Project Gutenberg's Und die ihr alle meine Brder seid, by Ida Frohnmeyer

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Title: Und die ihr alle meine Brder seid

Author: Ida Frohnmeyer

Illustrator: Carl F. Nahm

Release Date: January 5, 2008 [EBook #24175]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UND DIE IHR ALLE MEINE BRDER SEID ***




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                            Und die ihr alle
                            meine Brder seid

                              Erzhlungen
                                  von
                             Ida Frohnmeyer

                             1.--5. Tausend


                  Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn

                                  1920

               Copyright 1920 by _Eugen Salzer_, Heilbronn

                  (Gesetzl. Formel fr den Schutz des
            Inhalts in den Vereinigten Staaten von Amerika)

                  Den Einband zeichnete _Carl F. Nahm_

        Druck der Chr. _Belserschen_ Buchdruckerei in Stuttgart




Barbara.


Der Friedhof liegt dicht neben dem Pfarrhausgarten, so da der mchtige
Birnbaum gleichermaen die an der Mauer liegende Grberreihe, wie auch
die Gemsebeete der Frau Pfarrer beschattet. Der Fliederstrauch, dessen
Bltezeit alljhrlich ein beglckendes Wunder der Schnheit ist, reckt
sich mit seinen reichsten sten -- ein wenig zum Kummer des Pfarrherrn
-- in den stillen Garten hinber. Dafr klettert aber aus diesem
breitblttriges Grn in die Hhe, und pltzlich tun sich ber der Mauer
die blaudunkeln Augen der Clematis auf.

Die Frau Pfarrer ist schon oft gefragt worden, ob ihr die Nachbarschaft
des Friedhofs nicht unheimlich und drckend sei. Aber sie schttelt den
Kopf, und im Herzen denkt sie, da es demjenigen, der so lange Jahre
hindurch dicht neben dem stillen Garten gelebt, einmal leichter falle,
sich in eines der schmalen Betten zur Ruhe zu legen. Sie geht, obwohl
sich einige ihrer Gste erstaunt, ja beinahe mibilligend darber
uern, fast allabendlich durch die kleine Pforte, die aus ihrem
eigenen, mit lachendem Leben gefllten Garten in den stillen hinberfhrt.
Wenn sie dann zurckkommt, ist ihr Antlitz vielleicht ein wenig blasser,
aber die Augen haben einen hellen und gtigen Schein, und ihre Schritte
sind ruhig und kraftvoll.

An einem Sommerabend, der ganz gesttigt war vom Glanz und Duft der
heiern Stunden, ging die Pfarrfrau wieder durch die schmalen Wege, die
zwischen den Grbern laufen.

Sie war nicht allein. Eine jngere Freundin, von der sie lange Jahre
getrennt gewesen, ging an ihrer Seite und schaute mit groen, ein wenig
vertrumten Augen ber die blumenbunten Grber. Pltzlich blieb sie an
einem mit Immergrn bedeckten Hgel stehen und las mit halblauter Stimme
die Worte:

    Hier mssen doch aufhren die Gottlosen mit Toben;
    hier ruhen doch, die viel Mhe gehabt haben.

Was ist das fr ein Grab? Steht der Spruch wirklich in der Bibel,
Anne?

Ja. Im Buch Hiob. Nur heit es dort statt >hier< daselbst, und das ist
auch der Grund, weshalb mein Mann keine Stellenangabe wnschte. Aber das
war der alten Schufele gleichgltig. Sie war schon zufrieden, da der
Spruch berhaupt bestehen durfte, und da sie keinen Namen anzugeben
brauchte. Sie erzhlte mir, sie habe mit dem Maler einen schweren Stand
gehabt, denn er wollte ihr durchaus den absonderlichen Spruch ausreden
und zum wenigsten am Fu des Kreuzes >Auf Wiedersehen< anbringen. Aber
gerade dies Wort konnte ja die arme Mutter gar nicht aufrichtig denken.

Warum nicht, Anne? Wie ernst du dreinsiehst! Wer liegt hier begraben?
Ich bin sicher, dies Grab hat eine Geschichte.

Ja ... Eine schwere Geschichte. Wenn du sie hren willst, so komm'
hinber zu dem kleinen Bnkchen. Man sieht von dort gerade auf das Haus,
wo meine Geschichte den Anfang nimmt.

Die Freundin schob ihren Arm in den der Pfarrfrau. Sie schritten zu der
kleinen Bank hinber, die unter den Zweigen einer Trauerweide steht, und
setzten sich. Aber Frau Anne begann nicht zu erzhlen. Sie hatte die
Hnde ineinander gelegt und starrte mit leidvollen Augen zu dem Haus
hinber, das sie der Freundin bezeichnet. Diese aber, da sie den
Ausdruck in der Pfarrfrau Gesicht gewahrte, wagte keine drngende Frage
mehr. Ihr war, ein dunkler Schatten lege sich ber die sonnenwarme
Herrlichkeit des Abends. Stieg er wie ein arger Zauber aus jenem Grab
empor, oder woben ihn Frau Annes dunkle Gedanken?

Da tat diese einen tiefen Atemzug und hob an:

Ich kann mir noch so gut denken, wie ich Barbara zum erstenmal gesehen.
Sie war damals acht Jahre alt, ein feines, schlankes Dinglein. Unser
Annele brachte sie mir, etwa eine Woche nachdem wir hier aufgezogen
waren, in den Garten und schrie schon von weitem mit triumphierender
Stimme: >Mutter, da hab' ich eine Freundin!< Ich schaute ihnen mit
einiger Spannung entgegen, denn das Freundschaftsbedrfnis meiner
Tochter hatte mich schon etliche Male mit etwas berraschenden Gsten
bekannt gemacht. Aber diesmal konnte ich die Freude, die aus Anneles
schwarzen Augen funkelte, wirklich verstehen und teilen. Man mute das
Kind auf den ersten Blick liebgewinnen. Kennst du das Bild von Uhde:
Lasset die Kindlein zu mir kommen?... Inmitten einer Bauernstube, nein,
eigentlich sieht es mehr wie eine Kche aus, sitzt der Herr Jesus,
umgeben von einer Schar grerer und kleinerer Kinder. Es sind auch
Erwachsene dabei. Dicht vor Jesus steht ein kleines Mdchen, ein
blondes, herzerquickendes Kind, das sein ausgestrecktes Hndchen in Jesu
Hand legt und mit ernsten Augen zu ihm aufschaut. Dies kleine Mdchen
habe ich in Gedanken immer >das Kind< genannt. Ich meine so: es ist fr
mich die Verkrperung alles dessen, was mich am Kinde wie ein
holdseliges, ehrfurchtgebietendes Geheimnis berhrt. Und an dieses Kind
gemahnte mich die kleine Barbara.

Sie kam auf mich zu mit einem zaghaften Lcheln in den blauen Augen. Im
Nacken baumelte ein krummes weiblondes Zpfchen, ber der Stirne
ringelten sich krause, schimmernde Hrchen. Ich konnte nicht anders, ich
mute das Kind in meine Arme ziehen. Mein Annele mit ihrem scharfen
Blick hat mir wohl angesehen, da ich das Kind nicht nur in die Arme,
sondern ins Herz schlo. Sie drngte sich pltzlich an mich, gab mir
einen schallenden Ku und erklrte in sehr bestimmtem Ton: >Du, Barbara,
das ist aber _meine_ Mutter! Du mut Frau Pfarrer sagen.< Die kleine
Barbara lachte, und nun sah sie womglich noch liebreizender drein, denn
zwischen den tiefroten Lippen blitzten gesunde Zhne, und in den runden
Backen kamen Grbchen zum Vorschein.

Ich ging mit den Kindern ins Haus und war beinahe so eifrig wie mein
Annele im Vorfhren der Puppen und andern Herrlichkeiten. Und ich gewann
das Kind mit jeder Minute lieber. Es tat so feine, nachdenkliche Fragen,
es hatte so sorglich zugreifende Hndchen, und -- es konnte ein
Bilderbuch beschauen. So, jetzt lachst du und denkst wohl, das knne ein
jedes Kind. Keine Rede davon! Wenn ich an Annele oder an ihre Kinder
denke! Darin gleichen sie alle der Mutter: gibt man ihnen ein Bilderbuch,
so schlagen sie Seite um Seite so rasch um, da man meinen knnte,
darin bestehe das Vergngen eines Bilderbuchs. Aber die kleine Barbara
sah sich jedes Bildchen mit andchtigen Augen an. Nichts, nichts
entging ihr. Und ber alles machte sie ihre eigenartigen kleinen
Bemerkungen.

Einmal schenkte ich ihr ein Bildchen, drauf Schneeglckchen gemalt
waren, und sagte dazu: >Um dies Glcklein zu hren, mu man gar feine
Ohren haben.< Da nickte die kleine Barbara und sagte: >Ja, ich hab' es
einmal gehrt. Und der liebe Gott hat's auch gehrt und der Herr Jesus
und die Sonne und der Wind und die Blumen.<

Ganz leise und langsam kamen die Worte heraus. Und dazu diese Mrchenaugen
-- ich mu gestehen, es kam etwas wie Neid ber mich, wenn ich an Barbaras
Mutter dachte. Mein Annele war solch praktisches Diesseitsmenschlein.
Sie hatte nie vertrumte Augen, und tat nie eine uerung, die mir gezeigt
htte, da ihr Seelchen sich ein eigen klein Wunderreich gebaut. Ich
frchtete mich manchmal beinahe, ihr eine Geschichte zu erzhlen,
denn beim geringsten Wunderbaren kam das bezweifelnde oder entrstete
Wort: >Aber Mutter, ist das wahr?<

Die kleine Barbara unterbrach mich nie, wenn ich erzhlte. Sie konnte
auch nicht, wie Annele tat, nebenher zeichnen oder sticheln. Sie sa und
schaute mich unverwandt an, und meine Geschichten wurden mir erst jetzt
im Spiegel dieser Augen so recht lebendig.

Spter habe ich manchmal gedacht, da es besser gewesen wre, ich htte
die Freude des Kindes am Wunderbaren und Geheimnisvollen nicht so sehr
genhrt. Ich glaubte, sie habe das kleine Freudenlicht in ihrem Alltag
ntig, und ahnte nicht, da es zur verzehrenden Flamme werden wrde.

Eines Nachmittags hatte ich Annele erlaubt, in Barbaras Elternhaus
hinberzugehen. Ich kannte die Leute zwar noch nicht nher, aber ich
hatte um des Kindes willen eine gute Meinung von ihnen und glaubte
damals, da ein derartiges Blmlein Wunderhold nur einem gehegten
Grtlein entsprieen knne.

Am Abend, als ich Annele zu Bett brachte, war sie merkwrdig still. Ich
achtete erst nicht darauf, da ich innerlich stark mit einer Sache
beschftigt war. Aber als das Kind auch whrend ich das Zimmer in
Ordnung brachte, wortlos in seinem Bette sa, fiel es mir auf, und
zugleich kam es mir zum Bewutsein, da sie noch kein Wort von ihrem
Besuch bei Schufeles berichtet hatte. Aber ich fragte nicht. Ich wute,
ber kurz oder lang wrde das Redebchlein schon wieder pltschern. Das
Annele sa ganz steif da und verfolgte jede meiner Bewegungen. Zuletzt
setzte ich mich wie gewohnt an ihr Bettlein und fragte: >Wollen wir
jetzt beten?<

Da tat das Kind einen tiefen Seufzer und sagte: >Ja ... Und weit du
auch, fr was ich jetzt dem lieben Gott danken will? Gar nicht fr den
schnen Tag, denn es war kein schner. Aber weil du so eine nette Mutter
bist, will ich ihm danken. Du hast mich so schn gewaschen und gekmmt
und hast den Waschtisch so hbsch aufgerumt, und deine Schrze ist
sauber, und deine Hnde sind weich, und -- und--<

Wieder ein tiefer Seufzer, dann, da ihr offenbar nichts Lobenswertes
mehr einfallen wollte, wiederholte sie die Worte: >Ich will ihm jetzt
danken, weil du so eine nette Mutter bist.<

Am nchsten Tag fhrte ich meinen lngst geplanten Besuch beim Nachbar
Schufele aus, und nun wurde es mir klar, warum Annele in einen Lobpreis
meiner Tugenden ausgebrochen war. Das ganze Anwesen bot einen wenig
einladenden Anblick. Frau Schufele entschuldigte sich zwar wortreich
ber die augenblickliche Unordnung, aber ich habe, so oft ich auch
spter wiedergekommen bin, nie etwas anderes vorgefunden.

Ein paar grere Kinder machten sich bei meinem Erscheinen eiligst davon,
nur die kleine Barbara kam auf mich zu und bot mir ein klebriges Hndchen.
Sie sah gar nicht ordentlich drein, wie sonst, wenn sie zu uns ins
Pfarrhaus kam, und mein Annele tat dies denn auch Frau Schufele gleich
mit klaren Worten kund. Da lachte die Frau und meinte: >Ach, man kann
nicht immer putzen und waschen und aufrumen, das ist nichts fr
unsereins.< Ich nahm mir vor, wenigstens die kleine Barbara in dieser
Richtung zu beeinflussen, und es ist mir dies auch gelungen. Man mochte
ihr begegnen, wo man wollte, immer fiel sie auf durch ihr reinliches,
ich mchte fast sagen, vornehmes Aussehen.

Die zwei kleinen Mdchen saen in der Schule nebeneinander, und sie
verbrachten auch den grten Teil ihrer Freizeit zusammen. Mein Annele,
das sich frher so oft ein Brderlein oder Schwesterlein gewnscht, war
jetzt ganz befriedigt. Alle ihre Schtze wurden mit Barbara geteilt. Als
ihr mein Bruder ein Album schenkte, lie sie mir keine Ruhe, bis ich ein
gleiches fr Barbara kaufte. Am nchsten Tag holten sich die beiden bei
der alten Maier ein paar rhrende Bildchen: Engelskpfchen,
Vergimeinnichtkrnze und dergleichen. Die wurden in die Album geklebt,
und jede schrieb der Freundin einen sinnigen Vers dazu. Was Annele
geleistet, wei ich nicht mehr. Barbaras Vers aber lautete:

    Diesen Album hat man dir gekauft,
    Anna hat man dich getauft,
    Dietrich hat man dich genannt,
    Der Himmel ist dein Vaterland.

Ach, wie viele heitere und ernste Erinnerungen drngen sich mir auf,
wenn ich an die Kinderzeit der beiden denke. Aber ich mu mich eilen,
sonst bringe ich meine Geschichte nicht zu Ende.

Du kannst dir ja wohl denken, da sich Barbara zu Hause nicht besonders
wohl fhlte. Ich meine nicht nur der Unordnung und Unsauberkeit wegen.
So zuwider mir beides ist, so mu ich doch zugeben, da man auch in
einem schmutzigen Heim strahlend glcklich sein kann. Wir haben eine
Familie im Dorf, da laufen einem aus der Stube die Kinder und Ferkelchen
und Hhner zusammen entgegen, und die Fenster brauchen keine Vorhnge,
denn kein Mensch kann hineinsehen. Aber die Leute sind seelenvergngt,
du darfst mir's glauben. Aus keinem Haus tnt so viel Lachen und Singen.
Nur Samstag abend gibt es ein groes Geschrei, weil da die Kinder
gewaschen werden, und das sind sie halt nicht gewhnt.

Aus Schufeles Haus tnte fast alle Tage Geschrei. Die zwei Alten
lebten in stetem Streit und verfhrten auch die Kinder dazu. Barbara war
die Jngste von Sechsen. Sie stand ihren Geschwistern ziemlich fremd
gegenber, auch den Vater schien sie eher zu frchten. Aber die Mutter
ward von ihr geliebt mit einer scheuen, sehnschtigen Liebe, die mich
immer wieder erschtterte. Ich erinnere mich noch so gut an den Ausdruck
in Barbaras Gesicht, als Annele und ich am Konfirmationssonntag der
beiden zu Schufeles hinbergingen. Barbara sah in ihrem feierlichen
schwarzen Kleid, ber das die langen blonden Zpfe fielen, schon ganz
jungfrulich drein, viel reifer als mein kindliches Annele, das noch
immer seine Puppen betreute und Trnen vergossen hatte ber ihr langes
Kleid.

Frau Schufeles Stube war dem Festtag zu Ehren gefegt und so dicht mit
Sand bestreut, da jeder Schritt knirschte. Die Frau kam uns wohlgelaunt
entgegen, und ich mute mich wundern, wie schmuck sie dreinsah in ihrem
saubern schwarzen Kleid und der seidenen Schrze.

>Wie rasch die Jahre gehen, Frau Schufele,< sagte ich. >Nun sind unsere
kleinen Mdchen demnchst erwachsen.<

Whrend ich redete, fiel mein Blick auf Barbaras Gesicht. Sie schaute
die Mutter an mit groen, bittenden Augen. Da ging es mir durch den
Sinn, da dies Kind, trotz aller Liebe, die ich ihm geschenkt, immer
gehungert hatte. Und ich mute wieder nachsinnen ber eines der grten
Rtsel unserer rtselvollen Welt: Warum ist es, da Frauen Kinder zur
Welt bringen und ihnen doch nicht Mutter sind, whrend andere, in deren
Herz das Licht wahrer Mtterlichkeit brennt, nie ein Kind ihr eigen
nennen drfen?----

Mit dem Austritt aus der Schule trennten sich die Wege der beiden, die
bisher so eintrchtiglich nebeneinander gelaufen. Ich brachte Annele,
wie du weit, ins Haus deiner Eltern, und da das Kind sich gut in die
neuen Verhltnisse schickte, kehrte ich nach einigen Wochen beruhigt in
unser Drflein zurck. Gleich am nchsten Tag kam Barbara zu mir herber
und wollte haarkleinen Bericht von allem Erleben in der Stadt. Ich
erzhlte ihr von Anneles Schule, von ihrer originellen Klavierlehrerin,
von den Mdchen, mit denen sie sich angefreundet. Ich sa ber meine
Nharbeit gebeugt und plauderte des langen und breiten, denn mein Kind
fehlte mir, und das Sprechen von ihm gab mir ein wenig das Gefhl seiner
Nhe. Da drang pltzlich ein schluchzender Ton an mein Ohr, und als ich
erschreckt aufschaute, sah ich in Barbaras trnenberstrmtes Gesicht.

Wir haben dann lange zusammen gesprochen, aber ich konnte das Mdchen
nicht wirklich trsten. Zwar meiner Versicherung, Annele werde ihr trotz
all des Neuen treu bleiben, schenkte sie allmhlich Glauben. Aber die
Angst, Anneles Liebe zu verlieren, war nicht die einzige Not, die sie
drckte. Ach, in den Wochen des Einsamseins hatte sich ein ganzer Berg
unruhiger, unzufriedener Gedanken in dem Kinde angesammelt. Warum durfte
sie nicht so viel Schnes und Neues erleben? Warum mute sie immer mit
den znkischen Eltern zusammen sein? Warum war ein Tag wie der andere
mit Kochen und Aufwaschen, mit Feld- und Gartenarbeit angefllt? Nie
wrde in ihr Leben etwas Schnes und Wunderbares treten. Auf ewig war
sie verdammt in diesem abgelegenen Dorf zu sitzen.

Du mut nicht lcheln ber diesen trichten Kinderkummer. Wir Alten, die
durch schwere Erfahrungen gegangen, meinen oft, der Jungen Leiden wgen
leicht und trsten sie mit dem weisen Zuspruch, ihre Trnen zu sparen.
Aber wer kann sagen: diese Sache ist der Trnen und des Kummers wert,
jene nicht? Barbara litt mit der ganzen starken Leidensfhigkeit ihrer
jungen Seele. Sie hungerte und sah nirgends Sttigung. Sie breitete ihre
Flgel der Sehnsucht aus, aber sie sah nirgends eine Zuflucht, dahin sie
htte fliehen mgen. Und sie sah eine andere, deren Leben sie bisher
geteilt, all das mhelos ergreifen, wonach ihr Herz schrie.

Ich habe versucht, Barbara zurechtzuhelfen. Nicht, indem ich ihren
Kummer fr nichtig erklrte; aber ich bat sie, zu bedenken, da
trnenvolle Augen nicht klar sehen. Ich wies sie hin auf die Schnheit,
die Gott auch in ihr Leben gelegt. Ich schilderte ihr die gleichfrmige,
seelenttende Arbeit so vieler in den Stdten und verglich damit die
ihre in ihrer herrlichen, gesunden Vielseitigkeit. Ich sprach ihr von
meiner eigenen starken Liebe zu unserem Tal, seinen Wldern, Wiesen und
Feldern. Aber gerade in diesem Punkt erreichte ich so viel wie nichts.
Das Kind liebte seine Heimat nicht. Vielleicht, weil ihm das Elternhaus
keine Heimat bot. Aber ich habe andere gesehen, denen es hnlich
ergangen, und die eben aus dieser Not heraus mit um so grerer Liebe
die Berge und Bume der Heimat umfaten.

Ich mute mich oft besinnen, woher das Kind seinen seltsamen Durst nach
der Ferne hatte. Die Eltern und Voreltern hatten immer in diesem Tal
gelebt und schlecht und recht ihre Arbeit getan. Nur einer aus der
Familie, ein Groonkel Barbaras, war, vom Goldfieber gepackt, nach
Amerika ausgewandert und dort verschollen. Ach, er war vielleicht doch
nicht der einzige gewesen, den eine innere Unruhe umgetrieben. Die
Kirchenbcher sagen nichts. Sie halten nur die Namen fest, aber vom
Wesen, von den Gedanken ihrer Trger berichten sie nichts.

Barbara schien ihren Kummer allmhlich zu verwinden; aber so oft Annele
in die Ferien kam, lebte er wieder neu auf. Es konnte dann geschehen,
da sie sich in der trotzigen Annahme, sie passe nicht mehr zu Annele,
ferne hielt. Nur hin und wieder, wenn ich die beiden etwa an einem
Sonntagnachmittag bei mir hatte, fiel es von Barbara wie ein Bann, und
aus den blauen Augen schaute mich wieder das alte Vertrauen an.

