The Project Gutenberg EBook of Heidis Lehr- und Wanderjahre, by Johanna Spyri

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Title: Heidis Lehr- und Wanderjahre

Author: Johanna Spyri

Posting Date: September 1, 2014 [EBook #7500]
Release Date: February, 2005
First Posted: May 11, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIDIS LEHR- UND WANDERJAHRE ***




Produced by Mike Pullen and Juliet Sunderland. HTML version
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Heidis Lehr- und Wanderjahre

Johanna Spyri


  Inhalt

  1  Zum Alm-hi hinauf
  2  Beim Grovater
  3  Auf der Weide
  4  Bei der Gromutter
  5  Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat
  6  Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge
  7  Frulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag
  8  Im Hause Sesemann geht's unruhig zu
  9  Der Hausherr hrt allerlei in seinem Hause, das er noch nicht gehrt hat
  10 Eine Gromama
  11 Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab
  12 Im Hause Sesemann spukt's
  13 Am Sommerabend die Alm hinan
  14 Am Sonntag, wenn's lutet




Zum Alm-hi hinauf

Vom freundlichen Dorfe Maienfeld fhrt ein Fuweg durch grne,
baumreiche Fluren bis zum Fue der Hhen, die von dieser Seite gro
und ernst auf das Tal herniederschauen.  Wo der Fuweg anfngt,
beginnt bald Heideland mit dem kurzen Gras und den krftigen
Bergkrutern dem Kommenden entgegenzuduften, denn der Fuweg geht
steil und direkt zu den Alpen hinauf.

Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen, sonnigen Junimorgen
ein groes, krftig aussehendes Mdchen dieses Berglandes hinan,
ein Kind an der Hand fhrend, dessen Wangen so glhend waren, dass
sie selbst die sonnverbrannte, vllig braune Haut des Kindes
flammend rot durchleuchteten.  Es war auch kein Wunder: Das Kind
war trotz der heien Junisonne so verpackt, als htte es sich eines
bitteren Frostes zu erwehren.  Das kleine Mdchen mochte kaum fnf
Jahre zhlen; was aber seine natrliche Gestalt war, konnte man
nicht ersehen, denn es hatte sichtlich zwei, wenn nicht drei
Kleider bereinander angezogen und drberhin ein groes, rotes
Baumwolltuch um und um gebunden, so dass die kleine Person eine
vllig formlose Figur darstellte, die, in zwei schwere, mit Ngeln
beschlagene Bergschuhe gesteckt, sich hei und mhsam den Berg
hinaufarbeitete.  Eine Stunde vom Tal aufwrts mochten die beiden
gestiegen sein, als sie zu dem Weiler kamen, der auf halber Hhe
der Alm liegt und 'im Drfli' heit.  Hier wurden die
Wandernden fast von jedem Hause aus angerufen, einmal vom Fenster,
einmal von einer Haustr und einmal vom Wege her, denn das Mdchen
war in seinem Heimatort angelangt.  Es machte aber nirgends Halt,
sondern erwiderte alle zugerufenen Gre und Fragen im Vorbeigehen,
ohne still zu stehen, bis es am Ende des Weilers bei dem letzten
der zerstreuten Huschen angelangt war.  Hier rief es aus einer Tr:
"Wart einen Augenblick, Dete, ich komme mit, wenn du weiter
hinaufgehst."

Die Angeredete stand still; sofort machte sich das Kind von ihrer
Hand los und setzte sich auf den Boden.

"Bist du mde, Heidi?", fragte die Begleiterin.

"Nein, es ist mir hei", entgegnete das Kind.

"Wir sind jetzt gleich oben, du musst dich nur noch ein wenig
anstrengen und groe Schritte nehmen, dann sind wir in einer Stunde
oben", ermunterte die Gefhrtin.

Jetzt trat eine breite gutmtig aussehende Frau aus der Tr und
gesellte sich zu den beiden.  Das Kind war aufgestanden und
wanderte nun hinter den zwei alten Bekannten her, die sofort in ein
lebhaftes Gesprch gerieten ber allerlei Bewohner des 'Drfli' und
vieler umherliegender Behausungen.

"Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kinde, Dete?", fragte
jetzt die neu Hinzugekommene.  "Es wird wohl deiner Schwester Kind
sein, das hinterlassene."

"Das ist es", erwiderte Dete, "ich will mit ihm hinauf zum hi, es
muss dort bleiben."

"Was, beim Alm-hi soll das Kind bleiben?  Du bist, denk ich, nicht
recht bei Verstand, Dete!  Wie kannst du so etwas tun!  Der Alte
wird dich aber schon heimschicken mit deinem Vorhaben!"

"Das kann er nicht, er ist der Grovater, er muss etwas tun, ich
habe das Kind bis jetzt gehabt, und das kann ich dir schon sagen,
Barbel, dass ich einen Platz, wie ich ihn jetzt haben kann, nicht
dahinten lasse um des Kindes willen; jetzt soll der Grovater das
Seinige tun."

"Ja, wenn der wre wie andere Leute, dann schon", besttigte die
kleine Barbel eifrig; "aber du kennst ja den.  Was wird der mit
einem Kinde anfangen und dann noch einem so kleinen!  Das hlt's
nicht aus bei ihm!  Aber wo willst du denn hin?"

"Nach Frankfurt", erklrte Dete, "da bekomm ich einen extraguten
Dienst.  Die Herrschaft war schon im vorigen Sommer unten im Bad,
ich habe ihre Zimmer auf meinem Gang gehabt und sie besorgt, und
schon damals wollten sie mich mitnehmen, aber ich konnte nicht
fortkommen, und jetzt sind sie wieder da und wollen mich mitnehmen,
und ich will auch gehen, da kannst du sicher sein."

"Ich mchte nicht das Kind sein!", rief die Barbel mit abwehrender
Gebrde aus.  "Es wei ja kein Mensch, was mit dem Alten da oben
ist!  Mit keinem Menschen will er etwas zu tun haben, jahraus,
jahrein setzt er keinen Fu in eine Kirche, und wenn er mit seinem
dicken Stock im Jahr einmal herunterkommt, so weicht ihm alles aus
und muss sich vor ihm frchten.  Mit seinen dicken grauen
Augenbrauen und dem furchtbaren Bart sieht er auch aus wie ein
alter Heide und Indianer, dass man froh ist, wenn man ihm nicht
allein begegnet."

"Und wenn auch", sagte Dete trotzig, "er ist der Grovater und muss
fr das Kind sorgen, er wird ihm wohl nichts tun, sonst hat er's zu
verantworten, nicht ich."

"Ich mchte nur wissen", sagte die Barbel forschend, "was der Alte
auf dem Gewissen hat, dass er solche Augen macht und so
mutterseelenallein da droben auf der Alm bleibt und sich fast nie
blicken lsst.  Man sagt allerhand von ihm; du weit doch gewiss
auch etwas davon, von deiner Schwester, nicht, Dete?"

"Freilich, aber ich rede nicht; wenn er's hrte, so kme ich schn
an!"

Aber die Barbel htte schon lange gern gewusst, wie es sich mit dem
Alm-hi verhalte, dass er so menschenfeindlich aussehe und da oben
ganz allein wohne und die Leute immer so mit halben Worten von ihm
redeten, als frchteten sie sich, gegen ihn zu sein, und wollten
doch nicht fr ihn sein.  Auch wusste die Barbel gar nicht, warum
der Alte von allen Leuten im Drfli der Alm-hi genannt wurde, er
konnte doch nicht der wirkliche Oheim von den smtlichen Bewohnern
sein; da aber alle ihn so nannten, tat sie es auch und nannte den
Alten nie anders als hi, was die Aussprache der Gegend fr Oheim
ist.  Die Barbel hatte sich erst vor kurzer Zeit nach dem Drfli
hinauf verheiratet, vorher hatte sie unten im Prttigau gewohnt,
und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen Erlebnissen und
besonderen Persnlichkeiten aller Zeiten vom Drfli und der
Umgegend.  Die Dete, ihre gute Bekannte, war dagegen vom Drfli
gebrtig und hatte da gelebt mit ihrer Mutter bis vor einem Jahr;
da war diese gestorben, und die Dete war nach dem Bade Ragaz
hinbergezogen, wo sie im groen Hotel als Zimmermdchen einen
guten Verdienst fand.  Sie war auch an diesem Morgen mit dem Kinde
von Ragaz hergekommen; bis Maienfeld hatte sie auf einem Heuwagen
fahren knnen, auf dem ein Bekannter von ihr heimfuhr und sie und
das Kind mitnahm.  --Die Barbel wollte also diesmal die gute
Gelegenheit, etwas zu vernehmen, nicht unbenutzt vorbeigehen lassen;
sie fasste vertraulich die Dete am Arm und sagte: "Von dir kann
man doch vernehmen, was wahr ist und was die Leute darber hinaus
sagen; du weit, denk ich, die ganze Geschichte.  Sag mir jetzt ein
wenig, was mit dem Alten ist und ob der immer so gefrchtet und ein
solcher Menschenhasser war."

"Ob er immer so war, kann ich, denk ich, nicht przis wissen, ich
bin jetzt sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr alt; so hab
ich ihn nicht gesehen, wie er jung war, das wirst du nicht erwarten.
Wenn ich aber wsste, dass es nachher nicht im ganzen Prttigau
herumkme, so knnte ich dir schon allerhand erzhlen von ihm;
meine Mutter war aus dem Domleschg und er auch."

"A bah, Dete, was meinst denn?", gab die Barbel ein wenig beleidigt
zurck; "es geht nicht so streng mit dem Schwatzen im Prttigau,
und dann kann ich schon etwas fr mich behalten, wenn es sein muss.
Erzhl mir's jetzt, es muss dich nicht gereuen."

"Ja nu, so will ich, aber halt Wort!", mahnte die Dete.  Erst sah
sie sich aber um, ob das Kind nicht zu nah sei und alles anhre,
was sie sagen wollte; aber das Kind war gar nicht zu sehen, es
musste schon seit einiger Zeit den beiden Begleiterinnen nicht mehr
gefolgt sein, diese hatten es aber im Eifer der Unterhaltung nicht
bemerkt.  Dete stand still und schaute sich berall um.  Der Fuweg
machte einige Krmmungen, doch konnte man ihn fast bis zum Drfli
hinunter bersehen, es war aber niemand darauf sichtbar.

"Jetzt seh ich's", erklrte die Barbel; "siehst du dort?", und sie
wies mit dem Zeigefinger weitab vom Bergpfad.  "Es klettert die
Abhnge hinauf mit dem Geienpeter und seinen Geien.  Warum der
heut so spt hinauffhrt mit seinen Tieren?  Es ist aber gerad
recht, er kann nun zu dem Kinde sehen, und du kannst mir umso
besser erzhlen."

"Mit dem Nach-ihm-Sehen muss sich der Peter nicht anstrengen",
bemerkte die Dete; "es ist nicht dumm fr seine fnf Jahre, es tut
seine Augen auf und sieht, was vorgeht, das hab ich schon bemerkt
an ihm, und es wird ihm einmal zugut kommen, denn der Alte hat gar
nichts mehr als seine zwei Geien und die Almhtte."

"Hat er denn einmal mehr gehabt?", fragte die Barbel.

"Der?  Ja, das denk ich, dass er einmal mehr gehabt hat",
entgegnete eifrig die Dete; "eins der schnsten Bauerngter im
Domleschg hat er gehabt.  Er war der ltere Sohn und hatte nur noch
einen Bruder, der war still und ordentlich.  Aber der ltere wollte
nichts tun, als den Herrn spielen und im Lande herumfahren und mit
bsem Volk zu tun haben, das niemand kannte.  Den ganzen Hof hat er
verspielt und verzecht, und wie es herauskam, da sind sein Vater
und seine Mutter hintereinander gestorben vor lauter Gram, und der
Bruder, der nun auch am Bettelstab war, ist vor Verdruss in die
Welt hinaus, es wei kein Mensch wohin, und der hi selber, als er
nichts mehr hatte als einen bsen Namen, ist auch verschwunden.
Erst wusste niemand wohin, dann vernahm man, er sei unter das
Militr gegangen nach Neapel, und dann hrte man nichts mehr von
ihm zwlf oder fnfzehn Jahre lang.  Dann auf einmal erschien er
wieder im Domleschg mit einem halb erwachsenen Buben und wollte
diesen in der Verwandtschaft unterzubringen suchen.  Aber es
schlossen sich alle Tren vor ihm, und keiner wollte mehr etwas von
ihm wissen.  Das erbitterte ihn sehr; er sagte, ins Domleschg setze
er keinen Fu mehr, und dann kam er hierher ins Drfli und lebte da
mit dem Buben.  Die Frau muss eine Bndnerin gewesen sein, die er
dort unten getroffen und dann bald wieder verloren hatte.  Er
musste noch etwas Geld haben, denn er lie den Buben, den Tobias,
ein Handwerk erlernen, Zimmermann, und der war ein ordentlicher
Mensch und wohlgelitten bei allen Leuten im Drfli.  Aber dem Alten
traute keiner, man sagte auch, er sei von Neapel desertiert, es
wre ihm sonst schlimm gegangen, denn er habe einen erschlagen,
natrlich nicht im Krieg, verstehst du, sondern beim Raufhandel.
Wir anerkannten aber die Verwandtschaft, da meiner Mutter
Gromutter mit seiner Gromutter Geschwisterkind gewesen war.  So
nannten wir ihn hi, und da wir fast mit allen Leuten im Drfli
wieder verwandt sind vom Vater her, so nannten ihn diese alle auch
hi, und seit er dann auf die Alm hinaufgezogen war, hie er eben
nur noch der 'Alm-hi'."

"Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen?", fragte gespannt
die Barbel.

"Wart nur, das kommt schon, ich kann nicht alles auf einmal sagen",
erklrte Dete.  "Also der Tobias war in der Lehre drauen in Mels,
und sowie er fertig war, kam er heim ins Drfli und nahm meine
Schwester zur Frau, die Adelheid, denn sie hatten sich schon immer
gern gehabt, und auch wie sie nun verheiratet waren, konnten sie's
sehr gut zusammen.  Aber es ging nicht lange.  Schon zwei Jahre
nachher, wie er an einem Hausbau mithalf, fiel ein Balken auf ihn
herunter und schlug ihn tot.  Und wie man den Mann so entstellt
nach Hause brachte, da fiel die Adelheid vor Schrecken und Leid in
ein heftiges Fieber und konnte sich nicht mehr erholen, sie war
sonst nicht sehr krftig und hatte manchmal so eigene Zustnde
gehabt, dass man nicht recht wusste, schlief sie oder war sie wach.
Nur ein paar Wochen, nachdem der Tobias tot war, begrub man auch
die Adelheid.  Da sprachen alle Leute weit und breit von dem
traurigen Schicksal der beiden, und leise und laut sagten sie, das
sei die Strafe, die der hi verdient habe fr sein gottloses Leben,
und ihm selbst wurde es gesagt und auch der Herr Pfarrer redete ihm
ins Gewissen, er sollte doch jetzt Bue tun, aber er wurde nur
immer grimmiger und verstockter und redete mit niemandem mehr, es
ging ihm auch jeder aus dem Wege.  Auf einmal hie es, der hi sei
auf die Alm hinaufgezogen und komme gar nicht mehr herunter, und
seither ist er dort und lebt mit Gott und Menschen im Unfrieden.
Das kleine Kind der Adelheid nahmen wir zu uns, die Mutter und ich;
es war ein Jahr alt.  Wie nun im letzten Sommer die Mutter starb
und ich im Bad drunten etwas verdienen wollte, nahm ich es mit und
gab es der alten Ursel oben im Pffferserdorf in die Kost.  Ich
konnte auch im Winter im Bad bleiben, es gab allerhand Arbeit, weil
ich zu nhen und flicken verstehe, und frh im Frhling kam die
Herrschaft aus Frankfurt wieder, die ich voriges Jahr bedient hatte
und die mich mitnehmen will; bermorgen reisen wir ab, und der
Dienst ist gut, das kann ich dir sagen."

"Und dem Alten da droben willst du nun das Kind bergeben?  Es
nimmt mich nur wunder, was du denkst, Dete", sagte die Barbel
vorwurfsvoll.

"Was meinst du denn?", gab Dete zurck.  "Ich habe das Meinige an
dem Kinde getan, und was sollte ich denn mit ihm machen?  Ich denke,
ich kann eines, das erst fnf Jahre alt wird, nicht mit nach
Frankfurt nehmen.  Aber wohin gehst du eigentlich, Barbel, wir sind
ja schon halbwegs auf der Alm?"

"Ich bin auch gleich da, wo ich hinmuss", entgegnete die Barbel;
"ich habe mit der Geienpeterin zu reden, sie spinnt mir im Winter.
So leb wohl, Dete, mit Glck!"

Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen, whrend
diese der kleinen, dunkelbraunen Almhtte zuging, die einige
Schritte seitwrts vom Pfad in einer Mulde stand, wo sie vor dem
Bergwind ziemlich geschtzt war.  Die Htte stand auf der halben
Hhe der Alm, vom Drfli aus gerechnet, und dass sie in einer
kleinen Vertiefung des Berges stand, war gut, denn sie sah so
baufllig und verfallen aus, dass es auch so noch ein gefhrliches
Darinwohnen sein musste, wenn der Fhnwind so mchtig ber die
Berge strich, dass alles an der Htte klapperte, Tren und Fenster,
und alle die morschen Balken zitterten und krachten.  Htte die
Htte an solchen Tagen oben auf der Alm gestanden, sie wre
unverzglich ins Tal hinabgeweht worden.

Hier wohnte der Geienpeter, der elfjhrige Bube, der jeden Morgen
unten im Drfli die Geien holte, um sie hoch auf die Alm
hinaufzutreiben, um sie da die kurzen krftigen Kruter fressen zu
lassen bis zum Abend; dann sprang der Peter mit den leichtfigen
Tierchen wieder herunter, tat, im Drfli angekommen, einen
schrillen Pfiff durch die Finger, und jeder Besitzer holte seine
Gei auf dem Platz.  Meistens kamen kleine Buben und Mdchen, denn
die friedlichen Geien waren nicht zu frchten, und das war denn
den ganzen Sommer durch die einzige Zeit am Tage, da der Peter mit
seinesgleichen verkehrte; sonst lebte er nur mit den Geien.  Er
hatte zwar daheim seine Mutter und die blinde Gromutter; aber da
er immer am Morgen sehr frh fortmusste und am Abend vom Drfli
spt heimkam, weil er sich da noch so lange als mglich mit den
Kindern unterhalten musste, so verbrachte er daheim nur gerade so
viel Zeit, um am Morgen seine Milch und Brot und am Abend
ebendasselbe hinunterzuschlucken und dann sich aufs Ohr zu legen
und zu schlafen.  Sein Vater, der auch schon der Geienpeter
genannt worden war, weil er in frheren Jahren in demselben Berufe
gestanden hatte, war vor einigen Jahren beim Holzfllen verunglckt.
Seine Mutter, die zwar Brigitte hie, wurde von jedermann um des
Zusammenhangs willen die Geienpeterin genannt, und die blinde
Gromutter kannten weit und breit Alt und Jung nur unter dem Namen
Gromutter.

Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich nach allen
Seiten umgesehen, ob die Kinder mit den Geien noch nirgends zu
sehen seien; als dies aber nicht der Fall war, so stieg sie noch
ein wenig hher, wo sie besser die ganze Alm bis hinunter bersehen
konnte, und guckte nun von hier aus bald dahin, bald dorthin mit
Zeichen groer Ungeduld auf dem Gesicht und in den Bewegungen.
Unterdessen rckten die Kinder auf einem groen Umwege heran, denn
der Peter wusste viele Stellen, wo allerhand Gutes an Struchern
und Gebschen fr seine Geien zu nagen war; darum machte er mit
seiner Herde vielerlei Wendungen auf dem Wege.  Erst war das Kind
mhsam nachgeklettert, in seiner schweren Rstung vor Hitze und
Unbequemlichkeit keuchend und alle Krfte anstrengend.  Es sagte
kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf den Peter, der mit
seinen nackten Fen und leichten Hschen ohne alle Mhe hin und
her sprang, bald auf die Geien, die mit den dnnen, schlanken
Beinchen noch leichter ber Busch und Stein und steile Abhnge
hinaufkletterten.  Auf einmal setzte das Kind sich auf den Boden
nieder, zog mit groer Schnelligkeit Schuhe und Strmpfe aus, stand
wieder auf, zog sein rotes, dickes Halstuch weg, machte sein
Rckchen auf, zog es schnell aus und hatte gleich noch eins
auszuhkeln, denn die Base Dete hatte ihm das Sonntagskleidchen
ber das Alltagszeug angezogen, um der Krze willen, damit niemand
es tragen msse.  Blitzschnell war auch das Alltagsrcklein weg,
und nun stand das Kind im leichten Unterrckchen, die bloen Arme
aus den kurzen Hemdrmelchen vergnglich in die Luft
hinausstreckend.  Dann legte es schn alles auf ein Hufchen, und
nun sprang und kletterte es hinter den Geien und neben dem Peter
her, so leicht als nur eines aus der ganzen Gesellschaft.  Der
Peter hatte nicht Acht gegeben, was das Kind mache, als es
zurckgeblieben war.  Wie es nun in der neuen Bekleidung
nachgesprungen kam, zog er lustig grinsend das ganze Gesicht
auseinander und schaute zurck, und wie er unten das Huflein
Kleider liegen sah, ging sein Gesicht noch ein wenig mehr
auseinander, und sein Mund kam fast von einem Ohr bis zum anderen;
er sagte aber nichts.  Wie nun das Kind sich so frei und leicht
fhlte, fing es ein Gesprch mit dem Peter an, und er fing auch an
zu reden und musste auf vielerlei antworten, denn das Kind wollte
wissen, wie viele Geien er habe und wohin er mit ihnen gehe und
was er dort tue, wo er hinkomme.  So langten endlich die Kinder
samt den Geien oben bei der Htte an und kamen der Base Dete zu
Gesicht.  Kaum aber hatte diese die herankletternde Gesellschaft
erblickt, als sie laut aufschrie: "Heidi, was machst du?  Wie
siehst du aus?  Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das
Halstuch?  Und ganz neue Schuhe habe ich dir gekauft auf den Berg
und dir neue Strmpfe gemacht, und alles fort!  Alles fort!  Heidi,
was machst du, wo hast du alles?"

Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: "Dort!" Die Base
folgte seinem Finger.  Richtig, dort lag etwas und obenauf war ein
roter Punkt, das musste das Halstuch sein.

"Du Unglckstropf!", rief die Base in groer Aufregung.  "Was kommt
dir denn in den Sinn, warum hast du alles ausgezogen?  Was soll das
sein?"

"Ich brauch es nicht", sagte das Kind und sah gar nicht reuevoll
aus ber seine Tat.

"Ach du unglckseliges, vernunftloses Heidi, hast du denn auch noch
gar keine Begriffe?", jammerte und schalt die Base weiter.  "Wer
sollte nun wieder da hinunter, es ist ja eine halbe Stunde!  Komm,
Peter, lauf du mir schnell zurck und hol das Zeug, komm schnell
und steh nicht dort und glotze mich an, als wrst du am Boden
festgenagelt."

"Ich bin schon zu spt", sagte Peter langsam und blieb, ohne sich
zu rhren, auf demselben Fleck stehen, von dem aus er, beide Hnde
in die Taschen gesteckt, dem Schreckensausbruch der Base zugehrt
hatte.

"Du stehst ja doch nur und reiest deine Augen auf und kommst, denk
ich, nicht weit auf die Art!", rief ihm die Base Dete zu.  "Komm
her, du musst etwas Schnes haben, siehst du?" Sie hielt ihm ein
neues Fnferchen hin, das glnzte ihm in die Augen.  Pltzlich
sprang er auf und davon auf dem geradesten Weg die Alm hinunter und
kam in ungeheuren Stzen in kurzer Zeit bei dem Huflein Kleider an,
packte sie auf und erschien damit so schnell, dass ihn die Base
rhmen musste und ihm sogleich sein Fnfrappenstck berreichte.
Peter steckte es schnell tief in seine Tasche, und sein Gesicht
glnzte und lachte in voller Breite, denn ein solcher Schatz wurde
ihm nicht oft zuteil.

"Du kannst mir das Zeug noch tragen bis zum hi hinauf, du gehst ja
auch den Weg", sagte die Base Dete jetzt, indem sie sich anschickte,
den steilen Abhang zu erklimmen, der gleich hinter der Htte des
Geienpeter emporragte.  Willig bernahm dieser den Auftrag und
folgte der Voranschreitenden auf dem Fue nach, den linken Arm um
sein Bndel geschlungen, in der Rechten die Geienrute schwingend.
Das Heidi und die Geien hpften und sprangen frhlich neben ihm
her.  So gelangte der Zug nach drei Viertelstunden auf die Almhhe,
wo frei auf dem Vorsprung des Berges die Htte des alten hi stand,
allen Winden ausgesetzt, aber auch jedem Sonnenblick zugnglich und
mit der vollen Aussicht weit ins Tal hinab.  Hinter der Htte
standen drei alte Tannen mit dichten, langen, unbeschnittenen sten.
Weiter hinten ging es nochmals bergan bis hoch hinauf in die
alten, grauen Felsen, erst noch ber schne, kruterreiche Hhen,
dann in steiniges Gestrpp und endlich zu den kahlen, steilen
Felsen hinan.

An die Htte festgemacht, der Talseite zu, hatte sich der hi eine
Bank gezimmert.  Hier sa er, eine Pfeife im Mund, beide Hnde auf
seine Knie gelegt, und schaute ruhig zu, wie die Kinder, die Geien
und die Base Dete herankletterten, denn die Letztere war nach und
nach von den anderen berholt worden.  Heidi war zuerst oben; es
ging geradeaus auf den Alten zu, streckte ihm die Hand entgegen und
sagte: "Guten Abend, Grovater!"

"So, so, wie ist das gemeint?", fragte der Alte barsch, gab dem
Kinde kurz die Hand und schaute es mit einem langen,
durchdringenden Blick an, unter seinen buschigen Augenbrauen hervor.
Heidi gab den langen Blick ausdauernd zurck, ohne nur einmal mit
den Augen zu zwinkern, denn der Grovater mit dem langen Bart und
den dichten, grauen Augenbrauen, die in der Mitte zusammengewachsen
waren und aussahen wie eine Art Gestruch, war so verwunderlich
anzusehen, dass Heidi ihn recht betrachten musste.  Unterdessen war
auch die Base herangekommen samt dem Peter, der eine Welle stille
stand und zusah, was sich da ereigne.

"Ich wnsche Euch guten Tag, hi", sagte die Dete hinzutretend,
"und hier bring ich Euch das Kind vom Tobias und der Adelheid.  Ihr
werdet es wohl nicht mehr kennen, denn seit es jhrig war, habt Ihr
es nie mehr gesehen."

"So, was muss das Kind bei mir?", fragte der Alte kurz; "und du
dort", rief er dem Peter zu, "du kannst gehen mit deinen Geien, du
bist nicht zu frh; nimm meine mit!"

Der Peter gehorchte sofort und verschwand, denn der hi hatte ihn
angeschaut, dass er schon genug davon hatte.

"Es muss eben bei Euch bleiben, hi", gab die Dete auf seine Frage
zurck.  "Ich habe, denk ich, das Meinige an ihm getan die vier
Jahre durch, es wird jetzt wohl an Euch sein, das Eurige auch
einmal zu tun."

"So", sagte der Alte und warf einen blitzenden Blick auf die Dete.
"Und wenn nun das Kind anfngt, dir nachzuflennen und zu winseln,
wie kleine Unvernnftige tun, was muss ich dann mit ihm anfangen?"

"Das ist dann Eure Sache", warf die Dete zurck, "ich meine fast,
es habe mir auch kein Mensch gesagt, wie ich es mit dem Kleinen
anzufangen habe, als es mir auf den Hnden lag, ein einziges
Jhrchen alt, und ich schon fr mich und die Mutter genug zu tun
hatte.  Jetzt muss ich meinem Verdienst nach, und Ihr seid der
Nchste am Kind; wenn Ihr's nicht haben knnt, so macht mit ihm,
was Ihr wollt, dann habt Ihr's zu verantworten, wenn's verdirbt,
und Ihr werdet wohl nicht ntig haben, noch etwas aufzuladen."

Die Dete hatte kein recht gutes Gewissen bei der Sache, darum war
sie so hitzig geworden und hatte mehr gesagt, als sie im Sinn
gehabt hatte.  Bei ihren letzten Worten war der hi aufgestanden;
er schaute sie so an, dass sie einige Schritte zurckwich; dann
streckte er den Arm aus und sagte befehlend: "Mach, dass du
hinunterkommst, wo du heraufgekommen bist, und zeig dich nicht so
bald wieder!" Das lie sich die Dete nicht zweimal sagen.  "So lebt
wohl, und du auch, Heidi", sagte sie schnell und lief den Berg
hinunter in einem Trab bis ins Drfli hinab, denn die innere
Aufregung trieb sie vorwrts wie eine wirksame Dampfkraft.  Im
Drfli wurde sie diesmal noch viel mehr angerufen, denn es wunderte
die Leute, wo das Kind sei; sie kannten ja alle die Dete genau und
wussten, wem das Kind gehrte und alles, was mit ihm vorgegangen
war.  Als es nun aus allen Tren und Fenstern tnte: "Wo ist das
Kind?  Dete, wo hast du das Kind gelassen?", rief sie immer
unwilliger zurck: "Droben beim Alm-hi!  Nun, beim Alm-hi, ihr
hrt's ja!"

Sie wurde aber so maleidig, weil die Frauen von allen Seiten ihr
zuriefen: "Wie kannst du so etwas tun!", und: "Das arme Trpfli!",
und: "So ein kleines Hilfloses da droben lassen!", und dann wieder
und wieder: "Das arme Trpfli!" Die Dete lief, so schnell sie
konnte, weiter und war froh, als sie nichts mehr hrte, denn es war
ihr nicht wohl bei der Sache; ihre Mutter hatte ihr beim Sterben
das Kind noch bergeben.  Aber sie sagte sich zur Beruhigung, sie
knne dann ja eher wieder etwas fr das Kind tun, wenn sie nun viel
Geld verdiene, und so war sie sehr froh, dass sie bald weit von
allen Leuten, die ihr dreinredeten, weg- und zu einem schnen
Verdienst kommen konnte.




Beim Grovater

Nachdem die Dete verschwunden war, hatte der hi sich wieder auf
die Bank hingesetzt und blies nun groe Wolken aus seiner Pfeife;
dabei starrte er auf den Boden und sagte kein Wort.  Derweilen
schaute das Heidi vergnglich um sich, entdeckte den Geienstall,
der an die Htte angebaut war, und guckte hinein.  Es war nichts
drin.  Das Kind setzte seine Untersuchungen fort und kam hinter die
Htte zu den alten Tannen.  Da blies der Wind durch die ste so
stark, dass es sauste und brauste oben in den Wipfeln.  Heidi blieb
stehen und hrte zu.  Als es ein wenig stiller wurde, ging das Kind
um die kommende Ecke der Htte herum und kam vorn wieder zum
Grovater zurck.  Als es diesen noch in derselben Stellung
erblickte, wie es ihn verlassen hatte, stellte es sich vor ihn hin,
legte die Hnde auf den Rcken und betrachtete ihn.  Der Grovater
schaute auf.  "Was willst du jetzt tun?", fragte er, als das Kind
immer noch unbeweglich vor ihm stand.

"Ich will sehen, was du drinnen hast, in der Htte", sagte Heidi.

"So komm!", und der Grovater stand auf und ging voran in die Htte
hinein.

"Nimm dort dein Bndel Kleider noch mit", befahl er im Hereintreten.

"Das brauch ich nicht mehr", erklrte Heidi.

Der Alte kehrte sich um und schaute durchdringend auf das Kind,
dessen schwarze Augen glhten in Erwartung der Dinge, die da
drinnen sein konnten.  "Es kann ihm nicht an Verstand fehlen",
sagte er halblaut.  "Warum brauchst du's nicht mehr?", setzte er
laut hinzu.

"Ich will am liebsten gehen wie die Geien, die haben ganz leichte
Beinchen."

"So, das kannst du, aber hol das Zeug", befahl der Grovater, "es
kommt in den Kasten." Heidi gehorchte.  Jetzt machte der Alte die
Tr auf und Heidi trat hinter ihm her in einen ziemlich groen Raum
ein, es war der Umfang der ganzen Htte.  Da stand ein Tisch und
ein Stuhl daran; in einer Ecke war des Grovaters Schlaflager, in
einer anderen hing der groe Kessel ber dem Herd; auf der anderen
Seite war eine groe Tr in der Wand, die machte der Grovater auf,
es war der Schrank.  Da hingen seine Kleider drin und auf einem
Gestell lagen ein paar Hemden, Strmpfe und Tcher und auf einem
anderen einige Teller und Tassen und Glser und auf dem obersten
ein rundes Brot und geruchertes Fleisch und Kse, denn in dem
Kasten war alles enthalten, was der Alm-hi besa und zu seinem
Lebensunterhalt gebrauchte.  Wie er nun den Schrank aufgemacht
hatte, kam das Heidi schnell heran und stie sein Zeug hinein, so
weit hinter des Grovaters Kleider als mglich, damit es nicht so
leicht wieder zu finden sei.  Nun sah es sich aufmerksam um in dem
Raum und sagte dann: "Wo muss ich schlafen, Grovater?"

"Wo du willst", gab dieser zur Antwort.

Das war dem Heidi eben recht.  Nun fuhr es in alle Winkel hinein
und schaute jedes Pltzchen aus, wo am schnsten zu schlafen wre.
In der Ecke vorber des Grovaters Lagersttte war eine kleine
Leiter aufgerichtet; Heidi kletterte hinauf und langte auf dem
Heuboden an.  Da lag ein frischer, duftender Heuhaufen oben, und
durch eine runde Luke sah man weit ins Tal hinab.

"Hier will ich schlafen", rief Heidi hinunter, "hier ist's schn!
Komm und sieh einmal, wie schn es hier ist, Grovater!"

"Wei schon", tnte es von unten herauf.

"Ich mache jetzt das Bett!", rief das Kind wieder, indem es oben
geschftig hin und her fuhr; "aber du musst heraufkommen und mir
ein Leintuch mitbringen, denn auf ein Bett kommt auch ein Leintuch,
und darauf liegt man."

"So, so", sagte unten der Grovater, und nach einer Weile ging er
an den Schrank und kramte ein wenig darin herum; dann zog er unter
seinen Hemden ein langes, grobes Tuch hervor, das musste so etwas
sein wie ein Leintuch.  Er kam damit die Leiter herauf.  Da war auf
dem Heuboden ein ganz artiges Bettlein zugerichtet; oben, wo der
Kopf liegen musste, war das Heu hoch aufgeschichtet, und das
Gesicht kam so zu liegen, dass es gerade auf das offene, runde Loch
traf.

"Das ist recht gemacht", sagte der Grovater, "jetzt wird das Tuch
kommen, aber wart noch"--damit nahm er einen guten Wisch Heu von
dem Haufen und machte das Lager doppelt so dick, damit der harte
Boden nicht durchgefhlt werden konnte--; "so, jetzt komm her
damit." Heidi hatte das Leintuch schnell zuhanden genommen, konnte
es aber fast nicht tragen, so schwer war's; aber das war sehr gut,
denn durch das feste Zeug konnten die spitzen Heuhalme nicht
durchstechen.  Jetzt breiteten die beiden miteinander das Tuch ber
das Heu, und wo es zu breit und zu lang war, stopfte Heidi die
Enden eilfertig unter das Lager.  Nun sah es recht gut und reinlich
aus, und Heidi stellte sich davor und betrachtete es nachdenklich.

"Wir haben noch etwas vergessen, Grovater", sagte es dann.

"Was denn?", fragte er.

"Eine Decke; denn wenn man ins Bett geht, kriecht man zwischen das
Leintuch und die Decke hinein."

"So, meinst du?  Wenn ich aber keine habe?", sagte der Alte.

"Oh, dann ist's gleich, Grovater", beruhigte Heidi, "dann nimmt
man wieder Heu zur Decke", und eilfertig wollte es gleich wieder an
den Heustock gehen, aber der Grovater wehrte es ihm.

"Wart einen Augenblick", sagte er, stieg die Leiter hinab und ging
an sein Lager hin.  Dann kam er wieder und legte einen groen,
schweren, leinenen Sack auf den Boden.

"Ist das nicht besser als Heu?", fragte er.  Heidi zog aus
Leibeskrften an dem Sacke hin und her, um ihn auseinander zu legen,
aber die kleinen Hnde konnten das schwere Zeug nicht bewltigen.
Der Grovater half, und wie es nun ausgebreitet auf dem Bette lag,
da sah alles sehr gut und haltbar aus, und Heidi stand staunend vor
seinem neuen Lager und sagte: "Das ist eine prchtige Decke und das
ganze Bett!  Jetzt wollt ich, es wre schon Nacht, so knnte ich
hineinliegen."

"Ich meine, wir knnten erst einmal etwas essen", sagte der
Grovater, "oder was meinst du?" Heidi hatte ber dem Eifer des
Bettens alles andere vergessen; nun ihm aber der Gedanke ans Essen
kam, stieg ein groer Hunger in ihm auf, denn es hatte auch heute
noch gar nichts bekommen als frh am Morgen sein Stck Brot und ein
paar Schlucke dnnen Kaffees, und nachher hatte es die lange Reise
gemacht.  So sagte Heidi ganz zustimmend: "Ja, ich mein es auch."

"So geh hinunter, wenn wir denn einig sind", sagte der Alte und
folgte dem Kind auf dem Fu nach.  Dann ging er zum Kessel hin,
schob den groen weg und drehte den kleinen heran, der an der Kette
hing, setzte sich auf den hlzernen Dreifu mit dem runden Sitz
davor hin und blies ein helles Feuer an.  Im Kessel fing es an zu
sieden, und unten hielt der Alte an einer langen Eisengabel ein
groes Stck Kse ber das Feuer und drehte es hin und her, bis es
auf allen Seiten goldgelb war.  Heidi hatte mit gespannter
Aufmerksamkeit zugesehen; jetzt musste ihm etwas Neues in den Sinn
gekommen sein; auf einmal sprang es weg und an den Schrank und von
da hin und her.  Jetzt kam der Grovater mit einem Topf und dem
Ksebraten an der Gabel zum Tisch heran; da lag schon das runde
Brot darauf und zwei Teller und zwei Messer, alles schn geordnet,
denn das Heidi hatte alles im Schrank gut wahrgenommen und wusste,
dass man das alles nun gleich zum Essen brauchen werde.

"So, das ist recht, dass du selbst etwas ausdenkst", sagte der
Grovater und legte den Braten auf das Brot als Unterlage; "aber es
fehlt noch etwas auf dem Tisch."

Heidi sah, wie einladend es aus dem Topf hervordampfte, und sprang
schnell wieder an den Schrank.  Da stand aber nur ein einziges
Schsselchen.  Heidi war nicht lang in Verlegenheit, dort hinten
standen zwei Glser; augenblicklich kam das Kind zurck und stellte
Schsselchen und Glas auf den Tisch.

"Recht so; du weit dir zu helfen; aber wo willst du sitzen?" Auf
dem einzigen Stuhl sa der Grovater selbst.  Heidi schoss
pfeilschnell zum Herd hin, brachte den kleinen Dreifu zurck und
setzte sich drauf.

"Einen Sitz hast du wenigstens, das ist wahr, nur ein wenig weit
unten", sagte der Grovater; "aber von meinem Stuhl wrst auch zu
kurz, auf den Tisch zu langen; jetzt musst aber einmal etwas haben,
so komm!" Damit stand er auf, fllte das Schsselchen mit Milch,
stellte es auf den Stuhl und rckte den ganz nah an den Dreifu hin,
so dass das Heidi nun einen Tisch vor sich hatte.  Der Grovater
legte ein groes Stck Brot und ein Stck von dem goldenen Kse
darauf und sagte: "Jetzt iss!" Er selbst setzte sich nun auf die
Ecke des Tisches und begann sein Mittagsmahl.  Heidi ergriff sein
Schsselchen und trank und trank ohne Aufenthalt, denn der ganze
Durst seiner langen Reise war ihm wieder aufgestiegen.  Jetzt tat
es einen langen Atemzug--denn im Eifer des Trinkens hatte es lange
den Atem nicht holen knnen--und stellte sein Schsselchen hin.

"Gefllt dir die Milch?", fragte der Grovater.

"Ich habe noch gar nie so gute Milch getrunken", antwortete Heidi.

"So musst du mehr haben", und der Grovater fllte das Schsselchen
noch einmal bis oben hin und stellte es vor das Kind, das
vergnglich in sein Brot biss, nachdem es von dem weichen Kse
darauf gestrichen, denn der war, so gebraten, weich wie Butter, und
das schmeckte ganz krftig zusammen, und zwischendurch trank es
seine Milch und sah sehr vergnglich aus.  Als nun das Essen zu
Ende war, ging der Grovater in den Geienstall hinaus und hatte da
allerhand in Ordnung zu bringen, und Heidi sah ihm aufmerksam zu,
wie er erst mit dem Besen suberte, dann frische Streu legte, dass
die Tierchen darauf schlafen konnten; wie er dann nach dem
Schpfchen ging nebenan und hier runde Stcke zurechtschnitt und an
einem Brett herumhackte und Lcher hineinbohrte und dann die runden
Stcke hineinsteckte und aufstellte; da war es auf einmal ein Stuhl,
wie der vom Grovater, nur viel hher, und Heidi staunte das Werk
an, sprachlos vor Verwunderung.

"Was ist das, Heidi?", fragte der Grovater.

"Das ist mein Stuhl, weil er so hoch ist; auf einmal war er fertig",
sagte das Kind, noch in tiefem Erstaunen und Bewunderung.

"Es wei, was es sieht, es hat die Augen am rechten Ort", bemerkte
der Grovater vor sich hin, als er nun um die Htte herumging und
hier einen Nagel einschlug und dort einen und dann an der Tr etwas
zu befestigen hatte und so mit Hammer und Ngeln und Holzstcken
von einem Ort zum anderen wanderte und immer etwas ausbesserte oder
wegschlug, je nach dem Bedrfnis.  Heidi ging Schritt fr Schritt
hinter ihm her und schaute ihm unverwandt mit der grten
Aufmerksamkeit zu, und alles, was da vorging, war ihm sehr
kurzweilig anzusehen.

So kam der Abend heran.  Es fing strker an zu rauschen in den
alten Tannen, ein mchtiger Wind fuhr daher und sauste und brauste
durch die dichten Wipfel.  Das tnte dem Heidi so schn in die
Ohren und ins Herz hinein, dass es ganz frhlich darber wurde und
hpfte und sprang unter den Tannen umher, als htte es eine
unerhrte Freude erlebt.  Der Grovater stand unter der Schopftr
und schaute dem Kind zu.  Jetzt ertnte ein schriller Pfiff.  Heidi
hielt an in seinen Sprngen, der Grovater trat heraus.  Von oben
herunter kam es gesprungen, Gei um Gei, wie eine Jagd, und
mittendrin der Peter.  Mit einem Freudenruf schoss Heidi mitten in
das Rudel hinein und begrte die alten Freunde von heute Morgen
einen um den anderen.  Bei der Htte angekommen, stand alles still,
und aus der Herde heraus kamen zwei schne, schlanke Geien, eine
weie und eine braune, auf den Grovater zu und leckten seine Hnde,
denn er hielt ein wenig Salz darin, wie er jeden Abend zum Empfang
seiner zwei Tierlein tat.  Der Peter verschwand mit seiner Schar.
Heidi streichelte zrtlich die eine und dann die andere von den
Geien und sprang um sie herum, um sie von der anderen Seite auch
zu streicheln, und war ganz Glck und Freude ber die Tierchen.
"Sind sie unser, Grovater?  Sind sie beide unser?  Kommen sie in
den Stall?  Bleiben sie immer bei uns?", so fragte Heidi
hintereinander in seinem Vergngen, und der Grovater konnte kaum
sein stetiges "Ja, ja!" zwischen die eine und die andere Frage
hineinbringen.  Als die Geien ihr Salz aufgeleckt hatten, sagte
der Alte: "Geh und hol dein Schsselchen heraus und das Brot."

Heidi gehorchte und kam gleich wieder.  Nun melkte der Grovater
gleich von der Weien das Schsselchen voll und schnitt ein Stck
Brot ab und sagte: "Nun iss und dann geh hinauf und schlaf!  Die
Base Dete hat noch ein Bndelchen abgelegt fr dich, da seien
Hemdlein und so etwas darin, das liegt unten im Kasten, wenn du's
brauchst; ich muss nun mit den Geien hinein, so schlaf wohl!"

"Gut Nacht, Grovater!  Gut Nacht--wie heien sie, Grovater, wie
heien sie?", rief das Kind und lief dem verschwindenden Alten und
den Geien nach.

"Die Weie heit Schwnli und die Braune Brli", gab der Grovater
zurck.

