The Project Gutenberg EBook of Andrea Delfin, by Paul Heyse

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Title: Andrea Delfin

Author: Paul Heyse

Posting Date: September 22, 2014 [EBook #9059]
Release Date: October, 2005
First Posted: September 1, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANDREA DELFIN ***




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Andrea Delfin

Eine venezianische Novelle

Paul Heyse






In jener Gasse Venedigs, die den freundlichen Namen "Bella Cortesia"
trgt, stand um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein einfaches,
einstckiges Brgerhaus, ber dessen niedrigem Portal, von zwei
gewundenen hlzernen Sulen und barockem Gesims eingerahmt, ein
Madonnenbild in der Nische thronte und ein ewiges Lmpchen bescheiden
hinter rotem Glas hervorschimmerte.  Trat man in den unteren Flur, so
stand man am Fue einer breiten, steilen Treppe, die ohne Windung zu
den oberen Zimmern hinauffhrte.  Auch hier brannte Tag und Nacht eine
Lampe, die an blanken Kettchen von der Decke herabhing, da in das
Innere nur Tageslicht eindrang, wenn einmal die Haustr geffnet
wurde. Aber trotz dieser ewigen Dmmerung war die Treppe der
Lieblingsaufenthalt von Frau Giovanna Danieli, der Besitzerin des
Hauses, die seit dem Tode ihres Mannes mit ihrer einzigen Tochter
Marietta das ererbte Huschen bewohnte und einige berflssige Zimmer
an ruhige Leute vermietete.  Sie behauptete, die Trnen, die sie um
ihren lieben Mann geweint, htten ihre Augen zu sehr geschwcht, um
das Sonnenlicht noch zu vertragen.  Die Nachbarn aber sagten ihr nach,
da sie nur darum von Morgen bis Abend auf dem oberen Treppenabsatz
ihr Wesen treibe, um mit jedem, der aus- und einginge, anzubinden und
ihn nicht vorberzulassen, eher er ihrer Neugier und Gesprchigkeit
den Zoll entrichtet habe.  Um die Zeit, wo wir sie kennen lernen,
konnte dieser Grund sie schwerlich bewegen, den harten Sitz auf der
Treppenstufe einem bequemen Sessel vorzuziehen.  Es war im August des
Jahres 1762. Schon seit einem halben Jahr standen die Zimmer, die sie
vermietete, leer, und mit ihren Nachbarn verkehrte sie wenig.  Dazu
ging es schon auf die Nacht, und ein Besuch um diese Zeit war ganz
ungewhnlich.  Dennoch sa die kleine Frau beharrlich auf ihrem Posten
und sah nachdenklich in den leeren Flur hinab.  Sie hatte ihr Kind zu
Bett geschickt und ein paar Krbisse neben sich gelegt, um sie noch
vor Schlafengehen auszukernen.  Aber allerlei Gedanken und
Betrachtungen waren ihr dazwischen gekommen.  Ihre Hnde ruhten im
Scho, ihr Kopf lehnte am Gelnder, es war nicht das erste Mal, da
sie in dieser Stellung eingeschlafen war.

Sie war auch heute nahe daran, als drei langsame, aber nachdrckliche
Schlge an die Haustr sie pltzlich aufschreckten.  Misericordia!
sagte die Frau, indem sie aufstand, aber unbewegliche stehen blieb,
was ist das?  Hab' ich getrumt?  Kann er es wirklich sein?

Sie horchte.  Die Schlge mit dem Klopfer wiederholten sich.  Nein,
sagte sie, Orso ist es nicht.  Das klang anders.  Auch die Sbirren
sind es nicht.  La sehen, was der Himmel schickt.--Damit stieg sie
schwerfllig hinunter und fragte durch die Tr, wer Einla begehre.

Eine Stimme antwortete: es stehe ein Fremder drauen, der hier eine
Wohnung suche.  Das Haus sei ihm gut empfohlen; er hoffe, lange zu
bleiben und die Wirtin wohl zufrieden zu stellen.  Das alles wurde
hflich und in gutem Venezianisch vorgetragen, so da Frau Giovanna,
trotz der spten Zeit, sich nicht bedachte, die Tr zu ffnen.  Der
Anblick ihres Gastes rechtfertigte ihr Vertrauen.  Er trug, soviel sie
in der Dmmerung sehen konnte, die anstndige schwarze Kleidung des
niederen Brgerstandes, einen ledernen Mantelsack unter dem Arm, den
Hut bescheiden in der Hand.  Nur sein Gesicht befremdete die Frau.  Es
war nicht jung, nicht alt, der Bart noch dunkelbraun, die Stirn
faltenlos, die Augen feurig, dagegen der Ausdruck des Mundes und die
Art zu sprechen mde und berlebt, und das kurzgeschorene Haar in
seltsamem Gegensatz zu den noch jugendlichen Zgen vllig ergraut.

Gute Frau, sagte er, ich habe Euch schon im Schlafe gestrt, und sogar
vielleicht vergebens.  Denn, um es gleich zu sagen: wenn Ihr kein
Zimmer habt, das auf einen Kanal hinausgeht, bin ich nicht Euer Mieter.
Ich komme von Brescia, mein Arzt hat mir die feuchte Luft Venedigs
empfohlen fr meine schwache Brust; ich soll berm Wasser wohnen.

Nun Gott sei Dank! sagte die Witwe, so kommt doch einmal einer, der
unserem Kanal Ehre antut.  Ich hatte einen Spanier vorigen Sommer, der
auszog, weil er sagte, das Wasser habe einen Geruch, als wren Ratten
und Melonen darin gekocht worden!  Und Euch ist es empfohlen worden?
Wir sagen wohl hier in Venedig:

Wasser vom Kanal.  Kuriert radikal.

Aber es hat einen eigenen Sinn, Herr, einen bsen Sinn, wenn man
bedenkt, wie manches Mal auf Befehl der Oberen eine Gondel mit Dreien
auf die Lagunen hinausfuhr und mit Zweien wiederkam.  Davon nichts
mehr, Herr--Gott beht' uns alle!  Aber habt Ihr Euren Pa in Ordnung?
Ich knnt' Euch sonst nicht aufnehmen.

Ich hab' ihn schon drei Mal prsentiert, gute Frau, in Mestre, bei der
Wachtgondel drauen und am Traghetto.  Mein Name ist Andrea Delfin,
mein Stand rechtskundiger Schreiber bei den Notaren, als welcher ich
in Brescia fungiert habe.  Ich bin ein ruhiger Mensch und habe nie mit
der Polizei gern zu schaffen gehabt.

Um so besser, sagte die Frau, indem sie jetzt ihrem Gaste voran die
Treppe wieder hinaufstieg. Besser bewahrt als beklagt, ein Aug' auf
die Katze, das andere auf die Pfanne, und es ist ntzlicher, Furcht zu
haben als Schaden.  O, ber die Zeiten, in denen wir leben, Herr
Andrea!  Man soll nicht drber nachdenken.  Denken verkrzt das Leben,
aber Kummer schliet das Herz auf.  Da seht, und sie ffnete ein
groes Zimmer, ist es nicht hbsch hier, nicht wohnlich?  Dort das
Bett, mit meinen eigenen Hnden hab' ich's genht, als ich jung war,
aber am Morgen kennt man nicht den Tag.  Und da ist das Fenster nach
dem Kanal, der nicht breit ist, wie Ihr seht, aber desto tiefer, und
das andere Fenster dort nach der kleinen Gasse, das Ihr zuhalten mt,
denn die Fledermuse werden immer dreister.  Seht da berm Kanal, fast
mit der Hand abzureichen, der Palast der Grfin Amidei, die blond ist
wie das Gold und durch ebensoviel Hnde geht.  Aber hier steh' ich und
schwatze, und Ihr habt noch weder Licht noch Wasser und werdet hungrig
sein.

Der Fremde hatte gleich beim Eintreten das Zimmer mit raschem Blick
gemustert, war von Fenster zu Fenster gegangen und warf jetzt seinen
Mantelsack auf einen Sessel.  Es ist alles in der besten Ordnung,
sagte er.  ber den Preis werden wir uns wohl einigen.  Bringt mir
nur einen Bissen und, wenn Ihr ihn habt, einen Tropfen Wein.  Dann
will ich schlafen.

Es war etwas seltsam Gebieterisches in seiner Gebrde, so milde der
Ton seiner Worte klang.  Eilig gehorchte die Frau und lie ihn auf
kurze Zeit allein.  Nun trat er sofort wieder ans Fenster, bog sich
hinaus und sah den sehr engen Kanal hinab, der durch kein Zittern
seiner schwarzen Flut verriet, da er teilhabe an dem Leben des groen
Meeres, dem Wellenschlag der alten Adria.  Der Palast gegenber stieg
in schwerer Masse vor ihm auf, alle Fenster waren dunkel, da die
Vorderseite nicht dem Kanal zugekehrt war; nur eine schmale Tr
ffnete sich unten, dicht ber dem Wasserspiegel, und eine schwarze
Gondel lag angekettet vor der Schwelle.

Das alles schien den Wnschen des neuen Ankmmlings durchaus zu
entsprechen, nicht minder auch, da man ihm durch das andere Fenster,
das nach der Sackgasse ging, nicht ins Zimmer sehen konnte.  Denn
drben lief eine fensterlose Wand ohne andere Unterbrechung als einige
Vorsprnge, Risse und Kellerlcher hin, und nur den Katzen, Mardern
und Nachtvgeln konnte dieser dstere Winkel angenehm und wohnlich
erscheinen.

Ein Lichtstrahl aus dem Flur drang ins Gemach, die Tr ffnete sich,
und mit der Kerze in der Hand trat die kleine Witwe wieder ein, hinter
ihr die Tochter, die in der Eile noch einmal hatte aufstehen mssen,
um beim Empfang des Gastes zu helfen.  Die Gestalt des Mdchens war
fast noch kleiner als die der Mutter, erschien aber doch durch die
hchste Zierlichkeit und kaum gereifte Schlankheit aller Formen grer
und wie auf den Fuspitzen schwebend, whrend man auch im Gesicht
dieselbe hnlichkeit und denselben Unterschied, der auf Rechnung der
Jahre kam, auf den ersten Blick erkannte.  Nur der Ausdruck in beiden
Gesichtern schien niemals einander hnlich werden zu knnen.  Es war
zwischen den dichten Brauen der Frau Giovanna ein Zug von Spannung und
kummervollem Harren, der auch mit den Erfahrungen des Alters auf
Mariettas klarer Stirn nie dauernd eine Sttte finden konnte.  Diese
Augen muten immer lachen, dieser Mund immer ein wenig geffnet sein,
um jeden Scherz unverzglich hinauszulassen.  Es war unendlich drollig
zu sehen, wie jetzt in diesem Gesichtchen Verschlagenheit,
berraschung, Neugier und Mutwille miteinander kmpften.  Sie bog beim
Eintreten den Kopf, dessen lose Flechten mit einem schmalen Tuch
umwunden waren, seitwrts, um den neuen Hausgenossen zu sehen.  Auch
seine ernste Miene und sein graues Haar stimmten ihre Munterkeit nicht
herab.  Mutter, flsterte sie, indem sie einen groen Teller mit
Schinken, Brot und frischen Feigen und eine halbvolle Flasche Wein auf
den Tisch stellte, er hat ein kurioses Gesicht, wie ein neues Haus im
Winter, wenn der Schnee aufs Dach gefallen ist.

Schweig, du schlimme Hexe! sagte die Mutter rasch.  Weie Haare sind
falsche Zeugen.  Er ist krank, mut du wissen, und du solltest Respekt
haben, denn Krankheiten kommen zu Pferde und gehen zu Fu, und Gott
behte dich und mich, denn die Kranken essen wenig, aber die Krankheit
frit alles.  Hole nur ein wenig Wasser, soviel wir noch haben.
Morgen mssen wir frh auf und neues kaufen.  Sieh, er sitzt da, als
ob er schliefe.  Er ist mde von der Reise, und du bist mde vom
Stillsitzen.  So ist die Welt verschieden.

Whrend dieser halblauten Reden hatte der Fremde am Fenster gesessen
und den Kopf in die Hand gesttzt.  Auch als er jetzt aufsah, schien
er die Gegenwart des zierlichen Mdchens, das ihm eine Verbeugung
machte, kaum zu bemerken.

Kommt und et etwas, Herr Andrea, sagte die Witwe.  Wer nicht zu Nacht
it, hungert im Traum.  Seht, die Feigen sind frisch, und der Schinken
zart, und dies ist Zyperwein, wie ihn der Doge nicht besser trinkt.
Sein Kellermeister hat ihn uns selbst verkauft, eine alte
Bekanntschaft noch von meinem Mann her.  Ihr seid gereist, Herr.  Ist
er Euch nicht einmal begegnet, mein Orso, Orso Danieli?

Gute Frau, sagte der Fremde, indem er einige Tropfen Wein ins Glas go
und eine der Feigen aufbrach, ich bin nie ber Brescia hinausgekommen
und kenne keinen dieses Namens.

Marietta verlie das Zimmer, und man hrte sie, whrend sie die Treppe
hinunterflog, ein Liedchen mit heller Stimme vor sich hin singen.

Hrt Ihr das Kind? fragte Frau Giovanna.  Man hielte sie nicht fr
meine Tochter, obwohl auch eine schwarze Henne ein weies Ei legt.
Immer singen und springen, als wren wir hier nicht in Venedig, wo es
gut ist, da die Fische stumm sind, weil sie sonst reden wrden, was
einem das Haar strubte.  Aber so war ihr Vater auch, Orso Danieli,
der erste Arbeiter auf Murano, wo sie die bunten Glser machen, wie
nirgend auf der Welt.  Ein frhlich Herz macht rote Wangen, das war
sein Spruch.  Und darum sagte er eines Tages zu mir, Giovannina, sagte
er, ich halt' es hier nicht aus, die Luft schnrt mir die Kehle zu,
gestern erst ist wieder einer erdrosselt und mit dem Fu an den Galgen
gehenkt worden, weil er freie Reden gefhrt hat gegen die Inquisitoren
und den Rat der Zehn.  Man wei, wo man geboren wird, aber nicht, wo
man stirbt, und mancher denkt auf dem Pferde zu sitzen und sitzt auf
der Erde.  Also, Giovannina, sagte er, ich will nach Frankreich, Kunst
bringt Gunst, und der Heller luft dem Batzen nach.  Meine Sache
verstehe ich, und wenn ich's drauen zu was gebracht habe, kommst du
nach mit unserem Kind.--Das war damals acht Jahre alt, Herr Andrea.
Es lachte, als es der Vater zuletzt kte; da lachte er auch.  Ich
aber weinte, da mute er wohl mitweinen, obwohl er ganz lustig wegfuhr
in der Gondel, ich hrt' ihn noch pfeifen, als er schon um die Ecke
war.  So ging es ein Jahr.  Und was geschah?  Die Signoria lie nach
ihm fragen; es drfe keiner von Murano sein Gewerk ins Ausland tragen,
damit sie es dort ihm nicht abshen; ich sollt' ihm schreiben, da er
wiederkme, bei Todesstrafe.  ber den Brief lachte er; aber den
Herren vom Tribunal war's nicht spahaft.  Eines Morgens, da wir noch
zu Bett waren, wurde ich abgeholt, das Kind mit mir, und
hinaufgeschleppt unter die Bleidcher, und mute ihm wieder schreiben,
wo ich wre, ich und unser Kind, und da ich da bleiben wrde, bis er
selber mich abforderte in Venedig.  Nicht lange, so hatte ich seine
Antwort, das Lachen sei ihm vergangen, er wandere dem Brief auf den
Fersen nach.  Nun, ich hoffte tglich, da er es wahrmachen werde.
Aber Wochen und Monde vergingen, und mir ward immer weher ums Herz und
krnker im Haupt, denn da droben ist die Hlle, Herr Andrea, nur da
ich das Kind hatte, das nichts von dem Jammer begriff, auer da es
schlecht a und ber Tag hei hatte; aber dennoch sang es, um mich
lustig zu machen, da mich's vollends angriff, die Trnen zu verhalten.
Erst im dritten Monat wurden wir herausgeholt, es hie, der
Glasblser Orso Danieli sei in Mailand am Fieber gestorben, und wir
knnten nach Hause gehen.  Ich habe es auch von anderen gehrt--aber
wer das glaubt, kennt die Signoria nicht.  Gestorben?  Stirbt man auch,
wenn man Frau und Kind unter den Bleidchern sitzen hat und sie
herausholen soll?

Und was meint Ihr, da aus Eurem Mann geworden sei? fragte der Fremde.

Sie sah mit einem Blick ihm ins Gesicht, der ihn daran gemahnte, da
die arme Frau lange Wochen unter den Bleidchern gelebt hatte.  Es ist
nicht richtig, sagte sie.  Mancher lebt und kommt doch nicht wieder,
und mancher ist tot und kommt doch wieder.  Aber davon wollen wir
schweigen.  Ja, wenn ich es Euch sagte, wer steht mir dafr, da Ihr
nicht hingeht und es vor dem Tribunal ausplaudert?  Ihr seht aus wie
ein Galantuomo; aber wer ist noch rechtschaffen heutzutage?  Von
tausend einer, von hundert keiner.  Nichts fr ungut, Herr Andrea,
aber Ihr wit wohl, wie es in Venedig heit:

Mit Lug und Listen kommt man aus,
Mit List und Lgen hlt man haus.


Es entstand eine Pause.  Der Fremde hatte lngst den Teller
weggeschoben und der Witwe gespannt zugehrt.

Ich verdenke es Euch nicht, sagte er, da Ihr mir Eure Geheimnisse
nicht anvertrauen wollt.  Sie gehen mich auch nichts an, und zu helfen
wt' ich Euch ohnedies nicht.  Aber wie kommt es, Frau, da Ihr
dieses Tribunal, unter dem Ihr so viel gelitten, dennoch Euch gefallen
lasset, Ihr und alles Volk in Venedig?  Denn ich wei zwar wenig, wie
es hier aussieht--ich habe mich nie in politische Fragen
vertieft--aber so viel habe ich doch gehrt, da erst im vorigen Jahr
hier ein Tumult war, um das heimliche Tribunal abzuschaffen, da einer
vom Adel selbst dagegen auftrat und der Groe Rat eine Kommission
whlte, die Sache zu bedenken, und alles in Bewegung geriet fr und
wider.  Ich hrte davon sogar in meiner Schreibstube zu Brescia.  Und
als endlich alles beim alten blieb und die Macht des heimlichen
Gerichts fester gegrndet stand als je, warum zndete da das Volk
Freudenfeuer an auf den Pltzen und verhhnte die vom Adel, die gegen
das Tribunal gestimmt hatten und nun seine Rache frchten muten?
Warum war niemand, der es hinderte, da die Inquisitoren ihren khnen
Feind nach Verona verbannten?  Und wer wei, ob sie ihn dort am Leben
lassen, oder ob die Dolche schon geschliffen sind, die ihn fr immer
stumm machen sollen?  Ich--wie gesagt--wei nur wenig hiervon; ich
kenne auch jenen Mann nicht, und es ist mir alles sehr gleichgltig,
was hier geschieht, denn ich bin krank und werde es in dieser bunten
Welt ohnehin nicht mehr lange treiben.  Aber es wundert mich doch,
dieses wankelmtige Volk zu sehen, das heute diese drei Mnner seine
Tyrannen nennt und morgen frohlockt, wenn die untergehen, welche der
Tyrannei ein Ende machen wollten.

Wie Ihr da redet, Herr! sagte die Witwe und schttelte den Kopf.  Ihr
habt ihn nie gesehen, den Herrn Avogadore Angelo Querini, den sie
verbannt haben, weil er der heimlichen Justiz den Krieg erklrte?  Nun
wohl, Herr, aber ich habe ihn gesehen und die anderen armen Leute, und
sie sagen alle, er sei ein rechtschaffener Herr und ein groer
Gelehrter, der Tag und Nacht die alten Geschichten von Venedig
studiert hat und die Gesetze kennt, wie der Fuchs den Taubenschlag.
Aber wer ihn ber die Strae gehen oder im Broglio mit seinen Freunden
stehen sah, so an die Sule gelehnt und die Augen halb zugedrckt, der
wute, da er ein Nobile war von der Feder am Hut bis zu den
Schuhschnallen, und was er gegen das Tribunal redete und handelte, war
nicht frs Volk, sondern fr die groen Herren.  Den Schafen aber ist
es gleich, Herr Delfin, ob sie geschlachtet oder vom Wolf gefressen
werden, und Rauft sich der Habicht mit dem Weih, Ist das Feld fr die
Hhner frei.

Seht, Lieber, darum war die Schadenfreude gro, als das Tribunal in
allen Rechten besttigt wurde und nach wie vor niemandem Rechenschaft
schulden sollte als am Jngsten Tage dem Herrgott und alle Tage dem
Gewissen.  Im Kanal Orfano, von Hunderten, die dort ihr letztes Ave
gebetet haben, liegen zehn von den kleinen Leuten neben neunzig von
den groen Herren.  Aber setzt den Fall, es wrden adlige Verbrecher
und brgerliche vom Groen Rat ffentlich gerichtet und
hingerichtet--Misericordia! wir htten achthundert Henker anstatt drei,
und der groe Dieb hngte den kleinen auf.

Er schien etwas erwidern zu wollen, aber mit einem kurzen Auflachen,
das die Wirtin fr Zustimmung nahm, hatte es sein Bewenden.  Indem
trat Marietta wieder herein, ein Gef mit Wasser tragend und ein
Rucherpfnnchen, auf dem ein scharfriechendes Kraut glimmte und ihr
seinen Dampf ins Gesicht trieb, da sie mit Husten, Schelten und
Augenreiben die drolligsten Gebrden machte.  Sie trug das Rucherwerk
mit kleinen Schritten dicht an den vier Wnden herum, die mit einer
Unzahl Fliegen und Mcken bedeckt waren.

Marschiert da weg, ihr Gesindel, sagte sie, ihr Blutsauger, schlimmer
als Advokaten und Doktoren!  Httet ihr auch Lust, Feigen zu Nacht zu
essen und Zyper zu naschen?  Da knntet ihr wohl lachen und hernach
zum Dank dem Herrn da, wenn er schlft, das Gesicht zerstechen, ihr
Meuchelmrder!  Wartet, ich will euch was eingeben, das euch ohne
Abendessen in Schlaf bringen soll.

Mut du immer schwatzen, du gottlose Kreatur? sagte die Mutter, die
allen Bewegungen ihres Lieblings mit strahlenden Blicken folgte.
Weit du nicht, da ein Fa, das klingt, leer ist, und wer viel
spricht, wenig sagt?--Mutter, sagte das Mdchen lachend, ich mu den
Mcken ein Schlaflied singen, und seht, wie es hilft! da fallen sie
schon von der Wand.  Gute Nacht, ihr Tagediebe, ihr schlechten
Gesellen, die ihr keine Miete bezahlt und doch in alle Tpfe guckt.
Wir sprechen uns morgen wieder, wenn ihr heute nicht genug bekommen
habt.

Sie schwenkte das erlschende Kraut noch einmal wie beschwrend berm
Haupte und schttete die Asche in den Kanal, dann verbeugte sie sich
rasch gegen den Fremden und lief wie der Wind hinaus.

Ist es nicht eine Hexe, ein hliches, unerzogenes Geschpf? sagte
Frau Giovanna, indem sie aufstand und sich ebenfalls zum Gehen
anschickte.  Und doch gefllt jeder ffin ihr ffchen.  Und brigens,
so klein sie ist und nichtsnutzig, so anstellig ist sie auch, und es
heit auch von ihr:

Bis die Groe sich nur bckt,
Hat die Kleine schon das Kraut gepflckt.


Wenn ich das Kind nicht htte, Herr Andrea!  Aber Ihr wollt schlafen,
und ich stehe noch hier und brodle wie die Suppe berm Feuer.  Schlaft
wohl und willkommen in Venedig!

Er erwiderte ihren Gru trocken und schien es nicht zu bemerken, da
sie offenbar noch ein lobendes Wort ber ihre Tochter von ihm
erwartete.  Als er endlich allein war, sa er noch eine Weile am Tisch,
und sein Gesicht wurde immer dsterer und schmerzlicher.  Das Licht
brannte mit langem Docht, die Fliegen, die Mariettas Hexenknsten
entgangen waren, belagerten in schwarzen Klumpen die berreifen Feigen,
drauen in dem Sackgchen flogen die Fledermuse ans Fenster und
stieen gegen das Gitter--der einsame Fremde schien fr alles um ihn
her erstorben, und nur die Augen lebten an ihm.

Erst als es elf schlug vom Turm einer nahen Kirche, richtete er sich
mechanisch auf und sah um sich.  An der Decke seines niedrigen Zimmers
zog in grauen Streifen der scharfe Dunst des Rucherkrautes hin und
der Dampf der Kerze gesellte sich zu der Wolke droben.  Andrea ffnete
das Fenster nach dem Kanal, um die Luft zu reinigen.  Da sah er
gegenber Licht in einem durch einen weien Vorhang nur halb
geschlossenen Fenster und konnte durch die Lcke deutlich ein Mdchen
beobachten, welches am Tisch vor einer Schssel sa und die Reste
einer groen Pastete hastig verzehrte, mit den Fingern die Bissen zum
Munde fhrend und dazu dann und wann aus einem Kristallflschchen
trinkend.  Das Gesicht hatte einen leichtsinnigen, aber eben nicht
herausfordernden Ausdruck, nicht mehr in erster Jugend.  In der
nachlssigen Kleidung und dem halbaufgelsten Haar lag etwas
Studiertes und Bewutes, was doch nicht ungefllig war.  Sie mute
lngst bemerkt haben, da das Zimmer gegenber einen neuen Bewohner
aufgenommen hatte; aber obwohl sie denselben jetzt am Fenster sah,
fuhr sie ruhig im Schmausen fort, und nur wenn sie trank, schwenkte
sie das Flschchen erst vor sich her, als wolle sie einen Mittrinker
begren.  Darauf stellte sie die leere Schssel beiseite, rckte den
Tisch mit der Lampe so gegen die Wand, da alles Licht auf einen
breiten Spiegel im Hintergrunde fiel, und begann nun einen Haufen
Maskenanzge, der auf einem Armsessel bunt bereinander lag, der Reihe
nach vor dem Spiegel anzuprobieren, so da der Fremde gegenber, dem
sie den Rcken dabei zudrehte, desto deutlicher ihr Abbild sehen mute.
Sie schien sich nicht wenig in ihren Verkleidungen zu gefallen.
Wenigstens nickte sie ihrem Bilde aufs freundlichste zu, lachte sich
an, da Zhne und Lippen schimmerten, runzelte die Brauen, um eine
tragische oder schmachtende Miene zu machen, und sah dabei heimlich
seitwrts nach dem Beobachter drben, den sie ebenfalls durch den
Spiegel im Auge behielt.  Als die dunkle Gestalt unbeweglich blieb und
die erhofften Zeichen des Beifalls auf sich warten lieen, wurde sie
ungehalten und bereitete einen Hauptschlag vor.  Sie band sich einen
groen roten Turban um die Schlfen, aus dem an blitzender Agraffe
eine Reiherfeder hervorsah.  Das Rot stand allerdings nicht bel zu
ihrer gelben Gesichtsfarbe, und sie machte sich selbst eine tiefe
Verbeugung der Anerkennung.  Als es aber drben auch jetzt noch still
blieb, ri ihr die Geduld, und sie trat, den Turban noch auf dem Kopf,
hastig an das Fenster, dessen Vorhang sie ganz zurckschob.