Als die beiden im zwanzigsten Jahr standen -- ein Jahr zuvor hatte
Barbara ihren Vater verloren -- brach die Zeit an, die fr viele unseres
Landes so verhngnisvoll geworden. Ich rede von dem Auswanderungsfieber,
das auch in unserm Dorfe einen um den andern ergriff. Du kannst dir
nicht vorstellen, wie erregt die Leute waren. Nicht etwa nur die
Leichtfertigen und die Habenichtse, die eben nichts zu verlieren hatten,
lieen sich verleiten, nein, auch besonnene Leute, die ber eigenen
Besitz verfgten, meinten es mit der Fremde, die so unendlich lockend
und mhelosen Reichtum verheiend vor ihnen lag, versuchen zu mssen.
Mein Mann war oft ganz verzweifelt, wenn all sein Bitten und Warnen
erfolglos blieb.

Eine der ersten, die Feuer fing, war natrlich Barbara. Ein eleganter
junger Mann, mit kecken Augen, die mir gar nicht gefallen wollten, war
eines Tages erschienen und hatte unseren Mdchen dermaen vorgeflunkert,
da ihrer gleich acht entschlossen waren, sich seiner Leitung
anzuvertrauen und ihr Glck in Neuyork zu versuchen. In ein paar Monaten
wrden sie dort mehr verdienen als in der Heimat in Jahren, und wer wei
-- in dem Lande, wo keine Standesunterschiede herrschten, konnte es
ihnen auch glcken, eine Heirat zu machen, die sie pltzlich in die
Reihe derer stellen wrde, die in Seide gehen und in eigener Kutsche
fahren und haben knnen, was ihr Herz begehrt. Nicht nur die Mdchen,
auch die meisten der Mtter lieen sich durch diese Gedanken betren.
Barbaras Mutter redete ihrer Tochter nicht zu und nicht ab; sie lie sie
einfach gewhren.

Als mir Barbara ihren Entschlu mitteilte, erschrak ich bis ins Herz
hinein. Nicht das Gefhl der Sorge um ihr Fortkommen, ein Gefhl, mit
dem ich jedes auswandernde Gemeindeglied begleitete, beherrschte mich.
Nein, eine heie Angst, ein graues Entsetzen berkam mich bei Barbaras
Worten. Wie habe ich das Mdchen angefleht, von ihrem Vorhaben
abzustehen! Aber alle meine Vorstellungen glitten ab an ihrer
siegessicheren Zuversicht, an ihrer strahlenden Freude, endlich in die
Weite, in die Freiheit zu kommen.

O ber das verblendete Kind!... Nicht in die Freiheit, in die
allerelendeste Knechtschaft ist sie hineingelaufen. Jener Bursche mit
den unlautern Augen war ein Mdchenhndler. Die andern, die mit Barbara
zusammen auswanderten, scheinen schon auf dem Schiff Verdacht geschpft
zu haben. Aber Barbara wollte nicht daran glauben, und so ist sie dem
Menschen zum Opfer gefallen. Es ist nie vollstndige Klarheit in diese
jammervolle Geschichte zu bringen gewesen. Offenbar war Barbara zuerst
in einem anstndigen Haus, denn wir erhielten guten Bericht, und ich
fing an aufzuatmen und lie mich nur zu gern Schwarzseherin nennen.

Aber dann folgten lange Monate des Schweigens. Unsere Briefe kamen
zurck. Alle Nachforschungen, die mein Mann anstellen lie, blieben
erfolglos. O die verzehrende Angst jener Tage! Nie zuvor hatte ich so
stark empfunden, wie Barbaras Leben mit tausend feinen Fden an das
meine gebunden war. Ich kam mir damals vor wie ein Mensch mit zwei
Seelen. Die eine ging das verlorene Kind suchen, schaudernd vor den
Dunkelheiten, die sich ihr ahnend auftaten. Die andere mute bei dem
eigenen Kinde sein, in dessen Leben die Liebe getreten, und das nun
seiner Mutter bedurfte wie nie zuvor.

Ach, selbst ber Anneles Hochzeitstag warf Barbaras Geschick seinen
dunkeln Schatten. Als ich mein Kind in die Arme schlo, mein reines,
brutliches Kind, da sah ich pltzlich neben ihrem Gesicht ein anderes,
vor dem ich entsetzt die Augen schlo. Und dann in der Kirche, die
gedrngt voll Menschen war, schaute mich aus der hintersten Frauenbank
Barbaras Mutter an ... Wie mute ich mich da schmen! >Die gibt ihr Kind
schwer her, es drckt ihr schier 's Herz ab!< hrte ich eine Frau hinter
mir flstern. Aber ich weinte nicht um mein Kind. Von ihm wute ich, da
es in eine goldene Helle hineinging. Wo aber war Barbara?

Am andern Tag, als das junge Paar weggefahren, ging ich hierher in
meinen stillen Garten. Ich mute allein sein.

Auf diesem Bnkchen bin ich gesessen. Vom Pfarrhaus herber drangen
frohe, helle Stimmen, die paten so gar nicht zu den Stimmen meines
Herzens.

Da sah ich eine schwarze Frauengestalt langsam auf mich zukommen, und
nun wute ich mit einem Male, warum ich hierher hatte kommen mssen ...
Um von Barbaras Mutter ein Entsetzliches, ein Unfaliches zu hren.

Ich wollte aufstehen und ihr entgegengehen, aber ich konnte mich nicht
rhren. Ich konnte nicht einmal den Kopf heben, denn ich wute, im
nchsten Augenblick trifft dich ein Beilschlag ins Genick.

Dann sa Frau Schufele pltzlich neben mir und glttete auf ihren Knien
einen Zeitungsausschnitt und einen Brief. Ich hrte sie keuchend atmen,
und nun sprach sie.

>Frau Pfarrer, der Brief ist heute frh gekommen, vom Bcker Schmid,
wissen Sie, von dem, der vor einem halben Jahr hinber ist. Im Brief hat
er bersetzt, was da in der Zeitung steht. Und er meint -- und er meint,
es sei--<

Nie, nie in meinem Leben zuvor oder nachher habe ich ein solches Weinen
gehrt. Was ich selbst an Schmerz erlitten, war nichts, war ausgelscht
vor diesem Herzeleid. Ach, da dies Weinen von jenen vernommen worden
wre, die an dem Kinde gefrevelt!

Dann drngte die Mutter mich pltzlich: >Lesen Sie, lesen Sie, Frau
Pfarrer!<

Und ich las. Las die Geschichte, die damals durch alle amerikanischen
Bltter ging, da ein deutsches Mdchen einem gewissen Haus im Innern
Neuyorks entflohen, indem es am Blitzableiter heruntergeglitten war, da
es halbtot gefunden und ins deutsche Hospital verbracht worden sei.

Ich wei nicht mehr, wie lange wir damals beisammen gesessen sind, Frau
Schufele und ich. Ich wei nur, da es mir, als ich in mein hell
erleuchtetes Haus eintrat, war, ich kme aus dem Land des Grauens und
der Verzweiflung geschritten. Ich bat meinen Mann, der mich ahnungslos
scherzend als >Ausreierin< empfing, ins Studierzimmer zu kommen und gab
ihm den an Frau Schufele gerichteten Brief. Noch in derselben Nacht
ging ein Schreiben ab an den leitenden Arzt des deutschen Hospitals mit
der Bitte um telegraphische Antwort auf die Frage, die unser Herz und
Hirn marterte: ist es Barbara?

Es war Barbara.------

Mein Mann schrieb ein zweites Mal und bat um weitere Nachricht ber
Barbaras Zustand. Wir hatten Frau Schufele gesagt, da bis zum
Eintreffen einer Antwort Wochen vergehen knnten, aber sie fragte jeden
Tag an, ob keine gekommen. Ach, jetzt waren es ihre Augen, die einen
hungrig flehenden Ausdruck trugen...

Ich nahm den Brief selbst dem Postboten ab, und als ich ihn zu meinem
Mann hinauftrug, wute ich, da er Unheilvolles enthalte. Hand in Hand
-- wie htte ich es sonst wohl ertragen knnen! -- lasen wir das
Schreiben des Arztes. O ber die Verruchten, die das junge Leben in
Schmach und Schande gezerrt! -- Barbara war krank. Unheilbar krank an
Krper und Geist.--

Ich wollte nicht, da Frau Schufele die Nachricht bei uns empfange.
Ich meinte, es msse ihr Wohltat sein, die schtzenden Wnde ihres Heims
um sich zu fhlen. Ich dachte, sie werde sich verkriechen wie ein wundes
Tier, werde sich scheuen, ihr Gesicht auf der Strae zu zeigen.

So ging ich zu ihr hinber und setzte mich zu ihr auf die Fensterbank.
Ich wei nicht, wie ich es sagte, ich wei nur, da, nachdem ich
gesprochen, eine Stille um uns war wie des Todes Schweigen. Und ich
glaubte zu fhlen, wie in diesem eisigen Schweigen alle Liebe, die sich
in den letzten Monaten in der Mutter geregt, starb.

Ich hielt Frau Schufeles Hand fest umschlossen und wartete, wartete. --
Warum schrie sie ihre Qual nicht heraus? Warum weinte sie nicht, wie an
jenem Abend?

Da pltzlich lste die Frau ihre Hand aus der meinen und richtete sich
auf. >Frau Pfarrer,< sagte sie und schaute mich mit einem Blick an, den
ich nie vergessen werde, >Frau Pfarrer, Sie mssen mir helfen, da ich
hinber komme. Ich mu die Barbara heimholen.<----

Was dem feinen, hellen Kinde nie gelungen, hatte jetzt das arme, sieche
erreicht: das Herz der Mutter war erwacht.

Und die Frau blieb ihrem Entschlusse treu, auch als ihr mein Mann mit
klaren Worten die Schwere ihres Unternehmens gezeigt. Sie scheute weder
die Auslagen noch die Beschwerlichkeiten der Reise. Sie schreckte auch
nicht zurck vor den Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit ihrer
Tochter. Fr mich waren diese Wochen voller Wunder. Ach, nie mehr wollte
ich ber einen Menschen das Urteil fllen: so und so ist er und so und
so bleibt er. War mir diese Frau nicht all die Jahre hindurch stumpf und
gleichgltig erschienen? Hatte ich ihr nicht gezrnt, weil sie ihre
Kinder vernachlssigte und ewig in Streit lebte? Und nun brach aus
diesem Herzen eine Liebesflle, die mich beschmte und erschtterte.

Sie hatte ihre Liebeskraft bitter ntig, denn das Zusammenleben mit
Barbara war eine Hlle. Besonders in den ersten Monaten, als das Mdchen
am liebsten im Dorf herumstrich. Die meisten wichen ihr ja aus. Die
Kinder frchteten sich vor den irren Blicken und Reden. Aber es gab auch
lose und schlechte Menschen, die sich mit ihr einlieen. Ach, und das
Entsetzlichste war, da das vergiftete Blut in dem armen Wesen nicht zur
Ruhe kommen wollte. Dann konnte es geschehen, da auch die Mutter ein
Grauen anwandelte. Aber immer wieder berwand ihre erbarmende Liebe
dieses Grauen. Sie wute sich oft kaum zu helfen, aber sie htte Barbara
trotzdem nicht fortgegeben.

Und allmhlich schien ihr treues Sorgen und Pflegen doch eine kleine
Besserung im Zustand der Tochter herbeizufhren. Das wilde
Umherschweifen hrte auf. Sie fing an, ihrer Mutter bei der Arbeit an
die Hand zu gehen. Und dann begann sie eine seltsame Ttigkeit, die ich
nie ohne Herzweh beobachten konnte. Immer wieder, oft dreimal des Tages,
machte sie sich daran, den Tisch rein zu fegen. Mit angstvollem Blick
murmelte sie dabei: >Nicht sauber, wird nie mehr sauber...<

Einmal kam Annele mit dem kleinen Ernst zu Besuch. Ich fragte, ob sie
Barbara besuchen werde, aber sie verneinte unter Trnen. Da bat ich Frau
Schufele, lieber nichts von meinen Gsten verlauten zu lassen, denn man
war nie ganz klar ber Barbaras Geisteszustand. Nach Tagen vlliger
Apathie, in denen sie niemand zu kennen schien, konnte sie pltzlich
wieder vernnftig fragen und antworten.

Irgendwie mu Barbara aber doch von unsern Gsten gehrt oder sie
gesehen haben. Ich hatte die beiden zur Bahn begleitet und plauderte mit
Annele durchs Fenster. Es regnete in Strmen, so da mir beinahe ein
wenig vor dem langen Heimweg graute. Da -- eben im letzten Augenblick,
als der Schaffner die Tren zu schlieen begann, kam Barbara
dahergelaufen. Die Haare hingen ihr klatschna ums Gesicht, sie war ohne
Schirm und Kopftuch. In der Hand hielt sie einen mchtigen buntfarbigen
Blumenstrau, und den hob sie nun zu Annele empor mit einem flehenden
Ausdruck in dem armen Gesicht. Kaum hatte ihr Annele die Blumen
abgenommen, da floh sie wie gehetzt davon. Wir aber freuten uns unter
Trnen dieses Aufleuchtens aus einem frheren besseren Sein.----

Beim Kartoffelausgraben im feuchten Nebel zog sich Barbara eine
Erkltung zu. Ein paar Wochen lang lag sie zu Bett, dann schlief sie
ein, fast pltzlich, ohne Kampf.

Und seltsam! Die gtige Hand des Todes hatte nach wenigen Stunden das
Antlitz der armen Barbara also gewandelt, da sie vor uns lag wie in den
Tagen ihrer ersten reinen Jugend. Mir schien es ein trstlich und
verheiend Gleichnis, aber Frau Schufele schttelte den Kopf. Bis zu
ihrem Tod hat sich die Mutter mit der Frage geqult, ob ihr Kind wohl
von Gott angenommen worden. Als ich sie einmal um dieser Gedanken willen
bemitleidete, schaute sie mich fast streng an. >Ich hab' mir das selber
eingebrockt, Frau Pfarrer. Ich hab' der Barbara nicht die rechte Liebe
gegeben, wie sie ein Kind war. Jetzt mu ich nachzahlen. Wir mssen fr
alles zahlen, Frau Pfarrer.<

>Ja,< sagte ich, >fr vieles, aber manchmal wird uns auch eine Schuld
erlassen. Das wollen wir nicht vergessen, Frau Schufele.<----

Sie hat die Barbara nicht lange berlebt. In ihren letzten Wochen sind
wir uns recht nahe gekommen. Damals haben wir uns oft gefreut an
Gerhardts schnem Heimwehlied: >Ich bin ein Gast auf Erden<. Aus diesem
Lied stammen auch die Worte, die ich auf ihr Grab schreiben lie. ----
Sieh', dort drben an der Mauer liegt sie begraben. Es ist zwar ein
wenig dunkel geworden, aber man wird den Vers schon noch lesen knnen.

Die beiden Frauen erhoben sich und gingen zu dem Grab hinber. Mit
stillen Augen lasen sie die Worte:

    Ich wandre meine Straen,
    die nach der Heimat fhrt,
    da mich ohn' alle Maen
    mein Vater trsten wird.




Der Sohn.


Peter Niemeyer jun. lag in einem Korbwagen und sog an den Fingern. Er
hatte ein langes, runzliges Gesicht, das von der eben durchlebten
Anstrengung feuerrot gefrbt war.

Peter Niemeyer jun. war vor zwei Stunden ins Dasein getreten. Wenigstens
ins sichtbare, denn fr Peter Niemeyer sen., der neben dem Korbwagen
sa, lebte er schon lange. Seit Wochen, ja seit Monaten hatte sich all
sein Denken, so weit es nicht von geschftlichen Dingen in Anspruch
genommen war, um das vor ihm liegende Menschenkind gedreht. Er hatte
immer gewut, da es sich als Junge entpuppen werde. Wenn seine Frau
einen Zweifel an dieser Hoffnung oder gar den Wunsch nach einem kleinen
Mdchen ausgesprochen, war er ungeduldig geworden, und es hatte
geschehen knnen, da er die kleine Frau rauh angelassen.

Das tat ihm jetzt leid, und allerlei Gelbde und Vorstze stiegen in ihm
auf. Er strich sich mehrmals ber den Kopf, der so kahl war wie der
seines Sohnes und sagte halblaut: Du wirst sehen, Peter, ich werde
jetzt immer gut zu ihr sein.

Peter jun. sog an den Fingern und zwinkerte mit den Augen. Er hatte
offenbar kein Verstndnis fr seines Vaters Worte. Dieser aber, dem es
nicht oft vorkam, da er an einem Arbeitstag unttig auf einem Stuhle
sa, verfiel in ein tiefes Sinnen, das ihn weiter und weiter in die
Vergangenheit zurckfhrte.

...War er das? Ein hbscher Bursche mit welligem Haar und immer
lachenden Augen. Komm her, du junges, du strahlendes Leben! La dich
umarmen! Fallen einem die Sterne nicht in den Scho ---- hei! so holt
man sie eben herunter! ---- Es war doch nicht so leicht gegangen ...
Man tappte in allerlei Dunkelheit und war endlich froh, als man in
bekleisterter Schrze in Buchbinder Bergers Werkstatt stand. Das ging so
ein paar Jahre. Na ja, es waren ganz gute Jahre, und dann glnzte doch
endlich ein Glcksstern auf. Die Meisterstochter ... Elisabeth. Man
nannte sie meist Betty, aber ihm gefiel der lange, klingende Name, und
er sagte ihn leise und laut. Nun, er war ja immer noch ein leidlich
hbscher Kerl, und die lachenden Augen hatte er sich nicht verkleistern
lassen. So kam es, da die niedliche kleine Betty Peter sagen lernte,
und der Arbeiter ward zum jungen Meister.

Peter Niemeyer jun. bewegte sich unruhig, aber sein Vater bemerkte es
nicht. Er durchlebte wieder die ersten Jahre seiner Ehe. Se, heimliche
Glcksbilder stiegen vor ihm auf, dann solche mit ernsterem Gesicht.
Abende, an denen er versucht hatte, seine junge Frau teilnehmen zu
lassen an dem, was er in stillen Stunden gedacht und gelesen. Er wollte
sie mit hineinziehen in die einsame Welt seiner Gedanken, aber sie ging
neben ihm mit stummen Lippen. Und es erhoben sich wie feine Schatten die
ersten Gefhle der Enttuschung.

Elisabeth ... Elisabeth ... Er rief den klingenden Namen nicht mehr oft.
Betty lie sich krzer und herrischer sagen. Er erlebte Stunden, da er
sich betrogen erschien, und doch waren es die Stunden, in denen er klar
sah, da nicht sie, sondern er sich verndert hatte. Wie s hatte ihm
einst ihr Geplauder geklungen! Gerade das, da sie in lebhaften Worten
ber Alltgliches sprechen konnte, war ihm reizvoll erschienen. Nun
qulte ihn der nichtssagende Wortschwall. Einst hatte es ihn belustigt,
da die kleine Frau beim geringsten Anla in Aufregung geriet, spter
verletzte ihn dieser Mangel an Wrde.

Peter jun. stie einen quietschenden Schrei aus. Da ffnete sich eine
Tre, und die Pflegerin trat herein. So, so, hat er dich schreien
lassen! sagte sie mit vorwurfsvollem Blick auf den trumenden Vater.
Sie nahm das kleine Bndel aus den Kissen und brachte es in die
Schlafstube. Peter Niemeyer war damit entlassen und htte sich wieder
nach seiner Werkstatt begeben knnen, aber er blieb sitzen.

Er starrte auf die Stelle, an der das Kind gelegen. Sein Kind ... ja --
und auch Elisabeths. Da war nun wirklich etwas, in das sie sich teilen
konnten, etwas, das ihnen beiden lieb und interessant war. Fnfzehn Jahre
lang hatte er auf dieses Glck gewartet. Fnfzehn Jahre ... konnte man
sich danach wieder zusammenfinden?

Peter Niemeyer seufzte schwer. Er stand auf und ging nach der Tre,
durch die die Pflegerin verschwunden. Seine Frau schlief.

Er setzte sich an ihr Bett und betrachtete ihre mden, noch immer feinen
Zge. Ein warmes Gefhl wallte in ihm auf. Elisabeth! sagte er leise
und innig und streichelte ihre Hand. Darber erwachte sie und blickte
staunend in ihres Mannes bewegtes Gesicht. Elisabeth! Nun haben wir ja
endlich das Kind.

Es war, als berwltigte ihn noch einmal der Jammer der einsamen Jahre,
den sie nur unklar empfunden. Sie gehrte zu den Frauen, die in ihrem
strksten Empfinden Gattin sind. Sie vergtterte ihren Mann. Beinahe
widerspruchslos stimmte sie seinem Reden und Tun bei, und nie kam ihr
der Gedanke, da sie ihm nicht nur bewundernd, sondern auch ratend und
mahnend zur Seite stehen sollte. So hatte sie durch ihre blinde Liebe
eine Selbstherrlichkeit in ihm grogezogen, die ihn in den Augen anderer
oft lcherlich erscheinen lie und ihr selbst manche bittere Stunde
brachte.

Aber sie konnte rasch vergessen. So war ihr denn in dem Augenblick, da
sie ihres Mannes streichelnde Hand versprte, es sei alles gut geworden
und werde immer so bleiben. Es kam ihr nicht zum Bewutsein, da sie
ihres Mannes Seele nicht kenne, da sie so stumm vor ihr liege wie die
ihres neugeborenen Sohnes. Es kam ihr auch nicht zum Bewutsein, da ihr
dieser Tag in dem hilflosen, unbefleckten Seelchen ein Geschenk gegeben,
so gro und schn, da ein sehr starker oder sehr leichter Sinn dazu
gehrt, um vor der Verantwortung nicht zu zagen.

                 *       *       *       *       *

Peter war in den ersten Jahren seines Lebens ein zartes Kind. Wenn Frau
Elisabeth ihn spazieren fuhr, so brach wohl die eine oder andere der
Freundinnen in die teilnehmenden Worte aus: Der ist aber bla! Sieh nur
die Adern an den Schlfen! Ich frage mich, ob du ihn davonbringst. Und
dann priesen sie ihre eigenen rotbackigen Kinder.

