The Project Gutenberg EBook of Engelhart Ratgeber, by Jakob Wassermann

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Title: Engelhart Ratgeber

Author: Jakob Wassermann

Release Date: August 23, 2008 [EBook #26402]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                          Engelhart Ratgeber

                                 Roman
                                  von
                           Jakob Wassermann




                            Erstes Kapitel


Engelharts erste Kindheitserinnerung knpfte sich an eine Feuersbrunst.
Die Mutter sa am offenen Fenster, und der Knabe spielte zu ihren Fen
in der Nhe eines Kochtopfes, in dessen Innern sich berreste von
Pflaumenmus befanden. Da wurde Frau Ratgeber durch einen Aufschrei von
der Gasse veranlat, zum Fenster hinauszuschauen. Neugierig kletterte
Engelhart auf einen Stuhl, beugte sich ber das Sims und sah, von der
Mutter beim rmel festgehalten, eine ragende Feuersule, die fern aus
der Tiefe der Strae emporscho. Nachdem er das Schauspiel mit
erstaunten Blicken betrachtet, kehrte er wieder zum Fuboden zurck und
benutzte die anderswo hingelenkte Aufmerksamkeit der Mutter, um aus dem
Pflaumentopf ein paar Fingerspitzen voll zu naschen.

Am folgenden Tag um die Dmmerungszeit nahm er ein kleines Spielhuschen,
begab sich damit und mit Zndhlzern versehen in den abgelegensten
Winkel des Hofes, scharrte einen Sandhgel zusammen, trug Spne herbei
und machte im Innern seines Gebudes Feuer an. Die Flammen schlugen jh
aus dem kleinen Tor heraus, die durch rote Farbenflecke angedeuteten
Fensterchen begannen zu zerflieen, der ganze Hof lag in lichterlohem
Schein. Bald kamen Leute gelaufen, die den Miniaturbrand lschten und
den Knaben verprgelten.

Im Erdgescho des Hauses befand sich eine Gastwirtschaft. Jede Nacht
drang der Zecher Lrm herauf, nicht selten kam es zu einer Schlgerei,
und ein Gestochener brllte die schlafenden Bewohner wach. Schlimmer war
fr Engelhart das allwchentliche Schweineschlachten. Das Todesgeschrei
schnitt ihm furchtbar durch die Brust, seine Phantasie war damit
belastet, sein Denken wurde verdunkelt, und wenn das Tier unter dem
letzten Messerstich ersterbend wimmerte, schlich Engelhart totenbleich
in die Kleiderkammer, ri eine Schranktr auf und steckte den Kopf
zwischen die hngenden Gewnder. Es war ein Glck, da seine Eltern,
kurz nachdem er fnf Jahre alt geworden war, in die nahegelegene
Theatergasse verzogen.

In jenem Sommer heiratete die jngste von Frau Ratgebers Schwestern. Da
die Hochzeit in Karlstadt stattfand, einem uralten rtchen am Main,
reisten Herr und Frau Ratgeber dorthin und nahmen Engelhart mit, whrend
die beiden kleineren Geschwister, die dreijhrige Gerda und der kaum ein
Jahr alte Abel, unter der Obhut einer treuen Magd zu Hause blieben. Es
war ein dster bewlkter Tag. Der Knabe blickte mit dankbarem Gefhl auf
den Vater, der, kaum da die Fahrt begonnen hatte, ein gebratenes Huhn
aus der Reisetasche nahm und mit dem ihm eignen seltsam verlegenen
Schmunzeln verzehrte. Frau Agathe sa versonnen da, bisweilen warf sie
einen flchtigen Blick auf die Landschaft hinaus.

Das Hotel, in dem sie zu spter Nacht ankamen, war ein frheres Kloster
und hatte weitgewlbte Rume. Engelhart wurde in ein entlegenes Gemach
gefhrt, wo vier Betten standen. Im blassen Kerzenlicht sah er mit
verschlafenen Augen drei Mdchengestalten, und man erklrte ihm, da es
seine Cousinen aus Gunzenhausen seien. Die Mdchen flsterten und
lachten, endlich trat die jngste, die schon im Hemde war, vor ihn hin
und sagte, es schicke sich nicht, da Knaben bei den Mdchen schliefen.
Er kroch in einen Mauerwinkel, um sich in Eile zu entkleiden, dann
setzte sich Frau Ratgeber zu ihm an den Bettrand, es wurde noch eine
Weile hin und her gesprochen, Engelhart sah einen haarumwallten
Mdchenkopf, der sich ber die Schulter seiner Mutter beugte, und, schon
auf der Schwelle des Schlummers taumelnd, starrte er noch einmal in das
bermtige Gesicht seiner jngsten Vetterin.

Am andern Tag war die Hochzeit. Whrend der Trauung hrte man die Braut
weinen, es schien, als ahne sie ihr trauriges Schicksal voraus, whrend
der Brutigam, Herr Peter Salomon Curius, selbstbewut und hhnisch
lchelnd um sich blickte. Die Sache war die, da es kein Geschpf auf
Gottes Erdboden gab, dem er sich nicht berlegen gefhlt htte.

Als das Hochzeitsmahl zu Ende war, wurde Engelhart mit den andern
Kindern ins Freie geschickt. Es war ein lieblicher Garten hinter dem
Haus, voll Apfel- und Kirschenbumen. In dem dumpfen Trieb aufzufallen,
sonderte sich Engelhart von der Gesellschaft ab und schritt in einer den
Erwachsenen abgelauschten Gangart in der Tiefe des Gartens hin und her.
Was ihm unbewut dabei vorgeschwebt hatte, geschah; die jngste Cousine
folgte ihm, stellte sich ihm gegenber und blitzte ihn mit dunkeln Augen
schweigend an. Nach einer Weile fragte Engelhart um ihren Namen, den er
wohl schon einige Male gehrt, aber nicht eigentlich begriffen hatte.
Sie hie Esmeralda, nach der Frau des Onkels Michael in Wien, und man
rief sie Esmee. Dieser Umstand erweckte von neuem Engelharts prickelnde
Eifersucht, und er fing an, prahlerische Reden zu fhren. Der Lgengeist
kam ber ihn, zum Schlu stand er seinem wahnvollen Gerede machtlos
gegenber, und Esmee, die ihn verwundert angestarrt hatte, lief
spttisch lachend davon.

Um diese Zeit faten seine Eltern den Beschlu, ihn, obwohl er zum
pflichtmigen Schulbesuch noch ein Jahr Zeit hatte, in eine
Vorbereitungsklasse zu schicken, die ein alter Lehrer namens Herschkamm
leitete. Herr Ratgeber, der groe Stcke auf Engelharts Begabung hielt
und groe Erwartungen von seiner Zukunft hegte, war ungeduldig, ihn in
den Kreis des Lebens eintreten, von der Quelle des Wissens trinken zu
sehen. Er dachte an seine eigne entbehrungs- und mhevolle Jugend. Noch
in den ersten Jahren seiner Ehe liebte er gehaltvolle Gesprche und gute
Bcher und bewahrte eine schwrmerische Achtung fr alles, was ihm
geistig versagt und durch uerliche Umstnde vorenthalten blieb.

Nun war der alte Herschkamm ein seltsam gewhlter Pfrtner an den Toren
der Bildung, ein dicker kleiner Greis mit dem Wesen eines betrunkenen
Kobolds. Er hielt sich bestndig fr berlistet und tanzte in Anfllen
grenzenloser Wut von einem Ende der winzigen Schulstube zum andern;
dabei hielt er einen langen Flederwisch in der Hand, mit dem er ein
geisterhaftes Gerusch machte, er spie und gurgelte, stampfte, klopfte,
brllte, und alles etwa um ein harmloses Wort. Das Schauspiel fllte
Engelharts Herz mit Bangigkeit, doch bald war er daran gewhnt und
heckte mit den andern freche Streiche aus. Ein beliebtes Vergngen war
es, da whrend des Unterrichts und whrend der kurzsichtige Herschkamm
seine Figuren an die Tafel malte, einer um den andern seinen Platz
verlie und sich zur Tre hinausstahl, so da schlielich nur noch zwei
oder drei lautlos grinsend dasaen. Dann begann das Tanzen und Fauchen,
der Flederwisch wurde hervorgezogen, der Alte sauste hinaus und trieb
die Schar vor sich her wie ein bellender Hund das gackernde Geflgel.
Das Wunderbare war, da dieses wtigtolle Mnnchen sonst in jeder
Beziehung ein sanftes, ja demtiges Benehmen zeigte. Er lebte mit einer
uralten Schwester, und oftmals, an Sonntagen und schnen Sommerabenden,
sah man die beiden Arm in Arm friedlich und den Bekannten zulchelnd
durch die Alleen am Bahnhof trippeln.

Der Weg nach Herschkamms Schule fhrte Engelhart am stdtischen
Waisenhaus vorber, und tglich sah er die Waisenknaben, schwarz
gekleidet, mit schwarzen Mtzen und bleichen Gesichtern in Hof und
Garten wandeln, ein auffallendes Gegenbild zu der Ungebundenheit und dem
rohen bermut seiner Kameraden. Bisweilen begegnete er ihnen, wenn sie
in langem Zug durch die Straen gingen; ihr leiser Gang, ihr murmelndes
Sprechen, ihr scheues Auge bedrckten und erschreckten ihn, oft sah er
im Traum den langen Zug vorberziehen, schwarz und bleich wie Kadetten
des Todes.

Zu solchen Bildern gesellten sich Erzhlungen und Mrchen. Ratgebers
hatten seit Jahren eine Magd namens Ketti, und von dieser wurde
Engelhart sehr geliebt. Sie stammte aus Heilbronn und hatte neben
frnkischer Herbheit auch das Gemthafte und Phantasievolle, das dem
schwbischen Wesen eignet. Um die Dmmerungsstunde, am liebsten im
Winter und spten Herbst, wenn die Arbeit getan war und die Kche vom
Glanz der geputzten Geschirre strahlte, nahm sie den Knaben bei der
Hand, kauerte mit ihm zum Ofen, und whrend sie aus Holzscheiten
Spreiel ri und die Stcke behutsam vor sich hinlegte, erzhlte sie
ihre Geschichten. Es war gut, da in der Person der Magd das Volk zu ihm
redete und seine vielfache, zu Sage und Gedicht verwebte Not und Lust,
aber es war schlimm, da ihm auf andre Weise die Wirklichkeit entrckt
ward und da er sich selber zum Gegenstand phantastischer Vorstellungen
machte. Er schuf sich den Wahn, da er ein Kind von kniglicher Abkunft
sei, da ihm der Thron vorenthalten werden solle und da Abenteuer
gefhrlicher Art ihn einst auf dem Weg seiner Sendung erwarteten. Es kam
so weit, da er der Eltern in mitleidiger Herablassung gedachte und den
Geschwistern durch einen beziehungsvollen Hochmut unleidlich wurde.
Jedes Geringfgige gewann einen besonderen Glanz, schon allein das
bloe Hinrollen von Tag und Nacht, und Sinnloses erhielt tiefen Sinn.
Frau Ratgeber hatte einen Verwandten in der Stadt, einen alten
Sonderling namens Zederholz, man nannte ihn kurzweg Vetter Zederholz. Er
kam oft an Sonntagen zu Besuch, wobei er sich der Mutter gegenber mit
veralteter Galanterie gebrdete; Engelhart aber reichte er jedesmal mit
einer leichten Verbeugung die Hand und sagte mit dem Ausdruck
feierlicher Hochachtung, wobei er den Zeigefinger hob: Engelhart ist
eine Kapazitt. Obwohl der Knabe nicht wute, was das Wort zu bedeuten
habe, legte er es in der fr seine Einbildung gnstigsten Weise aus und
schmckte sich damit.

Seine Mutter konnte den Hirngespinsten wenig entgegensetzen, denn ihre
zurckhaltende und geschehenlassende Natur war berhaupt nicht geeignet,
gegen so bestimmte und absurde Neigungen anzukmpfen. Frau Agathe
verkehrte selten mit andern Frauen, sie war viel allein und wurde von
schlimmen Ahnungen geplagt. Sie hatte etwas Fernhaltendes fr Menschen,
sei es durch ihre Schnheit -- man nannte sie die schnste Frau von
Franken--, sei es durch eine angeborene Traurigkeit des Herzens. Herr
Ratgeber konnte sich nur in seinen Ausruhestunden lebhafter des Sohnes
annehmen. Er war ber den grten Teil des Jahres auf Reisen, die
Mhseligkeit der Geschfte stumpfte ihn ab. Er war noch immer von
ungeheuern Hoffnungen fr die Zukunft erfllt, obwohl ihm nichts Rechtes
gelingen wollte. Er war immer voll von Plnen, Plne und Entwrfe
besaen eine auerordentliche Macht ber sein Gemt, aber etwas
verkettete, verstrickte ihn, er blieb im Kleinen stecken und kam nicht
vom Pfennig los. Der bestndig sich erneuernde Kummer darber trug dazu
bei, die Stimmung zwischen ihm und seinem Weibe zu verdunkeln, der
Ehrgeiz hielt ihn ab, sich mit vlliger Offenheit zu geben, und jenes
edlere, der grbsten Notdurft abgewandte Dasein, von dem sie beide
vielleicht getrumt, blieb eben ein Traum. Frau Agathe lie sich nichts
merken, alles Leiden prete sie in ihr dmmerndes Innere zurck, nur
bisweilen, etwa in einem Brief an ihre Geschwister, brach es wie ein
fahler Blitz hervor, gegen ihren Willen und sie selbst erschreckend.




                            Zweites Kapitel


Noch war der Knabe im Schlaf, im tiefen Schlaf des Unbewutseins, und
hchstens ein Traum lie ihn Leben ahnen. Spiel war ihm alles,
Spieltrieb erfllte ihn ganz. Abends, wenn er schon im Bette war, die
Mutter sa bei der Lampe und nhte, spielte er mit Stahlfedern,
gebrauchten Zndhlzern und einigen Bleisoldaten folgendes Spiel. Er
hielt die Knie unter dem Deckkissen so gespreizt, da dieses allerlei
Erhhungen, Falten und Mulden bildete, und darin sah er ein unheimlich
zerklftetes Gebirge mit finsteren Schluchten und schroffen Gipfeln. Die
Sldnerscharen begingen die Hhen und Tiefen und kmpften mit Zwergen
und wilden Tieren; vom gespensterhaften Schein der Lampe bestrahlt,
schwebten Feen ber das Bettgebirge, und den Schlu bildete ein
gewaltiges Erdbeben, die Geister und Soldaten flehten um Gnade, aber
Engelhart war gesonnen, die Rolle des Weltenschpfers folgerichtig zu
vollenden, mitleidlos fielen seine Knie nieder, und das malerische
Felsenland ward zur den Ebene, Weltennacht brach ein. Oft ermahnte die
Mutter zum Schlaf, oder Ketti kam und warf eine moralische Bemerkung
hin, whrend sie mit der Herrin die Ausgaben verrechnete. Bevor Frau
Agathe in ihr Schlafzimmer ging, pflegte sie eine Weile zu ruhen und zu
denken, ihr Kopf mit der hohen Haarkrone beugte sich herab und ein
Seufzer war das Ende ihres Sinnens. Woran mochte sie denken? An ihre
Einsamkeit? An den frhen Tod?

Bald wurde an Engelhart eine bergroe Begehrlichkeit bemerkbar, und er
glaubte nur in die Welt gesetzt zu sein, um ihre Schtze an seine Brust
zu drcken, liebend oder hassend. Wo htte er auch Grenzen finden
sollen? Das Auge ist unersttlich. Einmal hing er seine Lust an eine
Orange. Orangen waren teuer, man konnte sie nur beim Konditor haben,
aber Engelhart wute Rat. Er ging um jene Zeit schon in die ffentliche
Schule und erhielt jeden Morgen von der Mutter drei Pfennige zum
Vesperbrot. Er berechnete, da er siebenmal kein Brot kaufen drfe, um
in den Besitz der Orange zu gelangen. Das Geld versteckte er in einem
heimlichen Winkel, und als die Frist verstrichen war, schlich er
aufgeregt und eilig zum Konditor. Es gab ein vielfaches Geklapper, als
er seine Kupfermnzen auf den Steintisch legte. Nun geschah es, da
pltzlich sein Vater vor ihm stand, als er den Laden verlie. Herr
Ratgeber sagte nichts und Engelhart auch nichts; jeder merkte an des
andern Schweigen, wie die Sache stand. Herr Ratgeber lste die mhsam
erworbene Frucht aus der umklammernden Hand des Knaben; vom Hause
gegenber sah der Major Friedlein zu, der Tag fr Tag von morgens bis
abends aus dem Fenster lehnte, eine lange Pfeife rauchte und in seinem
pechschwarzen Bart aussah finster wie das Gewissen der ganzen Stadt.
Zuhause gab es ein scharfes Verhr und Vorwrfe, auch von der Mutter.
Das wre in Ordnung gewesen, aber von seiner Orange bekam er nichts mehr
zu sehen, und es ritzte ihn wie ein giftiger Stachel das Gefhl
erlittener Ungerechtigkeit.

Kurz danach war Weihnachten, und Engelhart begab sich mit Bruder und
Schwester auf die Christbaumbesuche. Da sie Juden waren, hatten sie
keinen Baum zu Hause, aber mitten unter protestantischen Christen
lebend, blitzte die fremde Festtagslust in ihre den Zimmer, und
Sehnsucht trieb sie fort. Wie Bettelkinder gingen sie von Tr zu Tr,
wurden berall wohl aufgenommen und mit Lebkuchen und Nssen beschenkt.
Am liebsten verweilte Engelhart dann bei Webers unten im Haus. Da waren
zwei Schwestern, Thekla und Selma. Sie waren Waisen und wohnten allein
bei der Gromutter. Die Mutter hatte sie unehelichen Standes geboren und
hatte ein abenteuerndes Leben durch Selbstmord geendet. Die alte Frau
Weber war wunderlich; sie war sehr dick und hate die Menschen. Da sie
Engelhart und seine Geschwister an den Weihnachtstagen zu sich lud,
geschah aus einer Vorliebe, die sie fr Frau Ratgeber hegte. Aber sie
lie nicht alle drei zu gleicher Zeit ein; eins mute nach dem andern
kommen und durfte nicht lnger als eine Stunde bleiben. In den Zimmern
hatte alles ein geheimnisvolles Aussehen. Die Schwestern spielten still
vor sich hin, die Gromutter sa auf einem erhhten Tritt beim Fenster
und las in einem dicken Buch, auf dem Weihnachtsbaum strahlten die
Kerzenflammen wie zuckende Sternchen.

Thekla war ein robustes Geschpf, das den ganzen Tag arbeitete, kochte,
Wasser schleppte und die Bden fegte. Die sechsjhrige Selma war dagegen
zart und fein. Stirn, Wangen und Hnde waren wei an ihr, auch die Haare
waren beinahe wei. Ihr Anblick erschreckte Engelhart. hnliches sprte
er in der Nacht, wenn er aufwachend die Ruhe der Welt bis ins Herz
empfand und hinaushorchend in ihrer Grenzenlosigkeit sich nie
zurechtzufinden frchtete. Einmal kam er an einem Winternachmittag von
der Schule zurck und fand niemand daheim. Er lutete mehrmals, die
Glocke schrillte wie Gebell durchs Haus, schlielich schritt er langsam
besinnend die Treppe hinab, und da er das Gatter bei Webers offen stehen
sah, ging er hinein, um zu fragen, wo seine Leute seien. Er hatte
Hunger. Er ffnete die Tre der fremden Wohnung und sah nun Selma nackt
vor einem Badetrog stehen; ihre Kleider, von Schnee und Schmutz bedeckt,
lagen daneben. Engelhart war erstaunt und ergriffen; das Menschenbild
gefiel ihm, Selma wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen blickten trg
und mimutig, pltzlich lief sie unhrbar ins Nebenzimmer. Die alte Frau
Weber drehte sich auf ihrem Stuhl beim Fenster um, und als sie das
demtig bestrzte Gesicht des Knaben gewahrte, lachte sie mit tiefen
mnnlichen Tnen.

Als es Frhling wurde, durfte Engelhart an Sonntagnachmittagen mit
seinem Vater nach Altenberg gehen, einem kleinen Dorf zwischen Nrnberg
und Kadolzburg, wo Herrn Ratgebers Vater wohnte. Der alte Ratgeber war
Seiler, und oft schaute Engelhart zu, wenn der Greis im
steingepflasterten Hof tappend, auf und ab schreitend, seine Stricke
drehte. Auf ihm lasteten die Zeit und die Sorge sichtbar. Er war
gewhnlich still und mde, aber ein hherer Glanz ging von ihm aus, wenn
er von seiner Gesellen- und Wanderzeit erzhlte. Er hatte die Welt
gesehen und sprach mit scheuer Verehrung davon. Als ich im Jahr dreiig
nach Wien kam, sagte er und berichtete, bei welchem Tor er eingezogen
und durch welche Straen er gegangen war. Er meinte, damals sei das
Leben noch lebenswert gewesen. 'Im Jahre dreiig,' dachte Engelhart; er
wute nicht, da achtzehnhundertdreiig gemeint sei, und er sah im
Grovater eine Figur von mythisch gotthaftem Alter.

Bisweilen war auch der Bruder des Herrn Ratgeber anwesend. Die beiden
Brder hatten gemeinschaftlich das Geschft in der Stadt, aber sie waren
feindselig gegeneinander gestimmt. Herrn Ratgebers Bruder Hermann war
ein Mann, der nichts in der Welt liebte auer seine eigne Person, die
aber grndlich. Er pflegte mit selbstzufriedenem Schmunzeln von seiner
Geschicklichkeit im Sparen zu sprechen, von seiner trockenen
Geschftspraxis; fr die geistig berschauende Art des lteren Bruders
hatte er kein Verstndnis, er bezeichnete diese Art als phantastisch und
ging insgeheim mit dem Plane um, die Firma ganz an sich zu bringen. Er
hatte den siebziger Krieg als Trompeter mitgemacht; es war auch in
seiner Stimme etwas Trompeterhaftes, aber wenn er schwieg, sah er schlau
und schlfrig aus.

Einmal erzhlte Frau Agathe auch von ihren verstorbenen Eltern. Es war
an einem schnen Tag im Mai, und Engelhart ging mit der Mutter ber die
Wiesen jenseits der Maxbrcke gegen die Wolfschlucht. Dort setzten sie
sich unter einem Kastanienbaum nieder, Frau Ratgeber nahm ihre
Handarbeit, und dann begann sie kameradschaftlich mit dem Knaben zu
sprechen; seine Fragen fhrten auf den Weg ihrer eignen Gedanken.

Ihr Vater war ein weitgewanderter gebildeter Mann von lebhaftem Geist
gewesen. Er hatte an der Rhone, in Marseille, in der Lombardei und in
Zrich gearbeitet, und als er mit nicht geringen Ersparnissen in seine
unterfrnkische Heimat zurckkehrte, kaufte er vier Websthle, nahm vier
Gesellen ins Haus und machte sich in kurzer Zeit als Verfertiger solider
Ware unter den Abnehmern bekannt. Bald dachte er daran, sich zu
verheiraten. Auf der Heimreise hatte er in Uhlfeld bei Frth ein beraus
schnes Mdchen aus vornehmer Judenfamilie kennen gelernt, und er hielt
um ihre Hand an. Nun war es blich, nicht nur da der Mann im Haus der
Braut einen Besuch abstattete, sondern da auch das Mdchen ins Haus des
Brutigams kam, und zwar allein. Daher machte sich die schne
Uhlfelderin auf und marschierte drei Tage lang zu Fu, da eine Postfahrt
zu viel Geld gekostet htte, nach Sommerhausen am Main. Wenn ihr das
Gehen in den Stiefeln beschwerlich wurde, zog sie diese aus und stopfte
sie in das Bndel auf ihrem Rcken. Der Brutigam kam ihr bis Ochsenfurt
entgegen.

Die Weberei nahm einen guten Aufschwung, die Familie geriet in Wohlstand
und konnte einen Weinberg, ein Stck Ackerland und einen Gemsegarten
erwerben. Dazu brachte Herr David Herz einige Verbesserungen an den
Websthlen an. Aber mit einem Male kamen die Maschinenwebsthle auf und
Tausende der kleinen Webermeister gingen rasch zugrunde. David Herz
wartete nicht das letzte Ende ab; er schickte die Gesellen fort, lie
die Sthle auf den Speicher bringen und erffnete einen Tuchladen. Weil
aber keine Kufer kamen, mute man mit den Waren ber Land gehen, doch
war es nach damaligem Gesetz den Juden verboten, zu hausieren, und das
Gesetz mute umgangen werden, wenn anders die Familie vor Hunger bewahrt
werden sollte. Nach und nach waren zehn Kinder auf die Welt gekommen,
die ltesten halfen schon, sie muten bei Nacht und Nebel mit dem
Warenbndel auf Schleichwegen in die Drfer wandern, und die Gendarmen
muten mit kostbarem Geld bestochen werden. Aber es wurde noch
schlechter, Miernten kamen, politische Finsternis hielt die Regsamkeit
des Landes und der Gewerbe in Fesseln, Emilie, die lteste, sollte
vorteilhaft heiraten, aber das sogenannte Matrikelgesetz erschwerte auf
die grausamste Weise die Ehe der Juden. Sechs Kinder starben innerhalb
dreier Jahre hinweg, darauf folgte die Mutter, erschpft an Leib und
Seele, und der Vater war ebenfalls vernichtet durch die Zeiten. Ihn
hatte das Handwerk betrogen, die Erde gab ihm keine Frucht, er verlor
den Glauben an Gott und Menschheit und starb, noch nicht fnfzig Jahre
alt.

Engelhart ward betrbt von der Erzhlung. Das Ereignisvolle daran, Tod,
Krankheit, Armut, prgte sich ihm unvergelich ein. Als er mit der
Mutter nach Hause wanderte, begann schon der Mond in die silberne
Abenddmmerung zu blicken. Frau Agathe nahm den Knaben an der Hand und
sie schritten schweigsam dahin. Engelhart begriff pltzlich, da seine
Mutter nicht glcklich war.

In einer der folgenden Nchte erwachte Engelhart und merkte, da fremde
Leute in den Zimmern waren, Leute mit einem ngstlichen und
geschftigen Wesen. In dem Raum, wo Engelhart lag, blieb das Licht
brennen; bald kam einer und schraubte es hher, bald ein andrer und
drehte es tiefer, sie flsterten, sie lchelten, und da sich der Knabe
schlafend stellte, achteten sie nicht ihrer Worte, und er fing ein paar
Wendungen auf, die ihm zu denken gaben. Da hrte er aus dem Zimmer der
Mutter ein Sthnen, das ihm durch Mark und Bein ging. Er richtete sich
auf, sah sich allein und lauschte. Die erschtternden Tne wiederholten
sich. Er sprang aus dem Bett, schlpfte mit Eile in die Kleider und
wollte zur Mutter. Aber eine unbezwingliche Scheu hielt ihn zurck,
Ahnung nicht, Halbahnung vielleicht. Er lief in die Kche. Ketti sa am
Herd; ihr rannen Trnen ber die Backen, doch trank sie mit ziemlicher
Seelenruhe eine Schale aufgewrmten Kaffees. Sie begehrte auf, als sie
des Knaben ansichtig wurde, er entwischte ihr und begab sich in den Hof,
setzte sich, in der Nachtkhle schauernd, auf die Hhnersteige und
schlief dort unversehens ein. Er schlief ber eine Stunde, das Krhen
des Hahns weckte ihn, da ging er ins Haus zurck und begegnete auf der
Treppe der Tante Iduna Hopf, einer Verwandten des Herrn Ratgeber. Sie
war gro und hager, ein riesenhafter grner Schal hing um ihre
Schultern, mit strengem Erstaunen betrachtete sie den Knaben und sagte
endlich mit zweideutigem Lcheln und unehrlicher Kameraderie in ihrer
hellen Stimme: Nun, Engelhart, der Storch ist zu euch gekommen und hat
ein Brderchen gebracht. Hast du ihn nicht klappern gehrt?

Engelhart senkte den Kopf und erwiderte: Nein, ich habe die Mutter
weinen gehrt.

Es malte sich in seinem Bewutsein dies: nicht, da ein Kind gebracht,
sondern da es geboren worden sei. Eine tote Buch- oder Zeitungswendung
wurde in seinem Geiste flammend lebendig. Am andern Tag ging er zu
Frulein Frhwald, die mit Ratgebers auf demselben Flur wohnte. Frulein
Frhwald war eine Person, die immer Neuigkeiten wissen wollte. Das
einzige Zimmer, das sie innehatte, war voll von Sgespnen, denn sie
verdiente ihren Unterhalt damit, da sie Blechkapseln glnzend machte.
Whrend sie Engelhart in ein Gesprch zu verwickeln versuchte, schlug
dieser ein umfngliches Buch auf, das auf dem Tische lag. Es war die
Bibel, Altes und Neues Testament. Er bltterte unschlssig umher, da
fiel sein Blick auf die Stelle: Gideon aber hatte siebzig Shne, die
alle aus seiner Lende entsprossen waren, denn er hatte viele Weiber.
Was ist das, eine Lende? fragte er das unablssig redende Frulein.
Sie antwortete, eine Lende sei ein Stck Fleisch. Auch beim Menschen
ein Stck Fleisch? fragte er.

Gewi, rief sie lachend und schlug sich auf die Hfte, hier.

Er kam nun fter zu Frulein Frhwald, die fr jede Gesellschaft dankbar
war, setzte sich an den Tisch und las in der Bibel. Doch erwuchs ihm
wenig Verstand daraus, obwohl er das Fabelmige leicht begriff. Die
erwachten Zweifel ber Geburt und Geborenwerden fanden Nahrung, doch
keine Lsung; Unverstehbares mischte sich mit der geahnten Natur, die er
auch in seinem Innern beben und wachsen fhlte. Eines aber ri sein
Gemt hin, vielleicht weil es mit Worten nicht ausgedrckt war, nmlich
das Landschaftliche: die Finsternis des Anfangs, das Paradies mit seinem
Frieden, die Wasserflut und die um den Berg Ararat neu sich hebende
Welt, der Turmbau im babylonischen Land, der Brand der sndhaften Stdte
und das Meer ber ihnen. Mit andern Augen als bisher trat er unter den
freien Himmel; es war ihm derselbe Himmel, der jene Lnder und Zeiten
berwlbt hatte, und wie eine Stirn die Erinnerung des Gelebten
aufbewahrt, glaubte er im Firmament das Andenken jener gewaltigen
Ereignisse vergraben.

Als er zum erstenmal wieder die Mutter sehen durfte, vermochte er kein
Wort ber die Lippen zu bringen. Stumm blieb er am Bette stehen, als sie
mit der alten klaren Stimme einige belanglose Fragen stellte. Zuerst
wunderte sich Frau Agathe, dann schalt sie, noch halb gutmtig, dann
wandte sie sich unwillig, ja verletzt von ihm ab. Als Herr Ratgeber nach
Hause kam, berichtete sie ber die Verstocktheit des Knaben. Herr
Ratgeber glaubte, da Engelhart irgendetwas auf dem Gewissen habe, er
nahm ihn bei der Hand, fhrte ihn beiseite und fing ebenfalls an zu
fragen. Die aufgerissenen Augen und das unbewegliche Stillehalten des
Knaben bestrkten seinen Verdacht, er wurde zornig und schlug Engelhart
mit Heftigkeit ins Gesicht. Die unbegreifliche Tat entprete dem
Gezchtigten Trnen, es schien ihm, als ob die Unbill alles Ma
bersteige, es erfate ihn auf einmal ein Gefhl von Liebe fr etwas
Unsichtbares, Unnennbares, das auerhalb der Welt lag, in der er sich
bewegte.

Zwei Tage lang durfte er nicht zur Mutter. Am dritten entschlo er sich,
ohne Erlaubnis an ihr Bett zu kommen, um sie zu vershnen. Doch sie
hatte Besuch. Der alte Ratgeber aus Altenberg war da und auerdem dessen
Vater, der also Engelharts Urahn war, ein Mann von sechsundneunzig
Jahren. Er lebte in Rot am Sand, zwei Stunden hinter Nrnberg. Ein
zottiger Bart von rtlichweier Farbe schlo das ungemein groe, rote,
zerwhlte, volle Gesicht wie in einen Rahmen. Als er Engelhart gewahrte,
hielt er die Hand wie einen Schirm vor die dicken Brauen und stierte
mit den scheu versteckten Augen auf ihn wie auf etwas Weitentferntes,
Winziges, gleich als ob er zeigen wolle, da achtundachtzig Jahre
zwischen ihm und diesem Kinde lgen. Er griff in die Manteltasche und
reichte mit der zitronengelben Hand Engelhart zwei halbverschimmelte
Schokoladestckchen. Seit dreiig Jahren war er nicht in der Stadt
gewesen, und nicht etwa die Liebe zu seinem Geschlecht hatte ihn
angetrieben, sondern die bloe Neugierde zu sehen, was die Zeiten
gebracht htten. Der andre Alte verhielt sich gleichmtig, der Besuch
des Vaters war ihm, dem Siebzigjhrigen, eine Last. Frau Agathe blickte
mit stiller Verwunderung auf die beiden Greise, von denen keiner um die
Nhe des Grabes zu wissen schien.




                            Drittes Kapitel


Mitte Juli mute Herr Ratgeber eine Reise antreten, die ihn fr einige
Monate von seiner Familie trennte. Frau Agathe beschlo, diese Zeit auf
dem Lande zuzubringen und mit den Kindern ihre Schwester Emilie Wahrmann
in Gunzenhausen zu besuchen. Ihr Leib, ihr Geist bedurften der Ruhe. Die
Tage vor der Fahrt vergingen mit vielfacher Arbeit. Noch in der letzten
Stunde war sie beschftigt, die Polstermbel zu berziehen, die Lden
herabzulassen, Kampfer zu streuen; dann stand sie ermdet auf der
Schwelle, ihre Gestalt hob sich schmal aus dem Dmmer des verdunkelten
Raumes, sie war bla von dem berstandenen Wochenbett, die Stirn, fr
eine Frauenstirn ungewhnlich hoch, war an den Schlfen wie Marmor von
blauen Adern durchzogen, ihre Augen hatten einen doppelten Blick, den
nach auen fr die Gegenstnde, und den ruhigen, warmen sen Blick nach
innen fr das Unbekannte.

Die Familie Wahrmann bewohnte ein einstckiges Haus an der Strae, die
vom Tor des Blasturms aus gegen den Wald fhrte und wenige hundert Meter
weiter schon Landstrae wurde. Auf jeder Seite standen etwa ein Dutzend
solcher Huser von ganz gleicher Bauart, und zwischen je zweien war ein
kleiner Garten oder Hof. Frau Agathe fand bei der Schwester, was sie vom
Leben innig wnschte: Sorglosigkeit. Die Erinnerung an ihre Mdchentage
erwachte; hier hatte sie, nachdem der Vater gestorben war, bis zu ihrer
Verheiratung gelebt; hier hatte sie manche Nacht durchtanzt, hier hatte
sie Herr Ratgeber zum erstenmal erblickt. Nun war sie wieder da, von
liebreicher Gastfreundschaft gehegt, und vier Kinder mit ihr als Zeugen
der verflossenen Jahre. Ihre gehobene Stimmung wirkte wie ein
seelenvolles Leuchten auf die Gemter der andern Hausbewohner.

Engelhart vertrug sich gut mit den Cousinen. Helene, die lteste,
liebte es, ihn zu necken. Nicht seine Gedanken waren vor ihrem Spott
sicher. Sie war selten schlecht gelaunt, sie entdeckte mit Scharfblick
an jedem Menschen die komische Seite und jeder bot ihr daher
unerschpflichen Stoff zum Lachen. Sie hatte aber auch Respekt fr
geistige Dinge, fr gute Bcher, es war nichts Kleinstdtisches in ihr.
Ganz anders Jettchen, die zweite. Sie war eine trbe Trumerin, stets
von Unzufriedenheit und zielloser Eifersucht erfllt. Sie neigte schon
als Kind zu einer halb schwrmerischen, halb gottmeisternden
Frmmigkeit, und da sie nicht hbsch war, sprach sie gern mit Verachtung
von dem eiteln Wesen schner Mdchen. Die jngste nun, Esmee, hatte
etwas Teuflisches fr Engelhart; er frchtete sie, wenn sie an den
Sommerabenden auf der Strae wandelten und sich das Mdchen lchelnd an
ihn drngte, ihren Arm in den seinen schob und beim Sprechen ihr Gesicht
so nahe wie mglich an das seine brachte. Sie war immer von einem
einzigen Zustand vollkommen beherrscht, von Wildheit oder Angst,
Mdigkeit oder Begierde. An Regentagen gebrdete sie sich oft, als wolle
sie vor Ungeduld die Mauern niederreien, und im Wald pflegte sie mit
schmetternder Stimme zu singen:

    In den Garten wollen wir gehn,
    Wo die schnen Rosen stehn,
    Stehn der Rosen gar zu viel,
    Brech' ich mir eine, wo ich will.

Am Anfang des Waldes stand ein Wirtshaus, kurzweg die Hhe genannt,
und an Sonntagen pilgerte das halbe Stdtchen hinauf. Engelhart fand
sich dann unbehaglich in dem Menschentrubel, und er schlich davon. Er
hatte einen Lieblingsplatz im Wald unter einer alten Eiche; nahebei war
ein Ruinenstein der rmischen Mauer. So sa er einmal und lauschte auf
die Tanzmusik, die von der Hhe herberklang. Da legten sich zwei
kleine Hnde ber seine Augen und eine zarte Stimme wisperte: Wer bin
ich? Eigensinnig schwieg er still, und als sich Esmee schmollend an
seine Seite setzte, herrschte er sie an: Warum bist du mir denn
nachgelaufen? Sie antwortete nichts, sondern schttelte heftig ihr lose
hngendes Haar. Er verfiel wieder in sein verstocktes Schweigen. Es
flogen Glhwrmer auf, hinter dem Weg schimmerte es goldgelb vom Mond,
aus dem Westen brummte dumpf der Donner. Pltzlich sprang Esmee auf,
packte blitzschnell mit beiden Hnden Engelharts Kopf und bi ihn ins
Ohr. Er schrie, sie lief davon, ihr Lachen vermischte sich mit dem
Rascheln der Zweige, Engelhart eilte ihr nach. Als er in den Wirtsgarten
kam, hatten sich die Gste schon in den Saal geflchtet, da es zu
trpfeln anfing. Esmee stand auf der obersten Stufe der Terrasse. Sie
hatte einen Zipfel ihres Taschentuchs zwischen den Zhnen und ri daran,
whrend sie in den Saal blickte, die Augen in unheimlicher Wildheit
funkelnd.

Engelhart trat, mit der Hand das schmerzende Ohr bedeckend, in den Saal
und gewahrte unter den ersten Paaren, die sich zum Walzer anschickten,
seine Mutter und den Premierleutnant Siderlich. Er erstaunte ber ihr
Aussehen, ber ihre roten Wangen und glnzenden Augen. Ihre Bewegungen
hatten etwas Fruleinhaftes, wenn sie dankte, den Kopf zur Schulter
neigte, den Fu zum Tanz vorsetzte.

Der Premierleutnant Siderlich lag schon seit zehn Jahren mit einer
Halbkompagnie im Ort, man sagte, da es eine ewige Strafversetzung sei.
Er wohnte bei Wahrmanns zur Miete, doch gingen diese mit dem Plan um,
ihm zu kndigen, da er in der letzten Zeit oft betrunken war. Das
gewhnliche Volk nannte ihn wegen seiner auergewhnlichen Lnge und
Magerkeit den Lattenhanni. Er verkehrte mit niemand, hatte weder
Kameraden noch Freunde und empfing oder schrieb nie einen Brief. Jeden
Abend um acht Uhr ging er ins Gasthaus zur Post und verzehrte dort sein
krgliches Nachtessen. Wenn er fertig war und neben seinem Tisch bekam
etwa ein andrer Gast zu essen, so beugte er sich gegen dessen Teller
herber und sagte, mit der Zunge schnalzend, gierig und berrascht: Ah,
das ist aber ein schner Braten, so einen Braten bekomme ich nie, oder:
Das ist aber ein kolossaler Fisch, so einen bekomme ich nie. Hierauf
rief er die Kellnerin oder den Wirt und fragte mit trauriger Stimme:
Warum bekomme ich nie eine so groe Portion wie der Herr Expeditor?

Aber ich bitte, Herr Premier, sagte der Wirt, es ist ganz genau
dasselbe Stck.

Beim nchtlichen Nachhausegehen nahm er sich auf der Strae sehr
zusammen, kaum hatte er jedoch die Haustre bei Wahrmanns aufgesperrt,
so stimmte er einen greulich unmelodischen Gesang an und stolperte
geruschvoll die Stiege empor.

Seit Frau Ratgeber im Hause weilte, betrank er sich nicht mehr und
verwendete grere Sorgfalt als bisher auf seinen Anzug. Am Morgen nach
dem kleinen Tanzfest schickte er seinen Burschen mit einem Strau von
Rosen und einer Visitenkarte, auf deren Rckseite in sorgfltig gemalten
Buchstaben zu lesen stand:

    Schnheit besiegt ein jedes Herz
    Und sei es auch so hart wie Erz.

Bald danach hrte man ihn mit klirrendem Wehrgehnge die Stiege
herabpoltern, er machte im Frhstckszimmer seine Aufwartung, aber seine
Haltung verlor an Sicherheit, als die Kinder, durch sein wunderliches
Grimassenschneiden belustigt, kichernd entflohen.

Es nahte die Zeit der Reife, das Obst auf den Bumen wurde schwer.
Tglich wanderten die Kinder in die Beeren. Spt nachmittags zog die
belebte Schar heimwrts, die Mtter kamen ihnen auf der Landstrae
entgegen und freuten sich der reichen Ausbeute. An einem schnen
Septembertag brachen beide Familien morgens um fnf Uhr auf und fuhren
nach Pappenheim, wo sie von Bekannten zur Obstlese eingeladen waren.
Engelhart, sich von den Seinen mit Absicht entfernend, schritt durch den
riesengroen Garten, der ber mehrere Hgel hingebreitet war, und sah
ein Schlo, das den Gipfel eines Berges krnte. Es wurde ihm feurig zu
Sinn, als er wieder zu den andern zurckkehrte, stie er ein
Jubelgeschrei aus. Doch diese waren ebenfalls in Glckseligkeit
gefangen, Frau Agathe schritt mit stillem Lcheln umher und deutete
manchmal auf den Himmel, der so strahlend war, als ob ein blaues Feuer
ihn erfllte. Dann sank die Sonne, Engelhart hatte ein schneidendes
Gefhl von Schmerz, es tnte eine Stimme: jetzt ist es genug der
Freuden.

Wenige Tage spter muten sie nach Hause reisen, Herr Ratgeber war
frher, als er gedacht, zurckgekehrt. Kisten und Koffer wurden gepackt,
und gegen Abend setzte sich die ganze Karawane nach dem Bahnhof in
Bewegung. Erst dort begriff Engelhart, da es sich um Scheiden und
Trennung handle. Wie im Schlaf kte er die Mdchen, spter durchzuckte
es ihn, da er Esmees Mund feucht auf dem seinen gefhlt. Der Zug
rasselte davon, die Nacht brach ein, fremde Leute saen im Coup, Ketti
hielt den Sugling im Arm, Gerda und Abel schlummerten aneinandergelehnt.
Auch Frau Agathe schien mde, ihr Blick war in die Dunkelheit hinaus
gerichtet, die Hnde lagen still im Scho. Engelhart schaute sie an und
seine Lippen murmelten wie von selber Esmees Verse und zerhackten sie
mit dem Takt der Eisenbahnrder:

    In den Garten wollen wir gehn,
    Wo die schnen Rosen stehn,
    Stehn der Rosen gar zu viel,
    Brech' ich mir eine, wo ich will.

Er trumte, da ein ungeheurer Mensch kme und ihn wie ein Stck Holz
unter den Arm schiebe. Der Mensch schritt durch eine eiserne Tr, die er
hinter sich zuschlug, und betrat ein dunkleres Gemach. Er eilte weiter
zur nchsten Tr, die er ebenfalls zuschlug, und so weiter, von Tr zu
Tr, bis sie in einen grauenvoll finstern Raum kamen.

Ein paar Tage hernach schrieb Frau Agathe einen langen Brief an ihre
Schwester in Gunzenhausen. Sie meldete die glckliche Ankunft, und da
weder den Kleinen noch den Groen ein Unfall zugestoen sei. Dann
beschrieb sie ausfhrlich, in welchem Zustand sie die Wohnung
angetroffen habe; in den Fugen des Flurgatters sei der Staub fingersdick
gelegen, das Trschlo im Wohnzimmer sei vollstndig eingerostet; im
grnen Zimmer htten die Motten trotz aller Schutzmaregeln die
Rcklehne des Plschsofas angefressen; in der Kche sei vom Hagelwetter
im August ein Fenster zertrmmert worden. Nachdem alles das ausfhrlich
geschildert war, dankte Frau Ratgeber ihrer Schwester und deren Gatten
fr die lange Gastfreundschaft. Sie drckte ihre Dankbarkeit in den
leidenschaftlichsten Worten aus, zu denen sie in mndlicher Rede nie den
Mut gefunden htte, und erklrte sich unvermgend, solche Opfer nur
annhernd in gleicher Mnze zu bezahlen. Sie gestand, da sie sich seit
der Abreise grenzenlos unglcklich fhle und da sie wisse, eine geheime
Stimme habe es ihr zugeflstert, sie werde die Schwester und die Nichten
nicht mehr wiedersehen. Sie erzhlte, wie trostlos Engelhart sich
benehme und fgte hinzu, da sie seines versteckten und trumerischen
Charakters wegen recht besorgt sei.

Ungern besuchte Engelhart die Schule. Aber er mute. Schon tnte das
Wort Pflicht als ein Fanfarensto an seine Ohren. Ihm war es das
liebste, zu gehen, wohin er wollte, zu unternehmen, wozu sein Inneres
ihn antrieb. Er spielte mit sich selbst; sogar das Sehen seiner Augen
wurde zum Spiel; auf der Gasse gehend, probierte er, ob man nicht auch
mit dem Mund sehen knne. Er dachte klger zu sein als Gott oder ihn
wenigstens zu kontrollieren. Er schlo die Augendeckel, schob die Lippen
vor, und da er nun weiter zu gehen vermochte, dachte er in seiner
Albernheit, Gott eines Bessern belehrt zu haben, whrend er ihn nur
beschummelt hatte, denn ein ganz klein wenig hatte er doch durch den
Spalt zwischen den Lidern gespht.

Herr Ratgeber tadelte das Guckindieluftwesen heftig. Hnde aus den
Taschen! Frisch, frisch! Munter! rief er, wenn der Knabe sinnend
einhertrottete. Aber Engelhart fand sich nur eingeschchtert, und er
verbarg eiferschtig sein Herz. Tausend Fragen waren in ihm erwacht,
Bedeutendes und Nichtiges lag gleich schwer vor seinem Weg. Er hatte
niemand, um zu fragen; die Mutter war in solchen Dingen nicht
entgegenkommend, dem Vater war nichts lstiger, als wenn man ihn viel
und um vielerlei befragte. Von den Lehrern erwartete er nichts und sie
gaben auch nichts.

Im Sptherbst verbreitete sich das Gercht von einem Weltuntergang. Der
furchtbare Termin war fr Anfang November prophezeit. Engelhart wunderte
sich ber das gefate Wesen der Leute, er wunderte sich, da sie noch
aen und tranken, da sie schwatzend unter den Haustoren standen und den
hellen Himmel betrachteten, und er freute sich auf ihren Schrecken und
ihre Verzweiflung, wenn das Ungeheure kam. Er spazierte in der Mitte der
Strae auf und ab, um beim Zusammensturz der Huser verschont zu
bleiben. Allmhlich sammelten sich vor der Pfistergasse, wo man den
Ausblick auf das freie Feld hatte, viele Erwartungsvolle an und starrten
in den aufgehenden Mond. Die Aberglubischen hatten wenig Zuspruch, wer
Angst hatte, wollte sie doch nicht zeigen, denn man lebte in einer
aufgeklrten Protestantenstadt. Dennoch war die Enttuschung allgemein,
als es Abend ward und Himmel und Erde ihr friedliches Aussehen nicht
vernderten. Engelharts Unzufriedenheit wurde gemildert durch das
gebundene und sehnschtige Gefhl, das ihm der Mond einflte; die
unsichtbare Bewegung des Gestirns bewegte ihn mit. Auf dem Heimweg traf
er Selma Weber, sie gingen zusammen und plauderten; doch da unterbrach
Selma das Gesprch und fragte ngstlich: Ist es wahr, da du ein Jud
bist? Er stutzte, bejahte, aber der Ton ihrer Stimme wollte ihm nicht
aus dem Kopf. Eines Tages, es war schon Winter geworden, tiefer Schnee
lag, vergngte er sich damit, in die Fustapfen eines vor ihm her
gehenden Knaben zu treten. Da dieser aber viel grere Schritte machte,
mute er seine Beine bermig spreizen, was einen komischen Anblick
bot. Er hrte denn auch ein schallendes Gelchter und sah Frulein
Hollnder, die am Fenster ihrer ebenerdigen Wohnung lehnte und sein
Treiben belustigt mitansah. Dieses Frulein war eine Jdin, eine
ltliche Jungfer, die mit ihrer Mutter ein kleines Huschen gegen den
Spitalgarten bewohnte. Engelhart kam oft dorthin, weil das Hoftor mit
bunten Glasscheiben versehen war, und er liebte es, durch die farbigen
Glser auf die fernen Hgel des Vestnerwaldes und auf die Wiesen des
Flutals hinunterzublicken.

Als der grere Knabe das Lachen vernahm, blieb er stehen und sah sich
um, und Engelhart, mit beiden Fen in einer einzigen seiner Fustapfen,
blieb ebenfalls stehen. Der andre stierte ihn drohend an und sagte
haerfllt: Du Jud. Darauf kamen noch ein paar Burschen, stellten sich
um Engelhart herum und beobachteten ein feindseliges Schweigen. Er wute
sich beschimpft, begriff aber nicht, wodurch. Er grbelte noch in sich
hinein, als jene schon verschwunden waren; da winkte ihm Frulein
Hollnder zu, er folgte, und als er im Zimmer war, schlo sie das
Fenster, reichte ihm einen gebratenen Apfel aus der Ofenrhre, und
whrend er a, holte sie ein dickes Buch herbei, schlug es auf und las
ihm folgende Stelle vor: Da wohnten die Nachkommen der Juden aus der
babylonischen Gefangenschaft. Sie bewahrten noch ihre Stammbume und
konnten ihre Geschlechter auf die Frsten und Propheten Judas
zurckfhren. Ihr Oberhaupt wohnte zu Bagdad und fhrte den Titel: Frst
der Gefangenschaft. Er stammte in gerader Linie vom Knig David;
Christen und Heiden anerkannten seine Abkunft und nannten ihn unser
Herr, der Sohn Davids. Sein Ansehen erstreckte sich ber die Lnder des
Ostens bis Tibet und Hindostan. Es wurden ihm die grten Ehren
erwiesen, und wenn er ffentlich erschien, trug er Kleider von
gestickter Seide und einen weien Turban mit goldenem Diademe.

Engelhart senkte den Kopf und dachte nach. Ist es ein Mrchenbuch?
fragte er.

Nein, kein Mrchenbuch! erwiderte sie. Sie zeigte das Titelblatt, und
er las: Benjamin von Tudelas Reisen. Da lchelte Engelhart aufatmend vor
sich hin und war dessen gewiss, da er ein Mensch unter Menschen bleiben
durfte. Nachmittags kam Frulein Hollnder zu Frau Agathe. Sie trug
gelbe Handschuhe, die an allen zehn Fingerspitzen zerrissen waren, einen
auerordentlich groen Hut mit Federn und ein kupferglnzendes
Seidenkleid. Sie sprach mit der ihr eignen geschraubten Lebhaftigkeit
ber den Knaben, ber seine Begabung, sein schnes, belebtes Gesicht und
schlo ihre Rede mit den Worten aus der Geschichte Bileams: Es wird ein
Stern aufgehen aus Jakob. Frau Ratgeber ward es angst und schwl, und
sie war froh, als die Person wieder fort war.

An seinem Geburtstag, wo er neun Jahre alt wurde, erhielt Engelhart die
Erlaubnis, sich Spielwaren aus dem Geschft des Vaters zu holen. Am
Nachmittag nach der Schule ging er hin. Es waren niedrige, lichtlose
Rume dort. Hinter einem Holzgitter saen Herr Ratgeber und sein Bruder,
ein jeder wachsam im dumpfen Ha. Nebenan befanden sich die jungen Leute
und Peter Salomon Curius, den Herr Ratgeber als Buchhalter angestellt
hatte. Er war stets muntrer Laune, schmunzelte zum Fenster hinaus, wenn
die Dienstmdchen der Nachbarschaft vorbergingen, rauchte, trank Bier,
erzhlte Geschichten, die alle einen Anhauch von Grenwahn hatten. Er
glich einem Herzog, der zum Scherz Lakaiendienste verrichtet, oder einem
Millionr, der zur Belustigung seiner Gste selber den Koch macht. Er
wute alles besser, und wenn einer die Kunst zu fliegen erfunden, htte
Herr Peter Salomon mit geringschtzigem Lachen gesagt: Ach was, das
hab' ich schon vor zehn Jahren gekonnt, es ist gar nichts weiter dabei,
jeder windige Sperling macht dasselbe, ich habe es lngst aufgegeben,
denn, unter uns, es ist eine langweilige Sache.

In den verliesartigen Zimmern roch es nach Tinte, Staub und Spinnweben.
Lange suchte Engelhart, um etwas zu finden, was nicht blo der
augenblicklichen Lust, sondern auch zuknftigen Wnschen Genge tun
konnte, und er whlte schlielich eine Trommel und einen Spiegel. Zu
Hause fingen Gerda und Abel zu weinen an und wollten auch etwas haben;
er lachte sie aus, die Mutter schalt, sie empfand vielleicht dunkel, da
da keine Unschuld mehr sei, wo mignstiges Behagen an fremdem Neid sich
sttigt. Sie warf ihm vor, er habe kein Herz fr seine Geschwister, doch
konnte sie nicht ermessen, wie es sich damit in Wirklichkeit verhielt.

Wie ihr alles in der Stille Sorge machte, so auch dies. Zudem erfuhr sie
von einer ungewhnlich hinterlistigen Handlung, die er bald hernach
beging, und ihr Urteil ber den Knaben verwirrte sich noch mehr. Er
hatte mit den Kindern des Pedells von der nahegelegenen Brgerschule
Bekanntschaft geschlossen und jagte mit ihnen oft in dem groen, mit
Bumen bepflanzten Hof umher. An den Spielen beteiligte sich Selma
Weber, ferner das Tchterchen des Direktors, ein liebliches,
ausgelassenes Ding, und Sophie Hellmut, das Kind eines Arztes. Vor den
drei Mdchen suchte sich Engelhart durch Geschrei und heldenmiges
Wesen hervorzutun, oder wenn nicht so, dann durch ein gekrnktes und
sauertpfisches Beiseitestehen, das ganz grundlos war, wodurch er aber
doch die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken whnte. Den tiefsten Eindruck
machte Sophie Hellmut auf ihn. Sie war so schwermtig wie eine Nacht,
die von Strmen in der Ferne zittert und doch ihre Wolken ruhig
vorbergleiten lt, weil sie hofft, da es Morgen wird.

Nun war ein gewisser Rindsblatt in der Gesellschaft, ein rothaariger,
hlicher Knabe, der sich scharwenzelnd und prahlend um Sophie zu
schaffen machte und gegen den Engelhart bsen Groll hegte. Einmal fing
es an zu regnen, und alle flchteten in eines der leeren Schulzimmer.
Sie schrien und lrmten, bis die Dmmerung einbrach, da kam Rindsblatt
dazu, sprang mit einem Satz auf den Katheder, lie die Beine baumeln und
spuckte mit einem Ausdruck zur Seite, als wolle er smtliche Lehrer der
Welt totspucken. Die Mdchen wurden von unten zum Nachtessen gerufen und
schossen tobend hinaus, Engelhart folgte verdrossen, nur Rindsblatt
blieb sitzen, um zu zeigen, da er keinem Ruf gehorchen msse, und
begann laut zu singen; Engelhart kehrte noch einmal zur Tr zurck und
hrte, wie die Stiefelhacken des Knaben hohl gegen das Brett schlugen,
er sah den Schlssel im Schlo stecken und drehte ihn um, so da der
Verhate gefangen war. Dann rannte er die Treppe hinab und setzte sich
auf die Brunnenbank im Hof. Der Abend war schon eingebrochen, hohe
Mauern blickten durch den rieselnden Regen. Lang blieb es still, endlich
wurde oben ein Fenster aufgerissen, und Rindsblatt schrie. Niemand
hrte, er wiederholte sein Geschrei, schon sa ihm die Furcht in der
Kehle. Engelhart versprte eine trotzige Genugtuung, den trockenen
Prahler so bang zu wissen, gleichwohl schlich er zaghaft in den Flur, da
sah er den Pedell mit der Lampe die Stiege hinaufschreiten, denn oben
hmmerte es so frchterlich an die Tre, da das Treppenhaus drhnte.
Rindsblatt wute, wer ihm den Streich gespielt, und gab es an. Doch lie
er sich Engelhart gegenber nichts merken, er rchte sich nicht, obschon
er strker und lter war. Das erschreckte Engelhart, nie ging er ohne
das unheimlichste Gefhl an dem Burschen vorber, und er ahnte, da in
jener Brust ein gefhrlich-giftiger Ha brte und sich mit Vorsicht der
rechten Stunde gewrtig hielt.

Es wurde Frhling. Am zweiten Sonntag im April whrend eines
Spazierganges sagte Frau Ratgeber, es sei ihr heute besonders wohl
zumut. Aber als sie nach Hause kamen, war Engelhart eine Zeitlang mit
der Mutter allein im Zimmer, Herr Ratgeber war im Hohlwegsgarten zu
einem Glas Bier eingekehrt, Gerda und Abel waren bei Tante Curius, Ketti
ging mit dem kleinen Benjamin noch auf der Strae, da sah Frau Ratgeber
den Knaben eigentmlich an und sagte, es verlange sie, ins Bett zu gehen
und zu ruhen. Sie klagte ber Schmerzen im Ohr.

Am nchsten Tag begannen die Osterferien. Festlich gestimmt trat
Engelhart nach der Schule ins Schlafzimmer, wo Frau Agathe lag. Die
grnen Rollden waren herabgelassen, um die Sonnenstrahlen abzuhalten,
auf dem Tischchen stand eine Arzneiflasche mit brauner Flssigkeit. Die
Mutter fragte ihn nach diesem und jenem und gab ihm Ermahnungen
allgemeiner Art. Sie meinte, das beste im Leben sei Gehorsam und
Sichfgen. Aber Engelhart suchte den Sinn ihrer Worte als etwas
Unbehagliches beiseite zu schieben. Was war ihm Gehorsam? Ein Zwang, dem
seine Schwche unterlag. Er wollte frei sein, er hatte die eigensinnige
berzeugung von einer im Innern der Brust wirkenden Kraft, die sich
frech ber alle Vernunft der Wohlgesinnten hinwegsetzte. Er erwiderte
nichts, und da Frau Agathe den Zustand des verstockten Schweigens bei
ihm kannte und frchtete, hie sie ihn gehen. Als er die Schwelle des
Zimmers berschritt, hrte er sie seufzen.




                            Viertes Kapitel


Eine weite Ebene, Wiesen und Felder, in spinnwebgrauem Nebel. Die
Landstrae mit den hohen Pappeln kriecht wei und leer in den Nebel
hinaus, und so absonderlich wie der blhenden Frhlingslandschaft in dem
herbstlichen Dunst ist es Engelhart zumut. Eine trgerisch-schwermtige
Stille liegt ber der Welt, der Bauer steht auf dem Acker und faltet
bedenklich die Stirn. Ein liebliches Kindergesichtchen taucht aus dem
Nebel, es ist Benjamin auf Kettis Arm. Man schickt ihn zu den Groeltern
nach Altenberg, im Haus darf er nicht mehr bleiben, Frau Agathe mu Ruhe
haben. Das kleine Bbchen jauchzt, da Engelhart possenhaft vor ihm
hertanzt, es wei nicht, da es bald sterben wird. Drben im Dorf wartet
der Tod auf Benjamin, der Tod hat die Nebelschwaden aufs grne Land
gebreitet.

Auch Engelhart, Gerda und Abel muten das elterliche Haus verlassen und
wurden bei der Familie Dessauer in einem vornehmen Haus an der
Bahnhofstrae untergebracht. Frau Dessauer war eine entfernte Verwandte
der Mutter und lebte mit ihrem Sohn und seiner Frau in der
Abgeschlossenheit reicher Leute. Dort mute man leise gehen und leise
sprechen, man mute die Klinke in der Hand halten, bis die Tre
geschlossen war, man mute artig sein. Artig, artig! hallte es aus jedem
Winkel.

Die Kinder wagten schlielich vor lauter Artigkeit nicht zu gestehen,
wann sie Hunger hatten, Engelhart schlich bedrckt durch die langen
Korridore und betrachtete stumm die hohen Tren. Er vernahm die Klnge
eines Klaviers und lauschte. Eine Singstimme fiel ein. Das Lied zog ihn
unwiderstehlich an, und er betrat das Zimmer. Die alte Frau sa am
Instrument, die junge stand daneben und sang. Als sie den Knaben
gewahrten, unterbrachen sie Spiel und Gesang, zwei Augenpaare blickten
ihn drr und strafend an. Man tritt nie in ein Zimmer, ohne anzuklopfen,
hie es, er solle wieder hinaus und sich melden. Er schaute starr zu
Boden, dann lief er davon und auf die Strae. Die beiden Frauen kamen
berein, da der Knabe von einem bsartigen Geist erfllt sei und da
man vor ihm auf der Hut sein msse. Indessen lief Engelhart zum Bahndamm
hinber und spazierte an den schimmernden Geleisen entlang, die
gleichsam eigenbeweglich in die Ferne liefen. Sehnsucht packte ihn, er
sprte unter den Sohlen ein Zittern, als er sich auf das blanke Eisen
stellte, dann warf er sich platt zur Erde und legte das Ohr auf die
Schiene. Das Unglck brachte gerade in dieser Minute den jungen Dessauer
des Wegs, er befahl Engelhart aufzustehen und fhrte ihn wortlos in das
stille Haus zurck. Dort wurde ein Verhr angestellt, und der Beschlu
war, da Engelhart fortgeschafft wurde, da man fr einen Knaben von so
verbrecherischen Anlagen nicht die Verantwortung bernehmen wollte.

Er kam zu Frau Iduna Hopf. Wieder eine neue Welt; ein uraltes Haus am
Helmplatz, im finstern Flur der Backofen eines Bckers, morsche Treppen,
die bei jedem Schritt jmmerlich chzten, und oben die winzigen
Stbchen. Im Wohnzimmer war ein Bcherschrank mit einer Glastre, davor
stand Engelhart, betrachtete die enggepreten Reihen der Bcher und las
die Titel auf den Rcken der Einbnde. Iduna Hopf behauptete, es seien
die tiefsinnigsten Werke der Welt, auer ihrem Immanuel wrden alle
Leute wahnsinnig, die darin lsen. Spter einmal, wenn Engelhart zu
Jahren und Verstand gekommen, werde sie trachten, ihm das Heiligtum zu
erschlieen.

Er vertraute diesem Spter ohne weiteres. Er ahnte, was ihm im dunkeln
Spiel der Zuflle und Schicksale fr ein Los fallen knne, und da er,
an dem Strande kauernd, sich begngen wrde, wenn ihm die Woge aus
einem Schiffbruch ein armseliges Buch vor die Fe splte. Nach Wissen
und Belehrung stand ihm der Sinn nicht vor dem Bcherkasten, er
verlangte nach anderm, nach Seelenspeise, Wrme des Herzens.

Tag um Tag verging, denn sie lassen sich nicht halten, die Sonne steigt
und sinkt, die Sterne scheinen und verschwinden, der Tag des Schicksals
ist seiner Sache sicher und kann warten. Auf einmal berhrte Engelhart
aus dem Ungefhr heraus ein Gedanke: es geschieht etwas zu Hause; da
hielt es ihn nicht lnger. Als er vor der elterlichen Wohnung lutete,
gab die Glocke, die sonst schrill und frech gegellt, nur einen dnnen,
gedmpften Ton. Der Klppel war mit Leinwand umwickelt. Er war
verwundert, als er im Wohnzimmer den Onkel Michael aus Wien, den
einzigen Bruder der Mutter, und dessen Frau traf. Auch ein paar andre
Leute waren zugegen. Kein Lcheln begrte ihn, alle schienen wie in die
Betrachtung eines Loches vertieft. Herr Ratgeber lehnte regungslos im
Sessel, der sonst so glnzende und martialische Schnurrbart hing
kraftlos ber die Lippen. Eine fremde Person kam aus dem Krankenzimmer
und lispelte: Ach, du bist da, Engelhart -- deine Mutter hat heute nach
dir verlangt.

Er ging in das dunkle Zimmer, und allmhlich lsten seine Blicke die
weie Gestalt mit der weien Binde um die Stirn aus der Dmmerung. An
das Lager tretend, hatte er ein zerflossenes, bses Gefhl, wie wenn der
Sturmwind Sand in die Augen treibt. Er fand die Mutter so verndert,
da er furchtsam den Kopf senkte und mit seinen Fingern spielte. Frau
Ratgeber streckte den Arm aus dem Bette und suchte seine Hand, und er,
rtselhafte Verstocktheit, machte es ihr nicht leichter, sondern stellte
sich, als she er es nicht.

Frau Agathe war den Tag vorher operiert worden. Der Professor hatte
schon wenige Stunden spter gesehen, da die Sache eine schlimme Wendung
nahm. Der Tod, winzig wie ein Elf, whlte in den geheimnisvollen Gngen
des Ohres.