"Gut Nacht, Schwnli, gut Nacht, Brli!", rief nun Heidi noch mit
Macht, denn eben verschwanden beide in den Stall hinein.  Nun
setzte sich Heidi noch auf die Bank und a sein Brot und trank
seine Milch; aber der starke Wind wehte es fast von seinem Sitz
herunter; so machte es schnell fertig, ging dann hinein und stieg
zu seinem Bett hinauf, in dem es auch gleich nachher so fest und
herrlich schlief, als nur einer im schnsten Frstenbett schlafen
konnte.  Nicht lange nachher, noch eh es vllig dunkel war, legte
auch der Grovater sich auf sein Lager, denn am Morgen war er immer
schon mit der Sonne wieder drauen, und die kam sehr frh ber die
Berge hereingestiegen in dieser Sommerszeit.  In der Nacht kam der
Wind so gewaltig, dass bei seinen Sten die ganze Htte erzitterte
und es in allen Balken krachte; durch den Schornstein heulte und
chzte es wie Jammerstimmen, und in den alten Tannen drauen tobte
es mit solcher Wut, dass hier und da ein Ast niederkrachte.  Mitten
in der Nacht stand der Grovater auf und sagte halblaut vor sich
hin: "Es wird sich wohl frchten." Er stieg die Leiter hinauf und
trat an Heidis Lager heran.  Der Mond drauen stand einmal hell
leuchtend am Himmel, dann fuhren wieder die jagenden Wolken darber
hin und alles wurde dunkel.  Jetzt kam der Mondschein eben
leuchtend durch die runde ffnung herein und fiel gerade auf Heidis
Lager.  Es hatte sich feuerrote Backen erschlafen unter seiner
schweren Decke, und ruhig und friedlich lag es auf seinem runden
rmchen und trumte von etwas Erfreulichem, denn sein Gesichtchen
sah ganz wohlgemut aus.  Der Grovater schaute so lange auf das
friedlich schlafende Kind, bis der Mond wieder hinter die Wolken
trat und es dunkel wurde, dann kehrte er auf sein Lager zurck.




Auf der Weide

Heidi erwachte am frhen Morgen an einem lauten Pfiff, und als es
die Augen aufschlug, kam ein goldener Schein durch das runde Loch
hereingeflossen auf sein Lager und auf das Heu daneben, dass alles
golden leuchtete ringsherum.  Heidi schaute erstaunt um sich und
wusste durchaus nicht, wo es war.  Aber nun hrte es drauen des
Grovaters tiefe Stimme, und jetzt kam ihm alles in den Sinn: Woher
es gekommen war und dass es nun auf der Alm beim Grovater sei,
nicht mehr bei der alten Ursel, die fast nichts mehr hrte und
meistens fror, so dass sie immer am Kchenfenster oder am
Stubenofen gesessen hatte, wo dann auch Heidi hatte verweilen
mssen oder doch ganz in der Nhe, damit die Alte sehen konnte, wo
es war, weil sie es nicht hren konnte.  Da war es dem Heidi
manchmal zu eng drinnen, und es wre lieber hinausgelaufen.  So war
es sehr froh, als es in der neuen Behausung erwachte und sich
erinnerte, wie viel Neues es gestern gesehen hatte und was es heute
wieder alles sehen knnte, vor allem das Schwnli und das Brli.
Heidi sprang eilig aus seinem Bett und hatte in wenig Minuten alles
wieder angelegt, was es gestern getragen hatte, denn es war sehr
wenig.  Nun stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die Htte
hinaus.  Da stand schon der Geienpeter mit seiner Schar, und der
Grovater brachte eben Schwnli und Brli aus dem Stall herbei,
dass sie sich der Gesellschaft anschlossen.  Heidi lief ihm
entgegen, um ihm und den Geien guten Tag zu sagen.

"Willst mit auf die Weide?", fragte der Grovater.  Das war dem
Heidi eben recht, es hpfte hoch auf vor Freude.

"Aber erst waschen und sauber sein, sonst lacht einen die Sonne aus,
wenn sie so schn glnzt da droben und sieht, dass du schwarz bist;
sieh, dort ist's fr dich gerichtet." Der Grovater zeigte auf
einen groen Zuber voll Wasser, der vor der Tr in der Sonne stand.
Heidi sprang hin und patschte und rieb, bis es ganz glnzend war.
Unterdessen ging der Grovater in die Htte hinein und rief dem
Peter zu: "Komm hierher, Geiengeneral, und bring deinen Habersack
mit." Verwundert folgte Peter dem Ruf und streckte sein Scklein
hin, in dem er sein mageres Mittagessen bei sich trug.

"Mach auf", befahl der Alte und steckte nun ein groes Stck Brot
und ein ebenso groes Stck Kse hinein.  Der Peter machte vor
Erstaunen seine runden Augen so weit auf als nur mglich, denn die
beiden Stcke waren wohl doppelt so gro wie die zwei, die er als
eignes Mittagsmahl drinnen hatte.

"So, nun kommt noch das Schsselchen hinein", fuhr der hi fort,
"denn das Kind kann nicht trinken wie du, nur so von der Gei weg,
es kennt das nicht.  Du melkst ihm zwei Schsselchen voll zu Mittag,
denn das Kind geht mit dir und bleibt bei dir, bis du wieder
herunterkommst; gib Acht, dass es nicht ber die Felsen
hinunterfllt, hrst du?"--

Nun kam Heidi hereingelaufen.  "Kann mich die Sonne jetzt nicht
auslachen, Grovater?", fragte es angelegentlich.  Es hatte sich
mit dem groben Tuch, das der Grovater neben dem Wasserzuber
aufgehngt hatte, Gesicht, Hals und Arme in seinem Schrecken vor
der Sonne so erstaunlich gerieben, dass es krebsrot vor dem
Grovater stand.  Er lachte ein wenig.

"Nein, nun hat sie nichts zu lachen", besttigte er.  "Aber weit
was?  Am Abend, wenn du heimkommst, da gehst du noch ganz hinein in
den Zuber, wie ein Fisch; denn wenn man geht wie die Geien, da
bekommt man schwarze Fe.  Jetzt knnt ihr ausziehen."

Nun ging es lustig die Alm hinan.  Der Wind hatte in der Nacht das
letzte Wlkchen weggeblasen; dunkelblau schaute der Himmel von
allen Seiten hernieder, und mittendrauf stand die leuchtende Sonne
und schimmerte auf die grne Alp, und alle die blauen und gelben
Blmchen darauf machten ihre Kelche auf und schauten ihr frhlich
entgegen.  Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude,
denn da waren ganze Trppchen feiner, roter Himmelsschlsselchen
beieinander, und dort schimmerte es ganz blau von den schnen
Enzianen, und berall lachten und nickten die zartbltterigen,
goldenen Cystusrschen in der Sonne.  Vor Entzcken ber all die
flimmernden winkenden Blmchen verga Heidi sogar die Geien und
auch den Peter.  Es sprang ganze Strecken voran und dann auf die
Seite, denn dort funkelte es rot und da gelb und lockte Heidi auf
alle Seiten.  Und berall brach Heidi ganze Scharen von den Blumen
und packte sie in sein Schrzchen ein, denn es wollte sie alle mit
heimnehmen und ins Heu stecken in seiner Schlafkammer, dass es dort
werde wie hier drauen.  --So hatte der Peter heut nach allen
Seiten zu gucken, und seine kugelrunden Augen, die nicht besonders
schnell hin und her gingen, hatten mehr Arbeit, als der Peter gut
bewltigen konnte, denn die Geien machten es wie das Heidi: Sie
liefen auch dahin und dorthin, und er musste berallhin pfeifen und
rufen und seine Rute schwingen, um wieder alle die Verlaufenen
zusammenzutreiben.

"Wo bist du schon wieder, Heidi?", rief er jetzt mit ziemlich
grimmiger Stimme.

"Da", tnte es von irgendwoher zurck.  Sehen konnte Peter niemand,
denn Heidi sa am Boden hinter einem Hgelchen, das dicht mit
duftenden Prnellen best war; da war die ganze Luft umher so mit
Wohlgeruch erfllt, dass Heidi noch nie so Liebliches eingeatmet
hatte.  Es setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in
vollen Zgen ein.

"Komm nach!", rief der Peter wieder.  "Du musst nicht ber die
Felsen hinunterfallen, der hi hat's verboten."

"Wo sind die Felsen?", fragte Heidi zurck, bewegte sich aber nicht
von der Stelle, denn der se Duft strmte mit jedem Windhauch dem
Kinde lieblicher entgegen.

"Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum komm jetzt!  Und
oben am hchsten sitzt der alte Raubvogel und krchzt."

Das half.  Augenblicklich sprang Heidi in die Hhe und rannte mit
seiner Schrze voller Blumen dem Peter zu.

"Jetzt hast genug", sagte dieser, als sie wieder zusammen
weiterkletterten; "sonst bleibst du immer stecken, und wenn du alle
nimmst, hat's morgen keine mehr." Der letzte Grund leuchtete Heidi
ein, und dann hatte es die Schrze schon so angefllt, dass da
wenig Platz mehr gewesen wre, und morgen mussten auch noch da sein.
So zog es nun mit dem Peter weiter, und die Geien gingen nun
alle geregelter, denn sie rochen die guten Kruter von dem hohen
Weideplatz schon von fern und strebten nun ohne Aufenthalt dahin.
Der Weideplatz, wo Peter gewhnlich Halt machte mit seinen Geien
und sein Quartier fr den Tag aufschlug, lag am Fue der hohen
Felsen, die, erst noch von Gebsch und Tannen bedeckt, zuletzt ganz
kahl und schroff zum Himmel hinaufragen.  An der einen Seite der
Alp ziehen sich Felsenklfte weit hinunter und der Grovater hatte
Recht, davor zu warnen.  Als nun dieser Punkt der Hhe erreicht war,
nahm Peter seinen Sack ab und legte ihn sorgfltig in eine kleine
Vertiefung des Bodens hinein, denn der Wind kam manchmal in starken
Sten dahergefahren, und den kannte Peter und wollte seine
kostbare Habe nicht den Berg hinunterrollen sehen; dann streckte er
sich lang und breit auf den sonnigen Weideboden hin, denn er musste
sich nun von der Anstrengung des Steigens erholen.

Heidi hatte unterdessen sein Schrzchen losgemacht und schn fest
zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die
Vertiefung hineingelegt, und nun setzte es sich neben den
ausgestreckten Peter hin und schaute um sich.  Das Tal lag weit
unten im vollen Morgenglanz; vor sich sah Heidi ein groes, weites
Schneefeld sich erheben, hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf,
und links davon stand eine ungeheure Felsenmasse, und zu jeder
Seite derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die
Blue hinauf und schaute von dort oben ganz ernsthaft auf das Heidi
nieder.  Das Kind sa muschenstill da und schaute ringsum, und
weit umher war eine groe, tiefe Stille; nur ganz sanft und leise
ging der Wind ber die zarten, blauen Glockenblmchen und die
goldnen, strahlenden Cystusrschen, die berall herumstanden auf
ihren dnnen Stngelchen und leise und frhlich hin und her nickten.
Der Peter war entschlafen nach seiner Anstrengung, und die Geien
kletterten oben an den Bschen umher.  Dem Heidi war es so schn
zumute, wie in seinem Leben noch nie.  Es trank das goldene
Sonnenlicht, die frischen Lfte, den zarten Blumenduft in sich ein
und begehrte gar nichts mehr, als so dazubleiben immerzu.  So
verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft und so lange zu den
hohen Bergstcken drben aufgeschaut, dass es nun war, als htten
sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt zu ihm
hernieder, so wie gute Freunde.

Jetzt hrte Heidi ber sich ein lautes, scharfes Geschrei und
Krchzen ertnen, und wie es aufschaute, kreiste ber ihm ein so
groer Vogel, wie es nie in seinem Leben gesehen hatte, mit weit
ausgebreiteten Schwingen in der Luft umher, und in groen Bogen
kehrte er immer wieder zurck und krchzte laut und durchdringend
ber Heidis Kopf.

"Peter!  Peter!  Erwache!", rief Heidi laut.  "Sich, der Raubvogel
ist da, sieh!  Sieh!"

Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach,
der sich nun hher und hher hinaufschwang ins Himmelsblau und
endlich ber grauen Felsen verschwand.

"Wo ist er jetzt hin?", fragte Heidi, das mit gespannter
Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte.

"Heim ins Nest", war Peters Antwort.

"Ist er dort oben daheim?  Oh, wie schn so hoch oben!  Warum
schreit er so?", fragte Heidi weiter.

"Weil er muss", erklrte Peter.

"Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist",
schlug Heidi vor.

"Oh!  oh!  oh!", brach der Peter aus, jeden Ausruf mit verstrkter
Missbilligung hervorstoend; "wenn keine Gei mehr dorthin kann und
der hi gesagt hat, du drfest nicht ber die Felsen hinunterfallen."

Jetzt begann der Peter mit einem Mal ein so gewaltiges Pfeifen und
Rufen anzustimmen, dass Heidi gar nicht wusste, was begegnen sollte;
aber die Geien mussten die Tne verstehen, denn eine nach der
anderen kam heruntergesprungen, und nun war die ganze Schar auf der
grnen Halde versammelt, die einen fortnagend an den wrzigen
Halmen, die anderen hin und her rennend und die Dritten ein wenig
gegeneinander stoend mit ihren Hrnern zum Zeitvertreib.  Heidi
war aufgesprungen und rannte mitten unter den Geien umher, denn
das war ihm ein neuer, unbeschreiblich vergnglicher Anblick, wie
die Tierlein durcheinander sprangen und sich lustig machten, und
Heidi sprang von einem zum anderen und machte mit jedem ganz
persnliche Bekanntschaft, denn jedes war eine ganz besondere
Erscheinung fr sich und hatte seine eigenen Manieren.  Unterdessen
hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stcke, die drin
waren, schn auf den Boden hingelegt in ein Viereck, die groen
Stcke auf Heidis Seite und die kleinen auf die seinige hin, denn
er wusste genau, wie er sie erhalten hatte.  Dann nahm er das
Schsselchen und melkte schne, frische Milch hinein vom Schwnli
und stellte das Schsselchen mitten ins Viereck.  Dann rief er
Heidi herbei, musste aber lnger rufen als nach den Geien, denn
das Kind war so in Eifer und Freude ber die mannigfaltigen Sprnge
und Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, dass es nichts sah
und nichts hrte auer diesen.  Aber Peter wusste sich verstndlich
zu machen, er rief, dass es bis in die Felsen hinaufdrhnte, und
nun erschien Heidi und die gedeckte Tafel sah so einladend aus,
dass es um sie herumhpfte vor Wohlgefallen.

"Hr auf zu hopsen, es ist Zeit zum Essen", sagte Peter, "jetzt
sitz und fang an."

Heidi setzte sich hin.  "Ist die Milch mein?", fragte es, nochmals
das schne Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen
betrachtend.

"Ja", erwiderte Peter, "und die zwei groen Stcke zum Essen sind
auch dein, und wenn du ausgetrunken hast, bekommst du noch ein
Schsselchen vom Schwnli und dann komm ich."

"Und von wem bekommst du die Milch?", wollte Heidi wissen.

"Von meiner Gei, von der Schnecke.  Fang einmal zu essen an",
mahnte Peter wieder.  Heidi fing bei seiner Milch an, und sowie es
sein leeres Schsselchen hinstellte, stand Peter auf und holte ein
zweites herbei.  Dazu brach Heidi ein Stck von seinem Brot ab, und
das ganze brige Stck, das immer noch grer war, als Peters
eigenes Stck gewesen, das nun schon samt Zubehr fast zu Ende war,
reichte es diesem hinber mit dem ganzen groen Brocken Kse und
sagte: "Das kannst du haben, ich habe nun genug."

Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung an, denn noch
nie in seinem Leben htte er so sagen und etwas weggeben knnen.
Er zgerte noch ein wenig, denn er konnte nicht recht glauben, dass
es dem Heidi ernst sei; aber dieses hielt erst fest seine Stcke
hin, und da Peter nicht zugriff, legte sie es ihm aufs Knie.  Nun
sah er, dass es ernst gemeint sei; er erfasste sein Geschenk,
nickte in Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches
Mittagsmahl wie noch nie in seinem Leben als Geibub.  Heidi
schaute derweilen nach den Geien aus.  "Wie heien sie alle,
Peter?", fragte es.

Das wusste dieser nun ganz genau und konnte es umso besser in
seinem Kopf behalten, da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte.
Er fing also an und nannte ohne Ansto eine nach der anderen,
immer je mit dem Finger die betreffende bezeichnend.  Heidi hrte
mit gespannter Aufmerksamkeit der Unterweisung zu, und es whrte
gar nicht lange, so konnte es sie alle voneinander unterscheiden
und jede bei ihrem Namen nennen, denn es hatte eine jede ihre
Besonderheiten, die einem gleich im Sinne bleiben mussten; man
musste nur allen genau zusehen, und das tat Heidi.  Da war der
groe Trk mit den starken Hrnern, der wollte mit diesen immer
gegen alle anderen stoen, und die meisten liefen davon, wenn er
kam, und wollten nichts von dem groben Kameraden wissen.  Nur der
kecke Distelfink, das schlanke, behnde Geichen, wich ihm nicht
aus, sondern rannte von sich aus manchmal drei-, viermal
hintereinander so rasch und tchtig gegen ihn an, dass der groe
Trk fters ganz erstaunt dastand und nicht mehr angriff, denn der
Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte scharfe
Hrnchen.  Da war das kleine, weie Schneehppli, das immer so
eindringlich und flehentlich meckerte, dass Heidi schon mehrmals zu
ihm hingelaufen war und es trstend beim Kopf genommen hatte.  Auch
jetzt sprang das Kind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme
hatte eben wieder flehentlich gerufen.  Heidi legte seinen Arm um
den Hals des Geileins und fragte ganz teilnehmend: "Was hast du,
Schneehppli?  Warum rufst du so um Hilfe?" Das Geilein schmiegte
sich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt ganz still.
Peter rief von seinem Sitz aus, mit einigen Unterbrechungen, denn
er hatte immer noch zu beien und zu schlucken: "Es tut so, weil
die Alte nicht mehr mitkommt, sie haben sie verkauft nach Maienfeld
vorgestern, nun kommt sie nicht mehr auf die Alm."

"Wer ist die Alte?", fragte Heidi zurck.

"Pah, seine Mutter", war die Antwort.

"Wo ist die Gromutter?", rief Heidi wieder.

"Hat keine."

"Und der Grovater?"

"Hat keinen."

"Du armes Schneehppli du", sagte Heidi und drckte das Tierlein
zrtlich an sich.  "Aber jammere jetzt nur nicht mehr so; siehst du,
ich komme nun jeden Tag mit dir, dann bist du nicht mehr so
verlassen, und wenn dir etwas fehlt, kannst du nur zu mir kommen."

Das Schneehppli rieb ganz vergngt seinen Kopf an Heidis Schulter
und meckerte nicht mehr klglich.  Unterdessen hatte Peter sein
Mittagsmahl beendet und kam nun auch wieder zu seiner Herde und zu
Heidi heran, das schon wieder allerlei Betrachtungen angestellt
hatte.

Weitaus die zwei schnsten und saubersten Geien der ganzen Schar
waren Schwnli und Brli, die sich auch mit einer gewissen
Vornehmheit betrugen, meistens ihre eigenen Wege gingen und
besonders dem zudringlichen Trk abweisend und verchtlich
begegneten.--

Die Tierchen hatten nun wieder begonnen, nach den Bschen
hinaufzuklettern, und jedes hatte seine eigene Weise dabei, die
einen leichtfertig ber alles weg hpfend, die anderen bedchtlich
die guten Krutlein suchend unterwegs, der Trk hier und da seine
Angriffe probierend.  Schwnli und Brli kletterten hbsch und
leicht hinan und fanden oben sogleich die schnsten Bsche,
stellten sich geschickt daran auf und nagten sie zierlich ab.
Heidi stand mit den Hnden auf dem Rcken und schaute dem allen mit
der grten Aufmerksamkeit zu.

"Peter", bemerkte es jetzt zu dem wieder auf dem Boden Liegenden,
"die schnsten von allen sind das Schwnli und das Brli."

"Wei schon", war die Antwort.  "Der Alm-hi putzt und wscht sie
und gibt ihnen Salz und hat den schnsten Stall."

Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in groen Sprngen den
Geien nach, und das Heidi lief hintendrein; da musste etwas
begegnet sein, es konnte da nicht zurckbleiben.  Der Peter sprang
durch den Geienrudel durch der Seite der Alm zu, wo die Felsen
schroff und kahl weit hinabstiegen und ein unbesonnenes Geilein,
wenn es dorthin ging, leicht hinunterstrzen und alle Beine brechen
konnte.  Er hatte gesehen, wie der vorwitzige Distelfink nach jener
Seite hin gehpft war, und kam noch gerade recht, denn eben sprang
das Geilein dem Rande des Abgrundes zu.  Peter wollte es eben
packen, da strzte er auf den Boden und konnte nur noch im Sturze
ein Bein des Tierleins erwischen und es daran festhalten.  Der
Distelfink meckerte voller Zorn und berraschung, dass er so am
Bein festgehalten und am Fortsetzen seines frhlichen Streifzuges
gehindert war, und strebte eigensinnig vorwrts.  Der Peter schrie
nach Heidi, dass es ihm beistehe, denn er konnte nicht aufstehen
und riss dem Distelfink fast das Bein aus.  Heidi war schon da und
erkannte gleich die schlimme Lage der beiden.  Es riss schnell
einige wohlduftende Kruter aus dem Boden und hielt sie dem
Distelfink unter die Nase und sagte begtigend:

"Komm, komm, Distelfink, du musst auch vernnftig sein!  Sieh, da
kannst du hinabfallen und ein Bein brechen, das tut dir furchtbar
weh."

Das Geilein hatte sich schnell umgewandt und dem Heidi vergnglich
die Kruter aus der Hand gefressen.  Derweilen war der Peter auf
seine Fe gekommen und hatte den Distelfink an der Schnur erfasst,
an welcher sein Glckchen um den Hals gebunden war, und Heidi
erfasste diese von der anderen Seite, und so fhrten die beiden den
Ausreier zu der friedlich weidenden Herde zurck.  Als ihn aber
Peter hier in Sicherheit hatte, erhob er seine Rute und wollte ihn
zur Strafe tchtig durchprgeln, und der Distelfink wich scheu
zurck, denn er merkte, was begegnen sollte.  Aber Heidi schrie
laut auf: "Nein, Peter, nein, du musst ihn nicht schlagen, sieh,
wie er sich frchtet!"

"Er verdient's", schnurrte Peter und wollte zuschlagen.  Aber Heidi
fiel ihm in den Arm und rief ganz entrstet: "Du darfst ihm nichts
tun, es tut ihm weh, lass ihn los!"

Peter schaute erstaunt auf das gebietende Heidi, dessen schwarze
Augen ihn so anfunkelten, dass er unwillkrlich seine Rute
niederhielt.  "So kann er gehen, wenn du mir morgen wieder von
deinem Kse gibst", sagte dann der Peter nachgebend, denn eine
Entschdigung wollte er haben fr den Schrecken.

"Allen kannst du haben, das ganze Stck morgen und alle Tage, ich
brauche ihn gar nicht", sagte Heidi zustimmend, "und Brot gebe ich
dir auch ganz viel, wie heute; aber dann darfst du den Distelfink
nie, gar nie schlagen und auch das Schneehppli nie und gar keine
Gei."

"Es ist mir gleich", bemerkte Peter, und das war bei ihm soviel als
eine Zusage.  Jetzt lie er den Schuldigen los, und der frhliche
Distelfink sprang in hohen Sprngen auf und davon in die Herde
hinein.--

So war unvermerkt der Tag vergangen, und schon war die Sonne im
Begriff, weit drben hinter den Bergen hinabzugehen.  Heidi sa
wieder am Boden und schaute ganz still auf die Blauglckchen und
die Cystusrschen, die im goldenen Abendschein leuchteten, und
alles Gras wurde wie golden angehaucht und die Felsen droben fingen
an zu schimmern und zu funkeln, und auf einmal sprang Heidi auf und
schrie: "Peter!  Peter!  Es brennt!  Es brennt!  Alle Berge brennen
und der groe Schnee drben brennt und der Himmel.  O sieh!  Sieh!
Der hohe Felsenberg ist ganz glhend!  Oh, der schne, feurige
Schnee!  Peter, sieh auf, sieh, das Feuer ist auch beim Raubvogel!
Sieh doch die Felsen!  Sieh die Tannen!  Alles, alles ist im Feuer!"

"Es war immer so", sagte jetzt der Peter gemtlich und schlte an
seiner Rute fort, "aber es ist kein Feuer."

"Was ist es denn?", rief Heidi und sprang hierhin und dorthin, dass
es berallhin sehe, denn es konnte gar nicht genug bekommen, so
schn war's auf allen Seiten.  "Was ist es, Peter, was ist es?",
rief Heidi wieder.

"Es kommt von selbst so", erklrte Peter.

"O sieh, sieh", rief Heidi in groer Aufregung, "auf einmal werden
sie rosenrot!  Sieh den mit dem Schnee und den mit den hohen,
spitzigen Felsen!  Wie heien sie, Peter?"

"Berge heien nicht", erwiderte dieser.

"O wie schn, sieh den rosenroten Schnee!  Oh, und an den Felsen
oben sind viele, viele Rosen!  Oh, nun werden sie grau!  Oh!  Oh!
Nun ist alles ausgelscht!  Nun ist alles aus, Peter!" Und Heidi
setzte sich auf den Boden und sah so verstrt aus, als ginge
wirklich alles zu Ende.

"Es ist morgen wieder so", erklrte Peter.  "Steh auf, nun mssen
wir heim."

Die Geien wurden herbeigepfiffen und--gerufen und die Heimfahrt
angetreten.

"Ist's alle Tage wieder so, alle Tage, wenn wir auf der Weide
sind?", fragte Heidi, begierig nach einer bejahenden Versicherung
horchend, als es nun neben dem Peter die Alm hinunterstieg.

"Meistens", gab dieser zur Antwort.

"Aber gewiss morgen wieder?", wollte es noch wissen.

"Ja, ja, morgen schon!", versicherte Peter.

Nun war Heidi wieder froh und es hatte so viele Eindrcke in sich
aufgenommen und so viele Dinge gingen ihm im Sinn herum, dass es
nun ganz stillschwieg, bis es bei der Almhtte ankam und den
Grovater unter den Tannen sitzen sah, wo er auch eine Bank
angebracht hatte und am Abend seine Geien erwartete, die von
dieser Seite herunterkmen.  Heidi sprang gleich auf ihn zu und
Schwnli und Brli hinter ihm drein, denn die Geien kannten ihren
Herrn und ihren Stall.  Der Peter rief dem Heidi nach: "Komm dann
morgen wieder!  Gute Nacht!" Denn es war ihm sehr daran gelegen,
dass das Heidi wiederkomme.

Da rannte das Heidi schnell wieder zurck und gab dem Peter die
Hand und versicherte ihm, dass es wieder mitkomme, und dann sprang
es mitten in die davonziehende Herde hinein und fasste noch einmal
das Schneehppli um den Hals und sagte vertraulich: "Schlaf wohl,
Schneehppli, und denk dran, dass ich morgen wiederkomme und dass
du nie mehr so jmmerlich meckern musst."

Das Schneehppli schaute ganz freundlich und dankbar zu Heidi auf
und sprang dann frhlich der Herde nach.

Heidi kam unter die Tannen zurck.

"O Grovater, das war so schn!", rief es, noch bevor es bei ihm
war.  "Das Feuer und die Rosen am Felsen und die blauen und gelben
Blumen, und sieh, was ich hier bringe!" Und damit schttete Heidi
seinen ganzen Blumenreichtum aus dem gefalteten Schrzchen vor den
Grovater hin.  Aber wie sahen die armen Blmchen aus!  Heidi
erkannte sie nicht mehr.  Es war alles wie Heu, und kein einziges
Kelchlein stand mehr offen.

"O Grovater, was haben sie?", rief Heidi ganz erschrocken aus.
"So waren sie nicht, warum sehen sie so aus?"

"Die wollen drauen stehen in der Sonne und nicht ins Schrzchen
hinein", sagte der Grovater.

"Dann will ich gar keine mehr mitnehmen.  Aber, Grovater, warum
hat der Raubvogel so gekrchzt?", fragte Heidi nun angelegentlich.

"Jetzt gehst du ins Wasser und ich in den Stall und hole Milch, und
nachher kommen wir hinein zusammen in die Htte und essen zu Nacht,
dann sag ich dir's."

So wurde getan, und wie nun spter Heidi auf seinem hohen Stuhl sa
vor seinem Milchschsselchen und der Grovater neben ihm, da kam
das Kind gleich wieder mit seiner Frage: "Warum krchzt der
Raubvogel so und schreit immer so herunter, Grovater?"

"Der hhnt die Leute aus dort unten, dass sie so viele
zusammensitzen in den Drfern und einander bs machen.  Da hhnt er
hinunter: 'Wrdet ihr auseinander gehen und jedes seinen Weg
und auf eine Hhe steigen wie ich, so wr's euch wohler!'"
Der Grovater sagte diese Worte fast wild, so dass dem Heidi das
Gekrchz des Raubvogels dadurch noch eindrcklicher wurde in der
Erinnerung.

"Warum haben die Berge keinen Namen, Grovater?", fragte Heidi
wieder.

"Die haben Namen", erwiderte dieser, "und wenn du mir einen so
beschreiben kannst, dass ich ihn kenne, so sage ich dir, wie er
heit."

Nun beschrieb Heidi den Felsenberg mit den zwei hohen Trmen genau
so, wie es ihn gesehen hatte, und der Grovater sagte wohlgefllig:
"Recht so, den kenn ich, der heit Falknis.  Hast du noch einen
gesehen?"

Nun beschrieb Heidi den Berg mit dem groen Schneefeld, auf dem der
ganze Schnee im Feuer gestanden hatte und dann rosenrot geworden
war und dann auf einmal ganz bleich und erloschen dastand.

"Den erkenn ich auch", sagte der Grovater, "das ist die
Schesaplana; so hat es dir gefallen auf der Weide?"

Nun erzhlte Heidi alles vom ganzen Tage, wie schn es gewesen, und
besonders von dem Feuer am Abend, und nun sollte der Grovater auch
sagen, woher es gekommen war, denn der Peter htte nichts davon
gewusst.

"Siehst du", erklrte der Grovater, "das macht die Sonne, wenn sie
den Bergen gute Nacht sagt, dann wirft sie ihnen noch ihre
schnsten Strahlen zu, dass sie sie nicht vergessen, bis sie am
Morgen wiederkommt."

Das gefiel dem Heidi und es konnte fast nicht erwarten, dass wieder
ein Tag komme, da es hinaufkonnte auf die Weide und wieder sehen,
wie die Sonne den Bergen gute Nacht sagte.  Aber erst musste es nun
schlafen gehen, und es schlief auch die ganze Nacht herrlich auf
seinem Heulager, und trumte von lauter schimmernden Bergen und
roten Rosen darauf und mittendrin das Schneehppli in frhlichen
Sprngen.




Bei der Gromutter

Am andern Morgen kam wieder die helle Sonne, und dann kam der Peter
und die Geien, und wieder zogen sie alle miteinander nach der
Weide hinauf, und so ging es Tag fr Tag, und Heidi wurde bei
diesem Weideleben ganz gebrunt und so krftig und gesund, dass ihm
gar nie etwas fehlte, und so froh und glcklich lebte Heidi von
einem Tag zum anderen, wie nur die lustigen Vgelein leben auf
allen Bumen im grnen Wald.  Wie es nun Herbst wurde und der Wind
lauter zu sausen anfing ber die Berge hin, dann sagte etwa der
Grovater: "Heut bleibst du da, Heidi; ein Kleines, wie du bist,
kann der Wind mit einem Ruck ber alle Felsen ins Tal hinabwehen."

Wenn aber das am Morgen der Peter vernahm, sah er sehr unglcklich
aus, denn er sah lauter Missgeschick vor sich: Einmal wusste er vor
Langeweile nun gar nicht mehr, was anfangen, wenn Heidi nicht bei
ihm war; dann kam er um sein reichliches Mittagsmahl, und dann
waren die Geien so strrig an diesen Tagen, dass er die doppelte
Mhe mit ihnen hatte; denn die waren nun auch so an Heidis
Gesellschaft gewhnt, dass sie nicht vorwrts wollten, wenn es
nicht dabei war, und auf alle Seiten rannten.  Heidi wurde niemals
unglcklich, denn es sah immer irgendetwas Erfreuliches vor sich.
Am liebsten ging es schon mit Hirt und Geien auf die Weide zu den
Blumen und zum Raubvogel hinauf, wo so mannigfaltige Dinge zu
erleben waren mit all den verschieden gearteten Geien; aber auch
das Hmmern und Sgen und Zimmern des Grovaters war sehr
unterhaltend fr Heidi; und traf es sich, dass er gerade die
schnen runden Geikschen zubereitete, wenn es daheim bleiben
musste, so war das ein ganz besonderes Vergngen, dieser
merkwrdigen Ttigkeit zuzuschauen, wobei der Grovater beide Arme
blo machte und damit in dem groen Kessel herumrhrte.  Aber vor
allem anziehend war fr das Heidi an solchen Windtagen das Wogen
und Rauschen in den drei alten Tannen hinter der Htte.  Da musste
es immer von Zeit zu Zeit hinlaufen von allem anderen weg, was es
auch sein mochte, denn so schn und wunderbar war gar nichts wie
dieses tiefe, geheimnisvolle Tosen in den Wipfeln da droben; da
stand Heidi unten und lauschte hinauf und konnte niemals genug
bekommen, zu sehen und zu hren, wie das wehte und wogte und
rauschte in den Bumen mit groer Macht.  Jetzt gab die Sonne nicht
mehr hei wie im Sommer, und Heidi suchte seine Strmpfe und Schuhe
hervor und auch den Rock, denn nun wurde es immer frischer, und
wenn das Heidi unter den Tannen stand, wurde es durchblasen wie ein
dnnes Blttlein, aber es lief doch immer wieder hin und konnte
nicht in der Htte bleiben, wenn es das Windeswehen vernahm.

Dann wurde es kalt, und der Peter hauchte in die Hnde, wenn er
frh am Morgen heraufkam, aber nicht lange; denn auf einmal fiel
ber Nacht ein tiefer Schnee, und am Morgen war die ganze Alm
schneewei und kein einziges grnes Blttlein mehr zu sehen ringsum
und um.  Da kam der Geienpeter nicht mehr mit seiner Herde, und
Heidi schaute ganz verwundert durch das kleine Fenster, denn nun
fing es wieder zu schneien an, und die dicken Flocken fielen fort
und fort, bis der Schnee so hoch wurde, dass er bis ans Fenster
hinaufreichte, und dann noch hher, dass man das Fenster gar nicht
mehr aufmachen konnte und man ganz verpackt war in dem Huschen.
Das kam dem Heidi so lustig vor, dass es immer von einem Fenster
zum anderen rannte, um zu sehen, wie es denn noch werden wollte und
ob der Schnee noch die ganze Htte zudecken wollte, dass man msste
ein Licht anznden am hellen Tag.  Es kam aber nicht so weit, und
am anderen Tag ging der Grovater hinaus--denn nun schneite es
nicht mehr--und schaufelte ums ganze Haus herum und warf groe,
groe Schneehaufen aufeinander, dass es war wie hier ein Berg und
dort ein Berg und dort ein Berg um die Htte herum; aber nun waren
die Fenster wieder frei und auch die Tr, und das war gut, denn als
am Nachmittag Heidi und der Grovater am Feuer saen, jedes auf
seinem Dreifu--denn der Grovater hatte lngst auch einen fr das
Kind gezimmert--, da polterte auf einmal etwas heran und schlug
immerzu gegen die Holzschwelle und machte endlich die Tr auf.  Es
war der Geienpeter; er hatte aber nicht aus Unart so gegen die Tr
gepoltert, sondern um seinen Schnee von den Schuhen abzuschlagen,
die hoch hinauf davon bedeckt waren; eigentlich der ganze Peter war
von Schnee bedeckt, denn er hatte sich durch die hohen Schichten so
durchkmpfen mssen, dass ganze Massen an ihm hngen geblieben und
auf ihm festgefroren waren, denn es war sehr kalt.  Aber er hatte
nicht nachgegeben, denn er wollte zu Heidi hinauf, er hatte es
jetzt acht Tage lang nicht gesehen.

"Guten Abend", sagte er im Eintreten, stellte sich gleich so nah
als mglich ans Feuer heran und sagte weiter nichts mehr; aber sein
ganzes Gesicht lachte vor Vergngen, dass er da war.  Heidi schaute
ihn sehr verwundert an, denn nun er so nah am Feuer war, fing es
berall an ihm zu tauen an, so dass der ganze Peter anzusehen war
wie ein gelinder Wasserfall.

"Nun, General, wie steht's?", sagte jetzt der Grovater.  "Nun bist
du ohne Armee und musst am Griffel nagen."

"Warum muss er am Griffel nagen, Grovater?", fragte Heidi sogleich
mit Wissbegierde.

"Im Winter muss er in die Schule gehen", erklrte der Grovater;
"da lernt man lesen und schreiben, und das geht manchmal schwer, da
hilft's ein wenig nach, wenn man am Griffel nagt; ist's nicht wahr,
General?"

"Ja, 's ist wahr", besttigte Peter.

Jetzt war Heidis Teilnahme an der Sache wach geworden und es hatte
sehr viele Fragen ber die Schule und alles, was da begegnete und
zu hren und zu sehen war, an den Peter zu richten, und da immer
viel Zeit verfloss ber einer Unterhaltung, an der Peter teilnehmen
musste, so konnte er derweilen schn trocknen von oben bis unten.
Es war immer eine groe Anstrengung fr ihn, seine Vorstellungen in
die Worte zu bringen, die bedeuteten, was er meinte; aber diesmal
hatte er's besonders streng, denn kaum hatte er eine Antwort
zustande gebracht, so hatte ihm Heidi schon wieder zwei oder drei
unerwartete Fragen zugeworfen und meistens solche, die einen ganzen
Satz als Antwort erforderten.

Der Grovater hatte sich ganz still verhalten whrend dieser
Unterhaltung, aber es hatte ihm fter ganz lustig um die Mundwinkel
gezuckt, was ein Zeichen war, dass er zuhrte.

"So, General, nun warst du im Feuer und brauchst Strkung, komm,
halt mit!" Damit stand der Grovater auf und holte das Abendessen
aus dem Schrank hervor, und Heidi rckte die Sthle zum Tisch.
Unterdessen war auch eine Bank an die Wand gezimmert worden vom
Grovater; nun er nicht mehr allein war, hatte er da und dort
allerlei Sitze zu zweien eingerichtet, denn Heidi hatte die Art,
dass es sich berall nah zum Grovater hielt, wo er ging und stand
und sa.  So hatten sie alle drei gut Platz zum Sitzen und der
Peter tat seine runden Augen ganz weit auf, als er sah, welch ein
mchtiges Stck von dem schnen getrockneten Fleisch der Alm-hi
ihm auf seine dicke Brotschnitte legte.  So gut hatte es der Peter
lange nicht gehabt.  Als nun das vergngte Mahl zu Ende war, fing
es an zu dunkeln, und Peter schickte sich zur Heimkehr an.  Als er
nun "Gute Nacht" und "Dank Euch Gott" gesagt hatte und schon unter
der Tr war, kehrte er sich noch einmal um und sagte: "Am Sonntag
komm ich wieder, heut ber acht Tag, und du solltest auch einmal
zur Gromutter kommen, hat sie gesagt."

Das war ein ganz neuer Gedanke fr Heidi, dass es zu jemandem gehen
sollte, aber er fasste auf der Stelle Boden bei ihm, und gleich am
folgenden Morgen war sein Erstes, dass es erklrte: "Grovater,
jetzt muss ich gewiss zu der Gromutter hinunter, sie erwartet mich.
"

"Es hat zu viel Schnee", erwiderte der Grovater abwehrend.

Aber das Vorhaben sa fest in Heidis Sinn, denn die Gromutter
hatte es ja sagen lassen; so musste es sein.  So verging kein Tag
mehr, an dem das Kind nicht fnf- und sechsmal sagte: "Grovater,
jetzt muss ich gewiss gehen, die Gromutter wartet ja immer auf
mich."

Am vierten Tag, als es drauen knisterte und knarrte vor Klte bei
jedem Schritt und die ganze groe Schneedecke ringsum hart gefroren
war, aber eine schne Sonne ins Fenster guckte, gerade auf Heidis
hohen Stuhl hin, wo es am Mittagsmahl sa, da begann es wieder sein
Sprchlein: "Heut muss ich aber gewiss zur Gromutter gehen, es
whrt ihr sonst zu lange." Da stand der Grovater auf vom
Mittagstisch, stieg auf den Heuboden hinauf, brachte den dicken
Sack herunter, der Heidis Bettdecke war, und sagte: "So komm!" In
groer Freude hpfte das Kind ihm nach in die glitzernde Schneewelt
hinaus.  In den alten Tannen war es nun ganz still und auf allen
sten lag der weie Schnee und in dem Sonnenschein schimmerte und
funkelte es berall von den Bumen in solcher Pracht, dass Heidi
hoch aufsprang vor Entzcken und ein Mal bers andere ausrief:
"Komm heraus, Grovater, komm heraus!  Es ist lauter Silber und
Gold an den Tannen!" Denn der Grovater war in den Schopf
hineingegangen und kam nun heraus mit einem breiten Stoschlitten:
Da war vorn eine Stange angebracht, und von dem flachen Sitz konnte
man die Fe nach vorn hinunterhalten und gegen den Schneeboden
stemmen und der Fahrt die Weisung geben.  Hier setzte sich der
Grovater hin, nachdem er erst die Tannen ringsum mit Heidi hatte
beschauen mssen, nahm das Kind auf seinen Scho, wickelte es um
und um in den Sack ein, damit es hbsch warm bleibe, und drckte es
fest mit dem linken Arm an sich, denn das war ntig bei der
kommenden Fahrt.  Dann umfasste er mit der rechten Hand die Stange
und gab einen Ruck mit beiden Fen.  Da schoss der Schlitten davon
die Alm hinab mit einer solchen Schnelligkeit, dass das Heidi
meinte, es fliege in der Luft wie ein Vogel, und laut aufjauchzte.
Auf einmal stand der Schlitten still, gerade bei der Htte vom
Geienpeter.  Der Grovater stellte das Kind auf den Boden,
wickelte es aus seiner Decke heraus und sagte:

"So, nun geh hinein, und wenn es anfngt dunkel zu werden, dann
komm wieder heraus und mach dich auf den Weg." Dann kehrte er um
mit seinem Schlitten und zog ihn den Berg hinauf.

Heidi machte die Tr auf und kam in einen kleinen Raum hinein, da
sah es schwarz aus, und ein Herd war da und einige Schsselchen auf
einem Gestell, das war die kleine Kche; dann kam gleich wieder
eine Tr, die machte Heidi wieder auf und kam in eine enge Stube
hinein, denn das Ganze war nicht eine Sennhtte, wie beim Grovater,
wo ein einziger, groer Raum war und oben ein Heuboden, sondern es
war ein kleines, uraltes Huschen, wo alles eng war und schmal und
drftig.  Als Heidi in das Stbchen trat, stand es gleich vor dem
Tisch, daran sa eine Frau und flickte an Peters Wams, denn dieses
erkannte Heidi sogleich.  In der Ecke sa ein altes, gekrmmtes
Mtterchen und spann.  Heidi wusste gleich, woran es war; es ging
geradaus auf das Spinnrad zu und sagte: "Guten Tag, Gromutter,
jetzt komme ich zu dir; hast du gedacht, es whre lang, bis ich
komme?"

Die Gromutter erhob den Kopf und suchte die Hand, die gegen sie
ausgestreckt war, und als sie diese erfasst hatte, befhlte sie
dieselbe erst eine Weile nachdenklich in der ihrigen, dann sagte
sie: "Bist du das Kind droben beim Alm-hi, bist du das Heidi?"

"Ja, ja", besttigte das Kind, "jetzt gerade bin ich mit dem
Grovater im Schlitten heruntergefahren."

"Wie ist das mglich!  Du hast ja eine so warme Hand!  Sag,
Brigitte, ist der Alm-hi selber mit dem Kind heruntergekommen?"

Peters Mutter, die Brigitte, die am Tisch geflickt hatte, war
aufgestanden und betrachtete nun mit Neugierde das Kind von oben
bis unten; dann sagte sie: "Ich wei nicht, Mutter, ob der hi
selber heruntergekommen ist mit ihm; es ist nicht glaublich, das
Kind wird's nicht recht wissen."

Aber das Heidi sah die Frau sehr bestimmt an und gar nicht, als sei
es im Ungewissen, und sagte: "Ich wei ganz gut, wer mich in die
Bettdecke gewickelt hat und mit mir heruntergeschlittelt ist; das
ist der Grovater."

"Es muss doch etwas daran sein, was der Peter so gesagt hat den
Sommer durch vom Alm-hi, wenn wir dachten, er wisse es nicht
recht", sagte die Gromutter; "wer htte freilich auch glauben
knnen, dass so etwas mglich sei; ich dachte, das Kind lebte keine
drei Wochen da oben.  Wie sieht es auch aus, Brigitte!" Diese hatte
das Kind unterdessen so von allen Seiten angesehen, dass sie nun
wohl berichten konnte, wie es aussah.

