The Project Gutenberg EBook of Wallensteins Tod, by Friedrich Schiller

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Title: Wallensteins Tod

Author: Friedrich Schiller

Posting Date: September 24, 2014 [EBook #6549]
Release Date: September, 2004
First Posted: February 11, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALLENSTEINS TOD ***




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Wallensteins Tod

Friedrich Schiller

Ein Trauerspiel in Fnf Aufzgen

Personen:

Wallenstein
Octavio Piccolomini
Max Piccolomini
Terzky
Illo
Isolani
Buttler
Rittmeister Neumann
Ein Adjutant
Oberst Wrangel von Schweden gesendet
Gordon Kommandant von Eger
Major Geraldin
Deveroux
Macdonald
Hauptleute in der Wallensteinischen Armee
Schwedischer Hauptmann
Eine Gesandtschaft von
Krassieren
Brgermeister von Eger
Seni
Herzogin von Friedland
Grfin Terzky
Thekla
Frulein Neubrunn Hofdame der Prinzessin
von Rosenberg Stallmeister der Prinzessin
Dragoner
Bediente.  Pagen.  Volk.

Die Szene ist in den drei ersten Aufzgen zu Pilsen, in den
zwei letzten zu Eger.




Erster Aufzug

Ein Zimmer, zu astrologischen Arbeiten eingerichtet und mit
Sphren, Karten, Quadranten und anderm astronomischen Gerte
versehen.  Der Vorhang von einer Rotunde ist aufgezogen, in
welcher die sieben Planetenbilder, jedes in einer Nische,
seltsam beleuchtet, zu sehen sind.  Seni beobachtet die Sterne,
Wallenstein steht vor einer groen schwarzen Tafel, auf welcher
der Planetenaspekt gezeichnet ist.



Erster Auftritt

Wallenstein.  Seni.


Wallenstein.
     La es jetzt gut sein, Seni.  Komm herab.
     Der Tag bricht an, und Mars regiert die Stunde.
     Es ist nicht gut mehr operieren.  Komm!
     Wir wissen g'nug.

Seni.
     Nur noch die Venus la mich
     Betrachten, Hoheit.  Eben geht sie auf.
     Wie eine Sonne glnzt sie in dem Osten.

Wallenstein.
     Ja, sie ist jetzt in ihrer Erdennh'
     Und wirkt herab mit allen ihren Strken.
(Die Figur auf der Tafel betrachtend.)
     Glckseliger Aspekt!  So stellt sich endlich
     Die groe Drei verhngnisvoll zusammen,
     Und beide Segenssterne, Jupiter
     Und Venus, nehmen den verderblichen,
     Den tck'schen Mars in ihre Mitte, zwingen
     Den alten Schadenstifter, mir zu dienen.
     Denn lange war er feindlich mir gesinnt
     Und scho mit senkrecht- oder schrger Strahlung,
     Bald im Gevierten, bald im Doppelschein,
     Die roten Blitze meinen Sternen zu
     Und strte ihre segenvollen Krfte.
     Jetzt haben sie den alten Feind besiegt
     Und bringen ihn am Himmel mir gefangen.

Seni.
     Und beide groe Lumina von keinem
     Malefico beleidigt!  der Saturn
     Unschdlich, machtlos, in cadente domo.

Wallenstein.
     Saturnus' Reich ist aus, der die geheime
     Geburt der Dinge in dem Erdenscho
     Und in den Tiefen des Gemts beherrscht
     Und ber allem, was das Licht scheut, waltet.
     Nicht Zeit ist's mehr, zu brten und zu sinnen,
     Denn Jupiter, der glnzende, regiert
     Und zieht das dunkel zubereitete Werk
     Gewaltig in das Reich des Lichts--Jetzt mu
     Gehandelt werden, schleunig, eh' die Glcks-
     Gestalt mir wieder wegflieht berm Haupt,
     Denn stets in Wandlung ist der Himmelsbogen.
(Es geschehen Schlge an die Tr.)
     Man pocht.  Sieh, wer es ist.

Terzky.  (drauen).
     La ffnen!

Wallenstein.
     Es ist Terzky.
     Was gibt's so Dringendes?  Wir sind beschftigt.

Terzky.  (drauen)
     Leg alles jetzt beiseit', ich bitte dich,
     Es leidet keinen Aufschub.

Wallenstein.
     ffne, Seni.
(Indem jener dem Terzky aufmacht, zieht Wallenstein den Vorhang
vor die Bilder.)



Zweiter Auftritt

Wallenstein.  Graf Terzky.


Terzky.  (tritt ein).
     Vernahmst du's schon?  Er ist gefangen, ist
     Vom Gallas schon dem Kaiser ausgeliefert!

Wallenstein.  (zu Terzky)
     Wer ist gefangen?  Wer ist ausgeliefert?

Terzky.
     Wer unser ganz Geheimnis wei, um jede
     Verhandlung mit den Schweden wei und Sachsen,
     Durch dessen Hnde alles ist gegangen--

Wallenstein.  (zurckfahrend)
     Sesin doch nicht?  Sag nein, ich bitte dich.

Terzky.
     Grad auf dem Weg nach Regenspurg zum Schweden
     Ergriffen ihn des Gallas Abgeschickte,
     Der ihm schon lang die Fhrte abgelauert.
     Mein ganz Paket an Kinsky, Matthes Thurn,
     An Oxenstirn, an Arnheim fhrt er bei sich.
     Das alles ist in ihrer Hand, sie haben
     Die Einsicht nun in alles, was geschehn.



Dritter Auftritt

Vorige.  Illo kommt.


Illo.  (zu Terzky)
     Wei er's?

Terzky.
     Er wei es.

Illo.  (zu Wallenstein)
     Denkst du deinen Frieden
     Nun noch zu machen mit dem Kaiser, sein
     Vertraun zurckzurufen?  wr' es auch:
     Du wolltest allen Planen jetzt entsagen,
     Man wei, was du gewollt hast.  Vorwrts mut du,
     Denn rckwrts kannst du nun nicht mehr.

Terzky.
     Sie haben Dokumente gegen uns
     In Hnden, die unwidersprechlich zeugen--

Wallenstein.
     Von meiner Handschrift nichts.  Dich straf ich Lgen.

Illo.
     So?  Glaubst du wohl, was dieser da, dein Schwager,
     In deinem Namen unterhandelt hat,
     Das werde man nicht dir auf Rechnung setzen?
     Dem Schweden soll sein Wort fr deines gelten,
     Und deinen Wiener Feinden nicht!

Terzky.
     Du gabst nichts Schriftliches--Besinn dich aber,
     Wie weit du mndlich gingst mit dem Sesin.
     Und wird er schweigen?  Wenn er sich mit deinem
     Geheimnis retten kann, wird er's bewahren?

Illo.
     Das fllt dir selbst nicht ein!  Und da sie nun
     Berichtet sind, wie weit du schon gegangen,
     Sprich!  was erwartest du?  Bewahren kannst du
     Nicht lnger dein Kommando, ohne Rettung
     Bist du verloren, wenn du's niederlegst.

Wallenstein.
     Das Heer ist meine Sicherheit.  Das Heer
     Verlt mich nicht.  Was sie auch wissen mgen,
     Die Macht ist mein, sie mssen's niederschlucken,
     --Und stell ich Kaution fr meine Treu',
     So mssen sie sich ganz zufrieden geben.

Illo.
     Das Heer ist dein; jetzt fr den Augenblick
     Ist's dein; doch zittre vor der langsamen,
     Der stillen Macht der Zeit.  Vor offenbarer
     Gewalt beschtzt dich heute noch und morgen
     Der Truppen Gunst; doch gnnst du ihnen Frist,
     Sie werden unvermerkt die gute Meinung,
     Worauf du jetzo fuest, untergraben,
     Dir einen um den andern listig stehlen--
     Bis, wenn der groe Erdsto nun geschieht,
     Der treulos mrbe Bau zusammenbricht.

Wallenstein.
     Es ist ein bser Zufall!

Illo.
     Oh!  einen glcklichen will ich ihn nennen,
     Hat er auf dich die Wirkung, die er soll,
     Treibt dich zu schneller Tat--Der schwed'sche Oberst--

Wallenstein.
     Er ist gekommen?  Weit du, was er bringt?

Illo.
     Er will nur dir allein sich anvertraun.

Wallenstein.
     Ein bser, bser Zufall--Freilich!  Freilich!
     Sesina wei zu viel und wird nicht schweigen.

Terzky.
     Er ist ein bhmischer Rebell und Flchtling,
     Sein Hals ist ihm verwirkt; kann er sich retten
     Auf deine Kosten, wird er Anstand nehmen?
     Und wenn sie auf der Folter ihn befragen,
     Wird er, der Weichling, Strke g'nug besitzen?--

Wallenstein.  (in Nachsinnen verloren)
     Nicht herzustellen mehr ist das Vertraun.
     Und mag ich handeln, wie ich will, ich werde
     Ein Landsverrter ihnen sein und bleiben.
     Und kehr ich noch so ehrlich auch zurck
     Zu meiner Pflicht, es wird mir nichts mehr helfen--

Illo.
     Verderben wird es dich.  Nicht deiner Treu',
     Der Ohnmacht nur wird's zugeschrieben werden.

Wallenstein.  (in heftiger Bewegung auf und ab gehend)
     Wie?  Sollt' ich's nun im Ernst erfllen mssen,
     Weil ich zu frei gescherzt mit dem Gedanken?
     Verflucht, wer mit dem Teufel spielt!--

Illo.
     Wenn's nur dein Spiel gewesen, glaube mir,
     Du wirst's in schwerem Ernste ben mssen.

Wallenstein.
     Und mt' ich's in Erfllung bringen, jetzt,
     Jetzt, da die Macht noch mein ist, mt's geschehn--

Illo.
     Wo mglich, eh' sie von dem Schlage sich
     In Wien besinnen und zuvor dir kommen--

Wallenstein.  (die Unterschriften betrachtend)
     Das Wort der Generale hab ich schriftlich--
     Max Piccolomini steht nicht hier.  Warum nicht?

Terzky.
     Es war--er meinte--

Illo.
     Bloer Eigendnkel!
     Es brauche das nicht zwischen dir und ihm.

Wallenstein.
     Es braucht das nicht, er hat ganz recht--
     Die Regimenter wollen nicht nach Flandern,
     Sie haben eine Schrift mir bersandt
     Und widersetzen laut sich dem Befehl.
     Der erste Schritt zu Aufruhr ist geschehn.

Illo.
     Glaub mir, du wirst sie leichter zu dem Feind
     Als zu dem Spanier hinber fhren.

Wallenstein.
     Ich will doch hren, was der Schwede mir
     Zu sagen hat.

Illo.  (pressiert)
     Wollt Ihr ihn rufen, Terzky?
     Er steht schon drauen.

Wallenstein.
     Warte noch ein wenig.
     Es hat mich berrascht--Es kam zu schnell--
     Ich bin es nicht gewohnt, da mich der Zufall
     Blind waltend, finster herrschend mit sich fhre.

Illo.
     Hr ihn frs erste nur.  Erwg's nachher.
(Sie gehen.)



Vierter Auftritt


Wallenstein.  (mit sich selbst redend)
     Wr's mglich?  Knnt' ich nicht mehr, wie ich wollte?
     Nicht mehr zurck, wie mir's beliebt?  Ich mte
     Die Tat vollbringen, weil ich sie gedacht,
     Nicht die Versuchung von mir wies--das Herz
     Genhrt mit diesem Traum, auf ungewisse
     Erfllung hin die Mittel mir gespart,
     Die Wege blo mir offen hab gehalten?--
     Beim groen Gott des Himmels!  Es war nicht
     Mein Ernst, beschlone Sache war es nie.
     In dem Gedanken blo gefiel ich mir;
     Die Freiheit reizte mich und das Vermgen.
     War's unrecht, an dem Gaukelbilde mich
     Der kniglichen Hoffnung zu ergtzen?
     Blieb in der Brust mir nicht der Wille frei,
     Und sah ich nicht den guten Weg zur Seite,
     Der mir die Rckkehr offen stets bewahrte?
     Wohin denn seh ich pltzlich mich gefhrt?
     Bahnlos liegt's hinter mir, und eine Mauer
     Aus meinen eignen Werken baut sich auf,
     Die mir die Umkehr trmend hemmt!
(Er bleibt tiefsinnig stehen.)
     Strafbar erschein ich, und ich kann die Schuld,
     Wie ich's versuchen mag!  nicht von mir wlzen;
     Denn mich verklagt der Doppelsinn des Lebens,
     Und--selbst der frommen Quelle reine Tat
     Wird der Verdacht, schlimmdeutend, mir vergiften.
     War ich, wofr ich gelte, der Verrter,
     Ich htte mir den guten Schein gespart,
     Die Hlle htt' ich dicht um mich gezogen,
     Dem Unmut Stimme nie geliehn.  Der Unschuld,
     Des unverfhrten Willens mir bewut,
     Gab ich der Laune Raum, der Leidenschaft--
     Khn war das Wort, weil es die Tat nicht war.
     Jetzt werden sie, was planlos ist geschehn,
     Weitsehend, planvoll mir zusammenknpfen,
     Und was der Zorn und was der frohe Mut
     Mich sprechen lie im berflu des Herzens,
     Zu knstlichem Gewebe mir vereinen
     Und eine Klage furchtbar draus bereiten,
     Dagegen ich verstummen mu.  So hab ich
     Mit eignem Netz verderblich mich umstrickt,
     Und nur Gewalttat kann es reiend lsen.
(Wiederum stillstehend.)
     Wie anders!  da des Mutes freier Trieb
     Zur khnen Tat mich zog, die rauh gebietend
     Die Not jetzt, die Erhaltung von mir heischt.
     Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit.
     Nicht ohne Schauder greift des Menschen Hand
     In des Geschicks geheimnisvolle Urne.
     In meiner Brust war meine Tat noch mein:
     Einmal entlassen aus dem sichern Winkel
     Des Herzens, ihrem mtterlichen Boden,
     Hinausgegeben in des Lebens Fremde,
     Gehrt sie jenen tck'schen Mchten an,
     Die keines Menschen Kunst vertraulich macht.
(Er macht heftige Schritte durchs Zimmer, dann bleibt er wieder
sinnend stehen.)
     Und was ist dein Beginnen?  Hast du dir's
     Auch redlich selbst bekannt?  Du willst die Macht,
     Die ruhig, sicher thronende erschttern,
     Die in verjhrt geheiligtem Besitz,
     In der Gewohnheit festgegrndet ruht,
     Die an der Vlker frommem Kinderglauben
     Mit tausend zhen Wurzeln sich befestigt.
     Das wird kein Kampf der Kraft sein mit der Kraft,
     Den fcht ich nicht.  Mit jedem Gegner wag ich's,
     Den ich kann sehen und ins Augen fassen,
     Der, selbst voll Mut, auch mir den Mut entflammt.
     Ein unsichtbarer Feind ist's, den ich frchte,
     Der in der Menschen Brust mir widersteht,
     Durch feige Furcht allein mir frchterlich--
     Nicht, was lebendig kraftvoll sich verkndigt,
     Ist das gefhrlich Furchtbare.  Das ganz
     Gemeine ist's, das ewig Gestrige,
     Was immer war, und immer wiederkehrt
     Und morgen gilt, weil's heute hat gegolten!
     Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht,
     Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
     Weh dem, der an den wrdig alten Hausrat
     Ihm rhrt, das teure Erbstck seiner Ahnen!
     Das Jahr bt eine heiligende Kraft;
     Was grau fr Alter ist, das ist ihm gttlich.
     Sei im Besitze, und du wohnst im Recht,
     Und heilig wird's die Menge die bewahren.
(Zu dem Pagen, der hereintritt.)
     Der schwed'sche Oberst?  Ist er's?  Nun, er komme.
(Page geht.  Wallenstein hat den Blick nachdenkend auf die
Tre geheftet.)
     Noch ist sie rein--noch!  Das Verbrechen kam
     Nicht ber diese Schwelle noch--So schma ist
     Die Grenze, die zwei Lebenspfade scheidet!



Fnfter Auftritt

Wallenstein und Wrangel.


Wallenstein.  (nachdem er einen forschenden Blick auf ihn geheftet)
     Ihr nennt Euch Wrangel?

Wrangel.
     Gustav Wrangel, Oberst
     Vom blauen Regimente Sdermannland.

Wallenstein.
     Ein Wrangel war's, der vor Stralsund viel Bses
     Mir zugefgt, durch tapfre Gegenwehr
     Schuld war, da mir die Seestadt widerstanden.

Wrangel.
     Das Werk des Elements, mit dem Sie kmpften,
     Nicht mein Verdienst, Herr Herzog!  Seine Freiheit
     Verteidigte mit Sturmes Macht der Belt,
     Es sollte Meer und Land nicht einem dienen.

Wallenstein.
     Den Admiralshut rit Ihr mir vom Haupt.

Wrangel.
     Ich komme, eine Krone drauf zu setzen.

Wallenstein.  (winkt ihm, Platz zu nehmen, setzt sich).
     Euer Kreditiv.  Kommt Ihr mit ganzer Vollmacht?

Wrangel.  (bedenklich)
     Es sind so manche Zweifel noch zu lsen--

Wallenstein.  (nachdem er gelesen)
     Der Brief hat Hnd' und F'.  Es ist ein klug,
     Verstndig Haupt, Herr Wrangel, dem Ihr dienet.
     Es schreibt der Kanzler: er vollziehe nur
     Den eignen Einfall des verstorbnen Knigs,
     Indem er mir zur bhm'schen Kron' verhelfe.

Wrangel.
     Er sagt, was wahr ist.  Der Hochselige
     Hat immer gro gedacht von Euer Gnaden
     Frtrefflichem Verstand und Feldherrngaben,
     Und stets der Herrschverstndigste, beliebt' ihm
     Zu sagen, sollte Herrscher sein und Knig.

Wallenstein.
     Er durft' es sagen.
(Seine Hand vertraulich fassend.)
     Aufrichtig, Oberst Wrangel--Ich war stets
     Im Herzen auch gut schwedisch--Ei, das habt ihr
     In Schlesien erfahren und bei Nrnberg.
     Ich hatt' euch oft in meiner Macht und lie
     Durch eine Hintertr euch stets entwischen.
     Das ist's, was sie in Wien mir nicht verzeihn,
     Was jetzt zu diesem Schritt mich treibt--Und weil
     Nun unser Vorteil so zusammengeht,
     So lat uns zu einander auch ein recht
     Vertrauen fassen.

Wrangel.
     Das Vertraun wird kommen,
     Hat jeder nur erst seine Sicherheit.

Wallenstein.
     Der Kanzler, merk ich, traut mir noch nicht recht.
     Ja, ich gesteh's--Es liegt das Spiel nicht ganz
     Zu meinem Vorteil--Seine Wrden meint,
     Wenn ich dem Kaiser, der mein Herr ist, so
     Mitspielen kann, ich knn' das gleiche tun
     Am Feinde, und das eine wre mir
     Noch eher zu verzeihen als das andre.
     Ist das nicht Eure Meinung auch, Herr Wrangel?

Wrangel.
     Ich hab hier blo ein Amt und keine Meinung.

Wallenstein.
     Der Kaiser hat mich bis zum uersten
     Gebracht.  Ich kann ihm nicht mehr ehrlich dienen.
     Zu meiner Sicherheit, aus Notwehr tu ich
     Den harten Schritt, den mein Bewutsein tadelt.

Wrangel.
     Ich glaub's.  So weit geht niemand, der nicht mu.
(Nach einer Pause.)
     Was Eure Frstlichkeit bewegen mag,
     Also zu tun an ihrem Herrn und Kaiser,
     Gebhrt nicht uns zu richten und zu deuten.
     Der Schwede ficht fr seine gute Sach'
     Mit seinem guten Degen und Gewissen.
     Die Konkurrenz ist, die Gelegenheit
     Zu unsrer Gunst, im Krieg gilt jeder Vorteil,
     Wir nehmen unbedenklich, was sich bietet;
     Und wenn sich alles richtig so verhlt--

Wallenstein.
     Woran denn zweifelt man?  An meinem Willen?
     An meinen Krften?  Ich versprach dem Kanzler,
     Wenn er mir sechzehntausend Mann vertraut,
     Mit achtzehntausend von des Kaisers Heer
     Dazuzustoen--

Wrangel.
     Euer Gnaden sind
     Bekannt fr einen hohen Kriegesfrsten,
     Fr einen zweiten Attila und Pyrrhus.
     Noch mit Erstaunen redet man davon,
     Wie Sie vor Jahren, gegen Menschendenken,
     Ein Heer wie aus dem Nichts hervorgerufen.
     Jedennoch--

Wallenstein.
     Dennoch?

Wrangel.
     Seine Wrden meint,
     Ein leichter Ding doch mcht' es sein, mit nichts
     Ins Feld zu stellen sechzigtausend Krieger,
     Als nur ein Sechzigteil davon
(er hlt inne)

Wallenstein.
     Nun, was?
     Nur frei heraus!

Wrangel.
     Zum Treubruch zu verleiten.

Wallenstein.
     Meint er?  Er urteilt wie ein Schwed' und wie
     Ein Protestant.  Ihr Lutherischen fechtet
     Fr eure Bibel, euch ist's um die Sach';
     Mit eurem Herzen folgt ihr eurer Fahne.--
     Wer zu dem Feinde luft von euch, der hat
     Mit zweien Herrn zugleich den Bund gebrochen.
     Von all dem ist die Rede nicht bei uns--

Wrangel.
     Herr Gott im Himmel!  Hat man hierzulande
     Denn keine Heimat, keinen Herd und Kirche?

Wallenstein.
     Ich will Euch sagen, wie das zugeht--Ja,
     Der sterreicher hat ein Vaterland
     Und liebt's und hat auch Ursach', es zu lieben.
     Doch dieses Heer, das kaiserlich sich nennt,
     Das hier in Bheim hauset, das hat keins;
     Das ist der Auswurf fremder Lnder, ist
     Der aufgegebne Teil des Volks, dem nichts
     Gehret als die allgemeine Sonne.
     Und dieses bhm'sche Land, um das wir fechten,
     Das hat kein Herz fr seinen Herrn, den ihm
     Der Waffen Glck, nicht eigne Wahl gegeben.
     Mit Murren trgt's des Glaubens Tyrannei,
     Die Macht hat's eingeschreckt, beruhigt nicht.
     Ein glhend, rachvoll Angedenken lebt
     Der Greuel, die geschahn auf diesem Boden.
     Und kann's der Sohn vergessen, da der Vater
     Mit Hunden in die Messe ward gehetzt?
     Ein Volk, dem das geboten wird, ist schrecklich,
     Es rche oder dulde die Behandlung.

Wrangel.
     Der Adel aber und die Offiziere?
     Solch eine Flucht und Felonie, Herr Frst,
     Ist ohne Beispiel in der Welt Geschichten.

Wallenstein.
     Sie sind auf jegliche Bedingung mein.
     Nicht mir, den eignen Augen mgt Ihr glauben.
(Er gibt ihm die Eidesformel.  Wrangel durchliest sie, legt sie,
nachdem er gelesen, schweigend auf den Tisch.)
     Wie ist's?  Begreift Ihr nun?

Wrangel.
     Begreif 's, wer's kann!
     Herr Frst!  Ich la die Maske fallen--Ja!
     Ich habe Vollmacht, alles abzuschlieen.
     Es steht der Rheingraf nur vier Tagemrsche
     Von hier mit funfzehntausend Mann, er wartet
     Auf Ordre nur, zu Ihrem Heer zu stoen.
     Die Ordre stell ich aus, sobald wir einig.

Wallenstein.
     Was ist des Kanzlers Forderung?

Wrangel.  (bedenklich)
     Zwlf Regimenter gilt es, schwedisch Volk.
     Mein Kopf mu dafr haften.  Alles knnte
     Zuletzt nur falsches Spiel--

Wallenstein.  (fhrt auf)
     Herr Schwede!

Wrangel.  (ruhig fortfahrend)
     Mu demnach
     Darauf bestehn, da Herzog Friedland frmlich,
     Unwiderruflich breche mit dem Kaiser,
     Sonst ihm kein schwedisch Volk vertrauet wird.

Wallenstein.
     Was ist die Forderung?  Sagt's kurz und gut.

Wrangel.
     Die span'schen Regimenter, die dem Kaiser
     Ergeben, zu entwaffnen, Prag zu nehmen
     Und diese Stadt wie auch das Grenzschlo Eger
     Den Schweden einzurumen.

Wallenstein.
     Viel gefordert!
     Prag!  Sei's um Eger!  Aber Prag?  Geht nicht.
     Ich leist euch jede Sicherheit, die ihr
     Vernnft'gerweise von mir fordern mget.
     Prag aber--Bhmen--kann ich selbst beschtzen.

Wrangel.
     Man zweifelt nicht daran.  Es ist uns auch
     Nicht ums Beschtzen blo.  Wir wollen Menschen
     Und Geld umsonst nicht aufgewendet haben.

Wallenstein.
     Wie billig.

Wrangel.
     Und so lang, bis wir entschdigt,
     Bleibt Prag verpfndet.

Wallenstein.
     Traut ihr uns so wenig?

Wrangel.  (steht auf)
     Der Schwede mu sich vorsehn mit dem Deutschen.
     Man hat uns bers Ostmeer hergerufen;
     Gerettet haben wir vom Untergang
     Das Reich--mit unserm Blut des Glaubens Freiheit,
     Die heil'ge Lehr' des Evangeliums
     Versiegelt--Aber jetzt schon fhlet man
     Nicht mehr die Wohltat, nur die Last, erblickt
     Mit scheelem Aug' die Fremdlinge im Reiche
     Und schickte gern mit einer Handvoll Geld
     Uns heim in unsre Wlder.  Nein!  wir haben
     Um Judas' Lohn, um klingend Gold und Silber
     Den Knig auf der Walstatt nicht gelassen!
     So vieler Schweden adeliges Blut,
     Es ist um Gold und Silber nicht geflossen!
     Und nicht mit magerm Lorbeer wollen wir
     Zum Vaterland die Wimpel wieder lften,
     Wir wollen Brger bleiben auf dem Boden,
     Den unser Knig fallend sich erobert.

Wallenstein.
     Helft den gemeinen Feind mir niederhalten,
     Das schne Grenzland kann euch nicht entgehn.