Guten Tag, Mons, sagte sie freundlich.  Ihr seid mein Nachbar
geworden, wie ich sehe.  Hoffentlich spielt Ihr nicht die Flte wie
Euer Vorgnger, der mich die halbe Nacht nicht schlafen lie.

Schne Nachbarin, sagte der Fremde, ich werde Euch mit keiner Art von
Musik lstig fallen.  Ich bin ein kranker Mensch, dem es lieb ist,
wenn man ihm selbst seinen Schlaf nicht strt.

So!--erwiderte das Mdchen mit gedehntem Ton.  Krank seid Ihr?  Aber
seid Ihr auch reich?

Nein!  Warum fragt Ihr?

Weil es ja schrecklich ist, krank und arm zugleich zu sein.  Wer seid
Ihr denn eigentlich?

Andrea Delfin ist mein Name.  Ich bin Gerichtsschreiber gewesen in
Brescia und suche hier einen stilleren Dienst bei einem Notar.

Die Antwort schien ihre Erwartungen von der neuen Bekanntschaft
vollends herabzustimmen.  Sie spielte nachdenklich mit einer goldenen
Kette, die sie um den Hals trug.

Und wer seid Ihr, schne Nachbarin? fragte Andrea mit einem zrtlichen
Ton, der dem eisernen Ausdruck seines Gesichtes vllig widersprach.
Euer holdes Bild so nahe zu haben, wird mir ein Trost sein in meinen
Leiden.

Sie fhlte sich offenbar befriedigt, da er in den Ton einlenkte, den
sie zu erwarten berechtigt war.

Fr Euch, sagte sie, bin ich die Prinzessin Smeraldina, die Euch
erlaubt, von fern nach ihrer Gunst zu schmachten.  Wenn Ihr mich
diesen Turban aufsetzen seht, so sei es Euch ein Zeichen, da ich
geneigt bin, mit Euch zu plaudern.  Denn ich langweile mich mehr, als
bei meiner Jugend und meinen Reizen zu ertragen ist.  Ihr mt wissen,
fuhr sie fort, indem sie pltzlich aus der Rolle fiel, da meine
Herrschaft, die Grfin, durchaus nicht erlaubt, da ich auch nur die
kleinste Liebschaft habe, obwohl sie selbst ihre Liebhaber fter
wechselt als ihre Hemden.  Sie sagt, da sie ihre Vertraute und
Kammerjungfer stets aus dem Dienst gejagt habe, sobald sie zweien
Herren habe dienen wollen, ihr und dem kleinen Gott mit den Flgeln.
Unter diesem Vorurteil mu ich nun seufzen, und fnd' ich nicht sonst
hier meine Rechnung, und wohnte nicht zuweilen drben in Eurem Zimmer
ein artiger Fremder, der sich ein wenig in mich verliebt...

Wer ist jetzt gerade der Liebhaber deiner Herrin? unterbrach sie
Andrea trocken.  Empfngt sie den hohen Adel Venedigs?  Gehen die
fremden Gesandten bei ihr aus und ein?

Sie kommen meist in der Maske, erwiderte Smeraldina.  Aber das wei
ich wohl, da der junge Gritti ihr der Liebste ist, mehr als jemals
ein anderer, solange ich in ihrem Dienste bin; ja mehr als der
sterreichische Gesandte, der ihr so den Hof macht, da es zum Lachen
ist.  Kennt Ihr meine Grfin auch?  Sie ist schn.

Ich bin fremd hier, Kind.  Ich kenne sie nicht.

Wit, sagte das Mdchen mit einem schlauen Gesicht, sie schminkt sich
stark, obwohl sie noch nicht dreiig ist.  Wenn Ihr sie einmal sehen
wollt, nichts leichter.  Man legt ein Brett von Eurem Fenster in
meines.  Ihr steigt herber, und ich fhre Euch an einen Ort, wo Ihr
sie ganz verstohlen betrachten knnt.  Was tut man nicht einem Nachbar
zuliebe!--Aber jetzt gute Nacht.  Ich werde gerufen.

Gute Nacht, Smeraldina!

Sie schlo das Fenster.  Arm--und krank, sagte sie fr sich, indem sie
den Vorhang dicht zusammenzog.  Je nun, fr die Langeweile immer noch
gut genug.

Auch er hatte das Fenster geschlossen und durchma nun sein Zimmer mit
langsamen Schritten.  Es ist gut, sagte er, es kommt mir gelegen.  Im
schlimmsten Falle kann ich auch davon Vorteil ziehen.

Seine Miene zeigte, da er an alles eher dachte als an Liebesabenteuer.

Nun packte er seinen Mantelsack aus, der nur wenig Wsche und ein paar
Gebetbcher enthielt, und legte alles in einen Schrank an der Wand.
Eines der Bcher fiel zu Boden, und die Steinplatte gab einen hohlen
Ton.  Sofort lschte er das Licht, verriegelte die Tr und fing an, in
der Dmmerung, die durch den fernen Schein von Smeraldinas Lmpchen
entstand, den Boden genauer zu untersuchen.  Nach einiger Arbeit
gelang es ihm, die Steinplatte, die sauber, aber ohne Mrtel eingefgt
war, herauszuheben, und er entdeckte darunter ein ziemlich gerumiges
Loch, handhoch und einen Schuh breit im Geviert.  Rasch warf er sein
Oberkleid ab und band sich einen schweren Grtel mit mehreren Taschen
ab, den er um den Leib trug.  Er hatte ihn schon in das Loch gelegt,
als er pltzlich innehielt.  Nein, sagte er, es knnte eine Falle sein.
Es ist nicht das erste Mal, da die Polizei in Mietwohnungen
dergleichen Verstecke hat, um hernach bei Haussuchungen zu wissen, wo
sie anzuklopfen hat.  Dies ist zu lockend eingerichtet, um ihm trauen
zu knnen.

Er senkte die Steinplatte wieder ein und suchte nach einem sicheren
Behlter fr seine Geheimnisse.  Das Fenster nach der Sackgasse war
mit einem Gitter versehen, dessen Stbe einen Arm durchgreifen lieen.
Er ffnete es, fate hindurch und tastete an der Auenwand herum.  Er
fand dicht unter dem Sims ein kleines Loch in der Mauer, das schon
einmal Fledermuse bewohnt zu haben schienen.  Von unten aus konnte es
nicht bemerkt werden, und oben sprang das Gesims darber vor.
Geruschlos erweiterte er mit seinem Dolch die ffnung, indem er
Mrtel und Steine herausbrach, und war bald so weit gediehen, da er
den breiten Grtel bequem darin unterbringen konnte.  Als er fertig
war, stand ihm der kalte Schwei auf der Stirn.  Er fhlte noch einmal
nach, ob auch nirgend ein Stck Riemen oder ein Schnalle hervorstehe,
und schlo dann das Fenster.  Eine Stunde spter lag er in Kleidern
auf dem Bett und schlief.  Die Mcken summten ber seiner Stirn, die
Nachtvgel drauen umschwirrten neugierig das Loch, worin sein Schatz
verborgen war.  Die Lippen des Schlfers aber waren zu fest
geschlossen, um selbst im Traum ein Wort von seinen Geheimnissen zu
verraten.

In derselben Nacht sa in Verona ein Mann bei seiner einsamen Lampe
und entfaltete, nachdem er Fensterlden und Tr sorgfltig
verschlossen hatte, einen Brief, der ihm heute in der Dmmerung, als
er in der Nhe des Amphitheaters sich erging, von einem bettelnden
Kapuziner heimlich zugesteckt worden war.  Der Brief trug keine
Aufschrift.  Aber auf die Frage, woher der berbringer wisse, da er
das Schreiben in die richtigen Hnde gebe, hatte der Mnch geantwortet:
jedes Kind in Verona kennt den edlen Angelo Querini wie seinen Vater.
Darauf war der Bote gegangen.  Der Verbannte aber, dessen Haft durch
die Achtung, die ihm in das Unglck folgte, gelockert worden war,
hatte den Brief trotz der Spher, die ihn beobachteten, unbemerkt in
seine Wohnung gebracht und las jetzt, whrend der Schritt der Wache
drauen am Hause drohend durch die Stille erklang, folgende Zeilen:

"An Angelo Querini.

"Ich kann nicht hoffen, da Ihr Euch der flchtigen Stunde erinnert,
in der ich Euch persnlich begegnet bin.  Viele Jahre liegen zwischen
damals und heute.  Ich war mit meinen Geschwistern in der lndlichen
Stille unserer Gter in Friaul aufgewachsen; erst als ich beide Eltern
verloren hatte, trennte ich mich von meiner Schwester und dem jngeren
Bruder.  Schon nach wenigen Tagen hatte mich der verfhrerische
Strudel Venedigs verschlungen.

"Da wurde ich eines Tages im Palast Morosini Euch vorgestellt.  Noch
fhle ich den Blick, mit dem Ihr uns junge Leute mustertet, einen nach
dem anderen.  Euer Auge sagte: und das ist das Geschlecht, auf dessen
Schultern die Zukunft Venedigs ruhen soll?--Man nannte Euch meinen
Namen.  Unvermerkt lenktet Ihr das Gesprch mit mir auf die groe
Vergangenheit des Staates, dem meine Ahnen ihre Dienste gewidmet
hatten.  Von der Gegenwart und den Diensten, die ich ihm schuldig
blieb, schwiegt Ihr schonend.

"Seit jenem Gesprch las ich Tag und Nacht in einem Buch, das ich
frher nie eines Blickes gewrdigt hatte, in der Geschichte meines
Vaterlandes.  Die Frucht dieses Studiums war, da ich, von Grauen und
Abscheu getrieben, die Stadt fr immer verlie, die einst Lnder und
Meere beherrscht hatte und nun die Sklavin einer klglichen Tyrannis
war, nach auen so ohnmchtig, wie unselig und gewaltttig nach innen.

"Ich kehrte zu meinen Geschwistern zurck.  Es gelang mir, meinen
Bruder zu warnen, ihm die Fulnis des Lebens aufzudecken, das von fern
sich so gleiend ansah.  Aber ich dachte nicht, da alles, was ich tat,
um ihn und uns zu retten, uns nur um so gewisser verderben sollte.

"Ihr kennt die Eifersucht, mit der die Machthaber in der Mutterstadt
den Adel der Terraferma von jeher betrachtet haben.  Hatte man doch in
Zeiten, wo der Republik zu dienen eine Ehre war, nie aufgehrt, ein
Losreien des Festlandes zu frchten.  Jetzt, wo verschuldete und
unvermeidliche bel eine nderung der Weltstellung Venedigs
herbeigefhrt hatten, wurde jene Furcht die Quelle der unerhrtesten
Rnke und Freveltaten.

"Lat mich von den Schicksalen schweigen, die ich in der Nachbarschaft
meiner Provinz mit ansah, von den ausgesuchten Mitteln, durch die man
die Selbstndigkeit und Unabhngigkeit des Adels von Friaul zu brechen
suchte, von dem Heer der Bravi, welches man gegen Widerspenstige
schickte und durch eine Unzahl von Amnestiedekreten selbst von der
Strafe ihrer eigenen Gewissen entband.  Wie man den Zwist in die
Familien zu tragen, Freundschaften zu vergiften, Verrat und Hinterlist
im Scho der engsten Blutsgenossenschaft zu erkaufen strebte, das
alles ist Euch lnger bekannt als mir.

"Und nicht lange sollte mich das Andenken, das ich durch meine
lockeren Sitten in Venedig zurckgelassen hatte, vor dem Verdacht
schtzen, da auch ich eines Tages gefhrlich werden knnte.  Als ich
fr meine Schwester um die Erlaubnis nachsuchte, die Hand eines
vornehmen deutschen Herrn anzunehmen, wurde die Einwilligung der
Regierung rundweg verweigert.  Man whnte mich und meinen Bruder im
Einverstndnis mit der kaiserlichen Politik und beschlo, uns ben zu
lassen.

"Eine Beschwerde der Provinz gegen ihren Gouverneur, die ich samt dem
Bruder mit unterzeichnete, lieferte der Inquisition den Anla, das
Netz ber uns zu werfen.

"Mein Bruder wurde nach Venedig gerufen, sich zu verantworten.  Als er
kam, wurde er unter die Bleidcher gefhrt, und viele Wochen lang
suchte man bald durch Drohungen, bald durch verlockende Anerbietungen
ihn zu Gestndnissen zu bewegen.  Jenen einen Schritt brauchte er
nicht zu beschnigen; er war gesetzlich.  Anderes hatte er nicht zu
gestehen, da wir nichts gegen den Staat unternommen hatten.  So mute
man ihn endlich entlassen.  Aber man dachte nicht daran, ihn zu
begnadigen.

"Ich selbst hatte ihn schriftlich gebeten, nicht sogleich abzureisen,
um nicht neuen Verdacht zu erwecken.  Wir wollten ihn lieber einige
Monate lnger entbehren.  Als er endlich kam, sollten wir ihn nach
wenigen Tagen fr immer missen.  Er erlag einem langsam wirkenden Gift,
das man ihm in einem der glnzenden Huser, die er besuchte, unter
die Speisen gemischt hatte.

"Noch war der Stein ber seinem Grabe nicht aufgerichtet, als der
Gouverneur der Provinz meiner Schwester seine Hand antrug.  Sie wies
sie mit Entrstung zurck; in ihrem Schmerz entfuhren ihr Worte, die
ihren Nachhall im Saal des Inquisitionstribunals finden sollten.

"Eine neue Anstrengung des Adels von Friaul, die Lage des Landes zu
bessern, wurde beraten.  Ich hielt mich von den geheimen Anstalten
fern, da ich von ihrer Fruchtlosigkeit berzeugt war.  Aber das bse
Gewissen der Herren der Republik deutete auf mich, als den am
hrtesten Getroffenen, der einen Bruder zu rchen hatte.  Ein Haufen
gedungener Bravi berfiel nachts unsere einsame Villa in den Bergen.
Ich hatte nur meine Diener zur Verteidigung.  Als die Elenden uns
wohlgerstet und entschlossen fanden, uns nicht leichten Kaufs zu
ergeben, zndeten sie das Haus an vier Ecken an.  Ich machte mit
meinen Leuten einen verzweifelten Ausfall, die Schwester, die selbst
eine Pistole trug, in unserer Mitte.  Da streckte mich ein Schlag
gegen die Stirn besinnungslos zu Boden.

"Erst am Morgen wachte ich auf.  Die Sttte war ein menschenleerer
Trmmerhaufen, meine Schwester in den Flammen umgekommen, meine braven
Diener teils erschlagen, teils in das brennende Haus zurckgetrieben.

"Viele Stunden lag ich so neben dem rauchenden Schutt und starrte in
das leere Nichts, das mir meine Zukunft bedeutete.  Erst als ich unten
im Tal Bauern heranziehen sah, raffte ich mich auf.  Eins wute ich:
Solange man mich am Leben glaubte, wrde man mich fr einen Feind
halten und berall hin verfolgen.  Das brennende Grab war gerumig
genug; wenn ich verschwand, wrde niemand zweifeln, da auch ich dort
bei den Meinigen ausruhte.  Im Herumirren auf der Felshhe fand ich
die Brieftasche eines meiner Bedienten, der aus Brescia gebrtig und
viel in der Welt herumgefahren war.  Seine Papiere lagen darin; ich
steckte sie zu mir, auf alle Flle, und floh durch den dichten
Klippenwald.  Niemandem begegnete ich, der mich htte verraten knnen.
Als ich mich verschmachtet zu einem trben Waldsee bckte, sah ich,
da auch mein ueres mich nicht verraten konnte.  Mein Haar war in
der Nacht ergraut; meine Zge waren um viele Jahre gealtert.

"In Brescia angelangt, konnte ich ohne Schwierigkeiten mich fr meinen
Diener ausgeben, da derselbe schon als Knabe die Stadt verlassen hatte
und dort keine Verwandten mehr besa.  Fnf Jahre lang lebte ich wie
ein lichtscheuer Verbrecher und vermied die Menschen.  Eine Ohnmacht
hatte sich auf meinen Geist gesenkt, als wre durch jenen Schlag, der
mich zu Boden warf, das Organ des Willens in mir zertrmmert worden.

"Da es nicht zerstrt, sondern nur gelhmt war, empfand ich bei der
Kunde von Eurem Auftreten gegen das Tribunal.  Mit einer fieberhaften
Spannung, die mich verjngte und mir das Bewutsein meiner Lebenskraft
zurckgab, verfolgte ich die Nachrichten aus Venedig.  Als ich das
Scheitern Eures hochherzigen Wagnisses vernahm, sank ich nur auf einen
Augenblick in die alte dumpfe Resignation zurck.  Im nchsten
Augenblick drang es wie ein Feuerstrom durch alle meine Sinne.  Der
Entschlu stand fest, das Werk, das Ihr auf dem offenen Wege des
Rechts und des Gesetzes nicht hattet vollbringen knnen, auf dem Wege
der Gewalt und einer furchtbaren Notwehr, mit dem Arm des unsichtbaren
Richters und Rchers zum Heil meines teuren Vaterlandes hinauszufhren.

"Ich habe diesen Entschlu seither unablssig geprft und meine
Absicht unstrflich gefunden.  Ich bin mir heilig bewut, da nicht
Ha gegen die Personen, nicht Rache fr erlittenes Leid, nicht einmal
der gerechte Gram um das Weh, das meinen Lieben widerfahren, meinen
Arm gegen die Gewaltherren bewaffnet.  Was mich bewegt, fr ein ganzes
in Knechtschaft versunkenes Volk als Retter aufzutreten und einzeln
den Spruch zu vollstrecken, der zu anderen Zeiten vom Gesamtwillen
einer freien Nation ber ungerechte, dem Arm des Richters
unerreichbare Mchtige verhngt worden ist,--es ist weder Eigensucht,
noch eitle Ruhmbegier; es ist nur eine Schuld, die ich durch eine
tatenlose Jugend auf mich geladen habe, und an deren Bezahlung mich
damals Euer Blick im Palast Morosini mahnte.

"Gott, in dessen Schutz ich meine Sache befehle, mge mir als einzigen
Ersatz fr alles, was er mir genommen, die Gnade zuteil werden lassen,
da ich in einem befreiten Venedig Euch noch einmal die Hand drcken
kann.  Ihr werdet die blutbefleckte nicht zurckstoen, die dann in
keiner Freundeshand mehr ruhen wird; denn wer das Amt des Henkers
verwaltet hat, ist der Einsamkeit geweiht und hat den Blick der
Menschen zu meiden.  Gehe ich aber an meinem Werk zu Grunde, so wei
derjenige, an dessen Achtung mir am meisten gelegen ist, da es auch
in dem jngeren Geschlecht nicht ganz an Mnnern fehlt, die fr
Venedig zu sterben wissen.

"Diesen Brief wird Euch ein zuverlssiger Mann zustellen, der das
Kleid eines Sekretrs der Inquisition mit der Mnchskutte vertauscht
hat, um durch Fasten und Gebet die Snden der Republik zu ben, denen
er seine Feder leihen mute.  Verbrennt dieses Blatt.  Lebt wohl!
Candiano."

Als der Verbannte den Brief zu Ende gelesen hatte, sa er wohl eine
Stunde in tiefem Kummer vor den verhngnisvollen Blttern.  Dann hielt
er sie ber die Flamme, streute die Asche in den Kamin und ging
ruhelos bis an den frhen Morgen auf und nieder, whrend der
Unglckliche, dessen Beichte er vernommen, wie einer, dessen Sache
gerecht und dessen Sachwalter der Himmel ist, schon lngst den Schlaf
gefunden hatte.-Am anderen Tage ging der spte Ankmmling in der
Strae della Cortesia zeitig aus.  Das lustige Singen Mariettas
drauen auf dem Flur htte ihn vielleicht noch lnger schlafen lassen,
aber das laute Schelten der Mutter, da sie einen Lrm mache, der
einen Toten erwecken knne, und da sie noch alle Fremden aus dem
Hause treiben wrde, ermunterte ihn vllig.  Er hielt sich an der
Stiege, wo seine Wirtin bereits auf ihrem alten Posten sa, nur gerade
so lange auf, um sich nach den Wohnungen einiger Notare und Advokaten
zu erkundigen, deren Namen ihm ein Freund in Brescia aufgeschrieben
hatte.  Als er Bescheid wute, konnte weder die zrtliche Sorge der
Witwe um seine Gesundheit, noch die rote Schleife, die Marietta in ihr
Haar gesteckt hatte, ihn zu lngerem Verweilen bewegen, und whrend
sich die gute Frau sonst bemht hatte, den Verkehr ihrer Mietsleute
mit ihrer Tochter mglichst zu verhindern, war es ihr jetzt fast
unheimlich, da der Fremde das liebe Geschpf, ihren Augapfel,
hartnckig bersah.  Sein ergrautes Haar erklrte ihr diese seltsame
Blindheit nicht gengend.  Er mute einen geheimen Kummer haben oder
sich so krank fhlen, da ihm der Anblick eines frischen Lebens wehe
tat.  Dennoch ging er straff und rasch, und seine Brust war breit und
gewlbt, so da die Krankheit, von der er sprach, tief im Innern ihren
Sitz haben mute.  Auch seine Gesichtsfarbe war nicht verdchtig.  Wie
er die Straen Venedigs durchschritt, zog er den wohlgeflligen Blick
manch eines Frauenauges auf sich, und auch Marietta sah ihm aus einem
der oberen Fenster nicht ohne Anteil nach.

Er aber ging in sich gekehrt seinen Geschften nach, und obgleich er
sich bei Frau Giovanna umstndlich nach dem Weg erkundigt hatte und
endlich ber seine Ortsunkenntnis durch das Sprchlein: "Mit Fragen
kommt man bis Rom" von ihr getrstet worden war, schien er doch jetzt
ohne alle Hilfe sich in dem Netz der Gassen und Kanle zurechtzufinden.
Mehrere Stunden vergingen ihm mit Besuchen bei Advokaten, die aber
auf seine Empfehlung von einem Kollegen aus Brescia wenig Gewicht
legten und denen er, so bescheiden er auftrat, verdchtig vorkommen
mochte.  Denn allerdings war ein gewisser Stolz in der Falte seiner
Stirn, der einem schrferen Beobachter sagte, da er die Arbeit, die
er suchte, eigentlich unter seiner Wrde hielt.  Zuletzt kam er zu
einem Notar, der in einem Seitengchen der Merceria wohnte und
allerlei Winkelgeschfte nebenbei zu treiben schien.  Hier fand er mit
einem sehr migen Gehalt eine Stelle als Schreiber, vorlufig zum
Versuch, und die hastige Art, wie er zugriff, brachte den Mann zu dem
Verdacht, er habe es etwa mit einem verarmten Nobile zu tun, deren
mancher, nur um das Leben zu fristen, sich zu jeder Arbeit willig
finden lie, ohne um ihren Preis zu handeln.

Andrea jedoch war augenscheinlich mit dem Erfolg seiner Bemhungen
sehr zufrieden und trat, da es inzwischen Mittag geworden war, in die
nchste Schenke, wo er Leute aus den unteren Klassen an langen
ungedeckten Tischen sitzen sah, die ihre sehr einfache Kost mit einem
Glas trben Weins wrzten.  Er nahm seinen Platz in einem Winkel nahe
der Tr und a die etwas ranzigen Fische ohne Murren, whrend er
freilich den Wein, nachdem er ihn gekostet hatte, verschmhte.  Er war
schon im Begriff, nach der Zeche zu fragen, als er sich von seinem
Nachbar hflich anreden hrte.  Der Mann, den er bisher ganz bersehen
hatte, sa schon lange vor seiner halben Flasche Wein, a nichts,
trank nur dann und wann einen Schluck, wobei er jedesmal den Mund ein
wenig verzog; whrend er aber scheinbar vor Mdigkeit die Augen halb
geschlossen hielt, wanderten seine scharfen Blicke durch die ganze
dsterliche Halle und hefteten sich mit besonderem Anteil an unseren
Brescianer, der seinerseits nichts Merkwrdiges an ihm wahrgenommen
hatte.  Es war ein Mann in den Dreiigen, mit blondem, lockigen Haar,
der in der schwarzen venezianischen Tracht seine jdische Herkunft
nicht sogleich verriet.  In den Ohren trug er schwere goldene Ringe,
an den Schuhen Schnallen mit groen Topasen, whrend sein Halskragen
zerknittert und unsauber und sein Rock von feinem Wollenstoff seit
Wochen nicht gebrstet war.

Dem Herrn schmeckt der Wein nicht, sagte er halblaut, indem er sich
geschmeidig zu Andrea hinbog.  Der Herr scheint berhaupt nur aus
Irrtum hier zu sein, wo man nicht gewohnt ist, Gste von besserem
Stande zu bewirten.

Um Vergebung, Herr, erwiderte Andrea ruhig, obwohl er sich Gewalt
antat, berhaupt zu antworten, was wit Ihr von meinem Stande?

Ich seh es an der Art, wie der Herr it, da er eine andere
Gesellschaft gewohnt ist, als er hier findet, sagte der Jude.

Andrea ma ihn mit einem festen Blick, vor dem das lauernde Auge des
anderen sich senkte.  Dann schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, der
ihn pltzlich bewog, dem Zudringlichen mit einer Art von
Vertraulichkeit entgegenzukommen.

