn auch nicht in Taten, so doch in Gedanken und in Wnschen, und
das macht keinen Unterschied.

Das wei ich, Frau Majorin.

Und doch bist du jetzt glcklich geworden. Du kannst den, den du
liebst, ohne Snde besitzen; das schwarze Gespenst wird nicht zwischen
euch stehen, wenn ihr einander jetzt begegnet. Ihr knnt euch auch vor
der Welt angehren. Ihr knnt Seite an Seite durchs Leben wandern.

Ach, liebe Frau Majorin.

Wie kannst du es wagen, bei ihm zu bleiben? rief die Alte mit
steigender Heftigkeit aus. Tue Bue! Tue beizeiten Bue! Reise heim zu
deinem Vater und zu deiner Mutter, ehe sie kommen und dich verfluchen.
Wagst du es, Gsta Berling deinen Mann zu nennen? Gehe von ihm! Ich will
ihm Ekeby geben, ich will ihm Macht und Ehre geben -- wagst du es, das
mit ihm zu teilen? Wagst du es, Glck und Ehre anzunehmen? Ich wagte es.
Entsinnst du dich, wie es mir erging? Entsinnst du dich des
Weihnachtsschmauses auf Ekeby? Entsinnst du dich des Gefngnisses in
Munkerud?

Ach, Frau Majorin, wir Snder gehen hier Seite an Seite ohne Glck. Ich
gehe hier einher und wache darber, da das Glck nicht an unserm Herd
heimisch wird. Glauben Sie denn nicht, Frau Majorin, da ich mich nach
Hause sehne? Ach, ich sehne mich bitter nach dem Schutz und der Sttze
des Elternhauses, aber dieser Wunsch wird nie erfllt werden. Ich mu
hierbleiben in Furcht und Beben und mit dem Bewutsein, da alles, was
ich tue, zu Snde und Kummer fhrt, da ich, wenn ich dem einen helfe,
dem andern sicher schade. Zu schwach und zu gering fr das Leben
hienieden, bin ich doch gezwungen, es zu leben, weil ich an eine ewige
Bue gebunden bin.

Mit solchen Gedanken betren wir unser Herz! rief die Majorin aus;
aber das ist Schwche. Du willst nicht von ihm fort, das ist die
Sache.

Ehe die Grfin antworten konnte, trat Gsta Berling ins Zimmer.

Komm hierher, Gsta, sagte die Majorin sofort, und ihre Stimme wurde
noch schrfer und hrter. Komm hierher, du, der du von der ganzen
Umgegend gepriesen wirst! Komm her, du, der du willst, da man dich nach
deinem Tode den Erretter des Volkes nennen soll. Jetzt sollst du hren,
wie es deiner alten Majorin ergangen ist, die du verlassen und verachtet
im Lande umherziehen lieest.

Zuerst will ich erzhlen, wie es mir erging, als ich in diesem Frhling
zu meiner Mutter kam, denn du sollst den Schlu der Geschichte kennen.

Im Mrz erreichte ich den Hof in den Elfdalswldern, Gsta. Ich sah
nicht viel anders aus als ein Bettelweib. Als ich kam, sagte man mir,
meine Mutter sei in der Milchkammer. Dahin ging ich und stand lange
schweigend an der Tr. Ringsumher an den Wnden auf langen Borten
standen die blanken Kupferschalen mit Milch. Und meine Mutter, die mehr
als neunzig Jahre zhlte, nahm eine Milchschssel nach der andern
herunter und schpfte die Sahne ab. Sie war flink genug dabei, aber ich
merkte wohl, wie schwer es ihr ward, an die Milchschalen hinanzureichen.
Ich wute nicht, ob sie mich gesehen hatte, aber nach einer Weile redete
sie mich mit einer eigentmlich scharfen Stimme an.

'So ist es dir denn ergangen, wie ich es dir gewnscht habe', sagte
sie. Ich wollte reden und sie um Verzeihung bitten, aber das ntzte mir
nichts. Sie hrte kein Wort davon -- sie war stocktaub. Nach einer Weile
aber sagte sie: 'Du kannst mir helfen.'

