The Project Gutenberg EBook of Der Dunkelgraf, by Ludwig Bechstein

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Der Dunkelgraf

Author: Ludwig Bechstein

Release Date: March 8, 2008 [EBook #24782]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DUNKELGRAF ***




Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
from scans of public domain material at Austrian Literature
Online.)






                            Der Dunkelgraf.


                                 Roman

                                  von

                           Ludwig Bechstein.



                            Frankfurt a.M.

                  _Verlag von Meidinger Sohn & Comp._

                                 1854.




                             Erster Theil.

                             Der Jngling.


    _Motto:_

      Sei den Edlen genaht, niemals gesellt zu den Niedern,
    Strebst du zum Ziele des Wegs, oder des Handels Geschft.
    Gut ist Edler Thun und gut sind ihre Gesprche,
    Aber Geringer Geschwtz fhren die Winde dahin.

        (=Falbe= nach =Theogins=.)




1. Der Sohn des Hauses.


Geheimnivoll murmeln die Wellen und schlagen nur leise an die Ufer des
friedlichen Busens, in welchen das Flchen _Jahde_, vorber rinnend an
den einzelnen Husern des friesischen Dorfes gleichen Namens und der
Jahdekirche, sich geruschlos einsenkt, um dann als breite Stromflche
aus dem zur Fluthzeit fast gerundet erscheinenden Becken mit dem
Weserausstrome sich zu vereinen und in die Nordsee sich zu ergieen. Nur
wenige grere Fahrzeuge liegen an der Rhede von Frhuk vor Anker, mit
Kaufmannsgtern befrachtet, oder auf Einschiffung solcher harrend; es
sind Schmakschiffe, die mit vierzig bis fnfzig Lasten die Erzeugnisse
des Landes Oldenburg dem Verkehr der nachbarlichen Seehfen zufhren,
und auer ihnen ungleich mehr Barken und Khne fr die Vermittelung des
nchstnahen Handelsbetriebes der ausgedehnten Marschlande. Tief in das
Land eingebettet, mehr einem groen Binnensee hnlich, als einem
eigentlichen Meerbusen, vor Strmen geschtzt, wie vor heftiger Brandung
selbst bei hchster Fluth, ruht dieses Gewsser, und dabei befahrbar von
den grten Schiffen, von Klippen frei wie von Treibeis, an jeder Stelle
trefflichen Ankergrund darbietend.

Es ist derselbe Jahdebusen, auf welchen in der Gegenwart sich
hoffnung- und freudevoll die Blicke zahlreicher deutscher
Vaterlandsfreunde richten; auf dem die schwarz-weie Flagge Preuens von
stolzen Kriegsschiffen, die hier ihren Hafen fanden, wehen, und diesem
Winkel zwischen Land und Meer dereinst vielleicht eine hohe
geschichtliche Bedeutung verleihen wird. Sechs Jahrzehnte zurck! Eine
dunkle Frhlingsnacht und dichter Mrznebel schleiern all' die Wellen
und Wogen, die Geesten und Sielen ein; kaum erreicht die dmmernde Helle
der in den Husern des Dorfes Jahde brennenden Lichter den Deichdamm,
der das Jahder Watt umgrenzt. Ueber das erstorbene flsternde Schilf und
Riethgras des vorigen Jahres in den mit zahlreichen Wassergrben
durchzogenen Sumpfstrecken um die Drfchen Jurgengrave und Moorhusen
tanzen lustige Irrwische. Dort liegt das Stdtchen _Varel_ mit seinem
stattlichen Herrenschlo und seiner ummauerten Kirche; dunkel ragen
durch den Nebel die Werke des Forts _Christiansburg_ und zwischen diesem
und dem Ort spreitzen sich wie ein riesiges Nachtgeisterpaar zwei
Windmhlen von bedeutender Gre. Aber die gewaltigen Flgel rasten und
ruhen wie eingeschlafen; Stille schwebt ber den Wassern, Stille weht
mit Geisterhauchen ber das trostlos flache Gefilde. Nur ein ferner
Ruderschlag pltschert noch, dem Ufer nher kommend, durch das tiefe
Schweigen.

An diesem Lenzabende des Jahres 1794, an welchem das verjngte Leben der
Natur noch nicht zum freudigen Erwachen gelangt war, schritt ein noch
junger, gutgekleideter Mann in Jgertracht und mit Jagdgescho
wohlversehen, begleitet von einem Diener und einem braunen Hhnerhunde,
durch den Vareler Busch dem Stdtchen zu. Der Jngling mochte das
neunzehnte Lebensjahr noch nicht zurckgelegt haben; der Diener war nur
einige Jahre lter und ein Sohn des Ortes, eine krftige friesische
Gestalt, mehr stmmig als schlank, von munterem Blick und einem Ausdruck
von biederherziger Treue. Er trug die Jagdbeute, mehrere Schnepfenarten,
Rallen und Bekkasinen. Sein ihm schweigsam voranschreitender Gebieter
war eine zarte, schlanke Gestalt, die noch greren Wuchs verhie. Die
Gedanken des Jnglings schweiften zur Ferne, aber nach einer
unbestimmten. Ein Lenzgefhl zog durch die junge Brust voll
Hoffnungsfreudigkeit und Thatendrang; wie sich's geheimnivoll regte im
mtterlichen Schooe der Erde, wie das junge Grn mchtig und
unaufhaltsam zum Lichte der verjngten Sonne drngte -- wie jene Vgel,
von deren Jagd der junge Weidmann heimkehrte, schon wieder nordwrts
strichen, dem allmchtigen Wandertriebe folgend, ebenso jene
Kranichzge, die er am Tage erblickt, und jene Gsvgel und
Himmelsziegen, deren gruliche Stimmen den nchtlichen Wanderer
schrecken -- und die alle nur dem einen unumstlichen Naturgesetze
gehorsamten -- so zog es auch den Jngling fort aus diesen einfrmigen
Gefilden, aus einem Kreise einfrmiger Thtigkeiten; er sehnte sich zu
lernen, zu leben.

Whrend der junge Mann mit seinem Begleiter durch die gutgepflegten
Gehlze und dann durch reizende ausgedehnte Parkanlagen dem Schlosse
zuschritt, hatte sich dem Ufer in der Schlonhe, soweit als mglich,
eine Jacht mit niederlndischer Flagge genhert, und mehrere Mnner
waren im Gefolge von Dienerschaft, die sich mit Reisegepck belud, aus
dem Schiffe in einem Boote nach dem Vareler Siel gefahren und hatten das
Land betreten.

Im Herrenschlosse war eine Reihe von Zimmern lichterhellt, so da der
Schimmer, der heraus auf den dichten Nebel fiel, fast meteorisch
erschien. Es war dies eine ungewhnliche Erscheinung, denn meist stand
das Schlo unbewohnt, nur in treuer Hut eines alten, redlichen
Kastellans. Das hohe Geschlecht, welchem Amt und Vogtei oder die edle
Herrschaft Varel eigen war, besa der Schlsser und Gter viele, und die
Glieder dieser berhmten Familie wohnten zerstreut, zumal ihrem Verbande
jenes einigende schnste Band mangelte, welches Liebe heit.

Im Schlosse hastete Dienerschaft geschftig umher. Der Erbherr war
angekommen, mit Rthen und Schreibern, nicht in bester Stimmung, wie es
schien, und nach einer durch Frhlingsstrme widerwrtigen Wasser-Reise.
Sein fester Sporntritt erschtterte Fuboden und Fenster des Zimmers, in
welchem er unruhevoll auf- und abging. Es war ein noch junger Herr, erst
zweiunddreiig Jahre zhlend, aber sein Gesicht zeigte mnnliche Reife,
sein Bart und seine Tracht lieen in ihm den Krieger hohen Ranges
erkennen.

An einem Tische, auf welchem zwei silberne Armleuchter brannten, saen
zwei Mnner, bemht, zahlreiche Papiere und Briefschaften, die einem
Reisekoffer entnommen wurden, sorglich in einer gewissen Reihe und
Ordnung auf den Tisch vor sich hin zu legen; es waren augenscheinlich
Documente, denn von mehreren hingen an schwarzgelben oder rothweien
Seidenschnren groe Kapseln, und die Farben dieser Schnre lieen
erkennen, da es Lehenbriefe rmischer Kaiser einestheils, anderntheils
der Knige Dnemarks seien, und da jene Kapseln die Siegel
umschlossen, welche den Pergamenten, an denen sie befestigt waren, ihre
volle Gltigkeit gaben.

Ein Diener ri die Thre auf, und rief herein: Der Herr Haushofmeister
Ihrer Excellenz der Frau Reichsgrfin Wittwe!

Warten! antwortete kurz und rasch der Graf, und murmelte halblaut durch
die Zhne: Hat es sehr eilig, das #ancien rgime!# -- Dann sagte er laut:
Nehmen Sie, Herr Hofrath Brnings, ein wenig Akt von dem, was der
Grobotschafter der #chre grand Mre# auszurichten und vorzubringen
hat, und Sie, Herr Secretr Wippermann, thun, als haben Sie eine
Schreiberei vor, und schreiben ein wenig nach, denn in unsern
Angelegenheiten darf kein Wort auf die Erde fallen und verloren gehen.
Es ist die hchste Zeit fr uns, wenn wir nicht als Kirchenmuse aus
unsern Herrschaften davon ziehen wollen, die Neigungen der Frau Gromama
anzunehmen und zu sammeln, wenn auch nicht eben antike Mnzen.

Nach diesen Worten, welche offenbar eine gereizte Stimmung des Gebieters
kund gaben, klingelte der junge Reichsgraf und Erbherr und der Diener
ffnete dem Haushofmeister der alten Grfin die Zimmerthre. Der
Angemeldete trat mit tiefem ehrerbietigem Grue ein; ein Mann von
mittler Gre, wrdiger Haltung, bereits ergrautem Haar, von
Gesichtsfarbe bla und angegriffen aussehend, und uerst fein
gekleidet. Der Graf erwiederte die ehrfurchtsvolle Begrung des Dieners
nur mit einer leichten Fingerbewegung nach dem Haupt, die Herren am
Tische, welche bei seinem Eintritt aufgestanden waren, grten ebenfalls
ziemlich flchtig, und warfen stechende, lauernde Blicke auf den
Haushofmeister.

Nun -- Herr Windt -- guten Abend! Was bringen Sie? nahm der Gebieter das
Wort.

Zuvrderst, Excellenz! unterthnigsten Willkommengru im edlen
Herrenhause Varel Namens gesammter Dienerschaft des Schlosses und
gesammter Einwohnerschaft des Ortes, versetzte der Haushofmeister in
gebckter Haltung; dann sich aufrichtend, sprach er weiter: Ihre
Excellenz, die verwittwete Frau Reichsgrfin lassen Hchstihnen durch
mich Hochdero Freude ausdrcken und Dank sagen, da Excellenz auf
Hochderen Ersuchen hierher gekommen sind, und hoffen, es werde nun
Alles, was bisher verwirrt und gespalten war, durch dieses persnliche
Begegnen sich friedlich lsen und einen lassen.

Hofft die Gromutter das? fragte der Graf. Wie gern hofft' ich es auch,
mte ich nur nicht das Gegentheil frchten!

Wollen Excellenz die hohe Gnade haben, mir zu erlauben, Denenselben
gleich jetzt das mir Befohlene unterthnigst vorzutragen, oder befehlen
Sie eine andere Stunde?

Tragen Sie vor, werther Herr Windt, tragen Sie immerhin vor! versetzte
der Graf im vornehm spttischen Tone. Jedenfalls wird es besser sein,
Sie tragen vor, ehe das Essen aufgetragen wird. Ich hoffe ja mit
Zuversicht, Sie werden mir nicht gleich den Appetit ganz verderben. Auch
dauert es hoffentlich nicht allzulange?

Wie im Scherz zog der Graf seine Uhr, blickte darauf und fuhr fort: Ich
gnne Ihnen eine volle Viertelstunde, allein setzen wir uns, setzen wir
uns alle, meine Herren; als gesetzte Mnner werden wir ohne Zweifel den
Vortrag des Herrn Haushofmeisters, General-Intendanten, Geheimen Rathes
und Factotums unserer geliebtesten Frau Gromutter um so standhafter
anhren. Nehmen auch Sie sich einen Sessel, Herr Windt, und erffnen wir
somit gleich die erste der uns leider sicherlich hier bevorstehenden
vielen Sitzungen.

Der Haushofmeister achtete nicht auf den spttischen stichelnden Ton des
jungen Erbherrn, er schrieb ihn dessen Mangel an Schicklichkeitsgefhl
im Benehmen gegen ltere Personen zu und dem Verdru, durch ihn im
Auftrag seiner Gebieterin hierher bemht worden zu sein, gerade zu einer
Zeit, wo einerseits der Graf, der jetzt in Holland wohnte, als
persnlicher Freund des Erbstatthalters der Niederlande und dessen
Sohnes, des Erbprinzen von Oranien, vollauf mit der Bewaffnung der
Niederlande gegen Frankreich beschftigt war, anderseits die politischen
Ereignisse in Frankreich fast alle andern und selbst persnliche
Angelegenheiten einzelner Familien zurckdrngten und in Schatten treten
lieen.

Stets im ehrfurchtsvollen Tone, ruhig und gemessen sprach nun Windt, und
richtete sein Wort lediglich an den Grafen, indem er gar nicht zu
bemerken schien, da er auer diesem noch zwei andere Zuhrer hatte:
Excellenz! Hochgndigster Herr Graf! Lange Jahre hindurch sind auf der
Frau Grfin Wittwe ererbtes vterliches Vermgen habschtige Anschlge
gemacht, und durch mancherlei Mittelspersonen ausgefhrt worden, so da
es gewi jedem billig und edel Denkenden einleuchtet, wie betrchtlich
der vielfache Verlust sein mu, welchen Hochdieselbe dadurch erlitten.
Einer fast von Haus und Hof, fast von ihrem ganzen Erbe verdrngten, ein
halbes Jahrhundert mit ihrem Gemahl, mit ihren leiblichen Kindern und
Kindeskindern in Processe verwickelten, nun bereits im neunundsiebenzigsten
Lebensjahre stehenden Dame kann das Harte, welches diese traurige
Nothwendigkeit fr ihre mtterliche, gefhlvolle Seele hatte und stets
haben mu, ebenso wenig vergessen gemacht werden, als der wirklich
erlittene betrchtliche Schaden ihr je zu ersetzen ist.

Erlauben Sie mir, Herr Windt -- unterbrach der Graf: nur die eine
Anmerkung, da in gewisser Beziehung auf die verehrte Frau Gromutter
das Sprichwort pat: Minder gut, wre besser! Eben diese mtterliche
gefhlvolle Seele ist es, die das reiche Familienerbtheil zersplitterte,
drckende Verlegenheiten herbeifhrte, zu Schritten hindrngte, vor
denen man vor dem Auge der Welt errthen mu. Die vielen Schenkungen,
oft an unwrdige Spekulanten, die unntzen Aufkufe, die verderbliche
Sammelsucht, die Eitelkeit, als Gelehrte glnzen zu wollen, und die
maalosen Tuschungen aller Art, denen die alte Frau anheimfiel -- das
ist's, das ist die Ursache alles Unheils von je gewesen. Gott sei mein
Zeuge, da ich und die Familie den Frieden wollen, da ich und mein
Bruder Johann Carl gern bereit sind, selbst mit Opfern _ihr_, die mit
einem Fu im Grabe steht, wie uns und unsern Kindern endlich Ruhe zu
gewinnen.

Der Graf sprach diese Worte mit ernster Mnnlichkeit, keine Spur mehr in
seiner Rede von der vorhinigen leichtfertigen, hhnenden Redeweise, und
sie verfehlten nicht ihre Wirkung auf das Gemth des Vortragenden.
Dieser fuhr weich und mit Wrme fort: Wonnereich wird es fr meine
angebetete Herrin sein, wenn ich ihr verknde, da sie den Gedanken
jetzt billigerer Gesinnungen ihrer, ihr dadurch gewi aufs Neue theuerer
werdenden Enkel mit Zuversicht hegen darf; wenn sie hoffen darf, es
werde endlich einmal dem ebenso verderblichen als widernatrlichen
Rechtsstreit ein Ende gemacht werden! In dieser frohen Hoffnung ist auch
sie auf jede Weise bereit, alle bisher Jahre lang gehuften,
unbeschreiblichen und zahllosen Krnkungen gromthigst zu vergessen,
ihren Herren Enkeln ihre ganze gromtterliche Liebe zu schenken, allen
den betrchtlichen Vortheilen, welche die Rechte ihr gewhren, besonders
in Bezug auf die Anspruchsklage wegen der alleruersten
Beeintrchtigung zu entsagen, jedoch nur unter dem ausdrcklichen Beding
und nicht ohne denselben, da die hochgndigen Herren Enkel auch
ihrerseits billigere und den Verhltnissen angemessene Gesinnungen
gegenwrtig dadurch bethtigen, da sie ohne alle bisherige -- in den
vieljhrigen Processen bis zum Ueberflu angewandten Rnke und
Rechtsverdrehungen -- die Forderungen Ihrer Excellenz, anstatt der mit
vollem Recht anzusetzenden, in das Unermeliche sich belaufenden, ganz
unableugbaren Schden und Kosten -- auf Treue und Glauben als richtig
anerkennen, und wo nicht bei Heller und Pfennig vergten, dennoch eine
annehmliche, betrchtliche Abfindungssumme dafr bieten.

So! -- warf der Graf gedehnt ein, und ein Strahl bitteren Hohnes blitzte
wieder aus seinen Augen. Die Frau Gromama sind in der That gut berathen
und wahrhaft eine weise Frau. Wenn wir also thun, was sie wnscht und
befiehlt, dann werden wir die theueren Herren Enkel sein -- wie aber
dann, Herr Windt, wenn wir das _nicht_ thun an unserer theuersten
Gromama?

Wenn _ich_ mir eine unterthnige Bemerkung und Einrede gestatten darf --
nahm jetzt an seinem Tisch der Hofrath Brnings das Wort, ein Mann mit
einem langen, kalten Diplomatengesicht, voll strengen Ernstes, ohne
Farbe, von stocksteifer Haltung und dabei spindeldrr: so drften wohl
um Wege des Friedens anzubahnen und der knftigen hocherwnschten
Einigung fruchtbares Land zu gewinnen, die Oelbltter der Friedenstaube,
welche der Herr Haushofmeister dermalen vorzustellen die Ehre haben --
nicht in tzendes Gift getaucht sein, und ihre grnen Zungen nicht zu
spitzigen Dolchen werden. Euer Excellenz werden Redensarten, wie Rnke
und Rechtsverdrehungen mit gebhrendem Protest zurckweisen.

Ich werde das, lieber Hofrath, gewi, ich werde! versetzte der Graf;
doch mag nun Ihre Rge fr das unbedachte Wort gengen. Wir kennen
unsere hochgndige, oft sehr ungndige Frau Gromutter nur allzu gut;
wir wissen, da sie zwar sorgfltig ihre alten Mnzen, aber nie die
Worte gegen ihre nchsten Anverwandten auf die Goldwage legt. Es ist
nicht Kriegsbrauch, einen Abgeordneten in das feindliche Heerlager fr
das zu bestrafen, was sein Feldherr ihm auszurichten anbefahl. Fahren
Sie fort, Herr Windt: Sie haben immer noch eine halbe Viertelstunde.

Der Haushofmeister wurde unruhig. Herr Graf, -- nahm er wieder das Wort:
wenn ich auch voraussehe, da ich nicht im Stande sein werde, in dieser
kargen Frist zu Herzen Dringendes und vllig Ueberzeugendes
auszusprechen, so darf ich doch wohl, und wie ich ganz gehorsamst zu
bitten mich erkhne, _ohne_ fremde Unterbrechung vorerst Folgendes
anfhren. Das Wichtigste, was ich in vorbereitender Weise und als
Grundlage der spteren Verhandlungen mitzutheilen habe, lt sich in
dreizehn Punkten zusammen fassen.

Dreizehn? wiederholte der Graf spttisch betonend: das ist eine sehr
mibeliebte verhngnivolle Zahl. Doch lassen Sie hren!

Es sind fast dieselben dreizehn Punkte wieder, fuhr Windt fort, welche
dem im Jahre siebzehnhundert und vierundfnfzig zu Berlin geschlossenen
Vergleich zur Grundlage dienten, welche dem Reichs-Hofrath
siebzehnhundertsechzig vorlagen, und deren Erledigung, ebenso wie eine,
der gepriesenen edlen Denkart derer Herren Grafen wrdige Erklrung nur
durch Diejenigen ber alle Gebhr hingezgert wurde, welche darin einen
persnlichen Vortheil gesucht und leider nur zu sehr gefunden haben.

Das Diplomatengesicht des Hofrath Brnings schien sich bei diesen Worten
in etwas zu verlngern, und seine Nase noch um ein merkliches spitziger
zu werden, als sie ohnehin bereits war. Herr Wippermann begann sich
unter Kopfschtteln zu ruspern und stampfte unwillig seine Feder auf.
Windt aber sprach ruhig weiter: Ohne weitschweifig zu werden, so nimmt
meine hochgndige Gebieterin wiederum in Anspruch, _erstens_ das halb
ihrer hochfrstlichen Frau Mutter, halb ihr selbst von der Wittwe de
Moore zu Amsterdam vermachte Kapital; _zweitens_ den vollstndigen
Ertrag der Gter von Varel und Kniphausen bis zum Augenblick ihrer
Entsetzung von denselben durch ungerechten Richterspruch und durch
Gewalt, nebst vollstndiger Rechnungsablage; _drittens_ die
Kammerzahlungen von den Vareler Einknften seit siebzehnhundert und
siebenundvierzig, welche die Dnen gewaltsam in Besitz genommen haben,
auf _wessen_ Betrieb, wissen Euere Excellenz am besten; _viertens_ die
recemige Zahlungsleistung aller Forderungen, auf welche der Frau
Reichsgrfin Excellenz Ansprche der Schadloshaltung zustehen, und von
denen sie als rechtmige Erbin, Eigenthmerin und Besitzerin durch das
auf Schikane begrndete Oldenburger Urtheil hinweggedrngt worden ist;
ein Urtheil, das vor dem Richterstuhl der gesunden Vernunft, des
entschiedensten Rechtes und der selbstredenden Billigkeit in Nichts
zerfallen mu, weil bei demselben die Frau Grfin gar nicht gehrt
worden sind, und der Hauptgrund aller Verbindlichkeit ber den Haufen
geworfen wurde.

Wieder wollte Hofrath Brnings mit Heftigkeit entgegnend auffahren, der
Graf aber winkte ihm gebieterisch, und sagte: Stille! die Frau
Gromutter haben das Wort.

_Fnftens_ -- fuhr Windt mit unerschtterlicher Ruhe fort: erneut Ihre
Excellenz, die hochgrfliche Wittwe, die Ersatzforderung von zehntausend
Thalern nebst aufgelaufenen Zinsen fr ihre von dem hochseligen Herrn
Grafen versetzten Juwelen. Gewi werden Recht und Billigkeit liebender,
edel denkender Enkel in diesen Ersatz zu willigen keinen Anstand nehmen,
und nicht der erlauchten Frau Gromutter ferner ansinnen, aus ihrem
Kammervermgen auch noch fernerhin die fr diese Schuldsummen
auflaufenden Zinsen zu bezahlen. _Sechstens_ haben der Frau Grfin
Wittwe Excellenz fr die Summe von sechstausend fnfhundert Thaler von
ihrem Silbergerth verpfndet, und das dafr aufgenommene Geld zum
wahren Nutzen, nmlich zu dringend nthigen Deichverbesserungen
verwendet, sonst wre vielleicht heute Varel nicht mehr vorhanden,
sondern wre in die Reihe jener versunkenen Ortschaften getreten, welche
im Jahre fnfzehnhundert und neun durch die Antonifluth der Jahdebusen
in seinen Schoos aufnahm. _Siebentens_ begehrt meine hochgndige Herrin
die endliche Rckerstattung des ihr vorenthaltenen, mit den grflichen
Gtern in gar keinem Zusammenhang stehenden Kapitals von Friedrich Even;
_achtens_ die der Frau Grfin im Berliner Vergleich zugesprochenen, aber
stets vorenthaltenen Jahrgelder nebst Zinsen vom Jahre siebzehnhundert
vierundfnfzig an. Die durch diese Vorenthaltung erlittene Einbue ist
eine schreckliche arithmetische Wahrheit. _Neuntens_ Erstattung aller
bisher aufgewendeten Procekosten, sowie vieler, bei dem gewaltsamen
Ueberfall geraubten Habseligkeiten, wobei unersetzbare Verluste ewig zu
beklagen sind. _Zehntens_ haben der Frau Grfin Excellenz ihrem
hochseligen Herrn Gemahl, sowie Kindern und Enkeln mtterliche
Schenkungen von achtzig bis neunzigtausend Thalern gemacht, sollten
Hochdiese nicht ein Recht beanspruchen drfen, von so berreichlich
begabten Enkeln die Bercksichtigung billiger Wnsche zu erwarten?
_Eilftens_ haben die Frau Grfin Wittwe Excellenz nie und nirgends auf
Ersatz der hchst bedeutenden Verbesserungskosten verzichtet, welche auf
die Herrschaften, Schlsser und Kammergter verwendet worden sind.
Dennoch will Hochdieselbe jetzt gromthig darauf verzichten, und nur
die unbedeutende Summe fr die Anlegung der ungemein nutzbaren Meierei
zu Kniphausen in Anspruch nehmen. Nur berhren will ich unterthnig
_zwlftens_ den Werth der sechs schweren silbernen Armleuchter, die der
hochselige Herr Graf vom Silber-Inventar der Frau Grfin Wittwe genommen
und zu selbsteigenem Gebrauch von Doorwerth nach dem Haag haben bringen
lassen. Endlich _dreizehntens:_ wird die billige Denkungsart
geliebtester Enkel -- gegen alle die betrchtlichen bergroen Vortheile,
welche diese dermalige Entsagung auf die bisherigen, rechtlichen, so
eben erwhnten Ansprche gewhrt und in der Folge noch mehr gewhren
wird -- in der Verpflichtung nur einen geringen Ersatz erblicken, auer
der Befriedigung der erwhnten Forderungen auf alle und jede Einsprche
auf letztwillige Verfgungen der Frau Grfin Wittwe Excellenz zu
verzichten, auch alle Vermchtnisse und Schenkungen -- wie sie immer
heien mgen, und wie die Hochgenannte ber das, was ihr von dem Ihrigen
verbleibt, verfgen mge -- unverbrchlich zu halten und feierlichst und
verbindlichst allen und jeden Ansprchen und Einsprchen entsagen,
ebenso der berlebenden Dienerschaft nebst standesmigem Trauergeld
ihre Jahresgehalte fortzahlen. -- Herr Graf, ich bin zu Ende.

#Tandem tandemque!# rief Hofrath Brnings und Secretr Wippermann legte,
tief Odem schpfend, seine Feder aus der Hand.

Der Graf lchelte bitter und sprach: Ich danke Ihnen, lieber Windt, da
Sie nicht gleich ein Scalpiermesser mitgebracht haben, mir von Kopf bis
zu den Fen auch die Haut vollends abzustreifen, wie weiland Apoll dem
Marsyas! Sie erwarten gewi jetzt keine Antwort von mir. Darf ich
bitten, mit diesen beiden Herren mein Gast zu sein? Ich habe auch noch
den Kammerrath Melchers herauf bitten lassen.

Soeben wollte Windt Hfliches erwiedern, als der Jger des Erbherrn,
Jacob, die Thre ffnete und herein rief: Der junge Herr bittet, Euer
Excellenz aufwarten zu drfen.

Ach -- das Gromuttershnchen! Mag kommen! -- erwiederte der Graf, mehr
mit einem Tone der Abneigung als der Freude, und jener junge Jgersmann,
der vorhin durch das Abenddunkel und den Vareler Busch nach dem Schlosse
im Geleit seines Dieners und Hundes gewandert war, trat mit rascher,
edler Haltung ein, ging jugendlich unbefangen auf den Erbherrn zu, und
sprach ihn offen und zutraulich an: Guten Abend und willkommen zugleich,
Vetter Wilhelm! Die Gromama freut sich, gleich mir, wenn du wohl bist.

Guten Abend, edler Junkherr Ludwig Carl auf Varel! erwiederte ohne alle
Herzlichkeit der Erbherr, und fuhr fort, da der Jngling nur ihn im Auge
zu haben schien, und die fast widerstrebend zurckgezogene Hand des
Grafen zum warmen Druck ergriff: Die Herren! die Herren! Wir sind ja
nicht allein, mein ungestmer Vetter!

Diese Zurechtweisung verfehlte ihre Wirkung nicht. Ludwig Carl neigte
sich grend gegen die Anwesenden, welche sich jetzt anschickten, das
Zimmer zu verlassen.

Auf Wiedersehen beim Abendessen, meine Herren! rief der Graf, worauf
Brnings und Wippermann sich in das anstoende Zimmer zurckzogen, Windt
aber durch die Hauptthre abtrat, nicht ohne einen Blick voll Theilnahme
und Besorgni auf den Jngling fallen zu lassen.

Die beiden Shne des hohen Hauses standen einander allein gegenber.

Was fehlt dir, Vetter? du bist nicht wie sonst? fragte Ludwig mit der
biederherzigen Offenheit eines jungen Menschen, der Welt und Leben noch
wenig kennt, seinen um dreizehn Jahre lteren nahen Verwandten, und
erhielt zur Antwort: Mglich, da du Recht hast; ja, ich bin mimuthig
und unzufrieden, und glaube mir, ich habe dessen bervolle Ursache. Von
meiner Laufbahn und meiner Thtigkeit werde ich hierher gezerrt, mu
widrige Kmpfe mit Wind und Wellen bestehen und hier -- wiederum noch
widrigere Kmpfe mit Wellen und _Windt_. Die Gromutter wlzt ganze
Springfluthen von Zorn und Galle und widersinniger Forderungen mir an
Bord, und ich sehe abermals des Haders, Zwiespaltes und der uersten
Rechtsverletzungen kein Ende. Wr' ich doch beim Erbstatthalter
geblieben, denn hier auf meinem Eigenthum spiele ich eine wahrhaft
klgliche Rolle!

Ich glaube nicht, da die Gromama dir Unrechtes ansinnt, versetzte der
junge Herr.

So? du glaubst es nicht! So _lge_ ich wohl! fuhr der Erbherr wild und
zornig heraus, indem seine Aufregung sich von Minute zu Minute
steigerte, je mehr die Menge gehufter Forderungen, welche Windt vorhin
vorgetragen, ihm durch die Gedanken wirrte und ihn vllig rathlos zu
machen drohte.

Wenn ich in Alles willigen wollte, ja, wenn ich knnte, was mir in einem
Odem angesonnen wird, so knnte ich mit meiner Gemahlin und meinen
Kindern, so knnte auch der Graf von Athlone, mein Bruder, mit den
Seinen zum Bettelstabe greifen und auer Landes wandern, und wer bliebe
dann die Herrschaft der Herrschaften? Die Frau Gromutter und ihr
Pathchen, ihr Schoos- und Htschelkindchen, du! Und das scheint der
berlangen Rede kurzer Sinn, da _wir_ gehen sollen!

Dem Jngling erschrak das Herz in der Brust bei dieser harten und
heftigen Rede. Wilhelm, ich bitte dich, rief er: wie kannst du solches
denken und sagen?

Denken? warum nicht? zrnte dagegen der Erbherr. Sagen? warum nicht?
Werdet _ihr_ mir Denken und Sagen verbieten oder gar verwehren? Ich
lasse mir nichts verwehren! Ich und mein Bruder, wir sind im Rechte --
du? Wer bist denn du? Was die Frau Gromutter aus dir macht, das bist
du! Ihre Puppe, ihr Spielzeug warst du als Kind, jetzt bist du ihr
Mnz-Katalogschreiber, ihr Mnzwardein, hahaha! du bist noch mehr, du
leimst und kleisterst ihr die Pappkstchen zusammen, in der sie den
alten Kram einlegt, der oft so schmutzig ist, da ich ihn nicht mit
Fingern anfassen mchte; kurz, du bist des Herrn Windt wrdiger Schler,
der Gromama wrdiger Zgling und Gnstling! Fr dich und nur fr dich
sinnt sie tglich und stndlich darauf, meinen Bruder und mich zu
berauben!

Wilhelm! rief Ludwig mit flammendem Blick. Da du mich so beschimpfst
und beleidigst, mich, der ich mit liebevollem und arglosem Herzen zu dir
komme, dich in deiner Heimath zu begren, das ist schlecht von dir, das
ist ehrlos! So benimmt sich kein deutscher Edelmann; hchstens ein
flmischer Bauer!

Was? Mir das! Mir -- dem regierenden Erbherrn, dem Officier?! schrie Graf
Wilhelm auer sich. Du ehrloser Bube! du Schandfleck unsers Hauses, du
_Bastard!_

Da dich Gottes Donner treffe fr dieses Wort! schrie, jetzt auch zur
heftigsten Wuth gestachelt, der junge Herr und seine schwarzen Augen
flammten wie glhende Kohlen. Verflucht soll die Stunde sein, in der ich
dich wieder meinen Verwandten nenne! Verflucht der morgende Tag, wenn
ich in diesem Hause seinen Abend erlebe! -- Du sollst nicht gehen, ich
gehe schon -- aber dir und all' deinen Husern bleibe zum ewigen Fluche
ewige Verwirrung und ewiger Hader! So lange du lebst, soll dieses
Schimpfwort auf deiner Seele brennen! Bin ich ein Bastard, wie du sagst,
so bin ich einer von hoher Abkunft, aus hohem Hause, du aber sollst noch
herabsteigen in den Koth zu den Leibeigenen, und sollst selbst Bastarde
zeugen in wster, wilder Ehe, und sollst verachtet von der
Verwandtschaft deines stolzen Hauses steigende Verarmung gewahren!

Der Teufel redet aus dir, Bube, und seine -- meine Gromutter! -- das war
alles, was Graf Wilhelm noch sprach, den Boden stampfend, da Alles
klirrte und schtterte; in blinder Wuth griff er nach einer geladenen
Pistole, die mit anderen abgelegten Reise-Waffen auf einem Seitentisch
lag; der Hahn knackte und auf dem Fittig der Secunde schwebte der
Verwandtenmord. Aber in demselben Augenblicke, und wie der Graf die
Waffe zum Schu erhob, ging ein rollendes Gerusch durch das Zimmer,
wich ein lebensgroes Ahnenbild zur Seite, aus der verborgenen
Thrffnung strahlte heller Kerzenschein, und mitten in diesem Glanze
stand in lngst veralteter Tracht, im aschefarbenen schleppenden
Seidenkleide eine hagere Greisin mit hellblitzenden blauen Augensternen,
aber verwitterten Zgen; sie hob den rechten Arm und den Finger drohend
gegen den Grafen, die linke Hand nach Ludwig Carl ausstreckend, und den
feingeschnittenen Lippen des zahnlosen Mundes entrollte mit einer
tiefen, fast mnnlichen Stimme das Wort: _Halt!_ Gegen den jungen Herrn
gewendet, rief die unverhoffte Erscheinung, die der aus einer andern
Welt vllig glich: _Zu mir!_

Der Erbherr senkte den schon zum tdtlichen Schu gehobenen Arm, seiner
Hand entsank die Waffe; von Grauen berrieselt, blickte er auf die
Erscheinung hin, hinter welcher zwei Diener in reich betreter Livree
jeder in der Hand einen kerzenvollen Armleuchter hielten.




2. Die alte Reichsgrfin.


Mit festen Schritten trat die Greisin aus der verborgenen Thrffnung in
das Gemach ihres Enkels, das Bild rollte wieder langsam an seine Stelle,
trennte die Herrin von ihren Dienern und schlo deren Zeugenschaft bei
der bevorstehenden Unterredung aus. Das Bild stellte den Grafen Anton I,
einen von des Hauses Ahnherren dar, in der kleidsamen, stattlichen
Tracht der Kmpfer des dreiigjhrigen Krieges.

Die Hand der alten Reichsgrfin erfate schtzend die Rechte ihres
Lieblings, und den durchbohrenden Blick ihrer blitzenden Augen fest auf
den Erbherrn richtend, sprach sie zu diesem mit ihrer tiefen Stimme und
mit Eisesklte: Wer bist du, Mensch, da du es wagst, mit Bastarden um
dich zu werfen und mit Pistolen meinem unschuldigen Enkel zu drohen?
Kennst du _diesen_, unsers Hauses edlen Ahnherrn, deinen Urgrovater?
Auch _er_ war ein Bastard, wenn dir dieses Wort so wohl gefllt, und
sein Blut rinnt in deinen Adern, wie in denen meines Ludwig. Wer bin
ich, und wer bist du? Ich bin die Erbtochter eines Hauses, das seinen
Ursprung weit hinaus in der Zeiten Frhe leitet, das den Lndern
Dnemark, Schweden und Norwegen seine Knige, Schleswig, Holstein und
Oldenburg seine Herzoge gab und dem Czaarenreiche Ruland seine Kaiser!
Meine Gromutter brachte unserm Hause eine Herzogskrone mit, meine
Mutter eine Landgrafenkrone. Ich bin ein Abkmmling von Helden, welche
die Geschichte mit dem Sternenmantel der Unsterblichkeit bekleidet hat;
ich stamme vterlicher Seits von den Herzogen von Aquitanien; Philipp
von Poitou ist mein Ahnherr! Meine Vorfahren erwarben Ansprche auf den
Thron von Neapel und meine nchsten Verwandten sind Prinzen von Tarent.
Von urgromtterlicher Seite sind die heilige Elisabeth und alle die
hohen Ahnen der Sachsenfrsten aus thringischem Stamme und der
Kurfrsten und Landgrafen zu Hessen auch die meinen. Und ich, _ich_ war
die verblendete Thrin, die all' diesen Glanz und Hoheit hingab an einen
Mann, der meiner nicht werth war, an einen simpeln Freiherrn, einen --
Jger aus Kurpfalz, der durch mich erst vom Kaiser Carl dem Sechsten zum
deutschen Reichsgrafen erhoben wurde, sonst wrde ich ihm meine Hand
sicher nicht gereicht haben. Dafr habe ich des Teufels Dank in vollem
Maae geerntet, und ernte ihn bis zu dieser Stunde; Thrin ich, die ich
glauben konnte, indem ich dich zu gtlichem Vergleiche hierher berief,
es schlage in deiner Brust ein vershnliches und dankbares Herz, das nur
irregeleitet sei durch deine falschen, rabulistischen Rathgeber! Nein,
du hast ein bses, verstocktes Herz, Wilhelm Gustav Friedrich! Erst
reizest du den harmlosen Jngling, der deiner Habgier ein Dorn im Auge
ist, weil du glaubst, ich werde ihm etwas zuwenden -- durch giftige
Stachelreden, und dann willst du ihn, den Wehrlosen, ermorden! Wohlan,
morde ihn, morde auch mich, deine Gromutter, und schaue dann vom
Vareler Rabenstein herunter, wie dein Geschlecht sich in das reiche Erbe
der Grafen von Aldenburg und der Herzoge von la Tremouille theilt!

Diese Rede der alten Herrin war lang genug, da whrend ihrer Dauer die
strmischen Gemthswellen im emprten Blute Ludwig's sich legen konnten,
und sein Schmerzgefhl ber die ihm widerfahrene Beleidigung wich dem
Gefhl neuen Dankes, das in der Gromutter jetzt auch die Erretterin
seines Lebens verehren mute. Auf Wilhelm's Herz aber fielen die Worte
der alten Frau mit ihrem zermalmenden Gewicht, wie die drhnenden
Schlge eines Hammers auf das auf einen Ambos gelegte glhende,
funkensprhende Eisen. Unaussprechliche Wuth kochte und glhte in ihm;
seinen Augen entsprhten die Funken, sein Herz hallte das Klopfen der
Hammerschlge nach, und dennoch fand er kein Wort zornvoller
Entgegnung, denn die also heftig und vernichtend auf ihn einredete, war
eine Frau, eine hochbetagte Greisin, und war die Mutter seines
Erzeugers. Als sie schwieg, rang trotz des strmischen Kampfes in seinem
empfindlichen und hchst reizbaren Gemthe der Erbherr dennoch nach
Fassung, und sprach: Also das sind die Friedensprliminarien, Frau
Gromama? Das ist Ihre vershnliche Gesinnung, die mit Forderungen an
mich herantritt, die mir Schwindel erregen? Und nun dieser Sturm -- wo
soll ich Anker werfen in diesem Sturme?

Ankere wo du willst, mein Kreuz ist mein Anker! versetzte die alte
Reichsgrfin, anspielend aus das silberne Ankerkreuz im blauen
Wappenschild der hohen Familie. Du sollst mich kennen lernen, wenn du
mich noch nicht kennst; du sollst erfahren, da ich nicht beabsichtige,
diesen hier, meinen Ludwig Carl, mit euerm Erbtheil zu bereichern. Was
habt ihr denn sonderlich, wenn ich, ich und noch einmal ich euch enterbe
und diesen, meinen Enkel, an Sohnesstatt adoptire?

Gndige Gromutter! das will ich nicht, das wrde ich nicht annehmen!
rief der junge Herr. Lassen Sie ihnen alles -- ich schwur zu gehen, und
ich gehe, so wahr ein Gott lebt! Ich will mich nicht hier behandeln
lassen, wie einen Trobuben, ich will auch nicht zur Last fallen! Nicht
ahnen konnte ich, so verhat zu sein, so sehr verachtet, da man glaubt,
man drfe mich wie einen Hund mit Fen treten. Sie sollen, ja Sie
mssen mir das Rthsel meines Daseins lsen, mir Ihren Segen geben und
mich dann ziehen lassen, wohin Gott mich fhrt!

Du wirst jetzt schweigen, Ludwig Carl, und mir gehorchen! wandte sich
die Reichsgrfin zu dem Jngling; und du, Wilhelm, sollst erfahren, was
ich beschliee. Bis dahin vergi nicht, was du mir schuldest! Vergi
nicht, wer ich bin, und vor allem: vergi nicht noch einmal deine eigene
Wrde!

Die alte Reichsgrfin schlug in die Hnde, Anton's I. Bild rollte Raum
gebend zur Seite, und den geliebten Enkel -- dessen Hand sie whrend
dieser ganzen Zeit nur vorhin einen Augenblick losgelassen, und gleich
nach ihrem Zeichen wieder erfat hatte -- nachziehend, trat sie durch die
Thrffnung in einen gengend breiten Gang, in welchem ihr mit ihr und
in ihrem Dienst ergrauter uralter Kammerdiener Weisbrod und Philipp, der
Diener des jungen Herrn, noch mit den brennenden Kerzen standen.
Alsbald, wie die Thre sich hinter den Eintretenden wieder geschlossen
hatte, schritten beide Diener ihnen voran und geleiteten sie durch den
lngs mehrerer Zimmer vorberfhrenden Gang nach den Gemchern der
Grfin.

Dort sprach die letztere zu ihrem Enkel: Gehe sorgenlos zur Ruhe, mein
lieber Ludwig Carl, doch gieb mir in meine Hand dein Wort, nichts zu
unternehmen, weder gegen ihn, noch gegen dich, bevor du mich morgen um
die neunte Stunde hier noch einmal gesprochen. Weisbrod soll dich zu mir
rufen. Gute Nacht, mein armes, schwergekrnktes, liebes Kind!

Damit bot sie dem Jngling die Hand, er legte stumm die seinige in die
ihre, und zitternd von der Erregung seines Innern kte Ludwig die ihm
huldreich dargebotene zarte Hand der Matrone, eine Hand, die nur Haut
und Knochen, aber fein und fast durchscheinend war, und lie sich dann
durch seinen Diener nach seinen Gemchern vorleuchten.--

Der Erbherr hatte sich in einen Sessel geworfen, die Hnde vor das
Gesicht geschlagen und lange in einer verzweifelten und entsetzlichen
Stimmung verharrt. Die so berraschende Erscheinung der Greisin hatte
einen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn gemacht; er verhehlte sich
nicht, da dieselbe ihn vor einem Mord bewahrt, der mit tiefer und
schwerer Reue ihn belastet haben wrde, denn sein Charakter war von
Natur weich und empfindsam, nicht im entferntesten hart oder entartet,
wohl aber heftig und rasch auflodernd.

In dem jener Wand, durch welche die Grfin gekommen und gegangen war,
entgegengesetzten Zimmer, welches vor kurzem der Hofrath Brnings und
der Secretr Wippermann betreten hatten, hofften beide, nachdem sie den
laut genug gefhrten Streit und die Stimme der Grfin mit innerm Beben
vernommen hatten, lange und vergebens darauf, wieder zu ihrem Gebieter
beschieden zu werden, oder ihn bei sich eintreten zu sehen. Der Erbherr
vermochte es nicht ber sich, nach dem, was ihm gesagt worden war, vor
die Augen seiner Beamten zu treten, und der Hofrath Brnings zog aus der
Tasche seiner brocatnen Weste eine goldene Dose, tippte darauf, bot sie
dem Gefhrten, nahm dann selbst eine Prise, und flsterte leise zu dem
Secretr: Geben Sie acht, lieber Herr Wippermann! Der Name Varel wird
sich nicht an die Namen von Mnster, Ryswik und Hubertusburg anreihen.

Nein, gewi nicht, Herr Hofrath! Heute und bermorgen kommt hier noch
kein Friedensschlu zu Stande.

Gleichzeitig benieten beide Herren ihre bereinstimmende Prophezeihung.

Der Erbherr lie die Herren durch seinen Jger Jacob ersuchen, ihn zu
entschuldigen und mit Kammerrath Melchers und Herrn Haushofmeister Windt
heute ohne ihn zu speisen.--

Philipp, sprach, aus seinem Wohnzimmer angelangt, der junge Herr zu
seinem Diener im platten Deutsch seines Heimathlandes: morgen reite ich
in die Fremde, willst du mit?

Ob ich _will_, mein gndiger junger Herr? fragte der Diener. Mu ich
nicht, wenn der gndige Herr mir befehlen?

Du mut nicht, und ich befehle dir nicht -- entgegnete Ludwig. Mein Weg
geht weit, vielleicht sehr weit in die Welt hinaus, noch wei ich selbst
nicht, wohin er fhrt. Du hast hier Aeltern, Angehrige, die siehst du
nicht so bald, vielleicht niemals wieder -- ich kehre nie wieder in
dieses Land zurck. Ueberlege dir es wohl.

Junger gndiger Herr! versetzte Philipp: Da Sie eingesegnet wurden, kam
ich auf Befehl der Frau Grfin Wittwe Excellenz als Ihr Bedienter zu
Ihnen, Sie waren damals dreizehn Jahre alt, ich ein Brschchen von
fnfzehn; jetzt bin ich schon ins sechste Jahr Ihr Diener und Sie haben
mich immer gut behandelt, ja, Sie haben noch mehr gethan, Sie haben mich
aus dem Wasser gezogen, in das ein Unglck mich geworfen, und mir so
mein Bischen Leben gerettet; das gehrt nun Ihnen ganz und gar. Ich will
immer Ihr Diener bleiben. Was htt' ich hier? Arbeit oder Soldatenbrod --
nehmen Sie mich mit, ich will Ihnen treu dienen, und Ihnen folgen, und
wenn's bis an der Welt Ende ging'.

Gut, Philipp, so bleibe es dabei, und so wollen wir einpacken; la die
Isabella striegeln und den Braunen, und beide gut fttern, morgen reiten
wir von dannen. Dann #fare well,# Varel!

Mit fester Haltung, bittere und zugleich tiefschmerzliche Empfindungen
gewaltsam in sich zurckpressend und in jugendlichen Trotz sich
verkehrend, begann Ludwig seine Habseligkeiten, so viel er deren mit
sich nehmen wollte, zusammenzulegen, damit Philipp sie in den Mantelsack
packe; er lud mit eigener Hand zwei Paar Reiterpistolen und whlte unter
zwei krummen Sbeln fr Philipp den dauerbarsten und schrfsten; fr
sich eine Damascenerklinge, auf deren Griff ein Silberplttchen das
Wappen der Herzoge von Bouillon zeigte.

Spt suchte Ludwig die Ruhe, noch spter fand er sie durch einen kurzen
Schlummer; allzuaufgeregt war das Gemth des Jnglings, der bisher im
sesten Frieden, nur heitern und anregenden Studien obliegend, oder
lndlichen Freuden gelebt hatte, und an den nie ein so schneidender
Miton herangetreten war, wie an diesem verhngnivollen Abende, der
vielleicht das Loos ber seine ganze Zukunft warf.

Hochbejahrte Personen haben wenig Schlaf; auch der rege Geist der alten
Reichsgrfin bedurfte, trotz der morschen Krperhlle, nur wenige Ruhe,
eben weil er den Krper beherrschte. Daher mute die Leibdienerschaft
der grflichen Matrone frh auf sein, das Zimmer angemessen durchwrmen,
den belebenden Mokkatrank bereit halten, und dann verbrachte sie gern
die ersten Morgenstunden in ungestrter Einsamkeit, und widmete
dieselben ihren numismatischen Studien, ihrem weitverzweigten
Briefwechsel, dem Ordnen ihrer vielfachen Papiere, die dehalb dennoch
nie die gewnschte vllige Ordnung fanden; dem Nachsinnen und Ueberlegen
ber die Verwendung ihrer Einknfte, wie ber die traurigen
Rechtsstreitigkeiten. Letztere dauerten indessen schon zu viele Jahre,
sie war derselben schon zu sehr gewohnt, als da sie dadurch sonderliche
Gemthsbewegungen auch jetzt noch htte erfahren knnen. In ihrer Seele
war Alles klar, fest, abgeschlossen, ihre Willenskraft war eisern, wie
ihr Sinn, und diese hohe wichtige Errungenschaft fast vlliger
Leidenschaftlosigkeit war es eben, die der alten Frau diese ber das
gewhnliche menschliche Ziel hinausreichende Lebensdauer erhielt und
gleichsam sicherte.

Der Nebel der Nacht war gesunken, der Morgen lachte aus blauem Himmel
frhlingshell durch die hohen Fenster, die nach dem Parke hinausgingen,
an dessen Rndern schon blaue Anemonengruppen und Schneeglckchen sich
blhend zeigten. Die thaubeperlten noch nackten Zweige der Gebsche
erschienen saftgeschwellt und zum Theil rosenroth angehaucht, Knospen
ffneten sich schon, und melodische Hainsngerstimmen, die Stimmen von
Amseln und Drosseln, durchflteten mit schallendem Jubel die
weitgedehnte Holzung, welche den Namen des Vareler Busches fhrt.

Die Kammerfrau, welche die Schwester des Haushofmeisters war, trug der
Grfin, die auf bequemem Armstuhl an ihrem groen Schreibtisch sa, an
welchen wieder andere Tische gerckt waren, den Kaffee auf und entfernte
sich in geruschloser Stille. Diese Stille liebte die Grfin so sehr,
da sie in ihrem Zimmer weder Hunde noch Vgel duldete. Nur eine
Cypernkatze, ein Prachtexemplar, geno der groen Gunst, um die Dame
weilen zu drfen, sie bisweilen mit ihrem Geschnurr zu unterhalten und
ihre Aufmerksamkeit durch zrtliches Anschmiegen an die hohe Gebieterin
von den ernsten Beschftigungen ab und auf ihre geschmeidige
Persnlichkeit zu lenken.

Das Zimmer war hell, hoch und weit, voll Bcher, voll Karten, Globen,
Mnzschrnken, hohe Ste ausgelochter Tafeln, mit lichtbraunem Leder
berzogen, mit untergelegter Pappe zum Einlegen von Mnzen waren da und
dort zu erblicken. Dokumente und Briefschaften lagen in Flle umher, das
ganze Zimmer glich ungleich mehr dem Arbeitsalon eines reichen
Gelehrten, angefllt mit Gerthen, selbst mit Vasen und Kunstarbeiten,
sowie mit Seltenheiten ferner Lnder, als dem Zimmer einer Dame, denn da
stand auch nicht ein einziges Krbchen, auer dem Papierkorb, da lag
kein Band, kein Strickzeug, keine Nadel, keine begonnene Stickerei, kein
gepretes und gemustertes Luxusbriefpapier, wohl aber zeigten die Bcher
stolzen Marokineinband mit Goldschnitt, zeigten in Gold gepret auf dem
Einband das reichsgrfliche Wappen neben einem frstlichen, und das
Briefpapier, das in starkem Vorrath bereit lag, hatte Goldschnitt.

Indem die alte Reichsgrfin zwischen dem Einnehmen ihres Kaffees und der
Unterhaltung mit der schnen Katze, die bei diesem Anla stets ein
schmarotzender Gast war, sich mit der An- und Durchsicht zahlreicher vor
ihr hingebreiteter Papiere und Briefe beschftigte, sprach sie nach Art
bejahrter Personen laut mit sich selbst, indem sie bald dieses bald
jenes Papier oder deren mehrere aufnahm, flchtig ansah, auch nach
Befinden lnger bei einigen verweilte und das so in Augenschein
Genommene gleich wieder in guter Ordnung zur Seite legte, um alsbald
nach einem andern zu greifen.

Fiscalische Sache zu Oldenburg -- Akta wegen des jetzigen Processes --
ditto -- ditto -- ditto -- und noch fnfmal ditto -- Briefe vom Prinzen von
Talmont -- dergleichen vom Marquis de Launoy -- armer
Bernard-Ren-Jourdan, armer Marquis! Freundlicher, milder Schatten, den
die rebellischen Teufel ermordeten, weil sie dir als Gouverneur der
Bastille nicht die Bedingungen halten wollten, unter denen du das feste
Haus bergeben -- Entwurf meines Testamentes -- Wienerische
Appellations-Sache -- Gldenlwesche Briefe -- Briefe von Knig Friedrich
dem Groen -- von meinem Voltaire -- von Georgine Cavendish, Herzogin von
Devonshire -- von meinem Heyne und von meinem Georg Friedrich Benecke zu
Gttingen -- vom Herzog von Holstein-Pln -- das Tagebuch der Gromutter.

Dieses Buch betrachtete die Grfin mit einer gewissen stillen Wehmuth,
die sich aber in keiner Weise uerlich kund gab. _Sie_ Gromutter einst
-- sprach sie -- _ich_ Gromutter jetzt, und beide fast in gleichen
Schuhen.

Das Buch war ein in braunes Leder mit einfachen Goldstreifen gebundener
und mit abgegriffenem Goldschnitt verzierter Quartband. -- Als die
Reichsgrfin flchtig hineingeblickt, legte sie es zur Seite, und griff
nach einem in Umschlag mit Bindfaden umschlungenen Papierheft. Mein
Tagebuch -- sprach sie -- so viel mir davon erhalten blieb -- nur achtzehn
Monate aus meinem langen -- vielbewegten Leben -- mgen auch diese Bltter
hinschwinden -- das Buch meiner Tage ist ja doch nun wohl geschlossen.

Auch diese Bogen legte die Reichsgrfin zu dem alten Band, und fuhr fort
mit der Musterung ihrer Papiere: -- Ehescheidungsproce -- oh hinweg! --
Briefe von der Grfin von Jaxthausen -- von der Prinzessin von Waldeck --
von der Frstin Juliane zu Schaumburg-Lippe -- von kniglichen Huptern --
von meinem lieben Abbe Eckhel zu Wien. Oh Eckhel! Eckhel!

Das Gefhl, welches die alte Reichsgrfin zu diesem Ausruf bewog,
entsprang einem unberwindlichen Schmerz, und dennoch konnte sie diese
Bltter nicht so schnell, wie die andern, flchtig zur Seite legen;
ihre Blicke vertieften sich vielmehr in die festen Schriftzge des
grten Alterthumsforschers und Mnzkenners seiner Zeit, und dieselben
bten auf die Grfin gleichsam magnetische Anziehungskraft, sie mute
wieder und wieder lesen, was ihr Pein verursachte, wie der Wundarzt wohl
bisweilen eine Wunde wiederholt brennen mu, auf da sie grndlich
heile.

Wo ist er, wo ist er, der grausame Brief des strengen Freundes, dem
Wahrheit ber Alles heilig ist? Ach, jeder seiner Briefe enthlt mehr
Tadel als Lob -- fr was mu er mich halten? Fr eine alte Nrrin
jedenfalls. Und wenn es Narrheit war, was ich trieb und noch treibe, was
kostet sie mich nicht? Dann unermelich viel, ja mehr, als ich
verantworten kann.

Welche Worte auf meine Fragen: Was ich von den Eroberungen fr das
Kabinet Ihrer Excellenz halte? Da unter den Stcken, die nach Hamburg
gingen und sich dermalen in so schtzbaren Hnden befinden, sehr viele
ansehnliche sind, doch mte ich sie sehen, um ber deren Aechtheit zu
entscheiden! -- Eine Pille, doch recht schn vergoldet.

Wie ich mit der Anordnung des Ennerischen Katalogs zufrieden sei? --
Sehr schlecht -- altvterische Art beibehalten, -- strotzt von unendlichen
Fehlern, und zwar von einer Art, die man nicht leicht einem Anfnger
vergeben wrde. Man mu erstaunen, aus Frankreich, das mit seiner
Gelehrsamkeit so gro thut und uns Deutsche so gern heruntersetzt, ein
so rgerliches Zeug erscheinen zu sehen. Ich rede unparteiisch, weil ich
den Verfasser nicht kenne.

So Eckhel -- und _ich_ habe diesen Katalog mit Entzcken begrt und ihn
nach allen Seiten hin empfohlen. Van Damme, den Numismatiker zu
Amsterdam, mit dem ich Jahre lang Briefe gewechselt, der groe Summen
fr Mnzen mir nach und nach abgelockt, enthllt Eckhel hier als einen
schamlosen Betrger, und dessen Prachtkatalog mit allen seinen Bildern,
den jener so sndentheuer verkauft, sei nichts als Aufwrmung der
Platten eines elenden hollndischen Werkes von Haverkamp, im Grafenhage
erschienen. Und ich kenne dieses alte Werk nicht, und besitze eine
Bibliothek von zwanzigtausend Bnden! -- Und endlich, _mein_ Katalog, das
Schmerzenskind meiner Liebe zur edlen klassischen Mnzkunde -- wie
lautet ber diesen der Richterspruch des unbestechlichen Wiener
Rhadamanth?

Einen Blick ber Ihro Excellenz ganzen Katalog. Ich sehe darin eine
Menge der kostbarsten und seltensten Stcke, aber eben dieser Umstand
macht, da sich die ganze Sammlung vor den Augen chter Kenner in keinem
vortheilhaften Lichte zeigt. Jeder Kenner mu in der That ber das
unnennbare Glck erstaunen, welches so viele und so schtzbare Mnzen
einem einzigen Privatkabinette sollte zugespielt haben. Zur Probe nur
ein Beispiel: auch in den grten Sammlungen, die von groen Frsten
durch viele Jahre sind zusammengebracht worden, findet man oft nicht
_ein_ Stck von den bosporischen Knigen _Ininthimeus_, _Teiranes_,
_Thotorses_ -- es ist keines im kaiserlichen Kabinet, keines im
groherzoglichen, keines im gothaischen und mehren andern; ich habe in
meinem Leben keines in Natur gesehen; Herr Baron Herwart, kaiserlicher
Gesandter in Konstantinopel, der fr das kaiserliche Kabinet durch mehre
Jahre in der Nachbarschaft bosporanische Mnzen sammelte, und dazu
#carta bianca# hatte, war nicht so glcklich, nur eine einzige Mnze von
diesen drei Knigen zu bekommen, und doch finden sich alle drei in der
Sammlung -- Ihrer Excellenz! Sollte ein so undenkbares Glck einen Kenner
nicht mitrauisch machen?

Oder nicht auch ein wenig neidisch? unterbrach die Reichsgrfin ihr
Lautlesen mit einem gewissen triumphirenden Gefhl, dann sprach sie
weiter, den fernern Inhalt des Briefes berfliegend: Pellerins Kabinet
sei das bedeutendste in Bezug auf anekdote und sogenannte _einzige_
Mnzen gewesen -- ganz besondere Umstnde haben ihn begnstigt, langes
Leben, verbunden als #commis de marine# mit allen Konsuln der Levante --
ein gewisser La Roche habe in einem kleinen Orte zwischen Grenoble und
Lyon mit ganz besonderer Geschicklichkeit die besten pellerinischen
Mnzen nachgemacht -- das der Aufschlu und zugleich mein Mnzschlssel.
Eine ganze Schachtel voll angstschweitreibender Pillen -- und der
Schlu?

Ich bitte und hoffe es auch, Ihre Excellenz werden mir mein
aufrichtiges Gestndni zu gute halten. Schon beim ersten Anblick des
Katalogs wollte ich damit herausrcken, aber ich frchtete zu
beleidigen. Endlich fate ich mich, weil es meine Rechtschaffenheit von
mir forderte und es mir zu arg schien, da sich schlaue Betrger lnger
von der Habe edeldenkender und fr die Literatur eingenommener Personen
nhren sollten. -- Abbe Eckhel.[1]

    [Funote 1: Urschriftlich; der Brief ist noch vorhanden.]

Genug -- er ist nun einmal der Wahrheit unerschtterlich treu; sollte ich
dem redlichen Freunde zrnen? Wer die Wahrheit nicht hren will und
kann, der ist sehr zu beklagen. Habe ich doch nur das Gute gewollt und
die Wissenschaft zu frdern gesucht mit wahrhaft groartigen Opfern --
und das Gute und Groe aufrichtig gewollt zu haben, gibt schon ein
Gengen.

Nun aber hierin nicht weiter -- Anderes bringt die andere Stunde.

Die Reichsgrfin legte noch einige Schriften und Briefschaften sich zur
Hand, und dann klingelte sie.

Der greise Kammerdiener Weisbrod trat ein.

Ich lasse Herrn Windt bitten!

Was nun werden wird, werden soll, nach dem gestrigen Auftritt? fragte
sich die Matrone. O gewi, ich mu die ganze Last der Sorge mit in die
Grube nehmen -- doch nicht ungestraft sollen sie mir die letzten Tage
meines Alters verbittern, und thun will ich, was ich will, bis zum
letzten Athemzuge.--

Windt trat ein, er sah noch bleicher aus, als am gestrigen Abend; seine
Gebieterin nahm dies mit ihrem noch immer scharfen Fernblick sogleich
wahr und fragte, als sie auf seinen ehrfurchtvollen Gru gndig gedankt:
Was ist Ihnen, lieber Windt? Sie sehen so sehr angegriffen aus?

Ich bin es, Excellenz! -- erwiederte Windt, und seine Stimme war matt und
bebend; er war kein Jngling mehr und die letztvergangene Zeit hatte
krperliche wie geistige Anstrengungen in Flle auf ihn gehuft.

Es ist auch kein Wunder -- fuhr Windt mit offener Freimthigkeit fort.
Ich wurde in Doorwerth von einem heftigen Gichtanfall heimgesucht, zu
dem sich etwas Fieber gesellte, da empfing ich dieses kurze Briefchen
von dem Herrn Erbgrafen aus dem Haag: Ich werde nicht ber Doorwerth
nach Varel gehen, mein lieber Windt, aber gerade von Amsterdam ber See
und Ostfriesland, weil das viel krzer ist, und so bitte ich Sie, wenn
Sie mit mir die Reise machen wollen, binnen acht Tagen in Amsterdam zu
sein. Bis dahin leben Sie wohl und glauben mir, Ihrem -- und so weiter.
Aber ich gestehe Ihrer Excellenz, da ich weder Muth noch Kraft genug in
mir fhlte, mich bei dem strmischen Wetter, wie die letzte Zeit des
Aequinoctiums mit sich brachte, auf die See zu begeben und in des Herrn
Grafen kleinem Schiffe herum zu treiben. Ich reiste zu Lande, eilend,
angestrengt und schlecht. Ich zog mir dadurch eine Lhmung der linken
Seite vom Scheitel bis zur Fusohle zu, und nur einige Ruhe, Wrme und
meine gute Natur stellten mich wieder her, auch tragen die guten
Nachrichten von Ihrer Excellenz hohem Ergehen dazu bei, mich wieder
vollkommen gesund und meinen Diensteifer frisch lebendig zu machen. Und
ich will lieber Alles: Hals, Kopf und Kragen verlieren, ehe ich nur
eines Haares breit eines Ihrer heiligen Rechte fahren lasse, die ich
zwar nicht als Rechtsgelehrter, wohl aber nach gesunder Vernunft und
natrlicher Billigkeit als ein redlicher Diener vertheidigen kann. Nur
bitte ich um Dauer des hochgndigsten Vertrauens. Ich sprach, noch ehe
ich abreiste, in Doorwerth den Jger des Herrn Grafen, der mit der
Kutsche, zwei Pferden, drei Reitknechten und vier Reitpferden durchkam,
um hierher vorauszureisen, und es wurde mir diese Gelegenheit
angetragen; die Gesellschaft stand mir aber nicht an. Ich nahm
Extrapost.

Sie kennen den gestrigen Vorgang? -- fragte die Grfin.

Ich kenne und beklage ihn, war Windt's Antwort. Er reit ein, was ich
mhsam aufbaute und anbahnte, die friedliche, willfhrig
entgegenkommende Gesinnung. Halten es Ihre Excellenz zu Gnaden -- aber
Hchstihre persnliche Einmischung--

Galt dem Schutz meines Pathen -- unterbrach die Herrin, stark betonend.
Ich danke Gott, da mir vergnnt war, zu rechter Zeit mich einzumischen,
ich wollte es nicht, ich wollte nur ein wenig lauschen, welche
Gesinnungen gegen mich sich aussprchen, da geschah das Aeuerste, da
mute ich den Fu auf die Springfeder setzen, die das Bild wegschiebt,
zwei Secunden vielleicht zu spt, und mein Enkel htte meinen Enkel
erschossen, und dieses mein durch Mord noch nie entweihtes Haus mit
einer blutigen Unthat befleckt.

Gegen diese Grnde, Excellenz, kann ich nichts sagen -- nahm Windt
wieder das Wort.

Und was gedenken Sie zu thun? fragte die Grfin.

Ich gedenke das Beste fr Euere Excellenz zu thun, was sich nur immer
thun lt, obschon ich voraussehe, da es mir ein Stck Lunge kosten
wird; ich hoffe, eine wahre, grndliche und dauerhafte Ruhe zu bewirken,
aber Ihre Excellenz mssen mich in Gnaden gewhren lassen, und die
Erreichung dieser Absicht wre mir der hchste Ruhm. Ihre Excellenz
drfen auch nicht das Unmgliche weder fordern noch erwarten. Vor Allem
mu aller fremde Einflu abgeschnitten bleiben, denn ich denke, da,
wenn Hochdieselben mit demjenigen, der nchst Hchstihnen Haupt der
Familie, regierender Herr, Erstgeborener und eigentlicher Stammhalter
ist, einen Vergleich errichten, durchaus kein Dritter, und wre er der
nchste Agnat, hinein zu reden hat.

So schlieen Sie den Bruder und meinen Ludwig so zu sagen aus? fragte
die Grfin gespannt.

Hren Ihre Excellenz mich ruhig an, antwortete Windt. Vieles, was
gefordert wird, ist dem Herrn Grafen zu erfllen geradezu unmglich; er
kann nicht die Glieder der gesammten, in England und Holland verstreuten
Familie zu einer bindenden Unterschrift bewegen und zusammenbringen; er
kann nicht einhundertundfnfzigtausend hollndische Gulden zu sechs
Procent, wie jetzt blich, aufnehmen, sie jhrlich mit neuntausend
Gulden verzinsen; nicht nach zwlf Jahren dieselbe Summe bezahlen und
sie mittlerweile mit sechstausend Gulden verzinsen, dazu das zu
gewhrende Witthum von jhrlich viertausend Gulden, und was noch
jhrlich an das schrecklich vernachlssigte Doorwerth zu wenden ist.
Wenn der Herr Graf zu solchen Dingen sich verpflichten, so knnen
Dieselben weder rechnen, noch Wort halten. Er ist und bleibt arm, seine
Kinder vielleicht knnen dereinst frchterlich reich werden -- er -- wird
Reichthum nie besitzen. Doorwerth liebt er, dieses wnscht er gern zu
haben, es ist gut und heilsam, wenn die Gter ungetrennt beisammen
bleiben. Ich bin berzeugt, da der Herr Graf redlich und im guten
Glauben zu Werke gehen und noch edler und gromthiger handeln wrde,
wenn er es htte, wie er es nicht hat.

Ei, Sie sind ja pltzlich mein gegnerischer Anwalt geworden? rief mit
schlecht verhehlter Gereiztheit die Reichsgrfin. Wie deut' ich das? Was
hat Sie denn so umgewandelt? Von der edeln gromthigen Denkart wurde ja
gestern Abend ein Prbchen zum Besten gegeben. Wre ein neuer tragischer
Stoff geworden fr Herrn Hofrath Leisewitz in Braunschweig, der ja den
Julius von Tarent geschrieben hat und unserm hohen Hause Dinge und
Thaten aufbrdet, die nie in ihm geschahen; was ganz schndlich ist,
denn nie gab es im Hause der Frsten von Tarent, das so eng mit meinem
eigenen verzweigt und verwachsen ist, eine solche abominable Geschichte,
und keiner von allen Frsten dieses Hauses hie Constantin, Julius,
Guido und wie die von dem laxen Comdienschreiber sonst ersonnenen Namen
noch heien mgen!

Die Poeten, gndigste Excellenz -- entgegnete Windt, heimlich lchelnd
ber den antidramatischen Zorn seiner Herrin -- haben ein Ding, das
nennen sie #licentiam poeticam# -- welches ich Hochgrflicher Gnaden, die
besser Latein verstehen als ich, nicht zu bersetzen brauche.

Habe nichts dagegen, das Stck ist gut, Herr Lessing hat es gelobt -- es
ist sogar, wie mir geschrieben wurde, auf frstlichen Privattheatern --
ich glaube am Sachsen-Meiningenschen Hofe, unter Mitwirkung
durchlauchter Personen selbst, zur Auffhrung gebracht worden; ich
verlange nur, die Herren Dichter sollen nicht Namen aus der Luft
greifen, sollen nicht das erste beste hohe Haus mit ersonnenen Unthaten
beflecken, sondern diese da spielen lassen, wo sie sich geschichtlich
zugetragen haben, und sollen ihre Nasen in die Stammbume stecken und
die Leute, die sie brauchen, beim rechten Namen nennen. Des Herrn von
Goethe allbewunderter Gtz ist auch so ein Ding, das im Nebel und
Schwebel spielt, ohne allen geschichtlichen Boden. Er lt den
fehdeschtigen Raubritter fr die deutsche Freiheit sterben, whrend der
alte Kauz daran nicht im Entferntesten dachte, und in aller Gemthsruhe
ber achtzig Jahre alt wurde, um Zeit zu haben, seine schlimmen Streiche
selbst fr die Nachwelt aufzuschreiben. -- Ja, sehen Sie mich nur an,
lieber Windt, das macht Ihnen wohl rechten Spa, da ich alte Frau mich
noch ber Comdien ereifere, aber sehen Sie, ich bin einmal eine
Freundin der Wahrheit, wie mein lieber Abbe Eckhel in Wien auch deren
Freund ist, der mich in meiner Eitelkeit und Gelehrsamkeit auf den Tod
verwundete, und dem ich, ich sage ich, die Hand noch kssen mchte, mit
der er die Feder fhrte, die mir nicht dumme Schmeicheleien, sondern die
reine, in seiner grndlich tiefen und gelehrten Ueberzeugung wurzelnde
Wahrheit schrieb. Doch -- wie weit schweifen wir ab von unserm Ziele,
mein lieber Windt -- fahren Sie fort, Sie schlimmer #advocatus diaboli!#

Um Gott, Excellenz! Dies Wort ist nicht Ihrer Gnaden Ernst. Ich htte
noch viel zu sagen -- aber wenn Hochdieselbe mir zrnen--

Halten Sie mich fr ein Kind, Windt? Frwahr, dann wre ich wohl ein
recht altes. Noch denke ich nicht, obschon ich neunundsiebenzig Jahre
zhle -- kindisch zu sein.




3. Der Abschied.


Die Reichsgrfin unterbrach dieses Gesprch, indem sie klingelte.
Weisbrod trat ein und erhielt den Befehl, den jungen Herrn zu ihr zu
bescheiden. Dann nahm sie den Faden der Rede wieder auf und sprach zu
Windt: Die gestrige Scene verlockte uns in den Irrgarten der
dramatischen Poesie mit seinen unbeschnittenen Laubgngen -- bleiben wir
bei der Hauptsache: Warum hat sich Ihr Sinn gewendet? Sind Sie eine
Windfahne?

Nein, Excellenz! vertheidigte sich Windt: eine solche bin ich nicht,
vielmehr hoffe ich bewiesen zu haben, und denke es ferner zu beweisen,
da mir die Wnsche und Vortheile Ihrer Excellenz ber Alles gehen. Aber
-- Excellenz lieben ja die Wahrheit, und Wahrheit mu Wahrheit bleiben.
Was auch gestern Strendes, Widriges und aufs neue Hemmendes vorgefallen
sein mge, _das_ darf ich doch khn behaupten, da das Gemth des
gndigen Erbherrn durch mich und meine Briefe zu wahrer Liebe und
Ehrfurcht gegen Ihre Excellenz gestimmt war; freilich ist er uerst
empfindlich und reizbar und ein unbedachtes Wort ist im Stande, sein
ganzes Wesen in Aufruhr zu bringen. Wie ich den Herrn Grafen kenne, sind
wenige Worte im Stande, ihn zu bewegen, da er Alles um sich nieder
wirft und liegen lt, es gehe wie es gehe, aber sein Charakter ist und
bleibt redlich. Er ist nicht der Mann, welcher Excellenz beraubt,
geplndert und von Land und Leuten verdrngt sehen will, im Gegentheil,
er theilte mir gerade heraus mit: Will meine Frau Gromutter Varel
wieder zu eigen haben, so nehme sie es gerne, wenn es nur ohne weitere
Schulden und dereinst meinen Kindern bleibt.

In der That -- sehr gndig! -- spttelte die Herrin und machte einen Knix,
aber Windt kehrte sich nicht an ihren Spott.

Der redliche Diener fuhr im Tone vollster Ueberzeugung fort: Halten
Excellenz es mir zu Gnaden, da ich so frei heraus meine Meinung sage!
Die Hauptsache mu so behandelt werden, da beide Theile mit Ehren
nachgeben, mit Ehren annehmen und mit Ehren ablehnen knnen. Ich brauche
wohl nicht erst an den Wahlspruch im reichsgrflichen Wappen zu
erinnern.

#Craignez honte!# versetzte die Herrin, den Wahlspruch anfhrend, und
fgte hinzu: Bravo, Herr Windt! Ich danke Ihnen fr diese Lehre.

Eher wrde ich selbst auf Ihrer Excellenz Vortheile verzichten, als im
Punkt von Hochderselben Ehre nachgeben, und wenn der Herr Graf Alles
anzunehmen versprche, was Ihre Excellenz von ihm verlangen, so wrde
_ich_ der Erste sein, der zu ihm sagte: Sie handeln ohne Ueberlegung,
ohne Ehre, ohne Zartgefhl, denn Sie _knnen_ nicht Wort halten. Ihre
Excellenz kennen in der That den Herrn Grafen zu wenig, er ist Ihnen
entwachsen, er ist noch jung, und bei Gelegenheit wohl spttisch,
sarkastisch oder berreizt -- er ist aber wahrhaftig ein edler Mann, und
der Beste von den Seinen, so viel ich deren in Holland kennen lernte.
Was ich von seinen Handlungen wei, ist nur ehrenhaft. Um sein gegebenes
Wort zu erfllen, hat er sich mit seiner Frau Mutter auf eine Art
entzweit, da sie nie wieder einig wurden. Das kam so: In der
unglcklichen Revolution hing sein Leben im Haag jeden Augenblick an
einem Zwirnsfaden, und gleichwohl zeigte er stets den hchsten Grad von
Entschlossenheit. Um zu seinem Ziele zu gelangen, mute er sich eine
Partei machen, zu der er auch geringe Brger und Leute der niederen
Klasse herbeizog. Diese wollten aber unter keiner anderen Bedingung ihm
anhngen, als da er ihnen gelobe, nach erkmpftem Siege ihr Schout, so
viel wie #Grand Baillif# zu werden, denn das Volk war, wie das stets bei
Revolutionen der Fall ist, mit der Polizei und Gerechtigkeitspflege im
Haag hchst unzufrieden und suchte sie zu beseitigen. Der Herr Graf gab
sein Wort, seine Partei gewann die Oberhand, und das Volk rief ihn aus
Dankbarkeit zu seinem Ober-Amtmann aus. Darber entsetzte sich seine
Frau Mutter, die geborene Baronesse de Tuyll Serooskerken, auf das
Aeuerste, wie Ihre Excellenz sich denken knnen.

Ja wohl, wie ich mir allerdings recht gut denken kann! unterbrach ihn
die alte starre Aristokratin. Doch Windt fuhr ruhig fort: Die Frau
Mutter des Herrn Grafen drohte, sich gnzlich von ihm loszusagen, wenn
er dem Verlangen des Volkes nachgebe, der Graf aber sprach: Ich bin
Edelmann und mu im Glcke halten, was ich im Unglcke versprochen habe.
Die Zwietracht mit der Mutter blieb, und der Herr Graf blieb
Ober-Amtmann.

So spalten die unseligen politischen Parteikmpfe den Frieden und die
Herzen der edelsten Familien! rief fast im heftigen Tone die alte
Reichsgrfin. Meine Frau Schwiegertochter hat vollkommen Recht! Auch mir
schnitt es tief in das Herz, zu sehen, wie ein Angehriger meiner
Familie mit dem Pbel, der Hefe, zu liebugeln sich herablie und sich
wegwarf. Aber zuletzt sind Sie selbst solch ein elender Demokrat, Windt!

Der Haushofmeister war einen Augenblick betroffen durch den schneidenden
und vorwurfsvollen Ton der alten Frau, deren Gemth jetzt an der
empfindlichsten Stelle und durch eine der unliebsamsten Erinnerungen
berhrt worden war; doch blieb er gefat und entgegnete in seiner zwar
unterwrfigen, aber stets wrdevollen Redeweise: Ihro Excellenz scheinen
sich im Augenblick nicht daran erinnern zu wollen, da die oranische
Partei, fr welche der Herr Graf wirkt, nicht die sogenannte Volkspartei
war, da erstere vielmehr durch die untern Schichten _gegen_ die
letztere zu wirken suchte, da aber auch die niederlndischen
Republikaner keineswegs eine Revolution wollten. Der Herr Graf ist als
Oberrichter stets gerecht und unparteiisch erschienen; er hat darauf das
wachsamste Auge, da Niemand Unrecht erleide, er hilft Allen, denen er
nur irgend helfen kann, seien es sogenannte Patrioten, oder keine, und
viele Unglckliche hat er als geschickter und rechtskundiger Anwalt so
vertheidigt, da sie schweren Strafen entgingen, denen sie ohne ihn
anheim gefallen wren; daher verdient sein Benehmen, als das eines
Mannes von Wort und von Ehre, weder Tadel noch Mitrauen. Und was
endlich meine elende Demokratie betrifft, wie Excellenz sich
auszudrcken beliebten, so gebe ich dem Wunsche Worte, es mchte das
ganze heilige rmische Reich so glcklich sein, lauter Demokraten meines
Schlages zu besitzen, dann wrde berall Ruhe, Friede und Ordnung, und
nirgend Emprung gegen Obere sein. Aber jeder Mensch hat minder oder
mehr Gefhl fr die _Freiheit_; wer dieses lugnet oder verlugnet, ist
ein feiler Sclave, oder in seiner eigenen Seele selbst ein Stck von
einem Despoten; ich bin keins von beiden. Derjenige jedoch, welcher an
der gegenwrtigen, fanatischen, wahnsinnigen franzsischen
Freiheitsraserei Theil nimmt und Behagen daran findet, ist ein
Jacobiner, ein Anarchist, ein Verbrecher: das bin ich auch nicht,
sondern stets zu Ihrer Excellenz Diensten.

Wackerer Windt -- vergeben Sie mir, wenn ich Sie krnkte! sprach die
Reichsgrfin mit ernstem Gefhl, und immer hher stieg der Mann in ihrer
Achtung, der mit dem redlichsten Diensteifer die Wrde des Hauses wie
seine eigene nicht einen Augenblick aus den Augen setzte.

Der Eintritt des jungen Herrn, der schon fast vllig reisefertig
erschien, unterbrach das Gesprch der Gebieterin und des Dieners. Ludwig
brachte seiner Gnnerin den blichen Handku als Morgengru dar und ihr
Herz, so fest und stark es war, hart geworden durch die Jahre und die
Flle bitterer und schmerzlicher Erfahrungen, wallte auf bei dem
Andenken an die Trennung von dem Liebling, der heute ihr so bleich und
trauervoll nahte.

Ein freundlich bittender Augenwink der Reichsgrfin entlie Windt, und
gleich nach dessen Entfernung redete sie den Enkel mtterlich liebevoll
an.

Du bist heute so bla, mein Ludwig Carl -- du fhlst was ich fhle. Du
willst fort, und die Trennung von mir thut deinem kindlichen Herzen weh?

Theuerste Gromutter! antwortete der Enkel: ich wollte, der Erbherr
htte seine That gegen mich gestern vollbracht; glauben Sie mir, mir
wre besser. Mir wurde eine Wunde geschlagen, die niemals heilen wird --
Gedanken strmen in meiner Seele, die ich niemals dachte -- ich kannte
nicht den Ha, nicht das brennende Gefhl der Rache, nicht die Schaam
ber einen Makel, den ich ohne Schuld mit mir durchs Leben tragen soll.
Beste Gromutter! Ich beschwre Sie, entdecken Sie mir Alles -- bin ich
ein Edelmann, gehre ich zu Ihrer Familie, oder bin ich--?

Wie du kindisch fragst, mein liebes Kind! war die Antwort. Wrde _ich_
dich laut und offen meinen Enkel nennen? Wrde ich dich mit Sorgfalt und
Liebe auferzogen haben? Wrde ich dir gestattet haben, unser Wappen zu
fhren? Glaube das Eine fest, und lasse dich durch das Andere nicht
beugen. Du bist auf dem Wege ein Mann zu werden, sei ein Mann! Vergi
das Herbe und Peinliche der gestrigen Stunde; vergieb dem Grafen: er war
gereizt, er wute nicht, was er that.

An ihm wird es daher sein, mich um Vergebung zu bitten, entgegnete der
Jngling, dessen Wangen neu auflodernde Schaam mit Zorn im Bunde wieder
rthete.

Lass' das jetzt, sprach die Grfin. Entdecken kann und darf ich dir
nichts, mein geliebtes Kind! Du mut das Dunkel deiner Geburt mit dir
nehmen als deinen Schatten, denn ich bin nicht berechtigt, die
Geheimnisse gewisser Personen zu lsen, die jene mir anvertraut und die
mit sieben Siegeln verschlossen und mit den dichtesten Schleiern
berhllt sind. Aber etwas Trstliches kann und will ich dir sagen. Es
ist ein mchtiger Unterschied, den aber die Befangenheit,
Mangelhaftigkeit und Starrheit der Gesetzgebung niemals anerkannt hat,
zwischen den zur Welt gebrachten Frchten bser Lust und wilder
Sinnengier, die ein Rausch des Augenblicks von dem Lebensbaume
abschttelte, und zwischen jenen Kindern hoher und reiner Liebe, gegen
deren gesetzliche Einigung gebieterische Verhltnisse unbersteigliche
Schranken zogen. Oft verjngten sich durch solche Sprlinge uralte
bedeutende Geschlechter, und die Welt hat de kein Arg. Du hrtest
gestern aus meinem Munde ein Beispiel; ich knnte dir deren viele sagen.
War es gut oder nicht gut, da der letzte Graf zu Oldenburg und
Delmenhorst, da seine Gemahlin ihm keine Kinder schenkte, den Sohn eines
geliebten ihm nicht ebenbrtigen Weibes in die Rechte des alten Stammes
einsetzte? Ohne diesen Sohn der Elisabeth von Ungnad, Herrin zu Sonneck
-- wren wir alle nicht. Mge Gottes Gnade trotz dieser Abstammung von
einer Ungnad mit uns allen sein! _Meine_ Gromutter, die Abkmmlingin
von Knigen, wurde Anton's des Ersten zweite Gemahlin; die erste, eine
Grfin von Wittgenstein, schenkte ihm nur Tchter; meine Gromutter
wurde die Fortpflanzerin des Stammes, von dem auch du ein Zweig bist. --
Knig Alphons der Weise in Aragonien und Sicilien zeugte, da seine
Gemahlin Maria, Tochter Knig Heinrich des Dritten in Castilien, ihn
nicht mit Kindern beglckte, drei Kinder auer der Ehe. Seinem
erstgeborenen und einzigen Sohne Ferdinand dem Ersten, dem Papst Eugen
der Vierte selbst die Rechte gesetzlicher Geburt verlieh, hinterlie
sein Vater das Knigreich Neapel, der zweite Sohn Friedrich ward
vertrieben und kam nach Frankreich, wo er starb. Dieser Letztere wurde
der Grovater der Erbtochter des Hauses de la Val, Anna, deren Gemahl
Franz de la Tremouille, Prinz von Talmont, wurde. Beider ltester Sohn,
Ludwig, wie du geheien, war der erste Herzog von Thouars, er war mein
Urgrovater, und unser Haus wurde auf das Engste verwandt und
verschwgert mit allen den hohen, alten, angesehenen Familien derer von
Bouillon, von Orleans, von Montmorency, der de la Tour d'Aubergne, der
Taleyrand und anderer in Frankreich, der Sforza in Mailand, der
Landgrafen zu Hessen, durch meine Urgromutter, und der Herzoge zu
Sachsen, denn meine Urgrotante Maria wurde die Gemahlin des Herzogs
Bernhard zu Sachsen-Jena, eine Linie, die leider frh erlosch. Aus
diesen Beispielen magst du entnehmen, da eine in Dunkel gehllte
Abstammung, die vielleicht einst noch in Licht und Glanz zu Tage treten
drfte, je nachdem des Glckes und der Zeiten Gunst oder Ungunst waltet,
noch lange kein Schimpf und kein Makel ist, mindestens nicht in den
Augen der Einsichtvollen und Vernnftigen, denn berhaupt erinnert das
an das alte Sprichwort: es ist ein wunderkluges Kind, das seinen Vater
kennt.

Der Enkel schwieg zu dieser Rede und blickte mit trumerischem Sinnen
auf die Werke seines spielenden Fleies, die Mnztafeln.

Du willst reisen, und du mut reisen -- fuhr die Reichsgrfin fort.
Lngst fhlte ich das, aber die groe Liebe zu dir, die trauliche Macht
der Gewohnheit unseres tglichen Beisammenseins, mein Alter, der
Gedanke, da unsere erste Trennung wohl eine Trennung fr immer ist,
bewltigte meine Einsicht und machte mich schwach und allzu nachgiebig
gegen mich selbst. Das Schicksal fhrte diesen Ansto herbei, ich mu
dich von mir lassen, du liebes Schmerzenskind! Setze dich, hre mich
weiter an, und vergi nie in deinem ganzen Leben -- mge es ein langes
und glckliches sein -- dieser heutigen ernsten und wichtigen Stunde! Wie
ich auch gepeinigt, gedrckt, bedrngt und so zu sagen fast ausgezogen
worden bin, arm haben sie mich, trotz ihres allerbesten Willens und
trotz herzoglich oldenburgischer und kniglich dnischer Hlfe doch
nicht machen knnen; es htte so gar wenig gefehlt, so wre der deutsche
Kaiser vermocht worden, gegen die alte eigensinnige Frau, die ihr Geld
nicht alle hergeben wollte, einige Reichstruppen marschiren zu lassen. --
Da fast Alles von mir kommt, ist's zuletzt kein Wunder, da man es von
mir haben will, denn von den Schtzen des Hauses habe ich noch nichts
gesehen, und die Lehengter im Mond tragen hchstens einmal einen
Steinregen ein. Gleichwohl will ich ihnen nichts vergeben, nicht auf's
Neue den Vorwurf unberlegter Schenkungen auf mich laden, wie ich
allerdings gethan. Ich selbst bedarf wenig mehr; ich werde keine Bcher,
keine Mnzen und Medaillen mehr sammeln -- ich werde nur fr dich leben,
so lange der Himmel mir noch meine bereits gezhlten Tage fristet.

O gtigste aller Gromtter! rief Ludwig Carl aus, und beugte sich tief
auf die treuen Hnde, die seine Jugend gepflegt, und jetzt erhoben
wurden, um sich segnend auf sein schnes Haupt zu legen.

Nach einer Pause stiller und unaussprechlicher Rhrung winkte die
Reichsgrfin dem Enkel, ihr ein nahe stehendes, verschlossenes kupfernes
Schatzkstchen zu bringen, whrend sie aus einer zusammengebundenen
Anzahl kleiner Schlssel den rechten suchte. Das Kstchen war leicht,
baares Geld augenscheinlich nicht darin. Die Herrin erschlo es, es
enthielt nur Papiere. Eines nach dem andern dieser Papiere nahm sie
heraus und legte es vor den Enkel, der wieder auf ihren Wink neben ihr
Platz genommen hatte, indem sie mit kurzen Worten den Inhalt dieser
wichtigen Schriften andeutete.

Dies ist, begann die Aufzhlung: der Original-Ehecontract zwischen dem
Prinzen Henri Charles de la Tremouille et Talmont und der Prinzessin
Emilie zu Hessen-Cassel. Der Brautschatz dieser meiner Urgromutter
betrug einhundertundfnfzigtausend Livres, und blieb der Vermhlten als
Wittwe vertragsmig zu freier Verfgung, nebst einer Summe von
vierundzwanzigtausend Livres fr Kleider und Juwelen. Vom Jahr
eintausendsechshundertundachtundvierzig.

Hier der Ehecontract meiner Gromutter, vom Jahr
eintausendsechshundertundachtzig, mit der Bemerkung, da die Prinzessin
alle Gerechtsame an vterliche und grovterliche Verlassenschaften,
auch andere knftige Erbflle anzusprechen habe, nur nicht die ihrer
beiden Brder und ihrer einzigen Schwester Maria Sylvia. Letzteres hat
sich dennoch durch besonderes Vermchtni gendert.

Hier ein Document, das der Gromutter anstatt der genannten Ansprche
von Seiten ihres Bruders, des Herzogs Charles de la Tremouille, die
Summe von sechzigtausend Livres fest zusichert. Aus diesem wichtigen
Vergleichsinstrument vom Jahre sechzehnhundertdreiundachtzig geht
hervor, da die de la Tremouille'schen Gtereinknfte in den Provinzen
Poitou, Bretagne, Maine, Xaintoque, Auluis und Laudunois auf das in
Paris, Strae Vaugirard, gelegene Palais der Familie gestellt sind.

Hier eine Schrift ber die unserm Hause zustehende Baronie Vitr, deren
Ertrag als Brgschaft fr ein Kapital von sechzigtausend Livres
verschrieben ist, welche Summe meiner Gromutter von ihrer Mutter, der
geborenen Landgrfin zu Hessen, vererbt und vermacht wurde. Dieses
Kapital ist ebenfalls auf mich bergegangen.

Hier ein Schuldbrief des Bruders der Gromutter wegen Antheils an
fnfundzwanzigtausend Livres am Erbe der verstorbenen Prinzessin Maria
Sylvia, vom Jahre sechzehnhundertdreiundsechzig.

Hier wieder ein Vergleich vom zwlften Juli siebzehnhundertundeins,
betreffend den Antheil der Gromutter von vierzigtausend Livres der
Verlassenschaft ihrer kniglichen Hoheit, Mademoiselle de Montpensier.
Aus dieser Verlassenschaft kam das Herzogthum Chatellerault und die
Vicomt Bross an das Haus de la Tremouille, und es erhellt aus diesem
Vergleich des Weiteren die Verwandtschaft unseres Hauses mit den Husern
Orleans, Bourbon, Nassau-Oranien, Bouillon und andern.

Genug mit diesen, der Kasten ist noch halb voll, wir wollen uns nicht
ermden. Kurz und rund: Ich, deine Gromutter, habe an das herzogliche
Haus de la Tremouille und Talmont in Frankreich #Summa Summarum#
zweihundertundfnfundfnfzigtausend Livres zu fordern, welche als
Erbtheil meiner Frau Gromutter mir berkommen, und die bei dem Stadthause
zu Paris, obschon leider mit nur dritthalb Procent verzinslich angelegt
sind, so da sie eine Rente von sechstausenddreihundertundfnfundsiebenzig
Livres, die halbjhrlich ausgezahlt wird, abwerfen. Seit dem tdtlichen
Hintritt meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, des Reichsgrafen Anton
des Zweiten, sind diese bis zu den letzten Jahren richtig ausbezahlt
worden, und weder Krieg noch Friede haben daran gekrzt. Diesen
Zinsabfall trete ich an dich ab zu deinen Reisen und deiner ferneren
Ausbildung, mein in Wahrheit geliebtester Enkel. Hier hast du die
nthigen Ausweise zu deren Erhebung vom nchsten Monat an. Bedarfst du
der Hlfe von Bankiers, so erffnen dir diese Briefe Credit in Hamburg
beim Hause des Procurators, Wechselsensals und Senators Egbertus
Bernardus Den Tale, einer niederlndischen weltberhmten Firma, und
ebenso beim Hause Chapeaurouge dort, in Amsterdam bei dem Hause van der
Valck, im Haag bei den Gebrdern Le Ferrier, in Paris bei Grossier Vater
und Shne.

Wie soll, wie kann ich Ihnen danken fr so viele himmlische Gte! rief
Ludwig, ganz berrascht von dem Reichthum, der ihn so pltzlich
berstrmte.

Das sollst du sogleich hren, antwortete die Matrone. Dein Dank
bethtige sich dadurch, da du genau die Lehren befolgst, die ich dir
jetzt bei unserm Scheiden herzlich und schmerzlich mit auf den Lebensweg
gebe. Halte, mein geliebtes Kind, dein Herz frei und rein von allen
unlautern Trieben, wie vom Laster; meide stets das Gemeine im Denken,
wie im Thun und Handeln. Halte stets treu am gegebenen Wort und
bernommener Pflicht, wenn es dir auch schwer ankommt und Neigung und
Sinne sich dagegen struben; ja, scheue nicht die grten Opfer, wenn es
gilt, Pflichterfllung und Ueberzeugungstreue zu ben. Suche dich
auszubilden und zu lernen so viel als mglich; ntzliche Kenntnisse sind
eine Macht, und ihre Anwendung bewahrt vor Mimuth und Langeweile. Gehe
mit dem Gelde weise und sparsam um, und lerne dessen selbst erwerben;
verlasse dich nicht auf den dir jetzt gro erscheinenden Besitz, denn
diese Quelle knnte leicht pltzlich versiegen. Achte treue Freundschaft
hoch und hte dich vor falschen Freunden. Suche dein Glck, wenn du dir
Erfahrungen gesammelt, nicht im glanzreichen Hofleben, nicht im Gerusch
der groen Stdte und glaube mir, da die Einsamkeit wunderkstliche
Stunden gewhrt. Fhrt dein Geschick dich auf eine kriegerische Laufbahn,
so vereine mit Muth und Tapferkeit Milde und Menschenfreundlichkeit; sei
hlfreich dem Unterdrckten, schtze verfolgte Unschuld -- sei das Beste,
was du auf Erden werden kannst -- ein reiner, guter, edler Mensch!

Ein heiliges berwltigendes Gefhl, wie er gleiches noch nie empfunden,
ging durch des Jnglings noch unentweihte Seele. Thrnen strzten aus
seinen Augen, und er sank lautlos auf seine Kniee vor der wunderbaren
alten Frau nieder, die so treu, so mtterlich, so fest und stark auf ihn
einsprach. Ihr nahete nicht leicht eine Rhrung, ihre Seele war voll
Kraft; dennoch fhlte sie, da in dieser Stunde ein Theil ihres Herzens
sich von ihr losri; sie fhlte, wie sie ihren Liebling geliebt, fhlte,
was sie ohne ihn entbehren werde, htte so gerne alles Glck der Welt
auf ihn gehuft, htte ihr Leben in dieser Stunde lassen wollen, wre
damit eine Brgschaft zu erkaufen gewesen fr sein Leben und fr seine
Zukunft.

Noch einmal legte sie segnend ihre Hnde auf das Haupt des vor ihr
knieenden Enkels und sprach bewegt: Gott mit dir, sein heiliger Wille
fhre dich! Auch du wirst durch die schmerzlichen Flammen der Luterung
gehen; o gehe rein aus ihnen hervor! Ehre Gottes Gebote und liebe die
Menschen. Sei mildthtig und barmherzig, und vergelte Krnkungen nur mit
Wohlthaten, auf da dereinst in dem Kreise, in den du eingetreten bist,
dein Name im Segen fortdauere von Geschlecht zu Geschlecht!--

Stehe auf, mein Ludwig Carl -- la uns recht ruhig noch diese
Weihestunde mit einander feiern, es ist ja -- o Gott -- es ist die letzte!

O nein -- nein, meine theure, meine angebetete Gromutter! rief der
Jngling mit schwrmerischem Blick.

Widersprich mir doch nicht, mein Kind, entgegnete die Gromutter mit dem
alten gemthvoll-traulichen Tone, den sie meist beim Zusammensein mit
dem Enkel angenommen. Nur in so weit hast du recht, da ich nicht eher
an das Ueberirdische denken soll, bis ich dir das nchstnaheliegende
Irdische geordnet. Also hre meinen nchsten Lebensplan fr dich. In
dieser Brieftasche findest du Wechsel und baares Geld, die deinen
Unterhalt mindestens auf ein halbes Jahr bestreiten lassen, fr den
Fall, da die blutigen Ereignisse in Frankreich jetzt nicht zulieen,
vom Pariser Stadthaus Geld zu erheben, denn dieses Haus ist jetzt ein
Tollhaus und ein Schlchterhaus geworden. Daher rathe ich, berhaupt
jetzt noch nicht nach Paris zu gehen. Jedenfalls wirst du mich durch
Briefe meiner liebevollen Besorgni um dich, so oft es dir immer mglich
ist, entreien.

Und welchen Namen soll ich fhren, Gromutter? fragte der Jngling mit
einem eigenthmlichen Erbangen.

Dieses mein Haus gibt dir einen Namen, -- den die Welt achten mu, Graf
Ludwig Carl von Varel! entgegnete die Reichsgrfin. Vielleicht -- wird
dereinst noch ein anderer Name dir zu Theil. Einen Reisepa auf diesen
unsern Namen besorgt Herr Windt in unserer Hofkanzlei.

O Himmel, wie viel mchte ich dir noch sagen -- aber ein Gedanke drngt
den anderen von hinnen, und das Wort _scheiden_ jagt wie ein Cherub mit
dem flammenden Schwerte alles Denken der Liebe aus seinem stillen
Paradiese. Doch -- sieh, wie vergelich das Alter ist -- fast htte ich
dir unbehndigt gelassen, was ich eigens als ein Andenken dir
zurckgelegt. Mge dieses Buch und mgen diese Bltter dir werth und
theuer bleiben, ich gedachte mich nie von ihnen zu trennen, aber mit in
die Ewigkeit hinber kann ich sie ja doch nicht nehmen, so bewahre du
sie treulich auf. Dieses Buch ist das Tagebuch meiner Gromutter,
Charlotte Aemilie; sie schrieb es mit eigener Hand fr ihren Sohn,
meinen Vater, nieder, und meine in Gott ruhende Frau Mutter, die
geborene Landgrfin, bemerkte dies auf dem Titelblatt mit den Zgen
ihres theuren Namens. Das Buch umfat sechsundfnfzig Jahre, von der
Vermhlung bis zum Tode.

Und diese Bltter hier sind Alles, was mir von meinen treugefhrten
reichhaltigen Tagebchern brig blieb, was bei der Beraubung, die ich
erdulden mute, nur der Zufall durch eine treue Hand rettete; lies
bisweilen darin und denke meiner dabei in Liebe. Wie der Botaniker aus
einem einzigen Blatt einen Baum oder eine Pflanzenart erkennt, der
Anatom aus einem Knochen die Art des Thieres, dem der Knochen gehrte,
so wird auch der Einblick in diese Bltter dir mich auf's Neue vor die
Seele fhren, wer und wie ich bin. Vieles wird dir anziehend sein, mein
Verhltni zum franzsischen, wie zum preuischen Knigshause, meine
Befreundung mit Voltaire; viele berhmte Namen findest du darin erwhnt,
deren Trger mir mehr oder minder nahe traten in jenem nur kurzen
Abschnitt meines Lebens. Ich habe Viel erlebt und Unvergeliches,
vielleicht darf ich sagen: der Verlust meines Tagebuchs ist, wenn nicht
ein Verlust fr die Welt, doch einer fr meine Familie! Du hast die
letzten Bltter der alten, nicht mehr in die Zukunft, sondern
rckwrtsschauenden Sibylle nun in Hnden und bist besser daran, wie
jener Tarquinius Priscus, dem die Sibylle Cumana Amalthea ihre
Orakelbcher so theuer anbot -- du hast sie umsonst. Und nun, mein
Liebling, nun noch ein Wort ber deine Reisen; du findest in der
Brieftasche Empfehlungskarten von meiner Hand an zahlreiche
hochgestellte und einflureiche Personen; deine Jugend und Offenheit, im
Bunde mit einem bescheidenen und ehrenhaften Benehmen wird dir berall
Wege bahnen, dir Pforten und Herzen ffnen. Bewahre nur dein eigenes
Herz, achte es als einen Schatz, wirf es nicht auf die Gasse. Siehe
zunchst, wie es dir in Holland gefllt, und was sich dir vielleicht
dort bietet; auerdem gehe nach Deutschland, Dnemark, Ruland, die Welt
ist gro und berall des Herrn. Und in jedem Lande bleibe treu und
bleibe deutsch gesinnt! Das ist mein letztes Segenswort, dies mein: Mit
Gott! -- Nun gehe -- sage mir kein weiteres Lebewohl, denn mit meinem
_wohl_ leben ist es lngst vorber!

Noch einmal wollte der Enkel vor der Gromutter auf die Kniee sinken,
sie fing ihn aber auf, prete ihn an sich, drckte einen Ku mit ihren
kalten Lippen auf seine Stirne, wandte sich und schritt rasch in ein
Nebenzimmer, aus dem sie nicht wiederkehrte. Sie wollte keine Weichheit,
sie wollte keine Thrne zeigen, vielleicht war ihr auch der Quell der
Thrnen lngst versiegt und vertrocknet, und es schmerzte sie, die in
ihrem bewegten Leben der Thrnen so viele geweint, jetzt keine Thrnen
mehr zu haben.

Der junge Graf nahm, was ihm gegeben war und trug es aus dem Zimmer,
damit Philipp die Schriften noch recht sorglich verwahre. Auf dem
Fenstergang, der nach dem Hofe hinabsah, begegnete ihm Windt mit
bestrztem Gesicht.

Schlimm! schlimm! schlimm! rief dieser aus. O da Sie gestern schon, und
nicht heute erst den gndigen Erbherrn begrten -- Alles, Alles -- Alles
stnde anders. #Oleum et operam perdidi!# Da -- junger Herr, schauen Sie
hinab in den Schlohof!

Ludwig folgte mit den Augen dieser Aufforderung und gewahrte, da so
eben der Erbherr in seinen Reisewagen stieg, der Kammerdiener sich
hinten aufschwang, der Jger Jacob auf dem Reitpferde des Grafen sa,
und die drei Reitknechte und Stalldiener auf die brigen Pferde sich
schwangen -- wie die Herren Hofrath Brnings, Kammerrath Melchers und
Secretr Wippermann tiefe Bcklinge vor dem Grafen machten, ein Theil
der Hausdienerschaft neugierig gaffend aus Thren und Fenstern zusah,
und wie der Gebieter ohne einen Blick nach dem Gebude herauf zu werfen,
auf und davon fuhr, von seiner ganzen mitgebrachten Dienerschaft
begleitet. -- Als der Wagen entrollte, nahmen die Herren Beamten drunten
aus Hofrath Brnings goldener Dose jeder eine Prise. -- #Adieu partie!#
rief Windt droben mit komischem Zorn und schlecht verhehltem ernstem
Aerger. Der kommt sobald nicht wieder! Habe mir die Finger fast
abgeschrieben, bin krank und lahm geworden, habe in Doorwerth geschmorcht
und geschmachtet, bin davon eine lebendige Satyre auf meinen eigenen
Namen, nmlich drr wie ein Windspiel geworden, habe Himmel und Hlle
beschworen, den regierenden Herrn zu bewegen, zur Schlieung gtlichen
Vergleiches hierher zu kommen, habe mir endlich die Zunge fast aus dem
Halse geredet, Ihre Excellenz zu annehmbaren Vergleichsbestimmungen zu
bewegen, habe auf groe Kosten Ihrer Excellenz und meiner Gesundheit die
schndliche Reise gemacht von Arnhem erst nach Amsterdam, dann wieder
zurck nach Arnhem und ber Deventer durch das reizende Over-Yssel, von
dem schon die alte gereimte Schulgeographie singt:

    Over-Yssel, viel Morast,
    Macht das ganze Land verhat--

und noch dazu jetzt im Mrz, nach dem geschmolzenen Schnee -- und durch
die Grafschaft Lingen -- auch eine schne Gegend -- und ber alle tausend
Teufelsnester und Sumpfmoore, so gro, da man in jedes ein paar kleine
deutsche Frstenthmer versenken knnte -- und Alles nun fr nichts und
wieder nichts!

Aber, bester Herr Windt, Sie sind ja ganz auer sich! entgegnete dem
Odemschpfenden der erstaunte junge Graf. Und an all' diesem schweren
Unheil soll ich die Schuld tragen? War der Erbherr nicht schon vor dem
Auftritt mit mir in Harnisch gebracht? Ich frage nicht, durch wen? denn
ich habe hier nichts mehr zu fragen, noch zu sagen; doch wenn Sie mich
schuldig glauben, lieber Herr Windt, so verzeihen Sie mir, denn ich bin
eben im Begriff, mein Vergehen zu shnen -- ich gehe auch fort.

Sie gehen auch fort? rief Windt ganz erstaunt aus.

Heute noch, jetzt -- in dieser Stunde -- und auf immer. Mit meinem Willen
sehe ich Varel nicht wieder. Haben Sie Dank, Herr Windt, fr so manche
mir erzeigte gtevolle Freundlichkeit, und leben Sie wohl, recht wohl,
und bleiben Sie der Gromutter wie bisher der beste, treueste,
redlichste Diener.

Ludwig drckte dem alten Manne mit Wrme die Hand, und schritt von
dannen, ohne die Gegenrede des von Staunen fast sprachlos Gewordenen
abzuwarten. In seinem Zimmer angelangt, empfing Ludwig aus Philipp's
Hand einen Brief: er war vom Erbherrn. Ludwig steckte den Brief zu sich
und befahl zu satteln. Eine halbe Stunde spter sprengte er und Philipp
durch das innere Thor aus dem Schlosse, sie ritten den Parkweg. Mit
thrnenumflorten Augen blickte Ludwig nach dem Fenster der Gromutter
hinauf, droben winkte wehend ein weies Tuch den schmerzlichen
Abschiedsgru.




4. Eine Lebensrettung.


Eine Zeitlang ritt Graf Ludwig in trben Gedanken durch die
frhlingsknospende Waldung im stummen Schweigen dahin. Er fhlte, da
seine erste Jugendzeit mit jedem Schritt seines Rosses weiter hinter ihn
zurcktrete, wie ein schner Traum, da eine eigenthmliche Welt hinter
ihm sinke, in der er heimisch und glcklich gewesen war, und mit dem
heutigen Tage eine neue fremde Welt sich ihm aufthue, die er noch nicht
kannte und die keineswegs geneigt sein werde, ihn mit Liebe zu empfangen
und auf Rosen zu betten. Bald genug erinnerte schon der immer
schlechtere Weg durch das Gehlz an den rauhen Boden der Wirklichkeit,
und strte gewaltsam die Erinnerungen an das entschwundene Jugendglck.
Es galt, dem Schritt der Pferde mit Aufmerksamkeit zu folgen und sie so
zu lenken, da sie nicht allzutief in die zahllosen Moraststellen
traten. Hie und da lagen noch von Buschwerk geschtzte und gehufte
Schneemassen, die weder Sonne noch Regen bisher zu berwltigen
vermochten, und so waren Herr und Diener herzlich froh, als nach einem
langsamen und beschwerlichen Ritt der Waldweg ein Ende nahm und ein
Gehft erreicht wurde, das aus nur wenigen Husern bestand und den Namen
Clus fhrte; es sa ein grflicher Zinsbauer dort und hielt eine kleine
Schankwirthschaft.

Dort stieg der junge Graf mit Philipp ab, damit der Knecht des Bauern
die Fe der Pferde ein wenig wasche und reinige. Ludwig erging sich in
seinen Gedanken, die auf's Neue brtend und trbe wurden, in der Nhe
des Gehfts, whrend Philipp dem Knechte behlflich war und mit diesem
und dem Bauer schwatzte, und da war ringsum nichts, was aufheiternd auf
des Jnglings Seele zu wirken vermocht htte. Selbst der klare blaue
Morgenhimmel hatte getuscht, den zahllosen Mooren des Landes waren so
viele und starke Nebel entdampft, da sie emporziehend den Himmel wieder
vllig verdstert hatten. So hemmten sie zwar die Aussicht und Fernsicht
nicht ganz, aber welche Aussicht und welche Fernsicht lieen sie frei!
Oede farblose Haidestrecken, so weit das Auge reichte, und weit reichte
es nicht, denn die vllige Flche der Gegend gnnte keinen ausgedehnten
Blick. Der Freund schner, romantischer Gegenden darf nicht in diese
sumpfigen Oeden wallen; hier in diesen Nordseekstenlndern erhebt nur
eins die Seele, das ist das Meer, das gewaltige Meer! Zur Rechten
streifte der Blick am Vareler Busch, der hier endete, ostwrts bis
Seggehorn und Jrgengrave hinab, Oertchen, die der Wald verdeckte. Dort
am Nordrande des beschrnkten Rundes der Aussicht grenzten der
Kirchthurm von Bockhorn und die Windmhle dieses Ortes jene ab.
Westwrts das weitgedehnte Marschland des Amtes Neuenburg -- dort ein
einsames Gehft -- es heit Grabhorn -- dort wieder eins -- es heit
Grabsttte -- und ganz nahe dem Hofe Clus, im Westen, da erhob sich auf
einem niedrigen Hgel jener Ort, den am gestrigen Abend die alte
Reichsgrfin in ihrem Zorne genannt: der Vareler Rabenstein, und
zeichnete seine dstern Formen wie eine dunkle Gespensterwarte auf die
graue Nebelwand, die dahinter stand und nach dieser Richtung hin den
Fernblick vllig abschnitt. Das war eine Umgebung, ganz geeignet,
Gedanken dsterer Melancholie zu wecken und zu nhren.

Jetzt gedachte Ludwig des empfangenen Briefes, er zog denselben hervor,
und strker klopfte sein Herz -- was konnte der Brief enthalten?
Jedenfalls eine Ausforderung zum Kampfe auf Tod und Leben -- nach dem was
vorgefallen war, gab es keinen andern Weg der Shne fr beiderseitige
unaussprechliche Beleidigung. Folgendes schrieb der Erbherr:

Der gestrige Vorgang trennt uns beide fr dieses Leben, keiner von uns
darf und wird den andern mehr kennen. Verzeihen knnen wir einander die
gegenseitigen, in maloser Uebereilung ausgestoenen Beleidigungen, aber
vergessen knnen wir sie nicht. Ein Zweikampf wre zwecklos und
widersinnig, er wre allzuungleich. Das Leben meines Gegners ist ein
noch unbeschriebenes Blatt, es beginnt erst -- warum sollte ich es zu
vernichten trachten? Ich bin nicht mordlustig. Mein Leben aber gehrt
nicht mir allein, es gehrt meiner Familie, es gehrt noch hheren
Zwecken, denen ich diene und treu dienen werde, es gehrt meinem
Vaterlande. Eines nur will ich aussprechen, und das allein ist der
Zweck, weshalb ich berhaupt noch einmal das schriftliche Wort ergreife.
Die alte Frau -- in ihrer stets ungerechten und unbeugsamen Hrte, in
ihrem unermelichen Stolze auf ihre Familie und ihre Abkunft -- hat auf
das Empfindlichste die Ehre der Familie angegriffen, der sie sich doch
ohne Zwang verbunden hat. Wenn nun in meinem Gegner, wie sie zu sagen
beliebte, wie in mir, das Blut jenes Ahnherrn, den sie nannte, fliet,
so wird derselbe nicht wollen und wnschen, da seine deutsche Abkunft
wegwerfend behandelt und der franzsischen untergeordnet werde. Auch wir
haben Familienehre, auch wir haben einen Namen von hellem Klang und
guter Geltung, wenn wir auch nicht voll aragonischer Arroganz mit
Knigskronen und Sternenmnteln halbmythischer Personen prahlen. Nicht
ererbter Glanz und hohe Namen eines wlschen Geschlechtes, das auch in
den Schoos seiner Verwandtschaft eine Lucretia Borgia aufnahm, sondern
Thaten, Thaten des Muthes, der Aufopferung und der Treue, haben _unsern_
Vorfahren die Wege zu Ruhm und Ehre gebahnt. Jener berhmte William
schwang sich durch seine Treue und Einsicht von einem Leibpagen empor
zum Baron von Cirenchester, Viscount von Woodstock, zum Grafen -- zum
Herzog von Portland, zum Pair von England. Er war es, der Wilhelm den
Dritten, Prinzen von Oranien, auf den Knigsthron Grobritanniens hob,
er war es, der den weltgeschichtlichen Frieden zu Ryswik vermittelte und
zu Stande brachte, und den von langjhrigen Kriegen erschpften Lndern
die Ruhe wieder gab. Das wiegt schwerer als das verdienstlose Glck, in
weiblicher Linie von einem vertriebenen Titularknige von Neapel
abzustammen, dem Frankreich das Gnadenbrod bis zu seinem ruhmlosen Tode
gab. Meine Vettern in England bekleiden hohe Aemter zu Lande und bei der
Marine, sie sind Lords und Ritter des Hosenbandordens, die Tchter des
Hauses vermhlten sich in die angesehensten englischen Familien, eine
mit einem Grafen von Essex, eine andere mit Wilhelm, Lord Byron,
u.s.w. Mein Grovater war Prsident des Rathes der Staaten von Holland
und Westfriesland, ein Herr zu Rhoon und Pentrecht, welche Herrschaften
in Holland noch heute mir und Niemand sonst, als meiner Familie gehren.
Der Zwist, in dessen Folge die Gromutter sich von dem Grovater
trennte, entsprang ber die von ihrer Familie allerdings herrhrenden
deutschen Gter, und die so oft von der Ersteren im Munde gefhrte
Beraubung ist nichts, als die vom Reichshofrath in Anspruch genommene
Hlfe Dnemarks zum Behufe der Wiedereinsetzung meines Vaters in seine
wohlerworbenen Rechte. Da Streitigkeiten zwischen der englischen Linie
des Hauses und der niederlndischen entstanden, hervorgerufen durch die
verschiedenartigsten und ungeheuer verwickelten Rechtsansprche an die
so zerstreut und fern von einander liegenden Besitzungen, ist genugsam
bekannt, doch auch erwiesen, da sie in Gte und fr ewige Zeiten
feierlich vertragen wurden, und nur die Gromutter ist es, die
unaufhrlich ihre an das Fabelhafte grenzenden Ansprche immer auf's
Neue erhebt, und wiederum auf neue sinnt, wenn man sich irgend geneigt
zeigt, in einem und dem andern Punkte nachzugeben. Es ist vorauszusehen,
da nur ihr Tod diesen verwickelten Knoten lsen wird.

Mein Gemth kennt keinen Ha, keine Rache, auch keinen Neid -- nie habe
ich gesucht, in ein Familiengeheimni einzudringen und den Schlssel
einer dunkeln Abkunft zu finden, nie darnach gefragt, mit welchem Recht
oder mit welchem Unrecht ein junger Mensch gleichsam als _Sohn_ des
Hauses im Hause und als der Gromutter bevorzugter Liebling auferzogen
wurde, wenn auch oft durch Andere die Frage darnach an mich gethan ward.
Gefllt es der Gromutter, die so gern verhllt und verheimlicht, den
Schleier zu heben, und finden sich dann Rechte an das Familiengut, so
werde ich sie gewi nicht antasten; finden sich aber keine
rechtsbegrndeten Ansprche, und werden deren dennoch erhoben, so wei
ich, was ich mir und dem Namen, wie der makellosen Ehre meiner Familie
schuldig bin. Damit wnsche ich dem Herrn Prtendenten Glck auf den
Weg, und zeichne

                      _Wilhelm Gustav Friedrich,_
     des heiligen rmischen Reiches Graf und regierender Souverain
                      von In- und Kniphausen etc.

    Schlo Varel, am 20. Mrz 1794.

Mit eigenthmlichen Gefhlen las Ludwig diesen Brief. Der Anfang hatte
ihn vershnt, der Schlu verletzte ihn wieder, das heie Jugendblut
kochte in ihm auf, und Glut trat auf seine Wangen.

So gibt er mir den Laufpa, der mchtige Souverain, der Souverain
ber ein Paar Quadratmeilen Landes; und sieht mit Hohn auf mich, den
nicht ebenbrtigen, ungesetzlichen Sprling und Eindringling, herab! O
Gromutter, Gromutter! Ich sag' es noch einmal: wrst du doch gestern
Abend nicht dazwischen getreten! Was soll mir das Leben mit einem
geliehenen Namen, von dem ich nicht wei, habe ich das Recht, ihn zu
fhren oder nicht? Ein Mensch ohne Namen ist wie ein Mensch ohne
Schatten, beides ist ein Ding der Unmglichkeit. Wie sprach die
Gromutter? Du mut das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als deinen
Schatten! -- Also ein Schatten ist meine ganze Habe, mein Erbtheil --
mein Alles -- mein Name ist ein Darlehn -- auch nur ein Schatten, meine
Geburt -- meine Abstammung, meine Herkunft -- Alles Dunkel und Schatten --
so bin ich denn ein _Dunkelgraf_ -- Hahaha! Es ist gleich sehr
lcherlich, wie zum Verzweifeln!

Es war gut, da Philipp die gereinigten Pferde vorfhrte und dadurch den
trben Gang der Gedanken des Jnglings unterbrach, den das
Schmerzgefhl, sich namen- und heimathlos in die ihm fremde Welt hinaus
gestoen zu sehen, zu bermannen drohte. Sein Jugendleben war so schn
und so sorgenlos, so freudenvoll und so glcklich dahin geflossen, wie
ein heller freudiger Murmelbach muntern Laufs durch blumenvolle
hellbesonnte Bergmatten rollt, und in Sprngen ber glattes Gestein und
glnzende Kiesel hpft. Treffliche Lehrer hatten ihn gut unterrichtet;
ohne auf die Bahn eines Gelehrten gefhrt werden zu sollen, hatte man
ihm doch eine Grundlage von der Kenntni der alten Sprachen beigebracht,
aber Ludwig sprach und schrieb auch gleich gelufig deutsch und
hollndisch, englisch und franzsisch. An den ritterlichen Uebungen des
Reitens, Fahrens, Fechtens, Eislaufens, wie an den Knsten des
Weidwerkes im Wald, auf Feld, auf Flu und im Meere, war kein Unterricht
gespart worden. Der junge, krperlich zart, aber doch krftig
entwickelte Mann vermochte das wildeste Ro zu bndigen, ein Boot durch
strmisch emprte Wellen glcklich zu rudern, und hatte stets Gefallen
an solchen Uebungen der Kraft und Gewandtheit gefunden.--

Wohin denn reiten der junge gndige Herr? mit dieser Frage ri Philipp
den Sinnenden aus seinem grbelnden und brtenden Nachdenken, und diese
Frage war eine uerst wichtige, denn es gab nur zwei Wege, einer, der
nach Norden zu den Stdten und Orten und Inseln der Nordseekste fhrte,
und ein zweiter, der in gerade entgegengesetzter Richtung nach dem
Herzen des Herzogthums Oldenburg und nach dessen Hauptstadt leitete;
doch trat dem neuen Herkules am Scheidewege beim Clushof weder eine
Gestalt der Tugend, noch eine des Lasters nahe, sondern nur die Gestalt
des Bauers und seines Knechtes, die nach einem Trinkgeld fr ihre
Bemhung lungernd die groben schmutzigen und arbeitgewohnten Hnde
aufhielten.

Wohin wir reiten, Philipp? fuhr Ludwig aus seinen trumerischen und
selbstqulerischen Gedanken auf, indem er die Ansprche des Bauers und
des Knechtes zu befriedigen Anstalt traf; denn wahrlich, er hatte an
diese Frage selbst noch nicht gedacht, er hatte keine Absicht, keinen
Plan, keinen Zweck, nie wurde mehr ein Ritt ins Blaue hinein, was in das
Friesische bersetzt: ins Nebelgraue hinein lautet, angetreten, und so
sah sich der Graf Ludwig wider Verhoffen und fast willenlos zu einem
fahrenden Ritter und Abenteurer durch des Schicksals Willen gestempelt.
Er berdachte einige Augenblicke die an ihn gestellte Frage und erwog
deren Schwere. Nach den Niederlanden! Dies setzte sich in ihm als
Hauptgedanke fest, aber welchen Weg dahin einschlagen? Den endlos langen
einfrmigen ber Oldenburg, Quaakenbrck und Lingen, oder den an der
frischen Nordsee, durch Friesland, wo tglich, ja stndlich sich
Gelegenheit bot, zu Schiffe zu gehen und die Welt zu durchfahren?
Nordwrts lichtete sich der Himmel und die Ferne, und die Bockhorner
Mhle lie ihre gewaltigen Flgel, ein Spiel des Windes, rasch umdrehen;
sdwrts schleierte die stehende Nebelwand alles ein, und so kam es, da
Ludwig, zumal ihm zu rechter Zeit die abschreckende Schilderung einfiel,
welche ihm vor wenigen Stunden noch der Haushofmeister seiner
Gromutter, Herr Windt, von seinem Wege gemacht, raschen Entschlusses
auf seine Isabelle sich schwang und dem Diener, der ein Gleiches auf
seinen Braunen gethan, gegen Bockhorn zu auf der sandigen Haidestrae
voransprengte, bis es nthig wurde, die Thiere wieder im gemachsamen
Schritt gehen zu lassen. Der Weg war besser, und fhrte in schnurgerader
Linie nach und durch Bockhorn, von da am Blauhand Grod und an
cultivirtem und nicht cultivirtem Geestland vorber, bis fast nahe zu
den Deichdmmen des Jahdebusens, in die Herrlichkeit (soviel als
Herrschaft) Gdens hinein und hindurch und endlich in die Herrlichkeit
Kniphausen.

Schon erhob sich vor den Blicken des Reiters das stattliche
alterthmliche und feste Herrenschlo. Ludwig dachte nicht daran, auf
dasselbe, das Besitzthum des Mannes zuzureiten, der sein einziger, aber
auch zugleich sein bitterster Feind war, sondern wollte dasselbe rechts
liegen lassen, mit seinem Diener noch bis Jever reiten, und dort
Nachtrast halten. Ludwig kannte jenes Schlo; die Gromutter hatte mit
ihm auch dort bisweilen gewohnt, da der Vetter meist sich in den
Niederlanden aufhielt, es war gro und reich ausgestattet. Die Gedanken
des jungen Grafen konnten sich, so lange er in dem Bereiche der
Besitzungen der Familie sich befand, in der er sich selbst von den
ersten Jugenderinnerungen an gefunden und heimisch gefhlt, von dieser
nicht losreien. Er dachte beim Anblick des Schlosses auch an den
jngern Vetter, den Grafen Johann Carl, der sein Vaterland verlassen
hatte, um in England Kriegsdienste zu nehmen. Dieser hatte sich mit dem
lteren Bruder nie recht vertragen. Ebenso war der Oheim, der zweite
Sohn der Gromutter, in englischen Seedienst gegangen, hatte sich dort
vermhlt und eine jngere Linie begrndet. Diesen hatte Ludwig nicht
gekannt; er war vor des Letzteren Geburt bereits im Jahre 1775
verstorben.--

Als am Morgen dieses Tages der Erbherr mimuthig und schweigsam aus dem
Schlosse Varel fuhr, war es seine Absicht, nur bis zum Strande zu
fahren, und sich auf seiner Jacht einzuschiffen, seine Dienerschaft
aber, bis auf die nthigste, wieder zurckzusenden. Mit aufgeregtem und
grollendem Gemth, und weit mehr von Ha und Aerger gegen die
Gromutter, als gegen den ihm im Wege stehenden Verwandten erfllt,
sehnte er sich wieder auf das Meer, dessen strmisch bewegte Wellen zu
dem unruhevollen Wogen seines Gemthes paten. Er wollte dann in rascher
Fahrt aus dem Jahdebusen steuern und lngs der Inselkette der
Nordseekste, von Wangerooge bis Norderney und Ameland segeln, dann
durch die Watten in die Zuyder-See einlaufen und Amsterdam gewinnen, wo
jetzt der Schauplatz seiner politischen Thtigkeit war. Vor der
Einschiffung aber wollte der Graf einen Weg, den seine Vorfahren um die
Mitte des Jahrhunderts angelegt hatten, der in Abfall gekommen und durch
ihn erneut worden war, besichtigen und mit eigenen Augen schauen, da er
sich einmal im Lande befand, in welcher Weise seine Auftrge vollzogen
worden seien. Dieser neue Weg fhrte ber das Gehft Buppel zu einem
zweiten, welches vorzugsweise den Namen: beim neuen Wege fhrte,
bersprang dort das kleine Flchen Wapel und fhrte ber Heupult nach
Jahde, dessen 1523 erbaute Kirche stattlich in Mitten der Huser des
bedeutenden Dorfes stand, welche sich wie ein groer Zug wilder Gnse,
oder in Form des Gestirns der Hyaden unabsehbar erstreckten. Mitten
hindurch rann das Flchen Jahde und ringsum wurde auer den Husern und
wenigen vereinzelten Bumen nichts erblickt, als Dmme und Deiche, die
Zeugen des ewigen Kampfes der die Ufer bewohnenden Menschen mit dem
gewaltigen Element des Wassers, das fort und fort whlend, steigend und
fallend, fluthend und ebbend, mit jedem Wellenschlage der Fluth
wiederholend und drohend anpocht, und verheit, seine Drohungen wahr zu
machen, die es schon oft und zum starren Entsetzen ganzer, groer,
weiter und blhender Landstrecken wahr gemacht hat.

Graf Wilhelm Gustav Friedrich fand den neuen Weg vortrefflich und besser
als die Wege auerhalb seiner Herrlichkeit, und fuhr nun in etwas
erheiterterer Stimmung ber die Vareler Groden nach dem groen und hohen
Deichdamm, der in unermelicher Zickzackausdehnung den Jahdebusen und
seine Geesten umfngt. Als das Deichthor geffnet war, rollte der
Reisewagen rasch ber die harte Kiesflche des unfruchtbaren
grobkrnigen Meersandes, dem Jahder und Wapler Siel vorber und dem
Vareler Siel zu, wo die schne Susanna, so hie die Jacht des Grafen,
vor Anker lag. Des Grafen scharfer Blick fand sie bald unter den andern
in der Bucht geankerten Fahrzeugen heraus, aber dieser Blick
verfinsterte sich, als er mit kundigem Auge entdeckte, da das Schiff
nicht segelfertig sei, und er entsann sich jetzt mit Verdru, da er
vergessen hatte, dazu Befehl zu geben, vielmehr wuten der Steuermann
und die wenigen Matrosen, die der Dienst des kleinen Schiffes
erforderte, nicht anders, als der Gebieter werde mehrere Tage am Lande
bleiben, daher auch sie sich an demselben nach ihrer Art von der
widrigen Seereise zu erholen trachteten. Noch mehr aber stieg der
Unwille des Grafen, als er am Hafenplatze den Zimmermann seines Schiffes
mit einigen am Lande geholten Arbeitern antraf, der eben nach der Jacht
sich zu begeben im Begriff war, und meldete, das Schiff habe eine
Beschdigung erlitten, zu deren vlliger Ausbesserung mehr als die Zeit
eines Tages erforderlich sei, eher knne die schne Susanne ohne groe
Gefahr nicht wieder in die See gehen. Da half weder Zrnen noch
Schelten, an welchem der Erbherr, ohnedies in der belsten Stimmung, es
nicht fehlen lie; er mute sich in das Unvermeidliche fgen, und da er
mit seiner Dienerschaft und den Pferden nicht am Strande verweilen
konnte, so blieb ihm nur die Wahl, entweder nach Varel zurckzukehren,
oder nach einem andern in der Nhe gelegenen bedeutenderen und fr ihn
angemesseneren Orte zu fahren.

Zur Rckkehr konnte sich der Graf unmglich entschlieen, denn sein
schneller Weggang sollte fr die Gromutter eine Strafe sein -- er fate
daher rasch seinen Entschlu, befahl, da die Jacht sogleich nach ihrer
Wiederherstellung in fahrbaren Stand durch den Busen hinab, an der Ecke
von Heppens vorbei, in die Jahde-Strmung einfahren und am Rustringer
Siel anlegen sollte. Als dieser Befehl gegeben war, fuhr der Graf lngs
des sich endlos vor ihm ausdehnenden, vielfach gewinkelten Deichs
(Dammes) bis hinunter zur Dan-Geest, lie das Salze-Brak rechts, fuhr am
Ellenser Grod hin, und verlie erst drunten beim Marien-Siel den
Deichwall, um aus dem Gebiete des umfangreichen Jahdebusens weiter
nordwrts zu eilen. Es verging eine gute Anzahl Stunden, durch
mancherlei Aufenthalt und der Wege Unfahrbarkeit, bevor der Graf das
Oertchen _Accum_ erreichte.--

Graf Ludwig nebst seinem Diener Philipp lieen ihre Rosse gemachsamen
Schritt gehen, als sie von weitem eine Kutsche, die mit vier
Apfelschimmeln bespannt war, auf sich zukommen sahen, und pltzlich rief
Philipp aus: Sind die toll, oder was ist das? -- und Ludwig gewahrte
jetzt auch, da die Pferde in den rasendsten Stzen galoppirten, da der
Wagen gar nicht mehr auf der Fahrstrae war, da er schwankend und
wankend wie eine Feder emporhpfte, wenn es ber einen durch das
Marschland gezogenen schmalen Wassergraben ging, jeden Augenblick
umzustrzen drohte, da der Kutscher wie ein Wthender an den Strngen
zog und zerrte, und bereits den Hut verloren hatte, und da fr Menschen
und Thiere die augenscheinlichste Todesgefahr vorhanden war. Das ist
ein Unglck! die Pferde gehen durch! -- Dies rufend und sein Pferd in
Galopp setzend, dem Wagen entgegen, war von Seiten Graf Ludwig's das
Werk eines Augenblicks, Philipp folgte nicht minder rasch dem Beispiele
seines Gebieters. Wenn jener Wagen nur noch eine Minute lang in dieser
Weise fuhr, so strzte Schiff und Geschirr und alles in das zwar
schmale, aber tiefe Flchen, die Made, die von Dickhusen her den Weg
kreuzte. Mit einem furchtbaren Satze flog die krftige Isabella ber das
Bette des Flchens, und Philipp's Brauner wollte sich nicht an Bravheit
von jener bertreffen lassen. Auf Tod und Leben jagte der Graf den
durchgehenden Pferden entgegen, Philipp sah mit einem Blick voll
Schreck, welcher Gefahr derselbe sich selbst tollkhn aussetzte, stach
seinem Rosse die Sporen noch einmal in die Seite und berholte die
Isabella, um mit khner Todesverachtung den ersten Anprall selbst zu
empfangen.

Wenige Secunden spter, und in einen furchtbaren entsetzlichen Knuel
verwickelt wlzten sich Rosse und Mann am Boden, Philipp hatte sein
Pferd gerade auf die entgegenstrmenden ber und ber mit Schaum
bedeckten wilden Pferde losgetrieben, der Graf folgte alsbald und hatte
Noth, nicht auch zu strzen. Die vordern Pferde lagen, die hintern
standen zitternd und bebend und heftig schnaubend, immer noch
versuchend, sich zu bumen, und an den innern Seiten war beiden die Haut
furchtbar blutig und zerrissen. Philipp arbeitete sich unter den Pferden
hervor, wie durch ein Wunder war er unverletzt, der Kutscher sprang, von
unerhrter Anstrengung schweitriefend und an allen Gliedern zitternd,
vom Bock, und suchte seinen Pferden aufzuhelfen; der Wagen, ein starker
fester Bau, sonst wre er auf diesem Wege zertrmmert, stand -- von fern
her liefen einige Menschen herbei, der Jger und der Jokei, welche bei
den heftigen Sten von ihrem Sitz im hintern Halbtheil des Wagens
herabgeschleudert worden waren. Der Graf ritt rasch zum Schlage, -- da
lag ein marmorbleiches schnes Frauenbild, wie eine geknickte Lilie in
regungsloser tiefer Ohnmacht, und ein zartes Kind, ein Mdchen zwischen
drei und vier Jahren, umklammerte mit seinen Hndchen die Kniee der
Mutter und barg sein blondes Lockenkpfchen in deren Schoos, ebenfalls
ohne sich zu regen; der Mutter Arme und Hnde waren um das Kind
angstvoll geschlungen. Rasch schwang sich der Graf vom Ro, ri den
Schlag auf und hob das Kind heraus.

Onkel Ludwig! Wir todt! sprach das Kind. Mutter hat sagt: Mariechen --
wir todt!

O Himmel, die Grfin! seufzte Ludwig erschttert und sprach zu dem
Kinde, einen flchtigen Ku auf dessen Stirn hauchend: Nicht todt, nicht
sterben, kleine Marie, nicht sterben, nicht todt sein!

Doch -- Mutter -- sterben, Onkel Ludwig! stammelte das Kind und weinte.
Das wolle Gott nicht; die gndige Grfin ist nur ohnmchtig! Mit Hlfe
der herbeigeeilten Dienerschaft und des Wassers der Made geschah alles
Nthige, die ohnmchtige Grfin in das Leben zurckzurufen; es fand sich
im Wagen ein Flschchen mit klnischem Wasser. Decken wurden auf den neu
hervorsprossenden Rasenteppich gebreitet, die Grfin wurde sanft und
vorsichtig aus dem Wagen gehoben, durch Kissen, die sich vorfanden, ihr
Haupt gesttzt, und so lag sie sanft und warm und weich, und Graf Ludwig
kniete neben ihr und rieb ihr mit der von gewrzreichen Oelen
gesttigten geistigen Flssigkeit, die so falsch klnisches Wasser
heit, und klnischer Weingeist heien sollte, die Schlfe.

Die Gemahlin des Erbherrn von In- und Kniphausen, Ottoline Friederike
Louise, geborne Grfin von Lynden-Reede, Tochter des hollndischen
Gesandten am kniglichen Hofe zu Berlin, schlug die Augen auf, und
hauchte nach einigen Secunden: Marie! Meine Marie!

Da bin, Mama! rief das Kind.

O Gott, o Gott, Dank! seufzte die Mutter, und richtete sich empor.
Verwundert fiel ihr Blick auf die vernderte Umgebung, auf den um sie
bemhten ihr wohlbekannten jungen Mann, auf ihr sich zrtlich an sie
anschmiegendes Tchterchen, auf die verwirrte und bestrzte Dienerschaft
-- doch kehrte ihr schnell Erinnerung und besonnene Fassung zurck. Dort
stand der Wagen, dort schnaubten noch die wieder aufgerichteten Pferde
stark und heftig, und jetzt sprach Ludwig: Gndige Frau Grfin, das war
eine entsetzliche Gefahr! Dem Himmel sei Dank, der mich durch
wunderbaren Zufall auf diesen Weg fhrte!

Sie sind es, Vetter! erwiederte die junge Reichsgrfin, und versuchte
sich zu erheben, wobei sie aber seiner Untersttzung bedurfte, und mit
einem schmachtenden Blick aus ihren schnen blauen Augen ihn lohnend,
blieb sie sanft an ihn gelehnt, der ihr eine starke Sttze war, und
suchte ihre dahin geschwundene Kraft mit leisem Erathmen zu sammeln.

Da nahte diesem Paare der Kutscher und strzte in die Kniee vor den
beiden Gebietern: Gndigste Frau Grfin, gndigster junger Herr, ben
Sie Barmherzigkeit und verzeihen Sie mir! Unversehens stie die
Wagendeichsel beim Ausfahren aus dem Schlosse an einen Prallstein, ohne
da ihr Bruch erfolgte, sonst wrde ich denselben gewahrt haben; ich
fuhr daher ohne irgend eine Sorge weiter; pltzlich whrend der
Spazierfahrt brach das vordere Holz der Deichsel splitternd ab, und das
hintere Theil verwundete nun ebenso pltzlich mit seiner scharfen Spitze
die Pferde fort und fort, die dadurch wthend wurden und durchgingen,
und auf die andern Pferde einhieben, da auch diese wie toll mit von
dannen rannten. Wenn der junge gndige Herr nicht im einzig mglichen
Augenblick der Rettung dazukam, so wren wir vielleicht jetzt alle todt,
denn die Pferde htten sich sammt dem Wagen in die tiefe Made gestrzt,
auf die sie unaufhaltsam zuliefen. Ich bin unschuldig, das kann ich bei
Gott beschwren! -- Todt! todt! rief schaudernd die junge, schne, im
vollen Leben reizend blhende Grfin aus. Todt -- ich und meine kleine
Marie! -- Stehe auf, Klas -- mir schaudert. Ich will dir glauben! -- Nicht
todt, Mama! rief das Kind zu ihr hinauf und langte mit seinen Hndchen
nach der Hand der Mutter.

Und Sie mein Retter! der Retter meines Lebens, und meines theuren
Kindes! rief die Grfin zu dem ritterlichen Jngling, der mit mannigfach
einander widerstreitenden Gefhlen vor ihr stand.

Zurck nach dem Schlosse! Sie kommen mit, Cousin! sprach Ottoline. Sie
hatten uns wohl ohnehin und ohne Zweifel Ihren Besuch zugedacht?

Ich danke, gndige Grfin, erwiederte Ludwig verwirrt. Ich war nicht auf
dem Wege nach Schlo Kniphausen, ich wollte -- zur Seekste. Ein
glcklicher Zufall fhrte mich Ihnen zur gnstigen Stunde entgegen, und
ich danke diesem -- aber--

Aber? Mein junger Cousin? wiederholte die Grfin. Wollen Sie Ihren
Ritterdienst nur halb thun? Soll ich hier harren, bis vom Schlosse ein
anderer Wagen geholt ist? Sehen Sie nicht, da der Abend naht, und wie
ich angegriffen bin? Oder soll ich bis zum Schlosse mit dem Kinde gehen?
Denn fahren kann ich doch nicht ohne Deichsel und mit diesen Pferden --
und wir sind ber eine Viertelstunde von Kniphausen entfernt. Das hilft
Ihnen nun nichts, mein lieber Lebensretter. Ich besteige das Pferd Ihres
Dieners, nehme mein Kind vor mich, Sie begleiten mich und Ihr Diener
folgt mit meinen Leuten, Pferden und dem Wagen uns nach. Wissen Sie
einen bessern Rath?

Dann bitte ich nur unterthnig, meine Isabelle, die sanft geht, zu
besteigen, und mir die holde Last der kleinen Marie anzuvertrauen,
antwortete Graf Ludwig, einsehend, da er nicht anders knne, als die
Gemahlin seines bittern Feindes zu geleiten, es mge daraus folgen, was
da wolle.

Auf dem in angedeuteter Weise erfolgenden Rckwege nach dem Schlosse,
das in heller Beleuchtung der Frhlingssonne erglnzte und dessen hohe
zahlreiche Spiegelfenster diesen Glanz weithin ber die flache Gegend
zurckstrahlten, sprach die Grfin zu dem neben ihr reitenden
hlfreichen Beschtzer, der ihr munter und freudvoll jauchzendes Kind
sorglich vor sich hielt: Da mein Mann in Varel ist, wissen Sie ohne
Zweifel. Er eilte eigens von Amsterdam dorthin, um mit seiner alten
Gromutter wieder einige der ewigen Familienstreitigkeiten zu
schlichten, und einen Vergleich abzuschlieen, und hat mir geschrieben,
da er nach drei bis vier Tagen hoffe, auf unserm Schlosse bei mir hier
eintreffen zu knnen. Er werde, wenn er knne, seine Jacht im Rustringer
Siel beilegen, dahin wir nur eine gute Wegstunde haben, einen oder zwei
Tage hier verweilen, und dann die Rckfahrt zur See nach Amsterdam
antreten. Ohne Zweifel kommen Sie doch von Varel, Cousin -- was wissen
Sie von meinem lieben Mann?

Welche Pein diese unbefangenen Fragen der im hchsten Grade
liebenswrdigen Frau dem jungen neben ihr reitenden Mann verursachten,
lt sich nicht schildern. Er erwiederte, indem wechselnde Gluth und
Blsse sein Gesicht berflog: Gndige Grfin -- allerdings komme ich von
Varel, aber um nie wieder dorthin zurckzukehren -- und der mich von dort
wegtreibt, ist -- Ihr Gemahl!

Wilhelm? Mein Mann? fragte die Grfin mit groem Blick.

Ein unseliger Auftritt zwischen uns Beiden trennt uns fr immer -- das
kam wie ein Blitz -- ein unbedachtes Wort von mir, das bei meiner Ehre!
nicht verletzen sollte, reizte ihn zu maloser Heftigkeit -- auch in mir
flammte nun Zorn auf -- es fiel hartes Wort um hartes Wort, und ich --
gehe -- denn ich habe in Varel nichts mehr zu suchen. Auch Ihr Herr
Gemahl, gndige Frau Grfin, verlie noch vor mir Schlo Varel --
wahrscheinlich um zurckzureisen, denn auch mit der Gromutter, die
zwischen uns trat, nicht vershnend, sondern heftig und zrnend, scheint
er alles Angebahnte abbrechen zu wollen. Jedenfalls hat der Graf sich
auf seine Jacht begeben, doch wei ich dies nicht gewi, da ich den Weg
ber Bockhorn einschlug. Aus diesem allen ersehen Sie, gndige Frau
Grfin, da ich ganz unmglich Ihr Schlo betreten kann und darf, das
Haus eines Mannes, der mich hat und mich, was mir noch schwerer fllt
zu tragen, verachtet.

Das ist ja eine schmerzlich betrbende Mr, die Sie mir da verknden,
mein Cousin! versetzte die Grfin Ottoline. Aber das Alles hilft Ihnen
nichts, Sie mssen dennoch mit mir auf unser Schlo. Hat mein Mann Sie
beleidigt, so ist er ganz gewi der Mann, keine Genugthuung zu
verweigern, die Sie irgend fordern knnen, dafr kenne ich ihn, dafr
kennen auch Sie ihn sicherlich -- und haben Sie ihn und wr' es tdtlich,
beleidigt, so mu er Ihnen vergeben, um meinetwillen, um unsers lieben
Kindes willen, meiner sen Marie, die sich jetzt so sanft und traulich
an ihren ritterlichen Lebensretter schmiegt.




5. Der Falk von Kniphausen.


Wenn Ihr Herr Gemahl, wie zu erwarten steht, kme, und _mich_ in seinem
Schlosse fnde, nach dem, was zwischen ihm und mir vorgefallen -- was
htte ich zu erwarten? Jedenfalls neue Beleidigung, neue Demthigung,
sprach der junge Graf. Darum bitte ich noch einmal ganz unterthnig, an
des Schlosses Pforte mich mit meinem Diener zu entlassen. Es wird das
Glck meines knftigen Lebens ausmachen, und ich werde stets dem Himmel
dafr danken, da mir vergnnt wurde -- was wir gewi fr eine Fgung
Gottes halten drfen -- Ihnen den heutigen Dienst mit Hlfe eines treuen
Dieners zu leisten -- aber bleiben kann und darf ich hier nun einmal
nicht!

Es ist die feurigste aller feurigen Kohlen, die wohl je auf eines
Feindes Haupt gesammelt ward, entgegnete die Grfin: aber mein lieber
Cousin, Sie sind nun schon in meinem Bann, hier bin ich Herrin und
Verweserin der Herrlichkeit Kniphausen, ich lasse Sie nicht los, Sie
sind jetzt mein mir auf Gnade und Ungnade ergebener Gefangener. Wo
wollten Sie denn nun auch noch hin -- da der Abend schon anbricht? Und
Sie wissen ja, da in unserm Hause die Ungnade als Ahnfrau umherspukt!
Wie befindet sich denn unsere noch lebende Ungnade, die Alte?

Wenn diese Frage ihrer Excellenz der alten Frau Reichsgrfin Charlotte
Sophie gilt, versetzte Ludwig, in etwas durch die spttische Weise
verletzt, welche die letzte Rede Ottolinens zu einer Spitze schliff, so
kann ich berichten, da hochdieselbe nach den Umstnden, die deren hohes
Alter mit manchem Weh begleiten, sich leidlich wohl befinden.

Ich hre das immer gern, lenkte die Grfin ein. Wie schroff und
wunderlich auch diese alte Frau erscheinen mag, wie wenig Grund wir auch
haben, sie zu lieben, achtungswrdig ist sie mir stets erschienen. Auch
ist sie Pathe meiner Marie Antoinette Charlotte. -- Wir alle werden nicht
besser mit den wachsenden Jahren, und ndern kann sich nun einmal eine
Frau von neunundsiebenzig Jahren nicht mehr.

Wie auch immer das Urtheil der hohen Familie ber diese wrdige Greisin
gefllt werde, hold oder abhold, gnstig oder ungnstig -- versetzte
Ludwig: mir steht sie hoch und gilt sie viel. Meine dankbare und
liebende Verehrung gegen sie kann und wird nur mit meinem Leben enden --
und das eben war es, was ich gegen Ihren Herrn Gemahl uerte, da ich
nicht glaube, sie werde ihm Ungerechtes ansinnen, und was ihn so
furchtbar gegen mich in Harnisch brachte, da er seiner selbst verga.

Lassen Sie uns von all diesem doch lieber jetzt ganz schweigen, mein
lieber Cousin! erwiederte die Grfin ernst und voll der mildesten
Freundlichkeit. Es kann sich alles wieder zum Guten und Rechten lenken
lassen. Jetzt sind wir hier und die gute Stunde sei die unsere. Ich
heie Sie von ganzem Herzen im Schlosse Kniphausen willkommen.

Es war hier gar nichts Anderes fr Ludwig zu thun, als dem edeln Willen
zu gehorchen -- die Herrin lie ihn in ein Empfangzimmer geleiten, wo sie
ihn ihrer zu harren bat, und indem sie sich in ihr Zimmer zurckzog,
gebot sie der Dienerschaft, fr Herrn und Diener und deren Pferde die
grte Sorge zu tragen. Diese Dienerschaft war ganz erstaunt und
verwundert, die Herrin und das Kind so ankommen zu sehen, und nach einer
Weile erst die Leibdiener mit dem Kutscher und den blutenden und
abgehetzten Pferden, von denen das eine sich im Stalle sogleich auf
seine Streu legte und nach einigen Stunden todt war.

Graf Ludwig sah sich mit unruhvoll klopfendem Herzen allein in dem
prachtvoll ausgestatteten Zimmer, und wnschte sich weit hinweg, so sehr
ihn sein Ritterdienst freute. Aber wenn der Erbherr ankam -- um keinen
Preis htte er doch hier ihm gegenberstehen mgen, und deshalb war er
von Unruhe erfllt, die er durch Betrachtung der Gegenstnde, die das
Zimmer darbot, zu beschwichtigen suchte, da er einsah, da sie doch
nichts in seiner dermaligen Lage ndern knne und werde. Die Zimmerwnde
waren von flandrischen Tapisserien berkleidet, deren Gegenstnde im
groartigen Style Raphaelischer Kunstschpfungen gehalten und
meisterhaft gewirkt waren. Das Getfel der Fensterwnde war von
Mahagonyholz gleich den tischhohen Vertfelungen der Zimmerwnde.
Hochwerthvolle Portlandvasen standen auf den Marmorplatten der
Spiegeltische und manch kostbares Kunstwerk war in dem reizenden Zimmer
verstreut, dessen Aussicht nach Osten ging, wo der Blick ungehemmt ber
die Marschlandflche auf den breiten Silberspiegel des Jahdestroms und
jene Stelle flog, wo am sogenannten hohen Weg (eine Bezeichnung sandiger
Untiefen), Jahde- und Weserausstrom sich einen. Dahinter begrenzte das
weit nordostwrts sich hinstreckende Geestland und die Hgelwellen der
Dnen um die Vogtei Werden die Fernsicht. Dieser Aussicht, welche Graf
Ludwig lngst kannte, lie die innere Unruhe, in der er sich befand,
keine lange Betrachtung vergnnen, er wandte sich wieder ab, ohne zu
sehen, da ein Reisewagen, von mehreren Mnnern zu Ro gefolgt, dem
Schlosse sich rasch nherte.

Des Grafen Blick weilte jetzt sinnend auf einem ganz auergewhnlichen
Kunstwerk, das auf einem eigens fr dasselbe bereiteten Pfeiler von
kostbarem Holze stand. Dieses Kunstwerk war fuhoch und stellte einen
Falken dar, dessen Krper vllig aus Edelsteinen bestand, die dicht
aneinander gereiht in eine steinharte Kittmasse eingefgt, den Kenner
neben dem Werth als Kunstwerk auch den auerordentlichen Geldwerth
dieses eigenthmlichen Prachtgerthes erkennen lieen. Der Vogel stand
mit hngenden Flgeln in ruhiger, aber wachsamer Stellung auf ungleichem
Fuboden, der einen Felsen vorstellte. Die Augen waren zwei knstlich
geschnittene Chrysoprase, die gelbe Hornhaut ber dem Schnabel war aus
Hyacinth gebildet, der Schnabel aus braungelblichem Chalcedon. Die
Kopffedern waren eitel Rubinen, die der Flgel bestanden aus formgerecht
zugeschnittenen Streifen von edlen Granaten, Pyropen und Smaragden,
heller oder dunkler sich in ihren Lagen abschattirend; die lichten
Stellen des Leibes deckten herrliche Opale, welche die Stellen der
weien Federn vertraten. Die Fe waren mit himmelblauen Trkissen
berkleidet, und die schwarzen Klauen waren aus Labradorstein
geschnitten und uerst natrlich eingefgt[2].

    [Funote 2: Dieses im Londoner Krystallpalast ausgestellt
    gewesene bewunderungswrdige, Deutschland leider entzogene
    Kunstwerk ist in der Londoner illustrirten Zeitung #Vol. 19.
    Juli to Dec. 1851# S. 133 mit der Unterschrift: _#Jewelled Hawk,
    exhibed by the Duke of Devonshire#_ abgebildet und ausfhrlich
    beschrieben.]

Die Thre ging auf, die Erbgrfin trat ein, Mariechen an der Hand und
gefolgt von Dienerschaft, welche Erfrischungen trug. Ein leichtes
Hauskleid umwallte die von dem Erlebten noch bleiche reizende Gestalt
Ottolinens, die von zartem Bau und mittlerer Gre in ihrem ganzen Wesen
die holdeste Lieblichkeit offenbarte.

Sie betrachten den Falken von Kniphausen, begann Ottoline. Wie doch
unsere Gedanken sich begegnen! In diesem Augenblick dachte auch ich an
dieses kunstvolle Gerth, ein Werk des berhmten kniglich schsischen
Hofjuweliers Johann Friedrich Dinglinger, das fr uns gar eine hohe und
wichtige Bedeutung hat. Es ist ein Vershnungspokal, ein werthes
Erbstck der Familie, gefertigt zum Andenken an eine freudige Einigung
in derselben nach langem betrbenden Zwiespalt, und heit der Falk von
Kniphausen.

