The Project Gutenberg eBook, Indienfahrt, by Waldemar Bonsels


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Title: Indienfahrt


Author: Waldemar Bonsels



Release Date: January 20, 2008  [eBook #24377]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK INDIENFAHRT***


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WALDEMAR BONSELS

INDIENFAHRT







113. bis 123. Tausend

[Illustration: Verlags-Signet]

1920

Verlag der Literarischen Anstalt
Rtten & Loening
Frankfurt a. M.

Das Buch ist im Jahre 1912 entstanden.
Die erste Auflage erschien im Herbst 1916.
Alle Rechte, besonders das der bersetzung, vorbehalten.
Copyright 1916 by Literarische Anstalt Rtten & Loening, Frankfurt a. M.
Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
Die schwedische Ausgabe bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund.
Die finnische Ausgabe bei Werner Sderstrm Osakeyhti, Porvoo, Suomi.
Die hollndische Ausgabe im Verlag Patria, Amersfort.




                 INHALTSBERSICHT


     I. Von Panja, Elias und der Schlange          9
    II. Cannanore, die Fischer und das Meer       29
   III. Die Nacht mit Huc, dem Affen              47
    IV. Am Silbergrab des Watarpatnam             65
     V. Dschungelleute                            80
    VI. Im Fieber                                104
   VII. In den Bergen                            123
  VIII. Am Thron der Sonne                       137
    IX. Die Herrschaft des Tiers                 154
     X. Sumpftyrannen                            168
    XI. Mangalore                                189
   XII. Von Frauen, Heiligen und Brahminen       207
  XIII. Das letzte Feuer und der alte Geist      228
   XIV. Der Heimat zu                            246




Erstes Kapitel

Von Panja, Elias und der Schlange


Als ich in der gesegneten Provinz Malabar in der Stadt Cannanore anlangte,
fhrte mich der Hindu Rameni vor das Haus, das er mir fr die Zeit meines
Aufenthaltes vermieten wollte. Es war nach Art der europischen Huser
Indiens erbaut, einstckig, mit hohem berhngenden Dach und einer breiten
Veranda, die die ganze Front entlang lief. Ich erblickte es, nachdem wir
uns mit vereinten Krften durch den verwilderten Garten gearbeitet hatten.
Rameni sagte: Dies ist mein liebstes Besitztum auf Erden. Ich habe es
geschont und behtet, und seit sieben Jahren hat kein menschlicher Fu es
betreten. Sein letzter Bewohner war Sahib John Ditrey, ein englischer
Offizier von groer Macht, dem jeder Soldat Gehorsam leistete, der in seine
Nhe kam. Er war Tag fr Tag glcklich unter diesem Dach und wre es heute
noch, wenn die Regierung ihn und seine Leute nicht an einen anderen Ort
verschickt htte.

Ich betrachtete die groen, meist leeren Rume, in denen sich eine ppige
Vegetation entwickelt hatte und in denen eine Tierwelt ihr Dasein fristete,
deren Mannigfaltigkeit meine Erwartungen aufs hchste steigerte.

Alle diese Tiere sind arglos, sagte Rameni freundlich, sie werden sich
zum groen Teil wahrscheinlich zurckziehen, denn sie lieben die
Gesellschaft der Menschen nicht. Aber da du in Begleitung bist, Sahib,
einen Hund, einen Diener und einen Koch mitgebracht hast, wird dein Gemt
von keiner Einsamkeit zernagt werden. Ich gebe Hhner, wenn du willst...

Rameni beherrschte die englische Sprache in einem Mae, da ich fhlte, wie
meine Haare sich unter dem Korkhelm strubten.

Auch du bist ein Englnder, sagte er zu mir, als er eine lange Ruhmrede
auf Sir John Ditrey, den Offizier, beendet hatte.

Ich sagte ihm, da ich ein Deutscher sei, und er trstete mich.

Ich habe von diesem Land niemals gehrt, sagte er endlich, aber seine
Bewohner gelten als freigebig, und wahrscheinlich ist es reicher als das
britische Reich.

Da ich ihn verstand, fragte ich nach dem Preis, den er als Miete fr seine
Besitzung fordere. Er sprach darauf so eifrig von anderen Dingen, da meine
Befrchtungen an Raum gewannen. Endlich gelang es mir, ihn zu Gestndnissen
zu berreden, und er begann zu rechnen und addierte mit geheimnisvoller
Ergriffenheit die Verluste zusammen, die ihm in den sieben Jahren
entstanden waren, in denen sich kein Mieter gefunden hatte. Ich beobachtete
schweigend ein Volk weier Ameisen, das die Dielen des Fubodens und das
Mauerwerk auf das geschickteste zur Anlage ihrer Ortschaften untergraben
hatte. Ich werde euch nicht hindern, dachte ich, eure Reiche sollen unter
meiner Herrschaft zu ungeahnter Blte gelangen, und ich will euch ein
weiser Frst und treuer Gefhrte sein. Durch das Palmendickicht am Fenster
strahlte die Morgensonne, durch grne Schleier voll zackiger Ornamente. Das
unfaliche Bewutsein jenes Glcks, unter dem ich erzitterte, seit ich den
Boden Indiens betreten und zum erstenmal den Geruch, die Wrme und das
Licht dieses Landes eingesogen hatte, sank mir aufs neue ins Herz.

Frchte dich nicht, Sahib, sagte Rameni und zhlte an seinen krampfhaft
gespreizten Fingern, vor Zweifel, Hoffnung und Erwartung beinahe
fassungslos. Ich sprach von meinem Mut, und er hob die Hand zum zehnten
Male, um aufs neue die braunen, mageren Finger von rechts nach links
nebeneinander zu ordnen. Dann verga er alles und sprach hastig von der
Teuerung und den schlechten Reisernten. Jeder Kuli wird es dir
besttigen, rief er, soll ich einen rufen?

Wieviel forderst du? sagte ich streng. Ich habe von einem Haus am Meer
gehrt, das der Kollektor vor Jahren bewohnt haben soll, und das die
Regierung fr einen geringen Preis hergibt.

Rameni gab sich mit groer Anstrengung einen Ruck und teilte mir mit, da
das Haus im Jahre wohl einen Mietwert von hundert Rupien habe, fr die
verlorenen sieben Jahre wolle er mir nur den vierten Teil dieser Summe in
Rechnung stellen, unter der Bedingung, da ich ihm fr die drei kommenden
Jahre den vollen Preis vorauszahlte.

Als ich nickte, erblate er.

Sahib, stammelte er, verspottest du deinen Diener? Es ist wahr, ich habe
eine groe Forderung gemacht. Vergessen wir die sieben verderblichen Jahre,
ich werde die Schickung des Himmels verschmerzen, zumal sie vorbei ist.
Wenn du in der Tat drei Jahre vorausbezahlst, so werde ich dir so lange
dienen, als ich lebe.

Ich habe ber meine Bereitwilligkeit niemals Reue empfunden und obgleich
ich nur einige Monate in Cannanore geblieben bin, hat mein geringes Opfer
sich in der ausgiebigsten Weise belohnt, denn Rameni setzte seine ganze
Ehre ein, um die Beschmung gutzumachen, die ich ihm ohne meinen Willen
angetan hatte. Er sandte mir beinahe tglich Eier und Frchte, Fische oder
Geflgel und widersetzte sich keinem meiner Wnsche, die sich auf
Einrichtungen oder Vernderungen in Haus und Garten bezogen. Erst als er
nach Wochen bemerkte, da ich in einem Glaskasten eine lebende Kobra
unterhielt, zog er sich von mir zurck, ohne meine Schwelle noch einmal zu
betreten und ohne meine Hand noch einmal zu berhren. Er vermied es weniger
aus Furcht und, wie ich zuverlssig wei, nicht ohne Kummer, sondern weil
er es nicht mit seinen berzeugungen vereinigen konnte, eine Gottheit
gefangenzusetzen, um durch eine Glasscheibe zu beobachten, was sie tat.
Aber die Zeit unserer Gemeinschaft bis zu dieser Entdeckung gehrt zu den
liebenswrdigsten Erinnerungen meiner indischen Jahre.

Als mein Gepck auf einem Ochsenwagen vom Hafen herbeigeschafft worden war,
begann ich die bestgelegenen Zimmer fr die Nacht einzurichten, wobei mir
mein Diener Panja und der Koch zur Hand gingen. Panja warnte mich oft und
eindringlich, kannte mich damals aber schon gut genug, um zu wissen, da
gerade seine Befrchtungen nur zu hufig auf dasselbe hinausliefen, wie
meine Hoffnungen. Der Koch, ein Sohn aus den Bergen von Sdmaratta, der in
Bombay an den Umgang mit Europern gewhnt worden war, widerstand lngst
nicht mehr dem Bsen in mir. Allerdings war ich ihm gleichgltig; er tat
verschlossen und in stoischer Ruhe seine Pflicht, bestahl mich, wo er
konnte, und erwartete mit matt gesenkten Lidern meinen Untergang, den er
jedesmal voraussagte, wenn ich ihn ber einer Ungehrigkeit ertappte.
Trotzdem habe ich immer eine Neigung fr diesen eigensinnigen und auf seine
Art stolzen Mann empfunden, der es nicht ber sich brachte, sich vor den
Europern zu beugen, und der seinen Ha gegen die Fremden um der Liebe zu
seiner Heimat willen nhrte. Gegen Panjas gefgige Unterwrfigkeit, die
brigens keiner niedrigen Gesinnung entsprang, sondern einer kindlichen
Bewunderung fr den Glanz alles Fremden, hob sich der schweigsame
Widerstand dieses Mannes seltsam wrdig ab. Ich nannte ihn Pascha, weil ich
seinen Namen nicht behalten konnte. Das htte brigens niemand gekonnt.

Als ich auf die Veranda hinaustrat, um mich davon zu berzeugen, da im
Hause keine Scheibe heil war, hockte Panja auf einer Bcherkiste, rauchte
und zog meine Hngematte ber die Knie.

Sie ist berall zerrissen, sagte er, ohne aufzustehen, und ohne, wie er
es anfangs getan hatte, bei meinem Herannahen in grere Arbeitseile zu
verfallen. Sahib, das kommt davon, wenn du eine Hngematte zum Fischen im
Flu verwendest.

Es war ein ausgezeichneter Gedanke, entschuldigte ich mich. Aber Panja
antwortete nur: Du hast nichts gefangen.

Ich untersuchte die Fubden, die berall von den Ameisen untergraben
waren; die Steinfliesen und Bretter schaukelten fast alle, oder sanken tief
ein, wenn man darauf trat, ein Sodom und Gomorra dieses Volks vernichtend.

Wenn du sehen willst, was diese Tiere tun, sagte Panja spttisch, so
darfst du sie nicht stren. brigens sind Ratten im Haus, fgte er hinzu,
und vor dem Tor von Cannanore ist die Pest.

So mssen wir Katzen halten, entschlo ich mich. Morgen wirst du in die
Stadt gehen, um welche zu kaufen.

Panja sah mich mitleidig an: Wer wird eine Katze bezahlen? fragte er,
berall laufen sie herum. Auch in diesem Hause werden Katzen wohnen. Er
meinte die Moschuskatzen, eine kleinere Art, die mir in Malabar viel
begegnet ist, und die in fast keinem lteren Gebude fehlt. So beschlo ich
zu warten. Aber da die Ratte als Trgerin der Pest gilt und diese
furchtbare Seuche immer noch nicht erlosch, obgleich die eigentliche
Regenzeit lngst vorber war, handelte es sich darum, vorsichtig zu sein.
Meistens erlischt die Pest mit dem letzten Regen, zu Beginn des indischen
Frhlings, da ihr Bazillus nur im Feuchten fortkommt. Mit dem ersten Regen,
nach der heien Zeit, taucht sie aufs neue auf.

brigens knnte die Darstellung unseres Gesprchs ein falsches Bild meiner
Stellung zu Panja geben und der Stellung der Europer zu den dienenden
Klassen der Hindus berhaupt. Es ist wahr, da ich Panja, wie berhaupt
allen Leuten, die mir dienten, viel persnliche Freiheit lie, aber meine
Opfer an Autoritt oder gar an Selbstndigkeit wurden durch eine Gegengabe
bedankt, die ich immer hher eingeschtzt habe, als jede andere Darbietung,
und dieses Geschenk bestand in der freimtigen Offenheit des
Menschenwesens. Die Verwendbarkeit eines Menschen ist der geringste Teil
seiner Anlagen, die mir Interesse abntigen, und alle Unterwrfigkeit
verbindet sich mit Verstellung. Die Art, wie die Englnder die Hindus
behandeln, verschliet ihre Charaktere und unterdrckt ihr wahres Wesen,
wenngleich ich ohne Einwand zugebe, da solche Stellungnahme, wie die ihre,
das unerlliche Erfordernis zur Beherrschung des Landes ist. Aber ich bin
nicht nach Indien gereist, um es zu beherrschen.

brigens gab es auch zwischen Panja und mir erregte Szenen im Ringen um die
Oberhand des Einflusses. Fr gewhnlich endete solch ein Auftritt damit,
da ich diesen Sklaven niederschlug. Nun waren allerdings mein Schlag und
sein Niedersinken zwei Erscheinungen, die in keinerlei Beziehung zueinander
standen, denn hufig brach er schon zusammen, bevor meine Hand ihn erreicht
hatte, und im schlimmsten Falle wute er sich fr gewhnlich immer noch auf
eine Art zu wenden oder zu schtzen, die kaum mehr als eine Deformierung
seines Turbans oder seiner gelten Haarfrisur zulie. Trotzdem brach er
jedesmal zusammen, wlzte sich von einer Ecke des Zimmers in die andere,
beklagte heulend meine Undankbarkeit und die Folgen seiner Treue. Aber ehe
der Abend hereinbrach, sorgte er doch dafr, da die Last solcher
Verschuldung gegen ihn mir nicht die Nachtruhe raubte.

Sahib, sagte er und pflanzte sich kerzengerade vor mir auf, wobei ein
Stolz und eine Menschenwrde seine Zge verklrten, die in der Tat mein
Herz mit Dankbarkeit erfllten. Aber er schien nicht zu wissen, wem er
beide verdankte. Sahib, wie konntest du dich so vergessen? Sein Gesicht
trug einen Ausdruck so ehrlicher Traurigkeit, da ich alles eher vermocht
htte, als an ihr zu zweifeln. Ich erklrte ihm bescheiden den Umfang
seines Vergehens und die Bedeutung der Folgen, aber in solchen Fllen
verstand er nicht gengend englisch, um mich zu verstehen.

Deine Studien in Hindustani machen keine Fortschritte, meinte er dann
etwa betrbt, und wir beide waren froh, ein Gebiet gefunden zu haben, das
uns wieder auf die Strae unseres gewhnlichen Verkehrs brachte. Es kamen
dann Zeiten eines glcklichen Wandels und schnster Gemeinschaft, in denen
Panjas Selbstentuerung so weit ging, da er sogar meinen Whisky
unverdnnt auf den Tisch brachte, und ich daher genau nachprfen konnte,
wieviel er aus der Flasche gestohlen hatte.

Ich war damals im zehnten Monat in Indien, und auer Panja und Pascha war
noch ein prchtiger Hund die ganze Zeit hindurch mein treuer Begleiter
gewesen. Er hie Elias und hatte eben sein erstes Lebensjahr vollendet, so
da mir vergnnt gewesen war, seine Erziehung selbst zu leiten und seine
Entwicklung zu berwachen. Leider ist es bei den Hunden so bestellt, da
man bei einem zwei Monate alten Tierchen sehr schwer in der Lage ist, ber
seine Abstammung und seine endgltige Ausgestaltung irgend etwas mit
Bestimmtheit auszusagen. Aber ich habe immer eine besondere Neigung fr
solche Menschen empfunden, die allen Erscheinungen und Personen die besten
Seiten abzugewinnen wissen und ihre eigenen Tugenden in andere so lange
hineinlegen, bis sie eines Schlechteren belehrt werden. Und in der
Nacheiferung solcher Charaktere ist es mir gelungen, in Elias das Muster
eines vortrefflichen Tieres zu erblicken. Ich mchte bei der Aufzhlung
seiner Vorzge nicht in Dingen seiner ueren Erscheinung steckenbleiben,
zumal nicht abzusehen ist, ob sich im Laufe der Zeit nicht noch das eine
oder andere bei ihm verndern wird, aber sicher ist, da er einen gesunden
Appetit und einen gesunden Schlaf hat. Er ist auerordentlich vorsichtig
und begibt sich niemals in Gefahr, auch fllt er keine Fremden an und
unterdrckt seine Wachsamkeit aufs uerste, was mir um so willkommener
ist, als ich oft in aufreibende geistige Arbeit verstrickt bin, bei der
jedes Gebell mich stren wrde. Seine Anhnglichkeit ist so gro, da er
sie auf alle Menschen erstreckt, die ihm begegnen, und besonders mu man,
ohne das Vorurteil einer selbstschtigen Hoffnung, den auerordentlichen
Eigensinn seines Willens rhmen, der die Grundlage des echten Charakters
ist. Elias lt sich weder durch Drohungen noch durch Versprechungen dazu
bringen, die Wnsche anderer, oder die meinen, zu beachten. Er verunreinigt
weder den Garten noch die Strae und nimmt uns auch, was seine Ftterung
betrifft, jede Mhe ab, die durch Herzutragen von Nahrung entsteht.

Leider ist es mir bisher nicht gelungen, zwischen ihm und Panja ein
ertrgliches Verhltnis herzustellen. Wahrscheinlich lt Panja sich als
Orientale in seinen herkmmlichen Begriffen vom Wesen des Hundes gehen,
sicher ist, da ihm jedes tiefere Verstndnis fr Rasse abgeht.

Sahib, was ziehst du fr ein Schwein ins Haus? rief er, als ich damals
den eben erworbenen Elias heimbrachte.

Er ist bestaubt, und die Schnur hat sich am Hals zugezogen, sagte ich,
warte, bis er gewaschen ist.

Willst du ihn waschen? fragte Panja und verschlang abwechselnd mich und
Elias mit bergroen Augen.

Es ist ein vorzglich veranlagtes Tier, das uns gute Dienste leisten
wird, versicherte ich etwas enttuscht von dem Empfang, den uns Panja
bereitete, und mit einem nachdenklichen Blick auf Elias, der die
Trschwelle bekmpfte und in seinem hilflosen Eifer einen entzckenden
Anblick unschuldiger Tatkraft bot.

Wenn nicht alle Samenkrner, die ich in Elias' junge Seele legte, zu
gedeihlicher Entfaltung erblht sind, so ist sicher Panja schuld daran, der
seine herabwrdigende Meinung ber dieses Tier niemals bekmpft hat. Nach
meiner berzeugung verdankt alle pdagogische Einwirkung auf ein
unerwachtes Gemt ihren Erfolg der gemeinsamen Mhe aller Hausgenossen.
Solange Elias keinen Rckhalt an Panja hat, und Panja Elias zur Quelle
allen bels macht, werde ich kaum an einem von ihnen die volle Freude
erleben, die ich mir versprochen habe.

                  *       *       *       *       *

Der Abend berraschte uns nach diesem ersten Tag in Cannanore. Panja
stberte in den Kisten umher, um Kerzen zu finden, und warf alles
durcheinander, um Ordnung zu schaffen. Die Moskitoschleier fr mein Lager
befanden sich in der grten Kiste zu unterst, da Panja sie bei unserm
Aufbruch naturgem zuerst abgenommen und damit auch am tiefsten vergraben
hatte.

Ich sa noch lange, nachdem Panja schlief, auf der Veranda meines neuen
Hauses und wartete auf den Mond und auf die Khle. Aus den unbeweglichen
Vorhngen der Bume, Bsche und Pflanzen des Gartens zog ein schwler Hauch
voll betubender Gerche, alles blhte, und eine leidenschaftliche
Lebensflle drngte sich auf mich ein, um den Weg in mein Blut zu finden.
berall entzndete der gewaltige, stille Drang zu berschwenglichem Keimen
die von den Grillen schallende Luft, die so ruhig war, da die Flamme
meiner Kerze nur wie in der Bedrngnis der bersttigten Luft zitterte,
ohne zu flackern. Aus den Palmwaldungen, irgendwoher aus der Ferne hinter
dem Garten, klangen die Blasinstrumente der Hindus aus einem Tempelhof,
untermischt mit einfrmigem blechernem Klirren. Man merkte dem begleitenden
Gesang die zunehmende Trunkenheit der priesterlichen Snger an.

Wenn ich die Augen schlo, berwltigte mich bei dieser Musik ein Bild aus
meiner frhesten Kindheit. Ich erinnerte mich, da ich einmal durch ein
seltsames Klingen, dem ich nichts von allem Bekannten zu vergleichen
vermochte, aus dem elterlichen Garten auf die Landstrae gelockt wurde. Es
schallte fernher, von dort, wo die Chaussee-Linden, die sich beim Dorf
einander zu nhern schienen, alles in geheimnisvolle Schatten hllten, und
ich lief hinaus in die Sonne, die Gartentr blieb hinter mir offen, und ich
verga das Verbot meiner Mutter. Vor einem Bauernhof fand ich im Kranz
einer hellhaarigen Schar von Dorfkindern zwei groe, traurige Mnner unter
einem Baum stehen, mit schwarzen Brten und in langen Mnteln. Sie bliesen
diese schreiende Musik auf grauen Scken und berwltigten mein Herz zum
ersten und grten Ereignis meiner Kindheit. Ich wei deutlich, da ich wie
in einem Taumel des Bluts Halt suchte, um nicht zur Erde zu sinken. Heute
begreife ich, da seit jener Stunde die Ahnung einer schmerzlichen
Ruhlosigkeit in meiner Seele wach geworden ist, und da der erste Blick
meines Geschicks mich segnete. Immer noch gehen die Wnsche meiner Seele
dieser tierhaften Klage voll ungestmer Lustbegier wie im Banne einer
Erlserhoffnung nach. Sie tauschen mir das Nahe und Vertraute gegen das
Fremde und Ungewisse ein, das Haus gegen die Strae und die Heimat gegen
die Welt.--

Als ich die Augen ffnete, sa ein groer brauner Nachtfalter auf dem
kupfernen Griff des Leuchters und sah bestrzt und hilflos in das unfabare
Licht. Nach einer Weile begann er langsam die Flgel zu heben und zu
senken, und seine Augen voller Angst und unbeweglicher Schwrze fllten
sich mit dem Lichtwesen des heiligen Feuers. Die Luft trug seine starken
Flgel leicht, diese Luft, die so schwer in meine Brust einzog und so
ermdend auf ihr lastete. Ich bemerkte erst jetzt, da die Veranda sich
bevlkert hatte, und da ein beflgeltes Geschlecht nchtlicher Vagabunden
bei mir zu Gast gekommen war. Alles drang auf geheimnisvolle Art aus dieser
grnen Mauer hervor, die mich und mein Haus einschlo. Der Mond mute
hinter ihr aufgegangen sein, denn ich unterschied in der warmen
Pflanzenwand nun hellere und dunklere Flecke, die Ornamente der
Palmenfcher und die gewaltigen Formen der Bananenbltter, die wie die
Keulen schlafender Riesen emporragten, oder gebrochen, wie zerrissene Hute
niederhingen. Den Himmel konnte ich nicht sehen. Da lschte ich mein Licht
aus, und eine matte, magische Dmmerung erhob sich lautlos um mich her, als
sei die Welt durch ein grnes Glasmeer vom Licht getrennt.--

                  *       *       *       *       *

Von allem, was dem Menschen gegeben ist, sind seine Gedanken das
Herrlichste. Und die Nachtgeborenen, die auf ihrer Reise ber die Erde das
unvergngliche Licht erstreben, werden in der Nacht am lebendigsten, als
erwachten sie im Dunkeln, wie in heimlicher Angst, zu verdoppelter
Tatkraft. Ihnen ist nichts verschlossen, der Weg in die Zukunft ist ihnen
so frei, wie der in die Vergangenheit, und sie dringen in die Geheimnisse
der versunkenen Geschlechter ein, in die Kelche der Blumen und in den
Schlafraum der Geliebten. Die kleinen Dinge des Alltags, mit denen sie sich
beschftigen, nehmen ihnen die Schwungkraft nicht, das Wesen Gottes zu
ermessen. Ihr Triumph liegt im Grenzenlosen, und ihr unbewutes Ziel ist
die Ewigkeit. Je strker sie sind, um so mehr streben sie die Ordnung an,
die Schwester der Erkenntnis, und es ist ihre irdische Arbeit, die
Zusammenhnge zwischen den versunkenen und den gegenwrtigen Geistern zu
finden.

Whrend ich so meinen Besinnungen freie Fahrt lie, hrte ich merkwrdige
Gerusche aus dem Hause dringen, bald war es ein Scharren oder Pochen, bald
rieselte es von den Wnden, oder knisterte im Geblk. Manchmal unterschied
ich Tierstimmen, seltsam klagende Laute des Kampfes oder der Liebe. Es war
schwer zu unterscheiden, ob die Laute von auen oder von innen zu mir
drangen, aber ich entzndete nach kurzer Zeit mein Licht aufs neue, um den
Ungewiheiten der nchtlichen Dmmerung zu entgehen. Als ich aufbrach, um
mich zur Ruhe zu begeben, war der Mond voll aufgegangen; es lockte mich,
den beschienenen Garten zu betreten, aber die damit verbundenen Gefahren
waren auf einem fremden und seit langem von Menschen verlassenen Gebiete zu
gro.

Im Hausgang schlief Panja auf seiner Kokosmatte am Boden, und sein
Schnarchen beruhigte mich als der einzige vertraute Laut in dieser
Abgeschiedenheit. Im Hintergrund flchtete ein niedriger Schatten lautlos
in eine der geffneten Tren der Gartenzimmer. Ich erwog es, ihm
nachzugehen, unterlie es aber. Elias lag auf meinem Bett, als ich eintrat.

Die Holzstbe an den Fenstern waren morsch und teilweise zerbrochen,
Scheiben waren nicht mehr vorhanden. Auch hier verhllte die
undurchdringliche Pflanzenwand den Ausblick ins Freie und den Zuzug
frischerer Luft. Der Bltenduft im Raum war berauschend, bald giftig, bald
s, die Dfte erschienen mir schwer und greifbar, whrend der Gesang der
Grillen betubend im Mondlicht zunahm.

Ich untersuchte meine Schuwaffe, obgleich ich wute, da sie in Ordnung
war, und rckte mein Lager weit vom Fenster ab. Es stand mir schwer bevor,
Elias wecken zu mssen, denn es war mir bekannt, da ihn jede Strung aufs
tiefste verletzte, und fr diese unsichere Nacht wollte ich meinen einzigen
Gefhrten ungern verstimmen. Aber er knurrte nur unwillig und schlief am
Boden weiter, ohne recht erwacht zu sein. Da ich gezwungen war, das Licht
bald zu lschen, weil seine Anziehungskraft auf die Insektenwelt zu gro
ist, lag ich bald unter den Gazevorhngen im grnlichen Dmmerlicht und
versuchte einzuschlafen.

Drauen wurde es von Viertelstunde zu Viertelstunde lauter und
leidenschaftlicher; die Lebendigkeit des fremden Getiers teilte sich meinem
Blut in aufreizender Art mit, und ich fhlte den Augenblick herannahen, in
welchem man die letzte Hoffnung auf Schlaf fahren lt. Meine Gedanken
beschftigten sich mit den vielerlei Vernderungen und Einrichtungen, die
fr einen dauernden Aufenthalt in diesem Hause notwendig waren. Solche
Erwgungen verstimmten mich, wie leicht gleichgltige Dinge es tun, die mit
einem Augenblickszwang an Stelle guter und harmonischer Besinnungen treten.
Aber allmhlich umfaten meine Gedanken die Gegenstnde nicht mehr, mit
denen sie sich abgaben, die Umrisse verwischten sich, ich hatte unter den
geschlossenen Lidern noch den unbestimmten Eindruck, als ob es im Zimmer
heller geworden sei, und das Grillengeschrei verschwamm zu einem schwlen,
drckenden Luftmeer, in dem ich leblos dahintrieb. Ich versank in Schlaf
wie in einen Opiumrausch.

Ein weiches Gedrng an meiner Seite lie mich auffahren, erstarrt blieb ich
in der Haltung liegen, in die mich mein Erwachen gestrzt hatte, bis ich
Elias erkannte, der sich mitsamt dem Moskitoschleier unter meine Decke
verkrochen hatte. Wre nicht ein schrecklicher Lrm im Zimmer strker als
mein Zorn gewesen, so htte ich sicher meinem unschuldigen Hunde eine ganz
neue Art des Luftsprungs beigebracht, aber mein Instinkt sagte mir rasch,
da das uerste Entsetzen Elias zu seinem Vorgehen veranlat hatte, er
zitterte heftig, und sein Winseln glich den Lauten der Todesangst. So lie
ich ihn gewhren, drckte ihn an mich und forschte nach der Ursache des
eigentmlichen Lrms, der meinen Schlafraum fllte.

Es war fast hell im Zimmer, da der Mond nun so hoch am Himmel stand, da
seine Strahlen durch die Palmenwipfel den Weg ins Haus fanden, aber die
Lichtflecke am Boden und die blassen Streifen in der Luft verwirrten mein
Auge anfnglich, bis ich erkannte, da der Fuboden von einer erregten
Schar groer Ratten wimmelte, die sich wie zu einem Angriff an der einen
Seite des Raums gesammelt hatten. Ihnen gegenber kauerte in der Ecke eine
Katzenfamilie, kleinere, langhaarige Tiere mit ihren Jungen, und zwischen
den beiden Parteien lagen gettete Ratten, einige verwundete schleiften
sich mhsam unter klglichem Piepen voran, einen Blutstreifen hinter sich
zurcklassend. Es war deutlich erkennbar, da die Katzen-- ich zhlte
derer ohne die Jungen etwa vier oder fnf-- sich im Zustande hchster
Angst und uerster Bedrngtheit befanden. Sie kmpften einen
Verzweiflungskampf gegen die bermacht der Ratten. Ihr drohendes Fauchen
und Miauen hatte etwas, selbst berlegene Gegner, auerordentlich
Einschchterndes, und ihre Gebrden erinnerten mich an die eines gereizten
Panthers. Es schien eine alte Feindschaft zu sein, die seit langem im
Bereich dieses Hauses herrschte, und die in dieser Nacht vielleicht zum
soundsovielten Male blutig ausbrach. Es mag einmal anders gewesen sein,
vielleicht herrschte vorzeiten das Geschlecht der Katzen ohne Einschrnkung
und als tyrannischer Unterdrcker der Ratten, bis diese zu jener
berlegenheit gelangt waren, die mir jetzt ber jeden Zweifel erhaben
schien.

Die Ratten rckten langsam und mit widerwrtigen Lauten des Zorns und der
Blutgier heran. Das magische Licht und der fast leere Raum, dessen Ecken in
Dmmerung gehllt waren, verschob meinen Sinnen auf eigenartige Weise die
Verhltnisse von Gre und Weite, es kam mir vor, als rckten dunkle
Ungeheuer zum Kampfe gegeneinander heran, ich selber war kleiner als sie,
auf einem weit entfernten Berg.

Als die erste Katze, wie es mir erschien, ein alter und erfahrener Kater,
zur Verteidigung mit einem langen, flachen Satz vorsprang, erschreckte und
begeisterte mich die Wildheit seiner Bewegung. Der Kater verlie sich im
Kampfe weniger auf sein Gebi, als vielmehr auf seine Pranken, die mit
zher Geschmeidigkeit und tdlicher Sicherheit dreinhieben. Die Ratten
stoben anfangs auseinander, als er mitten unter sie sprang, nur eine, die
von seiner Tatze getroffen worden war, wand sich schreiend neben ihm am
Boden, ohne da er sie vollends ttete, oder auch nur noch beachtete. Seine
glhenden Augen, dicht ber dem Boden, waren auf die aufs neue
heranrckenden Gegner gerichtet. Sie kamen langsam und mit hlichem
Kreischen nher, aus welchem sowohl Todesangst als auch uerste Kampfeswut
klangen, aber ein erneuter Sprung des Katers mitten unter sie hatte nicht
mehr die gleiche Wirkung, wie der erste. Die diesmal getroffene Ratte hatte
sich offenbar an seiner Lippe festgebissen, jedenfalls schlug das Tier, von
seinen Schmerzen wie von Sinnen, mit ungeheurer Wut planlos um sich, sprang
hoch empor und wlzte sich am Boden, whrend immer die eine Ratte, schon
fast zerfleischt und in Strmen blutend, an seinem Maule festgebissen hing
und hin und her geschlenkert wurde, hinauf und hinab. Und whrend ich, von
Grauen fast atemlos, sah, da die unheimlichen schattenhaften Gefhrten der
geopferten ersten sich von allen Seiten in der kmpfenden Katze
festbissen, beobachtete ich sogleich, wie hart an der Wand eine andere
Rattenschar gegen die in der Ecke zusammengedrngten Katzen vorrckte. Sie
glitten, eng aneinandergedrngt, wie ein langsamer Schatten dahin, und das
furchtbare Geschrei des sterbenden Katers mitten im Zimmer begleitete ihren
gespenstigen Zug wie eine greuliche, herausfordernde Kampfesmusik.

Pltzlich, wie auf einen heimlichen Zuruf hin, strzte der herannahende
Schatten blitzschnell auf die zusammengekauerten Katzen, und es entspann
sich ein zweiter, nicht weniger erhitzter Kampf im Dunkel, der mich um so
mehr entsetzte, als ich keine Einzelheiten zu erkennen vermochte.

Ein winziges, junges Ktzchen von zrtlichster Anmut flchtete betroffen,
und scheinbar die Gefahr kaum ahnend, mit zierlichen Stzen ins Licht. Zwei
rasche Schatten folgten ihm, man sah keine Bewegungen an ihnen als einzig
die des Dahingleitens, und in wenig Augenblicken war das Tierchen zerfetzt.
Auf den kurzen, jammervollen Angstschrei arbeitete sich die Mutter mit
verzweifelten Anstrengungen zur Hilfe heran, und zu meinem Entsetzen sah
ich die schauerlichen Nachtgesellen in ihren Leib verbissen, und sie
schleppte, vor Schmerzen heulend, wie ich niemals eine Katze habe klagen
hren, ihre blutdrstigen Mrder mit sich, ohne ihrem Kinde Hilfe bringen
zu knnen.

Wre dieser Kampf nicht gleich darauf auf eine entscheidende Art
unterbrochen worden, so htte ich sicher eingegriffen, um ihn endlich zu
beenden. Ich habe mich spter oft gefragt, was mich daran gehindert haben
mochte, es gleich zu tun. Dem Menschengemt haftet ein sonderbarer Hang an,
kmpfenden Tieren zuzuschauen, und der wollstige Genu an solch erregenden
Schauspielen ist nicht nur verwerflicher Art, sondern er mu auch eine
Achtung vor den selbstttigen Bewegungen der Natur zur Grundlage haben und
ein heimliches Bewutsein fr die Wahrheit, da der Mensch ihrem Walten
weder etwas nehmen noch hinzufgen kann. Ich entsinne mich, da ich schon
als Kind einem Hahnenkampf mit Freude und Genugtuung zuschaute, und da ich
sein Ende mit dem erhebenden Gefhl einer Bewunderung und ohne Beschmung
erwartete. So habe ich als Knabe auch nur schwer begreifen knnen, da die
Menschen Hunde zu trennen suchten, die in eine Beierei geraten waren, und
obgleich einem reizenden Affenpinscher, den ich mein eigen nannte und dem
ich aufrichtig zugetan war, von einem Wolfshund die Kehle durchbissen
wurde, wei ich doch gut, da ich trotz meines Schmerzes dem bsen Sieger
mit einer Ergriffenheit nachschaute, die geradezu an Anbetung grenzte und
die mit heftigem Neid auf seinen Lorbeer gemischt war.

In jenem Augenblick nun, als ich, von Entsetzen und Mitleid gepeinigt, in
den blutigen Kampf der Tiere einzugreifen beschlo und vorsichtig nach
meiner Schuwaffe tastete, im voraus mit heimlicher Genugtuung die
furchtbare Wirkung ermessend, die das Krachen eines Schusses auf dem
nchtlichen Schlachtfeld hervorrufen wrde, erklang aus dem dunklen Winkel
des Raumes, hinter mir, ein Laut, dessen gebieterische Macht strker war,
als der feurige Donner aus dem eisernen Mund meiner Waffe. Es war ein
leises Zischen, das man auch ein trbes Fauchen htte nennen knnen und das
den seltsamen und etwas lcherlichen Lauten zu vergleichen war, mit denen
bisweilen Gnse mit gesenktem Kopf gegen einen Gegner vorzugehen pflegen.
Aber die Wirkung dieser klanglosen und widerlich eindringlichen Stimme war
alles andere als lcherlich, sie war von einer geradezu grauenhaften Macht.
Ich fhlte mein Blut in den Adern gerinnen, und die Totenstille, die im
Raume eingetreten war, erhhte den Schauer meines Entsetzens zu einer
todesartigen Erstarrung. Es war so still, da ich mein gehemmtes Blut in
den Ohren sausen hrte, bis langsam, ganz langsam mein Herz jenes
furchtbare, dumpfe Hmmern begann, unter dem der Atem stockt und ein
schmerzhaftes Gefhl des Erstickens einsetzt. Ich sah die Tiere wie dunkle,
reglose Flecke am Boden, selbst das Todesgeschrei der Verwundeten
verstummte fr eine Weile, nur eine groe Ratte, deren Leib vllig
aufgerissen war, kreiste in einer Lache ihres Blutes am Boden, in ihr
Eingeweide verwickelt, mitten im Mond, und ihr heiseres Piepen hatte in
Gemeinschaft mit ihrem scheulichen Reigen eine fast komische Wirkung
unbeteiligten und ahnungslosen Eifers.

  Die Schlange hat gesprochen, unter den heien Steinen,
  ihr tauber Gesang schttet das Herz in Schnee,
  aus ihrer Stimme brechen die Augen des Todes
  wie aus den Berggefilden des ewigen Schnees.

Ich hatte diese Verse in Maratta von einem Fakir gehrt und sie mir spter
geben lassen, wobei ich erfuhr, da sie alter Herkunft sind und einem viel
gesungenen Liede der Bergvlker der West-Gates entstammen. Nun dachte ich
in diesem Augenblick zwar nicht an sie, sondern die Verse schienen an mich
zu denken, sie bemchtigten sich meiner in dieser schrecklichen Lage, und
mir geschah aufs neue das ergreifende Wunder jener erhabenen Gelassenheit,
die, in Augenblicken der Angst, wie eine hhere und unbeteiligte Gewalt
ber uns hereinbrechen kann.

Darber sah ich eine groe Schlange herangleiten, ihr schmaler Kopf war
wohl eine Handbreit ber dem Erdboden erhoben, und als er ins Licht kam,
sah ich die feine Zunge eifrig spielen. Es erschien mir, als lchelte das
Tier.

Unter meinen Augen begann nun das grausame Spiel der Schlange, das alle
Vlker auf Erden kennen und rhmen oder verfluchen. Keinem anderen Tiere
ist die geheimnisvolle Macht dieser Wirkung verliehen, die lautlos,
unerklrbar, und wie aus einer unterirdischen Welt des Bsen stammend,
daherkommt. Kraft und Mut, oder gute Waffen und khner Sinn bringen ihrer
Herrschaft nur selten Gefahr, denn sie hat neben vielen magischen Mitteln
jenes furchtbare in ihrer Begleitschaft, das auch den Helden wehrlos macht,
den Ekel. Aber neben ihm und vielem anderen, das ihr Wesen enthlt,
erstrahlt jener dmonische Abglanz aus ihren Regungen, der uns wie eine
alte Erinnerung an den bestndigen Triumph des Bsen anmutet. So ist ihr
listiges Schleichen mit Weihe gepaart, ihre Schnheit mit Verstecktheit und
ihre Macht mit Niedrigkeit. Alle Eigenschaften, welche dem Starken Freimut
verleihen, verbindet sie, wie in einer heimlichen Genugtuung eigenntziger
Bosheit, mit Falsch. Die Elemente von Wasser, Erde und Luft scheinen bei
den Bewegungen dieses Krpers ihre unterscheidende Eigenart einzuben,
denn der Gang der Schlange ist dem keines anderen Lebewesens zu
vergleichen; in ihm ist das einfltige Rieseln des Wassers mit den
Beschwrungen der Magier verbunden.

Die Schlange umkreiste eine verwundete Ratte, die noch lebte, fuhr aus
ihrem verschlafenen Tanz, der alle Wesen bannt, jhlings zu und begann das
erbeutete Tier zu verschlingen. Ihre Sorglosigkeit und die berlegene
Sicherheit ihres Tuns erregte meine Bewunderung in hohem Mae, es war, als
wre sie sich keiner Feindschaft bewut, die ihr etwas anzuhaben vermchte.
Das Zimmer blieb still, nur von der Decke rieselte bisweilen ein feiner
Staub, und die zackigen Lichtornamente am Boden rckten langsam beiseit.
Die Erde kreist, dachte ich, mit mir, mit dieser Ruberin, mit den kleinen
Sterbenden und Toten dieses Raumes und mit allen, von denen ich durch ein
unendliches Meer getrennt bin. Drauen schnarchte Panja, und Elias war an
meinem Rcken eingeschlafen. So nahm ich vorsichtig vom Kofferrand eine
der groen indischen Landzigarren, die braun wie Torf und feucht wie Erde
sind, zndete sie an und wartete auf den Morgen. Meine Gedanken zogen mit
den Rauchwolken in die grnliche Dmmerung, und ihr Gegenstand war das
Leben der Menschen und Tiere auf der merkwrdigen Erde.




Zweites Kapitel

Cannanore, die Fischer und das Meer


Ehe die Morgendmmerung hereinbrach, trieb es mich hinaus, um den stillen
Kampf der roten Morgensonne mit dem grnlichen Silberlicht des Mondes zu
sehen. Oft sah ich die einsamen, hohen Palmen am Meer auf der einen Seite
in rote Glut getaucht, whrend die andere noch die silbernen Wahrzeichen
des Mondlichts trug, aus dessen kaltem Leuchten sie langsam im Morgenwind
zu erwachen schienen. In solcher Licht- und Farbenpracht standen sie gegen
das bewegte Meer, dessen Stimmen den heraufeilenden Tag begrten.

Aber ich sollte diesen Morgen nicht zur Freude des herrlichen Anblicks
gelangen, denn Panja hatte mit mir zu verhandeln.

Sahib, rief er, als ich um Wasser bat, was ist dies fr ein Haus, in
welches du eingezogen bist!

Ich begann es zu beschreiben, aber er unterbrach mich mitleidig.

Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht! rief er, und die
herausfordernde Traurigkeit seiner Augen grenzte geradezu an Miachtung.

Sieh, Panja, sagte ich so freundlich, als es mir mglich war, ich
brauche nun Wasser, bedenke die Sitten meines Landes.

Da fhrte mich Panja durch den Garten, ohne noch etwas zu sagen, denn er
verzweifelte offenbar daran, mich anders als durch Tatsachen von der
Ungerechtigkeit meiner Forderung zu berzeugen.

Die ganze Frische des indischen Frhlingsmorgens umfing uns. Alle Blten
strmten von Tau ber, ihre Farben leuchteten im ersten Licht, so da meine
Augen das Entzcken dieser Pracht nicht zu fassen vermochten, und der
Geruch von Nsse, Erde und tausend aufbrechenden Blumen lie mich taumeln
vor Glck. Auch ber Panja kam dieser Rausch, als risse das irdische
Lebensheimweh der Blhenden seine Seele, wie auch die meine, mit sich
empor. Er hob die braune Nase in die Luft, lchelte breit in einfltigem
Behagen und sah sich nach mir um. Mit allen Sinnen sog er die Frische und
das Licht ein, und sein dunkler, nackter Krper glnzte von Tau.

Als wir am Ende des Gartens, dicht beim Palmendickicht, an der Zisterne
anlangten, erblickte ich anfnglich nichts als eine turmartige Wildnis von
Schlinggewchsen, und erst als Panja die Ranken zerteilte, gewahrte ich die
zum Wasserspiegel niederfhrende Treppe, die wie in eine unterirdische
Hhle hinabging. Die zerbrckelten Steinquadern in der Dmmerung waren von
seltsamen Moosen bergrnt und fast ganz bedeckt, ein khler Modergeruch
kam mir entgegen, und Panja, der den Eifer seiner Entrstung vergessen zu
haben schien, warnte mich mit einem geflsterten Wort und sah fast
ehrfrchtig drein. Sein braunes Gesicht unter dem weien Turban schaute aus
einer Wolke halboffener, roter Blten hervor, die so gro wie Kinderkpfe
waren. Ein Falter, wie aus blauem Samt, erhob sich schlfrig aus ihrem
Ampellicht und zog lautlos davon, in die Pflanzenwildnis hinein.

Du darfst nicht hinabsteigen, sagte Panja, berall hockt der Tod im
halben Licht, hierhin geht er aus dem Tag der Menschen; tritt zurck. Ich
habe das Wasser gesehen, es ist grn wie sterbendes Laub und von Pflanzen
bedeckt, es trgt Blumen, die niemals ein Sonnenstrahl getroffen hat und
die deshalb giftig sind, wie die Schlange und das Fieber, die bei ihnen
wohnen. Dann besann er sich pltzlich, seine kindlichen Augen verloren
ihren andchtigen Ernst und er sagte mit gerunzelter Stirn:

Solch ein Haus mietest du! Wie lange willst du hier bleiben? Wir reisen
nach Bitschapur zurck, ich werde alles in die Koffer stecken.

Auf dem Rckwege trafen wir Pascha, den Koch, der ber die Strae kam und
auf das Haus zuging. Einen roten Tonkrug mit Wasser auf der Schulter,
schritt er durch die Sonne, die inzwischen aufgegangen war. Aus dem Hause
drang Holzfeuergeruch. Pascha grte mich mit der freien Hand und schritt
stumm an mir vorber. Mir war zumute, als sei er stolz auf sein Land und
auf seine Pflicht, gnnte mir das erste nicht und tte das zweite um seiner
selbst willen. In seinen groen, samtartigen Augen, unter den langen
Wimpern, verbarg sich sein Verlangen nach den Bergen. Seine mnnliche
Gestalt entzckte mich, ich empfand pltzlich den Namen, den ich ihm
zugelegt hatte, als lcherlich und wnschte mir, den seinen zu wissen, nur
um ihn vor mich hinsagen zu knnen, diesen fremdartigen Namen seines
fremden Geschlechts aus den Bergen. Mich ergriff aufs neue jene sonderbare
Traurigkeit, die mich in Indien nie verlassen hat, und die dem menschlichen
Herzen, allem Unerforschbaren gegenber, eigentmlich ist.

Panjas empfindsamer Sinn fr alle meine Regungen, die sein Interessengebiet
berhrten, ahnte auf seine Weise, da Paschas wortlose Ttigkeit mir
wohlgefiel. Er sagte:

Diese Hunde aus den Felsspalten haben eine Sprnase fr alles Geniebare.
Er wird aber vergessen, das Wasser zu kochen, und morgen hast du Fieber,
Sahib. Ich werde also nach dem Rechten sehen.

Er ging ins Haus, und gleich darauf hrte ich Elias klagen. Die
Sonnenstrahlen wrmten bereits sprbar, obgleich ihr Licht noch rtlich
war. Der Garten dampfte, und Vogelstimmen, mit den ersten Lauten der
ausschwirrenden Insekten gepaart, drangen aus der nebligen Morgenschwle
des Dickichts. Ich verlie den grenden Garten und betrat den rtlichen
Sandweg, der unter uralten wilden Feigenbumen breit dahinfhrte, auf
Cannanore zu, in freierer Luft. Mein Haus lag etwa in der Mitte zwischen
der Stadt und dem Meere; um die eine oder das andere zu erreichen, mochte
etwa eine Viertelstunde Wegs zu gehen sein. So entschlo ich mich, die
Stadt zu einem kurzen Besuche zu betreten, whrend Pascha den Tee
bereitete.

Der breite Weg war fast leer, ber Cannanore lag ein blulicher
Holzfeuerrauch, der aus den Palmen stieg, die Ortschaft war ganz von ihnen
verborgen, wie die meisten Stdte und Drfer der fruchtbaren malabarischen
Kste. Es war so still umher, da ich das Rauschen des Meeres an den Felsen
vernahm, und das Sonnenlicht war von unfabarer Milde und Wohltat. Ein
Ochsenwagen knatterte langsam heran, die hohen Rder mahlten leise im Sand,
und ein Hindu hockte auf der Deichsel, dicht zwischen den Schwnzen der
prchtigen, geduldigen Tiere, sein Kinn zwischen den mageren Knien. Er
blinzelte scheu zu mir herber, ohne einen Gru zu wagen, die gewaltigen
Hrner der Ochsen schaukelten gemchlich wohl einen Meter lang ber den
blendend weien Rcken.

Am zerfallenen Stadttor erhob sich zur Rechten und zur Linken eine einsame
Palme, jene nach rechts, diese ein wenig nach links geneigt und ihre
Fcherkronen, ber den flachen Dchern der Huser, zeichneten sich dunkel
und deutlich gegen den klaren Morgenhimmel ab, die Stmme waren von der
Sonne bemalt, wie mit roter Farbe. Ich sah durch das Tor in die bereits
belebte Basarstrae, in der die eiligen nackten oder wei bekleideten
Gestalten sich zwischen den niedrigen Husern bewegten und die Hndler ihre
Straenlden ffneten und ihre Waren ausbreiteten. Der Wchter am Tore
erhob sich, um sich tief zu verneigen, wobei er sein Gesicht mit den
Hnden bedeckte. Ich beschritt die Basarstrae und empfand die Stille und
das Erstaunen, die ich hinter mir zurcklie; nur die Brahminen, die graue
Schnur auf der nackten Brust, gingen stumm und steil an mir vorber, ohne
zu gren und ohne sich umzuschauen. Ich erblickte schne Gestalten und
stolze Gesichter unter ihnen und las aufs neue aus ihren Zgen die ferne
Verwandtschaft mit den germanischen Vlkern unseres Erdteils, deren Wesen
die Jahrtausende nicht ausgelscht haben. Sie haben lange das gewaltige
Reich beherrscht, bis Mohammed seine Fahnen inmitten ihrer Knigsschlsser
aufpflanzte und ihnen langsam mehr und mehr die furchtbare und
geheimnisvolle Macht erschtterte, die heute nur noch tief im Lande, in
dsterer Gewalttat und mystischem Dunkel waltet. Bis auch Mohammeds Zeichen
und die Pracht seiner Knige erblate, als das Gebrll des britischen Lwen
sich ber dem Meer erhob und das Land erfllte. Als ich mich nach kurzem
Gang zum Heimweg wandte, sah ich die Umrisse des englischen Forts gegen das
Meer. Seine Kanonen sind Tag und Nacht auf das Schlo des Hinduknigs, im
Herzen der Stadt, gerichtet, um es beim ersten Zeichen einer Revolte in
Trmmer zu legen. Unter dem stummen eisernen Mund, der unerbittlich und
unvernderbar unter der zornigen Sonne und dem ruhigen Mond auf die Stadt
schaut, flackern die letzten, schchternen Reste der alten Knigsmacht von
Cannanore.

                  *       *       *       *       *

Es war freilich mancherlei in meinem Hause vorzubereiten, bevor ich es zu
dauerndem Aufenthalt behalten konnte, und beim Tee sprach ich mit Rameni
und Panja ber die Manahmen. Rameni hatte seine offenen Schuhe vor meiner
Tr stehen lassen und versuchte whrend unserer Unterhaltung vergeblich ein
ertrgliches Verhltnis zu dem Liegestuhl zu finden, den ich fr ihn
aufgerichtet, und den er aus Hflichkeit angenommen hatte. Endlich stand
er auf und ordnete sein weies Gewand, aus dem von den Knien ab seine
mageren braunen Beine schauten.

Es soll alles nach deinem Willen geschehen, Sahib, sagte er so
liebenswrdig, als sein furchtbares Englisch zulie. Panja verachtete ihn
so angestrengt, da ihm der Schwei ausbrach.

Es war herrlich auf der Veranda. Der Morgen des indischen Frhlings-- es
war nach unserer Zeitrechnung Ende Oktober-- ist frisch und erquickend,
erst nach drei oder vier Stunden wird die Sonne wirklich hei. Panja wurde
guter Laune, als Rameni gegangen war.

Wie das Schwein stinkt, sagte er freundlich. Er wird dich berall
betrgen, Sahib. Wenn deine Reichtmer nicht unermelich wren, so wrde
dieser Schurke dein Untergang sein. Zuerst werde ich nun die Ameisen
vernichten, sie fressen alles, was sie finden. Wenn man Whisky zwischen die
Steinplatten giet und zndet ihn an, so ist es um die Tiere geschehen. Gib
eine Flasche, ich werde beginnen, wenn du ans Meer gehst.

Ich schlug vor, es mit Petroleum zu versuchen, das man sicher in der Stadt
auftreiben wrde.

Panja schttelte sich.

Die armen Tiere, sagte er.

Nach einer Weile rckte eine Schar alter Weiber mit Besen, Eimern und
Tuchfetzen heran, deren Anblick zuerst den ahnungslosen Elias und dann auch
mich vertrieb. Nur Panja hielt dem Ansturm dieser wilden Amazonen stand,
weil ihm daran gelegen war, seine Autoritt in Szene zu setzen.

Das Haus war in wenig Tagen derart instand gesetzt, da ein beschauliches
Leben voll reicher Eindrcke fr mich htte beginnen knnen. Auch Panja
fand sich bald in unsere neue Lebenslage, und es kamen stille, herrliche
Frhlingstage, die ich nie vergessen werde. Die bestndige Sonne weckte
mich, und meine durch tiefen Schlaf belebten Sinne empfingen die ferne
Stimme des Meeres, das mich Tag fr Tag in sein glitzerndes Bereich
hinablockte. Die Fischer wurden meine ersten Freunde in Cannanore, und ich
hatte mich bald daran gewhnt, ihre Arbeit mit ihnen zu teilen. Es gelang
mir, ihr anfngliches Mitrauen zu zerstreuen, und ich lernte von ihnen,
wie sie von mir.

Wir saen in der Abenddmmerung bis tief in die Nacht hinein auf den
schwarzen Uferfelsen, die in geraden, hohen Blcken weit in die Meerflut
hineindrangen. Oft muten wir von einem Steinplateau zum andern springen,
oder ber schmale Holzbretter balancieren, um bis an das uerste Riff zu
gelangen, von wo aus die Angeln weit in die See geschleudert wurden. Neben
uns, zur Rechten und zur Linken, wogte still die ungeheure Wassermasse,
erst in tiefem, klarem Blau, dann frbte sie sich langsam rot und blendete
den Blick, bis sie endlich tiefschwarz und drohend auf und ab stieg, so da
es erscheinen konnte, als tauchte der Fels in einem unbeweglichen dunklen
Spiegel auf und nieder. Weit hinter uns donnerte die Brandung, und hinter
ihr ging ber den Palmen der rtliche Mond auf.

Es war in der Hauptsache auf den Fang grerer Fische abgesehen, die
Angelhaken hatten die Gre eines gekrmmten Kinderfingers und waren mit
dem Eingeweide erbeuteter Fische umwickelt. Etwa vier bis fnf Meter vom
Kder entfernt war ein Stckchen leichter Baumborke als Schwimmer an der
Leine befestigt, und die Angeln wurden ber dem Kopf in Kreisform
geschwenkt, so da sie bis zu zwanzig Metern weit ins Meer hinaus
gelangten. Dann hockten die Mnner sich nieder und verharrten unbeweglich,
wie mit dem Fels verwachsen, bis ein leises Rucken am Seil sie vom Erfolg
ihrer Mhe unterrichtete.

Oft kam das wogende Meer bis hart an unsere nackten Fe, dann wieder sahen
wir es viele Meter tief unter uns. Selbst in der Nacht erkannten die Leute
deutlich das Herannahen einer greren Welle, und ein leiser Zuruf warnte
mich, damit ich mich am Felsen festhalten mchte. Wenn dann fr Augenblicke
der Steinboden den Blicken entschwand und nichts als das leise brodelnde
nchtliche Element unter mir kenntlich war, hatte ich anfangs ein dumpfes
Gefhl der Angst, ja der Todesfurcht zu berwinden, und nur die
unerschtterliche Gelassenheit meiner Nachbarn sicherte meinen Mut.

Die Mnner hielten ihre Leinen niemals fest in den Hnden, sondern nur
leicht zwischen den Fingern, weil es vorkam, da ein Haifisch anbi, und
weil der erste Ruck ihnen htte verhngnisvoll werden knnen. In solchem
Fall, den ich einmal erlebt habe, schreckte ein lauter Zuruf alle empor.
Ich sah die Leine wie ein Ankerseil in rasender Schnelligkeit ins Meer
gleiten und wie ihr Ende hastig um einen Felsvorsprung gewickelt wurde. In
den meisten Fllen war das Gert dann verloren; zuweilen gelang es aber,
das Raubtier durch die Felslcken bis auf den Strand zu schleifen, und ich
erschrak ber die Lebenskraft und Wildheit des Gefangenen, der trotz seiner
Hilflosigkeit einen geradezu einschchternden Widerspruch gegen seine
Bndiger an den Tag legte. Man befestigte den Rest der Angelschnur mit
einem Pflock im Sande, ohne den Haken zu lsen, und lie das Tier auf dem
Trockenen sterben, so gut und rasch es konnte. Erst am andern Tage oder
nach Stunden bemchtigten sich die Frauen alles Verwendbaren von seinem
glatten Leibe, dessen Fleisch nicht genossen wird.

Gegen Norden zu brachen die dunklen Kstenfelsen jhlings ab, und es
breitete sich, soweit das Auge reichte, die freie Bucht entlang, weier
Sand aus. Oft wuchsen Palmen, besonders wenn sie einem kleineren Bach das
Geleite gaben, bis dicht an den Meeresstrand hinab. Dort sah man, noch nahe
dem Ort, die bunten Boote der Eingeborenen in Reih und Glied im Sand, und
weiter hinaus begann eine Stille und Verlassenheit, die wohl dazu angetan
war, ein empfindsames Herz zu locken.

Dort lag ich oft am Wasser, bohrte mich in den Sand und warf die Lasten
meiner unntzen Gedanken weit von mir. Es war herrlich, der Stimme des
Meers zu lauschen, die die ganze Welt zu beherrschen schien, und die endlos
langen, ebenmigen Wogen zu betrachten, welche heranliefen wie sanfte
Windwellen unter blablauer Seide, sich lautlos hoben und sich mit
jubelndem Erbrausen, in ein weites Lichtband zerbrechend, auf den
geduldigen Strand warfen. Das ging so lange so fort, wie nur immer die
Sinne sich in Geduld und Traum hinzugeben vermochten, denn das Meer kennt
keine Zeit. In seiner Stimme sind weder Hoffnungen noch Verheiungen, keine
Liebe und kein Drohen, weder Wahrsagungen noch Beschwichtigungen. Das Wesen
des Meeres hat keine Gemeinschaft mit dem unsrigen, und nichts als ein
beseligter Unfriede erwacht in uns, wenn wir uns ihm zu nhern trachten,
nur seine Gre erhebt uns, wie alle groen Formen dem Gemt eine Ahnung
knftiger Freiheit vermitteln. Das Meer enthlt keine Mastbe fr unsere
Rechte oder fr unsere Pflichten, wie die Erde sie uns bietet, die uns
trgt und ernhrt und deren Schicksal dem unsrigen verwandt ist. Die
Dichter haben das Meer selten verstanden, sie haben es nur beschrieben,
aber wer wrde durch sie ein Bild von seiner unermelichen Gewalt und
Freiheit bekommen, wenn er das Meer niemals gesehen htte? Nur in jenem ins
Mystische hinber verblhenden Geiste des groen, gottberauschten
Schwrmers der Apokalypse leuchtet ein wahrsagerisches Licht vom Wesen des
Meers auf, als er das Tausendjhrige Reich in seinen unendlichen Visionen
erblickt, und vom Meer sagt, es sei nicht mehr. In dieser Erkenntnis liegt
eine tiefe Ahnung vom Wesen des Meers, das nicht wie die Erde verflucht
scheint, und keinem Gericht, keiner Wiederkehr und keinem Wandel
unterstellt ist.

So hat auch das Meer keineswegs eine Verwandtschaft mit der Seele des
Menschen, wie manche festgestellt haben, die weder das eine noch die andere
kennen, und die nur deshalb, weil sie in der Seele etwas Bodenloses
wittern, auf den Gedanken gekommen sind, sie wre vielleicht so tief wie
der Ozean in der Mitte. Das ist ein leichtfertiger Schlu, der schwer zu
erweisen ist, die einzige hnlichkeit zwischen solchen Seelen und dem Meer
ist die, da man oft in beiden herumfischt, ohne etwas zu fangen.--

Einmal fand ich am Strand einige groe Meerschildkrten, die auf dem Rcken
lagen und nach Wasser schnappten. Aus den Spuren nackter Fe, die sie wie
ein in den Sand eingeprgter Lorbeerkranz umgaben, lie sich leicht
entnehmen, da diese Tiere sich nicht freiwillig in solche Lage begeben
hatten und da sich ein menschlicher Zweck mit dieser Grausamkeit verband.
Und richtig sah ich unter den Bumen einen braunen Hinduknaben flchten,
dessen Respekt vor mir so gro war, da er eine Palme bis an den Wipfel
erklomm.

Die Schildkrten waren in dieser Einschrnkung ihrer Bewegungsfreiheit
einem langsamen Tode in der unbarmherzigen Sonne ausgesetzt, der um so
qualvoller war, als sie nicht wie die Fische rasch sterben, wenn sie ihrem
Element entrissen worden sind, sondern eine zhe Lebensdauer, auch auf dem
Trockenen, beweisen. In der Tat war auch der Gesichtsausdruck einzelner von
ihnen bereits sehr verstimmt, anderen hing der merkwrdig hliche Kopf
schon leblos nieder, an dem faltigen Hals, der mir wie ein welker, rissiger
Schlauch erschien. Ich kehrte mit groer Mhe diejenigen um, die mir noch
regsam genug fr eine Fortsetzung ihres Daseins erschienen, aber sie
taumelten wie betrunken hin und her und fanden das Wasser erst, als ich
ihnen den Weg wies. Dort schwammen sie rasch und erregt hinaus und tauchten
sobald als mglich unter, sichtlich im Zweifel darber, ob dieser Vorgang
eine Tatsache war, oder nur eine neue greuliche Vorstellung ihrer
Fieberphantasien im Sonnentod.

Spter erfuhr ich, da die Tiere von den Eingeborenen in diese Lage
gebracht werden, damit sie sterben, denn sie knnen sich nicht aus eigenen
Krften wieder umkehren. Auf diese Weise gewinnen die Leute das sehr
begehrte Schildpatt, ohne einen Eingriff in das Leben der Tiere
vorzunehmen, was ihnen verboten ist und auch ihrer berzeugung
widerspricht. Die Tiere sterben auf diese Art durch den Willen der Gottheit
und werden so nach Vorstellung der Hindus nicht von Menschen gettet;
offenbar ersieht man aus der Tatsache, da die Gtter die Schildkrten
nicht wieder umdrehen, ihren Beschlu, sie zum Nutzen der Menschheit
sterben zu lassen.

brigens hatte ich es mit jener Handwerkerkaste in Cannanore endgltig
verdorben, denn eben jener Knabe, welcher mir Achtung erwies, hatte von
seinem hohen Versteck aus meine Manahmen wahrgenommen und er nahm Anla,
diese Neuigkeit in Cannanore zu verbreiten.

Es gab am Strand vielerlei Krebse und allerhand kleines Meergesindel, mit
dem ich mich einlie, auch Ratten kamen bisweilen die Bche herab und
erkundeten, ob das Meer Tote angeschwemmt oder ausgewhlt hatte. Eine
bestimmte Kaste in Malabar begrbt ihre Pesttoten am Meer im Sand; zwar
werden meist die Sandbnke und Inseln gewhlt, aber hufig findet man auch
die Spuren der Grber an der Kste.