Ihr seid ein scharfer Menschenkenner, sagte er.  Es ist Euch nicht
entgangen, da ich einst bessere Tage gesehen und einen unverflschten
Wein getrunken habe.  Auch kam ich in gute Gesellschaft, obwohl ich
der Sohn eines kleinen Brgers bin und nur kmmerlich die Rechte
studiert habe, ohne einen Titel zu erwerben.  Das hat sich gendert.
Mein Vater machte Bankrott, ich wurde arm, und ein armer
Gerichtsschreiber und Advokatengehilfe hat auf nichts Besseres
Anspruch zu machen, als was er in dieser Kneipe findet.

Ein studierter Herr hat immer Anspruch auf Verehrung, sagte der andere
mit einem sehr verbindlichen Lcheln.  Es wrde mich glcklich machen,
wenn ich Euer Gnaden einen Dienst erweisen knnte; denn ich habe stets
nach dem Umgang gelehrter Mnner gestrebt und bei meinen vielen
Geschften nicht selten die Gelegenheit gehabt, mich ihnen zu nhern.
Wenn ich Euer Gnaden vorschlagen drfte, ein besseres Glas Wein mit
mir zu trinken, als hier zu haben ist...

Ich kann besseren Wein nicht bezahlen, sagte der andere gleichgltig.

Es wrde mir eine Ehre sein, gegen den Herrn, der hier fremd scheint,
die venezianische Gastfreundschaft zu ben.  Wenn ich sonst mit meinem
Vermgen und meiner Ortskenntnis dem Herrn irgend ntzlich sein kann...

Andrea wollte ihm eben ausweichend antworten, als er bemerkte, da der
Wirt der Schenke, der im Hintergrunde am Kredenztische stand, ihn
lebhaft mit dem kahlen Kopf zu sich heranwinkte.  Auch von den anderen
Gsten, die aus Handwerkern, Marktweibern und Tagedieben bestanden,
machte ihn mancher mit verstohlenen Zeichen aufmerksam, da man ihm
gern etwas mitgeteilt htte, was man nicht laut zu sagen wagte.  Unter
dem Vorwand, erst zu bezahlen, ehe er auf die hfliche Einladung
antwortete, verlie er seinen Platz und ging mit der lauten Frage, was
er schuldig sei, auf den Wirt zu.

Herr, flsterte der gutmtige Alte, nehmt Euch in acht vor dem.  Ihr
habt es mit einem Schlimmen zu tun.  Die Inquisitoren bezahlen ihn,
da er die Heimlichkeiten der Fremden aussprt, die sich hier blicken
lassen.  Seht Ihr nicht, da der Winkel leer ist, wo er Platz genommen
hat?  Sie kennen ihn alle, und nchstens fliegt er einmal zur Tr
hinaus, der Gott Abrahams gesegn' es ihm!  Ich aber, obwohl ich ihn
dulden mu, um mir nicht die Finger zu verbrennen, bin es Euch doch
schuldig, Euch reinen Wein einzuschenken.  Ich dank' Euch Freund,
sagte Andrea laut.  Euer Wein ist ein wenig trbe, aber gesund.  Guten
Tag.

Damit kehrte er auf seinen Platz zurck, nahm seinen Hut und sagte zu
seinem dienstfertigen Nachbar: Kommt, Herr, wenn es Euch gefllt.  Man
sieht Euch hier nicht gern, fgte er leiser hinzu.  Man hlt Euch fr
einen Spion, wie ich habe merken knnen.  Wir wollen anderswo unsere
Bekanntschaft fortsetzen.

Das schmale Gesicht des Juden erblate.  Bei Gott, sagte er, man
verkennt mich!  Aber ich kann es den Leuten nicht verdenken, wenn sie
auf der Hut sind, denn es wimmelt hier in Venedig von Sprhunden der
Signoria.  Meine Geschfte, fuhr er fort, als sie schon auf der Gasse
waren, meine vielen Verbindungen fhren mich in so manche Huser, da
es wohl scheinen mag, als bekmmerte ich mich um fremde Geheimnisse.
Gott soll mich leben lassen hundert Jahr, aber was gehen mich fremde
Leute an?  Wenn sie mir zahlen, was sie mir schuldig sind, will ich
ein Hund sein, wenn ich ihnen was nachrede.

Ich meine aber doch, Herr--wie ist Euer Name?

Samuele.

Ich meine aber, Herr Samuele, da Ihr zu bel denkt von denen, die zum
Besten des Staates die Plne und Anschlge der Brger aussphen und
Verschwrungen gegen die Republik an den Tag bringen, ehe sie schaden
knnen.  Der Jude stand still, hielt den andern am rmel und sah ihn
an.  Warum hab ich Euch nicht gleich erkannt? sagte er.  Ich mute
wissen, da Ihr nicht zufllig in jene elende Kneipe geraten konntet,
da ich einen Kollegen in Euch zu begren hatte.  Seit wann seid Ihr
im Amt?

Ich? seit bermorgen.

Was meint Ihr, Herr?  Wollt Ihr mich foppen?

Wahrlich nicht, erwiderte Andrea.  Denn es ist mein voller Ernst, da
ich nchstens so weit kommen werde, mich in Euern Orden aufnehmen zu
lassen.  Es geht mir schlecht, wie ich Euch gesagt habe, und ich bin
nach Venedig gekommen, meine Umstnde zu verbessern.  Der
Schreiberlohn, um den ich mich heute bei einem Notar verdungen habe,
ist nicht das, was ich hier vom Glck und von meinem bichen Verstand
erhofft habe.  Venedig ist eine schne Stadt, eine lustige Stadt; aber
in dem Lachen der schnen Weiber ist ein Goldklang, der mich immer an
meine Armut erinnert.  Ich denke, das kann nicht immer so whren.

Euer Vertrauen ehrt mich sehr, sagte der Jude mit einem nachdenklichen
Zug.  Aber ich mu Euch sagen, da die Herren nicht gern fremde
Ankmmlinge in ihre Dienste nehmen, ehe sie eine Probezeit bestanden
und sich ein wenig umgesehen haben.  Wenn ich Euch bis dahin mit
meiner Brse aushelfen kann--ich nehme niedrige Prozente von meinen
Freunden.

Ich dank' Euch, Herr Samuele, erwiderte Andrea gleichmtig.  Eure
Protektion ist mir wertvoller, der ich mich hiermit bestens empfohlen
haben will.  Dies aber ist mein Haus; ich ntige Euch nicht hinein,
weil ich Arbeit vollauf habe fr meinen neuen Brotherrn.  Andrea
Delfin ist mein Name.  Wenn es Zeit ist, da man mich brauchen kann,
denkt an mich: Andrea Delfin, Calle della Cortesia.

Er schttelte dem seltsamen Freunde die Hand, der drauen noch eine
Weile stehen blieb, sich das Haus und die nchste Umgebung genau ansah
und dabei mit einer Miene des Zweifels und der listigen berlegung vor
sich hinmurmelte, aus der hervorging, da er den Brescianer von seiner
Probezeit nicht so rasch freisprechen wrde.

Als Andrea die Treppe hinaufstieg, konnte er an Frau Giovanna nicht
vorber, ohne ihr Rede zu stehen.  Sie war nicht damit zufrieden, da
er nur einen so geringen Platz gefunden hatte.  Sie werde nicht ruhen,
bis er ihn aufgegeben und sich einen eintrglicheren und ehrenvolleren
gesucht habe.  Er schttelte den Kopf.  Es reicht wohl, gute Frau,
sagte er ernsthaft, fr die Spanne Zeit, die ich noch vor mir habe.

Was Ihr auch redet! schalt die Frau.  Dem Guten entgegen gehen und das
Bse kommen lassen, so ziemt sich's fr einen Mann, und nach Honig
schleckt man, nach Wermut spuckt man.  Seht die schne Sonne drauen
und schmt Euch, da Ihr schon nach Hause kommt, whrend auf der
Piazetta Musik ist und alles, was hbsch und reich und vornehm ist,
den Markusplatz auf und ab spaziert.  Da gehret Ihr hin, Herr Andrea,
statt ins Zimmer.

Ich bin weder hbsch, noch reich, noch vornehm, Frau Giovanna.

Habt Ihr denn gar keine Freude, die schne Welt zu sehen? fragte sie
eifrig, und sah sich dabei um, ob Marietta nicht etwa in der Nhe sei.
Ihr seid doch nicht etwa liebeskrank?

Nein, Frau Giovanna.

Oder haltet Ihr's gar fr eine Snde, lustig zu sein?  Ihr habt da so
Bchlein auf Eurem Tisch liegen, ich sag' es nur, weil Ihr der erste
Fremde seid, der in mein Haus ein erbauliches Buch mitgebracht hat,
Gott sei's geklagt!  Aber die Jugend denkt heutzutage: Frech gelebt
und fromm gestorben, heit dem Teufel den Spa verdorben, und um
Weihnachten fasten auch die Spatzen auf dem Dach.

Gute Frau, sagte er lchelnd, ihr sorgt Euch sehr um mich, aber mir
ist nicht zu helfen.  Wenn ich still bei meiner Arbeit sitze, ist mir
am wohlsten, und Ihr knntet mir einen Gefallen tun, mir ein
Schreibzeug zu schaffen und einige Bogen Papier.

Bald darauf brachte ihm Marietta das Verlangte auf sein Zimmer, wo er
stumm am Fenster sa und vor sich hin sah.  In derselben Stellung fand
sie ihn abends, als sie ihm das Licht brachte, und auf ihre Frage, was
er zu essen begehre, verlangte er nur Brot und Wein.  Sie hatte nicht
den Mut, zu fragen, ob ihn die Mcken belstigen und er wieder
geruchert haben wolle.  Mutter, sagte sie, als sie sich neben die
Alte auf die Treppe setzte, ich gehe nicht wieder zu ihm hinein.  Er
hat so Augen, wie der Mrtyrer in der kleinen Kapelle San Stefano.
Ich kann nicht lachen, wenn er mich ansieht.

Was sie wohl gesagt htte, wenn sie einige Stunden spter ins Zimmer
getreten wre?  Er stand, whrend die Nacht drauen ber den Kanal
wehte, am Fenster, im Gesprch mit der Zofe drben, eifrig bemht,
seinen Augen einen weltlichen Ausdruck zu geben.

Schne Smeraldina, sagte er, ich konnte die Zeit nicht erwarten, dich
wiederzusehen.  Ich habe im Vorbeigehen bei einem Goldschmiedladen an
dich gedacht und dir eine Nadel gekauft, von Filigran, die freilich zu
gering fr dich ist, aber dennoch echter als die Agraffe an deinem
Turban.  ffne das Fenster, so werf' ich sie hinber, in der
Hoffnung, bald einmal denselben Weg durch die Luft zu machen und dir
zu Fen zu fallen.

Ich seid sehr artig, lchelte das Mdchen und fing das Geschenk, das
er in ein Papier gewickelt hatte, mit beiden Hnden auf.  Ei, was Ihr
fr einen guten Geschmack habt! und Ihr sagtet doch Ihr wret arm?
Wit Ihr, da es mir heute besonders not tut, eine Freude zu haben?
Wir haben viel ausgestanden ber Tag, die Grfin ist schlechter Laune.
Ihr Liebster, der junge Gritti, des Senators Sohn, hat sich
vierundzwanzig Stunden nicht blicken lassen.  Sie hat nach seinem
Hause geschickt; und da wurde er vermit, und man glaubt, das Tribunal
habe ihn heimlich aufheben und gefangen nehmen lassen.  Meine Grfin
ist auer sich, sie empfngt niemanden, sie liegt auf ihrem Sofa und
weint wie eine Unsinnige und hat mich geschlagen, als ich sie trsten
wollte.

Ihr habt keine Ahnung, wessen man den Jngling angeklagt?

Nicht die geringste, Herr.  Ich wollt' auch Gelbde tun, ewig Jungfer
zu bleiben, wenn er das mindeste gegen den Staat im Kopf hatte.
Lieber Himmel, er war eben dreiundzwanzig Jahre, und nichts lag ihm am
Herzen, als meine Grfin und allenfalls das Spiel.  Aber diese Herren
von der Inquisition wissen Euch aus einem Spinneweb ein Seil zu drehen,
stark genug, um die strkste Kehle zuzuschnren, und wer wei, ob es
diesmal nicht allein gegen seinen Vater, den Senator, gemnzt ist!

Sprecht vorsichtiger von den obersten Behrden dieser Stadt, sagte
Andrea leise.  Die Weisheit der Vter hat sie eingesetzt, und die
Torheit der Enkel soll sie nicht antasten.

Das Mdchen sah ihn an, ob es sein Ernst sei; es war nicht leicht, das
Rtsel dieser Mienen zu lsen.  Geht, sagte sie, Ihr werdet ernsthaft,
und das mag ich nicht leiden.  Ihr seid noch nicht lange hier, darum
habt Ihr Respekt vor den alten Blutrichtern und Henkern, die sich von
fern oder etwa gemalt sehr ehrwrdig ausnehmen mgen.  Ich aber habe
sie schon manchmal in der Nhe gesehen, am Farotisch, wenn meine
Grfin Bank hielt, und ich kann Euch sagen, sie sind auch Menschen,
wie Adam war.

Mag sein, Kind, antwortete er, aber sie haben die Gewalt, und ein
armer Brger wie ich tut nicht klug, so verfngliche Reden hier am
offenen Fenster zu wechseln.  Wenn es zu bsen Husern kommt, da wir
beide die inkarnierte Gerechtigkeit Venedigs fr nichts Besseres als
eine Handvoll sterblicher Menschen halten, so beschtzt dich, meine
teure Smeraldina, der Zauber deiner Schnheit; ich aber wandere den
bekannten nassen Weg oder tausche wenigstens mein Quartier in der
Calle della Cortesia mit einer viel bescheideneren Kammer in den
Brunnen* oder unter den Bleidchern.

{ed. * Die Gefngnisse unter dem Meeresgrunde}

Ihr knnt hier reden, was Euch beliebt, sagte die Zofe; es gehen wenig
Fenster auf den Kanal hinaus, und da hat um diese Zeit niemand was zu
schaffen.  Auf Eurer Seite drben ist nun vollends die leere Mauer;
denn wer's besser haben kann, sucht sich unsere trbe Kloake da unten
nicht gerade zum Spiegel aus.  Aber wit Ihr was?  Ihr solltet auf ein
Stndchen herberkommen; man htte es doch immer bequemer, miteinander
zu plaudern, und ein Glas Wein, guter Moscat von Samos und eine Partie
Tarock wrden mir die Nerven sehr beruhigen nach den Ohrfeigen der
Grfin.

Ich kme gern, sagte er, aber es wrde Aufsehen machen, und meine
Wirtin liee mich um Mitternacht schwerlich wieder ein.

Nicht doch, lachte die Zofe.  Einen solchen Umweg braucht es nicht.
Ich habe hier ein Brett, womit wir ohne viel Umstnde eine Brcke
schlagen knnen.  Man kann sich ja mit den Hnden abreichen ber dem
Kanal; warum nicht mit den Fen?  Oder seid Ihr schwindlig?

Nein, schne Freundin.  Nur einen Augenblick, und ich bin bereit.

Andrea lschte das Licht, verriegelte die Tr in seinem Zimmer,
horchte, ob alles im Hause schlafe, und ging dann wieder an das
Fenster.  Smeraldina schien bung im Bau dieser Brcken zu haben, denn
das Brett war bereit, und in wenigen Augenblicken lag der feste Steg
ber der Tiefe, hben und drben flach und sicher auf dem Gesims
ruhend und gerade breit genug, um einen Mann zu tragen.  Sie stand
drben und winkte ihm lustig zu.  Rasch erstieg er den Sims, betrat
das Brett, indem er die Tiefe mit festem Auge ma, und mit einem
einzigen ruhigen Schritt hatte er das Fenster drben erreicht.  Sie
fing ihn, als er sich hinabschwang, in ihren Armen auf, und ihre
Lippen streiften seine Wange.  Aber er zog es vor, die Miene der
Schchternheit anzunehmen und sich zu stellen, als fhle er sich durch
die Nhe seiner Freundin in die Schranken der Ehrerbietung
zurckgewiesen, was sie mit einiger Verwunderung aufnahm.  Das Brett
ward wieder zurckgezogen, die Karten und der Wein aus dem Schrank
geholt und ein Tisch vor das offene Fenster gerckt, an dem das
seltsame Paar in vertraulichem Gesprch Platz nahm.  Dabei trug das
Mdchen bestndig den roten Turban, der ihr, whrend sie die Brcke
schlug, etwas schief auf den Hinterkopf gerutscht war, und hatte
Andreas Geschenk, die Filigrannadel, zierlich vor die Brust gesteckt.

Sie schenkte sich eben das zweite Glas Wein ein und schalt ihren Gast,
da er so langsam trinke, und berhaupt nicht recht auftauen wollte,
als eine Glocke aus dem Innern des Hauses heftig gelutet wurde.

Seht, sagte das Mdchen, indem es aufstand und zornig die Karten
wegwarf, so geht es mir; keine ruhige Stunde habe ich!  Erst schickt
sie mich fort, weil sie sich heute allein auskleiden wolle, und nun
strt sie mich noch so spt.  Aber geduldet Euch nur zehn Minuten,
mein Freund; ich bin gleich wieder bei Euch.

Sie schlpfte hinaus, und er schien sich ber seine Einsamkeit zu
trsten.  Er trat ans Fenster und betrachtete aufmerksam die Wand
drben zwischen seinem Fenster und dem Kanal.  Sie war nicht hher als
etwa zwanzig Fu, der Kalk durch die Feuchtigkeit fast berall
verwittert und die nackten Steine rauh genug, um im Notfall daran
emporzuklimmen.  Unter dem Fenster der Zofe sprang, wie er schon am
ersten Abend bemerkt hatte, die Wassertreppe vor, und an dem hohen
Pfahl zur Seite lag die schmale Gondel angekettet, so da nur eben
eine zweite Gondel vorbergleiten konnte.  Das alles befriedigte ihn
sichtlich.

Ich htte es mir nicht besser bestellen knnen, murmelte er vor sich
hin.

Nachdenklich sah er den Kanal hinab, der in vlliger Finsternis
zwischen den steilen, fensterlosen Ufern der Huser hinflo.  Da sah
er am untersten Ende einen schwachen Lichtschein, der sich nher
bewegte, und hrte nach einiger Zeit Gerusch von Ruderschlgen.  Eine
Gondel kam langsam heran und hielt unten an der Wassertreppe.
Vorsichtig bog der Lauscher oben sich zurck, um nicht bemerkt zu
werden, sah aber noch mit einem halben Blick, da ein Mann sich erhob
und auf die Treppenstufe trat.  Der Klopfer unten erklang in drei
gewichtigen Schlgen, und bald darauf hrte er eine Stimme im Hause,
die durch die Tre fragte, wer Einla begehre.

Im Namen des erlauchten Rates der Zehn, war die Antwort, ffnet!

Der Diener unten gehorchte augenblicklich, und die Wasserpforte schlo
sich hinter dem nchtlichen Besuch.

Kurz darauf kam Smeraldina in ihre Kammer zurck, aufgeregt, in bloem
Haar und mit erhitzten Wangen.  Habt Ihr gehrt? flsterte sie.  O
Gott, sie werden unsere Grfin fortschleppen, sie werden sie
erdrosseln oder ersufen, und wer steht mir dann fr die sechs Monate
Lohn, die sie mir schuldig ist?

Trste dich, weichherziges Kind, sagte er rasch.  Solange du gute
Freunde hast, wirst du nicht verlassen sein.  Aber du ttest mir einen
Gefallen, wenn du mich irgendwo verbergen wolltest, wo ich hren
knnte, was der hohe Rat von deiner Herrin will.  Ich gestehe, da ich
neugierig bin, wie ein Fremder es ja wohl sein darf.  berdies aber
knnte ich dir und der Grfin vielleicht ntzlich sein, da ich bei
einem Advokaten arbeite und, wenn es auf eine ffentliche Anklage
hinausluft, meine geringen Dienste gern zur Verfgung stelle.

Sie besann sich.  Ich wte es leicht zu machen, sagte sie.  Der Ort
ist sicher, und ich selbst habe manchmal dort gesteckt und meinen
Ohren nicht getraut.  Wenn es aber doch entdeckt wrde?

So nehme ich alles auf mich, mein Liebchen, und niemand erfhrt, auf
welchem Wege ich ins Haus gekommen bin.  Sieh, fuhr er fort, hier sind
drei Zechinen, fr den Fall, da ich dir hernach nicht mehr danken
kann.  Geht aber alles gut, so sollst du sehen, da ich das wenige,
was ich noch brig habe, gern mit einer so klugen Freundin teilen
werde.

Sie steckte das Gold ohne Umstnde ein, ffnete rasch die Tr und
horchte auf den dunklen Gang hinaus.  Zieht die Schuhe aus, flsterte
sie; gebt mir die Hand und folgt mir dreist, wohin ich gehe.  Im Hause
schlft alles, auer dem Pfrtner.

Sie lschte ihr Licht und huschte durch den Korridor voran, ihn an der
Hand sich nachziehend.  Einige groe dunkle Gemcher durchschritten
sie, dann ffnete das Mdchen die Tr nach einem Tanzsaal, der durch
drei hohe Fenster in der Front des Palastes ein trbes Dmmerlicht
erhielt.  An einer Seite stieg ein Treppchen hinauf zu der Estrade fr
die Musiker.  Sacht! warnte das Mdchen; die Treppe knarrt ein wenig.
Ich lasse Euch hier allein.  Droben findet Ihr im Getfel eine Spalte,
durch die Ihr hinlnglich sehen und hren knnt.  Denn nebenan ist das
Empfangzimmer der Grfin.  Wenn der Besuch fort ist, hol' ich Euch
wieder ab.  Aber nicht eher rhrt Ihr Euch vom Fleck, als bis ich
komme.

So lie sie ihn allein, und ohne Zaudern stieg er die wenigen Stufen
hinauf und tastete sich sacht an der Wand entlang nach dem
Lichtstreifen, der durch die schmale Spalte drang.  Der Saal war von
dem Nebengemach nur durch eine Holzwand getrennt, da beide Rume in
glnzenderen Zeiten eine einzige groe Festhalle ausgemacht hatten.
Der Schein kam von einem silbernen Armleuchter, der unten auf dem
Tisch vor dem Ruhebett der Grfin stand und die Bildnisse an der Wand
nur unstet beleuchtete.  Andrea mute sich auf die Kniee kauern, um
hinabzusehen.  Aber so unbequem die Stellung war, so htte wohl
mancher gern mit ihm getauscht, auch wenn ihm weniger am Hren als am
Sehen gelegen gewesen wre.

Denn wenn die Zofe recht hatte, da ihre Herrin sich stark zu
schminken pflegte, so tat sie es wahrlich mehr der Mode zu Liebe, als
weil sie es ntig htte, um fr schn zu gelten.  Sie sa auf dem
Ruhebett in einem Anzug, der nicht auf so spten Besuch berechnet war,
die beraus reichen, etwas ins Rtliche spielenden Haare kunstlos
aufgebunden, die verweinten Augen wunderbar glnzend, auf den vollen,
blassen Wangen noch die Spur der Trnen.  Der Mann, der ihr gegenber
im Lehnstuhl sa und Andrea den Rcken zukehrte, schien sie aufmerksam
zu betrachten; wenigstens bewegte er den Kopf nur selten und hrte die
heftigen Worte der schnen Frau, ohne eine Gebrde dazwischen zu
werfen, mit an.

In der Tat, sagte die Grfin, und in ihrer Miene lag dieselbe
schmerzliche Bitterkeit wie im Ton ihrer Stimme, ich mu mich wundern,
da Ihr noch wagt, Euch hier sehen zu lassen, nachdem Ihr die
feierlichsten Versprechungen so schmhlich mit Fen getreten habt.
Hab' ich Euch darum so manche Dienste geleistet, da Ihr mir jetzt so
grausam, so feindselig begegnet?  Wo habt Ihr ihn gelassen, meinen
armen Freund, den einzigen, an dem mir gelegen war, und den Ihr unter
allen Umstnden zu schonen verspracht?  Gab es niemand anders als ihn,
wenn es Euch zu leer wurde in Euren Gefngnissen?  Und was habt Ihr
Verdchtiges an ihm gefunden, was hat er gegen die hohe Republik
gesndigt, wofr es keine gelindere Strafe gab als Verbannung, keine,
die minder schwer auf mich gefallen wre?  Denn ich habe es Euch nicht
verhehlt, da ich mein Herz an ihn gehngt habe, und da der mein
Feind wre, der ihm nur ein Haar krmmte.  Gebt ihn mir wieder, oder
ich breche jede Verbindung mit Euch ab, ein fr allemal, und verlasse
Venedig und suche meinen Freund in der Verbannung auf und lasse Euch
empfinden, wie viel Ihr durch diesen Verrat, durch diese
Schndlichkeit eingebt habt.  O, da ich mich jemals zu Eurem
Werkzeug hergab!

Ihr verget, Grfin, sagte der Mann, da wir Mittel haben, Eure Flucht
zu hindern, und da, selbst wenn sie glckte, unser Arm weit
hinausreicht und stark genug ist, Euch berall zu verderben, wo Ihr
eine Zuflucht zu finden glaubtet.  Der junge Gritti hat seine Strafe
verdient.  Er hat trotz der Warnung, die wir ihm zugehen lieen, mit
dem Sekretr des sterreichischen Gesandten, einem sehr tief
eingeweihten jungen Manne, den Verkehr eifrig fortgesetzt.  Die
Gesetze Venedigs verbieten solchen Verkehr aufs strengste, wie Euch
bekannt genug ist.  Auch ist ein Brief des Angelo Querini aufgefangen
worden, in welchem des unbesonnenen Jnglings lobende Erwhnung
geschieht.  Es war eine vterliche Maregel, da wir ihn verbannten,
ehe er schuldiger wurde.  Aber wir wissen zugleich, was wir Euch
schuldig sind, Leonora.  Und deshalb bin ich an Euch abgeschickt
worden, Euch diese Aufschlsse zu geben und einige Winke, wie Ihr,
wenn Ihr verstndig seid, das Geschehene wieder gut machen knnt.

Ich bin es mde, sagte sie heftig, mir von Euch Befehle geben zu
lassen.  Dieser Tag hat mir gezeigt, da ich darber zu Grunde gehe,
frh oder spt, wenn ich auf Euch Vertrauen setze und mir einbilde,
da all meine Aufopferung in Eurem Interesse mir je gedankt werde, ja,
mich auch nur vor den schndesten Beleidigungen und Krnkungen
schtzen wrde.  Ich brauche Euch nicht, ich will nichts von Euch, es
ist alles aus zwischen mir und dieser hohen Regierung, die Freund und
Feind gleich rcksichtslos beiseite wirft.

