The Project Gutenberg EBook of Das Maedchen von Treppi, by Paul Heyse
#5 in our series by Paul Heyse

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Title: Das Maedchen von Treppi

Author: Paul Heyse

Release Date: October, 2005 [EBook #9085]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on September 4, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS MAEDCHEN VON TREPPI ***




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Das Mdchen von Treppi

Paul Heyse

Novelle

(1855)


Auf der Hhe des Apennin, wo er sich zwischen Toskana und dem
nrdlichen Teil des Kirchenstaats hinzieht, liegt ein einsames
Hirtendorf, Treppi genannt.  Die Pfade, die hinauffhren, sind fr
Wagen unzugnglich.  Viele Stunden weiter nach Sden in groem Umweg
berschreitet die Strae der Posten und Vetturine* das Gebirge.
Treppi vorber ziehen nur Bauern, die mit den Hirten zu handeln haben,
selten ein Maler oder ein landstraenscheuer Fuwanderer, und in den
Nchten die Schmuggler mit ihren Saumtieren, die das de Dorf, wo sie
kurze Rast machen, auf noch viel rauheren Felswegen zu erreichen
wissen, als alle andern.

{ed. * Wagen}

Es war erst gegen die Mitte Oktobers, eine Zeit, wo die Nchte in
dieser Hhe noch von groer Klarheit zu sein pflegen.  Heute aber
hatte sich nach dem sonnenheien Tage ein feiner Nebel aus den
Schluchten heraufgewlzt und breitete sich langsam ber die
edelgeformten nackten Felszge des Hochlandes.  Es mochte gegen neun
Uhr abends sein.  In den zerstreuten niedrigen Steinhtten, die ber
Tag nur von den ltesten Weibern und jngsten Kindern bewacht werden,
glommen nur noch schwache Feuerscheine.  Um die Herde, ber denen die
groen Kessel wankten, lagen die Hirten mit ihren Familien und
schliefen; die Hunde hatten sich in die Asche gestreckt; eine
schlaflose Gromutter sa wohl noch auf einem Haufen Felle und bewegte
mechanisch die Spindel hin und her, Gebete murmelnd, oder ein unruhig
schlafendes Kind im Korbe schaukelnd.  Die Nachtluft zog feucht und
herbstlich durch die handgroen Lcken in der Mauer, und der Rauch der
ruhig ausbrennenden Herdflamme, der jetzt vom Nebel gedrngt wurde,
schlug schwerfllig zurck und flo an der Decke der Htte hin, ohne
da es der Alten beschwerlich ward.  Hernach schlief auch sie mit
offenen Augen, soviel sie konnte.

Nur in einem Hause war noch Bewegung.  Es hatte auch nur ein Stockwerk
wie die andern; aber die Steine waren besser gefugt, die Tr breiter
und hher, und an das weite Viereck, das die eigentliche Wohnung
ausmachte, lehnten sich mancherlei Schuppen, angebaute Kammern, Stlle
und ein gut gemauerter Backofen.  Vor der Haustr stand ein Trupp
beladener Pferde, denen ein Bursch eben die geleerten Krippen wegri,
whrend sechs bis sieben bewaffnete Mnner aus dem Hause traten, in
den Nebel hinaus, und eilig ihre Tiere rsteten.  Ein uralter Hund,
der neben der Tr lag, bewegte nur leicht den Schweif, als sie
aufbrachen.  Dann erhob er sich mde von der Erde und ging langsam in
das Innere der Htte, wo das Feuer noch hell brannte.  Am Herde stand
seine Herrin, dem Feuer zugewendet, die stattliche Gestalt regungslos,
die Arme an den Hften herabhangend.  Als der Hund mit der Schnauze
sanft gegen ihre Hand rhrte, wandte sie sich, als schrecke sie aus
Trumen auf.  "Fuoco", sagte sie, "mein armes Tier, geh schlafen, du
bist krank!"--Der Hund winselte und bewegte den Schweif dankbar.  Dann
kroch er auf ein altes Fell neben dem Herd und streckte sich hustend
und winselnd nieder.

Indessen waren auch einige Knechte hereingekommen und hatten sich um
den groen Tisch an die Schssel gesetzt, welche die abziehenden
Schmuggler soeben verlassen hatten.  Eine alte Magd fllte sie aus dem
groen Kessel von neuem mit Polenta, und setzte sich nun ebenfalls mit
ihrem Lffel zu den andern.  Whrend sie aen, wurde kein Wort laut;
die Flamme knisterte, der Hund sthnte heiser aus dem Schlaf, das
ernsthafte Mdchen sa auf den Steinplatten des Herdes, lie das
Schsselchen mit der Polenta, das ihr die Magd besonders hingestellt
hatte, unberhrt und sah in der Halle umher, ohne Gedanken in sich
versunken.  Vor der Tr stand der Nebel jetzt schon wie eine weie
Wand.  Aber zugleich ging der halbe Mond eben hinter dem Rand des
Felsens in die Hhe.

Da kam es wie Hufschlag und Menschentritte die Strae herauf.--"Pietro!"
rief die junge Hausherrin mit ruhig erinnerndem Ton.  Ein langer
Bursch stand augenblicklich vom Tisch auf und verschwand im Nebel.

Man hrte jetzt die Schritte und Stimmen nher, endlich hielt das
Pferd am Hause.  Noch eine Weile, dann erschienen drei Mnner unter
der Tr und traten mit kurzem Gru ein.  Pietro nherte sich dem
Mdchen, das teilnahmlos in die Flamme sah.  "Es sind zwei von
Porretta", sagte er ihr, "Ohne Waren; sie fhren einen Signore ber
die Berge, der seine Psse nicht in Ordnung hat."

"Nina!" rief das Mdchen.  Die alte Magd stand auf und kam an den Herd.

"Das ist's nicht allein, da sie essen wollen, Padrona", fuhr der
Bursch fort.  "Ob der Herr ein Lager haben kann fr die Nacht.  Er
will nicht weiter vor Tagesanbruch."

"Mach ihm eine Streu in der Kammer." Pietro nickte und ging wieder an
den Tisch.

Die drei hatten Platz genommen, ohne da die Knechte sie einer
besondern Aufmerksamkeit wrdigten.  Es waren zwei Contrabbandieri,
wohlbewaffnet, die Jacken leicht bergeworfen, die Hte tief ber die
Stirn gedrckt.  Sie nickten den andern zu wie guten Bekannten, und
nachdem sie ihrem Begleiter einen guten Platz eingerumt hatten,
schlugen sie das Kreuz und aen.

Der Signore, der mit ihnen gekommen, a nicht.  Er nahm den Hut von
der hohen Stirn, strich mit der Hand durchs Haar und lie die Augen
ber den Ort und die Gesellschaft schweifen.  An den Wnden las er die
mit Kohle gemalten, frommen Sprche, sah im Winkel das Madonnenbild
mit dem Lmpchen, daneben die Hhner, die auf der Stange schliefen,
dann die Maiskolben, die, auf Schnre gereiht, an der Decke hingen,
ein Brett mit Krgen und Korbflaschen, bereinandergeschichtete Felle
und Krbe.  Das Mdchen am Herd fesselte endlich seine unruhigen Augen.
Das dunkle Profil zeichnete sich streng und schn gegen das
flackernde Rot des Herdfeuers, ein groes Nest schwarzer Flechten lag
tief auf dem Nacken, die Hnde hatte sie ineinanderverschrnkt auf das
eine Knie gelegt, whrend der andere Fu auf dem Felsboden des Gemachs
ruhte.  Wie alt sie sein mochte, konnte er nicht erraten.  Doch sah er
an ihrem Gebaren, da sie die Wirtin des Hauses war.

"Habt Ihr Wein im Hause, Padrona?" fragte er endlich.  Er hatte diese
Worte kaum gesagt, als das Mdchen wie vom Blitz gestreift emporfuhr
und aufrecht neben dem Herde stand, mit beiden Armen sich auf die
Platten sttzend.  In demselben Augenblick fuhr der Hund aus dem
Schlafe auf.  Ein wildes Murren brach aus seiner keuchenden Brust vor.
Der Fremde sah pltzlich vier funkelnde Augen auf sich gerichtet.

"Darf man nicht fragen, ob Ihr Wein im Hause habt, Padrona?"
wiederholte er jetzt.  Noch aber hatte er das letzte Wort nicht
geendet, als der Hund in unerklrlicher Wut laut heulend auf ihn
zusprang, ihm den Mantel mit den Zhnen von der Schulter ri und von
neuem gegen ihn losgesprungen wre, wenn nicht ein scharfer Ruf seiner
Herrin ihn gebndigt htte.

"Zurck, Fuoco, zurck!  Friede, Friede!"--Der Hund stand mitten im
Zimmer, heftig mit dem Schweife schlagend, den Fremden unverwandt im
Auge.--"Schlie ihn in den Stall, Pietro!" sagte das Mdchen halblaut.
Sie stand noch immer wie erstarrt am Herde und wiederholte den Befehl,
als Pietro zauderte.  Denn seit langen Jahren war der nchtliche
Platz des alten Tiers neben dem Herde gewesen.  Die Knechte flsterten
untereinander, der Hund folgte widerwillig, und sein Heulen und
Winseln drang schauerlich von drauen herein, bis es vor Erschpfung
nachzulassen schien.

Indessen hatte die Magd auf einen Wink der Wirtin Wein gebracht.  Der
Fremde trank, reichte den Becher seinen Begleitern und sann im stillen
ber den wunderlichen Aufruhr nach, den er unwissentlich angestiftet.
Ein Knecht nach dem andern legte den Lffel nieder und ging mit einem
"Gute Nacht, Padrona!" hinaus.  Zuletzt waren die drei mit der Wirtin
und der alten Magd allein.

"Die Sonne geht um vier Uhr auf", sagte der eine Schmuggler halblaut
zu dem Fremden.  "Eccellenza braucht nicht frher aufzubrechen, um bei
guter Zeit in Pistoja zu sein.  Es ist auch wegen des Pferdes, das
seine sechs Stunden stehen mu."

"Es ist gut, meine Freunde.  Geht und schlaft!"

"Wir werden Euch wecken, Eccellenza."

"Auf alle Flle", erwiderte der Fremde.  "Obwohl die Madonna wei, da
ich nicht oft sechs Stunden in einem Strich schlafe.  Gute Nacht,
Carlone; gute Nacht, Meister Giuseppe!"

Die Leute rckten ehrerbietig die Hte und standen auf.  Der eine ging
nach dem Herd und sagte: "Ich habe einen Gru, Padrona, vom Costanzo
aus Bologna, und ob es bei Euch war, wo er sein Messer hat liegen
lassen letzten Samstag."

"Nein", sagte sie kurz und ungeduldig.

"Ihr httet's ihm wohl wieder mitgeschickt", sagte ich ihm, "wenn's
hier gewesen wre.  Und dann--"

"Nina", unterbrach sie ihn, "zeige ihnen den Weg in die Kammer, wenn
sie ihn vergessen haben."

Die Magd stand auf.  "Ich wollte nur noch sagen, Padrona", fuhr der
Mann mit groer Ruhe und leisem Zwinkern der Augen fort, "da dieser
Herr dort das Geld nicht anshe, wenn Ihr ihm ein sanfteres Bett
machtet, als unsereinem.  Das wollt' ich Euch sagen, Padrona, und nun
schenk' Euch die Madonna eine gute Nacht, Signora Fenice!"

Damit wandte er sich zu seinem Gesellen, neigte sich, wie dieser, vor
dem Bilde in der Ecke, kreuzte sich und beide verlieen mit der Magd
das Gemach.  "Gute Nacht, Nina!" rief das Mdchen.  Die Alte wandte
sich noch auf der Schwelle und machte ein fragendes Zeichen, zog dann
aber rasch und gehorsam die Tr hinter sich zu.