Einmal machte ich die Bekanntschaft einer greren Fliege, die nur einen
Flgel hatte und den Rest ihres Lebens am Gestade zu verbringen schien. Ich
beobachtete sie, whrend ich am Strand lag und rauchte. Sie suchte sich die
Steine aus, die besonders rund, blank und hei waren, und es schien, als
bevorzugte sie die weien. Wenn sie eine Weile auf einem solchen gesessen
hatte, fate sie einen anderen ins Auge und versuchte ihn mit einem
sprungartigen Flug zu erreichen, aber sie landete jedesmal auf irgendeinem
dritten, weil sich leider das Fehlen ihres einen Flgels beim Einhalten der
Richtung bemerkbar machte.

Jedesmal schaute sie anfnglich etwas verdutzt um sich, ergab sich aber
dann ihrem merkwrdigen Schicksal, immer anderswo landen zu mssen, als sie
gewollt hatte. Mit einem etwas bekmmerten, aber keineswegs gereizten
Ausdruck orientierte sie sich ber die ihr bestimmte Umgebung, schlielich
schien die Sonne auch hier, und sie blieb sitzen, im heien Licht, vor dem
glitzernden Wasser.

Ich fate eine gewisse Neigung zu dieser flchtigen Freundin meiner
einsamen Stunden am Meeresstrand. So sehr viel besser ging es schlielich
im Leben auch mir nicht, und im Grunde kam es uns beiden auf die Sonne an.
Ich erzhlte ihr, wie ich es mit dem Dasein hielt, aber da sie nicht auf
mich achtete, warf ich mit kleinen Steinen nach ihr, die lustig ber die
runden Brder ihrer Jahrtausende kollerten und vergngt klirrten. Die
meisten dieser Steine waren prchtig abgerundet, ich nahm einen von ihnen
in die warme Hand und polierte ihn sorgenvoll. Du bist noch nicht rund
genug, mein Kleiner, und ich warf ihn ins Meer zurck, damit ihn die Flut
noch ein paar weitere tausend Jahre lang abschliffe. Es kam mir auf tausend
Jahre nicht an, so wenig wie auf einen Tag. Aber vielleicht wrde dieser
Stein mich nicht vergessen, sicherlich war es ihm noch nicht geschehen, da
einer dieser vergnglichen Menschlein sich seiner annahm und pltzlich
einen solchen Eingriff in seine gemchliche Entwicklung machte.

Das Meer trug leichte und liebliche Gedanken in meinen Sinn, trichte und
sinnvolle, aber niemals schwere. Seine Gaben waren Traum, Vergessen und
Schlaf, sie stiegen mit der flimmernden, heien Luft in unbekannte Regionen
empor, und der flchtige Seewind trug sie von dannen. Die Menschen meines
verflossenen Lebens versanken in einem schimmernden All, in welchem ich
wesenlos, wie sie selbst, dahintrieb, und auch die Liebe wurde zur
Erinnerung.

Nie aber, da Langeweile oder Mimut mich plagten, das Leben war ein
makelloses Gef, angefllt mit dem klaren alten Wein lieblicher
Sinnenfreude und heiterer Daseinslust. Ich begriff die Menschen dieses
Landes und dieser Sonne, die kein anderes Begehren zu bewegen schien, als
das Dasein auf solche Art als seligen Bestand auszukosten und sich dem
selbstttigen Walten von Erstehen und Vergehen, den vergnglichen
Glcksgtern der Erdenzeit gegenber wahllos und zufrieden, ohne Bedenken,
anheimzustellen. Was den Unedlen zu einem Anla anteillosen Verkommens
wurde, das wurde im verwandten Geist den Edlen zu einer tiefen Offenbarung
tatlosen Versinkens in einer hellseherischen Demut der Selbstbeschrnkung.

Zuweilen zollte ich am Strande dem Tode eine kleine Abschlagszahlung auf
seine knftigen Rechte und schlief ein, aber die Stimme des Meerwassers
ging mit mir in das dunkle, ruhige Land. Die Monotonie seiner frischen
Stimme verwandelte sich in meinen Trumen in einen beredten Glanz von
groer Mannigfaltigkeit, und ich erfuhr Wunder und Sagen vom Gang der Welt,
die ein ganzes Buch fllen wrden, aber etwas an der Weisheit des
Meerwassers verhinderte mich daran, so trichte Plne zu fassen. Ich sage
es allen, rief es gleichmtig, warum willst du es tun? Niemand wird Dinge
durch Menschen hren, die ihm die Natur nicht vertraut, und ihr, die ihr
nicht einmal euch selbst versteht, wie wollt ihr mich, das Meer, in seinem
heiligen Wesen erfassen? Als ich erwachte, sah ich im Abendglanz auf der
Silberleiste der Meerflut gro und nah ein schwarzes Boot im roten
Himmelsschein dahinfahren, das von vier Mnnern angetrieben wurde, die
stehend ruderten, und die mir gleichfalls schwarz erschienen, weil das
Licht hinter ihnen mich gelinde blendete.

Vielleicht fuhren sie ins Weite hinaus, vielleicht kehrten sie heim, ich
wute es von ihnen so wenig wie von mir.

                  *       *       *       *       *

Ein bedauernswertes Ereignis dieser Zeit, das den Wert meines Charakters in
den Augen der Einwohner Cannanores ernstlich in Frage stellte, ist mir
lebhaft im Gedchtnis geblieben. Von Jugend auf habe ich den Hang versprt,
Schmetterlinge und Kfer zu sammeln, es aber leider auf diesem Gebiet
niemals zu Erfolgen gebracht, im Gegenteil begleitete mich stets ein
sprbares Migeschick bei solchen Unternehmungen, und es lag nachweislich
kein Segen darauf. Der prchtige Kasten mit einem Glasdeckel, den meine
Eltern mir zur Frderung meiner lehrreichen Neigung schenkten, wurde bald
zu einer Goldgrube billiger Ernhrung fr eine kleine, lausartige Sorte von
Parasiten, die ber meine gesammelten Insekten herfielen und sie
verzehrten. Auf den Rat eines erfahrenen Schulfreundes hin erwarb ich das
prchtige Schutzmittel, das Naphthalin genannt wird, aber die Parasiten
fielen auch ber das Naphthalin her, fraen es auf und gediehen dabei
zusehends. So sah ich die Resultate meiner Bemhungen zuschanden werden bis
auf einen rtlichen Erdfloh, der hoch an einer rostigen Stecknadel hockte
und kaum grer war, als ihr Knopf.

Es wre sicherlich besser gewesen, wenn ich mir diese Erfahrungen meiner
Jugend auch in Indien zunutze gemacht htte, anderseits aber wird es jedem
verstndlich sein, da meine alte Leidenschaft bei der auerordentlich
mannigfaltigen und prchtigen Insektenwelt Indiens aufs neue angeregt
wurde. Ich schlug Panjas Einwnde in den Wind und lie in Cannanore
bekanntgeben, da ich Erwachsenen oder Kindern fr jeden Schmetterling oder
Kfer, die mir in meine Niederlassung gebracht wrden, den Preis von einer
Anna zu zahlen bereit sei.

Am Morgen nach dieser Kundgebung weckte mich in aller Frhe ein seltsames
Gerusch vor meinem Hause, das ich anfnglich vergeblich zu erkennen
trachtete, bis ich endlich herausbrachte, da es ein Volksgemurmel war.
Erschrocken trat ich ans Fenster und erkannte nun eine auffallend geordnete
Reihe von Menschen, Kindern, Greisen, Frauen mit Suglingen auf den Hften,
Mnnern und Jnglingen, auch fehlte es nicht an Bettlern, Straendirnen und
Landstreichern. Die Reihe machte gehorsam den Bogen des Gartenwegs mit,
schlngelte sich durch die offene Pforte und ging dann auf Cannanore zu. Es
war nicht abzusehen, wie lang sie war; diese Erfahrung blieb mir anfnglich
erspart, wie es das Leben bei harten Schicksalsschlgen seinen Opfern
zuweilen dadurch erleichtert, da es nicht sofort die ganze Flle des
Ungemachs offenbart.

Panja sagte nur: Sahib, die Leute bringen die Tiere.

Ich mu gestehen, da ich in groe Verwirrung geriet und mich nur mhsam
fassen konnte, aber es gelang mir doch, weil ich Panja den Triumph nicht
gnnte, der hinter seinen stillen Augen lauerte, welche schrg und
erwartungsvoll ohne Unterbrechung auf mir ruhten.

Hast du kleine Mnze genug? fragte ich ihn frhlich, whrend ich mich
rasch ankleidete. Panja fragte mich ernst, ob ich genug groe htte.

Da nahm ich Elias an mich, setzte den Korkhelm auf und betrat mutig die
Veranda meines Hauses. Ein beiflliges Murmeln der Erwartung begrte mich.
Recht gelegentlich, als lge mir nur daran, ein paar Schritte in der
Frische des Gartens zu tun, trat ich bis an die Pforte und schaute die
Strae nach Cannanore hinab. Die Kette der wartenden Menschen erstreckte
sich weiter, als meine Augen reichten, fern unter dem Dach der wilden
Feigenbume verlief sie im Laubschatten wie ein schwarzer Kohlestrich, auf
dem roten Latrittweg. Elias zog sich still ins Haus zurck, weil dieser
Anblick ihm neu war, und auf der Veranda empfingen mich wieder Panjas ruhig
abwartende Augen; er hatte einen Liegestuhl fr mich herausgetragen.

Es blieb mir nichts anderes brig, als zu beginnen. So sandte ich denn
Pascha mit einer Handvoll Rupien zum Wechseln in die Stadt, denn ich
brauchte Panja als Dolmetscher, auch wre er wahrscheinlich bis zum Abend
ausgeblieben, um mich dadurch am Erfolg meines Unternehmens zu hindern.

Der erste der zahlreichen Ankmmlinge war ein kleiner dicker Knabe mit
prachtvollen dunklen Augen und vllig nackt. In der festgeschlossenen
kleinen Faust, die er mir mutig hinreckte und die von Schmutz starrte,
entdeckte ich die Staubreste einer kleinen Motte, die vllig zerquetscht
und aufgeweicht war. Ich verabfolgte eine Anna, um nicht mit einem
verneinenden Bescheid zu beginnen, und der kleine nackte Jger entfernte
sich mit einem glcklichen Satz, ohne da er wagte, in den Jubel
auszubrechen, der ihm die Brust weitete. Offenbar hatte er bis zuletzt
nicht an den Erfolg dieses Geschftes geglaubt. Panja sah ihm nach und
sagte boshaft: Unterwegs wird er sich lausen, und dann schliet er sich
hinten wieder an.

Der nchste der Wartenden war ein alter Mann, der in der mageren Hand einen
grnen Beutel aus einem groen Blatt emporreckte, das er oben zuhielt. Es
befanden sich weie Ameisen darin, von denen mein ganzes Haus wimmelte, und
er war mit der Hoffnung herzugetreten, seine Tiere einzeln honoriert zu
bekommen. Ich wies ihn ab, da legte er sich aufs Bitten und begann die
Schicksale seiner Familie zu erzhlen, der es in der Tat nicht gut gegangen
zu sein schien; so gab ich zwei Anna, und er entfernte sich mit einem
mignstigen Blick auf meine Mnzen, nachdem er mir zwei Ameisen
auszuhndigen versucht hatte.

Ich kann nicht alles aufzhlen, was mir an diesem Morgen an Gewrm,
Fliegen, Ungeziefer und Kerbtieren zugetragen worden ist, es gelang mir,
Indiens Reichtum an diesen Geschpfen zu ermessen. Eine alte Frau brachte
ein Kcken, das von Ratten zur Hlfte aufgefressen worden war und keine
Federn mehr hatte. Sie hoffte, da ich es meiner Sammlung einverleiben
wrde, weil sie keine rechte Vorstellung von meinen Interessen hatte. Ein
Mdchen, blhend wie der sonnige Morgen, in welchem sie schchtern vor mir
stand, hatte einen wahrhaft schnen Schmetterling von der Gre eines
Singvogels, orangegelb, mit zartestem Lila an den Rndern, aber er war
zwischen ihren Fingern zerdrckt, wie ein Trambahnbillett in einem
Handschuh. Ich betrachtete das Kind und den unschuldigen Glanz seiner
groen Augen, die mir erschienen wie dunkler Samt in braune Seide gebettet.
Jahrtausendalte Trume brachen aus ihnen hervor, ruhig und traurig, Mohn
und Schlaf. Mich berkam ein jher Wandel meines Empfindens und eine
Traurigkeit; pltzlich ward ich mir der ganzen Nichtigkeit meines Vorhabens
in beschmender Klarheit bewut. Wie hatte ich dem Irrtum verfallen knnen,
zu glauben, da wir den Herrlichkeiten der Natur dadurch auch nur um ein
Geringes nher kommen, da wir ihre Erzeugnisse unter Glas und in Ksten
bergen. Ich empfand mich pltzlich als vielfacher Mrder, und vor mir
harrte das Heer der blutigen Krieger ihres Lohns. Da gab ich dem Kinde den
Rest des Geldes, das Pascha mir gebracht hatte, und stand auf, um verknden
zu lassen, da meine Ansprche befriedigt seien, und da ich keiner
weiteren Insekten mehr bedrfte.




Drittes Kapitel

Die Nacht mit Huc, dem Affen


Eines Morgens stand auf der Veranda meines Hauses in Cannanore ein brauner
Hinduknabe, der einen Affen auf der Schulter trug. Wie lange er schon dort
gestanden hatte, wute ich nicht, weil die Eingeborenen bescheiden zu
warten pflegen, bis es dem fremden Herrn gefllt, sie anzureden. Auch wenn
sie annehmen, lngst gesehen worden zu sein, harren sie geduldig fort, oft
stundenlang, ob es nun auch gefllt, sie zu beachten. Dieser Umstand hat
mir in der ersten Zeit meines indischen Aufenthalts oft einen nicht
gelinden Schreck eingebracht, denn auch wenn ein Diener des Hauses ein
Zimmer betritt, wartet er still in der Nhe des Herrn, bis er angeredet
wird. Es geschah mir in Bitschapur, wo ich zu Anfang meiner Reise inmitten
alter zerfallener Knigsschlsser mein Lager aufgeschlagen hatte, da ich
nchtlicherweile pltzlich am Schreibtisch den Eindruck gewann, es stnde
jemand hinter mir. Solche Befrchtung ist in der Verlassenheit tiefer Nacht
um vieles bengstigender, als die Gewiheit eines jhen, unerwarteten
Zusammentreffens. Ich wei noch heute genau, da ich lange nicht wagte,
mich umzuschauen, und als ich es endlich langsam, Zoll um Zoll, tat und
pltzlich den Umri einer braunen Gestalt, dunkel in dunkel, hinter mir
gewahrte, emporfuhr, als sei es der Bse selber, der mich heimsuchte. Der
Bote hatte, in der festen Annahme, da ich lngst von seiner Gegenwart
Notiz genommen hatte, bescheiden und geduldig auf meine Anrede gewartet. Da
die Hindus den Tritt nackter Fe, selbst auf einer Kokosmatte, deutlich
hren, begreifen sie nicht ohne Schulung, da unser Ohr an deutlichere
Beweise einer Annherung gewhnt ist. Glcklicherweise erschrak damals der
nchtliche Ankmmling so heftig ber meinen Schreck, da mich ein Lachen
befreite und aus meinem Entsetzen ri.

Eine groe Zahl Berichterstatter aus dem heutigen Indien behaupten in
Bchern und Journalen immer wieder, dies Land sei aller Geheimnisse und
Wunder und aller Mystik lngst entkleidet. Wahrscheinlich kennen sie von
Indien nur die neumodischen Hotels. Ich habe den poetischen Glanz der Veden
und den Geist Kalidasas berall gefunden und erst im Lande selbst recht
wrdigen und fassen gelernt, und der bedauernden Ernchterung der modernen
Propheten habe ich nur den Kummer entgegenzuhalten, da meine Krfte nicht
ausreichen, von den mystischen Herrlichkeiten und dem geheimnisvollen
Zauber aller Erscheinungen ein rechtes Bild zu geben. Wer allerdings die
Wunder Indiens in der Kunst der Taschenspieler sucht und enttuscht ist,
wenn ihm keine Gelegenheit geboten ist, auf einem frei hngenden Seil
emporklettern zu knnen, wird seine Erwartungen nicht erfllt sehen, aber
er wird nicht nur in Indien, sondern berall in der Welt enttuscht sein,
wo er glaubt, etwas Rechtes erleben zu knnen, ohne etwas Rechtes zu sein.
Denn das Mystische ist weder das Dunkle und Unklare, noch das phantastisch
Bedrohliche unverstndlicher oder geheimnisvoller Vorgnge, sondern es
umschliet, seiner tieferen Bedeutung nach, viel eher die Gewiheit ewiger
Wahrheiten in ihrem Fortwirken jenseits unserer Erkenntnis.

Jener Knabe nun, den ich vor meinem Hause fand, bot mir seinen Affen zum
Kauf an, ich erfuhr durch Panja sein Anerbieten und den ntzlichen Zweck,
der sich fr jeden Garteninhaber mit dem Besitz eines Affen verbinde. Er
holt die Kokosnsse aus den Palmen, erklrte mir Panja. Das kleine,
graubraune Tierchen, das etwa die Gre eines Foxterriers hatte, sah mich
von seinem erhhten Sitz ruhig aus seinen alten Zgen an. Es war an einer
Kette befestigt, deren Ende einen Ring um seine hageren Lenden bildete.
Der Knabe erklrte sich bereit, seinen Affen vorzufhren, und in der Tat
zeigte sich das Tier auerordentlich gut unterrichtet. Kaum war er von
seiner Fessel befreit worden, als er mit groer Geschwindigkeit eine Palme
erstieg, eine groe Nu abdrehte und sich geduldig wieder festlegen lie,
nachdem die Nu gefallen war, und er, um vieles langsamer, wieder
niederkletterte. Panja verhandelte mit dem Knaben wegen des Kaufpreises,
und whrend ich, ohne zu verstehen, die beiden beobachtete, gewahrte ich,
da eine sichtbare Besorgnis das Gesicht des Hinduknaben betrbte. Er
schien begierig und traurig zugleich. Er will seinen Affen nur vermieten,
erklrte Panja, das kommt daher, da er ein Dummkopf ist.

Mir schienen die Dinge anders zu liegen; ich bemerkte deutlich, da der
Knabe heies Verlangen nach der Kaufsumme trug, die er zu erzielen hoffte,
da er sich aber schwer fr alle Zeit von seinem Affen zu trennen
vermochte.

Biete ihm fnf Rupien als Kaufsumme, sagte ich.

Panja bot eine. Der Knabe zitterte heftig, denn schon diese kleine Summe,
die nach unserem Geld noch nicht zwei Mark ausmacht, bedeutete ihm einen
groen Schatz. Da die Ergriffenheit des Kindes mich deshalb fesselte, weil
ich deutlich zu fhlen glaubte, da nicht einzig seine Geldgier ihn
bewegte, gab ich Panja ein nicht mizuverstehendes Zeichen, da ich
vorbergehend Gehorsam von ihm forderte. Er wute, da ich genug
kanaresisch verstand, um ihn kontrollieren zu knnen, und sank in eine
Haltung gottergebener Verzweiflung zusammen, die er stets einnahm, wenn ich
meinem Untergang entgegenging, ohne seine Hilfsbereitschaft zu beachten.
Weshalb willst du den Affen nicht verkaufen? lie ich fragen.

Ich habe sonst kein Eigentum, antwortete das Kind.

Aber wenn ich dir eine groe Summe gebe, so kannst du leicht neue Affen
erstehen. Ich biete dir fnf Rupien.

Panja verschluckte sich bei der Summe und mute sie noch einmal sagen.

Der Knabe zitterte so heftig, da ich ihn am liebsten in die Arme
geschlossen htte. Er sagte zgernd:

Es ist kein Affe so gut wie Huc. Aber, fgte er schnell und mhsam hinzu:
fr diese groe Summe will ich ihn dir geben. Du wirst Huc weder schlagen
noch tten, und wenn du erlaubst, werde ich zuweilen kommen und durch das
Gartengitter schauen.

Weshalb verkaufst du ihn, wenn du deinen Affen liebst? fragte ich.

Soll ich so was wirklich bersetzen? fragte Panja.

Ich sah ihn an, und er bersetzte meine Worte wie ein Automat.

Meine Eltern hungern, sagte das Kind einfach, ohne Klage und ohne
Anklage. Und im Verlauf des Gesprches erfuhr ich eine merkwrdige
Geschichte, die mich lebhaft fesselte. Der Vater dieses Knaben war von der
deutschen Missionsgesellschaft in einer Weberei, die in Cannanore von den
Missionen unterhalten wird, angestellt gewesen, nachdem er sich zum
Christentum bekehrt hatte. Da er sich aber im Verlauf seiner Ttigkeit
wiederholt Diebsthle hatte zuschulden kommen lassen, war er entlassen
worden. Seine Stammesgenossen, die ihn lngst als Abtrnnigen betrachtet
hatten, wollten nun, bei seiner Wiederkehr in ihr Bereich, nichts mehr von
ihm wissen, und er war hier wie dort ein Gechteter geworden und in Elend
geraten. Nun begriff ich wohl, da man in einer Industrie keine Diebe
gebrauchen kann, aber der Gedanke, ob im Tempel eine Weberei am Platze sei,
erfllte mich nach dieser Erfahrung mit mancherlei Zweifeln. Die Wechsler
und die Priester werden in keinerlei Gotteshaus zum Segen einander dienlich
sein, am wenigsten in einem christlichen.

Ich sollte auf diesem Gebiet noch recht unterhaltsame Erfahrungen machen,
und es stand mir noch bevor, einige dieser Gottesboten kennen zu lernen,
sowie auch den Geist und Wert ihres Wesens. Panja mute nun zu seiner
Bekmmernis mit dem Knaben einen Vertrag abschlieen, nach welchem mir das
Recht auf den Affen Huc fr zwei Monate zustand, wogegen ich die Summe von
fnf Rupien im voraus als Gebhr entrichtete. Dem Besitzer stand es zu,
seinen Affen zweimal in der Woche zu besuchen und ihn abzuholen, falls ich
frher als in der ausgemachten Frist Cannanore verlie.

Das Kind eilte glcklich heim, und Panja kndigte mir den Dienst; dies
hatte aber weiter nichts zu bedeuten, denn er tat es oft. Als ich von
seiner Abkehr keine Notiz nahm, blieb er stehen und sah mich an.

Sahib, begann er, du wirst in wenigen Wochen ruiniert sein, und was wird
dann aus mir und meiner alten Mutter, meinen Geschwistern, den Schwestern
meiner Mutter und den Reisfeldern am Purrha?

Ich erwiderte hflich:

Panja, als ich dir vor wenigen Wochen die zehnte Rupie deines Vorschusses
ausbezahlte, sagtest du mir, deine Mutter sei gestorben, und du brauchtest
das Geld fr ihre Bestattung.

Es war meine Gromutter, sagte Panja, soll ich dir von ihr erzhlen?

Deine Gromutter starb bei unserer Ankunft in Bitschapur.

Du wirfst alles durcheinander, sagte Panja traurig, nur den Vorschu
behltst du richtig im Gedchtnis.

Diesen Tadel meiner Gesinnung zog ich mir deshalb zu, weil Panjas Vorschu
doppelt so gro war, als ich gewagt hatte, anzufhren, und ich nahm mir
ernstlich vor, knftig ehrlicher zu sein.

Als ich gegen Abend vom Meer heimkehrte, nachdem ich am Strand der
Fischerstadt ein Boot erhandelt hatte, fand ich Huc in meinem Zimmer. Panja
war nirgends aufzutreiben, und Pascha servierte mir schweigend den Reis am
Ausgang zur Veranda. Ich sah seinen Bewegungen und dem gelassenen Schaffen
des Mannes zu. Er nahm die Tonkrge mit gekochtem Wasser aus ihren
Bambusschaukeln, in denen sie zur Khlung geschwenkt werden, trug die
Speisen und Frchte ernst und sorgfltig herzu, alles in kleinen Gerichten
und zierlich verwahrt, Frchte des Zimtapfelbaums, Ingwer, gerstete
Pisangfrchte und Reis mit Curry und Kokossaft. Ich hatte mich damals
lngst an die indische Kost gewhnt, die in ihrer groen Mannigfaltigkeit
wahrhaft kennen zu lernen wenigen vergnnt ist, denn selbst in den
Hinduhotels bemhen sich die Eingeborenen, den Europern die Speisen auf
deren Art zuzubereiten. Wer den Reichtum der indischen Frchte kennen
gelernt hat und ihre Art seinen Bedrfnissen anzupassen versteht, ist in
Indien wohl daran und wird diese erfrischende und gesunde Ernhrungsart
jeder anderen vorziehen und niemals vergessen.

Als Pascha die Ananas und die Bananen brachte und die ersten Mangofrchte,
die noch nicht in Malabar gereift waren, sah er Huc, den Affen, neben den
Speisen auf dem Tisch sitzen und erschrak.

Ich werde ihn hinausbringen, sagte er.

Aber ich erklrte ihm, da ich mit Huc sprechen msse, und er ging still
hinaus. Anfnglich hatte der Affe nur geringes Zutrauen zu mir gehabt und
sich in seiner weichlichen Vorsicht immer wieder zurckzuziehen versucht,
aber bald hatte er herausgebracht, da ich es gut mit ihm meinte, und in
seiner scheinbar so nachlssig abwartenden Art betrachtete er mich und nahm
zgernd mit matter, immer ein wenig hngender Hand, was ich ihm darbot. Er
hatte groes Mitrauen gegen die Menschen, der Arme, denn einem gefangenen
Affen ist in Indien kein gutes Los beschieden, er mu den Ha und die
Verachtung erleiden, die seinen ruberischen Gefhrten gelten. Jeder
Vorbergehende vergngt sich eine Weile damit, an dem Gefangenen einen Teil
seines Zornes auszulassen, den seine Brder in der Freiheit mit ihrem
frechen, spttischen Wesen, in der Sicherheit ihrer Palmenkronen,
heraufbeschworen haben. Am schlimmsten aber setzen die Kinder ihm zu, deren
gedankenlose Grausamkeit in keinem Lande schlimmer ist, als in Indien, da
die Verdorbenheit der Gesinnung und des Blutes schon frh hinzukommt; und
wieviel gilt in Indien das Leben eines Affen, wo kaum das Leben eines
Menschen etwas gilt. Der Knabe, der mir Huc gebracht hatte, bildete in
seiner Stellung zu dem Tier eine Ausnahme.

Die Abendsonne schien noch. Da ich im Garten eine schmale Bresche in das
Dickicht hatte schlagen lassen, so war nun ein Ausblick auf das Meer
hinber mglich, aber ich sah nur die Hochebene, hinter der es atmete,
sprte seinen khlenden Hauch und vernahm sein gedmpftes Drhnen an den
Felsen. Auf der Hhe der Ebene erblickte ich die Silhouetten zweier Palmen,
deren eine kerzengerade emporstieg, whrend die andere sich demtig in
einem sanften, ebenmigen Bogen zur Seite neigte. Fein und schwarz, wie
mit Kohle gezeichnet, sah ich diese zierlichen Figuren in der Ferne gegen
das Ampelrot des Abendhimmels, sie erhoben sich in der Melodie des Meeres
mitten auf jenem Wege in die Freiheit des Himmels, den meine Augen nun
Abend fr Abend nahmen, so lange ich in Cannanore weilte. Lange noch,
nachdem ich die Stadt verlassen hatte, erschien oft dies Bild unter meinen
geschlossenen Lidern und mit ihm die verlorenen und versunkenen Gestalten
meines indischen Lebens, dessen Herrlichkeit kein irdischer Mund wird
nennen knnen. Im Getriebe der tobenden Grostdte Europas, mitten im
Straengetmmel, in erleuchteten Slen unter schwatzenden und lachenden
Menschen, oder in der einsamen Ruhe meines nchtlichen Arbeitsraums
erscheint mir bisweilen noch dies einfache Bild, und mit ihm ersteht die
groe Melodie des Ozeans und der Ruf des Wassers an den dunklen Felsen. Das
unstillbare Heimweh nach der Fremde liegt darin beschlossen und ein groer
Friede.

Die Nacht sank nieder, aber Huc tat deutlich den Wunsch kund, noch in
meiner Nhe zu verweilen, und ich lie es zu, da mich ohne Aufhr das
merkwrdig beklemmende Bewutsein gefangenhielt, da wir einander in Rede
und Antwort noch vieles schuldig seien. Kein Lebewesen der Schpfung lst
in so hohem Mae den Hang zur Nachdenklichkeit ber sich selbst in uns aus,
wie der Affe. Whrend ich langsam ein Glas des schweren indischen Palmweins
nach dem andern meiner isolierten Seele gnnte, zog der gewohnte Reigen
meiner Traumgestalten, von Weinlaub bekrnzt, an meinen Augen vorber, und
langsam verlor mein Herz die Kraft des Alltags, um sie gegen eine bessere
und hhere Kraft einzutauschen, die keine irdischen Erweise ihrer Gewalt zu
geben vermag. Whrend dieser Stunde sa Huc still und nachdenklich vor mir
und betrachtete mich geduldig. Seine merkwrdig zarten, hellgrauen
Augenlider, die an dnnen Guttapercha erinnerten, hoben sich nur selten
ber die Hlfte des scheinbar ermdeten Auges empor, und die dunklen
Greisenhndchen mit den schwarzen Ngeln fhrten ein schlfriges und
gesondertes Leben, von dem seine Gedanken nichts zu wissen schienen.

Huc, sagte ich zu ihm, mein geliehener Affe, der Gang, den das
menschliche Herz antritt, wenn es sich ohne Gesellschaft den beschwingten
Fhrungen des Weins anvertraut, ist berall in der Welt der gleiche, nur
im Grad voneinander unterschieden, aber in seiner Art wie die Gemeinschaft,
derer alle teilhaftig werden, die sich unter die Segnungen eines Sakraments
stellen. Ist es nicht zuerst, als trten die Sorgen des Alltags einen
stillen Rckzug an, da unser Gefhl erstaunt und sehr erfreut nach der
Ursache dieser Flucht forscht? Auf der nun begrnten Walstatt ihres
qulenden Aufenthalts erhebt sich der freundliche Engel unserer Hoffnung,
der, ohne unsere Augen zu blenden, in feierlicher Weise das Schnste
unserer Zukunft zur Gewiheit macht, so da wir unvermerkt und heimlich am
Ziel unserer Wnsche angelangt sind. Aber so ist es mit uns, Huc, an diesem
Ziel wird uns pltzlich traurig zumute, weil es solcher Gestalt Guten, wie
der Wein sie aus uns macht, nicht wohl tut, ohne Verlangen zu sein, es
entsteht uns aus dem erreichten Ziel nicht mehr als ein Ausblick auf ein
neues. Und mit der zugleich schmerzvollen und doch seligen Ahnung, da es
immer so bleiben wird, erwacht in unserm Herzen das Heimweh nach einem
bleibenden Gewinn.

Prost, sagte Huc.

Du mut mich jetzt nicht stren, antwortete ich in jener Bekmmernis, in
die leicht Leute geraten knnen, die ihre Gedanken viel wichtiger nehmen,
als sie sind, und die deshalb glauben, man wollte sie ablenken, wenn man
ihre Ergriffenheit nicht teilt. Huc, wir mssen nun sehen, wo dieser Trost
zu finden ist, und in welcher Gestalt er einhergeht. Er taucht aus dem
Grund unseres Glases hervor, aus dem Schatten des Kelchs und wird zum
Bildnis einer Frau auf seinem goldenen Spiegel.

  Alles was wir gern geglaubt
  strahlt aus seinem Grund,
  Jesu schmerzgeneigtes Haupt
  und der Liebsten Mund.

Keine Verse, bitte, sagte Huc.

Vergib, antwortete ich, es kommt zuweilen vor, ohne da man es
beabsichtigt, aber ich begreife, da die Wesen selten sind, die erkennen
knnen, da man die Dinge wahrhaft schn nur in Versen sagen kann. Sieh
nun, Huc, das Bildnis dieser Frau gleicht dem keines dieser Wesen, die wir
kennen, die Schnheit und Milde dieses Angesichts ist niemals in der Welt
zu finden, und darin liegt sein unnennbarer Trost. Aus dem Grund ihrer
Augen erstrahlen das unvergngliche Leben und der irdische Schlaf, und vom
Schlaf steigen liebliche Schleier empor, wie der Duft des Jasmins in der
Sommernacht, und legen sich ber unsere Augen, so da wir in Ruhe
versinken, als htten wir uns nichts gewnscht, als diese gndige Ruhe.

Ein Asket bist du also nur, antwortete Huc, weil der Weg dorthin mit
einer Reihe genureicher Annehmlichkeiten verbunden ist. Er fuhr sich
rasch mit der Hand ber die schmalen Lippen seines groen Mundes, der wie
in eine dunkle Halbkugel eingeschnitten war, und lie dann mit
hochgezogenen Brauen die Hand wieder sinken, als habe er sie vergessen.
Gib einen Schluck her, fuhr er fort und zog die Schultern hoch, wobei
sein Kopf vorrckte und mir so gro erschien wie ein Menschenkopf. Er trank
vorsichtig, leckte sich umstndlich die Lippen und atmete so schmerzvoll
auf, wie nur Menschen aufatmen knnen.

Es war eine Weile still zwischen uns, die nchtlichen Gerusche der Natur
drangen gedmpft zu uns herein und das leise, heimliche Sausen der
reisenden Erde. Da legte Huc die welke Hand auf die Gegend seines Herzens
und sagte einfach:

Ich bin schwindschtig und werde nicht mehr lange leben, ich will dir von
den Wldern erzhlen. Viel kann ich nicht sagen, denn die Schnheit der
Wlder ist so gro, da die Gedanken und Worte darber zu Trumen werden,
je nher sie der Wahrheit kommen. Denke nicht, meine Krankheit betrbte
mich, nur armselige Wesen leiden an ihrem Leibe, alle Schmerzen des Krpers
und seine Hinflligkeit sollte man nur mit einem Lcheln hinnehmen.

Ich bin erstaunt ber deine Weisheit, Huc, sagte ich.

Wie hochmtig du sein mut, um darber zu erstaunen, antwortete Huc ohne
Eifer. Ihr Menschen habt verlernt, in den lebendigen Wesen der Schpfung
den Schpfer zu ehren, und ihr berschtzt eure Eigenschaften so sehr, da
ihr darber diejenigen aller anderen Wesen belchelt. Aber wir sind alle
auf dem gleichen Wege, und wenn wir Sinne htten die Zeit zu ermessen und
sie in Vergangenheit und Zukunft zu berschauen vermchten, wrden wir
ehrfrchtiger sein, bescheidener und frmmer. Gib einen Schluck her.

Ich reichte ihm das Glas, das er mit beiden Hnden nahm und langsam mit
geschlossenen Augen leerte.

Alle guten Menschen haben den Hang, den Tieren in ihrem Gehabe und Wesen
zuzuschauen, fuhr Huc ruhig fort, es regt ihre Ahnungen einer zuknftigen
Vollendung in Rhrung und ungewissem Glauben an; andere sind schon viel
weiter und lernen es, die Eigenarten der Pflanzen zu bewundern, die,
obgleich sie sich von denen der Tiere unterscheiden, doch nicht weniger
mannigfaltig sind; wann aber werdet ihr das Leben der Steine beachten? Die
Menschen haben die Geduld verloren. Ich habe lange unter ihnen leben mssen
und darunter nicht nur gelitten, wie du meintest, als du mich ausliehst,
sondern ich habe auch gelernt. Ich habe ihre Huser und Stdte kennen
gelernt, bin auf Schiffen die Kste entlang gefahren, so da die Wlder an
den Ufern mir wie feine blaue Nebelstriche erschienen, sogar eine
Eisenbahnfahrt habe ich gemacht, so da ich wei, worauf ihr stolz seid. In
der Gesellschaft mit Menschen habe ich mir meine Krankheit zugezogen, denn
ich habe in Regen und Wind und in der furchtbaren Sonne ohne Schutz auf
meinem Pfahl zubringen mssen, an den ich mit einer Kette angeschlossen
war. Du wirst mein letzter Herr sein. Prost!

Ich holte ein zweites Glas fr mich herbei und schenkte uns beiden aufs
neue ein. Huc sa still mit seinen alten, nachdenklichen Augen dicht vor
mir auf dem Tisch, so da unsere Stirnen etwa in gleicher Hhe waren,
zwischen zwei glnzenden Flaschen im Kerzenlicht. Eine Weile spielte er mit
dem farbigen Stanniol, zerri es und roch daran. Als er es endlich aus den
Hnden fallen lie, als habe er nie Interesse daran bekundet, zweifelte ich
wieder fr einen Augenblick an seiner Bedeutung.

Du bist doch nur ein Affe, sagte ich, und raffte mich auf wie aus einem
Traum.

Huc zog seinen langen Schwanz melancholisch durch die Hand, hielt endlich
das Ende fest und fragte, das runde Maul mit einem Ruck auf mich zustoend:

Wieviel hast du eigentlich schon getrunken?

Ich entschuldigte mich beschmt; so war also Huc doch im Recht, wie ich
gleich anfangs angenommen hatte, als er mich von der Schulter seines jungen
Herrn aus mit seinem unbeirrbaren Ernst und seiner versunkenen
berlegenheit angesehen hatte. Erzhle von den Wldern, bat ich.

Ich meine oft, begann Huc ruhig, ich kenne die Wlder erst, seit ich sie
habe verlassen mssen, weil ich mich von jenem Tage an, Stunde fr Stunde,
bis tief in meine Trume hinein habe mit ihnen befassen mssen, und darber
habe ich auch erfahren, da das Geliebte erst recht unser Eigentum zu
werden scheint, wenn wir es verloren haben. Alles Kleine ist dahingesunken,
und mir ist nur ein einziges strahlendes Bild von herrlicher Freiheit im
Gemt zurckgeblieben, es ist verwoben mit dem weien Licht des Mondes
ber dem Bltterdach der Bume, mit dem Spiel des Sonnenscheins im frischen
Grn, mit dem Lied der Nachtigall am Wasser und dem Geruch der Blten,
deren es so viele gibt, wie unsere Sinne nur immer an Farben und Gestalten
ersinnen knnen. Du wirst lnger leben als ich, so will ich dir die
Sehnsucht nach den Wldern als Erbteil zurcklassen, bewahre sie.

Ich hob mein Glas, um es als Zeichen der Besttigung aufs neue zu leeren,
aber Huc trank nicht mehr mit. Er schmiegte sich an die eine Flasche, die
nur um weniges kleiner war als er, als knnte ihr buntes Funkeln im
Kerzenschein ihn wrmen, und sprach eintnig und scheinbar ohne
Begeisterung weiter, seine Zge lchelten weder, noch verrieten sie Trauer.

Es war an einem Frhlingsmorgen, als ich in Gefangenschaft geriet, meine
Heimat liegt weit von hier, in den Dschungeln von Mangalore, der alten
Priesterstadt am Meer. Ich geriet auf einem Reisfeld in eine Schlinge, die
von den Menschen gelegt worden war, und ergab mich in mein Geschick, als
ich merkte, da das Hanfseil unzerreibar war, das sich mir um Arm und
Schultern gelegt hatte. Zwei Knaben schleppten mich in eine armselige
Htte, die aus Lehmwnden und Palmblttern zwischen den hngenden Wurzeln
eines wilden Feigenbaums errichtet worden war. Es roch nach Sandelholz und
verbranntem Kuhmist und war so dumpf und dunkel, da ich lange Zeit wenig
erkannte. Als ich nach der ersten Nacht am Morgen erwachte, sah ich den
Sonnenschein auf den Bananenblttern vor dem engen Fenster und dachte an
die Gefhrten in der Freiheit, die sich nun, wie einst auch ich, auf den
Wipfeln der Arekapalmen im Morgenwind schaukelten und den Kranichen
zuschauten, die auf den Sandinseln im seichten Wasser des Flusses standen
und fischten. Wenn ich meine Augen schlo, so hrte ich das Wasser
rauschen und die Stimmen der Schilfpflanzen am Ufer. Ich hrte die Lockrufe
der Wildtauben aus den dichten Lauben des Gehlzes dringen und sah den
Panther durch das Ried schleichen, um zu trinken. Er bewegte sich zwischen
den Sonnenspeeren und Schattenstrichen des hohen Schilfs, als spielten
Sonne und Wind mit Schatten und Licht, und niemand erkennt ihn, wenn ihn
sein heiseres Keuchen nicht verrt, oder sein dampfender Atem, der von dem
Blutgeruch seines nchtlichen Raubs schwer ist. Hoch ber mir sang der
Milan seinen hellen Jagdruf im Blauen, nach Beute aussphend, wie von Gold
bergossen schwebte er klein und selig in der khlen Morgenhhe, ber dem
wilden, grnen Meer des Dschungels. Ich sa Schulter an Schulter mit den
Gefhrten in der rtlichen Frhsonne in der Hhe, atmete die herrliche Luft
ein und fhlte die schweigsamen Bewegungen der unzhligen Pflanzen unter
mir, die sich gegen die Sonne emporreckten. Du wrdest lernen, das
leidvolle und se Gerusch der aufbrechenden Blumen zu hren, wenn du mit
mir im Urwald gelebt httest, du knntest den Duft des ersten Aufbrechens
vom Hauch des Verblhens unterscheiden, und das wollstige Drngen, das
sehnschtige Keimen, und die Hingabe dieser Geduldigen, in der Lust und Not
ihres Frhlings Erzitternden.

Aber was ist euch Alltglichen nicht alles wichtig und wie vielerlei
Geringfgiges setzt ihr hher an, als die beschauliche Gemeinschaft mit dem
Leben der groen Natur. Wir Affen gelten bei euch als ein unntzes
gedankenloses Volk, das nichts Gescheites zustande bringt und seinen Tag
vertndelt. Aber wieviel wit ihr vom Glck unseres freien Daseins in der
Sonne oder im Mondglanz in der weien, grenden Nacht, von unserer
Gemeinschaft mit dem unschuldigen Geschick der tausendfltigen Geschpfe
der Natur? Glaubst du, wir gben nicht fr eine einzige Stunde friedvoller
Gemeinschaft mit den Glcklichen des Waldes den ganzen Tand dahin, um
dessentwillen ihr euch euren hastigen Tag hindurch so wichtig gebrdet? Die
Wahrheit, da wir euer Wesen nicht haben, schliet uns vom irdischen
Daseinsglck nicht aus, und habt ihr denn in der Zeitlichkeit ein anderes
Ziel als das Glck? Ihr verlacht uns, wenn ihr uns unsere Freiheit genommen
habt, und verget, da wir ohne sie nichts mehr sind. Nur im Glck lernt
man ein Wesen wahrhaft kennen, denn das Glck ist die Vorbedingung zum
wohlabgewogenen Selbstbewutsein, und aus dem Selbstbewutsein kommt alles
Groe.

Was ist denn von euch Affen Groes gekommen? fragte ich.

Huc zog die Achsel hoch, und sein Gesicht wurde grau und alt, als wren
Jahrtausende ber diese Zge dahingegangen; er bekam etwas von einer
gyptischen Mumie und zugleich etwas schwermtig Tierhaftes von
unbeschreiblich drohendem Ernst.

So kann nur ein Mensch fragen, sagte er matt. Immer noch glaubt ihr, der
Natur etwas hinzufgen zu knnen, und meint, etwas erschaffen zu mssen, um
bestehen zu bleiben. Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren
Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlsung zu sichern,
beweist ihr nur, da ihr nicht wit, was Erlsung ist. Das Groe, das dem
rechten Selbstbewutsein entspringt, ist nicht Werk von Menschenhand,
sondern die Liebe zu allem Erschaffenen der Natur.

Was weit denn du von Gott, du Affe! sagte ich.

Es kommt nur darauf an, da Gott etwas von mir wei, antwortete Huc, und
er tut es. Unglcklich sind nur diejenigen, derer Gott sich nicht
erinnert.

Das ist wahr, Huc, das ist wahr, ich habe dir unrecht getan, Huc.

Nun fngst du gar an, mir zu glauben, entgegnete der Affe melancholisch,
nichts knnte mich mehr an der Wahrheit meiner Worte irre machen.

Huc hatte nun einmal keine gute Meinung von mir, ich wei nicht, wodurch
ich sein Mifallen erregte, vielleicht dadurch, da ich zu viel Palmwein
getrunken hatte.

Erzhle von den Wldern, bat ich, ber Gott soll man nicht streiten,
kein Weiser streitet ber Gott.

Das wre fr dich ein Grund, es zu tun, sagte Huc, ffnete sein Maul ein
wenig, so da ich seine Zhne blinken sah, und es erschien mir pltzlich,
als lauerte eine erschreckende Bosheit hinter seinen Zgen.

Es ergriff mich ber dieser Wahrnehmung ein unbeschreiblicher Zorn, dessen
Ursprung gewi nicht allein in diesem heimlichen Hohn des Tieres zu suchen
war, sondern vielmehr in jener an Wut grenzenden Beschmung, in welcher man
das Gebude einer falschen Gotterkenntnis unter den einfltigen
Liebesansprchen der Natur zusammenbrechen fhlt. In Besinnungslosigkeit
und Verblendung ergriff ich jhlings eine der Flaschen, packte sie am Hals
und schwenkte sie hoch durch die Luft, um sie mit einem wuchtigen Schlag
auf Hucs kahlem Schdel zu zerschmettern. Die Scherben stoben in einem
bunten Regen nach allen Seiten auseinander und ich glaubte einen dunklen
Schatten davonhuschen zu sehen, als ich die von einem jhen Licht
geblendeten Augen ffnete.

Da erkannte ich, da drauen die Morgensonne auf die Bltter schien, und
da ich in der Nacht am Tischrand auf meinen Armen eingeschlafen war.
Bestrzt und benommen sah ich mich um, denn das Klirren des Glases lag mir
so deutlich im Ohr, da kein Zweifel darber herrschen konnte, da eine
Flasche zerschlagen war. Da erkannte ich, da ich im Schlaf ein Glas vom
Tisch gestoen hatte, am Boden blinkten die Scherben im Morgenlicht, und
vom halbgeffneten Fenster her wehte es khl herein und brachte das
Geschrei der Sittiche aus den Mangobumen mit sich. Ich raffte meine
erstarrten Glieder mhselig auf, eins nach dem andern, und ghnte ber die
stille dunkle Weinlache hin, die den Tisch zierte, und in der meine Zigarre
jmmerlich ertrunken war. Immer noch ein wenig betubt, bckte ich mich
endlich nieder, um Hucs Leiche aufzulesen, aber ich fand den Affen
nirgends. Da fiel mein Blick auf das ungeschlossene Fenster, und mit leisem
Schreck begriff ich Hucs Geschick. Ich trat, nicht ohne einen Anflug von
Altersschwche, mit geraden Beinen und etwas krampfhaft geschwenkten Armen
auf die Veranda hinaus und richtig fand ich Huc auf dem Gipfel einer
Papeiapalme. Es sah aus, als se er auf seinen Hnden, dabei schaukelte er
sich seelenvergngt nach besten Krften, und auf meinen Zuruf hin schaute
er nieder, zog den Kopf zwischen die Schultern und zeigte mir fletschend
die Zhne, als verlachte er mich. Aber bald wurde ich ihm gleichgltig, er
blinzelte in die rote Morgensonne hinein, lie den Zweig ausschwanken, wie
er wollte, legte den kleinen, klugen Menschenkopf in den Nacken und schlo
vor Lebensseligkeit die Augen.

Als ich ins Zimmer zurckging, stand Panja in der geffneten Tr, die Hnde
auf dem Rcken, morgenfrisch und ausgeschlafen stand er da, den sauberen
Turban auf dem kohlschwarzen Strhnenhaar, und seine Augen wanderten mit
unaussprechlichem Ausdruck von der umgestoenen Weinflasche bald zu den
Scherben am Boden, bald ber meine arme Gestalt hin, die in der Tat der
Frische und Schwungkraft entbehrte.

Sahib..., sagte er und stemmte die Hnde in die Hften.

Ich will den Ausdruck seines Gesichts nicht schildern, es ist eine
unangenehme Erinnerung fr mich. Nun wird er nach dem Affen fragen, dachte
ich, aber es geschah nicht. Panja war seit dieser Nacht, nach welcher er
Elias allein in meinem Bett gefunden hatte, davon berzeugt, da selbst er
mir nicht zu helfen in der Lage sei. Er sagte nur in einer ganz
abscheulichen berlegenheit, die ich ihm nicht vergessen werde:

Sahib, es ist ein Fischer drauen, der dir sagen lt, der Ostwind sei
gekommen, und dein Boot sei fr die Meerfahrt bereit.




Viertes Kapitel

Am Silbergrab des Watarpatnam


Es wurde von Tag zu Tag heier, ich schlief in der Mittagsstunde mit der
Zigarre in der Hngematte ein, erwachte unfroh und matt, und auch die
Bcher blieben oft tagelang, immer die gleiche Seite aufweisend, offen auf
dem Schreibtisch liegen. Mein Entschlu zu reisen, stand fest, ich
studierte die recht unvollstndigen Karten, war aber schon entschlossen,
den Weg nach Norden durch die Fluniederungen der Kste zu machen, obgleich
die Strme noch reich an Wasser waren und das Land teilweise berschwemmt
hatten. Die Offiziere der englischen Garnison, deren einige ich
kennengelernt hatte, rieten mir ab, aber sie verstanden meine Absichten
nicht, und wenn sie des Glaubens waren, da mir daran gelegen sei, rasch
und bequem voranzukommen, so hatten sie recht. Immerhin hatte ich in etwa
vierzehn Tagen alle Vorbereitungen getroffen, der Ochsenwagen war gedungen,
Proviant fr zwei Monate war herbeigeschafft, und eines Morgens brachte mir
ein Knabe die Nachricht, da in Tschirakal am Seeufer die Boote auf uns
warteten.

Der Watarpatnam und der Ponani sind, im Norden und Sden Malabars ins Meer
einmndend, die grten Strme des Landes. Der Watarpatnam bildet, wie die
meisten Flsse der Westkste, vor seiner Einmndung ein gewaltiges
Seenbecken, in welchem sich die Meerflut durch einen schmalen Ausflu mit
seinen Wassern verbindet. Die einzelnen Flumndungen dagegen sind unter
sich, mitsamt ihren Seen durch Kanle verbunden, die vor der Zeit der
Kmpfe Tippu Sultans mit den Englndern, dieser ebenso umsichtige wie
grausame Frst anlegen lie, um den Handel zur Zeit der Monsunstrme, die
die Kste unbefahrbar machen, in den Meerstdten keine Unterbrechung
erleiden zu lassen. Heute, wo der Hauptkstenhandel durch die Dampfschiffe
besorgt wird, ist diese herrliche Wasserstrae durch die Seeniederungen und
den Urwald fast vergessen worden. Die Kanle sind zum Teil durch die
Anschwemmungen der Regenzeit versandet, oder das leidenschaftliche Wachstum
seiner Ufer hat sie vllig eingesponnen.

Panja war in bester Laune, seit ich meinen Entschlu kundgetan hatte, die
Stadt zu verlassen, denn er liebte Cannanore nicht und wnschte sich, mit
mir in Gebiete zu kommen, in denen wir allein herrschten. Als er von den
Wegen hrte, die ich zu machen gesonnen war, kratzte er sich froh und
nachdenklich im Nacken und sah mich geistesabwesend von der Seite an; heute
wei ich, da er vielleicht manches besser berschaute, was unserer
wartete, als ich, und da es ihn heimlich erfreute, mich bald in groer
Abhngigkeit von sich zu wissen. Er leitete die Vorbereitungen mit viel
Umsicht, und aus mancher Anschaffung, die er entschlossen und selbstndig
machte, gewann ich langsam einen Einblick in die Schwierigkeiten, die es zu
berwinden galt. Er vertauschte meine letzten Lederkoffer mit solchen aus
Eisenblech, und eine Mauer von Blechbchsen verschwand im Gepckwagen, er
riet mir, meine Waffen nicht zur Schau zu tragen, sie aber wohl zu rsten,
da die Mohammedaner uns rudern wrden.

Ich wute damals noch nicht, wie weit seine Befrchtungen angebracht waren,
aber es war mir bekannt, da vielerlei Gesindel der Hinduwelt nur deshalb
zum Islam bertritt, um die greren Freiheiten dieser Lehre zu genieen.
Die Mohammedaner bilden in den Westprovinzen eine entschlossene und geeinte
Gesellschaft, von der England grere Gefahr droht, als von den Anhngern
des Hinduismus, der durch den Kastengeist hundertfltig gespalten und in
die verschiedensten Interessengebiete zergliedert ist.

Sonst verriet unsere Expedition eher die Friedlichkeit, als die Gefahren
des Landes, die nicht von den Menschen kommen, und ich erinnerte mich,
vergleichend, einer anderen Ausfahrt in die Wildnis, die in meiner
Gegenwart fr den Sudan ausgerstet wurde. Damals starrte das bunte Lager
von Waffen und Todesbereitschaft, die glnzenden Riesengestalten der Neger
verbreiteten das heimliche Grauen vor ihren blutdrstigen Brdern im
Innenlande, und mit den Schwingen der Aasgeier, die den Ausgangsort der
Expedition umkreisten, rauschten in der Luft die Fittiche des Todesengels,
dessen furchtbare Zge die Seuchen Afrikas und den Blutdurst in
Fieberschwle ausstrahlten. Viel spter, als ich lngst nach Europa
zurckgekehrt war, erfuhr ich, da von jener Gesellschaft nicht ein
Einziger in die Heimat zurckgekehrt sei, der letzte Name ist in einem
Krankenhaus von Genua verklungen, in das ein fiebernder Straenbettler
eingeliefert wurde, der, aller Mittel beraubt, und von einer furchtbaren
Krankheit zerfressen, den Versuch gemacht hatte, seine deutsche Heimat von
Neapel aus zu Fu zu erreichen.

Die Gefahren Indiens haben dagegen wenig mit dem Charakter der
Urbevlkerung zu tun, denn seine Menschen sind friedliebend und ergeben,
sie tten nicht und sind seit Jahrtausenden gewohnt, beherrscht zu werden.
Abgesehen von den durch politischen Fanatismus aufgewhlten Leidenschaften
und ihren von Rachgier, Ha und Herrschsucht entfesselten Unbillen, sind
die europischen Reisenden im grten Teil des Landes vor den Eingeborenen
sicher; gbe es nicht die Gefahren des Fiebers, der wilden Tiere und der
Pest, so wre das heutige Indien fr die, welche um ihr Leben besorgt sind,
weit weniger gefahrvoll, als die Umgebung unserer europischen Grostdte
bei Nacht. Indiens Gefahren, seine Einflsse und geheimnisvollen Mchte
walten in anderen Regionen des Seins, als dort, wo das Messer oder die
Bchse ber Wohl und Wehe entscheiden. Indien wird kaum jemand gefhrlich
werden, dessen Ansprche nicht ber die Erhaltung seines leiblichen Lebens
hinausgehen, aber sein dmonischer Geist trifft das Mark der Seele dort
inmitten, wo ihr Flug die groen Fragen allen Seins und die Hhen des
Menschenbewutseins zu erstrmen sucht. Der alte Geist des ewigen
Gottreichs lhmt mit der unfabaren Stille seines himmlischen Triumphs
allen zornigen Eifer des Kampfes und der Forschung, alle Jugend im Streit
um die Erkenntnis und die Frische jeder Tat im Geist. Es ist alles gewesen.

  Erkenntnis ist es, welche Opfer zeitigt,
  Erkenntnis nur vollzieht die heiligen Werke,
  die Gtter auch, im Licht, allein verehren
  als Brahman, als das lteste, die Erkenntnis.
  Und wer begreift als Brahman die Erkenntnis,
  und wer sich nicht mehr ab vom Brahman wendet,
  streift schon im Leibe alle bel von sich,
  und alle Wnsche werden sich erfllen.

Den Himmelswelten der Upanishad und ihrem Licht ist kein Geistesstrahl
fremd, der ihr aus der Erkenntniswelt unserer Kulturen entgegenbricht, es
gibt nur Einkehr in Gehorsam und Stille oder eine ruhlose Umkehr, und
berall in Indien trumt ihr Friede ber all den lebendigen und erstorbenen
Wesen seines Schaffens und Wandelns. Ein altes Sprichwort sagt, da, wer
ohne Geduld nach Indien ginge, sie dort bald lernte, da aber jeder, der
mit Geduld gewappnet einzge, sie dort verlre. Dieses Wort lt sich
leicht, auf uerliche Dinge angewandt, gleichmtig zu den Anekdoten
rechnen, aber sein tieferer Sinn trifft auf das alte Geisteswesen der
Jahrtausende zu, das berall waltet. Auf den Wegen Indiens hockt der Geist
der Menschheit mit grauen Haaren und jungen Augen, mit einem stillen
Triumphlcheln in den Zgen, ber seine eingescherten Vlker und ber den
trichten Lichteifer der neuen Geschlechter. Niemand, in dessen Gewissen
der alte Schuldgedanke der Menschheit brennt, kommt an ihm vorber, nur die
leuchtenden Augen der Kinder sind vor seinem Anblick gefeit und die
erbarmungswrdige Selbstsicherheit der Phariser.

Es war zweifellos zum guten Teil mein seltsamer Traum von Huc, dem Affen,
gewesen, der mich hinaustrieb in die unberhrte Natur, die Mutter des
Glaubens und der Klarheit fr alle Aufrichtigen. Wer will ermessen, ob
unsere Trume unsere Gedanken anzuregen vermgen, wie in einer unschuldigen
Selbstttigkeit des Gehirns, die an wunderreiche Offenbarungen erinnert,
oder ob nur unsere Gedanken unsere Trume zu befruchten vermgen? Damals
erschien es mir, als lge ein ganz neues Evangelium der Weltanschauung in
Hucs schlichter Meinung, da alles Groe des Erdendaseins uns allein aus
unserer Liebe zu allem Erschaffenen der Natur erwachsen knnte. Daneben
blieb mir der Satz im Sinn: Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren
Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlsung zu sichern,
beweist ihr nur, da ihr nicht wit, was Erlsung ist.

Solcherlei Gedanken waren es, die mich mit Ruhlosigkeit erfllten und
dahintrieben, als gelte es, das Herz des alten Reichs im Rauschen der
Strme und Bume des Landes zu finden, im Himmelsblau ber den Wildnissen
des Dschungels, im Gebaren seiner Geschpfe, seien es nun Menschen, Tiere
oder Pflanzen, und in der strahlenden oder grenden Flut des Sonnenlichts
ber dem jahrtausendalten Wandel und der geduldigen Wiederkehr, die alle
miteinander in innigstem Verein das Brahman geboren zu haben schienen, als
hchsten Anspruch und endliche Erfllung.

So trieben mich die glcklichen Irrtmer meiner Jugend, wie sie Millionen
vor mir erhht oder erniedrigt, befreit und gefesselt, gesegnet, verdorben
oder vernichtet, aber niemals zur vollen Genge gebracht haben. Aber ihre
Leiber erbrausen verwandelt als neue Hoffnung und als neuer Glaube in den
Auferstandenen der Natur, im strzenden Quell, in schwellenden Frchten
oder in den Liedern der Singvgel, die in Lichtwellen verwoben, ber
aufbrechende Blten dahinklingen. Krishnas groe Worte vom eigenen Wesen,
der Glanz der hchsten Gottheit, verfhrt und leitet uns immer aufs neue zu
friedlosem Suchen nach Vollendung in uns selbst.

  Ich bin der Weg, der Trger, Frst und Zeuge,
  der Freund, die Heimat und die Zufluchtssttte,
  Ursprung und Endziel und Bestand der Dinge,
  bin der Behlter und der ewige Same.

                  *       *       *       *       *

Die erwachten Hindus standen noch, in der Morgenkhle frstelnd, in den
Eingngen ihrer Htten, als unsere Ochsenwagen Cannanore gegen Norden zu
verlieen. Es war von unaussprechlicher Frische umher, das Leben der
Menschen hatte noch kaum begonnen, nur die Vogelstimmen begrten uns, das
im Tau funkelnde Morgenlicht, das in unfalichem Rot, wie in Farbenflecken,
im Grn und Braun der Palmen und des Buschwerks und auf der breiten
Heerstrae lag, die anfnglich sacht emporstieg.

Ich schaute nicht zurck, der rastlose Frohsinn meines erwartungsvollen
Bluts kmpfte mit der gelinden Traurigkeit des Scheidens, aber ich empfand
keinen Schmerz, sondern nur die Wehmut derer, die in tausend Hoffnungen
eine alte Liebe aufgeben, um sie dennoch zu bewahren. Der Postwagen aus den
Bergen, von Dindumalla, kam uns entgegen, ein schreiender Sturmwind, von
Trompetengeschmetter begleitet. Vier kleine, abgehetzte Steppenpferdchen,
die wie in Todesverzweiflung galoppierten, dampften unter der sausenden
Peitschenschnur ihres Fhrers, der halb hockend und mit dem Geschrei eines
gergerten Affen auf sie einhieb. Ein kleiner, berfllter Wagen rasselte
in Sprngen und Zickzackkurven hinterdrein. Dieser Postwagen htte keine
Maus mehr beherbergen knnen, selbst in den Rahmen der Fenster und auf dem
gebrechlichen Verdeck hockten die halbnackten Gestalten auf Bndeln und
Kisten und klammerten sich mit einem Geschrei, das zur Hlfte Ergriffenheit
und Jubel und zur Hlfte Angst war, aneinander fest. Niemand begriff, aus
welchen Grnden diese furchtbare Hast ihrer aller Leben gefhrdete, man
schob die Wichtigkeit der Sendung auf die geheimnisvolle Weisheit der
Behrde, deren halbeuropische Mischlingsvertreter noch in Cannanore
schliefen. Eine rtliche Wolke hllte diese Hllenjagd aus Unfrieden und
Torheit hinter uns ein.

Panja, welcher neben dem Ochsentreiber, der zugleich Besitzer unserer Wagen
war, ber dem Deichselende kauerte, wandte sich nach mir um, schob die
Bambusvorhnge zur Seite und unterrichtete mich lakonisch ber den Vorfall.
Er sagte nur: Wilde Schweine, und lie die Bambusmatte wieder fallen. Es
wurde wieder still umher, die Sonne stieg, die Rder knarrten, und aus den
Niederungen der Reisfelder rief die Hherdrossel ihre drei melodischen
Flttne.

Nach einer Weile bogen wir von der Heerstrae ab, um einen schmaleren Weg
einzuschlagen, der schlicht und ohne Baumbestnde zwischen frisch
bewsserten Reisfeldern dahinfhrte. Die kleinen, weien Rennochsen griffen
krftig aus, so da unser Wagen fast die Geschwindigkeit eines migen
Pferdetrabs erreichte. Man reist in den Sdprovinzen beider Indien bei
weitem gesicherter und zuverlssiger mit Ochsen, als mit Pferden, da
erstere die Hitze besser ertragen und anspruchsloser in der Ernhrung
sind.

Mit dem heraufsteigenden Tage zog der Frohsinn der Menschen bei mir ein,
die sich jung und sorglos auf der Reise befinden. Auf der Reise sind die
meisten Menschen besser als in den kleinen Bedrckungen ihrer engen
Huslichkeit; mit meiner Erinnerung an meine Reisejahre, die fast meine
ganze Jugend ausfllten, verbindet sich fr mich die Vorstellung, da ich
damals ein bei weitem besserer Mensch war, als heute. Das Reisen lutert
das Gemt, denn die Fremde macht bescheiden, und durchaus nicht auf die
Art, wie es nur die Lumpen sein sollen. Die Achtung vor fremdem Wesen, die
gerade uns Deutschen so gern als Tadel nachgesagt wird, ist nur dann eine
Untugend, wenn sie sich mit einer Preisgabe des eigenen Wesens verbindet.
Dieser Respekt aber vor fremdem Geist und Tun und vor der Lebensart anderer
wird in allen reicheren Herzen die Tadelsucht und die Selbstberhebung
dmpfen, die beiden Grundfehler unserer jungen Generation.