Aber der kleine Peter gedieh, allen Prophezeiungen zum Trotz. Er
kriegte blanke Zhnchen und lernte den Gebrauch der Beine. Er fing an
Tierstimmen und Menschenworte nachzuahmen, und dann kam der Tag, der
glckselige Tag, wo er in einer kleinwinzigen Hose in seines Vaters
Werkstatt stolzierte. Von da an trieb er sich gerne unter den hohen
Tischen herum, eifrig bunte Papierabflle sammelnd, die er mit dem
groen Pinsel zusammenkleisterte. Hnde und Kleider bekamen dabei ihr
gut Teil ab zum rger der Mutter, die ihr Bbchen immer schmuck haben
wollte. Der Vater aber lachte. Er hat es eben im Blut! Gelt, Peter, du
wirst einmal Vaters erster Arbeiter und kriegst den guten Platz am
Fenster? -- Ja, wenn ich gro bin, sagte Peterchen, aber -- fgte
er zgernd hinzu: Mutter soll auch mit dabei sein.

Er war in diesen Tagen so sehr seiner Mutter Kind, da er es nicht
ertragen konnte, lange von ihr getrennt zu sein. Wenn sie kochte, stand
er mit einem Rhrlffel in der Hand ernsthaft neben ihr. Er begleitete
sie auf allen Gngen und schlief nur ein, wenn sie an seinem Bettchen
sa. Des Morgens aber erwachte Frau Elisabeth daran, da vorsichtige
Fingerchen ihre Augenlider in die Hhe zogen, und sie schalt nie,
sondern hob die Decke und lie den kleinen Ruhestrer unterschlpfen.
Das ging so heimlich und still, und die Unterhaltung, die nun zwischen
Mutter und Kind gefhrt wurde, war eine so leis geflsterte, da der
Vater nicht daran erwachte.

Frau Elisabeth war diese Morgenstunde die seste am Tag. Wie weich und
warm schmiegten sich die jungen Glieder in ihren Arm. Wie klopfte das
Herzchen so rasch, so rasch ... Sie spielte mit dem dunkeln, lockigen
Haar, das der Junge von ihr geerbt. Auch die vollen, roten Lippen waren
die ihren, und der Vater hatte dazu sein energisches Kinn gegeben. Aber
sonst glich der Kleine keinem der Eltern. Vielleicht, wenn das Bild
irgend eines Vorfahren aufbewahrt worden wre, htte man darauf die
lange, schmale Nase und die trotzige Stirne gefunden, und auf einem
andern vielleicht die schwarzen Brauen, die ber der Nase
zusammenwuchsen. Augen hatte der kleine Peter sehr seltsame. Sie waren
von dunkelm Grau, gro und sanft, und es lag wie ein feiner Schleier
darber. Aber in der Erregung zerri der Schleier, und die Augen glhten
und schauten nahezu schwarz.

Frau Elisabeth erschrak jedesmal darber. Es packte sie die bange
Ahnung, da eine Zeit kommen knnte, in der es ihr nicht mehr gelingen
wrde, die wilden Augen zu beruhigen. Aber sie schob diese Gedanken von
sich. Noch war das Peterchen klein, und wenn sein Seelchen in Not kam,
schrie es nach ihr, nur nach ihr. Das tat nicht nur ihrem Herzen, nein,
auch ihrer Eitelkeit wohl. Trotz aller Demut, die sie im Verhltnis zu
ihrem Mann empfand, war sie eine Natur, die nach Lob und Bewunderung
verlangte. Noch immer schwelgte sie in der Erinnerung an die Zeit, da
sie die umworbene und gefeierte Betty Berger gewesen und fhrte diese
Tage in ihren kleinlichen Znkereien wieder und wieder an. In des Kindes
Augen nun stand sie gro und unantastbar.

Das spte Mutterglck hatte brigens ihre Liebe zum Gatten nicht
beeintrchtigt. Der kleine Sohn mute stets hinter dem Vater
zurcktreten. Das wuten beide, der kleine und der groe Peter, und sie
nahmen es zu Zeiten mit einem leisen Erstaunen wahr, in das sich beim
kleinen ein unverstandener feiner Schmerz, beim groen ein unbehagliches
Schuldgefhl mischte.

Peter Niemeyer hatte redlich versucht, sein dem kleinwinzigen Sohn
gegebenes Wort zu halten. Er wollte gut sein zur Mutter seines Kindes,
und einige Wochen gelang es ihm. Frau Elisabeth erlebte wieder wie in
den ersten Jahren ihrer Ehe eine Zeit zarter Frsorge; aber zu einer
inneren Annherung kam es nicht. Und Peters Stimme bekam wieder den
alten selbstherrlichen Klang, und er zeigte sich, nach Art launischer
Menschen, den einen Tag zu Scherz und Lachen aufgelegt, den andern
reizbar und wortkarg. Die Kluft zwischen uns ist zu gro, da ist kein
Verstehen mglich, dachte er mimutig.

Ach, da war wohl eine Brcke, die ihn wieder und wieder zu ihr getragen
htte ... Fr Gte und Erbarmen ist keine Kluft zu gro.

                 *       *       *       *       *

Der kleine Peter kam zur Schule. Das war ein Ereignis fr die ganze
Familie, und jedes nahm es auf und verarbeitete es seiner Art
entsprechend. Dem Vater schien es der erste Schritt zur knftigen
Kameradschaft. Nun lernte der Junge, jedes Jahr ein bichen mehr. Zeigte
es sich, da er einen hellen Kopf habe, so konnte man ihn aufs Gymnasium
schicken. Studieren ... nein, das sollte er nicht. Das Geschft ging
gut, es durfte nicht in fremde Hnde bergehen. Aber abends, da wollten
sie zusammensitzen und lesen und sprechen. O, der Junge mute nicht
glauben, er, der Alte, sehe nicht ber den Kleistertopf hinaus! Er war
auch in guten Schulen gewesen, und berhaupt -- frher wurde viel besser
und grndlicher unterrichtet ... Merk' er sich das, mein Herr Sohn!

Peter Niemeyer pfiff, als er bei seiner Arbeit diese und hnliche
Gedanken bewegte, frhlich vor sich hin. Unterdessen sa Frau Elisabeth
im Wohnzimmer und weinte. Sie wute selbst kaum warum, aber ihr war so
traurig zumute, als sei ihr etwas Liebes gestorben. Vor einer Stunde
hatte sie das Peterlein zur Schule gebracht. Er war einer der
niedlichsten kleinen Schler, das hatte sie mit Stolz festgestellt. Und
er hatte den Lehrer artig gegrt und war nicht so blde, mit dem Finger
im Mund, dagesessen, wie Bcker Brauns Jngster. Aber als sich nun die
begleitenden Mtter und Vter und lteren Geschwister zum Gehen
anschickten, war das Peterchen heulend aus der Bank gesprungen und hatte
sich an ihrem Kleid gehalten und Mutter geschrien, ohne auf ihre
Trostworte zu achten. Zuletzt hatte sie ihm Dampfnudeln zum Mittagbrot
versprochen, und das hatte geholfen. Das Peterchen war in die Bank
zurckgekehrt und sie nach Hause.

Und nun sa sie da und weinte nach dem Kind, und das arme Bblein dachte
wohl im stillen auch nur an sie. Ach, es gab doch recht schwere Dinge
durchzumachen! Und so allein war man mit seinem Kummer, denn dem Mann
durfte man nicht klagen. Er wurde gar leicht ungeduldig.

Frau Elisabeth schlang die Hnde ineinander und schaute durchs Fenster.
Es kam ihr pltzlich in den Sinn, da sie an die Bereitung der
versprochenen Dampfnudeln gehen msse, aber sie blieb ruhig sitzen. Es
war so angenehm, in diesen halb traurigen, halb sen Gedanken zu
schwelgen. Alle Mtter sind Mrtyrerinnen, ja, das hatte sie einmal
gelesen und sehr merkwrdig gefunden. Aber jetzt verstand sie, o, jetzt
verstand sie...

Unten auf der Strae ging eine Nachbarsfrau vorbei. Sie nickte ein-,
zweimal und Frau Elisabeth nickte wieder und fhrte dabei das
Taschentuch an die Augen. Es war ihr eine Genugtuung, da die Freundin
sie in ihrem Schmerz gesehen. Sie schaute ihr heimlich nach, und da
erlebte sie eine zweite Genugtuung. Die Freundin hatte sich wohl etwas
eilig angekleidet, denn bei jedem Schritt schob sich ein blendend roter
Rocksaum unter dem dunkeln Kleid hervor. Frau Elisabeth lchelte: So 'ne
Schlamperei! Und diese Farbe! Ja, wenn man eben keinen Geschmack hat...

Sie erhob sich, und bald darauf stand sie heitern Gemts an der
Mehlkiste.

Das Peterchen kam mit dunkelglhenden Bckchen nach Hause. Mutter, die
Schule ist fein! schrie er schon von weitem.

Frau Elisabeth gab es einen Stich durchs Herz. Sie htte ihn lieber ein
bichen bekmmert, ein bichen sehnschtig erregt gesehen.

Hast du Heimweh nach mir gehabt, Peterchen? fragte sie, das Kind
zrtlich umfangend.

Nur ein bichen. Weit du, nachher kam das feine Bild von dem
Elefanten. Der ist mal klug, Mutter! Und stark und, und -- gerecht. Ja,
gerecht nennt man das, Mutter. Wenn man dem etwas Bses tut, straft er
einen gleich. Da war mal so ein Schneider, Mutter,----

Ja, das kannst du mir nachher erzhlen, jetzt gehen wir zum Essen,
sagte Frau Elisabeth. Sie sprach in kurzem, etwas gereiztem Ton, und die
feinen Kinderohren horchten auf. Wie seltsam ... war Mutter bse? Er war
so froh gewesen, so erfllt von all dem Wunderbaren, Neuen. Und die
Geschichte war so lustig. Ha, ha, wie das viele Wasser in die
Schneiderstube spritzte! Der stach den Elefanten gewi nicht zum
zweitenmal in den Rssel!--

Das Peterlein machte einen Sprung, als msse er sich aus des Schneiders
nasser Stube retten. Da fhlte er sich von seinem Vater ergriffen, in
die Luft gewirbelt und wieder auf die Erde gesetzt. Peterlein schaute
atemlos zu ihm auf: O Vater, bist du stark! Fast wie ein Elefant! Und
denke dir, so klug ist der und soo -- gerecht. Ich will dir mal was von
einem Schneider erzhlen. Willst du's hren?

Aber gewi! rief Vater Niemeyer. Das freute ihn, das war ja wie ein
Akkord aus der Zukunftsmusik, die er vorher gespielt.

Und das Peterlein erzhlte, mit Mund und Augen und allen Gliedern. Der
Vater bedauerte und lachte, alles am rechten Ort. Die Mutter --
Peterchen schielte wieder und wieder zu ihr hinber -- kniff die Lippen
zusammen, so eng, da nur noch ein schmaler roter Strich zu sehen war.
Man konnte sich gar nicht vorstellen, da sie wiederauseinandergehen und
liebe Worte sprechen knnten. Wie schade, da Mutter die Geschichte
nicht gefiel! Vielleicht, wenn er ihr sie spter noch einmal erzhlte?

Abends beim Zubettgehen versuchte Peterchen seine Geschichte ein zweites
Mal anzubringen. Aber Frau Elisabeth konnte sich nicht berwinden. Mit
abweisendem Wort schlo sie die plauderfrohen Lippen. Die alte, hliche
Schule! Was brauchte er so vergngt von dort herzukommen, wo sie nicht
dabei gewesen. -- Gnnst du ihm denn seine Freude nicht? mahnte eine
Stimme ihres Innern. Ja schon, aber er soll sie bei mir suchen.

Beinahe leidenschaftlich umarmte sie das stmmige Krperchen. Du hast
mich lieb, Peterchen? Nicht wahr, du wirst dein Mutterchen immer lieb
haben? Der Kleine drckte das runde Gesicht gegen ihre Wange. Immer,
immer! Aber -- fgte er zgernd hinzu, warum darf ich dir nicht
erzhlen? Darf ich dir nie, gar nie erzhlen, was wir in der Schule
machen?

Da durchzuckte Frau Elisabeth eine jhe Erkenntnis. Wie war sie so
tricht gewesen! In ihrer selbstschtigen Liebe hatte sie ihn ja von
sich gestoen. Mute sie nicht froh sein, o von Herzen froh und dankbar,
da er alles zu ihr trug?

Freilich darfst du mir erzhlen, Peterchen. Jeden Tag, soviel du
willst! Aber fr heute ist's genug, sonst bist du morgen mde in der
Schule.

Das half. Der dunkle Kopf sank auf das Kissen, und noch whrend Frau
Elisabeth ordnend im Zimmer hin und her ging, fiel das Peterlein in
Schlummer.

                 *       *       *       *       *

In den folgenden Monaten geschah es oft, da der kleine Peter etwas zu
erzhlen wute. Aber nicht immer fand er die Mutter willig, seinen
sprudelnden Berichten zu lauschen.

Arme Frau Elisabeth! Ihren Gedanken, die nie nach den Schtzen der Tiefe
geforscht, nie in Qual und Sehnsucht zur Hhe gedrngt hatten, gengte
die kleine Welt, in der sie sich bewegte, vollkommen. Sie war nicht
unglcklich gewesen, wenn sie auch zuweilen unter den Launen ihres
Mannes gelitten hatte. Er gab ihr ja auch wieder gute Worte, und sie
hatte ein behagliches Heim und konnte hbsche Kleider tragen und
brauchte keine grobe Arbeit zu tun. Aber nun war so vieles anders
geworden.

Unter Peterleins dunkelm Lockenbusch fingen allerlei Gedanken zu
arbeiten an. Nicht nur was er in der Schule sah und hrte, nein, auch
alles was ihm sonst entgegentrat im Leben, wurde mit gierigen Augen und
Hnden entgegengenommen und betastet und befragt.

So mag es einem kleinen Pflanzensetzling zumute sein, den man von der
Mutterpflanze gelst hat. Er trinkt die Nahrung nicht mehr aus dem
mtterlichen Stamm, nein, direkt aus der feuchten, khlen Erde, und der
Sonnenschein umfliet ihn inniger und wrmer, da er nun so rank und fein
und klein fr sich steht. Er fngt behutsam an, Wrzelchen auszustrecken,
und er wagt es und entrollt ein verschmtes, zitterndes Blatt.

Frau Elisabeth aber begriff das neue Leben, das sich, losgelst von dem
ihren, entwickelte, nicht und betrachtete es mit feindseligen und
argwhnischen Augen. Hin und wieder zwar rang sich ihr die Erkenntnis
durch, die sie am ersten Schultage durchzuckt hatte. Nein, er durfte ihr
nicht verloren gehen. Sie wollte teilhaben an seinen innersten Gedanken,
wie damals, als er zu frher Morgenstunde in ihr Bett gekrochen.

Aber wenn sie, nachdem sie dem Kind tage- und wochenlang gleichgltig
und verstndnislos zur Seite gestanden, eine pltzliche Annherung
suchte, konnte es geschehen, da Peterlein die Lippen zusammenkniff. Das
feine Seelchen flchtete sich vor den tppischen Angriffen und schaute
nur scheu und verngstet aus den groen verschleierten Augen.

Dann schwieg auch Frau Elisabeth; aber es war nicht ein aus Zartgefhl
geborenes Schweigen. Das htte dem Peterlein wohl getan und ihm
vielleicht die herben Lippen geffnet. Er beobachtete die Mutter, wie
sie sich an den Nhtisch setzte, zu Nadel und Faden griff und zu nhen
begann. Und jede Bewegung brachte ihr Gekrnktsein zum Ausdruck, laut
und hart. Das Kind aber wand sich in unverstandener Qual.

Es ging dann wohl, um sich zu zerstreuen, in die Werkstatt hinunter,
denn der Vater nickte ihm meist freundlich zu und schenkte ihm auch hin
und wieder einen Streifen bunten Papiers.

Peterlein liebte es, auf einem hohen Drehstuhl zu sitzen, der dicht am
Fenster stand. Drauen war nicht viel zu sehen, wenigstens nichts, was
die Aufmerksamkeit der Arbeiter erregt htte. Aber Peterlein bewunderte
das steil abfallende braunrote Ziegeldach. Es wuchs so viel feines,
samtenes Moos darauf, und er liebte alles Weiche. Die Mutter hatte ein
Samtkleid, das drckte er oft verstohlen an die Wange.

ber das Dach ragte ein alter, klotziger Turm empor. Wie ein rundes,
gutmtiges Gesicht schob sich die Hlfte seines Zifferblattes ber den
First empor. Und Peterlein nickte ihm zu. Er mochte ihn gerne leiden,
den alten Turm mit dem breiten Gesicht, und er liebte auch die Zeiger,
die so lustig Verstecken spielen konnten. Der eine, kleinere, glitzerte
stundenlang oben in der Sonne, dann versank er, und Peterlein sah ihn
des Abends nie. Der groe lief viel schneller. Jetzt war er
verschwunden, aber nachdem man ein Weilchen mit den Beinen geschaukelt,
das Moos auf dem Dach in Gedanken gestreichelt, sich ber die vielen,
vielen Bcher gewundert und von der Mglichkeit, sie zu lesen, getrumt
hatte, tauchte er auf der andern Seite auf und war so golden und
blitzend wie zuvor.

Was er nur denken mag, wenn er so zum Fenster hinausstarrt, dachte
Peter Niemeyer sen. Er versuchte, in die eigene Kindheit hinabzusteigen.
Aber merkwrdig! es kam ihm keine Erinnerung, die ihm das Bild eines
versonnenen kleinen Buben entgegengehalten htte. Er sah sich immer in
Bewegung, im Schulhof, auf der Strae, im elterlichen Hause ... turnend,
schreiend, raufend. War sein Junge am Ende kein echter Junge? ---- An
Kraft fehlte es ihm gewi nicht. Er hatte breite Schultern, die den
dunkeln Kopf stolz und aufrecht trugen, und da er Beine hatte, die
ihresgleichen suchten im Marschieren und Laufen, konnte Vater Niemeyer
wieder und wieder beobachten.

Er nahm sich vor, den Jungen an den Sonntagen mehr mit sich ins Freie zu
nehmen, womglich mit andern Kindern zusammen.

Das Stillesitzen und Trumen verdro ihn ... aus dem einfachen Grund,
weil es seiner Natur fremd und unverstndlich war. Und er wollte den
Jungen fr _sich_ heranwachsen sehen. _Sein_ Kamerad, _seine_ Sttze und
Hilfe sollte er werden. Aber hatte er selbst nicht auch getrumt in
jungen Tagen und sich eine heimliche Welt erbaut? O gewi, aber es waren
lauter klare Dinge gewesen, lebensfhige, starke Gedanken. Sein Junge
aber war versunken in den Anblick eines alten Daches und beobachtete das
Auf und Ab eines Zeigers. Dem mute beizeiten ein Riegel vorgeschoben
werden.

So kam es, da am folgenden Sonntag die drei Niemeyer mit einer
befreundeten, sehr kinderreichen Familie zusammen einen Ausflug machten.
Der nasenhnliche Vorsprung des nchstgelegenen Berges war zum Ziel
ersehen worden. Die Gesellschaft setzte sich in frhlicher Laune in
Bewegung. Die Luft war klar, der Sonnenschein wrmend, ohne stechend zu
sein. Peterlein sprang mit den andern Kindern um die Wette. Er schlug
Purzelbume wie ein gedienter Zirkusclown und ging aus einem Ringkampf,
der mit viel Lachen und Gekreisch in Szene gesetzt wurde, als Sieger
hervor. War das derselbe Junge, der vertrumt in einem Winkel zu sitzen
pflegte? Nein, das war ein echter, lebendiger Junge, wie er sein soll.
Vater Niemeyer strahlte.

Dann fiel er mit einem Mal aus allen Himmeln. Der besiegte Nachbarjunge,
der seinen Groll nicht verwinden konnte, drang pltzlich von hinten auf
Peterlein ein und schlug ihn ber den Kopf.

Na, hoffentlich haut er ihm eine Tchtige runter! dachte Vater
Niemeyer ergrimmt. Aber Peterlein blieb stehen und schaute seinen
Widersacher an. Grenzenloses Erstaunen malte sich in seinen Augen. Du
bist ja ein Feigling! sagte er mit seiner hellen Knabenstimme.

Was bin ich! schrie der andere. Er versetzte Peter einen Sto, der ihn
zu Boden schleuderte; dann hielt er es fr geraten, sich hinter seinen
Vater zurckzuziehen.

Es wre nicht ntig gewesen. Als Peterlein wieder aufrecht stand, ging
er seines Wegs, ohne sich nur umzublicken.

Peter Niemeyer rgerte sich. Hatte der Junge kein Ehrgefhl im Leib? Mit
ein paar raschen Schritten war er an seiner Seite. Lt du dir so etwas
gefallen, Peter? Vorher hast du ihn ja auch untergekriegt. Warum hast du
nicht mit ihm gerungen?

Weil er feig ist, sagte das Kind und hob seinen stolzen, freien Blick.
Die Augen waren unverschleiert und glhend, und Vater Niemeyer wute
keine Entgegnung.

Oben auf dem Berggipfel lagerte man sich, und nachdem die Aussicht
bewundert und die Namen der zerstreut liegenden Drfer richtiggestellt
waren, berlieen sich die Erwachsenen der Ruhe.

Die Kinder drangen tiefer in den Wald hinein. Es ward still, nur hin und
wieder klang ein vereinzelter heller Schrei, ein seliges Lachen herber.
Peter Niemeyer lag, die Beine weit ausgestreckt, und fhlte und trank
den Zauber des Frhlingstages in tiefen Atemzgen.

Da schrak er jh empor. Das Weinen eines Kindes, untermischt mit
vielstimmigem Gelchter, war an sein Ohr gedrungen. Er richtete sich
auf. Die Tne kamen nher und nher, und Frau Elisabeth horchte
ngstlich auf. Es ist unser Peterchen, der weint, flsterte sie.