Sie waren kaum allein, als Fenice eine Messinglampe, die seitwrts am
Herde stand, ergriff und hastig anzndete.  Das Herdfeuer erlosch mehr
und mehr, die drei roten Flmmchen der Lampe erhellten nur einen
kleinen Teil des weiten Raumes.  Es schien, als habe die Dunkelheit
den Fremden schlfrig gemacht, denn er sa am Tische, den Kopf auf die
Arme gelegt, den Mantel dicht um sich gezogen, als gedenke er so die
Nacht zuzubringen.  Da hrte er seinen Namen rufen und sah empor.  Die
Lampe brannte vor ihm auf dem Tisch, ihm gegenber stand die junge
Padrona, die ihn gerufen hatte.  Ihr Blick traf den seinen mit groer
Gewalt.

"Filippo", sagte sie, "kennt Ihr mich nicht mehr?"

Er sah eine Zeitlang forschend in das schne Gesicht, das vom Schein
der Lampe und mehr noch von der Angst zu glhen schien, welche Antwort
ihrer Frage werden wrde.  Das Gesicht war wohl des Wiedererinnerns
wert.  Die weichen langen Augenwimpern snftigten, wie sie langsam auf
und nieder gingen, die Strenge der Stirn und der schmalgeformten Nase.
Der Mund blhte in der rtesten Jugend; nur hatte er, wenn er schwieg,
einen Zug von Entsagung, Schmerz und Wildheit, dem die schwarzen
Augen nicht widersprachen.  Jetzt erst, als sie am Tische stand,
zeigte sich auch der herbe Reiz der Gestalt, besonders die Schnheit
des Nackens und Halses.  Und dennoch sprach Filippo nach einigem
Besinnen:

"Ich kenne Euch wahrlich nicht, Padrona!"

"Es ist nicht mglich", sagte sie mit einem wunderbar tiefen Ton der
Gewiheit.  "Ihr habt ja sieben Jahre Zeit gehabt, mich zu behalten.
Das ist lang; da kann ein Bild sich schon einprgen."

Das seltsame Wort schien ihn jetzt erst vllig aus seinen besondern
Gedanken loszumachen.  "Ja, Mdchen", sagte er, "wer sieben Jahre zu
nichts anderm braucht, als einem schnen Mdchenkopf nachzudenken, der
mu ihn wohl zuletzt auswendig wissen."

"Ja", sagte sie nachdenklich, "so ist es, so sagtet Ihr auch damals,
da Ihr an nichts anderes denken wrdet."

"Vor sieben Jahren?  So war ich noch ein scherzhafter Mensch vor
sieben Jahren.  Und du hast das im Ernst geglaubt?"

Sie nickte dreimal sehr ernsthaft.  "Warum sollte ich nicht?  Ich habe
es ja an mir selbst erfahren, da Ihr recht hattet."

"Kind", sagte er mit einer gutmtigen Miene, die seinen entschiedenen
Zgen wohl stand, "das tut mir leid.  Vor sieben Jahren dacht' ich
wohl noch, es wten es alle Weiber, da zrtliche Mnnerworte nicht
viel mehr wert sind als Spielmarken, die man freilich gelegentlich
gegen klingendes Geld umwechselt, wenn es ausdrcklich ausgemacht ist.
Was dacht' ich nicht alles vor sieben Jahren von euch Weibern!  Jetzt
denk ich, ehrlich gesagt, selten an euch.  Liebes Kind, man hat so
viel Wichtigeres zu denken."

Sie schwieg, als ob sie das alles nicht verstnde und ruhig abwarten
wollte, bis er etwas sagte, was sie wirklich anging.

"Es dmmert jetzt freilich in mir auf", sagte er nach einigem Sinnen,
"da ich diesen Teil des Gebirges schon einmal durchwandert habe.  Ich
htte auch vielleicht das Dorf und dieses Haus wieder erkannt, ohne
den Nebel.  Ja, ja, es war allerdings vor sieben Jahren, wo mich der
Arzt in die Berge schickte, und ich wie ein Narr die steilsten Wege
auf und ab strmte."

"Ich wute es wohl", sagte sie, und ein rhrender Glanz der Freude
erschien auf den Lippen, "ich wute es wohl, Ihr knnt es nicht
vergessen haben.  Hat es doch der Hund, der Fuoco, nicht vergessen,
auch nicht seinen alten Ha auf Euch von damals,--noch ich--meine alte
Liebe."

Das sagte sie mit so groer Festigkeit und Heiterkeit, da er immer
erstaunter zu ihr aufsah.  "Ich besinne mich nun auch auf ein Mdchen",
sagte er, "das ich einmal auf der Hhe des Apennin traf, und das mich
zu seinen Eltern nach Hause brachte.  Ich htte sonst die Nacht auf
den Klippen zubringen mssen.  Ich wei auch, da es mir gefiel--"

"Ja", unterbrach sie ihn, "sehr!"

"Aber ich gefiel dem Mdchen nicht.  Ich hatte ein langes Gesprch mit
ihr, zu dem sie nicht viel ber zehn Worte beisteuerte.  Als ich ihr
endlich das schlafende finstre Mndchen mit einem Ku aufzuwecken
dachte--ich sehe sie noch, wie sie von mir weg auf die Seite sprang
und mit jeder Hand einen Stein aufhob, da ich kaum ungesteinigt
davonkam.  Wenn du jenes Mdchen bist, wie kannst du von deiner alten
Liebe zu mir reden?"

"Ich war funfzehn Jahr', Filippo, und schmte mich sehr.  Ich war
immer so trotzig gewesen und allein, und wute mich nicht auszudrcken.
Und dann hatte ich Furcht vor den Eltern, die lebten damals noch,
wie Ihr wissen werdet.  Mein Vater hatte die vielen Hirten und Herden,
und hier die Schenke.  Es ist seitdem nicht viel anders geworden.  Nur,
da er nicht mehr hier schaltet und schilt--seine Seele sei im
Paradiese!  Und vor der Mutter schmte ich mich am meisten.  Wit Ihr
noch, gerade an demselben Fleck saet Ihr damals, Ihr lobtet noch den
Wein, den wir von Pistoja hatten.  Mehr hrte ich nicht, die Mutter
sah mich scharf an, da ging ich hinaus und stellte mich hinter das
Fenster, um Euch noch betrachten zu knnen.  Ihr waret jnger,
natrlich, aber nicht schner.  Ihr habt noch heut dieselben Augen,
mit denen Ihr damals gewinnen konntet, wen Ihr wolltet; und dieselbe
dunkle Stimme, die den Hund so aufbrachte vor Eifersucht, armes Tier!
Bisher hatte ich ihn allein geliebt.  Er merkte wohl, da ich Euch
mehr liebte, er merkte es besser als Ihr selbst.

"Richtig", sagte er, "er war in jener Nacht wie unsinnig.  Eine
wunderliche Nacht!  Du hattest mir's doch sehr angetan, Fenice.  Ich
wei, da ich keine Ruhe hatte, als du gar nicht wieder ins Haus
zurckkommen wolltest, da ich aufstand und dich drauen suchte.  Dein
weies Kopftuch sah ich, und dann nichts mehr von dir, denn du
sprangst in die Kammer neben dem Stall."

"Das war meine Schlafkammer, Filippo.  Da durftet Ihr doch nicht
hinein."

"Aber ich wollt' es.  Ich wei noch, wie lange ich stand und pocht'
und bettelte, der schlechte Gesell, der ich war, und meinte, der Kopf
msse mir springen, wenn ich dich nicht noch einmal she."

"Der Kopf?  Nein, das Herz, sagtet Ihr.  Ich wei sie noch alle wohl,
die Worte, alle!"

"Und wolltest doch damals nichts von ihnen wissen."

"Mir war zumut wie zum Sterben.  Ich stand im hintersten Winkel und
dachte, wenn ich mir nur das Herz fassen knnte, an die Tr zu
schleichen, den Mund an die Spalte zu legen, durch die Ihr spracht,
da ich den Hauch empfunden htte."

"Trichte verliebte Jugend!  Wre deine Mutter nicht gekommen, ich
stnde wohl noch da; du httest denn inzwischen aufgemacht.  Ich
schme mich jetzt beinahe, wie ich im hellen rger und Grimm davonging
und die Nacht hindurch einen langen Traum von dir hatte."

"Ich habe im Finstern gesessen und gewacht", sagte sie.  "Gegen Morgen
berfiel mich ein Schlaf, und als ich auffuhr und in die Sonne sah--wo
wart Ihr?  Es sagte mir's keiner und fragen konnt' ich nicht.  Ich
hatte einen solchen Ha, ein menschliches Gesicht zu sehen, als htten
sie Euch umgebracht, damit ich Euch nur nicht mehr she.  Ich lief
fort, wie ich ging und stand, die Berge auf und ab, zuweilen schrie
ich nach Euch, zuweilen verwnschte ich Euch, denn um Euch konnte ich
nun keinen Menschen mehr lieben.  Am Ende kam ich unten in der Ebene
an, da erschrak ich und kehrte wieder um.  Zwei Tage war ich weg
gewesen.  Der Vater schlug mich, als ich wiederkam, und die Mutter
sprach nicht mit mir.  Sie wuten wohl, warum ich weggelaufen war.
Nur der Hund war mit mir gewesen, der Fuoco; aber wenn ich Euern Namen
rief in der Einsamkeit, heulte er."

Es entstand eine Pause, in der die Blicke der beiden Menschen
aufeinander ruhten.  Dann sagte Filippo: "Wie lange sind deine Eltern
nun tot?"

"Drei Jahr'.  Sie starben in derselben Woche--ihre Seelen seien im
Paradiese!  Dann bin ich nach Florenz gegangen."

"Nach Florenz?"

"Ja, Ihr sagtet ja, Ihr wret aus Florenz.  Die Frau des Caffetiere
drauen bei San Miniato, an die wiesen mich welche von den
Contrabbandieri.  Einen Monat hab ich da gelebt und sie alle Tage in
die Stadt geschickt, nach Euch zu fragen.  Abends ging ich selbst
hinunter und suchte Euch.  Am Ende hrten wir, da Ihr lngst
fortgezogen, keiner wollte recht wissen, wohin."

Filippo stand auf und ging mit starken Schritten durch das Gemach.
Fenice wandte sich nach ihm, ihr Blick folgte ihm, doch verriet sie
keine Spur einer hnlichen Unruhe, wie sie ihn umhertrieb.  Er kam
endlich auf sie zu, sah sie eine Weile an und sagte dann: "Und wozu
gestehst du mir das alles, la Poveretta*?"

{ed. * Du rmste}

"Ich habe sieben Jahre Zeit gehabt, mir einen Mut dazu zu fassen.  Ach,
wenn ich es Euch damals gestanden htte, es htte mich nicht so
unglcklich gemacht, dieses feige Herz.  Aber ich wute, da Ihr
wiederkommen mutet, Filippo; nur da es so lange dauerte, das hatte
ich nicht gedacht, das tat mir weh.--Ein Kind bin ich, so zu sprechen.
Was kmmert mich, was nun vorber ist?  Filippo, da seid ihr, und
hier bin ich und bin Euer, ewig, ewig!"-"Liebes Kind!" sagte er leise,
und verschwieg dann wieder, was er auf der Zunge hatte.  Sie empfand
es aber nicht, da er so nachdenklich und schweigsam vor ihr stand und
ber ihre Stirn weg auf die Wand starrte.  Sie sprach ruhig weiter; es
war, als wren ihr ihre Worte seit lange bekannt, als habe sie sich
tausendmal im stillen vorgestellt: Er wird kommen, und das und das
wirst du ihm sagen.

"Ich habe schon viele heiraten sollen, hier oben, und als ich in
Florenz war.  Ich wollte nur dich.  Wenn mich einer bat und sagte mir
se Reden, gleich war deine Stimme da, aus jener Nacht, deine Reden,
die ser waren, als alle Worte unterm Monde.  Seit manchem Jahr
lassen sie mich in Ruh, obwohl ich noch nicht alt bin, und so schn
wie ich immer war.  Es ist als ob sie alle wten, da du nun bald
kommen wrdest."--Dann wieder:

"Wo willst du mich nun hinfhren?  Willst du hier oben bleiben?  Nein,
es taugt nicht fr dich.  Seit ich in Florenz war, wei ich, da es
traurig auf dem Gebirge ist.  Wir wollen das Haus und die Herden
verkaufen, dann bin ich reich.  Ich habe das wilde Wesen mit den
Leuten hier satt.  In Florenz muten sie mich alles lehren, was eine
Stdterin braucht, und sie verwunderten sich, wie rasch ich jedes
begriff.  Freilich, ich hatte nicht viel Zeit und alle Trume sagten
mir, da es hier oben sein wrde, wo du mich zu suchen kmest.--Ich
habe auch eine Zauberin gefragt, und auch das ist alles eingetroffen."