In der Nacht wurde Engelhart pltzlich vom Schlaf verlassen. Es
umschauerte ihn; sein Herz wute, was es verlieren sollte, es strubte
sich und fing an zu brennen wie eine Schnittwunde am Finger. Es sprte,
was fr Wetter nun heranziehen wrde, und da die Paradieseszeiten,
paradiesisch Schmerz und Lust, vorber seien. So kam ihm das Gefhl des
Versumnisses, zum erstenmal das Gefhl der Unwiederbringlichkeit, das
wie ein schwarzer Schatten aus der Finsternis trat und ihm das Wort und
den Begriff Verlust hinschleuderte. Das war kein Trumen mehr, sondern
ein doppeltes Erwachen des Leibes und der Seele, kein Spiel mehr,
sondern der wilde, unbewegliche Ernst.

Er nchtigte in dem Bretterverschlag, den sonst die Magd innehatte,
verlie das Bett und schlich barfig in den Flur. Aber Nachtklte und
Nachtfurcht hauchten ihn an, er kehrte um und blieb, ohne zu schlafen,
bis der Morgen graute. Dann kleidete er sich an und ging hinber. Auf
der Schwelle ihrer Wohnung stand kreidebleich das Frulein Frhwald, den
Kopf an den Trpfosten gelehnt. Es wurde dem Knaben khl um die Brust,
unsicheren Fues betrat er das kleine Zimmer neben dem Wohnzimmer. Dort
lag Herr Ratgeber auf dem Sofa, das Gesicht gegen die Wand gekehrt, den
Kopf zwischen den Armen, und gab Tne von sich, die wie Gelchter
klangen. Engelhart ging weiter, endlich hatte er ein abgelegenes
Pltzchen gefunden. Er lehnte die Stirn gegen den Rand eines eisernen
fchens und sah seine Trnen vor sich auf den Boden fallen.

Spter erschienen viele Leute, gegen Abend wurde der Sarg gebracht. Als
es am dritten Tag zum Begrbnis ging, standen die Hausbewohner und die
Nachbarn vorm Tor. Die Goldschlger hrten auf zu hmmern und traten in
respektvoller Haltung auf die Strae. Der Major Friedlein schaute wie
immer aus seinem Fenster, doch hatte er diesmal keine Pfeife. Bis der
Zug zum Gottesacker kam, hatten sich unzhlig viele Menschen
angeschlossen, aus manchem Fenster hing ein schwarzes Tuch oder blickte
eine weinende Frau.

Engelhart mute die Schaufel nehmen und Erde ins Grab werfen. Als alles
aus war, kam der Vetter Zederholz, klopfte ihm auf die Schulter und
sagte: Lieber Sohn, so etwas kommt nicht zum zweitenmal. Er blickte
freundlich und traurig zugleich auf den Knaben, und zwischen den
Fettfalten seiner Wangen glnzte es feucht.

So war die schne Seele hinunter. Es war, als ob sie nie gelebt, als ob
ihr Lcheln nie gelebt htte, ihr volles, wahres Auge, ihr karges und
wohlgemeintes Wort. Nur die toten Dinge blieben: die Strae und das
Haus; das Bett, in dem sie geruht; der Teller, von dem sie gegessen.

Schlimm, da Engelhart durch einen uerlichen Trauerdienst der Trauer
seines Gemts entfhrt wurde. Jeden Morgen, sobald der Tag graute, mute
er aufstehen und zum Gebetshaus eilen, um das Totengebet dort laut zu
beten. Jeden Morgen allzu frh ri ihn eine rauhe Hand zum Wachsein auf,
und noch halb schlafend wankte er durch die Gassen. Gott wolle es und
das Seelenheil der Mutter, sagte man ihm. Er glaubte nicht an einen
Gott, der dieses wollte, er verhielt sich feindselig gegen einen Gott,
der es darauf abgesehen hatte, seinen Schlaf zu zerreien. Das war
schlimm, denn dadurch wurde sein Himmel pltzlich leer. Innerliche Gter
statt in Kmpfen in verstimmter Selbstsucht verlieren, heit ohne Wrde
und Gewinn verlieren. Freilich war Engelhart darin von je ungeleitet
geblieben, der Vater stand diesen Dingen scheu gegenber, es war ihm
unbequem, daran zu rhren, und er hatte keine Zeit, darber
nachzudenken; die Mutter, einfach in ihrem Glauben wie in ihrem Wesen,
hatte gemeint, das wchse von selber in der Brust wie der Baum in guter
Erde. Aber es kam kein Baum heraus, nur ein schmchtiges Reis, das vor
dem ersten Windhauch zerbrach. Zudem lebte das werdende Geschlecht
damals in einer Luft nchterner Praktiken, und der hhere Sinn fand in
krnklicher Sehnsucht sein Heil.

Kurze Zeit nach Frau Agathes Tod sagte Ketti den Dienst auf. Es blieb
unbekannt, was sie vertrieb. Zu einigen Leuten uerte sie, sie wolle
nicht bei mutterlosen Kindern bleiben. Man wandte ein, da sie nun erst
recht ntig und am Platze wre, aber sie sagte, es tte ihr zu weh; sie
mge auch keinen andern Dienst mehr annehmen und gehe in ihre Heimat.
Sie war zehn Jahre im Haus gewesen, und Herr Ratgeber lie sie ungern
ziehen. Er war den ganzen Tag im Geschft, zu Mittag schlang er hastig
seine Mahlzeit hinunter, warf kaum einen Blick auf die Kinder, zndete
die Zigarre an und ging wieder. Die Verwandten sagten ihm, da die
Kinder auf diese Weise verwildern mten, auch kostete der kleine
Haushalt mehr als je zu den Zeiten der Frau. Da entschlo er sich, eine
Wirtschafterin zu nehmen, und er hielt Nachfrage nach einer
entsprechenden Person, die zugleich eine gewisse Geistesbildung besitzen
sollte. Es dauerte nicht lange, da erschien ein groes blasses, blondes
Frauenzimmer im Haus, und Herr Ratgeber glaubte gut gewhlt zu haben.
Wenige Tage, nachdem das Frulein, dessen Name Adele Spanheim war, seine
Stellung angetreten hatte, bergab er ihr das Wirtschaftsgeld fr drei
Monate und reiste fort. Mehr als je trumte er jetzt von Reichtum oder
doch von behaglicher Wohlhabenheit; er spannte alle Krfte an, um sich
auf jene Hhe des Lebens zu schwingen, auf der man von den Menschen
geachtet werden mu; es war, als ob das nun erstarrte Herz ihm keinerlei
Rcksichten des Gefhls auferlegte, er mute nicht und nirgends mehr
verweilen, konnte sich vllig seinen Projekten hingeben, und wenn ihm
auch nicht vergnnt war, ins Weite hinaus zu wirken, das wute er, so
wollte er doch in seinem Kreis etwas gelten. Er war nie ein Jammerer, er
beklagte nie sein Geschick; diese Kraft, sich zu verschlieen,
entfremdete ihn aber auch der Teilnahme der denk- und gemtfaulen
Leute, die rings um ihn gemchlich ihre Existenz bauten.

Adele Spanheim verlangte blinden Gehorsam von den Kindern. Die beiden
Kleinen bequemten sich dazu, sie konnten ja noch nicht sehend wollen.
Engelhart widerstrebte trotzig. Das Blut scho ihm in die Stirn, wenn
sie lachend einen Befehl gab, nicht aus Einsicht, sondern aus bloer
Lust am Kommandieren. In einem ihrer wchentlichen Berichte ber die
Ausgaben und die Vorflle im Haus, die sie Herrn Ratgeber zu senden
hatte, klagte sie, da Engelhart ihr ohne den gebhrenden Respekt
begegne und da es ihr schwer falle, gegen seine freche
Selbstherrlichkeit aufzukommen. Darauf schrieb Herr Ratgeber zurck,
wenn sich der Knabe nicht bessern wolle, erlaube er ihr jede Form der
Zchtigung. Diese Briefstelle las ihm das Frulein vor. Engelhart
vernahm mit Unglauben und Schmerz des Vaters Worte, die so fremdartig
aus der Ferne klangen, so kaltherzig auf dem Papier standen. Er forderte
Frulein Spanheim auf, ihm den Brief zu zeigen, sie willfahrte, und es
wurde ihm leicht, die schnen klaren Schriftzge zu lesen.
Niedergedrckt schlich der Knabe im Haus umher und stellte sich, des
schlechten Wetters nicht achtend, unter das Haustor. Die anbrechende
Nacht verscheuchte ihn, und als er hinaufging, hatte er Kopfschmerz und
jagende Hitze. Adele Spanheim sah ihn bleich hereinschwanken und wurde
besorgt. Sie entkleidete ihn und strich ihm kosend ber das Haar, aber
ihr verndertes ngstliches Benehmen beleidigte seinen Stolz.

Er bekam den Scharlach in der gefhrlichsten Form, lag vier Tage
bewutlos, bumte sich aus der pflegenden Hand und schrie vor sich hin.
Danach, als er genas, fllte sich seine Brust mit Sigkeit, es wurde
ihm offenbar, da er durch ein dunkles Tor neuerdings ins Leben trat,
etwas von Lebensschnheit wurde ihm bewut, ber einem langhinlaufenden
Weg strahlte die Sonne mit herrlicher Gewalt, an beiden Seiten hingen
Rosengirlanden und ber smaragdenen Wiesen flogen Vgel, wie er sie nie
zuvor erblickt, sie hatten etwas menschlich Sanftes im Ausdruck ihrer
Augen und es wirkte beruhigend, wenn sie langsam sichere Kreise um
denselben Mittelpunkt zogen. Gleichzeitig hrte er die vertrauten
Gerusche von der Strae, das Hmmern der Goldschlger, dies
meisterhafte Schlagen im kurzen Wechseltakt, das Geschrei der spielenden
Kinder, den Gesang vom Wirtshaus und vieles andre. Der Tod hrte auf,
ein Wort fr ihn zu sein. Er wurde Bild und glich dem Bild des Lebens,
nur da alles umschattet und erstarrt war. Die Frage entstand: Wren die
Stadt und ihre Huser noch vorhanden, wenn ich tot wre? Wrden die
Blle der Kinder drauen noch ebenso in die Luft fliegen, die Leute im
Wirtshaus noch ebenso singen? Er begriff oder fhlte dunkel das Einzige
des Lebens, die wunderbare unermeliche unbegreifliche Macht, die den
Menschen atmen lt und die ihn zugleich die Finsternis ahnen lt --
dort, jenseits des Rosenwegs, ber welchen die sanftugigen Vgel
fliegen, die er im Halbtraum gewahrt.

Tglich kam Doktor Federlein, flsterte eine Weile mit Frulein Adele,
dann trat er ans Lager, von Karbolgeruch umwallt wie ein Priester von
Weihrauch, nickte dem Knaben zu, schrieb ein neues Rezept, befhlte
seinen Puls, kitzelte ihn am Kinn, schttelte vor dem Spiegel seine
dunkeln, bereits angegrauten Locken und ging wieder. Herr Ratgeber war
von der Reise zurckgekehrt, Engelhart sah ihn aber nur des Abends.
Neues Unglck hatte ihn getroffen, der kleine Benjamin war drauen in
Altenberg gestorben. Wie ein Schatten war er seiner Mutter nachgefolgt,
als ob sie, schon unter der Erde, das winzige Seelchen noch verlangt
htte, das in unergrndlicher Trauer sein Leben krnkelnd hinschleppte.

Als Engelhart zum erstenmal wieder ausgehen durfte, fuhr Adele Spanheim
mit ihm und den beiden Geschwistern nach Nrnberg zu ihren Eltern. Es
war prchtiges Wetter, kristallen wlbte sich der Himmel, die Bltter
begannen schon gelb zu werden und hingen glhend an den Bumen des
Stadtgrabens, vieleckig, vieltrmig, mit strahlend roten Dchern erhob
sich die Burg und zur Rechten die sulenschlanken Trme von Sankt
Sebald. Zwischen dem Henkersteg und dem Weinmarkt traten sie in das
dstre Tor eines altertmlichen Hauses, stiegen eine riesenbreite Treppe
mit flachen Stufen hinan und schritten oben ber eine Holzgalerie mit
schn geschnitztem Gelnder. Unten war der Hof, es pltscherte Wasser
aus dem Brunnen in ein steinernes Becken. In der Wohnstube befanden sich
zwei alte Leute und fnf erwachsene junge Mnner, Adeles Brder. Die
Kinder wurden in die Ecke des Zimmers an einen kleinen Tisch gesetzt und
erhielten Kaffee und Kuchen. Die acht Leute redeten leise miteinander,
bisweilen flog ein musternder Blick zu den Kindern herber. An den
Wnden des groen Raums standen hochbeinige Sthle und zwischen den
Fenstern hing ein Bild, ein Mdchenkopf mit schwarzen, zur Schulter
fallenden Haaren. Der Ausdruck des Gesichts erinnerte Engelhart an
Sophie Hellmut, der Blick hatte etwas Zrtliches und Fragendes, und er
konnte sein Auge nicht davon wenden. Er stand auf, um das schne Gesicht
nher zu haben, da ertnte vom Kaffeetisch aus, das Wispern
durchbrechend, Adele Spanheims Stimme: Engelhart, sitzen bleiben! Die
Tasse an den Lippen, betrachtete sie ihn erwartungsvoll, auch die fnf
Brder sahen ihn an. Mit verzerrtem Gesicht starrte der Knabe zu Boden,
und es wre vielleicht zu einem Auftritt gekommen, wenn nicht die
Ankunft eines neuen Gastes die Aufmerksamkeit des Fruleins abgelenkt
htte. Diesen Umstand benutzte Engelhart und stahl sich aus dem Zimmer.
Drauen lehnte er sich einige Minuten lang ber die Galerie und blickte
entzckt in das blaue Himmelsviereck; auf der andern Seite konnte er
durch eine geffnete Tre in ein halbdunkles Zimmer sehen, in dessen
Mitte ein Aquarium stand; Goldfische blitzten an der Glaswand vorbei,
und ein schmaler Sonnenstreifen lag wie ein goldener Stab quer im grnen
Wasser.

Die Furcht, entdeckt und geholt zu werden, trieb ihn weiter, auf die
Strae, ber den Platz zur Sebalderkirche. Zaudernd stand er dort vor
einer offenen Seitentre. Es zog ihn hinein, und doch lhmte ein
Unbekanntes seinen Fu. Frmmigkeit, der Genu des Wunderglaubens, die
Seligkeit des Gebets, alles das war ihm fremd geblieben, aber die
Furcht, Gottesfurcht, nicht im biblischen Sinn, behauchte ihn bisweilen
wie die Klte der Winternacht, die durch die Fensterfugen in das
erwrmte Zimmer streicht. Und nun der gewaltige Bau, die schwere
Dmmerung drinnen, und das Fremde und Steinerne, das den Christen und
das Christentum in seinen Augen umgab.

Er ging hinein. Die gewaltigen Pfeiler, die erhabenen Bogen und Gewlbe,
wie schrg gefaltete ungeheure Hnde nach oben geneigt, das Halblicht,
verstrkt und bemalt durch die bunten Glasfenster, die Stille des Ortes
und seine ungeheure Raumflle, dies Emporstrebende, Emporweisende, es
machte ihn schaudern bis ins Mark. Als dann die Glocke im Turm zu luten
anfing und ihn die Klnge umschwirrten wie das Flgelschlagen mystischer
Wesen, trugen ihn die Beine kaum mehr, er suchte einen Winkel, um sich
zu verkriechen, und taumelte vorwrts, bis ein schwarzes Gitter ihn
aufhielt. Es war das Sebaldusgrab. Langsam wich die Blindheit von seinen
Augen, er gewahrte zahllose kleine Figrchen, lieblich gestaltet, in
stiller, vorgesetzter Bewegung, und sein Erstaunen war gro. Das
Zittern, das Grauen wich, auf einmal fand er sich heimisch, als htte er
Spiel und Spielgenossen entdeckt, und lange konnte er sich nicht
trennen.

Zu spt erinnerte er sich der verflossenen Zeit. Alle Spanheims waren
auf der Suche nach ihm. Adele stand im Flur und empfing ihn wortlos, mit
eisig kalter Miene. Auch Gerda und Abel behandelten ihn hochmtig, denn
sie waren durch seinen Fehltritt in Gnade gekommen. Nach und nach kamen
die Brder Adelens zurck, lachten spttisch, und einer zwickte den
Knaben ins Ohr. Auf der Heimfahrt bewahrte Adele ihre bedeutungsvolle
Zurckhaltung, und als er sich zum Schlafengehen anschickte, nahm sie
einen Stock, stellte sich an das Bett und geno seine stumme Angst,
seinen flehenden Blick. Wo warst du, whrend wir dich gesucht haben?
fragte sie durch die geschlossenen Zhne. Da er nichts antwortete,
geriet sie vor Zorn auer sich, packte ihn beim Hemd, und wie er
zurckwich, ri das Hemd entzwei. Der Knabe lief nackt gegen das Fenster
und, den Leib gegen die Mauer gepret, den Arm abwehrend
zurckgestreckt, rief er wild: Schlagen Sie mich nicht!

In Adele Spanheims Gesicht ging eine wunderliche Vernderung vor. Sie
errtete, nahm die Kerze vom Tisch und sagte mit dunklerer, rauherer
Stimme, ohne die Augen von der Gestalt des Knaben abzuwenden: Geh nur
schlafen, du ... Bub. Bei diesem zgernd ausgesprochenen Wort lchelte
sie. Im Bette liegend, dachte Engelhart an ihr sonderbares Lcheln und
schlief in Scham und Traurigkeit ein.




                            Fnftes Kapitel


Adele Spanheims Herrlichkeit nahm bald ein Ende. Eines Nachmittags
betrat Herr Ratgeber wider seine Gewohnheit die Kche und sah, da
Frulein Adele mit trumerisch aufgerissenen Augen vor einem Topf mit
eingemachten Preiselbeeren sa und von Zeit zu Zeit einen Kaffeelffel
voll in den Mund steckte. Gerda und Abel kauerten lstern dabei, man
sprte, wie ihnen der Mund wsserte. Da Herr Ratgeber auch sonst
unzufrieden war mit der Leitung des Haushalts, sagte er: jetzt ist es
genug, und gab der naschhaften Dame den Laufpa. Damit gewann die Sorge
um die fhrerlosen Kinder neue Macht.

Herr Ratgeber hatte sich inzwischen mit seinem Bruder Hermann endgltig
entzweit. Er war im Begriff, aus dem gemeinsamen Geschft zu scheiden
und eine Fabrik zu grnden; Produzent sein, die Ware gleichsam aus dem
Nichts erschaffen, die Hnde des Arbeiters unmittelbar in seinen Dienst
nehmen, Maschinen in Betrieb setzen und im groen Stil wirtschaften, das
war sein Traum. Er hatte es satt, Bnder und Pfeifenspitzen zu
verkaufen, wie er sich verchtlich ausdrckte, und um jeden Groschen
Verdienst mhevoll schwatzen zu mssen. Nach langen Erwgungen entschlo
er sich fr die Holzwarenbranche, und da er vorerst nicht viel von der
Sache verstand, suchte er sich durch nchtelanges Studieren zu helfen.
Aber so stolz seine Plne waren, es fehlte Herrn Ratgeber an Kapital. Er
wandte sich an den reichen Bruder seiner verstorbenen Frau, und da er
eine wunderbar berzeugende Art zu schreiben hatte, lie sich Michael
Herz bestimmen, zehntausend Mark herzugeben. Aber damit hatte Herr
Ratgeber nicht genug. Er war leidenschaftlich bemht, seiner Idee unter
den bisherigen Geschftsfreunden geldkrftige Anhnger zu gewinnen, und
phantasievoll und tatgierig, wie er war, versprach er einem jeden goldne
Berge. Mit weithinaus gerichtetem Blick ging er in dieser Zeit umher,
bestndig ein Lcheln zwischen den Lippen verhllend, welches sagen
sollte: Lat mich nur gewhren, lat mich nur ans Ruder kommen. Er
glaubte, die Stunde sei reif, wo er die nacheilenden Schatten seiner
bedrckten Jugend in die Flucht schlagen knne, und sagte sich mit
strmischer Entschlossenheit: Es mu sein, mu gelingen. Dieses Mu
trieb ihn zeit seines Lebens von Mhsal zu Mhsal und von Milingen zu
Milingen.

Nun gab es einen Mann in der Stadt, der das Treiben des Herrn Ratgeber
mit der grten Neugierde verfolgte. Er hie Teilheimer, hatte brandrote
Haare, ein mit Sommersprossen bedecktes Gesicht, und sein Beruf war,
ber die Angelegenheiten seiner Mitbrger aufs genaueste unterrichtet zu
sein. Er sa zum Beispiel im Wirtshaus und summte scheinbar achtlos vor
sich hin. Da ging der Weinhndler Strunz am Fenster vorber. Teilheimer
zwinkerte listig mit den Augen und sagte: Schau, schau, da geht der
Strunz zum Bezirksarzt, um seinen flligen Wechsel einzukassieren; wird
ihm aber nichts nutzen, der Mann hat selbst kein Geld und der
Schwiegervater gibt nichts mehr her; bse Geschichte. Oder man redete
in einer Gesellschaft ber das gesunde Aussehen und die Frische einer
schnen Frau, was den roten Teilheimer zu der beilufigen Bemerkung
veranlate, da diese Frau den Krebs in der Leber sitzen habe und da
ihr nur noch ein Jahr und etliche Tage zu leben vergnnt sei.

Dieser magische Seher machte sich auf, um Herrn Ratgeber beizustehen.
Eines Tages kam Engelhart von der Schule und strmte ins Zimmer. Da sah
er den Vater am Ofen stehen, den Kopf gebckt, in unbewegliches
Nachdenken versunken. Am Tisch ihm gegenber sa der rote Teilheimer,
ein Bein bers andre geschlagen, einen Zigarrenstummel mit vergnglicher
Miene ber die Lippen wlzend und einen Bleistift auf ein mit Zahlen
beschriebenes Blatt bohrend, als ob er den Speer in die Brust eines
Besiegten tauche. Sein Auge blitzte feldherrnhaft, als er dem Knaben mit
einer Handbewegung das Zimmer verwies. Am darauffolgenden Nachmittag war
es wieder so, nur da noch Iduna Hopf dabei war; Herr Ratgeber stand
wieder vor dem Ofen und schien qualvoll unentschieden, der rote
Teilheimer spiete wieder den Bleistift khn in die Zahlenleiber. Iduna
Hopf machte dem Knaben ein Zeichen, er aber wollte es nicht verstehen
und blieb in ahnungsvollem Trotz. Da sagte Iduna Hopf, gegen Herrn
Ratgeber gewendet: Da sieh mal, Joseph, wie vernachlssigt der Junge
herumgeht. Herr Ratgeber blickte zerstreut und unruhig in des Knaben
Gesicht.

Eine Woche spter kam Herr Ratgeber zu frherer Stunde als sonst nach
Haus, schritt erregt im Zimmer auf und ab, befahl der Magd, sogleich
sein Essen zu bereiten, er fahre ber den Abend nach Nrnberg. Dann
kleidete er sich sonntglich an, kam wieder zu den Kindern heraus, pfiff
leise vor sich hin, ffnete, als sei ihm zu hei, das Fenster und beugte
sich eine Weile hinaus. Inzwischen war der Braten aufgetragen worden, er
setzte sich zu Tisch, und da ihn die Kinder andchtig umstanden und
jedem Bissen nachschauten, der in seinem Munde verschwand, schnitt er
drei gleich groe Stcke Brotes ab, legte auf jedes eine Scheibe Fleisch
und teilte aus. Whrend sie alle drei schmausten, gab er sich einen Ruck
und sagte: Ihr werdet jetzt eine neue Mutter bekommen, damit wieder
Ordnung unter euch ist. Seid anstndig und macht mir Ehre. Er vermied
es bei diesen Worten, seine Augen vom Teller zu erheben, doch bevor er
aufstand, richtete er den Blick mit pltzlicher Strenge auf Engelhart,
der den Vater atemlos anstarrte.

Am folgenden Tag, noch vor Tisch, traten zwei fremde Frauen ins Zimmer.
Die eine von ihnen sagte: Guten Tag, Kinder, gebt mir die Hand, ich bin
eure neue Mutter. Sie hatte ein sliches Wesen. Sehr schne Kinder,
sagte die andre Frau, die eine helle kalte Stimme hatte. Darauf begaben
sich beide an die Besichtigung der Wohnung und unterwarfen jedes
Mbelstck und jedes Porzellanfigrchen einer eingehenden Beurteilung.

Engelhart verhielt sich stille, an manchen Tagen aber kam es ber ihn
und trieb ihn umher wie einen Ball, der von unsichtbaren Hnden von
einem Eck ins andre geworfen wird. Da fand er die Kleider zu eng, das
Haus zu klein, den Himmel zu niedrig, und er lief ohne Sinn und Ziel
durch die Gassen, bis er in einem Winkel Halt machte und in die Luft
starrte. Er hatte in einem Buch die Geschichte gelesen von dem der
auszog, das Gruseln zu lernen, und diese Geschichte machte Eindruck auf
ihn durch etwas, das hinter den erzhlten Vorgngen steckte, wie in
einem Nebel des Grauens hin und her wogend. Er sprte die Kluft, die ihn
von jenem trennte, der das Gruseln nicht lernen konnte, denn im Anfang
seines Denkens war die Furcht, Furcht vor dem Ungewissen, Unsichtbaren,
Unnennbaren, Furcht mitten in der Freude und im Spiel. Zagend stand er
einem dmonenhaften Wesen gegenber, dessen Wille es ist, zu zerstren
und irrezufhren, den freifliegenden Wunsch aufzufangen und an die Erde
zu fesseln.

Im sogenannten Feldschlchen, eine halbe Stunde von Nrnberg entfernt,
feierte Herr Ratgeber seine zweite Hochzeit. Die Kinder saen an diesem
Tag in dumpfer Spannung zu Hause. Gegen Abend brachte jemand von der
Hochzeitsgesellschaft eine Torte und Gre vom Vater, der mit seiner
neuen Frau schon abgereist war. Die Botschaft wurde kaum gehrt, alle
machten sie sich ber die Torte her, auch die Magd erhielt ein Stck,
und um sich erkenntlich zu zeigen, verschwand sie dann und berlie die
Kinder fr den ganzen Abend sich selber. Sie befanden sich im groen
Wohnzimmer, und Engelhart beschftigte sich, die Aufsichtslosigkeit
nutzend, mit der groen Wanduhr. Er liebte diese Uhr und die lautlosen
Schwingungen des gelbfunkelnden Perpendikels; er suchte eine Seele in
ihr. Zu diesem Zweck stellte er einen Schemel auf einen Stuhl, kletterte
hinauf, ffnete den Glasdeckel und lauschte dem heimlichen Rdergesurr;
bisweilen gab es ein Gerusch, das einem Seufzer glich. Nach einer Weile
begann er an dem Zifferblatt zu hantieren, es gelang ihm, eine Schraube
zu lockern, und auf einmal hatte er beide Zeiger in der Hand. Er
erschrak, ihm war zumute, als seien einem lebenden Wesen die Arme
abgefallen; umsonst probierte er, das bel wieder gut zu machen,
pltzlich stieg er herunter und legte die Zeiger kleinlaut auf die
Kommode. Es war ein ziemlich strmischer Abend, das Feuer im Ofen war
erloschen, die Kinder froren. Zudem ging auch das l in der Lampe auf
die Neige. Auf der Strae und im Haus war es totenstill, Abel war am
Tische sitzend ber seiner Schiefertafel eingeschlummert, Gerda schlich
eine Weile in dem dster werdenden Zimmer hin und her, dann drckte sie
sich in die Ofenecke und fing an, leise vor sich hinzuweinen. Engelhart
verbarg seine Gefhle, so gut es mglich war, er stellte sich gegen die
Tr und horchte und wagte endlich zu ffnen. Drauen war's finster. Er
berredete sich zur Tapferkeit und schritt hinaus, um nach der Magd zu
rufen. Doch war die Finsternis so gro, da ihm das Gerusch des eignen
Herzens Angst einflte. Nie hatte er etwas so Teuflisches in der Nacht
geahnt, er machte eine betende Bewegung mit den Armen, sein Auge fand
aber keinen Aufblick. Dies machte die Finsternis doppelt schwer und de,
und da Gerda ngstlich seinen Namen rief, kehrte er zurck. Er schaute
zur Uhr, um zu sehen, wie spt es sei, und das Grauen berlief seine
Haut, als er ihr zeigerloses Blatt gewahrte und darunter den
Perpendikel, ernsthaft schwingend, wie wenn nichts geschehen wre. Es
schien, als ob die Zeit ihr Ma verloren habe und die Nacht kein Ende
nehmen wrde.

Acht Tage spter spielten die Kinder im Flur neben der Stiege, Engelhart
hatte aus Sthlen eine Kutsche gebaut, Abel war Postillon, Gerda, in
einem unermelich langen, weit ber die Dielen schweifenden Mantel der
Mutter und einen groen Federhut auf dem Kopf, machte die vornehme
Passagierin, und Engelhart war der Ruber, der die Kutsche im Wald zu
berfallen hatte. Mitten im grten Getse tauchten Herr Ratgeber und
die fremde Frau, die neue Mutter, auf und blieben auf der halben Hhe
der Treppe stehen. Herr Ratgeber, das Reisekfferchen tragend, winkte
den Kindern lachend zu, innezuhalten, die Frau schttelte verdrossen
lchelnd den Kopf, und ihre Blicke blieben auf Gerda haften, die
vergeblich bemht war, sich aus dem Reisemantel zu befreien.

Von Stund an ging alles einen andern Gang im Hause. Frh, mit dem
Glockenschlag sieben hie es aufstehen; es war keine Minute der
Besinnung erlaubt, kein Sichdehnen, kein Zurckdenken an die Trume, ein
Rtteln an der Schulter und: heraus. Besonders fr den kleinen
krummbeinigen Abel war es hart, oft, wenn er schon gewaschen und
angekleidet war, fielen ihm am Frhstckstisch die Augen wieder zu. Es
gab keine Pfennige mehr zum Vesperbrot, und damit war eine der schnsten
Vergngungen zerstrt: den Schulhof verlassen, ber die Strae zum
Bcker laufen und so mit einigen andern, welche die gleiche
Schicksalsgunst genossen, eine scheinhafte kurze Freiheit erobern. Nach
der Schule mute man in gemessener Zeit zu Hause sein, Frau Ratgeber
hate das Streunen. Am Abend, kaum war das Brot gegessen, hie es
wieder: ins Bett, ins Bett; kein Einwand galt, alles war Befehl und
Regel geworden. Die neue Frau Ratgeber meinte es nicht schlecht mit den
Kindern, sie glaubte das Rechte zu wollen und zu tun, auch wenn sie das
Brot, bis auf den Millimeter berechnet, vorschnitt, Fleisch nur in den
winzigsten Portionen verteilte, den Zucker zum Kaffee abschaffte, so da
das wasserdnne graubraune Getrnk kaum hinunterzubringen war. Engelhart
wute natrlich nichts von dem Zwang, zu sparen, unter dem sie stand,
und da sie nur durch die scharfsinnigste Strategie in den Ausgaben mit
dem zugewiesenen Wochengeld den Haushalt bestreiten konnte. Er sprte
nur die haartige Lieblosigkeit, die ihm vorenthielt, was er bis jetzt
genossen hatte; er bumte sich auf unter tyrannischen Verboten, er wurde
hinterlistig, wenn er sich hinterlistig angeklagt sah, feig oder rasend
den aufgebauschten Beschuldigungen gegenber, die stets vor das Tribunal
des Vaters gebracht wurden, und er blieb bei groen Versehungen reuelos,
weil auch die kleinsten ungromtig verdammt wurden. Bald griff er zur
Lge aus Furcht, aus Diplomatie, zur gedankenlosen Lge, ja zur Lge,
die er nur erfand, um sich in einer dumpfen Weise an der Frau zu rchen.
Nicht selten gebrauchte er langwierige Ausreden, um sich eines
erbrmlichen Vorteils zu versichern, und war einmal ein auskmmlicher
Tag mit der Stiefmutter, so tat er freundlicher gegen sie, als ihm
zumute war, schmeichelte ihrem Bedrfnis nach Klatsch durch allerhand
Geschichten und suchte sie mglichst lang bei guter Laune zu erhalten.
Zweimal in der Woche ging sie des Abends zum Fleischer, da begleitete er
sie, schleppte den schweren Korb nach Hause, sa am Tisch bei ihr, wenn
sie Linsen klaubte oder pfel schlte, und wenn er im Plaudern war und
sie bisweilen zum Lachen brachte, dann bersah sie es, da er die Butzen
der pfel a oder das in den Streifschalen verbliebene Fruchtfleisch mit
den Zhnen herausschabte; dann durfte er auch noch eine halbe Stunde in
seinem geliebten Don Quichotte lesen oder aus Zwirn, Glsern und
allerlei Schachteln sonderbare Palste bauen. Wies sie ihn aber zu Bett,
so durfte kein Widerspruch fallen. Das freie, arglose Wort fand kein
Echo in ihr, die rckhaltlose Heiterkeit erweckte ihr Verdru und
Mitrauen, der offene Blick erschien ihr frech. In ihr selbst war nichts
als tartffisches Ducken gegen gesellschaftlich Hherstehende, auch wenn
sie nachgewiesenermaen nur hundert Mark mehr Einkommen besaen. In den
engsten und dunkelsten Verhltnissen eines frnkischen Judendorfs
aufgewachsen, war sie von einer dmonischen Liebe zum Geld besessen. Im
Geld suchte sie die Quellen des Lebens. Sie war aufs genaueste mit den
Verhltnissen aller Familien der Stadt bekannt und richtete auf der
Strae ihren Gru nach eines jeden Besitz. Wenn ein reicher Mann starb,
war sie immer ein wenig erstaunt darber, da Gott seine Hand auch nach
einem solchen Inbegriff irdischer Macht ausstreckte. Ihr ganzes Tun und
Lassen war von rtselhaftem Neid durchflutet. Ihre Zge waren zerrissen
von Unruhe, Unmut, Ungengsamkeit und Ehrgeiz, ihr Blick war stechend,
ihr Mund bitter und rgerlich zusammengepret. Sie war eine Natur, alles
Wohlwollens bar, ohne sanftes Verweilen im Augenblick, ohne frauenhaftes
Trumen. Wenn andre Tausende auf Tausende huften, wollte sie wenigstens
Pfennig um Pfennig sammeln, und weil sie darin kein Ende sah und alle
Geister des Behagens auf immer von der Schwelle verscheucht wurden, an
der sie begehrlich lechzend stand, so entsprang Fried- und
Lichtlosigkeit aus allem, woran sie die Hnde rhrte. Ihr war es nicht
gegeben, Zutrauen zu erwecken, die frheren Freunde der Familie blieben
fern. Kein gemtliches Bild, keine anziehende Vorstellung belebte die
Rume, wenn Engelhart, fern vom Hause, sie sich gegenwrtig hielt.
Einsam sparte und haderte die Frau und fllte ihre Tage mit
erschpfender Arbeit.

Einmal kam Engelhart hungrig aus der Schule, und als er durch die Kche
ging, wo sich gerade niemand aufhielt, sah er einen Korb voll kleiner
pfel auf dem Anricht stehen. Unbedenklich nahm er zwei pfel, verzehrte
sie im Zimmer, entledigte sich des Schulgerts und schickte sich an,
mglichst schnell zu entkommen, denn es war der erste schne Tag nach
regnerischen Wochen. Pltzlich stand die Stiefmutter vor ihm und fragte
atemlos: Wer hat von den pfeln gestohlen?

Der Knabe starrte sie an; er war im Begriff, es ruhig zu bekennen, doch
das Wort gestohlen machte ihn stutzig. Ich habe nichts gestohlen,
antwortete er. Das Zittern seiner Stimme und besonders das Errten
strafte ihn Lgen.

Leugne nicht, sagte die Frau, ich habe die pfel gezhlt; du wirst ja
feuerrot, du schlechter Mensch. Damit schlug sie ihn vor den Kopf, da
er zurcktaumelte; noch einmal erhob sie den Arm, Engelhart fing ihn auf
und hielt ihn krampfhaft fest, darauf wurde sie von Wut und Bosheit
bermannt und schlug aus aller Kraft mit beiden Fusten los. Der Knabe
schrie; je mehr er schrie, je wilder wurde die Frau; die Leute vom Haus
liefen zusammen, die Magd rannte von der Waschkche herauf. Endlich
gelang es Engelhart zu entkommen, er taumelte in den Flur, tastete sich
am Gitter entlang und verkroch sich im finsteren Ende des Korridors
zwischen zwei Schrnken. Er blieb unbeweglich dort, um zu warten, bis
der Vater kam. Endlich vernahm er seine kurzen hastigen Schritte und
atmete auf. Es verflo geraume Zeit, bevor Herr Ratgeber das Zimmer
wieder verlie. Schon bedrckte den Knaben die Einsamkeit und
Halbdunkelheit, er glaubte es aber so lang ertragen zu mssen, bis er
mit Gte ins Licht zurckgefhrt wrde. Da rief die Stimme des Vaters
seinen Namen, doch mit so hartem Klang, da er erschrak und sich nicht
rhrte. Noch einmal tnte der Ruf, lauter, gereizter, ungeduldiger.

Dort hinten steckt er, sagte Abel, der herangeschlichen war und den
Bruder verlegen zwinkernd betrachtete.

Herr Ratgeber packte Engelhart am Arm und zerrte ihn hinein. Zum Lgner
bist du geworden, zum Dieb? Du willst mir Kummer machen, ich wei es
schon lang, fort aus meinen Augen, ich kann dich nicht mehr sehen!
Damit wandte sich Herr Ratgeber ab, ging in das nchste Zimmer und
schlug die Tr zu. Die Sprache, die er gefhrt, raubte Engelhart beinahe
das Gefhl des Lebens. Besonders der Umstand, da er gar nicht gefragt
worden, da kein Fnkchen Recht auf seiner Seite gelten sollte, da der
Vater den Worten seiner Frau ohne weiteres Glauben schenkte, das
umkrampfte seine Brust, und er hatte eine solche Verzweiflung bisher
noch nicht kennen gelernt.

Nicht mehr ganz derselbe wie vorher verlie er das Haus und ging ber
den Bahndamm bis auf den Dambacher Weg. Der schne Tag, die vollkommene
Ruhe der Felder und Wiesen, der lautlos dahinflieende Rednitzflu mit
seinen Wasserrdern, die alte Schwedenfeste in der Ferne und der Wald
rings um sie wie ein blauer Kranz: dies alles zog ihn empor aus dem
Abgrund seines Schmerzes. Er setzte sich unter einen Weidenbaum dicht am
Ufer und verfolgte das Treiben der Krhen, die sich in seiner
Nachbarschaft furchtlos niederlieen. Das Flubett war vom langen Regen
hoch angeschwollen, das Wasser trug auf seinem Rcken Hunderte von
Baumzweigen dahin. Htte ihn nicht der Hunger geqult, so wre Engelhart
bis in die Nacht hier geblieben; er umfate Land, Wald, Wasser und
Himmel mit einer neuen, ernsten Empfindung, er fhlte mit dunkler
Genugtuung, was ihm beschieden sein knnte, wenn er in sich wirken
lassen wrde, was so gro, so feierlich sich als Welt, als Natur vor ihm
hinbreitete. Als er heimwrts wanderte, sank die Sonne hinter den
Waldrndern, der Himmel sah aus, wie wenn aus verborgenen Quellen
rotglhendes Eisen ber ihn hingestrmt wre. Darber streckten sich,
aus einem Mittelpunkt hervorlaufend, grne Strahlenbschel, einzelne
Wolken hingen gleich ruhig brennenden Schiffen im Zenit und die Ebene
zitterte im rtlichen Dunst.

Fremd und fremder fand sich Engelhart dem Vater gegenber, und auch
dieser verga seinen Groll diesmal lange nicht, vielleicht um die
Ahnung von eigner Schuld zu ersticken. An einem Sonntagabend holte Herr
Ratgeber die Gitarre von der Wand. In frheren Zeiten hatte er oft und
gern darauf gespielt und Lieder gesungen, die er noch aus seiner
Knabenzeit kannte. Er pflegte damals unbestimmt, doch glcklich vor sich
hin zu lcheln, und seine Augen fllten sich mit einem Ausdruck
schamhafter Schwrmerei. Heute schlug er wie suchend ein paar Akkorde
an; Engelhart bat, er mge doch singen, aber Herr Ratgeber zog die Stirn
in Falten, legte das Instrument beiseite, machte eine abwehrende
Bewegung mit der Hand und sagte rauh: Du kannst schlafen gehen. Die
Gitarre wanderte bald darauf in die Rumpelkammer. Herr Ratgeber zeigte
nie mehr Verlangen nach ihr.

Die Fabrik war im Gang, sechsundzwanzig Arbeiter waren an den
Hobelbnken, an der Kreissge, am Gasmotor ttig. Herr Ratgeber war
tagelang beschftigt, die fertiggestellten Holzschachteln mit Bildern zu
bekleben und diese dann zu lackieren. Er hatte aus Sparsamkeitsrcksichten
nur einen einzigen Kommis aufgenommen, einen gewissen Lechner, der an
Epilepsie litt. Oft schien es, als lausche Herr Ratgeber mit
Befriedigung auf das furchtbar jauchzende Kreischen der Sge, das von
den Fabrikrumen hereindrang, lauter und wilder, wenn eine Tr geffnet
wurde; meist aber war er traurig und verstimmt. An den Zahltagen kamen
die Arbeiter zur Kasse, es gab nicht selten Streit, die Leute nahmen
eine drohende Haltung an. Wenn Herr Ratgeber dann wieder allein war,
rechnete er stundenlang, stellte den Umsatz fest, berschlug die
Herstellungskosten eines neuen Artikels und beriet mit dem Werkfhrer
ber Lhne und Holzsorten. Spt am Abend schrieb er Briefe und Fakturen,
zeichnete Muster und Plne oder lackierte abermals die einfltigen
Bilder auf den Schachteln. Oft kam Engelhart und erinnerte den Vater an
das Nachtessen, dann lschte Herr Ratgeber mit einem letzten Blick und
Seufzen die Lichter, versperrte Laden, Geldschrank und Tren und ging
schweigend mit dem Knaben nach Hause. Unbewut schnitt es Engelhart ins
Herz, wenn der Vater einmal wieder vergngt war, etwa wenn Fremde da
waren -- wenn er mit seinen funkelnden Augen an harmlosen Gesprchen
teilnahm, wenn er sich selbst wieder sprte und die Zeitlufte verga.
Es wohnten ungelenkte Krfte in seiner Brust, aber Krfte waren es; mit
beiden Fusten hielt er sich grimmig an der Lebensleiter fest und konnte
nicht empor, vielleicht weil ein brutaler Vorgnger die Sprossen
zerbrochen hatte.

Die Kinder sahen nur noch die richterliche Gewalt in ihm, er schien
nicht mehr Teilnahme fr sie zu hegen als der Drahtziehende im
Puppentheater an den gehorchenmssenden Marionetten. Bei Tisch durfte
nicht gesprochen werden, anstndige Kinder sprechen nicht bei Tisch,
hie es. Ein Verbot wurde ausgesprochen, die Kinder wollten den Grund
wissen, dies setzte oft in Verlegenheit, und jede Errterung wurde mit
dem Satz abgeschnitten: Genug, ein Kind fragt nicht warum. Der Vater
verlor das Licht in Engelharts Augen, es kam vor, da er beim Schall
seiner Schritte zitterte. Er lernte in den Blicken und zwischen den
Lippen der Menschen lesen, erfllt von Mitrauen und allgemeiner Angst.
Gerade in dieser Zeit fand er einen Kameraden. Sein Name war Philipp
Raimund, es war ein aufgeweckter Knabe von grazisem Wesen; er hatte
etwas Beschwingtes, Beherztes, das in seinem Gang und in seiner Art, den
Kopf zu tragen, zur Geltung kam, seine Stimmung war durchsichtig wie
Glas, alles an ihm war hell, seine uerungen hatten eine famose
angeborene Krftigkeit. An einem Mittwochnachmittag marschierten sie
zusammen in den Burgfarnbacher Wald, bis sie an eine tiefeinsame Stelle
kamen. Dort rasteten sie. Raimund teilte sein Butterbrot mit Engelhart,
sie sprachen ber die Schule, dann ber ihre Eltern, und Raimund fragte
beilufig, ob es Engelhart nicht gut zu Hause habe.

Wir haben jetzt eine Stiefmutter, entgegnete dieser in einem Ton, als
ob es sich um eine kleine vorbergehende Unannehmlichkeit handle.

Autsch! rief Raimund teilnehmend und patschte sich auf die Schenkel.
Von da an wurde sein Benehmen noch zarter und freundlicher; er berhrte
diesen Umstand niemals wieder. Immer mehr nahm die Philosophie von ihren
Unterhaltungen Besitz, und sie stritten mit Eifer ber die Existenz
Gottes. Engelhart leugnete Gott; das bekmmerte Raimund, und er hatte
viele Grnde dagegen. Knnen denn die Blumen und die Bume von selbst
entstehen? fragte er eindringlich, und die Sonne, sie ist doch da,
folglich mu sie geschaffen worden sein.

Sie ist ewig, antwortete Engelhart.

Ewig? Was heit das? warf Raimund nachdenklich entgegen. Ewig ist
nichts, das ist doch nur ein Wort.

Dieser Einwand machte Engelhart stutzig, er htte nichts zu sagen
gewut, wenn Raimund nicht hinzugefgt htte: Und der Mensch, so schn
und lebendig, glaubst du, durch Zauberei ist er gekommen?

Die Menschen entstehen aus sich selbst, sagte Engelhart.

Wie, aus sich selbst? fragte der andre erstaunt.

Ich wei es, behauptete Engelhart finster, dennoch sank in diesem
Augenblick seine Wissenschaft in Nichts zusammen, und aus Groll darber
ward er strrisch. Wie ist denn Gott? warf er dem Freunde grimmig ein.
Was ist denn Gott? wie denkst du ihn? wie sieht er aus?

Raimund lchelte sonderbar liebenswrdig und sagte ruhig: Er ist ein
Wesen. Dazu machte er eine getragene Handbewegung und sein Gesicht
hatte den Ausdruck der Verehrung.

Dies geistige Einander- und Sichselbstsuchen im kindischen Wortgefecht,
dies warme Emporsehnen und Hinausfhlen war genug des Glcks, was konnte
ein Ja oder Nein daran vermehren oder davon rauben? Ihre Worte glichen
leerem Fliegengesurr in sommerlicher Luft, was Engelhart dachte, teilte
er dem Freunde mit, aber was sie empfanden, verbargen sie einander
sorgsam, so wurde ihr Beisammensein reich an unterirdischen Quellen.
Raimund zuerst fand Engelharts Herz voll von Freundschaft, er bereitete
es zu fr die Freundschaft, er machte ihm das Gesprch mit einem
vertrauten Genossen unentbehrlich.

Eines Tages durfte Gerda an einem Spaziergang der Freunde teilnehmen,
und das kam so: Engelhart hatte Raimund abgeholt, und sie gingen an dem
Haus vorbei, wo Ratgebers wohnten. Da sahen sie Gerda auf der
Steintreppe des Spenglerladens sitzen und weinen. Die Knaben fragten sie
aus, und sie erzhlte, sie habe ein Glas zerbrochen und sei geschlagen
worden. Der mitleidige Raimund lud sie ein, mitzukommen, und sie besann
sich nicht lang. Sie wanderten in den Vestnerwald, Gerdas blasses
Gesicht frbte sich in der belebenden Luft, und ihre Augen, deren
Ausdruck stets zwischen Pfiffigkeit und Trumerei wechselte, blickten
freier. Sie gab nur Angst vor neuer Zchtigung zu erkennen, weil sie so
weit vom Hause war, aber Raimund lachte und meinte, das wolle er schon
richten. In der Tat hatte Frau Ratgeber eine Schwche fr den Knaben,
weil er angesehener Leute Kind war und ihr sein Verkehr mit Engelhart
schmeichelhaft vorkam; er war der Sohn eines Landgerichtsrats.

Die drei zogen tiefer in den Wald und beachteten kaum, da die Dmmerung
einbrach. Bisweilen blieb Raimund stehen und hielt mit scharfen Augen
Umschau. Ein Uhu schrie in der Ferne, es wurde schnell dunkel, gerade
da sie noch den Waldrand und die Landstrae erreichten, ohne in die
Irre gegangen zu sein. Gerda war pltzlich todmde, sie war nicht
gewohnt zu marschieren, sie sank nieder in das feuchte Gras und
schttelte auf Raimunds scherzhaften Vorschlag, da er und Engelhart sie
tragen knnten, matt lchelnd den Kopf. Gleich darauf war sie
eingeschlafen.

Lassen wir sie ein wenig schlafen, murmelte Engelhart, jetzt ist
alles eins, Prgel gibt's sowieso. Vor ihnen im Osten stieg der
Vollmond auf; zur Mulde vertieft, lagen die cker, und auf dem Kamm des
langgestreckten Hgels standen drei Pappelbume, scharf in den Himmel
gezeichnet. Raimund machte sich lustig ber Engelharts Schweigsamkeit,
auch spter, als sie schon auf dem Heimweg waren, das verschlafene
Mdchen in ihrer Mitte fhrend. Aber er konnte nicht anders, es war ihm
bang ums Herz, und er vermochte nicht Rechenschaft zu geben warum, er
fand kein Wort, keinen Gedanken dafr. Es war, als verursache die
Schnheit der Nacht ihm Schmerz, er sprte eine Kraft in sich, die er
nicht anzuwenden wute, es beunruhigte ihn eine Flle, welche die Brust
zu sprengen drohte.

Raimund begleitete die Geschwister bis nach Hause und machte einen so
geschickten Frsprecher, da man Gnade walten lie. Das war der letzte
schne Tag mit Raimund, bald darauf verlieen seine Eltern die Stadt,
sein Vater war nach Bamberg versetzt worden.




                           Sechstes Kapitel


Im darauffolgenden Herbst zogen Ratgebers in jenes Haus, in dessen
Hoftrakt sich die Fabrik des Vaters befand. Engelhart hatte jetzt
ernsthaft fr die Schule zu arbeiten, wenn er vorwrts kommen wollte,
doch er gengte keineswegs allen Ansprchen und brachte vielfach
schlechte Zensuren.

Du bist nicht bei der Sache, sagte Herr Ratgeber streng, du trumst.

Er ist ein Duckmuser, fgte die Stiefmutter hinzu, sieh ihn nur an,
er hat keinen freien Blick. Dieser Vorwurf traf den Knaben empfindlich;
er wute sein Auge nach innen beschftigt, wenn ihn jemand anrief, ri
er sich erst los von einem inneren Bild, aber dann fhlte er seinen
Blick ohne Scheu, er frchtete die Augen der Menschen nicht, hchstens
die der fremden Frau, die er Mutter nennen sollte. Er konnte sich
freilich nicht geben, sondern wollte genommen werden, doch liebte er die
Menschen, und das mit jedem Tage mehr; selbst vom Gleichgltigsten
zurckgestoen zu werden, war ihm rgerlich. Er suchte Zuneigung,
Zustimmung, Einverstndnis und gewahrte, wohin er auch sah, die Spuren
halbverwischter, mhsam verdeckter Leiden und die Schatten des Hasses,
alle qulten sich aneinander, einer schrfte sich am andern wund, auch
im eignen kleinen Kreis war niemals Frieden. Die Sparwut der Stiefmutter
berschritt jedes Ma, bei den Bekannten in der Stadt sprach man offen
davon, da die Ratgeberschen Kinder hungern mten, Frau Karoline Curius
schrieb es an Michael Herz nach Wien. Dieser gab nun seiner Schwester
eine Summe in Verwahrung, sie solle sich der Kinder annehmen, und
Engelhart solle wchentlich eine Mark Taschengeld erhalten. Ferner
beschlo er, Gerda aus dem elterlichen Haus zu nehmen; er verstndigte
sich mit dem Vater, und ehe Weihnachten kam, reiste das glckliche
Mdchen, jetzt erst seiner Kindheit wiedergegeben, nach dem
oberfrnkischen Stdtchen Neustadt, wo sie in einem rhmlich bekannten
Pensionat Aufnahme fand.

Engelhart erschien sich mit seiner wchentlichen Rente als reicher Mann,
doch erwuchs ihm keine Freude daraus. Wenn er den Besitz genieen
wollte, mute er ihn ngstlich geheimhalten, und diese Heimlichkeit
bedrckte ihn: das lichtscheue Gebaren beim Kauf jedes Stckchen Brotes,
das Verstecken seiner Pfennige am Abend vor dem Schlafengehen; was eine
Erleichterung htte sein sollen, beschwerte ihn, er hate sich, wenn er
seinen Hunger stillte, und inbrnstig suchte sich sein Geist aus der
trben Tglichkeit zu lsen. Durch Zufall kam ihm ein populres Buch
ber die Sternenwelt in die Hand, und entzckt sog er das fabelhafte
Neue in sich auf. Welch ein Himmel, welch eine Welt! Die Gestirne ein
feuerflssiges Chaos, alles Werden ein Spiel von Jahrmillionen, die
unscheinbare Milchstrae in zahl- und namenlose Sonnen geteilt, jede
sich regend in grauenhafter Gesetzmigkeit, das ganze Universum ein
Bild zielloser Eile, ein Hinrasen durch unendliche Finsternis. Des
Knaben Gedanken tasteten sich schauernd von Erscheinung zu Erscheinung,
wie Schneegestber in einen Garten mit jungen Blttern wirbelte und
strzte dies alles in seinen Kopf, Andacht mischte sich mit Traurigkeit,
und es schien ihm vergeblich, ein Glck fr das eigne schwanke Herz zu
suchen, das wie ein Atom im Staubmeer unter einem kurzen Lichtstrahl
leuchtend zuckt, um dann still in die Dunkelheit zu gleiten. Oft drohte
ihm die Brust zu zerspringen, und wenn er lange in einer entlegenen Ecke
vor sich hingegrbelt, lief er hinaus durch die Straen ins freie Feld,
redete laut vor sich hin, berauschte sich in unsinnigen Gesngen, um an
einem einsamen Punkt der Landschaft pltzlich stehen zu bleiben und
sehnschtig auf Stimmen zu horchen, die seine entbrannte Phantasie in
die Fernen und Tiefen zauberte.

War all das nur ein buntes, bses Trumen der ums Wachsein sich
qulenden Seele? An Nebeltagen verschwimmen Himmel und Erde, und der
Schatten an einer Mauer scheint sich in die Wolken zu recken.

In dieser Zeit kam Engelhart fast tglich ins Haus der Tante Curius.
Herr Peter Salomon hatte seinen Posten im Ratgeberschen Geschft lngst
aufgegeben und betrieb eine Kohlenhandlung, aber seine Einknfte htten
ihm nicht gestattet, das Feinschmeckerleben zu fhren, zu dem er sich
ausersehen glaubte, wenn nicht Michael Herz in Wien regelmige und
bedeutende Zuschsse gewhrt htte. Peter Salomon betrachtete das als
einen selbstverstndlichen Tribut, und wenn kein Geld mehr da war, sagte
er mit einer gravittischen Handbewegung: Karoline, du mut nach Wien
schreiben; dein Michael mu bluten, da hilft kein Herrgott. Dann
tnzelte er lchelnd von einem Fu auf den andern, trllerte ein Lied
und ging ins Wirtshaus. Der Kohlenhandel ging natrlich schlecht, da
Herr Curius nicht zu arbeiten liebte; er begngte sich mit dem
Bewutsein, da in ihm das Talent zu einem Millionr stecke. Eines Tages
kaufte er fr zwlftausend Mark, es war alles, was er berhaupt besa,
einen Bauplatz, der am uersten Rande der Stadt gegen Muggenhof zu lag,
und obwohl ihm alle vernnftigen Leute die Aussichtslosigkeit des
Projektes lebhaft vor Augen stellten, fhrte er seinen Willen durch, und
seine Hauptbeschftigung bestand von nun an darin, erstens so oft als
tunlich auf seinem eignen Grund und Boden spazieren zu gehen, zweitens
zu warten, bis irgendein wunderbares Ereignis die Landpreise so in die
Hhe treibe, da er zum reichen Manne wrde. In zehn Jahren,
behauptete er mit jener Sicherheit, die ihn in den Augen seiner Frau zu
einem Genie machte, wird man mir zweimalhunderttausend Mark anbieten,
aber ich werde noch weitere zehn Jahre zusehen. Ihr sollt den Curius
kennen lernen.

Nun war beinahe seit dem ersten Tag der Ehe eine Person namens Barbara
Kroner im Hause, die zuerst als Kchin, dann als Wirtschafterin galt,
die aber in Wirklichkeit die Geliebte Peter Salomons war. Man erzhlte
sich, da alle drei, Mann, Frau und Magd, in demselben Zimmer schliefen
und da die Frau gezwungen sei, die Zrtlichkeit ihres Mannes mit der
Fremden zu sehen, man entrstete sich darber und gab der Frau schuld,
da sie etwas beschrnkten Geistes war. Aber sie liebte ihren Peter
Salomon so abgttisch, da sie in seiner Gegenwart nicht den Blick von
ihm wandte, und ihre Selbstverleugnung war so gro, da sie die andre
mitliebte, da die andre die Herrin spielen und mit demselben
Allerweltshohn wie Curius jede Billigkeit vergessen durfte. Barbara
Kroner weigerte sich schlielich, die gemeine Hausarbeit zu verrichten,
und drang darauf, da ein Dienstmdchen angestellt werde. Peter Salomon
benutzte die Gelegenheit und whlte unter denen, die sich dazu anboten,
ein hchst scharmuzierliches Frauenzimmer, wie er sich ausdrckte, eine
gewisse Anna Wild aus der Gegend von Baireuth. Sie gefiel Peter Salomon
so ber die Maen, da er Frau samt Kebsweib verga und sich emsig
hinter die Neue machte. Anna Wild war in der Tat ein schnes Weib; sie
ging meist mit kokett gesenkten Augen, und wenn sie lchelte, flammten
hinter den feuchten Lippen die weiesten Zhne. Die Kroner wurde von
Eifersucht erfat, es gab fortwhrend Znkereien, einmal wollte die Wild
Phosphorkappen von Zndhlzern in ihrer Suppe gefunden haben. Alledem
sah Frau Curius still zu. Nicht nur, da sie die Unbequemlichkeiten
ertrug, sondern sie warb auch noch bei Anna Wild fr ihren Gatten und
begnstigte sie, als sie in ihr die Mehrgeliebte sah.

An einem Abend kam Engelhart hinber und sah Anna Wild hinter der
Kellertr sitzen, ein llmpchen neben sich, und in die Tiefe starren.
Der Knabe fragte, auf wen sie warte, sie blickte ihn flchtig an,
schttelte den Kopf und rief nach einer kleinen Weile gegen die Wohnung
hinauf: Herr Curius! Herr Curius! Es kam keine Antwort, das Mdchen
wandte sich zu Engelhart und forderte ihn auf, sie in den Keller zu
begleiten, sie frchte sich allein. Er ging mit, sie rollte ein kleines
Bierfa aus dem Verschlag, stellte es auf die Bank, wo das Lmpchen
stand, nahm den Hammer und hieb mit starken Schlgen den Keil in den
Spund. Dann nahm sie den Abzugsschlauch, steckte ihn in die ffnung und
trank am andern Ende mit langen, durstigen Schlcken. Pltzlich hielt
sie inne und sagte: Du knntest mir gleich einen Ku geben, du
Kleiner. Da er nicht antwortete, zog sie ihn am Arm heran und hie ihn
aus dem Schlauch trinken, wie sie selbst getan. Ordentlich! befahl
sie. Du wirst kein Mann, wenn du nicht trinken kannst. Und ehe er sich
dessen versah, ergriff sie ihn ganz wie er war, drckte seine Schulter
an ihre Brust, packte mit der Hand sein Kinn und kte ihn mitten auf
den Mund. Engelhart packte sie zornig bei den Haaren und suchte ihren
Kopf zurckzustemmen, ihm war, als berhre ein zuckender, khler Fisch
seine Lippen, endlich ri er sich mit aller Kraft los und stolperte die
finstere Treppe hinauf. Anna Wild lachte hinter ihm drein und rief:
Wirst kein Mann, wenn du nicht kssen kannst.

Tagelang vermied Engelhart den Blick der Menschen, und wenn ihn jemand
anredete, erschrak er. Bisweilen rieb er mit den Fingern seine Lippen
ab, als suche er das Gedchtnis an jenen fischhaften Druck
fortzuwischen. Wenn er aus dem Schlaf erwachte, blickte er unruhig in
die Finsternis, der Wind rttelte am Fenster, und es war ihm, als laure
drauen, den Raum zwischen Himmel und Erde fllend, ein ungeheures
Raubtier. Vielleicht htte er das ganze Erlebnis wieder vergessen, wenn
nicht andre Dinge sich ereignet htten, die seinem Nachdenken und seiner
dumpfen Verstrtheit neue Nahrung gaben. Die Magd bei Ratgebers hatte
einen Liebhaber aus der Fabrik, und es kam heraus, da dieser sich
allnchtlich in ihre Kammer schlich. Eines Nachts wachte Engelhart von
wildem Schreien und Schimpfen auf. Er erhob sich und lugte durch die
Trspalte. Die Magd und ihr Liebhaber standen beide im Hemd vor Herrn
Ratgeber, das Weib heulte, der Liebhaber und Herr Ratgeber brllten.
Oben und unten ffneten sich Tren, verschlafene Leute erschienen, und
endlich mute das Paar, nachdem es sich angekleidet hatte, schimpflich
das Haus verlassen. Darauf folgte eine angstvolle Zeit, in jeder Nacht
vor Torschlu lutete die Flurglocke strmisch, der Liebhaber und seine
Kumpane standen drauen und verlangten unter unheimlichen Reden den Lohn
der Magd fr die nichteingehaltene Kndigungsfrist. Da nicht aufgemacht
wurde, stieen sie das Glas an der Tre ein und einer warf sein Messer
in den Korridor. Das ging so fort, bis die Polizei dem Treiben ein Ende
machte.

Langsam und mit unerbittlicher Gewalt tauchte fr Engelhart ein Warum
nach dem andern aus der Tiefe des Nichtwissens empor. Er drstete nach
Wahrheit und Aufklrung und mute unerlst hangen zwischen Lge und
Feigheit, mute zitternd weilen wie der Blinde, der an einen Stein stt
und sich nicht weiter wagt, trotzdem zu beiden Seiten kein andres
Hindernis ist. Ja, er mute in der Luft der Heuchelei zum Heuchler
werden, so da ihm bangte, wenn von den mysterisen Dingen zu Hause oder
unter Freunden geflstert wurde und er sich anschickte, mit Befangenheit
den Unbefangenen zu spielen. Was er auch von den Menschen und ihren
Einrichtungen beurteilen lernte, erschien ihm widersinnig und grausam.

Es war im Karneval, da ereignete es sich, da unter Engelharts
Mitschlern das Gercht umlief, ein gewisser Bachmann, der dieselbe
Klasse besuchte, aber zwei Jahre lter und wegen seines gewaltttigen
Wesens von allen gefrchtet und gemieden war, habe seinem Vater eine
groe Summe Geldes entwendet und alles im Verlauf kurzer Zeit in einem
ffentlichen Haus verprat. Die Sage kam zu den Ohren der Lehrer und des
Rektors, es fand eine groe Untersuchung statt, in die auch einige
Schler der oberen Klassen verwickelt wurden, und Bachmann und seine
Mitschuldigen wurden dimittiert. Am Nachmittag des Faschingdienstags
kehrte Engelhart mit einer Schar von Kameraden von der Turnstunde
zurck. Die Turnhalle war etwas auerhalb der Stadt gelegen, und ohne
da Engelhart wute, was im Werk war, bemerkte er pltzlich ein
heimliches Raunen und aufgeregtes Tuscheln unter den Knaben, und sie
zogen in eine Seitengasse, wo ein paar unscheinbare Huser standen,
deren Fenster mit grnen Lden verschlossen waren. Die Schar, es waren
zwanzig bis fnfundzwanzig Knaben, wurde immer stiller, einige sahen
sich mit furchtsamen, fast irr glnzenden Augen um, andre lchelten
scheu. Sie standen eine Weile unschlssig, zwei oder drei rieten
umzukehren, da ffnete sich im oberen Stock eines Huschens ein Fenster,
und der dicke Bachmann, der Stier, wie sein Spitzname lautete, lehnte
sich ber das Sims. Er hatte eine Harlekinmtze auf dem Kopf und sah
wst und verkommen aus. Hinter ihm erschienen zwei oder drei Mdchen,
bis zur Brust entblt; sie lachten und klapperten zugleich vor Klte
mit den Zhnen, die eine hielt eine Weinflasche in die Hhe, die andre
stie Lockrufe aus, wie wenn man Hunde lockt. Auch sie hatten bunte
Papiermtzen, mit klingenden Schellen behangen.

Unten standen die Knaben vollstndig lautlos. Von denen, die rckwrts
standen, schlichen einige ngstlich davon. Bachmann forderte sie auf,
ins Haus zu kommen, er habe Geld genug, doch keiner antwortete. Es
dunkelte schon, und nach und nach machten sich alle aus dem Staub.
Engelhart trieb sich noch eine Weile in der heute mehr als sonst
belebten Stadt umher; als er heimkam, sah er unten im Packraum neben dem
Schreibzimmer des Vaters den Kommis Lechner. Es drngte ihn, mit irgend
jemand zu sprechen. Er hatte die Gesellschaft gerade dieses Menschen bis
jetzt gemieden, er war einmal dabei gewesen, als Lechner im
epileptischen Krampf niedergestrzt war, Tisch und Bank mit sich
reiend, in grauenhaftem Gebrll mit allen Gliedern zuckend; seitdem war
ihm seine Nhe unertrglich, und doch konnte er heute nicht anders, er
gesellte sich zu ihm, begann scheinbar harmlos zu plaudern und erzhlte
ihm die Geschichte mit Bachmann stockend und umstndlich. Gewi merkte
Lechner das Bedrckte und Fragende in Engelharts Gebaren, und er
benutzte den Anla, um als Wissender den Unwissenden zu sticheln.
Engelhart setzte sich auf eine Kiste und hrte zu wie einer, der
Vorwrfe verdient. Da nahm Lechner einen mitleidig-lehrhaften und
vertraulichen Ton an, lehnte sich flsternd ber den Tisch und seine
Augen flackerten glimmerig. Von namenloser Scham wie gerdert, lauschte
Engelhart den unverkleideten Worten des Menschen. Sein erster stechender
Gedanke war: 'Und meine Mutter?' Es erleichterte ihn, da er ihr nicht
begegnen mute, da ihr Tod ihm erspart hatte, sie mit Augen voll
solcher Kenntnis ansehen zu sollen. Mit einem Abscheu vor Lechner, der
keines Wortes fhig war, erhob er sich und ging. Der andre, der
Dankbarkeit und begieriges Eingehen erwartet hatte, war erzrnt; er
hate den Knaben von da an und verfolgte ihn bei jeder Gelegenheit mit
hmischen Anspielungen. Ja, seine Tcke scheute nicht davor zurck,
Herrn Ratgeber mit dem wohlgemeinten Hinweis auf Engelharts frhe und
gefhrliche Reife zu beunruhigen.