Wrangel.
     Und liegt zu Boden der gemeine Feind,
     Wer knpft die neue Freundschaft dann zusammen?
     Uns ist bekannt, Herr Frst--wenngleich der Schwede
     Nichts davon merken soll--da Ihr mit Sachsen
     Geheime Unterhandlung pflegt.  Wer brgt uns
     Dafr, da wir nicht Opfer der Beschlsse sind,
     Die man vor uns zu hehlen ntig achtet?

Wallenstein.
     Wohl whlte sich der Kanzler seinen Mann,
     Er htt' mir keinen zhern schicken knnen.
(Aufstehend.)
     Besinnt Euch eines Bessern, Gustav Wrangel.
     Von Prag nichts mehr.

Wrangel.
     Hier endigt meinen Vollmacht.

Wallenstein.
     Euch meine Hauptstadt rumen!  Lieber tret ich
     Zurck--zu meinem Kaiser.

Wrangel.
     Wenn's noch Zeit ist.
     Wallenstein.
     Das steht bei mir, noch jetzt, zu jeder Stunde.

Wrangel.
     Vielleicht vor wenig Tagen noch.  Heut nicht mehr.
     --Seit der Sesin gefangen sitzt, nicht mehr.
(Wie Wallenstein betroffen schweigt.)
     Herr Frst!  Wir glauben, da Sie's ehrlich meinen;
     Seit gestern--sind wir des gewi--Und nun
     Dies Blatt uns fr die Truppen brgt, ist nichts,
     Was dem Vertrauen noch im Wege stnde.
     Prag soll uns nicht entzweien.  Mein Herr Kanzler
     Begngt sich mit der Altstadt, Euer Gnaden
     Lt er den Ratschin und die kleine Seite.
     Doch Eger mu vor allem sich uns ffnen,
     Eh' an Konjunktion zu denken ist.

Wallenstein.
     Euch also soll ich trauen, ihr nicht mir?
     Ich will den Vorschlag in Erwgung ziehn.

Wrangel.
     In keine gar zu lange, mu ich bitten.
     Ins zweite Jahr schon schleicht die Unterhandlung;
     Erfolgt auch diesmal nichts, so will der Kanzler
     Auf immer sie fr abgebrochen halten.

Wallenstein.
     Ihr drngt mich sehr.  Ein solcher Schritt will wohl
     Bedacht sein.

Wrangel.
     Eh' man berhaupt dran denkt,
     Herr Frst!  Durch rasche Tat nur kann er glcken.
(Er geht ab.)



Sechster Auftritt

Wallenstein.  Terzky und Illo kommen zurck.


Illo.
     Ist's richtig?

Terzky.
     Seid ihr einig?

Illo.
     Dieser Schwede
     Ging ganz zufrieden fort.  Ja, ihr seid einig.

Wallenstein.
     Hrt!  Noch ist nichts geschehn, und--wohl erwogen,
     Ich will es lieber doch nicht tun.

Terzky.
     Wie?  Was ist das?

Wallenstein.
     Von dieser Schweden Gnade leben!
     Der bermtigen?  Ich trg' es nicht.

Illo.
     Kommst du als Flchtling, ihre Hilf' erbettelnd?
     Du bringest ihnen mehr, als du empfngst.

Wallenstein.
     Wie war's mit jenem kniglichen Bourbon,
     Der seines Volkes Feinde sich verkaufte
     Und Wunden schlug dem eignen Vaterland?
     Fluch war sein Lohn, der Menschen Abscheu rchte
     Die unnatrlich frevelhafte Tat.

Illo.
     Ist das dein Fall?

Wallenstein.
     Die Treue, sag ich euch,
     Ist jedem Menschen wie der nchste Blutsfreund,
     Als ihren Rcher fhlt er sich geboren.
     Der Sekten Feindschaft, der Parteien Wut,
     Der alte Neid, die Eifersucht macht Friede;
     Was noch so wtend ringt, sich zu zerstren,
     Vertrgt, vergleicht sich, den gemeinen Feind
     Der Menschlichkeit, das wilde Tier zu jagen,
     Das mordend einbricht in die sichre Hrde,
     Worin der Mensch geborgen wohnt--denn ganz
     Kann ihn die eigne Klugheit nicht beschirmen.
     Nur an die Stirne setzt' ihm die Natur
     Das Licht der Augen, fromme Treue soll
     Den blogegebnen Rcken ihm beschtzen.

Terzky.
     Denk von dir selbst nicht schlimmer als der Feind,
     Der zu der Tat die Hnde freudig bietet.
     So zrtlich dachte jener Karl auch nicht,
     Der hm und Ahnherr dieses Kaiserhauses,
     Der nahm den Bourbon auf mit offnen Armen,
     Denn nur vom Nutzen wird die Welt regiert.



Siebenter Auftritt

Grfin Terzky zu den Vorigen.


Wallenstein.
     Wer ruft Euch?  Hier ist kein Geschft fr Weiber.

Grfin.
     Ich komme, meinen Glckwunsch abzulegen.
     --Komm ich zu frh etwa?  Ich will nicht hoffen.

Wallenstein.
     Gebrauch dein Ansehn, Terzky.  Hei sie gehn.

Grfin.
     Ich gab den Bhmen einen Knig schon.

Wallenstein.
     Er war darnach.

Grfin.  (zu den andern)
     Nun, woran liegt es?  Sprecht!

Terzky.
     Der Herzog will nicht.

Grfin.
     Will nicht, was er mu?

Illo.
     An Euch ist's jetzt.  Versucht's, denn ich bin fertig,
     Spricht man von Treue mir und von Gewissen.

Grfin.
     Wie?  da noch alles lag in weiter Ferne,
     Der Weg sich noch unendlich vor dir dehnte,
     Da hattest du Entschlu und Mut--und jetzt,
     Da aus dem Traume Wahrheit werden will,
     Da die Vollbringung nahe, der Erfolg
     Versichert ist, da fngst du an, zu zagen?
     Nur in Entwrfen bist du tapfer, feig
     In Taten?  Gut!  Gib deinen Feinden Recht!
     Da eben ist es, wo sie dich erwarten.
     Den Vorsatz glauben sie dir gern; sei sicher,
     Da sie's mit Brief und Siegel dir belegen!
     Doch an die Mglichkeit der Tat glaubt keiner,
     Da mten sie dich frchten und dich achten.
     Ist's mglich?  Da du so weit bist gegangen,
     Da man das Schlimmste wei, da dir die Tat
     Schon als begangen zugerechnet wird,
     Willst du zurckziehn und die Frucht verlieren?
     Entworfen blo ist's ein gemeiner Frevel,
     Vollfhrt ist's ein unsterblich Unternehmen;
     Und wenn es glckt, so ist es auch verziehn,
     Denn aller Ausgang ist ein Gottes Urtel.

Kammerdiener.  (tritt herein)
     Der Oberst Piccolomini.

Grfin.  (schnell)
     Soll warten.

Wallenstein.
     Ich kann ihn jetzt nicht sehn.  Ein andermal.

Kammerdiener.
     Nur um zwei Augenblicke bittet er,
     Er hab ein dringendes Geschft--

Wallenstein.
     Wer wei, was er uns bringt.  Ich will doch hren.

Grfin.  (lacht)
     Wohl mag's ihm dringend sein.  Du kannst's erwarten.

Wallenstein.
     Was ist's.

Grfin.
     Du sollst es nachher wissen.
     Jetzt denke dran, den Wrangel abzufert'gen.
(Kammerdiener geht.)

Wallenstein.
     Wenn eine Wahl noch wre--noch ein milderer
     Ausweg sich fnde--jetzt noch will ich ihn
     Erwhlen und das uerste vermeiden.

Grfin.
     Verlangst du weiter nichts, ein solcher Weg
     Liegt nah vor dir.  Schick diesen Wrangel fort.
     Vergi die alten Hoffnungen, wirf dein
     Vergangnes Leben weg, enschliee dich,
     Ein neues anzufangen.  Auch die Tugend
     Hat ihre Helden, wie der Ruhm, das Glck.
     Reis hin nach Wien zum Kaiser stehndes Fues,
     Nimm eine volle Kasse mit, erklr,
     Du hab'st der Diener Treue nur erproben,
     Den Schweden blo zum besten haben wollen.

Illo.
     Auch damit ist's zu spt.  Man wei zu viel.
     Er wrde nur das Haupt zum Todesblocke tragen.

Grfin.
     Das frcht ich nicht.  Gesetzlich ihn zu richten,
     Fehlt's an Beweisen; Willkr meiden sie.
     Man wird den Herzog ruhig lassen ziehn.
     Ich seh, wie alles kommen wird.  Der Knig
     Von Ungarn wird erscheinen, und es wird sich
     Von selbst verstehen, da der Herzog geht;
     Nicht der Erklrung wird das erst bedrfen.
     Der Knig wird die Truppen lassen schwren,
     Und alles wird in seiner Ordnung bleiben.
     An einem Morgen ist der Herzog fort.
     Auf seinen Schlssern wird es nun lebendig,
     Dort wird er jagen, baun, Gestte halten,
     Sich eine Hofstatt grnden, goldne Schlssel
     Austeilen, gastfrei groe Tafel geben,
     Und kurz ein groer Knig sein--im Kleinen!
     Und weil er klug sich zu bescheiden wei,
     Nichts wirklich mehr zu gelten, zu bedeuten,
     Lt man ihn scheinen, was er mag; er wird
     Ein groer Prinz bis an sein Ende scheinen.
     Ei nun!  der Herzog ist dann eben auch
     Der neuen Menschen einer, die der Krieg
     Emporgebracht; ein bernchtiges
     Geschpf der Hofgunst, die mit gleichem Aufwand
     Freiherrn und Frsten macht.

Wallenstein.  (steht auf, heftig bewegt)
     Zeigt einen Weg mir an aus diesem Drang,
     Hilfreiche Mchte!  einen solchen zeigt mir,
     Den ich vermag zu gehn--Ich kann mich nicht,
     Wie so ein Wortheld, so ein Tugendschwtzer,
     An meinem Willen wrmen und Gedanken--
     Nicht zu dem Glck, das mir den Rcken kehrt,
     Grotuend sagen: Geh!  Ich brauch dich nicht!
     Wenn ich nicht wirke mehr, bin ich vernichtet;
     Nicht Opfer, nicht Gefahren will ich scheun,
     Den letzten Schritt, den uersten, zu meiden;
     Doch eh' ich sinke in die Nichtigkeit,
     So klein aufhre, der so gro begonnen,
     Eh' mich die Welt mit jenen Elenden
     Verwechselt, die der Tag erschafft und strzt,
     Eh' spreche Welt und Nachwelt meinen Namen
     Mit Abscheu aus, und Friedland sei die Losung
     Fr jede fluchenswerte Tat.

Grfin.
     Was ist denn hier so wider die Natur?
     Ich kann's nicht finden, sage mir's--oh!  la
     Des Aberglaubens nchtliche Gespenster
     Nicht deines hellen Geistes Meister werden!
     Du bist des Hochverrats verklagt; ob mit
     --Ob ohne Recht, ist jetzo nicht die Frage--
     Du bist verloren, wenn du dich nicht schnell der Macht
     Bedienst, die du besitzest--Ei!  wo lebt denn
     Das friedsame Geschpf, das seines Lebens
     Sich nicht mit allen Lebenskrften wehrt?
     Was ist so khn, das Notwehr nicht entschuldigt?

Wallenstein.
     Einst war mir dieser Ferdinand so huldreich;
     Er liebte mich, er hielt mich wert, ich stand
     Der Nchste seinem Herzen.  Welchen Frsten
     Hat er geehrt wie mich?--Und so zu enden!

Grfin.
     So treu bewahrst du jede kleine Gunst,
     Und fr die Krnkung hast du kein Gedchtnis?
     Mu ich dich dran erinnern, wie man dir
     Zu Regenspurg die treuen Dienste lohnte?
     Du hattest jeden Stand im Reich beleidigt;
     Ihn gro zu machen, hattest du den Ha,
     Den Fluch der ganzen Welt auf dich geladen,
     Im ganzen Deutschland lebte dir kein Freund,
     Wei du allein gelebt fr deinen Kaiser.
     An ihn blo hieltest du bei jenem Sturme
     Dich fest, der auf dem Rgenspurger Tag
     Sich gegen dich zusammenzog--da lie er
     Dich fallen!  Lie dich fallen!  Dich dem Bayern,
     Dem bermtigen, zum Opfer fallen!
     Sag nicht, da die zurckgegebne Wrde
     Das erste, schwere Unrecht ausgeshnt.
     Nicht wahrlich guter Wille stellte dich,
     Dich stellte das Gesetz der herben Not
     An diesen Platz, den man dir gern verweigert.

Wallenstein.
     Nicht ihrem guten Willen, das ist wahr!
     Noch seiner Neigung dank ich dieses Amt.
     Mibrauch ich's, so mibrauch ich kein Vertrauen.

Grfin.
     Vertrauen?  Neigung?--Man bedurfte deiner!
     Die ungestme Presserin, die Not,
     Der nicht mit hohlen Namen, Figuranten
     Gedient ist, die die Tat will, nicht das Zeichen,
     Den Grten immer aufsucht und den Besten,
     Ihn an das Ruder stellt, und mt sie ihn
     Aufgreifen aus dem Pbel selbst--die setzte dich
     In dieses Amt und schrieb dir die Bestallung.
     Denn lange, bis es nicht mehr kann, behilft
     Sich dies Geschlecht mit feilen Sklavenseelen
     Und mit den Drahtmaschinen seiner Kunst--
     Doch wenn das uerste ihm nahe tritt,
     Der hohle Schein es nicht mehr tut, da fllt
     Es in die starken Hnde der Natur,
     Des Riesengeistes, der nur sich gehorcht,
     Nichts von Vertrgen wei und nur auf ihre
     Bedingung, nicht auf seine, mit ihm handelt.

Wallenstein.
     Wahr ist's!  Sie sahn mich immer, wie ich bin,
     Ich hab sie in dem Kaufe nicht betrogen,
     Denn nie hielt ich's der Mhe wert, die khn
     Umgreifende Gemtsart zu verbergen.

Grfin.
     Vielmehr--du hast dich furchtbar stets gezeigt.
     Nicht du, der stets sich selber treu geblieben,
     Die haben Unrecht, die dich frchteten
     Und doch die Macht dir in die Hnde gaben.
     Denn Recht hat jeder eigene Charakter,
     Der bereinstimmt mit sich selber, es gibt
     Kein andres Unrecht als den Widerspruch.
     Warst du ein andrer, als du vor acht Jahren
     Mit Feuer und Schwert durch Deutschlands Kreise zogst,
     Die Geiel schwangest ber alle Lnder,
     Hohn sprachest allen Ordnungen des Reichs,
     Der Strke frchterliches Recht nur btest
     Und jede Landeshoheit niedertratst,
     Um deines Sultans Herrschaft auszubreiten?
     Da war es Zeit, den stolzen Willen dir
     Zu brechen, dich zur Ordnung zu verweisen!
     Doch wohl gefiel dem Kaiser, was ihm ntzte,
     Und schweigend drckt' er diesen Freveltaten
     Sein kaiserliches Siegel auf.  Was damals
     Gerecht war, weil du's fr ihn tatst, ist's heute
     Auf einmal schndlich, weil es gegen ihn
     Gerichtet wird?

Wallenstein.  (aufstehend)
     Von dieser Seite sah ich's nie--Ja!  dem
     Ist wirklich so.  Es bte dieser Kaiser
     Durch meinen Arm im Reiche Taten aus,
     Die nach der Ordnung nie geschehen sollten.
     Und selbst den Frstenmantel, den ich trage,
     Verdank ich Diensten, die Verbrechen sind.

Grfin.
     Gestehe denn, da zwischen dir und ihm
     Die Rede nicht kann sein von Pflicht und Recht,
     Nur von der Macht und der Gelegenheit!
     Der Augenblick ist da, wo du die Summe
     Der groen Lebensrechnung ziehen sollst,
     Die Zeichen stehen sieghaft ber dir,
     Glck winken die Planeten dir herunter
     Und rufen: es ist an der Zeit!  Hast du
     Dein Lebenlang umsonst der Sterne Lauf
     Gemessen?--den Quadranten und den Zirkel
     Gefhrt?--den Zodiak, die Himmelskugel
     Auf diesen Wnden nachgeahmt, um dich herum
     Gestellt in stummen, ahnungsvollen Zeichen
     Die sieben Herrscher des Geschicks,
     Nur um ein eitles Spiel damit zu treiben?
     Fhrt alle diese Zurstung zu nichts,
     Und ist kein Mark in dieser hohlen Kunst,
     Da sie dir selbst nichts gilt, nichts ber dich
     Vermag im Augenblick der Entscheidung?

Wallenstein.  (ist whrend dieser letzten Rede mit heftig arbeitendem
Gemt auf und ab gegangen und steht jetzt pltzlich still, die Grfin
unterbrechend)
     Ruft mir den Wrangel, und es sollen gleich
     drei Boten satteln.

Illo.
     Nun, gelobt sei Gott!
(Eilt hinaus.)

Wallenstein.
     Es ist sein bser Geist und meiner.  Ihn
     Straft er durch mich, das Werkzeug seiner Herrschsucht,
     Und ich erwart es, da der Rache Stahl
     Auch schon fr meine Brust geschliffen ist.
     Nicht hoffe, wer des Drachen Zhne st,
     Erfreuliches zu ernten.  Jede Untat
     Trgt ihren eignen Rach-Engel schon,
     Die bse Hoffnung, unter ihrem Herzen.
     Er kann mir nicht mehr traun,--so kann ich auch
     Nicht mehr zurck.  Geschehe denn, was mu.
     Recht stets behlt das Schicksa, denn das Herz
     In uns ist sein gebietrischer Vollzieher.
(Zu Terzky.)
     Bring mir den Wrangel in mein Kabinett,
     Die Boten will ich selber sprechen.  Schickt
     Nach dem Octavio!
(Zur Grfin, welche eine triumphierende Miene macht.)
     Frohlocke nicht!
     Denn eiferschtig sind des Schicksals Mchte.
     Voreilig Jauchzen greift in ihre Rechte.
     Den Samen legen wir in ihre Hnde,
     Ob Glck, ob Unglck aufgeht, lehrt das Ende.
(Indem er abgeht, fllt der Vorhang.)




Zweiter Aufzug

Ein Zimmer



Erster Auftritt

Wallenstein.  Octavio Piccolomini.  Bald darauf Max Piccolomini.


Wallenstein.
     Mir meldet er aus Linz, er lge krank,
     Doch hab ich sichre Nachricht, da er sich
     Zu Frauenberg versteckt beim Grafen Gallas.
     Nimm beide fest und und schick sie mir hieher.
     Du bernimmst die spanischen Regimenter,
     Machst immer Anstalt und bist niemals fertig,
     Und treiben sie dich, gegen mich zu ziehn,
     So sagst du Ja und bleibst gefesselt stehn.
     Ich wei, da dir ein Dienst damit geschieht,
     In diesem Spiel dich mig zu verhalten.
     Du rettest gern, so lang du kannst, den Schein;
     Extreme Schritte sind nicht deine Sache,
     Drum hab ich diese Rolle fr dich ausgesucht,
     Du wirst mir durch dein Nichtstun diesesmal
     Am ntzlichsten--Erklrt sich unterdessen
     Das Glck fr mich, so weit du, was zu tun.
(Max Piccolomini tritt ein.)
     Jetzt, Alter, geh.  Du mut heut nacht noch fort.
     Nimm meine eignen Pferde.--Diesen da
     Behalt ich hier--Macht's mit dem Abschied kurz!
     Wir werden uns ja, denk ich, alle froh
     Und glcklich wiedersehn.

Octavio.  (zu seinem Sohn)
     Wir sprechen uns noch.
(Geht ab.)



Zweiter Auftritt

Wallenstein.  Max Piccolomini.


Max.  (nhert sich ihm.)
     Mein General--

Wallenstein.
     Der bin ich nicht mehr,
     Wenn du des Kaisers Offizier dich nennst.

Max.
     So bleibt's dabei, du willst das Heer verlassen?

Wallenstein.
     Ich hab des Kaisers Dienst entsagt.

Max.
     Und willst das Heer verlassen?

Wallenstein.
     Vielmehr hoff ich,
     Mir's enger noch und fester zu verbinden.
(Er setzt sich.)
     Ja, Max.  Nicht eher wollt' ich dir's erffnen,
     Als bis des Handelns Stunde wrde schlagen.
     Der Jugend glckliches Gefhl ergreift
     Das Rechte leicht, und eine Freude ist's,
     Das eigne Urteil prfend auszuben,
     Wo das Exempel rein zu lsen ist.
     Doch, wo von zwei gewissen beln eins
     Ergriffen werden mu, wo sich das Herz
     Nicht ganz zurckbringt aus dem Streit der Pflichten,
     Da ist es Wohltat, keine Wahl zu haben,
     Und eine Gunst ist die Notwendigkeit.
     --Die ist vorhanden.  Blicke nicht zurck.
     Es kann dir nichts mehr helfen.  Blicke vorwrts!
     Urteile nicht!  Bereite dich, zu handeln.
     --Der Hof hat meinen Untergang beschlossen,
     Drum bin ich willens, ihm zuvorzukommen.
     --Wir werden mit den Schweden uns verbinden.
     Sehr wackre Leute sind's und gute Freunde.
(Hlt ein, Piccolominis Antwort erwartend.)
     --Ich hab dich berrascht.  Antwort mir nicht.
     Ich will dir Zeit vergnnen, dich zu fassen.
(Er steht auf und geht nach hinten.  Max steht lange unbeweglich,
in den heftigsten Schmerz versetzt; wie er eine Bewegung macht,
kmmt Wallenstein zurck und stellt sich vor ihn.)

Max.
     Mein General!--Du machst mich heute mndig.
     Denn bis auf diesen Tag war mir's erspart,
     Den Weg mir selbst zu finden und die Richtung.
     Dir folgt' ich unbedingt.  Auf dich nur braucht' ich
     Zu sehn und war des rechten Pfads gewi.
     Zum ersten Male heut verweisest du
     Mich an mich selbst und zwingst mich, eine Wahl
     Zu treffen zwischen dir und meinem Herzen.

Wallenstein.
     Sanft wiegte dich bis heute dein Geschick,
     Du konntest spielend deine Pflichten ben,
     Jedwedem schnen Trieb Genge tun,
     Mit ungeteiltem Herzen immer handeln.
     So kann's nicht ferner bleiben.  Feindlich scheiden
     Die Wege sich.  Mit Pflichten streiten Pflichten.
     Du mut Partei ergreifen in dem Krieg,
     Der zwischen deinem Freund und deinem Kaiser
     Sich jetzt entzndet.

Max.
     Krieg!  Ist das der Name?
     Der Krieg ist schrecklich, wie des Himmels Plagen,
     Doch er ist gut, ist ein Geschick, wie sie.
     Ist das ein guter Krieg, den du dem Kaiser
     Bereitest mit des Kaisers eignem Heer?
     O Gott des Himmels!  was ist das fr eine
     Vernderung!  Ziemt solche Sprache mir
     Mit dir, der wie der feste Stern des Pols
     Mir als die Lebensregel vorgeschienen!
     Oh!  welchen Ri erregst du mir im Herzen!
     Der alten Ehrfurcht eingewachsnen Trieb
     Und des Gehorsams heilige Gewohnheit
     Soll ich versagen lernen deinem Namen?
     Nein!  wende nicht dein Angesicht zu mir!
     Es war mir immer eines Gottes Antlitz,
     Kann ber mich nicht gleich die Macht verlieren;
     Die Sinne sind in deinen Banden noch,
     Hat gleich die Seele blutend sich befreit!

Wallenstein.
     Max, hr mich an.

Max.
     Oh!  tu es nicht!  Tu's nicht!
     Sieh!  deine reinen, edeln Zge wissen
     Noch nichts von dieser unglcksel'gen Tat.
     Blo deine Einbildung befleckte sie,
     Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen
     Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.
     Wirf ihn heraus, den schwarzen Fleck, den Feind.
     Ein bser Traum blo ist es dann gewesen,
     Der jede sichre Tugend warnt.  Es mag
     Die Menschheit solche Augenblicke haben,
     Doch siegen mu das glckliche Gefhl.
     Nein, du wirst so nicht endigen.  Das wrde
     Verrufen bei den Menschen jede groe
     Natur und jedes mchtige Vermgen,
     Recht geben wrd' es dem gemeinen Wahn,
     Der nicht an Edles in der Freiheit glaubt
     Und nur der Ohnmacht sich vertrauen mag.

Wallenstein.
     Streng wird die Welt mich tadeln, ich erwart es.
     Mir selbst schon sagt' ich, was du sagen kannst.
     Wer miede nicht, wenn er's umgehen kann,
     Das uerste!  Doch hier ist keine Wahl,
     Ich mu Gewalt ausben oder leiden--
     So steht der Fall.  Nichts anders bleibt mir brig.

Max.
     Sei's denn!  Behaupte dich in deinem Posten
     Gewaltsam, widersetze dich dem Kaiser,
     Wenn's sein mu, treib's zur offenen Emprung,
     Nicht loben werd ich's, doch ich kann's verzeihn,
     Will, was ich nicht gut heie, mit dir teilen.
     Nur--zum Verrter werde nicht!  Das Wort
     Ist ausgesprochen.  Zum Verrter nicht!
     Das ist kein berschrittnes Ma, kein Fehler,
     Wohin der Mut verirrt in seiner Kraft.
     Oh!  das ist ganz was anders--das ist schwarz,
     Schwarz, wie die Hlle!

