The Project Gutenberg EBook of Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler

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Title: Casanovas Heimfahrt

Author: Arthur Schnitzler

Release Date: April 11, 2006 [EBook #18148]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                       CASANOVAS HEIMFAHRT


                             NOVELLE
                               VON

                         ARTHUR SCHNITZLER


                               1918

                        S. FISCHER * VERLAG
                              BERLIN


                   Erste bis fnfzehnte Auflage

    Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten
                Copyright 1918 S. Fischer, Verlag




CASANOVAS HEIMFAHRT


In seinem dreiundfnfzigsten Lebensjahre, als Casanova lngst nicht
mehr von der Abenteuerlust der Jugend, sondern von der Ruhelosigkeit
nahenden Alters durch die Welt gejagt wurde, fhlte er in seiner Seele
das Heimweh nach seiner Vaterstadt Venedig so heftig anwachsen, da er
sie, gleich einem Vogel, der aus luftigen Hhen zum Sterben allmhlich
nach abwrts steigt, in eng und immer enger werdenden Kreisen zu
umziehen begann. fter schon in den letzten zehn Jahren seiner
Verbannung hatte er an den hohen Rat Gesuche gerichtet, man mge ihm die
Heimkehr gestatten; doch hatten ihm frher bei der Abfassung solcher
Satzschriften, in denen er Meister war, Trotz und Eigensinn, manchmal
auch ein grimmiges Vergngen an der Arbeit selbst die Feder gefhrt, so
schien sich seit einiger Zeit in seinen fast demtig flehenden Worten
ein schmerzliches Sehnen und echte Reue immer unverkennbarer
auszusprechen. Er glaubte um so sicherer auf Erhrung rechnen zu drfen,
als die Snden seiner frheren Jahre, unter denen brigens nicht
Zuchtlosigkeit, Hndelsucht und Betrgereien meist lustiger Natur,
sondern Freigeisterei den Venezianer Ratsherren die unverzeihlichste
dnkte, allmhlich in Vergessenheit zu geraten begannen und die
Geschichte seiner wunderbaren Flucht aus den Bleikammern von Venedig,
die er unzhlige Male an regierenden Hfen, in adeligen Schlssern, an
brgerlichen Tischen und in belberchtigten Husern zum besten gegeben
hatte, jede andere Nachrede, die sich an seinen Namen knpfte, zu
bertnen anfing; und eben wieder, in Briefen nach Mantua, wo er sich
seit zwei Monaten aufhielt, hatten hochmgende Herren dem an innerm wie
an uerm Glanz langsam verlschenden Abenteurer Hoffnung gemacht, da
sich sein Schicksal binnen kurzem gnstig entscheiden wrde.

Da seine Geldmittel recht sprlich geworden waren, hatte Casanova
beschlossen, in dem bescheidenen, aber anstndigen Gasthof, den er schon
in glcklicheren Jahren einmal bewohnt hatte, das Eintreffen der
Begnadigung abzuwarten, und er vertrieb sich indes die Zeit -
ungeistigerer Zerstreuungen nicht zu gedenken, auf die gnzlich zu
verzichten er nicht imstande war - hauptschlich mit Abfassung einer
Streitschrift gegen den Lsterer Voltaire, durch deren Verffentlichung
er seine Stellung und sein Ansehen in Venedig gleich nach seiner
Wiederkehr bei allen Gutgesinnten in unzerstrbarer Weise zu befestigen
gedachte.

Eines Morgens auf einem Spaziergang auerhalb der Stadt, whrend er fr
einen vernichtenden, gegen den gottlosen Franzosen gerichteten Satz die
letzte Abrundung zu finden sich mhte, befiel ihn pltzlich eine
auerordentliche, fast krperlich peinvolle Unruhe; das Leben, das er in
leidiger Gewhnung nun schon durch drei Monate fhrte: die
Morgenwanderungen vor dem Tor ins Land hinaus, die kleinen Spielabende
bei dem angeblichen Baron Perotti und dessen blatternarbiger Geliebten,
die Zrtlichkeiten seiner nicht mehr ganz jungen, aber feurigen Wirtin,
ja sogar die Beschftigung mit den Werken Voltaires und die Arbeit an
seiner eigenen khnen und bisher, wie ihm dnkte, nicht bel gelungenen
Erwiderung; - all dies erschien ihm, in der linden, allzu sen Luft
dieses Sptsommermorgens, gleichermaen sinnlos und widerwrtig; er
murmelte einen Fluch vor sich hin, ohne recht zu wissen, wen oder was er
damit treffen wollte; und, den Griff seines Degens umklammernd,
feindselige Blicke nach allen Seiten sendend, als richteten aus der
Einsamkeit ringsum unsichtbare Augen sich hhnend auf ihn, wandte er
pltzlich seine Schritte nach der Stadt zurck, in der Absicht, noch in
derselben Stunde Anstalten fr seine sofortige Abreise zu treffen. Denn
er zweifelte nicht, da er sich sofort besser befinden wrde, wenn er
nur erst der ersehnten Heimat wieder um einige Meilen nher gerckt
wre. Er beschleunigte seinen Gang, um sich rechtzeitig einen Platz in
der Eilpost zu sichern, die vor Sonnenuntergang in der Richtung nach
Osten abfuhr; - weiter hatte er kaum etwas zu tun, da er sich einen
Abschiedsbesuch beim Baron Perotti wohl schenken durfte, und ihm eine
halbe Stunde vollauf gengte, um seine gesamten Habseligkeiten fr die
Reise einzupacken. Er dachte der zwei etwas abgetragenen Gewnder, von
denen er das schlechtere am Leibe trug, und der vielfach geflickten,
einst fein gewesenen Wsche, die mit ein paar Dosen, einer goldenen
Kette samt Uhr und einer Anzahl von Bchern seinen ganzen Besitz
ausmachten; - vergangene Tage fielen ihm ein, da er als vornehmer Mann,
mit allem Notwendigen und berflssigen reichlich ausgestattet, wohl
auch mit einem Diener - der freilich meist ein Gauner war - im
prchtigen Reisewagen durch die Lande fuhr; - und ohnmchtiger Zorn
trieb ihm die Trnen in die Augen. Ein junges Weib, die Peitsche in der
Hand, kutschierte ein Wgelchen an ihm vorbei, darin zwischen Scken und
allerlei Hausrat schnarchend ihr betrunkener Mann lag. Sie blickte
Casanova, wie er verzerrten Gesichtes, Unverstndliches durch die Zhne
murmelnd, unter den abgeblhten Kastanienbumen der Heerstrae
langbeinig ausschreitend einherkam, zuerst neugierig spttisch ins
Gesicht, doch da sie ihren Blick zornig blitzend erwidert sah, nahmen
ihre Augen einen erschrockenen, und endlich, wie sie sich im
Weiterfahren nach ihm umwandte, einen wohlgefllig lsternen Ausdruck
an. Casanova, der wohl wute, da Grimm und Ha lnger in den Farben der
Jugend zu spielen vermgen als Sanftheit und Zrtlichkeit, erkannte
sofort, da es nur eines frechen Anrufs von seiner Seite bedurft htte,
um dem Wagen Halt zu gebieten und dann mit dem jungen Weib anstellen zu
knnen, was ihm weiter beliebte; doch, obzwar diese Erkenntnis seine
Laune fr den Augenblick besserte, schien es ihm nicht der Mhe wert, um
eines so geringen Abenteuers willen auch nur wenige Minuten zu
verziehen; und so lie er das Bauernwgelchen samt seinen Insassen im
Staub und Dunst der Landstrae unangefochten weiterknarren.

Der Schatten der Bume nahm der emporsteigenden Sonne nur wenig von
ihrer sengenden Kraft, und Casanova sah sich gentigt, seinen Schritt
allmhlich zu migen. Der Staub der Strae hatte sich so dicht auf sein
Gewand und Schuhwerk gelegt, da ihnen ihre Verbrauchtheit nicht mehr
anzumerken war, und so konnte man Casanova, nach Tracht und Haltung,
ohne weiteres fr einen Herrn von Stande nehmen, dem es just gefallen
hatte, seine Karosse einmal daheim zu lassen. Schon spannte sich der
Torbogen vor ihm aus, in dessen nchster Nhe der Gasthof gelegen war,
in dem er wohnte, als ihm ein lndlich schwerflliger Wagen
entgegengeholpert kam, in dem ein behbiger, gutgekleideter, noch
ziemlich junger Mann sa. Er hatte die Hnde ber dem Magen gekreuzt und
schien eben mit blinzelnden Augen einnicken zu wollen, als sein Blick,
zufllig Casanova streifend, in unerwarteter Lebhaftigkeit aufglnzte,
wie zugleich seine ganze Erscheinung in eine Art von heiterm Aufruhr zu
geraten schien. Er erhob sich zu rasch, sank sofort zurck, stand wieder
auf, versetzte dem Kutscher einen Sto in den Rcken, um ihn zum Halten
zu veranlassen, drehte sich in dem weiterrollenden Wagen um, um Casanova
nicht aus dem Gesicht zu verlieren, winkte ihm mit beiden Hnden zu und
rief endlich mit einer dnnen hellen Stimme dreimal dessen Namen in die
Luft. Erst an der Stimme hatte Casanova den Mann erkannt, trat auf den
Wagen zu, der stehengeblieben war, ergriff lchelnd die beiden sich ihm
entgegenstreckenden Hnde und sagte: Ist es mglich, Olivo - Sie sind
es? - Ja, ich bin es, Herr Casanova, Sie erkennen mich also wieder? -
Warum sollt' ich nicht? Sie haben zwar seit Ihrem Hochzeitstag, an dem
ich Sie zuletzt gesehn, an Umfang ein wenig zugenommen, - aber auch ich
mag mich in den fnfzehn Jahren nicht unerheblich verndert haben, wenn
auch nicht in gleicher Weise. - Kaum, rief Olivo, so gut wie gar
nicht, Herr Casanova! brigens sind es sechzehn Jahre, vor wenigen Tagen
waren es sechzehn! Und wie Sie sich wohl denken knnen, haben wir,
gerade bei dieser Gelegenheit, ein hbsches Weilchen lang von Ihnen
gesprochen, Amalia und ich ... - Wirklich, sagte Casanova herzlich,
Sie erinnern sich beide noch manchmal meiner? Olivos Augen wurden
feucht. Noch immer hielt er Casanovas Hnde in den seinen und drckte
sie nun gerhrt. Wieviel haben wir Ihnen zu danken, Herr Casanova? Und
wir sollten unsres Wohltters jemals vergessen? Und wenn wir jemals - -
Reden wir nicht davon, unterbrach Casanova. Wie befindet sich Frau
Amalia? Wie ist es berhaupt zu verstehn, da ich in diesen ganzen zwei
Monaten, die ich nun in Mantua verbringe - freilich recht zurckgezogen,
aber ich gehe doch viel spazieren nach alter Gewohnheit - wie kommt es,
da ich Ihnen, Olivo, da ich Ihnen beiden nicht ein einziges Mal
begegnet bin? - Sehr einfach, Herr Casanova! Wir wohnen ja lngst
nicht mehr in der Stadt, die ich brigens niemals habe leiden knnen, so
wenig als Amalia sie leiden mag. Erweisen Sie mir die Ehre, Herr
Casanova, steigen Sie ein, in einer Stunde sind wir bei mir zu Hause -
und da Casanova leicht abwehrte - Sagen Sie nicht nein. Wie glcklich
wird Amalia sein, Sie wiederzusehen, und wie stolz, Ihnen unsre drei
Kinder zu zeigen. Ja, drei, Herr Casanova. Lauter Mdchen. Dreizehn,
zehn und acht ... Also noch keines in den Jahren, sich - mit Verlaub -
sich - von Casanova das Kpfchen verdrehen zu lassen. Er lachte
gutmtig und machte Miene, Casanova einfach zu sich in den Wagen
hereinzuziehen. Casanova aber schttelte den Kopf. Denn, nachdem er fast
schon versucht gewesen war, einer begreiflichen Neugier nachzugeben und
der Aufforderung Olivos zu folgen, berkam ihn seine Ungeduld mit neuer
Macht, und er versicherte Olivo, da er leider gentigt sei, heute noch
vor Abend Mantua in wichtigen Geschften zu verlassen. Was hatte er auch
in Olivos Haus zu suchen? Sechzehn Jahre waren eine lange Zeit! Amalia
war indes gewi nicht jnger und schner geworden; bei dem
dreizehnjhrigen Tchterlein wrde er in seinen Jahren kaum sonderlichen
Anwert finden; und Herrn Olivo selbst, der damals ein magerer, der
Studien beflissener Jngling gewesen war, als burisch behbigen
Hausvater in lndlicher Umgebung zu bewundern, das lockte ihn nicht
genug, als da er darum eine Reise htte aufschieben sollen, die ihn
Venedig wieder um zehn oder zwanzig Meilen nher brachte. Olivo aber,
der nicht gesonnen schien, Casanovas Weigerung ohne weiteres
hinzunehmen, bestand darauf, ihn vorerst einmal im Wagen nach dem
Gasthof zu bringen, was ihm Casanova fglich nicht abschlagen konnte. In
wenigen Minuten waren sie am Ziel. Die Wirtin, eine stattliche Frau in
der Mitte der Dreiig, begrte in der Einfahrt Casanova mit einem
Blick, der das zwischen ihnen bestehende zrtliche Verhltnis auch fr
Olivo ohne weitres ersichtlich machen mute. Diesem aber reichte sie die
Hand als einem guten Bekannten, von dem sie - wie sie Casanova gegenber
gleich bemerkte - eine gewisse, auf seinem Gut wachsende, sehr
preiswrdige, slich-herbe Weinsorte regelmig zu beziehen pflegte.
Olivo beklagte sich sofort, da der Chevalier von Seingalt (denn so
hatte die Wirtin Casanova begrt, und Olivo zgerte nicht, sich
gleichfalls dieser Anrede zu bedienen) so grausam sei, die Einladung
eines wiedergefundenen alten Freundes auszuschlagen, aus dem
lcherlichen Grunde, weil er heute, und durchaus gerade heute, von
Mantua wieder abreisen msse. Die befremdete Miene der Wirtin belehrte
ihn sofort, da diese von Casanovas Absicht bisher noch nichts gewut
hatte, und Casanova hielt es daraufhin fr angebracht, zu erklren, da
er den Reiseplan zwar nur vorgeschtzt, um nicht der Familie des
Freundes durch einen so unerwarteten Besuch lstig zu fallen;
tatschlich aber sei er gentigt, ja verpflichtet, in den nchsten Tagen
eine wichtige schriftstellerische Arbeit abzuschlieen, wofr er keinen
geeignetern Ort wte, als diesen vorzglichen Gasthof, in dem ihm ein
khles und ruhiges Zimmer zur Verfgung stnde. Darauf beteuerte Olivo,
da seinem bescheidenen Haus keine grre Ehre widerfahren knne, als
wenn der Chevalier von Seingalt dort sein Werk zum Abschlu brchte; die
lndliche Abgeschiedenheit knne einem solchen Unternehmen doch nur
frderlich sein; an gelehrten Schriften und Hilfsbchern, wenn Casanova
solcher bentigte, wre auch kein Mangel, da seine, Olivos, Nichte, die
Tochter seines verstorbenen Stiefbruders, ein junges, aber trotz ihrer
Jugend schon hchst gelehrtes Mdchen, vor wenigen Wochen mit einer
ganzen Kiste voll Bchern bei ihnen eingetroffen sei; - und wenn des
Abends gelegentlich Gste erschienen, so brauchte sich der Herr
Chevalier weiter nicht um sie zu kmmern; es sei denn, da ihm nach des
Tages Arbeit und Bemhen eine heitre Unterhaltung oder ein kleines
Spielchen nicht eher eine willkommene Zerstreuung bedeutete. Casanova
hatte kaum von einer jungen Nichte vernommen, als er auch schon
entschlossen war, sich dieses Geschpf in der Nhe zu besehn;
anscheinend noch immer zgernd, gab er dem Drngen Olivos endlich nach,
erklrte aber gleich, da er keineswegs lnger als ein oder zwei Tage
von Mantua fernbleiben knne, und beschwor seine liebenswrdige Wirtin,
Briefe, die fr ihn indes hier anlangen mochten und vielleicht von
hchster Wichtigkeit waren, ihm unverzglich durch einen Boten
nachzusenden. Nachdem die Sache so zu Olivos groer Zufriedenheit
geordnet war, begab sich Casanova auf sein Zimmer, machte sich fr die
Reise fertig, und schon nach einer Viertelstunde trat er in die
Gaststube, wo Olivo sich indes in ein eifriges Gesprch geschftlicher
Natur mit der Wirtin eingelassen hatte. Nun erhob er sich, trank stehend
sein Glas Wein aus, und verstndnisvoll zwinkernd versprach er ihr, den
Chevalier - wenn auch nicht bereits morgen oder bermorgen - doch in
jedem Falle wohlbehalten und unversehrt an sie zurckzustellen. Casanova
aber, pltzlich zerstreut und hastig, empfahl sich so khl von seiner
freundlichen Wirtin, da sie ihm, schon am Wagenschlag, ein
Abschiedswort ins Ohr flsterte, das eben keine Liebkosung war.

Whrend die beiden Mnner die staubige, im sengenden Mittagsglanz
daliegende Strae ins Land hinausfuhren, erzhlte Olivo weitschweifig
und wenig geordnet von seinen Lebensumstnden: wie er bald nach seiner
Verheiratung ein winziges Grundstck nahe der Stadt gekauft, einen
kleinen Gemsehandel angefangen; dann seinen Besitz allmhlich erweitert
und Landwirtschaft zu treiben begonnen; - wie er es endlich durch die
eigne und seiner Gattin Tchtigkeit mit Gottes Segen so weit gebracht,
da er vor drei Jahren von dem verschuldeten Grafen Marazzani dessen
altes, etwas verfallenes Schlo samt dazugehrigem Weingut kuflich zu
erwerben imstande gewesen, und wie er sich nun auf adligem Grund mit
Frau und Kindern behaglich, wenn auch keineswegs grflich, eingerichtet
habe. All dies aber verdanke er zuletzt doch nur den hundertfnfzig
Goldstcken, die seine Braut oder vielmehr deren Mutter von Casanova zum
Geschenk erhalten habe; - ohne diese zauberkrftige Hilfe wre sein Los
wohl heute noch kein andres, als es damals gewesen: ungezogne Rangen im
Lesen und Schreiben zu unterweisen; wahrscheinlich wre er auch ein
alter Junggeselle und Amalie eine alte Jungfer geworden ... Casanova
lie ihn reden und hrte ihm kaum zu. Ihm zog das Abenteuer durch den
Sinn, in das er damals zugleich mit manchen andern bedeutungsvollern
verstrickt gewesen war, und das, als das geringste von allen, seine
Seele so wenig als seither seine Erinnerung beschftigt hatte. Auf einer
Reise von Rom nach Turin oder Paris - er wute es selbst nicht mehr -
whrend eines kurzen Aufenthalts in Mantua hatte er Amalia eines Morgens
in der Kirche erblickt und, da ihm ihr hbsches blasses, etwas
verweintes Antlitz wohlgefallen, eine freundlich galante Frage an sie
gerichtet. Zutunlich wie sie damals alle gegen ihn waren, hatte sie ihm
gern ihr Herz aufgeschlossen, und so erfuhr er, da sie, die selbst in
drftigen Verhltnissen lebte, in einen armen Schullehrer verliebt war,
dessen Vater ebenso wie ihre Mutter zu einer so aussichtslosen
Verbindung die Einwilligung entschieden verweigerte. Casanova erklrte
sich sofort bereit, die Angelegenheit ins reine zu bringen. Er lie sich
vor allem mit Amaliens Mutter bekannt machen, und da diese als eine
hbsche Witwe von sechsunddreiig Jahren auf Huldigungen noch Anspruch
machen durfte, war Casanova bald so innig mit ihr befreundet, da seine
Frsprache alles bei ihr zu erreichen vermochte. Sobald sie erst ihre
ablehnende Haltung aufgegeben, versagte auch Olivos Vater, ein
heruntergekommener Kaufmann, seine Zustimmung nicht lnger, insbesondre
als Casanova, der ihm als entfernter Verwandter der Brautmutter
vorgestellt wurde, sich gromtig verpflichtete, die Kosten der Hochzeit
und einen Teil der Aussteuer zu bezahlen. Amalia selbst aber konnte
nicht anders als dem edlen Gnner, der ihr erschienen war wie ein Bote
aus einer andern hhern Welt, sich in einer Weise dankbar erzeigen, die
das eigne Herz ihr gebot; und als sie sich am Abend vor ihrer Hochzeit
der letzten Umarmung Casanovas mit glhenden Wangen entrang, war ihr der
Gedanke vllig fern, an ihrem Brutigam, der sein Glck am Ende doch nur
der Liebenswrdigkeit und dem Edelsinn des wunderbaren Fremden
verdankte, ein Unrecht begangen zu haben. Ob Olivo von der
auerordentlichen Erkenntlichkeit Amaliens gegenber dem Wohltter je
durch ein Gestndnis Kunde erhalten, ob er ihr Opfer vielleicht als ein
selbstverstndliches vorausgesetzt und ohne nachtrgliche Eifersucht
hingenommen hatte, oder ob ihm gar, was geschehen, bis heute ein
Geheimnis geblieben war, - darum hatte Casanova sich niemals gekmmert
und kmmerte sich auch heute nicht darum.

Die Hitze stieg immer hher an. Der Wagen, schlecht gefedert und mit
harten Kissen versehn, rumpelte und stie zum Erbarmen, das dnnstimmig
gutmtige Geschwtz Olivos, der nicht ablie, seinen Begleiter von der
Ersprielichkeit seines Bodens, der Vortrefflichkeit seiner Hausfrau,
der Wohlgeratenheit seiner Kinder und von dem vergngt harmlosen Verkehr
mit buerlicher und adliger Nachbarschaft zu unterhalten, begann
Casanova zu langweilen, und rgerlich fragte er sich, aus welchem
Grunde er denn eigentlich eine Einladung angenommen, die fr ihn nichts
als Unbequemlichkeiten und am Ende gar Enttuschungen im Gefolge haben
konnte. Er sehnte sich nach seinem khlen Gasthofszimmer in Mantua, wo
er zu dieser selben Stunde ungestrt an seiner Schrift gegen Voltaire
htte weiterarbeiten knnen, - und schon war er entschlossen, beim
nchsten Wirtshaus, das eben sichtbar wurde, auszusteigen, ein
beliebiges Gefhrt zu mieten und zurckzufahren, als Olivo ein lautes
Holla he! hren lie, nach seiner Art mit beiden Hnden zu winken begann
und, Casanova beim Arm packend, auf einen Wagen deutete, der neben dem
ihren, zugleich mit diesem, wie auf Verabredung, stehengeblieben war.
Von jenem andern aber sprangen, eines hinter dem andern, drei ganz junge
Mdchen herunter, so da das schmale Brett, das ihnen als Sitz gedient
hatte, in die Hhe flog und umkippte. Meine Tchter, wandte sich
Olivo, nicht ohne Stolz, an Casanova, und als dieser sofort Miene
machte, seinen Platz im Wagen zu verlassen: Bleiben Sie nur sitzen,
mein teurer Chevalier, in einer Viertelstunde sind wir am Ziel, und so
lange knnen wir uns schon alle in meiner Kutsche behelfen. Maria,
Nanetta, Teresina - seht, das ist der Chevalier von Seingalt, ein alter
Freund eures Vaters, kommt nur nher, kt ihm die Hand, denn ohne ihn
wret ihr - er unterbrach sich und flsterte Casanova zu: Bald htt'
ich was Dummes gesagt. Dann verbesserte er sich laut: Ohne ihn wre
manches anders! Die Mdchen, schwarzhaarig und dunkelugig wie Olivo,
und alle, auch die lteste, Teresina, noch von kindlichem Aussehn,
betrachteten den Fremden mit ungezwungener, etwas burischer Neugier,
und die jngste, Maria, schickte sich, der vterlichen Weisung folgend,
an, ihm allen Ernstes die Hand zu kssen; Casanova aber lie es nicht
zu, sondern nahm eins der Mdchen nach dem andern beim Kopf und kte
jedes auf beide Wangen. Indes wechselte Olivo ein paar Worte mit dem
jungen Burschen, der das Wgelchen mit den Kindern bis hierher gebracht
hatte, worauf jener auf das Pferd einhieb und die Landstrae in der
Richtung nach Mantua weiterfuhr.

Die Mdchen nahmen Olivo und Casanova gegenber unter Lachen und
scherzhaftem Geznk auf dem Rcksitz Platz; sie saen eng
aneinandergedrngt, redeten alle zugleich, und da ihr Vater gleichfalls
zu sprechen nicht aufhrte, war es Casanova anfangs nicht leicht, ihren
Worten zu entnehmen, was sie alle einander eigentlich zu erzhlen
hatten. Ein Name klang auf: der eines Leutnants Lorenzi; er sei, wie
Teresina berichtete, vor einer Weile an ihnen vorbeigeritten, habe fr
den Abend seinen Besuch in Aussicht gestellt und lasse den Vater
schnstens gren. Ferner meldeten die Kinder, da die Mutter anfangs
gleichfalls beabsichtigt htte, dem Vater entgegenzufahren; aber in
Anbetracht der groen Hitze hatte sie's doch vorgezogen, daheim bei
Marcolina zu bleiben. Marcolina aber war noch in den Federn gelegen, als
man von Hause wegfuhr; und vom Garten aus durchs offne Fenster hatten
sie sie mit Beeren und Haselnssen beworfen, sonst schliefe sie wohl
noch zu dieser Stunde.

Das ist sonst nicht Marcolinens Art, wandte sich Olivo an seinen Gast;
meistens sitzt sie schon um sechs Uhr oder noch frher im Garten und
studiert bis zur Mittagszeit. Gestern freilich hatten wir Gste, und es
dauerte etwas lnger als gewhnlich; auch ein kleines Spielchen wurde
gemacht, - nicht eins, wie es der Herr Chevalier gewhnt sein mgen -
wir sind harmlose Leute und wollen einander nicht das Geld abnehmen. Und
da auch unser wrdiger Abbate sich zu beteiligen pflegt, so knnen Sie
sich wohl denken, Herr Chevalier, da es nicht sehr sndhaft dabei
zugeht.

Als vom Abbate die Rede war, lachten die Mdchen und hatten einander
wei Gott was zu erzhlen, worber es noch mehr zu lachen gab als
vorher. Casanova aber nickte nur zerstreut; in der Phantasie sah er das
Frulein Marcolina, das er noch gar nicht kannte, in ihrem weien Bette
liegend, dem Fenster gegenber, die Decke heruntergestreift, halb
entblten Leibes, mit schlaftrunknen Hnden sich gegen die
hereinfliegenden Beeren und Haselnsse wehrend; - und eine trichte Glut
flog durch seine Sinne. Da Marcolina die Geliebte des Leutnants Lorenzi
war, daran zweifelte er so wenig, als htte er selbst sie beide in
zrtlichster Umschlingung gesehn, und er war so bereit, den unbekannten
Lorenzi zu hassen, als ihn nach der niemals geschauten Marcolina
verlangte.

Im zitternden Dunst des Mittags, ber graugrnes Laubwerk emporragend,
ward ein viereckiges Trmchen sichtbar. Bald bog der Wagen von der
Landstrae auf einen Seitenweg; links stiegen Weinhgel gelinde an,
rechts ber den Rand einer Gartenmauer neigten sich Kronen uralter
Bume. Der Wagen hielt an einem Tor, dessen verwitterte Holzflgel weit
offen standen, die Fahrgste stiegen aus, der Kutscher, auf einen Wink
Olivos, fuhr weiter, dem Stalle zu. Ein breiter Weg unter
Kastanienbumen fhrte zu dem Schlchen, das sich auf den ersten
Anblick etwas kahl, ja vernachlssigt darbot. Was Casanova vor allem ins
Auge fiel, war ein zerbrochenes Fenster im ersten Stockwerk; ebenso
entging es ihm nicht, da die Umfassung auf der Plattform des breiten,
aber niedern Turmes, der etwas plump auf dem Gebude sa, da und dort
abbrckelte. Hingegen zeigte die Haustre eine edle Schnitzerei, und in
den Flur tretend, erkannte Casanova sofort, da das Innere des Hauses
sich in einem wohlerhaltenen und jedenfalls weit bessern Zustand befand,
als dessen ures htte vermuten lassen.

Amalia, rief Olivo laut, da es von den gewlbten Mauern widerhallte.
Komm herunter so geschwind du kannst! Ich hab' dir einen Gast
mitgebracht, Amalia, und was fr einen Gast! - Aber Amalia war schon
vorher oben auf der Stiege erschienen, ohne fr die aus der vollen Sonne
in das Dmmer Tretenden sofort sichtbar zu sein. Casanova, dessen
scharfe Augen sich die Fhigkeit bewahrt hatten, selbst das Dunkel der
Nacht zu durchdringen, hatte sie frher bemerkt als der Gatte. Er
lchelte und fhlte zugleich, da dieses Lcheln sein Antlitz jnger
machte. Amalia war keineswegs fett geworden, wie er gefrchtet, sondern
sah schlank und jugendlich aus. Sie hatte ihn gleich erkannt. Welche
berraschung, welches Glck! rief sie ohne jede Verlegenheit aus, eilte
rasch die Stufen hinab und reichte Casanova zur Begrung die Wange,
worauf dieser sie ohne weitres wie eine liebe Freundin umarmte. Und ich
soll wirklich glauben, sagte er dann, da Maria, Nanetta und Teresina
Ihre leiblichen Tchter sind, Amalia? Der Zeit nach mchte es zwar
stimmen - Und allem brigen nach auch, ergnzte Olivo, verlassen Sie
sich darauf, Chevalier! - Dein Zusammentreffen mit dem Chevalier,
sagte Amalia mit einem erinnerungstrunknen Blick auf den Gast, ist wohl
an deiner Versptung schuld, Olivo? - So ist es, Amalia, aber
hoffentlich gibt es trotz der Versptung noch etwas zu essen? - Wir
haben uns natrlich nicht allein zu Tisch gesetzt, Marcolina und ich, so
hungrig wir schon waren. - Und werden Sie sich nun, fragte Casanova,
auch noch so lange gedulden, bis ich meine Kleider und mich selbst ein
wenig vom Staub der Landstrae gereinigt habe? - Gleich will ich Ihnen
Ihr Zimmer zeigen, sagte Olivo, und hoffe, Chevalier, Sie werden
zufrieden sein, beinahe so zufrieden ... er zwinkerte und fgte leise
hinzu: wie in Ihrem Gasthof zu Mantua, wenn es auch an mancherlei
fehlen drfte. Er ging voraus, die Stiege zur Galerie hinauf, die sich
rings um die Halle im Viereck zog, und von deren uerstem Winkel eine
schmale Holztreppe sich nach oben wand. In der Hhe angelangt, ffnete
Olivo die Tre zum Turmgemach und, an der Schwelle stehenbleibend, wies
er es Casanova mit vielen Komplimenten als bescheidenes Fremdenzimmer
an. Eine Magd brachte den Mantelsack nach, entfernte sich mit Olivo, und
Casanova stand allein in einem migen, mit allem Notwendigen
ausgestatteten, doch ziemlich kahlen Raum, durch dessen vier schmale
hohe Bogenfenster sich ein weiter Blick nach allen Seiten auf die
sonnbeglnzte Ebene mit grnen Weingelnden, bunten Fluren, gelben
Feldern, weien Straen, hellen Husern und dunklen Grtchen darbot.
Casanova kmmerte sich nicht weiter um die Aussicht und machte sich
rasch fertig, nicht so sehr aus Hunger, als aus einer qulenden Neugier,
Marcolina so bald als mglich von Angesicht zu Angesicht zu sehen; er
wechselte nicht einmal das Gewand, weil er erst am Abend glnzender
aufzutreten gedachte.

Als er das im Erdgescho gelegene holzgetfelte Speisezimmer betrat, sah
er um den wohlbestellten Tisch auer dem Ehepaar und den drei Tchtern
ein in mattschimmerndes, einfach herunterflieendes Grau gekleidetes
Mdchen von zierlicher Gestalt sitzen, das ihn mit so unbefangenem Blick
betrachtete, als wre er jemand, der zum Hause gehrte oder doch schon
hundertmal hier zu Gast gewesen. Da sich in ihrem Blick nichts von
jenem Leuchten zeigte, wie es ihn frher so oft begrt, auch wenn er
als Nichtgekannter im berckenden Glanz seiner Jugend oder in der
gefhrlichen Schnheit seiner Mannesjahre erschienen war, das mute
Casanova freilich als eine lngst nicht mehr neue Erfahrung hinnehmen.
Aber auch in der letzten Zeit noch gengte meist die Nennung seines
Namens, um auf Frauenlippen den Ausdruck einer verspteten Bewunderung
oder doch wenigstens ein leises Zucken des Bedauerns hervorzurufen, das
gestand, wie gern man ihm ein paar Jahre frher begegnet wre. Doch als
ihn jetzt Olivo seiner Nichte als Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt
vorstellte, lchelte sie nicht anders, als wenn man ihr irgendeinen
gleichgltigen Namen genannt htte, in dem kein Klang von Abenteuern und
Geheimnissen verzitterte. Und selbst als er neben ihr Platz nahm, ihr
die Hand kte, und aus seinen Augen ein Funkenregen von Entzcken und
Begier ber sie niederging, verriet ihre Miene nichts von der leisen
Befriedigung, die doch als bescheidene Antwort auf eine so glhende
Huldigung zu erwarten gewesen wre.