Ottoline erfate das Kunstgerth, schlug leicht den Kopf des Vogels
zurck und es zeigte sich, da das Innere von glnzendem Golde war Einen
Diener herbeiwinkend, fllte die Erbgrfin den goldenen Becher mit dem
edelsten Wein, whrend Graf Ludwig die kleine Marie, die zutraulich, als
die Mutter ihre kleine Hand los lie, zu ihm hingetrippelt war, zu sich
emporhob und mit eigenthmlichen Gefhlen das schne Kind liebkosend an
sich drckte.

Die Grfin kredenzte nippend den kstlichen Wein im kstlichsten
Trinkgerth, und sprach, indem sie den Pokal dem Grafen darbot, von
Gefhl bewegt und berglht von einer schnen Wrme des Gemths: Ich
bringe es Ihnen, Cousin, zum Dankeszeichen fr Ihre hochherzige That,
die ich nie vergessen werde, die dieses, mein mitgerettetes Kind, nie
vergessen soll. Sie entrissen mich dem Tode, erhielten mein Leben meinem
Gemahl, meinem Mariechen und meiner kleinen erst acht Monate alten
Ottoline. Ich kann Ihnen nichts bieten, als das Gefhl innigster
Dankbarkeit und lebenslnglicher Freundschaft.

Mge diese Lebensdauer eine glckliche und gesegnete sein bis zu der
Tage fernster Ferne! rief Ludwig, indem er aus Ottolinens Hand den
Becher ergriff, und mit gehobenem Gefhl seine Augen fest auf ihre
himmelvollen Augensterne richtend, ihn zum Munde fhrte. Drauen im
Vorsaal ein starker mnnlicher Tritt und Schritt, ein rasches Oeffnen
der Thr, und der Erbherr stand in ihr, wie angewurzelt, seinen Augen
nicht trauend, wie von Eis bergossen.

Wilhelm, mein Wilhelm! rief Ottoline freudig berrascht aus und flog an
seinen Hals, aber mit einem finstern Blick nur erwiderte der Erbherr
diese Liebkosung und sprach schneidend: Ich stre hier! -- indem er
zurcktreten zu wollen schien. Erschrocken und ebenfalls im hohen Grade
betroffen setzte Ludwig den Becher auf den Tisch und lie das Kind auf
den Boden gleiten; dieses aber wollte ferner von ihm auf dem Arm
gehalten sein, und sagte: Onkel lieb! Mariechen tragen!

Ottoline fhlte die ganze Schwere dieser Augenblicke und den ganzen
Eindruck, den die lebende Bildgruppe, die sich ihrem Gemahl sichtlich
darstellte, auf ihn machen mute -- sie fate rasch alle ihre geistige
Kraft zusammen, und sprach zu dem Erbherrn: Mein Wilhelm, nur jetzt um
Gottes Willen keine Ungerechtigkeit! Hier steht der junge Held, dem du
es dankst, da du mich noch hast, da unsere Kinder noch eine Mutter
haben, da unser Mariechen noch athmet. Ich habe ihm meinen Dank
dargebracht nach altritterlicher Frauen Weise, wie du ihm danken wirst,
mu ich deinem Gefhl berlassen. Ich wei, du wirst so danken, wie es
deiner wrdig ist. -- Der Erbgraf fate sich mhsam, aber er fate sich,
und trat einige Schritte nher zu Ludwig, indem er das Wort nahm: Der
Herr Vetter hrt hier ein Echo der letzten guten Lehre, welche mir die
Frau Gromutter gab; htte ich doch kaum geglaubt, da ein Schall von
Varel bis zu Schlo Kniphausen reiche. Bin ich in der That so hoch
verpflichteter Schuldner geworden, so will ich jetzt nicht mit Worten
danken, sondern spter durch Thaten. Niemand soll sagen, Schlo
Kniphausen sei ein ungastliches Haus geworden, also bis auf Weiteres
einstweilen zwischen uns -- Waffenstillstand.

Froh bewegt, Thrnen der Rhrung und Freude in den Augen, eilte Ottoline
zum Tische und ergriff den kunstvollen Becher, fllte ihn auf's Neue,
hob ihn gegen den Gemahl und sprach: _Ich_ habe den Pokal dem Retter
meines Lebens, dem theuern Gaste, kredenzt. Jetzt trinke auch du mit
uns, mein Wilhelm, und sei eingedenk, da dieser Pokal ein Denkmal ist
erneuter Eintracht, die auf Zwietracht folgte, ein Symbol fr friedliche
und wohlwollende Gesinnung, da die Stunde, die sein Entstehen aus
Knstlerhand hervorrief, eine wichtigere, feierlichere nicht sein
konnte, als diese, die wir so eben feiern -- denn jene Vershnung
streitender Glieder einer getrennten Familie, die wieder zu einer
einzigen werden wollten, galt doch nur dem Mein und Dein des irdischen
Besitzthums, whrend wir ungleich inniger danken sollten fr ein hheres
neugeschenktes Besitzthum. Darum nicht Waffenstillstand, sondern --
Vershnung!

Hochgndige Frau Grfin, nahm Ludwig das Wort: Ihre Gte beschmt mich
zu tief. Lassen Sie mich scheiden mit der Versicherung, da Sie mir mehr
als verdient, ja berschwnglich gedankt!

Die junge, im Jahre 1773 geborene, mithin erst im 21sten Lebensjahre
stehende liebliche und anmuthvolle Frau, erst seit dem Monat October
1791 mit dem Erbgrafen vermhlt, hatte keine Ahnung davon, wie sehr und
wie tief sie den Stolz ihres Gemahls durch ihre Worte und ihre
Aufforderung verletzte. Sie glaubte, ihr liebevoll bittendes Wort und
die Grothat des jungen Verwandten wrden schwer genug wiegen, um allen
Groll aus ihres Gemahls Gemth hinweg zu bannen, denn noch nie hatte er
ihr eine Bitte versagt, nie sie unfreundlich angeblickt, und es fiel ihm
schwer genug, durch die politischen Verhltnisse und die
Verpflichtungen, die er bernommen hatte, oft auf lngere Zeit von ihr
und seinen zarten Kindern getrennt zu sein. Mhsam rang der Graf nach
Fassung, bewltigte sein inneres Widerstreben und sprach: Der junge Herr
-- kennt meine Gesinnung. Sollte noch irgend etwas auszugleichen sein, so
stehe ich zu Diensten. Ich gehorche meiner romantischen Gemahlin und
trinke aus diesem Falken von Kniphausen. Mge sein Wein nicht die
Eigenschaft jenes Getrnkes haben, das die Zauberjungfrau im berhmten
Oldenburger Horn unserm Ahnherrn, dem Grafen Otto darbot. -- Der Erbherr
trank und reichte den Pokal an Ludwig.

Dieser hob erheitert und das Herz geschwellt von einer namenlos seligen
Empfindung, wie er sie noch nie gekannt, das kstliche Trinkgef und
sprach: Von ganzem Herzen trinke ich auf das Wohlgedeihen dieses hohen
und edeln Hauses!

#Drink al ut!# sprach mit dem sanften Lcheln der schuldlosesten
Heiterkeit Ottoline, jenen guten und schnen Spruch, den das
Jungfrauenbild am Oldenburger Horne auf einem Zettel emporhlt, und
begeistert von so liebevollem Wort leerte der junge Graf den Goldpokal
bis zur Nagelprobe. Sein Herz war viel zu unbefangen, ebenso wie das
Ottolinens, vllig die doppelsinnige Schrfe der Anspielung des
Erbgrafen zu verstehen; er gefiel sich in den Banden, welche hier
Lieblichkeit und Anmuth mit Dankbarkeit und der seelenvollsten Gte
eines jungen weiblichen Herzens um ihn schlangen, und hielt die
Vershnung fr vollkommen.

Anderes ging im Gemthe des Erbherrn vor; sein menschenkundigerer Blick
sah eine drohende Doppelgefahr, welche schon, wie er wahrzunehmen
glaubte, im Beginn schien, zwei ahnungslose Herzen zu umgarnen: der
Scharfblick erwachender Eifersucht glaubte bereits Entdeckungen zu
machen, welche die Anspielung auf jenes Wunderhorn der heimathlichen
Sage rechtfertigten. Daher blieb Graf Wilhelm den Rest des Abends beim
Thee ruhig und kalt-hflich, und sah es nicht ungern, da Ottoline,
indem sie vom Schrecken der berstandenen Gefahr sich doch angegriffen
fhlte, sich zeitig zurckzog. Scheidend gute Nacht wnschend, sprach
sie noch zu dem Gaste: Morgen beim Frhstck, hoffe ich, wollen wir uns
alle frisch und heiter zusammen finden; da soll noch einmal der Falk von
Kniphausen kreisen, und dann sollen Sie auch unsere kleine liebe
Ottoline sehen. Trumen Sie angenehm in unserm Schlosse! Gute Nacht!

Der Erbherr fand nicht fr angemessen, allein bei seinem Gaste zu weilen
-- er gebot einem Diener, Ludwig nach dessen Zimmer zu bringen, und
schied mit hflichem Wunsche.

Das von der jungen Erbherrin erwhnte Frhstck fand nicht Statt. Das
von beiden Seiten erhoffte Wiedersehen unterblieb.

Die Erbherrin sah ihren Lebensretter nicht wieder. Ludwig begab sich in
seinem Zimmer zur Ruhe. Holde Bilder der Schnheit und Anmuth
umgaukelten ihn; das Feuer des alten auserlesenen Weines erregte ihm
mchtig die Gluth der Sinne. Wie htte er sogleich schlafen knnen nach
Allem, was er vom gestrigen bis zum heutigen Abend erlebt! Fort mute er
doch; das fhlte er und wute es gewi, da der Erbherr ihn nicht halten
werde, aber wie ungern schied er nun!

Endlich warf der Schlummer doch sein Traumnetz ber ihn. Rasch jagten
sich des Traumes wechselnde Bilder, eine Zauberwelt voll Wahrheit und
Dichtung, durch das Gehirn des Schlummernden -- er hielt wieder den Falk
von Kniphausen in seiner Hand und trank aus goldener Gluth die goldene
Fluth. Aber die Rubinen brannten in seiner Hand wie Feuer. Ottoline
schmiegte sich zrtlich an ihn an, ihre Kinder waren seine Kinder, sie
kte ihn und sein Herz wallte auf in namenloser Seligkeit. Da erneute
der Traum die Scene des gestrigen Abends; der Erbherr stand ihm
gegenber mit der tdtlichen Waffe, und da stand auch wieder die
Gromutter, als ob sie lebe, in der Glorie ihres starren Stolzes
zwischen ihm und dem Erbherrn. Aber nicht Jenem galt ihr zrnendes,
strafendes Wort, nicht vom Glanze ihres alten ahnenreichen Stammes
sprach sie, sondern an ihn, an Ludwig richtete sie ernste Worte mit
tiefer mnnlicher Stimme, fast dieselben, die Ludwig schon einmal
vernommen hatte. Halte, mein Kind, dein Herz frei und rein von allen
unlauteren Trieben, wenn es dir auch schwer ankommt, und Neigung und
Sinne sich dagegen struben. Auch du wirst durch die schmerzlichen
Flammen der Luterung gehen -- o gehe rein aus ihnen hervor! -- Diese
Traumbilder schwanden schnell hinweg, andere traten an deren Stelle;
lebensvolles Gewhl der Straen und Mrkte groer Stdte, Waffenlrm der
Heerlager, berghohe Meereswogen -- Strme und ruhige See -- hohe Burgen
und Schlsser -- stille Thler -- eine Siedlerklause -- eine
dunkelschattende Kastanienallee -- ein einsames Grab, und in dieses Grab
hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und Bangen, alles
Hoffen und Frchten eines langen Erdendaseins -- all' sein Glck.

Als der Erbherr mit seiner Gemahlin allein war, und das Kind zur Ruhe
gebracht, blickte er Ottoline eigenthmlich forschend an, ob sie den
Blick vor ihm nicht senke, ihr Auge nicht in Verwirrung niederschlage;
aber sie sah ihn vllig unbefangen an, und fragte nur, da sein finsterer
Blick sie erschreckte: Bist du unzufrieden, lieber Wilhelm? Bist du
nicht froh?

Ottoline, sprach er dumpf: es wendet mir das Herz im Busen um, zu
erleben, was ich heute und gestern erlebt, da ich kommen mu und sehen,
wie meine Gemahlin den geheiligten Pokal mit ihren Lippen einem Menschen
kredenzt, der in toller knabenhafter Hitze meine Mannesehre auf das
Ehrloseste beleidigt und dessen Hand und Mund jenes Gerth fr immer
entweiht haben. Ich will den Falk von Kniphausen niemals wiedersehen,
ich trank, von dir gezwungen gleichsam, zum letztenmal daraus. Dein
berspanntes Gefhl der Dankbarkeit ri dich hin; da er die
scheugewordenen Pferde aufhielt, war seine Schuldigkeit -- die
Dienerschaft erzhlte mir bei meinem Eintritt ins Schlo schon Alles --
die Pferde wren auch wohl von selbst vor der Made stehen geblieben. Ein
Mann von Ehrgefhl wre nicht mit in mein Schlo gegangen.

O Gott! so htte ich gefehlt, da ich wiederholt in ihn drang, da er
sich doch entschieden weigerte! rief Ottoline.

So? er weigerte sich also entschieden -- und doch nicht entschieden genug
-- sein weiches Knaben-Herz vermochte nicht, der sen Bitte des holden
Mundes meiner Gemahlin zu widerstehen?

Der Ton, mit welchem der Erbherr dies sprach, fllte Ottolinens Herz mit
Weh, ihre Augen mit Thrnen; sie begann leise zu zittern.

Du machtest mich machtlos gegen ihn, fuhr der Erbherr fort, ich konnte
das Gastrecht nicht verletzen, konnte ihn nicht, wie er an mir verdient,
aus dem Hause werfen -- konnte aber auch die Gre seiner That nicht so
hoch wrdigen, wie du. Er ist ein Mensch ohne Geburt, ohne Ehre -- wir
knnen nicht ferner mit ihm verkehren -- und da sein Dnkel und sein
Bewutsein, Schoosliebling der Gromutter zu sein, ihm jedenfalls Anla
sein wird, die Belohnung, die ich ihm bieten knnte, zurckzuweisen, so
mag er sich mit der, die du etwas vorschnell, nur von deinem Gefhl und
nicht von Ueberlegung geleitet, ihm zu Theil werden lieest, gengen
lassen.

Du machst mir Vorwrfe, Wilhelm? klagte mit matter, gebrochener Stimme
Ottoline. O verzeihe mir, wenn ich fehlte -- ich konnte ja nicht ahnen,
daߠ--

Htte er dir verhehlt, da Spannung zwischen uns getreten? fragte
forschend der Graf.

Nein, nicht ganz -- er deutete mir an, indem er sich weigerte, mich zu
begleiten und hier zu weilen, da du ihm feindlich gesinnt seist, da
eine unbedachte Aeuerung seinerseits gegen dich, die auf Ehre nicht
habe verletzen sollen, dich so sehr gegen ihn aufgebracht habe, da du
ihn hatest, ja verachtest.

Und das Alles hielt dich doch nicht ab, ihn einzuladen? murrte Wilhelm.
Es freut mich, da er dir ehrlich die Wahrheit sagte, wie er es gewesen,
der zuerst mich reizte. Wenn er dies fhlte, war es an ihm, zu
widerrufen, aber was that er, als ich ihm heftig entgegnete? In
wahnsinniger Wuth fluchte er mir, und mit mir dir, unsern Kindern,
unserm ganzen Geschlecht. Ewigen Hader, ewige Verwirrung wnschte er auf
uns herab! In seinen blindwthenden Fluch wob er, da er doch wissen
mute, wie sehr ich dich liebe, Trennung ein zwischen dir und mir -- zu
einer Leibeigenen soll ich herabsteigen, Bastarde, wie er einer ist,
soll ich mit ihr zeugen, die ganze Verwandtschaft soll mich hassen und
verabscheuen, und in steigender Verarmung soll ich untergehen.

Das war zu viel fr ein zartes, noch von keinem unreinen Gedanken
beflecktes Herz. O Gott! o Gott! zu viel, zu viel! rief Ottoline, stie
einen leisen Schrei aus, fuhr mit beiden Hnden nach ihrem Herzen, in
dem sie einen Schmerz fhlte, als wenn Dolche darin whlten. Ihr
vorhiniges Zittern ging in Zuckungen ber, sie fiel in heftige Krmpfe --
entsetzt sprang der Graf vom Stuhl auf und bog sich ber sein schnes
leidendes Weib. Mit stieren Zgen, die sich verzerrten, stie Ottoline
den Gemahl von sich, und er eilte auer sich vor Schmerz und neuerregter
Wuth zur Klingel, welche die Kammerfrau herbeirief. -- Es war sein Werk,
Alles was vorging und folgte.--

Am andern Morgen, als Graf Ludwig sich erhoben, trat Jacob, des Erbherrn
Jger, bei ihm ein und meldete, da sein Gebieter bedauere, das
Frhstck nicht mit dem Gast theilen zu knnen, die Frau Erbherrin sei
in der Nacht wahrscheinlich in Folge der gestrigen Aufregung und des
Unfalles, tdtlich erkrankt.

Ludwig's Herzblut stockte bei dieser Nachricht -- er vermochte den
nichtssagenden Wunsch baldiger Besserung kaum zu stammeln und den
Auftrag, da er sich der regierenden Herrschaft empfehlen lasse. Philipp
wurde sofort mit dem Befehle entsendet, zu satteln.

In Gedanken der schmerzlichsten, schwermuthvollsten Art setzte Ludwig
seine Reise fort; der Morgen war heute himmlischschn, nebelfrei -- ein
seltener Tag in dieser Kstengegend -- aber Ludwig's Gemth erfreute sich
heute nicht am schnen Himmel. Mancher Blick flog noch zum Schlosse
Kniphausen zurck, dessen hoher Thurm erst dann den Blicken sich entzog,
als Ostringfelde fast erreicht ward. Eine Welt voll Schmerz lastete auf
des Jnglings Herzen. Das Drfchen und Gut Ostringfelde liegt am Wege
von Jever nach Varel, und der Weg von Kniphausen ber Accum stt dort
auf den ersteren. Aus den malerischen Baumgruppen des gutsherrlichen
Gartens erhob sich weit sichtbar und die Umgegend weit berschauend eine
alte Warte, ein hoher viereckter Thurm, in jener Gegend ein seltener
Anblick, denn der burghnlichen grern Schlsser sind nur wenige im
Lande, dessen Charakter so gnzlich abweicht von den an alten Burgen von
malerischer Schnheit reichern Gegenden des mittleren Deutschlands.

Ha! der Marienthurm! -- unterbrach in der Nhe dieser Warte Ludwig sein
bisheriges Schweigen, indem er stillhielt und sich vom Pferde schwang.
Halte die Isabella, Philipp! fuhr er fort, indem er den Zgel seines
Rosses dem Diener zuwarf. Ich will noch einmal von da droben das
Heimathland berschauen, das ich verlasse. Dieser Ort ist mir lieb und
wohlbekannt, hier in der Nhe lie die Gromutter nach Mnzen der alten
Rmer suchen, ich war dabei und es wurden deren auch wirklich gefunden.

Graf Ludwig betrat den Garten; es war ungewehrt, den alten Thurm zu
besteigen, die Treppe war noch wohlerhalten, und die Zinne, damals noch
nicht, wie in spterer Zeit, von neuerwachter Piett mit einem
Schieferdach gesichert, gestattete dem, welcher Lust hatte, von ihr
einen Blick auf die Gefilde Ostfrieslands zu werfen, diesen Genu in
vollem Maae.

Auch eine versunkene Herrlichkeit! sprach Ludwig zu sich selbst, indem
er zunchst hinabblickte in des Thurmes nchste Umgebung: bergrntes,
von Schutt und Erde bedecktes Gemuer in weiter Ausdehnung und
verwilderte Grten. Hier stand das bewunderte Schlo der Erbtochter
Maria, der schnen Gemahlin Edo Wimmekens, wie die Gromutter mir
erzhlte. Und dieser Thurm ist der einzige sichtbare Rest jenes stolzen
Baues, an dessen Stelle und aus dessen Steinen unten das niedrige
Herrenhaus, einstockig und einfrmig wie alle die Huser der hiesigen
Landgterbesitzer, erbaut wurde, niederlndisch reinlich, wohnlich und
bequem eingerichtet, aber nie darauf berechnet, herrisch in die Ferne zu
wirken, wie zum Beispiel Schlo Kniphausen.

Dort lag es, dort lag es, stolz und stattlich und von dieser Thurmhhe
gut erkennbar, das Schlo, nach welchem Ludwig so ernst, so sinnend, so
sehnschtig und bengstigt zurck blickte, mit aller verzeihlichen
Schwrmerei eines neunzehnjhrigen Jnglings, den zum ersten Male in
seinem Leben der Wunderstrahl des ewig Weiblichen berhrt hatte, und
ihn liebend hinanzog in die hohen und reinen Sphren einer idealen
Welt. Verloren gingen dem jungen Schwrmer die Reize der zwar flachen,
aber doch an Schnheiten keinesweges armen Gegend, des gesegnetsten
Landstrichs im heutigen Groherzogthume Oldenburg; die zahlreichen
Drfer und Gutsgebude mit ihren nach niederschsischer Art einzeln
stehenden, mitten im weiten Umfang jedes Einzelgehfts gelegenen,
strohbedeckten Husern; das fette, mit grnen Saaten prangende
Marschland; die zahlreichen herrlichen Baumgruppen, die sich nur zu
belauben brauchten, um durch Lichter und Schatten der Landschaft
mannigfaltigen hochmalerischen Schmuck zu verleihen. Dort das Stdtchen
Jever, die Flecken Accum und Neustadt, dort das kleine Flchen,
welches sich in einiger Entfernung theilt, um theils nordwrts als Made,
auf lngerem Wege beim Rustringer oder Knipenser Siel, theils auf
krzerem ohne weitere Benennung beim Marien-Siel in den Jahdebusen zu
rinnen. Ludwig konnte genau die verhngnivolle Stelle an der Made
erkennen, einige alte Weiden machten sie ihm kennbar, wo ihm am
gestrigen Nachmittag so unerwartetes und unverhofftes Glck begegnet
war. Ein Glck, welches nur ein Traum war -- ach ein kurzer, schner und
schmerzlicher Traum.

Lebhaft traten an diesem Orte, auf dieser Thurmzinne, Bilder der
Vergangenheit vor die Seele des Jnglings: der Gromutter ehrwrdige
Gestalt hatte in stillen Stunden in ihrem Arbeitszimmer, wenn er bei ihr
sa und fr sie thtig war, ihm diese Vergangenheit entrollt in
berreicher Flle, und doch barg sich noch so manches Geheimni unter
den Farbentnen; manche dieser Bilder waren blos oberflchlich bermalt
mit dem trockenen Tone der alltglichen Geschichte, wie die Lehrbcher
sie enthalten; das reiche farbenglhende Gemlde darunter konnte ja dem
Knaben noch nicht aufgedeckt werden. So war es der Fall mit diesem
einstigen Schlosse, mit diesem Thurme. Der letzte Abkmmling in
weiblicher Linie von Theodorich dem Glcklichen, Grafen zu Oldenburg,
jene Maria, hatte als Erbtheil die reiche Herrschaft Jever besessen. Sie
erreichte ein hohes Alter, ohne sich zu vermhlen, und erbaute an dieser
Stelle das herrliche Schlo, nachdem sie im Jahre 1532 von Kaiser Carl
V. als Herzog von Brabant und Burgund die Herrschaft in Lehn genommen.
Eigen und wunderbar war ihr Walten; sie war eine Mutter des Landes und
allgeliebt, und noch heute lebt ihr Wirken und ihr Name im Lande dankbar
gesegnet fort und der Marienthurm selbst wird noch in hohen Ehren
gehalten; der von ihr angelegte Siel fhrt noch ihren Namen.

Viele ihrer Verwandten hofften, alle mit gleicher Berechtigung, auf ihr
Erbe, aber starr, wie die alte Reichsgrfin, gab es Maria dem, dem sie
die Flle ihrer gnadenreichen Gunst zugelenkt, Johann dem Sechzehnten,
Grafen zu Oldenburg, indem sie ihm ausschlielich die Herrschaft
vererbte.

Vergleiche zwischen dem Einst und dem Jetzt lagen dem ber die
Vergangenheit sinnenden Ludwig nahe genug. Kaum hatte die alte Ahnherrin
und noch mit dem Wunsche das Auge geschlossen, es mge ihr
Residenzschlo erhalten bleiben -- die rtliche Sage kndete, da in
dessen Grundtiefen ein reicherer Schatz vergraben liege, als die
Herrschaft Jever und die Herrlichkeiten Varel und Kniphausen zusammen
werth seien -- und der Erbherr die Herrschaft angetreten, so war auch
Zwist und Hader erwacht, und das Schlo sammt der Herrschaft wurde zum
Erisapfel. Siegreich gewann Graf Johann den von seinen um die
Miterbschaft ringenden Verwandten vor dem brabanter Lehnhof anhngig
gemachten Rechtsstreit; aber sein Sohn Anton Gnther trat unkluger Weise
das schne, vom Vater ihm berkommene Erbtheil an den Frsten von
Anhalt-Zerbst, den Sohn seiner Schwester Magdalene, ab, und von diesem
1793 aussterbenden Hause fiel die Herrschaft Jever als Kunkellehen an
Auguste Friederike, die einzige berlebende Prinzessin des Hauses
Anhalt-Zerbst, welche als Kaiserin Katharina II. auf Rulands Throne
sa. Dadurch setzte Ruland seinen Fu zuerst als reichsfrstlicher
Gebieter auf deutschen Boden. So wunderbar fgen und verschlingen sich
die Geschicke mancher Orte und Lnder. Der Sprling des Hauses
Oldenburg und Delmenhorst, Graf Ludwig, stand jetzt im ehemaligen Lande
seiner Vter und Ahnen auf einer russischen Warte. Die weitentfernten
Besitzer hatten das Schlo nicht erhalten knnen, nicht erhalten wollen,
so war es verfallen, und fast nur die Sage erzhlte noch seine
Geschichte, und flsterte geheimnivolle Mren von der schnen
Erbtochter Maria von Jever, die eine Freundin der nicht minder schnen
Maria, Erbtochter von Burgund, gewesen war, von verschwiegener Liebe und
von tiefem unheilbarem Herzeleid, wie von Dingen und Thaten, mit denen
sich viele Bcher fllen lieen.

Noch einen innigsehnsuchtvollen Scheideblick hinber zum Schlosse
Kniphausen mit liebevollem, zrtlichem Bangen, und dann ein Losreien
von dieser einsamen, erinnerungsreichen Stelle -- ein zweiter, stummer
tief empfundener Abschied.




6. Ein Geheimni.


In Frankreich stand die Revolution mit allen ihren Schrecknissen und
blutigen Grueln in voller schauderhafter Blthe. Der Erbadel war
abgeschafft, seine Angehrigen waren gouillotinirt oder entwichen, der
Knig und seine Familie war hingerichtet, allen Frsten Europa's war der
Krieg erklrt, und fr alle Lnder die Beglckung durch Aufruhr, Mord
und Brand ausgerufen und angesagt. Die Girondisten waren der
fanatisirten Volksmasse, die aus lauter Henkern bestand, zum Opfer
gefallen, und Frankreich wthete gegen Frankreich, wie nie ein Feind,
auch der allergrausamste nicht, gegen dasselbe zu wthen vermocht htte.
Die Unvernunft versuchte, Gott und den Glauben abzuschaffen, und hob die
Vernunft in Gestalt einer nackten Metze auf die entweihten Altre, bis
es der Willkr des Blutmenschen Robespierre gelang, durch den Convent
anbefehlen zu lassen, da es eine Gottheit gebe und eine Unsterblichkeit
der Menschenseele. Auch dieses Ungeheuer traf spter die rchende Hand
aus der Hhe, aber die Unthaten dauerten fort, und jeder Tag erzeugte
neue, wie aus dem heien Schlamm immer neues ekles Gewrm kriecht, und
verderbliche Miasmen ausdampfen.

In den Niederlanden war der am 20. Mai 1784 geschlossene Friede von
Versailles zwischen England und Frankreich die letzte Epoche gewesen,
welche eine kurze Zeit den Janustempel geschlossen hielt. Frankreichs
Tollheit wirkte ansteckend nach allen Seiten hin und zudem hatte unterm
1. Februar 1793 der franzsische Nationalconvent auch an den
Erbstatthalter von Holland, wie an England, den Krieg erklrt, und die
Wogen der Nordarmee wlzten sich ber die Gefilde von Geldern und
Flandern, whrend in der Vende ein seinem Knigshause noch immer treues
Volk sich mit heldenhaftem Opfermuthe in den Kampf strzte, und Schaaren
der gegen die Vende gefhrten Carmagnolen vernichtete. In solchen
Zeiten ist nicht gut reisen, und schwerlich wrde Graf Ludwig mit seinem
treuen Diener Philipp Scarre, so war dessen Vatername, ohne manchen
lstigen Aufenthalt oder persnliche Gefahr das nchste Ziel seiner
Reise, Amsterdam erreicht haben, wenn er nicht so einsichtsvoll gewesen
wre, den Weg zur See dem zu Lande vorzuziehen. Nach kurzer Mittagsrast
in Jever verfolgte der junge Reisende seine Richtung gerade nordwrts
auch ferner, und erreichte nach vier Stunden den Strand der
Nordseekste, das Wangerland.

Da lag es, das unermeliche Meer, mit seiner langgestreckten Inselkette,
und hell, wie ein Silberstreif im Sonnenscheine, zeigte sich in der
Ferne die Insel Wangerooge dem Blick. Im Friedrichs-Siel wurde inde
kein Schiff angetroffen, welches gro genug gewesen wre, die Pferde
aufzunehmen, und von seiner treuen Isabella, deren Trefflichkeit ja erst
am gestrigen Tage sich ihm so herrlich bewiesen hatte, htte sich der
junge Graf jetzt um keinen Preis trennen mgen -- ungern genug hatte er
schon auf die Begleitung des Hundes verzichtet, da er sich selbst sagen
mute, da er auf einer so wechselnden Reise denselben bald genug
einben werde. Es war daher der Hund einstweilen oder fr immer dem
Kammerdiener Weisbrod zu guter Obhut bergeben worden. Die Reiter
setzten ihren Ritt lngs der Kste Ostfrieslands noch eine kleine
Strecke westwrts fort, und hatten bald die Freude, in der
Karolinen-Rhede mehrere segelfertige Schiffe zu erblicken, und nach
kurzer Unterhandlung mit dem Kapitn eines derselben, das nach der
Zuydersee steuerte, an Bord zu gehen. Der Kapitn war in Stand gesetzt,
schon nach Verlauf weniger Stunden die Anker heben zu knnen; der
frische Ost, der den ganzen Tag wehte, verhie gute Fahrt nach Westen,
und da das Schiff seinen Curs nicht durch die unsichern Watten zwischen
der ostfriesischen Kste und den Inseln des Wangerlandes nahm, sondern
zwischen Wangerooge und Spikerooge in die Harle fuhr, so gewann es mit
der gnstig eingetretenen zurckrollenden Fluth bald das offene Meer,
und fuhr auf sicherer, von Sandbnken unbedrohter Bahn Angesichts der
Inselkette, an Oster- und Wester-Langeroog und Baltrum vorber, nach
Norderney und Juist zu, whrend die Nacht sich allmlig und spt
dmmernd niedersenkte und der Mond seine zauberische Strahlenflle auf
die unermeliche Nordsee niedergo.

Die erste Erscheinung, welche auf dem Schiffe die Aufmerksamkeit des
jungen Reisenden, wie seines Dieners in hohem Grade auf sich lenkte, war
ein anderer Reisender, welcher mit dem Kapitn sehr gut bekannt, sogar
vertraut schien, uerst gut gekleidet war, und mit dem jungen Grafen
eine auffallende Aehnlichkeit hatte, nur da der Erstere etwas lter
aussah und auch wirklich war, sonst htte man beide fr Zwillingsbrder
halten knnen, und wie diese Aehnlichkeit Ludwig und seinem Diener
auffiel, so schien sie auch dem andern Theil aufzufallen. Der Kapitn
hatte um so mehr fr schicklich gehalten, die Reisenden einander
vorzustellen; er konnte dies, denn er hatte den Namen des Jngeren
derselben in dessen Pa gelesen; da aber zufllig der Kanzlist, welcher
diesen Namen mit groem Fleie geschnrkelt, das /r/ im Namen /Varel/
nicht /r/, sondern /[i ohne Punkt]/ geschrieben hatte, so war es nicht
zu verwundern, da der Kapitn statt Graf Varel -- Graf /Vavel/ las, und
unter diesem vernderten Namen ihn seinem Reisenden vorstellte. Ludwig
vernahm den Irrthum, fand sich aber nicht veranlat, denselben zu
berichtigen, um so mehr, als jener ihm dazu gar nicht Zeit lie, sondern
alsbald den Namen des Reisenden nannte: Herr Leonardus Cornelius van der
Valck, Sohn von Herrn Adrianus van der Valck, berhmten Kauf- und
Handelsherrn zu Amsterdam.

Es gereicht mir zur Freude, mein Herr, nahm Ludwig verbindlich das Wort:
Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, und wie ich hoffe, einen
Reisegefhrten in Ihre Vaterstadt zu finden, und dies doppelt, da ich
den Namen Ihres Hauses bereits rhmlich nennen hrte, ja ich glaube
nicht zu irren, da ich unter andern an dasselbe sogar empfohlen und
gewiesen bin, und dessen guten Rath in einigen geschftlichen
Angelegenheiten mir zu erbitten haben werde.

Der Fremde entgegnete mit einer entsprechenden Offenheit: Mein Herr
Graf, ich, wie mein vterliches Haus sind ganz zu Ihren Diensten, und
mich besonders wird es freuen, wenn ich nach meiner Rckkehr Sie selbst
bei uns einfhren darf. Wenn Sie, wie ich vermuthe, noch nicht in
Amsterdam waren, so wird es Ihnen immer von Nutzen sein, in dieser
groen und jetzt noch dazu sehr aufgeregten Stadt einen kundigen Fhrer
zu haben.

Gewi, mein Herr, und ich werde Ihnen von Herzen dankbar fr jeden
Dienst sein, den Sie mir erweisen zu wollen so gtig sind.

Der Kapitn endete die anfangs unvermeidliche steife Frmlichkeit der
ersten Unterredung durch den Vorschlag, den zwar etwas khlen, aber
prchtigen Abend auf dem Verdeck bei einer Kumme Punsch zu verplaudern,
welcher die Zustimmung aller Theile erhielt, und ein gegenseitiges
nheres Bekanntwerden in freundliche Aussicht stellte. Ein gut
angebrachtes Segeltuch hemmte den rauhen Luftzug, einige am Mast
aufgehangene Laternen streuten freundliche Helle auf die Gruppe der
neuen Bekannten nieder, und bald kam lebendiges Gesprch in Gang. Auch
die Diener wurden nicht vergessen, jedem ward sein reichlicher Theil von
dem heien, anregenden Tranke, doch hielten sie sich in angemessener
Entfernung und plauderten unter sich nicht minder vergngt wie die
Gebieter, und sorgten dafr, da die kurzen weien niederlndischen
Thonpfeifen nicht ausgingen.

Der Kapitn war ein krftiger Mann von etwa fnfzig Jahren, und hie
Richard Fluit; er war aus dem Haag gebrtig; das Schiff, welches er
fhrte, hie de vergulde Rose und war Eigenthum des Handelshauses van
der Valck. Das Gesprch lenkte sich bald genug den Tagesfragen zu, und
Fluit und Leonhard waren sehr gespannt auf Nachrichten vom dermaligen
Stande der Dinge in Amsterdam, da sie in Hamburg, welches vor einigen
Tagen verlassen worden war, nichts Bestimmtes hatten erfahren knnen.
Man hatte nur davon gesprochen, da Pichegru sich mit seinem Heere gegen
die Schelde zu bewegen Anstalten treffe, und Jourdan nach der Sambre
aufbrechen wolle. Die erbitterte Stimmung der sogenannten Patrioten
gegen die Partei des Erbstatthalters dauere im Haag wie in Amsterdam
fort, ohne da man von wichtigen oder entscheidenden Vorfllen vernommen
habe. Bei alledem, nahm der Kapitn das Wort: macht das kriegerische
Wesen uns Kauffahrern, die wir es allesammt zum Henker wnschen,
tausendfache Plackerei, nchstdem, da es die Handelschaft hemmt und den
Verkehr untergrbt. Sonst stand unser einem frei, an Bord zu nehmen, wen
man wollte, und Gter zu laden, welche man wollte; jetzt wird uns ein
schwerer krperlicher Eid bei jedem Auslaufen aus dem Hafen abgenommen,
und mu jeder Kapitn noch ein besonderes Certificat bei sich fhren,
da er diesen Eid geleistet. Darum mu ich jetzt Namen, Rang und Stand,
wie Bestimmungsort meiner Schiffsreisenden besonders aufzeichnen und
dieselben vorlegen, sobald sie verlangt werden. Ich mu sogar den Sohn
meines ehrenwerthen Prinzipals ebenso, wie Sie, Herr Graf, ersuchen,
nchstdem, da ich Ihren Pa bereits gelesen, Ihren werthen Namen
eigenhndig in dieses mein Passagierbuch einzutragen, Sie haben aber
dafr den Vortheil, dann zu Amsterdam von aller sonst ebenso hufigen
als lstigen Paportplackerei befreit zu bleiben.

Meine Unterschrift steht zu Befehl, Herr Kapitn, antwortete Graf
Ludwig: doch wnschte ich Nheres ber diese Verpflichtung zu erfahren.

Der Kapitn ffnete seine Schreibtafel, zog einen untersiegelten
Stempelbogen hervor und las: Ich Richard Fluit, gelobe und schwre zu
Gott, dem Allmchtigen, da ich auf das unter meinem Befehl segelnde
Kauffahrteischiff, de vergulde Rose genannt, Eigenthmer Mynheer
Adrianus van der Valck, Kauf- und Handelsherr zu Amsterdam, welches von
Amsterdam nach Hamburg bestimmt ist, weder fr meine eigene Rechnung,
noch fr oder von Jemanden, er sei auch wer er wolle, einige mir
unbekannte Handelsgter, viel weniger das Mindeste von Contrebanden,
noch Militr-Personen im Kriege befangener Puissancen[3], es sei in oder
auer dem Hafen, noch unterwegs, oder sonst irgendwo auf meiner
angedeuteten Reise einladen oder an Bord nehmen will, ingleichen, da
ich nichts weiter geladen habe, noch laden will, als in meinem Manifest
benannt ist, und ebenso darauf sehen will, da dergleichen von meinem
Schiffsvolke nicht geschehe. Ich will auch auf meiner Reise kein nicht
gehrig unterschriebenes Cognossement, oder das nicht gehrig an Ordre
gestellt, oder worin die Waaren nicht richtig ausgedrckt sind, am
wenigsten aber Passagiere und Gter ohne richtigen Ausweis an Bord
nehmen, berhaupt aber meine Papiere und Documente in gebhrender
Ordnung halten. So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort.

    [Funote 3: Mchte.]

Da mssen wir uns freilich kundgeben, da wir nicht Contrebande oder gar
militrische Ausreier und Spione sind, lachte Leonardus, tunkte die
Feder ein und bot sie hflich dem jngeren vornehmeren Reisegefhrten
dar.

Als beide Herren die vorgeschriebene Form erfllt hatten, betrachtete
der Kapitn sinnend und vergleichend die Handschrift beider, und brach
dann in den Ausruf aus: Merkwrdig, ganz merkwrdig! Nicht nur da sich
die Herren einander so hnlich sind, als ob sie Brder wren, auch Ihre
Handschriften gleichen sich in einer auffallenden Weise. Da sehen Sie
beide selbst.

Es war in der That so, wie Fluit gesagt; der junge Graf schrieb eine
leichte flieende und dabei doch sichere Hand, und der junge Kaufmann
keine kaufmnnische, sondern eine, deren Ductus bis auf den flchtigen
charakteristischen Schnrkel am Schlubuchstaben des Namens der des
Grafen vllig gleich kam, so da beide Namenaussteller selbst darber
verwundert waren. -- Wer wei, was das bedeutet! nahm Leonardus das Wort:
vielleicht sollen wir nher mit einander bekannt werden, vielleicht
zuletzt gar mit einander verwechselt! -- Ha, da knnte Ihnen leicht etwas
Schlimmes begegnen! warf der Kapitn im Tone leicht spottenden Scherzes
hin, gegen den Sprechenden gewendet. Leonardus lchelte und errthete:
Ich will das ja nicht hoffen, erwiderte er. Das gbe dann freilich keine
Freundschaft!

Darf ich fragen, was die Herren meinen? nahm Ludwig das Wort, dem die
entdeckte Aehnlichkeit eigene, fast beunruhigende Gedanken erregte: oder
ist es unbescheiden, diese Frage zu thun, bei der sich doch mein Gesicht
betheiligt sieht?

Warum nicht, Sie drfen immer fragen, Herr Graf, antwortete Leonardus:
und Sie finden mich auch bereit zu antworten. Fast scheint es mir nicht
anders mglich, als da wir Freunde werden mssen, und ich glaube nicht
die mindeste Gefahr zu laufen, wenn ich Ihnen mein Geheimni enthlle,
Sie werden dadurch gleichsam mein Verbndeter (es ist nichts
Unehrenhaftes, bemerke ich voraus) und knnen als solcher mir vielleicht
ntzlich werden.

Also ein Geheimni? fragte der junge Graf gespannt und voll Antheils. --
Dessen Schlssel auch mir schon lngst versprochen wurde! fgte Fluit
hinzu.

In der That, wenn ich es Ihnen mittheile, Herr Graf, so gebe ich Ihnen
einen Beweis des unumschrnkten Vertrauens, das Ihr ganzes offenes Wesen
mir einflt, sprach Leonardus Cornelius van der Valck weiter. Auch ich
bin offen, entgegen dem Nationalcharakter meiner Landsleute, aber ich
habe viele Reisen gemacht, und habe erfahren, da Offenheit und
Unbefangenheit weiter bringen als Verschlossenheit und heimliches Wesen.
Vertrauen erweckt Vertrauen, und meist ist es der Jugend schnes
Eigenthum und Vorrecht. Das Alter mag, das begreift sich wohl,
mitrauisch und sorgsam machen, und gerne sttzt es und vertheidigt es
seine Ansichten mit seinen Erfahrungen; diese Erfahrungen mu aber eben,
meine ich, jedes Leben erst machen, damit es im Alter sich auf sie
sttzen und von ihnen reden knne.

Es ist so, wie Sie sagen, Herr Leonardus! besttigte der Schiffskapitn.
Wer nichts erlebt und erfahren hat, der kann nicht sagen, da er gelebt
habe; und auch aus den Erfahrungen der Aelteren kann ein junger Mann
Manches lernen, was er thun und was er meiden soll. Wir wollen erst
unsere Kumme und unsere Glser frisch fllen, und dann mag die Erzhlung
beginnen. -- Das Schiff segelte mit frischem Winde durch das nur wenig
und dazu gleichmig bewegte Meer und durch die khle, wunderbare,
sternenklare Nacht. Zur Rechten verlor sich der Blick in die
Unermelichkeit, und man sah nicht, wo Himmel und Meer einander kten,
denn der Himmel warf die Abbilder seiner Sterne wie glhende Ksse in
die Wogentiefe, und die goldenen Funken schienen sich freudehpfend auf
den silberkruselnden Wellen zu schaukeln, die zugleich des Mondes Bild
millionenfach gebrochen zurckblitzten. Zur Linken entragten die
Inselflchen noch in Sicht des Schiffes, silberwei stach ihr vom Mond
scharf beleuchteter Dnensand von der dunkeln Nordseefluth ab, doch die
Orte und Gehfte darauf waren nicht mehr erkennbar. Die Inseln schienen
wie silberne, riesige Nelumbiumbltter auf die Oberflche gehoben, um im
Mondstrahl trumend auf das Erscheinen der kniglichen Blthe zu harren.
Nur wenig leuchtete das Meer, denn das eigentliche Leuchten desselben
findet nur unter wrmeren Himmelsstrichen Statt, und der Ostwind ist
demselben nicht gnstig; dennoch scho das Kielwasser von Zeit zu Zeit
einen schnell verschwindenden Blitz von phosphorischem Schimmer, aber
die hoch empor gespritzten Wasserstrahlen starker Tummler, die das
Schiff auf weite Strecken und in groer Anzahl begleiteten, glichen im
verklrenden Mondenglanze den tausend Springbrunnen eines
morgenlndischen Mrchens.

Mein Leben, begann jetzt bei frischgeflltem dampfenden Punschnapf
Leonardus seine Erzhlung: hat mich von frher Jugend an vielfach zu
Wasser und zu Lande umhergetrieben. Ich machte als Knabe meine Schulen
leidlich durch, und widmete mich dann der Kaufmannschaft mit angeborener
Vorliebe, um so mehr, da sie mir jede Annehmlichkeit des Lebens, und
durch meines Vaters gnstige Verhltnisse eine glckliche und
sorgenfreie Zukunft bot und noch bietet. Ich bin mit Wallfischfahrern in
Island gewesen, und habe die eisumstarrten Ksten Grnlands und
Spitzbergens gesehen; ich war in Stockholm und in Sanct Petersburg, und
ebenso in London, Paris, Madrid und Lissabon; bald hatte ich in
Geschftsauftrgen unsers Hauses dieses, bald jenes unserer Schiffe zu
begleiten, denn mein Vater wollte, ich solle recht viel erfahren, alle
Handelsgeschfte wie alle Waaren der verschiedenen handeltreibenden
Nationen an ihren Stapelpltzen kennen lernen, und ich habe diesen
Wunsch erfllt, so weit es mir mglich war; ich bin auch in
Konstantinopel und in der Levante, in Smyrna und in Tiflis gewesen. Mein
Vater gibt mir selbst das Zeugni, da ich ein tchtiger Kaufmann
geworden sei. Ganz anders aber und ungleich milicher steht es um die
Erfllung eines zweiten Wunsches oder sogar Befehles meines verehrten
Herrn Vaters. Derselbe sagte zu mir: Versprich mir, mein Sohn, ber dein
Herz zu wachen, keine Verbindung anzuknpfen, die meine Plne mit dir
kreuzt, sonst betrbst du mich und grbst dir die Grube deines Unglcks.
Denn wisse, mein guter Sohn, da ich fr dich bereits gewhlt habe, und
zwar ein sehr liebes Kind, jetzt freilich noch im zarten Alter, das aber
zur lieblichen Jungfrau heranblhen wird. Es ist die Tochter meines
besten Freundes, du kennst ihn, kennst sie, sie ist die einzige Erbin,
und deine Verbindung mit ihr wird der glcklichste der Tage sein, welche
ich noch zu erleben hoffe.

So sprach mein Vater, und ich, damals im neunzehnten Jahre stehend,
kannte ja nicht die Zaubermacht der Liebe, und leistete unbedacht und
unbedenklich das schwere Versprechen. Meine Braut zhlte damals erst
zehn Jahre und war in der That ein liebreizendes Kind, jetzt aber zhlt
sie zwanzig Jahre, und harrt vielleicht mit Trauer oder mit Ungeduld auf
den die Welt durchschwimmenden Verlobten, und dieser----

Herr Gott! fuhr der Kapitn auf, Herr Leonardus! Und das Alles sagen
Sie mir jetzt erst! Ach, das bringt mich um Ehre und Credit, schleudert
mich vom sichern Steuerbord in die wogenden Wellen!

Bleiben Sie ruhig, Kapitn! bat Leonardus. Sie muten es endlich doch
erfahren, da Sie trotz Ihres beschworenen Eides und bester Ordnung
Ihrer Papiere und Documente, dennoch eine sehr werthvolle Contrebande am
Bord haben. Es ist eben die hchste Zeit, mich Ihnen, mein redlicher
Freund, ganz zu entdecken, denn ich nahe der Katastrophe, und bedarf
treuer, schtzender Freunde. Der Befehl meines Vaters ruft mich nach der
Heimath, dort harrt meiner die schne, reiche Braut; unter allerlei
Vorwnden entzog ich mich bisher der Heimkehr, ich kann es nicht lnger
thun, und Gott wei, was nun werden soll! -- Der Ton des Sprechenden, der
erst so heiter erschienen war, wurde gegen das Ende seiner Rede
kummervoll und beklommen, er senkte den Blick, starrte in sein Glas ohne
zu trinken, und ein schwerer Seufzer entrang sich seinem Busen.

Nur nicht muthlos, mein Herr van der Valck! ermunterte der Kapitn. Ich
bin gerade so klug gewesen, wie einer dieser Tummler, die da mit uns
schwimmen, habe nichts geahnet, bin Alles zufrieden gewesen, und werde
bald genug, wenn uns kein rettender Gedanke einfllt, statt auf der
Nordsee zu segeln, im schwarzen Meere der Tinte des Hauses van der Valck
sitzen und in der Ungnade von Mynheer Adrianus.

Ihre gegenseitigen Worte machen mich sehr gespannt darauf, Weiteres zu
vernehmen, gab Ludwig in das Gesprch. Trinken wir einmal, Herr
Reisegefhrte! Sollte es mir vergnnt sein, Ihnen einen Dienst zu
leisten, so rechnen Sie ganz auf mich; ich bin vllig unabhngig, Herr
meiner Zeit, und wenn die Wechsel gut sind, auf die ich angewiesen bin,
auch in diesem Punkt so gestellt, da ich fremder Sttzen nicht bedarf.

Ich danke Ihnen tausendmal, mein junger edler Freund, fr Ihren guten
Willen! rief Leonardus mit Wrme, und drckte Ludwigs Hand. Vielleicht
fhrte Sie zu meinem Glck der gtige Himmel uns zu. Hren Sie nun
beiderseits weiter, was ich erlebte. -- Eine Landreise fhrte mich im
vorigen Sommer durch Frankreich in das Departement Sarthe und in dessen
Hauptstadt le Mans; es war kein Vergngen in Frankreich zu reisen, und
ist es auch heute noch nicht, aber es galt, unserem Hause sicher
angelegte Kapitalien zu retten, und dieselben nicht in Form der
nichtsnutzen und vllig werthlosen Assignaten ausgezahlt zu erhalten.
Ich vollbrachte mein Geschft mit leidlich glcklichem Erfolg, weil die
Vende den Unsinn der Revolutionsgewalthaber nicht anerkannte, hatte
aber Mhe genug, nicht fr einen verkappten Franzosen gehalten und
gezwungen zu werden, in Gemeinschaft mit den tapferen Vendern, die sich
wie ein Mann gegen die Republik und ihre Menschenschlchter erhoben
hatten, die Waffen zu ergreifen. Es war im Monat September, und nach den
glorreichsten Siegen warf ein grausames Geschick dennoch das Todesloos
ber das unglckliche Land und seine ihrem Knig und ihrem Glauben
treuanhngliche Bevlkerung. Zwar erkmpften Elbe und Prinz Talmont
noch einige dieser Siege, aber von Mainz rckte bald darauf die
Garnison, welcher die Capitulation dieser Stadt eine anderweite
Wirksamkeit versagte, sechzehntausend Mann stark aus und marschirte
gegen die Vende, und bald standen mehrere Heere vereinigt, die eine
Armee von sechzigtausend Mann Linientruppen bildeten, welche Zahl noch
durch die Nationalgarde aller Provinzen, durch die das Heer zog,
vermehrt werden sollte. Es erfolgten, wie bekannt ist, die
allerblutigsten Gruel; die Vende sollte ausgefegt werden, kein Alter,
kein Geschlecht verschont bleiben, und also geschah es. Doch ich will ja
nicht die Gruel dieser scheuslichen Kmpfe schildern, sondern ein
unverhofftes Glck, das mir der Himmel auf eine wunderbare Weise in den
Schoos warf. Wieder kam eine Trauernachricht nach der anderen nach le
Mans, der tapfere Prinz Talmont und sein Kampfgenosse d'Autichamps waren
bei einem Angriff auf Dou, an der Spitze von fnfundzwanzigtausend
Mann, geschlagen worden; ebenso vor Thuars General Lescure mit
zehntausend, und das Schrecklichste stand bevor. Mit dem Gedanken an die
Beschleunigung meiner Abreise beschftigt und berlegend, wie ich diese
am geeignetsten einrichten wollte und auf welchen Wegen ich am
schnellsten und gefahrlosesten die nrdliche Kste gewinnen knne, gehe
ich eines Abends gegen die Zeit der Dmmerung auf dem reizenden
Spaziergang, der den Namen le Greffier fhrt, auf und ab, als ich einige
laute Worte, hervorgestoen von einer rauhen Mannesstimme, vernehme, und
dazwischen Schluchzen und Sthnen eines leidenden Weibes.

Halte mich nicht, Schlange! tobte der Mann, der, wie ich beim
Nhertreten erkannte, ein Soldat, ein Offizier war: Mich siehst du nie
wieder! Gehe hin zu deinem sen girrenden Correspondenten, mit dem du
nun schon einige Jahre zrtliche Briefe wechselst, wir beide sind
getrennt auf ewig, ich scheide mich von dir -- ich fluche dir!

Trafen schon diese Worte erschreckend mein Ohr, so erbebte noch mehr
mein Herz, als ich die gemihandelte Frau ausrufen hrte: Um Gottes, um
des Kindes Willen, Berthelmy, hab' Erbarmen!

Wessen Kindes, treulose Schlange? schrie der Mann. Fort, fort, ehe ich
mich vergesse, ehe ich dich tdte!

Raschen Schrittes enteilte er, und das arme Weib sank wimmernd in die
Kniee.

Mich bannte starrer Schreck an diesen Ort -- dieser Name Berthelmy --
diese Stimme -- auer mir strzte ich auf die Unglckliche zu und rief:
Bist du es, Angs, geliebte Angs! O komme zu dir, fasse dich, der Gott
der Liebe sendet dir einen Retter!

Wie, Sie kannten diese Frau? riefen Ludwig und Fluit staunend wie aus
einem Munde.

Ja, verehrte Herren, ich kannte sie, ich liebte sie, ich hatte sie
verloren, und fand sie hier wieder, wo ich sie nimmer gesucht htte. Ich
mu, um Ihnen Alles klar zu machen, jetzt ein frheres Ereigni
einschalten. Es war im Jahre siebzehnhundertachtundachtzig -- ich zhlte
damals dreiundzwanzig Jahre, als eine Reise mich nach Deutschland
fhrte, wo ich am Niederrhein, in Bonn, Kln, Dsseldorf und deren
Nachbarstdten kaufmnnische Verbindungen anknpfte; von da reiste ich
in die Pfalz. In Zweibrcken fhrte mich der Zufall zu einer reichen
Kaufmannsfamilie, Namens Daniels, in der ich neben einigen Brdern ein
junges Mdchen kennen lernte, zu welcher sich beim ersten Erblicken mein
ganzes Herz hinwandte. Sie stand in der ersten Jugendblthe, und wurde
nicht mit einem deutschen, sondern mit einem franzsischen Namen
gerufen, getreu der in Deutschland so hufig in vornehmen Husern
heimischen Unsitte, die Muttersprache zu verachten und der
fremdlndischen zu huldigen. Ich liebte das Mdchen hei und innig, sie
wurde das Ideal meiner Jnglingsschwrmerei, ich brach meinem Vater das
gegebene Wort, doch nicht in solchem Grade, da ich ein bindendes
Versprechen gegeben htte. Dazu kam es nicht, aber es entspann sich ein
auerordentlich zartes, schnes Verhltni, der Juwel im Kranze meiner
Erinnerungen. Ang's Eltern und ihre Brder wrden es gar zu gern
gesehen haben, wenn ich ohne weiteres mich Angs gleich verlobt htte,
denn einmal gefiel ich ihnen, wie ich mir schmeicheln durfte,
persnlich, und dann mochte ihr kaufmnnischer Sinn wohl berechnen, da
der Sohn des Hauses van der Valck in Amsterdam keine ungeeignete
Verbindung mit ihrem Hause in Aussicht stelle. Um nicht mideutet zu
werden und das junge Glck unserer seligen Liebe nicht selbst zu
zerstren, vertraute ich dem lteren Bruder des geliebten Mdchens an,
da ich ohne meines Vaters Einwilligung nicht ber meine Hand verfgen
knne, wenn auch mein Herz noch so sehr dazu drngte; da aber Geduld
und Ausdauer den Lohn treuer Liebe begrnden wrden. Ich geno mein
Glck und blieb so lange wie mglich in dem schnen Zweibrcken, und als
ich endlich scheiden mute, wurde fleiiger Briefwechsel zwischen Angs
und mir verabredet, und die Aufschriften und Bestimmungsorte der Briefe
festgestellt.

Froh und zugleich schmerzhaft bewegt schied ich von der Geliebten, und
wir schrieben einander zuweilen, freilich nur in groen Zwischenrumen --
weite Reisen, die wohl ein viertel, ein halbes Jahr lang mich der
Heimath entfhrten, oft in weit entlegene Lnder, beeintrchtigten sehr
den Briefwechsel mit dem sehnschtig auf meine Wiederkehr harrenden
geliebten Mdchen, dem ich ja nicht einmal Hoffnung geben konnte, denn
in meinem Verhltni daheim nderte sich nichts. Wohl aber nderte sich
viel in dem ihrigen. Sie hielt mich halb und halb fr treulos -- ein
Franzose, Kaufmann wie ich, kam in ihr lterliches Haus, sah Angs und
verliebte sich in sie, die er, wie er glaubte, oder wie man ihm glauben
gemacht hatte, als eine junge von ihrem Geliebten verlassene Mutter mit
der Pflege eines zarten Kindes, eines Mdchens, beschftigt fand.

Eines Kindes? rief Ludwig lebhaft aus, und es trat ein jungfruliches
Errthen auf die Wangen des Jnglings.

Eines anvertrauten Kindes, mein Herr, entgegnete Leonardus mit ernstem
Blick, der jeden unlautern Verdacht zurckwies: eines Kindes, das ihr
viele Sorgen und doch auch unendliche Freude machte und noch immer
macht.

Etienne Berthelmy, so hie jener Franzose, lie sich durch das Kind
nicht abhalten, Angs um ihre Hand zu bedrngen, wies gesicherte
Verhltnisse nach, bestrmte Eltern und Brder um deren Zustimmung, und
Angs, die mich aufgeben zu mssen glaubte, gab endlich halb
widerstrebend und unter der Bedingung nach, da sie durch keine andere
Macht, als durch den Tod, von dem Kinde getrennt werden drfe, weil es
das ihr anvertraute Pfand einer hohen geheimen Liebe sei.

Von einer Reise zurckkehrend, fand ich einen Brief von Angs vor, der
aus Paris geschrieben war; es war ein schmerzlicher Abschiedsbrief,
durch den eine leise Reue, eine Bitte um Verzeihung ihres halb
erzwungenen Schrittes und eine unvergngliche Liebe hindurchblickte. Ein
Mann, der weniger innig und treu geliebt htte, wie ich, htte diese
Wendung vielleicht nicht ungern gesehen -- mich machte sie uerst
bestrzt und ich weinte meinem verlorenen Glcke bittere Thrnen nach.
Je mehr ich Ang's Brief wiederholt las, desto mehr las ich zwischen den
Zeilen den Wunsch des geliebten jungen Weibes, ihr Freund zu bleiben,
ihr nicht zu zrnen, und ich schwur Ersteres ihr und mir in Gedanken zu.
Ich schrieb unter der angegebenen Aufschrift wieder an sie, und erhielt
auch bald darauf wieder Antwort, und zwar aus Mons. Sie schilderte mir
ihr Leben, erwhnte auch des Kindes, ihrer geliebten Sophie, der Eltern
ihres Mannes, ihres Wohlstandes und ihres im Ganzen glcklichen
Verhltnisses; der Brief berhaupt aber athmete so viele Wrme und so
zrtliche Gefhle fr den ersten Jugendfreund, wie sie mich nannte, da
mein Herz immer aufs neue befangen ward, und da ich eine starke
Sehnsucht empfand, Angs wiederzusehen. War dieses Verlangen vielleicht
strflich, nun so fand es auch seine volle Strafe. Ich antwortete
sogleich, sprach mich im angedeuteten Sinne aus, erwiederte die
Offenbarung der alten nie rostenden und ersterbenden Neigung, und fragte
an, ob es mglich sein werde, sie wieder zu sehen, ohne ihr
Verlegenheiten zu bereiten? Ich erhielt keine Antwort auf diesen Brief,
bald darauf aber einen zweiten von ihr, aus dem ersichtlich war, da
Angs meine Antwort nicht erhalten hatte, denn sie klagte, da ich sie
ganz vergessen zu wollen scheine, und fhrte an, da es sie tief
schmerze, sich von mir verachtet zu sehen.

Ich wunderte mich, und wunderte mich auch nicht, da mein Brief
verloren gegangen sein solle, denn die politischen Bewegungen in
Frankreich hatten schon begonnen, auch in den Nachbarlanden manches
Wirrni zu erregen, und so sagte ich mir: was sollst du lange schreiben,
wie nahe ist nicht Mons? Ich nahm ein Geschft zum Vorwand und reiste
nach dieser Stadt. Aber da mochte ich fragen, wo ich wollte, nach einem
Berthelmy, nach einer jungen Dame aus Zweibrcken, auf der Mairie, auf
den Pabureaus, auf der Post, nirgend eine Spur. Nie sei jemand dieses
Namens hier gewesen, wohl aber, so hrte ich auf der Post, ein Brief,
der noch unter dem Gitter als unbestellbar ausgelegt sei, an eine Person
dieses Namens angelangt. Ich konnte mich von meinem Erstaunen gar nicht
erholen, wute nicht, was ich denken sollte, reiste hchst unzufrieden
zurck, und schrieb nun Alles, was ich Angs hatte sagen wollen, in
einem Brief nieder, den ich an ihr elterliches Haus zur
Weiterbefrderung nach Zweibrcken sandte. Gleich darauf entfernte mich
abermals eine lange Reise vom Hause, und auch bei der Rckkehr fand ich
keine Antwort vor; wahrscheinlich, so redete ich mir ein, hatte die
Einsicht der Eltern fr besser gehalten, meinen Brief, als zu nichts
Gutem fhrend, unbestellt zu lassen. Ich betrauerte sie als verloren,
konnte sie aber nimmer vergessen.

Da fhrte mich das Geschick zu einer Reise nach Paris, und von da in die
Vende nach le Mans; da sah ich durch des Zufalls unerforschliches
Walten die Geliebte in einem der schmerzlichsten Augenblicke ihres
Lebens so unverhofft und pltzlich wieder, und die nchste Minute klrte
Alles auf. Sie hatte als Deutsche vor dem Namen ihres neuen Wohnortes
das le vergessen, hatte das a undeutlich geschrieben, ich hatte Mons
statt Mans gelesen, und an drei Buchstaben lag es, da unsere Herzen so
lange ohne Kunde von einander blieben.




7. Angs.


Der Mond war prachtvoll in das Meer hinabgesunken, das seine scheidenden
Strahlen noch magisch versilberten; khler wehte die Nachtluft und
unruhiger schlugen die Wellen an die Flanken der vergulden Rose.
Dunkler und tiefer senkte der Fittich der Nacht sich ber das Schiff.

Ich denke, es wird Zeit, meine Herren, die Ruhe zu suchen, unterbrach
Leonardus seine Erzhlung, indem er sein Glas leerte, und obschon seine
beiden Zuhrer noch keinesweges ermdet waren und gern noch lnger dem
Weitergange der Erzhlung mit lauschenden Ohren gefolgt wren, so
wollten sie ihm doch nicht durch die Bitte beschwerlich fallen, sie
ferner zu unterhalten, und verlieen, obschon nur halb befriedigt und
auf den Fortgang gespannt, das Verdeck, um sich in ihre Schlafkojen zu
begeben.

Lebhaft beschftigte das Gehrte Ludwig's Phantasie; sein ganzer Antheil
an dem ferneren Ergehen seines neuen Freundes war rege gemacht, und da
er sich wohl denken konnte, da dessen Verhltni bei der Heimkehr sich
sehr eigenthmlich gestalten knne, sann er darber nach, wie wohl
Leonardus handeln msse und handeln werde, um die Pflicht des Sohnes mit
jener des Freundes einer von ihrem Gatten verstoenen und im Zorn
verlassenen jungen und gewi auch schnen Frau zu vereinen.

Ueber diesem Nachsinnen beschlich den Jngling sanfter Schlummer, und
das Schiff glitt fort und fort, sicher bewacht und richtig gesteuert, in
tiefer Stille durch die schweigende Sternennacht.

Als der Morgen klar und schn wie der gestrige Tag anbrach, war vom Bord
der vergulden Rose aus kein Land mehr zu erblicken. Das Schiff war
schon auf der Hhe des Juister Riffs und mute in einem groen Bogen das
nordwestwrts weit in die See vorspringende Borkumer Riff umsegeln, um
dann zu wenden und sdwestwrts zu steuern. In der Ferne, wo die Kste
gedacht werden mute, stiegen leichte Nebel empor, und als die Sonne
aus dem Schooe des ewigen Meeres hehr und gro sich heraufhob, traten
nach und nach die greren Inseln Schirmonikoog und Ameland in Sicht.

Nach einigen abgethanen Geschften und nachdem auch der junge Graf nicht
versumt hatte, sich von dem Befinden seiner Isabella und Philipp's
Braunen zu berzeugen, die im Packraum der vergulden Rose zwar enge
aber sicher eingestellt waren, fanden sich die drei Gefhrten in der
Kajte des Kapitns beim Morgentrunke wieder zusammen, und Leonardus
lie sich nicht lange um die Fortsetzung seiner in der Nacht
abgebrochenen Erzhlung bitten.

Angs, fuhr er fort: war noch von so lieblicher Blthe, wie ich sie als
Jungfrau gesehen, und der Schmerz gab ihrer Schnheit etwas so
Rhrendes, Heiliges und Verklrtes, da ich mich mit Zaubergewalt aufs
Neue zu ihr hingezogen fhlte. Da, wo ich sie jetzt sprach, konnten wir
nicht bleiben, es war in der Flurthre ihrer Wohnung; Angs versprach
mir, nach kurzer Frist wieder herab auf den Spaziergang zu kommen, und
bald hing die zarte, bebende Gestalt tief verhllt an meinem Arme und
erzhlte mir Alles.

Ihr Mann hatte, von loyalem Gefhl beseelt, die kaufmnnische Feder mit
den Waffen des Kriegers vertauscht, er war Brger-Soldat und hatte,
vorher ein glatter, gewandter, ja selbst liebenswrdiger junger Mann,
sein Wesen schnell in Rauheit umgewandelt, in die er die Eigenschaften
eines tchtigen Soldaten setzte. Mit dem Wachsen seines Bartes wuchs
auch sein verndertes Benehmen gegen die junge, zarte Frau, selbst gegen
seine Eltern, deren Bildungsgrad, wie auch der seinige, ein hoher nicht
war. Dabei vernachlssigte er sein Geschft und kam schnell zurck. Da
das Kind, die liebe kleine Sophie, das eigene von Angs sei, lieen
weder Berthelmy noch dessen Eltern sich ausreden, und die arme Kleine
sah sich unzart behandelt, was wiederum dazu beitrug, Ang's reines
Gemth zu verletzen und zu verbittern. Dabei qulte den Mann eine
malose Eifersucht, und Angs wurde von ihm und seinen Eltern mit
Argusaugen bewacht, jeder Tritt und Schritt beargwohnt, kaum konnte sie
sich einen Spaziergang mit dem Kinde vergnnen. Tausendmal bereute Angs
ihren ohnehin durch Ueberredung weit mehr als aus Liebe gethanen
Schritt, und wnschte die Fessel gebrochen, die sie an ungeliebte
Menschen, an eine freudlose Umgebung und in eine Stadt bannte, die
noch, wie die ganze Vende, niedergehalten im dumpfen Glaubensdruck,
ihr, der Deutschen, der Protestantin zumal, durchaus keine gemthliche
Ansprache bot.

Und da war ich nun der erste, und wie sie mir unter Zittern gestand, der
einzige, mit aller Jugendglut noch immer umfate Geliebte, und sie,
zurckgestoen, gemartert, mihandelt, auf dem Wege zur Verzweiflung.
Wohl war mein Brief aus ihrer Heimath an sie gelangt, aber die
eiferschtige Wuth des Mannes ahnete etwas von diesem Briefwechsel; mit
der rohen und frechen Hand eines gnzlich bildungslosen Menschen griff
er in ihr Allerheiligstes, erbrach das Fach ihres Schreibtisches, fand
und las Tagebcher, kleine zrtliche Herzensergieungen, auch meine,
nach ihrer Verheirathung mit Berthelmy empfangenen Briefe und tobte, wie
ein unsinniger Wthrich, gebot Angs, sein Haus mit sammt ihrem Kinde zu
verlassen und in ihre ferne Heimath zurckzukehren. Wie htte sie dies
selbst mit allen Mitteln jetzt vermocht, wo das ganze Land unter Waffen
stand, alle Tage blutige Scharmtzel vorfielen und es eine Sache der
Unmglichkeit war, da ein zartes, schnes und junges Weib mit einem
kleinen Kinde durch die von allen Seiten sich nach der Vende
zuwlzenden Heeresmassen gelangen konnte? Und doch wollte Angs fort um
jeden Preis.

Schmerzlich bewegte mich ihre rhrende Klage, ihr trostloser Zustand und
die heftige Bewegung ihres zartbesaiteten Gemthes, als Angs dies alles
mir mittheilte. Ich sann und sann, wie hier zu helfen sei; da geholfen
werden msse und da niemand helfen knne und werde als ich, stand klar
vor meiner Seele. Nur das wie? der Hlfe war noch die groe und
verhngnivolle Frage. Leicht wre mit ihr allein mir rasche Entfernung
mglich gewesen, denn ich konnte mich schnell reisefertig machen, aber
das Kind -- von dem Kinde wollte und konnte Angs, wie sie so heilig
betheuerte, nicht lassen.

Es dunkelte mehr und mehr, wohl nie wandelte auf dem schnen belebten
Spaziergang ein Paar, das Andere fr ein glckliches Liebespaar halten
mochten, in so ernsten, sorgenschweren Gedanken als ich jetzt mit Angs.
Die Viertelstunden verrannen, bis Nachts eilf Uhr mute alles geschehen
sein, was geschehen sollte, denn da wurden die Thore geschlossen, die
Straen durch Patrouillen gesubert, und niemand durfte ohne wichtige
Grnde das Haus und noch weniger die Stadt verlassen.

Mir blieb gar keine Wahl, gar kein langes Besinnen; entweder ich liebte
Angs noch, blieb ihr ein treuer Freund, bot die Hand zu ihrer Rettung
aus wachsender Pein und Verzweiflung ohne zgerndes Bedenken, oder ich
war ein unritterlicher Feigling, nicht werth, da ein so holdes
gequltes Geschpf mich Freund nenne, nicht werth eines so hohen
unbegrenzten Vertrauens; daher sprach ich, wieder mit Angs nach ihrem
Wohnhause zugehend: Hole das Kind, nimm was du an Schmuck und Baarschaft
besitzest mit, und auerdem belade dich mit nichts. Ich bleibe hier und
harre deiner, dann folgst du mir auf gutes Glck.

Es ging alles gut; die Eltern Berthelmy's, betagte Leute, hatten sich
bereits zur Ruhe begeben; er blieb diese Nacht auf Wache; Angs nahm,
was sie ihr Eigenthum nennen konnte, that als wolle sie das Kind, das
schon schlfrig war, zur Ruhe bringen, kleidete dasselbe aber recht warm
an, anstatt es auszukleiden, und kam nach Verlauf einer Viertelstunde
mit ihm zu mir herab, der ich in peinlichen und angstvollen Gefhlen
ihrer auf der Strae harrte. Die Kleine war still, die se Stimme ihrer
vermeinten Mutter hatte sie leicht beschwichtigt, ich nahm die leichte
Last auf meine Arme, und so schritten wir nach meinem Gasthaus, das
nicht fern vom le Greffier gelegen war. Meine Pferde hatten geruht, die
Nacht war mondhell, ich lie den Kutscher anspannen, und sagte dem
Wirth, da eine nahe Verwandte von mir mich begleiten werde. Einige
Goldstcke ber den Betrag meiner Rechnung bewogen meinen geflligen
Wirth, sich zur Mairie zu begeben, um fr seine Verwandte, welche mit
ihrem Bruder, der aus Amsterdam gekommen sei, sie abzuholen, und mit
ihrem Kinde nach Holland zu reisen gedenke, einen Pa zu erbitten, und
unser Abenteuer lief ganz glcklich ab; wir waren, als die
Mitternachtglocken in le Mans anschlugen, schon weit aus dem Weichbild
der uralten Bischofstadt und Angs pries den Himmel und mich unter
Freudenthrnen fr ihre Rettung. Ich htte unter keiner Bedingung eine
solche That, als die meine war, die frmliche Entfhrung einer
verheiratheten Frau, unter andern Verhltnissen begehen mgen, aber
hier entschuldigte mich mein Gewissen, denn sie war aufgegeben und
hatte gegen das Kind Pflichten bernommen, die ihr geboten, es nicht in
der bisherigen Umgebung zu lassen. Wir fuhren, von schner
Herbstwitterung begnstigt, dem geschlngelten Lauf der von Norden
herabkommenden Sarthe entgegen, rasteten in Alenon, reisten ber Sens
und Argentan, Falais und Can, und gewannen glcklich das Kstenland.
Ein kleines Schiff fhrte uns nach Havre, wo meines Herrn Vaters
vergulde Rose, Kapitn Richart Fluit, segelfertig lag, um ein paar
zarte Lilien an Bord zu nehmen, nebst mich und meinen Diener.

Ja -- ja -- brummte der Kapitn -- ein verteufeltes Wagestck -- wollen
sehen, wie es enden wird!

Es war gerade, als wir in Havre landeten, ein mir besonders lieber Tag,
und ich begann ihn mit dem werthen Freund hier und der theueren Freundin
am Bord, in berglcklicher Heiterkeit, sorglos und um die nchste
Zukunft unbekmmert -- wissen Sie noch, Kapitn? Wir vertilgten damals
vielen Champagner und Dry Madeira -- es war mein Geburtstag, der 22.
September.

Wie, mein Herr? fuhr Ludwig mit rascher Frage auf. Auch ihr Geburtstag
ist der 22. September? Ich habe die Ehre, Ihnen zu sagen, da der
meinige auf denselben Tag fllt.

Nun, das grenzt aber in der That an das Wunderbare, rief der Kapitn.
Welche Aehnlichkeiten werden wir noch entdecken zwischen diesen beiden
Herren! Nun will ich Ihnen auch etwas sagen, meine hochverehrten
Passagiere, heute ist mein Geburtstag, den wollen wir feiern, und den
Ihrigen noch einmal mit. Ich habe den Schiffskoch schon beauftragt, fr
ein Frhstck nach Seemannsbrauch zu sorgen. Madeira, der zweimal unter
der Mittagslinie hindurchging, wird nicht nur zu Mittag, er wird auch
zum Frhstck munden, und mit dem tollen Franzosen, Monsieur Kreidewei,
werden wir auch noch anbinden knnen, und ihn auf gut niederlndisch
tractiren.

Der Kapitn entfernte sich mit schallendem Gelchter, nachdem seine
Reisenden ihm vereint Glck zum heutigen Tage gewnscht hatten, um alles
Nthige anzuordnen. Mittlerweile fate Leonardus Ludwig's Hand, drckte
sie mit Wrme und sprach: Junger Herr! es ist in der That wunderbar, wie
viel Aehnlichkeit das Geschick uns gegenseitig zu Theil werden lt.
Lasset uns Freunde sein, lasset uns einen Bund schlieen fr das ganze
uns noch vergnnte Leben. Mein Herz ist ganz voll von unbegrenztem
Vertrauen zu Euch!

Ludwig dachte in diesem Augenblick der geistigen Mitgabe durch die
Gromutter. Sie hatte gesagt: Achte treue Freundschaft und hte dich vor
falschen Freunden. -- Ein falscher Freund konnte Leonardus nicht sein,
nicht werden; sein offenes blhendes Gesicht drckte Biederkeit aus,
seine Augen, blau wie die eigenen des jungen Grafen, strahlten Treue.
Ludwig bot daher unbedenklich und mit voller jugendlicher Hingebung
gerne beide Hnde dar und antwortete: Ich habe von Freundschaft einen
hohen Begriff; mein Lehrer in der griechischen Sprache lie mich die
Sprche des groen Weltweisen Solon lesen und lernen, und da lernte ich:
Gerechte Freundschaft ist der sicherste Besitz! -- Kein schneres Gut
auf Erden, als ein Freund! -- Den Gttern gleich verehre willig Freunde!
-- Fr Brder achten sollst wahrhafte Freunde du!

Ja Bruder! Bruder! rief Leonardus enthusiastisch, und warf sich kssend
in Ludwig's Arme.

Bruder im Leben, im Tode Bruder! sprach Ludwig sehr ernst, und erwiderte
den Bundesku mit dem heiligen Gefhle eines Jnglingsherzens, das sich
bisher in holder Unbefangenheit und in schnen Idealen hatte nhren und
aufrichten drfen.

Ich habe nicht Griechisch gelernt, mein Bruder Ludwig, versetzte
Leonardus bewegt, aber ich will dir die hohen und weisen Worte deines
Solon mit einem Ausspruch des grten Dichters unserer britischen
Nachbarn erwiedern. Shakspeare sagt:

    Den treuen Freunden will ich weit die Arme ffnen,
    Und wie sein Kind der Lebensopf'rer Pelican
    Mit meinem Blut sie trnken.

Das Erscheinen des Kapitns, der vom Koch gefolgt, mit alle dem wrdigen
Werkzeug eintrat, das gehobene Seelenstimmung hervorzurufen und zu
beleben im Stande ist, unterbrach die Ergsse jugendlicher Erinnerungen
an tiefeingeprgte unsterbliche Dichtergedanken, und es begann die
heitere Morgenfeier des Geburtstages des treuen und wohlgesinnten
Kapitns.

Schon nherte sich das Schiff der Kste der Insel Ameland, an deren
nrdlicher Spitze es nahe vorbeisegeln und zwischen den Riffen der
Watten links und der Zuyd-Wal rechts die schmale Fahrstrae einhalten
mute. Die vergulde Rose behielt nun auf mehrere Stunden zur Rechten
die Inseln Ter Schelling und Vliland nher oder entfernter, die
frieslndische Kste aber in stets gleicher ziemlicher Nhe zur Linken
in Sicht, bis es dieser bei dem sagenreichen Stavoren vorber am
nchsten kam.

Als Kapitn Fluit die erste Flasche entkorkt und die geistige Flut in
die Glser hatte rinnen lassen, und der erste Toast ihm von den Freunden
ausgebracht war, verlie Leonardus schnell die Kajte.

Was hat er? Was ist ihm? fragte Ludwig, einigermaen bestrzt und
verwundert ber diesen raschen Aufbruch.

Werden es gleich sehen, mein Herr Graf! Werden gleich sehen, was Herr
Leonardus hat, gab der Kapitn lachend zur Antwort, und siehe, bald
darauf wurde wieder die Kajtenthre geffnet und herein trat mit einem
freudestrahlenden Blick Leonardus, auf seinem Arm ein ber alle
Beschreibung schnes Kind tragend, und dicht hinter ihm folgte mit einem
unendlich reizenden keuschen Errthen Angs Berthelmy.

Ludwig und der Kapitn erhoben sich zum freundlichen Grue der
Eintretenden, und indem sie einen schchternen Blick auf Ludwig warf,
erglhte sie noch hher wie zuvor, und rief: Mein Leonardus, dein Herr
Bruder!

Ja, mein Bruder, gute Angs, nimm ihn immer dafr! Nicht wahr, sie darf?
fragte Leonardus seinen neuen Freund, und dieser erwiderte in einiger
Verwirrung, ja fast mdchenhaft: Wohl, sie darf, welch' eine
liebenswrdige Schwester gewinne ich dabei!

Freundlich wurde Angs genthigt, bei den Freunden sich niederzulassen;
sie setzte zwischen sich und Ludwig das Kind, und sich selbst traulich
anschmiegend an Leonardus Seite.

Ludwig konnte, nachdem er an Ang's Schnheit seine Augen vollgeweidet,
diese Augen kaum von dem Kinde wenden. Die kleine Sophie war von
blhendster Frische und von der zartesten Frbung der Haut, sie hatte
ein rundes Gesichtchen, weiches blondes Haar, welches in Ringellocken um
das Engelskpfchen fiel, und die herrlichsten dunkeln Augen, die man nur
irgend sehen konnte; das kleine Mdchen mochte vier Jahre zhlen,
erschien aber im Wachsthum schon voraus und voll Anlage zu einem
schlanken Wuchs. Sophiechen sprach blos Franzsisch. -- Nur leise nippte
Angs an dem perlenden Schaumwein, ihr ganzes Wesen erschien edel, zart,
zaghaft, voll zchtiger Haltung, und dabei voll Hoheit und Tiefe des
Gemths und Charakters, obschon sie dies nicht in Worten kund gab. Sie
sa vielmehr befangen bei den Mnnern, und machte sich, oft errthend,
viel mit dem Kinde zu thun. Das Gesprch lenkte sich der allernchsten
Zukunft zu, oder vielmehr Leonardus lenkte es darauf hin, denn es wurde
allgemach hohe Zeit, an dieselbe ernstlich zu denken.

Beim heitern Becher wird auch ein ernstes Wort nicht schaden, sprach er.
Ludwig, mein Freund, mein Bruder, hre meine, hre unsere Bitte! Nimm
dich dieser Verlassenen liebend und in Treue an, so lange ich in
Amsterdam zu weilen gezwungen bin. Angs kennt mein ganzes Verhltni,
ich brauche nichts weiter zu erlutern. Auf dem Schiff kann sie nicht
bleiben, ohne unserm guten Kapitn Ungelegenheiten zuzuziehen; daher
vertraue ich sie dir, deiner Ehre die ihrige vertraue ich an, la sie
unter deiner Obhut wohnen, sage, da sie deine Verwandte sei, deine
Schwester, nimm sie in deinen ritterlichen Schirm und Schutz, Alles, was
du fr sie und dieses holde, verwaiste, mindestens so gut als verwaiste
Kind aufwendest, will ich ja gern vergten und vergelten. Ich hoffe
fest, da ich mich bald wieder werde befreien knnen, und dann dich
freigeben. Du botest mir deine Dienste freiwillig an, guter Ludwig,
zrne mir nun nicht, wenn ich die dargebotene Hand ergreife als den
Rettungsanker meines sonst unfehlbar sinkenden Lebensschiffes. O
geliebte Angs, theurer Fluit, helft mir ihn bitten!

O, wenn Sie wollten gtig gegen uns sein! sprach Angs mit Fltenlauten,
und ihre Augen standen voll Thrnen.

Bedarf es noch der Bitte? Bin ich von Stein? Gab ich nicht im Voraus
mein Wort? fragte Ludwig mit edelmthiger Aufwallung. Es bedarf ja nur
der Angabe dessen, was ich thun soll und was ihr von mir wnscht, und
ich vollbringe es mit Freudigkeit.

O, tausend Dank und tausendfache Vergeltung! riefen Leonardus und Angs,
und der Kapitn brummte ein Bravo in den Bart, auf welchem einige
Champagnerperlen glnzten, wie Morgenthau auf braunem Riethgras, und
fllte von Neuem die Glser, indem er anklingend rief: Auf gutes Glck!
-- Auf gutes Glck! Aus voller Seele! Aus vollem Herzen! riefen die
andern drei, und tranken die schumenden Becher leer. Lchelnd und
verlangend streckte auch das Kind eines seiner rosigen Hndchen nach dem
Becher und Angs beugte sich liebevoll zu ihm nieder und lie es nippen,
froh des willkommenen Anlasses, die Thrnen der Rhrung und Freude zu
verbergen, die ihr aus den schnen Augen strzten.

Das Schiff segelte, whrend die Mittagsstunde nahte, ohngefhr in der
Breite von Harlingen, als der Matrose, der die Wache hatte, nach
Seemannsbrauch die Annherung eines Schiffes ankndigte, welches der
vergulden Rose nachkomme. Da nun gerade auf der Breite Harlingen
zwischen zwei sandigen Untiefen nur ein schmales Fahrwasser sich
befindet, so galt es Vorsicht, mit dem gleichen Lauf haltenden Schiffe
einen in der Mglichkeit liegenden Zusammensto zu vermeiden. Der
Kapitn dankte daher seinen Gsten fr die Gte, seinen Geburtstag mit
ihm gefeiert zu haben, und stieg, von Ludwig und Leonardus begleitet,
zum Steuerbord hinauf, whrend Angs mit dem Kinde sich freundlich
grend in ihre abgesonderte Kajte zurckzog. Das Schiff, welches dem
Lauf der vergulden Rose in gerader Richtung folgte, war ein kleiner
Schnellsegler, und Ludwig rief erstaunt aus: Ah! die Jacht! die Jacht!

Wessen Jacht? fragten Fluit und Leonardus.

Kennen Sie nicht die wohlbekannte Flagge des Souverns, der auf dieser
Jacht herumfhrt, und uns zuletzt, wenn es ihm mglich wre, in den
Grund segeln wrde? fragte Ludwig.

Fluit setzte sein Augenglas an und rief: In der That! die
reichsgrfliche Flagge von In- und Kniphausen! Des Grafen Jacht, der der
liebste und thtigste Freund unsers Herrn Erbstatthalters ist. Oranien
boven! Oranien boven!

Dieser volksthmliche Ausruf, der den ehrlichen Fluit als einen der
Partei des Erbstatthalters und seines Hauses ergebenen Mann bezeichnete,
war zugleich das Signal, das nahende Schiff durch Aufhissen einer
oranischen Flagge zu begren, und augenblicklich flatterte diese auch
dort auf der Jacht im Tauwerk empor. Zugleich erhielt der Steuermann
Befehl, so viel als mglich links beizudrcken und der leichten Jacht
das Fahrwasser freizugeben.

Ludwigs Falkenblick erkannte den Erbherrn, wie er auf dem Bug seines
Schiffes stand und durch das Fernrohr nach der vergulden Rose blickte.
Ludwig drehte sich, da er nicht wnschte, von Jenem gesehen und erkannt
zu werden, rasch um und verlie das Steuerbord, und zwar mit einem sehr
frohen Dankgefhl und einem verklrten Blick gen Himmel. Er gedachte mit
tiefer Empfindung der leidenden Erbherrin, und konnte sich getrost
sagen, da ihr Zustand sich merklich gebessert haben msse, sonst werde
Graf Wilhelm sie gewi nicht unter der Pflege fremder Hnde
zurckgelassen haben. Der beraus gnstige Nordostwind, der den ganzen
Morgen ber geweht, hatte die gut segelnde schne Susanne beraus rasch
vorwrts gebracht und sdwestwrts getrieben; sie hatte erst am frhen
Morgen des heutigen Tages den Jahdebusen verlassen, freilich aber durch
ihren nicht tiefen Gang den fr leichtere Fahrzeuge krzeren Wasserweg
zwischen der Kste und dem Wangerland einschlagen knnen. Als die schne
Susanne der vergulden Rose ziemlich nahe vorbei rauschte, erfolgten
die blichen Gre, die der Brauch vorschrieb, und bevor noch zwei
Stunden vergingen, war die Jacht, die stricten Curs nach Amsterdam zu
hielt, der vergulden Rose auer Sicht. Dieser Kauffahrer, eine
einmastige Pinke, schwebte jetzt in ziemlicher Nhe der sechs Seemeilen
langen und fast zwei Meilen breiten Untiefe, die einst ein bevlkertes,
blhendes Land gewesen war. Nicht ohne geheimes Grauen sieht der
Schiffer, wie ber diesen weit gedehnten Meeresstrich die Wellen eine
andere Gestalt annehmen, sich eigenthmlicher kruseln, als auf offener
See, oder im gnstigen tiefen Fahrwasser. Immer ist ein unheimliches
Rollen und Rauschen, strker als an andern Strichen der See vernehmbar,
und es ist gar kein Wunder, wenn ein nervsgereiztes Ohr, zumal das
eines Sagenglubigen, die Glocken aus der Tiefe von den Kirchthrmen der
versunkenen Drfer mit grellem und schauerlichem Klange luten hrt.
Sinnend und ernst blickten die Freunde auf das schne unermelich lang
gedehnte, wogenberstrmte, tiefliegende Riff, das bis nach Stavoren
hinauf sich erstreckte, und der Kapitn murmelte, gleichsam als
trauriger kummerbeschwerter Cicerone halblaut vor sich hin: #al daar
verdronken -- verdronken en't jaaren van een duizend twee honderd en
zeventwintig, en een duizend twee honderd en zeventachtig.# -- Dort
breitete sich vor Stavoren die lange weie Dne, der Frauensand, auf
dem ein junges Saatengrn oder einst in das Meer geworfener Waizen als
unfruchtbarer Dnenhafer aufzuschieen begann, und sperrte den Hafen,
hemmte dem frher so blhenden Verkehrsort das Anlegen grerer Schiffe.
Jetzt lief die vergulde Rose ein in das riesige Wasserbecken der
Zuider-See. Der Abend sank nieder, als die Hhe von Enkhuizen erreicht
war, und als abermals ein schner Morgen, nur etwas nebelhaft aufglhte,
steuerte das Schiff durch den Pampus und das Y, dann tauchte nach kurzer
Fahrt schier phantastisch der Mastenwald des Hafens von Amsterdam durch
den Nebel der Frhe, und das Klingen unzhliger Glockenspiele von den
Thrmen der gewaltigen Grostadt machte einen eigenthmlichen Eindruck.
Das Getn war ebenfalls phantastisch, verworren, und bald wurde es
berlrmt vom vollen sich frh entwickelnden Leben der Straen, von
tausend und abertausend Karren und Schleifen, dem Wlzen der Fsser, dem
Geschrei der Ausrufer und Straenverkufer, dem ganzen lauten Getriebe
einer steten Messe. Ludwig und die Uebrigen nahmen herzlich dankenden
Abschied von dem biedern Kapitn, nicht ohne Hoffnung auf ein
Wiedersehen, und Ersterer dankte dem Himmel, schon beim Ausschiffen
einen ortskundigen, berathenden Freund zur Seite zu haben, denn wie
berall in groen Stdten lauerte auch hier im Hafen der Betrug, die
unersttliche Habgier und das Diebesgelst, das in jedem Ankmmling ein
Ziel fr die Beraubung sieht, in tausendfacher Gestalt. Aber Alles, was
sich in solcher Absicht an die Ausgeschifften herandrngte, stob von
dannen, als Leonardus in derben wohlverstndlichen Lauten der
Muttersprache das lungernde und lauernde Gesindel zurckdonnerte, und
nun manch grollendes: #Zy zyn geene patrioten, zy zyn van den verdoemten
voornaamsten -- zy zyn Oranje ppels -- Gekken!# und dazu ein dem
Verdrusse Luft machendes Hohngelchter. Mit groer Gewandtheit und
Uebersicht ordnete Leonardus Alles an; ein zurckgeschlagener Wagen ward
genommen fr ihn, Ludwig, Angs und Sophie, das wenige Gepck ward
untergebracht, Philipp bestieg den Braunen und fhrte die schne
Isabella dem Wagen nach, die freudig wieherte, als sie nach dem langen
ermdenden Stehen im Schiffsraum wieder sichern Boden unter ihren Hufen
fhlte. Und nun ging es bald rascher, bald langsamer durch wimmelvolle
Straen und ber geruschvolle Mrkte, bis endlich das Gasthaus
erreicht wurde, in welchem Leonardus dem Freund und der Geliebten eine
ruhige Unterkunft zu bereiten gedachte. Alles zu Ordnende ordnete sich
leicht und rasch. Die Fremden mietheten und bezahlten die ihnen nthige
Zimmerzahl gleich auf eine Woche voraus, und fanden die trefflichste
Einrichtung und die berhmte hollndische Reinlichkeit in sich selbst
bertreffender Weise; Alles auf das Wnschenswertheste, als sei es
lngst vorausbestellt. Kein Stubchen auf Gesimsen und Mbeln, jede
Bequemlichkeit geboten, Schreibzeug, Federn, Papier, Oblaten und
Siegellack, ja es fehlte nicht am Schreibtisch der Kalender, nicht auf
dem Betpult die Bibel, und die Kaminsimse prangten mit den
allerschnsten und buntesten Figuren, Mnnchen und Gtzenbildern von
Porzellan und Speckstein aus dem Reiche der Weltmitte und dem
Sonnenlande Nippon. Prchtige starkbauchige Porzellanvasen hauchten in
ihrer Eigenschaft als Ruchertpfe kstlichen Wohlgeruch aus, und in
zartgeformten Gefen dufteten Veilchen, des nahen Lenzes liebliche
Erstlinge.

Ein Plan ward rasch entworfen; Leonardus wollte zuerst das lterliche
Haus begren, den Besuch des Freundes anmelden, diesen dann selbst
einfhren, dann mit ihm zurckkehren und die Nachmittags- und Abendzeit
benutzen, ihn und seine Angs den Genssen zuzufhren, welche Amsterdam
in so reicher Flle darbietet. Wenn es sich einleiten lasse, solle Herr
Adrianus von der Valck Angs sehen; sie solle suchen dessen Herz zu
gewinnen, und zugleich wollte Leonardus versuchen, das Band zu lsen,
das ohne seinen Willen und ohne ihn und seine Zustimmung zu befragen,
der Vater um seine Freiheit geschlungen hatte. Angs hrte diese Plne
mit einem Gefhle von Wehmuth an, welches sie niederzudrcken strebte,
aber als Leonardus geschieden war, vermochte sie ihre Thrnen nicht mehr
zurckzuhalten und sprach zu Ludwig, in dessen Gesellschaft sie mit dem
Kinde vllig unbefangen blieb: Mein Geschick ist ein sehr schweres und
hartes, mein brderlicher Freund! Ich habe mir schon tausendfache
Vorwrfe gemacht, da ich meinem berwallenden Gefhle und dem geliebten
Jugendfreunde folgte; aber ich bin vielleicht auch in etwas zu
entschuldigen, wenn ich sein pltzliches Erscheinen in einem
Augenblicke, welcher mich der Verzweiflung nahe brachte, fr einen Wink
Gottes hielt. Ich war nicht fhig, mit ruhigem und kaltem Blute zu
berlegen bei der Mihandlung, die mir widerfahren war, und nie htte
sich mir ein anderer Ausweg zur Flucht geboten. Indessen, wie sehr
Leonardus mich liebt, wie sehr mein Wunsch wre, ihm anzugehren, so
darf es ja nicht sein, da ich noch nicht von meinem Manne geschieden
bin, und wieder darf es nicht sein, da ich mich als Last an des edlen
Freundes Fersen hnge, da ich zwischen ihn und seines Vaters
Zufriedenheit, zwischen ihn und das Glck seiner Zukunft an der Hand
einer reichen Braut, welcher er verlobt wurde, mich drnge. Ich knnte
nur strenden Unfrieden hervorrufen, und dafr mge der allmchtige Gott
mich bewahren, denn ich wei, was Unfriede ist und was er wiegt im Leben
der Familien; er ist wie ein fressendes Krebsgeschwr, dem nicht Messer,
nicht Salbe des Wundarztes vllig Einhalt zu thun vermag.

Ludwig hrte mit herzlicher Theilnahme diese Worte des schnen, noch so
jungen und schon so unglcklichen Weibes an; aber er bei seiner eigenen
Jugend und Unerfahrenheit, welchen Rath htte er zu geben vermocht? Er
sann einige Augenblicke nach und sprach dann: Ihr Verhltni, verehrte
Freundin, ist allerdings ein sehr eigenthmliches; es wird Alles darauf
ankommen, ob des Freundes Liebe zu Ihnen von solcher Strke ist, da er
alle derselben sich entgegendmmende Schwierigkeiten berwindet, ohne
selbst an eigenem Lebens- und Zukunftsglck ein Opfer zu bringen. Es ist
nur edel und wrdig von Ihnen, da Sie ein solches Opfer nicht erwarten
und fordern, und Sie wrden auch nicht glcklich sein knnen, falls es
dennoch dargebracht wrde.

Gewi nicht, mein edler Freund, Sie fhlen wie ich! rief Angs, bot
Ludwig ihre Hand und sah ihm mit reinem durch Thrnen verklrtem Lcheln
schwesterlich liebevoll in die Augen, ganz Hingebung, ganz Vertrauen.
Darum preise ich mein Geschick, da der Himmel Sie uns zufhrte, und ich
will Ihnen meine Gedanken offen mittheilen. Gelingt es Leonardus, die zu
frchtenden Schwierigkeiten zu berwinden, so wird er auch Rath finden,
jene Schritte zu thun, welche nthig sind, die Scheidung von meinem
Manne zu bewirken; gelingt es ihm nicht, so mu ich von ihm scheiden,
denn ich will nicht in einem Verhltni leben, ber das die gute Sitte
den Stab bricht. War meine Flucht mit Leonardus ein Fehltritt, so war
sie doch der einzige, aber ich mchte nicht noch lnger den Kampf der
innigsten Liebe mit der Pflicht der uns auferlegten Entsagung kmpfen,
ich fhle, da auf die Dauer meine Kraft dazu nicht ausreicht. Und dann
habe ich nur einen Wunsch: Ich will zurck in meine Heimath, in mein
Elternhaus, und dazu, nur dazu sollen Sie mir Rath und Schutz auf meine
Bitte leihen, und sollen helfen, mich vor mir selbst zu retten.




8. Das Haus van der Valck.


Geleitet von Leonardus betrat Ludwig Graf von Varel, versehen mit seinen
Papieren, das elterliche Haus seines Freundes, und mute erstaunen ber
dieses von auen ganz einfach sich darstellenden Hauses reiche
Prachtflle, die im Inneren zur Schau trat. Marmortreppen und Gelnder,
Mahagonigetfel der Wnde, von geschliffenem Spiegelglas alle Scheiben
der Fenster. Glnzend gebohnte Fubden, zum Theil belegt mit bunten
Teppichwebereien aus Hindostan, von schwerem Seidendamast alle Vorhnge,
herrlich geschnitzte und mit Perlmutter, Bernstein und Achaten
ausgelegte Prunkschreine mit Glasscheiben, oben darauf eine Flle
prachtvoller Vasen, von cht chinesischem und japanischem Porcellan, und
innen ein unermelicher Reichthum an Gold und Silbergerthen zur Schau
gestellt. An den Wnden, wo nicht franzsische oder flandrische Gobelins
diese mit Farbenbildern ganz bedeckten, werthvolle Gemlde der
niederlndischen Meister in breiten, phantastisch ausgeschnitzten
Mahagonirahmen, da und dort Consolen, auf denen Statuen oder
Trinkgeschirre von hohem Werthe standen; auf den Simsen der Kamine und
Thren riesige Wunder der Natur und ferner Lnder; Prachtexemplare
rother, weier und schwarzer Korallen, Milleporen und Matreporen, Ksten
mit Riesenschmetterlingen aus Surinam und Amboina, Erzstufen aus Peru,
von den Ksten von Golkonda und Coromandel. In groen Kfigthrmen von
blankem Messingdraht und mit mancherlei Zierrath ausgestattet allerlei
lebendes kreischendes, gellendes, mit Ketten rasselndes fremdlndisches
Gethier, Cacadu's, Papageien, Affen, Meerkatzen, eine berwltigende
Flle von Gegenstnden, die frmlich auf die Sinne eines des Anblicks
solchen Reichthums nicht Gewohnten verwirrend und fast bethrend
wirkten. Nach flchtigen Blicken auf die Mannichfaltigkeit all dieser
eben vorhandenen, sich gleichsam von selbst verstehenden und ganz
ungesucht zur Schau gestellten Herrlichkeiten ffnete Leonardus dem
Freunde das Arbeitskabinet seines Vaters. Es war dies ein kleines, fast
enges Zimmerchen, das durch eine vergitterte Zwischenwand von einem
einige Stufen tiefer liegenden, folglich hheren gerumigen Zimmer
abgeschieden war, in welchem die zahlreichen Arbeiter der Schreibstube
an einfachen schwarzlakirten, mit allem Nthigen versehenen Tischen und
Tafeln saen. Ein Schalter, fr das Oberhaupt des Geschftes bequem
angebracht, vermittelte den Empfang der hinaus oder hereingereichten
Briefschaften, Wechsel, Quittungen und was sonst der tgliche Gang der
Geschfte erforderte. Die Thre zum Kabinet des alten Herrn fhrte aus
einem etwas greren, ebenso wie das Kabinet hchst einfach
ausgestatteten Empfangzimmer hinein. Der Geruch im Kabinet und in der
groen Schreibstube war eine eigenthmliche Vermhlung der Gerche von
Schnupftabak und Tinte, und von durchdringender Schrfe.

Herr Adrianus van der Valck war ein kleiner, gut und wohlhbig
aussehender Mann mit schneeweiem Haar, darber eine kleine
Zopfperrcke, welche er mit schwarzem Kppchen bedeckt trug, und nach
kurzem grenden Lpfen dieses Kppchens auch bedeckt hielt. Er bediente
sich beim Lesen und Schreiben einer jener altmodischen die Nase
klemmenden Brillen. Auch die Tracht des Mannes war noch eine
altmodische; kurze Beinkleider von Sammtmanchester, seidene Strmpfe mit
Zwickeln, Schuhe mit groen, glitzernden, chten Edelsteinschnallen.
Nach den gewhnlichen frmlichen Begrungen beim Eintritt mute sich
Ludwig auf einen der runden drehbaren Polsterschemel setzen, wie sie, um
mglichst Raum zu sparen, in den kleinen kaufmnnischen Schreibstuben
blich sind, und als dieser Aufforderung von ihm gengt war, berreichte
er einen Theil seiner Papiere. Herr Adrianus sah dieselben scharf
prfend an, und fand alles in bester Ordnung. -- Sie sind uns gut
empfohlen, Herr Graf, nahm der alte Herr das Wort; und ich heie Sie in
Amsterdam willkommen. Welche Absicht fhrt Sie zu uns und in welcher
Weise kann unser Haus Ihnen dienen?

Die erste dieser Fragen gleich berspringend, da deren Beantwortung von
keiner Nothwendigkeit geboten war, auch die Absicht, die Welt zu sehen,
ohne einen Geschftszweck damit zu verbinden, dem Herrn Adrianus
vielleicht nicht zugesagt haben wrde, beantwortete Ludwig gleich die
zweite: Meine Frau Gromutter Excellenz weisen mich auf die Erhebung
einer gewissen Zinsrente von Kapitalien an, die beim Pariser Stadthaus
angelegt sind, und so wollte ich Sie ersuchen, mich entweder bei Ihrem
Hause Wechsel darauf ziehen zu lassen, oder mir Ihren gtigen Rath zu
ertheilen, wie ich zu dem Gelde gelangen kann, ohne gerade deshalb
selbst nach Paris reisen zu mssen, wohin ich zwar allerdings auch zu
gehen gedenke, nur drfte vielleicht eine gnstigere Zeit dazu
abzuwarten sein.

Herr Adrianus van der Valck lie Ludwig ganz ruhig ausreden, und machte
indessen mit seinen beiden Daumen die Mhle von Innen nach Auen, indem
er die gefalteten Hnde phlegmatisch auf seinem sammtmanchesternen
Schooe ruhen lie; dann murmelte er vor sich hin: Pariser Stadthaus,
#l'htel de ville,# und weiter nichts, aber er begleitete diese Rede mit
einem bedenklichen Kopfschtteln. Darauf drehte er sich auf seinem
Sessel behend um sich selbst, und entnahm von einem schmalen
Bchergestell, das voller Folianten stand, deren Einbnde mit
chocoladebrauner dicker Leinwand berzogen waren, und zur Bezeichnung
auf dem Rcken aufgeschriebene Buchstaben des Alphabets trugen, eines
dieser Bcher seinem Platze, legte es vor sich auf seinen Pult und
schlug es auf, indem er suchend murmelte: #De la Tremouille, de la
Tremouille.# Halb laut und unverstndlich las Adrianus erst Einiges fr
sich, und sprach dann laut: Ja ja, so ist es. Wollen Sie die Gte haben,
mir Ihre Papiere zu zeigen? -- Ludwig reichte das Betreffende aus der von
der Gromutter empfangenen Brieftasche dar, und Herr Adrianus klemmte
nun lesend seine Brille fester und schrieb von Zeit zu Zeit mit der
wieder zur Hand genommenen Feder auf die lederne Schreibunterlage
rechnend einige Zahlen; ein Wunder, da er fr dieselben noch Raum fand,
so unendlich viele Zahlen waren schon in hnlicher Weise auf dieses
alterbraune Leder geschrieben worden.

Nach einer Weile, whrend der Kauf- und Handelsherr noch mancherlei fr
sich nach Art alter Leute gemurmelt, nahm er das Wort: Hren Sie mir
jetzt aufmerksam zu, mein junger Herr Graf. Die von der Frau
Reichsgrfin Excellenz, Ihrer Gromutter, bei dem Stadthause zu Paris
belegten zweihundertfnfundfnfzigtausend Livres gehren zu den
immerwhrenden Renten, welche in den Jahren siebzehnhundertzwanzig und
einundzwanzig begrndet, und vorzugsweise vor andern Staatsschulden
Frankreichs dahin privilegirt wurden, da die Verzinsung bei denselben
Kassen nach wie vor bleibe und daran keine Krzung geschehen knne. Nur
bei Veruerungsfllen wird der Zinsbetrag eines Jahres in Abzug
gebracht.

Die Kapitalsumme solcher ewigen Renten, die bei dem Stadthaus zu Paris
angelegt ist, betrgt fnfundzwanzig Millionen Livres, die Kapitalsumme
der spter geschaffenen Leibrenten, #rentes viagres,# aber nur vier
Millionen, welche durch die Theilhaber an den fnfundzwanzig Millionen
bald verschlungen sein wrden, wenn der unglckliche Hof und die
zahlreichen herzoglichen und prinzlichen Familien Frankreichs im Stande
gewesen wren, ihre angelegten Kapitale flssig zu machen und auer
Landes zu fhren. Wie wenig die dermalige grenzenlos und bodenlos tolle
Wirthschaft in Frankreich die Besitzthmer der franzsischen
Aristokratie achtet, ist bekannt. Sie wird zum Beispiel nicht Gelder in
Schutz nehmen, an welchen Seine Hoheit der Herzog von la Tremouille,
Prinz von Tarent und Talmont, Theil hat, der gegen die gottheillose
Republik ruhmreich die Waffen trgt; wie sie es hlt mit den
Geldansprchen auswrtiger Souverne, ist mir noch nicht bekannt. --
Meine Gromutter ist auch kniglich dnische Grfin, warf Ludwig ein,
dessen Aussichten sich merklich verdsterten; aber der alte van der
Valck entgegnete: Frankreich hat allen europischen Souvernen den Krieg
erklrt, folglich auch der Krone Dnemark, und diese kann kein
Schutzrecht ben, denn sie hat die Republik nicht anerkannt und hat
keinen Gesandten in Paris. Es steht berhaupt ziemlich milich mit
diesen Geldern, fuhr er fort; nur geordnete Zustnde taugen fr den Gang
der Geschfte. Eine Revolution, die sinn- und zgellos alle Banden
sprengt, die, indem sie das Staatsleben lutern will, den Staat in das
tiefste Unglck strzt, ist nicht fhig, auch nur die mindeste Brgschaft
fr etwas Anderes zu geben, als fr ihren vaterlandsfeindlichen und
verderblichen Wahnsinn. Vor einigen Jahren wre die gnstige Zeit
gewesen, da die Interessenten der immerwhrenden Renten ihre Contracte
htten verkaufen, und sich mit dem gehobenen Gelde bei den Leibrenten
betheiligen knnen. Aber auch dies wrde ohne namhafte Verluste nicht
abgegangen sein. Im Jahr siebenzehnhundertsechsunddreiig war der Cours
jener immerwhrenden Renten bis auf vierundvierzig herabgedrckt, doch
hatte er sich kurz vor der Revolution wieder bis zu fnfzig Procent
gehoben, was wre das inde gewesen? Im gnstigen Fall htte ein
Betheiligter statt zweihundert Livres nur einhundert erhalten, und wre
der Zinsen eines ganzen Jahres verlustig gegangen. Gesetzt, das
Stadthaus vermchte seinen Credit aufrecht und seinen Glubigern Wort zu
halten, in was wrde es jetzt Zahlung leisten? In Lumpenpapieren, in
Assignaten, fr die ich, so wahr ich Adrianus van der Valck heie, nicht
einen Deut, nicht einen Pfifferling gebe!

Herr Adrianus war auf seinem Felde, Ludwig aber begann sich ber dessen
etwas in die Breite gezogene Auseinandersetzung zu langweilen; inde
fuhr Jener unermdlich fort, nur da er mit beiden Daumen jetzt die
Mhle von Auen nach Innen machte: Vermittelst des Ihnen angefhrten
Courses und Decourts kann sich jetzt, vorausgesetzt, es stnde Alles so
gut wie es schlecht steht, bei den immerwhrenden Renten ein Interessent
ber fnf Procent mit Beibehaltung des Kapitals berechnen, und wird also
schwerlich bei vorausgesetztem Verluste des Kapitals auf sieben Procent
lstern werden, denn der Abwurf der Leibrente wrde hchstens fr ihn
und eine vielleicht geliebte Person, die gleich ihm im Clibat lebte und
bis an ihren Tod darin beharren wollte, ausreichend sein, wenn sie nicht
auerdem noch zu verzehren htten, denn jenes Kapital wrde mit des
Nutznieers Tode erlschen, er mchte verheirathet sein und Leibeserben
haben oder nicht.

Derjenige, dem fideicommissarische Einrichtungen lstig fallen, darf an
dergleichen Verwandlungen seiner Contracte nicht denken, und die Frau
Reichsgrfin Excellenz werden sich gndigst zu erinnern geruhen, was
Hochdieselben im Jahre siebenzehnhundertvierundfnfzig verlangt und
wessen sie sich damals erklrt haben, als es sich um den ihrerseits
auszustellenden Consens der Erhebung dieser de la Tremouille'schen
Renten fr ihre Herren Shne handelte, den sie sich ausdrcklich
vorbehielt, und bestimmte, da von der Veruerung der Gelder nicht die
Rede sein sollte, sondern letztere mit der Substitution ebenermaen
belegt bleiben sollten, da stets beim Verkauf der Contracte nur der
offenbarste Schaden in die Augen springt und jetzt gar Nichts zu hoffen
und zu erwarten ist. Haben Sie mich verstanden, mein junger Herr Graf
von Varel?

Ludwig war, als ob ihm ein Mhlrad im Kopfe mit brausenden Wasserstrzen
auf dessen Schaufelrdern umginge, verstrt fuhr er auf, und antwortete:
Herr Adrianus van der Valck! Sie sehen in mir einen jungen Menschen, der
Mancherlei gelernt hat, aber leider nicht gut rechnen. Fragen Sie mich
nach antiken Mnzen, so kann ich Ihnen die griechischen, rmischen und
barbarischen nach Stdte-, Provinz-, Knigs- und Herrschernamen an den
Fingern herzhlen, ebenso die rmischen Consulares, Familiares und
Kaisermnzen, aber vom neuen Geld verstehe ich nichts. Ich wei wohl den
Cours eines Schiffes anzugeben, aber nicht den Cours der Papiere, darum
erbitte ich mir Ihren gtigen Rath, was ich beginnen soll, mindestens zu
versuchen, die angewiesenen Summen ganz oder theilweise zu erheben?

Dies werde ich Ihnen sagen, Herr Graf, versetzte der Kaufherr. Der Name
und das Ansehen, so wie die hohe Achtung, welche ich gegen die Frau
Reichsgrfin Excellenz hege, wrde erstens einem ihrer Angehrigen
selbst ohne ausdrcklichen Creditbrief die Hlfe meines Hauses ffnen,
gebieten Sie demnach ber uns; zweitens ist mein Rath, Sie treten an das
Haus Adrianus van der Valck in Amsterdam Ihre Rentenanweisung zum Schein
und gegen Recepisse ab, und das Haus macht die Probe, fragt in Paris an,
verbittet sich Zahlungsleistung in Assignaten, nimmt nur sichere gltige
Wechsel an, und da werden wir nach Verlauf weniger Posttage bald und
sicher wissen, wie die Hasen, so zu sagen, laufen. Reisen Sie allein? --
Nein mein Herr, eine nahe Anverwandte, Gemahlin eines meiner Herren
Vettern mit ihrem Kinde, nebst Dienerschaft--

Beehren uns morgen Abend mit der Dame, Herr Graf, bitte darum, auf ein
Schlchen Thee, kleiner Familienkreis; Leonardus wird sich die Ehre
geben, Sie allerseits in Ihrem Gasthaus abzuholen, auch alles Erwnschte
betreffs Ihrer Papiere ordnen. War mir eine Ehre, eine wahrhafte Ehre,
Herr Graf. Werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja
ja, recht gut rechnen! Junge Herren verrechnen sich nur gar zu leicht,
machen nur zu oft die Rechnung ohne den Wirth, dann sind wir Alten dazu
da, ihre Calcule zu prfen und von Zeit zu Zeit, wo es nthig ist, einen
Strich durch die falschen Rechnungen zu machen.

Bei dieser Rede richtete der alte Herr seine stechenden Blicke mehr auf
seinen Sohn, der bei dieser ganzen Verhandlung einen stummen Zuhrer
abgegeben hatte, und zuletzt wie auf Kohlen sa, und endlich heilfroh
war, da sein Vater durch das Erheben von seinem Drehsessel und das
Lpfen seines Kppchens diese Sitzung aufhob.

Leonardus fhrte seinen Freund alsobald auf sein eigenes Zimmer, umarmte
ihn mit strmischer Freude und rief: Es geht Alles herrlich, ganz
herrlich! Mein Vater lud dich ein, er wird Angs sehen, sie
liebgewinnen, ein Einsehen haben, sich erbitten lassen!

Liebster Freund, entgegnete Ludwig: es thut mir sehr leid, dir sagen zu
mssen, da ich deine Hoffnung nicht theile, da ein bengstigendes
Vorgefhl mir sagt, die Sache knne sehr milichen Ausgang gewinnen. Es
war etwas Mitrauisches, Strafendes im Tone deines Herrn Vaters, als er
mich entlie; ich wei nicht, soll ich das auf mich deuten, oder auf
dich?

In der That, bemerkte Leonardus betreten: ich habe es auf dich gedeutet,
es ist so seine Art, junge Leute zu behandeln, Standesunterschiede kennt
er nicht, wenigstens nimmt er keine Rcksichten auf den Vorrang hherer
Geburt, er nimmt Alles gar wichtig und blickt stets besorglich in die
Ferne. -- Ich nahm dergleichen wahr, besttigte Ludwig; wozu war der
ganze Sermon? Ich will ja nicht die Rente verkaufen, habe dazu auch gar
keine Ermchtigung, ich habe ausdrcklich nur die Weisung, den
alljhrigen Zinsabfall derselben zu beziehen.

Theuerer Freund, belehrte ihn Leonardus mit Lcheln: das wird dir in
deinem spteren Leben wohl noch oft begegnen, da sonst ganz
einsichtsvolle und verstndige Menschen dich miverstehen. Gar selten
hrt Einer den Anderen ruhig an; beginnt Einer eine Erzhlung, so macht
sie der Zuhrende in Gedanken fertig, bevor Jener noch lange nicht bei
der Hlfte ist. Mein Vater ist der strengredlichste Kaufmann von der
Welt, aber das Geschft eben ist des Kaufmanns Welt; sein Gedanke flog
ber die Geringfgigkeit jenes Zinsabwurfs der de la Tremouille'schen
Renten hinweg und erfate die Mglichkeit des Ankaufs des Grundkapitals,
dessen niedriger Stand in der Gegenwart reichen Gewinn fr die Folgezeit
in Aussicht stellt, sobald eine bessere Zukunft, die nicht ausbleiben
wird, die Werthpapiere Frankreichs wieder zum Steigen bringt. Nun
verfolgte er seine Lieblingsidee und verga, denn er ist alt und wird
schwchlich, das eigentliche einfache Hauptanliegen.

Und ich soll Angs mitbringen! begann Ludwig mit neuer Verlegenheit.
Wird sie auch mitkommen wollen? Beim Himmel, mir fuhr die Lge nur so
heraus, hinterdrein bereute ich sie im Augenblick. Ich spinne mich da in
ein Netz von Tuschungen ein, das mir selbst sehr gefhrlich werden
kann!

Was knnte denn _dir_ geschehen, bester Bruder? fragte Leonardus
empfindlich. Du bist frei, bist unabhngig; wird mein und Ang's
unbegrenztes Vertrauen dir lstig, so kannst du leicht das Band
zerreien, das uns seit so kurzer Zeit erst eint, du kannst uns meiden.

Sprich nicht so, Leonardus! entgegnete Ludwig, und verzeihe mir meine
Bedenklichkeiten. Ich bin noch so jung, trete unerfahren in die groe
Welt, kenne von ihren Verhltnissen noch so wenig; da ist es kein
Wunder, da Manches mich befangen macht, da ich in mir selbst nicht
sicher bin ber mein Handeln.

Sei nur unbesorgt, alles wird gut gehen, trstete ihn der Freund.

Und wenn es nicht gut ausgeht? Was dann, Leonardus? Wenn dein Vater
bereits Argwohn geschpft htte, durch Kundschafter schon unterrichtet
wre? Kann er nicht im Gewand eines Matrosen auf jedem seiner Schiffe
einen solchen Kundschafter haben, der treulich bei jeder Heimkehr ihm
Bericht erstattet ber Alles, was auf dem Schiffe vorging?

Himmel, welch eine dunkle Wolke der Besorgni beschwrst du mir da
herauf! rief Leonardus, und seine Zge wurden bleich, die angstvolle
Ahnung des Freundes wirkte ansteckend auf ihn.

Und sage, was hast du zu thun im Sinne mit der armen Angs? setzte
Ludwig seine Rede fort. Kannst du ihre Zukunft nicht sichern, so ist es
Pflicht, ihre wie die deine, ihrem vterlichen Hause Nachricht zu geben,
und in dieses Haus sie zurckzusenden, das ist auch ihr Verlangen. Sie
ist gut und edel, sie will nicht, da du ihr dein Leben, das Glck
deiner Zukunft zum Opfer bringest; und ich meine, es sei besser, ihr
trenntet euch, da es noch Zeit ist, wie ihr gelebt in reiner heiliger
Freundschaft. Sie konnte sich in le Mans nicht heimisch finden, wird sie
es selbst im glcklichsten Fall als Fremdling, als Andersglaubende hier
in Amsterdam seyn? Sie ist Protestantin, ihr katholisch.

Wohl, wir sind es, entgegnete Leonardus. Wann aber fragt wohl die wahre
Liebe nach dem uerlichen Glaubensbekenntnis? Wie viele Tausende
solcher gemischter Ehen werden nicht alljhrlich geschlossen, und gewi
die meisten glcklich! Du wirst bald gewahren, da bigottes Wesen uns
fremd ist; unser Geschft schrft den Blick fr das richtige Verhltni
in Glaubenssachen; gesunde Vernunft lehrt uns Duldung und noch mehr,
Anerkennung jener Gleichberechtigung gnzlicher religiser Ueberzeugung
vor dem Throne des allsehenden und allbarmherzigen Gottes.

Gut denn, so komme uns abzurufen, wenn es an der Zeit ist. Da Angs
mitkomme, sei deine Sorge.

Die Freunde machten in Begleitung Ang's und der kleinen Sophie einen
Lustritt und eine Lustfahrt durch Amsterdam; Leonardus wollte ihnen doch
so manches Merkwrdige und Schne seiner Vaterstadt zeigen. Er ritt
Ludwig's Isabella, von Philipp gefolgt. Ludwig sa an Ang's Seite. Noch
einmal wurde das Leben des Hafens in Augenschein genommen, vom ruhigen
Sitz des eleganten Wagens das verworrene Treiben mit seinem
sinnbethrenden Lrm, mit all seinen gemischten Gerchen von Tabaken,
Hringen, Ksen, Zwiebeln, mit seinen hundebespannten Rollwgen voll
Brod, voll Milch, voll Butter, voll Fleisch, voll lebendiger Fische, die
in groen Kbeln pltschernd den Fugngern Wasser in die Augen und auf
die Kleider peitschten. Ein wimmelndes Volk von Krnern, Matrosen,
Lasttrgern, Soldaten, Verkufern und Kufern, mnnlich und weiblich,
Kindern und Bettlern zwingt zum langsamsten Reiten und Fahren. Dort die
Pracht der riesigen, majesttischen Schiffe, dort die Pracht der
Gebude, die Admiralitt, die Werfte; in weiterer Ferne die Schaaren von
Windmhlen, die alle arbeiten, als drften sie nimmer ruhen und rasten,
um dieser unzhlbaren Menge nur fort und fort genugsames Mehl zu Brod zu
verschaffen. Die mannichfaltigsten Physiognomien mischen sich hier, fast
alle Nationen des Erdballs sind hier vertreten, alle Trachten der
Neuzeit, und manche scheinen sogar einer grauen Vergangenheit
anzugehren.

Die Freunde durchfuhren und durchritten mehrere Straen des nordischen
Venedigs, auch die stilleren Viertel, durch die die schiffebelebten
Kanle, die lindenbesetzten Grachten sich ziehen, immer noch voll
unermdlichen Lebens, aber voll Reinlichkeit und schner Ordnung. Die
schnste Brcke Amsterdams, die Hoogeschluys, die sich mit 35 Bogen ber
die strombreite Amstel spannt, blieb nicht unbesichtigt; das Palais des
Erbstatthalters wurde gezeigt, dem berhmten Saal der tausend Sulen,
der schnsten Lustorte einer, mit seiner Prachtspiegelflle, wurde
flchtiger Besuch vergnnt. Philipp, der als Reitknecht seines Dienstes
wartete, ergtzte durch seine im friesischen Dialekt vorgebrachten stets
verwunderungsvollen Ausrufe ungemein, die kleine Sophie klatschte hufig
freudevoll in die Hnde, wenn irgend etwas noch nie Geschautes ihre
Blicke auf sich zog, und sa zuletzt in einer kleinen Welt von im
Vorberfahren eingekauften Spielwaaren, Sdfrchten, Kuchen, Blumen und
bunten Bndern engelfroh und engelschn, ein Bild zum Malen, wie zum
Kssen.

Spteren Tagen wurden anderweite gemeinschaftliche Besichtigungen der
reichen Stadt vorbehalten: des Stadthauses, der Kirchen, der Mrkte, der
Theater, der bedeutendsten Gemlde- und sonstiger Sammlungen.

An den damals noch bestehenden umfangreichen Gebuden, Magazinen, Hallen
und Werften der ostindischen Compagnie auf der Insel Oostenburg vorber
lenkten die Freunde wieder nach dem Gasthause zu, in welchem Ludwig und
Angs Wohnung genommen, und man bereitete sich vor zum Abendbesuche im
Hause des Herrn Adrianus van der Valck.

Es kam die bestimmte Stunde. Leonardus fhrte seine Freunde mit Absicht
etwas frher ein, er wollte und wnschte, da seine Eltern erst allein,
ohne fremde Zeugen, die Auserwhlte seines Herzens sehen mchten.

Eine Reihe von Prunkzimmern war geffnet; Alles verkndete, Alles
athmete Pracht und Glanz. Leonardus war davon betroffen; ein kleiner
Familienkreis, hatte der Alte doch gesagt, aber die geputzte
Dienerschaft, die Zahl der Kerzen, selbst der angelegte Staat der
Eltern, die ungemein feierlich den Abendgsten entgegentraten, das
Alles kndete Auergewhnliches an; sollte das ihm, sollte es der Feier
seiner Rckkehr in das elterliche Haus allein gelten? Nur alljhrlich
zwei-, hchstens dreimal wurde groe Abendgesellschaft gegeben, bei
welcher in dieser Weise Glanz und Reichthum des Hauses van der Valck
sich kundgeben durfte; auerdem lebte die Familie brgerlich einfach,
gab hchstens einmal unter der Hand einen kleinen Abendkreis, in welchem
der alte Herr gemthlich sein Pfeifchen schmauchte, ohne sich Zwang
anzuthun, und zu welchem nur die nchsten Anverwandten gezogen wurden.
Angs war tief verlegen; sie fhlte mit weiblichem Scharfblick heraus,
da ihr Anzug, obschon sie vllig passend und keineswegs rmlich
gekleidet erschien, in diese Rume und was dieselben erwarten lieen,
nicht passe, und noch verlegener wurde sie, als der alte Herr, nachdem
die Hausfrau sie ehrfurchtsvoll beknixt, sie mit Frau Grfin Excellenz
anredete, sich unendlich schmeichelte, endlich die Gnade zu genieen,
sie in seinem geringen Hause begren zu drfen, und in eine Ueberflle
von Lob ber die Schnheit des Kindes ausbrach. War das nur die Frucht
der Tuschung, da Ludwig sie als seine Verwandte angemeldet hatte?
Hielt der alte Mann sie wirklich fr Ludwig's Verwandte, die Frau eines
seiner Vettern? Konnte, durfte sie seinen Irrthum sogleich widerlegen?
Und mute nicht das beschmende Gefhl sie zu Boden drcken, hier vor
diesen wrdigen, hochachtbaren alten Leuten als eine landflchtige
Lgnerin und Betrgerin zu stehen? Oder war Alles nur Hohn und Spott,
und lauerte auf sie die schmerzlichste Demthigung? -- Whrend in Angs
diese Gefhle kmpften, hatte Leonardus den Freund seiner Mutter Maria
Johanna, geborene van Moorsel, einer ebenso freundlichen als ehrwrdigen
Matrone, vorgestellt, und diese war in helle Verwunderung ausgebrochen,
als sie Ludwig's Aehnlichkeit mit ihrem einzigen Sohne entdeckte. Als
Ludwig sich zu dem alten Herrn wandte, sprach Leonardus die Mutter an:
Aber Mutter, was ist das? Wen erwartet Ihr?

Wirst es sehen, wirst es schon sehen, mein Sohn, #min Vlugteling!#
antwortete sie lchelnd. Magst du deine Tante etwa nicht sehen? Nicht
deinen Herrn Vetter, den jungen geistlichen Herrn Vincentius Martinus
van der Valck? Das wird einmal ein Mann, sag' ich dir, Leonardus, das
wird ein wahrer Priester und ein Rstzeug des Herrn und unserer
geheiligten Kirche! Und deine schnen Nichten? Hast du denn gar kein
Herz mehr fr die holdseligen Jungfrauen, deine nchsten Verwandtinnen?

Ei warum nicht, geehrte Frau Mutter? Die Verwandten sind mir ja noch
alle lieb und werth, aber htte es deswegen so groen Prunkes bedurft?

St! Leonardus! St! wisperte die Alte. Vater hat das Alles so befohlen,
weit, Vaters Wille ist Gesetz im Hause van der Valck. War in meines
seligen Herrn Vaters Hause gerade so -- #eene goede opvooding hebben, ist
ryke huwelyks-gift# -- gute Zucht ist reiche Mitgift. Und wundert's dich,
mein lieber Sohn, da Vater deinen Freund ehrt und seine Dame? Seit
undenklicher Zeit steht unser Haus mit jenem deutschen Hause in
Geschftsverbindung, so gut, wie mit seinen angesehenen englischen
Verwandten. Und sind wir nicht treu oranisch gesinnt? Und ist nicht der
Vetter deines Freundes der vertrauteste Freund des Herrn
Erbstatthalters, wie von dessen Shnen? Man mu es mit Niemand
verderben, #by niemand in ongunst raaken.#

Freundlich trippelte die gutmthige alte Frau zu der jugendlich schnen
Angs, die ohne den Prunk von Steinen und Brillanten dennoch im frischen
Blthenschimmer ihrer Jugend liebreizend und einnehmend strahlte, ihre
Unterhaltung zu bernehmen, und geleitete sie zu bequemen Sesseln,
sorgte auch alsbald fr des kleinen Mdchens Zerstreuung, indem sie das
Kind einem niedlichen Tisch mit kleinem Sopha dahinter zufhrte und
allerlei Naschwerk und ein groes Bilderbuch auflegte. Leonardus
entfernte sich, um seinen Anzug zu verschnern, und Ludwig wandte sich
wieder zu dem alten Herrn, der ihn neben sich zum Sitzen nthigte, und
da noch Niemand von den erwarteten Gsten kam, mit ihm ausschlieliche
Unterhaltung begann, die freilich bald genug wieder den Kaufherrn
kundgab. Ludwig konnte sich nicht enthalten, eine Bemerkung ber die
Pracht des Hauses, die er bereits wahrgenommen, und die auch in diesen
Rumen ihn umgab, zu machen, aber auf diese Bemerkung antwortete Herr
Adrianus nur mit einem tiefen Seufzer.

Als darauf Ludwig den alten Herrn verwundert anblickte, sprach dieser:
Was will das Bischen Flitter sagen? Mein guter junger Herr Graf,
vergnnen Sie mir altem Mann ein vertraulich Wort; Ihre Ehre brgt mir
dafr, da Sie es in Ihrer Brust begraben sein lassen. Ich spreche mich
aus gegen Sie, weil Sie der Freund meines Leonardus, meines einzigen
Sohnes sind. Mein Sohn birgt mir ein Geheimni, ich wei es. Er will
nicht eingehen in meine Plne, die nur sein Glck begrnden wollen; er
ist mein einziger Sohn; nur eine reiche Heirath kann seine Zukunft
golden machen, denn mit mir geht meines Hauses Glck und Glanz zu Ende.

Unglaublich! flsterte Ludwig. Diese ringsum sichtbare verschwenderische
Pracht! Scheiterten Ihnen Schiffe? Fallirten Ihnen bedeutende Huser?

Ich spreche es noch einmal aus, versetzte Adrianus: was will das Bischen
Flitter sagen? Kein Schiff scheiterte mir, kein Freund fallirte zu
meinem Schaden, aber ein Haus, ein altes ruhmreiches Haus, in dem all
mein Vermgen ruht, das wankt, das bricht, das kommt zu einem
entsetzlichen Fall.

Und dieses Haus? fragte Ludwig, erschreckt durch des alten Mannes
Erschtterung.

Dieses Haus, Herr Graf -- flsterte der Alte, nur leise hauchend: -- ist
die hollndisch-ostindische Compagnie!

Wie wre das mglich? fragte Ludwig.

Oh, mein guter gndiger junger Herr! erwiederte Adrianus fast erschpft:
Sie knnen noch nicht rechnen, haben's ja selbst gesagt -- ein groer
Fehler -- ein Rechnungsfehler! Will Ihnen ein Exempelchen vorrechnen, ist
leicht, ist falich -- aus den vier Species, reine Subtraction!

Mein Vater, Leonardus, wie sein Enkel geheien, hinterlie mir und
meinen Geschwistern Petrus und Adriana ein schnes Vermgen. Die
Geschwister verheiratheten sich, ich theilte mit ihnen ab und behielt
das Geschft. Schon unsere Vorfahren hatten die hollndisch-ostindische
Compagnie begrnden helfen im Beginne des vorigen Jahrhunderts, ihr
Vermgen bestand in den Antheilen, und mehrte sich reichlichst. Unsere
Flagge wehte auf allen Meeren, unsere Handelsflotten beherrschten
dieselben, und aus eigenen Mitteln fhrte die Compagnie ihre Kriege mit
den Flotten der Portugiesen, der Spanier, der Franzosen und der
Englnder; groe Strecken Indiens eroberte sie und schrieb dem Weltmarkt
Gesetze vor. Die Compagnie nahm den Portugiesen Amboina, Tidor und
Ternate; sie bahnte ihrem Handel den Weg in das verschlossene Japan und
in das Kstenland von Malabar. Auf den Trmmern des eroberten und
verbrannten Jakatra wurde von der Compagnie die Stadt Batavia gegrndet
und erbaut, Malakka und ein Theil Ceylons wurden ihr unterworfen, und
zuletzt das Capland fr Holland gewonnen. Bald nach der Grndung trug
jedes Hundert hollndischer Gulden fnfundsiebenzig Gulden Zins, bald
aber standen die Actien der Compagnie zu vierhundertfnfundzwanzig
Procent.

Die Compagnie hat ihren Theilhabern im Ganzen bis jetzt zweihundert
Millionen Gulden eingetragen; wer rechnen kann, wei, was das sagen
will, ich meine reinen Ertrag nach Abzug aller der ungeheuern Kosten fr
die Flotten, Mannschaften, Festungen, Soldaten, Beamten, Straen,
Kanle, Werfte. Wir hatten eine goldene Zeit, sie ist vorber. Die
Compagnie ist ein Bild des irdischen Glckswechsels; als ich geboren
ward, im Jahre siebenzehnhundertsiebenundvierzig, standen die Actien
fast auf neunhundert, sie hatten aber im Jahre siebenzehnhundertzwanzig
auf eintausendzweihundertundsechzig gestanden! Verstehen Sie, Herr Graf,
eintausendzweihundertundsechzig Gulden trugen einhundert Gulden frher
eingezahltes Kapital jhrlich dem Inhaber dieser Actien ein; wer also
eintausend Gulden in der Compagniebank stehen hatte, gewann jhrlich
einmalhundertundsechsundzwanzigtausend Gulden. Wenn doch die de la
Tremouilleschen Renten nur ein Jahr lang so stnden; ich wollt' es Ihnen
gnnen, Herr Graf! Aber es ging abwrts und immer rascher abwrts, schon
von siebenzehnhundertfnfundzwanzig an. Wissen Sie, wie die Actien jetzt
stehen? -- Gar nicht stehen sie, sie haben sich zu todt gefallen, wie der
Vogel Kukuk im Volkssange. Im Jahre siebenzehnhundertachtzig hat die
Compagnie von der Regierung acht Millionen Gulden geborgt -- sie sind ft!
in die Luft -- kein Geld mehr da, Schiffe zu bauen, kein Geld mehr da,
Waaren zu kaufen, nicht einmal Geld da, die Beamten in der Capstadt zu
bezahlen! #Adieu bon esperane!# Wir haben Papiergeld gemacht, o pfui!
Ich will nicht sagen, was ich in meinem Grimm mit dem ersten dieser Wische
that, der mir in die Hand kam. Im Jahr siebenzehnhunderteinundachtzig
hatten wir zwlf Millionen Schulden; vor zwei Jahren waren sie auf
einhundertundsieben Millionen gestiegen. Jetzt mu die Compagnie Gott
danken, da der Staat ihre Lnder und Flotten bernimmt, und auch ihre
Schulden -- aber die Kaufmannschaft verarmt; sonst liehen wir allen
anderen Nationen, jetzt leihen wir selbst und knnen uns mit vollerem
Recht, wie unsere edeln Vorfahren im Kriege gegen den Bluthund Alba
Geusen, das heit _Bettler_ nennen. Unser Alba, der uns in den Staub
tritt, ist die Verarmung.

Erschtternd klang des alten Mannes Rede. Wieder blickte durch den Ri
eines schwarzen Vorhanges, der mit Goldflitter besetzt war, der junge
Mann in ein Stck Welt, in ein Stck Leben hinein.

Soll Leonardus nun dem Vater und der Mutter folgen, die sein Glck mit
liebendem Herzen wollen, oder einer blinden verwerflichen Neigung? Soll
er der Chef des hochangesehenen Hauses van der Valck werden oder ein
Ksekrmer, ein Parfmeriehndler, ein Likrbrenner? O, Herr Graf, Sie
haben Macht ber sein Herz gewonnen, reden Sie zum Guten, zum Besten,
auf da ein treues Vater- und Mutterherz nicht breche und vor der Zeit
zur Grube fahre!




9. Eine Abend-Gesellschaft.


In den vordern Zimmern wurden schlrfende Tritte vernommen, weibliche
Stimmen, es rauschten Gewnder von reichen und schweren Stoffen. Herr
Adrianus drckte Ludwig die Hand, erhob sich und sagte: Die Damen
kommen, erlauben Sie mir, Herr Graf, die gegenseitige Vorstellung.

Der erwartete Besuch trat ziemlich rasch hinter einander ein, ward
begrt, begrte verwandtschaftlich-freundlich den heimgekehrten
Leonardus, den Stolz und die Hoffnung des Hauses van der Valck, und es
erfolgte die frmliche Vorstellung, die fr Ludwig und Angs wegen der
Tuschung, die sie sich an diesem Orte erlaubte, viel Peinliches hatte,
was aber nun einmal nicht zu vermeiden und zu umgehen war. Der alte Herr
Adrianus fhrte die Damen zunchst dem jungen Grafen vor, welche,
whrend er ihre Namen nannte, steife Knixe machten; eben so steif war
ihre Haltung und Tracht, letztere sehr einfach, aber reich, und Alles an
Stoffen der Gewande wie am Schmuck von hchster Gediegenheit.

Frau Clarina Gertruida, geborene von Heynsbroeck, meines ltesten Bruders
Petrus van der Valck, der schon im Jahre siebenzehnhundertachtundachtzig
starb, trauernde Wittwe. Sie ist die Tochter des Herrn Martinus von
Heynsbroeck und der Frau Anna Maria van der Stoot.

Gott helfe mir, dachte Ludwig im Stillen, wenn ich zu jedem dieser
kalten, bleichen und langen Gesichter das ganze Geschlechtsregister
anzuhren bekomme. -- Frau Clarina knixte ab und eine andere Dame, mit
jener von ziemlich gleichem Alter, trat knixend heran.

Meine liebe Schwester, fuhr der alte Herr fort: Adriana, leider
ebenfalls schon Wittwe und zwar des weiland Kauf- und Handelsherrn
Theophilus Lippert, welcher vor drei Jahren aus dieser Zeitlichkeit
schied, leider ohne mnnliche Nachkommenschaft; hier aber sind seine
Jungfrauen Tchter, Cornelia Petronella, Helena Maria und Christina
Theodora.

Auch die Gesichter dieser Jungfrauen, von denen eine sogar Helena hie,
hatten keine helenischen Physiognomien, und keine sah aus, als werde um
ihretwillen ein trojanischer Krieg entstehen. Jetzt trat ein kleiner
junger wohlgenhrter Herr heran, mit einem blhenden, vollrunden
Gesicht, ein schmuntzelndes Lcheln umspielte fast stehend seine
frischen Wangen und sein glattes gekelchtes Kinn; man sah ihm an, wie
schwer es ihm wurde, ernst oder gar heilig auszusehen.

Mein Neffe, Herr Vincentius Martinus van der Valck, Sohn meiner
Schwester Clarina, Wittwe. Wie Sie sehen, Herr Graf, ein geistlicher
Herr, Caplan von Sanct Ottilien, welcher sich dem Dienste unserer
heiligen Kirche gewidmet hat mit frommem Eifer.

Ja wohl! ganz auerordentlich! fgte, Spott in seinen Mienen, Vincentius
Martinus hinzu. Lassen Sie doch das Lob, lieber Herr Oheim! Sie sehen
ja, wie schamroth ich werde. Es ist mir eine groe Ehre, Herr Graf, Ihre
Bekanntschaft zu machen; Sie sind ein Freund meines Vetters, und wer
dessen Freund ist, ist auch der meine, vorausgesetzt, da ich solche
Ehre mir anmaen zu drfen nicht unwrdig befunden werde.

Wenn mir vergnnt sein wird, Herr Caplan, fter die Ehre zu haben, in
Ihrer Gesellschaft zu sein -- hoffe ich--

Blitz! unterbrach ihn, ohne weiter auf die verbindliche Rede Ludwig's
zu hren, Vincentius, Blitz -- da kommt die Braut, das Meerwunder!

Ludwig erschrak bei diesem Wort. Er hatte geahnet, da es so kommen
werde, und begann fr Leonardus zu zittern, wie fr Angs.

Eine hohe stattliche und schne Jungfrau rauschte herein, gefolgt von
noch einigen Frauen und Herren, ihren Verwandten; sie verbeugte sich
nach den strengsten Regeln der Complimentirkunst, hielt auch ihren
Bastille-Fcher, das Neueste, was die Mode von Paris nach Amsterdam
gesendet, kunstgerecht, hatte ein hchst regelmiges aber kaltes
Gesicht, und war nicht die Jungfrau, der ein liebebedrftiges Herz sich
wohl htte nahen mgen. Auch sie wurde vorgestellt: Mejuffrow Sibylla
Nikodema van Swammerdam.

Leonardus war zum Tod erschrocken, ihn graute; er sah was kommen werde,
und suchte sich mit Muth zu wappnen. Bitter bereute er nun, dahin
gewirkt zu haben, da Angs im Hause seiner Eltern war. Klar lag der
Letzteren Absicht vor seiner Seele, der Glanz, der Prunk, die nach und
nach mehr und mehr sich sammelnden Gste, Verwandte von Vater und Mutter
und von Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam; nichts Geringeres war
im Werke, als mit dem Fest seiner Heimkehr das Fest seiner Verlobung zu
feiern. Begren, Vorstellen, zum Sitzen genthigt werden, um stets
wieder aufzustehen, wenn die Frmlichkeit erneuter Vorstellung und
Begrung wiederkehrte, dauerte noch eine gute Weile fort, inde unter
den silbernen Theekannen die blauen Flammen loderten, Fltenuhren mit
zarten und gutgestimmten Glockenspielen beliebte Liederweisen spielten,
und kstlicher Wohlgeruch durch alle Zimmer seine balsamischen Dfte
strmte. Ludwig nherte sich wieder Angs und ihrem Kinde, das sich's
behaglich schmecken lie und eine Cyperkatze streichelte, die sich
zutraulich an die Kleine schmiegte.

Freund! flsterte Angs zu Ludwig, ich wollte, ich wre nicht hierher
gekommen, mich drckt all' diese Pracht, ich fhle mich hier so
unendlich arm und so sehr verlassen.

Fast geht es mir eben so, gute Angs. Man hlt Sie allen Ernstes fr
meine Verwandte; ich wnschte, Sie wren es in der That, dann brauchte
Ihr Herz nicht beklemmt zu schlagen. Vielleicht knnen wir das Kind zum
Vorwand nehmen, uns bald zu entfernen.

Sehen Sie, wie auerordentlich feierlich Alles ist, sehen Sie, mit
welchen Blicken der junge Geistliche mich mustert?

Sie werden ihm gefallen! scherzte Ludwig, um ihre Bangigkeit zu
verscheuchen.

O Gott, nicht solchen Scherz! seufzte Angs und legte die Hand aufs
Herz, das bange, sehr bange schlug.

Endlich hatte die gute alte Frau van der Valck mit Hlfe ihrer
Schwgerinnen ihre Abendgesellschaft zum Sitzen gebracht, und der Thee
ward herumgegeben mit aller auserlesenen Zubehr; doch sa die
Gesellschaft steif, nach hollndischer Weise ziemlich wortkarg,
verlegen, die Fremden zu unterhalten, und nur die kleinen braunen
japanischen Tassen, leicht wie Luft und zart wie hollndisches Papier,
in Berhrung mit den Theelffeln lieen sich mit feinem Klang vernehmen.
Da schlug pltzlich die kleine Sophie an ihrem Tisch ein schallendes
Gelchter auf, und rief laut in die Gesellschaft: #Ah -- ah -- ah -- ahi --
ahi! Voila! qu'elques drles caricatures -- qu'elques bouffons!#

Aller Blicke wandten sich voll Staunen nach dem Kinde hin. -- Angs
erschrak, dies vorlaute Wesen, das dem Kinde gar nicht eigen war, was
hatte das zu bedeuten? Wen konnte Sophie meinen? Himmel, wenn sie des
Hauses Gste meinte!

Doch diesen Schreck milderte alsbald die Matrone, die Herrin des Hauses,
welche die Hnde zusammenschlug und lchelnd ausrief: #Voorwaar,
voorwaar -- kinderen en gekken spreeken de waarheid!#

Beim Himmel! rief der alte Herr: du hast recht, liebe Frau, nie fand ein
Sprchwort bessere Gewhrschaft, als dein: Kinder und Narren reden die
Wahrheit, hier! Und Herr Adrianus nahm das Bilderbuch und legte es so,
da die Mehrzahl der Gesellschaft die aufgeschlagenen Bltter gewahrte.

Sie sehen hier, Damen und Herren, das neueste Costmebuch der #Grande
Opera# zu Paris, fuhr Adrianus schneidend fort: den abgeschmacktesten
und unsinnigsten Mischmasch rmischer, mittelalterlich-franzsischer und
spanischer Maskenanzge und Comdiantentrachten! Mchte man nicht
manchen dieser Muscadins und Incroyables fragen: Federbusch, wo willst
du mit dem Kerl hin, der dich trgt? Fluch allen diesen blutigen
Possenspielern in ihren rothen, schwarzen und purpurverbrmten Mnteln,
ihren weiwollenen rmischen Togen und Tuniken, ihren Federhten und
Harlekinskappen. Es ist doch nichts als eine heillose Bande von
Gurgelabschneidern, Mordbrennern, Rubern, Bluthunden und Brllaffen!

Es waren in der That die Trachten dargestellt, in welche die groe
Nation jene Beamten kleidete, durch deren Machtsprche sie ihre besten
Kpfe gouillotiniren lie. Schlaue Theaterschneider waren es, welche
diese Trachten ausgesonnen hatten; keiner hatte sich selbst vergessen;
nur Frankreich verga sich selbst ganz und gar.--

Whrend die Abendgesellschaft sich mit dem Beschauen dieser Bilder
beschftigte, waren drei Herren, von Reitknechten begleitet ber die
Gracht geritten, in welcher van der Valcks Wohnhaus stand, waren eine
gute Strecke von demselben abgestiegen und hatten den Dienern die Zgel
ihrer Rosse zu halten gegeben, mit dem Befehl, letztere langsam auf- und
abzufhren. Diese Herren waren alle drei von stattlichem Wuchs, trugen
Soldatenmntel und waren in Galla-Uniform, im vollen Schmuck blitzender
Orden, offenbar Offiziere von hohem Rang. Der Aeltere trug die Uniform
eines Vice-Admirals der englischen Marine, und schien dreiig Jahre zu
zhlen; der zweite erschien einige Jahre jnger, hatte aber gleich jenem
eine athletische Gestalt und ernste kriegerische Haltung; der jngste
war ein schlankgewachsener schner Jngling, der kaum zweiundzwanzig
Jahre zhlen mochte. Sein Auge war uerst lebendig, sein Wuchs wie
seine Haltung stattlich, und ein freundlich offenes Wesen mute fr ihn
einnehmen.

Noch einmal, lieber Graf! flsterte der Jngste dieser Herren dem
Mittleren zu, indem sie dem Hause van der Valck zuschritten, Migung
und Ruhe; nichts thun, was man hinterdrein bereut! Wer wei, was der
alte Herr gesehen oder gehrt hat, und wie er Wunder denkt, welche
Freude er Ihnen bereitet, welche Ueberraschung!

Ueberraschung auf jeden Fall, mein--

Still! unterbrach der Andere. Mein Incognito nicht auf der Gracht vor
der Zeit offenbaren!

Ueberraschung ganz gewi, wiederholte der Andere mit schlecht verhehltem
Ingrimm. Es ist so, wie soll ich's denn anders denken? Wenn dem Hause
van der Valck die hohe Ehre des unterthnig erbetenen Besuches zu Theil
wird -- schreibt mir wrtlich der alte Herr -- so wird es Hochdenenselben
gewi zum hchsten Vergngen gereichen, in meinem Abendzirkel einen
liebenswrdigen jungen Verwandten mit einer doppelt liebenswrdigen
Verwandtin, Gemahlin eines der verehrten Herren Vettern, und einem
Kinde, welches man ein Wunder von Schnheit nennt, zu finden, welche
beide gestern mit meiner Pinke, die vergulde Rose, Curs Hamburg,
Carolinen Siel ## Amsterdam, hier eingelaufen sind.

In der That zum Lachen! nahm der englische Vice-Admiral das Wort. Wenn
es nicht deine Frau ist, so bin ich uerst neugierig auf die schne
Verwandte! Denn wer von uns hat denn eine schne junge Frau und ein so
schnes Kind, als du? Der Teufelsjunge fngt gut an. Der Apfel wird wohl
nicht weit vom Stamme gefallen sein. Ich denke, ich denke, lieber
Vetter, du grollst vergebens; es wird wohl ein Mhmlein vom Hamburger
Jungfernsteig sein, Alsterfleisch mit Zulage, das den Gimpel auf der
Leimruthe einer hbschen Larve gefangen nahm, und so gndig ist, in
diesem ehrbaren Hause Myn Heeren van der Valck's die junge Grfin zu
spielen. Was geht das zuletzt uns an? Wenn der Vogel gerupft ist, wird
er schon zur Vernunft kommen und das gebrannte Kind sein, welches das
Feuer scheut. Jeder mu selbst lernen, an dieser Stange Wasser zu
tragen.

Jedenfalls aber mu dieser Trug entlarvt werden! rief der oranische
Offizier fast heftig. Wenn er wagen will, unseres Hauses Namen zu
fhren, so darf er diesen mit solchen Streichen nicht verunehren!

Nur erst prfen, theurer Graf, nur prfen; erst noch einmal den alten
Herrn selbst sprechen, es wird sich Alles finden! ermahnte der jngste
Begleiter.

Wie kannst du nur, begann der Aelteste wieder, den seltsamen Gedanken
hegen, es sei deine Frau, Vetter? Ich htte groe Lust, mich mit dir zu
schlagen, da deine Gedanken dieses treffliche hochherzige Wesen so
beleidigen! Als du wegfuhrst, verlieest du sie doch leidend; so
therisch sie ist, so sehr ich sie vor aller Welt fr einen Engel, einen
Seraph erklre, eine seraphische Eigenschaft fehlt ihr doch, und das ist
sehr gut fr dich, sie hat keine Flgel, folglich kann sie dir unmglich
unter den Hnden weg voraus geflogen sein.

Was half all' dieses Reden! Der eiferschtige Mensch ist stets sinnlos
und handelt sinnlos, und wenn er sonst der einsichtvollste, gebildetste,
beste Mensch wre; die Leidenschaften sind Dmonen und werden es ewig
bleiben. Die poetische Weltanschauung der Alten nannte sie Gtter. Und
frwahr, es erscheint als etwas Gttliches, Hohes und unbegreiflich
Wunderbares, da das kleine Herz jedes einzelnen Menschen, der die Jahre
der Reife erreichte, ein Pandmonium ist und bleibt bis zum Grabeshgel.

Ich hoffe, da ich mich irre, versetzte der von Eifersucht ganz
verblendete Mann, aber mglich ist Alles. Die Krankheit kann erheuchelt
gewesen sein, die Liebe zu dem jungen hbschen Laffen, dem Lebensretter,
bergro, die Flucht vorbereitet. Ehe ich meine Jacht bestieg, trugen
vier oder sechs rasche Pferde sie den Landweg zum Carolinen-Siel; dieser
Vorsprung war ein Leichtes.

Ja wohl! spottete der Vetter: und der beste Schlupfwinkel, dir zu
entgehen, war jedenfalls Amsterdam, dein jetziger Aufenthaltsort und
deiner Rckreise wohlbekanntes Ziel.

Jener schwieg, aber das klirrende Stampfen seines Sporentritts, das
durch die Stille der menschenleeren Gracht hallte, kndete seine innere
Bewegung an. Jetzt war das Haus erreicht.

Noch ein Wort! sprach der Jngste der drei Herren. Kein Feldherr
unternimmt irgend eine Waffenthat ohne Plan. Erlauben Sie mir, meine
Herren, wohl den Entwurf? Heute kundschaften wir nur das Schlachtgebiet
aus, ich verbiete jeden Angriff, morgen knnen dann die
Vorpostengefechte beginnen und die Laufgrben erffnet werden, auf
bermorgen sage ich das Haupttreffen an, wenn nicht schon vorher ein
gnstiger Friedensschlu den Feind zur Unterwerfung nthigt.

Zu hohem Befehl! erwiderten die Begleiter, der Eine lachend auf den
Scherz eingehend, der Andere mit unterdrcktem murrendem Widerwillen.