"Es ist so fein gegliedert, wie die Adelheid war", gab sie zur
Antwort; "aber es hat die schwarzen Augen und das krause Haar, wie
es der Tobias hatte und auch der Alte droben; ich glaube, es sieht
den zweien gleich."

Unterdessen war Heidi mig geblieben; es hatte ringsum geguckt und
alles genau betrachtet, was da zu sehen war.  Jetzt sagte es: "Sieh,
Gromutter, dort schlgt es einen Laden immer hin und her, und der
Grovater wrde auf der Stelle einen Nagel einschlagen, dass er
wieder fest hlt, sonst schlgt er auch einmal eine Scheibe ein;
sieh, sieh, wie er tut!"

"Ach, du gutes Kind", sagte die Gromutter, "sehen kann ich es
nicht, aber hren kann ich es wohl und noch viel mehr, nicht nur
den Laden; da kracht und klappert es berall, wenn der Wind kommt,
und er kann berall hereinblasen; es hlt nichts mehr zusammen, und
in der Nacht, wenn sie beide schlafen, ist es mir manchmal so angst
und bang, es falle alles ber uns zusammen und schlage uns alle
drei tot; ach, und da ist kein Mensch, der etwas ausbessern knnte
an der Htte, der Peter versteht's nicht."

"Aber warum kannst du denn nicht sehen, wie der Laden tut,
Gromutter?  Sieh jetzt wieder, dort, gerade dort." Und Heidi
zeigte die Stelle deutlich mit dem Finger.

"Ach Kind, ich kann ja gar nichts sehen, gar nichts, nicht nur den
Laden nicht", klagte die Gromutter.

"Aber wenn ich hinausgehe und den Laden ganz aufmache, dass es
recht hell wird, kannst du dann sehen, Gromutter?"

"Nein, nein, auch dann nicht, es kann mir niemand mehr hell machen."

"Aber wenn du hinausgehst in den ganz weien Schnee, dann wird es
dir gewiss hell; komm nur mit mir, Gromutter, ich will dir's
zeigen." Heidi nahm die Gromutter bei der Hand und wollte sie
fortziehen, denn es fing an, ihm ganz ngstlich zumute zu werden,
dass es ihr nirgends hell wurde.

"Lass mich nur sitzen, du gutes Kind; es bleibt doch dunkel bei mir,
auch im Schnee und in der Helle, sie dringt nicht mehr in meine
Augen."

"Aber dann doch im Sommer, Gromutter", sagte Heidi, immer
ngstlicher nach einem guten Ausweg suchend; "weit, wenn dann
wieder die Sonne ganz hei herunterbrennt und dann 'gute
Nacht' sagt und die Berge alle feuerrot schimmern und alle
gelben Blmlein glitzern, dann wird es dir wieder schn hell?"

"Ach, Kind, ich kann sie nie mehr sehen, die feurigen Berge und die
goldenen Blmlein droben, es wird mir nie mehr hell auf Erden, nie
mehr."

Jetzt brach Heidi in lautes Weinen aus.  Voller Jammer schluchzte
es fortwhrend: "Wer kann dir denn wieder hell machen?  Kann es
niemand?  Kann es gar niemand?"

Die Gromutter suchte nun das Kind zu trsten, aber es gelang ihr
nicht so bald.  Heidi weinte fast nie; wenn es aber einmal anfing,
dann konnte es auch fast nicht mehr aus der Betrbnis herauskommen.
Die Gromutter hatte schon allerhand probiert, um das Kind zu
beschwichtigen, denn es ging ihr zu Herzen, dass es so jmmerlich
schluchzen musste.  Jetzt sagte sie: "Komm, du gutes Heidi, komm
hier heran, ich will dir etwas sagen.  Siehst du, wenn man nichts
sehen kann, dann hrt man so gern ein freundliches Wort, und ich
hre es gern, wenn du redest; komm, setz dich da nahe zu mir und
erzhl mir etwas, was du machst da droben und was der Grovater
macht, ich habe ihn frher gut gekannt; aber jetzt hab ich seit
manchem Jahr nichts mehr gehrt von ihm als durch den Peter, aber
der sagt nicht viel."

Jetzt kam dem Heidi ein neuer Gedanke; es wischte rasch seine
Trnen weg und sagte trstlich: "Wart nur, Gromutter, ich will
alles dem Grovater sagen, er macht dir schon wieder hell und macht,
dass die Htte nicht zusammenfllt, er kann alles wieder in
Ordnung machen."

Die Gromutter schwieg stille, und nun fing Heidi an, ihr mit
groer Lebendigkeit zu erzhlen von seinem Leben mit dem Grovater
und von den Tagen auf der Weide und von dem jetzigen Winterleben
mit dem Grovater, was er alles aus Holz machen knne, Bnke und
Sthle und schne Krippen, wo man fr das Schwnli und Brli das
Heu hineinlegen knnte, und einen neuen groen Wassertrog zum Baden
im Sommer, und ein neues Milchschsselchen und Lffel, und Heidi
wurde immer eifriger im Beschreiben all der schnen Sachen, die so
auf einmal aus einem Stck Holz herauskommen, und wie es dann neben
dem Grovater stehe und ihm zuschaue und wie es das alles auch
einmal machen wolle.  Die Gromutter hrte mit groer
Aufmerksamkeit zu, und von Zeit zu Zeit sagte sie dazwischen:
"Hrst du's auch, Brigitte?  Hrst du, was es vom hi sagt?"

Mit einem Mal wurde die Erzhlung unterbrochen durch ein groes
Gepolter an der Tr, und herein stampfte der Peter, blieb aber
sogleich stille stehen und sperrte seine runden Augen ganz
erstaunlich weit auf, als er das Heidi erblickte, und schnitt die
allerfreundlichste Grimasse, als es ihm sogleich zurief: "Guten
Abend, Peter!"

"Ist denn das mglich, dass der schon aus der Schule kommt", rief
die Gromutter ganz verwundert aus.  "So geschwind ist mir seit
manchem Jahr kein Nachmittag vergangen!  Guten Abend, Peterli, wie
geht es mit dem Lesen?"

"Gleich", gab der Peter zur Antwort.

"So, so", sagte die Gromutter ein wenig seufzend, "ich habe
gedacht, es gbe vielleicht eine nderung auf die Zeit, wenn du
dann zwlf Jahre alt wirst gegen den Hornung hin."

"Warum muss es eine nderung geben, Gromutter?", fragte Heidi
gleich mit Interesse.

"Ich meine nur, dass er es etwa noch htte lernen knnen", sagte
die Gromutter, "das Lesen mein ich.  Ich habe dort oben auf dem
Gestell ein altes Gebetbuch, da sind schne Lieder drin, die habe
ich so lange nicht mehr gehrt, und im Gedchtnis habe ich sie auch
nicht mehr; da habe ich gehofft, wenn der Peterli nun lesen lerne,
so knne er mir etwa ein gutes Lied lesen; aber er kann es nicht
lernen, es ist ihm zu schwer."

"Ich denke, ich muss Licht machen, es wird ja schon ganz dunkel",
sagte jetzt Peters Mutter, die immer emsig am Wams fortgeflickt
hatte; "der Nachmittag ist mir auch vergangen, ohne dass ich's
merkte."

Nun sprang Heidi von seinem Sthlchen auf, streckte eilig seine
Hand aus und sagte: "Gut Nacht, Gromutter, ich muss auf der Stelle
heim, wenn es dunkel wird", und hintereinander bot es dem Peter und
seiner Mutter die Hand und ging der Tr zu.  Aber die Gromutter
rief besorgt: "Wart, wart, Heidi; so allein musst du nicht fort,
der Peter muss mit dir, hrst du?  Und gib Acht auf das Kind,
Peterli, dass es nicht umfllt, und steh nicht still mit ihm, dass
es nicht friert, hrst du?  Hat es auch ein dickes Halstuch an?"

"Ich habe gar kein Halstuch an", rief Heidi zurck, "aber ich will
schon nicht frieren"; damit war es zur Tr hinaus und huschte so
behend weiter, dass der Peter kaum nachkam.  Aber die Gromutter
rief jammernd: "Lauf ihm nach, Brigitte, lauf, das Kind muss ja
erfrieren, so bei der Nacht, nimm mein Halstuch mit, lauf schnell!"
Die Brigitte gehorchte.  Die Kinder hatten aber kaum ein paar
Schritte den Berg hinan getan, so sahen sie von oben herunter den
Grovater kommen, und mit wenigen rstigen Schritten stand er vor
ihnen.

"Recht so, Heidi, Wort gehalten!", sagte er, packte das Kind wieder
fest in seine Decke ein, nahm es auf seinen Arm und stieg den Berg
hinauf.  Eben hatte die Brigitte noch gesehen, wie der Alte das
Kind wohl verpackt auf seinen Arm genommen und den Rckweg
angetreten hatte.  Sie trat mit dem Peter wieder in die Htte ein
und erzhlte der Gromutter mit Verwunderung, was sie gesehen hatte.
Auch diese musste sich sehr verwundern und ein Mal ber das
andere sagen: "Gott Lob und Dank, dass er so ist mit dem Kind, Gott
Lob und Dank!  Wenn er es nur auch wieder zu mir lsst, das Kind
hat mir so wohl gemacht!  Was hat es fr ein gutes Herz und wie
kann es so kurzweilig erzhlen!" Und immer wieder freute sich die
Gromutter, und bis sie ins Bett ging, sagte sie immer wieder:
"Wenn es nur auch wiederkommt!  Jetzt habe ich doch noch etwas auf
der Welt, auf das ich mich freuen kann!" Und die Brigitte stimmte
jedes Mal ein, wenn die Gromutter wieder dasselbe sagte, und auch
der Peter nickte jedes Mal zustimmend mit dem Kopf und zog seinen
Mund weit auseinander vor Vergnglichkeit und sagte: "Hab's schon
gewusst."

Unterdessen redete das Heidi in seinem Sack drinnen immerzu an den
Grovater heran; da die Stimme aber nicht durch den achtfachen
Umschlag dringen konnte und er daher kein Wort verstand, sagte er:
"Wart ein wenig, bis wir daheim sind, dann sag's."

Sobald er nun, oben angekommen, in seine Htte eingetreten war und
Heidi aus seiner Hlle herausgeschlt hatte, sagte es: "Grovater,
morgen mssen wir den Hammer und die groen Ngel mitnehmen und den
Laden festschlagen bei der Gromutter und sonst noch viele Ngel
einschlagen, denn es kracht und klappert alles bei ihr."

"Mssen wir?  So, das mssen wir?  Wer hat dir das gesagt?", fragte
der Grovater.

"Das hat mir kein Mensch gesagt, ich wei es sonst", entgegnete
Heidi, "denn es hlt alles nicht mehr fest und es ist der
Gromutter angst und bang, wenn sie nicht schlafen kann und es so
tut, und sie denkt: 'Jetzt fllt alles ein und gerade auf
unsere Kpfe'; und der Gromutter kann man gar nicht mehr
hell machen, sie wei gar nicht, wie man es knnte, aber du kannst
es schon, Grovater; denk nur, wie traurig es ist, wenn sie immer
im Dunkeln ist und es ihr dann noch angst und bang ist und es kann
ihr kein Mensch helfen als du!  Morgen wollen wir gehen und ihr
helfen; gelt, Grovater, wir wollen?"

Heidi hatte sich an den Grovater angeklammert und schaute mit
zweifellosem Vertrauen zu ihm auf.  Der Alte schaute eine kleine
Welle auf das Kind nieder, dann sagte er: "Ja, Heidi, wir wollen
machen, dass es nicht mehr so klappert bei der Gromutter, das
knnen wir; morgen tun wir's."

Nun hpfte das Kind vor Freude im ganzen Httenraum herum und rief
ein Mal ums andere: "Morgen tun wir's!  Morgen tun wir's!"

Der Grovater hielt Wort.  Am folgenden Nachmittag wurde dieselbe
Schlittenfahrt ausgefhrt.  Wie am vorhergehenden Tag stellte der
Alte das Kind vor der Tr der Geienpeter-Htte nieder und sagte:
"Nun geh hinein, und wenn's Nacht wird, komm wieder." Dann legte er
den Sack auf den Schlitten und ging um das Huschen herum.

Kaum hatte Heidi die Tr aufgemacht und war in die Stube
hineingesprungen, so rief schon die Gromutter aus der Ecke: "Da
kommt das Kind!  Das ist das Kind!", und lie vor Freude den Faden
los und das Rdchen stehen und streckte beide Hnde nach dem Kinde
aus.  Heidi lief zu ihr, rckte gleich das niedere Sthlchen ganz
nahe an sie heran, setzte sich darauf und hatte der Gromutter
schon wieder eine groe Menge von Dingen zu erzhlen und von ihr zu
erfragen.  Aber auf einmal ertnten so gewaltige Schlge an das
Haus, dass die Gromutter vor Schrecken so zusammenfuhr, dass sie
fast das Spinnrad umwarf, und zitternd ausrief: "Ach du mein Gott,
jetzt kommt's, es fllt alles zusammen!" Aber Heidi hielt sie fest
um den Arm und sagte trstend: "Nein, nein, Gromutter, erschrick
du nur nicht, das ist der Grovater mit dem Hammer, jetzt macht er
alles fest, dass es dir nicht mehr angst und bang wird."

"Ach, ist auch das mglich!  Ist auch so etwas mglich!  So hat uns
doch der liebe Gott nicht ganz vergessen!", rief die Gromutter aus.
"Hast du's gehrt, Brigitte, was es ist, hrst du's?  Wahrhaftig,
es ist ein Hammer!  Geh hinaus, Brigitte, und wenn es der Alm-hi
ist, so sag ihm, er soll doch dann auch einen Augenblick
hereinkommen, dass ich ihm auch danken kann."

Die Brigitte ging hinaus.  Eben schlug der Alm-hi mit groer
Gewalt neue Kloben in die Mauer; Brigitte trat an ihn heran und
sagte: "Ich wnsche Euch guten Abend, hi, und die Mutter auch, und
wir haben Euch zu danken, dass Ihr uns einen solchen Dienst tut,
und die Mutter mchte Euch noch gern eigens danken drinnen; sicher,
es htte uns das nicht gerad einer getan, wir wollen Euch auch dran
denken, denn sicher--"

"Macht's kurz", unterbrach sie der Alte hier; "was Ihr vom Alm-hi
haltet, wei ich schon.  Geht nur wieder hinein; wo's fehlt, find
ich selber."

Brigitte gehorchte sogleich, denn der hi hatte eine Art, der man
sich nicht leicht widersetzte.  Er klopfte und hmmerte um das
ganze Huschen herum, stieg dann das schmale Treppchen hinauf bis
unter das Dach, hmmerte weiter und weiter, bis er auch den letzten
Nagel eingeschlagen, den er mitgebracht hatte.  Unterdessen war
auch schon die Dunkelheit hereingebrochen, und kaum war er
heruntergestiegen und hatte seinen Schlitten hinter dem Geienstall
hervorgezogen, als auch schon Heidi aus der Tr trat und vom
Grovater wie gestern verpackt auf den Arm genommen und der
Schlitten nachgezogen wurde, denn allein da drauf sitzend, wre die
ganze Umhllung vom Heidi abgefallen, und es wre fast oder ganz
erfroren.  Das wusste der Grovater wohl und hielt das Kind ganz
warm in seinem Arm.

So ging der Winter dahin.  In das freudlose Leben der blinden
Gromutter war nach langen Jahren eine Freude gefallen und ihre
Tage waren nicht mehr lang und dunkel, einer wie der andere, denn
nun hatte sie immer etwas in Aussicht, nach dem sie verlangen
konnte.  Vom frhen Morgen an lauschte sie auch schon auf den
trippelnden Schritt, und ging dann die Tr auf und das Kind kam
wirklich dahergesprungen, dann rief sie jedes Mal in lauter Freude:
"Gottlob!  Da kommt's wieder!" Und Heidi setzte sich zu ihr und
plauderte und erzhlte so lustig von allem, was es wusste, dass es
der Gromutter ganz wohl machte und ihr die Stunden dahingingen,
sie merkte es nicht, und kein einziges Mal fragte sie mehr so wie
frher: "Brigitte, ist der Tag noch nicht um?", sondern jedes Mal,
wenn Heidi die Tr hinter sich schloss, sagte sie: "Wie war doch
der Nachmittag so kurz; ist es nicht wahr, Brigitte?" Und diese
sagte: "Doch sicher, es ist mir, wir haben erst die Teller vom
Essen weggestellt." Und die Gromutter sagte wieder: "Wenn mir nur
der Herrgott das Kind erhlt und dem Alm-hi den guten Willen!
Sieht es auch gesund aus, Brigitte?" Und jedes Mal erwiderte diese:
"Es sieht aus wie ein Erdbeerapfel."

Heidi hatte auch eine groe Anhnglichkeit an die alte Gromutter,
und wenn es ihm wieder in den Sinn kam, dass ihr gar niemand, auch
der Grovater nicht mehr hell machen konnte, berkam es immer
wieder eine groe Betrbnis; aber die Gromutter sagte ihm immer
wieder, dass sie am wenigsten davon leide, wenn es bei ihr sei, und
Heidi kam auch an jedem schnen Wintertag heruntergefahren auf
seinem Schlitten.  Der Grovater hatte, ohne weitere Worte, so
fortgefahren, hatte jedes Mal den Hammer und allerlei andere Sachen
mit aufgeladen und manchen Nachmittag durch an dem Geienpeter-
Huschen herumgeklopft.  Das hatte aber auch seine gute Wirkung; es
krachte und klapperte nicht mehr die ganzen Nchte durch, und die
Gromutter sagte, so habe sie manchen Winter lang nicht mehr
schlafen knnen, das wolle sie auch dem hi nie vergessen.




Es kommt ein Besuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat

Schnell war der Winter und noch schneller der frhliche Sommer
darauf vergangen, und ein neuer Winter neigte sich schon wieder dem
Ende zu.  Heidi war glcklich und froh wie die Vglein des Himmels
und freute sich jeden Tag mehr auf die herannahenden Frhlingstage,
da der warme Fhn durch die Tannen brausen und den Schnee wegfegen
wrde und dann die helle Sonne die blauen und gelben Blmlein
hervorlocken und die Tage der Weide kommen wrden, die fr Heidi
das Schnste mit sich brachten, was es auf Erden geben konnte.
Heidi stand nun in seinem achten Jahre; es hatte vom Grovater
allerlei Kunstgriffe erlernt: Mit den Geien wusste es so gut
umzugehen als nur einer, und Schwnli und Brli liefen ihm nach wie
treue Hndlein und meckerten gleich laut vor Freude, wenn sie nur
seine Stimme hrten.  In diesem Winter hatte Peter schon zweimal
vom Schullehrer im Drfli den Bericht gebracht, der Alm-hi solle
das Kind, das bei ihm sei, nun in die Schule schicken, es habe
schon mehr als das Alter und htte schon im letzten Winter kommen
sollen.  Der hi hatte beide Male dem Schullehrer sagen lassen,
wenn er etwas mit ihm wolle, so sei er daheim, das Kind schicke er
nicht in die Schule.  Diesen Bericht hatte der Peter richtig
berbracht.

Als die Mrzsonne den Schnee an den Abhngen geschmolzen hatte und
berall die weien Schneeglckchen hervorguckten im Tal und auf der
Alm die Tannen ihre Schneelast abgeschttelt hatten und die ste
wieder lustig wehten, da rannte Heidi vor Wonne immer hin und her
von der Haustr zum Geienstall und von da unter die Tannen und
dann wieder hinein zum Grovater, um ihm zu berichten, wie viel
grer das Stck grner Boden unter den Bumen wieder geworden sei,
und gleich nachher kam es wieder nachzusehen, denn es konnte nicht
erwarten, dass alles wieder grn wurde und der ganze schne Sommer
mit Grn und Blumen wieder auf die Alm gezogen kam.

Als Heidi so am sonnigen Mrzmorgen hin und her rannte und jetzt
wohl zum zehnten Mal ber die Trschwelle sprang, wre es vor
Schrecken fast rckwrts wieder hineingefallen, denn auf einmal
stand es vor einem schwarzen alten Herrn, der es ganz ernsthaft
anblickte.  Als er aber seinen Schrecken sah, sagte er freundlich:
"Du musst nicht erschrecken vor mir, die Kinder sind mir lieb.  Gib
mir die Hand!  Du wirst das Heidi sein; wo ist der Grovater?"

"Er sitzt am Tisch und schnitzt runde Lffel von Holz", erklrte
Heidi und machte nun die Tr wieder auf.

Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Drfli, der den hi vor Jahren
gut gekannt hatte, als er noch unten wohnte und sein Nachbar war.
Er trat in die Htte ein, ging auf den Alten zu, der sich ber sein
Schnitzwerk hinbeugte, und sagte: "Guten Morgen, Nachbar."

Verwundert schaute dieser in die Hhe, stand dann auf und
entgegnete: "Guten Morgen dem Herrn Pfarrer." Dann stellte er
seinen Stuhl vor den Herrn hin und fuhr fort: "Wenn der Herr
Pfarrer einen Holzsitz nicht scheut, hier ist einer."

Der Herr Pfarrer setzte sich.  "Ich habe Euch lange nicht gesehen,
Nachbar", sagte er dann.

"Ich den Herrn Pfarrer auch nicht", war die Antwort.

"Ich komme heut, um etwas mit Euch zu besprechen", fing der Herr
Pfarrer wieder an; "ich denke, Ihr knnt schon wissen, was meine
Angelegenheit ist, worber ich mich mit Euch verstndigen und hren
will, was Ihr im Sinne habt."

Der Herr Pfarrer schwieg und schaute auf Heidi, das an der Tr
stand und die neue Erscheinung aufmerksam betrachtete.

"Heidi, geh zu den Geien", sagte der Grovater.  "Kannst ein wenig
Salz mitnehmen und bei ihnen bleiben, bis ich auch komme."

Heidi verschwand sofort.

"Das Kind htte schon vor dem Jahr und noch sicherer diesen Winter
die Schule besuchen sollen", sagte nun der Herr Pfarrer; "der
Lehrer hat Euch mahnen lassen, Ihr habt keine Antwort darauf
gegeben; was habt Ihr mit dem Kind im Sinn, Nachbar?"

"Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu schicken", war die
Antwort.

Verwundert schaute der Herr Pfarrer auf den Alten, der mit
gekreuzten Armen auf seiner Bank sa und gar nicht nachgiebig
aussah.

"Was wollt Ihr aus dem Kinde machen?", fragte jetzt der Herr
Pfarrer.

"Nichts, es wchst und gedeiht mit den Geien und den Vgeln; bei
denen ist es ihm wohl und es lernt nichts Bses von ihnen."

"Aber das Kind ist keine Gei und kein Vogel, es ist ein
Menschenkind.  Wenn es nichts Bses lernt von diesen seinen
Kameraden, so lernt es auch sonst nichts von ihnen; es soll aber
etwas lernen, und die Zeit dazu ist da.  Ich bin gekommen, es Euch
zeitig zu sagen, Nachbar, damit Ihr Euch besinnen und einrichten
knnt den Sommer durch.  Dies war der letzte Winter, den das Kind
so ohne allen Unterricht zugebracht hat; nchsten Winter kommt es
zur Schule, und zwar jeden Tag."

"Ich tu's nicht, Herr Pfarrer", sagte der Alte unentwegt.

"Meint Ihr denn wirklich, es gebe kein Mittel, Euch zur Vernunft zu
bringen, wenn Ihr so eigensinnig bei Eurem unvernnftigen Tun
beharren wollt?", sagte der Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig.
"Ihr seid weit in der Welt herumgekommen und habt viel gesehen und
vieles lernen knnen, ich htte Euch mehr Einsicht zugetraut,
Nachbar."

"So", sagte jetzt der Alte und seine Stimme verriet, dass es auch
in seinem Innern nicht mehr so ganz ruhig war; "und meint denn der
Herr Pfarrer, ich werde wirklich im nchsten Winter am eisigen
Morgen durch Sturm und Schnee ein zartgliedriges Kind den Berg
hinunterschicken, zwei Stunden weit, und zur Nacht wieder
heraufkommen lassen, wenn's manchmal tobt und tut, dass unsereiner
fast in Wind und Schnee ersticken msste, und dann ein Kind wie
dieses?  Und vielleicht kann sich der Herr Pfarrer auch noch der
Mutter erinnern, der Adelheid; sie war mondschtig und hatte
Zuflle, soll das Kind auch so etwas holen mit der Anstrengung?  Es
soll mir einer kommen und mich zwingen wollen!  Ich gehe vor alle
Gerichte mit ihm, und dann wollen wir sehen, wer mich zwingt!"

"Ihr habt ganz Recht, Nachbar", sagte der Herr Pfarrer mit
Freundlichkeit; "es wre nicht mglich, das Kind von hier aus zur
Schule zu schicken.  Aber ich kann sehen, das Kind ist Euch lieb;
tut um seinetwillen etwas, das Ihr schon lange httet tun sollen,
kommt wieder ins Drfli herunter und lebt wieder mit den Menschen.
Was ist das fr ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen
Gott und Menschen!  Wenn Euch einmal etwas zustoen wrde hier oben,
wer wrde Euch beistehen?  Ich kann auch gar nicht begreifen, dass
Ihr den Winter durch nicht halb erfriert in Eurer Htte, und wie
das zarte Kind es nur aushalten kann!"

"Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das mchte ich dem
Herrn Pfarrer sagen, und dann noch eins: Ich wei, wo es Holz gibt,
und auch, wann die gute Zeit ist, es zu holen; der Herr Pfarrer
darf in meinen Schopf hineingehen, es ist etwas drin, in meiner
Htte geht das Feuer nie aus den Winter durch.  Was der Herr
Pfarrer mit dem Herunterkommen meint, ist nicht fr mich; die
Menschen da unten verachten mich und ich sie auch, wir bleiben
voneinander, so ist's beiden wohl."

"Nein, nein, es ist Euch nicht wohl; ich wei, was Euch fehlt",
sagte der Herr Pfarrer mit herzlichem Ton.  "Mit der Verachtung der
Menschen dort unten ist es so schlimm nicht.  Glaubt mir, Nachbar:
Sucht Frieden mit Eurem Gott zu machen, bittet um seine Verzeihung,
wo Ihr sie ntig habt, und dann kommt und seht, wie anders Euch die
Menschen ansehen und wie wohl es Euch noch werden kann."

Der Herr Pfarrer war aufgestanden, er hielt dem Alten die Hand hin
und sagte nochmals mit Herzlichkeit: "Ich zhle darauf, Nachbar, im
nchsten Winter seid Ihr wieder unten bei uns und wir sind die
alten, guten Nachbarn.  Es wrde mir groen Kummer machen, wenn ein
Zwang gegen Euch msste angewandt werden; gebt mir jetzt die Hand
darauf, dass ihr herunterkommt und wieder unter uns leben wollt,
ausgeshnt mit Gott und den Menschen."

Der Alm-hi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und sagte fest und
bestimmt: "Der Herr Pfarrer meint es recht mit mir; aber was er
erwartet, das tu ich nicht, ich sag es sicher und ohne Wandel: Das
Kind schick ich nicht, und herunter komm ich nicht."

"So helf Euch Gott!", sagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur
Tr hinaus und den Berg hinunter.

Der Alm-hi war verstimmt.  Als Heidi am Nachmittag sagte: "Jetzt
wollen wir zur Gromutter", erwiderte er kurz: "Heut nicht." Den
ganzen Tag sprach er nicht mehr, und am folgenden Morgen, als Heidi
fragte: "Gehen wir heut zur Gromutter?", war er noch gleich kurz
von Worten wie im Ton und sagte nur: "Wollen sehen." Aber noch
bevor die Schsselchen vom Mittagessen weggestellt waren, trat
schon wieder ein Besuch zur Tr herein, es war die Base Dete.  Sie
hatte einen schnen Hut auf dem Kopf mit einer Feder darauf und ein
Kleid, das alles mitfegte, was am Boden lag, und in der Sennhtte
lag da allerlei, das nicht an ein Kleid gehrte.  Der hi schaute
sie an von oben bis unten und sagte kein Wort.  Aber die Base Dete
hatte im Sinn, ein sehr freundliches Gesprch zu fhren, denn sie
fing an zu rhmen und sagte, das Heidi sehe so gut aus, sie habe es
fast nicht mehr gekannt und man knne schon sehen, dass es ihm
nicht schlecht gegangen sei beim Grovater.  Sie habe aber gewiss
auch immer darauf gedacht, es ihm wieder abzunehmen, denn sie habe
ja schon begreifen knnen, dass ihm das Kleine im Weg sein msse,
aber in jenem Augenblick habe sie es ja nirgends sonst hintun
knnen; seitdem aber habe sie Tag und Nacht nachgesonnen, wo sie
das Kind etwa unterbringen knnte, und deswegen komme sie auch
heute, denn auf einmal habe sie etwas vernommen, da knne das Heidi
zu einem solchen Glck kommen, dass sie es gar nicht habe glauben
wollen.  Dann sei sie aber auf der Stelle der Sache nachgegangen,
und nun knne sie sagen, es sei alles so gut wie in Richtigkeit,
das Heidi komme zu einem Glck wie unter Hunderttausenden nicht
eines.  Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrschaft, die fast
im schnsten Haus in ganz Frankfurt wohnen, die haben ein einziges
Tchterlein, das msse immer im Rollstuhl sitzen, denn es sei auf
einer Seite lahm und sonst nicht gesund, und so sei es fast immer
allein und msse auch allen Unterricht allein nehmen bei einem
Lehrer, und das sei ihm so langweilig, und auch sonst htte es gern
eine Gespielin im Haus, und da haben sie so davon geredet bei ihrer
Herrschaft, und wenn man nur so ein Kind finden knnte, wie die
Dame beschrieb, die in dem Haus die Wirtschaft fhrte, denn ihre
Herrschaft habe viel Mitgefhl und mchte dem kranken Tchterlein
eine gute Gespielin gnnen.  Die Wirtschaftsdame hatte nun gesagt,
sie wolle so ein recht unverdorbenes, so ein eigenartiges, das
nicht sei wie alle, die man so alle Tage sehe.  Da habe sie selbst
denn auf der Stelle an das Heidi gedacht und sei gleich hingelaufen
und habe der Dame alles so beschrieben vom Heidi und so von seinem
Charakter, und die Dame habe sogleich zugesagt.  Nun knne gar kein
Mensch wissen, was dem Heidi alles an Glck und Wohlfahrt
bevorstehe, denn wenn es dann einmal dort sei und die Leute es gern
mgen und es etwa mit dem eigenen Tchterchen etwas geben sollte--
man knne ja nie wissen, es sei doch so schwchlich--, und wenn
eben die Leute doch nicht ohne ein Kind bleiben wollten, so knnte
ja das unerhrteste Glck--

"Bist du bald fertig?", unterbrach hier der hi, der bis dahin kein
Wort dazwischengeredet hatte.

"Pah", gab die Dete zurck und warf den Kopf auf, "Ihr tut gerade,
wie wenn ich Euch das ordinrste Zeug gesagt htte, und ist doch
durchs ganze Prttigau auf und ab nicht einer, der nicht Gott im
Himmel dankte, wenn ich ihm die Nachricht brchte, die ich Euch
gebracht habe."

"Bring sie, wem du willst, ich will nichts davon", sagte der hi
trocken.

Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief: "Ja, wenn
Ihr es so meint, dann will ich Euch denn schon auch sagen, wie ich
es meine: Das Kind ist jetzt acht Jahre alt und kann nichts und
wei nichts, und Ihr wollt es nichts lernen lassen; Ihr wollt es in
keine Schule und in keine Kirche schicken, das haben sie mir gesagt
unten im Drfli, und es ist meiner einzigen Schwester Kind; ich hab
es zu verantworten, wie's mit ihm geht, und wenn ein Kind ein Glck
erlangen kann wie jetzt das Heidi, so kann ihm nur einer davor sein,
dem es um alle Leute gleich ist und der keinem etwas Gutes wnscht.
Aber ich gebe nicht nach, das sag ich Euch, und die Leute habe
ich alle fr mich, es ist kein Einziger unten im Drfli, der nicht
mir hilft und gegen Euch ist, und wenn Ihr's etwa wollt vor Gericht
kommen lassen, so besinnt Euch wohl, hi; es gibt noch Sachen, die
Euch dann knnten aufgewrmt werden, die Ihr nicht gern hrtet,
denn wenn man's einmal mit dem Gericht zu tun hat, so wird noch
manches aufgesprt, an das keiner mehr denkt."

"Schweig!", donnerte der hi heraus, und seine Augen flammten wie
Feuer.  "Nimm's und verdirb's!  Komm mir nie mehr vor Augen mit ihm,
ich will's nie sehen mit dem Federhut auf dem Kopf und Worten im
Mund wie dich heut!"

Der hi ging mit groen Schritten zur Tr hinaus.

"Du hast den Grovater bs gemacht", sagte Heidi und blitzte mit
seinen schwarzen Augen die Base wenig freundlich an.

"Er wird schon wieder gut, komm jetzt", drngte die Base; "wo sind
deine Kleider?"

"Ich komme nicht", sagte Heidi.

"Was sagst du?", fuhr die Base auf; dann nderte sie den Ton ein
wenig und fuhr halb freundlich, halb rgerlich weiter: "Komm, komm,
du verstehst's nicht besser, du wirst es so gut haben, wie du gar
nicht weit." Dann ging sie an den Schrank, nahm Heidis Sachen
hervor und packte sie zusammen: "So, komm jetzt, nimm dort dein
Htchen, es sieht nicht schn aus, aber es ist gleich fr einmal,
setz es auf und mach, dass wir fortkommen."

"Ich komme nicht", wiederholte Heidi.

"Sei doch nicht so dumm und strrig wie eine Gei; denen hast du's
abgesehen.  Begreif doch nur, jetzt ist der Grovater bs, du
hast's ja gehrt, dass er gesagt hat, wir sollen ihm nicht mehr vor
Augen kommen, er will es nun haben, dass du mit mir gehst, und
jetzt musst du ihn nicht noch bser machen.  Du weit gar nicht,
wie schn es ist in Frankfurt und was du alles sehen wirst, und
gefllt es dir dann nicht, so kannst du wieder heimgehen; bis dahin
ist der Grovater dann wieder gut."

"Kann ich gerad wieder umkehren und heimkommen heut Abend?", fragte
Heidi.

"Ach was, komm jetzt!  Ich sag dir's ja, du kannst wieder heim,
wann du willst.  Heut gehen wir bis nach Maienfeld hinunter und
morgen frh sitzen wir in der Eisenbahn, mit der bist du nachher im
Augenblick wieder daheim, das geht wie geflogen."

Die Base Dete hatte das Bndelchen Kleider auf den Arm und Heidi an
die Hand genommen; so gingen sie den Berg hinunter.

Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch zur Schule ins
Drfli hinunter, oder sollte doch dahin gehen; aber er machte hier
und da einen Tag Ferien, denn er dachte, es ntze nichts, dahin zu
gehen, das Lesen brauche man auch nicht, und ein wenig herumfahren
und groe Ruten suchen ntze etwas, denn diese knne man brauchen.
So kam er eben in der Nhe seiner Htte von der Seite her mit
sichtlichem Erfolg seiner heutigen Bestrebungen, denn er trug ein
ungeheures Bndel langer, dicker Haselruten auf der Achsel.  Er
stand still und starrte die zwei Entgegenkommenden an, bis sie bei
ihm ankamen; dann sagte er: "Wo willst du hin?"

"Ich muss nur geschwind nach Frankfurt mit der Base", antwortete
Heidi, "aber ich will zuerst noch zur Gromutter hinein, sie wartet
auf mich."

"Nein, nein, keine Rede, es ist schon viel zu spt", sagte die Base
eilig und hielt das fortstrebende Heidi fest bei der Hand; "du
kannst dann gehen, wenn du wieder heimkommst, komm jetzt!" Damit
zog die Base das Heidi fest weiter und lie es nicht mehr los, denn
sie frchtete, es knne drinnen dem Kinde wieder in den Sinn kommen,
es wolle nicht fort, und die Gromutter knne ihm helfen wollen.
Der Peter sprang in die Htte hinein und schlug mit seinem ganzen
Bndel Ruten so furchtbar auf den Tisch los, dass alles erzitterte
und die Gromutter vor Schrecken vom Spinnrad aufsprang und laut
aufjammerte.  Der Peter hatte sich Luft machen mssen.

"Was ist's denn?  Was ist's denn?", rief angstvoll die Gromutter,
und die Mutter, die am Tisch gesessen hatte und fast aufgeflogen
war bei dem Knall, sagte in angeborener Langmut: "Was hast, Peterli;
warum tust so wst?"

"Weil sie das Heidi mitgenommen hat", erklrte Peter.

"Wer?  Wer?  Wohin, Peterli, wohin?", fragte die Gromutter jetzt
mit neuer Angst; sie musste aber schnell erraten haben, was vorging,
die Tochter hatte ihr ja vor kurzem berichtet, sie habe die Dete
gesehen zum Alm-hi hinaufgehen.  Ganz zitternd vor Eile machte die
Gromutter das Fenster auf und rief flehentlich hinaus: "Dete, Dete,
nimm uns das Kind nicht weg!  Nimm uns das Heidi nicht!"

Die beiden Laufenden hrten die Stimme, und die Dete mochte wohl
ahnen, was sie rief, denn sie fasste das Kind noch fester und lief,
was sie konnte.  Heidi widerstrebte und sagte: "Die Gromutter hat
gerufen, ich will zu ihr."

Aber das wollte die Base gerade nicht und beschwichtigte das Kind,
es solle nur schnell kommen jetzt, dass sie nicht noch zu spt
kmen, sondern dass sie morgen weiterreisen knnten, es knnte ja
dann sehen, wie es ihm gefallen werde in Frankfurt, dass es gar nie
mehr fortwolle dort; und wenn es doch heim wolle, so knne es ja
gleich gehen und dann erst noch der Gromutter etwas mit
heimbringen, was sie freue.  Das war eine Aussicht fr Heidi, die
ihm gefiel.  Es fing an zu laufen ohne Widerstreben.

"Was kann ich der Gromutter heimbringen?", fragte es nach einer
Welle.

"Etwas Gutes", sagte die Base, "so schne, weiche Weibrtchen, da
wird sie Freud haben daran, sie kann ja doch das harte, schwarze
Brot fast nicht mehr essen."

"Ja, sie gibt es immer wieder dem Peter und sagt: 'Es ist mir
zu hart'; das habe ich selbst gesehen", besttigte das Heidi.
"So wollen wir geschwind gehen, Base Dete; dann kommen wir
vielleicht heut noch nach Frankfurt, dass ich bald wieder da bin
mit den Brtchen."

Heidi fing nun so zu rennen an, dass die Base mit ihrem Bndel auf
dem Arm fast nicht mehr nachkam.  Aber sie war sehr froh, dass es
so rasch ging, denn nun kamen sie gleich zu den ersten Husern vom
Drfli, und da konnte es wieder allerhand Reden und Fragen geben,
die das Heidi wieder auf andere Gedanken bringen konnten.  So lief
sie stracks durch, und das Kind zog dabei noch so stark an ihrer
Hand, dass alle Leute es sehen konnten, wie sie um des Kindes
willen so pressieren musste.  So rief sie auf alle die Fragen und
Anrufungen, die ihr aus allen Fenstern und Tren entgegentnten,
nur immer zurck: "Ihr seht's ja, ich kann jetzt nicht still stehen,
das Kind pressiert und wir haben noch weit."

"Nimmst's mit?"--"Luft's dem Alm-hi fort?"--"Es ist nur ein
Wunder, dass es noch am Leben ist!"--"Und dazu noch so rotbackig!"
So tnte es von allen Seiten, und die Dete war froh, dass sie ohne
Verzug durchkam und keinen Bescheid geben musste und auch Heidi
kein Wort sagte, sondern nur immer vorwrts strebte in groem Eifer.
--

Von dem Tage an machte der Alm-hi, wenn er herunterkam und durchs
Drfli ging, ein bseres Gesicht als je zuvor.  Er grte keinen
Menschen und sah mit seinem Ksereff auf dem Rcken, mit dem
ungeheuren Stock in der Hand und den zusammengezogenen dicken
Brauen so drohend aus, dass die Frauen zu den kleinen Kindern
sagten: "Gib Acht!  Geh dem Alm-hi aus dem Weg, er knnte dir noch
etwas tun!"

Der Alte verkehrte mit keinem Menschen im Drfli, er ging nur durch
und weit ins Tal hinab, wo er seinen Kse verhandelte und seine
Vorrte an Brot und Fleisch einnahm.  Wenn er so vorbeigegangen war
im Drfli, dann standen hinter ihm die Leute alle in Trppchen
zusammen, und jeder wusste etwas Besonderes, was er am Alm-hi
gesehen hatte, wie er immer wilder aussehe und dass er jetzt keinem
Menschen mehr auch nur einen Gru abnehme, und alle kamen darin
berein, dass es ein groes Glck sei, dass das Kind habe
entweichen knnen, und man habe auch wohl gesehen, wie es
fortgedrngt habe, so, als frchte es, der Alte sei schon hinter
ihm drein, um es zurckzuholen.  Nur die blinde Gromutter hielt
unverrckt zum Alm-hi, und wer zu ihr heraufkam, um bei ihr
spinnen zu lassen oder das Gesponnene zu holen, dem erzhlte sie es
immer wieder, wie gut und sorgfltig der Alm-hi mit dem Kind
gewesen sei und was er an ihr und der Tochter getan habe, wie
manchen Nachmittag er an ihrem Huschen herumgeflickt, das ohne
seine Hilfe gewiss schon zusammengefallen wre.  So kamen denn auch
diese Berichte ins Drfli herunter; aber die meisten, die sie
vernahmen, sagten dann, die Gromutter sei vielleicht zu alt zum
Begreifen, sie werde es wohl nicht recht verstanden haben, sie
werde wohl auch nicht mehr gut hren, weil sie nichts mehr sehe.

Der Alm-hi zeigte sich jetzt nicht mehr bei den Geienpeters; es
war gut, dass er die Htte so fest zusammengenagelt hatte, denn sie
blieb fr lange Zeit ganz unberhrt.  Jetzt begann die blinde
Gromutter ihre Tage wieder mit Seufzen, und nicht einer verstrich,
an dem sie nicht klagend sagte: "Ach, mit dem Kind ist alles Gute
und alle Freude von uns genommen, und die Tage sind so leer!  Wenn
ich nur noch einmal das Heidi hren knnte, eh ich sterben muss!"




Ein neues Kapitel und lauter neue Dinge

Im Hause des Herrn Sesemann in Frankfurt lag das kranke Tchterlein,
Klara, in dem bequemen Rollstuhl, in welchem es den ganzen Tag
sich aufhielt und von einem Zimmer ins andere gestoen wurde.
Jetzt sa es im so genannten Studierzimmer, das neben der groen
Essstube lag und wo vielerlei Gertschaften herumstanden und--lagen,
die das Zimmer wohnlich machten und zeigten, dass man hier
gewhnlich sich aufhielt.  An dem groen, schnen Bcherschrank mit
den Glastren konnte man sehen, woher das Zimmer seinen Namen hatte
und dass es wohl der Raum war, wo dem lahmen Tchterchen der
tgliche Unterricht erteilt wurde.

Klara hatte ein blasses, schmales Gesichtchen, aus dem zwei milde,
blaue Augen herausschauten, die in diesem Augenblick auf die groe
Wanduhr gerichtet waren, die heute besonders langsam zu gehen
schien, denn Klara, die sonst kaum ungeduldig wurde, sagte jetzt
mit ziemlicher Ungeduld in der Stimme: "Ist es denn immer noch
nicht Zeit, Frulein Rottenmeier?"

Die Letztere sa sehr aufrecht an einem kleinen Arbeitstisch und
stickte.  Sie hatte eine geheimnisvolle Hlle um sich, einen groen
Kragen oder Halbmantel, welcher der Persnlichkeit einen
feierlichen Anstrich verlieh, der noch erhht wurde durch eine Art
von hoch gebauter Kuppel, die sie auf dem Kopf trug.  Frulein
Rottenmeier war schon seit mehreren Jahren, seitdem die Dame des
Hauses gestorben war, im Hause Sesemann, fhrte die Wirtschaft und
hatte die Oberaufsicht ber das ganze Dienstpersonal.

Herr Sesemann war meistens auf Reisen, berlie daher dem Frulein
Rottenmeier das ganze Haus, nur mit der Bedingung, dass sein
Tchterlein in allem eine Stimme haben solle und nichts gegen
dessen Wunsch geschehen drfe.

Whrend oben Klara zum zweiten Mal mit Zeichen der Ungeduld
Frulein Rottenmeier befragte, ob die Zeit noch nicht da sei, da
die Erwarteten erscheinen konnten, stand unten vor der Haustr die
Dete mit Heidi an der Hand und fragte den Kutscher Johann, der eben
vom Wagen gestiegen war, ob sie wohl Frulein Rottenmeier so spt
noch stren drfe.

"Das ist nicht meine Sache", brummte der Kutscher; "klingeln Sie
den Sebastian herunter, drinnen im Korridor."