Nach wenigen hflich einleitenden Worten lie Casanova seine Nachbarin
merken, da er von ihren gelehrten Bestrebungen in Kenntnis gesetzt sei,
und fragte sie, mit welcher Wissenschaft sie sich denn besonders abgebe?
Sie erwiderte, da sie vor allem das Studium der hhern Mathematik
betreibe, in das sie durch Professor Morgagni, den berhmten Lehrer an
der Universitt von Bologna, eingefhrt worden sei. Casanova uerte
seine Verwunderung ber ein solches bei anmutigen jungen Mdchen
wahrlich ungewhnliches Interesse an einem so schwierigen und dabei
nchternen Gegenstand, erhielt aber von Marcolina die Antwort, da ihrer
Ansicht nach die hhere Mathematik die phantastischeste, ja man knnte
sagen, unter allen Wissenschaften die ihrer Natur nach wahrhaft
gttliche vorstelle. Als Casanova sich ber diese ihm ganz neue
Auffassung eine nhere Erklrung erbitten wollte, wehrte Marcolina
bescheiden ab und uerte, da es den Anwesenden, vor allem aber ihrem
lieben Oheim, viel erwnschter sein drfte, Nheres von den Erlebnissen
eines vielgereisten Freundes zu erfahren, den er so lange nicht gesehn,
als einem philosophischen Gesprch zuzuhren. Amalia schlo sich ihrer
Anregung lebhaft an, und Casanova, immer gern bereit, Wnschen solcher
Art nachzugeben, bemerkte leichthin, da er in den letzten Jahren sich
vorzglich auf geheimen diplomatischen Sendungen befunden, die ihn, um
nur die grern Stdte zu nennen, zwischen Madrid, Paris, London,
Amsterdam und Petersburg umhergetrieben. Er berichtete von Begegnungen
und Unterhaltungen ernster und heitrer Art mit Mnnern und Frauen der
verschiedensten Stnde, auch des freundlichen Empfangs zu erwhnen
verga er nicht, der ihm am Hof der Katharina von Ruland zuteil
geworden, und sehr spahaft erzhlte er, wie Friedrich der Groe ihn
beinahe zum Erzieher an einer Kadettenschule fr pommersche Junker
gemacht hatte; - eine Gefahr, der er sich allerdings durch rasche Flucht
entzogen. Von all dem und manchem andern sprach er, als htte es sich in
einer eben erst verflossenen Zeit zugetragen und lge nicht in
Wirklichkeit Jahre und Jahrzehnte zurck; mancherlei erfand er dazu,
ohne sich seiner grern und kleinern Lgen selber recht bewut zu
werden, freute sich seiner eignen Laune wie der Teilnahme, mit der man
ihm lauschte; und whrend er so erzhlte und phantasierte, ward ihm
fast, als wre er in der Tat noch heute der glckverwhnte,
unverschmte, strahlende Casanova, der mit schnen Frauen durch die Welt
gefahren, den weltliche und geistliche Frsten mit hoher Gunst
ausgezeichnet, der Tausende verschwendet, verspielt und verschenkt hatte
- und nicht ein herabgekommener Schlucker, den ehemalige Freunde von
England und Spanien her mit lcherlichen Summen untersttzten, - die
indes auch manchmal ausblieben, so da er auf die paar armseligen
Geldstcke angewiesen war, die er dem Baron Perotti oder dessen Gsten
abgewann; ja, er verga sogar, da es ihm wie ein hchstes Ziel
erschien, in der Vaterstadt, die ihn erst eingekerkert und nach seiner
Flucht gechtet und verbannt hatte, als der geringste ihrer Brger, als
ein Schreiber, als ein Bettler, als ein Nichts - sein einst so
prangendes Dasein zu beschlieen.

Auch Marcolina hrte ihm aufmerksam zu, aber mit keinem andern
Ausdruck, als wenn man ihr etwa aus einem Buch leidlich unterhaltsame
Geschichten vorlse. Da ihr ein Mensch, ein Mann, da ihr Casanova
selbst, der all dies erlebt hatte und noch vieles andre, was er nicht
erzhlte, da ihr der Geliebte von tausend Frauen gegenbersa, - und
da sie das wute, davon verrieten ihre Mienen nicht das geringste.
Anders schimmerte es in Amaliens Augen. Fr sie war Casanova derselbe
geblieben, der er gewesen; ihr klang seine Stimme verfhrerisch wie vor
sechzehn Jahren, und er selbst fhlte, da es ihn nur ein Wort und kaum
so viel kosten wrde, das Abenteuer von damals, sobald es ihm beliebte,
von neuem aufzunehmen. Doch was war ihm Amalia in dieser Stunde, da ihn
nach Marcolina verlangte wie nach keiner vor ihr? Durch das mattglnzend
sie umflieende Gewand glaubte er ihren nackten Leib zu sehen; die
knospenden Brste blhten ihm entgegen, und als sie sich einmal neigte,
um ihr zu Boden geglittenes Taschentuch aufzuheben, legte Casanovas
entflammte Phantasie ihrer Bewegung einen so lsternen Sinn unter, da
er sich einer Ohnmacht nahe fhlte. Da er eine Sekunde lang
unwillkrlich im Erzhlen stockte, entging Marcolina so wenig, wie da
sein Blick seltsam zu flirren begann, und er las in dem ihren ein
pltzliches Befremden, Verwahrung, ja eine Spur von Ekel. Rasch fate
er sich wieder und schickte sich eben an, seine Erzhlung mit neuer
Lebhaftigkeit fortzusetzen, als ein wohlbeleibter Geistlicher eintrat,
der vom Hausherrn als der Abbate Rossi begrt und von Casanova sofort
als derselbe erkannt wurde, mit dem er vor siebenundzwanzig Jahren auf
einem Marktschiff zusammengetroffen war, das von Venedig nach Chioggia
fuhr. Sie hatten damals ein Auge verbunden, sagte Casanova, der selten
eine Gelegenheit vorbergehen lie, mit seinem vorzglichen Gedchtnis
zu prunken, und ein Bauernweib mit gelbem Kopftuch empfahl Ihnen eine
heilkrftige Salbe, die ein junger, sehr heisrer Apotheker zufllig mit
sich fhrte. Der Abbate nickte und lchelte geschmeichelt. Dann aber,
mit einem pfiffigen Gesicht, trat er ganz nahe an Casanova heran, als
htte er ihm ein Geheimnis mitzuteilen. Doch mit ganz lauter Stimme
sagte er: Und Sie, Herr Casanova, befanden sich in Begleitung einer
Hochzeitsgesellschaft ... ich wei nicht, ob als zuflliger Gast oder
gar als Brautfhrer, jedenfalls sah die Braut Sie mit viel zrtlichern
Augen an als den Brutigam ... Ein Wind erhob sich, beinahe ein Sturm,
und Sie begannen ein hchst verwegenes Gedicht vorzulesen. - Das tat
der Chevalier gewi nur, sagte Marcolina, um den Sturm zu
beschwichtigen. - Solche Zaubermacht, erwiderte Casanova, traute
ich mir niemals zu; allerdings will ich nicht leugnen, da sich niemand
mehr um den Sturm kmmerte, als ich zu lesen begonnen.

Die drei Mdchen hatten sich an den Abbate herangemacht. Sie wuten wohl
warum. Denn seinen ungeheuren Taschen entnahm er kstliches Zuckerwerk
in groen Mengen und schob es mit seinen dicken Fingern den Kindern
zwischen die Lippen. Indes berichtete Olivo dem Abbate in aller
Ausfhrlichkeit, wie er Casanova wiedergefunden. Wie verloren hielt
Amalia auf die herrische braune Stirn des teuren Gastes ihren
leuchtenden Blick geheftet. Die Kinder liefen in den Garten; Marcolina
hatte sich erhoben und sah ihnen durchs offne Fenster nach. Der Abbate
hatte Gre vom Marchese Celsi zu bestellen, der, wenn es seine
Gesundheit zuliee, heute abend samt Gemahlin bei seinem werten Freund
Olivo erscheinen wollte. Das trifft sich gut, sagte dieser, da haben
wir gleich dem Chevalier zu Ehren eine hbsche kleine Spielgesellschaft;
die Brder Ricardi erwarte ich gleichfalls, und auch Lorenzi kommt; die
Kinder sind ihm auf seinem Spazierritt begegnet. - Er ist noch immer
da? fragte der Abbate. Schon vor einer Woche hie es, er solle zu
seinem Regiment abgehen. - Die Marchesa, meinte Olivo lachend, wird
ihm beim Obersten einen Urlaub erwirkt haben. - Es wundert mich,
warf Casanova ein, da es fr Mantueser Offiziere jetzt Urlaub gibt.
Und er erfand weiter: Zwei meiner Bekannten, einer aus Mantua, der
andre aus Cremona, sind nachts mit ihren Regimentern in der Richtung
gegen Mailand abmarschiert. - Gibt's Krieg? fragte Marcolina vom
Fenster her; sie hatte sich umgewandt, die Zge ihres umschatteten
Gesichts blieben undeutbar, - doch ein leises Beben ihrer Stimme hatte
Casanova als einziger wohl gemerkt. Es wird vielleicht zu nichts
kommen, sagte er leichthin. Aber da die Spanier eine drohende Haltung
einnehmen, heit es bereit sein. - Wei man denn berhaupt, fragte
Olivo wichtig und stirnrunzelnd, auf welche Seite wir uns schlagen
werden, auf die spanische oder auf die franzsische? - Das drfte dem
Leutnant Lorenzi gleich sein, meinte der Abbate. Wenn er nur endlich
dazu kommt, sein Heldentum zu erproben. - Das hat er schon getan,
sagte Amalia. Bei Pavia vor drei Jahren hat er mitgefochten. Marcolina
aber schwieg.

Casanova wute genug. Er trat an Marcolinens Seite und umfate den
Garten mit einem groen Blick. Er sah nichts als die ausgedehnte wilde
Wiese, auf der die Kinder spielten, und die von einer Reihe hoher
dichter Bume gegen die Mauer zu abgeschlossen war. Was fr ein
prchtiger Besitz, wandte er sich an Olivo. Ich wre neugierig, ihn
nher kennenzulernen. - Und ich, Chevalier, erwiderte Olivo, wnsche
mir kein greres Vergngen, als Sie ber meine Weinberge und durch
meine Felder zu fhren. Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, fragen Sie
doch Amalia, in den Jahren, seit das kleine Gtchen mir gehrt, hab' ich
mir nichts sehnlicher gewnscht, als Sie endlich auf meinem eignen Grund
und Boden als Gast zu begren. Zehnmal war ich daran, Ihnen zu
schreiben, Sie einzuladen. Aber war man denn je sicher, da eine
Nachricht Sie erreichen wrde? Erzhlte einem irgendwer, man htte Sie
krzlich in Lissabon gesehn - so konnte man sicher sein, da Sie indes
nach Warschau oder nach Wien abgereist waren. Und nun, da ich Sie wie
durch ein Wunder eben in der Stunde wiederfinde, da Sie Mantua verlassen
wollen, und es mir - es war nicht leicht, Amalia - gelingt, Sie
hierherzulocken, da geizen Sie so mit Ihrer Zeit, da Sie uns - mchten
Sie es glauben, Herr Abbate - da er uns nicht mehr als zwei Tage
schenken will! - Der Chevalier wird sich vielleicht zu einer
Verlngerung seines Aufenthalts berreden lassen, sagte der Abbate, der
eben mit viel Behagen eine Pfirsichschnitte im Mund zergehen lie, und
warf auf Amalia einen raschen Blick, aus dem Casanova zu entnehmen
glaubte, da sie den Abbate in tieferes Vertrauen gezogen hatte als
ihren Gatten. - Das wird mir leider nicht mglich sein, erwiderte
Casanova frmlich; denn ich darf Freunden, die solchen Anteil an meinem
Schicksal nehmen, nicht verhehlen, da meine venezianischen Mitbrger im
Begriffe sind, mir fr das Unrecht, das sie mir vor Jahren zugefgt,
eine etwas versptete, aber um so ehrenvollere Genugtuung zu geben, und
ich ihrem Drngen mich nicht lnger werde versagen knnen, wenn ich
nicht undankbar oder gar nachtrgerisch erscheinen will. Mit einer
leichten Handbewegung wehrte er eine neugierig-ehrfurchtsvolle Frage ab,
die er auf Olivos Lippen sich runden sah, und bemerkte rasch: Nun,
Olivo, ich bin bereit. Zeigen Sie mir Ihr kleines Knigreich.

Wr' es nicht geratener, warf Amalia ein, dazu die khlere Tageszeit
abzuwarten? Der Chevalier wird jetzt gewi lieber ein wenig ruhen oder
sich im Schatten ergehen wollen? Und aus ihren Augen schimmerte zu
Casanova ein schchternes Flehen hin, als mte whrend eines solchen
Lustwandelns drauen im Garten ihr Schicksal sich zum zweitenmal
entscheiden. - Niemand hatte gegen Amaliens Vorschlag etwas einzuwenden,
und man begab sich ins Freie. Marcolina, den andern voraus, lief im
Sonnenschein ber die Wiese zu den Kindern, die dort mit Federbllen
spielten, und nahm sofort am Spiele teil. Sie war kaum grer als das
lteste der drei Mdchen, und, wie ihr nun das freigelockte Haar um die
Schultern flatterte, sah sie selber einem Kinde gleich. Olivo und der
Abbate lieen sich in der Allee, in der Nhe des Hauses, auf einer
steinernen Bank nieder. Amalia wandelte an Casanovas Seite weiter. Als
sie von den andern nicht mehr gehrt werden konnte, begann sie im
Tonfall von einst, als wre ihre Stimme fr Casanova niemals in einem
andern erklungen:

So bist du wieder da, Casanova! Wie hab' ich diesen Tag ersehnt. Da er
einmal kommen wrde, hab' ich gewut. - Es ist ein Zufall, da ich da
bin, sagte Casanova kalt. Amalia lchelte nur. Nenn' es wie du willst.
Du bist da! Ich habe in diesen sechzehn Jahren von nichts anderm
getrumt als von diesem Tag! - Es ist anzunehmen, entgegnete
Casanova, da du im Laufe dieser Zeit von mancherlei anderm getrumt
und - nicht nur getrumt hast. Amalia schttelte den Kopf. Du weit,
da es nicht so ist, Casanova. Und auch du hast meiner nicht vergessen,
sonst httest du, der du so eilig bist, nach Venedig zu gelangen, Olivos
Einladung nicht angenommen! - Was denkst du eigentlich, Amalia? Ich
sei hergekommen, um deinen guten Mann zum Hahnrei zu machen? - Warum
sprichst du so, Casanova? Wenn ich dir wieder gehre, so ist es weder
Betrug noch Snde! Casanova lachte laut auf. Keine Snde? Warum keine
Snde? Weil ich ein alter Mann bin? - Du bist nicht alt. Fr mich
kannst du es niemals werden. In deinen Armen hab' ich meine erste
Seligkeit genossen - und so ist es mir gewi bestimmt, da mir mit dir
auch meine letzte zuteil wird! - Deine letzte? wiederholte Casanova
hhnisch, obwohl er nicht ganz ungerhrt war, - dagegen drfte mein
Freund Olivo wohl mancherlei einzuwenden haben. - Das, erwiderte
Amalia errtend, das ist Pflicht - meinethalben sogar Vergngen; aber
Seligkeit ist es doch nicht ... war es niemals.

Sie gingen die Allee nicht zu Ende, als scheuten beide die Nhe des
Wiesenplatzes, wo Marcolina und die Kinder spielten, - wie auf
Verabredung kehrten sie um und waren bald wieder, schweigend, beim
Wohnhaus angelangt. An der Schmalseite stand ein Fenster des
Erdgeschosses offen. Casanova sah in der dmmernden Tiefe des Gemachs
einen halbgerafften Vorhang, hinter dem das Fuende des Bettes sichtbar
wurde. ber einem Stuhl daneben hing ein lichtes, schleierartiges
Gewand. Marcolinens Zimmer? fragte Casanova. - Amalia nickte. Und zu
Casanova anscheinend heiter und wie ohne jeden Verdacht: Sie gefllt
dir? - Da sie schn ist. - Schn und tugendhaft. - Casanova zuckte
die Achseln, als htte er danach nicht gefragt. Dann sagte er: Wenn du
mich heute zum erstenmal shest - ob ich dir wohl auch gefiele, Amalia?
- Ich wei nicht, ob du heute anders aussiehst als damals. Ich sehe
dich - wie du damals warst. Wie ich dich seither immer, auch in meinen
Trumen sah. - Sieh mich doch an, Amalia! Die Runzeln meiner Stirn ...
Die Falten meines Halses! Und die tiefe Rinne da von den Augen den
Schlfen zu! Und hier - ja, hier in der Ecke fehlt mir ein Zahn, - er
ri den Mund grinsend auf. Und diese Hnde, Amalia! Sieh sie doch an!
Finger wie Krallen ... kleine gelbe Flecken auf den Ngeln ... Und die
Adern da - blau und geschwollen - Greisenhnde, Amalia! - Sie nahm
seine beiden Hnde, so wie er sie ihr wies, und im Schatten der Allee
kte sie eine nach der andern mit Andacht. Und heute nacht will ich
deine Lippen kssen, sagte sie in einer demtig zrtlichen Art, die ihn
erbitterte.

Unweit von ihnen, am Ende der Wiese, lag Marcolina im Gras, die Hnde
unter den Kopf gesttzt, den Blick in die Hhe gewandt, und die Blle
der Kinder flogen ber sie hin. Pltzlich streckte sie den einen Arm aus
und haschte nach einem der Blle. Sie fing ihn auf, lachte hell, die
Kinder fielen ber sie her, sie konnte sich ihrer nicht erwehren, ihre
Locken flogen. Casanova bebte. Du wirst weder meine Lippen noch meine
Hnde kssen, sagte er zu Amalia, und du sollst mich vergeblich
erwartet und vergeblich von mir getrumt haben - es sei denn, da ich
vorher Marcolina besessen habe. - Bist du wahnsinnig, Casanova? rief
Amalia mit weher Stimme. - So haben wir einander nichts vorzuwerfen,
sagte Casanova. Du bist wahnsinnig, da du in mir altem Manne den
Geliebten deiner Jugend wiederzusehen glaubst, ich, weil ich mir in den
Kopf gesetzt habe, Marcolina zu besitzen. Aber vielleicht ist uns beiden
beschieden, wieder zu Verstand zu kommen. Marcolina soll mich wieder
jung machen - fr dich. Also - fhre meine Sache bei ihr, Amalia! - Du
bist nicht bei dir, Casanova. Es ist unmglich. Sie will von keinem Mann
etwas wissen. - Casanova lachte auf. Und der Leutnant Lorenzi? - Was
soll's mit Lorenzi sein? - Er ist ihr Liebhaber, ich wei es. - Wie
du dich irrst, Casanova. Er hat um ihre Hand angehalten, und sie hat sie
ausgeschlagen. Und er ist jung - er ist schn - ja, fast glaub' ich,
schner als du je gewesen bist, Casanova! - Er htte um sie geworben?
- Frage doch Olivo, wenn du mir nicht glaubst. - Nun, mir gilt's
gleich. Was geht's mich an, ob sie eine Jungfrau ist oder eine Dirne,
Braut oder Witwe - ich will sie haben, ich will sie! - Ich kann sie
dir nicht geben, mein Freund. Und er fhlte aus dem Ton ihrer Stimme,
da sie ihn beklagte. Nun siehst du, sagte er, was fr ein
schmhlicher Kerl ich geworden bin, Amalia! Noch vor zehn - noch vor
fnf Jahren htt' ich keinen Beistand und keine Frsprache gebraucht,
und wre Marcolina die Gttin der Tugend selbst gewesen. Und nun will
ich dich zur Kupplerin machen. Oder wenn ich reich wre ... Ja, mit
zehntausend Dukaten ... Aber ich habe nicht zehn. Ein Bettler bin ich,
Amalia. - Auch fr hunderttausend bekmst du Marcolina nicht. Was kann
ihr am Reichtum liegen? Sie liebt die Bcher, den Himmel, die Wiesen,
die Schmetterlinge und die Spiele mit Kindern ... Und mit ihrem kleinen
Erbteil hat sie mehr als sie bedarf. - O, wr' ich ein Frst! rief
Casanova, ein wenig deklamierend, wie es zuweilen seine Art war, gerade
wenn ihn eine echte Leidenschaft durchwhlte. Htt' ich die Macht,
Menschen ins Gefngnis werfen, hinrichten zu lassen ... Aber ich bin
nichts. Ein Bettler - und ein Lgner dazu. Ich bettle bei den hohen
Herrn in Venedig um ein Amt, um ein Stck Brot, um Heimat! Was ist aus
mir geworden? Ekelt dich nicht vor mir, Amalia? - Ich liebe dich,
Casanova! - So verschaffe sie mir, Amalia! Es steht bei dir, ich wei
es. Sag' ihr, was du willst. Sag' ihr, da ich euch gedroht habe. Da du
mir zutraust, ich knnte euch das Dach ber dem Hause anznden! Sag'
ihr, ich wr' ein Narr, ein gefhrlicher Narr, aus dem Irrenhaus
entsprungen, aber die Umarmung einer Jungfrau knnte mich wieder gesund
machen. Ja, das sag' ihr. - Sie glaubt nicht an Wunder. - Wie? Nicht
an Wunder? So glaubt sie auch nicht an Gott. Um so besser! Ich bin gut
angeschrieben beim Erzbischof von Mailand! Sag' ihr das! Ich kann sie
verderben! Euch alle kann ich verderben. Das ist wahr, Amalia! Was sind
es fr Bcher, die sie liest? Gewi sind auch solche darunter, die die
Kirche verboten hat. La sie mich sehen. Ich will eine Liste
zusammenstellen. Ein Wort von mir ... - Schweige, Casanova! Dort kommt
sie. Verrate dich nicht! Nimm deine Augen in acht! Nie, Casanova, nie,
hre wohl, was ich sage, nie hab' ich ein reineres Wesen gekannt. Ahnte
sie, was ich eben habe hren mssen, sie erschiene sich wie beschmutzt;
und du wrdest sie, solang du hier bist, mit keinem Blick mehr zu sehen
bekommen. Sprich mit ihr. Ja, sprich mit ihr - du wirst sie, du wirst
_mich_ um Verzeihung bitten.

Marcolina, mit den Kindern, kam heran; diese liefen an ihr vorbei, ins
Haus, sie selber aber, wie um dem Gast eine Hflichkeit zu erweisen,
blieb vor ihm stehn, whrend Amalia, wie mit Absicht, sich entfernte.
Und nun war es Casanova in der Tat, als wehte es ihm von diesen blassen,
halb geffneten Lippen, dieser glatten, von dunkelblondem, nun
aufgestecktem Haar umrahmten Stirn wie ein Hauch von Herbheit und
Keuschheit entgegen; - was er selten einer Frau, was er auch ihr
gegenber frher im geschlossnen Raum nicht versprt - eine Art von
Andacht, von Hingegebenheit ohne jedes Verlangen flo durch seine Seele.
Und mit Zurckhaltung, ja in einem Ton von Ehrerbietung, wie man sie
Hhergebornen gegenber an den Tag zu legen liebt, und der ihr
schmeicheln mute, stellte er die Frage an sie, ob sie die kommenden
Abendstunden wieder dem Studium zu widmen beabsichtige. Sie erwiderte,
da sie auf dem Land berhaupt nicht regelmig zu arbeiten pflege, doch
knne sie's nicht hindern, da gewisse mathematische Probleme, mit denen
sie sich eben beschftige, ihr auch in den Ruhestunden nachgingen, wie
es ihr eben jetzt begegnet sei, whrend sie auf der Wiese gelegen war
und zum Himmel aufgesehn hatte. Doch als Casanova, durch ihre
Freundlichkeit ermutigt, sich scherzend erkundigte, was denn dies fr
ein hohes und dabei so zudringliches Problem gewesen sei, entgegnete sie
etwas spttisch, es habe keineswegs das allergeringste mit jener
berhmten Kabbala zu tun, in der der Chevalier von Seingalt, wie man
sich erzhle, Bedeutendes leiste, und so wrde er kaum viel damit
anzufangen wissen. Es rgerte ihn, da sie von der Kabbala mit so
unverhohlener Ablehnung sprach, und obwohl ihm selbst, in den freilich
seltnen Stunden innerer Einkehr, bewut war, da jener eigentmlichen
Mystik der Zahlen, die man Kabbala nennt, keinerlei Sinn und keine
Berechtigung zukme, da sie in der Natur gewissermaen gar nicht
vorhanden, nur von Gaunern und Spamachern - welche Rolle er
abwechselnd, aber immer mit berlegenheit gespielt - zur Nasfhrung von
Leichtglubigen und Toren benutzt wrde, so versuchte er jetzt doch
gegen seine eigne bessre berzeugung Marcolina gegenber die Kabbala als
vollgltige und ernsthafte Wissenschaft zu verteidigen. Er sprach von
der gttlichen Natur der Siebenzahl, die sich so schon in der Heiligen
Schrift angedeutet fnde, von der tiefsinnig-prophetischen Bedeutung der
Zahlenpyramiden, die er selbst nach einem neuen System aufzubauen
gelehrt hatte, und von dem hufigen Eintreffen seiner auf diesem System
beruhenden Voraussagen. Hatte er nicht erst vor wenigen Jahren in
Amsterdam den Bankier Hope durch den Aufbau einer solchen Zahlenpyramide
veranlat, die Versicherung eines schon verloren geglaubten
Handelsschiffes zu bernehmen und ihn dadurch zweimalhunderttausend
Goldgulden verdienen lassen? Noch immer war er so geschickt im Vortrag
seiner schwindelhaft geistreichen Theorien, da er auch diesmal, wie es
ihm oft geschah, an all das Unsinnige zu glauben begann, das er vortrug,
und sogar mit der Behauptung zu schlieen sich getraute, die Kabbala
stelle nicht so sehr einen Zweig als vielmehr die metaphysische
Vollendung der Mathematik vor. Marcolina, die ihm bisher sehr aufmerksam
und anscheinend ganz ernsthaft zugehrt hatte, schaute nun pltzlich mit
einem halb bedauernden, halb spitzbbischen Blick zu ihm auf und sagte:
Es liegt Ihnen daran, mein werter Herr Casanova (sie schien ihn jetzt
mit Absicht nicht Chevalier zu nennen), mir eine ausgesuchte Probe
von Ihrem weltbekannten Unterhaltungstalent zu geben, wofr ich Ihnen
aufrichtig dankbar bin. Aber Sie wissen natrlich so gut wie ich, da
die Kabbala nicht nur nichts mit der Mathematik zu tun hat, sondern
geradezu eine Versndigung an ihrem eigentlichen Wesen bedeutet; und
sich zu ihr nicht anders verhlt als das verworrene oder lgenhafte
Geschwtz der Sophisten zu den klaren und hohen Lehren des Plato und des
Aristoteles. - Immerhin, erwiderte Casanova rasch, werden Sie mir
zugeben mssen, schne und gelehrte Marcolina, da auch die Sophisten
keineswegs durchaus als so verchtliche und trichte Gesellen zu gelten
haben, wie man nach Ihrem allzu strengen Urteil annehmen mte. So wird
man - um nur ein Beispiel aus der Gegenwart anzufhren - Herrn Voltaire
seiner ganzen Denk- und Schreibart nach gewi als das Muster eines
Sophisten bezeichnen drfen, und trotzdem wird es niemandem einfallen,
auch mir nicht, der ich mich als seinen entschiedenen Gegner bekenne,
ja, wie ich nicht leugnen will, eben damit beschftigt bin, eine Schrift
gegen ihn zu verfassen, auch mir fllt es nicht ein, seiner
auerordentlichen Begabung die gebhrende Anerkennung zu versagen. Und
ich bemerke gleich, da ich mich nicht etwa durch die bertriebene
Zuvorkommenheit habe bestechen lassen, die mir Herr Voltaire bei
Gelegenheit meines Besuchs in Ferney vor zehn Jahren zu erweisen die
Gte hatte. - Marcolina lchelte. Das ist ja sehr hbsch von Ihnen,
Chevalier, da Sie den grten Geist des Jahrhunderts so milde zu
beurteilen die Gewogenheit haben. - Ein groer Geist - der grte
gar? rief Casanova aus. Ihn so zu nennen, scheint mir schon deshalb
unstatthaft, weil er bei all seinem Genie ein gottloser Mensch, ja
geradezu ein Gottesleugner ist. Und ein Gottesleugner kann niemals ein
groer Geist sein. Meiner Ansicht nach, Herr Chevalier, bedeutet das
durchaus keinen Widerspruch. Aber Sie werden vor allem zu beweisen
haben, da man Voltaire einen Gottesleugner nennen darf. -

Nun war Casanova in seinem Element. Im ersten Kapitel seiner
Streitschrift hatte er eine ganze Menge von Stellen aus Voltaires
Werken, vor allem aus der berchtigten Pucelle zusammengetragen, die
ihm besonders geeignet schienen, dessen Unglubigkeit zu beweisen; und
die er nun dank seinem vorzglichen Gedchtnis, zusammen mit seinen
eigenen Gegenargumenten, wrtlich zu zitieren wute. Aber in Marcolina
hatte er eine Gegnerin gefunden, die ihm sowohl an Kenntnissen wie an
Geistesschrfe wenig nachgab und ihm berdies, wenn auch nicht an
Redegewandtheit, so doch an eigentlicher Kunst und insbesondre an
Klarheit des Ausdrucks weit berlegen war. Die Stellen, die Casanova als
Beweise fr die Spottlust, Zweifelsucht und Gottlosigkeit Voltaires
auszulegen versucht hatte, deutete Marcolina gewandt und schlagfertig
als ebenso viele Zeugnisse fr des Franzosen wissenschaftliches und
schriftstellerisches Genie, sowie fr sein unermdlich heies Streben
nach Wahrheit, und sie sprach es ungescheut aus, da Zweifel, Spott, ja
da der Unglaube selbst, wenn er mit so reichem Wissen, solch
unbedingter Ehrlichkeit und solch hohem Mut verbunden sei, Gott
wohlgeflliger sein msse als die Demut des Frommen, hinter der sich
meist nichts andres verberge, als eine mangelhafte Fhigkeit,
folgerichtig zu denken, ja oftmals - wofr es an Beispielen nicht fehle
- Feigheit und Heuchelei.

Casanova hrte ihr mit wachsendem Staunen zu. Da er sich auerstande
fhlte, Marcolina zu bekehren, um so weniger, als er immer mehr
erkannte, wie sehr eine gewisse schwankende Seelenstimmung seiner
letzten Jahre, die er als Glubigkeit aufzufassen sich gewhnt hatte,
durch Marcolinens Einwrfe sich vllig aufzulsen drohte, so rettete er
sich in die allgemein gehaltene Betrachtung, da Ansichten, wie
Marcolina sie eben ausgesprochen, nicht nur die Ordnung im Bereich der
Kirche, sondern da sie auch die Grundlagen des Staates in hohem Grade
zu gefhrden geeignet seien, und sprang von hier aus gewandt auf das
Gebiet der Politik ber, wo er mit seiner Erfahrung und Weltlufigkeit
eher darauf rechnen konnte, Marcolinen gegenber eine gewisse
berlegenheit zu zeigen. Aber wenn es ihr hier auch an Personenkenntnis
und Einblick in das hfisch-diplomatische Getriebe gebrach und sie
darauf verzichten mute, Casanova im einzelnen zu widersprechen, auch wo
sie der Verllichkeit seiner Darstellung zu mitrauen Neigung
versprte; - aus ihren Bemerkungen ging unwidersprechlich fr ihn
hervor, da sie weder vor den Frsten dieser Erde noch vor den
Staatsgebilden als solchen sonderliche Achtung hegte und der
berzeugung war, da die Welt im Kleinen wie im Groen von Eigennutz und
Herrschsucht nicht so sehr regiert, als vielmehr in Verwirrung gebracht
werde. Einer solchen Freiheit des Denkens war Casanova bisher nur selten
bei Frauen, bei einem jungen Mdchen gar, das gewi noch keine zwanzig
Jahre zhlte, war er ihr noch nie begegnet; und nicht ohne Wehmut
erinnerte er sich, da sein eigener Geist in vergangenen Tagen, die
schner waren als die gegenwrtigen, mit einer bewuten und etwas
selbstzufriedenen Khnheit die gleichen Wege gegangen war, die er nun
Marcolina beschreiten sah, ohne da diese sich ihrer Khnheit berhaupt
bewut zu werden schien. Und ganz hingenommen von der Eigenart ihrer
Denk- und Ausdrucksweise verga er beinahe, da er an der Seite eines
jungen, schnen und hchst begehrenswerten Wesens einherwandelte, was um
so verwunderlicher war, als er sich mit ihr ganz allein in der nun
vllig durchschatteten Allee, ziemlich weit vom Wohnhaus, befand.
Pltzlich aber, sich in einem eben begonnenen Satz unterbrechend, rief
Marcolina lebhaft, ja wie freudig aus: Da kommt mein Oheim! ... Und
Casanova, als htte er Versumtes nachzuholen, flsterte ihr zu: Wie
schade. Gar zu gerne htte ich mich noch stundenlang mit Ihnen weiter
unterhalten, Marcolina! - Er fhlte selbst, wie whrend dieser Worte
in seinen Augen die Begier von neuem aufzuleuchten begann, worauf
Marcolina, die in dem abgelaufenen Gesprch in aller Spttelei sich fast
zutraulich gegeben, sofort wieder eine khlere Haltung annahm, und ihr
Blick die gleiche Verwahrung, ja den gleichen Widerwillen ausdrckte,
der Casanova heute schon einmal so tief verletzt hatte. Bin ich wirklich
so verabscheuungswrdig? fragte er sich angstvoll. Nein, gab er sich
selbst zur Antwort. Nicht das ist's. Aber Marcolina - ist kein Weib.
Eine Gelehrte, eine Philosophin, ein Weltwunder meinethalben - aber kein
Weib. - Doch er wute zugleich, da er sich so nur selbst zu belgen, zu
trsten, zu retten versuchte, und da diese Versuche vergeblich waren.
Olivo stand vor ihnen. Nun, meinte er zu Marcolina, hab' ich das
nicht gut gemacht, da ich dir endlich jemanden ins Haus gebracht habe,
mit dem sich's so klug reden lt, wie du's von deinen Professoren in
Bologna her gewohnt sein magst? - Und nicht einmal unter diesen,
liebster Oheim, erwiderte Marcolina, gibt es einen, der es sich
getrauen drfte, Voltaire selbst zum Zweikampf herauszufordern! - Ei,
Voltaire? Der Chevalier fordert ihn heraus? rief Olivo ohne zu
verstehen. - Ihre witzige Nichte, Olivo, spricht von der Streitschrift,
die mich in der letzten Zeit beschftigt. Liebhaberei fr mige
Stunden. Frher hatte ich Gescheiteres zu tun. Marcolina, ohne auf
diese Bemerkung zu achten, sagte: Sie werden eine angenehme khle Luft
fr Ihren Spaziergang haben. Auf Wiedersehen. Sie nickte kurz und eilte
ber die Wiese dem Hause zu. Casanova hielt sich davor zurck, ihr
nachzublicken und fragte: Wird uns Frau Amalia begleiten? - Nein,
mein werter Chevalier, erwiderte Olivo, sie hat allerlei im Hause zu
besorgen und anzuordnen - und jetzt ist auch die Stunde, in der sie die
Mdchen zu unterrichten pflegt. - Was fr eine tchtige, brave
Hausfrau und Mutter! Sie sind zu beneiden, Olivo! - Ja, das sag' ich
mir selbst alle Tage, entgegnete Olivo, und die Augen wurden ihm
feucht.