Nicht, da solcherlei Gedanken mich damals beschftigten, sie kommen erst
spter, sind meistens zwecklos und dienen nur denen, die sie im Grunde
nicht brauchen. Denn gute Gedanken werden nur von denen recht verstanden,
deren Wert darin beruht, da sie ihre eigenen haben. Nein, mich nahm das
herrliche Bild des klaren Morgens gefangen, das stille Leben auf den
fruchtbaren Reisckern, der Takt der Wassermhlen und die schnen Gestalten
der arbeitenden Mnner und Frauen. Langsam verwilderte das Land mehr und
mehr, nur einmal noch, als unser Wagen, wie aus einer Laube, aus hohen
Buschbestnden und Laubwald in ein Stckchen freien Landes ausfuhr,
breitete sich vor meinen Augen ein dunkler Acker aus, der gepflgt, aber
noch nicht bewssert worden war, und das schrge Sonnenlicht legte die
aufgeworfene Erde in Schatten und Licht. Ein reicher Glanz der
Morgenfrische strahlte ber dem dampfenden Land, das duftete und von
Fruchtbarkeit zu gren schien. Zwei schneeweie Ochsen vor dem Krummholz,
das unseren Pflug ersetzt, wurden von einem jungen Manne gelenkt, der auer
seinem schmalen Lendenschurz nur einen leuchtend roten Turban auf den
schwarzglnzenden, langen Haaren trug. Ein Palmenwald schlo das Bild im
Hintergrund ab, und darber strahlte ein unfalich blauer und klarer Himmel
von seliger Weite.

Am Ende des Feldes waren Mdchen an der Wassermhle beschftigt, sie
mochten vierzehn oder fnfzehn Jahre alt sein, waren fast vllig nackt, und
ihr tiefschwarzes Haar, das von l glnzte, hing in einem langen, schmalen
Knoten in den lichtbraunen Nacken nieder. Sie hantierten eifrig, ihre
jungen Krper bewegten sich in einem noch unverstandenen Glcksbewutsein
kindlicher Freiheit und in jener grozgigen Schamhaftigkeit der
selbstseligen Natur, die unbegrenzten Frohsinn um sich her verbreitet, und
sangen einstimmig ein monotones Lied von groer Traurigkeit. Der Fall des
strzenden Wassers und ihre Stimmen bewirkten, da sie das Herannahen des
Wagens nicht sogleich bemerkten; als sie uns aber erblickten, flchteten
sie mit einem hellen Aufschrei hinter die trockenen Schilfwnde einer
kleinen Htte, wobei sie, wie zwei aufgeschreckte Antilopen, ber einen
kleinen Bach sprangen. Aus der Htte trat gleich darauf eine
zusammengeschrumpfte Alte, die uns aus ihren welken Zgen anlchelte und
uns winkte. Dann nahm der Wald uns auf, der dichter und dichter wurde. Die
Sonnenstrahlen drangen nur noch in spitzen Speeren bis zu uns herab, es
wurde dmmerig und schwl, die Bambusdickichte und die hngenden,
buntverwobenen Teppiche der Lianen verhllten mehr und mehr den Blick in
die Schatten des Urwalds.

Niemand schien anfnglich ber den Verlauf unseres Unternehmens erfreuter
als Elias. Die erste Tagesstunde hindurch durchma er unseren Weg etwa
zehnmal, die zweite machte er ihn ungefhr fnfmal und selbst in der
dritten Stunde, in der es schon empfindlich hei geworden war, lief er
immer noch munter kreuz und quer, uns alle an Eifer und Ausdauer
bertreffend. Erst als wir in den Urwald kamen, wurde er nachdenklicher,
blieb zuweilen betroffen stehn und suchte die Dmmerung unter den Bumen
mit seinen Blicken zu durchdringen, wobei er gewhnlich das eine Vorderbein
emporhob und die Pfote im rechten Winkel herabhngen lie. Seine Ohren
bewegten sich dabei unablssig, zuweilen sah er mich forschend an, wie in
Unsicherheit darber, ob diese Umgebung mir ebensowenig geheuer sei, wie
ihm.

brigens hatte Elias sich auf das prchtigste entwickelt, er trug nun die
Merkmale eines Wolf- und Schferhundes nicht minder deutlich, wie die eines
forschen und geschmeidigen Terriers, jener tchtigen Rasse, die damals die
Englnder bevorzugten und pflegten. Seine wollige Behaarung erfreute auch
verwhnte Kenner durch ihre Flle und die Mannigfaltigkeit ihrer Frbung,
whrend ein groer Ringelschwanz ihn auf das prchtigste zierte. Da er noch
ein wenig gewachsen war, so verband er mit seiner Anmut eine gewisse
Bedrohlichkeit der Erscheinung, die er jedoch wegen der Vortrefflichkeit
seines Charakters in keiner Weise auszubeuten suchte. Zweifellos flo auch
vom Blut des sehr beliebten Hhnerhundes ein gut Teil in seinen Adern, denn
sobald sich ein Geflgel zeigte, verriet Elias einen unbezhmbaren Hang,
sich dieses Getiers zu bemchtigen, um es zu zerreien. Hier zeigte er
einen nachahmungswerten Mut, der so leicht nicht wieder bei einem Hunde
gefunden werden wird.

                  *       *       *       *       *

Es begann eine herrliche Zeit! Wie soll ich die leuchtende Klarheit der
hereinbrechenden Morgen schildern, die in unfabarer Bestndigkeit
heraufzogen, den stillen, glhenden Glanz der Tage und den magischen
Frieden der weien, gefhrlichen Nchte! Von allem, was mir aus dieser Zeit
der Wanderung durch die Wildnis am tiefsten im Gedchtnis geblieben ist,
preise ich die Kanufahrt durch die Seen und Kanle. Ich vergesse die
Abendstunde niemals, in der unsere Wagen in Tschirakal anlangten, einem
kleinen Ort an jenem Binnensee, den der Watarpatnam vor seinem Austritt ins
Meer bildet. Der Ort lag unter Palmen und hob sich wei, braun und grn von
der merkwrdig stillen, graublauen Silberwand des groen Wassers ab, als
wir die Strae zum Hafen niederfuhren. Aus den niedrigen Husern und
Palmenhtten stieg blauer Rauch auf, und aus der Dmmerung einer hlzernen
Tempelpagode drang ein priesterlicher Singsang. Es regte sich kein Windzug,
die Mattigkeit des Tages lagerte in der Luft, und der bunte Hafen war so
still wie ein Bild. Ungeheure Laubbume, unserem Ahorn vergleichbar,
berschatteten den schmalen Wassereinschnitt, in dem die Kanus ruhig, wie
eingelassen in erstarrtes Metall, dicht nebeneinander lagen, sie waren zum
Teil hoch mit grell bemalten Warenballen bepackt, und die Zugnge zu diesem
Hafen fhrten eng an den Husern entlang. Es duftete nach Tee, Gewrzen und
Frchten, und als unsere Wagen dicht am Rand des Wassers haltmachten, erhob
sich ein alter Mann, ganz in ein weies Gewand gehllt, und begrte mich
im Namen Allahs und des Propheten.

Bist du der Herr, der das Wasser befahren will, um nach Taliparambu zu
gelangen?

Seine Stirn war dicht ber den Brauen, wie von einer weien Binde,
abgeschnitten, die schwarzen Augen sahen mich sicher und abwgend an. Gib
die Geldsumme fr die Fahrt, Sahib, wir mssen die Ruderer ablohnen, damit
sie gehorsam sind.

Panja trat zwischen uns, absichtlich so, da der Alte einen gelinden Sto
empfing und zurcktreten mute. Er funkelte Panja zornig an.

Wer hat dir erlaubt, den Sahib anzureden? zischte Panja. Ich war erstaunt
ber seine Keckheit. Tritt zur Seite und zeig' deine Kanus her, ob sie dem
Herrn gengen, glaubst du, der Sahib wre gekommen, um mit dir zu
schwatzen?

Der Alte schwankte und sah zweifelnd zu mir herber, aber dann folgte er
Panja und sagte zgernd:

Die Kanus sind gut.

Das entscheide ich, sagte Panja kalt.

Fhrst du einen groen Herrn durchs Land? fragte der Alte.

Panja lachte. Ihr wit in Tschirakal nicht mehr als die Frsche in euren
Smpfen, sagte er geringschtzig. Ich habe meine Seide nicht gestohlen.
Der Kollektor von Mangalore wartet so ungeduldig, da er einen Boten nach
dem anderen sendet. Ist kein Bote angekommen?

Der Alte schttelte den Kopf und wandte sich scheu nach mir um. Panja
gefiel mir, und trotz seiner sonstigen kleinen Eitelkeiten empfand ich, da
hier sein Vorgehen Grnde hatte. Ich war oft vor den Mohammedanern gewarnt
worden. Panja kannte sein Land.

Wir besichtigten die Boote eingehend. Es waren etwa acht Meter lange Kanus
aus Baumstmmen mit langen Auslegern, da sie von stehenden Ruderern
angetrieben werden, und mit wohlgepflegten Leinendchern, die den mittleren
Teil beschtzten, etwa auf die Art, in der in Deutschland Lastfuhrwerke mit
Leinen gedeckt sind, straff angespannt und gewlbt. Zwischen dem
Leinenschirm und dem Bootsrand war ein schmaler Durchblick gelassen, und
vor dieser Kabine befand sich ein etwa zwei Meter langer Aufenthaltsort fr
khlere Stunden, in denen der Sonne nicht ausgewichen zu werden brauchte.
Der Boden war sorgfltig gepolstert und mit sauberen Bambusmatten belegt,
aber die Boote selbst waren nicht breiter als ein schmales Feldbett.

Panja zeigte sich zufrieden. Ich sah ber den See hinaus, der sich rtlich
frbte.

Wann kommt der Mond? fragte Panja.

Gegen Mitternacht, antwortete der Alte nachdenklich, wir werden in der
Morgendmmerung fahren.

Wer will reisen? fragte Panja gelassen, du oder der Herr? Wir fahren
sogleich.

Es geht nicht, die Leute sind in Tschirakal weit verstreut und nicht so
rasch zu finden.

Wieviel Ruderer hast du? fragte Panja, ohne auf den Einwand des Schiffers
einzugehen.

Fr jedes Boot vier.

Es gengen zwei fr jedes Boot, entschied Panja, das Wasser ist still.

Der Alte schttelte den Kopf. Morgen kommt ihr am offenen Meer vorber,
wenn auch nur fr eine kurze Zeit, so knnen doch zwei Mnner das Boot
nicht durch die Brandung rudern. Diesmal schien der Alte recht zu haben,
denn Panja fgte sich, aber er forderte, da die Leute sogleich gerufen und
in den Booten verteilt wrden. Er sagte mir spter, da es besser sei, die
Ruderer tauschten ihre Meinung ber uns zuvor nicht aus, und er setzte
seinen Willen durch. Unser Gepck wurde hinbergetragen, die Ochsenwagen
kehrten noch in dieser Nacht um, und wir fuhren nach kaum einer Stunde
hinaus, unter den aufgehenden Sternen dahin.

Der Gesang der Ruderer weckte mich. War ich denn eingeschlafen? Ich
brauchte eine kleine Weile, um zu mir zu kommen, die Luft roch fremd und es
war khl, ich hrte das Wasser und taumelte empor in einen sanften
weilichen Lichtschein.

Es fiel mich ein stechender Glanz vom Himmel her an, als ich aus der
Kabine kroch: die Sterne! Unter mir sanken sie in unendliche
schwarzblinkende Abgrnde, totenstill, ohne zu zittern, wie Diamanten auf
kohlschwarzer Seide. Zwischen den beiden zornigen Lichtwelten, am Firmament
und in der Totentiefe, schaukelten und schwankten zwei riesige dunkle,
nackte Krper vor mir hin und her, stieen in das dunkle von Sternen und
Sternbildern funkelnde All und sangen. Ihre Ruder tauchten in die Flut und
hoben sich wieder, wie mit flieendem Silber bergossen, sprhend und
glitzernd troff es nieder, und als ich mich umwandte, sah ich eine schmale
Silberstrae von solchem Glanz, da meine Augen geblendet wurden.

Wie ein traurig ertnender Komet mit langem Schweif scho unser Boot durch
ein uferloses, von Himmelsfunken flimmerndes Weltall. Ich vermochte
nirgends Land zu erkennen, wir waren mitten auf dem See, diesem Bett des
ruhenden Stromes, der, ber tausendjhrigem Schlamm, zgernd ins Meer
hinberglitt. Ich tauchte meine Hand ins Wasser, und sie berzog sich mit
Silber. Kraftlos sank ich, ohne Erfassen und Begreifen gegen die Wandung
meines Verdecks, erbebend in bersinnlichem Schwindel vor diesem Wunder der
Nacht.

Gegen Mitternacht tauchten im Licht des aufgehenden Mondes bluliche
Nebelkuppen vor uns auf. Der Mond stand, eine ockerrote Sichel, ber dem
Dschungel. Wir liefen Land an, ich empfand lange Zeit nichts anderes als
nasse Zweige, die mein Gesicht streiften, hrte die Zurufe der Mohammedaner
in der feuchten Finsternis, und meine Augen wurden nur selten durch einen
weilichen oder rtlichen Schein ber mir getroffen. Von solchem
Hintergrund hoben sich groe Bltter oder die Schwerter eines hohen Schilfs
ab. Einmal scho mit durchdringendem Klageruf, der noch lange drauen ber
dem Wasser gurgelte, ein groer Sumpfvogel empor.

Panja! rief ich.

Da flammte vor mir ein Feuerschein auf, in dem ich eine schmale Sandbank
erkannte, auf die das Kanu aufgelaufen war. Es ffnete sich darber ein
Laubengang, so dicht verwachsen, da er wie eine grne Hhle wirkte, mitten
darin stand Panja in seinem weien Gewand, hielt eine Fackel hoch und
winkte mir.

Die Leute muten einige Stunden ruhen. Es wurde ein Halbkreis von Feuern
gegen das Land zu angebrannt, nach kurzer Zeit lagen die Mnner in tiefem
Schlaf auf ihren Matten, und Panja hockte mir gegenber am Feuer und sprach
leise und erregt ohne Aufhr. Ich merkte ihm die Ruhlosigkeit der
tropischen Sommernacht an, die Ruderarbeit der Leute hatte eine merkwrdig
im Blute siedende Erinnerung an wilde Taten in mir zurckgelassen, und es
lauerte in der grenden Stille umher eine aufreizende Liebessucht und die
Ahnung eines hastigen trichten Todes. Es war, als erwartete die
Daseinsgier und der Lebensdrang der ppig und in stiller Wildheit
ausbrechenden Pflanzen und Bume unsere Leiber. Mein Blut pochte in den
Spitzen der Finger, in den Schlfen und im Halse.

Nach einer Weile brach Panja auf, er wand sich aus trockenen Lianen und
vermodertem Holz eine Fackel, go l darauf und entzndete sie am Feuer.

Wohin gehst du, Panja?

Zu den Frauen, sagte er dumpf.

Noch eine Weile sah ich den Schein seiner Fackel rot durch das Dickicht
schaukeln, er schwenkte sie hoch empor und weit hinter sich, zum Schutz
gegen die wilden Tiere, im Takt seines raschen, weichen Tritts. Dann blieb
ich allein am Feuer zurck mit Elias, Pascha schlief im Boot bei den
Koffern, er hatte seine Matte quer ber meinem Eigentum ausgebreitet und
bewachte es schlafend mit seinem Leibe.




Fnftes Kapitel

Dschungelleute


Panja roch die Drfer, ehe wir sie erreichten, wenn der Wind seinen
Forschungen gnstig war.

Es kommt ein Dorf, Sahib, pflegte er zu sagen, hier schlagen wir das
Zelt ein. Es geschah hauptschlich deshalb dort, weil wir sicher sein
konnten, in der Nhe einer Niederlassung frisches Wasser, Reis und Bananen,
auch Geflgel oder Eier zu bekommen.

Wir hatten viel Umstnde und Mhe damit, Trger zu finden, denn einmal
brauchten wir auch fr kleinere Lasten meistens zwei Mnner oder Frauen,
und zum andern wurden die Leute gewhnlich nach zwei oder drei Tagen von
Heimweh befallen und liefen zurck, obgleich ich ihnen ihren Lohn erst nach
der beendeten Frist auszuzahlen pflegte. Sie lieen ihn um so leichter im
Stich, als sie fr gewhnlich irgend etwas stahlen, was sie reichlich
entschdigte, ohne mir empfindliche Verluste beizubringen.

Jedesmal, wenn wieder einer unserer Sklaven fehlte, sprach Panja die
Hoffnung aus, der Panther mchte ihn auf seiner Flucht erwischen, er hoffte
es herzlos und aufrichtig und wechselte niemals das Raubtier, dem der
Flchtling erliegen sollte. Dann blieben wir oft tagelang am Rand der
Steppe oder mitten in der Dschungelwildnis liegen, lieen die Sonne kommen
und gehen, rauchten, schliefen und jagten. Ich hatte die genaue
Orientierung auf der Karte verloren, aber es war nicht wichtig, da ich die
Breite des Dschungels kannte und der Richtung durch die Sonne und den
Kompa gewi war. Auch zeigten uns die Flsse, die wir auf schmalen Furten,
oder in den Kanus der Eingeborenen berquerten, da wir im wesentlichen die
Richtung nicht verloren hatten. Und hatte ich denn ein Ziel?

Einer der jungen Trger ist lange bei mir geblieben und er fand nicht
allein meine, sondern endlich auch Panjas Gunst, was eine groe Seltenheit
war. Er hie Gurumahu und war ein Jngling von etwa achtzehn Jahren,
hochgewachsen und sehr schlank, aber geschmeidig und krftig. Er war zum
Islam bergetreten, weil er die grten Hoffnungen auf die Freiheiten
gesetzt hatte, die sich mit dieser Lehre fr sein knftiges Leben
einstellen sollten, aber leider hinderte sein gutmtiger Charakter ihn
daran, Gebrauch von ihnen zu machen. Er erzitterte nach wie vor vor den
Brahminen und nderte seine Lebensgewohnheiten in keiner Weise. Er kam uns
auf die nicht eben ungewhnliche Art eines Diebstahls besonders nahe, und
zwar hatte sein unersttlicher Drang nach Reichtmern ihn auf meine
Kupferkessel gestrzt.

Gurumahus Diebstahl wurde gottlob zeitig genug entdeckt, denn wir wren in
nicht geringe Verlegenheit geraten, wenn er mit seiner Beute entkommen
wre. In der Hauptsache ist seine Entlarvung Elias zu danken, was
allerdings von Panja bestritten wurde. Wir hatten damals unser Zelt am Rand
der Steppe aufgeschlagen, so da der Ausgang den Blick auf die hglige
Ebene zulie, und ich erwachte vom Knurren des Elias. Da sah ich Gurumahu
im Mondschein ber die Steppe laufen, rechts und links einen unserer
Kupferkessel in der Hand. Er fra den Boden mit so riesigen Sprngen, als
hinge das Heil seiner Seele von ihrer Lnge ab. Ich nahm den Revolver und
scho in die Luft, die Kugel htte ihn ohnehin nicht mehr erreicht, auch
lag es mir fern, ihn tten zu wollen. Man tte in Indien nicht gut daran,
so entscheidend vorzugehen, da die Hindus nicht das gleiche Vergngen am
Sterben empfinden, wie nach den Berichten der Afrikareisenden die Neger.
Auch wute ich, da der Knall eine ntzliche Einwirkung auf das bse
Gewissen des Rubers ausben wrde, der selbst eine groe Schiewaffe
besa, auf die ich spter noch zu sprechen kommen werde. Gurumahu warf
sich mit einem gellenden Aufschrei der Lnge nach zu Boden, auf das
Gesicht, und die beiden Kessel rollten, funkelnd im Mond, zu beiden Seiten
ber ihn hinaus ins Steppengras.

Als es hinter ihm still blieb und er keine Verfolger sah, raffte er sich
langsam auf und begann seine Glieder der Reihe nach zu befhlen. Er fing
mit den Beinen an, die ihm in dieser Situation wahrscheinlich am
wichtigsten waren, ging langsam bis zu den Armen empor und gedachte zuletzt
auch seines Kopfes, der ihm anscheinend, wie alles andere, an seinem Platze
und in Ordnung vorkam. Dann sprang er auf und lief gebckt, in Sprngen,
weiter, ohne die Kupferkessel, die ihm nicht gegnnt waren, noch eines
Blicks zu wrdigen.

Panja holte sie zurck und putzte sie, boshaft wie er war, mit groer
Ausfhrlichkeit. Der Panther wird ihn erwischen, sagte er und warf
rgerlich Reisig ins Feuer. Es verstimmte ihn tief, da er durch meinen
Schu um seine Nachtruhe gebracht worden war. Ich gab im stillen, nicht
ohne Bedauern, Gurumahu verloren, wenn auch nicht unbedingt auf die Art,
wie Panja es tat, aber ich sollte mich hierin tuschen, denn er kam am
andern Tage gegen Mittag in unser Lager geschlichen. Wahrscheinlich hatte
ihm der Dschungel bei Nacht in seiner Verlassenheit nicht gefallen, oder
der Currygeruch unserer Reismahlzeit zog ihn an. Panja fhrte ihn mir
majesttisch vor, der arme Verbrecher sah aus, als wre er aus dem Wasser
gezogen worden.

Ich werde dich tten, sagte ich still.

Er sprang ein Meter hoch in die Luft und fiel dann zur Erde nieder.

Soll ich ihn aufhngen? fragte Panja so gleichmtig, da ich darber die
ganze Niedertrchtigkeit meiner Drohung erkannte. Es ist merkwrdig, wie
rasch einem eine Ungerechtigkeit auffllt, wenn ein anderer sie sich
zuschulden kommen lt.

Er hat ein ganzes Glas mit Salz gefressen, berichtete Panja sachlich,
vom Whisky will ich schweigen, denn er hat ihn nicht finden knnen.

Hat dich der Hunger hergetrieben? Wo warst du so lange? fragte ich den
beltter.

Er hob den Kopf und versuchte meinen Blick auszuhalten, was den
Eingeborenen der Urbevlkerung sehr schwer ist, wenn es sich um blaue Augen
handelt, in die sie hineinsehen mssen, und wenn sie selten mit Weien in
Berhrung kommen. Aber Gurumahu erkannte den Ausdruck meines Gesichts doch
und begann zu lachen wie ein Kind.

Du bist freundlich, Herr, sagte er zgernd und dann mit berzeugung: du
bist nicht klug und gerecht, wie die Englnder. Ich werde deine Kessel
bewachen, bis ich sterbe.

Wenn du sonst nichts tun willst, kannst du dich wieder in die Smpfe
scheren, grollte Panja, aber Guru lie sich nicht im Genu seines ihm eben
erst geschenkten Lebens beeintrchtigen, und als sich die beiden
entfernten, hrte ich ihn hochmtig zu meinem Diener sagen:

Hat schon ein Sahib auf dich geschossen, du Abtrnniger? Du bist keine
Kugel wert, deshalb lebst du und kriechst dem Herrn zwischen den Fen
umher, ich aber habe mit ihm gekmpft!

Das ist wahr, du Kupferfresser, sagte Panja, ich danke dir, da du ihn
nicht zerschmettert hast, du Blattlaus!

Aber Gurumahu blieb von nun an bei uns, wir nannten ihn Guru, weil sein
Name mir zu lang war, brigens war es nicht sein einziger, er hatte noch
eine ganze Reihe wohlklingender Namen, aber auf Gurumahu schien es ihm am
meisten anzukommen.

                  *       *       *       *       *

Einmal hatten wir das Herabsinken der Sonne trotz Panjas Vorsicht verpat,
und die Finsternis berraschte uns am sumpfigen Ufer eines Flusses. Guru
schnupperte in die feuchte Nachtluft hinaus und sphte vom Ufer aus zu den
gegenberliegenden Palmenhainen hinber, und richtig sahen wir nach einer
Weile ein schwaches Lichtlein aufblinken. Als das Zelt aufgeschlagen worden
war und die Feuer brannten, hrten wir, wie das Fluwasser von
Ruderschlgen pltscherte, oberhalb unseres Zeltes verklang das Gerusch,
und das Dickicht raschelte, aber dann blieb alles still.

Jetzt haben die Mangroven Augen bekommen, sagte Panja, aber es mu ein
leichtsinniges Volk sein, denn sie frchten den Panther nicht.

Auf Elias war in dieser Beziehung kein rechter Verla, denn seine
Gesinnungsart hinderte ihn daran, friedlich sich nhernde Nachtwandler
durch Gebell zu ngstigen. Hrten wir den Panther in der Nhe des Lagers
husten, so pflegte Elias sich in den Hintergrund des Zeltes zurckzuziehen,
nicht etwa, weil er Furcht hatte, sondern weil es ihm dort besser gefiel.

Am Tage hatte ich eine Hherdrossel geschossen, ich rupfte ihr das braune
Gefieder aus, und das zierliche Kpfchen mit den hellblauen Augenringen
schlenkerte mit geffnetem Schnabel ber meinem Knie. Gurus Augen fehlten
nur noch diese hellfarbigen Ringe, um ebenso starr und leblos
dreinzuschauen wie meine Jagdbeute. Er begriff nicht, da ich Vgel
verspeiste, in denen wahrscheinlich die Seele eines Abgeschiedenen
mitverschlungen wurde. Panja war in dieser Beziehung seiner heimatlichen
Weltbetrachtung lngst entrckt. In den Kupferkesseln siedete das Wasser,
und eine Unmenge beschwingten Nachtvolks sammelte sich im Feuerschein,
umschwrmte die Flammen wie farbige Funken, oder glotzte von den Blttern
aus in dies unfabare rote Leben, aus dessen Glut der Tod lockte.

Panja brachte mir freundlich die Reste meines Rasiermessers, das einer
Taschensge glich und auch als solche hier und da Verwendung fand. Es war
in Zeiten betrblicher Unkenntnis einmal von einem Koch zum Schlachten
einer Ziege verwendet worden; so rcht es sich, wenn wir Europer ein
argloses Volk zu unsern barbarischen Sitten verleiten. Ein Schatten dieses
Barbarentums lagerte nun seit langem in unsteten Wucherungen um mein Kinn
und um meine Wangen und wetteiferte an planloser Ausgestaltung mit der
Pflanzenwelt des Dschungelbodens. Guru hatte in den Pfefferranken bei Tage
Vogelnester ausgenommen und mir die Eier gebracht, wir kochten aber nur
die, welche noch nicht piepten. Panja kaute Betel und sah mir zu, er hatte
viel Sinn dafr, wann eine Arbeit mich selbst vergngte und wann er sie mir
abnehmen mute, auch fhlte er sich in der letzten Zeit in seiner Rolle als
Reisefhrer sichtlich gelutert, und mir schien es, als tte er seine
Arbeit mit einem ganz neuen Bewutsein schner Freiheitlichkeit. Pascha
putzte Palmenschlinge, das zarteste und wohlschmeckendste Gemse, das
Indien zu bieten hat, aber ein streng verbotenes Gericht, weil das Leben
der Palme, durch diesen Raub ihres Herzens, zerstrt wird. Der weiliche,
mittlere Trieb des Baumes wird herausgeschnitten, er ist zart wie ganz
frische Haselnsse und schmeckt hnlich; mit l und saurem Fruchtsaft
zubereitet, stellt er einen Salat dar, wie ihn die europische Kche nicht
aufzuweisen hat.

Soll ich die Leute fragen, ob Mangobume im Dorf stehen? sagte Guru
pltzlich.

Welche Leute? fragte ich erstaunt.

Jene dort, sagte Guru und zeigte vor sich hin.

Da erkannte ich die braunen Gesichter im Feuerschein zwischen den Blttern
der Mangroven. Ich hatte mich lngst daran gewhnt, da ich niemals allein
war, aber ich erschrak jedesmal aufs neue. Erst zhlte ich fnf, dann zehn
und endlich etwa zwanzig groe und kleine Gesichter, das ganze Dorf schien
versammelt.

Ich schickte Guru hinber, die Gesichter tauchten unter, aber dann begann
ein immer lebhafteres Geschnatter im Dunkeln, endlich wurde Feuer gemacht,
und die Ruder polterten im Kanu. Ich htte gern mit den Leuten gesprochen,
aber sie waren zu furchtsam, brachten uns jedoch alles, was wir wollten.
Die Bewohner dieser Landstriche, wie auch die der stlichen Berge
entstammen der Urbevlkerung und haben sich mit den eingewanderten
indogermanischen Stmmen kaum vermischt. Ihre Hautfarbe ist fast ganz
schwarz, und ihre Gesichtszge hneln eher denen der Neger, als denen der
Brahminen. Sie stehen auf einem auerordentlich niedrigen Stande der
Zivilisation, sind aber arglos und sehr friedsam. Ihre Religion ist
anscheinend in den primitivsten heidnischen Vorstellungen geblieben, sie
beten hlzerne Gtzen an, und nur hier und da ist ein schwacher Lichtschein
des Brahman oder der buddhistischen Lehre in ihre Geisteswelt gedrungen.
Irgendeine der vielen Inkarnationen Brahmas lebt hin und wieder in ihrer
Vorstellung in entstellter Gestalt fort, ohne da ihr Sinn lebendig
geworden ist.

Der Dschungel ernhrt sie freigebig in guten Zeiten, sie tragen Pfeffer in
die kleinen malabarischen Hfen, wo die eingeborenen Gewrzhndler ihn
ihnen fr sehr geringes Entgelt abnehmen. Ihre Nahrung besteht aus
Frchten, einige fischen sogar, andere sollen auch Fleischkost zu sich
nehmen, ich habe es aber nie gesehen. Auf den flachgeklopften
Lehmpltzchen, vor ihren Laubhtten, breiten sie die Pfefferbeeren zum
Trocknen in der Sonne aus, und man erblickt dort in wohlgeordneten
Rechtecken den Pfeffer in allen Farbennuancen seines Drrens am Boden
ausgebreitet, vom saftigen Grn bis zum tiefsten Schwarz. Ihre
Hauptbesitztmer sind Kinder. Ich habe niemals so viele kleine Kinder
gesehen wie in diesen Drfern, wie Orgelpfeifen standen die schwarzen
Reihen vor den Htten, mit kleinen Kugelbuchlein und Rotznasen, und
glotzten uns an, wenn wir vorberkamen.

Dieser Abend und diese Nacht sind mir unvergelich geblieben, weil unter
meinen Augen ein bebendes Lebenslichtlein in der Dschungelnacht erlosch.
Ich hatte keine Vorstellung, wie weit die Zeit vorgeschritten war, ein
lauter Ruf weckte mich. Panja fuhr neben mir empor und stie in der
Schlaftrunkenheit gegen meine Hngematte, so da ich fast herausgefallen
wre und im ersten Augenblick in ihm einen Feind vermutete. Das Feuer war
fast erloschen. Panja war mit einem Satz an der glhenden Asche, und ich
begreife heute noch nicht, wie rasch es ihm gelungen ist, eine Flamme
emporzuschren. Der klagende Ruf wiederholte sich laut und nahe beim Feuer
in der dichten Finsternis, die nun so schwarz wie Kohle war, nur die
beschienenen Bume, dicht am Feuer, glommen phantastisch und unwirklich,
wie Ungeheuer, die mit verschlungenen Gliedmaen, unter verworrenen
Laubkrnzen, in ein rotstrahlendes Gemach drngen. Pascha rief etwas vom
zweiten Feuer her, das Guru eifrig schrte. Was sagt er? fragte ich
Panja.

Eine Frau schreit aus Angst vor dem Tod, sagte Panja, der noch nicht
verstanden hatte, um was es sich handelte.

Ich trat aus dem Zelt heraus und erkannte nun im Dickicht schwelende
Fackeln und die dunklen Gestalten der Wilden. Das Geschrei einer
Frauenstimme zerri mein Herz. Ich habe selten wieder etwas so
Durchdringendes an Schmerz und Verzweiflung gehrt. Ein tierischer
Wehelaut, der doch die erbarmungswrdige Erniedrigung der Menschenseele
enthielt, fiel mich wie ein nchtliches Gespenst an, und ich mute mich
wieder und wieder aufraffen, um nicht in tatlosem Erstarren zu lauschen und
um nicht meinem Entsetzen zu erliegen.

Feuer! brllte ich, Licht!

Eine Wolke gelben Qualms hllte uns ein, dann flackerte eine hohe, rote
Sule daraus empor. Guru schrie: Es ist die Mutter!

Endlich brachte Panja Ordnung in einen scheu herandrngenden Haufen
halbnackter Gestalten, die ein dunkles Etwas auf einer Bahre aus Zweigen
heranstieen. Eine Frau, der das schwarze Haar wild um das Gesicht hing,
und deren Arme durch die Luft irrten, schrie mir etwas zu. Sie wagte sich
trotz der groen Erregtheit, die das Ereignis mit sich brachte, das sie zu
mir gefhrt hatte, nicht in meine unmittelbare Nhe, aber ich sah nun, da
ihr Gesicht von Angst und Hoffnung entstellt war.

Auf den Zweigen lag ein Kind von vielleicht zwlf oder dreizehn Jahren, ein
Mdchen, drftig mit einem bunten Kattunfetzen bedeckt, unter dem sich der
kleine, dunkle Krper wand, und ich hrte einen matten zischenden
Klagelaut, ein ersticktes Gurgeln, aus dem Knuel hervordringen.

Guru sthnte bedauernd und hob sich auf die Zehen als frre er.

Die Kobra, sagte Panja kurz und sah mich an. Die Mutter hofft, du
knntest ihrem Kind helfen.

Mein Herz blutete unter den Blicken der alten Frau, die in ihrem Schmerz
und ihrer bedrftigen Hlichkeit unsagbar rhrend und bejammernswert vor
mir stand. Ihre welke Brust hing leblos nieder, und es zitterte und zuckte
in den Furchen ihres eingefallenen Gesichts. Sie klagte nicht mehr, ihre
Erwartung hielt sie gefesselt, und ihre Augen, im vorgereckten Angesicht,
prften und suchten in meinen Zgen, aus denen sie den Tod oder das Leben
ihres Kindes glaubte entnehmen zu knnen, nach meinem Willen.

Das Mdchen war mit den andern Bewohnern des Orts an unser Lager
geschlichen, um den sonderbaren Mann aus einer fremden Welt zu sehen, die
jenseits des Meeres lag und unerforschlich war an Geheimnissen und Wundern.
Und ihr Verlangen nach dem Glanz dieses Neuen, Unfabaren hatte sie die
Vorsicht vergessen lassen, die so not tut im Dschungelland, die man sie von
Kind auf an gelehrt hatte, und die sie in allen Fllen so klug und sorgsam
zu beachten gewut hatte. Nun hatte es im Finstern den kleinen, bsen Stich
gegeben, den anfnglich das Herz nicht als das furchtbare Verhngnis
glauben will, obgleich das Blut es ahnt und die Schrecken des jhen
Dahinsinkens wie dunkle Flgel um die Schlfen brausen. Ein Dorn, ein Dorn
war es, vom Rand eines Palmblatts, oder vom Zedernbaum..., aber dann kam
der feine se Schwindel, der in den Augen beginnt und der den Pulsschlag
des Herzens so eigen behindert, der zuerst die Hnde und langsam alle
Glieder in trockene, kurze Krmpfe zerrt, als trieben Glassplitter im Blut,
die die Adern zerrissen. Bis die grliche Klage aus der Gewiheit brach:

Die finstere Knigin!

Diese aus Ehrfurcht vor der Gottheit und aus tiefstem Grauen gemischte
Wehklage erfllte die Walddunkelheit.

Es war zu spt. Ich ffnete die Wunde, die nur in einem winzigen,
schwarzumrandeten Pnktchen am Fu bestand, aber das Blut flo nicht mehr
rot und warm, sondern zersetzt und stockend. Wir versuchten es mit Whisky,
aber das Kind konnte trotz unserer Mhe das scharfe Getrnk nicht
aufnehmen, und die groen brechenden Augen flackerten angstvoll unter den
Peinigungen ihrer grausamen Bedrnger. Feuer hilft nur im ersten
Augenblick, auch htte ich es um alles nicht ber mich gebracht, auch
diese neue Marter noch dem kleinen Leib zuzufgen. La das Kind sterben,
rief es in mir, das ist sein letztes, irdisches Recht.

Die Blicke der Mutter marterten mich, ich wandte mich ihr zu in der
einzigen Barmherzigkeit, welche es fr sie in dieser Stunde gab. Sie brach
mit einem langen Klagelaut zusammen und blieb die ganze Nacht stumm an der
Leinwand des Zeltes liegen, wie ein dunkles Kleiderbndel.

Als das Kind gestorben war, erschtterte mich, wie mit rauhen Fusten, die
bittere Erkenntnis unserer Menschenohnmacht. Wir sind nicht, was wir nach
unserem besten Verlangen sein knnten, wo ist die Macht, die wir in unserem
Begehr nach Vollendung ahnen, wo die Hoheit, die unsere Gte sucht, wo
unser Glaube, der Berge versetzt?

                  *       *       *       *       *

Dster, lieblich und glhend strichen diese seltsamsten Tage meines Lebens
dahin. Wir blieben oft tagelang am gleichen Platze, ich verga mein Ziel
und die Zeit. Die grnen Sumpfaugen des Dschungels und das Silberwehen der
Steppennchte bannten mich, das tiefe Atmen bei geschlossenen Augen
ersetzte die Gedanken, das Licht wurde zu einer unermdlichen Gewiheit der
Lebensfreude und die Nacht zum gestaltlosen Traum. Das gewaltige, stille
und geduldige Leben der Pflanzen, die die ganze Erde fr sich
beanspruchten, raubte meinem Gemt langsam das Bewutsein seiner eigenen
Rechte, gewiegt von Staunen und erfllt von fremdem Daseinswillen trieb
mein Geist wie schlafend dahin, und doch berwach und tief innerlich
durchglht von einem heiligen Daseinsglauben. Ich ahnte das
grnlich-morastige Gift des Waldes, dessen Knigin und Gttin mir in ihrer
ganzen Macht erschienen war, ich sah den Fiebergeist im feuchten Dmmern
schleichen, aber mein Widerstand war zu einer vagen Hoffnung auf mein
Glck herabgesunken. Diese grende, brodelnde Sumpffruchtbarkeit wrde auch
meinen Leib aufnehmen und neu erblhen lassen, wenn sie ihn in ihr Bereich
saugte. Der Wald war mchtiger als die Menschen.--

Eines Nachts lag ich im Zelt auf einem Laublager, da ich die unsichere
Nachgiebigkeit der Hngematte nicht mehr ertrug. Guru war am Feuer
eingeschlafen. Er hockte neben der glhenden Asche vor dem Dreieck des
Zelteingangs wie ein Gekpfter, den Nacken zwischen den hochgezogenen
Knien, und seine fast drei Meter lange, uralte Araberflinte berragte ihn
wie eine halb gesunkene Fahnenstange. Er liebte dieses Gewehr zrtlich und
trug es meist bei sich, besonders wenn Aussicht vorhanden war, da wir
Menschen begegneten. Dabei lebte er in dem festen Glauben, da diese Waffe
es ihm niemals antun wrde, eines Tages loszugehen. Er war nicht in Gefahr,
enttuscht zu werden, denn die Flinte war hundert Jahre alt, hatte sicher
vom Sudan bis Singapore den ganzen Orient bereist, und es bestand keine
Mglichkeit, sie zu laden oder gar abzufeuern. Aber Guru wre mit dieser
Waffe mitten im Urwald sorglos eingeschlummert, so sicher war er, da auer
ihm kein anderes Wesen hnliche Hoffnungen wie er auf seinen langen
Talisman setzte.

Wir waren am Tage an Felsauslufer des Gebirges gekommen, in deren
Schluchten der Dschungel sich aufwrts erstreckte, um sich mehr und mehr zu
lichten. In den Felsspalten flo klares Wasser, und als wir endlich
umkehrten, da der Boden zu zerklftet und verwachsen war, kamen wir an ein
kleines Dorf von etwa zehn Laubhtten, das Itupah hie. Unweit dieser
Niederlassung hatten wir die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer
angezndet. Die Leute waren gekommen, um uns Frchte anzubieten, hatten
sich aber bald zurckgezogen, da unsere Gertschaften ihnen allzu magisch
und gefahrdrohend erschienen waren.

Ich konnte nicht einschlafen. Die Stimmen der wilden Tiere und der Mond
strten mich. Panja war in das Hindudorf geschlichen, um Liebesabenteuer zu
bestehen, er benutzte die Aufregung, die meine Gegenwart in Itupah
hervorgerufen hatte, um darzutun, wie berechtigt sie war. Ein paar Flecke
Mondlicht lagen am Zelteingang wie Papierschnitzel, und die Grillen fllten
die Luft mit ihrem Zirpen, als wrde feiner Silberdraht gefeilt von vor
Hast toll gewordenen Strflingen.

Es raschelte in der Zeltecke, und als ich hinbersah, entdeckte ich ein
kleines Tier, das ich anfnglich fr einen Marder hielt. Es sa totenstill
da, nachdem meine Bewegung es mitrauisch gemacht hatte, und sah mich mit
zwei riesengroen schwarzen Augen an, die sehr weit vorn und dicht
beieinander saen, wie bei einem Affen. Das zierliche Kpfchen war nicht
viel grer als eine Walnu in ihrer grnen Schale, und die Frbung des
Fells erschien mir graubraun, wie bei einem Eichktzchen im Winter.

Der Kleine gefiel mir auerordentlich, und ich versuchte Anschlu an ihn zu
gewinnen.

Treten Sie nher, sagte ich und pfiff leise ein paar immer gleiche Tne
in die dmmerige Nachtluft. Das Tierchen rhrte sich nicht, und ich sann
auf ein Anlockungsmittel. Als ich eine Bewegung mit der Hand machte, um ihm
ein englisches Biskuit anzubieten, das neben mir lag, tat es einen
lautlosen Ruck, und der Zeltwinkel war leer. Aber nach einer Weile huschte
es wieder wie ein Schatten durch die Mondflecke, der kleine Fremde war
wieder da, offenbar wurde er durch seine Neugier geplagt.

Die beiden schwarzen Augenkugeln saugten, weit geffnet und starr vor
Erstaunen, meine Erscheinung in sich auf, ich bin noch niemals so
angeglotzt worden. Der Kleine schien furchtbar aufgeregt vor Begierde,
herauszubringen, was es fr eine Bewandtnis mit mir hatte, und was mich aus
meinem entlegenen Lande nun gerade in die Nhe der Menschenstadt Itupah und
dort in die Gegend seiner Behausung gefhrt haben mochte. Ich htte es ihm
nicht sagen knnen. Aber enttuschen wollte ich ihn auch nicht.

Haben Sie Familie? fragte ich leise.

Fort war er. Die Frage mag fr den Beginn einer Bekanntschaft vielleicht
etwas zudringlich gewesen sein, aber nach einer kurzen Weile kam der Kleine
doch wieder, diesmal genau an derselben Stelle, zwischen unsern Salzglsern
und Panjas Sandalen. Er schien nun bemerkt zu haben, da meine Worte nicht
so gefhrlich waren, wie er anfnglich angenommen hatte, und kam ein wenig
nher, um besser glotzen zu knnen.

Es tat mir leid, da ich nichts anzubieten hatte, und da meine
Gastfreundschaft sein Mitrauen erregte.

Es scheint, Sie leben des Nachts, begann ich vorsichtig, ich entnehme es
Ihren Augen und der Tatsache, da wir uns zu dieser Stunde begegnen. Ich
bitte Sie darum, keine falschen Schlsse aus den vielerlei Gertschaften zu
ziehen, die Sie hier erblicken, im Grunde bewegt uns lange aufrechte Wesen
kein anderer Herzensdrang als euch. Es lt sich so leicht sagen: das
Glck, im Sonnenschein in der Welt zu sein, die Liebe und der Schlaf.
Darber wacht etwas, wie eine unermdliche Hoffnung, es mchte eines Tages
alles noch um vieles herrlicher werden. Das spricht auch aus deinen groen
Nachtaugen; und ist die Begierde, die dich herzutreibt, im Grunde etwas
anderes, als die meine, die mich veranlate, in die Wildnis deiner Heimat
zu kommen?

Da antwortete mir ein heller, bser Pfiff, der mir durch Mark und Bein
ging, und gleich darauf erscholl, als Entgegnung, ein rgerliches Zischen
im Laub meines Lagers. Nun galt es, still zu liegen, das wre ein
verdrielicher Abschlu meiner Dschungelfahrt gewesen...

Ich wute nun, wen ich vor mir hatte, aber bei weitem wichtiger war mir,
wen ich in meiner unmittelbaren Nhe in den welken Blttern wute. Das
kleine Tier vor mir begann sich sanft und sonderbar zu schaukeln und
brachte dabei hell und stoweise einen halb gepfiffenen, halb geknarrten
Ton hervor, der der Gefhrtin meines Lagers galt. Nun quoll es dicht unter
meinen Augen aus dem Reisig hervor, wie das Rinnsal einer dicken, dunklen
Flssigkeit und suchte den Ausgang zu gewinnen. Ein kleiner Schatten vom
Zeltrand her huschte der Schlange blitzschnell nach, und drauen begann fr
eine kurze Weile ein von Fauchen, Zischen und Schnarchen wildbewegtes
Rascheln und Schleifen. Dann wurde es still, und ich hrte nur die
Hammerschlge meines Herzens und sah die weien Papierschnitzel des
Mondlichts, bis langsam die eintnige Grillenmusik wieder die Nacht
beherrschte. Mir war, als habe sie geschwiegen, whrend sich ein Schicksal
unter den Geschpfen des Nachtvolks vor meinen Augen abgespielt hatte.

Wie eigenartig unterscheiden sich oft unsere Erwartungen von den
Erscheinungen selbst! Ich hatte von diesem merkwrdigen Tier oft gehrt,
das in Indien als der rgste Feind der Schlange gepriesen wird, und das
sogar oft von den Englndern wie ein Haustier zum Schutz gegen die Kobra
gehalten werden soll, aber ich hatte mir die Erfllung meines Wunsches,
diesem Tier einmal zu begegnen, anders vorgestellt. Was hatte sich mehr
zugetragen, als ein von wenigen Rufen des Kampfes, der Angst und der
Lebensgier zerrissenes Huschen und Springen? Schattenhaft, fast unwirklich
war es geschehen, grau, im Halbdunkel und ohne jene pathetische Gebrde,
die erst die Erkenntnis langsam dem Ereignis verleiht. Erst die Erinnerung
erschafft die Gestalten der Helden. War dies alles? Wie wird es uns mit dem
raschen, kleinen Leben ergehen, das wir in Erwartungen dahinhuschen lassen?

                  *       *       *       *       *

Oft, wenn ich von unserm Zelt aus mit der Bchse und Elias den Dschungel
durchschweifte, sah ich vom Fluufer aus die Alligatoren in der Sonne
liegen. Sie sonnten sich auf den Sandbnken und lagen kreuz und quer
durcheinander, einmal lagen sogar zwei aufeinander, das war peinlich. Der
Ausdruck ihrer sehr ausgedehnten Gesichter war in der Regel ungemein
vergngt, die winzigen uglein funkelten frhlich, und die riesigen, oft
weit geffneten Muler zeigten deutlich einen Hang zum Lcheln. Man merkte
den Tieren an, wie wohl ihren knorpligen Schuppenhuten die Sonnenglut tat,
und entschlo sich schwer, etwas Bses von ihnen anzunehmen. Zuweilen
gluckst etwas in ihren gelben Hlsen, die zart und weich wie Wachs sind.

Ich habe niemals welche gesehen, deren Lnge zwei Meter berschritt, ihre
afrikanischen Geschwister scheinen einem anderen Volksschlag anzugehren
und mehr Wert auf die Einschchterung der Menschen zu legen. Zuweilen scho
ich auf eine dieser riesigen Eidechsen, aber meine Kugel wirkte nie so
ausschlaggebend, da das verwundete Tier nicht noch Zeit gewann, ins Wasser
zu schnellen. Es kann auch sein, da ich niemals getroffen habe. Nachdem
der Donner des Schusses verhallt war, war die Sandbank fr gewhnlich leer.
Diese Tiere haben eine geradezu verletzend geschwinde Art, sich zu
empfehlen, sie schieen ins Wasser wie Torpedos, es ist unmglich, eine
Bewegung ihrer Beine zu unterscheiden, und es erweckt den Anschein, als
wren sie an gestrafften Gummibndern mit dem Wasser verbunden und wrden
pltzlich losgelassen. Sie schwimmen prchtig und erinnern in der Flut an
Hechte, sind aber auerordentlich scheu und werden nur kleinerem Rotwild
gefhrlich, das sie an der Trnke berraschen.

Ich warf ihnen eines Morgens die berreste einer erlegten Hirschantilope
zu, von der ich nicht mehr als ein Rckenstck hatte genieen knnen, und
die sonst die Sonne oder die Schakale vernichtet htten, und erschrak ber
die sinnlose Gier dieses Flugesindels. Es dauerte kaum eine Minute, bis
der Krper des Tiers in einem dahintreibenden blutigen Schaumbecken, in
hundert Fetzen zerrissen, verschwunden war. Am Mittag lagen die Ungeheuer
wieder in der Sonne und lchelten, whrend der breite, trbe Strom gurgelnd
dahinzog und den Sonnenschein in mrderischen Lichtpfeilen in die
schmerzenden Augen schleuderte, die die Dschungeldmmerung verwhnt hatte.

Einmal sa ich in der Nhe unseres Zeltes in den Rankenverschlingungen der
Luftwurzeln eines wilden Feigenbaumes in der Morgensonne am Flu und putzte
meine Jagdflinte, als es neben mir in den Mangroven raschelte. Als ich mich
umwandte, sah ich einen kleinen Hinduknaben vor mir stehen, der vor Schreck
vllig erstarrt war. Seine Augen schienen leblos geworden, wie zwei
schwarze, runde Spiegel, und sein Mund stand offen. Es war recht
begreiflich, denn ich hatte gebadet und so viel am Leibe, wie man ohne
bertreibung etwa mit nichts bezeichnen kann. Offenbar hatte der Kleine auf
seinem Morgengang zum Flu alles andere erwartet, als solch ein weies
Ungetm vorzufinden, das ihn angrinste.

Er zitterte heftig und schluckte, wagte aber keine Bewegung. Dies war
schlimmer als der Tiger, es war ein furchtbarer Waldspuk. ber und ber
wei war dies fremde Wesen, das da vor ihm eine unfaliche blanke Sache
ber den Knien hielt, triefte und glitzerte und Augen hatte, in die man
nicht hineinschauen konnte, ohne seinen Untergang zu riskieren. Als aber
dies dampfende Ungeheuer nun pltzlich nieste, entwand sich der gequlten
kleinen Brust, die ganz mit Entsetzen angefllt war, ein lauter Jammerruf
und wahrscheinlich machte der Kleine innerlich einen raschen Strich unter
sein verflossenes Dasein und beschlo es in seinen Erwartungen endgltig.
Jedenfalls fiel er zu Boden, prete sein Gesicht in die Pflanzen und stie
wieder und wieder denselben monotonen Klagelaut hervor, in dem er sich
wahrscheinlich dem besonderen Wohlwollen irgendeines Gtzen empfahl.

Es kam mir gar nichts in den Sinn, was ich etwa anstellen knnte, den
gebrochenen, kleinen Mann zu beruhigen. Wenn ich ihn berhrt htte, so wre
er vor Angst gestorben, so lie ich ihn einstweilen liegen und stellte
fest, da sich seine Toilette in einer hnlichen Etappe der Entwicklung
befand, wie die meine. Dann verfiel ich darauf, ihm eine arglose und
sinnvolle Weise vorzupfeifen, die nach meiner berzeugung etwas
Beschwichtigendes enthielt, erst whlte ich ein altes Wiegenlied, dann
einen Choral und endlich Heil dir im Siegerkranz.

Das wirkte. Mein Freund drehte das dunkle Kpfchen am Boden so weit, da er
mich mit dem einen Auge bis etwa an meine Knie hinauf betrachten konnte.
Da ich Menschen fra, war immer noch sicher fr ihn, aber es schien doch,
als wenn ich es nicht besonders eilig damit htte. Ich gab ihm nun in
zurckhaltender Weise zu verstehen, da er sich erheben sollte, und er
gehorchte, immer noch am ganzen Krper zitternd, aber sichtlich erstaunt
darber, da ich wie ein vernnftiger Mensch zu sprechen verstand und noch
dazu in seiner Sprache. Er bestand gewissermaen nur noch aus Augen, und in
ihnen brannte nur ein einziger Wunsch, der, sich auf mglichst unauffllige
Art empfehlen zu drfen; glotzen lie sich weit besser aus einem Versteck,
und was konnte aus dieser Annherung gutes kommen?

Aber er nderte seine Meinung doch, als ich nach meinen Kleidern tastete
und ihm eine Kupferanna unter die Augen hielt. Zunchst war sie da, das
lie sich begreifen, aber nur langsam dmmerte in seinem Kpfchen der
Glaube hervor, da sie ihm gehren sollte. Das war schlechthin unmglich.
Als ob er den Wert dieser runden Metallplttchen nicht kannte, die sein
Vater zuweilen aus den Hafenstdten mitbrachte, wenn er Pfeffer oder
Ingwerwurzeln hinabgetragen hatte, und mit Hilfe derer man alles erlangen
konnte, alle Herrlichkeiten der Welt, buntes Tuch, die Sigkeiten der
Basarstrae, Reis und Maniokbrot und Macht ber alle Knaben des Ortes.

Und so entwischte er ungefressen mit seinem Schatz, nachdem er endlich
begriffen hatte, da meine Plne sich in diesem Opfer erschpften.
Vielleicht erinnert er sich meiner zu einer Zeit, wo er ein Jngling
geworden ist und zu seiner ersten Kupferanna in den Hafenstdten so manche
andere verdient, und seine Meinung ber uns Weie gendert haben mag, in
einem zweifachen Sinn.--

Mehr und mehr empfand ich von Tag zu Tag, da ein fremder Bestand, der
nicht festzustellen war, die Beschaffenheit meines Bluts vernderte. Ich
schob die Schuld, wie man es in solchen Fllen zu tun pflegt, bald auf das
eine, bald auf das andere, heute schien mir das Trinkwasser der Anla zu
sein, morgen der Tabak, oder eine fremde Frucht, dann wieder verband ich
meinen Zustand mit meiner Schlaflosigkeit, oder mit der Beschaffenheit
dieser schwlen, von tausend Dften geheizten Luft. Panja betrachtete mich
oft lange und besorgt von der Seite, ohne zu wissen, da ich seine Blicke
gewahr wurde, und da sie mich reizten. Ich behandelte ihn ungerecht und
hart, aber er blieb geduldig und verfiel nicht wie frher in sein
gekrnktes Schmollen. berhaupt hatte er sich in der letzten Zeit merklich
gendert, mir war oft, als habe ihn eine neue Verantwortlichkeit ber sich
selbst hinausgehoben, gerade als ob er sich htte bewhren mssen, um sich
seiner Krfte und Tugenden bewut zu werden. Ich lohnte ihm diesen Wandel
schlecht, aber ich konnte nicht anders.

Mir war bisweilen, als habe mein Gehirn sich um vieles verkleinert und als
mache es eigenartige Drehungen und Schwankungen in seiner Schale, wie ein
schwimmender Ball in einem Wasserglas. Dabei verfiel ich auf alle mglichen
Heilmittel, nur nicht auf das einzige, das mir htte helfen knnen: auf die
Flucht aus den Niederungen des Dschungels.

War es Morgen, so mute ich den Mittag erwarten, in welchem die Insekten
mit einem seligen Brausen, oder die groen Schmetterlinge leicht und
lautlos von Blte zu Blte zogen, durch unwahrscheinlich tiefes Blau oder
Grn, whrend die Welt in heier Flle verging. Mit dem leisen Unbehagen
des sinkenden Mittags mute ich den Abend erwarten und an ihm die Nacht mit
ihrem Licht und Luten ber schwarzen Tiefen, ihren gurgelnden und
sthnenden Stimmen der Raubgier und der Liebeswut und mit ihren blendenden
Gestirnen. Tag und Nacht waren fr mich lngst keine Begriffe des Wachens
oder der Ruhe mehr, sondern wechselnde Zge des indischen Weltenantlitzes,
magisch ineinander berwogend, wahrsagerisch entstellt.

Ich hatte meine Heimat vergessen. Europa versank in meiner Erinnerung wie
ein lauter, hlicher Traum voll unntzer Erregtheit, und ich lchelte
mitleidig ber die Schande, die mir in den kleinen Beteiligtheiten meiner
hastigen Vergangenheit widerfahren zu sein schien. Wie ein einziger,
kreischender, grellfarbiger Lebensirrtum erschien mir das Treiben der
groen Stdte, und ich verging und erstand in Schlafen und Wachen wie in
Frhling und Winter, das Angesicht der Tages- und der Jahreszeiten
verschmolz miteinander zu einem unbestimmbaren Gefhl des Wandels, und die
Unschuld der Pflanzen, die mich einhllten, wie ein lebendiges Gewand, war
die strkste Gewalt ber meine langsam verschwindende Erkenntniskraft.

Es trieb mich zuweilen aus der Dschungelnacht an den Steppenrand zurck, es
war ein Verlangen, den offenen Himmel zu sehen und das weite braune
Hgelland, und es war mir angesichts dieser Helligkeit, als entkleidete
mich ein lautloser stiller Sturm des Lichts. Oft brachen wir mitten in der
Nacht auf, nahmen zuweilen den gleichen Weg, den wir am Tage mit Mhe
durchmessen hatten, und errichteten das Lager an der verlassenen
Feuersttte. Mir war, als htten die Pflanzen mich am Atmen behindert, als
raubten sie meiner Brust, was ihr zum Leben not tat. Oft ertappte ich mich
ber gereizten und boshaften Blicken auf eine blhende Pflanze, deren
dargebotene Liebeswut in purpurroten Kelchen mich mit Zorn und Ha und
zugleich mit hingebender Demut erfllte.

Langsam war eins meiner Manuskripte und Bcher nach dem andern dem
nchtlichen Feuer zum Opfer gefallen, ich sah die weien Bltter in
hmischer Genugtuung in der Glut welken und fhlte mich freier, wenn die
verkohlten Rollen zerbrckelten. Nur ein kleines, trichtes Bchlein
begleitete mich lange noch, ich wei zuversichtlich, da ich es nur deshalb
nicht zerstrte, weil eine merkwrdig verschlungene Ranke aus geprgtem
Gold den Einband verzierte, ungefllig, sinnlos und aufdringlich, aber es
tat mir wohl, diesen Linien mit den mden Augen nachzugehen. Einmal
versuchte ich, mich darauf zu besinnen, wo Nachrichten fr mich liegen
knnten, ich schlo auf Bombay, Goa und Madras, aber ich wute es nicht
mehr.

In den Ohren die Muschelstimmen des Chinins, trumte ich oft in der
totenstillen Mittagsglut mit geschlossenen Augen vom Winter. Immer wieder
tauchte das gleiche Bild vor mir auf: ein graues Flutal im Abendnebel, auf
den Feldern der bluliche Schnee im sinkenden Tageslicht, und ein eisiger
Wind ber dem pechschwarzen Wasser, auf welchem Eisschollen dahintrieben.
Sie stieen sich und knarrten und luteten, auf einigen von ihnen saen
Raben und lieen sich mitnehmen. Dann empfand ich die Klte pltzlich als
schneidenden Schmerz an Stirn und Wangen, und meine Brust weitete sich, wie
zerspringend vor Frische. In kalten Schauern schlief ich ber solchen
Visionen zuweilen ein, aber die sinnlosesten Trume raubten meinen Schlaf
die ersehnte Erquickung.

Eines Nachts trumte mir, ich sei am Meer eingeschlafen, in einer
Bergschlucht, und pltzlich weckten mich die Stimmen zweier Mnner, deren
Klang eine eigenartige Verwandtschaft mit dem Reden des Meerwassers hatte.
Ich richtete mich halb empor, stemmte die Ellenbogen in den Sand und sah
betroffen auf. Die Sonne war ins Meer gesunken und schien aus der Tiefe,
durch das Wasser. Obgleich sie selbst rtlich glnzte, war doch das Licht
der Luft grnlich und bla, und merkwrdige Schattenwellen zogen hindurch,
wahrscheinlich entstanden sie durch die Uferwogen.

Die beiden Mnner standen gerade nebeneinander im Sand, der wie Trkisen
schimmerte. Sie hatten ihre Arme schlicht und ohne Gebrde an den Krper
gelegt, und unter ihren leichtgesenkten Stirnen sahen mich ruhige, runde
Augen von einem gleichmigen sehr hellen Blau an, in denen ich keine
Abzeichnung der Pupillen unterscheiden konnte. Die Frbung ihrer Haut war
bernsteingelb und ihr Haar weilich, sie hatten breite, aber hagere
Schultern, und ihre Hften waren so schlank und so wenig ausgezeichnet, da
man von der Achselhhle bis an die Fuknchel hinsah, wie an einer geraden,
schrg gestellten Leiste. An ihren Schlfen war ein eosinrotes Band
befestigt, das in einem breiten Fcher auf die linke Schulter herabsank und
hinter ihr verschwand.

So standen die Zwei, die sonst nicht bekleidet waren, ruhig vor mir in der
grnlichen Luft mit ihren geheimnisvollen Schattenwellen. Es schien mir,
als lchelten sie, aber eher neugierig als spttisch. Endlich begannen sie
eine Unterhaltung miteinander und versuchten den Anschein zu erwecken, als
sei ihnen an meiner Beachtung nichts gelegen, aber ich unterschied doch,
da sie nur meinetwegen sprachen. Sie lchelten verstohlen und ungefllig
und sahen bisweilen mit einem raschen Blick zu mir hinber. Nun wies einer
von ihnen zu den Felsen einer Schlucht empor, wo sich in halber Hhe der
Berge ein gleichmiger, tiefer Einschnitt im Gestein bemerkbar machte, der
rundlich ausgehhlt war.

Richtig, antwortete der andere, das ist unsere alte Meergrenze, die
letzte, aber wo ist die Grenze der Vter geblieben?

Die Gipfel schwemmen gar zu rasch nieder, lautete die Antwort, die neue
Welt wird klein.

Dann unterschied ich nicht mehr alles, was sie sagten oder meinten, aber
ich empfand, da sie von versunkenen Reichen sprachen, deren Kultursttten
der Meersand seit undenkbaren Zeiten in tiefen Grnden der Flut vergraben
hatte, und sie tuschelten davon, da nun bald die Zeit anbrechen msse, in
der der Meerboden und der Erdboden vertauscht werden sollten. Bestrzt
berfiel mich eine dunkle Ahnung der Reiche, die das Meer verbarg, und ich
sah sie, nach ihrer Auferstehung, von Sonne, Wind und Regen langsam aus
ihrer sandigen Hlle brechen. Ich wagte keine Frage, obgleich mein Herz vor
Begierde brannte, an den Erfahrungen der beiden Menschen teilzunehmen, aber
es war, als ahnten sie, da ich die Absicht im Sinn trug, ihnen ihre
Geheimnisse zu entreien, denn sie berhrten einander die Schultern mit der
Hand, so da sie zu einem seltsam schnen Ornament verschmolzen, wandten
sich dem Wasser zu und schwebten hinein und in die Tiefe, wie durch die
Luft. Ich sah sie noch einmal, als sie an der Sonne vorberzogen, die sehr
tief gesunken war, dann schlief ich ein, in groer Traurigkeit, wie ich sie
nie gekannt habe, und wie man sie nur im Schlaf empfinden kann.

Ein anderes Mal im Traum schenkte mir irgend jemand ein Kriegsschiff mit
weiblicher Bedienung, damit ich gegen meine Feinde vorgehen knnte, aber
ich hatte deren leider nur drei und die lebten auf dem Festlande. So
entlie ich die Damen, damit diese drei Gegner glcklich wrden. Mit den
Kanonen scho ich auf Mwen, aber sie schnappten nach den Kugeln, ja, dies
Geflgel wartete geradezu an der ffnung der Geschtze, es war ungemein
rgerlich. So sah ich ein, da es hiermit nichts Rechtes werden wrde, und
lste einstweilen spielend eine Reihe von Problemen, die mich frher auf
ganz unverstndliche Art geqult hatten. Dabei brachte ich endgltig
heraus, da man zu dererlei Geistesexperimenten am Boden umherkriechen
mute, und ich tat es mit Ausdauer und frhlich.

Als ich aber nach vielerlei Trumen dieser Art, die ich vergessen habe,
eines Tages mit trockenem Mund und einer scheulichen Leere hinter der
Stirn, in der Mittagshitze frierend, am Fuboden, in einem Winkel des
Zeltes, erwachte, ergab ich mich anteillos den Weisungen Panjas, lie mich
in Wolldecken wickeln und erwartete meinen Verbrennungstod in diesen
phantastischen Feuern meines Bluts und meiner Seele, die von boshaften
Dmonen geschrt wurden.




