Project Gutenberg's Die Biene Maja und ihre Abenteuer, by Waldemar Bonsels

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Title: Die Biene Maja und ihre Abenteuer

Author: Waldemar Bonsels

Release Date: April 10, 2007 [EBook #21021]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BIENE MAJA UND IHRE ABENTEUER ***




Produced by Louise Hope, Norbert H. Langkau and the Online
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    +Die Biene Maja und ihre Abenteuer+




  Von diesem Buch ist eine Sonderausgabe erschienen, die auf bestem,
  holzfreien Hadernpapier gedruckt, in Halbleder gebunden und mit
  einem Bild des Verfassers nach einer Radierung von K. Wilczynski
  versehen ist. Sie ist einmalig, in der Anzahl beschrnkt und durch
  alle Buchhandlungen sowohl wie durch den Verlag direkt zu beziehen.
  Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.




  +Waldemar Bonsels+

  +Die Biene Maja+
  und ihre Abenteuer


  121. bis 130. Auflage


  1919
  Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig




  +Die russische Ausgabe+
  bei G. Sabsowitsch, Verlag, Moskau

  +Die englische Ausgabe+
  bei Ch. E. J. Kidd, Lenares

  +Die dnische Ausgabe+
  bei E. Jespersen, Verlag, Kopenhagen

  +Die schwedische Ausgabe+
  bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund

  +Die finnische Ausgabe+
  bei Werner Sderstrm Osakeyhti Porvoo, Suomi

  +Die hollndische Ausgabe+
  im Verlag Patria, Amersfort


  Copyright 1912 by Schuster & Loeffler, Berlin
  Spamersche Buchdruckerei in Leipzig




  +Kapitelfolge+

                                                           Seite
     I. Kapitel: Majas Flucht aus der Heimatstadt              9
    II. Kapitel: Peppis Rosenhaus                             18
   III. Kapitel: Der Waldsee und seine Leute                  27
    IV. Kapitel: Iffi und Kurt                                41
     V. Kapitel: Der Grashpfer                               54
    VI. Kapitel: Puck                                         63
   VII. Kapitel: Majas Gefangenschaft bei der Spinne          74
  VIII. Kapitel: Die Wanze und der Schmetterling              88
    IX. Kapitel: Hannibals Kampf mit dem Menschen             94
     X. Kapitel: Die Wunder der Nacht                        110
    XI. Kapitel: Die Elfenfahrt                              125
   XII. Kapitel: Der Dichter Alois Siebenpunkt               132
  XIII. Kapitel: Die Ruberburg                              139
   XIV. Kapitel: Die Flucht                                  146
    XV. Kapitel: Die Heimkehr                                154
   XVI. Kapitel: Die Schlacht der Bienen und Hornissen       162
  XVII. Kapitel: Die Freundin der Knigin                    173




Erstes Kapitel

+Majas Flucht aus der Heimatstadt+


Die ltere Bienendame, die der kleinen Biene Maja behilflich war, als
sie zum Leben erwachte und aus ihrer Zelle schlpfte, hie Kassandra und
hatte groes Ansehen im Stock. Es waren damals sehr aufgeregte Tage,
weil im Volk der Bienen eine Emprung ausgebrochen war, die die Knigin
nicht unterdrcken konnte.

Whrend die erfahrene Kassandra der kleinen Maja, deren Erlebnisse ich
erzhlen werde, die groen blanken Augen trocknete und ihr die zarten
Flgel etwas in Ordnung zu bringen suchte, brummte der groe Bienenstock
bedrohlich, und die kleine Maja fand es sehr warm und sagte es ihrer
Begleiterin.

Kassandra sah sich besorgt um, aber sie antwortete der Kleinen nicht
gleich. Sie wunderte sich darber, da das Kind schon so frh etwas
auszusetzen fand, aber im Grunde war es richtig, die Wrme und das
Gedrnge waren beinahe unertrglich. Maja sah ununterbrochen Biene auf
Biene an sich vorbereilen, das Geschiebe und die Eile waren so gro,
da zuweilen die eine ber die andere fortkletterte und wieder andere
sich wie zu Klumpen geballt vorberwlzten.

Einmal war die Knigin in ihrer Nhe gewesen. Kassandra und Maja wurden
etwas beiseitegedrngt, aber eine Drohne, ein freundlicher junger
Bienenherr von gepflegtem Aussehen, war ihnen behilflich. Er nickte Maja
zu und strich sich etwas erregt mit dem Vorderbein, das bei den Bienen
als Arm und Hand gebraucht wird, ber seine glnzenden Brusthaare.

Das Unheil wird hereinbrechen, sagte er zu Kassandra. Der Schwarm der
Revolutionre wird die Stadt verlassen. Sie haben schon eine neue
Knigin ausgerufen.

Kassandra beachtete ihn fast gar nicht. Sie hatte sich nicht einmal fr
die Hilfe bedankt, und Maja empfand deutlich, da die alte Dame recht
unfreundlich gegen den jungen Herrn war. Sie wagte nicht recht zu
fragen, die Eindrcke kamen alle so rasch hintereinander und drohten sie
zu berwltigen. Die Erregung teilte sich ihr mit, und sie begann ein
feines helles Summen.

Was fllt dir ein, sagte Kassandra. Ist nicht schon Lrm genug?

Maja war sofort still und richtete ihre Augen fragend auf ihre ltere
Freundin.

Komm hierher, sagte diese zu Maja, wir wollen versuchen, uns hier
etwas zu sammeln.

Sie schob Maja bei ihrem schnen glnzenden Flgel, der noch weich und
ganz neu und wundervoll durchsichtig war, in eine wenig besuchte Ecke
vor ein paar Wabenschrnke, die mit Honig gefllt waren.

Maja blieb stehn und hielt sich an einem der Schrnke fest.

Hier riecht es ausgezeichnet, sagte sie zu Kassandra.

Die Alte wurde wieder ganz nervs:

Du mut warten lernen, antwortete sie. Kind, ich habe in diesem
Frhling schon viele hundert junge Bienen erzogen und fr ihre erste
Ausfahrt unterrichtet, aber mir ist noch keine vorgekommen, die so
naseweis gewesen wre. Du scheinst eine Ausnahmenatur zu sein.

Maja errtete und fuhr mit den beiden zarten Fingerchen ihrer Hand in
den Mund:

Was ist das? fragte sie schchtern, eine Ausnahmenatur.

O, das ist etwas durchaus Unschickliches, rief Kassandra, die
allerdings die Handbewegung der kleinen Biene meinte und ihre Frage
nicht beachtet hatte. Jetzt merke genau auf alles, was ich dir sage,
denn ich kann dir nur kurze Zeit widmen, es sind schon wieder neue Junge
ausgeschlpft und meine einzige Gehilfin in dieser Etage, Turka, ist
ohnehin aufs uerste berarbeitet und klagte in den letzten Tagen ber
Ohrensausen. Setz dich hier.

Maja gehorchte und schaute mit ihren groen braunen Augen auf ihre
Lehrerin.

Die erste Regel, die eine junge Biene sich merken mu, sagte Kassandra
und seufzte, ist, da jede in allem, was sie denkt und tut, den anderen
gleichen und an das Wohlergehn aller denken mu. Es ist bei der
Staatsordnung, die wir seit undenkbar langer Zeit als die richtige
erkannt haben und die sich auch aufs beste bewhrt hat, die einzige
Grundlage fr das Wohl des Staates. Morgen wirst du ausfliegen. Eine
ltere Gefhrtin wird dich begleiten. Du darfst zuerst nur kleine
Strecken fliegen und mut dir die Gegenstnde genau merken, an denen du
vorberkommst, damit du immer zurckfliegen kannst. Deine Begleiterin
wird dir die hundert Blumen und Blten beibringen, die den besten Honig
haben, die mut du auswendig lernen, das bleibt keiner Biene erspart.
Die erste Zeile kannst du dir gleich merken: 'Heidekraut und
Lindenblte.' Sag es nach.

Das kann ich nicht, sagte die kleine Maja, das ist furchtbar schwer.
Ich werde es ja spter auch schon sehn.

Die alte Kassandra ri die Augen auf und schttelte den Kopf.

Mit dir wird es schlecht hinausgehn, seufzte sie, das sehe ich schon
jetzt.

Soll ich denn spter den ganzen Tag Honig sammeln? fragte die kleine
Maja.

Kassandra seufzte tief und sah die kleine Biene einen Augenblick ernst
und traurig an. Es erschien, als erinnerte sie sich ihres eigenen
Lebens, das von Anfang bis zu Ende voll Mhe und Arbeit gewesen war. Und
dann sagte sie mit vernderter Stimme und sah Maja liebreich an:

Meine kleine Maja, du wirst den Sonnenschein kennenlernen, hohe grne
Bume und blhende Wiesen voller Blumen, Silberseen und schnelle
glitzernde Bche, den strahlenden blauen Himmel, und zuletzt vielleicht
sogar den Menschen, der das Hchste und Vollkommenste ist, was die Natur
hervorgebracht hat. ber allen diesen Herrlichkeiten wird dir deine
Arbeit zur Freude werden. Sieh, dies alles steht dir ja noch bevor, mein
Herzelein, du hast Grund, glcklich zu sein.

Gut, sagte die kleine Maja, das will ich denn auch.

Kassandra lchelte gtig. Sie wute nicht recht, woher es kam, aber sie
hatte pltzlich eine ganz besondere Liebe zur kleinen Maja gefat, wie
sie sich kaum erinnerte jemals fr eine andere junge Biene gefhlt zu
haben. Und so mag es denn wohl gekommen sein, da sie der kleinen Maja
mehr sagte und erzhlte, als fr gewhnlich die Bienen an ihrem ersten
Lebenstag hren. Sie gab ihr vielerlei besondere Ratschlge, warnte sie
vor den Gefahren der argen Welt drauen und nannte ihr die
gefhrlichsten Feinde, die das Volk der Bienen hat. Endlich sprach sie
auch lange von den Menschen und legte in das Herz der keinen Biene die
erste Liebe zu ihnen und den Keim einer groen Sehnsucht, sie
kennenzulernen.

Sei hflich und gefllig gegen alle Insekten, die dir begegnen, sagte
sie zum Schlu, dann wirst du mehr von ihnen lernen, als ich dir heute
sagen kann, aber hte dich vor den Hornissen und Wespen. Die Hornissen
sind unsere mchtigsten und bsesten Feinde, und die Wespen sind ein
unntzes Rubergeschlecht ohne Heimat und Glauben. Wir sind strker und
mchtiger als sie, aber sie stehlen und morden, wo sie knnen. Du kannst
deinen Stachel gegen alle Insekten brauchen, um dir Achtung zu
verschaffen und um dich zu verteidigen, aber wenn du ein warmbltiges
Tier stichst oder gar einen Menschen, so mut du sterben, weil dein
Stachel in ihrer Haut hngenbleibt und zerbricht. Steche solche Wesen
nur im Falle der hchsten Not, aber dann tu es mutig und frchte den Tod
nicht, denn wir Bienen verdanken unser groes Ansehen und die Achtung,
die wir berall genieen, unserem Mut und unserer Klugheit. Und nun leb
wohl, kleine Maja, hab Glck in der Welt und sei deinem Volk und deiner
Knigin treu.

Die kleine Biene nickte und erwiderte den Ku und die Umarmung ihrer
alten Lehrerin. Sie legte sich mit heimlicher Freude und Erregung zum
Schlaf nieder und konnte vor Neugierde kaum einschlummern, denn mit dem
kommenden Tag sollte sie die groe weite Welt kennenlernen, die Sonne,
den Himmel und die Blumen.


In der Bienenstadt war es inzwischen ruhig geworden. Ein groer Teil der
jngeren Bienen hatte das Reich verlassen, um einen neuen Staat zu
begrnden. Lange hrte man den groen Schwarm im Sonnenschein brausen.
Es war nicht aus bermut oder bser Gesinnung gegen die Knigin
geschehn, sondern das Volk hatte sich so stark vermehrt, da die Stadt
nicht mehr Raum genug fr alle Bewohner bot und da unmglich so viel
Honigvorrte eingebracht werden konnten, da alle ber den Winter ihr
Auskommen hatten. Denn ein groer Teil des Honigs, der im Sommer
gesammelt wurde, mute an den Menschen abgetreten werden. Das waren alte
Staatsvertrge, dafr sicherten die Menschen das Wohlergehn der Stadt,
sorgten fr Ruhe und Sicherheit und im Winter fr Schutz gegen die
Klte.

Am anderen Morgen hrte Maja an ihrem Lager den frhlichen Ruf:

Die Sonne ist aufgegangen!

Sofort sprang sie empor und schlo sich einer Honigtrgerin an.

Gut, sagte diese freundlich, du kannst mit mir fliegen.

Am Tor hielten die Wchter sie an. Es war ein rechtes Gedrnge. Einer
der Torhter sagte der kleinen Maja das Losungswort ihres Volkes, ohne
das keine Biene in die Stadt gelassen wird.

Merk es dir, sagte er, und viel Glck auf deinen ersten Weg.

Als die kleine Biene vor das Stadttor trat, mute sie die Augen
schlieen vor der Flle von Licht, die ihr entgegenstrmte. Es war ein
Leuchten von Gold und Grn, so ber alles reich und warm und strahlend,
da sie vor Seligkeit nicht wute, was sie tun oder sagen sollte.

Das ist aber wirklich groartig, sagte sie zu ihrer Begleiterin.
Fliegt man da hinein?!

Nur zu! sagte die andere.

Da hob die kleine Maja ihr Kpfchen, bewegte ihre schnen neuen Flgel
und empfand pltzlich, da das Flugbrett, auf dem sie sa, zu versinken
schien. Und zugleich war ihr, als glitte das Land unter ihr fort, nach
hinten hin fort, und als kmen die groen grnen Kuppeln vor ihr auf sie
zu.

Ihre Augen glnzten, ihr Herz jubelte.

Ich fliege, rief sie, das kann nur Fliegen sein, was ich tue! Das ist
aber in der Tat etwas ganz Ausgezeichnetes.

Ja, du fliegst, sagte die Honigtrgerin, die Mhe hatte, an Majas
Seite zu bleiben. Das sind die Linden, auf die wir zufliegen, unsere
Schlolinden, daran kannst du dir die Lage unserer Stadt merken. Aber du
fliegst wirklich sehr schnell, Maja.

Das kann man gar nicht rasch genug, sagte Maja. O, wie duftet der
Sonnenschein!

Nein, sagte die Trgerin, die etwas auer Atem war, das sind die
Blten. Aber nun fliege langsamer, sonst bleibe ich zurck, und du
kannst dir auch auf diese Art die Gegend nicht fr den Rckweg merken.

Aber die kleine Maja hrte nicht. Sie war wie in einem Rausch von
Freude, Sonne und Daseinsglck. Ihr war, als glitte sie pfeilgeschwind
durch ein grnleuchtendes Meer von Licht, einer immer greren
Herrlichkeit entgegen. Die bunten Blumen schienen sie zu rufen, die
stillen beschienenen Fernen lockten sie und der blaue Himmel segnete
ihren jauchzenden Jugendflug. So schn wird es nie mehr, wie es heute
ist, dachte sie, ich kann nicht umkehren, ich kann an nichts denken, als
an die Sonne.

Unter ihr wechselten die bunten Bilder, langsam und breit zog das
friedliche Land im Licht dahin. Die ganze Sonne mu aus Gold sein,
dachte die kleine Biene.

Als sie ber einem groen Garten angelangt war, der in lauter blhenden
Wolken von Kirschbumen, Rotdorn und Flieder zu ruhn schien, lie sie
sich zu Tode erschpft nieder. Sie fiel in ein Beet von roten Tulpen und
hielt sich an einer der groen Blten fest, prete sich an die
Blumenwand, atmete tief und beseligt und sah ber den schimmernden
Lichtrndern der Blume den strahlend blauen Himmel.

O, wie tausendmal schner ist es in der groen Welt drauen, rief sie,
als in der dunklen Bienenstadt. Niemals werde ich nach dort
zurckkehren, um Honig zu tragen oder Wachs zu bereiten. O nein, niemals
werde ich das tun. Ich will die blhende Welt sehen und kennenlernen,
ich bin nicht, wie die andern Bienen sind, mein Herz ist fr Freude und
berraschungen, fr Erlebnisse und Abenteuer bestimmt. Ich will keine
Gefahren frchten, habe ich nicht Kraft und Mut und einen Stachel?

Sie lachte vor bermut und Freude und nahm einen tiefen Schluck
Honigsaft aus dem Kelch der Tulpe.

Groartig, dachte sie, es ist wirklich herrlich, zu leben.

Ach, wenn die kleine Maja geahnt htte, wie vielerlei an Gefahren und
Not ihrer wartete, htte sie sich sicherlich besonnen. Aber sie ahnte es
nicht und blieb bei ihrem Vorsatz. Ihre Mdigkeit berwltigte sie bald,
und sie schlief ein. Als sie erwachte, war die Sonne fort, und das Land
lag in Dmmerung. Ihr Herz schlug doch ein wenig, und sie verlie
zgernd die Blume, die im Begriff war, sich fr die Nacht zu schlieen.
Unter einem groen Blatt, hoch im Wipfel eines alten Baums, versteckte
sie sich, und im Einschlafen dachte sie zuversichtlich:

Ich will nicht gleich am Anfang den Mut verlieren. Die Sonne kommt
wieder, das ist bestimmt, Kassandra hat es gesagt, man mu nur fest und
ruhig schlafen.




Zweites Kapitel

+Peppis Rosenhaus+


Als die kleine Maja erwachte, war es schon hell geworden. Sie fror ein
wenig unter ihrem groen grnen Blatt, und die ersten Bewegungen, die
sie machte, gelangen ihr nur schwerfllig und langsam. Sie hielt sich an
einem derchen des Blattes fest und lie ihre Flgel zittern und
flimmern, damit sie geschmeidig und frei von Staub werden mchten. Dann
glttete sie ihre blonden Haare und wischte sich die groen Augen blank.
Vorsichtig kroch sie etwas weiter, bis an den Rand des Blattes, und
schaute sich um.

Sie war ganz geblendet von der Pracht und dem Glanz der Morgensonne
umher. Die Bltter leuchteten wie grnes Gold hoch ber ihr, da wo sie
selbst sa, war es noch khl im Schatten.

O du herrliche Welt, dachte die kleine Biene.

Nur langsam entsann sie sich aller Erlebnisse des vergangenen Tags,
aller Gefahren und aller Schnheiten, die sie gesehn hatte. Aber sie
blieb entschlossen, nicht in den Stock zurckzukehren. Freilich, wenn
sie an Kassandra dachte, klopfte ihr Herz. Aber es war ja unmglich, da
Kassandra sie jemals finden wrde. Nein, es war nun einmal ihre Freude
nicht, immer ein und ausfliegen zu mssen, Honig zu tragen oder Wachs
zu bereiten. Sie wollte glcklich und frei sein und das Leben auf ihre
Art genieen, mochte kommen was wollte, sie wrde es ertragen. So
leichtsinnig dachte Maja, jedenfalls auch deshalb, weil sie keine rechte
Vorstellung von allem hatte, was ihrer noch wartete.

Irgendwo fern in der Sonne schimmerte es rot. Maja sah es glnzen und
leuchten, und eine heimliche Ungeduld befiel sie. Sie versprte auch,
da sie hungrig war. Da schwang sie sich mutig mit einem hellen frohen
Summen aus ihrem Versteck, weit hinein in die helle flimmernde Luft und
in den warmen Sonnenschein. Sie steuerte in ruhigem Flug grade auf das
rote Blumenlicht zu, das ihr zu winken schien, und als sie in die Nhe
kam, sprte sie den Hauch eines so sen Duftes, da sie beinahe betubt
wurde und die groe rote Blume nur mit Mhe erreichte. Sie schwang sich
auf das uerste, gewlbte Blumenblatt und hielt sich fest. Da rollte
ihr, mit der leisen Bewegung, in die das Blatt geraten war, eine
funkelnde silberne Kugel entgegen, fast so gro wie sie selbst,
durchsichtig und flimmernd in allen Farben des Regenbogens. Maja
erschrak furchtbar, obgleich die Pracht dieser khlen Silberkugel sie
entzckte. Der durchsichtige Ball rollte vorber, neigte sich ber den
Rand des Blattes, sprang in den Sonnenschein und fiel nieder ins Gras.

Maja stie einen leisen Ruf des Schreckens aus, als sie sah, da die
schne Kugel unten in viele winzige Perlchen zersprungen war. Aber es
flimmerte nun im Gras so belebt und frisch, rann in zitternden Trpflein
an den Halmen nieder und funkelte, wie Diamanten im Lampenlicht blitzen.
Maja hatte erkannt, da es ein groer Wassertropfen gewesen war, der
sich im Kelch der Blume in der feuchten Nacht gebildet hatte.

Als sie sich dem Kelch wieder zuwandte, sah sie einen Kfer mit braunen
Flgeldecken und einem schwarzen Brustschild am Eingang zum Blumenkelch
sitzen. Er war etwas kleiner als sie, behauptete seinen Platz ruhig und
sah sie ernst, aber durchaus nicht unfreundlich an.

Maja begrte ihn hflich.

Gehrte die Kugel Ihnen? fragte sie. Und als der Kfer nicht
antwortete, fgte sie hinzu. Es tut mir sehr leid, sie hinabgeworfen zu
haben.

Meinen Sie den Tautropfen? fragte der Kfer und lchelte etwas
berlegen. Deswegen brauchen Sie sich keine Sorge zu machen. Ich hatte
bereits getrunken, und meine Frau trinkt niemals Wasser, weil sie mit
den Nieren zu tun hat. Was wollen Sie hier?

Was ist dies fr eine herrliche Blume? sagte Maja, ohne auf seine
Frage zu antworten. Wrden Sie so gtig sein, mich zu unterrichten, wie
sie heit?

Sie erinnerte sich der Ratschlge Kassandras und war so hflich als
mglich.

Der Kfer bewegte seinen blanken glnzenden Kopf im Rckenschild. Dies
lie sich leicht und angenehm bewerkstelligen, da er ganz prchtig
hineinpate und lautlos hin und her glitt.

Sie sind wohl erst von gestern? fragte er und lachte, nicht grade
hflich, ber Majas Unkenntnis. berhaupt hatte er etwas, was Maja als
unfein auffiel, die Bienen waren gebildeter und wuten sich besser zu
benehmen. Aber gutmtig schien der Kfer doch zu sein, denn als er sah,
wie Majas Wangen sich mit einer feinen Rte der Verlegenheit berzogen,
wurde er nachsichtiger gegen ihre Unwissenheit.

Es ist eine Rose, sagte er, damit Sie es denn also nun wissen. Wir
haben sie vor vier Tagen bezogen und sie ist inzwischen unter unsrer
Pflege auf das prchtigste gediehen. Darf ich Sie bitten nher zu
treten?

Maja zgerte, aber sie berwand ihre Besorgnis und machte ein paar
Schritte. Der Kfer drckte ein helles Blttchen beiseite, und sie
betraten nebeneinander die schmalen Gemcher mit ihren hellroten,
duftenden Wnden und ihrem gedmpften Licht.

Sie haben es wirklich reizend, sagte Maja, die ehrlich entzckt war.
Und dieser Duft hat etwas gradezu Betrendes.

Dem Kfer machte es Freude, da Maja Gefallen an seiner Wohnsttte fand.

Man mu wissen, wo man sich aufhlt, sagte er und lchelte
wohlwollend. 'Sage mir, wo du umgehst, und ich werde dir sagen, wieviel
du wert bist', sagt ein altes Sprichwort. Ist etwas Honig gefllig?

Ach, platzte Maja heraus, das wre mir wirklich sehr angenehm.

Der Kfer nickte und verschwand hinter einer der Wnde. Maja sah sich
glcklich um. Sie schmiegte ihre Wange und ihre Hndchen an die zarten
rotleuchtenden Vorhnge, atmete den kstlichen Duft tief ein und war
beseligt vor Freude, sich in einer so schnen Wohnung aufhalten zu
drfen. Es ist doch wirklich ein groer Genu zu leben, dachte sie, und
diese Behausung ist den dumpfen und berfllten Etagen nicht zu
vergleichen, in denen wir leben und arbeiten. Schon diese Stille ist
ganz herrlich.

Da hrte sie den Kfer hinter den Wnden in ein lautes Schelten
ausbrechen. Er brummte erregt und bse, und es war Maja, als packte er
jemanden, den er unsanft vor sich herstie. Dazwischen vernahm sie ein
helles Stimmchen voll Angst und Verdru und sie verstand die Worte:

Natrlich, wenn ich allein bin, drfen Sie sich herausnehmen, mir zu
nahe zu treten; aber warten Sie, wie es Ihnen ergehn wird, wenn ich
meine Gefhrten hole. Sie sind ein Grobian. Gut, ich gehe. Aber Sie
werden die Bezeichnung, die ich Ihnen gegeben habe, niemals vergessen.

Maja war sehr erschrocken ber die eindringliche Stimme des Fremden, die
scharf und bse klang. Sie hrte dann noch, wie jemand sich eilig
entfernte.

Der Kfer kam zurck und warf mrrisch ein Klmpchen Honig hin.

Es ist ein Skandal, sagte er, nirgends hat man Ruhe vor diesem
Gesindel.

Maja verga vor Hunger zu danken, sie nahm rasch einen Mund voll und
kaute, whrend der Kfer sich den Schwei von der Stirn trocknete und
seinen oberen Brustring etwas lockerte, um leichter atmen zu knnen.

Wer war denn da? fragte Maja mit vollem Mund.

Essen Sie bitte erst den Mund leer, schlucken Sie erst herunter, sagte
der Kfer, so versteht man Sie nicht.

Maja gehorchte, aber der erregte Hausbesitzer lie ihr keine Zeit zu
einer neuen Frage. rgerlich fuhr er heraus:

Eine Ameise war es. Glauben denn diese Leute, man sparte und sorgte
sich Stunde fr Stunde nur fr sie. Und so ohne Gru und Anstand in die
Vorratskammern zu dringen! Es emprt mich. Wenn ich nicht wte, da es
bei diesen Tieren in der Tat Mangel an Lebensart ist, wrde ich keinen
Augenblick anstehen, sie als Diebe zu kennzeichnen. -- Er besann sich
pltzlich und wandte sich Maja zu:

Sie verzeihen, ich verga mich Ihnen vorzustellen, ich heie Peppi, von
der Familie der Rosenkfer.

Ich heie Maja, sagte die kleine Biene schchtern, es freut mich
sehr, Sie kennengelernt zu haben. Sie betrachtete den Kfer Peppi
genau. Er verbeugte sich wiederholt und breitete dabei seine Fhler wie
zwei kleine braune Fcher aus. Das gefiel Maja auerordentlich.

Sie haben entzckende Fhler, sagte sie, einfach s ...

Nun ja, meinte Peppi geschmeichelt, darauf hlt man. Wollen Sie auch
die Rckseite sehn?

Wenn ich bitten darf, sagte Maja.

Der Kfer drehte die gefcherten Fhler zur Seite und lie einen
Sonnenstrahl darber gleiten.

Famos, nicht? fragte er.

Ich htte so was nicht fr mglich gehalten, entgegnete Maja. Meine
eigenen Fhler sind sehr unscheinbar.

Nun ja, meinte Peppi, jedem das Seine. Dafr haben Sie zweifellos
schne Augen und die goldene Frbung Ihres Krpers hat viel fr sich.

Die kleine Maja strahlte vor Glck. Es hatte ihr noch niemand gesagt,
da etwas an ihr schn sei. Sie wurde ganz bermtig vor Lebensfreude
und nahm rasch noch ein Klmpchen Honig.

Es ist eine ausgezeichnete Qualitt, sagte sie.

Bitte nehmen Sie nur noch, sagte Peppi, etwas erstaunt ber den
Appetit seines Gastes, es ist Rosenhonig erster Ernte. Man mu sich
etwas in acht nehmen, damit man sich nicht den Magen verdirbt. Es ist
auch noch Tau da, wenn Sie vielleicht Durst verspren.

Vielen Dank, sagte Maja. Ich mchte nun fliegen, wenn Sie erlauben.

Der Kfer lachte.

Fliegen und immer fliegen, sagte er, das liegt euch Bienen im Blut.
Ich begreife diese ruhlose Art nicht recht. Es hat doch viel fr sich,
am Platze zu bleiben, finden Sie nicht?

Ach, ich fliege so gern, sagte die kleine Maja.

Der Kfer ffnete ihr hflich den roten Vorhang.

Ich will Sie noch hinausbegleiten. Ich fhre Sie zu einem
Aussichtsblatt, von dem Sie bequem abfliegen knnen.

O, danke, sagte Maja, ich kann abfliegen, wo ich will.

Das haben Sie vor mir voraus, sagte Peppi, ich habe etwas Mhe mit
der Entfaltung der unteren Flgel.

Er drckte ihr die Hand und schob den letzten Vorhang zur Seite.

O Gott, der blaue Himmel, jubelte Maja, leben Sie wohl.

Auf Wiedersehn, sagte Peppi und blieb eine Weile auf dem hchsten
Rosenblatt sitzen, um der kleinen Maja nachzusehn, die schnell in einer
geraden Linie hoch in den Himmel hinaufflog, in den goldenen
Sonnenschein und in die reine Morgenluft.

Dann seufzte er heimlich auf und zog sich nachdenklich wieder in den
khlen Rosenkelch zurck. Es wurde ihm etwas warm, obgleich es noch frh
war. Er summte sein Morgenlied vor sich hin, das im roten Schein der
Rosenbltter und im warmen Sonnenglanz erklang:

  Alles steht in gold und grn
  warm und sommerlich.
  Nur solang die Rosen blhn,
  ist es schn fr mich.

  Meine Heimat wei ich nicht,
  kstlich ist mir dies:
  da ich so im Rosenlicht
  meinen Tag genie'.

  Wenig wei ich von der Welt,
  wo ich glcklich bin.
  Wenn die Rose welkt und fllt,
  mu auch ich dahin.

Und drauen zog langsam der strahlende Frhlingstag ber die blhende
Erde herauf.




Drittes Kapitel

+Der Waldsee und seine Leute+


Ach, dachte die kleine Maja im Dahinfliegen, nun habe ich vergessen,
Peppi nach den Menschen zu fragen. Ein so erfahrener Mann, wie er, htte
mir sicherlich die beste Auskunft geben knnen. Aber vielleicht wrde
sie heute noch selbst einem Menschen begegnen. Voll Unternehmungslust
und Frohsinn lie sie ihre blanken Augen ber das weite bunte Land
schweifen, das sich unter ihr in seiner sommerlichen Pracht ausbreitete.

Sie kam an einem groen Garten vorber, in dem es von tausend Farben
leuchtete. Es begegneten ihr vielerlei Insekten, die ihr Wandergre
zuriefen und frohe Fahrt und gute Ernte wnschten. Jedesmal wenn sie
einer Biene begegnete, schlug anfnglich ihr Herz ein wenig, denn sie
fhlte sich in ihrer Unttigkeit doch etwas schuldig und frchtete sich,
Bekannte zu treffen. Aber sie merkte bald, da die Bienen sich weiter
nicht um sie kmmerten.

Da sah sie pltzlich den blauen Himmel in unendlicher Tiefe unter sich
leuchten. Sie dachte zuerst in groem Schrecken, sie wre vielleicht
viel zu hoch geflogen und htte sich im Himmel verirrt, aber da sah sie,
da sich am Rande dieses unterirdischen Himmels die Bume spiegelten,
und sie erkannte zu ihrem Entzcken, da es ein groes, stilles
Wasserbecken war, das blau und klar im ruhigen Morgen dalag. Sie lie
sich voll Freude bis dicht auf die Oberflche nieder und konnte nun sich
selbst im Spiegelbild im Wasser fliegen sehen, sie sah ihre hellen
Flgel wie reines flimmerndes Glas blinken, gewahrte, da ihre Beinchen
richtig am Krper lagen, wie Kassandra es sie gelehrt hatte, und sah die
schne Goldfarbe ihres Krpers im Wasser scheinen.

Es ist wirklich eine Wonne, so ber eine Wasserflche dahinzufliegen,
jubelte sie. Sie erblickte groe und kleine Fische, die in der hellen
Flut dahinschwammen, oder ganz ruhig darin zu schweben schienen. Maja
htete sich wohl, ihnen zu nahe zu kommen, denn sie wute, da ihr vom
Geschlecht der Fische Gefahr drohte.

Als sie am andern Ufer des Sees anlangte, lockte das warme Schilf sie
und die riesengroen Bltter der Seerosen, die wie grne Teller auf dem
Wasser lagen. Sie whlte eines der verborgensten Bltter, ber dem die
hohen blanken Schilfhalme sich in der Sonne wiegten, und das selbst
beinahe ganz im Schatten lag. Nur ein paar runde Sonnenflecke lagen
darauf, wie Goldmnzen.

Herrlich, sagte die kleine Biene, also wirklich ganz herrlich. Sie
begann sich ein wenig zu subern, indem sie mit beiden Armen hinter
ihren Kopf griff und ihn etwas nach vorn zog, als ob sie ihn abreien
wollte. Aber sie htete sich, zu fest zu ziehn, es handelte sich nur
darum, den Staub zu entfernen. Dann strich sie mit den Hinterbeinchen
ber die Flgeldecken, so da sie sich nach unten bogen und wundervoll
blank wieder in ihre alte Lage zurckschnellten.

Da kam ein kleiner stahlblauer Brummer zu ihr, lie sich neben ihr auf
dem Blatt nieder und schaute sie erstaunt an.