Wallenstein.  (mit finsterm Stirnfalten, doch gemigt)
     Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,
     Das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide;
     Aus ihrem heien Kopfe nimmt sie keck
     Der Dinge Ma, die nur sich selber richten.
     Gleich heit ihr alles schndlich oder wrdig,
     Bs oder gut--und was die Einbildung
     Phantastisch schleppt in diesen dunkeln Namen,
     Das brdet sie den Sachen auf und Wesen.
     Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit.
     Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
     Doch hart im Raume stoen sich die Sachen;
     Wo eines Platz nimmt, mu das andre rcken,
     Wer nicht vertrieben sein will, mu vertreiben;
     Da herrscht der Streit, und nur die Strke siegt.
     --Ja, wer durchs Leben gehet ohne Wunsch,
     Sich jeden Zweck versagen kann, der wohnt
     Im leichten Feuer mit dem Salamander
     Und hlt sich rein im reinen Element.
     Mich schuf aus grberm Stoffe die Natur,
     Und zu der Erde zieht mich die Begierde.
     Dem bsen Geist gehrt die Erde, nicht
     Dem guten.  Was die Gttlichen uns senden
     Von oben, sind nur allgemeine Gter;
     Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich,
     In ihrem Staat erringt sich kein Besitz.
     Den Edelstein, das allgeschtzte Gold
     Mu man den falschen Mchten abgewinnen,
     Die unterm Tage schlimmgeartet hausen.
     Nicht ohne Opfer macht man sie geneigt,
     Und keiner lebet, der aus ihrem Dienst
     Die Seele htte rein zurckgezogen.

Max.  (mit Bedeutung)
     Oh!  frchte, frchte diese falschen Mchte!
     Sie haltennicht Wort!  Es sind Lgengeister,
     Die dich berckend in den Abgrund ziehn.
     Trau ihnen nicht!  Ich warne dich--Oh!  kehre
     Zurck zu deiner Pflicht.  Gewi!  du kannst's!
     Schick mich nach Wien.  Ja, tue das.  La mich,
     Mich deinen Frieden machen mit dem Kaiser.
     Er kennt dich nicht, ich aber kenne dich,
     Er soll dich sehn mit meinem reinen Auge,
     Und sein Vertrauen bring ich dir zurck.

Wallenstein.
     Es ist zu spt.  Du weit nicht, was geschehn.

Max.
     Und wr's zu spt--und wr' es auch soweit,
     Da ein Verbrechen nur vom Fall dich rettet,
     So falle!  Falle wrdig, wie du standst.
     Verliere das Kommando.  Geh vom Schauplatz.
     Du kannst's mit Glanze, tu's mit Unschuld auch.
     --Du hast fr andre viel gelebt, leb endlich
     Einmal dir selber, ich begleite dich,
     Mein Schicksal trenn ich nimmer von dem deinen--

Wallenstein.
     Es ist zu spt.  Indem du deine Worte
     Verlierst, ist schon ein Meilenzeiger nach dem andern
     Zurckgelegt von meinen Eilenden,
     Die mein Gebot nach Prag und Eger tragen.
     --Ergib dich drein.  Wir handeln, wie wir mssen.
     So la uns das Notwendige mit Wrde,
     Mit festem Schritte tun--Was tu ich Schlimmres,
     Als jener Csar tat, des Name noch
     Bis heut das Hchste in der Welt benennet?
     Er fhrte wider Rom die Legionen,
     Die Rom ihm zur Beschtzung anvertraut.
     Warf er das Schwert von sich, er war verloren,
     Wie ich es wr', wenn ich entwaffnete.
     Ich spre was in mir von seinem Geist.
     Gib mir sein Glck, das andre will ich tragen.
(Max, der bisher in einem schmerzvollen Kampfe gestanden, geht
schnell ab.  Wallenstein sieht ihm verwundert und betroffen nach
und steht in tiefe Gedanken verloren.)



Dritter Auftritt

Wallenstein.  Terzky.  Gleich darauf Illo.


Terzky.
     Max Piccolomini verlie dich eben?

Wallenstein.
     Wo ist der Wrangel?

Terzky.
     Fort ist er.

Wallenstein.
     So eilig?

Terzky.
     Es war, als ob die Erd' ihn eingeschluckt.
     Er war kaum von dir weg, als ich ihm nachging,
     Ich hatt' ihn noch zu sprechen, doch--weg war er,
     Und niemand wute mir von ihm zu sagen.
     Ich glaub, es ist der Schwarze selbst gewesen,
     Ein Mensch kann nicht auf einmal so verschwinden.

Illo.  (kommt)
     Ist's wahr, da du den Alten willst verschicken?

Terzky.
     Wie?  Den Octavio!  Wo denkst du hin?

Wallenstein.
     Er geht nach Frauenberg, die spanischen
     Und welschen Regimenter anzufhren.

Terzky.
     Das wolle Gott nicht, da du das vollbringst!

Illo.
     Dem Falschen willst du Kriegsvolk anvertrauen?
     Ihn aus den Augen lassen, grade jetzt,
     In diesem Augenblicke der Entscheidung?

Terzky.
     Das wirst du nicht tun.  Nein, um alles nicht!
     Wallenstein.
     Seltsame Menschen seid ihr.

Illo.
     Oh!  nur diesmal
     Gib unsrer Warnung nach.  La ihn nicht fort.

Wallenstein.
     Und warum soll ich ihm dies eine Mal
     Nicht trauen, da ich's stets getan?  Was ist geschehn,
     Das ihn um meine gute Meinung brchte?
     Aus eurer Grille, nicht der meinen, soll ich
     Mein alt erprobtes Urteil von ihm ndern?
     Denkt nicht, da ich ein Weib sei.  Weil ich ihm
     Getraut bis heut, will ich auch heut ihm trauen.

Terzky.
     Mu es denn der just sein?  Schick einen andern.

Wallenstein.
     Der mu es sein, den hab ich mir erlesen.
     Er taugt zu dem Geschft, drum gab ich's ihm.

Illo.
     Weil er ein Welscher ist, drum taugt er dir.

Wallenstein.
     Wei wohl, ihr wart den beiden nie gewogen,
     Weil ich sie achte, liebe, euch und andern
     Vorziehe, sichtbarlich, wie sie's verdienen,
     Drum sind sie euch ein Dorn im Auge!  Was
     Geht euer Neid mich an und mein Geschft?
     Da ihr sie hat, das macht sie mir nicht schlechter.
     Liebt oder hat einander, wie ihr wollt,
     Ich lasse jedem seinen Sinn und Neigung,
     Wei doch, was mir ein jeder von euch gilt.

Illo.
     Er geht nicht ab--mt' ich die Rder ihm am Wagen
     Zerschmettern lassen.

Wallenstein.
     Mige dich, Illo!

Terzky.
     Der Questenberger, als er hier gewesen,
     Hat stets zusammen auch gesteckt mit ihm.

Wallenstein.
     Geschah mit meinem Wissen und Erlaubnis.

Terzky.
     Und da geheime Boten an ihn kommen
     Vom Gallas, wei ich auch.

Wallenstein.
     Das ist nicht wahr.

Illo.
     Oh!  du bist blind mit deinen sehenden Augen!

Wallenstein.
     Du wirst mir meinen Glauben nicht erschttern,
     Der auf die tiefste Wissenschaft sich baut.
     Lgt er, dann ist die ganze Sternkunst Lge.
     Denn wit, ich hab ein Pfand vom Schicksal selbst,
     Da er der treuste ist von meinen Freunden.

Illo.
     Hast du auch eins, da jenes Pfand nicht lge?

Wallenstein.
     Es gibt im Menschenleben Augenblicke,
     Wo er dem Weltgeist nher ist als sonst
     Und eine Frage frei hat an das Schicksal.
     Solch ein Moment war's, als ich in der Nacht,
     Die vor der Ltzner Aktion vorherging,
     Gedankenvoll an einen Baum gelehnt,
     Hinaussah in die Ebene.  Die Feuer
     Des Lagers brannten dster durch den Nebel,
     Der Waffen dumpfes Rauschen unterbrach,
     Der Runden Ruf einfrmig nur die Stille.
     Mein ganzes Leben ging, vergangenes
     Und knftiges, in diesem Augenblick
     An meinem inneren Gesicht vorber,
     Und an des nchsten Morgens Schicksal knpfte
     Der ahnungsvolle Geist die fernste Zukunft.
     Da sagt' ich also zu mir selbst:" So vielen
     Gebietest du!  Sie folgen deinen Sternen
     Und setzen, wie auf eine groe Nummer,
     Ihr Alles auf dein einzig Haupt und sind
     In deines Glckes Schiff mit dir gestiegen.
     Doch kommen wird der Tag, wo diese alle
     Das Schicksal wieder auseinanderstreut,
     Nur wen'ge werden treu bei dir verharren.
     Den mcht' ich wissen, der der Treuste mir
     Von allen ist, die dieses Lager einschliet.
     Gib mir ein Zeichen, Schicksal!  Der soll's sein,
     Der an dem nchsten Morgen mir zuerst
     Entgegenkommt mit einem Liebeszeichen".
     Und dieses bei mir denkend, schlief ich ein.
     Und mitten in die Schlacht ward ich gefhrt
     Im Geist.  Gro war der Drang.  Mir ttete
     Ein Schu das Pferd, ich sank, und ber mir
     Hinweg, gleichgltig, setzten Ro und Reiter,
     Und keuchend lag ich, wie ein Sterbender,
     Zertreten unter ihrer Hufe Schlag.
     Da fate pltzlich hilfreich mich ein Arm,
     Es war Octavio--und schnell erwach ich,
     Tag war es, und--Octavio stand vor mir.
     "Mein Bruder", sprach er, "reite heute nicht
     Den Schecken, wie du pflegst.  Besteige lieber
     Das sichre Tier, das ich dir ausgesucht.
     Tu's mir zu Lieb'.  Es warnte mich ein Traum."
     Und dieses Tieres Schnelligkeit entri
     Mich Banniers verfolgenden Dragonern.
     Mein Vetter ritt den Schecken an dem Tag,
     Und Ro und Reiter sah ich niemals wieder.

Illo.
     Das war ein Zufall.

Wallenstein.  (bedeutend)
     Es gibt keinen Zufall;
     Und was uns blindes Ohngefhr nur dnkt,
     Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.
     Versiegelt hab ich's und verbrieft, da er
     Mein guter Engel ist, und nun kein Wort mehr!
(Er geht.)

Terzky.
     Das ist mein Trost, der Max bleibt uns als Geisel.

Illo.
     Und der soll mir nicht lebend hier vom Platze.

Wallenstein.  (bleibt stehen und kehrt sich um)
     Seid ihr nicht wie die Weiber, die bestndig
     Zurck nur kommen auf ihr erstes Wort,
     Wenn man Vernunft gesprochen stundenlang!
     --Des Menschen Taten und Gedanken, wit!
     Sind nicht wie Meeres blind bewegte Wellen.
     Die innre Welt, sein Mikrokosmus, ist
     Der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen.
     Sie sind notwendig, wie des Baumes Frucht,
     Sie kann der Zufall gaukelnd nicht verwandeln.
     Hab ich des Menschen Kern erst untersucht,
     So wei ich auch sein Wollen und sein Handeln.
(Gehen ab.)



Vierter Auftritt

Zimmer in Piccolominis Wohnung.

Octavio Piccolomini reisefertig.  Ein Adjutant.


Octavio.
     Ist das Kommando da?

Adjutant.
     Es wartet unten.

Octavio.
     Es sind doch sichre Leute, Adjutant?
     Aus welchem Regimente nahmt Ihr sie?

Adjutant.
     Von Tiefenbach.

Octavio.
     Dies Regiment ist treu.
     Lat sie im Hinterhof sich ruhighalten,
     Sich niemand zeigen, bis Ihr klingeln hrt;
     Dann wird das Haus geschlossen, scharf bewacht,
     Und jeder, den Ihr antrefft, bleibt verhaftet.
(Adjutant ab.)
     Zwar hoff ich, es bedarf nicht ihres Dienstes,
     Denn meines Kalkuls halt ich mich gewi.
     Doch es gilt Kaisers Dienst, das Spiel ist gro,
     Und besser zu viel Vorsicht als zu wenig.



Fnfter Auftritt

Octavio Piccolomini.  Isolani tritt herein.


Isolani.
     Hier bin ich--Nun!  wer kommt noch von den andern?

Octavio.  (geheimnisvoll)
     Vorerst ein Wort mit Euch, Graf Isolani.

Isolani.  (geheimnisvoll)
     Soll's losgehn?  Will der Frst was unternehmen?
     Mir drft Ihr trauen.  Setzt mich auf die Probe.

Octavio.
     Das kann geschehn.

Isolani.
     Herr Bruder, ich bin nicht
     Von denen, die mit Worten tapfer sind
     Und, kommt's zur Tat, das Weite schimpflich suchen.
     Der Herzog hat als Freund an mir getan,
     Wei Gott, so ist's!  Ich bin ihm alles schuldig.
     Auf meine Treue kann er baun.

Octavio.
     Es wird sich zeigen.

Isolani.
     Nehmt Euch in acht.  Nicht alle denken so.
     Es halten's hier noch viele mit dem Hof
     Und meinen, da die Unterschrift von neulich,
     Die abgestohlne, sie zu nichts verbinde.

Octavio.
     So?  Nennt mir doch die Herren, die das meinen.

Isolani.
     Zum Henker!  Alle Deutschen sprechen so.
     Auch Esterhazy, Kaunitz, Deodat
     Erklren jetzt, man mss' dem Hof gehorchen.

Octavio.
     Das freut micht.

Isolani.
     Freut Euch?

Octavio.
     Da der Kaiser noch
     So gute Freunde hat und wackre Diener.

Isolani.
     Spat nicht.  Es sind nicht eben schlechte Mnner.

Octavio.
     Gewi nicht.  Gott verhte, da ich spae!
     Sehr ernstlich freut es mich, die gute Sache
     So stark zu sehn.

Isolani.
     Was Teufel!  Wie ist das?
     Seid Ihr denn nicht?--Warum bin ich denn hier?

Octavio.  (mit Ansehen)
     Euch zu erklren, rund und nett, ob Ihr
     Ein Freund wollt heien oder Feind des Kaisers.

Isolani.  (trotzig)
     Darber werd ich dem Erklrung geben,
     Dem's zukommt, diese Frag' an mich zu tun.

Octavio.
     Ob mir das zukommt, mag dies Blatt Euch lehren.
     Isolani.
     Wa--was?  Das ist des Kaisers Hand und Siegel.
(Liest.)
     "Als werden smtliche Hauptleute unsrer
     Armee der Ordre unsers lieben, treuen,
     Des Generalleutnant Piccolomini,
     Wie unsrer eignen"--Hum--Ja--So--Ja, ja!
     Ich--mach Euch meinen Glckwunsch, Generalleutnant.

Octavio.
     Ihr unterwerft Euch dem Befehl?

Isolani.
     Ich--aber
     Ihr berrascht mich auch so schnell--Man wird
     Mir doch Bedenkzeit, hoff ich--

Octavio.
     Zwei Minuten.

Isolani.
     Mein Gott, der Fall ist aber--

Octavio.
     Klar und einfach.
     Ihr sollt erklren, ob Ihr Euren Herrn
     Verraten wollet oder treu ihm dienen.

Isolani.
     Verrat--Mein Gott--Wer spricht denn von Verrat?

Octavio.
     Das ist der Fall.  Der Frst ist ein Verrter,
     Will die Armee zum Feind hinberfhren.
     Erklrt Euch kurz und gut.  Wollt Ihr dem Kaiser
     Abschwren?  Euch dem Feind verkaufen?  Wollt Ihr?

Isolani.
     Was denkt Ihr?  Ich des Kaisers Majestt
     Abschwren?  Sagt' ich so?  Wann htt' ich das
     Gesagt?

Octavio.
     Noch habt Ihr's nicht gesagt.  Noch nicht.
     Ich warte drauf, ob Ihr es werdet sagen.

Isolani.
     Nun seht, das ist mir lieb, da Ihr mir selbst
     Bezeugt, ich habe so was nicht gesagt.

Octavio.
     Ihr sagt Euch also von dem Frsten los?

Isolani.
     Spinnt er Verrat--Verrat trennt alle Bande.

Octavio.
     Und seid entschlossen, gegen ihn zu fechten?

Isolani.
     Er tat mir Gutes--doch wenn er ein Schelm ist,
     Verdamm' ihn Gott!  die Rechnung ist zerrissen.

Octavio.
     Mich freut's, da Ihr in gutem Euch gefgt.
     Heut nacht in aller Stille brecht Ihr auf
     Mit allen leichten Truppen; es mu scheinen,
     Als km' die Ordre von dem Herzog selbst.
     Zu Frauenberg ist der Versammlungsplatz,
     Dort gibt Euch Gallas weitere Befehle.

Isolani.
     Es soll geschehn.  Gedenkt mir's aber auch
     Beim Kaiser, wie bereit Ihr mich gefunden.

Octavio.
     Ich werd es rhmen.
(Isolani geht.  Es kommt ein Bedienter.)
     Oberst Buttler?  Gut.

Isolani.  (zurckkommend)
     Vergebt mir auch mein barsches Wesen, Alter.
     Herr Gott!  Wie konnt' ich wissen, welch groe
     Person ich vor mir hatte!

Octavio.
     Lat das gut sein.

Isolani.
     Ich bin ein lust'ger alter Knab', und wr'
     Mir auch ein rasches Wrtlein bern Hof
     Entschlpft zuweilen, in der Lust des Weins,
     Ihr wit ja, bs war's nicht gemeint.
(Geht ab.)

Octavio.
     Macht Euch
     Darber keine Sorge!--Das gelang!
     Glck, sei uns auch so gnstig bei den andern!



Sechster Auftritt

Octavio Piccolomini.  Buttler.


Buttler.
     Ich bin zu Eurer Ordre, Generalleutnant.

Octavio.
     Seid mir als werter Gast und Freund willkommen.

Buttler.
     Zu groe Ehr' fr mich.

Octavio.  (nachdem beide Platz genommen)
     Ihr habt die Neigung nicht erwidert,
     Womit ich gestern Euch entgegenkam.
     Wohl gar als leere Formel sie verkannt.
     Von Herzen ging mir jener Wunsch, es war
     Mir Ernst um Euch, denn eine Zeit ist jetzt,
     Wo sich die Guten eng verbinden sollten.

Buttler.
     Die Gleichgesinnten knnen es allein.

Octavio.
     Und alle Guten nenn ich gleichgesinnt.
     Dem Menschen bring ich nur die Tat in Rechnung,
     Wozu ihn ruhig der Charakter treibt;
     Denn blinder Miverstndnisse Gewalt
     Drngt oft den Besten aus dem rechten Gleise.
     Ihr kamt durch Frauenberg.  Hat Euch Graf Gallas
     Nichts anvertraut?  Sagt mir's.  Er ist mein Freund.

Buttler.
     Er hat verlorne Worte nur gesprochen.

Octavio.
     Das hr ich ungern, denn sein Rat war gut.
     Und einen gleichen htt' ich Euch zu geben.

Buttler.
     Spart Euch die Mh--mir die Verlegenheit,
     So schlecht die gute Meinung zu verdienen.

Octavio.
     Die Zeit ist teuer, lat uns offen reden.
     Ihr wit, wie hier die Sachen stehn.  Der Herzog
     Sinnt auf Verrat, ich kann Euch mehr noch sagen,
     Er hat ihn schon vollfhrt; geschlossen ist
     Das Bndnis mit dem Feind vor wen'gen Stunden.
     Nach Prag und Eger reiten schon die Boten,
     Und morgen will er zu dem Feind uns fhren.
     Doch er betrgt sich, denn die Klugheit wacht,
     Noch treue Freunde leben hier dem Kaiser,
     Und mchtig steht ihr unsichtbarer Bund.
     Dies Manifest erklrt ihn in die Acht,
     Spricht los das Heer von des Gehorsams Pflichten,
     Und alle Gutgesinnten ruft es auf,
     Sich unter meiner Fhrung zu versammeln.
     Nun whlt, ob Ihr mit uns die gute Sache,
     Mit ihm der Bsen bses Los wollt teilen?

Buttler.  (steht auf)
     Sein Los ist meines.

Octavio.
     Ist das Euer letzter
     Entschlu?

Buttler.
     Er ist's.

Octavio.
     Bedenkt Euch, Oberst Buttler.
     Noch habt Ihr Zeit.  In meiner treuen Brust
     Begraben bleibt das raschgesprochne Wort.
     Nehmt es zurck.  Whlt eine bessere
     Partei.  Ihr habt die gute nicht ergriffen.

Buttler.
     Befehlt Ihr sonst nocht etwas, Generalleutnant?

Octavio.
     Seht Eure weien Haare!  Nehmt's zurck.

Buttler.
     Lebt wohl!

Octavio.
     Was?  Diesen guten, tapfern Degen
     Wollt Ihr in solchem Streite ziehen?  Wollt
     In Fluch den Dank verwandeln, den Ihr Euch
     Durch vierzigjhr'ge Treu verdient um streich?

Buttler.  (bitter lachend)
     Dank vom Haus streich!
(Er will gehen.)

Octavio.  (lt ihn bis an die Tre gehen, dann ruft er)
     Buttler!

Buttler.
     Was beliebt?

Octavio.
     Wie war es mit dem Grafen?

Buttler.
     Grafen!  Was?

Octavio.
     Dem Grafentitel, mein ich.

Buttler.  (heftig auffahrend)
     Tod und Teufel!

Octavio.  (kalt)
     Ihr suchtet darum nach.  Man wies Euch ab.

Buttler.
     Nicht ungestraft sollt Ihr mich hhnen.  Zieht!

Octavio.
     Steckt ein.  Sagt ruhig, wie es damit ging.  Ich will
     Genugtuung nachher Euch nicht verweigern.

Buttler.
     Mag alle Welt doch um die Schwachheit wissen,
     Die ich mir selbst nie verzeihen kann!
     --Ja!  Generalleutnant, ich besitze Ehrgeiz,
     Verachtung hab ich nie ertragen knnen.
     Es tat mir wehe, da Geburt und Titel
     Bei der Armee mehr galten als Verdienst.
     Nicht schlechter wollt' ich sein als meinesgleichen,
     So lie ich mich in unglcksel'ger Stunde
     Zu jenem Schritt verleiten--Es war Torheit!
     Doch nicht verdient' ich, sie so hart zu ben!
     --Versagen konnte man's--Warum die Weigerung
     Mit dieser krnkenden Verachtung schrfen,
     Den alten Mann, den treu bewhrten Diener
     Mit schwerem Hohn zermalmend niederschlagen,
     An seiner Herkunft Schmach so rauh ihn mahnen,
     Weil er in schwacher Stunde sich verga!
     Doch einen Stachel gab Natur dem Wurm,
     Den Willkr bermtig spielend tritt--

Octavio.
     Ihr mt verleumdet sein.  Vermutet Ihr
     Den Feind, der Euch den schlimmen Dienst geleistet?

Buttler.
     Sei's, wer es will!  Ein niedertrcht'ger Bube,
     Ein Hfling mu es sein, ein Spanier,
     Der Junker irgend eines alten Hauses,
     Dem ich im Licht mag stehn, ein neid'scher Schurke,
     Den meine selbstverdiente Wrde krnkt.

Octavio.
     Sagt.  Billigte der Herzog jenen Schritt?

Buttler.
     Er trieb mich dazu an, verwendete
     Sich selbst fr micht, mit edler Freundeswrme.

Octavio.
     So?  Wit ihr das gewi?

Buttler.
     Ich las den Brief.

Octavio.  (bedeutend)
     Ich auch--doch anders lautete sein Inhalt.
(Buttler wird betroffen.)
     Durch Zufall bin ich im Besitz des Briefs,
     Kann Euch durch eignen Anblick berfhren.
(Er gibt ihm den Brief.)

Buttler.
     Ha!  was ist das?

Octavio.
     Ich frchte, Oberst Buttler,
     Man hat mit Euch ein schndlich Spiel getrieben.
     Der Herzog, sagt Ihr, trieb Euch zu dem Schritt?--
     In diesem Briefe spricht er mit Verachtung
     Von Euch, rt dem Minister, Euren Dnkel,
     Wie er ihn nennt, zu zchtigen.
(Buttler hat den Brief gelesen, seine Knie zittern, er greift nach
einem Stuhl, setzt sich nieder.)
     Kein Feind verfolgt Euch.  Niemand will Euch bel.
     Dem Herzog schreibt allein die Krnkung zu,
     Die ihr empfangen; deutlich ist die Absicht.
     Losreien wollt' er Euch von Eurem Kaiser--
     Von Eurer Rache hofft' er zu erlangen,
     Was Eure wohlbewhrte Treu ihn nimmer
     Erwarten lie bei ruhiger Besinnung.
     Zum blinden Werkzeug wollt' er Euch, zum Mittel,
     Verworfner Zwecke Euch verchtlich brauchen.
     Er hat's erreicht.  Zu gut nur glckt' es ihm,
     Euch wegzulocken von dem guten Pfade,
     Auf dem Ihr vierzig Jahre seid gewandelt.

Buttler.  (mit der Stimme bebend)
     Kann mir des Kaisers Majestt vergeben?

Octavio.
     Sie tut noch mehr.  Sie macht die Krnkung gut,
     Die unverdient dem Wrdigen geschehn.
     Aus freiem Trieb besttigt sie die Schenkung,
     Die Euch der Frst zu bsem Zweck gemacht.
     Das Regiment ist Euer, das Ihr fhrt.

Buttler.  (will aufstehen, sinkt zurck.  Sein Gemt arbeitet
heftig, er versucht zu reden und vermag es nicht.  Endlich
nimmt er den Degen vom Gehnge und reicht ihn dem Piccolomini)

Octavio.
     Was wollt Ihr?  Fat Euch.

Buttler.
     Nehmt!

Octavio.
     Wozu?  Besinnt Euch.

Buttler.
     Nehmt hin!  Nicht wert mehr bin ich dieses Degens.

Octavio.
     Empfangt ihn neu zurck aus meiner Hand
     Und fhrt ihn stets mit Ehre fr das Recht.

Buttler.
     Die Treue brach ich solchem gnd'gen Kaiser!

Octavio.
     Macht's wieder gut.  Schnell trennt Euch von dem Herzog.

Buttler.
     Mich von ihm trennen!

Octavio.
     Wie?  Bedenkt Ihr Euch?

Buttler.  (furchtbar ausbrechend)
     Nur von ihm trennen?  Oh!  er soll nicht leben!

Octavio.
     Folgt mir nach Frauenberg, wo alle Treuen
     Bei Gallas sich und Altringer versammeln.
     Viel andre bracht' ich noch zu ihrer Pflicht
     Zurck, heut nacht entfliehen sie aus Pilsen.