Dete tat, wie ihr geheien war, und der Bediente des Hauses kam die
Treppe herunter mit groen, runden Knpfen auf seinem Aufwrterrock
und fast ebenso groen runden Augen im Kopfe.

"Ich wollte fragen, ob ich um diese Zeit Frulein Rottenmeier noch
stren drfe", brachte die Dete wieder an.

"Das ist nicht meine Sache", gab der Bediente zurck; "klingeln Sie
die Jungfer Tinette herunter an der anderen Klingel", und ohne
weitere Auskunft verschwand der Sebastian.

Dete klingelte wieder.  Jetzt erschien auf der Treppe die Jungfer
Tinette mit einem blendend weien Deckelchen auf der Mitte des
Kopfes und einer spttischen Miene auf dem Gesicht.

"Was ist?", fragte sie auf der Treppe, ohne herunterzukommen.  Dete
wiederholte ihr Gesuch.  Jungfer Tinette verschwand, kam aber bald
wieder und rief von der Treppe herunter: "Sie sind erwartet!"

Jetzt stieg Dete mit Heidi die Treppe hinauf und trat, der Jungfer
Tinette folgend, in das Studierzimmer ein.  Hier blieb Dete hflich
an der Tr stehen, Heidi immer fest an der Hand haltend, denn sie
war gar nicht sicher, was dem Kinde etwa begegnen konnte auf diesem
so fremden Boden.

Frulein Rottenmeier erhob sich langsam von ihrem Sitz und kam
nher, um die angekommene Gespielin der Tochter des Hauses zu
betrachten.  Der Anblick schien sie nicht zu befriedigen.  Heidi
hatte sein einfaches Baumwollrckchen an und sein altes,
zerdrcktes Strohhtchen auf dem Kopf.  Das Kind guckte sehr
harmlos darunter hervor und betrachtete mit unverhehlter
Verwunderung den Turmbau auf dem Kopf der Dame.

"Wie heiest du?", fragte Frulein Rottenmeier, nachdem auch sie
einige Minuten lang forschend das Kind angesehen hatte, das kein
Auge von ihr verwandte.

"Heidi", antwortete es deutlich und mit klangvoller Stimme.

"Wie?  Wie?  Das soll doch wohl kein christlicher Name sein?  So
bist du doch nicht getauft worden.  Welchen Namen hast du in der
Taufe erhalten?", fragte Frulein Rottenmeier weiter.

"Das wei ich jetzt nicht mehr", entgegnete Heidi.

"Ist das eine Antwort!", bemerkte die Dame mit Kopfschtteln.
"Jungfer Dete, ist das Kind einfltig oder schnippisch?"

"Mit Erlaubnis und wenn es die Dame gestattet, so will ich gern
reden fr das Kind, denn es ist sehr unerfahren", sagte die Dete,
nachdem sie dem Heidi heimlich einen kleinen Sto gegeben hatte fr
die unpassende Antwort.  "Es ist aber nicht einfltig und auch
nicht schnippisch, davon wei es gar nichts; es meint alles so, wie
es redet.  Aber es ist heut zum ersten Mal in einem Herrenhaus und
kennt die gute Manier nicht; aber es ist willig und nicht
ungelehrig, wenn die Dame wollte gtige Nachsicht haben.  Es ist
Adelheid getauft worden, wie seine Mutter, meine Schwester selig."

"Nun wohl, dies ist doch ein Name, den man sagen kann", bemerkte
Frulein Rottenmeier.  "Aber, Jungfer Dete, ich muss Ihnen doch
sagen, dass mir das Kind fr sein Alter sonderbar vorkommt.  Ich
habe Ihnen mitgeteilt, die Gespielin fr Frulein Klara msste in
ihrem Alter sein, um denselben Unterricht mit ihr zu verfolgen und
berhaupt ihre Beschftigungen zu teilen.  Frulein Klara hat das
zwlfte Jahr zurckgelegt; wie alt ist das Kind?"

"Mit Erlaubnis der Dame", fing die Dete wieder beredt an, "es war
mir eben selber nicht mehr so ganz gegenwrtig, wie alt es sei; es
ist wirklich ein wenig jnger, viel trifft es nicht an, ich kann's
so ganz genau nicht sagen, es wird so um das zehnte Jahr, oder so
noch etwas dazu sein, nehm ich an."

"Jetzt bin ich acht, der Grovater hat's gesagt", erklrte Heidi.
Die Base stie es wieder an, aber Heidi hatte keine Ahnung, warum,
und wurde keineswegs verlegen.

"Was, erst acht Jahre alt?", rief Frulein Rottenmeier mit einiger
Entrstung aus.  "Vier Jahre zu wenig!  Was soll das geben!  Und
was hast du denn gelernt?  Was hast du fr Bcher gehabt bei deinem
Unterricht?"

"Keine", sagte Heidi.

"Wie?  Was?  Wie hast du denn lesen gelernt?", fragte die Dame
weiter.

"Das hab ich nicht gelernt und der Peter auch nicht", berichtete
Heidi.

"Barmherzigkeit!  Du kannst nicht lesen?  Du kannst wirklich nicht
lesen!", rief Frulein Rottenmeier im hchsten Schrecken aus.  "Ist
es die Mglichkeit, nicht lesen!  Was hast du denn aber gelernt?"

"Nichts", sagte Heidi der Wahrheit gem.

"Jungfer Dete", sagte Frulein Rottenmeier nach einigen Minuten, in
denen sie nach Fassung rang, "es ist alles nicht nach Abrede, wie
konnten Sie mir dieses Wesen zufhren?" Aber die Dete lie sich
nicht so bald einschchtern; sie antwortete herzhaft: "Mit
Erlaubnis der Dame, das Kind ist gerade, was ich dachte, dass sie
haben wolle; die Dame hat mir beschrieben, wie es sein msse, so
ganz apart und nicht wie die anderen, und so musste ich das Kleine
nehmen, denn die Greren sind bei uns dann nicht mehr so apart,
und ich dachte, dieses passe wie gemacht auf die Beschreibung.
Jetzt muss ich aber gehen, denn meine Herrschaft erwartet mich; ich
will, wenn's meine Herrschaft erlaubt, bald wieder kommen und
nachsehen, wie es geht mit ihm." Mit einem Knicks war die Dete zur
Tr hinaus und die Treppe hinunter mit schnellen Schritten.
Frulein Rottenmeier stand einen Augenblick noch da, dann lief sie
der Dete nach; es war ihr wohl in den Sinn gekommen, dass sie noch
eine Menge von Dingen mit der Base besprechen wollte, wenn das Kind
wirklich dableiben sollte, und da war es doch nun einmal und, wie
sie bemerkte, hatte die Base fest im Sinn, es dazulassen.

Heidi stand noch auf demselben Platz an der Tr, wo es von Anfang
an gestanden hatte.  Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus
schweigend allem zugesehen.  Jetzt winkte sie Heidi: "Komm hierher!"

Heidi trat an den Rollstuhl heran.

"Willst du lieber Heidi heien oder Adelheid?", fragte Klara.

"Ich heie nur Heidi und sonst nichts", war Heidis Antwort.

"So will ich dich immer so nennen", sagte Klara; "der Name gefllt
mir fr dich, ich habe ihn aber nie gehrt, ich habe aber auch nie
ein Kind gesehen, das so aussieht wie du.  Hast du immer nur so
kurzes, krauses Haar gehabt?"

"Ja, ich denk's", gab Heidi zur Antwort.

"Bist du gern nach Frankfurt gekommen?", fragte Klara weiter.

"Nein, aber morgen geh ich dann wieder heim und bringe der
Gromutter weie Brtchen!", erklrte Heidi.

"Du bist aber ein kurioses Kind!", fuhr jetzt Klara auf.  "Man hat
dich ja express nach Frankfurt kommen lassen, dass du bei mir
bleibest und die Stunden mit mir nehmest, und siehst du, es wird
nun ganz lustig, weil du gar nicht lesen kannst, nun kommt etwas
ganz Neues in den Stunden vor.  Sonst ist es manchmal so
schrecklich langweilig und der Morgen will gar nicht zu Ende kommen.
Denn siehst du, alle Morgen um zehn Uhr kommt der Herr Kandidat,
und dann fangen die Stunden an und dauern bis um zwei Uhr, das ist
so lange.  Der Herr Kandidat nimmt auch manchmal das Buch ganz nahe
ans Gesicht heran, so, als wre er auf einmal ganz kurzsichtig
geworden, aber er ghnt nur furchtbar hinter dem Buch, und Frulein
Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit ihr groes Taschentuch
hervor und hlt es vor das ganze Gesicht hin, so, als sei sie ganz
ergriffen von etwas, das wir lesen; aber ich wei recht gut, dass
sie nur ganz schrecklich ghnt dahinter, und dann sollte ich auch
so stark ghnen und muss es immer hinunterschlucken, denn wenn ich
nur ein einziges Mal herausghne, so holt Frulein Rottenmeier
gleich den Fischtran und sagt, ich sei wieder schwach, und
Fischtran nehmen ist das Allerschrecklichste, da will ich doch
lieber Ghnen schlucken.  Aber nun wird's viel kurzweiliger, da
kann ich dann zuhren, wie du lesen lernst."

Heidi schttelte ganz bedenklich mit dem Kopf, als es vom
Lesenlernen hrte.

"Doch, doch, Heidi, natrlich musst du lesen lernen, alle Menschen
mssen, und der Herr Kandidat ist sehr gut, er wird niemals bse,
und er erklrt dir dann schon alles.  Aber siehst du, wenn er etwas
erklrt, dann verstehst du nichts davon; dann musst du nur warten
und gar nichts sagen, sonst erklrt er dir noch viel mehr und du
verstehst es noch weniger.  Aber dann nachher, wenn du etwas
gelernt hast und es weit, dann verstehst du schon, was er gemeint
hat."

Jetzt kam Frulein Rottenmeier wieder ins Zimmer zurck; sie hatte
Dete nicht mehr zurckrufen knnen und war sichtlich aufgeregt
davon, denn sie hatte dieser eigentlich gar nicht einlsslich sagen
knnen, was alles nicht nach Abrede sei bei dem Kinde, und da sie
nicht wusste, was nun zu tun sei, um ihren Schritt rckgngig zu
machen, war sie umso aufgeregter, denn sie selbst hatte die ganze
Sache angestiftet.  Sie lief nun vom Studierzimmer ins Esszimmer
hinber, und von da wieder zurck, und kehrte dann unmittelbar
wieder um und fuhr hier den Sebastian an, der seine runden Augen
eben nachdenklich ber den gedeckten Tisch gleiten lie, um zu
sehen, ob sein Werk keinen Mangel habe.

"Denk Er morgen Seine groen Gedanken fertig und mach Er, dass man
heut noch zu Tische komme."

Mit diesen Worten fuhr Frulein Rottenmeier an Sebastian vorbei und
rief nach der Tinette mit so wenig einladendem Ton, dass die
Jungfer Tinette mit noch viel kleineren Schritten herantrippelte
als sonst gewhnlich--und sich mit so spttischem Gesicht
hinstellte, dass selbst Frulein Rottenmeier nicht wagte, sie
anzufahren; umso mehr schlug ihr die Aufregung nach innen.

"Das Zimmer der Angekommenen ist in Ordnung zu bringen, Tinette",
sagte die Dame mit schwer errungener Ruhe; "es liegt alles bereit,
nehmen Sie noch den Staub von den Mbeln weg."

"Es ist der Mhe wert", spttelte Tinette und ging.

Unterdessen hatte Sebastian die Doppeltren zum Studierzimmer mit
ziemlichem Knall aufgeschlagen, denn er war sehr ergrimmt, aber
sich in Antworten Luft zu machen durfte er nicht wagen Frulein
Rottenmeier gegenber; dann trat er ganz gelassen ins Studierzimmer,
um den Rollstuhl hinberzustoen.  Whrend er den Griff hinten am
Stuhl, der sich verschoben hatte, zurechtdrehte, stellte sich Heidi
vor ihn hin und schaute ihn unverwandt an, was er bemerkte.  Auf
einmal fuhr er auf.  "Na, was ist denn da Besonderes dran?",
schnurrte er Heidi an in einer Weise, wie er es wohl nicht getan,
htte er Frulein Rottenmeier gesehen, die eben wieder auf der
Schwelle stand und gerade hereintrat, als Heidi entgegnete: "Du
siehst dem Geienpeter gleich."

Entsetzt schlug die Dame ihre Hnde zusammen.  "Ist es die
Mglichkeit!", sthnte sie halblaut.  "Nun duzt sie mir den
Bedienten!  Dem Wesen fehlen alle Urbegriffe!"

Der Stuhl kam herangerollt und Klara wurde von Sebastian
hinausgeschoben und auf ihren Sessel an den Tisch gesetzt.

Frulein Rottenmeier setzte sich neben sie und winkte Heidi, es
sollte den Platz ihr gegenber einnehmen.  Sonst kam niemand zu
Tische, und es war viel Platz da; die drei saen auch weit
auseinander, so dass Sebastian mit seiner Schssel zum Anbieten
guten Raum fand.  Neben Heidis Teller lag ein schnes, weies
Brtchen; das Kind schaute mit erfreuten Blicken darauf.  Die
hnlichkeit, die Heidi entdeckt hatte, musste sein ganzes Vertrauen
fr den Sebastian erweckt haben, denn es sa muschenstill und
rhrte sich nicht, bis er mit der groen Schssel zu ihm herantrat
und ihm die gebratenen Fischchen hinhielt, dann zeigte es auf das
Brtchen und fragte: "Kann ich das haben?" Sebastian nickte und
warf dabei einen Seitenblick auf Frulein Rottenmeier, denn es
wunderte ihn, was die Frage fr einen Eindruck auf sie mache.
Augenblicklich ergriff Heidi sein Brtchen und steckte es in die
Tasche.  Sebastian machte eine Grimasse, denn das Lachen kam ihn an;
er wusste aber wohl, dass ihm das nicht erlaubt war.  Stumm und
unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi stehen, denn reden durfte
er nicht, und weggehen durfte er wieder nicht, bis man sich bedient
hatte.  Heidi schaute ihm eine Zeit lang verwundert zu, dann fragte
es: "Soll ich auch von dem essen?" Sebastian nickte wieder.  "So
gib mir", sagte es und schaute ruhig auf seinen Teller.  Sebastians
Grimasse wurde sehr bedenklich, und die Schssel in seinen Hnden
fing an gefhrlich zu zittern.

"Er kann die Schssel auf den Tisch setzen und nachher
wiederkommen", sagte jetzt Frulein Rottenmeier mit strengem
Gesicht.  Sebastian verschwand sogleich.  "Dir, Adelheid, muss ich
berall die ersten Begriffe beibringen, das sehe ich", fuhr
Frulein Rottenmeier mit tiefem Seufzer fort.  "Vor allem will ich
dir zeigen, wie man sich am Tische bedient", und nun machte die
Dame deutlich und eingehend alles vor, was Heidi zu tun hatte.
"Dann", fuhr sie weiter, "muss ich dir hauptschlich bemerken, dass
du am Tisch nicht mit Sebastian zu sprechen hast, auch sonst nur
dann, wenn du einen Auftrag oder eine notwendige Frage an ihn zu
richten hast; dann aber nennst du ihn nie mehr anders als (Sie)
oder (Er), hrst du?  Dass ich dich niemals mehr ihn anders nennen
hre.  Auch Tinette nennst du (Sie), Jungfer Tinette.  Mich nennst
du so, wie du mich von allen nennen hrst; wie du Klara nennen
sollst, wird sie selbst bestimmen."

"Natrlich Klara", sagte diese.  Nun folgte aber noch eine Menge
von Verhaltungsmaregeln, ber Aufstehen und Zubettegehen, ber
Hereintreten und Hinausgehen, ber Ordnunghalten, Trenschlieen,
und ber alledem fielen dem Heidi die Augen zu, denn es war heute
vor fnf Uhr aufgestanden und hatte eine lange Reise gemacht.  Es
lehnte sich an den Sesselrcken und schlief ein.  Als dann nach
lngerer Zeit Frulein Rottenmeier zu Ende gekommen war mit ihrer
Unterweisung, sagte sie: "Nun denke daran, Adelheid!  Hast du alles
recht begriffen?"

"Heidi schlft schon lange", sagte Klara mit ganz belustigtem
Gesicht, denn das Abendessen war fr sie seit langer Zeit nie so
kurzweilig verflossen.

"Es ist doch vllig unerhrt, was man mit diesem Kind erlebt!",
rief Frulein Rottenmeier in groem rger und klingelte so heftig,
dass Tinette und Sebastian miteinander herbeigestrzt kamen; aber
trotz allen Lrms erwachte Heidi nicht, und man hatte die grte
Mhe, es so weit zu erwecken, dass es nach seinem Schlafgemach
gebracht werden konnte; erst durch das Studierzimmer, dann durch
Klaras Schlafstube, dann durch die Stube von Frulein Rottenmeier
zu dem Eckzimmer, das nun fr Heidi eingerichtet war.




Frulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag

Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen aufschlug,
konnte es durchaus nicht begreifen, was es erblickte.  Es rieb ganz
gewaltig seine Augen, guckte dann wieder auf und sah dasselbe.  Es
sa auf einem hohen, weien Bett und vor sich sah es einen groen,
weiten Raum, und wo die Helle herkam, hingen lange, lange weie
Vorhnge, und dabei standen zwei Sessel mit groen Blumen darauf,
und dann kam ein Sofa an der Wand mit denselben Blumen und ein
runder Tisch davor, und in der Ecke stand ein Waschtisch mit Sachen
darauf, wie Heidi sie noch gar nie gesehen hatte.  Aber nun kam ihm
auf einmal in den Sinn, dass es in Frankfurt sei, und der ganze
gestrige Tag kam ihm in Erinnerung und zuletzt noch ganz klar die
Unterweisungen der Dame, soweit es sie gehrt hatte.  Heidi sprang
nun von seinem Bett herunter und machte sich fertig.  Dann ging es
an ein Fenster und dann an das andere; es musste den Himmel sehen
und die Erde drauen, es fhlte sich wie im Kfig hinter den groen
Vorhngen.  Es konnte diese nicht wegschieben; so kroch es dahinter,
um an ein Fenster zu kommen.  Aber dieses war so hoch, dass Heidi
nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte, dass es durchsehen
konnte.  Aber Heidi fand nicht, was es suchte.  Es lief von einem
Fenster zum anderen und dann wieder zum ersten zurck; aber immer
war dasselbe vor seinen Augen, Mauern und Fenster und wieder Mauern
und dann wieder Fenster.  Es wurde Heidi ganz bange.  Noch war es
frh am Morgen, denn Heidi war gewhnt, frh aufzustehen auf der
Alm und dann sogleich hinauszulaufen vor die Tr und zu sehen,
wie's drauen sei, ob der Himmel blau und die Sonne schon droben
sei, ob die Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die Augen
offen haben.  Wie das Vgelein, das zum ersten Mal in seinem schn
glnzenden Gefngnis sitzt, hin und her schiet und bei allen
Stben probiert, ob es nicht dazwischen durchschlpfen und in die
Freiheit hinausfliegen knne, so lief Heidi immer von dem einen
Fenster zum anderen, um zu probieren, ob es nicht aufgemacht werden
knne, denn dann musste man doch etwas anderes sehen als Mauern und
Fenster, da musste doch unten der Erdboden, das grne Gras und der
letzte schmelzende Schnee an den Abhngen zum Vorschein kommen, und
Heidi sehnte sich, das zu sehen.  Aber die Fenster blieben fest
verschlossen, wie sehr auch das Kind drehte und zog und von unten
suchte, die kleinen Finger unter die Rahmen einzutreiben, damit es
Kraft htte, sie aufzudrcken; es blieb alles eisenfest aufeinander
sitzen.  Nach langer Zeit, als Heidi einsah, dass alle
Anstrengungen nichts halfen, gab es seinen Plan auf und berdachte
nun, wie es wre, wenn es vor das Haus hinausginge und hintenherum,
bis es auf den Grasboden kme, denn es erinnerte sich, dass es
gestern Abend vorn am Haus nur ber Steine gekommen war.  Jetzt
klopfte es an seiner Tr und unmittelbar darauf steckte Tinette den
Kopf herein und sagte kurz: "Frhstck bereit!"

Heidi verstand keineswegs eine Einladung unter diesen Worten; auf
dem spttischen Gesicht der Tinette stand viel mehr eine Warnung,
ihr nicht zu nah zu kommen, als eine freundliche Einladung
geschrieben, und das las Heidi deutlich von dem Gesicht und
richtete sich danach.  Es nahm den kleinen Schemel unter dem Tisch
empor, stellte ihn in eine Ecke, setzte sich darauf und wartete so
ganz still ab, was nun kommen wrde.  Nach einiger Zeit kam etwas
mit ziemlichem Gerusch, es war Frulein Rottenmeier, die schon
wieder in Aufregung geraten war und in Heidis Stube hineinrief:
"Was ist mit dir, Adelheid?  Begreifst du nicht, was ein Frhstck
ist?  Komm herber!"

Das verstand nun Heidi und folgte sogleich nach.  Im Esszimmer sa
Klara schon lang an ihrem Platz und begrte Heidi freundlich,
machte auch ein viel vergngteres Gesicht als sonst gewhnlich,
denn sie sah voraus, dass heute wieder allerlei Neues geschehen
wrde.  Das Frhstck ging nun ohne Strung vor sich; Heidi a ganz
anstndig sein Butterbrot, und wie alles zu Ende war, wurde Klara
wieder ins Studierzimmer hinbergerollt und Heidi wurde von
Frulein Rottenmeier angewiesen, nachzufolgen und bei Klara zu
bleiben, bis der Herr Kandidat kommen wrde, um die
Unterrichtsstunden zu beginnen.  Als die beiden Kinder allein waren,
sagte Heidi sogleich: "Wie kann man hinaussehen hier und ganz
hinunter auf den Boden?"

"Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus", antwortete Klara
belustigt.

"Man kann diese Fenster nicht aufmachen", versetzte Heidi traurig.

"Doch, doch", versicherte Klara, "nur du noch nicht, und ich kann
dir auch nicht helfen; aber wenn du einmal den Sebastian siehst, so
macht er dir schon eines auf."

Das war eine groe Erleichterung fr Heidi zu wissen, dass man doch
die Fenster ffnen und hinausschauen knne, denn noch war es ganz
unter dem Druck des Gefangenseins von seinem Zimmer her.  Klara
fing nun an, Heidi zu fragen, wie es bei ihm zu Hause sei, und
Heidi erzhlte mit Freuden von der Alm und den Geien und der Weide
und allem, was ihm lieb war.

Unterdessen war der Herr Kandidat angekommen; aber Frulein
Rottenmeier fhrte ihn nicht, wie gewhnlich, ins Studierzimmer,
denn sie musste sich erst aussprechen und geleitete ihn zu diesem
Zweck ins Esszimmer, wo sie sich vor ihn hinsetzte und ihm in
groer Aufregung ihre bedrngte Lage schilderte und wie sie in
diese hineingekommen war.

Sie hatte nmlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris
geschrieben, wo er eben verweilte, seine Tochter habe lngst
gewnscht, es mchte eine Gespielin fr sie ins Haus aufgenommen
werden, und auch sie selbst glaube, dass eine solche in den
Unterrichtsstunden ein Sporn, in der brigen Zeit eine anregende
Gesellschaft fr Klara sein wrde.  Eigentlich war die Sache fr
Frulein Rottenmeier selbst sehr wnschbar, denn sie wollte gern,
dass jemand da sei, der ihr die Unterhaltung der kranken Klara
abnehme, wenn es ihr zu viel war, was fters geschah.  Herr
Sesemann hatte geantwortet, er erflle gern den Wunsch seiner
Tochter, doch mit der Bedingung, dass eine solche Gespielin in
allem ganz gehalten werde wie jene, er wolle keine Kinderqulerei
in seinem Hause--"was freilich eine sehr unntze Bemerkung von dem
Herrn war", setzte Frulein Rottenmeier hinzu, "denn wer wollte
Kinder qulen!" Nun aber erzhlte sie weiter, wie ganz
erschrecklich sie hineingefallen sei mit dem Kinde, und fhrte alle
Beispiele von seinem vllig begriffslosen Dasein an, die es bis
jetzt geliefert hatte, dass nicht nur der Unterricht des Herrn
Kandidaten buchstblich beim Abc anfangen msse, sondern dass auch
sie auf jedem Punkte der menschlichen Erziehung mit dem Uranfang zu
beginnen htte.  Aus dieser unheilvollen Lage sehe sie nur ein
Rettungsmittel: Wenn der Herr Kandidat erklren werde, zwei so
verschiedene Wesen knnten nicht miteinander unterrichtet werden
ohne groen Schaden des vorgerckteren Teiles; das wre fr Herrn
Sesemann ein triftiger Grund, die Sache rckgngig zu machen, und
so wrde er zugeben, dass das Kind gleich wieder dahin
zurckgeschickt wrde, woher es gekommen war; ohne seine Zustimmung
aber drfte sie das nicht unternehmen, nun der Hausherr wisse, dass
das Kind angekommen sei.  Aber der Herr Kandidat war behutsam und
niemals einseitig im Urteilen.  Er trstete Frulein Rottenmeier
mit vielen Worten und der Ansicht, wenn die junge Tochter auf der
einen Seite so zurck sei, so mchte sie auf der anderen umso
gefrderter sein, was bei einem geregelten Unterricht bald ins
Gleichgewicht kommen werde.  Als Frulein Rottenmeier sah, dass der
Herr Kandidat sie nicht untersttzen, sondern seinen Abc-Unterricht
bernehmen wollte, machte sie ihm die Tr zum Studierzimmer auf,
und nachdem er hereingetreten war, schloss sie schnell hinter ihm
zu und blieb auf der anderen Seite, denn vor dem Abc hatte sie
einen Schrecken.  Sie ging jetzt mit groen Schritten im Zimmer auf
und nieder, denn sie hatte zu berlegen, wie die Dienstboten
Adelheid zu benennen htten.  Herr Sesemann hatte ja geschrieben,
sie msste wie seine Tochter gehalten werden, und dieses Wort
musste sich hauptschlich auf das Verhltnis zu den Dienstboten
beziehen, dachte Frulein Rottenmeier.  Sie konnte aber nicht lange
ungestrt berlegen, denn auf einmal ertnte drinnen im
Studierzimmer ein erschreckliches Gekrache fallender Gegenstnde
und dann ein Hilferuf nach Sebastian.  Sie strzte hinein.  Da lag
auf dem Boden alles bereinander, die smtlichen Studien-
Hilfsmittel, Bcher, Hefte, Tintenfass und obendrauf der
Tischteppich, unter dem ein schwarzes Tintenbchlein hervorfloss,
die ganze Stube entlang.  Heidi war verschwunden.

"Da haben wir's", rief Frulein Rottenmeier hnderingend aus.
"Teppich, Bcher, Arbeitskorb, alles in der Tinte!  Das ist noch
nie geschehen!  Das ist das Unglckswesen, da ist kein Zweifel!"

Der Herr Kandidat stand sehr erschrocken da und schaute auf die
Verwstung, die allerdings nur (eine) Seite hatte und eine recht
bestrzende.  Klara dagegen verfolgte mit vergngtem Gesicht die
ungewhnlichen Ereignisse und deren Wirkungen und sagte nun
erklrend: "Ja, Heidi hat's gemacht, aber nicht mit Absicht, es
muss gewiss nicht gestraft werden, es war nur so schrecklich eilig,
fortzukommen, und riss den Teppich mit, und so fiel alles
hintereinander auf den Boden.  Es fuhren viele Wagen hintereinander
vorbei, darum ist es so fortgeschossen; es hat vielleicht noch nie
eine Kutsche gesehen."

"Da, ist's nicht, wie ich sagte, Herr Kandidat?  Nicht (einen)
Urbegriff hat das Wesen!  Keine Ahnung davon, was eine
Unterrichtsstunde ist, dass man dabei zuzuhren und still zu sitzen
hat.  Aber wo ist das Unheil bringende Ding hin?  Wenn es
fortgelaufen wre!  Was wrde mir Herr Sesemann--"

Frulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter.  Hier,
unter der geffneten Haustr, stand Heidi und guckte ganz verblfft
die Strae auf und ab.

"Was ist denn?  Was fllt dir denn ein?  Wie kannst du so
davonlaufen!", fuhr Frulein Rottenmeier das Kind an.

"Ich habe die Tannen rauschen gehrt, aber ich wei nicht, wo sie
stehen, und hre sie nicht mehr", antwortete Heidi und schaute
enttuscht nach der Seite hin, wo das Rollen der Wagen verhallt war,
das in Heidis Ohren dem Tosen des Fhns in den Tannen hnlich
geklungen hatte, so dass es in hchster Freude dem Ton nachgerannt
war.

"Tannen!  Sind wir im Wald?  Was sind das fr Einflle!  Komm
herauf und sieh, was du angerichtet hast!" Damit stieg Frulein
Rottenmeier wieder die Treppe hinan; Heidi folgte ihr und stand nun
sehr verwundert vor der groen Verheerung, denn es hatte nicht
gemerkt, was es alles mitriss vor Freude und Eile, die Tannen zu
hren.

"Das hast du einmal getan, ein zweites Mal tust du's nicht wieder",
sagte Frulein Rottenmeier, auf den Boden zeigend; "zum Lernen
sitzt man still auf seinem Sessel und gibt Acht.  Kannst du das
nicht selbst fertig bringen, so muss ich dich an deinen Stuhl
festbinden.  Kannst du das verstehen?"

"Ja", entgegnete Heidi, "aber ich will schon festsitzen." Denn
jetzt hatte es begriffen, dass es eine Regel ist, in einer
Unterrichtsstunde still zu sitzen.

Jetzt mussten Sebastian und Tinette hereinkommen, um die Ordnung
wiederherzustellen.  Der Herr Kandidat entfernte sich, denn der
weitere Unterricht musste nun aufgegeben werden.  Zum Ghnen war
heute gar keine Zeit gewesen.

Am Nachmittag musste Klara immer eine Zeit lang ruhen und Heidi
hatte alsdann seine Beschftigung selbst zu whlen; so hatte
Frulein Rottenmeier ihm am Morgen erklrt.  Als nun nach Tisch
Klara sich in ihrem Sessel zur Ruhe gelegt hatte, ging Frulein
Rottenmeier nach ihrem Zimmer, und Heidi sah, dass nun die Zeit da
war, da es seine Beschftigung selbst whlen konnte.  Das war dem
Heidi sehr erwnscht, denn es hatte schon immer im Sinn, etwas zu
unternehmen; es musste aber Hilfe dazu haben und stellte sich darum
vor das Esszimmer mitten auf den Korridor, damit die Persnlichkeit,
die es zu beraten gedachte, ihm nicht entgehen knne.  Richtig,
nach kurzer Zeit kam Sebastian die Treppe herauf mit dem groen
Teebrett auf den Armen, denn er brachte das Silberzeug aus der
Kche herauf, um es im Schrank des Esszimmers zu verwahren.  Als er
auf der letzten Stufe der Treppe angekommen war, trat Heidi vor ihn
hin und sagte mit groer Deutlichkeit: "Sie oder Er!"

Sebastian riss die Augen so weit auf, als es nur mglich war, und
sagte ziemlich barsch: "Was soll das heien, Mamsell?"

"Ich mchte nur gern etwas fragen, aber es ist gewiss nichts Bses
wie heute Morgen", fgte Heidi beschwichtigend hinzu, denn es
merkte, dass Sebastian ein wenig erbittert war, und dachte, es
komme noch von der Tinte am Boden her.

"So, und warum muss es denn heien Sie oder Er, das mcht ich
zuerst wissen", gab Sebastian im gleichen barschen Ton zurck.

"Ja, so muss ich jetzt immer sagen", versicherte Heidi; "Frulein
Rottenmeier hat es befohlen."

Jetzt lachte Sebastian so laut auf, dass Heidi ihn ganz verwundert
ansehen musste, denn es hatte nichts Lustiges bemerkt; aber
Sebastian hatte auf einmal begriffen, was Frulein Rottenmeier
befohlen hatte, und sagte nun sehr erlustigt: "Schon recht, so
fahre die Mamsell nur zu."

"Ich heie gar nicht Mamsell", sagte nun Heidi seinerseits ein
wenig gergert; "ich heie Heidi."

"Ist schon recht; die gleiche Dame hat aber befohlen, dass ich
Mamsell sage", erklrte Sebastian.

"Hat sie?  Ja, dann muss ich schon so heien", sagte Heidi mit
Ergebung, denn es hatte wohl gemerkt, dass alles so geschehen
musste, wie Frulein Rottenmeier befahl.

"Jetzt habe ich schon drei Namen", setzte es mit einem Seufzer
hinzu.

"Was wollte die kleine Mamsell denn fragen?", fragte Sebastian
jetzt, indem er, ins Esszimmer eingetreten, sein Silberzeug im
Schrank zurechtlegte.

"Wie kann man ein Fenster aufmachen, Sebastian?"

"So, gerade so", und er machte den groen Fensterflgel auf.

Heidi trat heran, aber es war zu klein, um etwas sehen zu knnen;
es langte nur bis zum Gesims hinauf.

"Da, so kann das Mamsellchen einmal hinausgucken und sehen, was
unten ist", sagte Sebastian, indem er einen hohen hlzernen Schemel
herbeigeholt hatte und hinstellte.  Hoch erfreut stieg Heidi hinauf
und konnte endlich den ersehnten Blick durch das Fenster tun.  Aber
mit dem Ausdruck der grten Enttuschung zog es sogleich den Kopf
wieder zurck.

"Man sieht nur die steinerne Strae hier, sonst gar nichts", sagte
das Kind bedauerlich; "aber wenn man um das ganze Haus herumgeht,
was sieht man dann auf der anderen Seite, Sebastian?"

"Gerade dasselbe", gab dieser zur Antwort.

"Aber wohin kann man denn gehen, dass man weit, weit hinuntersehen
kann ber das ganze Tal hinab?"

"Da muss man auf einen hohen Turm hinaufsteigen, einen Kirchturm,
so einen, wie der dort ist mit der goldenen Kugel oben drauf.  Da
guckt man von oben herunter und sieht weit ber alles weg."

Jetzt stieg Heidi eilig von seinem Schemel herunter, rannte zur Tr
hinaus, die Treppe hinunter und trat auf die Strae hinaus.  Aber
die Sache ging nicht, wie Heidi sich vorgestellt hatte.  Als es aus
dem Fenster den Turm gesehen hatte, kam es ihm vor, es knne nur
ber die Strae gehen, so msste er gleich vor ihm stehen.  Nun
ging Heidi die ganze Strae hinunter, aber es kam nicht an den Turm,
konnte ihn auch nirgends mehr entdecken und kam nun in eine andere
Strae hinein und weiter und weiter, aber immer noch sah es den
Turm nicht.  Es gingen viele Leute an ihm vorbei, aber die waren
alle so eilig, dass Heidi dachte, sie htten nicht Zeit, ihm
Bescheid zu geben.  Jetzt sah es an der nchsten Straenecke einen
Jungen stehen, der eine kleine Drehorgel auf dem Rcken und ein
ganz kurioses Tier auf dem Arme trug.  Heidi lief zu ihm hin und
fragte: "Wo ist der Turm mit der goldenen Kugel zuoberst?"

"Wei nicht", war die Antwort.

"Wen kann ich denn fragen, wo er sei?", fragte Heidi weiter.

"Wei nicht."

"Weit du keine andere Kirche mit einem hohen Turm?"

"Freilich wei ich eine."

"So komm und zeige mir sie."

"Zeig du zuerst, was du mir dafr gibst." Der Junge hielt seine
Hand hin.  Heidi suchte in seiner Tasche herum.  Jetzt zog es ein
Bildchen hervor, darauf ein schnes Krnzchen von roten Rosen
gemalt war; erst sah es noch eine kleine Weile darauf hin, denn es
reute Heidi ein wenig.  Erst heute Morgen hatte Klara es ihm
geschenkt; aber hinuntersehen ins Tal, ber die grnen Abhnge!
"Da", sagte Heidi und hielt das Bildchen hin, "willst du das?"

Der Junge zog die Hand zurck und schttelte den Kopf.

"Was willst du denn?", fragte Heidi und steckte vergngt sein
Bildchen wieder ein.

"Geld."

"Ich habe keins, aber Klara hat, sie gibt mir dann schon; wie viel
willst du?"

"Zwanzig Pfennige."

"So komm jetzt."

Nun wanderten die beiden eine lange Strae hin, und auf dem Wege
fragte Heidi den Begleiter, was er auf dem Rcken trage, und er
erklrte ihm, es sei eine schne Orgel unter dem Tuch, die mache
eine prachtvolle Musik, wenn er daran drehe.

Auf einmal standen sie vor einer alten Kirche mit hohem Turm; der
Junge stand still und sagte: "Da."

"Aber wie komm ich da hinein?", fragte Heidi, als es die fest
verschlossenen Tren sah.

"Wei nicht", war wieder die Antwort.

"Glaubst du, man knne hier klingeln, so wie man dem Sebastian tut?"

"Wei nicht."

Heidi hatte eine Klingel entdeckt an der Mauer und zog jetzt aus
allen Krften daran.

"Wenn ich dann hinaufgehe, so musst du warten hier unten, ich wei
jetzt den Weg nicht mehr zurck, du musst mir ihn dann zeigen."

"Was gibst du mir dann?"

"Was muss ich dir dann wieder geben?"

"Wieder zwanzig Pfennige."

Jetzt wurde das alte Schloss inwendig umgedreht und die knarrende
Tr geffnet; ein alter Mann trat heraus und schaute erst
verwundert, dann ziemlich erzrnt auf die Kinder und fuhr sie an:
"Was untersteht ihr euch, mich da herunterzuklingeln?  Knnt ihr
nicht lesen, was ber der Klingel steht: 'Fr solche, die den
Turm besteigen wollen'?"

Der Junge wies mit dem Zeigefinger auf Heidi und sagte kein Wort.
Heidi antwortete: "Eben auf den Turm wollt ich."

"Was hast du droben zu tun?", fragte der Trmer; "hat dich jemand
geschickt?"

"Nein", entgegnete Heidi, "ich mchte nur hinaufgehen, dass ich
hinuntersehen kann."

"Macht, dass ihr heimkommt, und probiert den Spa nicht wieder,
oder ihr kommt nicht gut weg zum zweiten Mal!" Damit kehrte sich
der Trmer um und wollte die Tr zumachen.

Aber Heidi hielt ihn ein wenig am Rockscho und sagte bittend: "Nur
ein einziges Mal!"

Er sah sich um, und Heidis Augen schauten so flehentlich zu ihm auf,
dass es ihn ganz umstimmte; er nahm das Kind bei der Hand und
sagte freundlich: "Wenn dir so viel daran gelegen ist, so komm mit
mir!"

Der Junge setzte sich auf die steinernen Stufen vor der Tr nieder
und zeigte, dass er nicht mitwollte.

Heidi stieg an der Hand des Trmers viele, viele Treppen hinauf;
dann wurden diese immer schmler, und endlich ging es noch ein ganz
enges Treppchen hinauf, und nun waren sie oben.  Der Trmer hob
Heidi vom Boden auf und hielt es an das offene Fenster.

"Da, jetzt guck hinunter", sagte er.

Heidi sah auf ein Meer von Dchern, Trmen und Schornsteinen nieder;
es zog bald seinen Kopf zurck und sagte niedergeschlagen: "Es ist
gar nicht, wie ich gemeint habe."

"Siehst du wohl?  Was versteht so ein Kleines von Aussicht!  So,
komm nun wieder herunter und lute nie mehr an einem Turm!"

Der Trmer stellte Heidi wieder auf den Boden und stieg ihm voran
die schmalen Stufen hinab.  Wo diese breiter wurden, kam links die
Tr, die in des Trmers Stbchen fhrte, und nebenan ging der Boden
bis unter das schrge Dach hin.  Dort hinten stand ein groer Korb
und davor sa eine dicke graue Katze und knurrte, denn in dem Korb
wohnte ihre Familie und sie wollte jeden Vorbergehenden davor
warnen, sich in ihre Familienangelegenheiten zu mischen.  Heidi
stand still und schaute verwundert hinber, eine so mchtige Katze
hatte es noch nie gesehen; in dem alten Turm wohnten aber ganze
Herden von Musen, so holte sich die Katze ohne Mhe jeden Tag ein
halbes Dutzend Musebraten.  Der Trmer sah Heidis Bewunderung und
sagte: "Komm, sie tut dir nichts, wenn ich dabei bin; du kannst die
Jungen ansehen."

Heidi trat an den Korb heran und brach in ein groes Entzcken aus.

"Oh, die netten Tierlein!  Die schnen Ktzchen!", rief es ein Mal
ums andere und sprang hin und her um den Korb herum, um auch recht
alle komischen Gebrden und Sprnge zu sehen, welche die sieben
oder acht jungen Ktzchen vollfhrten, die in dem Korb rastlos
bereinanderhin krabbelten, sprangen, fielen.

"Willst du eins haben?", fragte der Trmer, der Heidis
Freudensprngen vergngt zuschaute.

"Selbst fr mich?  Fr immer?", fragte Heidi gespannt und konnte
das groe Glck fast nicht glauben.

"Ja, gewiss, du kannst auch noch mehr haben, du kannst sie alle
zusammen haben, wenn du Platz hast", sagte der Mann, dem es gerade
recht war, seine kleinen Katzen loszuwerden, ohne dass er ihnen ein
Leid antun musste.

Heidi war im hchsten Glck.  In dem groen Hause hatten ja die
Ktzchen so viel Platz, und wie musste Klara erstaunt und erfreut
sein, wenn die niedlichen Tierchen ankamen!

"Aber wie kann ich sie mitnehmen?", fragte nun Heidi und wollte
schnell einige fangen mit seinen Hnden, aber die dicke Katze
sprang ihm auf den Arm und fauchte es so grimmig an, dass es sehr
erschrocken zurckfuhr.

"Ich will sie dir bringen, sag nur, wohin", sagte der Trmer, der
die alte Katze nun streichelte, um sie wieder gut zu machen, denn
sie war seine Freundin und hatte schon viele Jahre mit ihm auf dem
Turm gelebt.

"Zum Herrn Sesemann in dem groen Haus, wo an der Haustr ein
goldener Hundskopf ist mit einem dicken Ring im Maul", erklrte
Heidi.

Es htte nicht einmal so viel gebraucht fr den Trmer, der schon
seit langen Jahren auf dem Turm sa und jedes Haus weithin kannte,
und dazu war der Sebastian noch ein alter Bekannter von ihm.

"Ich wei schon", bemerkte er; "aber wem muss ich die Dinger
bringen, bei wem muss ich nachfragen, du gehrst doch nicht Herrn
Sesemann?"

"Nein, aber die Klara, sie hat eine so groe Freude, wenn die
Ktzchen kommen!"

Der Trmer wollte nun weitergehen, aber Heidi konnte sich von dem
unterhaltenden Schauspiel fast nicht trennen.

"Wenn ich nur schon eins oder zwei mitnehmen knnte!  Eins fr mich
und eins fr Klara, kann ich nicht?"

"So wart ein wenig", sagte der Trmer, trug dann die alte Katze
behutsam in sein Stbchen hinein und stellte sie an das
Essschsselchen hin, schloss die Tr vor ihr zu und kam zurck: "So,
nun nimm zwei!"

Heidis Augen leuchteten vor Wonne.  Es las ein weies und dann ein
gelb und wei gestreiftes aus und steckte eins in die rechte und
eins in die linke Tasche.  Nun ging's die Treppe hinunter.

Der Junge sa noch auf den Stufen drauen, und als nun der Trmer
hinter Heidi die Tr zugeschlossen hatte, sagte das Kind: "Welchen
Weg mssen wir nun zu Herrn Sesemanns Haus?"

"Wei nicht", war die Antwort.

Heidi fing nun an zu beschreiben, was es wusste, die Haustr und
die Fenster und die Treppen, aber der Junge schttelte zu allem den
Kopf, es war ihm alles unbekannt.

"Siehst du", fuhr dann Heidi im Beschreiben fort, "aus einem
Fenster sieht man ein groes, groes, graues Haus und das Dach geht
so"--Heidi zeichnete hier mit dem Zeigefinger groe Zacken in die
Luft hinaus.

Jetzt sprang der Junge auf, er mochte hnliche Merkmale haben,
seine Wege zu finden.  Er lief nun in einem Zug drauflos und Heidi
hinter ihm drein, und in kurzer Zeit standen sie richtig vor der
Haustr mit dem groen Messing-Tierkopf.  Heidi zog die Glocke.
Bald erschien Sebastian, und wie er Heidi erblickte, rief er
drngend: "Schnell!  Schnell!"

Heidi sprang eilig herein, und Sebastian schlug die Tr zu; den
Jungen, der verblfft drauen stand, hatte er gar nicht bemerkt.

"Schnell, Mamsellchen", drngte Sebastian weiter, "gleich ins
Esszimmer hinein, sie sitzen schon am Tisch.  Frulein Rottenmeier
sieht aus wie eine geladene Kanone; was stellt aber auch die kleine
Mamsell an, so fortzulaufen?"