Was wollen Sie hier auf meinem Blatt? fragte er.

Maja erschrak.

Man wird sich doch wohl einen Augenblick ausruhen drfen, sagte sie.
Sie erinnerte sich, da Kassandra ihr mitgeteilt hatte, da das Volk der
Bienen berall in der Insektenwelt in groem Ansehen stehe. Nun wollte
sie einmal eine Probe machen, ob es ihr gelnge, sich in Respekt zu
setzen. Aber ihr Herz klopfte doch etwas, weil sie sehr laut und
entschieden geantwortet hatte.

Der Brummer erschrak in der Tat sichtlich, als er merkte, da Maja nicht
willens war, sich etwas vorschreiben zu lassen. Mit verdrossenem Summen
schwang er sich auf einen Schilfhalm, der sich ber das Blatt neigte,
auf dem Maja sa, und sagte um vieles hflicher von oben herunter aus
dem Sonnenschein:

Sie sollten lieber einiges arbeiten, wie es sich fr Sie gehrt, aber
wenn Sie der Ruhe bedrfen ... immerhin. Ich werde hier warten.

Es sind doch wirklich Bltter genug da, meinte Maja.

Alles vermietet, sagte er. Man ist heutzutage froh, wenn man ein
kleines Grundstck sein eigen nennt. Wre mein Vorgnger nicht vor zwei
Tagen vom Frosch gefangen worden, so htte ich heute noch keine rechte
Unterkunft. Immer bald hier, bald dort zu bernachten, hat viel gegen
sich. Es hat halt nicht jeder ein so geordnetes Staatswesen, wie Sie es
pflegen. brigens mein Name ist Hans Christoph, mit Verlaub mich Ihnen
vorzustellen.

Maja schwieg und dachte mit Schrecken darber nach, wie furchtbar es
sein msse, in die Gewalt des Frosches zu geraten.

Gibt es in diesem Gewsser viele Frsche? fragte sie den Brummer und
setzte sich genau in die Mitte des Blattes, damit man sie vom Wasser aus
nicht erblickte.

Der Brummer lachte.

Geben Sie sich keine Mhe, spottete er, der Frosch kann Sie von unten
sehn, wenn die Sonne leuchtet, weil das Blatt dann durchscheint. Er
sieht ganz genau, wie Sie auf meinem Blatt sitzen.

Maja, die von der bsen Vorstellung befallen wurde, dicht unter ihrem
Blatt se vielleicht ein groer Frosch und schaute sie mit seinen
vorquellenden, hungrigen Augen an, wollte rasch auffliegen, als etwas
ganz Furchtbares geschah, worauf sie in der Tat in keiner Weise
vorbereitet war. Anfangs konnte sie in der ersten Verwirrung nicht genau
unterscheiden, was eigentlich vor sich ging, sie hrte nur ein helles,
klirrendes Sausen ber sich, das so klang, als schwirrte der Wind in
welken Blttern; dazu hrte sie ein singendes Pfeifen, einen hellen
zornigen Jagdruf, und ein feiner, durchsichtiger Schatten huschte ber
ihr Blatt. Und dann erkannte sie, und ihr Herz stand still vor Angst,
da eine groe, schillernde Libelle sich des armen Hans Christophs
bemchtigt hatte und den verzweifelt Schreienden in ihren groen,
messerspitzen Fngen hielt. Sie lie sich mit ihrer Beute auf dem
Schilfhalm nieder, der sich unter ihrer Last etwas niederbeugte, so da
Maja die beiden ber sich schweben sah und zugleich das Spiegelbild im
klaren Wasser. Hans Christophs Geschrei zerri ihr Herz. Ohne Besinnen
rief sie laut:

Lassen Sie sofort den Brummer los, wer immer Sie sein mgen. Sie haben
nicht das geringste Recht, in so eigenmchtiger Weise in die
Gewohnheiten anderer einzugreifen.

Die Libelle lie den Brummer aus ihren Fngen, hielt ihn aber sorgfltig
mit den Armen fest und drehte den Kopf nach Maja um. Maja erschrak sehr
ber die groen ernsten Augen der Libelle und ber die bsen Beizangen,
die sie hatte, aber das Glitzern ihrer Flgel und ihres Leibes entzckte
sie. Es blitzte wie Wasser, Glas und Edelsteine. Nur die ungeheure Gre
der Libelle entsetzte sie, sie begriff ihren Mut nicht mehr und begann
auf das heftigste zu zittern.

Aber die Libelle sagte ganz freundlich:

Kind, was ist denn mit Ihnen?

Lassen Sie ihn los, rief Maja und in ihre Augen kamen Trnen, er
heit Hans Christoph ...

Die Libelle lchelte.

Weshalb denn, Kleine? fragte sie und machte ein interessiertes
Gesicht, das aber einen Ausdruck von groer Herablassung hatte.

Maja stotterte hilflos:

Ach, er ist doch ein so netter, sauberer Herr und hat Ihnen, soviel ich
wei, nichts zuleide getan.

Die Libelle sah Hans Christoph nachdenklich an:

Ja, er ist ein lieber, kleiner Kerl, antwortete sie zrtlich und bi
ihm den Kopf ab.

Maja glaubte die Besinnung zu verlieren, so sehr erschtterte sie dieser
Vorgang. Sie konnte lange kein Wort hervorbringen und mute nun, voll
Grauen, die krachenden und knuspernden Laute hren, unter denen der
Krper des stahlblauen Hans Christoph ber ihr zerlegt wurde.

Stellen Sie sich doch nicht an, sagte die Libelle mit vollem Mund und
kaute weiter, Ihre Empfindsamkeit macht nur geringen Eindruck auf mich.
Machen Sie es denn besser? Augenscheinlich sind Sie noch sehr jung und
haben sich im eigenen Hause nur wenig umgesehn. Wenn im Sommer das
Drohnenmorden in Ihrem Stock beginnt, emprt sich die Umwelt nicht
weniger, und ich meine, mit mehr Recht.

Maja fragte: Sind Sie fertig da oben? Sie konnte sich nicht
entschlieen hinaufzusehen.

Ein Bein ist noch da, sagte die Libelle.

Schlucken Sie es bitte herunter, dann werde ich Ihnen antworten, rief
Maja, die genau wute, weshalb die Drohnen im Sommer im Bienenstock
gettet werden muten, und die sich ber die Dummheit der Libelle
rgerte. Aber unterstehen Sie sich nicht, mir auch nur um einen Schritt
nher zu treten. Ich wrde mich nicht besinnen, unverzglich von meinem
Stachel Gebrauch zu machen.

Die kleine Maja war wirklich sehr rgerlich geworden. Zum erstenmal
erwhnte sie ihren Stachel und zum erstenmal freute sie sich dieser
Waffe.

Die Libelle machte bse Augen. Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und sa
nun, etwas geduckt, da, schaute Maja lauernd an und sah aus wie ein
Raubtier, das im Begriff ist, sich auf seine Beute zu strzen. Aber die
kleine Biene blieb nun ganz ruhig. Sie konnte nicht recht begreifen,
woher ihr Mut kam, aber sie empfand keine Furcht mehr. Sie lie ein ganz
feines helles Summen hren, wie sie es einmal im Stock vom Wchter
gehrt hatte, als eine Wespe sich dem Flugloch nherte.

Die Libelle sagte drohend und langsam:

Die Libellen leben in bestem Einvernehmen mit dem Volk der Bienen.

Sie tun auch gut daran, sagte Maja rasch.

Meinen Sie etwa, ich htte Furcht vor Ihnen, ich -- vor Ihnen? fragte
die Libelle. Sie lie mit einem Ruck den Schilfhalm los, der in seine
alte Lage zurckschnellte, und sauste mit einem klirrenden, blitzenden
Flgelschlag bis dicht auf die Oberflche des Wassers nieder. Es sah
ganz herrlich aus, wie sie sich im See spiegelte, man glaubte zwei
Libellen zu sehn, und beide bewegten ihre glsernen Flgel so rasch und
fein, da es aussah, als fliee ein heller Silberschein um sie her. Es
sah so herrlich aus, da die kleine Maja ihren ganzen Verdru um den
armen Hans Christoph und jede Gefahr verga. Sie klatschte in die Hnde
und rief ganz begegeistert:

Wie wunderschn. Wie wunderschn!

Meinen Sie mich? fragte die Libelle ganz erstaunt. Aber dann fgte sie
rasch hinzu: Ja, ich kann mich sehn lassen, das ist wahr. Sie htten
die Begeisterung erleben sollen, in die gestern einige Menschen
gerieten, die mich am Bach sahn, wo sie sich hingelegt hatten.

Menschen? fragte Maja, ach, Menschen haben Sie gesehn?

Natrlich, sagte die Libelle, aber es wird Sie zweifellos auf das
lebhafteste interessieren, wie ich heie, mein Name ist Schnuck, von der
Familie der Netzflgler, im besonderen der Libellen.

Ach, erzhlen Sie von den Menschen, bat Maja, nachdem sie ihren Namen
genannt hatte.

Die Libelle schien vershnt. Sie setzte sich neben Maja auf das Blatt,
und die kleine Biene lie es zu. Sie wute, da Schnuck sich hten
wrde, ihr zu nahe zu treten.

Haben die Menschen einen Stachel? fragte Maja.

Mein Gott, sagte Schnuck, was sollten sie wohl damit anfangen. Nein,
sie haben schlimmere Waffen gegen uns und sie sind uns sehr gefhrlich.
Es gibt niemand, der nicht Angst vor ihnen htte, besonders vor den
kleinen, bei denen man die beiden Beine deutlich unterscheiden kann.
Diese heien Knaben.

Stellen sie Ihnen nach? fragte Maja, ganz atemlos vor Erregung.

Ja, ist Ihnen denn das nicht verstndlich? fragte Schnuck mit einem
Blick ber ihre Flgel. Ich bin nur selten einem Menschen begegnet, der
nicht den Versuch gemacht htte, mich zu greifen.

Weshalb denn nur? fragte Maja ngstlich.

Wir haben eben etwas sehr Anziehendes, sagte Schnuck mit einem
bescheidenen Lcheln und sah schrg vor sich nieder. Einen andern Grund
wei ich nicht. Es ist vorgekommen, da Leute unserer Familie, die sich
haben greifen lassen, die furchtbarsten Qualen und zuletzt den Tod haben
erleiden mssen.

Sind sie aufgefressen worden?

Nein, nein, sagte Schnuck beruhigend, das grade nicht. Soviel bekannt
ist, nhrt sich der Mensch nicht von Libellen. Aber im Menschen leben
zuweilen Mordgelste, die wohl ewig unaufgeklrt bleiben. Es mag Ihnen
unglaublich erscheinen, aber in der Tat sind Flle vorgekommen, in denen
sogenannte Knabenmenschen Libellen gefangen haben und ihnen aus purem
Vergngen die Flgel oder die Beine ausgerissen haben. Sie zweifeln?

Natrlich zweifle ich daran, rief Maja entrstet.

Schnuck zuckte die glitzernden Achseln, ihr Gesicht sah ganz alt aus vor
Erkenntnis.

Ach, wenn man einmal offen sein drfte, sagte sie, ganz bla vor
Traurigkeit, ich hatte einen Bruder, er berechtigte zu den besten
Hoffnungen, nur war er etwas leichtsinnig und leider sehr neugierig. Er
fiel in die Hnde eines Knaben, der ihm unversehens ein Netz berwarf,
das an einer langen Stange befestigt war. Sagen Sie selbst, wer denkt an
so was?

Nein, antwortete die kleine Maja, an so etwas habe ich niemals
gedacht.

Die Libelle sah sie an.

Es ist ihm dann ein schwarzes Seil um die Brust gebunden worden, mitten
zwischen seinen Flgeln, so da er wohl auffliegen, aber niemals
entrinnen konnte. Jedesmal, wenn mein armer Bruder glaubte, seine
Freiheit zurckgewonnen zu haben, sah er sich auf die grausamste Weise
an jenem bereits erwhnten Seil wieder in das Bereich des Knaben
zurckgezerrt.

Maja schttelte nur den Kopf.

Man darf es sich gar nicht vorstellen, flsterte sie traurig.

Wenn ich einmal einen Tag nicht daran gedacht habe, so trume ich
sicher davon, fuhr Schnuck fort. Es kam damals sehr viel zusammen.
Schlielich starb mein Bruder. Schnuck seufzte tief auf.

Woran starb er? fragte Maja in aufrichtiger Teilnahme.

Schnuck konnte nicht gleich antworten, groe Trnen brachen aus ihren
Augen und liefen langsam ber die Wangen:

Er ist in die Tasche gesteckt worden, schluchzte sie, das hlt
niemand aus ...

Was ist das? fragte Maja ngstlich, die kaum in der Lage war, so viel
Neues und Bses auf einmal zu verstehn und zu bewltigen.

Die Tasche, erklrte ihr Schnuck, ist eine Vorratskammer, die die
Menschen in ihrem ueren Fell haben. Aber was glauben Sie, das sonst
noch darin war? O, in welch furchtbarer Gesellschaft mute mein armer
Bruder seine letzten Atemzge tun. Sie werden niemals darauf kommen!

Nein, sagte Maja mit bebendem Atem, ich werde es nicht ... vielleicht
Honig?

Nein, nein, meinte Schnuck, sehr wichtig und sehr traurig zugleich.
Honig werden Sie selten in den Taschen der Menschen finden. Ich will
Ihnen sagen, was darin war: es war ein Frosch, ein Taschenschwert und
eine gelbe Rbe. Nun?

Schaurig, flsterte Maja, was ist ein Taschenschwert?

Es ist gewissermaen der knstliche Stachel des Menschen. Da ihm die
Natur diese Waffe versagt hat, sucht er sie nachzubilden. Der Frosch war
gottlob bereits im Begriff, das Zeitliche zu segnen. Er hatte ein Auge
verloren, ein Bein gebrochen und sein Unterkiefer war ausgerenkt. Aber
sobald mein Bruder in der Tasche erschien, zischte der Frosch aus seinem
schiefen Maul:

'Wenn ich genesen bin, werde ich Sie unverzglich verschlingen.' Dabei
schielte er mit dem briggebliebenen Auge auf den bedauernswerten
Ankmmling. Dieser Blick mu in der Dmmerung des Gefngnisses auf das
furchtbarste gewirkt haben. Mein Bruder hat die Besinnung verloren, als
er gleich darauf durch eine unerwartete Erschtterung so gegen den
Frosch gepret wurde, da seine Flgel an dem kalten nassen Leib des
Sterbenden kleben blieben. O, man kann keine Worte finden, um dies Elend
in der treffendsten Weise zu kennzeichnen.

Woher wissen Sie das alles? stotterte Maja aufs uerste entsetzt.

Spter warf der Knabe meinen Bruder und den Frosch fort, als er Hunger
bekam und die Rbe suchte, um sie zu verzehren. Ich fand sie
nebeneinander im Gras liegen, angelockt durch die Hilferufe meines
Bruders. Aber ich kam nur noch zeitig genug, um alles zu hren und ihm
die Augen zuzudrcken. Er legte seinen Arm um meinen Hals und kte mich
zum Abschied. Dann starb er tapfer und ohne Klage, als ein kleiner Held.
Als das letzte Beben seiner zerknitterten Flgel aufgehrt hatte, legte
ich Eichbltter ber ihn und suchte ein erblhtes Mnnertreu, dessen
blaue Blume zu seiner Ehre auf dem Hgel verwelken sollte. 'Leb wohl,'
rief ich, 'schlaf gut, mein kleiner Bruder', und flog in den stillen
Abend hinaus, den beiden roten Sonnen entgegen, denn man sah die Sonne
zweimal, am Abendhimmel und im See. So traurig und feierlich ist noch
niemandem zumut gewesen. -- Ist Ihnen auch schon etwas Trauriges
passiert? Dann erzhlen Sie es mir vielleicht ein andermal.

Nein, sagte Maja, ich bin eigentlich bis jetzt immer froh gewesen.

Da knnen Sie Gott danken, meinte Schnuck, etwas enttuscht.

Maja fragte nach dem Frosch.

Ach so, der, sagte Schnuck. Er erlitt voraussichtlich den Tod, den er
verdiente. Wie konnte er nur die Herzenshrtigkeit aufbringen, einen
Sterbenden zu ngstigen? Er versuchte damals zu entkommen, aber da sein
eines Bein sowohl als auch sein eines Auge vllig auer Ttigkeit
gesetzt waren, hpfte er ununterbrochen im Kreise herum. Es sah
auerordentlich komisch aus. 'So wird der Storch Sie bald gefunden
haben', rief ich ihm zu, bevor ich davonflog.

Der arme Frosch, sagte die kleine Maja.

Nun, ich mu doch bitten, meinte die Libelle nicht ohne Entrstung,
Sie gehn zu weit. Einen Frosch bedauern, heit sich in den eigenen
Flgel schneiden. Sie sind eine gewissenlose Person, wie mir scheint.

Das kann ja sein, antwortete Maja, aber es wird mir sehr schwer,
jemanden leiden zu sehn.

O, trstete sie Schnuck, das liegt an Ihrer Jugend, Sie werden es
lernen, nur Mut, meine Freundin. Aber ich mu nun fort in die Sonne.
Es ist hier reichlich khl. Leben Sie wohl!

Es klirrte leise, und tausend helle Farben blitzten auf, blasse,
liebliche Farben, wie rinnendes Wasser sie hat und klare Edelsteine.
Schnuck schwang sich durch die grnen Schilfhalme bis auf die Oberflche
des Wassers, und Maja hrte sie in der Morgensonne singen. Sie lauschte
dem feinen Gesang, der etwas von der schwermtigen Sigkeit eines
Volksliedes hatte und das Herz der kleinen Maja frhlich stimmte und
traurig zugleich. Es klang zu ihr herber:

  Lieblich ist der stille Flu,
  wenn der Morgensonne Gru
  seine Flut getroffen.
  Wo der grne Schilfhalm weht
  und die Wasserrose steht,
  wei und gelb und offen.

  Warmer Duft und Wind und Flut,
  auf den Flgeln Sonnenglut
  und im Herzen Freude.
  Ach, das Leben ist nicht lang,
  goldner Sommer, habe Dank,
  herrlich ist es heute.

Horch, das Lied der Libelle erschallt, rief ein weier Schmetterling
seiner Freundin zu. Sie schaukelten sich dicht an Maja vorber durch das
strahlende Blau des schnen Tags. Da hob auch die kleine Biene ihre
Flgel, und mit leisem Summen begrte sie den silbernen See zum
Abschied und flog landeinwrts davon.




Viertes Kapitel

+Iffi und Kurt+


Als die kleine Maja am anderen Morgen im Kelch einer blauen Glockenblume
erwachte, hrte sie, da die Luft von einem feinen leisen Rauschen
erfllt war, und sie sprte, da die Blume sich bewegte, als bekme sie
heimlich kleine Ste. Durch ihren geffneten Kelch zog ein feuchter
Geruch von Gras und Erde, und es war sehr khl.

Maja nahm ngstlich ein wenig Bltenstaub von den gelben Staubgefen
der Blume, machte dann sorgfltig Morgentoilette und wagte sich
vorsichtig Schritt fr Schritt bis an den uersten Rand des hngenden
Kelches. Da sah sie, da es regnete. Ein feiner khler Regen ging mit
leisem Rauschen nieder und bedeckte alles umher mit Millionen heller
Silberperlen. Sie lagen auf den Blttern und Blumen, rollten im Gras die
schmalen grnen Wege der Halme nieder und erfrischten den braunen
Erdboden.

Maja sah mit groem Erstaunen und voll tiefer Verwunderung diese
Vernderung der Welt, es war der erste Regen, den sie in ihrem jungen
Dasein erlebte. Aber obgleich es ihr wohl gefiel und sie beglckte,
stellte sich doch eine leichte Besorgnis bei ihr ein, denn sie erinnerte
sich der Warnung Kassandras, niemals im Regen auszufliegen. Sie begriff,
da es schwer sein mute, die Flgel im Tropfenfall zu bewegen, auch tat
ihr die Klte weh, und sie vermite den ruhigen goldenen Sonnenschein,
der die ganze Erde heiter und sorglos stimmte.

Es mute noch sehr frh sein, denn das Leben im Gras unter ihr nahm erst
seinen Anfang. Unter ihrer blauen Glocke war sie wohlgeborgen und konnte
den erwachenden Verkehr unter sich prchtig beobachten. Darber verga
sie fr eine Weile ihren Kummer und das Heimweh, das sich in ihrem
Herzen einstellte. Es war gar zu unterhaltend, so von einem sicheren
Versteck aus, von oben her, auf das Leben und Treiben der Grasbewohner
herabzuschaun. Aber allmhlich zog es ihre Gedanken doch nach ihrer
verlassenen Heimat, nach dem Schutz und der starken Gemeinschaft des
Bienenstocks. Dort saen sie nun beieinander, des Ruhetags froh, bauten
vielleicht hier und da ein wenig an den Zellen, oder ftterten die
kleinen Maden. Aber im allgemeinen war es recht ruhig und beschaulich im
Stock an Regentagen. Nur zuweilen flogen Kundschafter aus, sahen nach
dem Stand des Wetters und erforschten, von welcher Seite der Wind kam.
Die Knigin ging im Reiche umher, von Etage zu Etage, prfte alles,
lobte oder tadelte, legte wohl hin und wieder ein Ei und beglckte alle
durch ihre knigliche Gegenwart. Wie froh machte es, einen Blick von ihr
aufzufangen oder ein huldvolles Wort. Es kam vor, da sie den jngeren
Bienen, die ihre ersten Leistungen hinter sich hatten, freundlich ber
die Kpfchen strich oder sich nach ihren Erlebnissen erkundigte.

Ach, wie glcklich machte es, sich dazu rechnen zu drfen, sich von
allen geachtet zu wissen und den starken Schutz der Gemeinschaft
genieen zu knnen. Hier an ihrem einsamen und ausgesetzten Platz war
sie gefhrdet und fror. Und wenn der Regen anhielt, was sollte sie dann
beginnen und wodurch sollte sie sich ernhren? Honigsaft war kaum in der
Glockenblume zu finden, und der Bltenstaub wrde auch nicht allzulange
vorhalten. Sie empfand zum ersten Male, wie notwendig zu allem
Wanderleben und zum Vagabundentum der Sonnenschein war. Ohne den
Sonnenschein wre wohl niemand leichtsinnig, dachte sie.

Aber, wenn sie sich nur des Sonnenscheins erinnerte, erfllte es sie
schon wieder mit Freude und heimlichem Stolz, da sie so mutig gewesen
war, ihr Leben auf eigene Faust zu beginnen. Was hatte sie in der kurzen
Zeit ihres Wanderns nicht schon alles gesehn und erfahren! Davon wuten
die andern wohl ihr Leben lang nur wenig. Erfahrung ist doch das hchste
Lebensgut und ihrer Opfer wert, dachte sie.

Unten zog ein Trupp Wanderameisen im Gras vorber. Sie schritten singend
durch den khlen Graswald und schienen Eile zu haben. Ihr frisches
Morgenlied erklang im Marschtakt und stimmte das Herz der kleinen Maja
wehmtig und nachdenklich.

  Bald ist unsre kurze Frist
  auf der Erde aus.
  Was ein rechter Ruber ist,
  macht sich nichts daraus.

Sie waren auerordentlich gut bewaffnet und sahen keck und gefhrlich
aus. Ihr Lied verklang unter den Huflattichblttern. Aber dort schienen
sie mit ihrem Gesang etwas Rechtes angerichtet zu haben, denn es erklang
nun eine rauhe heisere Stimme, und die kleinen Blttchen eines jungen
Lwenzahns wurden energisch auseinandergedrngt. Maja sah einen groen
blauen Kfer hervordringen, der wie eine Halbkugel aus glnzendem,
dunklem Metall aussah und bald blulich, bald grnlich, zuweilen auch
ganz schwarz schimmerte. Er war wohl zwei- oder dreimal so gro wie sie.
Sein harter Panzer schien ihr von unzerstrbarer Festigkeit, und seine
tiefe Stimme hatte etwas gradezu Einschchterndes. Er schien durch den
Gesang der Soldaten erwacht und bei sehr schlechter Laune zu sein. Sein
Haar war noch nicht geordnet, und er rieb sich den Schlaf aus den blauen
listigen uglein.

Ich komme, schrie er, das gengt fr alle, um Platz zu machen.

Gottlob stehe ich ihm nicht im Wege, dachte Maja, die sich in ihrem
hohen schwebenden Versteck sicher fhlte. Aber ihr Herz klopfte doch ein
wenig, und sie zog sich leise einen Schritt weiter in die Bltenglocke
zurck.

Der Kfer bewegte sich schwerfllig und schaukelnd durch das nasse Gras.
Eine sehr elegante Erscheinung war er eben nicht. Bei einem welken
Blatt, grade unter ihrer Blte, machte er halt, schob es zur Seite und
trat etwas zurck. Da erkannte Maja darunter den Eingang zu einer Hhle.

Nein, was es nicht alles gibt, dachte sie neugierig, davon habe ich mir
keine Vorstellung gemacht. Man kann gar nicht lange genug leben, um
alles zu erfahren, was auf der Welt mglich ist. Sie verhielt sich ganz
still. Nur der Regen rieselte leise nieder. Da hrte sie den Kfer in
die Hhle hineinrufen:

Wenn Sie mit mir auf die Jagd wollen, mssen Sie sich schon
entschlieen aufzustehn. Es ist heller Tag. Weil er zuerst erwacht war,
fhlte er sich so berlegen, da es ihm schwer wurde, freundlich zu
sein.

Es dauerte eine Weile, bis Antwort kam, dann hrte Maja eine dnne
zirpende Stimme aus dem Loch schallen:

Um Gottes willen, machen Sie oben zu, es regnet herein.

Der Kfer gehorchte, neigte abwartend den Kopf etwas zur Seite und
schielte durch die Spalte.

Eilen Sie sich, wenn ich bitten darf, sagte er mrrisch.

Maja war sehr gespannt, wer herauskommen wrde. Sie kroch so weit vor,
da ein groer Regentropfen auf ihre Schulter fiel. Sie erschrak sehr
und trocknete sich ab. Unten hob sich das welke Blatt, und langsam kroch
ein braunes Tier hervor, das ihr im hohen Mae absonderlich vorkam. Es
hatte einen plumpen Leib und einen ganz ungewhnlich dicken Kopf mit
kleinen aufrechten Fhlhrnern. Die Beinchen waren sehr dnn und
bewegten sich langsam, und der Ausdruck des Gesichts war sorgenvoll.

Guten Morgen, meine Iffi, sagte der Kfer und wurde vor Hflichkeit
ganz schlank. Wie haben Sie geschlafen? und dann fgte er hinzu: mein
alles!

Iffi nahm seine Hand etwas gleichgltig.

Es geht nicht, Kurt, sagte sie, ich kann nicht mit. Die Leute reden
zu viel.

Der arme Kfer schien wirklich sehr zu erschrecken.

Ich verstehe wohl nicht richtig, stammelte er, sollte das junge Glck
unserer Freundschaft an so gleichgltigen Dingen scheitern? Bedenken Sie
doch, Iffi, was kmmern die Leute Sie? Sie haben Ihr Loch, knnen
hineinkriechen, wenn Sie wollen, und wenn Sie tief genug steigen, hren
Sie nichts.

Iffi lchelte wehmtig und berlegen.

Kurt, davon verstehn Sie nichts. Ich habe da meine eigene Anschauung.
brigens kommt noch etwas hinzu: Sie haben meine Unkenntnis in sehr
wenig feiner Weise ausgebeutet, Sie haben sich fr einen Rosenkfer
ausgegeben, und gestern sagte mir die Wegschnecke, Sie seien ein
Mistkfer. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Die Wegschnecke hat Sie
bei einer Ttigkeit beobachtet, die ich hier nicht weiter kennzeichnen
will; Sie werden verstehen, da ich mich zurckziehe.

Als Kurt sich von seinem Schreck erholt hatte, wurde er rgerlich:

Nein, das verstehe ich nicht, rief er heftig, ich wnsche um meiner
selbst willen geliebt zu sein, und nicht um meiner Beschftigung willen.
Wie knnen Sie einen Mann danach beurteilen, wo er sich aufhlt!

Wenn es nicht grade der Mist wre, wrde ich ein Auge zudrcken, sagte
Iffi zurckhaltend. Sie mssen auch bedenken, da eine junge Witwe,
deren Gatte erst vor drei Tagen von der Spitzmaus gefressen worden ist,
sich die denkbar grte Zurckhaltung auferlegen mu. Also -- leben Sie
wohl.

Und Iffi war pltzlich mit einem Ruck in ihrer Hhle verschwunden, so
rasch, da es erschien, als habe ein Windsto sie davongerissen. Maja
hatte nicht fr mglich gehalten, da jemand so rasch in einem Loch
verschwinden knnte. Jetzt war Iffi fort, und der Kfer starrte mit
verblfftem Gesicht in die leere dunkle ffnung und sah so dumm dabei
aus, da Maja lachen mute.

Endlich besann er sich und begann betrbt und zornig seinen kleinen
rundlichen Kopf zu schtteln, und die Fhler hingen traurig nieder, wie
zwei verregnete Fcher.

Fr Charakter und gediegene Lebensfhrung hat heute niemand mehr Sinn,
seufzte er. Iffi ist herzlos, ich habe nicht gewagt, es mir
einzugestehn, aber es ist der Fall. Aber wenn sie in der Tat nicht das
Herz hat, meine Freundin zu sein, so sollte sie wenigstens den Verstand
dazu haben.

Maja sah, wie Trnen in seine Augen traten, und ihr Herz wurde von
Mitleid ergriffen.

Aber pltzlich kam Bewegung in Kurt. Er wischte die Trnen aus den Augen
und trat vorsichtig hinter einen Erdhaufen, den seine Freundin
wahrscheinlich aus ihrer Wohnung geschaufelt hatte, und Maja sah einen
kleinen rtlichen Regenwurm durch die Grser kommen. Er hatte eine sehr
ungewhnliche Art der Fortbewegung, bald machte er sich lang und dnn,
dann wieder kurz und dick, und seine rote Krperspitze bestand aus
lauter zarten Ringen, die sich lautlos verschoben und vorantasteten.
Sie erschrak sehr, als Kurt pltzlich einen Schritt aus seinem Versteck
hervor machte, den Wurm ergriff und ihn in zwei Hlften zerbi. Er
begann gelassen die eine Hlfte zu verzehren und kmmerte sich wenig um
die verzweifelten Windungen, die die beiden Wurmhlften am Boden und in
seinen Armen ausfhrten. Es war ein ganz kleiner Wurm.

Nur Geduld, sagte Kurt, gleich ist es vorber.

Aber whrend er kaute, schien er wieder an Iffi zu denken, die er fr
alle Zeit verloren hatte, und groe Trnen rollten ber seine Backen.

Die kleine Maja in ihrem Versteck bedauerte ihn herzlich. Es gibt doch
sehr viel Trauriges in der Welt, dachte sie. Da sah sie, da die eine
Wurmhlfte, die Kurt in seiner Bekmmernis zur Seite gelegt hatte, sich
eilig entfernte.

Nein, so was! rief sie, und sie tat es vor Schrecken so laut, da Kurt
sich verwundert umschaute.

Machen Sie Platz! rief er, als er es hrte.

Aber ich sitze Ihnen ja gar nicht im Weg, antwortete Maja.

Wo sitzen Sie denn? fragte er, Sie mssen doch irgendwo sitzen.

Hier oben, rief Maja, ber Ihnen in der Blume.

Ich will es Ihnen glauben, sagte Kurt, aber ich bin kein Grashpfer,
ich kann mich unmglich so weit nach oben umdrehn, da ich Sie sehe.
Weshalb haben Sie denn geschrien?

Die eine Hlfte vom Wurm luft fort, rief Maja.

Ja, ja, sagte Kurt und sah dem halben Wrmchen nach, diese Tiere sind
sehr regsam. Ich habe keinen Appetit mehr. Damit warf er den Rest des
Wurms fort, den er noch in seinen Hnden gehalten hatte, und dieser
briggebliebene Teil entfernte sich nach der andern Seite.

Maja wurde ganz verwirrt, aber Kurt schien mit dieser Eigenart des Wurms
vertraut zu sein.

Sie mssen nicht denken, da ich immer Wurm esse, sagte er, aber es
finden sich nicht berall Rosen.

Sagen Sie doch wenigstens dem Kleinen, wo seine andere Hlfte
hingelaufen ist, antwortete Maja in groer Erregung.

Kurt schttelte ernst den Kopf. Was das Schicksal trennt, soll man
nicht wieder zusammenfgen, meinte er. Wer sind Sie?

Ich bin Maja, vom Volk der Bienen.

Das ist mir angenehm, sagte Kurt, ich habe nichts gegen die Bienen.
Weshalb sitzen Sie denn da herum? Das tun doch sonst Bienen nicht.
Sitzen Sie da schon lange?

Ich habe hier geschlafen.

So, machte Kurt mitrauisch. Hoffentlich haben Sie einen tiefen und
gesunden Schlaf. Sie sind wohl eben erst erwacht?

Maja besttigte es, denn sie merkte, da Kurt nicht gerne gesehn htte,
wenn sein Gesprch mit der Grille Iffi belauscht worden wre, und sie
wollte ihn nicht noch einmal betrben.

Kurt lief hin und her und versuchte hinaufzuschaun. Warten Sie, sagte
er, wenn ich mich etwas an jenem Grashalm aufrichte, werde ich Sie sehn
knnen, und Sie knnen mir in die Augen schaun. Das wollen Sie doch
jedenfalls gern.