Herr Adrianus hatte, whrend die Gesellschaft sich der Betrachtung der
erwhnten, wie auch anderer kostbarerer und in jeder Beziehung
anziehenderer und werthvollerer Bilderbcher hingab, auf den Wink eines
Dieners unbemerkt das Zimmer verlassen und empfing mit ehrfurchtvollem
Grue in einem der vorderen Sle die drei Herren.

Nach gegenseitigen verbindlichen Worten fragte der Mittlere der
Gekommenen etwas hastig den Hausherrn: Sind die Personen bei Ihnen,
Herr van der Valck, von welchen Sie mir geschrieben? Auch die kleine
Marie?

Excellenz halten zu Gnaden! antwortete Herr Adrianus: das Kind ist da,
aber Marie ist nicht sein Name; irre ich nicht, so hrte ich dasselbe
Sophie rufen.

Da haben wir's! lachte der Aeltere der drei Herren. Das war einmal
wieder ein starker #error calculi# meines hochgndigen Herrn Vetters!

Eine Antwort, die mir das Leben wieder gibt! murmelte der Eiferschtige.

Und da somit die Hauptursache zur Kriegserklrung hinwegfllt, scherzte
der jngste der drei Offiziere, so dchte ich, wir bildeten heute blos
ein Beobachtungscorps, ohne irgend einen Angriff. Ich untersage als
Bataillonschef selbst jede Plnkelei, zumal wir uns auf neutralem Boden
befinden.

Die Gesellschaft im hohen gerumigen Besuchzimmer nahm wahr, da am Ende
der kerzenhellen Zimmerreihe eine Flgelthre von Dienern nicht ohne
Gerusch geffnet wurde, da vier Diener mit Kronleuchtern, auf deren
jedem vier Kerzen brannten, vorausschreitend eintraten, und in demselben
Augenblick erklang von einem groen, in dem Durchgangszimmer
aufgestellten automatischen Kunstwerk mit Flten-, Trompeten und
Fagottstimmen, mit trkischen Becken und halbem Mondgeklingel, mit
Posaunen- und Paukentnen fllreich und harmonisch bewillkommend die
Melodie der niederlndischen Nationalhymne.

Leonardus war neben Angs und Ludwig getreten, jetzt flsterte er,
whrend die ganze Gesellschaft sich berrascht und feierlich erhob,
diesen Beiden mit fliegendem Athem zu: Um Gott! was beginnt mein Vater?
Se. Hoheit der Erbprinz! der Sohn des Erbstatthalters! Und zwei
Generale!

Und einer derselben mein gestrenger Vetter, der souverne Erbherr von
Varel, In- und Kniphausen! rief Ludwig erbleichend aus: ja und
wahrhaftig, der Andere ist William, der englische Vice-Admiral,
ebenfalls mein Vetter. O Leonardus!

Die Herren verneigten sich artig gegen die Gesellschaft, sprachen
begrende Worte zur Herrin des Hauses, welche mit einem ganz besondern
Antheil, den sie aber ihre Umgebung nicht wahrnehmen lie, den
Vice-Admiral betrachtete, und empfingen in ruhmwrdiger Geduld die
Vorstellung aller Adrianen, Cornelien, Helenen, Clarinen, Sibyllen, und
was sonst an langen Namen und langen Gesichtern, bis auf das kugelrunde
des Capellans Vincentius Martinus, aus den Sippen der Huser van der
Valck und van Swammerdam in dieser Gesellschaft anwesend war.

Und nun? Drei Herzen klopften stark und angstvoll in peinlicher
Verlegenheit der noch peinlicheren entgegen. Herr Adrianus lenkte die
hohen Gste den Freunden zu, und sprach mit Bezug auf die Fremden: Diese
Herrschaften kennen einander, dies ist mein Sohn Leonardus.

Mit strengem Blick sah der Erbherr auf Ludwig und auf Angs, er sah in
ihr ein schnes, aber ihm doch gnzlich fremdes Gesicht, das machte ihn
innerlich froh und er fhlte tief, welch groes Unrecht er in Gedanken
gegen zwei ihm verwandte Herzen begangen; der Edelmuth, der ungleich
dauerbarer in seinem Charakter lag als seine Schroffheit und
Gereiztheit, trieb ihn zu einem raschen Entschlu. Whrend noch der
Erbprinz zu Leonardus gtig freundliche Worte sprach, der Vice-Admiral
mit wenig verschmter Neugier Angs betrachtete und in sich selbst
hineinmurmelte: Schn, auerordentlich schn, kein bler Fisch, und
darauf ein Gesprch mit Angs anzuknpfen begann, winkte Graf Wilhelm
Gustav Friedrich seinen jungen Vetter einige Schritte abwrts, und
sprach zu ihm: Ludwig Carl, kannst du vergessen?

Gern, wenn ich soll, und du mich es lehren willst, Vetter! gab Ludwig
offen zur Antwort.

Ich will es! entgegnete der Erbherr.

Ein gegenseitiger fester, mnnlicher Hndedruck, und die Vershnung war
besiegelt.

Aber sprich, wer ist diese Dame?

Ludwig legte den Finger auf den Mund. Des Freundes Freundin, und
incognito! flsterte er.

Zu Angs gewendet, fragte der Vice-Admiral: Sie sind keine
Niederlnderin, meine Gndige? Franzsin ohne Zweifel?

Eine Deutsche! gab Angs zur Antwort.

Und, wenn ich fragen darf, Ihre Heimath?

Die Pfalz.

Ah so, die Pfalz, ein schnes Land, diese Pfalz, und Ihre Residenz,
schne Pfalz-Grfin--?

Ach, ich bitte, mein Herr, dieser Titel gebhrt vielleicht Personen
Ihres hohen Geschlechtes, ich aber mu ihn bescheiden ablehnen.

Betroffen schwieg der Vice-Admiral, er war berrascht von dieser
einfachen unbefangenen Antwort, denn er bildete sich ein, Angs kenne
genau seine Familie und stichele auf die Abstammung seiner Vorfahren aus
ihrem Vaterlande, die leider eben so wenig Pfalzgrafen gewesen waren,
wie Angs eine Pfalz-Grfin war. Indem er sich so fr abgefertigt hielt,
gewann Angs in seinen Augen, doch mochte er sich nicht wieder
blosstellen, sondern wendete sich zum alten Herrn und sagte diesem im
scherzhaften Tone: Werthester Herr Adrianus van der Valck, wer hat Ihnen
denn das Mrchen aufgebunden, da jenes junge Frauenzimmer unsere
Verwandte sei? Wir kennen sie gar nicht, haben sie nie gesehen! -- Diese
Worte machten Herrn Adrianus ganz verwirrt und bestrzt. -- Nicht? nicht?
nicht? stammelte er. Ei, wenn ich nicht irre, so sagte mir doch der
junge Herr Graf selbst: eine nahe Verwandte, Gemahlin eines meiner
Herren Vettern, wie konnt' ich zweifeln? -- Gewi, lachte fast laut der
zu Scherz und Spott stark geneigte Vice-Admiral: wie konnten Sie
zweifeln? Die Verwandtschaft des jungen Herrn ist erstaunlich gro, er
hat ganz sicher sehr viele Vettern und auch Mhmlein. Er ist ein Luft-,
ein Windbeutel, dem es Spa macht, die Haarbeutel zu vexiren! Lassen Sie
auf Ihre goldenen Theelffel Acht haben, Herr Adrianus, ich glaube, die
Dame ist eine feine Spitzbbin, und da sie des Goldes bedrftig, sehen
Sie ja an ihrer bernatrlich einfachen Tracht.

Es fiel dem Vice-Admiral nicht im Entferntesten ein, diese seine
Scherzworte ernst zu meinen, aber Herr Adrianus, dem als Kaufmann nichts
lieber war als baare Mnze, nahm auch diese Worte fr solche, und sein
Zorn regte sich auf gegen Leonardus, der ihm den luftigen Springinsfeld,
wie er nun Ludwig schon in Gedanken nannte, in das Haus gebracht mit der
-- Landluferin. Eben im Begriff, sich an Leonardus mit strenger Frage zu
wenden, den schon sein blitzender Blick suchte, und den er, zur
Steigerung seines Aergers, so eben mit Angs im vertraulich flsternden
Gesprch erblickte, whrend der Vice-Admiral auf seinen Vetter zuschritt
und der Erbprinz sich in ein Gesprch mit der wrdigen Familie von
Swammerdam eingelassen hatte, trat ihm seine alte gutmthige Frau in den
Weg und fragte: Nun Vater? Willst du nicht bald das Besprochene
beginnen? Mache da die Tubchen endlich zusammenkommen, denn das
Sprichwort sagt: #waar duiven zyn, daar vliegen duiven na toe; waar geld
is, daar wil het geld wezen.#

Ja ja, Mutter, ja ja -- wenn nur nicht -- nun gleich -- werde die Sache
einstweilen ordnen -- doch sorge, da die Herren zuvor gut bedient
werden.

Du siehst ja, da es geschieht, lieber Adrianus, erwiederte zufrieden
die Hausfrau. Des Herrn Erbprinzen Hoheit stippen so eben hchstihren
Zuckerkuchen in den Thee.

In Adrianus Innerem kmpften widerstrebende Gefhle und ein Zweifel
jagte den anderen. Auf jeden Fall steckte etwas Verborgenes hinter
dieser Sache, entweder war der junge Graf das, was dessen Vetter
angedeutet, und brachte ihn in Verlegenheit, oder Leonardus steckte
dahinter; aber Adrianus hatte nur Vermuthungen, keine Gewiheit. Und
jene Dame, die er eingeladen, konnte und durfte er sie nun vor den
brigen Gsten blosstellen? Und wenn sie wieder nicht in diesen Kreis
pate, wie war seine eigene Taktlosigkeit zu rechtfertigen, selbst den
Erbprinzen dazu eingeladen zu haben?

Diese Einladung an sich durfte nicht befremden, die reichen Kaufleute
Amsterdams bildeten eine hchst achtungswerthe Aristokratie, kein Frst
brauchte sich ihrer zu schmen, das hatten schon die deutschen Kaiser
Maximilian I. und Karl V. sattsam bewiesen, und es war gerade nicht
unbekannt, da der Ahnenbaum des Handelshauses van der Valck zu
Amsterdam seine Wurzel bis zu den Zeiten Kaiser Sigismund's hinab
erstreckte. -- Herr Adrianus war unglcklich in seinem Gemth und mit
sich selbst im Zwiespalt, er hatte sich die Vorgnge des heutigen Abends
so schn ausgemalt. Feierlich im Kreise der geladenen nchsten
Verwandtschaft wollte er den Sohn mit dessen nun schon alter Braut
ffentlich verloben; Vincentius Martinus sollte dazu einen
salbungsvollen Segen sprechen, und dann drei Sonntage nach einander
diese Verlobung in der St. Ottilien-Kirche ffentlich verkndigen. Die
ehrbare Braut, fgsam und gehorsam wie es einer tugendbelobten Jungfrau
ziemt, war Alles zufrieden, was die Huser van der Valck und Swammerdam
ber sie beschlossen hatten, und war, ohne nur im Entferntesten mit
Sehnsucht oder zrtlicher Ungeduld den endlichen letzten Schritt
herbeizusehnen, dessen doch in aller Gemthsruhe gewrtig.

Es erhoben sich die Damen, die Herren; Vincenz that sich den Zwang an,
sein stets schalkhaft lchelndes Gesicht in ein ernsthaftes
umzugestalten, was ihm unendliche Mhe machte, denn er war noch zu
jugendlich munter, um schon seinen Zgen die stehende Type gottverhater
Heuchelei fest einzuprgen, wozu entweder sehr frhe Uebung oder reifere
Jahre gehren. Ein Halbkreis begann sich zu bilden, in welchem die lange
hagere Gestalt der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam gegen den
Mittelpunkt vorgeschoben wurde, wo sie stocksteif, einer Bildsule
gleich, mit niedergeschlagenen Augen stand, und kein anderes Zeichen von
Leben gab, als da sie mit leisem Rauschen die fein geschnittenen und
noch feiner durchbrochenen Elfenbeinbltter ihres Bastille-Fchers
aufschlug und wieder zusammen klappen lie.

Da sich, wie der Augenschein lehrte, etwas Wichtiges vorbereitete, sei
es eine Scene, sei es eine Rede, so traten auch die zuletzt gekommenen
Gste in den Halbkreis, und nur Angs wandte sich zu dem Kinde, das
jetzt einige Ungeduld wahrnehmen lie, beugte sich zu ihm nieder und
flsterte der Kleinen zu, da sie sich bald nach Hause begeben wollten.
Sophie zeigte mit kindlicher Freude ihr alle die Spielsachen und Bilder,
die sich vorzugsweise ihrer Gunst erfreut hatten, und da das Kind dies
nur leise flsternd that, und Angs sich ebenso mit ihm unterhielt, so
strte das nicht im mindesten die Rede, welche Herr Adrianus van der
Valck jetzt vor dem Halbkreise, der ihn umgab, zu halten begann, und
deren Inhalt sich um die unsterblichen Stze drehte: da Gott im Anfang
ein Mnnlein und ein Weiblein erschaffen und in eigener allerhchster
Person geuert habe, es sei nicht gut, da der Mensch allein sei, da
folglich jeder Mensch, nmlich Mann, einer Gehlfin bedrfe, die um ihn
sei; da ferner alles irdische Glck, wonach auch alles Streben
hauptschlich ziele, in Erfllung gttlicher Weltordnung und der
Grndung eines huslichen Herdes gesucht und gefunden werde. Auch sei
durchaus unzweifelhaft, da Gott und seine heilige Kirche nur mit
Wohlgefallen auf christliche Eheverlbnisse blicke, die nach den
Wnschen und nach der Zustimmung beiderseitiger Eltern und Verwandten,
und nach reiflicher Ueberlegung und vorheriger Verabredung ber das
irdische Besitzthum, geschlossen und abgeschlossen worden.

Da nun auch zwischen diesem unserem Hause, fuhr Herr Adrianus van der
Valck fort: und dem ruhmvollen und ehrenhaften Hause van Swammerdam eine
derartige Verabredung schon in frheren Jahren getroffen worden, so soll
dieselbige nunmehr zur Wahrheit werden, und so verloben wir, ich,
Adrianus van der Valck, als Sohnesvater, mit meiner ehrsamen Hausfrau
Maria Johanna, geborene van Moorsel, unsern einzigen eheleiblichen Sohn
Leonardus Cornelius, und der Kauf- und Handelsherr, Herr Nepomuck
Theophil van Swammerdam, und dessen ehrsame Gemahlin, Frau Susanna
Euphemia van Swammerdam, geborene van Neriske, als Tochtereltern, ihre
eheleibliche einzige Tochter, die adelyke Jufferouw Sibylla Nikodema
zu einem rechten christlichen Brautpaar vor diesen allseits achtbaren,
hohen und hchsten Zeugen!

Wie Herr Adrianus bei Nennung beider Namen der Verlobten seine vorher
leise Stimme stark erhob, und Vincenz mit den Verlobungsringen, die er
bereits in den Hnden hielt, leise klingelte, fuhr Angs horchend auf
und eiskaltes Entsetzen berrieselte sie vom Wirbel bis zur Zehe. Starr
lauschte sie hin, beide Hnde fest gepret auf die ungestm wogende
Brust, auf das angstvoll klopfende Herz; aber muthig rang sie nach
Fassung. -- Kein Laut soll mich, soll ihn verrathen -- zuckte es durch ihr
Gehirn -- nicht den Triumph einer Schwche gnne ihnen, Angs -- denn er
ist nicht dein, wie sehr er auch dein ist; du hast an ihn kein Anrecht;
du darfst nicht Kummer hufen auf der Eltern Haupt, nicht ihren Fluch
auf dich laden! -- Und so stand die schne, zitternde Gestalt im
gewaltigen Kampfe zwischen Liebe und Entsagung da wie die Gestalt einer
vom Pfeil des Todesgottes getroffenen Tochter Niobe's, bleich wie ein
antikes Bildwerk aus cararischem Marmor.

Und Leonardus? -- In seinem Busen wogten und ghrten Hllenangst, Zorn,
Schmerz, Liebe, Wuth und Verzweiflung. Auer sich wollte er schon einen
unbedachten Schritt thun, da die Mutter auf ihn zukam, ihn nach Brauch
und Sitte an die Seite der Braut zu fhren, da auch schon Vincentius
Martinus vortrat, sein ganzes Gesicht ein geistlicher Adamsapfel; in
diesem Augenblicke aber fhlte er seine Hand fest erfat und gedrckt,
und hinter ihm stand Ludwig und flsterte: Sei Mann! Verstellung, keine
Scene, stelle deine Eltern nicht blos -- wir helfen dir heraus!

Diese Worte hrte Angs nicht, denn sie hrte berhaupt nicht mehr, ihr
ganzes Sein, Denken und Empfinden lag in ihren Augen, und mit diesen
Augen sah sie, wie Leonardus, von seiner Mutter gefhrt, ganz ehrbar zu
seiner Verlobten schritt, und wie die Mutter Sibylla's Hand in seine
Hand legte, und da ward es so dunkel vor ihren Augen, so nachtschwarz
trotz der dreihundert Wachskerzen, die in den Zimmern auf Kronleuchtern,
Kandelabern und Gueridons brannten, da sie gar nichts mehr sah; lautlos
sank sie in sich zusammen.

Ein heller Ruf- und Angstschrei des Kindes schnitt wie ein Blitzstrahl
erschreckend durch die Versammlung und schnitt zugleich den Sermon des
Capellans ihm vom Munde ab. Alles war erschrocken, am meisten Leonardus,
er sank neben der ohnmchtigen Angs in die Kniee und rief auer sich,
Alles um sich und sich selbst vergessend:

Angs! Meine geliebte Angs! Komme zu dir! Erwache! -- Der Erbprinz
bemhte sich, die kleine Sophie zu beruhigen, er umfate liebkosend das
schne Kind; zufllig streifte er dabei den kurzen linken Aermel des
Kleidchens in die Hhe, da glhten ihm karminroth von der feinen Haut
die Buchstaben entgegen: #S.C.B.# Er hob mit einem lauten jauchzenden
Ausruf die Kleine hoch empor und rief: O Freude! Freude! Freude!

Aller Blicke lenkten sich auf ihn. Angs schlug die Augen auf, und sah
das Kind von dem Prinzen emporgehoben, sein Ausruf hatte sie aus ihrer
Ohnmacht schneller geweckt, als die strkenden Essenzen. Eure Hoheit --
wurden fragende Stimmen laut: Was ist's mit dem Kinde? Und Jener rief
mit schner Wallung des Gefhles: Dieses Kind -- ist mein--




10. Ein Tag in Paris.


Ganz Paris war in brausender, flutender Bewegung. Unzhlbare,
unbersehbare Menschenmassen wlzten sich durch alle Straen unter einem
hellen, wolkenlosen Himmel hin; Alles war feiertglich gekleidet, an
allen Husern prangten Laubgewinde und Krnze, wehten Tcher, Stoffe und
Flaggen in den republikanischen Farben, von allen Fuhrwerken flatterten
gleichfarbige Bnder, und ein Jubelruf der begeisterten Menge folgte dem
anderen. Es mute ein groer herrlicher, volksheiliger Tag sein, denn
das Unerhrte fand statt, es feierte selbst -- die Guillotine.

Hehr und feierlich, wie sonst, als Frankreich oder Paris noch an Gott
glaubte und Gottesdienste besuchte, erklang das harmonische Gelute der
Prachtkathedrale von Notre-Dame, der Genovevenkirche, der St. Sulpize
und anderer durch die Morgenfrhe, aber fast wurden diese Klnge noch
bertnt von kriegerischen Musikchren und endlosem Kanonendonner, der
von den Hhen des Montmartre, von der Todtenstadt Pre la Chaise, von
der Anhhe ber den elyseischen Feldern und von den sanften Erhebungen
der Flche hinter den einsamen Vierteln St. Germain und der Barriere
Vaugirard erscholl. Welch ein Tag war das?

Es war ein Tag im Monat Juni des Jahres 1794, welchen Monat der seit dem
vorigen Jahre neuersonnene republikanische Kalender Prairial nannte,
Wiesenmond, dem deutschen Heumond sich gut annhernd, der Tag selbst
aber trug statt des auf den achten dieses Monats fallenden Namenstag des
heiligen Medardus der durch Beschlu der groen Nation abgeschafften
christkatholischen Kirche den Namen Heugabel, welcher gerade so schn,
obschon nicht weniger sinnlos klang, als der 5. Juni: Entrich, der 25.
Schleihe oder der 10. April (Germinal): Oculirmesser, der 27. Juli
(Messidor): Knoblauch, der 8. September (Fructidor): Hundskohl. Ob wohl
die Verfasser dieses abgeschmackten Mischmasches von Oekonomiewerkzeugen
und Kchenkrutern, hinter denen man nur Dreschflegelfhrer und
Sudelkche suchen konnte, im Ernst glaubten, als sie sich zu
Kalendermachern aufwarfen, ihr Hirngespinnst knne Dauer haben? Diese
Frage drfte nicht minder schwer als jene zu beantworten sein, wie eine
Nation, die sich die Groe nannte, solchen Gallimathias gutheien und
anerkennen konnte?

Drei junge Mnner bewegten sich mit der Menschenstrmung dem
Nationalgarten zu. Sie trugen weite schwarzwollene Beinkleider, welche
mit Kohlenscken uerst nahe verwandt schienen; Jacken von demselben
Stoff, ein wenig sehr schornsteinfegerhaft angeschmutzt; dreifarbige
Westen, welche von einigem Wurstfett gar nicht bel glnzten,
kurzgeschorene Perrcken von schwarzborstiger Art, die ein Waldteufel
und Kinderschreck nicht schner haben konnte, und auf diesen Perrcken
rothe Jacobinermtzen mit tassengroen dreifarbigen Cocarden, blau,
roth, wei. Ein Schleppsbel schlotterte jedem an der Seite, und einige
Pistolengriffe schauten gemthlich aus dieser oder jener Tasche des
Kleeblatts heraus. Mchtige Schnauzbrte und die Farbe von Staub, Kohlen
und Pulver in dreieinheitlicher Vermhlung gaben den Antlitzen etwas
furchtbar Wildes, und zeigte sie so recht vollstndig # la mode#, denn
solcher Gestalten und Gesichter wogten viele Tausende mit. Es waren
sogenannte Carmagnolen.

Schon eine gute Strecke vom Nationalgarten abwrts sackten sich die
Massen, und der Strom, der von der Madelaine herab nach dem Mordplatz
kam, auf dem der Knig und die Seinen verblutet hatten, stand schon Kopf
an Kopf gedrngt voll. Wachen hielten dort an jener Seite die Zugnge zu
dem Garten besetzt, und wer bis an diese gelangen wollte, mute starke
Arme haben und einen Druck und Puff oder sehr viele aushalten knnen.
Dennoch drngten sich Gamins durch das furchtbar drckende Gewhl durch,
und boten mit gellendem Schreien, wie sie es auf ffentlichen Pltzen
und in den Theatern gewohnt waren, fr ein Centimestck, #Programmes de
spectacle# feil.

Aufzge waren es, welche die whlenden Massen in Stocken brachten und
fr welche der Raum im Garten und am Seine-Ufer hin freigehalten wurde.
Da zogen Jungfrauen auf das Schnste, wenn auch nicht auf das
Anstndigste geschmckt, nmlich in flordnnen griechischen Costmen,
durch das die Sandalenbnder bis zu den Knieen sichtbar hindurchschienen,
Krnze von Aehren und Kornblumen im Haar und Krbchen voll Blumen
tragend, in den umfangreichen Garten; Frauen, mit Kindern beladen, denen
beiderseits die Hitze des Junitages die unaussprechlichste Pein drohte,
wallten stolz daher in einer Tracht, die Allem Hohn sprach, was jemals
schn, kleidsam und anstndig genannt ward. Es kamen Greise, anzusehen
wie alte ausrangirte Theaterfiguranten in der Tracht, mit welcher die
Wachsfigurenkabinette die Jnger Christi umhngen, die das Abendmahl
feiern, mit schneeweien Perrcken und abscheulichen Flachsbrten. Diese
tugendhaften alten Gauner, aus der Volkshefe zur Darstellung der
groartigen Fare ausgewhlt, trugen Degen in den Hnden, um sie den
Vertheidigern der Freiheit zu berreichen, sobald ihr Stichwort fallen
wrde. Diese Vertheidiger der Freiheit trugen Eichenzweige und mit
Eichenlaub waren auch die Triumpfbgen und Thorfahrten geschmckt.
Schonungslos waren alle umliegenden Wlder geplndert und verwstet
worden, um Paris fr einen einzigen Tag einen schnell vergnglichen
Schmuck zu leihen.

Die drei jungen Mnner in der schmutzigen Carmagnolentracht whlten sich
langsam weiter und weiter, bis es ihnen durch Geduld und Ausdauer
allmhlig gelang, an der Wasserseite gegenber dem Pavillon der Flora
und der Einheit auf der Terrasse einen etwas erhhten Platz zu gewinnen,
von dem aus sich einigermaen die Festlichkeit bersehen lie, welche
sich vorbereitete. Sie erblickten das zum Zweck des Festes eigens
erbaute Amphitheater, das sich bis hinan zum groen Balkon des
ehemaligen Tuilerienpalastes hinzog und aus dessen Mitte eine hohe
Rednerbhne emporragte. Vom Amphitheater fhrten Stufen bis herab zum
groen runden Wasserbecken des Gartens, welches ganz berbrckt war, und
in dessen Mitte statt der zertrmmerten Steinbildsulen, die dasselbe
frher geschmckt, eine allegorische Figurengruppe aufgestellt war,
zusammen gezimmert und geleimt aus Holz und Pappendeckel, und von einem
Theatermaler bunt angestrichen. Es zeigte sich die abschreckende
Riesengestalt des Atheismus, getragen von der Ehrsucht, der Eigensucht,
der Zwietracht und der falschen Einheit, und eine Inschrift verkndete,
da dies die einzige Hoffnung des Auslandes darstelle und bedeute.

Da bleibt dem armen Auslande blutwenig Hoffnung! spttelte einer der
drei Carmagnolen halblaut zu seinen Gefhrten, aber in einer Sprache,
die ganz fremdlndisch klang und die schwerlich ein Akademiker
verstanden haben wrde.

Habt Acht! Dort kommt wieder etwas Neues! sprach der zweite der jungen
Mnner.

Ein Wagen voll Kinder fuhr in dem Gartenraum, ein Wagen voll _blinder_
Kinder.

Sollte er Frankreich allegorisch darstellen, das so blind war, sich von
einer Schaar entmenschter Henker den Fu auf den Nacken setzen zu
lassen?

Ein zweiter Wagen brachte Ackergerthschaften und allerlei Germpel,
welches die Attribute des Gewerbes und der Knste darstellen sollte.

Ah, der neue Kalender! flsterte einer der drei. Hacke, Dreschflegel,
Wurfschaufel, Bienenstock, Rechen, Jtharke, Heugabel, Sense, lauter
Monatstage; die neuen Heiligen!

Lache nicht, Bursche! rief der erste Sprecher, und gab dem dritten
Gefhrten bei der Rede des zweiten einen Sto in die Rippen. Ernsthaft,
Junge, ernsthaft, sonst ist's um uns gethan. Ein unzeitiges Lcheln
stempelt dich zum Volksfeind und bringt deinen Kopf unter das Beil.

Es dauerte eine lange Zeit, bis Alles eingetroffen war, was eintreffen
sollte, und bis die Gruppen der Greise, die der Mtter, der Kinder, der
Jnglinge, der Mnner u.s.w. nach der Vorschrift des Programms
vertheilt waren. Gegenber den drei Zuschauern erblickte man in einigen
Fenstern des vormals sogenannten Tuilerienschlosses, die alle von
Zuschauern und noch mehr von Zuschauerinnen besetzt waren, eine
Gesellschaft, welche dem angenehmen Geschft des Frhstckens oblag. Der
eine von den drei aufmerksamen Zuschauern flsterte seinem dicht an ihn
gedrngten Nebenmanne mehrere Namen zu. -- Jenes Weib mit dem
abscheulichen Aufputz, dem fliegenden Mhnenhaar und den weit herauf
entblten Armen, ist die Brgerin Dumas, die Frau des Prsidenten des
Revolutionstribunals. Ihr Mann steht hinter ihr in groem Costme. Dort
stehen neben einander Barrre und Collot d'Herbois, und lassen sich den
Wein des Jacobiners Villate schmecken, welcher Villate Geschworner beim
Revolutionstribunal ist und ohne Unterschied jeden zur Guillotine
verurtheilt, den ihm Fouquier Taineville zusendet. Brger Villate, der
sich jetzt Sempronius Gracchus zu nennen beliebt, war frher ein
hungerleidender Seminarist, wofr er sich jetzt entschdigt. Er hat
stets Appetit und Durst, selbst ungeheueren Blutdurst nicht ausgenommen.
Vor Kurzem sagte er, als er zwanzig Menschen auf einmal zur Guillotine
sandte: Die Angeklagten sind doppelt berfhrt, sie haben nicht nur eine
Gefngniverschwrung angezettelt, sondern auch eine gegen meinen Magen.
Es ist bereits Mittag und ich habe durch sie nicht einmal zum Frhstck
gelangen knnen. Lasset sie dafr in den Sack niesen!

Ha! -- Sieh hin, das ist er, der jetzt neben Villate an das Fenster des
Pavillons tritt und mit freudestrahlendem Blick auf diese gedrngt
harrende Menge herabschaut! Eine stolze Freude, zu denken, da sie auf
ihn harrt. Sieh -- er trinkt -- rothen Wein!

Ob ihn nicht schaudert? flsterte leise fragend der Eine.

O diese Art hat die Schauder und Regungen der Menschlichkeit lngst
berwunden.

Er trgt eine grne Brille, flsterte jener wieder.

Farbe der Hoffnung auf die Dictatur.--

Das Frhstck bei Sempronius Gracchus schien lange zu dauern, drunten
harrte im Brande der Frhlingssonne des heien Junitages die Menge,
theils geduldig, theils auch ungeduldig. Die groe Uhr im Pavillon der
Einheit (frher d'Horloge) schlug zwlf -- sie schlug halb eins -- man sah
jenen Mann nicht mehr im Fenster des Florapavillons; Andere waren an
seine Stelle getreten, die Mnner des Revolutionstribunals, hohe
schwarze Hte mit schwarzen Federn, schwarze Bekleidung, schwarze
Talare, darber breite ausgezackte und ausgenhte Kragen, farbige Bnder
um die Brust mit metallenen Abzeichen, wie Brder geheimer
Ordensbndnisse -- alle Brder eines Todesbundes, der Menschenleben
hinmordete, wie des Mhers Sense die Wiesenblumen in Schwaden
dahinstreckt. Es schlug ein Uhr -- immer noch harrte die Menge, die
Mitglieder des Convents wurden unruhig, einer fehlte, der vorhin doch da
gewesen, der Angeber, der Anordner, die Seele des Festes -- er war nicht
mehr da; dort im Fenster lag von ihm, als er aus dem Zimmer gewankt
war, vergessen, sein Blumenstrau; man suchte ihn, man fand ihn auch --
es war der Reprsentant des franzsischen Volkes, den man gesucht, den
man endlich auch gefunden, wie und wo, verbietet der Anstand zu sagen;
es war _Robespierre,_ und Robespierre -- war betrunken.

Das war der Mann, der jetzt herbeischritt, bleich, mit gertheten Augen,
etwas schwankenden Schrittes, aber angethan mit dem Prunk stattlichen
Gewandes, der Mann des Volkes, der Mrder des Knigs und der Knigin,
der Mrder der Girondisten, der Mrder von des Knigs Schwester, der
Mrder von Danton, Cloot, Hebert, der Mrder von Tausenden; eine
Gestalt, im Gesicht so blatternarbig und bleich und feig, und vom Krper
so klein und unansehnlich, von einer schlotterigen Untersetztheit. Das
war die krperlich und moralisch schreckliche Migeburt und die
Gottesgeisel, die sich das groe Frankreich gleichsam zum Herrscher
gesetzt, der es seinen freien Nacken beugte. Das war der Gotteslsterer,
der es gewagt hatte, am heutigen Tage ein Fest des hchsten Wesens
anzuordnen.

Und ein Jubelruf, ein Beifalldonner der Massen begrte das berauschte
Scheusal, und es hallte endlos und endlos #Vive Robespierre!# da es ihn
ernchterte und ihm das Herz wieder stark machte; jetzt trat er auf die
Tribne und begann vorlesend ein Gekreische, denn eine Rede war es nicht
zu nennen, im abscheulichen Dialect von Artois, in dem sich Flmisch und
Franzsisch mischt, und schrie hohe Worte der Versammlung zu -- von
glcklichem Tag, franzsischem Volk und hchstem Wesen, von Tyrannei und
Trug und Verbrechen auf Erden, von den Unterdrckern des
Menschengeschlechts, mit denen eine ganze Nation im Kampfe liege, und
diese Nation raste nun von der Blutarbeit, um dem hchsten Wesen, in
dessen Auftrag sie ihre heroischen Arbeiten vollbringe, ihre Gedanken
und Wnsche zu weihen.

Dieses hchste Wesen pries Robespierre, seinen Cultus empfahl er dem
Volke, der heutige Tag sollte ihn festlich begehen. Am Tage vorher waren
der Guillotine 20 Blutzeugen gefallen, der nchste sollte 23 dem Beile
verfallen sehen.

Vorgeschriebene, im Programm de Spectacle vorgeschriebene Ausrufe der
Zustimmung und Bewunderung unterbrachen den Redner, und als dieser mit
einem heieren Gebell, das dem der Hyne in der afrikanischen Wste
glich, geendet hatte, brausete strmischer Beifall, obschon nicht ein
Tausendtheil der Menge verstanden hatte, was der Redner gesprochen.

Feierlich stieg Robespierre von der Tribne herab und die Stufen nieder,
um symbolisch die einzige Hoffnung des Auslandes zu vernichten. Man
reichte ihm einen brennenden Kienspahn, und mit dieser stinkenden
Brandfackel versuchte er, das pappendeckelne Bildwerk, das mit
Brennstoff umwunden war, zu entznden. Die Einrichtung war so getroffen,
da an die Stelle des Atheismus und seiner symbolischen Trger das Bild
der Weisheit in reiner, schner und edler Gestaltung treten sollte --
aber wohl wlzte sich unter Trommelwirbeln und Musikklngen dicker Dampf
empor, wie weiland im Mittelalter von einem Hexenbrande -- wohl krachten
die Bretter und platzten die zusammengeleimten Pappen, wohl brach der
Atheismus mit Gepolter zusammen, aber die andern Figuren rhrten sich
kaum, sie wankten nur etwas zur Seite, und die durch einen schlechten
Mechanismus jetzt sichtbar werdende Weisheit trat schwarzangeruchert
wie ein westphlischer Schinken vor das Auge der Menge. Im Programme
stand als Vorschrift: Aus der Mitte dieser Trmmer, nmlich der
allegorischen Figuren, erhebt sich die Weisheit mit ihrer ruhigen und
heitern Stirn; bei ihrem Anblick drngen sich Thrnen der Freude und der
Dankbarkeit aus aller Augen.

Wie aber die Weisheit als Mohrin zu Tage trat, und die Hoffnung des
Auslandes unerschttert stehen blieb, bis einige Schreinergesellen sie
zusammenrissen, gab es nur Lachthrnen und ein unauslschliches
Gelchter ergo sich durch des Nationalgartens menschenvolle Rume. Das
kmmerte aber den Helden des Tages wenig; er eilte wieder auf die
Tribne und perorirte seine schwlstigen Phrasen von dieser herunter der
Menge zu, Phrasen, von denen einige lauteten: Franzosen, ihr bekmpft
die Knige, ihr seid also wrdig, die Gottheit zu verehren! -- Unser Blut
fliee fr die Sache der Menschheit -- das ist unser Gebet, darin besteht
das Opfer, welches wir dir darbringen, der Cultus, den wir dir weihen,
du hchstes Wesen!

Endlich endete auch diese Rede voll Schwulst, Phrasen und Comdianterie,
und der zweite Act der groen Harlekinade begann. Die Menge wlzte sich
aus dem Garten dem Marsfelde zu, ber die Eintrachtbrcke im
dichtgeballten unaufhaltbaren Strome hinber.

Wollen wir mit? fragte einer der Carmagnolen.

Ich denke nein, antwortete der Gefragte: und ich halte dafr, wir machen
uns im wahren Sinne des Wortes aus dem Staube; denn ich bemerkte mehrere
auf uns gerichtete verdchtige Blicke, besonders drngte sich ein Kerl
in Incroyabeltracht mit einem Spitzbubengesicht -- dort steht er noch und
lt uns nicht aus den Augen -- an uns heran, entweder hat er Lust zu
stehlen, oder zu spioniren, oder am liebsten beides zugleich.

Habe ein wenig Acht auf jenen guten Brger, wandte sich der erste
Sprecher zu dem dritten Begleiter, der hinter den beiden ging, die
jetzt, der noch immer drngenden Menge entgegen, den Quai entlang
schritten und den Zwischenraum zurcklegten, welcher das Tuilerienschlo
vom Louvre trennt.

Sage mir, bester Freund, begann der eine der Carmagnolen zum andern, mit
dem er Arm in Arm ging, in derselben ganz fremdlndischen Sprache, in
der er sich schon vorher mit ihm unterhalten: wie kommst du dazu, diese
Leute oder doch mehrere derselben zu kennen, diesen Villate, und selbst
den Regisseur, wo nicht vielmehr Director der Pariser Tragdie?

Du weit ja, da ich vor nicht langer Zeit hier war, und wirst mir so
viel Theilnahme an den Ereignissen der Zeit, die so unheilvoll sind,
zutrauen, da ich meine Augen nicht verschliee, zumal wo Alles so wie
hier in die Augen springt, selbst wenn man diese verschlieen wollte.

Der Menschenstrom schwand hinter den drei Carmagnolen mehr und mehr, mit
einem Male war der Carousselplatz menschenleer, ebenso der ganze Garten,
denn Alles und Alles folgte neugierig dem Strom nach dem Marsfelde. Die
Freunde schritten langsam und gemchlich auf der hohen Terrasse am Bord
der Seine hin und schauten ber die niedrige Steinmauer und ber den
Strom hinber, wo hoch zum Himmel wirbelnder Staub die Spur der zum
Marsfeld wallenden Menschenmenge bezeichnete und von welcher Seite eine
vom Schall nur dumpf getragene Musik herberklang.

Nur der vorhin erwhnte Brger, der ein Spion schien, tnzelte hinter
den Freunden her, und zwar that er, als bemerke er sie gar nicht,
sondern schritt gleichsam spielend, wie ein groer Junge, auf der
Balustrade der Terrasse hin und pfiff sein #'a ira#-Stckchen, indem
er den Sprechenden nher kam und sich bemhte, ihre Rede zu belauschen.

Der mitrauische dritte Begleiter nahm jetzt das Wort, und sprach: Diar
kommt en holl Tidd jm uhn -- liat ley wr.

Die Freunde schauten sich um, und der Eine sprach: N es et en slecht
Tidd! Hura! dr d Barlang hen![4]

    [Funote 4: Da kommt eine hohle Brandung angegangen, lat sie
    liegen vorn. -- Es ist eine schwache Brandung! Hurrah, hin durch
    sie.]

Ei, Brger, warum wollt ihr dem Feste auf dem Marsfelde nicht zuschauen?
fragte mit kecker Sicherheit der Mann auf der Ballustrade, und lauerte
der Antwort entgegen.

Weil wir schon Staub genug geschluckt haben, und weil uns drstet, ward
ihm zur Antwort.

Was ist das fr eine Sprache, in welcher ihr euch unterhaltet, Brger?
fragte jener, immer gleichen Schritt mit den Freunden haltend.

Ein Ueberrest der Sprache vom Babelthurmbau vielleicht, wenn du sie
nicht verstehst, Brger!

Brger, ich glaube nicht, da ihr Franzosen seid? fuhr jener fort. Doch
ich werde mit euch gehen, mich drstet auch.

Na, denn nem man jarst diar jahn p, ppasser![5] schrie mit starker
Stimme der Hinterste ihm zu, und im Nu lag der Franzose drunten im
Strombette der Seine und pltscherte puhstend, rufend und fluchend in
den Wellen.

    [Funote 5: Nun, so nimm nur erst einen drauf, Aufpasser!]

N uhn Gotts Namen frward![6] rief der Aeltere der drei Gefhrten und
bog im rechten Winkel schnurstracks nach der Stadtseite ein, sich mit
seinen Gefhrten eiligst in die Winkel von Gebuden und engen Gassen
verlierend, die damals noch den Raum zwischen dem Louvre und dem
Tuilerienschlo verunzierten.

    [Funote 6: Nun in Gottes Namen vorwrts!]

Mit Noth entraffte sich der Mouchard der Republik dem unschdlichen Bade
und zersann sein Gehirn, was das fr eine Sprache gewesen sein mge, in
welcher die Fremden, die sein Scharfblick gleich als solche erkannt,
gesprochen hatten.--

In einem der ersten Gasthuser der Rue Vivienne sa in seinem Zimmer
ein ernster, bereits ergrauter Mann, zwar von noch rstigem Aeuern,
doch etwas krankhaften Zgen, welche die Spur groer geistiger und
krperlicher Anstrengungen trugen. Dieser Mann hatte Briefe geschrieben
und las sich eben einen derselben mit bekmmerter Miene vor.

Ihre Excellenz wollen gndigst entschuldigen, wenn ich nicht im Stande
bin, in geordnetem Zusammenhang zu schreiben, denn der Kopf schwindelt
mir, Alles dreht sich mit mir um und um, ein Ereigni drngt das andere,
und ich sitze hier mitten in Paris wie ein wahrer Daniel in der
Lwengrube; ich darf das sagen, denn ich sehe zu meinem groen Bedauern,
da von meinen Prophezeiungen, welche Excellenz mir stets nicht haben
glauben wollen, die wichtigsten eingetroffen sind. Von Amsterdam aus
schrieb ich Ihrer Excellenz #aux armes de la ville# -- der Herr Graf
hatten kaum Zeit, an die Vergleichung zu denken, so viel gab es fr ihn
zu thun; den ganzen lieben Tag ber bis in die sinkende Nacht ist er
schrecklich beschftigt mit dem Erbstatthalter, dem Erbprinzen, wie mit
den Admiralitts- und anderen Herren. Ich habe ihn nicht im Geringsten
unzugnglich gefunden, im Gegentheil habe ich alle Hoffnung auf gute
Erfolge, die sich, wenn ich nach Geldernland zurck bin und klaren
hellen Tag in der Sache sehe, von Doorwerth aus vollends ordnen lassen.
Auch gegen den jungen Herrn Grafen sind der Erbherr nicht mehr
aufgebracht; ich glaube, sein Vetter, der Vice-Admiral, ein trefflicher
heiterer und jovialer Herr, hat ihn umgestimmt. Uebrigens hat sich
damals der junge Herr im Hause unseres alten Herrn Adrianus ein kleines
Dementi gegeben, doch aber sich, ich wei nicht durch was, in groe
Gunst S.H. des Erbprinzen der Niederlande gesetzt, was ihm jedenfalls
nach der Hand sehr zu statten kommen wird. Er hat ein genaues
Freundschaftsbndni mit dem Sohne des alten Herrn van der Valck
geschlossen, welcher erstere zwar ein rechtlicher, aber etwas
berspannter Mann ist, obschon er ber die Schwrmerjahre hinaus sein
sollte; dieser hat ein Liebesverhltni angeknpft, welches auseinander
zu setzen Ihre Excellenz von mir nicht erwarten werden; nur im Betreff
unsers jungen Herrn fhre ich dies an, weil der junge van der Valck sich
mit seinem Vater, wie ich in Amsterdam erfuhr, darber bis zur
Unvershnlichkeit berworfen hatte. Darauf haben beide junge Herren
mitsammt dem geliebten Gegenstande und einem leider auch schon
vorhandenen kleinen Kinde Amsterdam verlassen, zu allem Glck nicht
eher, als bis ich den jungen Herrn gesprochen und ihm begreiflich
gemacht habe, wie thricht er handle, so mir nichts dir nichts in die
Welt hinein zu abenteuern, zumal er ja nicht denken darf, die goldenen
Berge zu finden, die Ihre Excellenz ihm vorgespiegelt haben, denn leider
ist dazu die Wnschelruthe verloren gegangen. Um zu sehen was zu thun
und ob etwas zu retten ist, habe ich mich selbst nach Paris gewagt, in
die Lwengrube mitten hinein, und auch die jungen Leute haben die
Thorheit begangen, sich an mich anzuschlieen und mich gleichsam zum
Beschtzer jener Dame und besagten Kindes gemacht, obschon ich mich mit
Hnden und Fen dagegen strubte -- aber meine gar zu groe
Gutmthigkeit und der Trieb, wo mglich allen Hlfsbedrftigen zu
helfen, gibt meinem Verstande einen Rippensto ber den andern. Wir
halten uns verborgen und nur die jungen Leute wagen sich in Begleitung
Philipp's unter allerlei Maskeraden in die Stadt, ich hoffe aber alle
Geschfte beschleunigen zu knnen und dann nach Doorwerth aufzubrechen
so schnell als mglich, und die jungen Leute mit dorthin zu nehmen, wo
sie wenigstens fr jetzt noch sicher sind. Ich war auch in Utrecht bei
Hochderen zweitem Herrn Enkel, dem Grafen Johann Carl; Hochdessen Frau
Gemahlin, die geborene Grfin von Athlone und dero Kinder, Grfin
Antoinette, Graf Wilhelm Christian Friedrich, und der kleine erst
zweijhrige Graf Carl befinden sich im besten Wohlsein und legen sich
Ihrer Excellenz zu Fen. Der Herr Graf werden ohne Zweifel zur
englischen Armee sich begeben.

Heute ist Paris wie ausgestorben, Alles ist hinaus nach dem Marsfeld, wo
dieselben Republikaner, welche den lieben Gott und das Christenthum
abgeschafft haben, ein Fest des hchsten Wesens feiern, whrend hier
doch von nichts Anderem die Rede sein kann, als vom hchsten Unwesen.
Diesen Brief erhalten Excellenz nicht von hier aus, denn auf der Post
wird jeder Brief erbrochen und gelesen. Die Plackerei mit den Pssen
bersteigt alle Grenzen, wir sind inde als hollndische Haarkufer hier
einpassirt, in welchem Handelsartikel hier jetzt haarstrubende
Geschfte gemacht werden. Dieser in Holland stark betriebene Handel ist
vielleicht der einzige, der hier nicht befremdet und Argwohn erregt; wir
haben auch zum Schein einige Einkufe dieser Art gemacht, und es wird
Ihre Excellenz mit einem Gefhle schmerzlicher Wehmuth erfllen, wenn
ich diesem Briefe eine Locke von dem im Gefngni schneewei gewordenen
Haare der unglcklichen Knigin Marie Antoinette beifge. Mir strzen
die hellen Thrnen aus den Augen, indem ich dieses schreibe.

Leider mu ich Ihrer Excellenz mittheilen, da das Handelshaus Grossier
Vater und Shne hier seine Zahlungen eingestellt hat, wodurch, da
dasselbe beauftragt war, fr Ihre Excellenz die de la Tremouille'schen
Rentenzinsen fr die letztverflossenen Jahre zu erheben, Hchstsie einen
namhaften Verlust erleiden, obschon ich frchte, da nicht viel zu
erheben gewesen sein wird, denn die Revolution gleicht einem alles
Vermgen verschlingenden Danaidenfasse. Wer Geld will, braucht nicht
nach Paris zu kommen.

Doch ich eile zu schlieen und bin zu den Fen Ihrer Excellenz Hochdero
getreuester

    Paris, den 8. Juni 1794.

                                                      Windt.

Es nahten Tritte, gleich darauf traten in das Zimmer des unwandelbar
treuen und geraden Dieners die drei Carmagnolen, und indem Graf Ludwig
ohne Weiteres begann, sich der abscheulichen Kleidung zu entledigen, den
Sbel abzulegen und den Bart abzureien, was Leonardus ihm alsobald
nachthat, rief Ersterer Philipp zu: Schaffe Waschwasser, da wir wieder
zu Menschen werden! Schaffe Wein, aber keinen rothen, ich mu bei diesem
stets an Blut denken, seit ich das Ungeheuer Robespierre habe trinken
sehen, Chablis, milden und doch feurigen Chablis schaffe herbei, Uf, das
war ein Schauspiel, das war ein Vergngen, und zuletzt war uns auch noch
so ein Hund von einem Spion aus den Fersen, dessen Sprnase zehn
Schritte weit in uns die Nichtfranzosen witterte. Eilet, eilet, da wir
uns wieder in ehrliche hollndische Hairkoopers umwandeln.

Und so bald wie mglich diese Lwengrube verlassen, setzte Windt hinzu;
dann sprach er warnend: Lassen Sie das den letzten verkappten Ausflug
gewesen sein, junger Herr! Sie haben nun Paris gesehen, in seiner ganzen
Schnheit.

In seiner ganzen schrecklichen Scheuslichkeit, wollen Sie doch wohl
sagen, verehrter Herr Intendant! nahm Leonardus das Wort. Ich wre
wahrlich am Liebsten gar nicht hierher gekommen, wenn nicht Ihr gtiger
Rath -- Der nicht anders gegeben werden konnte, Herr van der Valck,
unterbrach ihn Windt. Freilich konnten Sie es viel, viel nher haben,
dahin zu reisen, wo ich Ihnen Schutz gewhren kann, aber Sie konnten
dorthin nicht ohne mich, und da Sie in Angelegenheiten Ihres Hauses eben
so hier zu thun hatten, wie ich in den Geschften des Hauses, fr das
ich reise, glaube ich, wir haben immerhin nicht bel daran gehandelt,
die Haarkufercompagnieschaft bis hierher zu erstrecken, oder vielmehr
sie hier aufzuthun.

Ich glaube, versetzte Leonardus: mein Vater und meine Mutter rissen sich
alle Haare aus, so viel sie deren noch haben, wenn sie erfhren, da ihr
einziger Sohn, der Erbe des Hauses van der Valck, in Paris den
hollndischen Haarkufer spielt. Mir schaudert jetzt frmlich vor diesem
Gewerbe, das wir Gott Lob ja nur zum Schein treiben: denke ich, welch
schnes herrliches Haar, auch zarter Jungfrauen und Mtter, von
guillotinirten Huptern jetzt in den Handel kommt, und da mancher und
manche Erbrmliche, ohne es zu ahnen, in ihren Perrcken das Haar von
hingerichteten Frsten und edlen Personen tragen. Gestern sahen wir
guillotiniren, ich will es nie wieder sehen, und danke Gott, da Angs
von ihrem Gefhl zurckgehalten ward, dieses entsetzliche Schauspiel, zu
dem so viele Tausende entmenschter Weiber sich drngten und tglich
drngen, mit anzusehen.

Nur die volle Richtigkeit der genau geprften Psse war im Stande, den
vier Reisenden nebst dem Kinde wieder ungefhrdeten Ausgang aus der
Weltstadt zu ermglichen. Ein einziger Fehler, ein einziger Zweifel,
eine einzige kundgegebene Verlegenheit oder Unsicherheit konnte zu einem
tdtlichen Ausgang fr sie alle fhren.

Es war in spter Nachmittagstunde, die Volksmassen strmten
schaarenweise vom Marsfelde zurck und ergossen sich wieder in die bis
dahin fast verdeten Straen von Paris, erhitzt, hungrig, durstig,
fanatisirt, #a ira# brllend, theilweise auch die Fare mit
sarkastischer Lauge kritisirend. Auf der langen, langsamen Fahrt von der
Rue Vivienne, dann dem Boulevard entlang bis zur Porte St. Martin
vernahmen die Reisenden manches scharfe Wort. Hat sich anschreien
lassen: #Vive Robespierre!# Tod all' diesen Schreiern! -- War betrunken
wie eine Kanone! -- Will das hchste Wesen selber sein! -- Herunter mit
ihm! herunter! Mu seine Claqueurs gut bezahlt haben, der blutige
Comdiant!

Angs, der in namenloser Angst in den wenigen Tagen das Herz geschlagen
hatte, die sie in Paris zugebracht, und welche von ihr benutzt worden
waren theils nach le Mans wegen ihrer Scheidung, theils an ihre Eltern
in Zweibrcken wegen ihrer Rckkehr die nthigen Briefe zu schreiben,
machte jetzt der Gedanke schwindeln, da sie es gewagt, das theuere Kind
und sich selbst, die fr das Kind zu leben und zu sterben gelobt hatte,
so groer, mannigfaltiger Gefahr auszusetzen, deren Gre sie freilich
nicht ahnen konnte, weil sie glaubte, Paris sei noch dasselbe wie vor
einigen Jahren. Sie athmete tief auf, als die Lfte des schnen
Sommerabends sie rein umflossen, drckte das Kind innig liebevoll an ihr
Herz, faltete seine Hnde still unter den ihrigen und sprach mit sanft
zum Himmel emporgerichtetem Blick ein leises Dankgebet. Sie glich so
vllig dem Bilde einer jugendlichen heiligen Mutter Anna, wie diese auf
schnen Bildern die ewige Jungfrau, der Engel Knigin, auf ihrem Schooe
hlt.

Ang's Begleiter fhlten, was im Inneren der jungen Frau vorging, und
ehrten durch Schweigen die Empfindung, die rein und mchtig durch ihre
Seele bebte.

Kein Unfall, kein Hemmni strte die Reise; es war als ob Engel
schtzend und schirmend die Reisenden umschwebten.




11. Die Reisenden.


Im Geldernlande, westwrts von Arnhem, zwischen dieser Stadt und
Wageningen, nahe dem Rheine, der an jenen Ufern bereits einen seiner
Arme unter dem Namen der neuen Yssel verloren hat, und trb und trge,
als bereue der einst so lebensfrische, jugendliche, dann mannbarkrftige
stolze Strom, sein schnes Deutschland verlassen zu haben, dahin rinnt,
um sich bald genug noch mehr zu zertheilen und zu entkrften, liegt die
Herrlichkeit Doorwerth mit einem stattlichen kastellartigen
Herrenschlosse, Parke und Grten, Wohnungen fr Dienerschaften,
Oeconomiegebuden, mit einem Dorfe und mit einer fruchtbaren reichen
Feldflur, die ziemlich frei ist von Smpfen und Morsten, und trotz der
flachen Landschaft, die nur nach Norden hin einige sanfte bebuschte
Anhhen, was man eben in diesen Niederungen Anhhen nennt, begrenzen,
doch nicht ohne landschaftliche Schnheit ist. Rings grne Matten,
Tabaks- und Saatfelder, noch mehr unbersehbare, mit Heerden bedeckte
Wiesen, durchzogen von zahllosen kleinen Kanlen und Wasserrinnen, lngs
deren in malerischen Gruppirungen die schnsten alten Weiden, Erlen,
Ulmen und die hochstengeligen Schlinge buntblhender Stauden wachsen.
Wer je die Thier- und Landschaftbilder Nicolaus Berghem's sah und diese
Auen, der mu sich sagen, da in allen Bildern jenes groen Meisters die
treueste Wahrheit der Natur herrscht.

Im Frhling des Jahres 1794 war dieser fruchtbare und ergiebige
Landstrich noch einer glcklichen Insel zu vergleichen, um die rings
emprte Meeresfluthen rollen und branden, aber sie von ihrer Wuth nichts
weiter empfinden lassen, als das Geroll ihres Donners.

Rings um das von einem tiefen und breiten Wassergraben umgebene Kastell,
dessen Bauart ganz die alter niederlndischer Schlsser war, der wir so
hufig auf Bildern und Kupferstichen begegnen, standen hohe Bume,
Eschen und Rstern, uralt und von mchtigem Umfang der Stmme, und
deckten ganz den Anblick der Gebude. Alte Mauern und die ausgedehnten
Grten trugen hohe Blumenvasen von gebranntem Tpferthon, in denen
Blumen htten prangen sollen, allein einigen fehlte die Erde, andere
waren halb zerbrochen, und allen fehlte die pflegende Hand des
Kunstgrtners, daher nichts in diesen Urnen, die nach Vorbildern der
Antike geformt waren, blhte, als was sich an Ritterspornen, Lack,
Astern, Levkoien und Trichterwinden alljhrlich von selbst aussete,
oder was ein Vogel hineintrug; daher wohl auch Disteln, wilde Nelken und
Brennnesseln in manchem dieser Gefe wuchernd aufgegangen waren. Vom
Flusse her sah man kaum etwas von dem Schlosse, so sehr verdeckten es
wie ein Wald die dasselbe umgebenden Bume, obschon es nur eine
Viertelstunde vom Ufer des Rheins lag; ja, es fhrte von diesem Ufer
kaum noch ein fahrbarer Weg dorthin, sondern nur ein ganz verwahrloster
Fuweg. Frher war eine Fhre da gewesen, auf der man leicht an Stricken
sich an das linke Rheinufer hinber leiern konnte, um auf den Landstrich
zwischen dem Rhein und dem schmalen Flchen, die Linge, zu gelangen; es
stand auch noch das ziemlich verwahrloste Fhrhaus, aber jetzt standen
auer dem Hause kaum noch die Stcke, an denen die Ketten und Schlsser
einst befestigt waren, mit denen man die Fhre verwahrte. Einige hundert
Schritte zwischen dem Rheinufer und dem Schlosse Doorwerth durchschnitt
die sich durch die Wiesen schlngelnde Strae, die von Arnhem nach
Wageningen fhrte, die Wiesenflche und jenen selten betretenen Fuweg;
der Hauptweg vom Schlosse aus lief nordwrts, bildete eine schne
Lindenallee, und endete in einem Kreuzweg, dessen nach Norden fort
gesetzte Richtung zum Dorfe Wolfsheese fhrte, der linke Arm zum
Schlosse und Dorfe Helsum, und der rechte, lngste, am Drfchen
Oosterbeek vorber gerade nach Arnhem, das auf diesem Wege von Doorwerth
aus ein Wanderer in zwei #Uren Gaans#[7] erreichte.

    [Funote 7: Gehe-Stunden.]

Zur Zeit bewohnte ein Rentmeister die eine der Dienstwohnungen, ein
Oeconomieverwalter mit Familie und dem nthigen Gesinde die andere.
Auerhalb der Herrschaftsgebude lag auch noch ein Krug, eine Schenke,
zwischen dem Schlo und dem Dorfe. Die Grtnerwohnung stand leer, und
in dem weitlufigen und sehr gerumigen, aber etwas winklich gebauten
Kastell waltete Aufsicht fhrend mit weniger Dienerschaft, nur mit zwei
Mgden und einem Hausknecht, der zugleich die Botengnge nach der Stadt
zu verrichten hatte, eine Frau von gutmthigem Aussehen, aber dabei
raschem und entschlossenem Wesen. Sie leitete mit Hlfe von Frohnern und
Tagelhnern den Anbau des Gartens, wobei freilich der schnen
Gartenkunst nur sparsam Rechnung getragen wurde; sie zog auch wenige
Artischoken, aber viele Zwiebeln und Kartoffeln, wenige Hyacinthen und
sonstige Blumen, aber desto mehr Blumenkohl, ein Krauthaupt war ihr
ungleich lieber, als eine Wassermelone, eine starke Selleriewurzel
freute sie fast mehr als ein Spargelstengel, und ein tchtiger Bschel
reifer Lauch dnkte ihr mehr werth als ein ganzes Beet voll blhender
Crocus.

Es war ein schner Juninachmittag, der schon zum Abend neigte, als diese
wackere Frau nach vollbrachter Tagesarbeit in bequemster
niederlndischer Haustracht sich im kstlichen Schatten der nrdlichen
Allee erging, einen mchtig groen Strickbeutel am Arme; an einem Band
am anderen Arme hing ihr ein Fcher von der hchsten Einfachheit, aber
von der mglichsten Gre, wie die hollndischen Matrosenfrauen sie
trugen. Derselbe war von braunem Cedernholz, was das Gestell betraf, und
das Papier war grn, weder auf der einen noch auf der anderen Seite war
etwas darauf gemalt, auch nicht das kleinste Blmchen. Dieser Fcher,
dessen zwar die Eigenthmerin jetzt im Schatten der Allee nicht
bedurfte, war inde bei all seiner Einfachheit ungleich ntzlicher und
praktischer, als der feinste elfenbeinene, zart durchbrochene
Bastillefcher von Paris, und das Verhltni des Windes, der mit ihm zur
Khlung hervorgebracht werden konnte, war ohngefhr das vom Sausen eines
Windmhlenflgels oder dem Hauch eines Blasebalgs.

Von Zeit zu Zeit warf die lustwandelnde Frau einen Blick in die Tiefe
der schnurgeraden Allee, endlich sprach sie laut vor sich hin und um so
lauter, als Niemand vorhanden war, der sie hrte: Ob er wohl nicht bald
kommt? Zeit wr's! Ein Mann ist doch ein Mann, eine Frau kommt nicht
durch; die ganze Wirthschaft hier geht zu Grunde. Alles verfllt,
Schlo, Wlle, Reithaus. Woher kommt's? Von der bergroen Oeconomie,
von der Sparsucht, die den Kukuk taugt; der Pfennig wird zehnmal
umgewendet, und hintendrein der Ducaten zum Fenster hinausgeworfen! Was
jetzt mit zehn Gulden zu erhalten wre, mu spter mit hundert Gulden
wieder hergestellt werden. Immer will die herrschaftliche Kammer kein
Geld haben, und wo kme es denn hin? Sie sparen und sparen wie die
Hamster, und haben doch niemals Geld zu rechter Zeit, die Haarspalter,
#dy een hair in vieren kloofen.#

In der Tiefe der Allee zeigte sich ein einzelner Reiter. Die Frau
blickte scharf nach ihm hin. Mit Einemmale schrie sie laut auf: Herr
Gott von Utrecht! Mein Mann! und beschleunigte ihre Schritte in etwas,
dem Reiter entgegen, doch nicht eher, als bis sie die Nadel vollends
abgestrickt, Strumpf und Garnknaul zusammengesteckt, und dann Beides in
die Tiefe des gerumigen Strickbeutels versenkt hatte.

Als der Reiter von Weitem diese Frau erblickte, setzte er sein Pferd in
kurzen Galopp, hielt es in ihrer Nhe an, stieg rasch ab und eilte in
ihre Umarmung, die sehr zrtlich, aber zugleich sehr kurz war.

Willkommen, Windt! Gott sei Dank, da du da bist, Windt!

Ja wohl, Gott sei Dank, liebe Jule! antwortete der redliche und
unermdliche Haushofmeister. Das war einmal wieder eine Reise; Haut und
Haar und zuletzt den Kopf mu man daran setzen. Wie geht es hier?

Nicht besser als vorher auch; nichts als Nachrichten vom Krieg. Ach
Gott, wie lange wird es dauern, so haben wir ihn auch hier, und das
ganze Schlo voll Einquartierung.

Gut, sehr gut, Jule, wenn du dich auf solche schon gefat gemacht hast;
es kommt noch heute Einquartierung in das Schlo.

Was? Mann? Spa oder Ernst? Das wre mir!

Ob es dir wre oder nicht wre, recht oder unrecht wre, Jule, das gilt
all' gleich! Der jngste der grflichen Herren Enkel kommt, dem wirst du
doch das Schlothor nicht zusperren wollen, Jule? War ja immer dein
Liebling, hast ihn auf deinen Hnden getragen. Nun bringt er einen
Freund mit und dessen junge Frau mit einem Kinde, und seinen Diener, nun
was ist es weiter? Raum im Schlosse haben wir, zu essen und zu trinken
wird es ja wohl auch noch in Doorwerth geben, und du bist doch niemals
glcklicher, Jule, als wenn du alle Hnde voll zu schaffen und fr recht
viele Muler zu sorgen hast.

Mein junger gndiger Herr kommt, Graf Ludwig Carl? rief Frau Windt in
hchster Freude. Nun das ist ja ein Weltwunder! Ei, wo ist er denn? Wann
kommt er denn? Woher kommt er denn? Wo war er denn? Wohin will er denn?

Ei so klappere, du alte Windmhle! lachte der Haushofmeister. Ich werde
den Sack voll Neuigkeiten ja noch ausschtten, habe vorerst nur Geduld
und la mich erst ausschnaufen. Schaffe nur gleich eine gute
Wein-Kaltschaale. Der Ritt hat mir warm gemacht.

Wenn ich eine Windmhle bin, antwortete die Frau: so wei ich, da ich
einen Mhlstein am Halse habe auf dieser Erdenwelt, und der bist du.

Aber auch einen Stein im Brett habe bei unserm Herrn Gott, Alte, setzte
Windt das Scherzgesprch fort, an einem Arme seine Frau und mit der Hand
des anderen sein Pferd am Zgel nach dem Schlosse fhrend.

Du brauchst zwei besondere Gastzimmer, eines fr die junge Dame und das
Kind, und eines fr den fremden Herrn.

Und fr unseren jungen gndigen Herrn?

Nun, fr den so viele, als er fr sich befiehlt. Das versteht sich doch
von selbst.

Ei sage, wer sind denn die Gste? fragte mit verzeihlicher Neugier Frau
Windt.

Und wenn ich's nun nicht wte, Jule? Wolltest Du es dann an Niemand
verrathen? gab Windt zur Antwort.

Du weit es doch, ganz gewi!

Liebe Frau, wer wei, ob ich's so ganz gewi wei? Es geht damit, wie
mit der Hhe des Berges Sinai. Du kennst ja wohl die kleine Anekdote,
liebe Jule? Ein Schullehrer stellte diese Frage an seine Jungen; Keiner
wute sie zu beantworten. Da fragte der Keckste von den Jungen: Wie hoch
ist denn eigentlich der Berg Sinai, Herr Schulmeister? Was antwortete
der?

Ei, das wei ich ja nicht! erwiederte Frau Windt.

Siehst du, Jule? Das Nmliche antwortete der Schulmeister auch; er
antwortete: Dummer Junge! Das kann man so eigentlich nicht wissen!

Du bist ein Schalk, Mann! Immer bringst du neue Schnurren mit heim, wenn
du drauen herum gereist bist.

Und immer finde ich, Gott sei Dank, zu Hause meine liebste alte Schnurre
wieder.--

Das war eine lange, mitunter doch etwas beschwerliche und ermdende
Reise gewesen, die Reise von Paris bis in das Geldernland, doch hatte
der Himmel seinen Schutz und gutes Wetter verliehen, und die Herzen der
Freunde waren nur um so inniger in einander verwachsen und verschmolzen,
je mehr sich Jeder bemhte, dem Anderen gefllig und hlfreich zu sein,
und je mehr sich jedes Einzelnen eigene Vergangenheit erschlo; ja auf
Leonardus eigenes Verlangen war zwischen Ludwig und Angs das
geschwisterliche Du an die Stelle des frmlichen Sie getreten. Gern und
freudig ward als freundlicher Schirmvogt, wegekundiger Geleitsmann,
sparsamer Haushalter und durch und durch von Geflligkeit und
Redlichkeit erfllter Mensch, Herr Windt als Dritter im Bunde der
Freunde aufgenommen, und so hatte die Unterhaltung nie gestockt und man
war endlich doch, ohne allzugroe Beschwerde und Langeweile zu fhlen,
welche die groe Einfrmigkeit mancher Wegstrecken wohl htte
hervorrufen knnen, dem vorlufigen Ziele nahe gekommen. Angs, stets
liebevoll um das Kind besorgt, das sie gleich dem Stern in ihren Augen
hielt und mit der mtterlichsten Zrtlichkeit berwachte, und mit dem
sie sich viel unterhielt, was auch die Freunde thaten und sich an seinen
klugen und treffenden Antworten ergtzten, hatte Manches von ihrer
Heimath erzhlt, an welche sie bisweilen mit einem schmerzlichen
Sehnsuchtsgefhl dachte, besonders wenn der Anblick der endlosen
Flchen, welche durchfahren wurden, sie drckte.

O wie schn, wie zauberschn, rief sie einmal aus, ist doch gegen dieses
Land mein Heimathland, die rebenreiche grne Pfalz! Ein Land voll
lieblicher Hhen, rauschender Wlder, durchklungen von heiteren Sngern
der Haine. Hier zu Lande rauscht nichts als Schilf und Wasser und
Windmhlen, und Vgel sehe ich keine anderen, als langbeinige Strche,
Strandlufer und Wassergeflgel -- es singt nichts, es piept oder es
kreischt nur Alles. Welche Thrin war ich, meine Heimath zu verlassen!

Und doch durch eine hhere Fgung, meine theuere Freundin! sprach
Leonardus, indem er suchte, die Heimathstimme, die so laut und mchtig
in Angs' Innerem zu sprechen begann, zu beschwichtigen: Wir sollten uns
finden, muten uns finden, und fanden uns. Selten nur fesselt der
Menschen Glck, der Menschen Loose die Hand des Geschickes von Jugend
auf an einen bestimmten Ort; noch seltener bindet es an einen solchen
alle Zufriedenheit. Das Leben ist Irrfahrt! Glcklich die, denen doch
nicht allzuspt ein friedlicher Hafen winkt, liege dieser nun in
bergeumgrteter, schattiger Waldbucht, oder liege er im stillen,
reizlosen Flachland, das zuletzt doch auch nicht ganz ohne Reiz ist.

Das der Zauberspiegel der Liebe verschnt und die Freundschaft mit
grnen Krnzen schmckt! fgte Ludwig hinzu. Jedes Land hat Reize,
besonders wenn der Mensch Gemth und Seele in dasselbe hinein legt oder
hinein zu tragen versteht.

Gar manches Andere noch brachte das Gesprch auf dieser
gemeinschaftlichen langen Fahrt zur Errterung, und Vieles davon war
sogar nothwendig zu erlutern, damit das von Natur etwas argwhnische
und diplomatische Gemth des Herrn Windt in Allem klar sehe, und kein
Mitrauen irgend einer Art ihn bewege, die einmal so freundlich
dargebotene schtzende Hand abzuziehen. Oft noch lenkte das Gesprch
sich auf jenen verhngnivollen Abend hin, ohne welchen die Reisenden
wohl schwerlich so vereint, wie sie jetzt es waren, diesen Weg zusammen
zurckgelegt haben wrden; erst dem Zuge der Hauptstraen folgend, von
Paris nach Brssel, von Brssel nach Antwerpen, von da ber Turnhout und
den Bosch (Herzogenbusch) an die Ufer und Flachlande der Meuse, wie der
Wahl, bis sie denn endlich nach dem Stdtchen Rheenen gelangten, das vom
Rhein seinen Namen fhrt, aber keine rheinischen Reben, sondern nur
Tabak baut, soweit immer sein Weichbild und seine Flurmarkung reichen.
Leonardus hatte dem Freunde Windt ausfhrlich mitgetheilt, wie es nach
jenem verhngnivollen Abend gegangen, wie nmlich, als Seine Hoheit der
Erbprinz der Niederlande gerufen: Dieses Kind ist mein -- Angs denselben
pltzlich mit einem hellen Aufschrei unterbrochen und laut gerufen:
Nein! Nein! Es ist nicht Ihr Kind! und gleich darauf wieder in ihre
Ohnmacht zurckgesunken sei; wie darauf der Erbprinz die kleine Sophie
sanft auf den Boden gestellt und laut, vor der ganzen Gesellschaft und
unter Errthen gesagt habe: Das wollte ich ja gar nicht sagen, da
dieses Kind mein sei, sondern ich wollte sagen: Dieses Kind ist meines
Freundes Kind, in welcher Rede ich unterbrochen wurde, und wie dem auch
sei, und was immer hier Dunkles und zur Zeit Unerklrtes obwalte, so
erklre ich hiermit, da ich dieses Kind und die Dame, die es in ihre
Obhut genommen, sie sei wer sie wolle, in meinen Schutz nehme, in Folge
einer heiligen Verpflichtung. Wie dann darauf Graf Ludwig hervorgetreten
sei und gesagt habe: Auch ich habe mich schon feierlich dem Schutze
dieser Dame und dieses Kindes gelobt, und ich behaupte mein Nherrecht,
und werde niemals dulden, da diesen Beiden Unbill widerfahre!

Darauf habe der Erbprinz der Niederlande des jungen Grafen Hand
ergriffen und zu ihm gesagt: Mein lieber Graf! Sie wissen nicht, wen Sie
sich hoch zu Danke verpflichten, aber die Zeit wird kommen, wo Sie es
erfahren, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Sie werden es nicht zu
bereuen haben. Bleiben Sie der edle muthige Ritter dieser Dame und
dieses Kindes, denn mich selbst hindern Sohnespflicht und die Unruhe der
gegenwrtigen Zeit, diesen Ritterdienst selbst zu bernehmen, bedrfen
Sie meiner aber irgend wo und irgend wie, dann wenden Sie sich nur immer
getrost und geradezu an mich.

Alles war voll Staunen gewesen ber diese Rede des Erbprinzen von
Oranien und hatte begriffen, da hier ein tiefes und wichtiges Geheimni
zum Grunde liegen msse. Angs und das Kind waren in ein Nebenzimmer
gebracht worden, wo erstere sich bald erholte.

Und zu mir, vollendete Graf Ludwig die Mittheilung: traten meine Herren
Vettern, und Erbherr Wilhelm sprach zu mir: Das hast du nicht bel
gemacht, Vetter, du hast verstanden, dich schnell in hohe Gunst
einzufhren. Benutze das, und trage Sorge, da wir auf dich rechnen
knnen, wenn wir deiner bedrfen! Dann nahm mein englischer Vetter
William, der Vice-Admiral, das Wort, welcher nicht zu verwechseln ist
mit meinem jngeren Vetter, William Henry, Lord Cavendish, denn
Letzterer ist erst siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber
siebenzehnhundertvierundsechzig geboren, und sagte mit einem
eigenthmlichen Lcheln: Vetter, Vetter! Du wirst entweder ein Diplomat
oder ein Feldherr, jedenfalls weit du deine Plne gut zu verstecken.
Ich verstand nur halb, was mein Vetter mit diesen Worten sagen wollte,
denn ich fhle in mir weder die Gaben des Staatsmannes, noch des
Kriegers, und erwiederte so gut als Nichts auf seine Rede, was, wie ich
vermuthe, wieder fr uerst fein und diplomatisch galt, whrend es nur
das Zeichen meiner grenzenlosen Verlegenheit war. Mir war vor Allem
jetzt darum zu thun, an der Stelle meines ganz und gar bestrzten
Leonardus zu handeln, und mich unserer armen leidenden Angs und des
Kindes in solcher Weise schtzend anzunehmen, wie es Freundespflicht
war, und wie ich auch gethan haben wrde ohne die Aufmunterungen, die
mir von dem Erbprinzen und meinen beiden Vettern zu Theil wurden.

Meine Lage und Stimmung war die schrecklichste, schaltete Leonardus ein,
und keine Hand nahm hlfreich das Damoklesschwert hinweg, das drohend
ber meinem Haupte hing. Die Abendgesellschaft ging auseinander. Mein
Vetter, der Capellan, raunte mir zu: Leonardus, wenn ich dir mit meinem
geistlichen Segen aufwarten kann, so stehe ich zu Dienst; auerdem will
ich dich in den Schutz aller Heiligen, insbesondere aber in den der
heiligen Theodora von Alexandrien empfehlen, welche ihren Mann verlie
und sich in ein Mnchskloster begab, um darin Gelegenheit zu haben, ihre
Enthaltsamkeit zu bewhren! Gehabe dich wohl, trauter Vetter! -- Meine so
eben mir verlobte Braut, Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam, sagte
zu mir: #Ik hef zulkes myn leefdagen niet gezien -- die kost is te magtig
voor my.#[8]

    [Funote 8: Mein Lebtag habe ich so etwas nicht gesehen, diese
    Kost ist mir zu ungeniebar!]

Meine Mutter schlug die Hnde ber den Kopf zusammen, sah mit starrem
Schreck und rathlosem Erstaunen den allgemeinen Aufbruch und rief einmal
ber das anderemal: #Gd wil dat den besten keeren!#[9]

    [Funote 9: Mge Gott dies zum Besten lenken!]

Und gar mein Vater! Als alle Gste hinweg waren und die Diener alle aus
den Zimmern, ihnen hinabzuleuchten, da trat er vor mich hin, zitternd
und bebend, und sagte nichts, als Sohn! Sohn! -- Nicht schildern kann
ich den Eindruck, den diese Worte und der Zustand des alten Mannes auf
mich machten; sein Gesicht sah tief verstrt aus, es war, als habe diese
unselige Viertelstunde ihn ein Jahrzehnt lter gemacht. Und ich, was
sollte, was konnte ich erwiedern? Ich suchte mich zu fassen, ich sprach
so ruhig und demthig als mglich: Bester Vater! zrnt nicht
allzuheftig, bevor Ihr meine Rechtfertigung gehrt habt. Nie kann und
werde ich in die Hand der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam meine
Hand als Gatte legen -- nein -- nie und nimmermehr.

Gut, mein Sohn Leonardus, keuchte mein Vater zitternd und bebend als
Antwort. Du hast ganz deinen Willen! Ich spiele nicht mit Comdie! Ich
gebe dir keinen Fluch, das fllt mir nicht ein! Mein Fluch wre viel zu
gut fr dich! Ich bleibe der alte Adrianus van der Valck, und dir
bleibt, wenn ich die Augen schliee -- verstehe mich wohl und recht -- die
Hlfte des Pflichttheils und kein einziger armseliger Deut mehr als die
Hlfte deines Pflichttheils, das sei bei dem ewigen, allsehenden und
allgerechten Gott geschworen!

Meine Mutter stie einen Schrei des Schreckens aus; mein Vater brach
zusammen, was ich that, was nun geschah, wei ich nicht mehr; erst bei
dir, mein Ludwig, in deinen Armen, an deinem Freundesherzen fand ich
Trost, Beruhigung und meine ganz gebrochene Mannheit wieder.

Und was mich marterte und qulte in jener bangen, angstvollen,
verhngnivollen Stunde, fgte nun wieder Ludwig hinzu: das durft' ich
dir und Angs damals ja gar nicht sagen, denn vielleicht htte dann
mich, ja mich euere vereinte Verwnschung getroffen.

Wie? Unsere Verwnschung? fragten Leonardus und Angs mit einem Munde,
und Windt horchte mit verdoppelter Aufmerksamkeit der Weiterrede des
Jnglings.

Oh, liebe Freunde! seufzte Ludwig. Was euch traf, war der Fluch einer
bittern Stunde, der herbsten, schmerzlichsten, die ich noch je
durchlebt. Sie entsinnen sich jenes unheilvollen Abends zu Schlo Varel,
bester Freund Windt. Ich war es, der damals jene Stunde mit einem Fluche
belegte, und die furchtbare Erfllung dieses Fluches macht mich an eine
dunkele dmonische Macht glauben, die unsichtbar uns umgibt, uns
umlauert, uns belauscht, unsere unbedachten Reden auf ihre
mitternachtdunkeln Schwingen nimmt und sie hinwegtrgt an einen Ort, wo
sie aufbewahrt bleiben bis zur Erfllung. Vom Zorn bethrt, vom Schmerz
auer mir, rief ich damals meinem sonst von mir so geliebten und auch in
der That so ehrenwerthen Vetter, dem Erbherrn, zu, dessen Beschimpfung
mich vor mir selbst errthen machte und mich vernichtete. Verflucht
soll die Stunde sein, in der ich dich wieder meinen Verwandten nenne!
Und siehe -- in derselben Stunde geschah es, da er, wie seine Mienen mir
kndeten, mit vershnlichem Herzen und sein mir angethanes Unrecht
bereuend, mich zu sich winkte und mit wenigen Worten mir, dem so viel
Jngeren und in jeder Beziehung an Rang und Stand unter ihm Stehenden,
zuerst und zuvorkommend die Hand zur Vershnung bot. Und ich, einsehend,
wie sehr damals auch ich, gleich ihm, gefehlt und mit unbedachten
Zornreden ihn gereizt und ihn unverzeihlich beleidigt, htte ich anders
handeln knnen, als von Herzen gern in die Rechte des Vetters
einzuschlagen? So that ich denn, was mein Herz mir zu thun gebot, aber
der Fluch, den ich auf die Stunde gelegt, erfllte sich und fiel auf
euer schuldloses Haupt.

Alle waren erschttert von dieser Mittheilung. Leonardus drckte stumm
die Hand der geliebten Angs und blickte ihr liebevoll in die Augen, die
in Thrnen schwammen.

Windt nahm das Wort: Halten Sie zu Gnaden, junger Herr! Wenn ich Sie so
reden hrte, ohne zu wissen, da Sie dermalen aus Paris kommen, so wrde
ich sogleich sagen: Dieser junge Herr kommt aus Paris. Da schwebt der
Fatalismus und der Atheismus in der Luft, wie die Eier der
Infusionsthierchen, die der selige Vorfahre der Jungfrau Sibylla
Nikodema van Swammerdam und der alte Lehewenhuk mit ihren Mikroskopen
entdeckt haben. Wundere mich nur, da Sie in Paris so viele und auch
_dazu_ Zeit gefunden, und Ihren Monsieur Diderot so gut durchstudirt
haben, oder lasen Sie vielleicht zu kurzweiliger Erbauung in Varel schon
dessen vor zwei Jahren in Berlin herausgekommenes Buch: #Jacques le
fataliste et son maitre?#

Ich las dieses Buch allerdings, lieber Herr Windt! erwiederte Graf
Ludwig: und wer liest in unserer Zeit solche Bcher nicht? Soll nie die
neue Wissenschaft und die neue Erforschung der Wahrheit durch gebildete
Lebenskreise dringen? Heit nicht unser Jahrhundert mit schnem Vorrecht
das philosophische?

Herr Graf! fuhr Windt fast heftig auf: halten Sie mich fr keinen
Finsterling und Pietisten! Fr keinen Mysanthropen und Mysagogen, denn
zu solchen Dummheiten habe ich keine Zeit, aber das sage ich Ihnen, da
diese neue Philosophie das Basilisken- und Teufelsei ist, aus dem die
Revolutionen kriechen und der Knigsmord, die Untreue und der Unglaube,
die Verhhnung und Verlugnung alles dessen, was dem Menschen noch
heilig ist auf Erden. Sagen Sie nicht, da ich urtheile, wie der Blinde
von der Farbe, weil ich kein Studirter, kein Gelehrter bin. Was ich
rede, gibt mir mein Gefhl, gibt der gesunde Menschenverstand mir ein!

Was verstehen Sie denn eigentlich unter Philosophie, werther Herr Windt?
fragte der junge Graf. Sind Sie sich auch bei Ihrem so ganz entfernten
Berufskreise schon vllig klar geworden ber das Wesen, den Zweck und
die Aufgabe der Philosophie fr den denkenden Menschengeist?

Was ich unter Philosophie verstehe, Herr Graf? versetzte Windt: Nichts
Anderes, als was einfach ihr Name besagt: Weisheitsliebe,
Weisheitslehre. Wer sich eine Narrenkappe aufsetzt und mit Schellen
umhangen umhertollt, liebt die Weisheit nicht, wer die Gottheit lugnet,
lehrt sie nicht. Oder sollte ich mich irren? Neu ist freilich die Sache
nicht, das wei ich; zu allen Zeiten hat es abgeschmackte und
aberwitzige Schrgkpfe gegeben, die unter der Vorspiegelung, erhabene
Lehren der Weisheit zu verbreiten, der Welt die Schnurrpfeifereien ihres
verbrannten Gehirns zum Besten gaben, gerade so und um kein Haar anders,
wie unsere jungen neumodischen Philosophen. Sie haben alle ihren Lohn
dahin, keiner wandelte eine hohe und erhabene Bahn, keiner nahm
allbewunderten Geistesflug, auf elenden Treckschuiten segelten sie zum
Orkus und in das Meer der Vergessenheit, ins Schlepptau genommen von den
lahmen und zu Tode geschundenen Gulen ihrer Unvernunft. Auch die
Folgezeit wird aus ihrem Schlamme die unaustilgbare Brut solchen Gewrms
erzeugen, aber sein Loos wird immerdar dasselbe sein, das Loos der
Eintagsfliegen, die aus den ekeln Larven im Morast entstehen, heute uns
umschwrmen und morgen dahin sind. Oder knnten Sie vielleicht im Ernst
glauben, Herr Graf, da diese nichtsnutze Wirthschaft in Frankreich,
diese blutige Harlekinade, dieser Freiheitsbumeschwindel, Bume, die
sammt und sonders in der neumodischen Philosophie wurzeln, Dauer habe?
Ich glaube es nicht, und ich hoffe, obschon ich nicht mehr jung bin,
noch zu erleben, da diese gottheillose Republik ein Ende mit Schrecken
nimmt, und da Gott diesem Frankreich einen Tyrannen mit einer
Eisenfaust sendet, der ihm die Brust zusammenschnrt mit allen Stricken
und Ketten der Gewalt, damit es wieder Bue thue im Sack und in der
Asche, und die Kirchen wieder aufthue, und nicht das hchste Wesen,
welches ein ebenso haltloser und einfltiger Begriff ist, als die
franzsische Gottheit der Vernunft, sondern Gott und seinen eingeborenen
Sohn wieder anbeten lerne im Geist und in der Wahrheit.

Sie sind ein Fanatiker der Reaktion, Herr Windt! rief Ludwig, so schlimm
und schlimmer noch als jene mileiteten Republikaner! Ich glaube fast,
wenn Sie Macht dazu htten, Sie strangulirten und guillotinirten alle
neueren Philosophen und mich, der ich begonnen habe, mich diesen ein
wenig zuzuneigen, zu allererst?

Nun, wenn es auch so schlimm nicht wre, lenkte Windt ein: meiner
Ueberzeugung werde ich mit Macht und ohne Macht treu bleiben, und diese
ist die, da alle Gotteslugner und alle ihre Sippschaft, welche in
Gestalt moderner Philosophen die Menschen von den Begriffen des Rechts
und der Tugend, des Gehorsams, der Redlichkeit und der Pflichterfllung,
der Wahrheit und der Treue, auf die Pfade der Laster, der
Zgellosigkeit, des Atheismus und daraus entspringender blutiger Gruel
des Aufruhrs und der Rebellion hinzuleiten streben, nicht in den
Staatsrath, nicht in die Kirche, nicht auf die Lehrkanzel gehren,
sondern -- an den hellen lichten Galgen! Punktum!

Um Gottes Willen, liebster Windt! Sie werden ja ganz heftig, hren Sie
auf, Sie sollen Recht haben! rief Ludwig wieder.

Erlauben Sie, Herr Graf, nur noch eine Bemerkung, dann werde ich nie
wieder diese Sache berhren, entgegnete Windt. Ich soll nicht Recht
haben, ich habe Recht! Sie knnen mir kein Recht verleihen oder
zugestehen, noch ein solches nehmen, denn nicht der einzelne Mensch hat
das Recht in der Hand, wie ein Taschenspieler die Eier in der
Gaukeltasche, die er gibt, wem er will, sondern das Recht ist von
Ewigkeit her zu Recht bestndig, und das Unrecht bleibt Unrecht, und
wenn alle Nationen es fr Recht ausschreien. Lassen Sie mich nur noch,
da ich davon abkam, auf Ihre eigentliche erste Frage einfach antworten,
es war diese, ob nie die neue Wissenschaft und die neue Erforschung der
Wahrheit durch gebildete Lebenskreise dringen solle? Warum nicht; jede
wirklich neue Wissenschaft, die ntzt oder erfreut, soll dies thun, eine
neue Erforschung der Wahrheit aber gibt es nicht, die Wahrheit ist keine
Wissenschaft, die Wahrheit ist ewig wie Gott. Es sind an ihr nicht neue
Entdeckungen zu machen, wie in Astronomie und Geographie, dort ein
Sternenhaufe im Aethermeere, dort eine Inselgruppe im stillen Ocean. Die
Sterne waren vorher da, die Inseln waren auch da, beide sind nichts
Neues, sie treten nur als neugefunden in unser Wissen und Erkennen ein.
Kein Philosoph der Welt kann einen neuen _Gott_ verkndigen; was bei
neuen Gtzen herauskommt, hat Frankreich dargethan, als es seine
Vernunftgttin durch eine schamlose Comdiantin vorstellen und vertreten
lie. Zweck und Mittel hielten sich die Wage, die Gottheit und ihr
Abbild waren gleichen Schlages, und es wre keineswegs eine neue
Wahrheit, sondern nur eine Wiederkehr alter Narrheit, wenn es irgend
einer Nation einfiele, Katzen und Khe zu vergttern, und die Gtter mit
Sperber- und Hundekpfen darzustellen; ohnehin wird ja schon in Paris
Hynen, Krokodillen und blutlechzenden Tigern gttliche Ehre erwiesen!

Wie es in politisch bewegten Zeiten zu gehen pflegt, alle Parteien
bilden sich erregt, heftig und unduldsam aus; die schnsten Kreise
spalten sich, der Vater streitet gegen den Sohn, der Sohn gegen ihn und
die Geschwister, es lsen -- wie Schiller sagt -- sich alle Bande frommer
Scheu, und die besten und einsichtvollsten Menschen werden hingerissen
zu malosen Reden, wenn nicht selbst zu solchen Handlungen; Streit und
Zwietracht walten und zornvoll entflammter Hader, und die schne Ruhe
des Gemthes, der heitere Friede, der innere Himmel geht auf lange, wenn
nicht fr immer, vielen Tausenden verloren.

Zum Glck wuten nach Wortwechseln, wie dieser letzte, deren von solcher
Schrfe und Heftigkeit noch keiner auf dieser Reise vorgekommen war --
wie wre eine weite gemeinschaftliche Reise ganz und vllig ohne irgend
eine vorbergehende Mistimmung denkbar? -- die befreundeten Gemther
immer bald wieder das rechte Ma zu finden und stritten, wenn sie
stritten, immer nur sachlich, nie persnlich. Daher erreichte man
zuletzt in guter Eintracht und durch die nahe Aussicht auf die Endschaft
dieser langen Fahrt erheitert, das Stdtchen Rheenen, wo eine Rast
gehalten wurde und Windt ein Pferd nahm, um gleichsam als Quartiermacher
seiner kleinen Caravane nach Doorwerth vorauszureiten. Als mit dem nahen
Sonnenuntergange liebliche Abendkhle einzutreten begann und die Sonne
ein zauberisches Licht auf alle die tiefgrnen Bume und Struche warf,
welche nach allen Richtungen hin die Landschaft durchzogen, die ganze
Flur dieser Landschaft im Sonnengolde wie im heiligen Sabbath ewigen
Gottesfriedens ruhte, da war jedes Herz der Reisenden von Freude
erfllt, jeder Gegenstand erregte lebendigen Antheil, und so mute
gleich hinter Rheenen der Kutscher halten, damit die Reisenden einen
dicht am Wege sich erhebenden Hgel besteigen und besichtigen konnten,
der seiner Form und Art nach aus der germanischen Frhzeit stammte. Es
war ein in dieser Gegend seltener Hochpunkt; auf hohen Steinen, gleich
kurzen rohen Sulen, lag eine mchtige Steinplatte, hnlich einem
Druidengrabe, vom umwohnenden Volke genannt die Knigstafel; welcher
Knig aber hier in der Zeiten Frhe getafelt, das war der Sage
entfallen, ebenso der Grund, weshalb der ganze Hgel der Heimenberg
genannt wurde und jener eine Strecke weiter davon einzeln stehende
hochragende erratische Block der Heimensteen.

Wir wollen uns diese sagenhaften Sttten und Namen, wenn wir nicht auf
den Grund ihres Ursprungs kommen, sprach Ludwig, zu gnstigen
Wahrzeichen und Vorzeichen dienen lassen, da wir jetzt die Grenze
unsers neuen Heim, fr eine Zeit lang wenigstens, berschritten haben,
da nach so mancherlei Strmen eine neue Heimath uns hier sich aufthun
soll und will, und gebe nur Gott, auf den ich mehr hoffe und baue als
unser bereifriger Freund und Philosophenfeind mir zutraut, da unser
allseitiges Hoffen in Erfllung gehe!

Eine kurze Strecke von etwa drei Viertelstunden noch und der Wagen
rollte durch die wunderschne Allee auf das stattliche Herrenschlo
Doorwerth zu.




12. Briefwechsel.


Das stille Friedensparadies im Schooe der Herrlichkeit Doorwerth,
welches die Freunde aufgenommen, blieb nur kurze Zeit fr dieselben ein
Schoo der Ruhe. Nher drngten die politischen Ereignisse; mit
unruhiger fieberhafter Spannung wurde tglich neuen Zeitungen,
Nachrichten und Briefen entgegengesehen, und wenn diese ankamen, waren
sie selten erfreuender Art und enthielten mehr Unliebes als Liebes, ja,
sie waren ungleich mehr geeignet, Furcht und Bangen zu steigern, als
Besorgnisse zu zerstreuen, die immer drckender wurden.

Ludwig und Leonardus nahmen Waffenbungen vor, welche Windt, von
frherer Zeit her mit Fhrung der Waffen wohl vertraut, leitete, sofern
dessen auerordentlich in Anspruch genommene Zeit dies vergnnte; es
wurden zu solchen Uebungen sptere Stunden des Nachmittags gewhlt und
die ganze jngere Dienerschaft, wie die jungen Landleute aus den
Ortschaften der Herrlichkeit beigezogen, welche ohnedies durch die
Jahreszeit von der Feldwirthschaft nicht allzusehr in Anspruch genommen
wurde. Es wurde ein Jgercorps errichtet, und Windt befehligte dasselbe
als Hauptmann. Angs lebte mit dem immer lieblicher aufblhenden Kinde
still und zurckgezogen, stand Windt's Frau in huslichen Geschften
bei, schlo sich an diese an und gewann deren Gunst und Theilnahme
dadurch, da sie ihr sehr viel erzhlte. Philipp mute jeden Morgen nach
Arnhem zur Post reiten, die Pferde Isabella und der Braune waren vor der
Pariser Reise bereits auf krzestem Weg von Amsterdam nach Doorwerth
gesendet worden.

Windt war von Geschften ganz umfluthet; es gehrte nur eine so
ausdauernd zhe, kernhaftkrftige Natur wie die seine dazu, nicht zu
unterliegen, und obschon er bestndig ber krperliche Leiden zu klagen
hatte, hielt er doch wunderbar aus, lie aber auch die Freunde Einiges
aushalten, indem er ihnen seine vielfachen Bedrngnisse hufig
mittheilte. Oft gab sein komischer Zorn Stoff zum Lachen, oft forderte
er die Mithlfe der jungen Freunde fr dies und das, und nie erschien
der Augenblick, in welchem irgend einen der gebildeten jetzigen Bewohner
des Kastells Doorwerth die Langeweile zu beschleichen vermocht htte. So
war der 22. September herbeigekommen, und die an diesem Tage geborenen
Freunde feierten denselben im Bunde mit den befreundeten Seelen Windt
und dessen Frau; Angs und die kleine Sophie saen mit Ludwig und
Leonardus beim heitern Mahle, und gern wurde auch des biedern
Schiffskapitns Richard Fluit gedacht und ihm und der vergulden Rose
einige Becher geweiht. War es doch eine schne Erinnerung an Fluit's
Geburtstag, der das innige Band der Freundschaft um die Herzen von
Ludwig, Leonardus und Angs geknpft hatte, und wohl werth, am gnstigen
und geeignetsten Tage sie zu erneuen. Die Verbundenen waren still
glcklich; ihre Freude war keine lebhafte und laute, nur Frau Juliane
Windt, des Schaumweins ungewohnt, trank sich ein heiteres Ruschchen;
Windt selbst hatte den Kopf viel zu voll Gedanken und Geschfte, Verdru
und Aerger, als da er htte die Empfindungen theilen knnen, welche
seine jungen Freunde beseelten. Er nahm daher, nachdem er der
Freundespflicht ein Genge geleistet, und auf Aller Wohl, sein eignes,
das er, wie er bemerkte, sehr brauchen knne, nicht ausgenommen, wacker
mit angeklungen hatte, keinen Anstand, die fernere Unterhaltung mit dem
zu wrzen, was ihn beschftigte und zum Theil bedrngte.

Dem Rentmeister Grlitz mu der Donner auf den Kopf fahren! Er will fort
und er soll fort. Er ist ein ungetreuer Hund! Die gndige Frau
Reichsgrfin Excellenz sollen Alles wissen! Die macht mir aber den Kopf
auch warm genug. Ich soll durchaus den Vergleich noch zu Stande bringen,
der in Varel abgebrochen wurde! Pah! Mcht' es ja von Herzen gern thun,
kann ich denn? Wo ist der Erbherr? Wissen Sie es? Ich wei es nicht.
Ohnlngst war er in Amsterdam, dann im Haag, und wo nun? Wenn ich sicher
wte, wo ich ihn trfe, ich reiste lieber heute als morgen zu ihm. Sein
Agent in Varel, der Kammerrath Melchers, schreibt mir, da er auf drei
Briefe ohne Antwort gelassen sei, auch die gndige Frau in Kniphausen
wei nicht, wo der Herr ist, und bestrmt Melchers mit Fragen. Sie soll
immer leidend sein.

Was sagen Sie, Herr Windt, leidend? fragte Ludwig mit schmerzlichem
Gefhle.

Ich sage leidend. Herr Melchers schreibt es, da knnen wir nun leider
Beide nicht helfen, Herr Graf! Nur wenn der Erbherr da wre, wre uns
vielleicht geholfen. Von Einigen hrte ich, er sei bei der Armee, von
Andern, er wolle seine Schwester nach Hamburg zur gndigen alten
Excellenz bringen, wieder von Andern, er wolle seine Gemahlin und deren
Kinder, nebst der Frau Schwiegermutter, die jetzt bei ihr ist, mit der
Staaten-Jacht auch nach Hamburg bringen und schwrme seiner Gewohnheit
nach zu Wasser herum, und ich sitze hier und lauere, und mchte rasend
werden, und er gab mir doch sein grfliches Wort, binnen vierzehn Tagen
hierher zu kommen. Es mu ihm etwas ganz Auerordentliches begegnet
sein. Hab' ihm tchtig und derb geschrieben, was hilft es aber, wenn
mein Brief herumwandert wie der ewige Jude, und ihn nirgend findet? Und
Gott allein wei, wie ich hier, gesetzt der Erbherr kme endlich, mit
ihm unterhandeln werde!

Die Reihe dieser Errterungen wrde noch ungleich lnger gedauert haben,
wenn nicht Philipp mit der verschlossenen Brieftasche eingetreten wre.

Du bliebst heute sehr lange aus, sprach Ludwig zu seinem Diener.

Halten der gndige Herr zu Gnaden, antwortete der Briefboote: ich mute
lange auf der Post warten. Die Posten sind ungewhnlich spt
eingetroffen; es mu berhaupt was los sein drben in Arnhem, die Leute
rennen mit den Kpfen aneinander und durcheinander, wie ein
Ameisenhaufen, habe es nicht klein bekommen knnen, was es gibt, auer,
da man will in der Ferne kanoniren gehrt haben, denn wenn ich mein
Maul aufthue und frage, so versteht mich Niemand, und wenn Jemand mir
antwortet, so verstehe ich auch Niemand, es ist ein dummes Volk hier zu
Lande, ich dchte doch, ich sprche so gutes Deutsch, da man mich
verstehen knnte!

Alle lachten. -- Ja ja, mein guter Philipp, du sollst nchstens bei den
Niederlndern in Arnhem Sprachlehrer werden; dein Deutsch klingt ganz so
rein und schn, wie unser Helgolndisch, das wir in Paris sprachen, als
du den Ueppasser in die Seine warfst, scherzte Ludwig. Komm Bursche
und trinke! Es ist heute unser Geburtstag. -- Wenn der Kerl nur
verdronken wre! fgte Philipp mit vollem Ernst hinzu. Auf des gndigen
Herren gutes Wohlsein!

Windt erschlo die Brieftasche; sie enthielt der Briefe viele. Mit
Freude im Blick rief er aus: Ah! Gott sei Dank, ein Brief vom gndigen
Erbherrn! Hier einer von der alten Excellenz aus Hamburg; hier einer an
Sie, Dame Angs aus Zweibrcken; hier einer an Sie, Herr Leonardus van
der Valck; halt, noch einer, auch an Sie! Nun, mge es allseits eine
gute Festbescheerung geben! -- Mit sehr verschiedenen Gefhlen im Herzen
der Empfnger wurden diese verschiedenen Briefe entgegengenommen. Welch
eigenthmliches Hereintreten der Auenwelt in den Menschenkreis, der
dieses einsame Schlo belebte! -- Windt erbrach hastig den Brief des
Erbherrn, in ihm lag ein Brief an Ludwig beigeschlossen. -- Ich war schon
gefat darauf, leer auszugehen, wie so oft, sprach dieser. Was kann der
Vetter mir zu schreiben haben?

Windt las den Brief des Erbherrn laut vor. Im Haag, den und den. Ich
habe Ihre beiden Briefe wohl empfangen, mein liebster Windt, aber da ich
zur Zeit ihres Einganges weder in Amsterdam noch im Haag war, sondern in
dringenden Geschften anderswo, so habe ich Ihnen nicht frher antworten
knnen, was mir leid thut. Ich hoffe zu Ende nchster Woche von hier
nach Doorwerth reisen zu knnen; ich kann unmglich frher; ich habe
auch, hoffe ich, das nthige Geld gefunden. Gebe der Himmel, da dies
Geschft bald endige, denn mein Kopf geht mit mir um; es ist in diesen
Zeiten so drangvoll, da ich fast nicht wei, wo anfangen und wie alles
Begonnene vollenden. Adieu mein Bester! Leben Sie wohl.

                                  Wilhelm Gustav Friedrich.

Mit Hast erbrach Windt nun das Schreiben der Reichsgrfin. Ach, rief er
aus, halb lachend, halb rgerlich: der hochgndig ertheilte Urlaub fr
mich zur Brunnenkur in Pyrmont, um den ich vor sechs Wochen gebeten! Was
hilft er mich nun, wo die Gefahr mit jedem Tage uns nher rckt? Gott
wei, wie sehr ich dieser Cur bedrfte, aber kann ich jetzt fort, darf
ich fort? Von Amsterdam die schlechtesten Nachrichten, wo es so steht,
da man dort weniger die Franzosen frchtet, als die Patrioten; schne
Patrioten das, die den Pbel auf ihre Seite gelockt haben -- so machen es
die Hunde von Aufwieglern berall und dann nennen sie sich Patrioten!
Und wir hier? Vom Rheine her die anrckenden Armeen der Coalition, von
Frankreich her die Carmagnolen, vom Norden her die hollndische Armee
unter Anfhrung des Erbprinzen von Oranien, und auerdem noch die
Englnder unter dem Herzog von York, und da sollte ich von hier
fortgehen? Ein schlechter Soldat, der seine Fahne verlt, Doorwerth ist
meine Fahne! Ich bin Kommandant des Kastells; es ist meiner Obhut
anvertraut, ich werde es hten und halten!

Sie sind stets der ehrenfeste treue Mann, auf den man sich verlassen
kann in Noth und Gefahr, lieber Windt! belobte ihn Graf Ludwig und
fragte: Doch was schreibt Ihnen die Frau Gromutter weiter?

Windt durchflog murmelnd die Zeilen und begleitete das, was er daraus
mittheilte, mit Glossen. Klagt ber Kranksein, andere Leute sind auch
krank! Sehnt sich in ein Bad -- soll doch hingehen, sie hlt kein Feind
ab, und kein Kriegstrouble wie mich; die Vernderung wird der bejahrten
Dame wohler thun und besser bekommen, als alle Recepte und Mittel des
Doctor Reimarus, welcher der Leibarzt Ihrer Excellenz in Hamburg ist.
Rth mir das Archiv einpacken zu lassen -- ist bereits geschehen -- gibt
einen frchterlichen Ballast Papier -- will nicht glauben, wie es hier
aussieht -- sollte nur selbst kommen!

Dem Vetter schrieb der Erbherr in einigen flchtigen Zeilen, da er ihn
noch in Doorwerth zu treffen wnsche, da er sich aber vorbereiten mge,
dann mit ihm zur Armee zu gehen, es sei ihm eine Offizierstelle beim
Regiment Orange-Geldern ausgemacht; der Erbprinz wnsche, da Graf
Ludwig in so bewegter Zeit nicht mig seine Jugend vertrume, sondern
vielmehr eine Laufbahn einschlage, die zu Ruhm und hoher Stellung im
Leben fhren knne, und er, der Erbherr, knne diesem Wunsche und dieser
Ansicht nur beipflichten.

Leonardus und Angs lasen still die Briefe, welche sie empfangen hatten;
Wehmuthsschatten berflogen Angs' schne Zge und voll Theilnahme
blickten endlich alle zunchst auf sie, Leonardus mit einem verhaltenen
Freude-Gefhl, Ludwig mit seelenvollster Zuneigung, Windt mit reinem und
gtigem Wohlwollen, und Frau Juliane Windt auch mit Wohlwollen, dem aber
ein Zusatz von weiblicher Neugier beigemischt war, daher sie auch zuerst
wieder das Wort mit der Frage nahm: Hoffentlich empfingen Sie gute
Nachrichten, verehrte Madame?

Angs war nicht geneigt, ausfhrliche Mittheilungen aus ihrem Briefe zu
machen, sie beschrnkte sich daher auf eine hflich ausweichende,
allgemeine Antwort, whrend Windt mit dem Finger gegen seine Frau
hindrohend nichts sagte, als: Jule! Hat schon wieder die Mhle kein Korn
mehr zu mahlen? Mu schon wieder aufgeschttet werden? Ich dchte doch,
es wre genug aufgeschttet worden? -- Aber als die durch den Bund einer
lauteren und seeleninnigen Freundschaft eng Verbundenen unter sich
beisammen waren, da wurde gegenseitig Alles mitgetheilt, was von weiter
Ferne her in Schriftzeilen vor ihr Auge gekommen war, und mit
allseitiger Theilnahme nicht nur, sondern auch mit mannigfaltiger
Empfindung vernommen.

Meine Mutter schreibt mir, sprach Angs, da sie Gott auf den Knieen
gedankt habe, wieder Nachricht von mir zu erhalten. Von le Mans aus
seien nur Schilderungen voll Hrte und Roheit und Verdammungsurtheile
eingegangen.

Berthelmy war auer sich, als er, heimkehrend, uns, mich und Sophie,
nicht mehr fand. Voll Wuth, wie voll Reue hat er mich berall gesucht
und suchen lassen; an Leonardus hat er nicht gedacht er konnte an dich,
mein Freund, nicht denken, da er deine Anwesenheit in le Mans nicht
ahnen konnte. Zuletzt mute er sich doch sagen, da sein rohes Benehmen
mich fortgetrieben hatte, und da vielleicht doch noch einige Liebe zu
mir in ihm lebte, trotz aller Mihandlung, die er mir hatte angedeihen
lassen, so mag es wohl sein, da er sich Vorwrfe machte und sich
doppelt elend fhlte. Er ist noch im Herbst des vorigen Jahres zur Armee
der Vender gegangen.

Meiner Rckkehr in die Heimath, in die Arme meiner Familie, schreibt mir
die Mutter, stehe nichts entgegen, und meine Ankunft werde der Familie
ein Freudenfest sein. Noch schreibt meine Mutter: Auch fr die kleine
Sophie, deren du dich so mtterlich angenommen, liebe Angs, lichtet
sich die Zukunft. Der Prinz tritt offener hervor mit seiner Liebe, die
Prinzessin, vor Gott lngst seine Gemahlin, wird es gewi auch noch vor
der Welt, und jene liebliche se Frucht dieser Liebe, aus einer Zeit,
wo noch das allertiefste Geheimni sie umschleiern mute, darf hoffen,
einst an der Hand erhabener Eltern auf sanftgebahnten Wegen durch das
Erdenleben zu wallen. Jene heischlagenden, jugendlichen, feurigen
Herzen, die nur ihrer eigenen Stimme folgten, brauchen dann nicht mehr
zu errthen, fehlt es ihnen doch nicht an Vorbildern in der eigenen
Familie. Dir ist bekannt, liebe Angs, da des Prinzen Vater schon eine
Prinzessin, seine nachherige Gemahlin, welche lter war als er, feurig
liebte, und in frher Jugend Vaterfreuden sich erblhen sah. Der gleiche
Fall trat bei dem Sohne ein, dem Kinde dieser flammenden und daher auch
frh verrauchten und verzehrten Leidenschaft und wenn wir Louise Maria
Therese Bathilde nicht verdammen, so drfen wir auch Charlotten nicht
richten, welche, hingerissen von der Liebe eines jugendlichen Helden zu
ihr und von ihrer heien Erwiderung dieser Liebe, willenlos der Macht
beiderseitiger Leidenschaft folgte und die Mutter des herrlichen Kindes
wurde, zu dessen Pflege und Ueberwachung wir uns Beide geweiht haben mit
heiligem Eide. Da du es mit dir hinwegnahmst, nachdem es nur kurze Zeit
bei uns verborgen gehalten worden, war sehr gut; Niemand ahnete etwas
und konnte etwas ahnen. Jetzt, wenn du wiederkehrst, gilt die kleine
Sophie Charlotte als dein Kind, das Kind einer Wittwe oder einer von
ihrem Gatten treulos verlassenen Frau. Habe nur Acht, liebe Tochter, bei
Allem, was dir heilig und theuer ist, beschwre ich dich, alle mgliche
Sorgfalt anzuwenden, da das Kind an Leib und Seele wohl erhalten
bleibe, und gib mir sobald als mglich Nachricht von deiner Ankunft, auf
welche mit aller Macht sehnsuchtvoller Liebe hofft deine treue Mutter.

Htte es noch irgend eines ueren Umstandes bedurft, um Leonardus und
Ludwig zu berzeugen, da Sophie nicht das Kind von Angs sei, so wrde
dieser Brief jedes desfallsige Zeugni zur Genge vertreten haben.
Verwundert aber rief Ludwig aus: Wie merkwrdig! Also Sophie Charlotte
heit diese Kleine? Gerade wie meine Gromutter!

Jetzt entfaltete auch Leonardus seine Briefe, um Angs und dem Freund
aus denselben Mittheilungen zu machen, indem er sprach: Ich habe frohe
und schlimme Botschaft zugleich erhalten; zunchst schreibt mir mein
Vetter, der Kaplan Vincentius Martinus van der Valck, da mein Vater
Wort gehalten und mich vor Notar und Zeugen so zu sagen enterbte, indem
er mich auf die bloe Hlfte des Pflichttheiles gesetzt hat.

Leonardus! rief Angs, und schlug bebend ihre Hnde zusammen. Und das
um meinetwillen? Das ertrage ich nicht!

Sei ruhig, liebe Angs, erwiederte Leonardus: es mu und es wird sich
wohl auch ertragen lassen. Ich kann mir selbst Geld erwerben, auf den
Summen der hollndisch-ostindischen Compagnie ruhen ohnedies die Flche
der geknechteten Menschheit und entsetzlichen Unrechts millionenfach.
Noch leben Vater und Mutter, und der Sinn der Menschen ist vernderlich.
Vor der Hand meldet noch mein Vetter, da mein Vater nicht zu seinen und
unserer jungen Muhmen Gunsten testiren wolle, sondern es solle ein Theil
des Vermgens an die Seitenverwandten fallen, welche zu Bochum in
Westphalen wohnen; an einen Hermann Heinrich van der Valck, der aus
Holland nach Deutschland bersiedelte, so viel ich wei, eine Tochter
des Namens Aloysia hat, und dessen Vorfahren mit den unsern der Sage
nach, die ganze Grafschaft Valkenburg zwischen dem Hochstift Lttich und
den Herzogthmern Jlich und Limburg besessen haben sollen. -- Doch das
werde, wie es wolle, mir soll darber kein graues Haar wachsen; aber
nun, liebste, theuerste Angs, hre was das Handelshaus in le Mans, an
das ich mit Auftrgen mich gewendet, mir schreibt, hre es, und freue
dich! Es ist das mein schnstes Angebinde zum heutigen Tage: Du bist
frei! Auf Ihr Geehrtes, so schreiben meine Handelsfreunde:
ermangelten wir nicht, sorgfltige Erkundigung nach dem hier
wohlbekannten Kaufmann Etienne Berthelmy einzuziehen. Derselbe fhrte
als Hauptmann eine Compagnie, mit welcher er zur Armee der West-Vende
unter Charette stie, und soll sicherem Vernehmen nach bereits am 11.
October des vorigen Jahres bei der Erstrmung und Eroberung der Insel
Noirmoutier geblieben sein, zum Mindesten soll sein Name auf der
Todtenliste gestanden haben. Sein bejahrter Vater ist mittlerweile auch
gestorben, und seine betagte Mutter lebt noch unter betrbten Umstnden
und nhrt sich von einem kleinen Kramladen, dem alleinigen Ueberbleibsel
ihres einst blhenden Geschftes.

Angs sa stumm und ernst da, und hrte diesen Bericht mit einer Flle
von Gedanken an, die sie erschtterte, endlich reichte sie jedem der
beiden Freunde eine ihrer zarten Hnde, und sprach: So fllt denn ein
dunkler Vorhang nieder und schliet einen, ach und wohl den traurigsten
der Acte meines Lebensdrama's mit dem Bilde eines Sarges, wie ein Traum
ist es mir, mich frei zu denken, mich frei zu fhlen, und so wichtig ist
diese Nachricht, da ich mich nicht mit derselben begngen kann: ich
kann auf sie nicht bauen und keinen Schritt der Entscheidung thun, bevor
ich nicht die verbrgteste Besttigung dieser Nachricht in Hnden habe;
aber, meine lieben, theuern Freunde, erfllt mir eine Bitte: lat mich
scheiden! Meine Mutter verlangt nach mir, ihrem Kinde, und hier dieses
holde und liebe, mir anvertraute Kind, unser Sophiechen, schon in zuviel
Gefahren brachte ich's, ich will es der Heimath wieder zufhren, der es
entstammt, ihm will ich dort leben, und deine That, Leonardus, deine
Liebe will ich ewig dankbar segnen, deiner Freundschaft, Ludwig, will
ich innig eingedenkt bleiben! Wir mssen uns trennen. Du, Leonardus,
mut zu deinem Vater zurckkehren als ein reumthiger Sohn und seine
Verzeihung erflehen. Er wird dir verzeihen, und du wirst noch glcklich
sein. Du, Ludwig, wirst auf dem Felde der Ehre wandeln und eine
selbststndige hohe Stellung dir erringen, die dich vllig unabhngig
macht von deinen Verwandten.

Liebe Angs, nahm Leonardus das Wort: deine Entschlsse sind ehrenhaft,
und was du sagst, ist gut, aber es ist nicht ausfhrbar, du kannst jetzt
nicht reisen. Alle Lande am Nieder-, Mittel- und Oberrhein wimmeln von
Truppen. Thue keinen Schritt, der dich reuen knnte, aber folge in Einem
deiner Mutter, achte auf das anvertraute Kind; setze nicht dieses zarte
Leben auf das Spiel, um mit nicht ganz reiflich berlegten Entschlssen
durchzudringen. -- Auch ich mu Leonardus beistimmen, setzte Ludwig
hinzu. Hier bist du sicher und wohlgeborgen mit deinem Kinde, Angs, und
reichte das Schlo nicht aus, so gibt es in dem nahen Busch voll
Moorbrche einzelne Htten und Huser genug, zu denen kein Krieger zu
dringen vermag und die Pfade findet; la erst die herrannahende Wolke
des Kriegsgewitters vorberziehen, ja, wenn es sein mu, vorberbrausen,
weiche nicht aus diesem Asyle, es wird sich dir nirgend ein sichereres
bieten und ffnen.

Das Gesprch wurde unterbrochen; Windt klopfte stark an, und trat
erhitzt ein. Hren Sie es, meine Herrschaften? war seine Frage, und da
man nicht zu verstehen schien, was er wolle, so lie er die Zimmerthre
offen stehen und machte eine Geberde, die zum Horchen und Lauschen
aufforderte. Und kaum war dieser Aufforderung gengt, so hrten Alle in
bestimmten Zwischenrumen einen dumpfen Schall.

Was ist es, lieber Herr Windt?

Freudenschsse sind es wahrscheinlich, zu beiderseitiger hoher
Geburtstagfeier! Eine Kanonade ist es, meine Verehrtesten, und jetzt
entsteht die Frage: Was thun? Feiglinge wrden rufen: Rette sich wer
kann! Ich rufe: Ausharren und treu bleiben! Fr mich ist das keine
Frage. Halten Sie sich bereit, meine Herren, mich zu untersttzen! Der
Augenblick wird kritisch, sehr kritisch, doch nur keine Furcht. Das
hiesige Archiv fhrt, in einige fnfzig Kisten verpackt, nach Arnhem;
alle Papiere des grflichen Hauses, der Lehn- und Rentenkammer, ich
stelle sie unter den Schutz des dortigen Magistrates. So wie eine
Abtheilung der hollndischen oder der englischen Armee sich nhert,
werden Sie, Herr Graf, zu deren Befehlshaber zu reiten so gtig sein,
und um Schutzwachen fr Doorwerth, Helsum, Rosendael und Wolfsheese
bitten. Es geht bereits ganz lustig und kunterbund zu, die Wege sind mit
Flchtlingen aus Brabant bedeckt, Adelige, Geistliche und sonst vornehme
Leute, in Arnhem sind schon Flchtlinge aus Mastricht angelangt. Dort
packt Alles ein und hat sich schrecklich #beezig#[10] und consternirt.
Die Stadt wird stark befestigt. Etwas Neues ist auch noch, da der Graf
Johann Carl schon einige Male durch Helsum gekommen ist, ohne hier
vorzusprechen. In Rheenen, wo wir ja ohnlngst durchkamen, soll das
englische Lazareth hingelegt werden. Im Haag sogar, vernahm ich heute,
wird eingepackt, leider ist die prinzliche Partei die einpackende. Doch
zu den schlimmen Nachrichten nun auch eine gute, erfreuliche.
Robespierre ist todt, das blutige Scheusal; mit ihm fielen eine ganze
Anzahl seiner schndlichen Helfershelfer, unter ihnen der elende
Schuster Simon, der Quler des Dauphins, dem Racheschwert der
unausbleiblichen Vergeltung anheim. Wre Zeit, sich der Freude zu
berlassen, so wollt' ich's im vollen Maae thun. Sie rumen hbsch auf,
die Herren Franzosen, einundzwanzig Henkersknechte sind zugleich mit
ihrem Meister zur Hlle gefahren, und am Tage darauf einundsiebenzig.
Die Zeit ist endlich da, wo die Drachenzhnesaat aufgeht und sich selbst
erwrgt.--

    [Funote 10: Rhrig.]

Es kamen schlimme Tage fr den treuen Windt, die seine Geduld, seinen
Muth und seine Ausdauer im Beschtzen des Besitzthums seiner Gebieterin
auf harte Proben stellten. Ein Theil der englischen Armee berfluthete
bereits die Gegenden von Arnhem bis Deventer und die Rhein- und
Ysselufer, und wie es immer zu geschehen pflegt, wenn die Furien des
Krieges entfesselt sind, die Englnder benahmen sich nicht, wie Hollands
Verbndete, sie nahmen blos, und zwar Alles was sie fanden und stahlen
wie die Raben. In allen Ortschaften wurde verkndigt und ffentlich
angeschlagen, Niemand solle ber die politischen Ereignisse reden oder
schreiben; alle Boote, Khne und dergleichen Fahrzeuge muten nach
Arnhem eingeliefert werden und Niemand durfte zur Abend- oder Nachtzeit
ber den Rhein. Man trug sich mit Listen der Gutsbesitzer und Schlsser,
welche geplndert, oder Herrlichkeiten, welche zerstrt werden sollten.
Doorwerth hatte die Ehre, oben anzustehen, Helsum, Mariendael und
Rosendael, drei grfliche Besitzungen, folgten zunchst. Die
Herrlichkeit Rosendael (sprich Rosendahl), mit prchtigem Schlo und
prangenden Ziergrten, liegt nahe bei Arnhem. Wer irgend ein werthes
Besitzthum zu bergen hatte, der suchte es zu bergen und floh in
nrdlicher Richtung aus dem neuen Schauplatz des Kriegs; Arnhem,
Doesburg, Zuitphen wurden leer von Wohlhabenden, das Gesindel blieb und
plnderte auf eigene Hand und auf Rechnung der Soldaten.

Und mitten in diese Bedrngni hinein kamen zu Windt drngende Briefe
von der alten Reichsgrfin wie Bomben geflogen, oft ungehaltenen und
ungndigen Inhalts; der ins Stocken gekommene Vergleich sollte endlich
abgeschlossen, der Erbherr zu einer Entscheidung gedrngt werden, er
sollte Doorwerth kuflich bernehmen und einen Theil der Kaufsumme
gleich baar erlegen. Windt, oft ernstlich krank, mute fast tglich
Briefe nach allen Richtungen schreiben; mittlerweile flchteten sich
zahlreiche Bekannte mit ihrer Habe aus der nchstbedrohten Nachbarschaft
zu ihm und hofften in dem Kastell Aufnahme und Schutz zu finden. Dabei
begannen schon Krankheiten auszubrechen und die Theurung der
Lebensmittel stieg auf eine bedenkliche Hhe. Jeden Tag, ja stndlich
hatte Windt seinen Freunden Neues mitzutheilen, Ludwig und Leonardus
bildeten gleichsam mit ihm den Kriegsrath im Kastell; alle drei trugen
aus guten Grnden militrische Uniformen und ebenso steckte die
Dienerschaft in Jger-Monturen. Nebenausgnge aus dem Kastell waren
verrammelt, das Hauptthor bewacht, die Zugbrcke aufgezogen. Dieser
Widerstand sollte nicht gegen kriegerischen Angriff gelten, sondern blos
Schutz gewhren gegen Raubrotten, und den leistete das so bewehrte und
bewachte Kastell Doorwerth trefflich. Es war ein ungleich besserer
strategischer Punkt, als die kleine, unbedeutende und halb verfallene
Dunenschanze, die in des Schlosses nchster Nhe nach dem Strome zu lag.
-- Wieder war ein Tag voll Unruhe angebrochen, Windt hatte den treulosen
Rentmeister entlassen und seiner Pflicht entbunden, und hatte einen
Brief vom Hofrath Brnings aus Varel erhalten, wo auch kein schnes
Wetter war. Brnings uerte sich halb ironisch, voll Hoffnung, da das
groe Werk nun wohl bald zu Stande kommen werde und schrieb: Man hrt
hier von Holland, in Ansehung der inneren Unruhe, viele dstere
Gerchte. Gott gebe, da sie ohne Grund sind. Hier nimmt der Geist des
Jakobinismus noch gar nicht ab. Die reichen Bauern wollen keine Steuern
mehr zahlen, die armen knnen nicht, unsere herrschaftlichen Kassen sind
leer.

Und was in unseren hiesigen liegt, ist auch kein Gold und kein Silber,
seufzte Windt. Und jetzt nun soll Doorwerth verkauft werden! Es ist
unsinnig. Aber hab' ich's nicht schon vor vier, vor drei und zwei Jahren
voraus gesagt, da man warten und zgern werde, bis die politischen
Angelegenheiten Alles verderben und aufs Spiel setzen wrden? Siehe, da
ist's handgreiflich wahr geworden. Und dem Erbherrn, welcher kommen und
Geld mitbringen wollte, geht es wie mir, er ist krank vor Sorge und
Anstrengung. Er hat sein Leben daran gesetzt, ein neues Corps zu
errichten. Er nimmt sich mit dem edelmthigsten und tapfersten Sinne der
Landesangelegenheiten auf das Aeuerste an und soll ganz elend aussehen.
Alle Geldmittel, deren er hat habhaft werden knnen, hat er seinen
patriotischen Zwecken geopfert, und wo sollte er nun Geld fr Doorwerth
hernehmen? Keiner borgt jetzt dem Andern einen Deut. Die Zeit ist aus
ihren Fugen gekommen, sagt Hamlet. Die so schleunige Wendung der Dinge
macht es dem Erbherrn unmglich, Geld zu schaffen, selbst wenn er Zeit
htte, sich danach umzuthun, er hat alle Hnde voll mit seinem neuen
Landrattencorps zu thun, wie ich erfahren habe; sein Cabinet und Zimmer
liegen voll Monturen, Hte, Schuhe, Gewehre, und Alles luft Tag und
Nacht bei ihm um, wie sein eigener Kopf. Wie ich mit ihm fahren werde,
wei Gott! Jetzt sind die Zinsen von der Herrlichkeit Rosendael fllig,
die verpachtet ist -- kein Deut zu haben, und ich soll tausend Gulden
Schatzung von den grflichen Husern nach Arnhem liefern. Alles Unheil
schlgt zusammen, wie der Donner in die Tpfe!

Mitten in die endlosen Klagen des redlichen Intendanten leuchtete ein
Strahl der Freude; unverhofft kam der Erbherr an, geleitet von einer
Reiterabtheilung, und sah sich freudig begrt; doch konnte sich Windt
nicht enthalten, als er jenen von Weitem erblickte, auszurufen: Gott wie
sieht unser Herr aus? Wie ein Busch verhagelter Petersilie!

Der Erbherr, allerdings sehr angegriffen und mitgenommen aussehend, sa
bald im vertrauten Gesprch mit Windt; es handelte sich um die
verwickelte Angelegenheit, der beste Wille war da, aber Geld fehlte und
neue Schwierigkeiten thrmten sich entgegen. Windt erhob das groe
wichtige Bedenken, ob es besser sei, da Doorwerth bei einem doch immer
mglichen Ueberzug dieser Gegend durch die franzsische Armee Eigenthum
eines feindlichen Offiziers sei, Mitgliedes der hollndischen
Ritterschaft und Oberamtmannes im Haag; oder Eigenthum einer jetzt in
der freien Stadt Hamburg lebenden Grfin, die dem neutralen dnischen
Reiche angehre?

Da thte es Noth, lieber Windt, warf der Erbherr ein, das dnische
Grafendiplom aus dem Kniphuser Archiv, wo nicht gar aus Kopenhagen erst
hierher kommen zu lassen -- ehe das kommt, steht hier kein Stein mehr auf
dem andern!

Mit nichten, gndigster Erbherr, entgegnete Windt. Hier ist es schon in
bester Form und beglaubigter Abschrift auf einem Stempelbogen, der Een
Rigsdaler gekostet hat. #Nos Christianus quintus his literis
patentibus# und so weiter, beglaubigt, unterschrieben und untersiegelt
mit dem #Kongelige Danske Cancellier Seigl#.

Was Sie fr ein Diplomat sind, Herr Windt! Frwahr, ich bewundere Sie
immer mehr! rief der Erbherr. Ich will Sie der geliebten Gromama nicht
abwendig machen, aber sollte sie die Augen zuthun, so da ich es erlebe,
so ernenne ich Sie zu meinem Rath, Ihre Treue und Umsicht verdient noch
mehr!

Windt verneigte sich und erwiederte: Wollte Gott, es wre Zeit zu
scherzen, mein gndigster Herr Graf! Der Frau Reichsgrfin Excellenz
helfen jetzt weder deutsche noch dnische Grafendiplome, und wenn Karl
der Groe sie ausgestellt htte, statt Karl der Fnfte von Dnemark.
Hollndische Ducaten sind die Losung, das ist die #vis unita# nicht nur,
es ist auch die #vis unica#, nicht die einige blos, sondern die
alleinige mchtige Hlfe. Alle Einknfte stocken; hier ist nichts,
Rosendael liefert nichts, Varel liefert auch nichts -- und die gndige
Frau Gromutter Excellenz--

Braucht Geld, und zwar viel, wie immer, ergnzte der Erbherr. Ich hatte
Hoffnung, aber sie schwand wieder, denn keiner meiner Vettern und auch
mein eigener Bruder in Utrecht, von dem ich so eben komme, kann oder
will Etwas beisteuern, ja mein Bruder Johann Carl sagte mir geradezu in
das Gesicht: Wenn, wie zu frchten steht, der Feind in das Land kommt,
so gebe ich fr dein eigenes Leben keinen Heller, geschweige fr deine
Gter; denn mit aller Herrlichkeit der Herrlichkeiten wird es dann ein
schnelles Ende nehmen. Man verlangt jetzt hier in Utrecht bei Anleihen
den drei- bis vierfachen Werth des Kapitals als Hypothek und in was? In
alten hollndischen Obligationen. Wer aber solche besitzt, braucht
nicht zu borgen. Mein bester Freund, Baron Grovesteins, der mir frher
zehntausend Gulden angeboten hatte, sagte mir, da er mir jetzt nicht
einhundert Gulden leihen wrde, und wenn er das Geld in Haufen liegen
habe und mit #Schepeln# messen knne. Es sind einhundert Gulden baar
nicht zu bekommen, und wenn man eintausend dafr verschreiben wollte!

Whrend dieses Gesprches hatte auch Leonardus mit Ludwig eine lange und
ernste Unterredung, in welcher der Erstere dem Freunde die ganze Flle
seines offenen und redlichen Charakters erschlo und zugleich den Blick
auf ihre beiderseitige Zukunft lenkte.

Folge du, mein Ludwig, sprach Leonardus, jetzt dem an dich ergangenen
Winke, nimm den Kriegsdienst an, der dir ehrenvolle Lebensstellung
sichert, und folge meinem wohlberlegten und brderlichen Plane.
Unterde wirke ich, und wir werden von einander hren. Angs mu mein
werden, wenn Gott mir das Leben fristet; wre Letzteres nicht, so bleibe
sie in deinen edeln Schutz gestellt, und dann erflle die Verpflichtung,
die mein Vertrauen dir auferlegt, die deine Liebe mir zugesichert. Sieh,
dann bringst du mir ein ungleich hheres und dankenswrdigeres Opfer,
als ich dir, indem ich beizutragen suche, deine Stellung im Leben
einigermaen zu sichern. Und nun kein Wort weiter! Der Bruderbund ist
aufs Neue geschlossen, und dieser Ku besiegle ihn.

Wenn nun Euer Gnaden, sprach Windt weiter zum Erbherrn, sich an den
Herzog von Portland wendeten? Knnte und wrde dieser nicht--?

Hab' es gethan, lieber Windt, hab' es gethan! antwortete der Erbherr
bekmmert: mein Vetter, der Vice-Admiral, schrieb selbst den Brief, da
ich mich nicht blos geben wollte. Die Antwort kam schnell genug zurck,
denn pnktlich sind diese Englnder und rechnen, ah, sie rechnen, auch
wenn sie in der Pairskammer sitzen. Der Herzog schrieb an seinen
Verwandten und Namensvetter William: Es sei ein recht artiger Einfall
von mir, da ich fnftausend Pfund Sterling von ihm leihen wolle, und er
msse nur bedauern, meine Artigkeit und mein Vertrauen nicht in gleichem
Maae erwiedern zu knnen.

Da stand nun Windt rathlos und sah abermals all' sein treues Bemhen zu
nichte gemacht, und der Erbherr schaute finster drein und schwieg.

Diese peinliche Pause unterbrach der Eintritt Ludwig's.

Stre ich? fragte er, und machte Mienen, sich zurckzuziehen.

Bleibe immerhin, Vetter! rief der Erbherr. Unser Geschft ist zu Ende.

Darf ich dir Glck wnschen zu Doorwerth? fragte der junge Graf.

Leider nein! erwiederte der Erbherr kurz und mit Achselzucken.

Woran fehlt es, da der Kauf nicht zu Stande kommt?

Hm -- am Besten, am Geld! erwiederte Windt verdrielich.

Doorwerth ist dein, Vetter! rief Ludwig mit blitzenden Augen. Jene
starrten ihn an.

Es ist dein, ich kaufe es fr dich, ich leihe dir das Geld! Hier sind
einstweilen fnfzigtausend Gulden in englischen Banknoten!

Vetter! Vetter! rief der Erbherr auer sich, und die so pltzlich nahe
tretende Erfllung eines seit Jahren gehegten Lieblingswunsches erfllte
seine Seele mit hohem Entzcken.




                            Zweiter Theil.

                           Die Flchtlinge.


    _Motto:_

    Wo ich sei, und wo mich hingewendet,
    Als mein flcht'ger Schatten Dir entschwebt?

        =Schiller.=




1. Sophia Botta.


Anders sah es aus in der Herrlichkeit Doorwerth, aber nicht besser. Die
Gefahr wuchs von Stunde zu Stunde. Die Englnder, welche Windt nie
anders als saubere Alliirte nannte, drohten ein Lazareth in das
Kastell zu legen. Fort und fort hrte man in der Ferne kanoniren, sah
den feurigen Flug der Bomben und die Flammen in Brand geschossener
Magazine. Der Herzog von York that mit seiner Armee sein Mglichstes, um
Holland zu decken, aber von den Zinnen und Warten des Kastells erblickte
man tglich ganze Sulen flchtender Soldaten, welche die Wege nordwrts
einschlugen. Die Nachrichten vom Kriegsschauplatze jagten einander bald
verbrgt, bald unverbrgt. Grevecoeur, der Schlssel zu dem Bosch
(Herzogenbusch) ist ber, hie es; dann sollte der Bosch auch ber sein;
dann wurde die Nachricht wiederrufen, unter dem fernher vernehmlichen
Donner des grbsten Geschtzes. Die Carmagnolen haben fnf Brcken ber
die Maas geschlagen -- die Menge und Tapferkeit der Franken macht jeden
Widerstand unmglich, was flchten kann aus Stdten und Orten, das
flchtet -- die Franken sind nahe vor Nymwegen -- in die Werke von
Nymwegen haben sich sechstausend Englnder geworfen -- die
zurckgedrngte englische Armee will sich wieder bei Gorkum setzen -- die
in groer Zahl ausgewichenen Bataver haben ein Comit gebildet, und
durch dasselbe mit der franzsischen Republik ber Vertragsbedingungen
unterhandelt -- die Franken sollen die Stdte der neuen batavischen
Republik mit Truppen besetzen -- die Regierungsform soll provisionell
bleiben, wie sie ist -- die entlassenen Beamten sollen wieder in ihre
Stellen einrcken -- die Geflchteten sollen zurckkehren -- Holland soll
die franzsische Republik anerkennen, soll sein Bndni mit England
brechen, sich mit Frankreich verbinden und an England, Preuen und
Oesterreich den Krieg erklren -- des Statthalters und seiner Partei soll
in keiner Weise mehr gedacht werden. -- So drngten sich und wirrten die
Nachrichten durcheinander, als schon der October herbeigekommen war.

Ludwig und Leonardus waren als Fhrer in das berittene Corps
eingetreten, das der Erbherr errichtet hatte; Angs mit dem Kinde blieb
in Windt's Schutz gestellt in Doorwerth, und fr Frau Windt war es ein
groer Trost, eine weibliche Seele als Freundin zur Seite zu haben, die
ihr manchen Beistand leistete.

Windt bot Alles auf, mehr und mehr Lebensmittel in das Kastell zu
schaffen, denn es kam ihm im Geiste vor, als wenn der bedrohliche
Zustand sobald nicht enden werde. Man sah ihn hufig, von einem oder
zwei Reitknechten begleitet, in seiner kleidsamen Offiziersuniform durch
die Fluren und die nchstgelegenen Ortschaften reiten; Graf Ludwig hatte
dem redlichen Freund seine Isabella geschenkt, halb aus Liebe zu Windt,
halb aus Liebe zur Isabella, deren Leben er dadurch besser zu sichern
hoffte, als wenn er das treue Pferd der Gefahr beim Heere aussetzte --
und berall war Windt willkommen; seine Anordnungen wurden genau
befolgt, die Bauern liebten ihn, weil er sie von dem Rentmeister
befreit, der sie gedrckt und geschunden hatte, um sich zu bereichern,
und weil Windt sie menschenfreundlich behandelte. Jeden Morgen fast sa
Windt am Schreibpulte und schrieb Briefe an seine Herrin, oft in
fliegender Hast und Hetze, Alles bunt durcheinander, aber sie wollte und
mute Alles wissen. Doorwerth und dessen guter Verkauf bildete jetzt
einen Theil ihrer noch brigen Lebenshoffnungen.

Ich bin im Handgemenge mit den Englndern! schrieb Windt unter Andern
in seiner eigenthmlichen, raschen und keinerlei Umstnde machenden
Weise, die sein ganzes Wesen an Tag legte: Gestern war ein hoher
Offizier hier, um das Kastell mit Allem, was dazu gehrt, fr verwundete
Offiziere in Besitz zu nehmen, so wie sie die Kirchen in Helsum, Renkum
und Velp[11] fr Kranke in Besitz genommen, letztere liegt bereits voll
davon, ebenso wie ganz Rosendael, wo ein Lager aufgeschlagen ist und
alles Holzwerk, jung und alt, zerstrt wird. Der Offizier war genau
unterrichtet, wem die Herrlichkeit gehrt, wie viele Einwohner sie
zhlt; der Brgermeister von Wageningen, wo auch Alles voll liegt, hat
ihn mir auf den Hals zu laden gesucht. Der Donner soll diesem
Brgermeister, den ich kenne, dafr auf den Kopf fahren! Sobald ich
hinber komme, will ich ihm sagen, was er wissen soll. Ich war gestern
in der Stadt und sprach mehrere Englnder und balgte mich bis zum
Sbelziehen mit ihnen herum. Wer meine Dispute mit den Englndern
angehrt hat, kann sich eine Vorstellung vom babylonischen Thurmbau
machen, sie haben mich indessen besser verstanden, als ich mich selbst
verstehe. In Arnhem hat man mich zum Brgergardehauptmann gewhlt.
Gehorsamer Diener! Erst kommt Doorwerth und dann kommt es noch einmal,
und dann kommt Arnhem noch lange nicht.

    [Funote 11: Renkum, niederlndisch Renekom, Dorf zwischen
    Helsum und Wageningen; Velp, Dorf ohnweit Arnhem und Rosendael.]

Ihre Excellenz sind sehr besorgt um das hier befindliche Silber. Dies
kann ich nicht eher bergen, als bis ich mich selbst bergen mu, denn es
ist hchst gefhrlich, Werthsachen wegzusenden und selbst zu bleiben;
nichts wegzusenden und Vertrauen zu zeigen, ist das einzige Mittel, um
sich bei den Carmagnolen in Achtung zu setzen; selbst von dem Meinigen
sendete ich weder Kleider, noch Waffen fort. Geld habe ich ohnehin nicht
fortzuschaffen, Geld gibt es nicht. Der schurkische Rentmeister hat die
Renten bis Petri des nchsten Jahres voraus eingetrieben und mir nichts
zurckgelassen, als fr mehr als 1000 Gulden unbezahlter Rechnungen. Ich
bin froh, dieses Ungeziefer los zu sein, die Bauern sind auch froh. Ohne
Zweifel wird er sich Ihrer Excellenz in Hamburg vorzustellen frech genug
sein, aber die geringste Hflichkeit, die ihm in Hochdero Hotel zu Theil
wird, nehme ich fr mich als die hchste Beleidigung. Wenn er kommt,
lassen Ihre Excellenz ihn durch den Bttel aus den Thoren der Stadt
bringen!

Was aus Doorwerth, was aus der ganzen Republik Holland werden will,
wei Gott allein! Ich bin ein gehetztes Wild, voll Angst und Trbsal,
Mhe und Arbeit, Last und Hast, und Ihre Excellenz sind jetzt fr ein
wenig Silber besorgt, aber nicht fr mich. Ich bitte meine arme
Schwester, die ngstlich besorgt um mich ist, zu trsten. Es ist immer
noch mglich, so gefhrlich es auch aussieht, da wir diesseit des
Rheines noch einige Zeit von den Franken befreit bleiben, obgleich
General Pichegru darauf gewettet haben soll, den Winter in Nimwegen
zuzubringen und seine Armee diesseits des Rheines Winterquartiere
aufschlagen zu lassen.

Heute habe ich den hollndischen General-Quartiermeister von hier aus
bis auf den halben Weg nach Nimwegen gebracht, es sieht bel aus auf den
Straen, es ist eine bitterbse Zeit; wo man hin hrt und sieht,
vernimmt man nichts und hrt man nichts, als von Raub und Plnderung,
Mord und Brand, Krankheit und Theurung. Das Pfund Butter kostet in
diesem so butterreichen Lande 1 Gulden.

Gestern ist die Frau Landgrfin zu Hessen-Philippsthal, Ulrike
Eleonore, welche die Belagerung von Hertogenbosch treulich mit ihrem
tapferen Gemahle ausgehalten, durch Arnhem gekommen. Sie wird mit dem
Landgrafen nach Bckeburg gehen, zur gndigen Frau Schwgerin, der
trefflichen Frstin Juliane.

Diesen Brief konnte Windt erst Abends vollenden. Er schrieb: Rundum uns
her ist ein frchterliches Getmmel; so eben komme ich, 7 Uhr Abends,
aus einer Bataille mit Irlndern zu Pferde nach Hause, die in Wolfsheese
und lngst der Doorwerth marodirten und ein Zetergeschrei unter dem
armen Volke erregten. Ich jagte ihnen aber, untersttzt von meinen
Leuten, ihre Beute wieder ab; allein es wird zu arg mit dem Rauben der
sauberen Alliirten; Bauern, die ihre Habe vertheidigen, werden
aufgehenkt und ihre Huser werden in Brand gesteckt. Die Irlnder
namentlich haben stets Hunger wie die Pierrots in der Pantomime. Und
wenn diese Feinde der Ordnung aus dem Lande sind, dann wird dasselbe
Spiel von den Carmagnolen begonnen werden, wobei, wie eben auch in der
Pantomime, hchst wahrscheinlich die Pierrots von den Harlekinen Prgel
bekommen.

Ueberall ist der Teufel los; Gott lasse mich nur jetzt nicht krank
werden, sonst ist hier Alles verloren! Fort und fort Kanonendonner auch
jetzt, indem ich dies schreibe, in der Richtung nach Nimwegen hin.
Vorgestern kam der Herzog von York nach Arnhem; Prinz Friedrich zu
Hessen lag mit seinem Regiment in Rosendael und wohnte wahrscheinlich
dem gestrigen Treffen bei. Ich ritt stracks nach Arnhem, um beim Herzoge
Schutz zu suchen; er war aber nicht zu sprechen; gestern ritt ich wieder
hinber und war so glcklich, Sauvegarden fr die Ortschaften von ihm
zu erhalten, es wre auch sonst kein Einhalt mehr zu thun gewesen, und
ich bin des Reitens und ewigen Brutalisirens bei Tag und Nacht mde; ich
spre in allen meinen Knochen einen Hllenschmerz.

Was den Kauf von Doorwerth betrifft, ber den ich Ihrer Excellenz schon
unterthnig berichtete, so waren der gndige Erbherr und ich nicht
weniger erstaunt, als Ihre Excellenz selbst es sind ber das gromthige
und rthselhafte Anerbieten des jungen Herrn. Ich hielt es fr Pflicht,
diesen zu warnen, eine solche hohe Summe auf das Spiel zu setzen; selbst
der Erbherr strubte sich lebhaft gegen diesen Edelmuth, allein Graf
Ludwig entgegnete: Dieses Geld wurde mir anvertraut zu beliebiger
Verfgung; wie knnte ich es besser anlegen, als in einem werthvollen
Grundstck, welches ich, da es doch einmal verwerthet werden soll,
dadurch der Familie erhalte? Ich baue unbedingt auf meines Vetters Ehre
und da wird ohne Zweifel dieses Geld in den besten Hnden sein. --
Wahrlich Excellenz, ich schme mich nicht, es zu sagen, da dieser
Beweis eines wahrhaft edeln Herzens und Charakters Hochihres jngsten
Enkels mich auf das Innigste rhrte und was im Gemthe des Erbherrn
vorging, konnte ich in dessen Mienen lesen. Wir beriethen nun die Sache
ernstlich; der junge Herr sollte auf Doorwerth einstweilen nur 25,000
Gulden anzahlen, und dafr eine Obligation auf Varel erhalten, die
anderen 25,000 Gulden wollte der Erbherr auch annehmen und auf Rhoon
versichern. Ihre Excellenz sollten die Gnade haben, mir frmliche
Vollmacht zu ertheilen, alle nthigen Schriftdocumente zu entwerfen, die
Summe in Empfang zu nehmen und in Hochdero Namen bndig zu quittiren,
welche Quittung zugleich als Interims-Verschreibung auf gedachte
Herrlichkeit Doorwerth mit Zubehr gelten solle, bis zu Ertheilung der
frmlichen Obligation und Ausfertigung des zur Sicherheit weiter
Erforderlichen. Diese Verhandlung erfolgte ebenfalls unter bestndigem
fernen Kanonendonner; da kam auf einmal der auf Kundschaft ausgesandte
Diener des jungen Herrn, Philipp Scarre, im vollen Jagen angesprengt und
brachte die Nachricht, die Englnder seien geschlagen, ein ganzes
Regiment derselben an der Wahl gefangen genommen, ein anderes vllig
vernichtet, die ganze hannoversche Infanterie unter Graf Walmoden habe
sich nach Nimwegen geworfen. Das nthigte den Erbherrn zum schleunigen
Aufbruch und es blieb nur noch so viele Zeit, zu verabreden, da, wenn
der Feind nicht ber den Rhein kme, demnchst wo mglich eine neue
Zusammenkunft und Verhandlung stattfinden solle. Einstweilen gebe ich
Ihrer Excellenz anheim, mit den nthigen Papieren und Hochdero
Zustimmung mich zu versehen, und bin zu Fen Hochdero unterthniger
Windt.--

Feindselig war die Zeit aller Liebe und jeder Liebeshoffnung in den von
der Geiel wilder Kriege furchtbar heimgesuchten Lndern. Wittwen und
Waisen machte der Krieg in Menge, Thrnen und Jammer brachte er in
zahllose Htten, Huser und Palste, Glck nirgend hin, in kein einziges
Haus. So war es damals, war es frher, und so ist es immer noch; fort
und fort erneuen sich die Hupter dieser lernischen Schlange. Der
Mchtigen Laune, oder Lndergier, oder Herrschsucht, ebenso wie der
Vlker Wahnsinn beschwren den Dmon des Krieges aus dem finstern Orkus
herauf, sie entfesseln ihn zur Peinigung, zur Knechtung, zur Vernichtung
der Menschheit, und vermgen ihn dann sobald nicht wieder zu bannen.
Kaum ein Jahrhundert vermag die Wunden zu heilen, die ein blutiger Krieg
den Lndern, den Vlkern schlgt, aber vergebens und immer vergebens
rathen Religion und Vernunft, Gerechtigkeit und Sitte, Bildung und
Fortschritt vom Beginn solcher Greuel ab; vergebens kmpfen weise Mnner
unter dem Wehen der Oelzweige und der Friedenspalmen gegen den Krieg;
dort sind es die Gewalthaber, hier sind es ganze Vlker, die beide in
unsinnigster Verblendung seine Furien wachrufen, und sich, gleich den
Fanatikern Indiens, mit Freude vom Donnerwagen Krischna's bei der Pagode
von Jagernaut zermalmen lassen.

Angs sa bei Frau Windt im stillen Zimmer, die Herbstsonne kmpfte mit
den schweren Nebeln der weitgedehnten Flchen und der nahen moorigen
Brche. Auch die kleine Sophie sa bei den Frauen, und bte mit Eifer
eine Arbeit, welche sie jene ebenfalls ben sah, eine Arbeit, die der
Krieg aufdrngt dem zarten Geschlecht, die an Schmerz und Pein, an Blut
und Wunden fort und fort erinnert: sie zupften Charpie.

Wer mag wissen, wem diese Leinwand dienen wird, warf Angs trbsinnig
die Frage auf, und ihre angstvollen Gedanken flogen nach Leonardus hin,
der es verschmht hatte, in Doorwerth mig zu weilen, whrend sein
Freund sich vielleicht die Lorbeeren der Schlachten pflckte. Sie sah im
Geist den Freund ihres Herzens verwundet und sich als seine liebevolle
Pflegerin. Frau Windt aber antwortete: Das mchte ich nicht einmal
wissen; am Besten, sie wrde gar nicht gebraucht, da brennte ich das
Zeug zu Zunder und steckte mein Licht an ihm an; wr' auch ein guter
Gebrauch, besser als der, fr den diese Leinwand bestimmt ist, nmlich
Solchen zu dienen, deren Lebenslicht mit dem Erlschen bedroht ist.

Das Kind begann in dieser Zeit etwas Hollndisch und etwas Deutsch
sprechen zu lernen, und die beiden Frauen ertheilten ihm den Unterricht
so eifrig und vortrefflich, da bald sein Deutsch uerst hollndisch
und sein Hollndisch uerst deutsch klang, was manchen Anla zum Lachen
gab.

Mit leiser, lngst auf dem Herzen getragener Frage wandte sich in dieser
traulichen Stunde, und indem sie mit wahrhaft mtterlichem Wohlgefallen
auf die Kleine blickte, Frau Windt an Angs: Sie wollten mir immer von
dem schnen Kinde erzhlen, meine Beste! Heute htten wir Zeit; es ist
auen einmal etwas ruhig; mein Mann ist nach Arnhem geritten, halb in
Geschften und halb aus Neugierde, um den Grafen von Artois zu sehen,
den Mann, der sich fr den knftigen Knig von Frankreich hlt, aber
nichts thut, sein Knigreich wieder zu gewinnen. Er wohnt als Gast auf
der Sip, einem Gute des Herrn von Brantsen, nur ein halbes Stndchen von
Arnhem, und ist umgeben von einem kleinen Kreise Emigranten, welche alle
denken wie der Herr Graf von Artois, und ihr Knigthum in Gedanken mit
sich herumtragen, wie die Juden ihre Bundeslade auf der Reise durch die
Wste. Der Herzog von York hat gestern beim Grafen von Artois gespeist;
auf dem Park wohnt der Prinz Louis von Rohan; gestern ist auch der
Kurfrst von Kln in Arnhem angekommen, und der tapfere und berhmte
Kriegsheld Graf von Clairfait. Man spricht davon, da das Hauptquartier
der verbndeten niederlndischen und hollndischen Armee nach Arnhem
gelegt werden soll.

Ein flchtiges Roth flog auf Angs zarte Wangen bei einem der Namen,
welche Frau Windt ihr nannte, diese bemerkte dasselbe aber kaum, oder
schob es auf Rechnung ihrer Aufforderung an die junge Freundin, ihr
Etwas mitzutheilen, was Angs bisher immer mit Aengstlichkeit zu
verhllen gesucht hatte. Wenn aber Angs erwog, welche groe Ansprche
auf Dank sich Windt und dessen gutmthige und liebevolle Frau um sie
verdienten, welch ein trauliches und gewi auch sicheres Asyl sich ihr,
der Heimathlosen und Flchtigen, in Doorwerth erschlossen, und endlich,
wie wenig eine Mittheilung an diese Freundin, welche wohl kaum deren
Schicksal weit ber die Grenzen Gelderns und hchstens wieder einmal in
die ostfriesischen und oldenburgischen Gefilde fhren werde, irgend ihr
oder dem Kinde dereinst Schaden bringen knnte, zumal wenn sie jeden
Namen sorglich verschweige, so hielt sie sich nicht nur fr berechtigt,
sondern sogar durch Dankbarkeit verpflichtet, in etwas dem Wunsche der
lteren Freundin nachzugeben. Sie begann daher, wenn auch nicht ganz
ohne Zagen:

Was Sie zu erfahren wnschen, beste Frau Windt, und was ich selbst wei
und sagen darf, sollen Sie erfahren. Ein junger, schner und hchst
liebenswrdiger Prinz aus einem sehr vornehmen Hause fate eine glhende
Neigung zu einer Prinzessin, die nur wenige Jahre lter ist als er
selbst, und einer Familie entstammt ist, in welcher die Leidenschaft der
Liebe stets ein vorwaltender Charakterzug der Trger ihres Namens war.
Vorbedeutungsvoll ist auch jener Prinz gleich nach seiner Geburt durch
Feuer und Flammen gegangen. Ihn wie seine heimlich angebetete Geliebte
trieb die Revolution aus ihrem beiderseitigen Vaterlande, dem schnen
Frankreich, hinweg, und die Einsamkeit eines verborgenen Zufluchtsortes
nhrte die wachsende Flammengluth der jungen strmischen Herzen und ri
sie vllig hin.