Heidi war ins Zimmer getreten.  Frulein Rottenmeier blickte nicht
auf; Klara sagte auch nichts, es war eine etwas unheimliche Stille.
Sebastian rckte Heidi den Sessel zurecht.  Jetzt, wie es auf
seinem Stuhl sa, begann Frulein Rottenmeier mit strengem Gesicht
und einem ganz feierlich-ernsten Ton: "Adelheid, ich werde nachher
mit dir sprechen, jetzt nur so viel: Du hast dich sehr ungezogen,
wirklich strafbar benommen, dass du das Haus verlsst, ohne zu
fragen, ohne dass jemand ein Wort davon wusste, und herumstreichst
bis zum spten Abend; es ist eine vllig beispiellose Auffhrung."

"Miau", tnte es wie als Antwort zurck.

Aber jetzt stieg der Zorn der Dame.  "Wie, Adelheid", rief sie in
immer hheren Tnen, "du unterstehst dich noch, nach aller
Ungezogenheit einen schlechten Spa zu machen?  Hte dich wohl, sag
ich dir!"

"Ich mache", fing Heidi an--"Miau!  Miau!"

Sebastian warf fast seine Schssel auf den Tisch und strzte hinaus.

"Es ist genug", wollte Frulein Rottenmeier rufen; aber vor
Aufregung tnte ihre Stimme gar nicht mehr.  "Steh auf und verlass
das Zimmer."

Heidi stand erschrocken von seinem Sessel auf und wollte noch
einmal erklren: "Ich mache gewiss"--"Miau!  Miau!  Miau!"

"Aber Heidi", sagte jetzt Klara, "wenn du doch siehst, dass du
Frulein Rottenmeier so bse machst, warum machst du immer wieder
'miau'?"

"Ich mache nicht, die Ktzlein machen", konnte Heidi endlich
ungestrt hervorbringen.

"Wie?  Was?  Katzen?  junge Katzen?", schrie Frulein Rottenmeier
auf.  "Sebastian!  Tinette!  Sucht die greulichen Tiere!  Schafft
sie fort!" Damit strzte die Dame ins Studierzimmer hinein und
riegelte die Tren zu, um sicherer zu sein, denn junge Katzen waren
fr Frulein Rottenmeier das Schrecklichste in der Schpfung.
Sebastian stand drauen vor der Tr und musste erst fertig lachen,
eh er wieder eintreten konnte.  Er hatte, als er Heidi bediente,
einen kleinen Katzenkopf aus dessen Tasche herausgucken gesehen und
sah dem Spektakel entgegen, und wie er nun ausbrach, konnte er sich
nicht mehr halten, kaum noch seine Schssel auf den Tisch setzen.
Endlich trat er denn wieder gefasst ins Zimmer herein, nachdem die
Hilferufe der gengsteten Dame schon lngere Zeit verklungen waren.
Jetzt sah es ganz still und friedlich aus drinnen; Klara hielt die
Ktzchen auf ihrem Scho, Heidi kniete neben ihr und beide spielten
mit groer Wonne mit den zwei winzigen, grazisen Tierchen.

"Sebastian", sagte Klara zu dem Eintretenden, "Sie mssen uns
helfen; Sie mssen ein Nest finden fr die Ktzchen, wo Frulein
Rottenmeier sie nicht sieht, denn sie frchtet sich vor ihnen und
will sie forthaben; aber wir wollen die niedlichen Tierchen
behalten und sie immer hervorholen, sobald wir allein sind.  Wo
kann man sie hintun?"

"Das will ich schon besorgen, Frulein Klara", entgegnete Sebastian
bereitwillig; "ich mache ein schnes Bettchen in einem Korb und
stelle den an einen Ort, wo mir die furchtsame Dame nicht dahinter
kommt, verlassen Sie sich auf mich." Sebastian ging gleich an die
Arbeit und kicherte bestndig vor sich hin, denn er dachte: "Das
wird noch was absetzen!", und der Sebastian sah es nicht ungern,
wenn Frulein Rottenmeier ein wenig in Aufregung geriet.

Nach lngerer Zeit erst, als der Augenblick des Schlafengehens
nahte, machte Frulein Rottenmeier ein ganz klein wenig die Tr auf
und rief durch das Spltchen heraus: "Sind die abscheulichen Tiere
fortgeschafft?"

"Jawohl!  Jawohl!", gab Sebastian zurck, der sich im Zimmer zu
schaffen gemacht hatte in Erwartung dieser Frage.  Schnell und
leise fasste er die beiden Ktzchen auf Klaras Scho und verschwand
damit.

Die besondere Strafrede, die Frulein Rottenmeier Heidi noch zu
halten gedachte, verschob sie auf den folgenden Tag, denn heute
fhlte sie sich zu erschpft nach all den vorhergegangenen
Gemtsbewegungen von rger, Zorn und Schrecken, die ihr Heidi ganz
unwissentlich nacheinander verursacht hatte.  Sie zog sich
schweigend zurck, und Klara und Heidi folgten vergngt nach, denn
sie wussten ihre Ktzchen in einem guten Bett.




Im Hause Sesemann geht's unruhig zu

Als Sebastian am folgenden Morgen dem Herrn Kandidaten die Haustr
geffnet und ihn zum Studierzimmer gefhrt hatte, zog schon wieder
jemand die Hausglocke an, aber mit solcher Gewalt, dass Sebastian
die Treppe vllig hinunterschoss, denn er dachte: "So schellt nur
der Herr Sesemann selbst, er muss unerwartet nach Hause gekommen
sein." Er riss die Tr auf--ein zerlumpter Junge mit einer
Drehorgel auf dem Rcken stand vor ihm.

"Was soll das heien?", fuhr ihn Sebastian an.  "Ich will dich
lehren, Glocken herunterzureien!  Was hast du hier zu tun?"

"Ich muss zur Klara", war die Antwort.

"Du ungewaschener Straenkfer du; kannst du nicht sagen '
Frulein Klara', wie unsereins tut?  Was hast du bei Frulein
Klara zu tun?", fragte Sebastian barsch.

"Sie ist mir vierzig Pfennige schuldig", erklrte der Junge.

"Du bist, denk ich, nicht recht im Kopf!  Wie weit du berhaupt,
dass ein Frulein Klara hier ist?"

"Gestern habe ich ihr den Weg gezeigt, macht zwanzig, und dann
wieder zurck den Weg gezeigt, macht vierzig."

"Da siehst du, was fr Zeug du zusammenflunkerst; Frulein Klara
geht niemals aus, kann gar nicht gehen, mach, dass du dahin kommst,
wo du hingehrst, bevor ich dir dazu verhelfe!"

Aber der Junge lie sich nicht einschchtern; er blieb unbeweglich
stehen und sagte trocken: "Ich habe sie doch gesehen auf der Strae,
ich kann sie beschreiben: Sie hat kurzes, krauses Haar, das ist
schwarz, und die Augen sind schwarz und der Rock ist braun, und sie
kann nicht reden wie wir."

"Oho", dachte jetzt Sebastian und kicherte in sich hinein, "das ist
die kleine Mamsell, die hat wieder etwas angestellt." Dann sagte er,
den Jungen hereinziehend: "'s ist schon recht, komm mir nur nach
und warte vor der Tr, bis ich wieder herauskomme.  Wenn ich dich
dann einlasse, kannst du gleich etwas spielen; das Frulein hrt es
gern."

Oben klopfte er am Studierzimmer und wurde hereingerufen.

"Es ist ein Junge da, der durchaus an Frulein Klara selbst etwas
zu bestellen hat", berichtete Sebastian.

Klara war sehr erfreut ber das auergewhnliche Ereignis.

"Er soll nur gleich hereinkommen", sagte sie, "nicht wahr, Herr
Kandidat, wenn er doch mit mir selbst sprechen muss."

Der Junge war schon eingetreten, und nach Anweisung fing er sofort
seine Orgel zu drehen an.  Frulein Rottenmeier hatte, um dem Abc
auszuweichen, sich im Esszimmer allerlei zu schaffen gemacht.  Auf
einmal horchte sie auf.--Kamen die Tne von der Strae her?  Aber
so nahe?  Wie konnte vom Studierzimmer her eine Drehorgel ertnen?
Und dennoch--wahrhaftig--sie strzte durch das lange Esszimmer
und riss die Tr auf.  Da--unglaublich--da stand mitten im
Studierzimmer ein zerlumpter Orgelspieler und drehte sein
Instrument mit grter Emsigkeit.  Der Herr Kandidat schien
immerfort etwas sagen zu wollen, aber es wurde nichts vernommen.
Klara und Heidi hrten mit ganz erfreuten Gesichtern der Musik zu.

"Aufhren!  Sofort aufhren!", rief Frulein Rottenmeier ins Zimmer
hinein.  Ihre Stimme wurde bertnt von der Musik.  Jetzt lief sie
auf den Jungen zu--aber auf einmal hatte sie etwas zwischen den
Fen, sie sah auf den Boden: ein grausiges, schwarzes Tier kroch
ihr zwischen den Fen durch--eine Schildkrte.  Jetzt tat
Frulein Rottenmeier einen Sprung in die Hhe, wie sie seit vielen
Jahren keinen getan hatte, dann schrie sie aus Leibeskrften:
"Sebastian!  Sebastian!"

Pltzlich hielt der Orgelspieler inne, denn diesmal hatte die
Stimme die Musik bertnt.  Sebastian stand drauen vor der halb
offenen Tr und krmmte sich vor Lachen, denn er hatte zugesehen,
wie der Sprung vor sich ging.  Endlich kam er herein.  Frulein
Rottenmeier war auf einen Stuhl niedergesunken.

"Fort mit allem, Mensch und Tier!  Schaffen Sie sie weg, Sebastian,
sofort!", rief sie ihm entgegen.  Sebastian gehorchte bereitwillig,
zog den Jungen hinaus, der schnell seine Schildkrte erfasst hatte,
drckte ihm drauen etwas in die Hand und sagte: "Vierzig fr
Frulein Klara, und vierzig frs Spielen, das hast du gut gemacht";
damit schloss er hinter ihm die Haustr.  Im Studierzimmer war es
wieder ruhig geworden; die Studien wurden wieder fortgesetzt, und
Frulein Rottenmeier hatte sich nun auch festgesetzt in dem Zimmer,
um durch ihre Gegenwart hnliche Gruel zu verhten.  Den Vorfall
wollte sie nach den Unterrichtsstunden untersuchen und den
Schuldigen so bestrafen, dass er daran denken wrde.

Schon wieder klopfte es an die Tr, und herein trat abermals
Sebastian mit der Nachricht, es sei ein groer Korb gebracht worden,
der sogleich an Frulein Klara selbst abzugeben sei.

"An mich?", fragte Klara erstaunt und uerst neugierig, was das
sein mchte; "zeigen Sie doch gleich einmal her, wie er aussieht."

Sebastian brachte einen bedeckten Korb herein und entfernte sich
dann eilig wieder.

"Ich denke, erst wird der Unterricht beendet, dann der Korb
ausgepackt", bemerkte Frulein Rottenmeier.

Klara konnte sich nicht vorstellen, was man ihr gebracht hatte; sie
schaute sehr verlangend nach dem Korb.

"Herr Kandidat", sagte sie, sich selbst in ihrem Deklinieren
unterbrechend, "knnte ich nicht nur einmal schnell hineinsehen, um
zu wissen, was drin ist, und dann gleich wieder fortfahren?"

"In einer Hinsicht knnte man dafr, in einer anderen dawider sein",
entgegnete der Herr Kandidat; "(dafr) sprche der Grund, dass,
wenn nun Ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gerichtet
ist--"; die Rede konnte nicht beendigt werden.  Der Deckel des
Korbes sa nur lose darauf, und nun sprangen mit einem Mal ein,
zwei drei und wieder zwei und immer noch mehr junge Ktzchen
darunter hervor und ins Zimmer hinaus, und mit einer so
unbegreiflichen Schnelligkeit fuhren sie berall herum, dass es war,
als wre das ganze Zimmer voll solcher Tierchen.  Sie sprangen
ber die Stiefel des Herrn Kandidaten, bissen an seinen
Beinkleidern, kletterten am Kleid von Frulein Rottenmeier empor,
krabbelten um ihre Fe herum, sprangen an Klaras Sessel hinauf,
kratzten, krabbelten, miauten; es war ein arges Gewirre.  Klara
rief immerfort voller Entzcken: "Oh, die niedlichen Tierchen!  Die
lustigen Sprnge!  Sieh!  Sieh!  Heidi, hier, dort, sieh dieses!"
Heidi schoss ihnen vor Freude in alle Winkel nach.  Der Herr
Kandidat stand sehr verlegen am Tisch und zog bald den einen, bald
den andern Fu in die Hhe, um ihn dem unheimlichen Gekrabbel zu
entziehen.  Frulein Rottenmeier sa erst sprachlos vor Entsetzen
in ihrem Sessel, dann fing sie an aus Leibeskrften zu schreien:
"Tinette!  Tinette!  Sebastian!  Sebastian!", denn vom Sessel
aufzustehen konnte sie unmglich wagen, da konnten ja mit einem Mal
alle die kleinen Scheusale an ihr emporspringen.

Endlich kamen Sebastian und Tinette auf die wiederholten Hilferufe
herbei, und jener packte gleich eins nach dem andern der kleinen
Geschpfe in den Korb hinein und trug sie auf den Estrich zu dem
Katzenlager, das er fr die zwei von gestern bereitet hatte.

Auch am heutigen Tage hatte kein Ghnen whrend der
Unterrichtsstunden stattgefunden.  Am spten Abend, als Frulein
Rottenmeier sich von den Aufregungen des Morgens wieder hinlnglich
erholt hatte, berief sie Sebastian und Tinette ins Studierzimmer
herauf, um hier eine grndliche Untersuchung ber die strafwrdigen
Vorgnge anzustellen.  Nun kam es denn heraus, dass Heidi auf
seinem gestrigen Ausflug die smtlichen Ereignisse vorbereitet und
herbeigefhrt hatte.  Frulein Rottenmeier sa wei vor Entrstung
da und konnte erst keine Worte fr ihre Empfindungen finden.  Sie
winkte mit der Hand, dass Sebastian und Tinette sich entfernen
sollten.  Jetzt wandte sie sich an Heidi, das neben Klaras Sessel
stand und nicht recht begriff, was es verbrochen hatte.

"Adelheid", begann sie mit strengem Ton, "ich wei nur (eine)
Strafe, die dir empfindlich sein knnte, denn du bist eine Barbarin;
aber wir wollen sehen, ob du unten im dunklen Keller bei Molchen
und Ratten nicht zahm wirst, dass du dir keine solchen Dinge mehr
einfallen lsst."

Heidi hrte still und verwundert sein Urteil an, denn in einem
schreckhaften Keller war es noch nie gewesen, der anstoende Raum
in der Almhtte, den der Grovater Keller nannte, wo immer die
fertigen Kse lagen und die frische Milch stand, war eher ein
anmutiger und einladender Ort, und Ratten und Molche hatte es noch
keine gesehen.

Aber Klara erhob einen lauten Jammer: "Nein, nein, Frulein
Rottenmeier, man muss warten, bis der Papa da ist; er hat ja
geschrieben, er komme nun bald, und dann will ich ihm alles
erzhlen, und er sagt dann schon, was mit Heidi geschehen soll."

Gegen diesen Oberrichter durfte Frulein Rottenmeier nichts
einwenden, umso weniger, da er wirklich in Blde zu erwarten war.
Sie stand auf und sagte etwas grimmig: "Gut, Klara, aber auch ich
werde ein Wort mit Herrn Sesemann sprechen." Damit verlie sie das
Zimmer.

Es verflossen nun ein paar ungestrte Tage, aber Frulein
Rottenmeier kam nicht mehr aus der Aufregung heraus, stndlich trat
ihr die Tuschung vor Augen, die sie in Heidis Persnlichkeit
erlebt hatte, und es war ihr, als sei seit seiner Erscheinung im
Hause Sesemann alles aus den Fugen gekommen und komme nicht wieder
hinein.  Klara war sehr vergngt; sie langweilte sich nie mehr,
denn in den Unterrichtsstunden machte Heidi die kurzweiligsten
Sachen; die Buchstaben machte es immer alle durcheinander und
konnte sie nie kennen lernen, und wenn der Herr Kandidat mitten im
Erklren und Beschreiben ihrer Formen war, um sie ihm anschaulicher
zu machen und als Vergleichung etwa von einem Hrnchen oder einem
Schnabel sprach dabei, rief es auf einmal in aller Freude aus: "Es
ist eine Gei!", oder: "Es ist ein Raubvogel!" Denn die
Beschreibungen weckten in seinem Gehirn allerlei Vorstellungen, nur
keine Buchstaben.  In den spteren Nachmittagsstunden sa Heidi
wieder bei Klara und erzhlte ihr immer wieder von der Alm und dem
Leben dort, so viel und so lange, bis das Verlangen darnach in ihm
so brennend wurde, dass es immer zum Schluss versicherte: "Nun muss
ich gewiss wieder heim!  Morgen muss ich gewiss gehen!" Aber Klara
beschwichtigte immer wieder diese Anflle und bewies Heidi, dass es
doch sicher dableiben msse, bis der Papa komme; dann werde man
schon sehen, wie es weitergehe.  Wenn Heidi alsdann immer wieder
nachgab und gleich wieder zufrieden war, so half ihm eine frhliche
Aussicht dazu, die es im Stillen hatte, dass mit jedem Tage, den es
noch dablieb, sein Huflein Brtchen fr die Gromutter wieder um
zwei grer wrde, denn mittags und abends lag immer ein schnes
Weibrtchen bei seinem Teller; das steckte es gleich ein, denn es
htte das Brtchen nie essen knnen beim Gedanken, dass die
Gromutter nie eines habe und das harte, schwarze Brot fast nicht
mehr essen konnte.  Nach Tisch sa Heidi jeden Tag ein paar Stunden
lang ganz allein in seinem Zimmer und regte sich nicht, denn dass
es in Frankfurt verboten war, nur so hinauszulaufen, wie es auf der
Alm getan, das hatte es nun begriffen und tat es nie mehr.  Mit
Sebastian drben im Esszimmer ein Gesprch fhren durfte es auch
nicht, das hatte Frulein Rottenmeier auch verboten, und mit
Tinette eine Unterhaltung zu probieren, daran kam ihm kein Sinn; es
ging ihr immer scheu aus dem Wege, denn sie redete nur in
hhnischem Ton mit ihm und spttelte es fortwhrend an, und Heidi
verstand ihre Art ganz gut, und dass sie es nur immer ausspottete.
So sa Heidi tglich da und hatte alle Zeit, sich auszudenken, wie
nun die Alm wieder grn war und wie die gelben Blmchen im
Sonnenschein glitzerten und wie alles leuchtete rings um die Sonne,
der Schnee und die Berge und das ganze weite Tal, und Heidi konnte
es manchmal fast nicht mehr aushalten vor Verlangen, wieder dort zu
sein.  Die Base hatte ja auch gesagt, es knne wieder heimgehen,
wann es wolle.  So kam es, dass Heidi eines Tages es nicht mehr
aushielt; es packte in aller Eile seine Brtchen in das groe rote
Halstuch zusammen, setzte sein Strohhtchen auf und zog aus.  Aber
schon unter der Haustr traf es auf ein groes Reisehindernis, auf
Frulein Rottenmeier selbst, die eben von einem Ausgang
zurckkehrte.  Sie stand still und schaute in starrem Erstaunen
Heidi von oben bis unten an, und ihr Blick blieb vorzglich auf dem
gefllten roten Halstuch haften.  Jetzt brach sie los.

"Was ist das fr ein Aufzug?  Was heit das berhaupt?  Habe ich
dir nicht streng verboten, je wieder herumzustreichen?  Nun
probierst du's doch wieder und dazu noch vllig aussehend wie eine
Landstreicherin."

"Ich wollte nicht herumstreichen, ich wollte nur heimgehen",
entgegnete Heidi erschrocken.

"Wie?  Was?  Heimgehen?  Heimgehen wolltest du?" Frulein
Rottenmeier schlug die Hnde zusammen vor Aufregung.  "Fortlaufen!
Wenn das Herr Sesemann wsste!  Fortlaufen aus seinem Hause!  Mach
nicht, dass er das je erfhrt!  Und was ist dir denn nicht recht in
seinem Hause?  Wirst du nicht viel besser behandelt, als du
verdienst?  Fehlt es dir an irgendetwas?  Hast du je in deinem
ganzen Leben eine Wohnung oder einen Tisch oder eine Bedienung
gehabt, wie du hier hast?  Sag!"

"Nein", entgegnete Heidi.

"Das wei ich wohl!", fuhr die Dame eifrig fort.  "Nichts fehlt dir,
gar nichts, du bist ein ganz unglaublich undankbares Kind, und vor
lauter Wohlsein weit du nicht, was du noch alles anstellen willst!"

Aber jetzt kam dem Heidi alles obenauf, was in ihm war, und brach
hervor: "Ich will ja nur heim, und wenn ich so lang nicht komme, so
muss das Schneehppli immer klagen, und die Gromutter erwartet
mich, und der Distelfink bekommt die Rute, wenn der Geienpeter
keinen Kse bekommt, und hier kann man gar nie sehen, wie die Sonne
gute Nacht sagt zu den Bergen; und wenn der Raubvogel in Frankfurt
obenber fliegen wrde, so wrde er noch viel lauter krchzen, dass
so viele Menschen beieinander sitzen und einander bs machen und
nicht auf den Felsen gehen, wo es einem wohl ist."

"Barmherzigkeit, das Kind ist bergeschnappt!", rief Frulein
Rottenmeier aus und strzte mit Schrecken die Treppe hinauf, wo sie
sehr unsanft gegen den Sebastian rannte, der eben hinunter wollte.
"Holen Sie auf der Stelle das unglckliche Wesen herauf!", rief sie
ihm zu, indem sie sich den Kopf rieb, denn sie war hart angestoen.

"Ja, ja, schon recht, danke schn", gab Sebastian zurck und rieb
sich den seinen, denn er war noch hrter angefahren.

Heidi stand mit flammenden Augen noch auf derselben Stelle fest und
zitterte vor innerer Erregung am ganzen Krper.

"Na, schon wieder was angestellt?", fragte Sebastian lustig; als er
aber Heidi, das sich nicht rhrte, recht ansah, klopfte er ihm
freundlich auf die Schulter und sagte trstend: "Pah!  Pah!  Das
muss sich das Mamsellchen nicht so zu Herzen nehmen, nur lustig,
das ist die Hauptsache!  Sie hat mir eben jetzt auch fast ein Loch
in den Kopf gerannt; aber nur nicht einschchtern lassen!  Na?
Immer noch auf demselben Fleck?  Wir mssen hinauf, sie hat's
befohlen."

Heidi ging nun die Treppe hinauf, aber langsam und leise und gar
nicht, wie sonst seine Art war.  Das tat dem Sebastian Leid zu
sehen; er ging hinter dem Heidi her und sprach ermutigende Worte zu
ihm: "Nur nicht abgeben!  Nur nicht traurig werden!  Nur immer
tapfer darauf zu!  Wir haben ja ein ganz vernnftiges Mamsellchen,
hat noch gar nie geweint, seit es bei uns ist; sonst weinen sie ja
zwlfmal im Tag in dem Alter, das kennt man.  Die Ktzchen sind
auch lustig droben, die springen auf dem ganzen Estrich herum und
tun wie nrrisch.  Nachher gehen wir mal zusammen hinauf und
schauen ihnen zu, wenn die Dame drinnen weg ist, ja?"

Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf, aber so freudlos, dass es dem
Sebastian recht zu Herzen ging und er ganz teilnehmend dem Heidi
nachschaute, wie es nach seinem Zimmer hin schlich.

Am Abendessen heute sagte Frulein Rottenmeier kein Wort, aber
fortwhrend warf sie sonderbar wachsame Blicke zu Heidi hinber, so
als erwartete sie, es knnte pltzlich etwas Unerhrtes unternehmen;
aber Heidi sa muschenstill am Tisch und rhrte sich nicht, es a
nicht und trank nicht; nur sein Brtchen hatte es schnell in die
Tasche gesteckt.

Am folgenden Morgen, als der Herr Kandidat die Treppe heraufkam,
winkte ihn Frulein Rottenmeier geheimnisvoll ins Esszimmer herein,
und hier teilte sie ihm in groer Aufregung ihre Besorgnis mit, die
Luftvernderung, die neue Lebensart und die ungewohnten Eindrcke
htten das Kind um den Verstand gebracht, und sie erzhlte ihm von
Heidis Fluchtversuch und wiederholte ihm von seinen sonderbaren
Reden, was sie noch wusste.  Aber der Herr Kandidat besnftigte und
beruhigte Frulein Rottenmeier, indem er sie versicherte, dass er
die Wahrnehmung gemacht habe, die Adelheid sei zwar einerseits
allerdings eher exzentrisch, aber anderseits doch wieder bei
richtigem Verstand, so dass sich nach und nach bei einer allseitig
erwogenen Behandlung das ntige Gleichgewicht einstellen knne, was
er im Auge habe; er finde den Umstand wichtiger, dass er durchaus
nicht ber das Abc hinauskomme mit ihr, indem sie die Buchstaben
nicht zu fassen imstande sei.

Frulein Rottenmeier fhlte sich beruhigter und entlie den Herrn
Kandidaten zu seiner Arbeit.  Am spteren Nachmittag stieg ihr die
Erinnerung an Heidis Aufzug bei seiner vorgehabten Abreise auf, und
sie beschloss, die Gewandung des Kindes durch verschiedene
Kleidungsstcke der Klara in den ntigen Stand zu setzen, bevor
Herr Sesemann erscheinen wrde.  Sie teilte ihre Gedanken darber
an Klara mit, und da diese mit allem einverstanden war und dem
Heidi eine Menge Kleider und Tcher und Hte schenken wollte,
verfgte sich die Dame in Heidis Zimmer, um seinen Kleiderschrank
zu besehen und zu untersuchen, was da von dem Vorhandenen bleiben
und was entfernt werden solle.  Aber in wenig Minuten kam sie
wieder zurck mit Gebrden des Abscheus.  "Was muss ich entdecken,
Adelheid!", rief sie aus.  "Es ist nie dagewesen!  In deinem
Kleiderschrank, einem Schrank fr Kleider, Adelheid, im Fu dieses
Schrankes, was finde ich?  Einen Haufen kleiner Brote!  Brot, sage
ich, Klara, im Kleiderschrank!  Und einen solchen Haufen
aufspeichern!"--"Tinette", rief sie jetzt ins Esszimmer hinaus,
"schaffen Sie mir das alte Brot fort aus dem Schrank der Adelheid
und den zerdrckten Strohhut auf dem Tisch!"

"Nein!  Nein!", schrie Heidi auf; "ich muss den Hut haben, und die
Brtchen sind fr die Gromutter", und Heidi wollte der Tinette
nachstrzen, aber es wurde von Frulein Rottenmeier festgehalten.

"Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht, wo er hingehrt",
sagte sie bestimmt und hielt das Kind zurck.  Aber nun warf sich
Heidi an Klaras Sessel nieder und fing ganz verzweiflungsvoll zu
weinen an, immer lauter und schmerzlicher, und schluchzte ein Mal
ums andere in seinem Jammer auf: "Nun hat die Gromutter keine
Brtchen mehr.  Sie waren fr die Gromutter, nun sind sie alle
fort und die Gromutter bekommt keine!", und Heidi weinte auf, als
wollte ihm das Herz zerspringen.  Frulein Rottenmeier lief hinaus.
Klara wurde es angst und bange bei dem Jammer.  "Heidi, Heidi,
weine nur nicht so", sagte sie bittend, "hr mich nur!  Jammere nur
nicht so, sieh, ich verspreche dir, ich gebe dir gerade so viel
Brtchen fr die Gromutter, oder noch mehr, wenn du einmal
heimgehst, und dann sind diese frisch und weich, und die deinen
wren ja ganz hart geworden und waren es schon.  Komm, Heidi, weine
nur nicht mehr so!"

Heidi konnte noch lange nicht aus seinem Schluchzen herauskommen;
aber es verstand Klaras Trost und hielt sich daran, sonst htte es
gar nicht mehr zu weinen aufhren knnen.  Es musste auch noch
mehrere Male seiner Hoffnung gewiss werden und Klara, durch die
letzten Anflle von Schluchzen unterbrochen, fragen: "Gibst du mir
so viele, viele, wie ich hatte, fr die Gromutter?"

Und Klara versicherte immer wieder: "Gewiss, ganz gewiss, noch mehr,
sei nur wieder froh!"

Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rot verweinten Augen, und als
es sein Brtchen erblickte, musste es gleich noch einmal
aufschluchzen.  Aber es bezwang sich jetzt mit Gewalt, denn es
verstand, dass es sich am Tisch ruhig verhalten musste.  Sebastian
machte heute jedes Mal die merkwrdigsten Gebrden, wenn er in
Heidis Nhe kam; er deutete bald auf seinen, bald auf Heidis Kopf,
dann nickte er wieder und kniff die Augen zu, so als wollte er
sagen: "Nur getrost!  Ich hab's schon gemerkt und besorgt."

Als Heidi spter in sein Zimmer kam und in sein Bett steigen wollte,
lag sein zerdrcktes Strohhtchen unter der Decke versteckt.  Mit
Entzcken zog es den alten Hut hervor, zerdrckte ihn vor lauter
Freude noch ein wenig mehr und versteckte ihn dann, in ein
Taschentchlein eingewickelt, in die allerhinterste Ecke seines
Schrankes.  Das Htchen hatte der Sebastian unter die Decke
gesteckt; er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Esszimmer gewesen,
als diese gerufen wurde, und hatte Heidis Jammerruf vernommen.
Dann war er Tinette nachgegangen, und als sie aus Heidis Zimmer
heraustrat mit ihrer Brotlast und dem Htchen oben darauf, hatte er
schnell dieses weggenommen und ihr zugerufen: "Das will ich schon
forttun." Darauf hatte er es in aller Freude fr Heidi gerettet,
was er ihm beim Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte.




Der Hausherr hrt allerlei in seinem Hause, das er noch nicht
gehrt hat

Einige Tage nach diesen Ereignissen war im Hause Sesemann groe
Lebendigkeit und ein eifriges Treppauf- und Treppabrennen, denn
eben war der Hausherr von seiner Reise zurckgekehrt, und aus dem
bepackten Wagen wurde von Sebastian und Tinette eine Last nach der
anderen hinaufgetragen, denn Herr Sesemann brachte immer eine Menge
schner Sachen mit nach Hause.

Er selbst war vor allem in das Zimmer seiner Tochter eingetreten,
um sie zu begren.  Heidi sa bei ihr, denn es war die Zeit des
spten Nachmittags, da die beiden immer zusammen waren.  Klara
begrte ihren Vater mit groer Zrtlichkeit, denn sie liebte ihn
sehr, und der gute Papa grte sein Klrchen nicht weniger
liebevoll.  Dann streckte er seine Hand dem Heidi entgegen, das
sich leise in eine Ecke zurckgezogen hatte, und sagte freundlich:
"Und das ist unsre kleine Schweizerin; komm her, gib mir mal eine
Hand!  So ist's recht!  Nun sag mir mal, seid ihr auch gute Freunde
zusammen, Klara und du?  Nicht zanken und bse werden, und dann
weinen und dann vershnen, und dann wieder von vorn anfangen, nun?"

"Nein, Klara ist immer gut mit mir", entgegnete Heidi.

"Und Heidi hat auch noch gar nie versucht zu zanken, Papa", warf
Klara schnell ein.

"So ist's gut, das hr ich gern", sagte der Papa, indem er aufstand.
"Nun musst du aber erlauben, Klrchen, dass ich etwas geniee;
heute habe ich noch nichts bekommen.  Nachher komm ich wieder zu
dir und du sollst sehen, was ich mitgebracht habe!"

Herr Sesemann trat ins Esszimmer ein, wo Frulein Rottenmeier den
Tisch berschaute, der fr sein Mittagsmahl gerstet war.  Nachdem
Herr Sesemann sich niedergelassen und die Dame ihm gegenber Platz
genommen hatte und aussah wie ein lebendiges Missgeschick, wandte
sich der Hausherr zu ihr: "Aber Frulein Rottenmeier, was muss ich
denken?  Sie haben zu meinem Empfang ein wahrhaft erschreckendes
Gesicht aufgesetzt.  Wo fehlt es denn?  Klrchen ist ganz munter."

"Herr Sesemann", begann die Dame mit gewichtigem Ernst, "Klara ist
mit betroffen, wir sind frchterlich getuscht worden."

"Wieso?", fragte Herr Sesemann und trank in aller Ruhe einen
Schluck Wein.

"Wir hatten ja beschlossen, wie Sie wissen, Herr Sesemann, eine
Gespielin fr Klara ins Haus zu nehmen, und da ich ja wei, wie
sehr Sie darauf halten, dass nur Gutes und Edles Ihre Tochter
umgebe, hatte ich meinen Sinn auf ein junges Schweizermdchen
gerichtet, indem ich hoffte, eines jener Wesen bei uns eintreten zu
sehen, von denen ich schon so oft gelesen, welche, der reinen
Bergluft entsprossen, sozusagen, ohne die Erde zu berhren, durch
das Leben gehen."

"Ich glaube zwar", bemerkte hier Herr Sesemann, "dass auch die
Schweizerkinder den Erdboden berhren, wenn sie vorwrts kommen
wollen; sonst wren ihnen wohl Flgel gewachsen statt der Fe."

"Ach, Herr Sesemann, Sie verstehen mich wohl", fuhr das Frulein
fort; "Ich meinte eine jener so bekannten, in den hohen, reinen
Bergregionen lebenden Gestalten, die nur wie ein idealer Hauch an
uns vorberziehen."

"Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch anfangen,
Frulein Rottenmeier?"

"Nein, Herr Sesemann, ich scherze nicht, die Sache ist mir ernster,
als Sie denken; ich bin schrecklich, wirklich ganz schrecklich
getuscht worden."

"Aber worin liegt denn das Schreckliche?  So gar erschrecklich
sieht mir das Kind nicht aus", bemerkte ruhig Herr Sesemann.

"Sie sollten nur (eines) wissen, Herr Sesemann, nur das (eine), mit
was fr Menschen und Tieren dieses Wesen Ihr Haus in Ihrer
Abwesenheit bevlkert hat; davon knnte der Herr Kandidat erzhlen."

"Mit Tieren?  Wie muss ich das verstehen, Frulein Rottenmeier?"

"Es ist eben nicht zu verstehen; die ganze Auffhrung dieses Wesens
wre nicht zu verstehen, wenn nicht aus dem (einen) Punkte, dass es
Anflle von vlliger Verstandesgestrtheit hat."

Bis hierher hatte Herr Sesemann die Sache nicht fr wichtig
gehalten; aber Gestrtheit des Verstandes?  Eine solche konnte ja
fr seine Tochter die bedenklichsten Folgen haben.  Herr Sesemann
schaute Frulein Rottenmeier sehr genau an, so, als wollte er sich
erst versichern, ob nicht etwa bei ihr eine derartige Strung zu
bemerken sei.  In diesem Augenblick wurde die Tr aufgetan und der
Herr Kandidat angemeldet.

"Ah, da kommt unser Herr Kandidat, der wird uns Aufschluss geben!",
rief ihm Herr Sesemann entgegen.  "Kommen Sie, kommen Sie, setzen
Sie sich zu mir!" Herr Sesemann streckte dem Eintretenden die Hand
entgegen.  "Der Herr Kandidat trinkt eine Tasse schwarzen Kaffee
mit mir, Frulein Rottenmeier!  Setzen Sie sich, setzen Sie sich--
keine Komplimente!  Und nun sagen Sie mir, Herr Kandidat, was ist
mit dem Kinde, das als Gespielin meiner Tochter ins Haus gekommen
ist und das Sie unterrichten.  Was hat es fr eine Bewandtnis mit
den Tieren, die es ins Haus gebracht, und wie steht es mit seinem
Verstand?"

Der Herr Kandidat musste erst seine Freude ber Herrn Sesemanns
glckliche Rckkehr aussprechen und ihn willkommen heien, weswegen
er ja gekommen war; aber Herr Sesemann drngte ihn, dass er ihm
Aufschluss gebe ber die fraglichen Punkte.  So begann denn der
Herr Kandidat: "Wenn ich mich ber das Wesen dieses jungen Mdchens
aussprechen soll, Herr Sesemann, so mchte ich vor allem darauf
aufmerksam machen, dass, wenn auch auf der einen Seite sich ein
Mangel der Entwicklung, welcher durch eine mehr oder weniger
vernachlssigte Erziehung, oder besser gesagt, etwas verspteten
Unterricht verursacht und durch die mehr oder weniger, jedoch
durchaus nicht in jeder Beziehung zu verurteilende, im Gegenteil
ihre guten Seiten unstreitig dartuende Abgeschiedenheit eines
lngeren Alpenaufenthalts, welcher, wenn er nicht eine gewisse
Dauer berschreitet, ja ohne Zweifel seine gute Seite--"

"Mein lieber Herr Kandidat", unterbrach hier Herr Sesemann, "Sie
geben sich wirklich zu viel Mhe; sagen Sie mir, hat auch Ihnen das
Kind einen Schrecken beigebracht durch eingeschleppte Tiere, und
was halten Sie berhaupt von diesem Umgang fr mein Tchterchen?"

"Ich mchte dem jungen Mdchen in keiner Art zu nahe treten",
begann der Herr Kandidat wieder, "denn wenn es auch auf der einen
Seite in einer Art von gesellschaftlicher Unerfahrenheit, welche
mit dem mehr oder weniger unkultivierten Leben, in welchem das
junge Mdchen bis zu dem Augenblick seiner Versetzung nach
Frankfurt sich bewegte, welche Versetzung allerdings in die
Entwicklung dieses, ich mchte sagen noch vllig, wenigstens
teilweise unentwickelten, aber anderseits mit nicht zu verachtenden
Anlagen begabten und wenn allseitig umsichtig geleitet--"

"Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, bitte, lassen Sie sich nicht
stren, ich werde--ich muss schnell einmal nach meiner Tochter
sehen." Damit lief Herr Sesemann zur Tr hinaus und kam nicht
wieder.  Drben im Studierzimmer setzte er sich zu seinem
Tchterchen hin; Heidi war aufgestanden.  Herr Sesemann wandte sich
nach dem Kinde um: "Hr mal, Kleine, hol mir doch schnell--wart
einmal--hol mir mal"--(Herr Sesemann wusste nicht recht, was er
bedurfte, Heidi sollte aber ein wenig ausgeschickt werden)--"hol
mir doch mal ein Glas Wasser."

"Frisches?", fragte Heidi.

"Jawohl!  Jawohl!  Recht frisches!", gab Herr Sesemann zurck.
Heidi verschwand.

"Nun, mein liebes Klrchen", sagte der Papa, indem er ganz nah an
sein Tchterchen heranrckte und dessen Hand in die seinige legte,
"sag du mir klar und fasslich: Was fr Tiere hat diese deine
Gespielin ins Haus gebracht und warum muss Frulein Rottenmeier
denken, sie sei zeitweise nicht ganz recht im Kopf; kannst du mir
das sagen?"

Das konnte Klara, denn die erschrockene Dame hatte auch ihr von
Heidis sich verwirrenden Reden gesprochen, die aber fr Klara alle
einen Sinn hatten.  Sie erzhlte erst dem Vater die Geschichten von
der Schildkrte und den jungen Katzen und erklrte ihm dann Heidis
Reden, welche die Dame so erschreckt hatten.  Jetzt lachte Herr
Sesemann herzlich.  "So willst du nicht, dass ich das Kind nach
Haus schicke, Klrchen, du bist seiner nicht mde?", fragte der
Vater.

"Nein, nein, Papa, tu nur das nicht!", rief Klara abwehrend aus.
"Seit Heidi da ist, begegnet immer etwas, jeden Tag, und es ist so
kurzweilig, ganz anders als vorher, da begegnete nie etwas, und
Heidi erzhlt mir auch so viel."

"Schon gut, schon gut, Klrchen, da kommt ja auch deine Freundin
schon wieder.  Na, schnes, frisches Wasser geholt?", fragte Herr
Sesemann, da ihm Heidi nun ein Glas Wasser hinstreckte.

"Ja, frisch vom Brunnen", antwortete Heidi.

"Du bist doch nicht selbst zum Brunnen gelaufen, Heidi?", sagte
Klara.

"Doch gewiss, es ist ganz frisch, aber ich musste weit gehen, denn
am ersten Brunnen waren so viele Leute.  Da ging ich die Strae
ganz hinab, aber beim zweiten waren wieder so viele Leute; da ging
ich in die andere Strae hinein und dort nahm ich Wasser, und der
Herr mit den weien Haaren lsst Herrn Sesemann freundlich gren."

"Na, die Expedition ist gut", lachte Herr Sesemann, "und wer ist
denn der Herr?"

"Er kam beim Brunnen vorbei und dann stand er still und sagte:
'Weil du doch ein Glas hast, so gib mir auch einmal zu
trinken; wem bringst du dein Glas Wasser?' Und ich sagte:
'Herrn Sesemann.' Da lachte er sehr stark, und dann
sagte er den Gru und auch noch, Herr Sesemann solle sich's
schmecken lassen."

"So, und wer lsst mir denn wohl den guten Wunsch sagen?  Wie sah
der Herr denn weiter aus?", fragte Herr Sesemann.

"Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette und ein
goldenes Ding hngt daran mit einem groen roten Stein und auf
seinem Stock ist ein Rosskopf."

"Das ist der Herr Doktor"--"Das ist mein alter Doktor", sagten
Klara und ihr Vater wie aus einem Munde, und Herr Sesemann lachte
noch ein wenig in sich hinein im Gedanken an seinen Freund und
dessen Betrachtungen ber diese neue Weise, seinen Wasserbedarf
sich zufhren zu lassen.

Noch an demselben Abend erklrte Herr Sesemann, als er allein mit
Frulein Rottenmeier im Esszimmer sa, um allerlei husliche
Angelegenheiten mit ihr zu besprechen, die Gespielin seiner Tochter
werde im Hause bleiben; er finde, das Kind sei in einem normalen
Zustand, und seine Gesellschaft sei seiner Tochter sehr lieb und
angenehmer als jede andere.  "Ich wnsche daher", setzte Herr
Sesemann sehr bestimmt hinzu, "dass dieses Kind jederzeit durchaus
freundlich behandelt und seine Eigentmlichkeiten nicht als
Vergehen betrachtet werden.  Sollten Sie brigens mit dem Kinde
nicht allein fertig werden, Frulein Rottenmeier, so ist ja eine
gute Hilfe fr Sie in Aussicht, da in nchster Zeit meine Mutter zu
ihrem lngeren Aufenthalt in mein Haus kommt, und meine Mutter wird
mit jedem Menschen fertig, wie er sich auch anstelle, das wissen
Sie ja wohl, Frulein Rottenmeier?"

"Jawohl, das wei ich, Herr Sesemann", entgegnete die Dame, aber
nicht mit dem Ausdruck der Erleichterung im Hinblick auf die
angezeigte Hilfe.--

Herr Sesemann hatte diesmal nur eine kurze Zeit Ruhe zu Hause,
schon nach vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschfte wieder nach
Paris, und er trstete sein Tchterchen, das mit der nahen Abreise
nicht einverstanden war, mit der Aussicht auf die baldige Ankunft
der Gromama, die schon nach einigen Tagen erwartet werden konnte.

Kaum war auch Herr Sesemann abgereist, als schon der Brief anlangte,
der die Abreise der Frau Sesemann aus Holstein, wo sie auf einem
alten Gute wohnte, anzeigte und die bestimmte Zeit ihrer Ankunft
auf den folgenden Tag meldete, damit der Wagen nach dem Bahnhof
geschickt wrde, um sie abzuholen.

Klara war voller Freude ber die Nachricht und erzhlte noch an
demselben Abend dem Heidi so viel und so lange von der Gromama,
dass Heidi auch anfing, von der 'Gromama' zu reden,
worauf Frulein Rottenmeier Heidi mit Missbilligung anblickte, was
aber das Kind auf nichts Besonderes bezog, denn es fhlte sich
unter fortdauernder Missbilligung der Dame.  Als es sich dann
spter entfernte, um in sein Schlafzimmer zu gehen, berief Frulein
Rottenmeier es erst in das ihrige herein und erklrte ihm hier, es
habe niemals den Namen 'Gromama' anzuwenden, sondern
wenn Frau Sesemann nun da sei, habe es sie stets 'gndige
Frau' anzureden.  "Verstehst du das?", fragte die Dame, als
Heidi sie etwas zweifelhaft ansah; sie gab ihm aber einen so
abschlieenden Blick zurck, dass Heidi sich keine Erklrung mehr
erbat, obschon es den Titel nicht verstanden hatte.




Eine Gromama

Am folgenden Abend waren groe Erwartungen und lebhafte
Vorbereitungen im Hause Sesemann sichtbar, man konnte deutlich
bemerken, dass die erwartete Dame ein bedeutendes Wort im Hause
mitzusprechen hatte und dass jedermann groen Respekt vor ihr
empfand.  Tinette hatte ein ganz neues, weies Deckelchen auf den
Kopf gesetzt, und Sebastian raffte eine Menge von Schemeln zusammen
und stellte sie an alle passenden Stellen hin, damit die Dame
gleich einen Schemel unter den Fen finde, wohin sie sich auch
setzen mge.  Frulein Rottenmeier ging zur Musterung der Dinge
sehr aufrecht durch die Zimmer, so wie um anzudeuten, dass, wenn
auch eine zweite Herrschermacht herannahe, die ihrige dennoch nicht
am Erlschen sei.