Doch, sagte Maja, das wre mir sehr angenehm.

Kurt fand einen geeigneten Halm, es war der Stiel einer Butterblume, und
da die Blte sich etwas zur Seite neigte, konnte Maja ihn ansehn, als er
sich nun auf die Hinterbeinchen stellte und zu ihr emporschaute. Sie
fand, da er ein freundliches und liebes Gesicht hatte; ganz jung schien
er nicht mehr zu sein; und er war etwas voll in den Backen. Nun
verbeugte er sich, so da die Blume ein wenig schaukelte, und stellte
sich vor:

Kurt, von der Familie der Rosenkfer.

Die kleine Maja mute heimlich lachen, denn sie wute nur zu gut, da
Kurt ein Mistkfer war, aber da sie ihn nicht krnken wollte, sagte sie
nichts darber.

Macht Ihnen der Regen nichts aus? fragte Maja.

O nein, das bin ich von den Rosen her gewohnt, da regnet es meistens.

Maja dachte: ein wenig mu ich ihn doch fr seine dreisten Lgen
strafen, er ist doch ein recht eitler Geselle.

Kurt, sagte sie und lchelte vorsichtig, was ist das da eigentlich
fr ein Loch unter dem Blatt?

Kurt erschrak.

Ein Loch? fragte er, sprechen Sie von irgendeinem Loch? Es gibt sehr
viele Lcher, es wird so ein Loch sein, irgendsoeins. Sie machen sich
keine Vorstellung, wie viele Erdlcher es gibt.

Aber in der heimlichen Bestrzung, in die er geraten war, ereignete sich
etwas ganz Furchtbares. Kurt hatte in seinem Eifer und in seinem
Bemhen, sich mglichst gleichgltig zu stellen, das bergewicht
verloren. Maja hrte ihn verzweifelt aufschreien und gleich darauf sah
sie ihn auf dem Rcken liegen und mit Armen und Beinen hilflos und
klglich in der Luft zappeln.

Es ist aus mit mir! schrie er, ich bin nicht in der Lage, mich wieder
aufzurichten. Ich werde sterben mssen. Ein bejammernswerteres Geschick
ist nie vorgekommen.

Er klagte so laut, da er Majas Trostworte nicht verstand. Dabei
versuchte er mit seinen Fen den Boden zu gewinnen, aber jedesmal, wenn
er sich festzuhalten glaubte, gaben die kleinen Erdballen nach, die er
mhsam ergriffen hatte, und er fiel wieder auf seinen hohen, runden
Rcken zurck. Es war wirklich ein auerordentlich trostloser Anblick,
und die kleine Maja hatte ehrlich Angst um ihn, zumal er schon ganz
bleich im Gesicht war und sein Geschrei in der Tat herzzerreiend klang.

Ich halte diese Lage nicht aus, rief er, schauen Sie wenigstens fort.
Qulen Sie nicht einen Sterbenden durch zudringliche Blicke. Ach wenn
ich wenigstens einen der Grashalme erreichen knnte, oder den Stiel der
Butterblume. Wer kann sich an der Luft festhalten? Das kann niemand.

Das Herz der kleinen Maja zitterte vor Erbarmen.

Warten Sie, rief sie, ich will versuchen Sie aufzurichten. Es mu
doch gehn, wenn ich mich anstrenge. Oder Kurt, lieber Kurt, schreien Sie
doch nicht so, hren Sie mich an: Wenn ich einen kleinen Grashalm
niederbiege und reiche Ihnen das uerste Ende, wrden Sie sich dann
helfen knnen?

Kurt jammerte nur und verstand sie nicht, er war vor Todesangst ganz von
Sinnen. Da flog die kleine Maja trotz des rieselnden Regens aus ihrem
Versteck nieder, suchte einen schmalen grnen Grashalm, der in Kurts
Nhe wuchs, und klammerte sich an der uersten dnnen Spitze fest. Sie
jubelte vor Freude, als der Halm sich unter ihrer Last so niederbog, da
er grade quer ber den zappelnden Kurt sank.

Halten Sie sich fest, schrie Maja.

Kurt fhlte etwas ber seinem Gesicht und griff hastig zu, erst mit
einer Hand, dann mit beiden und endlich auch mit den Beinchen, die
prchtige scharfe Krallen hatten, jedes zwei. Langsam zog er sich immer
weiter daran hin, bis er die Wurzel des Halms erreicht hatte, und dort,
wo er strker und dicker war, konnte er sich aufrichten.

Er atmete tief auf.

Mein Gott, sagte er. Das war ganz schrecklich. Ohne meine
Geistesgegenwart wre ich zweifellos ein Opfer Ihrer Geschwtzigkeit
geworden.

Geht es Ihnen besser? fragte die kleine Maja.

Kurt hielt seine Stirn.

Danke, danke, wenn dieses Schwindelgefhl weicht, werde ich Ihnen
genaue Auskunft geben.

Aber Maja erfuhr die Antwort auf ihre Frage nicht mehr, denn es kam eine
Grasmcke durch die Halme geflattert, die auf der Jagd nach Insekten
war. Die kleine Biene drckte sich fest an den Boden und verhielt sich
ganz still, bis der Vogel vorber war. Als sie sich spter nach Kurt
umsah, war er verschwunden, und da machte auch sie sich auf und flog
davon, denn es hatte aufgehrt zu regnen, und der Tag war hell und warm.




Fnftes Kapitel

+Der Grashpfer+


Das war einmal ein Tag! Morgens ganz frh hatte es getaut, dann war die
Sonne ber dem Wald aufgegangen und hatte ihre Strahlen schrg ber den
grnen Graswald geschickt, so da ein Glitzern und Funkeln begann, da
man vor Seligkeit und Entzcken ber einen Anblick von solcher Pracht
nicht wute, was man sagen oder tun sollte.

Die kleine Maja hatte schon gleich beim Erwachen lauter helle Jubelrufe
um sich her vernommen. Teils kamen sie hoch aus den Bumen von den
gefrchteten Vgeln, deren Stimmen doch so lieblich erklingen konnten,
oder aus der Luft von vorberfliegenden Insekten oder aus Bschen und
Gras von Kfern, Schmetterlingen und kleinen und groen Fliegen.

Maja hatte es sich in einem Baumloch recht behaglich eingerichtet. Es
war sicher und trocken und blieb auch nachts recht lange warm, da den
Tag ber die Sonne auf den Eingang schien. Zwar hatte sie einmal in
aller Frhe den Specht am Stamm ihres Baums klopfen hren und sich
schleunigst davon gemacht. Denn den Specht klopfen zu hren, das ist
fr ein kleines Insekt, das sich in der Baumrinde verborgen hlt, so
schlimm, als wenn unsereins nachts die Gerusche eines Einbrechers hrt,
der die Fensterlden aufbricht. Aber in der Nacht war sie sicher, dann
suchte niemand sie in ihrem hohen Versteck.

In einem zurckliegenden Spltchen, in dem es dunkel und khl war, hatte
sie sich ein kleines Honiglager angelegt, um fr Regentage mit Nahrung
versorgt zu sein; und den Eingang zu ihrer Waldburg hatte sie mit Wachs
ein wenig zugeklebt, so da er nicht grer als eben ntig war, um
bequem hineinschlpfen zu knnen.

Und mit einem hellen Jubel voll Lebensfreude schwang sich die kleine
Maja an diesem Morgen in den Sonnenschein hinaus, um zu erfahren, was
dieser neue schne Tag ihr bringen wrde.

Sie segelte gradaus durch das goldene Licht der Luft, so da sie wie ein
kleines rasches Pnktchen aussah, das der Wind dahintrieb.

Heute werde ich einem Menschen begegnen, rief sie, an solchen Tagen
sind sicher auch die Menschen unterwegs, um sich in der hellen Natur zu
erfreuen. Es waren ihr noch niemals so viele Insekten begegnet, es war
ein Kommen und Treiben, ein Summen, Lachen und Jubeln in der Luft, da
man unwillkrlich mit einstimmen mute.

Die kleine Maja lie sich endlich in einem Graswald nieder, in dem
vielerlei Blumen und Pflanzen wuchsen. Die hchsten waren die weilichen
Bltenbschel der Schafgarbe und Mohnblumen, die knallrot und leuchtend
eine groe Anziehungskraft ausbten. Als Maja ein wenig Honig aus einer
Akeleiblume genommen hatte und eben im Begriff war, weiterzufliegen,
begegnete ihr auf einem Grashalm, der sich zu ihrer Blume hinberbog,
ein ganz seltsamer Geselle. Anfangs erschrak sie sehr, weil sie nicht
fr mglich gehalten hatte, da solch ein grnes hageres Ungetm
vorkommen knnte, aber dann wurde doch ihr ganzes Interesse in so hohem
Mae wach, da sie wie angewurzelt sitzenblieb und den langbeinigen
Fremdling anstarrte. Es sah aus, als habe er Hrner, aber es war nur
seine seltsam vorgerckte Stirn, die es so erscheinen lie. Zwei
unendlich lange, fadendnne Fhler waren daran, er erschien sehr schlank
und hatte zierliche Vorderbeinchen und ganz dnne unauffllige
Flgelchen, mit denen sich nach Majas Meinung nicht viel anfangen lie.
Das Merkwrdigste aber waren seine zwei groen, hohen Hinterbeine, die
ihn wie zwei riesige geknickte Stelzen weit berragten. Er war ber und
ber grn, und seine listigen Augen hatten etwas Freches und Erstauntes
zugleich, aber man konnte wohl sagen, da sie nicht boshaft, sondern
viel eher gutmtig waren.

Nun, Mamsell, sagte er zu Maja, offenbar durch ihren verwunderten
Gesichtsausdruck gergert, Sie haben wohl noch keinen Grashpfer
gesehn? Oder legen Sie Eier?

Was fllt Ihnen ein, rief Maja zornig. Wie sollte ich auf diesen
Gedanken kommen? Auch wenn ich es knnte, wrde ich es niemals tun. Wie
sollte ich den heiligen Pflichten der Knigin in so leichtsinniger Weise
vorgreifen?

Der Grashpfer duckte sich etwas zusammen und machte ein ganz
unbeschreiblich komisches Gesicht, so da Maja trotz ihres Verdrusses
laut lachen mute.

Mamsell, rief er, aber dann mute er selber lachen und sagte nur noch:
Nein so was! Sie sind aber Eine!

Maja wurde ganz ungeduldig durch das Benehmen dieses seltsamen Gesellen.
Warum lachen Sie denn? fragte sie nicht grade freundlich, Sie knnen
doch nicht im Ernst verlangen, da ich Eier legen soll, und noch dazu
hier auf den Rasen.

Da knackte es, der Grashpfer sagte: Hoppla, und fort war er.

Maja war ganz verdutzt. Hoch in die Luft hatte er sich geschwungen, ohne
seine Flgel zu brauchen, in einem riesigen Bogen und, wie es Maja
erschien, in einer an Wahnsinn grenzenden Tollkhnheit.

Aber da war er schon wieder. Sie hatte nicht sehen knnen, woher er kam,
aber nun sa er neben ihr auf dem Blatt der Akeleiblume.

Er betrachtete sie von allen Seiten, von hinten und von vorn:

Nein, sagte er dann schnippisch, Sie knnen allerdings keine Eier
legen, Sie sind nicht darauf eingerichtet. Sie haben keinen
Legestachel.

Was, sagte Maja, keinen Legestachel? Sie deckte sich etwas mit ihren
Flgeln zu und drehte sich so um, da der Fremde nur ihr Gesicht sehn
konnte.

Ja natrlich. Fallen Sie nur nicht von Ihrem Podium, Mamsell. Sie sind
eine Wespe, nicht wahr?

Etwas Schlimmeres htte nun der kleinen Maja in aller Welt nicht
begegnen knnen.

Schockschwerenot! rief sie.

Hoppla! antwortete der Grashpfer und fort war er.

Ich werde ganz nervs ber so einer Person, sagte Maja und beschlo
fortzufliegen. Solange sie denken konnte, war ihr eine solche
Beleidigung noch nicht widerfahren. Mit einer Wespe verwechselt zu
werden, bedeutete ihr die grte Schmach, mit diesem nutzlosen
Raubgesindel, mit diesem Diebsvolk, diesen Landstreichern. Es war in der
Tat emprend.

Aber da war der Grashpfer pltzlich wieder da.

Mamsell, rief er, und drehte sich langsam ein wenig, wobei seine
langen Hinterbeine aussahen wie Uhrzeiger, wenn es fnf Minuten vor halb
sieben ist, Mamsell, Sie mssen entschuldigen, da ich zuweilen das
Gesprch unterbreche. Aber pltzlich packt es mich. Ich mu springen,
um die Welt mu ich springen, wohin es immer sei. Kennen Sie das nicht
auch?

Er zog seinen Mund von einem Ohr zum anderen, indem er Maja anlchelte.
Sie konnte nicht anders, sie mute lachen.

Nicht wahr? sagte der Grashpfer und nickte ermutigend.

Wer sind Sie denn nur? fragte Maja, Sie sind schrecklich aufregend.

Aber man kennt mich doch berall, sagte der Grne und grinste wieder,
so erschpfend, wie Maja noch niemals jemanden hatte grinsen sehn. Sie
wute nie recht, ob er etwas im Ernst oder im Scherz meinte.

Ich bin in dieser Gegend fremd, sagte sie freundlich, sonst wrde ich
Sie sicher kennen, aber ich bitte Sie, sich zu merken, da ich zur
Familie der Bienen gehre, und da ich durchaus keine Wespe bin.

Ach Gott, sagte der Grashpfer, das ist doch dasselbe.

Maja konnte vor Aufregung kaum sprechen.

Sie sind ungebildet, stie sie endlich hervor. Schaun Sie sich doch
einmal eine Wespe an.

Was knnte mich wohl dazu veranlassen? antwortete der Grne. Wohin
wrde es fhren, wenn ich mir Unterschiede merkte, die nur in der
Einbildung existieren? Sie fliegen in der Luft herum, stechen alles, was
in Ihre Nhe kommt, und knnen nicht springen. Genau so ist es mit den
Wespen. Wo liegt also der Unterschied? Hoppla! Und fort war er.

Jetzt flieg ich aber, dachte Maja.

Da war er wieder.

Mamsell, rief er, morgen ist Wettspringen im Garten des Pfarrers
Sndepiek. Wollen Sie eine Freikarte, um zuschauen zu knnen? Meine Alte
hat deren noch zwei, gegen ein Kompliment gibt sie eine her. Ich hoffe
den bestehenden Rekord zu schlagen.

Ich interessiere mich nicht fr so ein Gehpfe, sagte Maja nicht ohne
Verdru. Wer fliegen kann, hat hhere Interessen.

Der Grashpfer grinste, da man es frmlich zu hren glaubte.

berschtzen Sie sich nicht, Mamsell. Die meisten Tiere der Welt knnen
fliegen, aber springen knnen die wenigsten. Sie haben keinen berblick
ber die Interessen der Mitwelt. Den Wunsch nach einem hohen, eleganten
Sprung finden Sie sogar bei den Menschen. Krzlich sah ich den Pfarrer
Sndepiek fast einen Meter hoch springen, um einer kleinen Schlange zu
imponieren, die vor ihm ber den Weg lief. Seine Verachtung gegen alles,
was nicht Springen war, ging dabei so weit, da er seine Pfeife
fortschleuderte, ohne die kein Pfarrer leben kann. Begreifen Sie diesen
Ehrgeiz! -- Ich habe Grashpfer gekannt, und sie gehrten zu meiner
Familie, die dreihundertmal so hoch sprangen, als sie selbst gro waren.
Ja, nun staunen Sie und sagen kein Wort mehr, und bereuen innerlich
alles, was Sie eben vorgebracht haben, und was Sie eventuell noch htten
behaupten wollen. Dreihundertmal so hoch, als er gro war! Muten Sie so
etwas mal jemandem zu! Selbst das grte Tier der Welt, der Elefant, ist
nicht in der Lage, einen solchen Sprung auszufhren. Nun? Da schweigen
Sie! Habe ich nicht gesagt, da Sie schweigen wrden?

Aber wie soll ich denn reden, wenn Sie nicht einen Augenblick still
sind, rief Maja.

Reden Sie also, sagte der Grashpfer freundlich, und dann rief er
Hoppla und war fort.

Da mute die kleine Maja trotz ihres Verdrusses doch lachen. So etwas
war ihr noch niemals begegnet. So sehr der Grashpfer sie durch sein
scherzhaftes Benehmen in Erstaunen setzte, so bewunderte sie doch seine
Welterfahrenheit und seine groen Kenntnisse. Wenn sie es auch mit dem
Springen nicht hielt wie er, so war sie doch verwundert ber alle die
Neuigkeiten, die sie in der kurzen Unterhaltung erfahren hatte. Wenn der
Grne nur etwas zuverlssiger gewesen wre, sie htte ihn gar zu gern
nach diesem oder jenem gefragt. Oft erleben wirklich diejenigen am
meisten, dachte sie, die am wenigsten damit anzufangen wissen.

Ob er die Sprache der Menschen verstehen konnte, da er doch ihre Namen
wute? Danach wollte sie ihn fragen, wenn er noch einmal zurckkam, und
auch danach, wie er ber eine Annherung dachte und ber den Versuch,
den Menschen in seiner Behausung aufzusuchen.

Mamsell! rief es neben ihr, und ein Grashalm schwankte.

Mein Gott, sagte Maja, wo kommen Sie nur immer her?

Aus der Umgegend, sagte der Grashpfer.

Aber ich bitte Sie, rief Maja, springen Sie denn so aufs Geratewohl
in die Welt, ohne zu wissen, wohin es Sie fhrt, ohne den Ort zu kennen,
wo Sie ankommen?

Natrlich, sagte der Grne. Was denn sonst? Knnen etwa Sie in die
Zukunft sehn? Das kann niemand. Nur der Laubfrosch kann es, aber er sagt
nicht wie.

Was Sie alles wissen, rief die kleine Maja, das ist einfach
groartig. Verstehn Sie auch die Sprache der Menschen?

Das ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist, Mamsell, denn es ist
noch nicht nachgewiesen, ob die Menschen eine Sprache haben. Sie stoen
zuweilen Laute aus, deren abscheuliche Klanglosigkeit mit nichts zu
vergleichen ist. Offenbar verstndigen sie sich dadurch. Was man ihnen
lassen mu, ist ein aufrichtiges Verlangen nach ertrglichen Stimmen.
Ich beobachtete zwei Knaben, die Grashalme zwischen ihre Finger nahmen
und mit ihrem Mund Luft darauf bliesen, so da ein surrender Ton
entstand, der dem Zirpen einer Grille vielleicht verglichen werden
knnte. Aber er blieb weit dahinter zurck. Jedenfalls tun sie, was sie
knnen. Wollen Sie sonst noch etwas wissen? Ich wei immerhin
mancherlei.

Und er grinste die kleine Maja an, da man es frmlich hrte.

Aber als er nun das nchste Mal unversehens davonsprang, blieb er aus,
und die Biene wartete eine Weile vergeblich auf ihn. Sie suchte
ringsumher im Gras und in den Blumen, aber es war unmglich, ihn
wiederzufinden.




Sechstes Kapitel

+Puck+


Die Mittagshitze dieses schnen Sommertags machte die kleine Maja recht
mde, sie flog gemchlich an grell beschienenen Gartenbschen vorber,
bis die groen Bltter eines riesigen Kastanienbaums ihr Schutz und
Khle boten. Es standen Tische und Bnke unter der Kastanie auf dem
zertretenen Rasen; offenbar war es eine Sommerwirtschaft, die unter der
Baumkrone aufgeschlagen war. In der Nhe schimmerte das rote Ziegeldach
eines Bauernhauses, aus dessen Schornsteinen ein blulicher Rauch in den
Sonnenschein emporzog.

Nun schien es der kleinen Maja ganz unvermeidlich, da sie endlich einem
Menschen begegnen mte, war sie nicht bis unmittelbar in sein
Machtbereich vorgedrungen? Sicherlich war dieser Baum sein Eigentum, und
die seltsamen Holzgerte im Schatten drunten gehrten zu seinem Stock.

Da summte es neben ihr, und eine Fliege lie sich auf ihrem Blatt
nieder. Sie lief eine Weile auf dem grnen Geder herum, immer in
kleinen Sten, so da man die Bewegungen ihrer Beine nicht sah und fast
glauben konnte, sie rutschte rasch und aufgeregt hin und her. Dann flog
sie von einem Teil des groen gefingerten Blattes zum andern, aber so
schnell und unversehens, da jeder geglaubt htte, sie wre gesprungen
statt geflogen. Aber es sah nur so aus. Offenbar war ihr daran gelegen,
herauszubekommen, auf welchem Teil des Blattes es am angenehmsten war.
Zuweilen schwang sie sich fr ein ganz kleines Stckchen urpltzlich in
die Luft, brummte dabei geradezu leidenschaftlich, als sei etwas
Unerhrtes geschehen, oder als bewegte sie das grte Vorhaben der Welt,
lie sich aber dann wieder nieder und machte wieder ihre sprunghaften
Laufstrecken, als sei nichts geschehn, dann wieder sa sie ganz still,
als ob sie pltzlich erstarrt wre.

Maja sah zu, was die Fliege da in der Sonne tat. Endlich nherte sie
sich ihr und sagte hflich:

Ich wnsche guten Tag und heie Sie auf meinem Blatt willkommen; soviel
ich wei, sind Sie eine Fliege.

Was denn sonst? fragte die Kleine, ich heie Puck, ich bin sehr
beschftigt. Wollen Sie mich vertreiben?

O nein. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, entgegnete Maja.

Das glaub' ich, sagte Puck nur, und versuchte sich den Kopf
abzureien.

Um Gottes willen, rief Maja, schonen Sie sich!

Das mu sein, davon verstehn Sie nichts, entgegnete Puck gelassen, und
fuhr sich mit den Beinen ber die Flgel, so da sie sich hinten tief um
den Leib bogen. Ich bin brigens eine Stubenfliege, fgte sie nicht
ohne Stolz hinzu, ich weile hier nur in der Sommerfrische.

Wie interessant, rief die kleine Maja glcklich, da kennen Sie
sicherlich den Menschen?

Den kenne ich wie meine Hosentasche, warf Puck geringschtzig ein,
ich sitze tglich darauf. Ja, aber wissen Sie denn das nicht? Ihr
Bienen seid doch sonst so gescheit, ihr glaubt es wenigstens zu sein.

Ich heie Maja, antwortete die kleine Biene etwas schchtern. Sie
begriff nicht recht, wo die andern Insekten ihr Selbstbewutsein, ihre
Sicherheit und oft sogar ihre Frechheit hernahmen.

Es ist schon gut, wehrte Puck ab, heien Sie, wie Sie wollen, dumm
sind Sie jedenfalls.

Puck sa da, wie eine Kanone, die grade abgefeuert werden soll, der Kopf
und die Brust ragten empor, und die unterste Spitze ihres Leibes
berhrte das Blatt. Dann pltzlich duckte sie sich zusammen, so da es
aussah, als habe sie keine Beine.

Vorsichtig mu man sein, sagte sie, darauf kommt es an.

Aber in der kleinen Maja wallte es nach der Krnkung, die Puck
ausgesprochen hatte, zornig empor. Ohne da sie recht wute, was sie
eigentlich trieb, schwang sie sich blitzschnell auf Puck zu, ergriff sie
beim Kragen und hielt sie fest.

Ich werde Sie lehren, gegen eine Biene hflich zu sein, rief sie.

Puck fing ein frchterliches Geschrei an.

Stechen Sie nicht, schrie sie, das ist das einzige, was Sie knnen,
aber es schadet. Bitte nehmen Sie Ihren Hinterleib weg, soweit als
mglich, darin sitzt der Stachel. Und lassen Sie mich los, wenn es Ihnen
mglich ist, ich will alles tun, was Sie wollen. Verstehen Sie denn
keinen Scherz!? Es wei doch jeder, da Ihr Bienen unter den Insekten
die angesehensten seid, die mchtigsten und die zahlreichsten. Nur nicht
tten, wenn ich bitten darf, es wre nachher nicht mehr gutzumachen.
Herrgott, da niemand fr meinen Humor Verstndnis hat.

Gut, sagte Maja, nicht ohne ein wenig Verachtung im Herzen, ich werde
Sie leben lassen, wenn Sie mir vom Menschen alles sagen, was Sie
wissen.

Gern, rief Puck, ich hatte es ohnehin vor, aber jetzt lassen Sie
los.

Maja tat es. Es war ihr pltzlich gleichgltig geworden, sie hatte
Vertrauen und Achtung vor der Fliege verloren. Was so ein Gesindel in
Erfahrung bringt, dachte sie, hat fr ernste Leute wenig Wert, ich werde
wohl doch selbst sehen mssen, welche Beschaffenheit es mit dem Menschen
hat.

Aber die kleine Fliege Puck wurde doch um vieles ertrglicher, nachdem
sie diese ernste Lehre empfangen hatte. Zu Anfang ordnete sie unter
Gebrumm und Schelten ihre Fhler, Flgel und die Hrchen ihres schwarzen
Krpers. Alles war sehr in Unordnung geraten, denn die kleine Maja hatte
fest zugepackt. Zum Schlu lie Puck seinen Rssel ein und aus fahren,
etwas, das Maja noch niemals gesehn hatte.

Verstaucht! Total verstaucht ist der Rssel, rief sie schmerzlich,
das kommt von dieser Erregtheit, mit der Sie vorgehen. Sehen Sie
selbst, unten die Saugplatte sieht aus wie ein verbogener Blechteller!

Haben Sie eine Saugplatte? fragte Maja.

Ach Gott, selbstverstndlich! Was wollen Sie also ber den Menschen
wissen? Das mit dem Rssel wird sich schon geben. Ich denke, am besten
erzhle ich Ihnen aus meinem Leben. Da ich unter Menschen gro geworden
bin, werden Sie schon erfahren, was Sie wissen wollen.

Sie sind unter Menschen gro geworden?

Aber ja doch. In ihre Stubenecke legte meine Mutter das Ei, aus dem ich
gekrochen bin, auf ihren Gardinen habe ich die ersten Gehversuche
gemacht, und von Schiller bis Goethe probierte ich die Kraft meiner
Flgel zum erstenmal.

Maja fragte, was Schiller und Goethe seien, und Puck erklrte es ihr
berlegen. Das seien die Statuen zweier Menschen, die sich offenbar
besonders ausgezeichnet htten. Sie stnden unter dem Spiegel, rechts
und links, und wrden von niemand beachtet.

Nun wollte Maja wissen, was ein Spiegel sei und warum diese beiden
Statuen darunter stnden.

Im Spiegel sieht man sich an seinem Bauch, wenn man darauf kriecht,
erklrte Puck. Es ist sehr amsant. Wenn die Menschen vor ihn
hintreten, fahren sie sich entweder in die Haare, oder sie reien an
ihrem Bart. Wenn sie allein sind, lcheln sie hinein, aber wenn noch
jemand im Zimmer ist, so machen sie ernste Angesichter. Den Zweck wei
ich nicht, ich habe ihn nie ergrnden knnen, er scheint eine unntige
Spielerei der Menschen zu sein. Ich selbst habe in meinen ersten
Lebenstagen sehr darunter gelitten, weil ich hineinflog und natrlich
auf das heftigste zurckgeschleudert wurde.

Es war der kleinen Puck sehr schwer, Maja weitere Fragen ber den
Spiegel genau zu beantworten. Sehen Sie, sagte sie endlich, Sie sind
doch sicher einmal ber eine blanke Wasserflche geflogen? So etwa ist
ein Spiegel, nur aufrecht und hart.

Die kleine Fliege wurde um vieles freundlicher, nun da sie merkte, da
Maja ihr zuhrte und da ihre Erfahrungen Beachtung fanden. Und wenn
Maja auch keineswegs alles glaubte, was sie von der Fliege hrte, so
bereute sie es doch, so gering von ihr gedacht zu haben. Andere sind oft
um vieles gescheiter, als wir anfangs glauben, dachte sie.

Und Puck fuhr fort zu erzhlen:

Es dauerte lange, bis ich die Sprache der Menschen verstehen lernte.
Man lernt sie schwer, ohne gewissermaen mit den Menschen auf du zu
stehen. Jetzt wei ich endlich, was sie wollen. Viel ist es nicht, fr
gewhnlich sagen sie jeden Tag dasselbe.

Aber das kann ich mir gar nicht denken, sagte Maja. Die Menschen
haben doch so vielerlei Interessen, sie sind reich an Gedanken und gro
an Taten. Ich habe von Kassandra gehrt, da sie Stdte bauen, die
grer sind, als da man sie an einem Tag umfliegen kann, Trme, die so
hoch sind wie der Brautflug unserer Knigin, Huser, die auf dem Wasser
schwimmen, und andere, die schneller als ein Vogel ber das Land
dahingleiten, auf zwei schmalen silbernen Straen.

Halt! sagte Puck energisch, wer ist denn berhaupt Kassandra? Wer ist
das, wenn ich fragen darf? Nun?

Ach so, sagte Maja, es ist meine Erzieherin gewesen.

Eine Erzieherin, wiederholte Puck geringschtzig, wahrscheinlich also
eine Biene. Wer anders knnte zu solcher berschtzung des Menschen
kommen. Dieses Frulein Kassandra, oder wie sie sich rufen lt, hat
keine geschichtliche Kenntnis. Die Einrichtungen der Menschen, von denen
Sie eben gesprochen haben, sind smtlich ohne besonderen Wert fr uns.
Wer wird die Welt so unpraktisch sehen, wie Sie es tun. Wenn Sie nicht
von der Voraussetzung ausgehen, da die Erde von den Fliegen beherrscht
wird, da die Fliegen das verbreitetste und wichtigste Geschlecht sind,
werden Sie die Welt kaum richtig erkennen lernen.

Puck machte ein paar aufgeregte Zickzackwege auf dem Blatt und ri an
ihrem Kopf, so da Maja ganz besorgt wurde. Aber die kleine Biene hatte
nun doch gemerkt, da sie nicht gar zuviel Gescheites von der Fliege
erfahren wrde.

Wissen Sie, woran Sie sehen knnen, da ich recht habe? fragte Puck,
und rieb sich die Hnde, als ob sie sie miteinander verknoten wollte,
zhlen Sie in einer Stube die Menschen und die Fliegen. Das Resultat
wird Sie in ungeahnter Weise in Erstaunen setzen.

Vielleicht haben Sie recht, sagte Maja, aber darauf kommt es nicht
an.

Glauben Sie brigens, ich sei diesjhrig? fragte Puck pltzlich.

Ich wei es nicht, antwortete Maja.

Ich habe berwintert, berichtete Puck stolz. Meine Erfahrungen gehen
bis in die Eiszeit. Sie fhren gewissermaen mitten hindurch. Darum
weile ich hier jetzt zur Erholung.

Mut haben Sie jedenfalls, meinte Maja.

O ja, rief Puck und machte einen kleinen Luftsprung in die Sonne. Die
Fliegen sind das khnste Geschlecht, das die Erde bevlkert. Sie werden
berall sehen, da wir stets nur dann flchten, wenn es besser ist, aber
wir kommen immer wieder. Haben Sie schon einmal auf einem Menschen
gesessen?

Maja verneinte und sah schrg und mitrauisch auf die Fliege. Sie wute
immer noch nicht recht, was sie von ihr halten sollte.

Nein, sagte sie nun, ich habe kein Interesse daran.

Weil Sie es nicht kennen, meine Liebe! Wenn Sie einmal das muntere
Spiel beobachtet htten, das ich daheim mit dem Menschen treibe, so
wrden Sie vor Neid auswandern. Trotzdem will ich es Ihnen erzhlen. In
meinem Zimmer wohnt ein lterer Mensch, der die Farbe seiner Nase durch
ein eigenartiges Getrnk pflegt, das in einem Eckschrank verborgen ist.
Es duftet betubend und s; wenn er darauf zugeht, um es sich zu holen,
lchelt er, und die Augen werden klein. Er nimmt ein Glschen, und wenn
er trinkt, schaut er zur Decke herauf, ob ich schon da bin. Ich nicke
ihm zu, und er fhrt sich mit der Hand ber Stirn, Nase und Mund, um mir
anzudeuten, wo ich spter sitzen soll. Dann blinzelt er und reit den
Mund auf, so weit er kann, und zieht die Vorhnge am Fenster zu, damit
die Nachmittagssonne uns nicht strt. Endlich legt er sich auf ein
Ruhebett, das Sofa genannt wird, und stt nach kurzer Zeit dumpfe
krchzende Laute aus, die er sicher fr schn hlt. Darber wollen wir
ein andermal reden, es ist der Schlummergesang des Menschen. Fr mich
ist es das Zeichen, mich zu nhern. Zunchst nehme ich meinen Anteil aus
dem Glase, den er fr mich zurckgelassen hat. Solch ein Trpflein hat
etwas auerordentlich Belebendes, ich verstehe den Menschen. Dann fliege
ich hinzu und nehme auf der Stirn des Ruhenden Platz. Sie liegt zwischen
der Nase und dem Haar und dient zum Denken. Man sieht es an den langen
Falten, die sich wie Furchen von rechts nach links ziehen, und die beim
Denken bewegt werden mssen, wenn etwas Rechtes dabei herauskommen soll.
Auch wenn der Mensch verdrielich ist, zeigt es sich dort, aber dann
laufen die Furchen von oben nach unten und ber der Nase bildet sich
eine runzelige Erhhung.