Da strzte er auch schon auf sie zu, mitten in ihre ausgestreckten
Arme. Was hast du denn? Wer hat dir etwas zuleid getan? fragte sie
wieder und wieder. Aber Peterlein konnte vor Schluchzen nicht sprechen,
und die andern Kinder muten berichten. Das Peterlein sei ganz fr sich
gegangen, sie htten ihn lange gesucht und endlich vor einem groen
Stein gefunden. Den habe er immerzu betrachtet. Da sei eines von ihnen
zum Spa daraufgestanden, und nun habe das Peterlein angefangen zu
weinen und sei davongelaufen und sie alle hinterdrein.

Vater Niemeyer war ernstlich bse. Deswegen weint man doch nicht.
Schme dich, Peter!

Frau Elisabeth fhlte Mitleid mit dem zuckenden Krperchen, das in ihrem
Scho lag. Er hatte sich zu ihr geflchtet. Das tat wohl. Sie beugte
sich ein wenig herab und flsterte: Sei nun wieder still, Peterlein!
Sieh, die andern sind so vergngt. Warum hat dich denn der dumme Stein
so betrbt?

Peterchen hob sein verweintes Gesicht. Ach Mutter, es war ein kleiner
Wald, eine wunderschne kleine Welt darauf!

Wirklich! sagte Frau Elisabeth und vertilgte mit dem Taschentuch die
Trnenspuren in ihres Sohnes Gesicht. Sie dachte dabei, was fr ein
absonderliches Kind sie doch habe, und es ward ihr unbehaglich bei dem
Gedanken. Wie mochte das spter werden? Nun zhlte er erst acht Jahre
und war ihr schon halb entglitten.

Ihr Blick ging unsicher und fragend zu ihrem Mann hinber; aber Peter
Niemeyer, der die Klage seines Jungen um die zertretene kleine Welt
gehrt, lag still mit geschlossenen Augen und gerunzelter Stirne.

                 *       *       *       *       *

Der Sommer brachte fr Peterlein etwas Wunderbares. Er durfte mit der
Mutter in die Berge. Der Vater konnte nicht abkommen. Er brachte Frau
und Kind zur Bahn und plauderte bis zuletzt lebhaft und frhlich mit
ihnen. Er hielt die Hand seiner Frau lange in der seinen und ttschelte
seines Buben blasse Wangen.

Nun geht nur tchtig spazieren da oben und holt euch rote Backen! Und,
Peterlein ------ fall' mir nur ja nicht in eine Gletscherspalte!

Wie ist es da?

O, schn! Aber wenn man hinunterpurzelt, merkt man davon nichts.

Bist du schon mal hinuntergepurzelt, Vater?

Bewahr' mich der Himmel! Junge, was denkst du nur! Aber an einer
gestanden bin ich mehr als einmal!

Wie sieht das aus, Vater? drngte das Kind. Ist es ein tiefes,
schwarzes Loch?

Tief ist es, unendlich tief, aber nicht schwarz ... Es glnzt so
schnes Eis herauf. Ganz blankes, grnes Eis, Peterchen. Und unten
rieselt und gluckst etwas ---- ein Gletscherbchlein ... aber es klingt
oft eigentmlich ---- wie -- wie--

...wie wenn etwas weint, vollendete ein leises Stimmlein.

Warum meinst du das? fragte der groe Peter lchelnd.

Weil ich es einmal gehrt habe, im Wald, weit du, bei dem kleinen
schwarzen See. Da mu das Bchlein hinein und deshalb weint es.

Na, hr' mal, Peterchen! begann Frau Elisabeth, aber ihr Mann legte
eine beschwichtigende Hand auf ihren Arm.

Das konnte er verstehen. Das hatte der Junge von ihm. Es war ihm, als
hre er wieder ein paar Takte aus seiner Zukunftsmusik ... War er nicht
auch als junger Bursche, wenn er durch Wald und Wiesen strich, stehen
geblieben, um etwas von den Tnen zu erlauschen, die Wind und Bach und
Tanne sangen? Ein Lied, ein funkelndes Lied der Freude, hatte ihm daraus
geklungen. Und das Peterchen hrte ein Weinen ... Also doch nicht ganz
dasselbe, nein, nicht ganz.

Eine leise Unzufriedenheit wollte in Peter Niemeyer aufsteigen, aber er
zwang sie nieder.

Ich hrte kein Weinen, Peterchen. Ich wollte sagen, das
Gletscherbchlein mache Musik. Ganz feine, silberne Tne hrt man.

Ja ... da singt jemand, nickte das Kind. Es sa und schlenkerte mit
den Beinen und schaute aus weichen, vertrumten Augen.

Peter Niemeyer stand auf und lachte. Die Zeit drngte. Er mute eiligen
Abschied nehmen. Dann setzten sich die Rder in Bewegung, und das
Peterlein rollte davon, weit weg, dorthin, wo das Bchlein unter
schimmerndem Eis kleine Lieder singt.

Es gab auf der Reise sehr viel Erstaunliches zu sehen. Da waren die
Telegraphendrhte. Lange Strecken liefen sie neben dem Zug her, oft nur
in der Hhe des Fensters, aber das gengte ihnen nicht. Hinauf, hinauf!
schienen sie zu schwirren. Und sie fingen an zu steigen ---- rascher --
rascher! Wohin! wohin? Da ---- eine bse lange Stange stand in ihrem
Weg und ri sie alle herunter -- o so tief! Konnten sie nun nicht mehr
fliegen? Nein, manchmal war es ganz aus damit. Sie sanken, sanken, und
jede bse Stange machte sie tiefer sinken. Aber streckenweise ging es an
tapfern Drhten vorbei. Die flogen jedesmal, wenn der dunkle Schatten
sie heruntergezerrt hatte, aufs neue in die Hhe, immer wieder, immer
wieder ---- bis ---- Ja, mit einem Mal waren sie ganz weg, und die
Eisenbahn fuhr dicht an einem See vorbei, so dicht, da man glauben
konnte, die Rder liefen im Wasser. Es schimmerten blanke Steine und
weiches, bewegliches Gras, und da -- ja, da war ein Fisch, ein
wirklicher, lebendiger Fisch, der blitzschnell zwischen den Steinen
durchfuhr.

Dann mute man durch einen dunkeln Tunnel fahren. Das war nicht hbsch.
Aber nachher...

Das Peterlein sa ganz still, aber es ffnete die Augen weit und trank
die Schnheit, die sich vor ihm aufgetan.

Und der Glanz der sonnbeschienenen weien Berge, die geheimnisdunkle
Pracht der Wlder, der Duft und die Freude, die von den blumigen Matten
aufstiegen, sanken durch die drstenden Augen tief auf den Grund seiner
stillen, wartenden Seele.

                 *       *       *       *       *

Peterlein fhlte sich schon nach wenigen Tagen in dem kleinen Bergnest
so heimisch, als habe er immer in dem braunen Huschen gewohnt. Wie war
es so klein, so klein! Wenn sich Peter auf einen Stuhl stellte, so
konnte er mit der Hand die Decke berhren, und wenn er Eile hatte, ins
Freie zu kommen, sprang er durchs Fenster. Es war alles neu und
furchtbar interessant, z.B. die vielen Menschen, die mit ihm und Mutter
zusammen an einem Tisch aen. Er kannte die wenigsten, denn gleich nach
Tisch zerstreuten sie sich wieder in ihre Behausungen. Da der Gasthof
selbst nur wenige Gste beherbergen konnte, waren die meisten in den
nchstgelegenen Huschen untergebracht.

Peterlein war immer unter den ersten, die dem Ruf der Tischglocke Folge
leisteten. Dann stand er am Fenster und beobachtete die Gste, die sich
von allen Seiten paar- und gruppenweise dem Gasthof nherten. Bei
Regenwetter war es besonders hbsch. Da konnte man glauben, eine Schar
Pilze wandere langsam und bedchtig auf den schmalen Weglein.

Frau Elisabeth fhlte sich fremd und eingeschchtert. Daran war in erster
Linie ihr Tischnachbar schuld. Es war ein alter Sanskritgelehrter, der
erst vor kurzem aus Indien zurckgekehrt war und noch immer in seligen
Erinnerungen schwelgte. Beinahe tglich unterhielt er Frau Elisabeth mit
Schilderungen alter Tempel, deren Existenz er als bekannt voraussetzte.
Vllig zur Verzweiflung aber brachte er sie, als er ihr eines Mittags
mit feurigen Worten die vom Mondlicht bergossene Tadsch Mahal
schilderte. Frau Elisabeth lauschte mit krampfhaft festgehaltenem
liebenswrdigem Lcheln, whrend sie innerlich sthnte: Mein Gott, wenn
ich nur wte, von was er spricht.

Sie lie die Worte halb betubt ber sich ergehen und empfahl sich so
schnell es irgend anging. Ach, warum hatte sie nicht darauf gehrt, wenn
ihr Mann ihr dies und jenes vorlesen wollte oder zum Selbstlesen anpries!
Zwar, von Indien hatte er ihr nie gesprochen, daran glaubte sie sich mit
Bestimmtheit zu erinnern. Aber -- eine andere Sache hatte ihm immer so
am Herzen gelegen. Beinahe jeden Regensonntag hatte er sie aufgefordert,
die Gemlde im Museum anzusehen. Denn, wirklich, Betty, es ist eine
Schande, wenn ein Kind unserer Stadt nicht die Bilder ihrer zwei
weltberhmten Maler kennt. Andere beneiden uns um den Besitz und kommen
weit her, ihn zu sehen. Du kannst dich nicht einmal zu den paar
Schritten entschlieen. Warst du berhaupt schon dort?

Wie gut erinnerte sie sich ihrer Antwort! Na ja, als junges Mdchen
war ich mal dort. Es hat mir aber gar nicht so besonders gefallen. Da
waren so merkwrdige Wesen ... Frauen mit Fischschwnzen und Mnner,
halb Mensch, halb Pferd. ---- Ach, und so ein schreckliches Bild war
da. Es soll Christus vorstellen. Davon hat es mir nachts getrumt. ----
Und die Frau mit den Kindern -- das soll doch so ein schnes Bild sein
-- gefiel mir auch nicht. Der Junge ist wohl ganz nett, aber die Frau
hat trbe Augen, und das Kleine sieht drein, als ob es Schnupfen htte.

Ja, das hatte sie geantwortet, und darauf waren Peter sen. und jun.
allein ins Museum gegangen. Sie hatte nachher das Kind ber die Bilder
befragt, aber es hatte nicht viel zu antworten gewut. Ein Kindchen habe
er gesehen, so eines, wie sie im Wasser wohnen. Das habe ein Fischlein
fangen wollen, da sei es ausgerutscht, und nun macht es so, sieh,
Mutter, so!

Peterlein hatte ein weinerliches Gesicht geschnitten, dann hatte er
pltzlich ein Tuch ergriffen, es eng um die Schultern gezogen und mit
abgewandtem Gesicht gesagt: Sieh, Mutter, so steht der Mann und wartet
und wartet. Warum wartet er, Mutter? Da ist ein groes Wasser und vorne
ist eine Frau, eine ganz arme, Mutter. Sie hat keine Kleider, nur ein
ganz dnnes Tuch. Das glitzert sehr schn. Und sie wartet auch. Warum,
Mutter? Vielleicht, da sich der Mann mal umwenden soll? Ich glaube, sie
will ihm etwas vorspielen. Aber warum wartet der Mann und schaut immer
auf das Wasser?

Vielleicht auf ein Schiff, um nach Hause zu fahren.

Ist er da nicht zu Hause? O, du weit's nicht gewi, Mutter?... Ich
glaube doch, aber er mchte mal weg, um zu sehen, was ber dem groen
Wasser ist. Ja, deshalb wartet er auf das Schiff.

Hatte der Professor nicht zum Schlu von diesem Bild gesprochen? Gewi!
Wenn sie nicht aufgestanden wre, htte er sie darber ausgefragt.
...denn gndige Frau mssen es natrlich aufs genaueste kennen. Ach,
wie konnte sie nur diesem schrecklichen alten Herrn entrinnen!

Frau Elisabeth war whrend dieser Gedanken einen Waldweg gegangen, der
zu einer einsamen kleinen Hhe fhrte. Peterlein lief singend
hintendrein. Er erreichte die Mutter erst, als sie sich auf eine der
leerstehenden Ruhebnke niedergelassen hatte. Er lehnte sich an sie, und
sie schlang den Arm um ihn und fhlte unter ihrer Hand das vom Springen
erregte Herzchen pochen.

Mein Peterchen, flsterte sie, und drckte die Lippen in sein Haar.

Er schob sich enger an sie heran. Da lie eine Elster in der Nhe ihr
hliches Krchzen hren, und Peterlein ri sich los.

Sieh, Mutter, dort sitzt er! O, wie schn schwarz und wei ... Mutter,
wie heit der Vogel?

Na, wie heit er denn! Frau Elisabeth sagte es ein wenig ungeduldig.
Was brauchte Peter so laut zu schreien! Nun hatte die Frau auf der
andern Bank gewi die Frage gehrt und wartete mit dem Jungen zusammen
auf eine Antwort ... Und sie wute ja den Namen des dummen Vogels nicht!
Was sollte sie nur machen?

Ihr war, ber das Gesicht der fremden Dame gleite ein feines Lcheln.

Peterchen! rief Frau Elisabeth, komm mal flink her!

Als das Kind nher trat, flsterte sie hastig: Es fllt mir jetzt
gerade nicht ein. Wahrscheinlich ist's so etwas wie ein Rabe.

Aber Raben sind doch ganz schwarz, Mutter!

Peterchen stand vor ihr, die Hnde auf dem Rcken, und betrachtete sie
vorwurfsvoll. Pltzlich sagte er: Hast du den Namen wirklich mal
gewut? Oder, oder ... weit du, Mutter, heute ---- am Essen ---- das
hast du auch nicht gewut ... weit du, das weie Haus, von dem der alte
Mann erzhlte. Da hast du blo so getan----

Frau Elisabeth sa da, ber und ber errtend. Einen Augenblick war
ihr, die ganze Bergkette senke sich, als wolle sie ihr eine spttische
Verbeugung machen. Die Fremde mute jedes Wort gehrt haben. Peterleins
Stimme war so durchdringend hell, und die halb vorwurfsvoll, halb
trotzig gesprochenen Worte hatten sehr deutlich geklungen.

Frau Elisabeth neigte sich ein wenig vor und sagte rgerlich: Du bist
ein ungezogenes Kind, Peter! So spricht man nicht zu seiner Mutter. Ich
habe nie zu meinen Eltern gesagt, sie machen dies oder jenes nicht
recht.

Ja -- aber ... Eltern sind doch auch manchmal unartig, Mutter. Nicht?

Frau Elisabeth starrte ihren kleinen Sohn an. Er erwiderte ihren Blick,
nicht trotzig, nur harmlos erstaunt.

Was sollte sie nur antworten?

Da -- mitten in das Schweigen hinein -- klang ein Lachen, ein herzliches,
befreiendes Lachen. Die fremde Dame war aufgestanden und nherte sich
den beiden.

Du hast ganz recht, mein Junge! Wir Groen alle sind auch manchmal
unartig. Aber ---- das kannst du mir glauben -- wir strengen uns
tchtig an, es nicht zu sein ... Darf ich?

Die letzten Worte galten Frau Elisabeth, die bereitwillig zur Seite
rckte. Die Fremde setzte sich.

Wie heit du denn, kleiner Mann? wandte sie sich an Peter, und dann
begann sie mit ihm zu plaudern.

Weit du, Mutter, meinte Peter spter, sie fragte so hbsche Sachen.
Nicht: wie alt bist du, und in welche Klasse gehst du, und hast du schon
viele Tatzen gekriegt.

Ja, was fragte sie denn?

O, Mutter, hast du es nicht gehrt? Du saest doch dabei. Sie fragte,
ob ich die kleine Eidechse mal gesehen, die unten am Muerchen wohnt.
Und -- Mutter, wir sprachen von den Wolken, und sie findet sie gar nicht
langweilig wie du. Sie hat gestern abend den groen Bren auch gesehen.
Hast du denn gar nicht zugehrt?

Nein, das hatte Frau Elisabeth nicht getan. Sie hatte eigentlich nur die
Fremde beobachtet, das ruhige Gesicht, dessen nahezu grobe Zge durch
einen unendlich gtigen, innerlich frohen Ausdruck verschnt wurden.

Ein Gesicht, das keine Maske trug.

Ein Gesicht, das jeden zu gren schien.

Wenn man dies Gesicht ansah, wute man, diese Frau denkt immer in erster
Linie: wie kann ich dir helfen?... wie kann ich dir wohl tun?

Und deshalb war sie auch herbergekommen und hatte Peters Frage
beantwortet, die ihr so ungeheuerlich erschienen.

Warum hatte sie nicht diese einfachen Worte gefunden? Warum?

Ach, sie war so bestrzt gewesen, so bestrzt. Sie hatte geglaubt, in
Peterleins Augen stehe sie fleckenlos da, und sie hatte auch geglaubt,
das msse so sein. Wenn die Kinder an den Eltern Fehler entdeckten --
mute da nicht jeder Respekt verschwinden? ---- Freilich, die Fehler
waren da. Die lieen sich nicht wegleugnen, nicht wegbefehlen. War es da
nicht klger, die Worte der fremden Frau nachzusprechen?... Nicht nur
klger, auch tapferer und ehrlicher, flsterte eine heimliche Stimme in
Frau Elisabeths Herzen. Sie mute pltzlich an ihren Vater denken. Der
war ein aufrechter Mann gewesen. Hart und streng manchmal, aber doch in
erster Linie gegen sich selbst. Da gab es kein Bemnteln einer Schuld.
Er war ein hitziger Mann gewesen und konnte in der Aufregung manches
Wort sagen, das ihn nachher in der Seele brannte. Dann leistete er
Abbitte, auch wenn es sich nur um ein Kind oder den jngsten Lehrbuben
handelte. Und hatte er dadurch an Achtung verloren? Nein, nein ... Frau
Elisabeth wute pltzlich, da ihr der Vater nie grer erschienen war,
als in einem solchen Augenblick.

Sie wute noch etwas. Sie wute, da er, heute bei Tisch, nicht mit ihr
zufrieden gewesen wre. Warum hatte sie dem Professor nicht einfach
gesagt, sie wisse nichts von diesem -- diesem Ding?

Es fiel ihr ein Wort ihres Vaters ein, das ihr das Blut in die Wangen
trieb. Kinder, gesteht doch ruhig ein, da ihr etwas nicht wit! Das
ist keine Schande. Und wenn's auch eine wre, denn es kommt ja vor, da
man etwas wissen sollte -- na, da mu man eben die kleine Beschmung
tragen. Nur kein feiges Sichverstellen!

Die einsame Hhe war ein zauberkrftiger Fleck Erde. Noch nie hatte
Frau Elisabeth so tief Einkehr bei sich gehalten wie an diesem
Nachmittag. Das bekam auch Peter zu spren. Er ging auf dem Nachhauseweg
zwischen den beiden Frauen und merkte auf ihr Reden, und seine feinen
Ohren hrten mehr als Frau Elisabeth ahnte.

Am Abend, als er in dem groen Bett lag, setzte sich die Mutter neben
ihn und schaute schweigend durchs Fenster. Der Junge betrachtete sie mit
erwartungsvollen Augen. Was war mit Mutter?

Peterchen, sagte sie leise und ein wenig stockend, es ist wahr, ich
habe den Herrn Professor heute nicht verstanden. Es war dumm, da ich
das nicht sagte. Und den Vogelnamen wei ich schon lange nicht mehr.
Vielleicht habe ich ihn einmal in der Schule gelernt ... Und es ist auch
wahr, was die freundliche Dame heute sagte, da -- da wir Groen auch
unsre Fehler haben. Aber sieh, Peterchen, bei manchen merkt man doch
kaum etwas davon. Denk an Vater, Peter! Der ist doch immer so gut und
lieb zu dir, und nun hat er uns hier heraufgeschickt, wo wir's so schn
haben, whrend er immer arbeiten mu ... Und Vater wei so viel, alle
sagen, wie klug er sei--

Weiter konnte Frau Elisabeth nicht sprechen. Das Kind hing pltzlich an
ihrem Hals und kte sie, kte sie ... o, diese durstigen Lippen! --
Und dann brach es in ein so leidenschaftliches Schluchzen aus, da die
Mutter sich keinen Rat wute.

Kind, Kind, was ist dir nur! flsterte sie halb erschrocken, halb
beseligt.

Noch nie hatten sie seine Arme so fest umklammert, noch nie die heien
kleinen Hnde nach ihr gegriffen, als griffen sie tief, tief in ihr
Herz.

Ich hab' dich lieb, Mutter! Ich hab' dich lieb! schluchzte das
Peterlein. Du gehrst mir, Mutter, sag, da du mir gehrst!

Aber gewi, Kind, gewi! So -- so ... Nun will ich dir ein bichen
singen, und dann schlft mein Peterchen schn ein.

Sie legte ihn zurecht und trocknete sein Gesicht. Dann hielt sie seine
Hand und sang und sah, wie die wilden Augen sanft und ruhig wurden und
sich mde schlossen.

                 *       *       *       *       *

Von diesem Tage an fhlte sich Frau Elisabeth weniger unbehaglich.
Irgend etwas sagte ihr, da diese Fremde ein innerlich reicher Mensch
sei, und da sie es verstehe, ihren Reichtum weiterzugeben.

Und sie, die Fremde, hatte feine Ohren. Sie hrte aus all dem oft so
nichtigen und eitlen Wortschwall etwas heraus, das ihr des Hrens und
Antwortens wert schien. So ging sie manche Stunde, die sie lieber in der
Stille verlebt htte, mit Frau Elisabeth und dem kleinen Jungen
spazieren. Da das Kind dabei war, erleichterte ihr das Opfer.