Nichts htte unter andern Verhltnissen den gegenseitig Ebenbrtigen im
Wege gestanden, sich mit einander zu vermhlen, aber die Zeit des Jahres
siebenzehnhundertundneunzig war nicht gnstig fr Freuden und Hochzeiten
der armen Flchtlinge; war es doch erst kaum ein Jahr, da der Graf von
Artois, dessen Sie, beste Frau Windt, vorhin erwhnten, wie auch die
Prinzen Cond, Broglio, Bretueil und auch die Polignac's ihr Vaterland
gemieden hatten; man vernichtete, das heit man hob in Frankreich alle
Vorrechte der Geburt und des Standes auf, und es war kaum zu wagen, an
eine Rckkehr in das geliebte Vaterland, oder an eine Rckkehr der alten
Ordnung zu denken. Der junge Prinz, welcher bisher mehrere Reisen
gemacht hatte, von denen er immer wieder an den Ort seiner verborgenen
Liebe zurckkehrte sah sich veranlat, zu dem Heere zu gehen, das die
Bestimmung hatte, die verlorene Heimath mit Gewalt der Waffen wieder zu
erobern.

Die Bestimmung -- ja -- aber nicht Macht, nicht Muth genug! warf Frau
Windt ein.

Niemand ahnete die Folgen der glhenden Liebe des Prinzen und der
Prinzessin, fuhr Angs fort. Der geheime und gutgewhlte Zufluchtsort
auf deutschem Boden, auf dem Boden meines Vaterlandes, half die
Verborgenheit sichern, doch bedurfte die Prinzessin mindestens _einer_
ganz vertrauten Person, um ihr Geheimni tragen zu helfen; zu dieser
Vertrauten wurde meine Mutter erkoren. Es ist mir noch, als ob es vor
wenigen Tagen geschehen sei, so lebhaft erinnere ich mich daran, wie
eines Abends in der Dmmerung -- ich war noch ein ganz junges Mdchen und
sa mit Leonardus in der Rebenlaube vor unserm Hause im zrtlichen
kosenden Gesprche -- eine verschleierte Dame bei uns eintrat, von
jugendlicher Haltung und schnem Wuchs, und mit einer zarten,
auerordentlich wohlklingenden Stimme und im reinsten Franzsisch nach
meiner Mutter fragte. Ich verlie Leonardus und geleitete die Fremde zur
Mutter, es fiel mir dieser Besuch gar nicht auf, weil meine Mutter vor
ihrer Verheirathung mit meinem Vater in Paris gelebt und in einem
hochangesehenen Hause in einem gewissen dienstlichen Verhltni
gestanden hatte. Die Fremde schlug ihren Schleier nicht zurck und
fragte meine Mutter, ob sie dieselbe nicht ohne Zeugen sprechen knne,
worauf ich mich sogleich zurckzog, und nur noch auf dem Vorsaal meine
Mutter in jenem Zimmer laut ausrufen hrte: #O ciel! O ma trs chre
gracieuse Princesse!# -- Ich eilte, weit entfernt horchen zu wollen,
schnell zu meinem in der Laube harrenden Geliebten zurck, und dachte
kaum noch an die Fremde, so sehr beschftigt ein junges Mdchen seine
Liebe und das Glck, den geliebten Gegenstand sich nahe zu wissen, bis
erstere wieder aus dem Hause trat und von meiner Mutter unter
ehrerbietigen Verbeugungen schied, ohne da beide dabei ein Wort
wechselten. Meine Mutter weihte meinen Vater in das Geheimni ein, und
endlich mit groer Vorsicht auch mich, das heit, sie sagte mir nur, was
sie fr mich nthig hielt, von der Sache zu wissen, weil auf meine Hlfe
Rechnung gemacht werden mute, um nicht an noch andere Personen das
Geheimni hinzugeben. Ich hatte so ziemlich die Gre der fremden Dame,
von welcher ich vorerst nur erfuhr, da sie die Tochter einer Freundin
meiner Mutter sei, da sie Paris in Folge der Revolution gleich Andern
verlassen habe, und da sie wohl nach einiger Zeit wieder kommen, und
eine Zeit lang bei uns wohnen wrde, doch solle davon nicht gesprochen
werden. Es wurde ein von der Strae ganz entlegenes stilles Zimmer
unseres Hauses eingerichtet, um einen weiblichen Besuch aufzunehmen; ich
erhielt einige neue Kleider und die Weisung, bisweilen und nach und nach
bei Ausgngen verschleiert zu gehen, so da die Einwohnerschaft gewohnt
werde, mich so zu sehen. Ein neues Dienstmdchen vom Lande wurde
angenommen, welches an der franzsischen Grenze bereits gedient hatte
und ganz hbsch Franzsisch sprach. Der Name dieser Dienerin war Sophie
Botta; ihr Geburtsort hie Westbacherhof, vier Stunden von
Kaiserslautern. Am Tage des Abgangs ihrer Vorgngerin und Sophiens
Antritt fuhr meine Mutter mit mir nach dem unserer Stadt ganz nahen
Drfchen Ixheim, einem Vergngungsort der Zweibrckner vornehmen Welt,
und hatte mir vorher genau meinen Anzug bestimmt. Dort fanden wir jene
fremde Dame, die Prinzessin, ohne alle Begleitung, und zwar genau so
gekleidet wie ich. Diese junge Dame sehen und sie liebgewinnen, war bei
mir die Wirkung jenes Augenblicks, als ich sie ohne Schleier sah; welche
Huld, welche Gte, welche se Verwirrung und Scham strahlte aus diesen
himmlischen dunkeln Augen, voll eines Feuers, das nur durch unendliche
Sanftmuth gemildert war, die ber ihr ganzes Wesen sich ergo! -- Diese
Dame, sagte meine Mutter zu mir nach den ersten Begrungen und dem
Anknpfen der Bekanntschaft, wird statt deiner mit mir zurckfahren,
liebe Angs, und du wirst dann die kleine Wegstrecke als angenehmen
Spaziergang zurcklegen. Dabei bezeichnete sie mir die Straen, durch
welche ich gehen solle, und meinen Weg in das elterliche Haus durch
unsern an dessen Hintergebude angrenzenden Garten, zu dessen Thre sie
mir den Schlssel behndigte. Es wurde mir nun klar, da die Fremde mit
mir nur _eine_ Person darstellen sollte, sie kehrte mit der Mutter
verschleiert als deren Tochter Angs nach Hause zurck, ich kam in der
Abenddmmerung durch das Hinterpfrtchen in das Haus, und konnte durch
eine Treppe im Hofe alsbald in das obere Stockwerk gelangen. Dieser
Plan war auerordentlich leicht auszufhren, und wurde auch eben so
leicht ausgefhrt. Das neue Dienstmdchen fand bei seinem Antritt die
Dame, ohne zu wissen, ob sie zum Hause gehrte, oder nicht? Es bediente
daher dieselbe mit gleicher Treue, wie meine Mutter und mich.

Frau Windt hrte Angs Erzhlung mit wachsendem Erstaunen an, und
unterbrach dieselbe nur, um fr einige Herzstrkungen zu sorgen, die
ihr, der eingebornen und nicht mehr jungen Niederlnderin, ungleich mehr
Bedrfnis waren, als Angs. Dann aber drngte die gute Hollnderin um
die Fortsetzung der ihren ganzen Antheil lebhaft erregenden Erzhlung.

Nach einiger Zeit, fuhr Angs erglhend und fast flsternd fort: gebar
die fremde bei uns wohnende Dame dieses schne Kind. Die #Sage-femme#
wurde durch Geld schweigsam gemacht, unsere Sophie mute zum Schein
krank werden, das heit, sie mute die hohe Wchnerin auf das Sorgsamste
warten und pflegen und ein anderes Mdchen versah inde ihre Stelle. Die
guten Zweibrckner hrten zwar und glossirten nach deutscher
Kleinstdter Weise das Ereigni, da unsere junge Dienerin ziemlich bald
ein Gastgeschenk in unser Haus gebracht, vor dem sich in der Regel
Jedermann zu bedanken pflegt, inde war man so gtig, meine rechtlichen
Aeltern und auch mich dabei zu bedauern, die man frisch und munter und
jetzt wohlweislich ohne Schleier tglich auf der Strae gehen sah, und
war ferner so gtig, die Schuld einem meiner Brder in die Schuhe zu
schieben. Auch dieses Reden wre zu vermeiden gewesen, wenn man das Kind
zeitig aus dem Hause gebracht htte, aber dagegen widersetzte sich die
junge Mutter, und da das Kind getauft werden mute, so lie sich diese
Handlung nicht auer dem Hause vornehmen. Ein schnes Stck Geld bewog
leicht die junge Dienerin, ihren Namen herzuleihen, und so wurde das
Kind nach seiner angeblichen Mutter, der kleinen franzsisch plaudernden
Westbacherhoferin Sophie Charlotte Botta getauft, und die groe Sophie
verlie dann reichlich belohnt und mit zugesichertem Wiedereintritt nach
einiger Zeit, der guten Sitten halber, mein elterliches Haus.

Nun wissen Sie, beste Frau Windt, wie sehr es in unserer weiblichen
Natur liegt, da wir uns zu kleinen Kindern hingezogen fhlen, besonders
wenn sie hbsch und wenn sie hlflos sind. Mein liebesehnschtiges
Herz, das seinen Gegenstand entbehrte, wandte die ganze Flle seiner
Gefhle diesem Kinde zu und dessen junge Mutter gewahrte dies mit hohem
Entzcken.

O Angs! sprach sie einstens zu mir: wie engelgut Sie sind, wie Sie mein
Kind lieben! Dies kann ich nie vergelten, wie auch nie Ihrer Frau Mutter
deren unendliche Gte. Ach, schon zerreit der Gedanke an Trennung von
dem Kinde mir das Herz, und doch mu, mu, mu ich von ihm scheiden!
Einst, ich flehe das von Gott, wird es seine Mutter wieder sehen, wird
sie kennen lernen und von aller Welt anerkannt, sich nie wieder von ihr
trennen, wie auch nie von seinem herrlichen Vater! O Henri, o mein
Henri!

Ich ward ganz hingerissen von der Liebe und dem Schmerz der schnen
Prinzessin, bedeckte in ihrer Gegenwart ihr Kind mit Kssen und rief mit
einem flammenden Entschlusse: Darf und soll dieses holde, se,
unschuldige kleine Wesen bei uns bleiben, so weihe ich mich ihm zur
treuesten Pflegerin, die es auf Erden finden kann! So schwre ich Ihnen.

Schwren Sie nicht, edles Mdchen, unterbrach mich die Prinzessin. Sie
fhlen jetzt so schn und gro! Wird dies Gefhl Dauer haben knnen? Sie
sind jung, auch Sie lieben, Sie werden sich vermhlen, eigene Kinder
werden dies fremde Kind von Ihren Armen hinweg, aus Ihrem Herzen
drngen. Rasch sind Gelbde gethan, schwer, oft unendlich schwer sind
sie zu erfllen und dauernd zu halten.

Ich wei, welche Pflicht ich bernehme! entgegnete ich der Prinzessin.
Nie will ich von diesem Kinde mich trennen, wie meinen Augapfel will ich
es hten und bewachen, und zwar so lange, bis Hchstsie selbst oder von
Ihnen Beauftragte es von mir fordern werden.

Die Prinzessin umarmte mich unter Thrnen; nie vergesse ich den
rhrenden Anblick dieser unglcklichen und durch ihr Kind doch so
glcklichen jungen Mutter. Welchen Lohn, rief sie schluchzend aus:
welchen Lohn darf ich Ihnen bieten, der wrdig wre der Gre meines
Dankgefhls?

Einen Lohn, Prinzessin? rief ich bestrzt aus. Welchen Lohnes wre ich
bedrftig? Keines anderen als Ihrer Liebe!

Es wurde nun Alles ernst und ruhig unter Zuziehung des Beirathes meiner
Mutter besprochen. Das Kind sollte von mir aufgezogen werden, vorerst
vor allen Augen unberufener Neugier geborgen; unser an das Haus
anstoender Garten war gerumig genug, ihm die Wohlthat frischer Luft
tglich zu gnnen, auch war das Kind vllig gesund. Unter geheimen
Aufschriften wurden die Orte bestimmt, wohin allwchentlich Nachricht
von seinem Befinden gegeben werden sollte, auch ward verabredet, der
Kleinen ein Zeichen einzutzen, daran die Mutter oder der Vater sie
erkennen knnten, und als das einfachste Zeichen solcher Art schlug ich
vor, die Anfangsbuchstaben ihres Namens S.C.B. zu whlen. Die
Prinzessin schttelte erst mit dem Kopf, als wolle sie meinen Vorschlag
verwerfen -- augenscheinlich mifiel ihr der burische Name -- mit
einemmale aber berstrahlte Freude ihr Gesicht, als sie ein wenig
nachgesonnen hatte, und sie rief: Ja, theure Angs, nicht anders, nicht
anders, als S.C.B.! Das mu ja nicht Botta heien? Nicht wahr? O, es
kann ganz anders heien! C--B-- ja, so ist es recht, so sei es! Wohl kann
es anders heien, es kann Namen bedeuten, denen nicht viele gleichstehen
auf Erden an Glanz und Hoheit, Alter und Ehre, wenn sie auch die Zeit,
gewi nicht fr immer, verdunkelt hat und eine blutrothe Wolke vor jene
groe Sonne getreten ist.

Voll Verwunderung hrte Frau Windt diese Mittheilung an; mit einer
gewissen scheuen Ehrfurcht blickte sie auf das Kind, das da neben ihr im
kleinen Stbchen unbefangen und in holder Unschuld sa und Charpie
zupfte, vielleicht fr die Wunden eines Kriegers, der dem Vater dieses
Kindes und seiner Mutter die Rckkehr in das heigeliebte Vaterland
erkmpfen helfen wollte. Thrnen der Rhrung traten in die Augen der
freundlichen Frau, als ihr fragender Blick auf Angs fiel, denn Frau
Windt erging es wie Faust's Famulus bei Goethe: sie wute nun viel, doch
mochte sie gern vollends Alles wissen. Angs fuhr fort:

Noch kein Jahr war das Kind bei uns in heimlicher Pflege, und mein
einziges Glck, meine liebste Zerstreuung; sein Lcheln war Balsam auf
mein trauerndes Herz, da ich mich von Leonardus treulos verlassen
glaubte, da kam die neue Bekanntschaft, mit ihr mein Unglck. Von allen
Seiten wurde ich bestrmt, ich willigte endlich ein, doch nur unter der
Bedingung, da ich nicht von dem Kinde mich trennen msse. Meine Mutter
fragte brieflich an, schilderte alles treulich, doch theilte sie der
Prinzessin nur mit, da ich mich verheirathen wrde und fest
entschlossen sei, das Kind als mein eigenes mit mir zu nehmen -- und so
willigte diese denn ein, sandte reiche Geschenke und eine nicht
unbedeutende Geldsumme zur Verpflegung des Kindes und Bestreitung aller
seiner Bedrfnisse. Oh, sie hat mir auch nicht wenige Sorge gemacht, die
kleine liebe Sophie, sie hat zweimal an Kinderkrankheiten
darniedergelegen, doch mein brnstiges Gebet fr ihre Erhaltung wurde
erhrt, auch aus der grten Noth half Gottes allmchtige Hand, der ich
nun hier in stiller Demuth vertraue, und hoffe, da er das Kind und mich
wieder glcklich nach der Heimath fhren und geleiten werde. Dann werden
Sie, beste Frau Windt, schlo Angs mit lieblichem Lcheln: die lange
getragene Doppellast los.

Sie waren und sind mir in Wahrheit keine Last, gute Angs! versetzte
Frau Windt. Bleiben Sie bei Ihrem Gottvertrauen, denn Gottes Rath ist
wunderbarlich und fhret es herrlich hinaus.




2. #Rep en roer.#


Der unerschrockene und muthvolle Schirmvogt des Kastells und der
Herrlichkeit Doorwerth ritt, von Arnhem zurckkehrend, eben durch die
Allee und in das Schlo ein, als von der entgegengesetzten Seite aus
einem Schiffe, das den Rhein herabgekommen war, ein bunter Haufe
Soldatenvolkes sich nach dem Kastell zu bewegte; es mochte dieser Haufe
ber hundert Mann stark sein, und es war nicht zu unterscheiden, unter
welchen Fahnen dieses Volk stand und wem es diente; es waren rothe,
blaue, grne und andere Uniformen und Monturen, und deren Trger
offenbar englische, franzsische, niederlndische und wohl auch deutsche
Soldaten, die sich, wie es schien, zusammengethan hatten, um gnzlich
unbekmmert um den Krieg, den die Nationen, welchen sie angehrten, mit
einander fhrten, auf eigene Faust einen kleinen Plnderungskrieg gegen
die Habe der Landleute in diesen Gegenden zu fhren, und stark genug,
selbst wohlbewaffnet genug, sogar ein herrschaftliches Schlo
anzugreifen, an welchen Schlssern dieser geldern'sche und utrecht'sche
Landstrich auerordentlich reich ist.

Als dieser Haufe in wilder Unordnung, unter Geschrei und lautem Streit,
nebst eitel unntzem Lrm, zu dem sich wohl auch das Losfeuern eines
Gewehres gesellte, sich dem Kastell nherte, gab sogleich der Wchter
auf dem Thurme ein Nothzeichen mit der Sturmglocke, das in dem
Augenblick ertnte, als Windt sich eben aus dem Sattel schwang. Rasch
flog sein Blick zum Thurm hinauf und der Wchter schrie vom Thurme
herunter durch sein Sprachrohr: #Marodeurs! Moeskoppers! Zoldaats, van
den Rhin!#

Zum Donner mit den Teufeln! schrie Windt, die kleine Pforte auf und
gleich hinter mir wieder fest zugeschlossen! Vorwrts! -- Und seinen zwei
Dienern, auf die er sich verlassen konnte, winkend, schritt Windt, ohne
sich um Anderes zu bekmmern, durch das schnell geffnete heimliche
Rheinpfrtchen, dessen schwere Riegel hinter ihm zuklirrten. Drei Mnner
voll entschlossenen Muthes wollten sich einem wsten Haufen von einem
vollen Hundert entgegenstellen. Aber die gemessenen Pulse der
Sturmglocke hallten ber die stille flache Gegend hin, und ihr
hlferufender Schall drang bis Helsum und Renkom, ja bis Wolfheese und
Oosterbeck. Windt stand ruhig in ernster, strenger, stolzer Haltung, die
Hand am krummen Sbel, geladene Doppelpistolen im Gurt; seine Begleiter
waren auf hnliche Weise bewaffnet; Entschlossenheit blitzte aus jedem
Blick der Mnner. Der Haufe kam nher, immer nher, nichts als
Galgengesichter, Auswurf der Armeen, Ausreier, Strflinge, denen
gelungen war, den Latten und Ketten zu entlaufen, den Spieruthen sich
zu entziehen.

Achtung! Halt! Was soll's? donnerte Windt die Rotte an.

Essen! Trinken! Quartier! war die Antwort.

Hier ist kein Quartier! Kann einer von euch lesen, ihr Helden? Hier ist
die Sauvegarde des Herzogs von York!

Gelchter und Gesptt war die Antwort. Eine papierene Sauvegarde!
Schafft uns gleich Brod und Branntwein! Lat uns ohne Widerstand in das
Kastell, Herr General oder Maire, oder Platzcommandant, was Ihr immer
sein mgt.

Achtung! commandirte Windt. Linksum! Abschwenken, grad aus! Der Nase
nach! Dort ist die Schenke! und damit deutete er auf ein Haus, das von
Grten und Buschwerk umgeben war. Einem bermig hohen dicken
Strohdach, das an einigen Stellen das Sparrenwerk in etwas
zusammengedrckt und folglich hie und da eine schiefe Stellung
eingenommen hatte, dessen First mit dichten Moospolstern bergrnt war,
aus denen sich zahlreiche rothe Blthenstengel der Hauswurz erhoben,
entragte ein schadhafter steinerner riesiger Schornstein. Das Gebude
selbst war steinern und alt, die dicken Mauern waren mit sich selbst in
mancherlei Zwiespalt gerathen; hie und da schien es, als seien vor
undenklichen Zeiten Breschen in das Gemuer geschossen worden, zu denen
sich nie eine ausbessernde Hand gefunden hatte. Eine Thre reichte fast
bis unter das Dach, eine andere war im Bogen gewlbt, klein und niedrig.
Ein einziges, aber sehr groes Fenster mit trben Scheiben erleuchtete
die gerumige und einzige Stube des Krugs; zwischen dem Strohdach
starrten einige schwarze Lucken, wie schlaftrunkene, halbgeschlossene
Augen. Wohnlich sah es nicht aus, reinlich sah es nicht aus, und schn
sah es gar nicht aus, dieses Haus mit seiner Umgebung, welche vllig
derjenigen glich, die auf Rembrandt's Rattenfnger dargestellt ist. Es
war der Typus der meisten Landhuser in diesem Gebiete. Dorthin lenkte
Windt den Schritt der Gste und gebot dem Schenkwirth, ihnen Brod und
Branntwein und was sonst vorrthig sei, verabfolgen zu lassen, indem er
ihm einen bedeutsamen Wink gab. Der hungrige Haufe fiel ber die
aufgetragenen Nahrungsmittel her, und in ganz kurzer Zeit verschwanden
zahllose Hringe, Kse, Aepfel, Birnen, Zwiebeln, Rettige, Rben, Brode
und was irgend Ebares sich vorfand; inzwischen aber marschirte aus
Helsum und aus Renkom und aus Wolfsheese je ein Trupp gut bewaffneter
Schtzen im Eilschritt nach Doorwerth zu. Windt hatte sich zu den
Schnapphhnen gesetzt, a und trank auch, fragte Dieses und Jenes, lie
sich erzhlen, und hrte mit groer Geduld die Aufschneidereien der
Marodeurs an, unter denen sich besonders ein fadenscheinig gekleideter,
hagerer Franzose hervorthat, der mit seinem Mundwerk stets voran war.
Dieser war auch der, welcher mit seiner Sttigung zuerst fertig wurde,
aufsprang und bramarbasirend ausrief: #Vive Monsieur le Maire! Vive le
Gnral!# Nun gut Quartier in die Schlo fr die brav Einquartier!

Windt hatte einigemal durch das Fenster geblickt und gesehen, was er
sehen wollte. Die ganze Mannschaft des Kastells hatte sich mit der des
Dorfes vereinigt war bewaffnet ber die Zugbrcke gegangen und machte in
ziemlicher Nhe Front gegen die Schenke.

Ich will euch mairen, ihr Canaillen! Beim Teufel sollt ihr Quartier
finden, aber nicht hier! schrie Windt, warf Geld zur Bezahlung seiner
Zeche auf den Tisch, nahm in jede Hand eine seiner ltticher
Doppellufer, lie die Hhne knacken und herrschte dem Gesindel zu:
#Allons enfants pertues de la patrie!# Bezahlt, oder beim Satan! Ihr
sollt, wie die Hollnder, die Suppe nach der Mahlzeit auslffeln, die
Prgelsuppe nmlich!

Hu, was machten die ungeladenen Gste da fr Augen! Flche, Zorn- und
Drohworte schrecklicher Art, Waffengerassel, Toben, Geschrei -- dennoch
wagte keiner von allen diesen Helden, den Arm gegen Windt zu erheben,
denn furchtbar blitzten die vier kleinen dunkeln Augen auf Alle
zugleich, die Mndungen der Pistolen -- und gar nicht lange dauerte der
Lrm, als er pltzlich von starkem Trommelschall unterbrochen ward --
drauen Gewehrkolben am Boden klirrten, Befehlshaberstimmen laut wurden
und Bajonette blitzten.

Jetzt ging es wie vom Wirbelwinde gefegt zur Stube hinaus; Einige
suchten sich im Hause zu verkriechen, Andere traten in das Freie und
suchten das Hasenpanier zu ergreifen, aber berall war der Weg
verstellt, und aus jedem Munde der Fhrer scholl der Zuruf: Streckt die
Waffen! Ergebt euch!

Einige riefen auch in der That angstvoll: Pardon! Pardon! und warfen die
Waffen von sich, die Wildesten und Tapfersten aber nicht; der oben
bezeichnete Franzose verzerrte sein Gesicht zu verzweiflungsvoller
Wildheit und schrie seinen Gefhrten zu: Seht ihr nicht, da es nur eine
Handvoll Bauernlmmel sind? Und ihr ausgediente Soldaten, wollt ihr euch
in's Bockshorn jagen lassen? Achtung! Stellt euch! Schliet ein Quarre!

Der Muth erwachte, wie er in Herzen zgelloser Banden erwachen kann, die
Alles zu gewinnen und Nichts zu verlieren haben, und wenn dieser Haufe,
gereizt wie er war, durch hitziges Getrnk angefeuert, und aus
angreifenden angegriffene und zur Nothwehr getriebene Mnnern werdend,
sich ernstlich zur Wehre setzte, so stand, wenn auch keine Niederlage,
doch ernstliche Gefahr fr Windt's Person, wie fr das Huflein seiner
Getreuen in Aussicht; allein es sollte schnell und berraschend anders
kommen.

Galoppschlag von Rosseshufen, Sbelgerassel, wehende Fhnlein,
Trompetengeschmetter -- sechzig Uhlanen und berittene Jger (Chasseurs)
vom Corps de Rhoon, an ihrer Spitze Graf Ludwig und Leonardus, sprengten
auf den kleinen Schauplatz berraschend heran; die Sbel flogen aus den
Scheiden -- da fiel kein Schu, im Nu war der Marodeurhaufe umritten, im
Nu streckte er die Waffen und bat um Pardon. Das war nur ein Vortrab; es
folgte eine starke Schaar niederlndische Gardereiterei unter einem
Escadronchef, an der Zahl 237 Mann aus der Elite der Armee. O weh, wie
wurde da dem marodirenden Gesindel! Hinter den Gardereitern vom
Regimente Oranien kamen eine Menge Staabsoffiziere hohen und hchsten
Ranges geritten, blitzend in der Pracht des Schmuckes und der Waffen,
die Brust manches Einzelnen von Sternen und Orden strahlend. Windt
selbst war ganz voll Erstaunen; er lie sein kleines Commando schnell
alle wohl eingebten und blichen soldatischen Ehrenbezeugungen machen;
da sprengte der Erbherr an ihn heran und rief: Bravo, bester Windt!
Bravo! Ich bringe Ihnen leider viele Einquartierung -- allein Noth lehrt
beten! Thun Sie, was Ihnen mglich ist! Besorgen Sie uns einen
Stegreifimbis, wie Sie's eben haben! Im Kriege nimmt man's nicht genau;
man hat nicht Zeit fr Etikette, oft kaum fr Toilette! Seine Hoheit der
Erbstatthalter und seine beiden Shne, der Erbprinz und Prinz Friedrich
folgen uns auf dem Fue, mit ihnen ein Prinz von Cond, Prinz Ernst
August von Grobritannien, Herzog von Cumberland, der Prinz von Solens
und Andere.

Ich sinke in die Erde, gndigster Herr Graf! rief Windt erschrocken.

Oh, versetzte lachend der Erbherr: das wre in diesem hiesigen Boden gar
keine Kunst, lieber Windt! Nein, bleiben Sie, wie bisher, auf festem
Boden! Erschrecken Sie nur nicht zu sehr; wir bleiben nicht Alle -- aber
eine gute Besatzung lassen wir Ihnen im Kastell; den Obrist der
Gardereiter mit seinen Adjutanten, Bedienten und Wagen, nebst
fnfundzwanzig Pferden, auch Ludwig und Leonardus mgen hier bleiben!
Das Hauptquartier kommt nach Arnhem, wir mssen von unsern Leuten etwas
in die Herrlichkeit legen; ich kann doch mein eigenes Corps als Besitzer
dieser Gter nicht in die Smpfe betten! Das Kastell mu jetzt, es geht
nicht anders, denn ich gab mein Wort, wenigstens verwundete Offiziere
aufnehmen.

Ehe noch Windt Etwas erwiedern konnte, grten alle in Reih und Glied
stehenden und zu Ro haltenden Truppen militrisch, blieen die
Trompeter, fllte ein donnerndes Oranien boven! um das andere die
Luft, und es ritten der Herzog von York, der Prinz Statthalter und die
vorhin von dem Erbherrn bereits genannten Prinzen heran, denen noch die
Generale Harcourt, Fox und Walmoden folgten.

Das bunte Gewimmel, das sich auf den Wiesenteppichen und in den Alleen
mehr und mehr um Schlo Doorwerth entfaltete, bot ein anziehendes Bild,
und Frau Windt, Angs und die kleine Sophie, die der Schall der
Trompeten aus ihren Zimmern gelockt, schauten mit Lust, in die sich ein
gewisses Bangen mischte, von einer gedeckten Bastei herab. Hinter den
Prinzen und der hohen Generalitt folgte die Legion Rohan, welche unter
dem Befehle des Herzogs von Cond stand, und an diese schlo sich der
Rest des fliegenden Corps leichter Reiter, Jger von Rhoon an, welches
der Erbherr gebildet hatte und als Chef fhrte, dessen Namen es trug und
bei welchem Graf Ludwig und Leonardus als Hauptleute standen.

Groes und Wichtiges drngte sich in gleichem Mae wie die Flle hier
versammelter bedeutender Persnlichkeiten in die Macht des Augenblickes
zusammen. Windt wurde als Commandant des Kastells mit belobenden Worten
flchtig vorgestellt und auf seine Anfrage, was es mit den Gefangenen
werden solle, antwortete der Erbherr: Die wollen wir nicht auch noch
fttern! Er gab Befehl, da Ludwig und Leonardus sie mit einigen Reitern
nach dem Strome mit Zurcklassung aller ihrer Waffen geleiten sollten,
wobei freigestellt blieb, ihnen sammt und sonders auf fhlbare Art die
Wiederkehr zu hnlicher Mahlzeit zu verleiden. Der Abtheilung, welche
die Marodeurs nach ihrem Schiffe eskortirte, schlo auch Philipp sich
an, der sich im Felddienste zu einer ungemein krftigen Natur entwickelt
hatte und guten Takt nebst einer stets zum Dreinschlagen bereiten
Herzhaftigkeit an Tag legte.

Philipp sah sich mit scharfem Blicke die Mannen an, die voll Aerger,
verbissener Wuth und in tiefem Schweigen von den Kriegern umringt ihres
Weges gingen, und heftete fest und anhaltend seine Blicke auf jenen
Sprecher und Schreier, der kurz zuvor eine Art Huptling der
nichtsnutzen Bande gespielt. Einmal drckte er sein Pferd so nahe an
diesen Gesellen heran, da derselbe unwillig in seiner Muttersprache
laut wurde. Ha Kiebitz, dich kenn' ich! dachte Philipp und lie den
Marodeur nicht mehr aus den Augen.

Am Rheinufer, wo das Schiff in nchstmglicher Nhe von Doorwerth
anhielt, gab es nun eine nicht eben sthetische Scene, vielmehr gab es
viele und sehr bedeutende Prgel und flache Klingenhiebe von Seiten der
Reiter auf die Marodeurs als Valet und Angedenken, whrend dessen
Philipp von seinem Braunen sprang, diesen dem Reitknecht von Leonardus
zu halten gab und sich dicht an den Franzosen drngte, auch denselben
bis hart an den ziemlich hohen und vom Wasser schroff abgesphlten
Uferbord folgte und ihn schtzte, als einer der Kameraden auch auf
diesen losfuchteln wollte. Als aber der Franzose so eben im Begriffe
war, seinen Fu nach dem Schiffe zu lenken, ergriff Philipp ihn mit
starker Hand am Kragen, ri ihn zurck, schttelte ihn derb und tchtig
und rief ihm spttisch zu: Brger, wenn ich nicht irre, so drstet Euch
wieder? He? Und seht so schmutzig aus, Brger! Habet lange kein Bad
genommen! Nehmet man jarst diar jahn p! -- und mit einem gewaltigen
Griff, gegen den kein Struben half, nahm Philipp den Franzosen, hob ihn
auf beiden Armen hoch in der Schwebe und gab ihm einen Schwung, da er
einen Burzelbaum in der Luft schlug und Kopfber hinab in den Rhein
scho, zur groen Ergtzlichkeit derer, die es sahen.

Philipp! Philipp! bist du toll! zrnte Graf Ludwig, der zu spt diese
That gewahrte, aber Philipp entgegnete ganz pflegmatisch und wie in
gutem Recht: Halten zu Gnaden, gndiger Herr Hauptmann, das war der
verdammte Ueppasser von Paris -- hat lange nicht kalt gebadet, der
Kerl! -- Dort nach dem jenseitigen Ufer hinber sah man den Franzosen
schwimmen wie einen Frosch; mit Noth gewann er den halb in das Wasser
gesunkenen Stamm einer alten Weide, an den er sich hielt, seine Rettung
abzuwarten, denn auch das Ufer der linken Seite war jetzt, bei niedrigem
Wasserstand, zu tief, als da es an dieser Stelle zu erklimmen gewesen
wre, und mit wthender Grimasse drohte er herber.

Windt entlie mit freundlichem Danke seine Hlfsmannschaften, nicht ohne
Anweisung, sich auf seine Kosten fr ihren raschen Zuzug gtlich zu
thun; der grere Theil der Frsten und der hohen Generalitt setzte
sogleich ihren Weg nach der nahen Stadt fort, wo Alles zu ihrem Empfange
bereit war, und der Erbherr fhrte, indem er einen Theil der Truppen
Jenen zu folgen, einen anderen zum Verweilen beorderte, seine hohen und
erlauchten Gste in das Kastell ein, das er nun als sein Eigenthum
vorlufig ansah. Windt war vorausgeeilt und bot im Schlosse alle Krfte
auf, das Mgliche zu thun, was zu leisten war, damit die kleine
Bewirthung, zu welcher der Erbherr mehrere seiner hohen Gnner und
Freunde eingeladen, doch einigermaen eine Art habe, und es fehlte auch
keineswegs an E- und Trinkmitteln, noch an helfenden Hnden; die Kamine
eines kleinen Saales waren schnell geheizt, ganze Batterien von Flaschen
berhmter Weine rasch aus den Tiefen, in denen sie ruhten, an das
freundliche Licht des Tages gefrdert, und es boten sich westphlische
Schinken, hannoversche Wrste, hollndische Kse, marinirte Fische,
hamburger Rauchfleisch und dergleichen gediegene Waaren in gengender
Flle zur Auswahl der Gste dar, die mit soldatischem Muth mrderlich
einzuhauen und das edle Blut der Reben zu vergieen begannen.

Das hei ich Rep und Ruhr! rief Windt voll Hast und Unruhe seiner Frau
zu, als er ihr und Angs den Besuch mit kurzen Worten meldete und die
Mithlfe beider Frauen im Beschicken des nthigen Tischzeuges erbat -- ja
Rep und Ruhr, eine Redensart, die nur der hollndischen Sprache eigen
ist und so viel bedeutet, wie das deutsche: Alles durcheinander wie
Kraut und Rben.

Indessen dergleichen geht auch vorber; es whrte gar nicht lange, so
war Alles im besten Zuge; die hohen Herren tafelten vergngt, manche
unterhielten sich sehr lebhaft, andere stiller und zu den Letzteren
gehrten der Erbprinz der Niederlande und einer der fremden Prinzen,
eine jugendlich schne Gestalt, zarter gebaut, wie sein frstlicher
Freund, blond, herrliche Blauaugen, deren Strahl nur Liebenswrdigkeit
verkndete. Diese beiden jungen Herren hatten sich ein wenig
abgesondert, ohne da es auffiel, und ihr Gesprch galt nicht dem
belagerten Nimwegen, nicht dem Hauptquartier, nicht den Armeen -- es galt
nur einem kleinen Kinde.

Deine beiden Gnstlinge vermisse ich, den Grafen und den Kaufmann, die
Hauptleute beim reitenden Jgercorps Rhoon -- sprach der fremde Prinz.

Wo die sind, kann ich mir wohl denken, mein theurer Henri! entgegnete
der Prinz Statthalter, und du sollst sie sehen, doch glaube ich, dir
ungleich Anziehenderes im Kastell Doorwerth, dem Besitzthum meines
theueren Freundes des Grafen von Rhoon und Pendrecht, zeigen zu knnen.

Hier? Und mir? Wie so, Oranien?

Erinnere dich einmal, mein theuerster Henri, entgegnete der Erbprinz:
jener schnen und unvergelichen Stunde, in der wir den Bund unserer
Herzen schlossen, voll jugendlicher Trume, die wir ja hoffentlich noch
nicht ganz ausgetrumt haben. Ich gestand dir meine Liebe zu meiner
angebeteten Louise, der Tochter des Knigs Friedrich Wilhelm des Zweiten
zu Preuen, deren hochbeglckter Mann ich dann -- zur unaussprechlichen
Freude meiner Mutter wurde, welche Louise wie eine leibliche Tochter
liebt. Du gestandest mir deine Liebe, ber welche Zeit und Verhltnisse
dich zwangen, den Schleier des Geheimnisses zu decken. Du gestandest mir
Alles, denn jedes Menschenherz hat den Drang, in irgend ein Herz sein
Geheimni nieder zu legen, irgend einer treuen Brust zu vertrauen, und
der Lohn deines Vertrauens soll dir heute noch, in dieser Stunde noch
die seste Frucht tragen.

Ich verstehe dich kaum, begreife dich nicht, Guillaume, sprach der
Prinz, hoch errthend und mit ahnungsbangem Herzklopfen.

Hre mich, und du wirst mich gleich begreifen! flsterte Jener weiter.
In Amsterdam traf ich im letzten Frhjahre im Zirkel eines reichen
Kaufmannes eine junge sehr hbsche Frau und bei dieser ein engelschnes
Kind. Es gab leider zu meinem Leidwesen ber gewisse Familienverhltnisse
und sich kreuzende Interessen eine Scene, bei welcher jene hbsche Frau
von einer Ohnmacht befallen wurde. Whrend man sich mit ihr beschftigte,
suchte ich, von einem wunderbaren Gefhle getrieben, das erschrockene
Kind zu beschftigen, die kleine Sophie Charlotte.

Sophie Charlotte, sagst du? fuhr der Prinz auf.

Nicht anders, und der Zufall lie mich die in des Kindes linken Arm
eingetzten drei Buchstaben entdecken, die dir bekannt sind und deren du
gegen mich Erwhnung gethan hast.

Nicht mglich, nicht glaubhaft! Mein Kind -- und in Amsterdam! Es ist ja
ganz undenkbar!

Wenn du das Kind sehen wirst, wird jeder Zweifel von dir abfallen, mein
Henri, wie Schuppen von den Augen, denn es gleicht dir auf wunderbare
Weise.

Sehen? Ich! Es sehen! O Gott, wie wre dies mglich! Wir knnen uns
Beide jetzt in Amsterdam nicht sehen lassen!

Leider! versetzte der Erbprinz. Zum Danke dafr, da mein Vater und ich
Holland mit Gut und Blut gegen Frankreich schtzen und vertheidigen,
verbannt es uns und will nichts von uns wissen.

Das la immer geschehen, warf der Prinz ein. Das sind wandelbare
Geschicke, deshalb wirst du doch noch Statthalter der Niederlande, ja
wohl noch in einer besseren Zeit, wenn die wahre Freiheit und die rechte
Vernunft zur Geltung kommen, Knig! Aber sprich, Guillaume, sprich von
meinem lieben Kinde!

Angs -- du kennst ganz sicher den Namen von Sophiens treuer Pflegerin --
hatte, wie sie gelobt, das Kind nie von sich gelassen. Sie hatte sich,
wie ich spter von ihrem Freunde und treuen Anbeter Leonardus van der
Valck erfuhr, nach le Mans in der Vende verheirathet; dort entwich sie
den Mihandlungen ihres eiferschtigen Mannes unter Leonardus Schutz und
kam nach Amsterdam. Es folgte ein Zerwrfni des Leonardus mit seinem
Vater; ein inniges Freundschaftsbndni fesselte Leonardus an den jungen
Grafen, den Vetter meines wackeren Rhoon; an diesem hngt mit voller
Seele und Hingebung der biederherzige Commandant und Verweser dieses
Kastells und der Letztere erschlo den Flchtlingen Leonardus und Ang's
Doorwerth als ein Asyl, da an eine Weiterreise in Angs' Heimath, welche
Erstere mit dem Kinde beabsichtigt, unter den jetzigen Umstnden nicht
zu denken ist.

Dem franzsischen Prinzen war, als ob er trume. Wundersameres konnte
nicht geschehen, als da er hier, mitten im Lrm der Waffen, das theuere
Pfand seiner schnen, zrtlichen Liebe wiederfinden sollte.

Ludwig und Leonardus saen bei Angs und Sophie, Vieles gab es zu
fragen, zu erzhlen und mitzutheilen, die kurze Stunde, welche diesem
Wiedersehen vielleicht nur vergnnt war, mute genutzt werden zu rascher
gegenseitiger Mittheilung. Da blickte Windt in das Zimmer und winkte
Ludwig auf einen Augenblick hinaus. Gleich darauf traten zur grten
Ueberraschung von Leonardus der Erbprinz von Oranien und der
franzsische Prinz ein; verwirrt erhoben er und Angs sich von ihren
Sthlen.

Verzeihung, da wir Sie stren! sprach der Erbprinz, und gegen seinen
Freund gewendet, auf Leonardus deutend: dies ist Hauptmann van der
Valck, ihm danken Eure knigliche Hoheit es, diese Ihnen bekannte Dame
hier zu finden und ich empfehle den wackern Mann zu hchsten Gnaden. Sie
aber, lieber Hauptmann, ersuche ich, diesen Herrn einige Augenblicke bei
der Dame und diesem Kinde zu lassen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da
in keiner Weise hier etwas zu befrchten ist.

Leonardus war hchlich berrascht, Angs nicht minder. Sie hatte ja den
fremden Prinzen noch nicht gesehen, und obschon beim Anblick seiner Zge
eine Ahnung in ihr aufstieg, wute sie doch kaum, ob sie dieser eine
Bedeutung beilegen sollte.

Leonardus grte soldatisch den Prinzen und folgte ganz unbedenklich der
Weisung des Erbprinzen, indem er mit diesem das Zimmer verlie.

Sie sind Angs Daniels, und dieses Kind? fragte der Prinz in Verwirrung.

Angs antwortete nur durch eine stumme Verbeugung, aber wie die Kleine
mit dem holdseligsten Lcheln und ganz unbefangen ihre dunkeln Augen
aufschlug zu dem stattlichen jungen Mann, der im vollen Schmuck des
Kriegers schlank und edel da stand und nach Worten, nach einem Ausdruck
der Gefhle rang, da war der stumme Augenblick zu heilig, als da ein
irdischer Laut ihn htte entweihen drfen.

Angs beugte sich zu dem Kind nieder, schlug den Aermel des Kleidchens
empor und der Prinz kniete hin vor sein Kind, kte die Buchstaben und
kte Sophie, ja er berstrmte sie mit Kssen und Freudenthrnen und
endlich rief er erschttert und voll innigster Sehnsucht der Liebe aus:
O, Charlotte! meine angebetete Charlotte! Da du bei mir wrst, mit mir
diesen wonneseligen Augenblick zu feiern! O, meine Sophie! Meine
himmlische Sophie!

Sie sind mein Vater? fragte das Kind mit dem vollen Wohlklang seiner
Stimme. Ich wei es, da Sie mein Vater sind.

Und wer sagte dir dies, mein liebes, mein theures Kind?

Weil der Vater sein Kind kt, antwortete die Kleine. Mich hat noch kein
Vater kssen drfen, meine Angs litt es nicht. Sie sagte oft: einst
wird Ihr Vater kommen, liebe Sophie, und wird Sie kssend in seine Arme
schlieen, und Sie werden eine groe Freude empfinden. Ich empfinde
jetzt diese Freude, und sie sagt mir, da Sie mein Vater sind.

Der Prinz war entzckt ber den Geist, mit dem sein Kind sich
ausdrckte, wie darber, dasselbe auch krperlich so schn ausgebildet
zu finden, so da Sophie in der That fr ein Jahr lter angesehen werden
konnte, als sie wirklich war; er wiederholte seine innig zrtlichen
Liebkosungen, welche das Kind, von Sympathie durchglht, von der
Allmachtstimme der Natur geleitet, in gleicher Zrtlichkeit erwiederte.
Angs lie Beide lange im ungestrten Genu dieses beraus reinen und
beseligenden Glckes, und erst als der Prinz an das Scheiden denken
mute, wagte sie die Frage: Knigliche Hoheit haben ohne Zweifel
Nachricht von Ihrer Hoheit, der Prinzessin?

Es geht Charlotten gut, erwiederte der Prinz: doch hat sie mchtige
Sehnsucht nach dem Kinde, da Ihr Aufenthalt ihr unbekannt ist. O, eilen
Sie, eilen Sie nach jenem Lande, hinweg aus diesem von den Gefahren des
Krieges rings und mehr als je umdrohten Zufluchtsort! Ich sorge fr
Alles; nehmen Sie eine Dienerin an, der bequemste Reisewagen soll zu
Ihrer Verfgung gestellt sein, eine Escorte meines Regiments soll Sie
sicher durch die Armee den Rhein hinauf geleiten, und in einem ruhigeren
unbedrohten Lande und in der Nhe der herrlichen Mutter dieses Kindes,
nicht allzufern von Ihrer eigenen Mutter, sollen Sie ein schnes Asyl
finden und allen Dank der Liebe ernten, den Ihre aufopfernde Treue
verdient. Und ich selbst werde Sie Beide geleiten, so weit es mir irgend
mglich ist. -- Alles Gold, was der Prinz bei sich trug, vertheilte er an
Sophie und an Angs; jubelnd empfing das Kind die blanken Bilder vieler
geharnischter Ritter, nagelneu aus der Mnze zu Amsterdam
hervorgegangen, als angenehmes Spielzeug. Angs fand keine Grnde, das
Erbieten des Prinzen zurckzuweisen, dasselbe kam ihren Wnschen ganz
entgegen, denn nach der Heimath, der schnen, gemthvollen, geliebten
deutschen Heimath sehnte sich ihr ganzes Herz.

Die Kriegshelden hatten mittlerweile den gegen sie durch Windt
aufgefahrenen Flaschen-Batterien sehr bedeutende Niederlagen
beigebracht. Die meisten der Geschosse waren vorlufig vllig
unbrauchbar gemacht und viele insofern vernagelt worden, als ihr Inhalt
bis zur Nagelprobe ausgeleert war, so da es ganz unmglich war, aus
ihnen in dem Zustande, in welchem sie sich gegenwrtig befanden, noch
einmal Feuer zu geben. Windt hatte sich glnzend bewhrt, auch in diesen
Stcken, und allerseits ward ihm das freudige Anerkenntni, da er zum
Siege des heutigen Tages das Meiste, ja eigentlich Alles, beigetragen
habe. Er empfing daher das volle Lob nicht nur eines, sondern aller
Chefs, die hier versammelt waren, und wenn er weder an diesem Tage, wie
auch an keinem sonstigen einen Orden empfing, so fehlte es doch nicht an
Ordres, lauten und geheimen, und er konnte seelenvergngt und aufathmend
seine drei Kreuze schlagen, als der letzte der frstlichen und
prinzlichen Gste aus dem Thor des Kastells geritten und ber die
Zugbrcke hinber war.

Es war angeordnet, da eine bedeutende Schutzmannschaft im Kastell
Doorwerth verbleibe, welcher aus guten und freundlichen Grnden der
Erbherr auch einen Theil seiner Leute zugesellte und sie unter die
Befehle von Ludwig und Leonardus stellte. Diesen Freunden stand nach
dem, was vorgegangen war, die Trennung von Angs aufs Neue, ja
vielleicht auf immer bevor, wenn nicht Angs die Nachrichten empfing,
auf die sie hoffte, oder ihre Liebe zu Leonardus so mchtig war, da sie
jedes Hinderni ohne Rcksicht brach.

Jener Prinz, Sophiens erlauchter Vater, dem Alles daran gelegen war,
sein Kind zu sichern und dasselbe vom bedrohlichen Schauplatz des
Krieges zu entfernen, fhrte fr die drei in Liebe und Freundschaft
verbundene Herzen die einmal unaussprechliche Trennung rasch herbei,
und Alles, was den Freunden vergnnt blieb, war, die scheidende Angs
auf ihrer Reise mit dem Kinde ber den Rhein hinber zu begleiten,
welche Reise sich von Arnhem ber Emmerich und Wesel nach Dsseldorf
lenkte, und zwar so weit zu begleiten, als noch irgend eine Gefahr zu
drohen schien. Dann reiste Angs mit Sophie, auch fr den Weiterweg in
den Schutz erprobt tapferer Krieger aus der Legion Rohan gestellt,
vllig ungefhrdet weiter, bis endlich nach langer Fahrt ein stilles
Gebirgsdrfchen des Schwarzwaldes sie in seinen Friedensschoos aufnahm,
in dem jetzt keines Kriegers Waffe, sondern nur zur Sommerzeit der Mher
Sense ber den duftausstrmenden Waldeswiesen blinkte, und kein anderer
Schu fiel, als zu Zeiten der eines heiteren Weidgesellen, der auf
nichts weniger ausging, als auf Menschenmord. Angs hatte mit festem
Sinn die Gluth ihrer Liebe zu Leonardus in sich verschlossen; mit
starkem Frauensinn hatte sie sich gelobt, ihrer Leidenschaft, die sie
mit tausend Sehnsuchtbanden in die Arme des geliebten Mannes zog, zu
bewltigen, und sie ging als Siegerin aus diesem Kampfe hervor, obschon
nicht ohne eine tiefschmerzende Seelenwunde. Der Abschied zerri ihr
Herz, und trbe Ahnungen durchschauerten ihre Seele. Ein Briefwechsel
wurde, als sich von selbst verstehend, verabredet; Leonardus Briefe
sollten alle auf der Post zu Lahr liegen bleiben und von dort durch
zuverlssige Boten abgeholt werden.

Frau Windt empfing neben manchem schnen Andenken die Zusicherung nie
erlschender Dankbarkeit. Sie vermite schmerzlich die gute hlfreiche
Angs, als sie sich nun, nach ihres Mannes Lieblingsausdruck, fast fort
und fort in Rep und Ruhr befand. Diese Verwirrung nahm noch lange kein
Ende; doch Windt hatte sich nun eingelebt in das bewegte kriegerische
Leben, ritt oft mit den Freunden nach Arnhem, fhrte erbitterten Krieg
gegen alles marodirende Gesindel, und hatte an Philipp dabei einen stets
kampflustigen handfesten Gehlfen. Unterdessen dauerten die Kmpfe fort;
an der Wahl schlug man sich mit der heftigsten Erbitterung, und der
fortwhrende Kanonendonner erschtterte den Erdboden so heftig, da sich
Windt's Tisch zitternd bewegte, an dem er sa, an seine Gebieterin
schrieb und ihr Bericht erstattete.

Nimwegen, die Festung Grape an der Maas, Thiel in der Betuwe (sprich
Betaue) an der Wahl, wurden zu gleicher Zeit bombardirt, Bommel war hart
bedroht, fast das ganze Reich von Nimwegen (Bezeichnung des Landstrichs
zwischen Wahl und Maas) stand in Flammen. Endlich gingen die Franzosen
zwischen Lent und Pandeeren unter stetem frchterlichen Feuern und in
einem dichten Nebel ber die Wahl, und versuchten auf dem Bommeler Weerd
zu landen. Ringsum und berall war das Land in offnem Kriege.




3. Der Spion.


Da Windt das ihm anvertraute Kastell Doorwerth in sicherem Schutz wute
und ihn verlangte, gewissere Nachrichten ber den Stand der Dinge auf
dem Kriegsschauplatz einzuziehen, als ihm zukamen, um seine eigenen
Maregeln danach zu nehmen, so forderte er seine jungen Freunde Ludwig
und Leonardus auf, mit ihm in Begleitung berittener Dienerschaft einen
Auskundschafts-Ritt in die obere Betaue zu machen, welcher Vorschlag
Jenen nur willkommen war. Sie ritten lngs des Rheines ber das kleine
Flchen, die Doorwerth, nach Wageningen, wo Windt nicht unterlie, den
Brgermeister nach seinem Ausdruck zu bezahlen, dafr, da dieser
gleichsam ber das Kastell verfgen zu wollen sich erdreistet hatte;
dann setzten sie ihren Weg nach Rheenen fort, wo eine Fhre sie an das
linke Rheinufer brachte. Von da verfolgten die Reiter ihren Weg durch
die unabsehbaren Wiesenfluren der Nieder-Betaue, welche aber bereits in
die weie Schlummerdecke des Winters eingehllt waren, was den Ritt
erleichterte, denn die Wege waren etwas hart gefroren, bis zum Flchen
die Linge, ber welches sich eine steinerne Brcke spannte und bis zum
Dorf Isendoorn, ohnweit welchem die Wahl ihre langsame und trbe Flut
wlzte. Lngs der Wahl immer westwrts reitend, nherten sich die
Freunde mit Vorsicht der Stadt Thiel, und befragten hie und da
begegnende Landleute nach den jngsten Ereignissen, ohne jedoch wichtige
Aufklrungen zu erhalten, denn das Landvolk zeigte sich scheu und
furchtsam, mitrauisch und trge, und nahm um so weniger Antheil daran,
ob der Freund oder der Feind siege, weil es lngst die Ueberzeugung
gewonnen hatte, da der Freund es unmglich schlimmer mit ihm machen
knne als der Feind, eine Ueberzeugung, welche Windt im vollen Mae
theilte, denn, sagte er, die Englischen und Hollndischen nehmen, was
sie finden -- und mehr als sie finden, werden die Franzosen auf keinen
Fall nehmen knnen, dies ist logisch und unumstlich richtig.

Die Freunde nahmen wahr, da die Landleute, sobald sie des Reitertrupps
ansichtig wurden, sich, so schleunig es gehen wollte, hinter Hecken und
Weidenbsche verkrochen, in Grben duckten, und sich so eilig unsichtbar
zu machen suchten, wie die Feldmuse, die hie und da noch aus ihren
Lchern geschlpft, ihre letzte Nachernte hielten, worber Windt, da auf
diese Weise kaum Jemand seinen Fragen Stand hielt, sich nicht wenig
erzrnte. Die Reiter sahen schon den mchtigen Kirchthurm von Thiel vor
sich aus der endlosen Ebene emporragen, und waren an eine Stelle
gelangt, wo zwischen dem Drfchen Oyen und Sandyk sich mehrere Wege
kreuzten, als Windt's scharfes Auge einen Menschen gewahrte, den er
schon einmal und zwar vor Kurzem gesehen zu haben glaubte, welcher
Mensch eine blaue Bluse trug und unter derselben dunkel gefrbte
Beinkleider; ein breitkrmpiger Bauernhut bedeckte seinen Kopf; dieser
Mensch hatte scharf nach den Reitern gesehen und duckte sich jetzt
hinter Erlen und Weiden nieder, die am Ufer eines Grabens standen.

Wieder so ein verdammter Ausreier! rief Windt. -- Er hatte es aber noch
nicht vllig ausgerufen, so galoppirte schon Philipp mit einer
geschickten Schwenkung so rasch um das Gebsch herum, da er jenem
Menschen in dem Augenblick den Weg verritt, als derselbe in einen am
Ufer befestigten Kahn springen wollte. Der Flchtling erschrak, lief
rechts, da kam ihm Ludwig, er lief wieder links, da kam ihm Leonardus
mit lautem Anschrei entgegen. Noch einmal rannte er nach dem Wasser
zurck, whrend er ein Pistol zog und den Hahn spannte, aber Philipp
ritt stracks auf ihn zu, und htte ihn unfehlbar ber den Haufen
geritten, wenn er nicht in die Knie gesunken wre und gerufen htte:
#Mille pardon! mille pardon!# whrend er die Waffe aus der Hand warf.

Sieh, sieh, Leonardus! Wiederum unser Pariser! rief Ludwig, und
Leonardus erwiederte: Wahrhaftig, der Citoyen von der Seineterrasse, der
#a ira#-Mann von der Balustrade!

Das Gromaul von neulich! Was zum Kukuk hat der Bursche hier zu thun?

Der Wasserspringer! gab Philipp dazu. Ich kannt' ihn gleich von Weitem
an seinen langen dnnen Schlenkerbeinen, gndige Herren Hauptleute. Soll
ich ihn in die Wahl schmeien?

Da htte er die Wahl zwischen Seine und Rhein! lachte wortspielend
Ludwig. Nein, bindet den Kerl und lat uns ihn mitnehmen. Tuscht mich
nicht Alles, so erfahren wir von ihm mehr als von irgend Jemand.

Henkt ihn auf, dort an jene Weide! schrie Windt, den ein Gefhl wilder
Rache gegen den Mann berkam, der ohnlngst als Fhrer einer Bande das
Schlo mit groer Gefahr und ihm selbst das eigene Leben bedroht hatte.
Mit angstvoll verzerrtem Gesicht sich am Boden windend und unter einer
Ueberflle flehender Worte bettelte der Franzose um sein armseliges
Leben.

Uebt Gnade, bt Barmherzigkeit, meine gndigen Herren! Ich bin ein armer
von Gott und der Welt verlassener Mensch! Ich will Alles bekennen, was
ich wei! Ich will euch Alles berichten! Nur nicht henken, nur nicht
henken! Sollte mein Hals doch daran? Ich bin aus Paris entflohen, meinen
Hals zu retten; ich scheute die Berhrung des Guillotinebeils mit meinem
Halse! Ich bin von der Armee dessertirt, weil dort mein Hals in Gefahr
war! Schont ihn, schont ihn, ich habe nur diesen einen!

Pardon fr ihn, lieber Windt! Er ist ja unser Gefangener, riefen die
Hauptleute.

Nun denn, wie Sie befehlen! erwiederte Windt; aber bindet ihn fest,
Philipp, lat ihn nicht einen Augenblick aus den Augen. Diese Art ist
wie ein Aal! Grtet ihn mit einer Halfter fest an den Schweif eines
Pferdes. Reitet ihm zur Rechten und zur Linken, ihr Bursche, und einer
dicht hinter ihm, die Klingen blank! Wenn er nur eine Miene macht zu
entwischen, haut ihn auf der Stelle zusammen, den Coujon!

Ich will nicht entfliehen! Ach habt nur Gnade, mein gestrenger Herr
General! flehte der Franzose.

Der Teufel ist dein General, nicht ich! zrnte Windt, und nachdem seine
Anordnungen vollbracht waren, wurde der Rckweg angetreten.

Nicht uninteressant waren die Aufschlsse, welche der gefangene Franzose
ber seine eigene Person und ber die Ereignisse auf dem
Kriegsschauplatze gab. Wie viel an Allem, was er aussagte, Wahres oder
Falsches sei, lie sich freilich nicht ermitteln. Was ihm nach und nach,
bisweilen nicht ohne Nthigung und ernstliche Androhung, abgefragt
wurde, lie sich in die nachstehenden Aussagen zusammenfassen.

Mein Name ist Clement Aboncourt, mein Geburtsort Saarlouis; mein Vater
war Friseur, ich wurde Schneider. Mein Meister war Theaterschneider, das
brachte mich zeitig auf die Bretter. Ich probirte fleiig neugefertigte
Garderobestcke an meinem eigenen Leib und fand, da sie mir herrlich zu
Gesicht standen; ich wurde Schauspieler und siedelte von einer der
zahlreichen Frankreich durchziehenden Banden zur andern ber. Die
Charaktereigenheit der Mehrzahl meiner Collegen, nie zufrieden zu sein,
in den angenehmsten Verhltnissen nicht gut zu thun, stets sich auch mit
den besten Directoren auf gespannten Fu zu setzen und nur den
Augenblick abzuwarten, der eine bessere Aussicht erffnet, um
contractbrchig davon zu laufen, war auch mir in vollem Mae eigen.
Nebenbei war ich, da ich ziemlich viel Talent fr das Fach der Komiker
wie der Intriguants hatte, stets der bescheidenen Ansicht, die fast
jeder von seiner Person festhlt, da ich bei jeglicher Gesellschaft,
mit der ich spielte, das bedeutendste Talent sei, der hervorragendste
Mime, alle Collegen neben mir nur Stmper und Lumpe; was Wunder, da ich
zeitig begann die Wandelbhnen zu verachten, da das einzige Paris mein
Ziel wurde? Dort gelangte ich hin, fand auch Anstellung auf einem
Vorstadttheater und trat in gleicher Weise wie frher von einer Bhne
zur andern; ich spielte inde mit sehr migem Beifall, und gefiel
zuletzt mir selbst noch weniger wie dem Publikum, so da ich mich
doppelt verkannt sah. Die Revolution fegte alle den kleinen Bhnenkram
zur Seite, ich wurde brodlos und war zuletzt froh, ein kleines
Stellchen bei der geheimen Polizei zu erhalten. Dies war die Zeit, wo
ich die Ehre hatte, Sie, meine Herren, als verkleidete Auslnder in
Carmagnolentracht zu entdecken und die gute Absicht hegte, Sie als
Spione des Auslandes, fr welche ich Sie hielt, unter das Beil zu
liefern. Die nicht eben tapfere That Ihres Begleiters vereitelte mein
Vorhaben und hatte fr mich sehr trbe Folgen. Einer meiner Collegen --
befehligt, gleich mir, auch auf jeden Mouchard, der ihm bekannt war, ein
scharfes Augenmerk zu richten -- stand am jenseitigen Ufer der Seine,
blickte nach mir herber und sah mich pltzlich den unfreiwilligen
Saltomortale herab in die Seine machen. Er gab mich an, und ich wurde,
nachdem man mich verhrt hatte, mit dem Prdicat eines grenzenlosen
Dummkopfs und dem Rathe, ohne Verzug das Weichbild der guten Stadt Paris
zu verlassen und es nie wieder zu betreten, meines Aemtchens entsetzt,
und hatte nun zu dem vielen Wasser, das Sie mich hatten schlucken
lassen, nicht einmal trockenes Brod. Der Hunger mehr noch als der Durst
trieb mich jetzt zur Armee, und so kam ich in diese Gegend. Wie es den
armen Soldaten geht, werden Sie wissen, meine Herren, Hunger, Durst und
Klte und feindliche Kugeln, das sind die ganzen Annehmlichkeiten, die
heut zu Tage ein tapferer Franzose zu erwarten und zu genieen hat, der
fr die glorreiche Republik kmpft. Ich eignete mir eine Flasche Cognac
zu, um eine Schutzwaffe gegen zeitweiligen Durst und die unertrgliche
Klte zu haben, und der Eigenthmer derselben wagte die Behauptung, da
ich dies heimlich gethan, erklrte auch einige Zehnlivresstcke, die
sich in meiner Tasche fanden, fr die seinigen, ja, er steigerte sogar
seine schndlichen Anklagen zu solcher Hhe, da er behauptete, diese
schlechten Hosen, welche ich hier anhabe, seien auch die seinigen.
Darauf hin war man so ber alle Maen grausam, mich henken lassen zu
wollen, und es kostete mir unsgliche Mhe, bevor der Strick um meinen
Hals wirklich zugezogen wurde, mich einer so entehrenden Behandlung ganz
zu entziehen, indem ich nmlich durchging, eine Sache, in welcher meine
theatralische Laufbahn mir jene Ausbildung verliehen, welche meine
Muttersprache mit dem trefflichen Worte #Routine# bezeichnet. Ich ging
zu einer andern Heeresabtheilung ber, bei der ich mich als
Auskundschafter meldete, und als solcher willkommen war. Als solcher
mischte ich mich unter die Marodeurs, an deren Spitze ich ohnlngst der
Ehre theilhaft wurde, Ihnen, sehr geehrte Herren, zu begegnen, um die
Ausreier unsers Heeres wo mglich an den Galgen zu liefern. Mir fiel,
bei meiner Ehre sei es geschworen, nicht ein, zu plndern, ich war der
Unschuldige unter jenen Schuldigen, ich mute nur so thun, wie ich that,
um im Vertrauen jenes Gesindels zu bleiben, und ich sehe in der That
nicht ein, weshalb jener Herr sich so darauf steift, mich in alle
mglichen Flsse Europas zu werfen, da ich doch ein Franzose bin, der
gern auf dem Trocknen ist und der in diesem Lande verbreiteten Secte der
Wiedertufer ganz und gar nicht angehrt.

Dieser mit klglichem und beweglichem Geberdenspiel von Seiten des
Spions gehaltene Vortrag belustigte die Zuhrer und benahm jedem
Einzelnen derselben den etwaigen Gedanken irgend einer gegen den
gefangenen Mann zu benden Grausamkeit. Ihn unschdlich zu machen,
mindestens fr die Sache Hollands, konnte gengend erscheinen, doch
wollte Windt die Habhaftwerdung der nichtsnutzen Person des Spions
mindestens dadurch nutzbar machen, da Clement Aboncourt nun offen und
haarklein Alles sagen sollte, was ihm vom Stande der franzsischen Armee
oder sonst von seinen Landsleuten bekannt sei. Unter dieser Bedingung
sollte Aboncourt das Leben geschenkt und er nur so lange im Kastell in
Haft gehalten werden, bis entweder der Feind ber den Rhein und die
Yssel in's Land brechen oder ein Friedensschlu zu Stande kommen wrde,
dem die hartmitgenommenen Lnder sehnlich entgegenhofften.

Nun denn, was ich wei, will ich sagen, begann Clement Aboncourt seine
Mittheilung: Schaden bringt es Niemand und mir bringt es Nutzen, wenn
ich offen rede, denn ich bin ein Mensch, der einen Hals besitzt, welchen
ich zu ganz anderen Verrichtungen bestimmt glaube, als der, durch einen
Strick zugeschnrt zu werden. Eine Abtheilung der franzsischen Armee,
etwa viertausend Mann, bewerkstelligte zur Nachtzeit eine Landung auf
den Bommeler Waard oder Weerd; sie wurden aber mit so groer Hflichkeit
empfangen und ihnen mit so vieler Artigkeit zurckgeleuchtet, da nur
wenige von ihnen das jenseitige Ufer der Maas, die sie berschritten
hatten, wieder gewannen. Das Fort Sanct Andr, das die groe Insel
zwischen Maas und Wahl, welche beide Strme vor ihrem Zusammenflu
bilden, an der stlichen Spitze beschtzt, wurde fnfmal mit der
grten Wuth bestrmt und ebenso vielmal wurden wir zurckgeschlagen.
Die hollndische Garde hat Wunder der Tapferkeit verrichtet, gleichwohl
wird das Alles nichts helfen, das Fort wird auf's Neue nun mit sechs
Schiffen, drei von der Maas und drei von der Wahl aus, beschossen
werden. Schon rcken unsere Regimenter auf dem rechten Wahlufer
herunter; ich eilte den Vorposten voraus, und wenn die Herren eine
Stunde oder nur eine halbe Stunde sich dorthin wagten, wo sie mich
gefangen nahmen, so sen wir jetzt Alle miteinander ganz sicherlich
nicht hier.

Es ist ein kitzlich Ding im Kriege, fuhr der Spion fort, indem er sich
unwillkrlich an seinen Hals griff: es ist Alles, wie Hand umwenden.
Heute mir, morgen dir -- sagen die Deutschen. Wir mssen die Wahl nehmen,
wir mssen Bommel haben; entweder herein in das Land des Feindes oder
ganz zurck, denn wir sind ausgehungert, vllig ausgehungert, trotz
allen Siegen -- es fehlt am Besten!

An Geld? fragte Windt spttisch. Ich dchte, dieses stehlt ihr ihr -- wie
wir vorhin hrten.

Nein, mein General, versetzte der Spion: Geld ist nicht das Beste -- es
fehlt an Etwas, was sich nicht nur so stehlen lt, es fehlt an Salz und
das bringt die Armee fast zur Verzweiflung; denn je mehr das Salz fehlt,
desto salziger wird ihre Haut. -- Aha, spottete Leonardus, und da hofft
ihr in Holland Salz zu finden, weil es so viele Hringe einsalzt!

Leider! -- leider! Wenn uns die Suppe nicht, wie neulich mir, versalzen
wird! seufzte der Spion mit einer Grimasse und fuhr fort: Das letzte
Salz in Herzogenbusch, so viel als man gewhnlich um acht
niederlndische Gulden kauft, ist zu fnfhundert Gulden verkauft worden.

Ist die Grave ber oder ist sie nicht ber? fragte Ludwig.

Das wei ich nicht, mein Herr Oberst, erwiederte Aboncourt: allein ich
bezweifle es, sonst wrde die Maas mehr von Feinden gerumt sein und es
wre weniger Mangel in unserer Armee vorherrschend, die immer einen
schweren Stand haben wird; denn es marschiren in diesen Tagen
zweitausend Kaiserliche nach Arnhem und Holland hat auf den Grund eines
geheimen Tractates fnfundzwanzigtausend kaiserliche Soldaten in seinen
Sold genommen, die nach und nach anrcken, um die Wahl zu decken; die
englische und hannoversche Reiterei dagegen geht nach Westphalen.

Woher wei so ein miserabler und lumpiger Kerl, wie du einer bist, das
Alles? fragte Windt barsch.

Herr! entgegnete Clement Aboncourt: haben Sie die Gnade und henken Sie
mich lieber, als da Sie mich schimpfen! Da ich in Ihnen einen guten
Legitimisten voraussetzen darf, so bedenken Sie, da ich ein Knig war.

Auf deinen Schmierbhnen, du Meerschwein!

Ja leider -- nirgends als dort, sonst wre ich nicht hier! fuhr jener
unter komischen Seufzern fort: denn wenn ich ein Knig oder ein
kniglicher Prinz in der Wirklichkeit wre -- ich wollte mich bei Gott
anders und besser halten, wie zum Beispiel der Herr Graf von Artois.

Was ist's mit dem? fragte Ludwig aufmerksam.

Je nun -- antwortete wegwerfend der Spion: er liegt im Hauptquartiere der
feindlichen Verbndeten, lt sich als Gast von den deutschen und
niederlndischen Edelleuten bewirthen, schmarozt wie ein Abb und fhrt
ein miges Schlaraffenleben. Er stolzirt in einem rothen goldgestickten
Rock einher und trgt am Hut eine weie Cocarde, so gro wie ein Teller.
Ludwig der Sechszehnte mochte sein wie er wollte, besser wie dieser war
er auf alle Flle und an dem verliert Frankreich wahrhaftig nichts. Wenn
die Emigranten, die den kleinen Hof und Schweif dieses Grafen Artois
bilden, ihn mit der weien Cocarde sehen und er ein weissagendes Gesicht
schneidet, denken sie Wunder, wie gut ihre Sache stehe und wie bald man
sie zurckrufen werde, und rufen glubig aus: #Ah! Nos affaires sont
bien, le Comte d'Artois a souri  la lecture de ses lettres.#

Ja ja -- brummte Windt: sie haben einen starken Glauben und der Glaube
kann Berge versetzen.

Aber nicht Armeen, fgte Leonardus hinzu und fragte den Spion: Weit du
nichts vom Frieden, nichts von wichtigen Vernderungen, spricht man im
feindlichen Heere nicht von einem Waffenstillstand?

Waffenstillstand wre unser Tod! erwiederte der Spion: der wre
wahrlich fr keine Partei eine goldene Brcke, denn die Heere blieben
zehrend wie Heuschrecken in den Lndern liegen. Und der Winter wird
streng, das werden Sie wahrnehmen. Der National-Convent hat der Armee
sogar das Beziehen von Winterquartieren verboten, er wird in keinen
Waffenstillstand willigen. -- Neues ist, wenn Sie es nicht bereits
wissen, da der Herzog von York pltzlich von der Armee abberufen worden
und nach England gereist ist und da Prinz Friedrich von Oranien ihn bis
nach dem Haag begleitet hat. Dieser Prinz wird preuische Dienste
nehmen, da er durch seine Mutter und seine Gemahlin Preuen so nahe
steht. Das hannoversche Hauptquartier bleibt zur Zeit in Arnhem; der
Graf von Walmoden fhrt den Oberbefehl; die englischen Truppen gehen zum
Theil nach ihrem Vaterlande zurck; General Harcourt fhrt ber diese
das Commando. Man sieht ein von Seiten Ihrer Armeen, da man alles
tapferen Widerstandes ohnerachtet die Wahl nicht lnger vertheidigen
kann, sie ist unser und wir rcken gegen den Rhein vor. Man wird jetzt
pltzlich den Rhein Ihrerseits befestigen wollen, aber zu spt. Wissen
Sie, wie viele Schanzen in der Herrlichkeit Doorwerth aufgeworfen
werden?

Schanzen? Nein! rief Windt gespannt aus.

So will ich es Ihnen verrathen und will auch gestehen, da ich neulich
nicht nahe bei Ihrem Kastell landete, um es zu plndern oder um zu
zechen, sondern, da mein Auftrag, dessen ich mich auch vollkommen
entledigt habe, dahin ging, die Beschaffenheit der bereits vorhandenen
Schanzen zu untersuchen; ich fand aber keine als die halbverfallene
Dnen- oder Hnenschanze. Nun will man in aller Eile fnf neue
aufwerfen, eine Ihrem Kastell gerade gegenber.

Herr Gott! schrie Windt. Da geht ja, wenn die Schanze vom Rhein aus
beschossen wird, das Kastell drauf! Das darf nimmermehr geschehen! Da
wre Alles verloren!

Nun, warten Sie es doch ab, lieber Windt! suchte Ludwig zu
beschwichtigen, aber Windt rief leidenschaftlich: Nein! Da ist nichts
abzuwarten, #aut Caesar, aut nihil!#

Vielleicht wird Friede oder doch Waffenstillstand auf alle Flle! nahm
Leonardus das Wort.

Ich will Ihnen auch sagen, fuhr Aboncourt fort: wie bereits die
Winterquartiere Ihrer Armeen angeordnet sind, falls Sie das nicht schon
wissen.

Nicht so ganz genau, erwiederte Ludwig.

In Arnheim bleiben die hannover'schen Truppen, berichtete der Spion: in
Zuitphen wird das Generalquartier der Hessen aufgeschlagen; nach
Doesburg kommen die Hessen-Darmstdtischen Truppen; die Franzosen unter
dem Prinzen von Cond und im englischen und niederlndischen Solde
kommen in die Provinz Utrecht zu liegen. Der Graf von Artois wird sich
nach Hamm oder auf die Hamburg begeben, man verwechselt diese Ortsnamen
leicht.

O ja, wenn man ein Franzose ist! spottete Windt.

Nun? Ist Hamburg nicht die Burg von Hamm? fragte ganz unbefangen der
Spion und lie sich nicht beirren, als ihm ins Gesicht gelacht wurde,
sondern fuhr fort: Das Hauptquartier der kaiserlichen Armee ist in die
Weselgegend bestimmt, unter General Joseph Freiherrn von Alvinczy.
Zweitausend Mann von diesen Truppen gehen noch nach Arnhem und eine
gleiche Zahl zieht einen Cordon an der Wahl.

Diese und andere Mittheilungen erweckten gegen den Spion unter dessen
Zuhrern eine gnstigere Stimmung; sie sahen einen Mann, den das Leben
in allerlei Lagen herumgeworfen hatte und der keine andere Aufgabe zu
kennen schien, als eben dieses Leben, so armselig und mhevoll es war,
zu fristen und zu erhalten. Man versah ihn daher mit allem Nthigen und
hielt ihn in leidlicher Haft, gedachte auch, da man ihn auf eigene Hand
gefangen genommen und auf eigene Hand ihm das Leben versichert hatte,
ihn den Befehlshabern nicht anzuzeigen, denn sonst wre ihm
hchstwahrscheinlich Kugel oder Strang dennoch zu Theil geworden.

Kastell Doorwerth glich jetzt ungleich mehr einer Festung, als einem
Lustschlo; es wimmelte darin von Soldaten aller Truppengattungen und so
umfangreich und zahlreich die Rume des Schlosses waren, so blieb fr
Windt zuletzt nur noch ein enges Thurmgemach brig. Die Einquartierung
oder Besatzung des Kastells und der Herrschaft wechselte hufig, da die
Verhltnisse bestndige Truppenbewegungen herbeifhrten. Als die
englischen Jger und Uhlanen fort waren, kam niederlndische
Gardereiterei, welche in den Ortschaften der Herrlichkeit ihre
Cantonnirung angewiesen erhielt. Dieser folgte das englische Freicorps
von Salm-Kyrburg; dazwischen hatte Windt ber tgliche Lasten zu klagen,
Durchmrsche, Plnderungsversuche, Aerger und Verlust im Ueberma. Dem
erwhnten Freicorps folgten Jger vom Regimente Hompesch -- diesen ein
Bataillon von Hohenlohe -- dann kam das achte und das vierzehnte Regiment
englische leichte Dragoner. Alles Land von Nimwegen bis Leiden war mit
Truppen berschwemmt.

Von Zeit zu Zeit kamen auch mehrere der hohen Befehlshaber aus Arnhem
herber geritten, und eines Tages geschah es, da der Erbherr den
Prinzen Ernst August von Grobritannien und noch einen Herrn in sein
Schlo einfhrte, die Bewohner desselben freundlich begrte und sich
genau nach allen Verhltnissen erkundigte, da diese jeder kommende Tag
wieder anders gestaltete. Prinz Ernst August, von dem Niemand glauben
konnte, da ihm noch drei ltere Brder, Georg, Friedrich von York und
Wilhelm, Herzog vom Clarence lebten, welche alle zum Knigsthrone
gelangten, da auch er einst die Krone eines Knigreichs tragen werde,
forderte Windt und Leonardus zu einem Recognitionsritt in die Umgegend
auf, und der Erbherr sagte zu seinem Vetter Ludwig, er mge ihm und dem
zweiten Gast einstweilen Gesellschaft leisten, indem er seinen Vetter
diesem Gaste vorstellte. Dieser Fremde war der niederlndische Gesandte,
Graf Brantsen, derselbe, der die Ehre gehabt, auf seinem Schlosse Sip
den Grafen von Artois zu bewirthen. Als die drei Herren vertraulich
beisammen saen und ihr Gesprch sich, wie es nicht anders sein konnte,
auf die bewegte Zeit lenkte, uerte sich der Gesandte: Dieses Wirrsal
kann keine Dauer haben; es mssen Schritte geschehen, die den Vlkern
und Lndern den Frieden wieder geben. Mit der Waffengewalt geschieht
dies noch lange nicht. Dazu fhrt ungleich schneller und unblutiger jene
kleine feine Waffe, zu deren Fhrung es nicht der beiden Hnde oder doch
der ganzen Faust, sondern nur dreier Finger bedarf, und ein gewisses Ma
von Kenntnissen, mit einem klaren Verstande, nebst redlichem Willen.

Du wirst verstehen, lieber Vetter, was der Herr Ambassadeur meinen,
erluterte der Erbherr: und seine Gte, die ich fr dich in Anspruch zu
nehmen mich erkhnte, um dir einen recht guten und treuen Dienst zu
leisten, hat mir zugesagt, dir ntzlich sein zu wollen. Sieh, lieber
Vetter, ich glaube dich nicht falsch zu beurtheilen, wenn ich meine, da
du nicht fr den Kriegerstand geboren bist. Dir sagt wohl mehr, wie du
von Jugend auf es gefhrt hast, ein beschauliches Stillleben zu, und ich
mchte dich glcklich wissen, denn du weit, und ich wei, was ich dir
Alles danke. Was soll dir dieser Krieg und besonders die Art, wie er
jetzt in diesem Lande gefhrt wird? Man spricht nicht von Schlachten, in
denen ein junges Heldenherz sich Lorbeeren erkmpfen kann, sondern von
Winterquartieren, man denkt nicht auf Vorzge, sondern auf Rckzge, man
ficht nicht mit der Waffe der tapfern Hand, sondern nur mit grobem
Geschtz. Zum Vorrcken in hheren Dienstrang ist keine Gelegenheit, und
fr was solltest du dein Leben auf das Spiel setzen? Du bist in
Deutschland geboren, weshalb solltest du fr Holland kmpfen? Daher bin
ich der Meinung, du weilest nicht lnger hier unter dem rauhen und doch
so nutzlosen Getse der Waffen, sondern versuchst in einer andern
Laufbahn dein Glck, versuchst wenigstens in ihr den Grund einer
zuknftigen ehrenvollen Stellung im Leben zu legen. Unser Windt ist ein
trefflicher, lieber, edeldenkender Mann, ich schtze ihn
auerordentlich, und seine Frau ist ja beraus brav und rechtlich,
allein beide sind doch auf die Dauer kein Umgang fr dich; du mut
eintreten in hhere Lebenskreise. Dein Blick mu geschrft, deine
Ansicht vom Leben und dessen hchsten Aufgaben gelutert und
festgestellt, ja selbst dein Herz mu geprft und gebildet werden durch
hheren Umgang. Sage selbst, ob ich nicht Recht habe?

Ja, du hast Recht, Vetter, sprach Ludwig, doch so schwankend, als
erwache er aus einem Traume.

Mag Paris jetzt vielen Frommen als ein Sndenpfuhl, ein Sodom und
Gomorrha, Andern als eine Lwengrube, noch Andern als Niniveh und
Babylon erscheinen, welches demnchst der Zorn des Hchsten zertrmmern
wird -- dem Auge des vorurtheilfreien Weltmannes erscheint es anders,
erscheint es immer als die europische Weltstadt, in der das gesellige
Leben seinen hchsten Blthenstand erreicht, in der dasselbe am
heiesten pulst, und das stets die hchste Bildung ber alle
Lebenskreise ausstrahlt. Der Herr Gesandte geht in diesen Tagen nach
Paris ab, und ist so sehr gtig, dich als Attach mit dorthin nehmen zu
wollen. Bei wenig Mhe wirst du leicht und sicher die Pflichten und
Dienstleistungen, die dir dann obliegen werden, das Abfassen mancher
Correspondenzen und dergleichen, dir aneignen, und hauptschlich jene
gesellige Gewandtheit, die ebenso fern von unwrdiger Kriecherei als
lcherlichem Hochmuth den gebildeten Mann befhigt, sich mit Anstand und
sittlicher Haltung in allen Kreisen des Lebens zu bewegen.

Sie sind sehr gndig, Herr Graf, richtete Ludwig sein Wort an den
Gesandten, da Sie sich eines so jungen und noch so unbedeutenden
Menschen, wie ich bin, annehmen wollen. Es ist wahr und ich gestehe ein,
da mein Herr Vetter Recht hat; der Kriegsdienst ist nicht meine Sphre,
es lebt kein Verlangen in mir, auf die Lnge hin Soldat zu sein, wie
ehrenvoll dieser Stand auch ist, aber ich frchte sehr, da ich Ihnen
eine Last sein werde; jedenfalls glaube ich zu wenig unterrichtet zu
sein, um die schwierige Bahn eines Diplomaten--

Man wird nicht ber Nacht ein Diplomat, mein junger Herr Graf,
unterbrach der Gesandte den Sprechenden. Sie legten eine gute Grundlage
in den alten Sprachen. Sie sprechen und schreiben viele der neueren:
niederlndisch, franzsisch, englisch, deutsch, das ist schon viel.
Selbststudium durch gediegene Schriften wird in der hhern
diplomatischen Geschichte der europischen Lnder und Hfe Sie bald
befestigen; die Grundzge des europischen Staats- und Vlkerrechts
werden Sie sich bald aneignen; es bleibt Ihnen unverwehrt, in Paris
einen Cursus dieser Wissenschaften an der Universitt zu hren;
vertrauen Sie mir nur, ich werde Sie gut und sicher und mit Wohlwollen
fhren.

Ludwig verbeugte sich verbindlich dankend, dann aber ward er nachsinnend
und sprach endlich zu seinem Verwandten: Aber Leonardus?

Herr Leonardus van der Valck, Kaufmann aus Amsterdam, wandte der Erbherr
seine Rede erluternd an den Gesandten: derselbe Mann, der mit Seiner
Kniglichen Hoheit dem Prinzen und Herrn Commandant Windt vorhin zum
Recognosciren ausritt, ist der Freund meines Vetters und wird gewi
nicht derjenige sein wollen, der dessen knftigem Glck hemmend in den
Weg tritt.

Er ist ein Freund, ein Freund im schnsten und edelsten Sinne des
Wortes, ein Freund, auf den auch nicht der kleinste Schatten fallen
darf! rief Ludwig mit edler Aufwallung, da ihm schien, als erkenne sein
Verwandter nicht seines Leonardus volle Seelengre vollstndig an. Es
bedarf nicht, da ich ihn rhme, fuhr Ludwig fort: ich will nur sagen,
da ich nicht gesonnen bin, mich von ihm zu trennen; ich habe, kaum aus
der Welt meiner Jugendjahre getreten, bereits der tiefschmerzlichen
Trennungen schon zu viele erlebt.

Dem Erbherrn zuckte es bei diesen Worten in der Brust, als brenne ihn
pltzlich eine alte Wunde, und er bedurfte einiger Augenblicke, die
bittere Empfindung niederzuringen, die in ihm lebendig wurde, whrend
der Gesandte das Wort nahm: Wenn Herr Leonardus van der Valck so treu an
Ihnen hngt, Herr Graf, als Sie an ihm, so wird ihm nichts im Wege
stehen, uns nach Paris zu begleiten. Kann ich ihn auch nicht -- und wer
wei, ob es nicht in der Folge doch geschehen knnte -- in meinem Bureau
anstellen, so kann ich ihn doch unter den Schutz der Gesandtschaft
stellen, er kann als Volontair #pro forma# mit Ihnen arbeiten; Sie
knnen ungetrbter, als irgendwo, das Glck ihrer beiderseitigen
Freundschaft genieen. Hier im Getmmel der Waffen droht Ihnen
unversehens vielleicht die schmerzlichste Trennung.

Leonardus mag entscheiden! sprach Ludwig fest. Wir sind, was wir
uerlich nur scheinen, innerlich in Wahrheit geworden, Brder -- und da
mir die Se der Familienbande versagt ist, meine Heimath mir fernab
liegt, da ich losgerissen bin von geliebten Herzen, so will ich doch an
dem einen Anker mich halten, so lange es Gott vergnnt, ich will
Leonardus, den ich zum Bruder mir erwhlt, auch Bruder bleiben bis zum
letzten Athemzuge meines Daseins.

Schnell und rasch war die Wendung in Ludwig's Schicksal; Leonardus, der
des Freundes Gefhle so innig theilte, willigte mit Freuden ein, denn
auch ihm konnte das Leben, wie es jetzt hier zu fhren die
Nothwendigkeit gebot, auf die Dauer nicht zusagen. Aber wie ganz anders
war der jetzige zweite Abschied Ludwig's von dem redlichen Windt? Beim
ersten Abschied galt dieser dem jungen Grafen nur als der unwandelbar
treue Diener der alten Gromutter, als ein etwas steifer, frmlicher
Kanzleimensch, ein gutes, brauchbares Inventarstck, das sich durch
seine Dauerbarkeit empfahl. Um wie Vieles hher war Windt in Ludwig's
Achtung, ja in seiner dankbaren Liebe gestiegen? Welche Verdienste hatte
sich der treue Mann nicht um Leonardus, um Angs, um jenes Kind
erworben, und um Ludwig selbst, ja auch um dieses Schlo, diese
Herrschaft. Ludwig schenkte ihm alle seine Waffen, nur die
Damascenerklinge mit den bourbonischen Lilien auf blauem Grunde am Griff
behielt er fr sich. Auch Philipp's Brauner blieb Windt zum Geschenke,
und Leonardus' Reitknecht trat in dessen Dienste, da einer von seinen
Dienern ihn verlie. Windt und seine Frau weinten, als die Freunde
schmerzlich bewegt von ihnen Abschied nahmen. Der Erbherr wnschte
aufrichtig Glck -- vielleicht noch etwas aufrichtiger als damals in
seinem Briefe. Was lag nicht Alles zwischen jener Trennung und der
heutigen? Philipp begleitete als gemeinschaftlicher Diener die Freunde.

Der Gesandte war ein angenehmer und liebenswrdiger Mann, feingebildet,
ganz fr seine Stellung geschaffen. Leicht gewannen die Freunde seine
Gunst, und schon seine Unterhaltung war in hohem Grade belehrend. Sie
fuhren mit Extrapost von Station zu Station, das Gepck kam nach; der
Gesandtschaftspa beseitigte jede Gefhrdung.

Unterwegs peitschte der Postillon nach dem Rcksitz -- es war in Rheenen
-- um einen Mann, der sich hinten aufgesetzt, zum Herabspringen zu
bewegen; jener hielt und duckte sich lange, endlich sprang er doch
herab. Ludwig bog sich aus dem Schlage und blickte zurck. Die
Postkalesche rollte unaufhaltsam fort -- der Mann zog den Hut und machte
Bcklinge und komische Grimassen. Es war Clement Aboncourt.




4. Drei Frauenherzen.


Am Jungfernstiege stand mitten unter den andern palastgleichen Husern
der schnsten Straen Hamburgs ein altes Gebude von gediegener
Auffhrung im reinsten und edelsten Style der Renaissance. Weitbogige
vergoldete, mit Blumen und Blattwerk reich verzierte Eisengitter
sicherten die Fenster des untern Geschosses gegen Einbruch, metallene
riesige Lwenkpfe trotzten an dem schweren Eichengetfel der
Thrflgel, die mit vergoldeten Bronzebndern in gekreuzter Gitterform
berdeckt waren, wie grimmige Wchter. Das Portal zierten fllreiche
Karyatiden, und ber demselben hoben sich unter einer frstlichen Krone,
kunstvoll in Marmor gehauen, zwei schrg aneinander gelehnte
Wappenschilde.

Das eine dieser Wappenschilde zeigte auf einer groen Tafel von Lapis
Lazuli, aus massivem Silber getrieben, ein Ankerkreuz.

Es war das Haus, es waren die Wappen der alten Reichsgrfin.

Bis zu dem Dachgesimse hinan war die Auenwand dieses Palastes mit
reizenden steinernen Arabesken und mancherlei Emblemen geschmckt, und
hinter den doppelten Spiegelscheiben der hohen Fenster nickten herrliche
Blumen, die schnste Winterflora, die nur immer von den Gewchshusern
der bedeutendsten Kunstgrtnereien Hamburgs geboten werden konnte. Die
Matrone sa in einem hchst vornehm, aber wohnlich eingerichteten
Zimmer, dessen Boden mit weichen Teppichen belegt war, dessen Sophas
schwellende gestickte Kissen bedeckten, und dessen Wnde einige
Oelbilder von guten Knstlern zierten, darunter auch an einer Wand
vereinigt drei reizende Seitenstcke von der Meisterhand Philipp
Wouwermann's, darstellend die drei Schlsser Varel, Kniphausen und
Doorwerth, mit im Genre dieses berhmten Knstlers mannichfach belebten
Vordergrnden. Die Matrone sa, wie sie gewohnt war, von Bchern,
Schriften und Schreibmaterialien umgeben, in einem bequemen Armsessel am
Schreibpult, und berlas eine so eben von ihr selbst entworfene Schrift:

                         #Interims#-Quittung.

    Fr zwanzigtausend Mark Hamburger #Banco,# welche Uns von Seiten
    Unsers ltesten Herrn Enkels, des Grafen #Wilhelm Gustav
    Friedrich,# Grafen zu Varel, In- und Kniphausen, Herrn zu Rhoon
    und Pendrecht u.s.w., nach Magabe der mit demselben in
    Betreff Unserer habenden und dargelegten betrchtlichen
    Anforderungen sowohl, als wegen einer #Cession# Unserer
    Herrlichkeit #Doorwerth cum pertinentis# geschlossenen
    Haupt-#Conditionen# zum Vergleich (dessen vlliger Abschlu und
    Vollziehung durch die inmittelst eingetretenen Zeitlufte bisher
    behindert worden) in Abschlag des am 3. September jngst bereits
    zu entrichten gewesenen ersten #Terminis# von fnfzigtausend
    Gulden Hollndisch ausgezahlt und von Uns, #reservatis
    reservandis# in Empfang genommen worden. Hamburg vom Heutigen.

                                          Charlotte Sophie.

So wird es ja wohl recht sein, sprach die Schreiberin, wenn der Rath
Melchers nicht noch einige Wenn und Aber drum und dran macht, nach der
Juristen Gewohnheit, der Styl aber ist abscheulich, in welchem man
solche Dinge sich frmlich abqulen mu. Wenn ein Lateiner so
geschrieben htte, ein Franzose so schriebe! Fr unsere Kanzleien und
Gerichtshfe leben und streben die edelsten und berufensten Geister der
deutschen Nation vergebens. In diese Marterkammern unserer Sprache
dringt kein Hauch von Klopstock, kein Geistesstrahl von Lessing, kein
Blitz von Goethe. Ihre Instrumente bleiben ewig stumpf und darum um so
peinlicher.

So, dies wre gethan, das Geschftliche abgemacht, jetzt zum rein
Menschlichen! -- Die Reichsgrfin klingelte, ihre Kammerfrau trat ein.

Ich bin fertig, sagen Sie das meinen lieben Gsten, der Herzogin und der
regierenden Reichsgrfin und Erbherrin, gebot die Matrone, und jene
entfernte sich wieder.

Warten Sie noch einen Augenblick, meine Liebe! rief die Grfin ihre
Dienerin zurck. Weibrod soll keinen Flei sparen, da die
Arrangements zu meinem heutigen Cirkel nichts zu wnschen brig lassen.
Vier Spieltische; die neuesten Zeitungen in das Lesecabinet, die Sessel
mit der Krone, welche mit blauem Purpursammet beschlagen und mit
silbernen Lilien gestickt sind, an eine besondere Tafel zu sechs
Gedecken. Dann ordnen Sie einstweilen meine Toilette, keine Brillanten,
nur Perlen, die schwarze Sammetrobe mit den aufgestreuten
Trauerweidenzweigen von Silber-Filigranarbeit. Man mu den Schmerz ehren
und der Theilnahme einen sichtbaren Ausdruck geben, auch ziemt kein
anderer Schmuck meinen Jahren.

Ich bin gespannt, sprach die Reichsgrfin dann zu sich selbst weiter. Es
widerfhrt meinem Hause eine schne Auszeichnung, doch wer drfte hier
in Hamburg auch nhere Rechte auf dieselbe haben, als ich, die nchste
Verwandte? Wohl vereinen hier sehr glnzende Cirkel einheimische und
fremde geistreiche Mnner aller politischen Farben, der alte blinde
Busch und mein guter Doctor Reimarus mit den Seinen geben sich alle
Mhe, ausgezeichnete Fremde an sich zu ziehen, und Sieveking machte ja
sein Neumhlen im vergangenen Sommer frmlich zum Taubenschlag, allein
diese Gesellschaften sind zu gemischt, es kann nicht ein Jeder sie
besuchen, mein Vetter zum Beispiel, Prinz Talmont, wrde sich
unglcklich in einem solchen Kreise fhlen.

Die Flgelthre des Zimmers wurde vom alten Weibrod und einem jngeren
Lakaien in reich gallonirter Livre ehrerbietigst geffnet und es trat
eine Dame von wunderbarer Schnheit ein, eilte freundlich auf die alte
Reichsgrfin zu und begrte sie nach allen Regeln hfischen Herkommens.
Es war keine junge Frau, aber ihr Wesen, die liebliche Flle ihrer
Formen, die frische Farbe ihrer Wangen und der helle Strahl ihrer Augen
kndeten jene innerliche Jugendlichkeit an, die nicht welkt mit der
uern krperlichen Hlle, der im warmen Herzen die Nhrquelle dauernder
Schnheit entspringt.

Georgine! Mein lieber Gast! Meine Sonnenblume! begrte die Grfin jene
Dame mit Herzlichkeit.

Ach, Mutter -- Sie erlaubten mir ja unter uns Beiden diesen sen
heiligen Namen -- entgegnete jene, sagen Sie Herbstblume! Die Sonnenzeit
ist dahin -- leider!

Alles Schne im Leben geht dahin, mein geliebtes Kind!

Altes Kind, das ich bin -- ja wohl!

Es ist schrecklich, wie dies junge Herz sich ber seine Jahre betrbt,
spttelte lchelnd die Reichsgrfin. Sieh doch mich an! Und wie alt ist
Ludwig?

Eine Purpurgluth trat auf die Wangen Georginens, ein Sturm von
Erinnerungen strmte auf sie ein, und mit einem Gefhle tiefster Wehmuth
sich auf die Hnde der Grfin niederbeugend, flsterte sie: Darf ich
denn noch an ihn denken? Darf ich denn? Oh, meine Mutter!

Du darfst es ohne Scheu, ohne Errthen, theure Georgine, entgegnete
sanft die Matrone. Mein Sohn war frei, war getrennt von seiner
herrischen berstolzen Reneira, du warst frei, beide verletztet ihr kein
drittes Anrecht, ihr liebtet euch wahrhaft, ihr wolltet euch vermhlen,
nur wenige Hindernisse waren noch zu beseitigen, dein Vater, der dir den
Gemahl schon ausersehen, wollte noch nicht einwilligen, ihr erlagt dem
Sturme eurer Leidenschaft, wie Tausende vor und nach euch, es wre Alles
noch in das rechte Geleise gebracht worden und dein Bewerber, der
Groschatzmeister von Irland, htte dir entsagen mssen, da starb mein
armer Sohn Johann Albert auf seinen Gtern in Norfolk, und du, Aermste,
wurdest als heimlich verlobte Braut schon Wittwe. Mir war es eine
traurige, aber eine se Pflicht, dich ganz unter die Flgel meines
Schutzes und meiner Liebe zu nehmen, und Schlo Varel lag so einsam und
so fern von London, und du warst bei mir zu Besuch auf lange Zeit, und
ich konnte unseres Schmerzenskindes mich annehmen. Dann war ich selbst
es, die dir anrieth, deine Trauer zu bannen, dein Herz stark zu machen,
dem Willen deines Vaters Gehorsam zu leisten und die Hand des Mannes
anzunehmen, der sich mit glhender Neigung um die Gunst der gefeiertsten
Schnheit Londons bewarb und statt einer Grafenkrone mit einer
Herzogskrone dein Haupt schmcken wollte. Du warst nicht nur schn, ber
alle Maen schn, meine theure Georgine, du warst auch klug, du
bezwangst dein Herz, folgtest meinem mtterlichen Rathe und bist noch
immer, nachdem zwanzig Jahre seit deiner Vermhlung vergangen sind, eine
schne, bewunderte, beneidete und eine glckliche Frau!

O, ich wei, welche Flle von Liebe, Gte und Gromuth ich Ihnen danke,
beste Mutter! erwiederte Georgine voll tiefer Rhrung. Und Ludwig?
fragte sie leise, von Neuem erglhend.

Ich habe einen Brief, antwortete die Grfin, doch nicht du allein sollst
ihn hren; es schlgt noch ein Herz unter diesem meinem Dache, das Theil
an ihm nimmt, das ihn in Gedanken begleitet. Der Knabe wrde von Glck
sagen knnen, wenn junge Herzen so voll Liebe fr ihn schlgen, wie hier
zwei ltere und mein -- uraltes.

Das ewig frisch und jung bleibt!

Ist Schmeicheln geistreich, meine geistreiche Georgine? Sage, das ewig
treu und wahr bleibt, so lange nmlich diese irdische Ewigkeit noch
dauert.

Nicht auch _drben_, meine Mutter?

Ich hoffe, da es ein Drben gibt, und wenn es ein Drben gibt, so denke
ich nicht, da dort ein Herz sich selbst untreu werden knne, zumal wenn
es hienieden sich und Andern treu war.

Dies Gesprch unterbrach der Eintritt einer dritten und zwar jngeren,
sehr zarten Frau, deren Aussehen matt und leidend war, und die sich von
den beiden schon anwesenden Frauen liebevoll begrt sah.

Wie ist Ihnen, meine Beste? fragte die Herzogin.

Jene verneigte sich tief und antwortete mit einer matten Stimme: Nicht
zum Besten, meine Hochgndige! Mich drckt die Winterklte, meine Brust
kann diese Luft nicht ertragen, und meine Nerven sind stets in
fieberhafter Erregung.

Meine arme Ottoline! sprach mit Theilnahme die Reichsgrfin. -- Bitte,
meine Damen, lassen Sie sich nieder! Es ist betrbend, da der Schpfer
es fr uns arme Menschen so eingerichtet hat, da die Freude nur einfach
ist, nur geistig, aber der Schmerz doppelt, geistig und krperlich.

Oh, theure Gromutter! entgegnete mit einem Seufzer deren jugendschne
aber bleiche Enkelgemahlin: auch die krperliche Freude ist da, wer so
glcklich ist, sie zu besitzen, wir haben nur ein anderes Wort dafr, es
ist die Gesundheit. Wir sind uns ihrer nicht bewut, so lange wir sie
ungestrt besitzen, wir denken kaum an sie, aber so bald sie uns
verlt, ja wenn sie nur uns zu verlassen droht, da mchten wir mit
tausend Banden die entfliehende halten und an uns fesseln.

Die alte Reichsgrfin suchte dem Gesprch wie den Gedanken ihrer
geliebten Verwandten andere Richtung zu geben, und wute es geschickt so
zu lenken, da auf Ludwig die Rede kam, indem sie erst Windt's und
Doorwerth's, dann des Erbherrn und seines Vetters William, des
Vice-Admirals, der zur Zeit auch ein Gast ihres Hauses war, beilufig
erwhnte, dann seinen Namen nannte, und mit heimlicher Freude sich daran
ergtzte, wie bei diesem Klange auf Ottolinens bleiche Wangen ein
sanfter Rosenschimmer flog, und die Herzogin ihre Blicke erglhend
senkte. Da sie nun inne hielt und die Letztere es nicht ber sich
vermochte, auch nur einen Laut zu uern, um nicht ihr Gefhl vor der in
ihr Geheimni durchaus nicht eingeweihten Enkelin der Reichsgrfin blos
zu geben, so war Ottoline fast genthigt, das Wort zu nehmen, und fragte
mit sanfter Theilnahme: Wie geht es dem jungen Herrn und wo weilt er
jetzt?

Das war es, was die Matrone gewollt; sie nahm den schon bereit liegenden
Brief, entfaltete ihn und sprach: Es geht ihm ganz gut, und er wrde fr
diese freundliche und gndige Frage sehr dankbar sein, wenn er sie
ahnte. Er ist jetzt zum zweiten Male in Paris.

In Paris? fragten wie aus einem Munde die Herzogin und die Erbherrin.

Ja, in Paris, und werde ich gefragt, wie er dahin kam, so drfte dieser
Brief zur Lsung dieser Frage wohl das Meiste beitragen.

O, gewi, beste Grfin! theuerste Gromutter! riefen Georgine und
Ottoline, und die Reichsgrfin sprach wieder: Mein geliebter Enkel hat
mir bisher stets auf das Treulichste von seinem Ergehen Nachricht
gegeben, von dem Tage an, an welchem er in Varel von mir schied, bis zu
der neuesten Zeit. Mein Blick konnte ihn berall finden, auf der
Meerfahrt am Bord der vergulden Rose bis Amsterdam, wie im Hause des
reichen Handelsherrn Adrianus van der Valck, wo er mit seinem Vetter
sich vershnte.

Ja, sie vershnten sich, dachte Ottoline mehr, als sie es sprach: und
ich mute so tief und bitter und schmerzlich leiden ber den Zwist der
Mnner, da mir fast das Herz darber brach, und halb -- ist's ja ohnehin
gebrochen. Ich bin noch nicht wieder gesund und noch nicht wieder froh
geworden, seit ich aus dem Falken von Kniphausen trank, ach, in jenem
Tranke lag gewi ein Zauber!

Wie Ludwig dann, fuhr, ohne auf Ottolinens Bewegung zu achten, die
Reichsgrfin fort: unter falschem Namen nach Paris reiste, nachdem er
Windt getroffen, wie Beide vergebens sich bemht, fr mich Gnstiges zu
bewirken, wie sie aus mancherlei drohender Gefahr sich retteten, und
begleitet von seinem Freund und dessen Geliebter nebst einem schnen
Kinde nach Doorwerth eilten. Wie jene schne Frau mit ihren sanften
Augen ihn stets an dich, meine Ottoline, erinnere, wie er sich absorge
um dein Wohlsein, wie seine Gedanken fort und fort um Schlo Kniphausen
flgen, gleich den Raben um die Warte von Kiphausen droben im deutschen
Harzgebirge, unter der eine holdselige Prinzessin, des Kaisers
Barbarossa zauberschne Tochter, in den Banden magischen Schlummers
ruhen und trumen soll. Er hat das gar schn auszumalen gewut, der
liebe Knabe. Er malt gut und treffend.

Es mu sehr schn sein, schaltete Georgine fast schwrmerisch ein: in
der Ferne ein so junges unentweihetes Herz zu wissen, das an uns
verehrend denkt, vielleicht mit voller hingebender Liebe denkt.

Ottoline schwieg, doch konnte sie ihre innere Bewegung nicht verbergen.
Charlotte Sophie nahm den geffneten Brief und las:

    Meine theuerste, geliebteste Gromutter!

Die letzten Briefe, die ich Ihnen aus Doorwerth sandte, schilderten
Ihnen mein und meiner Freunde dortiges Leben, die angenehmen und schnen
Bekanntschaften, die ich dort gemacht, die kurze Reise, die ich in
Begleitung meines Leonardus eine Strecke rheinaufwrts auf der deutschen
Seite vornahm, um ihn und meine Freundin Angs mit dem wunderholden
Kinde zu geleiten.

Ich reiste mit Leonardus in Gesellschaft des niederlndischen Gesandten
hierher nach Paris und arbeite jetzt unter ihm, ich gestehe, da diese
Arbeit mir ungleich besser zusagt, als das zu Pferde sitzen und
Umherreiten ohne rechten Zweck und Nutzen, wie wir es in und bei
Doorwerth treiben muten, so lange wir uns im Corps des Vetters Wilhelm
Gustav Friedrich befanden. Haben Sie Nachricht von dessen Frau Gemahlin,
o, so theilen Sie mir dieselbe recht bald mit, mge dieselbe gnstig
lauten! Tglich denke ich ihrer und beklage stets aufs Neue schmerzlich,
da mir kein Wiedersehen vergnnt ward, vielleicht auch nie vergnnt
sein wird.

Wahrscheinlich nie, wenn nicht drben! seufzte Ottoline vor sich hin:
denn die Tage deiner Freundin sind gezhlt, du lieber seelenguter
Ludwig!

Ueber das hiesige Leben kann ich nicht viel schreiben, und darf es auch
kaum. Dem gesammten Gesandtschaftspersonal ist streng untersagt, sich
mndlich oder schriftlich ber Frankreichs Politik zu uern, oder
Mittheilungen nach Auen zu machen, die nicht auch in den Zeitungen
stehen. Jedenfalls lesen Sie den Moniteur hochverehrte Gromutter, der
enthlt die Quintessenz aller Ereignisse.

Unsere Gesandtschaft hat den Zweck, zwischen Frankreich den Frieden zu
vermitteln, und der Erbstatthalter hat dazu dem Minister die
ausgedehntesten Vollmachten ertheilt; allein ich frchte, da die
gnstigen Anerbietungen Hollands nicht mehr gengen, und da Pichegru
Alles aufbieten wird, um vorzudringen und Holland zu unterwerfen, dann
wird wohl Friede werden, denn die Neigung zum Frieden geht jetzt durch
die meisten Cabinette Europa's. Viele aber werden auch leiden; ich
frchte sehr fr meinen Vetter, den Erbherrn. Alles, was er dem
Vaterlande und der treuen Anhnglichkeit an den Erbstatthalter und den
Erbprinzen zum Opfer gebracht hat, wird verloren sein, ja selbst seine
Freiheit ist bedroht. Ihr zweiter Enkel, beste Gromutter, Graf Johann
Carl, ist zur Zeit, wo ich dies schreibe, Statthalter in Utrecht -- ich
frchte ebenfalls, da diese Statthalterschaft nur von sehr kurzer Dauer
sein wird. Der Vice-Admiral soll, wie ich vernahm, sich jetzt in Hamburg
aufhalten; sollte dies der Fall sein, so wird er ohne Zweifel bei Ihnen
wohnen, und dann bitte ich gehorsamst, ihn freundlich zu gren. Er ist
ein jovialer Mann, der mir Achtung und Liebe abgewonnen hat, trotz
seiner Neigung zu Spott und Satyre.

Die Pariser Luft, die freilich vielen Leuten in diesen Zeiten nicht
zusagte, behagt auch mir nicht, beste Gromutter. Ich fhle mich
heimlich krank, beklommen; mglich auch, da es noch Folge der
sptherbstlichen Sumpfluft ist, die in Doorwerth mich umwehte. Mein
Arzt, den ich auf Anrathen meines Chefs und auf Leonardus Drngen
befragte, sagte mir, ich msse Seeluft athmen, die wrde mich strken.

Seeluft! Seeluft! ich wei eine ganz andere Luft, in deren reiner Sphre
ich mich gesund baden wrde!

Unser Liebling schwrmt, bemerkte lchelnd die Vorleserin, und die
Herzogin sagte: Schreiben Sie ihm, theuerste Excellenz, er solle nach
England reisen, da kann er Seeluft genieen und Gebirgsluft, senden Sie
ihn in unsere Grafschaft, in deren blhenden Garten.

In die Nebelforste und Marschen Ihres Dartmoor? fragte Ottoline besorgt.

Nein, auf unser Schlo Chatsworth, erwiederte die Herzogin: dort will
ich selbst ihn bewirthen, und Sie mit, meine Gndige, wenn Sie meiner
Einladung nach jener meiner schnen Heimath Folge leisten wollen.

Mir wre eine solche Vernderung des Klima's vielleicht sehr heilsam,
warf Ottoline unbefangen hin. Die Reichsgrfin sprach lchelnd: Stellen
Sie sich, liebe Enkelin, mit dem Beginn des Frhjahrs unter den Schutz
Ihrer Freundin, und wenn Sie wollen, auch unter den unseres
Vice-Admirals, und besuchen Sie einmal unsere Verwandten in England. Ich
aber mu unterthnig fr Ihre freundliche Einladung danken, beste
Herzogin! Sehen Sie mich altes Wrack nur einmal recht an. Sollte ich
noch einmal in See gehen? Unter welcher Lebensflagge sollte ich segeln?
Mein Segeltuch heit Todtenhemd, mein Schifflein Sarg, und mein Anker,
der wird zum Kreuz ber meinem Grabe. Doch, vollenden wir den Brief
unseres Ludwig:

Die gesellschaftlichen Zustnde stehen hier unter dem Gefrierpunkt,
fast htte ich gesagt, durch alle Klassen, was ein groer Fehler
meinerseits gewesen wre, denn hier gibt es keine Klassen mehr. Die
englische Handelssperre, das unfruchtbare Jahr, der strenge Winter
erzeugten allgemeinen Mangel. Das so heiblutige Paris hungert und
friert jetzt. Die Waarenpreise in Beziehung zu den Assignaten stehen
etwa so: ein Louisd'or in Gold ist sechzehn- bis achtzehntausend Livres
werth, nmlich stets in Assignaten; ein paar Schuhe kosten zweitausend,
eine Flasche Wein zweihundert, ein Ei zwanzig Livres; ein Pfund Butter
fnfhundert, ein Pfund Kaffee vierzehnhundert, ein Sack Kohlen
dreitausend Livres. Der Arzt, den ich um Rath gefragt habe, war so
gtig, mir fr seinen einzigen Besuch nur sechshundert Livres
abzunehmen. Silbergeld ist uerst willkommen, wer dessen hat, bekommt
ein Pfund Zucker gegen baar fr vierzig Livres. Eine Klafter Brennholz
kostet vierundzwanzigtausend Livres. Da wir an Gold und Silber keinen
Mangel haben, so kommen wir leidlich durch, aber von Vergngen, von
geistvollen Kreisen, von jenen schnen und angenehmen Vereinigungen
gebildeter Menschen ist keine Rede mehr. Doch ich eile zum Schlusse und
ksse meiner theuersten Gromutter in kindlichster Liebe und Verehrung
die treuen Hnde, die mich durch mein Jugendleben geleitet haben. Hier
fhle ich erst recht, was es sagen will, den Pardisesgarten, jener
stillen und reinen Freuden hinter sich zu haben.

                                 Ihr ewig dankbarer Ludwig.

Dieser junge Mann beste Frau Grfin, taugt nicht in die groe Welt,
uerte Georgine. Wer in diesen Jahren sich in ihr nicht heimisch fhlt,
wird sie spter schwerlich lieb gewinnen. Lassen Sie ihn jagen, fischen,
Huser bauen und Parks anlegen, ich halte dafr, da er dazu besser
geschaffen sei.

Mit zwanzig Jahren ist mancher junge Mann noch Nichts, versetzte die
Reichsgrfin, wenn das Leben ihn nicht recht zeitig in seine rauhe
Schule nahm. Das war bei meinem jngsten Enkel nicht der Fall, ich will
es nur eingestehen, ich verzog ihn. Ich fhrte ihn nicht in die Welt der
Salons ein, sondern in die Welt der Wissenschaft, der Bcher, der
Alterthumskunde -- ohne doch ihm hinderlich zu sein an ritterlichen
Leibesbungen. Er bte sie, ohne an einer dieser Knste vorzugsweise
Gefallen zu finden. Ich glaube, da er nie tanzen wird, musikalisch ist
er auch nicht geworden, nur am Malen fand er einige Freude, und am Lesen
die meiste. Weil ich fhlte, wie mangelhaft und unvollendet noch seine
Erziehung sei, entschied ich mich dafr, ihn reisen zu lassen, damit das
Leben ihn in die Schule nehme und er durch das Leben sich selbst bilde.
Kaum setzte er den Fu von der Schwelle jenes heimathlichen Schlosses,
das dort im Bilde hngt, so hat ihn auch schon das Leben erfat, aber
nicht wie ich gehofft und gewnscht habe. Viel zu tief sah er im Beginn
seiner Laufbahn in zwei schne Augen, die nun im Wachen und Trumen vor
seiner Seele stehen und ihn zurckwinken nach der kaum verlassenen
Heimath. Bald darauf mu er wieder in ein seltsames Verhltni
verwickelt werden, in welches ich noch gar nicht recht klar sehe. Er und
Windt schreiben mir nicht bestimmt darber, aber so viel lt die
Erfahrung eines langen Lebens mich zwischen den Zeilen lesen, da
ohngeachtet der schnen verbotenen Heimathaugen doch ein neuer Himmel
ihm in einem Augenpaar der Fremde aufging, und da er, ohne sich dies
selbst zu gestehen, sich in stiller Liebe zu der Freundin seines
Freundes verzehrt. Darum ist es sehr gut, gut fr Alle, da jenes
Kleeblatt auseinanderging.

Ludwig ist zu edel, um auf Verrath gegen den Freund zu sinnen, sagte
Ottoline mit mhsam errungener Fassung.

Gewi, das meine ich auch, meine Beste, versetzte die Reichsgrfin: eben
weil er edel ist, ringt er mit sich selbst den stillen gefhrlichen
Kampf. Ein unedler Mensch versucht sein Glck, betrgt und verrth den
Freund, wenn der Gegenstand der beiderseitigen Flamme ihn nicht mit
Entschiedenheit abweist, und geschieht dies, nun so verschmerzt er's
leicht und sieht sich nach einer andern, vielleicht williger ihm
entgegenkommenden Neigung um. Aber unser Ludwig soll und darf sich nicht
in solche Labyrinthe verlieren; und ich glaube, da nur die Leitung
einer edeln Frauenhand ihn auf die Pfade des richtigen Lebensweges
fhren kann. Wie glcklich wre ich, wie sehr verdient um meinen Enkel
wrden Sie sich machen, Frau Herzogin, wenn ihm nach Ihrer Rckkehr nach
England dort in Ihre Kreise einzutreten vergnnt wrde. Das schwebte mir
schon lange vor, doch wollte ich mit Absicht ihn erst eine Zeitlang frei
gewhren lassen und zusehen, wohin seine Neigung ihn lenke.

Georgine fhlte, wie unendlich viel fr sie in diesen Worten lag, die
Ottoline so und nicht anders zu deuten vermochte, wie sie gesprochen
wurden; die lebhafte Herzogin aber rief flammend aus: An mir, sollte Ihr
Enkel gewi eine wahrhaft mtterliche Freundin finden, senden Sie ihn
mir, er soll mit offenen Armen empfangen werden. Sind wir doch lngst
als Freundinnen vereint, und die Familien stehen sich nahe, ist doch mir
und Ihrem berhmten Verwandten, dem Lord William Henry, ein hoher Name
gemeinsam, der Name Cavendish.

Und ich will alle meine Wnsche und mein Gebet mit Ihnen vereinen, da
es ihn, den Retter meines Lebens, wie den meines Kindes, zu Heil und
Segen fhre, was Sie Beide vereint Gutes fr Ludwig beschlieen! rief
Ottoline tief bewegt aus und barg ihre hervorbrechenden Thrnen in ihrem
Tuche.--

Ach, nur zu schnell verrauschen die schnen Augenblicke, in denen der
Menschen Herzen und Seelen sich hochemporgehoben fhlen ber alles
Flchtige und Vergngliche, was das Leben umgiebt, wie ein Gewand aus
Erdenstoff gebildet -- auch diese Minuten flogen schnell dahin -- die
Thre ging auf und Weisbrod brachte einen Brief.

Die Reichsgrfin nahm denselben, entlie den alten Diener mit gndigem
Winke und sprach mit ihrer gewohnten Ruhe: Ein Schreiben Windt's; es ist
angenehm, da nach dem, was wir so eben besprochen und beschlossen
haben, die Wirklichkeit wieder in ihr Recht zu treten begehrt, denn wir
verloren uns in das Gebiet der Zukunft mehr als gut ist. Hren wir noch,
bevor wir an unsere Toilette fr den heutigen Abend denken, was unser
ehrlicher Stadthagener, mein treuer Hausintendant schreibt. Von Formen
und Formeln ist er kein Freund, er kennt nur eine Formel, die heit: zu
Fen, oder #aux pieds#. Auerdem berspringt er alle die lppischen
Schnrkel der gedruckten Briefsteller, drckt sich aus, wie er spricht,
und stets ungemein verstndlich, ja bisweilen selbst drastisch. Dabei
hat er einen vllig klaren praktischen Blick in die Verhltnisse, die
ihn umgeben. Nun, Sie vernahmen ja schon sein Lob aus meines Enkels
Brief. Wir werden gleich sehen, was sich zur Mittheilung eignet.

Die Reichsgrfin ffnete den Brief und las abwechselnd bald leise fr
sich, bald laut, den Inhalt ihren Freundinnen vor. Leider lauteten die
Nachrichten nicht sehr erfreulich, wie denn berhaupt in jener Zeit
Erfreuliches fast von keiner Seite her zu erwarten war. Da mein Nest
ausgeflogen und leer von seinen liebsten Bewohnern, wissen Ihre
Excellenz bereits, nur die Unlieben blieben nebst meiner braven Jule.
Ich sah die schne junge Frau Angs, wahrscheinlich Wittwe, mit dem
himmlischen Kinde nicht ohne Wehmuth scheiden. Das kleine Mdchen ist
ein Engelskind! Es hat Krfte, Artigkeit und Verstand weit ber sein
Alter hinaus. Es ist ein Glck, da sie fort sind, lieb ist mir auch,
da der junge Herr Graf und Herr van der Valck weg sind, denn als
Hauptleute waren beide nur ein fnftes Rad am Wagen, und es herrscht bei
mir fortwhrend eine gruliche Verwirrung und wird von Tage zu Tage
schlimmer. Ich sitze, wie ein zngelnder Wappenlwe, als Thorwchter in
einer Trophe zwischen eitel Pauken, Spieen, Trompeten, Standarten und
Hellebarten.




5. Die Emigranten.


Die fernere Mittheilung aus Windt's Brief wurde durch Weisbrod's
Wiedereintritt unterbrochen, welcher abermals mehrere Briefe und Karten
brachte. Die Mehrzahl dieser Billets war franzsisch geschrieben; Baron
von Binder bezeugte seinen Respect und bedauerte, mit seiner Frau
absagen zu mssen. Frau Grfin von Schimmelmann schrieb: Empfangen Sie
unsere Entschuldigung, da wir nicht die uns zugedachte Ehre genieen
knnen, an Ihrem Zirkel Theil zu nehmen. Meine Schwiegertochter leidet
an den Folgen einer heftigen Erkltung und dies hlt uns zu unserem
groen Bedauern ab, in die Stadt zu fahren; ich ersehne aber mit
Ungeduld den Augenblick, Ihrer Excellenz die Gefhle meiner grten
Ergebenheit zu wiederholen, mit welchen ich -- und so weiter.

Und hier noch -- ein versiegeltes Billet -- ah, von unserem ehrwrdigen
alten Legationsrath und markgrflich badenschen Hofrath, was schreibt
doch der? Gndigste Frau Grfin Excellenz! Ihre Gte entschuldigt wohl
mich alten Mann, wenn ich mit gehorsamem Danke auf Hochdero gndige
Einladung verzichte. Ich tauge nicht mehr in die Kreise der heutigen
Welt. Der Kreis, in welchem Sie so gndig sind, mich dulden zu wollen,
besteht, wie ich hre, aus Personen, deren Unglck mir gewi heilig ist,
ohne da ich aber die Vergtterung billigen kann, welche die Deutschen
ihnen, den Auslndern, den Flchtlingen, angedeihen lassen. Ich mte
mir selbst untreu werden, denn was ich einst sang, ist noch heute das
Wort meiner Ueberzeugung:

    Dem Fremden, den ihr vorzieht, kam's
    Nie ein, den Fremden vorzuziehn;
    Er hat die Empfindung dieser Kriechsucht,
    Verachtet euch
    Weil ihr ihn vorzieht.--

Diese Worte drften mir schwerlich vergeben werden, wenn ich mich immer
noch zu denselben bekenne. Mit der tiefsten Verehrung!

Nun, das ist stark! rief Georgine aus. Wer ist dieser khne Mann?

Es ist Deutschlands grter Dichter -- es ist unser Klopstock, antwortete
Ottoline.

So ist es, besttigte die Reichsgrfin. Wieder ein Typus des chten
deutschen Gelehrten, gerade wie mein Abb Eckhel in Wien, gerade durch,
starrkpfig, liebenswrdig und zu Zeiten sehr -- wahrhaftig.

Die Reichsgrfin nahm nach dieser Unterbrechung Windt's Brief wieder auf
und fuhr fort darin zu lesen.

Die beiden Grafen du Boutier, nach denen Excellenz sich bei mir
erkundigen, befinden sich zur Zeit zu Schlo Brunsberg bei Ztphen,
unter dem Schutze der Legion Rohan, von wo sie sich nach Hamburg begeben
werden; vielleicht sind sie schon dort. Es ist sehr gefhrlich, sich mit
Emigranten in irgend eine Verbindung einzulassen, und die Carmagnolen
sind auf nichts so wthend und erbittert, als auf sie und wer ihnen
Vorschub leistet. Ich sage es Excellenz gerade heraus, ich bin kein
Emigrantenfreund. Das Betragen dieser Leute ist die verkrperte Anmaung
und ihre Belohnungen fr erwiesene Dienste bestehen nur aus Undank. Ich
habe sie im Kastell gehabt und habe nur eine einzige Ausnahme zu rhmen,
diese machte ein junger, sehr schner Prinz von Cond.

Durch den hannover'schen Feldpostmeister, frhern Secretr bei Graf
Walmoden, erhalte ich die Hamburger Zeitung, ich kann aber mittheilen,
da alle die hiesigen Vorflle darin ganz unwahr und falsch angegeben
und des Lesens unwerth sind. Graf Walmodens Gemahlin wollte erst in
Arnhem in Brantsens Hause Wochenbett halten, wird sich aber nun nach
Osnabrck begeben.

Ich bin so mit Fremden und Geschften besetzt und beladen, da es kein
Quartiermeister bei der Armee im strkeren Grade sein kann. Auer den
Jgern von Hompesch habe ich einen Theil der hessischen Artillerie,
hundertvier Pferde und vierzig Mann gehabt. Ohnlngst fiel zwischen den
hessischen Dragonern von Prinz Friedrich und den leichten englischen
Dragonern ganz in unserer Nhe eine blutige Attaque vor; Letztere hatten
acht Todte und vierzehn Verwundete.

Das ist ja entsetzlich, rief Georgine: wenn die Verbndeten einander
selbst bekmpfen!

Die Reichsgrfin las weiter:

Man bricht sich die Hlse um eine einzige Bauernhtte, whrend bei dem
Feinde die vollste Eintracht herrscht.

Prinz Ernst August von England war zum ftern hier, er hat mich gerne
bei sich und sprach viel vom Frieden. Vom Commandanten der hollndischen
Garde, die hier lag, erhalte ich fortwhrend die freundschaftlichsten
Briefe und Danksagungen, auch von Amsterdam aus allerlei Lebensmittel,
ungeheuere Pasteten, Liqueure, Citronen; der Commandant der Jger von
Hompesch, Major Baron von Pheilitzer aus Kurland, hat mir Bschings
Erdbeschreibung in prchtigem Einband verehrt; die Emigranten hingegen,
die mir die meiste Last gemacht haben, sind undankbare Menschen und
drcken die Ohren auf den Hals. Um unsere Truppen sieht es trbselig
aus, sie stehen bis ber die Kniee im Morast und Eis, und Holland ist in
Nthen, wie das Sprichwort sagt.

Dem Prinzen Ernst August habe ich die Infamie begreiflich gemacht, eine
Batterie gerade dem Kastell gegenber anzulegen und ihm bewiesen, da es
eine Thorheit sei, den Rhein auf diese Weise vertheidigen zu wollen. Zum
Glck hat die Klte alle Arbeiten gehindert, und sie waren auch vllig
berflssig, denn es ist schnell anders geworden, wie ein Handumwenden.
Die Klte, wie sich einer hnlichen Niemand erinnert, nimmt jeden
Augenblick zu; sie wird die beste Friedensgesandtschaft sein. Gott gebe
es! Haben es die Englnder bei uns schlimm gemacht, so machen es die
Oesterreicher noch toller. Den alten Landdrosten Rhencke van Parkeloes
haben sie in seinem eigenen Hause schier todt geschlagen. Sieben
Menschen wurden an einem Morgen auf den Straen in Arnhem todt
gefunden. Das schne neue Kastell zu Lune ist mit allen Nebengebuden
bis auf den Grund niedergebrannt; Tag und Nacht sehen wir Huser
brennen. Die Krieger sind durch Mangel und Klte zur Verzweiflung
gebracht. Ich hatte neulich neunhundert Mann und ebenso viele Pferde
unterzubringen; alle Vorrthe gehen zu Ende, ich mu bei Ihrer Excellenz
um ein Stck geruchertes Fleisch betteln.

Mit allen Friedensgerchten war es nichts; die Gesandtschaft des Herrn
Brantsen nach Paris ist eine fruchtlose und vergebliche gewesen; der
Feind hat sich Meister gemacht vom Bommeler Weerd. Und welcher Feind!
Der franzsische General Daendels, ein Parteignger an der Spitze von
siebentausend Hollndern und Brabantern, lauter _Patrioten_, die fr den
Feind ihr Vaterland erobern. Man fuhr ber die Wahl und den fest
zugefrorenen Rhein unter Wageningen mit sechsspnnigen Geschtzen und
den schwersten Packwagen. Unsere ganze Armee brach dorthin auf, Prinz
Ernst August kam noch einmal hierher, speiste und nahm Abschied; er
steht an der Spitze des zweiten Regiments hannoversche Kavallerie und
fhrt es nach Amerongen. Er ist voll Feuer und Eifer, obgleich er schon
einen lahmen Arm bekommen hat; ich mute ihm die Hand darauf geben, da
ich ihm hier ein Zimmer bereit halten wolle, er mge gesund oder
verwundet zurckkommen. Der Feind ist guter Dinge und hat sich wieder
verproviantirt, auf unserer Seite aber ist Nachlssigkeit und Verwirrung
an der Tagesordnung. Entweder will man es so und nicht anders haben,
oder es mssen in manchem Hirnkasten viele Schrauben los sein, oder mein
Verstand ist so klimperklein, da ich von Allem gar nichts mehr
verstehe, welches wohl das Wahrscheinlichste ist. -- Unser Erbherr eilte
sogleich, als die ble Nachricht kam, nach Gorkum; von da aus, von
Geldermaalseen aus und von Heel aus sollte nun der Feind durch drei
Heersulen hollndischer, englischer und hessischer, darmstdter und
hannoverscher Truppen zugleich angegriffen werden, aber die englische
Colonne kam zu spt. Die Franken sind vor den Thoren von Arnhem, ich
sehe schon ihre Vorposten in unseren Feldern herum reiten, bald werden
ihre Kanonen unter meiner Nase feuern. Es geht grulich zu und wird noch
schlimmer. Das Herz im Leibe blutet mir ber das Elend der Menschen;
wenn ich weggegangen wre, so wre die Herrlichkeit jetzt eine Einde.
Die Leute sehen, was ich fr sie thue und theilen ihren letzten Bissen
mit mir; so eben geht ein Bauer von mir, der gab mir sein letztes halbes
Brod und fnf Eier, weil sie wissen, da wir an Allem Mangel leiden.
Solche Leute zu verlassen, wre himmelschreiend. Ich lege mich zu
Fen.

Die Reichsgrfin endete und Grfin Ottoline beurlaubte sich von den
beiden Damen. Nach ihrem Weggang sagte die Matrone zu ihrer Freundin,
der Herzogin: Ach, liebstes Kind! Da steht noch eine schlimme
Nachschrift, die durfte Ottoline nicht vernehmen, es htte sie
niedergeworfen. Hren Sie die Hiobsbotschaft!

Man spricht fr gewi, da demnchst Pichegru in Utrecht einziehen und
dann straks aus Amsterdam losrcken werde, da unsere Flotte im Texel
sitzt und eingefroren ist, da die Stelle des Erbstatthalters, welcher
bereits flchtig sein soll, aufgehoben sei und dieser fr sich und den
Erbprinzen auf seine Wrde Verzicht leisten werde und msse -- und
endlich -- erschrecken Sie nicht -- soll der Erbherr gefangen genommen und
nach der Citadelle Woerden abgefhrt worden sein.

Groer Gott! rief die Herzogin erbleichend.

Mein armer Enkel! seufzte die Reichsgrfin. Und mit dieser Nachricht,
mit diesen Gefhlen im Herzen gebe ich heute den royalistischen Emigres
#grande Assemble#.--

Der Abend war da und die Sle strahlten; die Versammlung fand sich ein,
zahlreich und glnzend -- es ging ein widerlicher Moschusduft durch die
Rume, als lgen hier hundert Kranke in den letzten Zgen. Diesen ganz
abscheulichen Geruch fand damals die vornehme Welt, besonders die
Frauenwelt, auerordentlich salonwrdig und angenehm.

Alles glnzte in der kostbaren Pracht der Frisuren, Coiffren und der
groen Trauer-Toiletten; man trug im Haar hochemporstehende schwarze
Marabuts oder auch Blumen aus schwarzer Wolle; das Haar war in groe
Locken gepufft, mit Perlen durchflochten, auch wohl mit kleinen
turbanfrmigen leichten Kopfzeugen bedeckt und gepudert, oder zeigte
auch kleine mit schwarzen Steinen besetzte Diademe. Die Damen trugen an
dunkeln Schnren bergroe Medaillons, welche meist unglckliche
Zeitgenossen und Personen der ermordeten Knigsfamilie Frankreichs
darstellten. Die Taillen waren von mehr als buerischer Unform, von
einer fast fabelhaften Krze und die schnen herrlichen Formen des
weiblichen Oberkrpers erschienen in dieser Verkrzung als ein
auffallender Gegensatz zu dem endlos lang erscheinenden Unterkrper. Die
Kleider und Roben selbst waren nicht ohne Geschmack verziert und
garnirt, doch herrschte in ihren Stoffen das Kleinblumige vor, was zu
groen und fllereichen Gestalten nicht pat. Die Tracht der Herren war
die bekannte des Zeitalters, bei den Deutschen mehr einfach, bei den
Franzosen mehr als je gesucht und auffallend, als wolle man den guten
Deutschen so recht bemerklich machen, was Mode sei. Die Herzogin trug
sich nach altenglischer Weise, sie trug noch eine Art Reifrock, hatte
die wundervollste Taille, eine Bste zum Anbeten, strahlte von Juwelen
und berstrahlte alle, selbst die jngsten Damen, an Glanz und Pracht
ihrer ueren Erscheinung. Viele Franzsinnen blickten mit Neid auf die
schne Tochter Albions, und Georgine schien in Wahrheit die ihr in
Ueberflle dargebrachten Schmeicheleien zu besttigen, da sie einer Fee
gleiche, die aus einer andern Welt herabgeschwebt sei, um Alles zu
bezaubern, was gewrdigt ward, sich ihres Anblicks zu erfreuen.

In den glnzenden Kreis der Geladenen traten zuletzt die Angehrigen der
Knigsfamilie Frankreichs, die der Zufall oder eigene Wahl auf kurze
Zeit in Hamburg vereinte. Sie traten auf, nicht wie aus ihrem Vaterland
Vertriebene, nicht wie gechtete Flchtlinge, sondern mit allem Pomp
eines regierenden Hofes -- #grand cortge# -- ein Heer von Kammerdienern
voraus, eine Schaar hoher Militrpersonen, Adjutanten und Gardeoffiziere
-- dann nach einer Pause der Graf von Artois, an seinem Arme fhrend
seine Nichte Marie Therese, des enthaupteten Knigs Tochter, vermhlte
Herzogin von Angoulme; diesem Paare folgte der Herzog Ludwig von
Angoulme, der Gemahl der vor ihm Gehenden, am Arm die Gemahlin des
Grafen von Artois, auch eine Marie Therese, Tochter des Knigs Victor
Amadeus III. von Sardinien. Nach diesen erschien Louis Heinrich Joseph
von Bourbon, Herzog von Cond, an seinem Arm die reizende Prinzessin
Charlotte von Rohan-Rochefort, und dem Paare auf dem Fue folgte ohne
weibliche Begleitung ein schner, junger, schlanker Herr in reicher
Militrtracht, dem ein etwas lterer Herr, ebenfalls in kriegerischem
Waffenschmuck, aber mit Zeichen der Trauer, zur Linken ging. Dieser
Letztere war der nchste Verwandte der Reichsgrfin, war Charles
Bretagne Marie Joseph Herzog von Tremouille, Prinz von Tarent und
Talmont; er stand im Heere des Herzogs von Cond, das er mit ihm auf
kurze Zeit verlassen hatte, und die Abzeichen seiner Trauer galten
seinem Vater, dem Herzog August Philipp, dem tapfern Vertheidiger des
Knigthums, der frher als treuanhnglicher Adjutant des Grafen von
Artois manchen Sieg in der Vende erfochten hatte, endlich aber als
Cavallerie-General an der Spitze der kriegerischen Vender in
Gefangenschaft gerieth und seine Treue gegen das Knigshaus mit dem Tode
bte. Kein Wunder, da der junge Prinz von Talmont ernst einherschritt,
und da man ihm ansah, er komme nicht in diesen Kreis, sich und Andere
zu erfreuen, sondern er folge dem Zwang des Herkmmlichen wie des
Dienstes, der ihn an einen Prinzen aus kniglichem Blute bannte.

Die Assemble hatte ihren Gang, die Franzosen zeigten sich steif und
frmlich, in jedem Gesicht lag der peinliche Ausdruck, als suche
dasselbe etwas, das vermit werde und nicht zu finden sei. Waren es die
Rume des Louvre, oder der Tuilerien, waren es die Zimmer der Schlsser
von St. Cloud, St. Germain, Fontainebleau oder Versailles, die hier
gesucht und nicht gefunden wurden? Sehnte man sich hier unter Hamburgs
Himmel in das idyllische Schferdrfchen von Klein-Trianon zurck? Wer
vermochte dies zu sagen, wer konnte im Innern so vieler Personen lesen?
Man sprach, man lchelte fein, man schmeichelte, man witzelte und erging
sich auch zum Theil in hohlen Phrasen.

Der Graf von Artois wandte sich an die Reichsgrfin mit dem
schmeichelhaften Kompliment: Frau Comtesse! Ihr Hotel ist la France -- ah
-- la France ist im Hotel d'Aldenbourg zu Hamburg.

Ein Hfling, einer der Boutier's, schnappte diese fade Schmeichelei auf
und wisperte sie weiter; sie ging durch alle Zimmer, von Mund zu Mund,
wie der Orakelspruch eines Propheten. Man besprach allerdings auch
vielfach die Ereignisse der Zeit, aber stets aus einem einseitigen,
meist falschen Gesichtspunkt, betubt von dem Schwindel unerfllbarer
Hoffnungen, in die man sich einwiegte, triumphirend ber die
Volksaufstnde, die in Paris der Hunger hervorrief, und in diesen
Aufstnden die Strohhalmen einer erfolgreichen Reaction erblickend, an
die man sich zu klammern versuchte. Da bei dem furchtbaren Mangel an
baarem Gelde und Lebensmitteln die Abgeordneten des National-Convents
ihre Diten auf 36 Livres erhhten und dadurch die geld- und besitzlose
Menge gegen sich aufbrachten, wurde voreilig genug als ein gutes Zeichen
baldigen Umschlags gedeutet.

Die alte Reichsgrfin lie jetzt auf goldenem Teller ein Kstchen
herbeitragen, welches von dem reinsten durchsichtigen Bernstein
gefertigt und mit Purpursammt ausgefttert war, und als sie es ffnete,
erblickten die um sie Versammelten eine Anzahl einzelner, mit einem
schwarzen schmalen Seidenbndchen gebundener greiser Locken.

Sehen Sie hier, meine allerhchsten und allergndigsten Gste, sprach
die Matrone mit Ernst und Wrde: eine geweihte Reliquie, ber welche
freilich nicht der Papst seinen Segen gesprochen hat. Sie ist geweiht
mit dem Blute des gesalbten Hauptes, das diese Locken trug, diese
Locken, die einst blond waren, und die der Kerker in kurzer Frist wei
frbte. Eine treue Hand setzte sich in den Besitz dieses Haares und
bergab es der meinen, und die meinige soll nicht weniger treu befunden
werden. Sie alle, meine hochverehrtesten Verwandte und Freunde, deren
gemeinsame Abstammung aus dem uralten Knigshause Capet Sie dem Hause
Bourbon verbindet, sollen von mir, wie von ihr, der Unvergelichen, eine
dieser Locken zum Andenken empfangen; es ist das Haar Ihrer
unglcklichen Knigin, es ist das Haar Marie Antoinettens von
Frankreich!

Jede einzelne Locke lag in einem groen goldenen Medaillon zwischen zwei
feingeschliffenen ovalen Platten von Bergkrystall hermetisch
verschlossen, und in das Gold am untern Rande war auf der einen Seite
die Chiffre #MA# und darunter die verhngnivolle Jahrzahl, auf der
andern aber der einfache Namenszug der Geberin, wie sie gewhnlich zu
unterzeichnen pflegte, und die Jahrzahl 1795 eingegraben.

Prinz Talmont stand bei der Reichsgrfin und bei Georgine, und sprach
ernst ber die ernste Zeit. Georgine, welcher im hohen Grade die
Schattenseite der Emigranten aufgefallen war, die bei dem Prinzen
Talmont wenig, und noch am Wenigsten bei dem jngeren Prinzen Cond
hervortrat, bekmpfte die eitle Selbsttuschung, welcher die Emigranten
sich hingaben, indem sie sagte: Ich mu Ihnen eine Stelle unseres
Thomson mittheilen, mein Prinz, nicht um Ihr Gefhl zu verletzen, oder
irgend einem Wrdigen damit weh zu thun, das sei ferne; aber im
Allgemeinen ist auf Ihre geflchteten Landsleute jenes Dichterwort
anwendbar, welches lautet: Wo bist du, lgenhafte Eitelkeit? Ihr immer
lockenden, ihre immer tuschenden Wnsche, wo seid ihr und was Anders
erreichtet ihr, als Beunruhigung, Kummer und Gewissensbisse? Ach und
dennoch, schwer niederbeugender Gedanke! ist kaum ein Auftritt des
gauklerischen Trugspiels abgespielt, so erwacht aufs Neue der getuschte
Mensch aus kurzem Schlummer, gestrkt von neuer Hoffnung, zu des
schwindelvollen Kreislaufs abermaligem Beginn.

Ihr Thomson ist ein demokratischer Visionr, erwiderte Prinz Talmont: er
hat ja die liebe Freiheit in einem Lehrgedicht besungen, daraus sich
noch viel Anderes gegen uns wrde anfhren lassen. Erlauben Sie mir
aber, Frau Herzogin, Ihnen auf Ihres Dichters Worte mit denen eines
franzsischen zu antworten, der mit ungleich weniger Worten das
ausdrckt, was wir alle fhlen, die wir im Unglck und aus unserem
Vaterlande verbannt sind; es ist Corneille, den ich meine. Ein groes
Herz kann einem Thron entsagen, und kann dies mit Ehren thun; die That
der Tugend wird gekrnt vom Nachruhm. Aber wer auf Das freiwillig
verzichtet, was sein Herz mit flammender Liebe umfat, der ist ein
Feiger und wei nicht zu lieben. Was unser aller Herzen mit flammender
Liebe umfassen, Frau Herzogin, das ist unser Frankreich, unser
Vaterland. An ihm hangen und halten wir, unsere Vaterlandsliebe ist
unser Palladium, sein unsichtbares Bild tragen wir mit uns in Ferne und
Verbannung, wie Anchises aus Troja's Flammen die sichtbaren Bilder
seiner Laren mit von dannen trug. Nehmen Sie uns Franzosen diese Liebe,
diese Treue, dann ist uns Alles genommen, dann sind wir ganz vernichtet.
Wrden wir unsere Liebe aufgeben, dann verdienten wir, da unsere Namen
ausgetilgt wrden von den Tafeln der Geschichte.

Georgine schwieg, sie fhlte sich tief getroffen, nicht durch die
allgemeine Wahrheit, die in den Worten des Dichters und des Prinzen
ausgedrckt wurde -- noch etwas Anderes, etwas Besonderes traf und
berhrte empfindlich ihr Herz. War sie es nicht, die Dem freiwillig
entsagt hatte, was ihr Herz mit flammender Liebe umfate? Hatte sie sich
nicht ihres Sohnes entuert durch so lange Jahre? Ruhig hatte sie es
geschehen lassen, da eine fremde Hand ihn pflegte und auferzog,
zufrieden und beruhigt war ihr Gemth, da ihr Geheimni so trefflich
bewahrt blieb, da Niemand die leiseste Ahnung davon hatte, da sie vor
ihrer Vermhlung schon einmal Mutter geworden. War sie denn diesem Sohne
gar nichts schuldig? Sollte die einfache Gabe des Lebens sein ganzes
mtterliches Erbtheil sein?

Alle diese Gedanken fuhren wie Blitze durch der Herzogin Seele, indem
sie schweigend in ihrer Hoheit und Schnheitflle dastand und manche
Blicke an ihr bewundernd hingen. Niemand aber ahnte, was hinter diesen
sanft gesenkten Wimpern, hinter dieser herrlich geformten Stirne von
rosigem Marmor leuchtete. Sie gelobte sich, Versumtes gut zu machen.

Die Reichsgrfin hatte inde gegen den Prinzen das Wort genommen: Was
Sie empfinden und aussprachen, mein Prinz, war eine gute und edle
Entgegnung, und Jeder wird die Gefhle ehren, denen Sie im Namen aller
Ihrer unglcklichen Landsleute so eben Worte gaben. Doch mchte ich, da
wir uns eben mit den Federn fremder Gedanken schmcken, als mahnenden
Zuruf ein Wort meines Lieblingsdichters zur Geltung bringen, und ich
wnsche, ich knnte dasselbe fr eine groe Anzahl Ihrer Landsleute zum
Glaubensartikel erheben; mein Dichter ist Horaz, und seine Worte, die
ich meine, sind diese: Wem allzusehr das Glck die Seele schwellte, den
erschrecken die Wechsel der Geschicke auf das Heftigste. Denn von Allem,
was wir bewunderten, reien wir uns ungern los. Fliehe das groe Leben!
Es ist gestattet, unter niederem Dach Knige und Knigsfreunde zu
bertreffen.

Und Knige und Knigsfreunde zu bleiben! fiel die Prinzessin von
Rohan-Rochefort ein, welche den Sprechenden nahe getreten war und diese
Worte vernommen hatte. Zur Reichsgrfin gewendet, fuhr sie fort: Gewi,
Comtesse, dies ist ein schnes Wort, und wir, die Meinen und ich, haben
es bereits zur Wahrheit gemacht. Die Gnade des Markgrafen von Baden hat
uns in seinem Lande ein stilles Asyl gewhrt; ich wnschte es nie zu
verlassen!

Glcklich Die, Prinzessin, welche leichthin ein Vaterland aufzugeben und
es mit einem andern Lande zu vertauschen vermgen ohne Kummer und
nagenden Schmerz in der Seele! sprach mit bewegter Stimme der Prinz
Talmont und mit sanftem Vorwurf, den er durch den Zusatz milderte:
Kindesliebe ist der Frauen Panier, Vaterlandsliebe das der Mnner.
Bleibe Jedem das Seine!

Der Graf von Artois hatte alle seine schnen Redensarten verbraucht und
gab der Gesellschaft das Zeichen zum Aufbruch, der auf seiner und seiner
nchsten Umgebung Seite ebenso feierlich und ceremonis war, wie sein
Eintritt.

Bald darauf zerstreuten sich diese vornehmen und zum Theil jetzt so
unglcklichen Personen, welche nicht ohne Absicht in der freien Stadt
Hamburg eine flchtige Vereinigung zur Besprechung ihrer Angelegenheiten
gehalten hatten, nach verschiedenen Richtungen hin. Der Graf von Artois
begab sich nach Hamm, der Prinz von Cond wieder zur Armee an den Rhein.
Die Angehrigen der Familie Rohan-Rochefort suchten ihr Asyl in Baden
wieder auf; Georgine hatte mit ihrer wrdigen Freundin noch einige sehr
wichtige Unterredungen, welche alle das Lebensglck Ludwigs zum
Gegenstand hatten, der nicht ahnte, da zarte weibliche Hnde den
Versuch zu machen unternahmen, in die Rder seines Lebensganges
bestimmend und lenkend einzugreifen. Armer Sterblicher schwaches Mhen!
Wie kurzsichtig ist oft selbst die reinste Liebe! Nichts lt im Voraus
sich bestimmen; alle Fden lenkt allein die allmchtige Hand des
Geschickes, und kaum vergnnt sie der einzelnen Menschenhand, diesen
Fden eine hellere oder dunklere Frbung zu geben. Mancher Lebensfaden
blitzt freilich glanzhell, wie ein Sonnenstrahl, andere sind
lebenslnglich hoffnungsgrn, andere aber sind dster gefrbt und manche
vllig nachtschwarz.

Die ltere und die jngere Freundin beschlossen in ihren vertraulichen
Berathungen, da der Graf Ludwig zur Strkung seiner Gesundheit nach
England kommen und durch Empfehlungsbriefe seiner Gromutter sich bei
der Herzogin einfhren solle. Diese wollte ihn dann in hohe Kreise
ziehen, ihm die edelsten Herzen zu gewinnen suchen, und vielleicht eine
glckliche Vermhlung zwischen ihm und einer liebenswrdigen jungen Lady
zu Stande bringen. Der Graf sollte in die Futapfen seiner Verwandten
treten, und entweder unter der Leitung der angesehenen Glieder der
englischen Familie des gemeinsamen Stammes die Laufbahn eines
Staatsmannes beginnen, oder, falls ihm das minder zusage, wollte man ihm
ein Landgut kaufen, das er nach Lust und Liebe bewirthschaften knne.
Glcklich sollte er werden, der gemeinsame Liebling, durch Glck und
Lebensfreuden in Flle entschdigt werden fr des Dunkel seiner Geburt.
Auch noch ein Name von irgend einer Besitzung sollte ihm zufallen, auf
da er ein neues Geschlecht begrnde, das mit ihm beginne.

Ottoline verweilte noch mit ihren Kindern in Hamburg, Georgine ging nach
England zurck; William blieb aus unbekannten Grnden; er erheiterte oft
in guten Stunden die alte Verwandte und wute sich ihr angenehm zu
machen durch Eingehen auf ihre Ideen und Lieblingsbeschftigungen; denn
ganz vermochte sie sich doch nicht von ihren lieben Bchern und Mnzen
zu trennen, wenn sie auch das sich selbst auferlegte Gelbde hielt,
deren nicht mehr zu kaufen. Der Vice-Admiral war auch ein Enkel der
Reichsgrfin, der Sohn ihres Sohnes Johann Albert.

Auch bei den Verhandlungen ber den Verkauf der Herrlichkeit Doorwerth
verfehlte William nicht, seinen Rath zu ertheilen, und verkehrte viel
darber mit Kammerrath Melchers, dem rechtskundigen Geschftsfhrer der
Grfin. Beiden war unter Anderm die einfache Quittung, welche die
Besitzerin von Doorwerth entworfen, nicht gengend; sie kalkulierten und
spintisirten so lange, bis sie nachstehenden Zusatz ausgegrbelt hatten,
zu welchem die Matrone ihre Einwilligung zu geben durch beider Rathgeber
berwiegende Grnde sich bewogen fand.

                #Additamentum# zur #Interims#-Quittung

    in Abschlag des am 3. Sept. jngst bereits zu entrichten
    gewesenen ersten #Termins# von Fnfzig Tausend Gulden
    Hollndisch ausgezahlt und von Uns, #reservatis reservandis#,
    und mit dem ausdrcklichen Beifgen in Empfang genommen worden,
    da dadurch an Unsern Gerechtsamen und Forderungen nichts
    #praejudic#irliches eingerumet sein soll, die gedachte
    #Cession# Unsrer Herrlichkeit #Doorwerth# und briger in der
    Provinz #Geldern# belegenen Gter auch von selbst wegfallen
    wrde, falls gedachter Unser Herr Enkel die eingegangenen
    Bedingungen zu erfllen auer Stande sein oder an dem vlligen
    Abschlu des Vergleichs selbst sich in der Folge sonstige
    Hindernisse ergeben sollten; in welchen unverhofften Fllen Wir
    Uns jedoch verpflichtet achten, demselben diese einstweilen
    ausgezahlte #Summe# der Zwanzig Tausend Mark Hamburger #Banco#,
    nach desfalls zu nehmender Abrede, zurckzuzahlen oder Uns an
    Unseren aus den Grflich #Aldenburg#ischen in Deutschland
    belegenen Gtern zu beziehenden #Aliment-# und Jahresgeldern
    #successive# krzen zu lassen.

    Hamburg den 1. Februar 1795.

In dieser Form wurde die Quittung nach hinlnglich langer
Kanzleiverzgerung abgesendet, ohne Rcksicht darauf, da der erwhnte
Enkel als politischer Gefangener und als ein des Handelns in dieser
Sache ganz ohnmchtiger Mann in der niederlndischen Festung Woerden
sa.

Jetzt besa der Erbherr Doorwerth und besa es auch nicht.




6. Der Freunde Trennung.


Hollands Loos war gefallen; der Erbstatthalter hatte sich in
Scheveningen eingeschifft, sein Sohn, der Erbprinz, hatte die Armee
verlassen; Pichegru war mit zehn Bataillonen zerlumpter, ausgehungerter
Soldaten, von denen ein Theil in Holzschuhen einherklapperte, oder in
Strohsocken leise schritt, in Amsterdam eingezogen. Aber diese
erbrmlich aussehenden Soldaten waren Helden, die mit Muth fr die Sache
der Freiheit kmpften, fr die sie nun einmal begeistert waren, die mit
eiserner Ausdauer Klte und Ungemach und jede Beschwerde eines
Winterfeldzugs ertragen hatten. Mit solchen Truppen wren Welttheile zu
erobern gewesen, warum nicht ein Land, in welchem die Mehrzahl der
Bevlkerung den Feind als Freund begrte und ihm entgegenjubelte? Und
was einzig dasteht in der Weltgeschichte, war geschehen; einige
Geschwader, nicht Schiffe, sondern leichte Reiter hatten Hollands stolze
Flotte erobert. Denn die Flotte sa im Eise fest und lie sich nicht
trumen, da Cavallerie den Kampf mit Schiffen unternehmen werde.