Sobald ich sitze und in den Furchen hin und her laufe, fngt der Mensch
an, mit der Hand in die Luft zu greifen. Er meint, ich sei dort
irgendwo. Weil ich auf seinen Denkfalten sitze, kann er nicht so rasch
herausbringen, wo ich mich eigentlich befinde. Aber endlich kommt er
dahinter. Er knurrt und greift nach mir. Na, wissen Sie, Frulein Maja,
oder wie Sie sich rufen lassen, da mu man sich vorsehen. Ich sehe die
Hand kommen, aber ich warte bis zuletzt, dann mache ich rasch einen
geschickten Flug zur Seite, setze mich und schau zu, wie er nachfhlt,
ob ich noch da bin. So geht es oft eine halbe Stunde lang, Sie haben
keine Ahnung, welch eine Ausdauer der Mensch hat. Endlich springt er auf
und lt allerlei Worte hren, die von seiner Undankbarkeit Zeugnis
ablegen. Aber was wollen Sie? Ein edles Herz rechnet nicht auf Entgelt.
Ich bin dann schon wieder oben an der Zimmerdecke und hre zu, wie er
undankbar ist.

Ich kann nicht eben sagen, da mir das sonderlich gefllt, meinte
Maja. Ist es nicht recht unntz?

Soll ich etwa eine Honigwabe auf seiner Nase anbauen? rief Puck. Sie
haben keinen Humor, meine Liebe. Was tun +Sie+ denn Ntzliches?

Die kleine Maja wurde ber und ber rot. Aber sie fate sich schnell,
um Puck ihre Verlegenheit nicht merken zu lassen.

Es wird ein Tag kommen, an dem ich etwas Schnes und Groes tue, das
gut und ntzlich ist, sagte sie schnell, aber erst will ich sehn, was
in der Welt vorgeht. Ich fhle es tief im Herzen, da es so kommen mu!

Und als die kleine Maja dies ausrief, fhlte sie, wie es hei in ihr
emporwallte vor Hoffnung und Begeisterung, aber Puck schien gar nicht zu
verstehn, wie ernst es ihr war und was sie innerlich bewegte. Sie machte
ihre aufgeregten kurzen Laufstrecken hin und her und meinte endlich:

Haben Sie vielleicht etwas Honig bei sich, meine Gute?

Es tut mir sehr leid, antwortete Maja, ich wrde Ihnen gern etwas
geben, zumal Sie mich so freundlich unterhalten haben, aber ich habe
nichts. Drfte ich vielleicht noch eine Frage stellen?

Schieen Sie los, sagte Puck, ich antworte immer.

Ich mchte von Ihnen wissen, wie ich in die Behausung des Menschen
gelangen kann.

Sie mssen hineinfliegen, sagte Puck weise.

Aber wie gelingt es mir ohne Gefahr?

Warten Sie, bis eins der Fenster geffnet ist, aber merken Sie sich den
Ausgang. Sollten Sie ihn nicht wiederfinden, so fliegen Sie spter am
besten dem Licht nach. Fenster finden Sie an jedem Haus genug, Sie
brauchen nur darauf zu achten, wo die Sonne sich spiegelt. Wollen Sie
denn schon fort?

Ja, antwortete Maja und gab Puck die Hand. Leben Sie wohl und erholen
Sie sich recht. Ich habe noch allerlei vor.

Und mit ihrem vertrauten leisen Summen, das immer ein wenig sorgenvoll
klang, hob die kleine Maja ihre glnzenden Flgel und flog in den
Sonnenschein hinaus auf die Blumenwiesen, um ein wenig Nahrung zu sich
zu nehmen.

Puck sah ihr nach, berlegte alles vorsichtig, was man etwa noch uern
knnte, und sagte dann nachdenklich:

Nun, schlielich, also! -- Warum auch nicht?




Siebentes Kapitel

+Majas Gefangenschaft bei der Spinne+


Nach dieser Begegnung mit der Fliege Puck war der kleinen Maja nicht
sonderlich froh zumute. Sie konnte sich unmglich denken, da Puck in
allem recht haben sollte, was sie ber den Menschen gesagt hatte und wie
sie sich zu ihm stellte. Maja dachte so ganz anders vom Menschen. Sie
hatte ein hohes und schnes Bild von ihm und strubte sich dagegen,
etwas Geringes und Lcherliches von ihm zu glauben. Aber sie wagte es
doch nicht, sich in seine Behausung zu begeben. Wie sollte sie wissen,
ob es ihm angenehm war, und um alles in der Welt wollte sie niemandem
zur Last fallen. Sie dachte noch einmal ber alles nach, was Kassandra
ihr erzhlt hatte: Die Menschen sind gut und weise, hatte sie ihr
gesagt. Sie sind sehr stark und mchtig, aber sie mibrauchen ihre
Krfte nicht, sondern berall, wo sie hinkommen, entsteht Ordnung und
Wohlstand. Sie sind dem Volk der Bienen wohlgesinnt, darum vertrauen wir
Bienen uns ihrem Schutz an und teilen unseren Honig mit ihnen. Sie
lassen uns genug fr den Winter und sorgen dafr, da der Frost und die
groe Schar der Feinde, die wir unter den Tieren haben, uns nicht stren
oder vernichten. Es gibt wenig freie Tiere in der Welt, die solch ein
Verhltnis von Freundschaft und freiwilliger Dienstbarkeit mit den
Menschen eingegangen sind. Du wirst immer wieder unter den Insekten
Stimmen hren, die dem Menschen Bses nachsagen. Hre nicht auf sie.
Wenn ein betrtes Bienenvolk sich einmal in die Wildnis begibt und sein
Heil ohne den Menschen versucht, geht es rasch zugrunde. Es gibt zu
viele Wesen, die Verlangen nach unserm Honig tragen, und oft ist ein
ganzer Staat ruchlos vernichtet worden, mit seinen Bauten und seiner
Brut, nur weil ein unvernnftiges Tier seine Begierde nach dem Honig
stillen wollte. So hatte ihr Kassandra damals erzhlt, und solange sich
Maja nicht vom Gegenteil berzeugt hatte, wollte sie an die Wahrheit
dieser Worte glauben.

Es war schon Nachmittag geworden, und die Sonne stand hinter den
Obstbumen eines groen Gemsegartens, den Maja durchflog. Die Bume
waren lngst verblht, aber die kleine Biene entsann sich noch gut, sie
alle in ihrem leuchtenden Glanz von unzhligen Blten gesehen zu haben,
die sich heller als das Licht und betrend rein und lieblich gegen den
blauen Himmel emporgehoben hatten. Der se Duft und der lichte Schimmer
hatten sie zu einer Seligkeit berauscht, die sie in ihrem Leben niemals
vergessen wollte.

Sie dachte nun im Dahinfliegen darber nach, da das alles wiederkommen
sollte, und ihr Herz wurde weit vor Glck ber die Herrlichkeit der
groen Erde, auf der sie leben durfte.

Am Ende des Gartens schimmerten die weien Sternenbschel des Jasmin,
mit ihren zarten gelben Angesichtern, mitten im Strahlenkranz von reinem
Wei. Der sanfte Wind trug ihr den sen Duft entgegen. Und gab es nicht
auch noch Linden, die in dieser Jahreszeit in voller Blte standen? Und
Maja dachte beglckt an die groen, ernsten Linden, in deren Wipfel bis
zuletzt das rtliche Glhen der Abendsonne stand.

Sie flog zwischen Brombeerranken hindurch, die schon grne Beeren
angesetzt hatten, aber auch noch Blten trugen. Als sie wieder empor
wollte, um zum Jasmin zu gelangen, legte sich pltzlich etwas
Fremdartiges ber ihre Stirn und ber ihre Schultern, ebenso rasch
bedeckte es die Flgel, so da sie wie gelhmt wurden und Maja in dem
seltsamen Wunder dieser fremden Erscheinung das Bewutsein hatte,
pltzlich in ihrem Flug gehemmt zu sein und das Gefhl, zu fallen,
kraftlos niederzufallen, als hielte eine heimliche, bse Gewalt ihre
Fhler, ihre Beine und ihre Flgel in unsichtbarer Gefangenschaft. Aber
sie fiel nicht. Obgleich sie ihre Flgel nicht mehr bewegen konnte,
schwebte sie doch, wunderbar weich und zart und nachgiebig hielt es sie,
hob sie ein wenig, senkte sie wieder und trieb sie hin und her, als
spielte ein sanfter Wind mit einem gelsten Blatt.

Die kleine Maja berkam ein Gefhl von Bengstigung, aber recht frchten
konnte sie sich noch nicht, da sie weder Schmerzen empfand, noch
eigentlich ein Unbehagen versprte. Nur seltsam war es, ganz seltsam,
und dahinter lauerte etwas Bses. Sie wollte doch sehn, da sie weiter
kam. Wenn sie sich recht anstrengte, so wrde es ihr sicher gelingen.

Da sah sie quer ber ihrer Brust einen unendlich feinen, dehnbaren
Silberfaden, und als sie rasch und in heiem Schreck danach griff, blieb
er an ihrer Hand hngen, klebte fest und lie sich nicht mehr lsen. Und
dort lief ein zweiter Silberfaden ber ihre Schulter, zog sich ber die
Flgel hin und verband sie miteinander, so da sie sie nicht mehr heben
konnte. Und dort und dort, berall in der Luft und ber ihren Krper hin
liefen diese hellen, glitzernden, klebrigen Fden.

Die kleine Maja schrie laut auf vor Entsetzen, denn nun hatte sie
erkannt, was ihr geschehn war und wo sie sich befand. Sie war im Netz
der Spinne.

Ihr Weinen und Rufen scholl laut und angstvoll in die stille sommerliche
Runde, in der der Sonnenschein auf goldgrnen Blttern blinkte, in der
Insekten hin und her flogen und Vgel sich durch die Luft warfen. Ganz
nah duftete der Jasmin im Blau. Dorthin hatte sie gewollt, nun war es
mit ihr zu Ende.

Ein kleiner blulicher Schmetterling, der braune Pnktchen, die wie
Kupfer schimmerten, auf seinen Flgeln hatte, kam ganz dicht an Maja
vorber.

Ach Arme, rief er, als er das Jammern der kleinen Maja hrte und sie
verzweifelt im Netz der Spinne zappeln sah. Mchte Ihnen der Tod leicht
werden, Sie Liebe. Ich kann Ihnen nicht helfen. Auch mich trifft es
einmal, vielleicht schon diese Nacht. Aber noch ist es schn fr mich.
Leben Sie wohl, vergessen Sie die Sonne nicht in Ihrem tiefen
Todesschlaf.

Und er schaukelte weiter, ganz betubt vom Blhn und von der Sonne und
von seiner Lebensseligkeit.

Der kleinen Maja strzten die Trnen aus den Augen, und sie verlor allen
Halt und jede Gefatheit. Hin und her stie sie sich mit ihren
gefesselten Flgeln und Beinchen, schrie und summte, so laut sie konnte,
und rief um Hilfe und wute nicht wen. Und dabei verwickelte sie sich
immer fester in das Netz. Ach, nun gingen ihr in ihrer groen Angst die
Warnungen Kassandras durch den Sinn: Hte dich vor dem Netz der Spinne,
in ihrer Gewalt erleiden wir den grausamsten Tod. Sie ist herzlos und
tckisch und lt niemanden wieder frei.

Ihre Todesangst wurde zur Verzweiflung, mit ihren letzten Krften machte
sie eine gewaltige Anstrengung, aber obgleich sie die Empfindung hatte,
als risse irgendwo eines der langen, strkeren Tragseile, in denen
das Netz hing, so sprte sie doch das furchtbare Verhngnis des
Spinnennetzes, das darin bestand, da es um so gefhrlicher wirkte,
je mehr man sich darin bewegte.

Als sie in vlliger Erschpfung einen Augenblick innehielt, sah sie
unter einem groen Brombeerblatt, ganz in ihrer Nhe, die Spinne sitzen.
Ihr Entsetzen war unbeschreiblich, als sie das groe Ungeheuer ganz
ernst und still wie zu einem Sprung geduckt unter dem Blatt hocken sah.
Die Spinne sah mit bsen funkelnden Augen auf die kleine Maja, in einer
boshaften Geduld und grauenhaft kaltbltig.

Maja stie einen lauten Schrei aus. Ihr war, als habe sie noch niemals
so voller Angst aufgeschrien. Schlimmer konnte auch der Tod selbst nicht
aussehen, als dieses graue, behaarte Ungetm mit seinem bsen Gebi und
den hochstehenden Beinen, in denen der plumpe Krper wie in einem
Gestell hockte. Und nun gleich wrde sie zustrmen, und mit ihrem Leben
war es zu Ende.

Da befiel Maja ein furchtbarer Zorn, wie sie ihn niemals gefhlt hatte.
Sie stie ihren hellen, bsen Kampfruf aus, den alle Tiere kennen und
frchten, und verga ihre Angst und ihr Herzeleid und war nur noch
darauf aus, ihr Leben so teuer als mglich zu verkaufen.

Sie werden Ihre Hinterlist mit dem Tode ben, schrie sie der Spinne
entgegen. Kommen Sie nur her, um mich zu tten, Sie werden erfahren,
was eine Biene vermag.

Die Spinne rhrte sich nicht. Es war wirklich auerordentlich unheimlich
und htte sicher auch grere Tiere gengstigt, als die kleine Maja
eines war.

Mit der Kraft ihres Zorns machte sie eine letzte verzweifelte
Anstrengung. Knack! Da ri ber ihr ein langer Faden, der das Netz an
einer Seite hielt. Es war sicher fr kleine Mcken oder Fliegen
berechnet und nicht fr so groe Insekten, wie es Bienen sind. Aber Maja
verwickelte sich nur noch rger.

Da glitt die Spinne mit einem Ruck nher, ganz dicht bis an die kleine
Maja heran, auf einem einzigen Faden, an dem sie mit den beweglichen
Beinen heranturnte, so da ihr Krper nach unten hing.

Was berechtigt Sie dazu, mir mein Netz zu zerstren? sagte sie mit
krchzender Stimme zu Maja. Was wollen Sie hier? Ist die Welt nicht
gro genug? Was stren Sie eine friedliche Einsiedlerin?

Das hatte die kleine Maja nicht erwartet. Nein, das wirklich nicht.

Es war ein Versehen, rief sie, und zitterte vor Glck und Hoffnung.
So hlich die Spinne auch war, so schien sie doch keine bsen Absichten
zu haben. Ich habe leider Ihr Netz nicht beachtet und habe mich
verwickelt. Ach, entschuldigen Sie.

Die Spinne kam etwas nher.

Sie sind ja eine ganz dralle kleine Person, sagte sie, und lie sich
abwechselnd erst mit dem einen, dann mit dem andern Bein etwas los. Der
Faden schwankte. Es war wirklich erstaunlich, da ein so dnner Faden
die groe Spinne trug.

Ach, helfen Sie mir los, bat Maja, ich will mich erkenntlich zeigen,
so gut ich kann.

Deshalb bin ich gekommen, sagte die Spinne und lchelte merkwrdig.
Trotz dieses Lchelns sah sie heimtckisch und bse aus. Sie zerstren
mir ja mit Ihrem Gezappel das ganze Netz. Wenn Sie einen Augenblick
stillhalten, will ich Sie befreien.

Vielen, vielen Dank, rief Maja.

Die Spinne war nun ganz dicht neben ihr. Sie berzeugte sich genau, wie
fest Maja sich schon verwickelt hatte.

Wie ist es mit dem Stachel? fragte sie.

Nein, wie bse und garstig sah sie aus. Maja schttelte es ordentlich
vor Entsetzen, wenn sie daran dachte, da die Spinne sie nun berhren
wollte. Aber sie sagte so freundlich, als sie vermochte:

Machen Sie sich wegen meines Stachels keine Sorge. Ich werde ihn
einziehn und dann verletzt sich niemand daran.

Das bitte ich mir aus, sagte die Spinne. Also! Aufgepat! Still
gehalten! Es ist wirklich schade um mein Netz.

Die kleine Maja hielt still. Sie fhlte sich pltzlich herumgewirbelt,
immer auf demselben Fleck, so da ihr ganz schwindlig zumute wurde. Sie
mute die Augen schlieen, und ihr wurde bel. -- Aber was war das?!
Entsetzt ri sie die Augen auf. Sie war ber und ber eingewickelt von
einem ganz frischen klebrigen Faden, den die Spinne bei sich gehabt
haben mute.

O du lieber Gott, sagte die kleine Maja leise und mit bebender Stimme.
Mehr sagte sie nicht. Nun war es zu Ende. Nun erkannte sie die
Hinterlist der Spinne. Nun erst war sie gefangen, nun gab es kein
Entrinnen mehr. Sie konnte keinen Flgel, kein Glied ihres Krpers mehr
bewegen.

Ihr Zorn und ihre Wut waren verflogen, nur eine groe Traurigkeit kam
ber ihr Herz. Ich habe nicht gewut, da es soviel Schlechtigkeit und
Bosheit in der Welt gibt, dachte sie. Nun kommt meine tiefe Todesnacht,
leb' wohl, helle Sonne, lebt wohl, meine lieben Gefhrten, warum hab'
ich euch verlassen? Lebt alle wohl. Ich mu sterben.

Die Spinne sa vorsichtig ein wenig beiseit. Sie frchtete sich immer
noch vor dem Stachel der kleinen Maja.

Nun? fragte sie spttisch, wie befinden Sie sich, meine Kleine?

Maja war zu stolz, dieser Falschen noch zu antworten. Nur nach einer
Weile, als sie glaubte, ihre Traurigkeit nicht mehr ertragen zu knnen,
sagte sie:

Tten Sie mich bitte gleich.

I wo, sagte die Spinne und verknotete ein paar zerrissene Fden,
meinen Sie, ich wre so dumm wie Sie? Sterben tun Sie sowieso, wenn man
Sie nur lange genug hngen lt, und ich kann Ihnen Ihr Blut auch noch
aussaugen, wenn Sie nicht mehr stechen knnen. Es ist nur schade, da
Sie nicht mehr sehen knnen, wie Sie mein schnes Netz zugerichtet
haben, dann wrden Sie Ihren Tod wenigstens als gerecht empfinden.

Sie lie sich blitzschnell bis an die Erde nieder, legte das Ende des
neugesponnenen Fadens um einen kleinen Stein und zog es fest an.

Dann kam sie wieder herauf, ergriff das feste Seil, an dem die
eingewickelte Maja hing, und schleppte es langsam mit ihrer Gefangenen
fort.

Sie kommen in den Schatten, meine Liebe, sagte sie, damit die Sonne
Sie nicht austrocknet. Da oben wirken Sie mir auch zu abschreckend auf
andere Leutchen, die nicht aufpassen knnen. Und die Grasmcken kommen
auch zuweilen auf den Gedanken, mein Netz zu plndern. Und damit Sie
wissen, mit wem Sie zu tun haben: Ich heie Thekla, von der Familie der
Kreuzspinnen. Ihren Namen brauchen Sie mir nicht zu nennen, er ist
gleichgltig, ein fetter Bissen sind Sie jedenfalls.

Da hing nun die kleine Maja tief im Schattendunkel des Brombeerbusches
dicht ber der Erde, der Grausamkeit der Spinne hilflos berliefert, die
vorhatte, sie langsam verhungern zu lassen. Da sie mit dem Kpfchen nach
unten hing, fhlte sie bald, da sie diese schreckliche Lage nicht lange
aushalten wrde. Sie wimmerte leise vor sich hin, und ihre Hilferufe
wurden immer schwcher. Wer auch sollte ihr helfen? Die Ihren daheim
wuten nichts von dem Leid, das ihr widerfahren war, und konnten nicht
zu ihrer Befreiung herbeieilen.

Da hrte sie pltzlich unter sich im Gras jemanden mimutig brummen, und
sie verstand die Worte:

Ich komme, das gengt fr alle, um Platz zu machen!

Ihr gengstigtes Herz begann strmisch zu klopfen, denn sie erkannte an
der Stimme sogleich den Mistkfer Kurt, den sie damals bei der Grille
Iffi belauscht hatte, und dem sie geholfen hatte, sich aus seiner bsen
Lage wieder aufzurichten.

Kurt, rief sie, so laut sie konnte, lieber Kurt!

Machen Sie Platz, rief der blaue Kurt, der es in der Tat war.

Ich bin Ihnen ja nicht im Weg, Kurt, rief Maja, ach, ich hnge hier
ber Ihnen, die Spinne hat mich gefangen.

Aber wer sind Sie denn? fragte Kurt. Ich bin sehr bekannt, berall,
das werden Sie jetzt voraussichtlich zugeben?

Ich bin die Biene Maja. O bitte, bitte, helfen Sie mir!

Maja? Maja? -- Ach, ich erinnere mich. Sie lernten mich vor einigen
Wochen kennen. Sapperlot, Sie sind allerdings in einer fatalen Lage, das
mu ich zugeben, da ist freilich meine Hilfe ntig. Da ich
augenblicklich Zeit habe, werde ich sie Ihnen nicht verweigern.

O lieber Kurt! Knnen Sie diese Fden zerreien?

Diese Fden? Wollen Sie mich beleidigen? Kurt schlug mit der Hand auf
die Muskeln seines Arms. Sehen Sie her, Kleine, das ist so gut wie
reinster Stahl! So was an Kraft finden Sie so leicht nicht wieder. Ich
nehme andere Dinge auf mich, als ein paar Spinnweben zu zerschmettern.
Sie werden Ihr Wunder erleben.

Er kroch an dem Blatt empor, ergriff den Faden, an dem die kleine Maja
hing, hielt sich daran fest und lie dann das Blatt los. Der Faden ri
und beide fielen zu Boden.

Das wre der Anfang, sagte Kurt. Aber Sie zittern ja, kleine Maja,
ach Arme, wie bla Sie sind. Wer wird sich denn so vor dem Tode
frchten? Dem Tod mu man ruhig ins Auge sehn, wie ich es zu tun pflege.
So, nun werde ich Sie auspacken.

Es war der kleinen Biene unmglich, ein Wort zu sprechen. Helle
Freudentrnen liefen ihr ber die Wangen. Sie sollte frei werden, sie
sollte wieder im Sonnenschein fliegen, wohin sie wollte, sie sollte
leben.

Da sah sie ber sich die Spinne die Brombeerranke herunterkommen.

Kurt, schrie sie, die Spinne kommt!

Kurt lie sich nicht stren, er lachte nur vor sich hin. Er war
allerdings ein auerordentlich starker Kfer.

Die berlegt es sich noch, sagte er ruhig.

Aber da erklang schon die bse krchzende Stimme ber ihnen:

Ruber! Zu Hilfe! Man beraubt mich. Was haben Sie dicker Lmmel mit
meiner Beute zu schaffen?!

Regen Sie sich nicht auf, Madame, sagte Kurt. Ich werde mich wohl
noch mit meiner Freundin unterhalten drfen. Wenn Sie noch ein Wort
sagen, was mir nicht gefllt, so zerreie ich Ihnen Ihr ganzes Netz.
Nun? Warum sind Sie denn pltzlich so schweigsam?

Ich bin eine geschlagene Frau, antwortete die Spinne.

Das tut nichts zur Sache, meinte Kurt. Jetzt machen Sie, da Sie
weiterkommen!

Die Spinne warf einen haerfllten und giftigen Blick auf Kurt, aber
dann sah sie zu ihrem Netz empor und berlegte sich die Sache. Langsam
kehrte sie um und schalt leise und grimmig vor sich hin. Da ntzte
allerdings kein Bi und kein Stich, gegen einen solchen Panzer, wie Kurt
ihn trug, war nicht anzukommen.

Sie klagte auf das heftigste ber die Ungerechtigkeit der Umwelt und
versteckte sich fr alle Flle vorlufig in einem welken Blatt, von dem
aus sie ihr Netz bersehen konnte.

Inzwischen war Kurt unten mit der Befreiung der kleinen Maja zu Ende.
Er hatte die Gewebe zerrissen, ihre Flgel und Beinchen befreit, und
den Rest konnte sie nun selbst bernehmen. Sie putzte sich froh und
glcklich, wenn auch nur langsam, weil sie sehr geschwcht war von ihrer
Angst und immer noch zitterte.

Sie mssen es vergessen, sagte Kurt, dann hrt das Zittern auf.
Versuchen Sie mal, ob Sie fliegen knnen.

Maja erhob sich mit leisem Summen, es ging vortrefflich, und sie
erkannte zu ihrer Freude, da keins ihrer Glieder beschdigt war. Sie
flog langsam bis zu den Jasminbschen hinauf, trank gierig von dem
duftenden Honigsaft, den sie in groer Flle fand, und kehrte dann zu
Kurt zurck, der das Brombeergebsch verlassen hatte und im Gras sa.

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, sagte Maja, tief ergriffen vom
Glck ihrer neuen Freiheit.

Es ist schon sehr dankenswert, was ich getan habe, meinte Kurt, aber
ich bin immer so. Nun fliegen Sie nur weiter. Ich wrde Ihnen raten,
sich heute abend frh aufs Ohr zu legen. Haben Sie weit bis nach Haus?

Nein, antwortete Maja, nur ein paar Minuten, ich wohne am Buchenwald.
Leben Sie wohl, Kurt, ich werde Sie nie vergessen. Nie will ich Sie
vergessen in meinem ganzen Leben.




Achtes Kapitel

+Die Wanze und der Schmetterling+


Die Gefangenschaft bei der Spinne hatte der kleinen Maja doch zu denken
gegeben. Sie beschlo vorsichtiger zu werden, und sich knftig nicht
mehr allzu rasch einzulassen. Wenn Kassandra sie auch ber die grten
Gefahren, die den Bienen drohen, unterrichtet hatte, so war doch die
Welt zu gro, und es gab zu vielerlei Mglichkeiten, als da man nicht
allen Grund gehabt htte, nachdenklich zu werden. Besonders des Abends,
wenn die Dmmerung ber das Land niedersank, kamen der kleinen Biene
mancherlei Erwgungen in ihrer Einsamkeit; schien aber am andern Morgen
die Sonne, so verga sie fr gewhnlich die Hlfte ihrer Besorgnisse und
lie sich durch ihr Verlangen nach Erlebnissen aufs neue in den bunten
Lebensstrudel hinaustreiben.

Eines Tages begegnete ihr in einem Himbeergebsch ein merkwrdiges Tier.
Es war eckig und seltsam platt, hatte aber eine hbsche Zeichnung auf
seinem Rckenschild, von dem man nicht recht sagen konnte, ob es Flgel
waren oder nicht. Das seltsame kleine Ungeheuer sa ganz still mit
halbgeschlossenen Augen auf einem Blatt im Schatten im Duft der
Himbeeren und schien nachzudenken.

Maja wollte wissen, was das fr ein Tier war. Sie flog ganz in die Nhe,
setzte sich auf ein benachbartes Blatt und grte. Die Fremde antwortete
nicht.

Sie! sagte Maja und stie das Blatt der Fremden an, so da es etwas
wackelte. Da ffnete das platte Geschpf langsam ein Auge, schaute Maja
damit an und sagte:

Eine Biene. Nun ja, es gibt viele Bienen. Und dann machte es sein Auge
wieder zu.

Wie eigenartig, dachte die kleine Maja, aber sie beschlo doch, hinter
das Geheimnis der Fremden zu kommen. Nun war sie ihr erst recht
interessant geworden, wie Leute es oft werden, die nichts von uns wissen
wollen. Maja versuchte es mit etwas Honig. Ich habe reichlich, sagte
sie, wenn ich Ihnen vielleicht etwas anbieten darf?

Die Fremde machte ihr Auge wieder auf und schaute Maja eine Weile
sinnend an. Was wird sie diesmal sagen, dachte die Biene. Aber es kam
keine Antwort, nur das Auge schlo sich wieder, und die Fremde blieb
still sitzen, ganz fest an das Blatt geschmiegt, so da man nichts von
ihren Beinen sah und fast glauben konnte, es htte sie jemand mit dem
Daumen so fest an das Blatt gepret, da sie darber platt geworden war.

Maja merkte nun wohl, da die Fremde nichts von ihr wissen wollte, aber
wie es einem so geht, man mchte nicht gern so unhflich verabschiedet
werden, am wenigsten ohne zu seinem Ziel gelangt zu sein. Das wre ja
gradezu eine Blamage gewesen, und die erlebt niemand gern.

Wer immer Sie sein mgen, rief Maja, merken Sie sich, da man in der
Insektenwelt einen Gru zu erwidern pflegt, ganz besonders aber dann,
wenn er von einer Biene geboten wird.

Es blieb ganz still, und nichts rhrte sich. Die Fremde machte ihr Auge
nicht mehr auf.

Dies Tier ist krank, dachte sich Maja. Wie unangenehm, an einem so
schnen Tage krank zu sein, darum sitzt es auch im Schatten. Sie flog
auf das Blatt der Fremden und setzte sich neben sie.

Meine Liebe, fragte sie freundlich, was fehlt Ihnen?

Da begann das fremde Tier sich fortzubewegen, auf ganz absonderliche
Art, als ob es von einer unsichtbaren Hand geschoben wrde. Es hat keine
Beine, dachte Maja, deshalb ist es so verstimmt. Am Stiel des Blattes
machte es halt, und nun sah Maja zu ihrer Verwunderung, da es einen
kleinen braunen Tropfen zurckgelassen hatte. Wie apart, dachte sie,
aber da verbreitete sich pltzlich ein furchtbarer Geruch in der Luft,
der von diesem braunen Tropfen ausging. Die Biene wurde beinahe betubt,
so eindringlich und widerwrtig war dieser Geruch, und so rasch sie
konnte, flog sie empor und setzte sich auf eine Himbeere, hielt sich die
Nase zu und schttelte sich vor Aufregung und Entsetzen.

Ja, warum lassen Sie sich mit einer Wanze ein, sagte jemand ber ihr
und lachte.

Lachen Sie nicht! rief Maja.

Sie sah sich um. ber ihr auf einem feinen schaukelnden Trieb des
Himbeerbusches sa ein weier Schmetterling. Er klappte seine groen
Flgel langsam auf und wieder zu, lautlos und von der Sonne beglckt.
Seine Flgel hatten schwarze Ecken, auch waren mitten darauf runde
schwarze Punkte, auf jedem Flgel einer, so da es zusammen vier waren.
Maja hatte schon viele Schmetterlinge gesehen, aber sie hatte noch
keinen kennengelernt. Vor Entzcken ber seine Schnheit verga sie
ihren Verdru.

Ach, sagte sie, Sie haben vielleicht ganz recht, wenn Sie lachen. War
das eine Wanze?

Der Schmetterling nickte. Aber sicher war es eine, sagte er, immer
noch lchelnd, mit denen lt man sich nicht ein. Sie sind wohl noch
sehr jung?

Nun, meinte Maja, das will ich nicht grade behaupten. Ich habe groe
Erfahrungen gemacht. Aber so ein Tier ist mir noch nicht vorgekommen.
Wer tut denn so was?

Der Schmetterling mute wieder lachen.

Die Wanzen, erzhlte er, sind gern allein, und weil sie im
allgemeinen nicht sehr beliebt sind, versuchen sie sich auf diese Art
bemerkbar zu machen. Man wrde sie sonst wahrscheinlich bald vergessen,
aber auf diese Art denkt man an sie. Das wollen sie jedenfalls.

Wie schn Ihre Flgel sind, sagte Maja, so leicht und wei. Darf ich
mich Ihnen vorstellen? Ich heie Maja, vom Volk der Bienen.

Der Schmetterling legte seine Flgel zusammen, so da es aussah, als
habe er nur einen, sie standen grade in die Luft empor. Er verbeugte
sich ein wenig und sagte nur ganz kurz:

Fritz.

So hie er. Maja konnte sich nicht satt sehen an seinen Flgeln.
Fliegen Sie mal, sagte sie.

Soll ich fortfliegen?

O nein, antwortete Maja, ich mchte nur sehen, wie Ihre groen weien
Flgel sich in der blauen Luft bewegen, aber ich kann es ja auch spter
noch sehen. Wo wohnen Sie?

Ich habe keine bestimmte Wohnung, sagte Fritz, man hat zu viel
Umstnde damit. Seit ich ein Schmetterling bin, ist das Leben erst
wirklich schn. Frher, als ich eine Raupe war, kam man den ganzen Tag
nicht von den Kohlblttern herunter, fra und zankte sich.

Wie meinen Sie das? fragte Maja erstaunt.

Frher war ich eine Raupe, sagte Fritz.

Ausgeschlossen, rief Maja.

Na, hren Sie mal, meinte Fritz und richtete seine beiden Fhler grade
auf Maja, das wei doch jeder, das wei sogar der Mensch.

Die kleine Maja wurde ganz befangen. Ob so etwas in der Welt mglich
war?

Da mssen Sie sich erst deutlicher erklren, sagte sie zweifelnd, so
ohne weiteres werde ich das nicht glauben. Das knnen Sie nicht
verlangen.

Der Schmetterling setzte sich neben die Biene auf den kleinen
schwankenden Zweig des Busches, und sie schaukelten nebeneinander im
Morgenwind. Er erzhlte ihr, wie er eines Tages als Raupe begonnen habe
sich einzuspinnen, bis nichts mehr kenntlich war als eine unscheinbare
braune Hlle, die Puppe genannt wrde. Und nach wenig Wochen, fuhr er
fort, erwachte ich aus meinem dunklen Schlaf und zerbrach meine Hlle.
Ich kann Ihnen niemals schildern, Maja, wie einem nach so einer Zeit
zumute ist, wenn man pltzlich die Sonne wieder sieht. Mir war zumute,
als verginge ich in einem warmen goldenen Meer, und ich habe mein Leben
so geliebt, da ich Herzklopfen bekam.