Nur schade, warf er ein, da man Euch noch braucht, von Euch noch
etwas will, und da es daher frs erste zwischen uns noch nicht aus
sein kann.  Ihr begreift, Leonora, da es seine Bedenken htte, Euch,
die Mitwisserin so vieler Geheimnisse der Republik, in fremde Lnder
reisen zu lassen, wo Ihr bald einmal von der allgemeinen Sucht der
Zeit befallen werden knntet, Eure Memoiren zu schreiben.  Venedig und
Ihr seid unzertrennlich, und Ihr habt genug Proben einer hohen, ber
Weiberlaune erhabenen Klugheit gegeben, als da es noch vieler
Umschweife bedrfte, Euch wieder zu vershnen.

Ich will nichts von Vershnung hren! rief sie leidenschaftlich, und
Trnen traten ihr wieder ins Auge.  Was ntzte es auch, es zu wollen?
Ich tauge zu nichts, ich bin unfhig, nur den einfltigsten Gedanken
zu fassen, wenn ich meinen armen Gritti nicht habe.

Ihr sollt ihn haben, Leonora.  Aber noch nicht gleich, da seine
pltzliche Rckkehr unseren Plan kreuzen wrde.

Und wie lange soll ich mich gedulden? fragte sie, ihn flehentlich
ansehend.

Es hngt von Euch ab, erwiderte er.  Wie lange braucht Ihr, um einen
jungen Mann zu Euren Fen zu sehen, der bisher im Ruf eines
Tugendhelden stand?

Ein Zug von Neugier und Interesse trat auf ihrem Gesicht hervor, das
noch eben ganz Schmerz und Verzweiflung gewesen war.  Von wem redet
Ihr? fragte sie.

Von jenem Deutschen, der mit Gritti befreundet war, dem Sekretr des
Wiener Ministers.  Ihr kennt ihn?

Ich habe ihn bei der letzten Regatta gesehen.  Gritti zeigte mir ihn.

Er ist die Eins vor der Null seines Gebieters.  Wir haben Ursache, zu
glauben, da er sich im stillen einen starken Anhang unter unseren
Gegnern zu werben und die Verstimmung, die Querinis Handel
zurckgelassen hat, zu Gunsten seines Souverns auszubeuten sucht.  Er
ist ungewhnlich verschlagen.  Von den vier Beobachtern, die wir unter
den eigenen Leuten des Gesandten in unseren Sold genommen haben, hat
noch keiner die geringsten Beweise in unsere Hand geliefert.  Die
Inquisitoren setzen ihr ganzes Vertrauen in Euch.  Leonora, da Ihr
den Schlssel zu diesem wohlverriegelten Geist finden werdet, wie es
Euch schon manchmal geglckt ist.  Dies war nicht zu hoffen, solange
Gritti dazwischen stand.  Seine Verbannung ebnet den Weg und gibt
zugleich den Anla einer Annherung an den unzugnglichen Menschen,
dem die Freundin seines Freundes jetzt, da ihr den Verlorenen
gemeinsam betrauert, grere Teilnahme einflen mu als frher.  Das
brige berlasse ich der Macht Eurer Reize, die niemals
unwiderstehlicher waren, als wo sie auf Widerstand stieen.

Sie berlegte eine Weile.  Ihre Stirn hellte sich auf, ihre Augen
gewannen einen khnen, stolzen Ausdruck, ihr schner voller Mund
ffnete sich halb und ein nachdenkliches Lcheln irrte ber die Lippen.
Ihr versprecht, sagte sie endlich, da Gritti sofort zurckgerufen
wird, sobald ich den anderen Euch berliefert habe?

Wir versprechen es.

So soll es nicht lange dauern, bis ich Euch an die Erfllung Eures
Wortes mahne.  Sie stand auf und warf das Tuch fort, das sie ber Tag
na geweint hatte.  Andrea konnte aus seinem Versteck ihren Gang das
Zimmer auf und ab nur eine Strecke weit verfolgen, da die Spalte zu
schmal war, um den ganzen Raum zu bersehen.  Er bewunderte die
knigliche Haltung der Gestalt, whrend sie, wie in Gedanken an neue
Siege, langsam ber den Teppich des Gemaches hinwandelte, das Auge
gro aufgeschlagen, das Haar zurckschttelnd von den weien Schlfen.
Es durchzuckte ihn seltsam, als ihr Blick, der gegenstandslos in der
Hhe herumschweifte, an ihm vorberglitt.  Unwillkrlich fuhr er
zusammen, als wre es mglich gewesen, da sie ihn entdeckte.

Der Mann im Lehnstuhl unten stand auf, schien aber seinerseits blind
fr ihren Zauber, denn im ruhigsten Geschftston fuhr er fort: Der
Nuntius ist in der letzten Zeit seltener in Euer Haus gekommen.  Ihr
waret zu offen mit Euren weltlichen Neigungen, besonders das Spiel hat
sich hier zu breit gemacht.  Es wre uns lieb, wenn Ihr wieder einige
geistliche Bedrfnisse empfndet und den regen Verkehr mit der Eminenz
von neuem anknpftet.  Die Beziehungen der Papalisten zu Frankreich
werden seit einiger Zeit beunruhigend.

Ihr knnt auf mich rechnen, erwiderte sie.

Noch eins, Leonora.  Die Summe, die wir Euch noch schulden fr das
Abendessen des Candiano...

Sie stand wie von einer Schlange gebissen still und verfrbte sich
pltzlich.  Bei allen Heiligen, sagte sie, schweigt davon, erwhnt es
nie wieder, und den Rest des Geldes gebt an die Kirche, da Sie Messen
lese fr seine Seele und--fr meine.  Wenn der Name genannt wird, ist
mir's jedesmal wie eine Posaune des jngsten Gerichtes.

Ihr seid ein Kind, sagte der andere.  Die Verantwortlichkeit fr jenes
Nachtmahl gehrt uns, nicht Euch.  Er war ein Verbrecher, und nur
seine Verbindungen und sein Ansehen machten es uns zur Pflicht, die
Strafe geheim zu vollziehen.  Er ist ruhig in seinem Bett gestorben,
und niemand hat je sagen knnen, da er aus Eurem Hause den Tod
davongetragen habe.  Oder ist Euch dergleichen zu Ohren gekommen?

Sie zitterte und sah zu Boden.  Nein, sagte sie.  Aber in der Nacht
wache ich auf von einer Stimme, die es mir zuraunt.  O!  Nur das htte
ich nicht tun sollen, nur das nicht!

Es ist eine Anwandlung, Leonora; Ihr werdet sie besiegen.  Das
Geld--wie ich Euch noch sagen wollte--liegt bei Marchesi fr Euch
bereit.  Gute Nacht, Grfin.  Ich sehe, da ich Euch lange aufgehalten
habe.  Schlaft wohl und lat morgen die Sonne Eurer Schnheit
unbewlkt aufgehen ber Gerechten und Ungerechten.  Gute Nacht,
Leonora!

Er verbeugte sich leicht vor ihr und ging auf die Tr zu.  Nur
flchtig konnte Andrea im letzten Moment seine Zge sehen.  Sie waren
kalt, aber nicht hart, ein Gesicht ohne Seele und Leidenschaften, nur
der Ausdruck eines mchtigen Willens herrschte auf Stirn und Brauen.
Er band eine Maske vor und warf den schwarzen Mantel, den er am
Eingange abgelegt hatte, um die Schulter.  Dann verlie er, ohne ihren
Abschied abzuwarten, das Gemach.

In demselben Augenblick hrte Andrea die Stimme des Mdchens unten im
Saal, die ihn leise herunterrief.  Er gehorchte, nachdem er einen
letzten Blick auf das schne Weib geworfen, das immer noch regungslos
mitten im Zimmer stand und dem Fortgegangenen tiefsinnig nachsah.  Wie
ein vom Schlage Getroffener stieg er schwankend von der Estrade herab
und folgte, ohne ein Wort zu sprechen, dem voranhuschenden Mdchen.
In ihrer Kammer brannte wieder Licht, der Wein stand noch auf dem
Tischchen am Fenster und nichts schien die Fortsetzung des
unterbrochenen Spiels zu hindern.  Aber auf dem Gesicht des Mannes lag
ein unheimlicher Schatten, der selbst den Leichtsinn Smeraldinas
verschchterte und sie von dieser Nacht nichts mehr hoffen lie.

Ihr seht aus, sagte sie, als httet Ihr Gespenster gesehen.  Kommt,
trinkt ein Glas Wein und erzhlt mir, was es gab.  Es lief ja ruhiger
ab als wir frchteten.

O gewi, sagte er mit erzwungener Klte.  Man will deiner Herrin sehr
wohl, und es ist sogar Aussicht, da du deinen rckstndigen Lohn
nchstens ausbezahlt erhltst.  Im brigen sprachen sie so leise, da
ich wenig verstand, und jetzt bin ich vor allen Dingen todmde von dem
unbequemen Knieen auf den harten Brettern.  Nchstens tue ich deinem
Wein eine bessere Ehre an, gutes Kind.  Aber heute mu ich schlafen.

Ihr habt mir noch nicht einmal gesagt, ob Ihr sie so schn findet wie
die anderen Leute, sagte das Mdchen und versuchte zu schmollen ber
ihren undankbaren, einsilbigen Freund.

Schn wie ein Engel oder eine Teufelin, murmelte er zwischen den
Zhnen.  Ich danke dir, Madamigella, da du mir dazu verholfen hast,
sie zu sehen.  Ein anderes Mal bleibe ich fein bei dir, da ich heute
meine Neugier hinlnglich gebt habe.  Gute Nacht!

Er schwang sich auf den Sims und betrat das Brett, das sie mimutig
wieder ber den Abgrund geschoben hatte.  Als er droben stand, sah er
den Kanal hinunter, in dessen Tiefe eben das Licht der Gondel
verschwand.  Gute Nacht! rief er noch einmal zurck und stieg dann
vorsichtig in sein Zimmer hinunter, whrend Smeraldina die Brcke
abbrach und sich vergebens bemhte, das seltsame Betragen des Fremden,
seine Armut, seine Freigebigkeit, sein graues Haar und seine
Abenteuersucht miteinander zu reimen.

Eine Woche verging, ohne da die Eroberung, die Smeraldina an ihrem
Nachbar gemacht zu haben glaubte, sich sonderlich befestigte.  Nur
einmal lie sie ihn, nachdem sie den Pfrtner auf ihre Seite gebracht
hatte, bei Nacht in der Maske zur Tr herein, fhrte ihn nach dem
Wasserpfrtchen und bestieg mit ihm die Gondel, die er selbst mit
langsamen Rudersten durch das dunkle Labyrinth hindurchtrieb, um
endlich auf dem groen Kanal eine Stunde lang im Freien hinzugleiten.
Er war trotz der guten Gelegenheit auch diesmal nicht eben zrtlicher
Laune, whrend sie bestndig schwatzte und durch Erzhlungen aus der
groen Welt, in der die Grfin ihre Rolle spielte, ihn zu belustigen
suchte.  Er erfuhr, da seit wenigen Tagen der sterreichische
Gesandtschaftssekretr lange Besuche bei ihrer Herrin zu machen pflege,
wo beide ohne Zweifel sich berieten, wie es anzufangen sei, da die
Verbannung des jungen Gritti zurckgenommen wrde.  Die Grfin sei
besserer Laune als je und habe sie reich beschenkt.  Andrea schien
dies alles nur mit halbem Ohr zu vernehmen und sich einzig der Lenkung
der Gondel zu widmen.  Es war also dem Mdchen selbst nicht unlieb,
als ihr schweigsamer Gefhrte umwendete und auf dem krzesten Wege
nach Hause fuhr.  Geruschlos trieb er das schmale Fahrzeug nahe an
den Pfahl heran, legte, nachdem sie ausgestiegen waren, die Kette
herum und bat sich den Schlssel aus, um sie festzuschlieen.  Sie gab
ihn und war schon in der Tr, als er ihr nachrief, da ihm in der Hast
der kleine Schlssel aus der Hand geglitten und in den Kanal gefallen
sei.  Es war ihr selbst verdrielich; aber mit ihrer gewhnlichen
Leichtherzigkeit trstete sie ihren Freund, da wohl noch ein zweiter
Schlssel sich im Hause finden werde, und er konnte diesmal nicht
umhin, mit einem flchtigen Ku auf ihre Wange Abschied zu nehmen, als
sie ihn um Mitternacht durch die Hauptpforte des Palastes entlie.

Seiner Wirtin, der Frau Giovanna, sagte er am anderen Morgen, da es
viel Arbeit bei seinem Brotherrn gegeben habe, so da man die Nacht
htte zu Hilfe nehmen mssen.  Dies war das einzige Mal, da er den
Hausschlssel brauchte.  Gewhnlich kam er schon gegen die Dmmerung
heim, geno nur Brot und Wein und lschte frh das Licht, so da die
gute Frau ihn in der Nachbarschaft als ein Muster des Fleies und
unstrflichen Wandels pries.  Nur das eine beklagte sie, da er sich
nicht schone und bei seinen Jahren gar kein erlaubtes Vergngen
geniee, wodurch er sich aufheitern und sein Leben verlngern wrde.
Marietta war bei solchen Reden still und sah in ihren Scho.  Sie sang
nicht mehr, sobald der Fremde in seinem Zimmer war, und schien
berhaupt, seitdem er gekommen, sich mehr Gedanken gemacht zu haben
als sonst in einem Jahre.

Am Morgen des zweiten Sonntags, den Andrea im Hause der Witwe erlebte,
trat die Frau hastig mit verstrtem Gesicht und in vollem Staat, wie
sie aus der Messe zurckkehrte, in sein Zimmer.  Er sa am Tisch, noch
nicht vllig angekleidet, und las in einem seiner Gebetbcher.  Sein
Gesicht war bleicher als sonst, aber sein Blick ruhig, und es schien,
als ob er ungern in seiner Andacht gestrt wrde.

Sitzt Ihr noch still im Zimmer, Herr Andrea, rief sie ihm entgegen,
und ganz Venedig ist auf den Beinen?  Eilt und kleidet Euch an und
geht selbst auf die Strae hinaus, wo Ihr so viel entsetzte
Menschengesichter sehen knnt wie Krner in der Mhle.  Heiliger Jesus!
da ich das noch erleben mu, und dachte, es knne nichts mehr in
Venedig geschehen, worber ich staunte!

Wovon redet Ihr, gute Frau? fragte er mit gleichgltigem Ton und legte
das Buch aus der Hand.

Sie warf sich auf einen Stuhl und schien sehr erschpft.  Bis an die
Piazetta bin ich fortgeschoben worden, fing sie wieder an, und sah die
Herren vom Groen Rat zu Haufen die Riesentreppe im Hofe des
Dogenpalastes hinaufsteigen und die Trauerfahne wehen aus dem Fenster
der Prokurazien.  Werdet Ihr es glauben?  Heute nacht zwischen Elf und
Mitternacht hat man den Vornehmsten von den drei Staatsinquisitoren,
den edeln Herrn Lorenzo Venier, auf der Schwelle seines Hauses
ermordet.

War es schon ein alter Mann? fragte Andrea ruhig.

Misericordia!  Wie Ihr auch sprecht!  Als wre er nur in seinem Bett
gestorben.  Aber Ihr seid freilich kein Venezianer und knnt es nicht
verstehen, was es heit: ein Inquisitor ermordet, einer vom Tribunal.
Es ist mehr als wenn es ein Doge wre, von denen mancher nicht mit
rechten Dingen um sich kam, denn das Tribunal hat die Macht und der
Doge das Kleid.  Was aber das entsetzlichste ist: auf dem Dolch, den
sie in der Wunde gefunden haben, steht eingegraben: "Tod allen
Inquisitoren"; allen! versteht ihr wohl, Herr Andrea?  Das ist nicht
wie wenn ein Wicht von einem Bravo gedungen wird, einen einzelnen aus
der Luft zu schaffen, weil er einem anderen im Wege steht bei
Liebschaft, mtern oder sonst.  Das ist ein politischer Mord, sagte
mein Nachbar, der Spezial, und dahinter steckt eine Verschwrung und
Helfershelfer und der Angelo Querini mit seinem Anhang.  Er rieb sich
die Hnde, als er das sagte, aber mir zitterte das Herz im Leibe, denn
ich will nicht sagen, was ich denke, aber ich wei, mit der bsen Tat
ist's wie mit den Kirschen, schttelt man eine herunter, so fallen
zwanzig nach, und dieses Blut wird viel Blut kosten.

Hat man denn keine Spur des Mrders, Frau Giovanna?  Wozu ntzen dem
Tribunal die Hunderte von Spionen, die es bezahlt?

Nicht den Schatten einer Spur, antwortete die Witwe.  Es war eine
dunkle Nacht, die Bora wehte, und auf dem groen Kanal, an dem sein
Palast steht, war es leer von Gondeln.  Da kam er allein durch eine
Seitengasse nach Hause, und da traf ihn die unsichtbare Hand, und er
lebte nur so lange, bis er mit seinem letzten Sthnen den Pfrtner
herausgeschreckt hatte.  Da war die Gasse totenstill und niemand zu
erblicken.  Ich aber wei, was ich wei, Herr Andrea.  Soll ich es
Euch sagen?  Ihr seid rechtschaffen und brav und werdet es nirgend
weiter umhersagen und mich nicht in neues Elend bringen: Ich kenne die
Hand, die dieses Blut vergo.

Er sah sie fest an.  Redet, sagte er, wenn es Euch erleichtert.  Ich
verrate Euch nicht.

Habt ihr keine Ahnung? sagte sie, indem sie aufstand und dicht neben
ihn hintrat: Hab' ich Euch nicht gesagt, da mancher lebt und nicht
wiederkommt, und mancher tot ist und doch wiederkommt?  Wit ihr's
nun?  Er hat es ihnen nicht vergessen, da sie sein Weib und Kind
unter die Bleidcher geschleppt und gemartert haben.  Aber, um Gottes
willen, kein Wort davon ber Eure Lippen!  Wenn es sein Geist getan
htte, die Lebendigen mten es ben.

Und was habt Ihr fr Anla zu Eurem Glauben?

Sie sah sich im Zimmer unheimlich um.  Wit, flsterte sie, es war
nicht geheuer im Haus diese Nacht.  An den Wnden hrt' ich es hinauf-
und hinabhuschen, wie Gespensterschritte, ich lag im Bett und horchte,
und es rauschte da unten heimlich ber den Kanal und klirrte an Eurem
Fenster, und durch das Gchen nebenan schwirrte es von
aufgescheuchtem Getier bis lange nach Mitternacht.  Erst mit dem
Glockenschlage eins ward Ruhe; ich wei wohl, wer sie gestrt hat.  Er
kam, nachdem er es getan, um uns zu gren, da wir ja keinen Abschied
genommen haben.

Das Haupt war ihm auf die Brust gesunken.  Jetzt stand er auf und
sagte, da er selbst ausgehen wolle, um sich zu erkundigen.  Er habe,
wie sie ja wisse, sich frh niedergelegt und besonders fest geschlafen,
so da er von allem Spuk nicht gestrt worden sei.  brigens mge
sie es fr sich behalten, denn allerdings sei es gefhrlich, von einem
solchen Verbrechen auch nur eine gespenstische Mitwissenschaft
erhalten zu haben.--Darauf zog er sich eilig an und ging in die Stadt
hinaus.

Es war ein Wogen und Treiben auf den Gassen, wie man es selbst bei
hohen Festen der Republik nicht gewohnt war.  Lautlos bewegten sich
aus der inneren Stadt hastige Zge von Neugierigen durch die engen
Straen fort nach dem Markusplatze zu, und wer sich nicht anschlo,
stand wenigstens drauen an der Tr seines Hauses und wechselte mit
vorbeieilenden Bekannten beredte Zeichen und Blicke.  Man sah es
diesen Menschen an, da etwas Unerhrtes und Furchtbares sie zugleich
aufgeregt und betubt hatte, da sie alle planlos dem allgemeinen Zuge
folgten, begierig, das Ereignis vor allem mit Augen zu sehen und mit
Hnden zu greifen.  Niemand redete laut, niemand lachte, pfiff oder
seufzte auch nur vernehmlich; es war, als fhlten diese ehrsamen
Brger die Pfhle wanken, auf denen die Lagunenstadt gegrndet ward.

In scheinbar nachlssiger Haltung schritt Andrea unter dem Volk hin,
den Hut tief ber die Augen gedrckt, die Hnde auf den Rcken gelegt.
Nun trat er auf den Markusplatz hinaus, wo in unzhligen Gruppen alle
Stnde durcheinander gemischt unter dem reinen Sommerhimmel sich
geschart hatten, whrend unter den Hallen der Prokurazien der Strom
weiterflo, der Piazetta zu, bis drauen an das breite Becken des
Kanals, das von den beiden Sulen beherrscht wird.  Der alte
Dogenpalast stieg majesttisch ber dem Gewhl empor.  Man sah hinter
den Bogenfenstern und in den Arkaden Waffen blinken, und ein Trupp
Soldaten hatte am Eingang Posto gefat, Spalier bildend und jedem die
Wehr vorhaltend, der, ohne zum Groen Rat zu gehren, in das Innere
Einla suchte.  Denn oben in der weiten Halle, deren Wnde mit den
Grotaten der Republik ausgemalt sind, sa die Blte des Adels in
geheimer Beratung beisammen, und die Menge, die unten scheu vor den
schweren Pfeilern des alten Baues vorberwallte, schien ungeduldig das
Ergebnis dieser Sitzung abzuwarten; so oft ein Nobile sich am Fenster
blicken lie, entstand ein Murmeln und Deuten und Hinaufstarren, als
werde jeden Augenblick das Urteil ber den unentdeckten Frevler vom
Balkon herab verkndigt werden.  Auch Andrea, der das lange Viereck
des Platzes einsam durchmessen hatte, nherte sich jetzt dem
Dogenpalast und warf im Vorbeigehen einen Blick in die Kirche von San
Marco, wo er Kopf an Kopf bis zu den Pforten hinaus die Menschen
stehen und der Predigt lauschen sah.  Dann bahnte er sich mhsam einen
Weg nach den beiden Sulen und stand in dsteren Gedanken am Kai der
Piazetta, vor sich die wimmelnde Menge der schwarzen Gondeln, deren
sthlerne, gezahnte Schnbel bei jeder Wendung ihre Sonnenblitze ber
die Wellen warfen.  Auch die Riva degli Schiavoni, die zu seiner
Linken lag, war dicht gedrngt von erwartungsvollen Menschen.  ber
dem Turban des Trken tauchte der rote griechische Fes, die malerische
Mtze der Schiffer von Chioggia, der dreieckige Hut und die gepuderte
Percke auf, und man hrte gleicher Weise die verschiedensten Zungen
durcheinander schwirren, whrend vom Wasser herauf die eintnigen
Anrufe der Gondoliere auch dem Blinden sagten, da der groe Kanal
Venedigs zu seinen Fen flo.

Eine offene Gondel, von zwei Dienern in reicher goldgestickter Livree
gerudert, flog vorber; eine Dame lag nachlssig auf den breiten
Polstern, das Haupt in die Hand gesttzt.  Das Feuer eines groen
Diamantringes spielte aus dem rtlichen Glanz ihrer Haare hervor; ihre
Augen ruhten auf dem Gesicht eines jungen Mannes, der ihr gegenber
sa und eifrig zu ihr sprach.  Sie hob jetzt den Kopf und musterte mit
einem stolzen Blick das Menschengewoge droben auf der Piazetta.  Das
ist die blonde Grfin, hrte Andrea im Volke sagen; er hatte sie
lngst erkannt.  Zusammenfahrend, wie wenn schon ihr Anblick Verderben
brchte, wandte er sich ab.  Da sah er in ein bekanntes Gesicht, das
ihm vertraulich zunickte.  Samuele stand hinter ihm.

Seid ihr auch einmal unter Menschen, Herr Delfin? raunte ihm der Jude
mit seiner dnnen Stimme zu.  Vergebens habe ich Euer Gnaden all die
Tage her wieder zu begegnen gesucht.  Ihr lebt eingezogener, als eine
Frau in den Wochen.  Wenn ihr wollt mitgehen, wohin mich meine
Geschfte rufen, so htt' ich Euch zu sagen, was Ihr vielleicht gern
hrt.  Kommt!  Was steht Ihr hier, wie die anderen Narren, die da
glauben, im Groen Rat wrde das Heil der Republik zur Welt gebracht?
Die Ratten im Schiff machen es nicht flott, wenn es aufgefahren ist.
Die wahren Lotsen haben jetzt besseres zu tun, als zu schwatzen.  Aber
gehen wir von hier fort, ich habe Eile, und in der Gondel reden wir
bequemer.

Er winkte eine von den Mietgondeln heran und zog Andrea am Arm sich
nach.  Sie stiegen ein und setzten sich unter das schwarze Dach, links
und rechts durch die ffnungen der engen Kajte den Kanal berblickend.
Was habt Ihr mir zu sagen, Herr? begann Andrea.  Und wohin fhrt Ihr
mich?  Geht morgen frh nicht zu Eurem Notar, sagte der Jude.  Es wre
mglich, da Ihr zu einem Gang abgeholt wrdet, der Euch mehr eintrge.

Was meint Ihr, Samuele?

Ihr wit, was die Nacht geschehen ist, fuhr der andere fort.  Es ist
unerhrt, da zwlf Stunden nach einem Mord in Venedig vergehen und
noch keine Spur gefunden ist, wer ihn begangen hat.  Wir sind um
unseren Kredit gekommen bei der Signoria, beim Volk, bei den Fremden,
die von der Polizei hier zu Lande Wunder geglaubt und Zeichen erwartet
haben.  Der Rat der Zehn findet, da er schlecht bedient wird.  Er
wird sich nach neuen Augen umtun, die besser in alle Winkel dringen.
Eure Augen, Herr Delfin, mchten, wenn Ihr noch denkt wie vor zehn
Tagen, bald eine feinere Schrift zu lesen bekommen, als die Akten
Eures Herrn Notars.  Darum haltet Euch zu Haus morgen frh.  Wenn es
was ist und ich kann ein Wort fr Euch anbringen, soll es mich freuen.

Mein Sinn ist noch nicht verndert; aber fast zweifle ich an meinen
Fhigkeiten.