Buttler.  (ist heftig bewegt auf und ab gegangen und tritt zu
Octavio mit entschlossenem Blick)
     Graf Piccolomini!  Darf Euch der Mann
     Von Ehre sprechen, der die Treue brach?

Octavio.
     Der darf es, der so ernstlich es bereut.

Buttler.
     So lat mich hier, auf Ehrenwort.

Octavio.
     Was sinnt Ihr?

Buttler.
     Mit meinem Regimente lat mich bleiben.

Octavio.
     Ich darf Euch trauen.  Doch sagt mir, was Ihr brtet?

Buttler.
     Die Tat wird's lehren.  Fragt mich jetzt nicht weiter.
     Traut mir!  Ihr knnt's!  Bei Gott!  Ihr berlasset
     Ihn seinem guten Engel nicht!--Lebt wohl!
(Geht ab.)

Bedienter.  (bringt ein Billet)
     Ein Unbekannter bracht's und ging gleich wieder.
     Des Frsten Pferde stehen auch schon unten.
(Ab.)

Octavio.  (liest)
     "Macht, da Ihr fortkommt.  Euer treuer Isolan."
     --Oh!  lge diese Stadt erst hinter mir!
     So nah dem Hafen sollten wir noch scheitern?
     Fort!  Fort!  Hier ist nicht lnger Sicherheit
     Fr mich.  Wo aber bleibt mein Sohn?



Siebenter Auftritt

Beide Piccolomini.


Max.  (kmmt in der heftigsten Gemtsbewegung, seine Blicke
rollen wild, sein Gang ist unstet; er scheint den Vater nicht
zu bemerken, der von ferne steht und ihn mitleidig ansieht.
Mit groen Schritten geht er durch das Zimmer, bleibt wieder
stehen und wirft sich zuletzt in einen Stuhl, gerad vor sich
hin starrend)

Octavio.  (nhert sich ihm).
     Ich reise ab, mein Sohn.
(Da er keine Antwort erhlt, fat er ihn bei der Hand.)
     Mein Sohn, leb wohl!

Max.
     Leb wohl!

Octavio.
     Du folgst mir doch bald nach?

Max.  (ohne ihn anzusehen).
     Ich dir?
     Dein Weg ist krumm, er ist der meine nicht.
(Octavio lt seine Hand los, fhrt zurck.)
     Oh!  wrst du wahr gewesen und gerade,
     Nie kam es dahin, alles stnde anders!
     Er htte nicht das Schreckliche getan,
     Die Guten htten Kraft bei ihm behalten,
     Nicht in der Schlechten Garn wr' er gefallen.
     Warum so heimlich, hinterlistig lauernd
     Gleich einem Dieb und Diebeshelfer schleichen?
     Unsel'ge Falschheit!  Mutter alles Bsen!
     Du jammerbringende, verderbest uns!
     Wahrhaftigkeit, die reine, htt' uns alle,
     Die welterhaltende, gerettet.  Vater!
     Ich kann dich nicht entschuldigen, ich kann's nicht.
     Der Herzog hat mich hintergangen, schrecklich,
     Du aber hast viel besser nicht gehandelt.

Octavio.
     Mein Sohn, ach!  ich verzeihe deinem Schmerz.

Max.  (steht auf, betrachtet ihn mit zweifelhaften Blicken)
     Wr's mglich, Vater?  Vater?  Httest du's
     Mit Vorbedacht bis dahin treiben wollen?
     Du steigst durch seinen Fall.  Octavio,
     Das will mir nicht gefallen.

Octavio.
     Gott im Himmel!

Max.
     Weh mir!  Ich habe die Natur verndert,
     Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?
     Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin,
     Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.
     Nein!  Nein!  Nicht alles!  Sie ja lebt mir noch,
     Und sie ist wahr und lauter wie der Himmel.
     Betrug ist berall und Heuchelschein
     Und Mord und Gift und Meineid und Verrat,
     Der einzig reine Ort ist unsre Liebe,
     Der unentweihte in der Menschlichkeit.

Octavio.
     Max!  Folg mir lieber gleich, das ist doch besser.

Max.
     Was?  Eh' ich Abschied noch von ihr genommen?
     Den letzten--Nimmermehr!

Octavio.
     Erspare dir
     Die Qual der Trennung, der notwendigen.
     Komm mit mir!  Komm, mein Sohn!
(Will ihn fortziehn.)

Max.
     Nein!  So wahr Gott lebt!

Octavio.  (dringender)
     Komm mit mir, ich gebiete dir's, dein Vater.

Max.
     Gebiete mir, was menschlich ist.  Ich bleibe.

Octavio.
     Max!  In des Kaisers Namen, folge mir!

Max.
     Kein Kaiser hat dem Herzen vorzuschreiben.
     Und willst du mir das einzige noch rauben,
     Was mir mein Unglck briglie, ihr Mitleid?
     Mu grausam auch das Grausame geschehn?
     Das Unabnderliche soll ich noch
     Unedel tun, mit heimlich feiger Flucht,
     Wie ein Unwrdiger mich von ihr stehlen?
     Sie soll mein Leiden sehen, meinen Schmerz,
     Die Klagen hren der zerrinen Seele
     Und Trnen um mich weinen--Oh!  die Menschen
     Sind grausam, aber sie ist wie ein Engel.
     Sie wird von grlich wtender Verzweiflung
     Die Seele retten, diesen Schmerz des Todes
     Mit sanften Trostesworten klagend lsen.

Octavio.
     Du reiest dich nicht los, vermagst es nicht.
     Oh!  komm, mein Sohn, und rette deine Tugend!

Max.
     Verschwende deine Worte nicht vergebens,
     Dem Herzen folg ich, denn ich darf ihm trauen.

Octavio.  (auer Fassung, zitternd)
     Max!  Max!  Wenn das Entsetzliche mich trifft,
     Wenn du--mein Sohn--mein eignes Blut--ich darf's
     Nicht denken!  dich dem Schndlichen verkaufst,
     Dies Brandmal aufdrckst unsers Hauses Adel,
     Dann soll die Welt das Schauderhafte sehn,
     Und von des Vaters Blute triefen soll
     Des Sohnes Stahl im grlichen Gefechte.

Max.
     Oh!  httest du vom Menschen besser stets
     Gedacht, du httest besser auch gehandelt.
     Fluchwrd'ger Argwohn!  Unglcksel'ger Zweife!
     Es ist ihm Festes nichts und Unverrcktes,
     Und alles wanket, wo der Glaube fehlt.
     Octavio.
     Und trau ich deinem Herzen auch, wird's immer
     In deiner Macht auch stehen, ihm zu folgen?

Max.
     Du hast des Herzens Stimme nicht bezwungen,
     So wenig wird der Herzog es vermgen.

Octavio.
     Oh!  Max, ich seh dich niemals wiederkehren!

Max.
     Unwrdig deiner wirst du nie mich sehn.

Octavio.
     Ich geh nach Frauenberg, die Pappenheimer
     La ich dir hier, auch Lothringen, Toscana
     Und Tiefenbach bleibt da, dich zu bedecken.
     Sie lieben dich und sind dem Eide treu
     Und werden lieber tapfer streitend fallen,
     Als von dem Fhrer weichen und der Ehre.

Max.
     Verla dich drauf, ich lasse fechtend hier
     Das Leben oder fhre sie aus Pilsen.

Octavio. (aufbrechend)
     Mein Sohn, leb wohl!

Max.
     Leb wohl!

Octavio.
     Wie?  Keinen Blick
     Der Liebe?  Keinen Hndedruck zum Abschied?
     Es ist ein blut'ger Krieg, in den wir gehn,
     Und ungewi, verhllt ist der Erfolg.
     So pflegten wir uns vormals nicht zu trennen.
     Ist es denn wahr?  Ich habe keinen Sohn mehr?
(Max fllt in seine Arme, sie halten einander lange schweigend
umfat, dann entfernen sie sich nach verschiedenen Seiten.)




Dritter Aufzug

Saal bei der Herzogin von Friedland.



Erster Auftritt

Grfin Terzky.  Thekla.  Frulein von Neubrunn.  Beide letztern mit
weiblichen Arbeiten beschftigt.



Grfin.
     Ihr habt mich nichts zu fragen, Thekla?  Gar nichts?
     Schon lange wart ich auf ein Wort von Euch.
     Knnt Ihr's ertragen, in so langer Zeit
     Nicht einmal seinen Namen auszusprechen?
     Wie?  Oder wr' ich jetzt schon berflssig,
     Und gb' es andre Wege als durch mich?
     Gesteht mir, Nichte.  Habt Ihr ihn gesehn?

Thekla.
     Ich hab ihn heut und gestern nicht gesehn.

Grfin.
     Auch nicht von ihm gehrt?  Verbergt mir nichts.

Thekla.
     Kein Wort.

Grfin.
     Und knnt so ruhig sein!

Thekla.
     Ich bin's.

Grfin.
     Verlat uns, Neubrunn.
(Frulein von Neubrunn entfernt sich.)



Zweiter Auftritt

Grfin Thekla.


Grfin.
     Es gefllt mir nicht,
     Da er sich grade jetzt so still verhlt.

Thekla.
     Gerade jetzt!

Grfin.
     Nachdem er alles wei!
     Denn jetzo war's die Zeit, sich zu erklren.

Thekla.
     Sprecht deutlicher, wenn ich's verstehen soll.

Grfin.
     In dieser Absicht schickt' ich sie hinweg.
     Ihr seid kein Kind mehr, Thekla.  Euer Herz
     Ist mndig, denn Ihr liebt, und khner Mut
     Ist bei der Liebe.  Den habt Ihr bewiesen.
     Ihr artet mehr nach Eures Vaters Geist
     Als nach der Mutter ihrem.  Darum knnt Ihr hren,
     Was sie nicht fhig ist zu tragen.

Thekla.
     Ich bitt Euch, endet diese Vorbereitung.
     Sei's was es sei.  Heraus damit!  Es kann
     Mich mehr nicht ngstigen als dieser Eingang.
     Was habt Ihr mir zu sagen?  Fat es kurz.

Grfin.
     Ihr mt nur nicht erschrecken--

Thekla.
     Nennt's!  Ich bitt Euch.

Grfin.
     Es steht bei Euch, dem Vater einen groen Dienst
     Zu leisten--

Thekla.
     Bei mir stnde das!  Was kann--

Grfin.
     Max Piccolomini liebt Euch.  Ihr knnt
     Ihn unauflslich an den Vater binden.

Thekla.
     Braucht's dazu meiner?  Ist er es nicht schon?

Grfin.
     Er war's.

Thekla.
     Und warum sollt' er's nicht mehr sein,
     Nicht immer bleiben?

Grfin.
     Auch am Kaiser hngt er.

Thekla.
     Nicht mehr, als Pflicht und Ehre von ihm fordern.

Grfin.
     Von seiner Liebe fordert man Beweise,
     Und nicht von seiner Ehre--Pflicht und Ehre!
     Das sind vieldeutig doppelsinn'ge Namen,
     Ihr sollt sie ihm auslegen, seine Liebe
     Soll seine Ehre ihm erklren.

Thekla.
     Wie?

Grfin.
     Er soll dem Kaiser oder Euch entsagen.

Thekla.
     Er wird den Vater gern in den Privatstand
     Begleiten.  Ihr vernahmt es von ihm selbst,
     Wie sehr er wnscht, die Waffen wegzulegen.

Grfin.
     Er soll sie nicht weglegen, ist die Meinung,
     Er soll sie fr den Vater ziehn.

Thekla.
     Sein Blut,
     Sein Leben wird er fr den Vater freudig
     Verwenden, wenn ihm Unglimpf widerfhre.

Grfin.
     Ihr wollt mich nicht erraten--Nun so hrt.
     Der Vater ist vom Kaiser abgefallen,
     Steht im Begriff, sich zu dem Feind zu schlagen
     Mitsamt dem ganzen Heer--

Thekla.
     O meine Mutter!

Grfin.
     Es braucht ein groes Beispiel, die Armee
     Ihm nachzuziehn.  Die Piccolomini
     Stehn bei dem Heer in Ansehn, sie beherrschen
     Die Meinung, und entscheidend ist ihr Vorgang.
     Des Vaters sind wir sicher durch den Sohn--
     --Ihr habt jetzt viel in Eurer Hand.

Thekla.
     O jammervolle Mutter!  Welcher Streich des Todes
     Erwartet dich!--Sie wird's nicht berleben.

Grfin.
     Sie wird in das Notwendige sich fgen.
     Ich kenne sie--Das Ferne, Knftige bengstigt
     Ihr frchtend Herz; was unabnderlich
     Und wirklich da ist, trgt sie mit Ergebung.

Thekla.
     O meine ahnungsvolle Seele--Jetzt--
     Jetzt ist sie da, die kalte Schreckenshand,
     Die in mein frhlich Hoffen schaudernd greift.
     Ich wut' es wohl--O gleich, als ich hier eintrat,
     Weissagte mir's das bange Vorgefhl,
     Da ber mir die Unglckssterne stnden--
     Doch warum denk ich jetzt zuerst an mich--
     O meine Mutter!  meinen Mutter!

Grfin.
     Fat Euch.
     Brecht nicht in eitle Klagen aus.  Erhaltet
     Dem Vater einen Freund, Euch den Geliebten,
     So kann noch alles gut und glcklich werden.

Thekla.
     Gut werden!  Was?  Wir sind getrennt auf immer!--
     Ach, davon ist nun gar nicht mehr die Rede.

Grfin.
     Er lt Euch nicht!  Er kann nicht von Euch lassen.

Thekla.
     O der Unglckliche!

Grfin.
     Wenn er Euch wirklich liebt, wird sein Entschlu
     Geschwind gefat sein.

Thekla.
     Sein Entschlu wird bald
     Gefat sein, daran zweifelt nicht.  Entschlu!
     Ist hier noch ein Entschlu?

Grfin.
     Fat euch.  Ich hre
     Die Mutter nahn.

Thekla.
     Wie werd ich ihren Anblick
     Ertragen!

Grfin.
     Fat Euch.



Dritter Auftritt

Die Herzogin.  Vorige.


Herzogin.  (zur Grfin)
     Schwester!  Wer war hier?
     Ich hrte lebhaft reden.

Grfin.
     Es war niemand.
     Herzogin.
     Ich bin so schreckhaft.  Jedes Rauschen kndigt mir
     Den Futritt eines Unglcksboten an.
     Knnt Ihr mir sagen, Schwester, wie es steht?
     Wird er dem Kaiser seinen Willen tun,
     Dem Kardinal die Reiter senden?  Sprecht,
     Hat er den Questenberg mit einer guten
     Antwort entlassen?

Grfin.
     --Nein, das hat er nicht.

Herzogin.
     O dann ist's aus!  Ich seh das rgste kommen.
     Sie werden ihn absetzen, es wird alles wieder
     So werden wie zu Regenspurg.

Grfin.
     So wird's
     Nicht werden.  Diesmal nicht.  Dafr seid ruhig.
(Thekla, heftig bewegt, strzt auf die Mutter zu und schliet sie
weinend in die Arme.)

Herzogin.
     O der unbeugsam unbezhmte Mann!
     Was hab ich nicht getragen und gelitten
     In dieser Ehe unglcksvollem Bund!
     Denn gleich wie an ein feurig Rad gefesselt,
     Das rastlos eilend, ewig, heftig treibt,
     Bracht' ich ein angstvoll Leben mit ihm zu,
     Und stets an eines Abgrunds jhem Rande
     Sturzdrohend, schwindelnd ri er mich dahin.
     --Nein, weine nicht, mein Kind.  La dir mein Leiden
     Zu keiner bsen Vorbedeutung werden,
     Den Stand, der dich erwartet, nicht verleiden.
     Es lebt kein zweiter Friedland; du, mein Kind,
     Hast deiner Mutter Schicksal nicht zu frchten.

Thekla.
     O lassen Sie uns fliehen, liebe Mutter!
     Schnell!  Schnell!  Hier ist kein Aufenthalt fr uns.
     Jedwede nchste Stunde brtet irgend
     Ein neues, ungeheures Schreckbild aus!

Herzogin.
     Dir wird ein ruhigeres Los!--Auch wir,
     Ich und dein Vater, sahen schne Tage;
     Der ersten Jahre denk ich noch mit Lust.
     Da war er noch der frhlich Strebende,
     Sein Ehrgeiz war ein mild erwrmend Feuer,
     Noch nicht die Flamme, die verzehrend rast.
     Der Kaiser liebte ihn, vertraute ihm,
     Und was er anfing, das mut' ihm geraten.
     Doch seit dem Unglckstag zu Regenspurg,
     Der ihn von seiner Hh' herunterstrzte,
     Ist ein unsteter, ungesell'ger Geist
     Argwhnisch, finster ber ihn gekommen.
     Ihn floh die Ruhe, und dem alten Glck,
     Der eignen Kraft nicht frhlich mehr vertrauend,
     Wandt' er sein Herz den dunkeln Knsten zu,
     Die keinen, der sie pflegte, noch beglckt.

Grfin.
     Ihr seht's mit Euren Augen--Aber ist
     Das ein Gesprch, womit wir ihn erwarten?
     Er wird bald hier sein, wit Ihr.  Soll er sie
     In diesem Zustand finden?

Herzogin.
     Komm, mein Kind.
     Wisch deine Trnen ab.  Zeig deinem Vater
     Ein heitres Antlitz--Sieh, die Schleife hier
     Ist los--Dies Haar mu aufgebunden werden.
     Komm, trockne deine Trnen.  Sie entstellen
     Dein holdes Auge--Was ich sagen wollte?
     Ja, dieser Piccolomini ist doch
     Ein wrd'ger Edelmann und voll Verdienst.

Grfin.
     Das ist er, Schwester.

Thekla.  (zur Grfin, bengstigt.)
     Tante, wollt Ihr mich
     Entschuldigen?
(Will gehen.)

Grfin.
     Wohin?  Der Vater kommt.

Thekla.
     Ich kann ihn jetzt nicht sehn.

Grfin.
     Er wird Euch aber
     Vermissen, nach Euch fragen.

Herzogin.
     Warum geht sie?

Thekla.
     Es ist mir unertrglich, ihn zu sehn.

Grfin.  (zur Herzogin).
     Ihr ist nicht wohl.

Herzogin.  (besorgt)
     Was fehlt dem lieben Kinde?
(Beide folgen dem Frulein und sind beschftigt, sie zurckzuhalten.
Wallenstein erscheint, im Gesprch mit Illo.)



Vierter Auftritt

Wallenstein.  Illo.  Vorige.


Wallenstein.
     Es ist noch still im Lager?

Illo.
     Alles still.

Wallenstein.
     In wenig Stunden kann die Nachricht da sein
     Aus Prag, da diese Hauptstadt unser ist.
     Dann knnen wir die Maske von uns werfen,
     Den hiesigen Truppen den getanen Schritt
     Zugleich mit dem Erfolg zu wissen tun.
     In solchen Fllen tut das Beispiel alles.
     Der Mensch ist ein nachahmendes Geschpf,
     Und wer der Vorderste ist, fhrt die Herde.
     Die Prager Truppen wissen es nicht anders,
     Als da die Pilsner Vlker uns gehuldigt,
     Und hier in Pilsen sollen sie uns schwren,
     Weil man zu Prag das Beispiel hat gegeben.
     --Der Butler, sagst du, hat sich nun erklrt?

Illo.
     Aus freiem Trieb, unaufgefordert kam er,
     Sich selbst, sein Regiment dir anzubieten.

Wallenstein.
     Nicht jeder Stimme, find ich, ist zu glauben,
     Die warnend sich im Herzen lt vernehmen.
     Uns zu bercken, borgt der Lgengeist
     Nachahmend oft die Stimme von der Wahrheit
     Und streut betrgliche Orakel aus.
     So hab ich diesem wrdig braven Mann,
     Dem Butler, stilles Unrecht abzubitten;
     Denn ein Gefhl, des ich nicht Meister bin,
     Furcht mcht' ich's nicht gern nennen, berschleicht
     In seiner Nhe schaudernd mir die Sinne
     Und hemmt der Liebe freudige Bewegung.
     Und dieser Redliche, vor dem der Geist
     Mich warnt, reicht mir das erste Pfand des Glcks.

Illo.
     Und sein geachtet Beispiel, zweifle nicht,
     Wird dir die Besten in dem Heer gewinnen.

Wallenstein.
     Jetzt geh und schick mir gleich den Isolan
     Hieher, ich hab ihn mir noch jngst verpflichtet.
     Mit ihm will ich den Anfang machen.  Geh!
(Illo geht hinaus, unterdessen sind die brigen wieder vorwrts
gekommen.)

Wallenstein.
     Sieh da, die Mutter mit der lieben Tochter!
     Wir wollen einmal von Geschften ruhn--
     Kommt!  Mich verlangte, eine heitre Stunde
     Im lieben Kreis der Meinen zu verleben.

Grfin.
     Wir waren lang nicht so beisammen, Bruder.

Wallenstein.  (beiseite, zur Grfin)
     Kann sie's vernehmen?  Ist sie vorbereitet?

Grfin.
     Noch nicht.

Wallenstein.
     Komm her, mein Mdchen.  Setz dich zu mir.
     Es ist ein guter Geist auf deinen Lippen,
     Die Mutter hat mir deine Fertigkeit
     Gepriesen, es soll eine zarte Stimme
     Des Wohllauts in dir wohnen, die die Seele
     Bezaubert.  Eine solche Stimme brauch
     Ich jetzt, den bsen Dmon zu vertreiben,
     Der um mein Haupt die schwarzen Flgel schlgt.

Herzogin.
     Wo hast du deine Zither, Thekla?  Komm.
     La deinem Vater eine Probe hren
     Von deiner Kunst.

Thekla.
     O meine Mutter!  Gott!

Herzogin.
     Komm, Thekla, und erfreue deinen Vater.

Thekla.
     Ich kann nicht, Mutter--

Grfin.
     Wie?  Was ist das, Nichte!

Thekla.  (zur Grfin)
     Verschont mich--Singen--jetzt--in dieser Angst
     Der schwer beladnen Seele--vor ihn singen--
     Der meine Mutter strzt ins Grab!

Herzogin.
     Wie, Thekla, Launen?  Soll dein gt'ger Vater
     Vergeblich einen Wunsch geuert haben?

Grfin.
     Hier ist die Zither.

Thekla.
     O mein Gott--Wie kann ich--
(Hlt das Instrument mit zitternder Hand, ihre Seele arbeitet
im heftigsten Kampf, und im Augenblick, da sie anfangen soll,
zu singen, schaudert sie zusammen, wirft das Instrument weg und
geht schnell ab.)

Herzogin.
     Mein Kind--o sie ist krank!
     Wallenstein.
     Was ist dem Mdchen?  Pflegt sie so zu sein?

Grfin.
     Nun weil sie es denn selbst verrt, so will
     Auch ich nicht lnger schweigen.

Wallenstein.
     Wie?

Grfin.
     Sie liebt ihn.

Wallenstein.
     Liebt!  Wen?

Grfin.
     Den Piccolomini liebt sie.
     Hast du es nicht bemerkt?  Die Schwester auch nicht?

Herzogin.
     O war es dies, was ihr das Herz beklemmte?
     Gott segne dich, mein Kind!  Du darfst
     Dich deiner Wahl nicht schmen.

Grfin.
     Diese Reise--
     Wenn's deine Absicht nicht gewesen, schreib's
     Dir selber zu.  Du httest einen andern
     Begleiter whlen sollen!

Wallenstein.
     Wei er's?

Grfin.
     Er hofft sie zu besitzen.

Wallenstein.
     Hofft
     Sie zu besitzen--Ist der Junge toll?

Grfin.
     Nun mag sie's selber hren!

Wallenstein.
     Die Friedlnderin
     Denkt er davonzutragen?  Nun!  Der Einfall
     Gefllt mir!  Die Gedanken stehen ihm nicht niedrig.

Grfin.
     Weil du so viele Gunst ihm stets bezeugt,
     So--

Wallenstein.
     --Will er mich auch endlich noch beerben.
     Nun ja!  Ich lieb ihn, halt ihn wert; was aber
     Hat das mit meiner Tochter Hand zu schaffen?
     Sind es die Tchter, sind's die einz'gen Kinder,
     Womit man seine Gunst bezeugt?

Herzogin.
     Sein adeliger Sinn und seine Sitten--

Wallenstein.
     Erwerben ihm mein Herz, nicht meine Tochter.

Herzogin.
     Sein Stand und seine Ahnen--

Wallenstein.
     Ahnen!  Was!
     Er ist ein Untertan, und meinen Eidam
     Will ich mir auf Europens Thronen suchen.

Herzogin.
     O lieber Herzog!  Streben wir nicht allzuhoch
     Hinauf, da wir zu tief nicht fallen mgen.

Wallenstein.
     Lie ich mir's so viel kosten, in die Hh'
     Zu kommen, ber die gemeinen Hupter
     Der Menschen weg zu ragen, um zuletzt
     Die groe Lebensrolle mit gemeiner
     Verwandtschaft zu beschlieen?--Hab ich darum--
(Pltzlich hlt er inne, sich fassend.)
     Sie ist das einzige, was von mir nachbleibt
     Auf Erden; eine Krone will ich sehn
     Auf ihrem Haupte, oder will nicht leben.
     Was?  Alles--Alles!  setz ich dran, um sie
     Recht gro zu machen--ja in der Minute,
     Worin wir sprechen--
(Er besinnt sich.)
     Und ich sollte nun,
     Wie ein weichherz'ger Vater, was sich gern hat
     Und liebt, fein brgerlich zusammengeben?
     Und jetzt soll ich das tun, jetzt eben, da ich
     Auf mein vollendet Werk den Kranz will setzen--
     Nein, sie ist mir ein langgespartes Kleinod,
     Die hchste, letzte Mnze meines Schatzes,
     Nicht niedriger frwahr gedenk ich sie
     Als um ein Knigszepter loszuschlagen--

Herzogin.
     O mein Gemahl!  Sie bauen immer, bauen
     Bis in die Wolken, bauen fort und fort
     Und denken nicht dran, da der schmale Grund
     Das schwindelnd schwanke Werk nicht tragen kann.

Wallenstein.  (zur Grfin)
     Hast du ihr angekndigt, welchen Wohnsitz
     Ich ihr bestimmt?

Grfin.
     Noch nicht.  Entdeckt's ihr selbst.