Sie gingen die Schmalseite des Hauses entlang. Das Fenster Marcolinens
stand offen, wie vorher; aus dem dmmernden Grund des Gemachs schimmerte
das schleierartige helle Gewand. Durch die breite Kastanienallee
gelangten sie auf die Strae, die schon vllig im Schatten lag. Langsam
gingen sie aufwrts lngs der Gartenmauer; wo sie im rechten Winkel
umbog, begann das Weingelnde. Zwischen den hohen Stcken, an denen
schwere dunkelblaue Beeren hingen, fhrte Olivo seinen Gast zur Hhe,
und deutete mit einer behaglich zufriedenen Handbewegung nach seinem
Haus zurck, das nun ziemlich tief unter ihnen lag. Im Fensterrahmen
des Turmgemachs glaubte Casanova eine weibliche Figur auf und nieder
schweben zu sehen.

Die Sonne neigte sich dem Untergang zu; aber noch war es hei genug.
ber Olivos Wangen rannen die Schweitropfen, whrend Casanovas Stirne
vollkommen trocken blieb. Allmhlich weiter und nun nach abwrts
schreitend kamen sie auf ppiges Wiesenland. Von einem Olivenbaum zum
andern rankte sich das Gest der Reben, zwischen den Baumreihen wiegten
sich die hohen gelben hren. - Segen der Sonne, sagte Casanova wie
anerkennend, in tausendfltiger Gestalt. Olivo erzhlte wieder und mit
noch grerer Ausfhrlichkeit als vorher, wie er nach und nach diesen
schnen Besitz erworben, und wie ein paar glckliche Ernte- und Lesejahre
ihn zum wohlhabenden, ja zum reichen Manne gemacht. Casanova aber hing
seinen eigenen Gedanken nach und griff nur selten ein Wort Olivos auf,
um durch irgendeine hfliche Zwischenfrage seine Aufmerksamkeit zu
beweisen. Erst als Olivo, von allem mglichen schwatzend, auf seine
Familie und endlich auf Marcolina geraten war, horchte Casanova auf.
Aber er erfuhr nicht viel mehr, als er schon vorher gewut hatte. Da sie
schon als Kind, noch im Hause ihres Vaters, der Olivos Stiefbruder, frh
verwitwet und Arzt in Bologna gewesen war, durch die zeitig erwachenden
Fhigkeiten ihres Verstandes ihre Umgebung in Erstaunen gesetzt, hatte
man indes Mue genug gehabt, sich an ihre Art zu gewhnen. Vor wenigen
Jahren war ihr Vater gestorben, und seither lebte sie in der Familie
eines berhmten Professors der hohen Schule von Bologna, eben jenes
Morgagni, der sich verma, seine Schlerin zu einer groen Gelehrten
heranzubilden; in den Sommermonaten war sie stets beim Oheim zu Gaste.
Eine Anzahl Bewerbungen um ihre Hand, die eines Bologneser Kaufmanns,
die eines Gutsbesitzers aus der Nachbarschaft, und zuletzt die des
Leutnant Lorenzi habe sie zurckgewiesen und scheine tatschlich
gewillt, ihr Dasein vllig dem Dienst der Wissenschaft zu widmen.
Whrend Olivo dies erzhlte, fhlte Casanova sein Verlangen ins
Ungemessene wachsen, und die Einsicht, da es so tricht als
hoffnungslos war, brachte ihn der Verzweiflung nahe. Eben als sie aus
dem Feld- und Wiesenland auf die Fahrstrae traten, erschallte ihnen aus
einer Staubwolke, die sich nherte, Rufen und Gren entgegen. Ein Wagen
wurde sichtbar, in dem ein vornehm gekleideter lterer Herr an der Seite
einer etwas jngern ppigen und geschminkten Dame sa. Der Marchese,
flsterte Olivo seinem Begleiter zu, er ist auf dem Wege zu mir.

Der Wagen hielt. Guten Abend, mein trefflicher Olivo, rief der
Marchese, darf ich Sie bitten, mich mit dem Chevalier von Seingalt
bekannt zu machen? Denn ich zweifle nicht, da ich das Vergngen habe,
mich ihm gegenber zu sehen. - Casanova verbeugte sich leicht. Ich bin
es, sagte er. - Und ich der Marchese Celsi, - hier die Marchesa, meine
Gattin. Die Dame reichte Casanova die Fingerspitzen; er berhrte sie
mit den Lippen.

Nun, mein bester Olivo, sagte der Marchese, dessen wachsgelbes
schmales Antlitz durch die ber den stechenden grnlichen Augen
zusammengewachsenen dichten roten Brauen ein nicht eben freundliches
Ansehen erhielt, - mein bester Olivo, wir haben denselben Weg, nmlich
zu Ihnen. Und da es kaum ein Viertelstndchen bis dahin ist, will ich
aussteigen und mit Ihnen zu Fu gehen. Du hast wohl nichts dagegen, die
kleine Strecke allein zu fahren, wandte er sich an die Marchesa, die
Casanova die ganze Zeit ber mit lstern prfenden Augen betrachtet
hatte; gab, ohne die Antwort seiner Gattin abzuwarten, dem Kutscher
einen Wink, worauf dieser sofort wie toll auf die Pferde einhieb, als
kme es ihm aus irgendeinem Grund darauf an, seine Herrin mglichst
geschwind davonzubringen; und gleich war der Wagen hinter einer
Staubwolke verschwunden.

Man wei nmlich schon in unsrer Gegend, sagte der Marchese, der noch
ein paar Zoll hher als Casanova und von einer unnatrlichen Magerkeit
war, da der Chevalier von Seingalt hier angekommen und bei seinem
Freund Olivo abgestiegen ist. Es mu ein erhebendes Gefhl sein, einen
so berhmten Namen zu tragen.

Sie sind sehr gtig, Herr Marchese, erwiderte Casanova, ich habe
allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mir einen solchen Namen
zu erwerben, finde mich aber vorlufig davon noch recht weit entfernt. -
Eine Arbeit, mit der ich eben beschftigt bin, wird mich meinem Ziele
hoffentlich etwas nher bringen.

Wir knnen den Weg hier abkrzen, sagte Olivo und schlug einen Feldweg
ein, der gerade auf die Mauer seines Gartens zufhrte. - Arbeit?
wiederholte der Marchese mit einem unbestimmten Ausdruck. Darf man
fragen, von welcher Art von Arbeit Sie sprechen, Chevalier? - Wenn Sie
mich danach fragen, Herr Marchese, so sehe ich mich gentigt,
meinerseits an Sie die Frage zu richten, von was fr einer Art von Ruhm
Sie vorhin geredet haben? Dabei sah er dem Marchese hochmtig in die
stechenden Augen. Denn wenn er auch sehr wohl wute, da weder sein
phantastischer Roman Icosameron, noch seine dreibndige Widerlegung
von Amelots Geschichte der venezianischen Regierung ihm nennenswerten
schriftstellerischen Ruhm eingebracht hatten, es lag ihm daran, fr
sich keinen andern als erstrebenswert gelten zu lassen, und er
miverstand absichtlich alle weiteren vorsichtig tastenden Bemerkungen
und Anspielungen des Marchese, der sich unter Casanova wohl einen
berhmten Frauenverfhrer, Spieler, Geschftsmann, politischen Emissr
und sonst alles mgliche, nur durchaus keinen Schriftsteller
vorzustellen imstande war, um so weniger, als weder von der Widerlegung
des Amelotischen Werkes noch von dem Icosameron jemals eine Kunde zu
ihm gedrungen war. So bemerkte er endlich mit einer gewissen hflichen
Verlegenheit: Immerhin gibt es nur einen Casanova. - Auch das ist ein
Irrtum, Herr Marchese, entgegnete Casanova kalt. Ich habe Geschwister,
und der Name eines meiner Brder, des Malers Francesco Casanova, drfte
einem Kenner nicht fremd klingen.

Es zeigte sich, da der Marchese auch auf diesem Gebiete nicht zu den
Kennern gehrte, und so lenkte er das Gesprch auf Bekannte, die ihm in
Neapel, Rom, Mailand und Mantua wohnten, und von denen er annehmen
konnte, da Casanova mit ihnen gelegentlich zusammengetroffen war. In
diesem Zusammenhang nannte er auch den Namen des Barons Perotti, doch in
einigermaen verchtlichem Tone, und Casanova mute zugestehen, da er
manchmal im Hause des Barons ein kleines Spiel zu machen pflege - zur
Zerstreuung, setzte er hinzu, - ein halbes Stndchen vor dem
Schlafengehen. Im brigen hab' ich diese Art von Zeitvertreib so
ziemlich aufgegeben. - Das tte mir leid, sagte der Marchese, denn
ich will Ihnen nicht verhehlen, Herr Chevalier, da es ein Traum meines
Lebens war, mich mit Ihnen zu messen - sowohl im Spiel als - in jngern
Jahren - auch auf andern Gebieten. Denken Sie brigens, da ich - wie
lange mag es her sein? - da ich in Spa genau an dem Tage, ja in der
Stunde ankam, als Sie es verlieen. Unsre Wagen fuhren aneinander
vorber. Und in Regensburg widerfuhr mir ein hnliches Migeschick. Dort
bewohnte ich sogar das Zimmer, das Sie eine Stunde vorher verlassen
hatten. - Es ist ein rechtes Unglck, sagte Casanova, immerhin ein
wenig geschmeichelt, da man einander manchmal zu spt im Leben
begegnet. - Es ist noch nicht zu spt, rief der Marchese lebhaft. In
Hinsicht auf mancherlei andres will ich mich gern im vorhinein
geschlagen geben, und es kmmert mich wenig, - aber was das Spiel
anbelangt, mein lieber Chevalier, so sind wir beide vielleicht gerade in
den Jahren -

Casanova unterbrach ihn: In den Jahren - mag sein. Aber leider kann ich
gerade auf dem Gebiet des Spiels nicht mehr auf das Vergngen Anspruch
erheben, mich mit einem Partner Ihres Ranges messen zu drfen - weil
ich - und dies sagte er im Ton eines entthronten Frsten - weil ich es
mit all meinem Ruhm, mein werter Herr Marchese, bis heute nicht viel
weiter als bis zum Bettler gebracht habe.

Der Marchese schlug unwillkrlich vor Casanovas stolzem Blick die Augen
nieder und schttelte dann nur unglubig, wie zu einem sonderbaren Spa,
den Kopf. Olivo aber, der dem ganzen Gesprch mit Spannung gelauscht und
die gewandt berlegenen Antworten seines auerordentlichen Freundes mit
beiflligem Nicken begleitet hatte, vermochte eine Bewegung des
Erschreckens kaum zu unterdrcken. Sie standen eben alle an der
rckwrtigen Gartenmauer vor einer schmalen Holztr, und whrend Olivo
sie mit einem kreischenden Schlssel ffnete und den Marchese voraus in
den Garten treten lie, flsterte er Casanova zu, ihn beim Arm fassend:
Sie werden Ihr letztes Wort zurcknehmen, Chevalier, ehe Sie den Fu
wieder in mein Haus setzen. Das Geld, das ich Ihnen seit sechzehn Jahren
schulde, liegt bereit. Ich wagte nur nicht ... Fragen Sie Amalia ...
Abgezhlt liegt es bereit. Beim Abschied wollte ich mir erlauben -
Casanova unterbrach ihn sanft. Sie sind nicht mein Schuldner, Olivo.
Die paar Goldstcke waren - Sie wissen es wohl - ein Hochzeitsgeschenk,
das ich, als Freund von Amaliens Mutter ... Doch wozu berhaupt davon
reden. Was sollen mir die paar Dukaten? Ich stehe an einer Wende meines
Schicksals, setzte er absichtlich laut hinzu, so da ihn der Marchese,
der nach ein paar Schritten stehengeblieben war, hren konnte. Olivo
tauschte einen Blick mit Casanova, um sich seiner Zustimmung zu
versichern, dann bemerkte er zum Marchese: Der Chevalier ist nmlich
nach Venedig zurckberufen und reist in wenigen Tagen nach seiner
Vaterstadt ab. - Vielmehr, bemerkte Casanova, whrend sie alle sich
dem Hause nherten, man ruft bereits seit geraumer Zeit nach mir und
immer dringender. Aber ich finde, die Herren Senatoren haben sich lange
genug Zeit gelassen. Mgen nun sie sich in Geduld fassen. - Ein
Stolz, sagte der Marchese, zu dem Sie im hchsten Mae berechtigt
sind, Chevalier!

Als sie aus der Allee auf die Wiese hinaustraten, die nun schon vllig
im Schatten dalag, sahen sie, dem Hause nahe, die kleine Gesellschaft
versammelt, von der sie erwartet wurden. Alle erhoben sich, um ihnen
entgegenzugehen, zuerst der Abbate, zwischen Marcolina und Amalia; ihnen
folgte die Marchesa, ihr zur Seite ein hochgewachsener bartloser junger
Offizier in roter silberverschnrter Uniform und glnzenden
Reiterstiefeln, der kein andrer sein konnte als Lorenzi. Wie er zu der
Marchesa sprach, ihre weien gepuderten Schultern mit dem Blicke
streifend als eine wohlbekannte Probe von nicht minder bekannten
hbschen Dingen; noch mehr die Art, wie die Marchesa mit
halbgeschlossenen Lidern lchelnd zu ihm aufsah, konnte auch weniger
Erfahrene ber die Natur der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen
nicht in Zweifel lassen; sowie auch darber, da sie keinen Wert darauf
legten, sie vor irgend jemandem geheimzuhalten. Sie unterbrachen ihr
leises aber lebhaftes Gesprch erst, als sie den Herankommenden schon
gegenberstanden.

Olivo stellte Casanova und Lorenzi einander vor. Die beiden maen sich
mit einem kurzen kalten Blick, in dem sie sich gegenseitig ihrer
Abneigung zu versichern schienen, dann lchelten sie beide flchtig und
verneigten sich, ohne einander die Hnde zu reichen, da jeder zu diesem
Zweck dem andern htte einen Schritt entgegentreten mssen. Lorenzi war
schn, von schmalem Antlitz und in Anbetracht seiner Jugend auffallend
scharfen Zgen; im Hintergrund seiner Augen schillerte irgend etwas
Unfabares, das den Erfahrenen zur Vorsicht mahnen mute. Nur eine
Sekunde lang berlegte Casanova, an wen ihn Lorenzi erinnerte. Dann
wute er, da es sein eigenes Bild war, das ihm, um dreiig Jahre
verjngt, hier entgegentrat. Bin ich etwa in seiner Gestalt
wiedergekehrt? fragte er sich. Da mte ich doch vorher gestorben sein
... Und es durchbebte ihn: Bin ich's denn nicht seit lange? Was ist denn
noch an mir von dem Casanova, der jung, schn und glcklich war?

Er hrte Amaliens Stimme. Sie fragte ihn, wie aus der Ferne, obzwar sie
neben ihm stand, wie ihm der Spaziergang behagt habe, worauf er sich
laut, so da es alle hren konnten, mit hchster Anerkennung ber den
fruchtbaren wohlgepflegten Besitz aussprach, den er mit Olivo
durchwandert hatte. Indes deckte die Magd auf der Wiese einen lnglichen
Tisch, die zwei lteren Tchter Olivos waren ihr dabei behilflich, indem
sie aus dem Hause Geschirr, Glser und was sonst ntig war, mit viel
Gekicher und Getu herbeischafften. Mhlich brach die Dmmerung ein; ein
leise khlender Wind strich durch den Garten. Marcolina eilte an den
Tisch, um zu vollenden, was die Kinder im Verein mit der Magd begonnen,
und zu verbessern, was sie verfehlt hatten. Die brigen ergingen sich
zwanglos auf der Wiese und in den Alleen. Die Marchesa erwies Casanova
viele Hflichkeit, auch wnschte sie von ihm die berhmte Geschichte
seiner Flucht aus den Bleikammern von Venedig zu vernehmen, wenngleich
ihr keineswegs unbekannt sei - wie sie mit vieldeutigem Lcheln
hinzufgte -, da er weit gefhrlichere Abenteuer bestanden, die zu
erzhlen freilich bedenklicher sein mchte. Casanova erwiderte: wenn er
auch mancherlei ernste und heitere Beschwernis mitgemacht - gerade
dasjenige Leben, dessen Sinn und eigentliches Wesen die Gefahr bedeute,
habe er niemals so recht kennengelernt; denn wenn er auch ein paar
Monate lang in unruhigen Zeiten Soldat gewesen, vor vielen Jahren, auf
der Insel Korfu, - gab es denn einen Beruf auf Erden, in den ihn das
Schicksal nicht verschlagen?! - er habe nie das Glck gehabt, einen
wirklichen Feldzug mitzumachen, wie das nun dem Herrn Leutnant Lorenzi
bevorstnde, und worum er ihn fast beneiden mchte. - Da wissen Sie
mehr als ich, Herr Casanova, sagte Lorenzi mit einer hellen und frechen
Stimme - und sogar mehr als mein Oberst, denn ich habe eben
Verlngerung meines Urlaubs auf unbestimmte Zeit erhalten. -
Wahrhaftig! rief der Marchese mit unbeherrschtem Grimme, und hhnisch
setzte er hinzu: Und denken Sie nur, Lorenzi, wir - meine Gattin
vielmehr, hatte schon so sicher auf Ihre Abreise gerechnet, da sie fr
Anfang nchster Woche einen unsrer Freunde, den Snger Baldi, auf unser
Schlo einlud. - Das trifft sich gut, entgegnete Lorenzi unbeirrt,
Baldi und ich sind gute Freunde, wir werden uns vertragen. Nicht wahr?
wandte er sich an die Marchesa und lie seine Zhne blitzen. - Ich
wrde es Ihnen beiden raten, meinte die Marchesa mit einem heitern
Lcheln.

Mit diesen Worten nahm sie als erste am Tische Platz; ihr zur Seite
Olivo, an ihrer andern Lorenzi. Ihnen gegenber sa Amalia zwischen dem
Marchese und Casanova; neben diesem an einem schmalen Tischende
Marcolina; am andern, neben Olivo, der Abbate. Es war wie mittags ein
einfaches und dabei hchst schmackhaftes Mahl. Die zwei lteren Tchter
des Hauses, Teresina und Nanetta, reichten die Schsseln und schenkten
von dem trefflichen Wein, der auf Olivos Hgeln wuchs; und sowohl der
Marchese wie der Abbate dankten den Mdchen mit scherzhaft derben
Liebkosungen, die ein gestrengerer Vater als Olivo sich vielleicht
verbeten htte. Amalia schien nichts zu bemerken; sie war bla, blickte
trb und sah aus wie eine Frau, die entschlossen ist, alt zu werden,
weil das Jungsein jeden Sinn fr sie verloren hat. Ist dies nun meine
ganze Macht? dachte Casanova bitter, sie von der Seite betrachtend. Doch
vielleicht war es die Beleuchtung, die Amaliens Zge so traurig
vernderte. Es fiel nmlich nur ein breiter Strahl von Licht aus dem
Innern des Hauses auf die Gste; im brigen lie man sich's am
Dmmerschein des Himmels gengen. In scharfen schwarzen Linien schlossen
die Baumwipfel alle Aussicht ab, und Casanova fhlte sich an irgendeinen
geheimnisvollen Garten erinnert, in dem er vor vielen Jahren
nchtlicherweile eine Geliebte erwartet hatte. Murano, flsterte er
vor sich hin und erbebte; dann sprach er laut: Es gibt einen Garten auf
einer Insel nahe von Venedig, einen Klostergarten, den ich vor etlichen
Jahrzehnten zum letztenmal betreten habe; - in dem duftete es nachts
gerade so, wie heute hier. - Sie sind wohl auch einmal Mnch gewesen?
fragte die Marchesa scherzend. - Beinahe, erwiderte Casanova lchelnd
und erzhlte wahrheitsgem, da ihm als einem fnfzehnjhrigen Knaben
der Patriarch von Venedig die niederen Weihen verliehen, da er aber
schon als Jngling vorgezogen habe, das geistliche Gewand wieder
abzulegen. Der Abbate tat eines nahegelegenen Frauenklosters Erwhnung,
zu dessen Besuch er Casanova dringend rate, falls er es noch nicht
kennen sollte. Olivo stimmte lebhaft zu; er rhmte den dstern alten
Bau, die anmutige Gegend, in der er gelegen war, den abwechslungsreichen
Weg dahin. brigens, fuhr der Abbate fort, habe die btissin, Schwester
Seraphina, - eine hchst gelehrte Frau, Herzogin von Geburt - in einem
Brief an ihn den Wunsch geuert (schriftlich darum, weil in jenem
Kloster das Gelbde ewigen Schweigens herrsche), Marcolina, von deren
Gelehrsamkeit sie erfahren, von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen. -
Ich hoffe, Marcolina, sagte Lorenzi, und es war das erstemal, da er
das Wort geradaus an sie richtete, Sie werden sich nicht dazu verfhren
lassen, der Herzogin-btissin in jeder Beziehung nachzueifern. - Warum
sollt' ich auch? erwiderte Marcolina heiter; man kann seine Freiheit
auch ohne Gelbde bewahren - und besser, denn Gelbde ist Zwang.

Casanova sa neben ihr. Er wagte es nicht einmal, leise ihren Fu zu
berhren, oder sein Knie an das ihre zu drngen: noch ein drittes Mal
jenen Ausdruck des Grauens, des Ekels in ihrem Blick gewahren zu mssen
- des war er gewi - htte ihn unfehlbar zu einer Tat des Wahnsinns
getrieben. Whrend mit dem Fortschreiten des Mahls und der steigenden
Zahl der geleerten Glser die Unterhaltung lebhafter und allgemeiner
wurde, hrte Casanova, wieder wie von fern, Amaliens Stimme. Ich habe
mit Marcolina gesprochen. - Du hast mit ihr - - Eine tolle Hoffnung
flammte in ihm auf. Stille, Casanova. Von dir war nicht die Rede, nur
von ihr und ihren Zukunftsplnen. Und ich sage es dir noch einmal:
Niemals wird sie irgendeinem Manne angehren. - Olivo, der dem Weine
stark zugesprochen hatte, erhob sich unerwarteterweise, und, das Glas in
der Hand, sprach er ein paar unbeholfene Worte ber die hohe Ehre, die
seinem armen Hause durch den Besuch seines teuern Freundes, des
Chevalier von Seingalt, geworden sei.

Wo ist der Chevalier von Seingalt, mein lieber Olivo, von dem Sie da
reden? fragte Lorenzi mit seiner hellen, frechen Stimme. Casanovas
erste Regung war es, dem Unverschmten sein geflltes Glas an den Kopf
zu schleudern; Amalia aber berhrte leicht seinen Arm und sagte: Viele
Leute, Herr Chevalier, kennen Sie bis heute nur unter Ihrem lteren und
berhmteren Namen Casanova.

Ich wute nicht, sagte Lorenzi mit beleidigendem Ernst, da der Knig
von Frankreich Herrn Casanova den Adel verliehen hat.

Ich konnte dem Knig diese Mhe ersparen, erwiderte Casanova ruhig,
und hoffe, da Sie, Leutnant Lorenzi, sich mit einer Erklrung
zufrieden geben werden, gegen die der Brgermeister von Nrnberg nichts
einzuwenden hatte, dem ich sie bei einer im brigen gleichgltigen
Gelegenheit vorzutragen die Ehre hatte. Und da die andern in Spannung
schwiegen -: Das Alphabet ist bekanntlich allgemeines Gut. Ich habe mir
eine Anzahl Buchstaben ausgesucht, die mir gefallen, und mich zum
Edelmann gemacht, ohne einem Frsten verpflichtet zu sein, der meine
Ansprche zu wrdigen kaum imstande gewesen wre. Ich bin Casanova
Chevalier von Seingalt. Es tte mir leid um Ihretwillen, Leutnant
Lorenzi, wenn dieser Name Ihren Beifall nicht finden sollte. -
Seingalt - ein vortrefflicher Name, sagte der Abbate und wiederholte
ihn ein paarmal, als schmeckte er ihn mit den Lippen nach. - Und es
gibt niemanden auf der Welt, rief Olivo aus, der sich mit hherem
Rechte Chevalier nennen drfte als mein edler Freund Casanova! - Und
sobald Ihr Ruhm, Lorenzi, fgte der Marchese hinzu, so weit erschallen
sollte, als der des Herrn Casanova, Chevalier von Seingalt, werden wir
nicht zgern, wenn es Ihnen so beliebt, auch Sie Chevalier zu nennen. -
Casanova, rgerlich ber den unerwnschten Beistand, der ihm von allen
Seiten wurde, war eben im Begriffe, sich ihn zu verbitten, um seine
Sache persnlich weiterzufhren, als aus dem Dunkel des Gartens zwei
eben noch anstndig gekleidete, alte Herren an den Tisch traten. Olivo
begrte sie herzlich und geruschvoll, sehr froh, damit einem Zwist,
der bedenklich zu werden und die Heiterkeit des Abends zu gefhrden
drohte, die Spitze abzubrechen. Die Neuangekommenen waren die Brder
Ricardi, Junggesellen, die, wie Casanova von Olivo erfuhr, frher in der
groen Welt gelebt, mit allerlei Unternehmungen wenig Glck gehabt und
sich endlich in das benachbarte Dorf, ihren Geburtsort, zurckgezogen,
wo sie in einem elenden Huschen zur Miete wohnten. Sonderbare, aber
harmlose Leute. Die beiden Ricardi drckten ihr Entzcken aus, die
Bekanntschaft des Chevaliers zu erneuern, mit dem sie in Paris vor
Jahren zusammengetroffen waren. Casanova erinnerte sich nicht. Oder war
es in Madrid?... Das wre mglich, sagte Casanova, aber er wute, da
er die beiden niemals gesehen hatte. Nur der eine, offenbar jngere von
ihnen, fhrte das Wort, der andre, der wie ein Neunzigjhriger aussah,
begleitete die Reden seines Bruders mit unaufhrlichem Kopfnicken und
einem verlorenen Grinsen.

Man hatte sich von Tisch erhoben. Die Kinder waren schon frher
verschwunden. Lorenzi und die Marchesa spazierten im Dmmer ber die
Wiese hin, Marcolina und Amalia wurden bald im Saale sichtbar, wo sie
Vorbereitungen fr das Spiel zu treffen schienen. Was hat das alles zu
bedeuten? fragte sich Casanova, der allein im Garten stand. Halten sie
mich fr reich? Wollen sie mich rupfen? Denn alle diese Anstalten, auch
die Zuvorkommenheit des Marchese, die Beflissenheit des Abbate sogar,
das Erscheinen der Brder Ricardi, kamen ihm irgendwie verdchtig vor;
konnte nicht auch Lorenzi in die Intrige verwickelt sein? Oder
Marcolina? Oder gar Amalia? Ist das Ganze, dachte er flchtig, ein
Streich meiner Feinde, um mir die Rckkehr nach Venedig zu erschweren, -
im letzten Augenblick unmglich zu machen? Aber sofort mute er sich
sagen, da dieser Einfall vllig unsinnig war, vor allem schon darum,
weil er ja nicht einmal mehr Feinde hatte. Er war ein ungefhrlicher,
herabgekommener alter Tropf; wen konnte seine Rckkehr nach Venedig
berhaupt kmmern? Und als er durch die offenen Fenster des Hauses die
Herren sich geschftig um den Tisch reihen sah, auf dem die Karten
bereit lagen und gefllte Weinglser standen, wurde ihm ber jeden
Zweifel klar, da hier nichts anderes geplant war als ein
gewohnheitsmig harmloses Spiel, bei dem ein neuer Partner immerhin
willkommen sein mochte. Marcolina streifte an ihm vorber und wnschte
ihm Glck. Sie bleiben nicht? Schauen dem Spiel nicht wenigstens zu? -
Was soll ich dabei? Gute Nacht, Chevalier von Seingalt - und auf
morgen!

Stimmen klangen ins Freie. Lorenzi rief es - Herr Chevalier. - Wir
warten. Casanova, im Schatten des Hauses, konnte sehen, wie die
Marchesa Lorenzi von der Wiese gegen das Dunkel der Bume hinzuziehen
suchte. Dort drngte sie sich heftig an ihn, Lorenzi aber ri sich
ungebrdig von ihr los und eilte dem Hause zu. Er traf am Eingang mit
Casanova zusammen und, mit einer Art von spttischer Hflichkeit, lie
er ihm den Vortritt, was Casanova ohne Dank annahm.

Der Marchese legte die erste Bank. Olivo, die Brder Ricardi und der
Abbate setzten so geringe Mnzen ein, da das ganze Spiel auf Casanova -
auch heute, da sein ganzes Vermgen nur in ein paar Dukaten bestand -
wie ein Spa wirkte. Es erschien ihm um so lcherlicher, als der
Marchese mit einer so groartigen Miene das Geld einstrich und
auszahlte, als wenn es um hohe Summen ginge. Pltzlich warf Lorenzi, der
sich bisher nicht beteiligt hatte, einen Dukaten hin, gewann, lie den
so verdoppelten Einsatz stehen, gewann ein zweites und drittes Mal und
so mit geringen Unterbrechungen immer weiter. Die andern Herren setzten
indes ihre kleinen Mnzen wie zuvor, und insbesondere die beiden Ricardi
zeigten sich hchst ungehalten, wenn der Marchese sie nicht mit der
gleichen Rcksichtnahme zu behandeln schien, wie den Leutnant Lorenzi.
Die Brder spielten gemeinsam auf das gleiche Blatt; dem einen, lteren,
der die Karten empfing, perlte der Schwei von der Stirn, der andere,
hinter ihm stehend, redete unablssig auf ihn ein wie mit
wichtig-unfehlbaren Ratschlgen. Wenn er den schweigsamen Bruder
einziehen sah, leuchteten seine Augen, im andern Falle richteten sie
sich verzweifelt gen Himmel. Der Abbate, sonst ziemlich teilnahmlos, gab
zuweilen spruchhnliche Stze zum besten - wie Das Glck und die Frauen
zwingst du nicht - oder Die Erde ist rund, der Himmel weit -
manchmal blickte er auch pfiffig ermutigend Casanova und gleich darauf
die diesem gegenber, ihrem Gatten zur Seite sitzende Amalia an, als
lge ihm daran, die beiden alten Liebesleute neu miteinander zu
verkuppeln. Casanova aber dachte an nichts anderes, als da Marcolina
sich jetzt in ihrem Zimmer langsam entkleidete, und da, wenn das
Fenster offen stand, ihre weie Haut in die Nacht hinausschimmerte. Von
einer Begier erfat, die ihm die Sinne verstrte, wollte er sich von
seinem Platz neben dem Marchese erheben und den Raum verlassen; der
Marchese aber nahm diese Bewegung als einen Entschlu, sich am Spiel zu
beteiligen und sagte: Nun endlich - wir wuten ja, da Sie nicht
Zuschauer bleiben wrden, Chevalier. Er legte eine Karte vor ihn hin,
Casanova setzte alles, was er bei sich trug - und dies war so ziemlich
alles, was er besa - zehn Dukaten etwa, er zhlte sie nicht, lie sie
aus seiner Brse auf den Tisch gleiten und wnschte, sie auf einen Satz
zu verlieren: dies sollte dann ein Zeichen sein, ein glckverheiendes
Zeichen - er wute nicht recht wofr, ob fr seine baldige Heimfahrt
nach Venedig oder den ihm bevorstehenden Anblick der entkleideten
Marcolina; - doch ehe er sich entschieden, hatte der Marchese das Spiel
gegen ihn bereits verloren. Auch Casanova lie, wie Lorenzi es getan,
den verdoppelten Einsatz stehen, und auch ihm blieb das Glck treu wie
dem Leutnant. Um die brigen kmmerte sich der Marchese nicht mehr, der
schweigsame Ricardi stand beleidigt auf, der andre rang die Hnde - dann
standen sie zusammen in einer Ecke des Saales wie vernichtet. Der Abbate
und Olivo fanden sich leichter ab; der erste a Sigkeiten und
wiederholte seine Sprchlein, der andre schaute dem Fall der Karten in
Erregung zu. Endlich hatte der Marchese fnfhundert Dukaten verloren, in
die sich Casanova und Lorenzi teilten. Die Marchesa erhob sich und gab
dem Leutnant einen Wink mit den Augen, ehe sie den Saal verlie, Amalia
geleitete sie. Die Marchesa wiegte sich in den Hften, was Casanova
anwiderte; Amalia schlich an ihrer Seite wie ein demtiges ltliches
Weib. Da der Marchese sein ganzes Bargeld verloren hatte, bernahm
Casanova die Bank, er bestand, zum Mivergngen des Marchese darauf, da
die andern wieder am Spiele teilnhmen. Sofort waren die Brder Ricardi
zur Stelle, gierig und erregt; der Abbate schttelte den Kopf, er hatte
genug, und Olivo spielte nur mit, um sich dem Wunsch seines edlen Gastes
nicht zu versagen. Lorenzi hatte weiter Glck; als er im ganzen die
Summe von vierhundert Dukaten gewonnen, stand er auf und sagte: Morgen
bin ich gern bereit, Revanche zu geben. Jetzt bitte ich um die
Erlaubnis, nach Hause reiten zu drfen. - Nach Hause, rief der
Marchese hohnlachend, der brigens ein paar Dukaten zurckgewonnen
hatte, das ist nicht bel! Der Leutnant wohnt nmlich bei mir! wandte
er sich zu den andern. Und meine Gattin ist voraus nach Hause gefahren.
Gute Unterhaltung, Lorenzi! - Sie wissen sehr gut, erwiderte Lorenzi,
ohne eine Miene zu verziehen, da ich geradeswegs nach Mantua reite und
nicht nach Ihrem Schlo, wo Sie so gtig waren, mir gestern Unterkunft
zu gewhren. - Reiten Sie, wohin Sie wollen, zum Teufel meinetwegen!
- Lorenzi empfahl sich von den andern aufs hflichste und ging, ohne dem
Marchese eine gebhrende Antwort zu erteilen, was Casanova in
Verwunderung setzte. Er legte weiter die Karten auf und gewann, so da
der Marchese bald mit ein paar hundert Dukaten in seiner Schuld stand.
Wozu? fragte sich Casanova anfangs. Allmhlich aber nahm ihn der Reiz
des Spiels doch wieder gefangen. Es geht nicht bel, dachte er ... Nun
sind es bald tausend ... es knnen auch zweitausend werden. Der Marchese
wird seine Schuld bezahlen. Mit einem kleinen Vermgen in Venedig Einzug
halten, das wre so bel nicht. Doch warum nach Venedig? Man wird wieder
reich, man wird wieder jung. Reichtum ist alles. Nun werd' ich sie mir
doch wenigstens wieder kaufen knnen. Wen? Ich will keine andere ...
Nackt steht sie am Fenster - ganz gewi ... wartet am Ende ... ahnt, da
ich kommen werde ... Steht am Fenster, um mich toll zu machen. Und ich
bin da. - Indes teilte er weiter die Karten aus, mit unbeweglicher
Miene, nicht nur an den Marchese, auch an Olivo und die Brder Ricardi,
denen er zuweilen ein Goldstck hinschob, auf das sie keinen Anspruch
hatten. Sie lieen sich's gefallen. Aus der Nacht drang ein Gerusch,
wie die Hufschlge eines ber die Strae trabenden Rosses. Lorenzi,
dachte Casanova ... Von der Gartenmauer schallte es wie im Echo wieder,
dann verklang allmhlich Hall und Widerhall. Nun aber wandte sich das
Glck gegen Casanova. Der Marchese setzte hoch, immer hher; und um
Mitternacht fand sich Casanova so arm wie er gewesen, rmer noch; er
hatte auch seine eigenen paar Goldstcke verloren. Er schob die Karten
von sich weg, erhob sich lchelnd. Ich danke, meine Herren.