Husch, husch! sagte der andere und schttelte den Zeigefinger.  Ich
mte Gesichter nicht kennen, oder Ihr habt Eures in Eurer Gewalt, und
wer verbergen kann, was er denkt, hat schon halb erraten, was fr
Gedanken andere zu verbergen suchen.

Und wer entscheidet, ob man mich brauchen kann oder nicht?

Ihr mt Euch prfen lassen vor dem Tribunal; ich kann nichts tun, als
sagen, da ich Euch kenne und Euch Talente zutraue.  Bis morgen, denk'
ich, wird das Tribunal vollzhlig sein; die Zehn sitzen eben zusammen
und whlen den dritten Mann.  Ich kann sagen, da man mir geben knnte
viel Geld, da ich sollte Staatsinquisitor werden--ich dankte fr die
Ehre.  Denn die Inschrift auf dem Dolch ist nicht so fr die
Langeweile eingraviert, und der Soldat auf der Pulvermine it sein
Brot ruhiger als einer der drei Herren Venedigs seit gestern nacht.

Dennoch ist wohl kein Zweifel, da der Erwhlte das Amt antritt?  Oder
darf er ablehnen?

Ablehnen!  Wit Ihr nicht, da die Republik jeden schwer bestraft, der
sich einem Amt entzieht?

Andrea schwieg und sah finster durch die Luke auf die Flche des
Kanals.  Eine unabsehliche Menge schwarzer Gondeln fuhr in derselben
Richtung zwischen den hohen Palsten hin, und vom Rialto her kam eine
nicht geringere Zahl ihnen entgegen.  Beide Zge trafen jetzt
aufeinander und drngten sich um eine breite Wassertreppe, wo sie um
die Wette anfuhren und ihre Herrschaften landeten.  Es war der Palast
Venier, und droben lag der Tote.

Ein Blick zeigte Andrea, wo sie waren.  Gewaltsam beherrschte er seine
Bewegung und sagte: Habt Ihr hier zu tun, Samuele, oder ist es blo
die Neugier, einen ermordeten Staatsinquisitor auf dem Paradebett zu
sehen?

Ich bin im Dienst, erwiderte der Jude.  Aber auch Euch kann es
ntzlich sein, mitzugehen.  Ich werde Euch mit einigen meiner Freunde
bekannt machen, denn der Zehnte hier wei, was er sucht.  Aber wir tun,
als kennten wir uns nicht.  Wit Ihr, da ich wetten mchte, von den
Verschworenen seien nicht wenige unter diesen Beileidsgesichtern?  Wer
wei, ob der Tter nicht selbst eben aus einer dieser Gondeln steigt!
Er wre nicht dumm, wenn er sich hier sicherer glaubte, als irgend wo
sonst.  Denn zu dieser Stunde, kann ich Euch sagen, durchsucht die
Polizei, whrend alles im Freien ist, die Huser, die ihr jemals
verdchtig waren, und das Sprichwort ist wahr: Der Teufel lehrt es zu
tun, aber nicht, es zu verbergen.

Mit diesen Worten sprang er aus der Gondel und half Andrea
dienstfertig aussteigen.  Ist es Euch unheimlich, einen Toten zu
sehen? fragte er.  Ihr seid nicht wohl aufgelegt.

Ihr irrt, Samuele, antwortete Andrea rasch und sah ihm gleichmtig ins
Gesicht.  Ich bin Euch vielmehr dankbar, da Ihr meiner Trgheit zu
Hilfe gekommen seid.  Ohne Euch wre ich schwerlich hier.  Lat uns
hinaufgehen, um dem groen Herrn, der uns im Leben schwerlich
vorgelassen htte, unseren Besuch zu machen.  Eine stattliche Wohnung,
die er so hastig mit einem engen Kmmerchen vertauschen mu!  Er tut
mir leid, in der Tat, obwohl ich ihn nie mit Augen gesehen habe.

Sie stiegen unter einem groen Andrang nebeneinander die
schwarzverhangene Treppe hinauf, von deren Hhe das umflorte Wappen
des Hauses Venier heruntersah und statt jedes Pfrtners der Menge
Stille gebot.  Drinnen in dem grten Saal war der Katafalk unter
einem Baldachin errichtet, Zypressenbume ragten bis an die hohe Decke,
Kerzen auf silbernen Kandelabern flackerten im Luftzug, der ber den
offenen Balkon vom Wasser herauf durch die Halle strich, und vier
Diener des Hauses Venier in schwarzem Samt, die blanken Hellebarden
mit Flren umwickelt, hielten wie Standbilder an den Ecken des
Totengerstes die Wache.  ber den Leichnam war eine samtene Decke
gebreitet; die silbernen Fransen hingen bis auf den Boden herab.  Der
Tote zeigte den Eintretenden das scharfe Profil, mit einem zornigen
und traurigen Ausdruck das geschlossene Auge gegen den Baldachin
gekehrt.  Andrea erkannte diese Zge wieder.  Er hatte sie im Zimmer
Leonoras in jener Nacht sich tief ins Gedchtnis geprgt.  Aber kein
Zucken seines Mundes noch der Augen, die scharf auf den Toten
gerichtet waren, verriet, da der Rcher vor seinem Opfer stand.-Eine
Stunde spter kam Andrea nach Hause.  Frau Giovanna empfing ihn oben
an der Treppe mit einer fast mtterlichen Sorge, und auch Marietta
schien unruhig auf ihn gewartet zu haben.  Sie erzhlten ihm, da die
Sbirren in seiner Abwesenheit sein Zimmer durchsucht, aber alles in
bester Ordnung gefunden htten, bereinstimmend mit dem Zeugnis,
welches sie selbst, die Wirtin, ihrem Mieter ausgestellt habe.  Die
ruhige Art, in der Andrea ihre Erzhlung anhrte, versicherte sie
vollends, da ihre Angst berflssig und der Besuch der Polizei mehr
eine Sache der Form gewesen sei.  Eine Menge Warnungen und
Vorsichtsmaregeln legte die gute Frau ihm ans Herz, wie er sich in
dieser bsen Zeit mit Reden und Handlungen vor jedem Verdacht zu
schtzen habe.  Sie werden das Regiment noch verschrfen, seufzte die
Alte, denn sie wissen wohl: eine Katze mit Handschuhen fngt keine
Muse, und das ist auch ein wahres Wort, da die Toten den Lebenden
die Augen ffnen.  Darum seid auf Eurer Hut, teurer Herr, und traut
niemand, der sich an Euch macht.  Ihr kennt die schlimmen Gesellen
noch nicht, wie gutmtig sie sich zu stellen wissen, aber glaubt mir:
man wird nur von dem betrogen, dem man traut.  Geht lieber nicht zu
Tisch in einem Gasthaus, sondern lat Euch gefallen, da wir Euch zu
Hause auftragen, was wir vermgen.  Ihr seht angegriffen aus.  Legt
Euch ein wenig aufs Bett; Ihr seid das Herumlaufen nicht gewohnt.

Alle diese Reden begleitete Marietta mit bittenden Blicken und sah,
neben der Mutter stehend, unverwandt in sein blasses, ernstes Gesicht.
Er versicherte, da ihm wohl sei, bat um Brot und Wein und kam,
nachdem man es ihm gebracht hatte, den Rest des Tages nicht wieder zum
Vorschein.

Frh am anderen Morgen, als er noch im Bette lag, trat Samuele bei ihm
ein.  Wenn Euch darum zu tun ist, sagte er, zum mindesten vierzehn
Dukaten monatlich in die Tasche zu stecken, so kommt mit mir; es ist
alles eingeleitet, und ich denke, Ihr macht den Gang nicht umsonst.

Ist der neue Staatsinquisitor schon gewhlt? fragte Andrea.

Es scheint so.

Und noch keine Spur von der Verschwrung?

Noch keine Spur.  Der Schrecken unter dem Adel ist gro.  Sie
verschlieen sich in ihren Husern und sehen in jedem Besucher einen
Spion der Zehn oder des Tribunals.  Einer nach dem anderen von den
fremden Gesandten hat dem Dogen seine Aufwartung gemacht, die
feierlichsten Versicherungen seiner Emprung ber die Tat abgelegt und
seine Hilfe zur Entdeckung des Tters angeboten.  Von nun an werden
die drei vom Tribunal sich noch geheimer halten als zuvor, und, wie
ich glaube, soll ein Preis auf den Kopf des Mrders gesetzt werden,
der einen armen Teufel schon fr einige Jahre flott machen wrde.  Die
Augen auf, Herr Andrea!  Wir beide trinken vielleicht bald einen
besseren Wein zusammen, als damals in jener Kneipe!

Schweigend hatte sich Andrea angezogen und folgte nun seinem Gnner,
der bestndig plauderte, nach dem Dogenpalast.  Samuele war hier gut
bekannt.  Er klopfte an eine unscheinbare Tr im Hof, sagte dem Diener,
der ffnete, ein Wort ins Ohr und lie Andrea auf einer kleinen
Treppe hflich den Vortritt.  Nachdem sie droben einen langen,
helldunkeln Gang durchschritten und einigen Hellebardieren Rede
gestanden hatten, wurden sie in ein nicht gar groes Gemach
eingelassen, dessen Fenster nach dem Hofe ging und mit einer dunkeln
Gardine zur Hlfte verhangen war.  Im Hintergrunde gingen drei Mnner
in flsterndem Gesprch auf und ab, die Gesichter mit Masken bedeckt,
unter denen nur die Spitzen der Brte hervorsahen.  Ein vierter,
unmaskiert, sa an einem Tisch und schrieb beim Schein einer einzelnen
Kerze.

Er sah auf, als Samuele mit Andrea auf der Schwelle erschien.  Die
drei anderen schienen die Hereintretenden nicht zu beachten, sondern
ihr Gesprch eifrig fortzusetzen.

Ihr bringt den Fremden, den Ihr uns angekndigt habt? fragte der
Sekretr.

Ja, Euer Gnaden.

Ihr knnt abtreten Samuele.

Der Jude verneigte sich gehorsam und verlie das Zimmer.

Nach einer Pause, in welcher der Sekretr des Tribunals einige Papiere,
die vor ihm lagen, berflogen und dann mit einem langen Blick die
Gestalt des Fremden geprft hatte, sagte er: Euer Name ist Andrea
Delfin; seid Ihr mit den venezianischen Nobili gleichen Namens
verwandt?

Nicht da ich wte.  Meine Familie ist seit Urzeiten in Brescia
ansssig.

Ihr wohnt in der Calle della Cortesia bei Giovanna Danieli; Ihr
wnscht in den Dienst des erlauchten Rates der Zehn zu treten.

Ich wnsche der Republik meine Dienste zu widmen.

Eure Papiere aus Brescia sind in Ordnung.  Der Advokat, bei dem Ihr
fnf Jahre gearbeitet habt, gibt Euch das Zeugnis eines verstndigen
und zuverlssigen Mannes.  Nur ber die sechs oder sieben Jahre, bevor
Ihr zu ihm kamt, fehlt ein jeder Ausweis.  Was habt Ihr, nachdem Eure
Eltern gestorben waren, in der langen Zeit getrieben?  Ihr habt sie
nicht in Brescia zugebracht?

Nein, Euer Gnaden, erwiderte Andrea ruhig.  Ich war in fremden Lndern,
in Frankreich, Holland und Spanien.  Nachdem ich mein geringes Erbe
aufgezehrt hatte, mute ich mich bequemen, Bedienter zu werden.

Eure Zeugnisse?

Sie sind mir entwendet worden in einem Koffer, der meine ganze Habe
enthielt.  Ich war dann des unsicheren Reiselebens mde und ging nach
Brescia zurck.  Meine Herrschaften hatten mich zu mancherlei
Sekretrdiensten brauchbar gefunden.  Ich versuchte es bei einem
Advocaten, und Euer Gnaden haben das Zeugnis selbst vor sich, da ich
zu arbeiten gelernt habe.

Whrend er dies sagte, in einer stillen, unterwrfigen Haltung, den
Kopf etwas vorgebeugt und den Hut in beiden Hnden, trat pltzlich
einer der drei Herren in der Maske nher an den Tisch heran, und
Andrea fhlte einen durchdringenden Blick auf sich gerichtet.

Wie heit Ihr? fragte der Inquisitor mit einer Stimme, die ein hohes
Alter verriet.

Andrea Delfin.  Meine Papiere weisen es aus.

Bedenkt, da es Euer Tod ist, wenn Ihr das erlauchte Tribunal
hintergeht.  Erwgt die Antwort noch einmal.  Wenn ich nun sage, da
Euer Name Candiano sei?

Eine kurze Pause folgte auf dieses Wort, man hrte den Totenwurm im
Geblk des Zimmers bohren.  Acht forschende Augen waren auf den
Fremden geheftet.

Candiano? sagte er langsam, doch mit fester Stimme.  Warum soll ich
Candiano heien?  Ich wollt' es wahrlich selbst; denn soviel ich wei,
ist das Haus Candiano reich und vornehm, und wer diesen Namen trgt,
braucht nicht sein Brot mhsam mit der Feder zu verdienen.

Ihr habt das Gesicht eines Candiano.  Euer Betragen berdies verrt
eine bessere Herkunft, als diese Papiere anzeigen.

Ich kann nichts fr mein Gesicht, erlauchte Herren, erwiderte Andrea
mit anstndiger Unbefangenheit.  Was mein Betragen angeht, so habe ich
auf Reisen allerlei Sitten gesehen und die meinigen, soviel ich konnte,
verbessert, auch meine Zeit in Brescia nicht verloren, sondern aus
Bchern die Versumnisse meiner Jugend nachgeholt.

Die beiden anderen Inquisitoren waren indes jenem ersten nher
getreten, und der eine, dessen roter Bart sich breit unter der Maske
vorschob, sagte halblaut: Eine hnlichkeit mag Euch tuschen, die ich
nicht wegleugnen will.  Aber Ihr wit selbst: der Zweig des Hauses,
der bei Marano angesiedelt war, ist ausgestorben; der Alte ist in Rom
begraben, die Shne berlebten ihn nicht lange.

Mag sein, erwiderte der erste.  Aber seht ihn an und sagt, ob es nicht
ist, als wre der alte Luigi Candiano, nur verjngt, aus dem Grabe
erstanden.  Ich hab ihn gut genug gekannt; wir wurden an demselben
Tage in den Senat gewhlt.

Er nahm die Papiere vom Tisch und prfte sie sorgfltig.  Ihr mgt
recht haben, sagte er endlich.  Es wrde mit den Jahren nicht stimmen.
Fr einen der Shne Luigis ist dieser zu alt.  Wenn er ihn vor der
Ehe erzeugt htte--so wrde es uns gleichgltig sein knnen.

Er warf die Papiere wieder hin, gab dem Sekretr einen Wink und trat
mit den anderen in die Fensternische zurck, das unterbrochene
Gesprch leise fortsetzend.  Niemand konnte Andreas Augen anmerken,
welch eine Last in diesem Augenblick ihm von der Seele fiel.  Der
Sekretr begann von neuem.  Ihr versteht fremde Sprachen? fragte er.

Ich spreche Franzsisch und ein wenig Deutsch, Euer Gnaden.

Deutsch?  Wo habt Ihr das gelernt?

Ein deutscher Maler in Brescia war mein guter Freund.

Seid Ihr je in Triest gewesen?

Zwei Monate, Euer Gnaden, in Geschften meines Herrn, des Advokaten.

Der Sekretr stand auf und trat zu den dreien am Fenster.  Nach einer
Weile kam er an den Tisch zurck und sagte: Man wird Euch den Pa
eines sterreichischen Untertans geben, der aus Triest gebrtig war.
Mit diesem geht Ihr in das Haus des sterreichischen Gesandten und
bittet um seinen Schutz, da die Republik Euch auszuweisen drohe.  Ihr
werdet sagen, da Ihr in frher Jugend Triest verlassen habt und nach
Brescia hinbergegangen seid.  Was auch die Antwort sein mge, dieser
Besuch wird Euch, bei einiger Geschicklichkeit, gengen, um mit dem
Sekretr des Gesandten Bekanntschaft zu machen.  Es ist Eure Aufgabe,
dieses Verhltnis fortzuspinnen und, soviel Ihr knnt, die geheimen
Verbindungen des Wiener Hofes mit den Adeligen Venedigs zu beobachten.
Entdeckt Ihr das Geringste, was Euch Verdacht einflt, so habt Ihr
es unverzglich zu melden.

Wnscht das hohe Tribunal, da ich meine bisherige Stellung bei dem
Notar Fanfani aufgebe?

Ihr ndert nichts in Eurer Lebensweise.  Euer Gehalt betrgt fr den
ersten Monat nur zwlf Dukaten.  Von Eurer Geschicklichkeit und
Umsicht hngt es ab, die Summe zu verdoppeln.

Andrea verneigte sich zum Zeichen, da er mit allem einverstanden sei.

Hier ist Euer deutscher Pa, sagte der Sekretr.  Eure Wohnung ist dem
Palast der Grfin Amidei benachbart.  Es wird Euch ein leichtes sein,
mit ihrer Kammerfrau ein Verhltnis anzuknpfen, dessen Kosten Euch
erstattet werden sollen.  Was Ihr auf diesem Wege ber die Beziehungen
der Grfin zu vornehmen Venezianern erfahrt, berichtet Ihr an diesem
Ort.  Die Republik erwartet, da Ihr treu und gewissenhaft Eure
Aufgabe erfllt.  Sie verpflichtet Euch nicht durch einen Eid, weil,
wenn die Scheu vor den irdischen Strafen, die wir verhngen, Euch
nicht in der Pflicht zurckhielte, Ihr kein Menschenblut in den Adern
haben mtet und also auch der himmlischen Gerechtigkeit spotten
wrdet.  Ihr seid entlassen.

Andrea verbeugte sich wiederum und wandte sich nach der Tr.  Der
Sekretr rief ihn zurck.

Noch eins, sagte er, indem er ein Kstchen aufschlo, das auf dem
Tische stand.  Tretet heran und betrachtet den Dolch in diesem
Kstchen.  Es sind groe Waffenfabriken in Brescia.  Entsinnt Ihr Euch,
dort irgend eine hnliche Arbeit gesehen zu haben?

Andrea blickte, mit letzter Kraft sich bezwingend, in den Behlter,
den ihm der Sekretr entgegenhielt.  Er erkannte die Waffe nur zu wohl.
Es war ein zweischneidiges Messer, der Griff, ebenfalls sthlern, in
Kreuzesform.  Auf der Klinge, vom Blut noch nicht gereinigt, standen
die Worte eingegraben: "Tod allen Staatsinquisitoren".

Nach einer lngeren Prfung schob er mit fester Hand das Kstchen
zurck.  Ich entsinne mich nicht, sagte er, einen hnlichen Dolch in
den Kauflden von Brescia gesehen zu haben.

Es ist gut.

Der Sekretr verschlo das Kstchen wieder und winkte ihm mit der Hand,
zu gehen.  Langsam schritt Andrea hinaus.  Die Hellebardiere lieen
ihn passieren; wie im Traum ging er den hallenden Korridor entlang,
und erst als er auf der dunkeln Treppe war, gnnte er sich's, einen
Augenblick auf einer der Marmorstufen niederzusitzen.  Seine Kniee
drohten einzubrechen; der kalte Schwei bedeckte seine Stirn, die
Zunge klebte ihm am Gaumen.

Als er ins Freie hinaustrat, atmete er tief auf, richtete den Kopf
mutig in die Hhe und nahm seine entschiedene Haltung wieder an.  Am
Portal drauen, das sich nach der Piazetta ffnet, sah er einen Haufen
Volkes dicht beisammen stehen, vertieft in die Lesung eines groen
Anschlages, der an eine der Sulen angeheftet war.  Er trat ebenfalls
hinzu und las, da vom Rat der Zehn mit hoher Bewilligung des Dogen
eine Belohnung von tausend Zechinen und die Begnadigung eines
Verbannten oder Verurteilten demjenigen verheien werde, der ber den
Mrder Veniers Auskunft zu geben wisse.  Das Volk strmte vor der
Sule ab und zu, und nur einige lauernde Gesichter tauchten beharrlich
immer wieder unter den Arkaden auf und bewachten die Mienen der
Lesenden.  Auch Andrea entging ihnen nicht.  Aber mit der
Gleichgltigkeit eines vllig unbeteiligten Fremden machte er, nachdem
er das Blatt berflogen, anderen Neugierigen Platz und stieg ruhig am
groen Kanal in eine Gondel, die ihn nach dem Hotel des
sterreichischen Gesandten bringen sollte.

Als er nach einer lngeren Fahrt vor dem ziemlich abgelegenen Palast
ausstieg, der den doppelkpfigen Adler ber dem Eingang trug, bewegte
gerade ein hochgewachsener junger Mann den Klopfer am Tor.  Er sah
sich nach der Gondel um, und seine ernsthaften Zge erheiterten sich
pltzlich.  Ser Delfin, sagte er und bot Andrea die Hand, begegnen wir
uns hier?  Kennt Ihr mich nicht mehr?  Habt Ihr den Abend am Gardasee
schon vergessen?

Ihr seid es, Baron Rosenberg! erwiderte Andrea und schttelte herzlich
die dargebotene Rechte.  Seid Ihr fr lngere Zeit in Venedig, oder
holt Ihr schon Euren Pa hier ab zur Weiterreise?

Der Himmel wei, sprach der andere, wann mich mein Stern je von hier
wegfhrt, und ob ich ihn dann willkommen heien oder verwnschen werde.
Um meinen Pa jedoch brauche ich niemand zu bemhen, da ich ihn mir
selbst visieren kann.  Denn Ihr mt wissen, werter Freund, da Ihr
mit dem Sekretr Seiner Exzellenz des sterreichischen Gesandten
sprecht, was ich wahrlich nicht etwa sage, um eine diplomatische Wand
zwischen mich und meinen werten Reisegefhrten von Riva zu schieben,
sondern in Eurem Interesse, Bester, da es nicht jedem Venezianer
erwnscht ist, fr einen alten Bekannten von mir zu gelten.

Ich habe nichts zu frchten, sagte Andrea.  Wenn ich Euch nicht lstig
bin, trete ich einen Augenblick bei Euch ein.

Ihr wolltet zu mir, ohne mich zu kennen.  Was Euch der
Gesandtschaftssekretr zu Gefallen tun sollte, wird Euch nun der
Freund umso williger tun, falls es in seiner Macht steht.

Andrea errtete.  Zum ersten Male empfand er jetzt alles Demtigende
der Maske, die er trug, einem freien Manne gegenber, der ihm nach
einer flchtigen Begegnung vor mehreren Jahren so freundschaftlich
wieder entgegenkam.  Der Pa des Triestiners, den er in der Tasche
trug, drckte ihn wie ein bleiernes Gewicht.  Aber die bung, seine
inneren Kmpfe zu beherrschen, lie ihn auch diesmal nicht im Stich.
Ich wollte nur eine Erkundigung einziehen ber ein deutsches
Handelshaus, sagte er, denn ich bin hier in Venedig in der sehr
bescheidenen Stellung eines Schreibers, der sich von seinem Herrn
Notar zu mancherlei kleinen Diensten gebrauchen lassen mu.  Da ich
aber in Brescia nicht viel Besseres war und Ihr dennoch mich nicht zu
gering hieltet, mir Eure und Eurer Mutter Gesellschaft zu gnnen, so
trete ich auch hier dreist mit Euch ein; Ihr mt mir vor allem sagen,
wie es der trefflichen Frau ergeht, deren ehrwrdiges Bild, ihre
rhrende Liebe zu Euch, ihre groe Gte gegen mich, mir noch in
lebendigster Erinnerung stehen.

Der Jngling wurde ernsthaft und seufzte.  Kommt in mein Zimmer, sagte
er.  Wir plaudern dort vertraulicher.

Andrea folgte ihm hinauf, und der erste Blick, den er in das
behagliche Gemach tat, fiel auf ein groes Pastellbild, das ber dem
Schreibtisch hing.  Er erkannte die leuchtenden Augen und das reiche
Haar Leonorens.  Aller verfhrerische Schmelz der Jugend und des
bermutes lag auf diesen lchelnden Lippen.

Der Jngling rckte zwei Sessel an das Fenster, durch welches man den
ziemlich breiten Kanal, die malerische Brcke und zwischen den Husern
drben die Chorseite einer alten Kirche bersah.  Kommt, sagte er,
macht es Euch bequem.  Soll ich Wein kommen lassen oder Sorbette?
Aber ihr hrt nicht.  Ihr seid in dieses unglckselige Bild vertieft.
Wit Ihr, wen es vorstellt?  Kennt Ihr das Urbild, von dem es nur ein
blasser Schatten ist?  Doch wer in Venedig kennte es nicht?  Sagt mir
nichts von diesem Weibe.  Ich wei alles, was man von ihr sagt, und
glaube alles, und dennoch versichere ich Euch in allem Ernst, da Ihr
selbst, wenn Ihr vor ihr stndet, an nichts von alle dem denken,
sondern Gott danken wrdet, wenn Ihr Eure fnf Sinne so leidlich
beisammen behieltet.

Ist dieses Gemlde Euer Eigentum? fragte Andrea nach einer Pause.

Nein; es hat einem Glcklicheren gehrt, einem schnen jungen
Venezianer, der, wie sie mir selbst gestand, ihr Abgott gewesen.  Der
Unvorsichtige lie sich einfallen, mir seine Freundschaft anzutragen.
Er bt dieses Verbrechen in der Verbannung, und meine Strafe ist nun,
da er mir dieses Bild vermacht hat, und da ich die Augen des
Originals um ihn habe weinen sehen.

Er stand, whrend er dies sagte, vor dem Bilde und betrachtete es mit
einem schwrmerisch-traurigen Blick.  Andrea beobachtete ihn mit der
tiefsten Teilnahme.  Er war nicht schn von Gesicht, nur anziehend
durch die Mischung von jugendlicher Sanftheit der Formen und
mnnlichem Ernst und Feuer seines Mienenspiels.  Auch in den
Bewegungen der hohen Gestalt offenbarte sich Adel und Energie.
Unwillkrlich entfuhr Andrea der Ausruf: Da Ihr, auch Ihr dieses Weib
lieben knnt, das Euer so wenig wert ist!

Lieben? erwiderte der Deutsche mit einem seltsam dsteren Ton.  Wer
sagt Euch, da ich sie liebe, wie ich einst in Deutschland geliebt
habe und wie es allein den Namen verdient?  Sagt, da ich von ihr
besessen bin, da ich mit Knirschen und Sthnen ihre Fesseln trage,
und nehmt mein Gestndnis hin, da ich mich dieser Schwche schme und
doch in ihr schwelge.  Ich habe es nie vorher gewut, wie alle
irdische Wonne nichtig ist gegen das Gefhl, sich den Nacken von einem
selbstgewhlten Joch wund drcken zu lassen und den gesamten
Mannesstolz um ein Lcheln solcher Augen in den Staub zu werfen.