Sechstes Kapitel

Im Fieber


In einer ungewissen Stunde, die nicht am Morgen und nicht am Abend war, kam
ich mit dem bestimmten Bewutsein zu mir, nach jener denkwrdigen Nacht mit
Huc, dem Affen, am Morgen gestorben zu sein. Es mu nach dem Tode einen
seltsamen Halbschlaf der ersterbenden Sinne geben, der uns noch eine
Zeitlang den Fortgang des Lebens vortuscht, eine Art Erinnerung des
Krpers, der sich seinem Verfall noch nicht zu ergeben vermag, in welcher
die Hoffnung unseres Herzens in einem mitleidigen Spiel den Gang des
Daseins fortsetzt, nachdem die Seele ihrer Hlle entflohen ist. In jenem
Stadium mute mir alles geschehen sein, was ich bis zu diesem Morgen erlebt
zu haben glaubte; ich lchelte geringschtzig und melancholisch in die
grauen, sanft erklingenden Sphren hinein, in denen ich dahintrieb.
Immerhin erfreute es mich, da mein Bewutsein nicht vllig erloschen zu
sein schien, und die Erkenntnis, nun endlich mit Sicherheit zu wissen, da
ich gestorben war, beruhigte mich sehr; ich begriff nun deutlich die
qualvolle Ungewiheit, die ber allem gelegen hatte, was mir in der letzten
Zeit zugestoen war. War nicht alles wie aus grauen Spiegeln emporgetaucht
und in anderen wieder versunken, in seltsamem Kreisen und liederlicher
Gleichgltigkeit gegen die Wirklichkeit? Bei dieser neuen Offenbarung ber
meinen Tod, den ich mir aus einer im Grunde recht kleinlichen
Lebensngstlichkeit bisher nicht einzugestehen gewagt hatte, entschlo ich
mich in einer wundervollen Gelassenheit des Gemts, nun niemand mehr zu
dienen, als allein der Erinnerung. Es war merkwrdig, da Panjas Gesicht
mich dabei strte, das ungewi und gro, wie ein Wolkenschatten, zuweilen
ber mir erschien, mein Dahinziehen durch das flimmernde All hinderte und
in sinnloser Aufdringlichkeit in meiner Nhe verharrte. Ich lie mich nicht
tuschen, ich erkannte in unzweifelhafter Klarheit, da der Durst, der
meinen Krper durchglhte, der Wissensdurst meiner Seele war; er war mein
einziger Schmerz, und ich pries mich glcklich.

Irgend jemand sprach zu mir; ich beachtete es lange absichtlich nicht, weil
ich mich nicht von der berzeugung trennen wollte, da niemand das Recht
hat, mit einem Toten zu reden. Merkte denn dies wesenlose Geschpf immer
noch nicht, da Tote andere Interessen haben, als sich mit dem
vergnglichen Tand abzugeben, der die Lebendigen der ungewhnlich kleinen
Erde beschftigt, die nicht einmal in der Lage ist, sich ruhig zu verhalten
und in lcherlicher Abhngigkeit von der Sonne umhertanzt? So entschlo ich
mich endlich, mir Ruhe zu verschaffen, und wandte mich in der prchtigen
Freiheit des Muts um, den nur Tote haben, um Schweigen zu gebieten. Aber da
erkannte ich, da mein Ich neben mir sa und rauchte. Es hatte sich meiner
Pfeife bemchtigt, meiner Kleider und Schuhe und trug meinen fnfmal
gewundenen Schlangenring aus Gold mit den Saphiraugen und der
Brillantenkrone. Ich fand im Augenblick nicht den rechten Ton, denn es ist
ungewhnlich schwer, sich im Tode richtig gegen jemand zu benehmen, den man
im Leben oft hintergangen hat. Mein Ich lchelte mir ermutigend zu, aber
ich lie mich nicht irrefhren; dies Lcheln kannte ich, man wei doch,
womit man andere ber sich selbst zu tuschen pflegt, und was hinter seinem
eigenen Lcheln steckt. Aus irgendeinem Grunde sagte ich rasch und
rgerlich:

Nur keine Philosophie, bitte.

Mein Ich erwiderte freundlich, da ihm dererlei vllig fernlge, und da
nach der Scheidung, die ich als vor sich gegangen zugeben mte, berhaupt
alle Fragen ber das Wesen von Sein und Nichtsein aufgehoben wren.

Es war ungemein fesselnd, meine eigene Stimme zu hren, derer sich mein
Gegenber bediente; aber irgend etwas am Klang der Stimme ging in khler
Sachlichkeit weit ber die arme Befangenheit hinaus, in welcher ich mich
frher dieser Stimme bedient hatte. Dies rgerte mich empfindlich, denn ich
erkannte, was ich zu Lebzeiten versumt hatte.

Siehst du, was alles in mir gesteckt hat? fragte ich, aber ich verwand
meinen Verdru rasch, denn mein abgeklrtes Ich an meiner Seite hatte etwas
ungemein Imponierendes.

Habe ich eigentlich jemals auf einen Menschen einen hnlichen Eindruck
gemacht, wie Sie auf mich? fragte ich.

Du kannst schon du sagen, meinte mein Ich recht liebenswrdig und ohne
krnkendes Wohlwollen, wir mssen versuchen, uns endlich zu verstehen.

Das sah ich ein. Gib wenigstens den Ring her! bat ich.

Da sah ich, wie ich selbst, an meinem Lager sitzend, meinen Ring vom Finger
zog, genau auf die gleiche Art, wie ich es zu Lebzeiten getan haben mochte,
wenn ich ihn irgend jemand auf seinen Wunsch hin zeigte. Ich versuchte, den
Ring anzustecken, aber mein Finger brach ab. Verflucht, ist es schon so
weit mit mir, Sahib? fragte ich unwirsch. Mein Ich nahm den Finger und
steckte ihn umstndlich in die Tasche, und zwar in die richtige, die ich
fr solcherlei Gegenstnde leer zu halten pflegte.

Sind wir noch in Indien? fragte ich; aber unmittelbar, nachdem ich diese
Frage ausgesprochen hatte, berkam mich die Erkenntnis, wie vllig
belanglos solch ein Umstand fr mich war. Was soll geschehen? fragte ich
etwas burschikos, denn ohne einen bestimmten Zweck wrde mein Ich sich
hier kaum niedergelassen haben, so gut glaubte ich mich zu kennen.

Und wirklich erhob sich nun das Ich in meiner Gestalt, zog seinen Rock
zurecht, trat einmal mit dem Bein nach vorn, um die Hose zu gltten, und
strich sich ber das Haar. Ich wute schon, da es sich darum handelte, da
ich mein Grab kennen lernen sollte.

Du darfst dir keine besondere Vorstellung von der Ausstattung machen,
hrte ich. Panja hat dich im Wald verscharrt, kaum tiefer, als deine Arme
lang sind, und die Waldblumen wachsen ber deinen Augen. Nachdem diese
Worte verklungen waren, sah ich niemand mehr und empfand nun, da ich in
meinem Grabe ruhte. Einen kleinen Augenblick lang huschten mir noch
Gedanken durch den Sinn, aber dann berwltigte mich eine unbeschreibliche
Ruhe.

Diese Ruhe vermag kein irdischer Mund zu schildern; es ist mir niemals eine
Wohltat geschehen, die dieser Ruhe zu vergleichen wre. Nach einer langen
und ermdenden Wanderung voll ungesunder Hast und qualvoller Befrchtungen
langte ich frher in meinem Leben einmal am Ort meiner Bestimmung an und
auer einer trostreichen Gewiheit empfing mich ein khles, weies Lager in
einem stillen Raum, dessen Fenster den Blick auf die Berge hinausfhrten.
Die wenigen Minuten, in welchen ich meinen bermdeten Krper vor dem
Einschlafen auf diesem Lager ruhen fhlte, sind vielleicht entfernt dem
glcklichen Zustand zu vergleichen, in welchem ich nun im Grabe lag, aber
man mu sich diese Wohltat bis an die Grenze der Bewutlosigkeit gesteigert
denken und wie im friedlichen Rausch einer berirdischen Musik.

Meine Hnde waren hoch auf der Brust bereinandergelegt, ohne gefaltet zu
sein; ich ruhte ganz gerade ausgestreckt, und die schwere Decke der Erde
war eine glckliche Last; sie lag auf meiner Stirn und auf meinem Gesicht,
wie die liebevollen Hnde einer besorgten Mutter nicht sanfter ruhen
knnen. Ich vernahm einen gleichmigen, starken Pulsschlag, dessen
Ursprung ich nicht erkannte, der mich aber mit groer Beruhigung erfllte.
So lange unter den lebenden Wesen der Erde noch eines meiner in Liebe
gedachte, blieb mein Bewutsein wach, aber ohne qualvolle Erinnerungen; es
war ein unbeschreiblich erhabenes und freies Lcheln, mit welchem ich der
irdischen Ereignisse gedachte, ohne mich ihrer recht zu erinnern. So ruht
das Korn in der winterlichen Erde, es trgt sein Gedenken an den Sommerwind
und an die Sonne, in der es herangereift ist, wie einen Frhlingstraum
durch seinen Schlaf. Das Licht, der Regen, das Schwanken in der bewegten
Luft und der Schnitter sind eine einzige lind durchbebte Ahnung der
Vergangenheit, die keine Trauer oder kein Gefhl der Verlassenheit
aufkommen lt. Denn im dunklen Schlummerland pocht ein herber,
gleichmiger Pulsschlag; ob es die Lichtwellen der Sonne, ob es Tag und
Nacht sind, oder der Wechsel der Jahrtausende, ist niemals die Sorge eines
im Erdreich Schlummernden gewesen, denn nun ist der Tod berwunden; man mu
ihn nur kennen, um zu wissen, wie wesenlos seine Mchte sind, die die armen
Erdbefangenen als eine so unerhrte Herrschaft feiern. Nun sind tausend
Jahre wie ein Tag. Ich hatte weder den Wunsch, jemand von denen
wiederzusehen, die ich geliebt hatte, noch kannte ich Sorge um ihr
Geschick. Glckseliger konnten die Frommen nicht sein, die Gottes Angesicht
schauten.

Nach einer unabsehbar langen Zeit, in der ich keinerlei Vernderung sprte,
schien es mir, als wrde es langsam dunkler um mich her und in mir. Nicht
die Furcht, nun vergessen zu sein, bewegte mich, aber eine laue
Anteillosigkeit auch an dieser Mglichkeit. Vielleicht war das Laub des
Waldes dichter und dichter ber meiner Ruhestatt niedergesunken, oder die
Erde kreiste nicht mehr um die Sonne, vielleicht war sie von einem anderen,
greren Gestirn aufgenommen, auf welchem der Wechsel der Zeit nach anderen
Gesetzen vor sich ging. Mehr und mehr verlor ich das Bewutsein meiner
selbst, aber ohne darber in Gram zu sinken; es war mir, als ob der Rest
meiner Klarheit sich in einem einzigen Fnkchen sammelte, das hnlich
glomm, wie die Hoffnung in den Herzen der lebendigen Menschen.

Da bemerkte ich allmhlich, in einem heraufdmmernden Zeitraum, den ich
nicht begrenzen kann, einen sanften Lichtschein ber mir, der still anwuchs
und sich langsam nherte. Er war weilich, ohne zu glnzen, und erschien
mir wie ein blasser Strahl von zartem Umri und langsamem Leben; er senkte
sich auf die Gegend meines Herzens nieder und ohne einen Schein im Erdreich
zu verbreiten, glomm er doch in lieblicher Seligkeit, und der unfabare
Zauber einer fernen Erinnerung an die Sonne verband ihn mit meiner
Zuversicht. Da erkannte ich, da es der tastende Wurzelkeim einer Pflanze
war, der sich meiner Brust nherte, und mich ergriff ein tiefer Schauer,
der nicht Freude noch Hoffnung war, aber man knnte ihn vielleicht mit der
Ergriffenheit vergleichen, in der die Irdischen bei einer groen
Erschtterung ihres Gemts in Trnen ausbrechen, ohne dabei schon Lust oder
Schmerz zu verspren. Je nher der bleiche, saugende Mund auf kindlicher
und frommer Wanderschaft und in gehorsamem Wachstum meiner Brust kam, um so
mehr verwandelte sich mein erlschendes Menschbewutsein in ein seliges
Allgefhl von erhabener Gestilltheit und froher Bereitschaft zum Vergehen
in ein unversiegbares Bereich. Da geschah es bald darauf, da die Wurzel
der Pflanze in mein Herz eindrang und in einem funkelnden Erklingen, in
einem von Frische und seliger Wildheit betubenden Lichtwirbel wurde mein
Wesen emporgerissen in das warme, leuchtende Brausen der Erdoberflche.

ber meinem Grab brach eine groe Blume auf und ffnete sich gegen die
himmlische Sonne.--

Nun kam es mit weichen Schritten durch die dichten Lauben des Urwalds
heran, auf diesen verschlungenen Pfaden, die kaum ein paar Schritt weit zu
bersehen sind und wie grne Hhlen wirken; unendlich weich und geschmeidig
schritt es dahin, von der stolzen Erhobenheit der Gestalt, die unter allen
Geschpfen nur die Menschen haben. Es war ein Mdchen, das herankam,
beinahe noch ein Kind an Jahren. In jener schattigen Lichtung im groen
Urwald, an welcher unter einem Baum vorzeiten mein Grab gegraben worden
war, und in welcher nun die frische Blume sich langsam gegen das
Sonnenlicht kehrte, machte das Mdchen halt und beugte sich nieder. Sie
trug Lotusblten im Haar, von sanftem Rot und einen schmalen Grtel von
gewundener ockerroter Seide um die zarten Hften. Ein Hauch von Ambra
begleitete sie, wie unsichtbare Flgel der Jugend.

Um den Hals trug sie eine zweifache Schnur aus roten Angolaerbsen, und ein
breiter Goldring, der um ihr Fugelenk geschmiedet war, funkelte im Tau der
Bodenpflanzen.

Als ihre Augen mit dem nchtlichen Glanz einer tausend Jahre alten
Schwermut sich ber das frische, helle Blau der kaum erblhten Blume
neigten, war es, als begegneten einander ein himmlisches Erstrahlen und ein
irdischer Widerschein. Aber das Mdchen brach die Blume nicht, sondern es
schien, als erinnere sie sich zuvor einer kstlichen Pflicht, denn ihr
Angesicht belebte sich unter einer mit Schamhaftigkeit gemischten
Erwartung. ber die Wurzeln der Bume dahin, im weichen Erdreich und ber
braunem Laub, flo ein Bach; sein klares Wasser zog rasch und lautlos
durch Sonnenflecke und Buschschatten. Das Mdchen legte ihre Halsschnur ab
und hngte sie in kindlicher Frsorge nachdenklich in die Betelranken, die
die hngenden Zweige des Baumes mit dem Waldboden verbanden; sie legte
ihren Grtel ab und blinzelte frhlich in das warme Licht. Nur die Blumen,
die ihr Haar schmckten, lie sie in der nachtdunklen, glnzenden Flle
ruhen, in der sie zum Ruhm ihrer jungen Herrlichkeit verwelken sollten.

Das Wasser wurde unter der Freude ihres lieblichen Krpers beredt; es
berrieselte wie mit frhlichem Lachen die helle Bronze dieses Leibes, der
sich unter den Berhrungen der Natur beseligt dehnte und in einer Hingabe
ohnegleichen seinen Schpfer lobte, den Schpfer der Waldriesen, die ihn
behteten, der Milliarden Pflanzen und allen Getiers, das gleich ihm im
duftenden Schatten atmete, und der groen Sonne, die ohne Aufhr goldenes
Glck zum Wohlergehen der Ihren auf die geduldige Erde sandte.

An einem besonnten Hgel, der weich von Moos gepolstert war, legte das
Mdchen sich auf den Boden nieder, um in der warmen Luft zu trocknen; sie
gab sich dem Licht in holder Bedachtlosigkeit preis, denn es gibt vor ihm
keine Geheimnisse des Krpers oder der Seele, und beide sehnen sich nach
ihm. Sie schien mit dem Boden zu verschmelzen; der Pulsschlag der Erde
verband sich mit dem Pochen ihres Bluts, und die Blten in ihrem Haar
dufteten noch einmal empor im Verein mit dem sanften Hauch von Mdigkeit,
der wie ein Lied von ihrem Leib aufstieg. Die Sonnenstrahlen glitten
spielend ber die zierlichen Hgel der kleinen Brste dahin, ber die
Rundungen der warmen Glieder; hier leuchteten sie auf, dort tauchten sie in
heimliche Schatten nieder, allmchtiger als der strkste Beherrscher, der
sich jemals eine Welt zu eigen gemacht hat, und mit der Anmut eines
Geliebten, der nach berwundenen Strmen seine Wohltterin beglckt.

Wie in reglosem Stolz, erstarrt vor Andacht, sah die grne Waldherrlichkeit
auf den ruhenden Triumph der Schpfung nieder, bis jhlings mit hellem
Flten ein Vogel im Rankendickicht ein Lied begann, berselig, beinahe
grell und erschreckend, und aus der Nhe drang eine gejubelte Antwort. Da
erhob sich das Mdchen, legte bedchtig ihren geringen Schmuck aufs neue an
und bckte sich ber die Blume nieder, in der das Blut meines Leibes
auferstanden war; sie brach sie und befestigte sie, indem ihre groen Augen
ber dem zitternden Kelch lchelten, in ihrem Grtel.--

Wie war es doch gewesen? Ach, nun erinnerte ich mich, jene groe Blume von
leuchtendem Blau rief mir alles ins Gedchtnis zurck. Ich kannte dies
Mdchen und ihre Blume schon lngst; es war in einer jener vertanen Nchte
in Bombay, in einer jener Nchte, die ruhlos und ziellos beginnen und oft
so trostlos verstreichen, hingegeben an Nichtigkeiten, in denen unsere
hohen Erwartungen, vom Geist des Weins umhllt, in grauen Morgenstunden
versiegen. Aber es gibt keine Hoffnungen, die nicht irgendwo in unserer
Seele und irgendwo in unserer Zeit mit einem jenem Lcheln verwandten Glanz
gestillt werden, in dem sie erwachen. Hoffnungen sind den Blten
schlummernder Rechte vergleichbar, im Dmmerlicht der Ahnung.

Ich hatte damals in einer Abendstunde das Hotel verlassen, in dem ich schon
seit Tagen auf einen Dampfer wartete, der mich nach Singapore bringen
sollte, und war die breite, belebte Strae hinabgeschlendert, ohne
Ausrstung fr eine bewegte Nacht, ja, ohne eine andere Absicht, als die,
mich noch fr einige Minuten in der khleren Luft des Abends zu ergehen und
dem bunten Straentreiben zuzuschauen. Aber es lag keine Linderung in der
schwlen Luft, die nach verdunstendem Sprengwasser, nach Pferden und l
duftete, sowohl die freien Atemzge behinderte, als auch die vernnftigen
Gedanken. Oft wirkt diese Atmosphre wie eine Ankndigung des Fiebers,
verwirrend und zu allerhand Sinnlosigkeiten ermunternd; die Lebensleiden
der Verlassenheit gren darin, satt von Melancholie; kleine Teufel erheben
darin die nach Abenteuern lsternen Narrenkpfe, whrend der nahende, rote
Mond den nchternen Sinn aller Dinge in Schleier legt.--

Ich lie mich nach einer Weile am Holztischchen eines Straencafs nieder;
es erschien mir, als verbrgen mir alle, die mich anschauten, etwas, in
mitleidiger berlegenheit. Eine kleine, ganz in ein dunkles Tuch gehllte
Straenbettlerin hielt mir die braune, offene Hand hin, und unter ihrem
Lcheln verstand ich pltzlich die Nacht.

Nun war es dunkler geworden, als ich weiterschritt. Aus geffneten Tren
drang der Schein bunter Lichter; die Straen wurden enger und die Passanten
seltener. Ich hrte Schritte herannahen und jhlings hinter mir verstummen,
sobald eine der vermummten Nachtgestalten an mir vorbergegangen war; man
blieb stehen und sah mir nach, neugierig, oder lstern auf einen Raub, von
einer Ahnung der Ruhlosigkeit und Unsicherheit angeweht, die mich
gefangenhielten und dahintrieben. Einen Augenblick war ich um mein Leben
besorgt, da ich die Gefhrlichkeit dieser Stadtgegend kannte, aber dann war
mir, als sei dies, mein geliebtes und umsorgtes Leben, eine ganz fremde und
gleichgltige Sache fr mich geworden. Es kam auf ganz andere Dinge an; die
Nacht forderte ihr Recht, die Nacht der Erde und die meiner unruhigen
Seele, die nach einem mystischen Tag ihrer Wandlung Verlangen trug.

Die Tr eines Holzhauses stand angelehnt, und als ich sie aufstie, blickte
ich in einen schmalen Korridor, der durch eine grnliche Papierampel
dmmerig erhellt wurde. Zur Rechten und zur Linken der Ampel waren an den
kahlen Wnden Spiegel angebracht, die das matte, schwebende Gestirn dieses
stillen Bereichs nach beiden Seiten hin tausendfach in ein magisches All
hinberzauberten. Von irgendwoher erklang gedmpft eine klimpernde Musik,
der einer Mandoline vergleichbar, aber um vieles unbelebter und im Takt oft
von einem lang anhaltenden Ton unterbrochen, der einer Flte entstammen
konnte. Ein schwerer, ser Geruch drang mir entgegen, wie von grendem
Honig und betubendem Rucherwerk; er quoll aus dem Spalt eines roten
Vorhangs im Hintergrund, wie aus der Wunde einer berreifen Frucht.

Als ich an diesem Ort eine kleine Weile gestanden und gelauscht hatte,
ffnete der niedrige Vorhang sich, und eine alte Frau trat zgernd und
scheinbar berrascht auf mich zu. Sie war welk, und ihr ergrautes Haar
flimmerte vermodert in dem blafarbigen Licht der Papierlaterne ber ihrem
Scheitel, ein gelbes Tuch war wie eine Fahne um ihren Krper geschlungen,
so da ihre Schultern und Arme, sowie ihre Beine von den Knien an abwrts
unbedeckt waren. Nachdem sie sich von ihrer anfnglichen berraschung
erholt hatte, lchelte sie mir in feiner, unpersnlicher Herzlichkeit zu,
die Leuten eignet, die aus Beruf oder Gewohnheit gastfreundlich sind, und
lud mich, nach einem prfenden Blick ber meine europische Kleidung ein,
nherzutreten. Sie sagte ein paar Stze, die ich nicht verstand, denen aber
leicht ein Willkomm zu entnehmen war und eine ehrende Begrung. Da ich
ohne Zgern nhertrat, verdoppelte sie ihre Unterwrfigkeit, und ich hatte
den Eindruck, als krche sie mir die Stiege hinauf voran, die wir im
rtlichen Dmmerlicht erklommen; ich sah immer nur ihr Angesicht dicht vor
meinem, whrend ihr briger Krper bereits voraus war. Sie grinste slich
und boshaft; irgendwo bimmelte zaghaft ein Glcklein; beklommen folgte ich,
ohne Aufwand von Mut, ohne Umsicht, ja fast ohne rechte Erwartung; was
geschehen sollte, mochte geschehen. Das Leben wog leicht.

Wir kamen an eine mit buntem Papier bezogene Tr, die die Treppe hart
abschlo, und die sich lautlos und leicht unter dem Druck der welken Hand
der alten Frau ffnete.

Tritt ein, Herr, sagte sie auf Hindustani und drckte sich an die Wand,
die nachgab und schwankte; ich hatte den bestimmten Eindruck, da wir von
allen Seiten beobachtet wurden. So tappte ich nun vorsichtig voran in das
von Rauch wie in Nebel getauchte bluliche Dmmerlicht eines niedrigen
Raumes, in welchem ich anfnglich, auer dem erlschenden Mond einer
stillen Ampel, nur hngende Wandteppiche in mancherlei gedmpften Farben
und seltsamen Ornamenten zu erkennen glaubte. Es glitzerte mir in matten
Goldtnen entgegen und ein sanft betubender Hauch von welkendem Jasmin und
Opium beengte die Brust.

Ich durchschritt mit meiner Fhrerin diesen Raum, um in einen zweiten zu
gelangen, der noch kleiner und finsterer war, und in dem ich zuerst nur ein
breites Ruhebett erkannte, das mit vielfarbigen Decken und Fellen belegt
und kaum einen Fu hoch war. Die Alte verbeugte sich viele Male, nachdem
ich, wie sie es zu wnschen schien, auf diesem Lager Platz genommen hatte,
und sagte im Hinausgleiten in gebrochenem Englisch:

Ich werde Goy fr dich holen, Herr, du wirst zufrieden sein.

Als ich ihr mit zwei zustimmenden Worten zunickte, lachte sie, glcklich
und stolz darber, verstanden worden zu sein. O, sie war eine hochgebildete
Frau, nun hatte sie den Beweis erbracht, und nichts wre in der Lage
gewesen, sie zu einer Handlung zu bewegen, die mich an dieser Meinung ber
sie wieder irremachte.

Ich sah mich kaum im Zimmer um, als ich allein war; es mute alles so sein
und kommen, wie es fr diese Nacht bestimmt war.

Unter einer winzigen grnen Ampel, dicht an der Decke, erblickte ich ein
rundes Tischchen mit unwahrscheinlich dnnen Beinen, und in einer mit roten
und blauen Ornamenten ausgelegten Messingschale, die darauf stand, lagen
trockene, fremdartige Frchte, Tabak, Hanf und Betel. Da meine Augen sich
bald an das ebenmige, sanfte Licht gewhnt hatten, erblickte ich, als nun
die Tr sich ffnete, sogleich mit der bersinnlichen Deutlichkeit einer
Vision das Mdchen, das meinen Raum betrat und vorsichtig die Tr hinter
sich schlo und verriegelte. Sie trat so gelassen und freundlich auf mich
zu, als sei ich ihr ein lngst vertrauter Gast, und grte mich, indem sie
nach kanaresischer Sitte die Spitzen ihrer Hnde an die Stirn legte und
sich tief verneigte. Sie war vllig nackt unter einem unendlich feinen
Schleier von rauchfarbenem Seidenflor; ihr schwarzes Haar war mit grauen
Blumen geschmckt, und ein schmaler Ledergrtel von verblichenem Ockerrot
legte sich, ohne ihren Krper zu beengen, wie ein Ring aus rostigem Metall
um ihre Hften, die, obgleich ich ein Kind vor mir zu haben glaubte, doch
von weicher Rundung und lieblicher, ebenmiger Flle waren. In diesem
Grtel war eine groe Blume von hellem Blau befestigt, mit tiefem
goldbraunem Kelch; sie hob sich fast unwirklich und in seltsam wohltuendem
Kontrast vom Bronzeton des jungen Krpers ab.

Alles, auer dieser frischen Blume, hatte jene seltsam berzeugende
Bewutheit in Farbe, Erscheinung und Bewegung, wie nur eine jahrhundertalte
Tradition sie verleihen kann, alles auer dieser Blume und dem schmiegsamen
Mdchenleib.

Ich wei nicht, ob ich alles verstanden habe, was in dieser denkwrdigen
Nacht dieses Kind zu mir sagte, wohl aber wei ich, da wir einander
verstanden. Die Ausschlielichkeit, welche das glhende Bereich
heraufbeschwrt, in das der Liebreiz dieses Mdchens mich zog, verbannte
alle kleinen Einzelinteressen und Begierden, die unser Leben spalten und
bedrngen, und es gab nur ein Ziel fr unser Blut.

Soll ich tanzen? fragte Goy, sage mir, was dir wohltut?

Sie tanzte unter dem grnlichen Mond der kleinen Ampel, der eine ganze Welt
bestrahlte. Es war schwl und totenstill in dieser Welt. Ich hrte nur den
Schlag der weichen Fe auf den Matten, und wenn ich die Augen schlo, so
fhlte ich den zarten Fu auf den Herzensquellen meines Lebens tanzen. Mit
jedem neuen Erwachen meiner Blicke erschien mir Goys erblhter Kinderkrper
erneut; er blieb mir fremd und wechselte wie eine Landschaft, die der Geist
im Flug durcheilt. Nun wurde es still, und ihre Frauenaugen lchelten
erfahren, kindlich und begierig ber den meinen:

Willst du mir nicht befehlen, Herr? sagte Goy so langsam, da mir war,
als stnde mein Herz unter den unausgesprochenen Verheiungen ihrer Bitte
still, aber doch lauerte hinter ihrer Unterwrfigkeit, ohne Falsch, das
glckliche Bewutsein ihrer Herrschaft. Nun hockte sie sanftmtig,
merkwrdig beschienen vom Ampellicht, wie eine groe, goldene Katze vor mir
auf dem Lager, drehte bedchtig Papyrus, zerbrckelte Tabak und Hanf und,
als sie Opium hineinmischte, verwandelte sie sich mir pltzlich in eine
Gttin, die den Schlaf herbeifhrt.

Goy war, wie die meisten Frauen des Orients, auf eine Art fr die Liebe
erzogen, die die Folge einer grauenhaften Verwhntheit ist, aber ber allen
ihren Handlungen lag ein zauberhaftes Glck von einer Unschuld der
Gesinnung, die wie Keuschheit wirkte. Goy tat ihre Pflicht, und kein
Gewissen, wie es in unserer Brust wohnt, behinderte ihre geschftige Treue
gegen den einzigen Genu, den sie kannte und austeilte.

Ich rauchte in tiefen, durstigen Zgen und sank mehr und mehr in
Betubung. Das Mdchen lie keinen Augenblick verstreichen, in dem sie sich
nicht hinzugeben schien; ihr Bild verwandelte sich unaufhrlich; sie gab
keines ihrer Geheimnisse preis, ohne ein neues ahnen zu lassen.

Vergi das Leben, sagte sie mit sanftem Tadel, scheinbar ber mein Zgern
in milden Schrecken versetzt. Bin ich nicht schn?

Doch, du bist sehr schn, Goy, schner als alle, die ich gesehen habe.

O, nein, antwortete sie nachdenklich, die blassen Mdchen sind schner.
Sie schaute mit ihren bergroen Kinderaugen auf mich hin und lchelte, als
ich schwieg. Ihre Ngel waren rot bemalt, und ihre Hnde, wie ihr ganzer
Krper waren mit groer Sorgfalt gepflegt.

Die Menschen legen mit den Kleidern die Lge nicht ab, sagte Goy, ich
glaube an nichts, als an die Liebe und an die Lust, die durch sie kommt.

Ich verstand, wie sie ihre Worte meinte, denn sie stand, als sie so sprach,
innig dargeboten und aufgerichtet vor mir und hob ihre Arme, als ob sie
eine Schale darreichte. Ihr Haupt verdunkelte die Ampel, so da ihre
Gestalt in magischen Lichtrndern glomm. Aber ihre Worte bewegten sich in
meinem Herzen auf eine andere Art, sie nahmen Glanz an und entzndeten sich
fr eine weite Reise.

Goy las in meinen Zgen.

Vergi, sagte sie, woran mut du denken? Hier ist weder Zeit, noch Tag
und Nacht.

Und doch, du Geliebte dieser kleinen Ewigkeit, ist nicht das Leben lnger
als die Jugend?

Nein, sagte Goy sicher, und ihr Lcheln hatte etwas unfalich
berzeugendes, vielleicht fr euch Mnner, aber fr uns Mdchen nicht.
Eine alte Frau ist schlimmer als eine ausgeprete Mangofrucht, mit den
Gliedern welkt die Hoffnung, denn das Blut verliert seine Stimme, der der
Gang der Welt gehorcht. Kein Kind wird meine Freude sein.

Was kann ich fr dich tun, Goy? Nimm alles, was ich habe!

Ich nehme nichts, sagte das Mdchen. Ich habe niemals etwas genommen.
Die Alte nimmt. Sage mir, da ich schn bin und da ich dich beglckt
habe.

Du bist sehr schn.

Du sagst nur das eine, so bist du undankbar, oder du bist von denen, die
niemals sich selbst vergessen knnen, als wren sie so wichtig, ach, so
wichtig!

Sie kam mir ganz nah und sah mir unter die Augen, dann zog sie gelinde den
Finger vom Winkel meines Auges ber die Wange und um den Mund herum,
seufzte tief auf, als beklagte sie mich, und nickte.

Ich schlo die Augen. Die feuchte Blte an ihrem Grtel nherte sich meinem
Gesicht, und mir war fr einen Augenblick, als legte sie sich kalt auf
meine Stirn.

Welche Menschen meinst du? fragte ich. Mir war, als wiche der bunte
Rausch, wie Wolken dem Wind weichen, fr kurz von mir.

Goy sann nach und lchelte wehmtig, als gbe sie mich verloren; dann hob
sie die Hand an meine Stirn, tippte schnell mit der Spitze des Fingers an
die Schlfen und sagte:

Das kalte Feuer dort! Es ist strker als alle anderen Flammen und scheint
heller. Es kmpft mit der Wrme des Herzens und hat schon viele Herzen
ausgelscht. Ihr mt immer von einem zum andern. Wer alle Hindernisse zu
seinen Mitteln machen will, verdirbt seine Ruhe, denn die Welt ist voller
Hindernisse. Wohin willst du? Unsere Weisen lcheln ber euch. So komm',
vergi!--

Als ich aus dem Hause trat, fiel mich die Sonne wie ein Raubtier an. Ich
taumelte und tastete mich an den Husern entlang voran, bis langsam meine
Besinnungen zurckkehrten. Ich wute nicht, wieviel Zeit verstrichen war.
So mu Lazarus die Welt empfunden haben, als ihn ein Gott ins Leben
zurckrief. Ich erinnerte mich langsam der Einzelheiten meiner Erlebnisse,
wie der eines tiefen Traumes.--

Es mag nun wohl gewesen sein, da eine habgierige Alte mich gefhrt und ein
verdorbenes Kind mein Lager geteilt hatte, aber da ich von beiden
Eigenschaften keine frchte, so bekmmern sie mich wenig, denn es kam mir
damals nicht darauf an, wieviel die Dinge in den richterlichen Augen einer
Weltgerechtigkeit wert sein mochten, sondern es kam mir darauf an, wie sie
sich in meinen Augen spiegelten.

Das Leben aber trbt die Augen der Menschen mit Trumereien, Scherzen und
Trnen.

                  *       *       *       *       *

Langsam empfand ich nun mehr und mehr, da es einzig noch auf jene
sonderbare Blume ankam und auf ihr schimmerndes Blau, das sich seltsam
herrschschtig und still vor mir auszudehnen schien. Da war mir, als
erwachte ich wiederum zu einem neuen Dasein. Eine unendliche Mattigkeit
beschwerte meine Glieder, und meine Augen waren unsicher und benommen, wie
befangen von jenem strahlenden Azur meiner Traumblume, die sich nun als
eine endlose blaue Mauer vor mir ausbreitete. Ich versuchte mit groer
Anstrengung, diese blaue Mauer zu begreifen. Da sah ich pltzlich, wie
einen ganz fremden Gegenstand, meine Hand auf meinen Knien liegen,
abgemagert und ganz wei. Ich versuchte, sie zu heben, und sie gehorchte
mir. Die unbeschreiblichen Schauer eines ganz neuen Lebens lieen meine
Glieder erbeben; sie gingen vom Bewutsein aus und rieselten wie
Lichtgarben durch meine Adern, eigensinnigen Funken gleich, hei und kalt.
Ich seufzte tief auf und wei heute noch gut und genau, da ich laut sagte:

Es kann das alte Leben nicht sein.

Da kam Panja um eine weie Sule geschritten, die sich von der blauen Wand
abhob, und starrte mich an. Er stand merkwrdig unwirklich da, als schwebte
er in der Luft. Dies ist ja ein brauner Mann mit einem weien Turban,
dachte ich.

Sahib! schrie er, als er in meine Augen sah. Sahib, sprich.

Wo sind wir, Panja? fragte ich matt, was ist mit der Zeit geschehen,
Panja?

Mein Diener starrte mich verstndnislos und in einer deutlich in seinem
Gesicht aufs neue auftauchenden Angst an, aber sie wich mehr und mehr, je
lnger er in meine Augen schaute.

Sahib, sprich gute Worte, bat er, zweifelnd und hoffnungsvoll zugleich.

Da kam mir zum Bewutsein, da ich meine Frage in deutscher Sprache
gestellt hatte, und ich wiederholte sie englisch.

An Stelle einer Antwort stie Panja einen lauten Schrei aus und warf sich
auf die Knie, indem er die meinen mit seinen Armen bedeckte. Schluchzend
stammelte er: Sahib, du wirst leben!

Wohin sind wir geraten, Panja? Was ist dort fr eine blaue Wand?

Panja erhob sich mit glcklichem Lachen, trat zur Seite und sagte: Es ist
das Meer. Wir sind hoch in den Bergen, du siehst auf das Meer hinab. Wir
haben dich aus den Smpfen hinaufgetragen, zwei Tage und zwei Nchte lang,
ohne zu schlafen und kaum, da wir geruht haben, bis die leichte Luft kam,
die Khle und die Ruhe. Sieh um dich, sieh die Wlder an! Dies ist das
verlassene Bungalow einer englischen Farm. Wir haben die Affen vertrieben,
die von ihm Besitz ergriffen hatten, er stockte und sah mich an. Ach,
Sahib, nun bist du erwacht und gesund geworden, der Sinn ist in deine Augen
und Worte zurckgekehrt und die Freude in meine Brust.

Ich sah Panja weinen und begriff, da er die Wahrheit sprach, und da mein
Geist aus dem Bereich der Fiebergifte in die Wirklichkeit zurckgekehrt
war. Da sah ich in einiger Entfernung Guru am Boden hocken und mich
unverwandt mit seinen groen Nachtaugen anstarren. Es lag etwas in seinen
Blicken, was ich nie vergessen werde.

Erst nach Tagen erfuhr ich langsam, was sich zugetragen hatte, denn Panja
verschonte mich mit allem, bis ich danach fragte. Ein groer Teil unseres
Gepcks war verloren, da die Leute sich meiner annehmen muten und keine
Trger zu bekommen waren. Panja hatte hauptschlich Proviant mitnehmen
lassen und die Koffer, von denen er wute, da sie meine wertvollsten
Besitztmer bargen, ebenso meine Waffen und ein Zelt. Zwar waren seit
gestern Pascha und ein Kuli hinabgestiegen, um zu retten, was noch zu
finden war, und um Sorge zu tragen, da alles noch Vorhandene in einem
Eingeborenendorf untergebracht werden sollte, aber Panja hatte wenig
Hoffnung und frchtete, da die ersten Gewitter hereinbrechen knnten. Er
sa oft lange schweigend in der Mittagsglut neben meinem Liegestuhl und sah
den Himmel ber dem Meer an und die weite, blaue Flche, die aus dieser
Hhe so ebenmig erschien, wie eine Platte aus Metall. Zuweilen lag ein
feiner, grauer Dunst darber. Aber auer dieser Besorgnis, deren Gewicht
ich kannte, bedrckte ihn ein anderer Kummer; ich merkte es ihm an, wollte
aber nicht fragen. Erst als ich meine erste Zigarre anzndete, lchelte
Panja melancholisch und meinte: Nun wirst du auch das Schlimmste ertragen,
da deine Kraft zurckgekehrt ist.

Elias war vom Panther geholt worden.




Siebentes Kapitel

In den Bergen


Panja prfte aufs neue das verfallene Haus, in dem ein Raum notdrftig fr
mich hergerichtet worden war, so da er geschlossen werden konnte, da ich
die Nacht ohne Feuer verbrachte.

Willst du bleiben, Sahib, bis die groen Regen kommen?

Ich wute, da dies nicht anging, und da wir verloren sein wrden, wenn
die ersten Gewitter uns in den Bergen berraschten. Erfolglos versuchte ich
die Zeit seit unsrer Abreise von Cannanore zu ermessen, es mochten vier,
fnf oder sechs Monate vergangen sein.

Gurumahu war eines Morgens zu mir gekommen und hatte sich heimwehkrank
gemeldet. Er trennte sich mit schwerem Herzen von uns, aber wenn er sein
Dorf vor Anbruch der groen Regen erreichen wollte, so mute er sich nun
auf den Weg machen.

Ich schenkte ihm meine verltete Tropenuhr aus Nickel. Das war gewi an
sich kein groes Geschenk, obgleich sie aufgeregt zu ticken verstand und
bei trockener Witterung sogar ging, aber Guru nahm sie beglckt entgegen.
Er wird knftig alles aus ihr ersehen, was sein Herz zu wissen begehrt: die
Jahreszeiten, die Windrichtung und den Gang der Gestirne.--

Oft fehlte es uns am Ntigsten. Panjas besorgte Augen schreckten mich aus
der Tuschung, in der ich mich dem Glauben hingab, da die wohltuende, oft
khle Luft der Berge und der hochgemute Seelenzustand, wie er Genesende
erfreut, zu hoffnungsvollem Blick in die Zukunft berechtigten. Unser Gepck
war zum grten Teil gerettet, nur unter den Nahrungsmitteln hatten die
weien Ameisen auf das furchtbarste gewtet, aber auer Panja und Pascha
hatte ich nur noch zwei Trger aus Sd-Kanara bei mir, die uns unter
groem Mheaufwand und oft unter Einsetzung ihres Lebens mit Reis und
Frchten aus dem nchsten Dschungeldorf versahen. Die dortigen Bewohner
hatten unsere Abhngigkeit von ihrer Leistung herausgebracht, und meine
Geldvorrte schmolzen immer mehr zusammen, eine Tatsache, die Panja in
stille Raserei brachte. Er schwor den Erpressern unten im Grnen Rache und
versprach mehr als einmal, ihr Dorf in Brand zu stecken; meine
Gleichgltigkeit fhrte ihn zu ernstlichen Ermahnungen:

Sahib, du bist ein groer Herr, und du kannst tun, was du willst, aber du
tust nichts. Die Tage verstreichen, einer nach dem andern, wie die
Wasserwogen an der Meereskste, sie lassen keine Spuren zurck und bringen
immer das gleiche. Wer lebt so? Als wir in Anandapur waren, hast du die
Brahminen verlacht, die den ganzen Tag in der Sonne liegen und den
Tempelreis fressen, der ihr Anrecht ist, aber wie machst nun du es? Frher
hast du alles in Bchern verzeichnet, was du sahst, und mich oft gefragt,
aber nun tust du auch das nicht mehr, und die Bcher sind verbrannt.

Das war Panja ein groer Kummer, denn er wute, da auch seiner oft in
diesen Bchern Erwhnung getan war, und er hatte sich auf den Ruhm
vorbereitet, der seiner im Okzident, im Lande der Herren, wartete. Ich
lachte ihn aus; nur was die Gewitter betraf, hatte er recht, und so
entschlo ich mich eines Tages, den krzesten Weg nach Mangalore zu nehmen,
um im Schutz dieser alten, gesicherten Hafenstadt die Regenzeit abzuwarten.

Aber im Herzensgrund ahnte ich bei solchen Vorstzen, was ich aufgab und
dahinten lie, und da meinem Leben keine Zeit mehr wrde gegeben werden,
die der verstrichenen an Licht und Freiheit glich. Und so kam es, da sich
unsere Abreise von Tag zu Tag hinauszgerte, obgleich alle meine Erlebnisse
in den Bergen sich im Schleier jener dmmerigen Unwahrscheinlichkeit und
heimlichen Ruhlosigkeit zutrugen, die uns befallen knnen, wenn wir an
schner Sttte den Gedanken des Abschieds schon mit uns umhertragen.--

Da war Gong, ich werde ihn nicht vergessen, wahrscheinlich ist er
inzwischen gestorben, denn er zhlte schon damals nicht mehr zu den
Jngsten, und er berwand sein Mitrauen gegen mich niemals ganz. Er
gehrte jener Sorte von halbgroen Affen an, die in Indien nur in den
Bergen leben, sie sind bedeutungsvoller als ihre Brder aus dem Dschungel,
und sie haben andere Eigenschaften, aber keineswegs bessere.

Ich nannte diesen meinen Gefhrten der Frhmorgenstunden Gong wegen seiner
auerordentlich hlichen Stimme, die so klang, als ob man einen alten,
rostigen Blechkessel gegen eine Steinmauer wrfe. Gottlob sagte er nicht
viel, aber meine Erscheinung ntigte ihm das grte Interesse ab, offenbar
hatte er sich in den Kopf gesetzt vor seinem Hinscheiden noch etwas ganz
Besonderes zu erleben, und sich meine Person ausgewhlt, die ihm dazu
angetan schien und die sich morgens unter den hohen alten Latan- und
Tamarindenbumen finden lie.

Kaum da die ferne Flche des Meeres sich im Dmmern silbern frbte, als
ich auch schon mein Lager verlie, um die khlsten Stunden nicht zu
verpassen. Ich sah diesen blassen Himmelsschein wie er sich vor der
vergitterten ffnung meines Fensters matt und glanzlos abhob, nur wenig vom
Licht des Mondes unterschieden und vom ersten Ruf der Raubvgel erfllt,
die weit hinter mir, schon in hellerem Licht, um die Felszacken kreisten.
Nun dauerte es noch etwa eine Stunde, bis die ersten Sonnenstrahlen unser
Hochland erreichten, zuerst sah ich sie fern auf dem Wasser funkeln, und im
Osten zeigten die Felszacken goldene Rnder in unendlich freier, weiter
Hhe gegen den blablauen Morgenhimmel emporgereckt. Es gingen ein Glanz
und eine Stille von ihnen aus, die jeden Morgen aufs neue mein Gemt
erfllten und es bis weit in die Tagesstunden hinein begleiteten, da nichts
geschah, was ihren Frieden in meiner Seele auszulschen vermochte. Nur wer
auf diese Art und unter solchen Bedingungen die Natur aufzunehmen vermag,
lernt sie begreifen, denn sie erfordert, wie alles Groe, unsere
schrankenlose Hingabe, um sich uns voll zu offenbaren.

In dieser Stunde wartete Gong auf einem der meinem Hause nahe stehenden
Bume, meistens auf einem niedrigen dicken Ast. Die eine Hand umklammerte
allerdings in der Regel, fr alle Flle, einen hheren Zweig, und wenn ich
meine Bchse bei mir hatte, so konnte anfangs kein Zureden ihn bewegen, zu
verharren. Ich wei nicht, auf welche Art er die Bekanntschaft meiner Waffe
gemacht haben kann, sicher ist, da die Affen mich weit lnger kannten und
beobachtet hatten, als ich sie.

Seine Gefhrten flohen anfnglich in groen Scharen. Es war leicht, sie
dabei zu beobachten, weil die Bume in groen Abstnden voneinander
wuchsen, und die Herren sich jedesmal die Mhe machen muten, erst wieder
auf den Erdboden herabzusteigen, wenn sie weiterkommen wollten. Gong nun
machte eines Tages eine Ausnahme, er blieb sitzen, als ich nahte, und ich
blieb stehen, denn es war mindestens erstaunlich, da dieser Affe sich
nicht auf- und davonmachte. Er sa auf einem niedrigen, dicken Ast, hielt
sich mit allen vier Hnden fest, als ob er sich hindern wollte, schlielich
doch die Flucht zu ergreifen, zitterte und sah mich mit hochgezogenen
Brauen zugleich neugierig, boshaft und ngstlich an.

Ich habe nun bei Tieren immer zu erkennen geglaubt, da sie es in der Regel
erst dann bse mit uns meinen, wenn wir ihnen Anla dazu geben. Es mag
sein, da diese Anschauung daher kommt, da ich in meiner Jugend niemals
schlechte Erfahrungen mit Hunden, Pferden oder Katzen gemacht habe,
obgleich diese Geschpfe aus jener Zeit durchaus nicht das gleiche von mir
behaupten werden, auch mag es daran liegen, da ich mich nicht im
Bewutsein einer berlegenheit wohlzufhlen vermag. Von allen Empfindungen,
die die Geselligkeit unter andern Wesen, seien es nun Menschen oder Tiere,
mit sich bringt, ist mir die der berlegenheit am peinlichsten; ich habe
immer gesehen, da die beschrnktesten Menschen sie am ergiebigsten
auskosteten, wenn sich ihnen einmal Gelegenheit dazu bot. Es liegt im Wesen
aller Andacht vor dem Lebendigen, da man sich einschliet, indem man
Rechte zugesteht, und sie erst dann einfordert, wenn das gemeinsame
Wohlergehen unserer Leitung bedarf. Von den gewaltigen Lebensstimmen, die
in der kurzen Wegstrecke des Erdendaseins unser Gemt erschttern, ist das
Seufzen der unterdrckten Kreatur, wie die leitende und klagende Melodie in
einem brausenden Orgellied, immer das Vernehmlichste gewesen, das mir zu
Ohren gedrungen ist, und da ich verabscheue, Mitleid zu geben oder zu
empfangen, ist mir nur der Weg geblieben, in allem Lebendigen einen meinem
Leben gleichberechtigten Ausdruck der Natur zu erblicken.

Als nun Gong sitzen blieb, ohne mit seinen Gefhrten zu flchten, und ich
mich ihm langsam nherte, unterschied ich deutlich in seinen Zgen die
Anspannung eines, der mit Herzklopfen zwischen Angst und Neugier schwankt.
Darber aber schien ihm pltzlich einzufallen, da es noch einen dritten
Weg gab, und er schlug ihn ein und machte den Versuch, mich dadurch
einzuschchtern, da er mir auf seine Art einen Beweis seiner Waldrechte
und seiner persnlichen Bedeutung vermittelte. Er zog den Kopf tief
zwischen die Schultern ein, reckte ihn darauf mit einem Ruck vor und
schttelte zugleich den Ast, auf dem er sa, durch ein energisches
Schaukeln seines ganzen Krpers so wild und angreiferisch, als seine Kraft
irgend zulie. Dabei stie er aus rund gehhlten Lippen einen Ton hervor,
der sehr schwer zu schildern ist, von dem man aber dadurch einen Begriff
bekommen wrde, wenn man einen Lampenzylinder fest an die Lippen setzte und
im Brustton ergrimmtester berzeugung hineinstiee: Groer Gott!

Diese Erfahrung wirkte im ersten Augenblick so komisch auf mich, da ich
lachen mute, und ich schlug auf meine Schenkel und tat es laut. Einen
Augenblick schaute Gong verdutzt drein, aber dann nahm er meine Gebrde als
ein Zeichen wohlwollender Annherung und wiederholte sie, so gut er konnte.
Seine Augen blieben dabei merkwrdig ernst, und seine Stirn zeigte tiefe
Falten.

Wir erwiesen uns nun diesmal und knftig unser Verstndnis freinander
dadurch, da wir uns nach bestem Vermgen nachahmten, und so belustigend
wir vielleicht dabei aufeinander gewirkt haben mgen, blieb mir doch eine
Bekmmernis und eine leichte Melancholie im Sinn, wenn ich bedachte, wie
gro und unberbrckbar die Schranke war, die mich von Gong trennte.

Ich habe im Verlauf unserer Bekanntschaft die deutliche Beobachtung
gemacht, da Gong sich verstimmt zeigte, wenn ich einmal ausgeblieben war,
und da er sich ehrlich ber meine kleinen Aufmerksamkeiten freute.
Vielleicht mag ihn ein hnlicher Gedanke bei seiner Betrachtung meiner
Person bewegt haben. Er versuchte zu lernen und zu begreifen, was irgend
sich fr ihn verstehen lie, und wenn es hufig auch nur bei der ueren
Gebrde blieb, so war doch auf beiden Seiten der Wunsch erkennbar, einander
nherzukommen.

Zwar lie er mich uerlich niemals weiter an sich herankommen, als bis
etwa auf fnf oder sechs Schritte. Sobald ich den Versuch machte, diesen
Abstand zu verkrzen, hob er mit einem bedauernden Ablehnen die Hand und
ergriff einen hheren Ast, um mir anzudeuten, welche Folgen mein
Entgegenkommen haben wrde.

Gong hatte im Laufe unserer Bekanntschaft alles gelernt, was sich mit den
Augen von den Vornahmen eines Menschen begreifen lt, er hat meinen
Tropenhut auf dem Schdel gehabt, mein Taschentuch gebraucht, und er wei
wozu ein Messer gut ist. Er hat meine Notizbcher durchblttert und in
meiner Hngematte geschaukelt, und er verstand die Bewegungen des An- und
Ausziehens eines Rockes so tuschend nachzuahmen, als sei er von alters her
gewohnt, Kleidung zu tragen.

Oft allerdings begriffen wir einander gar nicht, denn Gong wute in seiner
Sucht, mir gleich zu sein, bald kein Ma mehr zu halten, und verstimmte
mich zuweilen empfindlich durch seine Nachahmungen, so da ich mir
lcherlich in meinen Bewegungen vorkam und den bestimmten Eindruck gewann,
verspottet zu werden. Es mute nun darber nachgedacht werden, auf welche
Art Gong eines Teils seiner Erziehung wieder zu entwhnen war, denn es
wurde von Tag zu Tag offenkundiger, da sowohl er selbst, wie auch seine
Gefhrten, mich nicht mehr ernst nahmen und es an dem Respekt fehlen
lieen, den ich glaubte beanspruchen zu drfen. Die Tiere lachten geradezu,
wenn ich kam. Zuweilen warteten sie morgens in Reih und Glied auf mich, um
mich bei jeder Gelegenheit auszulachen. Sie stieen sich gegenseitig an, um
sich aufmerksam zu machen, rieben sich vor Vergngen die grauen Hnde und
schlugen sich auf die Schenkel, dabei quietschten sie in allen Tonarten,
mignnten sich im nchsten Augenblick ein Glck, das sie einander noch vor
kaum einer Minute zuerteilt hatten, und fhlten sich bei alledem auf eine
Art wichtig, die auch bescheidenere Leute, als ich einer bin, ernstlich
verdrossen htte.

Ich war nirgends mehr allein, wo immer ich mich aufhielt, und selbst die
Achtung vor meiner Bchse schwand von Tag zu Tag, da die Herren
herausgebracht hatten, da es mir auf Vgel und Rotwild ankam, und da das
wichtige Geschlecht der Affen vllig auer Gefahr war, geschdigt zu
werden. War es mir aber einmal gelungen, irgendein kleineres Tier zu
erbeuten, so warteten sie, bis ich die Bchse beiseite legte, und kamen
herzu, wobei sie sich gebrdeten, als htte ich diesen Erfolg einzig ihnen
zu verdanken.

Am meisten rgerte ich mich ber ihre Vergelichkeit. Es war schndlich,
wie wichtig sie sich bei einer Sache anstellen konnten, die ihrem
Gedchtnis gleich darauf entglitt, als wre sie nie in der Welt gewesen.
Jeden Augenblick fiel ihnen etwas anderes ein, und immer beanspruchten sie,
in ihrer neuen Pose vllig ernst genommen zu werden. Ich kam mir
schlielich so vor, als sei ich in einer fremden Stadt ein zum Amsement
der Brger geduldeter Sonderling, und begann an meiner Tier- und
Weltbetrachtung ernstlich irrezuwerden.

So klagte ich Panja mein Leid. Oh, sagte er, die Affen! Wer wird sich
mit den Affen einlassen, Sahib? Aber wenn du nur eine Heuschrecke
erblickst, so wirst du schon sorgenvoll und redest sie an, und dann tust du
so, als ob es dir antwortete, das Vieh. Wer aber mit Affen umgeht, hat bald
den Eindruck, als sei sein eigener Schatten nrrisch geworden, und den
Schatten kann man nicht fangen.

Ich will Gong haben, antwortete ich.

Panja dachte nach. Ich habe als Kind manchen Affen in der Schlinge
gefangen, und wenn der Affe, den du haben willst, dich kennt und kein
Mitrauen hegt, so kannst du ihn leicht fangen, wenn du ihm zuvor genau
zeigst, wie man in eine Schlinge geht. Von diesem Kunststck lernt er nur
die erste Hlfte, und wenn du rasch hinzuspringst, kannst du ihn greifen.
Aber du mut ihm mit der linken Hand entgegenkommen und ihn unversehens
mit der rechten im Genick packen. Die alten Affen beien, solange sie noch
Hoffnung haben, entwischen zu knnen. Spter denken sie nach und geben es
auf.

Das war ein ausgezeichneter Gedanke. Ich nahm am andern Morgen ein
haltbares Hanfseil, fettete es ein, und als meine Peiniger mich empfingen,
begann ich mich auf alle Arten, bald am Arm, bald am Hals, aufzuhngen,
wobei ich besonders Gongs Aufmerksamkeit zu erregen suchte. Seine Gefhrten
zogen sich betroffen zurck, da meine Manahmen ihnen fremd waren, aber
Gong sah mir nachdenklich zu und wurde ungemein ernst. Als ich glaubte,
gengsam durch mein Beispiel gewirkt zu haben, ffnete ich die Schlinge,
soweit als ntig, zog mich zurck und legte mich in einiger Entfernung ins
Gras, um meiner Genugtuung in aller Ruhe entgegenzusehen.

Aber Gong blieb ruhig auf seinem Ast sitzen und schaute mit hochgezogenen
Brauen bald die Schlinge an, bald mich. Dann machte er sein bses, rundes
Maul, stie den Kopf gegen mich vor, sagte verchtlich Groer Gott und
wandte sich ab, um die Gegend zu betrachten.

Da hrte ich Panja hinter mir lachen und beschlo, ihn sofort zu tten.

Sahib, dieser Affe kennt die Schlinge, er kennt auch die Menschen, deshalb
ist er damals so nahe herangekommen.

Warum lachst du? schrie ich. Wer hat dir erlaubt, zu lachen?

Das mu man, sagte Panja.

Da sah auch ich es ein und lachte mit ihm zusammen.

                  *       *       *       *       *

Die grne Wildnis des Dschungels unter mir dampfte in der Frhsonne und
blieb oft bis Mittag verhllt, ich begriff nun zuweilen schwer, wie ich es
dort unten so lange Zeit ertragen hatte, jetzt, da die Klarheit der
Bergluft khl um meine Stirn wehte. Nachts kam der Panther bisweilen bis
auf die Veranda des Hauses, von Hunger aus dem drren Hgelland in unsere
Nhe getrieben. Das Wild hatte sich aus der verbrannten Steppe in den
Dschungel zurckgezogen, und ich begegnete auer Schakalen bald nur noch
Hynen, wenn ich mit der Bchse aus den Waldpartien bisweilen des
Nachmittags ber die kahlen Berge zog. Aber immer huschten die Tiere in
Abstnden und auer Schuweite am Horizont dahin. Die graubraunen Schakale,
die die Farbe des Bodens hatten, reizten mich oft zum Schu, aber kaum
hatten die zierlichen Kpfchen mit den hochstehenden Ohren sich gezeigt, so
schien der Boden sie auch schon wieder verschlungen zu haben.

Nahe bevor wir abreisten, scho ich meinen ersten Panther. Es war in einer
klaren Mondnacht, als ich hrte, wie Panja in mein Zimmer drang und mich
rief. Hinter ihm stand Pascha still und steil im Mond, von unten her ein
wenig vom Schein des Feuers beleuchtet, das nur schwach am Boden des
Vorplatzes brannte.

Sahib, sagte Panja, der Panther ist so hungrig, da er Feuer frit, wir
knnen ihn nicht vertreiben und keinen Schlaf finden.

Mir war die Nachricht willkommen, ich nahm die Bchse und befahl Panja, das
Feuer zu lschen. Die Trger waren unterwegs in die Niederungen, um Reis
und Geflgel zu kaufen, und wurden nicht vor Ablauf des kommenden Tages
zurckerwartet. Ich lud beide Lufe mit Kugeln und legte den Revolver neben
mich. Das Fenster enthielt keine Scheiben, sondern war nur mit dicken
Holzstben versehen, die Panja zum Teil erneuert hatte, die aber einem
energischen Eingriff keineswegs standgehalten htten. Ich stellte mich in
den Mondschatten, und wir warteten.

Pascha legte sich im Winkel des Raumes zum Schlafen nieder, und ich hrte
ihn nach kurzer Zeit schnarchen; Panja dagegen blieb dicht an meiner Seite,
nachdem er sich mit dem lngsten Messer bewaffnet hatte, das unser
Lagerbestand aufwies, und mit einer Wegaxt. Er schttelte sie wie ein
Indianerhuptling und grinste vor Aufregung, dann begann er das Meckern
einer Ziege so tuschend nachzuahmen, da mir zum ersten Mal mit ganzer
Klarheit vor Augen trat, da wir hier das groe Raubtier erwarteten.

Es war vielleicht eine Stunde vergangen, und ich begann bereits die Geduld
zu verlieren, als pltzlich unter meinen Augen, jenseits des Fensterbretts,
das Mondlicht erlosch. Ich dachte zuerst an alles andere, merkwrdigerweise
nur nicht an den Panther, zumal sich nichts mehr rhrte, weil das Tier mit
seinem letzten Schritt Witterung von uns bekommen haben mute. Und nun
erkannte ich die groe Katze unmittelbar vor mir, niedriger zwar, als sie
in meiner Vorstellung lebte, und merkwrdig farblos, aber ich unterschied
deutlich die geschmeidige Belebtheit der schnen Rckenlinie und den
herrlichen Katzenkopf, der mir mit halb geffnetem Rachen zugekehrt war. In
diesem Augenblick brach ein Gerusch aus den zurckgezogenen Lippen hervor,
das mein Blut erstarren machte, es war ein fauchendes Schnarchen, berlaut
und von einem Zorn und einer Angst hervorgestoen, die den Willen bannten.
Ich erinnerte mich, dieses hliche und zugleich so berwltigende Fauchen
in meiner Kindheit im Tiergarten am Kfig des Tigers gehrt zu haben, wenn
der Wrter nahe an den Stben vorberschritt. Nun trennte mich allerdings
auch in diesem Augenblick ein Gitterwerk von dem Raubtier, aber der Grimm
dieser Stimme erweckte die Vorstellung einer so unmittelbaren Nhe, da
auch die strksten Eisenstbe kein Vertrauen eingeflt htten.

Ich entsinne mich nicht mehr, ob ich die Bchse im Anschlag hatte, oder ob
ich sie emporri, jedenfalls zielte ich ohne das geringste Zutrauen zur
Wirkung meines Geschosses, zwischen die Augen, die ich deutlich
unterschied, wobei ich mich mehr auf die natrliche Fhigkeit der Arme
verlie, dem Lauf die notwendige Richtung zu geben, als auf das Visier, und
drckte, wahrscheinlich viel zu rasch, beide Lufe ab.

Ich hrte ein Gerusch am Boden, als sprnge das Tier in diesem Augenblick
vom Hausdach herunter vor mich hin, gleich darauf zerkrachte wie ein
Zndholz einer der Fensterstbe unter einem furchtbaren Tatzenhieb. Dann
wurde es ruhig vor mir und leer, wir hrten den rollenden Widerhall der
Schsse von den Bergen her, sie polterten bellend von Felswand zu Felswand,
rollten durch die Tler und verhallten endlich fern in der Mondnacht wie
zwei gehetzte, klagende Brder auf der Flucht.

Die erste deutliche Empfindung, die mich zu mir brachte, war das Schmerzen
meiner Hand, mit der ich den Revolver so fest umklammerte, als ob ich mit
dem ganzen Krper daran hinge. Ich erinnerte mich nicht mehr, ihn ergriffen
zu haben, lockerte aber nun aufatmend die Finger und gewahrte, da ich am
ganzen Krper zitterte wie im Frost. Ich habe spter in Kanara und Maisur
noch manchen Panther erlegt, auf Reisfeldern, in Bumen auf der Lauer
liegend und in Felsschluchten, aber nie wieder durchschttelte mich, selbst
bei weit grerer Gefahr, ein annhernd so starkes Fieber des Entsetzens
und der Hilflosigkeit. Ein unzulnglicher Schutz ist oft bei weitem
bengstigender als die volle Gewiheit einer schrankenlos wirkenden Gefahr,
und nicht nur, wenn es sich um einen Panther handelt. Es mag hinzukommen,
da es in der Tat berwltigend ist, pltzlich zum ersten Mal dieser groen
Katze Auge in Auge gegenberzustehen, deren Ankndigung aus geheimnisvoller
Nachtfinsternis man monatelang vernommen hat, und aus der die Phantasie in
unablssiger Beschftigung ein bei weitem schlimmeres Fabelwesen
erschaffen hat, als der Panther es in Wirklichkeit ist.