"Und wenn ich nun schon eine Frau htte?"

Sie sah ihn gro an.  "Du willst mich versuchen, Filippo!  Du hast
keine.  Auch das hat mir die Strega* gesagt.  Aber wo du wohnest, das
wute sie nicht."

{ed. * Hexe}

"Sie hat recht gehabt, Fenice, ich habe kein Weib.  Aber woher wei
sie oder du, da ich je eins haben will?"

"Wie knntest du mich nicht wollen?" sagte sie mit unerschtterlichem
Vertrauen.

"Setz dich hier zu mir her, Fenice!  Ich habe dir viel zu sagen.  Gib
mir deine Hand; versprich mir, da du mich verstndig anhren willst
bis zu Ende, meine arme Freundin!" Als sie nichts von dem allen tat,
fuhr er mit klopfendem Herzen fort, vor ihr stehenbleibend und das
Auge traurig auf sie geheftet, whrend das ihrige wie in Ahnungen, die
ihr ans Leben gingen, bald geschlossen war, bald am Boden hinirrte.

"Ich habe schon vor Jahren aus Florenz fliehen mssen", erzhlte er.
"Du weit, da waren jene politischen Tumulte, die so lange hin und her
schwankten.  Ich bin Advokat und kenne eine Menge Menschen, und
schreibe und empfange einen groen Haufen Briefe das Jahr hindurch.
Zudem war ich unabhngig, sagte meine Meinung, wo es not tat, und
wurde verhat, obwohl ich die Hnde bei ihrem heimlichen Spiel nie
haben mochte.  Am Ende mute ich auswandern, wenn ich nicht in
endloses Verhr und Gefngnis gehen wollte, ohne Nutz und Zweck.  Ich
bin nach Bologna gezogen und habe fr mich gelebt, meine Prozesse
gefhrt, und wenig Menschen gesehen, am wenigsten Weiber; denn von dem
tollen Burschen, dem du vor sieben Jahren das Herz schwer machtest,
ist nichts mehr an mir geblieben, als da mir noch immer der Kopf,
oder wenn du lieber willst, das Herz springen will, wenn ich irgendwas
nicht bezwingen kann, freilich heutzutage andere Dinge, als den Riegel
an der Kammertr eines schnen Mdchens.--Du hast vielleicht gehrt,
da es auch in Bologna in der letzten Zeit unruhig geworden ist.  Man
hat angesehene Mnner verhaftet, darunter einen, dessen Wege und Stege
ich seit langem kenne, und wei, da seine Seele diesen Dingen sehr
fern war.  Denn eine schlechte Regierung bessern sie damit so wenig,
als wenn eine Krankheit unter euern Schafen ist und ihr schicktet den
Wolf in den Stall.  Aber was soll das hier?  Genug, mein Freund bat
mich, sein Advokat zu sein und ich verhalf ihm zur Freiheit.  Es war
das kaum bekannt worden, als mich eines Tages ein elender Mensch auf
der Strae anrannte und mich mit Beleidigungen berhufte.  Ich konnte
mich nicht anders von ihm losmachen, als durch einen Sto gegen die
Brust, denn er war berauscht und keiner Erwiderung wert.  Kaum hatte
ich mich aus dem Menschenschwarm herausgewunden und war in ein Caf
getreten, so kam mir schon ein Verwandter jenes Menschen nach,
nchtern von Wein, aber trunken von Gift und Zorn, und stellte mich
zur Rede, da ich wie ein Ehrloser auf Worte mit Fusten geantwortet
htte, statt zu tun, was jeder Galant'uomo* getan haben wrde.  Ich
antwortete so gemigt, wie ich konnte, denn schon durchschaute ich's,
da alles eine Veranstaltung der Regierung war, mich durch einen
Zweikampf unschdlich zu machen.  Doch gab ein Wort das andere und die
Feinde hatten endlich das Spiel gewonnen.  Der andere gab vor, da er
ins Toskanische hinber msse, und drang darauf, die Sache drben
auszumachen.  Ich ging darauf ein, denn es war Zeit, da einer von uns
Besonnenen den unruhigen Kpfen bewies, nicht Mangel an Mut sei die
Ursache unserer Zurckhaltung, sondern einzig die Hoffnungslosigkeit
aller heimlichen Umtriebe, einer so berlegenen Macht gegenber.  Als
ich aber vorgestern um einen Pa einkam, wurde er mir verweigert, ohne
da man sich herablie, mir einen Grund dafr anzugeben; es hie, so
sei der Befehl der obersten Behrden.  Es wurde mir klar, da sie mir
entweder den Schimpf zuziehen wollten, das Duell vermieden zu haben,
oder mich dazu treiben, mich in irgendwelcher Verkleidung ber die
Grenze zu stehlen, wo ich dann sicher von einem Hinterhalt aufgefangen
worden wre.  Dann htten sie einen Vorwand gehabt, mir den Proze zu
machen, und ihn hinzuzerren, solange es ihnen ntzlich erschienen wre."

{ed. * Ehrenmann}

"Die Elenden! die Gottlosen!" unterbrach ihn das Mdchen und ballte
die Faust.

"So blieb nichts brig, als mich in Porretta den Contrabbandieri
anzuvertrauen.  Wir werden morgen, wie sie mir sagen, noch frh
Pistoja erreichen.  Nachmittags ist das Duell verabredet, in einem
Garten vor der Stadt."

Sie ergriff pltzlich heftig seine Hand mit ihren beiden.  "Geh nicht
hinunter, Filippo", sagte sie.  "Sie wollen dich ermorden."

"Gewi, das wollen sie, Kind, nichts Geringeres.  Woher weit du das
aber?"

"Ich sehe es hier und--hier!" Und sie deutete mit dem Finger auf Stirn
und Herz.

"Du bist auch eine Zauberin, eine Strega", fuhr er mit Lcheln fort.
"Jawohl, Kind, sie wollen mich morden.  Mein Gegner ist der beste
Schtze in Toskana.  Sie haben mir die Ehre angetan, einen stattlichen
Feind gegen mich zu stellen.  Nun, ich werde mir auch keine Schande
machen.  Wer wei aber, ob alles mit rechten Dingen zugeht?  Wer wei?
Oder hast du auch Zauberknste, das vorauszusehen?  Was hlf' es,
Kind! damit wre nichts gendert."

"Du mut es dir also schon aus dem Sinn schlagen", fuhr er nach
einigem Schweigen fort, "deiner trichten alten Liebe ihren Willen zu
tun.  Vielleicht hat alles so kommen mssen, damit ich nicht aus der
Welt ginge, ohne dich frei zu machen, frei von dir selbst und deiner
unseligen Treue, armes Kind.  Siehst du, wir htten auch vielleicht
schlecht fr einander getaugt.  Du warst einem andern Filippo treu,
einem jungen Fant mit leichtsinnigen Lippen und auer Liebessorgen
sorgenlos.  Was httest du mit dem Grbler, dem Einsiedler anfangen
wollen?"

Nun trat er auf sie zu, da er das letzte halb vor sich hin, auf und ab
gehend, gesprochen hatte, und wollte eben ihre Hand fassen, als er vor
dem Ausdruck ihres Gesichts sich entsetzte.  Alle Weichheit war aus
den Zgen gewichen, alle Rte von den Lippen.  "Du liebst mich nicht!"
sagte sie langsam und tonlos, als sprche ein andrer aus ihr und sie
horchte hin, um zu erfahren, was eigentlich gemeint sei.  Dann stie
sie seine Hand mit einem Schrei zurck, da die Flmmchen der Lampe zu
erlschen drohten, und von drauen auf einmal ein wtendes Wimmern und
Toben des Hundes laut wurde.--"Du liebst mich nicht, nein, nein!" rief
sie wie auer sich.  "Kannst du lieber in den Tod wollen, als in meine
Arme?  Kannst du nach sieben Jahren kommen, um Abschied zu nehmen?
Kannst du so ruhig von deinem Tode sprechen, als wre er nicht auch
meiner?  So wre mir besser, diese Augen wren erblindet, eh' sie dich
wieder sahen, und diese Ohren taub geworden, ehe sie die grausame
Stimme hren muten, durch die ich lebe und sterbe.  Warum hat der
Hund dich nicht zerrissen, ehe ich wute, da du gekommen bist, mein
Herz zu zerreien?  Warum ist dein Fu nicht an den Abgrnden
ausgeglitten?  Wehe, wehe!  Siehe meinen Jammer, Madonna!"

Sie strzte nieder vor dem Bilde, lag mit der Stirn gegen den Boden,
die Hnde weit von sich gestreckt, und schien zu beten.  Der Mann
hrte den Lrm des Hundes, dazwischen das Murmeln und Sthnen des
unglcklichen Mdchens, whrend der Mond nun schon Macht gewann und
das Gemach durchleuchtete.  Ehe er aber noch sich fassen und ein Wort
aussprechen konnte, fhlte er schon wieder ihre Arme an seinem Nacken,
ihren Mund an seinem Halse und heie Trnen ber sein Gesicht flieen.
"Geh nicht in den Tod, Filippo!" schluchzte die Arme.  "Wenn du bei
mir bleibst, wer will dich finden?  La sie reden, was sie wollen, das
Mrdergesindel, die heimtckischen Elenden, schlimmer als die Wlfe
des Apennin.--Ja", sagte sie und sah durch Trnen strahlend zu ihm auf,
"du bleibst, die Madonna hat dich mir geschenkt, damit ich dich
retten sollte.  Filippo, ich wei nicht, was fr bse Worte ich
gesprochen, aber da sie bse waren, empfand ich an dem eisigen Krampf
hier am Herzen, der sie mir entrissen.  Vergib mir das.  Es bringt in
die Hlle, zu denken, da die Liebe vergessen und die Treue zertreten
werden kann.  Wir wollen uns nun hersetzen und das alles beraten.
Willst du ein neues Haus haben?  Wir bauen eins.  Andere Leute?  Wir
schicken alle fort, auch die Nina, auch der Hund soll fort.  Und wenn
du meinst, da sie dich dann verraten--so wollen wir selber fort, noch
heut, jetzt, ich wei alle Wege, und ehe die Sonne kommt, sind wir
tief in den Schluchten nach Norden zu und wandern, wandern bis Genua,
bis Venedig, wohin du willst."

"Halt!" sagte er strenge.  "Es ist genug der Torheit.  Du kannst mein
Weib nicht werden, Fenice.  Wenn es morgen nicht ist, da sie mich
umbringen, so ist es nicht lange, denn ich wei, wie ich ihnen im Wege
bin." Er zog sanft, aber entschlossen seinen Hals aus ihren Armen.

"Siehe Kind", fuhr er fort, "das ist nun unglcklich genug und wir
brauchen es uns nicht noch schwerer zu machen durch Unvernunft.
Vielleicht, wenn du spter einmal von meinem Tode hrst, wirst du
einen Mann und schne Kinder ansehen und dich segnen, da der Tote in
dieser Nacht mehr Vernunft hatte, als du, wenn es auch in jener ersten
umgekehrt war.  La mich nun schlafen gehn, geh du auch und schaffe,
da wir uns morgen nicht wiedersehn.  Du hast einen guten Ruf, wie ich
unterwegs von meinen Contrabbandieri erfuhr.  Wenn wir uns etwa
umhalsten, morgen, und du machtest ein Schauspiel--nicht wahr, Kind?
Und nun--gute Nacht, gute Nacht, Fenice!"