Sein Gesicht hatte sich gertet; er bemerkte jetzt erst, da Andrea
lngst von dem Bilde wegsah und ihm tief bekmmert zuhrte.

Ich langweile Euch, sagte Rosenberg.  Sprechen wir von etwas anderem.
Wie ist es Euch indes ergangen?  Warum habt Ihr Brescia verlassen?

Ihr habt mir von Eurer Mutter noch nichts erzhlt, lenkte Andrea ein.
Welch eine Frau!  Der Fremdeste fhlt das Verlangen, sie wie eine
Mutter zu verehren.

Redet weiter, sagte der andere.  Vielleicht befreien mich Eure Worte
von dem bsen Zauber, dem ich hier verfallen bin.  Nicht, da Ihr mir
etwas Neues sagtet.  Aber es von Euch zu hren, welch eine Mutter sie
ist, und welch ein undankbares Kind sie an mir grogezogen hat, bringt
mich vielleicht zu meiner Pflicht zurck.  Werdet Ihr es glauben, da
ich schon den dritten Brief von ihr habe, in welchem sie mich
beschwrt, Venedig zu verlassen und zu ihr nach Wien zu kommen?  Sie
trumt, da mir hier Unheil bevorstehe.  Das grte, dem ich verfallen
bin, ahnt sie nicht; und doch hlt mich sonst nichts hier fest, als
ein Weib, das ich um alles in der Welt nicht in ihre reine Nhe zu
bringen wagte.--Aber nein, fuhr er fort, damit ich mir nicht selbst zu
viel tue: Es wre in der Tat schwer zu machen, da ich in diesem
Augenblick mir Urlaub auswirkte.  Mein Chef, der Graf, hat sich
eingeredet, da ich ihm unentbehrlich sei, und gerade jetzt gibt es
mancherlei zu tun, was ihm selber lstig wre.  Es ist Euch nicht
unbekannt, da wir hier unliebe Gste sind.  Man will die Augen nicht
ffnen nach der Seite hin, von der eine wirkliche Gefahr drohen knnte,
und htschelt das Vorurteil, als htte die Macht, die wir vertreten,
die Hand im Spiele bei allem Feindseligen, was in Venedig geschieht.
Ist man doch so weit gegangen, uns fr die Ermordung Veniers
verantwortlich zu machen, eine Tat, die ich von Grund meines Herzens
ebenso verabscheue, wie ich ihre Anstifter fr kurzsichtige Politiker
halte.--Denn sagt selbst, werter Freund, fuhr er mit rckhaltlosem
Eifer fort, vielleicht nicht ohne die Absicht, einen Frsprecher mehr
in Venedig zu gewinnen, sagt selbst, ob die geringste Aussicht ist,
das Ziel, den Sturz des Tribunals, auf diesem verbrecherischen Wege zu
erreichen?  Setzen wir die moralische Seite fr einen Moment aus den
Augen: Ist es irgend denkbar, da ein so weit verzweigter Anschlag
hier, in Venedig, so lange geheim bleibt wie er mte, wenn der Zweck
der Einschchterung erreicht werden sollte?

Es ist undenkbar, erwiderte Andrea gelassen.  Was drei Venezianer
wissen, wei der Rat der Zehn.  Umso wunderbarer, da er diesmal so
schlecht bedient wird.

Und nun setzt den Fall, es gelnge den Verschworenen nach Wunsch, Mord
auf Mord, worauf es ja abgesehen scheint, erreichte die Inquisitoren
trotz des Geheimnisses, das sie umgibt, und endlich fnde sich niemand,
der sein Leben an eine so gefhrliche Wrde wagte--was wre damit
erreicht?  Eine Aristokratie von so ungeheuerlicher Organisation, wie
die venezianische, bedarf, um zu bestehen, um sich gegen die drohenden
Wogen des Volkswillens zu sichern, des festen Dammes einer
immerwhrenden Diktatur, die in sanfteren oder hrteren Formen immer
wieder aufgerichtet werden mte.  Denn wo sind die Elemente, aus
denen eine echte Republik mit freien Institutionen sich bilden knnte?
Ihr habt eine herrschende Kaste und eine beherrschte, Souverne zu
Hunderten und Pbel zu Tausenden.  Wo sind die Brger, ohne die ein
freies Stadtwesen ein Unding ist?  Eure Nobili haben dafr gesorgt,
da der geringe Mann nie zum Brgersinn, zum Gefhl der
Verantwortlichkeit und des wahren bewuten Opfers fr groe Zwecke
herangereift ist.  Sie haben den Plebejern nie erlaubt, sich um
Staatsinteressen zu bekmmern.  Aber weil das Regiment von achthundert
Tyrannen zu schwerfllig, zu uneinig und schwatzhaft ist, um eine
mchtige Wirkung nach auen oder innen zu ben, knechteten diese
Herren sich lieber selbst und beugten sich unter das Joch eines
unverantwortlichen Triumvirats, das wenigstens aus ihrer Mitte
hervorgegangen war.  Sie zogen es vor, ihre eigenen Mitglieder ohne
Gesetz und Recht diesem dreikpfigen Gtzen zum Opfer fallen zu sehen,
als unter dem Schutz von Gesetzen und Rechten zu leben, die sie mit
dem Volk gleichstellen wrden.

Ihr sagt diese Sachen, wie sie sind, warf Andrea ein.  Aber mssen sie
so bleiben?

Bleiben--oder sich verschlimmern.  Denn seht, Bester, wie furchtbar
sich die Schneide ihrer Waffe gegen sie selbst gekehrt hat.  Solange
die Republik eine Aufgabe hatte unter den Vlkern Europas, solange war
der Druck dieser stehenden Diktatur im Innern durch die Erfolge nach
auen aufgewogen.  Niemals wre Venedig ohne dieses Zusammenfassen all
seiner Krfte in der Hand unerbittlicher Tyrannen zu der Blte
politischer Macht und unermelichen Reichtums gediehen, wie wir sie
bis ins vorige Jahrhundert noch im Wachsen finden.  Sobald die Zwecke
wegfielen, die so gewaltsame Mittel allein rechtfertigen konnten,
blieb die nackte Tyrannei in all ihrer Unfrmlichkeit brig und begann,
um nicht mig zu gehen und sich selbst fr berlebt zu halten, nach
innen zu wten.  Eine Diktatur im Frieden, mag sie von einem oder
dreien ausgebt werden, ist immer eine Lebensgefahr fr jeden groen
oder kleinen Staat.  Hier aber ist die Krankheit zu alt geworden, um
noch Heilung zu finden.  Die Keime des wahren Brgertums, aus denen
jetzt fr die Republik ein neues Leben erwachsen mte, sind verfault,
durch ein jahrhundertelanges Schreckenssystem, durch das Netz der
ausgesuchtesten Spionenknste ist alles Vertrauen, alle Geradheit,
Sicherheit und Freiheitsliebe erstickt, und das Gebude, das so
knstlich und dauerhaft aufgefhrt scheint, wrde zusammenbrechen,
sobald der Kitt der Furcht aus den Fugen verschwnde.

Eure Grnde mgen gut sein, erwiderte Andrea nach einer Pause, aber es
sind Grnde eines Fremden, den es nichts kostet, diese Republik fr
ausgelebt und dem Untergang verfallen zu erklren.  Einen Venezianer
mchtet ihr schwerlich berzeugen, da die Krankheit seiner alten
Mutterstadt nicht wenigstens den letzten Versuch einer Heilung wert
sei.

Ihr aber seid kein Venezianer.

Ihr habt recht, ich bin nur aus Brescia, und meine Stadt hat schwer
unter Venedigs Geiel geblutet.  Dennoch kann ich mich eines tiefen
Mitgefhls mit diesen verzweifelten Mnnern, die das fressende
Geschwr der geheimen Schreckensherrschaft mit dem Messer
auszuschneiden versuchen, nicht ganz erwehren.  Ob sie ihr Ziel
erreichen, steht in den Sternen geschrieben.  Meine Augen sind schwach,
ich verzichte drauf, diese Schrift zu lesen.

Beide Mnner schwiegen und sahen eine Weile durch das Fenster auf den
Kanal.  Ihre Sessel standen dicht nebeneinander.  Die Sonne brannte
herein, ohne da sie der lstigen Glut auswichen.

Ihr seht, begann endlich lchelnd der Jngere, da ich fr einen
Diplomaten, und einen, der in Venedig sich die Sporen verdient, noch
viel zu wenig Vorsicht gelernt habe.  Wir haben uns nur einmal gesehen,
und heute sage ich Euch ohne Umschweife, was ich von den hiesigen
Dingen halte.  Aber freilich traue ich mir hinlngliche
Menschenkenntnis zu, um zu wissen, da ein Geist wie der Eure sich
nicht in den Sold dieser Signoria begeben kann.

Andrea reichte ihm stumm die Hand.  In demselben Augenblick wandte er
das Gesicht und sah wenige Schritte hinter ihnen in unterwrfiger
Haltung seinen Amtsgenossen, Samuele, mitten im Zimmer stehen.  Er
hatte die Tr leise geffnet und war auf den Teppichen des Zimmers
unter vielen Verbeugungen ungehrt herangetreten.  Euer Gnaden, sagte
er jetzt zu Rosenberg gewandt, indem er sich gegen Andrea fremd
stellte, ich bitte zu verzeihen, da ich bin eingetreten unangemeldet.
Der Herr Kammerdiener war nicht im Vorzimmer.  Ich bringe die
bestellten Juwelen; Sachen, Euer Gnaden, wie sie die schnste Esther
htte tragen knnen.

Er holte aus seinen Taschen Schachteln und Kstchen hervor und
breitete seine Waren sorgfltig auf dem Tisch aus, wobei er sichtlich
den jdischen Hndler, den er sonst in seinem Wesen nach Krften
verleugnete, hervorzukehren suchte.  Whrend der Deutsche die
Schmucksachen musterte, warf Samuele einen Blick des Einverstndnisses
nach Andrea hinber, der ihm den Rcken kehrte und an das Fenster trat.
Er begriff, was der Besuch des Juden zu dieser Stunde bezweckte.
Der Spion sollte den Spion im Auge haben, der alte Fuchs den Neuling
bei seinem Probestck berwachen.

Indessen hatte Rosenberg eine Halskette mit einem Rubinschlo
ausgewhlt und bezahlte den Preis, den der Jude forderte, ohne zu
handeln.  Er warf ihm die Goldstcke hin, nickte ihm, ohne weiter auf
sein Geschwtz zu antworten, seine Entlassung zu und trat wieder ans
Fenster.  Ich sehe es an Eurer Miene, sagte er, da Ihr mich
bemitleidet und fr einen Wahnsinnigen haltet.  In der Tat, ich
handelte klger, wenn ich dieses blitzende Geschmeide in den Kanal
wrfe, statt es um Leonorens weien Nacken zu legen.  Aber was hilft
mir alle Klugheit gegen diesen Dmon?

Ich bin berzeugt, antwortete Andrea, da Eure Entzauberung nicht
lange auf sich warten lassen wird.  Aber eine andere Warnung bin ich
Euch schuldig.  Kennt Ihr den Juden nher, der uns eben verlie?

Ich kenne ihn.  Er ist einer von den Spionen, die der Rat der Zehn in
unserem Hause besoldet.  Er it sein Brot mit Snden.  Denn unser
ganzes Geheimnis ist, da wir ehrlich sind.  Und weil sie dies fr
ganz unmglich halten, gelten wir ihnen fr die Gefhrlichsten und
Verstecktesten.  Nur um Euretwillen ist es mir unlieb, da der
Schleicher gerade jetzt hier eintrat.  Er hat gesehen, da Ihr mir die
Hand gabt.  Ich brge Euch dafr, da Ihr, ehe eine Stunde vergeht, im
schwarzen Buch des Tribunals stehen werdet.

Andrea lchelte bitter.  Ich frchte sie nicht, mein Freund, sagte er.
Ich bin ein friedfertiger Mensch und mein Gewissen ist ruhig.-Vier
Tage waren nach jenem Gesprch vergangen.  Andrea hatte sein gewohntes
Leben fortgesetzt, sich regelmig morgens bei seinem Notar
eingefunden und am Abend das Haus gehtet, obwohl ihm jetzt, da er zu
der hohen Polizei in ein nahes Verhltnis getreten war, an dem guten
Leumund in der Strae della Cortesia nicht mehr viel gelegen sein
konnte.

Am Samstag abends erbat er sich den Hausschlssel von Frau Giovanna.
Sie lobte ihn, da er eine Ausnahme von seiner Regel mache.  Es sei
heute auch der Mhe wert; die Totenfeier fr den erlauchten Herrn
Venier in San Rocco mitanzusehen, wrde sie selbst reizen knnen.
Aber sie scheue das Gedrnge, und dann--er wisse wohl, weshalb dieser
Fall ihr ein besonderes Grauen einfle.

Auch er gehe dem nchtlichen Gewhl lieber aus dem Wege, sagte Andrea.
Es beklemme ihm die Brust.  Er wolle eine Gondel nehmen und nach dem
Lido hinausfahren.

So verlie er die Alte und schlug die Richtung ein, die San Rocco
entgegengesetzt war.  Es war schon acht Uhr, ein feiner Regen trbte
die Luft, hielt aber die Menschen nicht ab, der Kirche drben ber dem
Kanal zuzustrmen, wo die Exequien fr den ermordeten Staatsinquisitor
um diese Stunde abgehalten werden sollten.  Dunkle Gestalten, teils in
Masken, teils das Gesicht durch den Hutrand gegen den prickelnden
Regen schtzend, eilten an ihm vorbei nach den Pltzen der berfahrt,
oder nach der Rialtobrcke, und ein dumpfes Glockengetn summte durch
die Luft.  In einer Seitengasse stand Andrea still, zog eine Maske aus
seinem Rock und band sie sich vor.  Dann ging er an den nchsten Kanal,
sprang in eine Gondel und rief: Nach San Rocco!

Die stattliche alte Kirche war schon von unzhligen Kerzen taghell
erleuchtet und eine ungeheure Volksmenge umwogte den leeren Katafalk,
der dunkel mitten im Schiff aufragte ohne Blumen und Krnze.  Nur
ein groes silbernes Kreuz stand zu Hupten, und die schwarze
Decke trug zu beiden Seiten das Wappen des Hauses Venier.  Auf
schwarzausgeschlagenen Sitzen, die durch die ganze Tiefe des Chores
amphitheatralisch hinaufstiegen, hatte der Adel Venedigs Platz
genommen, in einer Vollzhligkeit, wie sie selten auch bei wichtigen
Sitzungen des Groen Rates zustande kam.  Niemand wagte es, zu fehlen,
denn jedem lag daran, da an der Aufrichtigkeit seiner Trauer um den
Toten nicht der leiseste Zweifel entstnde.  Auf einer besonderen
Tribne saen die fremden Gesandten.  Auch ihre Reihe war vollzhlig.

Aus der Hhe herab bliesen die Posaunen die feierliche Introduktion
eines Requiems, und ein vollstimmiger Chor, von der Orgel begleitet,
stimmte den Klagegesang an, der erschtternd durch die Kirche wallte
und drauen auf dem Platz und weit in die benachbarten Straen hinein
von dem zustrmenden Volk vernommen wurde.  Der feine Regen, der noch
immer anhielt, die Dunkelheit der Nacht, aus der schon fern die hellen
Steinrosen der Kirchenfenster wundersam hervorglommen, das verstohlene
Schwirren und Summen der Tausende verbreitete ein banges Grausen rings
um die Kirche, dessen nur wenige sich erwehren mochten.  Je nher am
Eingang in den erhabenen Raum, der alles umschlo, was in Venedig gro
und mchtig war, desto andchtiger verstummten alle Lippen.  Aus den
schwarzen Masken, die nach alter Gewohnheit bei Trauer--wie bei
Freudenfesten zahlreich unter der Menge erschienen, sahen nicht wenige
bange Blicke in das helle Portal hinein nach dem Katafalk, der an das
Ende der Dinge und die Hinflligkeit irdischer Macht noch
vernehmlicher mahnte als die Worte des Gesanges.

In einer Seitenstrae, die damals durch dunkle Arkaden nach dem Platz
von San Rocco mndete, gingen zwei Mnner hastig im Gesprch
miteinander.  Sie sahen es nicht, da im Dunkel der Huser ein dritter
ihnen auf dem Fue folgte, in Mantel und Maske sorgfltig versteckt,
der sich bald nherte, bald zurckblickte und ihnen wieder einen
Vorsprung lie.  Jene anderen trugen die Maske nicht.  Der eine war
ein graubrtiger Herr mit vornehmem Anstand, sein Begleiter schien
jnger und geringeren Standes.  Er horchte aufmerksam auf jedes Wort
des Alten und warf nur zuweilen eine bescheidene Bemerkung hin.

Jetzt kamen sie an eine Stelle, wo aus einem erleuchteten Hause ein
heller Schein ber die Gasse fiel.  Unversehens hatte die Maske sie
berholt und sphte, als sie jetzt dicht an ihr vorbergingen, hinter
dem Pfeiler hervor scharf in die beiden Gesichter.  Die Zge des
Sekretrs der Staatsinquisitoren tauchten deutlich fr einen
Augenblick aus der Finsternis auf.  Die Stimme des Alten war ebenfalls
im Gemach des Geheimen Tribunals laut geworden.  Sie hatte Andrea
Delfin ins Gesicht gesagt, da er ein Candiano sei.

Geht nun zurck, schlo der Alte das Gesprch, und besorgt die Sache
ohne Aufschub.  Der Grokapitn ist bei San Rocco beschftigt, wie Ihr
wit: aber eine kleine Abteilung seiner Leute gengt, um beide zu
verhaften.  Ihr werdet ihnen einschrfen, da es ohne Lrm abgehen mu.
Das erste Verhr habt Ihr sofort anzustellen, denn vor Mitternacht
bin ich schwerlich zurck.  Ist etwas Dringendes zu melden, so findet
Ihr mich, nachdem die Feier vorber ist, bei meinem Schwager.

Sie trennten sich und der Alte schritt durch den einsamen Pfeilergang
dem Platz von San Rocco zu.  Eben verstummte die Musik in der Kirche,
und aller Augen richteten sich auf die Kanzel, die ein schneeweier
Greis, der ppstliche Nuntius, auf zwei jngere Geistliche gesttzt,
mhsam bestieg, um zu dem versammelten Adel und Volk Venedigs zu reden.
Kein Laut regte sich mehr; die schwache Stimme des Greises begann,
weit vernehmlich, das Gebet, da der Herr in Gnaden herabsehen und aus
dem Schatz seiner ewigen Weisheit und Barmherzigkeit den bekmmerten
Geistern Trost und Erleuchtung spenden mge, das Dunkel erhellen,
welches Schuld und Arglist dem Auge des irdischen Gerichts entziehe,
und die Werke der Finsternis zu Schanden machen wolle.

Das Amen war kaum verhallt, so erhob sich von dem Portal her ein
murmelndes Gerusch und pflanzte sich blitzschnell durch das Schiff
der Kirche fort und lief bis zu den Sitzen der Nobili hinan, so da im
Nu die ungeheure Versammlung wie ein aufgewhlter See schwankte und
brandete.  Alle sphten im ersten Moment ratlos nach der Schwelle hin,
ber welche das Entsetzen eingedrungen war.  Man sah jetzt durch das
Hauptportal Fackeln in Hast ber den dunkeln Platz irren, und whrend
alles atemlos hinaushorchte, erscholl pltzlich von vielen Stimmen der
Ruf in die Kirche hinein: Mrder!  Mrder!  Rette sich, wer kann!

Ein beispielloser Aufruhr, eine Verwirrung, wie wenn dem Gewlbe der
Kirche jhlings der Einsturz drohe, folgte auf diesen Ruf.  Volk und
Patrizier, Geistliche und Laien, die Snger oben vom Chor, die Wchter
des Katafalks, Mnner und Frauen drngten sich blindlings den
Ausgngen zu, und nur der Greis auf der Kanzel droben sah mit
unerschtterlicher Wrde auf das angstvolle Gewimmel herab und verlie
seinen Sitz erst, als nur noch das schwarze Gerst inmitten der leeren
Kirche ihn an das Wort mahnte, das ihm so pltzlich abgeschnitten
worden war.

Drauen aber wlzte sich die entsetzte Menge nach einem Punkt, wo
einige Fackeln mhsam mit Wind und Regen kmpften.  Die Sbirren, die
unter der Fhrung des Grokapitns beim ersten Aufzucken des
Ereignisses an jene Stelle geeilt waren, hatten einen regungslosen
Krper im Dunkel der Seitengasse gefunden, dem noch immer das Blut aus
der Seite strmte.  Als die Fackeln herbeikamen, sah man einen Dolch
mit sthlernem Kreuzgriff in der Wunde und las die eingegrabenen Worte:
"Tod allen Staatsinquisitoren!", die durch die entgeisterte Menge
halblaut von Mund zu Munde gingen.

Der erste Sto eines Erdbebens, obwohl die Mahnung furchtbar ist, da
man auf vulkanischem Boden stehe, erschttert die Gemter noch nicht
in den Tiefen.  In den Schrecken mischt sich zu lebhaft berraschung
und Befremden, ja, wo die Wirkungen nicht allzu fhlbar bleiben, sind
die Menschen, die rasch wieder ins Gleichgewicht zurckstreben, gern
geneigt, um ihrer Ruhe willen lieber an eine Sinnestuschung zu
glauben.  Erst die Wiederholung des Verderblichen, Unabwendbaren und
Erbarmungslosen widerlegt jeden Glauben an einen Irrtum, jede Hoffnung,
da nur zufllige Umstnde das Ereignis herbeigefhrt haben mchten.
Die Wiederkehr der Gefahr verewigt die Furcht und deutet auf eine
unabsehliche Reihe von Schrecknissen hinaus, gegen die weder Mut noch
Feigheit den geringsten Schutz gewhren knnen.

Eine hnliche Wirkung bte in Venedig die Kunde von dem zweiten
mrderischen Anfall gegen einen Staatsinquisitor aus.  Denn da der
Verwundete nichts Geringeres war, hatten die Eingeweihten nicht zu
verheimlichen vermocht.  Niemand konnte sich's verhehlen, da die
Khnheit, mit der dieser zweite Schlag gefhrt worden war, durch das
Gelingen der Tat nur neu angespornt und zum Weiterschreiten auf der
Bahn der Gewalt ermuntert werden mute.  Zwar hatte dieses Mal der
Dolch, durch ein seidenes Unterkleid abgelenkt, das Opfer nicht
sogleich tdlich getroffen.  Aber die Wunde gefhrdete dennoch das
Leben und verursachte jedenfalls einen Stillstand in der Ttigkeit des
Geheimen Tribunals, das ohne Einstimmigkeit seiner drei Mitglieder
keinen Spruch tun durfte.  Seine Herrschaft war also fr den
Augenblick gelhmt, und, was wichtiger war, das undurchdrungene
Geheimnis, in das sich die feindliche Macht hllte, zerstrte den
Glauben an die Allwissenheit und Allmacht des Triumvirats und mute
zuletzt das Selbstvertrauen und die rcksichtslose Energie seiner
Mitglieder untergraben.

Denn welche Maregeln der Vorsicht blieben noch brig, und welche
Mittel geheimer Nachforschung waren noch unerschpft?  Hatte man nicht
ber die Neuwahl des dritten Inquisitors im Rate der Zehn sich
gegenseitig das tiefste Stillschweigen mit schwerem Eide angelobt?
Und dennoch war wenige Tage nachher der Schlag so sicher, so wie vom
Himmel herab gerade auf den Neugewhlten gefallen.  Mit argwhnischen
Blicken sah jeder den anderen an.  Der Gedanke drngte sich auf, da
im Scho der Machthaber selbst der Verrat niste, da die Tyrannen
selbstmrderisch Hand an ihre Herrschaft gelegt htten.  Man
verhaftete den Sekretr der Inquisition, der mit dem Verwundeten die
letzten Worte kurz vor dem berfall gesprochen hatte.  Er wurde
peinlich befragt und mit grausamem Tode bedroht.  Auch das war
freilich erfolglos.

Und was hatte die Vermehrung der geheimen Polizei, die massenhafte
Anwerbung neuer Spione unter den Dienern der Nobili und der fremden
Gesandten, in den Gasthfen, im Arsenal, selbst in den Kasernen und
Klstern fr einen Gewinn gebracht?  Halb Venedig war dafr besoldet,
da es die andere Hlfte berwachte.  Eine ansehnliche Summe sollte
die geringste Nachricht, die auf die Spur der Verschwrung half,
belohnen.  Man verdreifachte sie jetzt.  Aber man versprach sich, da
man die Verschwrung bei dem Adel suchte, wenig von einer Maregel,
die nur auf das rmere Volk berechnet war.  Man tat berhaupt eine
Menge Dinge, nur um den Schein zu retten, als sei man nicht mig,
obwohl was man tat mig war.  Es erschienen strenge Verordnungen ber
das Schlieen der Gasthuser und Schenken mit dem Eintritt der
Dunkelheit, das Tragen von Masken und Waffen jeder Art wurde bei
schwerer Strafe verpnt, die ganze Nacht hallte der Schritt der Runden
durch die Gassen und hrte man die Gondeln anrufen, die auf den
Kanlen an den Wachtposten vorberfuhren.  Niemand erhielt einen Pa,
der Venedig verlassen wollte, und am Eingang des Hafens lag ein groes
Wachtschiff, das jedes Fahrzeug anhielt und selbst von den Beamten der
Republik die Parole verlangte, ehe sie passieren durften.