Sie hatte, ehe sie in das einsame Bergdorf gekommen, in einem groen
Wirkungskreis gestanden. Tagtglich waren Bilder des Elends, der Snde
vor ihr Auge getreten; flehende und drohende, verzweifelte und fordernde
Hnde hatten nach ihr gegriffen. Und ihr groes, reiches Herz hatte all
das Elend mit inbrnstigem Erbarmen umschlossen. Dann pltzlich war sie
zusammengebrochen. Es war kaum zu glauben gewesen. Jedermann in ihrer
Umgebung hatte sich gegen die Erkenntnis gestrubt, und sie selbst hatte
hart mit dem mden Herzen gekmpft. Bis sie wute: ich mu fliehen, aus
allem heraus, sonst kann ich das Leben nicht mehr ertragen. Sie war in
die Berge gereist mit dem festen Vorsatz, in ein Mausloch zu kriechen
und sich daraus durch niemand und nichts vertreiben zu lassen. Aber an
jenem Nachmittag, als Peters helle Stimme zu ihr gedrungen, hatte sie
antworten mssen. Es war nicht anders gegangen.

Das Kind erschlo sich ihr tglich mehr, und sie empfand seine
strmische Liebe als kstliches Geschenk. Die ihre uerte sich selten
in Worten oder Gebrden. Ihr war, Frau Elisabeth knnte dies nicht wohl
ertragen.

Aber sie liebte den Jungen, mit fast schmerzlicher Innigkeit ... so, wie
man etwas Feines und Holdseliges liebt, das man in tppischen Hnden
wei. Sie schaute in des Kindes Seelengarten und sah, wie es drin ppig
blhte und wucherte, und sie wute, da hier eines verstndigen Grtners
Hand walten sollte ... Armer, kleiner Peter! dachte sie, wenn in diese
Gedanken hinein Frau Elisabeths Worte drangen.

                 *       *       *       *       *

Frau Elisabeth und die Fremde reisten an demselben Tage ab. Beide waren
froh, in den alten Wirkungs- und Pflichtenkreis zu kommen. Auch Peter
freute sich nach Kinderart der Vernderung. Er freute sich besonders
darauf, dem Vater die schnen Steine zu zeigen, die er auf allen Wegen
gesammelt. Aber als er von der Tante Abschied nehmen sollte, ri er
die Augen weit auf und starrte der Davongehenden nach.

Sie wandte sich nach einigen Schritten, ein letztes frhliches Wort auf
den Lippen ... Und konnte es nicht aussprechen. Sie wute, nie wrde sie
diese entsetzten Augen vergessen knnen.

Das aber ahnte sie nicht, da ihr Bild durch lange Monate hindurch wie
ein kstlicher Schatz in Peterleins Herzen gehtet wurde.----

Der Vater freute sich an den mitgebrachten Steinen, bis er eines Tages
entdeckte, da Peterlein wieder seine sonderbaren Sachen damit treibe.
An einem Fleck im Garten hatte er sie alle zusammengetragen. Fein
suberlich eingewickelt war jeder, in buntes Papier oder in Stoff-Fetzen,
und nun wurden sie auf Moos gebettet oder in kleine Gruben gesteckt.

Peterlein war so versunken in sein Spiel, das er mit einem glckseligen,
zrtlichen Gemurmel begleitete, da er des Vaters Schritte nicht hrte.
Erst als die barsche Frage: Was treibst du da? an sein Ohr drang,
fuhr er empor. Er verstand nicht, warum der Vater so streng aussah,
aber es schchterte ihn ein, und er sagte ngstlich: Es sind so liebe
Steine ... ich mache ihnen allen Bettchen.

Ach, dummes Zeug! Das tut man doch nicht mit Steinen. Jetzt wirfst du
auf der Stelle den ganzen Plunder weg. Dort ---- auf den Kehrichthaufen
hinunter.

All die lieben Steine wegwerfen?... Der kleine Peter betrachtete den
groen fragend, immer noch halb vertrumt. Dann kam der Befehl zum
zweitenmal, und er begriff.

Dunkelrot frbte sich sein Gesicht, schwarz und drohend blitzten die
Augen, aber er bckte sich und sammelte die Steine in seine Schrze.
Dann ging er zum Zaun hinber und warf die Steine auf den
Kehrichthaufen, einzeln, langsam, als wolle er die Qual mglichst lange
auskosten. Einmal hielt er inne. Einer der Steine war auf ein Stck
Eisen gefallen und zerbrochen. Da hatten Peterleins scharfe Augen an der
glatten Bruchflche etwas zu entdecken geglaubt. Aber er machte keine
Bemerkung darber. Er warf die Steine hinunter, einen nach dem andern,
und schielte zu Zeiten nach dem Vater hinber, der ihm ruhig zusah.

So ... nun kannst du mit mir in die Werkstatt kommen. Du darfst
zusehen, und vielleicht darfst du auch etwas helfen.

Peter Niemeyers Stimme klang jetzt freundlich. Du lieber Himmel! Er war
ja kein Wterich, kein Spielverderber. Er wollte den Jungen gern froh
wissen, aber auf eine vernnftige Weise. Fr derartige Dinge war er nun
einfach zu gro.

Peterlein machte auch zu den freundlichen Worten keine Bemerkung. Er
hielt die Augen eigensinnig gesenkt und bentzte die erste Gelegenheit,
aus der Werkstatt zu entschwinden. Eilig lief er in den Garten zurck,
kletterte ber den Zaun und war mit einem Satz auf dem Kehrichthaufen.
Wo war nur der zersprungene Stein? Da -- Peterlein bckte sich und
unterdrckte einen Jubelruf. Ein Schmetterling! Ein ganz schner
Schmetterling! murmelte er staunend und fuhr mit dem Finger den feinen
Linien der Versteinerung nach. O, das soll er nicht sehen, der Bse!

Er kletterte mit seinem Schatz vorsichtig wieder hinauf, lief durch den
Garten und ins Haus. Dort ging er lange Zeit ruhelos umher. Kein
Versteck wollte ihm gut genug erscheinen fr seinen herrlichen Stein.

Endlich geriet er auf den Einfall, ihn in sein Kopfkissen zu schieben.
Frau Elisabeth entdeckte natrlich den verborgenen Schatz, als sie
Peterleins Kissen zurechtschttelte. Da lernte sie denn die ganze
Geschichte kennen, und Peterlein verfiel in trotzige Anklagen gegen den
bsen Vater, der ihm seine Steine genommen.

Die Mutter schalt. Was fllt dir ein, so von deinem Vater zu sprechen,
du unartiger Bub! Die groen Leute wissen viel besser, was fr die
kleinen pat, als diese selbst. Weit du noch, gestern? Da hat Vater dir
verboten, mit dem Messer zu spielen, und wie du's doch getan, hast du
dich geschnitten. Na, nun siehst du's.

Peterlein sa aufrecht im Bett und dachte nach. Dann meinte er langsam:
Aber, Mutter, das ist doch nicht dasselbe. Mit dem Messer ---- ja, da
hat der Vater gewut, da es nicht pat ... und -- und ich bin unartig
gewesen ... Aber warum passen die Steine nicht, Mutter? Da kann man sich
doch nicht schneiden ... Es waren so liebe Steinchen, Mutter, und ich
hatte ihnen so schne Bettchen gemacht.

Nun hre mal auf mit den dummen Steinen und geh' schlafen!

Frau Elisabeth war gereizt. Im Grund war ihr ja die Handlungsweise ihres
Mannes auch unverstndlich. Warum lie er denn dem Kind die Freude
nicht? Aber ihn darber befragen ---- nein, das wagte sie nicht. Und
der Junge sollte nur auch beizeiten lernen, das Fragen zu unterdrcken
und sich seinem Vater anzupassen.

Sie ging ohne Gutenachtku, und Peterlein rief sie nicht zurck. Er sa
noch immer in seinem Bettchen und rang mit seltsamen Gedanken. War das
nicht alles schon oft so geschehen?... Was denn?... Das mit den Steinen?
---- Das war ja unmglich. Nein, aber das, das so weh tat, so furchtbar
weh ... das ---- ja, nun wute er's... Die Mutter liebte ihren kleinen
Peter lange nicht so, lange nicht so -- wie sie den Vater liebte.

Peterlein lie den Kopf schwer ins Kissen fallen. Den Stein gegen die
Wange gedrckt, starrte er in das dmmrige Zimmer. Er htte gerne
geweint, um den Druck im Hals los zu werden. Aber wenn man ihn gehrt
htte?

Seine Gedanken gingen auf die Suche nach etwas Trstlichem, und da
fanden sie den Stein. Der wunderschne Schmetterling ... Wer hatte ihn
da hineingezeichnet?... Natrlich der liebe Gott. Der hatte ja alles
gemacht, die Berge und das Moos und die Bume und die Steine. Aber da
er so geschickt wre und auch noch innen in die Steine etwas zeichnen
knnte -- nein, das htte Peterlein nie gedacht. Aber nun wute er auch,
was er werden wollte. Wenn er gro war, wollte er weit fort wandern,
immer weiter, und schne Steine finden und schne Vgel und schne
Blumen...

Als Frau Elisabeth nach Peterlein sah, schlief er. Sie versuchte, den
Stein aus seiner Hand zu lsen. Aber es gelang nicht. Die kleinen Finger
hielten ihn krampfhaft umschlossen.

                 *       *       *       *       *

Es kam in den nchsten Jahren wieder und wieder vor, da Peter des
lteren und Peter des Jngeren Anschauungen im Widerspruch standen. Der
Junge kramte zu Hause allerlei Schulweisheit aus, ber die sich der
Vater lustig machte. Er tat es besonders dann, wenn ihm schien, sein
Sohn strze sich wieder in der alten ungesunden Weise auf eine Sache,
auf die er selbst nicht viel hielt. Es reizte ihn, da der Junge
hartnckig an seinen Gedanken festhielt, und so kam es zu hlichen
Auftritten, die meist damit endeten, da der ltere dem Jngeren ein
paar sausende Hiebe versetzte.

Diese Auftritte drckten auf das feine Gemt des Knaben. Nicht allein
der Schlge wegen, obwohl er sie als Erniedrigung empfand, nein,
schwerer war ihm, das wutentbrannte Gesicht seines Vaters sehen, die
ungerechten, oft grausamen Worte hren zu mssen.

Die Mutter griff in diese Kmpfe meist nur mit einem beschwrenden
Peter, sei doch still! ein, das dem Jngeren galt. Nachher pflegte sie
ihn mit Vorwrfen zu berschtten und verteidigte des Vaters Auftreten
mit Worten, deren Unlogik Peter reizte und zu spttischen Antworten
trieb. Er wute, da eine malose Heftigkeit, durch gekrnkte Eitelkeit
hervorgerufen, nun und nimmer heiliger Vaterzorn genannt werden kann.
Da die Mutter es dennoch tat und oft, wie der Junge fhlte, gegen ihr
besseres Wissen, erfllte ihn mit Trotz und machte ihn blind gegen das
eigene Unrecht, das ihm nur als erlaubte und gerechtfertigte Notwehr
erschien.

Es war seltsam, so sehr Frau Elisabeth unter diesen Verhltnissen litt,
sie konnte sich nicht verhehlen, da sie sie ihrem Mann nher gebracht
hatten. Als er merkte, da sein Sohn ihm mit den Jahren fremder ward und
es ihm nicht gelingen wollte, ihn gleichsam an seine Seite zu befehlen,
wandte er sich in seiner Enttuschung ihr zu, bei der er stets
Zustimmung und Bewunderung gefunden und die ihn jetzt aus einem
verstehenden Mitleid heraus doppelt warm umfing.

Der junge Peter sah es mit Staunen, und er war geneigt, in seinen
Gedanken von dieser Liebe verchtlich zu denken.

Nach einem Auftritt gingen sich Vater und Sohn tagelang aus dem Weg,
kaum, da bei den Mahlzeiten einige knappe Worte gewechselt wurden, bis
sich die Bitterkeit allmhlich verlor und man zur Tagesordnung berging.
Nie kam es zu einer herzlichen Aussprache, denn jeder hielt zh an
seinen Rechtsvorstellungen fest und erwartete vom andern den ersten
Schritt.

Und bei all dem lebte in Peter eine starke Sehnsucht nach einer
friedevollen, stillen Umgebung, nach Menschen, die seine Sprache redeten
und verstnden. Er wute, da er anders war als Vater und Mutter, aber
er sah darin nicht das Trennende. Warum sollen sich die Menschen nicht
mit hellen Stimmen rufen, mit frohen Blicken gren knnen, auch wenn
sie auf getrennten Wegen wandern?... Es mu sie nur ein jeder mit warmen
Gedanken an den Nachbar gehen.

In der Schule war Peter ein Durchschnittsschler. Nur im Aufsatz
zeichnete er sich aus, d.h. wenn das Thema ihn fesselte. Der Lehrer
hatte die Gewohnheit, die Besprechung mit ein paar kurzen Stzen
abzutun, um der Phantasie der Kinder mglichst weiten Spielraum zu
lassen. Auf diese Weise heimste er manche drftige Leistung, aber auch
manches warm und lebensvoll Geschaute ein. Er behandelte mit Vorliebe
Zeiten und Menschen vergangener Jahrhunderte, und auf diesen Wegen
folgte ihm Peter gerne. Zerfallene Burgen, zerstrte Klster, Stdte,
deren einst stolze Namen verklungen sind ... in Peters Gedanken
erstanden sie im alten Glanz. Scharfugig trotzen die Burgen auf
verwegener Hhe, ppig und ehrfurchtgebietend liegen die Klster in
waldigen Tlern, und in den alten Stdten flutet Leben. Da sind Huser,
die mit schn gemeielten Erkern und kunstvoll gearbeiteten Tren
prunken. Wer ging da hinein und trug Lachen und Sonne in die dmmerigen
Stuben?... Und wer sa am Brunnenrand, whrend das Mondlicht in
silbernen Tropfen ber die Dcher rieselte, und hatte eine Laute im Arm
und sang, so schn, so schn ... berall ffneten sich die Fenster, und
da und dort gab eine Tre eine lauschende Gestalt frei ... Und wer fuhr
in einem Nachen den Strom hinab, in einem Nachen, der ganz mit Rosen
bekrnzt war?... Immer neue Gesichter drngen heran, edle und
abstoende, geistvolle und leere, angstvolle und harte ... Was wollen
sie von dem kleinen Peter? Er kann sich der Schatten kaum erwehren. Ihm
ist, ein jeder bitte ihn: gib mir Leben, gib mir warmes, rotes Blut! La
mich noch einmal schluchzen und lachen, noch einmal Qual und Freude
trinken...

Niemeyer, Sie haben ja ber das alte St. Gallen die reinste Novelle
geschrieben, sagte Lehrer Rder, als er Peter sein Heft zurckgab. Ist
das wirklich alles in Ihrem Kopf gewachsen?

Ja! antwortete Peter und machte ein schuldbewutes Gesicht.

Es war ihm seltsam ergangen, als er sich an das Schreiben des Aufsatzes
gemacht. Die Tage, die er vor kurzer Zeit in St. Gallen verlebt, waren
in ihm aufgestanden, mit zwingenden und drngenden Bildern. Er schritt
wieder durch die Bibliothek und neigte sich ber die Ksten, die die
alten Evangelienbcher bergen. Wunderbar zarte, haarscharfe Schriftzge,
Bltter und Blumengewinde, die die heiligen Worte umrahmen, dazwischen
Maria mit dem Kind ... Wessen Hnde haben dies alles erschaffen in
langen, einsamen Stunden?... Und wer hat das dorngekrnte Haupt
gezeichnet, das in einen schlichten Rahmen gefat in einer Ecke hngt?
Auf den ersten Blick scheint es eine einfache Federzeichnung zu sein,
aber dann entdeckt man, da die Dornenkrone, da Haupt- und Barthaar aus
winzig kleinen Buchstaben bestehen, die sich fr scharfe Augen zu
einzelnen Worten formen, und man findet die kleine Schrift, die besagt,
da in diesen figurs haaren ist die gantze Passion Vnsers Herrn Jesu
Christi geschrieben.

Drauen sinkt der Abend, und die Dmmerung fllt die alte Bibliothek.
Das ist die Stunde der Schatten. Sie kriechen aus den Ecken und nehmen
langsam Gestalt an. Sie gehen wieder mit lautlosen Schritten durch den
hohen Raum. Sie neigen sich ber Tische und sind mit Federkiel und
Pinsel beschftigt. Und da ist einer, unter dessen Kutte ein heies Herz
schlgt, ein Herz, das zu Gottes und der Heiligen Ehre ein Werk ersinnen
mchte, drin er all seine Liebe und Inbrunst bergen knnte. Er kann ihr
nicht Gestalt geben, wie der und jener Bruder, in glhenden Farben oder
in jubelnden Tnen ... Da nimmt er ein Blatt Papier und zeichnet in
zarten Linien das heilige Haupt, und danach schreibt er die ganze
leidvolle Geschichte des Menschensohns in die Dornenkrone, in Haupt- und
Barthaar des Antlitzes. Es geschieht von freyer hand mit bloser feder
und dinten, und die Augen werden mde und brennend dabei ... Ach, was
bedeutet der Schmerz gegenber der brennenden Sehnsucht seines Herzens!

Die Schatten umringen Peter. Aber er mu sich aus ihrer Mitte lsen,
wenn er nicht mit ihnen eingeschlossen sein will, und dann steht er
verstrt und fremd im Straengewhl und starrt in modern erleuchtete
Fensterlden.--

Alle diese Bilder waren beim Schreiben des Aufsatzes in Peter
aufgestiegen und hatten die gewnschte Beschreibung der ersten Jahre des
Klosters verdrngt. Mit beklommenem Gewissen hatte er sein Heft
abgegeben. War er diesmal nicht zu sehr abgewichen vom vorgeschriebenen
Pfad?

Aber als der Lehrer die Bemerkung ber die Novelle machte, ruhte sein
Blick nicht ungtig auf Peter. Er winkte ihn am Schlu der Stunde zu
sich her und sagte: Das Thema haben Sie ja gnzlich auer acht
gelassen, Niemeyer. Aber -- im brigen gefllt mir die Sache ... Lesen
Sie viel?

Peter bejahte und sah wieder schuldbewut drein. Er mute daran denken,
wie oft die Schulaufgaben einer spannenden Geschichte wegen zu kurz
gekommen waren.

Na, was lesen Sie denn? Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller?

Ja, zwei. Conrad Ferdinand Meyer und Karl May.

Herr Rder sah einen Augenblick verdutzt drein, dann brach er in ein
frohes Lachen aus.

Niemeyer, das haben Sie gut gemacht. Den Conrad Ferdinand und Karl May!
Aber nun sagen Sie einmal ehrlich: Was fesselt Sie an diesen verlogenen
Indianergeschichten?

Peter dachte nach und erwiderte zgernd: Ich glaube das, da die Kerle
so tapfer sind, und da sie so viel Neues entdecken ... Das mchte ich
auch einmal ---- reisen -- weit weg, in Lnder, in denen noch nie
jemand gewesen ist...

Da mssen Sie sich aber sputen, Niemeyer, die Erde ist nahezu entdeckt!
brigens, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Kommen Sie bei mir vorbei
und sehen Sie sich einmal Sven Hedins Bcher an. Da finden Sie Tapferkeit
und finden Neuland, und ich denke, darber wird Ihnen der Geschmack an
Karl May vergehen. Die Liebe zum Conrad Ferdinand drfen Sie behalten.

Als Peter den ersten Band von Transhimalaya nach Hause trug, begegnete
ihm sein Vater im Hausflur. Es war eine wohlige Unruhe in dem Jungen. Er
ahnte, da er etwas Kstliches in Hnden halte, und, wie immer, wenn ihn
etwas Frohes bewegte, drngte es ihn zur Aussprache.

Vater, ich habe ein feines Buch! Herr Rder hat es mir geliehen ...
Kennst du es? >Transhimalaya< von Sven Hedin.

Den Titel kenne ich.

Willst du es auch lesen, Vater? Es mu sehr fein sein. Herr Rder ist
ganz begeistert. Ich kann es ja vielleicht am Abend vorlesen?

Ach, la nur! Das wird fr Mutter nicht sehr unterhaltend sein, und ich
wei auch nicht, ob es mich sehr interessieren wrde. Freue dich nur
allein daran -- das verstehst du ja ausgezeichnet.

Der junge Peter kniff die Lippen zusammen und ging nach seinem Zimmer.

Der alte Peter aber blieb stehen und hatte pltzlich eine Vision des
kleinen Peterleins, wie es ihm am ersten Schultag eine Geschichte
erzhlte. Hatte er ihn damals abgewiesen? Hatte er sich nicht gefreut an
des Kindes Freude? Warum heute nicht? War ihm denn sein Kind, sein eigen
Kind, nicht mehr lieb? Was bedeutete dieser feindselige Geist, der ihn
zu zwingen schien, des Jungen Freude auszulschen?

Die Fragen und Beschuldigungen jagten sich in Peter Niemeyers Hirn. Es
geschah nicht oft, da er ihnen Gehr gab. In diesem Augenblick aber war
ihm, eine harte Stimme rede auf ihn ein ... Fr dich haben wolltest du
ihn, fr dich allein. Und zwar ohne Anstrengung, ohne Opfer und Hingabe
deinerseits. Dem kleinen Peter, ja, dem schenktest du Gehr. Das war
keine groe Anstrengung. Aber spter, als der Bub anders ward, als du es
wnschtest, gingst du zu Werk wie ein Tlpel. Knicken wolltest du, was
sich da in fremder junger Kraft regte, weil es dir nicht pate. ... Dein
Kind ---- jawohl. Aber zugleich ein Menschenkind fr sich, dessen
Eigenart du httest feinfhlig erkunden und pflegen sollen ... Aber du
warst zu bequem, zu eigensinnig, zu -- arm dazu...

Wollte die Stimme denn nicht schweigen? Das war ja nicht zum Aushalten.
Man meinte es ja gar nicht so schlimm. Man wollte dem Jungen gewi nicht
die Freude rauben. Nein, ---- meinetwegen konnte man sich ja fr das
Buch interessieren.

Er tat es wenige Tage spter bei Tisch, als ihm auffiel, wie wortkarg
Peter dasa. Na, wie ist's mit dem Buch? Gefllt es dir?