Da bot er ihr noch einmal herzlich die Hand.  Aber sie nahm sie nicht.
Sie sah ganz bleich aus im Mondschein, die Brauen und
niedergeschlagenen Wimpern um so finsterer.  "Hab ich nicht genug
gebt", sprach sie halblaut, "da ich vor sieben Jahren eine Nacht
lang zu viel Vernunft hatte?  Und nun will er, da diese tausendmal
verwnschte Vernunft mich wieder elend machen soll, und diesmal eine
Ewigkeit lang?  Nein, nein, nein!  Ich lasse ihn nicht mehr aus den
Hnden--ich mte mich vor allen Menschen schmen, wenn er ginge und
strbe."

"Hrst du nicht, da es mein Wille ist?" unterbrach er sie mit
Heftigkeit, "da ich jetzt schlafen will, Mdchen, und allein?  Was
redest du irre und machst dich krnker?  Wenn du nicht fhlst, da
meine Ehre mich von dir reit, so httest du nie fr mich getaugt.
Ich bin keine Puppe auf deinem Scho, zum Htscheln und Possentreiben.
Ich habe meine Wege vor mir gezeichnet, und sie sind zu enge fr zwei.
Zeige mir das Fell, auf dem ich die Nacht zubringen soll, und
dann--la uns einander vergessen!"

"Und wenn du mich mit Schlgen von dir triebest, ich ginge nicht!
Wenn sich der Tod zwischen uns stellte, ich jagte dich ihm ab mit
diesen guten Armen.  Auf Tod und Leben--du bist mein, Filippo!"

"Still!" rief er berlaut.  Die Rte stieg ihm jhlings in die Stirn,
indem er mit beiden Armen die heftige Gestalt von sich drngte.
"Still!  Und nun ist's aus fr heut und immer.  Bin ich ein Ding, das
an sich reien kann, wer will, und wem es in die Augen sticht?  Ein
Mensch bin ich, und wer mich haben soll, dem mu ich mich geschenkt
haben.  Du hast sieben Jahre nach mir geseufzt--hast du darum ein
Recht, mich im achten ehrlos vor mir selbst zu machen?  Wenn du mich
bestechen willst, so war das Mittel schlecht gewhlt.  Vor sieben
Jahren liebt' ich dich, weil du anders warst als heut.  Wrst du mir
damals an den Hals geflogen und httest mein Herz mir abtrotzen wollen,
ich htte Trotz gegen Trotz gesetzt, wie heut.  Nun ist alles aus
zwischen uns und ich wei, da das Mitleid, das mich vorhin anwandelte,
nicht Liebe war.  Zum letztenmal, wo ist die Kammer?"

Das hatte er hart und schneidend gesagt, und wie er nun schwieg,
schien ihm der Ton der eignen Stimme weh zu tun.  Doch fgte er kein
Wort hinzu, sich im stillen verwundernd, da sie es ruhiger hinnahm,
als er selber gefrchtet hatte.  Er htte nun gern einen strmischen
Ausbruch ihres Schmerzes mit gtigeren Worten beschwichtigt.  Sie ging
aber kalt an ihm vorbei, ffnete eine schwere Holztr nicht weit vom
Herde, deutete stumm auf die Eisenriegel an derselben und trat dann an
den Herd zurck.

Er schritt denn auch hinein und riegelte hinter sich zu.  Doch blieb
er eine Zeitlang dicht neben der Tr stehen, um zu horchen, was sie
beginne.  Es wurde keine Bewegung im Gemache laut, und im ganzen Hause
hrte man nichts als die Unruhe des Hundes, das Scharren des Pferdes
im Stall und das Singen des Windes, der drauen die letzten
Nebelstreifen verwehte.  Denn der Mond war in aller Pracht am Himmel,
und die Kammer hell, nachdem Filippo einen groen Bschel Heidekraut
aus dem Mauerloch gezogen hatte, das als Fenster diente.  Er sah nun,
da er offenbar in Fenicens Kammer war.  Da stand ihr schmales,
sauberes Bett an der Wand, eine Lade unverschlossen daneben, ein
Tischchen, eine kleine Holzbank, die Wnde waren mit Bildern behangen,
Heiligen und Madonnen, ein Weihkesselchen unter dem Kruzifix neben der
Tr.

Er setzte sich jetzt auf das harte Bett und fhlte, wie es in ihm
strmte.  Ein paarmal hob er schon den Fu, um wieder hinauszueilen
und ihr zu sagen, da er ihr nur weh getan habe, um sie zu heilen.
Dann stampfte er gegen den Boden, unmutig ber seine weichherzige
Regung.  "Es ist das einzige, was bleibt", sprach er fr sich, "wenn
Schuld und Fluch nicht noch wachsen sollen.  Sieben Jahre, armes Kind!
"--Ein starker Kamm, mit kleinen Metallstckchen verziert, lag auf dem
Tischchen, den nahm er mechanisch in die Hand.  Das volle Haar kam ihm
dabei wieder in den Sinn, der stolze Nacken, auf dem es lag, die edle
Stirn, um die es sich ringelte, und die brunliche Wange.  Er warf
endlich den Versucher in die Lade, worin er saubere Rcke, Kopftcher
und allerlei kleine Schmuckstcke ordentlich zusammen verwahrt sah.
Langsam lie er den Deckel wieder fallen, und ging nun an die
Mauerlcke und sah hinaus.

Die Kammer lag an der hintern Seite des Hauses und keine der andern
Htten von Treppi wehrte ihm die Aussicht ber das zerklftete
Hochland.  Gegenber, hinter der Schlucht aufsteigend, der nackte
Felsrcken, vom Monde angeschienen, der jetzt ber dem Hause stehen
mute.  Seitwrts sah er einige Schuppen, an denen der Weg vorber in
die Tiefe fhrte.  Eine verlorene kleine Fichte mit kahlen Zweigen
wurzelte zwischen dem Gestein, sonst bedeckte den Boden nur Heidekraut
und hie und da ein kmmerlicher Busch.--"Hier ist freilich kein Ort",
sagte er im stillen, "zu vergessen, was man geliebt hat.--Ich wollte,
es wre anders!  Ja ja, sie wre am Ende die rechte Frau fr mich
gewesen, die mich mehr geliebt htte, als Putz und Spazierengehen und
das Geflster der Stutzer.  Was fr Augen mein alter Marco machen
wrde, wenn ich pltzlich mit einer schnen Frau von der Reise
zurckkme!  Man brauchte nicht einmal die Wohnung zu ndern, die
vielen den Winkel waren ohnehin unheimlich.  Und mir altem Grmler
wrde es zuweilen gut sein, ein lachendes Kind--aber Torheit, Torheit,
Filippo!  Was soll das arme Ding als Witwe in Bologna!  Nein, nein!
nichts davon!  Keine neue Snde auf die alte hufen!  Ich will eine
Stunde frher die Leute wecken und mich fortstehlen, ehe ein Mensch in
Treppi wacht."

Eben wollte er das Fenster verlassen, und die vom langen Ritt
ermdeten Glieder aufs Lager strecken, als er eine weibliche Gestalt
aus dem Schatten des Hauses in den Mondschein vortreten sah.  Sie
blickte nicht um, aber es blieb ihm kein Zweifel, da es Fenice war.
Sie entfernte sich vom Hause auf dem Wege, der in die Schlucht
hinunterfhrte, mit ruhigen groen Schritten.  Ein Schauder berlief
ihm die Haut, denn im selben Augenblick fuhr ihm der Gedanke in den
Kopf: sie will sich ein Leid antun.  Ohne Besinnung sprang er nach der
Tr und zerrte gewaltsam an dem Riegel.  Aber das alte rostige Eisen
hatte sich so eigensinnig in die Klammer vertieft, da er vergebens
alle Kraft aufbot.  Ein kalter Schwei trat ihm vor die Stirn, er
schrie, rttelte und stie mit Fusten und Fen gegen die Tr und
bezwang sie nicht.  Endlich lie er ab und strzte wieder an die
Fensterlcke.  Schon gab der eine Stein seinem Wten nach, da
pltzlich sah er die Gestalt des Mdchens wieder auftauchen auf dem
Wege und sich der Htte zuwenden.  Sie trug etwas in der Hand, das er
bei dem unsichern Licht nicht erkennen konnte, nur ihr Gesicht sah er
deutlich, das war ernsthaft und gedankenvoll, aber ohne Leidenschaft.
Keinen Blick warf sie auf sein Fenster und verschwand wieder im
Schatten.

Noch stand er und atmete tief nach der Angst und Anstrengung, da
vernahm er groen Lrm, der von dem alten Hunde herzurhren schien,
doch kein Bellen oder Winseln.  Das Rtsel beklemmte ihn immer
unheimlicher; er bog den Kopf weit zu der ffnung hinaus, konnte aber
nichts sehen als die regungslose Nacht im Gebirge.  Auf einmal
erscholl ein kurzes scharfes Heulen, darauf ein tieferschtterndes
Sthnen des Hundes und dann, solange und ngstlich er hinhorchte, kein
Laut mehr die ganze Nacht, als da noch einmal die Tr des Gemachs
nebenan klappte und Fenices Schritte ber den Steinboden sich
vernehmen lieen.  Umsonst stand er lange an der verriegelten Tr,
horchte erst, bat und fragte dann und beschwor das Mdchen nur um ein
kurzes Wort--es blieb still nebenan.  Er warf sich nun auf das Bett,
wie im Fieber und lag wachend und sinnend, bis endlich eine Stunde
nach Mitternacht der Mond unterging, und die Ermdung ber seine
tausend wogenden Gedanken Herr wurde.

Eine Dmmerung war um Filippo, als ihn der Schlaf verlie; doch als er
seine Sinne vllig ermuntert und sich vom Bett aufgerichtet hatte,
ward er wohl inne, da es nicht ein Zwielicht wie vor Sonnenaufgang
war.  Von einer Seite her traf ihn ein schwacher Sonnenstrahl und bald
sah er, da die Mauerlcke, die er vor dem Einschlafen offengelassen,
dennoch fest mit Gestrpp verstopft worden war.  Er stie es hinaus,
und die volle Morgensonne blendete ihn.  Im hchsten Zorn auf die
Contrabbandieri, seinen Schlaf und vor allem auf das Mdchen, dem er
diese Hinterlist zuschreiben mute, ging er augenblicklich nach der
Tr, deren Riegel jetzt einem besonnenen Druck leicht nachgab, und
trat in das Nebengemach.

Er traf Fenice allein, gelassen am Herde sitzend, als habe sie ihn
lngst erwartet.  Aus ihrem Gesicht war jede Spur der gestrigen Strme
verschwunden, ja sogar keine Regung der Trauer und kein Zug einer
gewaltsamen Fassung begegnete seinem finstern Auge.

"Du hast es veranstaltet, da ich die Stunde verschlafen mute",
herrschte er sie an.

"Ja", sagte sie gleichgltig.  "Ihr waret mde.  Ihr kommt immer noch
frh genug nach Pistoja, wenn Ihr am Nachmittag erst den Mrdern
begegnen mt."

"Ich hatte dich nicht geheien, um meine Mdigkeit besorgt zu sein.
Drngst du dich noch immer an mich an?  Es soll dir nichts helfen,
Mdchen.  Wo sind meine Leute?"

"Fort."

"Fort? willst du mich narren?  Wo sind sie?  Trin, als ob sie
fortgingen, ehe ich sie bezahlt habe!" Und er schritt rasch auf die
Tr zu, um hinauszugehn.

Fenice blieb unbeweglich sitzen und sagte in demselben harmlosen Ton:
"Ich habe sie bezahlt.  Ich sagte ihnen, da Ihr Schlaf brauchtet und
dann, da ich selbst Euch hinunterbegleiten wrde; denn der Weinvorrat
ist zu Ende und ich mu neuen kaufen, eine Stunde vor Pistoja."

Der Zorn verwehrte ihm einen Augenblick zu sprechen.  "Nein", brach er
endlich heraus, "mit dir nicht, mit dir nimmermehr!  Heimtckische
Schlange!  Es ist lcherlich, da du noch immer denkst, mit deinen
glatten Windungen mich umstricken zu knnen.  Nun sind wir vlliger
geschieden als je.  Ich verachte dich, da du mich fr blde und
armselig genug hltst, mit diesen kleinen Knsten es mir abgewinnen zu
knnen.  Mit dir geh ich nicht!  Gib mir einen deiner Knechte mit und
da--mache dich bezahlt fr deine Auslagen an die Contrabbandieri."