Weit ber die Terraferma hin verbreitete sich das Gercht von diesen
unheimlichen Zustnden, wie gewhnlich mit der Entfernung wachsend.
Wer eine Reise nach der Mutterstadt vor hatte, schob sie auf.  Wer
sich in eine Handelsverbindung mit einem Venezianer Hause hatte
einlassen wollen, zog es vor, den Ausgang dieser Wirren abzuwarten,
die den Bau der Republik in ihren Grundfesten umzuwhlen drohte.  Der
Rckschlag zeigte sich bald in der Verdung der Stadt, wo alles zu
stocken schien.  Die Nobili verlieen nur im dringenden Notfall ihre
Palste, in denen sie sich, um nicht unwissend an einen der
Verschworenen zu streifen, gegen jeden Besuch absperrten.  Niemand
wute genau, was drauen vorging, und die abenteuerlichsten Gerchte
von Verhaftungen, Folter und verhngten Strafen drangen zu den
verschlossenen Tren ins Innere der bangen Familien.  Auch das
geringere Volk, obwohl es klar fhlte, da es nicht in erster Linie
unter diesen Zustnden litt, und es schadenfroh mit ansah, wie die
Vornehmen in panischem Schrecken sich untereinander scheel anblickten,
konnte sich doch auf die Lnge einer beklommenen Stimmung nicht
erwehren.  Es war immerhin lstig, Karten und Wein mit dem Einbruch
der Nacht im Stich zu lassen, von einer jeden Wache, der es einfiel,
nach verborgenen Waffen durchsucht zu werden, und bei dem besten
Gewissen von der Welt keinen Augenblick vor der Tcke falscher
Denunzianten sicher zu sein.

Unter den wenigen, auf deren Leben und Treiben die Schwle, die ber
den Gemtern lag, scheinbar keinen Einflu bte, befand sich auch
Andrea Delfin.  Er war am Morgen nach der Tat gleich dem anderen Tro
der geheimen Spher von dem Nachfolger jenes unglcklichen Sekretrs,
der ihn in Sold genommen hatte, ber seine Beobachtungen um die Stunde
der Tat befragt worden und hatte das Mrchen von einer Fahrt nach dem
Lido aufgetischt, bei der er die Absicht gehabt htte, die Stimmung
unter den Fischern auszukundschaften.  Was er aus dem Hotel des
sterreichischen Gesandten und dem Palast der Grfin mitzuteilen
wute--unverfngliche Tatsachen, die dem Tribunal lngst bekannt
waren--, zeugte wenigstens fr seinen Eifer, sich in seine Aufgabe
hineinzuarbeiten.  Sein Freund Samuele hatte nicht versumt, die
auffallende Vertraulichkeit zu denunzieren, in welcher er den
Brescianer mit dem Gesandtschaftssekretr betroffen hatte.  Ruhig
verantwortete sich Andrea, und die alte Bekanntschaft von Riva her
konnte den Absichten des Tribunals nur frderlich sein.

So verging denn fast kein Tag, an dem er nicht, wenn er mit seiner
Arbeit fr den Notar fertig war, seinen deutschen Freund aufsuchte,
dem das Gesprch des ernsten, von geheimem Kummer verdsterten Mannes
in seiner Abgeschiedenheit von anderem Verkehr nach und nach zum
Bedrfnis wurde.  Er hatte ein unbegrenztes Vertrauen zu Andrea gefat,
und wenn er politische Themata ihm gegenber vermied, geschah es mehr,
weil er bei der Verschiedenheit ihrer Nationalitt eine Verstndigung
zwischen ihnen nicht hoffen durfte, als aus Besorgnis, da Andrea
seine Offenheit mibrauchen mchte.  Er erzhlte ihm sogar mit
lachendem Munde, da er vor ihm gewarnt worden sei als vor einem Spion
des Tribunals.  Die Sorglosigkeit, mit der er tglich die verfemte
Schwelle des fremden Gesandten betrete, falle natrlich auf.

Ich bin kein Nobile, erwiderte Andrea mit gelassener Miene.  Da ich
keine diplomatischen Verbindungen hier suche, leuchtet den Zehnmnnern
ein; sie haben mich bis jetzt nicht einmal einer Warnung gewrdigt.
Euch aber habe ich liebgewonnen und wrde mit Schmerzen darauf
verzichten, Euch dann und wann meine unerfreuliche Gesellschaft
aufzudrngen, denn ich bin ein vllig einsamer Mensch.  Selbst meine
brave Wirtin, die mir sonst wohl ein Stndchen mit ihren Sprichwrtern
die Zeit vertrieb, betritt mein Zimmer nicht mehr.  Sie ist krank,
krank an Venedig und den bleichen Schatten, die darin umgehen.

So verhielt es sich in der Tat.  Nach dem zweiten Attentat auf die
Staatsinquisition war Frau Giovanna einen Tag lang tiefsinnig
herumgegangen, und es hatte sich mit der sinkenden Nacht eine immer
wachsende Aufregung bei ihr eingestellt.  Sie war nun fest berzeugt,
da der Geist ihres Orso der Tter sei; denn nur ein unkrperlicher
Schatten konnte zum zweiten Male den tausend lauernden Augen, die
Venedigs Ruhe bewachten, entgehen.  Sie legte ihre besten Kleider an
und beschlo, da sie nichts Geringeres als einen Besuch ihres
Abgeschiedenen erwartete, die ganze Nacht oben an der Treppe zu seinem
Empfang bereit zu sein.  In rhrender Verwirrung der Begriffe hatte
sie eine Lieblingspfeife ihres Mannes auf einem gedeckten Tisch mit
drei Sesseln angerichtet, und war nicht dazu zu bewegen, selbst einen
Bissen zu genieen.  In diesem Zustande verwachte sie den grten Teil
der Nacht.  Erst nachdem das Lmpchen auf dem Flur erloschen war,
gelang es Marietta, die Andrea zu Hilfe rief, die arme Frau wieder ins
Zimmer und zu Bett zu bringen.  Ein Fieber brach aus, nicht gefhrlich,
aber lebhaft genug, um tglich mehrere Stunden lang ihr das
Bewutsein zu rauben.  Andrea sah dem allen in tiefem Mitleiden zu,
und die beweglichen Worte, die der Kranken in ihren Phantasien
entfielen, peinigten ihn sehr.  Er mute sich sagen, da er die
Verstrung dieser guten Seele auf dem Gewissen habe, und die traurigen
Blicke Mariettas drckten ihn schwerer als alle blutigen Geheimnisse,
die er mit sich herumtrug.

Mit dieser Last beladen, schlenderte Andrea eines Nachmittags am
Dogenpalast vorbei und stand lange an dem schmalen Kanal, der unter
dem hohen Bogen der Seufzerbrcke dahinfliet.  Wenn seine Entschlsse
in ihm wankend wurden und er an der Unstrflichkeit des Richteramtes,
das er bernommen hatte, zu zweifeln begann, flchtete er an diese
Stelle und bestrkte sich durch einen Blick auf die uralten Mauern,
hinter denen Tausende von Opfern einer unverantwortlichen Macht
geseufzt und geknirscht hatten, in dem Glauben an das Recht und die
Not seiner Sendung.

Die Sonne schien mit stechenden Strahlen durch die Septemberdnste,
die vom Wasser aufstiegen.  Dieser Kai, der sonst von Leben wimmelte,
war unheimlich still.  Die finsteren Blicke der Soldaten, die unter
den Arkaden des Palastes auf und ab klirrten, mochte die laute
Munterkeit der Vorbergehenden einschchtern.  Andrea konnte deutlich
hren, da aus einer Gondel, die eben an die Piazetta anfuhr, sein
Name gerufen wurde.  Er erkannte seinen Freund, den Sekretr des
Wiener Gesandten.

Habt Ihr Zeit, rief der Jngling ihm zu, so steigt ein wenig ein und
fahrt eine Strecke mit mir.  Ich bin eilig und mchte Euch doch gern
noch einmal sprechen.

Andrea stieg in die Gondel, und der andere reichte ihm mit besonderer
Herzlichkeit die Hand.  Ich freue mich sehr, mein teurer Andrea, da
ich Euch zufllig hier antreffen sollte.  Ich wre ungern ohne
Abschied von Euch gegangen, und doch wagte ich nicht, Euch zu besuchen
oder nach Euch zu schicken, da es ohne Zweifel aufgefallen wre.

Ihr reist? fragte Andrea fast bestrzt.

Ich mu wohl.  Da lest diesen Brief meiner guten Mutter, und sagt, ob
ich darauf hin noch lnger zgern kann.

Er zog den Brief aus der Tasche und gab ihn dem Freunde.  Die alte
Dame beschwor den Sohn, wenn ihm daran liege, da sie je wieder ein
Stunde Schlaf fnde, ohne Aufenthalt zu ihr zu reisen.  Die Gerchte
aus Venedig, die Stellung, die er dort einnehme und welche ihn mehr
als andere gefhrde, der Umstand, da kaum der dritte seiner Briefe an
sie gelange, sie wisse nicht, durch wessen Schuld--das alles nage an
ihrer Ruhe, und ihr Arzt wolle fr nichts stehen, wenn sie nicht durch
einen Besuch ihres Sohnes erst wieder getrstet und beruhigt worden
sei.  Es ging ein Ton grenzenloser mtterlicher Hingebung und tiefen
Kummers durch diese Zeilen, da Andrea sie nicht ohne Bewegung lesen
konnte.

Und dennoch, sagte er, als er das Blatt zurckgab, dennoch wnschte
ich fast, Ihr reistet nicht gerade jetzt, obwohl ich wei, da Eure
Mutter die Stunden zhlt.  Nicht darum, weil ich, wenn Ihr fort seid,
vllig verlassen sein und wie ein wandelnder Toter hier zurckbleiben
werde, sondern weil es nicht geraten ist, jetzt aus Venedig zu gehen,
da der Verdacht Euch auf den Fersen folgen wird, Ihr ginget aus
Vorsicht.  Hat man gar keine Schwierigkeiten gemacht, Euch zu
beurlauben?

Nicht die geringsten.  Wie knnte man auch, da ich zur Gesandtschaft
gehre?

So seid doppelt auf Eurer Hut.  Man hat schon manche Tr in Venedig
zuvorkommend geffnet, weil der Schritt ber die Schwelle in einen
Abgrund fhrte.  Wenn Ihr mir folgtet, zeigtet Ihr Euch nicht so offen
und unverkleidet hier in der Stadt whrend der letzten Stunden vor
Eurer Abreise.  Ihr knnt nicht wissen, was man vielleicht anstellt,
dieselbe zu verhindern.--Was soll ich aber tun? fragte der Jngling.
Ihr wit, da die Masken verboten sind.

So bleibt zu Hause und lat die Wrdentrger dieser Republik lieber
umsonst auf Euren Abschiedsbesuch warten.--Und wann werdet Ihr reisen?

Morgen frh um fnf.  Ich denke einen Monat fortzubleiben und
hoffentlich meine Mutter dann beruhigt verlassen zu knnen.  Nun es
fest beschlossen ist, da ich mich losreien soll, bin ich fast schon
ausgeshnt mit dieser Gewaltkur, obwohl sie mir nicht wenig ins Leben
schneidet.  Vielleicht gelingt es mir, wenn ich die Kreise meiner
Zauberin nur erst einmal durchbrochen habe, ihre Macht fr immer
abzuschtteln.  Aber werdet Ihr's glauben, mein Freund, da ich vor
der Trennung zittere, wie wenn ich sie nicht berstehen knnte?

So ist das beste Mittel, Euch sofort von ihr zu trennen.

Ihr meint, sie vor der Reise nicht wiederzusehen?  Ihr verlangt
Unmenschliches.

Andrea ergriff seine Hand.  Mein teurer Freund, sagte er mit einer
Innigkeit, die er noch stets bemeistert hatte, ich habe kein Recht,
von Euch nur das geringste Opfer in Anspruch zu nehmen.  Das Gefhl
herzlicher Neigung, das mich von Anfang an zu Euch hingefhrt hat,
dankt sich selbst reichlich, und ich wage es nicht, im Namen dieser
meiner Freundschaft Euch um etwas zu bitten.  Aber bei dem Bild jener
edlen Frau, deren Liebesworte Ihr mir eben zu lesen gabt, beschwre
ich Euch: geht nicht mehr in das Haus der Grfin.  Mehr als alles, was
ich von ihr wei, ja, was Ihr selbst nicht in Abrede stellt, lt Euch
meine Ahnung warnen, da es Euer Unheil ist, wenn Ihr sie nicht in
diesen letzten Stunden meidet.  Versprecht mir's, mein Teuerster!

Er hielt ihm die Hand hin.  Aber Rosenberg schlug nicht ein.  Fordert
kein festes Versprechen, sagte er mit ernstem Kopfschtteln, lat es
Euch gengen, da ich den besten Willen habe, Eurem Rat zu folgen.
Aber wenn der Dmon strker wre als ich und alles ber den Haufen
strmte, was ich ihm in den Weg legte, so htte ich den doppelten
Kummer, mir selbst und Euch untreu geworden zu sein.  Ihr aber wit
nicht, was dieses Weib erreichen kann, wenn sie will.

Sie schwiegen hierauf und fuhren noch eine Weile nachdenklich
miteinander durch die leblose Flut, die trge, wie ein Sumpf, vor dem
Kiel ihrer Gondel zurckwich.  In der Nhe des Rialto begehrte Andrea
auszusteigen.  Er trug dem Jngling Gre an die Mutter auf und zuckte
auf die Frage, ob er nach einem Monat noch in Venedig zu treffen sein
werde, finster die Achseln.  Sie hielten sich lange Hand in Hand und
schieden, als die Gondel landete, mit einer herzlichen Umarmung.  Noch
einmal sah das kluge und treuherzige Gesicht des Jnglings aus der
Luke des schwarzen Verdecks hervor und nickte dem Freunde zu, der auf
der Wassertreppe in Gedanken verloren stehen geblieben war.  Beiden
war die Trennung schmerzlicher, als sie sich erklren konnten.

Andrea zumal, der sich seit langem von allen Banden gelst glaubte,
mit denen der Einzelne sich an Einzelne knpft, der ber dem einen
furchtbaren Ziel, das er sich gesteckt, allen kleinen Lebenszwecken
abgestorben schien, wunderte sich bei sich selbst, wie weh ihm der
Gedanke tat, da er nun mehrere Wochen sich ohne diesen Jngling
behelfen msse.  Bald aber drngte der Wunsch sich vor, da er ihm
hier nie mehr begegnen mchte, ehe sein Werk gelungen sei.  Er nahm
sich vor, einen Brief an die Mutter zu schreiben, und sie mit
geheimnisvollen Warnungen dergestalt zu drngen, da sie in die
Rckkehr ihres Sohnes nach Venedig nicht wieder willigte.  Als er
diesen Gedanken gefat hatte, fiel eine groe Last von ihm.  Er ging
sofort nach Hause, um sein Vorhaben auszufhren.

Aber in seinem grauen Zimmer, wo nie ein Sonnenstrahl hindrang und die
leere Wand des Gchens unwirtlich durch das Eisengitter hereinsah,
berkam ihn, sobald er sich zum Schreiben niedersetzte, eine so
heftige Unruhe und Beklommenheit, da er die Feder hinwarf und hin und
her lief, wie ein Raubtier in seinem Kfig.  Er war sich vllig klar
darber, da diese Stimmung nicht aus der Tiefe seines Gewissens
aufstieg, da keine Furcht, sein Geheimnis verraten und der Rache
berliefert zu sehen, sich in die Verstrung seiner Seele mischte.
Erst an diesem nmlichen Morgen hatte er wieder vor dem Sekretr des
Tribunals gestanden und sich von der vlligen Ratlosigkeit der
Gewaltherren berzeugt.  Der verwundete Staatsinquisitor lag noch
immer zwischen Leben und Tod.  Je lnger dieser Zustand der Schwebe
dauerte, um so mehr wurde das Dasein des Triumvirates selbst in Frage
gestellt.  Noch ein glcklicher Schlag gegen das wankende Gebude, und
es lag fr alle Zeiten in Trmmern.  Andrea zweifelte keinen
Augenblick, da die Vorsehung, die ihm bisher die Hand gefhrt, auch
das Letzte werde gelingen lassen.  Noch niemals war er an seiner
Sendung irre geworden.  Und wenn ihn heute die unbestimmte Ahnung
eines groen Unglcks ruhelos machte, so hatten seine eigenen Taten
und Plne keinen Anteil daran.

Der Tag dunkelte schon, als er drben an Smeraldinas Fenster ein
leises Husten hrte, das verabredete Zeichen, da ihn das Mdchen zu
sprechen wnsche.  Er hatte sie in der letzten Zeit ziemlich
vernachlssigt und knpfte heute nicht ungern wieder an, teils um
seinen eigenen Gedanken zu entrinnen, teils um durch Neuigkeiten aus
dem Palast der Grfin sich den Zugang zum Tribunal offen zu halten,
und vielleicht gar zu einem der Inquisitoren hindurchzudringen.  Rasch
trat er ans Fenster und grte hinber.  Die Zofe empfing ihn mit
einer khlen Herablassung.

Ihr macht Euch rar, sagte sie; es scheint, Ihr habt indessen andere
Bekanntschaften gemacht, die Ihr Eurer Nachbarin vorzieht.

Er versicherte, da seine Gefhle fr sie unverndert seien.

Wenn es wahr ist, sagte sie, so will ich Euch wieder zu Gnaden
annehmen.  Es wre heute gerade eine gute Gelegenheit, einmal wieder
ungestrt miteinander zu plaudern.  Meine Grfin hat eine
Spielgesellschaft auf den Abend, ein halb Dutzend junger Herren.  Sie
gehen schwerlich vor Mitternacht, und bis dahin knnten auch wir zwei
zusammen kommen, und ich versorgte uns hinlnglich aus der Kche und
vom Kredenztisch.

Ist der Deutsche geladen, von dem du mir erzhlt hast, da die Grfin
ihn so oft bei sich sieht?

Der? wo denkt Ihr hin!  Der ist so eiferschtig, da er keinen Fu
ber die Schwelle setzt, wenn er hier Gesellschaft wittert.
brigens reist er fort.  Wir grmen uns eben nicht tot darum.

Andrea atmete auf.  Ich bin um zehn Uhr hier am Fenster, sagte er;
oder soll ich ans Portal kommen?

Sie besann sich.  Tut lieber das, sagte sie.  Der Pfrtner ist ja ein
guter Bekannter von Euch, und Eure Wirtin gibt Euch wohl den Schlssel.
Oder spielt Ihr den Tugendhaften vor der kleinen Marietta?  Wit Ihr,
da ich auf das unbedeutende Geschpf in allem Ernste eiferschtig zu
werden anfing?

Auf Marietta?

Sie ist in Euch vernarrt, oder ich habe keine Augen im Kopf.  Seht sie
nur an.  Geht sie nicht wie verwandelt einher und singt nicht mehr,
whrend man sich sonst die Ohren zuhalten mute?  Und wie manche
Stunde betreffe ich sie darber, da sie, whrend Ihr fort seid, in
Euer Zimmer schleicht und Eure Sachen durchstbert!

Sie liest in meinen Bchern; ich habe es ihr erlaubt.  Wenn sie nicht
mehr singt, so ist es, weil die Mutter krank liegt.

Ihr wollt sie nur entschuldigen, aber ich wei genug, und wenn ich
dahinter kommen sollte, da sie schlecht von mir gesprochen hat, um
Euch mir abspenstig zu machen, so kratze ich ihr die Augen aus, der
neidischen Hexe.

Sie schlug das Fenster heftig zu, und er konnte nicht umhin, ihren
Worten lange nachzudenken.  In frheren Zeiten htte die Vorstellung,
da er dem reizenden Mdchen nicht gleichgltig sei, sein Blut zu
schnelleren Schlgen getrieben.  Jetzt ging es ihm nur im Kopf herum,
wie er seinen Weg einzurichten habe, um die ruhige Bahn dieser
arglosen Seele nicht ferner zu kreuzen.  Nachtrglich fielen ihm
mancherlei kleine Zge ein, die fr Smeraldinas Meinung sprachen.  Er
hatte sie einzeln sich verleugnet.  Ihre Summe mute er gelten lassen.
Ich mu fort von hier, sagte er bei sich selbst.  Und doch, wo bin
ich so sicher und geborgen, wie in diesem Hause?

Nachts um die bestimmte Stunde fand er sich am Portal des Palastes ein,
der mit hellen Fenstern auf den winkligen Platz hinaussah.  Die Luft
war mondlos und trbe, ein frher Herbst kndigte sich an, und die
wenigen Menschen, die noch auf den Straen waren, hllten sich in ihre
kurzen Mntel.  Andrea, als er stand und wartete, da man ihn einlasse,
dachte des Abends, da ein anderer Candiano diese Schwelle betreten
hatte, um den Tod davonzutragen.  Er schauderte in sich zusammen.
Seine Hand, die bald darauf von der ffnenden Zofe vertraulich
ergriffen wurde, war kalt.

Sie fhrte ihn in ihr Zimmer, aber Essen und Trinken, wozu sie ihn
ntigte, war ihm unmglich, obwohl sie die Tafel ihrer Herrin nicht
geschont und vom Ausgesuchtesten fr ihren Freund beiseite gebracht
hatte.  Er entschuldigte sich mit seiner Krankheit, und sie lie es
gelten, da er sich nicht weigerte, einige Dukaten im Tarok an sie zu
verlieren.  Auch hatte er ihr wieder ein Geschenk mitgebracht, so da
sie es verschmerzte, auch heute einen so einsilbigen und enthaltsamen
Liebhaber an ihm zu finden.  Sie a und trank desto eifriger, trieb
allerlei Possen und nannte ihm die Namen der jungen Venezianer, die
zum Spiel bei der Grfin sich eingefunden hatten.

Da geht es anders her als bei uns, sagte sie; das Gold wird nicht
gezhlt, sondern mit der vollen Faust auf die Karte gesetzt.  Habt Ihr
Lust, einmal einen Blick hinein zu werfen?  Ihr kennt ja die Schliche
schon.

Du meinst den Spalt in der Wand?  Aber sind sie denn nicht im Saal?

Nein, im Zimmer der Grfin.  Der Saal ist nur fr groe Galatage im
Karneval.

Er besann sich kurz.  Es konnte ihm nur erwnscht sein, seine
Personenkenntnis unter dem Adel zu erweitern.  Fhre mich hin, sagte
er.  Ich werde bald genug haben und dir nicht lange untreu werden.

Nur verliebt Euch nicht in meine Grfin, drohte sie.  Im Punkte der
Eifersucht verstehe ich keinen Spa, und leider finden manche meine
Herrin schner als mich.

Er suchte in diesen Ton einzustimmen, und sie gingen scherzend aus dem
Zimmer.  Drauen begegneten ihnen einige Lakaien in Livree, die an dem
Begleiter des Mdchens keinen Ansto zu nehmen schienen.  Sie trugen
silberne Schsseln und Teller vorber und lieen den Weg nach dem
groen Saal frei.  Derselbe war unbeleuchtet wie das erste Mal; aber
nebenan ging es frhlicher und lauter zu, und Andrea, als er seinen
unbequemen Lauerposten oben auf der Tribne eingenommen hatte,
erkannte das Gemach kaum wieder.  Die hohen Wandspiegel warfen sich
die Strahlen der Kerzen verhundertfacht zu, und ihre goldenen Rahmen
fingen die Streiflichter auf und schnellten den Widerschein bis an die
Decke.  Dazwischen aber funkelten die Juwelen der schnen Leonora, und
Andrea erkannte deutlich an ihrem Hals die Kette mit dem Rubinschlo,
die sein deutscher Freund von Samuele gekauft hatte.  Der Stein lag
wie ein roter Blutfleck auf der weien Brust.  Aber ihre Augen sahen
mde und gleichgltig auf die Karten, und wenn sie die Gesichter der
jungen Mnner berflogen, war es deutlich wahrzunehmen, da keiner von
ihnen sie fesselte.  Und doch taten die Gste ihr Bestes, um
liebenswrdig zu sein.  Sie begleiteten ihre Einstze mit den
scherzhaftesten Reden und verloren rascher ihr Gold als ihre Laune.
Einer, der bereits alles verspielt zu haben schien, sa auf einem
Sessel zwischen zwei Wandspiegeln und sang schmachtende Barcarolen zur
Laute.  Ein anderer, der eine Weile vom Gewinnen ausruhte, zielte mit
Goldstcken nach den Mustern des Futeppichs und verga, sich nach den
rollenden Zechinen wieder zu bcken.  Dazwischen gingen die Diener mit
Eis und Frchten ab und zu, und ein Bologneserhndchen unterhielt sich
in aller Freundschaft mit dem groen, grnen Papagei, der von seiner
vergoldeten Stange herab zuweilen auf gut Venezianisch drollige Flche
in die Gesellschaft hineinrief.  Schon wollte der Lauscher oben auf
der Musikbhne sich wieder zurckziehen, da ihm das Bild, in das er
hinuntersah, die peinlichsten Gefhle erregte, als pltzlich durch die
hohe Flgeltr eine stattliche Figur in das Spielzimmer trat, die von
allen Anwesenden mit Befremden begrt wurde.  Es war ein ziemlich
bejahrter Herr, der aber sein weies Haupt noch aufrecht genug auf den
Schultern trug und auch im Gang nichts Greisenhaftes hatte.  Er
musterte mit einem raschen Blick die jungen Leute, neigte sich leicht
vor der Grfin und bat, sich nicht stren zu lassen.

Ihr verlangt zu viel, Ser Malapiero, erwiderte die Grfin.  Die
Ehrfurcht dieser Jugend vor den Diensten, die Ihr der Republik zu Meer
und zu Lande geleistet habt, erlaubt nicht, da wir in Eurer Gegenwart
fortfahren, die edle Zeit so sndlich zu tten.

Ihr seid im Irrtum, schne Leonora, versetzte der Alte.  Habe ich doch
nur deshalb mich von allem Staatsdienst zurckgezogen und selbst den
groen Rat schon seit Jahren nicht mehr besucht, weil mir der Respekt
der jungen Leute lstig ward und es mich nach ungebundener, frhlicher
Gesellschaft verlangte.  Wer aber mag sich heutzutage das Herz vom
Wein ffnen lassen, wenn einer vom Rat der Zehn oder gar ein
Staatsinquisitor mit bei Tische sitzt?  Man altert rascher im Amt, und
ich denke noch eine Weile meiner weien Haare zu spotten und
wenigstens beim Wein jung zu sein, wenn ich auch der Schnheit
gegenber meine Jahre fhle.

Ihr nehmt es wahrlich in der Artigkeit noch mit diesen jungen Herren
auf, sagte Leonora, die meinen, es gehre nur ein zierlich
gekruselter blonder oder schwarzer Bart dazu, um das Recht zu haben,
jeden schnen Frauenmund zu kssen.  Aber ich will den Kredenztisch
hereintragen lassen, um meinem seltenen Gast Willkommen zuzutrinken.