Olivo breitete die Arme nach ihm aus. Mein Freund, wir wollen weiter
spielen ... Hundertfnfzig Dukaten, - haben Sie denn vergessen, - nein,
nicht hundertfnfzig! Alles, was ich habe, was ich bin - alles - alles!
Er lallte; denn er hatte whrend des ganzen Abends zu trinken nicht
aufgehrt. Casanova wehrte mit einer bertrieben vornehmen Handbewegung
ab. Die Frauen und das Glck zwingt man nicht, sagte er mit einer
Verneigung gegen den Abbate hin. Dieser nickte befriedigt und klatschte
in die Hnde. Auf morgen also, mein verehrter Chevalier, sagte der
Marchese, wir werden gemeinsam dem Leutnant Lorenzi das Geld wieder
abnehmen.

Die Ricardi bestanden darauf, da weitergespielt wrde. Der Marchese,
sehr aufgerumt, gab ihnen eine Bank. Sie rckten mit den Goldstcken
heraus, die Casanova sie hatte gewinnen lassen. In zwei Minuten hatte
der Marchese sie ihnen abgenommen und lehnte es entschieden ab, mit
ihnen weiterzuspielen, wenn sie nicht Bargeld vorzuweisen htten. Sie
rangen die Hnde. Der ltere begann zu weinen wie ein Kind. Der andere
kte ihn wie zur Beruhigung auf beide Wangen. Der Marchese fragte, ob
sein Wagen schon wieder zurckgekommen sei. Der Abbate bejahte; er hatte
ihn vor einer halben Stunde vorfahren gehrt. Der Marchese lud den
Abbate und die Brder Ricardi in seinen Wagen ein; er wollte sie vor
ihren Wohnhusern absetzen; - und alle verlieen das Haus.

Als die andern fort waren, nahm Olivo Casanovas Arm und versicherte ihn
immer wieder, mit Trnen in der Stimme, da alles in diesem Hause ihm,
Casanova, gehre und da er damit schalten mge, wie es ihm beliebe. Sie
kamen an Marcolinens Fenster vorbei. Es war nicht nur verschlossen,
auch ein Gitter war vorgeschoben, und innen senkte sich ein Vorhang
herab. Es gab Zeiten, dachte Casanova, wo all das nichts ntzte oder wo
es nichts zu bedeuten hatte. Sie traten ins Haus. Olivo lie es sich
nicht nehmen, den Gast ber die etwas knarrende Treppe bis in das
Turmgemach zu begleiten, wo er ihn zum Abschied umarmte. Also morgen,
sagte er, sollen Sie das Kloster zu sehen bekommen. Doch schlafen Sie
nur ruhig, wir brechen nicht in allzu frher Stunde auf und richten uns
jedenfalls vllig nach Ihrer Bequemlichkeit. Gute Nacht. Er ging, die
Tr leise hinter sich schlieend, aber seine Schritte drhnten ber die
Treppe durch das ganze Haus.

Casanova stand allein in seinem durch zwei Kerzen matt erhellten Zimmer
und lie das Auge von einem zum andern der vier Fenster schweifen, die
nach den verschiedenen Himmelsrichtungen wiesen. In blulichem Glanze
lag die Landschaft da, nach allen Seiten fast das gleiche Bild: weite
Ebenen, mit geringen Erhebungen, nur nordwrts verschwimmende
Berglinien, da und dort vereinzelte Huser, Gehfte, auch grere
Gebude; darunter eines etwas hher gelegen, aus dem ein Licht
herschimmerte, nach Casanovas Vermutung das Schlo des Marchese. Im
Zimmer, das auer dem freistehenden breiten Bett nichts enthielt, als
einen langen Tisch, auf dem die zwei Kerzen brannten, ein paar Sthle,
eine Kommode und einen goldgerahmten Spiegel darber, war von sorglichen
Hnden Ordnung gemacht, auch war der Reisesack ausgepackt worden. Auf
dem Tische lag die versperrte, abgegriffene Ledermappe, die Casanovas
Papiere enthielt, sowie ein paar Bcher, deren er fr seine Arbeit
bedurfte und die er daher mit sich genommen hatte; auch Schreibzeug war
bereit. Da er nicht die geringste Schlfrigkeit versprte, nahm er sein
Manuskript aus der Mappe und durchlas beim Schein der Kerzen, was er
zuletzt geschrieben. Da er mitten in einem Absatz stehengeblieben, war
es ihm ein leichtes, auf der Stelle fortzufahren. Er nahm die Feder zur
Hand, schrieb hastig ein paar Stze und hielt pltzlich wieder inne.
Wozu? fragte er sich, wie in einer grausamen inneren Erleuchtung. Und
wenn ich auch wte, da das, was ich hier schrieb und schreiben werde,
herrlich wrde ohne Vergleich, - ja, wenn es mir wirklich gelnge,
Voltaire zu vernichten und mit meinem Ruhm den seinen zu berstrahlen; -
wre ich nicht trotzdem mit Freuden bereit, all diese Papiere zu
verbrennen, wenn es mir dafr vergnnt wre, in dieser Stunde Marcolina
zu umarmen? Ja, wre ich um den gleichen Preis nicht zu dem Gelbde
bereit, Venedig niemals wieder zu betreten, - auch wenn sie mich im
Triumph dahin zurckholen wollten? Venedig!... Er wiederholte das Wort,
es klang um ihn in seiner ganzen Herrlichkeit; - und schon hatte es die
alte Macht ber ihn gewonnen. Die Stadt seiner Jugend stieg vor ihm auf,
umflossen von allem Zauber der Erinnerung, und das Herz schwoll ihm in
einer Sehnsucht, so qualvoll und ber alles Ma, wie er sie noch nie
empfunden zu haben glaubte. Auf die Heimkehr zu verzichten erschien ihm
als das unmglichste von allen Opfern, die das Schicksal von ihm fordern
drfte. Was sollte er weiter in dieser klglich verblaten Welt ohne die
Hoffnung, die Gewiheit, die geliebte Stadt jemals wiederzusehen? Nach
Jahren und Jahrzehnten der Wanderungen und Abenteuer, nach all dem Glck
und Unglck, das er erlebt, nach all der Ehre und Schmach, nach den
Triumphen und nach den Erniedrigungen, die er erfahren, mute er doch
endlich eine Ruhestatt, eine Heimat haben. Und gab es eine andere Heimat
fr ihn als Venedig? Und ein anderes Glck als das Bewutsein, wieder
eine Heimat zu haben? In der Fremde vermochte er lngst nicht mehr ein
Glck dauernd an sich heranzuzwingen. Noch war ihm zuweilen die Kraft
gegnnt, es zu erfassen, doch nicht mehr die, es festzuhalten. Seine
Macht ber die Menschen, Frauen wie Mnner, war dahin. Nur wo er
Erinnerung bedeutete, vermochte sein Wort, seine Stimme, sein Blick noch
zu bannen; seiner Gegenwart war die Wirkung versagt. Vorbei war seine
Zeit! Und nun gestand er sich auch ein, was er sich sonst mit besonderer
Beflissenheit zu verhehlen suchte, da selbst seinen schriftstellerischen
Leistungen, da sogar seiner Streitschrift gegen Voltaire, auf die er
seine letzte Hoffnung gesetzt hatte, niemals ein in die Weite tragender
Erfolg beschieden sein wrde. Auch dazu war es zu spt. Ja, htte er in
jngeren Jahren Mue und Geduld gehabt, sich mit derlei Arbeiten
ernstlicher zu beschftigen, - das wute er wohl - den ersten dieses
Fachs, Dichtern und Philosophen htte er es gleich getan; ebenso wie er
als Finanzmann oder als Diplomat mit grerer Beharrlichkeit und
Vorsicht, als ihm eigen war, zum Hchsten wre berufen gewesen. Doch wo
war all seine Geduld und seine Vorsicht, wo waren alle seine Lebensplne
hin, wenn ein neues Liebesabenteuer lockte? Frauen - Frauen berall. Fr
sie hatte er alles hingeworfen in jedem Augenblick; fr edle wie fr
gemeine, fr die leidenschaftlichen wie fr die kalten; fr Jungfrauen
wie fr Dirnen; - fr eine Nacht auf einem neuen Liebeslager waren ihm
alle Ehren dieser und alle Seligkeiten jener Welt immer feil gewesen. -
Doch bereute er, was er durch dieses ewige Suchen und Niemals- oder
Immer-Finden, durch dies irdisch-berirdische Fliehen von Begier zu Lust
und von Lust zu Begier sonst im Dasein etwa versumt haben mochte? Nein,
er bereute nichts. Er hatte sein Leben gelebt wie keiner; - und lebte er
es nicht noch heute in seiner Art? berall noch gab es Weiber auf seinem
Weg: wenn sie auch nicht mehr gerade toll um ihn wurden wie einstmals. -
Amalia? - er konnte sie haben, wann er wollte, in dieser Stunde, in
ihres betrunkenen Gatten Bett; - und die Wirtin in Mantua - war sie
nicht verliebt in ihn wie in einen hbschen Knaben, mit Zrtlichkeit und
Eifersucht? - und die blatternarbige, aber wohlgebaute Geliebte Perottis
- hatte sie ihn nicht, berauscht von dem Namen Casanova, der die Wollust
von tausend Nchten ber sie hinzusprhen schien - hatte sie ihn nicht
angebettelt, ihr eine einzige Liebesnacht zu gewhren, und hatte er sie
nicht verschmht wie einer, der noch immer nach eigenem Geschmacke
whlen durfte? Freilich - Marcolina - solche wie Marcolina waren nicht
mehr fr ihn da. Oder - wre sie niemals fr ihn dagewesen? Es gab ja
wohl auch Frauen solcher Art. Er war vielleicht in frheren Jahren solch
einer begegnet; aber da immer zugleich eine andere, willigere zur Stelle
war, hatte er sich nicht damit aufgehalten, auch nur einen Tag
vergeblich zu seufzen. Und da es nicht einmal Lorenzi gelungen war,
Marcolina zu erobern, - da sie sogar die Hand dieses Menschen
ausgeschlagen, der ebenso schn und ebenso frech war, wie er, Casanova,
in seiner Jugend es gewesen - so mochte Marcolina in der Tat jenes
Wundergeschpf vorstellen, an dessen Vorhandensein auf Erden er bisher
gezweifelt - das tugendhafte Weib. Nun aber lachte er so hell auf, da
es durchs Zimmer hallte. Der Ungeschickte, der Dummkopf! rief er laut,
wie er es bei solchen Selbstgesprchen fters tat. Er hat die
Gelegenheit nicht zu bentzen verstanden. Oder die Marchesa lt ihn
nicht los. Oder hat er sich die erst genommen, als er Marcolina nicht
bekommen konnte, die Gelehrte - die Philosophin?! Und pltzlich kam ihm
der Einfall: Ich will ihr morgen meine Streitschrift gegen Voltaire
vorlesen! Sie ist das einzige Geschpf, dem ich das ntige Verstndnis
dafr zutrauen darf. Ich werde sie berzeugen ... Sie wird mich
bewundern. Natrlich wird sie ... Vortrefflich, Herr Casanova! Sie
schreiben einen glnzenden Stil, alter Herr! Bei Gott ... Sie haben
Voltaire vernichtet ... genialer Greis! So sprach er, so zischte er vor
sich hin und lief im Zimmer hin und her wie in einem Kfig. Ein
ungeheurer Grimm hatte ihn erfat, gegen Marcolina, gegen Voltaire,
gegen sich selbst, gegen die ganze Welt. Er nahm seine letzte Kraft
zusammen, um nicht aufzubrllen. Endlich warf er sich aufs Bett, ohne
sich auszukleiden, und lag nun da, die weit offenen Augen zum Geblk der
Decke gerichtet, inmitten dessen er jetzt an einzelnen Stellen im Schein
der Kerzen Spinnengewebe silbrig glnzen sah. Dann, wie es ihm zuweilen
nach Spielpartien vor dem Einschlafen begegnete, jagten mit
phantastischer Geschwindigkeit Kartenbilder an ihm vorbei, und endlich
versank er wirklich in einen traumlosen Schlummer, der aber nur eine
kurze Weile dauerte. Nun horchte er auf die geheimnisvolle Stille rings
um sich. Nach Osten und Sden standen die Fenster des Turmgemachs offen,
aus Garten und Feld drangen linde se Gerche aller Art, aus der
Landschaft unbestimmte Gerusche zu ihm herein, wie die kommende Frhe
sie aus der Weite und Nhe zu bringen pflegt. Casanova vermochte nicht
lnger still zu liegen; ein lebhafter Drang nach Vernderung erfate ihn
und lockte ihn ins Freie. Vogelgesang rief ihn von drauen, morgenkhler
Wind rhrte an seine Stirn. Leise ffnete Casanova die Tr, ging
vorsichtig ber die Treppe hinab, mit seiner oft erprobten
Geschicklichkeit brachte er es zuwege, da die Holzstufen unter seinem
Schritt nicht im geringsten knarrten; ber die steinerne Treppe gelangte
er ins Erdgescho, und durch das Speisezimmer, wo auf dem Tisch noch die
halbgefllten Glser standen, in den Garten. Da auf dem Kies seine
Schritte hrbar wurden, trat er gleich auf die Wiese ber, die nun, im
Frhdmmerschein, zu unwirklicher Weite sich dehnte. Dann schlich er
sich in die Allee, nach der Seite hin, wo ihm Marcolinens Fenster in den
Blick fallen mute. Es war vergittert, verschlossen, verhngt, so wie er
es zuletzt gesehen. Kaum fnfzig Schritt vom Hause entfernt setzte sich
Casanova auf eine Steinbank. Jenseits der Gartenmauer hrte er einen
Wagen vorbeifahren, dann war es wieder still. Aus dem Wiesengrund
schwebte ein feiner grauer Dunst; als lge da ein durchsichtig-trber
Teich mit verschwimmenden Grenzen. Wieder dachte Casanova jener
Jugendnacht im Klostergarten von Murano - oder eines andern Parks -
einer andern Nacht; - er wute nicht mehr welcher - vielleicht waren es
hundert Nchte, die ihm in der Erinnerung in eine einzige
zusammenflossen, sowie ihm manchmal hundert Frauen, die er geliebt, in
der Erinnerung zu einer einzigen wurden, die als Rtselgestalt durch
seine fragenden Sinne schwebte. Und _war_ denn nicht am Ende eine Nacht
wie die andere? Und eine Frau wie die andere? Besonders, wenn es vorbei
war? Und dieses Wort vorbei hmmerte in seinen Schlfen weiter, als
sei es bestimmt, von nun ab der Pulsschlag seines verlorenen Daseins zu
werden.

Es war ihm, als raschelte irgend etwas hinter ihm lngs der Mauer hin.
Oder war's nur ein Widerklang? Ja, das Gerusch kam vom Hause her.
Marcolinens Fenster stand mit einemmal offen, das Gitter war
zurckgeschoben, der Vorhang nach der einen Seite hin gerafft; aus dem
Dunkel des Gemachs hob sich eine schattenhafte Erscheinung; Marcolina
selbst war es, die in hochgeschlossenem weien Nachtgewand an die
Brstung trat, wie um die holde Luft des Morgens einzuatmen. Casanova
hatte sich rasch von der Bank heruntergleiten lassen; ber ihren Rand,
durch das Gezweig der Allee sah er gebannt Marcolina an, deren Augen
scheinbar gedanken- ja richtungslos in die Dmmerung tauchten. Nach ein
paar Sekunden erst schien sie ihr noch wie schlafbefangenes Wesen in
einem Blicke sammeln zu knnen, den sie nun langsam nach rechts und
links schweifen lie. Dann beugte sie sich vornber, wie um auf dem Kies
etwas zu suchen, und gleich darauf wandte sie das Haupt mit dem gelsten
Haar nach aufwrts wie zu einem Fenster des oberen Stockwerks. Dann
stand sie wieder eine Weile ohne Bewegung, die Hnde beiderseits an die
Fensterstcke sttzend, wie an ein unsichtbares Kreuz geschlagen. Nun
erst, als wren sie pltzlich von innen erleuchtet worden, gewannen ihre
dmmernden Zge fr Casanova an Deutlichkeit. Ein Lcheln spielte um
ihren Mund, das gleich wieder erstarrte. Nun lie sie die Arme sinken;
ihre Lippen bewegten sich sonderbar, als flsterten sie ein Gebet;
wieder schweifte ihr Blick langsam suchend durch den Garten, dann
nickte sie kurz, und im selben Augenblick schwang sich jemand ber die
Brstung ins Freie, der bis jetzt zu Marcolinens Fen gekauert sein
mute, - Lorenzi. Er flog mehr als er ging ber den Kies zur Allee hin,
durchquerte sie kaum zehn Schritte weit von Casanova, der den Atem
anhaltend unter der Bank lag, und eilte dann jenseits der Allee, wo ein
schmaler Wiesenstreif die Mauer entlang lief, den Blicken Casanovas
entschwindend, nach rckwrts. Casanova hrte eine Tr in den Angeln
seufzen, - es konnte keine andre sein, als diejenige, durch die er
selbst gestern abend mit Olivo und dem Marchese in den Garten
zurckgekehrt war - dann war alles still. Marcolina war die ganze Zeit
vllig regungslos dagestanden: sobald sie Lorenzi in Sicherheit wute,
atmete sie tief auf, schlo Gitter und Fenster, der Vorhang fiel nieder
wie durch eigene Kraft, und alles war, wie es vorher gewesen; - nur da
indes, als htte er nun keinen Anla mehr zu zgern, der Tag ber Haus
und Garten aufgezogen war.

Auch Casanova lag noch da, wie zuvor, die Hnde vor sich hingestreckt,
unter der Bank. Nach einer Weile kroch er weiter, in die Mitte der
Allee, und weiter auf allen vieren, bis er an eine Stelle kam, wo er
weder von Marcolinens Fenster noch von einem andern aus gesehen werden
konnte. Nun erhob er sich mit schmerzendem Rcken, reckte sich in die
Hhe, dehnte die Glieder und kam endlich zur Besinnung, ja fand sich
jetzt erst selber wieder, als htte er sich aus einem geprgelten Hund
in einen Menschen zurckverwandelt, der die Prgel nicht als
krperlichen Schmerz, sondern als tiefe Beschmung weiter zu verspren
verdammt war. Warum, fragte er sich, bin ich nicht zu dem Fenster hin,
solang es noch offen stand? Und ber die Brstung hinein zu ihr? - Htte
sie Widerstand leisten knnen - drfen - die Heuchlerin, die Lgnerin,
die Dirne? Und er beschimpfte sie immer weiter, als htte er ein Recht
dazu, als htte sie ihm Treue gelobt wie einem Geliebten und ihn
betrogen. Er schwor sich zu, sie zur Rede zu stellen von Angesicht zu
Angesicht, ihr ins Antlitz zu schleudern, vor Olivo, vor Amalia, vor dem
Marchese, dem Abbate, vor der Magd und den Knechten, da sie eine
lsterne kleine Hure war und nichts anderes. Wie zur bung, in aller
Ausfhrlichkeit erzhlte er sich selber vor, was er eben mit angesehen,
und machte sich das Vergngen, allerlei dazu zu erfinden, um sie noch
tiefer zu erniedrigen; da sie nackt am Fenster gestanden, da sie im
Spiel der Morgenwinde von ihrem Geliebten sich habe unzchtig liebkosen
lassen. Nachdem er so seine Wut frs erste zur Not beschwichtigt hatte,
dachte er nach, ob mit dem, was er nun wute, nicht doch vielleicht was
Besseres anzufangen wre. Hatte er sie jetzt nicht in seiner Gewalt?
Konnte er nun die Gunst, die sie ihm gutwillig nicht gewhrt htte,
nicht durch Drohungen von ihr erzwingen? Aber dieser schmhliche Plan
sank sofort wieder in sich zusammen, nicht so sehr weil Casanova dessen
Schmhlichkeit, als weil er dessen Zweck- und Sinnlosigkeit gerade in
diesem Fall erkennen mute. Was konnten seine Drohungen Marcolina
kmmern, die niemandem Rechenschaft schuldig, die am Ende auch, wenn's
ihr darauf ankam, verschlagen genug war, ihn als einen Verleumder und
Erpresser von ihrer Schwelle zu jagen? Und selbst wenn sie aus
irgendeinem Grunde das Geheimnis ihrer Liebschaft mit Lorenzi durch ihre
Preisgabe zu erkaufen bereit war (er wute freilich, da er etwas erwog,
das auer dem Bereich aller Mglichkeiten lag), mute ein so erzwungener
Genu fr ihn, der, wenn er liebte, tausendmal heier danach verlangte
Glck zu geben, als Glck zu empfangen, sich nicht in eine unnennbare
Qual verwandeln, - die ihn zum Wahnsinn und in Selbstvernichtung trieb?
Er fand sich pltzlich an der Gartentr. Sie war versperrt. Lorenzi
hatte also einen Nachschlssel. Und wer - fiel ihm nun ein - war denn
durch die Nacht auf trabendem Ro davongesprengt, nachdem Lorenzi sich
vom Spieltisch erhoben? Ein bestellter Knecht offenbar. - Unwillkrlich
mute Casanova beifllig lcheln ... Sie waren einander wrdig,
Marcolina und Lorenzi, die Philosophin und der Offizier. Und ihnen
beiden stand noch eine herrliche Laufbahn bevor. Wer wird Marcolinens
nchster Liebhaber sein? fragte er sich. Der Professor in Bologna, in
dessen Hause sie wohnt? O, ich Narr. Der war's ja lngst ... Wer noch?
Olivo? Der Abbate? Warum nicht?! Oder der junge Knecht, der gestern
glotzend am Tore stand, als wir angefahren kamen? Alle! Ich wei es.
Aber Lorenzi wei es nicht. Das hab' ich vor ihm voraus. - Zwar war er
im Innersten berzeugt, da Lorenzi nicht nur Marcolinens erster
Liebhaber, sondern er vermutete sogar, da es heute die erste Nacht war,
die sie ihm geschenkt hatte; doch das hielt ihn nicht ab, seine
boshaft-lsternen Gedankenspiele weiterzutreiben, whrend er den Garten
lngs der Mauer umkreiste. So stand er denn wieder vor der Saaltr, die
er offen gelassen, und sah ein, da ihm vorlufig nichts andres zu tun
brigblieb, als ungesehen und ungehrt sich zurck ins Turmgemach zu
begeben. Mit aller Vorsicht schlich er hinauf und lie sich oben auf den
Lehnstuhl sinken, auf dem er schon frher gesessen; vor den Tisch hin,
auf dem die losen Bltter des Manuskriptes seiner Wiederkehr nur zu
warten schienen. Unwillkrlich fiel sein Auge auf den Satz, den er
vorhin in der Mitte abgebrochen hatte; und er las: Voltaire wird
unsterblich sein, gewi; aber er wird diese Unsterblichkeit erkauft
haben mit seinem unsterblichen Teil; - der Witz hat sein Herz
aufgezehrt, wie der Zweifel seine Seele, und also - In diesem
Augenblick brach die Morgensonne rtlich flutend herein, so da das
Blatt, das er in Hnden hielt, zu erglhen anfing, und wie besiegt lie
er es auf den Tisch zu den andern sinken. Er fhlte pltzlich die
Trockenheit seiner Lippen, schenkte sich ein Glas Wasser ein aus einer
Flasche, die auf dem Tisch stand; es schmeckte lau und slich.
Angewidert wandte er den Kopf nach der Seite; von der Wand, aus dem
Spiegel ber der Kommode, starrte ihm ein bleiches altes Gesicht
entgegen mit wirrem, ber die Stirn flieendem Haar. In
selbstqulerischer Lust lie er seine Mundwinkel noch schlaffer
herabsinken, als glte es eine abgeschmackte Rolle auf dem Theater
durchzufhren, fuhr sich ins Haar, da die Strhne noch ungeordneter
fielen, streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus, krchzte mit
absichtlich heiserer Stimme eine Reihe alberner Schimpfworte gegen sich
selbst und blies endlich, wie ein ungezogenes Kind, die Bltter seines
Manuskriptes vom Tisch herunter. Dann begann er von neuem Marcolina zu
beschimpfen, und nachdem er sie mit den unfltigsten Worten bedacht,
zischte er zwischen den Zhnen: Denkst du, die Freude whrt lang? Du
wirst fett und runzlig und alt werden wie die andern Weiber, die mit dir
zugleich jung gewesen sind, - ein altes Weib mit schlaffen Brsten, mit
trocknem grauen Haar, zahnlos und von blem Duft ... und endlich wirst
du sterben! Auch jung kannst du sterben! Und wirst verwesen! Und Speise
sein fr Wrmer. - Um eine letzte Rache an ihr zu nehmen, versuchte er
sich sie als Tote vorzustellen. Er sah sie wei gekleidet im offenen
Sarge liegen, doch war er unfhig, irgendwelche Zeichen der Zerstrung
an ihr zu denken; sondern ihre wahrhaft berirdische Schnheit brachte
ihn in neue Raserei. Vor seinen geschlossenen Augen wurde der Sarg zum
Brautbett; Marcolina lag lchelnd da mit blinzelnden Lidern, und mit
ihren schmalen bleichen Hnden, wie zum Hohn, ber ihren zarten Brsten
zerri sie das weie Gewand. Doch wie er seine Arme nach ihr
ausstreckte, sich auf sie strzen, sie umfangen wollte, zerflo die
Erscheinung in nichts. - Es klopfte an die Tr; er fuhr aus dumpfem
Schlaf empor, Olivo stand vor ihm. Wie, schon am Schreibtisch? - Es
ist meine Gewohnheit, erwiderte Casanova sofort gefat, der Arbeit die
ersten Morgenstunden zu widmen. Wie spt mag es sein? - Acht Uhr,
erwiderte Olivo, das Frhstck steht im Garten bereit; sobald Sie
befehlen, Chevalier, wollen wir unsere Fahrt nach dem Kloster antreten.
Doch ich sehe, der Wind hat Ihnen die Bltter verstreut! Und er machte
sich daran, die Papiere vom Fuboden aufzulesen. Casanova lie es
geschehen, denn er war ans Fenster getreten und erblickte, um den
Frhstckstisch gereiht, den man auf die Wiese in den Schatten des
Hauses gestellt hatte, alle wei gekleidet, Amalia, Marcolina und die
drei kleinen Mdchen. Sie riefen ihm einen Morgengru zu. Er sah nur
Marcolina, sie lchelte freundlich zu ihm auf mit hellen Augen, hielt
einen Teller mit frhgereiften Trauben auf dem Scho und steckte eine
Beere nach der andern in den Mund. Alle Verachtung, aller Zorn, aller
Ha schmolz in Casanovas Herzen dahin; er wute nur mehr, da er sie
liebte. Wie trunken von ihrem Anblick zog er sich wieder ins Zimmer
zurck, wo Olivo noch immer auf dem Fuboden kniend die verstreuten
Bltter unter Tisch und Kommode hervorsuchte, verbat sich dessen weitere
Bemhungen und wnschte allein gelassen zu werden, um sich fr die
Spazierfahrt fertigzumachen. Es eilt nicht, sagte Olivo und streifte
den Staub von seinen Beinkleidern, wir sind zum Mittagessen bequem
zurck. brigens hat der Marchese bitten lassen, da wir mit dem Spiel
heute schon in frher Nachmittagsstunde beginnen; offenbar liegt ihm
daran, vor Sonnenuntergang zu Hause zu sein. Mir ist es ziemlich
gleichgltig, wann das Spiel beginnt, sagte Casanova, whrend er seine
Bltter in die Mappe ordnete; ich werde mich keineswegs daran
beteiligen. Sie werden, erklrte Olivo mit einer Entschiedenheit, die
sonst nicht seine Art war, und legte eine Rolle von Goldstcken auf den
Tisch. Meine Schuld, Chevalier, spt, doch aus dankerflltem Herzen.
Casanova wehrte ab. Sie mssen, beteuerte Olivo, wenn Sie mich nicht
aufs tiefste beleidigen wollen; berdies hat Amalia heute nacht einen
Traum gehabt, der Sie veranlassen wird - doch den soll sie Ihnen selbst
erzhlen. Und er verschwand eiligst. Casanova zhlte immerhin die
Goldstcke; es waren hundertfnfzig, genau die Summe, die er vor
fnfzehn Jahren dem Brutigam oder der Braut oder ihrer Mutter - er
wute es selbst nicht mehr recht - zum Geschenk gemacht hatte. Das
Vernnftigste wre, sagte er zu sich, ich steckte das Geld ein, nhme
Abschied und verliee das Haus, womglich ohne Marcolina noch einmal zu
sehen. Doch hab' ich je das Vernnftige getan? - Und ob nicht indes eine
Nachricht aus Venedig gekommen ist?... Zwar hat meine vortreffliche
Wirtin versprochen, sie mir unverzglich nachzusenden ...

Die Magd hatte indes einen groen irdenen Krug mit quellkaltem Wasser
heraufgebracht, und Casanova wusch sich den ganzen Leib, was ihn sehr
erfrischte; dann legte er sein besseres, eine Art von Staatsgewand an,
wie er es schon gestern abend getan htte, wenn er nur Zeit gefunden,
die Kleidung zu wechseln; doch war er's nun ganz zufrieden, da er heute
in vornehmerer Tracht als am vergangenen Tag, ja gewissermaen in einer
neuen Gestalt vor Marcolina erscheinen durfte.

In einem Rock von grauer Glanzseide mit Stickereien und breiten
spanischen Silberspitzen, in gelber Weste und kirschroten seidenen
Beinkleidern, in edler, dabei nicht geradezu stolzer Haltung, mit einem
zwar berlegenen aber liebenswrdigen Lcheln um die Lippen, und das
Auge wie im Feuer unverlschlicher Jugend strahlend, so trat er in den
Garten, wo er zu seiner Enttuschung vorerst nur Olivo vorfand, der ihn
einlud, neben ihm am Tische Platz und mit dem bescheidenen Frhmahl
vorliebzunehmen. Casanova erlabte sich an Milch, Butter, Eiern, Weibrot
und dann noch an Pfirsichen und Trauben, die ihm kstlicher dnkten als
irgendwelche, die er jemals genossen. Die drei Mdchen kamen ber den
Rasen herbeigelaufen, Casanova kte sie alle, und der Dreizehnjhrigen
erwies er kleine Liebkosungen in der Art, wie sie sich gestern solche
auch vom Abbate hatte gefallen lassen; doch die Funken, die in ihren
Augen aufglimmten, waren, wie Casanova wohl erkannte, von einer andern
Lust als der an einem kindisch-harmlosen Spiel entzndet. Olivo hatte
seine Freude daran, wie gut der Chevalier mit den Kindern umzugehen
verstnde. Und Sie wollen uns wirklich schon morgen wieder verlassen?
fragte er schchtern-zrtlich. - Heute abend, sagte Casanova, aber mit
einem scherzhaften Blinzeln. Sie wissen ja, mein bester Olivo, die
Senatoren von Venedig - Haben es nicht um Sie verdient, unterbrach
ihn Olivo lebhaft. Lassen Sie sie warten. Bleiben Sie bei uns bis
bermorgen, nein, eine Woche lang. Casanova schttelte langsam den
Kopf, whrend er die kleine Teresina bei den Hnden gefat und zwischen
seinen Knien wie gefangen hielt. Sie entwand sich ihm sanft mit einem
Lcheln, das nun gar nichts Kindliches mehr hatte, als Amalia und
Marcolina aus dem Hause traten, jene mit einem schwarzen, diese mit
einem weien Schaltuch ber den hellen Gewndern. Olivo forderte sie
beide auf, ihre Bitten mit der seinigen zu vereinen. Es ist unmglich,
sagte Casanova mit einer bertriebenen Hrte in Stimme und Ausdruck, da
weder Amalia noch Marcolina ein Wort fanden, Olivos Einladung zu
untersttzen.

Whrend sie durch die Kastanienallee dem Tore zuschritten, richtete
Marcolina an Casanova die Frage, ob er heute nacht seine Arbeit, ber
der ihn Olivo, wie er gleich erzhlt, noch am hellen Morgen wach
gefunden, betrchtlich gefrdert habe? Schon gedachte Casanova ihr eine
zweideutig-boshafte Antwort zu geben, die sie stutzig gemacht htte,
ohne ihn doch selbst zu verraten; aber er zgelte seinen Witz in der
Erwgung, da jede Voreiligkeit von bel sein knnte, und erwiderte
hflich, da er nur einige nderungen angebracht habe, zu denen er die
Anregung der gestrigen Unterhaltung mit ihr verdanke. Sie stiegen in den
unfrmlichen, schlechtgepolsterten, aber sonst bequemen Wagen. Casanova
sa Marcolinen, Olivo seiner Gattin gegenber; doch das Gefhrt war so
gerumig, da es trotz des Hinundherrttelns zu keiner ungewollten
Berhrung zwischen den Insassen kommen konnte. Casanova bat Amalia, ihm
ihren Traum zu erzhlen. Sie lchelte ihn freundlich, fast gtig an;
jede Spur von Gekrnktheit oder Groll war aus ihren Zgen verschwunden.
Dann begann sie: Ich sah Sie, Casanova, in einem herrlichen, mit sechs
dunklen Pferden bespannten Wagen vor einem hellen Gebude vorfahren.
Vielmehr: der Wagen hielt an und ich wute noch nicht, wer drin sa - da
stiegen Sie aus, in einem prchtigen, weien, goldgestickten
Staatsgewand, fast noch prchtiger anzuschaun, als Sie heute angetan
sind - (es war ein freundlicher Spott in ihren Mienen) - und Sie trugen
- wahrhaftig, die gleiche schmale Goldkette trugen Sie, die Sie heute
tragen, und die ich doch wahrlich niemals noch an Ihnen gesehen habe!
(Diese Kette mit der goldenen Uhr und eine mit Halbedelsteinen besetzte
goldene Dose, die Casanova eben wie spielend in der Hand hielt, waren
die letzten Schmuckstcke von migem Wert, die er sich zu bewahren
gewut hatte.) - Ein alter, bettelhaft aussehender Mann ffnete den
Wagenschlag - es war Lorenzi; Sie aber, Casanova, Sie waren jung, ganz
jung, noch jnger, als Sie damals gewesen sind. - (Sie sagte damals,
unbekmmert darum, da aus diesem Worte flgelrauschend all ihre
Erinnerungen geflattert kamen.) Sie grten nach allen Seiten, obwohl
weit und breit kein Mensch zu sehen war, und traten durch das Tor; es
schlug heftig hinter Ihnen zu, ich wute nicht, ob es der Sturm
zugeschleudert oder Lorenzi; - so heftig, da die Pferde scheuten und
mit dem Wagen davonrasten. Nun hrte ich ein Geschrei aus Nebengassen,
wie von Menschen, die sich zu retten suchen, das verstummte gleich. Sie
aber erschienen an einem Fenster des Hauses, ich wute jetzt, da es ein
Spielhaus war, und grten herab nach allen Seiten, und es war doch
niemand da. Dann wandten Sie sich ber Ihre Schulter nach rckwrts, als
stnde irgendwer hinter Ihnen im Zimmer; aber ich wute, da auch dort
niemand war. Nun erblickte ich Sie pltzlich an einem andern Fenster,
in einem hhern Stockwerk, wo genau dasselbe vor sich ging, dann wieder
hher, und wieder, es war, als wchse das Gebude ins Unendliche; und
von berall grten Sie herunter und sprachen mit Menschen, die hinter
Ihnen standen, aber doch eigentlich gar nicht da waren. Lorenzi aber
lief immerfort auf den Treppen Ihnen nach, ohne Sie einzuholen. Sie
hatten nmlich nicht daran gedacht, ihm ein Almosen zu geben ...