Das kann ich verstehn, sagte Maja, es ist mir ebenso gegangen, als
ich zum erstenmal aus unserer dsteren Stadt in den hellen Bltenduft
hinausflog. Und die kleine Biene wurde einen Augenblick ganz still,
weil sie an ihren ersten Ausflug denken mute. Aber dann wollte sie
wissen, wie die groen Flgel des Schmetterlings in der kleinen Hlle
htten wachsen knnen.

Fritz erklrte es ihr.

Sie sind leicht und fein zusammengelegt, wie die Bltenbltter einer
Blume in einer Knospe. Wenn es hell und warm wird, mu die Blume sich
ffnen, sie kann nicht anders, und ihre Bltter entfalten sich. So ist
es auch mir mit meinen Flgeln gegangen. Niemand kann widerstehn, wenn
die Sonne scheint.

Doch, sagte Maja, das ist wahr. Nachdenklich betrachtete sie den
weien Schmetterling, wie er im goldenen Morgenlicht sa, gegen den
blauen Himmel.

Man sagt uns oft nach, wir seien leichtsinnig, sagte Fritz, aber im
Grunde sind wir nur glcklich. Sie glauben nicht, wie ernst ich oft ber
das Leben nachdenke.

Was haben Sie alles ausgedacht? fragte Maja.

ber die Zukunft denke ich nach, sagte der Schmetterling, sie ist
sehr interessant. Aber nun will ich fliegen, die Wiesen am Berghang
stehn voll Glockenblumen und Schafgarbe, alles blht dort; ich mchte
dabei sein, wissen Sie.

Maja verstand das gut, und sie verabschiedeten sich und flogen nach
verschiedenen Seiten davon, der weie Schmetterling lautlos und
schaukelnd, als trge ihn der sanfte Wind, und die kleine Maja mit ihrem
sorgenvollen Summen, das wir an schnen Tagen ber den Blumen hren und
nie vergessen knnen, wenn wir an den Sommer denken.




Neuntes Kapitel

+Hannibals Kampf mit dem Menschen+


In der Nhe der Baumhhle, in der die kleine Maja ihre Sommerwohnung
aufgeschlagen, hatte sich in der Rinde der Kiefer der Borkkfer Fridolin
mit seiner Familie angesiedelt. Er war ein arbeitsamer und ernster Mann,
der viel Sorgfalt auf die Fortpflanzung seiner Familie legte und es auf
diesem Gebiet zu hbschen Erfolgen gebracht hatte. Er sah mit Stolz auf
etwa fnfzig regsame Shne zurck, die alle zu den besten Hoffnungen
berechtigten. Sie gruben sich unter der Baumrinde jeder seinen kleinen
gewundenen Kanal und fhlten sich darin wohl.

Meine Frau hat es so eingerichtet, da keiner dem anderen in die Quere
kommt, sagte Fridolin zu Maja. Meine Shne kennen sich noch nicht,
ihre Lebenswege gehn alle nach verschiedenen Richtungen.

Maja kannte Fridolin schon lange. Sie wute wohl, da die Menschen ihn
und sein Geschlecht nicht eben liebten, aber sie selbst fand sein Wesen
und seine Gesinnungsart sehr liebenswrdig und hatte bisher nicht Grund
gehabt, ihn zu meiden. Morgens, wenn der Wald noch schlief und die Sonne
noch nicht aufgegangen war, hrte sie oft sein feines Pochen und Bohren,
ganz leise klang es wie ein feines Rieseln, oder als atmete der Baum im
Schlaf. Spter fand sie dann den dnnen braunen Staub, den er aus seinem
Gang geschafft hatte.

Eines Morgens kam er frh zu ihr, wie er es oft tat, und erkundigte sich
danach, ob Maja gut geschlafen habe.

Fliegen Sie heute nicht? fragte er.

Nein, sagte Maja, es ist zu windig.

Das war es in der Tat. Der Wald brauste und schttelte seine ste wild
und aufgeregt, und die Bltter an seinen Zweigen sahen aus, als ob sie
fortflattern wollten. Jedesmal, wenn wieder ein Windsto kam, wurde es
etwas heller umher, und man hatte den Eindruck, als wren die Bume um
vieles kahler. In der Kiefer, auf der Fridolin und Maja lebten, pfiffen
die Stimmen des Windes mit ganz hellem Sausen, es klang, als ob der Baum
erregt und zornig sei.

Fridolin seufzte. Ich habe die ganze Nacht gearbeitet, erzhlte er,
was bleibt einem brig? Man mu sehn, da man etwas erreicht. Ich bin
auch mit dieser Kiefer nicht recht zufrieden, ich htte mich an eine
Tanne heranmachen sollen. Er trocknete sich die Stirn und lchelte
nachsichtig.

Wie geht es Ihren Kindern? fragte Maja freundlich.

Fridolin dankte. Ich berseh die Sache nicht mehr recht, sagte er
zgernd, aber ich gebe mich der Hoffnung hin, da alle gedeihn.

Wie er so dasa, ein kleiner brauner Mann, mit seinem Brustschild, das
aussah wie ein viel zu groer Kopf, und seinen kurzen, etwas gestutzten
Flgeldecken, fand Maja, da er beinahe etwas komisch wirkte, aber sie
wute wohl, da er ein gefhrlicher Kfer war und den mchtigen
Waldbumen groen Schaden tun konnte. Fiel sein Volk in groen Scharen
ber einen Baum her, so war es bald um seine grnen Nadeln geschehen, er
mute welken und sterben und hatte keine Mittel, sich gegen die kleinen
Ruber zu wehren, die ihm seine Rinde zerstrten, durch die der Saft in
die Wipfel steigt. Man erzhlte, da seinem Volke schon ganze Wlder zum
Opfer gefallen seien. Maja betrachtete ihn nachdenklich, und ihr ward
ganz feierlich zumute, wenn sie bedachte, wie bedeutungsvoll und mchtig
dies kleine Tier werden konnte.

Da seufzte Fridolin und sagte bekmmert. Ach, das Leben wre schn,
wenn es keine Spechte gbe.

Ja, ja, nickte Maja, der Specht, das ist wahr, er frit auf, was er
findet.

Wenn es nur das wre, meinte Fridolin, wenn leichtsinnige Leute, die
sich auen auf der Rinde umhertreiben, ihm als Beute zufielen, wrde ich
sagen: Gut, schlielich will auch ein Specht leben. Aber ich finde es
unverantwortlich, da dieser Vogel einen bis unter die Rinde verfolgt,
bis in die Schlupfwinkel und bis tief in unsere Gnge hinein.

Nein, sagte Maja, das kann er nicht. Dazu ist er zu gro, soviel ich
wei.

Fridolin sah Maja mit hochgezogenen Brauen an und nickte ein paarmal
gewichtig mit dem Kopf. Es machte ihm offenbar Spa, da er etwas besser
wute.

Zu gro? fragte er, wer spricht von seiner Gre? Nein, meine Liebe,
seine Gre ist es nicht, die uns besorgt macht, sondern seine Zunge.

Maja machte groe Augen, und nun erfuhr sie von Fridolin, da der Specht
eine lange dnne Zunge hat, rund wie ein Wurm, und spitz und klebrig.
Zehnmal so lang, wie ich es bin, kann er sie mindestens
herausstrecken, rief der Borkkfer und schwenkte den Arm. Man denkt,
jetzt ist sie zu Ende, da wird sie noch lnger. Er schiebt sie,
gewissenlos wie er ist, tief in alle Spalten und Risse der Rinde und
denkt: vielleicht sitzt jemand darin. Sogar in unsere Kanle dringt
diese Zunge ein, Gott wei es, und was mit ihr in Berhrung kommt, klebt
daran fest und wird herausgezogen.

Ich bin nicht feige, sagte Maja, bestimmt nicht, aber diese Tatsache
macht mich doch recht besorgt.

Ach, Sie mit Ihrem Stachel haben es gut, meinte Fridolin nicht ohne
Neid. Jeder besinnt sich, eh er sich in die Zunge stechen lt, fragen
Sie, wen Sie wollen. Aber was soll unsereiner sagen? Meine Cousine hat
es durchgemacht. Wir hatten vorher einen kleinen Streit wegen meiner
Frau gehabt, ich wei noch alles genau, sie war bei uns auf Besuch und
kannte die Wohnungsverhltnisse noch nicht so recht. Mit einmal hren
wir den Specht scharren und klopfen, es war einer von den kleineren
Sorten. Er mu grade bei unserem Bau angefangen haben, sonst hrt man
ihn gewhnlich schon vorher und bringt sich in Sicherheit. Pltzlich
hre ich meine bedauernswerte Cousine aus dem Dunkel schrein: 'Fridolin,
ich klebe!' Ich vernahm noch ein verzweifeltes Zappeln, dann wurde es
still, und der Specht hmmerte schon nebenan. Um meine Cousine war es
geschehn, sie war bereits verschlungen. Sie hie Agathe.

Fhlen Sie mal, wie mein Herz klopft, sagte Maja leise, Sie htten es
nicht so rasch erzhlen sollen. Was doch alles passiert in der Welt!
Und die kleine Biene dachte an ihre eigenen Erlebnisse, die zurcklagen,
und an alles, was ihr vielleicht noch begegnen knnte.

Da fing pltzlich Fridolin an zu lachen.

Maja sah sich berrascht nach ihm um.

Passen Sie auf, rief er, jetzt kommt der Richtige den Baum herauf,
das ist einer, sage ich Ihnen. Nun, Sie werden ja sehn.

Maja folgte seinen Blicken und sah ein merkwrdiges Tier langsam den
Baum emporklimmen. Sie hatte niemals fr mglich gehalten, da es solche
Tiere gab. Aber grer als ihr Erstaunen war anfangs ihre Angst, und sie
fragte Fridolin hastig, ob man sich verbergen mte.

Kein Gedanke, sagte der Borkkfer, bleiben Sie getrost sitzen und
begren Sie den Herrn hflich. Er ist sehr gelehrt und hat wirklich
ernste Kenntnisse, dabei ist er gutherzig und bescheiden und wie alle
Leute, die so beschaffen sind, etwas komisch. Schauen Sie, was er tut!

Wahrscheinlich denkt er nach, meinte Maja, die nicht aus dem Erstaunen
herauskam.

Er kmpft gegen den Wind, sagte Fridolin und lachte, wenn ihm nur
seine Beine nicht durcheinandergeraten.

Sind denn diese langen Fden wirklich seine Beine, fragte Maja mit
groen Augen. So was hab' ich nie gesehn.

Inzwischen war der Fremde nher gekommen, und Maja sah ihn genauer.
Eigentlich sah es aus, als kme er durch die Luft, so hoch hing sein
kleiner, rundlicher Krper in den ungeheuer langen Beinen, die wie ein
fadendnnes, bewegliches Gestell, weit von ihm ab, nach allen Seiten hin
Halt suchten. Er schritt vorsichtig und tastend voran, dabei schwankte
das braune Kgelchen seines Krpers bald hher hinauf, bald wieder
hinab. Die Beine waren so lang und dnn, da ein einzelnes sicher den
Krper nicht htte tragen knnen, er brauchte sie unbedingt alle
zusammen, und da sie in der Mitte geknickt waren, berragten sie ihn
hoch bis in die Luft hinein.

Maja schlug die Hnde zusammen.

Nein so was! rief sie. Aber htten Sie fr mglich gehalten, da so
zarte Beine, dnn wie Haare, so beweglich und ntzlich sein knnen, da
man sie wirklich gebrauchen kann, und da sie wissen, was sie tun
sollen? Ich finde, das ist ein Wunder, Fridolin.

Ach was, sagte der Borkkfer, wenn etwas komisch ist, so lacht man,
damit basta.

Ich habe aber keine Lust dazu, antwortete Maja, oft lacht man ber
etwas, und spter stellt sich heraus, da man es nur nicht verstanden
hat.

Da war der Fremde herangekommen, er schaute von der Hhe seiner Beine,
aus all den spitzen Dreiecken heraus, auf Maja nieder und sagte: Guten
Morgen! Ein rechter Brausewind, meine zwei Herrschaften, ein Zuglftlein
recht derber Art, nicht wahr, oder -- wie? Meinten Sie vielleicht etwas
anderes? Und er hielt sich fest, so gut er konnte.

Fridolin verbarg sein Lachen, aber die kleine Maja antwortete hflich,
das sei auch ihre Meinung, deshalb sei sie heute nicht ausgeflogen. Dann
stellte sie sich vor. Der Fremde schielte durch seine Knie hindurch auf
sie nieder.

Maja, vom Volk der Bienen, wiederholte er, das freut mich aufrichtig,
ich habe viel von den Bienen gehrt. Ich mu Ihnen gestehn, da ich
immer etwas in Verlegenheit gerate, wenn ich mich jemandem vorstellen
soll, denn unsere sehr verbreitete Familie ist unter den verschiedensten
Namen bekannt. Man nennt uns Weberknechte, Schneider oder Schuster.
Jedenfalls gehre ich zur Gattung der Spinnen, und mein Rufname ist
Hannibal.

Die Namen der Spinnen haben einen bsen Klang bei allen kleineren
Insekten, Maja konnte ihren Schreck nicht ganz verbergen, zumal sie
ihrer Gefangenschaft bei der Spinne Thekla gedachte; aber Hannibal
schien nichts davon zu merken. Sie dachte, wenn es sein mu, flieg' ich,
da kann er mir nachschauen, Flgel hat er nicht, und sein Netz ist
anderswo.

Ich bin in Gedanken, sehr in Gedanken, sagte Hannibal, wenn Sie
erlauben, trete ich etwas nher, dort hinter dem groen Ast bin ich
geschtzt.

Bitte schn, sagte Maja und machte Platz. Fridolin verabschiedete
sich, aber die kleine Biene wollte nun doch gerne wissen, was es mit
Hannibal fr eine Bewandtnis htte. Was es doch alles fr Tiere in der
Welt gibt, dachte sie, immer wieder entdeckt man irgendein neues.

Der Wind hatte etwas nachgelassen, und die Sonne schien durch die
Baumzweige. Irgendwo unten im Buschwerk stimmte ein Rotkehlchen sein
Lied an und erfllte den Wald mit Glck. Maja konnte es auf einem Zweig
sitzen sehen, sie sah, wie die Kehle sich beim Singen bewegte, und der
Vogel hatte sein Kpfchen emporgerichtet gegen das Licht.

Wenn ich doch singen knnte, sagte die kleine Maja, so wie dort das
Rotkehlchen, ich setzte mich auf eine Blume und tte es den ganzen Tag.

Dabei wrde etwas Nettes herauskommen, meinte Hannibal, Sie mit Ihrem
Gesumm.

Der Vogel sieht so glcklich aus, sagte die Biene.

Sie sind eine phantastische Person, meinte der Weberknecht. Wenn alle
Tiere sich etwas anderes wnschten, als sie knnen, so wrde bald die
Welt auf dem Kopf stehen. Denken Sie sich, ein Rotkehlchen glaubte, es
mte partout einen Stachel haben, oder eine Ziege wollte herumfliegen
und Honig sammeln. Dann kme am Ende noch der Frosch und wnschte sich
solche Beine, wie ich sie habe.

Maja lachte.

Nein, das meine ich nicht, sagte sie, aber ich denke es mir
wunderschn, alle Wesen so glcklich machen zu knnen, wie dieser Vogel
es durch seinen Gesang kann. Aber was ist denn das, rief sie pltzlich
in groer Verwunderung, Herr, Sie haben ja ein Bein zuviel. Sie haben
sieben Beine.

Hannibal runzelte die Stirn und schaute unwillig vor sich hin.

Jetzt haben Sie es also glcklich doch gemerkt, sagte er verstimmt.
Allerdings habe ich kein Bein zuviel, sondern eins zuwenig.

Ja, haben Sie denn sonst acht Beine? fragte Maja erstaunt.

Wenn Sie erlauben, meinte Hannibal, wir Spinnen haben acht Beine. Wir
brauchen sie, und auch sonst -- es ist vornehmer. Mir ist eins abhanden
gekommen, schade um das Bein, aber schlielich hilft man sich, so gut
man kann.

Es mu sehr unangenehm sein, ein Bein zu verlieren, sagte Maja
teilnehmend.

Hannibal sttzte das Kinn in die Hand und stellte seine Beine so, da es
schwer war, sie zu berzhlen.

Ich werde Ihnen mitteilen, sagte er, wie es gekommen ist. Natrlich
ist der Mensch dabei im Spiel, wie gewhnlich, wenn etwas passiert.
Unsereiner sieht sich vor, aber der Mensch ist unvorsichtig und greift
mitunter zu, als ob man ein Stck Holz wre. Soll ich Ihnen erzhlen,
wie sich dieser beklagenswerte Vorfall zugetragen hat?

Ach bitte, sagte Maja und setzte sich zurecht, das wre mir sehr
interessant. Sie haben sicher ungemein viel erfahren.

Das ist richtig, sagte Hannibal, jetzt passen Sie auf. Unser
Geschlecht gehrt zu den Nachtvlkern, darber werden Sie unterrichtet
sein. Ich lebte damals in einem grnen Gartenhaus, das auen mit Efeu
bewachsen war und in dem sich manche zerbrochene Fensterscheibe befand,
so da ich bequem ein und aus konnte. Wenn es dunkel wurde, kam der
Mensch durch den Garten, trug seine knstliche Sonne, die er Lampe
nennt, in der einen Hand, in der anderen eine Flasche und unter dem Arm
Papier, auerdem hatte er noch eine kleine Flasche in der Tasche. Er
stellte alles auf den Tisch und fing an nachzudenken, weil er seine
Ansichten auf das Papier schreiben wollte. Sie werden sicher schon
Papier gefunden haben, im Wald oder im Garten. Das Schwarze darauf hat
der Mensch sich ausgedacht.

Fabelhaft, sagte Maja ganz glcklich, da sie so viel erfahren sollte.

Zu diesem Zweck, erklrte Hannibal weiter, braucht der Mensch seine
beiden Flaschen. In die kleine steckt er einen Holzstab, aus der groen
trinkt er. Je mehr er trinkt, um so besser geht es voran. Er schreibt
natrlich ber uns, alles was er wei, und ist sehr eifrig, aber viel
kommt nicht dabei heraus, denn der Mensch hat bisher ber uns Insekten
nur recht wenig in Erfahrung gebracht. ber unser Seelenleben wei er
fast nichts, und auf unser Herz und seine ngste nimmt er nicht die
kleinste Rcksicht. Sie werden hren.

Denken Sie nicht gut vom Menschen? fragte Maja.

Doch, doch, antwortete der Weberknecht und schaute schrg vor sich
nieder, aber mit sieben Beinen wird man bitter.

Ach so, sagte Maja.

Eines Abends, fuhr Hannibal fort, war ich wie gewhnlich in den
Fensterwinkeln auf der Jagd, und der Mensch sa vor seinen beiden
Flaschen und versuchte etwas zustande zu bringen. Ich rgerte mich schon
darber, da eine groe Anzahl der kleinen Fliegen und Mcken, von deren
Fang ich zu meinem Lebensunterhalt abhngig bin, sich auf die knstliche
Sonne des Menschen gesetzt hatte und hineinglotzte, ungebildet, wie
solche Tiere nun einmal sind.

Na, meinte Maja, ansehen wrde ich mir so was schlielich auch mal.

Ansehen, meinetwegen. Aber ansehen ist etwas ganz anderes wie glotzen.
Schauen Sie sich doch einmal die Torheiten an, die dies Gesindel bei
einer Lampe treibt. Da sie zwanzigmal mit dem Kopf dagegenrennen, ist
noch eine Kleinigkeit, manche tun es so lange, bis sie sich ihre Flgel
verbrannt haben. Dabei glotzen sie ununterbrochen das Licht an.

Die armen Tiere, meinte Maja, offenbar knnen sie sich nicht mehr
zurechtfinden.

Dann bleiben sie besser in den Fensternischen oder unter den Blttern
sitzen, sagte Hannibal, dort sind sie vor der Lampe sicher und dort
kann ich sie fangen. In jener verhngnisvollen Nacht nun sah ich von der
Fensternische aus vereinzelte Mcken neben der Lampe in den letzten
Zgen liegen. Ich beobachtete, da dem Menschen scheinbar nichts daran
gelegen war, und beschlo, sie mir zu holen. Ist etwas in der Welt
begreiflicher?

Nein, sagte Maja.

Und doch, es wurde mein Unglck. Leise und vorsichtig kroch ich am
Tischbein empor, bis ich ber den Rand schauen konnte. Der Mensch
erschien mir frchterlich gro, und ich betrachtete, was er tat. Langsam
setzte ich ein Bein vor das andere und nherte mich der Lampe. Solange
ich Deckung hinter der Flasche hatte, ging alles gut, aber kaum trat ich
hinter dem Glas hervor, als der Mensch auch schon aufblickte und nach
mir griff. Er nahm eins meiner Beine zwischen seine Finger, hob mich
daran empor bis dicht vor seine groen Augen und sagte: 'Ei, sieh da!'
Und dabei grinste dieser Grobian ber das ganze Gesicht, als ob es sich
um ein Vergngen handelte.

Hannibal seufzte und die kleine Maja war ganz still. Endlich fragte sie
mit heiem Kopf.

Hat der Mensch so groe Augen?

Denken Sie jetzt geflligst an mich und an meine Lage, rief Hannibal
erregt. Versuchen Sie, sich meinen Gemtszustand vorzustellen. Wer
hngt gerne an einem Bein vor Augen, die etwa zwanzigmal so gro sind,
wie sein eigener Krper? Jeder der Zhne, welcher aus dem Mund des
Menschen wei hervorblitzte, war doppelt so gro wie ich. Nun, was
denken Sie?

Schrecklich, sagte Maja, also entsetzlich!

Da ri gottlob mein Bein. Es ist nicht abzusehen, was alles geschehen
wre, wenn es gehalten htte. Ich fiel und lief, so rasch mich meine
brigen Beine trugen, und versteckte mich hinter der Flasche, in deren
Schutz ich die furchtbarsten Drohungen gegen den Menschen ausstie.
Deshalb verfolgte er mich weiter nicht. Ich sah, wie er mein Bein auf
das weie Papier legte und zusah, wie es fortlaufen wollte, was es aber
ohne mich nicht kann.

Bewegte es sich noch? fragte Maja erschrocken.

Ja, erklrte ihr Hannibal, das tun unsere Beine immer, nachdem sie
ausgerissen worden sind. Mein Bein lief, aber weil ich nicht dabei war,
wute es nicht wohin. So zappelte es nur planlos auf demselben Fleck
herum, und der Mensch sah zu, fate seine Nase an und lchelte dabei,
herzlos wie er ist, ber das Pflichtbewutsein meines Beins.

Das ist unmglich, sagte die kleine Biene ganz eingeschchtert, ein
abbes Bein kann nicht krabbeln.

Was ist ein abbes Bein? fragte Hannibal.

Maja sah ihn an. Das ist ein Bein, das ab ist, erklrte sie, bei uns
zu Haus sagte man so.

Ihre Ausdrcke aus der Kinderstube gewhnen Sie sich im groen Leben
und vor gebildeten Leuten besser ab, forderte Hannibal mit Strenge.
Man sagt ein ausgerissenes Bein. Jedenfalls ist es wahr, da unsere
Beine noch lange zappeln, nachdem sie ausgerissen sind.

Nein, sagte Maja, das glaub' ich nicht ohne Beweis.

Meinen Sie, ich risse mir Ihretwegen ein Bein aus? fragte Hannibal
bse. Ich merke schon, da man mit Ihnen nicht verkehren kann. So etwas
hat mir noch niemand zugemutet, hren Sie.

Maja wurde ganz befangen, sie begriff nicht, weshalb der Weberknecht so
verdrielich wurde und wo ihre Schuld lag. Es ist gar nicht so leicht,
mit fremden Leuten zu verkehren, dachte sie, sie denken anders und
begreifen oft nicht, da man es nicht bse meint. Sie wurde traurig und
sah bekmmert auf die groe Spinne mit ihren langen Beinen und ihrem
grmlichen Gesichtsausdruck.

Eigentlich sollte man den Versuch machen, Sie zu fressen, sagte da
pltzlich der Weberknecht, der offenbar die Gutmtigkeit Majas fr
Schwche gehalten hatte. Aber da geschah es der kleinen Biene ganz
seltsam, ihre Trauer war pltzlich verflogen, und an Stelle von Schreck
oder Furcht stieg ein ruhiger Mut in ihrem Herzen empor. Sie richtete
sich ein wenig auf, und whrend sie ihr hohes helles Summen ausstie,
fast ohne zu wissen, da sie es tat, sagte sie mit glnzenden Augen und
hob ihre schnen durchsichtigen Flgel ein wenig:

Ich bin eine Biene, mein Herr.

Pardon, sagte Hannibal, drehte sich ohne Gru um und lief den Stamm so
rasch hinunter, wie man nur irgend mit sieben Beinen laufen kann.

Maja mute lachen, ob sie wollte oder nicht. Unten begann Hannibal laut
zu schelten.

Sie haben einen schlechten Charakter, rief er aufgeregt, Sie gehen
mit Ihrem Stachel gegen Leute vor, die durch harte Schicksalsschlge
daran behindert sind, sich in gewohnter Weise von der Stelle zu bewegen.
Aber Ihre Stunde wird schlagen, und sobald Sie in Bedrngnisse geraten,
werden Sie an mich denken und alles bereuen.

Er verschwand unter den Huflattichblttern am Boden. Die kleine Biene
hatte nicht mehr alles verstanden, ihr war wohl zumut, zumal der Wind
fast ganz nachgelassen hatte und der Tag schn zu werden versprach. Hoch
am Himmel zogen weie Wolken im tiefen Blau, sie sahen still und
glcklich aus, wie gute Gedanken Gottes. Und hei und unwiderstehlich
berfiel die kleine Biene die Sehnsucht nach dem satten Schattengrund
der Waldwiesen und nach den besonnten Hngen jenseits des groen Sees,
dort mute lngst ein frohes Leben begonnen haben. Sie sah die schlanken
Grser schaukeln, und am Waldrand wuchsen in den schmalen Wassergrben
hohe gelbe Schwertlilien. Von ihren Kelchen sah man hinber in die
geheimnisvolle Nacht des Tannenwaldes, aus dem es khl und traurig
wehte. Sie wute, in seiner finstern Stille, die den Sonnenschein in ein
rtliches Schlummerlicht verwandelte, lag das Heimatland der Mrchen.

Da flog sie schon durch die Luft. Es war ihr gar nicht recht zum
Bewutsein gekommen, da sie aufgeflogen war. Die Waldwiesen und ihre
Blumenhnge hatten sie gerufen. O du lieber Gott, dachte sie, wie
herrlich ist es, zu leben.




Zehntes Kapitel

+Die Wunder der Nacht+


So verlebte die kleine Maja unter den Insekten die Tage und Wochen ihres
jungen Lebens. Wohl vermite sie bei ihrem Umhertreiben, bei allen
Freuden und Gefahren, in der schnen sommerlichen Welt oft die Gefhrten
ihrer ersten Kindheit, und zuweilen berfiel sie ein schmerzvolles
Heimweh nach dem verlassenen Knigreich ihres Volkes. Auch kannte sie
Stunden, in denen sie sich nach einer geordneten Ttigkeit sehnte, nach
ntzlicher Beschftigung und nach Gesellschaft unter ihresgleichen. Aber
sie hatte im Grunde eine ruhlose Natur, die kleine Maja, und sie wrde
sich wohl kaum schon dauernd in der Gemeinschaft der Bienen wohlgefhlt
haben. Bei allen Tieren, wie auch unter den Menschen, kommt es vor, da
einzelne Charaktere sich nicht in die Gewohnheiten aller schicken
knnen, und man mu vorsichtig sein und ernstlich prfen, bevor man
solch ein Wesen verurteilt. Denn es ist keineswegs immer nur Trgheit
oder Eigensinn, sondern hufig verbirgt sich hinter solchem Drang eine
tiefe Sehnsucht nach Hherem oder Besserem, als der Alltag zu bieten
vermag, und aus jungen Durchgngern sind oft erfahrene und kluge Mnner
geworden oder verstndige und gtige Frauen. Und die kleine Maja hatte
im Grunde ein reines und empfngliches Herz, und ihre Stellung zur
schnen weiten Welt, in der sie zum Leben erwacht war, war getragen von
aufrichtiger Wibegier und groer Freude an den Herrlichkeiten der
Schpfung.

Aber selbst im Glck schner Erlebnisse ist das Alleinsein schwer, und
je erfahrener die kleine Maja wurde, um so hufiger sehnte sie sich nach
Gemeinschaft und Liebe. Sie war nun keine ganz junge Biene mehr, sondern
ein prchtiges, starkes Bienentier, begabt mit blanken, gesunden
Flgeln, einem spitzen und gefhrlichen Stachel und einem ausgebildeten
Sinn fr die Gefahren und Freuden ihres Lebens. Sie hatte Erfahrungen
gemacht und Kenntnisse gesammelt und wnschte sich nun oft, sie auf
rechte Art verwenden zu knnen. Vielleicht wre sie eines Tages in den
Stock zurckgekehrt, htte sich der Knigin zu Fen geworfen und ihre
Verzeihung erfleht, um wieder in Ehren aufgenommen zu werden. Aber ein
brennendes Verlangen hielt sie davon zurck: sie wnschte sich, den
Menschen kennenzulernen. Sie hatte so viel Widersprechendes ber die
Menschen gehrt, da sie eher verwirrter als klger geworden war, und
doch ahnte sie, da es in der ganzen Schpfung nichts Mchtigeres,
Klgeres und Erhabeneres als den Menschen gbe.

Aus hoher Luft, aus weiter Entfernung hatte sie auf ihren Irrfahrten
wohl zuweilen Menschen gesehen, schwarze, weie und rote, auch solche,
die vielfarbig und bunt bekleidet waren, kleine und groe. Aber sie
hatte sich niemals in die Nhe getraut. Einmal sah sie es rot am Bach
schimmern, und da sie den Schein der Farbe fr ein Blumenbeet hielt, war
sie hinzugeflogen. Da fand sie einen Menschen mit goldenen Haaren und
rosigem Angesicht. Er schlief in einem roten Kleid in den Blumen am Bach
und sah trotz seiner furchtbaren Gre so gut und lieblich aus, da ihr
vor Entzcken Trnen in die Augen traten. Sie hatte alles um sich her
vergessen und nur immer den schlummernden Menschen betrachten mssen.
Was sie jemals an Bsem darber gehrt hatte, erschien ihr unmglich, es
war ihr, als mte alles Schlechte Lge gewesen sein, was man ihr jemals
ber solch liebliche Wesen berichtet hatte, wie dort eines im Schatten
der flsternden Birken schlief.

Spter kam eine Mcke zu ihr und grte.

Mein Gott, rief Maja, ganz hei vor Erregung und Freude, sehen Sie
dort den Menschen, wie schn, wie gut. Begeistert es Sie nicht?

Die Mcke sah erst Maja sehr erstaunt an und drehte sich dann langsam
nach dem Gegenstand ihrer Bewunderung um:

Ja, sagte sie, er ist gut, gewi, ich habe ihn eben angebohrt.
Schauen Sie, mein Leib schimmert rot von seinem Blut.

Maja mute ihrem Herzen mit der Hand zur Hilfe kommen, so sehr erschrak
sie ber die Khnheit der Mcke.

Wird er sterben? rief sie. Wo haben Sie ihn verletzt? Wie knnen Sie
nur den erforderlichen Mut und zugleich eine so unwrdige Gesinnung
aufbringen? Sie sind ja ein Raubtier!

Die Mcke lachte und antwortete mit ihrem hohen hellen Stimmchen
sichtlich amsiert:

Dies ist doch nur ein ganz kleiner Mensch. Diese Gre wird Mdchen
genannt, sobald die Beine bis zur Hlfte von einem abstehenden farbigen
Panzer bedeckt sind. Ich kann natrlich hindurchstechen, aber in der
Regel erreicht man die Haut nicht. -- Sie haben ja eine ganz fabelhafte
Unkenntnis, glauben Sie denn, die Menschen seien gut? Ich habe niemals
einen gefunden, der mir freiwillig auch nur das kleinste Trpfchen Blut
gegnnt htte.

Vom Menschen wei ich allerdings noch nicht sehr viel, sagte Maja
kleinlaut.

Aber Sie geben sich doch von allen Insekten am meisten mit den Menschen
ab, Sie lassen sich am weitesten mit ihnen ein, das ist doch bekannt.

Ich habe das Knigreich verlassen, gestand Maja schchtern. Es gefiel
mir nicht, ich wollte die Welt kennenlernen.

I, da sieh einer an, sagte die Mcke und trat einen Schritt nher.
Wie bekommt Ihnen denn Ihr Umhertreiben? Ich mu sagen, da es mir
gefllt, Sie so unabhngig zu sehen. Ich fr mein Teil wrde mich
niemals entschlieen, den Menschen zu dienen.

Sie dienen auch uns, sagte Maja, die es nicht ertragen konnte, da man
ihr Volk herabsetzte.

Mag sein, antwortete die Mcke, zu welchem Volk gehren Sie?

Ich stamme vom Volk der Bienen im Schlopark. Die regierende Knigin
ist Helene die Achte.

So, so, machte die Mcke und verbeugte sich, das ist eine
beneidenswerte Abstammung. Alle Achtung. Sie hatten krzlich Revolution,
nicht wahr? Ich hrte das durch die Kundschafter des Schwarms, der
ausgebrochen war. Habe ich recht?