Der Feldzug Frankreichs gegen Holland war beendet; an die Stelle der
Erbstatthalterschaft und an die obere Leitung der Staatsgeschfte trat
der einsichtsvolle Schimmelpennink. Mitten in diesen Wirren, die eine
vergangene Zeit abschlossen und eine kommende begannen, starb Herr
Adrianus van der Valck in Amsterdam. Der alte Mann konnte den Wechsel
der Dinge weder gut heien, noch ertragen, und sank mit dem, was
dahinsank. Dasselbe Jahr, das die hollndisch-ostindische Compagnie zu
ihrer Auflsung fhrte, deren letzten Tag er nicht sehen und erleben
wollte, raffte ihn dahin.

Mit bekmmerter Miene und einem schwarz gesiegelten Brief in der Hand
trat Leonardus zu Ludwig ein und sprach zu diesem: Mein Vater ist
gestorben -- der Vetter, Vincentius Martinus, meldet es mir -- meine
Mutter ist sehr gebeugt, die Erben, denen zu Gunsten ich beraubt bin,
werden lachen. Ich reise nach Amsterdam, um die Mutter zu trsten, deren
Liebe mir geblieben ist, und die Hlfte meines Pflichttheils mir zu
sichern. Bei der Gesandtschaft, deren Zweck ohnehin ein verfehlter war,
und die vielleicht binnen Kurzem abgerufen wird, bin ich entbehrlich --
am Ende auch du, Ludwig. Begleite mich, es wird dich zerstreuen.

Sollte ich es wagen drfen in dieser Jahreszeit? fragte Ludwig zurck,
auf dessen Angesicht eine gewisse Stubenfarbe lag und der viel an
Frische verloren hatte. Doch vor Allem, mein Freund, mein Bruder, nimm
das Wort meiner Theilnahme. Wie traurig, da dein Vater unvershnt mit
dir von hinnen ging!

Er ruhe im Frieden! antwortete Leonardus. Ihm folgt von meiner Seite nur
Dank und Segen, kein Unmuth und kein Vorwurf nach. Er war des Hauses
Haupt, ich war zwar Sohn, doch auch zugleich ein Diener des Geschfts;
ich lehnte mich auf gegen den Willen meines Chefs, und er entlie den
ungehorsamen Diener; das ist das klare Sachverhltni. Jetzt liegt mir
ob, zu sehen, was ich rette aus meinem Schiffbruch, ich hoffe immer
noch, mich leidlicher einrichten zu knnen, als Robinson auf seiner
Insel.

Gewi bist du nicht arm, besttigte Ludwig. Dein Vater klagte gern, war
nur das grte Verhltni gewohnt; seine Armuth reichte wohl hin, um
Viele reich zu machen, auch bleibt dir ja noch dein Muttererbe.

Gott erhalte das Leben meiner theuern Mutter noch recht lange! Ich warte
nicht auf ihren Tod; sie ist so unendlich gut und liebt mich so sehr.

Du Glcklicher, dem noch eine liebende Mutter lebt! rief Ludwig
schmerzlich aus. Wie sehne ich mich bisweilen nach solchem Glck!
Mutterliebe ist eine helle Leuchte auf dem Lebenspfad -- ich irre im
Dunkel -- oh -- mein Schatten!

So freue dich an meinem Glck, noch die Mutter zu haben, komme mit mir.
Du sollst ja Seeluft athmen, will der Arzt, die hast du halb und halb
schon in Amsterdam, und wenn es dir nicht mehr bei mir gefllt, dann
gehst du nach England, dessen mildes Klima dich neu beleben wird.
Ludwig, du neigst dich zu dsterer Schwermuth, das ist nicht gut in so
jungen Jahren; doch ich kenne diese innern Kmpfe.

    Wir mssen Alle ringen,
    Des Kampfs bleibt keiner frei;
    Doch soll ein Sieg gelingen,
    Frag' nicht, ob schwer er sei?

Sieh' mich an! Habe ich nicht auch schwer an Leid zu tragen? Weine ich
nicht ber Trmmern schner niedergesunkener Hoffnungen? Was ist der
Verlust irdischen Besitzes gegen den Verlust eines Herzens? Jene groe
und edle Seele meiner Angs ri sich los von mir, auf da unsere Liebe
eine reine bleibe, auf die wir ohne Reue noch in spten Tagen
zurckblicken sollen; ich bezwang alle Glut meiner Gefhle -- ich lie
sie ziehen, und nur schwach ist meine Hoffnung, da ich sie wiedersehe.
Aber darum doch kein unmnnliches Zagen und Muthloswerden! Hinaus, wie
der rastlose Schiffer, immer auf's Neue hinaus in den Sturm und Drang
der Lebenswogen, mitten durch die Brandung, denn im Sturme lutern sich
die Gefhle, und immer mu der Mann suchen, sein Bestes zu retten, seine
Selbstndigkeit und seine sittliche Freiheit.

Ich gehe mit dir, Leonardus! sprach Ludwig. Dein Rath ist immer treu und
deine Gesinnung wie Gold. Ich werde auch meine Schwachheit berwinden,
die, wie ich fhle, krankhafter Natur ist; an deinem Beispiel soll meine
Kraft sich aufrichten.

Viel Schweres gibt das Leben uns zu tragen, nahm wieder Leonardus das
Wort. Wir mssen in der Jugend lernen, uns mit dem Panzer der
Unverwundbarkeit zu rsten; das Herz darf nicht brechen unter den
Keulenschlgen des Schicksals, es mu hoffen und dauern. Wir wissen
nicht, was uns Beide noch bedroht und wie lange wir beisammen bleiben;
so lange uns dies aber noch vergnnt ist, mu Einer im Andern und Einer
fr den Andern leben.

Und wie hast du schon fr mich gelebt, mein treuer Leonardus! rief
Ludwig gerhrt aus und drckte des Freundes Hnde mit Innigkeit. Welchen
groen Theil deines Vermgens gabst du in meine Hand, auf kein anderes
Pfand, als mein Wort, ein Vermgen, von dessen Abfall in einer kleinen
deutschen Stadt, wenn ich fnf Procent rechne, ein Mann schon leidlich
gut als unabhngiger Rentner leben knnte.

Leonardus konnte sich, so sehr Trauer sein Gemth fllte, bei diesen
Worten Ludwig's eines Lchelns nicht erwehren und sprach: Ich nehme mit
Freude wahr, da mein seliger Vater richtig prophezeit hat, als er dir
sagte: werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja,
recht gut rechnen!

Wenn ich nur nicht frchten mte, lieber Leonardus, versetzte Ludwig
ernst bleibend, mich schon verrechnet zu haben. Mein Vetter hat nur zum
kleinsten Theil das ihm dargeliehene Geld auf Doorwerth abgezahlt, den
ungleich grern Theil hat er fr sich verwendet. Noch haben wir keine
Quittung, noch keine rechtsgltige Verschreibung in Hnden.

Wir haben das Ehrenwort deines Vetters, des Erbherrn, beruhigte ihn
Leonardus.

Und wenn er auer Stande wre, es zu halten? fragte Ludwig besorgt.

Der Fall kann kommen, versetzte Leonardus: und dennoch bin ich ohne
Sorgen, das Geld zu verlieren; im schlimmsten Fall verlrest du es, und
das und um dich wre mir es leid. Sieh, mein brderlicher Freund, ich
kenne vielleicht besser als du deines Herrn Vetters Schuldenlage. Hre
mich an, liebster Ludwig, und lerne vom Kaufmann rechnen, immer mehr und
mehr rechnen! Die Rechnenkunst ist die Kunst aller Knste; ich brauche
dir ohnehin nicht zu sagen, da die Mathematik, in welcher auch die
Arithmetik wurzelt, die erhabensten Wissenschaften in sich schliet, die
Gestirnkunde und die Mekunst des Himmels und der Erde. Aber auch die
vier Species mit benannten und unbenannten Zahlen sind gar nicht zu
verachten, und aus der Bruchrechnung kann Einer lernen, wie Mancher,
der nicht rechnen lernte, in die Brche kommt, zum Beispiel dein Herr
Vetter. Er besitzt schne Gter, aber sein Herr Vater berlud diese mit
Schulden, und als seine Frau Mutter vor mehreren Jahren starb, belastete
dies furchtbar ihr Herz und erschwerte ihren Todeskampf, da sie wute,
da sie ihren Shnen ein Heer von Processen und achtzigtausend
Reichsthaler Schulden hinterlie; die fressen viele Zinsen, lieber
Ludwig. Es soll klglich und beweglich gewesen sein, wie sie noch in den
letzten Augenblicken ihres Lebens geschrieen und geseufzt, und es hat
dies Alles auf das Gemth der Frau Erbherrin einen erschtternden
Eindruck gemacht. Der Erbherr brachte seinem Patriotismus sein und der
Seinen und anderer Leute Vermgen zum Opfer. Arm jetzt, wie eine
Kirchenmaus, hlflos und gefangen -- ist gegenwrtig ihm ebensowenig zu
helfen, als Etwas von ihm zu verlangen oder zu erlangen. Dazu aber
kommt, da man fr gewi sagt, da die einhundert Millionen Gulden,
welche Holland an Frankreich bezahlen soll, aus den Gtern und
Besitzungen des Statthalters und seiner Anhnger genommen werden sollen;
wir mssen daher Gott danken, da in des Erbherrn Papieren, welche
durchzusehen man nicht ermangelt haben wird, sich noch keine
Cessionsurkunde von Doorwerth auf ihn vorfindet, denn dann wre die
Herrlichkeit zum Kukuk, whrend sie als Besitzthum einer deutschen und
dnischen Grfin Niemand antasten wird -- und so lange Doorwerth im
Besitz deiner Frau Gromutter Excellenz, wre es auch nur scheinbar,
bleibt, ist Doorwerth so wenig verloren, wie Polen. Zudem ist noch Sorge
getragen worden, die Herrlichkeit im ganzen Lande als totaliter
verwstet, ausgebrannt und ausgeplndert zu verschreien, so da sie als
ein vllig heruntergekommenes Besitzthum erscheint, und kaum einer
Abschtzung unterworfen werden wird.

Wer hat sie denn so verschrieen? fragte Ludwig.

Ich! erwiderte Leonardus.

Du? fragte Ludwig mit groen Augen.

Bin ich umsonst ein Vierteljahr Lehrling im diplomatischen Corps zu
Paris gewesen? fragte Leonardus lchelnd zurck. Ein Kaufmann kann sehr
leicht Finanzmann werden, frage doch nach, welche Anfnge die grten
Mnner in diesem Gebiet der Staatswirthschaftskunst hatten? Die Meisten
waren entweder geborene oder doch gelernte Kaufleute. Ist nun Doorwerth
so entwerthet, das heit, erscheint es so, dann wird der Erbherr in
England geltend machen knnen, da er sein Eigenthum fr die gemeinsame
Sache zum Opfer gebracht, da er englische Truppen im Ueberma
verkstigt; er wird darthun, da England die Herrlichkeit habe ruiniren
helfen, und von dem Inselstaate eine Entschdigung fordern, und eine
solche vielleicht wirklich erlangen, denn die englischen Prinzen selbst
mssen bezeugen, da sie beigetragen haben, Doorwerth mit zu verzehren;
vielleicht aber erlangt er sie auch nicht.

Er verarmt also; das ist, was ich deiner ganzen Rede entnehme! O mein
unseliger Fluch! rief Ludwig.

Nun, ich mu bekennen, du verstehst gut, dich selbst zu qulen, schlo
Leonardus diese Unterredung. Es wurde bald nach derselben die Reise der
beiderseitigen Freunde nach Amsterdam festgestellt.

Daselbst traf Leonardus seine Mutter in tiefer Trauer und weit
untrstlicher ber den Tod des Gatten, als ber dessen starren
Eigensinn, Leonardus zu enterben; aber des Sohnes verstndiges Wesen
benahm jenes Bangen der alten, stets das Schlimmste frchtenden
Kaufmannsfrau. Vor Allem war er bemht, alles Nthige zu ordnen, das
Vermgen seiner Mutter gegen das seines Vaters festzustellen, und die
Erben in diejenigen Rechte einzusetzen, die sie nach dem Gesetze
beanspruchen konnten. Als er mit Ludwig und Vincentius Martinus, der
auch einigermaen bedacht worden war, sich gemeinschaftlich ber seine
Angelegenheiten unterhielt und der Letztere uerte: Du wirst doch,
lieber Leonardus, nun bei uns bleiben, wirst dein eigenes Geschft
beginnen und uns die Freude machen, dich in unserer Verwandtschaft zu
behalten und deine alte Mutter pflegen? -- da antwortete Leonardus: Ich
werde thun, was mir gut dnkt, Vetter! Erbt ihr Alle doch in Gottes
Namen, was zu erben ist. Ich brauche euch nicht, ihr bedrft meiner
nicht. Wenn ich dem heiligen Martinus gleichen sollte, der seinen Mantel
theilte und die eine Hlfte einem Armen gab, so soll mindestens keiner
von euch der Arme sein, der meine Mantelhlfte bekommt -- ich will es
machen wie mein Vater, will die nchsten Verwandten hintansetzen und mir
selbst einen Erben suchen, der mein Mantelkind sein soll. Hier steht er,
es ist mein Freund, mein Bruder, mein Ludovicus.

O Freund, rief Ludwig: sprich mir nicht so, ich will und werde dich
nicht beerben, ich werde vor dir dorthin gehen, wo man nicht freit und
gefreit wird, wo man irdischer Gter nicht bedarf. Wie viel thatest du
schon fr mich! In der letzten Zeit hast du ja alle Ausarbeitungen fr
mich gemacht, damit ich mich pflegen und meine Gesundheit schonen
konnte; mir zu Liebe hast du dich mit doppelter Arbeit berladen!

Was thut's? Ist es doch Niemand gewahr worden, da wir ganz einerlei
Handschrift schreiben! scherzte Leonardus.

Vincentius Martinus sah diese innige Zuneigung seines Vetters Leonardus
zu dem Freunde, von welcher Ersterer so gar kein Hehl machte, nichts
weniger als gern. Sein Herz war schon zu sehr eingeschult in geistlichen
Gehorsam und in die beschrnkte Sphre seines Amtes, als da er das
herrliche Glck einer idealen Freundschaft htte fassen knnen, und
zugleich regte sich in ihm der Stachel des Neides. Vincentius sprach in
diesem Sinne, doch verblmt sich aus, indem er sagte: Ich denke nicht,
Leonardus, da du es dem heiligen Crispin wirst gleich thun wollen,
welcher den Reichen das Leder stahl, um den Armen Schuhe daraus zu
fertigen?

Ich bin nicht so bewandert in der Legende wie du, mein geistlicher
Vetter, spttelte Leonardus. Doch wei ich, da ich nicht auf dem Rost
des Neides brate, wie dein Schutzpatron Sanct Vincentius auf einem Rost
briet. Ich suche meinem Schutzpatron, dem heiligen Leonardus,
nachzueifern, der der Verfolgten und Gefangenen sich annahm. Da ihr
mich gern ins Haus schlachten mchtet als einen alten Krmer-Junggesellen,
glaub' ich euch gern, werdet's aber nicht an mir erleben -- ich will mir
erst noch ein und das andere Stck Welt besehen. Inde mache dich auf
ein recht langes Leben gefat, wenn du mich zu beerben gedenkst, denn
ich denke es noch eine hbsche Weile zu treiben, mein guter Vetter! Du
sollst auch stets Nachricht von mir haben, und wenn ich einmal nicht
mehr schreibe, so denke, da ich gestorben bin, und lies dann fr meine
arme Seele so viele heilige Messen, als dir fr mein unsterbliches Theil
heilsam dnkt.

Ich werde einstweilen eifrig zum heiligen Rochus fr dich beten, da er
dich auf deiner Weltpilgerfahrt beschtze, nicht unter die Ruber und
Mrder dich fallen lasse, im Uebrigen empfehle ich mich als
Geschftstrger am hiesigen Ort, wenn die beiden gndigen Herren
Ambassadeurs vielleicht hohe Auftrge fr mich armes Priesterlein und
Knechtlein der heiligen Jungfrau haben sollten!

Es war nichts wie Spott und heimlich verhaltener Groll in den Worten
Vincenz Martinus, allein Leonardus machte ihm nicht die Freude, sich
darber rgerlich zu zeigen, vielmehr nahm er alle prickelnden
Stichelreden ruhig hin.

Schwerer war des Sohnes Stand bei seiner Mutter, als er dieser
mittheilte, da er die Absicht habe, sie wieder zu verlassen, denn
Leonardus hatte sich gelobt, das Leben daran zu setzen, um mit Angs
vereinigt zu werden; er wollte zunchst wieder eintreten in das
diplomatische Corps, da er sich volle Befhigung zu dieser Laufbahn
zutraute und er zur Zufriedenheit des Gesandten gearbeitet hatte; er
hatte dehalb schon vorsorglich bewirkt, da ihm der Eintritt offen
gehalten wurde; dann wollte er noch einmal nach le Mans reisen und nicht
ruhen, bis er entweder die gerichtlich verbriefte Ueberzeugung von
Etienne Berthelmy's Tode in Hnden habe, oder bis er diesen, falls er
noch am Leben, zur Scheidung bewogen. Leonardus gebot ber nicht geringe
Geldmittel, denn einmal hatte er auch fr sich selbst auf seinen weiten
Reisen gearbeitet, war von Einsicht untersttzt und vom Glck begnstigt
worden, und dann war auch der alte verstorbene Herr Adrianus van der
Valck keineswegs so arm geworden, als derselbe damals Ludwig glauben zu
machen versucht hatte, und endlich blieb ihm an der treuen Mutter fr
Flle der Noth noch eine mchtige Sttze. Es war nicht blos Gromuth,
da er damals die Hlfte des Kaufgeldes fr Doorwerth fr den Erbherrn
hergab; Leonardus rechnete darauf, da er in dieser Herrschaft auf einem
der Schlsser ein stilles Asyl finden knne fr sich und seine Liebe,
sei es in Miethe, sei es als Mitbesitzer, je nachdem ihm nun der Erbherr
sich dankbar bezeigen wollte und als redlicher Schuldner; daher war
Leonardus auch geneigt, die zweite Hlfte jenes Kaufschillings zu
beschaffen, aber da nun freilich der Erbherr das Geld grtentheils
anders verwandte und nur einen geringen Theil am Kaufgeld baar anzahlte,
das war einer von den Strichen durch die Rechnung, von denen Herr
Adrianus so ernst gesprochen, daher beschlo Leonardus, vorlufig auf
weitere Schritte bezglich des Gterankaufs im Geldernlande zu
verzichten.

Die Freunde trennten sich, als die Zeit da war, da Leonardus nach Paris
zurckeilte, nicht ohne Kummer und trbe Gedanken. Ludwig machte sich
Sorgen um des Freundes Zukunft, die eben so verhllt vor ihm lag, wie
seine eigene, und Leonardus war von Besorgni erfllt ber des Freundes
Gesundheitsumstnde und dessen Neigung zu stillbrtender Schwermuth, die
in dem Nebellande Albion zuletzt mehr gemehrt als gemindert werden
konnte. Beide trennten sich, als die Scheidestunde da war, mit den
Schwren fester Treue, mit dem heiligen Versprechen fteren brieflichen
Verkehrs. Leonardus begleitete Ludwig vorher zum Hafen, um ein nach
England bestimmtes Schiff aufzufinden, und siehe, hell strahlte im
erneuten Glanze unter den vielen hundert Schiffen das Bild der
vergulden Rose, welche in anderen Besitz bergegangen war nach dem
Tode des alten van der Valck, aber immer noch den treuen Kapitn Richard
Fluit zum Befehlshaber hatte. Gro war das Glck der drei Freunde, sich
so unverhofft wieder zusammen zu finden, und da Fluit es nicht fehlen
lie, dieses Wiedersehen seemnnisch zu feiern, lag in der Natur der
Sache.

O knnt' ich doch, ihr lieben guten Freunde, rief Fluit, als die Drei
beim kreisenden Becher in der Kajte beisammen saen: knnt' ich doch
wieder mit euch hinfahren in so schner Nacht, wie damals, denselben
Strich, den wir hierher zuhielten! Aber verdammt, erstlich sieht es mit
aller Seefahrerei uerst windig aus, wenn nicht bald Thauwetter
einfllt, und dann hab' ich Frachten nach England, nicht nach Hamburg,
mu nach Plymouth segeln!

Ludwig und Leonardus sahen bei dieser Mittheilung Fluit mit strahlenden
Gesichtern an, und Leonardus rief: Bravo, das ist der rechte Cours!
Mchte beim Himmel unter solchen Umstnden selbst mit -- doch -- es kann
nicht sein -- aber, wackerer Fluit, was gebt Ihr dem Freund hier, wenn er
mit Euch die Fahrt hinber macht?

Ei, das wre! rief Fluit. Freie Fahrt, freie Kost, freie Kajte, freien
Schiffskeller, in welchen, unberufen sei es gesagt, seit die vergulde
Rose die Meere befhrt, noch nie ein Tropfen Wassers gekommen -- ich
meine den Schiffsweinkeller, nicht den sen Wasservorrathkeller,
versteht sich.

Wir werden uns darber einigen! sprach Ludwig lchelnd: aber wahrlich,
das achte ich als ein Zeichen von meines Geschickes Gunst, da ich mit
dem braven Freund und nicht mutterseelenallein in das Meer hinaus
steuern soll, da ich im Lande meiner nchsten Bestimmung und zumal in
der wimmelnden Hafenstadt wieder einen so kundigen Fhrer finde, wie ich
ihn einst in meinem Leonardus zu Amsterdam fand.

Vieles hatten sich die wackeren Freunde einander mitzutheilen, theils
was ihre eigenen Gemther, theils was die Welt bewegte, und wahrlich,
die Zeit lie es nicht am mannichfaltigsten Stoff zu Gesprchen fehlen.
Die Patriotenpartei in Holland hatte nun gesiegt, sie hatte das
Verderben ber ihr eigenes Vaterland heraufbeschworen, wie das stets der
Fall ist, wenn die Unvernunft alles gerechte Ma berschreitet und nicht
eine verstandvolle geregelte Regierung das Steuer des Staatsschiffes
lenkt, sondern ein Haufe entflammter Schreier und selbstschtiger
Volksmnner dem Volke seine Beglckungsideen vorschwindelt. Die
Franzosen, die Feinde waren es, die der niederlndischen
Patriotenbrutalitt selbst Schranken setzen muten; die Mannszucht der
Franzosen war vortrefflich, ihr Benehmen in Holland damals achtungswerth
-- Windt empfand dies im vollen Mae und sprach sich darber in seinen
Briefen an seine Gebieterin mit gewohnter Unumwundenheit aus. Holland
kam fast ganz um seine einst mit so groen Opfern erkaufte Freiheit, es
wurde wenig mehr, als eine franzsische Provinz; es mute den Schiffen
Frankreichs freie Fahrt auf seinen Strmen gestatten, mute 100
Millionen Gulden Kriegskosten aufbringen, mute, so lange der Krieg
dauerte, die 25,000 Mann starke franzsische Besatzung verkstigen und
kleiden, und dabei wurde sich des Kunststckes bedient, da, wenn 25,000
Mann ausgerstet waren, diese wieder in das schne Frankreich
zurckmarschirten, worauf andere 25,000 Mann nachrckten, die abermals
gekleidet wurden. Holland hat damals an 200,000 Mann auf diese Weise
gekleidet, was den niederlndischen Tuchfabriken auerordentlich zu Gute
kam, die nie bessere Zeiten gesehen hatten. Nicht minder hob sich der
Lederhandel. Frankreich lie dem niederlndischen Volke und seinen
politischen Gauklern das Spielwerk eigener Constitutionen und
unterjochte das Land dabei grndlich; es lie ihnen die ansteckende
Nachfferei der eigenen Staatseinrichtungen, im Umtausch gegen die
bisher bestandenen guten alten; es nahm Holland sein Gold und Silber und
gab ihm sein Lumpenpapier, seine Assignaten; es zerstrte seinen
blhenden Welthandel, und rief England gegen Holland in die Waffen,
hauptschlich in allen berseeischen Provinzen, dadurch verlor Holland
den grten Theil seiner Besitzungen am Cap der guten Hoffnung und in
Indien; es verlor seine zehn Millionen Gulden werthe indische Flotte;
Hollands Flagge beherrschte nicht mehr, wie einst, die Meere. Die
Vermgenssteuer wurde von zwei ein halb auf sechs vom Hundert
gesteigert. Diese und noch andere den Boden der Staatswohlfahrt auf
Jahrhunderte hinaus untergrabenden neuen Einrichtungen waren das Glck,
welches Frankreich und die franzsische Freiheit, Gleichheit und
Brderschaft Holland schenkte und das die Patrioten Hollands ihrem
Vaterlande bereitet hatten.--

Als Leonardus von seiner Mutter Abschied nahm, reich von ihr beschenkt,
und die alte Frau, aufgelst in Schmerz und Thrnen, in seinen Armen
weinte, rief sie: O, mein Leonardus! So mu es denn sein, da du
scheidest! O vergi mich nicht, mein einziger Sohn, vergi nicht deine
alte Mutter!

Beruhiget Euch, liebe Mutter! versuchte Leonardus sie zu trsten. Wenn
ich erreiche, was ich zu erreichen strebe, dann komme ich zu Euch, oder
Ihr ziehet zu mir. Jetzt aber mu ich noch einmal hinaus in die Fremde,
ich mu meinem Glcke nachgehen und nachstreben, da es mir nicht von
selbst in den Schoo fllt.

Ich will es ja ertragen, mein geliebter Sohn, dich fern zu wissen! Aber
um Gottswillen, stirb mir nur nicht in der Ferne! Solche Nachricht
ertrge ich nicht, sie wrde mich augenblicklich tdten.

Ihr sollt diese Nachricht nicht empfangen, beste Mutter! sicherte
Leonardus ihr zu.

Wie kannst du das versprechen, mein Sohn? fragte Frau Maria Johanna van
der Valck.

Ihr sollt sie nicht empfangen, es strben denn zwei, wiederholte
Leonardus mit Bestimmtheit, eingedenk eines Planes, der lngst in seiner
Seele gereift, einer Seele, die so von Liebe, Freundestreue, Gromuth
und Hochherzigkeit der Gesinnung erfllt war, da sie an die edelsten
Seelen des Menschengeschlechts hinanreichte.--

Weit von einander waren die Freunde, weit von einander alle die Herzen,
die des Lebens rollende Wogen und der Geschicke seltsame Fgung erst
nahe gebracht und dann wieder von einander gerissen hatte, hierhin und
dorthin. Ludwig hatte das glcklichste Loos gezogen; er weilte eine Zeit
lang in London als ein lieber Gast im Palast seiner hohen Freundin, er
trat in die angesehensten Kreise der stolzen Aristokratie Alt-Englands;
er sah sich getragen und gehoben von der Hand edler Frauengunst, da es
ihm fast die Sinne verwirrte. Er durfte jenen berhmten Lord Henry
Cavendish als Vetter begren, der spter eine Knigin von
Grobritannien durch die Gewalt sittlicher Obmacht zwang, England zu
verlassen und auf lange Reihen von Jahren auf fremder Erde umherzuirren;
der zur Herrschaft eines General-Gouverneurs von Indien sich
emporschwang und von den Eingeborenen das schwere Zugestndni erzwang,
auf das Verbrennen ihrer Wittwen zu verzichten. Jenem gleichnamigen
stolzen Herzog William Cavendish, einem der unbeugsamsten Hupter der
Opposition, wurde Ludwig vorgestellt, und lernte aus einigen
Unterhaltungen mit diesem geistbegabten Ritter des Hosenbandordens mehr
Politik und mehr Einblick in das hhere Staatsleben und die hhere
Staatenlenkung, als mancher sehr achtungswerthe Staatsmann durch sein
ganzes Leben in seinen Kopf zusammen zu bringen vermag. Entschiedener
Gegner Pitts und Freund von dessen geharnischtem Widersacher Fox, hielt
der Herzog gegen Niemand mit seiner politischen Ansicht zurck, und
seine Gemahlin, die herrliche, reizvolle Prachtgestalt, die Alles um
sich fesselte, theilte die Gesinnung ihres Gemahls und gab Proben ihrer
eigenen thtig eingreifenden Begeisterung fr die Erreichung politischer
Zwecke, welche die Welt in Staunen setzten. Sie war es, diese
allbewunderte Georgine, die einen Bund gleichgesinnter Freundinnen
grndete, der persnlich in die Wahlen sich einmischte, als es galt,
Charles James Fox die Stimme des Volkes fr die Stelle eines
Parlamentsmitgliedes von Westmnster zu gewinnen; sie war es, die auf
offener Strae einem Brger Londons den Lohn fr seine Stimme fr Fox
zuertheilt, um den derselbe, alles Gold verschmhend, gebeten -- ihm
einen Ku ihres wonneschnen Mundes vergnnt hatte.

Aber aller Antheil Georginens an der Politik hielt sie nicht ab, mit
der zrtlichsten Liebe fr Ludwig zu sorgen. Fast verweichlichend war
fr den jungen Mann ihre Gastfreundschaft; Londons berhmteste Aerzte
muten ihren Rath ertheilen und ertheilten denselben, ohne da sie
ergrndeten, was dem jungen Manne fehle. Ihm fehlte nichts, als ein
ernster Beruf und ein entschiedenes Streben, und ein Herz, das ihn
verstand. Und dies Herz fand Ludwig jetzt in der Frau, deren hoher Geist
den seinigen emporflgelte, die ihm den Blick schrfte fr die Geschicke
der Lnder, fr den Gang der Weltgeschichte, die ihn lehrte, den hohen
Flug der Gedanken zu fliegen und zu lernen, da doch so Vieles nichtig
und unwesentlich, was Viele fr so gro und wichtig halten, wobei sie
meist mit dem eigenen unbedeutenden Ich beginnen.

Wohl hrte Ludwig aufmerksam zu, wohl lauschte er dem Wohllaut der
holden Rede seiner mtterlichen Freundin, wohl fhlte er sich nirgend so
sicher, so heimisch, so wohlgeborgen, als in ihrer Nhe; aber es war
eben mehr als der Inhalt der Worte, die Georgine oft zu ihm sprach, es
war jener wundersame Zauber, der sie umflo, der ihren Hrer umwob, wie
das Fcheln eines sen Maienlftchens die Blthenlauben eines
Rosengartens. Magisch fhlte Ludwig von Georgine sich angezogen, wie ein
hheres Wesen erschien sie ihm, in ehrerbietiger Ferne wute sie mit
zartem Gefhl ihn stets zu halten. Sie whlte fr ihn die Bcher oder
half sie ihm whlen, deren Inhalt ihm mige Stunden belehrend ausfllen
half, sie wandelte mit ihm durch die Labyrinthe der speculativen
Philosophie, sie berichtigte seine Ansichten, verwarf oder bestrkte
seine Meinungen, lehrte ihm Sinn fr Unabhngigkeit, und wie der
denkende Mensch nur durch strenge und unausgesetzte Selbstberwindung
und Selbstbeherrschung letztere sich gewinnen knne. Georgine erzog
Ludwig zum zweitenmale, und zwar besser und in ungleich krzerer Zeit,
als die Gromutter diesen erzogen hatte. Kenntni mit Anmuth, Heiterkeit
mit stillem Ernst paarend, verscheuchte Georgine Ludwig's anfnglichen
Trbsinn, war auf Erheiterungen fr ihn bemht, leitete ihn zu mancher
praktisch-ntzlichen Beschftigung hin, zu kleinen Ausflgen und
erzhlte ihm von der Pracht der Schlsser, Parke und Berge der
Grafschaft. Dabei wurde der Lenz mit Sehnsucht erwartet, um dann durch
die grnen Gefilde hinzuziehen zur Lust, zur Jagd, zum Besuch der
Schlsser mit der Flle von tausend Annehmlichkeiten und aufgehuften
Schtzen der Literatur und Kunst. Wohin Ludwig nur immer seine Blicke
wenden mochte, gab es Neues zu beschauen, zu bewundern und zu lernen,
und Albions milde Natur, frh erwachend trotz des strengen Winters,
unter dessen Hrte andere Lnder zu klagen und zu leiden hatten, athmete
reinen Hauch der Genesung, und in mancher lndlichen Abgeschiedenheit
meilenweiter Parke bot sich in lieblichen Cottagen die se Beschrnkung
eines idyllischen Friedens. Diesen nun suchte Ludwig vorzugsweise, weil
es so in seinem Wesen, in seiner Jugendbildung und in seiner
Gemthsrichtung lag; er war auf die Dauer nicht fr die Politik zu
gewinnen, nicht fr die Freuden der Jagd, noch viel weniger fr
Fuchshatzen und Kirchthurmrennen -- und mit Lcheln hrte er es an, als
die feurige Georgine ihn einmal gradezu dehalb ausschalt und zu ihm
sprach: Graf, Sie sind ein unverbesserlicher deutscher Trumer!

Schne Herzogin! erwiederte er mild: ich bin vielleicht ein verzogenes,
aber doch ein gehorsames Kind. Sehen Sie, ich folge immer noch der
Gromutter, die mich verzog, denn ach, ich habe ja nie eine Mutter
gekannt, nie hat, so weit mein Erinnern reicht, ein Mutterku meine
Lippen berhrt und geweiht und geheiligt. Die Gromutter sagte mir beim
Abschiede, ich solle deutsch gesinnt bleiben; kann ich nun dafr, wenn
mein Gehorsam so blind ist, da ich nicht in Holland, nicht in
Frankreich und nicht in England meine deutsche Natur zu verlugnen
vermag? Da ich nie ein Hollnder, nie ein Franzose und nie ein Brite
werde? Ist es denn ein Unrecht, wenn mein Wunsch, meine Forderungen an
das Leben nur bescheiden sind, wenn ich hheren Zielen nachzustreben
kein Verlangen trage? Haben Sie Geduld mit mir, der nur zu tief
empfindet, was ihm mangelt, und nehmen Sie mich wie ich bin, oder heien
Sie mich gehen, verbannen Sie mich aus dem schnen Asyle, das in Ihrer
Nhe sich mir aufgethan!

Georgine hatte bisher stets ihr eigentlichstes und innerstes Wesen vor
Ludwig sorglich verhllt. Sie hatte ihm mit Absicht nur die
hochstehende, vornehme und geistreiche Frau gezeigt, welche sie war, die
achtunggebietende, ihre Kreise beherrschende Knigin aller Schnheit und
aller Wrde; die reiche unendliche Flle ihres Gemthes hatte sie ihm
zum Theil noch verborgen, jedes zrtliche Wort vermieden, auf da nicht
der weich gebildete junge Mann, dessen Herz sich im Kahne einer
unbestimmten Sehnsucht wiegte, zuletzt in Liebe und Leidenschaft sich zu
ihr neige und im Flammenstrahle der Erkenntni dann vergehe, wie Semele
verging, als Zeus sie mit der Glut seines Feuerhimmels umarmte.

Sie liebte ihn, den schnen, weichen, milden Sohn, tief und innig, mit
aller Macht mtterlicher Liebesflle, aber sie bebte zurck vor der
Entdeckung, sie wollte erst seine Kraft prfen, mit der er tragen wrde
das unaussprechlich tiefe Geheimni. Aber sie vermochte sich nicht mehr
zu halten. Sie berstrahlte Ludwig mit einem wunderbar sen und
zrtlichen Blick, ihr Herz schlug hoch, ihr Busen wogte -- ach, er stand
so scheu, mit so leidendem Ausdruck, so befangen vor ihr und wute
nicht, wie ihm geschah, als Georgine ihn pltzlich sanft umfing, seine
Stirne kte und mit bebender Stimme flsterte: Ludwig! Ludwig! Du
klagst, da nie ein Mutterku deine Lippen berhrt und geweiht und
geheiligt habe! Nun denn so empfange diesen Ku! Ludwig, mein Ludwig!
Ich bin deine Mutter!




7. Eine Rckkehr.


Sie waren weit von einander getrennt, die beiden Freunde Ludwig und
Leonardus, die sich in so treuer ausdauernder Liebe zusammen gefunden.
Als Leonardus allein war, als er dem Freund, der mit Fluit nach Plymouth
gesegelt, den letzten Abschiedsgru zugewinkt, hatte er nirgend mehr
eine bleibende Sttte. Er ging nach Paris zurck, fand, da man seiner
nicht nothwendig im diplomatischen Corps bedrfe, und nahm weiteren
Urlaub. Auf dem geradesten Wege eilte er nach le Mans, wo er wieder als
Kaufmann auftrat und einige Geschfte abschlo, die dann ein ihm
befreundetes Amsterdamer Handelshaus zur Vollziehung brachte. Bald
begann er seine Nachforschungen nach Berthelmy -- sie waren und blieben
jedoch erfolglos. Er machte Bekanntschaft mit dem Maire, bewirthete und
beschenkte diesen, um ihn willfhrig zu machen, und dieser beschied ihn
auf die Mairie, wo in seiner Gegenwart Nachforschungen in den Acten
angestellt werden sollten. Als Leonardus sich eingefunden hatte, sprach
der Maire, der zwischen Actenhaufen vergraben sa, nachdem er den
Fremden zum Sitzen eingeladen hatte: Sie kennen, Brger, die Ereignisse
der jngsten Zeit. Sie war sehr blutig fr die Vende. Ich frchte sehr,
man hat nicht Papier genug gehabt, um die Namen der vielen vielen
Tausende niederzuschreiben, welche der Krieg hinwrgte. Von der Familie
Berthelmy lebt jetzt Niemand mehr in le Mans. Jener Mann, den Sie
suchen, soll geblieben sein, sein Weib ging davon, oder verschwand auf
rthselhafte Weise, seine Eltern sind beide todt, Geschwister hat er
nicht gehabt. Da er mit zu Felde zog, ist durch Acten verbrgt, da er
blieb, ist nicht verbrgt.

Kann man denselben nicht in den ffentlichen Blttern ausschreiben
lassen? fragte Leonardus.

Wohl knnte man das, entgegnete der Maire: allein es wrde wenig
fruchten. Lebte der Brger Etienne Berthelmy noch, so wrde er lngst
wieder hier erschienen sein, um sein kleines Erbtheil in Empfang zu
nehmen; sollte er aber wirklich noch am Leben sein, so wrden ihn
dennoch unsere Zeitungen schwerlich erreichen.

Knnte er nicht fr todt erklrt werden?

Nein, Brger, zu einer solchen Erklrung ist die Zeit seiner Abwesenheit
viel zu kurz. Aber wehalb dies Alles?

Ich bin ein Verwandter von Berthelmy's vormaliger Frau; sie hat
Gelegenheit, eine andere Wahl zu treffen, und will dies nicht eher, als
bis sie rechtlich von ihrem Mann geschieden ist.

Der Maire lchelte und sprach ironisch: Diese gute Frau scheint eine
schlechte Brgerin zu sein, da sie noch so veraltete Rechtsbegriffe
hegt. Wir haben uns, nachdem am dreizehnten December vorigen Jahres
General Marceau in hiesiger Stadt fnfzehntausend Menschen an einem und
demselben Tag erschieen lie, ohne Ansehen des Alters und des
Geschlechts, der glorreichen und untheilbaren Republik unterworfen; wir
haben keine Kirche und kein Sacrament der Ehe mehr. Der Brgerin
Berthelmy steht es vllig frei, sich als geschieden zu betrachten und zu
freien, wann und wen sie will.

Angs Berthelmy ist eine Deutsche! warf Leonardus ein.

Ah so! versetzte der Maire gedehnt. Die Deutschen sind noch halbe
Barbaren, sie haben noch viele wunderliche Begriffe und Vorurtheile,
aber unsere glorreiche Republik wird sie schon in gleicher Weise
beglcken, wie die Vende beglckt worden ist. Wenn dir zu rathen ist,
Brger, so suche so schnell als mglich aus diesem Lande zu kommen, denn
die hllischen Colonnen morden Jeden, der ihnen aufstt und nicht zu
ihnen gehrt, er trage gute und richtige Psse bei sich, gehre einer
Gesandtschaft an, oder nicht. Diese Colonnen sind selbst eine
Gesandtschaft -- die des Todes.

Leonardus ging, mit einem verzweifelnden Gefhle im Herzen. In tausend
Gefahren, die in einem durch und durch vom blutigsten, gruelvollsten
Kriege zerwhlten und zerrtteten Lande sein Leben bedrohten, hatte er
sich gestrzt, und so vllig fruchtlos, so ganz vergebens! Was nun
weiter? Sollte er Angs aufsuchen? Und mit welcher Nachricht konnte er
vor sie treten, wenn er sie fand? Blieb noch irgend eine Hoffnung in
einer Zeit, in welcher jeder Tag Tausende hinmordete, in welcher an
geregelte Zustnde auf lange hinaus nicht zu denken war, Nachrichten
ber Leben und Tod eines einzelnen Mannes zu finden, der sich durch
nichts hervorgethan hatte, der im groen Strome des unglcklichen
Venderheeres spurlos verschwunden war?

Dster wurde es bei solchen Betrachtungen in Leonardus sonst so frohem
und hellem Gemth, sein Herz war zu einer Wildheit, zu einem Groll gegen
sein Schicksal aufgeregt, die ihm fast die Sinne verwirrten. Er wnschte
jetzt, Berthelmy mchte noch leben, mchte ihm lebend entgegentreten,
mit Waffen in der Hand, er wollte mit ihm kmpfen und ringen auf Tod und
Leben um den Besitz des geliebten Weibes. Aber kein Berthelmy trat ihm
entgegen, nichts stellte sich ihm in den Weg, ungefhrdet konnte er
Paris wieder erreichen. Aber wiederum litt es ihn nicht dort, Alles
erschien ihm schaal und farblos, nur in weiter Ferne schwamm in einer
lichten Aetherstelle die rosenrothe Wolke seiner Liebe, seiner
Sehnsucht, unerreichbar fr ihn, gleich jener Wolke, die der khne Held
statt der Gttin umarmte.--

Windt hatte einen Brief an die Reichsgrfin vollendet, den er, bevor er
ihn absandte, seiner Frau mittheilte; Frau Juliane liebte das, sie
erfuhr auf diese Weise manches Neue, das in ihres Mannes Leben trat und
sie oft unmittelbar mit berhrte, zu dessen besonderer Mittheilung ihr
Mann jedoch keine Zeit fand.

Ich habe von Tag zu Tag weniger Zeit zum Briefschreiben, sprach Windt zu
seiner Frau: ach! es ist jammerschade, da du keine Federheldin geworden
bist, liebe Jule, du mtest sonst mein Geheimschreiber sein, mein
Wippermann.

Bin froh, sehr froh, lieber Windt, bin sehr froh darber, htte sonst
noch mehr zu thun! vertheidigte sich Frau Windt. Hab' ich nicht ohnehin
alle Hnde voll zu schaffen, und fast Tag und Nacht?

Hast recht, liebe Alte! begtigte Windt. Was wir Beide hier durchmachen,
kann uns nimmermehr vergtet werden. Unsere alte Gndige, oder unsere
gndige Alte hat davon keine Idee, wie es hier zugeht, -- nun, ich hab'
es ihr geschrieben, wie mich im Januar die Kaiserlichen aus dem Bette
geholt und geplndert, wo ich nur wie durch ein Wunder mit dem Leben
davon kam, wie ich mehr wie hundertmal Bajonnette und Carabiner mit
aufgezogenen Hahnen auf meiner Brust hatte, wie sie mir mein letztes
Geld, meine mhsam gesparten hundert Ducaten, die ich zu einer
Brunnenkur in Pyrmont bestimmt, meine beiden Uhren und meine Gewehre
stahlen. -- Brunnenkur! Beim Element! Die kann ich jetzt hier auf das
Schnste genieen, brauche nicht erst nach Pyrmont, denn meinen Wein
haben die Schurken mir ausgetrunken bis auf die letzte Flasche! Was
brauch' ich Uhren? Ich armer geschlagener Mann wei ohnehin, wie viel es
geschlagen hat, und wozu Gewehre, da ich doch gnzlich wehrlos war?

O, gerechter Gott, es war schrecklich und jammervoll, Windt! rief Frau
Juliane schluchzend und von schmerzlicher Erinnerung bewegt aus: wie du,
so wie du gingst und standest, das Kastell verlieest.

Um beim franzsischen General zu Arnhem eine Schutzwache zu erbitten
gegen diese wallonischen rohen Teufel und Spitzbuben! ergnzte Windt;
und wie ich an das Thor von Arnhem komme, hre ich, da die Stadt noch
gar nicht von den Franzosen besetzt ist. Ich hatte seit vierzehn Tagen
in meinen Kleidern und Stiefeln geschlafen, war todmde, und mute mich
im Geleite eines Trompeters nach Wageningen schleppen, um dort fr das
Kastell um franzsischen Schutz zu betteln.

Nun und was hast du denn geschrieben, und was hilft dich dein
Schreiben, Windt? fragte die Hausfrau des vielgeplagten und
vielgeprften Mannes, dessen Redlichkeit und Diensttreue alle
Feuerproben der drangvollsten Erlebnisse bestanden.

Was mein Schreiben helfen wird? fragte Windt: gar nichts wird es helfen
und kann auch nichts helfen! Aber es ist meine Schuldigkeit. Noch ist
die alte Excellenz Herrin dieser Herrlichkeit, sie mu unterrichtet
werden, wie es um ihre Besitzungen steht. Es ist ein Unglck in dieser
Zeit Schlsser am Rhein zu haben; ich habe Alles so vorauskommen sehen,
wie es gekommen ist, habe gerathen, habe gewarnt, Alles vergebens, ich
war ja kein Rath, bin nur der Haushofmeister, und der Mensch ist stets
ein Narr, der einen Rath gibt, ehe ein solcher von ihm verlangt wird;
ich bin eben immer der dumme gutmthige Narr.

Gut bist du, Windt, das mu wahr sein, wenn du auch bisweilen unwirsch
und kurz angebunden bist, schmeichelte seine Frau, ffnete ein geheimes
Wandschrnkchen in dem sichern Thurmgemach, das sie jetzt bewohnten, und
brachte eine Flasche alten #Port  Port# daraus zum Vorschein.

Komm her, Alter, ich habe noch Etwas gerettet, du sollst das Doorwerther
Wasser nicht trinken, es schmeckt abscheulich und ist trb wie
Lehmbrhe.

Ist das ein Wunder, jetzt, bei der furchtbaren Ueberschwemmung? Wein zu
wenig und Wasser zu viel. Bist ein Goldkorn, Jule! Was wr' ich ohne
deine treue Hlfe! rief Windt, lie sich willig einschenken, trank und
begann zu lesen:

Auf gut Glck, da ich nicht wei, ob die Post von Amsterdam nach
Hamburg wieder geht, schreibe ich Ihrer Excellenz, da ich noch lebe,
und da ich gegenwrtig eine franzsische Schutzwache im Kastell habe.
Mir ist von den franzsischen Generalen und Commandanten mit einer
Menschenfreundlichkeit, einer wahrhaft brderlichen Gte und in allen
meinen Gesuchen mit einer Willfhrigkeit begegnet worden, die ich nie
genug rhmen kann, so wenig als die gute Ordnung und Mannszucht, die von
den Truppen beobachtet wird. Ich habe nach und nach bereits sieben
franzsische Sauvegarden gehabt, Sergeanten, Husaren, Jger, Dragoner,
Cuirassiere, und kann mit Grund der Wahrheit sagen, da ich allen bei
ihrem Abgang das beste Zeugni ausstellen konnte. Was ich aber vorher
gelitten, stets im Mittelpunkt der gegenseitigen feindlichen Vorposten,
whrend der Gefechte, in die ich zweimal persnlich hinein gerieth, als
ich Hlfe suchend ausgeritten war, ist unbeschreiblich und unglaublich.
Doch es gereut mich nicht, hier ausgehalten zu haben, es wrde auch
sonst um Doorwerth elend genug aussehen. Alle die, welche feig aus der
hiesigen Gegend gewichen sind und ihre Wohnungen verlassen haben,
brauchen nicht zurckzukehren, um dieselben zu suchen, denn sie finden
sie nicht mehr. Gleichwohl bleibt meine Lage immer noch gefhrlich und
bedenklich. In den Stdten geht Alles gut, aber auf dem platten Lande,
in meinem unbndig groen Kastell so fast ganz allein zu sein, ist eine
Lage, die nicht Jeder durchfhrt. Die Avantgarde der Republikaner rckte
hier am siebenzehnten Januar ein. Das Schicksal des Erbherrn werden
Excellenz aus den ffentlichen Blttern nun ganz kennen, doch kann ich
mit Bestimmtheit mittheilen, da er in seinem Unglck frisch, munter,
frhlich und guten Muthes ist -- sehr gut fr ihn. Sobald als mglich
denke ich selbst ihn aufzusuchen, hoffe ihn sprechen zu drfen und zu
erfahren, wie es um ihn steht. Wenn Excellenz wten, wie schlecht die
Emigranten es hier getrieben haben, sie schlssen Ihre Thre vor Jedem
derselben zu. Htten diese Menschen so viel Herz gehabt, in ihrem
Vaterlande zu bleiben und auf ihrem Posten, wie ich es gemacht, ich wre
nicht so unglcklich, wie ich jetzt bin, ganz Frankreich und Alle, die
unter dem Druck der jetzigen Zeiten leiden, wren es nicht.

Windt! Windt! unterbrach Frau Juliane. Das httest du nicht schreiben
sollen, das beleidigt ja die Excellenz. Bedenkst du denn gar nicht, da
der Herzog von la Tremouille, Prinz Talmont, ihr Vetter ist?

Wenn die Herzge und Prinzen von la Tremouille, Talmont und was sie
sonst fr Namen haben mgen, entgegnete Windt: nicht furchtsam und
voreilig ausgewichen wren, sondern anders gehandelt htten, so wre der
sonst wackere August Philipp, Prinz von Talmont, der wirklich tapfer
war, nicht im December des vorigen Jahres gefangen und im Hofe seines
eigenen Schlosses erschossen worden. Was ich der alten Excellenz
schrieb, ist stets meine aufrichtige Meinung, ist die Wahrheit, die sie
liebt und die sie mir nicht bel nimmt. Sie nannte mich einmal scherzend
ihren alten Wahrsager, und ich antwortete: Excellenz haben ganz
recht, ich sage immer wahr und sage das Wahre, nur Schade, da Excellenz
meinen Wahrsagungen nicht glauben, wenn Sie auch so gndig sind, meine
Wahrheiten nicht bel aufzunehmen.

Windt fuhr nach dieser Unterbrechung im Lesen seines Briefes fort:
Knftig bitte ich Excellenz, an mich nur unter der Adresse zu
schreiben: #Au Citoyen Windt  Doorwerth, franco Amsterdam.# Ueber
Amsterdam ist und bleibt von Hamburg aus der beste Postweg. Zum
Pettschaft nehmen Sie nicht Ihre Wappen, sondern etwa eins mit einer
Devise, sonst schmeit die Post den Brief ins Feuer; es ist in Amsterdam
von Seiten der Municipalitt eine Commission ernannt, an welche Briefe
nach Hamburg und Bremen offen eingeliefert werden mssen, ich schliee
daher diesen meinen Brief an die Adresse der Frau Mutter des mit Graf
Ludwig hier gewesenen braven Hollnders Leonardus van der Valck ein und
ersuche Excellenz, Rckantworten auch auf diesem Wege an mich gelangen
zu lassen, auch wollen Hochdieselben sich ber die nrrische Adresse
dieses Briefes nicht wundern. Man will der Besitzung Doorwerth den Namen
einer Herrlichkeit, #Seigneurie#, nicht mehr zugestehen, und was Ihrer
Excellenz Geltendmachung dessen betrifft, da Hochdieselben eine
dnische Grfin sind, so wnschte ich, Sie hrten darber einmal die
Aeuerungen der franzsischen Generale. Denen ist dieses Alles Null, es
gibt fr diese keinen Respect mehr vor Frsten, Grafen und Herren, wie
man im lieben deutschen Reiche, Gott behte es vor dem Franken-Reiche!
zu sagen pflegt. Sehr lieb ist mir, da der Wechsel auf die
zwanzigtausend Mark banko honorirt wurde; im Uebrigen knnen Excellenz
dieser Angelegenheit halber ruhig schlafen. Sie sind noch zur Zeit
durchaus an Nichts gebunden; das Ganze war ein Werk meines vielleicht
bertriebenen Diensteifers, ich machte in der Stille mit dem Erbherrn,
mit dem jungen Herrn und mit Herrn Leonardus van der Valck mndlich auf
Treue und Glauben Alles ab, um Ihrer Excellenz Geld zu schaffen, weil
Sie dessen bedurften und Sie gleich mir Emigranten zu verkstigen
hatten; fast scheint mir, und die Schnrkelform Ihrer Quittung lt dies
vermuthen, als seien Glauben und Treue zu den verrufenen Mnzen
gerechnet, zu den Paduanern, die aber doch als chte in Hochdero
berhmter Sammlung prangen, und ber welche Ihnen der Herr Abb Eckhel
in Wien so vieles Aufklrende geschrieben hat.

Windt! Windt! Um Gottes Willen! rief die besorgliche Frau. Du machst es
zu arg, du beleidigst!

Sorge nicht, es ist die Wahrheit! beruhigte Windt und las weiter: Es
war Ihnen so wenig eine Quittung abgefordert, als mir; Alles, was wir
schriftlich machten, war die Obligation des Erbherrn fr die empfangenen
fnfzigtausend Gulden auf Varel. Ihre Rathgeber, Excellenz, scheinen
diese Sache nicht von dem richtigen Gesichtspunkt aus anzusehen, das
liegt im Unverstand Ihrer Rechnungskammer. Diese Herren rechnen und
rechnen und danken Gott, wenn ihre Papiere von oben bis unten voll
Zahlen stehen, sie merken aber nicht, da ihnen hufig darber das Licht
des gesunden Menschenverstandes ausgeht. Doch was hilft's -- die Zeit ist
einmal aus den Fugen, wie Hamlet sagt; wenn Undank und Mikennung mich
bewegen knnten, anders zu handeln als ich handle, dann wre durch Ihrer
Excellenz hochweise Rthe meinem Diensteifer lngst eine Schranke
gesetzt, dann wre ich nicht hier geblieben, und htte Hals und Kragen,
Blut und Leben, Gut und Habe nicht daran gesetzt, Ihrer Excellenz
Herrlichkeit, so weit nur in eines Menschen Krften steht, zu schtzen
und zu schirmen. Wer auch hier war von fremden Offizieren, Englnder,
Hollnder, Kaiserliche und jetzt die Republikaner, keiner hat glauben
wollen, da ich nur ein Bedienter sei, sondern Jeder meinte, da ich
ganz bestimmt der Herr oder Erbe von Doorwerth selbst sein msse. Alle
Gter rings um die Herrlichkeit sind totaliter devastirt, Doorwerth
allein ist noch im leidlichen Zustand. Der Strich von der hiesigen
Grenze bis Arnhem sieht sich nicht mehr gleich; von Arnhem bis Zuitphen
kann keine Maus mehr leben; alle die herrlichen Alleen sind ber Bord,
keiner der prchtigen Lindenbume um die Stadt steht mehr, die grten
und schnsten Huser sind Pferdestlle oder Lazarethe, das Holz der
Thren und Mobilien ist verbrannt. Ich habe wieder seit Kurzem
fnfzehnhundert Rationen Heu liefern mssen, habe augenblicklich sechs
Offiziere im Kastell, zwei Ordonnanzen, einen Husaren. Im Dorfe liegt
eine Compagnie Volontrs, in Helsum liegen zwei, und noch dreizehn
Husaren fr die Correspondenz, in allen andern Orten der Herrschaft
liegen dreiig bis einhundertundfnfzig Mann in jedem Hause. Nachdem
ich die frchterlichen Durchzge und Einquartierungen der Alliirten,
dann alle mglichen Freicorps, Emigrantencorps, lumpigen Andenkens, dann
den schleunigen Rckzug, auf welchem ganze Colonnen zur Nachtzeit hier
einfielen, darauf die heftige, fast unertrgliche Klte, darauf wieder
den Durchgang und die Einquartierung der Nordarmee, welcher die Sambre-
und Maas-Armee auf dem Fue folgte -- nachdem ich dies Alles vertragen
und berstanden habe, kmpfe ich jetzt mit einer Wassersnoth, wie sie
seit hundert Jahren nicht erlebt wurde. Ich habe in Helsum Brcken
schlagen lassen, zu denen ich, um Holz zu bekommen, ein Paar Scheuern
abbrechen lie, damit die Armee nur weiter konnte, sonst htte sie sich
hier gestauet, wie ein berschwellender Krtendeich, und uns vollends
mit Haut und Haar aufgefressen.

Ich hoffe und bitte, Excellenz werden nun auch fr mich Etwas thun, um
meine alten Tage zu sichern und mir darber eine Beruhigung ertheilen,
die dem Gefhl von Menschlichkeit, Billigkeit und Rechtschaffenheit
entspricht, das ich Excellenz zutraue. Ich mu ganz nothwendig eine
durchgreifende Kur im Sommer brauchen, wenn ich nicht ganz zu Grunde
gehen soll. Auch mu ich endlich wieder an einem andern Orte wohnen,
denn hier kann und will ich mit meiner Frau, welche sich der Wirthschaft
auf das Allertreueste annimmt, meine mir noch vergnnten Tage nicht
beschlieen. Excellenz haben das groe Haus in Hamburg, haben bedeutende
Allodialgter, auch Bau- und Weideland genug, um einen alten wahrhaft
treuen Diener lebenslnglich zu versorgen. Eine Pension in Geld wirft
Doorwerth nicht ab, und fr den hiesigen Rentmeisterdienst mte ich
danken.

Heute wird unter groen Feierlichkeiten zu Arnhem der Freiheitsbaum
aufgepflanzt; die Stadt ist so voll Freiheitsglck, da sie die ganze
Besatzung mit Wein bewirthen wollte; der Commandant aber, General
Lefebre, der ein eben so kluger als tapfrer Mann ist, hat den Wein zwar
angenommen, aber ihn zur Strkung der Kranken und Verwundeten bestimmt.
Auch rings um die Herrlichkeit her, in Wageningen, Husum, Deventer, und
ebenso in Doesburg und Zuitphen, auf Voorst, auf Rhoon und berall sind
Freiheitsbume gepflanzt worden; ich meinestheils habe es zur Zeit noch
unterlassen. So viel ich Laie von Forstkultur verstehe, schlagen Bume,
die man ohne Wurzeln pflanzt, nicht an, sondern gehen klglich zu
Grund, daher lohnt solche Kultur nicht die Kosten und ist eine ebenso
vergebliche als fruchtlose Mhe, eigentlich nur ein Holzfrevel.
Unterthnigst bitte ich, meiner Schwester Beruhigendes ber unser
hiesiges Befinden zu sagen, meine Frau grt dieselbe bestens. Meine
Schwester soll an meinen Bruder, den Kammerrath Windt in Bckeburg,
schreiben, ihn von mir gren und ihn bitten, mir doch endlich einmal
Nachricht von seinem Ergehen zukommen zu lassen. Im Uebrigen
entschuldigen Excellenz die Lnge meines Briefes, wer wei, wann ich
wieder Zeit finde, weitern Bericht zu erstatten, da es bestndig um mich
her von Fremden wimmelt. Stets zu Fen! Carl Heinrich Windt.

Stets auf meinen Fen, solltest du schreiben, lieber Windt, sprach die
wackere Hausfrau.

Das bin ich so schon, das brauch' ich nicht zu schreiben, das kann die
alte Excellenz zwischen den Zeilen lesen, scherzte Windt.

Schau, was kommt denn da wieder fr ein Ritter von der traurigen Gestalt
durch das Wasser des Weges her auf das Kastell zu? unterbrach er sich,
indem er einen Blick durch das schmale Thurmfenster hinab auf den
Dammweg warf, der nach dem Schlosse fhrte; er gewahrte einen Reiter,
welcher in einem nichts weniger als glnzenden Aufzuge und keineswegs
empfehlenden Aussehen, langsam einherritt und jetzt vor der Zugbrcke
hielt, um der wachehabenden Schutzmannschaft ein gltiges Papier, das
sein Einlagesuch rechtfertigte, darzureichen.

Ja, was in aller Welt ist denn das? rief Windt, scharf und immer
schrfer hinblickend. Tuscht mich denn mein Auge nicht? Wie soll ich
das deuten? Geschwind, Alte! Trage etwas auf! Etwas Hamburger
Rauchfleisch, westphlische Schinken, Edamer Kse, frische Butter. Vor
Allem koche eine Suppe. -- Und ohne abzuwarten, was seine Frau zu seiner
Verwunderung und zu dieser raschen Anordnung sagen werde, eilte Windt
voll Hast aus dem Thurmgemach, sprang die Treppe in schnellen Stzen
hinab, und schritt nicht minder rasch durch den Hof, dem so eben
eingelassenen Reiter entgegen, der ihn mit mattem Blick begrte,
abstieg und in Windts Arme sank.

Sind Sie's denn? Sind Sie's denn, oder ist es Ihr Geist, Herr Leonardus?
Herr Leonardus van der Valck?

Wohl bin ich's, heute und morgen bin ich's noch, mein lieber, redlicher
Freund, erwiederte mit fast tonloser Stimme Leonardus: nicht mehr lange
und ich bin es nicht mehr, und wenn Sie dann eine Gestalt sehen, die der
meinen gleicht, so ist es mein Geist.

Um des Himmels Willen, was mu Ihnen begegnet sein? rief Windt
erschreckt und verwundert. Sie sehen sehr bel aus. Doch kommen Sie
herauf, ruhen Sie aus, pflegen Sie sich! Fr Ihr Pferd wird gesorgt, ich
erkannte Sie gleich, traute aber meinen Augen nicht, glaubte nicht, da
Sie es seien, der da geritten kam.

Leonardus bedurfte auf der Treppe zum Thurmzimmer hinan der
Untersttzung des Freundes, so matt und angegriffen fhlte er sich, und
als ihn jetzt erschrocken und erfreut zugleich Windts redselige Frau
begrte, sa er einige Minuten lang, tief und langsam athmend, auf
einem Lehnsessel, mit geschlossenen Augen, einer Ohnmacht nahe, und hob
die Hnde vor sein Gesicht, als wolle er alle Erinnerungen seiner
jngsten Vergangenheit wie einen bsen Traum verwischen.

In diesem Augenblick brachte ein Diener ein so eben angelangtes
Briefpaket von Amsterdam. Windt war von den Freunden zum Vermittler
ihres Briefwechsels ausersehen worden, und so blieb er auch selbst in
steter Kenntni, wo Jene sich befanden. Von Leonardus hatte Windt lange
keine Nachricht erhalten, Angs hatte nur einmal geschrieben,
dankerfllt, und ein werthvolles Geschenk gesendet. Sie hatte mit dem
Kinde glcklich das Ziel erreicht, lebte als dessen treue Pflegerin, wie
sie schrieb, im angenehmsten und wnschenswerthesten Verhltni, hatte
Windt herzliche Gre an die Freunde aufgetragen, aber ihren
Aufenthaltsort nicht genannt, grerer Sicherheit halber, schrieb sie,
da dieser Ort als Asyl nicht mein Geheimni allein ist, da politische
Rcksichten dazu nthigen, den Aufenthalt des Kindes auf das Tiefste zu
verbergen. Wer an sie schreiben wolle, mge die Firma ihres lterlichen
Hauses benutzen und in diese Aufschrift Briefe einlegen. Jetzt war nun
Leonardus wieder gekommen und konnte aus erster Hand die soeben
anlangenden Briefe empfangen.

Er erholte sich, geno Etwas, und indem ein Gefhl unendlichen Friedens
ihn berkam, sprach er: O htte ich doch diesen einsamen lieben
Zufluchtsort nicht verlassen, mir wre wohler, als mir jetzt ist! Mein
ganzes Ergehen seit der Trennung von Ihnen, mein theurer Freund, war
nichts als eine Kette von Schmerz und Bitterkeit, und diese Trennung hat
mich mit raschen Schritten dem Ziele meiner Tage nher gebracht.

Ich will nicht hoffen? fragte Windt mit aller Lebhaftigkeit seines
Wesens.

Sie sollen Alles erfahren, wenn Sie mich wieder ein Weilchen hier dulden
wollen, sprach Leonardus.

Dulden wollen? Sind Sie nicht halb und halb der Eigenthmer dieses
Hauses und dieser ganzen Herrschaft? rief Windt.

Ich bedarf nur wenig, mein Lieber, ein kleines Zimmer, ein Lager,
schmale Kost und Ruhe, erwiederte Leonardus.

Zimmer und Lager stehen zu hinreichender Auswahl zu Befehl, nahm Frau
Windt das Wort. Die Kost werden Sie schmaler finden als Ihnen lieb ist,
werther Herr van der Valck! Und die Ruhe, was diese betrifft, da lt
sich nur wenige Brgschaft leisten. Sie wissen ja, wie es hier zugeht,
es ist seit Ihrer damaligen Abreise mit dem jungen Herrn, bei uns noch
nicht anders geworden. Doch wenn Sie mit dem hchsten Zimmer dieses
Thurmes vorlieb nehmen wollen, so werden sie vom Lrmen im untern Hause
und im Hofe wenig wahrnehmen; hoffentlich kehrt die Zeit der Kanonaden
nicht wieder.

Ich werde mit tausendfachem Danke annehmen, was Ihre Gte mir bietet,
und darf vielleicht hoffen, mindestens in Etwas bei Ihnen mich zu
erholen. O, Sie werden mich beklagen, wenn Sie erfahren, was ich
erlebte! Jetzt kann ich es Ihnen noch nicht erzhlen, es erschttert
mich allzusehr. Lassen Sie mich des Freundes Brief lesen, ich hoffe,
seine Freundschaft wird ein Balsam fr mich sein. O, wie sehr sehnt sich
mein Herz nach Nachricht von ihm, wie oft dachte ich an ihn, wre er an
meiner Seite gewesen und vielleicht der treue Philipp, Alles wre besser
geworden.

Beruhigen, erholen, pflegen Sie sich, betrachten Sie dies Haus als das
Ihre, ohne Redensart, es ist mein ganzer Ernst; Sie haben dazu das volle
Recht, ermunterte ihn Windt. Ich will jetzt gehen und nach den
Geschften sehen, und dann wiederkommen, um von Ihnen zu hren, wie
unser junger Herr sich befindet; ich theilte so eben meiner Frau einen
Brief an Graf Ludwigs Gromutter mit; es wird die hohe Dame erfreuen,
wenn ich ber ihren Liebling eine gnstig lautende Nachricht hinzufgen
kann. Du, liebe Frau, besorge droben Alles nthige, so gut du's hast.--

Leonardus blieb allein in dem Wohnzimmer von Windt und dessen Gattin
zurck. Wie oft hatte er mit dem Freund bei diesen braven Leuten in
demselben Gemach gesessen, wenn es drauen strmte, so wie jetzt.
Weithin standen die Wiesenflchen unter Wasser, das Dorf und Kastell
gleich einer Insel, die Strme: der Rhein, die Yssel, die Wahl und die
Maas hatten ihre Betten berschritten, selbst die Dmme waren bedroht;
ohne Pferd htte er nicht bis zum Schlo gelangen knnen, denn an
einzelnen Stellen waren in der Alle schon betrchtliche Rinnen, die das
mehr und mehr andringende Wasser gebildet hatte, und jede kommende
Stunde drohte sie noch grer zu machen.

Erinnerungen an vergangene Zeiten zogen durch Leonardus Gemth. Schon
war ein Jahr und darber vergangen, da er den Freund gefunden, welche
Flle von Erlebnissen lag nur allein in diesem einen Jahre! Hier hatten
sie beisammen gesessen, hatten Plne geschmiedet fr die Zukunft, deren
schnster der war, da Ludwig diese Herrschaft erwerben solle mit der
Hlfe und den Mitteln des Freundes. Dieser selbst wollte dann in
Rosendael wohnen in dem schnen Herrenhaus mit seinen herrlichen Grten
und Parken. Was lie sich nicht Alles an diesem thun, wenn der Geschmack
und die angeborene Vorliebe eines der Natur befreundeten Menschen hier
schaffend thtig war? Da sollte Angs bei ihm wohnen, seine liebe,
treue, angebetete Hausfrau, da sollte auch jenes Kind sich naturgem
entfalten, wie die geheimnivolle Blthe der prachtvollen Wunderblume,
welche die Kunstgrtner die Knigin der Nacht nennen. Ach, das waren
schne Trume gewesen!

Oft war die Zeit, waren deren mannichfache Wandlungen besprochen worden
von den Freunden, man hatte Meinungen ausgetauscht, nicht ohne
Lebhaftigkeit, nicht ohne Streit. Oder es hatte bisweilen auch das
Schachspiel die Gedanken zu ernstem Nachsinnen hingelenkt, jenes
bedeutsame Spiel der Knige mit seiner uralten Symbolik. Das Alles war
vorber, und Leonardus van der Valck sa jetzt in ungleich anderer Lage
und Stimmung, als damals, allein in diesem traulichen Gemach. Der Wind
erschtterte mit heftigen Sten den Thurm, und dumpf mischte sich mit
seinem pfeifenden Sausen das Wellenrauschen der ringsum die Gegend
berfluthenden Gewsser, aus denen wie lauter Inseln die umflossenen
Drfer, Gehfte und Schlsser herausragten. Leonardus ffnete
erwartungsvoll den Brief seines liebsten Freundes, dem er auf Erden vor
vielen sein ganzes Herz geweiht, dem er sein Inneres erschlossen, wie
keinem zweiten, den er mit der wahrhaftesten Treue liebte.

Ludwig schrieb: Mein Leonardus! Seit unserer Trennung in Amsterdam habe
ich so viel erlebt, da ich das Meiste und Beste auf die mndliche
Mittheilung versparen mu, denn ich kann unmglich diesem armen Papiere
anvertrauen, das durch so viele ungeweihte Hnde geht, was mein Inneres
voll Leid und wieder voll hoher Freude bewegt, daher nimm vorlieb mit
diesen flchtigen Zeilen, welche dir nur einen Umri des Bildes geben
sollen, das ich mit hellen Farben ausmalen werde, wenn wir uns wieder
umarmen. Wohlbehalten kam ich nebst meinem Philipp im Hafen von Plymouth
an, wo unser wackerer Fluit Alles that, um mich gut unterzubringen und
fr den ferneren Theil meiner Reise zu unterweisen. Ich reiste tiefer in
das Land, das reich und reizend ist, von hoher Kultur geschmckt, Park
an Park; ich fand berall schon vorbereitete gute Aufnahme, fand
geistvolle Verwandte, fand mich in die hchsten Kreise gezogen, und fand
endlich das Allerhchste, was mein Herz mit nie gekannten Gefhlen
erfllte, es in Seligkeit schwelgen lie, Alles auf Erden mich vergessen
machte, selbst dich eine kurze Stunde, und alle die Freunde, selbst
meine Gromutter, aber ich darf nicht schreiben, was ich fand, nur mit
leisem Flsterwort in das Ohr darf ich dies theure und wunderbare
Geheimni dir vertrauen, und selbst dir nur halb.

Wohl ihm, er fand ein Herz, unterbrach sich Leonardus im Lesen: so wird
er nicht mehr nach unbestimmten Fernen mit Sehnen und Seufzen blicken,
nicht nach den unerreichbaren Sternen fassen, er wird die Sternblumen
pflcken, die im irdischen Eden seiner Liebe blhen!

Und doch, Leonardus! Bei dieser Flle von Glck kann und darf ich nicht
lnger mehr in England weilen, einmal verbieten es mir die zartesten
Rcksichten, und dann gebietet mir die Sorge fr meine noch immer
wankende Gesundheit die Rckkehr nach dem Festlande.

Wie -- er liebt, er betet an, wie diese glhende Sprache seines Briefes
bekundet -- und will doch fort, aus zartesten Rcksichten? Das ist mir
ein Rthsel! sprach Leonardus zu sich selbst. -- Die hiesige Luft, so
sehr sie gepriesen wird, ist meiner Gesundheit ganz und gar nicht
zutrglich, und was die Seeluft betrifft, so mag ein empfnglicherer
Sinn, als der meine, dazu gehren, deren Einwirkung auf den kranken
Organismus wahrzunehmen. Ich sehne mich nach deutscher Luft, es wird mir
nirgends wohl werden, als in der deutschen Heimath. Leider krnkle ich
immer noch, trotz all' der freudigsten und wohlthuendsten Erregungen,
die mir in England, in London und auf all' den herrlichen Landsitzen zu
Theil wurden. Ich mchte mich, und wohlmeinende Freunde rathen mir das
an, einem deutschen Arzt anvertrauen; man hat mir Starke genannt,
welcher ein berhmter Arzt in der kleinen schsischen Universittsstadt
Jena ist. Ueberhaupt hrte ich stets vieles Gute von den kleinen
schsischen Stdten und Hfen; humane und gebildete Frsten regieren
dort ihre Lnder; grnden, frdern und erhalten Anstalten fr
Wissenschaften und Knste; legen zu diesen Zwecken bedeutende Sammlungen
an und vergnnen deren belehrenden Genu und Gebrauch ihrem Volke;
whrend, was hier die Herzoge und Lords sammeln, gleichsam vergraben
wird und rger gehtet, als das goldene Vlie zu Kolchis. Ich denke es
mir sehr angenehm, einmal in dieses Herzland des heiligen rmischen
Reiches zu reisen, ein Reich, von dem wir keine rechte Idee haben.
Hoffentlich wird mir dort wieder wohl, und vielleicht finde ich den
inneren Frieden, der mir, selbst im Schooe des Glckes, noch mangelt.
Ach, wie hat mich in England das rastlose Ringen und Streben der
Vornehmen nach Erreichung politischer Zwecke gedrckt und unangenehm
berhrt -- selbst meine Munterkeit litt darunter; was ich ersehne, mein
Leonardus, das ist Stille, das ist Einsamkeit, wie die Gromutter mir
beim Scheiden sagte: Glaube, da die Einsamkeit wunderkstliche Stunden
gewhrt.




8. Die Gabe der Mutter.


Der Eintritt Windt's unterbrach Leonardus im Weiterlesen, und dieser
theilte nun dem redlichen Freund die Besorgnisse mit, welche Ludwig in
Bezug auf seine Gesundheit aussprach, so wie die herzlichen Gre, die
der Brief an das Haus Doorwerth und dessen Bewohner enthielt. Der Graf
schrieb weiter: Wte ich dich, mein lieber Leonardus, in Amsterdam zu
finden, oder in Doorwerth, so kme ich noch einmal dorthin, und wrde
mit Sehnsucht den Augenblick erwarten, der uns wieder vereinigte, um dir
so recht herzlich fr alle mir erzeigte brderliche Freundschaft zu
danken. Den geraden Weg von Kastle Chatsworth, einem Schlo des Herzogs
von Devonshire, wo ich jetzt weile, ber London nach Hamburg scheue ich;
er ist mir zu lang; vielleicht ermittelst du mir einen Ruhepunkt aus,
ich werde einen Brief von dir abwarten, auf den ich mich uerst freue.
Mchte ich doch von dir, von Windt und auch ber das Geschick meines
Vetters, des Erbherrn, gute Nachrichten erhalten. Die Aristokratie
Alt-Englands schtzt meinen Vetter auerordentlich hoch wegen seiner
treuen Anhnglichkeit an den Erbstatthalter und dessen Shne, die beiden
Prinzen, und ich freue mich, ihn so hoch geachtet zu sehen. Wte ich
ihn nur frei und in besseren Verhltnissen; seine Lage macht mir
schweren Kummer. Unser Windt wird wissen, wo des Erbherrn Gemahlin jetzt
lebt, und wie sie sich befindet. Mein Gedanke sucht sie bei der
Gromutter in Hamburg, doch vielleicht hat das Geschick ihres Gemahls
fr sie einen anderen Wohnort zur Folge gehabt. Noch werden die
Schlsser Varel und Kniphausen de stehen -- ich mchte wieder einmal
dort sein, und zwar mit dir, mein Leonardus. Ach -- wo mchte ich nicht
alle sein! Und doch habe ich keine Wnsche, die in das Schrankenlose
hinausschweifen, ich glaube vielmehr, da ein beschrnktes Verweilen an
einem bestimmten Ort meinem Geist besser zusagen wird, als das
Umherschwrmen von Lande zu Lande. Meine Natur scheint mehr zur
Abgeschlossenheit sich hinzuneigen, obschon ich die Menschen liebe und
gerne recht Vielen Gutes erzeigen mchte.

Du glaubst nicht, lieber Leonardus, wie unruhig mich der Gedanke macht,
da ein Hinderni fr mich eintreten knnte, wieder bei euch zu sein,
und wie ein Wiedersehen mit dir und Windt sich am Besten herbeifhren
liee, ohne euch zu belstigen, und mir zu viele Zeit zu rauben.
Allerlei Plne gehen mir im Kopfe herum. Der Gromutter habe ich bereits
meine baldige Ankunft in Deutschland gemeldet; sie, die erfahrene Frau,
wird mir am Besten rathen, was ich thun soll zur Wiederherstellung
meiner Gesundheit. Meine Nerven leiden, ein Uebel, das man sonst
hufiger bei Frauen, als bei Mnnern findet, zumal bei jungen.
Unregelmiges starkes Gerusch ist mir sehr zuwider, ble Gerche,
berlaute Reden, Geznk, das greift mich Alles an; regelmiges
Gerusch, wie das Rauschen der Mhlrder, der Donner der Wasserflle,
die Klnge der Orgel, macht mir eher Vergngen; hoffentlich wird die
Ueberreiztheit, die mein Wesen oft bis zu einer krankhaften
Empfindlichkeit steigert, sich ja wieder heben lassen, und ihr, meine
Freunde, werdet Geduld mit dem Halbkranken haben.

Vom Leben in England lieen sich Bcher voll Mittheilungen schreiben,
darber mndlich; ber das politische Verhltni Englands gegenber den
brigen Mchten Europa's ist mir hier im Lande die Gewiheit und
Ueberzeugung geworden, da es das bestregierteste Land unter der Sonne
ist. Wie die tausend und abertausend noch so verwickelt
zusammengesetzten Maschinen Tag um Tag, oft auch Nacht fr Nacht ihren
geregelten Gang gehen, so das groe Getriebe der Staatsmaschine. England
ist die einzige Macht, die in ihren Grundstzen fest und
unerschtterlich beharrt. Im Lande nimmt Niemand wahr, da England
Kriege fhrt, da geht stets Alles seinen ruhig geregelten Gang. Nur die
Theurung ist fhlbar, freilich zuletzt auch mehr fr den an hohe Preise
fr alle Bedrfnisse nicht gewhnten Auslnder, als fr den Inlnder,
der es nicht anders wei, und dessen Einnahmen zu dieser Theuerung im
geeigneten Verhltni stehen. Manche Unannehmlichkeit drngt sich dem
Auslnder, zumal dem Deutschen, auf, dennoch verlasse ich England mit
hoher Achtung vor seinem Staatsleben, seinem Volke und seiner
Betriebsamkeit. Die Vervollkommnung der Dampfmaschinen ist in einem
riesenhaften Fortschritte begriffen; denke dir, man trgt sich jetzt mit
der Idee, auch Schiffe zu bauen, welche, statt durch Segel und Ruder,
blos durch Dampf getrieben werden, an Schnelligkeit der Fahrt Alles
bertreffen und das Unglaubliche leisten sollen. Es wird damit wohl so
schnell nicht gehen, die Sache liegt noch in ihrer Kindheit. Wer aber
kann wissen, wohin der Fortschritt auf seinen Riesenflgeln den Geist
der Erfindung trgt?

Lebe wohl, mein Leonardus, und schreibe mir unter der beigelegten
Adresse, sobald du diese Zeilen empfangen hast.--

Dieser Brief htte mich lange suchen knnen, sprach Leonardus mit einem
Seufzer. Wenn ich nun nicht hierher kam? Sie htten denselben nach Paris
gesandt, ich komme nicht von Paris, und wre der Brief mir von dort aus
nachgesendet worden, er wrde mich schwerlich gefunden haben. Was ist
Ihre Ansicht, lieber Herr Windt? Was knnen wir thun, um dem Wunsche
Ludwig's zu entsprechen?

Erst ruhen Sie sich bei uns aus und pflegen sich, mein verehrter Herr
und Freund! entgegnete Windt. Sie sind leidend, ich sehe es Ihnen an,
Sie sind krnker als mein guter junger Herr Graf, der ist nur ein
#malade imaginaire#. Sollte nur einmal acht Tage lang an meiner Stelle
sein! Beim Kreuz! da wrde ihm das Kranksein, Siecheln und Schteln
gleich vergehen! Bin auch krank gewesen, war ganz auf dem Hund -- aber
die Unruhe bei Tag und Nacht hat mich wieder gesund gemacht. Wenn der
junge Herr nicht tchtige Arbeit bekommt, so wei ich nicht, wie er das
Leben ertragen will. Gottes Gnade hat mir im letzten Winter eine
Gesundheit verliehen, fr die ich nicht genug danken kann, nie aber
brauchte ich dieselbe auch nothwendiger, doch fange ich an mich unwohl
zu fhlen, mein Lebensschiff mu einmal frisch kalfatert werden -- eine
Erholungsreise thut mir Noth. Ich wollte nach Pyrmont, hat sich was! --
Die Kaiserlichen haben mir meinen Sparpfennig abgepret, kann also nicht
hin; auch brenne ich danach, das Geschft meiner Gebieterin mit ihren
Enkeln endlich ganz zu ordnen, eher kann ich mich nicht ruhig
niederlegen, ich bin nun einmal so. Wir wollen miteinander nach
Amsterdam und nach dem Haag gehen, dorthin mag Graf Ludwig auch kommen,
der Erbherr sitzt nicht mehr in Woerden, sondern ist nach Muiden
gebracht worden. Mir ist noch gar nicht wohl bei der Sache; die
Untersuchung wird streng gefhrt, der Rathspensionr van der Spiegel,
der tapfere Admiral van Kinsbergen und unser Erbherr sind
Leidensgenossen, und wir haben Terroristen im Rathe der Generalstaaten
sitzen. Ich habe Nachricht, da die Gefangenen entweder nach Amsterdam
oder nach dem Haag gebracht werden, wir wollen uns darber bald
Entscheidung verschaffen, nur kann ich hier nicht gut abkommen, so lange
noch franzsische Einquartierung hier liegt, denn es ist in der ganzen
Herrlichkeit kein Mensch, der Franzsisch spricht, und Niemand kommt so
gut als ich mit den Franzosen zurecht.

Sie erwhnten vorhin Pyrmont, lieber Herr Windt, was ist das fr ein
Kurort? fragte Leonardus.

Einer der besten, die ich kenne, belehrte ihn der Haushofmeister. Dieser
Badeort vereinigt Stahl- und Soolquellen, die Ersteren bertreffen alle
Stahlbrunnen Deutschlands, das wre auch gut fr unseren jungen Freund,
Graf Ludwig. Der Brunnen wirkt nervenstrkend und belebend, er verjngt,
deshalb wollte ich hin, und Sie sehen mir gerade darnach aus, als ob
Pyrmonts Quellen auch Ihnen Strkung und Genesung wieder geben knnten!

Die Freunde beriethen lange und reiflich ihren Reiseplan, und als sie
ihn gefat hatten, erhielt Ludwig von ihnen Nachricht, mit der Bitte,
gegen die Mitte des Monats Juni im Haag einzutreffen, dort werde er
Einen von ihnen oder Beide, und im schlimmsten Fall, bei Verhinderung
wider alles Verhoffen, wenigstens Briefe vorfinden.

       *       *       *       *       *

Es war ein schmerzliches Scheiden zwischen Mutter und Sohn. Georgine
fhlte um ihrer Ruhe, um ihrer Stellung in der Welt willen die
Nothwendigkeit, da ihr Geheimni verschleiert, ja begraben bleibe, sie
konnte den geliebten Verwandten nicht auf die Dauer bei sich behalten,
sie mute ihn von sich lassen, mute den bitteren Kampf kmpfen und ihr
Mutterherz stark machen. Sie sprach nicht viel zu Ludwig, als die letzte
verschwiegene Stunde nahte, in welcher Mutter und Sohn noch einmal
weinend ihre theuersten Gefhle aussprachen.

Zuletzt sagte die schne Herzogin zu Ludwig: Ich bin dir eine
Entschdigung schuldig, mein Sohn, dafr, da du die Mutter in der
schnsten Zeit entbehren mutest, in der dem Kinde der Besitz einer
geliebten Mutter ja Alles ist, und das ist eine Schuld, die ich niemals
ganz abtragen kann; aber Etwas mute ich doch fr dich thun, es war
meine heilige Pflicht. Deine Gromutter liebt dich innigst, und gewi,
ihr lebhaftester Wunsch ist, dich einst reich und glcklich zu wissen;
wohl mchte sie dir Etwas von deines Vaters Erbe zuwenden, aber sie kann
und darf es nicht, wenn sie nicht durch offenes Aussprechen unseres
Geheimnisses mich blosstellen und dich dem Hasse deiner Verwandten offen
Preis geben will. Dein Bruder, der Vice-Admiral, der es nie erfahren
mge, da du sein Bruder bist, ist ein braver Mann, aber nicht frei von
Eigennutz, auch hat er zunchst Verpflichtungen gegen die Seinigen; er
wrde dir bitter zrnen, wolltest du Ansprche an ihn erheben, zu denen
dir kaum ein Recht zusteht, da es das Unglck so gefgt hat, da dein
theurer Vater vor unserer Vermhlung mit Tode abging. Du wirst William
noch nher kennen lernen, er ist minder edel, als der Erbherr. Des
Kaufes von Doorwerth entschlage dich und warne deinen Freund, nicht die
Halmen seines Vermgens in das Schuldenmeer deines Vetters zu
schleudern, die den Sinkenden doch nicht oben schwimmend erhalten
knnen; bernimm nicht die schwere Brde der Brgschaft fr Andere
gegenber deinem redlichen Freund, damit du es nicht bist, der ihn um
das Seine bringt, damit nicht aus Freundschaft Feindschaft entstehe. Was
die Gromutter noch fr dich thun kann, wird sie thun, ich aber
bezweifle, da es Viel sein wird, sie hat schon gar zu viele Schenkungen
gemacht, welche ihre dereinstige Hinterlassenschaft bedeutend schmlern
und wegen deren es an langwierigen Processen nicht fehlen wird, die sich
ber ihrem Grabe so endlos ausdehnen und kreuzen werden, wie die Gewebe
der Herbstspinnen auf einem Stoppelfelde. Dich glaubte sie recht
glcklich zu machen, sie dachte dir die Nutznieung der Tremouille'schen
Renten zu. Die gute Gromutter! -- Sie konnte die Revolution nicht ahnen,
strubte sie sich doch mit aller Starrheit, an dieselbe nur zu glauben,
wie sie schon da war, sonst htte sie wohl frher einsehen lernen
knnen, da jenes ganze groe Kapital sammt allen Zinsen
unwiederbringlich verloren ist. Doch ich will nicht, da mein Sohn, der
Sohn meiner ersten flammendsten Liebe und unendlicher Schmerzen, leer
und blos in die Welt hinaus gestoen werde, ich habe gethan, was ich
thun konnte und was ich thun mute. Empfange, mein Ludwig, dieses
Patent, das mir der Knig auf meine Bitten bewilligt, denn ich darf mit
Stolz sagen, Knig Georg der Dritte von Grobritannien ist mein Freund,
seine Gemahlin, die Knigin Sophie Charlotte, die den Vornamen deiner
Gromutter trgt, ist meine Freundin, dieses Patent erhebt dich in die
Baronetage von England und ertheilt dir historisch den Ritterschlag mit
dem Zurufe: #Rise Sir!# Stehe auf, Herr! -- Diese Documente besttigen
dich in dem Besitz der Baronie Versay, deren Ertrag deine Zukunft
sichert, und ich habe alle Verfgungen bereits getroffen, da diese
Renten dir sicherer und gewisser zugehen, als jene leider verlorenen des
edeln Hauses de la Tremouille. Die Baronie bleibt dein Besitzthum, und
geht auf deine rechtmigen Erben ber; bliebest du hingegen ohne Erben,
so fllt ihr Besitz zurck an die Meinen. Es steht dir frei, wo du auch
weilest, dich Graf von Varel oder Baron von Versay zu nennen; das gilt
von jetzt an ganz gleich, du kannst auch beide Namen vereinigen. Es
steht dir ferner frei, dich ganz nach deiner Herzenswahl zu verbinden.
Das Weib deiner Liebe wird deine rechtmige Gemahlin, sei sie aus
hohem, sei sie aus geringem Stande, nicht ein Frst braucht sie zu
adeln, du wirst es sein, der sie erhebt, wenn sie nicht aus adeliger
Familie ist. Frauen bedrfen in Albion keiner namhaften Ahnen, weil --
fgte Georgine lchelnd hinzu: der Stammbaum einer jeden in den Himmel
hineinreicht.

Meine Mutter! rief Ludwig tief bewegt: mit welcher Flle von Gte und
Liebe berschtten Sie mich! Wie zeigt Ihr groes Herz mir den Himmel
offen, aus dem Sie abstammen, ach, nur einen seligen Augenblick, da sich
mir dieser Himmel so schnell und wohl auf immer verschliet.

O, nicht auf immer, mein Sohn! Warum so dstere Gedanken? entgegnete
Georgine, fest des scheidenden Lieblings Hnde in den ihrigen haltend.
Warum sollten wir uns nicht wiedersehen? Einst komme ich, und finde dich
glcklich an der Seite eines treuen deutschen Weibes, und sonne mich an
deinem Glcke -- dann wohnst du still und waltest in ruhiger
selbsterwhlter Thtigkeit an einem Orte, wo mich Niemand umspht, wo
ich Mutter sein darf ohne Hehl, wenn auch Niemand von deiner Umgebung
ahnet, wer eigentlich die alte Frau ist, die dich besucht und eine
Zeitlang bei dir weilt.

Ludwig knieete zu den Fen seiner schnen Mutter nieder; die herrliche
Gestalt beugte sich ber ihn, kte und segnete ihn, und da er, von
Schmerz fast gebrochen, vor ihr knieen blieb, erhob sie ihn mit
krftigen Armen und rief: #Rise, Sir!# _Erhebe dich, Mann!_ umschlang
ihn noch einmal mit aller Flammenglut ihres Herzens, kte ihn noch
einmal und noch einmal, dann enteilte sie und sah ihn nicht wieder.--

Leonardus hatte sich im Hause der Freunde erholt; es kamen schne Tage,
und es trat eine Ruhe ein nach den vielfachen Strmen, die ber
Doorwerth dahin gebraust waren, obschon diese Ruhe freilich noch immer
keine dauernde war.

Windt und Leonardus nahmen fr eine Zeitlang herzlichen Abschied von der
braven Hausfrau und traten ihre Reise an. Das Land jubelte, aller Orten
wurde der Friede ausgerufen, der goldene Friede.

Lieber Gott! sprach Windt auf dem Wege von Wageningen nach Utrecht, als
die Reiter, gefolgt von einem Diener, dem geschlngelten Laufe des
schmalen krummen Rheins folgten, durch reizende Fluren, durch die der
wahrhaft manderische Flu sich schlngelnd wand, vorber an den
herrlichsten Lustschlssern, Grten und Parken, in denen die
niederlndische Gartenkunst ihre hchsten Triumphe feierte und die des
Krieges rauhe zerstrende Hand zum Glck unberhrt gelassen hatte --
lieber Gott, wie die Leute ber den Frieden jubeln! Wie lange wird er
denn dauern? Ungleich vernnftiger wre es, keinen Krieg zu beginnen und
der Lnder und der Vlker Loose nicht auf ein malos ungerechtes Spiel
zu setzen. Was hilft ein Friede, wenn unter den bittern Nachwehen des
Krieges sich die Lnder verbluten? Seuchen reien ein, die Menschen
sterben wie die Mcken; fnfundzwanzigtausend fremde Hungerleider mssen
wir tglich sttigen; Doorwerth mu doppelte Schatzung zahlen, als wenn
es nicht schon doppelt und dreifach und zehnfach geschtzt worden wre!

In Utrecht lie es sich der wackere Mann gleich nach der Ankunft
angelegen sein, Etwas von dem Grafen Johann Carl, dem Bruder des
Erbherrn zu erfahren. Er begab sich, whrend Leonardus im Gasthaus
zurckblieb, zunchst in das Haus, das der Graf Johann bewohnte. Es kam
ihm ein flottes Brschchen entgegen, auf dem Kopf die leichte Mtze mit
der dreifarbigen Cocarde der Republik, nthigte ihn in das Zimmer und
fragte hflich: Was wnschen Sie, Brger? Wnschen Sie Wein oder
Liqueur, Curaao, Extrait d'Absynthe, Eau de Genever?

Windt sah den Mann gro an, ob das Gastfreundschaft sein sollte, oder ob
er es mit einem Kaffeewirth zu thun habe? Er sah sich in dem Saale um,
da stand noch das Prachtmobiliar, das einst auf seine Bestellung in
Hamburg gefertigt und dem Enkel bei dessen Verheirathung von der
Gromutter zur Aussteuer gesendet worden war; auf dem schnsten
Sammt-Polsterstuhle lag ein Hund, ein fauler Rattenfnger, mit einem so
cht confiscirten Gesicht, als nur irgend ein Rattenfnger haben kann,
und knurrte den Gast, in welchem er den Aristokraten sogleich
herauswitterte, grimmig an.

Nicht das Eine, nicht das Andere wnsche ich, Brger, erwiederte Windt:
ich wnsche den Hausherrn zu sprechen.

O, die nicht sein hier -- gab der Franzose zur Antwort: wenn sie werden
sein hier, ich nicht werden sein hier, #il est emigre# -- sie sind
gegangen fort. Ich aben die Err su sein #un Vivantier, si voulez vous de
vin, ou si voulez vous des liqueures.# Von die slecht #emigres# weien
ik nix.

Windt drehte sich rasch um und ging fort; er suchte die Wohnung des
Milord Athlone, des Schwiegervaters des Grafen Johann Carl auf, welcher
eine Zeitlang in Utrecht Wohnsitz genommen. Das Haus war voll
franzsischer Soldaten, keine Spur mehr von der Familie vorhanden.

Die Freunde setzten nun ihre Reise nach Amsterdam fort, wo Leonardus
seinen Begleiter mit zu seiner Mutter nahm, die hochbeglckt war, den
Sohn wiederzusehen, und doch auch zugleich erschreckt durch dessen
verndertes und krankhaftes Aussehen. Leonardus schob dasselbe auf die
Mhen seiner Reisen, die nachtheiligen Einflsse der Witterung und
suchte die Besorgni seiner Mutter soviel als mglich zu zerstreuen.
Windt besorgte alle seine Geschfte in Amsterdam, ging nach der
vormaligen Wohnung des Erbherrn auf dem sogenannten Prinzenhof, den er
zum Seecomptoir umgewandelt fand, und erfuhr hier, da das Haus binnen
vier Tagen habe gerumt werden mssen, da man das Mobiliar des Erbherrn
gesichert habe, im Uebrigen aber von ihm und seinem Schicksal nichts
wisse.

Um sich etwas zu zerstreuen, besuchten Windt und Leonardus den Saal der
tausend Sulen, wo sich stets zahlreiche Gesellschaft fand, wo man
fleiig politisirte, Domino und Schach spielte, Zeitungen las und ber
die Weltgeschicke in derselben Weise entschied, wie berall, nmlich so,
da die Weltgeschicke sich nachtrglich ganz anders gestalteten, wie die
politischen Kannegieer sie prophezeiten.

Windt hatte ein niederlndisches Zeitungsblatt ergriffen, las, runzelte
die Stirne und murmelte durch die Zhne: Verdammt! Verdammt!

Was gibt es, was haben Sie? fragte gespannt Leonardus.

Vergeblich! Dumm! Albern! knirschte Windt. Alles vorbei, Alles
verrathen! Da mu der Donner hineinfahren!

Darf ich nicht erfahren--? fragte Leonardus.

Wenn ich den vorlauten Schwtzer htte, der das Geheimni und den Plan
verplaudert hat, bevor er ausgefhrt ward, den Hals knnt' ich ihm
umdrehn, und nicht einmal, sondern siebenmal, wie einer Katze! eiferte
Jener, und flsterte Leonardus zu: Es war Etwas im Werke; ich wute
darum, auch Fluit wute darum; dieser befehligt jetzt, weil England den
hollndischen Handel ganz in Ketten und Bande legte, die Jacht des
Erbherrn, die schne Susanne. Von der Festung Woerden aus waren die
Gefangenen nach Muiden gebracht worden, von dort sollten sie entwischen,
Alles war vorbereitet, die Jacht des Erbherrn hatte ein anderes Bild,
andere Flaggen, war uerlich unkenntlich gemacht und lag dicht vor
Muiden in der Veght vor Anker. Der Plan wurde verrathen, die Jacht
entkam, aber ohne die Gefangenen am Bord zu haben; diese wurden, um
ihnen das Entwischen schwerer zu machen, nun um so strenger bewacht. Ein
gottverdammter Schwtzer plauderte den Anschlag zu ihrer Befreiung aus,
ehe sie erfolgt war, und nun steht hier in dem Zeitungswisch diese
Anzeige, die das Uebel nur rger, die Bewachung der Gefangenen noch
strenger macht, und auf's Neue ihrer Feinde Augen und Ohren schrft. Da
lesen Sie!

Leonardus nahm das Blatt und las:

    Bericht an das Publikum.

Da wir es als eine unserer ersten und vornehmsten Pflichten betrachten,
der Wahrheit so viel als mglich zu huldigen und einer offenbaren und
ehrlosen Lgenmre mit aller Verachtung, welche dieselbe verdient, zu
begegnen, so knnen wir nicht anders als hchst entrstet ber den
Inhalt eines gewissen Schandlibells sein, das man ohnlngst verbreitet
hat, und worin gesagt wird, da auf die Vorstellung des franzsischen
Gesandten der Ex-Rathspensionr van der Spiegel und der van Rhoon,
Ex-Oberamtmann von dem Haag, fr unschuldig erklrt wren, ihre Freiheit
wieder erhalten htten und mit einer Jacht aus ihrem Gefngni zu
Woerden oder Muiden abgeholt worden seien. Wir sind von hoher Hand
unterrichtet, und vollkommen versichert, da diese Zeitung von allem
Scheine der Wahrheit entblt ist, ihren Ursprung nicht verlugnen kann,
und auf nichts weiter hinzielt, als die Wohlfahrt des Vaterlandes
schroff hervortretenden gewinnschtigen Absichten aufzuopfern und die
schndeste Arglist ins Werk zu stellen, um den besseren Theil der Nation
irre zu leiten, Furcht und Unruhe in den Gemthern hervorzurufen, und
Mitrauen im Busen gegen lndliche und stdtische constituirte Mchte
und deren Verhalten zu wecken. Es ist hohe Zeit, solcher Menschen
Handlungen ffentlich aufzudecken, und mit den schwrzesten Farben sie
zu schildern, da sie nichts bezwecken, als Zwietracht und Aufruhr
anzufachen, die gute Ordnung umzustoen, die Gesetze kraftlos zu machen
und sich, in Mitten der Parteien und der Emprung, ber die sie sich
heimlich erfreuen, die verkehrte Begeisterung einer verblendeten Menge
zu Nutzen zu machen, um ihren ehrlosen Zweck zu erreichen und ihre
eigene Gre auf den Steinhaufen einer zertrmmerten Republik zu
befestigen.[12]

    [Funote 12: Wrtlich: #de verkeerde geestdrift van eene
    verblinde menigte ten nutte te maken, om hun eerloos doel te
    bereiken, en hunne eigene Grootheyd op de puinhoopen van eene
    verbrysselte Republik te vestigen.#]

Pah, lachte Leonardus, indem er das Blatt an Windt zurckgab. Eine
Zeitungstirade von einem hollndischen enragirten Parteimann, und
darber knnen Sie sich rgern? Was htten diese #Mannekins#, wenn sie
nicht fort und fort den Ueberflu ihrer Gemeinheit in den Zeitungen
absetzen knnten? Da htten Sie, lieber Herr Windt, einmal in Paris und
ganz Frankreich die Pamphlets lesen sollen, Sie haben aber auch in Paris
lieber geschrieben als gelesen. Hu! das fliegt wie Schneeflockengewirbel
und Hagelschlag, da es rasselt und prasselt, und hinterdrein wird doch
wieder gutes Wetter und klarer Himmel. Wie wrde nun dieses Kerlchen von
einem Zeitungsscribler erst schimpfen, wenn die Gefangenen wirklich
entkommen wren, da es jetzt schon bei der bloen falschen Nachricht
solch ein Geschrei erhebt?

Das ist's nicht, was mich rgert und kmmert, entgegnete Windt
verstimmt; sondern da ich vielleicht den Erbherrn nun gar nicht
spreche, weil man ihn fester verwahren und die Wachsamkeit verdoppeln
wird.

In dieser Voraussetzung irrte der treue Windt sich nicht; er erfuhr noch
an demselben Tage als gewi, da die Gefangenen von Muiden aus nach dem
Haag abgefhrt worden seien, und schon der folgende Morgen fand beide
Freunde auf dem gleichen Wege dort hin, da ja diese schne und reiche
Stadt ohnehin ihr Reiseziel war.

Zu ihrer unaussprechlichen Freude fanden sie Ludwig bereits angekommen
und ihrer harrend, und es erfolgte zwischen ihm und Leonardus ein
Austausch der innigsten und zrtlichsten Gefhle, whrend Windt darauf
gar wenig achtete, vielmehr stets beweglich, wie er war, sogleich
Bekannte aufsuchte, neue Verbindungen anknpfte und auf sein Ziel
schnurgerade lossteuerte. Den ersten Besuch machte er bei der
Schwiegermutter des Erbherrn, welche im Haag wohnte. Jene Nachricht,
welche Windt frher einmal erhalten hatte, der Erbherr wolle diese Dame
nach Hamburg bringen, war eine falsche gewesen. Er erhielt Einladung,
bei der Frau Grfin von Lynden-Reede zu speisen, traf dort den Besitzer
des Gutes: die Park, nahe bei Arnhem, dessen Windt einige Male in
Briefen an die Reichsgrfin erwhnt hatte, welcher Herr dem Erbherrn
eine ziemliche Summe schuldig war, und benutzte die Gelegenheit, diesen
Schuldner so sanft als es ihm mglich war, beim Ehrgefhl zu fassen und
ihm das Versprechen abzunthigen, baldigst zu zahlen. Auch Grfin Lynden
erhob groe Klage darber, da Doorwerth so entsetzlich verwstet sei;
Windt lachte heimlich hinter seiner Serviette, zwinkte der alten Dame
mit den Augen, und htete sich wohl, durch Berichtigung dieser Wehklage
den Herrn von der Park in seinen guten Vorstzen wankend zu machen.

An wen sich wenden, um den Herrn Grafen zu sprechen? war Windt's
hauptschlichste Frage.

Sie werden ihn auf keinen Fall sprechen, daran ist gar nicht zu denken,
ward ihm zur Antwort.

Ich mu ihn aber sprechen, und ich werde ihn sprechen! entgegnete Windt
mit Bestimmtheit.

Versuchen Sie's auf Ihre Gefahr, ich aber rathe ernstlich ab, sprach
Grfin Lynden. Die Wchter sind unbestechlich.

Fllt mir auch gar nicht ein, diese braven Brger der batavischen
Republik in Versuchung zu fhren, versetzte Windt. Bin zudem nicht mit
Geld zu Bestechungen versehen.

Ehe eine halbe Stunde verging, seit Windt vom Tische der Grfin weg war,
stand er schon im Sitzungszimmer der hochmgenden Herren. Diese Herren
hatte doch noch das Brgerregiment gelassen, obschon der Titel vielen
tausend Revolutionsmnnern ein Pfahl im Fleisch und ein Dorn im Auge
war. Windt sprach in seiner einfachen und schlichten Weise, nachdem er
seine Persnlichkeit in aller gesetzlichen Form kund gegeben: Ich habe
den gefangenen Rhoon nur eine halbe Stunde zu sprechen, und zwar blos
ber Familien-Angelegenheiten, und wenn es sein mu, im Beisein von
Jedermann; ich habe die Ehre, Diener von des Gefangenen Gromutter zu
sein, und mchte gerne, da ich im Begriffe stehe, nach Deutschland zu
reisen, wo dieselbe wohnt, Auftrge von ihm mit dorthin nehmen.

Die hochmgenden Herren beriethen sich ganz kurze Zeit und fanden gar
kein Bedenken darin, Windt zu willfahren. Er wurde an die Commissre
Brger Kops und de Lange gewiesen, fand auch an diesen die artigsten
Mnner von der Welt, und empfing von ihnen ohne die mindeste
Schwierigkeit und ohne einen Sous zahlen zu mssen, eine gedruckte
Erlaubnikarte.

Die Lage des staatsgefangenen Erbherrn war durchaus keine schreckliche.
Er wohnte in den Zimmern, die frher Prinz Friedrich von Oranien inne
gehabt; er spielte sich eben zum Zeitvertreib ein Stckchen auf der
Guitarre vor, als Windt in Begleitung eines einzigen Aufsehers zu ihm
eintrat, und war vor Erstaunen auer sich, als er den alten Bekannten
erblickte. Windt fand das Zimmer ganz anstndig ausmblirt, auf einem
Tisch lagen Malergerthschaften und eine angefangene Malerei, auf einem
anderen befanden sich Bcher, und der Erbherr bewirthete den alten
redlichen Diener, der wahrlich den hheren Rang, den er in des Grafen
Herzen einnahm, verdiente, mit einem Glase kstlichen Kapweins.

Patientia-Wein gibt es nicht, lieber Windt -- scherzte der Erbherr, und
winkte zum Sitzen: darum trinke ich Constantia-Wein, welcher auch groe
Tugenden besitzt.

Ich freue mich Ihres Wohlseins, Herr Graf! sprach Windt, und trinke auf
dessen fernere Dauer; Sie haben zwar etwas von Ihrer Frische verloren,
weil Sie nicht mehr so wie frher gleich einem Seeraben umherschweben
knnen, aber ich sehe schon aus Allem, da Sie guten Muthes sind, und
das ist sehr viel werth, denn ein alter Lateiner soll gesagt haben: Mit
gutem Muth die schlimme Zeit zu tragen, frommt.

Das war Plautus, liebster Windt! versetzte der Erbherr. Da war auch ein
alter Grieche, hie Euripides, der sprach: Sei guten Muthes, denn Groes
kann Gerechtigkeit dir ntzen. Ich habe treu dem Vaterlande gedient, und
wre wohl des bessern Lohnes werth, doch nichts davon. Was bringen Sie
mir? Haben Sie Nachrichten aus Deutschland, von der Gromutter, von
meiner Frau? Wo ist mein Bruder, wo ist der Vetter Ludwig?

Letzterer war in England und ist hier, Leonardus ist auch mit hier, wir
holen den Grafen ab, er fhlt sich leidend und sehnt sich nach
Deutschland.

Zur Gromutter, kann mir's denken!

Ihrer Excellenz Frau Gemahlin befinden sich, so viel mir bewut ist,
wieder in Kniphausen, und sind leider immer noch nicht vollkommen
genesen.

Leider! leider! seufzte der Erbherr mit einem ironischen Lcheln. Alles
leidend -- Sympathie schner Seelen!

Die alte Excellenz scheint in gleichbleibender Rstigkeit ihre Tage
fortzuleben, sie schreibt mir oft oder lt mir durch Weisbrod oder
meine Schwester schreiben, und kapitelt mich hufig sehr ungndig ab,
whrend ich Kopf und Kragen daran setze, um ihre Gter in gutem Stande
zu erhalten.

Was wird es mit Doorwerth?

Dehalb bin ich hier bei Ihnen, Herr Graf. Die Sache mu so oder so ein
Ende nehmen; lngeres Hinziehen stellt Alles auf das Spiel. Fr
Doorwerth mu Geld geschafft und zum endlichen Vergleich, den jene
unglckliche Geschichte in Varel abbrach, geschritten werden.

Sie sehen, liebster Windt, sprach der Erbherr, indem er in aller
Gemthlichkeit die Glser wieder fllte: da ich ein gefangener Mann
bin, da ich gar nichts zu sagen habe, gar kein Versprechen geben kann.
Richten Sie das, was in Ihren Hnden liegt, nach Ihrer besten Einsicht
ein. Ich habe auer Rhoon und Pendrecht in Holland keine Gter, fgte er
betonend und mit einem Wink auf den Aufseher hinzu. Meine Lage, die
jetzt leidlich scheint, kann noch schlimm werden, es ist gar nicht
unmglich, da ich dieses Zimmer nur verlasse, um unten auf dem Platz
erschossen zu werden. Meine Schriften liegen smmtlich unter Siegel; aus
ihnen wrde man vielleicht mildere Urtheile ber mich gewinnen, allein
man untersucht sie zur Zeit noch nicht. Man verschiebt es, bis der
National-Convent organisirt ist, und dann -- nun, wie Gott will! Man wird
mich als einen Mann finden!

Als einen Ehrenmann, ganz gewi, Herr Graf, besttigte tiefbewegt der
Haushofmeister.

Ich mu endlich bitten, Brger, nahm der Aufseher das Wort: man spricht
hier nicht von Grafen, Herren und Excellenzen!

O zum Donner! rief Windt, sich mit komischer Geberde auf den Mund
schlagend: Verzeiht, Brger, ich bitte tausendmal! Ich bin ein dummer
deutscher Teufel, bin noch nicht eingebrgert in der heillosen, wollte
sagen, theillosen Republik. Msset meiner Sprechart was zu Gute halten.
Ich schwr es Euch zu, ich habe vor eurer Republik den heiligsten
Respect!

So la' ich's gelten, brummte der Aufseher, ohne die Ironie zu
verstehen, die in diesen Worten lag.

Windt drngte, was er zu sagen hatte, in geflgelte Worte zusammen;
gute Wnsche fr baldige Befreiung, die Nothwendigkeit, wenn diese in
der nchsten Stunde erfolgen sollte, ohne Verweilen die Angelegenheit zu
ordnen, und da dieses nur in Deutschland geschehen knne, dorthin zu
reisen, Windt in Doorwerth abzuholen und ihn mit nach Hamburg oder wo
die Reichsgrfin sonst sich aufhalten werde, zu nehmen. Falls Windt
bereits in Pyrmont, Bckeburg oder Stadthagen sei, solle ihn der Erbherr
ohne Verzug von jedem gethanen oder beabsichtigten Schritt unterrichten.

Windt fand den gefangenen Herrn zu Allem willig, erhielt Gre von ihm
an alle Freunde und Bekannte und schied mit der Beruhigung im Herzen,
abermals zum guten Werke endlichen Vergleiches beigetragen und seinen
Aufbau, wenn auch nicht merklich hher, doch in Etwas weiter gefrdert
zu haben. Der Abend vereinte die drei Freunde in gemthlicher
Unterhaltung auf einem ihrer Zimmer.

Leonardus war Windt bisher immer noch die Erzhlung von Dem schuldig
geblieben, was ihm begegnet war, seit er zum letztenmale le Mans
verlassen hatte, und was eigentlich Ursache an seinem Kranksein und der
ganzen traurigen Verfassung sei, in welcher er jngst zu Doorwerth
angekommen war. Der Diener besorgte daher zur gemthlichen Plauderstunde
fr Windt und Leonardus die unvermeidlichen hollndischen Thonpfeifen,
und als der kstlichste Tabak das Zimmer durchduftete, begann Leonardus
seine Erzhlung.




9. Die Abenteuer des Leonardus.


Ich hatte nicht Rast nicht Ruhe, eine unaussprechliche und
unbezwingliche Sehnsucht trieb mich an, Angs zu suchen, und ganz
vergebens war die Stimme der Vernunft, die mir zurief: was willst du bei
ihr? Stre nicht die Ruhe dieser so edlen Freundin, wecke nicht neuen
Schmerz auf, errege nicht neue Kmpfe, strebe nicht nach einem Siege
ber sie, der dir nicht ehrenvoll und rhmlich wre! Dmonisch ri es
mich hin, und der alte Gemeinplatz: der Mensch kann seinem Schicksal
nicht entgehen, wurde leider auch an mir zur vollen Wahrheit. Ja, ich
glaube jetzt, da ein Fatum waltet, aber thun Sie, liebster Freund
Windt, mir dehalb die Ehre nicht an, mich fr einen neumodischen
Philosophen zu halten, ich habe nie ein philosophisches Buch gelesen,
ach, es bedarf der Bcher nicht, das Leben dictirt uns seine
schmerzdurchwebte Weisheit laut genug und tief in die Seele hinein. Ich
strmte aufs Neue fort und wandte mich gegen den Rhein; ich war wieder
Kaufmann und schlo Geschfte ab fr ein Haus in Amsterdam, bei dem ich
mit einem Kapital, gleichsam als stillschweigender Compagnon,
eingetreten bin. Der Geschftsreisende erleidet auch in kriegerischer
Zeit wenig Strung. Der vermehrte Bedarf macht den Verkehr, besonders in
Colonialwaaren, lebhafter als je und da die berseeischen Zufuhren
stockten und England den Continentalhandel hemmte, so lieen sich die
alten Vorrthe um so vortheilhafter zu hohen Preisen verwerthen; ich war
daher dort, wo ich Geschfte machen wollte, berall willkommen, und
gewann schon dadurch, da ich reiste und in Stand gesetzt war, immer
noch zu billigeren Preisen als Andere notiren zu knnen, bedeutende
Summen. Die Vorrthe unseres Hauses waren gro und in guten Zeiten sehr
billig eingekauft; jetzt lieen Kaffee, Zucker, Rosinen, Gewrze, Tabake
zu einer Preishhe sich absetzen, die eben nur der Krieg erzeugen kann.
Meine Kenntnisse der Sprachen kamen mir auf der Reise stets gut zu
Statten. Whrend Frankreich fort und fort noch zerrissen war von den
blutigsten und grausamsten Kmpfen im Innern, im Sden und im Westen,
und obendrein noch von England bedroht, das zugleich die Rstungen der
Reaction untersttzte, ging ich nach dem Rheine. Unruhig genug sah es
auch an den beiden Ufern dieses gottgesegneten deutschen Stromes aus.
Den Rhein solltet ihr sehen, Freunde, in seiner Herrlichkeit, in seiner
Schnheit! Der schmale Arm von ihm, der bei Doorwerth vorberfliet, ist
freilich dagegen nur ein reizloser Canal. Aber wer konnte auf die Reize
der Natur achten zur Zeit eines Krieges, der alle Heerstraen, alle
Stdte, alle Drfer und Hfe mit Soldaten fllte? Auch die schne Pfalz
war Kriegsschauplatz geworden, die ich so ganz verndert und von Heeren
berschwemmt wiedersah. Mein liebes Zweibrcken, der Ort, wo ich zuerst
Hand in Hand mit Angs das seste, lauterste Glck meines Jugendlebens
genossen hatte, war im Sptherbst des vergangenen Jahres nach den
Schlachten, welche die Rheinarmee unter Pichegru und Hoche den Preuen
und Sachsen bei Kaiserslautern und bei Moorlautern geliefert, zum
Sammelplatz des geschlagenen Franzosenheeres geworden, das siebentausend
Mann verloren hatte; nachdem sich dieses franzsische Heer gestrkt,
drngte es seine Gegner unter Wurmser wieder ber den Rhein zurck. Ich
erschien im Elternhause Ang's in Zweibrcken, welche Stadt franzsische
Besatzung behielt; meine Erscheinung war im Anfang augenscheinlich keine
willkommene, denn man sah in mir den Mann, der Ang's Unglck
verschuldet; endlich gelang es mir jedoch, mit ihrer Mutter ein
verstndigendes Gesprch zu beginnen. Wenn Sie mir zrnen, verehrte Frau
Daniels, sprach ich zu ihr, so thun Sie mir groes Unrecht. Ich hielt ja
Ihrer Tochter die gelobte Treue, strebte rastlos danach, durch meinen
eigenen Flei so viel zu erwerben, um eine schne sorgenlose Zukunft, so
weit solche voraus zu bestimmen in menschlicher Macht liegt, Angs zu
bereiten. Dem Kaufmann aber, dem bedeutenden, fllt selten das Glck
daheim und hinter dem Ofen in den Schoos; er mu hinaus, handelnd und
strebend, in ferne Weiten, in entlegene Lnder. Mir, dem Treuen, brach
Angs die Treue, und wurde dazu hier berredet. Ich hing immer noch voll
Zrtlichkeit an ihr, und eine Fgung war's, gewi eine wunderbare, da
ich ausersehen ward, ihr Retter und Befreier aus einer unwrdigen Lage
zu werden.

Ganz gewi, erwiederte Frau Daniels, und Angs ist Ihnen mit uns dafr
zu stetem Danke verpflichtet; freilich htten wir gewnscht, sie wre
gleich in ihr elterliches Haus zurckgekehrt und htte nicht erst eine
so weite Irrfahrt gemacht.

Daran trug der Krieg die Schuld; auf gradem Wege htte uns entweder
Berthelmy's Verfolgung ereilt, oder wir wren dem Verderben geradezu
entgegen gefahren.

Ich will es glauben, versetzte Ang's Mutter, und ich fragte sie nun: Wo
lebt jetzt Angs?

Ich wei es nicht!

Sie wissen es nicht? O, wohl wissen Sie es, aber Eins wissen Sie nicht,
verehrte Frau! rief ich empfindlich aus. Sie wissen nicht, da ich zu
viel wei, um mich also abfertigen zu lassen, da das Herz Ihrer Tochter
mein ist, da ich Angs suchen und sie finden werde, sollte ich auch im
Schwarzwald von Dorf zu Dorf, von Htte zu Htte ziehen.

Frau Daniels erschrak, als ich den Schwarzwald nannte, doch suchte sie
mir dies zu verbergen, und fragte auf's Neue: Was wollen Sie von Angs?

Ich komme von le Mans!

Haben Sie Berthelmy's Todtenschein? fragte die Frau jetzt mit
leuchtenden Augen.

Den habe ich nicht und brauche ihn nicht, es kann auch niemals einer
gegeben werden. Es gibt dort keine Kirchen und keine Kirchenbcher mehr;
der Maire sagt mir, das Papier habe nicht hingereicht, um die Namen
aller Todten aufzuzeichnen. Was sich geschieden habe, sei geschieden,
Niemand frage danach.

Das mag dort in le Mans so sein, entgegnete mir die verstndige Frau.
Hier in Zweibrcken aber denken wir noch anders. Die Feinde mgen uns
Alles nehmen; unsere Kirche, unsern Glauben, unsern Gott lassen wir uns
nicht nehmen! Wir singen nicht vergebens unsers Luther Lied:

    Eine feste Burg ist unser Gott,
    Eine gute Wehr und Waffen,
    Der hilft uns treu aus aller Noth,
    Die uns jetzt hat betroffen!

Ja, wohl hat uns Noth betroffen, harte Noth, aber Gott wird uns helfen!

Ich hatte nicht Lust, mit der wackern Frau einen Glaubensstreit zu
beginnen, der mich auf keinen Fall gefrdert haben wrde, sondern
einlenkend sprach ich: Ich habe Ihre Tochter in Ehren gehalten, als sie
ganz in meiner Macht, in meinem alleinigen Schutze war, und ich hoffe
nicht, seitdem schlechter geworden zu sein. Ich will sie noch einmal
fragen, sie und nur sie selbst hat hier zu entscheiden, und dann wird
mein Loos gefallen sein; darum nennen Sie mir den Ort, wo ich sie finde,
ich flehe Sie darum an bei Allem, was Ihnen und mir heilig ist!

Nun denn! rief Frau Daniels: Wenn Sie mir auf dieses Evangelienbuch, das
Ihnen gewi so heilig ist wie uns, schwren, da der Name dieses Ortes
niemals gegen einen Dritten ber Ihre Lippen gehen soll, dann nenne ich
Ihnen meiner Tochter Aufenthalt.

Ich schwur, und erfuhr den Namen des Ortes am Fue des Schwarzwalds.

Am nchsten Tage reiste ich mit Courierpferden ber Bitsche und Hagenau
nach Straburg, ging bei Kehl ber den Rhein, und fuhr ber Lahr und
Mahlberg nach einem nahen Stdtchen, das ich in der Nacht erreichte und
wo ich mich bald zur Ruhe begab. Das Gasthaus, das mich aufgenommen
hatte, war ein sehr gewhnliches. Mein Bett stand an einer Bretterwand,
und ich war noch nicht eingeschlafen, als ich an Schritten im
anstoenden Zimmer merkte, da ich mnnliche Nachbarschaft habe. Zwei
Mnner unterhielten sich bald darauf lebhaft mit einander in
franzsischer Sprache, und wunderbar, mir kamen beide Stimmen bekannt
vor; ich verhielt mich muschenstill und suchte den Inhalt ihres
Gesprches zu erlauschen, ohne noch zu ahnen, wie nahe derselbe mich
selbst berhren wrde. Je mehr Worte ich hrte, desto schrecklicher
tagte es in mir, diese eine Stimme, nur einmal in meinem Leben hatte ich
ihren rauhen Klang gehrt, und doch hatte er sich tief in meine
Erinnerung eingeprgt. O ich beklagenswerther Mann, die geliebte Angs
suchte ich -- war ihr schon nahe -- und fand -- Berthelmy -- und Berthelmy
war es, der nahe bei mir gegen seinen Gefhrten zornvoll und erbittert
ber Angs sprach.

Ausgemittelt hab' ich's endlich, sagte er: das Nest der Schlange, der
falschen, treulosen Schlange, und bin nun da, die Natter zu zertreten,
wenn sie sich nicht reuig mir in die Arme wirft und mir dann die Hand
bietet, das Netz des Verderbens um die niedertrchtigen
Vaterlandsfeinde, die sich hier auf deutschem Boden verborgen halten, zu
schlingen, und denen sie sich dienstbar gemacht hat noch obendrein!

Uebereile nichts, Berthelmy! sprach der Andere: verdirb nicht um deiner
eigenen Angelegenheit willen unser Spiel. Wir drfen nie offen
hervortreten, mssen alles vermeiden, was irgend einen Verdacht auf uns
lenken kann; du kennst noch nicht den Dienst, Etienne, bist mein
Schler, mut mir gehorchen.

Zum Donner! murrte Berthelmy: seit ich bei der Insel Noirmoutier in die
Gewalt der Republikaner fiel, seit mein rachedrstendes Herz alle
Parteiung und alle menschliche Rcksicht abschwur, ist mir noch nicht
so gewesen, wie jetzt. Ich mchte gleich auf der Stelle jemand ermorden!

Nur mich nicht, das bitte ich ganz gehorsamst, spttelte der Andere. Du
bist zu hitzig, ich bin abgekhlt, Etienne. Wenn du einmal in der Seine
gelegen httest, und einmal im Rhein, und sehr nahe daran gewesen wrst,
auch in die Wahl geworfen zu werden, wie ich, wrdest Du weniger hitzig
sein.

Was zum Henker schwatzest du da fr Unsinn, Clement Aboncourt?--

Es war unser Mann von Paris, von Doorwerth und Thiel, er erzhlte in
kurzem Umrisse seinem Bettkameraden seine Lebensgeschichte fast so, wie
wir sie ebenfalls von ihm hrten. Er war aus Holland weggegangen und
hatte sich nach dem Sden gewendet, hatte seine Kunst und Gewandtheit
als Spion geltend gemacht, und jetzt den Auftrag, die im friedlichen
Schutze Badens weilenden Emigranten hoher Abkunft zu umsphen, ihre
Schritte zu belauern und von Allem Nachricht dahin zu ertheilen, wo
diese willkommen war und erwartet wurde.

Indem nun dieser Mensch vom elendesten Gewerbe seine Mittheilungen an
Etienne Berthelmy machte, ging aus des Letztern Aeuerungen hervor, da
er ebenfalls ein Verworfener war, da er an seiner Heimathstadt zum
Verrther geworden, auch nicht ohne heimlichen Antheil geblieben an
jenem entsetzlichen Blutbade, das der Wrger Morceau in derselben
vollziehen lie, sowie da er, aus dem Heere schimpflich verstoen,
zufllig Aboncourts Bekanntschaft gemacht und an diesen sich
angeklammert hatte, wie nach dem deutschen Sprchwort sich Gleich und
Gleich gern gesellt. Mir graute, wenn ich dachte, da die engelreine
Angs ihr Loos noch einmal an dieses Ungeheuer ketten sollte, da
Berthelmy ihr nur noch einmal in den Weg treten knne, und ich fand,
auch als jene schwiegen und eingeschlafen waren, keinen Schlaf, so mde
ich von meiner angestrengten Reise war. Ich berlegte die Gefahr, die
Angs, die ihren Gebietern drohte, berlegte die Mittel, die ich
anwenden wollte, um diese Gefahr abzuwenden. Mir selbst mute daran
gelegen sein, nicht von Aboncourt gesehen zu werden, denn sehr mglich
war es, da er in mir jenen Mann wieder erkannte, der bei Doorwerth ihn
fortgeschafft hatte und Zeuge seines zweimaligen Wassersprunges gewesen
war, und der mit beigetragen hatte, in der Nhe von Thiel ihn zu fangen
und in Haft zu nehmen.

Kaum graute der Morgen, so machte ich mich auf und fragte im Hause, wer
die Reisenden seien; Niemand wute es, Niemand kannte sie, sie waren
noch vor mir leise aufgebrochen und nirgend mehr zu sehen. Zu so frher
Stunde und so geradezu konnte ich mich Angs schicklicher Weise nicht
nahen; ich umkreis'te aber ihren Wohnort und das Haus, das mir von ihrer
Mutter als dasjenige bezeichnet war, in welchem sie mit dem Kinde
weilte; es war die Dienstwohnung eines Lehrers, welcher dem Kinde
Unterricht in Religion und andern Gegenstnden ertheilte. Ein alter
Klosterbau und dessen Lage in einem Waldthale machte den Ort romantisch,
und der Frhling lie Alles ringsum paradiesisch erscheinen. O, wie wohl
that mir diese Ruhe, und wie unendlich glcklich wrde sie mich gemacht
haben, htte ich ohne Furcht und Bangen jetzt durch diese lieblichen
Fluren am Abhang eines der schnsten und eigenthmlichsten Gebirge
Deutschlands wandeln knnen. Ich wute meinen Spaziergang so
einzurichten, denn ein solcher war es, da das Oertchen, wo Angs ihr
Asyl gefunden hatte, etwas entfernt von dem Stdtchen lag, -- da ich die
Thre von ihrer Wohnung und die Wege, die von dort in das Thal fhrten,
stets im Auge behielt; dabei sphte ich fleiig umher, ob ich nicht
etwas Verdchtiges entdecken wrde, allein Alles blieb ruhig und still.
Endlich, o Freude, hpfte die kleine Sophie aus dem Hause im
sommerlichen Morgengewand, dem lieblichen Kinde folgte Angs; sie traten
heraus in die Frhlingsmorgenfrische, gleich schnen Sylphen, welche
ausfliegen, um die Blumen zu kssen und frhlich im Tagesglanze
umherzuschweben.

Ich wartete noch, um Beiden nicht gleich auf dem Fue zu folgen; da sah
ich einen bejahrten Mann aus dem Hause treten, augenscheinlich einen
Kammerdiener. Angs und das Kind schritten lngs des Baches hin, der vom
Gebirge herabkam, an einem Drfchen vorber, das den gleichen Namen
trgt, wie die Ahnenwiege eines alten deutschen Frstenstammes. Ich nahm
einen Umweg, um Angs einen Vorsprung abzugewinnen, und durchschritt ein
Vorholz, darin die schnsten Frhlingserstlinge blhten. Als ich aus
diesem Gehlz auf den Waldweg trat, gewahrte ich, wie ein Mann, der bis
jetzt am Wege gelegen, pltzlich aufsprang und dem nachfolgenden Diener
entgegen trat, anscheinend, um diesen nach dem Wege zu fragen, denn
Jener deutete rckwrts, nach dem Mnster und in der Richtung nach dem
Stdtchen hin. Offenbar aber war jenes Menschen Absicht keine andere,
als den alten Mann mit allerlei Fragen aufzuhalten, was ihm auch eine
Zeitlang gelang. Pltzlich, wie ich mein Auge wieder nach der mir nun
ganz nahe kommenden Angs wandte, nahm ich wahr, da auch vor sie und
das Kind ein Mann hintrat; ich nherte mich den Dreien auf der Stelle
und hrte, wie der Mann Angs fragte: Kennst du mich, Angs Berthelmy?
Kennst du deinen Mann nicht mehr?

Diese fuhr zusammen, fate alsbald Sophiens Hand und antwortete heftig:
Ich kenne Sie nicht, mein Herr! Ich habe keinen Mann mehr; der Mann, den
ich hatte, war ein Ungeheuer, der mich in der letzten Stunde, in der ich
ihn sah, mit emprender Grausamkeit von sich stie!

Angs! rief Berthelmy: Ich habe tausendmal bereut, bitter bereut! O
vergieb mir, sei wieder mein! Vergieb mir!

Nie und nimmermehr! Lassen Sie mich, oder ich werde um Hlfe rufen!

Da schlug Berthelmy ein entsetzliches Hohngelchter auf, da es von
allen Bergwnden des Thales zurckhallte.

Nicht?! schrie er: Ha, du treulose Natter! Was hlt mich ab, dich zu
tdten? Dabei zog er ein blinkendes Stilet, das Kind stie einen lauten
Angstschrei aus, mit dem sich ein zweiter von Angs mischte -- pltzlich
sah sie mich, wie ich den Erbrmlichen zurckri, und rief mit
brechendem Blick: Leonardus! Leonardus!

Wthend wandte sich Berthelmy gegen mich und drang mit dem Dolche auf
mich ein; ich hielt ihm meinen rasch gezogenen Stockdegen vor, in den er
rannte, aber mit solcher Heftigkeit, da die Klinge abbrach, und nun
versetzte er mir Stich auf Stich, bis ich ihn mit dem Griff des Stockes,
der in meiner Hand geblieben war, dermaen mitten in das Gesicht schlug,
da er nieder taumelte.

In diesem Augenblicke wurde es dunkel vor meinen Augen -- ich hrte den
lauten Hlferuf einer mnnlichen Stimme, wahrscheinlich jenes alten
Dieners, wurde in demselben Augenblick von hinten angepackt und heftig
zu Boden geworfen -- ich hrte nur noch den Einen dieser Buben rufen: Ha!
das sind ja die Tubchen, die aus dem Taubenschlag der Bastei zu
Doorwerth auf uns niedersahen, und das ist ja der Spiegeselle jener
Hunde, die mich fingen und in's Wasser warfen! Sollst an mich denken,
Hund! -- Ein schwerer Tritt auf meine Brust, und die Sinne vergingen mir.

Allmchtiger Gott! Das ist ja unerhrt! riefen bei dieser Erzhlung
Leonardus' die Freunde aus.

Armer, armer Freund! Was magst du gelitten haben! sprach Ludwig und
drckte dem Freund bewegt die Hand.

Ja, gelitten, viel, und schwer und lange, erwiederte dieser, von der
schmerzvollen Erinnerung mchtig ergriffen. Nach einer Pause fuhr er
dann fort:

Als ich wieder unter glhenden Schmerzen zum Bewutsein kam, lag ich in
einem kleinen, dunkelverhangenen Zimmer, mit Pflastern bedeckt und
blutbefleckt. Jeder Athemzug verursachte mir Pein, ich glaubte ein
verlorener Mensch zu sein. Sechs Stichwunden waren mir in die Schultern,
auf die Brust und in den linken Arm gegeben worden, ein Wunder, da
keiner tief eingedrungen war, keiner das Herz getroffen hatte. Aber
dafr war ich zu namenlosen Leiden aufgespart.

An meinem Schmerzenslager sa der alte Diener, den ich bei Angs
erblickt hatte, und winkte mir Ruhe zu, als ich sprechen wollte; denn so
wie ich dies zu thun versuchte, kam Blut.

Nur langsam besserte sich's mit mir; nur langsam heilten die Wunden, am
lngsten aber blieb der Schmerz in der Brust, und dieser ist es, den ich
noch mit mir herumtrage, der oft wiederkehrend, mich an jene Stunden
mahnt und an meinen nahen -- Hingang. Dieser mag kommen, wann er will,
ich bin gefat auf ihn, ich habe mit dem Leben abgeschlossen.

Als ich wieder so weit war, da ich ohne Nachtheil zu reden vermochte,
kam Angs. Sie kniete an meinem Lager nieder, legte mir ihre weichen
Hnde auf Mund und Brust, sie blickte mich tief schmerzlich aus ihren
himmelvollen Augen so lange an, bis diesen Augen ein Strom von heien
Thrnen entquoll, der nicht enden wollte.

Angs! Geliebte Angs! flsterte ich, und mein Herz wallte ber von
Wonnegefhl, dem holden Wesen wieder nahe zu sein, ihre Gegenwart
besiegte die brennenden Wundschmerzen, und ich begann mich glcklich zu
preisen und meine Feinde zu segnen, deren Wuth und Barbarei ich diese
Seligkeit verdankte.

Angs bat mich instndig, mich zu schonen, und erzhlte mir noch
folgendes Nhere ber jenen abscheulichen Ueberfall: Wie der alte
Diener, welcher Jacques hie und Franzose war, den Schrei des Kindes
gehrt, hatte er sogleich Aboncourt, der ihn aufhalten wollte, zur Seite
gestoen, und war auf uns zugeeilt. Alles Andere nicht bercksichtigend,
erfate er das Kind, hob es auf seinen Arm und eilte mit ihm nach dem
Dorfe zurck. Angs war ohnmchtig hingesunken, als sie den heftigen
blutigen Kampf zwischen mir und Berthelmy sah; zu pltzlich strmten
unter den entsetzlichsten Umstnden Schmerz, Abscheu, Liebe und
Seelenangst auf sie zugleich ein, und der Schreck warf sie machtlos
nieder, da sie einen Moment spter sehen mute, wie Berthelmy ber und
ber im Gesicht blutend, taumelte, und mich der tckische Aboncourt zu
Boden ri. Da der Unmensch mich auf die Brust trat, gewahrte sie schon
nicht mehr.

Aboncourt glaubte sich an mir hinlnglich gercht zu haben, er sah Leute
vom nahen Felde auf den Weg zueilen, strzte sich auf Berthelmy, hob ihn
auf und verschwand mit ihm im Walde. Angs wurde wieder zu sich selbst
gebracht, aber nur um im verzweiflungsvollen Schmerz sich an meine Seite
niederzuwerfen und den Himmel um Hlfe und Erbarmen anzuflehen.
Bewutlos wurde ich dann in ihre Wohnung getragen und der Pflege der
Aerzte und Wundrzte bergeben, die man schleunig aus dem nahen
Stdtchen herbeirief. Gensd'armen muten die ganze Gegend nach jenen
Spionen durchstreifen, sie fanden nichts, als eine kurze Blutspur, denn
leicht bargen die zahlreichen Gebirgsschluchten des Schwarzwaldes diese
Elenden. Wie es geworden wre, wenn ein wunderbares Geschick mich nicht
in jenem verhngnivollen Augenblick zu Angs gefhrt htte, fragten wir
uns oft und wuten es nicht zu sagen.

Das letzte Band, was noch in ihrem Gewissen Angs an Berthelmy fesselte,
war freventlich zerrissen, sie verabscheute ihn, sie wollte mein eigen
sein mit Leib und Seele, aber nur -- was frommte es mir, und wie lange
hatte ich noch zu lebend? Doch war ihre milde, freundliche Nhe mir
unaussprechlich wohlthuend. Oft seufzte sie: Ach, da wir in Doorwerth
geblieben wren! Hier ist unser Friede gestrt, ich mu fortan nur in
Furcht und Zittern leben, darf ja keinen Ausgang wagen, sehe fort und
fort den Stahl des Mordes und der Rache gegen meine Brust gezckt! Und
nicht um mich allein ist mir bange! Das galt nicht allein mir, das war
eine Doppelverfolgung, die ein guter Engel, wenn nicht die allwaltende
gttliche Vorsehung selbst, von dem Gegenstand dem sie eigentlich galt,
ab und gegen mich lenkte! Ich meine von dem Kinde ab und auf mich, und
auch auf dich, mein Leonardus.

Mein Schmerzenslager berstreute die reine, keusche und erhabene Liebe
dieses engelgleichen Weibes mit Rosen. Mir wurde klar, wie die Heiligen
in den schnen, andacht- und poesiedurchglhten Legenden meiner Kirche
ihre Dornenlager nicht fhlten, wie die Feuergluten sie khlten, statt
sie zu versengen, wie die Qual der Martern ihnen nicht die Jammerlaute
des Schmerzes ber ihr blutiges Mrterthum entlockte, sondern Psalmen
und lobpreisende Hymnen. Die allen Schmerz verklrende Liebe war es, die
mich also emporhob und beseligte. Ach, wie arm und nichtig sind die
kurzen flchtigen Wonnen eines Sinnenrausches gegen das
Ineinanderstrmen reiner Flammen! Ich empfing mein Theil am irdischen
Glck, verlange nicht mehr, und beklage nur, da ich nicht hinberging
in jenen Entzckungen; da ich immer noch meinen wunden und
schmerzgequlten Leib durch das Leben tragen mu. Jene unvergelichen
Stunden kehren nie zurck -- knnen nicht wiederkehren; ich darf und
werde Angs niemals wiedersehen.

Die Freunde hrten staunend und schweigend, ja in stiller Bewunderung
und voll innigster Theilnahme Leonardus' Erzhlung an. Endlich, nach
langem Schweigen, denn eines jeden Herz war erschttert, fragte Ludwig
den Freund: Und du verlieest Angs?

Nein, erwiederte Leonardus: ich wurde verlassen. Meine Genesung, durch
die sorgfltigste rztliche Behandlung und die aufmerksamste Pflege
befrdert, war endlich so weit vorgeschritten, da ich ohne Gefahr das
Lager und das Zimmer verlassen und den ersten Ausgang wagen konnte.
Heilende im jungen Frhling hervorgesprote Kruter, theils den
Wldern, theils den Wiesen und sonnigen Rainen entnommen, hatten zu
Trnken gepret Wunder an mir gethan.

Noch einmal hatte ich einen schnen Mondscheinabend mit Angs in
glcklicher Zufriedenheit verplaudert, und wir hatten uns jener
Wonneabende erinnert, in denen wir in der Rebenlaube vor der Thre ihres
Hauses in Zweibrcken saen, auch jenes Abends, an welchem der
verhngnivolle Besuch jener hohen Dame erfolgte, die so bedeutsam auf
Angs' Leben einwirkte. Die Jugendzeit unserer Gefhle war uns noch
einmal erblht, denn das Herz altert ja nicht, und wo einmal wahre Liebe
im treuen jugendlichen Herzen lodert, da wird sie von selbst zur
Vestaflamme, die wie ein Mond die Sommerzeit des Lebens erhellt, und wie
eine reine Ampel mit strahlender Wrme noch in spten Wintertagen dem
gealterten Herzen wohlthut.

Am andern Tage lag ein Briefchen auf dem Tische, der an meinem Lager
stand. Es war Angs' Hand -- ich bebte. Zitternd ffnete ich, und las:

    Mein ewiggeliebter Leonardus!

Pflicht und Ehre mahnen zu scheiden! Du bist genesen. Ich folge dem
Gebote der Pflicht, die mich diesen Ort auf lange, vielleicht auf immer
verlassen heit. Die Sicherheit meiner Pflegebefohlenen, meine eigene
fordern es. -- Lebe wohl! O, lebe tausendmal wohl! Wir sind auf Erden
einander nicht bestimmt, aber droben! droben! Leonardus! Mein letzter
zitternder Seufzer, der, wenn ich sterbe, ber meine Lippen haucht, soll
dein Name sein! In Ewigkeit und fr die Ewigkeit deine, nur deine
treuverbundene

                                                     Angs.

Ach, da kamen alle meine Schmerzen wieder, doch ward auf das Beste fort
und fort fr meine Pflege gesorgt. Als ich aber Erkundigungen einzog,
wute mir Niemand Etwas zu sagen -- Angs, Sophie, der alte Diener -- auch
ein Dienstmdchen, dieselbe, welche Angs frher in Gesprchen erwhnt --
wie hie sie doch? Sophie? Ja, Sophie Botta hie sie -- alle waren fort,
und keine Spur, wohin sie sich gewendet. Ich war allein -- ich hatte mein
Weh getragen, hatte mein Glck genossen, und konnte gehen. Niemand
sprach zu mir, ich mchte gehen, Niemand hie mich bleiben; ich war in
einer fremden Welt unter Landleuten, deren allemannischen Dialekt ich
so schwer verstand, wie sie meine hollndisch-deutschen Ausdrcke.

Endlich zog ich von dannen, mit welchen Gefhlen -- knnt ihr euch
denken; doch nein, ihr knnt es nicht denken, denn das erlebte Keiner.
So niedergedrckt an Krper und Seele zugleich, so freudenarm, so
hoffnungsleer, so erstorben der Welt und gleichgltig gegen Alles! Ich
mute langsam reisen, und litt unendlich, ich erfuhr manche rohe und
unfreundliche Begegnung -- ertrug aber Alles mit einem Gleichmuth, den
ich nicht stoisch nennen will, weil er nicht aus meinem festen Willen
hervorging, sondern aus vlliger Lhmung meines geistigen Seins. Ich
wurde auch einmal angefallen und beraubt, ich wei nicht mehr, wo es
war, und wie viel es war, was man mir nahm, es galt mir gleich, denn was
konnte ich nun noch verlieren, da ich Angs verloren hatte?

Eine dstere Wolke von Schwermuth lagerte sich ber Leonardus' Zge, und
die Freunde gewahrten mit Schmerz, wie zerstrend die Heftigkeit seiner
Liebe auf ihn einwirkte. Sie vereinten ihre Bitten, da er ihnen nach
Deutschland, vor Allem nach Pyrmont oder Stadthagen folgen mge, wo
heilende und strkende Quellen ihn krperlich wieder krftigen und die
gesunkene Springkraft seines Geistes neu beleben wrden.

Leonardus sagte nicht ab und nicht zu; er wollte, da die Rckreise doch
wieder ber Amsterdam genommen werden mute, und Windt auch, bevor er
eine Reise nach Deutschland antrat, noch einmal nach Doorwerth zurck
wollte, in Amsterdam alle seine Geschftsangelegenheiten vllig ordnen,
von seiner Mutter den letzten Segen erbitten, und dann in Gottes Namen
den Freunden folgen.--

Nachdem Windt im Haag Auftrag gegeben, ihm stets auf das Schleunigste
vom Ergehen und Befinden des Erbherrn Nachricht zu ertheilen, traten die
Freunde die Rckreise an, rasteten in Amsterdam und hatten dort die
Freude, den treuen Richard Fluit noch einmal zu finden und einen Abend
mit ihm heiter zu verbringen.

Die Rckreise nach Doorwerth von Amsterdam aus ber Utrecht war keine
erfreuliche; Leonardus litt schrecklich an erneuerten Brustschmerzen, er
sagte jetzt sich selbst, er htte sich lnger pflegen und an Reisen noch
nicht denken sollen, eine Ansicht, der auch die unterwegs zu Rathe
gezogenen Aerzte beipflichteten. An eine Weiterreise nach Deutschland
war fr den Kranken jetzt nicht zu denken.

Frau Windt hatte mit grter Sehnsucht auf die Rckkehr ihres Mannes
gehofft. Es lag wieder eine halbe Brigade Franzosen in der Herrschaft,
ein Theil jener 25,000 Mann, die vertragsmig im Lande blieben. Die
Soldaten der hollndischen Armee desertirten compagnien-, ja
regimenterweise, der ganze Busch nach Norden hin, der sich bis in die
Nhe von Horderwyk und Elburg zum Strande der Zuider-See hinabzog,
steckte voll Flchtlinge und Ausreier, es mute Reiterei gesandt
werden, um sie einzufangen, und fr Windt ging alle alte Plage von Neuem
wieder an.




10. Der Abschied.


Die alte Reichsgrfin in ihrem Palast am Jungfernsteig zu Hamburg war
auer sich vor Zorn, der sich wie ein schweres Gewitter auf ihre
unschuldige Kammerfrau, die betagte Schwester Windt's, entlud. Die
Grfin hatte zwei Briefe zugleich erhalten, jener vor der Abreise nach
dem Haag geschriebene war wegen mangelhaften Ganges der Postschiffahrt
lange in Amsterdam liegen geblieben; aber weder diesen, noch den anderen
hatte sie geffnet, sondern beide mit Heftigkeit auf den Fuboden
geworfen.

Toll geworden mu Ihr Bruder sein, liebe Windt, sage ich, vllig toll!
brach der Zorn der alten Herrin endlich aus. Sie wissen, was ich mir
Alles von ihm gefallen lasse, manche Ungeschliffenheit, die sich kein
anderer Diener gegen seine Gebieterin erlauben wrde; er ist ein alter
Mann, ist treu wie Gold, das steht fr sich, ist abgemacht, aber so mu
er mir nicht kommen, mir nicht, der Reichsgrfin, der Verwandtin von
Kaisern!

Aber um Gottes Willen, Excellenz! Was ist es denn? Was hat denn mein
unglcklicher Bruder verbrochen? Excellenz haben ja die Briefe noch gar
nicht gelesen! rief Windt's Schwester unter Thrnen.

Habe nicht -- will nicht -- werde nicht! War mir als stchen mich
Nattern! Fragen Sie nicht, heben sie die Briefe auf, lesen Sie die
Aufschriften und sehen Sie die Siegel an! An dieser Signatur wird der
ganze Mann erkannt!

Windt's Schwester gehorchte, hob die Briefe auf, las, und erschrak.

#A la Citoyenne Varel# am Jungfernsteig # Hambourg, franco Amsterdam.#

An die Brgerin Varel! schrie die Reichsgrfin auer sich. Kann man
Verrckteres, Unanstndigeres erleben, hat man es je erlebt? Und die
Rckseite! Da steht: Per Adresse Meveroow Adrianus Valck! Van der Valck
mu es heien! Wer in aller Welt hat ein Recht, den Leuten ihre uralten
ererbten Namen zu nehmen? Welche Narren knnen sich das unterfangen?
Knnen's nicht, und wenn sie zehntausendmal wollten. Und das Siegel!
Sehen Sie nur das Siegel an. Der Namenszug innerhalb eines Krnzchens,
und darber emporragend eine Jacobinermtze oder Narrenkappe, und die
Umschrift? Lesen Sie!

#Je suis libre!# las die zitternde Kammerfrau.

#Je suis libre!# fuhr die Reichsgrfin in ihrem Zorneifer fort. In die
Livre will ich ihn wieder stecken, die er frher trug, meinen
Bedienten! Ich will ihm sein #je suis libre# anstreichen, ich, sage
ich! Oeffnen Sie, lesen Sie mir vor, aber zuerst rhren Sie mir einen
Theelffel voll Cremor Tartari in Zuckerwasser an. Brgerin Varel!
Brgerin Varel! Nein, es ist um den Schlag zu kriegen!

Die Dienerin that, wie ihr geheien war, erbrach zitternd ihres Bruders
Brief, und theilte nach dem Datum deren Inhalt mit. Der erste Brief
wurde mit sehr wechselnden Gefhlen angehrt, und hufig glossirt.
Gleich im Eingang, der von der franzsischen Besatzung sprach, rief die
alte Dame: Da haben wir den Franzosenfreund, nun wieder gar der
Lobredner dieser Republikaner! Und wie er auf die armen unglcklichen
Emigranten erbittert ist! Wie er sich nicht entbldet, selbst auf meine
hohen Verwandten zu schmhen! Er will auch ein Brger sein, auch ein
Citoyen -- wie ich eine Brgerin sein soll! Das macht mich lachen, liebe
Windt! Vielleicht will er auch mit mir _theilen_? Ich soll nicht mit
meinem angeborenen und angestammten Wappen siegeln! Nun, er hat
wahrlich Recht, das Sprichwort Hamlets, das Ihr Bruder so gern im Munde
fhrte: die Welt ist aus ihren Fugen! erfllt sich. Ich soll mich ber
die nrrische Aufschrift nicht wundern? Das ist doch mindestens ein
vernnftiges Wort, aber nicht nrrisch ist diese Aufschrift -- sie ist
verrckt! Was die Herren franzsischen Generale ber meine grfliche
Wrde urtheilen, das gilt mir ganz gleich. In Frankreich kann jeder
Schuhputzer jetzt General werden, solchen Leuten gestehe ich kein
Urtheil ber meine Person zu. Was den Respect vor deutschen Frsten,
Grafen und Herren betrifft, so wird schon eine Zeit kommen, wo sie den
Respect wieder lernen, wo er ihnen hinlnglich fhlbar gemacht werden
wird, diese -- doch was rgere ich mich? Immer hlt Ihr Bruder sich
Lobreden! Das ist albern -- und was er mir ber die Paduanischen
nachgemachten Mnzen unter die Nase reibt, das ist infam! Schweigen Sie
-- ich will nichts mehr hren -- ich rgere mich zu sehr -- nur unter den
Bajonetten der Republikaner kann ein Untergebener sich solche
Aeuerungen gegen seine Herrschaft erlauben! Er soll aber meinen Zorn
dafr schon gewahr werden. Legen Sie die Briefe hin, gehen Sie!

Die Kammerfrau verlie schweigend das Zimmer. Eine lange Weile blieb die
Reichsgrfin in ihrem Armsessel sitzen, starr und steif, regungslos wie
ein Steinbild. Von Zeit zu Zeit schttelte sie blos heftig den Kopf, wie
von einem Krampfe befallen, dann griff sie selbst nach Windt's Briefen
und murmelte: Es mag ihm freilich wohl bisweilen schlimm und schlecht
ergangen sein, ich will nur sehen, welche Kostenrechnungen ber alle
diese Kriegslasten eingehen. Ich begreife nicht, wovon er sie
bestreitet, da in der dortigen Rentnerei kein Geld ist. Er bittet fr
sich um eine Versorgung, wohl, verdient hat er sie, mu aber nicht so
ungewaschenes Zeug in seine Briefe setzen. Was ist das, mit den
Freiheitsbumen? Hat noch keinen setzen lassen? So htte ich ihm zuletzt
doch Unrecht gethan? Denn hier spricht er wie Salomo der Weise. -- Durch
diesen Gedanken vershnlicher gestimmt, griff die Reichsgrfin nach dem
zweiten Briefe ihres treuen und nur zu offenherzigen Intendanten. Der
Inhalt desselben bildete die kurze Schilderung der Reise, gab Nachricht
ber das Befinden des Erbherrn und Graf Ludwig's, wie der Frau Grfin
von Lynden. Von der zahlreichen Desertion der Hollnder wurde Meldung
gemacht, und wie tglich 70 bis 80 Gefangene durch die berittenen Jger
in das Kastell gebracht wrden. Ich bin jetzt, schrieb Windt: bei den
hier herum lagernden Heeren so bekannt, wie ein bunter Pudel, und zwar
unter dem Namen #le citoyen d'Autrefr# -- denn Doorwerth knnen sie
nicht ber ihre wlschen Zungen bringen. Ich habe so viele
Einquartierung, wie frher auch, und fr mich selbst kaum so viel Zeit,
um mich dann und wann einmal hinter den Ohren zu kratzen. In diesen
Tagen kam ein Theil des Husaren-Regimentes Esterhazy hierher ins
Quartier; ich brachte die Gemeinen und Unteroffiziere bei den Bauern
unter; den Commandeur nahm ich ins Kastell und begleitete ihn dann nach
Helsum, wo das ganze Regiment sich sammelte. Nie sah ich so schne
Husaren. Es sind lauter Elsasser. Auch das Husaren-Regiment von Lausanne
habe ich hier gehabt. Von diesen waren fnf so gtig, in Helsum einigen
Bauern die Fenster einzuschlagen; ich verklagte sie, sie muten den
Schaden mit sechzehn Gulden ersetzen, und haben auf drei Monate Arrest
bei Wasser und Brod; ein theures Fensterln! -- Vom Haag bekomme ich fast
tglich Nachricht. Im Verhltni des Gefangenen hat sich nicht das
Geringste gendert. Die franzsischen Truppen sind fast alle aus dem
Haag, in Amsterdam liegen nur ohngefhr 80 Mann. Preuische Werber
hatten ohnlngst die Nachricht ausgestreut, Prinz Friedrich von Oranien
stehe an der Grenze und werbe ein Heer; da strmten die hollndischen
Ausreier in Schaaren hin und fielen den Preuen in die Hnde.