Er warf ihr eine Brse hin und ffnete die Tr, selbst jemand zu
suchen, der ihn hinunterfhrte.  "Macht Euch keine Mhe", sagte sie,
"Ihr findet von den Knechten keinen, sie sind alle in die Berge.  Auch
sonst ist in Treppi niemand, der Euch dienen knnte.  Arme
gebrechliche Mtterchen, Greise und Kinder, die noch gehtet werden.
Wenn Ihr mir nicht glaubt--seht nach!"

"Und berhaupt", fuhr sie fort, als er unentschlossen in Grimm und
rger auf der Schwelle stand und ihr den Rcken zugekehrt hatte,
"warum dnkt es Euch so unmglich und gefhrlich, wenn ich Euch fhre?
Ich habe die Nacht Trume gehabt, aus denen ich sehe, da Ihr nicht
fr mich seid.  Es ist wahr, ich habe Euch noch immer ein wenig gern
und es wird mir Freude machen, noch ein paar Stunden mit Euch zu
plaudern.  Mu ich Euch darum nachstellen?  Ihr seid frei, von mir zu
gehn auf immer, wohin Ihr wollt, in den Tod oder ins Leben.  Nur, da
ich es so eingerichtet habe, da ich noch eine Strecke neben Euch
hergehe.  Ich will Euch zuschwren, wenn Euch das beruhigen kann, da
es nur eine Strecke sein wird, beileibe nicht bis Pistoja.  Nur so
lange, bis Ihr den rechten Weg habt.  Denn wenn Ihr auf Eure eigne
Hand fortginget, verstieget Ihr Euch bald, da Ihr weder vor noch
zurck knntet.  Ihr mt das ja noch wissen von Eurer ersten Reise
durch die Berge."

"Pest!" murmelte er und bi sich die Lippen.  Er sah indes, wie die
Sonne stieg, und alles wohl erwogen,--was hatte er im Grunde
Ernstliches zu besorgen?  Das Ernstlichste wollte er sich nicht
gestehen.  Er wandte sich zu ihr um und glaubte von dem gleichmtigen
Blick ihrer groen Augen Zeugnis annehmen zu drfen, da keinerlei
Falsch hinter ihren Worten sei.  Sie schien ihm wirklich seit gestern
eine ganz andere geworden zu sein, und fast mischte sich ein Gefhl
von Unzufriedenheit in sein Staunen, da er sich sagen mute, da der
gestrige Anfall von schmerzlicher Leidenschaft so bald und spurlos
vorbergegangen sei.  Er sah sie lnger an, aber sie gab
schlechterdings zu keinem Argwohn Anla.

"Wenn du denn so vernnftig geworden bist", sagte er jetzt trocken,
"so mag es sein, so komm!"

Ohne eine sonderliche uerung der Freude stand sie auf und sagte:
"Wir wollen erst essen; auf Stunden finden wir nichts." Sie stellte
ihm eine Schssel hin und einen Krug und a dann selbst, am Herde
stehend, aber von dem Wein geno sie keinen Tropfen.  Er dagegen, um
es abzumachen, a einige Lffel voll, strzte den Wein hinunter und
zndete an den Kohlen des Herdes seine Zigarre an.  Whrenddessen
hatte er ihr keinen Blick gegnnt und als er nun zufllig, da er ihr
nahe stand, sie ansah, war eine wunderliche Rte auf ihren Wangen und
etwas wie Triumph in den Augen.  Sie stand rasch auf, ergriff den Krug
und zerschellte ihn mit einem Wurf gegen den Steinboden.  "Es soll
keiner mehr daraus trinken", sagte sie, "seit Eure Lippen daran
gehangen!"

Betroffen fuhr er auf, ein Argwohn stand eine Sekunde lang vor seinem
Geist: "Ob sie dir Gift gegeben?" dann zog er es vor zu glauben, da
es noch ein Rest des verliebten Gtzendienstes sei, den sie
abgeschworen, und ohne weitere Worte ging er ihr nach zum Hause hinaus.

"Das Pferd haben sie wieder nach Porretta mitgenommen", sagte sie
drauen zu ihm, als er es mit den Augen zu suchen schien.  "Ihr httet
auch nicht hinabreiten knnen ohne Gefahr.  Die Wege sind steiler als
gestern."

Sie ging ihm nun voran und bald hatten sie die Htten hinter sich, die
tot und selbst ohne ein Wlkchen Rauch aus den Schornsteinen in der
scharfen Sonne standen.  Jetzt erst sah Filippo die ganze Majestt
dieser Einde, ber der ein reiner, durchsichtiger Himmel hing.  Der
Weg, kaum in dem harten Felsen durch eine dunklere Spur erkennbar,
lief auf dem breiten Rcken nordwrts, und dann und wann, wenn der
gegenberliegende parallele Zug sich senkte, blitzte am fernen
Horizont zur Linken ein Streif des Meeres herauf.  Noch war von
Vegetation weit und breit keine Spur, auer den harten, niederen
Bergkrutern und Flechtengestrpp.  Nun aber verlieen sie die Hhe
und vertieften sich in die Schlucht, die zu durchwandern war, um auch
den Felsrcken gegenber zu ersteigen.  Hier begegneten sie bald
Nadelholz und Quellen, die in die Schlucht sprangen, und hrten in der
Tiefe das Toben des Wassers.  Fenice ging jetzt voran, mit sicherm Fu
auf die sichersten Steine tretend, ohne umzublicken oder ein Wort zu
sagen.  Er konnte nicht anders, als die Augen dicht an ihr hngen
lassen, und die schlanke Kraft der Glieder bewundern.  Das Gesicht
verdeckte ihm gnzlich ihr groes, weies Kopftuch, aber wenn es sich
fgte, da sie wieder nebeneinander gehen konnten, mute er sich
zwingen, vor sich hin und von ihr weg zu sehen, so sehr fesselte ihn
die groartige Bildung der Zge.  Er bemerkte jetzt erst im vollen
Sonnenlicht einen seltsam kindlichen Ausdruck, ohne sich sagen zu
knnen, worin er besonders liege.  Als sei etwas in diesem Gesicht
seit sieben Jahren stehengeblieben, whrend alles andere sich
entwickelte.

Endlich fing er von selbst zu sprechen an, und sie gab unbefangen
verstndige Antworten.  Nur da ihre Stimme, die sonst nicht so hart
und dumpf war, wie den Weibern im Gebirg eigen zu sein pflegt, heute
eintnig und bei den gleichgltigsten Dingen am traurigsten klang.
Diese Wege, die sie jetzt gingen, waren in den letzten Jahren vielfach
von politischen Flchtlingen betreten worden, von denen die meisten
gewi in Treppi gerastet hatten.  Filippo fragte das Mdchen nach
diesem und jenem seiner Bekannten, die er beschrieb; aber sie entsann
sich ihrer selten, obwohl sie wute, da die Contrabbandieri viele
Fremde in ihrem Hause hatten bernachten lassen.  Nur auf einen besann
sie sich nur zu klar.  Bei der Beschreibung stieg ihr das Blut ins
Gesicht und sie blieb stehn.  "Der ist schlecht!" sagte sie finster.
"Ich habe die Knechte in der Nacht wecken und ihm das Haus
verschlieen mssen."

Unter diesen Gesprchen merkte der Advokat nicht, wie die Sonne stieg
und noch immer kein Blick in die toskanische Flur sich auftat.  Auch
dachte er mit keinem Gedanken an das bevorstehende Ende dieses Tages.
Es war so erquickend, funfzig Schritt ber dem Giebach auf dem ganz
berbuschten Wege hinzugehn, zuweilen den Staub des Sturzes
heraufwehen zu fhlen, die Eidechsen ber die Steine schlpfen und die
behenden Schmetterlinge den verstohlenen Sonnenlichtern nachjagen zu
sehn, da er nicht einmal inne wurde, wie sie dem Bach
entgegenwanderten, und noch immer nicht westlich einlenkten.  Es war
eine Magie in der Stimme seiner Begleiterin, die ihn alles vergessen
machte, was gestern in Gesellschaft der Contrabbandieri ihn
unaufhrlich beschftigt hatte.  Als sie nun aber aus der Schlucht
heraustreten und jetzt ein unabsehbares wildfremdes Bergland mit neuen
Hhen und Klften wst und versengt vor ihnen lag, erwachte er auf
einmal aus dem Zauberschlaf, blieb stehen und blickte gen Himmel.  Er
erkannte klar, da sie in der vllig entgegengesetzten Richtung
gewandert und wohl zwei Stunden von seinem Ziele ferner waren, als da
sie ausgingen.

"Halt!" sagte Filippo.  "Ich sehe es noch beizeiten, da du mich
dennoch betrgst.  Ist das der Weg nach Pistoja, du Heimtckische?"

"Nein", sagte sie furchtlos, aber den Blick zu Boden gesenkt.

"Nun denn, bei allen Mchten der Hlle, so knnen die Teufel bei dir
in die Schule gehn und Heucheln von dir lernen.  Fluch ber meine
Verblendung!"

"Man kann alles, man ist mchtiger als Teufel und Engel, wenn man
liebt", sagte sie mit tiefem, traurigem Ton.

"Nein!" schrie er in hellem Jhzorn, "noch frohlocke nicht, bermtige,
noch nicht! den Willen eines Mannes kann das nicht brechen, was eine
verrckte Dirne Liebe nennt.  Kehre um mit mir, auf der Stelle und
weise mir die krzesten Wege--oder ich erdrole dich mit diesen Hnden,
--du Trin, die nicht einsieht, da ich die hassen mu, die mich vor
der Welt zu einem Nichtswrdigen machen will."

Er trat mit geballten Fusten dicht vor sie hin, er kannte sich nicht
mehr.  "Erwrge mich nur!" sprach sie mit zitternder, lauter Stimme,
"tu's nur, Filippo.  Aber wenn du es getan hast, wirst du dich ber
meinen Leichnam werfen und Blut aus deinen Augen weinen, da du mich
nicht wieder lebendig machen kannst.  Dein Lager wird hier neben mir
sein, mit den Geiern wirst du kmpfen, die mich zerfleischen wollen,
die Sonne des Tags wird dich drren, der Tau der Nacht dich feuchten,
bis du hinfllst gleich mir--denn von mir lassen kannst du nun nicht
mehr.  Meinst du, das arme, trichte Ding, das auf den Bergen
aufgewachsen ist, werde sieben Jahre wegwerfen wie einen Tag?  Ich
wei, was sie mich gekostet haben, wie teuer sie waren, und da ich
einen ehrlichen Preis zahle, wenn ich dich mit ihnen kaufen will.
Dich in den Tod lassen?  Es wre zum Lachen.  Wende dich nur weg von
mir, du wirst es schon innewerden, da ich dich zu mir zurckzwinge
auf ewig.  Denn in den Wein, den du heute getrunken, war ein
Liebeszauber gemischt, dem noch kein Mensch unter der Sonne
widerstanden hat!"

Sie sah kniglich aus, als sie diese Worte rief, den Arm nach ihm
ausgestreckt, als hielte ihre Hand ein Szepter ber einem, der ihr
verfallen sei.  Er aber lachte trotzig auf und rief: "Dein
Liebeszauber leistet dir schlechte Dienste, denn ich habe dich nie
mehr gehat, als in diesem Augenblick.  Aber ich bin ein Narr, eine
Nrrin zu hassen.  Mge es dich, wie von dem Wahn, so auch von der
Liebe heilen, wenn du mich nicht wieder siehst.  Ich brauche deine
Fhrung nicht.  Ich sehe da drben am Abhang eine Hirtenhtte und die
Herde umher.  Ein Feuer blinkt herauf.  Man wird mich dort wohl
zurechtweisen.  Lebe wohl, arme Schlange, lebe wohl!"

Sie antwortete nichts, als er ging, und setzte sich ruhig in den
Schatten eines Felsens neben der Schlucht, in das dunkle Grn der
Tannen, die unten am Bach wurzelten, ihre groen Augen versenkend.