Herzogin.
     Wie?  Gehen wir nach Krnten nicht zurck?

Wallenstein.
     Nein.

Herzogin.
     Oder sonst auf keines Ihrer Gter?

Wallenstein.
     Sie wrden dort nicht sicher sein.

Herzogin.
     Nicht sicher
     In Kaisers Landen, unter Kaisers Schutz?

Wallenstein.
     Den hat des Friedlands Gattin nicht zu hoffen.

Herzogin.
     O Gott, bis dahin haben Sie's gebracht?

Wallenstein.
     In Holland werden Sie Schutz finden.

Herzogin.
     Was?
     Sie senden uns in lutherischen Lnder?

Wallenstein.
     Der Herzog Franz von Lauenburg wird Ihr
     Geleitsmann dahin sein.

Herzogin.
     Der Lauenburger?
     Der's mit dem Schweden hlt, des Kaisers Feind?

Wallenstein.
     Des Kaisers Feinde sind die meinen nicht mehr.

Herzogin.  (sieht den Herzog und die Grfin schreckensvoll an)
     Ist's also wahr?  Es ist?  Sie sind
     gestrzt?  Sind vom Kommando abgesetzt?  O Gott
     Im Himmel!

Grfin.  (seitwrts zum Herzog)
     Lassen wir sie bei dem Glauben.
     Du siehst, da sie die Wahrheit nicht ertrge.



Fnfter Auftritt

Graf Terzky.  Vorige.


Grfin.
     Terzky!  Was ist ihm?  Welches Bild des Schreckens!
     Als htt' er ein Gespenst gesehn!

Terzky.  (Wallenstein bei Seite fhrend, heimlich)
     Ist's dein Befehl, da die Kroaten reiten?

Wallenstein.
     Ich wei von nichts.

Terzky.
     Wir sind verraten!

Wallenstein.
     Was?

Terzky.
     Sie sind davon, heut nacht, die Jger auch,
     Leer stehen alle Drfer in der Runde.

Wallenstein.
     Und Isolan?

Terzky.
     Den hast du ja verschickt.

Wallenstein.
     Ich?

Terzky.
     Nicht?  Du hast ihn nicht verschickt?  Auch nicht
     Den Deodat?  Sie sind verschwunden beide.



Sechster Auftritt

Illo.  Vorige.


Illo.
     Hat dir der Terzky--

Terzky.
     Er wei alles.

Illo.
     Auch da Maradas, Esterhazy, Gtz,
     Colalto, Kaunitz dich verlassen?--

Terzky.
     Teufel!

Wallenstein.  (winkt)
     Still!

Grfin.  (hat sie von weitem ngstlich beobachtet, tritt hinzu)
     Terzky!  Gott!  Was gibt's?  Was ist geschehen?

Wallenstein.  (im Begriff aufzubrechen)
     Nichts!  Lat uns gehen.

Terzky.  (will ihm folgen)
     Es ist nichts, Therese.

Grfin.  (hlt ihn).
     Nichts?  Seh ich nicht, da alles Lebensblut
     Aus euren geisterbleichen Wangen wich,
     Da selbst der Bruder Fassung nur erknstelt?

Page.  (kommt)
     Ein Adjutant fragt nach dem Grafen Terzky.
(Ab.  Terzky folgt dem Pagen.)

Wallenstein.
     Hr, was er bringt--
(Zu Illo.)
     Das konnte nicht so heimlich
     Geschehen ohne Meuterei--Wer hat
     Die Wache an den Toren?

Illo.
     Tiefenbach.

Wallenstein.
     La Tiefenbach ablsen unverzglich
     Und Terzkys Grenadiere aufziehn.--Hre!
     Hast du von Buttlern Kundschaft?

Illo.
     Buttlern traf ich.
     Gleich ist er selber hier.  Der hlt dir fest.
(Illo geht.  Wallenstein will ihm folgen.)

Grfin.
     La ihn nicht von dir, Schwester!  Halt ihn auf--
     Es ist ein Unglck--

Herzogin.
     Groer Gott!  Was ist's?
(Hngt sich an ihn.)

Wallenstein.  (erwehrt sich ihrer).
     Seid ruhig!  Lat mich!  Schwester!  liebes Weib,
     Wir sind im Lager!  Da ist's nun nicht anders,
     Da wechseln Sturm und Sonnenschein geschwind,
     Schwer lenken sich die heftigen Gemter,
     Und Ruhe nie beglckt des Fhrers Haupt--
     Wenn ich soll bleiben, geht!  Denn bel stimmt
     Der Weiber Klage zu dem Tun der Mnner.
(Er will gehen.  Terzky kmmt zurck.)

Terzky.
     Bleib hier.  Von diesem Fenster mu man's sehn.

Wallenstein.  (zur Grfin)
     Geht, Schwester!

Grfin.
     Nimmermehr!

Wallenstein.
     Ich will's.

Terzky.  (fhrt sie beiseite, mit einem bedeutenden Wink auf die Herzogin)
     Therese!

Herzogin.
     Komm, Schwester, weil er es befiehlt.
(Gehen ab.)



Siebenter Auftritt

Wallenstein.  Graf Terzky.


Wallenstein.  (ans Fenster tretend)
     Was gibt's denn?

Terzky.
     Es ist ein Rennen und Zusammenlaufen
     Bei allen Truppen.  Niemand wei die Ursach,
     Geheimnisvoll, mit einer finstern Stille,
     Stellt jedes Korps sich unter seine Fahnen,
     Die Tiefenbacher machen bse Mienen,
     Nur die Wallonen stehen abgesondert
     In ihrem Lager, lassen niemand zu
     Und halten sich gesetzt, so wie sie pflegen.

Wallenstein.
     Zeigt Piccolomini sich unter ihnen?

Terzky.
     Man sucht ihn, er ist nirgends anzutreffen.
     Wallenstein.
     Was berbrachte denn der Adjutant?

Terzky.
     Ihn schickten meine Regimenter ab,
     Sie schwren nochmals Treue dir, erwarten
     Voll Kriegeslust den Aufruf zum Gefechte.

Wallenstein.
     Wie aber kam der Lrmen in das Lager?
     Es sollte ja dem Heer verschwiegen bleiben,
     Bis sich zu Prag das Glck fr uns entschieden.

Terzky.
     O da du mir geglaubt!  Noch gestern Abends
     Beschwuren wir dich, den Octavio,
     Den Schleicher, aus den Toren nicht zu lassen,
     Du gabst die Pferde selber ihm zur Flucht--

Wallenstein.
     Das alte Lied!  Einmal fr allemal,
     Nichts mehr von diesem trichten Verdacht!

Terzky.
     Dem Isolani hast du auch getraut,
     Und war der erste doch, der dich verlie.

Wallenstein.
     Ich zog ihn gestern erst aus seinem Elend.
     Fahr hin!  Ich hab auf Dank ja nie gerechnet.

Terzky.
     Und so sind alle, einer wie der andre.

Wallenstein.
     Und tut er Unrecht, da er von mir geht?
     Er folgt dem Gott, dem er sein Lebenlang
     Am Spieltisch hat gedient.  Mit meinem Glcke
     Schlo er den Bund und bricht ihn, nicht mit mir.
     War ich ihm was, er mir?  Das Schiff nur bin ich,
     Auf das er seine Hoffnung hat geladen,
     Mit dem er wohlgemut das freie Meer
     Durchsegelte; er sieht es ber Klippen
     Gefhrlich gehn und rettet schnell die Ware.
     Leicht wie der Vogel von dem wirtbarn Zweige,
     Wo er genistet, fliegt er von mir auf,
     Kein menschlich Band ist unter uns zerrissen.
     Ja, der verdient, betrogen sich zu sehn,
     Der Herz gesucht bei dem Gedankenlosen!
     Mit schnell verlschten Zgen schreiben sich
     Des Lebens Bilder auf die glatte Stirne,
     Nichts fllt in eines Busen stillen Grund,
     Ein muntrer Sinn bewegt die leichten Sfte,
     Doch keine Seele wrmt das Eingeweide.

Terzky.
     Doch mcht' ich mich den glatten Stirnen lieber
     Als jenen tiefgefurchten anvertrauen.



Achter Auftritt

Wallenstein.  Terzky.  Illo kmmt wtend.


Illo.
     Verrat und Meuterei!

Terzky.
     Ha!  was nun wieder?

Illo.
     Die Tiefenbacher, als ich Ordre gab,
     Sie abzulsen--Pflichtvergene Schelmen!

Terzky.
     Nun?

Wallenstein.
     Was denn?

Illo.
     Sie verweigern den Gehorsam.

Terzky.
     So la sie niederschieen!  O gib Ordre!

Wallenstein.
     Gelassen!  Welche Ursach geben sie?

Illo.
     Kein andrer sonst hab ihnen zu befehlen
     Als Generalleutnant Piccolomini.

Wallenstein.
     Was--Wie ist das?

Illo.
     So hab er's hinterlassen
     Und eigenhndig vorgezeigt vom Kaiser.

Terzky.
     Vom Kaiser--Hrst du's, Frst!

Illo.
     Auf seinen Antrieb
     Sind gestern auch die Obersten entwichen.

Terzky.
     Hrst du's!

Illo.
     Auch Montecuculi, Caraffa
     Und noch sechs andre Generale werden
     Vermit, die er bered't hat, ihm zu folgen.
     Das hab er alles schon seit lange schriftlich
     Bei sich gehabt vom Kaiser und noch jngst
     Erst abgeredet mit dem Questenberger.
(Wallenstein sinkt auf einen Stuhl und verhllt sich das Gesicht.)

Terzky.
     O httest du mir doch geglaubt!



Neunter Auftritt

Grfin.  Vorige.


Grfin.
     Ich kann die Angst--ich kann's nicht lnger tragen,
     Um Gotteswillen, sagt mir, was es ist.

Illo.
     Die Regimenter fallen von uns ab.
     Graf Piccolomini ist ein Verrter.

Grfin.
     O meine Ahnung!
(Strzt aus dem Zimmer.)

Terzky.
     Htt' man mir geglaubt!
     Da siehst du's, wie die Sterne dir gelogen!

Wallenstein.  (richtet sich auf)
     Die Sterne lgen nicht, das aber ist
     Geschehen wider Sternenlauf und Schicksal.
     Die Kunst ist redlich, doch dies falsche Herz
     Bringt Lug und Trug in den wahrhaft'gen Himmel.
     Nur auf der Wahrheit ruht die Wahrsagung;
     Wo die Natur aus ihren Grenzen wanket,
     Da irret alle Wissenschaft.  War es
     Ein Aberglaube, menschliche Gestalt
     Durch keinen solchen Argwohn zu entehren,
     O nimmer schm ich dieser Schwachheit mich!
     Religion ist in der Tiere Trieb,
     Es trinkt der Wilde selbst nicht mit dem Opfer,
     Dem er das Schwert will in den Busen stoen.
     Das war kein Heldenstck, Octavio!
     Nicht deine Klugheit siegte ber meine,
     Dein schlechtes Herz hat ber mein gerades
     Den schndlichen Triumph davongetragen.
     Kein Schild fing deinen Mordstreich auf, du fhrtest
     Ihn ruchlos auf die unbeschtzte Brust,
     Ein Kind nur bin ich gegen solche Waffen.



Zehnter Auftritt

Vorige.  Buttler.


Terzky.
     O sieh da!  Buttler!  Das ist noch ein Freund!
     Wallenstein
(geht ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und umfat ihn
mit Herzlichkeit)
     Komm an mein Herz, du alter Kriegsgefhrt'!
     So wohl tut nicht der Sonne Blick im Lenz
     Als Freundes Angesicht in solcher Stunde.

Buttler.
     Mein General--Ich komme--

Wallenstein.  (sich auf seine Schultern lehnend)
     Weit du's schon?
     Der Alte hat dem Kaiser mich verraten.
     Was sagst du?  Dreiig Jahre haben wir
     Zusammen ausgelebt und ausgehalten.
     In einem Feldbett haben wir geschlafen,
     Aus einem Glas getrunken, einen Bissen
     Geteilt, ich sttzte mich auf ihn, wie ich
     Auf deine treue Schulter jetzt mich sttze;
     Und in dem Augenblick, da liebevoll
     Vertrauend meine Brust an seiner schlgt,
     Ersieht er sich den Vorteil, sticht das Messer
     Mir listig lauernd, langsam in das Herz!
(Er verbirgt das Gesicht an Buttlers Brust.)

Buttler.
     Verget den Falschen.  Sagt, was wollt Ihr tun?

Wallenstein.
     Wohl, wohl gesprochen.  Fahre hin!  Ich bin
     Noch immer reich an Freunden, bin ich nicht?
     Das Schicksal liebt mich noch, denn eben jetzt,
     Da es des Heuchlers Tcke mir entlarvt,
     Hat es ein treues Herz mir zugesendet.
     Nichts mehr von ihm.  Denkt nicht, da sein Verlust
     Mich schmerze, oh!  mich schmerzt nur der Betrug.
     Denn wert und teur waren mir die beiden,
     Und jener Max, er liebte mich wahrhaftig,
     Er hat mich nicht getuscht, er nicht--Genug,
     Genug davon!  Jetzt gilt es schnellen Rat--
     Der Reitende, den mir Graf Kinsky schickt
     Aus Prag, kann jeden Augenblick erscheinen.
     Was er auch bringen mag, er darf den Meutern
     Nicht in die Hnde fallen.  Drum geschwind,
     Schickt einen sichern Boten ihm entgegen,
     Der auf geheimem Weg ihn zu mir fhre.
(Illo will gehen.)

Buttler.  (hlt ihn zurck)
     Mein Feldherr, wen erwartet Ihr?

Wallenstein.
     Den Eilenden, der mir die Nachricht bringt,
     Wie es mit Prag gelungen.

Buttler.
     Hum!

Wallenstein.
     Was ist Euch?

Buttler.
     So wit Ihr's nicht?

Wallenstein.
     Was denn?

Buttler.
     Wie dieser Lrmer
     Ins Lager kam?--

Wallenstein.
     Wie?

Buttler.
     Jener Bote--

Wallenstein.  (erwartungsvoll)
     Nun?

Buttler.
     Er ist herein.

Terzky und Illo.
     Er ist herein?

Wallenstein.
     Mein Bote?

Buttler.
     Seit mehrern Stunden.

Wallenstein.
     Und ich wei es nicht?

Buttler.
     Die Wache fing ihn auf.

Illo.  (stampft mit dem Fu)
     Verdammt!

Buttler.
     Sein Brief
     Ist aufgebrochen, luft durchs ganze Lager--

Wallenstein.  (gespannt)
     Ihr wit, was er enthlt?

Buttler.  (bedenklich)
     Befragt mich nicht!

Terzky.
     Oh--Weh uns, Illo!  Alles strzt zusammen!

Wallenstein.
     Verhehlt mir nichts.  Ich kann das Schlimmste hren.
     Prag ist verloren?  Ist's?  Gesteht mir's frei.

Buttler.
     Es ist verloren.  Alle Regimenter
     Zu Budweis, Tabor, Braunau, Knigingrtz,
     Zu Brnn und Znaym haben Euch verlassen,
     Dem Kaiser neu gehuldigt--Ihr selbst
     Mit Kinsky, Terzky, Illo seid gechtet.
(Terzky und Illo zeigen Schrecken und Wut.  Wallenstein bleibt
fest und gefat stehen.)

Wallenstein.  (nach einer Pause)
     Es ist entschieden, nun ist's gut--und schnell
     Bin ich geheilt von allen Zweifelsqualen,
     Die Brust ist wieder frei, der Geist ist hell:
     Nacht mu es sein, wo Friedlands Sterne strahlen.
     Mit zgerndem Entschlu, mit wankendem Gemt
     Zog ich das Schwert, ich tat's mit Widerstreben,
     Da es in meine Wahl noch war gegeben!
     Notwendigkeit ist da, der Zweifel flieht,
     Jetzt fecht ich fr mein Haupt und fr mein Leben.
(Er geht ab.  Die andern folgen.)



Elfter Auftritt


Grfin Terzky.  (kommt aus dem Seitenzimmer)
     Nein!  Ich kann's lnger nicht--Wo sind sie?  Alles
     Ist leer.  Sie lassen mich allein--allein
     In dieser frchterlichen Angst--Ich mu
     Mich zwingen vor der Schwester, ruhig scheinen
     Und alle Qualen der bedrngten Brust
     In mir verschlieen--Das ertrag ich nicht!
     --Wenn es uns fehlschlgt, wenn er zu dem Schweden
     Mit leerer Hand, als Flchtling, mte kommen,
     Nicht als geehrter Bundesgenosse, stattlich,
     Gefolgt von eines Heeres Macht--Wenn wir
     Von Land zu Land wie der Pfalzgraf mten wandern,
     Ein schmhlich Denkmal der gefallnen Gre--
     Nein, diesen Tag will ich nicht schaun!  und knnt'
     Er selbst es auch ertragen, so zu sinken,
     Ich trg's nicht, so gesunken ihn zu sehn.



Zwlfter Auftritt

Grfin.  Herzogin.  Thekla.


Thekla.  (will die Herzogin zurckhalten)
     O liebe Mutter, bleiben Sie zurck!

Herzogin.
     Nein, hier ist noch ein schreckliches Geheimnis,
     Das mir verhehlt wird--Warum meidet mich
     Die Schwester?  Warum seh ich sie voll Angst
     Umhergetrieben, warum dich voll Schrecken?
     Und was bedeuten diese stummen Winke,
     Die du verstohlen heimlich mit ihr wechselst?

Thekla.
     Nichts, liebe Mutter!

Herzogin.
     Schwester, ich will's wissen.

Grfin.
     Was hilft's auch, ein Geheimnis draus zu machen!
     Lt sich's verbergen?  Frher, spter mu
     Sie's doch vernehmen lernen und ertragen!
     Nicht Zeit ist's jetzt, der Schwche nachzugeben,
     Mut ist uns not und ein gefater Geist,
     Und in der Strke mssen wir uns ben.
     Drum besser, es entscheidet sich ihr Schicksal
     Mit einem Wort--Man hintergeht Euch, Schwester.
     Ihr glaubt, der Herzog sei entsetzt--der Herzog
     Ist nicht entsetzt--er ist--

Thekla.  (zur Grfin gehend)
     Wollt Ihr sie tten?

Grfin.
     Der Herzog ist--

Thekla.  (die Arme um die Mutter schlagend).
     O standhaft, meine Mutter!

Grfin.
     Emprt hat sich der Herzog, zu dem Feind
     Hat er sich schlagen wollen, die Armee
     Hat ihn verlassen, und es ist milungen.
(Whrend dieser Worte wankt die Herzogin und fllt ohnmchtig
in die Arme ihrer Tochter.)



Dreizehnter Auftritt

Ein groer Saal beim Herzog von Friedland.


Wallenstein.  (im Harnisch)
     Du hast's erreicht, Octavio--Fast bin ich
     Jetzt so verlassen wieder, als ich einst
     Vom Regenspurger Frstentage ging.
     Da hatt' ich nichts mehr als mich selbst--doch was
     Ein Mann kann wert sein, habt ihr schon erfahren.
     Den Schmuck der Zweige habt ihr abgehauen,
     Da steh ich, ein entlaubter Stamm!  Doch innen
     Im Marke lebt die schaffende Gewalt,
     Die sprossend eine Welt aus sich geboren.
     Schon einmal galt ich euch statt eines Heeres,
     Ich einzelner.  Dahingeschmolzen vor
     Der schwed'schen Strke waren eure Heere,
     Am Lech sank Tilly, euer letzter Hort;
     Ins Bayerland, wie ein geschwollner Strom,
     Ergo sich dieser Gustav, und zu Wien
     In seiner Hofburg zitterte der Kaiser.
     Soldaten waren teuer, denn die Menge
     Geht nach dem Glck--Da wandte man die Augen
     Auf mich, den Helfer in der Not, es beugte sich
     Der Stolz des Kaisers vor dem Schwergekrnkten:
     Ich sollte aufstehn mit dem Schpfungswort
     Und in die hohlen Lger Menschen sammeln.
     Ich tat's.  Die Trommel ward gerhrt.  Mein Name
     Ging wie ein Kriegsgott durch die Welt.  Der Pflug,
     Die Werkstatt wird verlassen, alles wimmelt
     Der altbekannten Hoffnungsfahne zu--
     --Noch fhl ich mich denselben, der ich war!
     Es ist der Geist, der sich den Krper baut,
     Und Friedland wird sein Lager um sich fllen.
     Fhrt eure Tausende mir khn entgegen,
     Gewohnt wohl sind sie, unter mir zu siegen,
     Nicht gegen mich--Wenn Haupt und Glieder sich trennen,
     Da wird sich zeigen, wo die Seele wohnte.
(Illo und Terzky treten ein.)
     Mut, Freunde, Mut!  Wir sind noch nicht zu Boden.
     Fnf Regimenter Terzky sind noch unser
     Und Buttlers wackre Scharen--Morgen stt
     Ein Heer zu uns von sechzehntausend Schweden.
     Nicht mcht'ger war ich, als ich vor neun Jahren
     Auszog, dem Kaiser Deutschland zu erobern.



Vierzehnter Auftritt

Vorige.  Neumann, der den Grafen Terzky beiseite fhrt und
mit ihm spricht.


Terzky.  (zu Neumann).
     Was suchen Sie?

Wallenstein.
     Was gibt's?

Terzky.
     Zehn Krassiere
     Von Pappenheim verlangen dich im Namen
     Des Regiments zu sprechen.

Wallenstein.  (schnell zu Neumann)
     La sie kommen.
(Neumann geht hinaus.)
     Davon erwart ich etwas.  Gebet acht,
     Sie zweifeln noch und sind noch zu gewinnen.



Fnfzehnter Auftritt

Wallenstein.  Terzky.  Illo.  Zehn Krassiere, von einem Gefreiten
gefhrt, marschieren auf und stellen sich nach dem Kommando in
einem Glied vor den Herzog, die Honneurs machend.


Wallenstein.  (nachdem er sie eine Zeitlang mit den Augen gemessen, zum
Gefreiten)
     Ich kenne dich wohl.  Du bist aus Brgg' in Flandern,
     Dein Nam' ist Mercy.

Gefreiter.
     Heinrich Mercy hei ich.

Wallenstein.
     Du wurdest abgeschnitten auf dem Marsch,
     Von Hessischen umringt und schlugst dich durch,
     Mit hundertachtzig Mann durch ihrer tausend.

Gefreiter.
     So ist's, mein General.

Wallenstein.
     Was wurde dir
     Fr diese wackre Tat?

Gefreiter.
     Die Ehr', mein Feldherr,
     Um die ich bat, bei diesem Korps zu dienen.

Wallenstein.  (wendet sich zu einem andern)
     Du warst darunter, als ich die Freiwilligen
     Heraus lie treten auf dem Altenberg,
     Die schwed'sche Batterie hinwegzunehmen.

Zweiter Krassier.
     So ist's, mein Feldherr.

Wallenstein.
     Ich vergesse keinen,
     Mit dem ich einmal Worte hab gewechselt.
     Bringt eure Sache vor.

Gefreiter.  (kommandiert)
     Gewehr in Arm!

Wallenstein.  (zu einem dritten gewendet)
     Du nennst dich Risbeck, Kln ist dein Geburtsort.

Dritter Krassier.
     Risbeck aus Kln.

Wallenstein.
     Den schwed'schen Oberst Dbald brachtest du
     Gefangen ein im Nrenberger Lager.

Dritter Krassier.
     Ich nicht, mein General.

Wallenstein.
     Ganz recht!  Es war
     Dein ltrer Bruder, der es tat--du hattest
     Noch einen jngern Bruder, wo blieb der?

Dritter Krassier.
     Er steht zu Olmtz bei des Kaisers Heer.

Wallenstein.  (zum Gefreiten)
     Nun so la hren.

Gefreiter.
     Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,
     Der uns--

Wallenstein.  (unterbricht ihn)
     Wer whlte Euch?

Gefreiter.
     Jedwede Fahn'
     Zog ihren Mann durchs Los.

Wallenstein.
     Nun denn zur Sache!

Gefreiter.
     Ein kaiserlicher Brief kam uns zu Handen,
     Der uns befiehlt, die Pflicht dir aufzukndigen,
     Weil du ein Feind und Landsverrter seist.
     Wallenstein.
     Was habt ihr drauf beschlossen?

Gefreiter.
     Unsre Kameraden
     Zu Braunau, Budweis, Prag und Olmtz haben
     Bereits gehorcht, und ihrem Beispiel folgten
     Die Regimenter Tiefenbach, Toscana.
     --Wir aber glauben's nicht, da du ein Feind
     Und Landsverrter bist, wir halten's blo
     Fr Lug und Trug und spanische Erfindung.
(Treuherzig.)
     Du selber sollst uns sagen, was du vorhast,
     Denn du bist immer wahr mit uns gewesen,
     Das hchste Zutraun haben wir zu dir,
     Kein fremder Mund soll zwischen uns sich schieben,
     Den guten Feldherrn und die guten Truppen.

Wallenstein.
     Daran erkenn ich meine Pappenheimer.

Gefreiter.
     Und dies entbietet dir dein Regiment:
     Ist's deine Absicht blo, dies Kriegeszepter,
     Das dir gebhrt, das dir der Kaiser hat
     Vertraut, in deinen Hnden zu bewahren,
     streichs rechtschaffner Feldhauptmann zu sein,
     So wollen wir dir beistehn und dich schtzen
     Bei deinem guten Rechte gegen jeden--
     Und wenn die andern Regimenter alle
     Sich von dir wenden, wollen wir allein
     Dir treu sein, unser Leben fr dich lassen.
     Denn das ist unsre Reiterpflicht, da wir
     Umkommen lieber, als dich sinken lassen.
     Wenn's aber so ist, wie des Kaisers Brief
     Besagt, wenn's wahr ist, da du uns zum Feind
     Treuloserweise willst hinberfhren,
     Was Gott verhte!  ja, so wollen wir
     Dich auch verlassen und dem Brief gehorchen.

Wallenstein.
     Hrt, Kinder--

Gefreiter.
     Braucht nicht viel Wort.  Sprich
     Ja oder nein, so sind wir schon zufrieden.