Und dann ging ich hin und sahnte die Milch. Ich nahm die Schsseln in
der richtigen Reihenfolge herunter und setzte alles an seinen Platz und
schpfte tief genug mit dem Sahnenlffel, und sie war zufrieden. Keiner
der Mgde hatte sie das Sahnen der Milch anvertrauen knnen; ich wute
ja aber aus alten Zeiten, wie sie es haben wollte.

'Diese Arbeit kannst du von jetzt an bernehmen', sagte sie, und damit
wute ich, da sie mir vergeben hatte.

Und dann war es pltzlich, als knne sie mit einem Schlage nicht mehr
arbeiten. Sie sa still in ihrem Lehnstuhl und schlief fast den ganzen
Tag. Einige Wochen vor Weihnachten starb sie. Ich wre gern frher
gekommen, Gsta, aber ich konnte die Alte nicht verlassen.

Die Majorin hielt inne. Es ward ihr schwer zu atmen, aber sie ermannte
sich und fuhr fort:

Es ist wahr, Gsta, da ich dich hier gern bei mir in Ekeby haben
wollte. Es ist nun einmal so, da alle gern mit dir zusammen sind.
Httest du ein ordentlicher Mann werden knnen, so wrde ich dir viel
Macht gegeben haben. Meine Hoffnung war stets darauf gerichtet, da du
eine gute Frau finden wrdest. Zuerst glaubte ich, da es Marianne
Sinclaire werden wrde, denn ich sah, da sie dich liebte, schon whrend
du als Holzhauer im Walde lebtest. Dann glaubte ich, da es Ebba Dohna
werden wrde, und ich fuhr eines Tages nach Borg hinber und sagte ihr,
wenn sie sich mit dir verheiraten wollte, wrde ich dich zum Erben von
Ekeby einsetzen. Habe ich darin unrecht getan, so mut du mir
verzeihen.

Gsta lag neben dem Bett auf den Knien, die Stirn gegen die Kante des
Bettes gepret; er sthnte schwer.

Sage mir doch, Gsta, wie du zu leben gedenkst. Wie willst du fr deine
Frau sorgen? Sage es mir! Du weit ja, ich habe stets dein Bestes
gewollt.

Und Gsta antwortete ihr lchelnd, obwohl ihm sein Herz fast zerspringen
wollte vor Schmerz: In alten Zeiten, als ich versuchte, hier auf Borg
Arbeiter zu werden, schenkte mir die Frau Majorin ein Haus, in dem ich
wohnen knnte, und das besitze ich noch. Diesen Herbst habe ich dort
alles instand gesetzt; Lwenberg hat mir geholfen, wir haben die Decken
gemalt und die Wnde tapeziert. Das hintere kleine Zimmer nennt
Lwenberg das Boudoir der Grfin, und er hat ringsumher bei den Bauern
nach Mbeln gesucht, die sie auf Auktionen auf Herrenhfen gekauft
haben. Die hat er ihnen abgehandelt, und nun sind da hochlehnige Sthle
und Truhen mit blankem Beschlag. In dem vordersten groen Zimmer aber
steht der Webstuhl der jungen Frau und meine Drechselbank. Dort haben
wir auch unser Hausgert und andere Sachen, und dort haben Lwenberg und
ich schon manchen Abend gesessen und darber geredet, wie die junge
Grfin und ich im Tagelhnerhuschen leben werden. Meine Frau erfhrt
dies aber alles erst jetzt, Frau Majorin! Wir wollten es ihr erzhlen,
wenn wir Ekeby verlieen.

Fahre fort, Gsta!

Lwenberg sprach stets davon, wie notwendig es fr uns sein wrde, ein
Mdchen zu haben. 'Im Sommer ist es hier herrlich,' sagte er, 'aber im
Winter wird es zu einsam fr die junge Frau. Du mut ein Mdchen halten,
Gsta.' Und ich fand wohl, da er recht hatte, aber ich wute nicht,
woher ich die Mittel nehmen sollte. Da kam er eines Tages mit seinem
Tisch herbeigeschleppt, auf den die Tasten gemalt sind. 'Es wird wohl
noch so kommen, Lwenberg, da du unser Mdchen wirst', sagte ich. Er
meinte, wir wrden seiner schon bedrfen, ob ich vielleicht wolle, da
die junge Grfin Essen kochen und Wasser und Holz tragen solle? Nein,
ich hatte gemeint, sie solle nicht das Allergeringste tun, solange ich
ein Paar Hnde htte, mit denen ich arbeiten knne. Aber er meinte doch,
es wrde wohl das beste sein, wenn wir unser zweie wren, dann knnte
sie den ganzen Tag in der Ofenecke sitzen und sticken. Ich htte keinen
Begriff davon, wieviel Bedienung ein so kleines weibliches Wesen
erfordere, sagte er.