Er war noch nicht lange von ihr gegangen, als er sich pfadlos zwischen
Klippen und Gebsch befand; denn wie sehr er sich's verleugnen mochte,
hatten doch die Worte des wunderbaren Mdchens eine beunruhigende
Wirkung auf sein Herz ausgebt, die all seine Gedanken nach innen
kehrte.  Indessen sah er gegenber auf der Matte noch immer das
Hirtenfeuer und arbeitete sich rstig durch, damit er nur erst die
Tiefe erreichte.  Er rechnete nach dem Stande der Sonne, da es gegen
die zehnte Stunde sein mute.  Wie er aber die Bergsteile
hinabgeklettert war, fand er unten einen sonnenlosen Weg und bald auch
einen Steg ber einen neuen Wildbach, der auf der andern Seite
hinaufzufhren und endlich an der Matte auszumnden versprach.  Er
verfolgte ihn, und der Weg lief anfangs steil hinan, dann aber in
groer Windung eben am Berge hin.  Er sah wohl, da er ihn nicht
zunchst zu seinem Ziele bringen wrde; aber in geraderer Richtung
hingen unberwindlich jhe Felsstcke vor, und wollte er nicht zurck,
mute er sich schon seinem Wege vertrauen.  Nun schritt er rasch und
anfangs wie aus Banden erlst dahin, und sphte zuweilen nach der
Htte aus, die sich immer noch zurckzog.  Nach und nach, wie sein
Blut gelinder flo, fielen ihm alle Einzelheiten des eben erlebten
Auftrittes wieder ein.  Das schne Mdchenbild sah er leibhaftig vor
sich, und nicht wie zuvor durch den Nebel seines Jhzorns.  Er konnte
sich eines tiefen Mitleidens nicht erwehren.  "Nun sitzt sie droben",
sagte er vor sich hin, "die arme Irre, und baut auf ihre Zauberknste.
Darum also verlie sie in Nacht und Mondschein gestern die Htte, um
wer wei welch ein harmloses Kraut zu pflcken.  Jawohl; wiesen mir
nicht auch meine braven Contrabbandieri die sonderbaren weien Blten
zwischen den Felsen und sagten, das sei mchtig fr Gegenliebe?
Unschuldiges Gewchs, was sie dir nachsagen!--Und darum zerschellte
sie den Krug, und darum war mir der Wein so bitter auf der Zunge.
Wird doch das Kindische je lter desto strker und ehrwrdiger.--Wie
eine Sibylle stand sie vor mir, so wahrheitsgewi, wie schwerlich jene
rmische, die ihre Bcher ins Feuer warf.  Armes Weiberherz, wie schn
und elend macht dich dein Wahn!"

Je weiter er ging, um so strker fhlte er die rhrende Herrlichkeit
ihrer Liebe und die Gewalt ihrer Schnheit, die ihm die Trennung nur
noch verklrte.  "Ich htte es sie nicht entgelten lassen sollen, da
sie mich im besten Glauben, mich zu retten, von meinen unabwendbaren
Pflichten losmachen will.  Ich htte ihr die Hand geben sollen und
sagen: Ich habe dich lieb, Fenice, und wenn ich leben bleibe, komme
ich zu dir zurck und hole dich heim.  Wie blind war ich, da mir
diese Auskunft nicht einfiel! eine Schande fr den Advokaten!  Ich
htte mit Kssen wie ein Brutigam Abschied nehmen sollen, so htte
sie kein Arg gehabt, da ich sie tuschte.  Statt dessen hab ich
gerade durch gewollt mit dem Trotzkopf und alles verschlimmert."

Nun vertiefte er sich in das Bild eines solchen Abschiedes und meinte
ihren Atem zu fhlen und den Druck der frischen Lippen auf den seinen.
Es war ihm, als hre er seinen Namen rufen.  "Fenice!" antwortete er
inbrnstig und stand mit heftig klopfendem Herzen still.  Der Bach
rauschte unter ihm, die Zweige der Tannen hingen ohne Bewegung, weit
und breit schattige Wildnis.

Schon war ihm der Name wieder auf den Lippen, als ihm noch zur rechten
Zeit die Scham den Mund versiegelte.  Scham und ein Grauen zugleich.
Er schlug sich vor die Stirn.  "Ist es schon so weit mit mir, da ich
im Wachen von ihr trume?" rief er.  "Soll sie recht behalten, da
diesem Zauber kein Mensch unter der Sonne widerstehen kann?  So wre
ich nichts Besseres, als sie aus mir zu machen gedachte, wert, ein
Weiberknecht zu heien mein Leben lang.  Nein, in die Hlle mit dir,
schne betrogene Teufelin!"

Er hatte fr den Augenblick seine Fassung wieder, aber er sah nun auch,
da er von dem Wege vllig in der Irre herumgefhrt war.  Zurck
konnte er nicht, wenn er der Gefahr nicht in die Arme laufen wollte.
So beschlo er, jetzt um jeden Preis wieder eine Hhe zu erreichen,
von der er sich nach der verlornen Hirtenstelle umschauen knnte.  Das
eine Ufer des tief unten rauschenden Bachs, an dem er ging, war allzu
jh.  Also schlang er den Mantel ber den Nacken, whlte eine sichere
Stelle und war mit einem Sprung an der andern Seite der Kluft, deren
Wnde hier dicht zusammentraten.  Mit besserem Mut erklomm er den
Abhang drben, und erreichte bald die Sonne.

Sie sengte schwer sein Haupt, und die Zunge lechzte ihm, als er sich
mit groer Anstrengung emporarbeitete.  Jetzt berfiel ihn auf einmal
die Angst, da er dennoch mit allen Mhen das Ziel nicht mehr
erreichen mchte.  Das Blut stieg ihm mehr und mehr zu Kopf, er schalt
auf den Teufelswein, den er am Morgen hinuntergestrzt, und wieder
mute er an die weien Blten denken, die man ihm gestern unterwegs
gezeigt.  Hier wuchsen sie wieder--ihm schauderte die Haut.  Wenn es
doch wahr wre, dachte er, wenn es Krfte gbe, die unser Herz und
unsre Sinne bemeistern und einen Manneswillen unter die Laune eines
Mdchens beugen knnten--lieber das uerste als diesen Schimpf!
lieber Tod als Knechtschaft!  Aber nein, nein, nur den bezwingt die
Lge, der an sie glaubt.  Sei ein Mann, Filippo, vorwrts, da ist die
Hhe vor dir; noch eine kurze Frist--und dies maledeite Gebirge mit
seinem Spuk liegt fr immer hinter dir!

Und dennoch konnte er das Fieber in seinem Blut nicht besnftigen.
Jeder Stein, jede schlpfrige Stelle, jeder vor ihm hngende starre
Tannenzweig war ihm ein Widerstand, den er mit unverhltnismigem
Aufbieten des Willens gewaltsam besiegte.  Als er endlich oben, sich
an den letzten Bschen haltend, ankam und mit einem Schwung die Hhe
gewann, konnte er erst nicht um sich sehen, so war ihm das Blut in die
Augen geschossen, und so pltzlich blendete ihn die Sonne von den
gelben Felsen ringsum.  Wtend rieb er sich die Stirn und fuhr sich
durch das verworrene Haar, den Hut lftend.  Da aber hrte er wahrlich
wieder seinen Namen und starrte entsetzt nach der Stelle, von wo man
rief.  Und wenige Schritte ihm gegenber, am Felsen, wie er sie
verlassen, sa Fenice und sah ihn mit stillen, glcklichen Augen an.

"Kommst du endlich, Filippo!" sagte sie innig.  "Ich habe dich schon
frher erwartet."

"Gespenst der Hlle", schrie er auer sich, whrend Grausen und alle
Leidenschaften der Sehnsucht sich in ihm bekmpften, "hhnst du mich
noch, da ich mit Qualen in der Irre laufe und die Sonne mir alles Hirn
schmilzt?  Triumphierst du, da ich dich noch einmal sehen mu, um
dich noch einmal zu verfluchen?  Wenn ich dich gefunden habe, beim
allmchtigen Gott, so hab ich dich doch nicht gesucht, und du sollst
mich dennoch verlieren."

Sie schttelte seltsam lchelnd den Kopf.  "Es zieht dich ohne da
du's weit", sagte sie.  "Du fndest mich, wenn alle Berge der Welt
zwischen uns wren, denn ich mischte sieben Tropfen von dem Herzblut
des Hundes in deinen Wein.  Armer Fuoco!  Er liebte mich und hate
dich.  So wirst du den Filippo hassen, der du frher warst, als du
mich verstieest, und nur ruhig sein in dir, wenn du mich liebst.
Filippo, siehst du nun, da ich endlich dich erobert habe?  Komm, nun
will ich dir wieder die Wege zeigen, nach Genua zu, mein Geliebter,
mein Mann, mein Holder!"

Damit stand sie auf und wollte mit beiden Armen ihn umfangen, als sie
pltzlich vor seinem Gesicht erschrak.  Er war wie mit einem Schlage
totenbla geworden, nur das Weie in seinen Augen rot, seine Lippen
bewegten sich lautlos, der Hut war vom Haupt gefallen, mit den Hnden
wehrte er heftig jede Annherung ab.

"Ein Hund! ein Hund!" waren die ersten mhsam vorbrechenden Worte.
"Nein, nein, nein! du sollst nicht siegen--Dmon!  Besser ein toter
Mann, als ein lebendiger Hund!"--Darauf erscholl ein furchtbares
Lachen von seinen Lippen, und langsam, wie wenn er sich gewaltsam
jeden Schritt erkmpfte, die Augen stier auf das Mdchen geheftet,
wich er taumelnd zurck und strzte rcklings in die Schlucht hinab,
die er eben verlassen hatte.-Vor ihren Augen wurde es Nacht, mit
beiden Hnden fuhr sie sich ans Herz und stie einen Schrei aus, der
wie ein Falkenschrei ber die Schlucht klang, als sie die hohe Gestalt
hinter dem Rande des Felsens verschwinden sah.  Ein paar wankende
Schritte tat sie, dann stand sie fest und aufrecht, immer die Hnde
gegen das Herz gepret.  "Madonna!", sagte sie, ohne etwas zu denken.
Immer vor sich niedersehend, nherte sie sich jetzt rasch der Schlucht
und begann die steinige Wand zwischen den Tannen hinabzuklimmen.
Worte ohne Sinn murmelten ihre heftig atmenden Lippen, mit der einen
Hand hielt sie das Herz fest, mit der andern half sie sich an den
Steinen und Zweigen hinab.  So kam sie bis an die Wurzeln der
Tannen--da lag er.  Er hatte die Augen geschlossen, Stirn und Haar von
Blut berstrmt, den Rcken wider einen Stamm gelehnt.  Der Rock war
zerrissen und das rechte Bein schien auch verwundet.  Ob er lebe,
konnte sie nicht unterscheiden.  Sie lud ihn auf ihre beiden Arme, da
empfand sie, da er sich noch regte.  Der Mantel, den er ber den
Schultern dicht gefaltet trug, schien die Gewalt des Falles gebrochen
zu haben.  "Gelobt sei Jesus!" sagte sie aufatmend.  Es war, als
wchsen ihr Riesenkrfte, wie sie, den hlflosen Mann an ihrer Brust,
die Steile wieder hinaufzuklimmen begann.  Es dauerte lange, viermal
legte sie ihn nieder zwischen Moos und Felsen, noch immer schlief das
Leben in ihm.

Als sie endlich auf der Hhe war mit ihrer unseligen Last, brach sie
selber in die Kniee und lag einen Moment in vlliger Vergessenheit und
Ohnmacht.  Dann stand sie auf und entfernte sich nach der Richtung, in
der die Htte des Hirten lag.  Als sie hinlnglich nahe war, lie sie
einen gellenden Ruf ber die Weite des Tals erschallen.  Das Echo
antwortete zuerst, bald eine Menschenstimme.  Sie rief zum zweiten Mal
und wandte sich dann, ohne die Antwort abzuwarten.  Als sie wieder bei
dem leblosen Mann anlangte, sthnte sie heftig auf und trug ihn dann
in den Schatten des Felsens, wo sie selbst vorher gesessen und ihn
erwartet hatte.