Er ist im Grunde sehr scheu und fllt fast niemals Menschen an, selbst
Kinder nicht, wenn ihn nicht die uerste Not des Hungers oder die
Bedrngnisse der Treibjagd ntigen. Im gesttigten Zustande weicht er stets
der Begegnung mit dem Menschen aus und er mordet nicht mehr, als zur
Erhaltung seines Daseins erforderlich ist. Alle Hirten, die mir in Malabar
vom Tiger oder Panther erzhlt haben, stimmten in ihrer Erfahrung darin
berein, da diese Katzen sich mit dem begngen, was sie brauchen; unter
gewhnlichen Verhltnissen nimmt der Panther eine Ziege aus der Herde,
schleppt sie davon, sttigt sich und berlt die Reste seiner Beute
neidlos den Hynen, die fast immer in seiner Gefolgschaft zu finden sind,
und die er nur dann angreift, wenn der uerste Hunger ihn ntigt.

Vom Tiger gibt es vielerlei widersprechende Geschichten, die aber alle mit
groer Vorsicht aufgenommen sein wollen, denn die aberglubische Furcht der
Hindus vor dem Tiger ist so gro, da kaum einer noch in der Lage ist,
zwischen Tatsachen und allegorischen Erfindungen zu unterscheiden. Das
Grauen der Eingeborenen vor dem Tiger ist so nachhaltig, da sich in vielen
Provinzen der Begriff des Bsen, des Satans, im Namen mit dem dieses
Raubtiers deckt, eine Tatsache, die nur verstndlich ist, wenn man die
unerhrte berlegenheit des Tigers ber die dortigen Menschen kennt, die
fast alle ohne Waffen sind, und deren Laubhtten keinen gengenden Schutz
gegen einen nchtlichen berfall bieten. Von vielen Sagen beruht jedenfalls
die auf Wahrheit, da Tiger, welche den Genu des Menschenfleisches kennen,
selten noch andere Nahrung zu sich nehmen, und solche Exemplare knnen dem
Lande ein auerordentlicher Schrecken werden.--

Wir fanden den erlegten Panther in der Morgendmmerung in den Alon. Der
Boden umher war zerwhlt und im Todeskampf aufgerissen worden, aber das
groe Tier lag jetzt ruhig, fast friedlich da, ohne Entstellung und ohne
Spuren eines Todeskampfs. Ich fand nur den Weg der einen Kugel, die hinter
dem Ohr in den Nacken gedrungen war und den Wirbel zerschmettert hatte. Die
Augen waren geschlossen, was man sehr selten bei einem erlegten Tier
findet, und das schn geschnittene Maul, in einem wehmtigen und beinahe
zrtlichen Ernst, war ein klein wenig geffnet, wie von einem letzten
Todesseufzer bewegt.

Seltsam harmonisch, fremdartig und zugleich im Sinn dieses Landes vertraut
und notwendig, hoben sich die stachligen, blaugrnen Bltter der
Alostauden von der gelben Frbung des Fells ab. Ich vergesse diesen
Anblick niemals, der sich mir so entscheidend in die Seele einprgte, als
erfate ich zu dieser Stunde zum ersten Mal mit ganzer Inbrunst den
unnennbaren Begriff Indien, den der Pinsel keines Malers und das Wort
keines Dichters in seiner ganzen Flle und Eigenart zu vermitteln vermgen.

Panja war den ganzen Morgen ber schweigsam, ein mchtiger Herr der Berge
war gestorben. Ich trug mich den Tag hindurch mit eigenartigen Gedanken,
und zuweilen war mir zumut, als sei eine arge und sinnlose Willkr
geschehen, als habe ich einen Eingriff in die Pracht und Mannigfaltigkeit
der Schpfung getan, die mit dem Aussterben der groen Katzen in Indien
langsam um ihre vollkommensten Resultate geschmlert wird.




Achtes Kapitel

Am Thron der Sonne


Nachts, wenn ich nicht einschlafen konnte, weil das Mondlicht wie das
wahrsagerische Gespenst einer ewigen Todeskhle an den zerbrckelten Mauern
entlang geisterte, die mich vor den Gefahren der Auenwelt schirmten,
erwachte in meiner Brust der Wunsch, jene Hhen zu erreichen, auf denen des
Morgens das rote Gold der aufgehenden Sonne leuchtete. Es verlangte mich
danach, von jener khlen, hohen Ruhe aus auf das indische Land jenseits der
Berge hinabzusehen und angesichts der unermelichen, hgligen Weite meine
Gedanken noch einmal durch jene Tage zu fhren, die ich durchlebt hatte,
bevor ich in Cannanore angelangt war.

Panja ri die Augen auf, als ich mit meinen neuen Plnen herausrckte. Er
stampfte den Wasserkessel in das Feuer, da die Funken stoben und
betrachtete mich eine Weile auf jene Art, die Leute an den Tag zu legen
pflegen, die aus lauter Hoffnungslosigkeit, jemals berzeugen zu knnen, am
Rande der Verzweiflung angelangt sind, und die doch darber ihren Wunsch zu
berzeugen nicht verbergen knnen. Als ich meinen Lebensretter so
erblickte, im Augenblick aber mehr Verlangen nach dem Tee, als eben nach
seinem Verstndnis trug, mute ich fr eine kurze Weile an eine Schulstunde
zurckdenken, in der mir von einem hnlich ergriffenen Mnnerangesicht
zugemutet wurde, Pythagoras dadurch gleichzusein, da ich ihn begriff. Auch
dort erstickte ein bedauernswerter Zorn in der Hochflut anschwellender
Ohnmacht, und sprachlos gewordene Verachtung sagte mir an bsem
Lebensgeschick weit mehr voraus, als ein vereinzeltes Gemt, mit leisem
Hang zum Grbeln, ertragen kann.

Du siehst aus wie Professor Stolzenburg, sagte ich zu Panja, denn ich
halte dafr, da man bse Gedanken guten Leuten gegenber am besten offen
ausspricht, damit sich ein Weg zum Ausgleich mit gemeinsamen Krften suchen
lt. Htte ich das nur in der Schule auch schon gewut, vielleicht htte
der gestrenge Verbitterer so mancher meiner Morgenstunden zwischen zehn und
elf Uhr mit sich reden lassen.

Panja verschmhte es der Bedeutung meines Vergleichs nachzuforschen, er
sagte nach einer Weile resigniert:

Nun, es ist ja gleichgltig, Sahib, ob wir hier oder dort im Wasser
umkommen.

Das befestigte meinen Beschlu aufs beste, denn wie alle leichtsinnig und
zugleich eigensinnig veranlagten Naturen habe ich oft dem Hang in mir
nachgegeben, jede Latte, die mir zwischen die Fe geworfen worden ist, als
Sprungbrett zu benutzen. Man mu allerdings springen knnen, um dererlei
wagen zu drfen, das ist wahr, und dieses Springen-Knnen ist im Grunde
nichts anderes, als das, was die Menschen in der Regel Glck-Haben
nennen. Glck haben gibt es nicht. Das sogenannte Glck ist so eng mit
Geschicklichkeit verbunden, wie Unglck mit Ungeschick, und diese Wahrheit
bezieht sich durchaus nicht einzig auf uere Vorgnge, auch das Unglck
der Seele ist zuletzt Ungeschick, wenn auch in einem weit hheren Sinn, der
sein Recht in der Gesetzmigkeit des Weltwesens findet.

Ich habe das Panja damals nicht gesagt, er lief hin und her und hantierte
dergestalt mit den Gegenstnden, da man deutlich wahrnehmen konnte, da
keine Zweckmigkeit mit seinem Eifer verbunden war. Es ist merkwrdig, da
Leute, die rgerlich geworden sind, so oft dazu neigen, leichtere
Gegenstnde von einem Platz auf den anderen zu stellen, und dann mitunter
sogar wieder von dem neuen Platz auf den alten zurck. Offenbar liegt es
daran, da ihre Gedanken mit den Entschlssen hnlich verfahren, und da
ein heimlicher Hang existiert, den Krper und die Seele mglichst im
Einklang miteinander zu erhalten. Ich erinnerte mich bei Panjas nutzloser
Beschftigung meines Vaters, wenn er aus irgendeinem Grunde zum Ausdruck
brachte, da seine Weltanschauung sich nicht mit der meinen deckte. Leider
geschah dies gewhnlich bei den Mittagsmahlzeiten, denn sonst vermied ich
es nach Krften, ihm ohne Grund lngere Zeit ruhig gegenberzusitzen, und
dann sah ich, wie das Messer oder die Gabel, auch das Salzfa oder der
Serviettenring bald an die rechte, bald an die linke Seite des Tellers
wanderten. Leider hatten wir damals Messerschrfer aus Schmirgelstein in
Gebrauch, runde, schwarze Stbe von der Lnge einer migen Spargel und mit
einem polierten Handgriff aus Hartholz. Wenn zufllig eine besonders
wichtige Meinungsuerung meines Vaters mit dem Transport dieses ntzlichen
Gegenstandes zusammenfiel, so geschah es in der Regel, da der
Schmirgelstein zerbrach, denn seine berlegenheit, selbst dem besten Stahl
gegenber, bewhrt sich nicht im Kampf mit der Tischplatte.

Dies erhhte den Verdru meines Vaters bis an die Grenze bedenklicher
Einseitigkeit und zog die Laune meiner Mutter in Mitleidenschaft, whrend
es meist meinem Selbstbewutsein einen erheblichen Aufschwung verlieh und
mir nicht ohne Berechtigung den Gedanken beibrachte, da mein Charakter in
den Augen meines Vaters um vieles milder angesehen wrde, wenn wir
Messerschrfer aus gerilltem Stahl in Gebrauch nhmen.

So sagte ich denn Panja meine Ansicht ber Messerschrfer, und dieser
unerwartete Ausdruck meiner berzeugung brachte ihn so weit zur Besinnung,
da ich Tee bekam.

Er trank mit, wie gewhnlich, hockte mir gegenber in der Morgensonne und
rckte melancholisch an seinem Turban. Auer ihm trug er nun schon seit
Wochen nicht mehr als ein schmales Lendentuch, aber auf seinen schweren
Turban verzichtete er selbst in der grten Hitze nicht. Es ist wirklich
recht merkwrdig mit diesem Panja gewesen, je entschiedener sein
Widerspruch oft zu Anfang war, um so lebhafter wurde sein Eifer fr
gewhnlich von dem Augenblick an, in dem er merkte, da ich nicht
umzustimmen war. In beidem erkannte ich die ehrliche Besorgnis seiner
Neigung, und ich erinnere mich seiner niemals ohne den Kummer ber einen
der grten Verluste meines Lebens. Die Harmonie unseres Verhltnisses mag
im Grunde auf seiner Gewiheit beruht haben, da die berlegenheit meiner
Rasse mit der Unerschtterlichkeit eines Naturgesetzes feststand. Das nahm
seinem Wesen jede Devotion im niedrigen Sinn und machte seine Ergebenheit
durch eine Demut wrdig, die beinahe einen Einschlag von Religiositt
hatte. Heute bebaut er in Malabar die Reisfelder am Purrha, jenem
beschatteten Landstrich am Palmenwald, auf dem die Htte seines Vaters
stand, und den er aufgeben mute, um in der Fremde zu dienen, weil seine
Brder den Verlockungen der groen Stdte in Verschwendung erlegen waren.
Der Rckkauf dieses Stckchens Land war meine letzte Gabe an ihn, und es
bedrckt mich, da ich ihm niemals die Gewiheit habe verschaffen knnen,
da seine Gaben an mich reichere und unvergnglichere Geschenke gewesen
sind.

Als der Tee getrunken war, sagte er wtend:

Aber Pascha bleibt hier.

Er tat immer noch so, als wre an diese Reise auf keinen Fall zu denken,
und wahrscheinlich meinte er deshalb nach einer Weile:

Es sind drei Tage oder Nchte fr den Aufstieg ntig, aber in der halben
Zeit steigen wir ab. Hast du etwa geglaubt, wir brauchten lnger?

Ich hatte es nicht geglaubt.

Panja sah hinauf zu den Gipfeln. Oben flutete alles in Licht, ein nie
gesehener Glanz verklrte die einsame Ruhe, die kreisenden Adler
schimmerten, als wren sie aus Gold.

Alle Trume bleiben lange leicht von der Frische der Hhen, sagte er
versunken.

Panja, hre, nur wer die Schnheit der Erde lieben gelernt hat, hat die
Erde in seinen kurzen Lebenstagen wahrhaft beherrscht. In diesem Sinn ist
sie uns von Gott gegeben, so hat er es mit uns gemeint, als er sie uns
gab.

Panja lchelte kindlich, in solchen Augenblicken htte ich ihn in die Arme
schlieen knnen.

Dir wird nichts geschehen, Herr, sagte er still und wie zu sich selbst.
Ich wei nicht, ob er bei solcher Zuversicht an Gottes Hilfe glaubte oder
an seine, gewi ist, da ich selten im Leben wieder durch eines Menschen
Nhe so glcklich geworden bin wie durch die seine. Durch nichts vermag ein
Mensch uns seine eigenen Krfte besser zur Verfgung zu stellen, als indem
er die unseren glaubt.

                  *       *       *       *       *

So wagten wir vor Anbruch des kommenden Tages den Aufstieg zu zweien, noch
als die Nacht umher herrschte und ber den blauen Zelten der Berge vor uns
die Sterne leuchteten. Wir schritten im sprlichen Gesang der Grillen durch
drres Steppengras unter den hohen Latambumen dahin, die in weiten
Abstnden voneinander standen. Zuweilen schalt ber unseren Kpfen ein
Affe, den unser Tritt geweckt hatte, oder ein Vogel flog auf mit einem
lauten Warnruf, der unser Nahen der ahnungslosen Natur verkndete, die an
diesen Sttten wohl seit undenkbar langer Zeit der Fu keines Menschen
betreten hatte. Es war khl und still, Panja sprach nicht, und ich schritt
im Traumbann einer so tiefen Einsamkeit dahin, da mir zuweilen war, als
she ich, wie ein fremder Dritter, uns kleine Zwei durch die riesenhaften,
graugrnen Wogen der Hgellandschaft dahinschreiten, im Dmmerlicht unter
den Bumen und Sternen.

Es war unvorsichtig genug, da wir den Weg ohne Fackeln machten, denn am
Morgen ist in dieser Jahreszeit der Panther am khnsten, wenn er nach
vergeblichem nchtlichem Raubzug durch die Dmmerung schweift. Aber es war
so hell unter den Sternen, da wir das Land weithin bersahen, und ich trug
die Bchse in der Hand. Panja schritt schweigend neben mir dahin, leichten
Tritts und mit erhobenen Augen, Kraft und Freude gingen von ihm aus, und
ich empfand ihn als allen Lebewesen seines Landes zugehrig, und die
Harmonie seiner Seele teilte sich mir mit, als sei auch ich in der Heimat.

Pltzlich begann er leise zu singen, immer die Augen auf die Hhen
gerichtet und so versunken in sich selbst, als schritte er allein durch das
Land. Seine gedmpfte Stimme erinnerte mich, wie auch der eintnige
Rhythmus seines Liedes, an den Singsang der Priester, deren Tempel in
Cannanore hinter dem Garten meines Hauses im Grnen lag, und jhlings war
ich aus der freien Hhe und aus der khlen Luft in die tropische Niederung
versetzt, so da mir war, als schlgen die schwlen Dmpfe des
leidenschaftlichen Wachstums ber mir zusammen.

Als ich nach einer Weile die Blicke hob, nachdem wir die letzten
Baumbestnde durchschritten hatten, erschrak ich vor einer zackigen,
flammend roten Lichtlinie, die den Himmel vor uns, hoch oben, in
wagerechter Richtung zerteilte. Totenstill und wie aus Farbe zog sich dies
rote Band lngs des Gebirgskamms dahin, hinter den Hhen war die Sonne
aufgegangen. Ich wandte mich erschttert um und sah hinter mir das Land
unter dem besternten Dmmerblau der sinkenden Nacht, fern auf dem Meer
regte sich ein matter Silberglanz. Wie zwischen zwei Himmeln aus Blut und
Silber pochte mein entzcktes Herz seinen Lebensschlag auf den weiten,
grnbraunen Wellen der Erde, unendlich klein und doch die beseligte Quelle
meiner unfabaren Daseinsfreude. Panja warf sich auf die Knie und verbarg
sein Gesicht in den Hnden.--

Eine Stunde, nachdem die Sonne ber die Bergzinnen schaute, hrten die
Bume fast ganz auf. Wohl sahen wir, sobald wir eine Hhe erklommen hatten,
zur Rechten oder Linken die dunklen Mauern groer Wlder in der Ferne, aber
bald wurde uns der Ausblick erschwert, da wir in einer Schlucht, im Bett
eines eingetrockneten Gebirgsbachs aufwrts klommen. Einen der Berggipfel
ersteigen zu knnen, stellte sich bei der Art unserer mangelhaften
Ausrstung bald als unausfhrbar heraus, und so schlug Panja den Versuch
vor, einen der nchstliegenden Psse zu besteigen. Wir konnten fast den
ganzen Morgen hindurch marschieren, denn die Luft war khl und von einer
Durchsichtigkeit, gegen die ein wolkenloser deutscher Sommertag wie in
Nebel gehllt wirkt. Panjas Frhlichkeit erleichterte mir jede Strapaze, er
lachte oft ohne allen erkennbaren Grund, nur aus berflu von Daseinskraft
und glcklich ber die Tatsache, in der von himmlischem Blau berdachten
Welt da zu sein.

Als wir gegen Mittag, um vieles hher, im Schatten eines Felsens Rast
machten und Panja unser Mahl bereitete, schreckte in nicht allzu weiter
Entfernung ein dumpfer, anwachsender Donner mich auf. Panja sprang empor
und sphte mit geschtzten Augen in die flimmernden Steppenwogen.

Die Bffel! rief er, sieh die Wolke, die sich den Hang niederwlzt.

Es war das erstemal, da ich aus so unmittelbarer Nhe eine Bffelherde
gewahrte. Sie rollte wie eine dunkle Lawine dahin, und der Erdboden
drhnte. Nur fr kurz unterschied ich im Vordergrunde einen oder den andern
der schwer gehrnten schwarzen Kpfe, den Glanz der groen Augen und den
Fall der Mhnen. Ich scho nicht, da Panja mir erregt in den Arm fiel, als
ich die Bchse emporhob, und spter erklrte er mir, da es vorgekommen
sei, da der leitende Stier, durch einen Angriff in Schrecken oder Wut
versetzt, pltzlich die Richtung gendert und gerade auf das Hindernis zu
genommen habe. Zwar htten wir einen Schutz auf den Felsen gefunden, aber
wenn unsere Flucht uns milungen wre, so wrden wir zerstampft worden
sein, da die ganze Herde dem Stier folgt.

Die Bffel kmpfen mit dem Tiger, erzhlte mir Panja, selbst die
gezhmten frchten ihn nicht, und wenn du mit ihnen das Reisfeld bestellst,
so wird der Tiger sich hten, euch anzugreifen. Der Bffel sprt ihn eher
als du, und es wird dir nicht gelingen, ihn von seinem Standort zu
verdrngen, denn er wendet sich genau dem Tiger zu, wie eine Fahne, die du
gegen den Wind trgst. Wenn der Tiger den Sprung wagt, so endet er auf den
Hrnern, und du bist in Sicherheit, solange du dich hinter dein Tier
stellst.

Die Staubwolke verrauchte im tieferen Gelnde, und die klare Luft war
wieder still. Ich schlief kurz nach diesem Vorfall ein, ohne Nahrung zu
mir genommen zu haben, und Panja weckte mich nicht, denn er kannte die
ermdende und gefhrliche Kraft der Sonne, deren Strahlen auf den
Berghhen nicht anders wirken als im Tal, obgleich die Khle darber
forttuschen kann. So gilt es in den Bergen, fast mehr noch als im Tal,
den Kopf und die Schlfen nicht ungeschtzt zu lassen, die Sonne hat viele
tdlich getroffen, die ihre Macht ber diesen klteren Regionen nicht
geglaubt oder vergessen haben. Mein Korkhelm drckte mich auch keineswegs
sonderlich, im Gegenteil, er wurde von Tag zu Tag leichter, weil eine
Schar mottenartiger Parasiten von ihm Besitz ergriffen hatten und ihn
zugleich bebauten und verzehrten. Bisweilen rieselte ein feines Korkmehl
nieder, wie ein liebevoller Beweis der Natur, da sie keinen Menschen in
vlliger Vereinsamung seinen Weg machen lt. Panja war bereits mit
allerlei Mitteln gegen diese Tiere ins Feld gezogen, aber sie verlieen
sich auf mich und vermehrten sich um so leidenschaftlicher, je mehr Panja
sie unterdrckte.--

So geschah es mir, da ich bald darauf von einem hohen Pa aus einen Blick
in das weite indische Land hinab gewann, das ich vor meiner Zeit in Malabar
durchreist hatte. Die ungeheure Hgellandschaft erstreckte sich, wie von
Urzeiten her gelagert, ohne ein Anzeichen menschlichen Werks, und wie die
riesenhaften Wogen eines Meeres, das mitten im Sturm in Erstarrung geraten
war. Die Ebene in weiter Ferne schimmerte lichtgrau und wie die Oberflche
eines gewaltigen Sees, ich glaubte winzige Spitzlein und Trmchen in ihr zu
erkennen, deren Silhouetten nicht anders gegen den Himmel abstachen, als
sei der Horizont mit feinem Stacheldraht umzumt.

Wir blieben den Tag ber auf der Pahhe, unter dem Dach eines schrg
gesunkenen Felsens gegen die Strahlen der Sonne geschtzt, und durch die
unbeschreibliche Stille der Hhe zogen die Gestalten meiner Erinnerung, wie
in der Stunde eines Abschieds, unter dem Lied der Adler, noch einmal durch
meinen Sinn. Geister kamen aus dem Blau zu meinem Geist, Dahingesunkene
drangen in die Bewutseinswelt des noch Verweilenden ein, Brder und Gegner
in Gesinnung, Hoffnung und Schicksal, Freunde und Feinde in der Welt der
Lust und Trbsal und des raschen Todes.

Auf jedem Erdteil hat der Tod ein anderes Angesicht, nirgends sind seine
Zge feierlicher, als bei uns in Europa, ich habe ein wenig verlernt, seine
pathetische Sonntagsgebrde meiner Heimat zu berschtzen. Es hat noch
niemand dem Gespenst der Willkr sein Schauriges dadurch genommen, da er
es heiligsprach; sicherlich ist die schwerfllig romantische Auffassung vom
Tode, die in Europa herrscht, eine Folge der Einwirkung der Kirche, die die
Tatsache des Todes so sehr in das Bereich des Ungeheuerlichen gerckt hat,
um aus ihrer Einwirkung einen Teil ihrer Autoritt zu gewinnen. Uns ist das
Sterben in der Vorstellung so schwer gemacht, da sicherlich ein gut Teil
Gerechter und Ungerechter beim Tode auf das angenehmste enttuscht sein
wird.

Sterben ist Pflicht, wie auch das Leben. Es wird ein jeder so leicht oder
so schwer sterben, als seiner Natur das Leben geworden ist, und wer das
eine verstanden hat, wird auch das andere knnen. Die Menschen Indiens
sterben leichter, selbstverstndlicher und gewissermaen unaufflliger als
wir, sie berlassen der Gottheit die Sorge fr ihr knftiges Ergehen und
werden den Gedanken schwer erfassen lernen, da sie selbst in letzter
Stunde fr einen geordneten Abzug verantwortlich sein sollten. Diese
Auffassung, die christlich genannt wird, entstammt auch keineswegs der
berzeugung des unschuldigen Begrnders unserer Kirche, sondern vielmehr
der berechnenden Klugheit ihrer Verwalter.

Langsam zog die Sonne ihren strahlenden Bogen, und das Land wechselte in
ihrem Schein. Wann wieder sollen Tage fr mich kommen, die in so groer
Stille dahingehen, dem Gedanken und der Erinnerung geweiht, durchklungen
vom Kampfruf der Adler? Whrend ich hinabschaute ins Land, bald umwunden
vom schwermtigen Weinlaub des Traums, das glhte von Licht, bald in
wunderbare Klarheit des thers getaucht, durchlebte ich noch einmal so
manches, das ich gesehen und erfahren hatte, als ich das Land zu meinen
Fen durchzog. Gegen Nordosten mute Bitschapur liegen, die alte
Knigsstadt, aus deren Schlsserruinen sich die mchtige Halbkugel erhob,
die einst ein mohammedanischer Frst erbaut und ganz mit Gold hatte
ausschlagen lassen. Sie war gegen die aufgehende Sonne geffnet, deren
Licht sich in tausendfachem Glanz darin brach, so da kein Auge
hineinzuschauen vermochte, ohne geblendet zu werden. Mitten im Herzen
dieser Kuppel, unter dem gewlbten Golddach, waren die beiden Thronsessel
des Maharadscha und des Maharadscha Khunwar, des Knigsohns, aufgestellt,
und in dem zornigen Strahlengefunkel, das das Feuer der Morgensonne
millionenfach widerspiegelte, empfing der Knig seine Gste. So dienten das
kostbare Blut seiner Berge und das Himmelslicht des neuen Tages seiner
Herrlichkeit, und die bestrzten Freunde seines Reichs, die im Augenblick
des Sonnenaufgangs vor seinen Thron gefhrt wurden, hrten den Gru des
Frsten aus einem Glanz erklingen, der ihre Augen schlo und die Knie zu
Boden zwang. Es mag gewesen sein, als dienten Himmel und Erde einem
Allmchtigen, um seine Hoheit unfabar zu machen. Zwischen jener Goldkuppel
und dem Marmorplateau, auf welches die Ankmmlinge gefhrt wurden, war ein
tiefer gelegener Garten voll blhender Blumen, wie sie sich in Duft und
Pracht nur dem tropischen Himmel ffnen, und die Wohlgerche ihrer Kelche
gesellten sich dem Glanze.

Der prachtliebende Sultan fiel von der Hand eines strkeren Knigs, der von
Norden kam und die Stadt zerstrte. Ihre Tore waren bis an die runden Bogen
der Gewlbe mit Toten angefllt, und die Zhne des gefallenen Herrn der
Stadt konnten nicht aus dem elfenbeinernen Griff seines Sbels gelst
werden, den er, zerfetzten Leibes, den Feinden nicht hatte berlassen
wollen. So ist er unter einem Berg seiner gefallenen Getreuen gefunden
worden, und die Sage erzhlt, da er auch so bestattet worden sei unter
dem gewaltigen Kuppelbau, den er sich selbst, wie alle Frsten jener Zeit,
zu seinen Lebzeiten hat erbauen lassen.

Diese riesenhaften Grabdenkmler der Stadt berragen noch heute das
Trmmerfeld von Bitschapur, sie erinnern in ihrer Bauart und Gre an
Moscheen, auch wird in einigen noch Gottesdienst gehalten, oder sie locken
Tausende von mohammedanischen Pilgern als Wallfahrtsort aus weiter Umgebung
in die heilige Stadt der groen Toten. Man erblickt in diesen Bauten
seltene Steinblcke eingefgt, deren Entstammung bis heute nicht hat
aufgeklrt werden knnen, besonders als Grabsteine sind hier und da
schwarze, basaltartige Felsstcke verwandt worden, deren Beschaffenheit die
Gelehrten sich nur dadurch erklren knnen, da sie sie unter die
Meteorsteine einreihen. Die grte dieser Kapellen ist von einer Kuppel
gedeckt, von deren Galerie der schwindelnde Blick unter sich die beiden
Grabsteine klein wie Streichholzschchtelchen erblickt, und das Auge ist
nicht in der Lage, einen Menschen von Angesicht zu erkennen, der sich ihm
gegenber auf derselben Galerie befindet, wohl aber versteht er das
leiseste Wrtlein, das drben im Flsterton, gegen die Wand gesprochen,
fllt, da das Kreisrund des Steingefges auf wunderbare Art den Schall
bewahrt und deutlich herumtrgt. Man erzhlt, da der Sultan auf solche Art
die Ergebenheit seiner Minister, die Treue seiner Gste und die Neigung
seiner Frauen erprobte, von denen er die einen oder anderen mit ihren
Vertrauten auf diese Galerie fhrte und sich, nach herausfordernden Worten,
wie zufllig von ihnen trennte, um dann Wort fr Wort ihre Gedanken am
verrterisch erklingenden Kreisrund der Galerie zu erlauschen. In banger
Ehrfurcht vor diesem Wunder zittert das Volk noch heute in der Erinnerung
an die geheimnisvolle Macht des Toten.

In einem dieser Dome, fast dem grten, fand ich statt der gewohnten zwei
Grabsteine, die die Leiber des Knigs und der Knigin bergen und den
einzigen Inhalt der Gebude darstellen, deren drei und erfuhr die
Geschichte dieser seltsamen Ausnahme, in der die Geliebte des Knigs neben
ihm und seiner rechtmigen Gattin, der Mutter des Knigssohns, beigesetzt
worden ist. Es geschieht sonst in keinem Fall, da nur die Favoritin, die
den Erben des Reichs geboren hat, im Tode neben dem Sultan ruht, seine
brigen Frauen bleiben rechtlos, sowie auch deren Kinder, so ausgiebig sie
ihre Macht und ihren Einflu im Leben angewandt oder mibraucht haben
mgen. Aber die Geschichte erzhlt, da der Knig diese junge Gefhrtin
seines Alters zrtlich liebte, und als er aus einem Kriegszug heimkehrte,
gelang es den Intrigen der Benachteiligten, Mitrauen gegen ihre Treue in
sein Herz zu sen.

Sie beschwor ihre Unschuld, aber die falschen Beweise berzeugten den Knig
gegen seinen Glauben. Jedoch im Zwiespalt seiner Empfindungen mag er auf
den Gedanken gekommen sein, ein Gericht Gottes ber Schuld und Unschuld der
jungen Frau entscheiden zu lassen. Er fhrte sie auf die hohe Galerie
seiner vollendeten Grabkirche, ber deren niedriges Steingelnder hinab dem
Blick das Gefge der groen Steinquadern des Bodens klein, wie die
Musterung eines Schachbretts, erscheint, und befahl ihr, hinabzuspringen.
Die Luft verfing sich whrend des Falls in ihren weiten Gewndern, und sie
langte unversehrt in der Tiefe an, grte hinauf zu ihrem Herrn, der ihr
mitraut hatte, und ttete sich mit einem kleinen Dolch, der noch heute in
der Gegend ihres Herzens hockt. Das Volk nennt sie die Fremde, ihr
Grabstein wird mit heimlicher Scheu erwhnt, es mag dies seinen Grund darin
haben, da ihr freiwilliger Tod nach erwiesenem Recht dem Geist der
orientalischen Weltbetrachtung wunderbar und unerklrlich erscheint.

Der Knig fiel in Schwermut, und der Gram seiner Reue soll oft in groe
Grausamkeit umgeschlagen sein, seine Rachsucht ist furchtbar gewesen und
erst durch den Tod gestillt worden, man erzhlt, da er seit jenem Tage,
nachdem die Verleumder eines grlichen Todes gestorben waren,
allmorgendlich die Schrfe seines krummen Sbels im nackten Rcken des
Sklaven prfte, der ihm die Steigbgel seines Pferdes hielt. Sein Bildnis,
das Hndler der Stadt in kunstvollen bunten Kopien aus Wasserfarbe
feilbieten, zeigt ihn auf einem hohen Samtkissen hockend, das Schwert ber
den Knien und den Blick unter dem roten, mit Edelsteinen geschmckten
Turban starr und erkaltet in die Weite gerichtet. Seltsam genug meldet die
Kunde von ihm, da er, obgleich er niemals in Berhrung mit seinem Volke
gekommen ist und sein Anblick Entsetzen verbreitete, auch kein Mdchen
seines Landes vor ihm sicher war, doch zugleich geliebt worden sei, wie
kein anderer Frst vor oder nach ihm. Seine Krieger sollen fr ihn in den
Tod gegangen sein, als sprche die Sterbenspflicht unter seinem Willen ihre
Seelen fr alle Ewigkeit frei, und seine Widersacher verfielen der
Volkswut. Es ist dies ein neuer Beweis dafr, wie wenig die
Volkstmlichkeit eines regierenden Frsten mit seinen guten Eigenschaften
zu tun hat, und da kein Irrtum grer ist als der, da die Liebe der
Untertanen und die Nahbarkeit des Herrschers Hand in Hand gehen.

Als ich Bitschapur sah, lag die Stadt voll Toter. Wir kamen in der
Morgenfrhe auf Pferden an, ohne Kunde davon erhalten zu haben, da die
Pest in so furchtbarer Weise in der Stadt wtete. Als wir nahe vor den
Toren waren, wies mein Begleiter auf die Hgel im Umkreis der Stadt, die
mit Zelten bedeckt waren, und riet zur Umkehr, aber es bot sich uns keine
Mglichkeit dazu, da es uns an Wasser und Nahrung gebrach.

Die Lager auf den Hhen unterrichteten uns darber, da die Bewohner aus
der Stadt geflchtet waren, und so fanden wir nur Tote im Bereich der
herrlichen Ruinen. Die Pferde zitterten, als uns der erste, widerlich se
Hauch der Verwesung entgegenschlug, und Wolken von Aasgeiern erhoben sich
trge mit hlichem Geschrei bei jeder Straenbiegung. Die Leichen lagen in
den offenen Tren und auf den Gassen, aus leeren Augenhhlen und
geschwrzten Angesichtern starrte der Tod uns an, und die Hufe unserer
Tiere verwickelten sich in den faulenden Schluchen der menschlichen
Eingeweide, die die Geier weit ber die Wege gezerrt hatten.

Die unbarmherzige Sonne spiegelte im Marmor, ihren stillen Liebeszorn
bewegte kein Lufthauch, ein paar vergessene Ziegen irrten durch die
furchtbare Todesde und den gigantischen Prunk der Vergangenheit. Es war
eine Hungersnot vorangegangen. Heute noch sehe ich die mageren, dunkeln
Menschenkrper, geschwrzt vom Gift der Verwesung, gegen weie Mauern
gelehnt, ber Steintreppen geworfen, oder am rtlichen Boden. Zwei Kinder,
die einander umschlungen hielten, schienen am Rand eines Tempelteichs
eingeschlafen zu sein, die Lage ihrer zrtlichen Gestalten verriet weder
Angst noch Schmerzen, aber die Augen fehlten, und in geschftigem, frohem
Eifer bohrte ein grauer Geier seinen Schnabel unter die Stirnen, so da die
Kpfchen schaukelten. Als ich mich nherte, hob der Vogel den kahlen Kopf
mit dem harten Schnabel, und seine gelben Augen sahen mich ruberisch an,
als ob er Verwunderung darber empfnde, da ein aufrechter, lebender
Mensch sein Totenreich betrat.

                  *       *       *       *       *

Als die Sonne ins Meer gesunken und ihr letztes Licht wie in violettem,
feuchtem Qualm ber dem fernen Wasser zergangen war, brannte Panja ein
kleines Feuer auf der Berghhe unter unserem Felsen an, der uns nach zwei
Seiten hin schtzte. Wir muten mit dem Brennmaterial sparsam umgehen,
Panja hatte es zum guten Teil unterwegs sammeln und bis zu unserer hohen
Lagersttte schleppen mssen.

Die Nacht war totenstill, die ganze Welt schien erstorben, nur ein paar
groe Nachtschmetterlinge besuchten mein Feuer, und ihr Surren zitterte in
der Luft, bis Panjas Schnarchen sie fllte. Aus weiter Ferne unterschied
ich Hynenstimmen und schwaches Bellen der Schakale. Der Sternschein
tauchte in blassem Dunst der Tiefe glanzlos unter, aber ber den Bergkuppen
und -zacken funkelte das Licht hart und zornig, wie im gttlichen Rausch
seiner unirdischen Freiheit. Der schmale Mond war erst gegen Mitternacht zu
erwarten.

Ich schlief nur ganz kurze Zeit, um den Aufgang der Sonne nicht zu
verpassen, und die Stunden eines einsamen Wachens auf der Hhe, in der
blauen silbernen Tropennacht sind mein unvergngliches Eigentum geblieben,
ein feierliches Kleid der Erinnerung, das meine Seele niemals ablegen wird.
Es ist ihr bannender Zaubermantel gegen die Bedrngnisse des kleinen
Alltags geworden, das Leben und der Tod wiegen ihr in solcher Hlle leicht,
und der Gedanke an das Unendliche rckt nahe, wie sich das Bild im
spiegelnden Wasser dem Knienden nhert.

Ich verga in jener Nacht, da die Erde bewohnt ist, und ich begriff, da
wir Menschen unseres Jahrhunderts unser ganzes Wesen zu sehr darauf
eingestellt haben. Unsere Beziehung zur Natur ist oft nur durch eine Flucht
vor den Menschen und aus unseren Lebensverhltnissen mglich, und so
erscheint uns das nur fr kurz gegnnt, was uns von Anfang an zum Eigentum
bestimmt war. Der Satan der neuen Welt entschdigt uns berreichlich fr
die Verluste unserer alten Rechte, und doch werden wir am Ende die
Betrogenen sein, denn der beste Teil entgeht uns, jener Anteil, der die
Gelassenheit der Besinnung mit sich bringt, die Ruhe des guten Gedankens
und den Frieden der Erkenntnis unserer selbst.




Neuntes Kapitel

Die Herrschaft des Tiers


Unendliche Mattigkeit lagerte in der Luft. Wir waren nun den zweiten Morgen
unterwegs, um Mangalore zu erreichen, und die Auslufer der
Dschungelwaldungen deckten uns zu, zwischen ungeheuren Felsschluchten.

Der Abstieg von den Bergen zur Kste ging langsam vonstatten, da wir
unmglich lnger als die Stunde vor Sonnenaufgang und zwei oder drei
nachher marschieren konnten. Bisweilen unternahmen wir noch kleine Strecken
am Abend, aber es wurde wenig vom Wege zurckgelegt, da die anstrengenden
und umstndlichen Vorbereitungen fr unser Nachtlager die khlere Stunde
vor Aufgang der Nacht beanspruchten.

Eine schmerzende Rastlosigkeit und ein dumpfer Druck in meiner Brust
machten mir die Weiterreise fast unmglich. Ich glaubte, nicht atmen zu
knnen, und mir war, als zersprengte mein Blut seine Gefe wie grender
Wein. Mich befiel ein Taumel, dem kein Rausch zu vergleichen ist, und ich
begriff nicht, da ich monatelang in diesem kochenden Dunst hatte leben
knnen, wobei ich allerdings nicht bedachte, da das Jahr vorgeschritten
war und die heie Zeit ihren Hhepunkt erreicht hatte. Die bsen
Erinnerungen an mein berstandenes Fieber berfielen mich wie Raubtiere;
ich frchtete sie mehr als die hungrigen Bestien, die nicht von unserer
Fhrte wichen, und als die Giftschlangen, deren Bi in dieser Zeit am
gefhrlichsten ist und fast unmittelbar tdlich wirkt. Der ganze Urwald
schien von diesem Gift erfllt, und die Ermattung seiner Geschpfe teilte
sich dem Krper mit, bis tief in die Kammern des Herzens. Mehr als einmal
verlangte ich gebieterisch, da der Rckweg in die Berge angetreten wrde,
aber Panja und Pascha, die kaum noch widersprachen, taten in stoischer
Gelassenheit, was sie fr richtig hielten und was es unter den drohenden
Ereignissen der Natur auch einzig gewesen sein mag.

Ich verlor den Sinn fr die Pracht der Gegenden, durch die wir kamen; die
einzige Hoffnung, die mich aufrecht erhielt, war der Gedanke an das Meer,
und oft flehte ich, der tdlichen Gefahr zum Trotz, in heimlicher
Gemeinschaft mit den schmachtenden Geschpfen der Natur, den Himmel um
Regen an. Es kam hinzu, da ich die sichere Orientierung auf der Karte
vllig verloren hatte, ich wute mit Bestimmtheit kaum mehr als die
Himmelsrichtung und mute mich ganz auf Panja verlassen, dessen Urteil mir
um so leichtfertiger erschien, je mehr er mich mit falschen Aussichten
vertrstete. Auch muten wir oft die Richtung wechseln, da wir uns
unberwindbaren Hindernissen gegenbersahen, so da sich die in der Tat
zurckgelegte Wegstrecke auf unser ungewisses Ziel zu oft kaum bestimmen
lie. Bald fehlte es uns an Nahrung, bald an Wasser, und nur Panjas
Kenntnissen der vielerlei Frchte des Waldes ist es zu danken, da wir
nicht in bittere Not gerieten. Zuweilen fand ich trotz des schmerzenden
Hungers nicht den Aufwand von Energie, mit der Bchse Umschau zu halten,
und oft waren die Milch einer Kokosnu oder eine Ananas meine einzige
Nahrung fr einen Tag.

Aus der Reihe der Entbehrungen und Leiden dieser Tage ist mir ein Eindruck
geblieben, der sich tief in meine Seele gegraben hat, und dem ich den
letzten Aufschwung meiner Kraft verdankte. Wir kamen an einem Frhmorgen,
bevor die Sonne aufgegangen war, in die schmale Felseinmndung zu einer
Schlucht, die sich bald gro und weit vor unseren Augen ffnete. Es
herrschte noch jenes seltsame und ergreifende Zwielicht von Mondschein und
hereinbrechendem Morgenlicht, das ich nur in den Tropen in diesem
magischen Glanz eines Kampfes um die Herrschaft angetroffen habe. In den
Lndern des Abendlandes scheint die Nacht dem Tage auszuweichen, ihre
Gestirne verblassen gelinde, lange bevor die Sonne am Horizont sichtbar
wird, und der schchterne Morgenmond, der noch bisweilen zu sehen ist,
wirkt wie eine verlschende Erinnerung an die Nacht. Aber in Indien sind
die Lichter der Nacht mit dem Glanz des hereinbrechenden Tages in einen
leidenschaftlichen Kampf verstrickt, der seine Zwiesplte der Seele um so
eindringlicher mitteilt, je mehr die Stille der Lichtwelten ihre Gewalt und
Beharrlichkeit behauptet.

Die ersten Tierstimmen erwachten um uns her, aber nichts regte sich. Wir
waren tief im Grnen und krochen und sprangen abwrts in weiten Abstnden
voneinander, von Fels zu Fels, ber gestrzte Baumstmme und sumpfige
Lcher, in denen die berreste eines Gebirgsbachs faulten. Nach einer Weile
ffneten sich Bambuswnde, und ich gewann fr kurze Zeit einen freien Blick
ber die ungeheure Schlucht. Zur Rechten und zur Linken erhoben sich
gelbliche Felswnde, beinahe senkrecht abfallend und fast ohne Vegetation.
Sie liefen in der Ferne auseinander und lieen einen Blick in die
dampfende, grauschimmernde Weite zu. Der Dschungel erschien wie eine dicke,
grne Decke im Winkel eines riesenhaften Gemachs mit braunen Wnden, und
der Morgenhimmel darber war von glserner Klarheit.

Die westliche der beiden steilen Felswnde war bis zur Hlfte wie mit
dunkelroter Farbe bemalt, gegenber flimmerte das Mondlicht im Grnen. Ich
stand, von diesem Bild gebannt, in Betrachtung versunken da. Zugleich mit
der Hoffnung, da nun der schwierigste Teil unserer Reise berwunden sein
mchte, glaubte ich die Wohltat eines leisen, khleren Windes zu verspren,
und meine Augen glitten entzckt ber die goldene Glutbahn des
Morgenlichts an der Felswand dahin.

Auf halber Hhe dieser Wand, etwa dort, wo sie der Sonnenschein teilte,
lief eine ausgehhlte Bahn wagerecht durch das Gestein, die man wohl fr
eine alte Meergrenze htte halten knnen. Sie wirkte wie ein berdachter
Weg und mag auch zum groen Teil gangbar gewesen sein, fhrte an
halbkuppelartigen Hhlen vorber und gewhrte vereinzelten Zwergpalmen und
Alostauden Halt. Vor der grten dieser Hhlen war ein kleines
Felsplateau, nicht grer als etwa der Raum, den ein alter Lindenbaum in
der Mittagssonne zu beschatten vermag, und am Rand dieser Felsplatte in der
Sonne lag etwas. Ich erinnere mich deutlich, da, noch bevor der Eindruck,
der meine Augen fesselte, mir irgend zum Bewutsein gedrungen war, noch ehe
ich darber sann, was dies gelbliche ruhige Etwas sein mchte, ein
Unterbewutsein, wie eine ahnungsvolle Ehrfurcht mich bannte. Aber dann
wute ich es jhlings, wie durch einen lauten Zuruf aufgeklrt, und auch
ohne da ich noch Figur und Zeichnung recht unterschied: der Tiger.

Es ist das einzige Mal gewesen, da ich in Indien einen Tiger in der
Freiheit erblickt habe. Ich lehnte mich an den Stamm eines Baumes, schlo
die Augen und ffnete sie wieder und sah hinauf wie einer, der sich von
seinen Blicken betrogen glaubt. Niemals werde ich die hellbraunen Felswnde
vergessen, das Morgenlicht in der Steinkuppel und vor ihr, wie auf einem
Marmorsockel als Thron, im Schutze des steinernen Baldachins, die ruhende
Sphinxfigur des Tigers. Die Entfernung und die Hhe der Felswnde lieen
ihn mir klein erscheinen, aber ich unterschied die Zeichnung des Fells
deutlich und sah die Pranken nebeneinander ruhen unter dem schrecklichen
Haupt, das unbeweglich, wie gemeielt, die geschmeidige Linie des Rckens
und des breiten Nackens vollendete und dessen Augen in die Weite gerichtet
schienen. Eine Majestt ohnegleichen ging von diesem glhenden Monument der
Natur aus.

Es ergriff mich eine Traurigkeit, die ich niemals ganz werde begreifen
lernen, aber ich wei, da meine Hnde sich ballten und zitterten. Damals
erfate ich zum ersten Male die Schnheit und Gre der gyptischen Sphinx,
dieses gewaltigsten Steinmonuments, das der Geist und die Erkenntnis des
Menschen jemals im Licht des Anspruchs und der Ehrfurcht erschaffen haben.
Die Begriffe der Gottheit, der Natur und des Menschseins sind in ihren
vielfachen Widersprchen in dieser Gestalt zu einem Kunstwerk vereint,
welches das Unerbittliche lieblich mit der Hoffnung verbindet, die
Herrschsucht mit der Anmut, die Gefahr mit der Lust und die Gottheit mit
dem Spiel. Und keineswegs einzig durch den Abstand, welcher uns von diesem
Bildwerk scheidet, sondern an sich und fr alle Zeiten der Vergangenheit
und Zukunft stellt die Sphinx das gewaltige Denkmal der Historie dar, jener
Historie, die ber der Gewiheit einer grozgigen Entwicklung jede
Erinnerung an Einzelheiten und Geschehnisse zu verschmhen scheint und nur
in erhabenen Merksteinen die Jahrtausende mit, welche das Menschenherz im
unvernderbaren Pulsschlag durchpocht.

Der Anblick dieser groen ruhenden Katze in der Sonne, hoch in der
Felsenfreiheit, ber dem unruhig grenden Bett der vielerlei kleinen
Geschpfe und Pflanzen des Dschungels, trug meinen Geist ber die Geschicke
der Zeiten fort, zurck bis an jenen ltesten Stein der
Menschheitserinnerung. So erschien mir das herrliche Tier in seiner
Vereinsamung, wie ein spter Nachkomme einer versunkenen Zeit, schon im
schwermtigen Schatten des Abschieds seines starken Geschlechts von der
Erde der Menschen, denen es mit vielen, lngst vergessenen Wesen hat
weichen mssen.

Aber hier war noch das Reich seiner Herrschaft. In der Morgensonne funkelte
sein steinerner Thron, und den erwachenden Urwald, tief unter dieser
kniglichen Ruhe, schreckten die Schauer vor solcher Majestt. Arm, mde
und machtlos schlichen ein paar Menschlein unten durch das schtzende Grn,
und unter ihnen ich, geduldet und eingeschchtert durch die Herrschaft des
Tiers.

                  *       *       *       *       *

Als ich am Abend im Zelt einzuschlafen versuchte, entdeckte ich zwischen
den Bumen hindurch an den Himmelslcken einen rtlichen Schein, der nicht
von unserem Feuer kommen konnte. Ich trat hinaus und prfte die Weite
umher, so gut es mir gelang. Der Mond ging erst gegen Morgen auf; ich sah,
da der ganze Himmel glutete, und weckte Panja.

Die Steppen brennen, sagte er, nachdem er sich umgesehen hatte, und sog
die Luft durch die Nase ein, aber die windlose Nacht trug keinen
Brandgeruch bis zu uns. Die Berge brennen, wiederholte er schlaftrunken,
tausend Tiere sterben, darunter die schdlichen. Die Bergmalabaren znden
die Reste an, die die Sonne zurckgelassen hat; oft entstehen die Feuer
auch, ohne da jemand wei, wer sie angelegt hat.

Der Glutschein nahm zu und verbreitete eine erregende, matte Helligkeit im
nchtlichen Wald, die Stimmen der Tiere schienen vereinzelter und
gedmpfter zu klingen, wie in Ehrfurcht vor dem drauen herrschenden
Element.

Es heult nicht, das Feuer, sagte Panja und lauschte, ruhig schleicht es
ber die Hhen.

Er legte sich wieder zur Ruhe nieder, es drohte uns keine Gefahr, aber
mich floh der Schlaf, den ich eben noch ohne Glauben gesucht hatte. Ich sah
im Geist die roten, wehenden Feuerfahnen ber die endlosen graugrnen
Hgelweiten flattern in der blauen Nacht, und mir war, als hrte ich die
Stimmen des fliehenden und ereilten Getiers, das im Streit um den Besitz
der Berge, dem Menschen auf der Walstatt eines unaufhrlichen Kampfes
erlag. Gegen Morgen wrde der Mond durch den Rauch scheinen, bis langsam
die Sonne die goldenen Kmme der Berge in ihrer Ruhe ber dem bewegten Bild
entzndete; dort oben war es still, die ewigen Kriege waren dort lngst
verrauscht.

In der Schlucht rief ein Uhu, immer lange, wie aus tiefer Brust
hervorgehauchte Tne, in weiten Abstnden voneinander, bald wie in dumpfer
Daseinsangst, bald wie in Liebesqual. Als der rote Schein zunahm,
verstummte er, die Felsschlucht schwieg, die dunklen Wnde im rtlichen
Nebel vereinsamten aufs neue, und die verlassene Nacht zog weiter, im
glhenden Schleier.

Es war eine lautlose Unruhe in der trgen ppigkeit des verblhten Waldes
und die Geister der Vermoderten kamen aus der Vergangenheit hinber in die
Bereiche meiner Erinnerung und begannen zu mir zu reden. berall umher
lagen berwache Sinne in Krankheit, aus Lchern, Hhlen und grnen
Schlnden starrten die Masken unersttlicher Gier und gereizter Ermattung
einander an, im steilen Bambus schlief der Wind, hingesunken wie ein von
giftigen Gasen zum Taumeln gebrachter Falter. Die Ungeduld des Erdbodens,
an der widrigen Grenze slicher Ersticktheit, teilte sich dem Blut der
Wesen mit, aber nichts half mehr, kein Geschrei und keine Klage, kein Trost
und keine Wut. Nur im Wasser oder im Feuer war Errettung zu finden. Hatte
nicht Panja eben noch gesagt, die Steppen entzndeten sich selbst?

Es klagte matt in der belebten Stille, ein Vogel, ein Waldtier oder ein
sinkender Baum, der sich seufzend in das morastige Bett seiner Entstehung
neigte. Ich lauschte auf die rchelnden Flstertne des Verfalls, in denen
die Stimmen der Versunkenen meine willenlosen Gedanken in ihr vergessenes
Bereich zurckfhrten. Der Geist des Fiebers schillerte mich bse, mit
grnen Augen, aufs neue an, und ich fhlte mich vom Sterben umhllt und ihm
unrettbar preisgegeben. Ich empfand in merkwrdig tauber Verwirrung der
Verlassenheit, da ich das Sterben noch nicht gelernt hatte, mich verlangte
inbrnstig nach Taten, nach Kampf und Anstrengungen, und meine hchste
Angst bestand im Gedenken an dies laue, erstickende Welken des Bluts, wie
es umher von mir gefordert wurde.

War es, weil meine Augen am Tage die Hoheit des Dschungelherrschers gesehen
hatten, da ich den Mut und die Kraft zum eigenen Lebensrecht nicht mehr
aufzubringen vermochte? Die Bedrngnisse, in denen sich die Natur befand
und die sich meinem Gemt von Stunde zu Stunde eindringlicher und
berwindender mitteilten, ja, denen ich vllig zu erliegen drohte, weckten
im Grunde meiner Gedanken ein bohrendes Bewutsein von Schuld. Welcher
Empfindende und Verstehende suchte in aller Not nicht zuerst die Schuld in
der eigenen Brust? Die Erkennenden sind verantwortlich, sie sind es, welche
in Wahrheit Opfer bringen und welche die Shne tragen, im Kleinen wie im
Groen. Hatte ich die Trauer und Gre der alten Herrschergewalt dieses
Landes nicht erschauernd erblickt und ehrfrchtig auf meine Art erkannt,
wie ein verchtlicher Eindringling, und im Herzen schuldig aus Hochmut?

Wenn ich die Augen schlo, so war mir, als drnge durch die Erschlaffung
der verschmachtenden Welt ein Pesthauch von jener Sttte zu mir hinber, an
der ich zwischen den blulichen Stachelarmen der Alon den gelben Leib des
toten Panthers gesehen hatte, dann wieder tauchte die beschienene,
steinerne Kuppel vor meinem Geiste auf, die als ein goldstrahlender
Baldachin den Thron des Tieres schtzte. Der Tiger war berufen, in diesen
Bereichen zu herrschen, ihn vergifteten die Dnste des Dschungels nicht,
der Brand der Tropensonne wurde seinem zhen Leib mit den eisernen Strngen
der Sehnen zur Wohltat, er durchschwamm die reienden Strme zu seiner
Erfrischung, wie im Spiel, und durchschweifte die Steppe tagelang, ohne
Gefhrdung und ohne Bedrngnisse.

Wie in den zugleich bedrckenden und bengstigenden Sinnesschwankungen des
nahenden Fiebers, die sowohl Verwirrungen als auch die bernatrlichen
Klarheiten der Vision mit sich bringen, war mir, als knnte unmglich jene
Grenze gar zu weit zurckliegen, an welcher der Wechsel der Herrschaft von
Tier und Mensch ber die Erde stattgefunden haben sollte. Als habe sich
meinen eingeschchterten Sinnen erwiesen, wie tricht der Menschenhochmut,
in der leichtfertigen Sicherheit seiner zerbrechlichen Stdte, sein
Machtbereich und seine Herrschaft berschtzt. Und mir war aufs neue, als
trte der Geist dieses Landes und seiner alten Vlker zu mir und berredete
mein Herz. Ich begriff eine Lehre, die das Tier ehrt, anbetet und niemals
ttet, deren religises Bewutsein und Bekenntnis eine tiefe Beziehung zum
Wesen des Tiers ahnen lt, und die die tatlose Geduld, die ehrfrchtige
Erwartung und das heilige Harren in demtiger Ergebenheit preist. Wie
vorzeiten in einer unvergelichen Traumnacht ein Affe im Triumph seiner
berwundenen Gefangenschaft zu mir gesprochen hatte.

Wie aber die ungewisse Neigung zur Ehrfurcht Angst und noch keine
Beruhigung erzeugt, deren Friede erst mit der eingetretenen Erkenntnis
hereinbricht, so erschien es mir in heimlichem Erzittern zu dieser Stunde,
als sei die Herrschaft des Tiers auf der Erde nicht berwunden, sondern als
bestnde sie noch, wenn auch verborgen und beengt, so doch in ihrer
ursprnglichen Gewalt und Finsternis.

Mit den ermdeten Zgen Hucs, des Affen, der mir zu Beginn meiner
leichtfertigen Fahrt in die berblhten Ruinen des alten Gottreichs
erschienen war, trat aufs neue der Geist dieser versunkenen Zeit vor mich
hin, und seine grauen Augen sahen mich an: Noch herrscht das Tier, hier,
um dich her, im Rahmen der ihm zugehrigen Natur, in die der Mensch nicht
weiter eingedrungen ist, als ein Borkenkfer in einen Baum, dort verborgen
in der aufrechten Gestalt, unter der weien Haut, hinter der klugen Stirn
und den schnen Augen. Vollzieht sich die Wandlung unter dieser Hlle nicht
immer noch rasch und leicht? Nicht allein auf Schlachtfeldern und im
Getmmel der entflammten Haufen, auch in stillen Kammern oder auf offenen
Mrkten, unter den Marterpfhlen der Heiligen, oder im Schmeicheln der
sesten Rede? Noch herrscht das Tier. Die Weisen der Erde erzittern auf
ihrem Weltpfade unter dem Gebrll, das um sie her erklingt, wenn sie
eilend, gerafften Kleids, mit verwundeter Hoffnung ihre Zeit durchmessen.

Mit feurigen Schritten schlich die Nacht trge dahin, der Himmelsschein der
brennenden Steppen erlosch allmhlich, aber es war, als habe er eine
vermehrte Hitze zurckgelassen, immer noch war kein Hauch des nahenden
Morgens zu verspren. Vergebens forschte ich am Himmel nach dem
Morgenstern, und mit den dsteren Wetterwolken, die wie bse Ahnungen im
glhenden All herandrngten, begann neben mir monoton die Stimme meiner
Angst aufs neue:

Das Tier herrscht. Wenn der Morgen sich ankndigt, so wird dein Blut
erloschen sein, du sollst in diesem schwlen, grnen Mantel ersticken.
Meine Qual entstand nicht durch den Gedanken an den Tod meines Leibes,
sondern durch diese dstere Ahnung von der Herrschaft des Tiers und durch
die Hoffnungslosigkeit, in der ich, am Rande des Wahnsinns, nach einem
Ausweg suchte, nach einer erlsenden Gewiheit, nach dem Licht der Zukunft.
Wie der Zweifelnde das Leben seiner Geliebten argwhnisch nach Beweisen
ihrer Schuld durchforscht, gegen seinen besseren Willen, ja, fast gegen
sein Gewissen, so durchforschte mein Geist in diesen Nachtstunden die
Geschichte der Erde nach den Merkmalen des Tiers, und aufs neue tauchte das
Bildwerk der Sphinx vor meinen geistigen Augen empor. Es verschmolz mir in
der alten Erinnerung des Menschenwesens und in der Erinnerung meiner
eigenen zeitlichen Erlebnisse mit der Erscheinung des ruhenden Tigers an
der Felsenwand. Es war, als habe diese Erscheinung, von der meine Augen am
vergangenen Tage betroffen worden waren, im mystischen Zusammenhang mit der
alten Menschenfurcht und -ehrfurcht, einen erklrenden Lichtschein auch in
meine Erkenntniswelt geworfen, und in jener Nacht htten keine menschliche
Weisheit und keine berzeugungskraft mich vom Wege meiner Gedanken
abzubringen vermocht.

In ihm, jenem alten Volke der gypter, mute das Bewutsein klar gelebt
haben, da die Herrschaft des Tiers nicht berwunden war, sie erschufen in
unfabarer organischer Einheit den Katzenleib mit dem Menschenkopf und den
Menschenleib mit dem Lwenhaupt. Sie erhoben diese Standbilder zu
Gottheiten, verehrten sie in ihnen und erkannten sich selbst darin.

Whrend meine Gedanken nach Sicherheit suchten, nach dem entscheidenden
Gegenwert, nach der Verkndigung der Wahrheit, da das Tier dennoch
berwunden sei, schritt auch Johannes an mir vorber, der den
gttlich-weisen Heiligen von Golgatha am lautersten geliebt hatte. Auch
ihn, den, wie keinen, die menschliche Hoheit und der gttliche Triumph
seines Meisters durchdrungen hatten, schreckte in den verzckten Ahnungen
eines knftigen Reichs des Menschensohns, das Tier. In seinen letzten
Visionen, in denen Furcht und Hoffnung das liebende Gemt im zerrtteten
Leib zerrissen, erschien ihm das Tier:

Und ich trat an den Sand des Meers und sah ein Tier aus dem Wasser
steigen, das hatte sieben Hupter und zehn Hrner und auf seinen Hrnern
zehn Kronen und auf seinen Huptern Namen der Lsterung. Und ich sah seiner
Hupter eines, als wre es tdlich wund, aber seine tdliche Wunde ward
heil, und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tiers. Und sie beteten
das Tier an und sprachen: 'Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann mit ihm Krieg
fhren?!' Und ihm ward gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu
berwinden, und ihm ward Macht ber alle Geschlechter gegeben.--

Die brodelnde Finsternis des heien Urwalds umdunkelte meine berwachen
Sinne, wie im Taumel einer nahenden Ohnmacht, und meine armen Gedanken
huschten wie blasse Irrlichter darber hin. Damals war mir der Gedanke an
meinen nahen Tod zur Gewiheit geworden, und ich wei zuversichtlich, da
ich seinem Schatten niemals nher war. Eine unbeschreibliche Sehnsucht nach
dem Morgen wachte, wie eine letzte Hoffnung, unverstanden und von dsterer
Traurigkeit bedrckt, in meinem Herzen, das erstickend in Finsternis und
Erdschwle nach Erlsung rief. Ich mu kurz nach diesen letzten
Erinnerungen in Schlaf gesunken sein, ber mir den qualmenden Rachen des
Tiers.

Aber der Traum, mit welchem ich im Morgenlicht erwachte, war leicht und
lieblich, als belohnte ein gndiger Geist die Bedrngnis meiner Gedanken
mit einer frohen Zusicherung. Es ergeht uns Irdischen oft so, da sich der
Wechsel und Ausgleich von Finsternis zum Licht mit dem Wechsel von Schlafen
und Wachen vollzieht, oder bisweilen wohl auch umgekehrt, als lge die
Absicht, zu schlichten und zu besnftigen, im natrlichen Wandel unserer
Zustnde. So mag es sich erklren, da ein heiter verbrachter Tag sich in
dsteren Traumbildern spiegelt, oder da die Angesichter der Toten zuweilen
nach furchtbaren Qualen des Sterbens einen unnennbaren Frieden in ihren
Zgen tragen.

Ich erinnere mich keines Traums, der meinem Gemt eine grere Helligkeit
gebracht htte, und keine Wohltat ist jener Ruhe zu vergleichen, die mir in
den Lsungen geschah, die sich wie gndige Offenbarungen an die Pein meiner
Angst und meines Zweifels im Schlafe anschlossen. Erkenntnisse, welche uns
durch Trume vermittelt werden, haben eine seltsame Unschuld der Erfahrung,
es erscheint oft, als schlssen sie alle jene Irrtmer aus, die das
bereitwillige Denkvermgen des wachen Gehirns so leicht begeht, in seiner
Hoffnung, es mchte aus dem Vielerlei ein Viel entstehen, und aus dem
Mancherlei ein Besonderes. Das Grbeln ist der Feind des Denkens, denn die
guten Gedanken kommen zu uns wie das Licht oder die Wrme, unversehens, wie
ein Sonnenblick durch die Schleier der Wolken, oder wie eine Knospe an
ihrem Strauch im Frhlingsregen aufbricht. So mag der Schlaf ein ttiger
Freund des Denkens sein, und das oft scherzhaft gebrauchte Wort, da der
Herr es den Seinen im Schlafe gibt, hat ebensowohl einen tiefen Sinn, wie
das uralte Verlangen der Menschen, Trume auf rechte Art deuten zu lernen.

In einem hellen Zug, der auf dunklem Erdgrund allein und deutlich von einem
klaren Himmelsstrahl beschienen wurde, zogen die Heiligen der Geschichte,
die das Tier berwunden haben, im Traum an mir vorber. Die Reihe rckte
aus unergrndbarer Welttiefe, die ganz in Finsternis gebettet war, so hell
heran, als flsse ein weier Bach in der Nacht ber schwarzen Erdgrund. Und
jedesmal mit dem Augenblick, in welchem eine Gestalt deutlich erkennbar
wurde, zerflo sie in das groe Wort ihres wichtigsten Bekenntnisses. Mit
dem Erklingen dieses Worts aber, das sich wie ein Lichtschein in meine
Sinne ergo, versanken das Angesicht und der Name seines Trgers, aber es
erschien mir, als lge es so im Willen der Heiligen. Im Halbdmmern, das in
ihrer Nhe herrschte, erkannte ich undeutlich in ihrer Begleitschaft die
gewaltigen Umrisse gefesselter Tiere. Ich erblickte darunter einen Drachen,
hundertfach verschlungen und in dunklen, glhenden Farben von groer
Pracht, das Lwenhaupt der Sechmet, ber den lieblichen Mdchenschultern,
tauchte empor und erlosch, die heilige Schlange, gekrnt, mit geblhtem
Hals unter dem Gift des Rachens, und das weie Rind.