Fahre fort, sagte die Majorin. Das lindert meine Schmerzen. Glaubtest
du, da deine junge Grfin in einem Tagelhnerhause wohnen wrde?

Er wunderte sich ber ihren hhnischen Ton, fuhr aber fort: Ach, Frau
Majorin, ich wagte es nicht zu glauben, aber es wre so schn gewesen,
wenn sie es gewollt htte. Es sind ja von hier fnf Meilen bis zu dem
nchsten Arzt. Sie, die eine so leichte Hand und ein so liebevolles Herz
hat, wrde Arbeit genug finden durch Verbinden von Wunden und Stillen
des Fiebers. Und ich dachte, alle Betrbten wrden den Weg finden zu der
feinen Frau in dem Tagelhnerhaus. Es ist so viel Elend unter den Armen,
dem gute Worte und eine freundliche Gesinnung abzuhelfen vermgen.

Aber du selber, Gsta Berling?

Ich habe meine Arbeit an der Hobel- und Drechselbank, Frau Majorin. Ich
mu fortan mein eigenes Leben leben. Will meine Frau nicht mit mir
gehen, so mu ich es geschehen lassen. Wenn man mir jetzt auch alle
Reichtmer der Welt bte, wrde mich das nicht verlocken; ich will mein
eigenes Leben leben. Ich will fortan ein armer Mann unter den Bauern
sein und ihnen helfen, soweit es in meinen Krften steht. Sie brauchen
einen, der ihnen bei Hochzeiten und beim Weihnachtsschmaus aufspielt,
einen, der Briefe an die Shne in der Fremde schreiben kann -- und das
kann ich alles tun. Aber arm mu ich sein, Frau Majorin.

Das wird ein trauriges Leben fr euch, Gsta!

Ach nein, Frau Majorin, das wrde es nicht, wenn wir nur zwei wren,
die zusammenhalten. Die Reichen und Frhlichen wrden ebensogut zu uns
kommen wie die Armen. Wir wrden Frohsinn genug in unserm Huschen
haben. Die Gste wrden sich nicht daran stoen, da das Essen vor ihren
Augen bereitet wrde, es wrde sie nicht beleidigen, da sie zu zweien
von einem Teller speisen mten.

Und welchen Nutzen wrdest du mit alledem stiften, Gsta? Welche Ehre
wrdest du erringen?

Es wrde mir Ehre genug sein, Frau Majorin, wenn die Armen sich ein
paar Jahre nach meinem Tode meiner noch erinnerten. Ich wrde Nutzen
genug gestiftet haben, wenn ich bei jedem Hause ein paar Apfelbume
gepflanzt, wenn ich dem Spielmann ein paar von den Melodien der alten
Meister gelehrt htte, wenn der Hirtenbube auf dem Waldpfade einige
schne Lieder singen knnte. -- Die Frau Majorin knnen mir glauben, ich
bin noch derselbe tolle Gsta Berling wie in alten Zeiten. Ein
Bauernspielmann, das ist alles, was ich werden kann; aber das ist genug.
Ich habe viel wieder gutzumachen, aber das Weinen und die Reue sind
nichts fr mich. Ich will den Armen Freude bereiten, das ist meine
Bue!

Gsta, sagte die Majorin, ein solches Leben ist zu gering fr einen
Mann mit deinen Gaben. Ich will dir Ekeby geben.

Ach, Frau Majorin! rief er entsetzt aus; machen Sie mich nicht reich!
Belasten Sie mich nicht mit solchen Pflichten! Scheiden Sie mich nicht
von den Armen!