Jetzt rollte der Wagen vor das Haus, und Sebastian und Tinette
strzten die Treppe hinunter; langsam und wrdevoll folgte Frulein
Rottenmeier nach, denn sie wusste, dass auch sie zum Empfang der
Frau Sesemann zu erscheinen hatte.  Heidi war beordert worden, sich
in sein Zimmer zurckzuziehen und da zu warten, bis es gerufen
wrde, denn die Gromutter wrde zuerst bei Klara eintreten und
diese wohl allein sehen wollen.  Heidi setzte sich in einen Winkel
und repetierte seine Anrede.  Es whrte gar nicht lange, so steckte
die Tinette den Kopf ein klein wenig unter Heidis Zimmertr und
sagte kurz angebunden wie immer: "Hinbergehen ins Studierzimmer!"

Heidi hatte Frulein Rottenmeier nicht fragen drfen, wie es mit
der Anrede sei, aber es dachte, die Dame habe sich nur versprochen,
denn es hatte bis jetzt immer erst den Titel nennen gehrt und
nachher den Namen; so hatte es sich nun die Sache zurechtgelegt.
Wie es die Tr zum Studierzimmer aufmachte, rief ihm die Gromutter
mit freundlicher Stimme entgegen: "Ah, da kommt ja das Kind!  Komm
mal her zu mir und lass dich recht ansehen."

Heidi trat heran, und mit seiner klaren Stimme sagte es sehr
deutlich: "Guten Tag, Frau Gndige."

"Warum nicht gar!", lachte die Gromama.  "Sagt man so bei euch?
Hast du das daheim auf der Alp gehrt?"

"Nein, bei uns heit niemand so", erklrte Heidi ernsthaft.

"So, bei uns auch nicht", lachte die Gromama wieder und klopfte
Heidi freundlich auf die Wange.  "Das ist nichts!  In der
Kinderstube bin ich die Gromama; so sollst du mich nennen, das
kannst du wohl behalten, wie?"

"Ja, das kann ich gut", versicherte Heidi, "vorher hab ich schon
immer so gesagt."

"So, so, verstehe schon!", sagte die Gromama und nickte ganz
lustig mit dem Kopfe.  Dann schaute sie Heidi genau an und nickte
von Zeit zu Zeit wieder mit dem Kopf, und Heidi guckte ihr auch
ganz ernsthaft in die Augen, denn da kam etwas so Herzliches heraus,
dass es dem Heidi ganz wohl machte, und die ganze Gromama gefiel
dem Heidi so, dass es sie unverwandt anschauen musste.  Sie hatte
so schne weie Haare, und um den Kopf ging eine schne
Spitzenkrause, und zwei breite Bnder flatterten von der Haube weg
und bewegten sich immer irgendwie, so als ob stets ein leichter
Wind um die Gromama wehe, was das Heidi ganz besonders anmutete.

"Und wie heit du, Kind?", fragte jetzt die Gromama.

"Ich heie nur Heidi; aber weil ich soll Adelheid heien, so will
ich schon Acht geben--"; Heidi stockte, denn es fhlte sich ein
wenig schuldig, da es noch immer keine Antwort gab, wenn Frulein
Rottenmeier unversehens rief: "Adelheid!", indem es ihm noch immer
nicht recht gegenwrtig war, dass dies sein Name sei, und Frulein
Rottenmeier war eben ins Zimmer getreten.

"Frau Sesemann wird unstreitig billigen", fiel hier die eben
Eingetretene ein, "dass ich einen Namen whlen musste, den man doch
aussprechen kann, ohne sich selbst genieren zu mssen, schon um der
Dienstboten willen."

"Werteste Rottenmeier", entgegnete Frau Sesemann, "wenn ein Mensch
einmal 'Heidi' heit und an den Namen gewhnt ist, so
nenn ich ihn so, und dabei bleibt's!"

Es war Frulein Rottenmeier sehr genierlich, dass die alte Dame sie
bestndig nur bei ihrem Namen nannte, ohne weitere Titulatur; aber
da war nichts zu machen; die Gromama hatte einmal ihre eigenen
Wege, und diese ging sie, da half kein Mittel dagegen.  Auch ihre
fnf Sinne hatte die Gromama noch ganz scharf und gesund, und sie
bemerkte, was im Hause vorging, sobald sie es betreten hatte.

Als am Tage nach ihrer Ankunft Klara sich zur gewohnten Zeit nach
Tisch niederlegte, setzte die Gromama sich neben sie auf einen
Lehnstuhl und schloss ihre Augen fr einige Minuten; dann stand sie
schon wieder auf--denn sie war gleich wieder munter--und trat ins
Esszimmer hinaus; da war niemand.  "Die schlft", sagte sie vor
sich hin, ging dann nach dem Zimmer der Dame Rottenmeier und
klopfte krftig an die Tr.  Nach einiger Zeit erschien diese und
fuhr erschrocken ein wenig zurck bei dem unerwarteten Besuch.

"Wo hlt sich das Kind auf um diese Zeit, und was tut es?  Das
wollte ich wissen", sagte Frau Sesemann.

"In seinem Zimmer sitzt es, wo es sich ntzlich beschftigen knnte,
wenn es den leisesten Ttigkeitstrieb htte; aber Frau Sesemann
sollte nur wissen, was fr verkehrtes Zeug sich dieses Wesen oft
ausdenkt und wirklich ausfhrt, Dinge, die ich in gebildeter
Gesellschaft kaum erzhlen knnte."

"Das wrde ich gerade auch tun, wenn ich so da drinnen se wie
dieses Kind, das kann ich Ihnen sagen, und Sie knnten zusehen, wie
Sie mein Zeug in gebildeter Gesellschaft erzhlen wollten!  Jetzt
holen Sie mir das Kind heraus und bringen Sie mir's in meine Stube,
ich will ihm einige hbsche Bcher geben, die ich mitgebracht habe."

"Das ist ja gerade das Unglck, das ist es ja eben!", rief Frulein
Rottenmeier aus und schlug die Hnde zusammen.  "Was sollte das
Kind mit Bchern tun?  In all dieser Zeit hat es noch nicht einmal
das Abc erlernt; es ist vllig unmglich, diesem Wesen auch nur
(einen) Begriff beizubringen, davon kann der Herr Kandidat reden!
Wenn dieser treffliche Mensch nicht die Geduld eines himmlischen
Engels bese, er htte diesen Unterricht lngst aufgegeben."

"So, das ist merkwrdig, das Kind sieht nicht aus wie eines, das
das Abc nicht erlernen kann", sagte Frau Sesemann.  "Jetzt holen
Sie mir's herber, es kann vorlufig die Bilder in den Bchern
ansehen."

Frulein Rottenmeier wollte noch einiges bemerken, aber Frau
Sesemann hatte sich schon umgewandt und ging rasch ihrem Zimmer zu.
Sie musste sich sehr verwundern ber die Nachricht von Heidis
Beschrnktheit und gedachte, die Sache zu untersuchen, jedoch nicht
mit dem Herrn Kandidaten, den sie zwar um seines guten Charakters
willen sehr schtzte; sie grte ihn auch immer, wenn sie mit ihm
zusammentraf, beraus freundlich, lief dann aber sehr schnell auf
eine andere Seite, um nicht in ein Gesprch mit ihm verwickelt zu
werden, denn seine Ausdrucksweise war ihr ein wenig beschwerlich.

Heidi erschien im Zimmer der Gromama und machte die Augen weit auf,
als es die prchtigen bunten Bilder in den groen Bchern sah,
welche die Gromama mitgebracht hatte.  Auf einmal schrie Heidi
laut auf, als die Gromama wieder ein Blatt umgewandt hatte; mit
glhendem Blick schaute es auf die Figuren, dann strzten ihm
pltzlich die hellen Trnen aus den Augen, und es fing gewaltig zu
schluchzen an.  Die Gromama schaute das Bild an.  Es war eine
schne, grne Weide, wo allerlei Tierlein herumweideten und an den
grnen Gebschen nagten.  In der Mitte stand der Hirt, auf einen
langen Stab gesttzt, der schaute den frhlichen Tierchen zu.
Alles war wie in Goldschimmer gemalt, denn hinten am Horizont war
eben die Sonne im Untergehen.

Die Gromama nahm Heidi bei der Hand.  "Komm, komm, Kind", sagte
sie in freundlichster Weise, "nicht weinen, nicht weinen.  Das hat
dich wohl an etwas erinnert; aber sieh, da ist auch eine schne
Geschichte dazu, die erzhl ich heut Abend.  Und da sind noch so
viele schne Geschichten in dem Buch, die kann man alle lesen und
wieder erzhlen.  Komm, nun mssen wir etwas besprechen zusammen,
trockne schn deine Trnen, so, und nun stell dich hier vor mich
hin, dass ich dich recht ansehen kann; so ist's recht, nun sind wir
wieder frhlich."

Aber noch verging einige Zeit, bevor Heidi zu schluchzen aufhren
konnte.  Die Gromama lie ihm auch eine gute Weile zur Erholung,
nur sagte sie von Zeit zu Zeit ermunternd: "So, nun ist's gut, nun
sind wir wieder froh zusammen."

Als sie endlich das Kind beruhigt sah, sagte sie: "Nun musst du mir
was erzhlen, Kind!  Wie geht es denn beim Herrn Kandidaten in den
Unterrichtsstunden, lernst du auch gut und kannst du was?"

"O nein", antwortete Heidi seufzend; "aber ich wusste schon, dass
man es nicht lernen kann."

"Was kann man denn nicht lernen, Heidi, was meinst du?"

"Lesen kann man nicht lernen, es ist zu schwer."

"Das wre!  Und woher weit du denn diese Neuigkeit?"

"Der Peter hat es mir gesagt und er wei es schon, der muss immer
wieder probieren, aber er kann es nie lernen, es ist zu schwer."

"So, das ist mir ein eigener Peter, der!  Aber sieh, Heidi, man
muss nicht alles nur so hinnehmen, was einem ein Peter sagt, man
muss selbst probieren.  Gewiss hast du nicht recht mit all deinen
Gedanken dem Herrn Kandidaten zugehrt und seine Buchstaben
angesehen."

"Es ntzt nichts", versicherte Heidi mit dem Ton der vollen
Ergebung in das Unabnderliche.

"Heidi", sagte nun die Gromama, "jetzt will ich dir etwas sagen:
Du hast noch nie lesen gelernt, weil du deinem Peter geglaubt hast;
nun aber sollst du mir glauben, und ich sage dir fest und sicher,
dass du in kurzer Zeit lesen lernen kannst, wie eine groe Menge
von Kindern, die geartet sind wie du und nicht wie der Peter.  Und
nun musst du wissen, was nachher kommt, wenn du dann lesen kannst--
du hast den Hirten gesehen auf der schnen, grnen Weide--; sobald
du nun lesen kannst, bekommst du das Buch, da kannst du seine ganze
Geschichte vernehmen, ganz so, als ob sie dir jemand erzhlte,
alles, was er macht mit seinen Schafen und Ziegen und was ihm fr
merkwrdige Dinge begegnen.  Das mchtest du schon wissen, Heidi,
nicht?"

Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehrt, und mit
leuchtenden Augen sagte es jetzt, tief Atem holend: "Oh, wenn ich
nur schon lesen knnte!"

"Jetzt wird's kommen, und gar nicht lange wird's whren, das kann
ich schon sehen, Heidi, und nun mssen wir mal nach der Klara sehen;
komm, die schnen Bcher nehmen wir mit." Damit nahm die Gromama
Heidi bei der Hand und ging mit ihm nach dem Studierzimmer.

Seit dem Tage, da Heidi hatte heimgehen wollen und Frulein
Rottenmeier es auf der Treppe ausgescholten und ihm gesagt hatte,
wie schlecht und undankbar es sich erweise durch sein
Fortlaufenwollen und wie gut es sei, dass Herr Sesemann nichts
davon wisse, war mit dem Kinde eine Vernderung vorgegangen.  Es
hatte begriffen, dass es nicht heimgehen knne, wenn es wolle, wie
ihm die Base gesagt hatte, sondern dass es in Frankfurt zu bleiben
habe, lange, lange, vielleicht fr immer.  Es hatte auch verstanden,
dass Herr Sesemann es sehr undankbar von ihm finden wrde, wenn es
heimgehen wollte, und es dachte sich aus, dass die Gromama und
Klara auch so denken wrden.  So durfte es keinem Menschen sagen,
dass es heimgehen mchte, denn dass die Gromama, die so freundlich
mit ihm war, auch bse wrde, wie Frulein Rottenmeier geworden war,
das wollte Heidi nicht verursachen.  Aber in seinem Herzen wurde
die Last, die darinnen lag, immer schwerer; es konnte nicht mehr
essen, und jeden Tag wurde es ein wenig bleicher.  Am Abend konnte
es oft lange, lange nicht einschlafen, denn sobald es allein war
und alles still ringsumher, kam ihm alles so lebendig vor die Augen,
die Alm und der Sonnenschein darauf und die Blumen; und schlief es
endlich doch ein, so sah es im Traum die roten Felsenspitzen am
Falknis und das feurige Schneefeld an der Schesaplana, und erwachte
dann Heidi am Morgen und wollte voller Freude hinausspringen aus
der Htte--da war es auf einmal in seinem groen Bett in Frankfurt,
so weit, weit weg, und konnte nicht mehr heim.  Dann drckte Heidi
oft seinen Kopf in das Kissen und weinte lang, ganz leise, dass
niemand es hre.

Heidis freudloser Zustand entging der Gromama nicht.  Sie lie
einige Tage vorbergehen und sah zu, ob die Sache sich ndere und
das Kind sein niedergeschlagenes Wesen verlieren wrde.  Als es
aber gleich blieb und die Gromama manchmal am frhen Morgen schon
sehen konnte, dass Heidi geweint hatte, da nahm sie eines Tages das
Kind wieder in ihre Stube, stellte es vor sich hin und sagte mit
groer Freundlichkeit: "Jetzt sag mir, was dir fehlt, Heidi; hast
du einen Kummer?"

Aber gerade dieser freundlichen Gromama wollte Heidi nicht sich so
undankbar zeigen, dass sie vielleicht nachher gar nicht mehr so
freundlich wre; so sagte Heidi traurig: "Man kann es nicht sagen."

"Nicht?  Kann man es etwa der Klara sagen?", fragte die Gromama.

"O nein, keinem Menschen", versicherte Heidi und sah dabei so
unglcklich aus, dass es die Gromama erbarmte.

"Komm, Kind", sagte sie, "ich will dir was sagen: Wenn man einen
Kummer hat, den man keinem Menschen sagen kann, so klagt man ihn
dem lieben Gott im Himmel und bittet ihn, dass er helfe, denn er
kann allem Leid abhelfen, das uns drckt.  Das verstehst du, nicht
wahr?  Du betest doch jeden Abend zum lieben Gott im Himmel und
dankst ihm fr alles Gute und bittest ihn, dass er dich vor allem
Bsen behte?"

"O nein, das tu ich nie", antwortete das Kind.

"Hast du denn gar nie gebetet, Heidi, weit du nicht, was das ist?"

"Nur mit der ersten Gromutter habe ich gebetet, aber es ist schon
lang, und jetzt habe ich es vergessen."

"Siehst du, Heidi, darum musst du so traurig sein, weil du jetzt
gar niemanden kennst, der dir helfen kann.  Denk einmal nach, wie
wohl das tun muss, wenn einen im Herzen etwas immerfort drckt und
qult und man kann so jeden Augenblick zum lieben Gott hingehen und
ihm alles sagen und ihn bitten, dass er helfe, wo uns sonst gar
niemand helfen kann!  Und er kann berall helfen und uns geben, was
uns wieder froh macht."

Durch Heidis Augen fuhr ein Freudenstrahl: "Darf man ihm alles,
alles sagen?"

"Alles, Heidi, alles."

Das Kind zog seine Hand aus den Hnden der Gromama und sagte eilig:
"Kann ich gehen?"

"Gewiss!  Gewiss!", gab diese zur Antwort, und Heidi lief davon und
hinber in sein Zimmer, und hier setzte es sich auf seinen Schemel
nieder und faltete seine Hnde und sagte dem lieben Gott alles, was
in seinem Herzen war und es so traurig machte, und bat ihn dringend
und herzlich, dass er ihm helfe und es wieder heimkommen lasse zum
Grovater.--

Es mochte etwas mehr als eine Woche verflossen sein seit diesem
Tage, als der Herr Kandidat begehrte, der Frau Sesemann seine
Aufwartung zu machen, indem er eine Besprechung ber einen
merkwrdigen Gegenstand mit der Dame abzuhalten gedachte.  Er wurde
auf ihre Stube berufen, und hier, wie er eintrat, streckte ihm Frau
Sesemann sogleich freundlich die Hand entgegen: "Mein lieber Herr
Kandidat, seien Sie mir willkommen!  Setzen Sie sich her zu mir,
hier"--sie rckte ihm den Stuhl zurecht.  "So, nun sagen Sie mir,
was bringt Sie zu mir; doch nichts Schlimmes, keine Klagen?"

"Im Gegenteil, gndige Frau", begann der Herr Kandidat; "es ist
etwas vorgefallen, das ich nicht mehr erwarten konnte und keiner,
der einen Blick in alles Vorhergegangene htte werfen knnen, denn
nach allen Voraussetzungen musste angenommen werden, dass es eine
vllige Unmglichkeit sein msse, was dennoch jetzt wirklich
geschehen ist und in der wunderbarsten Weise stattgefunden hat,
gleichsam im Gegensatz zu allem folgerichtig zu Erwartenden--"

"Sollte das Kind Heidi etwa lesen gelernt haben, Herr Kandidat?",
setzte hier Frau Sesemann ein.

In sprachlosem Erstaunen schaute der berraschte Herr die Dame an.

"Es ist ja wirklich vllig wunderbar", sagte er endlich, "nicht nur,
dass das junge Mdchen nach all meinen grndlichen Erklrungen,
und ungewhnlichen Bemhungen das Abc nicht erlernt hat, sondern
auch und besonders, dass es jetzt in krzester Zeit, nachdem ich
mich entschlossen hatte, das Unerreichbare aus den Augen zu lassen
und ohne alle weiter greifenden Erluterungen nur noch sozusagen
die nackten Buchstaben vor die Augen des jungen Mdchens zu bringen,
sozusagen ber Nacht das Lesen erfasst hat, und dann sogleich mit
einer Korrektheit die Worte liest, wie mir bei Anfngern noch
selten vorgekommen ist.  Fast ebenso wunderbar ist mir die
Wahrnehmung, dass die gndige Frau gerade diese fern liegende
Tatsache als Mglichkeit vermutete."

"Es geschehen viele wunderbare Dinge im Menschenleben", besttigte
Frau Sesemann und lchelte vergnglich; "es knnen auch einmal zwei
Dinge glcklich zusammentreffen, wie ein neuer Lerneifer und eine
neue Lehrmethode, und beide knnen nichts schaden, Herr Kandidat.
Jetzt wollen wir uns freuen, dass das Kind so weit ist, und auf
guten Fortgang hoffen."

Damit begleitete sie den Herrn Kandidaten zur Tr hinaus und ging
rasch nach dem Studierzimmer, um sich selbst der erfreulichen
Nachricht zu versichern.  Richtig sa hier Heidi neben Klara und
las dieser eine Geschichte vor, sichtlich selbst mit dem grten
Erstaunen und mit einem wachsenden Eifer in die neue Welt
eindringend, die ihm aufgegangen war, nun ihm mit einem Mal aus den
schwarzen Buchstaben Menschen und Dinge entgegentraten und Leben
gewannen und zu herzbewegenden Geschichten wurden.  Noch am selben
Abend, als man sich zu Tische setzte, fand Heidi auf seinem Teller
das groe Buch liegen mit den schnen Bildern, und als es fragend
nach der Gromama blickte, sagte diese freundlich nickend: "Ja, ja,
nun gehrt es dir."

"Fr immer?  Auch wenn ich heimgehe?", fragte Heidi ganz rot vor
Freude.

"Gewiss, fr immer!", versicherte die Gromama; "morgen fangen wir
an zu lesen."

"Aber du gehst nicht heim, noch viele Jahre nicht, Heidi", warf
Klara hier ein; "wenn nun die Gromama wieder fortgeht, dann musst
du erst recht bei mir bleiben."

Noch vor dem Schlafengehen musste Heidi in seinem Zimmer sein
schnes Buch ansehen, und von dem Tage an war es sein Liebstes,
ber seinem Buch zu sitzen und immer wieder die Geschichten zu
lesen, zu denen die schnen bunten Bilder gehrten.  Sagte am Abend
die Gromama: "Nun liest uns Heidi vor", so war das Kind sehr
beglckt, denn das Lesen ging ihm nun ganz leicht, und wenn es die
Geschichten laut vorlas, so kamen sie ihm noch viel schner und
verstndlicher vor, und die Gromama erklrte dann noch so vieles
und erzhlte immer noch mehr dazu.  Am liebsten beschaute Heidi
immer wieder seine grne Weide und den Hirten mitten unter der
Herde, wie er so vergnglich, auf seinen langen Stab gelehnt,
dastand, denn da war er noch bei der schnen Herde des Vaters und
ging nur den lustigen Schfchen und Ziegen nach, weil es ihn freute.
Aber dann kam das Bild, wo er, vom Vaterhaus weggelaufen, nun in
der Fremde war und die Schweinchen hten musste und ganz mager
geworden war bei den Trebern, die er allein noch zu essen bekam.
Und auf dem Bilde schien auch die Sonne nicht mehr so golden, da
war das Land grau und nebelig.  Aber dann kam noch ein Bild zu der
Geschichte: Da kam der alte Vater mit ausgebreiteten Armen aus dem
Hause heraus und lief dem heimkehrenden reuigen Sohn entgegen, um
ihn zu empfangen, der ganz furchtsam und abgemagert in einem
zerrissenen Wams daherkam.  Das war Heidis Lieblingsgeschichte, die
es immer wieder las, laut und leise, und es konnte nie genug der
Erklrungen bekommen, welche die Gromama den Kindern dazu machte.
Da waren aber noch so viele schne Geschichten in dem Buch, und bei
dem Lesen derselben und dem Bilderbesehen gingen die Tage sehr
schnell dahin, und schon nahte die Zeit heran, welche die Gromama
zu ihrer Abreise bestimmt hatte.




Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab

Die Gromama hatte whrend der ganzen Zeit ihres Aufenthalts jeden
Nachmittag, wenn Klara sich hinlegte und Frulein Rottenmeier,
wahrscheinlich der Ruhe bedrftig, geheimnisvoll verschwand, sich
einen Augenblick neben Klara hingesetzt; aber schon nach fnf
Minuten war sie wieder auf den Fen und hatte dann immer Heidi auf
ihre Stube berufen, sich mit ihm besprochen und es auf allerlei
Weise beschftigt und unterhalten.  Die Gromama hatte hbsche
kleine Puppen und zeigte dem Heidi, wie man ihnen Kleider und
Schrzchen macht, und ganz unvermerkt hatte Heidi das Nhen erlernt
und machte den kleinen Frauenzimmern die schnsten Rcke und
Mntelchen, denn die Gromama hatte immer Zeugstcke von den
prchtigsten Farben.  Nun Heidi lesen konnte, durfte es auch immer
wieder der Gromama seine Geschichten vorlesen; das machte ihm die
grte Freude, denn je mehr es seine Geschichten las, desto lieber
wurden sie ihm, denn Heidi lebte alles ganz mit durch, was die
Leute alle zu erleben hatten, und so hatte es zu ihnen allen ein
sehr nahes Verhltnis und freute sich immer wieder, bei ihnen zu
sein.  Aber so recht froh sah Heidi nie aus, und seine lustigen
Augen waren nie mehr zu sehen.

Es war die letzte Woche, welche die Gromama in Frankfurt zubringen
wollte.  Sie hatte eben nach Heidi gerufen, dass es auf ihre Stube
komme; es war die Zeit, da Klara schlief.  Als Heidi eintrat mit
seinem groen Buch unter dem Arm, winkte ihm die Gromama, dass es
ganz nahe zu ihr herankomme, legte das Buch weg und sagte: "Nun
komm, Kind, und sag mir, warum bist du nicht frhlich?  Hast du
immer noch denselben Kummer im Herzen?"

"Ja", nickte Heidi.

"Hast du ihn dem lieben Gott geklagt?"

"Ja."

"Und betest du nun alle Tage, dass alles gut werde und er dich froh
mache?"

"O nein, ich bete jetzt gar nie mehr."

"Was sagst du mir, Heidi?  Was muss ich hren?  Warum betest du
denn nicht mehr?"

"Es ntzt nichts, der liebe Gott hat nicht zugehrt, und ich glaube
es auch wohl", fuhr Heidi in einiger Aufregung weiter, "wenn nun am
Abend so viele, viele Leute in Frankfurt alle miteinander beten, so
kann der liebe Gott ja nicht auf alle Acht geben, und mich hat er
gewiss gar nicht gehrt."

"So, wie weit du denn das so sicher, Heidi?"

"Ich habe alle Tage das Gleiche gebetet, manche Woche lang, und der
liebe Gott hat es nie getan."

"Ja, so geht's nicht zu, Heidi!  Das musst du nicht meinen!  Siehst
du, der liebe Gott ist fr uns alle ein guter Vater, der immer wei,
was gut fr uns ist, wenn wir es gar nicht wissen.  Wenn wir aber
nun etwas von ihm haben wollen, das nicht gut fr uns ist, so gibt
er uns das nicht, sondern etwas viel Besseres, wenn wir fortfahren,
so recht herzlich zu ihm zu beten, aber nicht gleich weglaufen und
alles Vertrauen zu ihm verlieren.  Siehst du, was du nun von ihm
erbitten wolltest, das war in diesem Augenblick nicht gut fr dich;
der liebe Gott hat dich schon gehrt, er kann alle Menschen auf
einmal anhren und bersehen, siehst du, dafr ist er der liebe
Gott und nicht ein Mensch wie du und ich.  Und weil er nun wohl
wusste, was fr dich gut ist, dachte er bei sich: 'Ja, das
Heidi soll schon einmal haben, wofr es bittet, aber erst dann,
wenn es ihm gut ist, und so wie es darber recht froh werden kann.
Denn wenn ich jetzt tue, was es will, und es merkt nachher, dass es
doch besser gewesen wre, ich htte ihm seinen Willen nicht getan,
dann weint es nachher und sagt: Htte mir doch der liebe Gott nur
nicht gegeben, wofr ich bat, es ist gar nicht so gut, wie ich
gemeint habe.' Und whrend nun der liebe Gott auf dich
niedersah, ob du ihm auch recht vertrautest und tglich zu ihm
kommest und betest und immer zu ihm aufsehest, wenn dir etwas fehlt,
da bist du weggelaufen ohne alles Vertrauen, hast nie mehr gebetet
und hast den lieben Gott ganz vergessen.  Aber siehst du, wenn
einer es so macht und der liebe Gott hrt seine Stimme gar nie mehr
unter den Betenden, so vergisst er ihn auch und lsst ihn gehen,
wohin er will.  Wenn es ihm dabei aber schlecht geht und er jammert:
'Mir hilft aber auch gar niemand!', dann hat keiner
Mitleiden mit ihm, sondern jeder sagt zu ihm: 'Du bist ja
selbst vom lieben Gott weggelaufen, der dir helfen konnte!'
Willst du's so haben, Heidi, oder willst du gleich wieder zum
lieben Gott gehen und ihn um Verzeihung bitten, dass du so von ihm
weggelaufen bist, und dann alle Tage zu ihm beten und ihm vertrauen,
dass er alles gut fr dich machen werde, so dass du auch wieder
ein frohes Herz bekommen kannst?"

Heidi hatte sehr aufmerksam zugehrt; jedes Wort der Gromama fiel
in sein Herz, denn zu ihr hatte das Kind ein unbedingtes Vertrauen.

"Ich will jetzt gleich auf der Stelle gehen und den lieben Gott um
Verzeihung bitten, und ich will ihn nie mehr vergessen", sagte
Heidi reumtig.

"So ist's recht, Kind, er wird dir auch helfen zur rechten Zeit,
sei nur getrost!", ermunterte die Gromama, und Heidi lief sofort
in sein Zimmer hinber und betete ernstlich und reuig zum lieben
Gott und bat ihn, dass er es doch nicht vergessen und auch wieder
zu ihm niederschauen mge.--

Der Tag der Abreise war gekommen, es war fr Klara und Heidi ein
trauriger Tag; aber die Gromama wusste es so einzurichten, dass
sie gar nicht zum Bewusstsein kamen, dass es eigentlich ein
trauriger Tag sei, sondern es war eher wie ein Festtag, bis die
gute Gromama im Wagen davonfuhr.  Da trat eine Leere und Stille im
Hause ein, als wre alles vorber, und solange noch der Tag whrte,
saen Klara und Heidi wie verloren da und wussten gar nicht, wie es
nun weiter kommen sollte.

Am folgenden Tag, als die Unterrichtsstunden vorbei und die Zeit da
war, da die Kinder gewhnlich zusammensaen, trat Heidi mit seinem
Buch unter dem Arm herein und sagte: "Ich will dir nun immer, immer
vorlesen; willst du, Klara?"

Der Klara war der Vorschlag recht fr einmal, und Heidi machte sich
mit Eifer an seine Ttigkeit.  Aber es ging nicht lange, so hrte
schon wieder alles auf, denn kaum hatte Heidi eine Geschichte zu
lesen begonnen, die von einer sterbenden Gromutter handelte, als
es auf einmal laut aufschrie: "Oh, nun ist die Gromutter tot!",
und in ein jammervolles Weinen ausbrach, denn alles, was es las,
war dem Heidi volle Gegenwart, und es glaubte nicht anders, als nun
sei die Gromutter auf der Alm gestorben, und es klagte in immer
lauterem Weinen: "Nun ist die Gromutter tot, und ich kann nie mehr
zu ihr gehen, und sie hat nicht ein einziges Brtchen mehr bekommen!
"

Klara suchte immerfort dem Heidi zu erklren, dass es ja nicht die
Gromutter auf der Alm sei, sondern eine ganz andere, von der diese
Geschichte handle; aber auch, als sie endlich dazu gekommen war,
dem aufgeregten Heidi diese Verwechslung klar zu machen, konnte es
sich doch nicht beruhigen und weinte immer noch untrstlich weiter,
denn der Gedanke war ihm nun im Herzen erwacht, die Gromutter
knne ja sterben, whrend es so weit weg sei, und der Grovater
auch noch, und wenn es dann nach einiger Zeit wieder heimkomme, so
sei alles still und tot auf der Alm und es stehe ganz allein da und
knne niemals mehr die sehen, die ihm lieb waren.

Whrenddessen war Frulein Rottenmeier ins Zimmer getreten und
hatte noch Klaras Bemhungen, Heidi ber seinen Irrtum aufzuklren,
mit angehrt.  Als das Kind aber immer noch nicht aufhren konnte
zu schluchzen, trat sie mit sichtlichen Zeichen der Ungeduld zu den
Kindern heran und sagte mit bestimmtem Ton: "Adelheid, nun ist des
grundlosen Geschreis genug!  Ich will dir eines sagen: Wenn du noch
ein einziges Mal beim Lesen deiner Geschichten solchen Ausbrchen
den Lauf lsst, so nehme ich das Buch aus deinen Hnden und fr
immer!"

Das machte Eindruck.  Heidi wurde ganz wei vor Schrecken, das Buch
war sein hchster Schatz.  Es trocknete in grter Eile seine
Trnen und schluckte und wrgte sein Schluchzen mit Gewalt hinunter,
so dass kein Tnchen mehr laut wurde.  Das Mittel hatte geholfen,
Heidi weinte nie mehr, was es auch lesen mochte; aber manchmal
hatte es solche Anstrengungen zu machen, um sich zu berwinden und
nicht aufzuschreien, dass Klara fter ganz erstaunt sagte: "Heidi,
du machst so schreckliche Grimassen, wie ich noch nie gesehen habe.
" Aber die Grimassen machten keinen Lrm und fielen der Dame
Rottenmeier nicht auf, und wenn Heidi seinen Anfall von
verzweiflungsvoller Traurigkeit niedergerungen hatte, kam alles
wieder ins Geleise fr einige Zeit und war tonlos vorbergegangen.
Aber seinen Appetit verlor Heidi so sehr und sah so mager und
bleich aus, dass der Sebastian fast nicht ertragen konnte, das so
mit anzusehen und Zeuge sein zu mssen, wie Heidi bei Tisch die
schnsten Gerichte an sich vorbergehen lie und nichts essen
wollte.  Er flsterte ihm auch fter ermunternd zu, wenn er ihm
eine Schssel hinhielt: "Nehmen von dem, Mamsellchen, 's ist
vortrefflich.  Nicht so!  Einen rechten Lffel voll, noch einen!",
und dergleichen vterlicher Rte mehr; aber es half nichts: Heidi
a fast gar nicht mehr, und wenn es sich am Abend auf sein Kissen
legte, so hatte es augenblicklich alles vor Augen, was daheim war,
und nur ganz leise weinte es dann vor Sehnsucht in sein Kissen
hinein, so dass es gar niemand hren konnte.

So ging eine lange Zeit dahin.  Heidi wusste gar nie, ob es Sommer
oder Winter sei, denn die Mauern und Fenster, die es aus allen
Fenstern des Hauses Sesemann erblickte, sahen immer gleich aus, und
hinaus kam es nur, wenn es Klara besonders gut ging und eine
Ausfahrt im Wagen mit ihr gemacht werden konnte, die aber immer
sehr kurz war, denn Klara konnte nicht vertragen, lang zu fahren.
So kam man kaum aus den Mauern und Steinstraen heraus, sondern
kehrte gewhnlich vorher wieder um und fuhr immerfort durch groe,
schne Straen, wo Huser und Menschen in Flle zu sehen waren,
aber nicht Gras und Blumen, keine Tannen und keine Berge, und
Heidis Verlangen nach dem Anblick der schnen gewohnten Dinge
steigerte sich mit jedem Tage mehr, so dass es jetzt nur den Namen
eines dieser Erinnerung weckenden Worte zu lesen brauchte, so war
schon ein Ausbruch des Schmerzes nahe, und Heidi hatte mit aller
Gewalt dagegen zu ringen.  So waren Herbst und Winter vergangen,
und schon blendete die Sonne wieder so stark auf die weien Mauern
am Hause gegenber, dass Heidi ahnte, nun sei die Zeit nahe, da der
Peter wieder zur Alm fhre mit den Geien, da die goldenen
Cystusrschen glitzerten droben im Sonnenschein und allabendlich
ringsum alle Berge im Feuer stnden.  Heidi setzte sich in seinem
einsamen Zimmer in einen Winkel und hielt sich mit beiden Hnden
die Augen zu, dass es den Sonnenschein drben an der Mauer nicht
sehe; und so sa es regungslos, sein brennendes Heimweh lautlos
niederkmpfend, bis Klara wieder nach ihm rief.




Im Hause Sesemann spukt's

Seit einigen Tagen wanderte Frulein Rottenmeier meistens
schweigend und in sich gekehrt im Haus herum.  Wenn sie um die Zeit
der Dmmerung von einem Zimmer ins andere oder ber den langen
Korridor ging, schaute sie fters um sich, gegen die Ecken hin und
auch schnell einmal hinter sich, so, als denke sie, es knnte
jemand leise hinter ihr herkommen und sie unversehens am Rock
zupfen.  So allein ging sie aber nur noch in den bewohnten Rumen
herum.  Hatte sie auf dem oberen Boden, wo die feierlich
aufgersteten Gastzimmer lagen, oder gar in den unteren Rumen
etwas zu besorgen, wo der groe geheimnisvolle Saal war, in dem
jeder Tritt einen weithin schallenden Widerhall gab und die alten
Ratsherren mit den groen, weien Kragen so ernsthaft und
unverwandt auf einen niederschauten, da rief sie nun regelmig die
Tinette herbei und sagte ihr, sie habe mitzukommen, im Fall etwas
von dort herauf- oder von oben herunterzutragen wre.  Tinette
ihrerseits machte es pnktlich ebenso; hatte sie oben oder unten
irgendein Geschft abzutun, so rief sie den Sebastian herbei und
sagte ihm, er habe sie zu begleiten, es mchte etwas
herbeizubringen sein, das sie nicht allein tragen knnte.
Wunderbarerweise tat auch Sebastian akkurat dasselbe; wurde er in
die abgelegenen Rume geschickt, so holte er den Johann herauf und
wies ihn an, ihn zu begleiten, im Fall er nicht herbeischaffen
knnte, was erforderlich sei.  Und jedes folgte immer ganz willig
dem Ruf, obschon eigentlich nie etwas herbeizutragen war, so dass
jedes gut htte allein gehen knnen; aber es war so, als denke der
Herbeigerufene immer bei sich, er knne den anderen auch bald fr
denselben Dienst ntig haben.  Whrend sich solches oben zutrug,
stand unten die langjhrige Kchin tiefsinnig bei ihren Tpfen und
schttelte den Kopf und seufzte: "Dass ich das noch erleben musste!"

Es ging im Hause Sesemann seit einiger Zeit etwas ganz Seltsames
und Unheimliches vor.  Jeden Morgen, wenn die Dienerschaft
herunterkam, stand die Haustr weit offen; aber weit und breit war
niemand zu sehen, der mit dieser Erscheinung im Zusammenhang stehen
konnte.  In den ersten Tagen, da dies geschehen war, wurden gleich
mit Schrecken alle Zimmer und Rume des Hauses durchsucht, um zu
sehen, was alles gestohlen sei, denn man dachte, ein Dieb habe sich
im Hause verstecken knnen und sei in der Nacht mit dem Gestohlenen
entflohen; aber da war gar nichts fortgekommen, es fehlte im ganzen
Hause nicht ein einziges Ding.  Abends wurde nicht nur die Tr
doppelt zugeriegelt, sondern es wurde noch der hlzerne Balken
vorgeschoben--es half nichts: Am Morgen stand die Tr weit offen;
und so frh nun auch die ganze Dienerschaft in ihrer Aufregung am
Morgen herunterkommen mochte--die Tr stand offen, wenn auch
ringsum alles noch im tiefen Schlaf lag und Fenster und Tren an
allen anderen Husern noch fest verrammelt waren.  Endlich fassten
sich der Johann und der Sebastian ein Herz und machten sich auf die
dringenden Zureden der Dame Rottenmeier bereit, die Nacht unten in
dem Zimmer, das an den groen Saal stie, zuzubringen und zu
erwarten, was geschehe.  Frulein Rottenmeier suchte mehrere Waffen
des Herrn Sesemann hervor und bergab dem Sebastian eine groe
Liqueurflasche, damit Strkung vorausgehen und gute Wehr nachfolgen
knne, wo sie ntig sei.

Die beiden setzten sich an dem festgesetzten Abend hin und fingen
gleich an, sich Strkung zuzutrinken, was sie erst sehr gesprchig
und dann ziemlich schlfrig machte, worauf sie beide sich an die
Sesselrcken lehnten und verstummten.  Als die alte Turmuhr drben
zwlf schlug, ermannte sich Sebastian und rief seinen Kameraden an;
der war aber nicht leicht zu erwecken; sooft ihn Sebastian anrief,
legte er seinen Kopf von einer Seite der Sessellehne auf die andere
und schlief weiter.  Sebastian lauschte nunmehr gespannt, er war
nun wieder ganz munter geworden.  Es war alles muschenstill, auch
von der Strae war kein Laut mehr zu hren.  Sebastian entschlief
nicht wieder, denn jetzt wurde es ihm sehr unheimlich in der groen
Stille, und er rief den Johann nur noch mit gedmpfter Stimme an
und rttelte ihn von Zeit zu Zeit ein wenig.  Endlich, als es
droben schon ein Uhr geschlagen hatte, war der Johann wach geworden
und wieder zum klaren Bewusstsein gekommen, warum er auf dem Stuhl
sitze und nicht in seinem Bett liege.  Jetzt fuhr er auf einmal
sehr tapfer empor und rief: "Nun, Sebastian, wir mssen doch einmal
hinaus und sehen, wie's steht; du wirst dich ja nicht frchten.
Nur mir nach."

Johann machte die leicht angelehnte Zimmertr weit auf und trat
hinaus.  Im gleichen Augenblick blies aus der offenen Haustr ein
scharfer Luftzug her und lschte das Licht aus, das der Johann in
der Hand hielt.  Dieser strzte zurck, warf den hinter ihm
stehenden Sebastian beinah rcklings ins Zimmer hinein, riss ihn
dann mit, schlug die Tr zu und drehte in fieberhafter Eile den
Schlssel um, solang er nur umging.  Dann riss er seine
Streichhlzer hervor und zndete sein Licht wieder an.  Sebastian
wusste gar nicht recht, was vorgefallen war, denn hinter dem
breiten Johann stehend, hatte er den Luftzug nicht so deutlich
empfunden.  Wie er aber jenen nun bei Licht besah, tat er einen
Schreckensruf, denn der Johann war kreidewei und zitterte wie
Espenlaub.  "Was ist's denn?  Was war denn drauen?", fragte der
Sebastian teilnehmend.

"Sperrangelweit offen die Tr", keuchte Johann, "und auf der Treppe
eine weie Gestalt, siehst du, Sebastian, nur so die Treppe hinauf--
husch und verschwunden."

Dem Sebastian gruselte es den ganzen Rcken hinauf.  Jetzt setzten
sich die beiden ganz nah zusammen und regten sich nicht mehr, bis
dass der neue Morgen da war und es auf der Strae anfing, lebendig
zu werden.  Dann traten sie zusammen hinaus, machten die weit offen
stehende Haustr zu und stiegen dann hinauf, um Frulein
Rottenmeier Bericht zu erstatten ber das Erlebte.  Die Dame war
auch schon zu sprechen, denn die Erwartung der zu vernehmenden
Dinge hatte sie nicht mehr schlafen lassen.  Sobald sie nun
vernommen hatte, was vorgefallen war, setzte sie sich hin und
schrieb einen Brief an Herrn Sesemann, wie er noch keinen erhalten
hatte; er mge sich nur sogleich, ohne Verzug, aufmachen und nach
Hause zurckkehren, denn da geschhen unerhrte Dinge.  Dann wurde
ihm das Vorgefallene mitgeteilt sowie auch die Nachricht, dass
fortgesetzt die Tr jeden Morgen offen stehe; dass also keiner im
Hause seines Lebens mehr sicher sei bei dergestalt allnchtlich
offen stehender Hauspforte und dass man berhaupt nicht absehen
knne, was fr dunkle Folgen dieser unheimliche Vorgang noch nach
sich ziehen knne.  Herr Sesemann antwortete umgehend, es sei ihm
unmglich, so pltzlich alles liegen zu lassen und nach Hause zu
kommen.  Die Gespenstergeschichte sei ihm sehr befremdend, er hoffe
auch, sie sei vorbergehend; sollte es indessen keine Ruhe geben,
so mge Frulein Rottenmeier an Frau Sesemann schreiben und sie
fragen, ob sie nicht nach Frankfurt zu Hilfe kommen wollte; gewiss
wrde seine Mutter in krzester Zeit mit den Gespenstern fertig,
und diese trauten sich nachher sicher so bald nicht wieder, sein
Haus zu beunruhigen.  Frulein Rottenmeier war nicht zufrieden mit
dem Ton dieses Briefes; die Sache war ihr zu wenig ernst aufgefasst.
Sie schrieb unverzglich an Frau Sesemann, aber von dieser Seite
her tnte es nicht eben befriedigender, und die Antwort enthielt
einige ganz anzgliche Bemerkungen.  Frau Sesemann schrieb, sie
gedenke nicht, extra von Holstein nach Frankfurt hinunterzureisen,
weil die Rottenmeier Gespenster sehe.  brigens sei niemals ein
Gespenst gesehen worden im Hause Sesemann, und wenn jetzt eines
darin herumfahre, so knne es nur ein lebendiges sein, mit dem die
Rottenmeier sich sollte verstndigen knnen; wo nicht, so solle sie
die Nachtwchter zu Hilfe rufen.