Nun? fragte Casanova, als Amalia schwieg. - Es kam wohl noch
allerlei, aber ich hab' es vergessen, sagte Amalia. Casanova war
enttuscht; an ihrer Stelle htte er, wie er es in solchen Fllen, ob es
sich nun um Trume handelte oder um Wirklichkeiten, immer tat, der
Erzhlung eine Abrundung, einen Sinn zu geben versucht, und so bemerkte
er nun etwas unzufrieden: Wie der Traum doch alles verkehrt. - Ich -
als reicher Mann und Lorenzi als Bettler und alter Mann. - Mit
Lorenzis Reichtum, sagte Olivo, ist es nicht weit her; sein Vater ist
zwar ziemlich begtert, aber er steht mit dem Sohne nicht zum besten. -
Und ohne sich mit Fragen weiter bemhen zu mssen, erfuhr Casanova, da
man des Leutnants Bekanntschaft dem Marchese verdanke, der ihn vor
wenigen Wochen eines Tages einfach in Olivos Haus mitgebracht habe. Wie
der junge Offizier mit der Marchesa stnde, das msse man einem Kenner,
wie dem Chevalier, nicht erst ausdrcklich zu verstehen geben; da
brigens der Gatte nichts dagegen einzuwenden finde, knne man sich als
Unbeteiligter gleichfalls dabei beruhigen.

Ob der Marchese so einverstanden ist, wie Sie zu glauben scheinen,
Olivo, sagte Casanova, mchte ich bezweifeln. Haben Sie nicht bemerkt,
mit welchem Gemisch von Verachtung und Grimm er den jungen Menschen
behandelt? Ich mchte nicht darauf schwren, da die Sache ein gutes
Ende nimmt.

Auch jetzt rhrte sich nichts in Marcolinens Antlitz und Haltung. Sie
schien an dem ganzen Gesprch ber Lorenzi nicht den geringsten Anteil
zu nehmen und sich still am Anblick der Landschaft zu erfreuen. Man fuhr
eine in zahlreichen Windungen sanft ansteigende Strae durch einen Wald
von Oliven und Steineichen; und da man eben an eine Stelle kam, wo die
Pferde noch langsamer trotteten als vorher, zog es Casanova vor,
auszusteigen und neben dem Gefhrt einherzugehen. Marcolina sprach von
der schnen Umgebung Bolognas und von den Abendspaziergngen, die sie
mit der Tochter des Professors Morgagni zu unternehmen pflegte. Auch
erwhnte sie der Absicht, nchstes Jahr nach Frankreich zu reisen, um
den berhmten Mathematiker Saugrenue von der Pariser Universitt, mit
dem sie in Korrespondenz stehe, persnlich kennenzulernen. Vielleicht
mache ich mir das Vergngen, sagte sie lchelnd, mich auf dem Weg in
Ferney aufzuhalten, um aus Voltaires eigenem Mund zu erfahren, wie er
die Streitschrift seines gefhrlichsten Widersachers, des Chevaliers von
Seingalt, aufgenommen. Casanova, die Hand auf der Seitenlehne des
Wagens, neben Marcolinens Arm, dessen sich bauschende Hlle seine Finger
streifte, erwiderte khl: Es wird sich weniger darum handeln, wie Herr
Voltaire, als vielmehr wie die Nachwelt meine Schrift aufnimmt; denn
diese erst wird ein Recht darauf haben, die endgltige Entscheidung zu
treffen. - Sie glauben, meinte Marcolina ernsthaft, da in den
Fragen, die hier zur Sprache stehen, berhaupt endgltige Entscheidungen
gefllt werden knnen? - Diese Frage wundert mich aus Ihrem Munde,
Marcolina, deren philosophische, und wenn das Wort hier angebracht
erscheint, religise Ansichten mir zwar keineswegs an sich
unbestreitbar, aber doch in Ihrer Seele - falls Sie eine solche als
vorhanden annehmen - vollkommen fest gegrndet schienen. - Marcolina,
der Spitzen in Casanovas Rede nicht achtend, sah ruhig zum Himmel auf,
der sich in dunkler Blue ber die Wipfel der Bume breitete, und
erwiderte: Manchmal, besonders an Tagen wie heute, - und in diesem
Wort klang nur fr Casanova, den Wissenden, aus den Tiefen ihres
erwachten Frauenherzens eine bebende Andacht mit - ist mir, als wre
all das, was man Philosophie und Religion nennt, nur ein Spiel mit
Worten, edler freilich, doch auch sinnloser als alle andern sind. Die
Unendlichkeit und die Ewigkeit zu erfassen wird uns immer versagt sein;
unser Weg geht von der Geburt zum Tode; was bleibt uns brig als nach
dem Gesetz zu leben, das jedem von uns in die Brust gesenkt ist - oder
auch wider das Gesetz? Denn Auflehnung wie Demut kommen gleichermaen
von Gott.

Olivo sah auf seine Nichte mit scheuer Bewunderung, dann ngstlich zu
Casanova hin, der nach einer Entgegnung suchte, mit der er Marcolinen
klarmachen knnte, da sie Gott sozusagen in einem Atemzug bewies und
leugnete, - oder da Gott und Teufel fr sie eines seien; - aber er
sprte, da er gegen ihr Gefhl nichts andres einzusetzen hatte als
leere Worte, - und nicht einmal die boten sich ihm heute dar. Doch der
sonderbar sich verzerrende Ausdruck seiner Mienen schien in Amalia die
Erinnerung an seine wirren Drohungen von gestern wieder aufzuwecken, und
sie beeilte sich zu bemerken: Und doch ist Marcolina fromm, glauben Sie
mir, Chevalier. - Marcolina lchelte verloren. Wir sind es alle in
unsrer Weise, sagte Casanova hflich und sah vor sich hin.

Eine pltzliche Biegung des Wegs, und das Kloster lag vor ihnen. ber
die hohe Umfassungsmauer ragten die schlanken Enden der Zypressen. Auf
das Gerusch des heranrollenden Wagens hatte sich das Tor aufgetan, ein
Pfrtner mit langem weien Barte grte bedchtig und lie die Gste
ein. Durch einen offenen Bogengang, zwischen dessen Sulen man
beiderseits in einen ganz verwachsenen, dunkelgrnen Garten sah,
nherten sie sich dem eigentlichen Klostergebude, von dessen grauen,
vllig schmucklosen, gefngnisartigen Mauern eine unfreundlich-khle
Luft ber sie geweht kam. Olivo zog an dem Glockenstrang, es tnte
schrill und verhallte sofort, eine tiefverschleierte Nonne ffnete
schweigend und geleitete die Gste in den gerumigen kahlen Sprechsaal,
in dem nur ein paar einfache hlzerne Sthle standen. Nach rckwrts war
er durch ein dickstbiges Eisengitter abgeschlossen, jenseits dessen der
Raum in ein unbestimmtes Dunkel verschwamm. Bitternis im Herzen, dachte
Casanova jenes Abenteuers, das ihm auch heute noch eines seiner
wunderbarsten dnkte und das in ganz hnlicher Umgebung seinen Anfang
genommen: in seiner Seele stiegen die Gestalten der zwei Nonnen von
Murano auf, die in der Liebe fr ihn als Freundinnen sich gefunden und
ihm gemeinsam unvergleichliche Stunden der Lust geschenkt hatten. Und
als Olivo im Flsterton von der strengen Zucht zu sprechen anhub, in
der hier die Schwestern gehalten seien, die, einmal eingekleidet, ihr
Antlitz unverhllt vor keinem Manne zeigen drften und berdies zu
ewigem Schweigen verurteilt wren, zuckte um seine Lippen ein Lcheln,
das gleich wieder erstarrte.

Die btissin stand in ihrer Mitte, wie aus dem Dmmer hervorgetaucht.
Stumm begrte sie die Gste: mit einem ber alle Maen gtigen Neigen
des verhllten Hauptes nahm sie Casanovas Dank fr den auch ihm
gewhrten Einla entgegen; Marcolina aber, die ihr die Hand kssen
wollte, schlo sie in die Arme. Dann lud sie alle durch eine
Handbewegung ein, ihr zu folgen, und fhrte sie durch einen kleinen
Nebenraum in einen Gang, der im Viereck rings um einen blhenden Garten
lief. Im Gegensatz zu jenem ueren verwilderten schien er mit besondrer
Sorgfalt gepflegt, und die vielen reichen sonnbeglnzten Beete spielten
in wundersamen aufgeglhten und verklingenden Farben. Den heien, fast
betubenden Dften aber, die den Bltenkelchen entstrmten, schien ein
ganz besonders geheimnisvoller beigemischt, fr den Casanova in seiner
Erinnerung keinen Vergleich zu finden wute. Doch wie er eben zu
Marcolina hiervon ein Wort sagen wollte, merkte er, da dieser
geheimnisvolle, herz- und sinnerregende Duft von ihr selber ausging, die
den Schal, den sie bisher ber den Schultern getragen, ber den Arm
gelegt hatte, so da aus dem Ausschnitt ihrer nun loser gewordenen
Gewandung aufsteigend der Duft ihres Leibes sich dem der hunderttausend
Blumen wie ein von Natur verwandter und doch eigentmlicher beigesellte.
Die btissin, immer stumm, fhrte die Besucher zwischen den Beeten auf
schmalen, vielfach gewundenen Wegen, wie durch ein zierliches Labyrinth
hin und her; in der Leichtigkeit und Raschheit ihres Gangs war die
Freude zu merken, die sie selbst daran empfand, den andern die bunte
Pracht ihres Gartens zu weisen; - und als htte sie's drauf angelegt,
sie schwindlig zu machen, wie die Fhrerin eines heiteren Reigentanzes,
schritt sie, immer eiliger, ihnen voran. Pltzlich aber - Casanova war
es zumute, als wachte er aus einem wirren Traume auf - fanden sie sich
alle im Sprechsaal wieder. Jenseits des Gitters schwebten dunkle
Gestalten; niemand htte zu unterscheiden vermocht, ob es drei oder fnf
oder zwanzig verschleierte Frauen waren, die hinter den dichtgestellten
Stben wie aufgescheuchte Geister hin und her irrten; und nur Casanovas
nachtscharfes Auge war imstande, in der tiefen Dmmerung berhaupt
menschliche Umrisse zu erkennen. Die btissin geleitete ihre Gste zur
Tr, gab ihnen stumm das Zeichen, da sie entlassen seien, und war
spurlos verschwunden, ehe jene nur Zeit gefunden hatten, ihr den
schuldigen Dank auszusprechen. Pltzlich, als sie eben den Saal
verlassen wollten, erklang es aus der Gegend des Gitters her von einer
Frauenstimme - Casanova - nichts als der Name, doch mit einem
Ausdruck, wie ihn Casanova noch niemals gehrt zu haben vermeinte. Ob
eine Einstmalsgeliebte, - ob eine Niemalsgeschaute eben ein heiliges
Gelbde gebrochen, um ein letztes, - oder ein erstes Mal seinen Namen in
die Luft zu hauchen; - ob darin die Seligkeit eines unerwarteten
Wiedersehens, der Schmerz um unwiederbringlich Verlorenes oder die Klage
gezittert, da ein heier Wunsch aus fernen Tagen sich so spt und
nutzlos erfllte, - Casanova vermochte es nicht zu deuten; nur dies eine
wute er, da sein Name, so oft Zrtlichkeit ihn geflstert,
Leidenschaft ihn gestammelt, Glck ihn gejubelt hatte, heute zum
erstenmal mit dem vollen Klang der Liebe an sein Herz gedrungen war.
Doch eben darum schien jede weitere Neugier ihm unlauter und sinnlos; -
und hinter einem Geheimnis, das er nimmer entrtseln sollte, schlo sich
die Tr. Htten nicht die andern durch Blicke sich scheu und flchtig zu
verstehen gegeben, da auch sie den gleich wieder verhallten Ruf gehrt,
so htte jeder fr seinen Teil an eine Sinnestuschung glauben knnen;
denn keiner sprach ein Wort, whrend sie durch den Sulengang dem Tore
zuschritten. Casanova aber folgte als letzter, mit geneigtem Haupt, wie
von einem groen Abschied. -

Der Pfrtner stand am Tor, empfing sein Almosen, und die Gste stiegen
in den Wagen, der sie ohne weiteren Verzug heimwrts fhrte. Olivo
schien verlegen, Amalia entrckt, Marcolina jedoch vllig unberhrt; und
allzu absichtlich, wie es Casanova dnkte, versuchte sie mit Amalia ein
Gesprch ber Angelegenheiten der Hauswirtschaft einzuleiten, das aber
Olivo an Stelle seiner Gattin aufnehmen mute. Bald nahm auch Casanova
daran teil, der sich auf Fragen, die Kche und Keller betrafen,
vortrefflich verstand, und keinen Anla sah, mit seinen Kenntnissen und
Erfahrungen auch auf diesem Gebiet, wie zu einem neuen Beweis seiner
Vielseitigkeit, zurckzuhalten. Nun wachte auch Amalia aus ihrer
Versonnenheit auf; nach dem fast mrchenhaften und doch beklemmenden
Abenteuer, aus dem sie eben emporgetaucht waren, schienen sich alle,
besonders aber Casanova, in so irdisch alltglicher Atmosphre
vorzglich zu behagen, und, als der Wagen vor Olivos Hause hielt, aus
dem ihnen schon einladend der Geruch von Braten und allerlei Gewrzen
entgegenstrmte, war Casanova gerade in der uerst appetitreizenden
Schilderung eines polnischen Pastetengerichts begriffen, der auch
Marcolina mit einer liebenswrdig-hausfraulichen, von Casanova als
schmeichelhaft empfundenen Teilnahme zuhrte.

In einer seltsam beruhigten, beinahe vergngten Stimmung, ber die er
selbst verwundert war, sa er dann mit den andern bei Tische und machte
Marcolinen in einer scherzhaft aufgerumten Weise den Hof, wie es sich
etwa fr einen vornehmen ltern Herrn einem wohlerzogenen jungen Mdchen
aus brgerlichem Hause gegenber schicken mochte. Sie lie es sich gern
gefallen und gab ihm seine Artigkeiten mit vollendeter Anmut zurck. Ihm
machte es ebenso groe Mhe, sich vorzustellen, da seine gesittete
Nachbarin dieselbe Marcolina war, aus deren Fenster er heute nacht einen
jungen Offizier hatte flchten sehen, der offenbar noch in der Sekunde
vorher in ihren Armen gelegen war, - als es ihm schwer fiel, anzunehmen,
da dieses zarte Frulein, das sich mit andern kaum erwachsenen Mdchen
im Gras herumzuwlzen liebte, - eine gelehrte Korrespondenz mit dem
berhmten Saugrenue in Paris unterhielt; und er schalt sich zugleich ob
dieser lcherlichen Trgheit seiner Phantasie. Hatte er nicht schon
unzhlige Male erfahren, da in jedes wahrhaft lebendigen Menschen Seele
nicht nur verschiedene, da sogar scheinbar feindliche Elemente auf die
friedlichste Weise darin zusammenwohnten? Er selbst, vor kurzem noch ein
im tiefsten aufgewhlter, ein verzweifelter, ja ein zu bsem Tun
bereiter Mann; - war er jetzt nicht sanft, gtig und zu so lustigen
Spchen aufgelegt, da die kleinen Tchter Olivos sich manchmal vor
Lachen schttelten? Nur an seinem ganz auerordentlichen, fast
tierischen Hunger, der ihn immer nach starken Aufregungen zu berfallen
pflegte, erkannte er selbst, da die Ordnung in seiner Seele noch
keineswegs vllig hergestellt war.

Mit dem letzten Gang zugleich brachte die Magd ein Schreiben, das ein
Bote aus Mantua soeben fr den Chevalier abgegeben htte. Olivo, der
merkte, wie Casanova vor Aufregung erblate, gab Auftrag, dem Boten
Speise und Trank zu reichen, dann wandte er sich an seinen Gast mit den
Worten: Lassen Sie sich nicht stren, Chevalier, lesen Sie ruhig Ihren
Brief. - Mit Ihrer Erlaubnis, erwiderte Casanova, erhob sich, mit
einer leichten Verneigung, vom Tisch, trat ans Fenster und ffnete das
Schreiben mit gut gespielter Gleichgltigkeit. Es kam von Herrn
Bragadino, seinem vterlichen Freund aus Jugendtagen, einem alten
Hagestolz, der, nun ber achtzig, und vor zehn Jahren Mitglied des Hohen
Rats geworden, Casanovas Sache in Venedig mit mehr Eifer als die andern
Gnner zu fhren schien. Der Brief, ausnehmend zierlich, nur von etwas
zittriger Hand geschrieben, lautete wrtlich:

Mein lieber Casanova. Heute endlich befinde ich mich in der angenehmen
Lage, Ihnen eine Nachricht zu senden, die, wie ich hoffe, in der
Hauptsache Ihren Wnschen gerecht werden drfte. Der Hohe Rat hat sich
in seiner letzten Sitzung, die gestern abend stattfand, nicht nur bereit
erklrt, Ihnen die Rckkehr nach Venedig zu gestatten, sondern wnscht
sogar, da Sie diese Ihre Rckkehr tunlichst beschleunigen, da
beabsichtigt wird, die ttige Dankbarkeit, die Sie in zahlreichen
Briefen in Aussicht gestellt haben, baldigst in Anspruch zu nehmen. Wie
Ihnen vielleicht nicht bekannt ist, mein lieber Casanova (da wir ja Ihre
Gegenwart so lange entbehren muten), haben sich die innern Verhltnisse
unsrer teuern Vaterstadt im Laufe der letzten Zeit sowohl in politischer
als auch in sittlicher Hinsicht einigermaen bedenklich gestaltet.
Geheime Verbindungen bestehen, die gegen unsre Staatsverfassung
gerichtet sind, ja einen gewaltsamen Umsturz zu planen scheinen, und wie
es in der Natur der Dinge liegt, sind es vor allem gewisse freigeistige,
irreligise und in jedem Sinne zuchtlose Elemente, die an diesen
Verbindungen, die man mit einem hrteren Worte auch Verschwrungen
nennen knnte, in hervorragendem Mae teilhaben. Auf ffentlichen
Pltzen, in den Kaffeehusern, von Privatrtlichkeiten gar nicht zu
reden, werden, wie uns bekannt ist, die ungeheuerlichsten, ja geradezu
hochverrterische Unterhaltungen gefhrt; aber nur in den seltensten
Fllen gelingt es, die Schuldigen auf frischer Tat zu ertappen oder
ihnen etwas Sicheres nachzuweisen, da gerade gewisse, auf der Folter
erzwungene Gestndnisse sich als so unzuverlssig erwiesen haben, da
einige Mitglieder unsres Hohen Rats sich dafr aussprachen, in Hinkunft
von einer solchen grausamen und dabei oft irrefhrenden
Untersuchungsmethode lieber abzusehen. Zwar ist kein Mangel an Leuten,
die sich gern in den Dienst der Regierung stellen, zum Besten der
ffentlichen Ordnung und des Staatswohls; aber gerade von diesen Leuten
sind die meisten als gesinnungstchtige Anhnger der bestehenden
Verfassung zu sehr bekannt, als da man sich in ihrer Gegenwart so
leicht zu einer unvorsichtigen Bemerkung oder gar zu hochverrterischen
Reden hinreien liee. Nun wurde von einem der Senatoren, den ich
vorlufig nicht nennen will, in der gestrigen Sitzung die Ansicht
ausgesprochen, da jemand, dem der Ruf eines Mannes ohne sittliche
Grundstze und berdies der Ruf eines Freigeistes voranginge - kurzum,
da ein Mensch wie Sie, Casanova, sobald er sich in Venedig wieder
zeigte, zweifellos gerade in den verdchtigen Kreisen, von denen hier
die Rede ist, sofortiger Sympathie und - bei einiger Geschicklichkeit
von seiner Seite - bald einem rckhaltlosen Vertrauen begegnen mte.
Ja meines Erachtens wrden sich mit Notwendigkeit, wie nach dem Walten
eines Naturgesetzes, gerade diejenigen Elemente um Sie versammeln, an
deren Unschdlichmachung und exemplarischer Bestrafung dem Hohen Rat in
seiner unermdlichen Sorge um das Wohl des Staates am meisten gelegen
ist, und so wrden wir es nicht nur als einen Beweis Ihres patriotischen
Eifers, mein lieber Casanova, sondern auch als ein untrgliches Zeichen
Ihrer vollkommenen Abkehr von all jenen Tendenzen betrachten, die Sie
seinerzeit unter den Bleidchern zwar hart, doch, wie auch Sie heute
einsehen (wenn wir Ihren brieflichen Versicherungen glauben drfen),
nicht ganz ungerecht ben muten, - wenn Sie sich bereit fnden, in dem
oben angedeuteten Sinne sofort nach Ihrer Heimkehr bei den nun gengend
gekennzeichneten Elementen Anschlu zu suchen, sich ihnen in
freundschaftlicher Weise zuzugesellen, wie einer, der den gleichen
Tendenzen huldigt, und von allem, was Ihnen verdchtig oder sonstwie
wissenswrdig erschiene, dem Senat unverzglichen und eingehenden
Bericht zu erstatten. Fr diese Dienste wre man geneigt, Ihnen frs
erste einen monatlichen Gehalt von zweihundertfnfzig Lire auszusetzen,
abgesehen von Extragratifikationen in einzelnen besonders wichtigen
Fllen, sowie Ihnen natrlich auch alle Ihnen in Ausbung Ihres
Dienstes erwachsenden Kosten (als da sind Freihalten des einen oder
andern Individuums, kleine Geschenke an Frauenspersonen usw.) ohne
Bedenklichkeit und Knickerei ersetzt wrden. Ich verhehle mir
keineswegs, da Sie gewisse Skrupel werden niederzukmpfen haben, ehe
Sie sich in dem von uns gewnschten Sinne entscheiden sollten; aber
erlauben Sie mir als Ihrem alten und aufrichtigen Freunde (der auch
einmal jung gewesen ist) Ihnen zur Erwgung zu geben, da es niemals als
unehrenhaft gelten kann, seinem geliebten Vaterlande irgendeinen fr
dessen gesichertes Weiterbestehen notwendigen Dienst zu erweisen, auch
wenn es ein Dienst von einer Art wre, wie sie dem oberflchlich und
nicht patriotisch denkenden Brger als minder wrdig zu erscheinen
pflegen. Auch mchte ich noch hinzufgen, da Sie, Casanova, ja
Menschenkenner genug sind, um den Leichtfertigen vom Verbrecher oder den
Sptter vom Ketzer zu unterscheiden; und so werden Sie selbst es in der
Hand haben, in bercksichtigungswerten Fllen Gnade vor Recht ergehen zu
lassen, und immer nur denjenigen der Strafe zuzufhren, dem eine solche
Ihrer eigenen berzeugung nach gebhrt. Vor allem aber bedenken Sie, da
die Erfllung Ihres sehnlichsten Wunsches - Ihre Rckkehr in die
Vaterstadt - wenn Sie den gndigen Vorschlag des Hohen Rates ablehnen
sollten, auf lange, ja, wie ich frchte, auf unabsehbare Frist
hinausgeschoben wre, und da ich selbst, wenn ich auch das hier
erwhnen darf, als einundachtzigjhriger Greis nach aller menschlicher
Berechnung auf die Freude verzichten mte, Sie jemals in meinem Leben
wiederzusehen. Da Ihre Anstellung aus begreiflichen Grnden nicht so
sehr einen ffentlichen als einen vertraulichen Charakter tragen soll,
bitte ich Sie, Ihre Antwort, die ich mich anheischig mache, dem Hohen
Rate in der nchsten, heute ber acht Tage stattfindenden Sitzung
mitzuteilen, an mich persnlich zu adressieren; und zwar mit mglichster
Beschleunigung, da, wie ich schon oben andeutete, tglich Gesuche von
zum Teil hchst vertrauenswrdigen Personen an uns gelangen, die sich
dem Hohen Rat aus Liebe zum Vaterland freiwillig zur Verfgung stellen.
Freilich gibt es kaum einen unter diesen, der es an Erfahrung und Geist
mit Ihnen, mein lieber Casanova, aufzunehmen imstande wre; und wenn Sie
zu alldem noch meine Sympathie fr Sie ein wenig in Betracht ziehen, so
kann ich kaum daran zweifeln, da Sie dem Rufe, der von so hoher und
wohlgeneigter Stelle an Sie ergeht, freudig Folge leisten werden. Bis
dahin bin ich in unvernderlicher Freundschaft Ihr anhnglicher
Bragadino.

Nachschrift. Es wird mir angenehm sein, Ihnen sofort nach Ankndigung
Ihres Entschlusses einen Wechsel im Betrage von zweihundert Lire auf
das Bankhaus Valori in Mantua zur Bestreitung der Reisekosten
auszustellen. Der Obige.

Casanova hatte lngst zu Ende gelesen, aber noch immer hielt er das
Blatt vors Gesicht, um die Totenblsse seiner verzerrten Zge nicht
merken zu lassen. Das Gerusch des Mahles mit Tellergeklapper und
Glsergeklirr ging indes weiter, doch niemand sprach ein Wort. Endlich
lie sich Amalia schchtern vernehmen: Die Schssel wird kalt,
Chevalier, wollen Sie sich nicht bedienen? - Ich danke, sagte
Casanova und lie sein Antlitz wieder sehen, dem er nun dank seiner
auerordentlichen Verstellungskunst einen ruhigen Ausdruck zu verleihen
vermocht hatte. Es sind vortreffliche Nachrichten, die ich hier aus
Venedig erhalten habe, und ich mu unverzglich meine Antwort absenden.
Ich bitte daher um Entschuldigung, wenn ich mich sofort zurckziehe. -
Tun Sie ganz nach Ihrem Belieben, Chevalier, sagte Olivo. Aber
vergessen Sie nicht, da in einer Stunde das Spiel beginnt.

Casanova ging auf sein Zimmer, sank auf einen Stuhl, kalter Schwei
brach an seinem ganzen Krper aus, Frost warf ihn hin und her, und der
Ekel stieg ihm bis zum Halse hinauf, so da er glaubte, auf der Stelle
ersticken zu mssen. Einen klaren Gedanken zu fassen, war er vorerst
auerstande, und seine ganze Kraft verwandte er darauf, sich
zurckzuhalten, ohne da er zu sagen gewut htte, wovor. Denn hier im
Hause war ja niemand, an dem er seinen ungeheuren Zorn htte austoben
knnen, und den dumpfen Einfall, da Marcolina irgendwie an der
namenlosen Schmach mitschuldig sei, die ihm widerfahren, vermochte er
immerhin noch als Tollheit zu erkennen. Als er sich zur Not gesammelt,
war sein erster Gedanke, an den Schurken Rache zu nehmen, die geglaubt
hatten, ihn als Polizeispion dingen zu knnen. In irgendeiner
Verkleidung wollte er sich nach Venedig schleichen und all die Wichte
auf listige Weise vom Leben zum Tode bringen - oder wenigstens den
einen, der den jmmerlichen Plan ausgeheckt hatte. War es etwa gar
Bragadino selbst? Warum nicht? Ein Greis - so schamlos geworden, da er
diesen Brief an Casanova zu schreiben wagte, - so schwachsinnig, da er
Casanova - Casanova! den er doch einst gekannt hatte - fr einen Spion
eben gut genug hielt! Ah, er kannte eben Casanova nicht mehr! Niemand
kannte ihn mehr, so wenig in Venedig als anderswo. Aber man sollte ihn
wieder kennenlernen. Er war freilich nicht mehr jung und schn genug, um
ein tugendhaftes Mdchen zu verfhren - und kaum mehr gewandt und
gelenkig genug, um aus Kerkern zu entwischen und auf Dachfirsten zu
turnen - aber klger war er noch immer als alle! Und wenn er nur einmal
in Venedig war, so konnte er dort treiben und lassen, was ihm beliebte;
es kam nur darauf an, endlich dort zu sein! Dann war es vielleicht gar
nicht ntig, irgendwen umzubringen; es gab allerlei Arten von Rache,
witzigere, teuflischere, als eine gewhnliche Mordtat wre; und wenn man
zum Schein etwa den Antrag der Herren annahm, so war es die leichteste
Sache von der Welt, gerade diejenigen Leute zu verderben, die man
verderben wollte, und nicht diejenigen, auf die es der Hohe Rat
abgesehen hatte und die unter allen Venezianern gewi die allerbravsten
Kerle waren! Wie? Weil sie Feinde dieser niedertrchtigen Regierung
waren, weil sie als Ketzer galten, sollten sie in dieselben Bleikammern,
wo er vor fnfundzwanzig Jahren geschmachtet, oder gar unters Beil? Er
hate die Regierung noch hundertmal mehr und mit bessern Grnden als
jene taten, und ein Ketzer war er sein Lebenlang gewesen, war es heute
noch und mit heiligerer berzeugung als sie alle! Er hatte sich ja
selber nur eine vertrackte Komdie vorgespielt in diesen letzten Jahren
- aus Langeweile und Ekel. Er an Gott glauben? Was war denn das fr ein
Gott, der nur den Jungen hold war und die Alten im Stich lie? Ein Gott,
der sich, wann es ihm beliebte, zum Teufel wandelte, Reichtum in Armut,
Unglck in Glck, und Lust in Verzweiflung kehrte? Hast du deinen Spa
mit uns - und wir sollen zu dir beten? - An dir zweifeln ist das einzige
Mittel, das uns bleibt - dich nicht zu lstern! - Sei nicht! Denn, wenn
du bist, so mu ich dir fluchen! Er ballte die Fuste zum Himmel, er
reckte sich auf. Unwillkrlich drngte sich ein verhater Name auf seine
Lippen. Voltaire! Ja, nun war er in der rechten Verfassung, seine
Schrift gegen den alten Weisen von Ferney zu vollenden. Zu vollenden?
Nein, nun erst sollte sie begonnen werden. Eine neue! Eine andre! - in
der der lcherliche Greis hergenommen werden sollte, wie er es verdiente
... um seiner Vorsicht, seiner Halbheit, seiner Kriecherei willen. Ein
Unglubiger der? Von dem man in der letzten Zeit immer wieder hrte, da
er sich aufs trefflichste mit den Pfaffen stand und zur Kirche, an
Festtagen sogar zur Beichte ging? Ein Ketzer der? Ein Schwtzer, ein
grosprecherischer Feigling - nichts andres! Nun aber war die
frchterliche Abrechnung nah, nach der von dem groen Philosophen nichts
brig bleiben sollte als ein kleines witziges Schreiberlein. Wie hatte
er sich aufgespielt, der gute Herr Voltaire ... Ah, mein guter Herr
Casanova, ich bin Ihnen ernstlich bse. Was gehen mich die Werke des
Herrn Merlin an? Sie sind schuld, da ich vier Stunden mit Dummheiten
verbracht habe. - Geschmackssache, mein bester Herr Voltaire! Man wird
die Werke Merlins noch lesen, wenn die Pucelle lngst vergessen ist ...
und auch meine Sonette wird man mglicherweise dann noch schtzen, die
Sie mir mit einem so unverschmten Lcheln zurckgaben, ohne ein Wort
darber zu uern. Doch das sind Kleinigkeiten. Wir wollen eine groe
Angelegenheit nicht durch schriftstellerische Empfindlichkeiten
verwirren. Es handelt sich um die Philosophie - um Gott ...! Wir wollen
die Klingen kreuzen, Herr Voltaire, sterben Sie mir nur geflligst nicht
zu frh.

Schon dachte er daran, seine Arbeit auf der Stelle zu beginnen, als ihm
einfiel, da der Bote auf Antwort wartete. Und mit fliegender Hand
entwarf er einen Brief an den alten Dummkopf Bragadino, einen Brief voll
geheuchelter Demut und verlogenen Entzckens: er nehme die Gnade des
Hohen Rats mit freudiger Dankbarkeit an und erwarte den Wechsel mit
wendender Post, um sich seinen Gnnern, vor allem seinem hochverehrten
vterlichen Freunde Bragadino sobald als mglich zu Fen legen zu
drfen. Whrend er eben daran war, den Brief zu versiegeln, klopfte es
leise an die Tr; Olivos ltestes Tchterlein, die Dreizehnjhrige, trat
ein und bestellte, da die ganze Gesellschaft bereits versammelt sei und
den Chevalier mit Ungeduld zum Spiel erwarte. In ihren Augen glimmte es
sonderbar, ihre Wangen waren gertet, das frauenhaft dichte Haar
spielte blulich-schwarz um ihre Schlfen; der kindliche Mund war halb
geffnet: Hast du Wein getrunken, Teresina? fragte Casanova und machte
einen langen Schritt auf sie zu. - Wahrhaftig - und der Herr Chevalier
merken das gleich? Sie wurde noch rter, und wie in Verlegenheit strich
sie sich mit der Zunge ber die Unterlippe. Casanova packte sie bei den
Schultern, hauchte ihr seinen Atem ins Gesicht, zog sie mit sich, warf
sie aufs Bett; sie sah ihn mit groen hilflosen Augen an, in denen das
Glimmen erloschen war; doch als sie ihren Mund wie zum Schreien ffnete,
zeigte ihr Casanova eine so drohende Miene, da sie fast erstarrte und
alles mit sich geschehen lie, was ihm beliebte. Er kte sie zrtlich
wild und flsterte: Du mut es dem Abbate nicht sagen, Teresina, auch
in der Beichte nicht. Und wenn du spter einen Liebhaber kriegst oder
einen Brutigam oder gar einen Mann, der braucht es auch nicht zu
wissen. Du sollst berhaupt immer lgen; auch Vater und Mutter und
Geschwister sollst du anlgen; auf da es dir wohl ergehe auf Erden.
Merk' dir das. - So lsterte er, und Teresina mute es wohl fr einen
Segen halten, den er ber sie sprach, denn sie nahm seine Hand und kte
sie andchtig wie die eines Priesters. Er lachte laut auf. Komm, sagte
er dann, komm, meine kleine Frau, wir wollen Arm in Arm im Saal unten
erscheinen! Sie zierte sich wohl ein wenig, lchelte aber dabei nicht
unzufrieden.