Unter den Heiligen kam auch aufs neue jener seltsamste Prophet zu mir, den
die Religionen der Vlker kennen, und dessen Worte ber die Macht des Tiers
mir noch kurz zuvor durch den Sinn gegangen waren, aber seine Erscheinung
hatte die Gebrde des heimgesuchten Mrtyrers seiner Angst verloren. Er war
der Letzte; mit ihm und dem Wort seiner Gottheit erlosch der strahlende
Zug:

Ich bin der Erste und der Letzte. Ich bin der Ursprung des erwhlten
Geschlechts, ein heller Morgenstern.




Zehntes Kapitel

Sumpftyrannen


Es wrde schwer halten, mit Sicherheit ber den Zeitraum zu berichten, der
zwischen den inneren Erlebnissen dieser Nacht lag, in welcher ich dem Tier
begegnete, und der Morgenstunde, in welcher bald nachher Panjas helle
jubelnde Stimme mir aus dem Buschwerk entgegendrang. Beim Klang seiner
lauten Worte berkam mich nach seinen vielerlei Vertrstungen zum erstenmal
die ganze Zuversicht unserer Befreiung. Ich verstand anfnglich immer nur
ein Wort, und da er es im Rufen mehr sang als sprach, so unterschied ich
den Sinn nicht, bis er lachend vor mir stand und zitternd vor Freude
erklrte, sie seien bis an die Ufer des Kumardary vorgedrungen, des groen
Stroms von Sd-Kanara, dessen Wasser aus den Bergen von Kurg und Maisur
zusammenstrmen und der bei Uppanangadi in den Netrawati einmndet, an
dessen Ausflu in das Meer Mangalore liegt, die Stadt, die unser Ziel war.

Der Flu hat noch Wasser genug fr die grten Kanus, rief Panja
glcklich, wenn wir Boote aufgetrieben haben, so brauchst du keinen
Schritt mehr zu machen, bis die Palmen von Mangalore dich beschatten, und
der Regen mag kommen. Der Flu trgt uns schnell hinab.

Seine frohe Gewiheit teilte sich mir anfnglich mit. Nach seinen
Schilderungen nherten wir uns dem rechten Ufer des Flusses, in einem
Abstieg genau von Norden nach Sden, hatten sein Bett also im Laufe der
zurckliegenden Wochen bereits einmal berschritten, wahrscheinlich in den
heien Tagen des glcklichen Wanderlebens vor meinem Fieber. Eine
merkwrdige Ernchterung berkam mich pltzlich, sie stellte sich in
Gemeinschaft mit einer neuen Lebenskraft ein, aber zugleich mit einer
tiefen Verstimmung. Eine vernderte Wirklichkeit rckte heran, mit den
grauen Bildern der gewohnten Lebensweise, und die tiefere Wirklichkeit des
Traums wurde darber schadhaft und unwahr. Ach, gewilich wrde ich die
Erlebnisse der zurckliegenden Zeit niemals vergessen, aber irgend etwas an
ihnen schien mir pltzlich seine Inbrunst einben zu mssen; was einst dem
Ernst meiner Seele heilig war, das wrde nun im Schein eines feinen
Lchelns zurckbleiben. Gewi, jener schne Zustand der Vergangenheit war
einmal gro und wichtig gewesen, aber es war nun nicht mehr der einzige,
denn die neue Welt wrde aufs neue meine Hingabe, wiederum meinen Ernst und
meine Andacht einfordern.

Damals war es, als ich mir vornahm, niemals ber die groe Welt meines
Erlebens zu schreiben oder zu erzhlen, sondern mich bei beiden an die
ueren Ereignisse zu halten. Ich wandte mich um und sah hinter mich, als
knnten meine Augen noch einmal alles bersehen, was mich bedrngt und
erhoben hatte. Aber nur die undurchdringlichen grnen Wnde, deren
Palmengefieder in der Sonne glitzerte, boten sich meinen Augen, keine Spur
unserer Fe war mehr kenntlich, ich war vergessen in dem Bereich, das ich
flchtig durchmessen, nur in der Ahnung begriffen und im eingeschchterten
Gemt geliebt hatte.

Heute, nach Jahren, ber die weien Bltter gebeugt, die meine Gedanken,
meine Freuden und die Bilder und Farben meiner Erinnerung tragen sollen,
begreife ich jene Trauer besser. Damals schlug in meiner Brust die Stunde
der Umkehr, damals fhlte ich, da ich htte bleiben sollen, denn es gibt
keine Berhrungen und Umarmungen in der Welt, die an Glck denen der Natur
zu vergleichen sind, welche unschuldig und grozgig bleiben, und in keinen
wei sich die besondere Art unseres Lebensbewutseins geborgener. Auch
mgen damals heimliche Erinnerungen an die Hast und Willkr des
europischen Treibens in mir erwacht sein, die alles in Begleitschaft und
zum Ziel haben, was immer Menschenaufgabe sein mag, Glck fhren sie nicht
herbei. Der Zustand des Glcks ist nicht ohne die Ruhe zur Selbstbesinnung
mglich, denn Selbstbetubung fhrt zur Verarmung.

Und doch ergriff mich daneben der Taumel des Neuen, das mich erwartete, und
ich wei deutlich, da mich damals schon eine Ahnung streifte, welcher Art
meine Erlebnisse sein wrden. Lichtwelten und Strme der Geisteswelt knden
sich begierigen Seelen so deutlich an, wie Gewitter oder Sonnentage sich in
der Natur vor ihrem Herannahen zu offenbaren pflegen. Mir war damals fr
einen Augenblick zumut, als she ich durch das Buschwerk der
Dschungelwildnis nieder auf das Meer, erblickte den blulichen Rauch der
Hindustadt ber dem unruhigen Beet der groen und kleinen, bald geneigten,
bald kerzengeraden Palmen, und hier und dort das Schimmern einer weien
Mauer. Ich sah eine braune, hlzerne Tempelpagode zackig aus dem Grn
steigen und hinter ihr den blauen Streifen des Ozeans. So sah die Wohnung
des alten Geistes in meiner Vorstellung aus, und mich verlangte nach keiner
Begegnung inniger, als nach der mit einem der Shne dieses Geistes. Wohl
war ich hier und dort auf meiner Reise mit Brahminen zusammengetroffen,
aber niemals war ich einem nahe getreten, da die heute zugngigen unter
diesen Leuten meist in Gewohnheit und Bildung von der Tradition ihres
Geschlechts gelassen haben, sie sind nicht mehr Priester oder Gelehrte,
sondern Hndler geworden.

Mangalore aber, soviel wute ich gut, war ein alter und von der neuen Welt
nur wenig berhrter Platz, eine der wenigen greren Meerstdte der
Westkste, die weder von der Eisenbahn noch vom Dampfschiffverkehr berhrt
werden und in denen, wie sonst nur tief im Lande, die Herrschaft der
Priesterkaste noch groe Macht ausbte. Es kam hinzu, da sowohl die
Jesuiten als auch die Protestanten dort Niederlassungen ihrer kirchlichen
Einwirkung unterhielten, so da der Kampf der Geister belebt und heimlich
in der Stadt wogte.

                  *       *       *       *       *

In solch geteiltem Zustand meines Empfindens durchma ich mit den braunen
Gefhrten meinen letzten Tag im Urwald. Wir erreichten gegen Mittag ein
kleines Dorf, das nah am Flu auf einem sanften Hgel lag, und auf das wir
nur durch das Trompeten eines Elefanten aufmerksam wurden. Den Flu hatte
ich den Tag ber noch nicht zu Gesicht bekommen, obgleich wir uns an seinem
sumpfigen Ufer dahinbewegten, nur das Gurgeln und Schnattern von
Wasservgeln verriet ihn und der morastige Dunst der Luft.

Wir kamen bald auf einen ausgetretenen Pfad, der wie ein braunes Band in
mancherlei Verschlingungen, tief in Schilfwnde eingebettet, dahinfhrte,
und trafen dort nach langer Zeit einmal wieder einen Menschen an. Es war
eine alte Frau, die an einem Stab einen Kupferkessel ber der Schulter
trug, und die bis auf einen Lendenschurz nackt war. Ihre Augenbrauen waren
mit Henna gefrbt, und sie trug ein dunkles Abzeichen auf die Stirn gemalt,
das in der Form einer groen Spinne glich.

Als ich ihr winkte, kam sie schchtern nher, eigentlich blieb sie eher
stehen und lie nur zu, da ich an sie herantrat, dann hob sie die Arme und
verneigte sich, ihre Gebrde schien anzudeuten, da sie sich zu jeder
Dienstleistung bereit erklrte, aber im schlimmsten Fall auch zur Flucht.

Panja schaute in ihren Topf.

Pfui Teufel, sagte er wrdig, es hockt eine Krte darin.

Er konnte sich nur schwer mit der Alten verstndigen, die kein Wort
hindustani und nur sehr wenig kanaresisch verstand, aber wir erfuhren, da
der Ort Schamaji hie, und da der Knig den weien Herren gndig gesinnt
sei und zwei Elefanten bese, beide mnnlichen Geschlechts.

Wei Gott, was das fr ein Knig ist, sagte Panja ohne Respekt und sah
mich mit einer Grimasse an, die mindestens Fragwrdigkeit ausdrckte. Es
gibt in Malabar und Sd-Kanara eine ganze Reihe kleiner Hinduknige, die
sich aus ihren stdtischen Sitzen, langsam der Macht der Mohammedaner oder
der Englnder weichend, in die Provinz zurckgezogen haben, um ganz ihrem
Volke leben zu knnen, oder besser von ihrem Volke. Es geht ihnen mit ihrer
Macht hnlich wie manchem angeblich verkannten Dichter mit seinem Genie,
beide entwickeln sich in der Ausgeschlossenheit ins Ungeheuerliche, aber
nur in den Augen ihrer wenig glcklichen Trger. Diese Despoten geistiger
oder weltlicher Macht haben etwas ungemein Rhrendes, und es gehrt
geradezu Hartherzigkeit dazu, sie ihrer Illusion zu berauben. Es verbirgt
sich soviel Gutmtigkeit hinter der meisten Eitelkeit, da man lernen
sollte, sie mit weniger Verachtung zu ertragen, denn der wahrhaft Bse ist
selten eitel. Diese vereinsamten Gewaltigen ihrer verkannten Herrlichkeit
sind oft durch einen unvermuteten fremden Glauben an ihre Bedeutung so
heftig zu erschttern, da ihre Hoheit sich in bittere Anklage verwandelt,
sobald sie einmal nicht bestritten wird.

Trotz dieser Kenntnis beschlo ich, den Knig von Schamaji so ernst zu
nehmen, als sei er der Maharadscha von Maisur; die kleinen Geschenke, die
ich ihm htte zum Empfang senden knnen, wrden wahrscheinlich keinen
groen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn diese vergessenen Frsten sind
oft noch vermgend genug, um sich mit allem erreichbaren Tand zu umgeben,
den der Handel aus dem Westen einfhrt. Ich beschlo deshalb, zuerst seine
Bekanntschaft zu machen, und schickte Pascha mit der Alten, um um eine
Audienz einzukommen und um die Erlaubnis, mein Zelt bis zum Morgen in der
Nhe seines Throns aufschlagen zu drfen. Pascha ging, ernst wie immer und
ohne erkennen zu lassen, was er von meinem Vorhaben hielt, die Alte
quietschte vergngt und schlo sich ihm an, in merkwrdigen Sprngen, die
eher auf ihre Rstigkeit, als auf ihre Wrde schlieen lieen und die
sicherlich ihre erbeutete Krte auf das unangenehmste berhrten. Panja
dagegen erhob Einspruch:

So darfst du keinen Knig behandeln, Sahib, sagte er nachdenklich und
ohne Eifer. Er schien wirklich besorgt, und ich hatte alles andere
erwartet, als er fortfuhr: Er wird sich auf seinen lahmen Elefanten hocken
und auf dich herabsehen wie auf einen Bettler. Wenn du ihm aber erlaubt
httest, dich zu sehen, so wrde er dir seinen Elefanten geschickt und sich
zur Erde geworfen haben, wenn du in seine Residenz eingeritten wrst.

Panja, ich will nicht, da der Knig mich sieht, sondern ich mchte ihn
sehen, und zwar so, wie er gesehen sein will und wie er zu leben pflegt.
Glaubst du, der gebeugte Nacken eines Menschen sei unterhaltsamer, als sein
erhobenes Gesicht?

Das ist der Kummer, sagte Panja, du hltst nichts auf deine Wrde. Du
knntest wie ein Frst durch den Dschungel ziehen und kommst wie ein
Wandermnch, der berall bitten mu. Es ist schwer, solchem Herrn dienen zu
mssen. Dies wre nun wirklich einmal ein Knig fr uns gewesen. Bei
anderen Knigen, die noch Macht und Reichtmer haben, wre dir ohnehin
nichts anderes briggeblieben.

Er hockte sich bekmmert auf einen Gepckballen und betrachtete die
Ameisen, die ihn zu erobern suchten. Im Grunde dachte er gewi nicht so,
und er wre leicht vom Gegenteil zu berzeugen gewesen, es lag ihm nur
daran, mein Ansehen zu heben und seines in Szene zu setzen, und da sich fr
das letzte gewi noch Gelegenheit bieten wrde, lie ich ihn in seinem
Kummer allein.

Sein Schmerz brach noch einmal durch:

Glaubst du, ich hielte dich fr arm oder machtlos, Sahib? Ich wei alles.
Aber was hilft ein goldgesticktes Kleid, wenn man es verkehrt anzieht und
zuknpft? Wer ehrlich ist, zeigt was er ist.

Panja, es ist zu hei zum Reden, wir wollen ein wenig ruhen, bis der Knig
kommt.

Nein, du sollst sprechen!

Als ich schwieg, stampfte er mit dem Fu.

Glaubst du, ich sei glcklich, wenn ich recht behalte? fragte er bse.

So geht es auch mir, antwortete ich ihm, und so ist es mit dem
goldgestickten Kleid, von dem du gesprochen hast.

Er schttelte eifrig den Kopf.

So kann es nicht sein, denn ich bin dein Diener, du aber bist der Herr und
mut recht behalten. Bist du ein Diener des Knigs, da es dich qulen
knnte, wenn er schweigt, und du fhlst, da er doch im Grunde recht hat?
Du lt ihn sitzen und gehst. Aber ich kann nicht fortgehen.

In dem Reiche, in welchem es mir gefllt, gibt es keine Herren und
Knechte, Panja, sondern nur lebendige Wesen, und das Ziel aller Lebendigen
ist die Freiheit. Der Wunsch nach rechter Freiheit aber richtet seine Augen
nicht auf andere, sondern zuerst in die eigene Brust. Auf diese Art braucht
niemand um sein Recht besorgt zu sein, es fllt jedem sein Teil zu, wenn
jeder sein Teil erkennt und bewacht.

Wenn dein Gott dich das lehrt, sagte Panja, so kennt er die Welt nicht
und wei nicht, wie es in ihr zugeht.

Vielleicht wei er nicht, wie sie ist, aber er wei, wie sie sein sollte.

So sage mir, was du Freiheit nennst? Wie soll ich dich verstehen?

Freiheit beginnt mit der Erkenntnis und dem Willen, da man sein Handeln
nicht mehr danach richtet, was man anderen damit antut, sondern danach, was
man sich selbst zufgt, oder was man um seiner selbst willen unterlt.
Nimm an, du schlgst einen Menschen oder ein Tier, das mag zuweilen
notwendig sein. Du und das fremde Wesen, ihr beide werdet etwas dabei
empfinden. Es wird dir solange gleichgltig sein, was ein anderer dabei
fhlt, bis du gelernt hast, zu beachten, was dir selbst dabei durch die
Seele geht. Hierauf achtzuhaben und sein Handeln danach einzustellen, ist
der erste Schritt zur Freiheit.

Und der letzte? fragte Panja.

Der letzte ist der Wille, alles Bse deines Herzens in Liebe zu
verkehren.

Ich wei nicht, was gut ist und was bse. Alle Menschen denken darber
verschieden. Die Brahminen denken anders als ich, du denkst anders als die
Fakire, die aus den Bergen niedersteigen, und wenn du gar einem Missionar
begegnest, so denkt er so darber, da sich deine Haare struben.

Das ist nicht wahr, du weit doch, was bse ist, und du brauchst es nur
fr dich selbst zu wissen. Es ist nicht deine Aufgabe, dem Bsen zu
begegnen, das dir bei anderen entgegentritt. Fr dich selbst aber wirst du
es wissen.

Gut, wenn ich aber keine Liebe habe, Sahib?

Dann bist du verloren, Panja, dann kann kein Gott dir zur Freiheit
verhelfen, der meine nicht und der deine nicht, keiner. Solche Menschen
sind wahrhaft arm und verloren.

Panja schien sich mit diesem Resultat einer bescheidenen Reflexion
zufrieden zu geben, er lchelte vor sich hin, als kme er selbst bei einer
solchen Lage der Dinge nicht eben schlecht weg. Aber dann begann er sich zu
kratzen, und ich erkannte, durch den Sonnenschein blinzelnd, da kein
uerlicher Grund fr diesen Kraftaufwand vorlag. Er meinte vorsichtig:

Was du in deinem Kopf ausdenkst, Sahib, ist gar nicht bel, aber wenn es
herauskommt und man will etwas damit anfangen, so geht es einem hnlich,
als wollte man sich Sonnenlicht fr die Nacht aufheben. Das Leben ist doch
anders, das ist die Sache.

Es ist dunkel, Panja. Dadurch unterscheidet sich unser Herz von unseren
Hnden, in ihm lt sich Licht aufheben und bewahren.

Wre nicht eine trippelnde Schar kleiner Wilder am Ende des Pfades vom Dorf
her erschienen, so htte sich Panja sicher noch einen Einwand ausgedacht,
jedenfalls behielt er insofern auch ohne Entgegnung recht, als die
greifbaren Tatsachen des Lebens gebieterisch die Oberhand forderten. Es
waren vielleicht zwanzig oder dreiig Hindukinder, die in einiger
Entfernung auf dem schmalen Weg den Versuch machten, immer eins vor dem
andern zu stehen, da jedes die Absicht mit sich trug, am besten glotzen zu
knnen. Dies Bestreben bewirkte, da das belebte Knuel sich immer mehr
nherte, bis endlich die strksten Knaben vorn waren und die Beine in den
Boden stemmten, um nicht weiter an uns herangedrngt zu werden. Einige
kletterten in die Pfefferranken, und die schwarzen Augen sahen ber den
braunen Pausbacken durch die grnen Bltter.

Eine Botschaft im Kopf einer alten Frau ist wie Reis in einem groben
Sieb, sagte Panja und lachte.

Es war keine junge da, Panja.

Er sah mich neugierig an und meinte dann:

Dir ist es gleichgltig, Sahib. Du siehst auf die Frauen meines Landes wie
ich auf die Gedanken deiner Stirn.

Ich wunderte mich in der letzten Zeit oft ber Panjas Freimut und ber den
vergngten Eifer, mit dem er vertrauensvoll im Element unserer Beziehung
umherzuschwimmen begann. Ich empfand darber groe Freude, denn meine Art,
mich mit ihm einzulassen, htte bei den meisten Mnnern seines Volkes und
seines Standes zu Enttuschungen gefhrt.

Panja trat gebieterisch vor die lebenden Resultate der erfolgreichsten
Bemhung der Einwohner der Knigsstadt, aber der Eindruck, den er machte,
war nicht so gro, als er erwartet hatte. Da kehrte er um, nahm mein Gewehr
und ging wieder zurck. Jetzt wichen ihm die Kleinen scheu aus, und er
lchelte befriedigt und hielt eine Ansprache in hindustani, die einen um so
strkeren Eindruck machte, als sie nicht verstanden wurde. Er wurde durch
ein fernes Klirren und Flten unterbrochen und kam rasch zu mir zurck.

Der Knig kommt, rief er, wenn er nicht zu neugierig wre, wrde er dich
wahrscheinlich lnger haben warten lassen.

Die lrmende Musik kam nher, sie spannte seltsam die Erwartung, wie sie
hinter den grnen Vorhngen des Dickichts heranrckte, und ihr Rhythmus
erschtterte das Blut geheimnisvoll. Das erste, was ich bald darauf
erblickte, war der graue Schdel eines riesigen Elefanten und ber ihm das
bunte Kattundach eines etwas schiefen Baldachins, der von drei vergoldeten
Stangen gehalten wurde und von einer eisernen. Unter dem hellen Dach war
ein geflochtener Verdeckstuhl aus Rohr kunstvoll befestigt, und auf ihm sa
der Knig von Schamaji und sphte mit eifrig bewegtem Kopf nach seinem
Besuch aus. Acht Diener zur Rechten und Linken des Elefanten trugen Fcher
aus Pfauenfedern, die an dnnen Bambusstangen befestigt und etwas schadhaft
waren, ihre vielfarbigen Augen waren zum Teil erblindet, wie auch die
Gewnder der Gefolgschaft in etwas den Eindruck einer raschen
Zusammengesuchtheit erweckten. Immerhin entbehrte der Anblick des Zuges
keineswegs einer gewissen Pracht, besonders die Decken des Elefanten
gefielen mir wohl und waren, bis auf die faustgroen, glsernen Edelsteine,
wertvoll, von reicher Stickerei und schnem Stoff. Die Musikanten
schritten, entgegen der gewohnten Art solcher Festzge, hinter dem
Elefanten, wahrscheinlich hatte der Knig ihnen den Vortritt nicht gegnnt,
und so gruppierten sie sich auch eher neugierig, als eben feierlich, und
suchten zur Rechten und zur Linken des dicken Ungeheuers soviel als mglich
von dem Fremden zu ersphen. Hinter ihnen zog in ungeordneten Haufen das
ganze Dorf heran.

Wir waren bis zu einer Lichtung vorangeschritten, und der Knig nickte mir
huldvoll zu, nachdem er den Aufstieg der Musik durch eine Bewegung seiner
braunen Hand beschwichtigt hatte. Er hie mich auf englisch in seinem Reich
willkommen, nachdem er zuvor einen prfenden Blick auf mein Gepck geworfen
hatte. Ich antwortete ihm englisch, und Panja bersetzte meine Worte, denn
er traute dem Knig keine weiteren Kenntnisse dieser Sprache zu, und er
behielt darin recht.

Der Knig kletterte hierauf mit groem Geschick von seinem Elefanten, wobei
er so selbstverstndlich auf die Schultern seiner Wrdentrger trat, als
bildeten sie eine natrliche Treppe. Durch den Abstand, in welchem er sich
von mir hielt, deutete er mir an, da er die abendlndische Sitte eines
Hndedrucks zu vermeiden gedchte, und ich sagte ihm einige Hflichkeiten
ber sein Ansehen und ber seine Macht, von welchen beiden der Dschungel
widerklnge. Das gefiel ihm wohl, und so erfuhr ich von ihm, da er noch
einen zweiten Elefanten bese, der aber nicht mitgewollt htte, da mir
der Zutritt in seine Stadt offen stnde, und da ich mein Zelt im Garten
seines Schlosses aufschlagen drfte. Wir standen in einem braun-weien Ring
von staunenden Menschen, im Schatten des Elefanten, und sagten uns noch
eine ganze Weile angenehme Dinge. Endlich fragte der Knig, was mein Begehr
sei.

Panja riet mir rasch, eine Regierungspflicht vorzuschtzen, aber es
widerstand mir, und so antwortete ich, da ich gekommen sei, sein Land und
seine Stadt zu sehen, von der ich im Abendland gehrt htte. Ich glaube
nicht, da Panja dies richtig weitergegeben hat, jedenfalls minderte seine
Auskunft die Gunst des Knigs nicht herab, und er begleitete uns ins Dorf
zurck, immer bemht, mir nicht zu nahe zu treten, und auerordentlich
unhflich gegen sein Volk.

Bist du ein Englnder? fragte der Knig zgernd, und Panja antwortete,
bevor ich etwas entgegnen konnte:

Der Sahib lt fragen, ob du ein Knig seist?

Das wurde verstanden, ich wunderte mich sehr darber auf wie freundliche
Art, aber man mu die Klte und Sicherheit der englischen Beamten im Innern
Indiens gesehen haben, um zu begreifen, da diese Gegenfrage keinesfalls
das gewohnte Ma der englischen Arroganz berschritt. So war ich also ein
Englnder. Wahrscheinlich htte die Verkndigung meiner deutschen
Nationalitt keinen greren Eindruck auf diesen Frsten gemacht, als wenn
sich in Berlin ein Neger mit Stolz als zum Stamme der Aschanti gehrig
ausgibt.

Wir kamen ber den Dorfplatz, der, wie mit groen graugrnen Zelten, mit
wilden Feigenbumen umstellt war, deren hngende Wurzeln, wie das
Gitterwerk eines Kfigs, den Ausblick auf die fast ganz im Grn verborgenen
Htten anfnglich verdeckten. Das Schlo lag am Ende des Dorfs in einem
Hain von wilden Zitronenbumen und Arekapalmen, es war zweistckig und wei
getncht, von einem hohen Kakteenzaun umgeben, zwischen dem Termitenbauten
natrliche Befestigungstrmchen bildeten. Die mit Bambusgitterwerk
verhangenen Fenster schwiegen geheimnisvoll in dem abendlichen
Sonnenschein, der schrg durch die Palmen drang, nur zuweilen klirrten die
blanken Stbchen leise, als rhrte sich hinter ihnen die Hand einer
Neugierigen.

Ich habe nur den Hof des Hauses betreten drfen und htte nach dieser
kurzen Begrung den Knig wahrscheinlich nicht mehr zu Gesicht bekommen,
wenn nicht ein aufregender Vorfall mein Interesse aufs hchste gespannt und
meine zur Stunde nicht sonderlich auf uere Abenteuer gestimmte Seele in
ein gefahrvolles Ereignis verwickelt htte.

                  *       *       *       *       *

Als der rasche Abend niedersank und wir vor unserem Zelt unsere Mahlzeit
beendet hatten, vernahm ich aus dem Dunkel des Gartens einen klagenden
Sington von merkwrdig einschmeichelnder und zugleich wehmtiger
Verlorenheit. So singen zuweilen im Einsamen beschftigte Menschen vor sich
hin, die sich fr unbeobachtet und unbelauscht halten. Es waren
langgezogene, wie mit dem schweren Atem hervorgehauchte Tne, nur wenig
voneinander unterschieden und tierhaft traurig. Sie wiederholten sich immer
wieder und bemchtigten sich meiner auf eine geradezu dmonisch zwingende
Art, so da ich mich getrieben sah, ihnen wider meinen Willen nachzugehen.
Panja lie mich auf diesem Streifzug durch den nchtlichen Garten nicht
allein. Die Sterne schienen hell, und die riesigen Bltter der
Bananenstauden zur Rechten und zur Linken der schmalen Wege erhoben sich
wie gestrzte und sinkende Sulen eines heidnischen Bollwerks gegen die
Macht bser Gtter, oder sie hingen zerrissen im Sternenschein nieder, wie
die Hute zerfetzter Ungeheuer.

Der Knig gibt uns Boote, sagte Panja leise, aber er erwartet eine
Bezahlung, die seiner Wrde entspricht. Er hat auch Ruderer ausgewhlt,
sogar Bananen, Papaya und Gewrze fr den Reis.

Ich nickte schweigend, wir sprachen nicht ber die Tne, die uns lockten.
Vielleicht setzte Panja voraus, da ich wute, um was es sich handelte,
vielleicht hielt ihn eine hnliche Scheu von seinen Mitteilungen ab wie
mich vom Fragen.

Dicht am Kakteenzaun des Gartens erhob sich nach einer Weile schwarz und
mchtig die hlzerne Pagode eines Tempels, wir sahen in den Hof hinber,
was vom kniglichen Garten aus mglich war, und erblickten die heilige
Ziege zwischen den braunen Pfhlen des Vorplatzes zum Heiligsten. Es rhrte
sich nichts an der geweihten Sttte, nur ein schwacher, rtlicher
Lichtschein glomm hinter dem niedrigen dunkeln Trrahmen, als wre ein
Vorhang aus zartroter Seide vor dem geheimnisvollen Raum ausgespannt.

Als unsere Schritte sich einem Bambusdickicht nherten, hinter dessen leise
sirrendem Gefieder der Umri eines niedrigen Gebudes sichtbar wurde,
verstummte der trbe Singsang, hnlich wie der Grillengesang im hohen Gras
erlischt, wenn ein nchtlicher Spher herantritt. Wir drangen in die hohen
Stauden ein, auf einem schmalen, kaum sichtbaren Pfad, ber uns hingen die
Sterne im dnnen Bambusbltterwerk, wie stechende, kleine Ampeln. Hinter
einer vergitterten Tr, im Schwarzen, erklang ein schwaches Sthnen, dicht
an den hlzernen Stben.

Wir mssen Licht haben, sagte ich leise zu Panja.

Dies wre nur durch eine Fackel mglich gewesen, und ihr Schein htte uns
verraten. Wir wren unserem kniglichen Gastgeber wohl kaum als sonderlich
hflich erschienen, wenn er uns darber ertappt htte, wie wir sein
husliches Bereich nchtlicherweile durchforschten.

Wenn wir warten, so werden wir sehen lernen, meinte Panja. Die Sterne
schienen sehr hell, ich hrte mein Herz klopfen und stand unentschlossen.

Ist es ein Tier? fragte ich Panja.

Er sah mich berrascht an, als htte er mich fr unterrichtet gehalten und
wundere sich nun ber meine Frage.

Ein Tier? Es ist ein Weib, das klagt, sagte er. Vielleicht hat die Liebe
sie verwundet, vielleicht erleidet sie eine Strafe.

Ein trber Dunst, der den Atem benahm, schlug mir entgegen, als ich nun
nahe an das Holzgitter herantrat. Meine Furcht war jenem gedankenlosen Mut
der Emprung gewichen, der mit Panjas Worten in mir erwachen mute. Ich
hielt mich seitlich, um den schwachen Lichtschein auf die dunkle ffnung
fallen zu lassen. Das niedrige Huschen war gemauert und glich einem
vernachlssigten Stall.

Wer ist dort? fragte ich auf kanaresisch. Panja stand dicht hinter mir.
Da sah ich nach einer kurzen Weile bedrngten Wartens ein schmales
Menschengesicht, merkwrdig farblos und von kranker Blsse, zwischen zwei
Stben des Gitters erscheinen. Rechts und links von dem schwarzen Haar, das
gelst niedersank, erblickte ich die erschreckend mageren Finger der Hnde,
die in der Hhe der Augen je einen Stab umklammerten. Diese Erscheinung war
im nchtlichen Licht so grauenhaft in ihrer Verdammnis, als tauchte das
Gesicht einer lngst Verstorbenen aus der Gruft empor. Die groen dunklen
Augen saugten die Nacht auf und gaben sie in lhmender Stille zurck. Mir
war, als erlsche mein Herz, und ich taumelte und ergriff Panjas Arm.

Komm, Sahib, sagte er, wenn sie krank ist, so schleicht die Seuche in
deine Glieder.

Ist sie krank?

Ich wei es nicht, sagte er zgernd.

Du weit es doch, schrie ich, die Zhne aufeinander gepret.

Panja erschrak.

Ich wei nur, Herr, da untreue Frauen in diesem Lande auf solche Art
bestraft werden, aber es ist mglich, da sie erkrankt ist.

Mich verlie der Rest meiner natrlichen Besinnung, ich packte einen der
Holzstbe des Gitters mit beiden Fusten, stemmte den Fu gegen die
Bodenmauer und setzte jenen groen Aufwand entfesselter Kraft ein, den die
hchste Emprung uns verleihen kann, aber meine Bemhung war vergebens, da
die Stbe aus Bambus waren.

Panja zog mich zurck. Ich entsinne mich nicht, da er mich jemals vorher
berhrt hat, und mehr diese Khnheit als seine Absicht brachten mich zur
einsichtvolleren Betrachtung der Lage, die zweifellos recht schwierig war,
wenn ich erwog, da ich auf jeden Fall alles einsetzen wollte, dieser
Unglcklichen ihr Geschick zu erleichtern, und mich zum andern die
Angelegenheit durchaus nichts anging. Der Knig wrde mir einen
eigenmchtigen Eingriff in seine Rechte niemals verzeihen, und wenn seine
Machtbefugnisse auch keinesfalls so gro waren, wie er whnte und vorgab,
so hatte ich andererseits nicht den Rckhalt, den er bei mir vermutete. Die
Englnder pflegen die Gebruche und die persnlichen Gewohnheiten der
vornehmen Hindus, wie auch die der Brahminen auf das zurckhaltendste zu
respektieren, weil sie erkannt haben, da sie durch die Unterschiede der
Sitten, welche die einzelnen Kasten auszeichnen, das Land um so leichter
beherrschen. So gering ihre Zahl im Vergleich zu den Eingeborenen ist, so
gro ist sie als eine einzige geschlossene Gesellschaft, selbst der
mchtigsten Kaste gegenber.

So mute ich wohl bedenken, da ich keinen Schutz bei einer Regierung
finden wrde, deren Verwaltungstendenz einen Eingriff, wie den von mir
geplanten, verurteilte, am wenigsten vielleicht als Deutscher. Gerade
damals war England noch nicht ber Deutschlands Krfte und Rechte
unterrichtet, und man hielt in London das erste energische Vorgehen der
Deutschen in berseeischen Lndern nur fr anmaend.

Trotzdem stand mein Entschlu fest, meinen Wunsch zur Geltung zu bringen,
und ich nahm mir vor, Panja in der Morgenfrhe zum Knig zu senden und ihn
um eine besondere Unterredung zu bitten. Es ist seltsam, wieviel leichter
wir grausame oder ungerechte Handlungen begehen, als bei anderen dulden
knnen. Der Gedanke an das Elend dieser eingekerkerten Frau berschttete
mich in einer schlaflosen Nacht in der Schwle unter dem Moskitovorhang mit
einem heien Schauer der Emprung nach dem andern. Im kurzen Eindmmern
eines qualvollen Halbschlafs erschien das wchserne braune Frauengesicht
vor mir in glhendem Nebel, und die klagenden Singtne ihrer ersterbenden
Stimme fllten die von Unheil und nahenden Ungewittern schwangere
Nachtluft.

                  *       *       *       *       *

Ich erhob mich mit dem ersten Morgengrauen in einem ins Schmerzhafte
gesteigerten Verlangen danach, endlich das Meer, die Weite, den Widerschein
der Befreitheit zu erblicken. Mir war, als htten die grnen Wnde meine
Augen, ja alle Sinne abgestumpft und bis zur uersten Gereiztheit
eingezwngt, ich fhlte mich schuldig und am Ersticken. In diesem Zustand
mag der Eigensinn eines Gedankens um so ausschweifender und zher Gewalt
gewinnen, es war zweifellos eine gesteigerte Wut, in der ich bald darauf
dem Knig gegenbertrat. Es kam mir wenig auf die Folgen meiner
Handlungsweise an, und dieser Verfassung mag ich mehr an Erfolg verdankt
haben, als ich vielleicht einem berlegten Vorgehen zu danken gehabt htte.

Du hltst ein Weib in deinem Garten gefangen, sagte ich barsch. Es ist
eines mchtigen Frsten unwrdig, so gegen ein hilfloses Wesen vorzugehen.
Ich verlange, da du ihr sogleich ihre Freiheit zurckgibst. Mehr nicht,
aber das. Tu es gleich!

Nach einem betroffenen Aufblick kam eine groe Geschmeidigkeit in das Wesen
des Hindufrsten, eigensinnig und zugleich unterwrfig und von einer
Ausdauer im Umstndlichen, die auch den grten Langmut ermdet htte.
Panja war sehr ernst und bersetzte jedes Wort aufs genaueste, ich fhlte,
da er nicht wagte, in dieser Situation eine Verantwortlichkeit zu
bernehmen.

Ich sehe, da du mir nicht zu Willen bist, lie ich dem Knig antworten,
so erinnere ich dich an das Gesetz der Regierung, das verbietet zu tten
und das den Mord mit Tod bestraft.

Der Knig erblate und seine Lippen zitterten leicht, aber er blieb
freundlich und herbeilassend und versuchte mich zu berzeugen, da es sich
um eine leichte Strafe handelte, die zu verhngen sein gutes Recht sei.
Auch sei mir das Vergehen dieser Frau unbekannt. Er wte von der Strenge
der Englnder, aber zugleich habe er bisher niemals Grund gehabt, an ihrer
Gerechtigkeit zu zweifeln, und er wrde eher glauben, da ein ungerechter
Mann kein Englnder sei, als er einem Englnder eine Ungerechtigkeit
zutraue.

Ich begriff aufs neue die Schlauheit und Zhigkeit dieser Menschen, ihre
Beharrlichkeit und die List, mit der sie ihre kleinsten Zweifel zu Waffen
machen, ohne eine nachweisbare Krnkung damit zu verbinden. Billigerweise
blieb mir kein anderer Ausweg, als nachzugeben, bevor ich nicht die Rechte
zu einer Prfung erbracht, oder die Grnde fr die Bestrafung der
Eingekerkerten angehrt hatte. Aber die kleine Enge, in die ich getrieben
worden war, machte mich nicht vorsichtig, sondern zornig, und so rief ich
bse: Wenn die Englnder ihre Gerechtigkeit von den indischen Knigen
gelernt htten, so sest du hinter jenen Stben, noch ehe ich nach Bombay
zurckgekehrt wre.

Es ist sonst nicht meine Art, Knigen auf so unhfliche Weise zu begegnen,
aber nach dem Anfang, den ich gemacht hatte, blieb mir nur dieser Weg
brig, denn mir ist die Klugheit fremd, die ihre Zelte auf der Walstatt
errichtet, auf welcher ein hochherziger Vorsatz von Furcht berwltigt
worden ist. Ich sah Panja an, da er meine Antwort fr richtig hielt, er
trat vor und sagte ruhig:

Die Beine der Gefangenen sind bis an die Knie hinauf von den Ameisen
zerfressen.

Der Knig gab ihm keine Antwort, er sah vor sich nieder, als ginge ihn dies
alles pltzlich nichts mehr an, und zum erstenmal schlich, ber dieser
neuen Gebrde meines Gegners, eine graue Furcht in mein Herz. Ich fhlte,
da er den Gebrauch von Waffen erwog, denen keine Gesinnung gewachsen ist;
dies war die Stille, in der das Bse, zum uersten getrieben, das Niedrige
beschwrt.

Ich werde die Gefangene freigeben, Sahib Kollektor, sagte er ruhig und
trat zurck.

Dieser Titel war mir gewi nicht aufrichtigen Herzens zugelegt, denn der
englische Kollektor ist der hchste Regierungsbeamte des Bezirks und wrde
sicherlich nicht in meinem Aufzug durch die vergessene Wildnis des
Dschungels von Kanara reisen. Ich wute dies wohl, und nicht nur der
lauernde Blick des Knigs unterrichtete mich ber die Tcke dieses
Angriffs.

Wenn der Kollektor htte kommen wollen, so wre ich nicht selbst
gegangen, sagte ich frech. Es kam mir nun durchaus nicht mehr darauf an,
etwas anderes zu geben, als gute Antworten. Ich forderte die Entgegnung des
Knigs mit ruhigen Augen heraus, und sicherlich hat ihre Farbe ihn mehr
bedrngt als meine Anmaung. Er sah mich nur einmal rasch und voll
unterdrckten Hasses an. Das dunkle Gift der Dschungelnacht blinkte in
seinen mden Samtaugen auf, die Bosheit der Fremde und der ganze Rassenha
eines unterdrckten Volks.

Ich hielt es fr angebracht, mich vorderhand mit diesem Zugestndnis zu
begngen und abzuwarten, welche weitere Wirkung meine Forderung haben
wrde. So verabschiedete ich mich vom Knig, wobei wir uns beide beflissen
zeigten, so gndig als mglich zu erscheinen. Ich lie das Zelt abbrechen
und alles zur Abfahrt vorbereiten, nahm mir aber fest vor, das Boot nicht
eher zu betreten, als bis ich das Resultat meiner Bemhung gesehen hatte.
Es blieb mir kaum recht Zeit zu berlegen, ob ein Erfolg oder ein Mierfolg
grere Schwierigkeiten fr mich mit sich bringen wrde, denn noch ehe die
letzten Eisenkoffer geschlossen waren, brachten zwei Diener des Knigs
seine Gefangene zu uns. Die junge Frau war in ein weies Tuch gehllt und
schritt langsam und mhselig dahin, ich sah kaum mehr als ihre Augen, als
sie vor mir stand, und die flackernde Furcht darin machte mich ratlos.

Panja versuchte mit ihr zu sprechen, und nach langer Mhe gelang es ihm,
ihr verstndlich zu machen, da sie uns ihre Befreiung aus ihrer Lage
verdankte, und da es ihr anheimgestellt sei, zu gehen, wohin es ihr
beliebte.

Sie lie sich stumm am Boden nieder, wahrscheinlich aus Erschpfung, und
schlo immer wieder fr lange ihre Augen, die des Lichts entwhnt waren.
Kein Zeichen von Dank oder Freude belohnte uns, bis sie endlich, nachdem
ich mich zurckgezogen hatte, Panja fragte, ob sie den fremden Sahib
begleiten msse.

Panja will ihr gesagt haben, da wir nichts von ihr forderten oder
erwarteten, er hat ihr die Freiheit so verlockend geschildert, als sie ihm
nur immer erschienen sein mag. Nach einer kleinen Weile kam er zu mir und
sagte ohne Triumph oder Parteinahme, aber ehrlich bestrzt:

Sahib, die junge Frau bittet dich, sie zurckkehren zu lassen.

In ihr Gefngnis?

Ja, Herr. Sie hat die Hnde auf ihr Herz gelegt und den Namen des Knigs
genannt.--

Eine Stunde darauf stieen unsere Boote vom Landungsplatz des Dorfes
Schamaji aus in die lauen Strudel des Kumardary, der uns trge und still
nach Westen trug, auf das Meer zu. Der Liebe lassen sich keine
Liebesdienste erweisen, sie ist in ihrem Fortgang selbstndiger und
beharrlicher als jedes andere menschliche Gefhl, und ihre Sicherheit ist
hheren Ursprungs als die Vernunft.




Elftes Kapitel

Mangalore


Die merkwrdige Tatsache unseres irdischen Daseins ist mir immer in den
Augenblicken des Erwachens am wunderbarsten erschienen. Wenn sich unsere
Sinne, unter dem Glanz der Morgensonne oder durch das Lied eines Vogels im
Licht erweckt, aufs neue zum Bewutsein zusammenfinden, so bricht ber das
Herz bisweilen wie ein Schauer von Glck und Erstaunen die Gewiheit
herein, am Leben zu sein, noch nach Unzhligen, die versunken sind, und
nach Ungezhlten, die kommen werden, auf der beschienenen Oberflche der
Erde ein lebendiger Mensch zu sein. Ich wurde mir dieses freudigen
Erstaunens in keiner Stunde strker bewut, als an jenem Morgen, an dem ich
im Boot auf dem Flu erwachte. Am Abend vorher hatten wir einen toten Arm
des versandeten Stroms gefunden, in dem das Wasser, still wie in einem See,
unter einer grnen Decke wunderlicher Sumpfpflanzen lag, und da keine
Mglichkeit bestand, die Boote durch den Morast der Ufer an festes Land zu
ziehen, hatte Panja geraten, auf dem Wasser zu bernachten. Es war mir
gegen Morgen entgangen, da das Boot, in welchem ich schlief, wieder in die
Strmung gestoen wurde, und so erwachte ich erst, als schon die Sonne
schien, und der leise Gesang des Wassers traf meine leicht bestrzten
Sinne. Ich erinnerte mich nur langsam der Lage, und sogar meine Lebenszeit
hatte sich mir fr Augenblicke verwischt. In einem von aller Zeitrechnung
befreiten Aufstieg meines Bewutseins wurde mir nur eines zur Gewiheit:
Die Sonne scheint auf die Erde, in den Bumen rufen lebendige Geschpfe und
du selbst lebst.

Solche Augenblicke erscheinen uns oft in spterem Gedenken daran sehr
bedeutungsvoll, da sie mit dem Abstand wachsen, und weil die Erinnerung
die Geschehnisse nicht nach ihrer Dauer und ihrem Wert zu bewahren pflegt,
sondern nach dem Mae ihrer Eindringlichkeit. Und ob ein Erlebnis uns im
Gedchtnis zurckbleibt, hngt wenig von seiner erkennbaren Bedeutung ab.
Vielmehr sind es zumeist so unscheinbare, ja oft geradezu kleinliche
Begebenheiten, welche unsere Erinnerung unauslschbar bewahrt, da wir ihr
nur ein Lcheln gnnen, ohne zu begreifen, da ihre Krfte ein eigenes
sittliches Reich darstellen, dessen mystische Eigenart unserem Willen in
keiner Weise untergeordnet ist. Wenn Gottes Augen, welche ohne Aufhr die
Regionen seiner Schpfung durchschweifen, unser Dasein treffen, so bleibt
der Augenblick in unserer Erinnerung fr immer haften, sagte einmal ein
buddhistischer Mnch aus Kaschmir zu mir, der Malabar auf der Suche nach
einem heiligen Baum mit grauen Blten durchwanderte. So werden die
Lebensstunden, welche wir fr gro gehalten haben, oft abhngige Kindlein
kleiner Einzelflle, an die sie sich lehnen mssen, um nicht im Dunkel zu
versinken.--

Ich richtete mich im Boot auf und sah die Ufer gleiten, sie waren so dicht
umwachsen, da es erschien, als wren wir zwischen zerbrckelten grnen
Mauern auf stiller, eiliger Flucht, zwischen Wnden, die bald
auseinanderwichen, bald aufeinander zurckten. Das unsterbliche
Himmelsblau, unwirklich in seiner funkelnden Farbstille, spannte sich
darber aus, und bisweilen schossen die blendenden Strahlen der Morgensonne
in meine Augen und schlossen sie.

Der zurckliegende Tag war voller Beschwerden gewesen, und wir hatten
Uppanangadi nur mit Mhe erreicht, ohne die Stadt angeschaut und ohne
lnger Rast gemacht zu haben, als es aus Rcksicht gegen die Ruderer
notwendig war. Ihre Ttigkeit bestand zu Anfang unserer Fahrt mehr im
Steuern als im Rudern, sie taten es stehend, und indem sie, je nach der
Richtung, die eingehalten werden mute, ihr Ruder zur Rechten oder Linken
des Kanus ins Wasser tauchten. Dies geschah mit groem Geschick und
unterhielt mich lange. Es war hufig vorgekommen, whrend wir noch auf dem
Kumardary schwammen, da die Boote sich auf Sandbnken festfuhren, wir
muten dann ins Wasser und sie mit vereinten Krften wieder flott machen.
Bisweilen kreisten wir sanft, aber recht ausdauernd, in tiefen Kesseln oder
glitten niedrige Flle nieder, eine Beschftigung, an die sich meine Sinne
gewhnen muten, weil die Vorstellung etwas durchaus Erschreckendes hatte,
dort zu kentern und vom trben Wasser an die sumpfigen Ufer getrieben zu
werden, oder in Stromschnellen und tiefen Wirbeln mit den Alligatoren in
nahe Berhrung zu kommen.

Nachts war es am schnsten. Zwar fuhren wir nachts nur die Stromstrecke vor
der Stadt Uppanangadi bis an die hlzernen Landungsstege des Orts, aber die
wandernden Fackeln im Dunkel der Ufer, die wie riesige Leuchtkfer
aussahen, erregten die Phantasie geheimnisvoll und unterrichteten uns
darber, da wir uns bewohnteren Gegenden nherten.

Je weiter wir nun den Netrawati hinabtrieben, um so gemchlicher zog die
Flut, und die Arbeit der Ruderer setzte ein. Bei Krmmungen des Stroms
verloren wir oft das zweite Boot fr lange aus den Augen, aber es lag kein
Grund zur Besorgnis vor, denn Pascha, der unser Gepck im andern Kanu
bewachte, geno jenen Respekt bei den Leuten, der schweigsamen Menschen
leicht zufllt, die, ohne unhflich zu erscheinen, niemals ein Lcheln und
selten eine Frage erwidern. Meine Trger waren in Schamaji von Panja
entlassen worden, ich langte nach dreitgiger Fahrt, in Begleitung von
Panja und Pascha, in Mangalore an, die Kanus kehrten im Hafen um, ohne da
die Leute aus Schamaji das Ufer betreten hatten. Sie leben in keinem guten
Einvernehmen mit den Kstenvlkern, die sie fr abtrnnig und
fremdenfreundlich halten.

Die letzten Stunden war unser Boot langsam durch trbes, stehendes Wasser
gerudert worden. Die Vegetation nahm immer mehr ab, Reisfelder wechselten
mit sumpfigen Einden, auf denen bse, stille Lachen spiegelten, von
schweren Dnsten umlagert und von Menschen und Tieren verlassen. Dort
schlief die Pest ihren Sommerschlaf, um mit den ersten Regen wieder zu
erwachen. Es war so drckend hei, da das Atmen zur qualvollen Mhe wurde,
die Ruderer arbeiteten zuletzt wie in einer dumpfen Betubung, und die
Stimmen des trben Wassers erloschen oft ganz. Der Flu teilte sich in
vielerlei breite und schmale Kanle, aus den Palmen am Ufer ragte der rote
Schornstein der deutschen Ziegelei.

Wir durchfuhren die ganze Stadt bis zum Meerhafen, der am Ort unserer
Ankunft kahl und de, durch eine Sandbank gegen das Meer geschtzt, lag,
und die Dnste der See, ohne Leben und Frische, enttuschten mich bitter.
Von der Stadt hatten wir so gut wie nichts gesehen, sie liegt ganz im
Palmengrn auf drei sanften Hgeln. Nun aber erblickte ich die Huser des
Hafens, schlechte zerfressene Steinbauten, unfreundlich und verlottert, in
jener ganzen Roheit und erbrmlichen Charakterlosigkeit, wie man sie oft in
orientalischen Hfen findet, deren Tradition lngst zerstrt und deren neue
Gewohnheiten und Einrichtungen dem Geist einer flachen und ruberischen
Geschftigkeit dienen. Ein paar alte, groe Segelboote mit hohem Bug und
breitem Deck lagen kreuz und quer, bald halb im Wasser, bald eingesunken in
schmutzigen Sand. Es war fast menschenleer, nur auf einer kleinen
Dampfschaluppe kauerte ein Hindu im Schatten und rauchte. Er sphte
neugierig nach uns aus; als ich mich im Boot erhob, sprang er empor, rief
gellend und berlaut ein paar Worte ber den Damm gegen die trben Fenster
eines bemalten Hauses. Sein kleines Schiffchen vermittelt den
Personenverkehr zwischen der Kste und den Hochseedampfern, die einige
Kilometer vom Land entfernt Anker werfen, um fr zwei oder drei Stunden auf
Passagiere zu warten. Der Hafen von Mangalore selbst ist fr den Verkehr
grerer Dampfschiffe nicht geeignet.

                  *       *       *       *       *

Die ersten Eindrcke, die ich von Mangalore empfing, boten sich mir um so
abstoender dar, als ich nach der Lebensweise der zurckliegenden Zeit
alles mit der grozgigen Einfachheit der unberhrten Natur zu vergleichen
gentigt war. Es kam hinzu, da die Stadt in einem dumpfen Schlaf der
Erwartung lag und mir berall Trgheit, Verfall und Teilnahmlosigkeit
begegneten. Der vernachlssigte Hindugasthof, in dem ich meine ersten Tage
zuzubringen gentigt war, ermutigte meine Unternehmungslust in keiner
Weise, und das qualvolle Harren auf die ersten Gewitter nahm allen und
endlich auch mir den Rest wohlbestellter Daseinsfreude. Als Mangalore nach
wenig Monaten im Glanz der Frhlingssonne seine bunte Auferstehung feierte,
glaubte ich die Stadt nicht wiederzuerkennen. Die Unterschiede zwischen
unserem deutschen Sommer und Winter sind in ihrer Einwirkung auf das
Befinden und die Lebensgewohnheiten der Menschen bei weitem nicht so
bedeutungsvoll, wie der Wechsel der Jahreszeiten in den Tropen. Die Meinung
von dem Gleichma und der steten Sommerlichkeit der Witterung in diesen
Zonen, entstammt der mangelhaften Kenntnis oberflchlicher Passanten oder
einer falschen Vorstellung; wer das tropische Jahr von Beginn bis zu Ende
in der Nhe des quators durchlebt hat und die Menschen in Leid und Freude
seines Wechsels beobachtet hat, wird dagegen die Unterschiede unserer
Jahreszeiten in den gemigten Zonen als unerheblich empfinden.

Spter lernte ich vieles in Mangalore verstehen, das ich anfangs mit
Geringschtzung bergangen hatte, manches lieben, das mir zuerst fremd und
abstoend entgegentrat, und ich schied mit der Gewiheit aus der Stadt, da
kein bewohnter Ort der Welt an paradiesischer Schnheit und Versunkenheit
sich mit Mangalore zu messen vermchte. Wir erlangen in unseren kurzen
Lebenstagen niemals das Ma von Erfahrung fremden Erscheinungen gegenber,
das uns ermglichte nach dem ersten Eindruck gerecht auf den allgemeinen
Wert zu schlieen.

                  *       *       *       *       *

In einem unbeschreiblichen Zustand von Gereiztheit entschlo ich mich am
dritten Tage meines Aufenthaltes kurzer Hand den englischen Kollektor
aufzusuchen, um endlich Gewiheit ber die Mglichkeit eines lngeren
Aufenthalts, ber die Wohnungsverhltnisse und die Lebensbedingungen zu
erhalten.

Die Leute drckten sich berall in einer mir vllig unverstndlichen Angst
um offene Antworten herum, bald frchteten sie, es mit der Regierung zu
verderben, bald mit den Priestern, selbst meine Opfer an Geld machten mir
nur den Pbel gefgig.

Das Bungalow des Beamten lag herrlich auf einem beschatteten Hgel und
erinnerte mich an einen alten Herrensitz. Der Garten war aufs beste
gepflegt, die Amtsrume sauber, khl und gro. Im Vorzimmer sa ein
Mischling in weier, halbeuropischer Kleidung an einem groen Schreibtisch
und stellte sich ungemein beschftigt. Ich war zu Anfang so bescheiden, als
meine Nerven irgend zulieen, aber die gedankenlose Einbildung dieses
Sklaven auf seine Beziehungen zu einer Kultur, die er nicht verstand,
brachte mich auf. Ich htte mich sicher beherrscht, wenn Panja nicht an
meiner Seite gewesen wre.

Stehn Sie auf, wenn ich rede, sagte ich.

Mein Blut kochte. Es bedarf in der Tat nur eines sehr geringen Grades von
Erregtheit, um in dieser Zeit das ohnehin vor dem Sieden stehende Blut zum
berschumen zu bringen.

Der Schreiber erhob sich trge, als htte er Blei in den Knien, aber sein
frecher, erstaunter Blick entzndete mir Feuer in den Hnden, und noch ehe
er ganz auf seinen drren, braunen Beinen stand, schallte eine Ohrfeige
durch den wrdigen Raum, die ich wie einen kalten Wassergu geno. Ihn mag
sie anders berhrt haben. Er drehte sich einmal um sich selbst, sein
Strohsessel machte es ihm in bureaukratischer Ergebenheit dienstbeflissen
nach, und, auf der verschonten Wange erbleichend, rang er vergeblich nach
Fassung. Die dunklere Linie seiner Abstammung besann sich auf die Gasse.

Ich wnsche den Kollektor zu sprechen, sagte ich freundlich. Es ging mir
um vieles besser, aber ich bin lange Zeit nicht fhig gewesen mir die
Rauheit dieser Handlung voll erklren zu knnen. Sicherlich hing diese
bedachtlose Aufwallung und mein Mangel an Beherrschung mit der Verwhntheit
zusammen, in der ich fast ein halbes Jahr lang nur unter Menschen
zugebracht hatte, bei denen selbst auch nur ein Gedanke an
Gleichberechtigtheit niemals aufgekommen war, so da mir der erkennbare
Widerstand dieses Menschen weit mehr als berhebung erscheinen mute, als
er es in der Tat gewesen sein mag.

Der in zweierlei Hinsicht arg betroffene Mann begann den Kampf um seine
beleidigte Beamtenehre erst, nachdem er einen Abstand von etwa vier Metern
und einen Tisch aus gebeiztem Hartholz zwischen sich und mich gebracht
hatte. Alles an ihm war Emprung, sogar sein geltes Haar, von dessen
glnzender Frisur das graue Leinenkppchen sich entfernt hatte, schien mir
vor Entrstung zu funkeln.

Ich nahm fr alle Flle ein schwarzes Kstchen aus Ebenholz vom Tisch, in
dem Stahlfedern, ein Radiergummi und Kupferannas mit dem Anstand geordnet
waren, mit dem eine Prinzessin Juwelen verwahrt. Dabei war ich entschlossen
das erste unehrerbietige Wort dadurch zu erwidern, da ich dies Kstchen
als Wurfgescho verwandte. Ich habe einmal davon gehrt, da Bauern, deren
Felder unter anhaltender Hitze in Gefahr sind zu verdorren, den Regen durch
Kanonenschsse herbeizulocken suchen. Eine ganz hnliche Hoffnung mu mich
damals bewegt haben, und ein verwandter Glaube. Aber es kam zu keinem Wort
und keinem Gewaltakt mehr zwischen mir und meinem Widersacher, weil die Tr
sich ffnete und mit khlen Augen und wohlrasiertem Antlitz der englische
Beamte im Rahmen erschien und seinen Blick gelassen bald von mir zu seinem
Sklaven und bald wieder zurck wandern lie.

Der Abstand, in dem wir uns voneinander befanden, der Tisch zwischen uns,
die an die Wange gelegte Hand des Schreibers und meine streitschtige
Haltung mgen den Beherrscher Sd-Kanaras genugsam darber unterrichtet
haben, was etwa vor sich gegangen sein mochte. Die im Tropendienst und an
ausgesetzten Posten bewhrten, gebildeten Englnder haben eine
bewunderungswerte Besonnenheit in allen ungewhnlichen Lagen und verstehen
es ausgezeichnet, die Dinge zunchst einmal so zu nehmen, wie sie sind,
ohne vorschnell kundzutun, wie sie nach ihrer Meinung sein sollten. Das
zeugt mindestens von groem Selbstbewutsein. Und so wandte der Beamte sich
mir ruhig zu und fragte hflich, ob er in der Lage sei, durch seine
Einmischung diese Situation harmonischer zu gestalten. Dabei wies er ohne
weitere Frage auf die geffnete Tr zu seinem Zimmer und ich trat ein, ohne
ein Wort der Beschwerde, denn ich merkte, da dies in Gegenwart eines
Untergebenen nicht erwnscht sei. Ich sah mich gleich darauf in einem
bequemen Korbsessel einem Manne von etwa fnfzig Jahren gegenber, dessen
starke, wohlbestellte Gestalt, dessen kluges und zugleich wohlwollendes
Gesicht mir das unbedingteste Vertrauen einflten, und da ich etwa dreiig
Jahre jnger war als er, wurde es mir leicht, ihn zu bitten, die
ungewhnliche Art meiner Einfhrung nicht als Miachtung gegen die
englische Regierung oder gegen seine Person anzusehen. Als ich ihm meinen
Namen nannte, sagte er mir khl den seinen und fragte mich, ob ich
Englnder sei.

Wie wichtig den Vertretern dieser Nation diese an sich so unschuldige
Tatsache erscheint! Auf meine Antwort hin glitt ein kleiner Schatten von
Unwillen ber seine Stirn und er fragte mich, ob ich der deutschen Mission
in Mangalore zugehrte.

Schlieen Sie das aus der Behandlung, die ich Ihrem Schreiber angedeihen
lie? fragte ich.

Er lchelte und schttelte den Kopf, schien aber ohne weitere Erklrung aus
der Art meiner Antwort zu ersehen, da ich seine Frage damit verneinte, und
dann wartete er. Als ich sprach, musterte er mich unauffllig, und ohne da
sich auch nur ein Schatten von Kritik in seinen Zgen zeigte. Nach seinem
Ausdruck zu schlieen, htte ich selbst und meine Erzhlung ihm ebensogut
unausstehlich wie angenehm, oder vllig gleichgltig sein knnen. Bei einer
Pause, die ich machte, setzte er eine kleine Tischglocke in Bewegung und
gab einem eintretenden Diener einen Befehl, und gleich darauf pflanzte ein
stilles, braunes Wesen ein Tablett zwischen uns auf, das Whisky, Sodawasser
und-- Eis trug.

Mein Herz schlug in Empfindungen, wie sie nicht zrtlicher fr einen Vater
htten sein knnen, und dies Gefhl wurde noch durch die einfache Warnung
des Kollektors erhht, als er mich bat, mit dem Trinken vorsichtig zu
sein, da ich wahrscheinlich in Schamaji kein Eis vorgefunden htte. Die
Geschichte mit dem Knig hatte ihm gefallen, nach einer Weile meinte er:

Als ich vor Jahren meinen ersten tropischen Sommer erlebte, wurde ich
nahezu ein Mrder, im zweiten ein Verzweifelter und erst im dritten begann
ich wieder einem Englnder zu hneln. Sie brauchen sich deshalb nicht
besorgt zu zeigen, wenn Ihre Besinnung sie fr Augenblicke verlassen hat,
die Geduld verliert man in Indien zuerst, dann gewhnlich den Verstand. Nur
wenige finden beides wieder, aber diese pflegen sie dann auch zu brauchen.

Ich erfuhr damals, was ich in meiner Angelegenheit wissen wollte, und
brauchte dabei nur wenig zu fragen.

Im Amtszimmer des Kollektors fiel auch in spteren Tagen zuerst der Name
Mangesche Raos, des Brahminen. Bei diesem Klang und beim Anhren der kurz
und ohne tieferes Verstndnis vorgetragenen Lebensgeschichte dieses Mannes,
empfand ich deutlich eine Beziehung, die weit ber Neugierde oder Interesse
hinausging. Der Beamte erzhlte mir nach und nach folgendes, anknpfend an
meine Bitte, mir in Mangalore unter den gebildeten Brahminen eine
Persnlichkeit zu nennen, mit der ich nutzbringenden Umgang pflegen knnte,
und nachdem unsere Beziehung zu einiger Freundschaftlichkeit erprobt war:

Mangesche Rao ist unter den jngeren Brahminen Mangalores, ja Sd-Kanaras,
einer der bekanntesten, und zweifellos auch einer der klgsten. ber seine
Gesinnung kann ich keinen Aufschlu geben, da seine Interessengebiete die
unseren nur politisch berhren, und kaum eine andere Leidenschaft verhllt
den Charakter des Gegners vor dem Gegner mehr, als eben eine solcher Art.
Der Mann hat uns viel zu schaffen gemacht und nur deshalb, weil er das
Verstndnis und die Teilnahme seiner Kastengenossen nicht einmtig
gefunden hat, ist er uns nicht gefhrlich geworden. Da er die Universitt
von Madras besucht hat und so weit akademisch gebildet ist, als die
englischen Hochschulen in Indien es ermglichen, hat er naturgem das
Vertrauen seiner Kaste verloren, dagegen lange das unsere besessen, im
Grunde allerdings niemals mein persnliches. Ich war als Vertreter der
Regierung verpflichtet, ihn so weit zu frdern, als er uns ntzte, wenn er
mir aber, was damals oft geschah, in jenem Sessel gegenbersa, den nun Sie
einnehmen, so bin ich niemals ein Gefhl heimlicher Scheu vor der seltsamen
Undurchdringlichkeit seines Wesens losgeworden. Er erreichte bald einen
fhrenden Posten am hiesigen englischen College, man sah ihn unter den
Jesuiten, in geheimen Versammlungen seiner Stammesgenossen und sogar im
Lager der protestantischen Mission. Ich habe nie in Erfahrung bringen
knnen, ob ihm die Sympathie, die er berall zu erwecken schien, aufrichtig
entgegengebracht, oder ob sie ihm gezeigt worden ist, weil man ihn
frchtete.