Ja, sagte Maja stolz. Es erfllte sie mit Genugtuung und Freude, da
die Ihren so hohes Ansehen genossen und weit bekannt waren. Tief im
Herzen wachte wieder das Heimweh nach ihrem Volke auf, sie wnschte
sich, etwas Groes und Gutes fr ihre Knigin und zum Wohl ihres Staates
tun zu knnen. Darber verga sie nach dem Menschen zu fragen.
Vielleicht fragte sie auch deshalb nicht mehr, weil sie von der Mcke
nichts Gutes zu hren hoffte. Sie empfand die Kleine als frech und
naseweis, und solche Leute wissen gewhnlich ber andere nur Schlechtes
zu sagen.

Die Mcke war damals auch bald weitergeflogen.

Ich nehme noch einen Schluck, hatte sie gerufen. Spter werde ich mit
den Gefhrten in der Abendsonne fliegen, damit wir morgen gutes Wetter
bekommen.

Maja hatte sich davongemacht, weil es ihr unmglich war, mit anzusehen,
wie die Mcke dem schlafenden Kind Bses zufgte. Sie wunderte sich, da
die Mcke nicht daran zugrunde ging. Kassandra hatte ihr gesagt. Wenn
du einen Menschen stichst, mut du sterben.

Maja erinnerte sich dieses Vorfalls noch sehr genau, aber ihr Verlangen
danach, vom Menschen soviel als mglich kennenzulernen, war keinesfalls
befriedigt, sie beschlo, khner zu werden und keine Anstrengungen zu
scheuen, um zu ihrem Ziel zu gelangen.


Diese Wnsche Majas sollten sich auf wunderbare Art erfllen und viel
schner, als sie es erwartet hatte. Die kleine Biene war an einem warmen
Sommerabend frher als gewhnlich zur Ruhe gegangen, und pltzlich
erwachte sie mitten in der Nacht, das war ihr noch niemals geschehen.
Ihr Erstaunen war unbeschreiblich, als sie die Augen ffnete und ihren
kleinen Schlafraum ber und ber in ein stilles blaues Licht getaucht
sah. Es sank vom Eingang nieder, dessen ffnung wie unter einem
silberblauen Vorhang strahlte. Sie wagte sich anfangs kaum zu rhren,
aber sie frchtete sich nicht, denn mit diesem Schein kam ein seltsam
schner Friede zu ihr hineingezogen. Und es klang etwas drauen in der
Luft, was sie so fein und so voller Harmonie noch niemals vernommen
hatte. Endlich trat sie schchtern und ganz benommen vom Glanz dieser
ungewhnlichen Stunde an den Ausgang ihrer Baumhhle und sah hinaus. Ihr
war, als sei die ganze Welt durch ein Wunder verzaubert. berall
glitzerte und funkelte es von reinstem Silber, tausend helle Perlen
leuchteten matt und selig im Gras, das in der Ferne wie unter feinen
Schleiern lag, die Stmme der Birken und die schlafenden Bltter waren
mit Silber bermalt. Und alles umher, und in der stillen, seligen Weite,
war in ein sanftes blaues Licht gehllt.

Das ist die Nacht, das kann nur die Nacht sein, flsterte die kleine
Maja und faltete die Hnde.

Am hohen Himmel, ein wenig verhllt durch die Bltter eines Buchenastes,
stand eine volle, klare Silberscheibe, von der das Licht niedersank, das
die ganze Welt verschnte. Erst nun erkannte Maja, da um den Mond her
eine unzhlige Menge heller harter Lichtlein am Himmel brannten, schner
und stiller als alles, was sie jemals an Glanz gesehen hatte. Sie wute
nicht, was sie tun sollte vor Glck, da sie die Nacht, den Mond und die
Sterne und ihre lieblichen Wunder erlebte. Sie hatte von alledem nur
gehrt und niemals recht daran geglaubt.

Da vernahm sie wieder in ihrer Nhe ganz laut und weithin schallend den
seltsamen Nachtgesang, der sie geweckt haben mute. Es war ein
schwingendes Zirpen in einem hellen Silberton, fast htte man glauben
knnen, da das Licht vom Mond im Niederrieseln dies Klingen mit sich
brachte. Sie schaute sich um und suchte nach der Ursache, aber im
heimlichen Widerspiel von Licht und Schatten war es sehr schwer, etwas
deutlich zu erkennen; alles war geheimnisvoll verhllt und doch so wahr
und heldenhaft schn.

Es hielt die kleine Maja nicht lnger in ihrem Versteck, sie mute
hinaus in diese neue Pracht der Welt. Der liebe Gott wird mich behten,
dachte sie, ich habe ja nichts Bses vor.

Eben wollte sie davonfliegen, um in das blaue Licht ber der Wiese zu
kommen, auf die der volle Mond schien, als sie dicht in ihrer Nhe auf
einem Buchenblatt ein kleines geflgeltes Tier ankommen sah, das sie
noch niemals gesehen hatte. Und unmittelbar nachdem es angelangt war,
richtete es sich auf gegen den Mond, hob den einen schmalen Flgel ein
wenig und zog dann mit raschen Strichen sein Beinchen am Rand des
Flgels auf und nieder. Es sah aus, als geigte es auf einer versteckten
Geige, und richtig entstand jener zirpende Silberton, der die ganze
Mondnacht fllte.

Entzckend, flsterte Maja, nein, so was ist einfach himmlisch.

Sie flog rasch hinber. Die Sommernacht war lau und milde, so da die
kleine Biene nicht sprte, da es khler als am Tage war. Als sie auf
dem Blatt bei der Fremden anlangte, brach diese jhlings ihr Spiel ab,
es schien Maja, als sei es noch nie so still gewesen wie nun. Es war
gradezu unheimlich. Durch die dunklen Bltter rieselte das weie, khle
Licht.

Gute Nacht, sagte die kleine Maja sehr hflich, denn sie dachte, man
mte ebenso in der Nacht gren, wie man es am Tage tut, und sie fgte
rasch hinzu. Entschuldigen Sie, bitte, da ich stre, aber Ihr Spiel
hat etwas so Anziehendes, wenn man es hrt, mu man dem Klang
nachgehen.

Die Fremde schaute Maja mit groen Augen an:

Was sind denn Sie fr ein Krabbeltier? fragte sie endlich. So was hab
ich noch nie gesehen.

Ich bin durchaus kein Krabbeltier, sagte die Biene ernst, ich bin
Maja vom Volk der Bienen.

Ach, vom Volk der Bienen, so, so ..., sagte die Fremde. Sie leben am
Tage, nicht wahr? Ich habe durch den Igel von Ihrem Geschlecht gehrt.
Er erzhlte mir, da er am Abend die Toten fre, die aus Ihrem Stock
geworfen werden.

Ja, sagte Maja mit leisem Bangen, das ist wahr, Kassandra hat mir
davon erzhlt, der Igel kommt in der Abenddmmerung, er schmatzt und
sucht die Toten. Die Wchter haben es erzhlt. Aber verkehren Sie denn
mit dem Igel? Der Igel ist doch ein gradezu frchterliches Untier.

Das finde ich nicht, sagte die Fremde. Wir Nachtgrillen stehen uns
eigentlich ganz gut mit ihm. Natrlich, er versucht es immer wieder, uns
zu greifen, aber es gelingt ihm nie. So necken wir ihn oft und treiben
unser Spiel mit ihm. Wir nennen ihn Onkel. Leben mu schlielich jeder,
nicht wahr? Und solange einer nicht von mir lebt, kann es mir ja
gleichgltig sein.

Maja schttelte das Kpfchen, sie dachte anders darber, sie aber wollte
die Fremde nicht durch Widerspruch verletzen. So fragte sie freundlich:

Sie sind also eine Grille?

Ja, eine Nachtgrille. Aber Sie drfen mich nicht lnger stren, ich mu
spielen. Es ist Vollmond, und die Nacht ist wundervoll.

Ach, machen Sie eine Ausnahme, bat Maja, erzhlen Sie mir von der
Nacht.

Die Sommernacht ist das Schnste in der Welt, antwortete die Grille,
sie fllt das Herz mit Seligkeit. Was Sie nicht aus meinem Spiel hren,
werde ich Ihnen auch nicht erklren knnen. Warum mu man immer alles
wissen? Wir armen Wesen wissen vom Dasein nur ein kleines Teil, aber
fhlen knnen wir die ganze Herrlichkeit der Welt.

Und sie begann ihr helles, jubelndes Silberspiel, es klang laut und
bermchtig, wenn man es so nah hrte, wie Maja sa. Und die kleine
Biene sa ganz still in der blauen Sommernacht und hrte zu und dachte
sehr tief ber das Leben nach.

Da wurde es neben ihr still. Es klirrte leise, und sie sah die Grille in
den Mondschein hinausfliegen.

Die Nacht macht so traurig, dachte die kleine Maja.

Sie wollte nun hinunter auf die Blumenwiese. Am Bachrand standen
Wasserlilien, sie spiegelten sich in der raschen Flut, die den
Mondschein mit sich trug. Es war herrlich anzuschauen. Das Wasser
flsterte und blinkte und die geneigten Lilien schienen zu schlafen. Sie
sind eingeschlafen vor lauter Glck, dachte die kleine Biene. Sie lie
sich auf einem weien Blumenblatt, mitten im Mondschein nieder und
konnte den Blick nicht von dem lebendigen Wasser des Baches wenden, das
in zitternden Funken aufblitzte und wieder erlosch. Drben am Ufer
schimmerten Birken, und es sah aus, als hingen die Sterne darin.

Wohin fliet nur all dies Wasser, dachte sie. Die Grille hat recht, wir
wissen so wenig von der Welt.

Da hrte sie dicht neben sich im Kelch einer Lilie ein feines singendes
Stimmchen, so rein und glockenhell, wie sie noch niemals einen irdischen
Klang vernommen hatte; ihr Herz begann laut zu klopfen, und ihr Atem
stockte.

O, was wird geschehen, dachte sie, was werde ich zu sehen bekommen.

Die Lilie schwankte leicht, dann sah sie, da eines der Bltter sich am
Rande ein wenig nach innen bog und sie erblickte eine ganz kleine,
schneeweie Menschenhand, die sich mit winzigen Fingerchen daran
festhielt. Dann tauchte ein blondes Kpfchen auf und ein lichtes, zartes
Krperchen in einem weien Kleid. Es war ein ganz kleiner Mensch, der
aus der Lilie emporkam.

Den Schreck und das Entzcken der kleinen Maja kann niemand schildern.
Sie sa wie erstarrt da und konnte ihre Augen nicht von dem Anblick
wenden, der sich ihr darbot.

Das winzige Menschenwesen erklomm den Rand der Blte, hob die rmchen
gegen das Mondlicht und sah mit einem seligen Lcheln in die helle Nacht
der Menschenerde. Dann kam ein leises Zittern in das durchscheinende
Krperchen, und pltzlich entfalteten sich von den Schultern herab zwei
helle Flgel, weier als das Mondlicht und so rein wie Schnee. Sie
berragten das blonde Haupt und sanken bis an die Fe nieder. Nie, nie
hat die kleine Maja in ihrem Leben wieder etwas so Liebliches gesehen.
Und whrend das lichte kleine Menschlein so dastand und seine Hnde
gegen den Himmel reckte, erhob es seine Stimme wieder, und Maja verstand
das Lied, das in die Nacht hinausklang:

  Meine Heimat ist das Licht.
  Heller Himmel meine Freude.
  Tod und Leben wechseln beide,
  aber meine Seele nicht.

  Meine Seele ist der Hauch,
  der aus aller Schnheit bricht,
  wie aus Gottes Angesicht,
  so aus seiner Schpfung auch.

Die kleine Maja berkam ein heftiges Schluchzen, sie konnte sich nicht
erklren, was sie so traurig machte und sie gleichzeitig so beglckte.

Da wandte sich das kleine Menschenwesen nach ihr um:

Wer weint denn da? fragte es mit seiner klaren Stimme.

Ach, das bin nur ich, stammelte Maja. Entschuldigen Sie, da ich
gestrt habe.

Warum weinst du denn?

Ich wei es nicht, sagte Maja, vielleicht nur, weil Sie so schn
sind. Wer sind Sie, ach sagen Sie es mir, wenn ich nicht zuviel
verlange. Sie sind sicher ein Engel.

O nein, sagte das kleine Wesen und blieb ganz ernst, ich bin nur ein
Blumenelf. Aber du kannst ruhig du zu mir sagen. Was machst denn du
kleine Biene in der Nacht drauen auf der Wiese?

Der Elf flog zu Maja hinber, setzte sich auf ein gebogenes Lilienblatt,
das ihn sanft schaukelte und betrachtete die kleine Biene ernst und
freundlich. Und whrend Maja ihm erzhlte, alles was sie wute und
wollte und was sie getan hatte, sahen immer die groen dunklen Augen aus
dem weien Elfengesicht sie an, unter dem goldenen Haar hervor, das im
Mond zuweilen wie Silber glnzte.

Der Blumenelf strich Maja ber das Kpfchen, als sie ihre Geschichte
erzhlt hatte und sah sie so innig und liebevoll an, da die kleine
Biene vor Glck die Blicke senken mute. Und dann erzhlte er ihr:

Wir Elfen leben sieben Nchte, aber wir mssen in der Blume bleiben,
in der wir geboren sind. Wenn wir die Blume verlassen, so mssen wir im
Morgenrot sterben.

Maja ri vor Angst und Schrecken die Augen weit auf.

O rasch, rasch, flieg in deine Blume zurck! rief sie.

Der Elf schttelte traurig den Kopf.

Nun ist es zu spt, sagte er, aber hre weiter. Die meisten Elfen
verlassen ihre Blumen, denn es verbindet sich ein groes Glck damit.
Wer seine Blume verlt und so einen frhen Tod erleidet, der hat zuvor
eine wunderbare Macht. Er kann dem ersten Wesen, das ihm begegnet,
seinen liebsten Wunsch erfllen. Wenn er ernstlich den Willen hat, die
Blume zu verlassen, um andere zu beglcken, so wachsen ihm zugleich
seine Flgel.

Ach, wie herrlich, rief Maja, da wrde ich auch die Blume verlassen.
Das mu wunderschn sein, den liebsten Wunsch eines anderen zu
erfllen. Die kleine Biene dachte gar nicht daran, da sie das erste
Wesen war, dem der Elf auf seinem Flug aus der Blume begegnet war.

Und dann, fragte sie, mut du dann sterben?

Der Elf nickte, aber diesmal gar nicht traurig.

Wir sehen noch das Morgenrot, sagte er, aber wenn der Tau fllt, dann
zieht es uns zu den feinen Schleiern hinber, die ber dem Gras der
Wiesen schweben. Hast du nicht oft gesehen, da diese Schleier ganz wei
leuchten, als wre Licht darin? Das sind die Elfen, ihre Flgel und ihre
Kleider. Und mit dem heraufsteigenden Licht verwandeln wir uns in
Tautropfen. Die Pflanzen trinken uns und nehmen uns in ihr Blhen und
Wachsen auf, bis wir nach Zeiten wieder als Elfen aus ihren
Blumenkelchen steigen.

So warst du frher schon einmal ein anderer Elf? fragte Maja in
atemloser Spannung.

Die ernsten Augen nickten ihr zu:

Ja, aber ich habe es vergessen. Wir vergessen alles in unserm
Blumenschlaf.

O, dein Los ist lieblich, rief die kleine Maja.

Es ist das Los aller Erdenwesen, sagte der Elf, wenn man es weit und
gro betrachtet. Auch wenn es nicht immer Blumen sind, in denen sie aus
ihrem Todesschlaf erwachen. Aber davon wollen wir heute nicht sprechen.

O, ich bin glcklich, rief Maja.

So hast du keinen Wunsch? fragte der Elf. Weit du denn nicht, da du
das erste Wesen bist, das mir begegnet und da ich deinen liebsten
Wunsch erfllen soll?

Ich? rief Maja, aber ich bin doch nur eine Biene. Nein, das ist
zuviel Freude fr mich, ich habe nicht verdient, da man so gut gegen
mich ist.

Niemand verdient das Gute und Schne, sagte der Elf, es kommt zu uns
wie der Sonnenschein.

Majas Herz klopfte strmisch. O, sie hatte seit lange einen heien
Wunsch, aber sie wagte es nicht, ihn vorzubringen. Aber der Elf schien
es zu ahnen, denn er lchelte so, da man ihm nichts verschweigen
konnte.

Nun? fragte er und strich sich das goldene Haar aus der reinen Stirn.

Ich mchte die Menschen kennenlernen, wie sie am schnsten sind, sagte
die kleine Biene hei und rasch und frchtete, sie wrde hren, da man
einen so groen Wunsch nicht erfllen knnte.

Aber der Elf erhob sich ernst und ruhig, und seine Augen bekamen einen
Glanz von Zuversicht, er nahm die zitternde Hand der kleinen Maja und
sagte:

Komm, wir fliegen zusammen, dein Wunsch soll in Erfllung gehen.




Elftes Kapitel

+Die Elfenfahrt+


So flogen der Blumenelf und die kleine Maja durch die Sommernacht dicht
ber den blhenden Blumen dahin. Als sie ber den Bach kamen, blinkte
das weie Spiegelbild des Elfen im Wasser auf, als zge ein Stern
hindurch.

Mit wieviel Beglcktheit vertraute die kleine Biene sich diesem holden
Wesen an! Sie htte gar zu gern eine Menge wichtiger Fragen gestellt,
aber sie wagte es nicht. Der Elf wrde es schon gut hinausfhren, das
fhlte sie zuversichtlich.

Als sie miteinander durch eine hohe Pappelallee flogen, surrte es ber
ihnen, und ein dunkler Schmetterling, gro und stark wie ein Vogel,
kreuzte ihren Weg. Der Blumenelf rief ihn an:

Warte einen Augenblick, ich bitte dich! rief er.

Maja war sehr erstaunt, wie bereitwillig der dunkle Falter dem Ruf
gehorchte. Sie lieen sich auf einem Ast der hohen Pappel nieder. Neben
ihnen flsterte das bewegliche Laub im Mond, und man sah weit in die
stille, beschienene Nachtlandschaft. Der Falter sa Maja grade gegenber
mitten im Mondlicht. Er hob seine ausgebreiteten Flgel langsam und
senkte sie wieder sanft, als wollte er jemandem Khlung zufcheln. Maja
sah, da quer ber die Flgel breite Streifen liefen von einem hellen,
herrlichen Blau. Sein schwarzer Kopf war wie mit dunklem Samt gedeckt,
und sein Gesicht, darin ein schwarzes Augenpaar glhte, sah aus, als
trge er eine seltsam geheimnisvolle Maske. Wie wunderbar waren die
Tiere der Nacht. Maja frstelte ein wenig, ihr war zumut, als trumte
sie den sonderbarsten Traum ihres Lebens.

Sie sind sehr schn, sagte sie zu dem Fremden, also wirklich ... Ihr
war ganz feierlich zu Sinn.

Wen hast du denn da bei dir? fragte der Nachtfalter den Elf.

Es ist eine Biene, antwortete der Elf. Ich bin ihr begegnet, als ich
den Blumenkelch verlie.

Der Falter schien zu wissen, was sich damit verband, denn er sah Maja
beinahe ein wenig neidisch an und nickte ihr ernst und gedankenvoll zu.

Sie Glckliche, sagte er dann leise.

Sind denn Sie vielleicht traurig? fragte Maja herzlich.

Der Falter schttelte den Kopf.

Nein, das nicht, sagte er freundlich und dankbar und sah Maja so lieb
an, da sie gern gleich Freundschaft mit ihm geschlossen htte. Aber
dazu war er zu gro.

Nun fragte der Blumenelf den Falter, ob die Fledermaus schon zur Ruhe
gegangen sei.

O ja, antwortete der Falter, schon lngst. Du meinst wohl wegen
deiner Begleiterin? fgte er hinzu.

Der Elf nickte, und Maja htte gern gewut, was eine Fledermaus ist,
aber der Elf schien es eilig zu haben. In holder Ruhlosigkeit warf er
sein schimmerndes Haar zurck. Eine Nacht ist so kurz, sagte er,
komm, Maja, wir mssen eilen.

Soll ich dich ein Stckchen tragen? fragte der Nachtfalter.

Der Elf dankte. Ein andermal! rief er.

So wird es nie mehr sein, dachte die kleine Biene, als sie weiterflogen,
denn im Morgenrot mu der Blumenelf sterben.

Der Nachtfalter blieb noch sitzen und sah den beiden nach, bis der
Schein des Elfenkleides immer kleiner und kleiner wurde und endlich ganz
in den Tiefen der blauen Ferne versank. Dann drehte er sich langsam auf
seinem Blatt etwas herum, wandte den Kopf und betrachtete seine groen
dunklen Flgel mit den breiten blauen Bndern darauf. Er wurde dabei
sehr nachdenklich.

Ich habe so oft gehrt, sann er, da ich grau und hlich bin und da
mein Kleid den prchtigen Gewndern der Tagesfalter nicht zu vergleichen
wre. Die kleine Biene hat an mir nur das gesehen, was schn ist. -- Und
dann dachte er darber nach, ob er nicht vielleicht doch traurig sei,
Maja hatte ihn danach gefragt. Nein, sagte er endlich, ich bin es
jetzt nicht mehr, so viel ist sicher. --

Indessen flogen Maja und der Blumenelf durch das dichte Gebsch eines
Gartens. Das war eine Pracht im gedmpften Mondglanz, wie kein irdischer
Mund sie nennen kann. Ein betrend ser Hauch von Taukhle und
schlummernden Blumen verzauberte alles zu unaussprechlichen Wohltaten
der Natur. Die lila Trauben der Akazien funkelten vor Frische, und der
Junirosenbusch sah wie ein kleiner blhender Himmel voller roter Lampen
aus. Bleich und traurig glommen die weien Sterne des Jasmin, sie
strmten einen Duft aus, als wollten sie noch in dieser Stunde alles
verschenken, was ihr eigen war. Maja wurde ganz verwirrt und prete die
Hand des Elfen, dessen Augen verklrt und selig schimmerten.

Wer htte das gedacht, sagte die kleine Maja, nein, wer htte das fr
mglich gehalten. Aber da erblickte sie etwas, das sie von Herzen
traurig stimmte.

O, rief sie, sieh, ein Stern ist gefallen! Nun irrt er umher und kann
seinen Platz am Himmel nicht wiederfinden.

Es ist ein Glhkferchen, sagte der Blumenelf ernst.

Da merkte Maja trotz ihres Erstaunens zum erstenmal, warum ihr der Elf
so liebevoll erschien. Er lachte niemals ber ihre Unkenntnis, sondern
er half ihren armen Gedanken, wenn sie sich nicht zurechtfinden konnten.

Es sind seltsame Tierchen, fuhr der Elf fort. Sie tragen ihr eigenes
Licht durch die laue Nacht umher, so beleben sie das Dunkel unter den
Kuppeln der Bsche, wohin der Mond nicht dringt und finden einander
leicht. Spter sollst du einen kennenlernen, wenn wir zu den Menschen
kommen.

Maja wollte wissen weshalb.

Gleich wirst du es sehen, sagte der Blumenelf.

Sie waren inzwischen an einer Laube angekommen, die ber und ber von
Jasmin und Gaisblatt bewachsen war. Sie lieen sich dicht am Boden
nieder, ganz in der Nhe der Laube, aus der ein leises Flstern klang.
Der Blumenelf winkte einem Glhkferchen. Sei so gut, bat er den
Kleinen, leuchte ein wenig, wir mssen hier durch die dunklen Bltter
hindurch, um in das Innere der Jasminlaube zu dringen.

Aber dein Schein ist ja viel heller als meiner, sagte der Glhkfer.

Das finde ich auch, meinte Maja, eigentlich nur um ihre Erregung zu
verbergen.

Ich mu mich in ein Blatt einhllen, erklrte der Elf, sonst sehen
die Menschen mich und sie wrden erschrecken. Wir Elfen erscheinen den
Menschen nur in ihren Trumen.

Das ist etwas anderes, sagte der Glhkfer. Mach gtigst Gebrauch von
mir. Ich werde tun, was ich kann. Wird das groe Tier, das du bei dir
hast, mir nichts zu leide tun?

Der Elf schttelte den Kopf, und der Glhkfer glaubte ihm gleich.

Nun nahm der Blumenelf ein Blatt und wickelte sich sorgfltig hinein,
so da sein weies Kleid nirgends durchschimmerte. Dann pflckte er eine
kleine blaue Glockenblume, die er im Gras fand, und setzte sie wie einen
Helm auf sein leuchtendes Haar. Nun war nur sein weies Gesicht zu
sehen, das so klein war, da sicher niemand es entdeckt htte. Er bat
den Glhkfer, sich auf seine Schulter zu setzen und sein Lmpchen an
der einen Seite mit dem Flgel ein wenig abzudmpfen, damit es die Augen
nicht blendete. Dann nahm er Majas Hand und sagte:

Nun komm. Am besten klettern wir hier empor.

Die kleine Maja dachte an das, was der Elf vorhin erzhlt hatte, und
fragte, whrend sie in den Ranken aufwrtsstiegen:

Trumen die Menschen, wenn sie schlafen?

Nicht nur dann, sagte der Elf, sondern sie trumen zuweilen auch,
wenn sie wachen. Dann sitzen sie da, etwas in sich zusammengesunken, ihr
Kopf neigt sich ein wenig, und ihre Augen suchen in der Ferne, als ob
sie bis in den Himmel schauen mchten. Immer sind ihre Trume schner
als das Leben, deshalb erscheinen wir ihnen darin.

Aber da legte der Elf rasch das winzige Fingerchen auf seine Lippen, bog
einen keinen blhenden Jasminzweig zur Seite und schob dann Maja ein
wenig vor.

Sieh nun hinab, sagte er leise, dort findest du, was du dir gewnscht
hast.

Da sah die kleine Biene im Mondschatten auf einer Bank zwei Menschen
sitzen. Es waren ein Mdchen und ein Jngling. Sie hatte ihren Kopf an
seine Schulter gelehnt, und sein Arm hielt sie umschlungen, als ob er
sie schtzen wollte. Sie saen ganz still da und schauten mit groen
Augen in die Nacht. Es war so ruhig, als wren sie beide eingeschlafen,
nur in der Ferne hrte man die Grillen und langsam, langsam wanderte das
Mondlicht in den Blttern.

Die kleine Maja sah voll Entzcken in das Gesicht des Mdchens. Obgleich
es bleich und traurig erschien, lag doch ein Schimmer von groem Glck
darber, der wie ein heimliches Leuchten war. ber den groen Augen
ruhte goldenes Haar, wie auch der Elf es hatte, und auf dem Haar lag der
Himmelsschein der Sommernacht. Von ihren roten Lippen, die ein klein
wenig geffnet waren, ging ein Hauch von Wehmut und Seligkeit, als ob
sie alles, was ihr eigen war, zum Glck des Mannes dahingeben wollte der
an ihrer Seite sa. Und nun wandte sie sich ihm zu und zog sein Haupt zu
sich nieder und sagte etwas, das ein Lcheln in sein Gesicht zauberte,
wie Maja nie geglaubt hatte, da ein Wesen der Erde lcheln knnte. In
seinen Augen strahlten ein Glck und eine Kraft, als ob die ganze, groe
Erde sein Eigentum wre und als wren Leid und Ungemach fr immer aus
der Welt verbannt.

Es verlangte Maja nicht danach zu wissen, was er dem Mdchen antwortete.
Ihr Herz zitterte, als sei die Seligkeit, die von den Menschen unter ihr
ausging, auch ihr Eigentum. Nun habe ich das Herrlichste gesehen,
flsterte sie bebend, was meine Augen jemals schauen werden. Ich wei
nun, da die Menschen am schnsten sind, wenn sie einander liebhaben.

Sie wute nicht, wie lange sie so still und in Schaun versunken hinter
den Blttern gesessen hatte. Als sie sich umwandte, war der Schein des
Glhkfers erloschen, und der Elf war fort.

Da erblickte sie durch den Ausgang der Laube fern ber der Landschaft
einen schmalen, roten Lichtstreif am Horizont.




Zwlftes Kapitel

+Der Dichter Alois Siebenpunkt+


Die Sonne war schon hoch ber die Kronen der Buchen emporgestiegen, als
Maja am anderen Morgen in ihrer Waldburg erwachte. Anfangs glaubte sie,
das ganze Erlebnis der letzten Nacht sei ein schner Traum gewesen, aber
dann entsann sie sich, da sie in der khlen Morgendmmerung in ihrer
Behausung angelangt war, und nun war es fast schon Mittag. Nein, es war
Wirklichkeit gewesen, sie hatte die Nacht mit dem Elfen verbracht und
die Menschen gesehen, die sich in der Jasminlaube im Mondschein
umschlungen gehalten hatten.

Drauen brannte die Sonne hei auf den Blttern, es zog ein warmer Wind,
und sie hrte die vielerlei Stimmen der Insekten. Ach, was wuten die
anderen, und was wute sie! Sie war so stolz auf ihr Erlebnis, da sie
gar nicht rasch genug hinauskommen konnte, sie meinte, alle mten es
ihr ansehen, was ihr geschehen war.

Aber drauen in der Sonne nahm alles den gewohnten Gang. Nichts war
verndert, und nichts erinnerte an die blaue Nacht. Die Insekten kamen,
grten und zogen, drben auf der Wiese war ber den hohen bunten
Sommerblumen, im Flimmern der heien Luft, ein groer Verkehr. Maja ward
pltzlich ganz traurig zumut. Sie fhlte, da es niemand in der Welt
gab, der an ihrem Glck oder an ihrer Betrbnis teilnahm. Sie konnte
sich nicht entschlieen, zu den anderen hinberzufliegen. Ich will in
den Wald, dachte sie, der Wald ist ernst und feierlich, er pat zu dem
Zustand, in welchem mein Herz sich befindet.

Wieviel Geheimnisvolles und wie viele Wunder das Waldesdunkel birgt,
ahnt wohl niemand, der rasch und gedankenlos auf den gebahnten Wegen
dahingeht. Dazu mu man die Zweige der Bsche auseinandergebogen haben,
oder seine Blicke zwischen den Brombeerranken hindurch in die hohen
Grser und ber das dichte Moos schweifen lassen. Unter schattigen
Blttern der Pflanzen, in Erdlchern und Baumhhlen, zwischen den
morschen Rinden verwitterter Holzstmpfe und im krausen Schlingwerk der
Wurzeln, die sich wie Schlangenleiber ber den Erdboden dahinwinden, ist
Tag und Nacht ein reges und vielgestaltiges Leben, voller Freuden und
Gefahren, voller Kampf und Leid und Vergngen.

Die kleine Maja ahnte von alledem nur wenig, als sie zwischen den
braunen Stmmen und dem grnen Bltterdach dahinflog. Sie erkannte unter
sich im Gras eine schmale Spur, die als ein deutlicher Weg durch
Dickicht und Lichtungen fhrte. Zuweilen schien es ihr, als verschwnde
die Sonne hinter Wolken, so tief wurden die Schatten unter den hohen
Kronen und im dichten Buschwerk; dann wieder flog sie in lauter
goldgrnem Glnzen dahin, unter sich die breitbltterigen kleinen Wlder
der Waldfarren und blhende Brombeerranken.

Endlich ffnete der Wald seine berdachten Sulentore, und vor Majas
Blicken lag ein weites Kornfeld in der goldenen Sonne. In den hren
leuchteten Kornblumen und Mohn. Die kleine Biene lie sich in den
Zweigen einer Birke nieder, die am Rand des Feldes stand, und
betrachtete entzckt das goldene Meer, das sich im Frieden des stillen
Tags vor ihr ausbreitete. Es erschien ihr unabsehbar weit, und es gingen
sanfte Wogen darber hin; das tat der schchterne Sommerwind, der so
liebreich wehte, um nirgends die Ruhe der schnen Welt zu stren.

Ein paar kleine braune Schmetterlinge spielten unter der Birke ber dem
Korn 'Von Mohn zu Mohn'. Das ist unter jungen Schmetterlingen ein sehr
beliebtes Gesellschaftsspiel. Jeder Schmetterling setzt sich auf eine
Blume, und es mu ein Spieler mehr da sein, als Blumen in der Nhe
stehen. Dieser eine sitzt in der Mitte des Kreises und ruft. Wenn sein
Ruf erklingt, mssen alle auffliegen und die Blumen wechseln. Wer zu
spt kommt und keine Blume mehr findet, wird in die Mitte geschickt und
mu abrufen. Das war sehr unterhaltend.

Maja sah eine Weile zu, es machte ihr viel Vergngen. Das knnte man
auch die kleinen Bienen im Stock lehren, dachte sie, da nennen wir es
dann 'Von Zelle zu Zelle'. Aber Kassandra wird wahrscheinlich zu streng
sein.

Die kleine Maja wurde pltzlich traurig gestimmt, das kam sicher durch
ihre Erinnerung an die Heimat. Als sie darber nachdenken wollte, sagte
neben ihr jemand:

Guten Morgen. Sie sind eine Bestie, wie mir scheint.

Die kleine Maja erschrak sehr und drehte sich rasch um.

Nein, sagte sie, bestimmt nicht!