Es war die hchste Zeit, da sie aus der Tr traten, denn Olivo kam eben
erhitzt mit gerunzelten Brauen die Treppe herauf, und Casanova vermutete
gleich, da unzarte Scherze des Marchese oder des Abbate ber das lange
Ausbleiben der Kleinen ihm Bedenken verursacht haben mochten. Seine Zge
erheiterten sich sofort, als er Casanova wie zum Scherz in die Kleine
eingehngt auf der Schwelle stehen sah. Verzeihen Sie, mein bester
Olivo, sagte Casanova, da ich warten lie. Ich mute meinen Brief
erst zu Ende schreiben. Er hielt ihn Olivo wie ein Beweisstck
entgegen. Nimm ihn, sagte Olivo zu Teresina, indem er ihr die etwas
verwirrten Haare zurecht strich, und bring' ihn dem Boten. - Und
hier, fgte Casanova hinzu, sind zwei Goldstcke, die gibst du dem
Mann: er mge sich beeilen, da der Brief noch heute richtig von Mantua
nach Venedig abgehe - und meiner Wirtin mge er bestellen, da ich ...
heute abend wieder daheim bin. - Heute abend? rief Olivo.
Unmglich! - Nun, wir werden sehen, sagte Casanova herablassend. -
Und hier, Teresina, ein Goldstck fr dich ... und auf Olivos Einrede:
Leg' es in deine Sparbchse, Teresina; der Brief, den du in Hnden
hast, ist seine paar tausend Goldstcke wert. - Teresina lief, und
Casanova nickte vergngt; es machte ihm einen ganz besondern Spa, das
Dirnchen, deren Mutter und Gromutter ihm auch schon gehrt hatten, im
Angesicht ihres eigenen Vaters fr ihre Gunst zu bezahlen.

Als Casanova mit Olivo in den Saal trat, war das Spiel schon im Gange.
Die emphatische Begrung der andern erwiderte er mit heitrer Wrde und
nahm gegenber dem Marchese Platz, der die Bank hielt. Die Fenster waren
gegen den Garten zu offen; Casanova hrte Stimmen, die sich nherten;
Marcolina und Amalia kamen vorber, blickten flchtig in den Saal,
verschwanden und waren dann nicht mehr zu sehen. Whrend der Marchese
die Karten auflegte, wandte sich Lorenzi mit groer Hflichkeit an
Casanova. Ich mache Ihnen mein Kompliment, Chevalier, Sie waren besser
unterrichtet, als ich es gewesen bin: unser Regiment marschiert in der
Tat bereits morgen vor Abend aus. Der Marchese schien erstaunt. Und
das sagen Sie uns erst jetzt, Lorenzi? - Es ist wohl nicht so
wichtig! - Fr mich nicht so sehr, meinte der Marchese, aber fr
meine Gattin! Finden Sie nicht? Er lachte in einer abstoenden heisern
Art. brigens ein wenig doch auch fr mich! Da ich gestern vierhundert
Dukaten an Sie verloren habe und am Ende keine Zeit bleibt, sie
zurckzugewinnen. - Auch uns hat der Leutnant Geld abgewonnen, sagte
der jngere Ricardi, und der ltere, schweigende, sah ber die Schulter
zu dem Bruder auf, der, wie gestern, hinter ihm stand. - Glck und
Frauen ... begann der Abbate. Und der Marchese schlo statt seiner:
Zwingt, wer mag. - Lorenzi streute seine Goldstcke wie achtlos vor
sich hin. Da sind sie. Wenn Sie wnschen, alle auf ein Blatt, Marchese,
damit Sie Ihrem Gelde nicht lange nachzulaufen haben. Casanova
versprte pltzlich eine Art Mitleid fr Lorenzi, das er sich selbst
nicht recht erklren konnte; doch da er von seinem Ahnungsvermgen etwas
hielt, war er berzeugt, da der Leutnant im ersten Gefechte, das ihm
bevorstand, fallen werde. Der Marchese nahm den hohen Satz nicht an;
Lorenzi bestand nicht darauf; so ging das Spiel, an dem sich auch die
andern in ihrer bescheidenen Weise, wie tags vorher, beteiligten,
vorerst nur mit migen Einstzen weiter. Schon in der nchsten
Viertelstunde wurden diese hher; und vor Ablauf der darauffolgenden
hatte Lorenzi seine vierhundert Dukaten an den Marchese verloren. Um
Casanova schien sich das Glck nicht zu kmmern; er gewann, verlor und
gewann wieder in fast lcherlich regelmigem Wechsel. Lorenzi atmete
auf, als sein letztes Goldstck zum Marchese hinbergerollt war und
erhob sich. Ich danke, meine Herren. Dies wird nun, er zgerte - fr
lange mein letztes Spiel in diesem gastfreundlichen Hause gewesen sein.
Und nun, mein verehrter Herr Olivo, gestatten Sie mir noch, mich von den
Damen zu verabschieden, ehe ich nach der Stadt reite, wo ich vor
Sonnenuntergang eintreffen mchte, um meine Zurstungen fr morgen zu
treffen. - Unverschmter Lgner, dachte Casanova. In der Nacht bist du
wieder hier und - bei Marcolina! Neu flammte der Zorn in ihm auf. Wie?
rief der Marchese bel gelaunt, der Abend noch stundenfern, und das
Spiel soll schon zu Ende sein? Wenn Sie wnschen, Lorenzi, mag mein
Kutscher nach Hause fahren und der Marchesa bestellen, da Sie sich
verspten. - Ich reite nach Mantua, entgegnete Lorenzi ungeduldig. -
Der Marchese, ohne darauf zu achten, sprach weiter: Es ist noch Zeit
genug; rcken Sie nur mit Ihren eigenen Goldstcken heraus, so wenig es
sein mgen. Und er warf ihm eine Karte hin. Ich habe nicht ein
einziges Goldstck mehr, sprach Lorenzi mde. - Was Sie nicht sagen!
- Nicht eines, wiederholte Lorenzi wie angeekelt. - Was tut's, rief
der Marchese mit einer pltzlichen, nicht sehr angenehm wirkenden
Freundlichkeit. Sie sind mir fr zehn Dukaten gut, und wenn's sein mu,
fr mehr. - Ein Dukaten also, sagte Lorenzi und nahm Karten auf. Der
Marchese schlug sie mit den seinen. Lorenzi spielte weiter, als
verstnde sich das nun von selbst; und bald war er dem Marchese hundert
Dukaten schuldig. Casanova bernahm die Bank und hatte noch mehr Glck
als der Marchese. Es war indes wieder ein Spiel zu dreien geworden,
heute lieen sich's auch die Brder Ricardi ohne Einspruch gefallen; mit
Olivo und dem Abbate waren sie bewundernde Zuschauer. Kein lautes Wort
wurde gewechselt, nur die Karten sprachen, und sie sprachen deutlich
genug. Der Zufall des Spieles wollte, da alles Bargeld zu Casanova
hinberflo, und als eine Stunde vergangen war, hatte er zweitausend
Dukaten zwar von Lorenzi gewonnen, aber sie kamen alle aus des Marchese
Tasche, der nun ohne einen Soldo dasa. Casanova stellte ihm zur
Verfgung, was ihm belieben sollte. Der Marchese schttelte den Kopf.
Ich danke, sagte er, nun ist es genug. Fr mich ist das Spiel zu
Ende. Aus dem Garten klang das Lachen und Rufen der Kinder. Casanova
hrte Teresinas Stimme heraus; er sa mit dem Rcken gegen das Fenster
und wandte sich nicht um. Noch einmal versuchte er, zugunsten Lorenzis,
er wute selbst nicht warum, den Marchese zum Weiterspielen zu bewegen.
Dieser erwiderte nur durch ein noch entschiedeneres Kopfschtteln.
Lorenzi erhob sich. Ich werde mir erlauben, Herr Marchese, die Summe,
die ich Ihnen schulde, morgen vor zwlf Uhr mittags persnlich in Ihre
Hnde zu bergeben. Der Marchese lachte kurz. Ich bin neugierig, wie
Sie das anstellen wollen, Herr Leutnant Lorenzi. Es gibt keinen Menschen
in Mantua oder anderswo, der Ihnen auch nur zehn Dukaten leihen wrde,
geschweige zweitausend, insbesondre heute, da Sie morgen ins Feld gehen;
und es ist nicht so ausgemacht, da Sie zurckkehren. - Sie werden Ihr
Geld morgen frh acht Uhr erhalten, Herr Marchese, auf - Ehrenwort. -
Ihr Ehrenwort, sagte der Marchese kalt, ist mir nicht einmal einen
Dukaten wert, viel weniger zweitausend. - Die andern hielten den Atem
an. Doch Lorenzi erwiderte nur, anscheinend ohne tiefere Erregung: Sie
werden mir Genugtuung geben, Herr Marchese. - Mit Vergngen, Herr
Leutnant, entgegnete der Marchese, sobald Sie Ihre Schuld bezahlt
haben. - Olivo, aufs peinlichste berhrt, sagte ein wenig stotternd:
Ich brge fr die Summe, Herr Marchese. Leider habe ich nicht Bargeld
genug zur Hand, um sofort - doch mein Haus, meine Besitzung - und er
wies mit einer ungeschickten Bewegung rings im Kreise umher. Ich nehme
Ihre Brgschaft nicht an, sagte der Marchese, um Ihretwillen, Sie
wrden Ihr Geld verlieren. Casanova sah, wie sich alle Blicke auf das
Gold richteten, das vor ihm lag. - Wenn ich fr Lorenzi brgte - dachte
er. Wenn ich fr ihn zahlte ... Dies knnte der Marchese nicht
zurckweisen ... Wr' es nicht beinahe meine Verpflichtung? Es ist ja
das Gold des Marchese. - Doch er schwieg. Er fhlte, wie ein Plan in ihm
dumpf erstand, dem er vor allem Zeit lassen mute, sich klar zu
gestalten. Sie sollen Ihr Geld noch heute vor Anbruch der Nacht haben,
sagte Lorenzi. In einer Stunde bin ich in Mantua. - Ihr Pferd kann
den Hals brechen, erwiderte der Marchese, Sie auch ... am Ende gar mit
Absicht. - Immerhin, sagte der Abbate unwillig, kann Ihnen der
Leutnant das Geld nicht herzaubern. Die beiden Ricardi lachten, brachen
aber gleich wieder ab. Es ist klar, wandte sich Olivo an den Marchese,
da Sie dem Leutnant Lorenzi vor allem einmal gestatten mssen, sich zu
entfernen. - Gegen ein Pfand, rief der Marchese mit funkelnden Augen,
als machte ihm sein Einfall ein besondres Vergngen. Das scheint mir
nicht bel, sagte Casanova etwas zerstreut, denn sein Plan reifte
heran. Lorenzi zog einen Ring vom Finger und lie ihn auf den Tisch
gleiten. Der Marchese nahm ihn. Der mag fr tausend gelten. - Und der
hier? Lorenzi schleuderte einen zweiten Ring vor den Marchese hin.
Dieser nickte und meinte: Fr ebensoviel. - Sind Sie nun zufrieden,
Herr Marchese? sagte Lorenzi und schickte sich an, zu gehen. Ich bin
zufrieden, entgegnete der Marchese schmunzelnd, um so mehr, als diese
Ringe gestohlen sind. Lorenzi wandte sich rasch um, und ber den Tisch
hin erhob er die Faust, um sie auf den Marchese niedersausen zu lassen.
Olivo und der Abbate hielten seinen Arm fest. Ich kenne die beiden
Steine, sagte der Marchese, ohne sich von seinem Platz zu rhren, wenn
sie auch neu gefat sind. Sehen Sie, meine Herren, der Smaragd hat einen
kleinen Fehler, sonst wre er zehnmal soviel wert. Der Rubin ist
tadellos, aber nicht sehr gro. Beide Steine stammen aus einem Schmuck,
den ich selbst einmal meiner Frau geschenkt habe. Und da ich doch nicht
annehmen kann, da die Marchesa diese Steine fr den Leutnant Lorenzi zu
Ringen hat fassen lassen, so knnen sie, - so kann offenbar der ganze
Schmuck nur gestohlen sein. Also - das Pfand gengt mir, Herr Leutnant,
bis auf weiteres. - Lorenzi! rief Olivo, von uns allen haben Sie das
Wort, da keine Seele jemals erfahren wird, was soeben hier vorgegangen
ist. - Und was auch Herr Lorenzi begangen haben mag, sagte Casanova,
Sie, Herr Marchese, sind der grre Schuft. - Das will ich hoffen,
erwiderte der Marchese. Wenn man einmal so alt ist wie unsereiner, Herr
Chevalier von Seingalt, darf man sich wenigstens in der Schurkerei von
niemandem andern bertreffen lassen. Guten Abend, meine Herren. Er
stand auf, niemand erwiderte seinen Gru, und er ging. Fr eine kurze
Weile ward es so still, da wieder das Lachen der Kinder vom Garten her
wie in bertriebener Lautheit vernehmlich wurde. Wer htte auch das Wort
zu finden vermocht, das jetzt bis in Lorenzis Seele gedrungen wre, der
noch immer mit ber dem Tisch erhobenem Arm dastand wie vorher?
Casanova, der als einziger auf seinem Platz sitzengeblieben war, fand
ein unwillkrliches knstlerisches Gefallen an dieser zwar sinnlos
gewordenen, gleichsam versteinerten, aber drohend-edlen Geste, die den
ganzen Jngling in ein Standbild zu verwandeln schien. Endlich wandte
sich Olivo an ihn wie mit einer Gebrde der Beschwichtigung, auch die
Ricardis nherten sich, und der Abbate schien sich zu einer Anrede
entschlieen zu wollen; da fuhr es durch Lorenzis Glieder wie ein kurzes
Beben; eine gebieterisch unwillige Bewegung wehrte jeden Versuch einer
Einmischung ab, und mit einem hflichen Neigen des Kopfes verlie er
ohne Hast den Raum. Im selben Augenblick erhob sich Casanova, der indes
das Gold, das vor ihm lag, in ein Seidentuch zusammengerafft hatte, und
folgte ihm auf dem Fu. Er fhlte, ohne die Mienen der andern zu sehen,
da sie alle der Meinung waren, er beeile sich nun, dasjenige zu tun,
was sie die ganze Zeit ber von ihm erwartet, und werde Lorenzi die
gewonnene Geldsumme zur Verfgung stellen.

In der Kastanienallee, die vom Hause zum Tore fhrte, holte er Lorenzi
ein und sagte in leichtem Tone: Wrden Sie mir erlauben, Herr Leutnant
Lorenzi, mich Ihrem Spaziergang anzuschlieen? Lorenzi, ohne ihn
anzusehen, erwiderte in einem hochmtigen, seiner Lage kaum ganz
angemessenen Tone: Wie's beliebt, Herr Chevalier; aber ich frchte, Sie
werden in mir keinen unterhaltenden Gesellschafter finden. - Sie,
Leutnant Lorenzi, vielleicht einen um so unterhaltenderen in mir, sagte
Casanova, und wenn Sie einverstanden sind, nehmen wir den Weg ber die
Weinberge, wo wir ungestrt plaudern knnen. Sie bogen von der
Fahrstrae auf denselben schmalen Pfad ein, den, die Gartenmauer
entlang, Casanova tags vorher mit Olivo gegangen war. Sie vermuten ganz
richtig, so setzte Casanova ein, da ich gesonnen bin, Ihnen die Summe
Geldes anzubieten, die Sie dem Marchese schuldig sind; nicht leihweise,
denn das - Sie werden mir verzeihen - hielte ich fr ein allzu riskantes
Geschft, sondern als - freilich geringen Gegenwert fr eine
Geflligkeit, die Sie mir zu erweisen vielleicht imstande wren. - Ich
hre, sagte Lorenzi kalt. - Ehe ich mich weiter uere, erwiderte
Casanova im selben Tone, bin ich gentigt, eine Bedingung zu stellen,
von deren Annahme durch Sie ich die Fortsetzung dieser Unterhaltung
abhngig mache. - Nennen Sie Ihre Bedingung. - Ich verlange Ihr
Ehrenwort, da Sie mich anhren, ohne mich zu unterbrechen, auch wenn
das, was ich Ihnen zu sagen habe, Ihr Befremden oder Ihr Mifallen oder
gar Ihre Emprung erregen sollte. Es steht vollkommen bei Ihnen, Herr
Leutnant Lorenzi, ob Sie nachher meinen Vorschlag annehmen wollen, ber
dessen Ungewhnlichkeit ich mich keiner Tuschung hingebe, oder nicht;
aber die Antwort, die ich von Ihnen erwarte, ist nur ein Ja oder Nein;
und wie immer sie ausfallen sollte, - von dem, was hier verhandelt
wurde, zwischen zwei Ehrenmnnern, die vielleicht beide zugleich
Verlorene sind, wird niemals eine Menschenseele erfahren. - Ich bin
bereit, Ihren Vorschlag zu hren. - Und nehmen meine Vorbedingung an?
- Ich werde Sie nicht unterbrechen. - Und werden kein andres Wort
erwidern als Ja oder Nein? - Kein andres als Ja oder Nein. - Gut
denn, sagte Casanova. Und whrend sie langsam hgelaufwrts stiegen,
zwischen den Rebenstcken, unter einem schwlen Sptnachmittagshimmel,
begann Casanova: Lassen Sie uns die Angelegenheit nach den Gesetzen der
Logik behandeln, so werden wir einander am besten verstehen. Es besteht
offenbar keine Mglichkeit fr Sie, sich das Geld, das Sie dem Marchese
schuldig sind, bis zu der von ihm festgesetzten Frist zu verschaffen;
und fr den Fall, da Sie es ihm nicht zahlen sollten, auch darber kann
kein Zweifel sein, ist er fest entschlossen, Sie zu vernichten. Da er
mehr von Ihnen wei (hier wagte sich Casanova weiter vor als er mute,
doch er liebte solche kleine nicht ganz ungefhrliche Abenteuer auf
einem im brigen vorgezeichneten Weg), als er uns heute verraten hat,
sind Sie tatschlich vllig in der Gewalt dieses Schurken, und Ihr
Schicksal als Offizier, als Edelmann wre besiegelt. Das ist die eine
Seite der Sache. Dagegen sind Sie gerettet, sobald Sie Ihre Schuld
bezahlt und die - irgendwie in Ihren Besitz gelangten Ringe wieder in
Hnden haben; - und gerettet sein: das heit fr Sie in diesem Fall
nicht weniger, als da Ihnen ein Dasein wieder gehrt, mit dem Sie schon
so gut wie abgeschlossen hatten, und zwar, da Sie jung, schn und khn
sind, ein Dasein voll Glanz, Glck und Ruhm. Eine solche Aussicht
scheint mir herrlich genug, besonders wenn auf der andern Seite nichts
winkt als ein ruhmloser, ja schimpflicher Untergang, um ihr zuliebe ein
Vorurteil aufzuopfern, das man persnlich eigentlich niemals besa. Ich
wei es, Lorenzi, setzte er rasch hinzu, als sei er einer Entgegnung
gewrtig und wollte ihr zuvorkommen, Sie haben gar keine Vorurteile,
so wenig als ich sie habe oder jemals hatte; und was ich von Ihnen zu
verlangen willens bin, ist nichts andres, als was ich selbst an Ihrer
Stelle unter den gleichen Umstnden zu erfllen mich keinen Augenblick
besonnen htte, - wie ich mich auch tatschlich nie gescheut habe, wenn
es das Schicksal oder auch nur meine Laune so forderte, eine Schurkerei
zu begehen oder vielmehr das, was die Narren dieser Erde so zu nennen
pflegen. Dafr war ich aber auch, gleich Ihnen, Lorenzi, in jeder Stunde
bereit, mein Leben fr weniger als nichts aufs Spiel zu setzen, und das
macht alles wieder wett. Ich bin es auch jetzt - fr den Fall, da Ihnen
mein Vorschlag nicht gefiele. Wir sind aus gleichem Stoff gemacht,
Lorenzi, sind Brder im Geiste, und so drfen sich unsre Seelen ohne
falsche Scham, stolz und nackt, gegenberstehen. Hier sind meine
zweitausend Dukaten - vielmehr die Ihren - wenn Sie es ermglichen, da
ich die heutige Nacht an Ihrer Stelle mit Marcolina verbringe. Wir
wollen nicht stehenbleiben, Lorenzi, wir wollen weiterspazieren.

Sie gingen in den Feldern, unter den niedrigen Obstbumen, zwischen
denen die Rebenranken beerenbeladen sich hinschlangen; und Casanova
sprach ohne Pause weiter. Antworten Sie mir noch nicht, Lorenzi, denn
ich bin noch nicht zu Ende. Mein Ansinnen wre natrlich - nicht etwa
frevelhaft, aber aussichts- und daher sinnlos, wenn Sie die Absicht
htten, Marcolina zu Ihrer Gattin zu machen, oder wenn Marcolina selbst
ihre Hoffnungen und Wnsche in dieser Richtung schweifen liee. Aber
ebenso, wie die vergangene Liebesnacht Ihre erste war (er sprach auch
diese seine Vermutung wie eine unbezweifelbare Gewiheit aus), ebenso
war die kommende aller menschlichen Berechnung nach, ja auch nach Ihrer
eigenen und Marcolinens Voraussicht bestimmt, Ihre letzte zu sein - auf
sehr lange Zeit - wahrscheinlich auf immer; und ich bin vllig
berzeugt, da Marcolina selbst, um ihren Geliebten vor dem sicheren
Untergange zu bewahren, einfach auf seinen Wunsch hin, ohne Zgern
bereit wre, diese eine Nacht seinem Retter zu gewhren. Denn auch sie
ist Philosophin und daher von Vorurteilen so frei wie wir beide. Aber so
gewi ich bin, da sie diese Probe bestnde, es liegt keineswegs in
meiner Absicht, da sie ihr auferlegt werde. Denn eine Willenlose, eine
innerlich Widerstrebende zu besitzen, das ist etwas, das gerade in
diesem Falle meinen Ansprchen nicht gengen wrde. Nicht nur als ein
Liebender, - als ein Geliebter will ich ein Glck genieen, das mir am
Ende auch gro genug erschiene, um es mit meinem Leben zu bezahlen.
Verstehen Sie mich wohl, Lorenzi. Daher darf Marcolina nicht einmal
ahnen, da ich es bin, den sie an ihren himmlischen Busen schliet; sie
mu vielmehr fest davon berzeugt sein, da sie keinen andern als Sie in
ihren Armen empfngt. Diese Tuschung vorzubereiten ist Ihre Sache, sie
aufrechtzuerhalten, die meine. Ohne besondre Schwierigkeit werden Sie
ihr begreiflich machen knnen, da Sie gentigt sind, sie vor Eintritt
der Morgendmmerung zu verlassen; und um einen Vorwand dafr, da
diesmal nur stumme Zrtlichkeiten sie beglcken sollen, werden Sie auch
nicht verlegen sein. Um im brigen auch jede Gefahr einer nachtrglichen
Entdeckung auszuschlieen, werde ich mich im gegebenen Moment anstellen,
als hrte ich ein verdchtiges Gerusch vor dem Fenster, meinen Mantel
nehmen - oder vielmehr den Ihren, den Sie mir zu diesem Zwecke natrlich
leihen mssen - und durchs Fenster verschwinden - auf Nimmerwiedersehen.
Denn selbstverstndlich werde ich dem Anschein nach bereits heute abend
abreisen, dann unter dem Vorgeben, ich htte wichtige Papiere vergessen,
den Kutscher auf halbem Wege zur Umkehr veranlassen und mich durch die
Hintertr - den Nachschlssel stellen Sie mir zur Verfgung, Lorenzi, -
in den Garten, ans Fenster Marcolinens schleichen, das sich um
Mitternacht auftun wird. Meines Gewands, auch der Schuhe und Strmpfe,
werde ich mich im Wagen entledigt haben und nur mit dem Mantel angetan
sein, so da bei meinem fluchtartigen Entweichen nichts zurckbleibt,
was mich oder Sie verraten knnte. Den Mantel aber werden Sie zugleich
mit den zweitausend Dukaten morgen frh fnf Uhr in meinem Gasthof zu
Mantua in Empfang nehmen, so da Sie dem Marchese noch vor der
festgesetzten Stunde sein Geld vor die Fe schleudern knnen. Hierauf
nehmen Sie meinen feierlichen Eid entgegen. Und nun bin ich zu Ende.

Er blieb pltzlich stehen. Die Sonne neigte sich zum Niedergang, ein
leiser Wind strich ber die gelben hren, rtlicher Abendschein lag ber
dem Turm von Olivos Haus. Auch Lorenzi stand stille; keine Muskel in
seinem blassen Antlitz bewegte sich, und er blickte ber Casanovas
Schulter unbewegt ins Weite. Seine Arme hingen schlaff herab, whrend
Casanovas Hand, der auf alles gefat war, wie zufllig den Griff des
Degens hielt. Einige Sekunden vergingen, ohne da Lorenzi seine starre
Haltung und sein Schweigen aufgab. Er schien in ein ruhiges Nachdenken
versunken; doch Casanova blieb weiter auf seiner Hut, und in der Linken
das Tuch mit den Dukaten, die Rechte auf dem Degengriff, sagte er: Sie
haben meine Vorbedingung erfllt als ein Ehrenmann. Ich wei, da es
Ihnen nicht leicht geworden ist. Denn wenn wir auch keine Vorurteile
besitzen, - die Atmosphre, in der wir leben, ist von ihnen so
vergiftet, da wir uns ihrem Einflu nicht vllig entziehen knnen. Und
so wie Sie, Lorenzi, im Laufe der letzten Viertelstunde mehr als einmal
nah daran waren, mir an die Gurgel zu fahren, so habe ich wieder -
lassen Sie mich's Ihnen gestehen - eine Weile mit dem Gedanken gespielt,
Ihnen die zweitausend Dukaten zu schenken - wie einem - nein, als meinem
Freund; denn selten, Lorenzi, habe ich zu einem Menschen vom ersten
Augenblick eine solche rtselhafte Sympathie empfunden wie zu Ihnen.
Aber htt' ich dieser gromtigen Regung nachgegeben, in der Sekunde
darauf htte ich sie aufs tiefste bereut, geradeso wie Sie, Lorenzi, in
der Sekunde, eh' Sie sich die Kugel in den Kopf jagten, zur
verzweiflungsvollen Erkenntnis kmen, da Sie ein Narr ohnegleichen
gewesen sind, - um tausend Liebesnchte mit immer neuen Frauen
hinzuwerfen fr eine einzige, der dann keine Nacht - und kein Tag mehr
folgte.

Noch immer schwieg Lorenzi; sein Schweigen dauerte sekunden-, es dauerte
minutenlang, und Casanova fragte sich, wie lang er sich's noch drfte
gefallen lassen. Schon war er im Begriff, sich mit einem kurzen Grue
abzuwenden und so anzudeuten, da er seinen Vorschlag als abgelehnt
betrachte, als Lorenzi, immer wortlos, mit einer durchaus nicht raschen
Bewegung der rechten Hand nach rckwrts in die Tasche seines
Rockschoes griff, und Casanova, der im gleichen Augenblick, nach wie
vor auf alles gefat, einen Schritt zurckgetreten war, wie um sich
niederzuducken - den Gartenschlssel berreichte. Die Bewegung
Casanovas, die immerhin eine Regung von Furcht ausgedrckt hatte, lie
um Lorenzis Lippen ein sofort wieder verschwindendes Lcheln des Hohns
erscheinen. Casanova verstand es, seine aufsteigende Wut, deren
wirklicher Ausbruch alles wieder htte zunichte machen knnen, zu
unterdrcken, ja zu verbergen, und, den Schlssel mit einem leichten
Kopfneigen an sich nehmend, bemerkte er nur: Das darf ich wohl als ein
Ja gelten lassen. Von jetzt in einer Stunde - bis dahin werden Sie sich
mit Marcolina wohl verstndigt haben - erwarte ich Sie im Turmgemach, wo
ich mir erlauben werde, Ihnen gegen berlassung Ihres Mantels die
zweitausend Goldstcke sofort zu bergeben. Erstens zum Zeichen meines
Vertrauens und zweitens, weil ich ja wirklich nicht wte, wo ich das
Gold im Laufe der Nacht verwahren sollte. - Sie trennten sich ohne
weitere Frmlichkeit, Lorenzi nahm den Weg zurck, den sie beide
gekommen, Casanova, auf einem andern, begab sich ins Dorf und sicherte
sich im Wirtshaus durch ein reichliches Angeld ein Gefhrt, das ihn um
zehn Uhr nachts vor Olivos Hause zur Fahrt nach Mantua erwarten sollte.

Bald darauf, nachdem er sein Gold vorerst an sichrer Stelle im
Turmgemach verwahrt hatte, trat er in Olivos Garten, wo sich ihm ein
Anblick bot, der an sich keineswegs merkwrdig, ihn in der Stimmung
dieser Stunde sonderbar genug berhrte. Auf einer Bank am Wiesenrand sa
Olivo neben Amalia, den Arm um ihre Schulter geschlungen; ihnen zu Fen
lagerten die drei Mdchen, wie ermdet von den Spielen des Nachmittags;
das jngste, Maria, hatte das Kpfchen auf dem Scho der Mutter liegen
und schien zu schlummern, Nanetta lag ihr zu Fen auf den Rasen
hingestreckt, die Arme unter dem Nacken; Teresina lehnte an den Knien
des Vaters, dessen Finger zrtlich in ihren Locken ruhten; und als
Casanova sich nherte, grte ihn aus ihren Augen keineswegs ein Blick
lsternen Einverstndnisses, wie er unwillkrlich ihn erwartet, sondern
ein offenes Lcheln kindlicher Vertrautheit, als wre, was zwischen ihr
und ihm vor wenig Stunden erst geschehen, eben nichts andres gewesen als
ein nichts bedeutendes Spiel. In Olivos Zgen leuchtete es freundlich
auf, und Amalia nickte dem Herantretenden dankbar herzlich zu. Sie beide
empfingen ihn, Casanova konnte nicht daran zweifeln, wie jemanden, der
eben eine edle Tat begangen, aber der zugleich erwartet, da man aus
Feingefhl vermeiden werde, ihrer mit einem Worte Erwhnung zu tun.
Bleibt es wirklich dabei, fragte Olivo, da Sie uns schon morgen
verlassen, mein teurer Chevalier? - Nicht morgen, erwiderte Casanova,
sondern - wie gesagt - schon heute abend. Und als Olivo eine neue
Einwendung erheben wollte, mit einem bedauernden Achselzucken: Der
Brief, den ich heute aus Venedig erhielt, lt mir leider keine andre
Entscheidung brig. Die an mich ergangene Aufforderung ist in jedem
Sinne so ehrenvoll, da eine Verzgerung meiner Heimkehr eine arge, ja
eine unverzeihliche Unhflichkeit gegenber meinen hohen Gnnern
bedeuten wrde. Zugleich bat er um die Erlaubnis, sich jetzt
zurckziehen zu drfen, um sich fr die Abreise bereitzumachen und dann
die letzten Stunden seines Hierseins ungestrt im Kreise seiner
liebenswrdigen Freunde verbringen zu knnen.

Und aller Einrede nicht achtend, begab er sich ins Haus, stieg die
Treppe zum Turmgemach empor und vertauschte vor allem seine prchtige
Gewandung wieder mit der einfacheren, die fr die Fahrt gut genug sein
mute. Dann packte er seinen Reisesack und horchte mit einer von Minute
zu Minute gespannteren Aufmerksamkeit, ob sich nicht endlich die
Schritte Lorenzis vernehmen lieen. Noch eh' die Frist verstrichen war,
klopfte es mit einem kurzen Schlag an die Tre, und Lorenzi trat ein,
im weiten dunkelblauen Reitermantel. Ohne ein Wort zu reden, mit einer
leichten Bewegung lie er ihn von den Schultern gleiten, so da er
zwischen den beiden Mnnern als ein formloses Stck Tuch auf dem Boden
lag. Casanova holte seine Goldstcke unter dem Polster des Bettes hervor
und streute sie auf den Tisch. Er zhlte sorgfltig vor Lorenzis Augen,
was ziemlich rasch geschehen war, da viele Goldstcke von hherm als
eines Dukaten Wert darunter waren, bergab Lorenzi die verabredete
Summe, nachdem er sie zuvor in zwei Beutel verteilt hatte, worauf ihm
selbst noch etwa hundert Dukaten brigblieben. Lorenzi tat die
Geldbeutel in seine beiden Rocksche und wollte sich wortlos entfernen.
Halt, Lorenzi, sagte Casanova, es wre immerhin mglich, da man
einander noch einmal im Leben begegnete. Dann sei es nicht mit Groll. Es
war ein Handel wie ein andrer, wir sind quitt. Er streckte ihm die Hand
entgegen. Lorenzi nahm sie nicht; doch nun sprach er das erste Wort.
Ich erinnere mich nicht, sagte er, da auch dies in unserm Pakt
enthalten gewesen wre. Er wandte sich und ging.