Peter nickte, aber er erzhlte nichts. Wie konnte er seinem Vater davon
sprechen, was dies Buch fr ihn bedeute. Neuland ... Neuland ... Herr
Rder hatte recht gehabt. Und nun wute er, was seines Lebens Inhalt
werden sollte. In fremden Landen den Geheimnissen nachspren, die in
Felsen und Wldern, auf dem Grund einsamer Seen schlummern. Wenn er auch
nicht mehr der erste sein wrde, der ein unbekanntes Zauberland betritt,
in den Fustapfen eines Tapfern wandeln ist auch etwas Groes, und
Entdeckerfreude, das merkte Peter, blieb auch so noch bergenug.

Eine groe Sehnsucht fllte und weitete sein ganzes Denken. Die Bilder
der Zukunft, die er sich bis in alle Einzelheiten ausmalte, standen oft
so greifbar vor ihm, da es ihn mit hilflosem Erstaunen erfllte, wenn
er sich, durch irgend ein Gerusch erwachend, im Straengewhl fand,
nachdem er eben noch ber einsame Hhen geritten, einen langen Zug
fremdlndischer Menschen und Tiere hinter sich.

In der Schule warf er sich mit frhlichem Eifer auf seine Studien. Denn
auch was an praktischen Fhigkeiten in Peter geschlummert, war
aufgewacht, und er sagte sich mit groer Nchternheit, da er zur
Erfllung seiner stolzen Plne vor allem Geld brauche. Das mute er sich
verschaffen, er selbst, denn auf die Untersttzung seines Vaters konnte
er kaum rechnen. berhaupt der Vater ... Wrde er zugeben, da sein Sohn
studiere, noch dazu Naturwissenschaften? Vielleicht, wenn er ihm
auseinandersetzte, da es fr junge Stein- und Pflanzenkundige in
berseeischen Lndern glnzende Stellungen gebe. Riesensummen wurden
genannt, und Peters Augen funkelten, wenn er daran dachte. O, er wollte
sparen, keinen Rappen unntig ausgeben! Dann mute es doch mglich sein,
nach Verlauf einiger Jahre eine Reise unternehmen zu knnen.

Hie und da gefiel sich Peter in dunkeln uerungen seiner Mutter
gegenber. Er erkundigte sich auch, wie das Geschft gehe und ob es etwa
leicht einen Kufer fnde. Frau Elisabeth fhlte sich durch solche
Fragen, die ihr Vorboten neuer Kmpfe schienen, verwirrt und verletzt.
Da auch Peter gar keine Liebe fhlte fr die Arbeit, die schon sein
Urgrovater in Hnden gehabt. Ach, wie war dieses Kind aus der Art
geschlagen, innerlich und uerlich.

Sie ging an einem Abend, als sie Peter schlafend wute, auf sein Zimmer
und betrachtete lange das herbe, stolze Gesicht. Sechzehn Jahre alt war
Peter, und in wenigen Wochen sollte er eingesegnet werden. Er war doch
eigentlich noch ein halbes Kind, aber im Schein der Kerze erschien sein
Gesicht merkwrdig alt und beinahe streng. Daran mochten die finstern
Augenbrauen, die ber der Nase zusammenliefen, Schuld tragen. Frau
Elisabeth beugte sich tiefer. Zu beiden Seiten des Mundes die feinen
Linien ... Das sollte doch nicht sein in einem so jungen Gesicht ... Und
sie rhren nicht her vom vielen Lachen. Peter lacht selten ...
Peterlein, Peterlein ---- wo ist all das Glck geblieben, das mir
deine ersten Jahre geschenkt?

Ein schluchzender Ton drang aus Frau Elisabeths Mund. Peter bewegte sich,
richtete weitaufgerissene Augen, die nichts erkannten, auf die Mutter,
drehte sich zur Seite und murmelte: Durch, durch! Man muߠ----

Frau Elisabeth seufzte. Mit schweren Schritten ging sie nach der Tre.

                 *       *       *       *       *

Peter! Peter! So warte doch! Ich soll dir einen Gru sagen.

Peter blieb am Fu des langen Treppengchens, das zur elterlichen
Wohnung hinauffhrte, stehen und schaute der Rufenden entgegen. Sie war
ein feingliedriges Mdchen mit langen lichten Zpfen, die beim Springen
lustig tanzten. Bei Peter angelangt, sprudelte sie rasch hervor: Das
kannst du nicht erraten, von wem ich dich gren soll! Oder doch --
probier's einmal!

Whrend die beiden langsam die Stufen erstiegen, begann ein lustiges
Raten und Verneinen. Alle gegenseitigen Bekannten der Nachbarskinder,
Lehrer und Mitschler, zuletzt in einer launigen Anwandlung Namen
hochgestellter Personen, wurden von Peter vorgebracht. Alles ohne
Erfolg. Das Mdchen lachte in einem hellen, jubelnden Ton, der
unwillkrlich zur Freude mitri. Sie sprach sehr lebhaft und mit
blitzenden Augen. Nie hatte Peter frohere Augen gesehen und berhaupt
wollte ihm mit einem Male dnken, noch nie so schne, tiefblaue. Sie
standen in einem Gesicht, das zu schmal und unentwickelt war, um hbsch
zu wirken. Aber die Haut war wei und rosig und so durchsichtig zart,
da man sah, wie das Blut kam und ging ... bei einer schnellen Erregung
dunkelrote Wangen ... bei pltzlichem Erschrecken ein schneeblasses
Antlitz. Peter, der vor noch nicht allzu langer Zeit beinahe tglich mit
dem Nachbarskind verkehrt hatte, betrachtete sie nun mit einem Gefhl,
als she er sie zum erstenmal.

Wie war das so fein und schmal, das da auf leichten Fen neben ihm
schritt und mit seinem glitzernden Lachen die Welt in einen Sonnentag zu
verwandeln schien ... in einen Sonnentag, in dessen Blue selige Lerchen
steigen.

Sie trennten sich am Niemeyerschen Hause, ohne da es Peter gelungen
wre, den Namen zu erfahren. Wir knnen ja morgen wieder zusammen heim;
vielleicht bist du da gescheiter, sagte Ruth mit einer hoheitsvollen
Miene, die in merkwrdigem Gegensatz zu ihrem Kindergesicht stand, Peter
aber sehr reizvoll erschien. Er betrachtete sie, bis sich die Hoheit in
lauter Ungeduld verwandelt hatte, dann aber schttelte er sehr energisch
den Kopf. Er kannte die Lstermuler der mnnlichen und der weiblichen
Schuljugend. Er brauchte nur ein paarmal mit Ruth auf dem Schulweg
gesehen zu werden, dann hatte die Geschichte ihren Namen weg.

Ich komme lieber heute abend einmal zu euch, da knnen wir weiter
raten, schlug Peter vor.

Ja, aber erst um sieben. Vorher mu ich ben.

Erst um sieben! Um halb acht Uhr mu ich zu Hause sein. Kannst du das
ben nicht abkrzen?

Ich kann schon, aber ---- ich mag nicht, kam es etwas zgernd von
Ruths Lippen.

Spielst du so gerne? Was spielst du denn?

Geige. Und furchtbar gern tu ich's. Peter, ich will dir ein Geheimnis
sagen, aber du mut mir versprechen, da du es keinem Menschen auf der
ganzen, ganzen Welt wiedersagen wirst. Ja?... Also ... ich will eine
Knstlerin werden. Ich will immer, immer Musik um mich haben. Aber sie
wissen's zu Hause noch nicht, nur Mutter natrlich. Vielleicht darf ich
auch nicht. Dann mu ich es eben bleiben lassen ... Mutter sagt, es kann
auch _so_ noch schn werden, und das glaube ich auch.

Unsinn, Ruth! Man lt doch etwas nicht bleiben, von dem man wei: ich
mu es haben. Durchsetzen soll sich der Mensch, merk' dir das.

Ruth sah einen Augenblick klglich drein, und Peter mute, in das
schmale Kindergesicht blickend, selbst ber seine Worte lcheln. Es war,
als htte er einer kleinen Schwalbe den Rat gegeben, gegen eine Mauer zu
strmen. Nur gut, da _er_ breite, starke Schultern hatte.

Wie alt bist du eigentlich, Ruth? fragte er, in die Tre tretend.

Vierzehn. Weit du, an Silvester wurde ich vierzehn. Und du?

Ich bin eben sechzehn geworden.--

Kurz vor sieben Uhr trat Peter in das Nachbarhaus. Ruths Mutter begrte
ihn. Nett, da du wieder einmal kommst, Peter. Ich dachte schon, du
wolltest jetzt nichts mehr von Ruth wissen, seit du so ein groer Bub
geworden. Und ich fand es eigentlich schade. Ihr seid doch all die Jahre
so gute Kameraden gewesen. Aber freilich -- jetzt hast du eben genug an
deinen Freunden.

Ich habe keinen Freund, sagte Peter nachdenklich, und ich wei
eigentlich nicht, warum ich nicht mehr mit Ruth gespielt habe ... Wir
hatten so viele Aufgaben, und ---- ich lese viel.

Ruths Mutter lachte. Na, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Jetzt
geh nur zu Ruth hinauf. Sie bt in ihrem Zimmer.

Peter ging durch den langen, immer dmmrigen Flur eine mchtig gebaute
Treppe hinauf, auf deren breitem Gelnder er hundertmal abgerutscht war.
Er trat sehr leise auf und, auf der obersten Stufe angelangt, setzte er
sich, wenige Schritte von Ruths Zimmertre entfernt.

Ruth spielte in raschem Tempo eine ziemlich monotone bung. Ein-,
zweimal griff sie daneben, und Peter hrte ein ungeduldiges So pa'
doch mal auf!

Nun hat sie gewi ganz rote Backen, wenn sie sich rgert, dachte Peter
und lchelte.

Dann, als die Sache ein paarmal glatt durchgegangen, hrte er ein
befriedigtes So. Und nun begann ein anderes Spiel.

Eine feine, sehnschtige Melodie kam dahergeglitten, warb und flehte ...
und brach ab in einem jammervollen Schluchzen.

Peter lauschte atemlos. _So_ also konnte Ruth spielen. Ach, dann wrde
wohl auch ihr Traum vom Knstlertum in Erfllung gehen ... Warum nur
stimmte ihn das so traurig?

Horch, nun begann wieder das Spiel.

Da war etwas Dunkles, Leidvolles, Zagendes, und dazwischen klang ein
seliges Lachen. Aber es wurde immer wieder erstickt von dem Schweren ...
Bis es mit einem Male siegreich emporjubelte, all das Leidvolle,
Beengende zurckdrngend. Wie es sich wiegte in der Luft, im
Sonnenschein! Wie es stieg ---- hher und hher und endlich verklang in
einem letzten, unendlich zarten Triller.

Es folgte eine kleine Stille, dann kamen ein paar energische Doppelgriffe,
und nun spielte Ruth eine Choralmelodie. Breite, ruhevolle Wogen
strmten daher ... Peter kannte die Worte, die er vor kurzem im
Konfirmandenunterricht gelernt hatte. Einige der Verse hatten ihn tief
ergriffen, und auch jetzt wieder fllte ihn eine geheimnisvoll-ehrfrchtige
Stimmung. Gott ist gegenwrtig, dem die Cherubinen Tag und Nacht
gebcket dienen ... Luft, die alles fllet, drin wir immer schweben,
aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn' Grund und Ende, Wunder aller
Wunder, ich senk' mich in dich hinunter.

Ruths Zimmertre ward pltzlich geffnet. Helles Licht ergo sich auf
die dunkle Treppe, so da Peter einen Augenblick die Hnde vors Gesicht
legte.

Hast du schon lange hier gesessen? fragte Ruth. Nun mute Peter sie
ansehen. Sie lehnte am Trpfosten, die Geige im Arm, und hatte ein
blasses, ganz ernsthaftes Gesicht.

Es war so schn, Ruth! Komm, setze dich hierher zu mir. Bist du mir
bse, weil ich zugehrt habe? Ich habe Musik auch gern.

Dann tut es nichts. Und ich hab' dich auch gern. Deshalb darfst du
zuhren. Leuten, die Musik nicht lieb haben und die ich nicht mag,
spiel' ich nichts vor.

O Ruth! Wie wird es dir ergehen! lachte Peter. Eine Knstlerin mu
allen vorspielen, ob sie sie leiden mag oder nicht.

Ach, weit du, dann denke ich eben an einen Menschen, den ich lieb
habe, und spiele dem alles vor. Aber nun sollst du raten.

Peter war so erstaunt ber diese pltzliche Aufforderung, da er das
Mdchen ein paar Augenblicke wortlos betrachtete. Sie sa jetzt auch auf
der Treppe, die Hnde um die Knie geschlungen, und sie sah nun wieder
aus wie am Morgen, ein unbekmmertes kleines Schulmdel, dem die
Necklust aus den Augen sprhte.

Sie mochte sein Schweigen fr Ratlosigkeit halten, denn sie fuhr fort,
ihn mit aufmunternden Worten auf die rechte Spur zu leiten.

Du mut viel weiter zurckdenken, Peter. Wie du noch klein warst, hast
du sie gesehen ... Wie du einmal in den Bergen warst ... So -- jetzt
ist's aber leicht.

Nun war Peter vllig bei der Sache. Er war schon ein paarmal in den
Bergen gewesen, aber als kleiner Bub nur einmal. Wie lag das alles so
weit zurck ---- und wie lag es so schn und grte herber ... Die
Tante! Ist es die fremde Tante?

Ja, die ist's! jubelte Ruth. Tante Trude! Du weit doch, da sie eine
Norddeutsche ist? Na, Mutter und sie waren zusammen in Pension in der
franzsischen Schweiz, und da waren sie Freundinnen, und nachher, wie
Mutter heiratete, ist sie Rudolfs Patin geworden. Und nun hat ihr Mutter
geschrieben, sie mge doch einmal kommen, weil Rudolf konfirmiert wird.
Ich glaube, sie hatten sich schon lange nicht mehr geschrieben. Die
Tante hat so viel Arbeit und kennt so viele Menschen, sagt Mutter. Ja,
und nun hat sie geantwortet und hat gefragt, ob wir nicht einen Peter
Niemeyer kennen, der werde jetzt wohl auch konfirmiert, und wenn wir nun
doch schon ein paar Jahre in der Nhe vom Totengchen wohnten, mten
wir dich sicher kennen. Und dann schreibt sie, ihr httet euch so lieb
gehabt, wie du ein kleiner Junge gewesen, und sie lasse dich gren.
Kannst du dich noch an sie erinnern?

Ja, schon ein wenig. Ich glaube, sie war sehr freundlich zu mir und
hat mir manchmal geholfen. Aber ihr Gesicht ---- nein, daran kann ich
mich nicht mehr erinnern.

Mutter sagt, sie sei der beste Mensch auf der Welt, und das stehe auch
in ihrem Gesicht. Weit du, sie arbeitet den ganzen Tag fr andere,
immer nur fr andere, und denkt an sich nur so im letzten Augenblickchen.
Mutter sagt, die kriegt mal einen guten Platz im Himmel ... Peter!

Ruth? Peter ist wirklich gespannt, was nun kommen wird. Das
Gesichtchen, das aus dem Dmmerschein zu ihm aufblickt, ist eines, das
er noch nicht kennt. Warm und froh und ein bichen sehnschtig schauen
die groen Augen, die ein so treuer Spiegel des beweglichen Geistchens
sind.

Peter, ich habe schon zweimal vom Himmel getrumt, d.h. nur einmal war
es der Himmel selbst. Das andere Mal war ich auf dem Weg dahin. Es war
ein sehr schlimmer Weg, Peter. Weit du, mit schrecklich viel Steinen
und so groen Lchern, da ich manchmal nicht wute, wie hinberkommen.
Es waren viele, viele Kinder bei mir, und ich glaube, auch ein paar
groe Leute. Das wei ich nicht mehr so recht ... Ja, und wie wir so
gingen, sahen wir ein groes, langes Haus. Darin muten tausend Lichter
brennen, denn aus allen Fenstern gingen Strahlen. Aber denke dir, Peter,
gerade kurz vor dem Haus war ein so breiter Graben -- -- ich konnte
einfach nicht hinber, ich frchtete mich. Und ich war so traurig, denn
eine Menge Kinder gingen hinber und gingen in das Haus hinein. Und da
kam auf einmal ein Mann und nahm meine Hand ... Ach, und da war ich so
froh! Ich konnte nun gut weitergehen, und der Mann sprach zu mir. Ich
wei nicht mehr, was er sagte. Ich wute es schon nicht mehr, wie ich
aufwachte. Ich glaube, ich habe nicht gut aufgepat. Ich dachte immer:
nie hast du eine so freundliche Stimme gehrt, nie hat dich jemand so
gefhrt ... Ich war damals noch ein bichen klein, Peter, es sind schon
ein paar Jahre her. Ja, und nun gingen wir nach dem Haus, und es ging
die Tre auf, und da war ein so groes Licht, da ich es nicht ertragen
konnte ---- und ich wachte auf, und da war mein ganzes Zimmer voll
Sonntagssonne und die Glocken luteten ... War das nicht ein schner
Traum, Peter?

Ja, sagte Peter und tat einen tiefen Atemzug, das war ein schner
Traum. Und wer, glaubst du, ist der Mann gewesen, Ruth?

O, Peter! Hast du es nicht gesprt? Das war doch der Herr Jesus. Ich
habe es gleich gewut. Weit du, nachher, wie ich ganz traurig war, da
ich mich nicht mehr an seine Worte erinnern konnte, habe ich gedacht,
vielleicht hat er gesagt: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Das htte
er doch gut sagen knnen, nicht, Peter?

Freilich, ja. Und was hast du sonst noch getrumt?

O, der andere Traum war vom Himmel selbst. Aber da war er kein Haus.
Nein, eine groe Wiese in den Alpen. Und gleich hinter der Wiese standen
die weien Berge, und davor war ein groer Stuhl, und da sa der liebe
Gott. Er hatte einen mchtig langen Mantel an, der lag ganz breit auf
der Wiese. Und eine Menge Menschen waren da. Ein paar standen ganz nahe
bei ihm. Aber ich hatte auch ein feines Pltzchen, Peter! Und das Feine
war, da mich niemand sehen konnte! Denk' dir, ich sa in einem Zipfel
von Gottes Mantel. Ich war ganz versteckt, und ich war so vergngt. Aber
nun solltest du gewi gehen, Peter.

Ja, es ist Zeit. Aber ich darf doch wiederkommen?

O, Peter, nun sprichst du wie ein Herr. Wir sind doch keine groen
Leute. Die fragen sich solche Sachen.

Na, also. Leb' wohl, Ruth. Vielleicht komme ich morgen wieder. brigens
-- kommt die Tante Trude eigentlich?

Nein. Sie kann nicht kommen. Es tut uns allen so schrecklich leid. Und
sie hat geschrieben, sie htte uns alle so gern kennen gelernt, und wir
sollten ihr doch schreiben, dann kenne sie uns ein bichen. Aber die
andern wollen nicht. Nur Rudolf natrlich. Der mu sich doch auch
bedanken. Aber Willy sagt, Briefe seien etwas Grliches, und Hans sagt,
da habe er Gescheiteres zu tun. Und wie ich sagte, ich wolle schreiben,
da sagten sie: Ja tu's nur, fr ein Mdchen pat das viel besser. Aber
nun genier' ich mich doch ein bichen, so allein. Oder ---- Peter,
knntest du nicht schreiben? Sie kennt dich ja sogar besser als uns.
Willst du nicht?

Vielleicht. Ich sag's dir dann morgen. Gute Nacht, Ruth.

Gute Nacht, Peter.

                 *       *       *       *       *

...Als einen im Grund unerfreulichen Burschen meinst du dich
vorstellen zu mssen. Da mu ich dir denn doch verraten, da der Peter,
der zu mir gekommen in jenem kurzen Brief, durchaus keinen
unerfreulichen Eindruck hinterlassen hat. Er und das Sonnenkind Ruth
zusammen haben mir einen sehr schnen Abend geschenkt, und ich hoffe
ernstlich, es bleibe nicht bei diesem ersten Besuch.

Peter las diese Stelle in Tante Trudes Brief wieder und wieder. Es war,
als strecke sich ihm eine warme Hand entgegen: Sieh, da bin ich, komm'
zu mir, ich verstehe dich. Und er freute sich, da er Ruths Drngen
nachgegeben und geschrieben hatte.

Frau Elisabeth war weniger erfreut. Schon die hufigen Besuche im
Nachbarhaus hatten Anla zu allerlei spitzen Bemerkungen gegeben, und
sie hatte ihrem Mann mehrfach die Frage vorgelegt, was nur Peter an dem
magern kleinen Ding Schnes finden knne. Peter, der ltere, hatte
gelacht und gemeint: Na, Betty, das ist nun ein Punkt, ber den sich
ewig streiten lt. Dem einen gefallen dralle Backen, und dem andern
gefllt so ein schmales Gesichtchen. brigens finde ich sie ein ganz
nettes Ding, und ein wohlerzogenes. Sei nur froh, da Peter nicht auf
irgend ein albernes, kokettes Mdchen verfallen ist.

Frau Elisabeth merkte, da sie in dieser Angelegenheit bei ihrem Mann
keine Untersttzung finden werde. Er wird eben auch so gewesen sein,
dachte sie rgerlich, aber allmhlich gewhnte sie sich an Peters
Freundschaft, und wenn sie auch kein gutes, verstndnisvolles Wort dafr
fand, so unterdrckte sie wenigstens die schlimmen.

Da kam die Sache mit dem Brief, und hier nun fand ihre Entrstung ein
Echo. Peter Niemeyer tadelte die Schreiberei als berspannt und
lcherlich; Frau Elisabeth fhlte sich in ihren mtterlichen Rechten
angegriffen. Eiferschtige und aufreizende Bemerkungen flogen hinber
und wurden mit trotzigen und hhnischen beantwortet.

Eines Abends, als Peter mit weichen, versonnenen Augen am Fenster
lehnte, trat Frau Elisabeth zu ihm.

Mein lieber Bub, sagte sie und legte den Arm um ihn, nun la dir noch
einmal in aller Liebe etwas sagen.