Engelhart schlief mit seinem Bruder Abel, der jetzt neun Jahre alt war,
in einem Bette. Abel war ein ganz und gar verprgeltes Kind; die steten
Gefahren, von denen er umlauert war, hatten ihn tckisch und verschlagen
gemacht, und da ihm jede wahre Zucht mangelte, bot sein Charakter dem
Schlechten und Niedrigen immer weniger Hemmungen dar. Engelhart hatte
ihn wegen kleiner Verrtereien, durch die sich Abel bei der Stiefmutter
ein Stck Brot oder ein gutes Wort erkaufte, vielfach zu frchten, doch
hatte er schlielich ein Mittel gefunden, durch das er den Bruder im
Zaum halten und an sich fesseln konnte: er erzhlte ihm allabendlich vor
dem Einschlafen Geschichten, Mrchen und Abenteuer, die er gelesen
hatte, und als ihm der Vorrat ausging, fing er an, selbsterfundene
Geschichten zu erzhlen, und zwar solche, die er nicht zu Ende fhrte,
sondern in schlauer Manier stets im spannendsten Moment mit der
Zeitungsphrase abbrach: Fortsetzung folgt morgen. So entstanden nicht
selten sonderbare und raffinierte Verwicklungen, deren Lsung immer
weiter hinausgeschoben wurde und die an Engelharts Gedchtnis groe
Anforderungen stellten. Abel war ein atemloser Zuhrer, es kam vor, da
er den Bruder auch bei Tag bedrngte, weil ihm die Neugier keine Ruhe
lie.

Heute lag Engelhart schweigend neben Abel in der Dunkelheit, und so sehr
ihn dieser auch um die Weitererzhlung der Geschichte bestrmte, er
konnte kein Wort ber die Lippen bringen; das Reden schien ihm hlich,
im unverfnglichsten Worte sprte er pltzlich einen Stachel, der die
Seele ritzte. Als Abel sich endlich zufrieden gegeben hatte und schlief,
erhob sich Engelhart aus dem Bett und setzte sich im Hemd ans Fenster.
Weite dunkle Hfe lagen vor ihm, und schwarze Dcher klebten am Gewlke,
hinter dem umrilos der gelbe Mond zerflo. Engelhart sttzte den
Ellbogen auf das Sims, sein Herz badete erleichtert in der wunderbaren
Nachtstille, und Trnen strzten ihm aus den Augen.

Frau Wahrmann hatte Engelhart schon im Winter eingeladen, die Osterzeit
bei ihr zu verbringen; Herr Ratgeber verweigerte seine Erlaubnis, doch,
besorgt ber des Knaben Fortschritte in der Schule, gab er das
Versprechen, ihn zu den Sommerferien nach Gunzenhausen zu schicken, wenn
er in die hhere Klasse aufsteigen drfe. Engelhart gehrte nicht zu den
Naturen, fr die eine Belohnung zum inneren Ansporn wird, im Gegenteil,
er fand sich durch Erwartungen, die er erregte, entschieden gelhmt;
nichts ward bei ihm durch Entschlu und klar bewutes Handeln, alles
wuchs aus einem ungeheuern Druck und Trieb hervor, und das seinem Wesen
Widrige nahm oft nur durch die Fgung eines guten Sterns keinen beln
Ausgang. So hatte er geringe Hoffnungen fr einen Sommer, wie ihn seine
Sehnsucht wollte, jetzt, wo alle Lernfreudigkeit geschwunden war und
sein tiefbetrbter Geist, der Unschuld des Betrachtens entrissen,
lichtscheu an den Wurzeln des Lebens nagte. Es vergingen die Monate, und
er ertrug ungeduldiger als jemals die gleichmige Fesselung durch ehern
eingeteilte Stunden, oft wurde seine Ruhelosigkeit so gro, da ihn kein
noch so geliebtes Buch zu halten vermochte, und er sprte es: wenn er
diesen Sommer die Freiheit nicht bekam, und das, was er, geheimnisvoll
vorauserlebend, in ihm ahnte, dann mute er den feindseligen Gewalten
erliegen, denen er keinen Namen geben konnte. Einmal, auf dem Weg zur
Schule, hrte er bei einem Neubau einige Leute aufschreien und ihm
zuwinken; in derselben Sekunde vernahm er ein unheimliches Klirren und
Knattern, rings um ihn schwirrte es, da sah er sich mitten in dem Flgel
eines groen Fensterstockes stehen, der aus der zweiten Etage
herabgestrzt war. Das riesige Ding war durch den erstaunlichsten Zufall
gleichsam rings um ihn herumgefallen, die Scheiben waren nach auen
geflogen und auf dem Pflaster zersplittert, er stand unverletzt mitten
im Rahmen, als htte er sich hineingestellt. Wie trunken blieb er eine
Weile stehen und wurde von den Zuschauern kopfschttelnd betrachtet. Er
nahm es als ein gutes Vorzeichen, er fate wieder Vertrauen, und se
Lebenssicherheit ergriff Besitz von ihm.

Endlich kam die Entscheidung, und sie fiel gnstig aus. Anfangs August
durfte er reisen. Des Abends langte er an, herzlich begrt, und lag
bald darauf wieder im selben Bett wie vor sechs Jahren, hrte die
drhnenden, langsamen Stundenschlge der Blasturmglocke, den mahnenden
Gesang des Nachtwchters, die Eisenbahnzge im Tal drauen, wie auf
einer Brcke durch den Weltraum rollend. In der Frhe fragte ihn Frau
Wahrmann ber die Verhltnisse daheim aus; sie war eine gute und
gerechte Frau und geriet beinahe auer sich ber seine Erzhlungen, in
denen er zudem alles ihn selbst Demtigende verschwieg.

Im Hause der Frau Wahrmann hatte sich wenig gendert. Helene war nun
ein heiratsfhiges Mdchen, aber sie machte sich wenig Gedanken darber,
und ihre Hauptsorge war auf ein harmloses Amsement gerichtet; die
zweite, die Gottsucherin, ergrbelte sich ein Leben voll eingelernter
Idealismen, und ihr Los war schon jetzt die bestndig seufzende Trauer
darber, da das Lebendig-Seiende mit dem sehnschtig Erdachten so wenig
bereinstimmte. In Esmee zeigte sich die Unbefangenheit einer krftig
auf Form und Erscheinung gerichteten Natur, und sie war immer wieder die
Vershnerin zwischen der spttisch-berlegenen Helene und der
hadernd-unzufriedenen Jette; sie lie alles Unangenehme an sich
herankommen und wurde dann spielend damit fertig. So sehr sie noch Kind
war, so hatte ihr Herz schon fr immer gewhlt, einen jungen Studenten,
Spiel- und Schulkameraden. Dies zu wissen war fr Engelhart schmerzlich,
nicht als ob seine Gedanken jemals wnschevoll um Esmees Bild gewebt
htten, aber sie schon in Besitz genommen zu wissen, das erregte seinen
Unwillen. Es war etwas Gehemmtes und Zelotisches in seinem Blick, wenn
er ihre naiv koketten Knste beobachtete, er suchte Streit mit dem
Mdchen wie mit dem hbschen Gymnasiasten, der ihr Freund war. Schien es
nicht, als ob Lechners Enthllungen das Liebestreiben der Menschen fr
ihn zu einem epileptischen Krampf gemacht htten? Oft geschah es, da er
sich absonderte, wenn die Mdchen und Knaben hinaus in die Wiesen
wanderten, doch er ging dann nicht seine eignen Wege, sondern folgte
jenen wie ein Spion, verbarg sich hinter Gebsch, wenn sie rasteten,
beobachtete argwhnisch und erregt ihr Treiben und wandte das Auge nicht
von Esmee und ihrem Anbeter. Und wie schimpflich, wie erniedrigt
erschien er sich dabei, ausgestoen von dem Kreis frhlicher
Beziehungen, unttbaren Neid in der Brust.

Es kam auch ein junger Mensch namens Benedikt Knoll ins Wahrmannsche
Haus, gleichfalls ein Student, siebzehn Jahre alt, also drei Jahre lter
als Engelhart, und dieser gewann durch Scharfsinn und vielfaches Wissen
dort eine geistige Oberherrschaft, ja eine Art Tyrannei. Er war ein sehr
kleiner, hlicher Mensch von frh entwickeltem sarkastischen Witz, ein
Jude und eine echte Judennatur, den frommen und gedrckten Geschlechtern
entsprossen und unbewut bemht, diese Abkunft durch ausschweifende
Freigeisterei und ein brnstiges Streben nach Unabhngigkeit zu
verleugnen. Ihm nherte sich Engelhart schchtern, bereit, eine
berlegenheit anzuerkennen, die sich so selbstherrlich gab und die
keinen Widerspruch, sondern nur Bewunderung erfuhr. Benedikt Knoll lie
sich die Gelegenheit nicht entgehen, seine erzieherischen Ideen zu
verwirklichen, und am lebhaftesten experimentierte er dann an Engelhart,
wenn er an den Mdchen willige und andchtige Zuhrerinnen hatte. Er
hatte sehr viel Heine gelesen und verachtete, wie es damals unter jungen
Leuten Brauch war, Schiller und Schillersche Begeisterung; mit einem
Heineschen Witz lie sich jede ins Traumhafte und Fantastische
schweifende Wendung des Gesprchs mhelos und unter dem Dank des
Publikums ersticken. An Sommerabenden, wo man unter dem klaren
Sternenhimmel zwischen den Husern und duftenden Grten auf und ab
wandelte, wurde mit wenigen ironischen Seitenhieben Gott aus der Welt
gejagt und Wissenschaft, das heit blder Augenschein trat an seine
Stelle. Nun hatte ja Engelhart freilich auf seine Weise schon Gott
verloren, nur nicht so leicht, so berhebend, so hausbacken, und
immerhin lag im verlassenen, noch nicht entheiligten Tempel der
schutzlose Mensch ehrfrchtig auf den Knien. Dies aber verwirrte sein
Gemt schwer, und bei all der unwiderstehlichen, prickelnden Gewalt, die
Benedikt ber ihn gewonnen hatte, fing er doch an, ihn im Innersten zu
hassen und zu frchten. Dann bestach ihn wieder die freiere Anschauung
von den Dingen des Lebens und das khnere Urteil des kleinen Studenten,
und sie verabredeten, in Korrespondenz zu bleiben. Engelhart trat jetzt
in ein Alter, wo Geist oder die Maske des Geistes, das scheinhafte Wort,
schon als Triumph ber die lastenden Schicksalsmchte gilt. Diese
Andacht des Alleshinnehmens und Alleseinsaugens kam dem kritischen Knoll
verdchtig vor, er rgerte sich ber die zage Verschleierung des
Ausdrucks, wenn Engelhart von der Zukunft und seinem knftigen Beruf
sprach. Da dich dein Vater zum Kaufmann machen will, so tu nicht, als
ob du zu was Besserem geboren wrst, schalt er grob; du gehabst dich,
als ob's eine Schande wre, aber es sitzen noch ganz andre Leute wie du
auf dem Drehsessel.

Engelhart schwieg, und eine dunkle Verstimmung bemchtigte sich seiner.
Was konnte es helfen, er hatte keine Lust dazu. Aber wozu sonst? Die
Zukunft war ihm eine finstre Nacht, aus deren Tiefe wie ein scharlachner
Brand irgendetwas Unbekanntes strahlte. Auch wenn er in sein Inneres
schaute, sah er dieses Feuer, dessen er sich vor den Menschen schmte
und das ihn beunruhigte, wenn er allein war. Es schwebte ihm etwas vor,
hnlich wie atemloses Graben und Schaufeln im Innern der Erde und da
junge Frauen aus einer jh geffneten Pforte traten, um ihm schweigend
und ergriffen zuzuhren, wenn er von der Finsternis und seiner
Einsamkeit erzhlte. Oder er dachte sich in einem seit Jahrhunderten
verlassenen und verfallenen Haus von Gemach zu Gemach wandernd; nur die
letzte Tr war verriegelt, und als er weitergehen wollte, vernahm er aus
dem Innern eine Stimme, die voll unerhrten Schmerzes ein unerhrtes
Leiden berichtete. Er sah auch das Bild zahlloser, ber eine Heide
hinstrmender wilder Pferde, und er selbst kam des Wegs, die ungestme
Schar blieb versteinert stehen und er schritt ruhig durch die willigen
Reihen. Er sehnte sich nach den Menschen im allgemeinen und frchtete
sie wieder im besonderen. Er liebte es, mit halbgeschlossenen Augen
dazuliegen und ber etwas zu lcheln, was ungreifbar, ein ser Hauch,
ber seine Seele flog. Das war es ungefhr, und es erschien ihm
verwerflich und unfruchtbar, so zu sein, aber er konnte nicht anders.

An einem Regentag zeigte sich ein fremdes Gesicht im vertrauten Kreis,
ein Mdchen namens Hedwig Andergast, eine Offizierstochter aus Nrnberg,
die bei ihren Verwandten, den Notarsleuten, zu Besuch weilte. Sie war
ein wenig lter als Engelhart; da er sie sah, hatte er ein hchst
wunderliches Gefhl: ihm war, als trume er und sie tanze luftig leicht
auf seiner ausgestreckten Hand. Er wurde spter gefragt, ob er sie
hbsch fnde, und er konnte nicht antworten, weil er, kaum da sie aus
dem Zimmer gegangen, sich an keinen Zug ihres Gesichts erinnern konnte.
Die Mdchen bedrngten ihn, besonders Helene htte gern gewut, ob die
Fremde den Vorrang vor ihr verdiente, da tat er eine feindselige
uerung gegen Hedwig Andergast, ganz ohne Ursache, in unklarer Wallung
des Gemts. Natrlich kam Hedwig oft, sie hatte Gefallen an den
Wahrmannschen Mdchen gefunden, und da hatte Esmee, boshaft gelaunt, den
Einfall, Hedwig die Worte Engelharts in seinem Beisein zu wiederholen.
Das Mdchen sagte nichts, sie zuckte nur die Achseln, aber der ruhige,
verwunderte Blick ihrer grauen Augen traf ihn tief.

An einem Nachmittag, wo es regnete und gewitterte, wurde beschlossen,
auf den groen Dachboden zu gehen und dort zu spielen. Die meisten
Spiele erwiesen sich fr lngere Dauer als unzulnglich; Helene und
Jettchen brachten Blumen herauf, steckten sie mit den Stengeln der Reihe
nach in die Fugen zwischen die Dielen, und der de Dachboden stellte
einen Garten vor. Man dachte sich einen hohen Zaun ringsum, Helene war
Pfrtnerin und lie nur diejenigen hinein, die einen selbstgereimten
Vers aufzusagen wuten. Alle zogen sich mehr oder weniger geschickt aus
der Schlinge, nur Engelhart brachte in der kritischen Lage nicht ein
Wort ber die Lippen. Dies schmerzte ihn selbst, denn er wute etwas und
konnte es nur nicht sagen, htte es nicht sagen knnen um keinen Preis
der Welt. Als sie ihn verspotteten, nahm er eine Holzlatte, hieb den
Blumen die Kpfe ab und fuchtelte derart um sich, da die Cousinen
schreiend in eine Ecke flchteten, whrend Hedwig Andergast sich in den
groen Schlitten setzte, der hier oben seine Sommersiesta hielt, und
gleichgltig, ja etwas mde vor sich hin blickte. Schlielich, sein
Gebaren wurde ihm selber unbehaglich, sprang Engelhart auf eine Kiste
und schleuderte die Latte wie einen Speer von sich. Sie traf Hedwig
seitwrts an der Stirn, ein Aufschrei folgte, Engelhart sah Blut, die
Mdchen kamen bleich aus ihren Verstecken, Esmee lief, um Wasser zu
holen, Helene wusch die unbedeutende Wunde und band ein Tuch um Hedwigs
Stirne. Nachher gingen sie alle ins Klavierzimmer hinunter, rumten
Tische und Sthle beiseite, um zu tanzen, denn Hedwig wollte zeigen, da
sie sich aus dem Unfall nichts mache. Aber Engelhart war verschwunden.
Er hatte sich eine Weile im Hof herumgetrieben und war dann in die
Scheune gegangen, wo er sich oben zwischen den Holzsten verbarg. Das
Gewitter hatte aufgehrt, die Sonne schien in das kleine Fenster an der
Mauer; er sah hinaus, ber ein schmales Gchen hinweg bot sich der
Blick auf den Garten des Kasinos und auf die leuchtenden tropfenden
Bume. Unten ging Premierleutnant Siderlich vorbei und wie gewhnlich
folgten ihm einige Knaben mit hhnenden Zurufen. Premierleutnant
Siderlich wohnte lngst nicht mehr bei Wahrmanns, auch war er aus dem
Heeresdienst entlassen, lief in Zivilkleidung herum und war zur
ffentlichen Spottgestalt geworden. Die Knaben machten sich ber seine
Trunkenheit lustig, vielleicht schien er auch nur betrunken und war in
Wirklichkeit krank, jedenfalls torkelte er haltlos am Zaun entlang.
Whrenddem kam Hedwig Andergast aus dem Wahrmannschen Hause und betrat
das Gchen. Sie hatte noch das weie Tuch um die Schlfe gebunden. Der
Premierleutnant Siderlich blieb vor ihr stehen und legte, als ob er noch
Soldat wre, die Hand salutierend an den Hut. Die Knaben johlten,
Siderlich lchelte verzerrt. Hedwig sagte zu dem vordersten der Knaben:
Schmt euch doch, ihr Buben, seht ihr denn nicht, da sich der Mann
nicht wehren kann? Einer aus der Schar entgegnete frech: Er wirft
immer in der Nacht Steine nach den Fenstern. Der Premierleutnant machte
eine protestierende Geste, aber die andern lachten und schrien: Ja,
ja! Hedwig sah noch eine Weile zu, bis sie alle fort waren, dann ging
sie weiter. Engelhart hrte sie etwas murmeln und sie schttelte den
Kopf. Ein unwillkrlicher Ausruf oder ein Ruspern von ihm lie sie
emporschauen; sie hemmte ihren Schritt und lachte, wobei sich ein
goldiger Glanz ber ihre Lider breitete; Engelhart war es, als ob er
durch den lachenden Mund bis in ihr Herz hinabsehen knnte.

Am Abend trat eine Gestalt an sein Bett und hie ihn aufstehen. Er
gehorchte und kleidete sich an. Die Gestalt fhrte ihn hinaus. Am Himmel
zuckten bestndige Blitze; es sah aus, als ob unter den Rndern der Erde
ein groes Spiritusfeuer kochte und die Flammen schlugen bestndig ber.
Er wurde von der Gestalt bis zum Altmhlflu gefhrt. Dort lag ein Boot,
und sie stiegen ein, fuhren ohne Stange noch Ruder stromaufwrts, und da
erwies es sich pltzlich, da die Gestalt Hedwig Andergast war; ihr
Gesicht war wie mit einem Silberschleier behangen, und als er sie
schchtern fragte, warum sie nicht spreche, legte sie stumm die Hand auf
die Brust und seufzte.

Es war ein Wunschbild natrlich, aber Wahrheit steckte darin. So sah er
sie und sich selbst, ringsum von Wundern umgeben. Es war nicht mehr die
alte Erde, auf der er wandelte, es erschien ihm ein wenig lcherlich, zu
gehen, zu sprechen und zu schlafen. Er mied Hedwig Andergasts Nhe,
nichts enttuschte ihn so sehr, als ihre Stimme zu hren, und nichts
beglckte ihn so, als einen Raum zu betreten und zu wissen, da sie
dagewesen war. Es stimmte ihn bse, wenn sie in seiner Gegenwart von
ihrem Elternhaus erzhlte, von ihren Kleidern oder von Vergngungen und
Gesellschaften, er sah sie dann so wild an, da das Mdchen erstaunte
und erschrak; dagegen suchte er am Abend den Garten und die dunkle Laube
auf und sa regungslos, bis es zehn Uhr schlug und die Tante zum
Schlafengehen rief. Dort wurde ihm der Tag erst Wirklichkeit und holdes
Schauen, er fhlte den Leib der Bume von sommerlichen Sften strotzen,
in den Mondstreifen leuchtete das Blut der Blumen, alle Dinge waren
doppelt entblt und doppelt verhllt. Es erschien ihm wichtig, da man
gtig und anerkennend gegen ihn sei, und Hedwig Andergast whlte er vor
allen andern aus, da sie es sei. Wenn er im Freien ging, im Wald, warf
er sich bisweilen zur Erde und horchte; der Wind sang, im Innern der
Erde sang es mit, die ganze Natur hatte Atem, Stimme, Bewegung, Antlitz,
Mark und Sehnsucht. Wenn er an Hedwigs Gestalt und Namen dachte,
erzitterte sein Herz, aber wenn sie kam und ging und ihm wie allen die
Hand reichte, schaute er finster zur Seite. Er empfand es als eine
Demtigung, von ihr gekannt zu sein. Schlielich wuten doch bald alle,
was mit ihm vorging, er gehrte nicht zu denen, die ihre inneren
Zustnde verbergen knnen, da wurde jedes Zusammensein eine Qual, und es
gengte, wenn Hedwig bei einer Anspielung errtete, da er aufsprang,
forteilte und sich den ganzen Tag ber nicht mehr sehen lie. Von allem
am meisten hate er das Wort Liebe; er wurde bla und seine Fuste
ballten sich, wenn er es hrte; das epileptisch verkrampfte Gesicht
Lechners tauchte hinter dem Wort empor, er erschien sich besudelt und
unwert seiner Trume. Damit hing es auch zusammen, da ihm der Anblick
seines nackten Krpers schmerzlich und peinvoll war und da er nach dem
Bad mit grter Hast wieder in die Kleider schlpfte; am liebsten htte
er im Finstern gebadet. Wenn er krperlich an Hedwig Andergast dachte,
geschah es mit demselben Schauder, den er damals gesprt, als bei
Lechners hndischen Erklrungen der Gedanke an die Mutter sein Gemt
aufgewhlt hatte.

Die Tage wurden merklich krzer, ein herbstlicher Hauch ging durch die
Landschaft. Die Kirchweih kam, die gewhnlich das Ende des Sommers
bedeutete; auf dem Rasen vor den Ruinen der alten Stadtmauer wurden die
Buden errichtet, saen die Bauern auf Bretterbnken im Freien und
tranken Bier aus steinernen Krgen. Die Cousinen schauten vor den
Fenstern der Wirtshuser dem Tanze zu und Engelhart, abgestoen von dem
Lrm und Gewhl, spazierte am Schilf des Ufers hin, und wenn er sich
umkehrte, sah er die Figur eines Seiltnzermdchens im himbeerroten
Trikot auf hohem Seil voltigieren; es war, als ob sie durch den
blablauen ther des Himmels schwebte.

Bevor die schnen Tage verstrichen, wollte man noch einen Ausflug auf
den Hesselberg unternehmen, und an einem Abend, wo der Barometer und die
Prophezeiungen der Bauern gnstig waren, wurde eine frhe Morgenstunde
zum Abmarsch festgesetzt. Es war herrliches Wetter. Bei dem Dorf
Wurmbach verlie man die Landstrae und wanderte ber die Wiesen. Knoll
und Esmees Student machten die Fhrer, Frau Wahrmann und Helene
schlossen den Zug. Die Mdchen sangen Lieder und pflckten Blumen, an
den Ufern eines Waldbachs war Mittagsrast. Durch Drfer ging's, die
unberhrt von der groen Welt am Bergeshang versteckt lagen wie die
Perle in der Muschel. Engelhart sammelte Steine, oben im Schlo
verfolgte er eine Eidechse bis ins Innere eines verfallenen Turms. Nicht
mehr so belebt war der Heimmarsch, die Mdchen wurden mde, Esmee klagte
ber ihre wunden Fe, Engelhart gab sich, wie oft in der
Dmmerungsstunde, einer selbstschtigen Traurigkeit hin. Der Himmel war
mit Purpur begossen, die Bltter der Bume glichen Blutstropfen, dann
kam die Dunkelheit, feuchte Dnste entstiegen dem Boden, Frsche
quakten, das Grillengezirp erfllte die Luft wie ein Sausen; aus der
verblassenden Glut hinter den Hgeln wanderten die Sterne herauf. Wie
zufllig hatten sich Engelhart und Hedwig Andergast einander gesellt.
Sieh mal die Sterne, sagte Engelhart und deutete hinauf. Sie sah die
Sterne an, aber sie hatte sie schon zu oft gesehen, es machte ihr wenig
Eindruck. Sie fragte ihn, ob er wisse, da sie bermorgen wieder nach
Hause reise; er wute es nicht; ob er wisse, wo ihre Eltern in Nrnberg
wohnten; er wute es nicht, sie erklrte es ihm. Dann schwiegen sie
lange Zeit.

Dem Mdchen wurde sonderbar zumute. Vielleicht fhlte sie das zum
Springen volle Herz ihres Gefhrten und da ihm von allen Menschenworten
keins zu Gebote stand, um sich zu erleichtern. Irgend etwas Namenloses
ri sie pltzlich hin, sie schwankte zwischen Ungeduld und Bangigkeit,
der bunte Jahrmarkt ihrer Gedanken und Wnsche bedeckte sich mit dem
Mantel sanfter Schwermut. Ihr war, als msse sie ihm helfen, aber sie
wute nicht wie, sie war genau so hilflos wie er. Die Dunkelheit, die
Stille, die Einsamkeit, die Mdigkeit, die sie empfand, der weite Weg,
der noch vor ihnen lag, all das machte sie zaghaft, einem unbestimmten
Mitleid zugnglich, und aus dem Kind wurde pltzlich ein Weib,
wenigstens fr diese eine Stunde. Ihre Blicke suchten einander, konnten
sich aber nicht treffen und flohen dann wieder erschreckt in die Ferne.
Das mattere und vollere Schlagen der Herzen wechselte wie im Takt, das
Gras bog sich williger unter ihren Fen und sie versanken so in ihr
gegenseitiges Schweigen, da sie wie aus dem Schlaf emporschreckten, als
dicht hinter ihnen die Bastimme des kleinen Knoll ertnte, der sich mit
Helene ber das Leben in der groen Stadt unterhielt. Es war spt, als
sie heimkamen; vor der Tr des Wahrmannschen Hauses fand ein hchst
geruschvolles Gutenachtsagen statt. Esmee setzte sich auf die
Steintreppe und nahm einen Vorschu auf den Schlaf ihrer Nacht. Hedwig
stand eine Weile bei den andern, dann kam sie wieder zu Engelhart, dann
entfernte sie sich wieder und kam abermals, schlang den Arm um den
Laternenpfahl und schaute mit erregt glnzenden Augen die leere Strae
hinunter. Es war ein unbewutes Nichtvoneinanderknnen. Wenn ein weiser
Geist zwischen ihnen schwebte, so hat er vielleicht gelchelt ber das
kindlich bitterse Spiel.

Am bernchsten Tag reiste Hedwig, und nun war doch die Welt verdet fr
Engelhart. Auch seine Frist war um. Die Trennung von dem liebreichen
Haus fiel ihm schwer aufs Herz. Am Ende der dritten Septemberwoche traf
er im elterlichen Hause ein. Dort hatte sich nichts verndert. Der Vater
webte in seiner Arbeit und in seinen Sorgen wie in Qualm, Abel war
verprgelter als vordem, ein von schlechten Einflssen durchaus in die
Enge getriebener Knabe. Er war hlich geworden, auf seinem fahlen
Gesicht kndigten sich die Laster an, nur in den Augen schimmerte noch,
tief und immer tiefer schlummernd, das Weh um eine erttete Kindheit.
Engelhart wurde freudlos empfangen; Frau Ratgeber, gleichwie aufgereizt
durch den Widerschein der verlebten Tage auf seiner Stirn, verfolgte ihn
mit unverstelltem Ha. Er nahm es hin. Seine Fhigkeit, Widerwrtiges zu
tragen, war grer geworden.

An einem Nachmittag in jeder Woche entri er sich allen Pflichten und
marschierte heimlich nach Nrnberg und vor das Haus an der Rosenau, wo
Hedwig Andergast wohnte. Er langte gewhnlich an, wenn es schon dunkel
wurde, stellte sich an die gegenberliegende Straenseite und blickte zu
den erleuchteten Fenstern hinauf. Wenn sich ein Schatten an den Gardinen
zeigte, krampfte sich ihm die Brust zusammen, wenn jemand aus dem Tor
trat, hielt er den Atem an. Der Winter kam, er frchtete kein Wetter,
scheute nicht den langen Weg hin und zurck, in Schnee, in Strmen stand
er dort und verlie den Warteposten erst wieder, wenn die Zeit drngte
und er bis in die Adern durchfroren war. Er bekam Hedwig Andergast
nicht ein einziges Mal zu Gesicht, er sah sie berhaupt niemals wieder
und die Trbnis des alltglichen Lebens schwemmte die frohen Farben der
Erinnerung aus seinem Geiste hinweg.




                           Siebentes Kapitel


Von Woche zu Woche nahm in Engelhart der Abscheu gegen die Schule zu. Er
verachtete die Auszeichnungen, die dem stumpfen Flei, dem tierischen
Gehorsam, der gedankenlosen Aufmerksamkeit zuteil wurden, angewidert von
dieser ungeschmckten Welt, der aufreibenden Wiederholung mechanischer
Geschftigkeiten, versank sein Geist in die Sphre des Traums so tief,
da es ihn oft Mhe kostete, die Stimme eines Menschen zu vernehmen, der
vor ihm stand und mit ihm redete. Man sagte dann von ihm, er sei
zerstreut, und er zog sich das Mitrauen und die Geringschtzung fast
aller Lehrer zu, die seiner Begabung das beste und seinem guten Willen
das schlechteste Zeugnis ausstellten, was zur Folge hatte, da jede
seiner Handlungen als Ausgeburt einer bswilligen Gesinnung aufgenommen
und durch zchtlerische Maregeln bestraft wurde.

Keine wohlmeinende und freundliche Gestalt trat ihm unter seinen Lehrern
entgegen. Es waren Mnner, die nicht einen Beruf erfllten, sondern ein
Amt innehatten. Sie kmmerten sich nicht um die Seele, sondern nur um
die Kenntnis der Knaben. Sie hatten der hheren Stelle, der sie
untergeordnet waren, nur den Beweis zu erbringen, da sie ein
vorgeschriebenes Pensum erledigten, so wie die Kellner dem Wirt die
Ablieferung der Zahlmarken schuldig sind. Sie nhrten den Wissensdurst
mit Regeln und belohnten den Flei durch Zensuren, das unterweisende
Wort war nur eine Grimasse, der Geist der Belehrung eine Mumie,
vertrocknet durch viele Jahre eines wesenlosen Treibens. Ihre Belebtheit
war aufgedunsen, ihre Vertraulichkeit voll falscher Tne, ihre Strenge
lieblos und zynisch. Die meisten erschienen gleichsam mit einer Maske
vor dem Gesicht, hielten sie unruhig und krampfhaft fest und schumten
vor Zorn, wenn sie ihnen bei einer unerwarteten Gelegenheit entfiel.
Wenn er einem Lehrer auf der Strae begegnete, war es Engelhart oft, als
schme sich der Mann seines Straengesichts, der antwortende Gru war
dann widerwillig oder von bertriebener Geflligkeit. Auch in den
Lehrstunden sprte er mit unsicherem Staunen, wie in manchem eine Art
Angst oder Scheu nicht blo vor der Meinung und dem Urteil, sondern vor
dem Menschlichen, Fleischlichen der Schler zutage trat; da wurde ein
gefrchteter Tyrann unversehens kindisch und es sah aus, als wolle er
durch eine tlpische Zrtlichkeit seinen Mangel an Herzensbeteiligung
vergessen machen. Um den Mund des einen zuckte bestndig ein
unbegreiflicher Hohn; ein andrer frchtete, lcherlich zu werden, und
war wortkarg wie ein Einsiedler; der dritte, puppenhaft geziert und
seine ganze Natur verhllend unter einer starren Sachlichkeit, whlte
sich einige Lieblinge, die er verhtschelte, whrend er allen andern
kalt und hart begegnete; der vierte benahm sich wie ein Sklavenhalter;
der fnfte liebte es, eine erheuchelte Gutmtigkeit und Umgnglichkeit
als Falle zu benutzen, der sechste war ein unfhiger Schwchling, der
siebente ein Narr. Kein echter und ganzer Mensch; was sie lehrten, blieb
tot: Regeln, Formeln, Zahlen, Register. Da sie nicht Teilnahme erwecken
konnten, hielten sie die Furcht in Atem, Drohung und Strafe waren ihre
Bttel. Sie wuten nichts vom Geiste, und der Sache waren sie entfremdet;
ihr Ziel: Dressur. Sie waren beherrscht von jenem Parade- und
Uniforminstinkt, der die Glieder des jugendlichen Reichs fr immer
verkrppelt hat.

Eines wirkt ins andre; auf einem Distelstrauch wachsen nicht Rosen.
Engelharts Mitschler waren in ihrem innersten Wesen zuchtlos. Nur mit
der gemeinsten Notdurft der Dinge vertraut, waren sie jeglichen
Aufschwungs bar, und seltsam war es, die angeborenen Eigenschaften,
Roheit, Tcke, Heuchelei, feiges Kriechen, von dem dnnen Schimmer
unechter Bildung bertncht zu sehen. Sie waren mit den Rtseln des
Daseins fertig, ehe noch das Leben die erste Silbe zu ihnen gesprochen
hatte; sie waren nur freinander geschaffen, nicht fr sich selbst; wenn
so ein Knabe allein auf der Strae ging, hatte sein Gesicht den Ausdruck
des Schlafs. In ihrer Brust war keine Musik, und Respekt hatten sie nur
vor dem Gelde. Eines war Engelhart immer aufgefallen, nmlich da sie
nicht sprechen konnten, da sie nicht ruhig sitzen oder gehen konnten,
um gut und natrlich zu sprechen; entweder schrien sie oder sie
tuschelten. Dies letztere erregte seinen Abscheu in hohem Grad, denn er
ahnte, was sie mit ihrem Munde und ihren Gedanken beschmutzten, wenn sie
zu dreien oder vieren beisammenstanden und erregt grinsend einander das
Wort von der Lippe rissen. Bisweilen gesellte er sich hinzu, um sich zu
schtzen, denn aus Absonderung erwuchs ihm Ha, aber sie nahmen sich in
acht vor ihm, auch ummauerte sich sein Wesen, und ohne da er darum
wute, ward seine Haltung feindselig. Die meisten hatten Reiz und Anmut
der Jugend schon eingebt, ihre Gesichter waren hohl und fahl von
Stubenluft und ungesunden Trieben, in seine untersten Schlnde
hinabgestoen war der edle Kindergenius und schon thronte auf den
Stirnen der brutale Zweck.

Nichtsdestoweniger fand Engelhart ein paar Kameraden, die manche seiner
Neigungen teilten. Mit ihnen verabredete er sich zu weiten
Spaziergngen, und daraus wurde schlielich etwas wie ein Kultus mit
wunderlichen Zeremonien und Gepflogenheiten. Sie versammelten sich an
einem mglichst abgelegenen Punkt der Stadt, und bevor der Marsch
begann, erhielt jeder einen Spielnamen, der zugleich eine bestimmte
Rolle in sich schlo. Die Mitglieder der Gesellschaft leisteten das
Gelbde des Schweigens, und die Formen des Verkehrs, feierlicher gemacht
durch Worte aus einer selbsterfundenen Sprache und durch eine knstliche
Rangordnung geregelt, suchten auf die Haltung und den Geist der Truppe
zu wirken. Mit Anbruch des Frhlings wurden die Mrsche bis gegen den
Moritzberg und die Wlder an den Ufern der Zenn ausgedehnt. Wenn das
einsame Schlo des befreundeten Knigs erreicht war, nmlich ein
Forsthaus oder eine Fuhrmannskneipe, sonderte sich Engelhart von den
Genossen ab und stellte in der tiefen Wildnis dem Auerochsen und dem
Bren nach oder er ging horchend dahin, untertauchend in die Stille und
die Augen zu Boden geheftet wie der traurige Prinz, dessen Herz vor
Sehnsucht krank ist. Er besa das Land, das sie durchzogen, es war in
Wahrheit sein Eigentum; es war ihm herrlich zu Sinn, wenn sie alle
schweigend in einer fast leidenschaftlichen Gangart dahineilten und der
Wind schttelte die Baumkronen und die Krhen schwirrten vor ihnen auf.
Er brachte etwas Strmisches und Atemloses in diese Wanderzge, nicht so
sehr durch die Begierde nach immer neuen Eroberungen als durch die
unbeschreibliche Unruhe und das Drngende, Grende, Wollende seines
ganzen Wesens. Am liebsten htte er nirgends Rast gemacht, nur immer
ziehen, ziehen, ziehen, die Welt war so gro, der Himmel so weit.

An Tagen, wo es unmglich war, die Stadt oder gar das Haus zu verlassen,
schlo er sich in die Kammer ein, rannte stundenlang auf und ab und sang
dazu, indem er sich von einem unsichtbaren Orchester begleitet whnte.
Dann war sein Schlaf schwer und oft unterbrochen, auch war ihm das
Zubettgehen mehr als je verhat und er meinte durch den Schlummer eine
Einbue an Leben zu erleiden. Es geschah immer hufiger, da er sich zur
vorgerckten Abendzeit heimlich aus dem Hause stahl, und er wute die
Magd zu bereden, da sie ihn heimlich wieder einlie. Am Pegnitzufer,
dicht neben der Mauer des protestantischen Kirchhofs, stand ein altes
und wegen einer Senkung des feuchten Erdreichs unlngst verlassenes
Haus. Der Besitzer wollte es nicht abtragen lassen, da der Grund
ziemlich wertlos war; so hatte man an den Seitenmauern einstweilen
Sttzbalken angebracht, und um die Wnde im Innern vor weiterer Fulnis
zu bewahren, standen Trockenfen in den Rumen und die rote Glut
strahlte aus den Fenstern weit in die Nacht. Das Tor war verriegelt,
doch Engelhart stieg durch eines der erdgeschssigen Fenster ein,
kauerte sich in einen Winkel und gab sich dem Abenteuerlichen und
Gesuchten seiner Lage mit erwartungsvollem Trotze hin. Es war ihm recht,
wenn es in den Dielen ber ihm geisterhaft knackte oder im Keller die
Ratten rumorten. Die Nhe des Kirchhofs war es besonders, die ihn
ergriff; durch ein seitliches Fenster konnte er die Trauerweiden und
Grabsteinkreuze ungeachtet der Dunkelheit gewahren. Es steckt ein
doppelgngerisches Wesen in der menschlichen Brust; sein Revier ist der
Traum, es macht das Unbegreifliche zum Bild, den Willen bindet es und
wie die Spinne das Insekt, umklammert es die Seele und entsaugt ihm die
Krfte einer behaglichen Freiheit. Bei manchem durchbricht es seinen
Bezirk, bemchtigt sich auch des wachen Geistes, prgt die Marke der
Hrigkeit selbst auf die jugendliche Stirn, will vernommen sein, und
wenn es nicht gegenwrtig ist, will es bestndig erharrt werden, es
macht den Stetigen flchtig und den freundlichen Charakter einsam, mit
holden Versprechungen umgaukelt es das Herz, mischt das Gift der
Ungeduld in jede freudig ruhende Stunde und trgt das Bewutsein des
Lebens mit bedchtiger Grausamkeit frhzeitig auf die Wege des Todes,
lt um das Ende wissen, wenn noch nicht einmal die erste Frucht des
Daseins reif geworden ist.

Drei- oder viermal mochte Engelhart unbehelligt in dem leeren Hause
geweilt haben, da sah er einst, whrend er sich erhob und zum Fenster
schritt, ein verzerrt-grinsendes Gesicht von drauen hereinblicken. Er
erschrak, und erst als das Gesicht verschwunden war, erkannte er seinen
alten Feind, den rothaarigen Rindsblatt. Seit er ihm vor Jahren den
beln Streich gespielt, hatte er nicht ein Wort mit ihm gewechselt.
Engelhart begriff, da ihm der Bursche aufgelauert haben msse,
vielleicht war er selbst auf der Strae an ihm vorbeigegangen, ohne ihn
zu sehen. Er verbarg sich wieder, wartete geraume Weile, dann ffnete er
vorsichtig das Fenster, schaute hinaus und da er nichts Verdchtiges
wahrnahm, verlie er seinen Zufluchtsort. Kaum war er drauen, so kam
von der Uferbschung eine Gestalt auf ihn zu, die den Arm drohend erhob.
Es war Rindsblatt. Engelhart begann zu laufen, der andre lief
hinterdrein. Engelhart lief hinunter gegen den Markt, das Wasser der
Pftzen spritzte unter seinen Stiefeln auf, sein Gewand war mit Kot
bedeckt, die Schritte hallten von den Husermauern zurck, das
anfngliche Lustgefhl der raschen Bewegung verwandelte sich in Angst,
die Angst wuchs und versperrte seine Kehle, er lief blindlings, ohne zu
wissen wohin, der andre ihm nach, endlich kamen sie in die abschssigen
Straen der Altstadt, Wasser und Wassergepltscher machten ein Ende,
dort unten war alles berschwemmt, weit ber den Schieanger und das
neue Schlachthaus hinaus, und wo sie standen, besplte die Flut schon
die Torstufen der Huser. Mondschein lag auf dem weiten Spiegel des
Sees, drben beim Wehr sprhte silbern die Gischt. Engelhart stierte
hinab, keuchend vom Lauf, Rindsblatts Gesicht war schweflig fahl und er
sagte durch die verpreten Zhne: Ich will dich jetzt ins Wasser werfen
und ersufen. Dann sind wir quitt. Engelhart keuchte verchtlich: Ein
schlechter Kerl, wer seine Rache so lang aufhebt. Mit grnlich
glitzernden Augen schnellte Rindsblatt auf ihn zu, da kam aus einer
Seitengasse ein ungeheurer schwarzer Fleischerhund, stellte sich
bsartig knurrend zwischen die beiden Knaben und fixierte einen um den
andern mit offenem Maul und hngender Zunge. Sie wagten nicht, sich zu
rhren, und als das Tier durch einen schrillen Pfiff zurckgerufen
wurde, schien sich Rindsblatt eines andern besonnen zu haben, er machte
kehrt und seine plump schreitende Gestalt entfernte sich langsam gegen
den Lilienplatz.

Am nchsten Tag wurde Engelhart zum Rektor berufen, Rindsblatt hatte die
nchtlichen Ausflge und das Einsteigen in das fremde Haus denunziert.
Engelharts Benehmen war das eines Schuldigen; feierliche Verhre
zerbrachen bei ihm jeden Widerstand und jedes Selbstgefhl, seine uere
Haltung wurde durchaus von der Haltung der andern hervorgebracht. Da der
Rektor nichts Wesentliches herausbringen konnte und da das, was
Engelhart berichtete, ziemlich verhalten und konfus klang, glaubte er an
einen verstockten Heuchler geraten zu sein. Auch der Ordinarius hegte
den Verdacht, da hier eine geheime Verbindung oder Verschwrung im Werk
war, doch keine der blichen Pressionen und moralischen Folterungen
fhrte zu einem Aufschlu, der unbekannten beltat war nicht
beizukommen, und so wurde Engelhart schlielich zu mehrstndiger
Einsperrung verurteilt und sein Vater erhielt ber das Vorgefallene
ausfhrlichen Bericht. Alles nahm einen amtlich-wichtigtuerischen Weg,
jeder, der ein bichen Macht hatte, spielte auf seine Weise Polizei, auf
Subordination war jeder Geist gedrillt und keinen kam ein menschliches
Lcheln an. Auch Herr Ratgeber fate das Geschehnis vllig als
Staatshandlung auf und verbarg nicht seinen Kummer und seine
Enttuschung um den Sohn. Engelhart mute sich zu Hause abermals einer
Reihe von Verhren unterwerfen, und Frau Ratgeber strafte ihn, wie sie
eben zu strafen pflegte, durch Demtigungen berechnetster Art und
dadurch, da sie ihm verschiedentlich die Mahlzeiten vorenthielt.

In dieser Zeit wuchs fr Engelhart nicht viel Trost. Er ging mit
gesenktem Kopf herum, auch sein inneres Schauen war verschleiert. Oft
beobachtete er Mnner auf der Strae mit dem furchtbaren Hintergedanken,
welcher von diesen wildfremden Leuten ihm wohl besser htte Vater sein
knnen als der eigne Vater. Bisweilen ruhte er am Tisch zu Hause von den
anstrengenden und sinnlos weitlufigen Schularbeiten aus und blickte an
der Lampe vorbei in das auf die Zeitung herabgebeugte Gesicht seines
Vaters. Er fate die Mglichkeit ins Auge, mit ihm zu sprechen, etwa wie
mit einem Freund, und schon der Gedanke hatte etwas Absurdes. In allen
Bchern war die Rede von dem heiligen Band zwischen Vater und Kind, er
sprte es nicht, er sprte nur das Joch unliebsamer Strenge und
schablonenhafter Zucht. Die Worte, die sie hie und da wechselten, waren
aus der kargen Enge des praktischen Bedarfs geboren, hatten niemals
einen geistigen Hauch, vom Scherz nicht zu reden. Er wute sich's nicht
zu gestehen und fhlte doch, da ein solches Beieinanderleben, selbst
wenn es dem natrlichsten Gesetz der Dinge entstammte, etwas Unwahres,
ja Frevelhaftes hatte, und er glaubte auerdem dessen gewi zu sein, da
er dem Vater zur Last war und da das unaufhrliche Hindrngen gegen die
Zukunft nichts weiter vorstelle als die Ungeduld, sich seiner zu
entledigen. Er sah, wie rcksichtsvoll sich der Vater gegen seine zweite
Frau benahm und wie er alles geschehen lie, was sie gegen ihn und den
Bruder unternahm, und wie er geflissentlich schwieg oder nur schchtern
zu widerstreben wagte, wenn ein offenbares Unrecht ihm zu Ohren kam;
Engelhart hrte auf zu hadern, er whnte, irgendeine bindende
Verpflichtung des Vaters lge dem zugrunde, der Vater msse sich
irgendwie an dieser Frau vergangen haben, sei in Schuld und Shne
verstrickt und finde nicht mehr zu sich selbst. Unter solchen Erwgungen
wurde ihm Frau Ratgeber zu einer hassenswerten Gestalt und den Vater gab
er fr sein Herz, einer unerbittlichen Logik gehorchend, verloren.

Nun befand er sich einst in dem Zimmer, wo auf einem mig groen Regal
die Bcher des Vaters aufbewahrt wurden, und kramte nach seiner
Lieblingsgewohnheit unter den alten Scharteken, die smtlich aus Herrn
Ratgebers Jugend und Jnglingsalter waren. Beim Aufschlagen eines
grauen, mehr von der Zeit als vom Lesen zerstrten Bandes, einer
Abhandlung ber das Prinzip der Elektrizitt, gewahrte er auf dem
Vorsatzblatt ein Gedicht von der Hand seines Vaters. Die Verse waren
berschrieben: An Agathe Herz; er las, platt auf dem Boden liegend, mit
aufgesttzten Armen, vor sich hin:

    Ist es bestimmt in Gottes Walten,
    Da ich Agathe soll erhalten,
    Die mir des Lebens Inhalt gibt,
    Dann will ich keine Mhe scheuen,
    Mich selbst durch Tugend zu erneuen,
    Denn fromm ist nur ein Mann, der liebt.

    Ach, dieses holde Blhn auf Erden!
    So schn war noch kein Lenzeswerden
    Meiner Dunkelheit gewohnten Brust.
    Doch ser, als wenn Zephyr fchelt,
    Ist's, wenn Agathes Auge lchelt,
    Davor wird jeder Schmerz zur Lust.

Lange blickte Engelhart auf das Blatt, ohne es zu wagen, sich einer
sanften Regung vllig zu ergeben. Die gelesenen Worte vernderten
unerwartet das Bild des Vaters. Er war so verwundert, wie wenn ein
Geschpf, das er fr stumm gehalten, pltzlich zu reden begonnen htte.
Ob wohl die Mutter um dies Gedicht gewut? Wenn nicht, so mute sie
zeitlebens ber die Empfindungen des Gatten im unklaren geblieben sein,
denn da der Vater je mit ihr davon gesprochen haben knne, schien ihm
undenkbar. Jedenfalls verbarg er seine Entdeckung sorgfltig und lie
sich nichts merken, doch schaute er bisweilen den Vater so
gedankenverloren an, da dieser, unangenehm berhrt, sich das freche
Anstarren, wie er es nannte, verbat.

Herr Ratgeber durfte nicht zur Ruhe kommen. Sein Unglck erfllte sich
nicht auf einen Schlag, es nippte langsam, Schluck fr Schluck von den
Krften seiner Seele. Durch die Unvorsichtigkeit eines Lehrlings brach
whrend einer Mittagsstunde ein Brand in der Fabrik aus. Herr Ratgeber
sa gerade beim Essen und schien etwas heiterer gestimmt als sonst, da
gellte von drunten der durchdringende Schrei: Feuer! Mit den Worten: um
Gottes Himmels willen sprang Herr Ratgeber auf und raste hinunter.
Weier, dicker Dampf quoll durch alle Fenster des Erdgeschosses, das
Holz und die Sgespne waren eine gar zu leichte Beute fr die Flammen.
Nach wenigen Minuten bliesen die Feuertrompeten, die groen Leiter- und
Spritzenwagen konnten nicht durch den Toreingang des Vorderhauses
fahren, die Leitern muten abgeladen und die Schluche bis auf die
Strae gelegt werden, wodurch eine verhngnisvolle Verzgerung entstand.
Herr Ratgeber war indessen von seinem Bureau aus in das Innere der
brennenden Werksttten gedrungen; spter wurde er gefragt, warum er dies
getan, da er doch als einzelner auf keinen Fall etwas htte ausrichten
knnen; er wute nichts zu antworten, es war nur der blinde Trieb
gewesen. Es dauerte nicht lange, so war er dermaen in Qualm gehllt,
da er weder vor- noch rckwrts konnte, die Sinne schwanden ihm und er
fiel um. Zum Glck durchbrachen die Feuerwehrmnner in demselben
Augenblick eine hier befindliche, mit Brettern verschlagene Tr, sie
sahen Herrn Ratgeber liegen und schleppten ihn hinaus. Engelhart schaute
vom Fenster oben zu; er rhrte sich nicht, Frau Ratgeber weinte und
schrie, rumte die Schrnke aus, warf das Silberzeug in eine Kiste, er
stand am Fenster wie versteinert. Im ersten Stock des Fabrikgebudes war
eine Gipsgieerei; auf den Simsen lagen gewhnlich allerlei Masken und
Reliefs, und Engelhart beobachtete mit einer der dumpfesten Angst sich
entringenden Spannung, wie die Figuren vom Rauch geschwrzt wurden und
die Gesichter der Masken sich langsam verzerrten.

Die Folge des Brandes war, da die Polizei den ferneren Betrieb der
Fabrik nicht mehr gestattete, da die Lage des zwischen Hinterhusern
eingezwngten Traktes als zu gefhrlich befunden wurde. Herr Ratgeber
mute so schnell als mglich eine andre Lokalitt haben, auch sann er
auf Vergrerung der ganzen Anlage, obwohl der bisherige Erfolg ihn
keineswegs dazu ermuntern konnte. Er hatte wenig Kredit, seine Plne
begegneten dem Mitrauen der Geldleute, und wie um ihn zu demtigen,
wies man darauf hin, da sein Bruder, seitdem er allein das Geschft in
Hnden habe, trefflich gedeihe. Gewi, entgegnete Herr Ratgeber, ich
bin eben kein Krmertalent, ich bin Fabrikant. Schlielich gewann er
durch seine geduldige und berzeugende Beredsamkeit doch noch einen
Kapitalisten, der zugleich sein stiller Teilhaber wurde, er mietete ein
leerstehendes Haus am uersten Rande der Schwabacher Landstrae, unweit
davon stand, gleichfalls in groer Einsamkeit und Stadtferne, ein
neuerrichtetes Zinshaus, dessen zweiten Stock er mit seiner Familie
bezog. Nach der Rckseite breiteten sich die Wiesen aus, und ein mageres
Waldstck schlo den Blick ab, vorne, gegen die Rednitz hinunter, lag
das Dambacher Land, dann die tiefen Forste, die sich bis gegen
Kadolzburg und Erlangen dehnten. Das auf der Hhe der Chaussee gelegene
Gebude war den herbstlichen Strmen von allen Seiten schutzlos
preisgegeben und zitterte oft unter dem Anprall bis in seine
Grundmauern; wenn die Sonne unterging, waren die Wnde und
Fensterscheiben wie mit Blut bestrichen, alle Gegenstnde im Zimmer
glhten von innen heraus und im Spiegel ber dem Sofa malte sich noch
einmal das flammende Himmelsmeer ber der auf ihre strksten und
einfachsten Linien zurckgefhrten Landschaft. Die Verlassenheit hier
drauen wirkte nicht wohlttig auf Engelhart; Besuche kamen hchst
selten, auch fr die Kameraden wohnte er zu weit, und innerhalb der
Familie war doch Herz dem Herzen fremd. Einer lauerte des andern
Verfehlungen und Snden auf, nur Furcht vereinte sie hie und da einmal,
zum Beispiel als in einem nahegelegenen Wirtshaus ein durchreisender
Fremdling ermordet wurde und die Regungslosigkeit der darauffolgenden
Nchte allen zehnfach fhlbar wurde. So whlte sich Engelhart immer mehr
in gefhrliches Abgeschlossensein, dunkler frbten sich seine Trume,
von Tag zu Tag ward ihm wesenloser, was alle Menschen rings um ihn herum
an ihr Dasein knpfte. Drei Elemente webten in seiner Brust, nmlich ein
schwaches, ein ses und ein diabolisches. Das erste fgte sich jedem
Druck des Windes und der Trauer jedes Augenblicks, fgte sich und
unterlag, es gab ihn fruchtlosen Erwartungen preis und machte ihn zum
Knecht allerlei schlechter Gewohnheiten; das zweite verlieh ihm tiefen
Atem, tiefes Weilen bei sich selbst und die Liebe fr die kleinen Dinge,
an denen andre gleichgltig vorbergehen, es schuf Dmmerung um seine
Augen und breitete eine gewisse Andacht ber seine zgellosen
Phantasien; das dritte war schuld an der Heftigkeit seiner Begierden, es
erzeugte aus jeder Bewegung des Gemts einen leidenschaftlichen Rausch,
erweckte Ansprche an das Leben, die sich niemals erfllen konnten,
vertauschte im Nu Freude und Angst, Ungeduld und Apathie,
berheblichkeit und Demut, Starrsinn und Nachgiebigkeit. In einem alten
Buche las er einmal Worte, die ihm lange Zeit rtselhaft erschienen und
spter pltzlich eine furchtbare Bedeutung enthllten: Da stehst du am
Abgrund des Bsen, armseliger Mensch, und scheuest dich,
hinunterzublicken, aber wenn du auch deinen Pfad abkehrst, so werden
dich dennoch die Geister ewig verfolgen, denen du nur ein einziges Mal
freiwillig das Ohr geliehen hast.

Er war der Stadt und ihrer Menschen mde, er sehnte sich nach Freiheit
und nach der Welt; ganze Nachmittage lang lag er am Bahndamm und blickte
die Gleise hinauf und hinab, an die unbekannte Ferne denkend. Aber die
Zeit erfllte sich. Als der Sommer kam, der letzte Sommer der
Knechtschaft, wie er meinte, teilte ihm der Vater mit, da Michael Herz
in Wien sich entschlossen habe, den Neffen zu sich ins Geschft zu
nehmen. Es habe genug Schwierigkeiten gekostet, meinte Herr Ratgeber,
den Mann so weit zu bringen, er selbst habe sich fr den guten Willen
und das ehrliche Streben Engelharts gleichsam verbrgen mssen;
Engelhart beruhigte seinen Vater, er versprach alles, was man wollte, er
dachte gar nicht an die Dinge, zu denen er sich verpflichtete, und da
er dem Vater wie dem Onkel gegenber eine ernsthafte Verantwortung auf
sich nahm, es drngte ihn hinaus, etwas andres berlegte er nicht. Aus
den Briefen des Oheims sprte er heraus, da dieser groe Hoffnungen auf
ihn setze, doch da er nichts so sehr frchte als enttuscht zu werden.
Michael Herz wollte Sicherheit und sichere Gewhr. Er war ein
kinderloser Mann, hatte sich aus eigener Kraft aus dem Nichts zu
Wohlhabenheit und einer angesehenen Stellung emporgearbeitet und gefiel
sich in dem Gedanken, da der Sohn seiner geliebtesten Schwester berufen
sei, sein eignes Werk und Leben fortzusetzen. Aber vielleicht sagte ihm
eine Ahnung, wie viel Schmerz und Krnkung ihm aus diesem Vorhaben
erwachsen knne, deshalb konnte er lange Zeit keinen Entschlu fassen.
Von alldem wandte Engelhart seine Gedanken ab; den guten Willen, den
sprte er, aber es war ihm zumute wie einem Hungrigen, der fr ein Stck
Brot alle mglichen Dinge zu leisten verspricht; er wei, da sein Sinn
sich wenden wird, wenn er das Stck Brot gegessen hat, aber daran will
er nicht denken. Es kam die Zeit der Abgangsprfung; Engelhart war stets
ein mittelmiger Schler gewesen, die Seinen zitterten zu Hause um den
Erfolg, auch sie waren es mde, einen sechzehnjhrigen Burschen, der
Geld verdienen konnte, noch lnger auf dem Hals sitzen zu haben, aber
Engelhart war seiner Sache sicher, ohne sie doch zu besitzen, er schrieb
und arbeitete wie aus dem Schlaf heraus und es gelang, das Widerwrtige
ergab sich, es war irgend etwas Freudiges und Freudeerregendes in ihm,
man begegnete ihm zarter, wohlwollender, heiterer als sonst und
durchstrich das Konto seiner Schuld. Es war ein Aufwachen unbekannter
Krfte, und htte sich Engelhart anstatt in einem leuchtenden Taumel
ihnen wissender, frmmer, forschender hingegeben, so wren sie
vielleicht in seinem Dienst verblieben und htten ihm Wege gebahnt.

Als alles glcklich abgelaufen war, wurde seine Ausrstung notdrftig
instand gesetzt und Frau Ratgeber entdeckte auf einmal ein besorgliches
Herz fr den Stiefsohn. Es war zu guter Letzt noch eine gute Zeit. An
einem Septembertag wanderte Engelhart mit dem Vater nach Altenberg, um
vom Grovater Abschied zu nehmen. Dort war es auch lngst nicht mehr,
wie es vordem gewesen. Der Greis hatte, da seine zweite Frau gestorben,
um seiner Einsamkeit abzuhelfen, den Schwiegersohn mit seiner Familie
von einer kleinen, doch sicheren Stellung in einem badischen Dorf zu
sich ins Haus gerufen. Es waren sechs Kinder da, die Frau, Herrn
Ratgebers Schwester, war unheilbar krank, der Mann war ein Frmmler und
verstand nicht zu arbeiten, der lteste Sohn war ein Taugenichts, zwei
Kinder lagen noch in der Wiege, das ganze Wesen verwandelte sich in
Elend und Sorge. Der alte Ratgeber zog sich in eine Kammer zurck und
betrauerte seine Jahre. Dort sah Engelhart den sehr verfallenen Mann, er
sa in einem schmutzigen Ledersessel und reichte ihm die kalte Hand.
Engelhart fhlte drckend und fast beschmt seine prahlerische Jugend,
die mit dem Glanz ihrer herausfordernden Hoffnungen vor diesem Ende
eines Lebens stand. Nachdem beide lange geschwiegen und einander blo
angeschaut hatten, holte der Alte aus einer Schublade ein kleines
schwarzes Gebetbuch hervor und schenkte es dem Enkel. Dieser zgerte, es
zu nehmen, denn es war ihm wertlos, dann sagte der Greis unvermittelt:
Deine Mutter war eine feine Frau, Engelhart, eine feine Frau, hat mir
arg leid getan um die Frau. Dein Vater hat kein Glck mehr, seit sie tot
ist.

Es vergingen noch zwei Wochen, dann stand Engelhart eines Abends mit
seinem Vater im Regen vor der Bahnhofshalle, und sie warteten auf den
Zug. Immer von neuem wiederholte Herr Ratgeber: Sei ein braver Mensch,
werde ein braver Mann. Er lie sich keine Rhrung anmerken, und als
Engelhart schon im Coup sa und aus dem erleuchteten Fenster blickte,
lchelte Herr Ratgeber sein seltsames, verlegenes, zuckendes Lcheln.
Dann rollte der Zug davon, Herr Ratgeber schaute der roten Laterne des
letzten Wagens so lange nach, bis die Finsternis und die Ferne das Licht
verschlungen hatten, darauf seufzte er, spannte seinen Regenschirm auf
und ging in tiefem Sinnen nach Hause. Er setzte sich zur Lampe, machte
Auszge und schrieb Fakturen bis gegen zwei Uhr nachts, und als er
fertig war, sah er, da es aus war mit seinen stolzen Plnen und
Hoffnungen. Der Zusammenbruch war unvermeidlich. Da er das Schlafzimmer
betrat, erwachte seine Frau, und er teilte ihr alles mit. Sie lag stumm
da, Bitterkeit und Wut verschlossen ihr den Mund. Sie hatte einst von
einem schwarzen Seidenkleid getrumt, ferner von einem Hut mit echten
Straufedern. Damit war es nichts; sie knirschte mit den Zhnen, legte
sich auf die andre Seite und schlief mit bsem Gesicht wieder ein.




                            Achtes Kapitel


Mit seinem kleinen Kfferchen stand Engelhart vor der hohen Tr im
weien, erleuchteten Treppenhaus und suchte ziemlich lange nach dem
Glockenzug; den elektrischen Knopf bersah er. Schlielich klopfte er
mit dem Finger zaghaft an, das Stubenmdchen ffnete, sah ihn lchelnd
stehen und meldete seine Ankunft der Herrschaft. Herr und Frau Herz
kamen heraus, begrten ihn und musterten ebenfalls lchelnd seinen
Anzug und sein linkisches Wesen. Er verlor unter ihren Blicken die
vertrauensvolle Ruhe des Sichselbstbesitzens.

Der erste Gang durch die Straen; was er sah, schien ihm begehrenswert,
alles war Erscheinung. Mit Gier starrte er in die Gesichter fremder
Menschen, glaubte ihre Gefhle und Wnsche zu erraten; der Lrm der
Fuhrwerke machte ihn trunken vor Glck, das Glockenluten von den
Kirchen versetzte ihn in eine wogende, atembeklemmende Erregung. Zu den
Husern, zur Luft, zu all dem Unbekannten in der groen Stadt knpfte er
strkere Beziehungen, als zu den beiden Menschen, mit denen er lebte und
auf die er angewiesen war. Seine abgekehrte Haltung erregte Befremden.
Nur bei den Mahlzeiten war er verstndlich, weil er Portionen vertilgte
wie ein ausgehungerter Strfling. Mit dem Zustand seines Gemts
beschftigte man sich nicht, es war nicht blich; da er sich glcklich
fhlen msse, wurde vorausgesetzt. Herr Ratgeber richtete einen Brief an
Michael Herz, worin er bat, jeden Fehltritt Engelharts mit
unerbittlicher Strenge zu ahnden. Solche Worte waren nicht im Sinne von
Michael Herz; leider bemerkte er bei Engelhart wenig Lust und Liebe zur
Sache, er schien nicht einmal die allgemeine Richtung wahrzunehmen,
wohin das vielartige Treiben ziele, es war nichts Eigenttiges an ihm.

Der Packraum der Fabrik befand sich in einer Art von berdecktem
Schacht, dort muten den ganzen Tag die Gasflammen brennen. Eine
gewundene Holztreppe fhrte zu den Werksttten empor. Der Oberpacker
glossierte den Inhalt eines Theaterstcks, das er gestern gesehen; als
er fertig war, kramte ein andrer seine Erinnerungen an den
Ringtheaterbrand aus. Sie redeten zumeist vom Theater und von
Schauspielern. Engelhart sa trge auf den Sprossen einer Leiter. Als
dem Verwandten des Chefs wurden ihm gewisse Rcksichten
entgegengebracht, und die bezahlten Leute, von denen niemand eine
wirkliche Pflicht erfllte, sahen seine Versumnisse nicht ungern. Sie
wuten aber nichts mit ihm anzufangen, er war und blieb ein Fremdling.

Auf der Holztreppe erschien jetzt ein groes schlankes Fabrikmdchen und
richtete den lauernden Blick auf Engelhart. Er erblate. Das Mdchen
ging absichtlich nahe und langsam an ihm vorber und ihr Rock streifte
seine Knie. Er stand auf, schlich in den halbdunkeln Nebenraum und warf
sich seufzend auf eine schmale Kiste. Pltzlich sah er empor, Michael
Herz stand vor ihm und schaute ihn mit einem tiefen Blick des Vorwurfs
schweigend an. Dieser innerliche Blick der blauen Augen erinnerte
Engelhart an den Blick der Mutter. Er hatte eine unberwindliche Scheu
vor dem Oheim, er sah in ihm das Ideal eines Mannes und Menschen, auch
uerlich; Gestalt, Gesicht, Haltung und Betragen waren die eines
Aristokraten aus altem Geschlecht. Er war kein Geschftsmann in
gewhnlichem Sinn; er arbeitete mit dem bohrenden, zur Tiefe gerichteten
Ernst eines Knstlers. Zu Hause war er aufgerumt, ja bermtig und am
glcklichsten dann, wenn er Gste hatte, die sich bei ihm wohl fhlten.