Sind wir so genau, mein Freund? dachte Casanova. So darf ich mich um so
sicherer darauf verlassen, da ich nicht am Ende der Geprellte sein
werde. Freilich hatte er an diese Mglichkeit keinen Augenblick
ernstlich gedacht; er wute aus eigener Erfahrung, da Leute wie
Lorenzi ihre besondre Art von Ehre haben, deren Gesetze in Paragraphen
nicht aufzuzeichnen sind, ber die aber von Fall zu Fall ein Zweifel
kaum bestehen kann. - Er legte Lorenzis Mantel zu oberst in den
Reisesack, schlo diesen zu; die Goldstcke, die ihm geblieben, steckte
er zu sich, blickte sich in dem Raum, den er wohl niemals wieder
betreten sollte, nach allen Seiten um, und, mit Degen und Hut, zur
Abfahrt fertig, begab er sich in den Saal, wo er Olivo mit Frau und
Kindern schon am gedeckten Tische sitzend fand. Marcolina trat zugleich
mit ihm, was Casanova als gnstiges Schicksalszeichen deutete, von der
andern Seite aus dem Garten ein und erwiderte seinen Gru mit einem
unbefangenen Neigen des Hauptes. Das Essen wurde aufgetragen; die
Unterhaltung ging anfangs langsam, ja wie gedmpft von der Stimmung des
Abschieds in fast mhseliger Weise vonstatten. Amalia schien in
auffallender Weise mit ihren Kindern beschftigt und immer besorgt, da
diese nicht zuviel oder zuwenig auf ihre Teller bekmen. Olivo, ohne
ersichtliche Ntigung, sprach von einem unbedeutenden, zu seinen Gunsten
entschiedenen Proze mit einem Gutsnachbar, sowie von einer
Geschftsreise, die ihn demnchst nach Mantua und Cremona fhren sollte.
Casanova gab der Hoffnung Ausdruck, den Freund in nicht allzu ferner
Zeit in Venedig zu begren. Gerade dort, ein sonderbarer Zufall, war
Olivo noch niemals gewesen. Amalia aber hatte die wunderbare Stadt vor
langen Jahren als Kind gesehen; wie sie dahingekommen, wute sie nicht
mehr zu sagen und erinnerte sich nur eines alten, in einen
scharlachroten Mantel gehllten Mannes, der aus einem lnglichen
schwarzen Schiff ausgestiegen, gestolpert und der Lnge nach hingefallen
war. Auch Sie kennen Venedig nicht? fragte Casanova Marcolina, die
gerade ihm gegenbersa und ber seine Schulter in das tiefe Dunkel des
Gartens schaute. Sie schttelte wortlos den Kopf. Und Casanova dachte:
Knnt' ich sie dir zeigen, die Stadt, in der ich jung gewesen bin! O,
wrst du jung gewesen mit mir ... Und noch ein Gedanke kam ihm,
sinnloser beinahe als jene: Wenn ich dich jetzt mit mir dahin nhme?
Aber whrend all dies unausgesprochen durch seine Seele ging, hatte er
schon mit jener Leichtigkeit, die ihm auch in Momenten strkster innerer
Erregung gegeben war, von der Stadt seiner Jugend zu reden begonnen; so
kunstvoll und khl, als glte es, ein Gemlde zu schildern, bis er,
unwillkrlich den Ton erwrmend, in die Geschichte seines Lebens geriet,
und mit einemmal in eigner Gestalt mitten in dem Bilde stand, das nun
erst zu leben und zu leuchten anfing. Er sprach von seiner Mutter, der
berhmten Schauspielerin, fr die der groe Goldoni, ihr Bewunderer,
seine vortreffliche Komdie Das Mndel verfat hatte; dann erzhlte er
von seinem trbseligen Aufenthalt in der Pension des geizigen Doktors
Gozzi, von seiner kindischen Liebe zu der kleinen Grtnerstochter, die
spter mit einem Lakaien durchgegangen war, von seiner ersten Predigt
als junger Abbate, nach der er in dem Beutel des Sakristans nicht nur
die blichen Geldstcke, sondern auch ein paar zrtliche Briefchen
vorgefunden, von den Spitzbbereien, die er als Geiger im Orchester des
Theaters San Samuele mit ein paar gleichgesinnten Kameraden in den
Gchen, Schenken, Tanz- und Spielslen Venedigs maskiert oder auch
unmaskiert verbt; doch auch von diesen bermtigen und manchmal recht
bedenklichen Streichen berichtete er ohne irgendein anstiges Wort zu
gebrauchen, ja in einer poetisch-verklrenden Weise, als wollte er auf
die Kinder Rcksicht nehmen, die wie die andern, Marcolina nicht
ausgenommen, gespannt an seinen Lippen hingen. Doch die Zeit schritt
vor, und Amalia schickte ihre Tchter zu Bett. Ehe sie gingen, kte
Casanova sie alle aufs zrtlichste, Teresina nicht anders als die zwei
jngern, und alle muten ihm versprechen, ihn bald mit den Eltern in
Venedig zu besuchen. Als die Kinder fort waren, tat er sich wohl weniger
Zwang an, aber alles, was er erzhlte, brachte er ohne jede
Zweideutigkeit und vor allem ohne jede Eitelkeit vor, so da man eher
den Bericht eines gefhlvollen Narren der Liebe als den eines
gefhrlich-wilden Verfhrers und Abenteurers zu hren vermeinte. - Er
sprach von der wunderbaren Unbekannten, die wochenlang mit ihm als
Offizier verkleidet herumgereist und eines Morgens pltzlich von seiner
Seite verschwunden war; von der Tochter des adligen Schuhflickers in
Madrid, die ihn zwischen zwei Umarmungen immer wieder zum frommen
Katholiken hatte bekehren wollen; von der schnen Jdin Lia in Turin,
die prchtiger zu Pferde gesessen war als irgendeine Frstin; von der
lieblich-unschuldigen Manon Balletti, der einzigen, die er beinahe
geheiratet htte, von jener schlechten Sngerin in Warschau, die er
ausgepfiffen, worauf er sich mit ihrem Geliebten, dem Krongeneral
Branitzky, hatte duellieren und aus Warschau fliehen mssen; von der
bsen Charpillon, die ihn in London so jmmerlich zum Narren gehalten;
von einer nchtlichen Sturmfahrt, die ihm fast das Leben gekostet, durch
die Lagunen nach Murano zu seiner angebeteten Nonne; von dem Spieler
Croce, der, nachdem er in Spa ein Vermgen verloren, auf der Landstrae
trnenvollen Abschied von ihm genommen und sich auf den Weg nach
Petersburg gemacht hatte - so wie er dagestanden war, in seidenen
Strmpfen, in einem apfelgrnen Samtrock und ein Rohrstckchen in der
Hand. Er erzhlte von Schauspielerinnen, Sngerinnen, Modistinnen,
Grfinnen, Tnzerinnen, Kammermdchen; von Spielern, Offizieren,
Frsten, Gesandten, Finanzleuten, Musikanten und Abenteurern; und so
wundersam ward ihm selbst der Sinn von dem wieder neu gefhlten Zauber
seiner eigenen Vergangenheit umfangen, so vollstndig war der Triumph
all des herrlichen durchlebten, doch unwiederbringlich Gewesenen ber
das armselig Schattenhafte, das sich seiner Gegenwrtigkeit brsten
durfte, da er eben im Begriffe war, die Geschichte eines hbschen
blassen Mdchens zu berichten, das ihm im Dmmer einer Kirche zu Mantua
seinen Liebeskummer anvertraut hatte, ohne daran zu denken, da ihm
dieses selbe Geschpf, um sechzehn Jahre gealtert, als die Frau seines
Freundes Olivo hier am Tische gegenbersa; - als mit plumpem Schritt
die Magd eintrat und meldete, da vor dem Tore der Wagen bereitstehe.
Und sofort, mit seiner unvergleichlichen Gabe, sich in Traum und Wachen,
wann immer es ntig war, ohne Zgern zurechtzufinden, erhob sich
Casanova, um Abschied zu nehmen. Er forderte Olivo, dem vor Rhrung die
Worte versagten, nochmals mit Herzlichkeit auf, ihn mit Frau und Kindern
in Venedig zu besuchen, und umarmte ihn; als er sich mit der gleichen
Absicht Amalien nherte, wehrte sie leicht ab und reichte ihm nur die
Hand, die er ehrerbietig kte. Wie er sich nun zu Marcolina wandte,
sagte diese: All das, was Sie uns heute abend erzhlt haben - und noch
viel mehr - sollten Sie niederschreiben, Herr Chevalier, so wie Sie es
mit Ihrer Flucht aus den Bleikammern gemacht haben. - Ist das Ihr
Ernst, Marcolina? fragte er mit der Schchternheit eines jungen Autors.
Sie lchelte mit leisem Spott. Ich vermute, sagte sie, ein solches
Buch knnte noch weit unterhaltender werden als Ihre Streitschrift gegen
Voltaire. - Das mchte leicht wahr sein, dachte er, ohne es
auszusprechen. Wer wei, ob ich deinen Rat nicht einmal befolge? Und du
selbst, Marcolina, sollst das letzte Kapitel sein. - Dieser Einfall,
mehr noch der Gedanke, da dieses letzte Kapitel im Laufe der kommenden
Nacht erlebt werden sollte, lie seinen Blick so seltsam erflackern, da
Marcolina die Hand, die sie ihm zum Abschied gereicht, aus der seinen
gleiten lie, eh' er, sich herabbeugend, einen Ku darauf zu drcken
vermocht hatte. Ohne sich irgend etwas, sei es Enttuschung, sei es
Groll, merken zu lassen, wandte sich Casanova zum Gehen, indem er durch
eine jener klaren und einfachen Gesten, die nur ihm gehrten, zu
verstehen gab, da ihm niemand, auch Olivo nicht, folgen solle.

Raschen Schritts durcheilte er die Kastanienallee: gab der Magd, die
den Reisesack in den Wagen geschafft hatte, ein Goldstck, stieg ein und
fuhr davon.

Der Himmel war von Wolken verhngt. Nachdem man das Dorf hinter sich
gelassen, wo noch hinter armen Fenstern da und dort ein kleines Licht
geschimmert hatte, leuchtete nur mehr die gelbe Laterne, die vorn an der
Deichsel befestigt war, durch die Nacht. Casanova ffnete den Reisesack,
der zu seinen Fen lag, nahm Lorenzis Mantel heraus und, nachdem er ihn
ber sich gebreitet, entkleidete er sich unter dessen Schutz mit aller
gebotenen Vorsicht. Die abgelegte Gewandung, auch Schuhe und Strmpfe,
versperrte er in den Sack und hllte sich fester in den Mantel ein.
Jetzt rief er den Kutscher an: He, wir mssen wieder zurck! - Der
Kutscher wandte sich verdrossen um. - Ich habe meine Papiere im Hause
vergessen. Hrst du? Wir mssen zurck. Und da jener, ein verdrossener,
magerer, graubrtiger Mensch, zu zgern schien: Ich verlange es
natrlich nicht umsonst. Da! Und er drckte ihm ein Goldstck in die
Hand. Der Kutscher nickte, murmelte etwas, und mit einem gnzlich
berflssigen Peitschenhieb auf das Pferd, wandte er den Wagen. Als sie
wieder durch das Dorf fuhren, lagen die Huser alle stumm und
ausgelscht. Noch ein Stck Wegs die Landstrae hin, und nun wollte der
Kutscher in die schmlere, leicht ansteigende Strae einlenken, die zu
Olivos Besitzung fhrte. Halt! rief Casanova, wir wollen nicht so nah
heranfahren, sonst wecken wir die Leute auf. Warte hier an der Ecke. Ich
bin bald wieder da ... Und sollt' es etwas lnger dauern, jede Stunde
trgt einen Dukaten! Nun glaubte der Mann ungefhr zu wissen, woran er
war; Casanova merkte es an der Art, wie jener mit dem Kopf nickte. Er
stieg aus und eilte weiter, den Augen des Kutschers bald entschwindend,
bis ans verschlossene Tor, daran vorber, die Mauer entlang bis zu der
Ecke, wo sie im rechten Winkel nach oben bog, und nahm nun den Weg durch
die Weinberge, den er, nachdem er ihn schon zweimal im Tagesschein
gegangen, leicht zu finden wute. Er hielt sich der Mauer nahe und
folgte ihr auch, als sie nun, etwa auf der mittleren Hhe des Hgels,
wieder im rechten Winkel umbog. Hier ging er auf weichem Wiesengrund, im
Dunkel der verhngten Nacht weiter, und mute nur achtgeben, da er die
Gartentr nicht verfehlte. Er tastete lngs der glatten steinernen
Umfassung, bis seine Finger das rauhe Holz sprten; worauf er die Tre
auch in ihrem schmalen Umri deutlich wahrzunehmen vermochte. Er steckte
den Schlssel in das rasch gefundene Schlo, ffnete, trat in den
Garten und sperrte hinter sich wieder zu. Er sah das Haus mit dem Turm
jenseits der Wiese in unwahrscheinlicher Entfernung und in einer ebenso
unwahrscheinlichen Hhe aufragen. Eine Weile stand er ruhig; er sah um
sich; denn was fr andre Augen noch undurchdringliche Finsternis gewesen
wre, war fr die seinen nur tiefe Dmmerung. Er wagte es, statt in der
Allee, deren Kies seinen nackten Fen weh tat, auf der Wiese
weiterzugehen, die den Ton seiner Schritte verschlang. Er glaubte zu
schweben; so leicht war sein Gang. - War mir anders zumute, dachte er,
zur Zeit, da ich als Dreiigjhriger solche Wege ging? Fhl' ich nicht
wie damals alle Gluten des Verlangens und alle Sfte der Jugend durch
meine Adern kreisen? Bin ich nicht heute Casanova, wie ich's damals
war?... Und da ich Casanova bin, warum sollte an mir das klgliche
Gesetz nicht zuschanden werden, dem andre unterworfen sind, und das
Altern heit! Und immer khner werdend, fragte er sich: Warum schleich
ich in einer Maske zu Marcolina? Ist Casanova nicht mehr als Lorenzi,
auch wenn er um dreiig Jahre lter ist? Und wre sie nicht das Weib,
dies Unbegreifliche zu begreifen?... War es ntig, eine kleine
Schurkerei zu begehen und einen andern zu einer etwas grern zu
verleiten? Wre man nicht mit etwas Geduld zum gleichen Ziel gekommen?
Lorenzi ist morgen fort, ich wre geblieben ... Fnf Tage ... drei -
und sie htte mir gehrt - _wissend_ mir gehrt. - Er stand an die Wand
des Hauses gedrckt, neben Marcolinens Fenster, das noch fest
verschlossen war, und seine Gedanken flogen weiter. Ist es denn zu spt
dazu?... Ich knnte wiederkommen, - morgen, bermorgen ... und begnne
das Werk der Verfhrung - als ehrlicher Mann sozusagen. Die heutige
Nacht wre ein Vorschu auf die knftigen. Ja Marcolina mte nicht
einmal erfahren, da ich heute dagewesen bin - oder erst spter - viel
spter. -

Das Fenster war noch immer fest geschlossen; auch dahinter rhrte sich
nichts. Es fehlten wohl noch ein paar Minuten auf Mitternacht. Sollte er
sich irgendwie bemerkbar machen? Leise ans Fenster klopfen? Da nichts
dergleichen ausgemacht war, htte es vielleicht doch in Marcolina einen
Verdacht werfen knnen. Also warten. Lange konnte es nicht mehr dauern.
Der Gedanke, da sie ihn sofort erkennen, den Betrug durchschauen
konnte, eh' er vollzogen war, kam ihm, nicht zum erstenmal, doch ebenso
flchtig und als die natrliche verstandesmige Erwgung einer
entfernten, ins Unwahrscheinliche verschwimmenden Mglichkeit, nicht als
eine ernstliche Befrchtung. Ein etwas lcherliches Abenteuer fiel ihm
ein, das nun zwanzig Jahre zurcklag; das mit der hlichen Alten in
Solothurn, mit der er eine kstliche Nacht verbracht hatte, in der
Meinung, eine angebetete schne junge Frau zu besitzen - und die ihn
berdies tags darauf in einem unverschmten Brief ob seines ihr hchst
erwnschten, von ihr mit infamer List gefrderten Irrtums verhhnt
hatte. Er schttelte sich in der Erinnerung vor Ekel. Gerade daran htte
er jetzt lieber nicht denken sollen, und er verjagte das abscheuliche
Bild. - Nun, war es nicht endlich Mitternacht? Wie lange sollte er noch
hier stehen an die Mauer gedrckt, frstelnd in der Khle der Nacht?
Oder gar vergeblich warten? Der Geprellte sein - trotz allem? -
Zweitausend Dukaten fr nichts? Und Lorenzi mit ihr hinter dem Vorhang?
Seiner spottend? - Unwillkrlich fate er den Degen etwas fester, den er
unter dem Mantel an seinen nackten Leib gepret hielt. Von einem Kerl
wie Lorenzi mute man am Ende auch der peinlichsten berraschung
gewrtig sein. - Aber dann ... In diesem Augenblick hrte er ein leises
knackendes Gerusch, - er wute, da nun das Gitter von Marcolinens
Fenster sich zurckschob, gleich darauf ffneten sich beide Flgel weit,
whrend der Vorhang noch zugezogen blieb. Casanova hielt sich ein paar
Sekunden regungslos, bis von unsichtbarer Hand gerafft der Vorhang sich
nach der einen Seite hob; das war fr Casanova ein Zeichen, sich ber
die Brstung ins Zimmer zu schwingen und sofort Fenster und Gitter
hinter sich zu schlieen. Der geraffte Vorhang war ber seinen Schultern
wieder gesunken, so da er gentigt war, darunter hervorzukriechen, und
nun wre er in vlliger Finsternis dagestanden, wenn nicht aus der Tiefe
des Gemachs, in unbegreiflicher Entfernung, wie von seinem eignen Blick
erweckt, ein mattes Schimmern ihm den Weg gewiesen htte. Nur drei
Schritt - und sehnschtige Arme breiteten sich nach ihm aus; er lie den
Degen aus der Hand, den Mantel von seinen Schultern gleiten und sank in
sein Glck.

An Marcolinens seufzendem Vergehen, an den Trnen der Seligkeit, die er
ihr von den Wangen kte, an der immer wieder erneuten Glut, mit der sie
seine Zrtlichkeiten empfing, erkannte er bald, da sie seine
Entzckungen teilte, die ihm als hhere, ja von neuer, andrer Art
erschienen, als er jemals genossen. Lust ward zur Andacht, tiefster
Rausch ward Wachsein ohnegleichen; hier endlich war, die er schon so
oft, tricht genug zu erleben geglaubt, und die er noch niemals wirklich
erlebt hatte - Erfllung war an Marcolinens Herzen. Er hielt die Frau in
seinen Armen, an die er sich verschwenden durfte, um sich unerschpflich
zu fhlen; - an deren Brsten der Augenblick des letzten Hingegebenseins
und des neuen Verlangens in einen einzigen von ungeahnter Seelenwonne
zusammenflo. War an diesen Lippen nicht Leben und Sterben, Zeit und
Ewigkeit Eines? War er nicht ein Gott -? Jugend und Alter nur eine
Fabel, von Menschen erfunden? - Heimat und Fremde, Glanz und Elend, Ruhm
und Vergessensein - wesenlose Unterscheidungen zum Gebrauch von
Ruhelosen, von Einsamen, von Eiteln - und sinnlos geworden, wenn man
Casanova war und Marcolina gefunden? Unwrdig, ja lcherlicher von
Minute zu Minute erschien es ihm, sich, einem Vorsatz getreu, den er
frher als Kleinmtiger gefat, aus dieser Wundernacht stumm, unerkannt,
wie ein Dieb zu flchten. Im untrglichen Gefhl ebenso der Beglckende
zu sein, als er der Beglckte war, glaubte er sich schon zu dem Wagnis
entschlossen, seinen Namen zu nennen, wenn er sich auch immer noch
bewut war, damit ein groes Spiel zu spielen, das er, wenn er es
verlor, bereit sein mute, mit dem Dasein zu bezahlen. Noch war
undurchdringliche Dunkelheit um ihn, und bis durch den dichten Vorhang
das erste Dmmern brach, durfte er ein Gestndnis hinauszgern, an
dessen Aufnahme durch Marcolina sein Schicksal, ja sein Leben hing. Aber
war denn nicht gerade dieses stummselige, sverlorene Zusammensein dazu
gemacht, ihm Marcolina von Ku zu Ku unlslicher zu verbinden? Wurde,
was sich als Betrug entsponnen, nicht Wahrheit in den namenlosen
Entzckungen dieser Nacht? Ja, durchschauerte sie, die Betrogene, die
Geliebte, die Einzige, nicht selbst schon eine Ahnung, da es nicht
Lorenzi, der Jngling, der Wicht, da es ein Mann, - da es Casanova
war, in dessen Gttergluten sie verging? Und schon begann er es fr
mglich zu halten, da ihm der ersehnte und doch gefrchtete Augenblick
des Gestndnisses gnzlich erspart bleiben wrde; er trumte davon, da
Marcolina selbst, bebend, gebannt, erlst ihm seinen Namen
entgegenflstern wrde. Und dann - wenn sie so ihm verziehen - nein -
seine Verzeihung empfangen -, dann wollte er sie mit sich nehmen,
sofort, in dieser selben Stunde noch; - mit ihr im Grauen der Frhe das
Haus verlassen, mit ihr in den Wagen steigen, der drauen an der
Straenbiegung wartete ... mit ihr davonfahren, fr immer sie halten,
sein Lebenswerk damit krnen, da er, in Jahren, da andre sich zu einem
trben Greisentum bereiten, die Jngste, die Schnste, die Klgste durch
die ungeheure Macht seines unverlschlichen Wesens gewonnen und sie fr
alle Zeit zur Seinen gemacht hatte. Denn diese war sein, wie keine vor
ihr. Er glitt mit ihr durch geheimnisvolle schmale Kanle, zwischen
Palsten hin, in deren Schatten er nun wieder heimisch war, unter
geschwungenen Brcken, ber die verdmmernde Gestalten huschten; manche
winkten ber die Brstung ihnen entgegen und waren wieder verschwunden,
eh' man sie recht erblickt. Nun legte die Gondel an; Marmorstufen
fhrten in das prchtige Haus des Senators Bragadino; es war als das
einzige festlich beleuchtet; treppauf, treppab liefen Vermummte - manche
blieben neugierig stehen, aber wer konnte Casanova und Marcolina hinter
ihren Masken erkennen? Er trat mit ihr in den Saal. Hier wurde ein
groes Spiel gespielt. Alle Senatoren, auch Bragadino, in ihren
Purpurmnteln, reihten sich um den Tisch. Als Casanova eintrat,
flsterten sie alle seinen Namen wie im hchsten Schrecken; denn am
Blitz seiner Augen hinter der Maske hatten sie ihn erkannt. Er setzte
sich nicht nieder; er nahm keine Karten, aber er spielte mit. Er gewann,
er gewann alles Gold, das auf dem Tische lag, das war aber zuwenig; die
Senatoren muten Wechsel ausstellen; sie verloren ihr Vermgen, ihre
Palste, ihre Purpurmntel, - sie waren Bettler, sie krochen in Lumpen
um ihn her, sie kten ihm die Hnde, und daneben, in einem dunkelroten
Saale, war Musik und Tanz. Casanova wollte mit Marcolina tanzen, doch
die war fort. Die Senatoren in ihren Purpurmnteln saen wieder um den
Tisch wie vorher; aber nun wute Casanova, da es nicht Karten waren,
sondern Angeklagte, Verbrecher und Unschuldige, um deren Schicksal es
ging. Wo war Marcolina? Hatte er nicht die ganze Zeit ihr Handgelenk
umklammert gehalten? Er strzte die Treppen hinunter, die Gondel
wartete; nur weiter, weiter, durch das Gewirr von Kanlen, natrlich
wute der Ruderer, wo Marcolina weilte; warum aber war auch er maskiert?
Das war frher nicht blich gewesen in Venedig. Casanova wollte ihn zur
Rede stellen, aber er wagte es nicht. Wird man so feig als alter Mann?
Und immer weiter - was fr eine Riesenstadt war Venedig in diesen
fnfundzwanzig Jahren geworden! Nun endlich wichen die Huser zurck,
breiter wurde der Kanal - zwischen Inseln glitten sie hin, dort ragten
die Mauern des Klosters von Murano, in das Marcolina sich geflchtet
hatte. Fort war die Gondel, - jetzt hie es schwimmen -, wie war das
schn! Indes spielten freilich die Kinder in Venedig mit seinen
Goldstcken; aber was lag ihm an Gold?... Das Wasser war bald warm, bald
khl; es tropfte von seinen Kleidern, als er die Mauer hinankletterte. -
Wo ist Marcolina? fragte er im Sprechsaal laut, schallend, wie nur ein
Frst fragen darf. Ich werde sie rufen, sagte die Herzogin-btissin und
versank. Casanova ging, flog, flatterte hin und her, immer lngs der
Gitterstbe, wie eine Fledermaus. Htte ich das nur frher gewut, da
ich fliegen kann. Ich werde es auch Marcolina lehren. Hinter den Stben
schwebten weibliche Gestalten. Nonnen - doch sie trugen alle weltliche
Tracht. Er wute es, obwohl er sie gar nicht sah, und er wute auch, wer
sie waren. Henriette war es, die Unbekannte, und die Tnzerin Corticelli
und Cristina, die Braut, und die schne Dubois und die verfluchte Alte
aus Solothurn und Manon Balletti ... und hundert andre, nur Marcolina
war nicht unter ihnen! Du hast mich belogen, rief er dem Ruderer zu, der
unten in der Gondel wartete; er hatte noch keinen Menschen auf Erden so
gehat wie den, und er schwor sich zu, eine ausgesuchte Rache an ihm zu
nehmen. Aber war es nicht auch eine Narrheit, da er Marcolina im
Kloster von Murano gesucht hatte, da sie doch zu Voltaire gereist war?
Wie gut, da er fliegen konnte, einen Wagen htte er doch nicht mehr
bezahlen knnen. Und er schwamm davon; aber nun war das gar kein solches
Glck mehr, als er gedacht hatte; es wurde kalt und immer klter, er
trieb im offenen Meer, weit von Murano, weit von Venedig - kein Schiff
ringsum, seine schwere goldgestickte Gewandung zog ihn nach unten; er
versuchte sich ihrer zu entledigen, doch es war unmglich, da er sein
Manuskript in der Hand hielt, das er Herrn Voltaire berreichen mute, -
er bekam Wasser in den Mund, in die Nase, Todesangst berfiel ihn, er
griff um sich, er rchelte, er schrie und ffnete mhselig die Augen.