Wallenstein.
     Hrt an.  Ich wei, da ihr verstndig seid,
     Selbst prft und denkt und nicht der Herde folgt.
     Drum hab ich euch, ihr wit's, auch ehrenvoll
     Stets unterschieden in der Heereswoge;
     Denn nur die Fahnen zhlt der schnelle Blick
     Des Feldherrn, er bemerkt kein einzeln Haupt,
     Streng herrscht und blind der eiserne Befehl,
     Es kann der Mensch dem Menschen hier nichts gelten--
     So, wit ihr, hab ich's nicht mit euch gehalten;
     Wie ihr euch selbst zu fassen angefangen
     Im rohen Handwerk, wie von euren Stirnen
     Der menschliche Gedanke mir geleuchtet,
     Hab ich als freie Mnner euch behandelt,
     Der eignen Stimme Recht euch zugestanden--

Gefreiter.
     Ja, wrdig hast du stets mit uns verfahren,
     Mein Feldherr, uns geehrt durch dein Vertraun,
     Uns Gunst erzeigt vor allen Regimentern.
     Wir folgen auch dem groen Haufen nicht,
     Du siehst's!  Wir wollen treulich bei dir halten.
     Sprich nur ein Wort, dein Wort soll uns gengen,
     Da es Verrat nicht sei, worauf du sinnst,
     Da du das Herr zum Feind nicht wollest fhren.

Wallenstein.
     Mich, mich verrt man!  Aufgeopfert hat mich
     Der Kaiser meinen Feinden, fallen mu ich,
     Wenn meine braven Truppen mich nicht retten.
     Euch will ich mich vertrauen--Euer Herz
     Sei meine Festung!  Seht, auf diese Brust
     Zielt man!  Nach diesem greisen Haupte!--Das
     Ist span'sche Dankbarkeit, das haben wir
     Fr jene Mordschlacht auf der alten Feste,
     Auf Ltzens Ebnen!  Darum warfen wir
     Die nackte Brust der Partisan' entgegen,
     Drum machten wir die eisbedeckten Erde,
     Den harten Stein zu unserm Pfhl; kein Strom
     War uns zu schnell, kein Wald zu undurchdringlich,
     Wir folgten jenem Mansfeld unverdrossen
     Durch alle Schlangenkrmmen seiner Flucht,
     Ein ruheloser Marsch war unser Leben,
     Und wie des Windes Sausen, heimatlos,
     Durchstrmten wir die kriegbewegte Erde.
     Und jetzt, da wir die schwere Waffenarbeit,
     Die undankbare, fluchbeladene, getan,
     Mit unermdet treuem Arm des Krieges Last
     Gewlzt, soll dieser kaiserliche Jngling
     Den Frieden leicht wegtragen, soll den lzweig,
     Die wohlverdiente Zierde unsers Haupts,
     Sich in die blonden Knabenhaare flechten--

Gefreiter.
     Das soll er nicht, solang wir's hindern knnen.
     Niemand als du, der ihn mit Ruhm gefhrt,
     Soll diesen Krieg, den frchterlichen, enden.
     Du fhrtest uns heraus ins blut'ge Feld
     Des Todes, du, kein andrer, sollst uns frhlich
     Heimfhren in des Friedens schne Fluren,
     Der langen Arbeit Frchte mit uns teilen--

Wallenstein.
     Wie?  denkt ihr euch im spten Alter endlich
     Der Frchte zu erfreuen?  Glaubt das nicht.
     Ihr werdet dieses Kampfes Ende nimmer
     Erblicken!  Dieser Krieg verschlingt uns alle.
     streich will keinen Frieden; darum eben,
     Weil ich den Frieden suche, mu ich fallen.
     Was kmmert's streich, ob der lange Krieg
     Die Heere aufreibt und die Welt verwstet,
     Es will nur wachsen stets und Land gewinnen.
     Ihr seid gerhrt--ich seh den edeln Zorn
     Aus euren kriegerischen Augen blitzen.
     O da mein Geist euch jetzt beseelen mchte,
     Khn, wie er einst in Schlachten euch gefhrt!
     Ihr wollt mir beistehn, wollt mich mit den Waffen
     Bei meinem Rechte schtzen--das ist edelmtig!
     Doch denket nicht, da ihr's vollenden werdet,
     Das kleine Heer!  Vergebens werdet ihr
     Fr euren Feldherrn euch geopfert haben.
(Zutraulich.)
     Nein!  Lat uns sicher gehen, Freunde suchen,
     Der Schwede sagt uns Hilfe zu, lat uns
     Zum Schein sie nutzen, bis wir, beiden furchtbar,
     Europens Schicksal in den Hnden tragen
     Und der erfreuten Welt aus unserm Lager
     Den Frieden schn bekrnzt entgegenfhren.

Gefreiter.
     So treibst du's mit dem Schweden nur zum Schein?
     Du willst den Kaiser nicht verraten, willst uns
     Nicht schwedisch machen?--sieh, das ist's allein,
     Was wir von dir verlangen zu erfahren.

Wallenstein.
     Was geht der Schwed' mich an?  Ich ha ihn, wir
     Den Pfuhl der Hlle, und mit Gott gedenk ich ihn
     Bald ber seine Ostsee heimzujagen.
     Mir ist's allein ums Ganze.  Seht!  Ich hab
     Ein Herz, der Jammer dieses deutschen Volks erbarmt mich.
     Ihr seid gemeine Mnner nur, doch denkt
     Ihr nicht gemein, ihr scheint mir's wert vor andern,
     Da ich ein traulich Wrtlein zu euch rede--
     Seht!  Fnfzehn Jahr schon brennt die Kriegesfackel,
     Und noch ist nirgends Stillstand.  Schwed' und Deutscher!
     Papist und Lutheraner!  Keiner will
     Dem andern weichen!  Jede Hand ist wider
     Die andre!  Alles ist Partei und nirgends
     Kein Richter!  Sagt, wo soll das enden?  wer
     Den Knul entwirren, der, sich endlos selbst
     Vermehrend, wchst--Er mu zerhauen werden.
     Ich fhl's, da ich der Mann des Schicksals bin,
     Und hoff's mit eurer Hilfe zu vollfhren.



Sechzehnter Auftritt

Buttler.  Vorige.


Buttler.  (in Eifer)
     Das ist nicht wohlgetan, mein Feldherr.

Wallenstein.
     Was?

Buttler.
     Das mu uns schaden bei den Gutgesinnten.

Wallenstein.
     Was denn?

Buttler.
     Es heit den Aufruhr ffentlich erklren!

Wallenstein.
     Was ist es denn?

Buttler.
     Graf Terzkys Regimenter reien
     Den kaiserlichen Adler von den Fahnen
     Und pflanzen deine Zeichen auf.

Gefreiter.  (zu den Krassieren).
     Rechts um!

Wallenstein.
     Verflucht sei dieser Rat, und wer ihn gab!
(Zu den Krassieren, welche abmarschieren.)
     Halt, Kinder, halt--Es ist ein Irrtum--Hrt--
     Und streng will ich's bestrafen--Hrt doch!  Bleibt.
     Sie hren nicht.
(Zu Illo.)
     Geh nach, bedeute sie,
     Bring sie zurck, es koste was es wolle.
(Illo eilt hinaus.)
     Das strzt uns ins Verderben--Buttler!  Buttler!
     Ihr seid mein bser Dmon, warum mutet Ihr's
     In ihrem Beisein melden!--Alles war
     Auf gutem Weg--Sie waren halb gewonnen--
     Die Rasenden, mit ihrer unbedachten
     Dienstfertigkeit!--O grausam spielt das Glck
     Mit mir!  Der Freunde Eifer ist's, der mich
     Zugrunde richtet, nicht er Ha der Feinde.



Siebzehnter Auftritt

Vorige.  Die Herzogin strzt ins Zimmer.  Ihr folgt Thekla und
die Grfin.  Dann Illo.


Herzogin.
     O Albrecht!  Was hast du getan!

Wallenstein.
     Nun das noch!

Grfin.
     Verzeih mir, Bruder.  Ich vermocht' es nicht,
     Sie wissen alles.

Herzogin.
     Was hast du getan!

Grfin.  (zu Terzky)
     Ist keine Hoffnung mehr?  Ist alles denn
     Verloren?

Terzky.
     Alles.  Prag ist in des Kaisers Hand,
     Die Regimenter haben neu gehuldigt.

Grfin.
     Heimtckischer Octavio!--Und auch
     Graf Max ist fort?

Terzky.
     Wo sollt er sein?  Er ist
     Mit seinem Vater ber zu dem Kaiser.
(Thekla strzt in die Arme ihrer Mutter, das Gesicht an ihrem
Busen verbergend.)

Herzogin.  (sie in die Arme schlieend).
     Unglcklich Kind!  Unglcklichere Mutter!

Wallenstein.  (beiseite gehend mit Terzky).
     La einen Reisewagen schnell bereit sein
     Im Hinterhofe, diese wegzubringen.
(Auf die Frauen zeigend.)
     Der Scherfenberg kann mit, der ist uns treu,
     Nach Eger bringt er sie, wir folgen nach.
(Zu Illo, der wiederkommt.)
     Du bringst sie nicht zurck?

Illo.
     Hrst du den Auflauf?
     Das ganze Korps der Pappenheimer ist
     Im Anzug.  Sie verlangen ihren Oberst,
     Den Max zurck, er sei hier auf dem Schlo,
     Behaupten sie, du haltest ihn mit Zwang,
     Und wenn du ihn nicht losgebst, werde man
     Ihn mit dem Schwerte zu befreien wissen.
(Alle stehen erstaunt.)

Wallenstein.
     Sagt' ich's nicht?
     O mein wahrsagend Herz!  Er ist noch hier.
     Er hat mich nicht verraten, hat es nicht
     Vermocht--Ich habe nie daran gezweifelt.

Grfin.
     Ist er noch hier, o dann ist alles gut,
     Dann wei ich, was ihn ewig halten soll!
(Thekla umarmend.)

Terzky.
     Es kann nicht sein.  Bedenke doch!  Der Alte
     Hat uns verraten, ist zum Kaiser ber,
     Wie kann er's wagen, hierzusein?

Illo.  (zum Wallenstein)
     Den Jagdzug,
     Den du ihm krzlich schenktest, sah ich noch
     Vor wenig Stunden bern Markt wegfhren.

Grfin.
     O Nichte, dann ist er nicht weit!

Thekla.  (hat den Blick nach der Tre geheftet und ruft lebhaft)
     Da ist er!



Achtzehnter Auftritt

Die Vorigen.  Max Piccolomini.


Max.  (mitten in den Saal tretend).
     Ja!  Ja!  da ist er!  Ich vermag's nicht lnger,
     Mit leisem Tritt um dieses Haus zu schleichen,
     Den gnst'gen Augenblick verstohlen zu
     Erlauern--Dieses Harren, diese Angst
     Geht ber meine Krfte!
(Auf Thekla zugehend, welche sich ihrer Mutter in die Arme
geworfen.)
     O sieh mich an!  Sieh nicht weg, holder Engel.
     Bekenn es frei vor allen.  Frchte niemand.
     Es hre, wer es will, da wir uns lieben.
     Wozu es noch verbergen?  Das Geheimnis
     Ist fr die Glcklichen; das Unglck braucht,
     Das hoffnungslose, keinen Schleier mehr,
     Frei unter tausend Sonnen kann es handeln.
(Er bemerkt die Grfin, welche mit frohlockendem Gesicht auf
Thekla blickt.)
     Nein, Base Terzky!  Seht mich nicht erwartend,
     Sicht hoffend an!  Ich komme nicht zu bleiben.
     Abschied zu nehmen, komm ich--Es ist aus.
     Ich mu, mu dich verlassen, Thekla--mu!
     Doch deinen Ha kann ich nicht mit mir nehmen.
     Nur einen Blick des Mitleids gnne mir,
     Sag, da du mich nicht hassest.  Sag mir's, Thekla.
(Indem er ihre Hand fat, heftig bewegt.)
     O Gott!--Gott!  Ich kann nicht von dieser Stelle.
     Ich kann es nicht--kann diese Hand nicht lassen.
     Sag, Thekla, da du Mitleid mit mir hast,
     Dich selber berzeugst, ich kann nicht anders.
(Thekla, seinen Blick vermeidend, zeigt mit der Hand auf ihren Vater;
er wendet sich nach dem Herzog um, den er jetzt erst gewahr wird.)
     Du hier?--Nicht du bist's, den ich hier gesucht.
     Dich sollten meine Augen nicht mehr schauen.
     Ich hab es nur mit ihr allein.  Hier will ich,
     Von diesem Herzen freigesprochen sein,
     An allem andern ist nichts mehr gelegen.

Wallenstein.
     Denkst du, ich soll der Tor sein und dich ziehen lassen
     Und eine Gromutsszene mit dir spielen?
     Dein Vater ist zum Schelm an mir geworden,
     Du bist mir nichts mehr als sein Sohn, sollst nicht
     Umsonst in meine Macht gegeben sein.
     Denk nicht, da ich die alte Freundschaft ehren werde,
     Die er so ruchlos hat verletzt.  Die Zeiten
     Der Liebe sind vorbei, der zarten Schonung,
     Und Ha und Rache kommen an die Reihe.
     Ich kann auch Unmensch sein, wie er.

Max.
     Du wirst mit mir verfahren, wie du Macht hast.
     Wohl aber weit du, da ich deinem Zorn
     Nicht trotze, noch ihn frchte.  Was mich hier
     Zurckhlt, weit du!
(Thekla bei der Hand fassend.)
     Sieh!  Alles--alles wollt' ich dir verdanken,
     Das Los der Seligen wollt' ich empfangen
     Aus deiner vterlichen Hand.  Du hast's
     Zerstrt, doch daran liegt dir nichts.  Gleichgltig
     Trittst du das Glck der Deinen in den Staub,
     Der Gott, dem du dienst, ist kein Gott der Gnade.
     Wie das gemtlos blinde Element,
     Das furchtbare, mit dem kein Bund zu schlieen,
     Folgst du des Herzens wildem Trieb allein.
     Weh denen, die auf dich vertraun, an dich
     Die sichre Htte ihres Glckes lehnen,
     Gelockt von deiner gastlichen Gestalt!
     Schnell, unverhofft, bei nchtlich stiller Weile
     Grt's in dem tck'schen Feuerschlunde, ladet
     Sich aus mit tobender Gewalt, und weg
     Treibt ber alle Pflanzungen der Menschen
     Der wilde Strom in grausender Zerstrung.

Wallenstein.
     Du schilderst deines Vaters Herz.  Wie du's
     Beschreibst, so ist's in seinem Eingeweide,
     In dieser schwarzen Heuchlers Brust gestaltet.
     O mich hat Hllenkunst getuscht.  Mir sandte
     Der Abgrund den verstecktesten der Geister,
     Den Lgenkundigsten herauf und stellt ihn
     Als Freund an meine Seite.  Wer vermag
     Der Hlle Macht zu widerstehn!  Ich zog
     Des Basilisken auf an meinem Busen,
     Mit meinem Herzblut nhrt' ich ihn, er sog
     Sich schwelgend voll an meiner Liebe Brsten,
     Ich hatte nimmer Arges gegen ihn,
     Weit offen lie ich des Gedankens Tore
     Und warf die Schlssel weiser Vorsicht weg--
     Am Sternenhimmel suchten meine Augen,
     Im weiten Weltenraum den Feind, den ich
     Im Herzen meines Herzens eingeschlossen.
     --Wr' ich dem Ferdinand gewesen, was
     Octavio mir war--Ich htt' ihm nie
     Krieg angekndigt--nie htt' ich's vermocht.
     Er war mein strenger Herr nur, nicht mein Freund,
     Nicht meiner Treu vertraute sich der Kaiser.
     Krieg war schon zwischen mir und ihm, als er
     Den Feldherrnstab in meine Hnde legte;
     Denn Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn,
     Nur zwischen Glauben und Vertraun ist Friede.
     Wer das Vertraun vergiftet, o der mordet
     Das werdende Geschlecht im Leib der Mutter.

Max.
     Ich will den Vater nicht verteidigen.
     Weh mir, da ich's nicht kann!
     Unglcklich schwere Taten sind geschehn,
     Und eine Frevelhandlung fat die andre
     In enggeschloner Kette grausend an.
     Doch wie gerieten wir, die nichts verschuldet,
     In diesen Kreis des Unglcks und Verbrechens?
     Wem brachen wir die Treue?  Warum mu
     Der Vter Doppelschuld und Freveltat
     Uns grlich wie ein Schlangenpaar umwinden?
     Warum der Vter unvershnter Ha
     Auch uns, die Liebenden, zerreiend scheiden?
(Er umschlingt Thekla mit heftigem Schmerz.)

Wallenstein.  (hat den Blick schweigend auf ihn geheftet und
     nhert sich jetzt).
     Max!  Bleibe bei mir.--Geh nicht von mir, Max!
     Sieh, als man dich im pragschen Winterlager
     Ins Zelt mir brachte, einen zarten Knaben,
     Des deutschen Winters ungewohnt, die Hand
     War dir erstarrt an der gewichtigen Fahne,
     Du wolltst mnnlich sie nicht lassen, damals nahm ich
     Dich auf, bedeckte dich mit meinem Mantel,
     Ich selbst war deine Wrterin, nicht schmt' ich
     Der kleinen Dienste mich, ich pflegte deiner
     Mit weiblich sorgender Geschftigkeit,
     Bis du, von mir erwrmt, an meinem Herzen,
     Das junge Leben wieder freudig fhltest.
     Wann hab ich seitdem meinen Sinn verndert?
     Ich habe viele Tausend reich gemacht,
     Mit Lndereien sie beschenkt, belohnt
     Mit Ehrenstellen--dich hab ich geliebt,
     Mein Herz, mich selber hab ich dir gegeben.
     Sie alle waren Fremdlinge, du warst
     Das Kind des Hauses--Max!  du kannst mich nicht
     verlassen!
     Es kann nicht sein, ich mag's und will's nicht glauben,
     Da mich der Max verlassen kann.

Max.
     O Gott!

Wallenstein.
     Ich habe dich gehalten und getragen
     Von Kindesbeinen an--Was tat dein Vater
     Fr dich, das ich nicht reichlich auch getan?
     Ein Liebesnetz hab ich um dich gesponnen,
     Zerrei es, wenn du kannst--Du bist an mich
     Geknpft mit jedem zarten Seelenbande,
     Mit jeder heil'gen Fessel der Natur,
     Die Menschen aneinanderketten kannn.
     Geh hin, verla mich, diene deinem Kaiser,
     La dich mit einem goldnen Gnadenkettlein,
     Mit seinem Widderfell dafr belohnen,
     Da dir der Freund, der Vater deiner Jugend,
     Da dir das heiligste Gefhl nichts galt.

Max.  (in heftigem Kampf)
     O Gott!  Wie kann ich anders?  Mu ich nicht?
     Mein Eid--die Pflicht--

Wallenstein.
     Pflicht, gegen wen?  Wer bist du?
     Wenn ich am Kaiser unrecht handle, ist's
     Mein Unrecht, nicht das deinige.  Gehrst
     Du dir?  Bist du dein eigener Gebieter,
     Stehst frei da in der Welt, wie ich, da du
     Der Tter deiner Taten knntest sein?
     Auf mich bist du gepflanzt, ich bin dein Kaiser,
     Mir angehren, mir gehorchen, das
     Ist deine Ehre, dein Naturgesetz.
     Und wenn der Stern, auf dem du lebst und wohnst,
     Aus seinem Gleise tritt, sich brennend wirft
     Auf ein nchste Welt und sie entzndet,
     Dukannst nicht whlen, ob du folgen willst,
     Fort reit er dich in seines Schwunges Kraft
     Samt seinem Ring und allen seinen Monden.
     Mit leichter Schuld gehst du in diesen Streit,
     Dich wird die Welt nicht tadeln, sie wird's loben,
     Da dir der Freund das meiste hat gegolten.



Neunzehnter Auftritt

Vorige.  Neumann.


Wallenstein.
     Was gibt's?

Neumann.
     Die Pappenheimischen sind abgesessen
     Und rcken an zu Fu; sie sind entschlossen,
     Den Degen in der Hand das Haus zu strmen,
     Den Grafen wollen sie befrein.

Wallenstein.  (zu Terzky)
     Man soll
     Die Ketten vorziehn, das Geschtz aufpflanzen.
     Mit Kettenkugeln will ich sie empfangen.
(Terzky geht.)
     Mir vorzuschreiben mit dem Schwert!  Geh, Neumann,
     Sie sollen sich zurckziehn, augenblicks,
     Ist mein Befehl, und in der Ordnung schweigend warten,
     Was mir gefallen wird zu tun.
(Neumann geht ab.  Illo ist ans Fenster getreten.)

Grfin.
     Entla ihn.
     Ich bitte dich, entla ihn!

Illo.  (am Fenster)
     Tod und Teufel!

Wallenstein.
     Was ist's?

Illo.
     Aufs Rathaus steigen sie, das Dach
     Wird abgedeckt, sie richten die Kanonen
     Aufs Haus--

Max.
     Die Rasenden!

Illo.
     Sie machen Anstalt,
     Uns zu beschieen--
     Herzogin und Grfin.
     Gott im Himmel!

Max.  (zu Wallenstein).
     La mich
     Hinunter, sie bedeuten--

Wallenstein.
     Keinen Schritt!

Max.  (auf Thekla und die Herzogin zeigend)
     Ihr Leben aber!  Deins!

Wallenstein.
     Was bringst du, Terzky?



Zwanzigster Auftritt

Vorige.  Terzky kommt zurck.


Terzky.
     Botschaft von unsern treuen Regimentern.
     Ihr Mut sei lnger nicht zu bndigen,
     Sie flehen um Erlaubnis, anzugreifen,
     Vom Prager- und vom Mhl-Tor sind sie Herr,
     Und wenn du nur die Losung wolltest geben,
     So knnten sie den Feind im Rcken fassen,
     Ihn in die Stadt einkeilen, in der Enge
     Der Straen leicht ihn berwltigen.

Illo.
     O komm!  La ihren Eifer nicht erkalten.
     Die Buttlerischen halten treu zu uns,
     Wir sind die grre Zahl und werfen sie
     Und enden hier in Pilsen die Emprung.

Wallenstein.
     Soll diese Stadt zum Schlachtgefilde werden
     Und brderliche Zwietracht, feueraugig,
     Durch ihre Straen losgelassen toben?
     Dem tauben Grimm, der keinen Fhrer hrt,
     Soll die Entscheidung bergeben sein?
     Hier ist nicht Raum zum Schlagen, nur zum Wrgen;
     Die losgebundnen Furien der Wut
     Ruft keines Herrschers Stimme mehr zurck.
     Wohl, es mag sein!  Ich hab es lang bedacht,
     So mag sich's rasch und blutig denn entladen.
(Zu Max gewendet.)
     Wie ist's?  Willst du den Gang mit mir versuchen?
     Freiheit zu gehen hast du.  Stelle dich
     Mir gegenber.  Fhre sie zum Kampf.
     Den Krieg verstehst du, hast bei mir etwas
     Gelernt, ich darf des Gegners mich nicht schmen,
     Und keinen schnern Tag erlebst du, mir
     Die Schule zu bezahlen.

Grfin.
     Ist es dahin
     Gekommen?  Vetter!  Vetter!  knnt Ihr's tragen?

Max.
     Die Regimenter, die mir anvertraut sind,
     Dem Kaiser treu hinwegzufhren, hab ich
     Gelobt; dies will ich halten oder sterben.
     Mehr fordert keine Pflicht von mir.  Ich fechte
     Nicht gegen dich, wenn ich's vermeiden kann,
     Denn auch dein feindlich Haupt ist mir noch heilig.
(Es geschehn zwei Schsse.  Illo und Terzky eilen ans Fenster.)

Wallenstein.
     Was ist das?

Terzky.
     Er strzt.
     Wallenstein.
     Strzt!  Wer?

Illo.
     Die Tiefenbacher taten
     Den Schu.

Wallenstein.
     Auf wen?

Illo.
     Auf diesen Neumann, den
     Du schicktest--

Wallenstein.  (auffahrend).
     Tod und Teufel!  So will ich--
(Will gehen.)

Terzky.
     Dich ihrer blinden Wut entgegenstellen?
     Herzogin und Grfin.
     Um Gotteswillen nicht!

Illo.
     Jetzt nicht, mein Feldherr.

Grfin.
     O halt ihn!  halt ihn!

Wallenstein.
     Lat mich!

Max.
     Tu es nicht,
     Jetzt nicht.  Die blutig rasche Tat hat sie
     In Wut gesetzt, erwarte ihre Reue--

Wallenstein.
     Hinweg!  Zu lange schon hab ich gezaudert.
     Das konnten sie sich freventlich erkhnen,
     Weil sie mein Angesicht nicht sahn--sie sollen
     Mein Antlitz sehen, meine Stimme hren--
     Sind es nicht meine Truppen?  Bin ich nicht
     Ihr Feldherr und gefrchteter Gebieter?
     La sehn, ob sie das Antlitz nicht mehr kennen,
     Das ihre Sonne war in dunkler Schlacht.
     Es braucht der Waffen nicht.  Ich zeige mich
     Vom Altan dem Rebellenherr, und schnell
     Bezhmt, gebt acht, kehrt der emprte Sinn
     Ins alte Bette des Gehorsams wieder.
(Er geht.  Ihm folgen Illo, Terzky und Buttler.)



Einundzwanzigster Auftritt

Grfin.  Herzogin.  Max und Thekla.


Grfin.  (zur Herzogin)
     Wenn sie ihn sehn--Es ist noch Hoffnung, Schwester.

Herzogin.
     Hoffnung!  Ich habe keine.

Max.  (der whrend des letzten Auftritts in einem sichtbaren Kampf
     von ferne gestanden, tritt nher).
     Das ertrag ich nicht.
     Ich kam hierher mit fest entschiedner Seele,
     Ich glaubte, recht und tadellos zu tun,
     Und mu hier stehen, wie ein Hassenswerter,
     Ein roh Unmenschlicher, vom Fluch belastet,
     Vom Abscheu aller, die mir teuer sind,
     Unwrdig schwer bedrngt die Lieben sehn,
     Die ich mit einem Wort beglcken kann--
     Das Herz in mir emprt sich, es erheben
     Zwei Stimmen streitend sich in meiner Brust,
     In mir ist Nacht, ich wei das Rechte nicht zu whlen.
     O wohl, wohl hast du wahr geredet, Vater,
     Zu viel vertraut' ich auf das eigne Herz,
     Ich stehe wankend, wei nicht, was ich soll.