Kurz vor Weihnachten kam Engelhart in die Buchhalterei, wo er mehr unter
Aufsicht und Arbeitszwang stand. Um ihn anzufeuern, setzte ihm der Oheim
zwanzig Gulden Gehalt aus. Sein Platz war vor einem hohen Pult am
Fenster. Neben ihm sa Herr Patkul, der eine Schnapsflasche in seinem
Pult hatte und alle Viertelstunden einen Schluck nahm. Am Abend, wenn
andre anfingen, sich zu betrinken, war er schon so voll, da er den Hut
nicht mehr auf den Kopf brachte. Herr Hallwachs, der Korrespondent,
behandelte Engelhart mit spttischem Hochmut. Er sagte: In Franken mu
es recht merkwrdige Charaktere geben, wenn Engelhart einen
Tintenklecks auf einen Brief machte.

Sie haben diesen Posten auf Soll geschrieben anstatt auf Haben, wie ich
Ihnen ausdrcklich gesagt habe, Herr Ratgeber, rief der Buchhalter mit
schmerzlichem Augenaufschlag. Er war ein wrdiger, gelassener Mann, ein
treuer Diener der Firma. Herr Patkul knurrte bedeutungsvoll; es hie so
viel als: mich htte man lngst hinausgeworfen bei solcher Unfhigkeit.

Ein breiter Sonnenstreifen fiel auf die liniierten Bltter des Buches
vor Engelhart. Er erzitterte wie bei einer elektrischen Berhrung.
Woran denken Sie denn? fragte Herr Hallwachs mit sanftem Tadel; an
das selige Franken? Dort scheint man freilich von Soll und Haben wenig
zu wissen. Herr Patkul rief Bravo und klatschte in die Hnde, der
Buchhalter lie ein vorsichtiges Lachen hren.

Ja, woran dachte Engelhart? An einen Traum der letzten Nacht. Die Trume
waren es, die ihn so schlaff machten. Hin und wieder versuchte er es,
sie seinem neuen Bekannten Emil Oesterle zu erzhlen, sah jedoch, da
von ihrem Duft und Grauen nichts an den Worten haften blieb. Die
Tintenluft lastete bleiern auf seinem Kopf. Die Zahlenreihen, die er
addieren sollte, glichen einem Haufen dnnfiger Kfer, sie krabbelten
davon, whrend er sie mit der Bleistiftspitze verfolgte; unmglich, die
bewegliche, dnnbeinige Masse zum Stillstand zu bringen. Dann klang ein
Leierkasten von einem nachbarlichen Hof herber und sein Herz krampfte
sich zusammen vor Sehnsucht nach der Freiheit.

Gib mir einen Rat, lieber Freund, ich ertrage nicht dies Dasein,
schrieb er abends, als die Verwandten im Theater waren, an den Studenten
Benedikt Knoll in Mnchen. Vor ihm auf dem Tisch stand die gefllte
Teekanne, und das heie Getrnk erhitzte vollends sein Blut. Er schrieb
und schrieb, zwlf, fnfzehn, zwanzig Seiten. Am Ende machte die
berschwenglichkeit seine Handschrift unleserlich. Nach langer Pause war
der Briefwechsel von beiden wieder aufgenommen worden; Knoll bernahm
die Rolle des Erziehers. Er blinzelte in seinen Briefen ber Engelhart
hinweg Herrn Michael Herz zu. Engelhart merkte es kaum. Die Person
Benedikts war ihm nicht so wichtig wie die Stunde, in der er an ihn
schrieb, und die Gelegenheit, sich mitzuteilen.

Um elf Uhr kam Tante Esmee unerwartet ins Zimmer. Ich habe dir doch
verboten, bis in die Nacht hinein zu schreiben, rief sie aus. Ihr
Gesicht war wei vor rger. Sie drehte ihm das Licht vor der Nase ab.
Sie hate ihn, seit sie wute, da ihr Mann sich des Knaben wegen sorgte
und kmmerte. Sie verstand sich darauf, zu hassen. In Engelharts
Gegenwart war jede ihrer Bewegungen von Verachtung und Widerwillen
getrnkt. Seine Neigung, von Dingen auerhalb des praktischen Lebens zu
reden, fertigte sie mit hhnischer Gelassenheit ab. Eine zufahrende,
heftige und trockene Natur, entbehrte sie wie die meisten kinderlosen
Frauen des Gleichgewichts. Sie liebte abgttisch ihren Gatten, war
zugleich seine Magd und seine Herrin; wenn sie allein war, war sie
verdrielich und zerqult und wute kein Mittel, der Langeweile zu
entgehen, die sie folterte.

Zwei bis drei Stunden lag Engelhart wach im Bett und seine Sinne waren
so erregt, da ihm die Finsternis als ein purpurner Rauch erschien, der
sich zu Gestalten ballte.

Am Sonntag zeigte ihm Emil Oesterle die Stadt, sie gingen im Prater
spazieren, und wenn sie nach Hause kamen, tranken sie Tee und spielten
Schach. Oesterle war ein sanfter Bursche, aber es mifiel Engelhart, da
er vor Michael Herz ein kriechendes Benehmen zur Schau trug. Er sollte
Engelharts Interesse an kaufmnnischen Gegenstnden wecken und
franzsische Konversation mit ihm treiben, doch Engelhart sah ihn dann
so spttisch an, da er verstummte. Sie waren schon ziemlich vertraut
und duzten einander; an einem Feiertag nach Tisch holte Engelhart den
Gefhrten von seiner Wohnung ab. Beilufig fragte Oesterle, ob Engelhart
des Morgens im Bureau gearbeitet habe, und dieser bejahte. Am folgenden
Tag erfuhr Oesterle jedoch, da Engelhart keineswegs in der Fabrik
gewesen sei, sondern sich in den Straen herumgetrieben habe; bla und
aufgeregt kam er und stellte Engelhart, der nun als Lgner dastand, zur
Rede. Warum er nicht die Wahrheit gesagt, er wute es kaum, ein Nein,
ein Ja, es entflog oft den Lippen, ehe er nur dachte, und manchmal
wnschte er geradezu zu lgen. Oesterle gab seinen Abscheu gegen die
Lge mit Entrstung kund und sagte: Wenn du mich noch ein einziges Mal
belgst, Engelhart, werde ich aufhren, dein Freund zu sein.

Tckische Fden spinnt das Schicksal; wenige Jahre spter endete
Oesterle im Zuchthaus, weil er in dem Geschft, wo er angestellt war,
groe Geldunterschlagungen begangen hatte.

Als der Winter um war, wurde es klar, da es auf diese Weise mit
Engelhart nicht weiterging. Er hielt es keine Stunde hintereinander in
dem Schreibzimmer aus. Wenn Michael Herz hereinkam, fragte er mit leiser
Stimme, wo sein Neffe sei; der Buchhalter zuckte die Achseln, Herr
Hallwachs lchelte vielsagend, Herr Patkul knurrte. Eines Tages fhlte
sich der Buchhalter verpflichtet, seinem Chef die volle Wahrheit ber
den jungen Ratgeber zu sagen.

Um zwlf Uhr ging Engelhart mit Onkel Michael zusammen nach Hause. Es
herrschte ein beklommenes Schweigen zwischen ihnen. Auch bei Tische
schwieg Michael Herz; Frau Esmee bemerkte, da er einen starken Kummer
in sich hineindrnge. Pltzlich schien es, als ob eine Gebrde, ein
Blick Engelharts seinen offenen Zorn furchtbar entfesselte. Er
schleuderte Messer und Gabel von sich, sein Gesicht wurde dunkelrot und
er stie malose Drohungen und Vorwrfe gegen Engelhart aus, der wie
gelhmt dasa. Frau Esmee umhalste den erregten Mann und suchte ihm Ruhe
und Fassung zurckzuschmeicheln, zugleich winkte sie Engelhart
gebieterisch zu, er solle das Zimmer verlassen.

Er suchte Emil Oesterle auf, um das Vorgefallene mit ihm zu besprechen.
Aber der furchtsame Mensch htete sich, etwas zu sagen, was Michael Herz
htte mibilligen knnen. Den grten Teil des Nachmittags verwandte
Engelhart dazu, um einen dringlichen Brief an Benedikt Knoll zu
schreiben. Es war sein verderblicher Wahn, stets von den andern Menschen
Billigung, Verstndnis, Hilfe zu erwarten.

Er sprte irgendeine unfabare Kraft in sich, sein Blut wirbelte in den
Adern, Beglcktheit und tiefste Trauer wechselten von einer Minute zur
andern. Lauer Frhlingswind strich durch den Park, in dem er ging,
durch die hohen Fenster des Konzertsaals fiel das Licht auf die
schwarzen Bume. Es war, als wrde der Walzer drinnen von Geistern
gespielt, die Menschheit lag im Todesschlaf, er allein war der Lebende,
fr ihn allein war die Welt entstanden.

Benedikt Knoll schrieb: Wenn Du ernsten Willen hast und Notabene Geld,
so komm. Ich werde Dich bald so weit haben, da Du Vorlesungen besuchen
kannst. Es sind nicht lauter erleuchtete Geister, die sich am Busen der
Alma mater msten. Schlielich vermag Minerva ihre Mannen so gut zu
ernhren wie Merkur die seinen.

Nun, was willst du eigentlich? was schwebt dir vor? fragte Michael
Herz. Bist du zur Besinnung gekommen? -- Zgernd offenbarte Engelhart
seinen glhenden Wunsch zu studieren. Michael Herz schwieg. Seine
gerteten, hochgewlbten Lider senkten sich ber die unruhig irrenden
Augen. Gut, studiere, entgegnete er endlich schroff. Ich gebe keinen
Kreuzer dafr her. Wer so wie du sein Glck mit Fen tritt, ist nicht
mehr wert, als zu verhungern. Das merke dir: und wenn ich dich an einer
Straenecke liegen sehe und du schnappst nach Brot, ich hre nichts, ich
kenne dich nicht. -- Du hast mich gefragt, was ich will, ich habe
ehrlich geantwortet, Onkel, sagte Engelhart. Natrlich, ich bin arm
und kann ohne deine Zustimmung nichts tun. Frau Esmee kam dazu, und die
ungemessene Verachtung, die sie Engelhart bezeugte, machte ihn vllig
verstockt. Jedes unbefangene Wort auf eine bestimmte Dankesschuld hin
beurteilt zu sehen, das erbittert.

Michael Herz sprach mit seinen Freunden ber den Fall. Sie sagten
zumeist das, was er oder vielmehr was Frau Esmee hren wollte. Nur ein
einziger, auf dessen Klugheit und Weltkenntnis er groe Stcke hielt --
es war der Hausarzt--, machte sich anheischig, mit Engelhart zu reden,
und stellte ihm das Unbillige, ja Vernunftlose seines Verhaltens vor.
Engelhart horchte auf. Das war der erste Mann, der menschlich mit ihm
redete und nicht wie von einem Turm herunter allgemein tnende Worte von
sich gab. Ich kann nicht, war alles, was Engelhart zu antworten
vermochte, doch hatte seine Stimme einen flehentlichen Klang.

Am ersten Mai fuhr das Ehepaar Herz fr einige Tage aufs Land.
Engelhart blickte von seinem Zimmer aus in den Hof auf die fensterlose
Rckenmauer des Nachbarhauses. Auf einem vorspringenden Steinabsatz sa
ein Sperling. Bleibt er sitzen, bis ich zwanzig zhle, so tue ich's
noch heute, sagte Engelhart. Mit vorgenommener Langsamkeit fing er an
zu zhlen. Sein Herz klopfte bang. Als er bei zwlf war, legte der Vogel
das Kpfchen schrg ins Gefieder und schaute in die Richtung, wo
Engelhart stand. Er konnte bis dreiundzwanzig zhlen, da flog das
Tierchen auf und zwitscherte ins Sonnenlicht hinein.

Engelhart berrechnete seine Barschaft; er hatte sich ungefhr fnfzig
Gulden erspart und meinte, es sei viel Geld. Dann ging er ins Museum,
sah aber keine Bilder an, sondern setzte sich in eine Ecke und
beobachtete lange Zeit das Spiel eines Sonnenstrahls, der sich um eine
Marmorsule wand. Eine schne Frau, in dunkeln Sammet gekleidet, schritt
vorber, ohne ihn zu sehen. Sie trug zwei gelbe Rosen in der Hand, und
er hrte sie mit gedankenvoll lchelndem Mund etwas flstern.

Nachmittags packte er seinen Koffer, die Dienstboten kmmerten sich
nicht um ihn. Als es dunkel wurde, verlie er das Haus. Es war ein
gttlich milder Abend; der Mond lag zwischen scharfgeschnittenen Wolken
wie in einer dunkelblauen Schssel. Jetzt war es ihm doch gar eigen ums
Herz, weder traurig noch lustig, sondern weh und verantwortungsvoll. Auf
dem Bahnhof kaufte er ein Billett nach Mnchen. Er mute ber eine
Stunde bis zur Abfahrt warten, dann wurde er in einem unabgeteilten
Wagen mit mehr als dreiig Personen zusammengepfercht. Nach den ersten
Stationen wurde es ertrglicher, aber die Luft war schlecht und die
Beleuchtung trbe. Engelhart drckte die Stirn an die Fensterscheibe
und schaute in die mondbeschienene Wald- und Hgellandschaft.

Ihm gegenber sa eine Bauernmagd; sie hatte ein rotes Tuch ber die
Holzlehne gebreitet, darauf hatte sie den Kopf gelegt und schlief. Ein
sonderbarer Kitzel trieb ihn, an dem Tuch zu zupfen; die Nachbarn sahen
zu und lachten. Der Beifall ermunterte ihn und er wiederholte es, jetzt
rutschte das Haupt der Schlferin ein Stck herunter. Die Zuschauer
waren hchst belustigt, die ganze Gesellschaft wurde munter, und als die
Buerin schlielich ein unwilliges Gebrumm hren lie, brachen alle in
drhnendes Gelchter aus. Engelhart nahm einen Zigarettenstummel und
steckte ihn der immer noch Schlummernden in den Mund. Die Leute fhlten
sich wie im Theater, ein altes Weib bekam vor Lachen einen Hustenanfall.
Die Schlferin schlug die Augen auf, ihr verschmtes und bestrztes
Gesicht vermehrte den Jubel. Engelhart lie es damit nicht genug sein,
es kam wie eine Wut der Tollheit ber ihn, er bellte, krhte, wieherte,
nannte einen dicken, triefugigen Menschen bestndig Herr Professor,
stieg auf die Bank und hielt eine unsinnige Ansprache, dabei empfand er
im Innern ein finsteres Staunen ber sich. Der Raum war von Tabaksqualm
erfllt, die lachenden Gesichter verzerrten sich vor seinen Augen zu
unheimlichen Gebilden. Am andern Ende des Wagens sa ein Prlat; dieser
wandte sich an die Zunchstsitzenden und sagte: Der junge Mensch kommt
mir verdchtig vor. Darauf erhob sich ein andrer, offenbar ein
Handlungsreisender, und rief Engelhart zu: Sie, sagen Sie mal, sind Sie
vielleicht Ihrem Herrn Vater mit dem Geld davongelaufen? Engelhart
stutzte, dann erwiderte er mit gespielter Verachtung: Mein Vater hat
gar kein Geld. Da sah Engelhart ein strenges Augenpaar auf sich
gerichtet. Es war ein blasser, einfach gekleideter Mann mit einer Narbe
auf der Stirn. Streng und drohend war der auf ihn geheftete Blick.
Allmhlich wich das berauschte Wesen einer tiefen Niedergeschlagenheit.
'Warum starrt er mich so dster an?' grbelte Engelhart. Er wnschte mit
dem Fremden zu sprechen; es lag ihm daran, jenem mitzuteilen, da er
nichts Bses im Schilde fhre, da es berflssig sei, ihm unfreundlich
entgegenzutreten, und da er Menschen suche, von denen er geliebt sein
wollte. Aber es gab keinen Weg von ihm zu dem Fremden, obwohl sie nur
drei Schritte voneinander entfernt waren, es gab kein Mittel, den
Unvershnlichen milder zu stimmen.

Als der Zug sich der Grenze nherte, wurde es Tag. Zur Rechten lagen die
rosig umhauchten Gipfel der Berge in der glsernen Frhluft. Eine dumpfe
Stimme rief: Engelhart! Engelhart! War es nicht der Mann mit der
Narbe? Nein, jener war fort, der Platz, auf dem er gesessen, war leer.--

Wieviel Geld hast du mitgebracht? fragte Benedikt Knoll. Engelhart
nannte die Summe, die er noch besa. Und fr wie lange soll das
reichen? fragte Knoll weiter. Darauf wute Engelhart keine Antwort.
Knoll war erschrocken. Kommst du denn ohne die Einwilligung deines
Onkels? fragte er und erfuhr, da Engelhart als Flchtling kam. Nun
hatte der kleine Student nicht mehr das geringste Wohlgefallen an der
Ankunft des Freundes. Indessen schmiedeten sie noch am selben Tag einen
diplomatischen Brief an Michael Herz. Knoll teilte dem von ihm verehrten
Manne mit, wie die Dinge standen und da er sich fr die anstndige
Fhrung Engelharts verbrge. Wenn er wirklich das Zeug zu einem Manne
der Wissenschaft habe, drfe man ihn doch nicht untergehen lassen; Herr
Herz mge Gnade walten lassen und den Hilflosen vor Not schtzen. Als
Antwort kam nach acht Tagen nichts weiter als eine geschftliche Notiz
der Firma, wonach Engelhart bis auf weiteres an jedem Monatsersten
fnfzig Mark ausgezahlt erhalten sollte. Benedikt Knoll rang die Hnde.
Fnfzig Mark! rief er aus, da mut du von jedem Fnfzehnten ab einen
vierzehntgigen Schlaf tun. Das Zimmer, das er fr Engelhart gemietet,
kostete allein den dritten Teil dieser Summe. Aber wenn Engelhart
fnfzig Mark in der Hand hatte, hielt er es fr unmglich, da so viel
Geld jemals ganz ausgegeben werden knne. Erst wenn die letzten Groschen
in der Tasche klimperten, wurde ihm unbehaglich zumute.

Knoll sprte wenig Lust, den Lehrer zu machen, und Engelhart noch
weniger, Schler zu sein. Er hatte genug gelernt, nun wollte er sehen,
atmen, leben. Trotzdem verbrachten sie einen Tag damit, auf dem
Bchermarkt eine lateinische und eine griechische Grammatik
einzuhandeln. Es geschah der Form wegen. Dann kamen auch Stunden, wo
Engelhart sich aufraffte und seinem Gedchtnis eine Reihe von Vokabeln
einprgte, die er am nchsten Tag wieder verga. Es ist aussichtslos,
dachte Benedikt Knoll und sann darauf, wie er sich der lstigen
Verantwortung entledigen knne. Inzwischen lebten sie als gute
Kameraden, und da Engelhart an einem unstillbaren Hunger nach Menschen
litt, machte ihn Knoll mit seinen Kommilitonen bekannt. Engelhart kam
jedem einzelnen mit kindlichem Vertrauen entgegen, aber er setzte sie
damit in Verlegenheit; sie wunderten sich ber ihn, was er sagte,
erschien sonderbar einfltig oder unverstndlich. Knoll hingegen war
beliebt, und wenn er Engelhart zur Zielscheibe seines Witzes machte,
sahen sie auch diesen mit gnstigeren Augen an, weil sie ber ihn lachen
konnten.

Sie standen fest auf ihren Fen, die Studenten und Studentlein. Jeder
verbte mit dem, was er besa, und war es noch so wenig, greulich viel
Lrm und Geklapper, so da seiner Armseligkeit nicht beizukommen war.
Ungeachtet aller Liederbuchphrasen von deutschem Mnnerstolz und echtem
Germanentum waren sie die Knechte eines jmmerlichen Formelwesens, und
der ganze Freiheitsdrang hatte ausgetobt, wenn sie eine Straenlaterne
zerschlagen und einen Nachtwchter beschimpft hatten. Sie waren
berzeugt, als Schirmherren fr die idealen Gter der Nation bestellt zu
sein, doch im Grunde betrachteten sie all das wissenschaftliche oder
patriotische Getue als ein Geschft wie jedes andre. Krfte der Ahnung,
Krfte des Herzens wurden im Bier ersuft.

Es war ein Juniabend, Knoll und Engelhart spazierten mit fnf andern
Studenten ber die Ludwigstrae, Knolls Intimus, ein gewisser
Schustermann, fhrte seinen Hund an der Leine, eine schne dnische
Dogge. Pltzlich ri sich das Tier los, verfolgte einen andern Hund, kam
aber, als sein Herr pfiff, sogleich zurck. Nun war jedoch Schustermann,
auch sonst ein galliger Bursche, diesmal in boshaft trunkener Laune. Er
fing an, den Hund aufs grausamste zu schlagen, und schlielich blutete
das Tier aus mehreren Wunden. Je mehr es mihandelt wurde, je
erbrmlicher winselte es um Gnade; Schustermanns Freunde standen lachend
herum, und einer sagte: Der Hund ist wie ein Jud. Engelhart fuhr
zusammen und erwiderte mit stockender Stimme: Wenn man die Juden auch
blutig schlgt, um Gnade pflegen sie nicht zu betteln. Die Studenten
fanden den Auftritt peinlich, und der lteste bemerkte nasermpfend:
Mir scheint, er bildet sich was darauf ein, da er ein Jude ist. Knoll
war wtend und zischte Engelhart zu: Nur nicht pathetisch sein, das
gibt es hier nicht.

Am andern Tag kam er zu Engelhart ins Zimmer und machte ihm frmliche
Vorhaltungen. Was kmmert es die Leute, da du Jude bist, eiferte er.
Schlimm genug, da wir es sind, wir haben nicht ntig, viel Aufhebens
davon zu machen. Wir wollen endlich Ruhe haben und alles vergessen, und
jene sollen gleichfalls vergessen.

Doch Engelhart war satt von jenen, es verlangte ihn nicht mehr nach
ihrer Gesellschaft.

Wie willst du berhaupt vorwrts kommen mit deiner beispiellosen
Anmaung? fuhr Knoll fort.

Ich -- anmaend? flsterte Engelhart erstaunt und bestrzt. Ebensogut
knntest du sagen, Schustermanns Hund sei gestern abend mutig gewesen.

Knoll beachtete die Einrede nicht. Du arbeitest nichts, du hast kein
Ziel, keinen Ehrgeiz, und ich bereue, was ich fr dich getan habe,
sagte er.

Engelhart trat zum Fenster und schaute stumm in die Abendrte. Fern
zwischen Husern schwebte noch ein schmales Sonnensegment. Herz der
Welt, du sollst erglhen, dachte er mit jhem Entzcken -- Worte, die er
nie frher gehrt. Von einem gegenberliegenden Wirtshaus drangen
Harfen- und Geigenklnge herauf. Ach Musik, Musik, all sein Sinn, sein
ganzer Leib lechzte nach Musik, bebte von chaotischer Musik, das Dmmern
und Weben der Zeit, ihre Rufe, ihre Stimmen, alles Musik, ein Wogen
unfabarer Akkorde.

Komm, Benedikt, sagte er vershnend, la uns eine Partie Schach
spielen. Knoll war es zufrieden, und da er gewann, kehrte seine gute
Laune zurck. Dennoch kritisierte er bald darauf in einem Brief an Frau
Wahrmann Engelharts Treiben hchst abfllig. Das machte bses Blut, auch
Herr Ratgeber, der jetzt in Wrzburg wohnte und dort als
Versicherungsinspektor ttig war, erhielt Nachricht, wie die Sache
stand. Er schrieb sogleich an Engelhart und beschwor ihn, umzukehren,
solange es noch Zeit sei. Willst du denn das geistige Proletariat um
eine hoffnungslose Existenz vermehren? schrieb Herr Ratgeber. Ist es
denn kein Beruf, der deiner wrdig ist, Kaufmann zu sein? Wer bist du
denn eigentlich? O, alles Unglck kommt ber mich, auch diese
Erwartungen nun zuschanden, und wie steh' ich vor meinem Schwager Herz
da! Wenn deine Mutter noch lebte, das wrde sie tten. Kann dich nichts
andres bestimmen, von deinem Wahn zu lassen, so denke an die Leiden und
Entbehrungen, die dir bevorstehen.

So von allen Seiten in die Enge getrieben, verlor Engelhart selbst das
Vertrauen zu dem gegenwrtigen Zustand. Das Schlimmste war, da er mit
dem Geld nicht auskam und gegen das Ende des Monats nicht wute, wovon
er leben sollte. Er konnte nicht einmal in der elenden Kneipe, wo er zu
essen pflegte, den Mittagstisch bezahlen. Er trumte sich hinweg ber
die Milichkeiten, sein Inneres befand sich in einer bestndigen Glut.

Im Juli begannen die Ferien; Knoll reiste nach Hause, auch die geringe
Zahl der brigen Bekannten verlie die Stadt. Engelhart wanderte unter
den Arkaden umher, bis das Nachmittagskonzert zu Ende war. Das Gewimmel
geputzter Menschen stimmte ihn traurig. Vor der kleinen Rotunde
begegnete ihm eine auffallend schne Frau, er blieb stehen und sah ihr
mit erstarrendem Gesicht nach. Dann ging er in den Englischen Garten.
Bei der Mhle lagen riesige Felsen im Wasser, er kletterte von Stein zu
Stein und ruhte endlich auf einem moosbewachsenen Block. Es waren nicht
Gedanken, denen er nachhing, vielmehr war ein mystisches Weben in seinem
Innern, das einen Zustand von Dmmerung erzeugte. Auf dem Nachhauseweg
kam er an einer offenen Kirche vorbei; er trat hinein und lie sich von
der khlen Stille wollstig umschauern.

Es war ihm zumute wie einem Seiltnzer, dem die Balancierstange
entfallen und der nun die Augen schliet und bebend in die Luft greift,
um nicht zu strzen. An einem Regentag war er zu Hause geblieben. Er
merkte nicht, da es im Zimmer dunkel wurde. Um neun Uhr pochte die
Hausfrau und brachte unaufgefordert die Lampe. Er erhob sich jh und
glaubte eine Erscheinung zu sehen, ein Weib mit engelhaften Zgen und
einer sanften Gewalt der Augen. Doch die Wirtin war eine bejahrte Dame,
die ein Seifen- und Kerzengeschft fhrte.

Seine Schwester Gerda hatte jetzt das Pensionat verlassen und weilte bei
den Eltern in Wrzburg, von wo sie ihm einen ihrer kindlichen und
unbedeutenden Briefe schickte. Ohne Verzug antwortete er ihr, schrieb
wie im Weinrausch mit Fingern, die von der Aufregung schlaff waren. War
es doch ein weibliches Wesen, das ihm von Bluts wegen zugehrte.
Stundenlang sa er in der Nacht und betrachtete immer wieder das Bildnis
der Schwester.

Mitte August verlangte Herr Ratgeber mit Strenge, da Engelhart der
Miggngerei ein Ende mache und einstweilen nach Wrzburg reise.
Engelhart war der entschiedenen Weisung froh, denn die Zeit flo
fruchtlos hin. Er packte seine sieben Sachen zusammen, mute aber seine
Uhrkette verkaufen, da sonst das Geld zur Fahrt nicht gereicht htte. Er
wurde nicht sehr freundlich empfangen. Der Vater sah abgearbeitet aus.
Trotzdem schien Herr Ratgeber nie verdrossen, eher bekmmert, und auch
dies nur, wenn er sich unbeobachtet wute. Er litt unter seinem neuen
Beruf, denn es war der jmmerlichste von allen Berufen der Welt und
zwang den zurckhaltenden Mann zur Aufdringlichkeit. Da die Konkurrenz
unverschmt war, durfte kein Mittel verschmht werden, und wer am
meisten schwatzen konnte, trug den Sieg davon.

Abel war Lehrling in einem Tuchgeschft; in der Schule hatte er nicht
lnger bleiben wollen, aber in seiner Stellung tat er auch nicht gut, er
machte schlimme Geschichten. Kurz vor Engelharts Ankunft war beschlossen
worden, ihn nach Amerika zu expedieren; Herr Ratgeber hatte sich an
einen Jugendfreund gewandt, der drben reich geworden war. Am zehnten
September ging das Schiff von Bremen ab, bis dahin mute Abel
reisefertig sein.

Du mut nach Wien schreiben und Abbitte leisten, war das erste Wort
morgens und das letzte abends fr Engelhart. Er strubte sich aus allen
Krften, der bloe Gedanke machte ihn sich selber zum Abscheu. Aber die
Tage sind lang und das Gnadenbrot schmeckt bitter. Mehr als die
Demtigungen und Vorwrfe von seiten der Stiefmutter wirkte der stille
Kummer des Vaters. Herr Ratgeber vermochte dem Sohn gegenber nicht
beredt zu werden, wie er sich's vorgenommen hatte. Er nahm in Engelharts
Wesen etwas wahr, irgendeinen Funken im Auge, einen Tonfall der Sprache,
was ihn an die eigne Jugend gemahnte; unvermutet fand er sein Herz
milder als sein Urteil. Es war de um ihn, unwillkrlich suchte er im
Gefhl zu den Kindern einen Halt.

Es war ein wunderbar verblhender Sommer, ein stetiges Abflammen in den
Herbst hinein. Engelhart trieb sich in den Weinbergen herum und schaute
von oben auf die trmereiche Stadt nieder. Im Hause war er gern, wenn
Gerda zugegen war. Sie war schn zu nennen, zart von Gestalt, bla von
Gesicht; ihr schchternes Auge, ihr sanftes Hintrumen machten einen
innigen Reiz aus. Engelhart brachte ihr Blumen; sie lachte; vom Bruder
beschenkt zu werden, erschien ihr komisch.

Es war Nacht, und ein heftiges Gewitter tobte. Engelhart stand auf,
klopfte an Gerdas Schlafzimmertre und fragte, ob sie sich frchte. Sie
schlief und hrte nichts. Er wartete und hielt Wache, bis das Donnern in
die Ferne zog. Er dachte darber nach, ob Gerda einst glcklich sein
wrde. Auf der Strae bemerkte er sie von weitem und blieb in
unbesieglicher Erregung stehen. Doch wenn er sie nicht sah und ihre
Gegenwart nicht empfand, erschien ihm dies Betragen tadelnswert
berschwenglich, und er erinnerte sich mibilligend an die seltsame
Gewohnheit, die sie hatte, Kalk von den Wnden zu schaben und zu essen.

Gefhrten hatte er hier keinen. Es gab viele Studenten in der Stadt,
doch er fhlte sich nicht zu ihnen gehrig; es gab auch viele Kaufleute,
und zu den Kaufleuten gehrte er gleichfalls nicht.

Endlich war der Schicksalsbrief an Michael Herz geschrieben und
abgeschickt, vier Seiten voll von Versprechungen und Selbstanklagen. Vor
der Stadtmauer beim Hofgarten war ein Brunnen, aus dem kein Wasser mehr
lief. Dorthin eilte Engelhart, whlte das Gesicht ins Moos, und nachdem
er eine Weile geweint hatte, wurde es ruhig in ihm, er legte sich auf
den Rcken und studierte die Wolken. Oben auf der Mauer war eine
einsame, von Birken- und Ahornbumen gebildete Allee. Am Tag vor Abels
Abreise ging er mit dem Bruder hier spazieren. Der dumpfe Abel hatte
keinen Begriff von Reise und Ferne, er freute sich nur, der
unertrglichen Tyrannei der Stiefmutter entrinnen zu knnen. Widerwillig
war er mit Engelhart gegangen und fand dessen Fragen und Ratschlge
lstig. Sie setzten sich auf eine Steinbank, und Abel sagte gelangweilt:
Du knntest mir wenigstens eine Geschichte erzhlen, Engelhart, wie
frher, weit du noch? -- Schn, ich will dir etwas erzhlen,
antwortete Engelhart, die Geschichte vom ewigen Brutigam. Er schaute
eine Weile besinnend in die Luft, bis Abel ungeduldig wurde, da fing er
an:

Es lebte einmal ein ganz gewhnlicher Hirtenjunge, dessen grtes
Vergngen war es, auf der Erde zu liegen und in die Luft zu gucken. Je
nachdem die Sonne sich drehte, drehte er sich mit, da sie ihm nicht ins
Gesicht schien. Wenn man ihn fragte: Nichts zu tun, Jackele? so
antwortete er: Alles schon getan, und sie nannten ihn daher Jackele
Katzenpelz. Einmal wurde Jackele mit den Gnsen auf eine Waldwiese
geschickt, und als er hinkam, legte er sich gleich auf den Rcken und
dachte darber nach, was wohl hinter dem blauen Himmelsvorhang verborgen
sein mchte. Die Zeit verging, und als die Sonne sank, erhob er sich und
wollte die Gnse zusammenrufen. Da sah er einen groen rosigen Flamingo,
der vom Walde aus auf seine Herde zustolzierte, langsam die Flgel
ausbreitete und mit einem hellen Schrei in die Luft flog. Kaum hatten
die Gnse den zauberhaften Ruf vernommen, so flatterte eine nach der
andern hinauf, und sie zogen in langer weier Linie zuerst um die
Baumkronen und dann in den abendlichen ther. Als Jackele ohne die Gnse
heimkam, fielen die Dorfbewohner ber ihn her, prgelten ihn erbrmlich,
und sein Vater wies ihn von der Tr und sagte, er solle ihm nicht mehr
vor Augen kommen ohne die Gnseherde. Mitten in der Nacht mute er aus
dem Dorf wandern und sann darber nach, wie er wieder zu den albernen
Gnsen kommen knnte. Die Frsche hockten aufgeblasen in der Wiese und
quackten:

    Jackele, Jackele, wo sind denn deine Gns'?
    Sie sitzen vielleicht am Weiherle und waschen ihre Schwnz'.

Jackele ging zum Weiher, sah aber nichts von den Gnsen und wurde
traurig. Da tauchte ein silberner Strahlgeist aus dem schwarzen Wasser
empor, tanzte eine Weile umher und flsterte endlich:

    Jackele, nicht weinen,
    Sternlein soll scheinen,
    Sturmwind soll wehn,
    Mut durch die sieben finstern Lnder gehn.

'Wie soll ich den Weg durch die sieben finstern Lnder finden?' dachte
Jackele. Aber die Sterne schienen so hell vor ihm her, da er nicht in
die Irre geraten konnte, und als er anfing, mde zu werden, kam der
Wind, nahm ihn auf seine Schulter und trug ihn bis dorthin, wo wieder
die Sonne am Himmel stand. Da sah er auch schon die schimmernden Mauern
der kniglichen Burg in einem Garten mit lauter dunkelroten Blumen. Und
wie er aufhorchte, hrte er von drinnen ein wohlbekanntes Geschnatter
und wute, da seine Gnse im Schlo des Knigs seien. Er pochte
schchtern an das eiserne Tor, doch niemand hrte ihn, und es ward nicht
geffnet. Schon fing sein Mut wieder an zu schwinden, da flog ein
Bienenschwarm heran, kreiste um seinen Kopf, und wie er mit den Hnden
Gesicht und Augen verdeckte, um sich vor ihren Stichen zu schtzen,
hrte er, wie sie summten:

    Mut das feige Blut bezwingen,
    Nicht nur warten, nicht nur hoffen,
    Wolle nur, so wird's gelingen,
    Riegel fllt und Tor ist offen.

Als er dies vernommen, nahm er seine ganze Kraft und alle Gedanken
zusammen und schritt auf das Tor los, und wirklich, es tat sich auf. Der
Soldat, der vor der Tr des Knigs Wache hielt, lie vor Schrecken das
Gewehr fallen und eilte, den Vorgang zu melden. Auch der Knig geriet in
Angst, und dachte, ein Zauberer sei gekommen, um ihn zu vernichten. Er
warf den Purpurmantel ber die Schulter, ging dem Fremdling entgegen,
lud ihn ins Schlo und bot ihm eine Stelle als Reichsminister an. Der
alberne Hirtenjunge schttelte den Kopf und forderte nichts weiter als
seine Gnse. Da lchelte der Knig, lie den Stall ffnen, die Gnse
marschierten freudig gackernd heraus, Jackele trieb sie aus dem Tor und
sie wanderten allesamt gegen die Heimat. Nun befand sich jedoch unter
den Hflingen des Knigs ein wirklicher Zauberer; dieser hatte alles
mitangesehen und sich in seinem verzwickten Verstand gesagt, mit den
Gnsen msse es eine eigne Bewandtnis haben; kurzum, er glaubte nicht an
die Einfalt des Hirten und meinte, Jackele sei vielleicht ein Mensch,
der ber geheimnisvolle Krfte der Geisterwelt verfge. Er setzte sich
deshalb in den Kopf, ihm die Gnse abzulisten, eilte ihm nach,
verwandelte sich in einen Zwerg und stand pltzlich wie aus der Erde
gewachsen vor Jackele da. Gib mir deine Gnse, sagte er, und ich will
dir geben, was noch kein Mensch besa.

Was willst du mir geben? fragte der Hirt.

Der Zwerg hielt ihm eine goldne Schssel entgegen, und darauf lagen drei
Dinge: ein weier Edelstein, ein glsernes Auge und ein frisch blutendes
Herz, so klein wie eines Vogels Herz. Whle, sagte der Zwerg.

Was ist es mit dem Edelstein? fragte Jackele.

Er gibt Reichtum, antwortete der Zwerg.

Und mit dem Auge? fragte der Hirt.

Es gibt Wissen, sagte der Zwerg.

Und das Herz?

Da schttelte der Zwerg den Kopf und entgegnete, darber knne er keine
Auskunft geben.

Da griff Jackele schnell nach dem Herzen, und kaum hielt er es in der
Hand, so war der Zwerg samt allen Gnsen verschwunden. Jackele sprte
aber auf einmal eine mchtige Unruhe in seinem Innern. Als er in das
Dorf zurckkam, fand er in allen Gesichtern Spott und Ha. Die Kunde,
da er um der elenden Gnse willen des Knigs Gnade ausgeschlagen hatte,
war ihm vorausgeeilt, und da er nun nicht einmal die Gnse
zurckbrachte, verwnschten sie ihn wegen seiner Dummheit, jagten ihn
davon und schrien:

    Katzenpelz-Jackele,
    Kein Geld im Sackele,
    Im Kopf kein Verstand,
    Der rgste Tropf im Land.

Immer gewaltiger wurde aber die Unruhe in der armen Brust des Hirten. Es
zog ihn die kreuz und die quer durch das Land, es zog ihn zu den
Menschen, er fand auch da und dort Aufnahme, aber er konnte nirgends
bleiben, immer trieb es ihn weiter und schlielich fingen die Leute an,
ihm zu mitrauen und sagten: Man mu sich hten vor ihm, er hat einen
bsen Blick. Da er auch kein Geld besa, so gaben sie ihm nichts mehr zu
essen, und er mute hungern. Nach berlangem Wandern begegnete er auf
der Landstrae einem drren alten Weiblein und fragte, ob sie nicht
wisse, wie man Schtze erwerben knne, denn er bereute jetzt aufs
heftigste, da er damals nicht den Edelstein von der goldenen Schssel
genommen.

Zieh nur weiter bis gegen Mittag, sagte das Weiblein, da kommt ein
Berg und da wohnt ein Schmied, der wei, wie man Schtze erwerben kann.

Jackele kam richtig vor die Schmiede und bat den Schmied, der nackt,
mit rugeschwrztem Leibe vor der Esse stand, er mge ihm helfen,
Schtze zu erwerben. Der Schmied fhrte ihn in die Werkstatt und hie
ihn den Blasbalg treten. Das Feuer fauchte auf und Jackele sah glhendes
Gold in den Flammen liegen; seine Begehrlichkeit erwachte, ohne zu
berlegen griff er mitten in die Glut und wollte das Gold nehmen. Aber
das Feuer verbrannte seine beiden Arme bis an die Ellbogen hinauf, und
er warf sich auf die Erde hin und schrie vor Schmerzen. Der Schmied
lachte, ergriff den groen Hammer, lie ihn viele Male auf den Ambo
heruntersausen und bei jedem Schlag rief er lachend aus: Schaff dir das
Herz vom Leibe! Schaff dir das Herz vom Leibe! Jackele verlie die
Schmiede und kam alsbald in den dunkelsten Wald, den er je gesehen. Es
wurde ihm so einsam, da er zu sterben frchtete, auerdem schmerzten
ihn die verbrannten Arme. Als es Abend wurde, machte er am Rande eines
verfallenen Brunnens Rast, und da ungeachtet aller Mdigkeit doch wieder
die treibende Unruhe ber ihn kam, dachte er an die Worte des Schmieds,
nahm das blutende Herz, das so klein wie eines Vogels Herz war und
sagte: Du teuflisches Ding, du hast mir die Seele vergiftet, hast mir
die Ruhe genommen, so fahr in die Tiefe, ich will deiner los sein.
Damit schleuderte er das Geschenk des Zwergs in den Brunnen hinab.

Auf einmal hrte er wieder jenes vertraute Geschnatter in der Luft wie
vor dem Knigsschlo, und als er emporschaute, sah er drei Gnse aus
seiner Herde, und jede sa auf der Krone eines Baumes. Jetzt flatterte
die erste herab, setzte sich an den Rand des schwarzen Loches und rief:

    Herz der Welt, du sollst erglhen,
    Ich bring' dir einen Brutigam,
    La ihm deine Schtze blhen.

Darauf entstand ein Leuchten in der Tiefe des Brunnens, wie wenn alle
Finsternis des Erdenschoes sich in eitel Feuer verwandelt htte. Die
Bume fingen an zu rauschen wie Orgeln, die Vgel zwitscherten, da es
wie der Gesang von Elfen ertnte, und Jackele starrte hinab, sah der
Welten Herz erglhen und seine Sehnsucht und Reue wurden so gro, da er
meinte, es werde ihm die Brust auseinanderreien. Die zweite von den
Gnsen rief indessen immerfort: Du bist der Brutigam, du bist der
Brutigam; und die dritte, die schwarzflglige, flog auf, lie sich,
als sie ber der Mitte des Brunnens schwebte, langsam zur Tiefe sinken,
und da sie unten war, fing sie an zu brennen, ward aber pltzlich
verzaubert und kam als herrlicher Paradiesvogel wieder empor. Sie lie
ein paar Wassertropfen aus dem Schnabel auf Jackeles Wunden fallen, da
sie sogleich heilten, und sagte: Das Herz der Welt lt dich gren, du
sollst hinuntersteigen und dich ihm anvermhlen. Inzwischen war Jackele
von einem Holzknecht bemerkt worden, der es den Leuten im Dorf verraten
hatte. Diese eilten nun mit Dreschflegeln herbei, um den unntzen
Gesellen totzuschlagen. Wie staunten sie aber, als sie ihn mit einem
silbernen Kleide angetan am Rand des Brunnens sitzen sahen, den fremden
Vogel auf der Schulter. Sie wagten ihn kaum anzuschauen und gingen
schlielich bengstigt und kopfschttelnd wieder nach Hause. Nun sollte
Jackele in den Brunnen steigen, doch das war ein so schweres
Unternehmen, da Tag um Tag verging und er nicht einen Schritt
weiterkam. Es gab kein Seil, das lang genug gewesen wre; er mochte
graben und schaufeln und Leitern bauen, es half alles nichts, und wre
nicht der Gesang des Paradiesvogels gewesen und der beseligende Anblick
des glhenden Herzens in der Tiefe, so wre er verzweifelt und htte von
seinem Vorhaben abgelassen. Was weiter mit ihm geschehen ist, kann ich
nicht sagen, weil ich's nicht wei. Vielleicht ist es ihm am letzten Tag
vor seinem Tode doch gelungen.

Abel war unzufrieden mit dieser Geschichte. Er sagte, an Zaubereien
glaube er nicht, und da Gnse und Frsche sprechen knnten, sei nicht
wahr. Sie schritten whrenddem beide ber die gewundenen Terrassen herab
in die Lauben- und Efeugnge des Gartens und sahen die vielfach
verzierte Fassade des Schlosses vom bleichen Abendlicht bergossen.
Engelhart war tief in Gedanken und durch die Luft wie durch die
Blumengerche gleicherweise erregt.

In der Frhe um halb fnf nahm Abel Abschied. Engelhart und der Vater
begleiteten ihn zum Bahnhof. Herrn Ratgeber ging es nahe; auch hatten
ihm einige Bekannte die Sache bedenklich gemacht, es sei doch
gefhrlich, einen Knaben von dreizehn Jahren bis ans andre Ende der Welt
zu schicken. Als sie wieder auf dem Heimweg waren, bemerkte Engelhart,
da es um den Mund des Vaters verrterisch zuckte. Gleich darauf trafen
sie am Glacis einen Rimparer Bauern, der mit einer Fuhr zum Markt kam,
Herr Ratgeber rief ihn an, fragte, was in den Scken enthalten sei, und
verhandelte dann eifrig wegen eines Zentners Kartoffeln mit ihm.

Wenige Tage spter kam der Antwortbrief von Michael Herz. Er wolle den
Gelbnissen trauen und es noch ein einziges und letztes Mal probieren.
In sein eignes Geschft knne er Engelhart schon aus Grnden der
Disziplin nicht zurcknehmen, er habe einen Freund, den Chef des
angesehenen Exporthauses Freitag und Sohn, bewogen, Engelhart als
Lehrling aufzunehmen. Es hnge alles andre davon ab, ob er dort ernsten
Willen und dauernde Besserung zeige. Durch seinen Wahnsinn habe er ein
ganzes Jahr vergeudet, hoffentlich htten ihn seine Erfahrungen fr
immer belehrt. Darauf folgten noch Anweisungen ber die Reise; er solle
nach der Ankunft in einem billigen Vorstadthotel bernachten und sich am
Morgen gleich seinem knftigen Chef vorstellen. Ihn in seinem eignen
Hause wohnen zu lassen, halte er nicht fr angemessen, einer solchen
Vergnstigung msse sich Engelhart erst wrdig zeigen. Er habe einen
seiner Angestellten, Herrn Kapeller, beauftragt, ein Zimmer zu mieten.
Zu Mittag kannst du bei uns sein, schlo das polizeimig sachliche
Schreiben, an dessen Inhalt Engelhart schluckte und wrgte, das
Abendbrot bekommst du bei der Familie Kapeller.

Herr Ratgeber war glcklich ber den Verlauf. Er nahm den Sohn mit ins
Kaffeehaus, zahlte die Zeche fr ihn und erteilte ihm gute Lehren. Die
aufrichtig gemeinten Worte schwirrten inhaltslos an Engelharts Ohr
vorber.




                            Neuntes Kapitel


Die trbselige Reise, das bernachten in einem schmutzigen Hotel, das
peinliche Wiedersehen mit dem Oheim, es glich einem Traum von nicht
unerwarteter Hlichkeit. Im Vorzimmer der Firma Freitag und Sohn mute
Engelhart stundenlang warten. Junge Leute mit bleichen und hochmtigen
Gesichtern saen an den Pulten im Kontor, in das er durch eine Glastr
blicken konnte. Ein schwarzbrtiger finsterer Herr fhrte ihn
schlielich ins Privatgemach des Chefs. Dieser Raum zeigte einen
weibischen Luxus und glich mehr dem Boudoir einer Kokotte als dem Zimmer
eines Geschftsmannes. Herr Freitag, ein kleines grauhaariges Mnnchen,
lag in einem ungeheuern Ledersessel und hielt, nach Art der
Weitsichtigen lesend, in der ausgestreckten Hand ein Buch. Erst nachdem
Engelhart den schchternen Gru wiederholt hatte, wendete Herr Freitag
den Kopf und starrte, scheinbar hchst berrascht, den jungen Menschen
mit herausquellenden Augen von oben bis unten an. Bevor Sie das nchste
Mal in ein anstndiges Zimmer treten, lassen Sie Ihre Stiefel subern,
Verehrtester, zeterte er mit einem umkippenden Kastratenstimmchen. Sie
sind also der Ausreier, wie? Schn, schn, wir werden ja sehen, wenn
Sie nicht parieren, werf' ich Sie hinaus. Adieu, junger Mann.

Ein enges dstres Loch im Erdgescho eines engen dstern Hauses war das
Zimmer, das Engelhart bewohnen sollte. Es hatte keinen eignen Eingang
und war nur durch die Kche und das Wohnzimmer der Partei zu erreichen.
Nebenan war die Strae, wenn ein Fuhrwerk ber das Pflaster donnerte,
begannen die Fensterscheiben und das Geschirr auf dem Waschtisch zu
klappern. Engelhart dachte, es sei nicht mglich, hier zu schlafen, es
sei nicht mglich, hier zu leben. Er setzte sich auf einen Stuhl mit
zerrissenem Rohrgeflecht, und erst nach einer Stunde regungslosen
Hinbrtens ging er daran, seinen Koffer auszupacken. Er hatte das
Gefhl, als ob sein Blut bitter geworden sei.

Kapellers wohnten ein Stockwerk hher. Es waren vier Brder, die bei der
Mutter lebten, lauter junge Mnner, denen das bloe Aufderweltsein schon
gewaltigen Spa machte; wenn sie auerdem noch tanzen und ins Theater
gehen konnten, waren ihre Ansprche an das Leben erfllt. Die Frau besa
ein kleines Geschft auf der Hauptstrae und brachte sich knapp durch,
aber sie lie sich nichts abgehen und war die lustigste von allen.
Zuerst begegneten sie Engelhart mit der Achtung, die sie dem Neffen
eines reichen Mannes schuldig zu sein glaubten, bald jedoch stimmte sie
sein insichgekehrtes Wesen und sein Nichtmithalten feindselig. Es kam
auch vor, da er aus sich herausging und zu plaudern begann; es durfte
nur ein sympathischer Hauch an ihn heranwehen, dann strahlten seine
Augen auf, er fand Worte, die ihnen fremdartig klangen, sie wurden von
Mitrauen gegen diese Worte erfat, waren berhaupt beunruhigt,
strubten sich gegen den ganzen Menschen und waren erleichtert, wenn er
endlich gute Nacht sagte. War er dann gegangen, so brach der Streit aus.
Die jngeren schimpften auf den Gast, Franz Kapeller, der bei Michael
Herz angestellt war und Engelhart schon von frher kannte, nahm sich
seiner an, suchte die Natur des Knaben nach irgendeiner gelufigen
Schablone zu erlutern, auch die Mutter war nicht abgeneigt, den Fremden
in Schutz zu nehmen, betrachtete ihn aber doch nur wie einen
Schauspieler, der einem fr bestimmtes Eintrittsgeld etwas vorspielt;
endlich fand der dritte Sohn das richtige Wort, das fernere Errterungen
abschnitt, und sagte: Er ist halt ein Jud. Am nchsten Tag gab ihnen
Engelhart wieder neuen Stoff zu Redereien. Nach dem Essen setzte sich
der jngste Kapeller ans Klavier und spielte in roh klappernder Manier
und mit wahren Brentatzen ein paar Mrsche und Walzer herunter. Whrend
er eine Pause machte, sagte Engelhart ernsthaft: Ich kann auch Klavier
spielen, und unter dem neugierigen Schweigen der Familie setzte er sich
vor das Instrument, schaute eine Weile in die Luft und viele Monate
lang verga er die drangvolle Sehnsucht nicht, die ihn in diesen
Augenblicken erfllte. Es war wie ein Wahn, er hatte gedacht, er msse
spielen knnen, die Tasten und die Saiten knnten nicht anders, als
seinem vollen Innern gehorchen. Endlich mute er unter dem hmischen
Gelchter der am Tische Sitzenden abziehen, und obwohl tief beschmt,
lachte er mit ihnen.

Im Freitagschen Geschft kmmerte man sich weniger um ihn, als er
erwartet hatte. Im Anfang hatte er guten Willen gezeigt, aber da niemand
von seiner Bemhung Notiz nahm und es gleichgltig schien, ob er viel
oder wenig tat, erlahmte er schnell. Was soll ich denn hier? war die
Frage, die ihm bestndig durch den Kopf ging. Und wirklich, was sollte
er hier vor sich bringen, wodurch seiner Zukunft ntzen? Nach Gelderwerb
stand ihm nicht der Sinn, und die Dinge, die sein Herz aufregten, wenn
er sie nur dachte, lagen weltenweit. Er wurde hierhin und dorthin
geschoben, keiner scherte sich um den andern, es wurde nur gerade das
Notwendige geleistet und das mit viel Lrm und Wichtigtuerei. Herr
Freitag selbst war Spekulant und hatte an der Brse ein groes Vermgen
gewonnen. Er betrachtete das Warengeschft als eine Spielerei und hielt
es nur mit Rcksicht auf seine Shne in Gang, von denen sich aber
niemals einer blicken lie. Wenn sich Herr Freitag vorn in den
Schreibstuben befand, wurden in der sogenannten Auslieferung, wo
Engelhart beschftigt war, zwei Lehrlinge als Wachtposten aufgestellt,
damit er seine Leute nicht berrumple. Schon von weitem hrte man ihn
fauchen, spucken und kreischen, er schien wie eine alte Henne mit
Flgeln um sich zu schlagen, wenn er durch die drei Sle zappelte,
steckte seine Nase in jedes Stck Papier und behauptete unablssig, er
sehe alles, er hre alles, ihm entgehe nichts. Gefrchtet wurde blo
Herr Gallus, der finstere Schwarzbrtige, der Prokurist der Firma, und
dessen Vertrauensperson war die Expedientin, Frulein Ernestine
Kirchner. Sie mochte nicht mehr ganz jung sein, vielleicht
achtundzwanzig Jahre alt, hatte eine hbsche Gestalt, einen langsamen
und anmutigen Gang und blasse, starke Lippen. Sie wurde von allen, auch
von Herrn Freitag, mit Respekt behandelt, nur der finstere Gallus nannte
sie kurzweg beim Vornamen. Durch ein gleichmig heiteres Naturell
wirkte sie besnftigend auf die verschiedenartigen Elemente, und sie
beobachtete Engelharts unruhvolles Nichtstun mit schweigender Teilnahme.
Hatte sie ihm des Morgens eine Arbeit auferlegt und sie war am
Nachmittag noch ungetan, so lie sie keinen Vorwurf hren, sondern ging
in aller Stille selbst daran. Da erschrak Engelhart vor der
Dankverpflichtung, die sie ihm auferlegte, und nahm sich das nchste Mal
zusammen.

Woran denken Sie eigentlich? fragte sie ihn einmal und sah ihn mit
ihren dunkelblauen Augen erstaunt an; wie kann man unaufhrlich
denken!

Ich denke gar nichts, erwiderte er, ich bin nur traurig.

Ach du himmlische Gte! rief sie aus und schlug gutmtig spottend die
Hnde zusammen. Sie fuhr aber fort, ihn zu betrachten, in ihrem Blick
war ein Aufglnzen, es schien ihr, als habe sie diesen dunkeln Kopf mit
den gesammelten Zgen vor vielen Jahren schon gesehen, es berrieselte
sie eine freudige Erinnerung.

In demselben Raum arbeitete ein hlicher, einugiger und fast zahnloser
Mensch namens Zeis; er war tchtig und der einzige, der kaufmnnischen
Ehrgeiz besa, aber aus Furcht vor der Aufsssigkeit der lediglich
taglhnernden Genossen versteckte er sich hinter einem schlappen und
schlfrigen Wesen. Mit Mivergngen war er Zeuge des guten Einvernehmens
zwischen Ernestine und dem Knaben. Da er mit Franz Kapeller bekannt war,
erfuhr er einiges ber Engelharts frheres Schicksal und benutzte dann
seine Wissenschaft zu bsartigen Entstellungen. Auerdem hetzte er die
andern Lehrlinge gegen ihn auf, alles in der Stille und mit einer
wirkungsvollen Gleichgltigkeit. Einmal mute Engelhart mit dem ltesten
Lehrling, dessen Name Porkowsky war, Geld zur Bank tragen, es war Abend,
als sie zurckkehrten, Porkowsky blieb auf der belebten Strae bei einer
Dirne stehen und fhrte ein freches Gesprch, um sich vor Engelhart als
Lebemann aufzuspielen. Engelhart hrte eine Weile wie versteinert zu,
dann machte er sich davon und kam lange vor dem andern ins Geschft.
Dies mute auffallen; wenn Geld zur Bank gebracht wurde, war es streng
untersagt, da die Boten sich trennten, selbst auf dem Heimweg.
Engelhart trug Scheu, den wahren Grund anzugeben, Porkowsky machte sich
diesen Umstand zunutze und brachte bei Herrn Gallus eine Lge vor, durch
die Engelhart schuldig schien. Herr Gallus war ohnehin nicht gut zu
sprechen auf Engelhart; er schimpfte nicht, dazu war er zu vornehm, er
begngte sich mit einem geringschtzigen Lcheln, das sich mde durch
seinen kohlschwarzen Bart stahl. Zu Neujahr nun erhielten alle
Angestellten ein Geldgeschenk, von den Lehrlingen bekam jeder zwei oder
drei Dukaten, Engelhart allein ging leer aus. Es hie, der Chef sei
unzufrieden mit seinen Leistungen. Er hatte sehr auf das Geld gerechnet,
weil er einige Bcher davon hatte kaufen wollen, nach denen er lngst
Begierde empfand, und er war verzweifelt. Bei Kapellers fragten sie ihn,
wieviel er bekommen habe, und er erzhlte, er habe zwanzig Gulden
bekommen. Sie erfuhren bald die Wahrheit, es war auch eine gar zu
unvorsichtige Lge, doch stellten sie ihn nicht offen zur Rede, sondern
suchten ihn durch tgliche versteckte Bosheiten zu beschmen. Sie
glaubten jetzt seinen Charakter durchschaut zu haben.

Vor dem Oheim lie sich natrlich nichts verheimlichen. Aber er nahm es
nicht so schwer, wie Engelhart gefrchtet, es war, als ob er sich zur
Nachsicht entschlossen htte. Es ging Michael Herz eigen mit Engelhart.
Etwas widerstrebte ihm an dem jungen Menschen aufs uerste, die ganze
Art der Lebensfhrung, das unbestimmte Hinundher, die Unsicherheit des
Auftretens, etwas feige Beklommenes, worunter es seltsam zuckte und
whlte wie bei jemand, der nicht schlafen kann, weil er sich vor dem
Ausbruch eines Feuers frchtet. Anderseits sprach das Blut mit
deutlicher Stimme fr den Neffen; wenn er mit Engelhart allein war,
bestach ihn oft ein Wort, das so lebendig und neu klang, wie er es sonst
von keinem Mund noch gehrt, und er konnte sich dem flehentlichen Werben
eines Blickes so wenig entziehen, da er ihn aufs gtigste und doch so
scheu, als beginge er ein Verbrechen, nach irgendeinem Wunsch befragte.
Dies rhrte Engelhart stets, und er htte sich der Kuflichkeit des
Gefhls schuldig gefunden, wenn er bei solchem Anla ein Verlangen
geuert htte. So wurde nichts besser, dort blieb das Mitrauen und
hier ein unfruchtbares Sichverschlieen. Michael Herz verga rasch; er
verga das ble, was man ihm zugefgt, und er verga den gnstigen
Eindruck, den er erhalten; alle Krfte des Willens und der Energie
verbrauchte er in seinem Beruf, sonst lebte er nur dmmernd hin und war
jeder fremden Einflsterung zugnglich, insonderheit von seiten der
Frau, die er in seiner stillen Weise unendlich vergtterte. Es machte
Engelhart Kummer, da er die Abneigung dieser Frau nicht zu besiegen
vermochte. Als er eines Mittags bei Schneegestber das Geschft verlie,
bot eine Blumenhndlerin ihm wie allen Vorbergehenden Veilchen zum Kauf
an. Er berlegte im Weitergehen, kehrte um und nahm drei Struchen, die
er zusammenband. In allem Ernst dachte er, da er Frau Esmee durch die
Blumen milder stimmen knne. Es kam Farbe in seine Wangen, er
verdoppelte seine Schritte und beglckwnschte sich zu dem Einfall. Frau
Esmee nahm den Strau mit unbewegter Miene entgegen, nicht gerade
verdrossen, aber doch gelangweilt oder als ob er einen Gegenstand vom
Teppich aufgehoben htte, den sie fallen gelassen. Whrend des Essens
war sein Gesicht wei wie der Teller und der Oheim uerte sich besorgt
ber seinen Mangel an Appetit. Spter mute er bei einigen Handwerkern
in der Vorstadt Bestellungen abliefern; er sah da immer viel Elend,
kranke Weiber, betrunkene Mnner, rhachitische Kinder, armselige Stuben,
in denen alles bis auf einen Strohsack versetzt war. In tiefer Betrbnis
kam er gegen Anbruch der Dmmerung ins Geschft zurck. Von den Herren
im Magazin war keiner zu sehen, auch die Lehrlinge waren fort, Ernestine
Kirchner sa allein an ihrem Schreibpult, und als er eintrat, schob sie
einen angefangenen Brief beiseite, sttzte den Kopf in die Hand und
schaute in den immer dichter fallenden Schnee hinaus, der die Gasse mit
blulichem Licht fllte. Endlich sagte sie, sie habe heute Vorwrfe
darber hren mssen, da sie seine Lssigkeit nicht nur dulde, sondern
geradeswegs untersttze. Er seufzte, und ohne sie anzuschauen, griff er
zur Feder. Sie lehnte sich mit gekreuzten Armen neben ihn hin, ihre
Schulter streifte die seine, und sie blickte auf seine Finger, die
langsam und maschinenmig Zahlen und Buchstaben aufs Papier schrieben.

Ernestine dachte, da vielleicht ein Geheimnis auf ihm laste. Sie
wnschte, da der leidenschaftlich verprete Mund sich ffnen solle.
Freilich wute sie schon, da er die Dinge zu schwer nahm und alles zu
nahe an sich herantreten lie, da er zu bedrftig um die Herzen der
Menschen warb und sich wehrlos der umklammernden Verstimmung preisgab,
wenn er sich fortgestoen fhlte. Pltzlich warf er den Kopf etwas
zurck und sagte: Ich bin nicht dafr geboren, damit Sie es nur
wissen.

Sie lchelte, und ihr verwunderter Blick schien fragen zu wollen: und
wofr bist du denn geboren? Aber Kind, sagte sie sanft, nahm seinen
Kopf zwischen beide Hnde und drehte ihn wie den einer Puppe, bis sie
seine Augen den ihren gegenber hatte. Ich wei alles, sagte sie mit
einem gespannten und heiteren Ausdruck in den Mienen, alles, alles,
alles. Damit kte sie ihn dreimal auf die Lippen. Engelhart lehnte die
Stirn an ihre Wange; er sprte einen leichten Schrecken, als befinde er
sich nun in Schuld. Gleich hernach hrten sie Schritte; Herr Gallus kam
und fragte grob, warum noch kein Licht brenne. Er schritt ein paarmal
schweigend auf und ab, reichte Ernestine ein kleines, verschnrtes Paket
und ging wieder.

Jetzt hatte Engelhart doch einen Menschen zur Seite. Zum erstenmal im
Leben durfte er sich aussprechen, mit seinen eignen Worten sprechen,
ohne Rckhalt und Bedenken sagen, wie ihm zumute war. Noch nie hatte
Ernestine dergleichen gehrt; sie war erstaunt. Welcher Trotz, welche
Glut! Im Nu entstanden Hoffnungen, im Nu waren sie schon verwirklicht,
ein Funkenschwall von groen Worten prasselte, berauscht vom offenbar
Unmglichen, begann er zu tanzen, aber die einfache Frage: was willst
du? wohinaus, Jngling? die auf Ernestinens Lippen brannte, vermochte er
nicht zu beantworten. Ein neugieriger Blick des Mdchens verletzte ihn,
und er fiel in dumpfes Schweigen. Niemand war wie er verurteilt, durch
Worte, durch Blicke, durch das Beargwhnen fremder Gedanken zu leiden.
Sie war zrtlicher als eine Mutter gegen ihn, und wenn sie seine
Leidenschaft erweckt hatte, bekam sie Angst und suchte zu dmpfen. Mein
Liebling, sagte sie zu ihm. Immer trug sie sein trunkenes Gesicht im
Innern, das geistige Auge, aber das liebste war ihr sein Trumerlcheln,
wenn er vor ihr sa mit verschleiertem Blick, still und aufrecht wie
eine Pflanze.

Es kam der Frhling, und mit ihm eine bange Zeit fr Engelhart. An einem
der ersten schnen Tage begleitete er Ernestine vom Geschft aus in ein
entferntes Stadtviertel, wo sie eine Freundin besuchen wollte. Sie
plauderten ruhig, Engelhart erzhlte von seinen Eltern; es umfing ihn
stets ein tiefes Wohlbehagen, wenn er Seite an Seite mit Ernestine ging
und wenn sie mit einem wunderbaren Ernst ihm zuhrte. Dann trennten sie
sich, und er kehrte allein zurck. Die Sonne war schon untergegangen,
rosiger Staub erfllte die Strae, die Luft roch wie Wein. Engelhart
sprte eine schreckliche Erregung, er sprte sie wie kleine Kugeln durch
die Adern rollen. Bei jeder Ecke blieb er stehen und atmete schwer.
Menschen und Dinge erschienen ihm wie Wahngebilde. Von den jungen Frauen
und Mdchen, die er sah, fielen pltzlich die Gewnder ab, und sie
schritten nackt dahin; er sah, wie ihre Knie sich bogen und die Haut
ber den Hften schimmerte wie Schnee. Er blickte durch die Mauern der
Huser hindurch und gewahrte berall das, was ihm Grauen und Lust
erregte. In seiner Kammer angekommen, lie er die Rollden herab,
verstopfte mit Baumwolle die Ohren und brtete vor sich hin. In der
Nacht konnte er nicht schlafen. Er wlzte sich wie ein Vergifteter auf
dem Lager. Die leichte Decke lag wie Blei auf ihm, die Kissen wurden ihm
hei, er schleuderte sie fort. Um zwei Uhr zndete er die Kerze an und
versuchte zu lesen. Das Herz schlug so laut, wie wenn man mit dem
Knchel an ein Brett pocht. Darauf kehrte er von neuem den Kopf gegen
die Wand, aber die Stille hatte tausend Zungen und fhrte Bilder herauf,
die vor Scham seine Glieder zittern machten. Mit aller Anstrengung
sammelte er die Gedanken und dachte an Ernestine. Da trat sie schon an
das Lager, und er kte sie wie nie zuvor. Sie verlor das Leben in
seinen Armen, er warf sich schluchzend ber sie hin und lie Blut von
seinem Blut in ihre Pulse strmen. Doch seltsam, als er am nchsten Tag
mit ihr allein war, da schwieg der entsetzliche Aufruhr, und die
Erinnerung an die Wnsche der Nacht lie ihn vor Scham erbleichen. Und
kaum war er allein, so kam es wieder; am Abend floh er aus seinem Zimmer
auf die Strae und marschierte weit, bis er zu dem Haus kam, wo
Ernestine wohnte. Es beruhigte ihn, zu ihren Fenstern emporzublicken,
und das tolle Fieber wich vollends, als er mde war vom Stehen.