Ich will dir und den Kavalieren Ekeby geben, wiederholte die Majorin.
Du bist ja ein vorzglicher Mensch und vom Volke gesegnet. Ich sage wie
meine Mutter: Fortan kannst du diese Arbeit bernehmen.

Nein, Frau Majorin, das knnen wir nicht annehmen, wir, die wir Sie so
verkannt und Ihnen so viel Kummer bereitet haben!

Ich will Euch Ekeby geben! Hrst du es nicht? Sie sprach hart und
scharf ohne alle Freundlichkeit.

Eine entsetzliche Angst berkam ihn.

Fhren Sie die Alten nicht in eine solche Versuchung, Frau Majorin; das
wrde sie ja wieder zu leichtsinnigen Zechbrdern machen. Reiche
Kavaliere! Gott im Himmel! Was sollte wohl aus uns werden?

Ich will dir Ekeby geben, Gsta, dafr sollst du mir aber geloben,
deiner Frau die Freiheit zu schenken. So eine feine, kleine Dame pat
nicht fr dich. Sie hat zuviel gelitten hier im Brenlande; sie sehnt
sich zurck in ihre lichte Heimat. Du sollst sie reisen lassen. Deshalb
gebe ich dir Ekeby.

Jetzt aber kniete Grfin Elisabeth am Lager der Majorin nieder. Ich
sehne mich nicht mehr fort, Frau Majorin. Er, der mein Gatte ist, hat
das Rtsel gelst und das Leben gefunden, das ich leben kann. Ich
brauche nicht kalt und streng an seiner Seite zu gehen und ihn an Reue
und Bue zu mahnen. Armut und Not und strenge Arbeit werden das schon
zur Genge tun. Die Wege, die zu den Armen und Kranken fhren, kann ich
ohne Snde wandeln. Ich frchte mich nicht mehr vor dem Leben hier oben
im Norden. Machen Sie ihn aber nicht reich, Frau Majorin, denn dann kann
ich nicht bei ihm bleiben.

Die Majorin richtete sich im Bette auf. Alles Glck verlangt Ihr fr
Euch, rief sie und drohte mit der geballten Faust, alles Glck und
allen Segen. Nein, die Kavaliere sollen Ekeby haben, damit sie zugrunde
gehen. Mann und Weib sollen voneinander getrennt werden, damit sie
zugrunde gehen. Eine Hexe, eine Zauberin bin ich, und ich will Euch zu
allem Bsen anstacheln. So wie mein Ruf ist, so will ich auch sein!

Sie nahm den Brief und schleuderte ihn Gsta ins Gesicht. Das schwarze
Papier flatterte zur Erde. Gsta kannte es sehr wohl.

Du hast dich gegen mich versndigt, Gsta. Du hast die verkannt, die
dir eine zweite Mutter gewesen ist. Wagst du es, dich zu weigern, deine
Strafe aus meiner Hand hinzunehmen? Du sollst Ekeby annehmen, und es
soll dein Verderben werden, denn du bist schwach. Du sollst deine Frau
nach Hause senden, da du niemand hast, der dich erretten kann. Du
sollst mit einem Namen sterben, der ebenso verhat ist wie der meine.
Von Margarete Celsing wird es nach ihrem Tode heien, da sie eine Hexe,
eine Zauberin war, von dir soll es heien: er war ein Verschwender, ein
Bauernschinder!

Sie sank in ihre Kissen zurck, und alles ward still. Da erklang durch
die Stille der Nacht ein dumpfer Schlag, dann folgte ein zweiter und ein
dritter. Der Stangeneisenhammer hatte sein drhnendes Werk begonnen.

Horch! sagte Gsta Berling. So klingt Margarete Celsings Nachruhm!
Das sind nicht die Scherze betrunkener Kavaliere. Es ist die Siegeshymne
der Arbeit, die zu Ehren einer alten, treuen Arbeiterin angestimmt wird.
Dank! sagt sie, Dank fr gute Arbeit, Dank fr das Brot, das du den
Armen gegeben, Dank fr die Wege, die du gebahnt, Dank fr die
Wohnungen, die du gebaut, Dank fr die Freude, der du deine Sle
geffnet hast! -- Dank, sagt sie, ruhe in Frieden, dein Werk soll leben
und bestehen. Dein Heim soll stets eine Freisttte fr die
glckbringende Arbeit sein! -- Dank! sagt sie, und verurteile uns nicht,
die wir geirrt haben Du, die du jetzt die Reise in das Heim des Friedens
antrittst, gedenke unser, die wir noch leben, mit milden Gedanken.