Peter entzog sich jh ihrer Umarmung. Er hate diese Art von
Liebesbezeugung, die immer die Einleitung zu Vorwrfen bildete und ihn
von vornherein in eine rebellische Stimmung versetzte. Er hatte dies
schon mit drren Worten ausgesprochen, ohne eine nderung
herbeizufhren. Denn Frau Elisabeth gefiel sich in dieser mtterlichen
Rolle, und sie konnte nachher um so schmerzlicher bei ihrem Gatten
klagen: Ich habe so freundlich angefangen, aber er lt sich ja gar
nichts sagen...

Frau Elisabeth zog sich seufzend von Peter zurck. Sie setzte sich an
ihren Nhtisch, brach in ein scheltendes Klagen aus ber Peters
Undankbarkeit, allgemeine Bosheit, Verschlossenheit und
Absonderlichkeit. Wozu willst du denn nach Halle schreiben? Die Person
geht dich doch gar nichts an. Was soll denn die ganze Geschichte
bedeuten?

Peter, der mit geknstelter Gleichmtigkeit zugehrt und nur bei dem
Wort Person einen bsen Blick auf die Mutter geworfen, trat pltzlich
dicht an sie heran. Langsam und schwer atmend stie er hervor: Warum
ich schreibe? Vielleicht knnte es sein, weil ich auch einmal jemand
brauche, der mich versteht, und zwar jemand, der nicht nur immer als
Mutter geehrt sein will und immer von Mutterrechten spricht, sondern
wirklich eine Mutter ist.

Das waren harte Worte. Frau Elisabeth brach in Trnen aus und
schluchzte, Peter werde einmal an ihrem Grab Bue tun, und ob er denn
gar nicht an seine Konfirmation denke. Statt aller Antwort ging Peter
pfeifend aus dem Zimmer; aber in seiner Stube pfiff er nicht mehr. Er
sa und brtete vor sich hin in unseligen Gedanken, die sein feines
Gesicht hlich verzerrten.

Dann, als habe ihn ein lichter Geist berhrt, gltteten sich seine
Zge. Ganz pltzlich, in wirrer Ideenverbindung war ihm eine Erinnerung
an die letzte Unterweisungsstunde aufgetaucht.

Der Pfarrer hatte die Szene gezeichnet, wie die Jnger, als sie mit Jesu
gingen, zurckblieben und ins Streiten gerieten.

Und wieder erlebt Peter das Seltsame, Atemraubende, da es ihm ist, als
rollten die Jahrhunderte zurck in einer einzigen groen Bewegung ----
und er ist mitten unter ihnen, ist einer von denen, die hinter Jesu
gehen. Ein schmaler Weg durch hohes Korn ... eine Gestalt ... sie wendet
sich, und aus ruhevollem Antlitz fragen ihn zwei tiefe Augen ... Vorbei.
Peter sitzt wieder in seiner Stube und fhlt sich erbrmlich und klein.

                 *       *       *       *       *

Ruth kann auch singen. Sie begleitet sich dazu auf der Gitarre, und
Peter wei eigentlich nicht, was er mehr liebt, die Geige oder Ruths
Stimme. Das Geigenspiel ist vielleicht schner, ja unbedingt schner,
aber Ruths Stimme ist, wie sie selbst, leicht und innig, glcklich und
lachend. Nur wenn sie ernste Lieder singt, erlischt das Lachen, und dann
kann Peter das traurige Stimmchen kaum ertragen.

Heute wei ich ein neues Lied, Peter. Ein wunderschnes. Pa' einmal
auf. Ich habe es unter Mutters Noten gefunden. Aber es sind so viele
Verse -- ich habe mir nur die zwei ersten und den letzten gemerkt:

    Jungfrulein, soll ich mit euch geh'n
    in euren Rosengarten?
    Da, wo die roten Rslein steh'n,
    die feinen und die zarten,
    und auch ein Baum, der blhet
    und seine Lublein wiegt,
    und auch ein khler Brunnen,
    der grad darunter liegt.

    In meinen Garten kannst du nicht
    an diesem Morgen frh;
    den Gartenschlssel find'st du nicht,
    er ist verborgen hie.
    Er liegt so wohl verschlossen,
    er liegt in guter Hut --
    Der Knab' 'darf feiner Lehre,
    der mir den Gart'n auftut.

    Dort hoch auf jenem Berge,
    da steht ein Mhlenrad.
    Das mahlet nichts als Liebe,
    die Nacht bis an den Tag.
    Die Mhle ist zerbrochen,
    die Liebe hat ein End' --
    So segn' dich Gott, mein feines Lieb,
    jetzt fahr' ich ins Elend.

Gefllt es dir nicht, Peter? Du bist so still.

Ach, Ruth, es ist so furchtbar traurig. Merkst du das nicht? Nun mu er
wandern, immer weiter weg von dem wunderschnen Garten. Wie heit es
doch?... und auch ein Baum, der blhet und seine Lublein wiegt...

Und auch ein khler Brunnen, der grad darunter liegt, summte Ruth.
Sie betrachtete ihren Kameraden mit scheuen Augen. Vielleicht hat sie
ihm doch einmal aufgemacht, spter, weit du, wie er wieder gekommen
ist.

Glaubst du, er sei wieder gekommen, Ruth?

O ja, ganz gewi. Und dann gingen sie hinein und da war noch immer der
khle Brunnen...

Und dann, Ruth?

Und dann setzten sie sich und horchten auf das Rauschen, und vielleicht
schien auch die Sonne ins Wasser. Das mag ich so gern, wenn alle Tropfen
glitzern.

Und dann, Ruth?

Wie komisch du fragst, Peter! Jetzt wei ich nichts mehr. Sag doch du
weiter.

Nein. Wenn du nichts weit, wei ich auch nichts. Aber nun sing' mir
das Lied noch einmal.

Und Ruth sang, und Peter ging nach Hause und hatte Kopf und Herz voll
schwermtiger Klnge und Worte. Der Knab' 'darf feiner Lehre, der mir
den Gart'n auftut...

An diesem Abend schrieb Peter seine ersten Verse. Und whrend er
schrieb, war es ihm, als htte er den Schlssel gefunden zu jenem
Rosengarten, war es ihm, als ginge das Jungfrulein neben ihm auf
leichten Sohlen und habe Ruths lichtes Haar und Ruths strahlende Augen.
Aber als er die Verse spter durchlas, erschrak er.

War es mglich, da das, was ihm eine helle Lohe geschienen, ein paar
armselig glimmende Funken waren?

Er wute noch nicht, da unser Innigstes und Grtes, das in unendlich
seligen und in unendlich schweren Augenblicken Empfangene, nie in seiner
ganzen Schne und Wrme ans Licht treten kann. Ein blasses Schattenbild
... ein verlorener Nachklang...

Und doch knnen wir dem geheimnisvollen, drngenden Rieseln nicht wehren
und hoffen immer aufs neue, es werde der starke, singende Quell der
Schnheit hervorbrechen.

                 *       *       *       *       *

Der Tag der Einsegnung ging vorber, und nun fehlten nur noch drei
Wochen bis zum Abschlu des Schuljahrs. Peter mute sich zum Sprechen
entschlieen, denn die Eltern schienen es als eine ganz
selbstverstndliche Sache anzusehen, da er der Schule Lebewohl sagen
und ins Geschft eintreten werde. Die letzte Zeit war uerlich eine
friedliche gewesen. Am Konfirmationstag selbst hatte Frau Elisabeth eine
jener Stunden erlebt, in denen ihre kleine Seele ber sich selbst
hinauswuchs. Die Worte des Pfarrers, der sich ebenso sehr an die Eltern
als an die Kinder wendete, trafen sie ins Herz, und sie ging aus der
Kirche voll guter Vorstze. Sie wollte versuchen, in innigere Fhlung
mit Peters verschlossener Seele zu kommen, wollte lernen, zu ihm zu
stehen. Auch seinem Vater gegenber? Dieser Gedanke war peinlich und
unbequem, und sie vermochte ihn nicht zu Ende zu denken. In der letzten
Zeit ging es ja so gut, redete sie sich trstlich zu. Wer wei, wenn
sie einmal im Geschft beisammen sind, lernen sie sich besser
verstehen.

Dieser Gedanke bewegte auch Peter, den lteren, denn wenn er sich auch
zu Zeiten einredete, seines Kindes Entfremdung lasse ihn gleichgltig,
im Grund seiner Seele ruhte nach wie vor die Sehnsucht nach seinem
Besitz.--

Was meinst du, Peter, wann sollen wir mit der Lehre beginnen? fragte
Vater Niemeyer eines Abends hinter der Zeitung hervor. Er war in
heiterer Stimmung, und seine Augen forschten mit freundlichem Ausdruck
in des Jungen Gesicht.

Peter ward dunkelrot. Er fhlte, da seine Antwort einen Sturm
entfesseln werde.

Das Zarte und Nachgiebige in ihm flsterte: fge dich! Aber die junge
Willens- und Lebenskraft reckte sich mchtig und lie ihn beinahe rauh
hervorstoen: Ich kann kein Buchbinder werden. Ich will lieber in der
Schule bleiben. Ich mchte das Maturittsexamen machen.

So! erwiderte Peter Niemeyer und legte die Zeitung auf den Tisch. So
---- mein Herr Sohn! Und seit wann hat man sich das in den Kopf
gesetzt?

Seine Stimme klang hart, und ein drohender Blick flog zu dem Buben
hinber. Peter schwieg und schaute starr geradeaus.

Erst auf seines Vaters ungeduldiges wird's bald! antwortete er in
gequltem, beinahe flehendem Ton: Schon lange!... Ich wollte es dir
immer sagen, aber----

Was aber?

Ich dachte, du werdest es nicht gerne hren.

Na, da hast du allerdings recht gedacht! Was glaubst du eigentlich?...
Jahr um Jahr schufte ich mich ab und glaube die ganze Zeit, du werdest
einmal das Geschft bernehmen, und nun kommst du mir mit solchen
Geschichten ... Maturitt!...

Und nachher? Studieren wirst du ja auch wohl wollen? Auf was hat sich
denn die Neigung des gndigen Herrn gerichtet? Wei er das vielleicht?

Peter zuckte zusammen und tat pltzlich einen Schritt vorwrts. Frau
Elisabeth faltete erschrocken die Hnde. Mein Gott, was wrde nun
losbrechen! Sie sah ihres Mannes hhnisches Gesicht und ihres Sohnes
lodernde Augen.

Peter! mahnte sie eindringlich. Sie wuten beide, welcher gemeint war,
und der Junge antwortete ihrem Ruf mit einem spttischen Lcheln. Dann
richtete er den Blick auf den Vater und sagte: O ja, der gndige Herr
wei auch dies. Er mchte Naturwissenschaften studieren.

Naturwissenschaften! Peter Niemeyer sprach das Wort aus, als habe
sich sein Sohn zu einer unehrlichen Hantierung bekannt. Das gibt's
nicht. Dazu gebe ich mein Geld nicht her. Ich bin der Vater und du der
Sohn, und du hast zu gehorchen. Verstanden?

Frau Elisabeth hatte sich erhoben und war auf den Jungen zugetreten.
Sei still, Peter! Sei still! Versndige dich nicht! Denke dran, es ist
dein Vater! flehte sie.

Aber Peter schob sie beiseite. Sein trotziges junges Gesicht glhte im
Zorn.

Nein, jetzt rede ich einmal! schrie er. Mein Vater bist du ---- ja!
Aber was fr einer? Wann hast du dich um mich gekmmert, um mich
selbst?... Gehorchen, gehorchen ... den Mund halten zu allem, was der
Vater sagt, ob es richtig ist oder nicht ... Keine eigene Meinung haben
drfen. Nur immer zustimmen, immer loben und gutheien ... Ist das ein
Vater!

Peter Niemeyer sprang auf. Er wrde seinem Sohn die geballte Faust vor
die Brust gestoen haben, htte sich ihm Frau Elisabeth nicht weinend
entgegengeworfen. Er ist auer sich, er wei nicht, was er sagt,
schluchzte sie. Geh fort, Peter! Geh auf dein Zimmer!

Ja, fort aus meinen Augen!

Peter Niemeyer lste sich aus der Umklammerung seiner Frau und schritt
schwer atmend im Zimmer auf und ab. Er schalt in malosen Ausdrcken auf
den ungeratenen Sohn, aber er wartete vergeblich darauf, da ihm Frau
Elisabeth wie gewhnlich beistimme.

Sie sa in der Sofaecke, beinahe regungslos, und horchte mit allen
Sinnen nach oben. Was mochte er tun? Brtete er ber finsteren Gedanken
oder konnte er noch weinen, wie einst das Peterlein ber seine
zertretene kleine Welt ... Ob die scheltenden Worte nicht zu ihm
drangen?... Also studieren wollte er. Naturwissenschaften ... Ach, und
dann wohl Reisen machen in fremde Lnder, wie jener Sven Hedin, von dem
er so oft gesprochen ... Mein Gott, Peter, wie konntest du auf solche
Gedanken kommen!

Und diese Sprache seinem Vater gegenber! grollte Peter Niemeyer. Du
sagst wohl, er sei auer sich gewesen. Das soll er eben nicht sein, wenn
er mit mir spricht. Zudem, was habe ich denn gesagt oder getan, was ihn
so auer sich bringen konnte? Weil ich seinen kindischen Wnschen nicht
nachgab? Das wird ihm noch oft genug begegnen. Das Leben fat einen hart
an.

O gewi, das Leben ist hart. Und deshalb sollen wir es auch werden? Wre
es nicht besser, wir versuchten uns die weichen Kinderhnde zu bewahren
... Eine Kinderhand ... Schmal und fein ruht sie in unserer harten Hand
... Und ist doch so stark und mchtig, eben weil sie weich und linde
ist, vielleicht auch, weil sie so ganz selbstverstndlich in Gottes
Vaterhand ruht.

Horch, nun geht die Tre in Peters Zimmer. Man hrt seine Schritte auf
der Treppe, im Hausflur, dann das ffnen und Schlieen der Haustre.
Wohin will er so spt? Der Zeiger nhert sich der elften Stunde.

Frau Elisabeth schaute ihren Mann erschrocken an. Dieser hielt einen
Augenblick im Gehen inne, als er sagte: Ach, la ihn laufen! Die
frische Luft kann ihm nur gut tun. Du bist brigens seltsam besorgt um
ihn heute abend, Elisabeth. Was ist nur in dich gefahren?

Ja, was? Ein grelles Licht, eine jhe Erkenntnis, ein Wachrtteln aller
Sinne ... Frau Elisabeth findet keines dieser Worte. Sie fhlt sich nur
jmmerlich klein und ohnmchtig ihrem Mann gegenber; sie frchtet sich,
ja, sie zittert davor, ihm zu sagen, was ihr in der Seele brennt. Und
mu es doch sagen!

Peter! beginnt sie leise. Ich will den Bub gewi nicht rechtfertigen.
Er hat sich zu schlimmen Worten hinreien lassen. Aber, Peter, vielleicht
hat er recht. Vielleicht hast du ---- ach, ich meine uns beide ...
vielleicht haben wir uns nie richtig um ihn gekmmert. Ach, und nun
rennt er in die Nacht hinaus, so im Jammer. Du weit ja nicht, wie er
sein kann, schon als kleiner Bub, so wild und hei ... Und wie er weinen
konnte! Peter, ich mu ihm nach. Ich kann nicht anders.

Sie wartete keine Antwort ab. Sie ri die Tre auf und stand schon unten
an der Treppe, als sie ihres Mannes Stimme hrte: Elisabeth! Betty! Ich
bitte dich! Dieser Skandal...

Frau Elisabeth schlo die Tre hinter sich. Skandal! Mochten die Leute
denken, was sie wollten! brigens, das Gchen war menschenleer.

Sie merkte erst jetzt, da ein zarter Regen niederrieselte. Der Himmel
war undurchdringlich finster, und der Wind, der eben aufzuwachen schien,
blies kalt. Sie eilte die Stufen des Gchens hinab und blickte nach
allen Seiten. Ganz in der Ferne ging eine Gestalt, die Peter sein
konnte. Ach, wie war er schon so weit!

Frau Elisabeth hastete vorwrts. Sie durfte ihn nicht aus den Augen
verlieren. Wenn er bei einer Straenbiegung verschwand, durchzuckte sie
jedesmal eine namenlose Angst. Und sie kam ihm nur langsam nher. Peter
schritt mchtig aus.

Nun bog er in die Strae ein, die in gerader Linie auf die Brcke fhrt.
Frau Elisabeth lief. Das Blut pochte ihr in Hals und Schlfen. Sie zitterte
am ganzen Krper, aber die Angst ri sie vorwrts. Gottlob, nun war sie
um die Ecke! Die Strae war menschenleer, aber dort -- auf der Brcke
bewegten sich ein paar Gestalten. Die wrden doch helfen, wenn------

Peter mochte etwa die Mitte des Stromes erreicht haben, als er stehen
blieb. Er legte die Arme auf die steinerne Brstung und seinen
fiebernden Kopf darauf.

Aus der Tiefe weht es khl herauf. Schwarz und in eiliger Flucht, als
trgen sie ein unseliges Geheimnis, jagen die Wogen dahin. Die
Bogenlampen der Brcke und ein hellerleuchtetes Gasthaus am Ufer werfen
in das schwarze Wasser ihr bichen silbernes Licht, das zitternd
ertrinkt.

So wrden sie ihn auch aufnehmen, die schwarzen Wellen ... Aber man wrde
ihnen ihr Geheimnis zu entreien suchen, und man wrde ihn finden.----

Peter schaudert. Nein, nicht hinunter will er in Nacht und Tod. Hinauf,
hinauf zu allen Sternen und Sonnen ... Leben will er ---- Leben...

Was hatte doch in Tante Trudes letztem Brief gestanden, den er am
Vorabend der Konfirmation erhalten? Du willst groe Reisen machen,
Peter. Nun, eine Reise hast du ja lngst angetreten, die groe
Lebensreise, die uns auch Neuland auftut. Nie geahnte Tler des Leids
und Jammers und Hhen, die nur der Tapfere und Sicherschreitende
erklimmen kann. Wir sind immer auf der Reise, Peter, du und ich und all
die andern. Kennst du den alten Vers?

    Unser Leben gleicht der Reise
    eines Wandrers in der Nacht;
    jeder hat in seinem Gleise
    etwas, das ihm Kummer macht.

Aber doch auch etwas, das ihm Freude macht. Nicht wahr, Peter?

Ruth, Ruth ... liebe, kleine Ruth! Ja, sie ist Freude ... holde Freude...

Etwas Groes, Warmes quillt in Peters Herzen auf und daneben etwas
Tapferes, beinahe Frohmtiges. Das Wort seiner kleinen Weggefhrtin
kommt ihm in den Sinn. Es kann auch _so_ schn werden. Schn beim
Bchereinbinden, Ruth? Jawohl, Peter! Wenn wir nur etwas Schnes in uns
tragen. Und das hast du ja ... Wer wei, Peter, vielleicht kriegst du
noch in anderer Weise mit Bchern zu tun...

Frau Elisabeth steht nur wenige Schritte von Peter entfernt. Aber sie
starrt nicht ins Wasser hinab. Ihre Augen ruhen unverwandt auf seinem
Gesicht. Und ihre Seele glaubt in den schwarzen Fluten der Selbstanklage
und Reue zu versinken. Was ist sie fr eine Mutter gewesen! Ohne Mut,
ohne Selbstberwindung ... sie hat die Dinge gleiten lassen. Und nun mu
sie hier stehen in Dunkelheit und darf die Hand nicht nach Peter
ausstrecken, darf nur ihre heien, verworrenen Gedanken zu ihm schicken
... Wird er denn ewig da stehen bleiben?

Da tat Peter eine Bewegung und reckte sich mchtig und wendete sich und
stand seiner Mutter gegenber. Sie schauten sich an, und jedes suchte in
des andern Gesicht zu lesen.

Peter sah, wie das emporgewandte Frauenantlitz voller Not und Bitte war,
und sie sah mit Staunen und Dankbarkeit, da ber dem seinen eine tiefe
und ernste Ruhe lag.

Da fate sie Mut. Sie trat auf ihn zu. Peter, flsterte sie, und es
war ein Schluchzen in ihrer Stimme, la uns neu anfangen. Ich will zu
dir stehen, wo ich es fr recht halte, auch wenn ---- auch wenn es mir
schwer fllt ... Wenn du nur wieder Vertrauen zu mir -- zu uns haben
knntest, Peter!

Da tat Peter, was sie beide berraschte. Er bckte sich und kte die
Hand seiner Mutter, die sich ihm bittend entgegengestreckt.

Dann gingen sie dicht nebeneinander und redeten kein Wort und fhlten
nur, wie eines das andere in liebevolle und sorgliche Gedanken hllte.
Und es herrschte in beiden eine seltsame Klarheit.

Ich habe ihn noch nicht gewonnen, dachte die Mutter. Und es wird mir
auch nicht gelingen, wenn ich nicht immer aufs neue mich selbst bekmpfe
und mich in ihn hinein zu fhlen suche. Und vielleicht gelingt es mir
auch dann nicht, denn er ist ein seltsames Menschenkind ... Vielleicht
auch kommen die beiden nie zusammen ... Aber diese Stunde kann er nie
vergessen, das las ich in seinen Augen. Nie mehr werden wir uns ganz
verlieren.

Peter aber hat das Gefhl, als msse er der kleinen Mutter an seiner
Seite emporhelfen, sie tragen und sttzen. Er wei, trotz ihrer
Versicherung, mit schmerzlicher Gewiheit, da sie nicht immer zu ihm
stehen wird. Er wei, da ihre Seele wieder und wieder versinken wird im
Alltag, aber er wei auch, da sie zu Zeiten ihre Flgel sprt und
ausbreitet...

Es kann auch _so_ schn werden...




Das rote Buch.


Ich hatte es lngst vergessen gehabt.

Aber dann war es mir ergangen wie dem Sonntagskind, das zu gesegneter
Stunde des Weges kommt, und pltzlich ffnet sich zu seinen Fen die
Erde, und es taucht mit geheimnisvollem Leuchten ein Schatz empor, der
lange Jahre in der tiefsten Tiefe geruht. Also war, vom Zauber einer
Stunde geweckt, aus der tiefsten Tiefe meiner Erinnerung das rote Buch
emporgetaucht und mit ihm eine lngst versunkene Welt, die voller Fragen
und Wunder, voller Grauen und Se gewesen.