Neben ihr sa eine kleine braune Halbkugel mit sieben schwarzen Punkten
darauf. Unter dieser rotbraunen Kuppel, die brigens prchtig glnzte,
sah man ein winziges schwarzes Kpfchen, in dem zwei helle uglein
funkelten, und nun erkannte Maja auch die dnnen Beinchen, die, fein wie
Fden, unter der punktierten Kuppel hervorschauten und sie so gut trugen
als sie eben konnten. Dieser kleine Dicke war es, der Maja angerufen
hatte. Trotz seiner seltsamen Gestalt gefiel er der Biene ausgezeichnet,
er hatte etwas gradezu Anmutiges.

Wer sind Sie nur? fragte sie, ich selbst bin Maja, vom Volk der
Bienen.

Wollen Sie mich beleidigen? fragte der Kleine. Dazu liegt kein Grund
vor, das merken Sie sich.

Aber wie sollte ich dazu kommen? fragte die kleine Maja ganz
erschrocken, ich kenne Sie in der Tat nicht.

Das kann jeder sagen, meinte der Dicke. Nun, ich will Ihrem
Gedchtnis nachhelfen. Zhlen Sie. Und der Kleine begann sich langsam
umzudrehn.

Soll ich Ihre Punkte zhlen?

Ja, bitte schn, sagte der Kfer.

Es sind sieben Punkte, sagte Maja.

Nun? fragte der Kfer, also? Sie wissen es immer noch nicht? So will
ich es Ihnen sagen. Ich heie genau so, wie sich nachzhlen lt. Ich
gehre zur Familie der Siebenpunkte, heie Alois und bin meines Zeichens
Dichter. Die Menschen nennen mich auch Marienkfer. Das ist ihre Sache.
Aber das wissen Sie ja jedenfalls.

Maja wagte nicht nein zu sagen, denn sie frchtete Alois zu krnken.

O, sagte Alois, ich lebe vom Sonnenschein, vom Frieden des Tages und
von der Liebe der Menschen.

Aber essen Sie denn nichts? fragte Maja berrascht.

Doch, Blattluse. Sie nicht?

Nein, sagte Maja, das ist doch ...

Was ist es denn? Wie?

Es ist nicht blich, sagte Maja schchtern.

Natrlich! rief Alois und versuchte die eine Schulter hochzuziehen,
was ihm aber wegen seiner festen Kuppel nicht gelang, Sie tun als
Brgerliche selbstverstndlich nur das, was blich ist. Damit kmen wir
Dichter nicht weit. Haben Sie Zeit?

Doch, sagte Maja, gewi.

Dann werde ich Ihnen eine Dichtung vortragen. Sitzen Sie still und
schlieen Sie die Augen, damit die Umgebung Sie nicht strt. Das Gedicht
heit 'Der Menschenfinger'. Es ist ein persnliches Erlebnis und von
mir. Hren Sie?

Ja, sagte Maja, jedes Wort.

Also:

  +Der Menschenfinger+

  Einmal hast du mich entdeckt,
  als ich Glck im Leben hatte.
  Du bist rund und langgestreckt.
  Oben hast du eine glatte,
  zugespitzte Panzerplatte,
  welche sich bewegen lt,
  aber unten sitzt du fest!

Nun? fragte Alois nach einem kleinen Schweigen. Er hatte Trnen in den
Augen und seine Stimme zitterte.

Der Menschenfinger hat mich sehr ergriffen, meinte Maja, die etwas
verlegen geworden war. Eigentlich kannte sie schnere Lieder.

Wie finden Sie die Form? fragte Alois und lchelte wehmtig. Er war
sichtlich durch die Wirkung berwltigt, die er hervorgebracht hatte.

Rund und langgestreckt, antwortete Maja. Sie haben es ja selbst
gedichtet.

Ich meine die knstlerische Form, ich meine die Form meiner Dichtung.

Ah, sagte Maja, ach so. Ja, die finde ich gut.

Nicht wahr? rief Alois. Sie wollten sagen, da dies Lied dem besten
eingereiht werden kann, was Sie kennen, da man weit zurckgreifen mu,
ehe man etwas Verwandtes findet. Die Kunst mu zunchst Neuigkeiten
enthalten, das ist es, was die meisten Dichter bersehen. Und dann
Gre, nicht wahr?

Doch, sagte Maja, ich glaube ...

Ihr zuversichtlicher Glaube an meine Bedeutung, den Sie ausgesprochen
haben, sagte Alois, beschmt mich gradezu. Haben Sie Dank. Ich mu nun
weiter, denn die Einsamkeit ist die Zierde des Knstlers. Leben Sie
wohl.

Adieu, sagte Maja, die gar nicht recht wute, was der Kleine
eigentlich gewollt hatte. Nun, er selbst wird es schon wissen, dachte
sie. Gro ist er ja eigentlich nicht, aber vielleicht wchst er noch.
Sie sah ihm nach, wie er eifrig den Zweig hinaufkrabbelte. Man konnte
seine winzigen Beinchen kaum unterscheiden, so da es aussah, als schbe
er sich auf kleinen Rollen davon.

Dann sah Maja wieder auf das goldene Kornfeld nieder, ber dem die
Schmetterlinge spielten. Das gefiel ihr weit besser als das Werk des
Alois Siebenpunkt.




Dreizehntes Kapitel

+Die Ruberburg+


Ach, wie froh hatte dieser Tag begonnen, und wie voller Angst und
Schrecken sollte er enden. Maja hatte zuvor noch eine sehr merkwrdige
Bekanntschaft gemacht, es war am Nachmittag gewesen, in der Nhe einer
groen alten Wassertonne. Sie sa in den duftenden Holunderblten, die
sich in der stillen, schwarzen Wasserflche der Tonne spiegelten. ber
ihr sang ein Rotkehlchen so lieblich und froh, da die kleine Maja es
gradezu trostlos fand, da man sich mit den Vgeln nicht befreunden
konnte. Sie waren zu gro und fraen einen auf, das war die Sache. Sie
hatte sich in der weien Bltendolde des Holunder versteckt und lauschte
und blinzelte dabei mit den Augen, so da der Sonnenschein ihr spitze
Pfeile schickte, als neben ihr jemand seufzte. Als sie sich umdrehte,
sah sie das sonderbarste Tier, das ihr jemals begegnet war. Auf den
ersten Blick glaubte sie, da es mindestens hundert Beine an jeder Seite
hatte. Es war wohl dreimal so lang wie sie selbst, aber schmal und
niedrig und ohne Flgel.

Himmel noch mal! rief Maja ganz erschrocken, Sie mssen aber laufen
knnen.

Der Fremde sah sie nachdenklich an.

Ich zweifle daran, meinte er, es knnte besser sein. Ich habe zu
viele Beine. Wissen Sie, ehe man sie alle bewegt hat, vergeht zu viel
Zeit. Es gab Zeiten, in denen ich das nicht gewut habe, da ist mir oft
der Wunsch gekommen, ich htte ein paar Beine mehr. Aber wie Gott will.
Wer sind denn Sie?

Maja stellte sich vor.

Der andere nickte und bewegte einige Beine.

Ich bin Hieronymus, sagte er, von der Familie der Tausendfler. Wir
sind ein altes Geschlecht und erregen berall Bewunderung. Es gibt keine
Tiere, die annhernd unsere Beinzahl aufzuweisen haben. Acht ist das
Hchste bei den andern, soviel ich wei.

Sie sind fabelhaft interessant, sagte die kleine Maja, und sehr
eigenartig in der Farbe. Haben Sie Familie?

Aber nein! Wieso denn? fragte der Tausendfler. Wohin sollte das
fhren? Wir kriechen aus dem Ei und damit basta. Wenn nicht einmal wir
auf eigenen Fen stehen knnten, wer sollte es dann knnen?

Das ist ja richtig, meinte Maja nachdenklich, aber haben Sie gar
keinen Anschlu?

Nein, meine Gute. Ich ernhre mich und zweifle.

Ach, woran zweifeln Sie denn?

Es ist mir angeboren, entgegnete der Fremde, ich mu immer zweifeln.

Maja sah ihn mit groen, erstaunten Augen an. Sie verstand nicht, wie er
das meinte, und wollte doch nicht allzu neugierig in seine
Angelegenheiten eindringen.

Ich zweifle daran, sagte nach einer Weile Hieronymus, da Sie sich
hier einen gnstigen Ort zum Aufenthalt ausgesucht haben. Wissen Sie
nicht, was drben in der groen Weide liegt?

Nein.

Sehen Sie, ich habe gleich bezweifelt, da Sie es wissen. Dort liegt
die Hornissenstadt.

Maja wre fast von der Bltendolde gefallen, so furchtbar erschrak sie.
Sie wurde totenbla, und zitternd fragte sie, wo die Stadt lge.

Sehen Sie dort den alten Starenkasten im Gebsch am Stamm der Weide?
Er ist so ungeschickt angebracht, da ich gleich daran gezweifelt habe,
da er jemals von Staren bezogen wird. Wenn so ein Kasten nicht gegen
Sonnenaufgang geffnet ist, besinnt sich jeder anstndige Vogel, ehe
er einzieht. Die Hornissen haben nun darin ihre Stadt angelegt und
befestigt. Es ist die grte Hornissenburg im Land. Das sollten Sie
eigentlich wissen, denn soviel ich beobachtet habe, stellen diese Ruber
euch Bienen nach.

Maja hrte kaum noch zu. Sie unterschied deutlich die braunen Mauern der
Burg im Grn, und ihr Atem stockte.

Ich mu fort, rief sie, so rasch als mglich.

Aber da klang hinter ihr ein lautes, bses Lachen, und gleich darauf
fhlte die kleine Maja sich so energisch am Kragen gepackt, da sie
meinte, ihr Genick sei gebrochen. Nie in ihrem Leben hat sie dies Lachen
vergessen knnen. Es klang wie ein Hohngelchter aus der Finsternis, und
ein grauenerregendes Klirren von einem Panzer mischte sich hinein.

Hieronymus lie sich mit allen seinen Beinen zugleich los und purzelte
durch die Zweige in die Wassertonne.

Ich zweifle daran, da es gut geht, rief er, aber das hrte die arme
kleine Biene nicht mehr.

Sie konnte sich anfangs kaum umkehren, so fest wurde sie gehalten. Sie
sah einen goldgepanzerten Arm und dann pltzlich ber sich einen
ungeheuren Kopf mit frchterlichen Zangen. Zuerst glaubte sie, es sei
eine riesengroe Wespe, aber dann erkannte sie, da sie sich in den
Fngen einer Hornisse befand. Das schwarz und gelb getigerte Ungeheuer
war wohl viermal so gro wie sie selbst.

Endlich lste sich ihre Stimme, und sie schrie so laut um Hilfe, als sie
konnte.

La doch, Kerlchen, meinte die Hornisse mit einer ganz unausstehlichen
Freundlichkeit und lchelte Maja bse an. Es dauert nur so lange, bis
es vorber ist.

Lassen Sie mich los, schrie Maja, oder ich steche Sie ins Herz.

Gleich ins Herz? lachte der Ruber, das ist ja sehr mutig. Aber es
hat noch Zeit, meine Kleine.

Maja geriet in furchtbare Wut. Mit Aufwendung aller ihrer Krfte drehte
sie sich herum, stie ihren hellen, hohen Kampfruf aus und richtete
ihren Stachel der Hornisse mitten auf die Brust. Aber da geschah das
angsterregende Wunder, da ihr Stachel sich umbog, ohne einzudringen.
Er prallte am Panzer des Rubers ab.

Die Augen der Hornisse funkelten vor Zorn.

Ich knnte dir jetzt deinen Kopf abbeien, Kleine, um dich fr diese
Unverschmtheit zu strafen, sagte sie grimmig, und ich wrde es auch
tun, wenn die Knigin nicht lieber frische Biene e, als tote Biene.
So einen fetten Bissen, wie du es bist, bringt man der Knigin, wenn man
ein guter Soldat ist.

Und sie flog mit Maja in die Luft empor und grade auf die Ruberburg zu.

Nein, das ist zuviel, dachte die arme Biene, das hlt niemand aus. Und
sie verlor die Besinnung.


Als sie nach lngerer Zeit aus ihrer Betubung erwachte war es um sie
her schwl und dmmerig, und die Luft war von einem scharfen
durchdringenden Geruch erfllt, der ihr schrecklicher erschien, als
alles was sie kannte. Langsam besann sie sich, und eine lhmende
Traurigkeit sank in ihr Herz. Sie wollte weinen und konnte nicht.

Noch bin ich nicht gefressen, sagte sie zitternd, aber es kann jeden
Augenblick stattfinden.

Durch die Wnde ihres Kerkers vernahm sie deutlich Stimmen. Nun sah sie
auch, da ein wenig Licht durch eine schmale Spalte fiel. Die Hornissen
bauten ihre Mauern nicht aus Wachs, wie die Bienen, sondern aus einer
trockenen Masse, die wie lockeres graues Papier aussah. Im schmalen
Lichtstreifen, der in ihren Kerker drang, erkannte sie nun auch langsam
ihre Umgebung, und sie erstarrte beinahe vor Schreck, als sie rings
umher Tote liegen sah. Grade zu ihren Fen lag ein kleiner Rosenkfer
auf dem Rcken, und etwas weiter zur Seite erkannte sie das Gerst eines
groen Laufkfers, zur Hlfte durchbrochen, und berall lagen Flgel und
Panzerdecken hingemordeter Bienen.

Ach, da mir dies geschehn mute, wimmerte die kleine Maja. Sie wagte
sich nicht mehr zu rhren und prete sich frierend vor Entsetzen und
Angst in die uerste Ecke der schrecklichen Kammer.

Da hrte sie durch die Wand wieder deutlich die Stimmen der Hornissen,
und von Todesangst getrieben kroch sie an den kleinen Spalt und schaute
hindurch.

Da sah sie einen groen Saal, der ganz mit Hornissen angefllt war und
der von einer groen Anzahl von gefangenen Glhkfern auf das
prchtigste erleuchtet wurde. Auf einem Thron inmitten der Ihren sa die
Knigin. Es schien eine wichtige Beratung stattzufinden, Maja verstand
jedes Wort.

Wenn ihr nur diese glitzernden Ungeheuer nicht solch unsgliches
Entsetzen eingeflt htten, sie wrde sicher ber ihre Kraft und Pracht
in Entzcken geraten sein. Zum erstenmal erkannte sie jetzt deutlich,
wie die Ruber aussahen. Mit Staunen und Zittern sah sie den Prunk der
goldenen Panzer, die den ganzen Leib hinunter mit herrlichen schwarzen
Schienen verziert waren, so da man einen Eindruck von ihnen hatte, wie
wohl ein Kind ihn haben mag, das zum erstenmal einen Tiger erblickt.

Ein Wchter ging an den Wnden des Saals umher und forderte die
Glhkfer auf, aus Leibeskrften zu leuchten. Er tat es leise und
drohend, um die Beratung nicht zu stren, stie mit einer langen Stange
nach ihnen und zischte jedesmal.

Leuchte, sonst fre ich dich!

Es war ganz frchterlich, wie es in der Hornissenburg zuging.

Da hrte Maja die Hornissenknigin sagen:

Also bleibt es bei unserer Abmachung: Morgen, eine Stunde vor
Sonnenaufgang, versammeln sich die Krieger. Die Stadt der Bienen im
Schlopark wird berfallen. Der Stock wird ausgeraubt und mglichst
viele Gefangene werden gemacht. Wer Helene die Achte, die Bienenknigin,
gefangennimmt und mir lebendig berliefert, wird in den Ritterstand
erhoben. Haltet euch tapfer und bringt mir gute Beute heim. Und hiermit
hebe ich die Versammlung auf. Begebt euch zur Ruhe!

Sie erhob sich nach diesen Worten und verlie mit ihrem Gefolge den
Saal.

Die kleine Maja htte beinahe laut aufgeweint.

Mein Volk, schluchzte sie, meine Heimat! Sie prete ihre Hnde in
den Mund, um nicht zu schreien, ihre Verzweiflung war grenzenlos. Ach,
wre ich gestorben, ehe ich dies hren mute, wimmerte sie. Niemand
wird die Meinen warnen. Sie werden im Schlaf berfallen und ermordet.
O lieber Gott, tu ein Wunder, hilf mir, hilf mir und meinem Volk aus
unserer Not.

Im Saal wurden die Glhkferchen ausgelscht und aufgefressen. Es wurde
langsam still in der Burg. An Maja schien niemand mehr zu denken.

Langsam kam ein schwaches Dmmerlicht in ihrem Kerker auf, und ihr war,
als klnge von auen her das Nachtlied der Grillen. Nie war der Biene
etwas furchtbarer erschienen, als dies Burgverlie mit seinen
Totengerippen.




Vierzehntes Kapitel

+Die Flucht+


Aber die Verzweiflung der kleinen Biene machte bald einer entschlossenen
Besinnung Platz. Es war, als erinnerte sie sich wieder daran, da sie
eine Biene war. Hier sitze ich nun und weine und klage, dachte sie
pltzlich, als ob ich nicht Gedanken und Krfte htte. O, ich mache
meinem bedrohten Volk und meiner Knigin wenig Ehre. Sterben mu ich
doch, da will ich es wenigstens stolz und mutig tun und nichts
unversucht lassen, die Meinen zu retten.

Es war, als verge sie ganz die lange Zeit der Trennung von den Ihren
und der Heimat, sie fhlte sich ihnen zugehriger als je, und die groe
Verantwortung, die pltzlich auf ihr ruhte, weil sie den Plan der
Hornissen kannte, verlieh ihr groe Entschlossenheit und viel Mut.

Mssen die Meinen unterliegen und sterben, so will ich es auch, dachte
sie, aber vorher will ich nichts ungetan lassen, sie zu retten.

Es lebe meine Knigin! rief sie.

Ruhe da drinnen! scholl es barsch von auen.

Hu, war das eine frchterliche Stimme. Es mute der Wchter gewesen
sein, der die Runde machte. Offenbar war es lngst Nacht.

Als der Schritt drauen verhallt war, begann Maja sogleich damit, den
Spalt zu erweitern, der in den Saal fhrte. Es gelang ihr leicht, die
mrbe Wand zu zerbeien, wenn sie auch lange Zeit brauchte, bevor die
ffnung gro genug war. Endlich konnte sie sich hindurchzwngen. Sie tat
es vorsichtig und mit pochendem Herzen, sie wute, da es ihr Leben
kosten wrde, wenn man sie entdeckte. Aus unbekannten Grnden der Burg
scholl ein tiefes Schnarchen.

Der Saal lag in gedmpftem blauen Licht, das vom Eingang hineinsank. Das
ist Licht vom Mond, wute Maja und schritt vorsichtig dahin, wobei sie
sich stets in den tiefen Schatten an den Wnden hielt. Vom Saal fhrte
ein schmaler hoher Flur zum Ausgang, von dort kam das Himmelslicht der
Nacht. Maja seufzte tief auf, sie sah ganz fern in unendlicher Weite
einen Stern am Himmel schimmern. Ach Freiheit, dachte sie.

Der Gang war ganz hell. Leise, Schritt fr Schritt, schlich sie voran,
das Tor kam immer nher. Wenn ich jetzt auffliege, dachte sie, so bin
ich drauen. Ihr Herz schlug in der Brust, als ob es sie zersprengen
wollte.

Da sah sie im Schatten des Tores an einer Sule den Wchter lehnen.

Wie angewurzelt blieb sie stehen, alle ihre Hoffnung sank dahin. Dort
war kein Vorberkommen. Was sollte sie tun? Das Beste wird sein, ich
kehre um, dachte sie, aber der Anblick des Riesen am Tor hielt sie im
Bann. Es schien, als schaute er ganz in Gedanken versunken in die
beleuchtete Nachtlandschaft hinaus. Er hatte sein Kinn in die Hand
gesttzt, und sein Kopf war ein wenig geneigt. Wie der goldene Panzer im
Mond glnzte! In seiner Haltung war etwas, das die kleine Maja bewegte.
Er sieht so traurig aus, dachte sie, wie schn er ist, wie edel ist
seine Haltung und wie stolz funkelt seine Rstung. Tag und Nacht legt
er sie nicht ab, er ist immer bereit zu rauben, zu kmpfen und zu
sterben ...

Die kleine Maja verga ganz, da es ihr Feind war, den sie vor sich sah.
Ach, wie oft war es ihr so gegangen, da ihr Herz und seine Freude am
Schnen sie alle Gefahr vergessen lie.

Da scho ein goldener Lichtblitz vom Helm des Rubers, er mute den Kopf
bewegt haben.

Lieber Gott, flsterte die kleine Maja, jetzt ist es aus.

Da sagte der Wchter ganz ruhig:

Komm nur nher, Kleine.

Was? rief Maja, wie? Sie haben mich gesehen?

Doch, Kind, schon lange. Du hast ein Loch in die Wand gebissen, und
hast dich dann, immer hbsch im Schatten, bis hierher bewegt. Dann hast
du mich gesehen und mit deinem Mut war es zu Ende. Ist es so?

Ja, sagte Maja, Sie haben ganz recht. Sie zitterte vor Grauen am
ganzen Krper. Also die ganze Zeit ber hatte der Wchter sie
beobachtet. Sie erinnerte sich nun, davon gehrt zu haben, wie scharf
die Sinne dieser klugen Ruber sind.

Was willst du denn hier? fragte der Wchter gutmtig. Maja fand immer
noch, da er traurig aussah, er schien an ganz andere Dinge zu denken,
ihm war dies alles gar nicht so wichtig wie ihr selbst.

Hinaus mchte ich, antwortete sie. Ich habe auch nicht den Mut
verloren, sondern ich war nur erschrocken ber Ihre Kraft und Schnheit
und ber den goldenen Glanz Ihrer Rstung. Jetzt werde ich mit Ihnen
kmpfen.

Der Wchter beugte sich erstaunt ein wenig vor und sah Maja an und
lchelte. Es war gar nicht bse, dies Lcheln, die kleine Biene hatte
dabei ein Empfinden, das sie noch niemals im Leben gekannt hatte. Ihr
war zumute, als ob dieses Lcheln des jungen Kriegers eine heimliche
Gewalt ber ihr Herz ausbte.

Kleine, sagte er beinahe herzlich, nein, kmpfen werden wir nicht.
Ihr seid ein mchtiges Volk, aber wir sind strker. Am wenigsten aber
wird je eine einzelne Hornisse mit einer einzelnen Biene kmpfen.
-- Wenn du magst, kannst du gern ein wenig hierbleiben und mit mir
plaudern. Aber nur noch kurz, bald werde ich die Soldaten wecken und
dann mut du in deine Zelle zurck.

Seltsam, diese berlegene Freundlichkeit der Hornisse entwaffnete Maja
mehr, als Zorn oder Ha es gekonnt htten. Es war beinahe etwas wie
Bewunderung, das sie empfand. Sie sah mit groen traurigen Augen zu
ihrem Feind auf, und da sie immer dem Zug ihres Herzens folgen mute,
sagte sie:

Ich habe stets nur Bses von den Hornissen gehrt, aber Sie sind nicht
bse. Ich kann nicht glauben, da Sie bse sind.

Der Krieger sah Maja ruhig an:

Es gibt berall bse und gute Leute, sagte er ernst. Aber wir sind
eure Feinde, das vergi nicht. Es wird immer so bleiben.

Mu denn ein Feind immer schlecht sein? fragte Maja. Als Sie vorhin
in die Nacht hinausschauten, habe ich vergessen mssen, da Sie hart und
mir feindlich sind. Mir war zumute, als ob Sie traurig wren, und ich
habe immer gemeint, Wesen, die traurig sind, knnen unmglich bse
sein.

Und als der Wchter schwieg, fuhr Maja um vieles mutiger fort:

Sie sind mchtig. Wenn Sie wollen, knnen Sie mich wieder in meine
Zelle schaffen und ich mu sterben, aber wenn Sie wollen, so knnen Sie
mir auch meine Freiheit schenken.

Da richtete der Krieger sich auf. Sein Panzer klirrte ein wenig, und der
Arm, den er hob, blinkte im Mondlicht, das verblassend auf dem Tor lag.
Kam schon der Morgen?

Du hast ganz recht, sagte er, diese Macht habe ich. Diese Macht ist
mir von meinem Volk und meiner Knigin anvertraut worden. Der Befehl
lautet, da keine Biene je wieder die Burg lebendig verlassen darf, die
sie einmal betreten hat. Ich werde meinem Volk Treue halten. Und nach
einer Weile des Schweigens fgte er leiser hinzu, als sprche er zu sich
selbst: Ich habe zu bitter erfahren, wie weh die Untreue tun kann, als
Schnuck mich verlie ...

Die kleine Maja stand erschttert und wute nichts zu antworten. Ach,
sie selber trieb das gleiche Gefhl, die Liebe zu den Ihren, die Treue
gegen ihr Volk. Sie fhlte, hier gab es kein anderes Mittel mehr als
List oder Gewalt, es tat jeder seine Pflicht und doch blieben sie
einander fremd und feind. -- Aber hatte der Krieger nicht zuletzt einen
Namen genannt? Hatte er nicht von einer Untreue gesprochen, die jemand
gegen ihn begangen hatte? Schnuck kannte sie ja, war das nicht die
schne Libelle gewesen, die am Seeufer bei den Wasserrosen wohnte? Sie
bebte vor Aufregung, vielleicht lag hier eine Rettung fr sie, aber sie
wute noch nicht, inwiefern. Vorsichtig fragte sie:

Wer ist denn Schnuck, wenn ich fragen darf?

Ach, das kmmert dich nicht, Kleine, antwortete der Wchter, sie ist
fr mich verloren und ich werde sie nie mehr finden.

Ich kenne Schnuck, sagte Maja und zwang sich zur Gelassenheit, sie
gehrt zur Familie der Libellen und ist wahrscheinlich die schnste, die
es unter ihnen gibt.

Maja hatte den Krieger noch nicht so gesehen, wie nach diesen Worten, er
schien alles um sich her vergessen zu haben und sprang strmisch auf sie
zu.

Wie? rief er, du kennst Schnuck? Sofort sagst du, wo sie ist.

Nein, sagte die kleine Maja, ganz still und fest. Aber innerlich
glhte sie vor Freude.

Ich beie dir den Kopf ab, wenn du nicht sprichst, rief der Wchter.
Er kam ganz nahe.

Der wird mir ja sowieso abgebissen. Tun Sie's nur! Ich werde doch nicht
die liebliche Libelle verraten, mit der ich eng befreundet bin!
Jedenfalls wollen Sie sie gefangennehmen.

Der Krieger atmete schwer. Da es drauen zu dmmern begann, sah Maja,
da seine Stirn bleich war und seine Augen voll Angst und Unfrieden.

Mein Gott, sagte er verstrt, es ist Zeit, ich mu die Krieger
wecken. -- Nein, nein, kleine Biene, ich will Schnuck nichts Bses tun.
Ich liebe Schnuck mehr als mein Leben. Sag mir, wo ich sie wiederfinde!

Ich liebe mein Leben auch, sagte die kleine Maja klug und zgernd.

Wenn du mir den Aufenthalt der Libelle Schnuck verrtst, sagte der
Wchter und Maja sah, da er mhsam sprach und am ganzen Krper
zitterte, so werde ich dich freigeben, dann kannst du fliegen, wohin du
willst.

Werden Sie Wort halten?

Mein Ehrenwort als Ruber, sagte der Wchter stolz.

Die kleine Maja konnte kaum sprechen. Kam es nicht auf jede einzelne
Minute an, wenn sie die Ihren noch rechtzeitig vor dem berfall warnen
wollte? Aber ihr Herz jubelte.

Gut, sagte sie. Ich glaube Ihnen. So hren Sie: Kennen Sie die alten
Linden beim Schlo? Hinter ihnen ziehen sich viele Blumenwiesen hin und
endlich kommt ein groer See. Im Seewinkel im Sden, wo der Bach
einmndet, stehen in der Sonne die weien Seerosen im Wasser. Dort im
Schilf wohnt Schnuck, Sie finden sie jeden Mittag dort, wenn die Sonne
hoch steht.

Der Krieger hatte beide Hnde an seine blasse Stirn gedrckt. Er schien
schwer mit sich selbst zu kmpfen.

Du hast recht, sagte er leise und sthnte so, da man nicht sagen
konnte, ob er Schmerz oder Freude empfand. Sie hat mir erzhlt, sie
wollte zu weien schwimmenden Blumen. Das werden die Blumen sein, von
denen du gesprochen hast. So flieg denn, und hab' Dank!

Und wirklich trat er vom Eingang zurck. Drauen dmmerte der Tag
herauf.

Ein Ruber hlt sein Wort, sagte er. Er wute nicht, was die kleine
Maja in dieser Nacht in der Burg gehrt hatte, und so dachte er: Was
liegt an einer kleinen Biene, gibt es nicht genug andere?

Leben Sie wohl, rief Maja und flog davon, atemlos vor Hast und ohne
ein Wort des Dankes. Es war wirklich keine Zeit mehr dazu.




Fnfzehntes Kapitel

+Die Heimkehr+


Die kleine Maja nahm ihre ganzen Krfte zusammen, alles an Willen und
Tatkraft, was ihr geblieben war. Wie eine Kugel aus dem Lauf einer
Jagdbchse flog sie blitzschnell schnurgrade durch die bluliche
Morgenluft dahin, grade auf den Wald zu. Die Bienen knnen rascher
fliegen als die meisten anderen Insekten. Dort war sie zunchst sicher,
dort konnte sie sich verstecken, falls die Hornisse bereuen sollte, sie
freigegeben zu haben, und ihr folgte.

Aus den Bumen fielen schwere Tropfen in die welken Bltter des
Waldbodens. Es war so kalt, da der Biene die Flgel zu erstarren
drohten. berall lagen feine Schleier in der Ebene, und vom Morgenrot
war nichts zu sehen. Dabei war es so still in der Runde, als habe die
Sonne die Erde vergessen und als htten alle Wesen sich zu einem
Todesschlaf niedergelegt. Da flog Maja so hoch empor in die Luft als sie
konnte. Es galt fr sie nur eines: sie mute so rasch als ihre Krfte
und Sinne zulieen, den Stock der Ihren finden, ihr Volk, ihre bedrohte
Heimat. Sie mute die Ihren warnen, da sie sich gegen den berfall
rsten konnten, den die furchtbaren Ruber an diesem Morgen planten.
O, das Volk der Bienen war stark und wohl befhigt, den Kampf mit den
berlegenen Gegnern aufzunehmen, wenn sie sich wappnen konnten und zur
Verteidigung vorbereiten. Niemals aber, wenn sie berrumpelt und im
Erwachen berfallen wurden. Wenn die Knigin und die Soldaten noch
schliefen, dann wrde es ein furchtbares Morden geben und viele
Gefangene, und der Erfolg der Hornissen war gewi. Und nun, da die
kleine Biene an die Kraft und die Strke der Ihren dachte, an ihre
Todesbereitschaft und ihre Treue gegen die Knigin, berkam sie ein
hoher Zorn gegen die Feinde und zugleich ein beseligter Opferwille und
ein beglckender Mut ihrer begeisterten Liebe.

Es war nicht leicht fr sie, sich in der Umgegend zurechtzufinden. Sie
hatte sich schon seit lange nicht mehr auf jene Art das Land gemerkt,
wie die anderen Bienen es gewohnt waren, die immer von weiten Ausflgen
mit ihrer Honigtracht zum Stock zurckfinden muten.

Ihr war, als sei sie noch niemals so hoch in der Luft gewesen, wie nun,
die Khle tat ihr weh, und sie konnte die einzelnen Gegenstnde drunten
kaum noch deutlich unterscheiden. Worauf soll ich mich verlassen, dachte
sie, ich habe keinen Anhalt und werde den Meinen keine Hilfe bringen
knnen. Ach, hier war nun die beste Gelegenheit, alles gutzumachen,
seufzte sie in ihrer Angst, was soll ich tun? Aber pltzlich trieb es
sie mit heimlichen Mchten unwiderstehlich nach einer bestimmten
Richtung hin. Was ist es nur, das mich drngt und zieht, dachte sie,
es mu mein Heimweh sein, das mich fhrt. Und sie berlie sich diesem
Gefhl und flog so rasch sie konnte gradeaus. Und pltzlich brach sie in
helles Jubeln aus, dort schimmerten fern wie graue Kuppeln aus der
Dmmerung die Baumkronen der groen Linden des Schloparks. Nun wute
sie sich zurechtzufinden und augenblicklich lie sie sich bis dicht ber
die Erde nieder. Sie sah auf den Wiesen zur Seite die hellen
Nebelstriche wieder dichter und dachte an die Blumenelfen, die dort
getrost und selig ihren frhen Tod starben. Das fllte ihr das Herz aufs
neue mit Zuversicht, und ihre Angst verlor sich. Mochten die Ihren sie
wegen ihrer Flucht aus dem Reiche verachten, mochte die Knigin sie
strafen, wenn nur ihr Volk von dem furchtbaren Unheil verschont blieb,
das ihm drohte.

Dort schimmerte schon dicht an der langen Steinmauer die Blautanne, die
die Bienenstadt der Ihren gegen den Westwind schtzte, und nun sah sie
die bekannten Fluglcher, die roten, blauen und grnen Tore ihrer Heimat
leuchten. Ihr Herz schlug so strmisch, da sie glaubte, ihr Atem mte
ihr vergehn, aber sie hielt aus und steuerte grade auf den Eingang des
roten Tors zu; dort fhrte es zu ihrem Volk und zu ihrer Knigin.

Als sie sich auf dem Flugbrett vor dem Tore niederlie, vertraten ihr
die beiden Wchter den Eingang und ergriffen sie sogleich. Maja konnte
in ihrer Atemlosigkeit anfangs kein Wort hervorbringen, und die Wachen
machten Miene, sie zu tten. Denn es ist den Bienen bei Todesstrafe
verboten, in eine fremde Stadt zu dringen ohne den Willen der Knigin.