Vor einem halben Jahre ist er entlassen worden. Ich habe nicht gewagt,
weiter gegen ihn vorzugehen, weil ich inzwischen erfahren habe, da sein
Einflu gro ist, und wahrscheinlich auch sein Anhang, wenn auch nicht eben
in der Provinz, so doch im ganzen Reich. Wir mssen uns wohl hten, in
diesem Lande die Strafe als Vergeltung oder Rache aufzufassen, vielmehr
drfen wir in solchen Fllen durchaus nur so weit vorgehen, als unsere
Gegner unter ihr machtloser werden. Es hatte sich folgendes ereignet. Ein
Jesuitenpater des hiesigen Klosters lie sich eines Tages bei mir melden,
und brachte mir ein kleines, in Malayalam verfates Schulbchlein, wie sie
hier berall in den Regierungs- und Missionsschulen nach Form und
Aufmachung Verwendung finden. Ich will Ihnen das Buch zeigen.

Er erhob sich und schritt im Nebenraum auf einen eisernen Schrank zu, dem
er nach einigem Suchen unter Akten und Papieren ein graues, heftartiges
Bchlein entnahm und vor mich hinlegte. Es war schmal und an drei Seiten
beschnitten, nchtern und sachlich von Gewand und wies in der
traditionellen Anordnung eines Lehrbuchs einen Titel auf und unten die
Abzeichen der Druckerei der Jesuiten, die fr ihre Propaganda eine
Druckerei mit mehr als zehn verschiedenen Schriftzeichen der
Eingeborenensprachen unterhalten. Der Kollektor bersetzte mir den Titel:
Ein Lehrbuch der vergleichenden Sprachwissenschaft ber den Zusammenhang
der Sdindischen Dialekte mit dem Sanskrit. Bearbeitet von Mangesche Rao,
Lehrer am englischen College zu Mangalore, gedruckt in der Offizin der S.
J. daselbst.

Der Titel und die ersten zehn Seiten des unscheinbaren Heftes wurden in
kurzen Vergleichen seiner Aufschrift gerecht, dann aber folgte eine mit
groem Verstand und agitatorischer Inbrunst verfate Kritik der englischen
Regierung in den Sdprovinzen, die um so aufreizender wirkte, als sie
sachlich war und eingehende Kenntnis verriet, ohne da etwa ein
Landesverrat nachzuweisen war. Ich habe mir diese Abhandlung spter von
Panja im einzelnen bersetzen lassen.

Der Beamte fuhr fort: Der Pater erzhlte mir, da ein Zufall zur
Entdeckung dieses Mibrauchs ihrer Druckerei gefhrt habe, er lehnte die
Verantwortung seines Ordens der Regierung gegenber mit diesem
Eingestndnis ab, und teilte mir mit, da die bestochenen Leute entlassen
seien. Auf meine Bitte, mir seinen Verdacht zu nennen, wen er fr den
Verfasser dieser Broschre hielte, erwiderte er in groer Hflichkeit, da
wohl ein solcher Verdacht bestnde, da es aber nicht zu den Absichten und
Gewohnheiten seines Ordens gehre, ber Verbrechen Meinungen auszutauschen,
die nicht klar zu begrnden seien. Es war augenscheinlich: die Leute hatten
Furcht, Furcht, wie hier alle haben, die nicht dem interesselosen Pbel
angehren. Es ist allzuoft vorgekommen, da die eifrigsten Fhrer einer
Partei an einem Morgen, gekrmmt vom Gift ihrer Gegner, tot in ihren
Husern aufgefunden wurden. So war es an mir, Mut zu zeigen, aber alle
unbedachte Art von Khnheit, die nicht von hchster Vorsicht geleitet ist,
hat hierzulande nur den Wert einer eiteln Knabenposse. Mir wurde, noch ehe
ich eine Verhandlung eingeleitet hatte, sehr unverblmt deutlich gemacht,
da ich im Falle eines unbesonnenen Eingriffs nicht mit einem
leichtsinnigen Verbrecher, sondern mit einer mchtigen Partei des ganzen
indischen Reiches zu kmpfen htte. Das steht mir weder zu, noch garantiert
die Tragweite meiner Stellung mir auch nur geringen Erfolg. Ich gab den
Fall an die Regierung weiter.

Naturgem ging es nicht an, hier nur Vorsicht und sonst nichts erkennen zu
lassen. So lie ich Mangesche Rao zu mir bitten. Diese Begegnung vergesse
ich niemals. Zunchst lie der Brahmine mir sagen, da ihm ein spterer Tag
zu einer Begegnung lieber sei. Ich war betroffen, da ich daraus entweder
auf vllige Unbefangenheit, oder auf einen Fluchtversuch schlieen mute,
und so lie ich ihn berwachen, ohne ihn zu drngen. Ich wei heute, da er
diese berwachung, die er sofort merkte, absichtlich durch sein Zgern
heraufbeschworen hatte, um zu erfahren, ob es sich um etwas Bedeutsames
handelte. So kam er am nchsten Tage, und war auf alles gefat.

Ich gab ihm, mitten in einer gleichgltigen Unterhaltung, unversehens das
Buch.

Er nahm es, warf einen Blick darauf und sagte hflich:

Ich will es prfen, sobald ich Zeit finde.

Es ist von Ihnen, sagte ich.

Ja, antwortete er ruhig, als habe ich alles andere gesagt, es geschieht
bald.

Dies Buch trgt Ihren Namen als Verfasser, fuhr ich fort, und ich
gestehe, innerlich unsicher und aufgebracht.

Mangesche Rao sah mich an, als erwartete er bestimmt, ich wrde fortfahren,
in jener vermeintlichen Sache zu sprechen, die durchaus nichts mit dem
kleinen Heft zu tun hatte, das er gleichgltig zwischen den Fingern drehte.
Endlich folgte er meinen Augen und, scheinbar erst jetzt aufmerksam
geworden, begann er in dem Heft zu blttern und durchaus nicht, wie es
zweifellos jeder andere getan htte, in den harmlosen ersten Seiten,
sondern mitten in dem verrterischen Angriff auf die Regierung.

Er sah einen Augenblick auf, fragte hflich und mit ein wenig gerunzelten
Brauen, Sie erlauben? und las weiter. Nach einer Weile wandte er die
Einbanddecke, betrachtete wieder den Titel, verglich, lchelte befangen und
fuhr fort zu lesen. Der Mann hat es fertig gebracht, eine Viertelstunde
lang unter meinen Augen seinen eigenen Text zu lesen, nicht etwa mit
Anzeichen des Erstaunens oder der Emprung, sondern ohne Anzeichen. Und ich
habe die ganze Verhandlung hindurch sicherlich eher als er den Anschein des
Geprften erweckt. Nun, ich blieb geduldig, mir dessen bewut, da er
innerlich gelassen den Grund meiner Geduld erwog. Als er aber nach einer
guten Weile mit einem amsierten Lcheln aufsah, den Kopf schttelte und
begann, mir einen ganz sonderlich treffenden und zugleich boshaften Absatz
vorzulesen, brauchte ich meine ganze Beherrschung, um dieses Lcheln zu
erwidern. Er legte das Heft nachdenklich hin und meinte besorgt und mit
erhobenen Brauen:

Das ist nicht angenehm fr uns.

Haben Sie einen Verdacht, wer der Verfasser sein knnte?

Mangesche Rao antwortete nicht und ich sah mich gentigt, fortzufahren:

Wie mag Ihr Name auf dies Heft gekommen sein?

Der Brahmine beantwortete meine erste Frage, nachdem er mich zuvor kurz
angesehen hatte, als wollte er zu meiner zweiten sagen: War das nicht ein
wenig plump geforscht?

Ich habe keinen Verdacht. Was mich am meisten berrascht, ist die
Tatsache, da die Jesuiten ihre Befugnisse so gedankenlos in den Dienst
einer Sache stellen, welche der Regierung schadet, die sie schtzt.

Es blieb mir nichts anderes mehr brig, als nun entweder meinen Argwohn
gegen den Brahminen auszusprechen, oder die Unterhaltung abzubrechen, aber
das erste durfte ich nicht ohne Beweis, dem ein Eingriff folgte, und das
zweite wollte ich nicht. So whlte ich noch einmal einen Mittelweg,
obgleich ich die Ergebnislosigkeit meines Vorgehens wute.

Wie mag der Verfasser gerade auf Ihren Namen gekommen sein? fragte ich
mich laut.

Mangesche Rao meinte, da, nach dem flchtigen Eindruck, den er nach der
Lektre empfangen htte, ihn dieser Mibrauch, bei parteiloser Betrachtung
des Bildungsgrades, der aus der Arbeit sprche, wenigstens nicht eben
blostellte, aber dann fgte er ernst hinzu:

Der Gedanke lag nahe. Wurde das Buch schon in Mangalore gedruckt, so
whlte man am besten als Deckung den Namen eines Lehrers vom hiesigen
englischen College. Es wird eher deshalb geschehen sein, weil es galt, die
Jesuiten zu tuschen, als aus Grnden einer anderen Vorsicht.

Man htte auch einen englischen Namen nehmen knnen.

Mangesche Rao betrachtete den Titel, dann erwiderte er mir mit bescheidenem
Kopfneigen:

Das wre nicht klug gewesen, denn jeder in Indien, der lesen kann, wei,
da ein Englnder nur selten etwas von fremden Sprachen versteht. Nun, ich
schluckte auch dies noch und begriff, da ich einen falschen Weg
eingeschlagen hatte. Als das Meisterlichste dieser diplomatischen
Sicherheit meines Gegners erschien mir seine von jedem, auch dem kleinsten
Triumph vllig freie Art der Verabschiedung. Er ging still und ein wenig
beklommen, als wre ihm langsam klar geworden, da diese seltsame
Entdeckung ihm doch unangenehmer werden knnte, als er zu Anfang geglaubt
hatte. Ich hatte damals bereits Beweise in Hnden, die ich weitergab; es
ist ber jeden Zweifel erhaben, da Mangesche Rao der Verfasser dieses
Pamphlets ist, er hat es mir spter, nicht ohne Hohn, auf eine Art
eingestanden, die nur mich, mich aber grndlich berzeugt hat. Die
Regierung verfgte in hflicher Zurckhaltung seinen vorbergehenden
Rcktritt von seinem Posten, mit der Begrndung, da zwar kein Verdacht
gegen ihn vorlge, da jedoch sein Name auf eine Art blogestellt sei, die
diese Verfgung fr kurze Zeit notwendig mache.

So lautete, aus Einzelheiten zusammengesetzt, die ich nach und nach erfuhr,
die Geschichte des Brahminen Mangesche Rao, und meine Erwartungen waren
gespannt, als Wochen darauf der Tag kam, an welchem ich seine Bekanntschaft
machen sollte.

                  *       *       *       *       *

Inzwischen hatten die groen Regen eingesetzt. Es war mir gelungen am Hang
einer bewaldeten Anhhe den Flgel eines schnen Hauses zu mieten, mit
groen Zimmern und einer breiten Veranda, die ganz von Buschwerk umschattet
war, aber einen Ausblick auf eine herrliche Allee von Platanen erffnete,
die auf ein altes Stadttor fhrte.

Die niederbrechenden Wassermengen und die furchtbaren Unwetter, die die
Regenzeit einleiten, verbannten mich lange in meine weien Rume, in denen
ich wie in einer ununterbrochen mihandelten Trommel hauste, zwischen
Wasserwnden, deren matte Silberstrme lau und klatschend vor den Scheiben
niederdonnerten. Nachts flackerte das All in bengalischen Flammenkrnzen,
die Ketten der Blitze knatterten, und oft betubten die Donnerschlge alle
Empfindung, bis zuletzt auch die Furcht in einer dumpfen Ergebenheit
versank, in welcher alle Geschpfe verharrten, wie in den Flammenzeichen
des Jngsten Gerichts, whrend im Umkreis entzndete Huser und Bume
aufleuchteten und erloschen. Es ging wochenlang so fort, ohne abzukhlen,
unter den undurchdringlichen, nahen Wolkenmassen konnten die schwlen
Dnste der monatelang durchglhten Erde nicht aufsteigen. Die Lungen
stieen die von Feuchtigkeit und Wrme bersttigte Luft, wie unter den
trben Scheiben eines berhitzten Treibhauses aus und ein, und langsam
erlosch die letzte Lebenskraft.

Drauen aber begann ein Wachstum von bengstigender Gewalt. Nach sieben
Tagen drang kein Lichtstrahl mehr in meine Rume, und Panja arbeitete mit
der Axt im spritzenden Saft. Die blauen Feuer der Blitze zeichneten
nchtlicherweile ein kohlschwarzes Blttergewebe, wie ein wirres,
flackerndes Gitterwerk, vor die Scheiben meiner Fenster, und es war mir
unbegreiflich, an den ersten stilleren Tagen, die Stadt Mangalore noch an
ihrem Platz zu finden.

Langsam wurde es unter dem andauernden Regen von Tag zu Tag khler. Niemand
beschreibt die Befreitheit und das Glck meiner Sinne, als mich nach langer
Zeit zum ersten Mal die Sonne im Palmengrn weckte. Es ging aufs neue dem
indischen Frhling entgegen, und die von Entzcken und tausend Dften
geschwellte Brust wute ihren Jubel nicht zu bergen.

Mangalore brach auf vor meinen Augen, wie eine wunderbare, fremde Blume,
bunt und ppig, geheimnisvoll-verschwiegen, von giftig-ser Lebensgier.
Ihr Duft brachte Vergessen mit sich, ihr Klang unnennbare Trume von der
Mannigfaltigkeit der Welt, und ihre Farben berauschten die Sinne bis zur
Verzcktheit. ber das hlzerne Gelnder der Veranda brach wie eine grne
Schlange eine Schlingpflanze, ffnete ber Nacht blaue Blumen von der Gre
eines Kinderkpfchens, mit einem gelben, gierigen Auge, das am Tage die
Falter lockte und sich am Abend schlo. Der Jasmin betubte mich bis zum
Taumeln, die schnarrende Klage der Krte mischte sich melancholisch und
liebesselig in die metallische Klarheit des Nachtigallenlieds, und im Mond
blhten die Lotusblumen auf den schwarzen Spiegeln der Brunnen und Smpfe
auf.

Die braunen Menschen in weien Gewndern im Grnen, lautlos auf rtlichen
Wegen dahinschreitend, bewegten sich auf ihrem gesegneten Erdland wie
unnahbare Gestalten eines Mrchens, erdacht, lngst bevor die Wiege unseres
Volks, unter Eichen im fernen Westen, von den ltesten Sagen umklungen
wurde. Und mit allen Wohltaten solcher Schnheit trat, wie ein Jngling aus
einer tauglitzernden Wiese, der Schlaf wieder an mein Lager und mit ihm das
glckliche Bewutsein von Gesundheit, von Kraft und frhlichen
Daseinsrechten.




Zwlftes Kapitel

Von Frauen, Heiligen und Brahminen


So waren die Eindrcke, die ich in den ersten Monaten meines Aufenthalts in
Mangalore erhielt, auerordentlich bunt und mannigfach, und so eifrig ich
nach dem Sinn der Erscheinungen forschte, so verwirrte mich das meiste
eher, als da es mein Verstndnis frderte. Aber wie der glckliche Zustand
frhlichen Wohlbefindens, besonders in der Jugend, eher zu gedankenloser
Hingabe, als zu hingebenden Gedanken fhrt, so lie ich die farbigen Bilder
an meinen Augen vorberziehen, wie ein munterer Wanderer die wechselnde
Landschaft, und wenig von allem sank in mein Herz, bis zu jenem Tage, an
dem Mangesche Rao mein Haus betrat.

Panjas bermut verfhrte mich oft zu frohsinniger Oberflchlichkeit, wir
bummelten am Hafen umher, der sich von Tag zu Tag mehr belebte, lieen uns
zur Jagd auf Sumpfvgel die Fluarme emporrudern, die etwa um das Zehnfache
breiter erschienen, als am Tage unserer Ankunft, wagten hier unser Leben
und dort unser Geld und vergaen miteinander, da es in der Welt noch etwas
anderes gab, als diese grne, blhende Wildnis und diese bunte Stadt.

Vor den Tempeln und der Basarstrae gab es Feste heidnischen
Gtzendienstes, am Hafen Schlgereien zwischen mohammedanischen Hindus und
den Negern, die in groen Seglern von Arabien kamen, um Gewrze
einzutauschen. Es war ergtzlich, dem bald trgen, bald ausschweifenden
Leben des Hafens beizuwohnen, in beschaulicher Tatlosigkeit der englischen
Regierung und dem lieben Gott die Sorge fr das eigene und fremde
Wohlergehen berlassend. Ich schlo Freundschaft mit Negern, Elefanten und
Knigen, von denen allen es in Mangalore ein gut Teil gibt. Der Frhling
spendete uns Rausch, Vergessen und Andacht, der durchsonnte Lebensstrom,
der die ganze Stadt berflutete, ri uns mit sich fort.

Eingehllt in die Geheimnisse der Fremde, wieder erlst durch die
himmlische Klarheit der Sonne und geleitet von der unermdlichen Lebenslust
der Jugend, flossen meine Tage dahin. Meine letzten Bcher wurden ein Raub
der Insekten, meine Gedanken eine Beute der Trume, und selbst meine
Zukunftshoffnungen fielen fr lange dem sanften Rausch so vergnglicher wie
berwltigender Gensse zum Opfer. Ich erwachte unter dem Glitzern der
Sonnenspeere, die durch die Blumen und Palmengefieder in mein Zimmer
sanken, unter dem Duft des Tees, den Panja mir an mein Lager brachte, und
meine erste Erwartung galt der grnlichen feuchten Landzigarre, die, dick
und lang wie ein Treibhausspargel, aus besten Blttern gewickelt worden
war. Der goldene Tag zog herum bei Schmetterlingsjagden oder Kahnfahrten,
am frischen Meer oder im tiefen Schatten des Palmendickichts, zwischen
weisen und nrrischen Menschen oder Tieren, zu Pferd oder zu Fu verbracht,
und immer in jener unnennbaren Erhobenheit, die das Bewutsein eintrgt,
von allen geachtet oder gefrchtet, sicherlich aber fr etwas ganz
Auerordentliches angesehen zu werden. Bis der khle Abend niedersank, mit
dem Gesang der Menschen, dem gespenstig wandernden Licht der groen
Leuchtkfer, den Lauten der liebesseligen Tiere, und ob ich die weien
Nchte im Schein des gewaltigen Monds allein zubrachte oder nicht, werde
ich nicht sagen, denn es gibt zu viele Menschen, die solcherlei Erwgungen
in ernstliche Besorgnis wirft, und man soll niemand Sorge bereiten, am
wenigsten durch die Erinnerung an eigene Freuden.

Auf diesem so ausgedehnten Gebiet mu Panja in ernstliche Bedrngnisse
geraten sein, eines Morgens schttete er mir sein Herz aus. Das hatte
einen ganz besonderen Grund, und der Anla waren zwei lange Schrammen, die
vom Auge ber seine Wange niederliefen, und deren Ursprung sich um so
leichter erraten lie, als er die Nacht ber fort gewesen war.

Als er sah, da ich sein Gesicht musterte, whrend er das Frhstck
bereitete, meinte er bedauernd:

Diese Dornen, Sahib! Man wei nicht, wie man ihnen im Dunkeln entgehen
soll, es ist Zeit, da ich im Garten wieder Platz schaffe. Und wir klagten
eine Weile miteinander ber die Dornen.

Zuweilen sitzen zwei nebeneinander, sagte ich, hnlich wie die
Fingerngel einer Hand.

Panja musterte mich mitrauisch, aber da ich ernst blieb, meinte er
zgernd:

Ja, auch das, es kommt allerlei vor. Aber dann mute er doch ein Lcheln
gewahr geworden sein, denn er sprang rgerlich auf, stampfte mit dem Fu
und rief:

Also weit du es, Sahib! Gut, aber was wird dadurch besser? Ist es schn
von dir, jemand zu verhhnen, der ohnehin Undank geerntet hat?

Ich beruhigte ihn und sprach ihm Trost ein, er war ernstlich erbittert und
weit davon entfernt, auch nur einen Schatten von Schuld an diesem Unheil
bei sich zu suchen. Da wurde er melancholisch, wie gutmtige Leute mit
bsem Gewissen es leicht werden, wenn man ihr Verbrechen auf andere
schiebt.

Kratzen die Frauen deines Landes auch? fragte er, da er mein bewiesenes
Verstndnis aus meinen Erfahrungen ableitete.

Und wie, Panja! Sich und andere.

Spotte nicht, bat er, dies sind ernste Dinge, und wenn ich auf den
Schlaf warte, so mu ich viel darber nachdenken. Und er blinzelte in die
Morgensonne, die grnes Feuer im Palmengitter entzndete, und spiegelte
sich dann gedankenvoll in einer runden Kupferkanne, die ihm sein Bild
hnlich zurckgegeben haben mag, wie die Welt seiner Gedanken in seinem
Kopf aussah.

Warum heiratest du nicht? fragte ich ihn. Es war einen Augenblick still.
Das Geschrei der Handelsleute und Ausrufer von der Basarstrae klang zu uns
herber, und die Zweige im Gebsch schaukelten unter dem Morgenspaziergang
irgendeines greren Tiers.

Vielleicht ein Affe, meinte Panja. Man sah, er dachte an etwas anderes.
Gut, brach er pltzlich eifrig los, ich heirate, aber was dann? Es ist
nicht verlockend, zu wissen, was einen auf dem Nachtlager erwartet, solange
man jung ist. Zur Liebe gehren die Neugierde und die Gefahr, die erlaubte
Liebe ist wie ein gefangener Vogel.

Ich beschlo, ein wenig ernster zu werden, und sagte deshalb leichthin:

Wenn es nur das gbe, was du jetzt Liebe nennst, Panja, so httest du
recht, aber es kann vorkommen, da das Herz sich berall wie ein gefangener
Vogel vorkommt, nur nicht dort, wo eine bestimmte Frau wartet.

Panja dachte nach. Es kommt vor, Sahib, aber es geht vorber.

Vielleicht kommt dafr etwas anderes?

Was sollte kommen, Sahib?

Vielleicht ein Sohn.

O Gott, sagte Panja betroffen, wer denkt gleich an das Schlimmste!? Aber
auch, wenn ich mich darber freuen sollte, so kann ich doch nicht an einen
Sohn denken, wenn ich keinen habe.

Ist das Vergessen schner oder die Erinnerung, Panja? Sieh um dich in der
Natur, wohin du willst, und unter den Menschen, immer geht die Liebe mit
der Erinnerung und das Laster mit dem Vergessen. Ist nicht ein Kind die
schnste Erinnerung an die Liebe und der lieblichste Begleiter auf dem Wege
vom Sommer zum Herbst?

Panja rckte an seinem Turban und kratzte sich umstndlich, was immer ein
Beweis war, da etwas ber seine Sinnenwelt hinaus in sein Herz gesunken
war, aber es blieb in der Regel sein einziges Zugestndnis an mich.

Ich bin kein Brahmine, sagte er endlich, warum soll ich also nachdenken?
Du hast nur deshalb schne Gedanken, Sahib, weil du die Frauen nicht
kennst. Wenn du einmal ein Weib genommen hast, so werden die guten Gedanken
ausbleiben.

Ich mute lachen, und Panja triumphierte. Nun war er es, der mich belehrte.

Vielleicht sind die Frauen deines Landes anders, Sahib, aber
wahrscheinlich ist es mit den Frauen wie mit der Palme, berall in der Welt
ist sie dieselbe. Hast du niemals gemerkt, da sie im Grunde alle dumm
sind? Du kannst es daran sehen, da sie sich in gleichem Mae vor einem
Tiger frchten wie vor einer Maus, denn nicht einmal zwischen diesen beiden
Tieren knnen sie den Unterschied herausbringen. So kennen sie auch bei den
Mnnern keine Unterschiede, und als der beste erscheint ihnen immer der,
den sie lieben.

Ist das nicht ein Vorzug?

Aber Panja lie sich nicht ablenken: Sagst du etwas recht Dummes, so
reien sie die Augen auf und strahlen, nur weil es vielleicht auf das
Gleichgltigste der Welt zutrifft; sagst du aber etwas Gescheites, was alle
Klugen bewundern wrden, so vergessen sie es sofort, nur, weil sie es nicht
in ihr Haar stecken knnen. Oh, was kann nicht alles geschehen! Mit der
Zeit wird vielleicht deine Liebe abnehmen, und du kehrst zu vernnftigen
Gedanken zurck, aber dann nimmt die ihre genau in dem Mae zu, wie sie dir
gleichgltig wird. Sie behngt dich mit allem, was sie ausdenkt oder
findet, wie einen wunderttigen Gtzen, bis du anfngst, selbst so
Ungeheuerliches von dir zu glauben, da du ein Gesptt der Mnner wirst.
Wie aber ist es erst, wenn dein Herz an dem ihren hngen bleibt, und dein
Eifer und deine Mhe machen sie klter und klter? Gib du selbst alles, was
du hast, und ohne Rckhalt dich selbst, sofort fngt sie an, nach anderen
Mnnern Ausschau zu halten. Die Seele solcher Frauen ist wie eine Grube,
die kleiner wird, je mehr man hinzutut, und das Elend in deinem Hause nimmt
kein Ende. Ach, du weit nicht, wie es selbst den Braven ergeht! Du hast
einmal gesagt, durch Geben wird niemand arm, aber alles, was einem
herzlosen Weib gegeben wird, ist verloren.

Das ist vielleicht richtig, Panja, unterbrach ich seinen Eifer, aber
nicht alle Frauen sind herzlos.

O Sahib, solange du lieben mut, ist in deinen Augen alles schn, was du
an einer Frau erblickst, entgegnete Panja berzeugt, und das Bse an ihr
entfacht nur den Eifer deiner Gunst.

So fuhr Panja fort, mir noch lange die irdische Misere der Herzen zu
schildern, die lieben, oder die es wollen, ohne es zu knnen, oder mssen,
ohne es zu wollen. Ich antwortete ihm wenig, aber es wurde mir deutlich,
wie viele Mnner unserer Zeit und unseres Landes ber eine hnliche
Betrachtung der Frau niemals hinausgekommen sind. Hatte Panjas Anschauung
auch zweifellos die heitere Beigabe einer kindlichen Auffassung, so lag ihr
doch ein Urteil zugrunde, das mir, im nachdenklichen Sinn bewegt, nur allzu
vertraut war. Wenn ich ihm nur beilufig widersprach, so bedachte ich bei
meiner Zurckhaltung seine Jugend und die Tatsache, da die meisten Mnner
erst durch die Erfahrung belehrt werden, und da niemandes Erlebnisse
grer sind als er selbst. Auch dient eine solche oder hnliche
Betrachtungsart gutmtigen Jnglingen zu einer Vorsicht, die dem Grade
ihrer Widerstandskraft angepat sein mag.

Aber im Grunde ist es nicht gut, in solchen Anschauungen allzu lange ein
Kind zu bleiben, und ich habe die Mnner selten sonderlich ernst zu nehmen
vermocht, die der Frau die selbstndigen Krfte des Gemts nur deshalb
absprachen, weil sie anderer Art als die des Mannes sind; denn nur
Oberflchliche rechnen Verborgenes leichtfertig dem Fehlenden zu. Auch
bleibt es hinreichend lcherlich, Eigenschaften der Frau zu tadeln, die wir
nicht genug loben knnen, solange ihre Wirkung uns selbst zugute kommt. Je
eher das Gemts- und Geistesleben einer Frau im Zusammenhang mit ihren
Eigenschaften einen Charakter darstellt, um so sicherer wird sie auch ohne
uere Erfahrung die Wahl treffen, die ihrem Werte entspricht. Dieser Wert
aber wird sich, nach ihrer Entscheidung, nicht in ihrer Fhigkeit zeigen,
die Mnner gerecht miteinander vergleichen zu knnen, sondern in ihrer
Bestndigkeit.

So ging mancher Morgen in nachdenklicher Plauderei und gedankenlosem Spiel
mit Nichtigkeiten herum, die Sonne begann uns Irdische dieser gesegneten
Zone langsam wieder an Bestndigkeit zu bertreffen, an Treue und Kraft.
Wie es manchen auf der Reise ergehen mag, so verlangte es auch mich, im
berma der sonntglichen Freiheit, nun oft nach der herben Sicherheit
jener hheren Freiheit im Geist, die uns bei ganzer Anspannung unserer
besten Krfte vergnnt ist. Aber dies Klima erlaubt unserem Blut nicht den
Ernst unserer Rasse, nicht den Eigensinn zur Ttigkeit, der ihr
eigentmlich ist, und am wenigsten die Neigung zu bestndiger Arbeit.
Ungezhlte unseres Volkes sind, solange die Geschichte es kennt, den
Verfhrungen der sdlichen Sonne erlegen, fast unvermerkt, unheilbar der
Sigkeit des tatenlosen Genusses verfallen, und erst nach eingebter
Lebenskraft zu jenem Heimweh aufgeschreckt, das im Glanz der weichen Tage
zu einer wollstigen Wehmut herabgesunken war.

Oft, wenn ich am Meeresstrand unter schattigen Bumen lag und Traum und
Wille sich im Blau des Himmels und des Wassers schaukelten, gedachte ich
Homers und seines Helden, der, an den Mastbaum seines Schiffes gefesselt,
mit empfnglichen Sinnen, machtlos und zerrissen von Verlangen, an dem
gepriesenen Eiland vorberfuhr, erkennend und durch den Geist gefeit, vom
Verstand gemeistert, der lter war als sein Verlangen, hingegeben und
beherrscht. Oft beneidete ich ihn, oft bedauerte ich ihn, wie einen, den
die Klte seines Geistes vom Altar beseligter Hingabe verbannt hat. Aber in
meinen Trumen erschienen mir die singenden Frauen, und ich ahnte unter dem
Glanz ihrer lockenden Leiber die tdliche Kraft ihrer mrderischen Krallen.

Es trieb mich, bei innerer Ruhlosigkeit, uerlich von einem zum andern,
ich versuchte zu arbeiten, verbrannte aber bald nach den armen Anfngen die
untchtigen Versuche, die Herrlichkeit um mich her in Worten und Gestalten
zu bannen. Entzndete die Sonne ihr grngoldenes Morgenfeuer in den
Bschen, die meine Fenster einhllten, so tauchten meine Sinne in der
Ahnung einer Vollkommenheit unter, die jedes Menschenwerk zu nichtigem und
vergnglichem Tand herabsetzte, es gab nur Befreitheit in andchtiger
Hingabe.

Panja beobachtete mich sorgenvoll, und eines Tages meinte er:

Sahib, weshalb verbrennst du dein Papier nicht, bevor du es beschreibst?

Nun, das rgerte mich. Zu solcher Frage hat ein Diener kein Recht.

Dummkopf, sagte ich, weit du nicht, da man Gedanken auf ein Blatt
Papier niederschreiben kann, und da, wenn beide zugleich verbrannt werden,
der Gedanke als Rauch in die Kpfe von Menschen zieht, die wir von unserer
Meinung berzeugen wollen?

Panja ri die Augen auf und schwieg andchtig. Er hatte es noch nicht
gewut. Nach einiger Zeit ertappte ich ihn darber, da er im Garten unter
merkwrdigen Sprngen einen Brief verbrannte, und entfernte mich mit der
Genugtuung, da enttuschte Hoffnungen ihn fr seine unbotmige Frage
strafen wrden.

Auch mit den Vertretern der deutschen Mission in Mangalore kam ich flchtig
in Berhrung, es sind ttige und ernste Leute, die in kleinen Industrien
die bergetretenen Eingeborenen beschftigen und den Geisteskampf mit den
gebildeten Reprsentanten des Hinduismus nur vereinzelt und immer erfolglos
wagen. Es fehlt ihnen an Bildung und Kenntnis und vor allem an Achtung vor
dem Brahman oder der Lehre Buddhas, und der einfltige Glaube, es hier mit
finsterem Heidentum zu tun zu haben, ist der beste Weg zur grndlichen
Erfolglosigkeit. Ich habe kuriose Leute unter diesen Missionaren und
Missionsfrauen angetroffen. Was sie einem feineren Anspruch immer wieder
fatal macht, ist ihre bewute Beschrnkung und Ausschlielichkeit in einer
Weltbetrachtung, deren wirkende Kraft unerprobt bleibt. Es ist leicht,
recht zu behalten, wenn man nur sich selbst oder Meinungsgenossen hrt, und
das Lcherliche solcher Erscheinungen beruht darauf, da ihre Einfalt mit
Groartigkeit verbunden ist und ihre Behutsamkeit mit Mangel an Takt.

Ein bezeichnendes Merkmal, woran solche Leute im Fall eines Zweifels bald
zu erkennen sind, ist ihre Fhigkeit, ber alle Dinge mitzureden, sie zu
beurteilen oder einzuschtzen, ohne da sie sich je die Mhe gemacht
htten, sie auch zu verstehen. Naturgem verbindet sich mit einem solchen
Standpunkt der Weltbetrachtung eine besondere Vorliebe fr die Kehrseite
der Dinge, die sich berall, wie auch beim Menschen, leichter kenntlich,
bersichtlicher und ohne komplizierten Ausdruck oder vielseitige
Linienfhrung darbietet. Und so findet man auch in der Regel, da das
Selbstbewutsein dieser Menschen sich daran aufzurichten pflegt, da sie
die Schattenseiten anders gesinnter Brder oder fernliegender Dinge zuerst,
oder gar ausschlielich entdecken, und da es leichter ist, etwas zu tadeln,
als etwas zu begreifen, so findet dieses Selbstbewutsein fast stndlich
Nahrung und entwickelt sich auf das prchtigste. Panja meinte einmal,
nachdem wir unsere ersten Bekanntschaften hinter uns hatten:

Diese Herren sind wie der Knig von Schamaji, immer herrschen sie, aber
man wei nicht, warum oder ber wen.

Wahrhaft Bescheidene fordern nicht heimlich den Dank fr ihre
Beschaffenheit ein, und es ist immer ein wenig peinlich, wenn Dienstboten
sich deshalb fr etwas Besonderes halten, weil ihre Herrschaft etwas Groes
geleistet hat. Trotzdem ist mir ein Beweis inniger Glaubenskraft erbracht
worden, und da ich durch die bezeichnenden Worte, welche ich ber diese
Leute vorangeschickt habe, ungern in den verpnten Ruhm kommen mchte, auf
der Bank der Sptter zu sitzen, will ich die Geschichte so folgen lassen,
wie ich sie gehrt habe:

In einer Gebetsversammlung dieser kleinen christlichen Gemeinde erhob sich
jngst eine Missionsfrau, die aus den dunkleren Provinzen des im brigen so
gesegneten Knigreichs Wrttemberg stammte und die in ihrer Beziehung zur
Einfalt in der Gottesfurcht etwas geradezu Auerordentliches leistete. Sie
sagte nach kurzem Gebet, das in solchen Versammlungen laut und allgemein
verrichtet zu werden pflegt, da es Gott dem Herrn in seinem
unerforschlichen Ratschlu gefallen habe, ihre neben ihr sitzende, bereits
erwachsene Tochter Helene mit einem Bandwurm zu schlagen. Darauf forderte
sie die Gemeinde in bekmmertem Werben von geneigter Stirn instndig auf,
Gott mit ihr und ihrem Kinde gemeinsam um das Ausscheiden des unangenehmen
Parasiten anzuflehen. Ihrem Ersuchen wurde bereitwillig stattgegeben, und
Mnner und Frauen der Versammlung beschftigten sich eine angemessene
Zeitlang vor Gottes Augen in inniger Frbitte mit dem Bandwurm der jungen
Dame und mit der Laufbahn, welche fr die Zukunft dieses merkwrdigen Tiers
erhofft wurde.

Am Schlu der Versammlung erklrte eine freundliche Beisitzerin im Saale,
da sich in ihren Privatbestnden ein wirkungsvolles Mittel befnde, dem
auch ein energischer Bandwurm nicht zu widerstehen in der Lage sei, und
dieses Medikament wurde mit Dank angenommen. Schon in der nchsten
Zusammenkunft konnte die Mutter der aufhorchenden Gemeinde die Mitteilung
machen, auf wie wunderbare Art die Kraft der gemeinsamen Frbitte bei ihrer
Tochter gewirkt habe. Sie erzhlte mit bewegter Stimme den Versammelten,
da der Bandwurm gekommen sei, augenscheinlich im bereits entschlafenen
Zustande, da sich aber ein groer Frieden in seinen Zgen ausgedrckt
habe.--

Da Gottes Hand sichtbar ber dem Wohlergehen dieser opferfreudigen Leute
waltet, geht auch aus einer anderen, nicht weniger eigenartigen Geschichte
hervor, die mir in Mangalore von einem sehr erfahrenen und im Heidendienst
erprobten Manne erzhlt worden ist. Als sich dieser Herr zu Beginn seiner
Laufbahn an einem schnen Abend auf der Veranda seines Hauses aufhielt,
erblickte er pltzlich einen Tiger, der die Treppe vom Garten emporkam.
Gott gab dem bestrzten Manne jedoch rechtzeitig einen guten Gedanken ein,
der zur Errettung fhrte. Auf der Terrasse stand zum Glck, von der letzten
Kinderlehre im Freien her, noch das Harmonium, ein besonders in
pietistischen Glaubenskreisen recht beliebtes Erbauungsinstrument, das auch
in indischen Missionen hier und da Verwendung findet, obgleich es den
Einwirkungen des Klimas nur selten zu widerstehen vermag. Auf dieses
Instrument strzte sich der beklommene Mann und begann, in zuversichtlichem
Glauben an seine Aussichten, den bekannten schnen Choral zu spielen:

  Wie soll ich dich empfangen
  Und wie begegn' ich dir?

Der Tiger soll sich sofort entfernt haben, um den Schutz der Wildnis
aufzusuchen.

                  *       *       *       *       *

Eines Nachmittags, als ein Hndler aus Kaschmir seine bunten Messingvasen
und Stickereien auf meiner Veranda zur Schau ausbreitete, kam ein Bote aus
der Stadt und blieb nach Art der eingeborenen Diener bescheiden am Aufgang
zur Treppe stehen, eine Anrede erwartend. Es kamen zu vielerlei kleine
Nachrichten fr Panja oder den Koch, als da ich den Fremden sonderlich
beachtete, er rusperte sich nach einer Weile dezent, und als ich
hinbersah, legte er die Hand an die Stirn und verneigte sich zum zweiten
Male. So ging es mich an, und ich winkte ihm.

Du kommst mir gelegen, sagte ich, wie viel Wert hat nach deiner Meinung
dieser mit Gold bemalte Vorhang, du bist unparteiisch, sag' es mir.

Der Fremde prfte das Tuch und die Arbeit aufmerksam, mir schien aber, als
besnne er sich dabei auf einen Ausweg, zugleich meiner und der Forderung
des Hndlers gerecht zu werden. Dann sagte er:

Ich kenne den Wert dieser Arbeiten nicht genau, aber ich kenne Dewan
Chundar, den Kaufmann, der dich bedient, und wei, da er gerecht und
vorsichtig ist.

Wenn er es nicht wre, so knnte er es von dir lernen, sagte ich. Die
Antwort gefiel mir, und ich betrachtete den Ankmmling genauer. Seine
Gewandung war sorgfltig und gut und ohne Anlehnung an die europische
Kleidung, der rote Turban war aus Seide, das weie Hftentuch breit gelegt,
und es reichte, wie eine weite Pumphose, bis an die Knie, ein kurzes
Jckchen aus dunklem Tuch, wie es die Perser in Bombay tragen, verhllte
Brust und Arme.

Und du selbst? Was fhrt dich zu mir?

Mein Herr bittet dich, ihn morgen um diese Stunde zu erwarten, er dankt
dem fremden Sahib fr seine Bitte.

Du dienst dem Brahminen Mangesche Rao?

Mein Herr ist Bahadur Mangesche Rao.

Der stille Sklave erhielt eine Silberrupie, mein Herz schlug vor freudiger
berraschung. Eigentlich ohne rechte Hoffnung auf den Erfolg meiner Mhe
war ich dem Rat des Kollektors gefolgt und hatte den Brahminen in einem
Brief angegangen, ob er willens sei, mir Unterricht im Sanskrit und in der
Geschichte seines Landes zu geben. Mir war in den letzten Wochen zumut
gewesen, als mte ich mir durch meine leichtfertigen Umtriebe in der Stadt
das Vertrauen dieses ernsten Politikers und Diplomaten verscherzt haben,
denn ich fiel auf, da ich mich sowohl anders als die Englnder benahm, als
auch die Gebruche der Missionare nicht eben zum Vorbild whlte. Sonst gab
es wenig Europer in Mangalore. Panja hatte mir allerlei Lustiges ber die
Bilder berichtet, die man sich im Volk von mir machte, ich galt hier als
verkappter Spion der englischen Regierung, dort als Perlenhndler und im
niedern Volk als Zauberer, weil ich einmal mit einem Taschenknstler in
Konkurrenz getreten war, der noch niemals ein Spiel franzsischer Karten
gesehen hatte und von der Volte so wenig verstand, wie ich vom
Schlangenbndigen.

Nun, es erschien, als habe der Brahmine weiter nicht Ansto an meinem Ruf
genommen. Der Hndler erhielt den geforderten Preis und benutzte den Rest
des Tages zum gemchlichen Einpacken seiner Schtze, offenbar hatte das
Geschft, das er mit mir gemacht hatte, ihm ermglicht, sich fr einige
Wochen ins Privatleben zurckzuziehen. Ich rief nach Panja.

Ich wei schon, sagte er kalt, du ziehst Verbrecher ins Haus. In kurzer
Zeit werden wir alle drei gehngt werden.

Woher weit du denn, wer kommt?

Du hast es mir ja selbst gesagt, Sahib.

Ich war berzeugt, es nicht getan zu haben, konnte aber nicht fr mich
brgen. Die Tatsache, mich bis ins kleinste beobachtet zu finden,
berraschte mich immer wieder, aber Neugierde ist die heiligste Pflicht
eines indischen Dieners, und es erscheint einem oft, als stnden
Todesstrafen auf Verschwiegenheit. Sicher war, da Panja diesem Besuch
ungern entgegensah, er hufte alles an Schmhungen und Verdchtigungen an,
was er aus einem zweitausendjhrigen Ruf dieser Kaste nur immer in
Erfahrung gebracht hatte. Trotzdem gewahrte ich deutlich eine Scheu, jene
alte Achtung, die allen Kasten den Brahminen gegenber eigentmlich ist,
und die kein Ha und keine Furcht verdrngt haben.

Mangesche Rao kam am nchsten Tage mit groer Pnktlichkeit genau zur
angegebenen Stunde. Er ritt durch das Gartentor ein, bis dicht vor die
Holztreppe der Veranda. Der Diener, der sein Pferd am Zgel fhrte, diesmal
ein anderer, meldete seinen Herrn durch einen gedmpften Zuruf an, der mir
in seiner seltsamen Feierlichkeit und seinem eindringlichen Pathos
unauslschlich im Gedchtnis geblieben ist. Panja erschien, ernst und
wrdevoll.

Der Brahmine schritt die Treppe erst empor, als ich ihm in der Tr
entgegentrat, er reichte mir nach europischer Sitte die Hand, das einzige,
was mich auer seiner Erscheinung in seinen Gewohnheiten an seine Kaste
mahnte, war die eigentmliche rituale Vorsicht, mit der er seine Schuhe an
der Schwelle der Tr ablegte, um das fremde Haus mit nackten Fen zu
betreten. Er bckte sich dabei nicht, die safranroten sandalenartigen
Schuhe blieben zurck, wie durch einen Zauberspruch von den Fen gelst.

Wahrscheinlich wird mein Gast sich keine Vorstellung von dem Eindruck
gemacht haben, den seine Erscheinung von den ersten Augenblicken an auf
mich machte. So gro das Selbstbewutsein eines Menschen sein mag, der sich
seines Werts bewut ist, immer wird ihn vom unbedingten Glauben seiner
Wirkung die Erkenntnis abhalten, da ein anderer nur so viel wrdigen kann,
als er beansprucht, und in dieser Hinsicht lag fr den Brahminen gewi kein
Grund vor, von mir ein besonderes Erfassen seiner Vorzge anzunehmen. Ich
war berrascht, wie jung er wirkte, als ich sein Alter erfuhr. Nicht allein
sein sorgfltig rasiertes und sehr schmales Gesicht lie darber in
Zweifel, sondern vor allem seine ungewhnlich schlanke Gestalt und die
Anmut seiner Bewegung, die allerdings weit von jeder Gefallsucht entfernt
war. Als seine Augen, dunkel aus dem hellen Braun des Gesichts, unter dem
gelben Seidenturban hervor, zum ersten Male in die meinen sahen, erfate
mich wie ein Taumel von Begierde, Befriedigung und Stolz eine Ahnung vom
Geist der Jahrtausende, die ihrem spten Sohn den Glanz ihrer Kultur wie
einen Kranz um die Schlfen gelegt zu haben schienen. Etwas vom Zauber
jener Trume meiner Jugend, die unter dem Namen Indien in mir erwacht
waren, beglckte mich, und mir erschien, als stnde ich erst heute
wahrhaft vor den Toren seiner Geheimnisse.

Die fremden Augen sahen mich bei den ersten Worten unserer Unterhaltung an,
als lge dem Sinn dieses Mannes nichts so fern, als mich zu prfen. Es ist
das erstemal gewesen, da diese Bescheidenheit der berlegenheit mir
wohltat, ich begriff, wie viel Unsicherheit, wie viel Abwehr und falsche
Besorgnis in jenem Prfen liegt, mit dem wir in den meisten Fllen einer
neuen Bekanntschaft beginnen oder empfangen werden. Diese Unbeteiligtheit
der Augen wirkte hflich und verbreitete eine Gelassenheit, als gbe es in
der Welt nichts Natrlicheres, als unsere Zusammenkunft. Ich dachte an die
Erzhlung des Kollektors und mute ber seinen Eifer lcheln, mit dem er
sich bemht hatte, mir ein Bild dieses Mannes zu entwerfen, ich begriff, wo
die Besorgnis des Englnders ihren Ursprung hatte, und war ber nichts so
glcklich, als da kein politisches Interesse den Brahminen und mich
zusammengefhrt hatte.

So mag es gekommen sein, da ich ohne Rckhalt, ohne kleinliche Vorsicht
und in heiterer Offenheit zu diesem Manne sprach, und er schien rasch zu
bemerken, da ich nichts zu verlieren frchtete, als seine persnliche
Achtung. Es war erstaunlich, wie richtig er aus den uerungen meines
Temperaments auf meine Gesinnung schlo. Offenbar hatte er, ohne falsch
oder auch nur vorsichtig zu erscheinen, schon nach der ersten halben Stunde
unserer Unterhaltung eine ganze Reihe heimlicher Prfungen vorgenommen,
deren Resultat den Rest seiner Befrchtungen zerstreute. Wir sprachen von
der englischen Regierung, er lobte ihre Umsicht, die Rede kam auf die
deutsche Mission und Mangesche Rao sagte, hflich gegen mich, als den
Landsmann ihrer Vertreter, das Beste ber diese Leute, was sich ber sie
sagen lie.

Ich war jung genug, nicht ohne weiteres zu dulden, da ich mit diesen
Propheten der heiligen Einfalt zusammen das Deutsche Reich in Indien
reprsentieren sollte, und sagte:

Die Leute sind einfltig.

Das schliet ihre Aufrichtigkeit nicht aus, meinte Mangesche Rao, doch
ich konnte mich nicht enthalten, hinzuzufgen:

Sie mssen Ihnen wenig schaden, da Sie so nachsichtig sind.

Mangesche Rao lchelte, meine Unvorsichtigkeit schien ihm wohlzutun, und so
bemerkte er leichthin:

Wir begegnen einander nur auf Gebieten, die wir ihnen berlassen.

Seine Meinung ber die Jesuiten unterschied sich wesentlich von der ber
die protestantische Mission, und aus den Ansprchen, die er durch die
Wirksamkeit und Eigenart dieses Ordens befriedigt sah, merkte ich rasch,
wie wenig ihm alles galt, was nicht im Geistigen zu suchen war.

Aus keiner Einzelheit, die unsere Unterhaltung berhrte, war bisher zu
entnehmen, da mein Gast sich auch nur beilufig um Politik bekmmerte, ja
auch nur das kleinste Interesse am Ergehen des Landes, an seiner
wirtschaftlichen oder sozialen Lage nahm. Ich war vorbergehend in Zweifel,
ob sich der Kollektor nicht mit seiner Annahme im Irrtum befand und die
Unschuld seines vermeintlichen Gegners fr hchste Verstellungskunst
gehalten hatte.

Die Sonne trieb ihr buntes Spiel im ruhigen Raum, der Besuch sa im
gedmpften Licht, und sein Anblick erfllte mich mit der stolzen Freude des
Gastgebers einem ungewhnlichen Fremden gegenber. Der blaue Vorhang, den
ich am Tage vorher erstanden hatte, schmckte die Wand meines Zimmers als
Hintergrund, und die Schultern, das glnzende schwarze Haar und das
gedmpfte Seidengelb vom Turban Mangesche Raos hoben sich unwirklich und
fremdartig davon ab, mir erschien der Anblick zuweilen wie ein Bild aus der
Mrchenwelt von TausendundeineNacht. Panja, lautlos und vorsichtig, brachte
Tee und Tabak, ich war nicht wenig darber erstaunt, als ich sah, wie tief
und feierlich er den Brahminen begrte, der durch einen Blick dankte, ohne
auch nur die Stirn zu neigen.

Es schien dem Gast nach einer Weile in Frage und Antwort doch zu hastig zu
gehen. Die vornehmen Inder verkehren mit den Europern in auerordentlich
gesetzter Weise und haben sich in ihrem Umgang mit den Herren ihres Landes
daran gewhnt, das Wort als ein Mittel zu betrachten, um die Gedanken zu
verbergen. Diese Kunst haben sie gewi nicht erst in ihren Kmpfen mit den
mohammedanischen oder englischen Eroberern gelernt, aber sie sind zu oft
getuscht worden, um nicht mitrauisch zu sein, bis zur Verstecktheit. Wie
ich Mangesche Rao spter kennen lernte, lag seiner Natur der Freimut nher
als die Verstellung, aber zu Beginn unserer Bekanntschaft prfte er meine
uerungen wieder und wieder darauf hin, was sie hinter ihrem Wortlaut
bedeuten mchten, oder was darber hinaus. Das lie ihn oft zgern oder
schweigen, und ich erkannte bald, da mein bestes Mittel, ihn rascher zu
Vertrauen zu gewinnen, sicherlich eine gewisse Gleichgltigkeit gegen jede
Vorsicht war. Aber welcher Vorsichtige erwgt nicht, selbst vor der
arglosen Gebrde einer Preisgabe, die Mglichkeit eines Mittels zu
verborgenem Zweck? Mangesche Rao whlte geschickt einen Weg, der ihm
Gelegenheit zu beilufigem Beobachten und Schweigen gab, er nahm vom
Nebentisch ein Schachbrett und begann, wie in Gedanken und scheinbar
unbeteiligt, die Figuren zu ordnen.

Das Spiel, das sich alsbald zwischen uns ergab, war sehr erheiternd fr
mich, aber es dauerte nur kurze Zeit. Der Brahmine sagte mir nach dem
vierten Zuge, den ich machte, mit hflichem Bedauern mein unvermeidliches
Geschick voraus und fragte mich, auf welchem Feld des Bretts mein Knig am
liebsten seinen Untergang erlebte. Ich gab es an, und der hlzerne Frst
rutschte, eine Weile von eigenen und fremden Kriegern bedrngt, wie ein
gescholtener Kuli hin und her, bis er seine unrhmliche Herrschaft, von
einem feindlichen Bauern aus dem Hinterhalt berfallen, auf jenem Felde
aufgab, das ich bestimmt hatte.

Dem geht es hnlich unter Ihrem Verstand wie dem englischen Kollektor,
sagte ich und lachte.

Ohne Besinnen antwortete mir Mangesche Rao:

berschtzen Sie die kleine Arbeit nicht, die dem Beamten zu schaffen
macht, ich hoffe, das alles einmal wirkungsvoller zu sagen.

Also Sie haben es geschrieben und geben es ohne weiteres zu?

Was ich unter vier Augen zugebe, kann ich unter sechs ohne Mhe
widerrufen. Aber glauben Sie, da mir von einer Regierung Gefahr droht, die
nicht den Mut hat, unumwunden zu fragen, aus Furcht eine Antwort zu
erhalten, die sie zu einem Eingriff zwnge? Mich schtzt nicht meine
Geschicklichkeit, sie war zur Hlfte Nachsicht gegen die Persnlichkeit
dessen, der sie nicht zu bertreffen vermochte; was mich schtzt, sind die
Macht und der Wille der Gleichgesinnten im Reich.

So wissen Sie auch, da ich zuweilen ein Gast des Kollektors war? fragte
ich, aufs hchste angeregt.

Mangesche Rao nickte. Es ist leichter fr uns, in Mangalore einen Europer
zu beobachten, als umgekehrt. Zu Anfang habe ich den Gedanken erwogen, Sie
mchten mich im Interesse der englischen Regierung zu sich geladen haben,
deshalb bin ich gekommen. Aber dieser Gedanke war falsch.

Was brgt Ihnen dafr?

Ihr Bemhen, arglos zu erscheinen, sagte der Brahmine und lchelte, auf
diese Art versuchen es nur Leute, die es sind.

Ich lachte, und da er ernst blieb, fragte ich:

Und wenn ich nun, Ihrer Meinung zum Trotz, vielleicht nur aus
gleichgltigem Unterhaltungsbedrfnis, dem Kollektor Ihr Gestndnis
erzhlte?

Sie wrden sich weder Dank erwerben, noch Schaden tun, meinte der
Brahmine, ohne ein Anzeichen von besonderem Interesse. Es ist niemandem
wichtig, Dinge zum zehnten Mal zu hren, die er wei.

Der Tag verlief damit, da ich Mangesche Rao meine in seinem Lande
verbrachten Tage von Anfang bis zu Ende erzhlte. Ich sprach nicht nur von
Ereignissen, sondern auch von den Empfindungen, welche mich bewogen hatten,
sie zu suchen. Er hrte mir mit ruhigen Augen zu, warf hier und da eine
Frage ein, die mir sein Verstndnis erwies und mich zu immer grerem
Freimut bewegte. So gestand ich ihm endlich auch den Grund ein, aus welchem
ich ihn gebeten hatte mein Haus aufzusuchen, und seine Freude war nicht
ohne Stolz, als er mir auf seine vornehme Art versicherte, das Beste seines
geistigen Eigentums sei so weit das meine, als ich Verlangen danach trge.

Ich begreife den Geist, der Sie in die Welt hinaustreibt, sagte er zum
Abschied zu mir. Immer erfat bei allen Vlkern Einzelne diese
Rastlosigkeit, sie finden nirgend Ruhe und mischen die Welt. Mit ihnen
gehen Segen oder Unsegen, und diese entstehen nach dem Mae des Werts
solcher Menschen. Die Einen treibt ihre ungebndigte Flle hinaus, die
Anderen ihre Leere. Die letzteren glauben bereichert zurckzukehren, aber
sie lassen berall nur Unordnung und Verwirrung zurck, auch bringen sie
in Wahrheit nichts heim, denn in leeren Kpfen ist am wenigsten Platz. Die
Reichen aber geben, indem sie suchen, und der Notstand ihrer Wanderung
gereicht oft denen zum Nutzen, die ihnen begegnen.




Dreizehntes Kapitel

Das letzte Feuer und der alte Geist


Es war damals noch die Zeit des Prabuddha Bhrata, des erwachten Indiens.
Die Auslufer des groen Geistesstromes hatten weit ber das Land hin die
Gemter zu neuem Glauben an eine Einigung der Vlker unter dem Licht der
urvterlichen Religion befruchtet. Die Wirkung Brahma-Samajs, der die
Veden, besonders aber die Upanishads im Sinn eines geklrten Theismus
auslegte, hatte ber die Finsternis des Gtzendienstes und Aberglaubens
hin, den Versuch einer sozialen Reform hervorzurufen, die mit Raghunatha
Rao einsetzte und sich in eigensinnigen Kmpfen zuerst gegen den
Kastengeist wandte. Der Name Swmi Viveknandas klang wie ein heller
Weckruf durch das schlafende, unterdrckte Land, aber die schwelende Flamme
dieser neuen Wahrheit schlug niemals zum vollen Glauben an die Freiheit
empor.

Es folgten diesen Propheten der Erhebung andere. Die verschiedenen
Richtungen der Auffassung zerteilten ihre Anhnger zu Parteien, und was im
Sinn einer Einigung zu einer neubelebten Landesreligion begonnen hatte,
artete in Parteigeznk aus, und als gar europische Agitatoren sich der
groen Sache annahmen, wuchs das Mitrauen der Menge. Der Gedankenstrom
geriet hier in buddhistische Geistesbahnen, dort in den Einflu
christlicher Ideen, und die englische Politik, sich dessen wohl bewut, da
die Macht ihrer Einigkeit von der Zersplitterung der feindlichen Parteien
abhing, verwertete die verschiedenen Regungen geschickt zu ihrem Vorteil
und spielte sie gegeneinander aus.

Dadurch ergab sich naturgem, da die zu Beginn dem Aufbau einer erneuten
Landeskirche zugedachten Reformen mehr und mehr ein politisches Geprge
bekamen, die fanatischsten Anhnger der erneuten Religion sahen in ihr
bald ein Mittel zur Befreiung des Landes von der englischen Herrschaft, und
mit diesem Umschwung war das Herz der Sache tdlich verwundet, und ihre
Kraft versickerte im Vielerlei einer von Tendenz und Leidenschaft erfllten
nationalen Bestrebung.

Ich erfuhr von diesen Dingen zum ersten Mal durch den Brahminen Mangesche
Rao, dessen aufrichtiger Glaube an die Mglichkeit eines geeinten Indiens
mich hinri, wie auch sein Ha gegen England, welche beide im Verlauf
unserer Beziehung immer unverhohlener zutage traten. Ich gewann Mangesche
Raos Vertrauen in dem Mae, als er an meine Anteilnahme glauben lernte, und
wenn er auch, mehr einem Prinzip als eben einer Befrchtung folgend, alle
praktischen Einzelheiten vor mir geheimhielt, so gewann ich doch bald einen
allgemeinen Einblick in das Interessengebiet des politisch kmpfenden
Indiens.

Er setzte voraus, da seine Ideen mir wertvoller waren, als seine Mittel,
sie zu realisieren, und berlie mir den Schlu vom Gedanken auf die
Mglichkeiten zur Tat. Die Liebe zu seinem Lande begeisterte mich, seine
Hoffnung war hei und jugendlicher Art und stand in einem seltsamen
Gegensatz zur Gelassenheit und Beherrschung des Wesens, die er zur Schau
trug. Ich lernte ihn um der glhenden Hingabe willen lieben, in welcher er
sich einer Sache opferte, deren Bedeutung und Aussichten ich damals nicht
zu bersehen in der Lage war. Sicher ist, da ich leicht bei meiner raschen
Anteilnahme in Dinge htte verwickelt werden knnen, die mir verhngnisvoll
geworden wren.

Aber was der Brahmine aus seiner reichen Welt groer Ideen in einen
politischen Kampf hinbernahm, hing so eng mit seiner Jugend zusammen, wie
sein Eifer mit seiner Hoffnung. Im Grunde war er so wenig Politiker, wie
die Fragen nach Mein und Dein ihn lange in ihrem znkischen Bereich htten
fesseln knnen. Die priesterliche Tradition seines Stammes, die tief in
seinem Blute lebte, zog ihn immer wieder in ihre beschauliche Stille
zurck, und im Grunde lockte die Erkenntnis ihn mchtiger, als der Kampf um
den ueren Glanz der Welt.

Die Bekanntschaft und mein immer mehr zunehmender Umgang mit ihm
vernderten meine Lebensweise und meine Betrachtungsart der Welt, die mich
umgab. Ich strich nun oft allein und nachdenklich durch den belebten Basar
und am Dunkel der Tempeleingnge vorber, deren gelbe Messingplatten am
alten, von unzhligen Hnden und Fen dunkelpolierten Holz, geheimnisvoll
aufblinkten, wie die Riegel zu Hhlen voll ungeahnter Wunder. Ich achtete
mit neuem Verstndnis auf die vielerlei Abzeichen auf den Stirnen der
Inder, die bald mit Ru oder Asche, bald mit Henna gemalt waren, und
lernte die Kasten voneinander unterscheiden.

Wenn die Trommeln und Pfeifen und der wahrsagerische Gong im Dmmern der
Tempelhfe erklangen, kamen mir die Worte Mangesche Raos ber den Sinn der
einzelnen Zeremonien neu belebt ins Gedchtnis, und gemeinsam mit seiner
Hoffnung erwachte der Wunsch in mir, der alte Geist mchte sich einst von
den Schlacken dieser heidnischen Entstellungen zu seiner ehemaligen
Freiheit erlsen.

Einmal waren wir weit ber die Stadt hinaus am Meer dahingeschritten, unter
der geraden Palmenallee, und ich sah die nackten Hindus, braun im
Sonnenlicht glnzend, im flachen Wasser fischen, unser Gesprch war bald,
wie schon so oft, von weltlichen Dingen der Politik auf religise Fragen
gekommen, und vielleicht in der Hoffnung, einmal klar und bestimmt den Sinn
des Hinduismus zu erfassen, fragte ich Mangesche Rao:

Was ist das Brahman? Ich hre Gedanken von tiefem Sinn, Weisheit voller
Schnheiten, Erlsungsgedanken voll hellen Befreiungsglaubens, aber ber
dem Begriff des Brahman selbst schwebt ein mystisches Dunkel.

Da antwortete mir der Brahmine:

Das Wesen des Gttlichen kann ein Herz nur empfinden, aber ich will Ihnen
so antworten, wie die ltesten Priester der Veden es gedeutet haben. Nach
ihnen ist das Brahman das Licht des Geistes und die Seligkeit ohne Leid.
Das Brahman ist die Freude, das uranfngliche Wissen, eine unterschiedslose
Masse von Erkenntnis, aus Seligkeit bestehend, zugngig durch das
Bewutsein, mit hchster Einsicht ausgestattet.

Wie nah lag nach dieser herrlichen Darlegung die Frage nach der
Mglichkeit, auf die ein Herz dieses Heils teilhaftig werden knnte.
Mangesche Rao dachte eine Weile nach, dann sagte er:

Ich will Ihnen eins der Distichen aus dem Atmabodha nennen, das vielleicht
Ihre Frage nicht so beantwortet, wie sie gestellt ist, das aber die rechte
Entgegnung auf eine recht gefate Frage wre:

  Der Fromme, der des rechten Wissens kundig,
  erschaut es mit dem Auge der Erkenntnis,
  da in ihm selbst beruht das ganze Weltall,
  und da er selbst das Eine ist und alles.
  Wie eine Eisenkugel, die durchglht ist
  vom Feuer, so durchdringt das Brahman
  das ganze All im Innern und von auen
  mit seinem Licht, indem es selbst erstrahlt.

Er sprach leise und feierlich. Mir war, als erinnere sich ein
tausendjhriges Geisterreich seines versinkenden Lichts, und zum ersten Mal
berkam mich mit dunkler Gewalt die Trauer um das verlorene Indien. Ich
begriff in heimlicher Bengstigung die Vergeblichkeit des Kampfes, in
welchen dieser Mann neben mir, wie in sein Schicksal, verstrickt war, und
mein Verlangen schwankte unruhig zwischen dem Wert der alten und der neuen
Welt. Mangesche Rao schien meine Gedanken zu ahnen, denn nach einer Weile
des Schweigens meinte er in leichterem, fast geschftigem Tone:

Es ist niederdrckend, erkennen zu mssen, da alles, was wir unter groen
Opfern zur Wohlfahrt des geknechteten Volks errungen haben, immer wieder
zum Anla seines Mitrauens wird. Als ich mich entschlo, die Hochschule in
Madras zu besuchen, wurde ich aus der Gemeinschaft meiner Kaste
ausgestoen, und als ich mit Erfolg um eine einflureiche Stellung unter
den Feinden rang, verlor ich das letzte Zutrauen im engsten Kreis meiner
Freunde. Und doch haben wir Inder keinen anderen Weg, den Kampf mit England
aufzunehmen. Heute unterdrckt in Indien noch die politische Macht die
Freiheit des Geistes, aber es wird bald so weit kommen, da auch hier, wie
berall in der Welt, der Geist die Herrschaft antritt. Damit wird Englands
Niedergang in Indien beginnen. Die Einsichtigen wissen es, und es beginnt
bereits eine starke Strmung, die uns die eingerumten Rechte wieder zu
schmlern sucht, denn England fhlt, wo es uns gewachsen ist und wo nicht.
Aber wie bitter ist es, in solchem Kampf erfahren zu mssen, da unsere
eigenen Landsleute, deren Wohl unsere Mhe gilt, sich gegen uns wenden.