Grfin.
     Sie wissen's nicht?  Ihr Herz sagt's Ihnen nicht?
     So will ich's Ihnen sagen!
     Ihr Vater hat den schreienden Verrat
     An uns begangen, an des Frsten Haupt
     Gefrevelt, uns in Schmach gestrzt, daraus
     Ergibt sich klar, was Sie, sein Sohn, tun sollen:
     Gutmachen, was der Schndliche verbrochen,
     Ein Beispiel aufzustellen frommer Treu,
     Da nicht der Name Piccolomini
     Ein Schandlied sei, ein ew'ger Fluch im Haus
     Der Wallensteiner.

Max.
     Wo ist eine Stimme
     Der Wahrheit, der ich folgen darf?  Uns alle
     Bewegt der Wunsch, die Leidenschaft.  Da jetzt
     Ein Engel mir vom Himmel niederstiege,
     Das Rechte mir, das unverflschte, schpfte
     Am reinen Lichtquell, mit der reinen Hand!
(Indem seine Augen auf Thekla fallen.)
     Wie?  Such ich diesen Engel noch?  Erwart ich
     Noch einen andern?
(Er nhert sich ihr, den Arm um sie schlagend.)
     Hier, auf dieses Herz,
     Das unfehlbare, heilig reine will
     Ich's legen, deine Liebe will ich fragen,
     Die nur den Glcklichen beglcken kann,
     Vom unglckselig Schuldigen sich wendet.
     Kannst du mich dann noch lieben, wenn ich bleibe?
     Erklre, da du's kannst, und ich bin euer.

Grfin.  (mit Bedeutung)
     Bedenkt--

Max.  (unterbricht sie)
     Bedenke nichts.  Sag, wie du's fhlst.

Grfin.
     An Euren Vater denkt--

Max.  (unterbricht sie)
     Nicht Friedlands Tochter,
     Ich frage dich, dich, die Geliebte frag ich!
     Es gilt nicht, eine Krone zu gewinnen,
     Das mchtst du mit klugem Geist bedenken.
     Die Ruhe deines Freundes gilt's, das Glck
     Von einem Tausend tapfrer Heldenherzen,
     Die seine Tat zum Muster nehmen werden.
     Soll ich dem Kaiser Eid und Pflicht abschwren?
     Soll ich ins Lager des Octavio
     Die vatermrderische Kugel senden?
     Denn wenn die Kugel los ist aus dem Lauf,
     Ist sie kein totes Werkzeug mehr, sie lebt,
     Ein Geist fhrt in sie, die Erinnyen
     Ergreifen sie, des Frevels Rcherinnen,
     Und fhren tckisch sie den rgsten Weg.

Thekla.
     O Max--

Max.  (unterbricht sie)
     Nein, bereile dich auch nicht.
     Ich kenne dich.  Dem edeln Herzen knnte
     Die schwerste Pflicht die nchste scheinen.  Nicht
     Das Groe, nur das Menschliche geschehe.
     Denk, was der Frst von je an mir getan;
     Denk auch, wie's ihm mein Vater hat vergolten,
     O auch die schnen, freien Regungen
     Der Gastlichkeit, der frommen Freundestreue
     Sind eine heilige Religion dem Herzen,
     Schwer rchen sie die Schauder der Natur
     An dem Barbaren, der sie grlich schndet.
     Leg alles, alles in die Waage, sprich
     Und la dein Herz entscheiden.

Thekla.
     O das deine
     Hat lngst entschieden.  Folge deinem ersten
     Gefhl--

Grfin.
     Unglckliche!

Thekla.
     Wie knnte das
     Das Rechte sein, was dieses zarte Herz
     Nicht gleich zuerst ergriffen und gefunden?
     Geh und erflle deine Pflicht.  Ich wrde
     Dich immer lieben.  Was du auch erwhlt,
     Du wrdest edel stets und deiner wrdig
     Gehandelt haben--aber Reue soll
     Nicht deiner Seele schnen Frieden stren.

Max.
     So mu ich dich verlassen, von dir scheiden!

Thekla.
     Wie du dir selbst getreu bleibst, bist du's mir.
     Uns trennt das Schicksal, unsre Herzen bleiben einig.
     Ein blut'ger Ha entzweit auf ew'ge Tage
     Die Huser Friedland, Piccolomini,
     Doch wir gehren nicht zu unserm Hause.
     --Fort!  Eile!  Eile, deine gute Sache
     Von unsrer unglckseligen zu trennen.
     Auf unserm Haupte liegt der Fluch des Himmels,
     Es ist dem Untergang geweiht.  Auch mich
     Wird meines Vaters Schuld mit ins Verderben
     Hinabziehn.  Traure nicht um mich, mein Schicksal
     Wird bald entschieden sein.
(Max fat sie in die Arme, heftig bewegt.  Man hrt hinter der
Szene ein lautes, wildes, langverhallendes Geschrei: "Vivat
Ferdinandus!" von kriegerischen Instrumenten begleitet.  Max
und Thekla halten einander unbeweglich in den Armen.)



Zweiundzwanzigster Auftritt

Vorige.  Terzky.


Grfin.  (ihm entgegen)
     Was war das?  Was bedeutete das Rufen?

Terzky.
     Es ist vorbei, und alles ist verloren.

Grfin.
     Wie, und sie gaben nichts auf seinen Anblick?

Terzky.
     Nichts.  Alles war umsonst.

Herzogin.
     Sie riefen Vivat.

Terzky.
     Dem Kaiser.

Grfin.
     O die Pflichtvergessenen!

Terzky.
     Man lie ihn nicht einmal zum Worte kommen.
     Als er zu reden anfing, fielen sie
     Mit kriegerischem Spiel betubend ein.
     --Hier kommt er.



Dreiundzwanzigster Auftritt

Vorige.  Wallenstein, begleitet von Illo und Buttler.
Darauf Krassiere.


Wallenstein.  (im Kommen).
     Terzky!

Terzky.
     Mein Frst?

Wallenstein.
     La unsre Regimenter
     Sich fertig halten, heut noch aufzubrechen,
     Denn wir verlassen Pilsen noch vor Abend.
(Terzky geht ab.)
     Buttler--

Buttler.
     Mein General?--

Wallenstein.
     Der Kommendant zu Eger
     Ist Euer Freund und Landsmann.  Schreibt ihm gleich
     Durch einen Eilenden, er soll bereit sein,
     Uns morgen in die Festung einzunehmen--
     Ihr folgt uns selbst mit Euerm Regiment.

Buttler.
     Es soll geschehn, mein Feldherr.

Wallenstein.  (tritt zwischen Max und Thekla, welche sich
whrend dieser Zeit fest umschlungen gehalten)
     Scheidet!

Max.
     Gott!
(Krassiere mit gezogenem Gewehr treten in den Saal und sammeln sich
im Hintergrunde.  Zugleich hrt man unten einige mutige Passagen aus
dem Pappenheimer Marsch, welche dem Max zu rufen scheinen.)

Wallenstein.  (zu den Krassieren).
     Hier ist er.  Er ist frei.  Ich halt ihn nicht mehr.
(Er steht abgewendet und so, da Max ihm nicht beikommen, noch
sich dem Frulein nhern kann.)

Max.
     Du hassest mich, treibst mich im Zorn von dir.
     Zerreien soll das Band der alten Liebe,
     Nicht sanft sich lsen, und du willst den Ri,
     Den schmerzlichen, mir schmerzlicher noch machen!
     Du weit, ich habe ohne dich zu leben
     Noch nicht gelernt--in eine Wste geh ich
     Hinaus, und alles, was mir wert ist, alles
     Bleibt hier zurck--O wende deine Augen
     Nicht von mir weg!  Noch einmal zeige mir
     Dein ewig teures und verehrtes Antlitz.
     Versto mich nicht--
(Er will seine Hand fassen.  Wallenstein zieht sie zurck.  Er
wendet sich an die Grfin.)

Ist hier kein andres Auge,
     Das Mitleid fr mich htte--Base Terzky--
(Sie wendet sich von ihm; er kehrt sich zur Herzogin.)
     Ehrwrd'ge Mutter--

Herzogin.
     Gehn Sie, Graf, wohin
     Die Pflicht Sie ruft--So knnen Sie uns einst
     Ein treuer Freund, ein guter Engel werden
     Am Thron des Kaisers.

Max.
     Hoffnung geben Sie mir,
     Sie wollen mich nicht ganz verzweifeln lassen.
     O tuschen Sie mich nicht mit leerem Blendwerk,
     Mein Unglck ist gewi, und Dank dem Himmel!
     Der mir ein Mittel eingibt, es zu enden.
(Die Kriegsmusik beginnt wieder.  Der Saal fllt sich mehr und
mehr mit Bewaffneten an.  Er sieht Buttlern dastehn.)
     Ihr auch hier, Oberst Buttler--Und Ihr wollt mir
     Nicht folgen?--Wohl!  Bleibt Eurem neuen Herrn
     Getreuer als dem alten.  Kommt!  Versprecht mir,
     Die Hand gebt mir darauf, da Ihr sein Leben
     Beschtzen, unverletzlich wollt bewahren.
(Buttler verweigert seine Hand.)
     Des Kaisers Acht hngt ber ihm und gibt
     Sein frstlich Haupt jedwedem Mordknecht preis,
     Der sich den Lohn der Bluttat will verdienen;
     Jetzt tt' ihm eines Freundes fromme Sorge,
     Der Liebe treues Auge not--und die
     Ich scheidend um ihn seh--
(Zweideutige Blicke auf Illo und Buttler richtend.)

Illo.
     Sucht die Verrter
     In Eures Vaters, in des Gallas Lager.
     Hier ist nur einer noch.  Geht und befreit uns
     Von seinem hassenswrd'gen Anblick.  Geht.
(Max versucht es noch einmal, sich der Thekla zu nhern.
Wallenstein verhindert es.  Er steht unschlssig, schmerzvoll;
indes fllt sich der Saal immer mehr und mehr, und die Hrner
ertnen unten immer auffordernder und in immer krzeren Pausen.)

Max.
     Blast!  Blast!--O wren es die schwed'schen Hrner,
     Und ging's von hier gerad ins Feld des Todes,
     Und alle Schwerter, alle, die ich hier
     Entblt mu sehn, durchdrngen meinen Busen!
     Was wollt ihr?  Kommt ihr, mich von hier
     Hinwegzureien--o treibt mich nicht zu Verzweiflung!
     Tut's nicht!  Ihr knntet es bereun!
(Der Saal ist ganz mit Bewaffneten erfllt.)
     Noch mehr--Es hngt Gewicht sich an Gewicht,
     Und ihre Masse zieht mich schwer hinab.--
     Bedenket, was ihr tut.  Es ist nicht wohlgetan,
     Zum Fhrer den Verzweifelnden zu whlen.
     Ihr reit mich weg von meinem Glck, wohlan,
     Der Rachegttin weih ich eure Seelen!
     Ihr habt gewhlt zum eigenen Verderben,
     Wer mit mir geht, der sei bereit zu sterben!
(Indem er sich nach dem Hintergrund wendet, entsteht eine
rasche Bewegung unter den Krassieren, sie umgeben und begleiten
ihn in wildem Tumult.  Wallenstein bleibt unbeweglich.  Thekla
sinkt in ihrer Mutter Arme.  Der Vorhang fllt.)




Vierter Aufzug

In des Brgermeisters Hause zu Eger.



Erster Auftritt


Buttler.  (der eben anlangt)
     Er ist herein.  Ihn fhrte sein Verhngnis,
     Der Rechen ist gefallen hinter ihm,
     Und wie die Brcke, die ihn trug, beweglich
     Sich niederlie und schwebend wieder hob,
     Ist jeder Rettungsweg ihm abgeschnitten.
     Bis hieher, Friedland, und nicht weiter!  sagt
     Die Schicksalsgttin.  Aus der bhmischen Erde
     Erhub sich dein bewunder Meteor,
     Weit durch den Himmel einen Glanzweg ziehend,
     Und hier an Bhmens Grenze mu es sinken!
     --Du hast die alten Fahnen abgeschworen,
     Verblendeter, und traust dem alten Glck!
     Den Krieg zu tragen in des Kaisers Lnder,
     Den heil'gen Herd der Laren umzustrzen,
     Bewaffnest du die frevelhafte Hand.
     Nimm dich in acht!  dich treibt der bse Geist
     Der Rache--da dich Rache nicht verderbe!



Zweiter Auftritt

Buttler und Gordon.


Gordon.
     Seid Ihr's?  O wie verlangt mich, Euch zu hren.
     Der Herzog ein Verrter!  O mein Gott!
     Und flchtig!  Und sein frstlich Haupt gechtet!
     Ich bitt Euch, General, sagt mir ausfhrlich,
     Wie alles dies zu Pilsen sich begeben?

Buttler.
     Ihr habt den Brief erhalten, den ich Euch
     Durch einen Eilenden vorausgesendet?

Gordon.
     Und habe treu getan, wie Ihr mich hiet,
     Die Festung unbedenklich ihm geffnet,
     Denn mir befiehlt ein kaiserlicher Brief,
     Nach Eurer Ordre blindlings mich zu fgen.
     Jedoch verzeiht!  als ich den Frsten selbst
     Nun sah, da fing ich wieder an, zu zweifeln.
     Denn wahrlich!  nicht als ein Gechteter
     Trat Herzog Friedland ein in diese Stadt.
     Von seiner Stirne leuchtete wie sonst
     Des Herrschers Majestt, Gehorsam fordernd,
     Und ruhig, wie in Tagen guter Ordnung,
     Nahm er des Amtes Rechenschaft mir ab.
     Leutselig macht das Migeschick, die Schuld,
     Und schmeichelnd zum geringern Manne pflegt
     Gefallner Stolz herunter sich zu beugen;
     Doch sparsam und mit Wrde wog der Frst
     Mir jedes Wort des Beifalls, wie der Herr
     Den Diener lobt, der sein Pflicht getan.

Buttler.
     Wie ich Euch schrieb, so ist's genau geschehn.
     Es hat der Frst dem Feinde die Armee
     Verkauft, ihm Prag und Eger ffnen wollen.
     Verlassen haben ihn auf dies Gercht
     Die Regimenter alle bis auf fnfe,
     Die Terzkyschen, die ihm hieher gefolgt.
     Die Acht ist ausgesprochen ber ihn,
     Und ihn zu liefern, lebend oder tot,
     Ist jeder treue Diener aufgefordert.

Gordon.
     Verrter an dem Kaiser--solch ein Herr!
     So hochbegabt!  O was ist Menschengre!
     Ich sagt' es oft: das kann nicht glcklich enden;
     Zum Fallstrick ward ihm seine Gr' und Macht
     Und diese dunkelschwankende Gewalt.
     Denn um sich greift der Mensch, nicht darf man ihn
     Der eignen Migung vertraun.  Ihn hlt
     In Schranken nur das deutliche Gesetz
     Und der Gebruche tiefgetretne Spur.
     Doch unnatrlich war und neuer Art
     Die Kriegsgewalt in dieses Mannes Hnden;
     Dem Kaiser selbst stellte sie ihn gleich,
     Der stolze Geist verlernte, sich zu beugen.
     O schad um solchen Mann!  denn keiner mchte
     Da feste stehen, mein ich, wo er fiel.

Buttler.
     Spart Eure Klagen, bis er Mitleid braucht,
     Denn jetzt noch ist der Mchtige zu frchten.
     Die Schweden sind im Anmarsch gegen Eger,
     Und schnell, wenn wir's nicht rasch entschlossen hindern,
     Wird die Vereinigung geschehn.  Das darf nicht sein!
     Es darf der Frst nicht freien Fues mehr
     Aus diesem Platz, denn Ehr' und Leben hab ich
     Verpfndet, ihn gefangen hier zu nehmen,
     Und Euer Beistand ist's, auf den ich rechne.

Gordon.
     O htt' ich nimmer diesen Tag gesehn!
     Aus seiner Hand empfing ich diese Wrde,
     Er selber hat dies Schlo mir anvertraut,
     Das ich in seinen Kerker soll verwandeln.
     Wir Subalternen haben keinen Willen;
     Der freie Mann, der mchtige allein
     Gehorcht dem schnen menschlichen Gefhl.
     Wir aber sind nur Schergen des Gesetzes,
     Des grausamen; Gehorsam heit die Tugend,
     Um die der Niedre sich bewerben darf.

Buttler.
     Lat Euch das enggebundene Vermgen
     Nicht leid tun.  Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum,
     Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.

Gordon.
     So hat ihn alles denn verlassen, sagt Ihr?
     Er hat das Glck von Tausenden gegrndet,
     Denn kniglich war sein Gemt, und stets
     Zum Geben war die volle Hand geffnet--
(Mit einem Seitenblick auf Buttlern.)
     Vom Staube hat er manchen aufgelesen,
     Zu hoher Ehr' und Wrden ihn erhht
     Und hat sich keinen Freund damit, nicht einen
     Erkauft, der in der Not ihm Farbe hielt!

Buttler.
     Hier lebt ihm einer, den er kaum gehofft.

Gordon.
     Ich hab mich keiner Gunst von ihm erfreut.
     Fast zweifl' ich, ob er je in seiner Gre
     Sich eines Jugendfreunds erinnert hat--
     Denn fern von ihm hielt mich der Dienst, sein Auge
     Verlor mich in den Mauern dieser Burg,
     Wo ich, von seiner Gnade nicht erreicht,
     Das freie Herz im stillen mir bewahrte.
     Denn als er mich in dieses Schlo gesetzt,
     War's ihm noch Ernst um seine Pflicht; nicht sein
     Vertrauen tusch ich, wenn ich treu bewahre,
     Was meiner Treue bergeben ward.

Buttler.
     So sagt, wollt Ihr die Acht an ihm vollziehn,
     Mir Eure Hilfe leihn, ihn zu verhaften?

Gordon.  (nach einem nachdenklichen Stillschweigen kummervoll).
     Ist es an dem--verhlt sich's, wie Ihr sprecht--
     Hat er den Kaiser, seinen Herrn, verraten,
     Das Heer verkauft, die Festungen des Landes
     Dem Reichsfeind ffnen wollen--Ja, dann ist
     Nicht Rettung mehr fr ihn--Doch es ist hart,
     Da unter allen eben mich das Los
     Zum Werkzeug seines Sturzes mu erwhlen.
     Denn Pagen waren wir am Hof zu Burgau
     Zu gleicher Zeit, ich aber war der ltre.

Buttler.
     Ich wei davon.

Gordon.
     Wohl dreiig Jahre sind's.  Da strebte schon
     Der khne Mut im zwanzigjhr'gen Jngling.
     Ernst ber seine Jahre war sein Sinn,
     Auf groe Dinge mnnlich nur gerichtet.
     Durch unsre Mitte ging er stillen Geists,
     Sich selber die Gesellschaft; nicht die Lust,
     Die kindische, der Knaben zog ihn an;
     Doch oft ergriff's ihn pltzlich wundersam,
     Und der geheimnisvollen Brust entfuhr,
     Sinnvoll und leuchtend, ein Gedankenstrahl,
     Da wir uns staunend ansahn, nicht recht wissend,
     Ob Wahnsinn, ob ein Gott aus ihm gesprochen.

Buttler.
     Dort war's, wo er zwei Stock hoch niederstrzte,
     Als er im Fensterbogen eingeschlummert,
     Und unbeschdigt stand er wieder auf.
     Von diesem Tag an, sagt man, lieen sich
     Anwandlungen des Wahnsinns bei ihm spren.

Gordon.
     Tiefsinn'ger wurd'er, das ist wahr, er wurde
     Katholisch.  Wunderbar hatt' ihn das Wunder
     Der Rettung umgekehrt.  Er hielt sich nun
     Fr ein begnstigt und befreites Wesen,
     Und keck wie einer, der nicht straucheln kann,
     Lief er auf schwankem Seil des Lebens hin.
     Nachher fhrt' uns das Schicksal auseinander
     Weit, weit!  Er ging der Gre khnen Weg,
     Mit schnellem Schritt, ich sah ihn schwindelnd gehn,
     Ward Graf und Frst und Herzog und Diktator,
     Und jetzt ist alles ihm zu klein, er streckt
     Die Hnde nach der Knigskrone aus
     Und strzt in unermeliches Verderben!

Buttler.
     Brecht ab.  Er kommt.



Dritter Auftritt

Wallenstein im Gesprch mit dem Brgermeister von Eger.  Die Vorigen.


Wallenstein.
     Ihr wart sonst eine freie Stadt?  Ich seh,
     Ihr fhrt den halben Adler in dem Wappen.
     Warum den halben nur?

Brgermeister.
     Wir waren reichsfrei,
     Doch seit zweihundert Jahren ist die Stadt
     Der bhm'schen Kron' verpfndet.  Daher rhrt's,
     Da wir nur noch den halben Adler fhren.
     Der untre Teil ist kanzelliert, bis etwa
     Das Reich uns wieder einlst.

Wallenstein.
     Ihr verdientet
     Die Freiheit.  Haltet euch nur brav.  Gebt keinem
     Aufwieglervolk Gehr.  Wie hoch seid ihr
     Besteuert?

Brgermeister.  (zuckt die Achseln)
     Da wir's kaum erschwingen knnen.
     Die Garnison lebt auch auf unsre Kosten.

Wallenstein.
     Ihr sollt erleichtert werden.  Sagt mir an,
     Es sind noch Protestanten in der Stadt?
(Brgermeister stutzt.)
     Ja, ja.  Ich wei es.  Es verbergen sich noch viele
     In diesen Mauern--ja!  gesteht's nur frei--
     Ihr selbst--Nicht wahr?
(Fixiert ihn mit den Augen.  Brgermeister erschrickt.)
     Seid ohne Furcht.  Ich hasse
     Die Jesuiten--Lg's an mir, sie wren lngst
     Aus Reiches Grenzen--Mebuch oder Bibel!
     Mir ist's all eins--Ich hab's der Welt bewiesen--
     In Glogau hab ich selber eine Kirch'
     Den Evangelischen erbauen lassen.
     --Hrt, Brgermeister--wie ist Euer Name?

Brgermeister.
     Pachhlbel, mein erlauchter Frst.

Wallenstein.
     Hrt--aber sagt's nicht weiter, was ich Euch
     Jetzt im Vertraun erffne.
(Ihm die Hand auf die Achsel legend, mit einer gewissen
Feierlichkeit.)

Die Erfllung
     Der Zeiten ist gekommen, Brgermeister.
     Die Hohen werden fallen, und die Niedrigen
     Erheben sich--Behaltet's aber bei Euch!
     Die spanische Doppelherrschaft neiget sich
     Zu ihrem Ende, eine neue Ordnung
     Der Dinge fhrt sich ein--Ihr saht doch jngst
     Am Himmel die drei Monde?

Brgermeister.
     Mit Entsetzen.

Wallenstein.
     Davon sich zwei in blut'ge Dolchgestalt
     Verzogen und und verwandelten.  Nur einer,
     Der mittlere blieb stehn in seiner Klarheit.

Brgermeister.
     Wir zogen's auf den Trken.

Wallenstein.
     Trken!  Was?
     Zwei Reiche werden blutig untergehen
     Im Osten und im Westen, sag ich Euch,
     Und nur der lutherischen Glaub' wird bleiben.
(Er bemerkt die zwei andern.)
     Ein starkes Schieen war ja diesen Abend
     Zur linken Hand, als wir den Weg hieher
     Gemacht.  Vernahm man's auch hier in der Festung?

Gordon.
     Wohl hrten wir's, mein General.  Es brachte
     Der Wind den Schall gerad von Sden her.

Buttler.
     Von Neustadt oder Weiden schien's zu kommen.

Wallenstein.
     Das ist der Weg, auf dem die Schweden nahn.
     Wie stark ist die Besatzung?

Gordon.
     Hundertachtzig
     Dienstfhige Mann, der Rest sind Invaliden.

Wallenstein.
     Und wieviel stehn im Jochimstal?

Gordon.
     Zweihundert
     Arkebusierer hab ich hingeschickt,
     Den Posten zu verstrken gegen die Schweden.

Wallenstein.
     Ich lobe Eure Vorsicht.  An den Werken
     Wird auch gebaut.  Ich sah's bei der Hereinfahrt.

Gordon.
     Weil uns der Rheingraf jetzt so nah bedrngt,
     Lie ich noch zwei Pasteien schnell errichten.

Wallenstein.
     Ihr seid genau in Eures Kaisers Dienst.
     Ich bin mit Euch zufrieden, Oberstleutnant.
(Zu Buttlern.)
     Der Posten in dem Jochimstal soll abziehn
     Samt allen, die dem Feind entgegenstehn.
(Zu Gordon.)
     In Euren treuen Hnden, Kommendant,
     La ich mein Weib, mein Kind und meine Schwester.
     Denn hier ist meines Bleibens nicht; nur Briefe
     Erwart ich, mit dem frhesten die Festung
     Samt allen Regimentern zu verlassen.



Vierter Auftritt

Vorige.  Graf Terzky.


Terzky.
     Willkommne Botschaft!  Frohe Zeitungen!

Wallenstein.
     Was bringst du?

Terzky.
     Eine Schlacht ist vorgefallen
     Bei Neustadt, und die Schweden blieben Sieger.

Wallenstein.
     Was sagst du?  Woher kommt dir diese Nachricht?

Terzky.
     Ein Landmann bracht' es mit von Tirschenreit,
     Nach Sonnenuntergang hab's angefangen,
     Ein kaiserlicher Trupp von Tachau her
     Sie eingebrochen in das schwed'sche Lager,
     Zwei Stunden hab' das Schieen angehalten,
     Und tausend Kaiserliche sei'n geblieben,
     Ihr Oberst mit, mehr wut' er nicht zu sagen.

Wallenstein.
     Wie kme kaiserliches Volk nach Neustadt?
     Der Altringer, er mte Flgel haben,
     Stand gestern vierzehn Meilen noch von da;
     Das Gallas Vlker sammeln sich zu Fraunberg
     Und sind noch nicht beisammen.  Htte sich
     Der Suys etwa so weit vorgewagt?
     Es kann nicht sein.
(Illo erscheint.)