Zurck! rief der Wchter und stie sie rauh vor sich her, was kommt
Ihnen in den Sinn?! Wenn Sie nicht augenblicklich umkehren, ist es um
Sie geschehen. Und dem anderen Wchter zugewandt, sagte er: Ist dir
schon einmal so etwas vorgekommen, und noch dazu vor Tagesanbruch?

Da rief Maja das Losungswort ihres Volks, woran alle Bienen die Ihren
erkannten, und die Wchter lieen sie augenblicklich los.

Was ist das?! riefen sie, du bist eine der Unsrigen, und wir kennen
dich nicht?

Lat mich vor die Knigin, sthnte die kleine Maja, gleich, rasch,
es droht groes Unheil.

Die Wchter zgerten noch, sie verstanden nicht, was vor sich ging.

Die Knigin darf nicht vor Sonnenaufgang geweckt werden, sagte der
eine von ihnen.

Da schrie Maja so laut und leidenschaftlich, wie die beiden wohl niemals
eine Biene haben schreien hren:

So erwacht die Knigin vielleicht nie mehr zum Leben! Der Tod folgt mir
auf dem Fu. Und sie fgte so wild und zornig hinzu: Ihr sollt mich
vor die Knigin fhren! da die Wchter ganz erschrocken und tief
ergriffen gehorchten.

Nun eilten sie miteinander durch die warmen, vertrauten Straen und
Gnge, die Maja alle wiedererkannte, und obgleich ihre Erregung und Hast
sie fast berwltigten, zitterte doch ihr Herz vor Wehmut unter den
Wohltaten ihrer Heimat.

Ich bin zu Hause, stammelte sie mit blassen Lippen.

Im Empfangssaal der Knigin brach sie beinahe zusammen. Einer der
Wchter sttzte sie, whrend der andere mit der ungewhnlichen Botschaft
in die Gemcher der Knigin eilte. Sie hatten nun beide erkannt, da
etwas ganz Auerordentliches im Anzuge war, und der Bote lief so rasch,
als seine Fe ihn trugen.

Die ersten Wachsbereiterinnen waren schon auf, neugierig schaute hier
und da ein Kpfchen durch die Eingnge, die Nachricht dieses Vorfalls
verbreitete sich schnell.

Da kamen zwei Offiziere aus den Gemchern der Knigin. Maja erkannte sie
sogleich, sie nahmen ernst und schweigend am Eingang ihre Stellungen
ein, ohne Maja anzureden; nun mute gleich die Knigin erscheinen.

Sie kam ohne ihren Hofstaat, nur in Begleitung zweier Dienerinnen und
ihres Leibadjutanten. Als sie Maja sah, trat sie schnell auf sie zu, und
da sie den argen Zustand und die groe Erregung der kleinen Biene sah,
verlor sich der Zug von Ernst und Strenge ein wenig, der in ihrem
Gesicht gelegen hatte.

Du kommst mit einer wichtigen Botschaft? fragte sie ruhig. Wer bist
du?

Maja konnte nicht gleich sprechen. Endlich brachte sie mhsam nur die
Worte hervor:

Die Hornissen!

Die Knigin erbleichte, aber sie blieb gefat, und das beruhigte auch
Maja ein wenig.

Gromchtige Knigin, rief sie, vergib mir, da ich die Pflichten
nicht beachte, die deine Hoheit und Wrde erheischen, ich will spter
alles sagen, was ich getan habe und was ich von Herzen bereue. Ich bin
in dieser Nacht wie durch ein Wunder der Gefangenschaft der Hornissen
entronnen, und das letzte, was ich von ihnen gehrt habe, ist, da in
der Morgendmmerung dieses Tages unser Reich berfallen und ausgeraubt
werden soll!

Das Entsetzen, das diese Worte der kleinen Maja bei allen Anwesenden
hervorriefen, lt sich kaum schildern. Die beiden Dienerinnen, die die
Knigin begleiteten, brachen in lautes Jammern aus, und die Offiziere am
Eingang machten Miene, bleich vor Schreck, davonzufliegen und Alarm zu
schlagen. Der Adjutant sagte: Ja Herrgott ..., und drehte sich einmal
um sich selbst, weil er sich nach allen Seiten zugleich umsehen wollte.

Es war wirklich ein ganz auerordentlicher Anblick, zu sehen, mit
welcher Ruhe und Geisteskraft die Knigin die furchtbare Nachricht
aufnahm. Sie reckte sich ein wenig empor, und in ihre Haltung kam etwas,
was alle einschchterte und ihnen zugleich ein grenzenloses Vertrauen
einflte. Die kleine Maja zitterte vor Erhobenheit, so etwas
Bedeutungsvolles an berlegenheit glaubte sie noch niemals gesehen zu
haben. Und die Knigin winkte die Offiziere an ihre Seite und sprach
laut und gefat ein paar rasche Stze zu ihnen. Maja hrte zum Schlu
noch die Worte: Ich gebe euch eine Minute zur Ausfhrung meines
Befehls, wenn es lnger dauert, kostet es euren Kopf. Aber die beiden
Offiziere sahen gar nicht so aus, als ob man sie anfeuern mte; sie
strmten davon, da es eine Freude zu sehen war.

O, meine Knigin, sagte die kleine Maja.

Da neigte sich die Knigin noch fr einen kleinen Augenblick zu Maja
nieder, noch einmal fr kurze Zeit sah die kleine Biene das Angesicht
ihrer Frstin milde und voll Liebe erstrahlen.

Hab' Dank, sagte sie zu Maja, du hast uns alle gerettet, was immer
vorher geschehen sein mag, du hast es tausendfltig gut gemacht. Aber
nun geh und ruh dich aus, mein Herzchen, du siehst elend aus, und deine
Hnde zittern.

Ich mchte fr dich sterben, stammelte Maja bebend.

Da antwortete die Knigin:

Sei nun ohne Sorge um uns. Unter all den Tausenden, die diese Stadt
bewohnen, ist nicht eine einzige, die nicht ohne Besinnen ihr Leben fr
das Wohl der anderen und fr mein Wohl hingeben wrde. Du kannst ruhig
schlafen.

Sie beugte sich zu der kleinen Maja nieder und kte sie auf ihre Stirn,
dann winkte sie ihren Dienerinnen und befahl ihnen, fr das Wohl und die
Ruhe Majas Sorge zu tragen.

Die kleine Biene lie sich willenlos und tief von Herzen beglckt
davonfhren. Ihr war zumute, als habe ihr das Leben nun nichts Schneres
mehr zu geben. Sie hrte wie im Traum noch in der Ferne hohe helle
Signalrufe, sah wie die Wrdentrger des Staates sich um die Eingnge
der Knigsgemcher drngten, und dann vernahm sie ein dumpfes,
weithinhallendes Drhnen, das den ganzen Stock erschtterte.

Die Soldaten! Unsere Soldaten! flsterte neben ihr die Dienerin.

Das letzte, was sie in der kleinen stillen Kammer hrte, in der ihre
Begleiterinnen sie zur Ruhe betteten, war dicht unter ihrer Tr der
Marschschritt vorbeieilender Truppen. Sie vernahm eine klare
Kommandostimme, die froh und zuversichtlich klang, und in ihren ersten
Traum hinein tnte das alte Soldatenlied der Bienen, und sie hrte,
verklingend wie aus weiter Ferne:

  Sonne, goldne Sonne du
  leuchte unserm Treiben.
  Segne unsere Knigin,
  la uns einig bleiben.




Sechzehntes Kapitel

+Die Schlacht der Bienen und Hornissen+


Es herrschte eine ungeheuere Erregung im Reich der Bienen. Selbst in den
Tagen der Revolution war der Aufruhr nicht so gro gewesen. Der Stock
brauste. Es war nicht eine Biene, die nicht von einem heiligen Zorn der
Emprung befallen war und von glhendem Verlangen, den alten Todfeinden
mit ganzer Kraft zu begegnen. Und doch traten weder Verwirrung noch
Unordnung ein, es war gradezu erstaunlich, wie rasch die Regimenter sich
gesammelt hatten und wie gut jeder wute, was seine Pflicht war und
wodurch er sich ntzlich machen konnte.

Allerdings war es die hchste Zeit. Als auf den Ruf der Knigin die
Freiwilligen vortraten, die sich als erste zu der Verteidigung des
Eingangs hergaben, kamen rasch wie sausende Pnktchen die ersten
Botschafter zurck, die ausgesandt worden waren und nun meldeten, da
die Hornissen nahten. Es trat eine furchtbare Ruhe der Erwartung ein.
Mit gefatem Ernst und bleich vor Stolz, standen die ersten Soldaten
hart am Eingang in drei geschlossenen Reihen. Keiner sprach mehr, es war
totenstill umher. Nur im Hintergrund hrte man die leisen Kommandorufe
der Offiziere, die die Reserven ordneten. Es schien, als schliefe der
Stock. Nur am Tor arbeiteten leise und fieberhaft noch etwa ein Dutzend
Wachsbereiterinnen, die den Befehl erhalten hatten, den Eingang mit
Wachs zu verengen. Wie durch ein Wunder waren in den wenig Minuten zwei
dicke Wachswnde entstanden, die auch die strkste Hornisse nicht ohne
Zeitverlust zerstren konnte. Das Flugloch war fast um die Hlfte
verkleinert worden.

Die Knigin hatte einen Posten inne, von dem aus sie in der Lage war,
den Kampf zu berblicken. Ihre Adjutanten eilten und flogen hin und her.
Nun war schon der dritte Kundschafter zurck. Er sank vllig erschpft
vor der Knigin nieder.

Ich bin der Letzte, der zurckkommt, schrie er mit uerster
Anstrengung, die andern sind tot.

Wo sind die Hornissen? fragte die Knigin.

Bei den Linden, rief er, und dann stammelte er in Todesangst: Hrt,
hrt! die Luft saust von den Flgeln der Riesen!

Es war nichts zu hren. Es mute seine Angst sein, da er immer noch
glaubte, verfolgt zu werden.

Wie viele sind es? fragte die Knigin streng, sprich leise.

Ich habe vierzig gezhlt, flsterte der Botschafter, und obgleich die
Knigin ber die Strke des Feindes erschrak, sagte sie doch laut und
zuversichtlich:

Es wird keine von ihnen ihre Heimat wiedersehen.

Die Worte der Knigin wirkten auf die Soldaten und Offiziere wie eine
furchtbare Wahrsagung zum Unheil des Feindes, und der Mut aller hob
sich.

Als aber nun drauen in der stillen Morgenluft erst leise und dann
lauter und lauter ein scharfes unheilvolles Surren entstand, als der
Eingang sich verdunkelte und alle deutlich die schrecklichen
Flsterstimmen dieser grausamsten Ruber und Mrder vernahmen, die es in
der Welt der Insekten gibt, da erbleichten die Angesichter der kleinen
mutigen Bienen, als ob ein fahler Lichtschein ber die Reihen snke. Sie
sahen einander mit Augen an, in denen der Tod wartete, und die ersten
wuten, da keine Minute mehr vergehen wrde, bis sie ihr Leben gelassen
hatten.

Da klang die gefate Stimme der Knigin ruhig und klar aus der Hhe:

Lat die Ruber eindringen, einen nach dem andern, bis ihr meinen
Befehl hrt, dann strzen die ersten Reihen, je hundert zugleich, sich
auf die Eingedrungenen, und die hinteren Reihen decken den Eingang. Auf
diese Art teilen wir die Streitmacht des Feindes. Bedenkt ihr Ersten,
von eurer Kraft und Ausdauer und von eurem Mut hngt das Wohl des ganzen
Staates ab. Aber seid getrost, die Feinde werden im Dmmerlicht nicht
sogleich erkennen, wie wohl wir gerstet sind und arglos eindringen ...

Sie brach ihre Worte ab, denn im Tor erschien der Kopf des ersten
Rubers. Tastend und vorsichtig spielten die Fhler, die Zangen ffneten
und schlossen sich, da einem das Blut erstarren konnte, und langsam
schob der ungeheure getigerte Leib mit seinen starken Flgeln sich nach.
Der Panzer funkelte im Licht, das von auen eindrang.

Es ging wie ein Zittern durch die Reihen der Bienen, aber kein Laut war
vernehmbar.

Die Hornisse trat leise zurck, und man hrte ihre Meldung:

Der Stock schlft! Aber der Eingang ist halb vermauert und es sind
keine Wchter da. Ich wei nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes
Zeichen ist.

Ein gutes! klang es von auen, vorwrts!

Da sprangen zwei Riesen nebeneinander hinein, lautlos drngte es
flimmernd, getigert und gepanzert nach. Es war frchterlich anzuschauen.
Nun waren schon acht der Ruber im Stock und immer noch erklang kein
Befehl der Knigin. War sie vor Entsetzen erstarrt, da ihre Stimme
versagte? Sahen denn die Ruber immer noch nicht, da zur Rechten und
zur Linken dicht gedrngt und todesbereit im Schatten die glitzernden
Reihen der Soldaten standen ...

Da klang es laut aus der Hhe:

Im Namen eines ewigen Rechts und im Namen der Knigin, verteidigt das
Reich!

Da erhob sich ein Brausen und fllte die Luft, wie noch kein
Kriegsgeschrei die Stadt erschttert hatte. Es erschien, als msse der
ganze Stock durch dies tobende Brummen zersprengt werden, und wo eben
noch klar gesondert die einzelnen Hornissen kenntlich gewesen waren,
wlzten sich nun in dichten, dunklen Knueln brausende Haufen. Ein
junger Offizier der Bienen hatte kaum das Ende des Kommandos abgewartet.
Er wollte der erste sein, der angriff, und er war der erste, der starb.
Er hatte schon eine Weile bebend vor Kampfeslust, zum Sprung bereit
dagestanden, und als ber ihm das erste Wort des Befehls laut wurde,
strmte er vor, gerade dem vordersten Ruber in die Fnge, und sein
feiner, unendlich spitzer Stachel fand den Weg zwischen dem Kopf und dem
Brustring in den Hals seines Gegners. Er sah noch, wie die Hornisse sich
mit einem wtenden Aufschrei zusammenkrmmte, so da sie fr einen
Augenblick wie eine gelbschwarze, glitzernde Kugel erschien, dann drang
der furchtbare Stachel des Rubers dem jungen Offizier durch die
Brustringe ins Herz, und sterbend sah er sich und den tdlich
getroffenen Feind in einer Wolke der Seinen versinken. Sein khner
Soldatentod hatte allen die wilde Seligkeit einer hohen
Todesbereitschaft ins Herz gesenkt, und der Ansturm der Bienen wurde zu
einer furchtbaren Not fr die Eindringlinge.

Aber die Hornissen sind ein altes, kampfgewohntes Rubervolk, und Morden
und Rauben ist ihnen lngst zum grausigen Handwerk geworden. Wenn auch
der erste Anprall der Bienen sie verwirrt und versprengt hatte, so
bedeutete er nicht so viel an Schaden, als es anfangs erscheinen mochte.
Denn die Stachel der Bienen drangen nicht durch die Panzer der Riesen,
und die Kraft und Gre der Hornissen gab ihnen eine berlegenheit,
derer sie sich wohl bewut waren. Ihre durchdringenden, surrenden
Kampfrufe, vor denen alle Wesen in Entsetzen geraten, die sie hren,
berhallten das Kriegsgeschrei der Bienen. Frchten doch sogar die
Menschen diesen Warnruf der Hornissen und weichen ihnen lieber aus, ehe
sie ungewappnet den Kampf mit ihnen wagen.

Die berfallenen Hornissen, die bereits in den Stock eingedrungen waren,
erkannten rasch, da sie vor allen Dingen vordringen muten, um den
Ihren drauen nicht selbst den Eingang zu sperren. Und so wlzten sich
die kmpfenden Knuel voran in die dunklen Straen und Gnge. Wie
richtig war der Befehl der Knigin gewesen, denn kaum war ein wenig
Platz am Eingang entstanden, da strzten die hinteren Reihen der
Soldaten vor, um ihn zu verteidigen. Es war eine altbewhrte und
furchtbare Kampfweise, die befolgt wurde. Kaum hatte eine Hornisse sich
am Eingang im Kampfe ermdet, so taten die Bienen, als seien sie selbst
erschpft, und lieen den Ruber eindringen. Aber stets gelang es nur
dieser einen Hornisse in die Stadt zu gelangen, denn kaum drngte die
zweite nach, so strzte sich auch schon ein dichter Schwarm neuer
Soldaten auf das scheinbar unverteidigte Tor. Und der eingedrungene
Gegner, der vom Kampf ermdet war, sah sich pltzlich den glitzernden
Reihen ganz neuer Bienenkrieger gegenber, die noch kein Glied im Kampf
gerhrt hatten, und meist erlag er schon im ersten Ansturm ihrer
bermacht.

Aber in die Kampfrufe mischten sich nun schon seit lange das
Todesgeschrei der Sterbenden, das Jammern der Verwundeten und ein
wildes, schmerzvolles Sthnen voll Todesangst und Abschiedsweh. Die
furchtbaren Stachel der Hornissen hatten in der entsetzlichsten Weise
unter den Bienen gewtet. Die wlzenden Haufen der Kmpfenden im Stock
lieen eine ganze Bahn von Toten zurck. Die eingeschlossenen Hornissen
hatten erkannt, da ihnen der Ausweg abgeschnitten war, und da wohl
keine von ihnen das Tageslicht wieder erblicken wrde. So kmpften sie
einen furchtbaren Verzweiflungskampf. Aber langsam erlagen sie doch,
eine nach der anderen, denn es trat ein Umstand ein, der den Bienen sehr
zugunsten kam, erschpfte sich auch die Kraft der Riesen nicht so rasch,
so erschpfte sich doch das Gift ihrer Stachel und ihre Stiche wirkten
nicht mehr tdlich. Die verwundeten Bienen wuten jetzt, da sie sich
erholen wrden, das gab ihnen ein ganz neues Siegesbewutsein, zu dem
der Schmerz um ihre Toten kam, der ihnen hchste Krfte des Zorns
verlieh.

Langsam wurde es stiller. Die lauten Zurufe der Hornissen vor dem Stock
fanden keinen Widerhall mehr bei den eingedrungenen Gefhrten.

Sie sind alle tot, sagte die Fhrerin der Hornissen in grimmigem
Schmerz und rief die Kmpfenden vom Tor zurck. Ihre Schar war auf die
Hlfte zusammengeschmolzen. Bis zu ihnen hinaus tnte das Drhnen des
zornigen Bienenstocks.

Es mu Verrat vorliegen, sagte die Fhrerin wieder, die Bienen waren
vorbereitet.

Sie hatten sich auf der Blautanne versammelt. Es war langsam immer
heller geworden, und das Morgenrot vergoldete schon die Wipfel der
Linden. Die Vogelrufe wurden laut, und der Tau fiel. Bleich und vor
Kampfeswut zitternd standen die Krieger um ihre Fhrerin, die innerlich
mit sich rang, ob sie ihrer Raublust oder ihrer Klugheit gehorchen
sollte. Nein, sie sah ein, es ging nicht an, der ganze Stamm der Ihren
war in Gefahr, aufgerieben zu werden. Und mit Widerwillen und vor
beleidigtem Ehrgeiz bebend, beschlo sie, einen Boten an die Bienen zu
senden, um die Eingeschlossenen zu retten.

Sie whlte den klgsten ihrer Offiziere, den sie kannte, und rief seinen
Namen.

Ein bedrcktes Schweigen war die Antwort. Er war unter den
Eingeschlossenen.

Da whlte sie einen andern, rasch und angstvoll, pltzlich berkam sie
eine Todesangst um die Ihren, die nicht zurckkehrten. Das Toben der
Bienenstadt war weithin vernehmbar.

Eile dich! rief sie und gab dem Friedensboten ein weies Jasminblatt
in die Hand, sonst kommen am Ende noch die Menschen, und wir sind
verloren. Sag ihnen, wir wrden davonziehen und ihren Stock fr immer
verschonen, wenn sie die Eingeschlossenen ausliefern wrden.

Der Bote strzte davon, schwenkte vor dem Tor sein weies Blatt und lie
sich am Flugbrett nieder.

Sofort wurde der Bienenknigin die Nachricht gebracht, es sei ein
Abgesandter da, der verhandeln wollte, und die Herrscherin schickte ihm
ihre Adjutanten. Als ihr die Kunde gebracht wurde, lie sie die Antwort
sagen:

Wir Bienen liefern die Toten aus, wenn ihr sie mit euch nehmen wollt.
Gefangene sind nicht gemacht. Die Euren, die eingedrungen sind, sind
alle tot. Euerm Versprechen, nicht wiederzukommen, glauben wir nicht.
Ihr knnt wiederkommen, wann ihr wollt, es wird euch niemals besser
gehen als heute, und wenn ihr jetzt fortkmpfen wollt, so findet ihr uns
bis auf den letzten Mann bereit.

Die Fhrerin der Hornissen erbleichte, als sie diese Kunde vernahm. Mit
geballten Fusten kmpfte sie einen schweren inneren Kampf. Gar zu gern
htte sie dem Wunsch ihrer Krieger Folge geleistet, die um Rache
schrien. Aber ihre Vernunft siegte.

Wir kommen wieder, knirschte sie. Wie konnte uns dies geschehen? Sind
wir nicht strker und mchtiger, als das Volk der Bienen? Noch ist mir
jeder Feldzug zu unserm Ruhm geglckt. Wie soll ich nach dieser
Niederlage vor unsere Knigin treten? Und wutbebend wiederholte sie:
Woran liegt das, was ist hier geschehen? Das kann nur Verrat sein.

Da antwortete eine ltere Hornisse, die als eine Freundin der Knigin
galt:

Wir sind wohl strker und mchtiger, aber das Volk der Bienen ist einig
und treu. Das ist eine groe Macht, der niemand widerstehen kann. Keine
wrde ihr Volk verraten, jede dient zuerst dem Wohl aller.

Die Fhrerin hrte kaum zu.

Mein Tag wird kommen, knirschte sie. Was schert mich die Weisheit
dieser Kleinbrger. Ich bin ein Ruber und will als Ruber sterben. Aber
hier wre kmpfen Wahnsinn. Was ntzt es uns, wenn wir den ganzen
Bienenstock vernichten und keiner von uns kme zurck? Und an den Boten
gewandt, rief sie:

Verlange die Toten. Wir ziehen.

Es antwortete ihr ein dumpfes Schweigen. Der Wchter flog davon. --

Wir mssen mit einer neuen Tcke rechnen, obgleich ich nicht glaube,
da die Hornissen noch groe Kampfeslust haben, sagte die
Bienenknigin, als sie diesen Entschlu der Feinde hrte. Sie befahl,
da zwei neue Abteilungen Krieger den Eingang zu decken htten und da
die Wachsbereiterinnen und Trgerinnen und die Nachhut die Toten aus der
Stadt schaffen sollten.

Und so geschah es. ber Berge von Toten hin wurde eine Ruberleiche nach
der andern langsam zum Eingang geschafft und hinabgeworfen. In dsterem
Schweigen verharrte drben die Schar der Hornissen auf der Blautanne und
sah die Krper der Gefallenen einen nach dem anderen zu Boden sinken.
Es war ein Bild von grenzenloser Trauer, das die heraufsteigende Sonne
beschien. Einundzwanzig Gefallene, die einen ruhmvollen Tod gestorben
waren, huften sich im Gras unter der geretteten Stadt. Kein Trpflein
Honig und keine Gefangenen gingen in die Hnde des Feindes ber. Die
Hornissen ergriffen ihre Toten und flogen davon, die Schlacht war
beendet, und das Volk der Bienen hatte gesiegt.

Aber welche Opfer hatte dieser Sieg gekostet! berall lagen Tote umher,
in den Straen und Gngen und den dmmerigen Pltzen vor den Brut- und
Honigschrnken. Es gab eine traurige Arbeit im Stock an diesem schnen
Sommermorgen voll Blumenblhen und Sonnenschein. Die Toten muten
hinausgeschafft und die Verwundeten verbunden und gepflegt werden. Aber
bevor der Mittag heraufzog, begann schon wieder die gewohnte Arbeit im
Stock. Denn die Bienen feierten weder ihren Sieg, noch trauerten sie
lange Zeit um ihre Toten. Ein jeder trug seinen Stolz und seinen Schmerz
still mit sich herum und ging seiner Pflicht und Arbeit nach. Es ist ein
seltsames Volk, das Volk der Bienen.




Siebzehntes Kapitel

+Die Freundin der Knigin+


Die kleine Maja war aus ihrem kurzen Schlaf der Betubung erwacht, als
der Kampfeslrm losbrach. Augenblicklich richtete sie sich auf und
wollte hinausstrmen, um sich an der Verteidigung der Stadt zu
beteiligen, aber da merkte sie, da ihre Krfte versagten und da sie
keine Hilfe leisten konnte.

Eine Gruppe der Kmpfenden wlzte sich in ihre Nhe. Es war eine junge,
starke Hornisse, ihres Abzeichens ein Offizier, wie es Maja schien, die
sich gegen eine gewaltige bermacht von Bienen ganz allein verteidigte.
Langsam wlzte das Knuel sich nher. Maja sah mit Entsetzen, wie eine
Biene nach der andern sterbend zurckblieb. Aber der Riese war zu sehr
behindert. An seinen Armen, Beinen und Fhlern hingen Scharen von
Soldaten, die sich eher tten lieen, ehe sie ihn freigaben. Und schon
drangen die ersten Bienenstiche ihm zwischen die Panzerringe in die
Brust. Maja sah ihn ermatten und niedersinken. Stumm, ohne Klage und
kmpfend bis zuletzt, starb er seinen Rubertod. Er bat nicht um Gnade,
und keine Schmhung kam ber seine Lippen.

Kaum war er gefallen, als die Bienen zum Eingang zurckeilten, um sich
aufs neue in den Kampf zu werfen. Der kleinen Maja hatte das Herz hei
und heftig gepocht, als sie dies gesehen hatte. Leise schlich sie zu dem
Sterbenden. Gekrmmt lag er still im Dmmerlicht, aber er atmete noch.
Maja zhlte wohl zwanzig Stiche, aber die meisten waren vorn und sein
goldener Panzer war unversehrt. Da Maja sah, da er noch lebte, eilte
sie fort und holte Wasser und Honig, um den Sterbenden noch einmal zu
erfreuen, aber er schttelte den Kopf und wehrte mit der Hand ab.

Was ich haben will, nehme ich mir selbst, sagte er stolz, geschenkt
will ich nichts.

O, sagte die kleine Maja, aber ich dachte nur, Sie htten vielleicht
Durst.

Da lchelte der junge Offizier die kleine Maja an und sagte ganz
eigenartig ernst und fast ohne Traurigkeit:

Ich mu sterben.

Die kleine Biene konnte nicht antworten. Ihr war, als begriffe sie zum
erstenmal, was es hie, sterben zu mssen. Ihr schien, als sei ihr der
Tod viel nher, nun wo ein anderer ihn erleiden mute, als damals, wo
sie selbst im Netz der Spinne ihn erwartet hatte.

Wenn ich doch etwas tun knnte, sagte sie und weinte.

Der Sterbende antwortete ihr nicht mehr. Er schlug noch einmal seine
Augen auf und atmete noch einmal tief, und beides tat er zum letztenmal.

Eine halbe Stunde spter wurde er mit seinen erschlagenen Gefhrten aus
dem Stadttor nieder ins Gras geworfen. Aber die kleine Maja verga nicht
mehr, was sie durch diesen kurzen Abschied erfahren hatte. Sie wute nun
fr alle Zeit, da auch ihre Feinde Wesen waren wie sie selbst. Da sie
ihr armes Leben liebten, wie sie selbst, und den schweren Tod sterben
muten ohne Hilfe. Sie mute an den Blumenelf denken, der ihr von seiner
Wiederkehr in jedem neuen Erblhen der Natur erzhlt hatte, und sie
wnschte sich sehr zu wissen, ob auch die anderen Wesen, die den Tod der
Erde starben, zum Licht zurckkehrten.

Ich will glauben, da es so ist, sagte sie leise. Da kam ein Bote und
rief sie vor die Knigin.

Maja fand den Hofstaat versammelt, als sie den Empfangssaal der Knigin
betrat. Ihre Fe zitterten und sie wagte kaum den Blick zu heben,
in Gegenwart ihrer Frstin und so vieler Wrdentrger. Unter den
Offizieren, die den Stab der Knigin bildeten, fehlte so mancher der
tapfersten, und die Stimmung im Saal war sehr ernst und auerordentlich
feierlich. Aber auf den Stirnen aller lag ein Glanz von Erhobenheit, es
war, als ob das Bewutsein ihres Siegs und ihres neuen Ruhms alle wie
ein heimliches Leuchten umgab.

Da erhob sich die Knigin, trat ganz allein inmitten aller auf die
kleine Maja zu und schlo sie in die Arme.

Ach, das hatte sie nicht erwartet, das ganz gewi nicht, und ihre Freude
war so gro, da sie weinte. Es ging eine tiefe Bewegung durch die
Reihen, und wahrscheinlich war niemand darunter, der das Glck der
kleinen Maja nicht teilte und der ihr nicht von Herzen dankbar dafr
war, fr ihre Entschlossenheit und fr den Wagemut ihrer raschen
Warnung.

Und dann mute sie erzhlen. Jeder wnschte zu wissen, wie es gekommen
war, da sie die Plne der Hornissen in Erfahrung gebracht hatte, wie es
ihr gelungen war, dieser schrecklichen Gefangenschaft zu entrinnen, aus
der noch keine Biene entkommen war.

Und sie erzhlte von Anfang bis zu Ende alles Wichtige und Bedeutsame,
was sie erlebt und erfahren hatte. Von Schnuck mit den glitzernden
Flgeln, vom Grashpfer, von der Spinne Thekla, von Puck und von Kurts
liebevoller Hilfe. Als sie vom Elfen erzhlte und von den Menschen, war
es so still im Saal, da man durch die Wnde hren konnte, wie hinten
die Trgerinnen im Stock Wachs kneteten.

Ach nein, sagte die Knigin, wer htte gedacht, wie lieblich die
Elfen sind.

Und sie lchelte vor sich hin, wehmtig und voll Sehnsucht, wie Leute
lcheln, die Verlangen nach der Schnheit haben.

Und alle Wrdentrger lchelten auf dieselbe Art mit.

Wie war doch das Lied des Elfen? fragte die Knigin, sag es uns noch
einmal, man sollte es wirklich behalten.

Und die kleine Biene sagte noch einmal das Lied der Elfen:

  Meine Seele ist der Hauch,
  der aus aller Schnheit bricht,
  wie aus Gottes Angesicht,
  so aus seiner Schpfung auch.

Es war eine kleine Weile still, nur im Hintergrund tnte ein verhaltenes
Schluchzen. Wahrscheinlich dachte dort jemand an einen gefallenen
Freund.

Als Maja dann fortfuhr zu berichten und von den Hornissen sprach, wurden
alle Augen gro und still und dunkel. Jede versetzte sich in die Lage,
in der eine der Ihren sich noch vor ganz kurzer Zeit befunden hatte, und
ein leises Zittern und tiefe Atemzge gingen durch die Reihen.

Entsetzlich, sagte die Knigin, also schrecklich ...

Die Wrdentrger sagten leise etwas hnliches.

Und so bin ich denn endlich wieder angelangt, schlo Maja, und ich
bitte vielmals um Verzeihung.

O, es wird allen verstndlich sein, da niemand der kleinen Maja ihre
Flucht aus dem Stock nachtrug. Die Knigin legte den Arm um ihren Hals
und sagte gtig:

Du hast deine Heimat und dein Volk nicht vergessen, und im Herzen warst
du treu. So wollen auch wir dir Treue halten. Fr die Zukunft sollst du
an meiner Seite bleiben und mich in der Leitung der Staatsgeschfte
untersttzen, ich glaube, da deine Erfahrungen und alles, was du
gelernt hast, auf diese Art am besten allen zustatten kommen werden und
dem Wohl des Staates.

Diese Bestimmung der Knigin wurde von den Anwesenden mit groem Jubel
aufgenommen, und es ist dabei geblieben.

So endet die Geschichte von den Abenteuern der kleinen Biene Maja.
Man hrte, da ihre Wirksamkeit der Bienenstadt zum Wohl und Nutzen
gereichte, da sie zu hohem Ansehen kam und von ihrem Volk geliebt
wurde. Zuweilen suchte sie an ruhigen Abenden fr ein Stndchen der
Unterhaltung das stille Kmmerchen auf, in dem immer noch Kassandra
lebte, Gnadenhonig a und alterte. Dort erzhlte sie den jungen Bienen,
die ihr gerne lauschten, die Geschichten, die wir mit ihr erlebt haben.


+Ende+


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *
       *       *       *       *       *

Fehler und Unregelmssigkeiten

_Rechtschreibungsformen wie stehen : stehn sind ungendert._

+Die englische Ausgabe+ / bei Ch. E. J. Kidd, Lenares
  _Druckfehler fr Benares?_
... und rief ganz begeistert:
  _Original hat begegeistert_
berall glitzerte und funkelte es ...
  _Original hat fun/elte am Seitenende_
Wir Elfen erscheinen den Menschen nur in ihren Trumen.
  _Anfhrungszeichen fehlt im Original_






End of the Project Gutenberg EBook of Die Biene Maja und ihre Abenteuer, by 
Waldemar Bonsels

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BIENE MAJA UND IHRE ABENTEUER ***

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- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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     http://www.gutenberg.org

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