Der junge Herr Graf, der mit mir vom Haag hierher reiste und halb krank
ankam, ist beinahe gnzlich und fast wunderbar schnell wieder
hergestellt worden, aber sein armer Freund, der die fnfzigtausend
Gulden zum Ankauf von Doorwerth herlieh, davon leider nur zwanzigtausend
Mark Banko in Ihrer Excellenz Hnde gekommen sind, gibt wenig Hoffnung,
noch lange zu leben. Das wird unseren guten jungen Herrn, der mit ganzer
Seele an diesem Hollnder hngt, bis zum Tode betrben; er hat ohnehin
ein sehr empfindsames Gemth, und fhlt sich nirgend recht heimisch,
nirgend recht glcklich. Es gibt Menschen, denen die Begabung mangelt
glcklich zu sein, auch wenn sie uerlich gegen Sorgen des irdischen
Lebens ganz sicher gestellt sind.

Leider! Leider! Da hat der Windt Recht! seufzte die Reichsgrfin. Es
gehrt Prdestination zum Glck, das ist mein fester Glaube, den ich
schon als treue Bekennerin der reformirten Lehre festhalte. Gewi, es
gibt eine Gnadenwahl, wenn auch nicht im strengen orthodoxen Sinne
unsers Calvin, aber Auserwhlte durch die gttliche Gnade hat es von je
gegeben, deren Auge hell blickt, deren Wesen rein, frei und heiter ist,
ber die das irdische Leid keine Macht hat, und die von ihm unberhrt
ihre Pilgerbahn vollenden. Aber sie sind selten, die auserwhlt
Glcklichen und glcklichen Auserwhlten, ich und mein Haus gehren
nicht zu ihnen!--

Als fr Doorwerth wieder eine ruhigere Zeit eingetreten war und
Leonardus Befinden sich in Etwas gebessert hatte, begleiteten die
Freunde Windt auf der kleinen Erholungsreise, die der wackere Mann sich
endlich vergnnte, in das Land Lippe-Schaumburg. Dort feierte Windt mit
seinem nicht minder biedersinnigen, doch hher gestellten Bruder, dem
frstlichen Kammerrath zu Bckeburg, ein frohes Wiedersehen, dann begab
er sich im Geleite der Freunde, indem er auf das etwas theure Pyrmont
verzichtete, nach Stadthagen, wo ihm auch liebe Verwandte und Bekannte
lebten, wo ebenfalls heilkrftige Gesundbrunnen der Erde mtterlichem
Schooe entquellen, und wohin er sich zum Trinken Pyrmonter Brunnen
kommen lie. Selbst jetzt versumte es sein Diensteifer nicht, die
Nachrichten aus Holland, die er sich dorthin senden lie, nach Hamburg
zu schreiben, und kein Frst Europa's hatte einen so zuverlssigen und
unermdlichen Geschftstrger, als die kleine halbsouverne Reichsgrfin
und Herrin von Varel und Kniphausen. Windt machte mit den Freunden oft
Ausflge in die Gegend, die wohl selbst bis Bckeburg ausgedehnt wurden,
und die Luft der waldigen Gelnde, der Anblick malerisch sich
hinziehender schn bewachsener Hgel- und Bergketten wirkte in
Verbindung mit dem so ganz vernderten Klima hchst vortheilhaft auf
Alle ein, selbst Leonardus fhlte sich erleichtert und schpfte wieder
neue Lebenshoffnung.

Die Neuigkeiten, welche Windt seiner Gebieterin meldete, lauteten dahin,
da die Gefahr, in welcher der gefangene Erbherr schwebe, sich mit jedem
Tage vermehre, da die Oranische Partei gegen die Batavische Republik
aufs Neue rste. In Osnabrck liegen 1500 hollndische Offiziere, die
ihren Abschied genommen haben und ein Corps errichten wollten. Sie haben
bereits, schrieb Windt, unter sich die Chargen vertheilt und hoffen
auf den Prinzen Friedrich von Oranien, wie die Juden auf ihren Messias.
Auch wrde der Prinz von Braunschweig aus nach Osnabrck kommen, und das
Schlo daselbst ist bereits fr ihn in Stand gesetzt. Unterwegs sprachen
wir auch den Herrn Vice-Admiral, der dem Prinzen nach Osnabrck
vorausgereist ist, und ich habe ihn gebeten, den vorherigen Gouverneur
von Utrecht, der sich jetzt in Lingen befindet, zu warnen, nicht nach
Holland zurckzugehen, denn es ist ein Brief von ihm aufgefangen worden,
der ihm alsbald das Schicksal des Erbherrn zuziehen wrde. Es unterliegt
keinem Zweifel, da sich eine Unternehmung gegen Holland vorbereitet. In
der Gegend von Osnabrck steht ein Corps preuische Jger, ein Regiment
Hessen ist von Rinteln aus nach Osnabrck marschirt, zwei Regimenter
Emigranten, die in hiesiger Gegend lagern, sind ebenfalls dorthin
aufgebrochen; aus der Gegend von Bremen ein Corps Englnder. Das Alles
ist aber so gut als Nichts, wenn nicht Preuen krftigen Beistand zu
Lande leistet, und England zur See angreift. Wehe aber den armen Lndern
Geldern und Ober-Issel, wenn die Englnder hin kommen, denn deren
Plnderungslust kennt keine Grenzen. In Pyrmont liegen auch noch zwei
Regimenter Emigranten, die Alles vertheuern und ganz unertrgliche
Gesellschafter sein sollen. Uebrigens herrscht im Geldernlande jetzt
nicht blos vollkommene Demokratie, sondern fast vllige Anarchie. Zum
Glck wird in Paris wie in Amsterdam daran gearbeitet, alle sogenannten
nichtsnutzen Klubs, Societten, #Genoodschappen# und dergleichen
gnzlich aufzuheben und abzuschaffen, was nur heilsam fr das
allgemeine, wie fr das besondere Beste wirken wird. Die wrdige, weise
und edle Frau Frstin Juliane ist nicht hier, sondern reiste nach
Philippsthal, ihrer Heimath, um dort einen lngeren Aufenthalt zu
nehmen; ich habe derselben daher nicht Ihrer Excellenz Gre und meinen
unterthnigsten Respect zu Fen legen knnen. Ihrer Excellenz Meinung,
bezglich des Verkaufes von Doorwerth, Alles auf bessere Zeiten zu
verschieben, theile ich ganz und gar nicht. Ich habe der Frau Grfin
Lynden so zugesetzt, da sie fr die dem Erbherrn geliehenen
fnfzigtausend Gulden einstehen will; davon wrde dann der erste Termin
vollends bezahlt werden knnen. Fr den zweiten sehe ich bei den
gegenwrtigen so sehr milichen Umstnden der Familie, und den
Unglcksfllen und Widerwrtigkeiten, welche dieselben betroffen haben,
allerdings keinen Rath, doch hoffe ich noch ein kleines Kapital von etwa
fnfzehntausend Gulden anzuschaffen. Da Excellenz mit der Frau Grfin
Lynden wie mit deren Frau Tochter selbst im Briefwechsel stehen, so
bescheide ich mich des Weiteren, und bin zu Hchstdero Fen der alte
Windt.

Mit Antwortschreiben an den grflichen Intendanten empfing auch Ludwig
eine Zuschrift der Gromutter, deren Inhalt fr ihn spter noch ungleich
wichtiger werden sollte, als er es im Augenblick war. Wie oft hngt an
einem armseligen Blatt Papier eines Menschen Lebensloos und das Wohl und
Wehe seiner Zukunft!

Die alte Reichsgrfin schrieb ihrem Enkel freundlich und vertraulich,
und hatte in ihren Brief einige andere Bltter eingelegt.

Du glaubst nicht, lieber Ludwig, schrieb die Gromutter, wie sehr mir
das Glck meiner Enkel am Herzen liegt, wenn auch nicht alle in dem Maa
meine Liebe verdienen, wie du, mein Liebling! Ich kann nicht ruhig
zusehen, da fort und fort ber dem Haupte deines gefangenen Vetters das
Schwert des Damocles schwebt, und biete daher im Stillen Alles auf, zu
seiner Befreiung mitzuwirken. Niemand wei, welche Fden ich anknpfe,
wie ich sie weiter spinne, oft kommt mir der Wunsch, ich mchte noch
einmal jung sein; ich wollte meine Lebenstage dann gewi nicht mit
Sammlung alter Mnzen vertreiben, sondern ich wrde der Lnder und
Menschen Loose lenken und leiten helfen, nicht eine Mnznrrin wrde ich
dann geworden sein, sondern eine Diplomatin, und unendlich bedauere ich,
da deine Eigenthmlichkeit, mein Ludwig, dich nicht eine Bahn auf die
Dauer beschreiten lie, die Ehre, Macht, Ansehen und irdische Mittel
vollauf gewhrt. Mag den Staatsmann auch manche Verkennung,
Zurcksetzung und die Folge manchen Irrthums treffen, immer ist es etwas
Hohes, nach dem Hchsten gestrebt und dieses Ziel erreicht zu haben,
selbst um den Preis, nach einer kurzen Zeit von der erklommenen Hhe
wieder herabzusteigen. Man bleibt nicht ewig auf hohen Bergen, man baut
nicht Htten auf dem Montblanc und dem Chimborasso, aber das stolze
Gefhl: ich war droben, das gibt dem Leben Halt und Hhe bis an die
Grabestiefe. Ich habe mich nach London gewendet an meinen Freund, den
Baron von Kutzleben, und dessen Vermittlung angesprochen; ich schrieb an
den Grafen von Bernstorf, kniglich dnischen Gesandten zu Berlin, nicht
minder an den hollndischen Minister von Hartsinck, und bat alle um ihre
Verwendung, eben so schrieb ich an den Prinzen Statthalter. Baron von
Kutzleben hat meinen an diesen eingeschlossenen Brief dem Baron von
Vogel bergeben, welcher jetzt hollndischer Gesandter am englischen
Hofe ist und sich im Augenblick beim Prinzen von Oranien befindet. Der
Prinz Statthalter aber ist leider dermalen in trauriger Lage. Vor Allem
erfreute mich in derselben Angelegenheit ein Brief der liebenswrdigsten
herrlichsten Prinzessin, den ich dir beilege und als ein Heiligthum
anvertraue; auch ihr hatte ich mich anvertraut, und diese Seele voll
Engelgte hat mir auf das Freundlichste geantwortet. Es ist Luise, die
Kronprinzessin von Preuen K.H., geborene Prinzessin von Mecklenburg
Strelitz, die ich in Darmstadt bei ihrer trefflichen Gromutter, welche
die Erziehung dieser Prinzessin leitete, kennen lernte. Dann sah und
sprach ich sie wieder bei ihrer Schwester Charlotte, Herzogin zu
Sachsen-Hildburghausen, wohin sie vor einigen Jahren gegangen war, da
Darmstadt sich von feindlichem Ueberzug der Franzosen bedroht sah. Diese
Prinzessin und ihre beiden Schwestern athmen nur Geist und
Liebenswrdigkeit, und wenn du in Deutschland reisest, so versume ja
nicht, dich an dem preuischen, mecklenburgischen, hessischen und
schsischen Hfen vorzustellen. Dem Haus Sachsen-Hildburghausen sind wir
ohnehin verwandt, denn schon die Tochter Knig Christian des Sechsten
von Dnemark, Luise, vermhlte sich dem Herzoge Ernst Friedrich zu
Sachsen-Hildburghausen; sie brachte diesem Hause ein schnes Heirathsgut
mit, und reiche Sammlungen an Seltenheiten der Natur und Kunst, die man
in dem gebildeten und glcklichen Sachsenlande hher als sonst wo zu
schtzen wei. Es bedarf in Hildburghausen nur der Nennung meines
Namens, um dich dort einzufhren, mein geliebter Enkel. Du findest einen
sehr gebildeten, umgnglichen und menschenfreundlichen Hof; findest
wissenschaftliche Anstalten dort in Blthe, und auch in der Bevlkerung
ungleich mehr Bildung als in vielen anderen Staaten Deutschlands. Es ist
auf alle diese Ernestiner Etwas bergegangen vom Geist und Strebesinn
ihres groen Ahnherrn, Herzog Ernst des Frommen zu Sachsen, ein Frst,
der fr die Wohlfahrt eines Landes und Volkes Alles that, und fr
Wissenschaften und Knste mit Aufopferung thtig war.

Mit Freude griff Ludwig nach dem eingelegten Briefe der Kronprinzessin
von Preuen und las:

    Madame!

Ich war sehr geschmeichelt von dem Zeichen des Vertrauens, welches Sie
mir gegeben, indem Sie in meine Hnde Ihre kostbarsten Interessen
legten. Auch hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als gleich darauf an
meinen Gemahl zu schreiben, welcher ganz gewi alles ihm Mgliche thun
wird, um Ihnen zu dienen. Gebe der Himmel, da diese Angelegenheit nach
Ihren Wnschen gelinge. Wenn er meine Wnsche zu erhren geruht, so wird
Ihnen, Madame, Ihr Enkel erhalten bleiben und ich werde mich sehr
aufrichtig freuen, in Etwas zu Ihrer Zufriedenstellung beigetragen zu
haben. Mit der vollkommensten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein

                                      Ihre ergebene Dienerin
                                             Luise.[13]

    [Funote 13: Die Urschrift dieses Briefes ist franzsisch.]

Diese Zeilen einer reizendschnen, edelgesinnten und ber alle Worte
herrlichen jungen Frstin, welche von Gott berufen war, dereinst der
angebetete Schutzengel Preuens und der Stolz des ganzen groen
deutschen Vaterlandes zu werden, entzckten Ludwig, und er hielt
dieselben mit Ehrfurcht in seiner Hand.

Die Gromutter schrieb noch: Du findest in diesen Schsischen
Residenzen die herrlichsten und ausgezeichnetsten Gemldesammlungen,
Mnzsammlungen, Kunst-Museen, Bibliotheken, und ich rathe dir, da du
doch nach Thringen zu gehen gedenkst und in Jena den Hofrath Starke zu
Rathe ziehen willst, ja nicht zu versumen, den Weimarischen Hof zu
besuchen und dort mein Andenken zu erneuern. Vielleicht weckt das
Beisammenleben strebender Geister in der schnen Literatur dich auf, und
du gefllst dir dort. Der Herzog Carl August kennt mich, und seine
Gemahlin Luise Auguste, eine Frau von trefflichem und hochsinnigen
Charakter, hat mich von Jugend auf als eine ltere Freundin geehrt. Dann
gehe nach Gotha, nach Meiningen und von da nach Hildburghausen, du
wirst, von mir empfohlen, dich berall gut aufgenommen und
ausgezeichnet sehen. Versume das nicht, man kann nicht wissen, ob nicht
eines dieser kleinen Herzogthmer dich einst dauernd fesselt, und es
steht dieser mein Rath nicht im Widerspruch mit dem, den ich dir bei
unserm Scheiden gab, auch -- wenn du es in Einsamkeit suchen solltest, in
Einsamkeit dein Glck zu finden -- denn du kannst dort ganz nach deinem
Gefallen leben und bist, wenn du den Landesgesetzen gem dich hltst,
von deinem Thun und Lassen Niemandem Rechenschaft schuldig.

Ja, ja -- das wre wohl das Beste, sprach Graf Ludwig vor sich hin; ein
Asyl -- ein stilles Asyl, mit Leonardus, mit Angs. -- Ich will der
Gromutter Rath befolgen, ich will jene Lnder und Stdte sehen, aber
Leonardus -- wird er mit knnen? Und Angs? Wird sie mit wollen? Und wo,
ach wo sie finden, da sie sich selbst dem heigeliebten Jugendfreund in
zchtiger Strenge entzogen hat? -- Diese Betrachtungen unterbrach
Leonardus, welcher bleich und wankend in das Zimmer trat, und mit dem
letzten Aufgebot seiner Kraft zu ihm sagte: Bruder! Es geht zu Ende --
wir scheiden!

Was fllt dir ein? Wie ist dir? rief Ludwig erschrocken und sttzte den
auf einen Stuhl zusammengesunkenen Freund, indem er heftig klingelte und
dem eintretenden Philipp zurief: Herrn Windt! Eilig! Und den Arzt!

La das doch, Bruder, die knnen mir nicht helfen! sprach Leonardus. Ich
fhle, da ich sterben mu, nichts weiter -- und mir ist, wie einem eben
ist bei diesem so bedenklichen Wechsel. Bruder -- ich habe keine Stunde
mehr zu leben -- die Besserung war nur ein trgender Schein. Nun -- mein
Haus ist bestellt -- diese Papiere habe ich bereits in Amsterdam
gerichtlich bezeugen lassen. Was ich besitze, -- ist Alles dein --
geknpft an meine letzte Bitte, die du auch schriftlich aufgezeichnet
findest, fr den Fall, da mir nicht vergnnt gewesen wre, sie noch
mndlich an dein Herz zu legen. In mir stirbt Leonardus Cornelius van
der Valck aus Amsterdam -- in dir lebt Leonardus Cornelius van der Valck
aus Amsterdam fort -- mindestens so lange noch, als meine gute Mutter am
Leben bleibt -- ihr _darf_, ihr _soll_ der Sohn nicht sterben! Du
schreibst ihr von Zeit zu Zeit, als wenn ich noch bei dir wre, du
empfngst und beantwortest in meinem Namen alle an mich eingehenden
Briefe; ich habe das so testamentarisch geordnet, die Gleichheit
unserer Handschrift erleichtert es. Stirbst du ohne Erben, so mgen dann
meine nchsten Verwandten ihr Erbtheil erheben, so viel dessen eben noch
vorhanden sein wird. Auerdem aber bleibt Alles _deinen_ Erben ohne jede
beschrnkende Klausel. -- Ich sterbe fr Angs -- siehst du sie, so sage
ihr meinen letzten Segensgru! Wre sie je in Noth, und diese kme zu
deiner Kenntni -- dann brauche ich wohl nicht erst eine Bitte
auszusprechen -- dein eigenes Herz -- wird -- o Gott -- ich kann nicht mehr
-- meine Brust -- zerspringt!--

Freund! Bruder! Leonardus! rief Ludwig mit Heftigkeit, und umschlang den
Leidenden, der ihm das versiegelte Schriftenpaket in die Hand drckte.
Sprich, was kann ich fr dich thun?

Mir nicht die Scheidestunde durch Jammer erschweren, seufzte der
sterbende Leonardus. Habe Dank fr deine Liebe, mit der dein jngeres
Herz sich an das meine anschlo! Es war ein schner, nur zu kurzer
Lebenstraum -- wir htten wohl lnger mit einander gehen sollen -- das
Schicksal -- o Gott!

Stirb nicht, Leonardus! Stirb nicht! rief Ludwig auer sich. Ich sah
noch Niemanden sterben und soll jetzt meinen liebsten Freund -- meinen
Bruder dahin gehen sehen?

Windt, der Arzt und Philipp strzten in das Zimmer -- Hlfe ward
versucht, der Arzt fhlte den Puls, dieser stockte schon. Durch einen
Wink bedeutete er der Umgebung, da hier seine Hlfe zu spt sei. Schon
umflorte der Tod die brechenden Augen -- Leonardus tastete nach der Hand
des Freundes und lallte mit gedmpfter Stimme: Ludwig -- dunkel -- Gute
Nacht!

Es trat Blut auf die Lippen des Sterbenden.

O Angs!

Dies war sein letzter Hauch.

Nie zuvor trat ein grerer Schmerz in Ludwig's Leben. Er stand stumm,
vernichtet, fand nicht einmal Thrnen. Der Arzt ging hinweg, Philipp
weinte.

Windt's klarer Verstand zeigte sich auch bei diesem Falle thatkrftig,
entschieden handelnd.

Auf dem Schriftenpaket stand unter der Aufschrift: an Graf Ludwig, die
Weisung: _Sogleich_ nach meinem Tode zu erffnen! Ludwig wollte dies
nicht thun, sein Gefhl verbot es ihm, ein edles und rein menschliches
Gefhl.

Ich ehre Ihren Schmerz, Herr Graf, sprach Windt, ich ehre ihn nicht nur,
ich fhle ihn mit, ich theile ihn, aber der Wille eines Todten ist
Gesetz. Ich habe alle Ursache, zu glauben, da der verklrte Freund
Wichtiges fr den Fall seines Ablebens verfgte, erlauben Sie mir zu
ffnen.

Gleich oben lag ein Blatt des Inhalts: Da ich fr meine Mutter
fortleben will, so mu eine Tuschung Statt finden, die Niemand schadet.
Ein Pa liegt bei, der auf einen andern Namen lautet, dessen ich mich
auf Reisen bisweilen bediente. Es kann nicht in Zeitungen oder in ein
Todtenregister geschrieben werden, da Leonardus Cornelius van der Valck
aus Amsterdam hier in Stadthagen gestorben und begraben worden sei, denn
ein solches Blatt, eine solche Kunde wrde leicht nach Amsterdam
gelangen. Ich wnsche in der Stille, in frher Morgenstunde begraben zu
werden, ohne alles Geprnge, wnsche weder Kreuz noch Stein mit einer
Grabschrift, und mache meinem Herrn Erben die Befolgung dieses meines
letzten Wunsches zur ersten Pflicht.

Sie sehen wie sehr ich Recht hatte, Herr Graf, sprach Windt, und nun
kommen Sie auf ein anderes Zimmer, fassen Sie sich, und beweinen Sie den
Freund; wahrlich es schlug in ihm ein edles, reines Herz, mir aber
berlassen Sie mit Philipp die Beschickung alles Nthigen.

Ludwig folgte Windts Weisung fast willenlos, es hing ber ihm, wie der
Trauermantel eines Katafalks, wie ein dunkler, dumpfer Traum, er wankte
hinber auf des Freundes Zimmer, fand berall in Kleidern und Gerthen
dessen irdische Spur, und mute sich nun sagen, da Leonardus nie wieder
lebend in dieses Zimmer eintreten werde.

Windt ffnete von Zeit zu Zeit leise die Thre, um nach Ludwig zu sehen,
doch berlie er ihn der Wohlthat stiller Thrnen, htete sich wohl,
durch herkmmliche Redensarten jene heilige Stimmung zu stren, die mit
dem Dahingeschiedenen noch liebend lautlose Worte redet und im Stillen
der aufwrtsschwebenden befreiten Psyche das schmerzliche Geleite gibt.
Es machte kein groes Aufsehen, da in einem Gasthause zu Stadthagen ein
fremder Badegast gestorben war. Da Leonardus nur den Freunden gelebt
und mit Ludwig jede Gesellschaft gemieden hatte, so war sein wahrer Name
nie genannt worden. Der fremde Pa gengte, und das in aller Rechtsform
aufgesetzte und gehrig besiegelte Testament in hollndischer Sprache,
welches den Grafen und Baronet Ludwig Carl Varel de Versay als
Universalerben einsetzte, machte jede Weitlufigkeit einer Versiegelung
berflssig.

In frher, nebeltrber Morgenstunde eines Herbsttages wurde Leonardus
eingesenkt. Windt hatte zwei Grber nebeneinander gekauft. Philipp
fragte: Fr wen das zweite Grab? -- Windt gab keine Antwort.

In stiller Stunde saen dann Ludwig und der Haushofmeister beim Ordnen
von des Freundes nachgelassenen Papieren.

Leonardus war weit reicher gewesen, als Jene geglaubt hatten. Es fanden
sich mehrere Tausende in vollgltigen hollndischen Staatsobligationen
und in Noten der englischen Bank, mehrere Tausende in noch zu erhebenden
Wechseln und Anweisungen auf auswrtige Handlungshuser, alle in der
besten Form, es fand sich eine Obligation im Werthe von fnftausend
hollndischen Gulden mit der Bestimmung, da sie Windt's Frau als
Witthum verbleiben sollten, wenn ihr Mann vor ihr strbe. Philipp
empfing als Andenken ein Kapital von eintausend Gulden. Es fand sich
ferner eine kleine Schachtel voll groer brasilianischer Diamanten, die
Leonardus die Freunde nie hatte sehen lassen, deren Werth geradezu
unschtzbar war. Von dem Gelde, welches er in Amsterdam stehen hatte,
lagen Uebersichten vor, es ergab dasselbe eine Jahresrente von
fnftausend Gulden; diese hatte Leonardus dadurch erworben, da er sein
einst zu erhoffendes Muttererbe an seine Verwandten mit Zustimmung
seiner Mutter kuflich abgetreten hatte -- um nach ihrem Tode, falls er
denselben erlebte, aller Geschfte dort berhoben zu sein. Von dem Tode
der Frau van der Valck an aber vermehrte sich dieser Rentenbezug um
abermals fnftausend Gulden.

Ludwig berlie es Windt, das vom Freund berkommene Vermgen geeignet
anzulegen und zu sichern, und dieser war so gerhrt von Leonardus
Gromuth, da er ausrief: Sie mssen Herr von Doorwerth und der ganzen
Herrlichkeit werden! Aus dem Kaufe des Erbherrn wird in Ewigkeit nichts!
Die fnfzigtausend Gulden, darber wir Quittung in Hnden haben,
gehren jetzt Ihnen. Und wenn Sie die Herrlichkeit besitzen, dann will
ich auch dort bleiben, wenn Sie mich nicht wegjagen, auerdem aber auf
keinen Fall! Sobald meine Kur hier beendet ist, reise ich nach Hamburg
zur Excellenz, ich bringe sie ganz sicher herum, denn Sie sind ja doch
der Liebling, und Ihnen gnnt sie das schne und reichlich zinsende
Besitzthum vor Allen, darauf wollt' ich wetten, zumal Sie ja derjenige
sind, welcher Doorwerth baar bezahlen kann!

Mein lieber Windt, entgegnete Ludwig: Allerdings ist die Herrlichkeit
Doorwerth eine schne Besitzung, allein sie ist wirklich nicht das Ziel
meiner Wnsche. Entweder mu der Besitzer eines so ausgedehnten Gutes
selbst Landwirth sein und dieses Fach verstehen, oder er mu Beamte
haben, wie Sie Einer sind. Solche gibt es aber nur wenige. Sie haben am
letzten dortigen Rentmeister ein Beispiel erlebt; was hat ein
Gterbesitzer davon, wenn sein Beamter das, was erspart wird, sich als
Gratification in die Tasche leitet, wie jener Bauernschinder gethan? Das
gemahnt mich gerade so, als wenn in einem Staats-Haushalt gewisse Leute
das Wort Ersparnisse stets auf der Zunge haben, und wenn sie genug Haare
geviertheilt und genug Kmmelkrner gespalten haben, und Alles ber ihre
Klugheit seufzt und flucht, sich in ihrer eingebildeten Unfehlbarkeit
Wunder was dnken, sich selbst beloben, da sie sonst Niemand lobt, und
schlielich einen hbschen Theil der Ersparnisse klug und weise in ihre
eigenen Taschen stecken. Nein, lieber Windt, ich mchte kein
Wasserschlo besitzen -- ich vertrage die Luft dieser morastigen Flchen
nicht. Ich werde nun den Wunsch der Frau Gromutter erfllen, ich werde
reisen, schlicht und einfach, nur von Philipp begleitet. Ich werde Angs
suchen! Ich will, wenn ich sie finde, mit ihr die Diamanten theilen, sie
theilt gewi mit mir die Thrnen um unsern verklrten Freund. Wir aber,
Windt, wir beide wollen nicht auer Verbindung treten, Sie geben mir
wohl zuweilen Nachricht von Allem, was in der grflichen Familie
vorgeht, besonders Nachricht von der Gemahlin des Erbherrn, und
vergessen Sie nicht, mein braver, edler, wackrer Windt, da Sie an mir
in allen Verhltnissen des Lebens einen wahren und treuen Freund haben.




11. Erlebnisse.


Ludwig leistete dem Rathe der Gromutter Folge; von seinem treuen Diener
begleitet, mit guten Pssen versehen und mit allen Mitteln ausgestattet,
war es ihm leicht, sich allenthalben Eingang zu verschaffen. Seine edle
gewinnende Persnlichkeit machte ihn bald zum Gegenstand der
Aufmerksamkeit. Er verhllte sich nicht, so wenig als er es liebte, sich
zu offenbaren und sein Vertrauen an den Ersten den Besten hinzugeben; er
suchte keine neuen Freunde, ach, an dem lieben entschlafenen Freund hing
noch mit aller trauernden Wehmuth seine ganze Seele! Hufig, ja fast
immer bediente er sich des ganz auf ihn lautenden Passes des
Verstorbenen; der Unterschied der Jahre kam dabei nicht in Betracht, es
war ja gleichviel, wie alt der junge Graf war, und sein Ernst, wie die
Spuren eines stillen Leidens, lieen ihn ohnehin lter erscheinen, als
er wirklich war. Graf Ludwig reiste zu seiner Belehrung; er hatte
berall ein offenes Auge fr die Reize der Natur, die Beschaffenheit und
Ergiebigkeit des Bodens, fr den Stand der Kultur in den verschiedenen
deutschen Lndern, fr die Sammlungen der Knste und Wissenschaften, und
fhlte sich angezogen vom Umgang ausgezeichneter Menschen. Er selbst
galt entweder fr einen Franzosen, da er in der Sprache dieses Landes
vllig fehlerfrei sich ausdrckte, oder fr einen Hollnder, da durch
den lngeren Aufenthalt in den Niederlanden allerdings manche
Eigenthmlichkeit dieser Nation an ihm haften geblieben war, und um so
lieber gab er sich fr einen solchen aus, wenn er als Leonardus
Cornelius van der Valck reiste. Auch in seiner Weise, sich schriftlich
auszudrcken, so schn er auch Deutsch zu schreiben verstand, flo
bisweilen eine niederlndische Redeform mit ein.

Manchen Scherz hatten Herr und Diener auf ihren mannichfaltigen Reisen
dadurch, da sich die Leute weit mehr darber die Kpfe zerbrachen, wer
und woher der Diener eigentlich sei, als woher der Herr stamme. Wenn
Philipp zu seiner Erholung Abends in brgerliche Bier- und
Kegel-Gesellschaften gegangen war, hatte er stets am andern Morgen
seinem Herren lachend zu erzhlen, was er Alles gefragt worden sei, fr
wen man ihn Alles gehalten habe. Auch konnte er dem Grafen nicht lebhaft
genug schildern, wie gro die Neugierde des biedern Sachsenvolkes sei,
absonderlich der verschiedenen kundigen Thebaner und Athener am Ilm- und
Saalestrande. Mehr als hundertmal war er schon gefragt worden, wer sein
Herr eigentlich sei, und wenn er nun zur Antwort gab: sein Herr sei ein
Kaufmann, dann lautete insgemein das Urtheil der guten Leute dahin, da
sie ihm das gleich angesehen htten. Erzhlte hingegen Philipp, sein
Herr sei ein Graf, dann hie es ebenso bestimmt, man she ihm den Grafen
auf hundert Schritte an.

Diese oft sehr aufdringliche und lstig werdende Neugier der guten
Mitteldeutschen war es, die den Grafen bewog, mehr und mehr eine ernste
Zurckhaltung zu beobachten und mehr aus den Mittheilungen Anderer, die
so hufig und selbst unverlangt gegeben wurden, zu lernen und Gewinn zu
ziehen, als sich selbst mitzutheilen, und mit diplomatischer Ruhe und
einem besonnenen Schweigen durch alle Lebenskreise zu schreiten.

So erschien er als ein feiner, gebildeter Weltmann an manchem Hofe,
berall rthselhaft schnell eingefhrt durch wenige Zeilen, die er
vorwies; man zog ihn zu den frstlichen Tafeln, erzeigte ihm
Aufmerksamkeiten, unterhielt sich gerne mit ihm in der beliebten
Modesprache der Hfe; aber da er nirgend lange verweilte, so ging seine
Erscheinung gleich andern flchtig vorber und wurde schnell wieder
vergessen. Er aber gewann fr sein ganzes spteres Leben den Vortheil,
manchen groen und berhmten Mann persnlich kennen gelernt zu haben,
auch Einblicke gethan zu haben in manches Verhltni, das glnzende
Auenseiten zeigte und innerlich morsch und zerrttet war. Hufig trat
dem Reisenden offen und unverhllt die Selbstsucht der Menschen
entgegen, der gelehrte Dnkel, die Schriftsteller-Eitelkeit, der
Knstler-Stolz, stets mit einem guten Theil Anmaung und Rechthaberei
gepaart; die Klatsch- und Verkleinerungssucht in ihrer ganzen
Widerwrtigkeit, und Trugsucht und Heuchelei unter allen mglichen
Larven.

Nirgends lie sich der Graf in ein ihn bindendes Verhltni ein, wie
sehr man auch bemht war, ihn da und dort zu fesseln, denn er schien
wohl des Besitzens werth zu sein. Jugend, Schnheit, Reichthum, Adel,
Verstand und Bildung, Alles war in ihm vereinigt, und fr ein edles
Gemth, fr ein sanftes Herz sprach der Zug sinnigen Ernstes, die leise
Melancholie in seinen Mienen, sprachen auch die Zge eines ganz
besonders in seinem Charakter hervortretenden Wohlthtigkeitssinnes, der
aber sorgsam sich und seine Liebesthaten in Dunkel hllte. Wenn es je zu
Tage kam, wer der gewesen, der manche Thrnen der Noth und verschmter
Armuth getrocknet, und die Beglckten ihm danken wollten, dann war er
gewhnlich schon abgereist.

Mit der Reichsgrfin blieb er im ununterbrochenen Verkehr, sie war
entzckt von seinen Briefen und theilte sie gerne ihrer geliebten, stets
leidenden Ottoline mit, welche jetzt wieder das Schlo zu Kniphausen
bewohnte, und oft die Besuche der Gromutter ihres immer noch gefangen
gehaltenen Gemahls vom nachbarlichen Schlosse Varel empfing.

In Jena, schrieb Ludwig unter Anderm: habe ich an den Doctoren Starke
und Loder vortreffliche Aerzte gefunden. Starke hat mir guten Trost
gegeben, und mir gesagt, ich solle meiner Gesundheit halber ganz auer
Sorgen sein, ich solle wo mglich guten starken Wein trinken, und kein
Lichtenhainer Bier, berhaupt kein Bier, das nur dickes Blut verursache.
Man trinkt hier zu Lande fabelhaft viel Bier, besonders thun das die
Studenten, die dessen bis zum Ueberma in sich hineingieen und eine
Bravheit darin erblicken, sich durch Unmigkeit die Gesundheit zu
untergraben und das Leben zu krzen. Ich habe hier auch den Hofrath und
Professor Schiller kennen gelernt, den berhmten Dichter, dessen erste
Stcke Ihnen, geliebteste Gromutter, damals uerst mifallen haben. Er
ist ein Mann von groen Gaben, aber kein Mann der Gesellschaft; er hlt
sich sehr zurckgezogen, und ist in seiner Kunst mit Titanenschritten
weiter gegangen; von dem anfnglich Rohen und Gewaltthtigen in die
Region des Maes und der Schnheit. Sein Don Carlos befriedigt alle
Ansprche. Leider ist der gefeierte Dichter brustkrank, und es war eine
wahrhaft hochherzige That des Herzogs von Holstein-Augustenburg und
Ihres wackeren Freundes, des Grafen Ernst Heinrich von Schimmelmann,
Schiller auf drei Jahre ein Einkommen von eintausend Thalern zu sichern,
damit er der Wiederherstellung seiner Gesundheit leben knne. Sie
glauben nicht, geliebteste Gromutter, wie armselig in diesen Lndern
die Gelehrten bezahlt werden; whrend manche Professuren und andere
Stellen hufig als Sinecuren betrachtet werden, sind es in Wahrheit
permanente Hungercuren und die Leute haben, wie man hier zu Lande zu
sagen pflegt, zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.

Gegenwrtig hat Schiller an einem dramatischen Gedicht: _Wallenstein_,
zu arbeiten begonnen, welches jedenfalls Epoche machen wird.

Ich war auch in Weimar, und bin dort mit groer Gte und
Zuvorkommenheit aufgenommen worden. Der ganze Hof hat sich nach Ihrem
Befinden auf das Theilnehmendste erkundigt. Ich lernte immer mehr und
mehr bewundern, welche hohe Achtung und welches groe, ruhmvolle Ansehen
Sie, theuerste Gromutter, in ganz Deutschland genieen. Sie hatten
vollkommen Recht, als Sie mir sagten, da man in diesen schsischen
Staaten die Wissenschaften hher schtze, als irgend wo anders. Bei
uerlich ziemlich beschrnkten Mitteln geschieht fr dieselben das
Mgliche; man will viele Gelehrte, viele gute Kpfe um sich sehen, daher
entspringt dann der vorhin erwhnte Mangel an Mitteln, um dieselben Alle
nach Verdienst zu belohnen. Dieses kleine Weimar, als Stadt ziemlich
unansehnlich, ist eine Centralsonne deutschen Geisteslebens, die weithin
ber die Welt ihre lichten Strahlen wirft. Ich habe dort mehr berhmte
und bedeutende Mnner kennen gelernt, als, etwa mit Ausnahme der
Staatsmnner und groen Politiker Englands und Frankreichs -- sonst in
meinem ganzen frheren Leben. Vom Hofe selbst schreibe ich Ihnen nicht,
Sie kennen denselben besser als ich, auch bin ich, Gott sei Dank, nicht
angesteckt von der klein- und spiebrgerlichen Klatschsucht, die sich
darin gefllt, die Bltter ihrer Skandalchroniken mit Schattenseiten aus
dem Leben berhmter Mnner anzufllen, und halte solches Thun geradezu
fr eine Erbrmlichkeit; nur das Eine kann ich nicht unterdrcken zu
sagen, da der Herzog Carl August ein Mann von hoher Genialitt, seine
Mutter eine Frstin von der anerkennenswerthesten Hoheit der Gesinnung,
und seine Gemahlin Luise Auguste ein Engel an Liebenswrdigkeit und
Herzensgte ist, ganz so, wie Sie, geliebte Gromutter, mir diese
Personen schon frher geschildert haben.

Von Weimar begab ich mich nach Erfurt, wo ich dem geistvollen und so
sehr menschenfreundlichen Statthalter, Coadjutor von Dalberg,
aufwartete; dieser ist ein Prlat nach dem Herzen Gottes, ein Mann, der
fr das Wohl seiner Untergebenen auf das Eifrigste bemht ist, und der
mir die grte Hochachtung gegen sein ganzes Wesen, Wissen und Wirken
abnthigte. Am Hofe zu Gotha fand ich in Herzog Ernst II. den
trefflichen Sohn einer ausgezeichneten Mutter, jener herrlichen Herzogin
Luise Dorothea, geborene Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, welche, gleich
Ihnen, geliebteste Gromutter, eine Freundin Knig Friedrichs des Groen
und Voltaires war, und, wenn ich nicht irre, auch mit Ihnen im
Briefwechsel stand. Der Herzog ist ein sehr gelehrter Herr, so wie ein
Freund und Beschtzer der Gelehrten, er erweist den franzsischen
Emigranten viele Freundlichkeiten. Auf seinen besonderen Befehl mute
mir das herzogliche Mnzkabinet gezeigt werden, und ich wnschte lebhaft
meine beste Gromutter zu mir, um diesen fr Sie gewi sehr anziehenden
Genu zu theilen. Die Mnzbibliothek allein umfat gegen 6000 Bnde; mit
besonderer Anerkennung zeigte man mir in derselben auch Ihren dorthin
verehrten Catalog Ihres eigenen Cabinets. Ich sah dort auch das
theuerste Buch der Welt, die berhmte Handschrift des Jacob von Strada
ber die orientalischen Mnzen in 31 Folio-Bnden, mit 9000 Abbildungen,
deren jede als sauberste Handzeichnung einen Dukaten in Gold gekostet
hat.

Ich war der Letzte, der vielleicht auf lange Zeit dieses
bewunderungswrdige Mnzkabinet sah, denn so eben hatte der Herzog
Befehl gegeben, dasselbe einzupacken, da sich die Herren Franzosen
nhern, und so sehr der Herzog ein Verehrer der Sprache, Literatur und
Geistesbildung dieser Nation ist, so wenig scheint er von ihrer
Freiheit, Gleichheit und Brderschaft zu halten, und hat nicht Lust,
diese auf seinen Mnzschatz erstreckt zu sehen. Auch die herzoglichen
Kunstsammlungen wie die groe Bibliothek sind sehr bedeutend. Mit einem
Wort, Herzog Ernst II., der mit seiner Gemahlin, Maria Charlotte, auch
einer Prinzessin zu Sachsen-Meiningen, im innigsten Einverstndni
lebt, ist fr Gotha ganz das, was Carl August fr Weimar, ein Mcen der
Wissenschaften und Knste und der Erwecker einer neuen Literatur-Aera.

Von Gotha reiste ich ber den Thringer Wald nach Meiningen, dessen
Herzog, Georg, den beiden genannten Herzgen innig befreundet ist. Alle
diese Frsten beseelt das gleiche Streben, eine bessere Zeit, als die
vergangene, fr ihre Lnder heraufzufhren. Ich fand in Meiningen einen
gebildeten Hofkreis, fern vom allzusteifen Etikettenzwang, den der
Herzog, ein freisinniger Frst, abgeschafft hat.

Noch immer ist man in Meiningen sehr aufgebracht ber eine elende
Klatscherei, die der Ihnen sicher bekannte Tourist, Herr von He aus
Hamburg, in seinem Buche: Durchflge durch Deutschland, die Niederlande
und Frankreich, vor einigen Jahren aufgetischt hat. Mit unendlicher
Breite ergo sich die verletzte Eitelkeit dieses Herrn in vllig
lgenhaftem Getrtsch und in Ausfllen gegen den Herzog, den er als
einen kleinen Tyrannen schilderte. Vier Seiten seines Geschreibsels
verwendete Herr von He blos auf die Schilderung des Gesichtes eines
Thorschreibers.

Von Meiningen fuhr ich nach Hildburghausen, wo vor einer Reihe von
Jahren ein groer Brand gewthet hat, und wo ich gegenwrtig noch
verweile. Der Herzog Friedrich steht seinen Vettern an Geist nach, aber
er ist uerst gutmthig, sehr gesprchig und auerordentlich gern
mittheilsam ber Alles, was ihn irgend Neues berhrt oder begegnet,
daher ich ihm unter keiner Bedingung ein Geheimni anvertrauen mchte;
dagegen ist die Herzogin, seine Gemahlin, eine auerordentlich liebliche
Erscheinung; sie singt gern und entzckend schn. Denken Sie, sie singt
in jeder Osterwoche in Grau's Tod Jesu die Hauptstimme vor einem groen
Kreise ihrer Verehrer. Das frstliche Haus hat manches Migeschick zu
ertragen; durch frhere ble Wirthschaft ist das Land in groe
Verlegenheiten gebracht worden, die den Hof mit treffen, zwei Tchter
und ein Sohn starben bald nach der Geburt, doch versprechen die leben
gebliebenen Prinzen und Prinzessinnen eine gute Entwicklung. Es sind
schne Kinder, drei Prinzen und drei Prinzessinnen. Die Vergngungen des
Hofes sind die gewhnlichen, und die gute Jahreszeit wird abwechselnd
auf nahen Jagd- und Lustschlssern, welche sich zu Heldburg, Hellingen,
Eishausen und Seidingstadt befinden, zugebracht. Die Heldburg ist ein
stattlicher sptmittelalterlicher Bau, auf hohem Felsenkegel ragend und
weit das Land berschauend, majesttisch wie ein Knigsschlo; Hellingen
erinnert nach Lage und Anlage an Doorwerth, nur ist es weniger gro und
es fehlen ihm die Parke. Dort wohnte unsere Verwandte, die Gemahlin des
Prinzen Ludwig Friedrich zu Sachsen-Hildburghausen, Christine Luise,
geborene Prinzessin von Holstein-Pln. Seidingstadt ist das Trianon des
hiesigen Hofes; Schlo Eishausen liegt etwas abseit der Strae, die nach
Coburg fhrt, ernst und einsam neben einem Dorfe, still und wie
geschaffen fr die Einsamkeit der Weltberwinder.

Leider ist der idyllische Frieden dieses Hofes und des Lndchens in der
Gegenwart hart bedroht durch die Kriegswirren, die sich bedenklich
nahen. Zwischen hier und dem Mainstrom hausen bereits die Franzosen wie
Kanibalen und rger als die so bel verschrieenen Kroaten im
dreiigjhrigen Kriege. Ich werde mit Philipp in Begleitung eines
herzoglichen Rathes und begleitet von dem Kammerdiener Grimm, der mit
dem Gnstling der Kaiserin Maria Theresia, Prinz Joseph Hollandinus
Herzog zu Sachsen-Hildburghausen, schon einige Feldzge des Prinzen
mitmachte, einen Ritt in das bedrohte Gebiet machen, um zu sehen, ob ich
vielleicht dazu beitragen kann, einigen Schaden von dem Lande
abzuwenden, da ich ein wenig verstehe, wie man mit den Emigranten und
Republikanern verhandeln mu, und hier sich Alles schrecklich vor beiden
frchtet, auch der Herzog selbst nicht der Mann ist, mit persnlichem
Muth einer Gefahr unter die Augen zu treten. Die Mehrzahl seiner Rthe
wird ebenfalls schwerlich groe Heldenthaten verrichten.

Die Reiter nahmen ihren Weg nach Heldburg und von da nach Hellingen.
Schon in Heldburg hrten sie von Brgern und Landleuten, die neugierig
auf die Hhe geeilt waren, welche zwischen beiden Ortschaften sich
hinzieht, da in Hellingen Alles drunter und drber hergehe, da es
brenne, und Mord und Todschlag von den Franzosen unter dem General
Wartensleben, die von Knigsberg in Franken herber gekommen, verbt
werde. Rasch galoppirten die Reiter den sandigen Weg zur Hhe hinan,
und der Graf berblickte durch ein Fernglas die weiten frnkischen,
sonst so friedlichen Ebenen, die im milden Glanze eines Sommertages sich
unter ihm ausbreiteten, und jetzt der Schauplatz eines Krieges werden
sollten, in denen sich die Shne eines und desselben Landes, im blutigen
Streite zwischen Knigthum und Republik, zerfleischen wollten. Groe
Heereszge schwenkten durch die sanftgehgelten Ebenen, dort blitzten
Flinten und Bajonette, dort Helme und Crasse im Sonnenglanze; dort
zogen in endloser Reihe Rst- und Pulverwagen und Geschtze heran, dort
schlug Dampf auf, in welchem helle zngelnde Flammen leckten; von den
Thrmen der zahllosen katholischen und protestantischen Kirchen in
diesem dichtbevlkerten fruchtbaren Lande tnten die Sturmglocken, vom
nahen Marktflecken Hellingen scholl wstes Geschrei und Gebrll des
Viehes verworren zur Hhe, wie bei einem Brande, obschon ein solcher
nicht ausgebrochen war. Es war ein wimmelndes Gedrnge in dem Ort und
auer dem Ort, es war die Furie des Krieges in ihrer ganzen
Scheulichkeit, die hier bereits ihr verheerendes Wthen begonnen hatte.

Der herzogliche Beamte, Graf Ludwig's Begleiter, ein wackerer und sonst
unerschrockener Mann, erbebte doch beim Anblick dieser Gruel. -- Was
meinen Sie, Herr Graf? richtete er mit bedenklicher Miene an Ludwig die
Frage: sollen wir uns in diese Gefahr hinein strzen?

Haben Sie Jourdans Schutzbrief? fragte Ludwig, und als der Beamte
bejahte, sprach er: Geben Sie ihn mir! Dann zu dem Diener sich wendend,
fragte er: Wie steht's, willst Du mit, Philipp?

Hm! brummte Philipp: Ich wei nicht, warum Sie mich erst fragen,
gndiger Herr!

Und Sie, Herr Grimm?--

Das ist mir nur ein Spa! antwortete dieser. Bin schon bei ganz anderen
Affairen gewesen, habe zwar nicht immer die Victoria beim Schopf
erwischt, war aber nicht mein durchlauchtigster Herr kaiserlich
kniglicher Reichsgeneral-Feldmarschall schuld daran, sondern die
Reiaus-Armee, die er zu befehligen hatte, seine sechzigtausend
Lufer, wie der alte Fritz sagte.

Wohlan denn, hinunter! rief Ludwig, und trieb sein Pferd zu raschem
Schritt, die Diener folgten und der Beamte, welcher dem Grafen einen vom
General Jourdan dem herzoglichen Hofe eigens ertheilten Schutzbrief fr
das Land zugestellt hatte, folgte nicht ohne Herzklopfen nach.

Gruelvoll war der Anblick in Hellingen, darin die Schaaren der den Ort
durchziehenden Colonnen sich verbreiteten. Bereits war alles Getreide,
das noch auf dem Halm stand, niedergetreten oder niedergeritten. Die
eingeernteten Garben wurden aus den Scheunen gerissen, alles Vieh der
Einwohner aus den Stllen in die Kirche getrieben, die zum Schlachthaus
diente. Jeder Einwohner, der nur die mindeste Gegenwehr versuchte, wurde
mit Kolben gestoen, geschlagen, mit Fen getreten, mit Bajonetten
bedroht, oder gar mit scharfer Klinge gehauen. Dort sendete man einem
fliehenden Bauer Musketenkugeln nach, dort versuchte man einen Andern an
den Beinen aufzuhngen, dort verbte man den schndlichsten Muthwillen
gegen Mtter und selbst Greisinnen, dort pfiff man gellend auf den
Pfeifen, die aus der Orgel in der Kirche gerissen waren. In den Husern
wurde Alles geraubt, zerstrt, verwstet, aus den Fenstern schttelte
man die Federn aus den aufgehauenen Betten, aus den Kellern schleppte
der rasende Feind die Fsser voll Frankenweines und lie, was er nicht
trank, auf die Straen laufen. Ueber alle dem Lrm, dem Wehgeheul und
den Jammerrufen hrten Wenige den von Knigsberg herbertnenden Schall
einer heftigen Kanonade. Mit Entsetzen sahen Graf Ludwig und seine
Begleiter das unermeliche Elend nur in diesem einen Dorfe, und doch
ging es so in jedem, das die Heersulen der Franzosen auf ihrem Zuge
berhrten.

Wo ist der General? Wo sind die Kommandirenden? schrie Ludwig herrisch
einem Trupp Reiter zu, der ihm mitten im Orte aufstie.

Im Pfarrerhaus! war die Antwort, und zugleich zeigten ihm die Soldaten,
die ihn fr einen Landsmann und Courier hielten, die Richtung nach der
Wohnung des Pfarrers Link, die ein alter rucheriger, architectonisch
mit Schnitzwerk und krummen, verschrnkten Kreuzbogen gezierter Bau war,
gegen welchen die erst vor zwei Jahren als schner Neubau vollendete
Kirche seltsam abstach.

Dort ging es her wie auf einem Jahrmarkte. Aus der unten am Flur
liegenden Kche schlug heller Feuerschein hervor, die Flur selbst lag
ganz voll von Geflgel aller Art: Gnse, Enten, Tauben, Rebhhner, denen
allen die Kpfe fehlten. Ein Koch war beschftigt, zu sieden und zu
braten, Soldaten rupften und weideten aus, den Hof, die Flur und das
ganze Haus fllten lauter Offiziere an, welche Ludwig militrisch grte
und die Frage an sie richtete, ob er den Chef dieser Heeresabtheilung
nicht sprechen knne? Nach einer Weile trat der Reiterbrigadegeneral aus
dem Hause, ein Mann von Mittelgre und martialischem Aussehen; ihm auf
dem Fue folgte sein General-Adjutant, ein Mann von wahrhaft riesigem
Bau, dabei von vollendeter Formschne und nicht unfreundlichen Zgen;
hinter diesen schritt noch ein zweiter Adjutant, und ein Kreis von
vielleicht fnfzig bis sechzig Offizieren umdrngte nun die Ankmmlinge.
Ludwig und der Beamte schwangen sich rasch von ihren Pferden. Mein
Brgergeneral! begann der Graf ganz ohne Verlegenheit seine Anrede: darf
ich bitten, mir einiges Gehr zu gnnen, und mir vor Allem zu sagen, mit
wem ich die Ehre habe, zu sprechen? Ich bin nebst diesem Herrn ein
Abgeordneter des Herzogs von diesem Lande.

Ich bin General d'Hautpoule, Brger! antwortete der Anfhrer. Hier mein
General-Adjutant, Brger Mortier, hier mein Aide de Camp, Brger David.
Womit knnen wir dienen?

Brger Jean Baptist Jourdan, sprach Ludwig: der Oberbefehlshaber der
Rheinarmee hat ausdrcklich durch eine schriftliche Zusicherung dieses
Land gegen alle feindliche Begegnung gesichert. Hier steht, da er die
dem Gesammthause Sachsen zugestandene Neutralitt auch gegen das Haus
Sachsen-Hildburghausen so lange wolle beobachten lassen, als diese
Neutralitt vom Directorium der Republik nicht verworfen wird. Wenn ein
Neutralittsvertrag nicht vollstndig zu Stande kommt, soll dem
herzoglichen Hause die Nachricht officiell mitgetheilt werden, da die
Feindseligkeiten ihren Anfang nhmen. Dieses letztere ist zur Zeit nicht
geschehen, und dennoch, wie feindselig hausen Deine Truppen,
Brger-General, in diesem friedlichen und neutralen Lande!

D'Hautpoule warf einen flchtigen Blick auf das von Jourdan eigenhndig
unterzeichnete Schutzpapier, schlug leicht mit der Hand darauf und
entgegnete, indem er es zurckgab: Was wissen wir vom Geschmier der
Kriegskanzleien! Hier ist Krieg und keine Kanzlei!

Der Herr General erlauben gndigst -- nahm jetzt auch der herzogliche
Beamte das Wort: Unsere Regierung hat Sorge getragen, und es ist auch
vom Obergeneral an alle Divisionen der republikanischen Armee der Befehl
ergangen, bekannt zu machen, wie mir selbst ohnlngst in einem
Nachbarort franzsische Offiziere, die wir verpflegten, mitgetheilt
haben, da die Schsische Neutralitt beim ganzen Heere respectirt
werden und jede Thtlichkeit gegen die Einwohner unterbleiben soll.

Nun denn! wandte sich d'Hautpoule lachend gegen Mortier, so wollen wir
die Neutralitt respectiren, so viel sich thun lt. Gib sogleich
Befehl, Brger David, und allen Brger Kapitns sei es gesagt, es soll
sich Keiner unterstehen, noch eine Feder oder einen Strohhalm Werths zu
rauben oder auch nur anzufassen. Sacre Dieu! Keiner!

Eine Bewegung entstand, die Offiziere trafen Anstalt, den erhaltenen
Befehl zu vollziehen, da kam der Schulmeister gelaufen, drngte sich an
seinen Pfarrer, der neben den Beamten getreten war, und flsterte: Um
Gotteswillen Herr Pfarrer! Die Soldaten zerstren uns die ganze Orgel!

Sagen wir das laut! rief der Pfarrer, der eine sehr sonore Stimme hatte,
trat zum General und sprach: Herr General! Ihre Soldaten zerstren
unsere schne neue Orgel! Ich bitte, retten Sie! Schonen Sie!

Sacre bleu! schrie der General: Wo? Wo? und schwang den Stock, den er in
der Hand fhrte, denn er war bereits ein ergrauter Sechziger, und folgte
mit raschen Schritten dem Schulmeister, der ihm voran in die neue Kirche
eilte. Der alte Kriegsmann rannte wie rasend die Treppe hinauf und
theilte auf die das werthvolle Orgelwerk freventlich zerstrenden
Soldaten so viele und schwere Prgel aus, da die Uebelthter laut
aufschrieen und schwuren, in ihrem Leben keine Orgel wieder anzurhren.

Mittlerweile hatte sich der Riese Mortier auf ein Pferd geworfen, David
und andere Offiziere waren ihm gefolgt, und es verging keine
Viertelstunde, so war Ruhe, Ordnung und Stille im Flecken; alle
nachrckenden Truppen muten sofort ohne Rast hindurchziehen, aus der
Kirche kam d'Hautpoule sehr erheitert zurck und sprach zu Ludwig und
dem Beamten: Nichts wirkt schneller und heftiger, wie Prgel. Diese
Sprache verstehen die Hallunken aller Vlker, Prgel sind die wahre
Weltsprache, und die Gelehrten werden sich vergebens die Kpfe
zerbrechen, um eine bessere zu erfinden.

Bald kamen auch Mortier und die andern Offiziere in den Pfarrhof zurck;
das Geschrei der Einwohner verhallte allmhlig. Mortier, so riesenhaft
seine Leibesgre war, sah gar nicht aus wie ein Soldat; die Haut seines
Gesichts und seiner Hnde war zart und wei. Er drckte dem Grafen, dem
Beamten und dem Pfarrer oft die Hnde und versicherte allen, er meine es
gut, allein die Soldaten seien schwer im Zaum zu halten.

Man begab sich in die Stube des Pfarrers, in deren Mitte eine Btte
stand, welche mit Wein gefllt war. D'Hautpoule war sehr artig gegen den
Besuch aus Hildburghausen; er lud die Herren ein, an seinem Male Theil
zu nehmen, fuhr mit bereitstehenden Bierglsern eigenhndig in die
Btte, fllte diese voll Wein, reichte sie seinen Gsten und dem Pfarrer
dar und rief lustig und froh gelaunt. #A votre sant et bonheur!# Alle
andere Offiziere, soviel die Stube fate, drngten sich herzu, schpften
ebenfalls und tranken; man setzte sich auf hlzerne Sthle, der General
sa auf einem dreibeinigen Schemel, Mortier und David hatten die
Ofenbank besetzt. Der Koch brachte mchtige Bratenstcke herein, der
Pfarrer schaffte Brod, weder Teller noch Messer und Gabeln waren
vorhanden, man a aus der Hand, nur der General schnitt sein Fleisch mit
einem Schnappbastelmesser. Die Btte Wein war bald geleert, eine zweite
wurde aus dem Keller herauf geschafft, dann erfolgte ein rascher
Aufbruch, ein kurzes Adieu.

Ein Wehe war dahin, wie geschrieben steht in der Offenbarung, aber
siehe, es kommen noch zwei Wehe. Dem Volke d'Hautpoule's folgte die
Division des General Colaud nach, 15,000 Mann stark, und der General
richtete sogleich seinen Weg nach dem Pfarrhaus. Dort kam ihm Ludwig
entgegen, erbat Schutz fr den Ort, fr alle Orte dieses Landstrichs,
auf Jourdans Schrift sich berufend. Mittlerweile war der
Divisionsgeneral Lefebre ebenfalls im Orte angelangt und hatte sich nach
dem Schlosse begeben, ihm folgte dessen Division Avantgarde, 25,000
Mann stark, da galt es! Alle Beredsamkeit mute aufgeboten werden, um
den Schutzbrief zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier
in dem einen Orte; was der Schreckenszug auerhalb Hellingen berhrte,
litt dennoch unendlich. Die Generale zeigten sich menschenfreundlich und
zur Hlfe gern bereit; wo ihre gebietende Persnlichkeit einen Ort
beschtzte, war es gut, sie lieen wohl auch Schutzwachen zurck; aber
wenn sie abgezogen waren, erprete die Letztere selbst von den armen
Leuten Geld und Kleider. Ein Lieutenant nahm zwei im Waschzuber liegende
schmutzige Hemden aus demselben, rang sie geschickt aus und schob sie in
seinen Tornister.

Was bei diesen Durchzgen das Allerschlimmste war, die bedrngten
Landbewohner wuten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde
wie Freunde drckten, raubten, brandschatzten und hauseten rger wie
Teufel.




12. Das Wiedersehen.


Es war Ludwig nicht mglich, mit seinen Begleitern an demselben Tage
nach Hildburghausen zurckzukehren. Vom edelsten Eifer beseelt, Hlfe zu
leisten so viel nur immer mglich war, blieb er bis zur spten
Nachmittagsstunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre's der berhmte
Divisionsgeneral Kleber einrckte, und wo sich Alles in gleicher Weise
wiederholte: Frsprache und Frbitte und freundliche Gewhr, so weit sie
nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugsweise bedrohten Gegend, dem
Amte Knigsberg, das bei diesen Ueberzgen und Durchmrschen am meisten
litt, vielleicht Hlfe zu bringen beschlo Ludwig, Kleber nach
Knigsberg zu begleiten, welcher Jourdan's linken Flgel befehligte, und
dieser nahm gern die Herren aus Hildburghausen zu Geleitsmnnern mit; so
wurde der Ritt dorthin ber die Flecken Maroldsweissach und Burgproppach
angetreten. Auf den Wegen und in den Drfern sah es schauderhaft aus,
keine Feder schildert die Gruel dieser Verwstung, die Klagen, welche
die gemihandelten und beraubten Landleute erhoben.

Nahe bei Knigsberg begegnete den Anrckenden ein von Hildburghausen
aus dorthin beorderter Beamter, Hofadvocat Merk, dessen Bemhen es so
eben gelungen war, einen Knigsberger Brger dem Tode, womit ein
Commando Franzosen ihn bedrohte, durch seine Kenntni der Sprache zu
befreien. Er schilderte mit ergreifenden Worten alles Schreckliche, was
er in Knigsberg erlebt hatte. Als die Nachrichten dorthin kamen, da
die franzsischen Truppen erst bis Schweinfurt, und dann den Main herauf
bis Hafurt gerckt seien, wo sie brandschatzten und plnderten,
zitterte das arme Stdtchen bereits. Die ersten Truppen waren
kaiserliche Husaren, diesen folgte ein Theil des Generalfeldzeugmeister
von Wartensleben'schen Armeecorps, unter den Generalen Murray, Clairfait
und Beaulieu, und berschwemmte die ganze Gegend; es war ein buntes
Gemisch von allerlei Volk, Wallonen, Warasdiner, Kroaten, Ulanen,
Tiroler Scharfschtzen, die Corps von Bourbon, Carneville, von la Tour,
Royal Saxe, Husaren von Rohan und von Versey und andere. Die Generale
suchten gute Mannszucht zu halten, besonders General Gontreuil und
Oberst von Brady, die im Schlchen zu Knigsberg einquartirt waren. Das
kaiserliche Heer marschirte ab, die Franzosen drangen ber den Main,
kamen auch nach Knigsberg, die Plnderungen und Mihandlungen begannen.
Alles wurde durchsucht, durchwhlt nach verborgenen oder vergrabenen
Schtzen; mit dem Waizen der jngsten Ernte wurden die Pferde gefttert;
die Gegend von Knigsberg hat schnen Weinbau; man schlug die Zapfen aus
den Fssern und lie den Wein in die Keller laufen, das gemahlene
Getreide wurde aus den aufgehauenen Scken in die Hfe geschttet, kurz,
jeglicher Unfug getrieben. Die Generale Lefebre, Soult, Laval und
Richepau legten sich in das erste Gasthaus, sie verlangten auf Silber zu
speisen und waren wthend darber, da der Wirth im kleinen Stdtchen
nicht Silber und Servietten genug besa; am Schlimmsten erging es auf
den Drfern den Pfarrern, da waren Gelder, Uhren, Kleider, Wsche,
Stiefeln, Schinken, Wrste die willkommenste Beute.

General Lefebre, und berhaupt die hohen Offizieren, zeigten sich gern
zur Hlfe bereit, und als Ludwig vorsichtig und mit ruhigem Blick die
schwierige Sachlage berschaute und einsah, wie gar wenig es fruchten
knne, wenn wenige einzelne Vermittler sich in den Kolo dieser
Heereszge warfen, so erbat er vom General Lefebre geradezu einen neuen
Schutzbrief fr das Land Hildburghausen, namentlich fr die Residenz,
und nchst diesem eine eigene Schutzwache von zehn Mann Unteroffizieren
und Gefreiten, welche ihn begleiten, den Schutz der hohen Generalitt wo
es nthig beglaubigen, und so lange auf Kosten des Hofes in
Hildburghausen weilen und verpflegt werden sollten, bis die
franzsischen Armeen vllig diese Gegend verlassen haben wrden.

So eigenthmlich diese Zumuthung war, die Artigkeit, mit welcher Ludwig
dieselbe vorbrachte, seine rhrenden, menschlich schnen Beweggrnde,
die Mittheilung besonders, da in demselben Lande, fr welches jetzt
Schutz begehrt wurde, in der Nachbarstadt Haldburg eine Anzahl
gefangener franzsischer Offiziere, welche dorthin escortirt waren, vom
Magistrate dieser Stadt gastlich verpflegt worden seien, worber der
Hildburghuser Beamte deren in warmen Worten ausgedrckte schriftliche
Dankesbescheinigung bei sich fhrte und vorzeigte, bewirkte zuletzt die
Erfllung der gestellten Bitte; es wurde versprochen, man wolle zur
Erleichterung des Landes alles Mgliche thun, auch sollten keine
Truppenabtheilungen weiter in das Land hineinstreifen und die
Etappenstraen nicht verlassen.

Am anderen Morgen brach das Heer zum Weitermarsch auf und Ludwig nahm
mit seinen Begleitern den Rckweg ber Heldburg und das coburgische
Stdtchen Rodach. Er sorgte dafr, da die zehn Mann Bedeckung sich
hufig Etwas zu Gute thaten und gewann sich so dieser Leute Zuneigung.
Sie plauderten gern, wie alle Franzosen, und krzten den Weg durch
heitere Gesprche und muntere vaterlndische Chansons.

Man war nur noch anderthalb Stunden von Hildburghausen auf dem
eingeschlagenen Wege entfernt, war im Dorfe Eishausen angelangt, und
hielt vor dem Gasthause dieses Dorfes, das dicht an der Hochstrae
liegt, die vom deutschen Sden nach dem deutschen Norden fhrt. Der
Beamte war mde und hatte sich in einem Sessel in der Wirthsstube
niedergelassen; Philipp und der Kammerdiener Grimm hatten lngst gute
Kameradschaft mit einander gemacht, und saen beim Bierkrug gemthlich
beisammen, whrend einige Knaben des Dorfes die Pferde der Herren, wie
jene der Diener hielten. Es hatten sich bereits ziemlich viele
Dorfjungen vor dem Hause gesammelt, neugierig die fremden Soldaten zu
sehen, die zum Theil vor dem Hause gruppirt, Bier oder auch Branntwein
tranken. Ludwig ging in stillen Gedanken auf und ab, und diese Gedanken
schweiften weit in die Ferne, nach einem theueren Grabe, nach Ottolinen,
nach der Gromutter, nach Doorwerth, in sein Jugendheimathland, nach
Paris, Amsterdam, dem Haag, nach London, nach Castle Chatsworth.

Wenn sie Zauberspiegel htten, meine Lieben in der Ferne, sprach er zu
sich selbst: und shen mich hier umhergehen, in dieser Thalstille, in
dieser eigenthmlichen Umgebung, an der Landstrae, dort drben das
groe, schne, aber de Schlo, und von Soldaten der franzsischen
Republik umgeben, sie wrden sich wundern, wrden fragen: Was soll das
bedeuten? Wo ist er, und wie kommt er dorthin?

Und doch, wie ist es hier so still und friedlich! Mild weht die Luft,
das Obst an den Bumen reift schon dem Herbste entgegen, mit einem
traulichen Gemurmel wlzt sich der rasche Bach durch die Wiesenflur.
Welche Gegenstze, hier diese schne lndliche Stille, und nur wenige
Stunden jenseits der sdlichen Hgelkette alle Greuel blutigen Krieges,
Armeen, heute schon vielleicht die eine siegreich, die andere
geschlagen, zersprengt, flchtig und von der Hand der Vergeltung alle
strenge Zchtigung empfangend fr das Unglck, womit sie die Lnder
heimgesucht, die unter ihren ehernen Tritten bluteten und noch bluten!

Von der Ferne, aus der schnen Allee, die von Eishausen nach dem nahen
Dorfe Adelhausen fhrt, schallten Posthornklnge, es schien eine
Extrapost zu nahen, Ludwig war eben wieder vor dem Gasthof angelangt.
Die Soldaten zechten lustig und wohlgemuth auf seine Rechnung und sangen
im Chor ein franzsisches Liedchen:

    #Zon, ma Lisette,
    Zon, ma Lison!
    Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon. :|:
    Pour combler mon amour
    Faisons sur ma couchette
    Ce que la nuit le jour
    Chacun fait en cachette.
    Zon, ma Lisette,
    Zon, ma Lison,
    Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon! :|:#

Welcher Leichtsinn lebt nicht in diesen Leuten! Gestern noch hrten sie
den Donner feindlicher Kanonen und heute singen sie die leichtfertigsten
Gassenhauer! sprach Ludwig.

Die mit vier Pferden bespannte Postkutsche nahte; der Postillon machte
Miene, am Gasthause zu halten, in demselben Augenblick sah jedoch ein
Herr aus dem Schlage, hrte und erblickte die Soldaten, und rief mit
ngstlicher Stimme dem Postillon zu: Soldaten der Republik! Nicht
halten! Vorbei! Rasch vorbei, auf Tod und Leben! -- Ein Lakai auf dem
Bock wiederholte diesen Ruf und trieb gleichfalls zur Eile.

Ludwig blickte, whrend der Postillon mit Unmuth an den Zgeln ri, um
die Pferde wieder in die Mitte der Strae zu lenken, in den Wagen. Das
schne, jugendliche Gesicht dieses Herrn hatte er schon einmal gesehen,
ganz gewi, neben ihm sa eine verschleierte Dame, zwischen Beiden ein
junges bildschnes Mdchen, und dieses Mdchen rief mit heller Stimme:
#Oh mon Dieu! mon Dieu!# Dieser Herr ist unser Freund vom Kastell
Doorwerth.

Maloses Staunen erfate den Grafen, aber aus dem Soldatenhaufen heraus
schrie jetzt ein brtiger Sergeant: #Morbleu! Sacre bleu! Un Bourbon! un
Prince de Cond!# und sein Ruf brachte schnell die ganze Mannschaft
zusammen; allein der Postillon hieb wie toll auf die Pferde und jagte im
gestreckten Galopp aus dem Dorfe, so wie die Hhe hinan, die dicht
hinter Steinfeld in nordwestlicher Richtung sich lange empor zieht. Es
war kein Zweifel, das war derselbe Prinz, den Ludwig in Doorwerth als
Freund des Erbprinzen der Niederlande gesehen und gesprochen hatte,
derselbe, der, wie Leonardus ihm vertraut, damals Angs und das Kind
besucht hatte, whrend Ludwig mit dem Prinzen Ernst August von
Grobritannien und Windt einen Recognitionsritt in die Herrlichkeit
machte. Das Kind, das Ludwig jetzt im Vorberfahren nur einen flchtigen
Augenblick gesehen, dessen se und liebliche Stimme sein Ohr so eben
berhrt, es war Sophie gewesen, kein Zweifel, die kleine liebliche
Sophie, Ang's theuere Schutzbefohlene! -- Noch hatte Graf Ludwig alle
diese Vorstellungen kaum ausgedacht, so fuhr eine zweite
Extrapostkutsche heran, neben dem Kutscher sa ein Kammermdchen; aus
dem Schlage wehte ein grner Schleier, ein Blick auf die im Wagen
sitzende Dame und Ludwig schrie Philipp zu: Mein Pferd! Mein Pferd!

Auch der zweite Postillon, da er seinen Kameraden so eilen sah, hieb
stark auf die Pferde ein, und die Kutsche flog pfeilgeschwind an Ludwig
vorber. Dennoch konnte er sehen, wie eine darin sitzende Dame den
Schleier zurck schlug und jauchzend rief er aus: Halt! Halt! Angs! O
Angs! -- Aber der Postillon, im Wahne, da seinen Reisenden Gefahr
drohe, denn die Dame war nicht allein, es sa noch ein ltlicher Mann im
Wagen bei ihr, trieb unaufhaltsam die Pferde von dannen und jenem ersten
Wagen nach.

Mein Pferd! Mein Pferd! rief Ludwig noch einmal, schwang sich eilend auf
und ritt im sausenden Galopp hinterdrein, was den Postillon in dem
Glauben bestrkte, da er ernstlich verfolgt werde, er jagte deshalb die
Pferde zur Hhe hinan, da sie dem Strzen nahe kamen. Dennoch erreichte
der Graf im raschen Ansprengen den Wagen und donnerte dem Kutscher mit
einem gespannten Doppelterzerol in der Hand ein Halt! zu. Das wirkte,
der Postillon lie die Pferde im Schritt gehen, Ludwig ritt an den
Schlag, und rief hinein: Angs! Um des Himmels Willen, Angs! Bist du es
wirklich?

Ja, ich bin es, o ich bin es, Graf Ludwig! O Gott! -- Und du? -- Wie
treffen wir uns hier?

Wunderbar! Wunderbar! rief Ludwig. Und wohin eilst du, Angs? Woher?
Wohin?

Weit -- weit fort! mein lieber Freund! Es ist keine Sicherheit mehr in
Deutschland! Wir sind verscheucht aus jedem Asyle. Die Prinzessin
flieht, ich folge, und auch hier, Herr Jacques in Diensten Seiner
kniglichen Hoheit des Prinzen.

So sehe ich dich, nur um dich abermals zu verlieren, Angs? rief der
Graf erschttert aus.

Es ist so des Schicksals Wille! seufzte Angs und Thrnen entstrmten
ihren Augen.

Warum entzogst du dich unserm treuen Leonardus? fragte er sie nach einer
Weile, nicht ohne einigen Vorwurf im Tone.

O mein lieber, lieber Freund! Es ging ja nicht anders; ich konnte nicht
anders, ich mute so handeln! Sprich Freund, -- wo ist er? Siehst du ihn
wieder? Erzhlte er dir von mir? Gewi, das that er, sonst knntest du
mich nicht so fragen!

Ludwig schwieg betreten -- er fand nicht alsbald die Antwort; erst nach
einer Pause erwiderte er: Angs, ich mu dich ruhiger sprechen. Ich kann
unmglich so mich mittheilen. Wird die Herrschaft nicht Rast machen?

Nur so lange, als auf der nchsten Station umgespannt wird, war ihre
Antwort.

Philipp kam jetzt nachgaloppirt, Angs erschrak, sie whnte, es sei ein
Verfolger. Ludwig beruhigte sie, gebot seinem Diener zurckzureiten und
dem Beamten zu sagen, er mge mit der Schutzmannschaft nachkommen.
Ludwig war nicht geneigt, den Wagen, in welchem Angs sa, aus den Augen
zu verlieren, aber welche mchtige Gefhle durchwogten kmpfend seine
Seele. Sie glaubte Leonardus noch lebend, sie verlie wahrscheinlich
Deutschland, weshalb that sie das? O, sie liebt nicht hei, nicht
wahrhaft! sagte Ludwig sich selbst. Was kann sie zwingen, ihre Freiheit
hinzuopfern? Wie in aller Welt vermag sie das ber sich? Ach, und wie
schn ist sie noch! Wie himmlisch, wie rhrend schn!

Ich reise in Deutschland, erzhlte Ludwig flchtig im Nebenherreiten, --
komme ber jene Hhen da droben, war bei der Armee -- o Angs, ich hatte
mir vorgenommen, demnchst nach Sddeutschland zu gehen und unablssig
nach dir zu suchen.

Angs erglhte, ihre Lage war peinlich, sie konnte nicht frei ihrem
Gefhle Ausdruck verleihen, der alte Jacques, den die angestrengte
rastlose Reise sehr angriff, machte ein grmliches Gesicht, sie lie
also Ludwig sprechen und antwortete fast nur durch Zeichen und
Lcheln.--

Vor dem Gasthause in Eishausen wurde es immer voller und lauter, aus
einer Thalenge vom nahen Thringerwaldgebirge herunter hatte sich auf
einsamen Feldwegen eine Zigeunerbande herabgeschlichen, die unter der
Leitung einer hexenhaft aussehenden Altmutter stand, und sich bald genug
durch das Dorf verbreitete, ihre bekannten Knste, Wahrsagen, Betteln
und am Liebsten Stehlen zu ben. Das ganze Leben und Treiben der
verschiedenen Volksgruppen vor dem Wirthshaus gab ein reiches Bild; die
braunen Zigeuner, dies heimathlose Volk, die munteren Franzosen, die
deutschen Bauern und deren blhende zahlreiche Sprlinge, endlich,
damit auch der hhere Stand nicht unvertreten sei, der vornehm
gekleidete herzogliche Rath, der stattliche und gravittische Grimm, der
seinen Zopf ganz genau so trug, wie sein hochseliger Gebieter Prinz
Joseph Hollandinus den seinen getragen hatte -- das Alles htte einem
Maler mannichfachen Stoff zu einem lebensvollen Bilde mit reicher
Gruppirung geboten. Kammerdiener Grimm, der wohl schon hufiger mit
Zigeunern verkehrt haben mochte, trat der Altmutter nahe und sagte: Nun,
du schwarze Hexe! Willst du mir nicht prophezeien?

Gern, mein allerschnster Herr! entgegnete die Alte -- lasse mich nur in
deine groe und gewi sehr freigebige Hand blicken. -- Alles drngte
nher heran, und so konnten sich die Glieder der Bande unbeobachtet im
Dorfe zerstreuen.

Ist das ein gewaltiger Mann! Ei! Stehst in hohen Gnaden, Herr! Bist auch
im Felde gewesen, da steht's, bist an manchem Galgen vorbei geritten,
hast viel geliebt, alter Junge -- bist dem Weibsvolke noch immer nicht
gram! Ach, und diese Lnge! Diese Lnge! Mann, du hast eine Lebenslinie,
die ja fast schnurgerade ber die ganze Hand hinausluft! Hab' Acht! Die
Natur hat deinen Lebensfaden doppelt genommen, du wirst noch viel
erleben! Die, denen du jetzt dienst, denen wirst du spter nicht mehr
dienen! Sie werden dich und du wirst sie verlassen -- wirst aber gute und
geruhige Tage haben, wirst steinalt werden.

Dummheit! fuhr Grimm die Alte an. Wenn ich weiter nichts haben soll,
dann wrde ich am Ende auch so eine Schnheit wie du werden, so eine
Vogelscheuche und Nachteule!

Ei, warum hast du dich denn nicht lieber jung henken lassen? fragte die
Alte.

Komm her, prophezeie einmal einer Jungen, aber ich sage dir, Alte, was
Gescheidtes! rief Grimm.

Mit raschem Griff erfate er eine frische junge Frau, die er zu kennen
schien, und zog die Widerstrebende ohne Umstnde in den Kreis der
Zuschauer. Still gehalten, Frau Schmidtin! Nicht gemuckst, Hand auf!
Wenn dein Mann da wre, dein alter Bhmack, der wrde sich freuen -- wer
wei, ob dieses alte Teufelsgehnge da nicht deines Mannes Gromutter
ist? Ist auch so vom Walde herber geweht, dein Schmidt, wie diese da, --
kein Mensch wei, wo er eigentlich her ist -- doch will er ja aus dem
Zigeunerlande Bhmen sein, aus Hirschberg. -- Wir sind nicht aus Bhmen,
Herr, nahm ein junges braunes Weib, das sich nahe bei der Alten hielt,
das Wort: Wir stammen aus Aegypten!

Ach, wollt unser einem doch nicht solche Dummheiten aufbinden! rief
Grimm. Ich will's euch besser sagen, ihr Diebs- und Lumpengesindel, wo
ihr her seid! Aus des Teufels Kotze seid ihr gehpft! Nun geschwind,
geschwind, Schmidtin! Schnes Heldburger Stadtkind! Holdeste weiland
Jungfrau Grtzer -- ach, es war das schnste Mdel weit und breit! La
dir wahrsagen!

Mit groem Widerstreben bot endlich die junge Frau der Alten ihre Hand,
und diese murmelte nach einer Pause: Wirst noch Mancherlei durchzumachen
haben, schnes junges Weib! Wirst aber stets dabei flink auf deinen
Fen sein! Wirst in einem groen Hause wohnen, aber das Haus wird nicht
dein sein! Ein fremder Herr wird kommen, den Niemand kennt, der kann
dich glcklich und zufrieden machen! Mut aber immer treu sein -- treu
wie Gold und mut noch eine groe Kunst lernen, die wenig Weiber knnen,
ach, die ist Goldes werth, du liebes Kind!

Und welche Kunst denn? fragte schchtern die junge Frau.

Ja, umsonst ist der Tod, mein liebstes Herzchen! entgegnete die Alte.

Hier hast du etwas, alte Wetterhexe! rief Kammerdiener Grimm. Aber mach
es kurz!

Die Alte richtete sich hoch auf, berflog mit einem flammenden Blick den
ganzen Kreis, der sie umgab, und sagte dann mit tiefem und
bedeutungsvollen Ausdruck:

    Schweig und leid'--
    Es kommt die Zeit,
    Da schweigen macht Leides queit!--

Der Wagen und der denselben begleitende Reiter hatten jetzt den Endpunkt
der Hhe erreicht, die sich auf dieser Seite steilab zum Wiesenthale der
Werra niedersenkte, im goldenen Reize des Sommerabends breitete sich zu
Fen die nach einem verheerenden Brande im Jahre 1779 neu erstandene
herzogliche Residenzstadt Hildburghausen mit regelmig und schn
gebauten Husern und neuen Ziegeldchern aus, an ihrer sdlichen Seite
das groe, stattliche Residenzschlo, vor dem ein Wasserspiegel wie
Silber erglnzte. Das kleine Thalflchen, die Werra, die sich durch die
breiten Wiesenflchen schlngelt, erhhte noch den Reiz der Landschaft.

Bald war die Stadt erreicht und Angs sah mit Sorgen dem Augenblick
entgegen, wo sie Angesichts der Prinzessin, an welche sie ihr Leben
gebunden hatte, mit einem fremden Manne vertraulich sprechen sollte. Sie
bat daher Ludwig, noch ehe die ersten Huser erreicht waren,
vorauszureiten, oder ihr nachzufolgen.

Der Graf machte ein bejahendes Zeichen und hielt sein Pferd an. Zum
alten Jacques sagte Angs: Dieser Herr ist mir ein sehr werther Freund,
und ist zugleich der innigste Freund jenes Freundes, den Sie kennen, den
Sie so treulich pflegten!

Der alte Jacques antwortete Angs gar nicht, er schlief. Ludwig war sehr
verstimmt; Angs' Furchtsamkeit und ihre groe Rcksicht auf jene
Fremden, die doch eigentlich jetzt nichts mehr waren als heimathlose
Flchtlinge, verletzte sein Gefhl, trat seinem Ehrgeiz, seinem
Selbstbewutsein, trat vor Allem einer sich selbst nie vollkommen
eingestandenen zrtlichen Neigung feindlich entgegen, und er berlegte
wirklich einen Augenblick, ob er Angs whrend des gewi nur sehr kurzen
Aufenthaltes noch einmal sprechen, oder sie ohne Wiedersehen dahin
ziehen lassen solle, wohin das strkere Band sie zog?

Aber nur einen Augenblick schwankte er so. Ein zrtliches Herz sucht und
findet tausend Entschuldigungen bei einem Zweifel, und sein Vertrauen
gleicht einer rauschenden Fontaine, die wohl bisweilen kleiner wird, in
sich selbst zusammen zu sinken droht, dann aber wieder frisch und
krftig ihre leuchtende Garbe in die Hhe treibt.

Ludwig, den Philipp, whrend es noch die Anhhe hinaufwrts ging, zum
zweitenmale eingeholt hatte, stieg ab, gab dem Diener sein Pferd und
ging nach dem Posthause, das zugleich ein Gasthof war.

Die Herrschaft war ausgestiegen und hatte ein Zimmer genommen, die
Prinzessin und das Kind waren tief verschleiert. Sie zogen sich gleich
darauf in ein zweites Zimmer zurck und verschlossen dasselbe. Ludwigs
Blicke suchten Angs, er fand sie nicht, der alte Kammerdiener Jacques
grte ihn freundlich und sprach: Freut mich, freut mich, Herr
Leonardus, Sie wieder so frisch zu sehen, htt's nicht gedacht, da Sie
sich so schnell erholen wrden. Waren doch recht herunter! Die
verdammten Hunde die -- werden auch noch ihren Lohn bekommen! Ist doch
nicht eine Spur von den Canaillen zu entdecken gewesen!

Ludwig erwiederte nichts, er sah, da ihn jener Mann, den er nie zuvor
gekannt, fr Leonardus hielt. Wie er sich umwandte, stand Angs hinter
ihm, fate seine beiden Hnde und sah ihn dabei so innig, so flehend an,
-- htte er ihr auch auf den Tod gezrnt, er htte ihr um dieses Blickes
willen vergeben mssen.

Sieht er nicht wieder trefflich aus, unser guter Herr Leonardus? fragte
der Kammerdiener Angs. -- Ja ja, hat sich recht erholt. Sie lchelte
schmerzlich ber den Irrthum des guten alten Mannes, und dem Grafen
klopfte ngstlich das Herz. Was sollte er thun? Sollte er hier, bei
diesem flchtigen Begegnen, der Freundin die herbe Todesnachricht
mittheilen? Sollte er ihr dieselbe mitgeben auf den langen weiten Weg,
wo sie Niemand hatte, der mit freundlichen Worten des Trostes heilenden
Balsam auf ihr wundes Herz legte? -- Aber durfte er es ihr denn
verschweigen, durfte er die Gre des sterbenden Freundes, die ihm
aufgetragen waren, unterschlagen? -- Der Kampf war bitter, der in ihm
rang -- Angs' Worte unterbrachen denselben: Lieber Freund! Seine Hoheit,
der Prinz, lassen bitten! Ohne Ceremonie -- die wre hier nicht am Ort!
Ohne Verzug, denn jede Minute ist kostbar!

Sie zeigte auf die Thre des Zimmers, in welches die fremde Herrschaft
eingetreten war. Ludwig ging hinein, der Prinz trat ihm freundlich
entgegen und verriegelte sogleich die Thre.

Was sie hier miteinander besprachen, ob dem Grafen das Glck zu Theil
wurde, die junge Dame wieder zu sehen, die ihn als kleines geistvolles
Mdchen zu Doorwerth entzckt hatte, -- ob er die Prinzessin gesprochen,
die sich dieses Kindes jetzt mit so groer Liebe angenommen zu haben
schien, und welche von Angs als Gesellschafterin auf dieser eiligen
Reise aus dem deutschen Sden in den fernen Norden begleitet wurde --
darber knnen wir nichts berichten.

Tiefer Ernst lag auf des Grafen Zgen, als er aus dem Zimmer des Prinzen
trat. Die Wagen waren neu bespannt, die Reisenden hatten eine
Erfrischung eingenommen, sie traten rasch aus dem Hause, stiegen ebenso
rasch ein, -- Ludwig war ehrerbietig zur Seite getreten. Als Angs
folgte, drckte er ihr noch einmal mit allem Gefhle die Hand, und sagte
ihr nichts, als: Angs! Wir sehen uns wieder! Der alte Kammerdiener,
seinen Sitz einnehmend, sprach noch aus dem Wagen heraus: Leben Sie
recht wohl, mein Herr Leonardus! Es hat mich sehr gefreut, Sie so wohl
zu sehen! -- Dort rollten die Wagen hin, der Prinz bog sich tief in den
Grund zurck, Angs grte ihn noch einmal aus dem Schlage mit dem
wehenden Tuche. Ludwig stand wie betubt.

Am Abende dieses Tages sa er noch lange und schrieb mehrere Briefe,
einen an die Gromutter, in welchem er ihr Nachricht ertheilte ber
seine jngsten Erlebnisse; einen anderen an Windt, einen dritten nach
Amsterdam an Leonardus Mutter -- eine fr ihn doppelt schmerzliche
Aufgabe, als deren Sohn die Erlebnisse seiner Reise im Sinne und Geist
des verklrten Freundes ihr zu schildern. Einen schmerzlichen
tiefempfundenen Brief schrieb er ferner an seine mtterliche Freundin in
England, die jetzt auf dem Lande, zu Castle Chatsworth wohnte. Eine
Stelle in diesem Briefe lautete: Mein Leben, o meine innigstverehrte
Freundin, ist fast nichts als eine Kette der schmerzlichsten
Trennungsstunden, deren jede einzelne mir, ich fhle es, ein Stck vom
Herzen reit. Und was bleibt mir zuletzt? Mu ich nicht frchten, am
Ende ganz einsam zu werden? Wie soll ich dem Leben und den Menschen ein
Herz bieten, wenn das Leben und die Menschen mir mein Herz so grausam
nehmen? Ist es nicht hart, in so jungen Jahren schon so viel Leid tragen
zu mssen? Meine Kindheit, meine Knaben- und Jnglingsjahre flossen
ungetrbt dahin; auf einmal nahte mir, ein Blitz aus heiterem Himmel,
die Bitterkeit der Welt, ihr Wehrmuthbecher war so mit herber Sure
gemischt, da ihre Wirkung mir das Herz zusammenschnrte. Im Paradiese
war ich und wute es nicht, eine einzige bse Stunde, und ich war aus
ihm, verstoen, nicht ohne meine Schuld! O, wie jener Gedanke an meinen
unseligen Fluch mich qult, der mir selbst zum Fluche wird! Immer stehen
vor meiner Seele jene drei Gemlde Wouwermann's, welche das Wohnzimmer
der Gromutter in ihrem Hause zu Hamburg schmcken. Das eine, Schlo
Varel, mit einer Gruppe frhlich von der Hhnerjagd heimkehrender
Jger, mit Gewehren, Hhnerhunden, ein buntes frhliches Gewimmel. Auch
ich kehrte einst frhlich und heiteren Muthes unbefangen dorthin zurck,
ein junger frischer Weidmann mit reichlicher Jagdbeute fr der
Gromutter Kche. Am andern Tage erfolgte der Abschied von ihr, der
theueren Greisin, und der Sohn des Hauses sah dieses Haus mit dem Rcken
an. Neben Schlo Varel hngt Schlo Kniphausen, von demselben Meister.
Hier ist es eine Gesellschaft edler Damen und Herren zu Ro und zu Fu,
die mit Falken zur Reiherbeize ausziehen. O, wie tief hat sich mir jener
Tag in die Seele geprgt, immer denke ich des Falken von Kniphausen, des
Wunderpokals, den _ihre_ Lippen fr ewig weihten! Dieses Kleinod mchte
ich besitzen und sonst kein anderes in der Welt, nicht die Diamanten der
reichsten Krone! Was war mein Glck? Wie heit es? Scheiden und Meiden.

Und neben dem Bild von Kniphausen hngt das von Schlo Doorwerth, von
der Rheinseite aus betrachtet; im Vordergrund der Strom, zur Seite das
Fhrhaus, in der Tiefe das stattliche mchtige Kastell mit seinen
Thrmen, Basteien, Schiescharten und der Zugbrcke. Kriegerisch blickt
es auf die flache Landschaft nieder, und so hat der Meister auch nach
der ihm eigenthmlichen Weise den Vordergrund belebt; ein Schiff liegt
am Uferbord, Kriegergruppen tummeln sich dort umher zu Fu und Ro, eine
Schanze wird aufgeworfen, es ist die Dnenschanze. Erlebte ich dort
nicht des kriegerischen Wesens genug? Mute ich nicht auch dort scheiden
von Seelen, die mein Herz im Stillen liebte?

Und ein viertes Schlo, davon ich kein Bild kenne auer demjenigen,
welches in meinem Innern in glhenden Farben prangt, das nicht in
Friesland liegt, nicht in Holland, wie war es dort so schn, wie
umblhte es der holdeste Zauber der allliebenden Natur, zwei Gestalten
wandeln auf diesem Bilde -- und was nahm ich mit hinweg? Wieder den
tiefsten Schmerz einer Trennung. Trennung, und immer Trennung, so wird
es fortgehen, bis ich ganz allein stehe, ich werde keine Seele, die ich
liebe, mehr um mich haben, ungenannt, ungekannt wird das dunkle Leben
des Dunkelgrafen verklingen, der durch das Leben seinen Schatten trug.
Vom wackersten Freunde mute ich zuletzt mich trennen, den geliebtesten
Freund mute ich begraben, glauben Sie mir, theuerste Freundin, da ich
stets zittere, wenn mein treuer Philipp mir Briefe bringt. Wird nicht
wieder eine Todesnachricht darin stehen? denke ich jedesmal. So verfolgt
mich mein dunkler Schatten, die Nacht meiner Gedanken, wie Andere mein
unseliger Fluch verfolgt! Haben Sie Acht, was Alles noch wahr wird! Und
erst heute, ein Wiedersehen, an dessen nchste Secunden abermals eine
Trennung sich knpfte. Krperlich bin ich gesnder geworden, geistig
leide ich mehr als je. Ich habe kein Lebensziel, mein Dasein hat keinen
wrdigen und erhabenen Zweck, das ist ein Unglck, ich selbst kann mir
keinen schaffen, das ist ein noch greres! Aber ich habe die Hoffnung
noch nicht aufgegeben, einen zu finden, und sollte ich ihn weit, recht
weit suchen.

Leben Sie tausendmal wohl, und froh und reich und glcklich! Ich
erwarte auf diesen verworrenen Brief keine Antwort, aber streuen Sie aus
der Ferne die frommen Blumen Ihres Segens auf den umdunkelten Lebensweg
Ihres

                                                    Ludwig.

Der herzogliche Beamte rckte mit dem Kammerdiener Grimm und den zehn
Mann Schutzmannschaft Abends in Hildburghausen ein. Als er seinem
Gebieter am anderen Morgen vom Erfolg seiner Sendung Bericht erstattete,
in der Meinung, der Graf habe dies schon am Abend vorher gethan, fragte
der Herzog: Wo ist der Varel, wo ist er? Ist nicht bei mir gewesen, hat
mir Nichts gesagt, sagt berhaupt nicht gerne was, der Sonderling, der!

Der Bchsenspanner Eberlein trat ein, und brachte Karten, hfliche
Abschiedskarten.

Graf Ludwig war abgereist.

Am nchsten Tage war er vergessen.

Was er Gutes fr das Land gethan, auch die ausgewirkte Schutzmannschaft,
das Alles wurde jetzt dem Verdienst des Beamten angerechnet, der den
Grafen begleitet hatte, er empfing das volle anerkennende Lob seines
Herrn, des Herzogs, und nahm es bescheiden hin, wie einem treuen Diener
ziemt.

Eins nur fesselte aus jenen Tagen in Hildburghausen dauernd des Grafen
Erinnerung. Das war jenes stille friedliche Dorf, wo er zuerst Sophie,
wo er Angs wiedergesehen hatte.




                            Dritter Theil.

                          Das stille Schlo.


    _Motto:_

    Wir singen und sagen vom Grafen so gern,
    Der hier in dem Schlosse gehauset.

        =Goethe.=




1. Eine Sterbestunde.


Trbe schaurige Herbsttage, mit denen des Jahres unfreundlichster Monat,
der November, die Fluren berschleierte, wechselten mit unheimlichen
Nchten. Zwischen heftigen Sturmsten, welche die Schlsser
erschtterten und sie in ihren Grundfesten erbeben machten, wurde zu
Varel wie zu Kniphausen von fern her der Wogendonner der Nordsee
vernommen, sie und die Flut im Jahdebusen schlug hohe Wellen. Es regnete
und schneite zu gleicher Zeit fast unaufhrlich durcheinander. In ihrem
Zimmer sa die alte Reichsgrfin, starr, mit ganz verfallenen Zgen,
aber immer noch krperkrftig und noch weniger verlassen von den Krften
ihres seltenen Geistes. Sie war ganz allein; die schne Cyperkatze, die
sich einst so traulich an sie angeschmiegt, war lngst gestorben. -- Im
leisen Selbstgesprch bewegte die alte Frau die Lippen des zahnlosen
Mundes, und gab den Empfindungen Worte, die ihr Herz in schwerem Kampf
bewegten.

Es ist Alles eitel unter der Sonne, Alles, sprach sie mit den Worten
Salomo's, deren erschtternde Wahrheit der Mensch mehr und mehr erkennen
lernt, je nher er dem letzten Ziel dieses irdischen Lebens kommt. Hier
stehe ich nun, eine in sich selbst zusammenbrechende Ruine, und was habe
ich nicht Alles erlebt, gethan, geschaffen, fr wie Viele mich abgemht,
und was habe ich mit Alledem erreicht? Stehe ich nicht da, wie jener
groe Weise des Alterthums, kann ich nicht sprechen gleich ihm: Ich
machte mir Grten und Lustgrten, und pflanzte allerlei fruchtbare Bume
darein? -- Mein Marienthal grnt hier noch fort, und die Nachwelt erlabt
sich seiner khlen Schatten. Ich machte mir Deiche, daraus zu wssern
den Wald der grnenden Bume. Noch andere Deiche schuf ich, die das
Land beschtzen vor den drohenden Meereswogen, ich opferte mich auf fr
dieses Land. Ich hatte Knechte und Mgde und Gesinde, habe sie noch,
fttere und nhre Viele umsonst, deren ich nicht mehr bedarf, die aber
meiner bedrfen. Ich sammelte mir auch Silber und Gold, und war den
Knigen und Lndern ein Schatz, spricht der weise Prediger. So that
auch ich; ich sammelte einen reichen Schatz in Gold und Silber und in
Erz, welches der edle Rost von Jahrtausenden ziert, meine Mnzen. Und
was wird das Loos dieser Sammlung sein? Die sie nach mir besitzen,
werden gemnztes Gold und Silber nthiger brauchen, werden meinen Schatz
verkaufen, und er wird allmhlig wieder kommen in die Hnde der Hndler,
wird zerstreut werden, wie er vor mir zerstreut war, denn es ist Alles
eitel, ja, da ich ansah alle meine Werke, die meine Hand gethan hatte,
und die Mhe schtze, die ich gehabt hatte, siehe da war es Alles eitel
und Jammer und Nichts mehr unter der Sonne. Jammer, ja wohl, Jammer! O
du hoher Prophet, du Weiser im Purpurmantel! Theure und werthe Verwandte
sah ich verbannt werden und in Jammer und Elend ziehen, werthes
Besitzthum sah ich verloren gehen und mich dessen beraubt werden, womit
ich Andere glcklich machen wollte, mein geliebtester Enkel ist weit,
weit von mir gegangen, wird mir nicht die Augen zudrcken, zieht einem
jungen schnen Stern liebend nach, und drben in Kniphausen bricht ein
reines, edles Herz an einem Weh, das unaussprechlich ist. Jammer!
Jammer! Und so werde ich mit vollem Rechte sagen mssen mit dem
Prediger: Mich verdro alle meine Arbeit, die ich unter der Sonne
hatte, da ich dieselbe einem Menschen lassen mute, der nach mir sein
soll. Denn wer wei ob er weise oder toll sein wird, und soll doch
herrschen in aller meiner Arbeit!

Fort mit den thrichten Gedanken! rief aus ihrem trben Sinnen sich
aufrichtend die Reichsgrfin; mit derartigen Gedanken sich zu qulen,
ist auch eitel, und der Herr, singt der Psalmist, der Herr wei die
Gedanken der Menschen, da sie eitel sind.

Die Matrone klingelte, der Diener trat ein: Ich lasse die Herren bitten!

Es stand ein groer grner Tisch im Zimmer, fnf Polstersthle
umstanden denselben. Die Reichsgrfin lie sich auf dem Sessel am oberen
Ende dieses Tisches nieder und bltterte in einigen vor ihr liegenden
Actenheften. Die Thre ging auf, die Herren traten unter Verbeugungen
ein; es waren der Hofrath Brnings, der Rath Melchers, der Secretr
Wippermann und der Haushofmeister Windt, der immer noch den alten Titel
hatte, der aber zu Dem, was er wirklich leistete und geleistet hatte,
wenig pate.

Ich gre Sie, meine Herren! Wollen Sie geflligst Platz nehmen! sprach
mit leisem Neigen ihres Hauptes die alte stolze Herrin, und als ihrem
Winke Folge geleistet worden war, redete sie fest und wie ein Mann die
Anwesenden an: Nach langer, sehr langer Unterbrechung sehen wir uns
heute wieder vereinigt, um Unterhandlungen und Vertrge aufs Neue
aufzunehmen, deren vlliger Abschlu stets durch unverhoffte
Widerwrtigkeiten hinausgeschoben und verzgert wurde, von denen die
wichtigste die langwierige Haft meines geliebten ltesten Enkels, des
regierenden Herrn, war. Nach unsglicher Mhe, die wir es uns kosten
lieen, durch Verwendungen bei Gott und der Welt, ist es mir endlich
gelungen, den Erbherrn frei zu machen und ihn den Seinigen
zurckzugeben, was nimmermehr geschehen wre, wenn ich nicht Himmel und
Hlle beschworen htte, denn ich mu es immer sein, die in meiner
Familie handelt. Mein zweiter Enkel ist nach England bergesiedelt und
hat mit seinem Vetter William, dem Vice-Admiral, Separatvertrge
abgeschlossen. Hchst erwnscht wre fr uns die Anwesenheit meines
ltesten Enkels, der uns nahe genug ist, aber ihn hindert das schwere
Kranksein seiner Gemahlin, hier zu erscheinen; und da drben das
Aeuerste zu befrchten ist, so wrde es zwecklos sein, unsere Berathung
auf die nchste Zeit zu verschieben. Ihnen Allen ist bekannt, wie es der
lebhafteste Wunsch meines ltesten Herrn Enkels war und ist, sich im
Besitz der Herrlichkeit Doorwerth zu sehen, wie hier mein getreuer Herr
Windt Alles aufgeboten hat, im beiderseitigen Vortheil zu handeln und
beiderseitigen Wnschen zur Erfllung zu verhelfen. Es war Alles im
besten Gange, mein Enkel bot willig aufs Neue die Hand zu gtlichem
Vergleich, er machte selbst eine Anzahlung, da hemmt seine unglckliche
Haft wieder Alles, Vergleich, Vertrge und fernere Zahlungen. Und doch,
meine Herren, wenn jetzt kein Vergleich in aller Form Rechtens zu
Stande kommt, dann kommt ein solcher zwischen mir und meinen Enkeln nie
zu Stande, denn ich fhle es, ich bin zum Letztenmale hier in Varel und
mein Leben neigt sich rasch zu Ende -- ist es doch ein Wunder, da der
altersmorsche Bau so lange ausgedauert hat. Hren Sie den entsetzlichen
Sturm drauen, meine Herren? So heftige Strme im Innern, im Gemthe
haben mich gar oft durchschttert, endlich bricht der Damm, endlich
fluthet die letzte Dne in der wild brandenden Wirbelwelle des Lebens
dahin! Sagen Sie, bester Herr Rath Melchers, dem Bevollmchtigten meines
ltesten Enkels Herrn Hofrath Brnings die neu zu Papier gebrachten
Vergleichsbedingungen, und Sie Herr Secretr Wippermann, nehmen Alles
genau zu Protocoll. Sie, mein lieber Windt, theilen dann den geehrten
Herren das Weitere mit, und dann berathen Sie gemeinschaftlich, whrend
ich mich zurckziehe, allseits nach bester Einsicht.

Die Reichsgrfin erhob sich, und ging mit festen Schritten aus dem
Zimmer in das anstoende Gemach.

Melchers that wie ihm geheien war; er las aus einer Schrift die
Vergleichsbedingungen vor, welche mannichfache Abnderung erfahren
hatten, und jetzt in der Krze folgenden Inhaltes waren: Alle Processe
sollten ab sein fr immer, alles vorhergegangene Unangenehme gegenseitig
vergeben und vergessen, alle gegenseitigen Ansprche sollten fallen,
wechselseitiges Vertrauen, Freundschaft und vollkommene Eintracht sollen
knftig in der hohen Familie herrschen. Doorwerth solle noch bei
Lebzeiten der Frau Reichsgrfin Excellenz an den Erbherrn abgetreten
werden, dagegen der letztere jene Summe zahlen, welche namhaft gemacht
worden, nmlich 150,000 hollndische Gulden in nher zu bestimmenden
Terminen, 14,000 Reichsthaler in Gold jhrlich und bis 2 Jahre nach dem
Tode der Reichsgrfin an deren Miterben fr den Besitz der deutschen
Gter ebenfalls in den bisher gewhnlichen Terminen, und ber diese
Summe solle der Frau Reichsgrfin Excellenz die Verfgung vllig frei
stehen, ebenso wie ber ihren smmtlichen Hamburgischen Nachla, jedoch
mit Ausnahme jener Edelsteine, die Fideicommigut des reichsgrflichen
Hauses seien, was sich von selbst verstehe und nur angefhrt werde,
damit nach Illustrissim Ableben gar keine Handhabe zu irgend neuen
Zwiespalten zu finden sei, und nach so manchem traurigen Zerwrfni
hinfort Alles ehren- und standesgem verhandelt werde.

Es sind dies, nahm Hofrath Brnings das Wort: dieselben Artikel, mein
verehrter Herr College Melchers, zu welchen sich meines gndigen Herrn
Grafen Excellenz in meinem Beisein verpflichtet haben.

Und zu deren Aufsetzung auch ich das Meinige gethan, sprach Windt, um
Ihre Hochreichsgrfliche Excellenz die Frau Gromutter zu berzeugen,
da es auf keine lngere Verzgerung abgesehen ist von Seiten des
regierenden Erbherrn.

Es wrden demnach, nahm Brnings das Wort, in die Vergleichs-Artikel
einzuschalten sein die Bedingungen, da, unter Vorbehalt der Erfllung
alles Zugesagten, die Frau Reichsgrfin Excellenz ihrem Herrn Enkel die
Herrlichkeit Doorwerth mit aller Zubehr zum eigenthmlichen Besitz
bertrage und gnzlich cedire, wie ich bitten mu, mit den bestimmt
ausgedrckten Worten: da wir zum Behufe unsers Enkels, des
hochgeborenen Herrn, und so weiter, und seiner Erben zum vollen und
vollkommenen Eigenthum cedirt und bergeben haben, cedirt und bergeben,
kraft dieses Instrumentes, unsere hohe und freie Herrlichkeit Doorwerth;
auch ferner wrtlich den Passus, da inmittelst Seine Hochgeboren der
regierende Herr Graf in Ansehung aller so Feudal- als Allodial-Gter
handeln knne nach seinem Wohlgefallen.

Ich wei doch nicht, hochverehrtester Herr College, sprach hierauf der
Rath Melchers: ob man wohl thut, diese Sache so zu beschleunigen? Wozu
Eile in Rechtssachen? ist ein alter Spruch. Mir leuchtet der zwar jetzt
von mir vorgetragene, aber von Ihnen entworfene Plan und Modus durchaus
nicht ein, und ich wrde meiner gndigsten Gebieterin ebenso wenig
anrathen knnen, die von Ihnen, Herr Hofrath, so eben angefhrten
Stellen wrtlich in den Vergleichs-Vertrag aufzunehmen, bevor nicht
wirklich statt der nur erst angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger
Banco die erstbedungene Zahlung von fnfzigtausend Gulden vllig und
baar entrichtet worden ist; denn die Hauptfrage bei diesem Geschft
bleibt doch immer die: Kann des gndigen Herrn Grafen Excellenz zahlen
oder kann Hochderselbe nicht zahlen?

Wenn er nicht zahlen knnte, mein verehrter Herr College, entgegnete
Hofrath Brnings, indem er mit einiger Raschheit eine Priese nahm: so
wrde Hochderselbe sich nicht zur Zahlung verpflichten!

Ihr Wort in Ehren, bester Herr College, versetzte Rath Melchers sehr
ruhig. Nehmen Sie um des Himmelswillen nicht, was ich sage, und im
Namen, wie im Interesse meiner hohen Gebieterin uern mu, selbst wenn
Hochdieselbe mir diese Bemerkungen nicht auftrug, nehmen Sie dies in
keiner Weise persnlich; ich hege ja gegen den gndigen Erbherrn die
gromglichste Verehrung. Aber sagen Sie selbst, wollen und knnen Sie
es verhehlen, da derselbe arm ist? Hatte er nicht allen Credit verloren
schon vor seiner Gefangenschaft? Hat ihm nicht, wie Freund Windt mir
besttigen wird, der eigene Bruder jede Hlfe abgesagt, ebenso der beste
Freund, Graf Grovestein? Ebenso der hohe Verwandte, der Herzog von
Portland? Und nur ein Kaufmann aus Amsterdam war es, der dem jungen
Herrn damals die Summe von fnfzigtausend Gulden zur Verfgung stellte,
mit der dieser ebenso gromthig als unbedachtsam dem Erbherrn zu helfen
glaubte, damit aber nur Wasser in die Zuider-See go! Nie wird diese
Summe, die, statt ganz auf Doorwerth angelegt und angezahlt zu werden,
fr politische Gaukeleien zersplittert wurde, zurck bezahlt werden
knnen, denn sie wird ja nicht einmal verzinst.

Herr! fuhr Hofrath Brnings auf: Nennen Sie den edelsten Patriotismus,
die heilige Vaterlandsliebe in der Brust eines wahrhaften Edel- und
Ehrenmannes, eine politische Gaukelei?

Ereifern Sie sich nicht, geehrter Herr! erwiederte Melchers, ein schon
ziemlich bejahrter Mann mit einem vollen gemthlichen Gesicht, das zu
dem feinen, spitzen und hohlwangigen Antlitz des Hofrath Brnings einen
sehr angenehmen Gegensatz bildete: wir sind nicht hier, um uns ber
politische Ansichten zu streiten. Ich bekmpfe nicht die Ihrigen, und
will die Meinen nicht bekmpfen lassen. Gaukelei im erwhnten Sinne
nenne ich jedes Unternehmen und jede That auf dem politischen Gebiete,
die der Welt unntz sind und dem, der sie ohne Voraussicht, ohne
Ueberlegung beginnt, nur Schaden und nicht den mindesten Nutzen bringen.

Fr Leute solchen Schlages, warf Brnings voll sittlicher Entrstung und
tiefer Verachtung hin: gibt es keine Mannestugend, keine
Vaterlandsliebe, keine Aufopferungsfhigkeit; ihnen schlgt nie das
Herz in der Brust unruhiger beim Unglck ihres Volkes, beim Jammerruf
der geknechteten Menschheit, sie verschlieen ihr Ohr der Wehklage um
die hingemordete Freiheit und dem Rufe der Sturmglocken bei der Noth des
Vaterlandes!

Mit Absicht verschliee ich nie mein Ohr, hochgeschtzter Herr College,
versetzte Melchers mit heiterer Ruhe; aber ich frage Sie, war etwa unser
Vaterland in Noth, als die Unterthanen in den hiesigen Herrlichkeiten
keine Steuern mehr geben wollten? War das Volk unglcklich, da es in
toller Nachfferei Frankreichs sich von seiner Herrschaft lossagen und
diese womglich fortjagen wollte? Waren es Weise Griechenlands oder
waren es Affen Frankreichs, die im Casino zu Varel auf einmal ihre Hte
auf den Kpfen behielten und einander den Titel _Brger_ beilegten? Doch
genug, bester Herr College, ber dieses in der That affreuse Kapitel.

Ich bitte, meine Herren, nach dieser interessanten Abschweifung wieder
zurck und auf unser Hauptthema zu kommen, ermahnte Windt die
Streitenden mit ironischem Lcheln. Wir werden hier am friedlichen
Jahdebusen nimmermehr auskmpfen, was im Weltmeer der Geschichte ghrt
und streitet. Wir Deutsche sind berhaupt niemals unpolitischer, als
wenn wir ins Politisiren hineingerathen. Herr Kammerrath Melchers also
sind der Ansicht, da des regierenden Herrn Grafen Excellenz nicht die
Mittel finden werde, zur rechten Zeit oder berhaupt jemals Zahlung
leisten zu knnen?

Die Sache steht so, erwiederte Melchers: die an Ihre Excellenz die Frau
Reichsgrfin zu zahlende Summe betrgt einhundertundfnfzigtausend
Gulden, davon sollen im ersten Termine acht Wochen nach Unterzeichnung
und Austausch der Contracte, fnfzigtausend Gulden angezahlt werden, mit
Ingebriff der bereits angezahlten zwanzigtausend Mark Hamburger Banco.
Acht Wochen spter und zwar nach erfolgter Uebergabe der Herrlichkeit
Doorwerth soll der zweite Termin nicht mit der gleichen Summe, sondern
mit hunderttausend Gulden erfolgen, und auerdem soll der Erbherr,
innerhalb der ersten acht Tage, in denen er im Besitz der Herrlichkeit
ist, der hochgrflichen Frau Gromutter eine bndige Obligation auf
fnfundzwanzigtausend Reichsthaler in Gold behndigen.

Eine Obligation, nahm Brnings hastig das Wort, welche der gndige Herr
sehr gut ausstellen kann, da ausdrcklich bedungen ist, da diese Summe
nicht verzinst, auch weder von der Frau Grfin selbst, noch von einem
sonstigen Besitzer baar eingefordert werden kann und soll, bis sich
gnstigere Finanz- oder besondere Glcksumstnde ereignen.

O weh, Herr College! rief Melchers. Bauen Sie auf solchen Grund den
Palast Ihrer Hoffnungen? Auf Finanzverbesserungen hoffen Sie? Ich sehe
in der Zukunft nur Verschlimmerungen! Oder auf Glcksumstnde? Da thun
Sie mir leid, das sind die trglichen Hoffnungen eines Spielers!
Bedenken Sie doch selbst als erfahrener Finanzmann, denn in Ihrem Fach
sind Sie nicht so unpraktisch, wie in Ihren politischen Ideen, was ist
die Obligation eines Mannes werth, der insolvent ist? Wer brgt fr ihn?
Auf welche Besitzungen kann er erste Hypotheke geben? Wo flieen ihm
auergewhnliche Einnahmequellen? Und das Alles in einer Zeit, in
welcher Niemand sagen kann, da sein Vermgen gedeckt und gesichert sei,
und seine zeitlichen Umstnde nicht schneller Umwandlung erliegen?
Mglich ist Alles, und es wird ja genugsam auf den Umsturz
hingearbeitet. Dann sind wir die lngste Zeit Herren in den
Herrlichkeiten gewesen. Dnemark greift zu und vereinigt dieses Land mit
Holstein.

Nun denn, sprach Brnings: wenn es so steht, da an die Stelle
erwarteten Vertrauens das offenbare Mitrauen tritt, wenn statt
bedachter Klugheit die Klgelei vorwaltet, dann rathe ich und mu ich
rathen, mit dem Vergleich und dem Verkaufs-Geschft noch zu warten, und
Alles einer sich ruhiger gestaltenden Zukunft zur weiteren Entwickelung
anheim zu geben.

#Concedo#, mein werther Herr College! rief Melchers: dacht' es gleich,
da wir uns einigen wrden; inzwischen wird wohl fr meine hochgndige
Gebieterin das Beste sein, die Gter, wie ganz in der Ordnung, und wie
es auch billig ist, lieber an sich zu behalten, als sie so auf ein
Gerathewohl hinzugeben; darum denke ich, meine Herren, wir machen
Schicht!

Und sind so weit wie zuvor! rief pltzlich die Stimme der still wieder
eingetretenen Reichsgrfin mit heftigem Tone. Wahrlich, wenn Ruland,
Frankreich, England, Oesterreich, Preuen, Deutschland, Schweden,
Dnemark und die Trkei mit einander Kriege fhren und zuvor die
Streitfrage diplomatisch ausfechten wollten, so knnte kaum langweiliger
und unentschiedener gehandelt werden, als hier der Fall ist um ein
einziges Kammergut. Ich will Doorwerth verkaufen, ich _will_ es meinem
ltesten Enkel verkaufen. Warum kommen die Herren nicht berein, warum
wird nicht abgestimmt und abgeschlossen kurz und rund, wie ich es will?

Die ganz nach Art zaghafter und bedenklicher Bureaukraten, denen es
vllig einerlei ist, ob die Welt untergeht, wenn nur ihre Rechnungen
stimmen und kein Deficit in ihren Geldtruhen ist, hingezgerte und
verklgelte Verhandlung wurde hier pltzlich durch den Eintritt des
alten Dieners Weibrod unterbrochen, welcher sich mit der Meldung zu der
Reichsgrfin wandte: Ihre Excellenz verzeihen mir gndigst die Strung,
aber die Sache ist dringend. So eben kam ein reitender Bote, ber und
ber triefend, und halb erstarrt, von Kniphausen herauf.

O Gott! Was gibt es? rief die alte Dame, von einer dunklen Vorahnung
ergriffen:

Der Bote kommt vom gndigen Herrn! berichtete Weibrod: er hat keinen
Brief, der Herr haben ihm mndlich aufgetragen und auszurichten
anbefohlen, daߠ--

Was? Heraus damit, rief die Grfin fest und entschieden, als Jener in
seiner Rede stockte.

Des Erbherrn Gemahlin wren sehr krank und wnschten dringend Ihre
Excellenz noch einmal zu sprechen.

Ottoline! Das arme Herz, ich hab' es geahnt, sprach die Reichsgrfin
leise vor sich hin: wohl denn, es geschehe ihr Wille.

Aber Excellenz, rief Weibrod bestrzt; das entsetzliche Wetter!

Gegenber dem Willen eines Sterbenden gibt es kein Wetter, Alter! Lasse
gleich den groen Glaswagen anspannen, sage der Windt, da sie mich
begleiten soll, auch Sie, Herr Windt, darf ich wohl bitten, mir den
Gefallen zu thun und mitzufahren. Nehmen Sie doch aus den Acten jene
Quittung mit -- das Weitere flsterte sie so leise, da nur der
Haushofmeister es vernahm, dann wandte sie sich wieder zu den Uebrigen.
Ihnen, meine Herren, danke ich fr die abermalige fruchtlose Bemhung
ganz nach Verdienst. Ich sehe ein, da Sie allseits es redlich und treu
mit mir meinen, aber langweilig ist die Sache, sehr langweilig. Selbst
das hochweise Kammergericht zu Wetzlar ist nicht langweiliger und
weitschweifiger. Und nun soll gar Nichts aus dem ganzen Handel werden,
gar Nichts, nun will ich nicht mehr! Niemand soll wieder davon mit mir
zu reden anfangen, ich verbitte und untersage dies ernstlich. Adieu,
meine Herren!

Bitterbse rauschte die Reichsgrfin aus dem Zimmer und warf dessen
Thre mit ungndiger Heftigkeit hinter sich zu.

Ein bses Wetter heute, meine Herren! sprach Hofrath Brnings und zog
die Dose. Nehmen wir noch eine Prise mit auf den Heimweg! Und Sie, Herr
Haushofmeister, erklten Sie sich nicht. Ich beneide Sie nicht um die
bevorstehende Spazierfahrt, Sie werden dabei viel Sturm auszustehen
haben.

Mit Windeseile jagten sechs stattliche Rappen durch Sturm und Regen ber
Meereskies und Marschland auf dem besten Wege von Varel nach Kniphausen
dahin. Herr Brnings aber hatte sich doch geirrt; die hochbejahrte Frau,
die den Aufruhr der Elemente nicht scheute, um den Wunsch einer dem Tode
nahen Enkelin zu erfllen, hatte ihr Antlitz in Schleier gehllt und sa
whrend der ganzen Fahrt still und regungslos im Wagen. Vor ihr hatten
Windt und dessen Schwester den Rcksitz eingenommen. Da die Herrin nicht
redete, wagten auch ihre Begleiter nicht zu sprechen. Die Made war
furchtbar angeschwollen, fast war die Brcke bedroht, jetzt zeigte sich
formlos in Nebelschleiern das stattliche Schlo, grau wie ein
Gespensterhaus.

Einige Augenblicke legte sich der Sturm, da drang ein heierer Schrei
herber vom einsam ragenden Marienthurme; ein Falke, der im Gemuer sein
Nest hatte, schrie so laut und ngstlich. Noch eine bange Viertelstunde
und Schlo Kniphausen war erreicht. Der Tag war der 24. November des
Jahres 1799.

Der Erbherr trat der Reichsgrfin verstrt entgegen, es war ein
trauriges Wiedersehen. Gromutter und Enkel wechselten nur wenige Worte,
die Dienerschaft stand bleich und bekmmert auf den Gallerien, viele
hatten verweinte Augen. Den Erbherrn hatte die lange Haft und manche
Sorge sehr verndert: jetzt beugte ihn tiefer Kummer nieder, denn er
hatte seine Gemahlin wahrhaft geliebt, wenn auch sein oft rasches und
verletzendes Wesen durchaus nicht zu Ottolinens sanftem Charakter und
ihrer idealen Anschauung des Lebens stimmte -- wenn auch, was ihrem
scharfen Blick nicht entgangen war, die Anwesenheit ihrer Kammerfrau,
die erst whrend seiner Abwesenheit in das Schlo gekommen war, und,
obschon die Tochter eines Bauern, doch bei ungemein viel Schnheit auch
ungemein viel Bildungsfhigkeit besa, ihn sichtbar interessirte und
unruhig machte. Es war dies die Jungfrau Sara Margaretha Gerdes.

Der Erbherr ging mit stiller Fassung in demselben Gemache auf und ab, in
welchem noch auf seiner alten Stelle der Falk von Kniphausen stand;
Windt war bei ihm, ihre Gesprche galten Doorwerth.

Im Zimmer Sara's weilten Ottolinens Kinder; die lteste Tochter Maria
Antoinette Charlotte, und Ottoline Friederike Luise, holde Mdchen von
sechs und sieben Jahren, die bisher der kranken Mutter einziges Glck
gewesen, und nun dieses liebevolle, zrtliche Herz verlieren sollten.

Am Lager der schwer kranken Herrin sa die alte Reichsgrfin. Ottoline
hielt deren hagere Hand in der ihrigen, und blickte aus den
tiefeingesunkenen groen blauen Augen schmerzlich zu der treuen Matrone
empor.

Wo ist jetzt Ludwig? fragte die Kranke mit leisem Hauche.

Er hat Deutschland verlassen, antwortete die Reichsgrfin; er zog seinem
Glcke nach -- fast frchte ich, er findet es niemals.

Ach, -- der grausame Freund! seufzte Ottoline. Warum rettete er damals
mein Leben fr so viele Qual und Pein? Warum lernte ich zu spt ihn
kennen, -- ach -- ihn lieben! Fnf Jahre hindurch trug ich sieben
Schwerter im Herzen, ein Schwert der Liebe, ein Schwert der Reue, ein
Schwert der Bue, ein Schwert der Sehnsucht, ein Schwert der
Hoffnungslosigkeit, ein Schwert der Krankheit, ein Schwert der Schmerzen
-- und nun -- sind sie alle von mir genommen -- ich fhle keinen Schmerz
mehr -- ich fhle mich leicht -- aber kalt. Meine Fe haben schon keine
Empfindung mehr.

Nicht zu viel sprechen, meine Beste! mahnte sie die Reichsgrfin.

Ach, ich lie Sie ja bitten, wrdige Gromutter, flsterte Ottoline:
weil ich sprechen wollte zu Ihnen -- mit Ihnen -- von ihm. Jetzt, wo alle
Banden abfallen von der frei werdenden Seele, jetzt sage ich es, und
sage es Ihnen, und bitte Sie, es ihm wieder zu sagen, da ich ihn
unendlich geliebt habe -- ja unendlich -- unendlich! Das sagen Sie ihm,
beste Gromutter -- und er soll meiner nie vergessen -- ach, ich mchte so
gern -- ihm ein Andenken geben -- wre nur der Falke mein -- der Falke, aus
dem wir tranken -- den ich ihm kredenzte -- er sollte ihn haben -- das
wollte ich Ihnen sagen, Gromutter -- das ist mein letzter Wunsch auf
Erden.

Ich sichere dessen Erfllung zu, antwortete die alte Herrin, und ein
stummer, aber leuchtender, schon halb verklrter Blick dankte ihr; dann
erhob Ottoline beide Hnde, und rief: Meine Kinder! Wo sind meine
Kinder? Ich will sie noch einmal sehen und sie segnen!

Die Reichsgrfin gebot die Mdchen zu bringen, sie nahm sie selbst in
Empfang und fhrte sie an das Lager ihrer sterbenden Mutter. Ottoline
weinte ihre letzten Thrnen, der Erbherr trat herein im stummen
mnnlichen Schmerz, der Schlokaplan, die Kammerfrauen, Windt, die
Dienerschaft, Alle still, leise schluchzend.

Bereits am Morgen dieses Tages hatte Ottoline das heilige Nachtmahl
empfangen. Jetzt begann der Schlokaplan laut zu beten, whrend die
ganze Dienerschaft auf die Kniee sank.

Auf den Schwingen des Gebetes entfloh Ottolinens reine Seele, sie
verschied ohne Kampf, ohne Schmerz, kaum mit einem leisen Rcheln -- und
ber das stille bleiche Antlitz, ber die vom Tode selbst
sanftgeschlossenen Augenlieder mit ihren langen seidenen Wimpern lagerte
sich der Friede Gottes.

Noch einmal erhob der Geistliche die Stimme, indem er nahe zum Lager der
Verblichenen trat, die Hnde erhob und das Zeichen des Kreuzes ber sie
schlug.--

Die Reichsgrfin weilte spter mit dem Erbherrn im Fremdenzimmer, beide
im stummen Schweigen. Solche Stunden voll heiliger Weihe des Schmerzes
machen nicht gesprchig.

Die alte Dame klingelte einem Diener, Jakob, der Jger, trat ein.

Rufe er den Hausmeister Mack einmal herauf, Jakob, auch Herrn Windt!

Was wollen Sie befehlen, gndige Gromama? fragte der Erbherr,
berrascht von diesem Worte.

Du sollst es gleich erfahren, gab die Reichsgrfin zur Antwort, und
Beide schwiegen wieder.

Die beiden gerufenen Haushofmeister traten fast zu gleicher Zeit ein.
Bringen Sie uns doch, Herr Mack, das lederne mit Sammet ausgeftterte
Futteral zu dem Falken! gebot die Herrin.

Nun, gndige Gromama? fragte der Erbherr. Was haben Sie?

Ich will meinen Falken mitnehmen!

Wie, Excellenz, Ihren Falken? Ich wei nicht anders, als da die
Edelsteine Fideicommi sind?

Mein Diamantenschmuck, ja, die Diamanten deiner theueren Verstorbenen
desgleichen, der Schmuck, dessen sich Frau von Varel, deines Bruders
Gemahlin, geborene Grfin Lynden, auer ihrem eigenen bedient,
desgleichen. Der Falk von Kniphausen aber ist mein -- ich lie ihn hier,
weil er hier an wrdiger Stelle stand, und weil Ottoline an ihm ihre
Freude hatte. Doch damit in dieser ernsten Stunde deine Gedanken nicht
mich und nicht dich selbst verletzen, mein theuerer Enkel, so bitte,
lieber Windt -- das Papier, das ich Sie ersuchte, zu sich zu nehmen.
Hier, mein guter Wilhelm!

Der Erbherr nahm das Papier und blickte hinein, es war die Rechnung ber
den Falken, gefertigt auf Befehl der Reichsgrfin Sophie Charlotte,
Herrin zu Varel und Kniphausen, mit namhafter Angabe des zu dem
Kunstwerk verwendeten Goldes, so wie aller Edelsteine, und der hohen
Frau Bestellerin zu Dank vergngt quittirt von den Gebrdern Dinglinger,
Kniglichen Hofjuwelieren zu Dresden.

Intendant Mack brachte das Futteral; die Reichsgrfin schob den Falken
mit eigener Hand hinein, und Windt trug ihn hinab zum Wagen.




2. Das Andenken.


Graf Ludwig weilte wieder auf deutschem Boden. Er war jenen Reisenden
hohen Ranges Begleiter geworden; ein ungewhnliches Vertrauen hatte ihn
beglckt, Angs hatte dieses Vertrauen bewirkt, ja selbst Sophie, das
herrlich sich entfaltende Kind, hatte dazu beigetragen. Den Herzog
nthigten Pflicht und Ehre, seinen Lieben nur bis zur Grenze des
Sachsenlandes das Geleite zu geben; er lernte auf der Reise den Grafen,
der ihn im Thringerwalde einholte, kennen und hochachten, und ihm, dem
ganz unabhngigen, der Sprachen wie der politischen Verhltnisse
kundigen Mann, vertraute er unbedenklich den Schutz und die Fhrung
seiner Lieben an, beruhigter eilte er zum Heere zurck und an die Spitze
des Corps, welches unter Prinz Ludwig Joseph von Cond errichtet war und
dessen Namen trug. Manche tapfere That wurde vollfhrt, bis der
Prliminarfriede von Leoben den Krieg hemmte, und der Wiener Hof die
Verabschiedung des Condischen Corps bewirke. Aber dieses wollte sich
nicht auflsen; da erfolgte von Seiten des Kaisers von Ruland eine
Einladung an das ganze Corps, und der Prinz von Cond ging ihm voraus.
Der junge muthige Herzog, dem noch hher als die Liebe, der Muth die
Seele schwellte, blieb als Oberbefehlshaber des Corps an dessen Spitze,
leitete den Marsch durch Oesterreich, fhrte das Heer, 10,000 Mann
stark, nach Volhynien, eilte nach Petersburg, seine Angehrigen zu
begren, und fand dort Gelegenheit, den Grafen Ludwig fr seine treue
Anhnglichkeit und auergewhnlichen Dienstleistungen angemessen und
durch eine entsprechende uere Stellung zu belohnen.

Das Jahr 1799 rief den Prinzen von Cond und sein Heer wieder unter die
Waffen; der Herzog fhrte zwei Emigrantenregimenter und das russische
Infanterieregiment Titow nebst andern Truppen und rckte nach Schwaben
und der Schweiz vor, wo die rhmlichste Tapferkeit entfaltet wurde und
der Herzog groe Triumphe feierte. Verhltnisse des hheren politischen
Lebens, hauptschlich der Rcktritt des Kaisers Paul von Ruland von
der Coalition, bestimmten den Herzog, auf den Schutz, den das Theuerste,
was er besa, in Petersburg bisher genossen hatte, zu verzichten, er gab
Weisungen, da die Frauen und ihre Dienerschaft sich in eine deutsche
Stadt, die unbedroht vom Kriege war, begeben sollten. Da der Rath des
freundlichen Geleiters, den man als einen weitlufigen Verwandten durch
seine mtterliche Abstammung betrachtete und ihm volles Vertrauen
schenkte, von der Prinzessin erbeten wurde, so schlug Graf Ludwig
Hamburg vor, nicht nur, weil er selbst sich wieder nach Deutschland
zurck und in eine bekannte Gegend sehnte, sondern auch, weil er die
Ueberzeugung hatte, da die Prinzessin dort ganz nach ihren Wnschen
zurckgezogen und in vlliger Freiheit leben knne, whrend bei aller
Aufmerksamkeit, die man ihr erwies, das Leben am russischen Hofe ihr
doch auf die Dauer drckend geworden war.

Im Verhltni Ludwig's zu Angs hatte sich Nichts gendert; es war und
blieb wie es von je gewesen, eine auf die hchste gegenseitige Achtung
sich grndende, reinste Freundschaft. Zart und schonend hatte ihr
endlich Ludwig des Freundes Ableben mitgetheilt, viele Thrnen waren
noch gemeinschaftlich um Leonardus geflossen; Ludwig hatte des Freundes
Miniaturbild und die Bilder von vier Frauen, die er alle aus der
Erinnerung gemalt und mit vielem Glck getroffen, der Freundin
anvertraut. Es war das Bild der treuen Gromutter, der herrlichen
Mutter, es war das Bild der reizenden Ottoline und jenes der lieblichen
Angs, es war der Kranz von Bildern edler Menschen, die alle tiefen,
wunderbaren und unvergnglichen Eindruck auf sein Herz gemacht hatten,
jede einzelne Persnlichkeit auf verschiedene Weise, und alle einig in
dem Bestreben, ihn zu beglcken. Ottoline hatte ihn freilich so wenig
mit reichen Gaben bedenken knnen, wie Angs, aber sie hatte sein Herz
mit hohen Empfindungen erfllt; der erste Strahl aus einem reinen
Frauengemth war aus ihren Blicken in seine Seele gefallen, hatte ihm
seine Jugend verklrt, seinen Geist erhoben, dem fortan kein unreiner
Gedanke nahte. Und in Angs hatte Ludwig erkennen lernen, welchen
Reichthum edler Gefhle ein Frauenherz birgt; er hatte in ihr jenen
wahrhaften Seelenadel gefunden, der seinen Ursprung nicht aus alter
Abstammung und hoher Geburt herleitet, sondern aus dem eigenen
unentweihten Gemthe, das wohl sich emporzuringen vermag auf den Gipfel
reinster sittlicher Gre und Hoheit.

Angs war die groe und doch so zrtliche Seele, die ber sich selbst
den herrlichen Sieg gewann, die flammende Neigung zweier Freunde zu
bekmpfen und ihr zu widerstehen, die Beide der Liebe so wrdig waren,
die an ihrem Beispiel lernten, sich selbst zu beherrschen, und von denen
sie den Einen mit aller verhaltenen Glut ihrer Empfindung, mit aller
innigen Freundschaft den Andern liebte.

So beharrend in wrdiger und edler Selbstbeherrschung war Angs sich
selbst treu geblieben, und so hatte auch die Prinzessin ihr Wesen und
ihren Charakter von je erkannt und hochgeschtzt; sie wurde von dieser
wie eine Schwester behandelt und Angs blieb auch spter die Ausbildung
und Leitung des geliebten Kindes berlassen. Die Einrichtung war so
getroffen, da Angs nur in den nthigen Fllen mit der Prinzessin
ffentlich erschien, da die Wohnungen getrennt waren und keine Seele
den Antheil errathen konnte, den die Prinzessin an dem Kinde nahm.

Graf Ludwig wute, als er in Hamburg mit seinen Schutzbefohlenen
anlangte, noch Nichts vom Ableben der regierenden Reichsgrfin Ottoline;
er hatte auch von der Gromutter lange keine Nachricht erhalten und
leicht konnten ihn jetzt Briefe verfehlen. Inde vermuthete er seine
wrdige Gnnerin in Hamburg, und hatte sich nicht getuscht. Er miethete
sogleich in der Nhe des gromtterlichen Hauses eine Wohnung fr sich
und seine Begleitung und erfuhr, da auch Windt anwesend und die
Reichsgrfin bedenklich erkrankt sei.

Ludwig suchte den alten Freund auf, und diesen versetzte das
unvermuthete Wiedersehen in eben so viel Freude als Bestrzung.

Sie finden Ihre Frau Gromutter bedeutend krank, Herr Graf! sprach
Windt; und was die Vergleichssache angeht, so sind wir noch keinen
Schritt weiter, auer da der jngere Graf, Johann Carl, sich ganz nach
England bersiedelt hat und bereits Generallieutenant geworden ist.
Derselbe hat mit dem Erbherrn und dem Vice-Admiral William eigene
Vertrge abgeschlossen fr den zu erwartenden Todesfall der Frau
Gromutter, und geben Sie Acht, liebster Herr Graf, wenn sie die Augen
zuthut, so wird es heien: Sie haben meine Kleider getheilt und um
meinen Rock haben sie das Loos geworfen; ja ich vermuthe fast, sie haben
dies bereits gethan, denn ich hrte neulich ein Vglein pfeifen, unter
uns gesagt, Herr Wippermann hat geplaudert, als ich ihn jngst in einen
Austernkeller mitnahm und seine sonst schwere Zunge mit Champagner
lste; die Sache soll so abgekartet sein, da der Erbherr Varel und
Kniphausen behlt, so wie die Gter in Holland, wenn er sie nmlich
wieder bekommt, der Admiral aber die Herrlichkeit Doorwerth mit allen
ihren Schlssern, Drfern, Hfen, Wonnen und Weiden, Aeckern und Wiesen
und auch ein hbsches Stck Busch; dafr findet er den Grafen Johann
Carl mit Geld ab und tritt in dessen ganzes Erbrecht ein.

Mgen sie das Alles ganz nach ihrem Gefallen machen, wenn es sie nur
zufrieden stellt. Also der Erbherr ist frei? das freut mich; wie lebt
er? wie leben die Seinen? fragte Ludwig.

Sie leben in Trauerkleidern! entgegnete Windt. Es wird Sie schmerzen,
Herr Graf; ich sehe schon, mein Brief hat Sie nicht mehr getroffen; ich
hatte Befehl, Ihnen den betrbenden Fall zu melden.

Um Gott, welchen Fall?

Ottoline, die regierende Frau Reichsgrfin, diese sanfte Dulderin,
wandelt nicht mehr unter den Lebendigen.

O, mein Gott! seufzte Ludwig, und ein tiefer Schmerz durchschauerte sein
Gemth.

Sanft, wie sie gelebt, war ihr Verscheiden; ihre Kinder segnend, gehoben
durch die Trstungen der Religion, ging sie ein zum Frieden. Sie hat
viel und lange gelitten, und Ihrer, Herr Graf, hat sie, wie mir Ihre
Frau Gromutter vertraute, noch in den letzten Minuten gedacht.

Und der Erbherr, wie trug er diesen Verlust? fragte der Graf.

Er empfand ihn tief und schmerzlich, ganz gewi, antwortete Windt, wenn
er auch die Gre des Verlustes nicht zu ermessen wute. Doch verdammen
wir ihn nicht, Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen, langes
Fernsein vom heimischen Herde, die rauhe Soldaten- und Seemannsnatur. --
Sie begreifen was ich noch sagen knnte. Doch die Zeit wird das Weitere
lehren.

Und die Gromutter, seit wann ist sie krank? fragte Ludwig.

Ihre Krankheit ist das Alter! versetzte Windt. Denken Sie,
fnfundachtzig Jahre! Und fuhr noch in einem Wetter, in dem man keinen
Hund aus der Thr jagt, von Varel nach Kniphausen hinber, um den
Wunsch der sterbenden Erbherrin zu erfllen. Aber es ergriff sie schwer,
nicht auf dem Hinweg, nicht auf dem Herweg sprach sie mit mir und meiner
Schwester auch nur ein Sterbenswort. Sobald die Wege winterhart wurden,
reisten wir hierher, doch ist sie seitdem nicht wieder aus dem Hause
gekommen und ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Graf, da sie lebend auch
nicht wieder ber dessen Pforte kommt.

Sie sagen mir viel, o, allzuviel Trbes und Schmerzliches, liebster
Windt! seufzte Ludwig. Wie hatte ich mich gefreut auf mein
Hierherkommen, ich wollte der Gromutter eine Prinzessin wieder
zufhren, die eine Verwandte und die ein Engel an Liebenswrdigkeit ist,
die auch schon hier war, und jenes Kind, das Sie so liebevoll in
Doorwerth gehalten, jene kleine Sophie, die jetzt eilf Jahre alt ist und
noch Jemand.

Angs! rief Windt voll ungeheuchelter Freude. So haben Sie sie gefunden,
und sie hat endlich -- ihr Herz -- Ihnen--?

Nein, da irren Sie, mein Lieber! erwiederte Ludwig ernst. Angs ist sich
gleich geblieben, und ich habe berwunden. Es war ein herber Kampf mit
Liebe und Leidenschaft, der Sieg war schwer, aber jene Strophe strkte
mich, die mein verklrter Freund mir einst zurief.

    Wir mssen alle ringen,
    Des Kampfs bleibt Keiner frei;
    Doch soll ein Sieg gelingen,
    Frag' nicht, ob schwer er sei.

Wir siegten und wandeln nun in treuer Freundschaft verbunden neben
einander wie Bruder und Schwester.

Windt lie die alte Reichsgrfin durch seine Schwester auf das
Erscheinen ihres Enkels vorbereiten, und die dem Todte nahe Frau fhlte
sich dadurch neu belebt; sie sammelte nochmals ihre ganze Kraft und in
der That war es das letzte Gefhl irdischer Freude, das sie hob und
krftigte; sie konnte mit voller Stimme und im Tone alter Herzlichkeit
ihm zurufen: Sei mir tausendmal willkommen, mein geliebtester Enkel! Du
heiersehnter Liebling! Dich noch einmal zu sehen, ist Wonne meinen
alten fnfundachtzigjhrigen Augen, ist mir eine kstliche Arzenei,
heilsamer als Alles, was Doctor Reimarus in der Apotheke fr mich
zusammenbrauen lt!

Ludwig stand bewegt am Lager der gnzlich abgezehrten Greisin, deren
Augen aber immer noch hell blickten, deren Gedanken immer noch klar
waren.

Nach einer Pause, die der augenblicklichen Aufregung folgte, sprach sie
in Gegenwart von Windt's Schwester, die auf den Wink der Herrin bleiben
mute: Du kommst noch eben recht, um dir ein Andenken zu holen, das
auerdem nicht in deine Hnde gekommen wre, es ist ein Doppelandenken
und Ottoline bestimmte dir's, rathe, Ludwig, was es ist?

Ottoline mir ein Andenken? Wie sollt' ich das errathen, beste
Gromutter!

Die kranke Reichsgrfin winkte ihrer Kammerfrau, und diese brachte ein
Lederfutteral herein.

Nun ffne lieber Ludwig, und schaue das Andenken an, das ich und
Ottoline, die mich in ihrer Sterbestunde bat, dir dieses Kleinod zu
gnnen, dir bestimmt haben, ein Andenken an sie und mich.

Ludwig ffnete die Hlle, und die Juwelenpracht des einzigen Kunstwerks
strahlte ihm entgegen. Der Falk von Kniphausen! rief er, starr vor
Staunen.

Von nun an dein Eigenthum, flsterte die Kranke.

Das kann nicht sein, rief Ludwig: dies Kunstwerk ist eine Grafschaft
werth, ach -- und fr mich -- noch unendlich mehr -- o jener Tag -- ach,
Ottoline!

Und wenn es zehn Grafschaften werth wre, sprach die Grfin: so wird es
dir auch werth bleiben -- du wirst es nicht verschachern und
verschleudern, wie meine herrliche Mnzsammlung dereinst verschleift und
verschleudert werden wird, ber die ich bethrter Weise schon frher
verfgte. Dir -- dir htte ich sie geben und hinterlassen sollen!

Sie haben mich ja schon so berreich begabt, beste Gromutter! fiel
Ludwig ein.

Mache keine vielen Worte und nimm den Falken an dich -- die Andern sollen
ihn nicht haben -- sie sollen nicht wieder daraus trinken -- du -- nur du
-- und die, welcher du dein Herz schenkest! Nimm ihn -- behalte ihn. Die
Urkunde, da ich dir den Falken schenke, steckt bereits im Innern des
Vogels. Trinke dich gesund daraus, #drink all ut!#

Die Reichsgrfin entlie ihren Enkel, das Wiedersehen und das Sprechen
griffen sie an. Ihre starke Natur aber erlag dieser Aufregung dennoch
nicht, vielmehr schlief sie ruhiger und anhaltender, wie seit lange.

Am folgenden Tage fhlte sich die Kranke merklich besser; es war als ob
der Anblick desjenigen ihrer Enkel, der ihrem Herzen von seiner frhen
Jugend an am Nchsten stand, der gleichsam ihr Eigenthum geworden war,
sie neu belebt habe, und sie sandte bei guter Zeit nach Ludwig, damit er
ihr von seinen bisherigen Schicksalen erzhlen mge. Dies that denn auch
der Graf ausfhrlich; die Alte hrte schweigend zu und blieb ganz ruhig,
dann sagte sie: Bitte, mein gutes Kind, bitte die Prinzessin Hoheit, mir
die Ehre ihres Besuches nur auf eine Viertelstunde zu schenken, sie wird
mir dies nicht abschlagen, denn sie hat mir immer, als ihr Haus noch
gute Tage sah, viele Zuneigung erwiesen. Was ich ihr zu sagen habe ist
wichtig. Sie wird auch schon deshalb auf meinen Wunsch eingehen, weil
ich ihren Angehrigen Gutes erzeigte.

Theuerste Gromutter, entgegnete darauf Ludwig: Ihr Wunsch kommt der
Bitte jener hohen Frau zuvor, sie hat auf der ganzen Hieherreise von
Sanct Petersburg nach Hamburg sich darauf gefreut, Sie wieder zu sehen,
Ihnen das Kind zuzufhren.

Ihr Kind? fragte die Reichsgrfin.

Nicht vor dem Auge der Welt, vor dem Ihren aber unverschleiert, war
Ludwig's Antwort.

Ist das hohe Paar nicht vermhlt? forschte die Reichsgrfin weiter.

Wohl sind sie vermhlt, diese einander so hei und feurig liebenden
Herzen, ich selbst war Zeuge, es geschah nach der Ankunft Seiner
kniglichen Hoheit des Herzogs in Petersburg in stiller Abendzeit, in
einer katholischen Kapelle, wo auch das Kind die Weihe der Firmung
empfing. Aber sie haben beschlossen, ihre Vermhlung noch als ein
Geheimni zu bewahren, bis zu einer gnstigeren Zeit, bis die
beiderseitigen Verhltnisse sie sicherer stellen, und es sollen die
nchsten Angehrigen nicht mehr erfahren, als was sie bereits wissen,
da nmlich der Herzog und die Prinzessin einander in untrennbarer
Liebe angehren. Ueber die holde Tochter soll noch, zu deren eigener
Sicherheit, das tiefste Schweigen beobachtet werden.

Nun denn, das Alles ist mir lieb zu hren, sagte die Grfin: und so
bitte ich dich, die Prinzessin mit der Tochter zu mir einzuladen.
Jedenfalls weilt sie hier doch incognito?

Sie hat den Namen einer Grfin von Clermont angenommen, versetzte
Ludwig.

So gehe und fhre sie zu mir, da ich heute noch einmal einen guten Tag
habe, lange wird es nicht mehr dauern, und du, mein liebes Kind,
entferne dich nicht allzuweit, da ich dich kann rufen lassen, wenn der
Genius mir die Fackel umstrzt. Noch einmal fesselt dich die alte
Gromutter, die dich so lange mit Fesseln der Liebe hielt, an ihr
Sterbebette, dann bist du ganz frei und die weite reiche Welt ist dein.

Die reiche Welt, sprach Ludwig bewegt: gibt mir doch nicht, was ich
bedarf, wonach mein Herz und mein Seele drstet -- Liebe!

Harre und hoffe! dir kann noch das hchste, das reinste Glck der Liebe
erblhen. Wer mit fnfundzwanzig Jahren schon die schnsten Rosen seines
Lebens abgepflckt hat, der hat sich selbst beraubt. Spare dich auf, ich
sage dir, Ludwig, du wirst noch viele beglckte Tage sehen.

Der Graf ging und einige Stunden spter befand sich die Prinzessin und
das liebliche Kind im Zimmer der Reichsgrfin. Als die gewhnlichen
Formeln der Hflichkeit gewechselt waren, klingelte die Grfin ihrer
Kammerfrau und sprach zu der Eintretenden: Zeigen Sie doch der jungen
Comtesse die Gemlde und die kleinen Raritten im grnen Salon, den
meine Freunde scherzhafter Weise immer mein grnes Gewlbe nennen.

Mittlerweile hatten sich des Kindes Augen schon auf ein Bild an der Wand
geheftet, und mit Lebhaftigkeit rief es aus: O Himmel, welch ein schnes
Bild! Das ist ja Schlo Doorwerth! Liebe Tante! mit diesen Worten wandte
sie sich zu der Prinzessin, bitte, sehen Sie dieses Bild an! In diesem
Schlosse bin ich gewesen -- in diesem Thurm hier -- zur rechten Seite --
haben wir gewohnt, meine liebe Angs und ich -- dort von jener Zinne
haben wir herabgesehen, als so viele Soldaten um das Schlo versammelt
waren, und die Prinzen dorthin kamen -- mein theurer -- Oncle!

Die Prinzessin blickte mit Antheil auf das Bild von Doorwerth. Dann
fhrte die Kammerfrau die Kleine weg, um ihr in den anstoenden Slen
noch andere schne und werthvolle Dinge zu zeigen, whrend die
Reichsgrfin mit der Prinzessin allein blieb, um mit dieser Wichtiges zu
besprechen, was keine Zeugen litt.

Als diese spter mit dem Kinde die Reichsgrfin wieder verlie, beide in
dichte Schleier gehllt und von Windt nach dem Gasthof geleitet, verbarg
die Prinzessin mit Mhe eine heftige Bewegung; erst als sie sich mit
Sophie allein in ihrem Zimmer sah, umarmte sie mit Ungestm die holde
Tochter, kte sie auf die Stirne und rief: Gott segne dich, Gott segne
und erflle, was in dieser Stunde ber deine Zukunft beschlossen ward!

Es war am 4. Februar des Jahres 1800. Charlotte Sophie sollte die Sonne
eines neuen, kommenden Jahrhunderts nicht mehr sehen.

Graf Ludwig kniete an ihrem Sterbebette, noch einmal lag ihre erkaltende
Hand segnend auf seinem Haupt; die Reichsgrfin endete ruhig und ernst,
als ihre Seele entflohen war, glich ihr Antlitz dem Marmorbild einer
Olympierin.--

Bei der mit ihm trauernden Angs verlieh Ludwig seinem tiefen Schmerz
ber das Weh, das ihn hier doppelt berhrt, Worte, indem er sprach:
Wieder eine Seele weniger auf Erden, die fr mich betet. Wre ich
Katholik, so wrde ich sagen, meine Lieben werden alle zu Heiligen, um
droben fr mich zu bitten. Aber was bleibt mir, wenn Alle, die ich liebe
und ehre, von hinnen ziehn?

Immer bleibt dir, mein Freund, entgegnete Angs: die Thatkraft und die
allbelebende Hoffnung. Du wirst noch mehr des Schmerzlichen erleben und
dich dennoch aufrecht halten mssen.

Das sagte mir die Gromutter auch, in der letzten Stunde, versetzte der
Graf; als ihr vom Tode erhelltes Auge prophetisch in die Zukunft
blickte. Streit und Zwietracht wird sein, sprach sie: unter den Vlkern,
unter den Herrschern der Welt, Streit und Zwietracht auch im Schoo der
Familien. Dein Name wird nicht in meinem Testamente stehen, mein Ludwig,
damit nicht der Ha gegen dich aufgestachelt werde. Dein Bruder soll
nicht wissen, da er dein Bruder ist, denn es steht geschrieben, da ein
Bruder wider den anderen streiten wird. Lass' sie Alles an sich reien,
meine lachenden Erben, du hast genug, und ein Hheres ist dir noch
beschieden, wenn du ferner auf richtiger Bahn wandelst. Ich fahre dahin,
ohne erlebt zu haben, was ich so sehnlich hoffte, wonach ich mit allen
Opfern und Anstrengungen rang und trachtete: Eintracht, Liebe, Frieden;
aber nein, die wohnen nun einmal nicht in unserem Hause, seit der bse
Feind die Saat des Unfriedens vor langen Jahren in die Gefilde von
Jever, Varel und Kniphausen sete. La fahren dahin -- sie haben's nicht
Gewinn!

Eine erhabene Seele, diese verklrte Gromutter! sprach Angs. Und was
prophezeite sie sonst noch?

Da ich noch mehr als einen schmerzlichen Verlust wrde zu beweinen
haben, erwiederte Ludwig; da mir beschieden sei, arm an Freuden und
dennoch reich an Liebe in einen Hafen einzulaufen, dessen Wellen kein
Sturm der Auenwelt berhre. Wachsamkeit empfahl sie mir, darum so
sprach sie: habe ich dir den Falken von Kniphausen gegeben, da er dir
ein Bild der Wachsamkeit sein mge, neben einer werthen Erinnerung.
Wachen sollst du, mein Sohn, wachen und hten, wie geschrieben steht im
achten Vers des einhundertundzweiten Psalms: Ich wache und bin wie ein
einsamer Vogel. Hte dein Kleinod und lebe wohl!

Jedenfalls verstand sie unter diesem Kleinod jenes kstliche Gerth in
Falkengestalt, das sie mir schenkte -- fgte Ludwig hinzu.

Wenn sie nicht ein anderes Kleinod darunter verstand, ein hheres,
herrlicheres! sprach Angs ahnungsvoll und lchelte still vor sich hin.