Gsta schwieg. Der Hammer aber fuhr fort zu reden. Alle Stimmen, die gut
und liebevoll mit der Majorin geredet hatten, vermischten sich mit dem
Hammerklang. Nach und nach wich die Spannung aus ihren Zgen; sie
erschlafften, und es war, als breite der Tod seine Schatten ber sie
aus.

Anna Lisa trat ein und meldete, da die Herren aus Hgfors da seien.
Die Majorin schickte sie fort; sie wollte kein Testament machen.

Gsta Berling, du Mann der Tat, so hast du also noch einmal gesiegt.
Neige dich zu mir herab, damit ich dich segnen kann.

Das Fieber kehrte mit verdoppelter Gewalt zurck. Der Todeskampf begann.
Der Krper hatte noch schwere Leiden durchzukmpfen, die Seele aber
wute gar bald nichts mehr davon. Sie begann in die Himmel zu schauen,
die sich den Sterbenden ffnen.

So verging eine Stunde, dann war der schwere Todeskampf beendet. Da lag
sie so friedlich und schn, da die Umstehenden tiefbewegt waren.

Meine liebe alte Majorin, sagte Gsta Berling, so habe ich dich schon
einmal gesehen. Jetzt ist Margarete Celsing wieder ins Leben
zurckgekehrt. Jetzt soll sie der Majorin von Ekeby nie wieder weichen.

       *       *       *       *       *

Als die Kavaliere aus der Schmiede zurckkehrten, vernahmen sie die
Kunde vom Tode der Majorin.

Hrte sie den Hammer? fragten sie. Den hat sie gehrt, und damit
muten sie sich begngen.

Sie erfuhren spter, da sie die Absicht gehabt hatte, ihnen Ekeby zu
vermachen, da aber das Testament niemals geschrieben wurde. Das
betrachteten sie als groe Ehre und taten sich bis an ihr Lebensende
etwas darauf zugute. Niemand aber hrte sie jemals ber die Reichtmer
klagen, die ihnen verloren gegangen waren.

Man erzhlt auch, da Gsta Berling in dieser Christnacht an der Seite
seiner jungen Gattin stand und seine letzte Rede an die Kavaliere hielt.
Er war betrbt ber ihr Schicksal, da sie nun alle aus Ekeby fort
muten. Die Gebrechen des Alters harrten ihrer. Wer alt und griesgrmig
ist, dem wird nur ein khler Empfang zuteil, wohin er auch kommen mag.
Der arme Kavalier, der sich bei Bauern in Kost geben mu, hat keine
frohen Tage: von Freunden und Abenteuern getrennt, welkt er in
Einsamkeit dahin.

So sprach er zu ihnen, den Sorglosen, die der Wechsel des Glckes
abgehrtet hatte. Noch einmal nannte er sie alte Gtter und
Rittersleute, die gekommen waren, um Freude einzufhren in das Eisenland
und in die eiserne Zeit. Aber er klagte, da der Garten, in dem die
schmetterlingbeschwingte Freude schwrmt, von den zerstrenden Larven
heimgesucht werde, so da ihre Frchte zugrunde gehen.

Wohl wisse er, da die Freude ein kostbares Gut sei fr die Kinder
dieser Erde und da sie unentbehrlich wre. Aber gleich einem schweren
Rtsel laste stets die Frage auf der Welt, wie der Mensch gut und
glcklich zugleich sein knne. Das sei das Leichteste und zugleich das
Schwerste in der Welt, sagte er. Auch sie htten dies Rtsel bisher
nicht lsen knnen. Jetzt aber glaubte er, da sie es gelernt htten,
die Lsung zu finden, da sie alle es gelernt htten in diesem Jahre der
Freude und der Not, des Glckes und der Sorgen!