Aber Frulein Rottenmeier war entschlossen, ihre Tage nicht mehr in
Schrecken zuzubringen, und sie wusste sich zu helfen.  Bis dahin
hatte sie den beiden Kindern nichts von der Geistererscheinung
gesagt, denn sie befrchtete, die Kinder wrden vor Furcht Tag und
Nacht keinen Augenblick mehr allein bleiben wollen, und das konnte
sehr unbequeme Folgen fr sie haben.  Jetzt ging sie stracks ins
Studierzimmer hinber, wo die beiden zusammensaen, und erzhlte
mit gedmpfter Stimme von den nchtlichen Erscheinungen eines
Unbekannten.  Sofort schrie Klara auf, sie bleibe keinen Augenblick
mehr allein, der Papa msse nach Hause kommen und Frulein
Rottenmeier msse zum Schlafen in ihr Zimmer hinberziehen, und
Heidi drfe auch nicht mehr allein sein, sonst knne das Gespenst
einmal zu ihm kommen und ihm etwas tun; sie wollten alle in (einem)
Zimmer schlafen und die ganze Nacht das Licht brennen lassen, und
Tinette msste nebenan schlafen und der Sebastian und der Johann
mssten auch herunterkommen und auf dem Korridor schlafen, dass sie
gleich schreien und das Gespenst erschrecken knnten, wenn es etwa
die Treppe heraufkommen wollte.  Klara war sehr aufgeregt und
Frulein Rottenmeier hatte nun die grte Mhe, sie etwas zu
beschwichtigen.  Sie versprach ihr, sogleich an den Papa zu
schreiben und auch ihr Bett in Klaras Zimmer stellen und sie nie
mehr allein lassen zu wollen.  Alle konnten sie nicht in demselben
Raume schlafen, aber wenn Adelheid sich auch frchten sollte, so
msste Tinette ihr Nachtlager bei ihr aufschlagen.  Aber Heidi
frchtete sich mehr vor der Tinette als vor Gespenstern, von denen
das Kind noch gar nie etwas gehrt hatte, und es erklrte gleich,
es frchte das Gespenst nicht und wolle schon allein in seinem
Zimmer bleiben.  Hierauf eilte Frulein Rottenmeier an ihren
Schreibtisch und schrieb an Herrn Sesemann, die unheimlichen
Vorgnge im Hause, die allnchtlich sich wiederholten, htten die
zarte Konstitution seiner Tochter dergestalt erschttert, dass die
schlimmsten Folgen zu befrchten seien; man habe Beispiele von
pltzlich eintretenden epileptischen Zufllen oder Veitstanz in
solchen Verhltnissen, und seine Tochter sei allem ausgesetzt, wenn
dieser Zustand des Schreckens im Hause nicht gehoben werde.

Das half.  Zwei Tage darauf stand Herr Sesemann vor seiner Tr und
schellte dergestalt an seiner Hausglocke, dass alles zusammenlief
und einer den anderen anstarrte, denn man glaubte nicht anders, als
nun lasse der Geist frecherweise noch vor Nacht seine boshaften
Stcke aus.  Sebastian guckte ganz behutsam durch einen halb
geffneten Laden von oben herunter; in dem Augenblick schellte es
noch einmal so nachdrcklich, dass jeder unwillkrlich eine
Menschenhand hinter dem tchtigen Ruck vermutete.  Sebastian hatte
die Hand erkannt, strzte durchs Zimmer, kopfber die Treppe
hinunter, kam aber unten wieder auf die Fe und riss die Haustr
auf.  Herr Sesemann grte kurz und stieg ohne weiteres nach dem
Zimmer seiner Tochter hinauf.  Klara empfing den Papa mit einem
lauten Freudenruf, und als er sie so munter und vllig unverndert
sah, glttete sich seine Stirn, die er vorher sehr zusammengezogen
hatte, und immer mehr, als er nun von ihr selbst hrte, sie sei so
wohl wie immer und sie sei so froh, dass er gekommen sei, dass es
ihr jetzt ganz recht sei, dass ein Geist im Haus herumfahre, weil
er doch daran schuld sei, dass der Papa heimkommen musste.

"Und wie fhrt sich das Gespenst weiter auf, Frulein Rottenmeier?",
fragte nun Herr Sesemann mit einem lustigen Ausdruck in den
Mundwinkeln.

"Nein, Herr Sesemann", entgegnete die Dame ernst, "es ist kein
Scherz.  Ich zweifle nicht daran, dass morgen Herr Sesemann nicht
mehr lachen wird; denn was in dem Hause vorgeht, deutet auf
Frchterliches, das hier in vergangener Zeit muss vorgegangen und
verheimlicht worden sein."

"So, davon wei ich nichts", bemerkte Herr Sesemann, "muss aber
bitten, meine vllig ehrenwerten Ahnen nicht verdchtigen zu wollen.
Und nun rufen Sie mir den Sebastian ins Esszimmer, ich will
allein mit ihm reden."

Herr Sesemann ging hinber und Sebastian erschien.  Es war Herrn
Sesemann nicht entgangen, dass Sebastian und Frulein Rottenmeier
sich nicht eben mit Zuneigung betrachteten; so hatte er seine
Gedanken.

"Komm Er her, Bursche", winkte er dem Eintretenden entgegen, "und
sag Er mir nun ganz ehrlich: Hat Er nicht etwa selbst ein wenig
Gespenst gespielt, so um Frulein Rottenmeier etwas Kurzweil zu
machen, he?"

"Nein, meiner Treu, das muss der gndige Herr nicht glauben; es ist
mir selbst nicht ganz gemtlich bei der Sache", entgegnete
Sebastian mit unverkennbarer Ehrlichkeit.

"Nun, wenn es so steht, so will ich morgen Ihm und dem tapferen
Johann zeigen, wie Gespenster beim Licht aussehen.  Schme Er sich,
Sebastian, ein junger, krftiger Bursch, wie Er ist, vor
Gespenstern davonzulaufen!  Nun geh Er unverzglich zu meinem alten
Freund, Doktor Classen: meine Empfehlung und er mchte unfehlbar
heut Abend neun Uhr bei mir erscheinen; ich sei extra von Paris
hergereist, um ihn zu konsultieren.  Er msse die Nacht bei mir
wachen, so schlimm sei's; er solle sich richten!  Verstanden,
Sebastian?"

"Jawohl, jawohl!  Der gndige Herr kann sicher sein, dass ich's gut
mache." Damit entfernte sich Sebastian, und Herr Sesemann kehrte zu
seinem Tchterchen zurck, um ihr alle Furcht vor einer Erscheinung
zu benehmen, die er noch heute ins ntige Licht stellen wollte.

Punkt neun Uhr, als die Kinder zur Ruhe gegangen und auch Frulein
Rottenmeier sich zurckgezogen hatte, erschien der Doktor, der
unter seinen grauen Haaren noch ein recht frisches Gesicht und zwei
lebhaft und freundlich blickende Augen zeigte.  Er sah etwas
ngstlich aus, brach aber gleich nach seiner Begrung in ein
helles Lachen aus und sagte, seinem Freunde auf die Schulter
klopfend: "Nun, nun, fr einen, bei dem man wachen soll, siehst du
noch leidlich aus, Alter."

"Nur Geduld, Alter", gab Herr Sesemann zurck; "derjenige, fr den
du wachen musst, wird schon schlimmer aussehen, wenn wir ihn erst
abgefangen haben."

"Also doch ein Kranker im Haus und dazu einer, der eingefangen
werden muss?"

"Weit schlimmer, Doktor, weit schlimmer.  Ein Gespenst im Hause,
bei mir spukt's!"

Der Doktor lachte laut auf.

"Schne Teilnahme das, Doktor!", fuhr Herr Sesemann fort; "schade,
dass meine Freundin Rottenmeier sie nicht genieen kann.  Sie ist
fest berzeugt, dass ein alter Sesemann hier herumrumort und
Schauertaten abbt."

"Wie hat sie ihn aber nur kennen gelernt?", fragte der Doktor noch
immer sehr erheitert.

Herr Sesemann erzhlte nun seinem Freunde den ganzen Vorgang und
wie noch jetzt allnchtlich die Haustr geffnet werde, nach der
Angabe der smtlichen Hausbewohner, und fgte hinzu, um fr alle
Flle vorbereitet zu sein, habe er zwei gut geladene Revolver in
das Wachtlokal legen lassen; denn entweder sei die Sache ein sehr
unerwnschter Scherz, den sich vielleicht irgendein Bekannter der
Dienerschaft mache, um die Leute des Hauses in Abwesenheit des
Hausherrn zu erschrecken--dann knnte ein kleiner Schrecken, wie
ein guter Schuss ins Leere, ihm nicht unheilsam sein--; oder auch
es handle sich um Diebe, die auf diese Weise erst den Gedanken an
Gespenster aufkommen lassen wollten, um nachher umso sicherer zu
sein, dass niemand sich herauswage--in diesem Falle knnte eine
gute Waffe auch nicht schaden.

Whrend dieser Erklrungen waren die Herren die Treppe
hinuntergestiegen und traten in dasselbe Zimmer ein, wo Johann und
Sebastian auch gewacht hatten.  Auf dem Tische standen einige
Flaschen schnen Weines, denn eine kleine Strkung von Zeit zu Zeit
konnte nicht unerwnscht sein, wenn die Nacht da zugebracht werden
musste.  Daneben lagen die beiden Revolver, und zwei, ein helles
Licht verbreitende Armleuchter standen mitten auf dem Tisch, denn
so im Halbdunkel wollte Herr Sesemann das Gespenst denn doch nicht
erwarten.

Nun wurde die Tr ans Schloss gelehnt, denn zu viel Licht durfte
nicht in den Korridor hinausflieen, es konnte das Gespenst
verscheuchen.  Jetzt setzten sich die Herren gemtlich in ihre
Lehnsthle und fingen an, sich allerlei zu erzhlen, nahmen auch
hier und da dazwischen einen guten Schluck, und so schlug es zwlf
Uhr, eh sie sich's versahen.

"Das Gespenst hat uns gewittert und kommt wohl heut gar nicht",
sagte der Doktor jetzt.

"Nur Geduld, es soll erst um ein Uhr kommen", entgegnete der Freund.

Das Gesprch wurde wieder aufgenommen.  Es schlug ein Uhr.  Ringsum
war es vllig still, auch auf den Straen war aller Lrm verklungen.
Auf einmal hob der Doktor den Finger empor.

"Pst, Sesemann, hrst du nichts?"

Sie lauschten beide.  Leise, aber ganz deutlich hrten sie, wie der
Balken zurckgeschoben, dann der Schlssel zweimal im Schloss
umgedreht, jetzt die Tr geffnet wurde.  Herr Sesemann fuhr mit
der Hand nach seinem Revolver.

"Du frchtest dich doch nicht?", sagte der Doktor und stand auf.

"Behutsam ist besser", flsterte Herr Sesemann, erfasste mit der
Linken den Armleuchter mit drei Kerzen, mit der Rechten den
Revolver und folgte dem Doktor, der, gleichermaen mit Leuchter und
Schiegewehr bewaffnet, voranging.  Sie traten auf den Korridor
hinaus.

Durch die weit geffnete Tr floss ein bleicher Mondschein herein
und beleuchtete eine weie Gestalt, die regungslos auf der Schwelle
stand.

"Wer da?", donnerte jetzt der Doktor heraus, dass es durch den
ganzen Korridor hallte, und beide Herren traten nun mit Lichtern
und Waffen an die Gestalt heran.  Sie kehrte sich um und tat einen
leisen Schrei.  Mit bloen Fen im weien Nachtkleidchen stand
Heidi da, schaute mit verwirrten Blicken in die hellen Flammen und
auf die Waffen und zitterte und bebte wie ein Blttlein im Winde
von oben bis unten.  Die Herren schauten einander in groem
Erstaunen an.

"Ich glaube wahrhaftig, Sesemann, es ist deine kleine
Wassertrgerin", sagte der Doktor.

"Kind, was soll das heien?", fragte nun Herr Sesemann.  "Was
wolltest du tun?  Warum bist du hier heruntergekommen?"

Schneewei vor Schrecken stand Heidi vor ihm und sagte fast tonlos:
"Ich wei nicht."

Jetzt trat der Doktor vor: "Sesemann, der Fall gehrt in mein
Gebiet; geh, setz dich einstweilen in deinen Lehnstuhl drinnen, ich
will vor allem das Kind hinbringen, wo es hingehrt."

Damit legte er seinen Revolver auf den Boden, nahm das zitternde
Kind ganz vterlich bei der Hand und ging mit ihm der Treppe zu.

"Nicht frchten, nicht frchten", sagte er freundlich im
Hinaufsteigen, "nur ganz ruhig sein, da ist gar nichts Schlimmes
dabei, nur getrost sein."

In Heidis Zimmer eingetreten, stellte der Doktor seinen Leuchter
auf den Tisch, nahm Heidi auf den Arm, legte es in sein Bett hinein
und deckte es sorgfltig zu.  Dann setzte er sich auf den Sessel am
Bett und wartete, bis Heidi ein wenig beruhigt war und nicht mehr
an allen Gliedern bebte.  Dann nahm er das Kind bei der Hand und
sagte begtigend: "So, nun ist alles in Ordnung, nun sag mir auch
noch, wo wolltest du denn hin?"

"Ich wollte gewiss nirgends hin", versicherte Heidi; "ich bin auch
gar nicht selbst hinuntergegangen, ich war nur auf einmal da."

"So, so, und hast du etwa getrumt in der Nacht, weit du, so, dass
du deutlich etwas sahst und hrtest?"

"Ja, jede Nacht trumt es mir und immer gleich.  Dann mein ich, ich
sei beim Grovater, und drauen hr ich's in den Tannen sausen und
denke: Jetzt glitzern so schn die Sterne am Himmel, und ich laufe
geschwind und mache die Tr auf an der Htte und da ist's so schn!
Aber wenn ich erwache, bin ich immer noch in Frankfurt." Heidi
fing schon an zu kmpfen und zu schlucken an dem Gewicht, das den
Hals hinaufstieg.

"Hm, und tut dir denn auch nichts weh, nirgends?  Nicht im Kopf
oder im Rcken?"

"O nein, nur hier drckt es so wie ein groer Stein immerfort."

"Hm, etwa so, wie wenn man etwas gegessen hat und wollte es nachher
lieber wieder zurckgeben?"

"Nein, so nicht, aber so schwer, wie wenn man stark weinen sollte."

"So, so, und weinst du denn so recht heraus?"

"O nein, das darf man nicht, Frulein Rottenmeier hat es verboten."

"Dann schluckst du's herunter zum andern, nicht wahr, so?  Richtig!
Nun, du bist doch recht gern in Frankfurt, nicht?"

"O ja", war die leise Antwort; sie klang aber so, als bedeute sie
eher das Gegenteil.

"Hm, und wo hast du mit deinem Grovater gelebt?"

"Immer auf der Alm."

"So, da ist's doch nicht so besonders kurzweilig, eher ein wenig
langweilig, nicht?"

"O nein, da ist's so schn, so schn!" Heidi konnte nicht weiter;
die Erinnerung, die eben durchgemachte Aufregung, das lang
verhaltene Weinen berwltigten die Krfte des Kindes; gewaltsam
strzten ihm die Trnen aus den Augen und es brach in ein lautes,
heftiges Schluchzen aus.

Der Doktor stand auf; er legte freundlich Heidis Kopf auf das
Kissen nieder und sagte: "So, noch ein klein wenig weinen, das kann
nichts schaden, und dann schlafen, ganz frhlich einschlafen;
morgen wird alles gut." Dann verlie er das Zimmer.

Wieder unten in die Wachtstube eingetreten, lie er sich dem
harrenden Freunde gegenber in den Lehnstuhl nieder und erklrte
dem mit gespannter Erwartung Lauschenden: "Sesemann, dein kleiner
Schtzling ist erstens mondschtig; vllig unbewusst hat er dir
allnchtlich als Gespenst die Haustr aufgemacht und deiner ganzen
Mannschaft die Fieber des Schreckens ins Gebein gejagt.  Zweitens
wird das Kind vom Heimweh verzehrt, so dass es schon jetzt fast zum
Geripplein abgemagert ist und es noch vllig werden wrde; also
schnelle Hilfe!  Fr das erste bel und die in hohem Grade
stattfindende Nervenaufregung gibt es nur ein Heilmittel, nmlich,
dass du sofort das Kind in die heimatliche Bergluft
zurckversetzest; fr das zweite gibt's ebenfalls nur (eine)
Medizin, nmlich ganz dieselbe.  Demnach reist das Kind morgen ab,
das ist mein Rezept."

Herr Sesemann war aufgestanden.  In grter Aufregung lief er das
Zimmer auf und ab; jetzt brach er aus: "Mondschtig!  Krank!
Heimweh!  Abgemagert in meinem Hause!  Das alles in meinem Hause!
Und niemand sieht zu und wei etwas davon!  Und du, Doktor, du
meinst, das Kind, das frisch und gesund in mein Haus gekommen ist,
schicke ich elend und abgemagert seinem Grovater zurck?  Nein,
Doktor, das kannst du nicht verlangen, das tu ich nicht, das werde
ich nie tun.  Jetzt nimm das Kind in die Hand, mach Kuren mit ihm,
mach, was du willst, aber mach es mir heil und gesund, dann will
ich es heimschicken, wenn es will; aber erst hilf du!"

"Sesemann", entgegnete der Doktor ernsthaft, "bedenke, was du tust!
Dieser Zustand ist keine Krankheit, die man mit Pulvern und Pillen
heilt.  Das Kind hat keine zhe Natur, indessen, wenn du es jetzt
gleich wieder in die krftige Bergluft hinaufschickst, an die es
gewhnt ist, so kann es wieder vllig gesunden; wenn nicht--du
willst nicht, dass das Kind dem Grovater unheilbar oder gar nicht
mehr zurckkomme?"

Herr Sesemann war erschrocken stehen geblieben: "Ja, wenn du so
redest, Doktor, dann ist nur (ein) Weg, dann muss sofort gehandelt
werden." Mit diesen Worten nahm Herr Sesemann den Arm seines
Freundes und wanderte mit ihm hin und her, um die Sache noch weiter
zu besprechen.  Dann brach der Doktor auf, um nach Hause zu gehen,
denn es war unterdessen viel Zeit vergangen, und durch die Haustr,
die diesmal vom Herrn des Hauses aufgeschlossen wurde, drang schon
der helle Morgenschimmer herein.




Am Sommerabend die Alm hinan

Herr Sesemann stieg in groer Erregtheit die Treppe hinauf und
wanderte mit festem Schritt zum Schlafgemach der Dame Rottenmeier.
Hier klopfte er so ungewhnlich krftig an die Tr, dass die
Bewohnerin mit einem Schreckensruf aus dem Schlaf auffuhr.  Sie
hrte die Stimme des Hausherrn drauen: "Bitte sich zu beeilen und
im Esszimmer zu erscheinen, es muss sofort eine Abreise vorbereitet
werden."

Frulein Rottenmeier schaute auf ihre Uhr, es war halb fnf des
Morgens; zu solcher Stunde war sie in ihrem Leben noch nie
aufgestanden.  Was konnte nur vorgefallen sein?  Vor Neugierde und
angstvoller Erwartung nahm sie alles verkehrt in die Hand und kam
durchaus nicht vorwrts, denn was sie einmal auf den Leib gebracht
hatte, suchte sie nachher rastlos im Zimmer herum.

Unterdessen ging Herr Sesemann den Korridor entlang und zog mit
aller Kraft an jedem Glockenzug, der je fr die verschiedenen
Glieder der Dienerschaft angebracht war, so dass in jedem der
betreffenden Zimmer eine Schreckensgestalt aus dem Bett sprang und
verkehrt in die Kleider fuhr, denn einer wie der andere dachte
sogleich, das Gespenst habe irgendwie den Hausherrn gepackt und
dies sei sein Hilferuf.  So kamen sie nach und nach, einer
schauerlicher aussehend als der andere, herunter und stellten sich
mit Erstaunen vor den Hausherrn hin, denn dieser ging frisch und
munter im Esszimmer auf und ab und sah keineswegs aus, als habe ihn
ein Gespenst erschreckt.  Johann wurde sofort hingeschickt, Pferde
und Wagen in Ordnung zu bringen und sie nachher vorzufhren.
Tinette erhielt den Auftrag, sogleich Heidi aufzuwecken und es in
den Stand zu stellen, eine Reise anzutreten.  Sebastian erhielt den
Auftrag, nach dem Hause zu eilen, wo Heidis Base im Dienst stand,
und diese herbeizuholen.  Frulein Rottenmeier war unterdessen
zurechtgekommen mit ihrem Anzug, und alles sa, wie es musste, nur
die Haube sa verkehrt auf dem Kopf, so dass es von weitem aussah,
als sitze ihr das Gesicht auf dem Rcken.  Herr Sesemann schrieb
den rtselhaften Anblick dem frhen Schlafbrechen zu und ging
unverweilt an die Geschftsverhandlungen.  Er erklrte der Dame,
sie habe ohne Zgern einen Koffer zur Stelle zu schaffen, die
smtliche Habe des Schweizerkindes hineinzupacken--so nannte Herr
Sesemann gewhnlich das Heidi, dessen Name ihm etwas ungewohnt war--
, dazu noch einen guten Teil von Klaras Zeug, damit das Kind was
Rechtes mitbringe; es msse aber alles schnell und ohne langes
Besinnen vor sich gehen.

Frulein Rottenmeier blieb vor berraschung wie in den Boden
eingewurzelt stehen und starrte Herrn Sesemann an.  Sie hatte
erwartet, er wolle ihr im Vertrauen die Mitteilung einer
schauerlichen Geistergeschichte machen, die er in der Nacht erlebt
und die sie eben jetzt bei dem hellen Morgenlicht nicht ungern
gehrt htte; stattdessen diese vllig prosaischen und dazu noch
sehr unbequemen Auftrge.  So schnell konnte sie das Unerwartete
nicht bewltigen.  Sprachlos stand sie immer noch da und erwartete
ein Weiteres.

Aber Herr Sesemann hatte keine Erklrungen im Sinn; er lie die
Dame stehen, wo sie stand, und ging nach dem Zimmer seiner Tochter.
Wie er vermutet hatte, war diese durch die ungewhnliche Bewegung
im Hause wach geworden und lauschte nach allen Seiten hin, was wohl
vorgehe.  Der Vater setzte sich nun an ihr Bett und erzhlte ihr
den ganzen Verlauf der Geistererscheinung und dass Heidi nach des
Doktors Ausspruch sehr angegriffen sei und wohl nach und nach seine
nchtlichen Wanderungen ausdehnen, vielleicht gar das Dach
besteigen wrde, was dann mit den hchsten Gefahren verbunden wre.
Er habe also beschlossen, das Kind sofort heimzuschicken, denn
solche Verantwortung knne er nicht auf sich nehmen, und Klara
msse sich dareinfinden, sie sehe ja ein, dass es nicht anders sein
knne.

Klara war sehr schmerzlich berrascht von der Mitteilung und wollte
erst allerlei Auswege finden, aber es half nichts, der Vater blieb
fest bei seinem Entschluss, versprach aber, im nchsten Jahre mit
Klara nach der Schweiz zu reisen, wenn sie nun recht vernnftig sei
und keinen Jammer erhebe.  So ergab sich Klara in das
Unvermeidliche, begehrte aber zum Ersatz, dass der Koffer fr Heidi
in ihr Zimmer gebracht und da gepackt werde, damit sie
hineinstecken knne, was ihr Freude mache, was der Papa sehr gern
bewilligte, ja er ermunterte Klara noch, dem Kinde eine schne
Aussteuer zurechtzumachen.  Unterdessen war die Base Dete angelangt
und stand in groer Erwartung im Vorzimmer, denn dass sie um diese
ungewhnliche Zeit einberufen worden war, musste etwas
Auerordentliches bedeuten.  Herr Sesemann trat zu ihr heraus und
erklrte ihr, wie es mit Heidi stehe und dass er wnsche, sie
mchte das Kind sofort, gleich heute noch, nach Hause bringen.  Die
Base sah sehr enttuscht aus; diese Nachricht hatte sie nicht
erwartet.  Sie erinnerte sich auch noch recht wohl der Worte, die
ihr der hi mit auf den Weg gegeben hatte, dass sie ihm nie mehr
vor die Augen kommen solle, und so das Kind dem Alten einmal
bringen und dann nehmen und dann wiederbringen, das schien ihr
nicht ganz geraten zu sein.  Sie besann sich also nicht lange,
sondern sagte mit groer Beredsamkeit, heute wre es ihr leider
vllig unmglich, die Reise anzutreten, und morgen knnte sie noch
weniger daran denken, und die Tage darauf wre es am
allerunmglichsten, um der darauf folgenden Geschfte willen, und
nachher knnte sie dann gar nicht mehr.  Herr Sesemann verstand die
Sprache und entlie die Base ohne weiteres.  Nun lie er den
Sebastian vortreten und erklrte ihm, er habe sich unverzglich zur
Reise zu rsten; heute habe er mit dem Kinde bis nach Basel zu
fahren, morgen bringe er es heim.  Dann knne er sogleich wieder
umkehren, zu berichten habe er nichts, ein Brief an den Grovater
werde diesem alles erklren.

"Nun aber noch eine Hauptsache, Sebastian", schloss Herr Sesemann,
"und dass Er mir das pnktlich besorgt!  Den Gasthof in Basel, den
ich Ihm hier auf meine Karte geschrieben, kenne ich.  Er weist
meine Karte vor, dann wird Ihm ein gutes Zimmer angewiesen werden
fr das Kind; fr sich selbst wird Er schon sorgen.  Dann geht Er
erst in des Kindes Zimmer hinein und verrammelt alle Fenster so
vollstndig, dass nur groe Gewalt sie aufzubringen vermchte.  Ist
das Kind zu Bett, so geht Er und schliet von auen die Tr ab,
denn das Kind wandert herum in der Nacht und knnte Gefahr laufen
in dem fremden Haus, wenn es etwa hinausginge und die Haustr
aufmachen wollte; versteht Er das?"

"Ah!  Ah!  Ah!  Das war's?  So war's?", stie Sebastian jetzt in
grter Verwunderung aus, denn es war ihm eben ein groes Licht
aufgegangen ber die Geistererscheinung.

"Ja, so war's!  Das war's!  Und Er ist ein Hasenfu, und dem Johann
kann Er sagen, er sei desgleichen und alle miteinander eine
lcherliche Mannschaft." Damit ging Herr Sesemann nach seiner Stube,
setzte sich hin und schrieb einen Brief an den Alm-hi.

Sebastian war verdutzt mitten im Zimmer stehen geblieben und
wiederholte jetzt zu fteren Malen in seinem Innern: "Htt ich mich
doch von dem Feigling von einem Johann nicht in die Wachtstube
hineinreien lassen, sondern wre dem weien Figrchen nachgegangen,
was ich doch jetzt unzweifelhaft tun wrde!", denn jetzt
beleuchtete die helle Sonne jeden Winkel der hellgrauen Stube mit
voller Klarheit.

Unterdessen stand Heidi vllig ahnungslos in seinem
Sonntagsrckchen und wartete ab, was geschehen sollte, denn die
Tinette hatte es nur aus dem Schlafe aufgerttelt, die Kleider aus
dem Schrank genommen und das Anziehen gefrdert, ohne ein Wort zu
sagen.  Sie sprach niemals mit dem ungebildeten Heidi, denn das war
ihr zu gering.

Herr Sesemann trat mit seinem Brief ins Esszimmer ein, wo das
Frhstck bereitstand, und rief: "Wo ist das Kind?"

Heidi wurde gerufen.  Als es zu Herrn Sesemann herantrat, um ihm
'guten Morgen' zu sagen, schaute er ihm fragend ins
Gesicht: "Nun, was sagst du denn dazu, Kleine?"

Heidi blickte verwundert zu ihm auf.

"Du weit am Ende noch gar nichts", lachte Herr Sesemann.  "Nun,
heut gehst du heim, jetzt gleich."

"Heim?", wiederholte Heidi tonlos und wurde schneewei, und eine
kleine Weile konnte es gar keinen Atem mehr holen, so stark wurde
sein Herz von dem Eindruck gepackt.

"Nun, willst du etwa nichts wissen davon?", fragte Herr Sesemann
lchelnd.

"O ja, ich will schon", kam jetzt heraus, und nun war Heidi
dunkelrot geworden.

"Gut, gut", sagte Herr Sesemann ermunternd, indem er sich setzte
und Heidi winkte, dasselbe zu tun.  "Und nun tchtig frhstcken
und hernach in den Wagen und fort."

Aber Heidi konnte keinen Bissen herunterbringen, wie es sich auch
zwingen wollte aus Gehorsam; es war in einem Zustand von Aufregung,
dass es gar nicht wusste, ob es wache oder trume und ob es
vielleicht wieder auf einmal erwachen und im Nachthemdchen an der
Haustr stehen werde.

"Sebastian soll reichlich Proviant mitnehmen", rief Herr Sesemann
Frulein Rottenmeier zu, die eben eintrat; "das Kind kann nicht
essen, begreiflicherweise.--Geh hinber zu Klara, bis der Wagen
vorfhrt", setzte er freundlich, zu Heidi gewandt, hinzu.

Das war Heidis Wunsch: Es sprang hinber.  Mitten in Klaras Zimmer
war ein ungeheurer Koffer zu sehen, noch stand dessen Deckel weit
offen.

"Komm, Heidi, komm", rief ihm Klara entgegen.  "Sieh, was ich dir
habe einpacken lassen, komm, freut's dich?"

Und sie nannte ihm eine ganze Menge von Dingen, Kleider und
Schrzen, Tcher und Nhgert, "und sieh hier, Heidi", und Klara
hob triumphierend einen Korb in die Hhe.  Heidi guckte hinein und
sprang hoch auf vor Freude, denn drinnen lagen wohl zwlf schne,
weie, runde Brtchen, alle fr die Gromutter.  Die Kinder
vergaen in ihrem Jubel ganz, dass nun der Augenblick komme, da sie
sich trennen mussten, und als mit einem Mal der Ruf erschallte:
"Der Wagen ist bereit!"--da war keine Zeit mehr zum Traurigwerden.
Heidi lief in sein Zimmer, da musste noch ein schnes Buch von der
Gromama liegen, niemand konnte es eingepackt haben, denn es lag
unter dem Kopfkissen, weil Heidi Tag und Nacht sich nicht davon
trennen konnte.  Das wurde in den Korb auf die Brtchen gelegt.
Dann machte es seinen Schrank auf; noch suchte es nach einem Gute,
das man vielleicht auch nicht eingepackt hatte.  Richtig--auch das
alte rote Tuch lag noch da, Frulein Rottenmeier hatte es zu gering
erachtet, um mit eingepackt zu werden.  Heidi wickelte es um einen
anderen Gegenstand und legte es zuoberst auf den Korb, so dass das
rote Paket sehr sichtbar zur Erscheinung kam.  Dann setzte es sein
schnes Htchen auf und verlie sein Zimmer.

Die beiden Kinder mussten sich schnell Lebewohl sagen, denn Herr
Sesemann stand schon da, um Heidi nach dem Wagen zu bringen.
Frulein Rottenmeier stand oben an der Treppe, um hier Heidi zu
verabschieden.  Als sie das seltsame rote Bndelchen erblickte,
nahm sie es schnell aus dem Korb heraus und warf es auf den Boden.

"Nein, Adelheid", sagte sie tadelnd, "so kannst du nicht reisen von
diesem Hause aus; solches Zeug brauchst du berhaupt nicht
mitzuschleppen.  Nun lebe wohl."

Auf dieses Verbot hin durfte Heidi sein Bndelchen nicht wieder
aufnehmen, aber es schaute mit einem flehentlichen Blick zu dem
Hausherrn auf, so, als wollte man ihm seinen grten Schatz nehmen.

"Nein, nein", sagte Herr Sesemann in sehr bestimmtem Tone, "das
Kind soll mit heimtragen, was ihm Freude macht, und sollte es auch
junge Katzen oder Schildkrten mit fortschleppen, so wollen wir uns
darber nicht aufregen, Frulein Rottenmeier."

Heidi hob eilig sein Bndelchen wieder vom Boden auf, und Dank und
Freude leuchteten ihm aus den Augen.  Unten am Wagen reichte Herr
Sesemann dem Kinde die Hand und sagte ihm mit freundlichen Worten,
sie wrden seiner gedenken, er und seine Tochter Klara; er wnschte
ihm alles Gute auf den Weg, und Heidi dankte recht schn fr alle
Guttaten, die ihm zuteil geworden waren, und zum Schluss sagte es:
"Und den Herrn Doktor lasse ich tausendmal gren und ihm auch
vielmals danken." Denn es hatte sich wohl gemerkt, wie er gestern
Abend gesagt hatte: "Und morgen wird alles gut." Nun war es so
gekommen, und Heidi dachte, er habe dazu geholfen.

Jetzt wurde das Kind in den Wagen gehoben und der Korb und die
Provianttasche und der Sebastian kamen nach.  Herr Sesemann rief
noch einmal freundlich: "Glckliche Reise!", und der Wagen rollte
davon.

Bald nachher sa Heidi in der Eisenbahn und hielt unbeweglich
seinen Korb auf dem Schoe fest, denn es wollte ihn nicht einen
Augenblick aus den Hnden lassen, seine kostbaren Brtchen fr die
Gromutter waren ja darin, die musste es sorgfltig hten und von
Zeit zu Zeit einmal wieder ansehen und sich freuen darber.  Heidi
sa muschenstille whrend mehrerer Stunden, denn erst jetzt kam es
recht zum Bewusstsein, dass es auf dem Wege sei heim zum Grovater,
auf die Alm, zur Gromutter, zum Geienpeter, und nun kam ihm alles
vor Augen, eins nach dem anderen, was es wieder sehen werde und wie
alles aussehen werde daheim, und dabei stiegen ihm wieder neue
Gedanken auf, und auf einmal sagte es ngstlich: "Sebastian, ist
auch sicher die Gromutter auf der Alm nicht gestorben?"

"Nein, nein", beruhigte dieser, "wollen's nicht hoffen, wird schon
noch am Leben sein."

Dann fiel Heidi wieder in sein Sinnen zurck; nur hier und da
guckte es einmal in seinen Korb hinein, denn alle die Brtchen der
Gromutter auf den Tisch legen war sein Hauptgedanke.  Nach
lngerer Zeit sagte es wieder: "Sebastian, wenn man nur auch ganz
sicher wissen knnte, dass die Gromutter noch am Leben ist."

"Jawohl!  Jawohl!", entgegnete der Begleiter halb schlafend; "Wird
schon noch leben, wsste auch gar nicht, warum nicht."

Nach einiger Zeit drckte der Schlaf auch Heidis Augen zu, und nach
der vergangenen unruhigen Nacht und dem frhen Aufstehen war es so
schlafbedrftig, dass es erst wieder erwachte, als Sebastian es
tchtig am Arm schttelte und ihm zurief: "Erwachen!  Erwachen!
Gleich aussteigen, in Basel angekommen!"

Am folgenden Morgen ging's weiter, viele Stunden lang.  Heidi sa
wieder mit seinem Korb auf dem Scho, den es um keinen Preis dem
Sebastian bergeben wollte; aber heute sagte es gar nichts mehr,
denn nun wurde mit jeder Stunde die Erwartung gespannter.  Dann auf
einmal, als Heidi gar nicht daran dachte, ertnte laut der Ruf:
"Maienfeld!" Es sprang von seinem Sitz auf, und dasselbe tat
Sebastian, der auch berrascht worden war.  Jetzt standen sie
drauen, der Koffer mit ihnen, und der Bahnzug pfiff weiter ins Tal
hinein.  Sebastian sah ihm wehmtig nach, denn er wre viel lieber
so sicher und ohne Mhe weitergereist, als dass er nun eine
Fupartie unternehmen sollte, die dazu noch mit einer
Bergbesteigung enden musste, die sehr beschwerlich und dazu
gefahrvoll sein konnte in diesem Lande, wo doch alles noch halb
wild war, wie Sebastian annahm.  Er schaute daher sehr vorsichtig
um sich, wen er etwa beraten knnte ber den sichersten Weg nach
dem 'Drfli'.  Unweit des kleinen Stationsgebudes
stand ein kleiner Leiterwagen mit einem mageren Rsslein davor; auf
diesen wurden von einem breitschultrigen Manne ein paar groe Scke
aufgeladen, die mit der Bahn hergebracht worden waren.  Sebastian
trat zu ihm heran und brachte seine Frage nach dem sichersten Weg
zum Drfli vor.

"Hier sind alle Wege sicher", war die kurze Antwort.

Jetzt fragte Sebastian nach dem besten Wege, auf dem man gehen
knne, ohne in die Abgrnde zu strzen, und auch wie man einen
Koffer nach dem betreffenden Drfli befrdern knnte.  Der Mann
schaute nach dem Koffer hin und ma ihn ein wenig mit den Augen;
dann erklrte er, wenn das Ding nicht zu schwer sei, so wolle er es
auf seinen Wagen nehmen, da er selbst nach dem Drfli fahre, und so
gab noch ein Wort das andere, und endlich kamen die beiden berein,
der Mann solle Kind und Koffer mit auf seinen Wagen nehmen, und
nachher vom Drfli aus knne das Kind am Abend mit irgendjemand auf
die Alm geschickt werden.

"Ich kann allein gehen, ich wei schon den Weg vom Drfli auf die
Alm", sagte hier Heidi, das mit Aufmerksamkeit der Verhandlung
zugehrt hatte.  Dem Sebastian fiel eine schwere Last vom Herzen,
als er sich so auf einmal seiner Aussicht auf das Bergklettern
entledigt sah.  Er winkte nun Heidi geheimnisvoll auf die Seite und
berreichte ihm hier eine schwere Rolle und einen Brief an den
Grovater und erklrte ihm, die Rolle sei ein Geschenk von Herrn
Sesemann, die msse aber zuunterst in den Korb gesteckt werden,
noch unter die Brtchen, und darauf msse genau Acht gegeben werden,
dass sie nicht verloren gehe, denn darber wrde Herr Sesemann
ganz frchterlich bse und sein Leben lang nie mehr gut werden; das
sollte das Mamsellchen nur ja bedenken.

"Ich verliere sie schon nicht", sagte Heidi zuversichtlich und
steckte die Rolle samt dem Brief zuallerunterst in den Korb hinein.
Nun wurde der Koffer aufgeladen, und nachher hob Sebastian Heidi
samt seinem Korb auf den hohen Sitz empor, reichte ihm seine Hand
hinauf zum Abschied und ermahnte es noch einmal mit allerlei
Zeichen, auf den Inhalt des Korbes ein Auge zu haben; denn der
Fhrer war noch in der Nhe, und Sebastian war vorsichtig,
besonders jetzt, da er wusste, er htte eigentlich selbst das Kind
an Ort und Stelle bringen sollen.  Der Fhrer schwang sich jetzt
neben Heidi auf den Sitz hinauf, und der Wagen rollte den Bergen zu,
whrend Sebastian, froh ber seine Befreiung von der gefrchteten
Bergreise, sich am Stationshuschen niedersetzte, um den
zurckgehenden Bahnzug abzuwarten.

Der Mann auf dem Wagen war der Bcker vom Drfli, welcher seine
Mehlscke nach Hause fuhr.  Er hatte Heidi nie gesehen, aber wie
jedermann im Drfli wusste er von dem Kinde, das man dem Alm-hi
gebracht hatte; auch hatte er Heidis Eltern gekannt und sich gleich
vorgestellt, er werde es mit dem viel besprochenen Kinde hier zu
tun haben.  Es wunderte ihn nun ein wenig, warum das Kind schon
wieder heimkommen und whrend der Fahrt fing er nun mit Heidi ein
Gesprch an: "Du wirst das Kind sein, das oben beim Alm-hi war,
beim Grovater?"

"Ja."

"So ist es dir schlecht gegangen, dass du schon wieder von so weit
her heimkommst?"

"Nein, das ist es mir nicht; kein Mensch kann es so gut haben, wie
man es in Frankfurt hat."

"Warum lufst du denn heim?"

"Nur weil es mir der Herr Sesemann erlaubt hat, sonst wr ich nicht
heimgelaufen."

"Pah, warum bist du denn aber nicht lieber dort geblieben, wenn man
dir's erlaubt hat, heimzugehen?"

"Weil ich tausendmal lieber heimwill zum Grovater auf die Alm als
sonst alles auf der Welt."

"Denkst vielleicht anders, wenn du hinaufkommst", brummte der
Bcker; "nimmt mich aber doch wunder", sagte er dann zu sich selbst,
"es kann wissen, wie's ist."

Nun fing er an zu pfeifen und sagte nichts mehr, und Heidi schaute
um sich und fing an innerlich zu zittern vor Erregung, denn es
erkannte die Bume am Wege, und drben standen die hohen Zacken des
Falknis-Berges und schauten zu ihm herber, so als grten sie es
wie gute alte Freunde; und Heidi grte wieder, und mit jedem
Schritt vorwrts wurde Heidis Erwartung gespannter, und es meinte,
es msse vom Wagen herunterspringen und aus allen Krften laufen,
bis es ganz oben wre.  Aber es blieb doch still sitzen und rhrte
sich nicht, aber alles zitterte an ihm.  Jetzt fuhren sie im Drfli
ein, eben schlug die Glocke fnf Uhr.  Augenblicklich sammelte sich
eine Gesellschaft von Kindern und Frauen um den Wagen herum, und
ein paar Nachbarn traten auch noch herzu, denn der Koffer und das
Kind auf des Bckers Wagen hatten die Aufmerksamkeit aller
Umwohnenden auf sich gezogen, und jeder wollte wissen, woher und
wohin und wem beide zugehrten.  Als der Bcker Heidi
heruntergehoben hatte, sagte es eilig: "Danke, der Grovater holt
dann schon den Koffer", und wollte davonrennen.  Aber von allen
Seiten wurde es festgehalten, und eine Menge von Stimmen fragten
alle auf einmal, jede etwas Eigenes.  Heidi drngte sich mit einer
solchen Angst auf dem Gesichte durch die Leute, dass man ihm
unwillkrlich Platz machte und es laufen lie, und einer sagte zum
anderen: "Du siehst ja, wie es sich frchtet, es hat auch alle
Ursache." Und dann fingen sie noch an, sich zu erzhlen, wie der
Alm-hi seit einem Jahr noch viel rger geworden sei als vorher und
mit keinem Menschen mehr ein Wort rede und ein Gesicht mache, als
wolle er am liebsten jeden umbringen, der ihm in den Weg komme, und
wenn das Kind auf der ganzen Welt noch wsste wohin, so liefe es
nicht in das alte Drachennest hinauf.  Aber hier fiel der Bcker in
das Gesprch ein und sagte, er werde wohl mehr wissen als sie alle,
und erzhlte dann sehr geheimnisvoll, wie ein Herr das Kind bis
nach Maienfeld gebracht und es ganz freundlich entlassen habe und
auch gleich ohne Markten ihm den geforderten Fahrpreis und dazu
noch ein Trinkgeld gegeben habe, und berhaupt knne er sicher
sagen, dass es dem Kind wohl genug gewesen sei, wo es war, und es
selbst begehrt habe, zum Grovater zurckzugehen.  Diese Nachricht
brachte eine groe Verwunderung hervor und wurde nun gleich im
ganzen Drfli so verbreitet, dass noch am gleichen Abend kein Haus
daselbst war, in dem man nicht davon redete, dass das Heidi aus
allem Wohlleben zum Grovater zurckbegehrt habe.

Heidi lief vom Drfli bergan, so schnell es nur konnte; von Zeit zu
Zeit musste es aber pltzlich stille stehen, denn es hatte ganz den
Atem verloren; sein Korb am Arm war doch ziemlich schwer, und dazu
ging es nun immer steiler, je hher hinauf es ging.  Heidi hatte
nur noch einen Gedanken: "Wird auch die Gromutter noch auf ihrem
Pltzchen sitzen am Spinnrad in der Ecke, ist sie auch nicht
gestorben unterdessen?" Jetzt erblickte Heidi die Htte oben in der
Vertiefung an der Alm, sein Herz fing an zu klopfen, Heidi rannte
noch mehr, immer mehr und immer lauter schlug ihm das Herz.  Jetzt
war es oben--vor Zittern konnte es fast die Tr nicht aufmachen--
doch jetzt--es sprang hinein bis mitten in die kleine Stube und
stand da, vllig auer Atem, und brachte keinen Ton hervor.

"Ach du mein Gott", tnte es aus der Ecke hervor, "so sprang unser
Heidi herein, ach, wenn ich es noch ein Mal im Leben bei mir haben
knnte!  Wer ist hereingekommen?"

"Da bin ich ja, Gromutter, da bin ich ja", rief Heidi jetzt und
strzte nach der Ecke und gleich auf seine Knie zu der Gromutter
heran, fasste ihren Arm und ihre Hnde und legte sich an sie und
konnte vor Freude gar nichts mehr sagen.  Erst war die Gromutter
so berrascht, dass auch sie kein Wort hervorbringen konnte; dann
fuhr sie mit der Hand streichelnd ber Heidis Kraushaare hin, und
nun sagte sie ein Mal ber das andere: "Ja, ja, das sind seine
Haare und es ist ja seine Stimme, ach du lieber Gott, dass du mich
das noch erleben lsst!" Und aus den blinden Augen fielen ein paar
groe Freudentrnen auf Heidis Hand nieder.  "Bist du's auch, Heidi,
bist du auch sicher wieder da?"

"Ja, ja, sicher, Gromutter", rief Heidi nun mit aller Zuversicht,
"weine nur nicht, ich bin ganz gewiss wieder da und komme alle Tage
zu dir und gehe nie wieder fort, und du musst auch manchen Tag kein
hartes Brot mehr essen, siehst du, Gromutter, siehst du?"

Und Heidi packte nun aus seinem Korb ein Brtchen nach dem andern
aus, bis es alle zwlf auf dem Scho der Gromutter aufgehuft
hatte.