Der Graf verstand sie nicht, aber er versank in ihr Anschauen. Da war
Alles Klarheit, Alles Licht und Liebe -- ein berreicher Wunderhort der
edelsten seelvollsten Weiblichkeit.




3. Das Gelbde.


Romantischer Naturfriede und klsterliche Waldeinsamkeit umflossen und
umschatteten das reizende Mnsterthal zu Sanct Landelin, ber das noch
vor Kurzem der Krummstab des Hochstifts Straburg geherrscht hatte. Zum
zweiten Male hatte dieses reizende Thal jene beiden Liebenden
aufgenommen, welche schon einmal dort weilten, und zwar zu der Zeit, wo
gegen Leonardus Cornelius van der Valck die meuchlerische Gewaltthat
verbt ward. Man war vorsichtiger geworden, obwohl man eine Wiederholung
solchen Ueberfalles nicht befrchtete; denn man hielt sich sicher unter
dem unmittelbaren Schutze eines nahe verwandten Kirchenfrsten, der im
Schlosse des Stdtchens als rmischer Hauptpriester und letzter
vormaliger Frstbischof von Straburg seine Residenz aufgeschlagen
hatte, und mit jener Gastfreundschaft, welche vor alten Zeiten schon das
Kloster und Mnster in groartiger Ausdehnung gebt hatte, Manchem eine
gesicherte Zufluchtssttte bot, und hufig Verwandte und Freunde bei
sich sah.

In diesen Gefilden, so nahe sie dem Rheinstrom lagen, herrschte der
Friede, und keine Kriegerschaaren, nur Zge andachtsvoller Wallfahrer
und Pilger strmten zu dem Gnadenort, an welchem einst der heilige
Landelin, der Sage nach, seinen Martyrertod gefunden hatte, und nach dem
Tode Wunder bte. Stattliche Gebude erhoben sich rund umher und gaben
dem Klosterhof ein bedeutendes Ansehen. Zahlreiche Drfer und Hfe der
Nachbarschaft waren frher dem Kloster zinsbar gewesen, und gegen das
groe Weinfa, welches einst im Keller des Mnsters aufbewahrt und von
den alljhrlich neu zustrmenden Spenden des Weinzinses vollgefllt
gehalten wurde, war das weltberhmte Heidelberger Fa nur ein Zwerg,
denn dieses letztere fat nur 283,000 Flaschen, jenes aber hielt 480,000
Flaschen oder 3000 Ohm edlen Rebensaftes.

Edlen Beschftigungen und heiterem Naturgenu hingegeben, verweilten
hier die in Liebe und reinen Neigungen verbundenen Personen. Da am Orte
ein kleines Bad sich befand, so lebte Graf Ludwig mit seinem Diener, der
sich nie von ihm trennte, als Badegast daselbst und beschftigte sich
mit anziehenden Studien ber die Geschichte dieser Landestheile; er
nahte Angs nur, um sie in Gesellschaft von Jacques und ihrer kleinen
holden Schutzbefohlenen auf Spaziergngen zu begleiten, die aber niemals
wieder nach jenem Orte schaurigen Andenkens, sondern meist in der
Richtung nach dem Stdtchen und dessen Umgebungen unternommen wurden.
Hier begegneten sie bisweilen einer schnen verschleierten Dame, die das
frstbischfliche Schlo bewohnte und eine Nichte des Frstbischofs war;
dies fiel Niemand auf, und ebensowenig konnte Jemand ein Arges dabei
denken, oder gar das wahre Verhltni ahnen, das diese Personen in
mannichfacher Weise miteinander verband. Auer Jacques folgte auch stets
Philipp gut bewaffnet seinem Gebieter, und sphte sorglich nach irgend
einer drohenden Gefahr umher.

Jener liebenswrdige junge Herzog hatte, whrend er von Allem was er
liebte getrennt war, und nachdem er sein Heer wieder nach Deutschland
zurckgefhrt, mit wechselndem Kriegsglck gekmpft, bald sah er seine
Brust von der Hand des Kaisers von Ruland mit dem Grokreuz des
Maltheserordens geschmckt; endlich aber hemmte ihn mitten in ruhm- und
ehrenvoller kriegerischer Laufbahn der lneviller Friedensschlu. Dieser
fhrte die vllige Auflsung des Condischen Corps herbei. Einer der
Prinzen dieses Hauses hatte sich bereits im Jahre 1795 nach England
begeben, und es ward lebhaft gewnscht, da ihm sein Vater und sein Sohn
jetzt dorthin folgen sollten, denn England war es, das diese Prinzen
schtzte und untersttzte. Den Vater zog es dem Sohne nach, aber den
Sohnessohn fesselte die Liebe, die mchtige, starke Liebe oder -- sein
Verhngni, und er lebte nun in dem neu gewonnenen Asyle seines Lebens
glcklichste Zeit, fllte die Stunden einer schnen Mue mit dem
Vergngen der Jagd aus, die er leidenschaftlich liebte, gab sich der
Lust am Gartenbau hin, unternahm auch wohl kleine Reisen und Ausflge,
kehrte aber stets mit neuer Sehnsucht zu ihr zurck, der alle sein
Denken und Empfinden geweiht war.

Das Landesgebiet, das diese reizenden Asyle bot, war an Baden gekommen,
dessen Kurfrst nicht nur dauernden Schutz Allen vergnnte, die dessen
unter der neuen Regierung bedurften, sondern der sich auch des Herzogs
besondern Dank noch auerdem dadurch erwarb, da er ihm ein noch
greres Jagdgebiet einrumte, als derselbe bisher schon inne gehabt
hatte.

Mehr als einmal lud der Herzog den Grafen ein, ihn auf seinen Jagden zu
begleiten; dieser leistete aber nur einmal Folge und dann nicht wieder.
So sehr der Herzog ihm zusagte, und so sehr er diesen verehrte, um so
weniger fand Ludwig sich von seiner mnnlichen Umgebung angezogen. Dafr
diente er ihm in anderer Weise; er half ihm Werke der Wohlthtigkeit in
verschwiegener Stille ben. Glckliche geben ja gerne, und der Herzog
war so beraus glcklich, Ludwig nahm Philipp zu Hlfe, um verschmte
Arme aufzufinden, und manche stillgeweinte Thrne des Schmerzes wurde
durch vereintes Wohlthun in die Thrne der Freude und des Segens
umgewandelt. Stilles Wohlthun war ein Grundzug im Wesen des Grafen, und
wie gern verband er sich in diesem Sinne dem jungen mildthtigen
Frsten.

In der Stille dieses Thalfriedens, im Zauber dieser romantischen Natur
ging Ludwig ein neuer Stern auf, ein neuer Lebensfrhling, schner als
er ihn je geahnet hatte. Mit wunderbarer Magie erklang in ihm der
tnende Memnonruf, der ihn fr eine neue, beseligende Liebe weckte. Die
kleine Sophie entfaltete sich frhreifend zur holdesten Jungfrulichkeit
und Niemand pries eifriger gegen Ludwig deren Seelengte, deren
chtweibliches Gemth, deren Schnheitszauber als Angs, der es Wonne
schuf, den Mann, der die ganze Flle ihrer reinsten Freundschaft besa,
einem beglckenden Loose zuzufhren. Angs war der reine Schwan, der wie
in der lieblichen indischen Sage von Nal und Damajanti neigungweckende
Worte von einem Ohre zum andern trug, von einem Herzen zum andern. Im
Glcke ihrer beiden Lieblinge gedachte sie sich dereinst zu sonnen,
ihnen Freundin zu bleiben und Genossin ihres Glcks, dieser Gedanke
bildete ihren seligsten Zukunfttraum. Was sie von den ueren
Verhltnissen des Grafen kannte, erschien ihr vollkommen beruhigend,
vielleicht hielt sie ihn fr reicher als er war. Sophie konnte unter
gnstigen Verhltnissen dereinst noch eine der reichsten Erbinnen
werden, denn das Vermgen der Familie Cond-Bourbon, das man diesem
Hause geraubt und zum Staatseigenthum gemacht hatte, dieses Vermgen war
unermelich.

Nach diesem Reichthum richtete sich inde gar mancher Blick der Habgier
und mancher andere Blick des Argwohns richtete sich nach dem edlen und
unbefangenen Herzog; der Blick der Vatertreue aber flog ber's Meer
herber voll banger Besorgni. Die kurzen Abwesenheiten und Reisen des
Herzogs, meist in aller Stille unternommen, fanden Mideutung; sie
nhrten auf der einen Seite den politischen Verdacht, auf der anderen
vermehrten sie die wohlmeinende Warnung. Aber wann vernahm der
Tannhuser im Zauberberge der Liebe die Warnestimme des treuen Eckart?
Eine graue Spinne wob grer und grer, weiter und weiter ein
unsichtbares Netz -- sie hie Verrath.

Schon im Sommer des Jahres 1803 hatte des Herzogs Vater, der zu Wanstead
in England weilte, warnend an den Sohn geschrieben.

Mein Vater, sprach damals mittheilend der Herzog zu seiner Angebeteten:
hegt seltsamen Verdacht. Hre, was er schreibt, meine Charlotte: Man
behauptet hier in Wanstead, da du eine Reise nach Paris gemacht habest,
Andere sagen, du seist nicht in Straburg gewesen. Es leuchtet wohl ein,
da es mehr als zwecklos wre, deine Freiheit und dein Leben auf das
Spiel zu setzen.

Wer mag es gewesen sein, der deinem Vater diese Nachrichten hinterbracht
hat? fragte die Prinzessin, welcher das Herz bange zu schlagen begann.

Das wei nur Gott, nicht ich, meine Liebe, entgegnete der Herzog.

Und thatest du wirklich keinen so gefhrlichen Schritt, mein Henri? Oder
thatest du ihn? Vergaest du mich und unser Kind? fragte mit
liebevollster Besorgni und voll Seelenangst Charlotte und schlo den
Gemahl in ihre Arme, als frchtete sie, ihn zu verlieren.

Der Herzog kte sie und erwiederte halb zrtlich, halb schwermthig:
Nein, Charlotte, ich habe diesen Schritt nicht gethan, aber wenn ich ihn
gethan htte, wer wollte mir ihn, auer den Feinden unseres Hauses,
verargen? Diese hier ausgesprochenen Befrchtungen liegen so nahe, und
es wundert mich gar nicht, wenn Einige glauben, da der Blick in eine
Zukunft, die aller Hoffnung beraubt ist, mich verleiten knnte, mich mit
den Feinden unseres Hauses in Vertrge einzulassen; Andere hingegen, da
ich Tag und Nacht darauf snne, eine Lage, die mich niederdrckt und
vllig lhmt, zu verndern. Der Sold Englands brennt mir in der Hand!
Wann war England Frankreichs wahrer Freund? Aus Ha gegen Frankreich
untersttzt es jetzt uns, und stempelt uns zu Feinden Frankreichs, uns,
die wir unser geliebtes Vaterland so hei, so innig lieben! Ist das
nicht frchterlich? Mein Vater -- fuhr der Herzog fort, kennt mich
besser. Er schreibt ber den ersterwhnten Verdacht, da er ihn nicht
theile, aber da die Gefahr mir sehr nahe liege. Hte dich, schreibt
er, und vernachlssige keine Vorsicht, um dich rechtzeitig zu sichern,
im Fall der erste Consul beabsichtigten sollte, dich aufheben zu
lassen.

O, mein Henri! rief Charlotte: Verachte nicht die Warnung deines treuen
Vaters! Mir zittert das Herz, la uns fliehen, weit fort von der
Ufernhe des Rheins, wir sind hier Frankreich allzunahe!

Und doch so schrecklich fern! seufzte der Herzog. Wollten wir uns noch
weiter von dem theuern Lande entfernen? -- Der Herzog blieb, aber die
Prinzessin sann im Stillen darauf, einen andern Zufluchtsort zu nehmen.
Eine Jugendfreundin, eine deutsche Frstin, deren Residenzschlo in der
romantischen Knzelsau im Jaxtkreis des Landes Wrtemberg gelegen war,
sollte ein neues Asyl gewhren; in jene anmuthigen und reizvollen Thler
des Kocher und der Jaxt wollte man sich zurckziehen, und dort unter den
Schleiern des tiefsten Geheimnisses friedlich wohnen. Der Mensch baut
Plne, damit das Schicksal sie vereitle.

An einem beraus schnen Morgen ergingen sich Sophie, Angs und Ludwig
unter der gewhnlichen Begleitung ihrer mnnlichen Bedienung in der Nhe
von dem Mnster und Mnchweiler, und ruhten dort aus an einer von
uralten Bumen umschatteten Stelle, auf einer Steinbank, ber der ein
Crucifix von dunkelem Marmor sich erhob, neben diesem standen Marie und
der Jnger, den Jesus lieb hatte. Dicht daneben stand eine uralte
Martyrsule. Trunknes Entzcken sog Ludwig aus jedem Blick Sophiens, die
in lieblicher Jugendschne ihm gegenbersa, in ihren Blicken jene
Verklrung, welche das erste Erwachen jungfrulicher Empfindungen
begleitet, jenes se Bewutwerden ahnungsreicher Gefhle, die das Herz
unruhiger klopfen machen. Da naht ein leiser Anhauch von Schwermuth und
Schwrmerei, da irren die Gedanken wie gaukelnde Schmetterlinge dahin
und dorthin, da schlgt ein unbewutes Sehnen die bisher vom tiefen
Schlummer geschlossenen Augen auf, wie die Prinzessin Dornrschen im
deutschen Mrchen ihre Augen aufschlug, als der Knigssohn sie kte.

Ludwig durchstrmte alle Sigkeit, alles Ahnen einer keuschen Liebe,
doch verschlo er tief in seiner Brust was er fhlte, denn noch dnkte
ihm dieses holde Wesen ein unnahbares Heiligthum, wie deutlich auch
schon ein hohes Vertrauen ihn hatte verstehen lassen, man werde in
seinem Schutz dies Kleinod gern geborgen wissen.

Die Sommerluft hauchte erfrischende Khle; aus der Vorhalle der nahen
Kirche rieselte pltschernd Sanct Landelin's geheiligter Wunderquell,
von dem die Lustwandelnden getrunken hatten; auf den Steinstufen lagen
im stillen Gebete andchtige Waller und beteten leise und eifrig ihren
Rosenkranz ab. Auf des Mnsters und dieses Gnadenortes Ursprung lenkte
sich die Unterhaltung und Ludwig erzhlte: Ein edler Schotte, Namens
Landelin, verlie gleich vielen andern Mnchen Schottlands, sein
Vaterland, in welchem frh die Christuslehre Wurzel geschlagen hatte, um
in den damals noch rauhen und wilden Gefilden Galliens und Deutschlands
dessen heidnischen Bewohnern das Christenthum zu predigen. Er ward in
Frankreich Begrnder der nach ihm genannten Stadt Landelles, wo sein
Gedchtni im Namen Sauveur de Landelin noch heute fortlebt. Der fromme
Mann kam auch in diesen Gau, den der Heidenfrst Gisock beherrschte.
Landelin lie sich an der Stelle, wo wir eben verweilen, als Einsiedler
nieder und begann in der Stille sein Werk der Bekehrung. Davon kam zu
Gisock die Kunde, dessen Zorn heftig gegen den Neuerer und die neue
Lehre entbrannte, und der seinen Leuten befahl, den frommen Mann zu
ermorden. Landelin sank von ihren Dolchstichen getroffen in sein Blut.

Ach! schrie Angs auf, und fuhr mit der Hand nach der Stelle ihres
Herzens; war es ihr doch, als empfinde sie selbst einen Stich, so
ergriff sie diese Sage, im Bunde mit der Erinnerung an die Gefahr, die
ihr selbst weiter aufwrts im Thale einst gedroht hatte. Ihr Ausruf
erschreckte die Gefhrten, ja sie strte damit sogar die Andacht der
Betenden, denn ein Paar Mnche in dunkeln Kutten kehrten sich nach ihr
um; sie weckte auch Philipp's Aufmerksamkeit, der in der Nhe weilte,
und mit raschen Schritten hinzu trat. Angs, seltsam bewegt, bat Ludwig,
in seiner Erzhlung fortzufahren. Philipp sah scharf nach den Mnchen,
mit Blicken voll Mitrauen, der Graf fuhr fort: An der Stelle, wo der
fromme Landelin unter den Dolchen der Meuchelmrder sein Leben verblutet
hatte, entsprang ein Heilquell, welcher Kranken zu wunderbarer Genesung
verhalf. Die Gefhrten des Mrtyrers trugen den entseelten Leichnam
thalaufwrts, wo sie ihn zur Erde bestatteten. Die Stelle, wo Landelin
starb, und die, wo er seine irdische Ruhesttte gefunden hatte, wurden
dem Volke bald heilig, des Blutzeugen Mrtyrtod und sein Wunder gewann
den ganzen Gau fr die Christuslehre. Dieser Ort trgt von ihm den Namen
Sanct Landelin, ber dem Wunderquell erbaute Herzog Etticho eine Kirche,
voll Gnadenbilder und begabt mit reichem Abla. Zahlreiche Mnche
siedelten sich hier an und weilten in diesem Thale an den Ufern der
Umlitz, wie der Thalbach in frheren Zeiten genannt wurde; sie erbauten
Htten in der Nhe jenes geweiheten Grabes. Von diesem Verweilen der
Mnche erhielt der allmhlich entstehende Ort den Namen Mnchweiler, und
auerdem entstand auch noch auf jener nahen Anhhe ber dem
Wallfahrtsort das Kloster Mnchszelle. Dessen Bewohner versahen den
Gottesdienst in der Kirche zu Sanct Landelin. Noch aber wogten gewaltige
Vlkerkmpfe; die Franken brachen heraus in dieses Alemanische Land und
verheerten es, das Klsterlein versank bald in tiefste Armuth. Da
geschah es, da ein frommer Mnch desselben, Namens Widegera, aus dem
Breisgau, im Jahr siebenhundertundzwanzig Bischof zu Straburg wurde,
und viel zur Erhaltung von Mnchszelle that. Nach ihm wurde, doch lag
dazwischen wieder eine lange Zeit voll Noth, Gefahr und Kmpfe, Etto,
der Sohn Herzog Etticho's, welcher letztere die nahe Stadt Ettenheim
grndete, durch Kaiser Karl den Groen Bischof von Straburg. Er war es,
der Mnchszelle aufs Neue erhob, und nahe dem Wunderquell des heiligen
Landelin das Mnster neu erbaute, das wir als Ettenmnster nun vor uns
in den stattlichen Bauten erblicken, das fortan ihm zur Ehre seinen
Namen Etto als Ettenheimmnster fortfhrt. Zugleich wurde Etto des
Mnsters erster Abt, an der Spitze einer Reihe von zweiundfnfzig
Aebten, die durch gute und bse Zeiten hindurch dieses Kloster
regierten. Immer schlimmer wurden inde die bsen Zeiten und die guten
hrten endlich ganz auf; der goldenen und silbernen folgte die eiserne
Zeit mit ihren Gewaltthaten, ihrem Waffenlrm und ihrer Hab- und
Raubsucht, wobei von den natrlichen Schirm- und Schutzherrn, den Herren
von Geroldseck einer nach dem andern sich als Feinde des Klosters
erwiesen und es mehr und mehr verkrzten, bis mit dem Frieden von
Lneville dessen Aufhebung erfolgt ist.

Nach dieser Mittheilung erhoben sich die Spaziergnger zum Weggehen und
wandelten wieder ihrer nahen lndlichen Wohnung zu. Langsam und
keineswegs bemht sie einzuholen, folgten ihnen in gemessener Entfernung
die erwhnten Mnche auf demselben Wege, aber zwischen ihnen und der
Herrschaft ging Philipp, nicht ohne sich oft nach Jenen mitrauisch
umzusehen.

Graf Ludwig hatte sich kaum von Angs und Sophie verabschiedet, als
Philipp mit sorgenvoller Miene zu ihm trat. Der Ausdruck seiner Zge
machte den Grafen betroffen.

Nun, Philipp, was hast du? fragte er ihn verwundert.

Gndiger Herr! entgegnete der Diener mit verhaltenem Zorn: Er ist da!
Ich hab' ihn gesehen!

Wer ist da und wen hast du gesehen? fragte Ludwig.

Der Citoyen, der Wasserspringer, gndiger Herr! versetzte Philipp. Das
Spitzbubengesicht vergess' ich all' mein Lebtag nicht, ich erkannt' es
gleich wieder, obschon ich's nur einen Augenblick sah. Einer der beiden
Mnche war's, die uns langsam nachfolgten, die vorher, wie Sie die
Geschichte von dem alten Kloster erzhlten, dort in der Vorhalle der
Kirche knieten. Wie dieser Kerl den Kopf wandte, wie er herbersah nach
Ihnen und den Damen, da hatte ich's los: Es war ein Blick, wie der einer
Schlange. Geben Sie Acht, Herr Graf, das knnte nichts Gutes bedeuten!

Diese Nachricht berraschte und erschreckte Ludwig und er nahm sie
keineswegs leicht auf.

Vielleicht irrtest du dich, vielleicht auch nicht, sprach der Graf;
immer wird es wohlgethan sein, da wir auf der Hut sind. Siehe zu, ob du
die Mnche wiederfindest, sphe aus, wohin sie gehen, wo sie bleiben,
ich werde das Meinige thun. Sobald du zurckkommst, sattle das Pferd,
ich werde nach der Stadt reiten, du aber bleibst so lange in der Wohnung
der Damen als Wchter und htest sie sorgsam mit all der Treue, die ich
an dir kenne.

Mir soll Keiner kommen, gndiger Herr, darauf verlassen Sie sich. Wehe
dem Kerl, der dazu geholfen hat, den guten seligen Herrn Leonardus van
der Valck hinber zu befrdern, ich zermalme, ich zerquetsche ihn, und
sollte es mich den Kopf kosten!

Ludwig blieb im tiefernsten Sinnen allein. Philipp's Meldung weckte
allerhand sorgenvolle Gedanken in ihm auf; schon lngst hatte er
wahrgenommen, da sich, begnstigt von der Freiheit des Gnadenortes, gar
mancher verdchtige Geselle in dieses Thal gestohlen, da Spheraugen
umherschlichen, da vom nahen Frankreich aus jene Netze herbergeworfen
wurden nach dem Frsten, der, so oft man ihn auch warnte, an eine Gefahr
nicht glaubte und nicht glauben wollte.

Philipp erschien nach einiger Zeit wieder und meldete seinem Gebieter,
da es ihm nicht gelungen sei, von jenen beiden Mnchen auch nur die
leiseste Spur zu entdecken, beharrte aber auf seiner Behauptung und
betheuerte hoch und heilig, da Jener kein anderer als Clement
Aboncourt, der Spion, gewesen sei.

Ludwig befahl ihm wiederholt, in der Nhe der Wohnung der beiden Damen
zu bleiben, auch Jacques zur Wachsamkeit aufzufordern; dann ritt er nach
dem Stdtchen, wo er ohne Aufenthalt Audienz bei der Prinzessin
forderte. Gtig und mit dem freundlichsten Wohlwollen wie immer
empfangen, theilte nun der Graf der edlen Frau ganz offen und unumwunden
nicht nur die Wahrnehmung und Vermuthung seines Dieners mit, sondern
brachte auch so manches Andere zur Sprache, was Ludwig von andern
Fremden, von Einwohnern, von Leuten der Gasthuser flchtig und
gesprchsweise vernommen hatte, und was Alles darauf hinauslief, da
franzsische Emissre, Commissre und Spione sich im Mnsterthale
verbreiteten, sogar in die Stadt sich wagten, und da jedenfalls ein
Schlag gegen die in derselben verweilenden Emigranten sich vorbereite.
Man sprach laut davon, da die strksten Vermuthungen gehegt wrden, die
in diesem Lande verweilenden Angehrigen und Anhnger des vertriebenen
Knigshauses betheiligten sich an Anschlgen gegen das Leben des ersten
Consuls den die Bourbons naturgem hassen muten. Schon waren Thaten
geschehen, die es offenkundig machten, da es Menschen gab, welche nicht
an die Gttlichkeit der Sendung des neuen Messias von Frankreich
glaubten, obschon dieser, mit hohem Muthe gewappnet, seine Feinde vor
sich niederwarf und die staatliche Ordnung wieder herstellte.

Graf Ludwig entdeckte der Prinzessin, da man sich in die Ohren
flstere, der Herzog sei mit George Cadoudal im Einverstndni, habe fr
denselben das rothe Band und den Generallieutenantstitel vom Grafen von
Artois ausgewirkt, stehe auch mit Pichegru im geheimen Bndni und es
sei ganz zweifellos, da eine groe weitverzweigte Verschwrung
existire, die der Herrschaft und dem Leben des ersten Consuls ein Ende
zu machen beabsichtige. Zu diesem Ende reise der Herzog von Zeit zu Zeit
verkleidet zu George, wo demselben im Kreise der Verschwornen knigliche
Ehren erwiesen wrden.

Die Prinzessin erschrak heftig ber diese Nachrichten und traf auf der
Stelle ihre Anstalten.

Ich sehe klar, sprach sie, da hier ein ganz anderes Complott vorliegt,
als blos das gegen Leben und Freiheit meines Gemahls! Man wei, da wir
auf dem Punkte stehen, unsere bis jetzt heimlich gehaltene Verbindung
vor aller Welt zu erklren, man sieht ein, da durch diese Verbindung
das Vermgen des Herzogs nicht an Die, welche darauf hoffen, sondern an
dessen rechtmige Erben fallen wird, daher will man den letzten Zweig
vom Hause Cond abhauen, auf da der ganze Stamm verdorre, und will dies
durch Verdchtigungen bewirken. Tausendfacher Dank sei Ihnen gesagt,
mein bester Graf! Sie sind der Freund, auf dessen Hochherzigkeit ich in
allen Fllen fest vertraue. Lassen Sie uns rasch und entschieden
handeln, retten Sie mein Kind! In Ihre treue Hut bergebe ich, die
Mutter, es fr Leben und Sterben. Der Herzog hrt auf keine Warnung, ist
blind fr die Gefahren, die ihn umdrohen; ich mu selbstndig handeln,
Mutterpflicht und Mutterliebe gebieten es mir. Sie, bester Graf, rsten
sofort Alles zur Abreise, Sie gehen noch heute, hchstens morgen mit
Sophie, die ich nur noch einmal sehen und segnen will, in Begleitung von
Angs, Jacques und Sophie Botta nach Ingelfingen, und verbergen dort
durchaus Herkunft und Stand von Ihnen Allen. Mittlerweile werde ich den
Herzog berzeugen und bewegen, da er mit mir Ihnen folgt und sich dem
gefhrlichen Netz entzieht, das sich hier um ihn und uns Alle
herumspinnt. Sumen Sie nicht, ich werde sogleich den Wagen senden und
Sophie herber holen lassen, fr die ich zittre. Ach, bester Graf,
welch' unschtzbares Gut vertraue ich Ihnen an! O, Himmel, und ich bin
so ganz ohne Brgschaft!

Gndigste Frau Prinzessin! unterbrach lebhaft und ganz gegen die Form
der Courtoisie der Graf die Sprechende: sagen Sie nicht ohne Brgschaft!
Ich stelle Ihnen diese Brgschaft, bei Gott dem Allmchtigen, ich stelle
sie! -- Und indem der Graf in leidenschaftlicher Erregung auf seine Kniee
sank, fuhr er fort: Bei dem ewigen Gott, den ich in dieser feierlichen
Stunde zum Zeugen anrufe, bei dem Gott, vor dem, und nicht vor Ihrer
Hoheit, ich jetzt kniee, stelle ich Ihnen meine Brgschaft: das Herz
eines deutschen Mannes, und weihe mich, mein Leben, mein Hab und Gut,
meine Zukunft, mein ganzes Erdendasein dem himmlischen Geschpf, welches
Sie Ihre Tochter nennen! Ich will ihr Alles sein, wozu Sie mich
ernennen, wozu sie selbst mich erwhlt, Vater, Bruder, Freund,
Beschtzer, Wchter, Alles, Alles! Ich will um Sophien willen der Welt,
ich will dem Leben entsagen, wenn dies gefordert wird! Unter hundert
Schleiern will ich sie verbergen, ihr Geheimni will ich bewahren, und
wenn Sie, oder der erlauchte Vater es nicht lsen, so soll keine Macht
oder Gewalt, selbst nicht die furchtbare Macht des Todes das
dreimalheilige Siegel brechen, das meine Lippen schliet. Ich wei,
Hoheit, was ich Ihnen verspreche -- ich bin frei, bin unabhngig, bin
durch schmerzliche Erlebnisse abgelst von der Welt -- und -- da ich es
sage, weil ich es sagen mu, o Prinzessin, zrnen Sie nicht, richten Sie
nicht -- ich liebe Sophie! Ich bete Sophie an!

Graf, sprach die Prinzessin, im Innersten erschttert, whrend ihre
Thrnen unaufhaltsam strmten und sie dem Knieenden beide Hnde bot, ihn
emporzuheben: Sie sind ein edler Mensch! Sie sind wrdig des hchsten
Glckes, das die Erde bieten kann, o mcht' Ihnen fr Ihren treuen und
festen Wille ein Himmel auf Erden werden! Gehen Sie, und bringen Sie mir
Sophie, da ich Sie Beide segne.--

Graf Ludwig ging, den Himmel im Herzen und groe Entschlsse in seiner
Seele. Noch an demselben Abend fuhr er mit Sophie und Angs nach der
Stadt, -- auf dem Kutschersitz sa wohlbewaffnet Jacques, hinten auf
nicht minder gut bewehrt Philipp. Weder auf dem Hin- noch auf dem
Rckwege zeigte sich Etwas, das Besorgni htte erregen knnen.

Liebevoll vertraute die Mutter ihrem Kinde, da die grte Gefahr ihnen
Allen drohe, da Graf Ludwig gromthig entschlossen sei, ihr Retter,
ihr Ritter, ihr Beschirmer zu werden, da sie in eine kurze Trennung von
dem liebenden Mutterherzen sich fgen msse und da, es komme wie es
wolle, ihr Geschick sich an das des Grafen knpfen werde.

Sophie weinte, wie es nicht anders sein konnte, aber sie sprach unter
Thrnen zur Mutter die verstndigen Worte: Was Sie befehlen, meine
gndigste Mutter, ist meine Pflicht. Was der Herr Graf mir befehlen
wird, werde ich befolgen, als seien es Gebote aus Ihrem Munde. Ich kenne
und ehre den Herrn Grafen aus frhen Kindheittagen; er war schon, als
ich noch ein Kind war, auf dem Schiffe in Amsterdam, auf der Reise und
zu Schlo Doorwerth die Gte selbst gegen mich, er war auf der Reise
nach Ruland mein Fhrer, mein Lehrer, ebenso in Hamburg, ich danke ihm
so viel, da ich nichts erdenken kann, was ich bese, um ihm damit fr
alles Das zu lohnen, was er mir Gutes und Liebevolles erwiesen hat.

Den grten Dienst steht der Graf jetzt im Begriffe, uns und dir zu
leisten, aus der grten, drohendsten Gefahr dich zu retten, sprach die
Prinzessin. So gehe denn in des Grafen Schutz, in Gottes, in Mariens, in
aller Heiligen Schutz, mein theures, ewig theures Kind! Wir sehen uns
wieder! Gott gebe bald, recht bald!

Der Herzog war nicht bei dieser Abschiedscene zugegen, er war nicht im
Orte, vielleicht verreist, vielleicht auf der Jagd.

Es war zu sehr frher Morgenstunde, der Tag graute kaum, -- Alles war
still und feierlich in den Nachbarorten Ettenmnster, Mnchweiler und
Sanct Landelin. Die mannichfaltigen groen Gebude erschienen noch
hher, gewaltiger, ausgedehnter als bei Tage, die Thalferne war
nebelgrau umflort und dster. Der Ettenbach rollte stark hinab nach der
Stadt, als eile er, recht wie ein fleiiger Arbeiter in der Frhstunde
zu Felde zieht, seine Mhlen zu treiben, oder seine Thalwiesen wssernd
zu befruchten. Alles war gepackt, geordnet und zur Reise bereit. Zwei
Wagen sollten die Reisenden aufnehmen, im ersten sollten der Graf,
Sophie und Angs, im zweiten die Dienerschaft fahren.

Als es nun zum Einsteigen kam, weigerte sich Angs entschieden, sich zu
Ludwig und Sophie in den Wagen zu setzen, behauptete das Rckwrtsfahren
nicht gut zu vertragen, und was sie sonst fr Vorwnde zur Hand nahm;
der wahre Grund aber lag in Angs zartem Sinn, sie wollte Sophie jetzt
einzig beim Schmerz ber diese Trennung von den geliebten Eltern der
Trstung ihres Begleiters berlassen, denn es gibt Augenblicke im Leben,
wo zwischen zwei Personen auch die allervertrauteste Dritte strt.

Der Postillon des ersten Wagens stie in's Horn, stimmte die Melodie
eines schwarzwlder Volksliedes an und dasselbe schien allen bewaldeten
Bergwnden des Mnsterthals so wohl zu gefallen, da sie's im Echo
nachtnten. -- Diese Posthornklnge und des Wagens Rollen auf harter
Strae, die frisch mit Bergkies bedeckt war, lie einen gellenden
Aufschrei berhren, der pltzlich hinter ihnen dicht am zweiten Wagen
ausgestoen wurde, einen Schrei, der herzzerschneidend alle Diejenigen
durchdrang, welche ihn vernahmen.




4. Katastrophen.


Der anbrechende Morgen war trb und dster, und ber der Strae, die
durch das Gebirge nach Tbingen zu fhrte, hingen schwere Nebel, die an
den Waldbergen hinzogen. Ein solcher Morgen weckt keine frohe Stimmung,
und der heutige entsprach auerdem noch so ganz der Lage der Reisenden.
Sophie war still und ergeben, sie fhlte sich geschtzt, einer drohenden
Gefahr entrissen, von der Zukunft hoffte sie nichts; ihre Gedanken
kehrten zurck zu den geliebten Herzen, die sie hatte verlassen mssen;
ihre einzige Hoffnung war die Verheiung des baldigen Wiedersehens.

Graf Ludwig war von anderen Betrachtungen bewegt. Er fhlte sich stolz
und mchtig gehoben in dem Gedanken, da Sophie ihm nun so unerwartet
schnell anvertraut sei; er gedachte seines heiligen Gelbdes, und schwur
sich noch tausendmal zu, es zu halten. Er sprach zu Sophie sanfte,
ehrerbietige Worte, und wute gleich in der ersten Stunde seines
Alleinseins mit ihr mit sicherem Tacte den Ton zu finden, der sich fr
beide ziemte.

Was ich von Ihnen erbitte, nahm er das Wort, ist, da Sie mir erlauben
wollen, auch fernerhin zu Ihnen in dem Tone reden zu drfen, den unsere
vielfachen gemeinschaftlichen Reisen und das nothwendige Incognito der
spteren Zeit uns finden lieen. Ich werde Sie ehren, als seien Sie eine
Knigin, ich werde Sorge tragen, da diese Ehrerbietung von Allen
ausgehe, die Sie knftig umgeben und Ihnen dienen, aber ich werde Sie
nicht Prinzessin nennen, denn dieses Wort wrde nur die argwhnische
Neugier wecken. Sie mssen um Ihrer eigenen Sicherheit willen stets vor
den Augen anderer Menschen verschleiert erscheinen, und bei Ihrem Leben
gegen keine Seele sich mittheilen. Es ist eine groe Last, die das
Schicksal einem noch so jungen Herzen auferlegt, und manche
Lebensfreude, auf welche Jugend, Schnheit und Anmuth Anspruch haben,
wird Ihnen versagt bleiben, doch wird Alles geschehen, um Sie, so viel
es mglich ist, zu entschdigen, und gewi wird nach einiger Zeit diese
Fessel auch wieder von Ihnen genommen; Sie werden an der Hand der
erlauchten Eltern wieder in die Welt treten und die Huldigungen
empfangen, welche Ihnen gebhren.

Ich habe keinen anderen Wunsch, Herr Graf, entgegnete Sophie, als den,
mit meinen Eltern recht bald wieder vereinigt zu werden; bis dies
geschieht, werden Sie mich in Allem folgsam und gehorsam finden, was Sie
mir anbefehlen.

Ich werde Ihnen nie Etwas befehlen, Sophie, entgegnete Ludwig; aber jede
der Bitten, die ich an Sie richte, wird Ihr Wohl zum Zweck haben.

Ihre Wnsche werde ich so achten, erwiederte Sophie, als wenn mein Vater
oder meine Mutter dieselben mir an's Herz legten.--

Die Fahrt hatte schon eine Zeitlang gedauert, als an einer Stelle, wo es
langsam bergan ging, der Graf sich aus dem Wagen bog, um zu sehen, ob
der zweite Wagen hinter ihm sei? Ludwig bedauerte im Stillen Angs
Weigerung, sich zu ihnen in den ersten Wagen zu setzen; er htte gerne
ihre Stimme gehrt, sich ihrer gemthvollen Unterhaltung erfreut, es war
ihm nicht mglich, ganz ohne Befangenheit mit dem frstlichen Kinde zu
sprechen, und sich gleich vllig in das ihm so neue Verhltni hinein zu
finden und einzuleben. So sehr die Glut der Liebe ihn durchzitterte, so
sehr hielt die hchste Achtung, die ehrfurchtvollste Scheu ihn ab,
Sophien schon jetzt diese glhende Neigung zu offenbaren.

Der Wagen folgte in ziemlicher Entfernung, halb vom Nebel
eingeschleiert, der rings die Fernsichten hemmte, und nicht einmal die
benachbarten Berggipfel erkennen lie.

An einer Waldschmiede hielten nach der Fahrt von zwei Stunden die
Postillons, um einem der Pferde ein losgegangenes Eisen festnageln zu
lassen, und da glcklicher Weise neben der Waldschmiede auch eine
Waldschenke stand, so benutzten die Lenker des Viergespannes diese
Gelegenheit zur Einkehr in dieselbe.

Ludwig stieg einige Augenblicke aus und sah dem nachkommenden Wagen
verlangend entgegen, um Angs zu gren, und sie auf Sophiens Wunsch zu
ersuchen, im ersten Wagen bei ihnen Platz zu nehmen.

Jener Wagen kam langsam nach, als er nahe genug war, sah der Graf zu
seiner Bestrzung, da es eine vllig fremde Kutsche sei. Er rief den
Kutscher an, ob er nicht einen Reisewagen mit Gepck und vier Pferden
berholt habe? Dieser, eine nichts weniger als gutmthige Schwarzwlder
Physiognomie, schttelte sein mit einem breiten Hute bedecktes Haupt,
ohne ein Wort weiter zu sagen, und peitschte sein Gespann, welches
einige Neigung zeigte, auch vor der Waldschenke zu halten.

Das war Ludwig unangenehm, ja es berhrte ihn peinlich, da jener zweite
Wagen nicht nachkam -- er sah die Zgerung des Postillons nicht ungern,
hoffte und hoffte, blickte verlangend und voll Ungeduld auf den
zurckgelegten Weg, so weit dieser sich berschauen lie, und immer
vergebens. Der zweite Wagen kam nicht, die Fahrt des ersten ging weiter.
Die Station wurde erreicht, wo die Pferde gewechselt wurden, neuer
Aufenthalt -- der zweite Wagen blieb noch immer aus. Es wurden
einstweilen frische Pferde fr ihn bestellt und dem zurckreitenden
Postillon aufgetragen, den Nachfolgenden Eile anzuempfehlen.

So ging es von Station zu Station, immer banger wurde es dem Grafen um's
Herz. Was war geschehen? Was konnte diesen rthselhaften Aufenthalt
veranlat haben? Der Abend dmmerte nieder und der Tag, der fr Ludwig
so verheiungsreich begonnen, sank ihm sehr trbe, seine Verlegenheit
mehrte sich von Stunde zu Stunde; er begann jetzt unwillig zu werden
ber Angs' Laune, wie er es nannte, und mute doch diesen Unwillen vor
Sophie unterdrcken, durfte die noch Ahnungslose nicht schrecken und mit
seinen Befrchtungen ngstigen.

Tbingen war erreicht, das Ziel des ersten Reisetages, wo Nachtrast
gehalten werden sollte, und Ludwig's Verlegenheit wuchs mit jeder
Minute. Sollte die Prinzessin der weiblichen Bedienung entbehren, sie,
die von Kindheit auf die sorgsamste Aufmerksamkeit gewohnt war?

Ludwig ordnete an, da eine Staffette dem Wagen entgegen gesendet werde,
die die ganze Strae entlang nach der zurckgebliebenen Reisebegleitung
forschen und nthigenfalls bis zur Post nach Ettenheim weiter befrdert
werden sollte, wenn keine Spur sich fnde.

Nach einer Stunde sorgenvollen Harrens kam die Staffette zurck und rief
zum Fenster des Gasthauses hinauf, aus dem der Reisende heruntersah, da
der Wagen sogleich kommen werde.

Voll hoher Freude warf der Graf ein paar brabanter Laubthaler in den Hut
des Postillons, der von dannen ritt, und bald rollte in der That der
langersehnte Wagen heran. Voll Unruhe und Ungestm eilte Ludwig die
Treppe hinunter, um Angs selbst aus dem Wagen zu heben.

Philipp war bereits von seinem Auensitz herabgesprungen, sein sonst so
frisches rothes Gesicht war bleich; er blickte seinen Herrn mit dem
Ausdruck tiefen Kummers an, ffnete den Schlag, -- Sophie Botta, die
Dienerin, stieg aus, aufgelst in Thrnen, der alte Jacques folgte --
Angs fehlte.

Was ist das? Wo ist Angs? fragte Ludwig erschrocken.

Philipp antwortete: Ach, bester gndiger Herr! Ach das Unglck! Kommen
Sie in das Haus!

Der Graf eilte in raschen Stzen die Treppe hinauf und gebot Philipp,
ihm sogleich zu folgen. Sophie ffnete die Thre des Zimmers, in welches
sie abgetreten war, Graf Ludwig winkte ihr stumm, zog den Diener in sein
Zimmer und stammelte: Sprich! Sprich! Was ist's mit Angs? Wo habt ihr
sie gelassen?

Ach, erschrecken Sie nur nicht allzusehr, gndiger Herr! stammelte
Philipp. Ach, der liebe gute Engel!

Angs! schrie der Graf: was ist's mit ihr?

Sie ist nicht mehr -- sie ist todt -- schndlich ermordet!

Todt? Ermordet, sagst du?

Wie ich Ihnen sage, schluchzte Philipp.

Jetzt kam auch die Kammerzofe herauf, berlaut weinend, und da die
Prinzessin diese hrte, ffnete sie wieder die Thre und lie sie zu
sich eintreten; bald wurde auch das junge Herz Sophiens von einer
Nachricht erschttert, die ihr das Blut erstarren machte.

Es dauerte eine ziemliche Weile, bis es zu einer zusammenhngenden
Erzhlung des Ereignisses von Seiten Philipp's kam.

Wir waren eben im Einsteigen begriffen, berichtete dieser: als der Wagen
des Herrn Grafen wegfuhr. Die Jungfer sa bereits auf dem Rcksitze,
Angs wollte gleichfalls einsteigen, ich und Jacques hatten nur noch
einen Koffer aus dem Hause zu schaffen, den ich vor mich auf den
Kutschersitz nehmen wollte, und im Augenblicke, wo ich zuerst meinen Fu
auf die Stufe vor der Schwelle des Hauses setze, hre ich einen
entsetzlichen Schrei, sehe Angs sinken, whrend eine Gestalt wie ein
Schatten um die Ecke des Hauses huscht. Ich lasse gleich den Koffer
fallen, schreie Jacques zu: Helft dort! und strze dem Schatten nach,
dort prasselt ein aufgestellter Haufen Holz zusammen, Scheiter fallen
auf mich -- aber mich hlt nichts zurck, jetzt hart an der Ferse bin ich
ihm -- es war eine dunkle Gestalt -- sie will ber einen Zaun -- verfngt
sich in der Kutte, wendet sich -- ratz! reit die Kutte in Fetzen, und
auf mich strzt's und ich hab' einen wthenden Stich in der linken
Schulter. Da pack' ich die Hand und breche sie am Gelenke ab, -- sie
kracht, aber fest bleiben die Teufelsfinger um den Dolch gekrallt. -- Ich
trete den Kerl zusammen, fasse ihn an der Gurgel und stoe ihn gegen
eine Mauerwand, so lange und in einem fort, bis der Athem ihm ausgeht.
Nieder werf' ich ihn, mit Fen tret' ich ihn, an den Haaren schleif'
ich ihn vor nach der Stelle, wo er seine blutige That vollbracht -- wo
Jacques die arme unglckliche Angs als Leiche in den Armen hlt, und
laut um Hlfe ruft und jammert. Es gibt Lrm, die Postillons springen
von ihren Pferden, die Jungfer strzt aus dem Wagen, die Hausleute eilen
herbei -- ach, was half das Alles? Angs war starr und kalt -- von einem
Dolchsto mitten ins Herz getroffen -- der Mrder mute sich hinter dem
Wagen versteckt gehalten und ihr beim Einsteigen den Mantel erst
abgerissen haben, denn dieser lag am Boden, dann hatte der Hallunke
seinen sicheren Sto gefhrt.

Das Unglck war da, das groe, entsetzliche Unglck. Nach dem
Schultheien, nach Polizei, nach Gensd'armen wurde gerufen, die ganze
Ortschaft kam in Allarm. Dort lag noch der feige elende Mrder -- Angs
war in das Haus getragen worden, das sie bewohnt -- ach, wer htte eine
solche Rckkehr geahnt! -- Es wurde heller Tag -- das Volk sah nicht die
ermordete Angs, den Mnch sah es, und schrie: Ein frommer Pater ist
erschlagen! Mord! Mord! Die Postillons wurden gezwungen, ihre Pferde
abzuspannen. Jetzt sah ich erst, da ich selbst betrchtlich blutete, es
wurde mir ganz elend -- ich trank ein Glas Rum und ri meine Kleider ab.
Ein Bader fing gleich seine Kur mit mir an, mitten in der Wirthshausflur
-- des drngenden Volkes wurde immer mehr -- sie wollten den Leichnam des
Mannes aufheben und ihn in die Kirche tragen, wie ich aus ihren Reden
vernahm -- da stie ich den Bader zurck und schrie: Den Hund, den
Meuchelmrder in die Kirche? In das Gotteshaus? Auf den Schindanger
gehrt er, wenn ihr es wissen wollt! Ein frommer Pater wre er, bildet
ihr euch ein? O, ich wei auch, wie ein Pater beschaffen ist! Schaut
her! -- Dabei ri ich ihm die Kaputze vom Kopfe, und es war nun hell
genug, da jeder sehen konnte, da der Kerl keine Tonsur hatte. Der ein
Pater? Ein franzsischer Spion ist's, wenn ihr's wissen wollt!

Wie? War es etwa jener Clement Aboncourt? rief Ludwig tief erschttert
aus.

Nein, gndiger Herr, -- der war es nicht, aber der Spiegeselle, der mit
ihm ging, auf alle Flle derselbe Hund, der dem guten Herrn Leonardus
den Tod brachte. Jetzt erschien Polizeimannschaft -- da man an mir Blut
sah, und zwar dessen nicht wenig, so sollte ich der Mrder des Mrders
sein, -- und schlecht genug wr' es mir auch sicherlich ergangen, wenn
der Kerl wirklich todt gewesen wre; aber mit Einemmale fing er an,
Gesichter zu schneiden und zu gurgeln und wurde wieder lebendig, wie
eine Katze, die man heute dreimal todt schlgt, und bermorgen luft sie
wieder auf dem First des hchsten Daches, als wre ihr nichts geschehen.
Er wurde sogleich mit Stricken geschnrt und ins Gefngni gebracht. Wir
wollten Ihnen nun nachfahren, denn wir konnten ja doch nicht helfen --
die Postillone spannten wieder an, aber sie muten dennoch zurck. Die
Polizei bestand darauf, da wir mit nach der Stadt fuhren, um dem
Gericht ber Alles Aufschlsse zu geben. Daraus entstand der endlos
lange Aufenthalt -- da mute Alles an den Tag, wer wir seien, woher wir
kmen, wohin wir wollten und wer den Mrder so bel zugerichtet habe? --
Ich sagte, da er mich gestochen und da ich mich zur Wehre gesetzt
habe. Was der Nichtswrdige aussagte, habe ich nicht erfahren, ich
drngte zur Eile -- die Zofe lief von einem Polizeisoldaten begleitet, zu
einer hohen Dame, die bewirkte, da wir freigelassen wurden und
fortfahren durften. Jener Mrder wird wohl der Vergeltung nicht
entgehen, aber uns allen war bitterlich weh um's Herz ber der
unschuldigen Frau Angs' Tod, die wir noch einmal sahen, und die so
berirdisch schn da lag, wie eine blasse geknickte Lelibloem -- so
pltzlich dahinzugeben das noch so junge liebliche Leben!

Welch' ein Schmerz fr Ludwig wie fr seine Schutzbefohlene!

Das war ein mehr als trber Beginn des neuen Lebensabschnittes, der mit
dem heutigen Tage fr Beide angebrochen war -- das war eine schwere
Prfung, eine finstere Vorbedeutung.

Der Graf lie Philipp sogleich wundrztlich behandeln; die Wunde war
brigens nicht von Bedeutung. Des treuen Burschen Natur war nicht zart
und empfindlich, er hatte zwar in der Nacht ein wenig Fieber, war aber
am andern Morgen bei sehr frher Zeit wieder auf, und bereit, den
Befehlen seines Herrn zu folgen. Dieser versah ihn mit Geld; er sollte
sogleich mit Extrapost zurckfahren und Angs' Leichenbestattung in
ehrenvoller angemessener Weise anordnen, dabei auch der Prinzessin Kunde
vom Befinden ihres Kindes bringen, das der treuen Pflegerin seiner
Kindheit und Jugend den traurigen Zoll der aufrichtigsten Thrnen nicht
versagte, ja ganz auer sich war ber alle die Betrbni, die auf sein
Herz einstrmte.

Da die Weiterreise nach Ingelfingen keine heitere war, lag in der Natur
der Umstnde; dstere Wehmuthschatten umwlkten die Stimmung der
Reisenden, aber die tiefe und gerechte Trauer, welche der Graf und
Sophie bei diesem pltzlichen, schrecklichen Hinscheiden ihrer
gemeinsamen Freundin empfanden, nherte ihre Herzen einander mehr, als
die hellsten Freudentage vermocht htten.

Ingelfingen war erreicht; nach wenigen im ersten Gasthaus daselbst
zugebrachten Tagen ward eine Miethwohnung in der Apotheke bezogen. Die
Frstin, an welche der Graf und Sophie empfohlen waren, war abwesend,
unsere Reisenden waren also auf sich allein beschrnkt, die uerste
Zurckhaltung wurde beobachtet, besonders von Seiten Sophiens; sie
verlie, erschreckt und eingeschchtert durch jenen schauderhaften Mord
an ihrer geliebten Angs, kaum ihr Zimmer. Denn konnte nicht sie es
sein, die der Dolch des Mrders gesucht und verfehlt hatte? War es nicht
mglich, da jene Habgierigen, welche nach ihrem einstigen Vermgen
trachteten, mit Mrderdolchen ihr nachschlichen, um sie aus der Welt zu
schaffen? Ihre jugendliche lebhafte Phantasie malte ihr dies Schreckbild
mit den dstersten Farben aus.

Graf Ludwig hatte den einen Wagen mit Philipp zurckgesendet; fr den
anderen kaufte er ein schnes Rossepaar und fuhr hufig mit der
Prinzessin spazieren, welche stets verschleiert neben ihm sa. Bisweilen
lustwandelte sie auch am Arm ihres Beschtzers, ebenfalls tief
verschleiert, und Alles an ihnen lie die Einwohner des Stdtchens
errathen, da der fremde Herr wie die fremde Dame den hchsten
Gesellschaftskreisen angehrten. Die Ingelfinger waren gerade so
neugierig wie alle andern Kleinstdter im lieben deutschen Vaterlande,
zerbrachen sich die Kpfe darber, wer dieses so geheimnivolle Paar
sein mge, und da es ganz unmglich war, Etwas ber dasselbe zu
erfahren, so suchte man in der Phantasie Rath und Auskunft dafr, und
bald circulirten allerlei abenteuerliche Gerchte ber das fremde
Liebespaar.

Trotz der Nhe der Geliebten war Ludwig's Herz sorgenbelastet und
schwer, denn er fhlte sich fast von allen Banden losgerissen, die das
Leben so freundlich knpft und in einander verschlingt. Wen hatte er
denn noch drauen in der Welt, seit auch Angs ihm entrissen war? Nur
noch das Herz einer Mutter, der sich schriftlich mitzutheilen die
Verhltnisse verboten; doch blieb Georgine nicht ohne Nachricht und nahm
aufrichtigen Antheil an des entfernten Lieblings Wohl und Wehe. Mit den
eigenen Verwandten war der Graf auer Verbindung gekommen, sie sahen
seine Abwesenheit nicht ungern, es hatte Keiner nach dem Tode der
Gromutter gefragt, ob Ludwig nicht auch Ansprche oder Wnsche habe,
und er selbst hielt sich in stolzer Zurckhaltung von den Verhandlungen
ber das gromtterliche Erbe ferne, obschon er nicht ohne ein gewisses
Vergngen die Briefe Windt's las, die ihn in seiner Einsamkeit
auffanden.

Fr mich gibt es jetzt, schrieb ihm einst der alte Freund: alle Hnde
voll zu thun, bald in Varel, bald in Doorwerth, bald in Hamburg. Die
Herren, der regierende Graf und der Vice-Admiral, haben sich in Varel
ganz gut verglichen; nur schade, da sie nicht bei diesem Vergleich aus
dem Falken von Kniphausen trinken konnten! Ich bin jetzt in Hamburg und
betreibe den Verkauf des Nachlasses meiner hochseligen Gebieterin, so
weit die Erbherren denselben nicht fr sich behalten wollen. Graf
William ist noch hier und berhuft mich erschrecklich mit Schreibereien
und Uebersetzungen aus dem Deutschen und Hollndischen, um sich
vollkommene Kenntni in der Nachlasache zu verschaffen. Ich sitze bis
ber die Ohren unter den vermaledeiten Papieren, welche ich nebst dem
ganzen Testamente lieber heute als morgen dem Feuer opferte. Hier in
Hamburg sieht es auf allen Seiten elend und jammervoll aus. Ich warte
nur auf Nachricht vom Erbherrn, der mir von Varel aus schreiben will, ob
und wann es nthig sei, da ich dahin komme und mit ihm nach Doorwerth
gehe; das hlt mich allein noch hier auf, sonst wrde ich meine brave
Schwester zu meinem Bruder nach Bckeburg gebracht haben, der sie zu
sich nehmen will. Glauben Sie mir, bester Herr Graf, man wird endlich
mde. Denken Sie, da ich jetzt fast ganz auf meine Kosten hier leben
mu, ich bin nicht besonders bedacht worden, es wurde mir auch noch
keine Sicherheit angeboten, und ich werde zuletzt dem Spott, dem Hohn
und dem Jammer ausgesetzt sein fr sechsunddreiigjhrige Dienste.

Wie, sollte Windt Noth leiden? rief Sophie mit Bestrzung. Das drfen
wir nicht zugeben. Ich bitte Sie, Herr Graf, sorgen Sie fr den braven
Mann, der so treu an Ihnen hngt.

Wie erfreut und rhrt mich Ihr schnes Gefhl, entgegnete Ludwig bewegt.
Ich werde das Meine thun, obschon es mir kaum glaublich ist, da Windt
so blosgestellt sein sollte. Hren wir weiter, was er mittheilt:

Das Mnzkabinet hat seinen Erben gefunden; warum die Hochselige es
Ihnen, Herr Graf, nicht vermacht hat, ist mir ein groes Rthsel, das
sie noch nach ihrem Tode mir zu lsen aufgibt, wie sie's im Leben so oft
gethan hat. Die herrliche Bibliothek mu unter den Hammer, der
Buchhndler Perthes will so gut sein und die Anzeige der Auction
verbreiten, sowie auch den Catalog drucken. Das Porzellan, Glas, die
Leuchter, Spiegel u.dgl. kommt Alles unter den Hammer, auch ein Theil
der Bilder. Soll ich nicht die Ansichten der drei Schlsser fr Sie,
Herr Graf, ersteigern? Ich gnnte Ihnen die Besitzungen freilich lieber
alle drei #in natura#. Das Silber, ber sechshundert Pfund, hat die
hochselige Excellenz sammt und sonders einer Jugendfreundin in Sachsen
vermacht, ein hbsches Andenken, die Herren Grafen sind wthend darber,
knnen aber nichts dagegen machen, hchstens es zurckkaufen.

#Habeant sibi!# sprach Graf Ludwig: was ntzt aller Reichthum, wenn der
Mensch nicht innerlich beglckt ist? Ich will dem braven Windt eine
lebenslngliche Rente sichern; verdient irgend ein Mensch auf der Welt
Dank, Lohn und Anerkennung, so ist er es; es wre himmelschreiend, wenn
er sich ber Undank beklagen mte!

Ein anderer Brief Windt's, in Doorwerth geschrieben, den Ludwig allein
las, begann:

Ich sitze hier am Orte meiner Qual, und inventire, registrire,
katastrire wie nrrisch darauf los, damit der Herr General-Erbe, der
Herr Vice-Admiral, welcher Doorwerth bernimmt, Alles im besten Stande
finde; dann heit es bei mir: fahr' zu, Kutscher, dann gehe ich nach
Stadthagen, setze mich endlich zur Ruhe, und will nichts mehr hren und
sehen von Doorwerth, Kniphausen, Varel und Hamburg. Wer htte das
gedacht, da Alles so wunderlich gekartet wrde, da Graf William, und
nicht Graf Wilhelm Gustav Friedrich die Herrlichkeit bernhme, der doch
erst Alles daransetzte, sie zu erlangen. Es ist in den letzten
Lebenstagen der hochseligen Frau Grfin und bei der Anwesenheit dieses
guten Grafen William vielfach # la# Cagliostro zu Werke gegangen
worden, doch was geht das mich an? Der Vice-Admiral ist nach London
gereist. Von Berlin aus ist Anfrage ergangen, ob das Mnzkabinet nicht
verkauft wrde; der Anfrager soll ein berhmter Antiquarius sein, der
dasselbe jedenfalls zu schtzen wei. Wenn der Erbe es ihm gibt, so wird
sich eine Weissagung der Hochseligen erfllen, welche dieselbe oft
aussprach: Von diesen Mnzen und Medaillons, die ich mit Mhe und groen
Opfern zusammengebracht, wird es einst heien: Gehet hin in alle Welt.

Das Reich ist noch nicht ganz einig, erst im kommenden Herbst soll die
Frucht der Harmonie reifen; wenn sie sich nur nicht spalten, wie ein
Granatapfel, der unzeitig vom Stamme fllt.

Vom Erbherrn ist Nichts zu hren, Nichts zu sehen, nur unverbrgt habe
ich vernommen, da er bei seinem letzten Aufenthalt in Varel den Prinzen
von la Tremouille und Talmont zu sich dorthin habe kommen lassen.

Nachtrglich noch eine, mir erst krzlich zugekommene neue Mre, die
ich aber durchaus nicht gesagt haben will. Die Ihnen, Herr Graf, wie mir
gewi unvergeliche verewigte Frau Erbherrin ist vergessen und alle
Liebe der Demoiselle Sara Gerdes, vormals Kammerjungfer, dann Kammerfrau
der hochseligen Erbherrin, dermalen zum Range einer Schloverwalterin zu
Varel erhoben, zugewendet worden, welche die Ehre genieen wird, die
Stellvertreterin einer Ottoline zu werden. Dieses nicht mehr junge
Mdchen stammt aus Bockhorn, das, wie Ihnen genugsam bekannt ist,
zwischen Varel und Kniphausen liegt, und der Grovater derselben zhlte
zu den Hrigen der Herrschaft, der Vater aber ist jetzt ein freier
Landbebauer. Was sagen Sie dazu?

Diese Meldung erschtterte den Grafen Ludwig sehr; als er allein war,
rief er fast in Verzweiflung aus: Mein Fluch, mein Fluch! Welche Dmonen
habe ich heraufbeschworen ber das Haus, dem ich entstamme! -- Nun sehe
ich, wie sich Alles, Alles erfllen wird, der dauernde Hader, die
Zwietracht, die Verachtung, die Verarmung, Alles, bis auf den letzten
Punkt!

Sich zu zerstreuen, ging er hinunter in die Wohnung seines Hausmanns,
des Apothekers, der ein sehr unterrichteter und dabei jovialer Mann war.
Es war Gewohnheit der vornehmeren Einwohner des Stdtchens, sich Sonntag
Vormittags zu einem Glase Wein in der Apotheke einzufinden, und die
Weinstube hatte dadurch, da auch der fremde Herr, der im Hause wohnte,
dieselbe besuchte, einen neuen Reiz gewonnen, zumal Ludwig sich eine
Menge solcher Zeitungen des Auslandes kommen lie, von denen sonst nie
ein Blatt nach Ingelfingen gedrungen wre. Erfuhren auch die Herren
nicht, was sie fr ihr Leben gern gewut htten, wer eigentlich dieser
vornehme, zurckhaltende schne Mann sei, so sahen sie doch seine
Persnlichkeit in ihrer nchsten Nhe, sahen, da ihm der Wein nicht
minder mundete wie ihnen, und hrten ihn gern sprechen, wenn er ber die
Ereignisse der Zeit ber die Hoffnungen und Befrchtungen in politischer
Beziehung sich uerte. Auch hatte der Postmeister der Gesellschaft
vertraut, der fremde Herr empfange fast mehr Briefe, als der erste
Kaufmann von Ingelfingen. -- Sophie beschftigte sich stets in Gegenwart
ihres Kammermdchens, wenn der Graf ihr nicht Gesellschaft leistete, mit
leichter weiblicher Arbeit, oder las gute franzsische Bcher, bte sich
auch bisweilen im Deutschen, worin jedoch ihre Fortschritte nur langsam
waren; besonders fiel das Nachmalen der deutschen Schrift ihr schwer.
Manche stille Thrne weinte sie um die dahingeschiedene Angs und die
Trennung vom Mutterherzen, und ngstlich vermied sie Jemanden zu
begegnen; ein fremder Tritt auf der Treppe oder im Vorsaal machte sie
erbeben. Philipp ritt oder fuhr whrend des Aufenthaltes in Ingelfingen
fast wchentlich einmal als Sendbote in das badische Land; denn es wurde
ein lebhafter Briefwechsel mit der Prinzessin unterhalten.

Ludwig beschftigte sich in seinen zahlreichen Muestunden mit Studien,
zu denen seines Hauswirthes Beruf und Bchersammlung den meisten Anla
bot. Da standen wohlgeordnet die Werke der Koryphen der
pharmaceutischen Wissenschaft neben einander: Gttling, Buchholz,
Tromsdorf, Schrader, Wiegleb waren durch ihre Schriften und Almanache
fr Scheideknstler vertreten; eine Sammlung von Pharmacopen, die mit
der Schule von Salerno begann und mit der berhmten und allverbreiteten
wrtembergischen Pharmacope abschlo, lie Einblicke thun in den Geist
und in die Fortschritte der pharmaceutischen Wissenschaft und Chemie.
Praktische Arbeiten, die nur im Winter vorgenommen werden knnen, wie
die Bereitung und Destillation der Naphten, ja selbst das Pulvern zher
Harze, die nur Winterklte so hart macht, da sie zu Staub zermalt
werden knnen von der schweren Wucht der Mrserkeulen, des Gelbanum, die
Asa u.a., boten dem Beschauer manches Anziehende dar, nicht minder
chemische Experimente, die mannichfach erfreuten.

Der Graf gewann die Achtung Aller, denen Gelegenheit wurde, ihn
persnlich kennen zu lernen. Ueber politische Verhltnisse uerte er
sich nur mit groer, fast diplomatischer Vorsicht und vermied
absichtlich, als Parteimann zu erscheinen; doch verhehlte er nicht, da
ihm die alte Dynastie Frankreichs lieber war, als die gegenwrtige
Regierung, da er aber noch zur Zeit ungleich mehr die Revolution selbst
verabscheue, als ihren muth- und kraftvollen Bezwinger.

Whrend nun fort und fort die Wibegierde in Ingelfingen wach blieb, zu
wissen, wer der fremde Herr eigentlich sei, ob er nicht, wie Einige
muthmaten, ein franzsischer Prinz, ja ob er nicht gar Monsieur selbst
sei, weshalb ihn auch einige Male der Postmeister Monseigneur anredete,
was aber mit guter Absicht von Ludwig ganz berhrt wurde, machte ein
unseliges Ereigni dem Aufenthalte des Gegenstandes so vieler heimlichen
Fragen und so vielen Kopfzerbrechens zu Ingelfingen ein urpltzliches
Ende.

Philipp kam von Ettenheim zurck, mit demselben bestrzten und
verstrten Aussehen, wie damals, als er die Botschaft von Angs'
Ermordung berbrachte, und erstattete seinem Herrn einen Bericht, der
diesem das Haar emporstruben machte.

Gndiger Herr! begann er athemlos: Sie mssen mir sogleich einen sichern
Pa verschaffen, da ich weiter kann! Ich darf keine Stunde hier weilen,
ich mu weiter!

Was ist geschehen? fragte Ludwig betroffen.

Was geschehen ist? Herr Gott im Himmel! Unerhrtes und Entsetzliches ist
geschehen! Lesen Sie, gndiger Herr! Damit bergab er seinem Gebieter
einen Brief, der in Eile zusammengefaltet und uerst flchtig
gesiegelt war. Er war von der Prinzessin, und diese schrieb ihm:
Fliehen Sie, Graf, fliehen Sie mit Sophie, weit, so weit als Ihnen
mglich ist! Retten Sie die Tochter, da der Vater unrettbar verloren
ist. In Verzweiflung schreibe ich diese Zeilen. Der Herzog war gewarnt,
treu gewarnt, es war verabredet, da wir morgen oder bermorgen nach
Ihrem Aufenthaltsort eilen wollten, vorher aber sollte eine feierliche
Erklrung unserer Verbindung auch vor dem Auge der Welt Geltung
verschaffen. Es war bereits ein offenkundiges Geheimni, da von Seiten
Frankreichs dem Herzog nachgestellt und aufgelauert werde, Schaaren von
Spionen trieben sich in dem Stdtchen herum, Alles war schon
ausgekundschaftet, aber keine Warnung fruchtete und statt zu fliehen,
ging der Herzog unbesorgt auf die Jagd; den nchsten Tag erst wollte er
die Rathschlge seiner Treuen befolgen. Wie Alles so entsetzlich schnell
gegangen, wei ich selbst noch nicht, ich begreife berhaupt Nichts, als
da wir Alle unaussprechlich elend sind! Es wurde Lrm in der Nacht, die
ganze Brgerschaft rannte auf die Straen, der scheuslichste Verrath
ward gebt worden, der Herzog wurde in seiner Wohnung berfallen und
gefangen genommen; der Kirchthurm war von Bewaffneten besetzt, damit
Niemand Sturm lute, unter meinen Fenstern sah ich meinen geliebten
Gemahl im Morgengrauen auf einem Karren vorberfahren, von Wachen mit
Gewehren und blitzenden Bajonetten umgeben -- ach, mir ahnet, ich sah ihn
zum Letztenmale! Es mute ein ganzes Bataillon franzsischer Soldaten
vom Rhein herbergekommen sein, um diesen Landfriedensbruch und
gewaltsamen Menschenraub zu verben. Die Umgebung meines theueren
Gemahls war mit verhaftet, -- ach, noch einige Tage vielleicht, und
unsere Sophie hat keinen Vater mehr! -- Ich warf mich in einen Wagen,
folgte dem Gefangenen bis nach Straburg, ich flehte meinen Gemahl
sprechen zu drfen, vergebens, ich sah -- ich sprach ihn nicht! Wo sie
Henri hinschleppen, wei ich nicht -- nach Paris ohne Zweifel -- der Lwe
verlangt nach dem Blute des letzten Bourbons! -- Gott mit Ihnen -- mit
Sophie -- ich kann nicht mehr -- ich bin vernichtet!

                                                        Ch.

Der Graf starrte wie betubt auf den Unglcksbrief! -- So fllt auf mich
ein Schlag nach dem andern, sprach er dumpf vor sich hin, doch -- ich
mu -- ich will sie tragen alle diese Schlge, nur Sophie soll sie nicht
mitfhlen.

Was hrtest du selbst noch auerdem von dem schrecklichen Unglck, das
mir hier gemeldet wird? fragte Ludwig seinen Diener.

Ich lag auf Kundschaft, berichtete dieser, hatte nachgeforscht, wie es
um jenen Hallunken stnde, den Mrder der guten Angs, und ob er schon
gerichtet sei. Hat sich was -- gerichtet! Entsprungen war dieser Teufel
abermals, entsprungen mit Hlfe seines schurkigen Spiegesellen. Beide
waren Spione und verkleidete franzsische Gensd'armen gewesen. Ich hatte
mich etwas unkenntlich gemacht, entdeckte richtig den Einen unter den
Herumtreibern und lie ihn nicht wieder aus den Augen; ich kochte vor
Wuth und Grimm gegen diesen verruchten Menschen, wo er hinschlich,
schlich auch ich hin, stellte mich so, da er mich nicht gewahrte, ich
aber lie ihn nicht aus den Augen, die ganze Nacht nicht. Ich schwur es
mir zu, Beide zu verderben, oder mindestens den von ihnen, der in meine
Hand fallen wrde. Wohl merkte ich, da das Volk Etwas vorhabe, aber
was, darum bekmmerte ich mich nicht. Er war bei der Schaar, die in der
Nacht des Prinzen Haus umzingelten, gegen Morgen hrte ich in meinem
Versteck pltzlich lautes Rufen, der Prinz wurde gefangen genommen, die
Wachen umringten ihn, er wurde auf einen Karren gesetzt und durch den
Ort gefhrt, ich schlich mich nach und hatte mir meinen Mann gut
gemerkt. Der Morgen kam herauf, es ging auf eine Mhle zu, nahe der
Stadt vorbei, die dicht umbuscht war; der Ettenbach, der diese Mhle
trieb, rauschte stark und gewaltig, angeschwollen vom geschmolzenen
Schneewasser des Schwarzwaldes. Schon verzweifelte ich am Gelingen
meines Vorhabens, denn mitten aus der Compagnie konnte ich mir meinen
Mann nicht herausholen. Alle meine Gedanken schossen hinter ihm drein,
als wollten sie ihn fesseln, und ich glaube, sie haben ihn gefesselt;
denn auf einmal blieb Clement Aboncourt zurck, um an seinem Tornister
etwas zu ordnen. Niemand war in der Nhe, die Gefangenen sind in das
Mhlhaus geschleppt worden, die Bedeckung blieb davor. Dicht unterm
Damm, auf dem der Weg hinluft, wlzt sich die rasche Fluth dem Rheine
zu. Der Spion war in meiner Macht. Ein Wurf meiner lngst bereit
gehaltenen Schlinge, wie nach einem Pferd auf unseren Marschen, ein Ruck
-- und mein Mann strzt' rckwrts nieder -- ich auf ihn los! Bist du's,
vermaledeiter Satan und Mordgeselle! Ich schau' ihn an, er war's, er
verdrehte die Augen, er zappelte und schlug mit krampfhaft geballten
Fusten nach mir. Ich stie ihn in den brausenden Waldbach, und die
Wellen thaten hohe Freudensprnge, als der Hallunke hinabflog, seinen
Tornister warf ich gleich hinterdrein ihm auf den Kopf. So hat doch
einer seinen Lohn, denn der blieb unten; ich lief eine Stunde dem
Mhlenbach entlang, um zu sehen ob er wieder auftauche, aber der
wohlverdiente Strick hat ihn daran verhindert.

Ludwig wandte sich schaudernd ab.




5. Verschiedene Nachrichten.


In der Weinstube des Apothekers zu Ingelfingen herrschte am 18. Mrz des
Jahres 1804 eine ungewhnliche Bewegung. Der interessante Fremde, den
man so gerne in der Gesellschaft gesehen und reden gehrt hatte, war mit
seiner Begleitung pltzlich abgereist. Er hatte noch am Samstag spt am
Abend Extrapostpferde bestellt, und war am frhen Sonntag von dannen
gefahren, gar zu gern htte man gewut wohin, Niemand aber konnte
Auskunft geben. Dem Hausbesitzer war in blankem Golde die Miethe bis zum
Ende des Monats bezahlt worden, auerdem hatte ihn noch ein Geschenk
gelohnt, dessen er sich gar nicht versehen, und das ihm die grte
Freude machte; es war eine nagelneue, in Paris gefertigte Voltaische
Sule mit sechzig Plattenpaaren von Laubthalergre und allem Zubehr.
Fr den Postmeister, der ein sehr starker Raucher war, war ein kostbarer
groer chter Meerschaumkopf mit Silberbeschlag zurckgelassen worden,
und fr die brigen Herren des Weinstbchens Kruggestellglser mit
silbernen Deckeln, auf welchen das Wort Andenken stand und die
Buchstaben L.C.v.d.V. eingegraben waren.

Der Apotheker war eben bemht, vor seinen Gsten die Sule aufzubauen,
die davon noch gar keinen Begriff hatten, als ein neuer Gast eintrat und
der Gesellschaft die so eben eingetroffene Nachricht von der
Gefangennehmung des Herzogs auf dem friedlichen badischen Gebiete durch
franzsische Gensd'armen und Offiziere hohen Ranges mittheilte, obschon
diese Nachricht mit vielen Unrichtigkeiten vermischt war.

Es konnte nicht fehlen, da die schnelle Abreise des Unbekannten mit
seiner stets verschleierten Begleiterin sofort mit diesem von Frankreich
aus auf deutschem Boden verbten schndlichen Gewaltstreich in
Verbindung gebracht und lebhaft besprochen wurde. Bald waren alle
Anwesenden fest davon berzeugt, da jener fremde Herr gleichfalls ein
geflchteter Bourbone gewesen sein msse.

Vom Postmeister erfuhren auch noch nachtrglich die Gste, da die
Dienerin des Fremden die hohen Reisenden nicht begleitet habe, sondern
reichlich beschenkt mit der Post auf entgegengesetztem Wege wieder
zurckgereist sei.

Ludwig und Sophie hatten an Angs' Mutter gedacht, sie berlegten, was
diese gute Frau leiden msse, wenn sie nichts Nheres ber den Tod ihrer
Tochter erfahre; auch sehnte sich Sophie Botta nach ihrer geliebten
Pfalz zurck; die Prinzessin selbst hatte ihr dieses Bekenntni
abgefragt, und in ihren Entschlssen entschieden und von einem hohen
selbstndigen Gefhle geleitet, hatte sie sofort dem Grafen erklrt, sie
wolle freiwillig auf die fernere Begleitung der Dienerin verzichten; sie
knne ihre einfache Toilette allein ordnen, und wenn ein Ort lngern
Aufenthaltes erreicht werde, so werde es auch an weiblicher Bedienung
nicht fehlen. Gleichwohl trennte sich die junge Prinzessin nicht ohne
Wehmuth von der einstigen Wrterin und Dienerin und entlie sie mit
vielen Geschenken, gab ihr auch Angs' ganze Garderobe mit, mit dem
Auftrag, den smmtlichen Nachla der armen Mutter ihrer unglcklichen
Freundin zur Verfgung zu stellen, nebst Allem was Angs sonst noch
angehrt hatte, selbst deren Bild nahm Ludwig nicht wieder an sich; die
Mutter sollte es gleichfalls haben. So waren denn Ludwig, Sophie und der
treue Philipp ohne weiteres dienendes Gefolge abgereist; wohin? wute
Niemand.--

Bald trugen die Zeitungen durch die ganze Welt die Kunde von dem
scheulichen Mord, den der Gewalthaber Frankreichs an dem gefangenen
Herzog hatte verben lassen, und ein Schrei der Entrstung ging durch
ganz Europa ber diese rasche blutige That auf Verdchtigungen hin, die
jeder Wahrheit entbehrten.

Mit stets erneutem Schmerz vernahm Graf Ludwig auf der Fortsetzung
seiner Reise immer und immer wieder diese Nachricht, und mute auf das
Sorgsamste Alles aufbieten, um dieselbe vor seiner holden Begleiterin zu
verbergen, die er in ruhigerer Stimmung und vielleicht erst dann, wenn
er einen Brief der Herzogin in Hnden hatte, von dem schrecklichen
Vorfall unterrichten wollte.

Die Freunde in der Weinstube des Apothekers zu Ingelfingen wurden einige
Zeit nach der Abreise der Fremden auf's Neue und sehr lebhaft an den
geheimnivollen Herrn erinnert, als eines Abends der Postmeister ernster
als gewhnlich eintrat und ein Zeitungsblatt hervorzog. Wir haben
gewissermaen Trauer bekommen, sagte er nach einer Pause bewegt. Da
bringt unser Schwbischer Merkur eine merkwrdige Nachricht, welche im
Auszug lautet, da sicherem Vernehmen nach ein franzsischer Emigrant
von Bedeutung, der sich vor einigen Monaten lngere Zeit zu Ingelfingen
aufgehalten haben solle, zu Mainz mit Tode abgegangen sei. Es war, so
wird gemeldet, ein Mann von ungemein viel Liebenswrdigkeit im Charakter
und Benehmen, auch wissenschaftlich gebildet und vielseitig bekannt mit
hervorragenden Persnlichkeiten. Seiner uern Gestalt nach war er von
Mittelgre, hatte schwarzes Haar und dergleichen Bart, erschien stets
auf das Feinste, dabei sehr einfach gekleidet; seine Sprache war meist
die franzsische, doch lie er bisweilen niederlndische Accente durch
den Strom seiner lebhaften und geistvollen Unterhaltung klingen. In der
deutschen Sprache drckte er sich mit vollkommener Reinheit aus. Dieser
Fremde, der durch nichts auffiel, als durch sein vornehmes und
gebildetes Wesen und seinen Ernst im geselligen Umgang, scheint seinen
nahenden Tod gefhlt, und kurz vor demselben alle seine Papiere
vernichtet zu haben, denn es fand sich nicht das Mindeste bei ihm vor,
was irgend einen Aufschlu ber seine Persnlichkeit htte geben knnen.
-- Der Postmeister schwieg und die Theilnahme der guten Brger zu
Ingelfingen wurde laut:

Es ist unser Mann, daran ist gar kein Zweifel! O weh! -- Schade um den
Mann! -- Er htte hier bei uns bleiben sollen, so wre er vielleicht
nicht gestorben! -- Zu Ingelfingen ist gut wohnen. -- Er konnte sich hier
ankaufen -- es stehen ja jetzt in dieser erbrmlichen Zeit gegen zehn
Huser zum Verkauf ausgeboten. -- Er konnte hier Brger werden -- wre
wohl in den Stadtrath gewhlt werden. -- Wie viele franzsische
Emigranten haben sich nicht in den letzten Jahren in deutschen Stdten
und Stdtchen niedergelassen, und sind angesehene Leute geworden? --
Schade um ihn!

Whrend Ludwig also mit aller Theilnahme biederer schlichter Herzen fr
todt beklagt wurde, sa er mit Sophie gesund und wohlbehalten im
Gasthaus einer fremden Stadt. Die edle Jungfrau vergo die
schmerzlichsten Thrnen -- der Tod ihres armen Vaters war ihr endlich
enthllt worden. Die Mutter selbst hatte darber an sie und ihren
Begleiter geschrieben. Ach, wie erschtternd waren die Einzelnheiten
jener schrecklichen Katastrophe! Wie viele Herzen wurden von ihr auf das
Tiefste berhrt, auf das Hrteste betroffen! Dort weinte ein mit hohem
Ruhme genannter Heldengreis um den Enkel, und htte gern allen
verdienten Lorbeer, ja das eigene Leben dahingegeben um jenes theure, in
blhender Jugend hingemordete Leben zurckzurufen. Schmerzlich beklagte
der tapfere Vater den Tod des inniggeliebten Sohnes. Ach, und die
geliebte Vermhlte! Welch hohes Glck hatte sie besessen und nun auf
immer und unersetzlich verloren!

Alles htte anders kommen knnen, wenn nicht die bbische Feigheit eines
Kammerherrn, der bestndig um den unglcklichen Herzog war, jeden
Versuch einer Vertheidigung von Seiten des Letztern bei dem nchtlichen
Ueberfall verhindert htte, falls es nicht Schlimmeres als Feigheit war.
Ein Wort dieses Mannes, das einzige Wort: Ich! auf die Frage der
Hscher: Wer von Ihnen Beiden ist der Herzog? konnte den Letzteren
retten, und dies Wort konnte unbedenklich ausgesprochen werden, denn den
armseligen Hfling htte man wahrlich nicht hingerichtet. Aber Jener
schwieg, und der junge Frst ward zum Tode abgefhrt. Mit Verachtung
wies er den feigen Verrther zurck, als derselbe in Rheinau sich zu ihm
in den Wagen setzen wollte. In Straburg wurde der Herzog von seiner
Dienerschaft vllig getrennt, seine Hnde wurden in Fesseln gelegt. Fnf
Tage lang dauerte mit nur wenigen Unterbrechungen die traurige Reise bis
nach Paris, der Gefangene wurde in den Tempel gebracht, dort harrte
schon der Befehl, ihn nach Schlo Vincennes zu senden. Die richterlichen
Verhre, die mit ihm vorgenommen wurden, und die der Welt wrtlich
mitgetheilt sind, brachten keine Schuld heimlicher Verschwrung gegen
das Leben des ersten Consuls auf den Herzog, aber wer waren seine
Richter? Werkzeuge in der Hand eines Despoten! -- Das ist der Inhalt
jenes Justizmordes #in nuce#, was auch Alles fr und gegen ihn
geschrieben wurde. Ein Brief, der dem Herzog unterwegs an die
Prinzessin, die er noch nicht ffentlich seine Gemahlin nannte, zu
schreiben erlaubt worden war, wurde von einem der Schergen
unterschlagen. Mit Mannesmuth beantwortete der Herzog alle Fragen,
gestand ein, den ganzen Krieg mit dem Cond'schen Corps mitgemacht zu
haben, sagte aber aus, da er den Gehalt von England als Pension
beziehe, um zu leben, nicht um damit zu conspiriren. Die Richter des
Herzogs darf die Geschichte nicht schonungslos verdammen; es war ihnen,
lauter Offizieren von hohem Range, und ohne da sie irgend vorbereitet
waren, ohne da sie Kenntnisse vom Rechte hatten, befohlen, den Herzog
zu richten, sobald er eingestehen werde, die Waffen gegen Frankreich
getragen zu haben. Dies gestand derselbe mit aller Freimthigkeit ein,
und fgte seinem Gestndni die Worte hinzu: Nie kann ein Cond anders,
als mit den Waffen in der Hand nach Frankreich zurckkehren. Das
Todesloos fiel. Ohne legalen Richterspruch, ohne einen Vertheidiger
wurde der Meuchelmord vollzogen. Die Richter waren noch in einem Zimmer,
gleichsam abgesperrt, beisammen, um zu berathen, auf welchem Wege ein
gemildertes Urtheil vom ersten Consul zu erlangen sein drfte, da
knallten schon im Festungsgraben die tdtlichen Schsse. Die Richter
waren sehr unglcklich -- auf sie und nicht auf den Vollstrecker der
bereilten Hinrichtung lenkte sich das Verdammungsurtheil der ganzen
gebildeten Welt. Hier hatte die Willkr das Urtheil vollzogen, ehe es
noch begrndet und in gesetzlicher Form besttigt war. Der Herzog mute
sterben, denn er war in der Gewalt des Mannes, der ihn frchtete und
hate, und war -- ein Bourbon!

Mit mildem Trost sprach Ludwig zu der tiefgebeugten Tochter, und seine
Worte fielen in ihr Herz, wie heilender Balsam sanft auf Wunden
trufelt. Das schne thrnennasse Antlitz zu ihm erhoben, fate Sophie
Ludwig's Hnde und sprach mit leisem Beben: Nun habe ich also keinen
Vater mehr! Nun seien Sie mein Vater! Sie, dem ich anvertraut bin als
ein armes, heimathloses Kind -- ach eine Waise -- o, wie schwer wiegt
dieses Wort; ich will ihnen so gern gehorchen, ich will Sie ehren gleich
meinem Vater, und wenn ich fehle, so ben Sie Nachsicht mit meiner
Unwissenheit und meiner Schwche!

Wie unendlich liebreizend erschien sie ihm da in ihrem tiefen Schmerze!
Sie glich einer prchtigen Incarnat-Passiflore, in deren Nektarkelche
Thrnen zittern, die gebeugt steht und doch voll Schnheit ist, die in
Demuth sich neigt und doch voll Hoheit prangt.

Ein Gegensatz, wie das Leben ihn hufig bietet, zu diesem wahren
Schmerz, dieser schwermuthvollen Trauer, dieser Verehrung auf der einen,
und der kindlichsten Hingebung an den Mann ihres Vertrauens auf der
andern Seite, bildete eine andere Trauerbotschaft aus Holland, die aber
nicht so herzzerreiender Art war; dort hatte nur eine betagte schlichte
Frau den Zoll der Natur bezahlt, und war abgerufen worden in das
verhllte Jenseits. Leonardus Mutter, Frau Maria Johanna van der Valck,
geborene van Moorsel, war nicht mehr.

Vincentius Martinus schrieb Folgendes an seinen noch stets am Leben
geglaubten Vetter Leonardus, nachdem er ihn in einer frommen Einleitung
seines Briefes auf die Trauerkunde vorbereitet und ihm dann die
schmerzliche Nachricht mitgetheilt hatte: Ich komme so eben aus der
Kirche, mein theuerer Leonardus, woselbst ich fr die Seele deiner guten
Mutter eine Messe gelesen habe; von deinem kindlichen Sinn darf ich wohl
voraussetzen, da du es gut heiest, wenn ich fr die Seligentschlafene
die Zahl dieser Seelenmessen bis auf Einhundert steigere, und dir dann
nach deren Vollendung das #Laus Deo# darber einsende. Die Wohlselige
hat noch auf ihrem Todtenbette, und als ich sie mit den heiligen
Sterbesacramenten als christliche Wegzehrung auf der langen Pilgerschaft
nach der Ewigkeit versah, fr dich gebetet und dir alles Glck
gewnscht, auch lt sie dir noch innigst und herzlich fr die lieben
und guten Briefe danken, welche du ihr von so verschiedenen Orten aus
geschrieben hast; nur konnte die selige Tante nie begreifen und ich
konnte es derselben auch nicht begreiflich machen, weshalb du dich
eigentlich jetzt und wie es scheint ohne ein Geschft, welches doch die
Basis eines ehrbaren und christlichen Lebens ist, in Deutschland
herumtreibst. Nun, ich gewahre mit Freude, wie gut mein Gebet fr dich
anschlgt, mein geliebter Vetter, und wie der heilige Rochus dich noch
immer beschtzt. Nach den Vertrgen, die du mit den Verwandten
abgeschlossen hast, beziehst Du nun von dem Hause van der Valck eine
Jahresrente von zehntausend Gulden, erst fnftausend, und nun nach dem
Tode deiner frommen Mutter nochmals fnftausend. Gratulire! Ach, wie
gern htte die Wohlselige mein armes Kirchlein zu Sanct Ottilien
bedacht, aber die Hnde waren ihr ja durch jene Vertrge gebunden.
Mchtest du, werther Leonardus, nicht deine milde Hand aufthun und ihren
besten Wunsch erfllen? Ich wrde dich dann auch der ganz besonderen
Gnade dieser heiligen und gebenedeiten Schutzpatronin empfehlen und ihre
Frbitte durch mein eifriges Gebet fr dich erflehen. Du wirst wissen,
geliebter Leonardus, da die heilige Ottilia die Schutzpatronin der
Augen ist, und sie wird durch mein Gebet Frsorge tragen, da deine
Augen stets erfreuet werden, wie geschrieben steht: Unsere Augen sehen
nichts wie Manna, und ferner: Gib mir die, so meinen Augen wohlgefllt.
Anliegende versiegelte Kapsel, die wohl ein Bild enthalten drfte, gab
die Verblichene mit dem ausdrcklichen Wunsche in meine Hnde, dasselbe
dir gleich nach ihrem Abscheiden zu senden, welcher Pflicht ich hiermit
nachkomme. Mge dies letzte Andenken fr dich viel Erfreuliches
enthalten!

Komisch ist, trotz aller Trauer, die ich dir pflichtschuldigst melden
mu, da nach dem Tode deiner seligen Frau Mutter mehr Lusttragende, sie
zu beerben, als Leidtragende, sie zu bestatten, von allen Seiten
herbeikamen. Wir sind auf einmal uerst reich -- an lieben Verwandten
geworden, und der Baum der van der Valckischen Sippschaft hat mehr
Aeste, als mir bekannt war; bis nach Herzberg im Harzgebirge in
Deutschland, ja bis nach Dahne im Knigreich Preuen wohnen
Menschenkinder, die unsere Verwandten sein wollen. Meinerseits konnte
ich alle diese guten Seelen nur auffordern, sich mit mir, oder falls
ihnen dies lieber wre, mit Hiob zu trsten, und ihnen versprechen, da
ich sie in mein frommes Gebet einschlieen wolle, doch glaube ich fast,
da ihnen daran Nichts gelegen ist, denn die gottlose Welt hat den
rechten Glauben verloren.

Noch mu ich dir, geliebter Leonardus, eine Nachricht als Neuigkeit
mittheilen, welche dir gewi eine groe Freude machen wird. Du erinnerst
dich sicherlich noch des vormaligen Schiffskapitns auf deines
wohlseligen Herrn Vaters vergulder Rose; diese Pinke hat Herr Richard
Fluit verlassen, und statt der vergulden Rose eine guldene Herbstaster
geentert, mit der er in den geruhigen Hafen des heiligen Ehestandes
eingelaufen ist. Ich selbst war das auserwhlte Rstzeug, wie deine
selige Frau Mutter zu sagen pflegte, welches in unserm armen Kirchlein
zu Sanct Ottilien das traute Paar ehelich verband, und wer war die
Braut? Wenn du das errthst, bester Leonardus, so heie ich Jantj und
esse hundert Austern mit sammt der Schale.

Vernimm und staune! Herrn Fluit's Erwhlte ist Niemand anders, als die
wohledelgeborene und tugendbelobte Mejouffrouwe Sibylle Nikodema van
Swammerdam, vormals deine Verlobte, und mit ihr macht Fluit, was den
Geldpunkt anbetrifft, ein ungeheueres Glck, welches du, geliebter
Leonardus, dir seinerzeit hast entgehen lassen. Wie schn wird jene
Flte zu dieser Meertrompete stimmen, wenn sie Beide zu tnen anfangen!
Beide lassen dich als alten Freund herzlich gren. Schicke ihnen ja ein
schnes Hochzeitgeschenk, damit du Aussicht auf eine Pathenschaft
gewinnst, falls die alte Meerminne und ihr Zeekoning einen Dolphyn mit
einander gewinnen sollten.

Das ist nun der Mann nach dem Herzen Gottes, das Kirchenlicht! sprach
Ludwig unmuthsvoll und warf den Brief, den er Sophien nicht sehen lassen
wollte, bei Seite.

Hierauf enthllte er das versiegelte Pckchen und fand eine zweite
Verpackung mit der Aufschrift: An meinen lieben Sohn Leonardus
Cornelius, zu ffnen am ersten 22. September nach meinem Tode. -- Es war
dies die eigene Handschrift der Verstorbenen. Mithin stand der Inhalt,
wie anzunehmen, mit dem Geburtstag des verstorbenen Leonardus in
Verbindung. Ludwig ehrte den Willen der Verblichenen und legte
schweigend das Pckchen zur Seite, indem er dasselbe gut verschlo.

Nicht lange nach dem Empfange dieses Briefes liefen auch wieder
Nachrichten von Windt ein, und zwar war es kein gewhnlicher Brief,
sondern ein ziemlich bedeutendes Paket, welches in Frankfurt am Main
angekommen und dort eine geraume Zeit auf der Post liegen geblieben war,
bevor der zum Empfang Berechtigte selbst in diese Stadt kam. Dieses
Paket trug die Aufschrift: Documente und enthielt eine hohe
Werthbezeichnung.

Sehr neugierig darauf, welche Documente man ihm, dem gleichsam
Vergessenen und Abgefundenen, noch nachtrglich zu senden habe, ffnete
Ludwig.

Es ist Jammerschade, hochverehrtester Herr Graf, schrieb Windt: da
Sie nicht ohnlngst mit in Kniphausen waren! Das war eine Herrlichkeit
in der Herrlichkeit! Ich bersende Ihnen treu copirte und vidimirte
Abschriften mancher Actenstcke, aus denen Sie sich ber den Stand der
Dinge ungleich besser unterrichten knnen und werden, als ich mit meinem
Geschreibsel es vermchte; kurz, es ging hoch her und Niemand fehlte
dabei als Sie, oder doch der Falk von Kniphausen!

Unter #A# finden Sie im Original, welches auf mein Ersuchen auch eigens
fr Sie gefertigt, unterschrieben und besiegelt wurde, den zu Varel
geschlossenen Vergleich zwischen dem Erbherrn und dem Besitzer von
Doorwerth; unter #B# einen Auszug des Testamentes meiner hochseligen
Gebieterin, und unter #C# ein dem Kopfe des Herrn Hofrath Brnings
entsprungenes Memorandum, welches aber mit der aus Jovis Haupt
entsprungenen Minerva Nichts gemein hat, als da ihm ein Harnisch mit
Drachenschuppen um den Leib geschnallt ist. Was dieses #invita Minerva#
entstandene Curiosum enthlt, werden Sie selbst lesen, es geht Sie an.

Der junge Sohn aus der Gewissensehe, welche der Erbherr mit Demoiselle
Sara Gerdes geschlossen hat, und bei dem der Herr Vice-Admiral
Pathenstelle versah, ist hier in Hamburg, wo die Mutter im Palast der
hochseligen Frau Gromutter ihre Wochen hielt, auf die Namen William
Friedrich getauft worden, und befindet sich wohl. Diese Frucht aus dem
lndlichen Garten von Bockhorn ist so schn, als immerhin eine andere im
Park eines reichsgrflichen Ahnenschlosses erzeugte. Der Erbherr hat zu
Varel seinem Pfarrer Hansing anderthalb Jahre nach dem Tode der
holdseligen Erbherrin Ottoline erklrt, da er als Wittwer, durch
Familienverhltnisse und aus andern Grnden zu einer anderweit
standesgemen Verbindung nicht schreiten wolle, aber auch nicht ohne
Liebebeglckung durch das ihm noch vergnnte Leben zu wandeln gedenke,
und feierlich jene seine Geliebte zur Stellvertreterin seiner verewigten
Gemahlin erkoren und ernannt, mit der er, in vor Gott gltiger
Gewissensehe zu leben gedenke, auch ohne die formelle kirchliche
Sanction, mit dem Vorbehalt, die letztere so wie die Erhebung seiner
zweiten Lebensgefhrtin zur rechtmigen Gemahlin und Reichsgrfin zu
einer ihm geeignet scheinenden Zeit nachzuholen.

Der Erbherr ist Souvern, er liebt jene Frau und ehrt sie, ihr Betragen
ist wrdevoll und gtig, sie ist ihrem Sohn eine zrtliche Mutter und
Alles geht seinen guten Gang, Niemand hat dermalen ein Recht, die in
ihrem Gewissen ehelich Verbundenen zu verdammen, wohl aber werden die
Agnaten frher oder spter dies thun, und es wird in der Folge wieder zu
Streitigkeiten kommen, die dann wahrscheinlich kein Friedenstrank aus
dem Falken von Kniphausen beizulegen vermgen wird, #posito# sie htten
den Falken.

Ich sitze immer noch hier in Hamburg und plage mich wie ein Pferd,
obschon ich todtmatt bin.

Aus der bereits erwhnten Anlage ersehen Sie, bester Herr Graf, da man
nicht bel Lust hat, Ihnen die #rara avis#, den Falken, wieder
abzulocken und denselben auf eine oder die andere Art wieder nach
Kniphausen zu bekommen. Mir ziemt nicht, Ihnen Rathschlge zu geben, ich
aber wte was ich thte -- ich rckte ihnen den Falken auf ewig aus den
Augen.

Meine Frau empfiehlt sich Ihnen und lt gehorsamsten Respect
vermelden. Der schreckliche Tod der armen Angs hat uns Beide
auerordentlich erschttert. Sie war zu gut fr diese Welt, und ihr ist
wohl, wenn nur nicht ein so bitteres Sterben ihr zu Theil geworden wre.
Sanft ruhe die Asche dieser wahrhaft guten und edlen Freundin!

Ich war sehr krank, und bin nur wie durch ein Wunder dem Tode
entronnen. Der liebe Gott mu noch etwas Absonderliches mit mir vor
haben, dazu er mich aufspart. Der Reimarus gab mich vllig auf, auch
hatte ich bereits, ehe es so ganz schlimm mit mir wurde, Auftrag
ertheilt, da der Consul Hfer meine Habseligkeiten und Papiere
versiegeln sollte, und ebenso hatte ich das Begrbni in hiesigem Dom
angeordnet. Gottes Gnade hat mich abermals errettet, aber fort will ich
von hier -- mu fort, meine Aufenthaltskosten bersteigen mein
geringfgiges Legat. Ich habe mir einen kleinen Wagen gekauft, darin
will ich sobald als mglich mein Bette anbringen, und gen Stadthagen
segeln, mge es mir eine Stadt Hafen sein! Ich bedarf dessen, ich sehne
mich nach Ruhe; wer wei wie bald bestrmt Sie, mein gndiger lieber
Herr Graf, der alte Windt nicht mehr mit seinen unruhigen Briefen! Alles
Glck sei mit Ihnen, und bedrfen Sie meiner fr Ihre Auftrge in irgend
einer Sache, so werden dieselben von mir vollzogen, ich mag sein, wo ich
immer sei, nur nicht, wenn ich im Himmel bin; doch selbst dort noch

                                    Ihr ganz ergebenster W.

Mit neugierigem Verlangen griff der Graf nach den Documenten und sprach
schmerzlich lchelnd: Ich will doch nicht hoffen, da sich um mich ein
Schriften- und Actenwerk drngt, wie um die alte selige Gromutter; am
Besten wird es sein, ich werfe, was mir nicht gefllt, gleich in's
Feuer.

Das erste Papier war ein mit zwei schwarzen Siegeln versehener und vom
Erbherrn wie von dem Vice-Admiral eigenhndig unterschriebener Vertrag
in franzsischer Sprache, welcher ins Deutsche bersetzt lautete:

Wir, die Unterzeichneten, Wilhelm Gustav Friedrich, regierender Graf von
Rhoon, Herr von Varel und Kniphausen, und Wir, William, Graf und Herr
von Doorwerth mit Zubehr #(cum annexis)# erklren und erkunden, da
alle die Rechtsfragen, Streitpunkte und Zwistigkeiten, die vorher
zwischen der Reichsgrfin Charlotte Sophie, verwittweten Grfin und Frau
zu Varel, In- und Kniphausen, geborene Grfin von Aldenburg einerseits,
und dem obengenannten regierenden Grafen, wie auch die zwischen seinem
seligen Vater, dem Herrn von Varel, seiner Frau Mutter und seinem
Grovater anderseits Statt gefunden haben, auf eine freundliche Art fr
immer abgethan und verglichen sein sollen, so da Wir, der regierende
Graf und Herr von Doorwerth, als einziger Erbe der seligen Frau Grfin,
unserer Gromutter, im vollkommensten Einverstndni ber Alles sind,
was Rechte und Vorrechte in unsern Familien betrifft, und da wir so
wohl fr uns als fr unsere Nachkommenschaft, die es angeht, uns
verbunden haben, niemals diese gemeinschaftliche Uebereinkunft zu
verletzen. Damit aber unsere oben ausgesprochene, gemeinschaftliche
Vereinigung weder Zweifel noch Widerspruch erleide, so haben wir diesen
gegenwrtigen Act unterschrieben und besiegelt. Geschehen zu Varel etc.

Es waren die richtigen beiderseitigen Wappen; das des Erbherrn stand in
einem gekrnten hermelinverbrmten Frstenmantel, ber dem Wappen vier
schwebende Kronen, deren jede ein besonderes Kleinod trug. Zwei Lwen
dienten als Schildhalter, die auf Palmenzweige traten, um die sich eine
Bandrolle mit dem Wahlspruch: #Craignez honte# wand. Das Wappen des
Vice-Admirals war im Ganzen ebenso, aber es stand nicht in einem
Frstenmantel, auf dem Wappen ruhten vier gekrnte Helme mit den
Kleinodien, und der Wahlspruch fehlte.

Ja wirklich, Windt hat Recht, spttelte Ludwig, zu dieser Einigungsacte
htte nothwendig aus dem Falken von Kniphausen getrunken werden mssen,
wie vor Zeiten bei der uralten Einigung der streitenden Linie. Schade,
da sie ihn nicht an Ort und Stelle hatten!

Die Auszge aus dem Testament der Gromutter, welche Ludwig rasch
berflog, enthielten meist ihm Bekanntes; das Testament umfate so viele
Legate und Schenkungen, da den Erben alles Lachen darber vergangen
war.

Nun aber, was soll diese dritte Schrift? rief der Graf, und hob sie
verwundert empor; sie war 22 Seiten lang und von einer Advocatenhand
geschrieben. Dieselbe berhrte die einem jungen Menschen zu dessen
Erziehung, Ausbildung und zu Reisen gemachte Schenkung, ber die sich
ein Nachla, eine Aufzeichnung vorgefunden hatte; gedachte ferner eines
Testamentes, in welchem der Falk von Kniphausen ausdrcklich erwhnt
worden sei, als spurlos verschwunden, kam dann auch auf das vorhandene
Testament zu sprechen, kraft dessen der Vice-Admiral Graf William zum
Universal-Erben eingesetzt sei; sprach klagend ber die vielen
Schenkungen, und vermite in denselben die Anfhrung des werthvollen
Gerthes, jenes Falken von Kniphausen, das ganz unschtzbar sei. Da nun
dem Vernehmen nach ein gewisser junger Herr dieses Kleinod von der
Erblasserin aus freier Hand und aus eigenem Willen in unbekannter Form
und Weise erhalten habe, so erscheine wnschenswerth, den dermaligen
Aufenthaltsort jenes Herrn zu erkunden, und denselben wo mglich zu
bewegen, jenes hochwerthvolle Familienkleinod, sofort er sich ber den
rechtmigen Besitz werde gengend ausweisen knnen, gegen eine
Geldsteuer wieder an die Familie abzutreten, sintemalen alte Sagen und
Ueberlieferungen im Umlauf gingen, deren superstitisem Wahn allerdings
keine Folge zu geben, da an diesen Falken das Glck des hochgrflichen
Hauses so gebannet sei, wie das Glck der Grafen von Ranzau an jene
Kleinode aus Zwergengold: fnfzig Rechnenpfennige, ein Hring und zwei
Spindeln. Es werde sonder Zweifel der dermalige Inhaber besagten
Kleinods sich mit ohngefhr vier- bis fnftausend Mark Hamburger Banco
zu Dank begngen lassen, um so mehr, als der hochgndige Erbherr die
frhere bergroe Schenkung gromthig wolle passiren lassen,
ohngeachtet ihm C.32, #Cod. de donationibus# und die prononcirte
Meinung Schaumburgs #in Comp. ff. ad tit. de donat. .X#, nebst andern
mehr, hinlnglichen Stoff zu Einreden an die Hand geben knnten.

Ludwig hatte Mhe, in Sophiens Gegenwart seinen Zorn zu beherrschen, der
bei Lesung dieser Schrift in ihm aufflammte, aber seine Hnde zitterten,
whrend er dieses Memorandum las, bis er es pltzlich, wie es war, mit
dem Ausruf: Dnische Spinne! von oben bis unten zerri und
zusammenknitterte.

Was sagte die selige Gromutter? rief er entschlossen. Sie sollen ihn
nicht haben! sprach sie. Sie sollen nicht wieder daraus trinken! Und
die Worte eines Sterbenden sollen uns heilig sein! Wohl ist dieses
kunstvolle und kstliche Gerth ein hochwerthes Kleinod und fr mich in
der That ganz unschtzbar -- o es schliet Herzen unsichtbar in sich ein,
theure edle Herzen! Aber bedarf es fr diese Herzen eines sichtbaren
Andenkens? Nein, bei mir nimmermehr, so lange ich athme. Darum will ich
rasch mich scheiden von seinem Besitze, ehe List oder Uebereilung oder
Raub oder Bitte es mir abdringen.

Schnell war sein Entschlu gefat; in den nchsten Minuten sa er schon
am Schreibtisch und schrieb an die Herzogin Georgine:

    Hochgndigste mtterliche Freundin!

Aus der Hand meiner sterbenden Gromutter empfing ich das beifolgende
Kunstwerk. Stets auf Reisen und noch ohne dauernden Wohnsitz macht es
mir groe Sorge, da ein unglcklicher Zufall mich um dieses mir doppelt
heilige Unterpfand hoher Liebe bringen knnte. Die Urkunde ber meinen
vllig rechtmigen Besitz ist dem Kunstwerke beigegeben. Ich sende es
Ihnen, wo es sicher und in treuer Hand bewahrt bleibt; heben Sie mir
diesen Falken liebevoll auf, bis ich denselben zurckfordere. Geschieht
dies nicht, so sei und bleibe der Juwelenfalk, der unter keiner
Bedingung an einen andern als an mich selbst, wenn ich denselben wieder
fordere, gegeben werden darf, ein Eigenthum Ihrer hohen Familie und
erfreue noch durch die Kunst der Arbeit, die Pracht seines Glanzes und
den Werth seiner Juwelen die sptesten Nachkommen. Gewi, Sie lassen
mich keine Fehlbitte thun, edelste gromthigste Freundin, und bauen
diesem Falken seinen Horst im Castle Chatsworth, wo derselbe Sie an mich
und an mein Herz erinnern mge, das voll Dank und verehrender Liebe ist
und es bis zum letzten Hauche bleibt.

Noch Eins geschehe! sprach Ludwig, indem er sich erhob und Philipp
klingelte. Wie sprach die Gromutter ferner? Nur du -- und die, welcher
du dein Herz schenkst, sollen aus dem Falken trinken. So sprach sie,
und auch das erflle sich!

Der Diener kam; Ludwig gebot ihm den Falken zu bringen, und eine Flasche
des edelsten Weines zu bestellen. Als Alles da war, nahm der Graf das
Gef und den Wein und ging zu Sophie hinber.

Die Prinzessin staunte mit leuchtenden Augen die Pracht des Falken an;
sie hatte Aehnliches noch nie gesehen. Noch mehr aber war sie
verwundert, als sie gewahrte, da der Kopf des Vogels sich aufschlagen
lie, und das Innere eine goldene Hhlung zeigte.

Ludwig go den Wein in den Pokal und bedeckte ihn dann wieder mit dem
Haupte des Vogels. Dann sprach er: Sophie, dieses Gerth wurde mir
anvertraut von jener verehrten Greisin, bei welcher Sie einst mit Ihrer
erlauchten Frau Mutter zu Hamburg einen Besuch machten. Sie sprach
damals zu mir das bedeutungsvolle Wort: Trinke du daraus und Die,
welcher du dein Herz schenkst. -- Sophie, ich stehe allein in der Welt,
fast Alle, denen ich frher mein Herz geschenkt hatte, sind mir
gestorben, wem sollte ich nun mein Herz schenken? Darf ich es wagen, Sie
einzuladen, Sophie, da Sie mir diesen Trank mit Ihren reinen Lippen
weihen?

Ein hohes Roth trat auf ihre Wangen; sie entgegnete sichtbar ergriffen:
Ich habe gelesen, da bei den alten Ritterspielen edle Frauen und
Jungfrauen den Siegern die Pokale kredenzten, oder diese ihnen als
Kampfespreise reichten; das nannte man Dank. Mein ganzes Herz, Graf, ist
Dank, inniger Dank; darum erflle ich gern, herzlich gern Ihren Wunsch
und trinke von diesem Weine auf das Wohl eines edlen Siegers! -- Sie
schlug des Vogels Haupt zurck, fhrte mit fester Hand den schweren
Goldpokal zum Munde und flsterte, bevor sie trank: Auf Ihr Wohl, Graf
Ludwig, und auf eine bessere, schnere Zukunft!

Nachdem ihre Lippen den Juwelenkelch berhrt und dessen Wein gekostet
hatten, gab sie den Falken mit freundlichem Blick in des Grafen Hand
zurck, und auch er trank mit einem vollen, berstrmenden Gefhle, das
keine Worte fand; dann sprach er: Und diesem mir doppeltgeweihten Gef,
aus dem ich nun zweimal sen Zauber getrunken, mu ich entsagen;
glauben Sie, theure Sophie, das ist kein leichter Entschlu, aber ich
will Sieger ber mich selbst sein, ich will es, weil ich es mir selbst
gelobt habe.

Noch an demselben Tage kam der Falk von Kniphausen zur Post,
wohlverwahrt und weich gebettet, um bald darauf ber den Kanal zu
reisen, von zarter Hand enthllt und mit Staunen begrt zu werden. Die
ganze reiche Grafschaft Devonshire bewahrte kein Kleinod von
Knstlerhand, das diesem an Pracht, Schnheit und Werth sich
gleichstellen konnte.




6. Ein Tag in Wien.


Eine lange Zeit der Unruhe war ber den Grafen verhngt, der so sehr
nach Ruhe und abgeschlossener Stille sich sehnte. Briefe kamen von
Sophiens Mutter, alle mehr oder minder voll Furcht und Bangen, wie voll
Klagen, da sie durch Bande der Pflicht gebunden, nicht in der Lage sei,
mit der geliebten Tochter sich wieder zu vereinen. Dennoch wollte sie
deren Leben und Zukunft so gern gesichert sehen. An einem deutschen Hofe
durfte dies nicht geschehen, denn an einem solchen konnte die junge
Prinzessin nicht incognito auftreten, sie wrde, wenn ihre Herkunft
bekannt geworden wre, jedenfalls eine miliche Rolle gespielt haben. Da
fiel der besorgten Mutter zuletzt ein Ausweg ein, sie wollte sich einem
hohen Freund anvertrauen, dem es ein Leichtes war, ihrer Tochter, und
wenn diese es wnschte, auch deren treuen Beschtzer und Begleiter ein
sicheres und unnahbares Asyl zu gewhren. Prinzessin Charlotte hatte
beim Aufenthalt in Petersburg den Grofrsten Alexander kurz vor seiner
Thronbesteigung kennen gelernt. Die persnliche Liebenswrdigkeit dieses
jugendlichen Monarchen, den selbst Napoleon einen Apoll nannte, hatte
auch die Prinzessin fr ihn eingenommen.

Sie hatte ihn dann am Hofe zu Baden bei seiner Vermhlung mit der
schnen Tochter des frstlichen Hauses, Prinzessin Elisabeth,
wiedergesehen, rechnete auf des Kaisers Huld und Gunst und schrieb an
ihn.

Alexanders Antwort sandte die Prinzessin an Ludwig, sie lautete:
Stellen Sie, Prinzessin, mir diejenigen Personen vor, deren Schutz Sie
von mir wnschen, ich werde Alles zu deren Zufriedenheit und zu Ihrer
Beruhigung thun. Sie kennen meine Gesinnung und meine Theilnahme an dem
Unglck, das Sie betroffen, ich habe bei dieser grausamen Verletzung des
Vlkerrechts und jenem Meuchelmord, vor dem ganz Europa noch immer
schaudert, als deutscher Reichsfrst Schritte gethan, da Genugthuung
fr die Gebietsverletzung des Kurfrstenthums gefordert werde, allein
welche Genugthuung wre hinreichend, Ihrem Herzen zu gengen. Kaum die,
da ich im Bunde mit Oesterreich Frankreich den Krieg erklrt habe.

Reisen Sie, bester Graf, schrieb die Prinzessin an Ludwig, mit Sophie
zum Kaiser, hren Sie dessen Befehle, ich berlasse alles Weitere Ihrer
Einsicht, Ihrer Freundestreue, Ihrer Ehre und Ihrer Anhnglichkeit an
mich und mein Kind. Der Himmel fhre Sie Beide! Sie treffen, wenn Sie
nicht sumen, den Kaiser noch in Wien. Eilen Sie dorthin und beruhigen
Sie bald eine unglckliche Mutter, die fr ihr Kind zittert, whrend sie
bereits um ihren gemordeten Gatten der Verzweiflung anheimfiel!--

Graf Ludwig billigte in seinem Innern diesen eigenthmlichen Vorschlag
keineswegs. Es war eine Abneigung in ihm gegen alles Russische, wie sehr
er auch den persnlichen Eigenschaften des jungen Kaisers Verehrung
zollte. Diese Abneigung entsprang gleichsam einem ererbten
Familiengroll, der im Blute lag; das Haus, dessen Sohn Ludwig war,
konnte es nie verschmerzen, da die russisch gewordene Herrschaft Jever
-- in ihr bestand das deutsche Reichsfrstenthum Kaiser Alexanders I., an
welches Ludwig durch des Kaisers Brief erinnert wurde -- die einst dem
Hause gehrt hatte, jetzt von diesem abgerissen war, da zwischen Jever
und Kniphausen der russische Grenzpfahl stand, von dem ein Adlerkopf
nach Kniphausen, und der andere nach Varel sich neigte, gerade als ob in
diesem schlimmen und starken Vogel Lust vorhanden sei, auch diese beiden
Herrlichkeiten zu rauben. Es kmpfte daher mchtig in dem Grafen, ob er
der erhaltenen Aufforderung Folge leisten solle oder nicht, zumal sich
schon halb und halb in ihm ein Plan gebildet hatte, von dem er sich ein
reines Zukunftglck versprach, der Sophien Schutz und ihm Freiheit zur
Hingabe an seine Lieblingsneigungen und an ein ihm besonders zusagendes
gemthliches Stillleben gewhren sollte.

Gleichwohl ehrte Ludwig die Prinzessin, Sophie und das Geschick Beider
zu sehr, um nicht zu fhlen, da er vor dem Wunsche der Ersteren seine
eigene Neigung aufopfern msse. Er theilte daher der jungen Prinzessin
den Brief ihrer Mutter mit und diese, obgleich erst fnfzehn Jahre
zhlend, war doch hinlnglich durch den Schmerz fr den Ernst des Lebens
gereift, um nicht die Bedeutung eines solchen Schrittes vollkommen
wrdigen zu knnen.

Sie schlug das seelenvolle Auge zu Ludwig auf und sprach bewegt: Ich
habe keinen Willen, ich folge der Mutter, ich folge Ihnen, ich beuge
mich in Demuth Allem, was ber mich verhngt wird.

Sophie, entgegnete Ludwig: mich schmerzt, was Sie mir erwiedern, obschon
ich wei, da Sie mich nicht durch Ihre Worte verwunden wollen. Wenn
auch die Verhltnisse Ihnen die tiefste Zurckhaltung und
Verschlossenheit der Welt gegenber als eine schwer zu tragende Fessel
auferlegen, so drfen Sie doch mir gegenber sich frei und offen uern,
denn Sie wissen ja, fgte er, um den Ernst seiner Rede zu mildern, im
leichten scherzenden Tone hinzu: da Sie nicht meine Untergebene,
sondern meine Gebieterin sind. Daher drfen Sie Ihr Verhltni zu mir
nicht so nehmen, als seien Sie ein willenloses Lamm oder ein Opfer der
Politik, nein, im Gegentheil, ich werde Nichts unternehmen, in das Sie
nicht willigen, da ich im Voraus wei, wie Ihre klare Einsicht Ihnen
sagt und Ihr Gefhl Ihnen sagen wird, da ich nur an Ihr Heil sinne und
denke.

Gewi, dies fhle ich lebhaft, lieber Graf! versetzte Sophie: und ich
will mich bessern; da nun aber meine geliebte Mutter befiehlt, so glaube
ich, gehorchen zu mssen, wenn Ihre Meinung damit bereinstimmt. Sie
mssen wissen, Graf, ob von dem Erbieten Seiner Majestt des Kaisers von
Ruland etwas Gnstiges fr uns zu hoffen ist; nur das Eine erlaube ich
mir zu bemerken, da, wenn der zugesicherte Schutz eben in einem
Aufenthalt im russischen Reiche, auf einem der Kronschlsser oder
zuletzt gar in einem russischen Kloster bestehen sollte, ich sehr dafr
danke. So lebhaft hat Ruland mich nicht angezogen, und so sehr hat es
mir selbst in Sanct Petersburg nicht gefallen, da ich den Wunsch fassen
knnte, in Ruland meine Tage zu verleben. Ich bin in Deutschland
geboren, und wenn sich mir auch fr die Zukunft das Vaterland meiner
Eltern verschliet, so will ich doch ungleich lieber in Deutschland
wohnen, als in irgend einem andern Lande, denn Deutschland gefllt mir
und ich liebe es.

Wir wollen, nahm Ludwig nach einigem Zgern das Wort: dem Befehl Ihrer
Frau Mutter Gehorsam leisten, es steht dann immer noch bei Ihnen, eine
dargebotene Gnade anzunehmen oder abzulehnen. Die Hauptfrage ist nur
die, wird Ihre Gesundheit die Anstrengung einer Reise mit Courierpferden
vertragen? Der Weg von Frankfurt nach Wien ist weit und Eile ist
dringend nthig; denn wenn auch, wie die Zeitungen melden, der Kaiser
Alexander in den nchsten Tagen nach Wien kommt, so ist doch diesem
Monarchen in so bewegter Zeit nirgend ein langer Aufenthalt vergnnt.

Ich bin Gott sei Dank gesund, mein bester Graf, erwiederte Sophie: und
habe Jugendkraft. Frische Luft thut mir wohl, und die Reize wechselnder
Landschaften und Orte, die ich ohne Schleierhlle betrachten darf, geben
anmuthige Zerstreuung, wenn gutes Wetter solche Fahrt begnstigt. Sie
wissen ja, da ich armes Mdchen so zu sagen eine geborene Reisende bin.
Nicht in der Nhe eines traulichen Heimathherdes kam ich zur Welt. Ehe
ich noch recht zum Selbstbewutsein gelangte, wurde ich als Kind in
weite Ferne gefhrt. Zu Wasser und zu Lande war immer Gottes Hand ber
mir. Sie wissen dies Alles, wehalb sollte also eine Reise nach Wien
mich schrecken? Ich folge Ihnen unbedingt, heute noch, wenn es sein mu!

Wohlan denn, so schreiben Sie, whrend ich alles Nthige anordne, einige
Zeilen an Ihre Mutter, da wir ohne Verzug nach Wien abreisen, und ihr
vom Erfolg dieser Reise sogleich von dort aus Nachricht geben wrden.

Ludwig schrieb seinerseits noch einige rasche Briefe, lie durch
Sophiens Bedienung deren Garderobe, durch Philipp die seine einpacken,
und war jetzt erst recht von Herzen froh, da er den Falken fortgesendet
hatte, dessen Besitz eine stete Sorge fr ihn gewesen wre.

Auf dem geradesten Wege ging die Fahrt von Frankfurt nach Wrzburg, und
von da nach Nrnberg, wo man sich eine Nachtrast gnnte, dasselbe war am
folgenden Tage in Linz der Fall, und am dritten schon waren die
Reisenden bei guter Zeit in Wien.

Kaiser Alexander empfing sie mit der ganzen Herzlichkeit seines Wesens
und seiner Humanitt, die ihn zu einem der ausgezeichnetsten Monarchen
des Jahrhunderts machten. Er bezeugte der jungen liebenswrdigen
Prinzessin sein inniges Beileid, und sprach mit freundlicher
Herablassung zu Ludwig: Sie, mein lieber Graf, begre ich als alten
Nachbar! Wenn Sie mich als solchen vielleicht nicht gern gesehen haben
sollten, so will ich Ihnen zum Troste sagen, da diese Nachbarschaft
sich in Kurzem lsen wird, ich bin entschlossen, meine Herrschaft Jever
an Holland abzutreten, und gratulire Ihrem Hause im voraus zum neuen
Nachbar.

Diese Aeuerung des Selbstherrschers aller Reussen setzte Ludwig
einigermaen in Verlegenheit, denn was sollte er ihm darauf erwiedern?
Sein Name allein mochte den Kaiser glauben gemacht haben, er habe irgend
noch ein Mit-Anrecht an jene Herrschaft, doch viel zu wichtig war der
Augenblick, um ihn auf derartige Errterungen zu verwenden. Es war
Hochwichtiges in Wien zu verhandeln, der Kaiser hatte keine Zeit fr
Familienangelegenheiten, Frst Metternich war schon angemeldet, dieser
konnte jeden Augenblick eintreffen. Alexander wandte sich wieder zu
Sophien und fragte sie, ob sie der Gast seiner Gemahlin in Sarskoe-Selo
sein wolle? Dies kaiserliche Lustschlo stehe ihr offen, oder, wenn sie
dies vorziehe, wrde sie ein gleiches Asyl zu Oranienbaum finden. -- Ihre
nchsten Verwandten, mein lieber Graf -- wandte sich der Kaiser wieder
scherzend zu Ludwig: sind ja sehr fr Oranien, und gewi auch Sie
selbst! Wissen Sie auch, da der regierende Graf von Varel und
Kniphausen vor Kurzem bei mir in Sanct Petersburg war, um die alten
Ansprche und Anwartschaften auf Jever geltend zu machen? Er war sehr
dringend, und ich habe ihm ein Jahrgehalt von fnftausend Silberrubeln
als Entschdigungssumme auf Lebenszeit zugesichert, mehr konnte ich
nicht thun. Ich habe dem Souvern von Varel und Kniphausen mein
aufrichtiges Bedauern darber ausgesprochen, da die Verhltnisse
gebieterisch fordern, die Ueberzahl dieser reichsgrflichen und
reichsfreiunmittelbaren deutschen Standesherrn, da factisch das deutsche
Reich aufhrt, zu mediatisiren. -- Wollen Sie, Herr Graf, in meinen
Militrdienst treten, so sollen Sie mir willkommen sein.

Bei dieser Anrede des Kaisers durchzuckte blitzesschnell ein Gedanke
Ludwig's Seele. Ich soll von Sophie getrennt leben, sie soll am Ende gar
Hofdame in Sarskoe-Selo werden -- und wozu dies Alles? Bedrfen wir
dieser kaiserlichen Gnaden?

Allerunterthnigst mu ich fr das Glck und die Auszeichnung danken,
Eurer Majestt Offizier zu werden, antwortete Ludwig im bescheidensten
Tone: ich bin krperlich zum Militrdienst untauglich. Die Prinzessin
Sophie wird die Huld Eurer Majestt zu wrdigen wissen und sich fr die
Annahme einer der Gnaden entscheiden, die allerhchst ihr anzubieten
Eure Majestt geruht haben. Majestt geruhen den Ausdruck
unterthnigsten Dankes im Voraus entgegen zu nehmen.

Der Kaiser nickte gndig zum Zeichen der Entlassung, und bat Sophie
noch, ihre schne Mutter von ihm zu gren. Die Prinzessin zitterte an
Ludwig's Arme, als sie, in ihren Schleier gehllt, durch die mit
besternten Kammerherren und hohen Militrchargen angefllten Vorsle,
durch die Schaar goldbetreter Diener schritt; sie athmete tief auf, da
sie endlich im Wagen saen, um nach ihrem Hotel zurckzufahren.
Verwundert sahen die Hflinge dem Paare nach. Wer war der Mann, der eine
Prinzessin, wie man sprach, zur Audienz beim Kaiser fhrte, im
schlichten schwarzen Brgerkleid und hatte nicht einmal einen Orden auf
der Brust!

Was sagten Sie dem Kaiser, Graf? Ich hrte es nicht genau vor Zittern
und Zagen, fragte Sophie. Ich wrde mich fr Annahme einer der mir
angebotenen Gnaden entscheiden? War es nicht so?

Allerdings, ich konnte nicht anders sprechen, entgegnete Ludwig: ich
konnte, nachdem ich fr meine Person abgelehnt hatte, nicht auch in
Ihrem Namen, ohne vorher Ihren Willen zu kennen, Nein sagen.

Und wnschten Sie, da ich Ja sagte, Graf? fragte Sophie. Wnschen Sie
mich los zu werden? Habe ich Ihnen nicht bereits meinen Willen und
meinen Entschlu, in Ruland nicht zu verweilen, offen ausgesprochen?

O Himmel, Sophie! Sie geben mir das Leben wieder! rief der Graf freudig
bewegt und fhrte ihre Hand an seine Lippen. Ich zitterte Ihrer
Entscheidung entgegen, und wollte Sie nicht binden; ich hatte dazu kein
Recht. Alles Glck, alle Freuden, auf welche Hoheit und Liebreiz
Ansprche haben, wren Ihnen vom Kaiserhofe zu Theil geworden; Ihre Frau
Mutter htte das wohl am Liebsten gesehen.

Ich will bei Ihnen bleiben, entgegnete Sophie mit sanftem Errthen: will
mit Ihnen gehen, wohin Sie mich fhren, in die Stille, nur in die
Stille, auch Sie lieben ja die Stille, und ich sehne mich gleichfalls
nach ihr.

Ludwig war selig in seinem Gefhl -- eine Vorahnung heiliger Stille,
sen Friedens kam ber ihn und erfllte sein ganzes Herz. Er sah nun,
wie kein Gedanke in Sophie den Wnschen widerstrebte, die den holden
Traum seiner Zukunft ausmachten.

Bei der Rckkehr in das Gasthaus trat ein stattlicher Herr dem Paare
entgegen, kraftvoll gebaut, von militrischer Haltung, viele
Ordensinsignien auf der Brust. Ludwig gab es einen Stich in's Herz, er
wollte schnell mit seiner Begleiterin an ihm vorbergehen, aber Jener
vertrat ihm den Weg, und rief erstaunt: Ludwig! Vetter! Du hier?

Wie du siehst, Wilhelm, erwiederte der Graf. Ich bin im Augenblick zu
deinem Befehle, erlaube nur, da ich diese Dame erst nach ihrem Zimmer
begleite.

Der Reichsgraf blickte ganz verwundert den Beiden nach; Sophiens edle
Haltung, ihre zarte Gestalt fielen ihm auf. Nicht bel, murmelte er:
nicht bel! -- Ja, das mu wahr sein, schne Mdchen gibt es in der
Kaiserstadt, oder sollte das eine Fremde sein?

Der Reichsgraf hatte nicht die entfernteste Ahnung von dem zarten und
innigen Verhltni Ludwig's zu den hohen Frauen, die das Schicksal in
jene Asyle am Rhein gefhrt. -- Da Windt Ludwig's nie gedacht hatte,
zumal der Erbherr immer sichtlich vermied, nach ihm zu fragen, so konnte
dieser auch Nichts erfahren, und wenn Ludwig's je einmal, wie es bei der
Unterredung bezglich des Falken der Fall gewesen war, Erwhnung
geschah, so berhrte der treue Intendant doch auf keine Weise jenes
Verhltni.

Der Graf theilte Sophien vor deren Zimmer in flchtigen Worten mit, da
jener Herr derselbe Verwandte sei, von dem so eben Kaiser Alexander
gesprochen habe; dann eilte er wieder zu diesem hinab, worauf die beiden
Vetter sich mit einander in ein abgesondertes Zimmer begaben, um ihr
Wiedersehen nach so langer Trennung bei einer Flasche Champagner zu
feiern.

Das Gesprch lenkte sich auf allerlei; der Reichsgraf war in einer recht
gemthlichen Stimmung; das drohende Gespenst der Mediatisation schien
nicht auf dieselbe einzuwirken. Was ihm am Meisten am Herzen lag, der
Wiedergewinn jenes kostbaren Trinkgeschirres, das er in Ludwig's Hnden
wute, wurde auch bald Gegenstand der Unterhaltung. Als Graf Ludwig von
dem Tod der Gromutter erzhlte, da er noch ihren letzten Segen
erhalten habe, rief der Reichsgraf mit Bitterkeit:

Und noch mehr, noch Besseres erhieltest du von ihr. Du empfingst auch
noch den Falken!

Allerdings, und zwar mit verbriefter und besiegelter Urkunde
rechtmigen Besitzes in Folge freier Schenkung, versetzte Ludwig.

Was gedenkst du damit anzufangen? fragte der Reichsgraf mit schlecht
verhehltem Aerger.

Nichts, antwortete Jener trocken.

Man sollte doch dies Gerth bei der Familie lassen, Vetter! sprach der
Graf nach einer Pause.

Bei welcher? Bei der deinen oder bei meiner zuknftigen? fragte mit
scharfer Betonung Ludwig, und diese seine Frage verwirrte den
regierenden Herrn ganz und gar, ja es fehlte wenig, so htte sie ihn
aufgebracht; doch bezwang er sich und sprach ruhig weiter: Mit einem
Wort, Vetter: wir, der Admiral und ich, htten den Falken gern wieder,
berlass' ihn uns, tritt ihn uns kuflich ab, stelle deine Forderung,
wir schaffen die Summe!

Ludwig blickte eine Weile sinnend vor sich hin, als wolle er sich die
Sache berlegen, dann sprach er: Wirklich? Ihr schafft die Summe? Ach,
da thut es mir in der That recht leid, da ich nicht im Stande bin,
euren so billigen Wunsch erfllen zu knnen.

Warum nicht?

Weil ich nicht mehr im Besitz jenes seltenen Vogels bin.

Um des Himmels Willen, was mu ich hren! fuhr der Graf erschrocken auf.
Wurde er dir entrissen? Gabst du ihn hin? An wen gabst du ihn und wie
theuer?

Nie wrde ich so unwrdig handeln, dieses werthvolle Familienstck zu
verkaufen, Vetter! Das denkst du gewi nicht von mir!

Nun denn, wo kam der Falke sonst hin? fragte der Erbherr in ungeduldiger
Spannung.

Ich habe ihn verschenkt, war Ludwig's ruhige Antwort.

Verschenkt! Hr' ich recht, verschenkt! schrie Jener auer sich. Ich
bitte dich, Ludwig! Wutest du, was du thatest?

Ich wute, was ich that, mein lieber Vetter, ich war bei vollem
Bewutsein; mit der einzigen Bedingung, den Falken nie wieder aus den
Hnden zu geben, schenkte ich den armen Vogel einer vornehmen und sehr
reichen Dame, die ich liebe.

Der Reichsgraf stie sein Champagnerglas so heftig auf den Tisch, da es
klirrend zersplitterte.

Fahr hin, Glck von Edenhall! sprach dazu Ludwig ganz kaltbltig, mit
einer Anspielung auf eine bekannte Sage.

Was ist's mit dem Glck von Edenhall? fragte Graf Wilhelm rauh und
hastig, indem er seinen Grimm zu bemeistern suchte.

Als ich in England, in der Grafschaft Devonshire war, erzhlte Ludwig,
nachdem er ein frisches Glas und eine frische Flasche Champagner
bestellt hatte: fand ich auf dem reizenden Schlo Chatsworth, in einem
Zimmer, darin die unglckliche Maria Stuart sechzehn Jahre ihres Lebens
vertrauerte und neben dem mein Schlafkabinet war, eine alte schottische
Chronik, darin ich von einem schnen Krystallbecher las, welcher dem
Grafenhause von Castle Edenhall in Cumberland als Geschenk einer Fee
gehrte, und das Glck von Edenhall genannt ward. So lange es
existirte, sollte des Hauses Glck unwandelbar blhen. Ein Spro des
Hauses von wildem Sinn wollte das Glck versuchen, stie das Glas auf,
und da zerbrach es unter schrillem Klang. Wie jener Becher zersprungen
war, wich alles Glck vom Hause der Lords von Edenhall, es spaltete sich
die Familie, ein Unfriede herrschte darin und Alles ging zu Grunde.
Seitdem lebt das Sprichwort dort im Volke, wenn Jemand mit Absicht oder
auch ohne Absicht ein Gerth zerbricht: Fahr hin, Glck von Edenhall!

Eine dstere Wolke des Mimuths lagerte sich ber die Stirne des
Reichsgrafen.

Erst nach einer Pause fragte er, als knne er den Gedanken noch immer
nicht fassen, mit erneutem Erstaunen: Du hast also wirklich den Falken
verschenkt? Sage mir, Mensch, hast du den Stein der Weisen gefunden?
Kannst du Gold machen?

Wer wei, entgegnete Ludwig geheimnivoll, dem es eine wahre Lust war,
den Grafen durch Zweifel zu qulen. Als ich die Bder von Buxton
gebrauchte, besuchte ich auch die in jener Gegend gelegene berhmte
Peakhhle bei Castleton; ich stand in der gothischen Geisterkirche
dieser majesttischen Stalaktitenhhle, einer Kirche, welche die Hand
der Natur fr den Weltgeist wlbte; ich lauschte dort einem Chorgesang,
der wunderbar erklang, tief schwermthig, und was tnten diese fernen
Stimmen unsichtbarer Snger? Es waren Strophen einer altschottischen
Ballade, davon lautete die letzte:

    O leide, leide, mein wackrer Falk,
    Die Federn fallen dir aus!
    O leide, leide, mein liebster Herr,
    Seht bla und elend aus!

Ja, es war schn und reizend im Castle Chatsworth. Und siehst du,
Vetter, dort knnte ich wohl auch den Stein der Weisen gefunden haben.

Wie finde ich dich so ganz anders, als ich mir dich dachte, Vetter
Ludwig, rief Graf Wilhelm. Du scheinst viel Glck gehabt zu haben! Bist
wohl sehr reich?

Hm, es geht an! versetzte Jener mit leichtem Tone, so reich bin ich
mindestens, da mich nicht nach russischen Rubeln gelstet!

Wie kommst du darauf, Mensch, der Grafschaften verschenkt? fragte
betroffen der Reichsgraf.

Siehst du, geliebter Vetter, erwiederte Ludwig: wenn ich Grafschaften
verschenke, so befreie ich mich dadurch nur von einer groen Furcht und
Sorge, und ich habe mir nun einmal fest vorgenommen, sorgenlos zu leben.

Welche Sorge meinst du? fragte Wilhelm gespannt.

Ich meine die Sorge, mediatisirt zu werden, entgegnete Ludwig trocken.

Was, Mensch? Bist du ein Dmon! Welche Geheimnisse trgst du mit dir
herum? Wer hat dir von russischen Rubeln gesagt? Wer von Mediatisirung?
Niemand wei etwas davon!

Willst du es durchaus wissen? -- Ja! -- Nun denn, der Kaiser von Ruland,
vorhin, als ich bei ihm war.

Beim Kaiser von Ruland, rief Graf Wilhelm, dessen ganz verstrter
Zustand nunmehr Ludwig's Mitleid rege machte. Er sprach daher mit vieler
Freundlichkeit zu ihm: Lieber Vetter, zrne mir nicht; ich war ein wenig
bse auf dich und neidisch auf den Vice-Admiral.

Ha! glaub's wohl, wegen Doorwerth! rief Graf Wilhelm.

Nicht doch, versetzte Ludwig, sondern da ihr mich so ganz vergessen und
zur Seite geschoben habt; konnte ich nicht auch Gevatter bei dir stehen
und Vetter Williams Pathchen mit aus der Taufe heben? Vielleicht htte
ich deinem Sohne den Falken eingebunden. Doch was reden wir da! Nimm die
fnfzigtausend hollndische Gulden, die ich dir in Doorwerth lieh und
lasse dir davon einen andern Falken machen. Ich schenke sie dir, sammt
den Zinsen von zwlf Jahren.

Redest du im Ernst, Ludwig, oder im Fieber? fragte ganz verwirrt der
Reichsgraf.

Mir war selten so wohl, wie heute, wo ich meinen theueren Vetter so
unvermuthet wiederfinde, versetzte Ludwig.

Sieh, geliebter Vetter, fuhr er nach einer Pause mit Wrme fort: du
zeigtest mir damals selbst im Zorne ein edles Herz. Ich hatte dir die
rgste Krnkung angethan; selbst von dir zuerst beleidigt, htte ich
dich nicht so wieder beleidigen drfen, wie ich es that; du konntest
mich fordern und todt schieen; du hast mein Leben aufgespart zu vielem
herben Weh, aber auch zu unendlichen Wonnen, die mir entgegenblhen,
darum nimm mich nun, wie ich bin, aufrichtig und ohne Falsch. Auch
warst du es, der als der Aeltere mir zuerst die Hand zur Vershnung bot;
dein Edelmuth gewann dir meine ganze volle Liebe, und nun von allen
diesen Geschichten kein Wort mehr. La uns anstoen: Unsere lieben
Todten sollen leben!

Theuere Namen klangen durch Ludwig's Erinnerung: Ottoline, Leonardus,
Sophie Charlotte, Angs. Thrnen entstrzten seinen Augen, er sprang
auf, umarmte Wilhelm mit strmischer Innigkeit und eilte fort.

Der Abend dieses Tages fand Sophie und Ludwig schon nicht mehr in Wien.
Rasch, wie sie gekommen waren, verlieen sie die Kaiserstadt wieder,
aber sie fuhren nicht mit gleicher Schnelle nach Frankfurt. Sie rasteten
in Plten, und gnnten sich an den brigen Tagen Zeit, von der schnsten
Witterung begnstigt, die herrlichen Ufer des Donaustromes zu bewundern.
Sie sahen Regensburgs alte versinkende Herrlichkeit, sahen das alte
Nrnberg und sein immer jugendliches Leben. Ueber Bamberg und Coburg
reisten sie dann nach dem Dorf Eishausen; der Graf hatte Befehl gegeben,
dort anzuhalten, und fhrte die junge Prinzessin durch die Hauptstrae
des Ortes.

Erinnern Sie sich nicht, schon einmal hier gewesen zu sein? fragte er
sie.

Allerdings ist es mir so, erwiederte sie: doch wei ich mich nicht mehr
zu entsinnen, wann es war.

Es ist derselbe Ort, sprach der Graf, in welchem ich Sie und die selige
Angs nach langer Trennung zum Erstenmale wiedersah, als Sie mit Ihren
theueren Eltern nach Ruland reisten.

Ach ja, jetzt entsinne ich mich! rief Sophie gerhrt: Dort stand eine
schne Kirche, dort ein ziemlich groes Schlo, hier vor dem Wirthshaus
war ein Haufe Soldaten der Republik, der Vater frchtete von ihnen
erkannt zu werden, wir fuhren daher sehr schnell weiter.

Nach kurzer Rast wurde die Reise nach Hildburghausen fortgesetzt. Als
der Weg sich von dem hohen Stadtberg thalwrts niedersenkte, als zur
Rechten der Blick auf Wald, Wiesen und Drfer frei ward, zur Linken auf
grnende Berggrten und heitere Gelnde, und unten im Thale die schne
Stadt so friedlich ruhte, das Abendsonnengold gerade wie damals ber die
ganze Flur ein magisches Zaubernetz warf und eine Glocke vom stattlichen
Kirchthurme herab die Feierabendstunde verkndete, da berkam unsere
Reisende ein unnennbar ses Gefhl der Ruhe, der sanften traulichen
Befriedigung. Es war als schliee hinter ihnen die Welt voll Sturm, voll
Unfriede, voll Ha und Verfolgung sich ab, und ein neues Leben, nur dem
Frieden und der Liebe geweiht, thue sich vor ihnen auf.

Dasselbe Gasthaus, in dem damals die frstlichen Reisenden whrend des
Pferdewechsels eingetreten waren, der Englische Hof in Hildburghausen,
nahm sie auch diesmal wieder auf, heute jedoch zu ungleich lngerem
Aufenthalt. Bald nach ihrer Ankunft suchte der Graf um eine Audienz bei
der regierenden Herzogin Charlotte nach. Diese gebildete Frstin, deren
Geist und edles Herz noch heute im treuen Andenken von Stadt und Land
fortlebt, empfing den Grafen mit Gte und dankbarer Erinnerung.

Ich komme, Ihre Durchlaucht um die Gnade zu bitten, mich eine Zeitlang
hier aufhalten zu drfen, sagte Ludwig nach der ersten Begrung. Ich
suche mit einer Gefhrtin von hoher Geburt die Einsamkeit, die tiefste
Stille. Ueber jener Dame Abkunft schliet mir ein theures Gelbde den
Mund, das nur ein strenger Befehl lsen wrde, der dann zugleich mein
Verbannungsurtheil, meine Ausweisung wre. Mein Ehrenwort leistet dafr
Brgschaft -- ich selbst darf nichts sagen, wie gerne ich auch einem so
edlen Frauenherzen, wie dem Ihrer Durchlaucht, Alles vertrauen wrde.

Ich verstehe Sie vollkommen, lieber Graf! erwiederte die Herzogin
lchelnd. Wir sind hier am Hofe etwas schwatzhaft geartet, meinen Sie
nicht? Nun, Sie mgen nicht so ganz unrecht haben! Uebrigens sollen Sie
sehen, da ich eine Regel von der Ausnahme mache, und damit Sie gleich
den Beweis davon haben, gebe ich Ihnen hiermit das Versprechen, Ihr
Geheimni jederzeit zu ehren, und Sie und die unbekannte Dame, fr deren
Ritter Sie sich erklren, nach Krften zu schtzen. Je lnger es Ihnen
bei uns gefllt, um so mehr soll es mich freuen; aber von Einem seien
Sie zum voraus fest berzeugt: Bin auch ich nicht neugierig, hinter Ihr
Geheimni zu kommen, so werden's andere Leute dafr um so eifriger sein.
Mit einem Wort: Hten Sie sich vor der delphischen Weisheit unserer
guten Residenzbewohner.




7. Das groe Rthsel.


Die Frstin hatte richtig prophezeit; die Frage, wer das geheimnivolle
Paar sein mge, welches zwar mit nur weniger Bedienung, aber doch mit
vielem Aufwande im Englischen Hof wohnte, war schon nach wenigen Tagen
das Hauptthema jeder Unterhaltung in der kleinen Residenz, und die
Nachbarn betrachteten das so wohl bekannte Hotel um seiner
geheimnivollen Gste willen mit Blicken des Befremdens und der
Neugierde.

So lange die unbekannte Herrschaft noch im Gasthaus wohnte, durfte nie
ein Kellner die Zimmer derselben betreten. Man hatte eigenes Tafel-,
Tisch- und Bettzeug mitgebracht, oder es kam bald nach dem Eintreffen
der Fremden von auswrts an, ebenso waren Service angekauft worden.
Spter miethete der Graf die schnste Wohnung, welche in Hildburghausen
zu haben war, in einem Eckhause am Markt, das nach jener Zeit als
Regierungsgebude diente. Hier wohnte Ludwig im dritten Stock, kein
Nachbar konnte ihm in die Fenster blicken. Tglich fuhr er, nur von
einem einzigen Diener begleitet, mit der stets verschleierten Dame im
eignen eleganten Wagen spazieren. Ein herrliches Paar Schimmel, wie sich
selbst im herzoglichen Marstall kein schneres befand, erregte die
allgemeinste Bewunderung.

Allmhlig fllten sich alle Gesellschaftskreise der Stadt mit
Nachrichten ber den rthselhaften Fremden und seine Begleiterin. Da
die ffentliche Meinung den Grafen fr einen franzsischen Emigranten
hielt, war in den Verhltnissen und Ereignissen der Zeit begrndet;
darber war man im Allgemeinen einig -- aber noch gar manches Andere
blieb dafr um so rthselhafter und spottete aller Nachforschungen.

Zu ihrer groen Belustigung hrten sie bald, mit welcher Romantik die
erfinderische Fantasie der guten Kleinstdter sie Beide umkleide; und
es gewhrte ihnen manchen heitern Zeitvertreib, sich die
Abenteuerlichkeiten erzhlen zu lassen, die ber sie im Mund der Leute
umgingen.

Mit Hlfe der Zeitungen, deren der Graf mehrere hielt, blieb er im
steten Verkehr mit der Auenwelt, whrend sie Ludwig zugleich ein Mittel
boten, Sophien in mannichfaltiger Weise zu unterhalten und zu belehren.
Beim Thee, den sie selbst mit vieler Anmuth bereitete, las er ihr vor,
oder er erzhlte ihr aus seiner Kindheit und Jugend, aus dem Leben der
Gromutter, aus der Geschichte seines Hauses, von seinem Aufenthalt in
England, so da keine Stunde der Langeweile die junge lebhafte
Prinzessin beschlich. Graf Ludwig verstand es, den so hufig trocknen
Ton der Zeitbltter zu wrzen und sie mit vielem Humor zu erlutern. Die
Zeit war schwer, viel Gutes brachten die Zeitungen nicht; auf
Deutschland drckte lhmend wie ein Alp Napoleons Herrschaft. Jede freie
Aeuerung, welche deutschen Sinn athmete, wurde unterdrckt, und
deutscher Vaterlandsliebe drohten Fesseln und Kerker. Da muten die
einsamen ganz auf sich beschrnkten Fremden in der kleinen Stadt noch zu
einem andern Mittel greifen, um die Stunden zu verkrzen und das Leben
zu weihen, und dieses Mittel bot ihnen die Poesie. Mit Entzcken nahm
Sophie den Geist deutscher Dichtung auf, mit Begeisterung fhrte sie der
Freund in die schne Literatur ein.

Mit den Zeitungen ber die trbe Zeit brachte Philipp eines Tags auch
einen Brief, der das Poststempel London trug. Ludwig erschrak beim
Anblick des Trauersiegels, er ging hastig in ein Nebenzimmer, zitternd
ffnete er -- ach, schon sagte sein Herz ihm Alles!

Meine Mutter! O meine schne, edle, liebe Mutter! war Alles, was er in
seinem Schmerze hervorbringen konnte und laut weinend warf er sich auf's
Sopha.

Sophie eilte herbei, sein Anblick erschreckte sie auf's Heftigste und
bestrzt rief sie aus: Was ist Ihnen, theurer Freund? Darf ich Ihren
Schmerz nicht theilen? O, sagen Sie mir, welche Schreckenskunde Sie so
tief erschttert?

Ach, meine Mutter! seufzte Ludwig: oder doch zum Mindesten geliebt von
mir wie eine Mutter! Lesen Sie, theure Sophie, am dreiigsten Mrz, neun
und vierzig Jahre alt, und welche Frau!

Aus Ihrem Schmerz entnehme ich die Gre Ihres Verlustes! sprach Sophie
bewegt. Lassen Sie mich Ihre Trauer theilen, wie Sie einst die meine
theilten! Erzhlen Sie mir von der Verklrten, das wird Sie erleichtern
und mich zugleich in den Stand setzen, Ihren herben Verlust zu theilen.

Ludwig fhlte, wie tief und wahr die Theilnahme dieses jungen reinen
Herzens war, und suchte sich zu fassen. Auf's Neue erkannte und segnete
er den Engel, den das Schicksal ihm in Sophien zur Seite gestellt hatte.
Auch dieser Kelch mute geleert, auch dieses Leid ertragen werden.

Mitten in diesem Kummer traf ihn ein neuer Trauerbrief aus Bckeburg;
der Kammerrath Windt meldete darin das am 26. Januar erfolgte Ableben
seines Bruders, des reichsgrflichen Haushofmeisters Windt. Er war in
Stadthagen sanft verschieden und ruhte ohnweit des Grabes seiner treuen
Hausfrau, die ihm kurze Zeit vorher vorangegangen war.

In dem untern Stock des Hauses, welches der Graf bewohnte, befand sich
die herzogliche Hofbuchdruckerei; eines Tages kam in derselben Feuer
aus, welches bald entdeckt und in ganz kurzer Zeit gelscht wurde.
Dennoch trug Sophie einen heftigen Schrecken davon, was den Grafen
veranlate, die Miethe auf der Stelle zu kndigen. Bald fand sich ein
anderes Haus, in der schnen neuen Vorstadt gelegen, welche auch von
Emigranten angebaut war. Im Anfang war die Eigenthmerin dieses Hauses
unschlssig, ob sie den Fremden ihr Haus einrumen solle; denn das
Geheimnivolle ihrer Personen und die vielen ber sie umlaufenden
Gerchte und Mhrchen schreckten sie ab. Als betagte Wittwe eines hohen
Staatsbeamten, und als eine Frau von Welt und Bildung, mochte sie sich
keiner Gefahr aussetzen, und da sie vernommen hatte, da die Herzogin
den geheimnivollen Fremden kenne, so ging sie zu dieser und fragte sie
geradezu, ob sie ihr rathe, den Grafen und seine Umgebung in ihr Haus
aufzunehmen? Leicht beseitigte diese jede Besorgni bei ihr und der Graf
mit seiner Begleiterin und seiner Bedienung nahmen vom obern Stockwerk
ihres Hauses Besitz.

Stille, lautlose Stille, deren Aufrechthaltung und Ueberwachung den
Mitbewohnern fast peinlich vorkam, waltete um diese Wohnung und brachte
den Grafen in den Ruf eines menschenscheuen Sonderlings, whrend er doch
nur Sophiens Wunsch erfllen wollte, die in dieser vlligen
Abgeschlossenheit gegen die Auenwelt einen Genu, einen Trost fand. Das
Publikum hingegen, das die junge Dame selten und dann stets nur
verschleiert erblickte, fing allmlig an zu argwhnen, man halte sie mit
Gewalt und gegen ihren Willen von der Welt abgesperrt und der Graf sei
eine Art Othello oder Ritter Blaubart.

Heute flog diese, morgen jene Neuigkeit ber die geheimnivollen Fremden
durch die Stadt und bildete den Inhalt der Gesprche ebensowohl an der
Gasttafel im Englischen Hof, als auf der Bank der uersten
Vorstadt-Kneipe. Einmal erzhlte man sich, der Postillon habe sich auf
dem Bock umgedreht, um den im Wagen Sitzenden Etwas mitzutheilen, und in
Folge davon habe der fremde Graf dem Postmeister ein Billet geschrieben,
des Inhalts, da er sich diesen Postillon wie jeden andern, der sich
unterstnde, whrend des Fahrens zurck und in den Wagen zu sehen, ein
fr allemal verbitten msse. Ein anderes Mal war ein Jude, der bis an
das Zimmer des Grafen gedrungen war, die Treppe mehr herabgeflogen, als
gegangen, nachdem ihn der erzrnte Graf mit Doppelterzerolen bedroht
hatte. So ging es fort und fort, eine sonderbare Nachricht verdrngte
die andere, der geheimnivolle Graf, der sein Leben mit der Tarnkappe
verschlossenster Zurckhaltung und mit dem Mantel der tiefsten
Verschwiegenheit umkleidete, lie die Leute zu keiner Ruhe kommen.

Um den Garten des Hauses lief ein hoher Bretterzaun, gegen die Seite der
Allee; wenn Ludwig und Sophie mit einander in den frhen Morgenstunden
spazieren gingen, dann lustwandelten sie gewhnlich in der alten
schattigen Allee, welche sich um die Hlfte der Stadt lngs der
Umfassungsmauer hinzog, zu andern Tagesstunden aber ergingen sie sich in
dem gerumigen Gemsegarten dicht am Hause. Nachbarskinder bohrten
Lcher in die Bretter der Umzunung und blickten neugierig hindurch,
denn schon in die Kinderwelt herab war das Mhrchen, das sich so gerne
den Kindern, seinen Lieblingen, befreundet, herabgestiegen und hatte
verkndet, da da drinnen eine verwnschte Prinzessin umgehe, welche
keinen Mund habe; whrend Andere behaupteten, die fremde verschleierte
Dame habe einen Todtenkopf.

Darber kam es zum Wortwechsel, von diesem zu Prgeln, und whrend die
liebe Gassenjugend drauen vor dem Garten zu Rittern der Poesie des
Volksmhrchens wurden, standen Ludwig und Sophie an der bretternen Wand
und belachten herzlich der groen und kleinen Kinder Abenteuersucht.
Gewhnlich mute dann Philipp Brettstckchen sgen und die Lcher im
Zaune wieder zunageln.

Nie gab es auffallendere Gegenstze, als das Leben dieses
geheimnivollen Paares, wie es nach Auen hin in seiner rthselhaften
Abgeschlossenheit der alltglichen Umgebung erschien, und Jenes, das
Beide in Wirklichkeit fhrten; nach Innen die reine, lautere Wahrheit,
nach Auen die romantische und selbstersonnene Tuschung.