       *       *       *       *       *

Ach, ihr guten Herren Kavaliere, auch fr mich liegt die Bitterkeit des
Abschiedes ber diesem Augenblick! Es ist die letzte Nacht, die wir
zusammen durchwacht haben. Ich soll das muntere Lachen und die
frhlichen Lieder nicht mehr hren. Ich soll mich jetzt von Euch
trennen und von all den anderen frhlichen Menschen an den Ufern des
Lfsees.

Ihr lieben Alten! Ihr habt mir in frheren Zeiten gute Gaben gespendet.
Ihr kommt zu den Einsamwohnenden mit der Botschaft von den reichen
Wechselfllen des Lebens. Ich sah euch mchtige Ragnarok-Kmpfe
ausfechten an den Ufern des Sees meiner Kindheit. Was aber habe ich euch
gegeben?

Vielleicht wird es euch doch freuen, da eure Namen zusammen mit denen
der lieben Besitztmer genannt werden. Mchte all der Glanz, der ber
euer Leben ausgegossen war, auf die Gegend zurckfallen, wo ihr gelebt
habt! Noch steht Borg, noch steht Bjrne, noch liegt Ekeby am Lfsee,
herrlich umkrnzt von Giebach und See, von Park und lchelnden
Waldwiesen, und wenn man auf den breiten Altanen steht, umschwrmen
einen die Sagen wie die Bienen des Sommers.

Aber da wir doch von Bienen sprechen, so lat mich noch eine kleine
Geschichte erzhlen. Der kleine Ruster, der als Trommelschlger an der
Spitze der schwedischen Armee einherging, als sie im Jahre 1813 in
Deutschland einrckte, konnte seither nie mde werden, von dem
wunderlichen Land dort im Sden zu erzhlen. Die Menschen seien so gro
wie Kirchtrme, die Schwalben so gro wie Adler, die Bienen wie Gnse.

Aber dann die Bienenkrbe?

Die Bienenkrbe waren wie gewhnliche Bienenkrbe.

Wie konnten denn die Bienen da hineinkommen?

Ja, das war ihre Sache, antwortete dann der kleine Ruster.

Lieber Leser, darf ich nicht dasselbe sagen? Hier haben uns nun die
Riesenbienen der Phantasie seit Jahr und Tag umschwrmt, aber wie sie
in den Bienenkorb der Wirklichkeit hineinkommen sollen -- ja, das mu
wahrlich ihre Sache sein.




_Inhalt_


     _Einleitung_                                 1

       Der Pfarrer                                2
       Der Bettler                               13

     _Gsta Berlings Sage._

       Die Landschaft                            32
       Die Christnacht                           37
       Das Weihnachtsfestmahl                    54
       Gsta Berling, der Poet                   68
       =La cachucha=                             85
       Der Ball auf Ekeby                        90
       Die alten Gefhrten                      114
       Der groe Br auf dem Gurlita-Berge      134
       Die Auktion auf Bjrne                   153
       Die junge Grfin                         188
       Gespenstergeschichten                    219
       Ebba Dohnas Geschichte                   235
       Mamsell Marie                            262
       Vetter Kristoffer                        275
       Lebenswege                               282
       Bue                                     301
       Das Ekebyer Eisen                        315
       Liliencronas Heimat                      332
       Die Hexe vom Hochgebirge                 339
       Hochsommer                               346
       Frau Musika                              352
       Der Pfarrer von Broby                    362
       Patron Julius                            370
       Die tnernen Heiligen                    379
       Gottes Gesandter                         389
       Der Kirchhof                             406
       Alte Lieder                              412
       Der Tod, der Befreier                    426
       Die Drre                                437
       Des Kindes Mutter                        454
       =Amor vincit omnia=                      466
       Das Mdchen aus Nygaard                  474
       Kevenhller                              494
       Der Markt zu Broby                       511
       Der Schatz des Pfarrers von Broby        522
       Margarete Celsing                        548




     Ins Deutsche bertragen
     von Mathilde Mann

             *

     Druck der Spamerschen
     Buchdruckerei zu Leipzig


            *       *       *       *       *

Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
wurden prinzipiell beibehalten. Offensichtliche Druckfehler wurden
korrigiert.