Wohl bemerkte Ernestine die Vernderung in seinem Wesen, und sie ahnte
den Grund. Ihre Unbefangenheit und die seelenvolle Freiheit ihm
gegenber schwanden langsam hin, und das schmerzte sie. Sie hatte kein
leichtes Leben; vielerlei Entbehrungen lagen hinter ihr; durch gewisse
Verpflichtungen war sie nach oben und unten mannigfach verstrickt, und
dies kann den Geist mehr umdstern als unmittelbare Leiden.
Demungeachtet war ihr eine se Heiterkeit des Herzens verblieben, und
ihr Gemt war das jener Frauen, die immer vergeben, immer verzeihen und
fr alle Bitterkeiten, welche sie erfahren mssen, in ihrer Brust eine
ganz besondere, ehern verschlossene Kammer besitzen. Sie hatte nicht
beabsichtigt, in Engelharts Dasein eine Rolle zu spielen, es war nur so
gekommen; jetzt fhlte sie sich auf einmal wunderlich verkettet, und das
machte sie schwermtig. Er glaubte, sie wisse nichts von seinen
verborgenen Drangsalen, aber sie wute alles, da sie schon ein
erfahrenes Weib war und das Leben kennen gelernt hatte. Freilich hatte
sie gedacht, ihn fhren, ihm helfen zu knnen, etwas in ihm erhob sie
ber sich selbst; nun fhlte sie sich hingerissen, und sie wehrte sich.
In einer Stunde, wo sie allein waren, sagte sie ihm, es wre besser,
wenn sie nun wieder einander fremd wrden. Aber als sie ihn dann ansah,
bereute sie ihre Worte; in ein Gesicht zu sehen, bedeutet eben viel;
selbst die ungern durchlebte Vergangenheit schwindet im Leuchten eines
geliebten Auges hin. Sie drckte die Lippen auf seine Haare, whrend er
in sich versank; seine Glieder nahmen eine eigentmliche Schlaffheit an,
halb sitzend, halb hingelehnt blieb er, regungslos wie eine Zielscheibe
fr die Geschosse des Schicksals. Er konnte ihr nicht widersprechen,
denn er liebte ja Ernestine nicht; was ihm Liebe war, das lag in
mystischer Ferne, schien fast unerreichbar und hatte kaum Gestalt; es
schwamm hoch im Bereich des Traumes gleich einer Wolke ber
Schneegipfeln.

Inzwischen war die vertrauliche Beziehung der beiden nicht unbemerkt
geblieben. Der einugige Zeis erging sich in erbitterten Anspielungen
und konnte seine Wut nicht mehr bemeistern. Er wagte es, Ernestine zur
Rede zu stellen; sie fertigte ihn nach Gebhr ab. Darauf machte er sich
an den Prokuristen. Herr Gallus war zu hochmtig, um Notiz davon zu
nehmen, wenigstens blieb er uerlich kalt. Doch war er an diesem Tag
finsterer denn je, und als der Korrespondent ihm einen Brief zur
Unterschrift reichte, ri er das beschriebene Blatt ohne Anla mitten
durch und knirschte mit den Zhnen. Man sagte allgemein, da er
Ernestine Kirchner heiraten wolle und da sie sich ihm versprochen habe.
Sie verlieen auch oft zusammen das Geschft, und einmal bei Regenwetter
waren sie Arm in Arm gegangen. Wenn Engelhart darber etwas erfahren
wollte, schttelte Ernestine bedchtig den Kopf, und es schien, als ob
sie nicht gern davon sprechen hre. Im brigen zeigte sie sich jenen
Umtrieben gegenber sorglos wie jemand, der seiner Macht sicher ist.
Herr Zeis wute immer mehr die Lehrlinge aufzuhetzen, von denen
Porkowsky schon lngst Engelharts geschworener Feind war; sie
schnffelten unaufhrlich um ihn herum, kontrollierten seine Arbeit,
wuten es anzustellen, da er mglichst viel in der Stadt herumlaufen
mute, streuten bsartige Verleumdungen aus, und wenn man den Urheber
fassen wollte, zerflo alles in Luft und Gelchter. Engelhart glaubte es
oft kaum ertragen zu knnen, er atmete wie in Gewitterschwle, er wurde
mutlos und krankhaft erregt, dazu kamen nun die heien Tage des Sommers
und jenes andre, das ihm die Ruhe des Geistes raubte und das unbefangene
Gefhl seines Leibes, so da ihm zumute war wie einem Menschen, der vor
dem Spiegel steht und sein eignes Bild nicht gewahrt.

Eines Nachmittags, es war Ende Juli, lie der Buchhalter Herrn Zeis eine
Faktura abfordern, die er ihm den Tag vorher gegeben haben wollte. Herr
Zeis behauptete, er habe die Faktura nicht bekommen, erinnerte sich
aber, sie auf Frulein Kirchners Tisch gesehen zu haben. Es wurde
gesucht, alle Schubladen aufgerissen, alle Mappen durchstbert,
schlielich wurde die Vermutung laut, Engelhart habe das Schriftstck
zur Eintragung ins Lagerbuch bekommen. Der Lehrling Porkowsky
versicherte sogar, Zeuge gewesen zu sein. Engelhart protestierte, es kam
Herr Gallus hinzu, ffnete selbst die Lade seines Schreibplatzes und
murmelte etwas Verchtliches ber die Unordnung darin. Engelhart
bemerkte schchtern, Porkowsky habe schon in der Lade gesucht. Herr
Gallus zuckte die Achseln, und auf einmal wurde er stutzig und streifte
Engelhart mit einem Blick maloser Geringschtzung. Er hatte die
Schreibmappe Engelharts aufgeschlagen und zwischen zwei Lschblttern
ein Bild hervorgezogen, eine Photographie, welche in ekelhafter Roheit
einen ekelhaften Vorgang darstellte. Die Lehrlinge hatten sich neugierig
hinzugedrngt und kicherten. Herr Gallus faltete das Blatt schweigend
zusammen; er stand mit gespreizten Beinen und wippte langsam auf den
Fuspitzen. Dann wandte er sich zu Ernestine, die auerordentlich bla
geworden war, und sagte: Das scheint ja ein hoffnungsvoller Jngling zu
sein.

Engelhart zitterte am ganzen Krper. Er sprte Nadelstiche im Kopf und
griff unwillkrlich an seine Stirn. Er hatte beide Lippen gleichsam
zwischen die Zhne geschlrft, und seine Zge zeigten einen
bengstigenden Ausdruck. Da fiel sein irrer Blick auf Porkowsky, und
nicht so bald hatte er das hhnisch-feindselige und dumpf-verlegene
Lcheln auf dessen vollwangigem und fahlem Gesicht bemerkt, als ihm
alles klar wurde. Ohne Besinnung strzte er auf den Burschen zu, packte
ihn mit der einen Faust an der Kehle, mit der andern bei der Schulter
und ri ihn mit einem Ruck zu Boden. Ernestine schrie auf, der Prokurist
und Herr Zeis fielen dem Rasenden in die Arme und drngten ihn gegen das
Fenster, wo er noch immer zitternd und fieberhaft atmend stehen blieb.
Porkowsky sthnte und lag dann still da, doch war er nicht verletzt.
Herr Gallus ging zu der Glastre, die von diesem Raum aus auf die Strae
fhrte, ffnete sie, streckte die Hand aus und rief Engelhart zu:
Marsch! Engelhart nahm seinen Hut und ging, ohne den Blick zu erheben.

In demselben Schritt und derselben geduckten Haltung, wie er jene
verlassen, schlich er weiter und wurde noch in entfernten Straen von
ihren haerfllten Blicken verfolgt. Er hatte Durst und trat in ein
Kaffeehaus, das ganz leer war, hielt sich jedoch nicht lange auf,
sondern ging nach Hause, warf sich auf das Bett und schlief ein. Er
trumte, da er sich in einer herrlichen Sommerlandschaft befinde, ber
der sich jedoch statt des Himmels eine seltsam grne, moosartige Decke
wlbte. Freudig wollte er in das Gefilde hinausschreiten, da sah er sich
durch eine glserne Wand gehemmt, die er vorher nicht bemerkt. Er
versuchte es nach einer andern Seite, und es erging ihm nicht besser,
ringsum waren glserne Wnde, und allmhlich wurde ihm der Anblick der
Schnheit zur Qual, in der er dann aufwachte.

Kapellers lieen ihn wissen, da sie den Abend auf dem Kahlenberg
zubringen wollten, wenn er mitzutun Lust habe, sei er willkommen, wenn
nicht, finde er kaltes Nachtessen bereit. Er schlug das Anerbieten aus;
um acht Uhr a er oben alleine, und als er wieder herunterkam, fand er
einen Brief von Ernestine, den ein Bote gebracht hatte. Mein
Liebling, schrieb sie, ich wei, da Du unschuldig bist. Du sollst
nicht verzweifeln, ich will alles wieder fr Dich richten. Vertraue nur
auf mich, mein Liebling, mehr kann ich Dir fr heute nicht sagen. Da
beschlo er, in ihre Wohnung zu gehen. Nach einer halben Stunde war er
dort und lutete. Es wurde erst nach geraumer Weile geffnet. Ernestine
schien befangen, als sie ihn sah. Sie bat ihn, zu warten, darauf ging
sie ins Zimmer zurck, flsterte dort mit jemand, und als er spter
eintrat, war sie allein. Doch hinter der verschlossenen Tr des
Nebenzimmers hrte er ungeniertes Lachen und Scherzen. Ernestine
erzhlte ihm, da sie die Wohnung mit einer Freundin teile, einer
Ladnerin aus der Inneren Stadt, und das Mdchen habe ihren Verlobten bei
sich. Allmhlich wurde es drinnen sonderbar still, auch das Gesprch
zwischen Engelhart und Ernestine geriet ins Stocken. Er hatte geglaubt,
freier mit ihr reden zu knnen, doch sie war bedrckt und nachdenklich,
auch kte sie ihn nicht. Es war ein schwler Abend, beide Fenster waren
offen, das Zimmer lag hoch, man blickte ber Dcher in den purpurnen
Abendhimmel, auf der andern Seite des Horizonts grollte leiser Donner.
Engelhart erhob sich und trat zum Fenster, Ernestine folgte ihm und
legte den Arm um seine Schulter; so starrten sie ziemlich lange gegen
die Strae hinunter, hrten ihr Blut rauschen und ihr Herz pochen, und
beides klang fremd und bengstigend. Ernestine wute nun um das
Unabnderliche, das kommen mute, und htte es gerne nicht geschehen
lassen, aber es gibt Stunden, wo der Wille wie ein abgeschlagenes Tier
mde wird. Beim Lampenlicht beugte sie sich noch einmal ber Engelhart
und blickte ihm tief in die Augen. Ach, seufzte sie und deckte die
Hand ber seine Lider, du weit noch nichts von der Welt. Er glich
einem Kind, als er stundenlang schweigend an ihrer Brust lag. Er dachte,
mehr von der Welt zu wissen sei berflssig. Dnkte ihm dies schon zu
viel.

In den nchsten Tagen trieb er sich mig umher. Jeden Morgen erhielt er
ein Briefchen von Ernestine, worin sie ihn benachrichtigte, wie die
Dinge standen. Sie hatte es durchgesetzt, da Herrn Freitag von dem
Vorfall keine Mitteilung gemacht wurde, doch Herr Zeis hatte den
Lehrling Porkowsky, der eine Verletzung am Kopf erlitten zu haben
behauptete, zur Forderung eines Schadenersatzes aufgehetzt. Porkowsky
verlangte fnfzig Gulden und drohte, wenn er diese nicht erhalte, sich
an Herrn Freitag und an Michael Herz zu wenden. Ernestine stellte ihm
vor, da er den Denkzettel wohl verdient habe und da Engelhart Ratgeber
selbst ein armer Mensch sei, aber da die Geschichte Geld zu tragen
versprach, blieb der Bursche starrsinnig und beteuerte auerdem seine
Unschuld. Engelhart wute nicht, wie er eine so groe Summe auftreiben
solle, und doch durfte der Oheim um keinen Preis das Geschehene
erfahren, ein unauslschlicher Schimpf wre haften geblieben; er
vermochte sich gegen solche Dinge mit Worten nicht zu verteidigen. Nun
war aber Michael Herz seit drei Wochen verreist und hatte Engelhart, um
ihm einen Beweis des Vertrauens und der wieder erwachenden guten
Gesinnung zu geben, bis zu einem gewissen Grad freien Kredit an der
Kasse der Firma erffnet. Engelhart hatte sogleich begriffen, da dies
nichts andres bedeutete als eine Probe fr sein Anstandsgefhl, selbst
wenn es kein berechneter Plan des Oheims war, und er hatte bis jetzt
nicht den geringsten Gebrauch von der Vergnstigung gemacht. Porkowskys
Verhalten wurde drohender, Ernestine meinte schchtern, sie wolle
Engelhart einen Teil des Geldes leihen, so viel sie eben entbehren
knne. Er schlug es aus, ging am andern Tag zum Kassier der Firma Herz,
lie sich fnfzig Gulden auszahlen und schickte sie an Ernestine mit der
Bitte, den Elenden zu befriedigen.

Der Oheim kam zurck und war erstaunt, da Engelhart einen
verhltnismig so bedeutenden Betrag auf einmal erhoben hatte; sein
Erstaunen verwandelte sich in Unwillen, als der junge Mensch ber die
Verwendung des Geldes keine Auskunft geben konnte oder wollte, und er
vermutete natrlich das Schlimmste. Eines kam zum andern, Michael Herz
erkundigte sich bei seinem Geschftsfreund Freitag; dieser, von Herrn
Gallus beraten, wute nichts Gutes ber Engelhart zu berichten und litt
auerdem zu der kritischen Stunde an Podagra, was ihn boshaft und
menschenfeindlich machte. Noch am selben Tag lie Frau Esmee Engelhart
zu sich rufen; sie lag im Bette, da sie Migrne hatte, und sah verweint
aus. Engelhart mute bittere Worte schlucken, der ganze Kummer des
Oheims sprach aus dem Munde der Frau. Der Onkel wolle ihn nicht mehr
sehen, wurde ihm gesagt, er mge nach Hause reisen und sich auf eigne
Faust durchs Leben schlagen. Der Wille des Oheims sei, da er jetzt sein
Militrjahr abdiene, vielleicht knne strenge Zucht ihn noch vor dem
moralischen Untergang retten. Da er zweitausend Mark mtterliches
Vermgen habe, werde ihm ein Teil dieses Geldes zur Bestreitung seiner
Bedrfnisse ausgesetzt werden. In solchem Sinne hatte Michael Herz
bereits an Herrn Ratgeber geschrieben, hatte aber aus Rcksicht fr den
vielfach enttuschten Mann Engelharts Vergehungen nur flchtig und in
verschleierter Form erwhnt.

An einem schnen Abend war Engelhart noch einmal mit Ernestine
beisammen. Sie waren weit drauen an der Westbahn, und nachdem sie lange
ber die Wiesen spazieren gegangen waren und nun die lieblichen Hgel
von blauer Dunkelheit umsponnen wurden, kehrten sie in einem Wirtsgarten
ein, wo eine Musikkapelle spielte. ber ihnen dehnte sich das schwere
Laubgewlbe uralter Kastanienbume, und wenn die Musik schwieg, hrten
sie hin und wieder eine Frucht dumpf zur Erde fallen. Engelhart hatte
dem Mdchen noch nicht gesagt, da er reisen msse und schon morgen
reisen msse, aber sie merkte an seiner bedrckten Schweigsamkeit, was
im Werke war. Sie summte ein sentimentales Liedchen mit, das der Hornist
in die Nacht hinausschmetterte, Engelhart trank von dem roten Landwein,
lehnte den Kopf etwas zurck und blickte mit aufleuchtenden Augen gegen
den Sternenhimmel. Er wute eigentlich nicht, wie ihm geschah, er lebte
und lebte doch nicht, er sprte die Erde und liebte die Erde und war ihr
wieder fremd, sie schoben ihn, ohne seinen Willen ging es hierhin und
dorthin, und doch fhlte er sich, wenn er deutlich die Bewegung
erkundete, von einer geheimnisvollen Strmung sicher getragen. Mochten
sie ihm alles rauben, die vergngliche Lust des Tages, ja auch das Brot
zur Stillung des Hungers, so besa er sich doch selbst, und wenn er
rmer schien als der rmste, so war er in Wirklichkeit noch reicher als
die Reichsten, und er dachte: 'mir gehren doch die Sterne'.

Auf der Heimfahrt sagte er dann zu Ernestine, da er heute Abschied von
ihr nehme. Sie erwiderte nichts. Er ging noch mit ihr in die Wohnung,
und als er aufbrach, war es spt. Ernestine suchte aus einem Kstchen
einen schmalen Goldring mit einem Trkis hervor und steckte ihn an
Engelharts Finger. Leb wohl, Liebling, sagte sie mit erstickter
Stimme, und Gott segne dich. Der Duft von ihrem Krper blieb an seinen
Kleidern haften und war ihm noch lnger in die Erinnerung gegraben als
das Bild ihrer leicht schreitenden Gestalt.

Bei Regenwetter war er damals von Wrzburg abgefahren, bei Regenwetter
kam er dahin zurck.

Gerda weilte nicht mehr beim Vater, sie war bei den Verwandten in
Gunzenhausen und sollte mit Helene Wahrmann im Oktober nach Wien reisen.

Herr Ratgeber war derselben Ansicht wie Michael Herz, nmlich da der
Militrdienst auf den undisziplinierten Geist des Jnglings als eine
wohltuende Zucht wirken werde. Herr Ratgeber sah schon einen
Halbverlorenen in ihm, und die Stiefmutter sagte, er ist ein echter
Ratgeber, er liebt nur sich selbst. Fr seine Bedrfnisse sorgte sie
schlecht und recht; es war nicht Herzensgebot, sondern eine durch die
Auenwelt vorgeschriebene Pflicht, alles geschah mit Rcksicht auf die
Augen der Leute, und wenn einem was vergnnt wurde, hie es gleichsam:
Na, seht mal her, Leute, ob das nicht wohlgetan ist! Herr Ratgeber hatte
in seinem neuen Beruf rger und Zurcksetzung genug erfahren mssen.
Beim Antritt seiner Stellung hatte die Direktion der Gesellschaft
versprochen, da kein zweiter Inspektor neben ihm arbeiten solle; kaum
aber hatte er sich bekannt gemacht und durch seinen unermdlichen Eifer
die Anstalt, der er diente, wahrhaft gefrdert, als sie alle Abmachungen
vergaen und doch einen zweiten anstellten, einen sehr windigen Herrn
namens Dingelfeld, der sich darauf verlegte, Herrn Ratgeber die Kunden
wegzuschnappen, und durch ein anmaendes Wesen jeden Einspruch
vergeblich machte. Dazu war dieser Dingelfeld fr alles, was er war und
hatte, Herrn Ratgeber zu Dank verpflichtet, da er ihn einst vor vlligem
Untergang bewahrt, ja sogar seinen guten Namen gerettet hatte. Niedrige
Seelen werden durch den Druck solcher Verpflichtungen zur Rachsucht
gestimmt, und Herr Ratgeber konnte das nicht verwinden. Er wrgte seinen
Gram in sich hinein, sein lebhaftes und stolzes Auge begann unsicherer
zu werden, oft, wenn er mit Engelhart allein war, machte er
pessimistische Bemerkungen ber die Menschen, und das war bei ihm der
Ausdruck einer tiefen Verdsterung. Mehr als das unsolide Gebaren seines
Nebenbuhlers schmerzte ihn die Wortbrchigkeit der Vorgesetzten. Sein
Blut geriet in Wallung, wenn er der Unbill gedachte, die er erfahren,
und in jedem Brief wies er auf seine Leistungen hin und forderte
Gerechtigkeit. Jene lieen sich jedoch auf persnliche Dinge nicht ein,
sie suchten den unzufriedenen Mann durch Schmeicheleien und groe
Versprechungen kirre zu machen oder schnitten jede Errterung mit einer
amtlichen Phrase ab, die das unwillkrliche Eingestndnis enthielt: Wir
drfen Vertrge brechen, denn wir sind die Mchtigen, wir sitzen auf dem
Geldsack.

Engelhart hatte sich zum Dienst gemeldet, war untersucht und trotz
seiner Jugend angenommen worden. Am ersten Oktober stand er mit vielen
andern auf dem Kasernenhof, sie wurden den verschiedenen Kompagnien
zugeteilt, dann fhrte ein Unteroffizier ihn und sieben oder acht
Gefhrten in das Bataillonsgebude, die Monturen wurden ausgeteilt, die
Rume angewiesen und man war Soldat. Alles lief schweigend ab, hatte
beinahe etwas Drohendes, der Ton absoluten Befehls berhrte Engelhart
zunchst erstaunlich, er konnte den Ernst des Vorgangs kaum fassen, und
als der Feldwebel die Namen der Neulinge in eine Liste eintrug, fehlte
nicht viel und er htte ber die Berserkerstimme des Mannes gelacht.
Aber das Lachen verging ihm bald.

Ihm schien, als ob er nur spiele, als ob er, fern von sich selbst, etwas
seinem Wesen ungeheuer Fremdes vollbringe, und er mute sich bisweilen
besinnen, wo er war und was er davon denken sollte. Die Kaserne durfte
er in den nchsten Wochen nur zu den Mahlzeiten verlassen. Der Anblick
der kahlen, langen, weigetnchten Wnde verursachte Frsteln. Wenn er
am Fenster stand, sah er die Bauern auf dem Feld und beneidete sie um
ihre Freiheit.

Die Kameraden, die mit ihm zu gleicher Zeit den Dienst angetreten
hatten, behandelten ihn mit Klte; einerseits war er ihnen zu jung,
anderseits erregte er ihr Mitrauen, ohne da sie den Grund htten
bezeichnen knnen; das alte Mitrauen, das Engelhart nun so oft und in
so vielen Augen wahrgenommen. Um neben ihnen, die lauter vollwchsige
und robuste Burschen waren, nicht zurckzustehen, spannte er bei den
krperlichen bungen seine Willenskraft aufs uerste an, so da er nach
dem stundenlangen Exerzieren nicht mehr die Stiege hinaufgehen konnte,
sondern sich am Gelnder mhsam emporwinden mute. Eines Tages befahl
der Feldwebel den Einjhrigen, eine kurze Beschreibung ihres bisherigen
Lebens zu verfassen und die Handschrift nach gemessener Zeit in der
Kanzlei abzuliefern. Jeder verstand die Sache so, wie sie eben zu
verstehen war, nur Engelhart beging die sonderbare Torheit, nicht allein
seine bisherige Laufbahn mit durchaus nicht erforderlicher Breite,
sondern auch seine Gefhle zu schildern, seiner Verfehlungen sich
anzuklagen, und machte im unglckseligen Drang zu einer Beichte, was
nichts als ein bureaukratisches Dokument sein sollte. Und als er fertig
war, setzte er folgende Zeilen an den Schlu, die ihm wie die Erinnerung
an ein altes Lied durch den Sinn schossen:

    Die Seele, die berhrst du nicht,
    Die ist im Leib vergraben,
    Sie wei nicht, was die Lippe spricht,
    Will's auch nicht Kunde haben.
    Im stillen trumt und blht sie hin,
    Lt Leid und Glck verfluten
    Und ziehet ewigen Gewinn
    Vom Bsen und vom Guten.

Am andern Morgen wurde er zum Hauptmann gerufen, einem dicken
asthmatischen Herrn, der vllig unter dem Einflu des Feldwebels stand
und auerdem in bestndiger Hllenangst vor allen Vorgesetzten lebte.
Der Mann stellte sich ganz rabiat wie ber eine angetane Schmach, warf
Engelhart die beschriebenen Bgen zerrissen vor die Fe und forderte
den Feldwebel auf, ein scharfes Auge auf den jungen Menschen zu haben.
Die Sache wurde auch weiterhin ruchbar und erregte den Hohn der
Mannschaft und die Entrstung der andern Einjhrigen. Gefhle zu uern
war ein schimpflicher Versto gegen den allgemeinen Geist der Truppe,
jedes andre Vergehen wre ihm leichter verziehen worden; Engelhart sah
es zu spt ein. Er lernte die Zhne zusammenbeien. Es ging nicht an,
sich von jedem Tropf ber die Achsel ansehen zu lassen. So sehr es ihm
an uerer Sicherheit gebrach, so wenig fehlte ihm das Wissen seines
Wertes. Wie lang es auch dauerte, bis er sich an die Roheit des
herrschenden Tons und an die ausgesuchte Perfidie und Lust zu qulen
gewhnt hatte, die alle diese Leute wie eine Krankheit oder ein
unstillbarer Rachetrieb beseelte, so nahm er doch alle Krfte zusammen,
um sich nichts merken zu lassen. Immerhin blieb sein Gesicht verdchtig
und sein still beobachtender Blick unbequem.

Er erhielt einen Burschen zugewiesen, der fr ein bestimmtes Wochengeld
seine Kleider und Ausrstungsstcke instand zu halten hatte. Es war ein
Soldat im dritten Jahr namens Shnlein, ein unansehnlicher Mensch mit
krebsrotem, immer fettglnzendem Gesicht und einem halb blden, halb
furchtsamen Lcheln. War es Zufall oder belwollen oder berechnete
Bosheit, jedenfalls war dieser Shnlein der verachtetste Mensch in der
Kompagnie, ja im ganzen Regiment. Er konnte nicht unangefochten durch
ein Zimmer gehen, er brauchte nur den Mund aufzutun, gleich flog ihm
eine Beleidigung an den Kopf; wenn irgendwo etwas schief ging, hie es:
der Shnlein, wenn die Kompagnie schlecht exerziert hatte, mute es
zumeist der Unglckliche ben, und er war bisweilen in der Nacht aus
dem Schlaf gerissen und entsetzlich mihandelt worden. Einmal sah
Engelhart den Schrank des Soldaten offen und an der Innenflche der Tre
eine zahllose Menge von Kreidestrichen; er fragte, was dies bedeuten
sollte, und Shnlein verriet ihm schchtern und mit aufleuchtendem
Blick, da er noch so viel Tage zu dienen habe, als sich Striche auf dem
Brett befanden. An jedem Morgen war sein erstes Geschft, wieder einen
Kreidestrich auszuwischen. Offenbar hatte mit diesem Burschen noch
niemand so geredet, wie man mit einem Menschen spricht, denn er bezeigte
Engelhart, den er als seinen Herrn betrachtete, eine so
leidenschaftliche Dankbarkeit und Anhnglichkeit, da dieser sich kaum
erwehren konnte und, um hlichen Sticheleien zu entgehen, schwach genug
war, auch seinerseits einen Stein auf den Gepeinigten zu werfen, wenn
die andern Steine warfen. Und als ob Shnlein in seinem dumpfen Gemt
solchen ueren Zwang zu ahnen vermchte, wurde seine Zuneigung fr
Engelhart nicht geringer, und er stellte sich wie taub, wenn dieser
gleichfalls anfing, ihn zu verfolgen.

Einst im November wurden smtliche Mannschaften des Regiments um vier
Uhr morgens aus dem Schlaf geweckt. Die Strohscke wurden in den Hof
geschafft, um frische Fllung zu erhalten. Es war eine eiskalte, aber
klare Nacht; als Engelhart ins Freie trat, verschwand seine betubende
Schlafsucht, und er blickte berrascht zum Himmel empor; so hatte er die
Sterne noch nie gesehen, so diamanten, so funkelnd rein und dicht gest.
Er wusch beim Brunnen das Gesicht, und wie er zum Tor zurckkehren
wollte, sah er einige Leute um einen schon halbgeleerten Sack
versammelt, auf dem ein Mensch wie schlafend lag. Es war Shnlein, der
versicherte, da er sich krank fhle. Die Soldaten lachten, und der
Zimmerlteste befahl ihm, aufzustehen. Er versuchte es und fiel wieder
zurck. Da nahmen einige Leute den Sack, zwei an jeder Ecke, hoben ihn
samt dem Daraufliegenden empor und schleuderten ihn fnf- oder sechsmal
in die Luft, wobei sie das ngstliche Schreien des Mannes nicht
achteten.

Engelhart wandte sich gewaltsam ab und starrte ber den weiten
dmmerigen Raum des Hofes, der sich wie eine Sandwste vor ihm dehnte,
bevlkert von schwrzlichen Gestalten. Es war ihm, als ob er mit wilden
Tieren zusammengekettet wre. Alle verzehrten sich in der Sehnsucht nach
Freiheit, alle waren von Ha erglht gegen die Bndiger, aber wenn der
Bndiger erschien und nur mit der Wimper zuckte, so hielten sie den Atem
an. Es war ein ungeheures Gebude gegenseitiger Verantwortung, begrndet
auf Furcht und Heuchelei, und Brder verleugneten einander, wenn der
eine frchtete, fr den andern verantwortlich zu werden. Es ward
Engelhart unheimlich in dieser Welt, es ward ihm unheimlich unter den
Menschen.

Die Soldaten hatten den Shnlein inzwischen losgelassen, weil ein
Unteroffizier hinzugetreten war. Shnlein taumelte diesem ber die
Strohbschel entgegen und stie ein paar unartikulierte Laute hervor.
Er stellt sich krank, sagte einer von der Schneiderwerksttte. Dem
Korporal kam dies sehr ungelegen, denn er war fr den Gesundheitsstand
seiner Abteilung in gewissem Sinne verantwortlich. Er fing an, in der
unfltigsten Weise auf den Mann einzuschimpfen, und hob schlielich,
rasend und berauscht von dem Zustand des Zorns, den er geno wie jeden
andern Rausch, die Arme zum Schlag. Shnlein muckste nicht, denn er
wute, wenn er nur die Miene der Widersetzlichkeit annahm, wrde er so
bald keinen Kreidestrich mehr von seiner Schranktr lschen knnen. So
lchelte er eben in seiner albernen und bestrzten Weise vor sich hin.

Beim Anblick all der infamen Willkr drehte sich Engelhart das Herz im
Leibe um. Nie hatte er sich so vllig in eines andern Seele versetzt,
und als Shnleins Augenlider krampfhaft zu blinzeln begannen, sprte er
dies unmittelbar und empfand die ratlose Verzweiflung, die jenen
erfllen mute. 'Aber warum hilfst du ihm nicht?' rief eine Stimme in
seinem Innern, 'warum schweigst du, Feigling? Warum nimmt sogar dein
Gesicht einen wohlgeflligen Ausdruck an, wenn der Blick des Bndigers
dich trifft?'

Die Vernunft ist eine beredte Kupplerin im Dienst des gemeinen Nutzens,
wenn es sich darum handelt, Vorwrfe hherer Art zu ersticken. Aber es
kam doch mehr und mehr so, da Engelhart sich verhrtete und da er das
Schlimmste tat, was ein Mensch an seiner Seele begehen kann, da er sich
verachten lernte, da er bse ward wie die andern und gleichgltig wie
die andern und da eine innere Welt des Traumes, der Sehnsucht, der
Ideale sich deutlich trennte von der ueren Welt des Essens, des
Schlafens, des Gelderwerbs und der simplen Nchternheit. Eines ist der
Himmel, ein zweites die Erde, und wenn so sich Licht von Finsternis
geschieden hat, dann waltet die kupplerische Vernunft ihres Trsteramts
und meint, nun seiest du reif geworden. Aber dies Reifwerden ist kein
Swerden und kein Fruchtbarwerden, davon berzeugte sich Engelhart
bald, es ist ein Bitterwerden und Leerwerden. Da ist ein Damm aufgebaut
zwischen der Menschheit und dem Menschen; die Menschheit ist das uere
und der Mensch das Innere, und die inneren Wasser stauen sich, bohren
Abgrnde und unheilvolle Lcher, kein Aus- und Einstrmen mehr, kein
gesegnetes Gleichma; allgemeines Unheil wird zum Spiel, zum bemalten
Vorhang, der sich verschiebt und, sobald es dem Geiste beliebt, einem
weniger aufdringlichen Gegenstand Platz macht. Engelhart fhlte, da er
sich verstockte, aber die fortwhrende Erschpfung des Krpers, der er
ausgesetzt war, lie ihn nicht mehr zum Nachdenken gelangen. Wenn ihn
das Schicksal zur Ruhe und zum Glck kommen lie, war er verloren. Die
Seele, die berhrt man nicht, das ist wahr, und sie braucht auch nicht
zu erfahren, was die Lippe spricht, aber sie mu unschuldig bleiben, und
sie bleibt es eher, wenn die Hand einen Mord begeht, als wenn die Zunge
schweigt, wo ein hchstes Gebot sie zu reden auffordert.




                            Zehntes Kapitel


Kurz vor Weihnachten mute Engelhart vor der alten Kaserne am Mainufer
das erstemal Wache stehen. Es war eigen, in der tiefen Finsternis
zwischen zwei festen Grenzpunkten stundenlang auf und ab zu wandeln. Das
Verrinnen der Zeit glich dem Abtropfen der Flssigkeit aus einem Gefe.
Von sieben Uhren der Stadt hrte er die Viertelstundenschlge. Auf dem
Strom bis gegen die Steinbrcke hin waren Holzkhne verankert und das
Wasser schlickerte unter ihnen. Oben auf der Festung brannte ein rotes
Signallicht. Das Gewehr lag Engelhart wie ein Baum auf der Schulter, und
die fallenden Schneeflocken erzhlten vom Schlaf, sie waren wie
sichtbarer Schlaf, sie machten die Glieder trunken von Schlaf.

Mit dem Frhjahr begannen auf dem Galgenberg die Kompagnie- und
Bataillonsbungen. Da zuckte jedes Glied des Truppenkrpers von
Verantwortlichkeitsangst, jeder Soldat zitterte vor seinem Korporal, der
Leutnant vor dem Hauptmann, der Hauptmann vor dem Major, der Major vor
dem Oberst, der Oberst vor dem General. Ein schlechtgeputzter Knopf, ein
schiefhngendes Seitengewehr raubte ganzen Kategorien von Vorgesetzten
die Besinnung, hundert Leute muten das kleinste Versehen eines
einzelnen ben, ein Strauchelnder entfesselte die Wut des ganzen
Haufens, und dies gegenseitige viehische Entsetzen war es, was man
Disziplin nannte. Was bedeutete daneben der eingebildete Feind? Der
Feind steht da und dort, hie es, gegen den Feind mute vorgegangen, auf
den Feind gefeuert werden, alle sprachen von ihm mit Respekt und wie von
etwas Furchtbarem, er war Anfang und Antrieb zu dem waffenstarrenden
Spiel, Grnder und Erhalter des Systems, der unbewegliche Gtze, dessen
Name jeden Schrecken heiligte, und doch, er war nirgends zu sehen, er
war Luft, ein Wort, ein Nichts.

Im Innern stak der Feind, aber das wuten sie nicht.

Mit dem Vorschreiten der Jahreszeit nahmen die Anstrengungen des
Dienstes zu. Zwlf- bis vierzehnhundert lautlose Sklaven, schwer
bepackt, noch mde vom vergangenen Tag, noch schlaff von unvollendeter
Ruhe, marschierten tglich durch das noch schlummernde Land.

Der kraftvolle Gleichschritt der Kolonnen gibt der Bewegung den dstern
Rhythmus, verleiht ihr etwas von dem Erstaunlichen einer ungeheuern
Maschine, ihr tiefes Schweigen rhrt ans Herz. Die Sonne kommt, die
graublaue Frhluft erglht. Engelhart liebt den Morgen, es ist die
einzige Stunde, wo seine Hoffnungen wieder frisch werden. Es geht ber
die Brcke, an den sanften Biegungen der Weinberge entlang, hgelauf,
hgelab, die Strae schlgt sich durch den Wald. Hier allein sein
drfen, denkt Engelhart, nur eine Stunde auf dem Moos liegen drfen.
Eine uralte verwitterte Eiche steht inmitten einer grnen Lichtung; es
ist etwas frstlich Einsames um sie, erst in weitem Abstand wagen andre
Bume zu wachsen. Engelhart grbt ihr Bild in sein Gedchtnis, hier will
er weilen, wenn er frei sein wird.

Der Tag wird hei, schwer lastet der Tornister auf den Schultern, der
Kasten des Gewehrs schneidet ins Fleisch, der Helmrand beginnt auf Stirn
und Augen unheimlich zu drcken. Es ist ein Spamacher in Engelharts
Abteilung, der immerfort Geschichten erzhlt und der die Mannschaft oft
ihrer Mhsal vergessen lt; er ist deshalb wohlgelitten bei den
Offizieren und erlaubt sich Freiheiten, die den andern ein lgnerisches
Gefhl von Freiheit geben.

Endlich naht der Feind. Das Verfolgungs- und Versteckenspiel beginnt.
Ein Bataillon strmt zum Angriff vor und stt ein Geschrei aus, wodurch
es seine Bereitwilligkeit zu sterben kundgibt. Dies Hurraschreien klingt
durchaus nicht begeistert, sondern qual- und hohnvoll. Die Sumigen
werden von zhneknirschenden Unteroffizieren zu grerer Eile
angetrieben. Eine Kompagnie verirrt sich, der Regimentsadjutant rast auf
schumendem Gaul zu dem unseligen Hauptmann, der sich die Haare rauft.
Die Trompeter blasen Halt; kurze Rast; Heimkehr.

Der Anblick der endlosen Landstrae flt Grauen ein. Die Soldaten
knnen nicht mehr vorwrts blicken, jeder stiert auf die Stiefel des
Vordermanns. Wer aus dem Schritt gert, wird mit Lsterungen berhuft.
Der heie, weie, blendende Staub umhllt den Zug wie Nebel; Wimpern,
Lippen und Zhne sind voll Staub. Widerliche Gerche steigen auf.
Engelhart, mde und durstgepeinigt, richtet die Gedanken mit schlaffer
Beharrlichkeit auf das Mittagessen. Manchmal empfindet er den trotzigen
Antrieb, stehen zu bleiben, es reizt ihn, die Grausamkeit der
Nachfolgenden herauszufordern. Die Gesprche der Leute verstummen,
schweitriefend, mit wunden Fen und wunden Schenkeln schwanken viele
daher, Zerrbilder des lebendigen Menschen. Es wird befohlen zu singen,
niemand rhrt sich, der Befehl wird wiederholt, da erhebt sich zuerst
die dnne Stimme des Spamachers, andre fallen ein, der Rhythmus rttelt
sie auf. Es scheint ein lustiges Lied von volksmiger Einfachheit, doch
hinter den Worten murrt der Zorn, einige Wendungen werden von den
Sngern der Harmlosigkeit beraubt und klingen wie Stichworte des
Aufruhrs. Engelhart vermag nicht zu singen, der Sergeant ruft drohend
seinen Namen, er ffnet mechanisch den Mund. Und nun sieht man
talabwrts die roten Backsteinbaracken der Kaserne, in der prallen
Mittagssonne gleichen sie ungeheuern Giftblasen, aber alle schauen
sehnschtig hinab wie nach einem Paradies der Ruhe. Welche Qual, wenn
der Hauptmann sich zuletzt noch zu einer Ansprache bemigt findet. Er
liebt es, in vterlichem Ton zu reden, er hlt auf Popularitt. Wte er
um die Gedanken der tckisch lchelnden Soldaten, er zge vor zu
schweigen. Es ist der Wahn, den ihn seine Kaste gelehrt hat und der sein
Hirn in einem Taumel erhlt, da er sich geliebt und bewundert glaubt.

Eine Viertelstunde von der Kaserne entfernt lag ein altes
Minoritenkloster am Mainufer. Hohe Mauern und ein Ring gleichmig
gesetzter Pappelbume umgaben die zahlreichen Gebude, von denen Frieden
ber die ganze liebliche Landschaft auszustrmen schien. Engelhart zog
es bei Spaziergngen oftmals hierher, auch von der Landstrae aus lie
er sich mit einer Fhre bersetzen und wanderte langsam dem
efeubehangenen Tor zu. Seitab vom Fuweg stand ein Christuskreuz, und
vor diesem verweilte Engelhart bisweilen in tiefem Nachdenken, wobei
uralt feindseliges Mitrauen und bange Lust der Annherung sich
mischten. Nicht als ob er einen Gott hier gesucht htte, mehr noch einen
Menschen. Was ihn zu dem Erlserbildnis trieb, war die Idee des Opfers,
der betubte Wille rang um Erlsung, er suchte fr seinen Schmerz das
hchste Symbol. Das war es; er war Opfer und suchte die Wollust des
Opfers. Es ergriff ihn jener schwrmerische Fatalismus, der eine
Trunksucht der Seele ist, der zur Unverantwortlichkeit strebt und alles
Bewutsein im Traum und Wahn auflst.

Es war in den Hundstagen. An einem Morgen war Bataillonsexerzieren
gewesen, zurckgekehrt, mute die Kompagnie zur Schiesttte, die in
einem anderthalb Stunden entfernten Wald lag. Erst um halb drei Uhr
nachmittags waren die Leute, aufs hchste erschpft, wieder in der
Kaserne. Engelhart erbat und erhielt Urlaub vom Appell und ging nach
Hause, nichts wnschend als Schlaf. Er schlang die Mahlzeit hinunter und
legte sich entkleidet ins Bett. Um sechs Uhr wurde heftig an der
Wohnungsglocke gelutet. Es war Shnlein. Er hob Engelhart beinahe aus
den Kissen und trieb ihn zur uersten Eile. Beim Appell war Nachtbung
angesagt worden, um sieben Uhr sollte das Regiment bereit sein.
Engelhart flog in die Kleider, sie strmten auf die Strae, und da die
Kaserne fast eine halbe Stunde Wegs entfernt war, wollten sie einen
Wagen auftreiben, fanden aber keinen. So muten sie im Laufschritt unter
dem Aufsehen der Passanten ber die Glacis rennen; als sie auf dem
Domplatze waren, schlug es schon dreiviertel. Sie kamen an, als die
Kompagnien schon im Hof zusammentraten, oben muten sie sich in rasender
Hast feldmarschmig rsten, doch es lief glimpflich ab, die Offiziere
begannen eben die Musterung, als Engelhart an seinen leergelassenen
Platz trat.

Shnlein war zufrieden, da es ihm gelungen war, seinen Herrn vor Strafe
zu bewahren, und achtete nicht der bissigen Reden seiner Nebenmnner. Er
war berhaupt in der letzten Zeit immer heiterer geworden, denn auf
seiner Schranktre befanden sich nur noch vierundvierzig Kreidestriche.

Der Marsch ging ber das Dorf Randersacker nach dem Hgelland in der
Gegend von Eibelstadt. Die Luft war zuerst dunstig, wurde jedoch am
Abend rein und khl. Engelharts wie der andern Leute von der Kompagnie
bemchtigte sich nach und nach eine solche Mdigkeit, da sie sich nur
noch hinzuschleppen vermochten. Der Hauptmann, besorgt, da ihm seine
Abteilung Schande machen werde, ritt auf seinem alten dicken Gaul
unaufhrlich an den Reihen hin und her, wobei er die Leute in seiner
halb keifenden, halb gnnerhaften Weise zu ermuntern suchte. Trotzdem
traten fnf oder sechs Rekruten aus und blieben am Straengraben liegen.
Bei der ersten Raststelle fielen die meisten um wie die Stcke. Der
Feind befand sich hinter einem zwei Kilometer entfernten Weiler, und die
Kompagnie erhielt den Befehl, Vorposten zu stellen. Der Oberleutnant
whlte fnf Soldaten aus, unter ihnen Engelhart und Shnlein. Sie
marschierten ber einen langgezogenen Hang bis an den Rand eines tiefen
Forstes. Shnlein wurde als erster Posten ausgestellt, und an dem
schwankenden Schritt, mit dem er sich entfernte, sah man seine
auerordentliche Erschpfung. Die andern standen schweigend gegen den
mattleuchtenden Himmel gekehrt, aus dessen stlicher Tiefe sich langsam
schwebend der Mond erhob und eine scharlachne Rte auf das Gelnde warf.
Der Leutnant schritt im taufeuchten Wiesenrain auf und ab; nach einer
Weile dnkte es ihm notwendig, einen zweiten Posten ber den ersten
hinauszuschieben, und er bezeichnete Engelhart einen Punkt auf dem Kamm
des Hgels bei einer einzelnen Pappel. Engelhart schulterte das Gewehr
und marschierte ab. Der Weg fhrte ihn dort vorber, wo Shnlein stehen
sollte, doch als er hinkam, gewahrte er jenen nicht, sah sich um und
erblickte ihn endlich schlafend gegen das Mooskissen eines Baumes
gelehnt.

Der Anblick berraschte und rhrte ihn. Anstatt den Pflichtvergessenen
ohne Zgern zu wecken, stellte er sich hin, sttzte das Kinn auf die
Gewehrmndung und starrte verloren in das Kindergesicht des Schlfers,
das wie ein rosiges Abbild des Mondes aussah. Es war eine heilige Stille
rings. Gelbliche Lichtflecke zitterten auf dem Boden. Das drre
Bltterwerk, das dem Schlafenden zum Lager diente, strahlte wie
gelutertes Gold. Pltzlich vernahm Engelhart dicht hinter sich
Pferdeschritte. Erschrocken beugte er sich nieder, um Shnlein
aufzuwecken, aber es war zu spt, der Reiter, es war der Adjutant des
Majors, der die Posten inspizieren sollte, hatte den Unglcklichen schon
bemerkt. Shnlein schaute eine Weile benommen um sich, und als ihm das
Bewutsein wiederkehrte, wurde er wei wie Kalk. Engelhart war es, als
msse er sich vor dem Offizier niederwerfen und um Gnade fr den
Menschen flehen, er ahnte den entsetzlichen Jammer, der in Shnleins
Brust tobte, und fhlte sich mitschuldig. Der Adjutant fragte mit
eisiger Sachlichkeit, ob er schon lnger hier sei oder soeben
dazugekommen sei, und er antwortete, er sei soeben dazugekommen, war
daher fr seinen Teil in Sicherheit.

Es wurde Meldung an die Kompagnie und das Regiment erstattet. Der
Hauptmann wurde zum Oberst befohlen und kam auer sich vor Wut zurck.
Shnleins Gesicht behielt sein fahles Aussehen, seine Augen waren trb
und irr. Die Kameraden betrachteten ihn scheu und ohne Mitleid. Auf dem
Heimmarsch sangen sie begeisterter, gleichsam dienstwilliger ihre
Lieder. Vor dem Schlafengehen beobachtete der Zimmerlteste, wie
Shnlein eine Weile unbeweglich vor seinem Schrank stand, und er sagte:

Na, Shnlein, das kostet dich ein paar Monate. Aber mach dir nichts
daraus, da brauchst du wenigstens nicht zu schuften.

Auch die aufreibenden Wochen der groen Herbstbungen gingen vorber,
und dann war Engelhart frei. Langentbehrte Wonne, den Tag, die Stunde
wieder zu besitzen, den frhen Morgen verschlafen zu drfen, der eignen
Entschlsse Herr zu sein, Zeit zu haben, viel Zeit ... Am ersten Tag
suchte er den Park des Veitshchheimer Schlosses auf und schlenderte in
musikalischer Entzckung durch die beschnittenen Alleen und knstlichen
Laubengnge. Vor einer der verwitterten Statuen, die um das groe
Wasserbassin aufgestellt waren, blieb er lange stehen, und es schien,
als ob die Figur zu ihm spreche, ja er hrte deutlich ihre Worte:

    Des Sommers verdorrte Bltter rollen
    Um meinen Fu.
    Unaufhrliches Spiel der Jahre!
    La ber meine khlen Glieder, Zeit,
    Den weitgesumten Mantel streifen,
    Und achte nicht, was mir die Brust fllt,
    Den bittern Gleichmut.
    Du, Wanderer, eile dem Bilde vorbei,
    Das ber stolzen Geschlechtern trauert,
    Unlebendig,
    Zerrbild alles Gewesenen.
    Wenn der Abend kommt und die Finsternis aufschwillt,
    Wird die Vergangenheit Traum
    Und die Gegenwart fhlbarer Tod.

Das glckliche Schwrmen durfte nicht lange dauern. Es wurde von Anfang
an verdstert durch die Frage, was nun werden solle. Was nun, was
anfangen? Womit das Leben verdienen? Es galt, einen Beruf zu ergreifen
oder vielmehr ein Geschft zu betreiben und von niemandes Gnade abhngig
zu sein. Herr Ratgeber meinte bekmmert, er sei jetzt alt genug, um die
Torheiten zu lassen und an eine geordnete Existenz zu denken. Nach
mancherlei Erwgungen wandte sich Herr Ratgeber an seinen unmittelbaren
Vorgesetzten, den Generalagenten in Nrnberg, und fragte an, ob
Engelhart in dessen Bureau einen Posten finden knne, und die Antwort
war bejahend; es sei gerade eine Korrespondentenstelle frei, wenn der
junge Ratgeber einige stilistische Gewandtheit und auerdem guten Willen
besitze, stehe seiner Anstellung nichts im Wege, der vorlufige Gehalt
sei sechzig Mark fr den Monat. Das war jmmerlich wenig, doch Engelhart
durfte sich nicht besinnen, er mute den ersten besten Strick erfassen,
den man ihm zuwarf, und Herr Ratgeber war froh, der bedrngendsten Sorge
los zu sein. Auch fr ihn selbst war des Bleibens in Wrzburg ein Ende;
zwischen ihm und Inspektor Dingelfeld war offene Feindschaft
ausgebrochen, der Elende suchte Streit, wo er konnte, und sein
eingestandener Zweck war, den lteren Rivalen zu verdrngen. Herr
Ratgeber hatte schlielich von der Gesellschaft seinen Abschied
verlangt, aber diese wollte einen so tchtigen Arbeiter durchaus nicht
verlieren und erklrte sich bereit, ihn unter Gehaltserhhung nach
Mnchen zu versetzen. Der Wettstreit zwischen den beiden Nebenbuhlern
war den Herren nicht unangenehm gewesen, er frderte entschieden das
Geschft, nur zum uersten durfte es nicht kommen. Herr Ratgeber war
denn auch zufrieden und fand seine Ehre wiederhergestellt; die
Aufbesserung seines kmmerlichen Lohnes machte ihm mehr Freude als ein
Lotteriegewinst, es war doch irgendeine Anerkennung fr all die Mhe; er
brauchte Anerkennung.

Engelhart mietete sich in Nrnberg auf dem Jakobsplatz ein, der Kirche
gegenber. Es war die billigste Wohnungsgelegenheit, die er hatte
auftreiben knnen, er zahlte nur acht Mark monatlich. Es war ein
liliputanisches Zimmer, und das hchst baufllige Huschen, in dem es
sich befand, gehrte dem Ehepaar Hadebusch, wunderlichen Leuten, die
jene Mischung von Bosheit und Gemtlichkeit besaen, wie sie im untern
Brgerstand hufig ist. Der Mann, schon ein Siebziger, war
Brstenmacher; es roch im Haus bestndig nach Borsten, Leim und
Laugenwasser. Whrend Engelhart in der dstern Wohnstube das Frhstck
verzehrte, politisierte der Alte, das heit er pries die vergangenen
Zeiten. Frau Hadebusch war ein dickes, habgieriges Weib; wenn sie Geld
sah, konnte sie sich kaum beherrschen und lachte bers ganze Gesicht.
Mit berlegener Schlauheit und scheinbar unverfnglichen Fragen suchte
sie sich ber Engelharts Vermgensverhltnisse Klarheit zu verschaffen,
und wenn sie merkte, da er es belnahm, suchte sie ihn mit
scheinheiligem Gejammer und den ungereimtesten Geschichten von ihrer
eignen Armut zu vershnen. Sie hatte einen Sohn, der ein Idiot war und
nur zum Holzhacken und Stubenauskehren zu gebrauchen war.

Frau Hadebusch hatte eine unberwindliche Abneigung gegen Steinkohlen.
Sie beschwor, da seit Menschengedenken kein solch schwarzes Teufelszeug
in ihr Haus gekommen sei, beutete aber diesen Umstand aus und berechnete
das Holz zum Heizen mit unverschmten Preisen. Engelhart wagte bei
seinem drftigen Einkommen nicht, das eiserne flein in seiner Kammer so
lange zu speisen, da es fr den Abend ausreichende Wrme gab, und so
sa er oft frierend bei seinen Bchern oder er legte sich ins Bett und
las weiter bis Mitternacht. Die morschen Dachsparren ber ihm krachten
manchmal so laut, da er aus dem Schlaf erwachte, und durch die Fugen
der schlecht schlieenden winzigen Fenster surrte der Wind. Auerdem
strte ihn die Nhe des Kirchturmes und seiner drhnenden Glocke nicht
wenig.

Sein ordnungsloses Bcherlesen entsprang nicht der Lernbegierde und
hatte keinen reingeistigen Antrieb. Nichts beruhigte, nichts befriedigte
ihn dabei, alles stachelte ihn auf. Er suchte die Welt, er suchte das,
was die Jnglinge mit feierlicher Deutung das Leben zu nennen pflegen.
Er konnte sich nicht zu der Annahme entschlieen, da das, was er bisher
gelebt, schon das Leben sei, und erschien sich wie ein Wesen, das wohl
Flgel besitzt, sie aber nicht gebrauchen darf. Tag fr Tag, vom Morgen
bis zum Abend befand er sich in einer innerlich verzitternden Erregung
und seine Seele glich dem glhenden Draht ber einer Flamme, der nicht
nachgeben, sich nicht biegen kann, weil er an den Enden festgenietet
ist. Die whrend des Fronjahrs eingeschlummerten Krfte und versiegten
Quellen sprudelten jetzt um so gewaltsamer hervor, und Engelhart war
sich seines Zustandes als einer unaufhrlichen Gefahr wohl bewut; er
wnschte, sich selber zu entfliehen, und wie nie zuvor trieb es ihn zu
den Menschen. Er wollte mit Worten vernehmen, wie es um sie und wie es
um ihn stand. Er glaubte an einen, irgendeinen, der den Schlssel zu dem
groen Mysterium besa, und es drstete ihn nach lebendigem Wissen,
lebendigem Wort, lebendiger Freundschaft.

Die elende Kammer wurde ihm zuwider. Er suchte an den Abenden andern
Aufenthalt und lief, kein Unwetter scheuend, sich die Beine md, um
schlielich in einer abgelegenen Kneipe zu landen und bei einer Tasse
Kaffee trbselig vor sich hinzustarren. Einst zu spter Stunde kam er in
ein enges Seitengchen und blieb lauschend stehen. Eine dunkle, in
leidenschaftlichen Worten einsam redende Stimme drang wie aus dem
Innern der Erde zu ihm. Da trat hervor einer, anzusehen wie die
Sternennacht, der hatte in seiner Hand einen eisernen Siegelring, den
hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach: 'Ewig, heilig,
gerecht, unverflschbar! Es ist nur eine Wahrheit, es ist nur eine
Tugend! Wehe, wehe, wehe dem zweifelndem Wurme!' ... Engelhart ging zu
einem Fensterloch dicht ber dem Boden und blickte wie in einen Trichter
hinunter. Er sah einen matterleuchteten Raum mit Wirtshaustischen und
-bnken. Auf einer Bank an der Mauer sa eine kleine Gesellschaft junger
Leute, ein einzelner kauerte vor ihnen auf den Steinfliesen, und die
Worte, die er sprach, hatten sein Gesicht zerwhlt, seine Lippen
frmlich zerrissen und seine Augen im Wahnsinn gebadet. Gnade, Gnade
jedem Snder der Erde und des Abgrunds! schrie er jetzt und schlug die
Hnde an die Wangen. Engelhart schauderte.

Bald darauf war es zu Ende und die Zuhrer klatschten. Diesen Franz
macht dir kein Schauspieler der Welt nach, Klewein! lie sich jetzt die
heisere Stimme eines langen, hageren Menschen vernehmen, und mit
verchtlichem Lachen, beide Hnde in den Hosentaschen, fuhr er fort: Im
brigen war dieser Schiller doch ein Mordsstmper. Es ist nur eine
Wahrheit, es ist nur eine Tugend! Lcherlich! Hunderttausend Wahrheiten,
Millionen Tugenden und schlielich wieder keine; keine Wahrheit, das
ist's, Kinder, denn wenn es eine Wahrheit gbe, warum sollten wir sie
nicht erkannt haben?

Wehmtig an seine abgesonderte Existenz gemahnt, die ihn wie durch ein
fortwirkendes Gesetz von jeder wahrhaft geselligen Vereinigung
ausschlo, lauschte Engelhart durstigen Ohrs den Gesprchen, die von
einem Geist groartiger Weltverachtung durchweht schienen. Nach einer
Weile schritt er zum Eingang, berlegte hin und her, zhlte in Gedanken
seine Barschaft nach und stieg endlich die steinerne Treppe zu dem
Weinkeller hinab.

Sein schchterner Gru blieb unbemerkt. Er setzte sich abseits und
bestellte ein kleines Flschchen italienischen Landweins. Sein Betragen
erregte die Aufmerksamkeit des langen Hageren, den seine Kumpane Peter
Palm nannten. Engelhart errtete, als er dem stumpflohenden Blick der
schwarzen Augen begegnete. Es war der Blick eines Jgers, eines
Wilddiebs, bevor er die Flinte anlegt. Jener Klewein, der den Monolog
gesprochen, brtete schweigend vor sich hin; ber seinem hart markierten
Schauspielergesicht bebte die Haut wie Wasser, das leichter Wind zu
Falten blst. Niemals hatte Engelhart den Ausdruck des schlechten
Gewissens so deutlich und wild auf einem Antlitz gesehen. Die drei
andern waren ein wenig betrunken oder stellten sich so. Einer, den sie
Baron nannten, hatte ein verblasenes Lcheln auf dem bbchenhaften
Gesicht; diesem flsterte der Lange etwas zu, er kam an Engelharts Tisch
und forderte ihn mit gezierter Hflichkeit auf, sich zu der Gesellschaft
zu setzen. Engelhart dankte; Spannung und Entzcken benahmen ihm fast
die Sinne.

So glaubte er endlich das Tor betreten zu haben, das ins Leben fhrt, in
das berhmte Leben. Von nun an wurde die Nacht sein Tag, wie fr den
Schmuggler, und schmugglerhaft war dies Herumziehen an den Grenzen der
brgerlichen Bezirke, auf den Lippen Hohn und in der Brust die Furcht
vor ihren Zollwchtern. Oft kam er erst um vier Uhr morgens nach Hause,
schlief dann ber die Zeit, kam versptet, dumpf und mde ins Bureau und
wurde unverllich bei der Arbeit. Diese Arbeit bestand im Briefeschreiben
an sumige Zahler, an unschlssige Versicherungskandidaten, in
Beantwortung von Beschwerdeschriften, in juridischen und konomischen
Aufklrungen, Agenteninstruktionen, im Ausstellen von Prmienquittungen,
Berichten an die Direktion und vielem andern. Er hatte sich geschickt
und willig gezeigt, der Bureauchef schtzte den denkenden Kopf in ihm,
wie er sagte, und zeichnete ihn dadurch aus, da er ein tglich
wachsendes Pensum erledigt haben wollte. Der Bureauchef war ein kleines,
zartes, wachsbleiches, schweigsames Mnnchen namens Zittel, eine
Schreibernatur durch und durch, geschmeidig, flink, giftig. Als
Engelhart jhlings zu erlahmen begann wie eine Maschine, an der ein
Rdchen zerbrochen ist, heftete er bisweilen seine kalten Reptilaugen,
die hinter dicken Brillenglsern glitzerten, forschend und streng auf
ihn und sagte mit berechneter Sanftmut: Schade, Herr Ratgeber, wirklich
schade. Doch Engelhart empfand Ekel; nie wurde er das Gefhl einer
ungeheuern Versumnis los, und besa er dann die Zeit, nach der er sich
gesehnt, so rann sie ihm aus den Fingern, wie Sand durch ein Sieb luft.
Manchen Tag vermochte er zu Herrn Zittels Bekmmernis nicht drei Stze
aufs Papier zu bringen, pltzlich packte ihn die Angst vor der
Brotlosigkeit, er arbeitete in zehn Stunden ab, was sich in zehn Tagen
angehuft hatte, und Herr Zittel konnte dann nicht umhin, eine solche
Leistung kopfschttelnd zu bewundern. Schlimm war es, da er mit dem
Geld in verzweifelte Unordnung kam. Schon am fnften, am siebenten des
Monats mute er um Vorschu bitten, fr viele Wochen hinaus konnte er
nicht mehr auf seinen vollen Gehalt rechnen, an notwendige Anschaffungen
fr Kleidungsstcke oder gar an Bcherkaufen war nicht zu denken, und
wenn er die Miete und das Mittagessen gezahlt hatte, so lief das brige
rasch bei den nchtlichen Gelagen davon. Und weil unter dem Einflu
Peter Palms niemand sich anders fhrte, jeder aus dem Leeren
wirtschaftete und dies trbselige Wesen zum Heldentum emporgelogen
wurde, so dachte Engelhart, alles msse so sein, wie es war, und es sei
ein Schimpf, anders aufzutreten, als mit prahlerischen Ansprchen an
eine blind undankbare Welt.

Peter Palm stammte aus den niedrigsten Verhltnissen. Seine Mutter war
eine Waschfrau in Plobenhof, den Vater hatte er nie gekannt. Er hatte
studiert, Stipendien hatten ihm anfangs fortgeholfen, jetzt war er im
siebzehnten oder achtzehnten Semester und brachte es nicht weiter. Er
hatte viel erlebt und viel gelesen; in seinem Charakter herrschte das
Bse vor. Sein Gemt war verbittert, ja gleichsam mit Schwren bedeckt,
nicht nur durch Armut und Entbehrungen war es dahin gekommen, sondern
auch durch angeborne Zgellosigkeit des Herzens. Er hielt sich fr eine
Art modernen Sokrates, doch mihandelte er seine Mutter, um ein paar
Pfennige von ihr zu erpressen. Von allen, die um ihn waren, hatte er
Franz Klewein am unbedingtesten in seiner Gewalt. Auch dieser war arm,
hatte abenteuerliche Fahrten hinter sich, war Matrose gewesen, hatte in
einem indischen Hafen desertiert, war in einem Reisfeld von Hindus
aufgefunden und verpflegt worden; dann nach Europa zurckgekehrt, trieb
es ihn zur Schauspielerei, aber er fand damit nur ein kmmerliches
Auskommen. Er war der leidenschaftlichste Mensch, den Engelhart je
gesehen. Er hatte etwas von einem edeln Tier; uerlich trat er wortkarg
und mit gemessener Ruhe auf, nur in den kleinen unter vorspringenden
Stirnknochen versteckten Augen flackerten unheimliche Feuer. Sein
Scharfsinn war gro, er beobachtete mit Lust und mit Ha und seine
Bemerkungen ritzten frmlich die Haut durch ihre tzende Bosheit. Er war
noch jung, kaum sechsundzwanzig, ehedem war er sicherlich eine zum
Positiven geneigte Natur gewesen, aber das Schicksal hatte ihn mde
gejagt. Dazu kam noch Peter Palm ber ihn; er hatte ihn in einer
Berliner Lasterhhle kennen gelernt, gerade als er mit dem Entschlu
kmpfte, seinem Leben ein Ende zu machen. Durch Palm wurde er aus der
dmmernden Bahn gerissen, die Helligkeit der Zweifel machte ihn sich
selber doppelt verachtenswert. Er hatte kein Engagement mehr, kaum ein
Unterkommen, und niemand wute, wie er sein Leben fristete. Den grten
Teil seiner Zeit verbrachte er grblerisch erstarrt im Paradieschen.

Das Paradieschen war ein winziges Gebude, dicht am Stadtgraben erbaut;
jenseits erhob sich der kolossale Turm des Ludwigstores. Zur Nachtzeit
blickten die erleuchteten Fensterchen einladend ber den stillen Platz
und rckwrts fiel der Lichtschein in das Pflanzengewinde ber der
uralten Festungsmauer. Im Paradieschen war alles winzig: der Wirt, die
Kellnerin, der Spiegel im Goldrahmen, Tische, Sthle, Tassen, Lffel und
das Stehklavier an der Wand. Palms treuester Trabant, ein einfltiger
Sachse namens Jentsch fhrte auf dem gebrechlichen Instrument seine
wesenlosen Phantasien aus. Er machte die Stimmung. Stimmung, das war das
groe Wort. Keiner wute, was im Kern darunter zu verstehen sei, sie
wollten vergessen, es war ein Aufprasseln letzter Gemtskrfte. Es war
zum Beispiel ein Mann dabei, der fr einen Erfinder galt, ein bejahrter
Herr; er hatte ein Vermgen fr seine Hirngespinste verschwendet und war
jetzt im Elend; dieser zog immer sein Taschentuch und wischte die Trnen
ab, wenn Jentsch spielte. Nur zu, nur zu, murmelte er bei jeder Pause,
das tut wohl, lieber Jentsch, das tut mir wohl. Doch dieser stellte
sich selten ein und wurde nie recht ernst genommen, denn es fehlte ihm
der flagellantische Geist, der alle Schlge des Geschicks dadurch
mildert, da er eine Selbstpeinigung daraus macht und jede Schuld mit
der Krone des Martyriums schmckt.