Dort fand er sich noch, als ihm das Bewutsein schwach zurckkehrte
und er die Augen zuerst wieder aufschlug.  Er sah zwei Hirten neben
sich, einen Alten und einen Burschen von siebzehn Jahren.  Sie
sprengten ihm Wasser ins Gesicht und rieben ihm die Schlfe.  Sein
Kopf ruhte weich, er wute nicht, da er auf dem Scho des Mdchens
lag.

Er schien sie berhaupt ganz vergessen zu haben.  Er tat einen Atemzug,
der ihn bis in die Fuspitzen erschtterte und schlo dann wieder die
Augen.  Endlich bat er mit stockender Stimme: "Einer von euch, brave
Leute, mge hinuntergehen--rasch, nach Pistoja.  Man wartet auf mich.
Gottes Barmherzigkeit lohne es dem, der dem Wirt zur Fortuna sagt--wie
es um mich steht.  Ich heie--" da schwanden ihm wieder Stimme und
Bewutsein.

"Ich werde gehen", sagte das Mdchen, "ihr tragt den Herrn indessen
nach Treppi und legt ihn in das Bett, das die Nina euch zeigen wird.
Sie soll die Chiaruccia rufen, die Alte, und den Herrn von ihr heilen
und verbinden lassen.  Hebt ihn auf, du an den Schultern, Tommaso, du,
Bippo, an den Beinen.  Wenn ihr bergan geht, mut du voran, Tommaso.
So, hebt ihn!  Sanft, sanft!  Und halt--das taucht ihr in Wasser und
legt es auf seine Stirn, und netzt es wieder an jeder Quelle.  Habt
ihr verstanden?"

Sie ri ein groes Stck von ihrem leinenen Kopftuch herunter, tauchte
es ein und wand es um die blutigen Haare Filippos.  Dann ward er
aufgehoben, die Mnner trugen ihn nach Treppi zu, und das Mdchen,
nachdem es ihnen mit vllig erloschenen Blicken nachgesehen, schrzte
sich hastig und stieg auf rauhen Pfaden das Gebirg hinab.

Es war gegen drei Uhr nachmittags, als sie Pistoja erreichte.  Die
Schenke zur Fortuna lag einige hundert Schritte vor der Stadt und zu
dieser Stunde der Siesta war wenig Leben in ihr.  Im Schatten des
weiten Vordachs standen ausgeschirrte Wagen, die Fuhrleute schliefen
auf den Polstern, in der groen Schmiede gegenber ruhte die Arbeit
und durch die dickbestaubten Bume lngs der Landstrae rhrte sich
kein Luftzug.  Fenice trat an den Brunnen vor dem Hause, dessen Strahl,
allein geschftig, in den groen Steintrog niederrauschte, und
erfrischte sich Hnde und Gesicht.  Dann trank sie langsam und lange,
um Durst und Hunger zugleich zu stillen, und trat in die Schenke.

Der Wirt erhob sich schlfrig von der Bank in der Schenkstube und
legte sich wieder hin, als er sah, da es ein Mdchen von den Bergen
war, die seine Ruhe strte.

"Was willst du?" fuhr er sie an.  "Wenn du zu essen haben willst oder
Wein, geh in die Kche."

"Ihr seid der Wirt?" fragte sie ruhig.

"Wer anders als ich?  Man kennt mich, sollt' ich denken, Baldassare
Tizzi von der Fortuna.  Was bringst du mir, schne Tochter?"

"Eine Botschaft vom Signor Avvocato Filippo Mannini."

"Eh, eh, ist's das?  Ja, das ist freilich was anders", und er stand
eilig auf.  "Kommt er nicht selber, Kind?  Es sind Herren da, die ihn
erwarten."

"So bringt mich zu ihnen."

"Ei ei, die Heimliche! darf man nicht wissen, was er den Herren sagen
lt?"

"Nein."

"Nun nun, schon gut Kind, schon gut.  Es hat jeder seine eignen
Geheimnisse, dieser hbsche Trotzkopf da so gut wie der harte Schdel
des alten Baldassare.  Eh, eh, er kommt also nicht; das wird den
Herren sehr unangenehm sein; sie scheinen wichtige Geschfte mit ihm
zu haben."

Er schwieg und sah das Mdchen blinzelnd von der Seite an.  Als sie
aber nicht Miene machte, ihn weiter ins Vertrauen zu ziehn, sondern
die Tr ffnete, stlpte er den Strohhut auf und ging kopfschttelnd
mit ihr.

Ein kleiner Weingarten lag hinter dem Hofe, den durchschritten sie,
der Alte in fortwhrenden Fragen und Ausrufungen, auf die das Mdchen
keine Silbe erwiderte.  Am Ende des mittelsten Laubenganges lag ein
unscheinbares Gartenhaus, die Lden waren verschlossen und innen
hinter der Glastr hing ein dichter Vorhang herab.  Einige Schritte
vor diesem Pavillon hie der Wirt Fenice stehenbleiben und ging allein
nach der Tr, die auf sein Klopfen geffnet wurde.  Fenice sah, wie
der Vorhang dann zurckgeschoben wurde und ein Paar Augen nach ihr
heraussahen.  Dann kam der Alte wieder zu ihr und sagte, da die
Herren sie sprechen wollten.

Als Fenice in den Pavillon trat, erhob sich ein Mann, der am Tisch mit
dem Rcken nach der Tr gesessen hatte, und richtete einen
durchdringenden kurzen Blick auf sie.  Zwei andere blieben auf den
Sthlen sitzen.  Auf dem Tische sah sie Weinflaschen und Glser.

"Der Signor Avvocato kommt nicht, wie er versprochen?"--sagte der Mann,
vor dem sie stand.  "Wer bist du und was hast du zur Beglaubigung
deiner Botschaft?"

"Eine Jungfrau aus Treppi bin ich, Fenice Cattaneo, Herr.
Beglaubigung?  Ich habe keine, als da ich die Wahrheit sage."

"Warum kommt der Signor Avvocato nicht?  Wir dachten, er sei ein
Ehrenmann."

"Er ist es nicht minder, weil er einen Sturz vom Felsen getan und sich
Stirn und Bein verwundet hat, da er das Bewutsein verloren."

Der Frager wechselte Blicke mit den andern Mnnern und sagte dann
wieder:

"Du sagst allerdings die Wahrheit, Fenice Cattaneo, weil du schlecht
zu lgen verstehst.  Wenn er das Bewutsein verlor, wie kann er dich
hieherschicken, es uns ansagen zu lassen?"

"Die Sprache kam ihm wieder auf Augenblicke.  Da sagte er, da er in
der Fortuna erwartet werde; man solle es dort zu wissen tun, was ihm
begegnet."

Ein trocknes Lachen ward von einem der andern Mnner hrbar.  "Du
siehst", sagte der Sprecher, "auch diese Herren hier glauben nicht
sonderlich an dein Mrchen.  Es ist freilich bequemer, den Poeten zu
machen als den Ehrenmann."

"Wenn das heien soll, Signor, da Signor Filippo aus Feigheit nicht
hergekommen ist, so ist dies eine abscheuliche Lge, die Euch der
Himmel anrechnen mge", sagte sie fest und sah alle drei nach der
Reihe an.

"Du wirst warm, Kleine", hhnte der Mann.  "Du bist wohl die gute
Freundin des Herrn Avvocato, he?"

"Nein, die Madonna wei es!" sagte sie mit ihrer tiefsten Stimme.  Die
Mnner flsterten untereinander und sie hrte, wie einer sagte: "Das
Nest ist noch toskanisch."--"Ihr glaubt doch nicht im Ernst an diese
Schliche?" fiel ihm der dritte ein.  "Der liegt sowenig in Treppi,
wie--"

"Kommt und seht ihn selbst!" unterbrach Fenice das Geflster.  "Aber
Waffen drft ihr nicht tragen, wenn ich euch fhren soll."

"Nrrchen", sagte der erste Sprecher, "meinst du, da wir einer so
schmucken Kreatur, wie du bist, ans Leben wollen?"

"Nein, aber ihm; ich wei es."

"Hast du sonst noch etwas dir auszubedingen, Fenice Cattaneo?"

"Ja, da ein Wundarzt mitgehe.  Ist er schon unter euch, Signori?"

Sie erhielt keine Antwort.  Statt dessen steckten die drei Mnner die
Kpfe zusammen.  "Als wir kamen, sah ich ihn zufllig vorn im Hause;
hoffentlich ist er noch nicht nach der Stadt zurck", sagte der eine
und verlie dann den Pavillon.  Er kam nach kurzer Zeit mit einem
vierten wieder, der die Gesellschaft nicht zu kennen schien.

"Ihr erweist uns wohl die Geflligkeit, mit uns nach Treppi
hinaufzugehen?" redete ihn der Sprecher an.  "Man wird Euch inzwischen
unterrichtet haben, um was es sich handelt."

Der andere verneigte sich schweigend, und alle verlieen den Pavillon.
Als sie an der Kche vorbeigingen, lie sich Fenice ein Brot geben
und nahm einige Bissen davon.  Dann ging sie wieder der Gesellschaft
voran und schlug den Weg in die Berge ein.  Sie gab unterwegs nicht
acht auf ihre Begleiter, die eifrig miteinander redeten, sondern eilte,
soviel sie konnte, und mute zuweilen angerufen werden, damit man sie
nicht aus den Augen verlor.  Dann stand sie und wartete, und sah in
hoffnungslosem Brten ins Leere hinaus, die Hand fest ans Herz gepret.
So ward es Abend, bis sie die Hhen erreichten.

Das Dorf Treppi sah nicht lebendiger aus, als gewhnlich.  Nur einige
Kindergesichter fuhren neugierig an die offnen Fenster, und einige
Weiber traten unter die Tren, als Fenice mit ihrer Begleitung
vorberging.  Sie sprach mit niemand, sondern nherte sich, den
Nachbarn ihren Gru mit kurzem Hndewinken erwidernd, ihrem Hause.
Hier stand eine Gruppe von Mnnern im Gesprch vor der Tr, Knechte
waren mit bepackten Pferden beschftigt, und Contrabbandieri gingen ab
und zu.  Als man die Fremden kommen sah, wurde es still unter den
Leuten.  Sie traten beiseit und lieen die Gesellschaft vorber.
Fenice wechselte einige Worte mit Nina in dem groen Gemach und
ffnete dann die Tr ihrer Kammer.

Man sah drin in der Dmmerung den Verwundeten auf dem Bett
ausgestreckt, neben ihm auf der Erde hockend ein uraltes Weib aus
Treppi.

"Wie steht's, Chiaruccia?" fragte Fenice.

"Nicht schlecht, die Madonna sei gepriesen!" antwortete die Alte und
musterte mit raschen Blicken die Herren, die hinter dem Mdchen
eintraten.

Filippo fuhr aus einem Halbschlaf auf und sein blasses Gesicht glhte
pltzlich.  "Du bist's!" sagte er.

"Ja, ich bringe den Herrn, mit dem Ihr den Kampf vorhattet, damit er
selbst sehe, da Ihr nicht kommen konntet.  Und da ist auch ein
Wundarzt."

Das matte Auge des Liegenden glitt langsam ber die vier fremden
Gesichter.  "Er ist nicht darunter", sagte er.  "Ich kenne keinen von
diesen Herren."

Als er das gesprochen und schon wieder das Auge schlieen wollte, trat
der Sprecher unter den dreien vor und sagte: "Es gengt, da man Euch
kennt, Signor Filippo Mannini.  Wir hatten Befehl, Euch zu erwarten
und zu verhaften.  Es sind Briefe von Euch aufgefangen, aus denen
hervorgeht, da Ihr nicht allein um das Duell auszumachen Toskana
wieder betreten habt, sondern um gewisse Verbindungen wieder
anzuknpfen, die Eurer Partei in Bologna Vorschub leisten sollen.  Ihr
seht den Kommissr der Polizei vor Euch und hier meine Instruktion."

Er zog ein Blatt aus der Tasche und hielt es Filippo vors Gesicht.
Der aber starrte darauf, als habe er von allem nichts verstanden, und
fiel wieder in seine schlafhnliche Betubung zurck.