Ich habe spter oft an diese Worte denken mssen, als das Geschick meines
Freundes sich erfllt hatte, ich erinnerte mich ihrer, wie einer
ausgesprochenen Ahnung seines Verhngnisses.

Zwischen den Palmen glitzerte das farbige Meer. Wir kamen an den
Verbrennungssttten fr die Toten vorber. Ein Holzsto war fr den
hereinbrechenden Abend geschichtet, und der Tote lag, mit kunstvoll
gebrochenen Gliedern, fast rechteckig gefgt, nackt auf dem kleinen
Scheiterhaufen. Zahllose Aschensttten umher verrieten die Feiern der
vergangenen Tage, und pltzlich erinnerte ich mich jenes merkwrdig
qulenden Brandgeruchs an manchen Abenden. Im Qualm des verbrannten
Fleisches stiegen die Seelen ins Nirwana empor. Ich sah Mangesche Rao an.
Hinter dieser ruhigen Stirn brannte die furchtbare Hoffnung, da bald der
Aufstand durch die Gassen heulen wrde.

Ein ausstziger Bettler kroch auf allen Vieren ber den roten Weg auf uns
zu, er hatte sich im Dickicht verborgen gehalten, um den Steinen seiner
Verfolger zu entgehen, nun bellte er heiser und drehte den Kopf mit den
zerstrten Wangen, wie vom Irrsinn seiner Qual genarrt. Am Strand hatten
die Raben sich gesammelt, ihr Geschrei beunruhigte die sonnentrunkene
Stille. Ich sah fort, als ich den von allem Fleisch entblten Brustkorb
eines Menschen erkannte.

Die Pest und die Blattern haben ihren Einzug gehalten, sagte Mangesche
Rao. Er sprach auf dem Rckweg kein Wort mehr. Vielleicht war ihm, wie auch
mir, bedrohlich durch den Sinn gezogen, wie vielerlei Feinde sein Land
belagerten und zersetzten, Feinde, gegen die kein Kampf von Nutzen war. Es
waren jene Opfer des Lebendigen, die sich mit dem Alter und der Mdigkeit
eines Volkes einstellen, der Verfall der Sitte, das Laster, das Elend und
die schleichenden Seuchen.--

                  *       *       *       *       *

Panja hielt es immer noch fr ntig, mich zu warnen, und vom Standpunkt
seiner Betrachtungsweise hatte er recht. Ich beruhigte ihn nach Krften,
obgleich seine Besorgnisse in diesem Fall eher seiner Eifersucht, als
seiner Frsorge entstammen mochten.

Die Englnder frchten meinen Freund, Panja. Das Schlimmste, was ihm
geschehen kann, wird seine Verbannung sein, und wenn auch mich dies Unheil
trfe, so kme es nur mit meinen Absichten zusammen, und wir fhren
vielleicht auf Staatskosten nach Bombay statt auf eigene.

Panja wandte sich ohne Erregung, fast traurig ab.

Du kennst das Land nicht, Herr. Wer spricht von einer Gefahr, die dir oder
dem Brahminen von England drohen knnte? Weit du nicht, da Mangesche Rao
unter den Priestern seiner Kaste so verhat ist, wie die Hyne unter den
Schakalen? Ihre Waffen ersticken den Schrei im Halse, unter dem
Palmendickicht ist Finsternis, in die kein Richter schaut. Man sagt von der
Kobra, da man sie erst erblickt, nachdem der Tod einem die Augen geffnet
hat, und die Kaste dieser Priesterlichen nennt diese Schlange heilig.

Was meinst du denn, Panja?

Ich fragte angeregt, denn wenn dieser merkwrdige und kindliche Freund
meiner indischen Tage nicht in Eifer geriet, so war ihm sicherlich zu
glauben. Ich wute lngst, da sein anfnglicher Ha gegen Mangesche Rao
sich in heimliche Neigung verkehrt hatte, eine Wandlung, die seine
Eifersucht nicht ausschlo, die mich aber aufmerksamer auf seine
Besorgnisse machte.

Ich wei es nicht, antwortete er, warum aber begibst du dich in Gefahr?
Wer wrde dich schtzen? Einem Englnder darfst du nur so lange trauen, wie
du ihm Vorteile bietest, und wenn du mit seinen Feinden umgehst, kann er
dich nicht fr seinen Freund halten. Mangesche Rao steht in der Mitte, die
keinen Halt gewhrt, sowohl die Priester als auch die Regierung halten ihn
fr einen Verrter, denn im Kampf um das Land schaut niemand eines Menschen
Herz an, wie du es tust.

Panja, die Freuden des Daseins, welche sich allen ohne Gefahr bieten, sind
mir gleichgltig. Was ich empfange, ist meinen geringen Einsatz wert.

Ich spreche nicht so, weil ich dich verlassen will, antwortete Panja
einfach. Ich hatte ihn lange nicht mehr so ernst gesehen, und nachdenklich
erwog ich meine Lage.

                  *       *       *       *       *

Mangesche Rao kam in den letzten Wochen seltener. Es lag eine aufreibende
Spannung in der Luft, die um so drckender wirkte, als sich ihre Ursache
beharrlich verbarg, aber die Stimmung meines neuen Freundes schlug in
Stunden unseres Beisammenseins oft in heitere Unbefangenheit um. Er verga
ber unseren vielerlei Gesprchen die verantwortungsvollen Lasten, die
seine freiwillige Pflicht ihm auflud. Eines Abends brachte sein Diener, der
ihn begleitete, das Fell eines siamesischen Panthers mit, das mir Mangesche
Rao zum Geschenk machte. Er wollte, da ich ein Andenken von ihm annehmen
sollte, und mir war fr einen Augenblick, als handelte es sich um einen
Abschied. Meine Augen ruhten den Abend hindurch oft auf dem tiefen Schwarz
des herrlichen Fells, mit tausend Erinnerungen an die Wildnis stieg der
Gedanke an die Nacht in meiner Seele empor, an die Nacht Indiens und an die
Herrschaft des Tiers.

An jenem Abend, wir hatten uns zur Nachtstunde auf die Veranda begeben, kam
unser Gesprch auf die Weltliteratur und ihre grten Vertreter. Eine
bewegte Wolke geflgelten Nachtvolks sammelte sich im Schein der Lampe, und
bald sah die Tischplatte wie ein Schlachtfeld nach einem wilden Treffen
aus. Die geheimnisvolle Nacht erklang im tropischen Liebesfieber ihrer
unzhligen Geschpfe, und der Mond glitzerte wei in den blanken Blttern.

Es berhrte mich seltsam genug, da Goethes Name, durch Meere und Welten
von seiner deutschen Heimat getrennt, so selbstverstndlich erklang, als
sei er lngst geistiges Eigentum der ganzen bewohnten Erde. Die Meinung des
Brahminen ber das groe Werk seines Lebens, die er meiner jugendlichen
Begeisterung entgegenhielt, war eigenartig genug, um mir fr immer in
Erinnerung zu bleiben.

Goethe, sagte Mangesche Rao, ist so sehr der Erzieher des deutschen
Volks in Gesinnung und Anspruch geworden, da es Ihren Landsleuten sehr
schwer fallen mu, seine Bedeutung ber die pdagogische Einwirkung hinaus
gerecht einzuschtzen, da die meisten wie mit seinen Augen auf ihn blicken,
und die berragende Autoritt seiner Erscheinung knpft an keine Tradition
an, die einen Mastab bieten knnte. Zuletzt wird er, wie alle Groen, nach
dem Umfang seiner Gestaltungskraft eingereiht werden, und in dieser
Hinsicht erscheint uns Friedrich Schiller als der grere Meister.

Wir kamen auf Dante zu sprechen, dessen hohen, sittlichen Anspruch er pries
und den er ber alles liebte, auf Shakespeare und endlich auf Kalidasa,
dessen Sakuntala er weit ber alles stellte, was der groe Englnder jemals
empfunden, gedacht und gestaltet hat.

Die Art seiner Betrachtungsweise und die Ansprche in seinen Begrndungen
gaben mir ein merkwrdig neues und allgemeines Bild. Ich mute mit
heimlichem Lcheln an alle die Groen denken, welche die Generation
unserer Vter, und mit ihr wir selbst in unserer Jugend, so bereitwillig
neben bedeutsame Geister gestellt haben.

Panja war am anderen Tage sehr glcklich, als ich ihm mitteilte, da ich
mit Mangesche Rao eine Reise ins Land verabredet hatte, an der auch er
teilnehmen sollte, und die einige Tage whren und uns in die Nhe von
Barkur und zu den Wasserfllen des Shita fhren wrde.

                  *       *       *       *       *

Ich sa mit Mangesche Rao am Feuer, am Rand des Urwalds in der unendlichen
Nacht. Die Steppe klagte, und ihre Stimmen bewegten mein Gemt zu Begierde
und Trauer. Ich habe die Sterne selten wieder so hell gesehen, wie in
dieser denkwrdigen Nacht, die mir um vieler Gedanken willen, die der
schweigsame Mann aussprach, unvergelich geblieben ist. Panja schlief
damals schon im Zelt, was er eigentlich stets tat, wenn er sich fr
abkmmlich hielt, und aus dem Schattendunkel des Dschungelwalds erklang in
der Nhe unseres Feuers das Grasraufen der weidenden Ochsen und das
Schnauben ihrer Nstern am Boden. Der Mond war noch nicht aufgegangen; aber
es war hell in der Weite, unter den Sternen.

Mangesche Rao hatte nach der Abendmahlzeit schweigend die selbstgerollte
Zigarette durch die hohle Hand geraucht, und wir htten uns gewi in dieser
Nacht, wie in so mancher anderen, ohne viel Worte zur Ruhe gelegt, wenn uns
nicht ein eigenartiger Vorfall aufgeschreckt htte. Einer der grasenden
Ochsen, der sein Geschirr noch zum Teil trug, begann pltzlich sich auf
eigentmliche Art zu schtteln. Mir erschien dies Gerusch erst dadurch
ungewhnlich, da Mangesche Rao pltzlich rasch hintereinander zwei Hnde
voll Reisig auf das Feuer warf, so da eine hohe Flammensule in die Nacht
emporstieg, unter deren Schein die blaue Weltweite fr kurze Zeit in
Finsternis zu versinken schien und die nhere Umgebung aufleuchtete wie ein
rotes Gemach. Er stand auf und schritt vorsichtig auf das Tier zu, die
hngende Bchse, am Lauf gefat, wie er es stets tat, lauernd hinter sich
herziehend, und ich folgte ihm mit der meinen. Es gibt wenig Gefahren in
Indien, die man deutlich nahen sieht und denen man ruhig entgegentreten
kann, dieses Abwartende und gebrdelos Hereinbrechende eines Verhngnisses
macht einen Teil des groen Grauens aus, das niemanden in der indischen
Wildnis verlt, dessen Sinne diesen Ahnungen erschlossen sind. Wie wenig
das einzelne Ereignis, das mein Leben oder das meiner Freunde gefhrdet
hat, es im Grunde war, das mich erschtterte, sondern wie vielmehr es die
Ungewiheit seiner unfabaren Annherung war, geht mir daraus hervor, da
heute noch eine Palmengruppe oder der schwle Luftzug eines Treibhauses
mich aufs tiefste entsetzen knnen. Mit der gefiederten Gestalt des harten
Grns eines Palmblattes ist mir dauernd eine Ahnung des Todes verknpft,
whrend ich den Bewegungen einer Schlange ohne andere Ergriffenheit
zuzuschauen vermag, als in der, welche ihre Schnheit und Eigenart
auslsen. Nach einer Begegnung mit einem mohammedanischen Hindu in einer
engen Gasse von Bombay, der einen Schu auf mich abfeuerte, ist mir weder
vor den Mnnern seines Volkes noch vor einer Schuwaffe auch nur ein
Schatten von Besorgnis verblieben, aber noch jahrelang hat mich der kaum
hrbare Klang nackter Fe auf einem Steinboden entsetzt. Ich erinnere mich
von diesem Geschehnis kaum an etwas empfindsamer, als an dieses dumpfe,
leise Tapp-Tapp, mit dem es hinter mir begann.

Und so htte auch in dieser Nacht am Steppenrand die Gewiheit, da etwa
ein Panther unser Lager umschliche, mich nicht so erregen knnen, wie die
zweiflerische Vorstellung bald von etwas Nichtigem, bald von
Ungeheuerlichem. Mag es ein jeder nennen, wie er will, wir fanden unseren
Ochsen in einem seltsamen Erstarrungskrampf, er zitterte so heftig, da
sein Geschirr unaufhrlich klirrte, und war nicht zu bewegen, in die Nhe
des Feuers zu gehen, in dessen Schein wir nach der Ursache seiner Plage
htten forschen knnen. Pltzlich sagte Mangesche Rao zu mir, da ich
stillstehen und keinen Fu rhren solle, aber ich kam nicht zur Befolgung
seines Ratschlags, weil das gewaltige Tier lautlos umsank und am Boden in
furchtbaren Verrenkungen und unter keuchendem Schnauben verendete. Das
Feuer war wieder auf ein bescheidenes Flmmchen zurckgebrannt, und ich sah
den weien Kolo des toten Tiers im Sternenlicht im Gras liegen und hinter
ihm die unendliche Weite des blauen Steppenlandes.

Der Brahmine schien die Ursache dieses pltzlichen Todes zu wissen, denn er
suchte mit Aufmerksamkeit und bewut wie nach der Besttigung einer
feststehenden Annahme. Endlich brannte er einen greren Span am Lagerfeuer
an und zeigte mir im Licht der rauchenden Flamme ein winziges, dunkel
umrandetes Lchlein am Maul des verendeten Tiers.

Hier ist die Ursache, sagte er langsam in einer Wichtigkeit, die nichts
als Ergriffenheit war, es ist der Stich der Kobra. Ich glaube, da das
grasende Tier die Schlange im Gras aufgestrt hat.

Es fate mich ein Schauer, dessen nachhaltige Einwirkung ich damals kaum
recht zu begreifen vermochte, aber ob hier ein Mensch oder ein Tier dem
Gift erlegen war, schien mir angesichts des verdorbenen Lebens zu meinen
Fen ohne entscheidende Bedeutung. Mich erfate die Ehrfurcht vor der
Kobra aufs neue, und das Angesicht Mangesche Raos spiegelte in seinem Ernst
diese Ehrfurcht wieder, wie eine uralte Erinnerung seines Geschlechts an
eine erhabene Gottheit, die keine Aufklrung hatte beeintrchtigen knnen.

Durch dieses Erlebnis mag es gekommen sein, da unser Gesprch
vorbergehend den Gedanken und Begriff des Todes streifte, und was mir
daraus unauslschlich im Gedchtnis geblieben ist, will ich erzhlen. Nach
einer Weile saen wir wieder am Feuer, das in dieser Nacht nicht mehr
erlosch. Eine seltsame Ruhlosigkeit war ber den gelassenen Mann gekommen,
es stimmte mich wehmtig, ihn im inneren Kampf zwischen seinen klugen
Gedanken und der seinem Blute innewohnenden Tradition der Weltbetrachtung
seiner Priesterkaste zu wissen. Noch heute sehe ich seine aufrechtsitzende
Gestalt so deutlich vor mir, wie keine Worte sie dem Bewutsein eines
anderen zuzutragen vermgen, den rot beschienenen Seidenturban ber der
Stirn und den bedchtigen Augen, seine schmalen, fast zierlichen Schultern
und den gesenkten Kopf, der beim Sprechen eine Haltung einnahm, als suchten
die Augen die Gedanken von den Hnden zu lesen, die auf den Knien ruhten.
Zuweilen hob er eine der mageren hellbraunen Hnde, wenn es ihm galt, einem
Wort besonderes Gewicht zu verschaffen. Ich habe niemals im Leben wieder
mit einem Menschen im Eifer und mit Leidenschaft ber wichtige Fragen
unserer Seele gesprochen, der mit so viel Gelassenheit und so feinem
Anstand sein Gegenber ausreden lie. Einmal sagte er mir: Sie mssen
einem Gegner Ihrer Betrachtungsart sein Amt nicht dadurch erleichtern, da
Sie ihn unterbrechen, dadurch nehmen Sie ihm oft die Gelegenheit, zu
erweisen, wie wenig er zu sagen hat. berhaupt war sein Spott von
merkwrdiger Umstndlichkeit der Darbietung, und seine schrfsten Bosheiten
sagte er freundlich. Er geno niemals den Triumph seiner berlegenheit
sichtbar und sprach am eifrigsten, wenn sein Gegner eine Niederlage zu
verwinden hatte. Wahrhaft empfindlich aber konnte seine Art zu schweigen
auf Gemter wirken, die empfanden, da er damit darauf verzichtete, zu
berzeugen, und weshalb.

In Mangalore besuchte ich ihn eines Tages, als er vor seinem Hause auf dem
Lehmboden im Palmschatten mit einem Pater der Jesuitenniederlassung Schach
spielte. Gewi unterhielt er sich dadurch, da er spielte, aber er gewann
nach der Meinung seines Partners zugleich dadurch, da er sich unterhielt.
Als der Pater ihm vorwarf, da er ein Gesprch fhrte, um ihn abzulenken,
wurde eine neue Partie ausgemacht, unter der Bedingung, da whrend des
Spiels kein Wort fallen sollte. Der Ordensbruder konnte sich, in etlichem
Verdru nach seiner Niederlage, nicht enthalten, hinzuzufgen: Wenn es
Ihnen mglich ist, so lange zu schweigen.

Mangesche Rao antwortete nicht, sondern ordnete die Figuren. Nach wenigen
Zgen verlor sein Gegner die Dame und gab das Spiel auf, worauf Mangesche
Rao bescheiden sagte: Ich habe sie nur genommen, weil es unhflich gewesen
wre, in Gegenwart einer Dame so lange zu schweigen.--

In jener Nacht nun sprach ich vom Tode, anfnglich im leichtfertigen
bereifer meiner Ergriffenheit und bewegt von der romantischen
Betrachtungsart meiner Jugend. Mangesche Rao hrte mir zu und sagte
endlich:

Hren Sie die hungernden Hynen in der Steppe heulen?

Ich gab es ihm, ein wenig ernchtert, zu, und er meinte, ohne
Nachdenklichkeit, die nur diejenigen zur Schau tragen, die ihren Gedanken
nicht trauen: Welch einen Festtag hat der Tod den Hynen beschert. Sie
finden das tote Tier, wenn wir unsern Lagerplatz verlassen haben, um
weiterzuziehen. Und er fuhr fort: Ich habe den Tod verstehen gelernt, als
ich als Jngling an einem Tag im Sommer vor das Stadttor ging, von
unliebsamen Gedanken gepeinigt und die Bedrngnisse einer tdlichen
Krankheit im Blut. Ich durchschritt mhsam, mich im Fieber dahinschleppend,
ein Trmmerfeld im Steppengras, das von der Sonne so trocken war, da es
knisterte. Da berraschte mich ein sonderbares Blinken zwischen den
Steinquadern im Sonnenlicht, und ich traute meinen Augen kaum, als ich eine
funkelnde Schlange im Sande liegen sah. Die Hitze flimmerte ber den
herrlichen Farben ihrer Haut, die vom zornigen Blitzen des Diamanten bis
zum stillen Glhen der Rubinen alle Farben des gebrochenen Sonnenstrahls zu
enthalten schien. Die Pracht und Lebensflle dieses blendenden Anblicks
entzckte mich in so hohem Mae, da ich begierig einen Schritt nhertrat.
Aber da geschah ein erregtes Brausen, die leuchtende Schnheit des sanft
geringelten Krpers zu meinen Fen erhob sich als eine bunte Schar
beflgelter Insekten in das warme Licht der Luft empor, und vor mir lagen
die verwesenden berreste einer kleinen Steppenschlange, in denen ich die
zarten Rippen zwischen der zerfressenen grauen Haut deutlich unterschied,
und der sliche und widerwrtige Hauch der Zersetzung strmte mir
entgegen.

Das Lagerfeuer zwischen uns zngelte in matten Flmmchen in den irdischen
Saal der Sterne ins Blau empor, und ich fhlte mein Herz unter dem Wunder
erzittern, in welchem es zu begreifen scheint, ohne da die Gedanken seiner
herrlichen Freiheit folgen knnen.

Ich fhle die Wahrheit, die in diesem Gleichnis liegt, wie Sie sie damals
empfunden haben mgen, sagte ich, aber ich vermag so wenig wie zuvor
meine Gedanken ber den Tod zu einer Gewiheit der Erkenntnis zu ordnen.

Es war jener letzte Schritt auf die Schlange zu, den Sie mit Ihrer
Gewiheit meinen, sagte der Brahmine. Wenn Sie mir sagen knnen, wo das
Leben aufhrt, und wo der Tod beginnt, so will ich Ihnen den Tod erklren.
Wollen Sie bei den Pflanzen nach dieser Grenze suchen, bei den Menschen,
bei den Steinen oder bei den Tieren? Ich sehe die Erneuerung aller
hinflligen Gestalt in der Natur, wohin ich blicke. Bis zur Bildung der
Kristalle im Gestein erblicke ich Leben und in der mathematischen Ordnung
solcher Erstarrung, die sowohl gedankenvoll zu sein scheint, als sie schn
ist, glaube ich die Gesetze zu erkennen, nach denen ich atme, mich bewege
oder Lust und Sorge erleide. Tod ist eine vage Annahme, die unsere Sinne um
der Beschrnkung ihrer Zeitbegriffe willen aufzustellen gentigt sind. Und
was unsere Bewutheit betrifft, so liegt ihr der Glaube an den Tod um so
ferner, je eingeschlossener in die Allgemeinheit alles Lebendigen wir uns
sehen oder fhlen. Und doch ist es mit dem Tode wie mit der Wahrheit, sie
lassen sich sicherer empfinden als jedes andere Element der lebendigen
Seele, aber sie lassen sich nicht erklren. Es wird immer zwei Arten von
Menschen geben, die einen nehmen den Tod als Pflicht des eigenen Wesens,
die anderen als die Willkr einer fremden Macht. Eure Kirche lehrt den Tod
als Sold der Schuld, aber euer Gott starb ihn als freie Pflicht.

So rechnen Sie Christus den Ihren zu? fragte ich. Sie glauben seine
Lebensweise und sein Gedankenreich der Ideenwelt Ihrer Gottheit einreihen
zu knnen?

Mangesche Rao antwortete mir:

Ich vermag es so weit, als der Sinn aller irdischen Religionen, oder
besser, die Religiositt aller Irdischen, aus einer gleichen Quelle des
Anspruchs und der Hoffnung fliet, nicht aber so weit, als es die Lehre
unserer Kirchen betrifft. Die Gedanken Christi sind grer als unsere
Gedanken und fhren weiter. Es ist viel ber die Unterschiede und ber die
hnlichkeiten der christlichen Religion und der Religion unseres Volkes
nachgedacht worden, aber die meisten Vergleiche sind deshalb bedeutungslos,
weil es schwerhlt, zwei Erscheinungen erfolgreich miteinander zu
vergleichen, die im Wesen voneinander verschieden sind, denn das Brahman
ist Philosophie, aber die Weisheit Christi ist praktische Lehre. Menschen,
welche das Wesentliche der Erscheinungen schwer festzustellen und
nachzuempfinden vermgen, lieben es besonders von unwesentlichen
Begleiterscheinungen aus zu vergleichen und gegen einander abzuschtzen. In
den meisten Fllen liegt solchen Bemhungen keine andere Absicht zugrunde,
als die, den einen Wert auf Kosten des anderen herabzusetzen. So hart
solche Behauptung klingen mag, so wenig werde ich sie einschrnken, denn es
ist den meisten Menschen, die Begreifen ber Empfinden setzen, oder
Verstehen ber Glauben, eigentmlich, da sie auch Verkleinern ber
Vergrern setzen. So erscheint es mir auch gleichgltig, ob etwa Christus
die Weisheit der Alten gekannt hat oder nicht. Groe Gedanken sind niemals
jung, so wenig, wie sie alt werden, und sie gleichen einander im Wesen, wie
die hchsten Spitzen der Berge im Schnee einander hnlich sind. Je
niedriger das Auge sucht, um so mehr Unterschiede wird es finden; der Pbel
ist am buntesten und nur im Elend einig. Aber das Ziel ist, in der Freude
einig zu sein.

Ich war ber diese Worte sehr berrascht und beglckt. Weniger in der
Absicht, zu widersprechen, als vielmehr in dem lebhaften Wunsche, die
Betrachtungsweise Mangesche Raos um so besser zu erfahren, sagte ich:

Aber wie furchtbar ist die Wirkung der Lehre Christi auf das
Menschengeschlecht gewesen. Sollte man nicht mehr als an jedem anderen
Bekenntnis am Christentum verzweifeln, wenn man seine blutige Einwirkung
auf die Geschicke der Vlker bersieht?

Wer bersieht diese Wirkung denn? fragte Mangesche Rao. Was Sie als
Resultat dieser Lehre hinstellen, erscheint uns wie ihr erster Beginn. Ich
mchte das furchtbare und blutige Ringen der Menschen um den Sinn des
Christentums eher die Geburtswehen dieser Lehre als ihr Resultat nennen.
Diese Lehre ist sehr jung und noch kaum recht verbreitet. Ist man nicht
ohne Mhe befhigt, sogar noch ihren ueren Weg auf der Landkarte
nachzuzeichnen, wie sie von Asien ber Griechenland und Rom in das Herz
Europas einzog, als wre sie diesen Weg erst gestern gegangen? Und der Teil
der Erde, welcher ihre Bekenner trgt, ist nicht grer, als da wir ihn
mit der Masse des Himalaja mit seinen Menschen, Stdten und Kirchen
verschtten knnten. Wenn die Zeit von Christi Hinscheiden bis heute noch
dreimal vergangen ist, wird sein groer Geist sich aus dem engen Mantel der
Kirche geschlt haben und weit mehr zum Element der Geister geworden sein.

Die Sonne ging ber der Steppe auf, es schien, als wrde sie aus Grnden
ewiger Gluten emporgeschleudert, und begann ihren Weg ber das Erdreich zum
ungezhlten Male, in unfabarem Triumph einer jauchzenden Herrschsucht. Das
Geschrei der Tiere im Urwald erklang ohrenbetubend und das lrmende
Erwachen der Natur vertrieb den letzten Gedanken an Schlaf aus meinem Blut.
Ich trennte mich von meinem Gefhrten, nahm die Bchse und ging in die
Steppe hinaus, den dampfenden, tobenden Dschungel hinter mir lassend. Und
in den Flammen, die luternd emporsteigen, wenn die Jugend und der Morgen
einander begegnen, kamen mir die Worte Christi in den Sinn: Solchen
Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.




Vierzehntes Kapitel

Der Heimat zu


Wir waren kaum einige Tage wieder in Mangalore angelangt, als eine
Nachricht die Stadt durchlief, die die Gemter in hohem Mae bewegte. Es
war ber Nacht eine Abteilung englischer Soldaten angelangt, angeblich
verschlagen auf einer Felddienstbung, bei einer Inspektionsreise durch die
Provinz, wie sie zuweilen unternommen werden. Aber niemand schenkte dieser
arglosen Auslegung Glauben, die widersprechendsten Gerchte durchflogen die
Stadt, und man sah berall in der Basarstrae und auf den Pltzen
Gleichgesinnte in feierlichen Gruppen versammelt. Nur der Straenpbel
trollte unbekmmert um Rechte und Pflichten einer gleichgltigen Regierung
seine gewohnten Straen, und die Hndler versprachen sich gute Tage, als
die leuchtend roten Jacken der Soldaten im bunten Bild des Basarlebens
auftauchten.

Sie schritten, wie es damals Vorschrift war immer zu vieren, gemchlich
dahin, bestaunten die unverstandenen Eigentmlichkeiten der fremden Stadt,
hielten sich hier ein wenig auf, amsierten sich dort auf ungezwungene
Weise und erweckten im allgemeinen den Anschein von Arglosigkeit, so da
ich den heimlichen Befrchtungen und mancherlei trichten Gerchten wenig
Achtung schenkte.

Mangesche Rao lie sich nicht bei mir sehen. Ich war nicht wenig erstaunt,
als ich ihn nach einigen Tagen im Wagen des englischen Oberst erblickte, zu
seiner Linken aber Seite an Seite mit ihm, die ruhigen Zge ohne jedes
Zeichen einer Beteiligtheit oder auch nur einer Bewegung unter dem gelben
Seidenturban, den ich so gut kannte. Der englische Offizier sprach lebhaft
und gestikulierte eher vergngt als erregt, alles erweckte deutlich den
Anschein einer gelegentlichen Begegnung. Ich ritt an seinem Wagen vorber,
er erwiderte meinen Gru gemessen.

Aber seltsam, seit diesem Zusammentreffen war es um meine Ruhe geschehen,
obgleich bei vernnftigen Erwgungen gerade das Gegenteil htte der Fall
sein mssen. Aber ganz abgesehen davon, da kein Land sich weniger als
Indien dazu eignet, eine politische Macht in energischer Offenheit und
schneidiger Entschiedenheit zu dokumentieren, war dieser fast freundliche
englische Besuch mir pltzlich verdchtig und um so gefhrlicher
erschienen, je mehr er sein Ansehen und seine Bedeutung zu verbergen
trachtete. Nichts erweckt in tiefer Beunruhigung strker das Gefhl der
Unsicherheit, als dies leise schleichende Indien. Pltzlich war mir, als
gingen alle Wesen und Menschen in falschen Gesichtern umher, ich mitraute
bald dem Brahminen, den ich liebte, bald Panja, bald meinen eigenen Sinnen,
es verlangte mich danach, aus den Verwicklungen einer Interessenwelt
entlassen zu werden, die ich nicht bersah, weil es mir an Hingabe fehlte,
und in die ich doch eingeschlossen war, weil meine Liebe zu Mangesche Rao
mich fesselte. Und so begrte ich die seltsame Gelegenheit, mich
beteiligen zu knnen, die sich mir kurz darauf erffnete, mit groer Freude
und erachtete die Gefahr um der Befreitheit willen gering, die sich
einstellte, wie mit einem Entschlu nach langem Zweifel.

So viel erschien mir nach den letzten Erfahrungen sicher, da der Brahmine
weit hher eingeschtzt und viel ernster genommen wurde, als er selbst es
mir oder andern jemals zu erkennen gegeben hatte. Diese Erfahrung erfllte
mich mit Bewunderung und heimlichem Stolz, und solche Empfindungen mgen
viel dazu beigetragen haben, da ich in fast gedankenloser Bereitwilligkeit
auf seinen Wunsch einging, den ersten und einzigen, den er jemals vor mir
ausgesprochen hat.

Es war in einer mondlosen Nacht gegen zwei Uhr, als Panja mich durch sein
vorsichtiges Ruspern neben meinem Bett weckte. Er hatte immer noch die
alte zurckhaltende Art der Ankndigung und war besonders zartfhlend, wenn
er mich aus dem Schlafe rief, denn er wute, da dieser Vorgang, mehr als
alle andern, das Heer meiner schlechten Eigenschaften entfesselte. Es war
so dunkel, da ich nur das finstere Dreieck im helleren, zurckgeschlagenen
Moskitovorhang unterschied. Ich erkannte niemand.

Mach' Licht! rief ich, da ich Panjas Gegenwart vermutete. Weshalb kommst
du?

Es soll kein Licht gemacht werden, Sahib, steh auf, ein Fremder ist da,
der dich sprechen will, er sagt, der Brahmine Mangesche Rao schicke ihn.

Es war Mangesche Rao selbst. Panja hatte mir geraten, auf keinen Fall zur
Nacht einen Besuch zu empfangen, der forderte, da kein Licht angezndet
wrde, aber ich dachte mir, schlielich sieht mein Gegner auch nicht viel
mehr von mir, als ich von ihm, und der Name meines Freundes machte mich
gefgig. Der Brahmine war seltsam durch eine ungewohnte Kleidung entstellt,
ich schickte auf seinen Wunsch Panja hinaus.

Wir saen uns gegenber, ein matter Schein von den Sternen beleuchtete das
Bereich der Fenster sprlich, ich glaubte nun, da ich Mangesche Raos
Gesicht zu unterscheiden vermochte, zu erkennen, da es schmaler und bleich
war, aber es mochte vom unsicheren Nachtlicht herrhren. Mir schien, als
rnge er innerlich mit dem Entschlu zu einem Bekenntnis, einem Wunsch,
ber die Mhe der zurckliegenden Tage ein Wort der Klage zu uern, aber
es geschah von alledem nichts. Er sagte nach einer Weile des Schweigens, in
der ich Gelegenheit hatte, die merkwrdige Entstellung zu betrachten, die
seine nchtliche Kleidung herbeifhrte, ruhig und unmittelbar:

Morgen werden die Soldaten der Regierung in Ihrem Hause nach Dokumenten
einer Verschwrung suchen, die ber das ganze Land hin verbreitet sein
soll, und deren Anhnger sie auch in Mangalore vermutet. Ich stehe, wie Sie
wissen, im Verdacht, ein Gesinnungsgefhrte der Unzufriedenen zu sein, und
da ich oft in Ihrem Hause ein und aus gegangen bin, bringt man Ihre Person
in Beziehung zu meinen Interessen.

Eine Verschwrung? fragte ich erschrocken.

Mangesche Rao wartete, ob ich noch etwas hinzufgen wrde, aber mir fiel im
Augenblick nichts ein, diese nchtliche Begegnung, die Aussichten fr den
nchsten Tag und jene Enthllung nun verwirrten mich in gleichem Mae, wie
sie mich anregten. Wie anders die Dinge vor der Entscheidung als in
romantischer Entfernung aussahen.

Verschwrungen gibt es hierzulande beinahe tglich, sagte Mangesche Rao
langsam, und als dchte er an andere Dinge. Sie werden entdeckt und
vereitelt; und wenn sie nicht entdeckt werden, so brechen sie deshalb auch
noch nicht aus. Die englischen Beamten brauchen Unterhaltung und ein Feld
fr ihren Eifer. Uns geht es hnlich.

Er wandte sich ab wie in heimlichen Zweifeln und sah mit einem traurigen
Ausdruck in die dmmerige Nacht hinaus. Man hrte die Grillen feilen, ein
paar Sterne hingen wie Funken im Gefieder der Papayakronen.

Leider habe ich ein gutes Gewissen, sagte ich. Seltsamer und fremder war
mir dies Land nie erschienen. Ich kannte die zurckhaltende Art des
Brahminen gengsam, um zu wissen, da er weit mehr verbarg, als er erkennen
lie, auch htten keine Worte mich so entscheidend von der Wichtigkeit
seiner Angelegenheit und vom Stand der Dinge berzeugen knnen, als sein
nchtlicher Besuch es tat.

Es waren an diesem Tage noch kurze Regenschauer gefallen, es drang khl
durch die Stbe der offenen Fenster zu uns herein und zog mit Duft und
feinem Klingen bis in die dunklen Ecken des Zimmers. Mir war, als trumte
ich.

Was kann ich tun? fragte ich.

Mangesche Rao ffnete sein Gewand ber der Brust und entnahm ihm einige
verschnrte Pckchen, die Papiere zu enthalten schienen oder Briefe, ich
sah es undeutlich, jedoch war die Verpackung derart, da man leicht auf
solcherlei Dinge schlieen konnte.

Wollen Sie diese Schriftstcke in Ihrem Hause verbergen? fragte er
gleichmtig.

Ich bejahte seine Frage ohne Besinnen, im Augenblick nur in schnellen
Erwgungen damit beschftigt, welcher Ort meiner Wohnung oder meines
Gartens am geeignetsten sein mchte. Es kam mir keinen Augenblick in den
Sinn, da es in Mangalore Verstecke genug fr eine Handvoll verdchtiger
Papiere geben mute, und der Gedanke, etwa mibraucht zu werden, lag mir so
fern, wie ich tief durchdrungen war vom Charakter und Wert des Mannes, der
mich bat.

Spter habe ich oft daran denken mssen, welche Empfindungen in der Seele
eines jungen Menschen Entschlsse hnlicher Art zu zeitigen vermgen, und
wie selten die Gesinnung eines auf solche Weise Bereitwilligen im Grunde
mitzuspielen braucht. Es mag sich so mancher, der durch einen raschen
Entschlu, den vielleicht die gedankenlose Erbtigkeit eines Augenblicks
mit sich gebracht hat, um die Freiheit seiner ganzen Jugend und um den
Preis seines ttigen Lebens gebracht haben.

Ich griff nach dem Pckchen. Verlassen Sie sich auf mich, sagte ich.
Darber kam mir in den Sinn, da mein Freund mir soeben noch mitgeteilt
hatte, da ich morgen mit einer Haussuchung zu rechnen htte, und ich
stellte eine Frage, um diese seltsamen Zusammenhnge aufgeklrt zu sehen.

Ich mchte, da diese Schriftstcke bei Ihnen gefunden werden, sagte
Mangesche Rao. Er sprach leise und vorgeneigt, aber ohne Eifer und ohne den
Wunsch, mir seine Verfgung dadurch geheimnisvoller zu machen. Wer in
Indien eigene und gefahrvolle Interessenwege beschreitet, wei, da nicht
nur die Wnde Lauscher verbergen, sondern da auch von der Nacht, den
Frauen und dem besten Freunde Gefahr drohen kann. Ich ahnte seine Besorgnis
und sagte:

Mein Diener ist zuverlssig.

Mangesche Rao schttelte den Kopf. Er ist ein Kind, sagte er. Gesinnung
und Aufrichtigkeit ohne Schlauheit sind wie Verrter fr jeden bei uns,
welcher die Mittel seiner Feinde kennt. Sie mssen aus einem Lande stammen,
in welchem der Freimut und die Kraft neben der Khnheit als hoher Ruhm
gelten, sie mgen zur Ehre eines freien Volkes gehren, dies Volk hat seine
Freiheit fast vergessen.

Irgend etwas berwltigte mich nach diesen Worten zu einer Traurigkeit, in
welcher ich zum ersten Mal die Liebe meines Herzens zu diesem Manne in
ihrer ganzen Tiefe empfand, und ich htte ihn instndig bitten mgen, von
diesem fruchtlosen und bsen Kampf zu lassen. Mir wurde klar, da sein
Wesen bei aller Kraft seines Geistes den Waffen seiner Gegner nicht
gewachsen war, denn den Hochgesinnten berwltigt im Kampf mit der
Niedrigkeit zuletzt der Ekel, aber ich schwieg aus Ehrfurcht vor dem Feuer,
das in seiner Seele brannte.

Mangesche Rao fuhr fort: Machen Sie es den Suchenden nicht gar zu leicht,
aber tragen Sie Sorge, da sie die Papiere auf jeden Fall finden. Sollte
der Zufall, der so gerne dort zu spielen liebt, wo die Absicht am
deutlichsten ist, den Erfolg der Englnder vereiteln, so verraten Sie die
Dokumente dadurch, da Sie sie, scheinbar ungeschickt, zu verstecken
trachten, whrend noch gesucht wird.

Er brach pltzlich ab und wartete wie auf einen Einwand, aber ich sprach
das Mitrauen oder die Besorgnisse nicht aus, die er bei mir zu vermuten
schien, weil kein Argwohn gegen den Freund in meinem Herzen war, und weil
ich wute, da er niemals etwas von mir fordern wrde, das ihm diente,
indem es mich schdigte. So erklrte er mir die Absicht, die er mit dieser
Manahme verfolgte:

Unsere Zeit ist noch nicht gekommen, sagte er einfach, die Funde, welche
in Ihrem Hause gemacht werden, sind argloser Natur, aber immerhin
bezeichnend genug, um als eine wichtige Entdeckung gelten zu knnen. Der
Verdacht wird durch diese Dokumente abgelenkt und die Spur verwischt
werden, man wird ihren Inhalt dankbar als Resultat der Untersuchung
betrachten und an ihm die Eigenart und den Umfang jener Umtriebe messen,
die Verdacht erregt haben. Einige unserer Freunde werden blogestellt, aber
sie sind bereit, der Sache das Opfer zu bringen, das in der Verbung einer
geringen Strafe besteht. Zuletzt wird man nicht viel mehr in Erfahrung
gebracht haben, als ohnehin schon bekannt ist.

Sie sagen mir viel, antwortete ich dankbar und voller Bewunderung fr das
Geschick dieses Plans.

Ihr Vertrauen verdient das meine, sagte Mangesche Rao einfach, und ein
warmer Blick, der das khle Ma dieser stets so beherrschten Zge
durchbrach, traf meine Augen kurz und traurig.

Ich fragte noch, wie ich mich einem Verhr gegenber zu verhalten htte,
welches danach forschte, wie die Papiere in mein Haus gekommen seien.

Nennen Sie meinen Namen, entschied Mangesche Rao.

Und wenn Sie selbst eine Strafe trifft?

Man wird es nicht wagen und sich an die halten, welche wir vorgeschoben
haben, aber besser wre es, man wagte es, weil meine Bestrafung mir das
Vertrauen derer sichern wrde, fr welche ich sie trage. Je mehr die
Regierung mich schont, um so eher werden die Brahminen von Mangalore mich
fr einen Abtrnnigen halten. Meine Offenheit gegen die Priesterkasten
selbst wrde Verrter im eigenen Lager erwecken, meine Vorsicht dagegen
macht sie mitrauisch. Es ist schwer, im dunkeln Wald einen geraden Weg zu
gehen.

                  *       *       *       *       *

Strahlend stieg ein neuer Tag ber Mangalore empor. Ich ritt, schon bevor
die Sonne die Spitzen der braunen Pagoden frbte, durch die sumpfigen
Mangroven-Dickichte der Fluniederungen, von Panja begleitet, der wie in
einer Ahnung der hereinbrechenden Ereignisse nicht von meiner Seite wich.
Eine seltsame Fremdheit lag in meinen Augen ber der Landschaft, ihren
Tieren und Pflanzen und ber allen Dingen. Als ich nahe bei einem hlzernen
Lagerschuppen ein Boot im dunklen Wasser erblickte, auf dem ein Hindu
frstelnd in der Morgenkhle hockte und, noch benommen vom Schlaf, in die
grnschimmernde Weite starrte, kam mir jener Tag in den Sinn, an welchem
ich zu Beginn meiner Dschungelfahrt in Tschirakal am Watarpatnamsee
angelangt war und Panja mit den Mohammedanern um den Preis der Kanus
stritt.

Die Erlebnisse und die Bilder meiner Reise zogen mit dem heraufsteigenden
Tag durch meine Erinnerung, mit ihrem Glanz und ihren Sorgen und ihrem nie
ruhenden Wunsch meines Herzens es mchte in diesem Lande Heimatrechte und
jene Beziehungen erwerben, die Vertrautheit zur Liebe fhren. Huc, der Affe
meines Traums, sa wieder mit alten Augen vor mir, wahrsagerisch und weise,
von jenen Hoffnungen der seufzenden Kreatur ermdet, die so alt sind wie
die Schicksale der Erde.

Waren es die Unrast, der Ha und die Erbitterung der neuen Menschen meiner
Erfahrung und ihre kleinen und doch so wichtigen Interessen, die mir den
Glauben an die Harmonie zerstrten, welche die unberhrte Natur und das
groe Meer mir vermittelt hatten? Nie kam ich mir verirrter vor in dieser
Welt des Wirkens, als an jenem Morgen, und am liebsten htte ich alles
dahinten gelassen, um aufs neue in die grnen Schatten der durchklungenen
Wildnis zu ziehen, die die Sicherheit und den Wohlstand des armen Daseins
gefhrden mochte, die aber den Weg der Seele zu jenem Erkennen bereitete,
das allein Frieden bringen kann.

Aber mein Verlangen erschien mir bald darauf wie ein Hang zur Flucht, als
warteten Pflichten und Aufgaben meiner in einem anderen Land, in einem
Bereich, dessen Krften und Zielen ich durch Abstammung und berlieferung
verbunden war, und zum ersten Mal seit Jahren wandten sich meine inneren
Augen ber das Meer hin der Heimat zu. Ich dachte daran, da der Mann, dem
nun seit lange meine tiefste Teilnahme gehrte, wie in einem wehmtigen
Bewutsein des Untergangs seines eigenen Geschlechts und seiner Rasse, den
nahen Ruhm und die Hoffnung der meinen ahnungsvoll ausgesprochen hatte, und
ich fhlte die Kraft seines Glaubens wie ein Vermchtnis im Gewissen
glhen.--

Die Ereignisse des Tages verliefen hnlich, wie ich sie nach Mangesche Raos
Worten erwarten mute. Gegen Mittag meldete sich ein junger Offizier, der
in Begleitung von drei Soldaten kam, bei mir an. Er nahm seine Pflicht
ungemein wichtig, er versuchte den Anschein zu erwecken, als sei er der
Knig von England, und ich beantwortete seinen pathetischen Erla damit,
da ich ihm mein Taschenmesser aushndigte, als habe er meinen Degen
gefordert. Er mute lachen und schien sich darauf zu besinnen, da ein
Privatmann kein Rekrut und ein Deutscher kein englischer Untertan ist, auch
erinnerte ich ihn daran, da ein Verdacht kein Beweis und ich selbst kein
verdchtiges Dokument sei.

Sein Selbstbewutsein uniformierte sich wieder, als die Papiere gefunden
wurden, und auf sein Ersuchen begleitete ich ihn im Ochsenwagen zum
Regierungsgebude. Er war unterwegs hflich, still und sehr ernst, und ich
freute mich heimlich des gelungenen Plans meines Freundes. brigens sah
nach diesem ffentlichen Eingriff in die Privatrechte einer Reihe der
Einwohner Mangalores das militrische Aufgebot pltzlich um vieles
gewichtiger aus. Von den Fenstern des Regierungsgebudes aus erblickte ich
drauen auf dem Meere den niedrigen eckigen Umri eines Kanonenbootes, das
schwarz und drohend im stillen Blau schwamm, wie mit Kohle gezeichnet. Der
unfreundliche Hof des Gebudes wimmelte von Soldaten. Einen Augenblick
berkam mich ein Gefhl heier Besorgnis um Mangesche Raos Geschick. Die
nchstliegenden Eindrcke sind besonders dann die strksten, wenn man die
Aussichten der Parteien nicht bersieht. Panjas totenblasses Gesicht ging
mir wie ein Gespenst nach, er war wie versteinert am Gartentor
zurckgeblieben, ich wute nicht, ob er meinen Befehl verstanden hatte,
mich am Abend zu erwarten, und ich frchtete ernstlich, er wrde irgend
eine heldenmtige Dummheit begehen.

Nach einer zweistndigen Wartezeit, in welcher ich eine treuherzige
Schildwache mit einer Reihe der furchtbarsten Dschungelmrchen in ihrem
Glauben an Hexen und bse Geister bestrkte und sie mit Zigaretten wieder
beruhigte, erschien der Kollektor und verbrgte sich dem englischen Oberst
gegenber, der ihn begleitete, fr meine Unschuld. Es mute wohl eine
ausfhrlichere Verhandlung ber mich vorangegangen sein, der Beamte
entschuldigte sich hflich aber etwas gereizt bei mir, offenbar erinnerte
er sich dessen, da ich die Bekanntschaft Mangesche Raos seiner Vermittlung
verdankte, und da ich mich seit jenen Tagen nicht gut zu einem
gefhrlichen Umstrzler hatte auswachsen knnen. Es schien mir zudem aus
allem hervorzugehen, da man den Brahminen zu schonen wnschte. Ein Rekrut
machte sich auf den Weg, mein Pferd zu holen, und ich wurde etwas herzlos
und beilufig verabschiedet. Man war offenbar beschftigt.

Panja empfing mich glcklich und stolz, mir war, als schmte er sich seiner
ngste, nun er mich wohlbehalten in unserm Hause wiedersah, aber weder
seine Freude noch die eigene Erleichterung lieen mich aufatmen. Es trieb
mich den Rest des Tages hindurch in groer Unruhe von einem zum andern,
nichts wollte mir gelingen, nichts beschftigte mich ernstlich, ich wartete
und wute nicht worauf.

Gegen Abend schickte ich Panja zu Mangesche Rao. Er traf ihn nicht in
seinem Hause an, aber ich erfuhr wenigstens, da er auf freiem Fu belassen
worden war, ohne da ich mich nun fr eine Genugtuung oder fr eine neue
Besorgnis entschlieen konnte.

Aus diesen bedrngenden Stunden ist mir ein kleiner Vorfall ohne Bedeutung
so lebhaft im Gedchtnis geblieben, als habe meine Sorge sich einzig um ihn
gedreht. In der kurzen Dmmerung, als schon der Mond leuchtete, und ich mit
meiner Zigarre im Liegestuhl auf der Veranda weilte, sah ich einen
beweglichen Schatten am Gartentor. Ich beobachtete ihn eine Weile, ohne ihm
Gewicht beizumessen, endlich rief ich Panja, der hinausging und gleich
darauf ein Kind zu mir brachte, das mich mit stillen Augen betrachtete und
lange kein Wort wagte. Es war ein Mdchen von etwa dreizehn Jahren, mit
einem rtlichen Kittel bekleidet, mit offenem Haar und seiner
Gesichtsbildung nach den niederen Kasten angehrig. Mit Panjas Hilfe erfuhr
ich bald die Geschichte und die Bitte meines spten Gastes, und mit einem
heimlichen Schauer sah ich das junge Wesen pltzlich mit ganz anderen Augen
an, als ich wute, da es vor einigen Tagen Mutter geworden war. Man mu
erfahren haben, wie gewhnlich solche Flle im tropischen Indien sind, um
solcher Aussage ohne weiteres Glauben zu schenken. Die junge Mutter kam aus
einem Dorfe im Flutal und bat mich um Schutz. Es handelte sich offenbar um
eine Verwechslung meines Hauses mit der Missionsniederlassung.

Es ist die Nacht der freien Liebe in ihrem Ort, erklrte mir Panja.
Einmal im Frhling mu dort in ihrer Kaste jede Frau und jedes Mdchen
jedem Manne angehren, der sie begehrt, das ganze Dorf heult und wimmert
die Nacht hindurch, wie ein Sumpf mit Ertrinkenden, die zu ewiger Wollust
verdammt sind. Es dauert, bis die Sonne am Erdrand erscheint, dann wird es
still, und den Tag hindurch schlafen die Menschen. Das Kind ist aus Furcht
geflohen.

Panja fhrte die junge Mutter in die Missionsschule hinunter, ich blieb mit
den Grillen allein in der weischillernden Nacht, der letzten in Indien, an
die ich klare Erinnerungen habe, denn am Morgen des hereinbrechenden neuen
Tages stand ich vor der Leiche Mangesche Raos.

                  *       *       *       *       *

Ich wei, da ich im Morgengrauen aufs Pferd stieg, im Reiten meinen Rock
knpfte und mir dessen bewut wurde, da ich den Korkhelm vergessen hatte.
Darber kam mir in den Sinn, da ich bei meiner Rckkehr den Schatten
aufsuchen mte, und hrte Panjas fremde Stimme, der mit meinem Pferd
sprach, das er laufend am Zgel fhrte. Er schrie einen Ochsenkarren an,
der uns in der Nhe des Stadttors den Weg versperrte, und ich sah einen
kleinen gekrmmten Mann, der ngstlich und mit bsen, unterwrfigen Augen
seine Tiere in den Graben zerrte. Er hatte Maisschlinge geladen und trat
mit seinem nackten Fu aufgeregt in die Weichen der schwerflligen Ochsen.
Hatte diese selbe Stimme Panjas nicht eben noch geschrien: Die Brahminen
haben Mangesche Rao vergiftet?

Es war noch nicht ganz hell im Haus des Toten. Der festgetretene Lehmboden
vor der Veranda glnzte feucht, am Zaun waren weie Ziegen angebunden, und
die Palmenwedel sirrten im Morgenwind. Ich vernahm eine Stimme, die
merkwrdig gleichfrmig klagte, immer in demselben Tonfall, die hellen
Seufzer folgten einander mit dem ausgestoenen Atem, und mein erster
Gedanke war: So ist er nicht tot, ich werde ihn noch lebend finden.

An der Tr zum Totenzimmer flchteten einige dunkle Gestalten, ich sah im
Raum, dicht am Fenster, ein niedriges Lager, auf das das Morgenlicht fiel,
grnlich und bla, wie aus einem erlschenden Scheinwerfer. Unter einem
weien Tuch erkannte ich undeutlich die Umrisse einer gekrmmten Gestalt,
eine zur Faust verkrampfte Hand sah seitlich aus den Falten hervor und
reckte sich, wchsern gefrbt, ein wenig aufwrts gebogen, in den fahlen
Glanz des nahenden Tags empor.

Ich schlug das Tuch zurck und lie es sogleich wieder ber das entstellte
Gesicht zurckfallen. Das hllische Gift, dem der Brahmine erlegen war,
verrt sich selbst unzweifelhaft durch seine Wirkung und zugleich die
heimtckische Macht derer, die es im Namen ihrer zu hmischen Gtzen
herabgesunkenen Gottheit mischen.

Als ich mich abwandte, begegnete ich Panjas Augen, und als er mein Gesicht
sah, warf er sich zur Erde, als habe eine Faust ihn niedergeschlagen, und
brach in ein Geheul aus wie ein Tier.--

Auf der Basarstrae hatte das bunte Leben des neuen Tages begonnen, die
braunen, nackten Gestalten unter den farbigen Turbanen eilten in gewohnter
Weise dahin, geschftig oder lssig, bald von Lasten gebeugt, bald steif
und wrdig im vertrauten Miggang. Ein mohammedanischer Hndler, dem ich
seit langem schon versprochen hatte, ein Bndel Ingwerwurzeln abzukaufen,
die ich mitnehmen wollte, verfolgte mich lange. Am Tempelteich, in dem eine
weie Mauer sich spiegelte, predigte ein fremder Pilger. Es roch nach
verdunstendem Sprengwasser und Ochsen, die Sonne schien, die vereinzelten
Palmen hoben sich schrg und still ber den Lrm der Strae und ber die
weien, flachen Dcher der Huser. Es begann warm zu werden.

Als wir die hohe Palmenallee erreichten, die am Meer dahinfhrt, und die
Gerusche der Stadt im eintnigen Rauschen des Wassers verklangen, gab ich
Panja mein Pferd und schritt allein weiter. Eine Mdigkeit, die Leib und
Seele wie ein bitterer Strom durchdrang, lie mich nach einer Weile
innehalten, und ich lehnte mich an den Stamm eines Baums und schlo die
Augen.

Da sah ich im Abendfrieden ein Dorf meiner deutschen Heimat. Der Holunder
blhte am Zaun, es hatte geregnet, und die Luft war khl und feucht. Hoch
auf dem Giebel eines Bauernhauses sang eine Amsel in der letzten Sonne, und
die klare Sigkeit ihrer Stimme erfllte das ruhige Land mit Glck.


  Ende




Im Verlag von Rtten & Loening in Frankfurt a. M. erschien

  Waldemar Bonsels
  Menschenwege
  Aus den Notizen eines Vagabunden

  75. Tausend


Aus Urteilen der Presse:

Als Dichtungen, mit sokratischer Methode gewertet, sind diese sieben
Kapitel des Waldemar Bonsels das Reinste, Klingendste, Gewhlteste, was mir
seit langem begegnete. Eine Keuschheit des Geistes ist in diesen
Begegnungen, eine Zucht des Worts, eine Regie der Fhrung, die uns aus
jeder Bedrngnis der Gegenwart in das Lichtgebude eines geruhsam
betrachtenden Willens fhrt.

  Tgliche Rundschau, Berlin


Waldemar Bonsels ist der tiefgrndige Denker und knstlerisch reife
Gestalter, der Dichter mit der umfassenden Menschenliebe und Wortfhrer fr
eine neue, auf voraussetzungsloser Gte aufgebaute Weltordnung. Zu der
Weisheit und Liebe, die sein neues Buch: Menschenwege, aus den Notizen
eines Vagabunden ausstrmt, gesellt sich als weiteres Geschenk die
wahrhaft adelige Form der Sprache, in die der Dichter den Reichtum seiner
Gedanken gefat hat.

Gerade in unserer haerfllten und ungerechten Zeit, die so viel
Schmerzliches und Bitteres ber uns gebracht hat, wirkt ein so ganz aus
Seelengte, Milde und feierlichem Ernst gestimmtes Werk wie eine
Offenbarung, in der wir den tieferen Sinn unseres Lebens wie eine
Verheiung von neuem erkennen.

  Straburger Post


Eine Vertiefung des Geistigen, eine Verinnerlichung des Seelischen und eine
Umhllung des Ganzen mit einer Atmosphre des mystisch Reinen und Frohen,
eines ins Hchste gerichteten Sinnes, spricht aus dieser Dichtung, da es
sie schdigen hiee, wollte man versuchen, die Linien nachzuziehen. Es ist
eine ber alle dogmatischen Satzungen erhobene, freie Religiositt, die als
einziges Ziel das Unvergngliche hat, um das sich seit Anbeginn der Kosmos
mit seinen Menschlein bewegt: Gott.

  Frankfurter Zeitung


ber aller Wirklichkeit der bunten Lebensgeschehnisse dieses Buches steht
leuchtend die Wahrheit, die der Dichter in prophetischem Geiste verkndet.
Seine neue Betrachtung der Welt erwchst allein aus dem Glauben an eine
reine Menschlichkeit. Dieser Vagabund ist die Verkrperung der Sehnsucht
der neuen Jugend.

  Hannoverscher Courier




Urteile der Presse ber:

  Waldemar Bonsels
  Indienfahrt

Ich gestehe offen, da mir noch niemals ein so formvollendetes,
knstlerisch durchdachtes und von Schnheit berquellendes Buch unter die
Augen gekommen ist.

  Der Bund, Bern


Waldemar Bonsels' Buch ist nicht nur das Schnste, was ich je ber Indien
gelesen habe, auch ohne Rcksicht auf den Gegenstand mu ich es zu den
wenigen groen Kunstwerken der Literatur der Gegenwart zhlen, die an sich
vollkommen sind. In meiner tiefen Ergriffenheit mchte ich auf dieses Buch
alle die Lobsprche hufen, wie sie schlagwortartig bei Anerkennungen
wiederkehren.

  Die Hilfe, Berlin


Es ist unmglich, die Glut dieses Buchs aus Rausch, Fieber, Weisheit und
Liebe zu zergliedern! Das Erlebnis Indien ist fr Waldemar Bonsels das
Erlebnis der Natur ohne Konventionen, ohne Zivilisation, ohne
Mechanisierung des Lebens. Der Dichter durchstreift den Dschungel, immer
auf der Suche nach reiner ungetrbter Natur, voll Qual und Lust, voll Gre
und Einsamkeit. So wird der Leser vom stofflichen Reiz, vom Interessanten
zur Philosophie, zur Betrachtung, zum Miterleben einer Dichtung geleitet,
deren Gegenstand ein wirkliches Land ist, und aus einer Summe von
Eindrcken wird ein phantastisches, groartiges und khnes Gemlde des
Lebens, wie es berall aus Gott fliet und zu seinem Urgrund zurckflutet.

  Mrz, Mnchen


Bonsels zeigt _sein_ Indien, das Indien eines Menschen, der mit durstiger
Seele durch die Wlder und Berge zieht. So, aus dem Persnlichen heraus,
erwacht dieses Land mit einer Lebendigkeit vor unseren Augen, als stnden
wir selber auf seiner Erde, als qulle der Dunst seiner Frhe und die Glut
indischen Mittags vor uns aus dem Boden mit all seinen Gefahren und
mystischen Verlockungen. Mir scheint dies wirklich die einzige Methode zu
sein, mit der ein Land deskriptiv zu erfassen ist. Man darf nicht mit der
Kamera und dem Lot auf solch eine Reise gehen, sondern mit einer Seele;
einer Seele, die hell sein mu wie ein Spiegel, der die Sonne aufnimmt und
widerstrahlt aus der Begrenztheit seiner Dinghaftigkeit in die
Unbegrenztheit seelischen Erlebnisses.

  Berliner Tageblatt




Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschienen:

  Waldemar Bonsels
  Die Biene Maja und ihre Abenteuer

  315. Auflage


Gebt dieses Buch euren Kindern; es ist ein herrliches Buch!

  Die deutsche Frau, Berlin


Es ist das Werk eines Dichters und Sehers, der eine groe Offenbarung ber
das tiefste Wesen der Dinge zu verknden hat.

  Straburger Post




  Waldemar Bonsels
  Das Anjekind
  Eine Erzhlung

  49. Auflage

In diesem Buche schlgt das Herz einer dichterischen Wahrhaftigkeit, das zu
schlagen nie aufhren wird. Es ist ein Einklang zwischen Natur und Mensch
dargestellt, wie er ergreifender kaum gedacht werden kann.

  Hannoverscher Courier




  Waldemar Bonsels
  Himmelsvolk
  Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott

  240. Auflage

Dies zarte, berauschende Buch ist ein Buch des Kmpfens, des Sieges und des
Untergangs. Alle Entwicklungen des Buches, sein inneres Ereignis, wird
dargestellt in Unterhaltungen mit Blumen, in Gesprchen von Tieren, deren
Ernst von einer kaum glaubbaren, niegekannten Heiterkeit getragen ist.
Jedes Wort aber scheint hingeschrieben in groer Leidenschaft, tief erfhlt
und in dem Willen, durch sein Werk beizutragen zu einer kommenden,
reineren, alles auf das Erleben stellenden, um Gott wissenden Menschheit.

  Berliner Brsen-Courier




Im Verlag von Schuster & Loeffler in Berlin erschienen:

  Waldemar Bonsels
  Wartalun
  Eine Schlogeschichte

  56. Auflage

...das ist der Sinn des Geschehens zu Wartalun, einer Geschichte von so
hohem dichterischen Gewicht, da ich sie nach den Maen anderer Romane
nicht messen mchte. Der sie schuf, ist ein groer Knstler, wer sie liest,
empfngt eines der schnsten, um Natur- und Menschengeheimnis gewebten
Gedichte. Es klingt wie Urweltrauschen durch dies Buch, Winde, Bume,
Tiere, die Erde selbst scheint zu reden, und das Tun der Irdischen ist wie
ein Glied der groen unendlichen Kette, die alles Leben bewegt.

  Mnchen-Augsb. Abendzeitung




  Waldemar Bonsels
  Der Tiefste Traum
  Eine Erzhlung

  46. Auflage

Ein Stimmungszauber geht von dem Buche aus, der die Sinne mit lockender
Gewalt zur innigsten Anteilnahme zwingt. Der eigenartige Zauber liegt auf
der rein menschlichen Seite des tiefen Problems, und die ganze Entwicklung
der beiden Charaktere ist einzig darauf gerichtet, alles in eine ungemein
vertiefte und goldverklrte Harmonie ausklingen zu lassen.

  Generalanzeiger fr Elberfeld




  Waldemar Bonsels
  Don Juan
  Eine epische Dichtung

  7. Tausend

  Erschienen 1919




                  *       *       *       *       *




Anmerkung: Gegenber dem Originaltext wurden folgende
nderungen vorgenommen:

    Buchseite 132: khl um seine Stirn wehte
    wurde gendert in: khl um meine Stirn wehte.
    Buchseite 134: Maisor wurde gendert in Maisur.
    Buchseite 154: Mangolore wurde gendert in Mangalore.
    Buchseite 168: Upanangadi wurde gendert in Uppanangadi.
    Buchseite 191: Kumadary wurde gendert in Kumardary.
    Buchseite 199: Malealym wurde gendert in Malayalam.
    Buchseite 224: Indier wurde gendert in Inder.
    Buchseite 230: Indier wurde gendert in Inder.

    Ein neuer Absatz wurde begonnen:
    Buchseite 54: vor Die Nacht sank nieder
              76: vor Wir besichtigten die Boote
              78: vor Gegen Mitternacht
              80: vor Wir hatten viel Umstnde
             119: vor Goy sann nach
             122: vor Ich sah Panja weinen
             122: vor Erst nach Tagen
             132: vor Mir war die Nachricht willkommen
             185: vor Ich begriff aufs neue
             199: vor Er erhob sich
             223: vor Die Sonne trieb ihr buntes Spiel



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     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
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     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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