Einer aus der Gesellschaft hatte das Wort aufgebracht: wir sind die
Totengrber der Ideale. Engelhart suchte hinter den totengrberischen
Worten die neuen Ideale. Mit beklemmter Brust sa er da und lauschte und
wurde trunken von Worten. Gefhl und Wort waren ihm noch untrennbar
eins. Die groe Gebrde ri ihn hin. Alles ward geleugnet; ein Spiel
seiner selbst rollte der Erdball gesetzlos durch den verdeten Raum.
Engelhart sprte Angst vor seiner Existenz und bewunderte den Mut der
Leugner. Peter Palm durchschaute seine Jnger; wenn er ihre Schwche
erkannt hatte, durfte er alles wagen. Die Vergeblichkeit menschlichen
Mhens wurde in seinem Munde ein Argument des Triumphes. Er nannte sich
in einer geistreichen Stunde den Beichtvater der Todgeweihten; er versah
die sinkenden Seelen mit den Sakramenten. Wenn er redete, schwiegen
alle. In seinem brunlichen, langgezogenen Fanatikergesicht zitterte Wut
gegen jeden Besitz, gegen jede Hoffnung, ja gegen jeden Kampf. Du bist
ein Moslem, sagte Klewein verchtlich und mit dem Schmerz, den er um
sein gestrandetes Leben empfand, deine Ausbrche sind Konvulsionen des
Quietismus. Klewein glich dem im Kfig eingesperrten Wolf; dasselbe
ruhelose Auf und Ab, dasselbe sinnlos verstockte Starren auf das eiserne
Gitter. Einmal blieb er in der Nacht vor der Frauenkirche stehen und hob
die geballten Fuste. Dann drehte er sich um und schrie: Ein Weib, ein
Weib, ein Knigreich fr ein Weib! Peter Palm lachte und suchte
nachzuweisen, da das wahrhaft moderne Weib in der Dirne kristallisiert
sei. Engelhart widersprach. Die treuherzige Unschuld seiner Rede
erbitterte Palm und er riet ihm, mit einem Kindertrompetchen vor eine
Mdchenschule zu ziehen und Reveille zu blasen. Sie sind auch einer von
denen, die Helena in jedem Weibe sehen, sagte er und prophezeite ihm
ein Leben der Schmach und der Enttuschungen. Darauf wute Engelhart
nichts zu entgegnen. Alles, was gesagt wurde, nahm er ganz so, wie es
gesagt wurde, das amsierte Peter Palm im stillen. Doch rgerte er sich
ber ein Unbezeichenbares in den Augen des jungen Menschen, er rgerte
sich sogar, wenn Engelhart seinen, Palms, Worten allzuviel Gewicht
beilegte, und eines Tages bemerkte er gegen Klewein, da da doch nicht
Blut von seinem Blut sei; fremde Rasse; solche Burschen mten von
Rechts wegen reich sein, dann knne man sie mit gutem Gewissen
verachten. Ich bin berzeugt, er wird einmal das groe Los gewinnen,
schlo er hmisch.

Doch im Grunde wute er besser Bescheid ber Engelhart, als er sich
zugestehen mochte, er wute besser Bescheid als Engelhart selbst. Er
nannte ihn Seelensprhund, Gefhlsparasit. Doch hier war ein Etwas, das
er nicht zerreien noch zerbrechen konnte, gleichsam aus der eignen Hand
des Schpfers hervorgegangenes Gespinst, das man nicht anrhren darf,
ohne vom Blitz getroffen zu werden. Sein Hinundherzittern ber den
Gebilden des Lebens gemahnte Palm an die Kompanadel, die bei allem
Zittern stetig zum Pole zeigt. Sein zerrtteter Organismus sprte die
Gesundheit des Gesunden traumhaft scharf, bald war er sich auch klar,
wohin das unbewute Wesen heimlich ziele, von dem Engelhart so qualvoll
beunruhigt wurde, und ein gelegentlicher Fund besttigte seine
Mutmaung.

An einem Sonntagnachmittag lag Engelhart, von Kopfschmerzen geqult, auf
dem Sofa (er wohnte jetzt im zweiten Stock eines Hauses in Steinbhl),
als Palm und Klewein erschienen. Sie machten sich's nach ihrer Art
bequem, schwadronierten von diesem und jenem, Klewein entwickelte nicht
zum erstenmal seinen Plan, nach Amerika auszuwandern, Palm hatte
indessen die Tischlade aufgezogen und stberte ungeniert unter den
Briefen und Papieren Engelharts. Es fiel ihm ein dicht bekritzelter
Bogen in die Hand, auf dem die Geschichte vom kleinen Brutigam
aufgeschrieben war, die Engelhart seinem Bruder erzhlt hatte; einzelne
Merkworte waren ihm nicht aus dem Sinn gegangen und er hatte, vor
Monaten schon, sich der ganzen Bilderfolge durch Niederschreiben
entledigt. Palm las und las, begann spttisch zu lcheln, dann laut zu
kreischen, Engelhart merkte zu spt, was vorging. Palm lie sich den
Raub nicht mehr entreien, auch Kleweins Einspruch half nichts, Palm
bestand darauf, das Elaborat msse im Paradieschen verlesen werden, auch
Herr Barbeck habe heute zu kommen versprochen, das treffe sich
ausgezeichnet, der sei der rechte Mann fr so was. Welche Verachtung lag
in seinen Worten! Engelhart glaubte, seine Unfhigkeit werde an den
Pranger gestellt, und wollte vor Scham vergehen. Die Verlesung fand zu
einer Stunde statt, wo noch keine fremden Gste im Paradieschen waren;
die simple Geschichte wurde mit blutigem Hohn aufgenommen und
vollstndig niederkritisiert. Zuhrer waren Palm, Klewein, Jentsch, der
Baron, dann ein halbnrrischer Maler, der den Spitznamen Krapotkin
hatte, da er unaufhrlich Stellen aus den Schriften dieses
Anarchistenfhrers deklamierte, und ferner Herr Barbeck. Dieser gab sich
den Anschein, als nehme er die Geschichte ernst, und fragte Engelhart am
Schlusse, was das Ganze zu bedeuten habe und von wo die Verse
abgeschrieben seien. Engelhart schwieg. Was haben Sie denn vor, was
wollen Sie werden? fuhr Barbeck mit geheimnisvollem Grinsen zu fragen
fort. Und als Engelhart verlegen die Achseln zuckte, lachten alle,
Barbeck aber sagte: Na, Jngling, mich werden Sie nicht hinters Licht
fhren, ich kenne das, bin selber dort gewesen, hinterm Licht nmlich,
hab' selber pfel gestohlen.

Barbeck kam von da an allabendlich ins Paradieschen. Mit seinem
tckisch-vielsagenden Lcheln versicherte er, da ihm der kleine
Brutigam, auf diesen Spitznamen nagelte er Engelhart fest, Interesse
eingeflt habe. Es hatte eine eigne Bewandtnis mit Herrn Barbeck, und
Engelhart frchtete den Mann mehr noch, als er mit der Zeit Peter Palm
frchten gelernt hatte. Peter Palm gab sich wenigstens wie er war, eher
noch schlechter als besser, es war etwas Ehrliches in seiner drren
Dmonenhaftigkeit, aber dieser wechselte bestndig sein Wesen und war
ungreifbar wie die schillernde Qualle. Er war Privatgelehrter, das
heit, er betitelte sich so. Er behauptete, Astrologie und Alchymie zu
studieren, und meinte, wenn die Rede darauf kam, die alten Burschen in
Babylon seien gar nicht so dumm gewesen. Dabei lie er die frivol
glnzenden uglein forschend von Gesicht zu Gesicht wandern, denn er war
ungemein eitel, so eitel, da er nicht vertrug, wenn jemand in der
Gesellschaft einen guten Witz machte, gerade als ob es nur ein
bestimmtes Quantum Gelchter in der Welt gebe und er um seinen Anteil zu
kommen frchte. Er besa lange glatte, blonde Haare, die am Hinterkopf
kunstvoll beschnitten waren und den mdchenhaft zarten Nacken frei
lieen; hufig strich er mit der Hand ber den Kopf, wobei er zrtlich
sinnend oder boshaft triumphierend in die Luft schaute. Wenn jemand
seinen Worten widersprach, so fing er an, irgendeine Melodie vor sich
hinzusummen, und drehte den Kopf wie eine Soubrette mit schmachtendem
Blick zur Seite. Er war wohlhabend, aber geizig; einmal war es Peter
Palm gelungen, ihn anzupumpen, darauf hatte sich Barbeck monatelang
nicht mehr blicken lassen. Bei Tag war er ein Brger, nie htte er sich
bei Tag etwas gegen die brgerliche Ordnung zuschulden kommen lassen;
bei Nacht dagegen setzte er Ehre darein, fr einen erfahrenen Glcks- und
Lebemann zu gelten, sprach mit pfiffig verschlagener Miene von seinen
Abenteuern und von gewissen Husern der Liebe an der Stadtmauer drben.
Alle andern verachteten immer nur die Menschen im allgemeinen mit
Ausnahme der Anwesenden, jeder Anwesende war eine Persnlichkeit von
Bedeutung; Barbeck verachtete alle und zeigte jedem, da er ihn
verachte, ihm konnte man nichts vormachen, der lteste Ruhm zerstob vor
seinen Augen in Dunst, und er pflegte nur hin und wieder mit
feinschmeckerischem Zungeschnalzen Dinge zu loben, ber die sich niemand
eines Lobes versah oder die zu tadeln albern gewesen wre.

Engelhart wurde bis ins tiefste Herz beunruhigt. Dies gefhllose
Fertigsein; dies unbedingte Sichersitzen auf felsenfesten Urteilen;
diese hohnlachende Philosophie, die ohne Skrupel das Erhabene von seinem
Thron zerrte. Oft sa er wie im Fieber und jeder Abend endete mit
Stunden des Lebensberdrusses. Denn wozu leben, wenn das, was er so
gttlich in seinem Innern walten fhlte, nur ein aberwitziges Spiel war,
ein Traumgesicht, das vor andern zur Grimasse erstarrte? Mit Angst hielt
er sich fest, um nicht zu fallen. Die berflieende Empfindung suchte er
zu verbergen, es war freilich umsonst, sie wuten es alle, sie machten
sich zu Meistern seiner Unsicherheit und zerhmmerten sein Herz. Wie das
Weltkind unter Pfaffen gezwungen wird, sein natrliches Betragen fr
eine Snde anzusehen, so bequemte er sich, um doch wenigstens fr
ebenbrtig genommen zu werden, mit ihren Gebrden zu reden und ihren
Anschauungen beizupflichten. Er war der erste und der letzte bei allen
Gelagen, geno unzureichenden Schlaf und nhrte sich schlecht. Seine
Lebensfhrung war unsinnig, er mute Schulden machen, und anstndige
Leute, die ihm bisher wohlgewollt, wurden ihm feindselig gesinnt. Es war
alles umsonst, Peter Palm glaubte ihm nicht. Geben Sie sich keine
Mhe, sagte er, Sie sind ja doch nur ein verkappter Philister, der
zhneklappernd einen Ausflug ins feindliche Land macht. O dieser Dmon
im Schlafrock!

Eines Nachts kam Barbeck aufgeregt ins Paradieschen und verkndete,
Amna Siebert sei in der Stadt und tanze in den Reichshallen. Daraufhin
wurde der Beschlu gefat, aufzubrechen, um die Siebert zu sehen, die
nach Peter Palms Beteuerung das genialste Weib unter der Sonne war.
Amna Siebert war vor acht oder zehn Jahren Kellnerin im Wirtshaus zum
Mondschein gewesen, und das siebzehnjhrige Mdchen, ohne durch
Schnheit aufzufallen, fand wegen ihrer Heiterkeit viele Anbeter. Eines
Morgens nach einem Ball hatte sie den kleinen Saal aufzurumen, und
pltzlich fiel ihr bei, eine Menge Sthle in zwei Reihen zu setzen,
diese fr Tnzer und Tnzerinnen anzusehen und zwischen ihnen hindurch
die Touren einer Anglaise zu tanzen, ein Vergngen, das sie
leidenschaftlich liebte, weil sie dabei die Leichtigkeit und Anmut ihrer
Bewegungen spren konnte. Ein durchreisender Fremder belauschte und
berraschte sie, er machte ihr das Anerbieten, sie ausbilden zu lassen,
einige Monate darauf hrte man von ihren groen Triumphen, pltzlich war
sie verschollen und es hie, ein italienischer Graf habe sie entfhrt.
Viel spter war sie noch einmal in der Stadt gewesen und hatte getanzt,
darauf hie es wieder, ein Liebhaber habe sich ihre Gutmtigkeit zunutze
gemacht und sie zugrunde gerichtet. Jedenfalls ging es ihr jetzt
schlecht, sonst wre sie nicht in den Reichshallen aufgetreten, einem
Lokal letzten Rangs. An diesem Abend tanzte sie nicht, am nchsten Abend
sah sie Engelhart zum erstenmal, hatte aber keinen guten Eindruck von
ihr; ihre Bewegungen erschienen ihm frech und gewaltsam, nur die
traurigen, starr in die rauchige Luft des eklen Raums gerichteten Augen
berhrten sympathisch. Barbeck machte sich hinter einen von Amna
Sieberts Bekannten, und dieser versprach, ihn und seine Freunde mit der
Tnzerin zusammenzubringen, die gegenwrtig ohne Anhang sei. Barbeck
hatte Bedenken, die Sache drohte Geld zu kosten, er war der einzige
Zahlungsfhige bei der Partie, indessen gab er sich der Hoffnung hin,
auf die Kosten zu kommen, und gegen Mitternacht zog die ganze
Gesellschaft mit Amna in einen Weinkeller. Amna Siebert trug sich wie
eine vornehme Dame. Ihr oberflchlich lustiger Ton zeugte von der
stetigen Gewohnheit des Verkehrs mit fremden Leuten. Mehrmals hatte es
dennoch den Anschein, als fhle sie sich unbehaglich und aus dem
verschleierten Blick sprhte Widerwillen. Barbeck benahm sich wie ein
Faun, er trank mehr, als er vertragen konnte, und wurde nach und nach
zudringlich, Klewein, bebend vor Wut, lie ihn barsch an, es entstand
Streit, Peter Palm mute sich ins Mittel legen, am Ende stritten auch
Klewein und Palm und warfen einander Wahrheiten an den Kopf. Der Baron
suchte Amna mit aristokratischen Manieren zu bestechen, whrend Jentsch
und Krapotkin die Gelegenheit des Freitisches benutzten, um sich gtlich
zu tun. Engelhart litt. Eine mahnende Stimme ertnte in seinem Innern,
und wie unter einer Bergeslast sttzte er den Kopf in die Hnde.

Es blieb nicht verborgen, da Klewein fr die Siebert leidenschaftlich
entbrannt war. Er opferte das letzte, was er hatte, um sich einen
tadellosen Anzug zu verschaffen. Ob er erhrt wurde, war nicht zu
erfahren, man wute nur, da er mitsamt seinem feinen Anzug obdachlos
war, denn Palm, bei dem er oft genchtigt, wollte nichts mehr von ihm
wissen. Es beleidigte ihn, sich um eines Frauenzimmers willen beiseite
geschoben zu sehen. Jentsch und der Erfinder gingen einmal spt nachts
am Gterbahnhof spazieren, da berraschten sie Klewein, wie er sich auf
einem Frachtfuhrwerk das Lager zum Schlafen richtete. Er machte
humoristische Glossen darber, die beiden dummen Menschen lieen sich
tuschen und lachten mit ihm. Barbeck war die ganze Zeit ber voll Gift
und Galle, trstete sich aber immer wieder mit Peter Palms Versicherung,
da die Siebert unmglich einem Klewein ihre Gunst schenken knne. Eine
Woche spter hie es, Amna Siebert sei krank und die Direktion der
Reichshallen mache Schwierigkeiten mit dem Kontrakt, das Mdchen habe
ihre Wohnung aufgeben mssen und sei zu einer armen Verwandten gezogen.

Eines Abends trafen sich Engelhart und Klewein am Laufertor,
schlenderten eine Weile planlos um den Graben, und Klewein wurde von
Minute zu Minute dsterer und zerstreuter. Engelhart dachte, es seien
die Geldsorgen schuld, und da Monatsanfang war und er gerade ein paar
Taler in der Tasche hatte, fragte er Klewein, ob er ihm aushelfen knne.
Das Anerbieten wurde dankbar angenommen, aber Kleweins Betragen
vernderte sich deshalb nicht. Engelhart war nicht fhig, jemand
auszuforschen, er liebte gar nicht Gestndnisse eines andern, er war zu
sehr mit sich selbst beschftigt. Klewein schlug ihm vor, mit in die
Reichshallen zu gehen, und auf dem Wege dorthin erzhlte er, offenbar in
dem qualvollen Drang, sich irgendwem zu erffnen, wie ihn Amna Siebert
an der Nase herumfhre, wie sie ihn leiden lasse durch seine
Leidenschaft und da er darber des Lebens satt und bersatt geworden
sei. Wie aus Fieberphantasien stieg Amnas Bild empor als das einer
Vergifterin, eines Molochs.

Stumm saen sie whrend der Vorstellung in den Reichshallen, gehssig
aufgeregt durch den Lrm, die widerliche Musik und den Anblick der
verwsteten Mnner- und Weibergesichter. Spter gingen sie mit Amna in
ein nahegelegenes Caf. Klewein redete bestndig, Amna unterbrach ihn
oft mit einer spttisch stachelnden Bemerkung, sie sah matt und bla
aus, oft schien es, als werde ihre Brust ausgeglht von einer
verborgenen rasenden Ungeduld.

Engelhart schwieg zumeist. Ihn erbarmte des Weibes, er wute nicht wie
und warum. Die Gegenwart einer Frau stimmte ihn berhaupt stets milder
und ser. Auf dem Heimweg entstand pltzlich ein Wortwechsel zwischen
Klewein und Amna; eigentlich um nichts, der Zwiespalt lag mehr in den
beiden Menschen selber als in ihrer Wirkung aufeinander. Als Klewein sie
aufs uerste gereizt hatte, blieb Amna stehen und sagte kalt: Jetzt
habe ich genug von Ihnen, und streckte dabei befehlend den Arm aus.
Klewein starrte sie an, dann verbeugte er sich sarkastisch und ging
hinweg. Seine heftigen Schritte verklangen in der Finsternis. Amna
wendete sich mit einem drohenden Blick zu Engelhart und fragte: Sind
Sie auch so einer? Und da er schwieg, nahm sie seinen Arm, und da er
ihr nicht werbend entgegenkam, schien sie zu erstaunen. Unter einer
Gaslaterne nahm sie ihm den Hut ab, legte die Hand auf seine Schulter,
sah ihn prfend an und sagte halb lchelnd, halb traurig: So jung, so
jung! Sie blieben eine Weile stehen, dann sagte sie: Jetzt gehen Sie
nach Hause und schlafen Sie sich mal aus, und morgen abend um neun Uhr
kommen Sie zu mir, ich tanze morgen nicht, ich fhle mich wieder unwohl,
kommen Sie zu mir in die Wohnung. Sie nannte ihm die Strae und das
Haus, nickte kokett und schritt langsam davon. Engelhart kam taumelnd
heim, entschlief erst, als der Tag anbrach, und wurde durch einen
Abgesandten des Bureaus aufgeweckt, der ihm ein Schreiben von Herrn
Zittel bergab. Herr Zittel schrieb, seine Geduld sei nun zu Ende, nur
der Rcksicht, die man auf seinen Vater nehme, habe es Engelhart zu
verdanken, da man ihn noch nicht davongejagt. Engelhart schrieb zur
Antwort, er sei krank, versprach morgen zu kommen, versprach sich zu
bessern. Als er um sieben Uhr nachmittags ins Paradieschen kam, war
Barbeck zugegen, es wurde natrlich ber Klewein und Amna geredet,
durch ein unvorsichtiges Wort machte er den immer lauernden und
mitrauischen Barbeck stutzig und sein Errten setzte ihn noch mehr in
Verdacht. Es erschienen auf einmal viele Leute, meist unbekannte
Gesichter, einer von ihnen trat zum Tisch und begrte Barbeck, es war
ein schlanker Mensch mit auerordentlich schnen, bleichen Zgen, hinter
dem Zwicker funkelten feurige Augen. Engelhart war es lngst mde, immer
wieder Menschen zu sehen, ihm bangte vor jedem neuen Namen, auch dieser
Fremde machte ihn ungeduldig, indessen ward er sehr bestrzt durch den
ernsten, tiefen, mitleidigen Blick, der ihn aus jenen Augen traf. Er
begann zornig zu werden und schaute mit Absicht in eine andre Richtung,
endlich zahlte er und brach auf. Barbeck bat, auf ihn zu warten, er
wolle ihn begleiten, Engelhart zgerte und erwog, wie er sich des Mannes
entledigen knne, es war schon halb neun. Drauen fragte er nach dem
schwarzbrtigen Herrn, der ihm so rgerlich gewesen war, und Barbeck
sagte, das sei ein toller Kauz, ein ganz toller Kauz. Das war alles.
Was ist er denn? wie heit er? fragte Engelhart mit bestndig
wachsendem Groll. Er heie Justin Schildknecht und sei ... eben ein
toller Kauz. Barbeck lachte wieder einmal geheimnisvoll in sich hinein.

In Wirklichkeit verhielt sich die Sache so. Barbeck hatte sich einst,
ohne Vorwissen Engelharts, eine stenographische Abschrift von der
Geschichte vom kleinen Brutigam gemacht. Vor kurzem war er mit Justin
Schildknecht, einem seiner brgerlichen Tagesbekannten, beisammen
gewesen, und um zur Erlustigung beizutragen, hatte er das Geschichtchen
vorgelesen, gespickt mit eignen witzigen Einschiebseln. Der Zuhrer
hatte sich aber in andrer Weise dafr erwrmt und den Wunsch geuert,
Engelhart kennen zu lernen. Nichts leichter als das, meinte Barbeck,
kommen Sie um die und die Stunde da und da hin.

Es war schwl. Bleifarbene Wolken umsumten den Himmel, die den
vergehenden Tag wie Tiere in unsichtbaren Klauen noch zu halten
schienen. Whrend Engelhart berlegte, wie er von Barbeck loskommen
knne, war ihm der Zufall bei seinem Vorhaben behilflich. Von der Haller
Wiese her zog ein groer Trupp Menschen, lauter Arbeiter. Es war eine
Kundgebung. Die Leute von den Spiegelglasfabriken hatten einen Streik
veranstaltet. Aus dem Tor marschierten Polizeileute. Junge Burschen
pfiffen und johlten, ein Herr im Zylinder rannte in grter Eile
inmitten der Fahrstrae, Engelhart entschlpfte in das Gedrnge.

Als er vor dem Haus anlangte, wo Amna wohnte, es war ein altes Gebude
nahe der Insel Schtt, fing es an zu regnen. Sein Blut war so aufgeregt,
da der Arm zitterte, als er an der Glocke zog, und ungeduldigstes
Verlangen machte sein Auge feucht. Ein altes buckliges Weib, wie einer
Hexengeschichte entlaufen, ffnete und fhrte ihn ber einen modrig
riechenden Gang in ein kellerartiges Gemach. Ein riesiger Altnrnberger
Schrank und eine Ampel mit rotem Glas konnten nicht den Eindruck der
Armseligkeit mildern. An einigen Ngeln an der Wand hingen die bunten
Gewnder der Tnzerin und sie selbst sa auf dem Sofa und nhte eine
blaue Schleife auf ihren Hut. Sie schwatzte wie ein kleines Mdchen,
fragte ihn, ob er reich sei, ob er reich werden wolle, schimpfte auf die
reichen Leute, auf das Geld, auf die Mnner, auf die ganze Welt. Frher
ist man wenigstens in die Kirche gegangen, sagte sie, jetzt fehlt auch
das. Dann blickte sie pltzlich auf und fragte mit seltsamer
Heftigkeit, ob er sie schn finde; und da er betreten schwieg, ob er sie
hbsch finde, ob sie schon verblht sei. Die Spiegel lgen, rief sie
aus, nur die Weiber sind ehrlich, wenn sie aufhren, neidisch zu sein.
Sie stand auf, ging zur Tr, lauschte, riegelte zu, trat dann zu
Engelhart und sah wartend, lchelnd, nicht ganz ohne Befangenheit in
sein Gesicht. Alles an ihr war ein wenig gelblich, das Haar, die Haut,
ja sogar die Augen.

Engelhart vermochte weder zu reden noch sich zu bewegen, er sa wie
angeschmiedet und erstaunte selbst ber seinen unbegreiflichen Zustand.
Nicht als ob ihm Amna auf einmal reizlos erschienen wre. Er fhlte
noch dasselbe dumpfe Verlangen nach ihr wie vordem. Aber zuerst war es
dies gewesen: er glaubte sie durch eine Miene oder Gebrde der
Annherung zu beleidigen, sie, die er doch kaum kannte; dann frchtete
er etwas andres, das Leben hinter ihr, die Bitterkeit in ihrer Brust,
und auerdem war es ihm unmglich, ihr auch nur ein einziges zrtliches
Wort zu sagen, weil er keine Zrtlichkeit empfand und weil er sie nicht
niedrig genug schtzte, um skrupellos zu nehmen, was vielleicht mit Mut
und Selbstverleugnung gegeben wurde. Es war zugleich Stolz und Feigheit,
Achtung vor dem Weibe und Angst vor einer Verantwortung, Trotz und
Scham, doch hauptschlich wohl Scham und schlielich auch eine nagende,
beklemmende Traurigkeit. Alles das war es, nur kein Zugreifen und
unbekmmertes Wagen. Zu viel enthielt jeder Augenblick fr ihn, zu
eifrig schaute er vorwrts und rckwrts und seitwrts und nach innen
hinein in die Tiefe. Ein Mensch war ihm etwas unergrndlich Vielfaches,
Schwieriges, Gewundenes, Rtselhaftes, und ein Weib, das war nun ganz
und gar ein Geheimnis.

Amna hatte ihn zu liebkosen versucht; sie lie nun ab und setzte sich
bleich und stumm auf den Rand ihres Bettes. Sie warf einen schnellen
Blick in den Spiegel, der nebenan an der Wand hing, und ihr Gesicht
hatte einen herausfordernden, wild-verchtlichen Ausdruck. Dann ging
eine ganze Kette von Vernderungen in ihrem Gesicht vor; die Zge
erschlafften, unter den gesenkten Lidern hervor sickerte eine hohle
Mdigkeit ber Wangen und Mund, ber den Leib flog ein Schauder, sie
warf sich quer ber das Bett und seufzte aus furchtbar bedrngter Brust.
Engelhart war sehr bestrzt darber, was er da angerichtet, er htte es
gern wieder ungeschehen gemacht, aber das war nun vorbei. So stand er
auf, ging zur Tre und sagte schchtern gute Nacht.

Drauen regnete es noch in Strmen, wie Peitschenschlge klatschte es
aufs Pflaster. Indes er unter dem Toreingang wartete und den Hutrand
herunterstlpte, weil das Wasser vom Pfosten ab und ihm ins Gesicht
spritzte, lste sich aus der Dunkelheit der gegenberliegenden Mauer
eine Gestalt und kam rasch auf ihn zu. Es war Franz Klewein. Engelhart
erschrak. Klewein trat dicht vor ihn hin, ergriff mit beiden Hnden
seine Rechte und mit schlotternden Kinnladen murmelte er: Mensch!
Mensch! Es war nichts Tobendes in seiner Stimme, nur Schmerz und
leidenschaftliche Bewegtheit. Engelhart befand sich jedoch in
wunderlicher Lage; er konnte jenem nicht sagen: das, was du frchtest,
ist nicht geschehen, denn es gibt eine Mnnereitelkeit, die strker ist
als jedes Gefhl von Snde.

Klewein schien es auch als ein Fatum zu nehmen. Ja, er behandelte
Engelhart herzlicher als vorher und suchte im brigen wieder Peter Palms
Gesellschaft, die ihm immer unentbehrlicher wurde; sie beschftigten
sich nach alter Gewohnheit damit, Hhlen zu bauen und andrer Leute
Vorratskammern zu plndern.

Es begann damals ein neuer Wind durch die Zeiten zu wehen; vieles
zerbarst, was bislang in unantastbarer Scheinherrlichkeit gestanden, ein
Frhling des Gedankens war es, ein Mrz der Hoffnungen, mit Fug durfte
man Gewohntem mitrauen, es brachen Blten auf, so fremdartig, da mde
Augen sie fr Traumgebilde nahmen, es war wieder einmal freier zu atmen
und mancherlei stand im Wachsen. Engelhart sprte es in allen Fasern und
wute nicht, wohinaus damit; ein heftiges, blindes Wollen machte ihn
unfhig, dem Augenblick, der gegenwrtigen Stunde genugzutun, seine
Sehnsucht schien ihm doch nicht die rechte zu sein, da sie ihn nicht an
die rechte Stelle fhrte. Jene aber, an die er sich drangvoll anschlo,
taten, als wten sie von nichts. Wenn der Sturm brauste, sagten sie:
Ach was, das Fenster schliet wieder einmal nicht, und statt die
Richtung zu deuten, machten sie sich ber die Wetterfahne lustig. Sie
verwhlten sich, und um nichts zu sehen, wenn es am wettertrchtigen
Himmel leuchtete, schlossen sie krampfhaft die Augen und schrien: Es ist
finster. Engelhart, in jeder Weise allzu intensiv auf Menschen
angewiesen, ward um sein Lauschen betrogen und etwas Arges, Schmhliches
kam ber ihn.

Mit dem trotzigen Entschlu zur Verworfenheit, gleichsam mit verhngtem
Gesicht und aufgerissener Brust hatte sich Klewein in ein
lasterhaft-ausschweifendes Treiben gestrzt. Der Baron, ebenfalls ein
Mensch, der das Leben dort suchte, wo andre es wegwarfen, untersttzte
ihn, Barbeck machte den lsternen Neugierigen und Peter Palm sprach von
sozialwissenschaftlichen Forschungsreisen, damit die Sache ein
Mntelchen habe. Es mute alles ein Mntelchen haben, jeder Mann und
jedes Ding. Kommen Sie, Freundchen, sagte er zu Engelhart, als dieser
einmal schmerzlich zgerte, die verlorenen Shne gehren zu den
verlorenen Tchtern. Sie traten in ein Haus, auf dessen Steinschwelle
sich eine Lache geronnenen Blutes befand; daneben lag ein
zerschnittener, halbverfaulter Apfel.

Aus schmutzigen Kneipen lasen sie verwahrloste Frauenzimmer auf und
zogen mit ihnen umher. Am Abgrund taumelnde Wesen waren es, die mit Lust
den letzten Funken der Unschuld in ihrer von Leiden durchpflgten Brust
verschtteten. Engelhart ward seinem Mitleid und seinem Abscheu ein
Spielball. Ihre Gesichter erschienen ihm im Traum und glichen den
offenen Grbern fr alle Hoffnungen des Lebens. Aber die Dirne ist
vogelfrei, sie steht auerhalb der Welt, sie ist kein Weib mehr, sie ist
die Kreatur schlechtweg, sie fordert keine Scham heraus, sie ist
pflichtenlos und legt niemandem eine Pflicht auf.

Engelhart wute, was er beging. Wie der Geldborger den besten Freund
fliehen und frchten lernt, dem er verschuldet wird, so geht es auch
dem, der sein eignes Herz zum Glubiger macht; er findet einen
unerbittlich stumm mahnenden Feind in ihm. Je mehr Engelhart sich mit
Schuld bedeckte, je mehr betrte er sich mit dem Traum einer groen
Erlsung. Er sah das Weib in seiner schmachvollsten Niedrigkeit und
baute innerlich ein Gebilde von unnennbarer Keuschheit, eine Gespielin
der Gtter. Da Engelhart, so fr die Liebe geschaffen wie keiner,
gerade an ihr zum Frevler werden mute und zum immer wissenden Frevler,
zum shneerwartenden; seine Jugend hinwerfen mute, das verirrte Gefhl
nicht bewahren konnte, im Wahnwitz der Ungeduld um ein Ziel und eine
Bestimmung alles von sich werfen mute, was ihn stark und rein erhalten
konnte!

Es war eine Septembernacht, der Morgen lie schon die Giebel der Huser
erblassen, da ging Engelhart mit wunderlicher Langsamkeit, die Hnde vor
das Gesicht gedrckt, Schritt fr Schritt seiner Wohnung zu. Er mochte
nicht emporblicken, die schwarzen Fenster der Huser wurden ihm zu
Augen, wie die Augen von Dirnen traurig und leer. In dieser Stunde der
Verzweiflung begegnete ihm jener Justin Schildknecht, den er durch
Barbeck kennen gelernt und den er seitdem nicht wiedergesehen hatte. Er
hatte die Hnde vom Gesicht genommen, als der halb Unbekannte
vorberging, und sah ihm unwillkrlich nach. Pltzlich drehte sich
Schildknecht um, kam wieder zurck, sie wechselten ein paar Worte, auf
einmal fhlte Engelhart wie durch einen Zauberschlssel sein Inneres
aufgeschlossen, sie gingen miteinander weiter, redeten, redeten,
Verwicklungen lsten sich, Nebel entschwebten, der Himmel wurde licht,
Engelhart fand sich so herrlich verstanden, zrtlich beruhigt, endlich
ein hrendes Ohr, ein sehendes Auge, ihm war, als steige er aus
Bergwerksschchten empor, und als sie sich trennten, besa er einen
Freund.




                            Elftes Kapitel


Justin Schildknecht trat als Prediger und Reformator in den Lebenskreis
Engelharts. Dies und dies ist ganz verkehrt und jetzt werden wir die
Sache so und so anfassen, sagte er; Engelhart wute, wie verkehrt alles
war und wo das Rechte lag, und war doch entzckt, es mit Worten zu
vernehmen. Bisher hatte niemand sich die Mhe genommen, ihm einen Weg zu
weisen, als ob es gleichgltig sei, wohin er ging, da er nicht stille
hielt vor der Krippe, wo sie ihn haben wollten. Schildknecht aber sagte:
Du gehrst ja gar nicht an die Krippe in den Stall, du gehrst hinaus
in die Welt, du gehrst der Welt und gehrst dir selbst. Das machte
Engelhart sicher wie einen, der lange Zeit ein von der Behrde nicht
konzessioniertes Geschft betrieben hat und nun den Erlaubnisschein vom
Minister selbst erhlt.

Zunchst heit es sich von Peter Palm und seiner Sippe losmachen,
erklrte Schildknecht. Nichts schien leichter; Engelhart dachte: 'Ich
meide die Gesellschaft und alles ist in Ordnung.' Aber wenn die Stunde
kam, trieb es ihn an die gewohnte Sttte, als wre sein Blut vergiftet
von der Luft dort, von den Blicken, Worten und Zeichen, von all dem
Nichts, und fnde nicht eher Ruhe, bis es wieder Gift genossen. Auch lag
in seiner Natur eine gewisse sinnliche Treue gegen Menschen, denen er
einmal nur den geringsten Teil seines Herzens geschenkt, und er verstand
es nicht, irgendein Band, das ihn fesselte, wenn auch verderblich
fesselte, unbekmmert zu zerschneiden. Er schleppte immer smtliche
berbleibsel aller Beziehungen zu Menschen schwerfllig hinter sich her.

Dazu kam, da Peter Palm pltzlich Besitzrechte an Engelhart geltend
machte wie an einen Sklaven, der die Freiheit will. Engelhart nahm das
sehr ernst. Er erachtete sich fr gebunden, ihm schien, als ob ein
Vertrag ihn fele. Da Schildknecht um dessentwillen nicht an ihm irre
ward und hinter der schwchlichen Handlung das verzagte Gemt sprte,
das war ein schner Zug an ihm. Er folgte Engelhart; er lie sich zum
Schein selbst von den Fden umgarnen, aus denen er ihn lsen wollte, zog
nchtelang mit umher, und wenn sie dann allein waren, redete er ihm
gtig zu und ri den Flitterschleier von dem genialischen Unwesen.

Schildknecht wohnte mit seiner Mutter in einem uralten Hause am
Egydienplatz. ber dem Tor war der Krper eines aufhorchenden, im Lauf
stillestehenden Windspiels in Stein gemeielt. Schildknechts Wesen und
Erscheinung erinnerten sehr an dies Sinnbild nervser Wachsamkeit. Er
war reizbar und scheu wie ein eingesperrtes Tier. Einmal fhrte er
Engelhart in ein leeres Zimmer des Hauses, wo das Bildnis seines Vaters
hing. Engelhart empfand beinahe Furcht vor dem schwarzbrtigen Gesicht
mit den durchdringenden Augen und beneidete dennoch den Freund, ber
dessen Leben eine so verehrungswrdige und gewaltige Erscheinung
thronte. In seiner behaglich-breiten und schnrkelhaft-abschweifenden
Manier erzhlte Schildknecht, wie sein Vater im Revolutionsjahr in die
Brgerversammlung gekommen war und wie der Anblick seiner majesttischen
Person gengte, um die Zwietrchtigen eines Sinnes zu machen. Aber die
Erinnerung an diesen Mann, die Rckwirkung einer tyrannischen und
klsterlichen Erziehung beirrte Justins bis zur Schmerzhaftigkeit
empfnglichen Geist mehr, als sie ihn festigte.

Er war Entwurfzeichner fr eine chromolithographische Anstalt und
verdiente ziemlich karg sein Brot. Der Kopf war ihm voll von Plnen und
Ideen, die ihn in seinem engen Lebenskreis umherpeitschten, und er fand
nicht den Weg in die groe Welt. Vielfaches Milingen hatte ihn
argwhnisch gemacht und die Kleinlichkeit seiner Umgebung benahm ihm den
Atem. Er war verlobt mit einem schnen Mdchen aus wohlhabender Familie,
die Eltern der Braut wollten von einer Heirat nichts wissen, solange
Schildknecht ohne sichere Stellung war. Zwei Schwestern, giftige
Schlangen, nur im Neid vegetierend, trugen schmutzigen Klatsch ins Haus,
machten die Braut zum Aschenbrdel, huften die Erbitterung.
Schildknechts Vergangenheit wurde bswillig durchforscht, anonyme Briefe
tauchten auf, das Verhltnis mit der Geliebten wurde zur Qual.
Schildknecht war zu stolz, sich zu rechtfertigen, aber die Unbill
verzehrte ihn. Wochenlang durfte er dem Mdchen nicht nahen, dann hielt
er sich geflissentlich fern. Engelhart sah einmal das junge Ding,
verschchtert ging sie daher, doch gleich Beatrice macht' ihr Anblick
jedes Ding bescheiden, und in ihrem Gesicht lag ein holdes Ertragen.
Schildknecht sprach selten von ihr und nur in Andeutungen, denn in
allem, was Frauen und Liebe betraf, war er scheu und keusch.

Justin Schildknecht liebte die Kunst. Doch was irgend mit Werkttigkeit
zusammenhing, schob er in weite Ferne: aus Ehrfurcht, um nicht mit
unfertiger Hand zu freveln. Er meinte, es msse wie Sturmflut ber ihn
kommen, und es sei nichts vonnten, als der gemeinen Misere enthoben zu
sein. Einstweilen bi er sich die Lippen blutig an der Kette, die ihn
hielt. Seltsam war es fr Engelhart, mit Schildknecht vor dem
Sebaldusgrab zu stehen, das er als Knabe in der dumpfen Lust an
Gestaltlichkeit betrachtet hatte, und doch ahnend, wie Schnheit aus
dem innersten Kern der Welt spriet. Schildknecht vergtterte die alten
Meister, in ihnen sah er alles verkrpert, was ihm die Heimat war und
geben konnte. Engelharts stille Bewunderung war ihm nicht genug, er
stachelte ihn zu lautem Bekennen, und das war zu viel, das ermdete
Engelhart, unter solchem Zwang htte er auch im Paradies trotzig die
Augen geschlossen. So entwand ihm Schildknechts Herrischkeit manches,
manches Werk, manchen Menschen, manches freie Staunen. Um sich und den
Freund baute Schildknecht eine Mauer des Hasses, und Engelhart ffnete
sein Ohr fr Schildknechts bses Hadern gegen die Zeit; mit der Gabe des
Wohlwollens ohnehin sprlich bedacht wie alle, deren wunde Brust ruhelos
der Menschheit entgegendrngt, entfernte sich Engelhart, selber noch
Ringender, hoffrtig und besserwissend von den Ringenden, als ob er
darum schon des Irrtums enthoben wre, weil er angefangen, fremdes Irren
zu durchschauen. Der eine, einzige, der ihm, zum erstenmal, das Gefhl
eignen Wertes gab, gengte, um einer Welt den Rcken zu kehren. Und als
Schildknecht den Freund so weit hatte, als er nur schchtern glimmende
Hoffnungen zu strkerer Glut angefacht hatte, dem unaufhrlich fragenden
Herzen in seiner ganzen Person ein verkrpertes, lebendiges, trotziges
Ja geworden war, da fiel es ihm nicht mehr schwer, ihn aus Peter Palms
Zauberkreis zu befreien, und Engelhart war verwundert und beschmt, als
es ihn pltzlich nicht mehr zurckzog in die dunkle Sphre.

Schildknecht erlaubte nicht, da Engelhart das armselige Loch in der
Arbeitervorstadt weiter bewohnte. Sie fanden ein wohlfeiles Zimmer in
Sankt Johannis vor dem Tor, in einem stillen Gartenhaus, und bald sprte
Engelhart das Wohltuende von Ruhe, Luft und Licht. Bis in die spte
Nacht, auch wenn Schildknecht schon lngst gegangen war, konnte
Engelhart nicht schlafen und lag oft noch mit offenen Augen, wenn die
Morgendmmerung durch die Gardinen blinzelte. Gestalten, denen er nie
begegnet, regten sich wie Schattenbilder an der Wand, lsten sich von
der Wand und schauten ihn an: ganz Blick, ganz Schicksal. In ihrem
Schreiten war Musik. Der Wille, sie festzuhalten, erschtterte jeden
Nerv. Sie waren Stcke seiner selbst, gleichwohl waren sie ihm fremd;
ihr Antlitz war fremd, aber mit ihrem Innern war er vertraut. Sie
sprachen nicht, sie tnten, und nicht die Freude, sondern das Leiden
machte sie tnend. Die Wonne des geisterhaften Seins umgab ihre dunkeln
Krper mit rosiger Kontur. Sie folgten keineswegs einem Rufe, sie
erschienen, nach echter Gespensterart, wann es ihnen beliebte.

Engelharts Blut wurde trunken und matt und wieder trunken durch die
verfhrerische Gaukelei. Feindselig empfing ihn der gemeine Werktag. Er
irrte im Bodenlosen und nhrte den Geist mit den Verlockungen der
Phantome. In den letzten Tagen des Sptherbstes wurde es so schlimm, da
er die Erfllung der notwendigen Pflichten hintansetzte. Eine Woche lang
verlie er das Zimmer nur zur Nachtzeit, um mit Schildknecht
umherzustreifen. Ohne eigentlich krank zu sein, war sein Krper von
unbeschreiblicher Schlaffheit umfangen. Es qulte ihn ein seltsamer
Durst, der vor jeder Labung in Ekel berging. Im Schlummer empfand er
wie Sturmgebrause die Lebensangst, und alle Zweifel sah er in der
geffneten Brust als gelbe Wrmer sich winden. Eines Abends hockte er
jmmerlich beklommen vor dem Ofen und starrte durch das offene Trchen
in die Glut. Da barst eine Kohle knisternd auseinander, und eines von
den Gespenstern stieg daraus empor; es war wie ein Knabe anzusehen,
winzig klein, und es setzte sich Engelhart auf den Scho. Der ganze Raum
war pltzlich von einer bisweilen stockenden Melodie erfllt:

    Es war ein Bild im Bilde,
    Als ich den Tod erdacht,
    Sein trunkenboldisch Jauchzen
    Durchgeisterte die Nacht.

    Der Mantel wie von Flammen,
    Das Auge wie von Stahl,
    Der Busen eine Wunde,--
    So flog er kalt und fahl.

    Er schttelt seine Taschen,
    Die Seelchen flattern aus,
    Das wispert, wimmert, kichert,
    Und jedes sucht sein Haus.

    Nur eins voll seligem Grauen,
    Betubt von Schein und Schall,
    Verliert sich ohne Heimat
    Im bodenlosen All.

Bald danach warf sich Engelhart aufs Bett und schlief in seinen Kleidern
still und gesundend bis zum Morgen. Da erst kam das Staunen. Durch bloe
Worte kannst du also entzaubert werden, durchfuhr es ihn.

Er wurde nachdenklich. Die Worte allein waren es nicht. Sie waren nur
die Entschleierer, die Ausgraber des geheimnisvoll in Brunnentiefe
ruhenden Bildes, die listig-vielgesichtigen Diener eines Wesens, das
Brcken baut von Traum zu Traum.

Er hatte sein Ausbleiben vom Bureau brieflich entschuldigt; als er
hinkam, machte ihm Herr Zittel die Mitteilung, da er entlassen sei. Er
erhielt noch einen Restbetrag von sieben Mark und zwanzig Pfennig
ausbezahlt und auerdem, gnadenhalber, ein prsentables Zeugnis, damit
seine Existenz nicht vllig ruiniert sei. Einer der Schreiber am Pult
drehte sein Gesicht Engelhart zu; es war dies eine Art Methodist, der
seine freien Stunden, hauptschlich von sieben bis neun Uhr abends, auf
christliche Nchstenliebe gestellt hatte. Er wollte ein mitleidiges
Gesicht machen, grinste aber schadenfroh. Herr Zittel richtete den
blauen Blick seiner Fischaugen vorwurfsvoll auf Engelhart, dann ging er
ins Privatzimmer des Generalagenten, um das Zeugnis unterschreiben zu
lassen. Der Methodist rckte ein Weilchen auf seinem Sessel, schlielich
sprang er herab, brachte ein kleines Paketchen aus seiner Tasche zum
Vorschein, hinkte auf Engelhart zu und bot ihm mit salbungsvoll
fltender Stimme ein Stck zerbrckelten Lebkuchens an. Engelhart lachte
gutmtig und dankte.

Traurig stand er gegen Mittag an der Karlsbrcke, sah ins Wasser und
berlegte, was er jetzt beginnen sollte. Alle Posten waren sicher schon
besetzt; das war immer seine feste berzeugung im voraus, da alle
Posten schon besetzt seien. Er kam sich vor wie jemand, der bei einem
Fest ungeladen und zu spt kommt, ber viele Kpfe hinweg gerade noch
einen Fahnenfetzen winken sieht, whrend die Musik nur durch
verschlossene Tren zu ihm dringt.

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es war Schildknecht.

Warum so tiefsinnig, alter Schwede? fragte er in jenem
gemtlich-heiteren Ton, der ihm stets Engelharts ganzes Herz zuwandte.
Engelhart erzhlte, und Schildknechts Gesicht verfinsterte sich. Wie
steht es mit den Finanzen? fragte er. Schulden? Wo und wieviel? Gut;
jetzt lassen Sie mich mal gewhren. Wir werden ein schnes Brieflein an
den Herrn Oheim nach Wien schicken, verstanden? Wir werden ihm
klarmachen, da der Herrgott ein paar Individuen erschaffen hat, deren
Hinterteil sich fr den Drehsessel nun einmal nicht eignet. Wir werden
ihm sagen, da es einige Pflanzen gibt, die rasch ins Blhen kommen und
rasch ins Welken, und wieder andre, bei denen die Sache langsam geht, je
langsamer, je ser die Frchte werden. Wir werden ihm zu verstehen
geben, da der satte Magen ein guter Moralist und der hungrige ein
Behlter von Snden ist. Und nun Kopf hoch, lieber Sohn.

Was ist aber dabei gewonnen, selbst wenn er ein paar Taler schickt?
entgegnete Engelhart; was dann, wenn das Geld verzehrt ist?

Zuerst mssen Sie aus der verdammten Klemme kommen, sagte
Schildknecht. Erst atmen und dann denken. Was spter sein wird, dafr
lassen Sie nur mich sorgen und meinen Freund, den Zufall.

Der Brief wurde geschrieben, und in ihm versprach Engelhart, die
Geldsumme, um die er den Oheim bat, am Tage seiner Mndigwerdung
zurckzuerstatten; er hatte von seinem mtterlichen Vermgen noch einen
Rest von etwa achthundert Mark zu erwarten. Michael Herz schickte den
erbetenen Betrag mit einigen wohlwollenden, aber khlen Zeilen. Ich
hoffe, da Du Deine bedrckte Lage, in welche Du durch eigne Schuld und
eignen Entschlu geraten bist, nun etwas erleichtern kannst. Von
Zurckzahlung keine Silbe. Aber htte Engelhart hinter den Zeilen zu
lesen verstanden, htte er nicht immer nur bei solchen Menschen Feinheit
und Adel vorausgesetzt, um die er sich geistig mhen mute und die ihn
geistig nahmen, so htte er sein Gelbnis wohl bewahrt. Es war ihm dort
nicht mehr um Treu und Glauben zu tun, er meinte, dort habe er ohnehin
ausgespielt und ein Vorteil sei ein Vorteil.

Wenige Tage spter erhielt Engelhart auch einen Brief seines Vaters.
Herr Ratgeber wute noch nicht, da Engelhart ohne Posten sei, deshalb
empfand dieser keine Freude, als ihm der Vater mitteilte, er werde sich
in der kommenden Woche in Nrnberg aufhalten, wo er geschftlich zu tun
habe. Herr Ratgeber schrieb, da er ber Engelharts Treiben nur
Ungnstiges vernehme, er beklagte sich bitter ber die Nachlssigkeit
des Sohnes, der ihn monatelang ohne Brief lasse und sich nur an ihn
wende, wenn er etwas brauche. Deine Stiefmutter hat recht, wenn sie
Dich einen kalten Selbstschtling nennt, hie es weiter, schon lange
bereitet mir Deine Undankbarkeit Kummer. Und was ist mit Deinem
Fortkommen? Wahrlich, ich verstehe Dich nicht. Nun wirst Du
einundzwanzig Jahre alt, in zwei Monaten bist Du grojhrig, alle Deine
frheren Kameraden haben schon glnzende Stellungen und Du mut
Schreiberdienste leisten fr einen Hundelohn. Wozu habe ich Dich eine
teure Schule besuchen lassen, wozu sind alle Deine Gaben? Fr nichts
zeigst Du Lust und Liebe, wie ein kleines Kind stehst Du im praktischen
Leben, und wenn ich bedenke, da Du mir schon behilflich sein knntest,
mein schweres Los zu erleichtern, dann frit es mir ins Herz, Dich so
miraten zu sehen. Sieh doch zu, da Du bei einer Bank unterkommst,
suche meinen Bruder oder Deinen Vormund auf, vielleicht geben sie Dir
Empfehlungen, so wie bis jetzt kann und darf es nicht weitergehen.

Zum Schlu kamen noch einige vershnliche Stze, als fhle Herr
Ratgeber, da er die Kluft zwischen sich und dem Sohne nicht erweitern
drfe, aber Engelhart blieb ungerhrt. Er las das Schreiben seines
Vaters Schildknecht vor, und bei dem Wort Undankbarkeit zuckte dieser
zusammen.

Wenn nur die Herren Vter einsehen wollten, da das weitaus grere
Vergngen auf ihrer Seite war, knurrte er. Immer soll das
Kinderkriegen auch zugleich ein Zinsengeschft sein.

Solche Worte von den Lippen des Freundes erklteten Engelharts Gemt
noch mehr gegen den Vater. Er antwortete nicht auf den wohlgemeinten
Brief. Ich habe niemals zu Hause Entgegenkommen oder Verstndnis
gefunden, sagte er zu Schildknecht, wie um sich vor sich selbst zu
rechtfertigen. Er war Tor genug, zu glauben, vom Verstndnis sei alles
Glck abhngig; er selbst wollte verstanden werden, aber er bequemte
sich nicht dazu, auch seinerseits zu verstehen, wenigstens dort, wo es
sich um jenes nach seiner Ansicht niedrige Vegetieren handelte, das
sogenannte praktische Leben. Als sein Vater in die Stadt kam und er
durch eine Postkarte davon Nachricht erhielt, versteckte er sich. Nur
zum Schlafen kam er spt am Abend heim, zweimal fand er einen Zettel
seines Vaters auf dem Tische liegen, das erstemal standen fragende und
befremdete, das zweitemal abgerissene, emprte Worte darauf. Engelhart
hrte nicht und fhlte nicht. Den ganzen Tag ber hielt er sich in
Schildknechts Hause auf.

Frau Schildknecht hatte ihn zuerst khl, beinahe feindselig behandelt,
denn sein Umgang mit Justin schien diesen noch mehr aus der Bahn zu
reien als alle frheren Eskapaden und Freundschaften. Als sie
Engelharts Appetit bei den Mahlzeiten sah, vershnte sie sich mit ihm.
Sie sind auch ein wacker verprgeltes Mnnlein, sagte sie und schaute
ihm tief, beinahe finster in die Augen. Das Haus war die reinste
Katzenmenagerie. Um die Dmmerstunde ffnete Frau Schildknecht die Tr
und zwei schwarze Katzen und ein gelber Kater marschierten lautlos
herein. Justin Schildknecht sah in jeder Katze etwas wie ein mystisches
Wesen und schrieb ihr dmonische Klugheit zu. Er erzhlte von einem
Kater, der, merkwrdig begabt, ihm auf Schritt und Tritt durch die
Gassen gefolgt war, dem leisesten Lockruf gehorchend; als er auf die
Akademie gezogen, sei das Tier verschwunden und nie wieder zum Vorschein
gekommen. Eines Nachts war Engelhart Zeuge, wie Schildknecht mit
mehreren betrunkenen Burschen anband, weil diese nach einer Katze mit
Steinen warfen. Er war wie auer sich und schlug mit der Kraft von
dreien die ganze Gesellschaft in die Flucht. Dann legte er das halbtote
Tier in seinen Arm, sprach ihm zrtlich Trost zu und trug es nach Hause.

Tag um Tag wurde Engelharts Zusammenleben mit Schildknecht inniger,
alle andern Menschen erschienen ihm fremd, und wo immer er auch sonst
Anschlu und Annherung gesucht hatte, nichts blieb von diesen
Beziehungen brig, er zerbrach jede Fessel, verga jede Rcksicht auer
dieser einen, die nun sein innerstes Leben ausmachte. Da er sich
berdies von Justin Schildknecht eiferschtig bewacht sah, bis auf
Blicke, bis auf Gedanken, fand er sich doppelt verpflichtet und doppelt
ergeben. Hher flogen ja seine khnsten Wnsche nicht, als sich mit der
ganzen Person einzusetzen fr ein wahres Gefhl der Freundschaft, nur so
erschien er sich geborgen, nur darin erblickte er Mglichkeiten des
Gedeihens. Er erschlo mit Inbrunst sein Herz. Keine Hoffnung, keine
Furcht blieb geheim. ber jede fern von dem Freund verbrachte Stunde
legte er Rechenschaft ab. Nichts hatte Gewicht, was nicht Schildknecht
billigen konnte, nichts wurde Erlebnis, was er nicht mit ihm erlebte.
Was auch in der Welt geschah, groe und kleine Dinge, schlielich kam es
nur darauf an, wie es ihnen beiden dienen konnte. Ihm schien, man knne
nicht zugrunde gehen, wenn man durch ein gleichgestimmtes Herz gehalten
wrde. Auch kannte er nicht mehr das Gefhl der Einsamkeit, das ihn
vordem so oft geqult. Ein Tag voll Bangigkeit zhlte nicht, denn er
verhie doch ein beseligendes Gesprch mit dem Freund, und ber all das
Drohende und Bedrngende sprechen zu knnen, das bedeutete soviel als
es beseitigen. Sie wanderten in mondhellen Nchten durch die winkligen
Gassen, ber die Brcken und auf die Burg, oder saen bei schlechtem
Wetter in einer Kneipe; Schildknecht erzhlte von seiner Vergangenheit,
und dabei wurde ihm alles zum Mrchen, ebenso wie Engelhart alles zum
Mrchen wurde, wenn er von der Zukunft sprach. Leider besa keiner von
ihnen die rechte Geduld, dem andern zuzuhren, es ging ihnen wie zwei
Hungrigen, die aus derselben Schssel essen und bei allem Wohlwollen
freinander doch nach den grten Bissen schnappen. Wie einfach wurde
das Getriebe der Welt in solchen Stunden! Auf dieser Seite der Ha, auf
der andern die Liebe, hier der Untergang und dort das Gelingen, Gut und
Bse geteilt wie Licht und Finsternis, es kam gar nicht zum Exempel,
denn alle Gren standen ausgerechnet da, und die Zauberformel hie:
Zugreifen!

Solange er mit Engelhart allein war, fhlte sich Justin Schildknecht
ruhig und frei gestimmt. Er war, wie auch Engelhart, ein sehr miger
Mensch, trank nie, nur im Tabakrauchen waren sie beide ausschweifend.
Wenn sich nun ein dritter zu ihnen gesellte, was hier und da vorkam,
denn Schildknecht hatte zahlreiche Bekannte in der Stadt, dann machte er
den Eindruck eines Betrunkenen, und Engelhart selbst erschrak ber sein
scheues, zerflattertes, geschwtziges und gefhrliches Wesen.
Schildknecht traute keinem, er hatte an jedem seine Erfahrungen gemacht,
er wollte niemand in sein Inneres blicken lassen, darum verkleidete,
verstellte, versteckte er sich. Er war immer ein klein wenig Komdiant,
nicht vllig aufgelst in sein Schicksal oder seine Stimmung, stets ein
bichen von auen nach sich selber schielend. Nach und nach zogen sich
alle von ihm zurck, auch Leute, die ihm wohlwollten. Er hatte ganz
aufgehrt zu arbeiten, und seine Verhltnisse wurden drckend. Der
Mutter gegenber hatte er ein schlechtes Gewissen und mied tagelang das
Haus, nchtigte in Engelharts Wohnung. Es wird ein schlechtes Ende
nehmen, sagte Frau Schildknecht. Ihr sibyllenhaftes Wesen whlte Justin
tief auf. Mutter und Sohn konnten nicht eine Viertelstunde nebeneinander
weilen, ohne da es zu heftigem Wortwechsel kam, und je maloser sich
Justin benahm, je stiller und eisiger wurde die Frau, gleichsam
leuchtend von furchtbarer Voraussicht. Bei alledem wunderte sich Justin,
da sie sich Engelhart gegenber sanft und freundlich zeigte, und hielt
es ihr sehr zugute. Er liebte und verehrte sie, aber eigentlich nur in
Gedanken, er sah in ihr eine wunderliche und geheimnisvolle Person, den
dunkeln Krften der Natur verwandt, denen der Sterbliche unbewut
widerstrebt.

Indessen hatten die Eltern seiner Verlobten von dem Lotterleben Kunde
erlangt und sich unter Aufgebot von allerlei Spionen Gewiheit
verschafft. Sie untersagten der Tochter jeden Verkehr mit dem
pflichtvergessenen Mann. In atemloser Erbitterung verbrachte
Schildknecht die darauffolgende Zeit. Zudem gab es andre Schwierigkeiten
materieller Art, die ihn ruhelos machten. Seine letzte Betubung waren
die Plne, die er mit Engelhart schmiedete. Er selbst glaubte eigentlich
nicht mehr an sich, aber Engelhart glaubte an sich, fest, naiv und froh;
das war trstlich, das war der Grund, weshalb Schildknecht oft wie in
Bewunderung zu dem jngeren Genossen emporsah.

Eines Nachmittags um die Dmmerstunde kamen sie beide vor Schildknechts
Haus und muten dreimal luten, ehe geffnet ward. Oben im Wohnzimmer
gewahrten sie die Umrisse einer Gestalt, die sich aus kniender Stellung
erhob, und ehe Justin noch ein Streichholz in Brand gesteckt, trat seine
Mutter zu ihm und sagte: Mach dich gefat, es gibt ein Gewitter.
Schildknecht zndete die Lampe an; das Zylinderglas zitterte in seiner
Hand, als er seine Braut im Zimmer sah, und er fragte rauh: Was habt
ihr denn miteinander? Frau Schildknecht nahm eine offene Kassette, die
mit Schmucksachen gefllt war, vom Tisch, klappte sie zu und trug sie in
den Nebenraum. Die unschuldigen Augen des jungen Mdchens leuchteten vor
Angst. Justin schlug seine Faust mit solcher Gewalt auf die Lehne eines
Stuhls, da der Knchel des Mittelfingers zu bluten begann. Dabei schrie
er: Ich will wissen, ich will wissen! Wieder trat Frau Schildknecht
auf ihn zu und flsterte. Er zuckte zusammen, packte sie an der Schulter
und mit einem heiseren Aufbrllen ri er sie herum. Sie strauchelte und
strzte mit der Stirn gegen die Ofenkante. Das junge Mdchen hielt die
Arme flehend ausgestreckt, dann wurde ihr Antlitz flammend rot, sie
griff nach ihrem Mantel und ging. Justin lie sich auf das Sofa fallen
und begrub das Gesicht zwischen den Armen. Frau Schildknecht warf
Engelhart einen sonderbaren triumphierenden Blick zu, dann seufzte sie
und zog die Vorhnge ber dem Fenster zusammen. Engelhart empfand
pltzlich Grauen vor Schildknecht, er sprte etwas Fremdes und
Unberwindliches zwischen sich und ihm; es war, als ob eine Hand sein
Haupt umspannte, den Kopf in eine bestimmte Richtung drehte und ihn so
zwang, bestndig auf den beleuchtetsten Fleck des Raumes zu starren.

Nach diesem Vorfall entstand in Schildknecht der Entschlu, die Stadt zu
verlassen und sein Leben zu ndern. Er setzte sich mit mehreren
auslndischen Firmen in Verbindung, sein Name war nicht unbekannt,
seine Arbeiten empfahlen sich von selbst, schlielich konnte er unter
den Angeboten whlen und entschied sich fr eine Stellung in der
Schweiz. Am dritten Januar sollte er reisen. Er gab Engelhart das feste
Versprechen, auch fr ihn dort zu wirken, er wollte einen ertrglichen
Posten fr ihn suchen und so, auf gesnderer Grundlage als bis jetzt, an
der groen geistigen Zukunft gemeinsam weiterbauen; ohne Sicherheit des
Brotes gebe es keine Entfaltung der Idee, meinte Schildknecht.

Als die Eltern der Braut von Schildknechts Vorhaben vernahmen und sahen,
da es damit ernst war, lenkten sie ein und am Silvesterabend fand eine
Art Vershnung statt mit darauffolgendem Familienessen, von welchem sich
nur Justins Mutter fernhielt. Sie lie sich von dem Schmerz nichts
merken, den ihr Justins Wanderplan verursachte.

Den selben Silvesterabend verbrachte Engelhart bei entfernt Verwandten,
einer Tochter von Iduna Hopf, die an einen Kaufmann in der Stadt
verheiratet und die ihm sehr freundlich gesinnt war. Er trank ein paar
Glas Punsch ber die Besinnung, und als er gegen zwei Uhr morgens die
Gesellschaft verlie, tanzten die Huser auf der Strae. Er war noch
nicht ganz betrunken, aber es war ihm ungeheuer selig zumute, so da er
an jeder Ecke stehen blieb und eine Weile in sich hineinkicherte, bevor
er weiterging. In solcher Verfassung nach Hause zu wandeln und sich ins
Bett zu legen, erschien untunlich, daher schlug er die Richtung nach dem
Egydienplatz ein und stand alsbald vor Schildknechts Hause. Der Platz
lag verdet. Es fiel Schnee, der im Laternenlicht aufblitzte wie
Silberstickerei. In der Mitte des Platzes stand die Kirche gleich einer
riesigen schwarzen Faust mit erhobenem Daumen. Aus den umliegenden
Straen drang das Geschrei der Neujahrsrufer in die Stille. Engelhart
stand eine Weile glcklich lchelnd, dann stimmte er ein Liedchen an.
Das Familienfest mute schon zu Ende sein, denn aus Schildknechts Kammer
funkelte Licht und nun wurde auch das Fenster geffnet, Schildknechts
lachendes Gesicht erschien und es entspann sich ein kleines
metaphysisches Zwiegesprch, in dessen Verlauf der schon
Schlafensbereite droben die Ansicht vertrat, da es gut sei, noch ein
wenig das neue Jahr im Freien zu genieen, da es doch wahrscheinlich nur
in frischem Zustand geniebar und morgen schon der Tag der Trennung sei.
Sie gingen ber den Markt zum Haller Tor. In der Nhe des Henkerstegs
sahen sie pltzlich eine gegen die Schwerkraft kmpfende Gestalt und
erkannten Barbeck: zerrauft, beschneit, beschmutzt, ohne Hut und ohne
die ironisch-gemessene Miene, die ihn sonst auszeichnete und ihm ein so
weltberlegenes Ansehen gab. Hinter ihm her schwankte ein hchst
verwahrlostes Frauenzimmer, die ihm abwechselnd Schimpfnamen und
Koseworte zurief; bisweilen packte sie ihn beim Rockscho, diese
Berhrung elektrisierte den Mann und erweckte wieder sein brgerliches
Gefhl; er kehrte sich gegen die Verfolgerin und drohte wrdevoll und
betrbt mit der Polizei. Da gewahrte er Schildknecht und Engelhart, und
beide beobachteten, wie er sich mit aller Kraft zusammennahm, sich gegen
einen Baum lehnte, seine Brse zog, in der Halbfinsternis nach einem
Geldstck fischte und dieses der Frauensperson mit den mild
hingeseufzten Worten reichte: Sie hungert, die Arme. Dann ging er,
ernchtert, eine Strecke Wegs mit den Freunden und zwischen Glucksen,
Lachen und Schlfrigkeit schimpfte er auf die zunehmende Unzucht und im
Anschlu daran auf das moderne Geisteswesen, und indem er Engelhart mit
hhnischem Lcheln auf die Schulter klopfte und ihn gewohntermaen mit
Jngling anredete, empfahl er ihm Kritik und warnte ihn vor schlechter
Gesellschaft. Schlielich fiel ihm ein, da er die Abwesenheit seines
Hutes erklren msse, und sich verabschiedend behauptete er, er gehe
jetzt des Nachts ohne Hut, weil er dies fr die Gesundheit frderlicher
halte.

Schildknecht war nach und nach ernst geworden. Dem wunderlichen Manne
nachblickend und Engelhart unter den Arm fassend, sagte er: Das ist der
Feind, der wahre Erbfeind; an ihm verblutet die Kraft des Volkes. Ihm
werden Sie noch oft im Leben begegnen, alter Freund, er wird Ihnen, was
Sie auch leisten, immer wieder erklren, da Sie es anders machen mssen
und da irgendwer es schon lngst besser gemacht hat, und er wird Sie
nicht immer so gleichgltig lassen wie jetzt, er wird Ihnen manchmal die
Blutadern ffnen und sich freuen, wenn der rote Saft zu Boden fliet. Es
gibt Geschicktere wie den, die sich besser verstecken und von denen
keiner erfhrt, wo sie ihre schmutzigen Stunden zubringen, und die sich
hten, ihre Kopfbedeckung dabei zu verlieren. Geben Sie wohl acht und
gewhnen Sie sich beizeiten an die Physiognomie des Mannes; er ist der
heimliche Dieb, der jeder Brust das Teuerste entwendet.