Durch einen schmalen Spalt zwischen Vorhang und Fensterrand war ein
Strahl der Dmmerung hereingebrochen. Marcolina, in ihr weies
Nachtgewand gehllt, das sie mit beiden Hnden ber der Brust
zusammenhielt, stand am Fuende des Bettes und betrachtete Casanova mit
einem Blick unnennbaren Grauens, der ihn sofort und vllig wach machte.
Unwillkrlich, wie mit einer Gebrde des Flehens, streckte er die Arme
nach ihr aus. Marcolina, wie zur Erwiderung, wehrte mit einer Bewegung
ihrer Linken ab, whrend sie mit der Rechten ihr Gewand ber der Brust
noch krampfhafter zusammenfate. Casanova erhob sich halb, sich mit
beiden Hnden auf das Lager sttzend, und starrte sie an. Er vermochte
den Blick von ihr so wenig abzuwenden als sie von ihm. Wut und Scham war
in dem seinen, in dem ihren Scham und Entsetzen. Und Casanova wute, wie
sie ihn sah; denn er sah sich selbst gleichsam im Spiegel der Luft und
erblickte sich so, wie er sich gestern in dem Spiegel gesehen, der im
Turmgemach gehangen: ein gelbes bses Antlitz mit tiefgegrabenen Falten,
schmalen Lippen, stechenden Augen - und berdies von den Ausschweifungen
der verflossenen Nacht, dem gehetzten Traum des Morgens, der furchtbaren
Erkenntnis des Erwachens dreifach verwstet. Und was er in Marcolinens
Blick las, war nicht, was er tausendmal lieber darin gelesen: Dieb -
Wstling - Schurke -; er las nur dies eine -, das ihn schmachvoller zu
Boden schlug als alle andern Beschimpfungen vermocht htten - er las das
Wort, das ihm von allen das furchtbarste war, da es sein endgltiges
Urteil sprach: Alter Mann. - Wre es in diesem Augenblick in seiner Macht
gestanden, sich selbst durch ein Zauberwort zu vernichten - er htte es
getan, nur um nicht unter der Decke hervorkriechen und sich Marcolinen
in seiner Ble zeigen zu mssen, die ihr verabscheuungswrdiger dnken
mute als der Anblick eines ekelhaften Tieres. - Sie aber, wie
allmhlich zur Besinnung kommend, und offenbar in dem Bedrfnis, ihm
mglichst rasch zu dem Gelegenheit zu geben, was doch unerllich war,
kehrte ihr Gesicht nach der Wand, und er benutzte die Zeit, um aus dem
Bette zu steigen, den Mantel vom Boden aufzunehmen und sich darein zu
hllen. Auch seines Degens versicherte er sich sofort, und nun, da er
sich zum mindesten der schlimmsten Schmach, der Lcherlichkeit entronnen
dnkte, dachte er schon daran, ob er nicht etwa die ganze, fr ihn so
klgliche Angelegenheit durch wohlgesetzte Worte, um die er ja sonst
nicht verlegen war, in ein andres Licht rcken, ja irgendwie zu seinen
Gunsten wenden knnte. Da Lorenzi Marcolina an ihn verkauft hatte,
daran konnte nach der Lage der Dinge kein Zweifel fr sie sein; - aber
wie tief sie den Elenden in diesem Augenblick auch hassen mochte,
Casanova fhlte, da er, der feige Dieb, ihr noch tausendmal
hassenswerter erscheinen mute. Etwas andres verhie vielleicht eher
Genugtuung: Marcolina mit anspielungsreicher, mit hhnisch-lsterner
Rede zu erniedrigen: - doch auch dieser tckische Einfall schwand dahin
vor einem Blick, dessen entsetzensvoller Ausdruck sich allmhlich in
eine unendliche Traurigkeit gewandelt hatte, als wre es nicht nur
Marcolinens Weiblichkeit, die Casanova geschndet - nein, als htte in
dieser Nacht List gegen Vertrauen, Lust gegen Liebe, Alter gegen Jugend
sich namenlos und unshnbar vergangen. Unter diesem Blick, der zu
Casanovas schlimmster Qual alles, was noch gut in ihm war, fr eine
kurze Weile neu entzndete, wandte er sich ab; - ohne sich noch einmal
nach Marcolinen umzusehen, ging er ans Fenster, raffte den Vorhang zur
Seite, ffnete Fenster und Gitter, warf einen Blick in den dmmernden
Garten, der noch zu schlummern schien, und schwang sich ber die
Brstung ins Freie. Da er die Mglichkeit erwog, da irgendwer im Hause
schon erwacht sein und ihn von einem Fenster aus erblicken knnte,
vermied er die Wiese und lie sich von der Allee in ihren schtzenden
Schatten aufnehmen. Er trat durch die Gartentr ins Freie hinaus und
hatte kaum hinter sich zugeschlossen, als ihm jemand entgegentrat und
den Weg verstellte. Der Ruderer ... war sein erster Gedanke. Denn nun
wute er pltzlich, da der Gondelfhrer in seinem Traum niemand andrer
gewesen war als Lorenzi. Da stand er. Sein roter Waffenrock mit der
silbernen Verschnrung brannte durch den Morgen. Welche prchtige
Uniform, dachte Casanova in seinem verwirrten und ermdeten Gehirn,
sieht sie nicht aus wie neu? - Und ist sicher nicht bezahlt ... Diese
nchternen Erwgungen brachten ihn vllig zur Besinnung, und sobald er
sich der Lage bewut war, fhlte er sich froh. Er nahm seine stolzeste
Haltung an, fate den Degengriff unter dem hllenden Mantel fester und
sagte im liebenswrdigsten Ton: Finden Sie nicht, Herr Leutnant
Lorenzi, da Ihnen dieser Einfall etwas versptet kommt? - Doch
nicht, erwiderte Lorenzi - und er war schner in diesem Augenblick als
irgendein Mensch, den Casanova je gesehen -, da doch nur einer von uns
den Platz lebend verlassen wird. - Sie haben es eilig, Lorenzi, sagte
Casanova in einem fast weichen Ton. Wollen wir die Sache nicht
wenigstens bis Mantua aufschieben? Es wird mir eine Ehre sein, Sie in
meinem Wagen mitzunehmen. Er wartet an der Straenbiegung. Auch htte
es manches fr sich, wenn die Formen gewahrt wrden ... gerade in unserm
Fall. - Es bedarf keiner Formen. Sie, Casanova, oder ich, - und noch
in dieser Stunde. Er zog den Degen. Casanova zuckte die Achseln. Wie
Sie wnschen, Lorenzi. Aber ich mchte Ihnen doch zu bedenken geben, da
ich leider gezwungen wre, in einem vllig unangemessenen Kostm
anzutreten. Er schlug den Mantel auseinander und stand nackt da, den
Degen wie spielend in der Hand. In Lorenzis Augen stieg eine Welle von
Ha. Sie sollen nicht im Nachteil mir gegenber sein, sagte er und
begann mit groer Geschwindigkeit, sich all seiner Kleidungsstcke zu
entledigen. Casanova wandte sich ab und hllte sich solange wieder in
seinen Mantel, da es trotz der allmhlich durch den Morgendunst
brechenden Sonne nun empfindlich khl geworden war. Von den Bumen, die
sprlich auf der Hhe des Hgels standen, fielen lange Schatten ber den
Rasen hin. Einen Moment lang dachte Casanova, ob nicht am Ende jemand
hier vorbeikommen knnte? Doch der Pfad, der lngs der Mauer zur
rckwrtigen Gartentr lief, wurde wohl nur von Olivo und den Seinen
benutzt. Es fiel Casanova ein, da er nun vielleicht die letzten Minuten
seines Daseins durchlebte, und er wunderte sich, da er vollkommen ruhig
war. Herr Voltaire hat Glck, dachte er flchtig; aber im Grunde war
ihm Voltaire hchst gleichgltig, und er htte gewnscht, in dieser
Stunde holdere Bilder vor seine Seele zaubern zu knnen als das
widerliche Vogelgesicht des alten Literaten. War es brigens nicht
sonderbar, da jenseits der Mauer in den Wipfeln der Bume keine Vgel
sangen? Das Wetter wrde sich wohl ndern. Doch was ging ihn das Wetter
an? Er wollte lieber Marcolinens gedenken, der Wonnen, die er in ihren
Armen genossen, und die er nun teuer bezahlen sollte. Teuer? - Wohlfeil
genug! Ein paar Greisenjahre - in Elend und Niedrigkeit ... Was hatte er
noch zu tun auf der Welt?... Herrn Bragadino vergiften? - War es der
Mhe wert? Nichts war der Mhe wert ... Wie dnn dort oben die Bume
standen! Er begann sie zu zhlen. Fnf ... sieben ... zehn - Sollte ich
nichts Wichtigeres zu tun haben?... - Ich bin bereit, Herr Chevalier!
Rasch wandte sich Casanova um. Lorenzi stand ihm gegenber, herrlich in
seiner Nacktheit wie ein junger Gott. Alles Gemeine war aus seinem
Antlitz weggelscht; er schien so bereit, zu tten als zu sterben. -
Wenn ich meinen Degen hinwrfe? dachte Casanova. Wenn ich ihn umarmte?
Er lie den Mantel von seinen Schultern gleiten und stand nun da wie
Lorenzi, schlank und nackt. Lorenzi senkte den Degen zum Gru nach den
Regeln der Fechtkunst, Casanova gab den Gru zurck; im nchsten
Augenblick kreuzten sie die Klingen, und silbernes Morgenlicht spielte
glitzernd von Stahl zu Stahl. Wie lang ist es nur her, dachte Casanova,
seit ich zum letztenmal einem Gegner mit dem Degen gegenbergestanden
bin? Doch keines seiner ernsthafteren Duelle wollte ihm jetzt einfallen,
sondern nur die Fechtbungen, die er vor zehn Jahren noch mit Costa,
seinem Kammerdiener, abzuhalten pflegte, dem Lumpen, der ihm spter mit
hundertfnfzigtausend Lire durchgegangen war. Immerhin, dachte Casanova,
er war ein tchtiger Fechter; - und auch ich habe nichts verlernt! Sein
Arm war sicher, seine Hand war leicht, sein Auge blickte so scharf wie
je. Eine Fabel ist Jugend und Alter, dachte er ... Bin ich nicht ein
Gott? Wir beide nicht Gtter? Wer uns jetzt she! - Es gbe Damen, die
sich's was kosten lieen. Die Schneiden bogen sich, die Spitzen
flirrten; nach jeder Berhrung der Klingen sang es leise in der
Morgenluft nach. Ein Kampf? Nein, ein Turnier ... Warum dieser Blick des
Entsetzens, Marcolina? Sind wir nicht beide deiner Liebe wert? Er ist
nur jung, ich aber bin Casanova!... Da sank Lorenzi hin, mit einem Stich
mitten ins Herz. Der Degen entfiel seiner Hand, er ri die Augen weit
auf, wie im hchsten Erstaunen, hob noch einmal das Haupt, seine Lippen
verzogen sich schmerzlich, er lie das Haupt sinken, seine Nasenflgel
ffneten sich weit, ein leises Rcheln, er starb. - Casanova beugte sich
zu ihm hinab, kniete neben ihm nieder, sah ein paar Blutstropfen aus der
Wunde sickern, fhrte die Hand ganz nahe an des Gefallenen Mund; kein
Hauch des Lebens berhrte sie. Ein khler Schauer flo durch Casanovas
Glieder. Er erhob sich und nahm seinen Mantel um. Dann trat er wieder an
die Leiche und blickte auf den Jnglingsleib hinab, der in
unvergleichlicher Schnheit auf dem Rasen hingestreckt lag. Ein leises
Rauschen ging durch die Stille; es war der Morgenwind, der durch die
Wipfel jenseits der Gartenmauer strich. Was tun? fragte sich Casanova.
Leute rufen? Olivo? Amalia? Marcolina? - Wozu? Lebendig macht ihn keiner
mehr! - Er berlegte mit der kalten Ruhe, die ihm in den gefhrlichsten
Momenten seines Daseins immer eigen gewesen war. - Bis man ihn findet,
kann es viele Stunden dauern, vielleicht bis zum Abend, auch lnger. Bis
dahin hab' ich Zeit gewonnen, und darauf allein kommt es an. - Er hielt
immer noch seinen Degen in der Hand, er sah Blut daran schimmern und
wischte es im Grase ab. Der Einfall kam ihm, die Leiche anzukleiden,
aber das htte ihn Minuten verlieren lassen, die kostbar und
unwiederbringlich waren. Wie zu einem letzten Opfer beugte er sich
nochmals nieder und drckte dem Toten die Augen zu. Glcklicher,
sagte er vor sich hin, und, wie in traumhafter Benommenheit, kte er
den Ermordeten auf die Stirn. Dann erhob er sich rasch und eilte, der
Mauer entlang, um die Ecke, nach abwrts biegend, der Strae zu. Der
Wagen stand an der Kreuzung, wo er ihn verlassen, der Kutscher war auf
dem Bock fest eingeschlafen. Casanova hatte acht, ihn nicht aufzuwecken,
stieg mit uerster Vorsicht ein, und jetzt erst rief er ihn an. He!
Wird's bald? und puffte ihn in den Rcken. Der Kutscher schrak auf,
schaute um sich, staunte, da es schon ganz licht war, dann hieb er auf
die Rosse ein und fuhr davon. Casanova lehnte sich tief zurck, in den
Mantel gehllt, der einmal Lorenzi gehrt hatte. Im Dorf waren nur ein
paar Kinder auf der Strae zu sehen; die Mnner und Weiber offenbar
schon alle bei der Arbeit auf dem Feld. Als die Huser hinter ihnen
lagen, atmete Casanova auf; er ffnete den Reisesack, nahm seine Sachen
heraus und begann sich unter dem Schutz des Mantels anzukleiden, nicht
ohne Sorge, da der Kutscher sich umdrehen und ihm seines Fahrgastes
sonderbares Gebaren auffallen knnte. Doch nichts dergleichen geschah;
Casanova konnte sich ungestrt fertigmachen, brachte Lorenzis Mantel im
Sack unter und nahm wieder den seinen um. Er blickte nach dem Himmel,
der sich indes getrbt hatte. Er fhlte sich nicht mde, vielmehr aufs
hchste angespannt und berwach. Er berdachte seine Lage und kam, wie
immer er sie betrachtete, zu dem Schlu, da sie wohl einigermaen
bedenklich war, aber nicht so gefhrlich, wie sie ngstlichern Gemtern
vielleicht erschienen wre. Da man ihn sofort verdchtigen wrde,
Lorenzi gettet zu haben, war freilich wahrscheinlich; aber keiner
konnte zweifeln, da es im ehrlichen Zweikampf geschehen war, und besser
noch: er war von Lorenzi berfallen, zum Duell gezwungen worden, und
niemand durfte es ihm als Verbrechen anrechnen, da er sich zur Wehr
gesetzt hatte. Aber warum hatte er ihn auf dem Rasen liegen lassen wie
einen toten Hund? Auch das durfte ihm niemand zum Vorwurf machen: rasche
Flucht war sein gutes Recht, beinahe seine Pflicht gewesen. Lorenzi
htte es nicht anders gemacht. Aber konnte ihn Venedig nicht ausliefern?
Sofort nach seiner Ankunft wollte er sich in den Schutz seines Gnners
Bragadino stellen. Aber bezichtigte er sich so nicht selbst einer Tat,
die am Ende unentdeckt bleiben oder doch nicht ihm zur Last gelegt
werden wrde? Gab es berhaupt einen Beweis gegen ihn? War er nicht nach
Venedig berufen? Wer durfte sagen, da es eine Flucht war? Der Kutscher
etwa, der die halbe Nacht an der Strae gewartet? Mit noch ein paar
Goldstcken war ihm das Maul gestopft. So liefen seine Gedanken im
Kreise. Pltzlich war ihm, als hrte er hinter seinem Rcken das Getrabe
von Pferden. Schon? war sein erster Gedanke. Er steckte den Kopf zum
Wagenfenster hinaus, sah nach rckwrts, die Strae war leer. Sie waren
an einem Gehft vorbeigefahren; es war der Widerhall vom Hufschlag
seiner eignen Pferde gewesen. Da er sich getuscht hatte, beruhigte ihn
fr eine Weile so sehr, als wre nun jede Gefahr fr allemal vorber.
Dort ragten die Trme von Mantua ... Vorwrts, vorwrts, sagte er vor
sich hin; denn er wollte gar nicht, da es der Kutscher hrte. Der aber,
in der Nhe des Ziels, lie die Rosse aus eignem Antrieb immer rascher
laufen; bald waren sie am Tor, durch das Casanova vor noch nicht zweimal
vierundzwanzig Stunden mit Olivo die Stadt verlassen; er gab dem
Kutscher den Namen des Gasthofs an, vor dem er zu halten htte; nach
wenigen Minuten zeigte sich das Schild mit dem goldenen Lwen, und
Casanova sprang aus dem Wagen. In der Tr stand die Wirtin; frisch, mit
lachendem Gesicht, und schien nicht bel gelaunt, Casanova zu empfangen,
wie man eben einen Geliebten empfngt, der nach unerwnschter
Abwesenheit als ein Heiersehnter wiederkehrt; er aber wies mit einem
rgerlichen Blick auf den Kutscher wie auf einen lstigen Zeugen und
hie ihn dann, sich an Speise und Trank nach Herzenslust gtlich tun.
Ein Brief aus Venedig ist gestern abend fr Sie angekommen, Herr
Chevalier, sagte die Wirtin. - Noch einer? fragte Casanova und lief
die Treppen hinauf in sein Zimmer. Die Wirtin folgte ihm. Auf dem Tisch
lag ein versiegeltes Schreiben. In hchster Erregung ffnete es
Casanova. - Ein Widerruf? dachte er in Angst. Doch als er gelesen,
erheiterte sich sein Gesicht. Es waren ein paar Zeilen von Bragadino mit
einer Anweisung auf zweihundertfnfzig Lire, die beilag, damit er seine
Reise, wenn er etwa dazu entschlossen, auch nicht einen Tag lnger
aufzuschieben gentigt sei. Casanova wandte sich zu der Wirtin und
erklrte ihr mit einer angenommenen verdrielichen Miene, da er leider
gezwungen sei, schon in dieser selben Stunde seine Reise fortzusetzen,
wenn er nicht Gefahr laufen wolle, die Stelle zu verlieren, die ihm sein
Freund Bragadino in Venedig verschafft habe, und um die hundert Bewerber
da seien. Aber, setzte er gleich hinzu, als er bedrohliche Wolken auf
der Wirtin Stirn aufziehen sah, er wolle sich die Stelle nur erst einmal
sichern, sein Dekret - nmlich als Sekretr des Hohen Rats von Venedig -
in Empfang nehmen, dann, wenn er einmal in Amt und Wrden sei, werde er
sofort einen Urlaub verlangen, um seine Angelegenheiten in Mantua zu
ordnen, den knne man ihm natrlich nicht verweigern; er lasse ja sogar
seine meisten Habseligkeiten hier zurck - und dann, dann hnge es nur
von seiner teuern, von seiner entzckenden Freundin ab, ob sie nicht ihr
Wirtsgeschft hier aufgeben und ihm als seine Gattin nach Venedig folgen
wolle ... Sie fiel ihm um den Hals und fragte ihn mit schwimmenden
Augen, ob sie ihm nicht vor seiner Abfahrt wenigstens ein tchtiges
Frhstck ins Zimmer bringen drfe. Er wute, da es auf eine
Abschiedsfeier abgesehen war, zu der er nicht das geringste Verlangen
versprte, doch er erklrte sich einverstanden, um sie nur endlich
einmal los zu sein; als sie die Treppe hinunter war, packte er noch von
Wsche und Bchern, was er am dringendsten bentigte, in seine Tasche,
begab sich in die Wirtsstube, wo er den Kutscher bei einem reichlichen
Mahle fand, und fragte ihn, ob er - gegen eine Summe, die den
gewhnlichen Preis um das Doppelte berstieg - bereit wre, sofort mit
den gleichen Pferden in der Richtung gegen Venedig zu fahren, bis zur
nchsten Poststation. Der Kutscher schlug ohne weiteres ein, und so war
Casanova fr den Augenblick die schlimmste Sorge los. Die Wirtin trat
ein, zornrot im Gesicht, und fragte ihn, ob er vergessen habe, da sein
Frhstck ihn auf dem Zimmer erwarte. Casanova erwiderte ihr in der
unbefangensten Weise, er habe es keineswegs vergessen, und bat sie
zugleich, da es ihm an Zeit mangle, das Bankhaus aufzusuchen, auf das
sein Wechsel ausgestellt war, ihm gegen die Anweisung, die er ihr
berreichte, zweihundertfnfzig Lire auszuhndigen. Whrend sie lief,
das Geld zu holen, ging Casanova auf sein Zimmer und begann mit einer
wahrhaft tierischen Gier das Essen hinunterzuschlingen, das
bereitgestellt war. Er lie sich nicht stren, da die Wirtin erschien,
steckte nur rasch das Geld ein, das sie ihm gebracht hatte; - als er
fertig war, wandte er sich der Frau zu, die zrtlich an seine Seite
gerckt war, nun endlich ihre Stunde fr gekommen hielt und in nicht
mizuverstehender Weise ihre Arme gegen ihn ausbreitete, - er umschlang
sie heftig, kte sie auf beide Wangen, drckte sie an sich, und als sie
bereit schien, ihm nichts mehr zu versagen, ri er sich mit den Worten:
Ich mu fort ... auf Wiedersehen! so heftig von ihr los, da sie nach
rckwrts in die Ecke des Sofas fiel. Der Ausdruck ihrer Mienen, in
seiner Mischung von Enttuschung, Zorn, Ohnmacht, hatte etwas so
unwiderstehlich Komisches, da Casanova, whrend er die Tr hinter sich
zuschlo, sich nicht enthalten konnte, laut aufzulachen.

Da sein Fahrgast es eilig hatte, konnte dem Kutscher nicht entgangen
sein; sich ber die Grnde Gedanken zu machen, war er nicht
verpflichtet; jedenfalls sa er fahrtbereit auf dem Bock, als Casanova
aus der Tr des Gasthofs trat, und hieb mchtig auf die Pferde ein,
sobald jener eingestiegen war. Auch hielt er es fr richtig, nicht
mitten durch die Stadt zu fahren, sondern umkreiste sie, um an ihrem
andern Ende wieder auf die Landstrae zu geraten. Noch stand die Sonne
nicht hoch, es fehlten drei Stunden auf Mittag. Casanova dachte: Es ist
sehr wohl mglich, da man den toten Lorenzi noch nicht einmal gefunden
hat. Da er selbst Lorenzi umgebracht hatte, kam ihm kaum recht zu
Bewutsein; er war nur froh, da er sich immer weiter von Mantua
entfernte, da ihm endlich fr eine Weile Ruhe gegnnt war ... Er
verfiel in den tiefsten Schlaf seines Lebens, der gewissermaen zwei
Tage und zwei Nchte dauerte; denn die kurzen Unterbrechungen, die das
Wechseln der Pferde notwendig machte, und whrend deren er in
Wirtsstuben sa, vor Posthusern auf und ab ging, mit Postmeistern,
Wirten, Zollwchtern, Reisenden gleichgltige Zufallsworte tauschte,
hatte er als Einzelvorflle nicht im Gedchtnis zu bewahren vermocht. So
flo spter die Erinnerung dieser zwei Tage und Nchte mit dem Traum
zusammen, den er in Marcolinens Bett getrumt, und auch der Zweikampf
der zwei nackten Menschen auf einem grnen Rasen im Frhsonnenschein
gehrte irgendwie zu diesem Traum, in dem er manchmal in einer
rtselhaften Weise nicht Casanova, sondern Lorenzi, nicht der Sieger,
sondern der Gefallene, nicht der Entfliehende, sondern der Tote war, um
dessen blassen Jnglingsleib einsamer Morgenwind spielte; und beide, er
selbst und Lorenzi, waren nicht wirklicher als die Senatoren in den
roten Purpurmnteln, die als Bettler vor ihm auf den Knien
herumgerutscht waren, und nicht weniger wirklich als jener ans Gelnder
irgendeiner Brcke gelehnte Alte, dem er in der Abenddmmerung aus dem
Wagen ein Almosen zugeworfen hatte. Htte Casanova nicht mittelst seiner
Urteilskraft das Erlebte und Getrumte auseinanderzuhalten vermocht, so
htte er sich einbilden knnen, da er in Marcolinens Armen in einen
wirren Traum verfallen war, aus dem er erst beim Anblick des Campanile
von Venedig erwachte.

Es war am dritten Morgen seiner Reise, da er, von Mestre aus, den
Glockenturm nach mehr als zwanzig Jahren der Sehnsucht zum erstenmal
wieder erschaute, - ein graues Steingebilde, das einsam ragend aus der
Dmmerung wie aus weiter Ferne vor ihm auftauchte. Aber er wute, da
ihn jetzt nur mehr eine Fahrt von zwei Stunden von der geliebten Stadt
trennte, in der er jung gewesen war. Er entlohnte den Kutscher, ohne zu
wissen, ob es der vierte, fnfte oder sechste war, mit dem er seit
Mantua abzurechnen hatte, und eilte, von einem Jungen gefolgt, der ihm
das Gepck nachtrug, durch die armseligen Straen zum Hafen, um das
Marktschiff zu erreichen, das heute noch, wie vor fnfundzwanzig Jahren,
um sechs Uhr nach Venedig abging. Es schien nur noch auf ihn gewartet zu
haben; kaum hatte er unter Weibern, die ihre Ware zur Stadt brachten,
kleinen Geschftsleuten, Handwerkern auf einer schmalen Bank seinen
Platz eingenommen, als sich das Schiff in Bewegung setzte. Der Himmel
war trb; Dunst lag auf den Lagunen; es roch nach faulem Wasser, nach
feuchtem Holz, nach Fischen und nach frischem Obst. Immer hher ragte
der Campanile, andre Trme zeichneten sich in der Luft ab,
Kirchenkuppeln wurden sichtbar; von irgendeinem Dach, von zweien, von
vielen glnzte der Strahl der Morgensonne ihm entgegen; - Huser rckten
auseinander, wuchsen in die Hhe; Schiffe, grere und kleinere,
tauchten aus dem Nebel; Gre von einem zum andern wurden getauscht. Das
Geschwtz rings um ihn wurde lauter; ein kleines Mdchen bot ihm Trauben
zum Kauf; er verzehrte die blauen Beeren, spuckte die Schalen nach der
Art seiner Landsleute hinter sich ber Bord und lie sich in ein
Gesprch mit irgendeinem Menschen ein, der seine Befriedigung darber
uerte, da nun endlich schnes Wetter anzubrechen scheine. Wie, es
hatte hier drei Tage lang geregnet? Er wute nichts davon; er kam aus
dem Sden, aus Neapel, aus Rom ... Schon fuhr das Schiff durch die
Kanle der Vorstadt; schmutzige Huser starrten ihn aus trben Fenstern
wie mit blden fremden Augen an, zwei-, dreimal hielt das Schiff an, ein
paar junge Leute, einer mit einer groen Mappe unterm Arm, Weiber mit
Krben stiegen aus; - nun kam man in freundlichere Bezirke. War dies
nicht die Kirche, in der Martina zur Beichte gegangen war? - Und dies
nicht das Haus, in dem er die blasse, todkranke Agathe auf seine Weise
wieder rot und gesund gemacht hatte? - Und hatte er in jenem nicht den
schuftigen Bruder der reizenden Silvia braun und blau geprgelt? Und in
jenem Seitenkanal das kleine gelbliche Haus, auf dessen wasserbesplten
Stufen ein dickes Frauenzimmer mit nackten Fen stand ... Ehe er sich
noch zu besinnen vermochte, welche Erscheinung aus fernen Jugendtagen er
dahin zu versetzen hatte, war das Schiff in den groen Kanal eingelenkt
und fuhr nun auf der breiten Wasserstrae langsam zwischen Palsten
weiter. Es war Casanova, von seinem Traume her, als wr' er erst tags
vorher denselben Weg gefahren. An der Rialtobrcke stieg er aus; denn
eh' er sich zu Herrn Bragadino begab, wollte er in einem nahen kleinen
wohlfeilen Gasthof, dessen er sich der Lage, aber nicht dem Namen nach
erinnerte, sein Gepck unterbringen und sich eines Zimmers versichern.
Er fand das Haus verfallener, oder mindestens vernachlssigter, als er
es im Gedchtnis bewahrt hatte; ein verdrossener unrasierter Kellner
wies ihm einen wenig freundlichen Raum mit der Aussicht auf die
fensterlose Mauer eines gegenberliegenden Hauses an. Doch Casanova
wollte keine Zeit verlieren; auch war ihm, da sich seine Barschaft auf
der Reise beinahe gnzlich erschpft hatte, der niedrige Preis des
Zimmers sehr erwnscht; so beschlo er, vorlufig hier zu bleiben,
befreite sich vom Staub und Schmutz der langen Reise, berlegte eine
Weile, ob er sich in sein Prachtgewand werfen sollte, fand es dann doch
angemessen, wieder das bescheidenere anzulegen, und verlie endlich den
Gasthof. Nur hundert Schritte waren es, durch ein schmales Gchen und
ber eine Brcke, zu dem kleinen vornehmen Palazzo, in dem Bragadino
wohnte. Ein junger Bedienter mit einem ziemlich unverschmten Gesicht
nahm Casanovas Anmeldung entgegen, tat, als wenn er den berhmten Namen
niemals gehrt htte, kam aber mit einer etwas freundlicheren Miene aus
den Gemchern seines Herrn wieder und lie den Gast eintreten. Bragadino
sa an einem nah ans offene Fenster gerckten Tisch beim Frhstck; er
wollte sich erheben, was Casanova nicht zulie. - Mein teuerer
Casanova, rief Bragadino aus, wie glcklich bin ich, Sie
wiederzusehen! Ja, wer htte gedacht, da wir uns berhaupt jemals
wiedersehen wrden? Und er streckte ihm beide Hnde entgegen. Casanova
ergriff sie, als wenn er sie kssen wollte, tat es aber nicht und
erwiderte die herzliche Begrung mit Worten heien Dankes in der etwas
hochtrabenden Art, von der seine Ausdrucksweise bei solchen
Gelegenheiten nicht frei war. Bragadino forderte ihn auf, Platz zu
nehmen, und fragte ihn vor allem, ob er schon gefrhstckt habe. Als
Casanova verneinte, klingelte Bragadino dem Diener und gab ihm die
entsprechende Weisung. Als der Diener sich entfernt hatte, uerte
Bragadino seine Befriedigung darber, da Casanova das Anerbieten des
Hohen Rats ohne Vorbehalt angenommen; es werde ihm gewi nicht zum
Nachteil gereichen, da er sich entschlossen habe, dem Vaterland seine
Dienste zu widmen. Casanova erklrte, da er sich glcklich schtzen
werde, die Zufriedenheit des Hohen Rats zu erwerben. - So sprach er und
dachte sich sein Teil dabei. Freilich von irgendwelchem Ha gegen
Bragadino versprte er nichts mehr in sich; eher eine gewisse Rhrung
ber den einfltig gewordenen uralten Mann, der ihm da gegenbersa mit
dnngewordenem weiem Bart und rotgernderten Augen, und dem die Tasse
in der mageren Hand zitterte. Als Casanova ihn zum letztenmal gesehen
hatte, mochte Bragadino etwa soviel Jahre zhlen als Casanova heute;
freilich war er ihm schon damals wie ein Greis erschienen.

Nun brachte der Diener das Frhstck fr Casanova, der sich's, ohne sich
viel zureden zu lassen, vortrefflich schmecken lie, da er auf seiner
Reise nur hie und da einen sprlichen Imbi in Hast zu sich genommen. -
Ja, Tag und Nacht war er von Mantua bis hierher gereist; - so eilig
hatte er's, dem Hohen Rat seine Bereitwilligkeit, dem edlen Gnner seine
unauslschliche Dankbarkeit zu beweisen: dies brachte er zur
Entschuldigung vor fr die beinahe unanstndige Gier, mit der er die
dampfende Schokolade schlrfte. Durchs Fenster drangen die
tausendfltigen Gerusche des Lebens von den groen und kleinen Kanlen;
die Rufe der Gondelfhrer schwebten eintnig ber alle andern hin;
irgendwo, nicht zu weit, vielleicht in dem Palast gegenber - war es
nicht der des Fogazzari? - sang eine schne, ziemlich hohe Frauenstimme
Koloraturen; sie gehrte offenbar einem sehr jungen Wesen an, einem
Wesen, das noch nicht einmal geboren war zur Zeit, da Casanova aus den
Bleikammern entflohen war. - Er a Zwieback und Butter, Eier, kaltes
Fleisch; und entschuldigte sich immer wieder ob seiner Unersttlichkeit
bei Bragadino, der ihm vergngt zusah. Ich liebe es, sagte er, wenn
junge Leute Appetit haben! Und soviel ich mich erinnere, mein teuerer
Casanova, hat es Ihnen daran nie gefehlt! Und er entsann sich eines
Mahls, das er in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft gemeinsam mit
Casanova genossen - vielmehr, bei dem er seinem jungen Freunde
bewundernd zugeschaut hatte - wie heute; denn er selbst war damals noch
nicht so weit gewesen, es war nmlich, kurz nachdem Casanova den Arzt
hinausgeworfen, der den armen Bragadino durch die ewigen Aderlsse fast
ins Grab gebracht hatte ... Sie redeten von vergangenen Zeiten; ja -
damals war das Leben in Venedig schner gewesen als heute. - Nicht
berall, sagte Casanova und spielte durch ein feines Lcheln auf die
Bleidcher an. Bragadino wehrte mit einer Handbewegung ab, als wre nun
nicht die Stunde, sich solcher kleiner Unannehmlichkeiten zu erinnern.
brigens, er, Bragadino, hatte auch damals alles mgliche versucht, um
Casanova vor der Strafe zu retten, wenn auch leider vergeblich. Ja, wenn
er schon damals dem Rat der Zehn angehrt htte! -

So kamen sie auf politische Angelegenheiten zu reden, und Casanova
erfuhr von dem alten Mann, der, von seinem Thema entzndet, den Witz und
die ganze Lebendigkeit seiner jngeren Jahre wiederzufinden schien, gar
Vieles und Merkwrdiges ber die bedenkliche Geistesrichtung, der ein
Teil der Venezianer Jugend neuerdings anzuhngen, und ber die
gefhrlichen Umtriebe, die sich in unverkennbaren Zeichen anzukndigen
begnnen; und er war gar nicht bel vorbereitet, als er sich noch am
Abend desselben Tags, den er, in sein trbseliges Gasthofzimmer
eingeschlossen, nur zur Beschwichtigung seiner vielfach aufgestrten
Seele mit dem Ordnen und teilweisen Verbrennen von Papieren verbracht
hatte, in das Caf Quadri am Markusplatz verfgte, das als
Hauptversammlungsort der Freidenker und Umstrzler galt. Durch einen
alten Musiker, der ihn sofort wiedererkannte, den einstigen
Kapellmeister des Theaters San Samuele, desselben, in dem Casanova vor
dreiig Jahren Geige gespielt hatte, wurde er auf die ungezwungenste
Weise in eine Gesellschaft von meist jngern Leuten eingefhrt, deren
Namen ihm von seinem Morgengesprch mit Bragadino her als besonders
verdchtige in Erinnerung verblieben waren. Sein eigner Name aber schien
auf die andern keineswegs in der Art zu wirken, die zu erwarten er
berechtigt gewesen wre; ja die meisten wuten offenbar nicht mehr von
Casanova, als da er vor langer Zeit aus irgendeinem Grunde oder
vielleicht auch ganz unschuldig in den Bleikammern gefangen gesessen und
unter allerlei Fhrlichkeiten von dort entkommen war. Das Bchlein, in
dem er schon vor Jahren seine Flucht so lebendig geschildert hatte, war
zwar nicht unbekannt geblieben, doch mit der gebhrenden Aufmerksamkeit
schien es niemand gelesen zu haben. Es machte Casanova einigen Spa, zu
denken, da es nur von ihm abhinge, jedem dieser jungen Herrn baldigst
zu persnlichen Erfahrungen ber die Lebensbedingungen unter den
Bleidchern von Venedig und ber die Schwierigkeiten des Entkommens zu
verhelfen; aber fern davon, einen so boshaften Einfall durchschimmern
oder gar erraten zu lassen, verstand er es vielmehr, auch hier den
Harmlosen und Liebenswrdigen zu spielen, und unterhielt bald die
Gesellschaft nach seiner Art mit der Erzhlung von allerlei heitern
Abenteuern, die ihm auf seiner letzten Reise von Rom hierher begegnet
waren; - Geschichten, die, wenn auch im ganzen ziemlich wahr, in
Wirklichkeit immerhin fnfzehn bis zwanzig Jahre zurcklagen. Whrend
man ihm noch angeregt zuhrte, brachte irgendwer mit andern Neuigkeiten
die Kunde, da ein Offizier aus Mantua in der Nhe des Landguts eines
Freundes, wo er zu Besuch geweilt, umgebracht und die Leiche von den
Rubern bis aufs Hemd ausgeplndert worden wre. Da dergleichen
berflle und Mordtaten zu jener Zeit nicht gerade selten vorkamen,
erregte der Fall auch in diesem Kreise kein sonderliches Aufsehen, und
Casanova fuhr in seiner Erzhlung fort, wo man ihn unterbrochen hatte, -
als ginge ihn die Sache so wenig an wie die brigen; ja, von einer
Unruhe befreit, die er sich nur nicht recht eingestanden hatte, fand er
noch lustigere und frechere Worte als vorher.

Mitternacht war vorbei, als er nach flchtigem Abschied von seinen neuen
Bekannten unbegleitet auf den weiten leeren Platz hinaustrat, ber dem
sternenlos, doch ruhelos flimmernd ein dunstschwerer Himmel hing. Mit
einer Art von schlafwandlerischer Sicherheit, ohne sich eigentlich
bewut zu werden, da er ihn in dieser Stunde nach einem
Vierteljahrhundert zum ersten Male wieder ging, fand er den Weg durch
enge Gchen zwischen dunklen Husermauern und ber schmale
Brckenstege, unter denen die schwrzlichen Kanle den ewigen Wassern
zuzogen, nach seinem elenden Gasthof, dessen Tor erst auf wiederholtes
Klopfen sich trg und unfreundlich vor ihm ffnete; - und wenige Minuten
spter, in einer schmerzenden Mdigkeit, die durch seine Glieder
lastete, ohne sie zu lsen, mit einem bittern Nachgeschmack auf den
Lippen, den er gleichsam aus dem Innersten seines Wesens nach oben
steigen fhlte, warf er sich, nur halb ausgekleidet, auf ein schlechtes
Bett, um nach fnfundzwanzig Jahren der Verbannung den ersten, so lang
ersehnten Heimatschlaf zu tun, der endlich, bei anbrechendem Morgen,
traumlos und dumpf, sich des alten Abenteurers erbarmte.

ENDE




Anmerkung

Ein Besuch Casanovas bei Voltaire in Ferney hat tatschlich
stattgefunden, doch alle in der vorstehenden Novelle daran geknpften
Folgerungen, wie insbesondre die, da Casanova sich mit einer gegen
Voltaire gerichteten Streitschrift beschftigt htte, haben mit der
geschichtlichen Wahrheit nichts zu tun. Historisch ist ferner, da
Casanova sich im Alter zwischen fnfzig und sechzig gentigt sah, in
seiner Vaterstadt Venedig Spionendienste zu leisten; wie man auch ber
manche andre frhere Erlebnisse des berhmten Abenteurers, deren im
Verlaufe der Novelle beilufig Erwhnung geschieht, in seinen
Erinnerungen ausfhrlichere und getreuere Nachrichten finden kann. Im
brigen ist die ganze Erzhlung von Casanovas Heimfahrt frei erfunden.
                                                                   A. S.




Werke von Arthur Schnitzler in Einzelausgaben


Das Mrchen. Schauspiel ...................  3. Auflage
Anatol. Ein Einakterzyklus ................ 20. Auflage
Sterben. Novelle .......................... 10. Auflage
Liebelei. Schauspiel ...................... 16. Auflage
Freiwild. Schauspiel ......................  3. Auflage
Die Frau des Weisen. Novelletten ..........  8. Auflage
Das Vermchtnis. Schauspiel ...............  3. Auflage
Der grne Kakadu. Drei Einakter ...........  8. Auflage
Der Schleier der Beatrice. Schauspiel .....  4. Auflage
Frau Berta Garlan. Novelle ................ 61. Auflage
Leutnant Gustl. Novelle ................... 18. Auflage
Lebendige Stunden. Vier Einakter ..........  9. Auflage
Der einsame Weg. Schauspiel ...............  7. Auflage
Zwischenspiel. Komdie ....................  5. Auflage
Der Ruf des Lebens. Schauspiel ............  4. Auflage
Marionetten. Drei Einakter ................  3. Auflage
Dmmerseelen. Novellen .................... 13. Auflage
Der Weg ins Freie. Roman .................. 33. Auflage
Komtesse Mizzi. Komdie ...................  4. Auflage
Der junge Medardus. Dramatische Historie ..  7. Auflage
Das weite Land. Tragikomdie ..............  7. Auflage
Masken und Wunder. Novellen ............... 14. Auflage
Professor Bernhardi. Komdie .............. 14. Auflage
Frau Beate und ihr Sohn. Novelle .......... 13. Auflage
Die griechische Tnzerin. Novellen ........ 55. Auflage
Komdie der Worte. Drei Einakter ..........  7. Auflage
Doktor Grsler, Badearzt. Erzhlung ....... 26. Auflage
Fink und Fliederbusch. Komdie ............  6. Auflage




Gesammelte Werke von Arthur Schnitzler


1. Die erzhlenden Schriften in 3 Bnden

1. Band: Sterben. Blumen. Ein Abschied. Die Frau des Weisen. Der
Ehrentag. Die Toten schweigen. Andreas Thameyers letzter Brief. Der
blinde Geronimo und sein Bruder. Leutnant Gustl. Die griechische
Tnzerin.

2. Band: Frau Berta Garlan. Das Schicksal des Freiherrn von Leisenbohg.
Die Fremde. Die Weissagung. Das neue Lied. Der Tod des Junggesellen. Der
tote Gabriel. Das Tagebuch der Redegonda. Der Mrder. Die dreifache
Warnung. Die Hirtenflte.

3. Band: Der Weg ins Freie.


2. Die Theaterstcke in 4 Bnden

1. Band: Anatol. Das Mrchen. Liebelei. Freiwild. Das Vermchtnis.

2. Band: Paracelsus. Die Gefhrtin. Der grne Kakadu. Der Schleier der
Beatrice. Lebendige Stunden. Die Frau mit dem Dolche. Die letzten
Masken. Literatur.

3. Band: Der einsame Weg. Zwischenspiel. Der Puppenspieler. Der tapfere
Cassian. Zum groen Wurstel. Der Ruf des Lebens.

4. Band: Komtesse Mizzi oder Der Familientag. Der junge Medardus. Das
weite Land.


Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig




[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1918 bei S. Fischer, Berlin erschienenen Erstausgabe
erstellt. Die gescannten Bilddateien wurden freundlicherweise vom
austrian literature online Archiv zur Verfgung gestellt.
(http://www.literature.at)

Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

p 021: das schmale Brett, da ihnen -> das
p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit
p 035: Punkt ergnzt: Ich wre neugierig, ihn nher kennenzulernen.
p 035: da sie indes nach Warschau -> Sie
p 161: Punkt ergnzt: da er vollkommen ruhig war.
p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
edition, published in 1918 by S. Fischer, Berlin. The scanned images
have been generously made available by the austrian literature online
archive. (http://www.literature.at)

The table below lists all corrections applied to the original text.

p 021: das schmale Brett, da ihnen -> das
p 030: Wirklickeit -> Wirklichkeit
p 035: added period: Ich wre neugierig, ihn nher kennenzulernen.
p 035: da sie indes nach Warschau -> Sie
p 161: added period: da er vollkommen ruhig war.
p 178: der dem armen Bragadino (...) ins Grab gebracht hatte -> den ]





End of Project Gutenberg's Casanovas Heimfahrt, by Arthur Schnitzler

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Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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