"Ach Kind!  Ach Kind!  Was bringst du denn fr einen Segen mit!",
rief die Gromutter aus, als es nicht enden wollte mit den Brtchen
und immer noch eines folgte.  "Aber der grte Segen bist du mir
doch selber, Kind!" Dann griff sie wieder in Heidis krause Haare
und strich ber seine heien Wangen und sagte wieder: "Sag noch ein
Wort, Kind, sag noch etwas, dass ich dich hren kann."

Heidi erzhlte nun der Gromutter, welche groe Angst es habe
ausstehen mssen, sie sei vielleicht gestorben unterdessen und habe
nun gar nie die weien Brtchen bekommen, und es knne nie, nie
mehr zu ihr gehen.

Jetzt trat Peters Mutter herein und blieb einen Augenblick
unbeweglich stehen vor Erstaunen.  Dann rief sie: "Sicher, es ist
das Heidi, wie kann auch das sein!"

Heidi stand auf und gab ihr die Hand, und die Brigitte konnte sich
gar nicht genug verwundern darber, wie Heidi aussehe, und ging um
das Kind herum und sagte: "Gromutter, wenn du doch nur sehen
knntest, was fr ein schnes Rcklein das Heidi hat und wie es
aussieht; man kennt es fast nicht mehr.  Und das Federnhtlein auf
dem Tisch gehrt dir auch noch?  Setz es doch einmal auf, so kann
ich sehen, wie du drin aussiehst."

"Nein, ich will nicht", erklrte Heidi, "du kannst es haben, ich
brauche es nicht mehr, ich habe schon noch mein eigenes." Damit
machte Heidi sein rotes Bndelchen auf und nahm sein altes Htchen
daraus hervor, das auf der Reise zu den Knicken, die es schon
vorher gehabt, noch einige bekommen hatte.  Aber das kmmerte das
Heidi wenig; es hatte ja nicht vergessen, wie der Grovater beim
Abschied nachgerufen hatte, in einem Federnhut wolle er es niemals
sehen; darum hatte Heidi sein Htchen so sorgfltig aufgehoben,
denn es dachte ja immer ans Heimgehen zum Grovater.  Aber die
Brigitte sagte, so einfltig msse es nicht sein, es sei ja ein
prchtiges Htchen, das nehme sie nicht; man knnte es ja etwa dem
Tchterlein vom Lehrer im Drfli verkaufen und noch viel Geld
bekommen, wenn es das Htlein nicht tragen wolle.  Aber Heidi blieb
bei seinem Vorhaben und legte das Htchen leise hinter die
Gromutter in den Winkel, wo es ganz verborgen war.  Dann zog Heidi
auf einmal sein schnes Rcklein aus, und ber das Unterrckchen,
in dem es nun mit bloen Armen dastand, band es das rote Halstuch,
und nun fasste es die Hand der Gromutter und sagte: "Jetzt muss
ich heim zum Grovater, aber morgen komm ich wieder zu dir; gute
Nacht, Gromutter."

"Ja, komm auch wieder, Heidi, komm auch morgen wieder", bat die
Gromutter und drckte seine Hand zwischen den ihrigen und konnte
das Kind fast nicht loslassen.

"Warum hast du denn dein schnes Rcklein ausgezogen?", fragte die
Brigitte.

"Weil ich lieber so zum Grovater will, sonst kennt er mich
vielleicht nicht mehr, du hast mich ja auch fast nicht gekannt
darin."

Die Brigitte ging noch mit Heidi vor die Tr hinaus, und hier sagte
sie ein wenig geheimnisvoll zu ihm: "Den Rock httest du schon
anbehalten knnen, er htte dich doch gekannt; aber sonst musst du
dich in Acht nehmen; der Peterli sagt, der Alm-hi sei jetzt immer
bs und rede kein Wort mehr."

Heidi sagte 'gute Nacht' und stieg die Alm hinan mit
seinem Korb am Arm.  Die Abendsonne leuchtete ringsum auf die grne
Alm, und jetzt war auch drben das groe Schneefeld an der
Schesaplana sichtbar geworden und strahlte herber.  Heidi musste
alle paar Schritte wieder stille stehen und sich umkehren, denn die
hohen Berge hatte es im Rcken beim Hinaufsteigen.  Jetzt fiel ein
roter Schimmer vor seinen Fen auf das Gras, es kehrte sich um, da
--so hatte es die Herrlichkeit nicht mehr im Sinn gehabt und auch
nie so im Traum gesehen--die Felshrner am Falknis flammten zum
Himmel auf, das weite Schneefeld glhte und rosenrote Wolken zogen
darber hin; das Gras rings auf der Alm war golden, von allen
Felsen flimmerte und leuchtete es nieder und unten schwamm weithin
das ganze Tal in Duft und Gold.  Heidi stand mitten in der
Herrlichkeit, und vor Freude und Wonne liefen ihm die hellen Trnen
die Wangen herunter, und es musste die Hnde falten und in den
Himmel hinaufschauen und ganz laut dem lieben Gott danken, dass er
es wieder heimgebracht hatte und dass alles, alles noch so schn
sei und noch viel schner, als es gewusst hatte, und dass alles
wieder ihm gehre; und Heidi war so glcklich und so reich in all
der groen Herrlichkeit, dass es gar nicht Worte fand, dem lieben
Gott genug zu danken.  Erst als das Licht ringsum verglhte, konnte
Heidi wieder von der Stelle weg; nun rannte es aber so den Berg
hinan, dass es gar nicht lange dauerte, so erblickte es oben die
Tannenwipfel ber dem Dache und jetzt das Dach und die ganze Htte,
und auf der Bank an der Htte sa der Grovater und rauchte sein
Pfeifchen, und ber die Htte her wogten die alten Tannenwipfel und
raschelten im Abendwind.  Jetzt rannte das Heidi noch mehr, und
bevor der Alm-hi nur recht sehen konnte, was da herankam, strzte
das Kind schon auf ihn hin, warf seinen Korb auf den Boden und
umklammerte den Alten, und vor Aufregung des Wiedersehens konnte es
nichts sagen, als nur immer ausrufen: "Grovater!  Grovater!
Grovater!"

Der Grovater sagte auch nichts.  Seit vielen Jahren waren ihm zum
erstenmal wieder die Augen nass geworden, und er musste mit der
Hand darber fahren.  Dann lste er Heidis Arme von seinem Hals,
setzte das Kind auf seine Knie und betrachtete es einen Augenblick.
"So, bist du wieder heimgekommen, Heidi", sagte er dann; "wie ist
das?  Besonders hoffrtig siehst du nicht aus, haben sie dich
fortgeschickt?"

"O nein, Grovater", fing Heidi nun mit Eifer an, "das musst du
nicht glauben, sie waren alle so gut, die Klara und die Gromama
und der Herr Sesemann; aber siehst du, Grovater, ich konnte es
fast gar nicht mehr aushalten, bis ich wieder bei dir daheim sein
knnte, und ich habe manchmal gemeint, ich msse ganz ersticken, so
hat es mich gewrgt; aber ich habe gewiss nichts gesagt, weil es
undankbar war.  Aber dann auf einmal an einem Morgen rief mich der
Herr Sesemann ganz frh--aber ich glaube, der Herr Doktor war
schuld daran--aber es steht vielleicht alles in dem Brief"--damit
sprang Heidi auf den Boden und holte seinen Brief und seine Rolle
aus dem Korb herbei und legte beide in die Hand des Grovaters.

"Das gehrt dir", sagte dieser und legte die Rolle neben sich auf
die Bank.  Dann nahm er den Brief und las ihn durch: Ohne ein Wort
zu sagen, steckte er dann das Blatt in die Tasche.

"Meinst, du knntest auch noch Milch trinken mit mir, Heidi?",
fragte er nun, indem er das Kind bei der Hand nahm, um in die Htte
einzutreten.  "Aber nimm dort dein Geld mit dir, da kannst du ein
ganzes Bett daraus kaufen und Kleider fr ein paar Jahre."

"Ich brauch es gewiss nicht, Grovater", versicherte Heidi; "ein
Bett hab ich schon, und Kleider hat mir Klara so viele eingepackt,
dass ich gewiss nie mehr andere brauche."

"Nimm's, nimm's, und leg's in den Schrank, du wirst's schon einmal
brauchen knnen."

Heidi gehorchte und hpfte nun dem Grovater nach in die Htte
hinein, wo es vor Freude ber das Wiedersehen in alle Winkel sprang
und die Leiter hinauf--aber da stand es pltzlich still und rief
in Betroffenheit von oben herunter: "Oh, Grovater, ich habe kein
Bett mehr!"

"Kommt schon wieder", tnte es von unten herauf, "wusste ja nicht,
dass du wieder heimkommst; jetzt komm zur Milch!"

Heidi kam herunter und setzte sich auf seinen hohen Stuhl am alten
Platze, und nun erfasste es sein Schsselchen und trank mit einer
Begierde, als wre etwas so Kstliches noch nie in seinen Bereich
gekommen, und als es mit einem tiefen Atemzug das Schsselchen
hinstellte, sagte es: "So gut wie unsere Milch ist doch gar nichts
auf der Welt, Grovater."

Jetzt ertnte drauen ein schriller Pfiff; wie der Blitz schoss
Heidi zur Tr hinaus.  Da kam die ganze Schar der Geien hpfend,
springend, Stze machend von der Hhe herunter, mittendrin der
Peter.  Als er Heidi ansichtig wurde, blieb er auf der Stelle
vllig wie angewurzelt stehen und starrte es sprachlos an.  Heidi
rief: "Guten Abend, Peter!", und strzte mitten in die Geien
hinein: "Schwnli!  Brli!  Kennt ihr mich noch?", und die Geilein
mussten seine Stimme gleich erkannt haben, denn sie rieben ihre
Kpfe an Heidi und fingen an leidenschaftlich zu meckern vor Freude,
und Heidi rief alle nacheinander beim Namen, und alle rannten wie
wild durcheinander und drngten sich zu ihm heran; der ungeduldige
Distelfink sprang hoch auf und ber zwei Geien weg, um gleich in
die Nhe zu kommen, und sogar das schchterne Schneehppli drngte
mit einem ziemlich eigensinnigen Bohren den groen Trk auf die
Seite, der nun ganz verwundert ber die Frechheit dastand und
seinen Bart in die Luft hob, um zu zeigen, dass er es sei.

Heidi war auer sich vor Freude, alle die alten Gefhrten wieder zu
haben; es umarmte das kleine, zrtliche Schneehppli wieder und
wieder und streichelte den strmischen Distelfink und wurde vor
groer Liebe und Zutraulichkeit der Geien hin und her gedrngt und
geschoben, bis es nun ganz in Peters Nhe kam, der noch immer auf
demselben Platze stand.

"Komm herunter, Peter, und sag mir einmal guten Abend!", rief ihm
Heidi jetzt zu.

"Bist denn wieder da?", brachte er nun endlich in seinem Erstaunen
heraus, und nun kam er herzu und nahm Heidis Hand, die dieses ihm
schon lange hingehalten hatte, und nun fragte er, so wie er immer
getan hatte bei der Heimkehr am Abend: "Kommst morgen wieder mit?"

"Nein, morgen nicht, aber bermorgen vielleicht, denn morgen muss
ich zur Gromutter."

"Es ist recht, dass du wieder da bist", sagte der Peter und verzog
sein Gesicht auf alle Seiten vor ungeheurem Vergngen, dann
schickte er sich zur Heimfahrt an; aber heute wurde es ihm so
schwer wie noch nie mit seinen Geien, denn als er sie endlich mit
Locken und Drohen so weit gebracht hatte, dass sie sich um ihn
sammelten, und Heidi, den einen Arm um Schwnlis und den andern um
Brlis Kopf gelegt, davonspazierte, da kehrten mit einem Male alle
wieder um und liefen den dreien nach.  Heidi musste mit seinen zwei
Geien in den Stall eintreten und die Tr zumachen, sonst wre der
Peter niemals mit seiner Herde fortgekommen.  Als das Kind dann in
die Htte zurckkam, da sah es sein Bett schon wieder aufgerichtet,
prchtig hoch und duftend, denn das Heu war noch nicht lange
hereingeholt, und darber hatte der Grovater ganz sorgfltig die
sauberen Leintcher gebreitet.  Heidi legte sich mit groer Lust
hinein und schlief so herrlich, wie es ein ganzes Jahr lang nicht
geschlafen hatte.  Whrend der Nacht verlie der Grovater wohl
zehnmal sein Lager und stieg die Leiter hinauf und lauschte sorgsam,
ob Heidi auch schlafe und nicht unruhig werde, und suchte am Loch
nach, wo sonst der Mond hereinkam auf Heidis Lager, ob auch das Heu
noch fest drinnen sitze, das er hineingestopft hatte, denn von nun
an durfte der Mondschein nicht mehr hereinkommen.  Aber Heidi
schlief in einem Zuge fort und wanderte keinen Schritt herum, denn
sein groes, brennendes Verlangen war gestillt worden: Es hatte
alle Berge und Felsen wieder im Abendglhen gesehen, es hatte die
Tannen rauschen gehrt, es war wieder daheim auf der Alm.




Am Sonntag, wenn's lutet

Heidi stand unter den wogenden Tannen und wartete auf den Grovater,
der mitgehen und den Koffer vom Drfli heraufholen wollte, whrend
es bei der Gromutter wre.  Das Kind konnte es fast nicht erwarten,
die Gromutter wieder zu sehen und zu hren, wie ihr die Brtchen
geschmeckt hatten, und doch wurde ihm wieder die Zeit nicht lang,
denn es konnte ja nicht genug die heimatlichen Tne von dem
Tannenrauschen ber ihm und das Duften und Leuchten der grnen
Weiden und der goldenen Blumen darauf eintrinken.

Jetzt trat der Grovater aus der Htte, schaute noch einmal rings
um sich und sagte dann mit zufriedenem Ton: "So, nun knnen wir
gehen."

Denn es war Sonnabend heut, und an dem Tage machte der Alm-hi
alles sauber und in Ordnung in der Htte, im Stall und ringsherum,
das war seine Gewohnheit, und heut hatte er den Morgen dazu
genommen, um gleich nachmittags mit Heidi ausziehen zu knnen, und
so sah nun alles ringsherum gut und zu seiner Zufriedenheit aus.
Bei der Geienpeter-Htte trennten sie sich, und Heidi sprang
hinein.  Schon hatte die Gromutter seinen Schritt gehrt und rief
ihm liebevoll entgegen: "Kommst du, Kind?  Kommst du wieder?"

Dann erfasste sie Heidis Hand und hielt sie ganz fest, denn immer
noch frchtete sie, das Kind knnte ihr wieder entrissen werden.
Und nun musste die Gromutter erzhlen, wie die Brtchen geschmeckt
htten, und sie sagte, sie habe sich so daran erlabt, dass sie
meine, sie sei heute viel krftiger als lang nicht mehr, und Peters
Mutter fgte hinzu, die Gromutter habe vor lauter Sorge, sie werde
zu bald fertig damit, nur ein einziges Brtchen essen wollen,
gestern und heut zusammen, und sie kme gewiss noch ziemlich zu
Krften, wenn sie so acht Tage lang hintereinander jeden Tage eines
essen wollte.  Heidi hrte der Brigitte mit Aufmerksamkeit zu und
blieb jetzt noch eine Zeit lang nachdenklich.  Nun hatte es seinen
Weg gefunden.  "Ich wei schon, was ich mache, Gromutter", sagte
es in freudigem Eifer; "ich schreibe der Klara einen Brief und dann
schickt sie mir gewiss noch einmal so viel Brtchen, wie da sind,
oder zweimal, denn ich hatte schon einen groen Haufen ganz gleiche
im Kasten, und als man mir sie weggenommen hatte, sagte Klara, sie
gebe mir gerade so viele wieder, und das tut sie schon."

"Ach Gott", sagte die Brigitte, "das ist eine gute Meinung; aber
denk, sie werden auch hart.  Wenn man nur hier und da einen brigen
Batzen htte, der Bcker unten im Drfli macht auch solche, aber
ich vermag kaum das schwarze Brot zu bezahlen."

Jetzt schoss ein heller Freudenstrahl ber Heidis Gesicht: "Oh, ich
habe furchtbar viel Geld, Gromutter", rief es jubelnd aus und
hpfte vor Freuden in die Hhe, "jetzt wei ich, was ich damit
mache!  Alle, alle Tage musst du ein neues Brtchen haben und am
Sonntage zwei, und der Peter kann sie heraufbringen vom Drfli."

"Nein, nein, Kind!", wehrte die Gromutter; "das kann nicht sein,
das Geld hast du nicht dazu bekommen, du musst es dem Grovater
geben, er sagt dir dann schon, was du damit machen musst."

Aber Heidi lie sich nicht stren in seiner Freude, es jauchzte und
hpfte in der Stube herum und rief ein Mal bers andere: "Jetzt
kann die Gromutter jeden Tag ein Brtchen essen und wird wieder
ganz krftig, und--oh, Gromutter", rief es mit neuem Jubel, "wenn
du dann so gesund wirst, so wird es dir gewiss auch wieder hell, es
ist vielleicht nur, weil du so schwach bist."

Die Gromutter schwieg still, sie wollte des Kindes Freude nicht
trben.  Bei seinem Herumhpfen fiel dem Heidi auf einmal das alte
Liederbuch der Gromutter in die Augen, und es kam ihm ein neuer
freudiger Gedanke: "Gromutter, jetzt kann ich auch ganz gut lesen;
soll ich dir einmal ein Lied lesen aus deinem alten Buch?"

"O ja", bat die Gromutter freudig berrascht; "kannst du das auch
wirklich, Kind, kannst du das?"

Heidi war auf einen Stuhl geklettert und hatte das Buch mit einer
dicken Staubwolke heruntergezogen, denn es hatte lange unberhrt
gelegen da oben; nun wischte es Heidi sauber ab, setzte sich damit
auf seinen Schemel zur Gromutter hin und fragte, was es nun lesen
solle.

"Was du willst, Kind, was du willst", und mit gespannter Erwartung
sa die Gromutter da und hatte ihr Spinnrad ein wenig von sich
geschoben.

Heidi bltterte und las leise hier und da eine Linie: "jetzt kommt
etwas von der Sonne, das will ich dir lesen, Gromutter." Und Heidi
begann und wurde selbst immer eifriger und immer wrmer, whrend es
las:

  "Die gldne Sonne Voll
  Freud und Wonne
  Bringt unsern Grenzen
  Mit ihrem Glnzen
  Ein herzerquickendes, liebliches Licht.

  Mein Haupt und Glieder
  Die lagen darnieder;
  Aber nun steh ich,
  Bin munter und frhlich,
  Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

  Mein Auge schauet,
  Was Gott gebauet
  Zu seinen Ehren,
  Und uns zu lehren,
  Wie sein Vermgen sei mchtig und gro.

  Und wo die Frommen
  Dann sollen hinkommen,
  Wenn sie mit Frieden
  Von hinnen geschieden
  Aus dieser Erde vergnglichem Scho.

  Alles vergehet,
  Gott aber stehet
  Ohn alles Wanken,
  Seine Gedanken,
  Sein Wort und Wille hat ewigen Grund.

  Sein Heil und Gnaden
  Die nehmen nicht Schaden,
  Heilen im Herzen,
  Die tdlichen Schmerzen,
  Halten uns zeitlich und ewig gesund.

  Kreuz und Elende--
  Das nimmt ein Ende,
  Nach Meeresbrausen
  Und Windessausen
  Leuchtet der Sonne erwnschtes Gesicht.

  Freude die Flle
  Und selige Stille
  Darf ich erwarten
  Im himmlischen Garten,
  Dahin sind meine Gedanken gericht'."


Die Gromutter sa still da mit gefalteten Hnden, und ein Ausdruck
unbeschreiblicher Freude, so wie ihn Heidi nie an ihr gesehen hatte,
lag auf ihrem Gesicht, obschon ihr die Trnen die Wangen
herabliefen.  Als Heidi schwieg, bat sie mit Verlangen: "Oh, noch
einmal, Heidi, lass es mich noch einmal hren:

  'Kreuz und Elende
  Das nimmt ein Ende'--"

Und das Kind fing noch einmal an und las in eigener Freude und
Verlangen:

  "Kreuz und Elende--
  Das nimmt ein Ende,
  Nach Meeresbrausen
  Und Windessausen
  Leuchtet der Sonne erwnschtes Gesicht.

  Freude die Flle
  Und selige Stille
  Darf ich erwarten
  Im himmlischen Garten,
  Dahin sind meine Gedanken gericht'."


"O Heidi, das macht hell!  Das macht so hell im Herzen!  Oh, wie
hast du mir wohl gemacht, Heidi!"

Ein Mal ums andere sagte die Gromutter die Worte der Freude, und
Heidi strahlte vor Glck und musste sie nur immer ansehen, denn so
hatte es die Gromutter nie gesehen.  Sie hatte gar nicht mehr das
alte trbselige Gesicht, sondern schaute so freudig und dankend auf,
als she sie schon mit neuen, hellen Augen in den schnen
himmlischen Garten hinein.

Jetzt klopfte es am Fenster, und Heidi sah den Grovater drauen,
der ihm winkte, mit heimzukommen.  Es folgte schnell, aber nicht
ohne die Gromutter zu versichern, morgen komme es wieder, und auch
wenn es mit Peter auf die Weide gehe, so komme es doch im halben
Tag zurck; denn dass es der Gromutter wieder hell machen konnte
und sie wieder frhlich wurde, das war nun fr Heidi das
allergrte Glck, das es kannte, noch viel grer, als auf der
sonnigen Weide und bei den Blumen und Geien zu sein.  Die Brigitte
lief dem Heidi unter die Tr nach mit Rock und Hut, dass es seine
Habe mitnehme.  Den Rock nahm es auf den Arm, denn der Grovater
kenne es jetzt schon, dachte es bei sich; aber den Hut wies es
hartnckig zurck, die Brigitte sollte ihn nur behalten, es setze
ihn nie, nie mehr auf den Kopf.  Heidi war so erfllt von seinen
Erlebnissen, dass es gleich dem Grovater alles erzhlen musste,
was ihm das Herz erfreute, dass man die weien Brtchen auch unten
im Drfli fr die Gromutter holen knne, wenn man nur Geld habe,
und dass es der Gromutter auf einmal so hell und wohl geworden war,
und wie Heidi das alles zu Ende geschildert hatte, kehrte es
wieder zum Ersten zurck und sagte ganz zuversichtlich: "Gelt,
Grovater, wenn die Gromuttter schon nicht will, so gibst du mir
doch alles Geld in der Rolle, dass ich dem Peter jeden Tag ein
Stck geben kann zu einem Brtchen und am Sonntag zwei?"

"Aber das Bett, Heidi?", sagte der Grovater; "ein rechtes Bett fr
dich wre gut, und nachher bleibt schon noch fr manches Brtchen."

Aber Heidi lie dem Grovater keine Ruhe und bewies ihm, dass es
auf seinem Heubett viel besser schlafe, als es jemals in seinem
Kissenbett in Frankfurt geschlafen habe, und bat so eindringlich
und unablssig, dass der Grovater zuletzt sagte: "Das Geld ist
dein, mach, was dich freut; du kannst der Gromutter manches Jahr
lang Brot holen dafr."

Heidi jauchzte auf: "O juhe!  Nun muss die Gromutter gar nie mehr
hartes, schwarzes Brot essen, und, o Grovater!  Nun ist doch alles
so schn wie noch gar nie, seit wir leben!", und Heidi hpfte hoch
auf an der Hand des Grovaters und jauchzte in die Luft hinauf wie
die frhlichen Vgel des Himmels.  Aber auf einmal wurde es ganz
ernsthaft und sagte: "Oh, wenn nun der liebe Gott gleich auf der
Stelle getan htte, was ich so stark erbetete, dann wre doch alles
nicht so geworden, ich wre nur gleich wieder heimgekommen und
htte der Gromutter nur wenige Brtchen gebracht und htte ihr
nicht lesen knnen, was ihr wohl macht; aber der liebe Gott hatte
schon alles ausgedacht, so viel schner, als ich es wusste; die
Gromama hat es mir gesagt, und nun ist alles so gekommen.  Oh, wie
bin ich froh, dass der liebe Gott nicht nachgab, wie ich so bat und
jammerte!  Aber jetzt will ich immer so beten, wie die Gromama
sagte, und dem lieben Gott immer danken, und wenn er etwas nicht
tut, das ich erbeten will, dann will ich gleich denken: Es geht
gewiss wieder wie in Frankfurt, der liebe Gott denkt gewiss etwas
viel Besseres aus.  Aber wir wollen auch alle Tage beten, gelt
Grovater, und wir wollen es nie mehr vergessen, damit der liebe
Gott uns auch nicht vergisst."

"Und wenn's einer doch tte?", murmelte der Grovater.

"Oh, dem geht's nicht gut, denn der liebe Gott vergisst ihn dann
auch und lsst ihn ganz laufen, und wenn es ihm einmal schlecht
geht und er jammert, so hat kein Mensch Mitleid mit ihm, sondern
alle sagen nur: Er ist ja zuerst vom lieben Gott weggelaufen, nun
lsst ihn der liebe Gott auch gehen, der ihm helfen knnte."

"Das ist wahr, Heidi, woher weit du das?"

"Von der Gromama, sie hat mir alles erklrt."

Der Grovater ging eine Weile schweigend weiter.  Dann sagte er,
seine Gedanken verfolgend, vor sich hin: "Und wenn's einmal so ist,
dann ist es so; zurck kann keiner, und wen der Herrgott vergessen
hat, den hat er vergessen."

"O nein, Grovater, zurck kann einer, das wei ich auch von der
Gromama, und dann geht es so wie in der schnen Geschichte in
meinem Buch, aber die weit du nicht; jetzt sind wir aber gleich
daheim, und dann wirst du schon erfahren, wie schn die Geschichte
ist."

Heidi strebte in seinem Eifer rascher und rascher die letzte
Steigung hinan, und kaum waren sie oben angelangt, als es des
Grovaters Hand loslie und in die Htte hineinrannte.  Der
Grovater nahm den Korb von seinem Rcken, in den er die Hlfte der
Sachen aus dem Koffer hineingestoen hatte, denn den ganzen Koffer
heraufzubringen wre ihm zu schwer gewesen.  Dann setzte er sich
nachdenklich auf die Bank nieder.  Heidi kam wieder herbeigerannt,
sein groes Buch unter dem Arm: "Oh, das ist recht, Grovater, dass
du schon dasitzt", und mit einem Satz war Heidi an seiner Seite und
hatte schon seine Geschichte aufgeschlagen, denn die hatte es schon
so oft und immer wieder gelesen, dass das Buch von selbst aufging
an dieser Stelle.  Jetzt las Heidi mit groer Teilnahme von dem
Sohne, der es gut hatte daheim, wo drauen auf des Vaters Feldern
die schnen Khe und Schflein weideten und er in einem schnen
Mntelchen, auf seinen Hirtenstab gesttzt, bei ihnen auf der Weide
stehen und dem Sonnenuntergang zusehen konnte, wie es alles auf dem
Bilde zu sehen war.  "Aber auf einmal wollte er sein Hab und Gut
fr sich haben und sein eigener Meister sein und forderte es dem
Vater ab und lief fort damit und verprasste alles.  Und als er gar
nichts mehr hatte, musste er hingehen und Knecht sein bei einem
Bauer, der hatte aber nicht so schne Tiere, wie auf seines Vaters
Feldern waren, sondern nur Schweinlein; diese musste er hten, und
er hatte nur noch Fetzen auf sich und bekam nur von den Trebern,
welche die Schweinchen aen, ein klein wenig.  Da dachte er daran,
wie er es daheim beim Vater gehabt und wie gut der Vater mit ihm
gewesen war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte,
und er musste weinen vor Reue und Heimweh.  Und er dachte: '
Ich will zu meinem Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten und ihm
sagen, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heien, aber lass mich
nur dein Tagelhner bei dir sein.' Und wie er von ferne gegen
das Haus seines Vaters kam, da sah ihn der Vater und kam
herausgelaufen--was meinst du jetzt, Grovater?", unterbrach sich
Heidi in seinem Vorlesen; "jetzt meinst du, der Vater sei noch bse
und sage zu ihm: 'Ich habe dir's ja gesagt!'?  Jetzt
hr nur, was kommt: Und sein Vater sah ihn und es jammerte ihn und
lief und fiel ihm um den Hals und ksste ihn, und der Sohn sprach
zu ihm: 'Vater, ich habe gesndigt gegen den Himmel und vor
dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heien.' Aber der
Vater sprach zu seinen Knechten: 'Bringt das beste Kleid her
und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und
Schuhe an die Fe, und bringt das gemstete Kalb her und
schlachtet es und lasst uns essen und frhlich sein, denn dieser
mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, und er war
verloren und ist wieder gefunden worden.' Und sie fingen an,
frhlich zu sein."

"Ist denn das nicht eine schne Geschichte, Grovater?", fragte
Heidi, als dieser immer noch schweigend dasa und es doch erwartet
hatte, er werde sich freuen und verwundern.

"Doch, Heidi, die Geschichte ist schn", sagte der Grovater; aber
sein Gesicht war so ernsthaft, dass Heidi ganz stille wurde und
seine Bilder ansah.  Leise schob es noch einmal sein Buch vor den
Grovater hin und sagte: "Sieh, wie es ihm wohl ist", und zeigte
mit seinem Finger auf das Bild des Heimgekehrten, wie er im
frischen Kleid neben dem Vater steht und wieder zu ihm gehrt als
sein Sohn.

Ein paar Stunden spter, als Heidi lngst im tiefen Schlafe lag,
stieg der Grovater die kleine Leiter hinauf; er stellte sein
Lmpchen neben Heidis Lager hin, so dass das Licht auf das
schlafende Kind fiel.  Es lag da mit gefalteten Hnden, denn zu
beten hatte Heidi nicht vergessen.  Auf seinem rosigen Gesichtchen
lag ein Ausdruck des Friedens und seligen Vertrauens, der zu dem
Grovater reden musste, denn lange, lange stand er da und rhrte
sich nicht und wandte kein Auge von dem schlafenden Kinde ab.
Jetzt faltete auch er die Hnde, und halblaut sagte er mit
gesenktem Haupte: "Vater, ich habe gesndigt gegen den Himmel und
vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heien!" Und ein paar
groe Trnen rollten dem Alten die Wangen herab.--

Wenige Stunden nachher in der ersten Frhe des Tages stand der Alm-
hi vor seiner Htte und schaute mit hellen Augen um sich.  Der
Sonntagmorgen flimmerte und leuchtete ber Berg und Tal.  Einzelne
Frhglocken tnten aus den Tlern herauf, und oben in den Tannen
sangen die Vgel ihre Morgenlieder.

Jetzt trat der Grovater in die Htte zurck.  "Komm, Heidi!", rief
er auf den Boden hinauf.  "Die Sonne ist da!  Zieh ein gutes
Rcklein an, wir wollen in die Kirche miteinander!"

Heidi machte nicht lange; das war ein ganz neuer Ruf vom Grovater,
dem musste es schnell folgen.  In kurzer Zeit kam es
heruntergesprungen in seinem schmucken Frankfurter Rckchen.  Aber
voller Erstaunen blieb Heidi vor seinem Grovater stehen und
schaute ihn an.  "O Grovater, so hab ich dich nie gesehen", brach
es endlich aus, "und den Rock mit den silbernen Knpfen hast du
noch gar nicht getragen, oh, du bist so schn in deinem schnen
Sonntagsrock."

Der Alte blickte vergnglich lchelnd auf das Kind und sagte: "Und
du in dem deinen; jetzt komm!" Er nahm Heidis Hand in die seine,
und so wanderten sie miteinander den Berg hinunter.  Von allen
Seiten tnten jetzt die hellen Glocken ihnen entgegen, immer voller
und reicher, je weiter sie kamen, und Heidi lauschte mit Entzcken
und sagte: "Hrst du's, Grovater?  Es ist wie ein groes, groes
Fest."

Unten im Drfli waren schon alle Leute in der Kirche und fingen
eben zu singen an, als der Grovater mit Heidi eintrat und ganz
hinten auf der letzten Bank sich niedersetzte.  Aber mitten im
Singen stie der zunchst Sitzende seinen Nachbar mit dem
Ellenbogen an und sagte: "Hast du das gesehen?  Der Alm-hi ist in
der Kirche!"

Und der Angestoene stie den Zweiten an und so fort, und in
krzester Zeit flsterte es an allen Ecken: "Der Alm-hi!  Der Alm-
hi!", und die Frauen mussten fast alle einen Augenblick den Kopf
umdrehen, und die meisten fielen ein wenig aus der Melodie, so dass
der Vorsnger die grte Mhe hatte, den Gesang schn
aufrechtzuerhalten.  Aber als dann der Herr Pfarrer anfing zu
predigen, ging die Zerstreutheit ganz vorber, denn es war ein so
warmes Loben und Danken in seinen Worten, dass alle Zuhrer davon
ergriffen wurden, und es war, als sei ihnen allen eine groe Freude
widerfahren.  Als der Gottesdienst zu Ende war, trat der Alm-hi
mit dem Kinde an der Hand heraus und schritt dem Pfarrhaus zu, und
alle, die mit ihm heraustraten und die schon drauen standen,
schauten ihm nach, und die meisten gingen hinter ihm her, um zu
sehen, ob er wirklich ins Pfarrhaus eintrete, was er tat.  Dann
sammelten sie sich in Gruppen zusammen und besprachen in groer
Aufregung das Unerhrte, dass der Alm-hi in der Kirche erschienen
war, und alle schauten mit Spannung nach der Pfarrhaustr, wie der
hi wohl wieder herauskommen werde, ob in Zorn und Hader oder im
Frieden mit dem Herrn Pfarrer, denn man wusste ja gar nicht, was
den Alten heruntergebracht hatte und wie es eigentlich gemeint sei.
Aber doch war schon bei vielen eine neue Stimmung eingetreten, und
einer sagte zum andern: "Es wird wohl mit dem Alm-hi nicht so bs
sein, wie man tut; man kann ja nur sehen, wie sorglich er das
Kleine an der Hand hlt." Und der andere sagte: "Das hab ich ja
immer gesagt, und zum Pfarrer hinein ginge er auch nicht, wenn er
so bodenschlecht wre, sonst msste er sich ja frchten; man
bertreibt auch viel." Und der Bcker sagte: "Hab ich das nicht
zuallererst gesagt?  Seit wann luft denn ein kleines Kind, das zu
essen und zu trinken hat, was es will, und sonst alles Gute, aus
alledem weg und heim zu einem Grovater, wenn der bs und wild ist
und es sich zu frchten hat vor ihm?" Und es kam eine ganz
liebevolle Stimmung gegen den Alm-hi auf und nahm berhand, denn
jetzt nahten sich auch die Frauen herzu, und diese hatten so
manches von der Geienpeterin und der Gromutter gehrt, das den
Alm-hi ganz anders darstellte, als die allgemeine Meinung war, und
das ihnen jetzt auf einmal glaublich schien, dass es mehr und mehr
so wurde, als warteten sie alle da, um einen alten Freund zu
bewillkommnen, der ihnen lange gemangelt hatte.

Der Alm-hi war unterdessen an die Tr der Studierstube getreten
und hatte angeklopft.  Der Herr Pfarrer machte auf und trat dem
Eintretenden entgegen, nicht berrascht, wie er wohl htte sein
knnen, sondern so, als habe er ihn erwartet; die ungewohnte
Erscheinung in der Kirche musste ihm nicht entgangen sein.  Er
ergriff die Hand des Alten und schttelte sie wiederholt mit der
grten Herzlichkeit, und der Alm-hi stand schweigend da und
konnte erst kein Wort herausbringen, denn auf solchen herzlichen
Empfang war er nicht vorbereitet.  Jetzt fasste er sich und sagte:
"Ich komme, um den Herrn Pfarrer zu bitten, dass er mir die Worte
vergessen mchte, die ich zu ihm auf der Alm geredet habe, und dass
er mir nicht nachtragen wolle, wenn ich widerspenstig war gegen
seinen wohlmeinenden Rat.  Der Herr Pfarrer hat ja in allem Recht
gehabt und ich war im Unrecht, aber ich will jetzt seinem Rate
folgen und auf den Winter wieder ein Quartier im Drfli beziehen,
denn die harte Jahreszeit ist nichts fr das Kind dort oben, es ist
zu zart, und wenn auch dann die Leute hier unten mich von der Seite
ansehen, so wie einen, dem nicht zu trauen ist, so habe ich es
nicht besser verdient, und der Herr Pfarrer wird es ja nicht tun."

Die freundlichen Augen des Pfarrers glnzten vor Freude.  Er nahm
noch einmal des Alten Hand und drckte sie in der seinen und sagte
mit Rhrung: "Nachbar, Ihr seid in der rechten Kirche gewesen, noch
eh Ihr in die meinige herunterkamt; des freu ich mich, und dass Ihr
wieder zu uns kommen und mit uns leben wollt, soll Euch nicht
gereuen, bei mir sollt Ihr als ein lieber Freund und Nachbar alle
Zeit willkommen sein, und ich gedenke manches Winterabendstndchen
frhlich mit Euch zu verbringen, denn Eure Gesellschaft ist mir
lieb und wert, und fr das Kleine wollen wir auch gute Freunde
finden." Und der Herr Pfarrer legte sehr freundlich seine Hand auf
Heidis Krauskopf und nahm es bei der Hand und fhrte es hinaus,
indem er den Grovater fortbegleitete, und erst drauen vor der
Haustr nahm er Abschied, und nun konnten alle die herumstehenden
Leute sehen, wie der Herr Pfarrer dem Alm-hi die Hand immer noch
einmal schttelte, gerade als wre das sein bester Freund, von dem
er sich fast nicht trennen knnte.  Kaum hatte dann auch die Tr
sich hinter dem Herrn Pfarrer geschlossen, so drngte die ganze
Versammlung dem Alm-hi entgegen, und jeder wollte der Erste sein,
und so viele Hnde wurden miteinander dem Herankommenden
entgegengestreckt, dass er gar nicht wusste, welche zuerst
ergreifen, und einer rief ihm zu: "Das freut mich!  Das freut mich,
hi, dass Ihr auch wieder einmal zu uns kommt!", und ein anderer:
"Ich htte auch schon lang gern wieder einmal ein Wort mit Euch
geredet, hi!" Und so tnte und drngte es von allen Seiten, und
wie nun der hi auf alle die freundlichen Begrungen erwiderte, er
gedenke, sein altes Quartier im Drfli wieder zu beziehen und den
Winter mit den alten Bekannten zu verleben, da gab es erst einen
rechten Lrm, und es war gerade so, wie wenn der Alm-hi die
beliebteste Persnlichkeit im ganzen Drfli wre, die jeder mit
Nachteil entbehrt hatte.  Noch weit an die Alm hinauf wurden
Grovater und Kind von den meisten begleitet, und beim Abschied
wollte jeder die Versicherung haben, dass der Alm-hi bald einmal
bei ihm vorspreche, wenn er wieder herunterkomme; und wie nun die
Leute den Berg hinab zurckkehrten, blieb der Alte stehen und
schaute ihnen lange nach, und auf seinem Gesichte lag ein so warmes
Licht, als schiene bei ihm die Sonne von innen heraus.  Heidi
schaute unverwandt zu ihm auf und sagte ganz erfreut: "Grovater,
heut wirst du immer schner, so warst du noch gar nie."

"Meinst du?", lchelte der Grovater.  "Ja, und siehst du, Heidi,
mir geht's auch heut ber Verstehen und Verdienen gut, und mit Gott
und Menschen im Frieden stehen, das macht einem so wohl!  Der liebe
Gott hat's gut mit mir gemeint, dass er dich auf die Alm schickte."

Bei der Geienpeter-Htte angekommen, machte der Grovater gleich
die Tr auf und trat ein.  "Gr Gott, Gromutter", rief er hinein;
"ich denke, wir mssen einmal wieder ans Flicken gehen, bevor der
Herbstwind kommt."

"Du mein Gott, das ist der hi!", rief die Gromutter voll
freudiger berraschung aus.  "Dass ich das noch erlebe!  Dass ich
Euch noch einmal danken kann fr alles, das Ihr fr uns getan habt,
hi!  Vergelt's Gott!  Vergelt's Gott!"

Und mit zitternder Freude streckte die alte Gromutter ihre Hand
aus, und als der Angeredete sie herzlich schttelte, fuhr sie fort,
indem sie die seinige fest hielt: "Und eine Bitte hab ich auch noch
auf dem Herzen, hi: Wenn ich Euch je etwas zuleid getan habe, so
straft mich nicht damit, dass Ihr noch einmal das Heidi fortlasst,
bevor ich unten bei der Kirche liege.  Oh, Ihr wisst nicht, was mir
das Kind ist!", und sie hielt es fest an sich, denn Heidi hatte
sich schon an sie geschmiegt.

"Keine Sorge, Gromutter", beruhigte der hi; "damit will ich weder
Euch noch mich strafen.  Jetzt bleiben wir alle beieinander und,
will's Gott, noch lange so."

Jetzt zog die Brigitte den hi ein wenig geheimnisvoll in eine Ecke
hinein und zeigte ihm das schne Federnhtchen und erzhlte ihm,
wie es sich damit verhalte, und dass sie ja natrlich so etwas
einem Kinde nicht abnehme.

Aber der Grovater sah ganz wohlgefllig auf sein Heidi hin und
sagte: "Der Hut ist sein, und wenn es ihn nicht mehr auf den Kopf
tun will, so hat es Recht, und hat es ihn dir gegeben, so nimm ihn
nur."

Die Brigitte war hchlich erfreut ber das unerwartete Urteil.  "Er
ist gewiss mehr als zehn Franken wert, seht nur!", und in ihrer
Freude streckte sie das Htchen hoch auf.  "Was aber auch dieses
Heidi fr einen Segen von Frankfurt mit heimgebracht hat!  Ich habe
schon manchmal denken mssen, ob ich nicht den Peterli auch ein
wenig nach Frankfurt schicken solle; was meint Ihr, hi?"

Dem hi schoss es ganz lustig aus den Augen.  Er meinte, es knnte
dem Peterli nichts schaden; aber er wrde doch eine gute
Gelegenheit dazu abwarten.

Jetzt fuhr der Besprochene eben zur Tr herein, nachdem er zuerst
mit dem Kopf so fest dagegen gerannt war, dass alles erklirrte
davon; er musste pressiert sein.  Atemlos und keuchend stand er nun
mitten in der Stube still und streckte einen Brief aus.  Das war
auch ein Ereignis, das noch nie vorgekommen war, ein Brief mit
einer Aufschrift an das Heidi, den man ihm auf der Post im Drfli
bergeben hatte.  Jetzt setzten sich alle voller Erwartung um den
Tisch herum, und Heidi machte seinen Brief auf und las ihn laut und
ohne Ansto vor.  Der Brief war von der Klara Sesemann geschrieben.
Sie erzhlte Heidi, dass es seit seiner Abreise so langweilig
geworden sei in ihrem Hause, sie es nicht lang hintereinander so
aushalten knne und so lange den Vater gebeten habe, bis er die
Reise ins Bad Ragaz schon auf den kommenden Herbst festgestellt
habe, und die Gromama wolle auch mitkommen, denn sie wolle auch
das Heidi und den Grovater besuchen auf der Alm.  Und weiter lie
die Gromama noch dem Heidi sagen, es habe Recht getan, dass es der
alten Gromutter die Brtchen habe mitbringen wollen, und damit sie
diese nicht trocken essen msse, komme gleich der Kaffee noch dazu,
er sei schon auf der Reise, und wenn sie selbst nach der Alm komme,
so msse das Heidi sie auch zur Gromutter fhren.

Da gab es nun eine solche Freude und Verwunderung ber diese
Nachrichten und so viel zu reden und zu fragen, da die groe
Erwartung alle gleich betraf, dass selbst der Grovater nicht
bemerkte, wie spt es schon war, und so vergngt und frhlich waren
sie alle in der Aussicht auf die kommenden Tage und fast noch mehr
in der Freude ber das Zusammensein an dem heutigen, dass die
Gromutter zuletzt sagte: "Das Schnste ist doch, wenn so ein alter
Freund kommt und uns wieder die Hand gibt, so wie vor langer Zeit;
das gibt so ein trstliches Gefhl ins Herz, dass wir einmal alles
wieder finden, was uns lieb ist.  Ihr kommt doch bald wieder, hi,
und das Kind morgen schon?"

Das wurde der Gromutter in die Hand hinein versprochen; nun aber
war es Zeit zum Aufbruch, und der Grovater wanderte mit Heidi die
Alm hinan, und wie am Morgen die hellen Glocken von nah und fern
sie heruntergerufen hatten, so begleitete nun aus dem Tale herauf
das friedliche Gelut der Abendglocken sie bis hinauf zur sonnigen
Almhtte, die ganz sonntglich im Abendschimmer ihnen
entgegenglnzte.

Wenn aber die Gromama kommt im Herbst, dann gibt es gewiss noch
manche neue Freude und berraschung fr das Heidi wie fr die
Gromutter, und sicher kommt auch gleich ein richtiges Bett auf den
Heuboden hinauf, denn wo die Gromama hintritt, da kommen alle
Dinge bald in die erwnschte Ordnung und Richtigkeit, nach auen
wie nach innen.










End of Project Gutenberg's Heidis Lehr- und Wanderjahre, by Johanna Spyri

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIDIS LEHR- UND WANDERJAHRE ***

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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