Am zweiten Januar reiste Schildknecht. Als Engelhart nun allein war,
wurde ihm doch bang vor seiner Lage. Das Geld des Oheims war schon
verbraucht, er machte nun Schulden, die am Termin seiner Volljhrigkeit
bezahlt werden muten. Auerdem entwhnte er sich von aller Arbeit,
durchwachte nach wie vor die Nchte, schlief bis in den Mittag und
miggngerte dann herum, ohne Ziel und oft auch ohne Lust. Bei den
gesitteten und ordentlichen Menschen seiner Bekanntschaft machte er sich
dadurch vollends zum Gegenstand der Verachtung, was ihn keineswegs
gleichgltig lie, denn er bewahrte in seinem Innern eine versteckte
Liebe fr das Brgerliche, eine gewisse Zrtlichkeit fr die behaglichen
Huser und Stuben und friedlich umgrenzten Gemter. So schwankte er
einsam unter den Menschen umher, den Kopf angefllt mit nebelhaft
verschwommenen Idealen. Sein Nichtstun war noch ohne innere Frucht und
stachelte ihn daher nicht selten zu unwrdigem Zeitvertreib, zu
Billard- und Kartenspiel mit einem erstbesten. Der Abscheu vor sich
selbst trieb ihn dann wieder hinab in eine dunkle Traumestiefe, und
indem er sich zu vergessen suchte, wurde die gestaltlose Sehnsucht in
seiner Seele chaotischer. Was er las, das las er allzu beziehentlich, er
litt an allem, am Schnen wie am Hlichen, die Wurzeln seines Wesens
waren vergiftet von einem Ehrgeiz, der nicht aus noch ein wute, er
besa keinen Mastab, weder fr die Dinge noch fr sich selbst, sein
Geist anerkannte kein bernommenes Gebot und wute eigen-persnliche
nicht zu formen oder zu befolgen. Ihm blieb nicht einmal ein Gott, von
dem er sich lsen oder mit dem er hadern konnte, nicht einmal an seinen
Zweifeln hatte er einen Anhalt, wr's auch nur der, den ein Kampfspiel
und seine Erschpfungen geben, denn alles, kaum gefat, zerflo wieder,
hatte nicht Hang und Bestand, jedes Wort, jeder Begriff lste sich in
ungreifbare Teilchen auf, ihm ward nur eines in seltenen Stunden
geschenkt, ein Bild, das aus der Dunkelheit emporschwamm, fester
umrissen und tiefer gegrndet als alle Wirklichkeit und deutlicher als
die Sprache zu sein vermag, feurig aus Leiden geboren und zur Freude
strebend, und demgegenber wurden allerdings hchste Pflichten
kategorisch, dies knpfte ihn an die Zeit und an die Menschheit, hielt
seine Sinne in Bereitschaft, sein Gefhl in Bewegung und behtete ihn
vor innerer Verlotterung.

Es waren schlimme Wochen. Schildknecht schrieb nicht hoffnungsvoll.
Seine Briefe sprachen an durch Geist und einen Ton freier Paradoxie,
aber der Grimm ber die Gebundenheit eines Lohnarbeiterdaseins knirschte
aus jeder Zeile. Engelhart, der die Gesellschaft Schildknechts hart
entbehrte, sah ein, da er sich in diesem Fall nicht auf den Freund
verlassen drfe, und er nahm sich einstweilen vor, bald einen Entschlu
zu fassen. Als er zufllig auf der Strae Herrn Zittel traf, fragte ihn
dieser nach seinen Lebensumstnden aus. Er antwortete zuerst mit
prahlerischer Sorglosigkeit, als sei er im Begriff, eine
Millionenerbschaft anzutreten, gab aber schlielich zu, da er zwar
nicht gerade einen neuen Posten suche, jedoch nicht abgeneigt wre, bei
gnstigen Bedingungen zuzugreifen. Herr Zittel durchschaute das
kindische Spiel und sagte, er knne Engelhart vielleicht dienlich sein,
er solle ihm seine Photographie und eine Abschrift des Zeugnisses
senden. Immerhin kann ich mich ja photographieren lassen, dachte
Engelhart gndig, und eines Morgens scheitelte er suberlich sein Haar,
steckte ein Veilchenstruchen ins Knopfloch und ging, zum erstenmal in
seinem Leben, mit klopfendem Herzen zum Photographen. Sein Gesicht im
Spiegel kannte er zur Genge, es auf dem Papier zu sehen, reizte ihn
pltzlich ber die Maen.

Mittlerweile hatte er nach mancherlei Formalitten die Reste seines
Vermgens erhalten und obwohl er beinahe die Hlfte zur Begleichung der
Schulden sofort aufbrauchte, erschien er sich doch als ein Krsus. Frau
Schildknecht, die er oft besuchte und der er von seiner vernderten Lage
in seligem bermut erzhlte, tippte mit der Fingerspitze auf seine Stirn
und meinte, da drinnen sei anscheinend wenig Verstand, doch sei er der
reichste arme Mann, der ihr je untergekommen. Zu seinem Schrecken nahm
er wahr, da das Geld schneller verschwand als Wasser aus einem
zerlcherten Tiegel. Bisweilen suchte ihn einer von den Kumpanen Peter
Palms auf -- Geld hat einen durchdringenden Geruch -- und redete ihm so
lange um den Bart, bis er gutmtig ein Goldstck gab. An einem
strmischen Frhlingstag begegnete er vor der Stadtmauer Amna Siebert.
Sie sah fahl und vernachlssigt aus, gleichsam gewrgt vom Unglck, von
frherer Schnheit waren nur noch traurige Spuren in ihrem Antlitz.
Engelhart, entsetzt ber die Geschwindigkeit eines solchen Verfalls,
ging ein Stck Wegs mit ihr; es rhrte ihn die mhsame Schelmerei ihres
Lchelns und ihre fieberisch kalte Hand. Zuerst wagte er nicht, ihr
Hilfe anzubieten, als sie dann wie zufllig vor einem Wurstladen stehen
blieb und geistesabwesend auf die appetitlich ausgelegten Fleischwaren
starrte, fragte er leise und schchtern, ob sie Geld wolle, und steckte
ihr hastig ein Papierchen in die Hand, worauf er wie ein Verbrecher
davonlief.

Er verstand nicht das Geld; er war tricht genug, es zu miachten; er
wute nicht, da Geld auch edel sein kann; er hatte nur einfache
Bedrfnisse, aber diese befriedigte er unbedenklich, ohne zu berlegen;
manchmal gelstete es ihn, den vornehmen Herrn zu spielen, dann machte
er eine sinnlose Ausgabe, die einem vornehmen Herrn nie eingefallen
wre; unter anderm kaufte er ganze Ste von teuerstem Schreibpapier,
als ob er ein Papiergeschft einrichten wolle. Als endlich sein enormer
Reichtum bis auf etwa hundert Mark zusammengeschmolzen war, kam er zur
Besinnung. Schon eine Woche zuvor hatte ihm Herr Zittel mitgeteilt, da
im Bureau der Gesellschaft Minerva im breisgauischen Freiburg ein
Posten offen sei, mit neunzig Mark im Monat dotiert, er mge sich ohne
Verzug dorthin wenden, und zwar solle er an den Generalagenten, Herrn
Lutterott, persnlich schreiben. Er solle den Brief sorgfltig
stilisieren, denn Herr Lutterott sei ein Mann von feinsten
Umgangsformen, Reserveoffizier, und halte viel von uerlichkeiten. In
der Angst, da es schon zu spt sein knnte, setzte sich Engelhart,
trotzdem schon Mitternacht vorber war, gleich hin und verfate eine
meisterliche Epistel, der es weder an Amtsschnrkeln noch an einer
gewissen fachmnnischen Eleganz gebrach; sein Konterfei legte er ohne
besonderen Hinweis bei. Der Erfolg blieb nicht aus. Herr Lutterott
antwortete, die Stelle sei zwar schon vergeben, aber an einen Unwrdigen,
dem er die Tr zu weisen gentigt sei. Er nehme die Offerte an,
Engelhart solle sich am fnfzehnten April in seinem Bureau einfinden,
die Reisekosten wrden nach dreimonatlicher zufriedenstellender
Dienstleistung zur Hlfte ersetzt. Aus diesem Schreiben sprte Engelhart
ahnungsvoll eine widerwrtige Geschraubtheit heraus, doch er war froh,
dem gefhrlichen Herumtreiben entrissen zu sein, und auerdem ging die
Fahrt gen Sden, wenn auch nicht zu Schildknecht selbst, so doch in
seine grere Nhe.

Am Tag vor seiner Reise spazierte Engelhart am Kanal entlang nach Frth.
Dort machte er seinem Vormund einen Abschiedsbesuch und hrte bei dieser
Gelegenheit, da Tante Lina Curius wahnsinnig und in eine Irrenanstalt
verbracht worden sei, whrend Peter Salomon im Verein mit der Kroner das
Haus behte, noch immer darauf warte, da sein Bauplatz ihn zum
Millionr mache und sich inzwischen von Michael Herz ernhren lasse.
Auch zu Iduna Hopf ging er, die noch immer in dem alten Haus mit den
knarrenden Stiegen wohnte, jetzt einsam, da ihr Mann gestorben war; sie
sah alt und mde aus. berhaupt waren so viele gestorben und hingegangen
in den wenigen Jahren, alte und junge: der Vetter Zederholz, das
Frulein Hollnder, der alte Herschkamm, der Doktor Federlein, der
epileptische Lechner. Auf der Knigstrae gewahrte Engelhart pltzlich
ein Gesicht, das ihm bekannt, ja vertraut erschien: es war Ludwig
Raimund, sein erster Gespiele und Kamerad. Auch er erkannte Engelhart
und sprach ihn freudig an; er war Chemiker geworden und war in der
groen Anilinfabrik drauen bei Doos angestellt. Seltsam dies
Wiedererkennen, wie sich die Zge des Kindes bewahrt, doch nur in der
allgemeinen Linie des Antlitzes, whrend alle Flchen sich gedehnt
hatten, die eine zur Leblosigkeit erstarrt, die andre von verborgenen
Leidenschaften und unedeln Trieben verwstet war. Erst schien er
Engelhart noch ganz der alte, noch ebenso heiter und grazis, doch bald
bemerkte er eine Art gndiger Herablassung an Raimund wie bei einem
Vornehmen, der dem Geringeren gegenber seine Vornehmheit taktvoll
verbirgt, auch eine gewisse ngstliche Unsicherheit wie bei einem, der
angepumpt zu werden frchtet und sich innerlich eine Ausrede
zurechtlegt. Sie sprachen ber dies und jenes, Raimund hatte lauter
fertige Urteile, die meisten Fragen waren fr ihn endgltig erledigt,
und wenn noch irgendwo ein Zweifel in ihm steckte, so zuckte er die
Achseln, als wollte er sagen: was mich betrifft, ich habe ein festes
Einkommen, mit dem brigen wird man schon fertig. Schlielich gingen sie
in eine Bierstube, wo noch fnf oder sechs frhere Schulkameraden saen
und Karten spielten. Es waren lauter wohlbestallte Leute, die ihre
Sorglosigkeit wie ein Plakat an der Stirn trugen; ihre Gesichter waren
aufgeschwemmt, frhverlebt, sie witzelten, sie spttelten, und in ihrem
Gebaren lag gleichfalls das schamlose Gestndnis, da sie nichts andres
schtzten als das feste Einkommen. Wenn Engelhart etwas sagte,
blinzelten sie mitrauisch mit den Lidern, dann musterten sie heimlich
schielend seinen Anzug und seine schlecht sitzende Krawatte. Am
herzlichsten benahmen sie sich, als er sich verabschiedete.

Er ging gegen die Altstadt und befand sich auf einmal in stiller Gasse
vor dem Tor des Friedhofs, in welchem seiner Mutter Grab war. Er ffnete
die Pforte, schritt hinein und wanderte eine Weile sinnend zwischen den
uralten Steinen umher. In welchem Teil des Friedhofs das Grab lag, wute
er nicht mehr, und er htte leicht vergeblich suchen mgen, wre nicht
ein eigentmliches Hinziehen gewesen, das er nie in solcher Strke an
sich beobachtet hatte. Endlich stand er vor dem rtlichen Sandstein, auf
dem in halbverwaschenen Goldlettern der Name von Frau Agathe Ratgeber
leuchtete. Das Grab war vernachlssigt, der Hgel ganz platt, keine
Blume wuchs, nur Gras. Ringsum in solcher Nhe, da es wie das Gedrnge
auf einem Jahrmarkt wirkte, standen andre verwitterte Steine, zudem
herrschte nicht einmal Frieden, denn drauen vor der Mauer erschallte
das lebhafte Gehmmer der Goldschlger und auf der andern Seite,
hgelabwrts in der Ebene, keuchte und klapperte eine Dampfmhle. Doch
war es eigen, da ihn diese Gerusche mit besonderer Macht in seine
Jugend zurckzogen. Traurige Jugend. Wie furchtbar die Stunde, als er
drben im Leichenhaus gesessen und schwarze Gestalten wisperten um ihn
herum. Damals konnte er noch keine Empfindung dafr haben, da sie mit
kaum zweiunddreiig Jahren davonging; die Mutter ist fr ein Kind
alterslos. Freilich, das Leben htte ihr noch bitterbse Geschenke
gemacht, und doch! Leben, nur leben! Was gbe es sonst. Irgendeine
uere Stimme rief: Bete! Er begriff nicht, wie man in solchen
Augenblicken beten knne, alles, was an Wort und Ausdruck streifte, war
erstickt, er sprte nur ein warmes Aufkochen des Blutes vom Herzen aus
durch den Krper, und er konnte den Begriff des Todes nur umfassen,
indem er das Leben doppelt inbrnstig fhlte. Wozu beten? sich selbst
ausweichen? die wahre Andacht abweisen? Bevor er ging, ri er einen
Grashalm ab und bewahrte ihn auf mit dem Gedanken: vielleicht ist er aus
dem Saft ihres Auges gebaut.

Seines Vaters dachte er nicht; dieser lebte ja noch.

An einem Mittwoch Abend kam er in Freiburg an. Seine Brust wurde von
Traurigkeit umschnrt, als er durch die Straen der unbekannten Stadt
ging. Es regnete und er besa keinen Schirm; fr hundert
berflssigkeiten hatte er Geld ausgegeben, aber das Notwendige
anzuschaffen, hatte er sich nie entschlieen knnen. Er trat also unter
ein Tor und lie die fremden Menschen an sich vorberwandeln.

Die Generalagentur der Minerva lag im ersten Stock eines villenartigen
Hauses vor der Stadt; im Erdgescho befand sich eine kleine
Weinwirtschaft. Dunkelblauer Himmel strahlte ber den Husern, als
Engelhart am Morgen hinauswanderte, dunkelbewaldete Berge schienen auf
allen Seiten die Flucht der Straen zu begrenzen. Der Flieder stand
schon blhend, seine Dfte flossen in Wellen durch die Gitter der
zahlreichen Grten. Hoffnungsvoll gestimmt, voll Lust und Ernst zur
Arbeit, trat Engelhart vor Herrn Lutterott und war nicht unzufrieden,
als er erfuhr, da er der einzige Beamte des Bureaus sein wrde.

Herr Lutterott war ein Vierziger, klein, feist, geschniegelt und
gebgelt, mit einem Leutnantsschnurrbart und leutnantsmig schnarrender
Stimme. Er empfing den neuen Untergebenen mit korrekter, jedoch etwas
dsterer Hflichkeit und wrdigte ihn einer lngeren Ansprache, die den
Eindruck des Auswendiggelernten machte. Die erste Hlfte jedes Satzes
klang militrisch schroff und abgerissen, dann machte er eine Pause, in
der er andchtig seine rosigen Fingerngel betrachtete, um mit
pathetischen Wendungen und salbungsvoll ausladenden Gesten fortzufahren.
Er verbreitete sich ber die Pflichten eines Beamten; er verlange
Pflichttreue und Sittlichkeit, sagte er. Bei dem Worte Sittlichkeit
schlo er die Augen wie zum Schlafe. Er sagte, Engelharts Photographie
habe ihm gefallen, es habe ihn erfreut, ein ehrliches Gesicht zu sehen,
was ihm aber mifallen habe und was er dringendst abzustellen bitte, das
seien die Haare, die seit mindestens zwei Monaten nicht kurzgeschnitten
sein konnten; das erinnere ja beinahe an einen Schauspieler oder Maler
oder hnliches Gelichter. Zum Schlu gab er Engelhart eine
Wohnungsadresse, bestellte ihn fr den Nachmittag und entlie ihn mit
hoheitsvoller Khle.

An diesem Tag, am Freitag und Samstag, gingen die Dinge nicht uneben.
Herr Lutterott zeigte zwar stets das Benehmen eines regierenden Frsten,
und manchmal kribbelte es Engelhart in den Fingern, wenn der Mann mit
md-verachtungsvollen Blicken seine Befehle gab, aber vor dem Fenster,
an dem er arbeitete, war ein Garten, und weiter drauen sah er Wiesen
und darber den hochwipfligen Wald. Leider mute er Herrn Lutterott
gleich um Vorschu bitten, da alles Geld fr die Reise aufgegangen war,
und dies machte die belste Wirkung; Herr Lutterott fuhr mit dem
Zeigefinger zwischen Kragen und Hals umher und sagte mit leise
wimmernder Stimme: Es ist nicht korrekt, es ist nicht korrekt. Am
Sonntagmorgen nun kam er aus Eifer ins Bureau, obwohl dies nicht zu den
Pflichten gehrte; um zehn Uhr erschien Herr Lutterott, aufs feinste
herausgeputzt, im Salonrock und mit gestreifter Hose, eine Diamantnadel
in der Krawatte, das Haar pomadisiert und bis zum Nacken gescheitelt. In
seinem Privatzimmer empfing er einen alten Herrn im Zylinder, und
Engelhart hrte ihn untertnig ruspern und suseln, um halb elf kam er
heraus, wieder ganz Frst, und sagte kurzangebunden zu Engelhart: Sie
knnen jetzt in die Kirche gehen.

Verwundert blickte Engelhart empor und antwortete: Ich danke; ich gehe
nicht in die Kirche, ich bin Jude.

Herr Lutterott schnellte herum wie gestochen. Sein Gesicht war ksewei.
Was -- Jude? stammelte er. Aufgeregt, mit kleinen Schrittchen trippelte
er vor seinem Schreibtisch hin und her, hierauf verlie er das Zimmer.
Engelhart legte die Feder weg und schaute, nichts Bses vermutend, doch
beraus peinlich berhrt, auf das halbbeschriebene Blatt, das vor ihm
lag. Nach einer Weile kam Herr Lutterott zurck. Er wischte sich mit dem
blendend weien Taschentuch die Stirn, pflanzte sich neben Engelhart auf
und lie folgende kleine Rede vom Stapel: Ich habe selbstverstndlich
nicht das geringste dagegen einzuwenden, da Sie Jude sind. Nur,
verzeihen Sie, kommt mir die Sache insofern berraschend, als ich nie
die Absicht gehabt hatte, mich nicht dessen versehen hatte -- um es kurz
zu sagen, meine religisen und menschlichen berzeugungen wurzeln in
ganz anderm Boden, und gewisse Erfahrungen, die das Leben lehrt, haben
mir recht gegeben. Immerhin, ich gebe ja zu, da man sich irren kann, es
steht zu wnschen, da Sie die lbliche Ausnahme bilden, sprechen wir
also nicht mehr davon.

Engelhart schwieg. Ihn ekelte.

Am andern Morgen brachte Herr Lutterott eine eiserne Geldkassette zum
Vorschein, in deren einzelnen Fchern sich Silber- und Nickelmnzen
befanden, ungefhr an hundert Mark. Herr Lutterott sagte, dies sei die
kleine Spesenkasse, und damit Engelhart sehe, da sein Vertrauen
unerschttert sei, berlasse er sie ihm zur Verwaltung. Bei diesen
Worten erbleichte Engelhart, und es wurde ihm ein wenig schwindlig. In
Herrn Lutterotts Gesicht lag ein seltsamer, arglistiger Triumph, den zu
verbergen er sich keine Mhe gab. Seine Augen sagten: 'Wagst du es, dich
an diesem Schatz zu vergreifen, und deine Armut, deine Herkunft lassen
solches vermuten, dann wehe!' Denselben Ausdruck des Triumphes hatten
seine Augen von Stund an, wenn er Engelhart ein Versehen nachweisen
konnte, einen Schreib- oder Rechenfehler, wenn er ihn auf einer
Vergelichkeit ertappte, wenn die Akten auf einem falschen Platz lagen.
Er pflegte seine Befehle lispelnden Tons zu erteilen, und wenn ihn
Engelhart nicht verstanden hatte und um Wiederholung eines Wortes bat,
wurde Herr Lutterott scharlachfarben im Gesicht, sprang von seinem Stuhl
auf und sagte alles, Silbe fr Silbe, noch einmal mit scharfer,
bissiger, feindseliger Stimme, wobei sein Blick grnlich funkelte. War
ein einziger Satz eines langen Briefes nicht zu seiner Zufriedenheit
stilisiert, so zerri er den ganzen Bogen, schimpfte aber nicht, sondern
machte nur eine vornehm abwehrende Handbewegung und verlie das Zimmer
mit einem leichten Hsteln oder Kichern. Kamen Unteragenten oder jemand
aus der reichen Klientel oder sonstige Leute, so beliebte es Herrn
Lutterott, Engelhart mit einer niedertrchtigen Zumutung zu demtigen,
etwa, er solle dem Herrn den Rockrmel abbrsten oder er solle die Tr
vor ihm ffnen, oder er schrie ihn an, wenn seine Feder kratzte, und
dergleichen mehr.

Engelhart erkannte wohl, da dies Rankne war, aber er trug es, weil er
es tragen wollte. Er bi die Zhne zusammen und dachte, strker zu sein
als der Schmerz, den er ber die unendlichen Beleidigungen empfand.
Einst sa er whrend der Mittagstunde drunten in der Weinwirtschaft, als
Herr Lutterott eintrat und am Honoratiorentischchen bei einigen lteren
Herren Platz nahm. Engelhart blickte nachdenklich hinber, in seinen
Gedanken stellte er sich vor, da dieser Lutterott doch schlielich ein
Mensch sei und da es vielleicht nur der rechten Worte bedrfe, um ihn
auf den Weg der Billigkeit zu verweisen. Pltzlich nahm Lutterott ein
Krtchen aus seiner Brieftasche, schrieb etwas auf, rief die Kellnerin,
und diese trat zu Engelhart und reichte ihm das Geschriebene. Er las:
Es ziemt sich nicht fr den Untergebenen, seinem Chef frech ins Gesicht
zu stieren. Da stand er auf, wieder schwindelte ihn, diesmal vor Zorn,
aber er beherrschte sich und ging.

Alles das dauerte an vierzehn Tage. Nun besa Engelhart kein Geld mehr
zum Notwendigsten des Lebens. Er wagte nicht, Herrn Lutterott um
Vorschu zu ersuchen, endlich aber zwang ihn die leibliche Not dazu. Er
hatte es bis zur letzten Stunde des Nachmittags aufgespart. Kurz vor
sieben Uhr brachte er sein Anliegen vor. Herr Lutterott stutzte,
betrachtete die Spitze seines Stiefels und sagte, er habe den
Geldschrank schon geschlossen, Engelhart msse sich bis zum andern
Morgen gedulden. Damit entfernte er sich rasch und berlie dem jungen
Mann wie alltglich das Schlieen der Rume. Engelhart, der Hunger hatte
und nicht wute, wie er ihn stillen sollte, entschlo sich in seiner
Hilflosigkeit, bis zum andern Morgen ein Darlehen bei der kleinen
Spesenkasse aufzunehmen, die in seiner eignen Verwaltung stand, steckte
ein Zweimarkstck zu sich, ging hin und a sich satt. Gleich in der
Frhe erinnerte er Herrn Lutterott an den erbetenen Vorschu, da er vor
allem den entnommenen Betrag wieder zurcklegen wollte. Doch Herr
Lutterott erwiderte, whrend seine Zge sich verkniffen wie bei jemand,
der in die Sonne blickt: Gern, aber vorher mchte ich Ihre Kasse
revidieren. Engelhart wurde es kalt und hei, denn er durchschaute nun
die Infamie vllig. In einem Ton, dessen Ruhe ihm selbst auffiel, sagte
er, da er zwei Mark aus der Kasse genommen. Herr Lutterott lchelte
unendlich vornehm und runzelte die Stirn. Er entgegnete, er wundere
sich, da ein so aufgeweckter Kopf sich nicht klar gewesen sei ber die
Folgen einer Handlung, die mit dem juridischen Begriff zu bezeichnen ihm
Engelhart wohl erlasse. Da nach einem solchen Vergehen von einem
weiteren Verbleiben im Dienste der Minerva keine Rede sein knne,
verstehe sich von selbst. Sie haben zwanzig Mark Vorschu, hier haben
Sie noch zehn Mark, mehr war Ihre Arbeit ohnehin nicht wert, schlo
Herr Lutterott seine Rede, und somit sind Sie ein freier Mann.

Engelhart nahm seinen Hut, starrte noch eine halbe Minute die Trklinke
an und ging. Jeder andre htte gesprochen, wre aufgebraust, htte
versucht, seine Wrde zurckzuerkmpfen, ihm waren die Lippen
versiegelt; im Grunde war er mehr erstaunt als erbittert.

Jetzt sollte er die fr seine Verhltnisse ziemlich hohe Miete seines
Zimmers bezahlen, er sollte essen, trinken, leben, aber womit? Er
schrieb an Schildknecht und berichtete ihm das Vorgefallene, freilich
nur andeutend, denn all die Niedertracht, die er so geduldig geschluckt,
beichten zu mssen, htte seinen Stolz verletzt. Sonderbarerweise
versprte er auch jetzt nicht den geringsten Zorn gegen den schndlichen
Mann, eine naive Wehmut umdmmerte seine Sinne, und er war neugierig,
wie all dies enden wrde. Stundenlang wanderte er durch die schnen
Villenstraen dieser reichen und glnzenden Stadt, las die Namenschilder
an den Pforten und beschftigte sich mit den Trumen von Wohlhabenheit,
Glck und Ehre. Es erschien ihm wahrscheinlich, da unter diesen ruhig
Besitzenden einer sich befand, der ihm Beistand und liebende Hilfe
gewhrt htte, nur kannte er ihn eben nicht, jedenfalls sah er sich
jedes der schmucken Huser mit Bezug auf diese Vorstellung aufmerksam
an.

Schildknecht antwortete in einem langen, bestrzten, heiatmigen Brief;
auch seine eigne Existenz sei dort in der lblichen Schweiz, kaum neu
aufgerichtet, wieder zertrmmert worden. Durch welche Schuld, sei ihm
unbekannt, doch seien die Erinnyen fhlbar hinter ihm her. Er sagte, da
er nach Engelharts Gesellschaft Begierde trage, wie wenn er seit
Jahrzehnten unter Hottentotten lebte, gleichwohl drfe er ihn nicht
ermuntern, zu kommen, denn der Boden sei ihm selber glhend unter den
Fen. Wie stets, kam er in verhllten Wendungen auf die Plne zu
sprechen, die in seinem Hirn qualmten, und auf die Zukunft, die er als
goldene Verheiung hinter den Gewittern erblickte. Engelhart war erwrmt
und getrstet durch dieses Schreiben voll tiefer Herzlichkeit, aber
geholfen war ihm damit natrlich nicht. Schon lebte er in Schulden,
schon betrachteten ihn die Leute scheu und finster, schon stieg das
Wasser bis zum Hals. Von einer Stunde zur andern gebieterischer
bedrngt, eilte er aufs Postamt und depeschierte mit den letzten
Pfennigen an die Adresse seines Vaters, er sei am uersten, Unerhrtes
sei vorgefallen, der Vater mge ihm fnfzig Mark senden. Diese
absichtlich aufgepeitschte Sprache tat ihre Wirkung, das Geld kam, es
war fast, wie wenn ein von Rubern Angefallener mechanisch die Brse
zieht. Doch ein paar Stunden spter erhielt Engelhart auch einen Brief
des Vaters.

Du weit, da ich selbst mit mir zu kmpfen habe, schrieb Herr
Ratgeber, und da ich mich ehrlich und rechtschaffen durchbringe. Es
ist ein himmelschreiendes Unrecht von Dir, mich auf diese Weise mit
Geldforderungen zu belstigen. Ein junger Mann in Deinem Alter mu
verdienen, was er braucht, und wenn nicht, mu er sich nach der Decke
strecken. Was ist denn vorgefallen, oder wolltest Du mich nur durch
Schrecken zwingen, Dir zu helfen? Wo hast Du die achthundert Mark Deines
Erbteils hingebracht? Ich schinde mich wie ein Taglhner, nein, ein
Taglhner hat Ruhe, wenn er gearbeitet hat, ich aber nicht, meine Frau
gnnt sich keinen guten Bissen, wir gnnen uns keinerlei Vergngen, und
Du kommst, um die sauer ersparten Pfennige zu holen. Dabei nagt noch der
Wurm in mir ber Dein monatelanges Schweigen, Dein liebloses Wesen;
wahrlich, Du zeigst mir zu brutal, da Du nur einen Vater kennst, wenn
Du etwas von ihm haben willst. Aber alles will ich ertragen, wenn Du nur
in ordentliche Bahnen lenkst; la doch endlich die Ideale und werde ein
praktischer, brauchbarer Mensch.

Zum Schlu hie es: Es grt Dich Dein Dich liebender Vater; aber dies
erschien Engelhart als bloe Floskel. Er antwortete dankend,
besnftigend, ausfhrlich, doch ohne Herzlichkeit. Er hielt den Vater
fr geizig und nahm das Opfer des Spargroschens als etwas
Selbstverstndliches hin.

Eines Morgens packte Engelhart seine Siebensachen, zahlte die
rckstndige Miete, verlie das Zimmer, deponierte seinen Koffer auf dem
Bahnhof, und nur mit einem winzigen Bndel belastet, marschierte er aus
der Stadt und in den Wald. Er wollte wandern, gleichviel wohin, er wute
auch nicht wohin, er war satt von den Menschen. Er lief an diesem Tag
die Kreuz und Quer und kam, da er keines suchte, auch zu keinem Ziel. In
einer Waldwirtschaft nahm er Milch und Brot zu sich und erstieg hierauf
die Hhe. Er strebte zu einer vom Sonnenuntergang beleuchteten Wolke und
erblickte sie dann gegenber, gleichsam auf der andern Seite der Strae.
Am Rand einer Lichtung warf er sich mde hin, wartete noch, bis die
Sterne entflammt waren, dann schlief er ein und erwachte erst wieder,
als die Wipfel glhten und das Firmament von karmoisinfarbenen
Zickzackstreifen bedeckt war. Seine Kleider waren feucht, rasch lief er
den Hang herab, bis die Nsse verdunstet war. Er trank von einer Quelle
und lauschte dem langsamen Gebimmel der Kuhglocken. Unweit davon war ein
Holzplatz, auf dem noch niemand arbeitete; er fand eine Hacke am
Schuppen, nahm ein Scheit und drosch darauflos: es stellte Herrn
Lutterott vor. Zuerst hieb er ihm die Beine ab, dann die Arme, dann den
Kopf, dann zerschmetterte er das Rckgrat. So verfuhr er auch mit andern
Feinden und mit den Feinden Justin Schildknechts. Es war ein
erfrischendes Geschft.

Mittags begann es zu regnen, doch Engelhart ging ruhig weiter, halb
beschtzt vom Laubdach der Bume. Die Schnittflche von den Stmpfen
abgesgter Bume leuchtete wie gelbes Feuer durch die Nebelschwaden.
Bisweilen blieb er an den Stmpfen stehen, zhlte die Jahresringe und
dachte, wieviel vollendete Schicksale hier verhaftet seien in dem
schmalen Raum zwischen Ring und Ring. An der Waldffnung gegen einen See
kam er zu dem einsamen Haus eines Schwarzwaldbauern, da fand er Aufnahme
und freundliche Bewirtung. Nach Name, Zweck und Herkunft wurde nicht
viel gefragt, er teilte ihre Mahlzeit am riesigen Tisch und schlief im
Heu. Am nchsten Tag fuhr er auf den See hinaus, landete an einem
verdeten Teil des Ufers, erkletterte die Hnge, lag stundenlang
regungslos auf einer Felsplatte und kehrte am Abend zum Hause des
Bauern zurck. Fr das Essen zahlte er ein paar Pfennige, das Nachtlager
zu berechnen weigerte sich der Bauer.

Von einem hher gelegenen Weiler kam tglich zu frher Stunde eine
kleine Schar von Knaben und Mdchen herab, welche die Schule im Tal
besuchten. Gegen Abend kehrten sie wieder zurck. Vom Sehen, Gren und
kurzem Zwiegesprch an war allmhlich eine Art Vertraulichkeit zwischen
ihnen und Engelhart entstanden. Er sah sie morgens von fern, wenn sie
den Weg herabtrippelten, schritt ihnen entgegen, wenn sie vom Dorf
heraufkamen, und begleitete sie heimwrts. Wenn er sich ins Moos setzte,
rasteten sie auch und lagerten sich um ihn herum. Einmal kam die Rede
auf Geschichten, und er begann Geschichten zu erzhlen. Die bloe
neugierige Verwunderung der Kinder verwandelte sich in Zuneigung. Die
drei Mdchen pflckten ihm Blumen, die Buben sagten die einfltigen
Verse auf, die sie gelernt hatten. Sie hielten ihn vielleicht fr einen
gutmtigen Schulmeister auf Urlaub, da sie vor ihm zu glnzen suchten.
Aber sein Herz lag in tiefer Ruhe bis zu der Stunde, wo eine
Gesellschaft von stdtischen Ausflglern am Weg vorberwanderte. Ihr
Lachen und ihre Gesprche scheuchten ihn auf, Ehrgeiz wurde wach, der
seltsame Trieb, ihnen, diesen Fremdesten, etwas zu bedeuten, vor sie
hinzutreten mit den Worten: Ich bin Engelhart Ratgeber, worauf sie
schweigend die Augen senken und antworten muten: Sprich zu uns,
verehrter Mann.

Da fing also die Unrast an; und drei Tage spter kam er an einen
hochumgitterten Garten im Tal. Es war Sonnenuntergangszeit. Nahe dem
Eingangstor sa ein junges Mdchen auf einer Steinbank. Sie trug ein
schimmernd weies Gewand, lose gegrtet, und hielt ein Buch auf den
Knien, in dem sie bltterte. Von dem Pfirsichbaum ber ihr tropften hier
und da weie Bltenbltter ab, und einige blieben in ihrem dunkeln Haar
hngen. Es war ein Bild, das Reichtum, Glck und Schnheit in sich
schlo. Engelhart, von den Gebschen halb verborgen, blieb schweigend.
Das, was er liebte und begehrte, hllte sich ihm gern in schwermutvolle
Schleier, und was andre zum Kampf ermunterte, weckte ihm nur das
schamhafte Gefhl der Armut. Er frchtete dies Los, zu dem er sich
geboren sah: drauen zu stehen vor der Mauer, nein, vor dem Gitter, das
den Augen alles gab und der Hand nichts.

In dieser Stunde liebte er das junge Mdchen, das er gewi kaum beachtet
htte, wenn es ihm auf der Strae begegnet wre, mit leidenschaftlichem
Schmerz; ganz in sich versunken, floh er in den Wald zurck, ging und
ging, immer dem schwachen Purpurschein nach, der zwischen den Stmmen
glhte, durch all die bewegten Trume hindurch dem fernen Ruf eines
Kuckucks lauschend, bis er zu spt inneward, da er sich verirrt hatte.
Die Wege wurden von hastig aufschwellender Dunkelheit verschlungen,
Engelhart fing an zu laufen, bis er mit der Stirn an einen Baumstamm
rannte. Er tastete mit den Armen umher, er suchte mit den Augen den
Himmel, vergebens; ihm war, als knne er die Finsternis befhlen wie
einen schwarzen, khlen Krper. Er blieb stehen und horchte und vernahm
nichts als das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Nun hatte er Angst
vor jedem Schritt nach vorwrts, ihm schien, als werde er langsam in
einem Trichter zur Tiefe gezogen, er umklammerte einen Baum und schrie
auf, da dieser sich im Kreis mit ihm bewegte. Die Finsternis zerteilte
sich gleichsam in Wolken, in rotumrnderte, zuckende schwarze Fetzen,
die sich zu wsten Visionen ballten und, wie von einem Orkan gepeitscht,
wieder auseinander flossen. Engelhart sprte die Blsse seines Gesichts,
und pltzlich erstarrten seine Glieder, als er in weiter Ferne, durch
Zweige flammend, ein unheimlich gelbes Licht gewahrte. Er brauchte
Minuten, um sich zu sammeln und um zu erkennen, da es der Mond war.
Vorsichtig schreitend, ging er dem Schein entgegen bis zu einer
Lichtung, die mit gefllten Bumen best war. Erschpft sank er hin,
konnte aber die Augen nicht schlieen, sondern blickte lange Zeit
unaufhrlich in den milchig bestrahlten Himmel. Ihn erschreckte alles,
der Gedanke an die Tiefen und Hhen, an die Nacht und an die Sterne. Es
blieb zu wenig brig fr das selbstschtige, sich selbst suchende Herz.

Als der Tag graute, fand er nicht ohne Schwierigkeit seine Bauernhtte.
Er schlief lange, und nach Tisch verkndete er seinen Entschlu,
weiterzuwandern. Da man ihn fragte, wohin, entgegnete er lchelnd: nach
Sden. Der Bauer und sein Knecht begleiteten ihn bis zur Landstrae
hinab, eine Stunde spter war er auf dem Bahnhof und nahm ein Billett
nach Basel. Von dort wollte er zu Fu weiter, um seine Brse zu schonen.
Weil er jedoch am Abend in Basel ankam und nicht in die Nacht hinein
marschieren konnte, war er tricht genug, in einem nahegelegenen Hotel
Quartier zu nehmen, was ihn mehr Geld kostete als viele Stunden
Eisenbahnfahrt. Noch dazu mute er sich ob seines Aussehens und des
fehlenden Reisegepcks halber -- den Koffer hatte er an die Adresse des
Vaters geschickt -- eine wegwerfende Behandlung gefallen lassen, und es
nutzte ihm nichts, da er sich bei einer gelegentlichen Zwiesprache mit
dem Portier als Philosoph von Beruf bezeichnete.

Dann kam ein schner Wandertag durch sommerlich blhendes Land unter
wolkenlosem Himmel. Er nchtigte in einer Fuhrmannsschenke, und am
zweiten Tag fuhr er auf dem Wagen einer Seiltnzerfamilie bis nach Baden
mit. Es waren abgerackerte Leute, selbst die Kinder schienen
sterbensmde, nur der Clown war ein aufgeweckter Mensch, der sich nicht
ohne Geist ber die Eigentmlichkeiten verschiedener Nationen lustig
machte. Am Nachmittag des dritten Tages sah Engelhart von fern den
silberglnzenden Zrcher See, und er setzte sich in den Kopf, noch ans
Gestade zu gelangen, bevor das Unwetter ausbrach, das schon seit Stunden
am Himmel sich zusammenzog. Bald begann der schwere Regen zu fallen, die
Bume der Allee schienen sich in den schwefelgelben Blitzen wie Fackeln
zu entznden und den Flammen oben schien der Donner aus der Tiefe der
Erde heraus zu antworten. Weit und breit war kein Haus, der Regen
strmte wie aus Fssern, im Nu war der einsame Wandersmann schlottrig
na, auch merkte er, da seine Stiefel zerrissen waren und Wasser
fingen. Er lief ber einen Wiesenweg und schlo die Augen vor den
Blitzen. Nun glnzte der See nicht mehr, einem erblindeten Auge gleich
dmmerte er durch den Nebel herauf. Endlich ein Garten, endlich ein
Haus, und ein Wirtshaus zum Glck. Als er in den Flur strmte, stoben
zwei Mdchen kreischend auseinander. Die Wirtin kam, eine junge Frau mit
schmachtenden Augen. Sie blickte zuerst unwillig auf den
heruntergekommen aussehenden Gast, als sie aber sah, wie er unter den
triefenden Kleidern zitterte, bot sie ihm von selbst ein Zimmer an und
fhrte ihn in den oberen Stock. Von rascher Sympathie ergriffen,
erzhlte ihr Engelhart von seiner Wanderschaft, und whrend ihm die
fremde Frau wie eine Mutter beim Auskleiden behilflich war, ffnete er
zutraulich sein Herz und fhrte die durch lange Einsamkeit wohlgenhrten
Hoffnungen vor. Die Frau lchelte; sie sah, da sie es mit keinem
gewhnlichen Landstreicher zu tun hatte; als er im Bett lag, setzte sie
sich zu ihm und plauderte unbefangen ber ihr Leben; sie war Witwe und
ihr um vieles lterer Mann war whrend eines Herbststurms im See
ertrunken. Die Wirtschaft ging schlecht, fuhr sie fort, Neider und
Verleumder brchten ihr ble Nachrede in der Stadt, und sie wolle nun
den Kram verkaufen und in die neue Welt fahren. Sie berichtete alles in
einem einzigen kunterbunten Satz, und ihr Gesicht sah auch bei den
bekmmertsten Worten froh und freundlich aus. Spter brachte sie Essen
und Wein, und dann kte sie ihren jungen Gast und blieb bis in die
spte Nacht bei ihm. In der Frhe war Engelhart entzckt, als er, die
Fensterladen ffnend, den See vor sich liegen sah und dahinter die
Gebirge, von grnen Kuppen an aufwrts steigend bis zu rosigen und
silbernen Schneegipfeln. An der Mauer unter dem Fenster hingen die
reifen Kirschen und der betaute Garten glich einem Diamantfeld. Seine
Kleider waren getrocknet, er rstete zum Aufbruch und lie sich durch
das Bitten der Frau nicht halten. Sie weigerte sich, Bezahlung von ihm
zu nehmen und lie ihn noch mit dem Boot zur Stadt hinberfahren.

Zwei Stunden spter war er in Oberstra, in Schildknechts Wohnung.
Schildknecht war nicht zu Hause. Engelhart wartete im Garten und malte
sich still trumend das Gesicht des Freundes beim Wiedersehen aus. Es
wurde Mittag, schlielich sagte die Vermieterin, er mge doch einmal bei
Herrn Heilemann nachfragen, dies sei ein Freund von Herrn Schildknecht,
bei dem er alle Tage zu Besuch sei und wohne in der Gener-Allee. 'Ein
Freund?' dachte Engelhart berlegen, 'nein, liebe Frau, Schildknecht hat
nur einen einzigen Freund, und das bin ich.' Die Frau beschrieb ihm den
Weg, er ging hin und erfuhr, da die Herren in dem groen Kaffeehaus an
der Bahnhofstrae seien. Als er dort eintrat, sah er Schildknecht an
einem Tisch in Gesellschaft mehrerer stutzerhaft gekleideter Mnner,
schweigsam und finster vor sich hinbrtend. Engelhart trat von rckwrts
nher und legte lchelnd beide Hnde auf seine Schultern. Schildknecht
zuckte zusammen, drehte sich um, sprang empor, und sein jubelnder
Aufschrei, sein echtes, wildes, beinahe kindisches Lachen rhrten und
erschtterten Engelhart; in der Freude darber, da ihn der ersehnte
Augenblick nicht enttuscht hatte, verga er alle Sorgen. Dies
eifervolle, heiter-belebte Gesprch, er geno es als die Erfllung eines
Traumes; die Gegenwart war verdrngt, auch das Letzterlebte schien
belanglos im Vergleich zu den gemeinsamen Erinnerungen.

Aber die Fragen: Wie steht's? Wie bist Du gerstet? Was hast du in der
Tasche? Was soll's berhaupt? waren doch, klar oder umschrieben geformt,
unvermeidlich. Schildknecht sah, da er das ganze Geschick des zrtlich
vertrauenden Menschen halten und lenken sollte, das war zuviel, dem
fhlte er sich nicht gewachsen. In einer schlaflosen Stunde zndete er
die Kerze an, leuchtete hinab auf die Matratze, auf der Engelhart lag,
und Schildknecht suchte etwas in diesem vom Schlummer trunkenen Gesicht.
Seine eigne Miene trug den Ausdruck des Zweifels. Da die Lippen des
Schlfers sich zu bewegen begannen, beugte er sich noch tiefer und
lauschte ngstlich, wie wenn er das Gestndnis eines Verrats erwarte.
Pltzlich schlug Engelhart die Augen auf und erschrak, als er den im
Kerzenlicht flammenden Blick des Freundes lauernd auf sich ruhen sah.
Schildknecht schttelte besorgt den Kopf und sagte mild: Etwas haben
Sie mir verborgen, lieber Ratgeber; nun sprechen Sie mal von der Leber
weg.

Engelhart antwortete nicht. Er starrte in den Lichtkreis an der Decke.
Wie gewhnlich war sein Erstaunen grer als der Trieb zu fragen. Ja, er
hatte von dieser Minute an ein Geheimnis.




                           Zwlftes Kapitel


Nur mit Mhe lie sich Schildknecht davon abbringen, dem famosen Herrn
Lutterott einen Zorn- und Schmhbrief zu schreiben. Solche Kerle sind
jetzt das Brgerideal, knirschte er; so sehen sie aus, die oben wohl
gelitten und unten gefrchtet sind. O herrliches Deutschland!

Engelhart hatte lngst aufgehrt, des Mannes in Groll zu gedenken. Nur
da Lutterott es gewagt hatte, ihm aus seinem Judentum eine Schuld zu
machen, erfllte ihn mit nachhaltiger Verwunderung.

Haben Sie denn nie an persnliche Gefahren aus solcher Quelle gedacht?
fragte Schildknecht.

Engelhart verneinte; er habe sich des Judentums nie geschmt und habe
auch nie Anla gehabt, sonderlich stolz darauf zu sein. Ist es nicht
gleichgltig, welcher Provinz der groen Menschheit der einzelne seine
Herkunft zuschreibt? fragte er.

Gewi, antwortete Schildknecht. Aber ist Ihnen denn nicht bekannt,
da Millionen von Ihren Stammes- und Herkunftsgenossen im tiefsten
Jammer vegetieren, nur eben deshalb, weil sie Juden sind?

Ich wei es, sagte Engelhart; aber der grte Teil der Menschen lebt
im Jammer, und die Tatsache berhrt mich mehr als der Grund.

Und wissen Sie nicht, da das ganze Mittelalter vom Blut der Juden
gedngt ist?

Ich wei es, aber ich sage mir, Blut ist ein guter Dnger; aus Blut
wchst Leben. Mit Blut wird die Freiheit bezahlt, mit Blut wird die Erde
erobert.

Und erinnern Sie sich nicht aus Ihren Kindertagen, da der Christ in
Ihren Augen ein Fremdling war?

Engelhart nickte lebhaft. Ich erinnere mich auch an Blicke, Worte und
Gebrden, die mich verletzen sollten und zurckweisen wollten,
entgegnete er. Aber es war mir nicht gegeben, daraus einen Schmerz zu
machen; ich fhlte, da es kein Problem fr mich war. Ich bin vielleicht
zu stolz dazu. Wenn ich im Verkehr vom Menschen zum Menschen dies als
wichtig nehmen mte, dann wren eben alle meine Wurzeln der Nahrung
beraubt. Den such' ich nicht, der deshalb an mir vorbergeht. Ich bin
ein Jude, aber ich bin es nicht mehr, als wie Sie ein Christ sind. Unsre
Vergangenheit liegt in den Worten, nicht unsre Zukunft.

Schildknecht dachte eine Zeitlang nach. Dann fing er wieder an und
sagte: Es ist ein groes Kapitel. Ich fr meinen Teil, ich liebe ja die
Juden. Dennoch, es ist eine Verstandesliebe, mein Blut strubt sich
dagegen.

Auch gegen mich? fragte Engelhart lchelnd und besorgt.

Man soll nicht ein Gefhl zergliedern, sonst hrt es auf, ganz zu
sein, antwortete Schildknecht mit niedergeschlagenen Augen. Aber es
kommt mir oft vor, als ob in unserm Verhltnis noch eine andre Macht
gebieten wrde als die, die Menschen sonst einander begegnen und sich
finden lt. Es kommt mir vor, als ob dabei eine Art hhere Vergeltung
im Spiel wre. Meine Vorfahren sind altsssige Nrnberger Patrizier
gewesen. Es wird Ihnen ja bekannt sein, da vor ziemlich genau
vierhundert Jahren die Juden aus unsrer Stadt vertrieben wurden und zwar
unter den blichen Greueln: Erpressung, Raub und Mord. Nun ist es in
unsrer Familie eine alte Tradition, und ich habe es auch einmal in einem
alten Schriftstck besttigt gefunden, da ein gewisser Schildknecht vom
Schildknechtstein, der den Juden tief verschuldet war, mit groer
Leidenschaft und Tcke das Volk aufgehetzt, dann die Brunnen in seinem
Haus habe vergiften lassen und schlielich mit eigner Hand an die
hundert Juden erschlagen habe. Vielleicht, lieber Ratgeber, war einer
oder der andre Ihrer ltervordern unter den Erschlagenen, aber sehen Sie
mich nicht so beklommen an, ich fhle mich nicht verantwortlich fr den
Schweinehund von damals, wenn ich auch zum Beispiel von meinem Vater
wei, da er den Juden zwar gnstig gesinnt war, jedoch nie einem die
Hand reichte und es, wenn mglich, berhaupt vermied, mit Juden zu
reden. Dem sei, wie ihm mag, es kommt mir immer vor, als ob der Sturm
des Schicksals uns, mich und Sie, auf einem Gebirgshang zueinander
getrieben habe, mich beim Heruntersteigen und Sie beim Hinaufsteigen.
Als ich Sie damals im Paradieschen zum erstenmal sah, da zog's mich zu
Ihnen mit einer Mischung von Ha, Neid und Schuld. 'Mglicherweise,'
dacht' ich mir, 'geht es doch wieder aufwrts,' und ich suchte die
Oberhand ber Sie zu gewinnen--

Aber damit haben Sie mich gerettet, Liebster, warf Engelhart ein, voll
seltsamer Angst vor dem bekenntnishaften Ton Schildknechts.

Dieser lie sich nicht irre machen und fuhr mit bleicher werdendem
Gesicht fort: Mag sein. Aber ich habe keine Sicherheit, da Sie mir
nicht, ein paar hundert Meter weiter auf dem Berg angelangt, einen Stein
auf den Kopf werfen werden. Sie sind keiner von den Dankbaren. Was ist
denn Freundschaft? Ein Kampf um Macht wie alles, was zwischen Menschen
vorgeht; und was wahre Freundschaft ist, erkennt man erst an den Wunden,
die man davongetragen hat. Doch was ich eigentlich sagen wollte, ist
das: solche Menschen, die wie Sie aus der Dunkelheit eines Stammes
emporgetrieben werden und in denen die stumm gewesenen Geschlechter, wie
soll ich mich ausdrcken, einen Mund erhalten, die haben viel Chaos,
viel flssiges Schicksal in sich. Das Judentum sind Sie ja los, aber der
Jude, der in Ihnen steckt, wird Ihnen noch viel zu schaffen machen, er
wird Ihnen immer wieder Finsternis ins Gemt pressen, auch die Lust zur
Finsternis und die Lust, sich selber zu entfliehen und die Lust zu
erlsen und all diesen Quark, an dem unsre Besten verbluten.

Auf Engelhart machte dies alles tiefen Eindruck, nicht, weil es ihm so
neu war, sondern weil er pltzlich seine Art und sein Blut, das
Persnliche und Kreatrliche, gesetzmiger empfand. Dem lebendigen
Geist tut es wohl, das Leben seiner niedrigen Zuflligkeiten entkleiden
zu drfen; je inniger er sich in das Auf und Ab des Menschentums
verwoben sieht, je mehr mu seine Zuversicht und Ruhe wachsen. Justin
Schildknecht war diese Wirkung nicht ganz willkommen, und es war, als
bereue er das Gesprch. Er wnschte nicht, da Engelhart auf sich allein
gestellt sei, und vermied von nun an, ber Gegenstnde zu sprechen, aus
denen das Selbstbewutsein des Freundes Nahrung ziehen konnte. Sein
Wohlwollen verdunkelte sich mit seinem Schicksal; furchtbar sprte er,
wie man zu lieben und zu hassen vermag in einem Atemzug.

Schildknecht hatte seine Anstellung schon verloren; aus welchem Grunde,
erfuhr Engelhart nicht, vermutete jedoch, da er sich von jenem
Heilemann, in dessen Gesellschaft er bis zu Engelharts Ankunft den
grten Teil seiner Zeit verbracht hatte, von regelmiger Arbeit hatte
abziehen lassen. Auch ber die Person Heilemanns vermochte Engelhart
nicht Klarheit zu gewinnen. Er war Vertreter einer groen deutschen
Maschinenfabrik und verdiente viel Geld, lebte aber auf dem Kavaliersfu
und zog mit einem Hofstaat von armen und halbarmen Teufeln in der Stadt
und in den Ausflugsorten am See herum. Schildknecht und er waren
Schulkameraden; jetzt schien es, als ob Schildknecht in sonderbarer
Abhngigkeit von ihm bestehe. Vielleicht, da er Schulden bei ihm hatte
machen mssen; jedenfalls benahm er sich in Heilemanns Gegenwart
gedrckt und zweideutig ergeben, ein Anblick, bei dem es Engelhart
jmmerlich zumute wurde, um so mehr, als er hintennach immer die Launen
und das Aufschumen des verletzten Stolzes ansehen und ertragen mute.
Es war ein nicht zu durchschauendes Spiel unterirdischer Feindseligkeit.
Mit Schmerz sah Engelhart den Freund in den trben Fluten kmpfen, aus
denen er selbst durch Schildknechts Hilfe kaum gerettet war. Und diesmal
bestand keine Wahrheit zwischen ihnen; Schildknecht tat alles, um die
Ursachen seiner Lage zu verwischen, und gab sich den Anschein dessen,
der die Gesellschaft studieren, ein Stck Leben ergrnden will.

An einem der ersten Abende fand in Heilemanns Wohnung ein Gelage statt,
und um die Lustbarkeit zu vermehren, beschlossen alle Teilnehmer, bei
Heilemann zu nchtigen. Neun Personen schliefen in zwei kleinen Zimmern.
Engelhart lag auf einem Teppich und konnte kein Auge zutun. Als er alle
andern schnarchen hrte, erhob er sich und floh aus dem Wein- und
Atemdunst hinaus auf einen kleinen Balkon, an dessen Gitter blhende
Glyzinien hingen. Nach kurzer Weile sah er Schildknecht hinter sich
stehen, der, wie er selbst, im Hemde war. Engelhart freute sich und
dachte, nun knnten sie wieder einmal ein bichen reden, aber
Schildknecht machte ihm Vorwrfe ber sein schweigsames und unfrohes
Wesen, das in einer Gesellschaft von so harmloser Art bel vermerkt
werden msse. Engelhart nickte zu allem und gab dem Freunde recht. Doch
hatte er in keiner Stunde des Lebens seine Armut tiefer bedauert als
jetzt. hnliche Nchte wiederholten sich nicht, aber es wurden Ausflge
zu Schiff unternommen, bei denen Heilemann die Zeche zahlte. Bei einer
solchen Gelegenheit wandte sich Heilemann an Schildknecht und machte ihn
unwillig auf Engelharts schbige Kopfbedeckung aufmerksam. Ihr Freund
soll sich einen Hut kaufen, sagte er und warf ein Zehnfrankenstck ber
den Tisch. Das war nun allerdings zuviel fr Schildknecht; er erblate
und entfernte sich schweigend mit Engelhart. Gleichwohl merkte dieser,
da Schildknecht ihm wegen dieses Vorfalls insgeheim grollte.

Mitte Juli mute Heilemann eine Geschftsreise antreten, und kaum war
er fort, so stob auch seine Schmarotzergarde auseinander. Nun sah sich
Schildknecht gezwungen, Engelhart von seiner trostlosen Vermgenslage zu
unterrichten. Sobald er offen und wahr sein durfte, kam seine gtigere
Natur wieder zum Vorschein. Er sagte, es sei wesentlich, da sie jetzt
aneinander festhielten und nicht der ordinren Notdurft wegen das
Freundschaftsgrtlein verdorren lieen. Er bemhte sich bei seinen
Bekannten, um fr Engelhart eine Stelle zu erhalten, und lief tagelang
mit ihm von Geschft zu Geschft, aber die erhaltenen Empfehlungen waren
mager, wohlwollendes Entgegenkommen trafen sie selten bei diesem herben
und selbstzufriedenen Menschenschlag, die Vergeblichkeit der Mhe
spiegelte sich in ihren Gesichtern wider, und der trotzige Unmut machte
auch Bereitwilligere stutzig. Sie mssen sprechen, sagte Schildknecht
zu Engelhart, Sie mssen sich ins Licht setzen, die Leute merken ja,
da Sie keine zehn Rappen im Sack tragen, dem Bettler wirft man
hchstens ein Stck Brot hin, nur wer fordert, wird gehrt.

In den ersten Tagen hatte das vorhandene Geld noch zu einem Mittagessen
in einer Gastwirtschaft ausgereicht, dann kam die Stunde, wo man sich
aufs Hungern einrichten mute. Schildknecht hatte keinen Menschen in der
Stadt, den er, ohne seine Empfindlichkeit aufs tiefste zu verwunden, um
ein Darlehen ansprechen konnte. Und ehe er sich nach Hause wandte,
wollte er das Schlimmste ber sich ergehen lassen. Die Augen zu und
hinein ins Wasser, war seine tgliche Redensart. Engelhart hatte sich
noch einmal mit einer schchternen Bitte an den Vater gewandt, natrlich
umsonst; Herrn Ratgebers Antwort war ein einziges Hnderingen, worber
sich Schildknecht weidlich lustig machte. Sie richteten nun ihr Leben so
ein, da sie bis ber den Mittag hinaus im Bette lagen, sich dann mit
der Umstndlichkeit von Modedamen ankleideten und ins Kaffeehaus
marschierten, wo sie den Nachmittag ber sitzenblieben. Nur hier hatten
sie, hauptschlich durch das Ansehen, welches Heilemann geno, ein wenig
Kredit; sie tranken Tee und verzehrten zur Stillung des Appetits eine
groe Anzahl von Semmeln, lasen Zeitungen und Wochenschriften aus aller
Welt, beobachteten und kritisierten die vor den Fenstern
vorberwandelnden Menschen, wobei diejenigen, die sattgegessen aussahen,
am belsten wegkamen. Niemals und nicht mit einem Blick lie
Schildknecht in all der Zeit Engelhart merken, da er ihm zur Last
falle, ihn fessele und das eigne Fortkommen erschwere. Eher noch schien
er selbst den Freund zu halten und tat so, als wre die ganze Pein nur
ein Examen, das ihnen das Schicksal bereitet. Aber schlielich, _er_
war in seinem Hause, er war es, der gab, und Geben macht mde und
tyrannisch. Am Abend wurden tiefsinnige Gesprche ausgesponnen, und
Schildknecht verstand es, zwischen zwei gesprochene Worte eine ungesagte
Bitternis zu legen wie jemand, der eine Nadel auf ein Butterbrot
streicht. Gegen Mitternacht gediehen die Fden dnner, weil der Magen,
wie ein Hund gegen Diebe, sein Knurren gegen das Wortgeklapper erhob,
dann nahm der eine in seinem Bett, der andre auf der Matratze zu den
Trumen Zuflucht.

Schildknecht trumte schwer, oft erwachte Engelhart von seinem Sthnen
und sah ihn beim Morgengrauen totenbleich liegen, mit feuchten
Angstperlen auf der Stirn. Er liebte nicht das schlafende Gesicht
Schildknechts, ja er frchtete es. Einmal nun hatte Schildknecht einen
angenehmen Traum und erzhlte ihn: er sei am Meer gestanden und drei
Schiffe, voll mit Gold beladen, seien auf ihn zugeschwommen, seien wie
Vgel geradeswegs in seine Arme geflogen, und dann sei in zahllosen
kleinen Fssern das Gold um ihn aufgestapelt worden, aber immer, wenn er
zugreifen wollte, habe sich eine Hand auf seine Schulter gelegt, und
eine Stimme sprach: Warten, es kommt noch mehr.

Das war der ganze Traum, und Engelhart bedauerte, da er zu Ende war,
denn er htte gern gewut, was Schildknecht mit seinen Reichtmern
angefangen. Allmhlich wurde dieser Gedanke zu einer sorgenvollen und
krankhaften Vorstellung, es war etwas dabei, was ihn bezglich seiner
eignen Person beunruhigte, und da er es ber Tag und Nacht nicht los
werden konnte und mit sich zu Rate ging, wie er dem Freund von seinem
zweifelvollen Zustand Kunde geben sollte, entsann er sich einer alten
Geschichte, und mitten in einem Gesprch bat er Schildknecht ziemlich
unvermittelt, ihm zuzuhren.

Zwei edle Ritter in der Bretagne, so begann er, liebten einander
sehr. Beide waren arm, nur besa der eine von ihnen einen schnen
Zelter. Und der andre fing eines Tags an nachzudenken und sprach bei
sich: 'Mein Freund hat einen schnen Zelter; wenn ich ihn darum bte,
wrde er ihn mir wohl geben?' Eine Zeitlang schwankte er zwischen ja und
nein, endlich aber kam er zu dem Schlu, der Freund wrde ihm den Zelter
nicht geben. Der Ritter wurde traurig und erschien mit anderm Gesicht
vor seinem Freund, doch dieser merkte nichts. Darber wurde der Gram des
Ritters immer grer, er hrte auf, mit dem Freund zu sprechen und
wandte das Auge ab, wenn jener vorberging. Der andre, der den Zelter
besa, konnte dies nicht lnger ertragen und stellte ihn zur Rede,
fragte, weshalb er ihn meide, weshalb er erzrnt sei. Da antwortete er:
'Weil ich dich um deinen Zelter gebeten habe und du ihn mir abgeschlagen
hast, und weil ich nun sehe, da wir zu Unrecht Freunde heien.'

Schildknecht war ziemlich erstaunt ber die Geschichte, und als er
darber nachzudenken begann, geriet er in eine gereizte Stimmung. Eben
das hatte Engelhart gefrchtet und hatte deswegen auch die Erzhlung
nicht zu Ende gebracht. Natrlich hatte der Ritter, der den Zelter
besa, voll Rhrung den andern umarmt und gesprochen: Alles, was mir
gehrt, gehrt auch dir. Es war ihm zu banal erschienen, dies
hinzuzufgen, vielleicht kam es der Wahrheit nher, wenn die beiden
Ritter von nun an Feinde wurden.

Als Heilemann zurckkehrte, waren die zwei Hungersgenossen so
ausgemergelt, da selbst der khle Genling erschrak und sich ernstlich
bemhte, fr Schildknecht einen anstndigen Posten aufzutreiben. Doch
sagte er ihm: Das mit deinem Freund Ratgeber ist nichts, der taugt
nicht, den mut du loswerden, und nach einer kurzen Beratung wurde
beschlossen, da Engelhart zu seinem Vater reisen msse, der habe die
nchste Pflicht, fr ihn zu sorgen. Hier sind zwanzig Franken, sagte
Heilemann, damit kann er bis Mnchen durchkommen, und er soll sich nur
schleunigst trollen, ist berhaupt ein unleidlicher Kumpan.

Engelhart ahnte nichts von diesen Beschlssen, als er am Nachmittag
desselben Tages an einer Partie teilnahm, welche von Heilemann,
Schildknecht und einigen andern, Damen und Herren, veranstaltet wurde.
Sie fuhren mit dem Dampfer bis Meilen, wanderten noch eine Stunde am
Ufer entlang und kamen gegen Abend in ein Gartenwirtshaus, wo eine
Musikkapelle spielte. Inzwischen hatte sich der Himmel schwarz umzogen,
die meisten Leute flchteten auf das eben abgehende Schiff, und so blieb
die kleine Gesellschaft, in der Engelhart sich befand, mit den
Musikanten fast allein zurck. Heilemann lie im Saal oben den Tisch
decken und mietete die Musikanten, da nach dem Essen ein Tanzvergngen
geplant war. Whrend der Mahlzeit war Schildknecht sehr aufgerumt,
erzhlte ein halb Dutzend seiner lustigen Geschichten und hielt dabei
geflissentlich seine Augen von Engelhart fern, dem er gegenber sa.
Engelhart glaubte, es sei darum, weil er all diese Geschichten schon
kannte und Schildknecht sich deshalb vor ihm geniere. Es lachten alle,
nur er lachte nicht, und dies krnkte Schildknecht; am Schlu stand er
hastig auf, warf die Serviette auf den Stuhl und verlie den Saal.
Engelhart war ein wenig erkltet durch dies auffllige Benehmen,
indessen folgte er alsbald dem Freund und traf ihn nach einigem Suchen
unten an der Uferbschung, wo er auf einem Felsstck hockte und in die
blitzezuckende Ferne starrte. Engelhart setzte sich zwei Schritte von
ihm weg, noch dichter an das Wasser.

Das Schweigen, das zwischen ihnen herrschte, schien die Dunkelheit des
Abends rascher zu beschwren, und nach einer Weile gewahrte Engelhart
den Freund nur noch als formlosen Schattenri, kaum von dem Laubwerk
eines tiefhngenden Weidenbaums abgehoben, in welchem ein Vogel
klagenden Gesang anstimmte. Mit jeder Minute mehr sprte Engelhart das
Schweigen als etwas Feindseliges, und es war, als ob sein Ohr Zuflucht
nhme zum Glucksen des Wassers und zum leisen Geroll des Donners.
Endlich fing Schildknecht an zu sagen, was er sagen mute, seine Stimme
klang tief, ruhig und verschleiert. Htte er sich darauf beschrnkt, zu
sagen: So und so liegen die Dinge, es geht nicht mehr weiter, wir
halbieren uns blo die Mglichkeiten und Hoffnungen des Lebens, statt
sie zu verstrken, und es ist ein Ausweg gefunden worden, der in der
Natur der Dinge liegt, so wre alles gut gewesen; aber das tat er nicht,
er ging der Sache vom sittlichen Standpunkt aus zu Leibe und suchte es
so hinzustellen, als htten die Fehler und schlechten Eigenschaften
Engelharts von Anfang an alles zum Schlimmen gewandt. Er redete sich
eine Flle aufgespeicherter Bitterkeit von der Brust und meinte, er sei
immer der Gaul, der den fremden Wagen aus dem Dreck zerren msse, von
ihm verlange man Haltung, Verantwortung, Verstndnis, von ihm den
Zelter, aber andre wollten nicht geben, andre sen dster und stumm da,
wenn er fr eine ganze Affenkompagnie den Extrahanswursten mache.