Und pltzlich war Tante Ursula vor mich getreten, so klar und deutlich,
da ich fr einen Augenblick meine ganze Umgebung verga. Sie sa, wie
ich sie meist gesehen, in einem tiefen Stuhl und hielt das schmale,
zarte Gesicht ein wenig geneigt. Silbern flimmerte das weiche Haar, das
in so wunderschner Linie die Stirn umrahmte. Die kleinen Hnde hielten
ein Strickzeug -- ich meinte tatschlich das leise Klappern der Nadeln
zu hren. Aber dann verschwand das Bild so schnell wie es gekommen, denn
mein Nachbar zur Linken streifte seine Zigarrenasche ab und fragte: Sie
sind wohl mde?

Nein, natrlich war ich nicht mde. Meine Gedanken waren nur
ungehrigerweise ein wenig abgeirrt. Und aufs neue wandte ich meine
ganze Aufmerksamkeit dem Kreise plaudernder und rauchender Menschen zu,
in deren Mitte mich dieser Abend gefhrt.

Aber nachher, auf dem Nachhauseweg, und vollends als ich in meinem
mondlichtgefllten Zimmer sa, tat ich die Tore meiner Seele weit auf,
um all den Geistern Einla zu gewhren, die lachend und drohend dem
roten Buch entstiegen.

Wie war es nur gekommen, da ich seiner gedacht? Ach ja, der Hausherr
hatte ein altes Buch gezeigt, in dessen Besitz er durch einen
glcklichen Zufall geraten. In Schweinsleder war es gebunden. Den
brunlichen, mit schnrkeligen Buchstaben bedeckten Blttern entstieg
ein modriges Dftlein, aber die illustrierenden Holzschnitte atmeten
Leben, ein kstliches, triumphierendes, trotz der Trnen lachendes
Leben.

Ich hatte das Buch durchblttert mit einem Gefhl, das seltsam gemischt
war aus Ehrfurcht und Erwartung, aus Liebe und Grauen. Und pltzlich
wute ich: das hast du schon einmal erlebt, ach, nicht nur einmal,
hundertmal, unzhlige Male... Und siehe da! das rote Buch war lebendig
geworden, und ich hatte Tante Ursulas Gesicht einen einzigen Augenblick
gesehen.

Sie und das rote Buch sind ja so eng verbunden, da ich keines vom
andern lsen kann. Und als drittes gehrt dazu die kleine Stube, in der
Tante Ursula gewohnt hat, und die ich nie mit der gleichgltigen
Selbstverstndlichkeit betrat, mit der ich in unsere Zimmer ging. Die
gute Stube zwar, ja, die betrat ich auch nicht selbstverstndlich. Aber
ich hate sie geradezu. Das Sofa und die Lehnsthle und all die
blankpolierten Tische und Schrnke sahen so unendlich hochmtig auf das
kleine Mdchen herab. Im ganzen groen Zimmer war kein Pltzchen, das
einem zugerufen htte: hier kannst du fr dich sitzen und spielen und
trumen. Es gab darin nur einen Anziehungspunkt, und der ging von dem
Glasschrank aus, in dem schn geordnet hundert seltsame Dinge lagen und
standen: Spangen aus farbigem Glas und Ketten aus glnzenden Mnzen,
hlzerne Npfe und Tpfe, mit leuchtenden Farben bemalt. Da waren
zierliche braune Gestalten, in bunte Stoffe gehllt, und daneben aus
tiefschwarzem Holz geschnitzte Elefanten. Und mitten drin erhob sich ein
weies Mrchenschlo mit Trmen und Pfeilern, von Palmen berschattet.
Das ganze, unglaublich leichte Gebilde war aus Pflanzenmark geschnitten
und schien mir von allem Wunderbaren das Kstlichste zu sein. Einmal,
als meine Mutter den Schrank suberte, hatte ich es in vor Seligkeit
zitternden Hnden gehalten. Das hatte mir zwar einen Klapps eingetragen,
den ich aber im berma meiner Freude kaum sprte. Ich rgerte mich nur
ber die dumm und hmisch glotzenden Mbel, die meine Demtigung
mitangesehen, und dann ging ich von der scheltenden Mutter weg und stieg
die zwei Treppen zu Tante Ursula hinauf.

Da oben wurde immer alles gut, was unten verkehrt gewesen und geschmerzt
hatte. Da oben gab es keinen Spott und keine Schlge, keine Mahnreden
und kein Schelten. Und wenn ich auch mit sehr traurigen oder sehr
rebellischen Gedanken die Treppe hinaufstieg, ich brachte sie gar nicht
mehr alle in Tante Ursulas Stube hinein. Sie fingen an von mir
abzufallen, noch ehe ich auf der obersten Treppenstufe stand und den
Apfelgeruch atmete, der den kleinen Vorplatz erfllte. Und wenn ich
geklopft hatte und, das Herein erwartend, die Klinke ergriff, war mir
schon ganz froh zumute.

Freilich, es gab auch schwere Flle. Da sa dann auf der Treppenstufe
ein kleines Mdchen, das sich sehnlichst in das Friedensreich
hineinwnschte und es doch nicht wagte weiterzugehen, weil es ganz
eingehllt war in bse, anklagende Gedanken. Aber mit einem Male tat
sich eine Tre auf, da der dmmerige Vorplatz voller Licht wurde, und
Tante Ursulas Stimme sagte: Du, Vroneli, wir haben so lange nicht mehr
das rote Buch beschaut. Komm' doch herein, ich habe es schon
heruntergeholt.

Und siehe, das Kind wanderte durch den Lichtschein in Tante Ursulas
Stube, und alles war wieder gut, was verkehrt und schlecht gewesen.

Tante Ursula verstand alles, Tante Ursula hatte immer Zeit. Und ihr
ganzes Zimmer war voller Kstlichkeiten, die ich wieder und wieder
bestaunte, und ber die wir uns immer aufs neue unterhielten. Alle
Alltagsgerte, die drunten bei uns nchtern und seelenlos dreinsahen,
hatten hier oben ein Gesicht, erzhlten eine Geschichte, und ich war
fest berzeugt, da dies einzig und allein von Tante Ursulas Einflu
herrhre. Der Ofentapper drohte als groe schwarze Hand hinter dem
Ofen hervor, die Zndhlzer kamen in einem Schlitten angefahren. Auf dem
Stuhlkissen stolzierten sieben schwarze Raben, die trugen goldene Kronen
auf dem Kopf, und aus dem Fuschemel blhten Rosen und Vergimeinnicht.
Auf dem Rouleau war ein See, drauf schwammen weie Schwne, deren einer
sicher das hliche junge Entlein gewesen. Ganz herrlich aber war Tante
Ursulas Lampenschirm. Eine ganze Stadt sah man da mit hellerleuchteten
Fenstern. Einige Huser hatten grne oder rote, andere goldgelbe
Scheiben. Es war wunderschn, rund um den Tisch zu gehen und sich
auszumalen, wer in den Husern wohnen und was er dort treiben knnte.

Tante Ursulas Stube war die behaglichste der Welt. Ich habe wenigstens
seither keine finden knnen, die ihr gleichgekommen wre. Es lag ja
nicht an der Gruppierung der alten dunkeln Mbel, nicht an der
bereinstimmung der Farben und Bilder, nicht an den Blumen und Bchern
-- dies alles habe ich spter wiedergefunden. Aber den kstlichen
Liebeshauch, der diese ganze kleine Welt erfllte, ihn habe ich mit
Tante Ursula verloren.

Woher das rote Buch eigentlich stammte, kann ich nicht sagen. Es wird
ja wohl einen Titel, einen Verfasser und Verleger gehabt haben -- all
dies hat mich damals nicht interessiert. Der Name rotes Buch rhrte
von der leuchtend roten Einbanddecke her.

Und nun, was stand darin? Alles, einfach alles. Und mehr kann man
wahrlich nicht von einem Buch verlangen. Vorne drin war das Bild vom
breiten und schmalen Weg. Wir beide htten es ein wenig anders gemalt,
denn der schmale Weg sah denn doch gar zu freudenarm und dster drein.
Und es seien doch, meinte Tante Ursula, just die schmalen, stillen Wege,
auf denen die Freude blhe.

Auch konnten wir nicht glauben, da ihn nur so wenige Menschen gefunden,
whrend sie sich auf dem breiten Weg drngten. Weit du, Herzkind,
sagte Tante Ursula, man htte berhaupt statt des einen schmalen Weges
viele schmale Weglein machen sollen, die alle zu Gottes Haus hinfhren.
Schmal sind sie ja wohl und vor allem still, denn sonst knnen wir nicht
in uns hineinhorchen, und doch hren wir dort am deutlichsten die
Stimme, die uns den rechten Weg zeigt. --

Von den Tieren wute das rote Buch eine Menge zu erzhlen, ja, es war
darin geradezu unerschpflich, denn Tante Ursula entdeckte immer wieder
etwas, das sie noch nie zuvor gelesen.

So kam es, da ich keinem Tierlein ein Leides tun konnte und wenn ich
ein totes fand, es mit Trnen in die Erde bettete. Aber nher als die
Tierwelt stand meinem Herzen die der Blumen. Ich sprach mit ihnen, in
leisestem Flsterton, denn dies schien mir die Sprache der Blumen zu
sein.

Das rote Buch hatte mich gelehrt, auf einer jeden Geschichte zu lauschen.
Knigskerzen ... die waren erstmals aus der Erde emporgestiegen und
hatten stolz und leuchtend zu beiden Seiten des Weges gestanden, als das
verratene Knigskind aus der Heimat wandern mute. Rittersporn ... der
mu die goldenen hren schtzen und steht darum am Ackerrand. Aber die
rote Mohnblume hat sich zu ihm gesellt. Sie breitet ihr seiden Gewand in
die Sonne und freut sich, da der liebe Gott sie also geschaffen.

Schwertlilie ... sie hat die seltsamste Geschichte von allen. Ich konnte
mich lange, lange lautlos dem geheimnisvollen Zauber hingeben, der aus
ihren wundersam gebogenen Blttern, der herrlichen Farbe, dem starken
Duft zu strmen schien. So wei ich nicht, ob ich ihr Mrchen aus ihr
selbst oder aus dem roten Buch gehrt.

...Einmal stand im Wald hoch ber den rauschenden Bumen eine Burg.
Drin lebte mitten unter den rauhen Kriegsgesellen des Ritters
Tchterlein. Die war holdselig wie ein junges Bumlein, ber dem der
erste Bltenschnee liegt, und hatte warme Augen voll ruhigen Glanzes.
Doch schner noch als die Rosen ihrer Wangen blhten die Gedanken ihres
Herzens.

Alle die Ritter und Knappen, die Dienstmannen bis hinab zum jngsten
Knechtlein liebten sie, wie sie das Bild Unserer Lieben Frauen in der
kleinen Kapelle liebten.

Aber einmal kam ein junger Rittersmann, der bog sein Knie vor der
Holden und bat sie, ihm zu folgen nach seiner Vter Burg als sein
trautes Ehgemahl. Und sie gab ihm ihr Jawort, und die Hochzeit sollte
gefeiert werden. Aber in der Nacht vor dem Fest brach ein Feind in die
Burg ein, berwltigte die schlafenden Mannen, und bald loderte weithin
sichtbar eine steile Flamme empor. Dem jungen Ritter war es jedoch
gelungen, mit der Holden zu entfliehen. Er hoffte sie in seine eigene
schtzende Burg zu bringen. Aber als der Morgen graute, sahen sich die
beiden, die, um Ausschau zu halten, auf einen kleinen Hgel gestiegen,
rings von den Feinden umzingelt. Mein die herrliche Beute! rief einer
der Verfolger und teilte mit starken Armen die Bsche, um rascher zur
Hhe zu gelangen. Da schrie die Holde in ihres Herzens Not zu allen
Heiligen um Beistand, whrend der Ritter sein breites Schwert aus der
Scheide ri, da es weithin einen blitzenden Schein warf.

Immer nher rckten die Verfolger. Da -- mit einem Male blieben sie
stehen wie gebannt. Wo waren die Jungfrau und der Ritter? Eben noch
hatten sie da oben gestanden, sie in einem blafarbenen Gewand, ber das
silberhelles Haar flo, er das blitzende Schwert in der Faust. Und nun,
wo waren sie hingeraten?

Die Verfolger suchten und suchten, aber sie fanden nirgends ein
Versteck, darein sich die beiden htten bergen knnen. Enttuscht und
mimutig gingen sie endlich davon. Nur einer, dessen Augen still und
nachdenklich schauten, stieg, als sich die andern zerstreut, langsam zur
Hhe. Und da er sie erreicht, erblickte er, warm beschienen vom Licht
der Sonne, eine Blume, wie er noch keine zuvor gesehen.

Sie reckte sich hoch und schlank, in einen wundersamen Duft gehllt. Ihr
Kelch war geschlossen, als hte sie ein seliges Geheimnis, und war doch
geffnet, als biete sie allen das Wunder ihrer zartgederten blulichen
Bltter...

Der fremde Ritter neigte sich tiefer und tiefer. Glich diese wundersame
Blume nicht dem Frauenbild, das er vor kurzem hier oben geschaut? Glich
sie nicht dem Frauenbild, das er ersehnend im Herzen trug?

Da gewahrte er pltzlich rings um die Blume hohe grne Bltter. Die
sahen drein wie spitze, drohend gezckte Schwerter. Der Ritter trat
zurck.

Nimmer wird meine Hand dich berhren, Schwert -- Lilie du! Hat nicht
ein Wunder dich geboren und in unsre rauhe Welt gestellt?--

Es waren in dem Buche auch drei in den feinsten Farben gemalte Bilder,
von einem Kranz tanzender Buchstaben umrahmt, die die Worte ergaben: die
grne, die silberne und die goldene Hochzeit.

Das erste Bild zeigte ein jugendliches Paar, das ber eine
Frhlingswiese schritt, gefolgt von einem frhlich durcheinanderwogenden
Zug festlicher Menschen.

Auf dem zweiten Bild lachte eine schn geschmckte und reich besetzte
Tafel. Die Gste hatten sich eben erhoben und scharten sich, jeder ein
hohes, blitzendes Glas in der Hand, um ein lteres, zufrieden lchelndes
Paar.

Auf dem dritten Bild sa ein altes Paar, auf einem niedern Kanapee
aneinandergelehnt, und schlief. Durch das freundlich umrankte Fenster
glitt ein Sonnenstrahl just ber die weien Hupter hin und lie sie
silbern aufleuchten.

Deshalb fand ich die Unterschriften der Bilder falsch. Dies Bild sollte
silberne Hochzeit heien. Das andere Bild, wo der Wein wie Gold in den
Glsern glnzte, wo die Frauen goldene Ketten trugen und die Braut gar
ein goldenschimmerndes Kleid -- das mochte den Namen goldene Hochzeit
tragen.

Einmal, als Tante Ursula das Buch mit mir beschaute, trug ich ihr meine
Ansicht vor. Sie lchelte, strich mir die Haare aus der Stirn und sagte:
Manchmal hat ja mein Kind ganz gute Einflle. Aber diesmal, nein
diesmal hast du doch nicht recht. Erst silbern, dann golden.

Ich sttzte meine Hnde auf ihr Knie. Tante Ursula, warum sagt man grn
und silbern und golden?

Warum? Man knnte es sich vielleicht so denken... Am ersten
Hochzeitstag, wenn die Welt wie lauter Frhling dreinsieht, da schenkt
der liebe Gott dem jungen Paar ein wunderschnes zartes, frischgrnes
Zweiglein. Habt wohl acht dazu, sagt er, da es nicht verdorrt und kein
Blttlein verloren geht.

Ja, Tante Ursula, kann denn ein Zweiglein immer grn bleiben? Weit
du, im Winter--

Nein, grn bleibt das Zweiglein nicht, das ist nicht mglich. Aber hre
nur weiter. Wenn das junge Paar das Zweiglein sorglich htet, dann
geschieht etwas Wunderbares damit: es wird immer glnzender, und am
silbernen Hochzeitstag -- ja, da ist's ein silbernes Zweiglein, das das
Paar in den Hnden hlt.

Aber Tante Ursula, wie ist es denn ein silbernes Zweiglein geworden?

Von den Sonnenstrahlen, die es berhrten, Herzkind, und von den lieben
Blicken, die drber gingen und -- ja, auch von den Trnen, die drauf
fielen. Das verstehst du noch nicht, aber glaub' mir's nur, es ist so.

Und dann, Tante Ursula, wie geht's weiter mit dem Zweiglein?

Du willst wissen, wie aus dem silbernen ein goldenes wird? Ja, das ist
viel schwerer, denn, weit du, wenn die Menschen lter werden, werden
sie oft auch mder und klter und hrter. Das Zweiglein kann aber nur
unter ganz guten und ganz warmen Augen zu einem goldenen werden... Ach,
eigentlich kriegen wir Menschen alle, nicht erst und nicht nur am
Hochzeitstag, ein solches Zweiglein in die Hand.

Ich auch, Tante Ursula, ich auch?

Du auch, Herzkind, ganz gewi. Wenn du ein wenig lter bist, wirst du
es sehen, und dann sieh zu, da du es sorglich htest.--

Eine Geschichte handelte von dem Manne, der zur Himmelspforte wanderte.
Er zog die Glocke, und der heilige Petrus fragte durchs Schiebefensterchen
nach seinem Begehr. Da bat der Mann um ein Schlo, um Dienerschaft und
um ein weiches Bett, um gut Essen und Trinken -- genau um das, was er
all die Jahre auf Erden gerne gehabt htte, und um das er die Reichen
immer beneidet hatte. Und er kriegte das Schlo und kriegte alle Tage
Bratwurst und Kartoffelsalat und hintennach kandierte Frchte und
Backwerk. Aber nach einigen Wochen war ihm alles entleidet.

Da schickte er seinen Diener zum heiligen Petrus und lie ihn zu sich
bitten. Und als der heilige Petrus kam, tat der Mann sehr unwirsch und
hhnte: Das ist mir ein schner Himmel, wo man's vor Langeweile kaum
aushlt!

Wer redet denn vom Himmel? sagte der heilige Petrus. Guter Freund, du
bist nicht im Himmel, du bist in der Hlle. Schau' nur durchs Fenster.

Der heilige Petrus ging weg. Der Mann aber schlich mit schlotternden
Knien ans Fenster und schaute hinaus. Aber er sah nichts, rein nichts.
Er probierte ein Fenster nach dem andern, hinten und vorn, oben und
unten -- berall war dieselbe dicke Finsternis. Da zog der Mann die
Vorhnge zu, aber das Furchtbare war: die Finsternis hatte Augen,
tausend tote, schwarze Augen, die glotzten auch durch die Vorhnge.

Da fing der Mann an, sich nach dem Licht zu sehnen. Nicht nach dem
knstlichen, das in seinen Zimmern brannte, nein, dieses hate er, wie
er die Finsternis vor seinen Fenstern hate. Er wanderte ruhelos in
seinem Schlo umher und suchte, suchte nach einem Lichtfunken. Da geriet
er einmal in ein Dachkmmerchen, das hatte hoch oben ein kleines
Fenster.

Ach, dies Guckloch wird mir so wenig ntzen wie alle die andern,
seufzte der Mann. Aber er reckte sich doch auf die Zehen, um durch die
kleine Scheibe zu sphen, und da stie er einen Schrei aus, denn er sah
Licht, Licht! Zwar war es nur ein schmaler Streifen, der durch eine
Trritze quoll. Aber der Mann glaubte nie etwas Schneres gesehen zu
haben. Er starrte wie gebannt auf den Lichtstreifen und verga darber
sein Schlo und sein weiches Bett, verga seine Dienerschaft und Essen
und Trinken. Nur wenn ihn sein mhsam gereckter Krper gar zu sehr
schmerzte, setzte er sich auf eine Kiste, die im Dachkmmerchen stand.
Aber er hielt es nie lange aus, seine Sehnsucht nach dem Lichtstreifen
war zu gro.

Einmal, nach langer Zeit, sah der Mann, wie sich die Ritze ein wenig
vergrerte ... der Lichterstrahl wurde breiter und goldener und warf
einen blassen Widerschein in das Kmmerchen. In dem Glanze aber sah der
Mann selige Gestalten wandeln. Er hrte Klnge, die waren von so
leuchtender Schne, da sich seine Augen mit Trnen fllten. Und wie das
Licht immer breiter und goldener quoll, erkannte der Mann, da er in den
Himmel blicke.--

Hier schlo die Geschichte in dem roten Buch, und ich war das erste Mal,
als sie mir Tante Ursula vorgelesen, ganz verzweifelt. Aber Tante Ursula
lchelte nur und sagte: Die Geschichte geht nur hier im Buch zu Ende,
Vroneli. Du mut gar nicht traurig sein, denn nun erzhlen wir sie uns
weiter, du und ich. Und du wirst schon sehen, es kommt zu einem guten
Ende. Denn das kannst du dir doch denken: wer so sehnschtig nach dem
Lichte schaut, der hat auch einmal hineinwandeln drfen. Das wei ich
ganz gewi. Und heute nacht will ich ein wenig drber nachdenken und es
dir morgen sagen.

Ich wischte mir die letzten Trnen von den Backen und sagte: Ja ...
vielleicht ist das Licht auf einmal eine Brcke geworden, und dann hat
er darauf hinbergehen knnen. Aber das kleine Fenster -- da war er wohl
zu dick. Wie ist er nur durchs Fenster gekommen, Tante Ursula?

Ich sage dir's morgen, trstete Tante Ursula. Es kommt alles zu einem
guten Ende, ganz gewi.

So habe ich auch dieses aus dem roten Buch gelernt, da man nicht ob des
sichtbaren Endes, das eine Geschichte hat, verzweifeln mu, sondern sich
des verborgenen guten Endes getrsten darf, das von einem morgen
enthllt werden wird.





End of the Project Gutenberg EBook of Und die ihr alle meine Brder seid, by 
Ida Frohnmeyer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UND DIE IHR ALLE MEINE BRDER SEID ***

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