Mitunter gab es auch Tage, an welchen die Postpferde schon zu sehr
frher Morgenstunde vor dem Hause sein muten; Philipp half dieselben
rasch an den Wagen des Grafen spannen und schwang sich dann zum
Postillon auf den Bock empor. An solchen Tagen durften weder die Kchin
noch die Aufwrterin das Haus betreten. Einmal geschah es indessen, da
die Erstere, welche einen Schlssel zur Kche bei sich fhrte, bei einer
solchen Abwesenheit der Herrschaft das bestehende Verbot brach. Sie
bersah aber, da ein Spinnfaden quer ber das Schlsselloch gezogen
war. Als die Herrschaft zurckkehrte, wurde diese Kchin mit Belassung
ihres Gehaltes fr den vollen Rest des Jahres auf der Stelle
verabschiedet.

Wohin die Fremdlinge fuhren? -- Jede nchste Poststation bot andere
Pferde, andere Postillone, wer konnte also erfahren, wie weit und nach
welcher Richtung hin ihr Reiseziel ging? Viele vermutheten, ein
religises Bedrfni fhre sie zu den Gnadenorten des nachbarlichen
Frankenlandes, nach Vierzehnheiligen, oder nach Sanct Ursula, oder zum
Gipfel des heiligen Kreuzbergs.

Dem in so geheimnivoller Eintracht verbundenen Paare, dessen Leben der
gesammten Umgebung ein so groes Rthsel war, kam ein wichtiger Tag.
Lngst hatte Sophie im Stillen dessen gedacht, lngst sich mit ihm
beschftigt, zweierlei sollte den Mann berraschen, an den ihr Geschick
sie so wundersam gebunden, ja gekettet hatte. Es war der 22. September
des Jahres 1808.

Heimlich, in stillen, unbelauschten Stunden hatte sie sich bemht,
Deutsch schreiben zu lernen, was ihr anfangs sehr schwer fiel.

Noch nie war, auer im innersten verschwiegensten Herzen, das traute Du
ber die Lippen dieser Liebenden gekommen. Dem Genius der franzsischen
Sprache ist es fremd, nun aber war das deutsche Sie Sophien nicht minder
fremd und unbegreiflich, und das Ihr klang ihr im Deutschen so seltsam,
da sie bei sich beschlo, in dem Briefe, der ihre erste Uebung im
deutschen Styl werden sollte, das Du zu brauchen, selbst auf die Gefahr
hin, da es so kindlich klinge, als wenn ein Kind sein erstes Gebet
stammelt.

So entstand jener noch vorhandene und in Hildburghausen wohlbekannte
Brief, der so manche falsche Auslegung fand, der so Viele glauben
machte, er sei, weil nicht nach den Regeln der groen deutschen
Sprachschulmeister Campe, Adelung und Heinsius stylisirt und
geschrieben, nur ein Zeugni von Mangel an Bildung oder von ganz
untergeordneter Stellung jener Persnlichkeit, die das Rthsel ihrer
Existenz mit so dichten Schleierhllen umwob.

Und dabei bleibt es immer noch eine groe Frage, ob jener Brief nicht
Abschrift einer fremden, der Orthographie unkundigen Hand war. -- Du!
klang es in Sophiens Seele zu Ludwig, wie es lngst in der seinen
geklungen; Du! hallte diesen trauten Klang das jungfrulich erbebende
Herz nach, da es sich gedrungen fhlte, dem edlen Mann mehr zu sein als
Pflegbefohlene, mehr als Tochter.

Als der Graf an diesem 22. September frh nach seiner Gewohnheit das
Lager verlassen und aus seinem Schlafkabinet in sein Wohnzimmer trat,
lag auf einem geschmckten Tisch ein frischer Kranz, und neben diesem
eine schne Stickerei, ein Sophakissen im Geschmacke jener Zeit,
erhabene Blumen von geschorener Seide. Diese Blumen waren Lilien, drei
an der Zahl, auf einem himmelblauen Felde, und neben diesen drei zarten
Lilien, welche mit tuschender Kunst die Natur nachahmten, stand von
Silberlahn gefertigt, ein Anker. Zwischen diesem Kunstwerk und dem
Kranze lag ein Brief, ohne Aufschrift, gesiegelt mit einem Petschaft,
dessen Abdruck in einem kleinen ovalen Schildchen unter einer
Knigskrone drei Wappenlilien zeigte.

Bewegt nahte Ludwig diesen freundlichen Gaben einer so unendlich theuern
Hand; sein Geburtstag, an den sie ihn sogleich erinnerten, war ihm
wichtig geworden, seit er Leonardus kennen gelernt hatte. Er brachte
still seinen Dahingeschiedenen ein Todtenopfer. Dahin, dahin waren sie
Alle, nur er sonnte sich noch am lieblichen Strahle des Daseins. Aus dem
Leben waren sie geflohen, hatten ihn treulos verlassen, Jeder von ihnen
war ein Strahl gewesen, der sein Dasein geschmckt und verklrt hatte,
jetzt waren diese Strahlen alle zusammengeflossen zu einem Strahle, der
ihm ein einzig holder, ach! sein letzter Stern war.

Mit freudigem Beben ffnete der Graf endlich den Brief und las; er las
nicht die fehlerhaften Zeilen einer Anfngerin in der deutschen
Rechtschreibekunst und Grammatik, er las das beredte Gefhl und den
heiligen Ausdruck einer unschuldigen, liebenden Seele!

    Lieber guter Ludwig!

Ich wnsche dir zu deinem Geburtetag[14] viel Glck und Segen! Der
Himmel erhalte dich gesund bis in das spteste Alter. Ach, lieber
Ludwig, es sind schon viele Geburtetage, die ich bei dir erlebe, und der
Himmel segne dich fr Alles, was du schon an mir gethan hast, und an mir
noch thust!

Ach, lieber guter Ludwig, es thut mir leid, da ich dir zu deinem
Geburtetag keine bessere Freude machen kann. Ich habe hier eine
Kleinigkeit fr dich gestickt, ich schme mich, da sie nicht besser
ist. Aber gewi wirst du, lieber guter Ludwig, es doch von deiner armen
Sophie annehmen, als einen Beweis meiner Liebe und Dankbarkeit. Ach,
verzeihe mir, mein guter Ludwig, wenn ich bisweilen fehle! Ich bitte den
Himmel, da er mich lehre, meine Fehler zu verbessern. Mchtest du doch
mit mir zufrieden sein, ich aber im Stande, alles dir nach Wunsch zu
thun, alles dir angenehm zu machen. Ach, lieber guter Ludwig, ich wei,
da meine Lage schrecklich war und ich danke dir nochmals! Der Himmel
segne dich fr alles! Behalte mich lieb, lieber Ludwig! Ich bleibe im
Schutze Maria's und dem deinen.

                            Deine arme Sophie bis in's Grab.

    Den 22. September 1808.

    [Funote 14: Dem hollndischen #Geboortedag# nachgebildet. Der
    Brief ist, bis auf die verbesserte Rechtschreibung, ganz
    urkundlich.]




8. Der Geburtstag.


Voll unaussprechlicher Rhrung stand Ludwig noch lange vor seinem holden
Angebinde, und immer und immer wieder las er Sophiens Brief und netzte
mit seinen Thrnen diese theuren Zeilen.

Ohne da er es gewahrte, trat sie leise ein, therisch schn,
geschmckt, in hellen Farben, von Gewndern umflossen, die sie reizend
kleideten, eine liebliche feengleiche Gestalt, blhend wie die schnste
Rose Irans, das holde Antlitz von brutlicher Rthe berhaucht, ein
verkrpertes Ideal jungfrulicher Schnheit. Endlich blickte er auf.
Sophie! Ludwig! -- und sprachlos sanken sie einander in die Arme, Herz an
Herz, und geschlossen war der hohe Liebesbund fr ein langes, reiches,
vollbeglcktes Leben. Vergessen war alles irdische Leid, abgefallen
aller bisherige Zwang der scheuen Zurckhaltung; wie zwei Lieblinge des
Himmels standen sich die edlen Gestalten gegenber, froh bewut ihrer
Bestimmung, ihres Zieles, da sie nun einander angehrten fr das
Erdensein, fr eine gemeinsame Bahn, ein gemeinsames Streben. Der Tag
war reizend angebrochen, es war Herbstesanfang, whrend die Liebenden
auf die Sonnenhhe des Lebens traten; die Morgensonne strahlte hell in
die Zimmer, die Natur lachte noch in voller Sommerfrische, und hatte das
reiche Fllhorn mannichfaltiger Blumenpracht ber die Schpfung
geschttet.

Voll seliger Freude machten Sophie und Ludwig an diesem Tage ihren
Morgenspaziergang; ach, welch strahlendes Entzcken blitzte aus diesem
holden Augenpaar hinter der dichten Schleierhlle! Wer hatte diesen
zarten Fingern in den feinen Glacehandschuhen solchen warmen Druck
gelehrt? Wer diesen frischen Mund der Liebe lieblichkosendes Flstern?

Fast htte in seinem Glck, das so berraschend und bergewaltig an
diesem Tage auf ihn einstrmte, Ludwig jenes kleinen Pckchens
vergessen, welches Vincentius Martinus gesendet, und welches Leonardus
Mutter ihrem vermeinten Sohne als letztes Angedenken bestimmt hatte.
Endlich dachte er daran, entsiegelte es, las, und las mit immer
wachsendem Erstaunen.

Mein geliebter Leonardus! so begann der letzte Brief einer todten
Mutter an ihren todten Sohn: wenn deine Augen auf diesen Zeilen weilen,
wandle ich nicht mehr unter den Lebenden, bitte aber Gott, da du an
einem guten und dir Heil und Glck bringenden Tage lesen mgest, was ich
niedergeschrieben habe, weil ich ein Geheimni nicht mit unter die Erde
nehmen will, das mich bisweilen bedrckte, das ich aber nicht offenbaren
wollte aus Liebe zu dir. Du wirst mir nicht zrnen, mein lieber
Leonardus, denn ich habe dir immer und immer die lebendigste Muttertreue
bewiesen, obgleich ich nicht deine Mutter bin, mein Mann Adrianus nicht
dein Vater ist, du, lieber Leonardus, unser Sohn nicht bist, obschon fr
unsern Sohn gehalten und als unser Sohn gehalten. Das eigenthmliche und
seltsame Ereigni, welches unser eigenes Kind uns nahm und ein fremdes
Kind in unsere Arme legte, will ich dir mittheilen, du wirst darber
erstaunen, doch mir nicht zrnen, wenigstens glaube ich nicht, da du
dazu Ursache hast.

Es war im Jahre 1765; Herr Adrianus van der Valck, mein Gemahl, hatte
ein, einen lngeren Aufenthalt erforderndes Handelsgeschft in London
abzuschlieen; wir waren noch im ersten Jahre unseres Ehestandes,
liebten uns herzinnig und konnten uns nicht zu einer langen Trennung
entschlieen; ich begleitete daher meinen Mann nach London und gebar
dort nach einiger Zeit einen Sohn, dem wir in der heiligen Taufe den
Namen Leonardus Cornelius beilegen lieen. Mit diesem Sohn, einem zarten
Sugling, und mit meinem Manne schiffte ich mich spter zur Rckfahrt
ein. Das groe Kauffahrteischiff, auf welchem wir fuhren, war unser
Eigenthum; mit uns fuhr eine deutsche Herrschaft, nmlich eine schon
bejahrte, wenigstens fnfzig Jahre zhlende sehr stolze, aber doch auch
wiederum sehr gute und auerordentlich kenntnireiche Dame, welche mein
Mann sehr verehrte, sie stets Frau Reichsgrfin nannte, und mit welcher
er allerlei Geldgeschfte abzumachen hatte. Diese Frau war begleitet von
einer jungen Dame, ihrer Schwiegertochter, deren Gemahl in England
zurckgeblieben war. Es war zwar auch eine sehr stolze, gegen mich aber
doch gtige Frau, welche, gleich mir, auch in London geboren hatte, und
ihr Kind von einer Amme stillen lie. Wir erzeigten uns gegenseitig alle
Freundlichkeit und Geflligkeit, unterhielten uns vielfach ber unsere
Kinder, fanden sogar ein wenig Aehnlichkeit zwischen beiden, und
theilten uns nach Frauenweise unsere gegenseitige Herkunft und
Jugenderlebnisse mit. Diese Dame hie Reneira, und war die Tochter eines
Baron van Tuyl zu Serooskerken; sie zhlte erst einundzwanzig Jahre; ihr
Gemahl war der Reichsgraf Johann Albert von Jever, Varel und Kniphausen,
und eine ltere Schwester von ihr, Maria Katharine van Tuyl zu
Serooskerken, war an ihres Gemahles lteren Bruder verheirathet. Beide
Mnner waren die Shne der Reichsgrfin, welche sich mit auf unserem
Schiffe befand. Als wir bereits zwischen dem Helder und dem Texel
hindurch waren, und die Insel Wiwingen in Sicht hatten, sprang der Wind
um, wuchs und wuchs und wurde zu einem furchtbaren Sturme. Du kennst
Seestrme aus eigener Erfahrung hinlnglich, mein geliebter Leonardus,
aber die Feder einer alten schwachen Frau ist nicht vermgend, den zu
schildern, der mit allen Schrecken der emprten Elemente uns heimsuchte.
Alles strzte durcheinander, wir armen Frauen, unsere Kinder, unsere
Dienerinnen. Dazu Seekrankheit, Todesangst, Nothschsse, Gekreisch,
Hlferufe, und Alles in stockfinsterer Nacht, denn unter Deck muten
alle Lampen und Laternen ausgelscht werden, um Feuersgefahr zu
verhten. Der Sturm dauerte in gleicher Heftigkeit furchtbar lang, es
war das Grauenhafteste, was ich jemals erlebt habe. Wir Frauen waren
mehr todt als lebendig, lagen alle auf den Knieen mit Kindern und
Dienerinnen in der groen Kajte, und erwarteten mit jeder neuen Welle
unser Ende. Unser Aller bemchtigte sich zuletzt eine gnzliche
Hoffnungslosigkeit, eine tdtliche Abspannung, denn der Sturm dauerte
zwei Tage und zwei Nchte und das Schiff litt ber die Maen. Als der
zweite Morgen graute, rannte es auf eine Sandbank und wurde leck, die
Mannschaft wurde nun an die Pumpen beordert, obschon sie so ermattet
war, da fast kein Matrose mehr ein Glied rhren konnte. Jetzt wurden
die Boote ausgesetzt, man trug uns Frauen in dieselben, da das Schiff zu
sinken drohte, kaum war es mglich, uns hinunter zu bringen; whrend
dies geschah, hrte ich pltzlich einen Schrei der Amme jener deutschen
Dame, gleich nachher einen zweiten von der Gebieterin selbst, und
verworrene Stimmen riefen, da ihr Kind todt sei! Um so fester drckte
ich das meinige an meine Brust; Jene kamen in ein anderes Boot, bald
trennten uns die donnernden Wogenberge von einander; dennoch war Gottes
Hand ber uns, und ich war die Glckliche, die ihr eigenes Leben und das
ihres Kindes gerettet sah, als der Sturm sich endlich legte und ein
Schiff uns aufnahm. Auch unser groes Schiff sank nicht; als der Sturm
nachlie, gelang es den weiteren Bemhungen der Mannschaft, das Leck zu
stopfen und das Schiff wieder flott zu machen. Aber kaum war ich zu
Hause angekommen, so fiel ich in eine lange schwere Krankheit, in
welcher mein Mann und alle die Meinen um mein Leben zitterten, und von
der ich erst nach vier Wochen wieder gena. Whrend dessen hatte mein
Kind entwhnt werden mssen, das auch leidend geworden war, doch hatte
Gott es mir und mich ihm erhalten. Ohne die treue und sorgliche Pflege
meiner Schwgerin Adriane van der Valck, welche damals noch
unverheirathet war, wre weder ich noch das Kind mit dem Leben davon
gekommen. Wer beschreibt aber mein Gefhl, als, nachdem ich wieder auer
Gefahr war, Adriane, die bei mir sa, das Kind wiegte, und mich zu
unterhalten bemht war, mich fragte: Warum ist denn deinem kleinen
Leonardus ein fremdes Hemdchen angezogen worden, liebe Schwgerin, und
von wem liehst du denn die feine, gestickte Windel? -- Adriane!
entgegnete ich: du scherzest wohl? Ich besitze selbst feine Windeln
genug und brauche keine zu leihen, so wenig wie fremde Hemdchen.

Nimm es mir nicht bel, gute Maria Johanna, erwiederte mir Adriane; ich
wute nicht, da du in deine Kinderwsche Grafenkronen hast sticken
lassen.

Grafenkronen, Adriane? Ich bitte dich, wie wre das mglich? rief ich
aus. -- Da zog Adriane aus einer Schublade ein kleines Hemdchen und eine
gestickte Windel hervor und zeigte mir Beides, ich sah mit starrem
Schrecken, da diese Wsche nicht mein und nicht meines Kindes war.
Jetzt packte mich ein jher Schauder, ich wollte aufschreien, denn klar
stand Alles pltzlich vor meiner Seele, aber ich bezwang mich, und sagte
dumpf vor mich hin: Es mag wohl auf dem Schiffe geschehen sein -- die
Wrterin wird sich vergriffen und die Wsche verwechselt haben -- es war
noch ein zweites Kind mit auf dem Schiffe. Aber ich hrte auch im
Getmmel des Sturmes die Nachricht, da es todt sei, jenes arme Kind, ja
todt -- todt!

Vor meiner Seele tagte es furchtbar, ich hatte das fremde Kind
gerettet, mein Leonardus war todt, Beide waren in jener schrecklichen
Stunde, wo uns Mttern die Kinder mehrmals aus den Armen strzten,
verwechselt worden.

Dieser Gedanke schnitt mir wie ein Messer durch die Seele, aber ich
machte mich stark, sprach ihn nicht aus, sondern liebte das fremde Kind
wie mein eigenes und dachte, Gott der Herr hat es mir gegeben. Nun
entsann ich mich auch, da jener Sohn der fremden Grfin William hie,
diesen William hatte ich; und du, mein geliebter Leonardus, bist dieser
William, bist ein geborner Graf und Herr von Varel und Kniphausen.

Wunder! Wunder ber alle Wunder! rief Ludwig aus und sprang von seinem
Sitz empor. Hrst du es, theure Sophie? So sprach die Stimme der Natur
in Leonardus und in mir stark und mchtig als wir zum Erstenmale uns auf
der vergulden Rose sahen.

Ich verstehe dich nicht, lieber Ludwig! erwiederte Sophie, die den
Zusammenhang noch nicht zu fassen vermochte, sonderbar bewegt.

Leonardus, erwiederte der Graf bebend, Leonardus war, wenn auch von
einer anderen Mutter, meines Vaters Sohn, war mein leiblicher Bruder!
Doch lesen wir weiter.

Wohl machte mein Gewissen mir bisweilen Vorwrfe, da ich ein Kind bei
mir behielt, welches nicht mein war, allein ich fand auch Gegengrnde,
mit denen ich die innere Stimme wieder beschwichtigte. Wre die
Verwechselung gleich entdeckt worden, ehe ich so schwer erkrankte, so
konnten die nthigen Schritte geschehen. Aber nun, mein Mann war ganz
glcklich, einen Erben zu haben, und sein Sohn war ja doch todt. Jene
Frau hat nun ihren Schmerz um ihr vermeintliches todtes Kind berwunden,
dachte ich, und ich selbst hatte im Stillen diesem meinem Kinde viel
herbe Thrnen nachgeweint, aber dafr das mir angeeignete fremde Kind,
dich, mein Leonardus, um so lieber gewonnen. Sollte ich nun durch ein so
sptes Eingestndni meinen geliebten Mann erzrnen und betrben, sollte
ich nun noch den Schmerz tragen, mich von dem Kinde zu trennen? Ich
entdeckte mich bei diesen Zweifelqualen endlich meinem Beichtvater und
der sprach mir gttlichen Trost in die Seele. Gottes unerforschlicher
Wille hat vielleicht, ja ganz gewi, es so gefgt; beten Sie ihn in
Demuth an. Vergebens ist das nicht geschehen, und die unergrndliche
Weisheit des Herrn wird Sie nicht ungetrstet lassen. Erziehen Sie
dieses Kind in der Furcht des Herrn und zu seinem Wohlgefallen.

Dies beruhigte mich, gleichwohl erkundigte ich mich oft sehr lebhaft
bei meinem Mann, welcher, wie dir, geliebter Leonardus, bekannt ist, die
Geschfte jener hohen Familie in Amsterdam besorgte, nach derselben, so
da Herr Adrianus mich sogar einmal eine neugierige Frau schalt; aber
denke dir, wie mir zu Muthe wurde, als mir die Kunde ward, jenes Kind
der vornehmen Dame, _mein_ Kind -- sei damals nur in der ersten
Verwirrung fr todt gehalten worden, es lebe und verspreche frhlich
heranzuwachsen. Wie freute sich darber mein Mutterherz! Aber sollte ich
nun reden? Sollte ich nun jene Mutter mit einer Erffnung betrben, die
damals die Verwechselung gar nicht wahrgenommen hatte, denn die Amme des
Kindes, wenn diese den Irrthum wirklich inne geworden war, hatte
jedenfalls die anders gezeichnete Wsche erkannt, dieselbe beseitigt und
geschwiegen, sonst wren wohl Briefe an uns gelangt.

Fort und fort erkundigte ich mich lange Jahre hindurch nach jenem Sohn,
denn ich liebte ihn, mute ihn lieben, ich hatte ihn ja unter meinem
Herzen getragen, aber ich liebte nicht minder dich, mein Leonardus, und
verkrzt warst du auch nicht erheblich. Der Reichthum des Hauses van der
Valck berwog den jenes Hauses, zumal dasselbe spter durch die
franzsische Revolution unendlich und viel an Kapitalien verlor, die in
Frankreich angelegt waren und das Vermgen sich durch mehrere Erben
theilte, du aber unser einziges Kind bliebst, und wenn du auch kein Graf
geworden bist, so ist der Adel unseres Hauses wohl so alt, wie jener des
grflichen; unser Wappen-Falke im purpurrothen Felde ist so viel werth,
wie das Wappen jener Familie; unsere Vorfahren waren auch Grafen, die
Grafschaft Valckenburg, zum Herzogthum Brabant gehrend, umfate ein
weites Land, Stadt und Schlo Valckenburg, auf Franzsisch Fauquemont,
an der Geul waren die Herrensitze. Du hast dich, lieber Leonardus,
unseres Namens daher nicht zu schmen und wirst deiner alten Mutter,
obschon sie nur deine Pflegemutter war, nicht zrnen, da sie dich so
geliebt hat, und dich ewig lieben und im Himmel, wo sie zu weilen
hofft, wenn du dieses liest, fr dich bitten wird.

Ludwig endete, Sophie hatte mit Verwunderung zugehrt.

Und was wrdest du nun thun, lieber Ludwig, fragte sie sonderbar bewegt,
wenn du Leonardus wrst?

Was Leonardus ganz sicher selbst gethan haben wrde, entgegnete der Graf
feierlich. Tief in Grabesschweigen wrde ich ruhen lassen alles
Vergangene, was lngst dahin ist und vergessen. Von mir soll Niemand
diese Aufschlsse erhalten, ich werde sie vernichten. Zugleich freue ich
mich, da Leonardus diese Zeilen nicht vor sein Auge bekam; wozu frommen
solche Aufschlsse, solche Bekenntnisse? Nur beunruhigen knnen sie,
oder verwirren. Was frommt alte Abkunft, was frommen Ahnenreihen,
Wappenschilde, hohe Namen, wenn nicht das Glck eines ungetrbten innern
Friedens im Herzen wohnt? Was gilt uns Bourbon? Was gilt uns Cond? Du
hast das zart und sinnig empfunden, meine engelholde Sophie, indem du
jene Sinnbilder auf dein Geschenk fr mich sticktest. Was sollen uns die
Lilien eines Stammwappens? Die Gartenlilien sind schner. Was sollte uns
ein heraldisches Ankerkreuz? Der Anker ist schner als das Sinnbild der
Hoffnung, der Festigkeit und der ausdauernden Treue.

Die du mir bewiesen hast, du lieber Mann, so treu wie Gold und treuer
noch! rief Sophie mit Zrtlichkeit.

Und weit du, meine Liebe, ob sich gegen diese Angaben der guten Frau
Maria Johanna van der Valck, denen ohnehin auch nicht ein Schein von
Rechtsgltigkeit innewohnt, nicht noch die strksten Zweifel erheben
lassen? fuhr der Graf nach einer Pause fort. Kann nicht die Dienerin von
Leonardus Mutter sich vergriffen haben im Tumult, im Sturm, im Dunkel
und ihrer Herrin Kind mit Stcken aus der Garderobe des reichsgrflichen
bekleidet haben?

Aber die Aehnlichkeit? entgegnete Sophie; und was du vorhin sagtest, die
Stimme der Natur?

Eins konnte Zufall und Tuschung sein wie das Andere. Mir bleibt
freigestellt, fr gewi anzunehmen, da unser verklrter Freund mein
leiblicher Bruder war, und ich empfinde sogar eine hohe Freude in diesem
Glauben; aber er ist uns entrissen, ist dahingegangen, von wo nimmer
eine Wiederkehr, wo ihm Niemand seine Stammbume und seine irdischen
Besitzthmer streitig machen wird. Darum bedecke Vergessenheit auch
dieses Ereigni mit ihrem ewigen Dunkel.--

Graf Ludwig nhrte immer mehr den Vorsatz, sich und sein hohes Glck den
Augen der Welt zu entziehen. Die reichen Mittel, ber welche er zu
gebieten hatte, untersttzten den Plan und erleichterten ihm dessen
Ausfhrung; sie vergnnten ihm selbst einen gewissen Nimbus des
Geheimnivollen um sich und seine nchste Umgebung zu verbreiten.

Da es ihm auch in der Vorstadt noch zu geruschvoll war, so strebte er
unablssig nach einem noch stilleren Asyl, und fand dies zuletzt zu
seiner Freude in dem herrschaftlichen Schlo im Dorfe Eishausen. Dieses
Schlo, frher im Besitz reicher Edelleute, jetzt aber sammt seinen
Liegenschaften herzogliches Kammergut, stand bis auf den unteren Raum,
der einem Verwalter zur Wohnung angewiesen war, vllig leer. Drei
Stockwerke umfaten eine groe Anzahl heller Zimmerrume und einen
schnen gerumigen Saal.

In diesem Hause gedachte Graf Ludwig sich seines Glckes still und
ungetrbt erfreuen zu knnen und gewann auch bald einen zuverlssigen
Mann, der sich des Geschfts unterziehen wollte, das Schlo von der
herzoglichen Kammer fr ihn zu miethen. Schon am 22. September des
Jahres 1810, feierte Ludwig mit Sophie die Wiederkehr seines
Geburtstages still und glcklich in den Rumen dieses Hauses.

Die wirthschaftliche Einrichtung wurde nun nach einem wohlberdachten
Plane geordnet und geregelt: da aber dieselbe von den einfachen
lndlichen Bedrfnissen der Bewohner des Dorfes so ganz abweichend war,
so wurde Alles, was davon zur ffentlichen Kunde gelangte, bis in's
Kleinste bekritelt und romantisch ausgeschmckt. Bald war auch hier der
Graf als ein Sonderling ersten Ranges bekannt und wiewohl der groe
Haufe ihn kaum kannte, wute er doch Allerlei an ihm auszusetzen. Es
erschien den guten Leuten gegen alles Herkommen, da der Mann sich so
abgeschlossen hielt und jedem Umgang ngstlich aus dem Wege ging.
Auerdem hatte er unverzeihlich viel Geld, und selbst, als er durch
reiche Spenden an Arme und Bedrftige dem Volke Wohlthaten erwies,
erntete er nur Undank und Mideutung seiner guten Absichten. Nie stand
in der ganzen Gegend die Fabeldichtung in so glnzender Blthe als in
dem Zeitraume, in dem das stille Schlo seine fremden, einsamen Bewohner
hatte, das jeder Neugier auf das Strengste verschlossen blieb. Kluge und
alberne Leute bemchtigten sich mit gleicher Vorliebe eines so
anziehenden Stoffes und schufen daraus die abenteuerlichsten
Phantasiegebilde. Noch heute cirkuliren in jener Gegend eine Menge
Romanepisoden von dem Dunkelgrafen und seiner verschleierten Dame.

Der Winter mit seinen Schauern nahte heran, aber er brachte keine
Strung in das behagliche Stillleben der Einsiedler im stillen Schlosse.
Bcher aller Art und tglich die gelesensten Zeitungen, nebst einem
lebhaften Briefwechsel gaben der Lust an Beschftigung und geistigem
Austausch hinreichenden Anhalt. Selbst den Briefwechsel mit dem Pfarrer
Vincentius Martinus van der Valck unterhielt Ludwig noch als
fortlebender Leonardus, wobei die eigenthmlich humoristische Schreibart
jenes frommen Weltgeistlichen ihm groes Vergngen gewhrte. -- Ebenso
gaben die noch fortwhrend fr Leonardus einlaufenden Briefe zrtlicher
Verwandten, die bald mit mehr bald mit minderer Offenheit auf sein Geld
speculirten, Stoff zu den heitersten Betrachtungen. Graf Ludwig
untersagte seiner smmtlichen Dienerschaft jeden Umgang mit den
Bewohnern des Dorfes und der Umgegend. Diese Abgeschlossenheit war es,
die alles Zutrauen der Landbewohner zu den Schlobewohnern fern hielt,
und so kam es, da Aeuerungen wie: der Mann ist ein Narr -- ein
Sonderling -- ein Menschenfeind, er ist ein der Strafe entflohener
Verbrecher -- an der Tagesordnung waren, so oft man von dem Grafen
sprach. Alles was Ludwigs Empfindlichkeit reizte und seine kleinen
Eigenheiten hervortreten lie, wurde, sobald es bekannt war, auf das
Lcherlichste und Boshafteste verdreht und entstellt, wurde aufgetischt
als Neuigkeit, wurde glossirt als Rechtsfrage, verhandelt als Ereigni,
ohne jedoch dabei nur im Geringsten den vielen vortrefflichen
Eigenschaften der beiden Verbundenen die geringste Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen.




9. Ein alter Bekannter.


So war das wichtige und verhngnivolle Jahr 1813 herangekommen.
Zahlreiche Truppendurchzge fanden statt und auch das Schlo zu
Eishausen bekam hufig Einquartirung. Doch wurde dadurch in dem
gewohnten Gang des huslichen Lebens lngere Zeit nichts wesentlich
gendert, bis ein ebenso unerwartetes als erschtterndes Ereigni
eintrat, das wir hier erzhlen wollen.

Eines Tages geschah es nmlich, da neue Einquartirung anlangte, ein
franzsischer Hauptmann mit zehn bis zwlf Waffengefhrten. Es waren
Flchtlinge der groen Armee aus Ruland, des Hauptmanns von Narben
zerrissenes Gesicht hatte einen finster trotzigen Ausdruck. Der auf dem
Gute wohnende Verwalter und Philipp, der in jener unruhigen Zeit
Haushofmeister und Diener in einer Person war, empfingen die Soldaten,
die dem Verhungern nahe waren. Der kleine Trupp war mit seinem Fhrer
ber den Wald versprengt worden und weit von dem in Eilmrschen dem
Rheine zumarschirenden Hauptcorps abgekommen. Man beeilte sich, die
armen, durch wochenlange Eilmrsche entkrftete Soldaten durch Speise
und Trank zu laben; Philipp selbst brachte dem Hauptmann ein groes Glas
Bordeaux dar, dessen finstere Zge sich bei dem langentbehrten Genu zu
erheitern begannen. Pltzlich schrak Philipp heftig zusammen, so da ihm
fast die Flasche entfallen wre, aus der er Jenem eingeschenkt hatte,
einen Moment starrte er sprachlos, wie vom Donner gerhrt, dem
franzsischen Kapitn in's Gesicht, fate dabei krampfhaft des
Verwalters Arm, lie ihn dann schnell wieder los und eilte davon. Auch
der Franzose zeigte sich pltzlich wie verwandelt, auch er hatte Philipp
mit dem gleichen Schrecken angestarrt, strzte das Glas Wein vollends
hinunter und rief: #C'est impossible! Impossible!#

Whrend dessen war Philipp nach seiner Stube gerannt, versah sich hier
mit zwei geladenen Pistolen, war mit einem Sprung aus dem Fenster im
hinteren Hofe, eilte in den Stall und sattelte ein Pferd. Alles war das
Werk weniger Minuten.

Der Hauptmann sa whrend dessen, den Kopf in die Hand gesttzt, am
Tische, wie in dsteres Hinbrten versunken. Jetzt fuhr er mit glhenden
Blicken auf, schlug mit geballter Faust auf den Tisch und that mit
rauher Stimme auf Franzsisch schnell hintereinander mehrere Fragen an
den Verwalter, die dieser, der franzsischen Sprache unkundig, nicht
beantworten konnte. Endlich fragte Jener auf Deutsch: Wo ist der Mann
hingekommen, der eben hier war? Wer ist der Herr dieses Hauses! Ich will
zu ihm, ich mu ihn sprechen! -- Der hochbejahrte Verwalter gerieth in
eine groe Verlegenheit. Indem trat der Kammergutspachter Kaiser in das
Haus, ein Mann von rstiger Kraft und herkulischem Krperbau; dieser
befreite sogleich den zaghaften Verwalter von dem barschen Ungestm des
Fremden. Entschlossen trat er vor den Franzosen und sagte: Was
schwadronirt Er da? Ist es nicht genug, da wir euch zu essen und zu
trinken geben, und wenn ihr euch gut auffhrt, eine Streu zum Nachtlager
obendrein? Zum gndigen Herrn wollt ihr? Zum Teufel sollt ihr! Denkt
ihr, es wre noch achzehnhundert zwlf? Die Glocke hat #anno# dreizehn
geschlagen! Geht hinauf, der Herr ist oben -- untersteht's euch nur!
Hinauf geht ihr, herunter tragen wir euch in eurem Blute. Der Herr
schiet euch todt wie einen tollen Hund, da ihr's wit. Denkt ihr
Lumpenhunde, wir frchten uns? Muckst euch nur, so ziehen wir die
Sturmglocke, schlagen euch mit Dreschflegeln todt, und kein Hahn krht
mehr nach euch! -- Der franzsische Hauptmann gerieth bei dieser
energischen Drohung in eine kaum zu beschreibende Wuth. Bleicher als es
war, konnte sein Gesicht nicht werden; grimmig schleuderte er das Glas,
aus dem er getrunken, mit einem wilden Fluche zur Erde, knirschte in
ohnmchtiger Wuth mit den Zhnen, rief seinen Leuten einige Worte auf
Franzsisch zu und strzte aus dem Hause. Philipp stand in der
Stallthre und hatte schon das gesattelte Pferd am Zgel, seine Absicht
war, nach Hildburghausen zu jagen, Hlfsmannschaft fr den bedrohten Ort
herbeizuholen und den Hauptmann in Haft nehmen zu lassen, denn er hatte
ihn und jener hatte Philipp erkannt -- es war kein Anderer als Berthelmy,
Angs' verruchter Meuchelmrder. Wie der treue Diener ihn aus dem Hause
strzen sah, lie er das Pferd los und eilte Jenem nach. Berthelmy ging
zwischen dem Dorf und dem Bach, welcher sich rasch und rauschend ergo,
auf die Wiesenflche -- augenscheinlich um sich zu sammeln und in seiner
kritischen Lage irgend einen Plan zu fassen. Sein Blut kochte in
ohnmchtigem Grimme; es war, das sah er selbst wohl ein, kein Spa mehr
mit diesen deutschen Bauern zu machen, die Erinnerung des Landvolkes an
den Druck, an den Uebermuth der Franzosen war noch zu neu und lebendig;
berall muten dies die Franzosen auf ihrer Flucht nach dem Rheine
empfinden, das Landvolk besonders kannte oft kein Erbarmen mit einzelnen
Flchtlingen und Manchen derselben traf blutig die rchende Nemesis.

Kaum war der Hauptmann aus dem Hause und Philipp ihm vom Hof aus
nachgefolgt, indem er rasch einen Steeg berschritt und lngs des mit
hoher Planke umfriedeten Wiesengartens abwrts, dem Bache der Rodach
nachging, so winkte Pachter Kaiser einem Knecht im Hofe und gebot ihm,
hinber in das Dorf zu laufen, die Bauern zur Hlfe zu rufen, und wenn
es sein mte, selbst die Sturmglocke ziehen zu lassen.

Der Hauptmann verschwand unter den Weiden, die ziemlich dicht an einer
Stelle der Thalwiesen standen. Als er sein Blut beruhigt glaubte, kehrte
er wieder um, -- da stand Philipp vor ihm, wie aus der Erde gewachsen und
vertrat ihm den Weg.

Die versprengten Soldaten im Schlosse hielten sich ruhig, sie fielen mit
der Gier halbverhungerter Menschen ber die Speisen und Getrnke her,
die man ihnen willig reichte; indessen sammelte sich bald ein
Bauernhaufe vor dem Schlosse, mit allerlei Schiegewehr, Sbeln und
Dreschflegeln.

Als der Pachter diesen Succurs anlangen sah, rief er den Soldaten zu,
da sie nun suchen sollten davonzukommen.

Die Franzosen riefen vergebens nach ihrem Kapitn, den sie erst jetzt
vermiten. Bald sahen sie ein, da sie dieser Uebermacht gegenber den
Kampf nicht wagen drften. Die Bauernschaar verstellte den Flchtigen
den Weg ins Dorf und nach der Stadt, nthigte sie einen Feldweg
einzuschlagen, der sich gleich hinter dem Schlo und den Gutsgebuden
nach Streifdorf und sdwrts zog, und gab ihnen unter deutschen
Kernflchen noch eine Strecke weit das Geleite.

Mittlerweile sank die Herbstnacht in das Thal herab; die laut
plaudernde Bauernschaar kehrte nach ihrem Dorfe zurck und bald wurde es
wieder ganz still um das Schlo, ja recht todtenstill, nur die Wellen
der Rodach unterbrachen das tiefe Schweigen ringsum.

Jetzt kam Philipp langsam von der Wiese her nach dem Hause geschlichen,
der Verwalter erschrak ber seinen Anblick, denn Jener war bleich wie
der Tod, sthnte, hielt sich die Seite und konnte nur stammelnd mit
gepretem Athem den Ruf nach dem Chirurgen hervorbringen. -- Er mute
sogleich zu Bette gebracht werden.

Voll Bestrzung eilte der Graf herbei und ihm erzhlte dann Philipp
unter heftigem Schmerzgesthn, was sich zwischen ihm und dem
franzsischen Hauptmann auf der Wiese hinterm Schlo, dicht am Ufer der
Rodach, begeben habe. Auf den ersten Blick hatte er in Jenem den
abscheulichen Berthelmy wieder erkannt und der Gedanke, da derselbe
nicht lebend das Schlo wieder verlassen drfe, stand sogleich sicher
vor seiner Seele. So ging er ihm nach, so vertrat er dem Feinde den Weg,
und warf sich mit einer wahren Tigerwuth auf ihn. Berthelmy, ein
krftiger Mann, wehrte sich verzweiflungsvoll, aber Philipp gab die
Rache Riesenstrke; bald war der verruchte Mrder der herrlichen Angs
vllig in seiner Gewalt, Philipp's Faustschlge betubten ihn und obwohl
es Jenem noch gelang, seinen Angreifer mit einem Stilett tief in der
rechten Seite zu verwunden, so achtete Philipp dessen doch nicht, und
auf Berthelmy's Brust knieend, drckte er ihm so lange die Kehle zu, bis
derselbe kein Glied mehr regte. Dann schleifte er den Leichnam an den
Haaren nach der nahen Rodach und warf ihn in den dunkelschumenden Bach.

Graf Ludwig schauderte bei diesem Schreckensbericht, der Zustand des
treuen Dieners lie ihn jedoch jeden anderen Gedanken, jede andere
Betrachtung zurckdrngen. Er sandte sogleich einen reitenden Boten nach
dem Arzt in die Stadt, als aber dieser eintraf, hatte sich der Zustand
des Kranken bereits so sehr verschlimmert, da der Arzt an seinem
Aufkommen zweifelte. Berthelmy's Stilett hatte noch einmal, zum
Letztenmal den Weg zu dem Sitze eines edlen Lebens gefunden, unter
unsglichen Schmerzen gab Philipp in der Nacht den Geist auf, aber erst
einige Wochen nach seinem Tode fand man die Leiche des von ihm
erdrosselten Berthelmy in den Weidengebschen der Rodach auf.




10. Stillleben.


Wo bliebe ein irdisches Dasein von den Strmen des Schicksals unberhrt?
Und wo blhte das Menschenleben, dem alle Hoffnungen sich erfllten?
Auch hinter Ludwig und Sophie hatte sich damals, als sie das Schlo von
Eishausen bezogen, die Welt der Strme und der herben Geschicke nicht
vllig abgeschlossen, aber dennoch waren sie glcklich; der Himmel
verlieh ihnen Migung, jene kleinen Leiden als das Unabwendbare zu
ertragen, und Tugend, groer Freuden wrdig zu sein. So schwanden ihnen
die Jahre dahin, nur ihre Herzen und deren treuer Liebesbund alterten
nicht.

Eines Tages, als Sophie eben ihre Lieblinge, die Katzen ftterte, trat
Ludwig mit einem Briefe zu ihr und sagte mit einer recht bitter
ironischen Miene: Mein Berichterstatter aus der Heimath, Herr Rath
Wippermann, frher Secretr meines Vetters, des Reichsgrafen, der so
gtig ist, mir zuweilen mitzutheilen, wie es zu Hause steht, meldet mir
als neueste Neuigkeit, da Seine Erlaucht, Graf Wilhelm, sich bewogen
gefunden hat, ber alle und jede Hindernisse sich zu erheben, und seiner
mit Madame Sara Margarita Gardes eingegangener Gewissensehe jetzt auch
das ffentliche, kirchlich und weltlich gltige Sigill aufzudrcken.

Was ist das? fragte Sophie: Ich verstehe diese Ausdrcke nicht, bester
Ludwig?

Der Graf schlug den Brief auseinander und las: Seine Erlaucht haben
sich am achten September achtzehnhundertsechzehn mit unserer
nunmehrigen, allgemein verehrten Frau Reichsgrfin in Hchstihrer
Herrschaft Kniphausen, und zwar zu Accum, in der dortigen Kirche
reformirter und zugleich eigner Confession feierlich copuliren lassen.

Ich meine, der Reichsgraf habe daran Recht gethan? bemerkte Sophie.

Nicht anders, und ich lobe ihn auch drum, versetzte Ludwig. Er folgt
der Eingebung seines Gemthes und verachtet die Formen des alten
Herkommens.

Wird aber diese Ehe nicht angefochten werden von den Agnaten des Hauses?
Werden diese ihr volle Gltigkeit zugestehen? fragte Sophie weiter.

Angefochten? Ganz sicher; denn der Streit darf ja nicht enden, der Hader
nicht schweigen, ich habe ja diesen furchtbaren Fluch ausgesprochen,
aber ein hoher Trost ist im Buche aller Bcher enthalten, welcher
lautet: Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem
er bewhret ist, wird er die Krone des Lebens empfahen. Mein Vetter ist
treu und beharrlich, das freut mich wahrhaft, er setzt seinen Willen
durch trotz aller widrigen Schicksale, die ihn betroffen, und Niemand
hat ein Recht, ihn zu tadeln, da er seinem Herzen folgt, da er der
Frau, die er wahrhaft liebt, da er der Mutter seiner Shne, und dadurch
den letzteren selbst die Rechte gibt, die ihnen gebhren, die aber ganz
sicherlich auf das Heftigste werden angefochten und bestritten werden.

Ich verstehe Nichts von dem Recht und den Rechten solcher alten
deutschen Familien, sprach Sophie. Ich glaube auch nicht, da in allen
Lndern so strenge und peinliche Ansichten und Gesetze herrschen. Du
selbst hast mir frher einmal erzhlt, da man hierber in England
ungleich vernnftiger denke, wie in Deutschland. Auch in Frankreich
herrscht fr die Herzen mehr edle Freiheit.

Unsere deutschen Gesetzgeber sind sammt und sonders Juristen, deren
Zpfe so lang und unfrmlich sind, wie das weiland rmische Reich
selber. Da darfst du nicht nach Gefhl und nach dem Herzen fragen,
sondern nur nach Pergament und Schweinsleder. Es ist ein Jammer damit
und wird es ewig bleiben, wenn nicht einmal am guten Tag ein
reformatorischer Titane von Gott berufen den ganzer Plunder des alten
sogenannten rmischen Rechts mit all' seinen Pandekten, Institutionen,
Digesten, Glossen und wie das Zeug weiter heit, aus Deutschland
hinausfegt, und an die Stelle der Verdrehung, der wlschen
Wortklauberei, Spitzfindigkeit, Lge und Flschung den Altar des
einfachen urheiligen Naturrechts und der ewigen Wahrheit errichtet. So
lange wir Deutsche noch berechtigt sind, mit Goethe zu klagen:

    Es erben sich Gesetz' und Rechte,
    Wie eine ew'ge Krankheit fort;
    Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
    Und rcken sacht von Ort zu Ort.
    Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage,
    Weh dir, da du ein Enkel bist!
    Vom Rechte, das mit dir geboren ist,
    Von dem ist leider! nie die Frage.

so lange wird es auch mit unsern Rechtszustnden nicht besser werden.
Und liegt nicht, um das nchste Beispiel aufzugreifen, selbst fr mich
in diesen Goethe'schen Worten eine unendliche Wahrheit? Sind die
Processe im reichsgrflichen Hause nicht eine ewige Krankheit? Rcken
sie nicht sacht fort, und wie sacht! Langsam, langsam, wie der Gletscher
im Alpenlande, der sich fast unmerklich vorschiebt und im
Weiterschreiten rings um sich alles Leben erstarren macht, alle Hoffnung
raubt, alle Liebe ertdtet. Ist es nicht naturgem und vernnftig, da
der Sohn des Vaters Erbe sei? Aber das stets naturwidrige starre Recht
wandelt diese Vernunft in Unsinn, sie knpft an tausend Clauseln,
Formeln und Bedingungen das Erbrecht an, und macht die Shne der
reinsten Liebe zu ausgestoenen, ja durch die Geburt schon im
Mutterschooe gebrandmarkten Bettlern. Wohlthat wird Plage. Weit du,
da Hofrath Brnings mir einen Proce an den Hals werfen wollte wegen
des Falken von Kniphausen? Ich sollte mein Recht auf dieses Geschenk der
Gromutter sonnenklar documentiren, sollte schwren, da der Falke
rechtlich mein sei, ich sollte mich vor Gericht stellen, sollte in
meiner schnen Einsamkeit die ganze Plage der Verhandlungen mit
Advocaten haben und durch diese Gabe der unvergelichen Frau das
centnerschwere Gewicht jener Worte Goethe's empfinden:

    Weh dir, da du ein Enkel bist!

Zum Glck hat mein Vetter, der Reichsgraf, jener diplomatischen
dnischen Spinne zu verstehen gegeben, da sie ein giftiger Kanker ist,
und mich in Ruhe lassen solle, zumal ich ja ohnehin auf das Recht
verzichte, das mit mir geboren ist.

Du wolltest mir lngst Ursache und Ursprung jener Streitigkeiten
mittheilen, lieber Ludwig, sprach Sophie: welche seit so langer Zeit in
deiner Familie erblich sind. Nicht, da ich neugierig darnach fragen
will, aber um des Dichters Ausspruch zu widerlegen und doch einmal die
bestrittene Frage nach jenem Rechte zu erheben, von dem die Frage ist.

Ich werde dir diese uerst verwickelten Verhltnisse in gedrngtester
Krze mittheilen, meine theuerste Freundin, antwortete Ludwig. Es sind
sehr viele Schriften darber vorhanden, und kam jemals in Deutschland
ein lautes Geheimni߫ wie Calderon eines seiner Stcke nannte, vielfach
zur Auffhrung, so ist es das unseres Hauses. In der Mitte des
siebzehnten Jahrhunderts lebte Einer der Ahnherren, des Namens Anton
Gnther, als der letzte des Stammes der Grafen von Oldenburg und
Delmenhorst. Es war der Sohn jenes Grafen Johann des Sechzehnten, dem
die Erbtochter von Brabant, Marie, ihre Grafschaft Jever schenkte und
vererbte. Wenn sein Stamm mit ihm ausstarb, so fielen die Gter, welche
Mannslehen waren -- mit Tchtern war das Haus in Ueberflle gesegnet -- an
das stammverwandte Knigshaus Dnemark, und sein Sohn, der mit einem
deutschen Freifrulein auerehelich erzeugt war, ging leer aus. Da nun
dennoch dieser Sohn ein tchtiger Mann zu werden verhie, so verschaffte
ihm der Vater erst den Adel, dann die Erhebung in den Reichsfreiherrnstand,
er hie nun Freiherr von Aldenburg und edler Herr zu Varel, und endlich
erwirkte der treugesinnte Vater ihm sogar die Wrde eines Grafen des
heiligen rmischen Reichs mit ausnehmend schnen Begabungen und
Bevorzugungen, wie sie gar nicht besser zu wnschen waren, zum groen
Verdru der Seitenverwandten, der Knige von Dnemark und des
Herzoghauses von Holstein-Sonderburg und Holstein-Pln, ja sogar das
Mnzrecht wurde ihm verliehen, und als der Vater endlich in seinem
vierundachtzigsten Jahre starb, so gebot der Sohn, Reichsgraf Anton der
Erste, ber sehr ansehnliche Herrschaften, ber die Herrlichkeiten
Kniphausen und Inhausen, ber die Herrlichkeit und das Amt Varel, ber
die Vogtei Jahde, und eine Menge einzelne Allode, das sind freieigene
Gter, die keinem Oberherrn zu Lehn gehen, oder Familienfideicommisse.
Dieser Graf vermhlte sich in zweiter Ehe mit der Gromutter meiner
Gromutter, welche letztere du, liebe Sophie, in Hamburg kennen
lerntest, starb aber schon acht Monate vor der Geburt seines einzigen
Sohnes von der zweiten Gemahlin; von der ersten hatte er nur Tchter,
welche in die Familien Gldenlwe, Gdens, Haxthausen, Bielcke und der
Grafen von Wedel heiratheten. Es erhoben nun, whrend die grfliche
Wittwe in Doorwerth residirte, Dnemark, Holstein und Oldenburg
verschiedene Ansprche auf das Erbtheil, bis zu deren abermaligem
Verdru der Sohn erschien, und wackere Vormnder diesem seine Rechte
wahrten; gleichwohl gab es der Verclausulirungen dabei eine Ueberflle,
welche dir mitzutheilen, uerst langweilig und unerquicklich sein
wrde; nur ein Hofrath Brnings und ein Rath Melchers knnen Honig aus
dieser Distel saugen! -- Leider war auch dem Sohne, der sich zweimal
vermhlte, kein hohes Lebensziel zu erreichen beschieden und er starb
ohne Shne, nur eine einzige Tochter hinterlassend. Diese Tochter war
meine selige Gromutter, die gtige Pflegerin meiner Jugend, die
gromthige Beschirmerin meiner Jnglingsjahre, deren Andenken ich
dankbar segnen werde, so lange ich noch zu denken und zu segnen vermag.
Weil die meisten Gter Allode und Familienbesitzthum waren, konnten
dieselben meiner Gromutter nicht entrissen werden; sie vermhlte sich
mit einem in Holland geborenen, aber aus Deutschland, aus der Pfalz,
unserer Angs Heimath, abstammenden Edelmann, mit dem sie jedoch nicht
in glcklicher Ehe lebte, vielmehr sich von ihm trennte und Noth hatte,
sich gegen Angriffe von allen Seiten her tapfer zu wehren, nchstdem,
da auch mannichfache Streitigkeiten in der Familie ihres Gemahls dazu
beitrugen, ihr das Leben sauer zu machen. Sie war voll Kenntni, Wissen,
Geist und Gelehrsamkeit; sie stand mit den gelehrtesten Mnnern Europas
im Briefwechsel, besonders ber Alterthums- und Mnzkunde, und weilte
oft lange Zeit am Berliner, wie am Wiener und am franzsischen Hofe. Am
Berliner Hofe betrieb sie ihre Angelegenheiten trotz eines Diplomaten,
und hatte vielen Verkehr mit Voltaire. Die bedeutendsten Namen jener
Zeit am Hofe zu Berlin und Potsdam sind erwhnt in einem Bruchstck
ihres fast ganz verloren gegangenen umfassenden Tagebuches; bald speiste
sie mit dem Knig, bald mit der Knigin, bald mit dem Prinzen von
Preuen, oder empfing Besuche hoher Personen, wie des Markgrafen von
Bayreuth; schon ein flchtiger Blick in diese Bltter begegnet einer
Menge Namen von Grafen und Grfinnen, Ministern, Knstlern, Gelehrten;
das wirrt durcheinander, wie das Maskengewimmel eines groen Ballsaales.
Schwerin, Arnim, Dankelmann, Voltaire, d'Argenteau, Algarotti,
Maupertuis, Grumbkow, Bismark, Pannewitz, Schmettau, Knesebeck,
Nllnitz, Schulenburg und zahlreiche Andere. Dort traf die Gromutter
auch zusammen mit einem nahen Verwandten ihres Gemahls, dem Vater des
jetzigen Herzogs von Portland, den sie stets Mylord William nennt. Unter
Anderem schrieb sie: Tyrconel, dies war der Name eines Gesandten,
jagte mir groen Schrecken ein, da Frankreich ohnfehlbar gegen mich
sei, und da er nichts Gutes voraussehe. An einer andern Stelle heit
es: Am Hofe der regierenden Knigin traf ich den Grafen von
Bentheim-Steinfurth, der mir gleichfalls einen groen Schrecken
verursachte. Ich versprach ihm, ihn zum Markgrafen Heinrich zu fhren.
An einer dritten Stelle schreibt sie: Voltaire sollte bei mir diniren,
er mute aber nach Potsdam zurckkehren und konnte sich nur eine Stunde
bei mir aufhalten. Kurz darauf besuchte er mich wieder und beruhigte
mich in Betreff des Knigs. Ich schrieb nun selbst und sandte meinen
Lufer nach Potsdam; am folgenden Tage kam derselbe mit guten
Nachrichten vom Knig zurck. -- So war ihr Leben ein auerordentlich
bewegtes, bis sie sich endlich auf ihre Schlsser zurckzog, und auf
diesen oder in ihrem Hause zu Hamburg der Wissenschaft lebte. Ihr Enkel,
der Reichsgraf, dessen Schicksale du ja grtentheils bereits kennst,
mute erleben, da bereits in Folge des Friedens von Campo Formio sein
Lehensverband zwischen dem Herzogthum Brabant und der Herrschaft
Kniphausen sich lste, da der franzsische Knig von Holland alle seine
Besitzungen und Herrschaften in Ostfriesland militrisch besetzte, da
der Tilsiter Friede Jever, nachdem Ruland es abgegeben, an Holland
brachte, und da Kaiser Napoleon seinem Bruder, dem Knig von Holland,
ber Varel und Kniphausen die Souvernettsrechte verlieh, die dem
rechtmigen Gebieter durch dessen Mediatisirung entrissen worden waren.
In dem Jahre 1811 verschlang das nimmersatte Kaiserreich Alles, wie es
war, groe Lande und kleine Lndchen, Holland, Oldenburg, Varel und
Kniphausen. Dafr bekam der Graf den Union-Orden, der ihm, nach
Vereinigung Hollands mit Frankreich, in den Reunion-Orden umgewandelt
wurde. Der Graf wnschte ganz andere Wiedervereinigungen herbei, als das
Verhngni der Napoleonischen Herrschaft ihr Mene Tekel schrieb; allein
ein gewisses Vorhaben miglckte ihm; er wurde in Haft genommen und von
Vandamme mit dem Tode bedroht. Nur der Reunion-Orden war es, der ihn
rettete und schtzte. Gleichwohl wurde er verbannt, und ber seine Gter
die Confiscation verhngt. Erst das Jahr 1814 befreite ihn; mittlerweile
hatte Oldenburg die Herrschaften in Besitz genommen und wollte dem
Grafen nicht einmal die Rechte eines Mediatisirten zugestehen. Darber
entstanden Prozesse, die noch immer schweben und den Grafen der
Verarmung mehr und mehr zufhren. Wie wunderbare Geheimnisse doch in der
deutschen Sprache ruhen! Sie sagt nicht: ein Proce sitzt, steht, liegt,
nein, sie sagt: er _schwebt_, wie ein Raubvogel, ein Falke, Habicht oder
Geier in den Lften schwebt, und mit scharfem gierigen Auge herab auf
seine sichere Beute blickt -- und zuletzt -- da _ruht_ der Proce, wenn er
endlich aus ist, wie wir auch ruhen, wenn es aus ist mit uns; mir ahnet
aber, da die Processe unseres Hauses eine wahrhaft Ahasverische Natur
in sich tragen und immerdar _schweben_ werden, gleich bsen
Nachtgeistern.

Welche traurige Aussicht! rief Sophie mit Theilnahme. Wie froh bin ich,
da du, mein Theurer, losgerissen bist von jenem Hause und seinen
Geschicken!

Ich kann auch froh sein und bin es vom Grunde meines Herzens, ich will
nichts wissen von Processen! antwortete Ludwig. Jetzt hat der Graf von
seiner Sara drei Shne, diese wachsen heran, sein Bruder, Graf Johann
Carl hat auch drei Shne; gib Acht, noch einige Jahre, und die letzteren
werden die legitime Abkunft der ersteren bestreiten, und wir knnen noch
einen Kampf der Horatier und Curiatier erleben, freilich nicht mit
Schwertern, sondern mit Advocatenfedern, aus den groen Schwebeschwingen
des vorhin genannten Raubzeugs; Blut wird dabei nicht flieen, aber
auerordentlich viele Tinte, und diese wird noch fortflieen, wenn
lngst unser Lebensnachen am umdunkelten Strande des Schattenreichs
gelandet ist.

So machte der Graf hufig der Geliebten Mittheilungen aus seiner und
seiner Familie Vergangenheit, und wie Vieles lie sich fr sie nicht
daraus lernen. -- Da die Zeit es ihm auerdem vergnnte, so las Ludwig
sehr viel, und machte sich bewandert in schner Literatur, Philosophie
und Geschichte. Auch Physik blieb ihm nicht fremd. Es wird erzhlt, der
Graf habe sich auch viel mit Meteorologie beschftigt, wozu des Hauses
Hhe sich gut eignete; eine Hausapotheke bot jenen Bedarf einfacher
Mittel in leichten Krankheitsfllen, deren Besitz und Kenntni dem
Landbewohner von groem Vortheil ist.

Der unmittelbar nchste Nachbar des Schlosses war der Kammergutspachter,
und der Graf empfand durch ihn hinlnglich die Wahrheit des
Dichterwortes:

    Es kann der Beste nicht in Frieden leben
    Wenn es dem schlimmen Nachbar nicht gefllt.

Wie sich bei Anwesenheit des flchtigen franzsischen Hauptmanns und
seiner Handvoll Leute die rohe Bauernnatur in Verhhung des Unglcks von
Seiten dieses Mannes offenbart hatte, so zeigte sich sein Charakter auch
gegen jeden Andern. Der Geschftstrger nannte ihn in Briefen an den
Grafen Monsieur Grobian, und der Graf selbst schrieb in einer seiner
hufigen Beschwerden, da die Bauern diesen Mann nur den kleinen
General zu nennen pflegten, wahrscheinlich, weil derselbe ein
absolutistisches Commando auf seiner Pachtung fhrte. Obschon er von dem
Bewohner des Schlosses nur Vortheile hatte, und dieser sich gegen ihn
und die Seinen stets gtig erwies, trat immer auf's Neue die buerische
Grobheit und Habsucht in unverschmten Forderungen zu Tage. Des Grafen
Pferde konnten nicht wohl anders in Stallung und Futter gegeben werden,
als auf dem Gute. Unversehens beliebte es dem Pachter, die reichliche
Bezahlung dafr noch zu steigern. Da sandte der Graf noch in der Nacht
zum Schulzen, lie ihn wecken und rufen, und verkaufte ihm die
herrlichen Rappen um einen Drittheil ihres Werthes; vielleicht auch
schon dadurch verstimmt, da der nach Philipp's Tode zum Kutscher
angenommene junge Mensch sich untauglich erwies. Dem Pachter wurde aber
nach wie vor Stall- und Futtergeld fortgezahlt, damit er fhle, da
nicht des Geldes halber die Pferde abgeschafft seien, sondern da man
blos seiner Unverschmtheit sich unterzuordnen nicht geneigt gewesen
sei.

Um sich und Sophien fr die Entbehrung der Spazierfahrten zu
entschdigen, miethete der Graf einen groen Wiesengarten, dicht vor dem
Schlo, in welchem ein kleiner Beetgarten gelegen war. Zwischen dem
Schlo und dem Garten rauschte die Rodach hin, von einem langen Steeg
berbrckt. Hohes Buschwerk von Weiden, Ulmen und Rstern friedeten
diesen Wiesengarten ein, durch welchen der Graf einige Wege anlegen
lie, damit derselbe ihm und der Freundin knftig zu Spaziergngen
diene; eine Bretterwand von 8 bis 10 Schuh Hhe wurde neu angelegt, um
der Auenwelt den Einblick in das schne Geheimni dieses friedlichen
Stilllebens zu wehren.

Dieser Garten nun war die stille Insel, auf welcher in schner
Jahreszeit Ludwig und Sophie sich tglich ergingen. Klsterlich
abgeschlossen gegen die Auenwelt, ganz sich selbst lebend, sich selbst
gengend, genossen sie die einfache Schnheit dieser lndlichen
Einsamkeit. Eine Geiblattlaube, von einem Fliederbaum berschattet, bot
das trauliche Ruhepltzchen, wo sich plaudern und lesen, arbeiten und
ruhen lie. Frieden murmelte der Rodach leisere Welle, Frieden
flsterten der Weiden silbergraue Bltterzungen, Frieden tnten der
Aeolsharfe schwellendschwebende Accorde vom hohen Hause in den Garten
nieder, Frieden sangen die lieblichen Kehlen munterer Vgel, Grasmcken,
Weidenzeisige, Grnlinge und Bachstelzen. Sophie blieb das schne Wesen
ihrer Kindheit und Jugend, von stillem Ernst, dessen Siegel das Leben
ihr aufdrckte, gleichsam geweiht. Selten nur kamen Nachrichten von
ihrer Mutter, diese Dame reiste noch in hohen Jahren umher, sie war
nicht traurig darber, ihr Geheimni so fern, so treu bewahrt zu wissen,
Niemand lebte mehr, der ihr eine Verlegenheit htte bereiten knnen,
auer Ludwig und Sophie, und zu diesen fand Jene nie den Weg. Und so war
es gut, denn alle Theile waren zufriedengestellt. Was in Sophiens
Innerem vorging, ob sie sich hinaussehnte in die Welt, ob sie sich als
eine Gefangene fhlte, ob sie heimlich einer ungenossenen Jugend
nachweinte? Nur Ludwig war der Vertraute ihrer Seele, keinem andern
Herzen konnte ihr reiches und schnes Gemth sich je erschlieen, doch
war ihr, jenes stillen Ernstes ungeachtet, ein kindlich heiterer Sinn
geblieben und ein tiefes Empfinden.




11. Der Freundin Tod.


Friedlich zogen ihnen so die Jahre vorber, ihre Krper alterten, aber
die Herzen blieben jung; ihre Haare bleichten, aber in ihren Augen
glnzte die alte Jugend. Die Liebe verloderte und die Freundschaft am
Altar ihrer Herzen nhrte mit heiliger Hand ihr reines Vestafeuer.

Die Einsiedler im stillen Schlo zu Eishausen berhrten die staatlichen
und politischen Verhltnisse des Landes, das ihnen nun seit einer Reihe
von fast zwanzig Jahren ein friedliches Asyl geboten hatte, nur wenig,
doch blieben sie immerhin nicht ganz von dem damals stattfindenden
Regierungswechsel unberhrt; denn zu allernchst wuten sie ja nicht, ob
unter einer neuen Regierung ihnen das Asyl, das nun nach so manchen
widerstrebenden Gefhlen, nach so manchem Kampf ihnen lieb geworden,
belassen werde? Sie wuten nicht, ob eine neue Regierung nicht blos neu,
sondern nicht auch neugierig sein werde. Aber auch von dieser Seite
wurde die zarteste Rcksicht gegen den Grafen beobachtet. Ein so lange
Jahre still und unbescholten gefhrtes Leben und die Wohlthaten, welche
derselbe nicht nur den Bewohnern von Eishausen, sondern auch den Armen
der nahen Stadt erzeigte, waren zugleich ein entscheidendes Gegengewicht
gegen jede Verdchtigung. Viele glaubten und glauben es noch, der
unbekannte Bewohner des Schlosses zu Eishausen habe schriftlich oder
persnlich dem neuen Landesherrn sich entdeckt; dies geschah jedoch nie,
es wurde durchaus keine Enthllung von Seiten des Grafen verlangt.

Alles erfuhr der Graf, was im Dorfe, in der Gegend und in der Stadt sich
zutrug, whrend Dorf, Stadt und Umgegend von ihm noch eben so wenig
wuten, als im ersten Jahre seiner Anwesenheit. Er hatte die schwere
Kunst verstanden, die Leute zu nthigen, ein stilles Geheimni mitten im
lauten Markt des Tages gewohnt zu werden. Eines Tages trat, von
Niemanden geahnet, ein anderes groes Geheimni, mit dem sich nicht
eine kleine Stadt oder ein kleines Dorf, sondern mit dem sich ganz
Deutschland, ja, die halbe Welt beschftigte, an das Eishuser Geheimni
episodisch heran. Es war Sommer, die Bltter der Weiden rauschten, ber
der Flur lag tiefes Schweigen.

Ludwig und Sophie standen an einem Fenster und blickten nach dem Dorfe
hinber; der Klang eines Posthorns erregte ihre Aufmerksamkeit. Bald
darauf hrten sie das Rasseln eines Wagens, der im Dorfe anhielt.

Eine Weile nachher erschien auf dem Wege, der aus dem Dorfe nach dem
Schlo fhrte, ein stattlicher, wohlbeleibter Mann im Reiserock, sein
Gesicht, voll und breit und lebhaft gerthet, drckte Wohlwollen aus; er
nahm den Hut ab, da es sehr warm war, und zeigte, da er blondes Haar
hatte, die Augen erschienen klein, blau und klug. Der Begleiter war ein
junger Mensch von unsicherer Haltung und schwankendem Gange; seine Zge
hatten etwas Weiches, Unentwickeltes, er trug eine leichte Reisemtze,
und that diese jetzt gleichfalls ab; die Blicke, welche er auf die
Umgebung warf, drckten eine sonderbare Theilnahmlosigkeit aus, whrend
die seines lteren Begleiters forschend und fast neugierig umhersahen;
diese Blicke glitten suchend an allen Fenstern des Schlosses hin, und
hatten eine ungemeine Lebendigkeit. Die beiden Fremden blieben bald
stehen, bald schritten sie wieder eine kurze Strecke weiter nach dem
Schlosse zu.

Soll dieser Besuch wohl uns gelten? fragte Sophie, welche verschleiert
am Fenster stand, und nur hinter der grnen bemalten Gardine verstohlen
hinabschaute.

Uns nicht, meine Liebe, aber unserm Geheimni! antwortete Ludwig. Wenn
mich nicht Alles trgt, so kenne ich diesen jungen Menschen.

Wie wre das mglich? fragte Sophie ganz verwundert. Er scheint mir
nicht lter als hchstens achtzehn bis zwanzig Jahre zu sein. In diesem
Zeitraume hast du ja das Schlo nicht verlassen?

Und dennoch sah ich ihn schon, versetzte der Graf, schritt in sein
Arbeitszimmer und kehrte alsbald aus demselben mit einem Buche zurck,
dem ein Bild vorangestellt war, welches dem jungen Menschen vollkommen
glich.

Die Fremden standen noch unten. Der Herr deutete lebhaft sprechend,
und, wie es den Anschein hatte, fragend, nach verschiedenen Richtungen
hin. Der junge Mensch folgte jeder dieser Handbewegungen mit seinen
Blicken, und machte hufig nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den
Hnden entschiedene Bewegungen des Verneinens.

Sieh dir diesen Jngling recht genau an, sprach Ludwig zur Freundin. Das
ist ein Mensch, dessen Herkunft noch ungleich geheimnivoller fr die
Welt ist, als die unsere, er ist das ffentliche Rthsel Deutschlands.
Sieh, jetzt wenden sie sich, sie gehen wieder, er ist fremd hier,
gehorsamer Diener, Herr Polizeirath! Wir bedanken uns fr die gtige
Aufmerksamkeit! Reisen Sie recht glcklich!

Du machst mich sehr neugierig, Ludwig! rief Sophie mit steigendem
Erstaunen.

Ich durchschaue Alles, gab ihr der Graf lchelnd zur Antwort. Der junge
Mensch ist der Findling Nrnbergs, dessen Geschichte ich dir erzhlte,
so weit mir dieselbe aus den ber ihn erschienenen Schriften bekannt
geworden ist, es ist Kaspar Hauser.

Das unglckliche Kind grausamer Eltern! rief Sophie bestrzt aus.

Derselbe, sprach Ludwig. Sein Begleiter und Fhrer war der Gothaische
Polizeirath Eberhardt, der Schrecken aller Vagabunden und Gauner weit
und breit, das hellsehendste Wchterauge in ganz Deutschland fr die
ffentliche Sicherheit.

Ich denke mir diesen Besuch einfach so: Polizeirath Eberhardt mchte
lngst gern wissen, wer ich bin, wer du bist, seinem Polizeibewutsein
ist es unertrglich, da ein Mensch lebt, dessen Pa nicht jeden
Augenblick vor aller Augen dargelegt werden kann, da ein Mensch lebt,
dessen Herkunft die Staatsregierung nicht kennt, und der Mann ist ohne
Zweifel in seinem vollen Rechte, ja ich schtze ihn aus der Ferne sehr
hoch. Sein Freund ist der berhmte Rechtsgelehrte und Criminalist Anselm
Feuerbach zu Anspach, der sich Kaspar Hausers auf das Eifrigste
angenommen hat und noch immer Alles aufbietet, um Spuren der Herkunft
seines Schtzlings aufzufinden. Jedenfalls lenkte Eberhardt jenes Mannes
Verdacht auch auf uns und dieses Schlo, und daraufhin wurde Ersterem
der arme Kaspar Hauser anvertraut um zu versuchen, ob nicht beim Anblick
der hiesigen Oertlichkeiten Jugenderinnerungen im Gemthe des Jnglings
wach wrden? Denn wie nahe liegt der Gedanke eines Verdachts? Hier ein
einsames und stilles Schlo, bewohnt von einem gnzlich von der
Gesellschaft getrennten Paare, ber dessen Herkunft die dichtesten
Schleier gebreitet sind. Knnte nicht hier jener unglckselige Knabe
geboren worden, nicht hier sein Kerker gewesen sein? Wehe uns, wenn der
junge Mensch vielleicht durch Aehnlichkeiten dieses Ortes mit seiner
frheren Umgebung getuscht, Vermuthungen ausgesprochen htte, unsere
Ruhe wre dann auf das Aeuerste bedroht.

Der Himmel sei gepriesen, da sie wieder fort sind! sprach Sophie und
suchte des Freundes Besorgnisse zu zerstreuen.--

In das Publikum kamen immer neue Mrchen ber den geheimnivollen
Grafen. Was lngst gesichert erschien, Ludwigs vllig ungestrter
Aufenthalt in Eishausen, das wurde jetzt erst als bedroht angesehen und
erregte Besorgni. Die Stadt und die dortige obere Behrde htte nur
ungern den Mann aus dem Lande scheiden sehen, der fort und fort durch
gromthige Untersttzung der Armen und Nothleidenden sich ntzlich und
wohlwollend erwies, und beschlo dehalb, dem Grafen ein sichtbares
Zeichen dankbarer Anerkennung zu geben. Sie verlieh ihm das
Ehrenbrgerrecht der vormaligen Residenzstadt Hildburghausen. Es konnte
nicht fehlen, da dieses Zeichen dankbarer Wrdigung und Hochachtung
seines Charakters Ludwig tief rhrte und innig erfreute, und um so
lieber blieb er nun in der stillen Huslichkeit und in dem engen Kreise,
den nun schon so lange und bis in das nahende Alter hinein um ihn und
Sophie die traute Gewohnheit gezogen hatte. Um aber nicht blos Brger
der Stadt Hildburghausen zu heien, sondern auch der That nach es zu
sein, erwarb er kuflich ein Wohnhaus in der Stadtnhe, mit einem an
dasselbe stoenden Garten und lie auch noch einen an diesen
angrenzenden Wiesengarten von einem dritten Besitzer erkaufen. Bald
umgab auch dieses Haus der Zauber des Geheimnivollen; hohe dichte
Bretterumzunungen friedigten das neue Besitzthum, Hof und Grten ein;
Lden, welche stets verschlossen blieben, verwehrten das Erdgescho
gegen jeden zudringlichen Blick.

Das Haus wurde vllig zur Wohnung eingerichtet und angemessen mblirt,
auch ein neuer, hchst eleganter Wagen wurde eigens von Frankfurt
verschrieben und es erfolgten nun bisweilen heitre Spazierfahrten
Sophiens und Ludwig's mit vier Postpferden, welche jedesmal erst von
Hildburghausen nach Eishausen gebracht werden muten. Bei diesen Fahrten
wurde nie die Stadt berhrt, indem sich ein Weg, die Mareistrae
genannt, in ziemlicher Entfernung um dieselbe herumzog, unmittelbar in
die von Coburg ber Rodach kommende und nach der Meiningen oder nach
Rmhild fhrende Strae einmndete, und zwar ganz in der Nhe des
Drfchens Walrabs, das sich in geringer Entfernung von dieser Strae an
eine bewaldete Thalrinne anlehnt. Auch in diesem Dorfe erwarb der Graf
ein Haus, und da sich beim Heimfahren nahe dem Stadtberge oder
eigentlich an demselben ein umbuschter Berggarten mit Huschen hufig in
einem besonders malerischen Lichte zeigte, so wurde auch dieses kuflich
erworben, um zu schner Jahreszeit einen Ruheplatz daselbst zu haben.
Dieser Berggarten bot neben einer der schnsten Aussichten auf die
freundliche und wohlgebaute Stadt mit ihrem stattlichen ehemaligen
Residenzschlo und Hofgarten, auf die nahe vorbeiziehenden Straen und
auf die ganze friedliche Landschaft, zugleich mancherlei Schattenstellen
unter vielen gemischten Holzarten, auch eine zwar nicht lange, doch tief
schattende Allee niedriger aber stockstmmiger Kastanienbume, welche
Ludwig ganz eigenthmlich ansprach, indem es ihm war, als habe er schon
einmal in dieser Allee gewandelt, aber er konnte sich durchaus nicht
besinnen, wann und wo er eine hnliche Oertlichkeit frher gesehen habe.

Obschon der Graf der Auenwelt stets rege Theilnahme widmete, so mute
er doch mehr und mehr wahrnehmen, wie Nichts Dauer hat auf Erden. Ohne
der frheren Freunde zu gedenken, die der Tod ihm in so rascher Folge
entrissen, hatte er auch im Laufe der Jahre einen Verlust nach dem
andern zu beklagen, deren jeder in seiner Weise unersetzlich fr ihn
war. In des treuen Philipp's Futapfen vermochte schon kein neuer Diener
einzutreten. Der Graf wurde daher immer ernster, und es traten ihm nun
zuweilen auch die Gedanken an das eigene Scheiden nah, als bald nach
einander der redliche Geschftsfhrer und der so uerst gefllige
hochgebildete Freund, der Geistliche des Dorfes starb. Als zu
ungewhnlicher Frhstunde die Glocken der Dorfkirche erklangen und den
Tod des wackeren Predigers verkndeten, stimmte ihn dieses Gelute zur
tiefsten Wehmuth. Eine Thrne glnzte in seinen Augen und bewegt rief
er aus: Wieder ein Band mit der Welt zerrissen, und wohl das letzte!
Fast will mich bednken, als lebe ich zu lang!

Nicht blos, um in Hildburghausen und dessen Weichbild selbst als
Ehrenbrger Grundbesitz zu haben, hatte der Graf Huser und Grten
kuflich erworben; mit treuer Sorge fr die Menschen, die ihr Leben an
das seine geknpft hatten und ihm es weihten, war er darauf bedacht,
deren Loos sicher zu stellen, falls ihm, vielleicht bald, der dunkle
Genius nahen sollte. Zumal Sophien gegenber war es eine heilige
Pflicht, vorsorglich zu handeln, ja ihm selbst konnte der Tag noch
kommen, wo er freiwillig oder durch Kndigung der Miethe das Schlo
verlie, dann war es gut, sogleich ein Besitzthum zur Verfgung zu
haben; war doch ohnehin des Verwunderns darber kein Ende, da der
Bewohner des stillen Schlosses in demselben wohnen blieb und jhrlich
500 Gulden Miethe zahlte, whrend er ein recht geschmackvoll, obschon
ohne Luxus eingerichtetes Haus mit groem Garten sein Eigenthum nannte,
und zumal in nchster Nhe der Stadt, wo fr den Verkehr mit der Post,
mit Kaufleuten, mit dem Geschftsfhrer so ungleich grere
Bequemlichkeiten sich darboten, als auf einem anderthalb Stunden weit
entlegenen Dorfe. Man hatte damit abermals einen Grund mehr gefunden,
den Grafen als Sonderling zu bezeichnen, aber unbekmmert um Wohl- oder
Uebelmeinen der Menge spann sich das Leben im stillen Schlosse
geruschlos fort, unbewegt und doch voll innerer Bewegung.

Das Jahr 1830 war schon herangekommen mit seinen wichtigen politischen
Ereignissen, wie muten diese die Einsiedler zu Eishausen berhren und
erschttern! Abermals brach in Frankreich ein Revolutionssturm los,
bebte der Boden, brach der Knigsthron jenes Grafen von Artois, der als
Karl X darauf sa, er brach durch die entsetzliche Wucht von vier
leichten Papieren, von vier Ordonnanzen zusammen. Es war eine
Revolution, die ringsum ihren Wiederhall fand, einen Hall, der Viele
erschreckte und nachdenklich machte.

Da kam ein Brief an von Sophiens Mutter, und nach dem Eingange, welcher
theilnehmende Fragen nach dem Ergehen der geliebten Einsiedlerin
enthielt, schrieb die Prinzessin: Wir Alle sind auer uns, alle
Ereignisse der Politik, welche jetzt die Aufmerksamkeit von ganz Europa
auf sich lenken, denn nach allen Richtungen hin legt die republikanische
Propaganda ihre Minen, und schon sind deren in Belgien, Polen, in
Italien und in verschiedenen Theilen Deutschlands gesprungen -- alle
diese Ereignisse, sage ich, werden zurckgedrngt durch eine
Begebenheit, welche uns zu allernchst auf das Schmerzlichste berhrt
und niederbeugt. Den letzten Stamm des Hauses Cond hat der Tod
gebrochen, und welch' ein Tod! -- Ein schndlicher, verrtherischer,
meuchelmrderischer Tod unter der schwrzesten Maske! Am 29. August
dieses Jahres wurde Herzog Louis Henri Joseph von Bourbon, Prinz von
Cond, auf seinem Landsitz zu Chantilly am frhen Morgen in seinem
Schlafzimmer an einem Fensterkreuz erhngt gefunden, und die Schmach
eines Selbstmordes auf sein unschuldiges Haupt gewlzt. Schmerz und Zorn
zugleich nehmen mir die Feder aus der Hand -- des Herzogs Testament ist
erffnet -- lachende Erben nehmen das ungeheure Vermgen in Empfang und
die gerechtesten Ansprche Anderer werden mit Fen getreten! -- O, meine
Sophie! Du bleibst, was du bisher gewesen bist, eine arme Waise, meine
letzte Hoffnung, dir das Glck des Reichthums noch im irdischen Leben
verschaffen zu knnen, denn drben bedrfen wir dessen ja nicht, ist
zertrmmert, wie Helm und Schild dem Letzten seines Stammes zerbrochen
in das Grab nachgeworfen wurden!

La doch Alles dahin sein, liebes Kind, sprach Ludwig mit der Ruhe eines
Weisen zur Freundin, die von dieser Nachricht auf das Tiefste ergriffen
wurde und in Thrnen ausbrach; nur keine Thrnen um irdische Habe,
wahrlich, sie ist so kstlicher Thrnen nicht werth, zumal solcher Habe,
die Andere besaen, nicht wir. Auch ich glaube hier nicht an einen
Selbstmord, mchte aber auch Niemanden verdchtigen. Wir leben wieder in
einer bsen Zeit und knnen nicht wissen, wie Alles sich gestalten wird.

Du bist unwohl und regst dich allzusehr auf, sagte Sophie, die mit Sorge
wahrnahm, wie ihn alle diese Nachrichten immer wieder von Neuem
erschtterten. -- Ja, meine Theure, ich fhle mich in der That unwohl,
entgegnete der Graf. Die lange Ruhe hat mich verwhnt, so Manches strmt
jetzt auf mich ein, so Manches tritt mir nahe, was mich ngstlich und
besorgt macht. Dein Schicksal, Sophie -- wenn ich dir entrissen wrde.

O schweige, um Gottes Willen, schweige, bester Ludwig! rief sie
abwehrend.

Wozu verhllen, was doch einmal geschehen wird? fragte Ludwig und
streichelte sanft ihre erbleichende Wangen. Wie lange noch, und wieder
frbt der Herbst die Bltter? Ein anderer Brief, den ich heute empfing,
hat mich bis zum Kranksein erschttert. Was ich einst voraussagte, es
ist geschehen, meine jngeren Verwandten, wenn ich sie so nennen darf,
treten auf zum Kampfe gerstet, und befehden einander in diesem
unseligen Jahre mit der Feder, in offenen Druckschriften, sie tragen
offen vor das Auge der Welt den Familienzwist, und die Kinder meines
Vetters Johann Carl nennen die Kinder meines Vetters, des regierenden
Herrn aus der Ehe mit Sara Gerdes Bastarde, sie selbst eine Leibeigene --
und so erfllt sich mir zur Strafe, zur furchtbaren Strafe mein eigener
verhngnivoller Fluch! Ist das nicht schrecklich? Soll das nicht jedes
Herz erschttern? Kaum traute ich meinen Augen, als ich die ffentliche
Ankndigung dieser Streitschriften in den Zeitungen las. Und du weit,
liebe Sophie, was Alles vorherging, wie der regierende Reichsgraf leiden
mute, und das gnn' ich ihm nicht! -- Als Wilhelm Gustav Friedrich durch
die Alliirten im Jahr 1814 aus seiner Haft und Verbannung befreit war,
sequestrirte Oldenburg immer noch seine Gter, und es mute erst ein
abermaliger Berliner Vergleich zu Stande kommen, zu welchem die
Gromchte Oesterreich, Preuen und Ruland die helfende Hand boten, da
ihm Kniphausen wieder eingerumt ward, da er die Regierung mit
Landeshoheit wieder antreten, manches der frheren Rechte wieder
zurckerhalten durfte. Aber um die Vermgensverhltnisse, die ja nie
glnzend waren, sieht es betrbend aus, was mir am Herzen nagt wie eine
Natter. -- Bereits im Jahre 1827 hat der Graf seinem ltesten Sohne,
Wilhelm Friedrich, das Fideicommi der deutschen Gter abgetreten und
ist nach England gegangen, wo er in London mit dem Rang eines
grobritannischen General-Majors anstndig lebt. Was aus dem Streite
weiter werden soll, das wird die Zeit lehren! Mge die Stunde recht bald
schlagen, in welcher die streitenden Parteien den Frieden finden und die
Vershnung! Aber das prophezeie ich, da diese Zeit spt, sehr spt
kommen wird und erst dann, wenn ich lngst von meinem stillen Schauplatz
abgetreten bin, und die Personen unseres Geschlechts, mit denen ich
lebte, lngst alle todt sind. Mchte mein so unbesonnener Fluch, der die
dunkelste That meines Lebens war -- ach, ich lebe nur, um ihn zu bereuen!
-- dann mindestens geshnt sein, wenn ich selbst der Shnung vor dem
ewigen Richterstuhl bedarf. Nie soll ein Mensch Verwnschungen ber
seine Lippen gehen lassen, denn es hrt sie eine dunkle dmonische Macht
und nimmt sie hohnlachend auf ihre schwarzen Schwingen.

Ludwig war heftig aufgeregt, er legte sich fiebernd nieder. Es wurde ihm
in der Nacht so unwohl, da er die Klingel zog. Sophie eilte erschreckt
aus ihrem Zimmer zu dem Kranken hinber, auch die Kchin erschien.

Sophie weinte und wachte die ganze Nacht hindurch am Lager des Kranken.
Dieser blickte sie lange schweigend an und sprach dann halb wie im
Fieber:

Wenn ich nun dahingehe, was hat sie dann, die arme Verlassene? Wohin
geht sie und wo bleibt sie dann? Unkundig aller Verhltnisse der
Auenwelt -- o wie unglcklich wird sie sein -- o wie erbarmungswerth --
und das ist dann mein Werk, ich Unglckseliger! Ich rang nach dem hohen
Gute, ich errang es, weihte ihm mein ganzes Leben mit feierlichem
Gelbde. Das Gelbde hab' ich unerschtterlich gehalten, aber meine
Eigensucht hat nicht daran gedacht, da ich vor ihr abgerufen werden
knnte!

Diese Betrachtungen marterten des Kranken Hirn bis zur heftigen
Fieberglut, er fhlte sich vllig machtlos und sah im Fieber, wie eine
hohe, dunkelverhllte Gestalt die arme Sophie, welche einer geknickten
Lilie glich, auf ihre Arme nahm und sie von hinnen trug, weit, weit
fort. Immer sah er sie noch und vermochte ihr doch nicht zu folgen,
immer weiter und weiter schritt jene Gestalt in eine unermeliche de
Ferne, wurde immer kleiner, endlich war sie so weit, da sie mit dem
Dunkel der Ferne verschmolz, aber Sophiens Gestalt ward immer heller und
heller, je weiter sie von ihm weggetragen wurde -- endlich war auch sie
nicht mehr sichtbar, sondern leuchtete nur noch wie ein kleiner reiner
Stern.

Als der mit tdtlicher Sorge herangewachte Morgen erschien, fhlte sich
der Graf besser, er sank aus der verwirrten Welt der Phantasieen in
einen ruhigen Schlummer, doch mute er noch mehrere Tage das Bett
hten. Wie er wieder das Lager zu verlassen und zu schreiben im Stande
war, erhielt der Geschftsfhrer einige Zeilen, mit zitternder Hand
geschrieben, die ihn, was nicht selten geschah, zu einer Unterredung
nach Eishausen einluden.

Mein Herr, sprach der Graf, der seinen Besuch in dem Zimmer empfing,
welches zwischen dem Vorzimmer und dem Arbeitszimmer lag: ich war sehr
krank, aber ich habe eine Pflege, die ber alles Lob erhaben ist. Ich
habe eine Gefhrtin, die mir die ganze Welt, die ich gern entbehre,
ersetzt. Aber die Mahnung aus dem Reich der Schatten, die jngst an mich
gelangte, wie im Mittelalter ein Brief der verhllten Fehme an einen
Schuldigen -- sagte mir auch, wie viel ich jener treuen Liebe schulde.
Helfen Sie mir, meine Pflicht zu thun, wie es den Landesgesetzen gem
ist, doch ohne Weitlufigkeiten; Sie wissen, da ich diese nun einmal
nicht liebe. Nur keine Gerichte! Nur keine Commissionen, Advocaten,
Schreiber -- nur das nicht!

Ich werde mir erlauben, erwiederte der Geschftsfhrer, Eurer Gnaden
gehorsamst auseinanderzusetzen, da und wie--

Schriftlich, lieber Herr, schriftlich, wenn ich bitten darf! unterbrach
ihn Ludwig. Ich bin noch so angegriffen -- ich danke Ihnen und bleibe
Ihnen im voraus verbunden.

Am folgenden Tage schrieb dieser Mann an den Grafen Folgendes: Nach dem
gestrigen Besuche, wo Euer Gnaden zum Erstenmale der Dame erwhnten,
hoffe ich Eurer Gnaden Wnsche richtig zu erkennen. Sie wnschen Ihre
hier belegenen Besitzungen an eine Dame, deren Namen Hochdieselben noch
angeben werden, zu bertragen und diese als Eigenthmerin einzusetzen,
damit diese Dame, bei einer Abreise, oder Abwesenheit, oder dem Ableben
von Euer Gnaden stets als solche verfgen und handeln kann. Dieses wird
sich auf das Gltigste und Krzeste leicht, vielleicht auch ohne die
persnliche Gegenwart von Gerichtspersonen machen lassen. Ich bin so
frei, einen Entwurf zu einer zu treffenden derartigen Verfgung oder
Cession zu gndigster Ansicht und Prfung beizulegen.

Die Form der Abtretung der erwhnten Grundstcke an die Dame ist
dadurch leicht gefunden, wenn Euer Gnaden mich beauftragen, die alten
Kaufbriefe an die Behrde zurckzugeben und einen neuen auf den Namen
der Dame ausfertigen zu lassen.

Namen der Dame, Namen der Dame! rief der Graf in groer Betroffenheit.

In Betreff anderweiter Gegenstnde ist keine andere gltige Form
einzurichten, als die, da Euer Gnaden in Gegenwart zweier Zeugen eine
Schenkung unter den Lebenden machen, wobei die Dame gegenwrtig ist und
sagt: Ich nehme diese Schenkung an.

Letzteres hat jedoch nach hiesigen Gesetzen nur Rechtskraft und
Rechtsgltigkeit, wenn die Schenkung unter 300 Ducaten betrgt. Ueber
diese Summe hinaus ist die Schenkung nur gltig, wenn sie in Gegenwart
von Gerichtspersonen geschieht.

O mein Himmel, wie wre das mglich! sthnte der Graf, und seine Hnde
zitterten.

Meine unmagebliche Meinung wre dahin gerichtet, Hochdieselben wollten
erlauben, da ein Assessor des hiesigen Stadtgerichts hinauskommen
drfte, vor dem der ganze Actus fr jetzt und alle Zukunft binnen drei
Minuten zu beendigen wre, indem ich Hochdero gndige Dispositionen
schon vorher zu Papier gebracht htte, Euer Gnaden nur Namen und Daten
ausfllten und diese Schrift der Gerichtsperson dann mit den Worten
bergben: Dieses ist mein Wille, nehmen Sie denselben zu Protocoll. Das
Uebrige besorgen dann die Gerichtspersonen in einem andern Zimmer, und
es wird dann das gerichtlich ausgefertigte Instrument zu Hochdero
Unterschrift vorgelegt; dabei werden, dafr stehe ich ein, Assessor und
Secretair unaufgefordert kein Wort sprechen. Durch diesen Act wird bei
einem etwaigen Sterbefall die Versiegelung berflssig gemacht und jeder
obrigkeitlichen Einmischung in Hochdero beiderseitige Hinterlassenschaft
vorgebeugt.--

Diese Schenkung, so weit sie Sophien betraf, gelangte nie zur
Ausfhrung, denn Jene kam nicht in den Fall, derselben zu bedrfen.

Es kam Alles ganz anders, als der Graf geglaubt hatte. Noch eine Reihe
von Jahren blieben sie in ihrer stillen Liebe vereinigt. Ludwig erfreute
sich, wenn auch bisweilen schwankender, doch im Ganzen guter Gesundheit,
aber Sophiens zartes Wangenroth, das so ungesehen von der Welt
verblhte, wie eine schne Blume im Hochgebirge oder in tiefer
Waldeinsamkeit, wurde allmlig bleich, immer zarter und durchsichtiger
wurde ihre Haut, ihre Blicke aber leuchteten in einem noch hheren
Glanze. Ein leises kurzes Hsteln -- der Anflug einer hohen Rthe auf den
Wangen -- das Alles sagte genug und lie ahnen, was kommen mute.

So viel wute Ludwig aus Bchern, da hier rztliche Hlfe nichts mehr
fromme, da hier einzig Mittel der Linderung in Anwendung kommen
knnten, die milden Krfte der Pflanzenwelt, das islndische Moos, die
sen Wurzeln der Quecke und Althea.

So kam der November des Jahres 1837 herbei, dieser schaurige Monat, der
das letzte Laub von den Bumen weht, der der Mutter Erde das Leichentuch
zu weben beginnt.

Ein unermelicher Schmerz zog durch des Grafen Seele. Das Leben mit all'
seiner genossenen Se lag hinter ihm und vor ihm lag der Tod in seiner
holdesten Gestalt!

Es war ein bitteres, tiefempfundenes Scheiden, doch ohne Schmerz, ohne
Qual. Menschen konnten das Weh dieser Trennung nicht ermessen, und
Menschen waren auch keine Zeugen derselben. Da schluchzte keine weinende
Dienerschaft auf den Knien, da sprach kein Priester Worte des Trostes,
wie bei Ottolinens Sterbelager, da kniete nur ein einziger weinender,
alternder Mann, und hatte keinen Trost, nicht fr sie, nicht fr sich.

Ich sterbe gern, flsterte Sophie mit matter Stimme. Ich danke dir, mein
Ludwig! Wie ich soviel, wie ich Alles dir danke -- so danke ich dir auch
noch fr deine Treue -- in dieser letzten Stunde! -- Vergi deine arme
Sophie nicht! -- Du bleibst nun allein -- o tritt wieder hinaus in die
Welt -- begrabe dich nicht lnger in der Abgeschiedenheit, denn nur um
meinetwillen hast du dich in diese Einsamkeit zurckgezogen. -- Ich habe
viel entbehrt, was das Leben andern glcklicheren Menschen bietet, aber
ich habe dich gehabt, du hast mich reich entschdigt -- und wir waren
glcklich. Alles, was ich habe, gabst du mir -- Alles was ich bedurfte,
warst du mir -- noch einmal das altgewohnte Wort: mein Ludwig -- ich danke
dir!

Bebend hielt der Graf die immer matter werdende zarte Gestalt, die auf
ihr Ruhebette hingegossen lag, in seinen Armen, er kte noch ihre
letzten Thrnen an den langen dunkeln Wimpern auf.

Die Stimme versagte der Sterbenden -- das reine Herz hrte auf zu
schlagen, ihr Auge brach. Ludwig kte seiner Verklrten die brechenden
Augen zu, hielt sie noch eine Weile in seinen Armen, dann lie er sie
sanft in die weichen Kissen niedersinken und stie einen lauten dumpfen
Schrei des Schmerzes aus, indem er besinnungslos zu Boden sank. Der Tag
war der fnfundzwanzigste November. Am vierundzwanzigsten November war
Ottoline gestorben. Ob sie einander droben begegneten, die beiden guten
Genien des armen Grafen?--

Es war vollbracht, und was noch zu vollbringen war, mute gleichfalls
geschehen. Ludwig lie Alles durch die Bedienung und den schnell
herbeigerufenen Geschftsfhrer besorgen und anordnen. Er selbst war
ohne Macht, ohne Kraft, ohne Willen, fast ohne Besinnung. Ach, wie
marterten und peinigten ihn die dringenden und doch nthigen Fragen und
alle die Anordnungen, die solch ein Trauerfall hervorruft!

Tief versenkt in starres, schmerzliches Hinbrten sa er da, ganz
verloren in Erinnerungen an das selige Einst, und jetzt -- jetzt fand er
auch mit Einemmale die Erinnerung wieder an das stille, ihm so heilige
Grab, und an jene Schattenallee im hochgelegenen Bergeshain, wie er
letzteren einst im Traume geschaut, in Ottolinens Schlo geschaut, und
wie er -- so wunderbar ihn selbst besa. -- Hier die Klause, dort die
Grabeszelle! so stand der Gedanke fest in ihm, und so fhrte er ihn auch
aus.

Wortkarg, zurckhaltender als je, einsam und allein stand der Graf da.
Keines Freundes trstender Zuspruch konnte ihn erreichen, keine
Theilnahme ihn aufrichten. Willenlos lie er geschehen, was nicht zu
ndern war, todtkrank weilte er bestndig in seinem Zimmer, in stummem
und darum doppelt unsglichem Schmerz.

Und in diese schmerzliche Stille trat nun die Auenwelt mit ihren
Ansprchen, mit ihrer Allwissenheit; die Auenwelt, die da Buch fhrt
ber Leben und Sterben, ber Sein oder Nichtsein. Des Ortes Kster kam,
vom Geistlichen entsendet, mit dem Kirchenbuche. Eine Verstorbene, die
lebend nie seiner Kirche bedurft, nie derselben begehrt, mute in das
Kirchenbuch mit Namen und Datum, mit Jahr und Tag, mit Alter und Heimath
eingetragen werden! Ludwig war in seinem tiefen Schmerz kaum fhig,
eine Antwort zu ertheilen auf die Frage nach dem Namen, nach dem
Geburtsort.

Sophie Botta! flsterte er endlich seufzend. -- Und woher? -- Aus West --
Westbachen -- Westbacherhof wollte er sagen. -- Sophie Botta aus
Westphalen, schrieb der Kster nieder.




12. Sterben und Erben.


Die Schauer der Herbstnacht wehten um den entbltterten Berghain. Stille
dunkle Gestalten wandelten hinauf aus der Stadt, von Neugier getrieben,
denn es war bekannt geworden, da auf dem Schulersberg, so hie dieses
Besitzthum des Grafen, die Dame beigesetzt werden solle, welche eine so
lange Reihe von Jahren hindurch im Schlosse zu Eishausen gelebt und sich
den Blicken der Neugier nie, ja selbst nicht einmal der vertrauten
Dienerschaft entschleiert gezeigt hatte.

Mild berhrt vom Friedenskusse des Todesengels lag sie in ihrem Sarge,
den ein alter Tischler unter Thrnen gezimmert hatte. Ein weies Kleid
von schwerem kostbarem Atlas umwallte die zarte Gestalt, sie lag da wie
ein Kind, mit lchelnden Zgen, man sah ihr kein Alter an, sie glich
aber auch keiner Gestorbenen, sie glich dem Marmorbilde eines Ideals aus
der Meisterhand eines groen Knstlers. Da war kein Zug von Schmerz und
keine Spur von Erdenleid, da war nur Schlummer, sanfter heiliger
Schlummer.

So lag sie im offenen Sarge, an welchem Ludwig stand mit
schmerzerfllter, erschtterter Seele, an welchem er einsam stand -- o,
so unermelich einsam! -- Er barg manche theure Reliquie unter den
Todtenkissen, eine Mitgift fr das Grab, ein Geschenk fr die Verwesung,
eine Speise fr den Moder, zuletzt ein zerbrckelnder Fund fr die,
welche einst, wenn sie es vermgen, die heilige Asche dieser
Verstorbenen durchwhlen. Locken vom Haupte ihres ermordeten Vaters,
ihrer ohnlngst verstorbenen Mutter, Locken von Angs, auch manchen
werthvollen Schmuck, den ihr die Mutter gegeben. Was sollte er damit,
was sollten Andere damit anfangen? Und Alles, was er an Schriften besa,
die nur im Entferntesten Sophiens Geheimni berhrten, barg er
gleichfalls unter ihrem Gewande. In den gefalteten Hnden hielt sie ein
kleines Kruzifix aus Elfenbein vom hchsten Kunstwerth; das jetzt braune
Haar, welches einst so reizend blond das Haupt des schnen Kindes
umwallte, schmckte ein Kranz von weien Immortellen, befestigt mit
einer Nadel, die eine groe Perle zierte.

Noch einen Blick, einen langen, zrtlichen Blick, noch eine Bewegung des
Segnens, dann legte Ludwig selbst den Deckel des Sarges ber seine
schne Todte und wankte zur Klingel.

Dunkele Mnnergestalten kamen herein, der Graf ging in sein Zimmer
zurck, unten stand schon Alles bereit, scharrende Pferde, der
Leichenwagen, Laternentrger, die Todtenfrauen und eine groe
schweigsame Volksmenge.

Langsam rollte der Wagen von dannen, stille Mnner und Knaben mit
Laternen schritten voran und zur Seite, Andere folgten.

Keine Glocke erklang, kein Geistlicher folgte dem Sarge.

Die Novembernacht war still, es begann leise zu schneien. Am Fenster
stand der Graf und blickte mit thrnenlosen Augen dem Schimmer nach, der
sich seinem Auge erst eine Zeitlang entzog, als der stille Zug durch
Steinfeld sich bewegte, dann jenseits dieses Dorfes wieder sichtbar
werdend, mehr und mehr zur Hhe emporstieg. Hoch zogen sich die Lichter,
es war, als wenn irrende Sterne aufwrts wollten, hinauf zu den
Brudersternen am ewigen Himmel.

Jetzt wute es Ludwig, wer damals, als er in Fieberphantasien lag, die
dunkele Gestalt gewesen war, die seine Lilie ihm entfhrte, seine helle
Lilie, die zuletzt zum Steine wurde; droben verschwanden die Lichter
ber die Berghhe, eines nach dem andern, jetzt war nur noch Eins
sichtbar -- recht hell und wahrhaft wie ein Stern anzuschauen, jetzt
erlosch auch dieses und war fort, den andern nach.--

Wo der Weg zu Thal sich senkt, an derselben Stelle, die einst den
Liebenden einen reizenden Fernblick erffnet und so manchen Traum von
einer schnen liebverklrten Zukunft, da hielt der Leichenwagen, da
hoben die Trger den Sarg herab, da ordnete sich der kleine Zug, voran
und hinter dem Sarge die Laternen tragenden Knaben, still durch die
dunkle Nacht, dem Berghain, dem Grabe zu.

Ueber dem Berghaus war die de, einsame Sttte, wo die Hlle der Tochter
so hoher Ahnen, fern von ihrem Heimathlande, irdische Ruhe finden
sollte.

Damit nicht noch um ihre Asche die Lgenmre ihr Gespinnst webe, hatte
der Graf ausdrcklich geboten, den Sarg vor der Einsenkung noch einmal
zu ffnen und Allen, die bei derselben zugegen, nun das milde Angesicht
zu zeigen, das sich so lange Jahre hindurch hinter dichtem Schleier
verborgen gehalten hatte.

Lautlos standen Alle; da lag sie im Silberglanze, im hellen Schein, die
marmorbleiche schne Leiche.

Heimlich schauerte die Nacht. Thrnen flossen; leise schlo man den
Sarg, und nun wurde dieser hinabgesenkt.--

Schreckliche Tage nahten bald dem Grafen, Tage, wie er sie nie
durchlebt, nie geahnet hatte, denn nun kam ihm, was unvermeidlich kommen
mute, die Einmischung der Behrden.

Es war nicht Alles formell hergegangen bei diesem Begrbni. Sophiens
Hlle ruhte schon im khlen Erdenschooe, als erst Anzeige, und zwar die
zufllige durch einen Kreisgerichtsdiener vom Ableben der
geheimnivollen Dame an die Gerichtsstelle erfolgte. Diese forderte
Bericht von der Verwaltungsbehrde und erhielt eine Auskunft, die sich
ber den Grafen nur wohlwollend uerte; da derselbe mit der
Verstorbenen seit lnger denn 30 Jahren ruhig und geschtzt im Lande
gelebt, da noch von keiner Seite her der geringste Anspruch oder eine
Beschwerde an und gegen ihn erhoben worden sei, da er viel Vermgen
habe und sich der Stadt und der Umgegend durch Nichts bemerkbar gemacht
habe, als durch Wohlthun; es seien weder Kinder noch sonst Jemand da,
die Ansprche an die Nachlassenschaft der Verstorbenen zu erheben
berechtigt seien. So viel Dank habe jedenfalls der Graf verdient, um
schonend und zart behandelt zu werden, und ein Einschreiten der
Civilbehrde _vor_ des Grafen Tode sei wohl nicht rathsam, zumal
derselbe dem Vernehmen nach eine bedeutende milde Stiftung fr die
Gegend beabsichtige, und eine unzarte Behandlung bei seiner
Eigenthmlichkeit wohl nur vom entschiedensten Nachtheil sein werde. --
Diese wohlmeinenden Worte eines redlichen Beamten verfehlten die
gehoffte Wirkung. Ansichten und Pflichten anderer Art lieen die
gewnschte Schonung versagen.

Das Gericht ordnete die Versiegelung des Nachlasses der Verstorbenen an.
Die Gefhle, die den Grafen hierbei bewegten, sind nicht zu schildern,
doch nie verlie ihn die Wrde. Er fgte sich ungern dem eisernen Willen
des Gesetzes, aber er fgte sich. Er selbst blieb unsichtbar, er war
krank; der Kammerdiener und eine alte treue Dienerin fhrten die Herren
in die Zimmer, in welchen sich Sophiens Nachla befand, und erklrten,
da dieser Nachla von der Verstorbenen, wie von dem Grafen, der
Dienerschaft zugedacht sei.

Auch als die Personen des Gerichts wiederkamen, um zur Aufnahme der
Hinterlassenschaftsverzeichnisse zu schreiten, mute der Geschftsfhrer
den Grafen, weil derselbe krank und sogar bettlgerig war, vertreten.

Welch' ein Inventar! -- Ueber siebenzig Oberrcke und Kleider, theils von
Seide in allen Farben, theils von Mousselin und sonstigen feinen
Kleiderstoffen, gegen dreiig Shawls und Longshawls, ohne die brigen
Halstcher, ebenso viele Hte nach den neuesten Formen der Mode, und in
diesem Verhltni alles Uebrige in staunenswerther Flle. Schmuck fand
sich wenig, auer was Sophie als Kind schon besessen, fr wen htte sie
sich auch mit zahlreichen Ketten und Ringen schmcken sollen? Sie
selbst, ihre ganze Liebe und liebliche Erscheinung war ja der schnste
Schmuck, wie er aus der Idee des Schpfers als Meisterwerk
hervorgegangen war; gleichwohl waren einige goldene Halsketten, waren
Ringe, Armbnder und dergleichen uere Frauenzierden vorhanden. Am
Meisten berraschend aber war fr die Beamten und Taxatoren die Menge
baaren Geldes, die in verschiedenen buntseidenen und zum Theil mit
Perlen oder mit Fischschuppen gestickten Brsen sich vorfand. Jene
Ducaten von theurer Hand, der kleinen Sophie damals in Doorwerth
geschenkt, sie waren nicht ausgegeben worden, auerdem fanden sich
Friedrichsd'or, Kronen-, Species- und einfache Thaler. Der Graf bernahm
gegen Zahlung der Taxe den ganzen Nachla, und lie ihn durch das
Gericht seiner Dienerschaft aushndigen; die Summe, welche er zahlte,
wurde beim Gericht hinterlegt, und von einer dringlichen Aufforderung,
Namen, Stand, Geburtsort und Alter der Verstorbenen ganz genau
anzugeben, um so mehr Umgang genommen, als der Graf diese Auskunft zu
geben sich entschieden weigerte und fest erklrte, sofort das Land
verlassen zu wollen, wenn die Behrde darauf bestehen wrde.

Dieselbe begngte sich daher mit den bereits erfolgten Angaben.

Nach diesen Strmen lagerte sich wieder die tiefste Stille ber das
Schlo zu Eishausen. Ludwig trauerte einsam hin, las viel und sprach
sich oft mit schmerzlicher Rhrung Goethe's Worte vor, die so ganz auf
ihn, auf seine Stimmung, selbst auf die Jahreszeit paten:

    Du versuchst, o Sonne, vergebens
    Durch die dst'ren Wolken zu scheinen,
    Der ganze Gewinn meines Lebens
    Ist, ihren Verlust zu beweinen.

Die Poesie war auch hier wieder die milde Trsterin, die ihm, dem
Trauernden, mit ihren sanften Himmelsschwingen Frieden in die Seele
fchelte. Alles was Ludwig in verschiedenen Schriften beziehungsweise
auffand, merkte er an und schrieb es auch wohl ab.

Fast das einzige geistige Band mit der Auenwelt blieb ein Briefwechsel
mit der Wittwe jenes zu Eishausen verstorbenen Predigers, welche nach
Hildburghausen gezogen war, doch so, da sie jeden empfangenen Brief
zurckgab. Auch diese Frau hat den Grafen nie gesprochen. Das Bedrfni,
sich mitzutheilen, ist allzumchtig in der Menschenseele, als da auch
der allerverschlossenste Charakter ganz auf dasselbe zu verzichten im
Stande wre.

Aus Ludwig's wehmuthvollster Zeit ergo sich seine Klage in den Worten:
Meine Lage wird immer unertrglicher; es ist keine getrennte Ehe; es
ist mehr: es ist die Zerreiung eines zusammengewachsenen
Geschwisterpaares, Eines kann nicht ohne das Andere fortleben. ---- Ich
lege mich fters des Tages nieder, doch vergeblich; die Schmerzen lassen
meinem Krper so wenig Ruhe, als die mich umgebenden Gegenstnde meinem
Geist. Das Haus ist wie verdet.

Ja, de war es auer ihm, in ihm. Selbst jene Thiere, welche Sophie
geliebt hatte, starben ungeachtet sorglichster Pflege schnell nach
einander; des Pachters Hund, den sie oft aus dem Fenster herab
gefttert hatte, heulte einige Tage und wimmerte, und eines Morgens lag
er todt unter den Fenstern des Schlosses.

Als der Frhling kam, die Auen neu ergrnten, da zog es den Grafen mehr
denn einmal hin nach jenem Berggarten, nach jener Einsamkeit. Hier war
die Stelle, die einst sein Jugendtraum ihm zeigte. Wie war doch dieser
Traum zur Wahrheit geworden! Gesehen und gehrt hatte Ludwig
lebensvolles Gewhl der Straen und Mrkte groer Stdte, Waffenlrm der
Heerlager, berghohe Meereswogen, Strme und ruhige See -- hohe Burgen und
Schlsser, stille Thler -- und zuletzt -- die Siedlerklause dort im
stillen Schlo, hier die dunkelschattende Kastanienallee -- ein einsames
Grab, und in dieses Grab hinabgesenkt alles Ringen und Streben, alles
Jubeln und Bangen, alles Hoffen und Frchten eines langen Erdendaseins --
all' sein Glck.

Alles hatte sich erfllt, Alles -- und er stand am Ziele. Sanft elegisch
war seine Stimmung, und sie fand die verwandten Klnge im stillen Weben
der Natur, durch deren hellste, sonnigste Lenzespracht doch bisweilen
Ahnungen wehen, die des Menschen Herz mit Schauern durchrieeln.

Die Neigung zum Wohlthun blieb ihm durch alle Jahre hindurch, die ihm
noch zu leben vergnnt waren. Mit Geschenken an Arme feierte er Sophiens
Todestag, mit Geschenken an Arme den Geburtstag des Landesherrn, ja,
selbst als Leonardus van der Valck spendete er noch Liebesgaben nach
verschiedenen Orten hin, von denen ihm immer noch Bitten zugingen. Auch
Vincenz Martinus war nicht vllig in den Hintergrund getreten. Eine
Stelle im letzten Briefe, den der Graf von ihm erhielt, lautete:

O mein geliebter Vetter! Wir werden alt, wie lange wollen wir noch mit
einander Briefe wechseln? Deine letzte geehrte Zuschrift traf mich nicht
mehr in Amsterdam, ich wohne seit Jahr und Tag hier in Leiden, allwo
nach dem deutschen Scherzwort der Knig David geboren ist, vergleiche
Psalm 38, Vers 18. Allhie bin ich Pfarrer, wohlbestallter, und bete
tglich auf das Allerfleiigste zu den lieben Gottesheiligen auch fr
dich, geliebter Leonardus. Neues wei ich dir aus Amsterdam nicht zu
melden; da dein alter Seekapitn Richart Fluit in der That und gegen
menschliches Vermuthen von seiner alten Sibylla Nicodema wirklich einen
Delphin erzielt hat, schrieb ich dir wohl schon vorlngst. Wir dachten
damals oft an dich, als wir den kleinen Seeknig und Heiden tauften.
Unsere Muhme Carolina Petronella, geborene Lippert, welche sich an den
Brauereibesitzer Wirix verheirathet hatte, ist nun auch schon lange eine
#bedroefde weduwe#. Du rhmtest mir einstmals den sinn- und
deutungsvollen Reichthum der deutschen Sprache gegenber der unsrigen.
Nenne mir doch in der deutschen Sprache ein Wort, mein Leonardus, darin
sich der Schmerz und die Klage und das Weinen einer Wittwe gewordenen
Frau so ausgeprgt zeigte, wie im Worte #Weduwe!# das ist: #wee te wee!#
Weh zu Weh! -- Unsere anderen Muhmen, Cornelia's Schwestern, Helena und
Christina, knnen leider noch nicht in den traurigen Fall kommen,
betrbte Wittwen zu werden, dieweil sie noch immer ledigen Standes sind.
Ich habe ihnen dringend gerathen, in ein Kloster zu gehen, aber sie
wollen nicht.

Helena Maria und Christina Theodora gleichen zwei alten Latten; wenn
sie neben einander gehen, mu ich immer an die Sulen des Herkules
denken, oder an ein rmisches Jugum, nur Schade, da Niemand Neigung
trgt, seinen Nacken jemals unter diese antike Reliquien zu beugen, noch
viel weniger, sie anzubeten. Im Vertrauen, geliebter Vetter -- dir darf
ich es sagen -- ich habe niemals viel auf Reliquiendienst gegeben. Dabei
fallen mir alle meine alten Snden -- nicht doch, wollte sagen: meine
alten Tanten in Bochlio, zu Herzberg und zu Dahme ein, die sich
vordessen auf deines wohlseligen Herrn Vaters Erbtheil spitzten, aber
vergeblich. Jene deutschen Falken, die fr ihr Leben gern Valcken sein
mchten, warten auch auf deinen Tod. Thue ihnen aber ja nicht den
Gefallen, bald zu sterben, sondern la' sie zappeln!

Ach, Leonarde! die Welt ist verderbt, ich sehne mich nach Ruhe. Ich
habe das ewige Predigen, Beichtehren, Messelesen und was d'rum und
d'ran hngt, von ganzem Herzen satt. Kein glcklicherer Mensch auf Erden
als ein Pastor emeritus. Das Loos eines gutpensionirten Emeriti scheint
mir viel beneidenswerther, als das eines Eremit. Ach, wer doch schon
ein Emeritus wre! Nun ich hoffe, in einigen Jahren mich melden zu
drfen; hoffentlich bleibe ich noch so lange frisch und krftig, da ich
mein Pensinchen mit Behagen verzehren kann. Der heiligen Ottilia werde
ich nichts mehr zuwenden, sie hat sich undankbar gegen mich erzeigt, ich
nehme wahr, da das Licht meiner Augen leidet. Nun lebe wohl, Leonarde;
sei und bleibe du der Eremita, und hilf mir zu allen heiligen
Einsiedlern beten, da ich baldigst als ein wohlverdienter Emeritus mich
nennen darf deinen unwandelbaren Vetter und Freund

                    Vincentius Martinus van der Valck,
                           Pastor an Sanct Agatha in Leiden.

Ludwigs trber Ernst stimmte schlecht zu diesem ungeistlichen Humor,
doch konnte er sich eines wehmthigen Lchelns nicht enthalten, wenn er
daran dachte, was Alles nach seinem Dahinscheiden mit seinem Nachla
vorgenommen werden wrde, und wie und wohin er Manches bergen solle.
Denn das war sein entschiedener und fester Wille, da er die Spuren
seines Daseins vernichten wolle, da er die Hlle, unter der er hier so
lange Jahre verborgen gelebt, nicht heben, den Schleier nicht lften
wolle. Der abgeschmackte Name, mit dem alle Welt ihn nannte, war ihm
lieb geworden, weil er den wahren Namen verbergen half; keine Seele von
allen den tausend Neugierigen dachte an das Ei des Columbus, dachte je
daran, einen einzigen falschen Buchstaben wegzuwerfen und den richtigen
einzusetzen, gleich einem Zahn zum Zerbeien der Nu des Geheimnisses.

Es war fr ihn eine eigenthmliche schmerzliche Beschftigung, die
Sonderung seiner Briefschaften vorzunehmen; es that ihm weh, so manches
theure Blatt den Flammen zu opfern, aber es mute geschehen, denn
ungelst sollte das Rthsel seines Lebens bleiben. Die Menschen, sprach
er einst in einer solchen stillen Opferstunde vor sich hin: glauben
Alles, was sie glauben wollen, und nie das, was sie glauben sollen. Wenn
ich todt bin, werden sie dennoch nicht mde werden, ihre Fabeln ber den
Grafen Vavel fortzuspinnen, und sollte ja in Zukunft irgend Einem
vergnnt sein, den Nachkommen zu sagen, wer und woher ich war, so werden
sie es ihm doch nicht glauben.

Sorglich ordnete Ludwig alle Papiere, die von Leonardus herrhrten, wie
jene Briefe von Angs an seinen liebsten Freund. Die Briefe jedoch,
welche Leonardus und Angs an ihn geschrieben hatten, vernichtete er.

Oefter als frher nthigte ihn jetzt Krankheit, bisweilen nach einem
Arzte zu senden. Dieser verstndige Mann zeigte sich menschlich
theilnehmend, nicht neugierig, und so geschah es, da es wohl zuweilen
im Laufe rascher und geistvoller Gesprche schien, als wolle der Graf
sich ihm mittheilen, doch hufig unterbrach er sich dann pltzlich
selbst und sprang schnell auf einen andern Gegenstand ber.

Das Alter macht geschwtzig, ich merke, da ich in die Jahre komme,
uerte er sich einst bei einem solchen Besuche, da er den Arzt im Bette
liegend empfangen mute. Ich werde mittheilsam, das ist ein Zeichen
meines herannahenden Todes; denn wenn es mit dem Menschen abwrts geht,
ndern sich in ihm Neigungen und Gewohnheiten. Daher das Sprichwort,
wenn ein als geizig bekannter und vertrauter Mann anfngt zu
verschenken: es ist vor seinem Tode.

Sie haben sich allzusehr zurckgezogen, Herr Graf! sprach der Arzt. Es
war nicht gut, nicht heilsam. Der Mensch gehrt zum Menschen, auch der
Geistreichste kann sich nicht immer selbst gengen: ja, er wird leicht
durch fortgesetztes Absperren von der Menschenwelt einseitig, schroff
und heftig.

Sie mgen Recht haben, Herr Doctor! erwiederte der Graf. Ich taugte aber
nicht unter die Menschen, ich bin eine reizbare Natur, von Jugend auf
heftig geartet, vielleicht Folge eines Mangels an richtiger Erziehung.
Meine ganze Jugendzeit verflo in einsamen Schlssern, und da sah ich
wenig von der Welt. Als ich in dieselbe eintrat, fand ich die Zeit zu
bewegt, die Elemente zu ghrend, so da ich nicht zur Klarheit ber mich
selbst gelangen konnte. Ich ward in eine Strmung hineingerissen;
eigenthmliche Verhltnisse schlangen Bande um mich, denen ich mich
nicht entringen konnte und nicht wollte; sonst habe ich zu andern Zeiten
wohl gezeigt, da der Mensch kann, was er will, wenn er will, was er
kann.

Gewi reisten Euer Gnaden viel? fragte der Arzt.

Nun ja, ich sah Einiges von fremden Lndern, zum Beispiel von Holland,
Frankreich, England, Deutschland und Ruland, weiter kam ich nicht.

Nach einer Weile sagte der Arzt: Ihr Leben, Herr Graf, war gewi ein
vielfach bewegtes, und die lesende Welt wrde es Ihnen Dank wissen, wenn
Sie derselben Ihre Memoiren berliefern oder sie ihr doch dermaleinst
hinterlassen wollten.

Mein Dermaleinst liegt gar nicht mehr so fern, Herr Ober-Medicinalrath!
_Memoiren_ sagen Sie? Nichts. Eine Sammlung von Kchenzetteln, das sind
meine Memoiren.

Kchenzettel? fragte der Arzt verwundert.

Nun, knnte ich nicht ein gelernter Koch sein? fragte der Graf mit
Ironie zurck. Entweder habe ich mir selbst gekocht, oder ich habe mir
kochen lassen, es gibt keinen Mittelweg. Meinen Sie nicht, Herr Doctor,
da Kchenzettel ein schneres Album bilden knnten, wie Recepte?
Jedenfalls stehen sie vor diesen in erster Reihe, denn die Recepte
entstehen meist nur, um das zu corrigiren, was die Kchenzettel
verdorben haben.

Sie scherzen, um abzulenken, Herr Graf! entgegnete der Arzt. Ich
beabsichtige nicht, Ihnen Geheimnisse zu entlocken.

Ein solches Bemhen wrde auch das Vergeblichste von der Welt sein,
versetzte Ludwig. Ich habe den Leuten das Rthsel nicht aufgegeben, um
es in einer schwachen Stunde selbst zu lsen. Der schmerzlichste
Verlust, den ich erlitt, machte mein Gemth nur noch verschlossener,
mein Schweigen nur um so tiefer. Gern htte ich, als meine unvergeliche
Freundin dem Grabe -- nicht zuwelkte, sondern zublhte, Sie rufen lassen,
Herr Medicinalrath, aber sie wollte es nicht, und sie war ja die Herrin,
meine angebetete Herrin, und ber Alles, was mein war. Sie wollte es
nicht, sie wollte von Ihnen nicht das Opfer.

Das Opfer des Schweigens? fiel der Arzt dem Grafen in das Wort. Ein
solches Opfer wird dem Manne meines Standes nicht schwer. Schweigen ist
unsere erste Pflicht.

Wohl jedem Ihrer Collegen, der so denkt! stimmte ihm Ludwig bei: und der
anvertraute Geheimnisse treu im Busen bewahrt. Aber ich meine,
angenehmer, leichter und froher lebe sich's doch, wenn ein Mensch keine
Geheimnisse zu bewahren hat und von solchen unbelastet bleibt? Meinen
Sie nicht auch so?

Der Arzt lchelte und schwieg; sein heller Geist verstand den Wink sehr
gut. -- Ludwig sprach weiter: Ich sollte, und gewi ist das auch Ihre
Meinung, eigentlich darauf bedacht nehmen, mein Haus zu bestellen. Ich
sollte, was man so nennt, testiren, nicht wahr? Vor Notaren und
Actuaren, vor Zeugen und Zpfen? Aber das fllt mir nicht ein! Wenn ich
meine Augen schliee, so hren meine Geldquellen auf zu flieen, das
ist lngst so geordnet. Meine Dienerschaft wird nicht unbedacht bleiben,
verspricht sie sich aber goldene Berge und Crsusschtze, so ist sie im
Irrthum. Was ich in der Nhe der Stadt besitze, das Haus, die Grten,
das Haus in Walrabs, der Berggarten mit meinem theuren Grabe, das ich
gepflegt wissen will neben dem meinen, soll Alles in treue Dienerhnde
fallen. Zu meiner hiesigen Verlassenschaft werden sich lachende Erben
melden, Einer davon besonders wird am Meisten lachen, er ist ein
geistlicher Herr katholischen Glaubens.

Sie sind katholisch? entfuhr dem Munde des Arztes die Frage.

Ludwig lchelte. Wer fragt danach? Ich bin, der ich bin, und bin, der
ich nicht bin.

Mit dieser apokalyptischen Wendung schnitt der Graf die fernere
Unterredung ab, und indem er in ein ernstes Nachsinnen versank, ward ihm
so recht die Eitelkeit und Nichtigkeit alles Irdischen, das so
tausendfach vergebliche Ringen und Streben, Mhen und Abqulen der
Menschen in innerster Seele klar. -- Dort lag das Tagebuch der Ahnfrau
seines Hauses, der gebornen Herzogin de la Tremouille; er griff
mechanisch nach demselben und sprach, indem er es aufschlug,
gedankenvoll vor sich hin: Wie sich doch die Kettenglieder der Lebenden
aneinander reihen von uralten Zeiten her. Welche Stoffflle! Und so ganz
begraben, so ganz vergessen zu sein! -- Auch hier ist geschildert, was
sich ewig erneut im steten Wechsel und im Laufe der Jahrhunderte, der
Herzen unruhvolles Klopfen, der Liebe Kampf und Ringen. Meine Gromutter
gab mir dies Buch -- und ich -- habe keinen Enkel, dem ich es hinterlassen
knnte. Die Gromutter meiner Gromutter schrieb dies Buch, und diese
erzhlte nun wieder von _ihrer_ Gromutter. Welch' eine Kette von
Lebenden, die alle zum ewigen Schlummer sich niederlegten! -- Wie beginnt
die alte Dame?

Die kurze Dauer des menschlichen Lebens und die Ungewiheit der Zeit
des Todes hat mich den Entschlu fassen lassen, meinen Lebenslauf
aufzuzeichnen, weil derselbe ungewhnlich genug gewesen ist, so da ich
in ihm sichtlich die wunderbare Leitung Gottes erkannt habe, welche
Alles zu meiner eigenen Genugthuung gewandt hat.

Ja, ja -- die Ungewiheit der Zeit des Todes! murmelte der Graf vor sich
hin. Selten kommen die Menschen zeitig zu den rechten Entschlssen.
Diese Frau hat es ber sich vermocht. Aber ihr Grund war auch ein
gerechter; sie schrieb, was sie schrieb, fr einen geliebten Sohn. Fr
wen sollte ich die Ereignisse meines Lebens aufzeichnen?

Ich beginne dies, schrieb sie: im Jahre 1682, im einunddreiigsten
meines Lebens, im ersten des deinigen.

Ich bin geboren zu Thouars, Mittwoch den 3. Januar 1652, nach der neuen
Zeitrechnung, und den 25. December 1651, nach der alten. Ich wurde im
Schlosse[15] von Herrn Chabrolle am 12. Mrz getauft und Charlotte
Amalie genannt. Herr von St. Cyr, Gouverneur von Thouars, vertrat meinen
Pathen, welcher der Landgraf Wilhelm VI. von Hessen, Bruder meiner Frau
Mutter, Emilie von Hessen war, auerdem waren Herr von Turenne, Herr
Landgraf Friedrich von Hessen (Oheim des regierenden Landgrafen), und
Graf Moritz von Nassau meine mnnlichen Pathen; meine Pathinnen waren
die Frau Herzogin von Zweibrcken, Aebtissin von Herfort, die Grfin
Charlotte von Derby[16], geborene Herzogin de la Tremouille, die Frau
Herzogin Eleonore Dorothea zu Sachsen-Weimar, die Frau Kurfrstin
Charlotte von der Pfalz, Tochter des Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen,
und Mademoiselle de Bouillon. Den Namen Amalie empfing ich von meiner
Gromutter, der Frau Landgrfin Amalie Elisabeth, Gemahlin des
regierenden Landgrafen Wilhelm V. zu Hessen-Cassel.

    [Funote 15: Thouars an der Thoye hat ein schnes Bergschlo,
    die ehemalige Residenz der Herzoge de la Tremouille.]

    [Funote 16: Die hochherzige Wittwe des 1651 zu Bolton
    enthaupteten Jakob Stanislaus, Grafen von Derby.]

Welch ein Kranz glorreicher und strahlender Namen um die Wiege eines
kleinen Mdchens! rief Ludwig aus. Ist mir doch als erblickte ich meine
gute Gromutter, die so bewandert war in der Genealogie, leibhaftig vor
mir, und hrte sie den Ruhm und die Verbindungen ihres alten Hauses
verknden! Wie oft mag sie mit stillem Vergngen ber diesem
interessanten Buche gesessen haben!

Meine Frau Mutter lie mich im Schlosse bei der Herzogin meiner
Gromutter, die mich als einzige Tochter adoptirte und fr meine
Erziehung und meine Bedrfnisse zu sorgen versprach, was sie auch mit
der uersten Zrtlichkeit fast dreizehn Jahre lang that, und mich
grndlich verzog. Ich wurde ein so halsstarriges und eigensinniges Kind,
da eine minder geduldige und zrtliche Dame, als es meine Gromutter
fr mich war, meine Unarten gewi nicht ertragen haben wrde.

Es geht ein eigenthmlicher Grundzug durch die Generationen, sprach
Ludwig, als er dies gelesen hatte. Hufig tritt zwischen Groeltern und
Enkeln mehr Aehnlichkeit der Gesichtsbildung, ja selbst des Charakters,
als zwischen Eltern und Kindern hervor, auch hufig mehr Liebe der
Groeltern zu den Kindern ihrer Kinder, als diesen von den Eltern zu
Theil wird. So wre zuletzt die oft halsstarrige Festigkeit und Hrte im
Charakter meiner guten Gromutter zum Theil nur ein Erbe der ihrigen
gewesen? Welch' ein eigenthmlicher Reiz liegt in diesem alten Buche --
ein so langes, vielbewegtes Leben, -- es wre ein Unrecht von mir, dieses
Buch, so wie jene Tagebuchbruchstcke meiner Gromutter der Vernichtung
Preis zu geben -- aber wem soll ich sie anvertrauen? Meinen Vetter
Wilhelm Gustav Friedrich deckt seit 1835 die Gruft, William, der
Vice-Admiral, starb schon 1813. Ihre Kinder kenne ich nicht, stehe ihnen
fern, bin ihnen fremd, wer wei, ob Eines von ihnen durch diese Gabe
erfreut wrde! Auch fr Leonardus Erben kann sie nicht den mindesten
Werth haben, diese Hollnder wren im Stande, Hringe in die Papiere zu
wickeln, welche die Geschichten einst glhender Herzen enthalten! -- Der
Einzige, Vincentius Martinus, der vielleicht diese Bltter wrdigte,
leidet an Gesichtsschwche, die heilige Ottilia rcht sich an ihrem
Kirchlein, weil er ihr, wie ich groe Ursache zu glauben habe, meine
ansehnliche Schenkung entzogen und sie fr sich selber behalten hat. Da
wrden diese altfranzsisch geschriebenen Bltter ihm nur Mhe machen,
sie zu entziffern. Am Besten, ich berlasse es ganz dem Zufall, da
dieser sie in eine Hand bringe, die sie dereinst zu schtzen und zu
bersetzen wei.

Ludwig bltterte wieder in dem alten Bande, viel des Anziehenden
enthielt er noch, eine reiche Stoffflle fr Geschichte damaligen
Hoflebens und persnlicher Verhltnisse der weitverzweigten
Verwandtschaft des alten reichsgrflichen Geschlechts, endlich legte er
das Buch zur Seite und sagte, sonderbar bewegt: Es ist ein Grabstein.

Auch sein Ziel war nahe, nher als er selbst glaubte; gleichwohl
versumte er nicht, Alles vollends zu vernichten, was noch zu vernichten
war, die Briefe der Gromutter, die Briefe und die Schenkungsurkunde
Georginens, seine frheren Reisepsse, ein Flammenopfer nach dem
anderen; ferner Leonardus' Testament und Schenkungen, alle Quittungen,
alle Danksagungen. -- Alter Adrianus van der Valck! sprach er sinnend:
Du, der mich rechnen lehrte, was sagst du zu meinem Rechnungsabschlu?
Subtraction! Der Tod zieht mir das Leben ab, das ist das Facit meiner
Rechnung.

Eines Tages wollte er noch schreiben, aber die Hand versagte ihm den
Dienst. Der jngere Diener ward herbeigerufen, der Herr wollte dictiren,
aber er vermochte es nicht, er fhlte sich zu schwach dazu, und murmelte
nur: O weh! da ich doch zu keinem Entschlu kommen kann! Nun denn -- mag
es sein!

Noch einige unzusammenhngende Phantasien von Testamenten -- von einer
Dame, die aus weiter Ferne kommen werde -- von einem Bruder, der ermordet
worden -- von einer Schwester, die ihm entgegenstrahle -- von Engeln, die
seiner harrten -- und die Seele Ludwig's lste sich leise los vom
Erdenstaube. Er war auf dem Sopha -- wie die Acten lauteten sanft
eingeschlafen.

Der Tod des geheimnivollen Grafen war ein Ereigni, das lange Stadt und
Land bewegte und allgemein die Neugier auf's Hchste spannte. Nun
endlich mute doch Alles offenbar werden! Gegen Erwarten ward aber
Nichts offenbar. Die Gerichte kamen, versiegelten, ffneten und
inventirten den Nachla.

Es fand sich kein Testament. Die Dienerschaft erzhlte, da ihr
entschlafener Herr stets den Wunsch ausgesprochen habe, in seinem Berge
neben jenem Grabe beerdigt zu werden, das sein Theuerstes barg, denn in
der Schenkungsurkunde des Berggartens an den Einen der Diener stand die
Bedingung: Das oder die Grber in dem geschenkten Garten stets zu
pflegen und zu bewachen.

Ludwig wurde nicht neben Sophien zur Erde bestattet. Ein ausgemauertes
Grab zu Eishausen nahm die sterbliche Hlle des Dunkelgrafen auf.
Eingedenk der groen Wohlthaten, die er ihr erzeigt, ging die ganze
Dorfgemeinde mit zu Grabe. Von Hildburghausen her nahte ein stiller
Zug, die Waisenkinder mit ihrem Lehrer an der Spitze, deren Wohlthter
Ludwig gewesen war. Neben dem vormaligen Ortsgeistlichen wurde er
eingesenkt, dessen Hgel ein Denkstein schmckt, den Therese, Bayerns
Knigin, diesem ihrem einstigen Lehrer hatte errichten lassen. Dankbar
hob der jetzige Geistliche in der Grabrede die Verdienste des edeln
menschenfreundlichen Verstorbenen hervor.

In den nun vom Gericht durchsuchten Papieren Ludwig's fanden sich
zunchst der Briefwechsel mit seinem Agenten zu Hildburghausen, die
quittirten Rechnungen und diejenigen Documente, welche den Verstorbenen
fast zweifellos zum Leonardus Cornelius van der Valck stempelten, und
den Namen eines Grafen oder Barons Varel oder Versay als nur angenommen
erscheinen lieen. Es fand sich auch etwas Geld, nmlich an 300 Stck
Doppellouisd'or, eine Rolle einfache, gegen 200 hollndische Ducaten
einschlielich einiger anderer Goldstcke, 576 Kronenthaler, 577
preuische Thaler, und ber 150 Gulden sonstige Silbermnze, eine
Totalsumme von mehr als 10,000 Gulden baar. Aufschlsse ber die
Verhltnisse des Verstorbenen fanden sich, wie die Acten aussagen, nicht
vor. Im Inventar befand sich ein silbernes Petschaft mit einem
Lapislazuli-Stein, in welchem drei Lilien unter einer Krone eingegraben
waren; reiches Silberzeug, sechs Uhren, nicht weniger als sieben
Thermometer, drei Barometer. Unter der reichhaltigen Rubrik des
Kapitels: Insgemein stand auch trocken und klanglos: Nummer 112 eine
Windharfe -- verstimmte Saiten!--

Da kein Testament und keine Erbnehmer vorhanden waren, so erfolgten nun
von Seiten der Gerichte Edictalladungen auswrtiger Erbberechtigten, in
vielen deutschen und hauptschlich rheinischen, sowie hollndischen
Zeitungen, in denen ausgesprochen war, da fast ohne Zweifel, wie aus
den Papieren hervorgehe, der Verstorbene Leonardus Cornelius van der
Valck geheien habe, denn Leonardus' Taufzeugni war vorhanden; auch da
er fast bis an seinen Tod mit seinen Verwandten in Amsterdam in
Briefwechsel gestanden habe. Auch der Dame wurde in diesen Vorladungen
gedacht und einer Reihe Briefe aus Mans, Angs Barthelmy, geb. Daniels
unterzeichnet, ohne Zweifel an den Verstorbenen gerichtet, und die
Annahme zulassend, da die Verfasserin der Briefe mit der im Schlosse
zu Eishausen verstorbenen Dame vielleicht identisch gewesen sein
knne.

Es erschienen nun ein Anwalt aus Amsterdam und ein Notar aus dem Haag,
berreichten Vollmachten, Psse und den Stammbaum des Herrn Pastor
Vincentius Martinus van der Valck zu Leiden, der verwittweten Frau
Cornelia Petronella Adriana Wirix, geborenen Lippert, jetzt wohnhaft zu
Weerd (Wrden), ingleichen der Frulein Helena Maria und Christina
Theodora Lippert, und bestellten zur Geltendmachung ihrer
Rechtsansprche einen Hildburghuser Anwalt; sie legten auch die
Taufzeugnisse von Vincentius Martinus Vater und Mutter, wie von den
Eltern benannter Damen in bester Form verbrieft und besiegelt vor und
eine Urkunde, kraft deren Vincentius Martinus van der Valck, rmisch
katholischer Pastor emeritus, fr sich und seine Muhmen die Beauftragten
an seiner Stelle zu handeln bevollmchtigte; bald flogen auch noch
andere Falken in Briefen herbei, um an der schnen Erbschaft Theil zu
nehmen; die Herzberger, die Bocholder, die von Dahme, zum Theil mit
Beweismitteln, die manche Heiterkeit erregten, allein das Gericht sprach
die Erbschaft und mit vollem Recht, dem lustigen Emeritus in Leiden und
seinen alten Muhmen zu und soll derselbe, wie die von ihm nach der Hand
abgesandten hollndischen Bevollmchtigten, welche kamen, um die
Erbschaft zu erheben, versicherten, in seiner jocosen Weise dankbar
ausgerufen haben: Nun ist mein Leiden zu nichte gemacht!

Die Beauftragten aus Amsterdam trugen das reiche Erbe von dannen, sie
verschmhten einen Haufen Maculatur und altes Papier, was auf dem Boden
lag, und einige Scripturen, die zufllig dazu gekommen waren. Es war
noch eine reichhaltige Briefsammlung, die zufllig unberhrt geblieben
war, das alte Tagebuch und das jngere Tagebuchbruchstck lagen auch
darunter. Es ist zu wnschen, da alles Benutzbare davon nicht in
allzuschlimme Hnde gefallen sein mge.

Der Vorhang fiel, das Lebensdrama im stillen Schlo des Dunkelgrafen war
zu Ende gespielt.

Wem vergnnt ist, durch Eishausen zu reisen und dort einen kleinen
Aufenthalt zu machen, der besuche das Gasthaus und frage dort nach dem
Grafen; da wird er hren, wie Ludwig's Andenken noch immer in hohen
Ehren gehalten wird.

Um den Mann sind viele Thrnen geweint worden -- der Mann hat unser
Dorf sehr glcklich gemacht -- solch' ein Mann kommt niemals wieder! das
sind die einfachen Reden der schlichten Landleute.

Schn und wrdig hatte Ludwig seine Sendung erfllt. Was die Gromutter
einst beim Abschied segnend zu ihm gesprochen, es war an ihm zur
Wahrheit geworden. Er ging durch die schmerzlichen Flammen der Luterung
und ging rein aus ihnen hervor; er ehrte Gottes Gebote und liebte die
Menschen. Er war mildthtig und barmherzig und vergalt Krnkungen nur
mit Wohlthaten -- darum dauert in dem stillen Kreise, in den er eintrat,
sein Name im Segen fort von Geschlecht zu Geschlecht.



[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1854 als Band III in Deutsche Bibliothek -- Sammlung
auserlesener Original-Romane erschienenen Erstausgabe erstellt.
Kleinere Unregelmigkeiten in der Schreibweise wurden beibehalten. Die
nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 010: im Jahre siebenhundert und vierundfnfzig -> siebzehnhundert
S. 011: Siebentes begehrt -> Siebentens
S. 013: noch widrigerere Kmpfe -> widrigere
S. 025: angstschweistreibender Pillen -> angstschweitreibender
S. 029: Herrn von Gthe -> Goethe
S. 037: Paris, Strae Vaurigard -> Vaugirard
S. 041: [vereinheitlicht] reichhaltigen Tagbchern -> Tagebchern
S. 079: des Hauses van der Valk -> Valck
S. 085: tn einem groen Bogen -> in
S. 101: die Theilhaber an den fnfund zwanzig -> fnfundzwanzig
S. 101: Prinz von Tarent und Talmont Theil, hat, -> Talmont, Theil hat,
S. 109: Vater hat das Alles so beohlen -> befohlen
S. 110: [vereinheitlicht] was will das bischen Flitter sagen -> Bischen
S. 111: siebenzehnhundertsiebennndvierzig -> siebenzehnhundertsiebenundvierzig
S. 129: entbls'ten Armen -> entblten Armen
S. 132: Feierlich stieg Robespiere -> Robespierre
S. 134: zwischen dem Louver und dem Tuilerienschlo -> Louvre
S. 134: lat siel iegen vorn. -> sie liegen
S. 137: setzte Wind hinzu -> Windt
S. 140: [Komma entfernt] Schlinge buntblhender, Stauden wachsen.
S. 148: [Komma ergnzt] siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber
S. 160: sein rohe Benehmen -> rohes
S. 168: [Ausrufezeichen ergnzt] immer mehr! rief der Erbherr.
S. 173: von den Zinnen und Warten das Kastells -> des Kastells
S. 177: [Anfhrungszeichen ergnzt] meinen Knochen einen Hllenschmerz.
S. 194: [Punkt ergnzt] Louise, der Tochter des Knigs
S. 198: als ihr Inhal bis zur Nagelprobe -> Inhalt
S. 203: Nicht uninterressant -> uninteressant
S. 212: [Punkt ergnzt] in den alten Sprachen.
S. 214: Leonardus Reitknecht -> Leonardus'
S. 214: [vereinheitlicht] Unterwegs peitschte der Postillion -> Postillon
S. 221: [Punkt ergnzt] in das Lesecabinet, die Sessel mit der Krone
S. 222: [Komma entfernt] ohne Zweifel bei Ihnen, wohnen
S. 223: [Anfhrungszeichen ergnzt] Seeluft! Seeluft!
S. 227: ich ersehne aber mit Ungeduld den Angenblick -> Augenblick
S. 237: Der Graf von Artois begab sich nach Ham -> Hamm
S. 238: verfehlte Willam nicht -> William
S. 238: diese einsweilen ausgezahlte Summe -> einstweilen
S. 245: [Punkt ergnzt] mein Bruder, mein Ludovicus.
S. 250: General-Gouverneuers von Indien -> Gouverneurs
S. 265: besprochen worden von den Freuden -> Freunden
S. 270: malade imaginair -> malade imaginaire
S. 279: sprach Grfin Linden. -> Lynden.
S. 293: [vereinheitlicht] auf Angs Leben einwirkte -> Angs' Leben
S. 293: [vereinheitlicht] Es war Angs Hand -> Angs' Hand
S. 295: [Punkt korrigiert] Schwester Windt's, entlud, -> entlud.
S. 295: [Komma korrigiert] weder diesen. noch den anderen -> diesen, noch
S. 303: gegen die Batatavische Republik -> Batavische
S. 304: wenn du den Landesgesetzen gem dich hlst -> hltst
S. 304: Lassen Niemanden Rechenschaft schuldig -> Niemandem
S. 306: Cornelius van der Valk -> Valck
S. 312: der klein und spiebrgerlichen Klatschsucht -> klein- und
S. 314: [Anfhrungszeichen ergnzt] freisinniger Frst, abgeschafft hat.
S. 315: Prinz Joseph Hollandiuns Herzog -> Hollandinus
S. 320: Dem Volke d'Hauptpoule's folgte -> Hautpoule
S. 321: 25000 Mann stark -> 25,000
S. 322: [Komma entfernt] Schinken, Wrste, die -> Wrste die
S. 325: Ernst August von Grobrittannien und Windt -> Grobritannien
S. 326: [Punkt korrigiert] Wunderbar! rief Ludwig! -> Ludwig.
S. 327: gebot seinem Diener zurckzureitten -> zurckzureiten
S. 332: [Fragezeichen korrigiert] ganz einsam zu werden. -> werden?
S. 343: Herr Kammerath Melchers also sind der Ansicht -> Kammerrath
S. 360: vormaliger Frstbischof von Strasburg -> Straburg
S. 368: [Punkt korrigiert] und nicht glauben wollte, -> wollte.
S. 373: in dem Gedanken, das -> da
S. 374: sahe der Graf zu seiner Bestrzung -> sah
S. 380: gibt es jetzt [...] zu thun gegeben, bald -> zu thun, bald
S. 382: wer htte das gedacht -> Wer
S. 387: die Buchstaben L.C.V.d.V. eingegraben waren -> L.C.v.d.V.
S. 406: Hofdame in Sarkoe-Selo -> Sarskoe-Selo
S. 410: Als ich die Bder von Burton gebrauchte -> Buxton
S. 422: dachte er daran, entsiegelte, es las -> entsiegelte es, las
S. 423: [vereinheitlicht] die Shne der Reichgrfin -> Reichsgrfin
S. 425: [Anfhrungszeichen ergnzt] Dieser Gedanke schnitt mir wie
S. 429: er brachte keinen Strung -> keine
S. 429: Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentinus -> Vincentius
S. 434: Margarita Gardes eingegangener Gewisseensehe -> Gewissensehe
S. 437: Holstein-Sonderburg und Holsteinstein-Pln -> Holstein
S. 440: wazu des Hauses Hhe sich gut eignete -> wozu
S. 442: der Arolsharfe schwellendschwebende Accorde -> Aeolsharfe
S. 447: [vereinheitlicht] von Coburg ber Rodoch kommende -> Rodach
S. 450: sequestrirte Oldenbnrg -> Oldenburg
S. 454: o trit wieder hinaus in die Welt -> tritt

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Fett:           =fett gedruckter Text=
Antiquaschrift: #Antiquatext#
Kursivschrift:  /kursiv Antiqua/

Die Fraktur-Ligatur fr etc. wurde durch etc. ersetzt. (S. 47, 397)]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1854 as volume III in "Deutsche Bibliothek --
Sammlung auserlesener Original-Romane". Minor spelling inconsistencies
have been maintained. The table below lists all corrections applied to
the original text.

p. 010: im Jahre siebenhundert und vierundfnfzig -> siebzehnhundert
p. 011: Siebentes begehrt -> Siebentens
p. 013: noch widrigerere Kmpfe -> widrigere
p. 025: angstschweistreibender Pillen -> angstschweitreibender
p. 029: Herrn von Gthe -> Goethe
p. 037: Paris, Strae Vaurigard -> Vaugirard
p. 041: [normalized] reichhaltigen Tagbchern -> Tagebchern
p. 079: des Hauses van der Valk -> Valck
p. 085: tn einem groen Bogen -> in
p. 101: die Theilhaber an den fnfund zwanzig -> fnfundzwanzig
p. 101: Prinz von Tarent und Talmont Theil, hat, -> Talmont, Theil hat,
p. 109: Vater hat das Alles so beohlen -> befohlen
p. 110: [normalized] was will das bischen Flitter sagen -> Bischen
p. 111: siebenzehnhundertsiebennndvierzig -> siebenzehnhundertsiebenundvierzig
p. 129: entbls'ten Armen -> entblten Armen
p. 132: Feierlich stieg Robespiere -> Robespierre
p. 134: zwischen dem Louver und dem Tuilerienschlo -> Louvre
p. 134: lat siel iegen vorn. -> sie liegen
p. 137: setzte Wind hinzu -> Windt
p. 140: [extra comma] Schlinge buntblhender, Stauden wachsen.
p. 148: [added comma] siebenzehnhundertvierundsiebenzig, der Erstere aber
p. 160: sein rohe Benehmen -> rohes
p. 168: [added exclamation mark] immer mehr! rief der Erbherr.
p. 173: von den Zinnen und Warten das Kastells -> des Kastells
p. 177: [added closing quotes] meinen Knochen einen Hllenschmerz.
p. 194: [added comma] Louise, der Tochter des Knigs
p. 198: als ihr Inhal bis zur Nagelprobe -> Inhalt
p. 203: Nicht uninterressant -> uninteressant
p. 212: [added period] in den alten Sprachen.
p. 214: Leonardus Reitknecht -> Leonardus'
p. 214: [normalized] Unterwegs peitschte der Postillion -> Postillon
p. 221: [added comma] in das Lesecabinet, die Sessel mit der Krone
p. 222: [extra comma] ohne Zweifel bei Ihnen, wohnen
p. 223: [added opening quote] Seeluft! Seeluft!
p. 227: ich ersehne aber mit Ungeduld den Angenblick -> Augenblick
p. 237: Der Graf von Artois begab sich nach Ham -> Hamm
p. 238: verfehlte Willam nicht -> William
p. 238: diese einsweilen ausgezahlte Summe -> einstweilen
p. 245: [added period] mein Bruder, mein Ludovicus.
p. 250: General-Gouverneuers von Indien -> Gouverneurs
p. 265: besprochen worden von den Freuden -> Freunden
p. 270: malade imaginair -> malade imaginaire
p. 279: sprach Grfin Linden. -> Lynden.
p. 293: [normalized] auf Angs Leben einwirkte -> Angs' Leben
p. 293: [normalized] Es war Angs Hand -> Angs' Hand
p. 295: [fixed period] Schwester Windt's, entlud, -> entlud.
p. 295: [fixed comma] weder diesen. noch den anderen -> diesen, noch
p. 303: gegen die Batatavische Republik -> Batavische
p. 304: wenn du den Landesgesetzen gem dich hlst -> hltst
p. 304: Lassen Niemanden Rechenschaft schuldig -> Niemandem
p. 306: Cornelius van der Valk -> Valck
p. 312: der klein und spiebrgerlichen Klatschsucht -> klein- und
p. 314: [added closing quotes] freisinniger Frst, abgeschafft hat.
p. 315: Prinz Joseph Hollandiuns Herzog -> Hollandinus
p. 320: Dem Volke d'Hauptpoule's folgte -> Hautpoule
p. 321: 25000 Mann stark -> 25,000
p. 322: [extra comma] Schinken, Wrste, die -> Wrste die
p. 325: Ernst August von Grobrittannien und Windt -> Grobritannien
p. 326: [fixed period] Wunderbar! rief Ludwig! -> Ludwig.
p. 327: gebot seinem Diener zurckzureitten -> zurckzureiten
p. 332: [fixed question mark] ganz einsam zu werden. -> werden?
p. 343: Herr Kammerath Melchers also sind der Ansicht -> Kammerrath
p. 360: vormaliger Frstbischof von Strasburg -> Straburg
p. 368: [fixed period] und nicht glauben wollte, -> wollte.
p. 373: in dem Gedanken, das -> da
p. 374: sahe der Graf zu seiner Bestrzung -> sah
p. 380: gibt es jetzt [...] zu thun gegeben, bald -> zu thun, bald
p. 382: wer htte das gedacht -> Wer
p. 387: die Buchstaben L.C.V.d.V. eingegraben waren -> L.C.v.d.V.
p. 406: Hofdame in Sarkoe-Selo -> Sarskoe-Selo
p. 410: Als ich die Bder von Burton gebrauchte -> Buxton
p. 422: dachte er daran, entsiegelte, es las -> entsiegelte es, las
p. 423: [normalized] die Shne der Reichgrfin -> Reichsgrfin
p. 425: [added opening quotes] Dieser Gedanke schnitt mir wie
p. 429: er brachte keinen Strung -> keine
p. 429: Briefwechsel mit dem Pfarrer Vincentinus -> Vincentius
p. 434: Margarita Gardes eingegangener Gewisseensehe -> Gewissensehe
p. 437: Holstein-Sonderburg und Holsteinstein-Pln -> Holstein
p. 440: wazu des Hauses Hhe sich gut eignete -> wozu
p. 442: der Arolsharfe schwellendschwebende Accorde -> Aeolsharfe
p. 447: [normalized] von Coburg ber Rodoch kommende -> Rodach
p. 450: sequestrirte Oldenbnrg -> Oldenburg
p. 454: o trit wieder hinaus in die Welt -> tritt

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Bold:       =bold text=
Antiqua:    #text in Antiqua font#
Italics:    /Antiqua italics/

The ligature for "etc." has been replaced by etc. (p. 47, 397)]





End of the Project Gutenberg EBook of Der Dunkelgraf, by Ludwig Bechstein

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER DUNKELGRAF ***

***** This file should be named 24782-8.txt or 24782-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/2/4/7/8/24782/

Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file made
from scans of public domain material at Austrian Literature
Online.)


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