"Untersucht die Wunden, Herr Dottore", wandte sich nun der Kommissr
an den Arzt.  "Wenn der Zustand es irgend erlaubt, mssen wir diesen
Herrn unverzglich hinunterschaffen.  Ich habe drauen Pferde gesehn.
Wir tun zwei gesetzliche Taten auf einmal, wenn wir uns derselben
bemchtigen, denn sie sind mit Schleichwaren beladen.  Es ist gut, da
man wei, welches Volk dies Treppi besucht, wenn man es einmal wissen
will."

Whrend er dies sagte und der Arzt sich Filippo nherte, war Fenice
aus der Kammer verschwunden.  Die alte Chiaruccia blieb ruhig sitzen
und murmelte vor sich hin.  Man hrte Stimmen drauen und eine
seltsame Unruhe von Kommenden und Gehenden, und zu dem Mauerloch sahen
Gesichter herein, die rasch wieder verschwanden.--"Es ist mglich",
sagte jetzt der Wundarzt, "da wir ihn hinunterschaffen, wenn er fest
und doppelt verbunden ist.  Schneller wrde er freilich wieder
aufkommen, liee man ihn hier in der Ruhe, und in der Pflege dieser
alten Hexe, deren Wundkruter den besten gelernten Arzt zuschanden
machen.  Es kann das Wundfieber unterwegs ihm ans Leben treten, und
eine Verantwortung bernehme ich keinesfalls, Signor Commissario."

"Unntig, unntig", erwiderte der andere.  "Wie man ihn los wird, kann
nicht in Betracht kommen.  Legt ihm Euern Verband an, so fest Ihr
vermgt, damit nichts versumt werde, und dann vorwrts.  Wir haben
Mondschein und nehmen einen Burschen mit.  Geht indessen hinaus, Molza,
und versichert Euch der Pferde."

Der eine der Sbirren*, dem dieser Befehl galt, ffnete rasch die
Kammertr und wollte hinaus, als ein unerwarteter Anblick ihn
versteinerte.  Das Gemach nebenan war mit einer Schar von Dorfleuten
besetzt, an deren Spitze zwei Contrabbandieri standen.  Fenice hatte
noch mit ihnen gesprochen, als die Tr sich ffnete.  Nun trat sie an
die Schwelle der Kammer und sagte mit groem Nachdruck:

{ed. * Scherge, Hscher}

"Ihr verlat diese Kammer unverzglich, Signori, und ohne den
Verwundeten, oder ihr seht Pistoja nicht wieder.  In diesem Hause ist
noch kein Blut geflossen, solange Fenice Cattaneo seine Herrin ist,
und die Madonna verhte solchen Greuel in alle Zukunft.  Versucht auch
nicht wiederzukommen, etwa mit mehreren.  Ihr habt die Stelle noch im
Sinn, wo man einzeln die Felstreppe zwischen den Wnden hinaufklimmt.
Ein Kind kann diesen Pa verteidigen, wenn es die Steine den Abhang
herabrollt, die droben wie gest liegen.  Wir werden dort eine Wache
stellen, bis dieser Herr in Sicherheit ist.  Nun geht und rhmt euch
der Heldentat, da ihr ein Mdchen betrogen habt und einen verwundeten
Mann ermorden wolltet."

Die Gesichter der Sbirren entfrbten sich mehr und mehr und es
entstand eine Pause nach den letzten Worten.  Dann zogen alle drei wie
auf Kommando bisher verborgene Pistolen aus der Tasche, und der
Kommissr sagte kaltbltig: "Wir kommen im Namen des Gesetzes.  Wenn
ihr selbst es nicht respektiert, wollt ihr auch noch andere hindern,
es zu vollziehn?  Es kann sechsen von euch das Leben kosten, wenn ihr
uns zwingt, dem Gesetz mit Gewalt Achtung zu verschaffen."

Ein Murren durchlief die Schar der andern.  "Still, Freunde!" rief das
entschlossene Mdchen.  "Sie wagen es nicht.  Sie wissen, da jeder,
den sie erschieen, dem Mrder einen sechsfachen Tod einbringt.  Ihr
redet wie ein Tor", wandte sie sich wieder an den Kommissr.  "Die
Furcht, die auf euern Stirnen sitzt, redet wenigstens klger.  Tut,
was sie euch anrt.  Der Weg ist offen, Signori!"

Sie trat zurck und wies mit der Linken nach der Tr des Hauses.  Die
in der Kammer flsterten wenige Worte zusammen, dann schritten sie mit
leidlicher Haltung durch die aufgeregte Schar, die ihnen immer lautere
und lautere Verwnschungen mit auf den Weg gab.  Der Wundarzt war
unschlssig, ob er folgen drfe; aber auf einen gebieterischen Wink
des Mdchens schlo er sich seinen Begleitern eilfertig an.

Diese ganze Szene hatte der Kranke in der Kammer halb aufgerichtet mit
groen Augen mitangesehn.  Jetzt trat die Alte wieder zu ihm und
rckte ihm das Kissen.  "Still liegen, mein Sohn!" sagte sie.  "Es ist
keine Gefahr.  Schlafen, schlafen, armer Sohn! die alte Chiaruccia
wacht, und da Ihr sicher seid, dafr sorgt unsre Fenice, das
benedeite Kind!  Schlaft, schlaft!"

Sie summte ihn dann mit eintnigen Liedern ein wie ein Kind.  Er aber
nahm den Namen Fenice mit in seine Trume.

Filippo war zehn Tage droben im Gebirg und in der Pflege der Alten,
schlief viel in den Nchten und geno am Tage, vor der Tr sitzend,
die reine Luft und die Einsamkeit.  Sobald er wieder schreiben konnte,
schickte er einen Boten mit einem Brief nach Bologna und erhielt am
andern Tage Antwort, ob erwnscht oder unerwnscht, war auf seinem
blassen Gesicht nicht zu lesen.  Auer mit seiner Pflegerin und den
Kindern von Treppi sprach er mit niemand, und Fenice sah er nur des
Abends, wenn sie am Herde schaltete.  Denn sie verlie das Haus mit
Sonnenaufgang und blieb ber Tag im Gebirg.  Das war sonst anders
gewesen, wie er aus zuflligen uerungen entnahm.  Aber auch wenn sie
zu Hause war, fand sich nie eine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen.
Sie tat berhaupt, als merke sie seine Anwesenheit gar nicht, und
schien das Leben wie frher zu tragen.  Doch war ihr Gesicht wie
steinern geworden und ihre Augen wie erstorben.

Als Filippo eines Tages, von dem herrlichen Wetter gelockt, weiter als
sonst sich vom Hause entfernte und zum erstenmal wieder im Gefhl
neuer Kraft eine sanfte Hhe hinabstieg, erschrak er, als er um einen
Felsen bog und unerwartet Fenice im Moos neben einer Quelle sitzen sah.
Sie hatte Wocken und Spindel in Hnden und schien whrend des
Spinnens sehr in sich vertieft.  Bei Filippos Schritten sah sie auf,
sprach aber kein Wort, noch vernderte sich der Ausdruck ihres
Gesichts, und rasch erhob sie sich samt ihrem Gert.  Dann ging sie,
ohne auf seinen Ruf zu achten, davon und war ihm bald aus den Augen.

Am Morgen nach dieser Begegnung war er eben aufgestanden und seine
ersten Gedanken gingen wieder zu ihr, als die Tr seiner Kammer
geffnet wurde und das Mdchen ruhig zu ihm eintrat.  Sie blieb an der
Schwelle stehen und winkte ihm gebieterisch mit der Hand, als er vom
Fenster ihr nher eilen wollte.

"Ihr seid wieder geheilt", sagte sie kalt.  "Ich habe mit der Alten
gesprochen.  Sie meint, Ihr httet wieder die Kraft zu reisen, in
kleinen Tagereisen und zu Pferde.  Ihr werdet morgen frh Treppi
verlassen und nie dahin zurckkehren.  Dies Versprechen fordre ich von
Euch."

"Ich verspreche es, Fenice, unter einer Bedingung."

Sie schwieg.

"Da du mit mir gehst, Fenice!" sprach er in groer, unverhaltener
Bewegung.

Ein dunkler Zorn berflog ihre Brauen.  Doch hielt sie an sich und
sagte, den Trgriff fassend: "Womit habe ich Spott verdient?  Ihr
verspreche es ohne Bedingung, von Eurer Ehre erwarte ich's, Signor."

"Willst du mich so verstoen, nachdem du mir den Liebestrank bis ins
innerste Mark geflt und mich fr immer dir zu eigen gemacht hast,
Fenice?"

Sie schttelte ruhig das Haupt.  "Es ist hinfort kein Zauber mehr
zwischen uns", sagte sie dumpf.  "Ihr habt Blut verloren, ehe der
Trank gewirkt hatte, der Bann ist gelst.  Und es ist gut so, denn ich
habe unrecht getan.  Lat uns nicht mehr davon reden und sagt nur, da
Ihr gehen werdet.  Ein Pferd wird bereit sein und ein Fhrer, wohin
Ihr wollt."

"Wenn es denn dieser Zauber nicht mehr sein kann, der mich an dich
bindet, so mu es wohl ein anderer sein, fr den du nicht kannst,
Mdchen.  So wahr mir Gott gnade--"

"Still!" unterbrach sie ihn und schrzte finster die Lippe.  "Ich bin
taub fr solche Worte, wie Ihr sie sagen wollt.  Wenn Ihr meint, mir
etwas schuldig zu sein, und Euch mein erbarmen mchtet--so geht, und
die Rechnung ist damit ausgeglichen.  Ihr sollt nicht denken, da
dieser mein armer Kopf nichts lernen kann.  Ich wei jetzt, da man
einen Menschen nicht erkaufen kann, sowenig mit armseligen Diensten,
die sich von selbst verstehen, als mit sieben Jahren des Wartens--die
sich auch von selbst verstehen vor Gott.  Ihr sollt nicht denken, da
Ihr mich elend gemacht habt Ihr habt mich geheilt!  Geht! und nehmt
meinen Dank mit Euch!"

"Antworte mir vor Gott!" rief er auer sich und trat ihr nher, "habe
ich dich auch geheilt von deiner Liebe?"

"Nein", sagte sie fest.  "Was fragt Ihr danach?  Sie ist mein, Ihr
habt kein Recht und keine Macht ber sie.  Geht!"

Damit trat sie zurck und ber die Schwelle.  Im nchsten Augenblick
lag er hingestrzt auf den Steinen zu ihren Fen und umfate ihre
Kniee.

"Wenn es wahr ist, was du sagst", rief er im hchsten Schmerz, "so
rette mich, so nimm mich an, nimm mich auf zu dir, oder dieser Kopf,
den ein Wunder in seinen Fugen erhalten hat, wird in Scherben gehen
samt diesem Herzen, das du verstoen willst.  Meine Welt ist leer,
mein Leben eine Beute des Hasses, meine alte und meine neue Heimat
verbannt mich, was soll ich noch leben, wenn ich auch dich verlieren
mu!"

Da sah er auf zu ihr und sah aus den geschlossenen Augen helle Strme
brechen.  Noch war ihr Antlitz regungslos, dann atmete sie tief auf,
ihre Augen ffneten sich, ihre Lippen bewegten sich, noch ohne Worte;
das Leben blhte wie auf einen Schlag in ihr auf.  Sie beugte sich
herab zu ihm, ihre krftigen Arme hoben ihn auf--"du bist mein!" sagte
sie bebend.  "So will ich dein sein!"-Als die Sonne des andern Tages
aufging, sah sie das Paar auf dem Wege nach Genua, wohin Filippo vor
den Nachstellungen seiner Feinde sich zurckzuziehen beschlossen hatte.
Der hohe blasse Mann ritt auf einem sicheren Pferde, das seine Braut
am Zgel fhrte.  Zu beiden Seiten zogen sich Hhen und Grnde des
schnen Apennin in der Klarheit des Herbstes, die Adler kreisten ber
den Schluchten und fern blitzte das Meer.  Und still und leuchtend wie
dort das Meer, lag vor den Wanderern die Zukunft.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Das Mdchen von Treppi, von Paul
Heyse.





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*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