Formatierung:

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Text in Antiqua (nicht in
Fraktur) wurde mit Gleichheitszeichen = gekennzeichnet: =Text=

Gesperrt gesetzter Text wurde mit Unterstrich _ gekennzeichnet: _Text_

berschriften sind im Original hervorgehoben. Diese Hervorhebungen
wurden in der Transkription nicht bercksichtigt.


Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

     Seite 15: Ja, nun ist guter Rat teuer
     Anfhrungszeichen vor Ja ergnzt -> Ja, nun ist guter Rat teuer

     Seite 27: Vergib mir, sagte er, aber ich kann nicht! -> Vergib
     mir, sagte er, aber ich kann nicht! (Anfhrungszeichen berichtigt)

     Seite 132:  Sie berwand ihre Ermattung, eilte dem Major vorauf
     'vorauf' -> 'voraus'

     Seite 143: 'Bobyer' Hgeln -> 'Brobyer' Hgeln

     Seite 166: Wirst du nicht bse, wenn ich dich frage? sagte sie. -->
     Wirst du nicht bse, wenn ich dich frage? sagte sie. ( ergnzt)

     Seite 207: Und so wird der Machtlose tiefer und tiefer
     hinabgezogen. -> schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt

     Seite 210: Die Grfin hatte sicher gedacht; da die Kavaliere
     gedacht; -> gedacht,
     Semikolon durch Komma ersetzt

     Seite 213: 'Man sagt mir nach, da ich -> Man sagt mir nach, da ich
     einfaches Anfhrungszeichen durch doppeltes Anfhrungszeichen ersetzt

     Seite 220: aber es kommt niemand -- es und -> aber es kommt niemand
     -- es sind
     'und' durch 'sind' ersetzt

     Seite 243: Grfin 'Marta' -> Grfin 'Mrta'

     Seite 275: Aber nun ward Grafin Mrta ebenfalls zornig.
     Grafin -> Grfin

     Seite 275: Das war eine groe Genugtung fr Mamsell Marie.
     'Genugtung' -> 'Genugtuung'

     Seite 309: Wehe ihr, welche Tempel schndung begeht sie!
     'Tempel schndung' -> 'Tempelschndung'

     Seite 320:  'briggegeblieben' ->  'briggeblieben'

     Seite 322:  'vertaet' -> 'vertuet'

     Seite 348: Maienbaume mit Blumen und grnen Krnzen
     'Maienbaume' -> 'Maienbume'

     Seite 348: 'niedergegetreten' -> 'niedergetreten'

     Seite 371: Leben voll Glck und Freude! Von alledem zu scheiden
     war der Tod. -> Punkt nach 'Tod' ergnzt

     Seite 373: 'vor' tiefer Wehmut ergriffen -> 'von' tiefer Wehmut
     ergriffen

     Seite 398: als begehrlicher Geizhalz
     'Geizhalz' -> 'Geizhals'

     Seite 399: von ihrem Gattin zu reden
     'Gattin' -> 'Gatten'

     Seite 405: wenn die Mhle 'dir' -> 'die' Krner zu Mehl zermahlt

     Seite 413: Glaube nicht dem Lachen, sagten sie, Siehe, die
     Komma nach 'sie' durch Punkt ersetzt

     Seite 414: Siehe, sagte Mariane, da geht nun ein Herz
     'Mariane' -> 'Marianne'

     Seite 418: Nie aber mrde sie den Monat vergessen
     'mrde' -> 'wrde'

     Seite 422: Das taten sie jetzt immer -> Das taten sie jetzt immer.
     Punkt nach 'immer' ergnzt

     Seite 478: um eine Irrsinnige 'zufinden' -> 'zu finden'

     Seite 520: Hauptmann Lenart liegt noch immer bewutlos auf dem Bett.
     'Lenart' -> 'Lennart'

     Seite 530: Wast hast du zu rchen?
     'Wast' -> 'Was'

     Seite 531:  ... dann alles unter die Armen austeilen?' -> austeilen?
     einfaches Anfhrungszeichen durch doppeltes Anfhrungszeichen ersetzt

     Seiten 131 und 471: 'Christian' erscheint hier als 'Kristian'
     -> keine nderung gegenber dem Orignaltext vorgenommen






End of the Project Gutenberg EBook of Gsta Berling, by Selma Lagerlf

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GSTA BERLING ***

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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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