Als er seine Rede beendigt hatte, fiel die dumpfe Streichmusik vom Saale
oben ein, und Engelhart beobachtete weit drauen in der Schwrze, die
ber dem See brtete, ein langsam gleitendes Laternenlicht; aber
allmhlich verschwamm es in seinen Augen, und mit dem Gedanken: Alles
verschwendet, das ganze Herz verschwendet, scho ihm das Wasser unter
den Lidern hervor, und er weinte lange still vor sich hin.

Zwlf Stunden spter sa er schon auf der Eisenbahn und fuhr mit dem
geringsten Gepck, das je ein Reisender besessen, gegen Norden. Sein
jmmerliches Ausgehungertsein war schuld, da er auf jeder Station etwas
zu essen kaufte und whrend der berfahrt auf dem Bodensee-Dampfer
unbedenklich an der teuern Mahlzeit teilnahm. So kam es dann, da er,
auf dem Bahnhof in Lindau stehend, von seinen paar Franken nichts mehr
brig hatte. Es war fnf Uhr nachmittags, in einer Viertelstunde ging
der Schnellzug, dieser hatte keine dritte Klasse, und Engelhart sah
sich auerstande, den Zuschlagspreis zu entrichten. Der nchste Zug ging
erst in der Nacht und fuhr elf Stunden statt sechs. Und wo Unterkunft
suchen bis dahin, wovon leben; auerdem drngte es ihn vorwrts, als ob
am neuen Ziel das Heil bereit sei. Wie er nun in den letzten zehn
Minuten, whrend der Zug schon dastand und die Lokomotive gleichsam
einladend schnaubte, ratlos und verzweifelt auf dem Bahnsteig hin und
her rannte, trat ein graubrtiger Schaffner auf ihn zu und fragte, was
ihm denn sei, ob er jemand erwarte oder ob er sich krank fhle.
Engelhart wollte kurz ausweichend antworten, aber das ehrlich-gute
Gesicht des Mannes flte ihm Vertrauen ein, und er gestand zgernd
seine Verlegenheit. Da sagte der Alte, er wolle ihm gern helfen, er mge
sich nur einen Platz suchen, die berzahlung betrage etwas ber sechs
Mark, die wolle er fr ihn auslegen. Ich werd' es Ihnen morgen
zurckbringen, bei meiner Seligkeit! rief Engelhart mit heiligem Eifer.
Nun, nun, ich glaub' Ihnen schon, beschwichtigte ihn der Alte und
klopfte ihm auf die Schulter. Als er whrend der Fahrt das Billett
brachte, schrieb er ihm seine Adresse auf einen Zettel und wies alle
Danksagungen schmunzelnd ab.

Es wurde Mitternacht, ehe Engelhart, weit in der nrdlichen Vorstadt
irrend, die Strae und das Haus fand, wo sein Vater wohnte. Dann mute
er lange luten, bis Frau Ratgeber herunterkam. Sie war sehr berrascht
und schien des Ankmmlings nicht eben froh zu sein; bedrckten Herzens
schlich er hinter ihr die vier Stockwerke empor, und seine scherzhafte
Anspielung ber die Nhe des Himmels hier oben beantwortete sie mit
einem Seufzer ber das harte Leben. Sie brachte willig herbei, was sie
noch zu essen im Haus hatte, setzte sich ihm sodann gegenber, blickte
mit ihren scheuen Augen ngstlich-musternd in sein Gesicht und meinte
vorwurfsvoll, er sehe gut aus. Ihr Antlitz war frmlich
zusammengeschrumpft von den Sorgen, und die dnnen schwarzen
Haarstrhnen gaben den Zgen einen zigeunerhaften Ausdruck. Der Vater
sei verreist, berichtete sie, und werde erst ber den andern Tag
zurckkommen; und nun suchte sie ihn auszuforschen voll Angst, da sie
da einen migen Kostgnger zu fttern haben werde, aber es verdro
Engelhart, da sie keine gerade Frage stellte, sondern nur so um den
Brei herumging; daher schwadronierte er eine Weile von seinen
Aussichten, und es wurde ihm selber glubig zumute, bis ihm einfiel, da
er doch am Morgen seinem guten Schaffner das geliehene Geld
zurckbringen msse. Er schluckte und wrgte an den Worten, endlich kam
es heraus, halb Bitte, halb Forderung. Frau Ratgeber erklrte mit
Entschiedenheit, da sie keinen berflssigen Pfennig besitze und nichts
geben knne. Es mu sein, sagte Engelhart erbleichend. Wenn es sein
mu, so verschaff' dir's eben, entgegnete sie hhnisch, von mir
bekommst du's nicht, von deinem Vater auch nicht. Wir haben genug
Trbsal mit dir gehabt, und jetzt kommst du wieder als Bettler. Alle
seine Snden und seine ganze Schmach hielt sie ihm vor und blieb bei
ihrer Weigerung, auch als er sich aufs Flehen verlegte. Und jetzt ist
es spt, schnitt sie endlich ab, ich habe gearbeitet, ich will
schlafen.

Fr Engelhart war an Schlaf nicht zu denken. Endlose Stunden hindurch
schritt er im Zimmer auf und ab. Plne zu schmieden war er nicht der
Mann, ihn peitschte es blo von Impuls zu Impuls. Als er am Morgen die
Stiefmutter zur Kche gehen hrte, eilte er hinaus und vertrat ihr den
Weg. Ich verpfnde mich dir mit meinem ganzen Leben, mit meiner ganzen
Zukunft, flsterte er, nur gib mir diese paar Mark, sonst bin ich
ehrlos. Frau Ratgeber zuckte die Achseln und machte ein bses Gesicht,
aber es war etwas in seinem Blick, wovon sie niedergezwungen wurde.
Ungefhr eine Minute lang besann sie sich, dann kehrte sie ins
Wohnzimmer zurck. Engelhart lie sie nicht aus den Augen, als frchte
er den gewonnenen Vorteil sonst wieder einzuben, er begleitete sie und
sah zu, wie sie die Kommode aufschlo. Stumm reichte sie ihm ein
schweres silbernes Armband, in der Mitte war ein alter Reichstaler
eingeltet, der ein Stdtebild mit vielen Trmen zeigte. Geh damit ins
Leihamt, sagte Frau Ratgeber, du bist mir schon genug schuldig, jetzt
auch noch das. Engelhart erkannte das Schmuckstck, es hatte einst
seiner Mutter gehrt, und er betrachtete es mit dsterer Miene, hinter
der er seine Wehmut versteckte. Doch ging er hin, lste Geld dafr und
bezahlte seine Schuld.

Nachtrglich bereute Frau Ratgeber ihre Schwche, und Engelhart mute
ihren erbitterten Hader dulden. Es war ihm keine ruhige Stunde gegnnt.
Sein ernster Entschlu, sich um einen Verdienst umzutun, geriet
einigermaen ins Wanken, weil ihn davor ekelte, fremden Menschen unter
die Augen zu treten und ihre Gleichgltigkeit ertragen zu sollen.
Indessen kam sein Vater zurck, mde von der Arbeit und erschpft von
der Hundstagshitze. Der Mann war sichtlich gealtert, an Krper und
Gesicht trat eine fette Aufgeschwommenheit hervor, doch sein Anzug war
hchst adrett und den ergrauenden Schnurrbart hatte er schwarz gefrbt
und nach der neuesten Mode gebrstet. Die Begrung zwischen Vater und
Sohn war beeinflut durch das finstere Schweigen der dabeistehenden
Frau, und dieses Schweigen enthielt fr Herrn Ratgeber die Aufforderung
zu Vorwrfen und Abrechnungen. Whrend Engelhart auf dem Sopha sa, ging
Herr Ratgeber mit seinen kurzen Schritten im Zimmer herum und redete
sich in Zorn und Schmerz. Doch bestndig war auch ein Ausdruck der
Verlegenheit in seinem Gesicht, und wenn Engelhart antwortete, zuckte
das seltsame Schmunzeln um seine Lippen, durch das er seiner Aufregung
Herr zu werden suchte.

Engelhart fragte, wie es Abel ergehe; Herr Ratgeber antwortete stolz,
der bringe sich durch, der sei tchtig und werde offenbar ein groer
Mann. Doch wenige Tage darauf kam ber Abel furchtbare Nachricht aus
Amerika. Er hatte wieder einmal Dummheiten gemacht und war entlassen
worden; dann war er irgendwohin ins Innere des Landes gefahren, hatte
Schweinfurter Grn genommen und sich zum berflu ins Wasser gestrzt.
Ein Farmer hatte ihn aufgefischt, und jetzt lag er in einem Hospital in
Ohio und mute auerdem, wie dort blich, wegen des versuchten
Selbstmords Strafe gewrtigen. Herr Ratgeber war gerade beschftigt,
sich zu rasieren, als der Unglcksbrief kam. Die Frau las ihn weinend
vor, Herr Ratgeber legte zitternd das Messer beiseite und stie, immer
jenes entsetzliche Schmunzeln um den Mund, dumpf klagende Tne aus. Mit
der halbbarbierten Wange setzte er sich an den Tisch und schrieb
sogleich einen langen Brief. Fast feindselig beobachtete Engelhart die
flink ber das Papier sich bewegende Hand. 'Wenn er nur seine
hochtrabenden Worte setzen kann,' dachte er; 'wahrscheinlich jammert er
wieder ber das Schicksal und die Undankbarkeit der Kinder, und nie
scheint er zu ahnen, da er blo erntet, was er selber gest.'

Es half nichts, Herr Ratgeber mute Geld nach Amerika schicken, aber von
diesem Tag an war seine beste Hoffnung dahin und er wurde ein wenig
stiller und schweigsamer als bisher. Zu vielem Nachdenken lie ihm sein
Beruf keine Zeit. Er war bestndig auf den Beinen, gnnte sich kaum die
Ausgabe fr die Pferdebahn und kam oft so abgeschlagen heim, da er sich
gleich nach der Mahlzeit zum Schlafen hinlegte. Die Gesellschaft, fr
die er arbeitete, wute ihm wenig Dank und glaubte wie die schlechten
Erzieher, durch Aufmunterung ihren Vorteil zu versumen. Es war nur ein
bestndiges Hetzen und Stacheln, um jede gerechte Entschdigung mute er
feilschen, und in seinem rger ber solche Unbill konnte sein Auge einen
irren und hilflosen Ausdruck annehmen. Seine Sprache gegenber Engelhart
war bitter und gereizt; er schmte sich vor seinen Bekannten, da er
einen erwachsenen Sohn zu Hause sitzen hatte, der nichts war, kein Amt
bekleidete und es darauf anzulegen schien, den Seinen zur Last zu
fallen. Vergeblich suchte er ein Unterkommen fr ihn, und so oft er
Engelhart antrieb, da er selber etwas tun solle, setzte ihm dieser eine
unbegreifliche Verstocktheit entgegen. Ich kann dich nicht ernhren,
sagte Herr Ratgeber dann, und dunkler Zorn machte sein Auge wild;
Engelhart aber hrte nur: ich will dir nicht helfen. Ein Wort gab das
andre, und schlielich forderte der Vater mit leidenschaftlicher
Heftigkeit jene fnfzig Mark zurck, die er damals nach Freiburg
geschickt. Er forderte sie in einem Ton zurck, als wolle er sagen: gib
mir die Trume wieder, die Erwartungen, die ich einst von dir gehegt.
Engelhart war erstaunt und entgegnete verzweifelt, ob man ihm denn das
Fleisch aus dem Leibe zu schneiden gedenke. Er redete mit wunderlicher
Glut von der Zukunft, so wie Leute sprechen, die mit den eignen Worten
ihre Zweifel ersticken wollen, aber Herr Ratgeber antwortete mit einem
hhnischen Lachen. Du bist nur da, um Herzen zu zertreten, sagte er
zitternd. Ein Prahler warst du von je; was soll dies Nichtstun
bedeuten? Glaubst du denn, wenn du in der Nacht vor deinem Schreibpapier
sitzest und sinnloses Zeug malst, glaubst du denn, da du damit je einen
Bissen Brot erwirbst? Es ist ein Betrug an dir und an uns. Und
Engelhart erwiderte unbesonnen: Ja, Vater, warum hast du mich denn auf
die Welt gesetzt? Da schwieg Herr Ratgeber und war, ohne da er es
zeigte, im Tiefsten beleidigt und verwundet; 'ein Kind, das seinen Vater
schlgt,' dachte er. Doch immer fing der bse Streit ber jene fnfzig
Mark von neuem an, so da Engelhart keine grere Sehnsucht kannte, als
dies Geld zu besitzen, es ihnen vor die Fe zu werfen und ihnen Liebe
und Achtung zu kndigen fr immer. Eine stille und unaufhrlich
wachsende Erregung ergriff wie eine geheimnisvolle Krankheit Geist und
Leib. Nun kam es aber bisweilen vor, da Herr Ratgeber von dem Verlangen
gepeinigt wurde, den Grund dieses zerstckten und schwelenden Wesens zu
erforschen; nicht selten stand er des Nachts an der Kammertr und
lauschte, was Engelhart wohl drinnen treiben mochte; offen zu fragen
getraute er sich nicht, glaubte auch seinen Stolz und seine Autoritt
dadurch zu gefhrden; bei Tisch geschah es, da er einen schchtern
fragenden Blick auf den Sohn warf, wenn er annahm, da seine Frau es
nicht bemerken konnte. Oder er begann von den Mnnern des Geistes zu
reden, denen er noch immer einen ungeschmlerten, beinahe
aberglubischen Respekt entgegenbrachte; von denen, die im ffentlichen
Leben standen, von denen, die es so weit gebracht hatten, da eine
Zeitung ihre Feder in Dienst nahm. Er erzhlte, wie schon so oft, da er
im Jahre siebzig an der Wirtstafel eines thringischen Stdtchens neben
dem groen Karl Gutzkow gesessen sei, und fgte hinzu: Ja, das waren
eben lauter hochstudierte Mnner. Engelhart schwieg. Sein Sinn war
verhrtet und voll Hohn. Whnte er doch weit ber den Gtzen zu stehen,
die seines Vaters Ehrfurcht genossen. Und er hate die Schrift, die
schamlose Entblung der Seele durch die Schrift, frchtete jenes Siegel
zu brechen, mit dem der Schpfer das Mysterium des Schaffens versiegelt
hat. Es war ihm noch alles Leben, bloes, einfaches Leben, angefllt
mit unentweihten Gesichten, grenzenlosen Mglichkeiten. Scham htte
seine Lippen verbrannt, wenn sie davon gesprochen htten. So mag es Adam
in der ersten Paradiesesnacht zumute gewesen sein; der Baum, der Fels,
die Wolke, die Dunkelheit selbst, nichts war ihm Wirklichkeit, alles
Symbole seiner Angst, seines Zagens und seiner Hoffnung, und mehr als
Weib und Schlange brachte ihn der Tag zu Fall.

Indessen verging die Zeit, und Engelhart mute allgemach auf irgendeine
Verbesserung seiner Lage sinnen. Es schmeckte ihm der Bissen nicht mehr,
mit dem sie seinen Hunger stillten. Zwischen ihm und der Stiefmutter
wuchs die Erbitterung bis ins Malose. Kaum da er ihr des Morgens unter
die Augen getreten war, begann sie sein Ohr mit Anklagen und Vorwrfen
zu fllen, und sie verstand es, mit vergifteten Pfeilen die
empfindlichsten Stellen zu treffen. Von je warst du ein Taugenichts,
hie es, schon in der Schule hast du nicht lernen wollen; geh nur mit
deinen Luftschlssern, es sind lauter Lgen, du bist ja ein geborener
Lgner; natrlich, davon willst du nichts wissen, aber seit ich dich
kenne, lgst und betrgst du; damals mit den pfeln, was war das doch
fr eine Niedertracht, und spter hast du mich beim Vater verleumdet, du
wirst's noch weit bringen, du wirst deinen Vater ins Grab bringen; in
solchem Ton steigerte sich die Rede, und Engelharts Blut lief schwer und
brennend durch die Adern. Die endlosen Beleidigungen verursachten ihm
krperliche belkeit und Ermattung, er verlor den Schlaf und sann in
seinem schlechten Bett mit beklommenem Herzen vor sich hin. An einem
heien Mittag im August kam er, nach mancherlei fruchtlosen Gngen aufs
tiefste entmutigt, aus der Stadt zurck und setzte sich in Erwartung des
Mittagbrotes an den schmalen Tisch in der Kche. Der Vater war in
Geschften nach Landshut gefahren und sollte drei Tage fortbleiben.
Nachdem er eine Weile gesessen und in den dstern und schwlen Lichthof
gestarrt hatte, sagte Frau Ratgeber, heute habe sie nichts gekocht, und
damit warf sie ihm ein Stck Brot hin. Wie? ist dir's vielleicht nicht
recht? fuhr sie auf, als er die Lippen verzog. Sein Schweigen reizte
sie, wie jede Antwort sie gereizt htte. So ein Lump, grollte sie vor
sich hin, will nicht arbeiten, stiehlt dem Herrgott die Tage und seinem
Vater den letzten Groschen. Engelhart stand auf und wiederholte mit
zitternden Lippen: Lump? Die Frau stellte sich ihm gegenber, und ihre
glanzlosen Brombeeraugen drehten sich konvulsivisch: Ja! fauchte sie,
Lump! Lump! Lump! Glaubst du, wir wissen nicht, was du fr schlechte
Streiche in Freiburg gemacht hast? Steh nur da wie ein Herr, glaubst
du, man wei nicht, da du ins Zuchthaus gehrst? Engelhart schrie auf;
der ganze Raum verschwand und nichts blieb brig als ein groes blankes
Kchenmesser, das am Herdrande lag. Dorthin griff er, schwang die Klinge
in die Luft, schrie abermals, die Frau strzte mit vors Gesicht
geschlagenen Hnden zurck, er folgte ihr, aber dann kam die Hemmung,
jenes unbegreifliche Etwas, das den Menschen solcher Art zu keiner sich
selbst vollendenden Handlung gelangen lt, das in die dunkelste Nacht
ihrer Leidenschaft wie ein Funke fllt oder wie eine unberhrbare
Stimme tnt. Er verlor das Bewutsein und fiel nieder. Als er erwachte,
wusch ihm Frau Ratgeber das Gesicht mit Essig. Sie weinte, war aufgelst
in Trnen. Nach einigen Minuten hatte er sich so weit erholt, da er
aufstehen und sich zum Fortgehen anschicken konnte. Die Frau erbot sich,
Kaffee zu bereiten, er schttelte den Kopf und verlie die Wohnung.

In einer nahegelegenen Strae wanderte er von einem Eck zum andern bis
gegen Abend bestndig hin und zurck. Dann war er einigermaen
gesammelt, las die Vermietezettel vor den Haustoren, stieg in einem
weitlufigen Gebude bis unter das Dach, mietete die ausgeschriebene
Mansarde und schickte sich gleich an, die Nacht hier zu verbringen. Am
andern Morgen berlegte er lange hin und her, wie er zu seinen
Habseligkeiten kommen knne; endlich entschlo er sich doch, selbst in
die vterliche Wohnung zu gehen. Glcklicherweise war Frau Ratgeber auf
dem Markt, und eine Zuspringerin, welche die Bden fegte, behtete das
Haus. Er packte eilig seine Sachen in den Koffer und stellte
Betrachtungen darber an, was er von all dem verkaufen knne, um sich
ein wenig Geld zu verschaffen. Es war nichts, er besa lauter rmliches
Zeug, das ihm noch dazu unentbehrlich war. Da fiel sein Blick auf das
Bcherregal des Vaters; die Bnde standen noch immer in derselben
Reihenfolge wie vor vielen Jahren, als ob keine Hand inzwischen sie
berhrt htte. Er suchte drei oder vier Bnde heraus, von deren Erls er
sich etwas versprechen konnte, schrieb einen Zettel an den Vater, worin
er die Tat bekannte, fgte seine Adresse bei und legte den Zettel an
eine Stelle, wo ihn der Vater, und nur er allein, finden mute, nmlich
in die Schublade, wo sich das Rasiergerte befand. Die Bcher verkaufte
er am selben Tag und erhielt zwei Mark dafr.

Das war an einem Donnerstag. Am Samstag in der Frhe erhielt er einen
Brief vom Vater. Lieber Engelhart, begann das Schreiben, zwischen uns
ist von heute an jedes Band zerschnitten. ber den Vorfall mit der
Mutter will ich kein Wort verlieren, darber zu sprechen, verbietet sich
von selbst. Gott verzeihe mir, da ich Dich nicht zu einem besseren
Sohn und brauchbaren Menschen herangebildet habe. Auerdem hast Du, um
es ganz frei herauszusagen, ordinr gegen mich gehandelt, indem Du
hinter meinem Rcken die Bcher verkauft hast, fr die Du doch nur ein
paar elende Pfennige erhalten konntest. Es fehlt mir mein franzsisches
Wrterbuch, dann das Werk 'Kraft und Stoff' und Freytags 'Verlorne
Handschrift'. Ich hatte diese Bcher lieb, sie waren mir wie Freunde,
sie haben mich ber den grten Teil meines Lebensweges treulich
begleitet, und ich misse sie mit schwerem Herzen. Handelt man so gegen
den Vater, der es doch stets gut mit Dir gemeint hat? Das htte ich nie
und nimmer von Dir gedacht, und zur Erklrung kann ich nur annehmen, da
Dein sittliches Gefhl getrbt ist. Doch genug, ich habe mich ber die
Geschichte so alteriert, da ich es nicht in Worte bringen kann, und
deshalb lege ich auch die Angelegenheit #ad acta#.

So weit der Brief. Aber es war auch eine kleine Nachschrift dabei, ein
unerwartetes und rhrendes Anhngsel: Hierbei schicke ich Dir, obwohl
ich es hart entbehre, fnf Mark in Briefmarken, damit Du nicht hungern
mut. Und wie ein bunt kariertes Fhnchen hingen die angeklebten Marken
vom Rand des Briefblattes herab. 'Er will sich einschmeicheln,' dachte
Engelhart, und sein Sinn blieb starr.

Von seiner Mansarde aus konnte er ber die meisten Huser der Umgebung
hinwegblicken, und bei Nacht hatte er ein groes Stck Sternenhimmel vor
sich, whrend aus den Hfen die beleuchteten Fenster heraufglhten und
mit dem Vorrcken der Stunden nach und nach erloschen. In den ersten
Tagen war der Morgen eine goldene Zeit, denn die Sonne schien
geradeswegs ins Fenster, keine unwirsche Hand drohte an die Tr zu
klopfen und zur Ttigkeit zu mahnen, und die Gewiheit, da die bsen
Trume der Nacht etwas Bestandloses und Unwirkliches waren, geno sich
wie eine herrliche Speise. Der jhe Frieden inmitten einer bewegten
Stadt hatte etwas seltsam Betubendes. Zunchst galt es, das winzige
Kapital mglichst praktisch auszunutzen, es gleichsam dnn und breit zu
schlagen. Von der Vermieterin verschaffte er sich einen Kochtopf und
einen Spiritusapparat, dann kaufte er einen kleinen Sack pfel, ferner
einen Vorrat von Kse, Kaffee und Zucker. Die pfel schlte er und
kochte sie zu Mus, und das gab eine Mittagsmahlzeit, morgens und abends
nahm er den eigengebrauten Kaffee zu sich und hatte bald die Kunst
entdeckt, wie man ihn auf die einfachste Weise schwarz und stark werden
lt. Aber die zwei Taler waren bald dahin, und die Vorrte im Schrank
dauerten auch nicht gar lange. Was war zu tun, um dem schmerzhaften
Hunger zu entgehen? Engelhart studierte die Stellenangebote in den
Zeitungen, und da er das teure Geld nicht fr Briefmarken ausgeben
konnte, lief er selber berall hin und stand oft in der Frhe mit
hundert andern vor dem Ausgabeort der Zeitungen. Dann fing das
Marschieren an, straauf, straunter, immer mit einem Keimchen von
Hoffnung in der Brust; schchtern trat man vor irgendeinen Herrn hin,
der in einem muffigen Schreibzimmer sa wie eine Spinne im Mauerwinkel,
aber jedesmal war schon ein andrer dagewesen, der es wahrscheinlich noch
billiger machte und auch einschmeichelndere Manieren gezeigt hatte. Mit
hei und kaltem Krper schlich dann der Bittsteller demtig wieder
heimwrts und kaufte fr das letzte Restchen Mammon ein paar Gramm
Tabak. Es war ein Glck, da sich der Herbst mit schnem Wetter anlie,
da brauchte man wenigstens keinen Regenschirm, und die defekt gewordenen
Stiefel schluckten statt Wasser blo Staub. Einmal nun hatte Engelhart
einen wunderbaren Einfall. In einer Stadt, sagte er sich, wo so viel
hunderttausend Menschen leben und unter ihnen so viel reiche Menschen,
zugereiste Fremde, ja sogar Frstlichkeiten und der knigliche Hof, in
einer solchen Stadt mu doch notwendigerweise auch einiges Geld auf der
Strae verloren werden; wenn also einer es unternimmt, zu suchen,
geschickt zu suchen, und besitzt Instinkt zu dergleichen, so kann es am
Erfolg nicht mangeln; angenommen, ich entdeckte auf solche Manier einen
Brillantschmuck im Werte von soundsoviel tausend Mark, so steht mir als
Finderlohn der zehnte Teil zu, und ich bin aus der Patsche. Die Logik
dieser berlegungen entzckte ihn in so hohem Ma, da er sich ungesumt
ans Werk begab. Mit gesenktem Kopf und aufmerksam auf das Pflaster
gerichtetem Blick strich er langsam durch die Hauptstraen und die
vornehmen Quartiere. Vor den Gasthfen, wo die Fremden abstiegen, stand
er wie ein Wachtposten, blickte in kein Gesicht, sondern starr und
begehrlich zu Boden. Sah er von fern etwas schimmern, so eilte er mit
klopfender Brust darauf zu und erblate, wenn es nur ein Fetzen
Stanniolpapier oder ein Messingknopf war. Stundenlang ging er in der
Bahnhofshalle umher, dachte sehnschtig an das viele Geld, das dort an
den Schaltern ausgewechselt wurde, und wnschte sich nur ein Trpfchen
von dem berflu. Er wurde zornig, wenn seine Gedanken abschweifen
wollten von der Erde, wenn sie in der Luft suchten, was doch zweifellos
unten im Schmutze lag, aber es half alles nichts, er fand nie auch blo
eine Kupfermnze, viel weniger den besagten Brillantschmuck.

Es nahte die Zeit, wo die Miete fllig war, es mute etwas geschehen,
auch der Magen ertrug es nicht lnger. Die Frau, bei der er wohnte, war
eine gutmtige Person, sie drngte nicht und schien Mitleid zu haben,
obwohl er nie mit ihr ber seine Lage sprach, sondern im Gegenteil
unbekmmert drauflos prahlte von steinreichen Verwandten, hochgestellten
Freunden und illustren Beziehungen jeder Art. Aber er war doch froh,
wenn die Alte am Abend eine Schssel mit Salat, ein paar Kartoffeln oder
eine halbe Wurst auf seinen Tisch gebracht hatte, und kam zu dem
wehmtigen Schlu: ohne Menschen geht's eben nicht. Eines Tages fragte
er in einem Warenbazar um eine Stellung an, und sie nahmen ihn, ohne
viel nach seinen Kenntnissen zu fragen. Kenntnisse waren auch nicht
erforderlich, er mute des Morgens die Fubden ausspritzen und kehren
und den ganzen brigen Tag, mit einer Schildmtze versehen, durch die
Stadt rennen und Lieferungszettel austragen. Dafr bekam er fnfzig
Pfennig jeden Abend. Vielleicht htte er dies noch erduldet, aber mit
dem groben und perfiden Wesen, das da herrschte, konnte er sich nicht
befreunden, und er beschlo, lieber elend zugrunde zu gehen, als jeden
Stolz zu vergessen und der getretene Knecht von Knechten zu sein. Sieben
Tage hatte die Herrlichkeit gedauert, dann kroch er wieder in sein
einsames Loch. Darauf fand er Arbeit bei einem sonderbaren Mann, dem
Redakteur eines patriotischen Winkelblttchens. Der Mann hie Saffran
und hatte eine bluliche Nase. Er verfate Lobesartikel ber den
Regenten und die Hupter des Adels. Engelhart mute nach dem Diktat
stenographieren und zu Hause das Schriftstck ins reine bringen. Fr die
Groquartseite war der Preis von zehn Pfennig vereinbart worden, und
Engelhart schrieb ganze Nchte hindurch, um eine lumpige Mark
herauszuschinden. Nun war es aber des Teufels mit Herrn Saffran; erstens
stellte er sich taub, wenn man Geld haben wollte, gebrauchte Ausflchte,
tat, als habe er schon Vorschu gegeben, oder rannte pltzlich davon mit
den Worten: Ach Gott, ach Gott, Seine Knigliche Hoheit haben mich ja
zur Audienz befohlen; zweitens aber zhlte er die Silben, untersuchte,
ob auf jeder Seite gleich viel Worte standen, und wenn die Sache nicht
in Ordnung war, schlug er die Hnde zusammen und jammerte laut ber die
Niedertracht der Welt. Er besa den Orden fr Wissenschaft und Kunst,
und als Engelhart einmal mit dsterer Entschlossenheit seinen Lohn
begehrte, nahm er das Ehrenzeichen und steckte es vor die Brust wie
einer, der einen Stern vom Himmel gepflckt hat und sich damit bse
Geister vom Leibe halten will, dann gab er noch allerlei sublime
Redensarten von sich, bevor er endlich den Geldbeutel ffnete.

Auch diese Erwerbsquelle versiegte mit der dritten Woche. Um das Unheil
voll zu machen, wurde die Mietsfrau sehr krank; sie wurde ins Spital
geschafft, und Engelhart mute ein andres Asyl suchen. Er fand ein
Zimmer in der Hegasse ber eine Stiege, grer und freundlicher, aber
auch teurer als das bisherige. Es war ihm selbst unerklrlich, weshalb
er dies tat; aber er hatte das Gefhl, als mten die Umstnde sich
bessern, weil er ein besseres Bett gefunden. Die Not, die er litt,
machte ihn entschieden traurig und ratlos, aber es war, als knne sie
nicht ganz in die Tiefe seines Herzens dringen, wie auch der Sturm nicht
bis auf den Grund des Meeres dringen kann. Doch rckte ihm das Ungemach
bitter zuleibe. Alles, was er nur im geringsten entbehren konnte, trug
er zum Trdler, sogar den alten Reisekoffer, der ihn seit dem ersten
Verlassen der Heimat begleitet. Schlielich entuerte er sich auch des
Ringleins, das er einst beim Abschied von Ernestine erhalten. In den
ersten Oktobertagen wurde es kalt. In seinem Tagebuch gab Engelhart der
Sehnsucht nach einem Ofenfeuer Ausdruck, indem er zngelnde Flammen um
ein nacktes Mnnchen zeichnete. Alles Papier und die alten Zeitungen,
deren er habhaft werden konnte, warf er ins Ofenloch und freute sich,
wenn es prasselte, an der bloen Illusion von Wrme. Seine Einsamkeit
weckte seltsame Gelste und Gewohnheiten in ihm. Etwa eine Viertelstunde
vom Haus entfernt lag ein Kirchhof. Dorthin war bald sein tglicher
Spaziergang gerichtet, und tglich stand er um dieselbe Nachmittagszeit
vor dem Fenster des Leichenhauses, um die drinnen aufgebahrten Toten zu
betrachten. Die Srge lagen offen nebeneinander, schrg gegen die Erde
gestellt, so da es aussah, als ob sich die starren Krper, wenn nur
noch ein Fnkchen Wille in ihnen brannte, mhelos erheben knnten, oder
als ob sie auch von selbst diesen Ort aufsuchten und verlieen, um ber
Nacht wieder andern den Platz zu rumen. Engelhart war jedesmal
neugierig, welche Gesichter er heute sehen wrde, und er studierte in
den des Lebens beraubten Zgen alle Offenbarungen des Leidens. Die
niedrigen Begierden hatte der Tod nicht auszulschen vermocht, manche
faltenvolle Stirne war von Habsucht und Bosheit zerpflgt, mancher Mund
schien von Wut zusammengepret, da er verstummen gemut, ehe das Ziel
eines gemeinen Ehrgeizes erreicht war. Engelhart konnte sich oft kaum
trennen von dem Anblick der Leichengesichter, er erschien sich wie ein
Wchter, hingestellt auf die Brcke zwischen Lebenden und Toten, mit
heimlichem Triumph und befriedigter Rache Zeugnisse der Vergnglichkeit
sammelnd. War ein Antlitz unter den Toten, das in besonderer Weise auf
ein Leben der Tcke, Trgheit und Lge hinwies, so forschte er nach dem
Namen und der Stunde der Beerdigung, folgte als letzter Gast dem
Leichenzug und lauschte mit wunderlich glnzenden Augen den
Lobpreisungen des Geistlichen und der Freunde. An den Fenstern des
Leichenhauses schrfte er seinen Blick fr die Eigenschaften des
menschlichen Herzens, und es ging so weit, da er auf den Gesichtern der
Lebenden, die an ihm vorberwandelten, die Zge seiner Toten
wiederzuerkennen suchte und mit grausamer Lust alles erstickte, was von
Liebeswnschen in seiner Seele wohnte. Dies Treiben setzte er so lange
fort, bis er eines Tages ein junges Mdchen aufgebahrt sah, dessen
Anblick ihm Trnen in die Augen trieb. Es war ein herrlich schnes Kind
von gleichsam nur hingetrumter Gestalt, und die Wangen waren wie aus
Abendrte geformt; die Haare schienen noch lebendig und flossen
unruhevoll unter dem Myrtenkrnzchen hervor. Engelhart blickte mit Liebe
auf das fremde Wesen, pltzlich erwachte eine strmische Begierde nach
Musik und trieb ihn am Abend vor das Odeonsgebude, aber sein Ohr fing
nur ein paar matt verschwebende Harmonien auf.

In den Nchten war es nun so, da er vor Hunger nicht schlafen konnte
und in das Kissen bi; da er aufstand und das Fenster ffnete, um den
Frost zu spren, um durch die heftige neue Empfindung die alte
schleichende zu betuben. Zwar dachte er jeden Morgen: 'Jetzt bist du
der Wandlung um einen Tag nher, schlimmer darf es nicht werden, und
zugrunde gehen wirst du nicht,' doch es war, als verdopple sich seine
Verlassenheit, und es kam vor, da er, in seinem Zimmer sitzend, die
Tre nicht zuschlo, damit ein zufllig Vorbeigehender hereinschauen
konnte. Pltzlich setzte er sich hin und schrieb an Schildknecht nach
Zrich, zerri den Brief, schrieb wieder, versteckte fast gauklerisch
seine Not hinter den Zeilen, und whrend die Feder ber das Papier lief,
sammelte sich unter dem Gaumen Bitterkeit. Es war hauptschlich von den
Trnen am See die Rede und von dem, was damit zusammenhing und was nun
ein melancholisches Bildchen wurde mit Blitzen, die ber den Nachthimmel
zuckten und einer Walzermusik vom Hause her.

Den Brief warf er unfrankiert in den Kasten, und er wute jetzt, da er
seine einzige und letzte Hoffnung trug. Zwei Tage spter kam
Schildknechts eilige Antwort und zugleich eine Summe von fnfundsechzig
Franken bar. Der gute Mensch hatte alles begriffen, und der Schreck war
ihm in die Glieder gefahren. Es war auch hchste Zeit; Engelhart lief
nach Brot, der Krmer borgte schon seit einer halben Woche nicht mehr.
Erst als er sich gesttigt hatte las er Schildknechts Brief -- ohne
eigentliche Dankgefhle, eher staunend, da noch eine Hand in der Welt
sich fr ihn regte. Schildknecht schrieb, da er nun wieder eine
auskmmliche Stellung gefunden habe, auch in der Heimat stnden seine
Angelegenheiten gut, und er werde wohl demnchst heiraten. Den Vorwurf
bsen Trotzes knne er Engelhart nicht ersparen, denn da er keinen
besseren Freund auf Erden habe als ihn, Justin Schildknecht, htte er
wissen und nie vergessen drfen, auch wenn er ihm in desperater Laune
einmal den Kopf gewaschen habe. Und was die Trnen am See anlange, so
hoffe er dafr noch etwas recht Groes fr Engelhart zu tun, er mge
daher nicht danken fr die erbrmlichen paar Goldstcke, sondern
seinerseits sich weiterhin als Glubiger betrachten. Ich habe kein
Talent zum Judas, schlo der herzliche und ehrliche Brief, und wenn
ich auch nicht leugne, da einer, der den Gott in sich sprt, einmal
beim Satan gewesen sein mu, so mchte ich doch lieber selbst im
Fegefeuer braten, als nur ein einziges Scheit Holz fr einen Freund dazu
herschleppen. Ihnen, lieber Ratgeber, wird sich eines Tages jhlings
dieselbe Welt zu Diensten geben, die sich jetzt so grausam verschliet.
Dann werden Ihre jetzigen Leiden die bunten Glser sein, durch welche
Sie zurckblicken auf die Zeit, in der Sie sich noch ganz und gar
besaen, vielleicht sehnschtig werden Sie zurckblicken und werden ein
wenig Dmmerung begehren, wenn berall das grelle Licht Ihrem Inneren
nicht mehr mhelos zu trumen erlaubt. Sie werden gezwungen sein, aus
dem Blut Ihrer Wunden Bilder zu malen, die man auf den Markt schickt,
und das wird weh tun, und schlielich werden Sie das eigne Herz zu einem
Marktplatz machen, wo Freundschaft und Liebe feilgeboten wird, und auch
das wird weh tun, nicht Ihnen, sondern uns, mir, dem Freund.

Engelhart lie einige Tage verstreichen, in denen er angelegentlich ber
Schildknechts Worte nachdachte. Dann antwortete er folgendes: Im
Augenblick der grten Bedrngnis haben Sie ihre Hand nach mir
ausgestreckt, lieber Freund, ich konnte Ihre Hand ergreifen und war
gerettet. Die Tat soll Ihnen unvergessen bleiben, denn sie ist die
Brcke, die mich wieder zu den Menschen fhrt. Wahrhaftig, ich habe
schon verlernt, wie man mit Menschen spricht und wie man ihnen in die
Augen sehen soll. Sie geben mir Hoffnung, da alles, was ich jetzt
erlebe, einst eine kstliche Speise fr meine Erinnerung sein und da
dieses nun so Bittere dann s schmecken wird. Aber was hilft es dem zum
Krppel geschlagenen Soldaten, wenn ihm spter die Aufregungen der
Schlacht herrlich dnken? Und da ich zum Krppel gemacht werde, zum
Krppel an Herz und Seele, das frchte ich. Wir wollen uns doch nicht
mit Redensarten trsten und jede Not zur Notwendigkeit stempeln. Einer
Bestimmung zu leben ist ja schn, aber wo ist meine Bestimmung? Ich sehe
sie nicht, ich fhle sie nicht. Jeder Straenkehrer scheint mir mehr
Bestimmung in sich zu tragen als ich, der ich ein von allen andern
gemiedenes und wahrscheinlich mit Recht gemiedenes Zufallsgeschpf bin.
Was mich oft in seltenen Stunden beseligt, scheint mir widersinnig und
haltlos, als ob man Nebeldunst an eine Spindel heften wollte, um Faden
daraus zu drehen. Es ist ein treuloses Spuk- und Phantasietreiben, mit
dem man sich selber um den besten Teil der Menschlichkeit betrgt. Doch
ich kann nicht anders! Jetzt bin ich schon so weit verschlagen, da ich
nicht mehr wei, wo es nach vorwrts und wo es nach rckwrts geht. Es
ist ja auch gleich, denn die Welt ist rund. Wie dem aber sei, Sie haben
redlich an mir gehandelt, teurer Schildknecht, als ein wirklicher
Schildknecht haben Sie sich gezeigt, und von den bewuten Trnen am See
soll nun nicht mehr die Rede sein. Ich war zu angespannt damals und zu
sehr auf Ihr Wohlwollen angewiesen, ich hatte die bertriebensten und
ungesundesten Vorstellungen von Freundschaft. Das ist nun vorber. Was
soll es auch heien, sich an einen einzelnen zu binden, den man doch
verlieren mu? Freundeswege mssen sich immer dort trennen, wo Herz dem
Herzen gar zu nahe kommt, vielleicht Menschenwege berhaupt.
Gleichgesinnte Geister finden sich doch immer wieder und werden aus
eigenstem Interesse gegeneinander und gegen die Welt wirken, das brige
scheint mir auf schwchliche Empfindsamkeit hinauszulaufen. Man kann ja
nicht einander um den Hals fallen, und so wird der Freund allmhlich zur
Surrogatfigur und mu enttuschen, weil er ein Geschpf der Sehnsucht
aus ganz andern Bezirken ist. Nicht so ist es mit den Frauen, aber
darber habe ich nie mit Ihnen zu sprechen gewagt und will es auch jetzt
nicht. Immerhin sollen Sie wissen, da sich oft mein Inneres in einer
ungeheuren Erwartung pret und weitet und da es Stunden gibt, wo ich
wie in einem feurigen Fieber meine ganze bisherige Existenz als ein
dunkles Hinstrmen gegen eine noch unsichtbare Gestalt empfinde, die zu
mir gehrt wie der Morgen zur Dmmerung. Das mag eine ebensolche
Illusion sein wie die von der Freundschaft, und sicher wird man eines
Tages auch aus diesem Lgengarn sich wickeln, um eben kurzweg und
einfach seinen Mann zu stellen, aber eine gewisse Summe von Leben und
Erleben, von Umfassen und Sichlsen ist wohl ntig, damit man zu sich
selber erwachen kann. Mit meinem Vater bin ich nun vollends auseinander,
und ich bin froh, da dies beschwerende Verhltnis aus meinem Dasein
hinausoperiert ist. Ich bin sein Fleisch und Blut, aber nicht sein
Geist und Herz, und das hab' ich stets sehr zu ben gehabt. Nun leben
Sie wohl, Freund, und bleiben Sie mir gut.

In dieser Zeit begann Engelhart sehr unter nchtlichem Traumwesen zu
leiden. Zumeist trumte er Landschaften, doch in so unheimlicher
Beleuchtung und Farbe, da ihm angst und bang dabei ward. Oder er
trumte, da er sich in einer groen Gesellschaft von Leuten befand, die
er gut kannte, von denen ihn aber keiner beachtete; sie mieden ihn, und
wenn er dicht vor jemand hintrat, so schlug dieser die Augen nieder.
Schmerzlich schlo er die Demtigungen in sich ein, nahm sich aber vor,
bei Tisch eine Rede zu halten und, in das Gewand einer Parabel
gekleidet, den Leuten ihre Niedertracht zu bedenken zu geben. Whrend er
noch an den Worten herumzupfte, die er whlen wollte, erhob sich ein
andrer und sprach solch sinnlos-witzelndes Zeug, da alle lachten und
zugleich schadenfroh auf Engelhart starrten. Oder er trumte, sein
Zimmer befinde sich ber dem Hof eines gewaltigen Hammerwerks. Er sieht,
hrt, sprt den Hammer, whrend er schlft. Pltzlich erschallen
furchtbare Rufe: 'Zu Hilfe! zu Hilfe!' Man trgt ein Mdchen mit
zerschmetterten Gliedern herein. Eine seltsame Leidenschaft zu der Toten
durchdringt ihn bis zu den Fingerspitzen. Auf einmal wird sie lebendig,
zu gleicher Zeit wird aus dem Zimmer ein riesengroer Saal. Er will mit
dem Mdchen, das sehnschtig begehrend nach ihm blickt, allein sein und
die Tren schlieen. Aber whrend er eine Tre zumacht, springen immer
fnf, sechs andre auf, und fremde Leute huschen schattenhaft vorber.
Sein Zorn, sein Gram, seine Ungeduld werden ins unertrgliche
gesteigert, schlielich will er jenes Frauenzimmer liebkosen, da
verschwindet sie hmisch lchelnd durch ein Loch in der Mauer.

Seine Tage, in halber Unttigkeit verbracht, fllten ihn mit der
unbestimmten und brennenden Empfindung einer Schuld. Die andauernde
Absonderung von den Menschen gewhrte keinerlei Befriedigung, sie gab
nur Unruhe und einen dnkelhaften Schmerz. Die Trume des Schlafs
wucherten gleichsam nach auen, und er sah Erscheinungen am hellichten
Tage, hrte Stimmen, die ihn ermunterten, und hatte Augenblicke einer
sonderbaren tiefen Verlorenheit, wo Angst und Freude beinahe
gleichzeitig sein Herz zusammendrckten. Er fand ein Vergngen daran,
vor dem Spiegel sein eignes Gesicht so lange zu betrachten, bis er in
eine Art von Verliebtheit geriet. Wie ein aus dem Erdreich gerissener
Baum samt Wurzeln und Blattwerk schwamm er auf einer trben Flut ins
Ungewisse hinaus, und an den Ufern standen viele Zuschauer feindselig
schweigend. Hufiger als jemals, auch in dem Traumtreiben, tauchte die
Gestalt des Vaters auf, niemals wohlwollend, sondern rgerlich,
mrrisch, schimpfend, unzufrieden und hart; Engelhart aber nahm eine
vorwurfsvolle, ja fast frohlockende Haltung an, als wolle er sagen: So
weit hast du es kommen lassen. Ferner sah er den Vater, wie er gierig
beim Mittagessen die Suppe hinablffelte, und das erweckte seinen
Widerwillen, oder wie er vor sich hinschmunzelte, wenn ihm endlich
einmal ein Geschft geglckt war. Engelhart erinnerte sich, wie der
Vater einst mit nervs zuckendem Gesicht von dem Verlust einiger
Groschen gesprochen hatte; irgendeine Spesenrechnung war von der
Direktion nicht anerkannt worden, und Engelhart sah, wie der Vater
dastand, den Hut etwas schief auf dem Kopf und den einen Arm auf den
Regenschirm gesttzt, und whrend er beleidigt und emprt den Hergang
erzhlte, rieb er den Zeigefinger unablssig und mit krankhafter
Schnelligkeit an dem silbernen Ring des Schirmstocks. Dies hatte
Engelhart damals unangenehm und peinlich berhrt, es war ihm niedrig
erschienen, sich einiger Pfennige wegen so zu erhitzen, auch jetzt
dachte er ohne Wohlwollen daran, dennoch lag in dem Vorgang etwas
Schweres und Bedeutungsvolles, ja Rtselhaftes.

Eines Abends verlie der Einsame, Ruhelose kurz vor Mitternacht seine
Behausung, in welcher ihn mit der vorrckenden Stunde eine immer grere
Bangigkeit geqult hatte. Nach mancherlei Herumirren geriet er in ein
verdetes Caf, und whrend er mit dem Eifer, den Leerheit und
Rastlosigkeit erzeugen, die Zeitungen las, setzte sich ein Mann an
denselben Tisch, wo er sa, trotzdem die meisten Tische rings frei
waren. Der Mann hatte ein ziemlich gewhnliches Gesicht; er hatte einen
rtlich braunen Vollbart und trug eine goldene Brille. In seiner Scheu
vor Menschen vermied es Engelhart, sein Gegenber anzuschauen, pltzlich
sprte er jedoch, da der andre mit unverschmter Beharrlichkeit seine
Blicke auf ihn gerichtet hielt. Dies wurde lstig, er stand auf, holte
eine andre Zeitung und setzte sich an einen andern Tisch. Es dauerte
nicht lange, so stand der Fremde gleichfalls auf und setzte sich
Engelhart neuerdings gegenber. Dieser hob erblassend den Kopf und
erschrak vor dem verschwommenen, flchtigen und zugleich klammernden
Blick des Mannes. Der Unbekannte hatte den Hut aufbehalten, und er
lffelte mit tckischem Lcheln in einem Wasserglas, in das er Zucker
geworfen hatte. Es ist ein Detektiv, ein Spion, fuhr es Engelhart durch
den Sinn; es war ihm nicht anders, als habe er ein groes Verbrechen
begangen und man sei ihm auf der Spur. Er fhlte sein Blut eiskalt
werden und berlegte, wie er sich aus der entsetzlichen Lage befreien
knne; das Beste schien, mit dem unheimlichen Menschen, ohne
Befangenheit zu zeigen, anzuknpfen, er uerte also irgendeine
Redensart ber das Wetter. Der Mann antwortete nicht, sondern zog statt
dessen ein kleines Notizbuch aus der Tasche und bltterte darin, wobei
ein kaltes spitzes Lcheln seinen Mund bewegte. Tief erregt im Innern,
doch in sein Gesicht einen heuchlerisch-interessierten Ausdruck
zwingend, beobachtete Engelhart dies und lie keine Bewegung des
Menschen auer acht, als msse er einem berfall zuvorkommen. Um seinen
Aufbruch vorzubereiten und den andern ber den Grund zu tuschen,
stellte er sich mde und verschlafen und guckte ghnend nach der
Wanduhr, aber das Antlitz seines Gegenbers wurde immer feierlicher und
haerfllter, pltzlich warf Engelhart seine Zeche auf den Tisch, packte
seinen Mantel und verlie beinahe laufend den Raum. Ohne den Mantel
zuzuknpfen, rannte er auf der dunkeln Hlfte der mondbeschienenen
Strae hin. Da hrte er Schritte hinter sich, er duckte den Kopf und
verdoppelte seine Eile. Um den Verfolger irrezufhren, schlug er eine
falsche Richtung ein und beschrieb einen ungeheuren Kreis, bevor er es
wagte, dem Haus, in welchem er wohnte, zu nahen. Schweina und atemlos
kam er heim, und erst als der Morgen graute, verlschte er die Lampe und
schlief ein. Diesmal hatte er keinen Traum von bestimmtem Umri; es
sickerte nur durch seinen Schlaf das Bewutsein von der Lcherlichkeit
seines Tuns und der Unmnnlichkeit seiner Haltung. Dann wuchs eine graue
Wand aus einem Abgrund empor, und es rief eine Stimme:

    Und an die Wand, und an die Wand
    Da malt des Schicksals Schattenhand
    Die Zeichen des Verderbens hin.

Darauf erblickte er sich selbst, ber einen Brief gebeugt, der an
Michael Herz gerichtet war, und er sah die Worte: Ich bin kein
Kaufmann, ich bin Bergmann, ich bin Arzt, und diese Begriffe: Bergmann,
Arzt schienen ihm bedeutend und beweiskrftig. Mit brennendem Durst
erwachte er jhlings und richtete sich auf. Trotzdem es Tag war, war das
Zimmer dster vom Nebel, der drauen lag. Das Verlangen nach Licht
mischte sich in seinem Gehirn seltsam mit der Begierde nach Wasser; er
nahm Sturz und Zylinder von der Lampe, schraubte die Krone ab, ergriff
nun aber das lgefllte Gef und setzte es an die Lippen, um zu
trinken. Der Petroleumgeruch brachte ihn zur Besinnung, er schlug die
Hnde zusammen, warf sich wieder aufs Bett und fing an zu weinen.

So war es nun mit seinem Leben beschaffen.

Da geschah es um die Dmmerungsstunde dieses Tages, da ihn ein Ungefhr
in die Nhe der vterlichen Wohnung brachte. Eine Weile schlich er
scheu und verdrossen vor dem Tor im nassen Nebel herum, endlich nahm er
sich zusammen und stieg die Treppen empor. Er glaubte seinen Vater zu
riechen, jene merkwrdige Mischung von Zigarren- und Schreibstubengeruch,
die ihm seit der Kindheit vertraut war. Weil auf sein wiederholtes
Luten niemand erschien, ging er erleichtert wieder davon und glaubte
eine Pflicht erfllt zu haben. Doch am folgenden Tag trieb es ihn
abermals hin. Diesmal war Frau Ratgeber zu Hause; sie empfing ihn nicht
freundlich, nicht unfreundlich, lud ihn ins Wohnzimmer und erzhlte ihm,
da der Vater sich auf einem Erholungsurlaub im Gebirge befinde; der
Arzt habe ihn hingeschickt, denn er leide an einer frhzeitigen
Verkalkung der Gefe. Frau Ratgeber war redseliger als sonst, offenbar
suchte sie sich ber ihre Besorgnis hinwegzuplaudern. Sie setzte ihrem
Gast sogar ein Glschen Likr vor und nahm das Glas von dem feinen
Service, das seit Jahrzehnten unberhrt im Schranke stand. Engelhart,
ziemlich betroffen ber die Ehre, die ihm widerfuhr, fragte, wie lange
der Vater schon abwesend sei. Nicht lnger als eine Woche, war die
Antwort, aber er befinde sich so wohl dort, da er ganz berschwengliche
Briefe schreibe. 'Das hat er immer gekonnt,' dachte Engelhart, und sein
Gesicht verdsterte sich, 'berschwengliche Briefe, das war seine
Strke.'

Er kam fter. Das Eigentmliche war nun, da ihm die Frau nach dem Mund
redete, und da er den Zweck, den sie verfolgte, nicht sehen konnte,
wurde ihm bisweilen unheimlich. Sie beklagte ihr Leben und das des
Vaters, aber sie stellte sich dabei doch ins Licht und den Mann in den
Schatten: er habe sich nie etwas versagt, er sei doch immer mit allem
fertig geworden, er selbst war doch immer die Hauptperson. Ich, ich,
das ist das Ratgebersche Wort, zischte sie mit schlecht verborgenem
Ha. Engelhart graute es bei dem Gedanken, da der Vater in einer
solchen Luft von Lieblosigkeit atmete, doch dachte er: 'Sie mu ihn am
besten kennen, da sie dreizehn Jahre mit ihm gelebt.' Eines Tages
erschien whrend seiner Anwesenheit ein Fremder, ein netter junger Mann,
der in dem Alpenkurort mit Herrn Ratgeber beisammen gewesen war und
einige Auftrge von ihm berbrachte -- aus bloer Sympathie und
Geflligkeit. Dnkte es Engelhart schon verwunderlich, da irgendein
Mensch in selbstloser Zuneigung etwas fr seinen Vater unternahm, fr
diesen Mann der Geldsucht und der scheuen Abkehr von allen freien
menschlichen Beziehungen, so erstaunte er noch weit mehr ber die
Erzhlungen des Besuchers. Mit liebenswrdigem Pathos berichtete der
junge Mann, da Herr Ratgeber ganz benommen sei von der Schnheit der
Landschaft und da er mit einem Gesicht durch die Wlder streife, als
htte er Bume nie zuvor erblickt; da er stillvergngt an seinem
Pltzchen sitze, wenn die Kurkapelle ihre Stcke aufspiele, und da er
sogar eines Abends im Hotel eine ltere Dame zum Tanz aufgefordert habe.
Alles erscheine ihm schn, mit allem sei er zufrieden und ber alles
Ungewohnte sei er erstaunt wie ein Kind.

Frau Ratgeber hrte mit sauersem Lcheln zu und sagte: Ich glaube,
ich glaube, so eine Erholung tte mir auch gut. Kaum war der Fremde
fort, so kam ein Brief vom Vater, in dem er seine morgige Ankunft
meldete; die Direktion habe die Verlngerung des Urlaubs nicht
gestattet, auerdem sei ihm nicht ganz wohl und er frchte den Gedanken,
sich vielleicht fern vom Hause krank hinlegen zu mssen. Dann kam ein
wehmtig-zurckschauendes Lob der Gegend, der Ruhe, der Sonne.

Den nchsten und den bernchsten Tag ging Engelhart wieder seine
einsamen Wege; war es Trotz oder Scham oder Stolz, er brachte es nicht
zu dem Entschlu, sich dem Vater zu zeigen. Am Morgen des dritten Tages,
whrend er noch im Bette lag, ward an seine Tr gepocht, er schlpfte
rasch in die Kleider, ffnete, das verzerrte Gesicht eines Weibes
streckte sich ihm entgegen, kreischte: Ihr Vater! Ihr Vater! und
verschwand wieder. Eine Viertelstunde spter war er dort im Haus,
schritt mit bleiernen Fen durch den Korridor und die Kche in das
erste Zimmer, wo, aschfahl anzusehen, Frau Ratgeber stand und mit
starrer Bewegung auf das Bett wies. Engelhart erblickte ein groes
blutbeflecktes Leintuch, welches eine menschliche Gestalt bedeckte. Er
hob das Tuch an einem Ende auf und zog es weg, und es lag ein
aufgeschwemmter Krper da, ein Mann mit nahezu unkenntlichem Gesicht,
den Mund, der nie hatte sprechen knnen, verdeckt unter eisgrauem
Schnurrbart und unabgewischtem Todesschaum, die Stirn gleichsam
zerschmettert, die Fuste geballt, die Fe krampfhaft an das untere
Brett der Lagerstatt gedrngt -- nie verga Engelhart dies furchtbare
Bild einer letzten Energie, eines letzten verzweifelten
Schrittfassenwollens.

Whrend Engelhart dastand und sich wunderte, whrend ihm graute und
whrend er im Innern weinte, ohne sich zu verhehlen, da sein Anrecht
auf edle Trnen noch verwirkt war, sah er pltzlich den Vater in der
stillen Alpenlandschaft wandeln, so wie es jener zugereiste Mensch
geschildert hatte. Er sah ihn mit all seinen Gebrden, etwas bedrckt
von ungewohntem Alleinsein, doch befremdet und feierlich gestimmt durch
den Anblick der Natur und durch das Gefhl der ruhenden Stunden. War es
denn nicht seine erste Rast im Leben? War ihm denn nicht jeder grnende
Zweig etwas Niegesehenes? Mute er nicht mit dem Erstaunen eines Kindes
Zeuge sein von dem Verschwinden der Sonne hinter Schneegipfeln und dem
Aufbrennen der Sterne? Sicherlich hatte sich der Vater bei alledem ein
bichen geschmt und hatte seine Freude fr sich behalten aus lauter
Angst, da man Zweifel in seine Bildung setzen mchte. Engelhart begriff
dies auf einmal mit einer unerwarteten Schrfe. Immer wieder sah er die
untersetzte, tripplig gehende Gestalt ber eine Wiese schreiten und mit
eigentmlicher Verlegenheit und wachsam verschlossenem Staunen vor sich
hin blicken. Dadurch wurde seine Rhrung erweckt und seine Trnen
konnten flieen. Er erinnerte sich nach und nach an zahlreiche
sympathische Zge im Wesen des Vaters, an Dinge, denen er nie zuvor
Bedeutung zugemessen hatte, die sich aber jetzt zum eindringlichen Bilde
formten und die Ursache waren, da der Schmerz wie in sichtbaren Flammen
um ihn schlug. Er erinnerte sich zum Beispiel, da er vor Jahren in
Wrzburg mit dem Vater spazieren gegangen war, da sie von der Hhe
eines Hgels aus den Tnen eines Posthorns gelauscht hatten und da des
Vaters Gesicht pltzlich einen unendlich traurigen Ausdruck gezeigt
hatte und da er rasch die Augen niederschlug, als Engelhart ihn
anschaute. Ferner erinnerte er sich, da der Vater einst zu einem
Geschftsfreund gekommen und da er vor Entzcken sich kaum fassen
konnte, als ein kleiner Hund ihn wiedererkannte und freudig bellend an
ihm emporsprang.

Aber all dies war nur eine harmlose Kleinmalerei seiner wachsenden Reue
und Schuld. Ein paar Tage spter schrieb er an Justin Schildknecht die
Nachricht von seines Vaters Tod. Es kam zu frh, schrieb er, nicht
allein fr ihn, den Frhgealterten, der ein abgehetztes, kleines,
elendes, finsteres und unverstandenes Dasein wie durch eignen Entschlu
endete, sondern auch zu frh fr mich. Ich hatte mich stets hhnisch
gewehrt gegen seine Forderung der Dankbarkeit, aber ach, er wollte ja
nur in kleiner Mnze bezahlt haben, nur almosengleich zurckbekommen,
was er mir, ein unermeliches Kapital, das Leben selbst, geschenkt. Und
er meinte ja gar nicht Dankbarkeit, er meinte Liebe. Wenn er
'Dankbarkeit' sagte, so meinte er damit seinen Stolz und seine Scham zu
schonen, denn er wollte natrlich lieber Glubiger als Bettler sein.
Freund, ich finde mich in unerhrtem Mae schuldig; ich finde mich so
vieler Versumnisse schuldig, als es Stunden, ja als es Gedanken der
Vergangenheit gibt, und wenn viele den Tod als Gleichmacher und
Stummacher preisen, so finde ich, er ist ein furchtbarer Unterscheider
und gewaltiger Rechner. Trgheit ist meine Schuld, Trgheit hat meine
Brust vernietet, und diese aufs Enge und Niedrige gestellte Existenz
meines Vaters erscheint mir jetzt inniger an die gttlichen Mchte
gekettet als die meine, die anmaend zu einer eiteln Verkndigung
strebt. Wer in der Tiefe seine Unschuld wahrt, ist der nicht grer zu
achten als der, der sie in den Hhen verliert? Und das ist es, er hatte
Unschuld, alles ble an ihm, sein kleinmtiges Streben, seine
Pfennigangst, sein armer Geiz und Ehrgeiz, es waren nur die Zeichen und
Merkmale seiner Unschuld, und ich, wie ich bin und stehe, ich bin der
Verrter an dieser Unschuld. Wozu denn alle Hoheit der Empfindung, alle
Gaben des Gesichts, da die dunkle Kreatur, aus der ich Wurzel
geschlagen, unerkannt neben mir verschmachten mute? Shnen will ich,
und Gott gebe mir Entshnungskraft und lasse mich den Weg zu den
Menschen finden, den ich schon verloren habe. Vielleicht ist dies meine
Bestimmung, den gemordeten Seelen Liebe zu weihen und aus ihnen etwas
wie Astralkrperchen zu formen, welche man in jener frostigen Halle
aufstellt, in der die Menschheit ihren vielfltigen Geschftigkeiten
frnt. Ich will mich unter sie schleichen und still meine Arbeit
suchen.

Als er diesen Brief geschrieben, verlie Engelhart die Stadt und
wanderte weit in die sdlich gelegenen Wlder und Hgel. Er dachte
whrend dieses Marsches viel an seine Kindheit und Jugend, und ein
seltsamer Reigen bunter Figuren erhob sich, flatterte tnzerisch leicht
an seinem inneren Auge vorbei, und er sprte bei ihrem Anblick etwas wie
bitterse Reife. Schlielich setzte er sich ans Fluufer und malte mit
dem Stock einige Zeilen in den feuchten Sand:

    Es ist noch dieselbe Sonne,
    Die derselben Erde lacht;
    Aus demselben Schleim und Blute
    Sind Gott, Mann und Kind gemacht.
    Nichts geblieben, nichts geschwunden,
    Alles jung und alles alt,
    Tod und Leben sind verbunden,
    Zum Symbol wird die Gestalt.

Bewegten Herzens machte er sich auf den Heimweg, und je mehr er sich
wieder der Stadt nherte, je trber umschleierte sich sein Auge, als
ahne er das not- und mhevolle Dasein, dem er zuschritt und das ihm ein
nicht weniger strenges Antlitz zeigte, seit er den Preis kannte, um den
es seine hchsten Krnze bot. Noch einmal hielt er inne und schaute
zurck: der Strom krmmte sich in goldener Flut aus dem Hgelgelnde
hervor, ein paar schwarze Vgel geleiteten ihn, langsam fliegend, und
Mond und Sonne standen zu gleicher Zeit am Himmel.



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1907 erschienenen Erstausgabe erstellt. Diese erschien in
Deutsche Romanbibliothek, fnfunddreiigster Jahrgang 1907, Hefte
9-18. Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch , ,  ersetzt. Die
nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 177: [Doppelpunkt ergnzt] fragte ngstlich: Ist es wahr
S. 177: [Komma ergnzt] Schritte machte, mute
S. 180: [Komma ergnzt] khl um die Brust, unsicheren Fues betrat
S. 189: [Punkt gelscht] ber einem langhinlaufenden Weg. strahlte
S. 190: bereis angegrauten Locken -> bereits
S. 193: [Komma ergnzt] die haartige Lieblosigkeit, die
S. 209: das Lebendig-seiende -> Lebendig-Seiende
S. 211: erschien sich besudelt und unwert einer Trume -> seiner
S. 213: Wiederholung mechanischen Geschftigkeiten -> mechanischer
S. 263: Ich denke gar nichts, erwidert er -> erwiderte
S. 282: auf das Mitagessen -> Mittagessen
S. 286: ein Schreibernatur durch und durch -> eine
S. 323: [vereinheitlicht] Aegidienplatz -> Egydienplatz
S. 324: den vornehmen Herrn zu pielen -> spielen
S. 325: [vereinheitlicht] seine schlecht sitzende Kravatte -> Krawatte
S. 367: [fehlende Letter] ein Mann mi nahezu -> mit

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first
publication of the novel in "Deutsche Romanbibliothek", 35th volume
1907, issues 9-18. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by , ,
. The table below lists all corrections applied to the original text.

p. 177: [added colon] fragte ngstlich: Ist es wahr
p. 177: [added comma] Schritte machte, mute
p. 180: [added comma] khl um die Brust, unsicheren Fues betrat
p. 189: [deleted period] ber einem langhinlaufenden Weg. strahlte
p. 190: bereis angegrauten Locken -> bereits
p. 193: [added comma] die haartige Lieblosigkeit, die
p. 209: das Lebendig-seiende -> Lebendig-Seiende
p. 211: erschien sich besudelt und unwert einer Trume -> seiner
p. 213: Wiederholung mechanischen Geschftigkeiten -> mechanischer
p. 263: Ich denke gar nichts, erwidert er -> erwiderte
p. 282: auf das Mitagessen -> Mittagessen
p. 286: ein Schreibernatur durch und durch -> eine
p. 323: [normalized] Aegidienplatz -> Egydienplatz
p. 324: den vornehmen Herrn zu pielen -> spielen
p. 325: [normalized] seine schlecht sitzende Kravatte -> Krawatte
p. 367: [normalized] ein Mann mi nahezu -> mit

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

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Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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page at http://pglaf.org

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