Verzeiht, meine holde Freundin.  Ich komme nicht, um das Gastrecht in
Anspruch zu nehmen.  Nur der Wunsch trieb mich her, Euch unverzglich
die Nachrichten von Eurem Bruder zu bringen, die durch den Kurier aus
Genua heute abend an mich gelangt sind.  Sie sind so guter Art, da
ich nicht frchte, die Heiterkeit der schnen Wirtin zu trben, und
daher auf Verzeihung rechne, wenn ich Euch diesen edlen Herrn fr
einige Augenblicke entfhre.  Darf ich hier mit Euch eintreten? sagte
er, auf die Tr zu dem dunklen Saal deutend, auf die er zugeschritten
war.

Andrea zuckte zusammen.  Er begriff, da er nicht so rasch und
geruschlos seinen Platz verlassen konnte, um unbemerkt sich
davonzuschleichen.  Und schon ffnete sich die Saaltr, und er hrte
das Kleid der Grfin hereinrauschen.  Schnell entschlossen legte er
sich platt auf den Boden der hohen Estrade nieder, deren Gelnder, so
niedrig es war, ihn dennoch in dieser Lage vllig deckte.  Er hrte
den Schritt des Alten, der Leonoren folgte und die Frage, ob ein
Leuchter hereingebracht werden sollte, verneinte.

Nur zwei Worte habe ich zu sagen, rief Malapiero in das Spielzimmer
zurck.  Niemand der jungen Herren wird Zeit haben, auf mich
eiferschtig zu werden.

Die Tr schlo sich hinter ihnen, und sie gingen unter der Tribne auf
und ab.

Was fhrt Euch her? fragte die Grfin hastig.  Bringt Ihr mir endlich
die Nachricht, da Gritti zurckberufen wird?

Ihr habt die Bedingung noch nicht erfllt, Leonora.  Welches von den
Wiener Geheimnissen habt Ihr dem Tribunal mitgeteilt?

Lag es an mir?  Tat ich nicht alles, was ein Weib nur vermag, und lie
diesen eigensinnigen Deutschen im Netze zappeln, wie einen Fisch auf
dem Lande?  Aber nie kam ein Wort von Geschften ber seine Lippen.
Und heute reist er ab, wie Ihr wissen werdet.  Ich bin krank vor rger,
da ich soviel Zeit umsonst an ihn verschwendet habe.

Man she es lieber, wenn er krank wre.

Wie das?

Er will fort, man hat ihm den Weg nicht verlegen knnen.  Aber wir
sind gewi, da es der Republik zum grten Schaden gereicht, wenn er
wirklich bis Wien kommt.  Die Vorwnde seines Urlaubs sind nichtig.
Der wahre Grund ist, da er Dinge in Wien zu melden hat, die er selbst
einem geheimen Kurier nicht anzuvertrauen wagt.  Und darum liegt alles
daran, da die Reise verhindert wird.

So verhindert sie.  Sein Gehen oder Bleiben ist mir vllig
gleichgltig.

Ihr habt das leichteste Mittel in der Hand, Leonora, ihn hier
festzuhalten.

Das wre?

Ihr sendet ihm jetzt sogleich eine Botschaft, da er kommen mge, um
Euch weniger grausam zu finden als bisher.  Wenn er dann, wie
unzweifelhaft ist, sich noch in dieser Nacht bei Euch einfindet, so
sorgt Ihr dafr, da er bald darauf erkrankt.

Sie unterbrach ihn rasch.  Ich habe einen Schwur getan, sagte sie, in
dergleichen Zumutungen nie wieder zu willigen.

Man wird Euch Eures Schwures entbinden und Euer Gewissen beruhigen,
Leonora.  Auch ist die Meinung nicht, da das Mittel tdlich sein soll;
dies wre sogar ernstlich zu verhten.

Tut, was Ihr wollt, sagte sie.  Aber mich lat aus dem Spiel.

Euer letztes Wort, Grfin?

Ich hab' es gesagt.

Nun wohl, so wird man dafr sorgen mssen, da der Reisende unterwegs
verunglckt.  Es ist immer umstndlicher und verdchtiger.

Und Gritti?

Von ihm ein andermal.  Erlaubt, da ich Euch zu Eurer Gesellschaft
zurckfhre.

Die Tr des Saales ffnete sich und schlo sich wieder.  Andrea konnte
sich ohne Gefahr aufrichten.  Aber die Worte, die er gehrt hatte,
lhmten noch seine Sinne und Glieder.  Er hrte undeutlich durch die
Wand das mutwillige Lachen und die Scherze der jungen Leute; die
furchtbare Nhe, in der hier Tod und Leben, Verbrechen und Leichtsinn
aneinander hinstreiften, strubte ihm das Haar.  Als er sich mhsam
aufrichtete und die Stufen hinuntertappte, suchte seine Hand
krampfhaft nach dem Dolch, den er im Gewand versteckt immer bei sich
trug.  Seine Lippen waren blutig, so hatte er die Zhne darin
verbissen.

Aber noch war er besonnen genug, Smeraldina wieder aufzusuchen und ihr
in gelassenen Worten zu sagen, da die Gesellschaft ganz lustig
anzusehen sei; aber er werde nie wieder durch die Spalte schauen, da
er nur mit genauer Not der Entdeckung durch die Grfin und einen
lteren Gast entkommen sei.  Er hoffe, da sie es nicht gehrt htten,
wie er bei ihrem Eintritt in den dunklen Saal durch die andere Tr
entschlpft sei.--Darauf leerte er seine Brse vollends und drang
darauf, sogleich von ihr zu gehen.  Am sichersten sei es, da sie ihn
auf dem Brett durchs Fenster entlasse, um jedem Verdacht der Grfin
auszuweichen.  Sie hatte kein Arg dabei, die Brcke war im Nu
geschlagen und er berschritt sie mit festem Fu, obwohl der Entschlu
zu einer schweren Tat bereits in ihm feststand.  Doch dieses Mal galt
es nicht die groe Sache allein, der er sich geweiht hatte.  Es galt,
einen Freund vor feindseliger Tcke zu schtzen, einen Sohn der Mutter
wohlbehalten in die Arme zu senden, einen schnden Verrat des
Gastrechtes durch schnelles Gericht zu verhten.

Leise trat er auf den Flur seines Hauses und horchte in den dmmrigen
Gang hinaus.  Die Tr seiner Wirtin war geschlossen; aber er hrte
trotzdem ihre Stimme, die aus Fiebertrumen heraus sich mit Orsos
Schatten besprach.  Er gewann die Treppe und ffnete unten behutsam
die Pforte.  Die Strae war leer; das ewige Lmpchen leuchtete nicht
weit in die windige Nacht hinber; aber er kannte die Wege und ging
mit eiligen Schritten durch die nchsten Quergassen ber die schmale
Brcke des Kanals, die auf den kleinen Platz vor Leonorens Palast
fhrte.  Er hatte nirgends eine Gondel gesehen und mute annehmen, da
der Alte den Weg nach seinem Hause zu Fu zurcklegen werde.  Er ersah
sich einen Platz, wo er vorberkommen mute.  Ein tiefer, dunkler
Vorsprung eines Trpfeilers schien ihm passend zum Hinterhalt.  Hier
drckte er sich in die Ecke und fate das Portal des Palastes scharf
ins Auge.

Aber die Hand, die den Dolch gezckt hielt, zitterte stark, und das
Blut scho ihm so gewaltig zu Herzen, da er mit hchster Anstrengung
sich zu ermannen suchte.  Was war es, das dieses Mal sich in ihm
auflehnte gegen eine Tat, die er fr eine heilige Pflicht, fr das
Gebot einer hheren Notwendigkeit hielt?  Er kmpfte hart gegen die
dunklen Stimmen an, die ihn von seinem Posten wegzulocken schienen.
Die Schulter bohrte sich eisern in den Pfosten ein, mit der Linken
lftete er die Stirn, auf der kalte Tropfen standen.  Halt aus! sagte
er unwillkrlich zu sich selbst.  Vielleicht, wenn der Himmel es
gndig fgt, ist es das letzte Mal.

Da fiel ihm ein, da der alte Malapiero ohne Zweifel sich von Dienern
werde geleiten lassen, und augenblicklich begriff er die Unmglichkeit,
in diesem Fall den Schlag zu fhren.  Fast war es ihm lieb, einen
Vorwand zu sehen, weshalb er heute unverrichteter Sache nach Hause
gehen msse.  Aber indem er schon mit einem Fu aus der Hhlung der
Trnische heraustrat, ffnete sich drben das Portal des Palastes, und
in der grauen Nacht sah er die stattliche Figur, in den Mantel gehllt,
einsam ber die Schwelle treten und auf ihn zukommen.  Das weie Haar
wallte deutlich genug unter dem Hute vor, der rasche Schritt erklang
ber den Steinplatten, und sorgfltig hielt sich der spte Wanderer an
den Husern.  Jetzt nherte er sich dem Hause, in dessen Schatten der
Rcher stand; als ahne er die Nhe einer Gefahr, schlug er den Mantel
vor das Gesicht und hielt die Linke fest am Griff seines Degens, den
er trotz des Waffenverbotes an der Seite trug.  Er ging an seinem
Feinde vorber, ohne ihn zu gewahren; zehn, zwanzig Schritte weit lie
ihn jener Vorsprung gewinnen.  Schon nherte sich der Einsame der
Brcke.  Auf einmal hrt er einen Futritt hinter sich, er wendet sich
um, die Hand lt den Mantel sinken, aber in demselben Augenblick
bricht seine hohe Gestalt zusammen; der Stahl war ihm tief ins Leben
gefahren.

Meine Mutter, meine arme Mutter! sthnte der Ermordete.  Dann sank
sein Haupt auf das Pflaster.  Die Augen schlossen sich fr immer.

Eine Stille von mehreren Minuten folgte auf diese Abschiedsworte.  Der
Tote lag quer ber die Strae ausgestreckt, mit ausgebreiteten Armen,
als wollte er das treulose Leben inbrnstig umfangen.  Der Hut war ihm
von der Stirn gefallen, unter der Verkleidung der weien Locken
drngte sich das natrliche braune Haar hervor, das jugendliche
Gesicht erschien wie schlafend in der falben Dmmerung der Nacht.  Und
einen Schritt von ihm entfernt an der Wand des nchsten Hauses, starr
wie eine angelehnte Bildsule, stand der Mrder, und seine Augen
stierten in die regungslosen Zge des Jnglings und mhten sich in
verzweifelter Angst vergebens ab, die entsetzliche Gewiheit sich zu
verleugnen, sich einzureden, da ein Spuk ihn verblende, da unter
dieser jungen Larve, die ihm die Hlle vorhalte, sich die Zge jenes
Alten versteckten, der kurz zuvor im Saal Leonorens dem Freund Andreas
einen Hinterhalt bestellt hatte.  Hatte er nicht dieses Freundes wegen
sich geeilt, den Streich zu fhren?  Wollte er nicht der Mutter ihren
Sohn wohlbehalten zurcksenden?  Und was hatte der Mann, der dort am
Boden lag, von seiner armen Mutter gelallt?  Warum stand nun der
Richter und Rcher wie ein Verurteilter und vermochte kein Glied zu
regen, obwohl seine Zhne wie in Todesangst klapperten und Frost
seinen Krper schttelte?

Das Blut, das ihm gegen die Augen tobte, trat zurck und strzte nach
den Herzkammern.  Seine Blicke erkannten deutlich den Dolch in der
Brust des Toten.  Er las in dem trben Zwielicht, die Worte auf dem
Heft, die er mit eigener Hand mhsam eingegraben hatte: "Tod allen
Staatsinquisitoren".  Er sprach sie unwillkrlich laut aus, und lie
seine Augen zwischen der verhngnisvollen Waffe und dem Gesicht des
armen Opfers hin und her gehen, sich sttigend mit dem vernichtenden
Widerspruch zwischen diesen Worten und diesen Zgen.  In furchtbarer
Hast jagten sich die Gedanken an ihm vorbei.  Er war sich pltzlich
ber alles klar, was hier geschehen war und nie geshnt werden konnte.
Kein Wunder hatte mitgewirkt, um das Grauenvolle zur Wirklichkeit zu
machen.  Alles war so ganz natrlich, so wahrscheinlich, ein Kind
mute es begreifen.  ber Tag hatte sich der Jngling von seiner
verderblichen schnen Feindin ferngehalten.  Er wollte fort ohne
Abschied.  Er hatte es ihr sagen lassen, und sie war gleichgltig
genug, sich fr den nmlichen Abend Gesellschaft zu laden.  Als die
Nacht kam, widerstand er dem heftigen Zwang des Dmons nicht und ging
den gewohnten Weg. Man hatte ihm an der Pforte gesagt, da er die
Grfin nicht allein finden wrde.  Augenblicklich war er entschieden,
umzukehren.  Und gerade dieser Augenblick hatte gengt, da sein
einziger Freund sich in den Hinterhalt stellen konnte, um zum Mrder
an ihm zu werden.

Erst als Andrea das alles klar berlegt hatte, mit einer kalten
Hellsichtigkeit, wie sie in allen entscheidenden Stunden, wo jeder
Trost schwindet, dem Menschen nahetritt, lste sich die Starrheit
seines Leibes.  Er strzte zu dem stillen Schlfer hin, sank knieend
auf das Pflaster und sah ihm dicht ins Gesicht.  Ein irres Lachen, das
wie ein Rcheln klang, entfuhr ihm jetzt, als er die weien Locken ihm
vom Haupte strich, die ihn so unselig betrogen hatten.  Es fiel ihm
ein, da er selbst am Nachmittag den Freund gewarnt hatte, sich nicht
offen in den Straen Venedigs zu zeigen.  Er selbst hatte die Falle
gelegt fr sich und seinen Teuren.  Dann ri er ihm das Kleid auf und
fhlte, ob noch ein Rest von Leben im Herzen klopfe.  Er neigte seinen
Mund dicht an die Lippen des Jnglings, ob er noch einen Hauch spren
knnte.  Alles war still und kalt und hoffnungslos.

In diesem Moment wurde die Pforte des Palastes wieder geffnet, und
eine hohe Gestalt im Mantel trat heraus.  Der Lichtschein aus dem Flur
fiel auf das weie Haar des alten Malapiero, der in sein Haus
zurckkehrte.  Andrea sah auf; die schneidende Ironie seiner Lage trat
ihm vor die Seele.  Da ging der Mann, vor dem er Venedig, die wehrlose
Herde des Adels und Volkes, und nicht zuletzt seinen deutschen Freund
zu schtzen dachte.  Da kam er einsam genug des Weges heran, nur in
der Maske eines Geheimnisses, das sein Feind durchdrungen hatte;
nichts hinderte, sich auf ihn zu werfen, der Dolch war zur Hand--;
aber dieser Dolch war mit unschuldigem Blut geschndet worden, nichts
mehr unterschied den Richter und Rcher von dem, an welchem er den
Spruch vollziehen wollte, als da hier ein tckisch blinder Zufall den
Streich gefhrt hatte, whrend jene unverantwortlichen Henker ihre
Ziele sicher und unfehlbar vor Augen hatten.

Dieses alles tobte durch Andreas Geist.  Er raffte sich auf, zog den
Dolch aus der Wunde und floh, noch unbemerkt von dem greisen Triumvirn,
im Schatten hin, ber die schmale Kanalbrcke seinem Hause zu.  Als
ihm einfiel, da der alte Malapiero den Toten finden und seinem
unbekannten Mrder Dank wissen wrde, da er ihm eine Mhe gespart,
mute er die Zhne zusammenbeien, um nicht wild aufzuschreien.

So kam er an seine Haustr und fand sie offen.  Als er die Treppe
hinaufsah, erblickte er oben, wo sonst die Alte sa, ihre Tochter, die
an der obersten Stufe stand und weit vorgebeugt, beide Arme auf das
Gelnde gesttzt, hinabsphte.  Kommt Ihr endlich! flsterte sie ihm
entgegen.  Wo waret Ihr so spt?  Ich hrte Euch fortgehen und konnte
nicht schlafen.

Er erwiderte kein Wort; mhsam erstieg er die Treppe und wollte an ihr
vorbei.  Da sah sie den Dolch, den zu verbergen er durchaus keine
Sorge trug, und pltzlich fiel sie mit einem erstickten Ausruf ihm
gerade vor die Fe.  Er lie sie liegen und schritt nach seinem
Zimmer.  Kein Mitleiden mit kleinem Menschenweh hatte noch Raum in
seinem Innern.  Er sah nur die Mutter vor sich, die mit Ungeduld ihren
Sohn aus der Fremde zurckerwartete und statt dessen seinen Sarg
empfangen sollte.

Kaum aber hatte er sich in seinem Zimmer eingeschlossen, als er
Mariettas Klopfen vernahm und ihre leise Stimme, die ihn um Einla bat.

Geh zu Bett, sagte er.  Ich habe nichts mehr mit Menschen zu teilen.
Morgen in der Frhe melde dich im Dogenpalast.  Es sind dreitausend
Zechinen dort abzuholen.  Du kannst sagen, da einer der Verschworenen
unschdlich sei.  Frchte nicht, da man mich lebend ergreift.  Gute
Nacht!

Sie blieb beharrlich an der Tr.  Ich will hinein, sagte sie.  Ich
wei, Ihr tut Euch ein Leids an, wenn Ihr allein bleibt.  Ihr denkt,
ich knnte Euch verraten, weil ich Euch habe kommen sehen mit dem
Dolch.  O, Ihr seid sicher davor, da ich Euch Gefahr brchte.  Lat
mich hinein, seht mir ins Gesicht und dann sagt, ob Ihr mir etwas
Arges zutraut.  Hab ich's nicht lange geahnt, da Ihr es wret, den
sie suchten?  Ich sah Euch im Traum mit Blut befleckt.  Aber ich hasse
Euch dennoch nicht.  Ich wute, da Ihr unglcklich seid; mein Leben
knnt' ich hingeben, wenn Ihr es verlangtet.

Sie horchte an der Tr, aber es kam keine Antwort.  Statt dessen hrte
sie, wie er an das Fenster trat, das nach dem Kanal ging und sich dort
zu schaffen machte.  Eine tdliche Angst berfiel sie, sie rttelte an
der Tr, sie rief von neuem, sie beschwor ihn in den rhrendsten
Worten, nichts Verzweifeltes zu unternehmen--alles umsonst.  Da es
endlich drinnen ganz still geworden war, stemmte sie sich in
furchtbarer Qual mit den Schultern heftig gegen die Tr und suchte mit
Aufbietung aller Krfte das Schlo zu sprengen.  Das alte Holzwerk
brach ein, nur der Rahmen hielt stand.  Das Loch, das sie gebrochen
hatte, lie ihre schlanke Gestalt so eben durchschlpfen.

Das Zimmer war leer: in allen Winkeln suchte sie ihn vergebens.  Als
sie an das offene Fenster trat, nun nicht mehr zweifelnd, da er sich
in den Kanal gestrzt habe, wagte sie kaum ber das Gesims in die
Tiefe hinabzusphen.  Aber was sie sah, gab ihr die verlorene Hoffnung
wieder.  Ein Strick hing, an einem festen Haken unterhalb des Gesimses
angeknpft, an der Mauer drauen herab.  Er reichte bis auf die
Wasserflche.  Wer sich, unten angelangt, mit den Fen von der Mauer
abstie, mute sich leicht auf die Wassertreppe drben am Palast der
Grfin und in die Gondel schwingen knnen, die dort angekettet zu sein
pflegte.  Heute war sie verschwunden, und dem einsamen Mdchen, das
vergebens die dunkle Schlucht des Kanals hinabschaute, um eine Spur
des Entflohenen zu entdecken, blieb wenigstens die trstliche
berzeugung, da, wenn er sich retten wollte, er keinen sichereren Weg
htte whlen knnen.

Da sie dies glauben sollte, war seine Absicht gewesen.  Er wollte das
Gemt des unschuldigen Wesens, dem er schon zu viel Kummer gemacht
hatte, nicht mit der ganzen herben Wahrheit belasten, da es fr ihn
keine Rettung mehr gab, da er sich selber nicht zu entfliehen
vermochte.

Noch sah das arme Mdchen aus dem Fenster, und ihre Trnen strzten
bitterlich in die schwarze Flut unter ihr, als Andrea schon seine
Gondel in den groen Kanal hinaus lenkte.  Die Palste zu beiden
Seiten ragten dunkel ber den Wasserspiegel auf.  Er fuhr an dem Hause
Morosini vorbei, er sah den Palast Venier, und ein Schauder strubte
ihm das Haar.  Hier lag wie mit einem Ring umschlossen sein Leben vor
ihm; welch ein Anfang und welch ein Ende!-Als er an der Giudecca
vorberruderte und nun die breite Stirn des Dogenpalastes im Zwielicht
einer trben Mondsichel vor sich liegen sah, durchzuckte ihn flchtig
der Gedanke, da hier die Sttte sei, wo man Verbrechen richte.  Aber
fr das seinige waren hier keine Richter zu finden; denn wer darf
richten in eigener Sache?  Und begleitete ihn nicht noch immer die
Hoffnung, da aus seiner Freveltat dennoch Rettung und Befreiung fr
seine Mitbrger erblhen knne, da vielleicht sogar der Mord des
Unschuldigen, den die Stimme des Volkes unfehlbar dem Tribunal
zuschreiben wrde, das begonnene Werk vollenden und das Ma der
Gewaltherrschaft wrde berflieen machen?

Er htte diese Hoffnung selbst zerstrt, wenn er sich den Richtern
gestellt, ihre Furcht vor den unsichtbaren Feinden zerstreut, und die
Beschwerden der fremden Mchte von ihnen abgelenkt htte.

Mit starken Ruderschlgen trieb er die Gondel gegen den Lido hin und
durchschnitt das Hafenbecken, wo die Laternen der Schiffe allein noch
wachten.  Am Eingang des Hafens lag die groe Feluke, die seit einer
Woche auch dem kleinsten Fahrzeug auszulaufen wehrte, wenn nicht auf
den Anruf die Parole der Inquisition antwortete.  Andrea hatte gleich
den brigen geheimen Dienern des Tribunals heute frh das Wort
empfangen.  Ungehindert lie man ihn ins freie Meer hinaus.

Die See war still.  Nicht mit den Wellen hatte Andrea zu kmpfen, als
er lngs dem Ufer mehrere Stunden weit hinruderte.  Aber in der
ruhigen lauen Nacht empfand er seine Qualen nur heftiger, und schlug
dann und wann wie wahnsinnig das Ruder ins Meer, um nur einen anderen
Ton zu hren, als die letzten Worte seines Freundes: "Meine Mutter,
meine arme Mutter."

Es war schon weit ber Mitternacht, als er die Gondel ans Land trieb,
hinaussprang und auf ein einsames Kloster zuging, das auf einer
Landzunge stand und den armen Schiffern wohl bekannt war.  Kapuziner
hausten hier, die von den Wohltaten der Chiozzoten und dem Bettel auf
dem Festland lebten und dafr geistlichen Trost spendeten und in
mancher Not dem Volk eine Sttze waren.  Andrea zog die Glocke am Tor.
Bald darauf hrte er die Stimme des Pfrtners, die fragte, wer
drauen stehe.

Ein Sterbender, antwortete Andrea.  Ruft den Bruder Pietro Maria, wenn
er im Kloster ist.

Der Pfrtner entfernte sich von der Tr.  Indessen setzte sich Andrea
auf die Steinbank, ri ein Blatt aus seiner Brieftasche und schrieb
bei dem Schein einer Laterne, die aus der Pfrtnerzelle
hervorschimmerte, folgende Zeilen:

"An Angelo Querini.

"Ich habe den Richter gespielt und bin zum Mrder geworden.  Ich habe
mich der Gerechtigkeit angemat, die Gott sich vorbehalten, und Gott
hat mich in meinen eigenen Frevelwahn verstrickt und mich gerechtes
Blut vergieen lassen.  Das Opfer, das ich zu bringen dachte, ist
verworfen worden.  Die Zeit war noch nicht erfllt, das Priestertum
der Befreiung Venedigs ist anderen Hnden vorbehalten.  Oder ist
berhaupt keine Rettung mehr?

"Ich gehe vor das Angesicht Gottes, des hchsten Richters, der auf
seiner ewigen Waage meine Schuld und meine Leiden gerecht abwgen wird.
Von Menschen habe ich nichts mehr zu erwarten; von Euch nur ein
gromtiges Mitgefhl fr meinen Irrtum und mein Unglck.

"Candiano."

Die Pforte des Klosters ffnete sich, und ein ehrwrdiger Mnch mit
kahlem Haupte trat zu dem Schreibenden heraus.  Andrea stand auf.
Pietro Maria, sagte er, ich danke Euch, da Ihr kommt.  Ihr habt dem
Verbannten in Verona meinen Brief gebracht?

Der Greis nickte.

Wenn Euch am letzten Dank eines Unglcklichen etwas gelegen ist, so
bringt auch dieses Blatt sicher in dieselben Hnde.  Versprecht Ihr
mir's?

Ich verspreche es.

Es ist gut.  Gott lohne es Euch!  Lebt wohl!

Er nahm die Hand nicht an, die ihm der Mnch zum Abschied reichte.
Ohne Aufenthalt stieg er wieder in die Gondel und fuhr in die offene
See hinaus.  Als der Alte, nachdem er die Zeilen berflogen, entsetzt
ihm nachrief und ihn beschwor, noch einmal umzukehren, antwortete er
nicht mehr.  In hchster Bewegung sah der alte Diener der Republik den
letzten Spro eines edlen Geschlechtes auf den den Wellen
hinaustreiben, die sich jetzt, von einem frhen Morgenwinde erregt,
lebhafter kruselten.  Er berlegte, ob es wohlgetan, ob es berhaupt
mglich sei, den festen Willen des Sterbenden zu kreuzen.  Da erhob
sich in der fernen Gondel die dunkle Gestalt, deutlich erkennbar gegen
den grauen Horizont; der Scheidende schien noch einmal einen Blick
ber Land und Meer zu werfen, und nach der Stadt zurckzusphen, deren
Umri auf den Nebeln der Lagunen wie auf einer Wolkeninsel schwamm.
Dann sprang er in die Tiefe.

Der Mnch, der sein Ende mit ansah, faltete die Hnde und betete still
und inbrnstig.  Er stieg dann selbst in einen Kahn und fuhr ins Meer
hinaus, wo die leere Gondel auf der Brandung tanzte.  Von dem
Unglcklichen, der sie gelenkt, fand er keine Spur.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Andrea Delfin, von Paul Heyse.









End of the Project Gutenberg EBook of Andrea Delfin, by Paul Heyse

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ANDREA DELFIN ***

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