Terzky.
     Wir werden's alsbald hren,
     Denn hier kommt Illo frhlich und voll Eile.



Fnfter Auftritt

Illo.  Die Vorigen.


Illo.  (zu Wallenstein)
     Ein Reitender ist da und will dich sprechen.

Terzky.
     Hat's mit dem Siege sich besttigt?  Sprich!
     Wallenstein.
     Was bringt er?  Woher kommt er?

Illo.
     Von dem Rheingraf,
     Und was er bringt, will ich voraus dir melden.
     Die Schweden stehn fnf Meilen nur von hier,
     Bei Neustadt hab' der Piccolomini
     Sich mit der Reiterei auf sie geworfen,
     Ein frchterliches Morden sei geschehn,
     Doch endlich hab' die Menge berwltigt,
     Die Pappenheimer alle, auch der Max,
     Der sie gefhrt--sei'n auf dem Platz geblieben.

Wallenstein.
     Wo ist der Bote?  Bringt mich zu ihm.
(Will abgehn.  Indem strzt Frulein Neubrunn ins Zimmer, ihr
folgen einige Bediente, die durch den Saal rennen.)

Neubrunn.
     Hilfe!  Hilfe!

Illo
     und Terzky.
     Was gibt's?

Neubrunn.
     Das Frulein!--

Wallenstein
     und Terzky.  Wei sie's?

Neubrunn.
     Sie will sterben.
(Eilt fort.  Wallenstein und Terzky mit Illo ihr nach.)



Sechster Auftritt

Buttler und Gordon.


Gordon.  (erstaunt)
     Erklrt mir.  Was bedeutete der Auftritt?

Buttler.
     Sie hat den Mann verloren, den sie liebte,
     Der Piccolomini war's, der umgekommen.

Gordon.
     Unglcklich Frulein!

Buttler.
     Ihr habt gehrt, was dieser Illo brachte,
     Da sich die Schweden siegend nahn.

Gordon.
     Wohl hrt' ich's.

Buttler.
     Zwlf Regimenter sind sie stark, und fnf
     Stehn in der Nh', den Herzog zu beschtzen.
     Wir haben nur mein einzig Regiment,
     Und nicht zweihundert stark ist die Besatzung.

Gordon.
     So ist's.

Buttler.
     Nicht mglich ist's, mit so geringer Mannschaft
     Solch einen Staatsgefangnen zu bewahren.

Gordon.
     Das seh ich ein.

Buttler.
     Die Menge htte bald das kleine Huflein
     Entwaffnet, ihn befreit.

Gordon.
     Das ist zu frchten.

Buttler.  (nach einer Pause)
     Wit!  Ich bin Brge worden fr den Ausgang,
     Mit meinem Haupte haft ich fr das seine,
     Wort mu ich halten, fhr's wohin es will,
     Und ist der Lebende nicht zu bewahren,
     So ist--der Tote uns gewi.

Gordon.
     Versteh ich Euch?  Gerechter Gott!  Ihr knntet--

Buttler.
     Er darf nicht leben.

Gordon.
     Ihr vermchtet's?

Buttler.
     Ihr oder ich.  Er sah den letzten Morgen.

Gordon.
     Ermorden wollt Ihr ihn?

Buttler.
     Das ist mein Vorsatz.

Gordon.
     Der Eurer Treu vertraut!

Buttler.
     Sein bses Schicksal!

Gordon.
     Des Feldherrn heilige Person!

Buttler.
     Das war er!

Gordon.
     O was er war, lscht kein Verbrechen aus!
     Ohn' Urtel?

Buttler.
     Die Vollstreckung ist statt Urtels.

Gordon.
     Das wre Mord und nicht Gerechtigkeit,
     Denn hren mu sie auch den Schuldigsten.

Buttler.
     Klar ist die Schuld, der Kaiser hat gerichtet,
     Und seinen Willen nur vollstrecken wir.

Gordon.
     Den blut'gen Spruch mu man nicht rasch vollziehn,
     Ein Wort nimmt sich, ein Leben nie zurck.

Buttler.
     Der hurt'ge Dienst gefllt den Knigen.

Gordon.
     Zu Henkers Dienst drngt sich kein edler Mann.

Buttler.
     Kein mutiger erbleicht vor khner Tat.

Gordon.
     Das Leben wagt der Mut, nicht das Gewissen.

Buttler.
     Was?  Soll er frei ausgehn, des Krieges Flamme,
     Die unauslschliche, aufs neu entznden?

Gordon.
     Nehmt ihn gefangen, ttet ihn nur nicht,
     Greift blutig nicht dem Gnadenengel vor.

Buttler.
     Wr' die Armee des Kaisers nicht geschlagen,
     Mcht' ich lebendig ihn erhalten haben.

Gordon.
     O warum schlo ich ihm die Festung auf!

Buttler.
     Der Ort nicht, sein Verhngnis ttet ihn.

Gordon.
     Auf diesen Wllen wr' ich ritterlich,
     Des Kaisers Schlo verteidigend, gesunken.

Buttler.
     Und tausend brave Mnner kamen um!

Gordon.
     In ihrer Pflicht--das schmckt und ehrt den Mann;
     Doch schwarzen Mord verfluchte die Natur.

Buttler.  (eine Schrift hervorlangend)
     Hier ist das Manifest, das uns befiehlt,
     Uns seiner zu bemchtigen.  Es ist an Euch
     Gerichtet, wie an mich.  Wollt Ihr die Folgen tragen,
     Wenn er zum Feind entrinnt durch unsre Schuld?

Gordon.
     Ich, der Ohnmchtige, o Gott!

Buttler.
     Nehmt Ihr's auf Euch.  Steht fr die Folgen ein!
     Mag werden draus was will!  Ich leg's auf Euch.

Gordon.
     O Gott im Himmel!

Buttler.
     Wit Ihr andern Rat,
     Des Kaisers Meinung zu vollziehen?  Sprecht!
     Denn strzen, nicht vernichten will ich ihn.

Gordon.
     O Gott!  Was sein mu, seh ich klar wie Ihr,
     Doch anders schlgt das Herz in meiner Brust.

Buttler.
     Auch dieser Illo, dieser Terzky drfen
     Nicht leben, wenn der Herzog fllt.

Gordon.
     O nicht um diese tut mir's leid.  Sie trieb
     Ihr schlechtes Herz, nicht die Gewalt der Sterne.
     Sie waren's, die in seine ruh'ge Brust
     Den Samen bser Leidenschaft gestreut,
     Die mit fluchwrdiger Geschftigkeit
     Die Unglcksfrucht in ihm genhrt--Mag sie
     Des bsen Dienstes bser Lohn ereilen!

Buttler.
     Auch sollen sie im Tod ihm gleich voran.
     Verabred't ist schon alles.  Diesen Abend
     Bei eines Gastmahls Freuden wollten wir
     Sie lebend greifen und im Schlo bewahren.
     Viel krzer ist es so.  Ich geh sogleich,
     Die ntigen Befehle zu erteilen.



Siebenter Auftritt

Vorige.  Illo und Terzky.


Terzky.
     Nun soll's bald anders werden!  Morgen ziehn
     Die Schweden ein, zwlftausend tapfre Krieger.
     Dann grad auf Wien.  He!  Lustig, Alter!  Kein
     So herb Gesicht zu solcher Freudenbotschaft!

Illo.
     Jetzt ist's an uns, Gesetze vorzuschreiben
     Und Rach' zu nehmen an den schlechten Menschen,
     Den schndlichen, die uns verlassen.  Einer
     Hat's schon gebt, der Piccolomini.
     Ging's allen so, die's bel mit uns meinen!
     Wie schwer trifft dieser Schlag das alte Haupt!
     Der hat sein ganzes Leben lang sich
     Abgeqult, sein altes Grafenhaus zu frsten,
     Und jetzt begrbt er seinen einz'gen Sohn!

Buttler.
     Schad ist's doch um den heldenmt'gen Jngling,
     Dem Herzog selbst ging's nah, man sah es wohl.

Illo.
     Hrt, alter Freund!  Das ist es, was mir nie
     Am Herrn gefiel, es war mein ew'ger Zank,
     Er hat die Welschen immer vorgezogen.
     Auch jetzo noch, ich schwr's bei meiner Seele,
     Sh' er uns alle lieber zehnmal tot,
     Knnt' er den Freund damit ins Leben rufen.

Terzky.
     Still!  Still!  Nicht weiter!  La die Toten ruhn!
     Heut gilt es, wer den andern niedertrinkt,
     Denn Euer Regiment will uns bewirten.
     Wir wollen eine lust'ge Fanacht halten,
     Die Nacht sei einmal Tag, bei vollen Glsern
     Erwarten wir die schwed'sche Avantgarde.

Illo.
     Ja, lat uns heut noch guter Dinge sein,
     Denn heie Tage stehen uns bevor.
     Nicht ruhn soll dieser Degen, bis er sich
     In sterreich'schem Blute satt gebadet.

Gordon.
     Pfui, welche Red' ist das, Herr Feldmarschall,
     Warum so wten gegen Euren Kaiser--

Buttler.
     Hofft nicht zu viel von diesem ersten Sieg.
     Bedenkt, wie schnell des Glckes Rad sich dreht,
     Denn immer noch sehr mchtig ist der Kaiser.

Illo.
     Der Kaiser hat Soldaten, keinen Feldherrn,
     Denn dieser Knig Ferdinand von Ungarn
     Versteht den Krieg nicht--Gallas?  Hat kein Glck
     Und war von jeher nur ein Heerverderber.
     Und diese Schlange, der Octavio,
     Kann in die Fersen heimlich wohl verwunden,
     Doch nicht in offner Schlacht dem Friedland stehn.

Terzky.
     Nicht fehlen kann's uns, glaubt mir's nur.  Das Glck
     Verlt den Herzog nicht; bekannt ist's ja,
     Nur unterm Wallenstein kann streich siegen.

Illo.
     Der Frst wird ehestens ein groes Heer
     Beisammen haben, alles drngt sich, strmt
     Herbei zum alten Ruhme seiner Fahnen.
     Die alten Tage seh ich wiederkehren,
     Der groe wird er wieder, der er war--
     Wie werden sich die Toren dann ins Aug'
     Geschlagen haben, die ihn jetzt verlieen!
     Denn Lnder schenken wird er seinen Freunden
     Und treue Dienste kaiserlich belohnen.
     Wir aber sind in seiner Gunst die nchsten.
(Zu Gordon.)
     Auch Eurer wird er dann gedenken, wird Euch
     Aus diesem Neste ziehen, Eure Treu
     In einem hhern Posten glnzen lassen.

Gordon.
     Ich bin vergngt, verlange hher nicht
     Hinauf: wo groe Hh', ist groe Tiefe.

Illo.
     Ihr habt hier weiter nichts mehr zu bestellen,
     Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung.
     Kommt, Terzky.  Es wird Zeit zum Abendessen.
     Was meint Ihr?  Lassen wir die Stadt erleuchten,
     Dem Schwedischen zur Ehr', und wer's nicht tut,
     Der ist ein Spanischer und ein Verrter.

Terzky.
     Lat das.  Es wird dem Herzog nicht gefallen.

Illo.
     Was!  Wir sind Meister hier, und keiner soll sich
     Fr kaiserlich bekennen, wo wir herrschen.
     --Gut Nacht, Gordon.  Lat Euch zum letztenmal
     Den Platz empfohlen sein, schickt Runden aus,
     Zur Sicherheit kann man das Wort noch ndern.
     Schlag zehn bringt Ihr dem Herzog selbst die Schlssel,
     Dann seid Ihr Eures Schlieeramtes quitt,
     Denn morgen ziehn die Schweden in die Festung.

Terzky.  (im Abgehen zu Buttler):
     Ihr kommt doch auch aufs Schlo?

Buttler.
     Zu rechter Zeit.
(Jene gehen ab.)



Achter Auftritt

Buttler und Gordon.


Gordon.  (ihnen nachsehend)
     Die Unglckseligen!  Wie ahnungslos
     Sie in das ausgespannte Mordnetz strzen
     In ihrer blinden Siegestrunkenheit!--
     Ich kann sie nicht beklagen.  Dieser Illo,
     Der bermtig freche Bsewicht,
     Der sich in seines Kaisers Blut will baden!

Buttler.
     Tut, wie er Euch befohlen.  Schickt Patrouillen
     Herum, sorgt fr die Sicherheit der Festung;
     Sind jene oben, schlie ich gleich die Burg,
     Da in der Stadt nichts von der Tat verlaute!

Gordon.  (ngstlich)
     O eilt nicht so!  Erst sagt mir--

Buttler.
     Ihr vernahmt's,
     Der nchste Morgen schon gehrt den Schweden.
     Die Nacht nur ist noch unser, sie sind schnell,
     Noch schneller wollen wir sein--Lebet wohl.

Gordon.
     Ach Eure Blicke sagen mir nichts Gutes.
     Versprechet mir--

Buttler.
     Der Sonne Licht ist unter,
     Herabsteigt ein verhngnisvoller Abend--
     Sie macht ihr Dnkel sicher.  Wehrlos gibt sie
     Ihr bser Stern in unsre Hand, und mitten
     In ihrem trunknen Glckeswahne soll
     Der scharfe Stahl ihr Leben rasch zerschneiden.
     Ein groer Rechenknstler war der Frst
     Von jeher, alles wut' er zu berechnen,
     Die Menschen wut' er, gleich des Brettspiels Steinen,
     Nach seinem Zweck zu setzen und zu schieben,
     Nicht Anstand nahm er, andrer Ehr' und Wrde
     Und guten Ruf zu wrfeln und zu spielen.
     Gerechnet hat er fort und fort, und endlich
     Wird doch der Kalkul irrig sein; er wird
     Sein Leben selbst hineingerechnet haben,
     Wie jener dort in seinem Zirkel fallen.

Gordon.
     O seiner Fehler nicht gedenket jetzt!
     An seine Gre denkt, an seine Milde,
     An seines Herzens liebenswerte Zge,
     An alle Edeltaten seines Lebens,
     Und lat sie in das aufgehobne Schwert
     Als Engel bittend, gnadeflehend fallen.

Buttler.
     Es ist zu spt.  Nicht Mitleid darf ich fhlen,
     Ich darf nur blutige Gedanken haben.
(Gordons Hand fassend.)
     Gordon!  Nicht meines Hasses Trieb--Ich liebe
     Den Herzog nicht und hab dazu nicht Ursach'--
     Doch nicht mein Ha macht mich zu seinem Mrder.
     Sein bses Schicksal ist's.  Das Unglck treibt mich,
     Die feindliche Zusammenkunft der Dinge.
     Es denkt der Mensch die freie Tat zu tun,
     Umsonst!  Er ist das Spielwerk nur der blinden
     Gewalt, die aus der eignen Wahl ihm schnell
     Die furchtbare Notwendigkeit erschafft.
     Was hlf's ihm auch, wenn mir fr ihn im Herzen
     Was redete--Ich mu ihn dennoch tten.

Gordon.
     O wenn das Herz Euch warnt, folgt seinem Triebe!
     Das Herz ist Gottes Stimme, Menschenwerk
     Ist aller Klugheit knstliche Berechnung.
     Was kann aus blut'ger Tat Euch Glckliches
     Gedeihen?  O aus Blut entspringt nicht Gutes!
     Soll sie die Staffel Euch zur Gre bauen?
     O glaubt das nicht--Es kann der Mord bisweilen
     Den Knigen, der Mrder nie gefallen.

Buttler.
     Ihr wit nicht.  Fragt nicht.  Warum muten auch
     Die Schweden siegen und so eilend nahn!
     Gern berlie ich ihn des Kaisers Gnade,
     Sein Blut nicht will ich.  Nein, er mchte leben.
     Doch meines Wortes Ehre mu ich lsen.
     Und sterben mu er, oder--hrt und wit!--
     Ich bin entehrt, wenn uns der Frst entkommt.

Gordon.
     O solchen Mann zu retten--

Buttler.  (schnell)
     Was?

Gordon.
     Ist eines Opfers wert--Seid edelmtig!
     Das Herz und nicht die Meinung ehrt den Mann.

Buttler.  (kalt und stolz)
     Er ist ein groer Herr, der Frst--Ich aber
     Bin nur ein kleines Haupt, das wollt Ihr sagen.
     Was liegt der Welt dran, meint Ihr, ob der niedrig
     Geborene sich ehret oder schndet,
     Wenn nur der Frstliche gerettet wird.
     --Ein jeder gibt den Wert sich selbst.  Wie hoch ich
     Mich selbst anschlagen will, das steht bei mir.
     So hoch gestellt ist keiner auf der Erde,
     Da ich mich selber neben ihm verachte.
     Den Menschen macht sein Wille gro und klein,
     Und weil ich meinem treu bin, mu er sterben.

Gordon.
     O einen Felsen streb ich zu bewegen!
     Ihr seid von Menschen menschlich nicht gezeugt.
     Nicht hindern kann ich Euch, ihn aber rette
     Ein Gott aus Eurer frchterlichen Hand.
(Sie gehen ab.)



Neunter Auftritt

Ein Zimmer bei der Herzogin.  Thekla in einem Sessel, bleich,
     mit geschlonen Augen.  Herzogin und Frulein von Neubrunn um
     sie beschftigt.  Wallenstein und die Grfin im Gesprch.


Wallenstein.
     Wie wute sie es denn so schnell?

Grfin.
     Sie scheint
     Unglck geahnt zu haben.  Das Gercht
     Von einer Schlacht erschreckte sie, worin
     Der kaiserliche Oberst sei gefallen.
     Ich sah es gleich.  Sie flog dem schwedischen
     Kurier entgegen und entri ihm schnell
     Durch Fragen das unglckliche Geheimnis.
     Zu spt vermiten wir sie, eilten nach,
     Ohnmchtig lag sie schon in seinen Armen.

Wallenstein.
     So unbereitet mute dieser Schlag
     Sie treffen!  Armes Kind!--Wie ist's?  Erholt sie sich?
(Indem er sich zur Herzogin wendet.)

Herzogin.
     Sie schlgt die Augen auf.

Grfin.
     Sie lebt!

Thekla.  (sich umschauend)
     Wo bin ich?

Wallenstein.  (tritt zu ihr, sie mit seinen Armen aufrichtend)
     Komm zu dir, Thekla.  Sei mein starkes Mdchen!
     Sieh deiner Mutter liebende Gestalt
     Und deines Vaters Arme, die dich halten.

Thekla.  (richtet sich auf)
     Wo ist er?  Ist er nicht mehr hier?

Herzogin.
     Wer, meine Tochter?

Thekla.
     Der dieses Unglckswort aussprach--

Herzogin.
     O denke nicht daran, mein Kind!  Hinweg
     Von diesem Bilde wende die Gedanken.

Wallenstein.
     Lat ihren Kummer reden!  Lat sie klagen!
     Mischt eure Trnen mit den ihrigen.
     Denn einen groen Schmerz hat sie erfahren;
     Doch wird sie's berstehn, denn meine Thekla
     Hat ihres Vaters unbezwungnes Herz.

Thekla.
     Ich bin nicht krank.  Ich habe Kraft, zu stehn.
     Was weint die Mutter?  Hab ich sie erschreckt?
     Es ist vorber, ich besinne mich wieder.
(Sie ist aufgestanden und sucht mit den Augen im Zimmer.)
     Wo ist er?  Man verberge mir ihn nicht.
     Ich habe Strke gnug, ich will ihn hren.

Herzogin.
     Nein, Thekla!  Dieser Unglcksbote soll
     Nie wieder unter deine Augen treten.

Thekla.
     Mein Vater--

Wallenstein.
     Liebes Kind!

Thekla.
     Ich bin nicht schwach,
     Ich werde mich auch bald noch mehr erholen.
     Gewhren Sie mir eine Bitte.

Wallenstein.
     Sprich!

Thekla.
     Erlauben Sie, da dieser fremde Mann
     Gerufen werde!  da ich ihn allein
     Vernehme und befrage.

Herzogin.
     Nimmermehr!

Grfin.
     Nein!  Das ist nicht zu raten!  Gib's nicht zu!

Wallenstein.
     Warum willst du ihn sprechen, meine Tochter?

Thekla.
     Ich bin gefater, wenn ich alles wei.
     Ich will nicht hintergangen sein.  Die Mutter
     Will mich nur schonen.  Ich will nicht geschont sein.
     Das Schrecklichste ist ja gesagt, ich kann
     Nichts Schrecklichers mehr hren.
     Grfin und Herzogin
(zu Wallenstein)
     Tu es nicht!

Thekla.
     Ich wurde berrascht von meinem Schrecken,
     Mein Herz verriet mich bei dem fremden Mann,
     Er war ein Zeuge meiner Schwachheit, ja,
     Ich sank in seine Arme--das beschmt mich.
     Herstellen mu ich mich in seiner Achtung,
     Und sprechen mu ich ihn, notwendig, da
     Der fremde Mann nicht ungleich von mir denke.

Wallenstein.
     Ich finde, sie hat recht--und bin geneigt,
     Ihr diese Bitte zu gewhren.  Ruft ihn.
(Frulein Neubrunn geht hinaus.)

Herzogin.
     Ich, deine Mutter, aber will dabei sein.

Thekla.
     Am liebsten sprch' ich ihn allein.  Ich werde
     Alsdann um so gefater mich betragen.

Wallenstein.  (zur Herzogin)
     La es geschehn.  La sie's mit ihm allein
     Ausmachen.  Es gibt Schmerzen, wo der Mensch
     Sich selber nur helfen kann, ein starkes Herz
     Will sich auf seine Strke nur verlassen.
     In ihrer, nicht an fremder Brust mu sie
     Kraft schpfen, diesen Schlag zu berstehn.
     Es ist mein starkes Mdchen; nicht als Weib,
     Als Heldin will ich sie behandelt sehn.
(Er will gehen.)

Grfin.  (hlt ihn)
     Wo gehst du hin?  Ich hrte Terzky sagen,
     Du denkest morgen frh von hier zu gehn,
     Uns aber hierzulassen.

Wallenstein.
     Ja, ihr bleibt
     Dem Schutze wackrer Mnner bergeben.

Grfin.
     O nimm uns mit dir, Bruder!  La uns nicht
     In dieser dstern Einsamkeit dem Ausgang
     Mit sorgendem Gemt engegenharren.
     Das gegenwrt'ge Unglck trgt sich leicht,
     Doch grauenvoll vergrert es der Zweifel
     Und der Erwartung Qual dem weit Entfernten.

Wallenstein.
     Wer spricht von Unglck?  Bere deine Rede.
     Ich hab ganz andre Hoffnungen.

Grfin.
     So nimm uns mit.  O la uns nicht zurck
     In diesem Ort der traurigen Bedeutung,
     Denn schwer ist mir das Herz in diesen Mauern,
     Und wie ein Totenkeller haucht mich's an,
     Ich kann nicht sagen, wie der Ort mir widert.
     O fhr uns weg!  Komm, Schwester, bitt ihn auch,
     Da er uns fortnimmt!  Hilf mir, liebe Nichte.

Wallenstein.
     Des Ortes bse Zeichen will ich ndern:
     Er sei's, der mir mein Teuerstes bewahrte.

Neubrunn.  (kommt zurck):
     Der schwed'sche Herr!

Wallenstein.
     Lat sie mit ihm allein.
(Ab.)

Herzogin.  (zu Thekla)
     Sieh, wie du dich entfrbtest!  Kind, du kannst ihn
     Unmglich sprechen.  Folge deiner Mutter.

Thekla.
     Die Neubrunn mag denn in der Nhe bleiben.
(Herzogin und Grfin gehen ab.)



Zehnter Auftritt

Thekla.  Der schwedische Hauptmann.  Frulein Neubrunn.


Hauptmann.  (naht sich ehrerbietig)
     Prinzessin--ich--mu um Verzeihung bitten,
     Mein unbesonnen rasches Wort--Wie konnt' ich--

Thekla.  (mit edelm Anstand)
     Sie haben mich in meinem Schmerz gesehn,
     Ein unglcksvoller Zufall machte Sie
     Aus einem Fremdling schnell mir zum Vertrauten.

Hauptmann.
     Ich frchte, da Sie meinen Anblick hassen,
     Denn meine Zunge sprach ein traurig Wort.

Thekla.
     Die Schuld ist mein.  Ich selbst entri es Ihnen,
     Sie waren nur die Stimme meines Schicksals.
     Mein Schrecken unterbrach den angefangnen
     Bericht.  Ich bitte drum, da Sie ihn enden.

Hauptmann.  (bedenklich)
     Prinzessin, es wird Ihren Schmerz erneuern.

Thekla.
     Ich bin darauf gefat--Ich will gefat sein.
     Wie fing das Treffen an?  Vollenden Sie.

Hauptmann.
     Wir standen, keines berfalls gewrtig,
     Bei Neustadt schwach verschanzt in unserm Lager,
     Als gegen Abend eine Wolke Staubes
     Aufstieg vom Wald her, unser Vortrab fliehend
     Ins Lager strzte, rief: der Feind sei da.
     Wie hatten eben nur noch Zeit, uns schnell
     Aufs Pferd zu werfen, da durchbrachen schon,
     In vollem Rosseslauf dahergesprengt,
     Die Pappenheimer den Verhack; schnell war
     Der Graben auch, der sich ums Lager zog,
     Von diesen strm'schen Scharen berflogen.
     Doch unbesonnen hatte sie der Mut
     Vorausgefhrt den andern, weit dahinten
     War noch das Fuvolk, nur die Pappenheimer waren
     Dem khnen Fhrer khn gefolgt.--
(Thekla macht eine Bewegung.  Der Hauptmann hlt einen Augenblick
inne, bis sie ihm einen Wink gibt, fortzufahren.)
     Von vorn und von den Flanken faten wir
     Sie jetzo mit der ganzen Reiterei
     Und drngten sie zurck zum Graben, wo
     Das Fuvolk, schnell geordnet, einen Rechen
     Von Piken ihnen starr entgegenstreckte.
     Nicht vorwrts konnten sie, auch nicht zurck,
     Gekeilt in drangvoll frchterliche Enge.
     Da rief der Rheingraf ihrem Fhrer zu,
     In guter Schlacht sich ehrlich zu ergeben,
     Doch Oberst Piccolomini--
(Thekla schwindelnd, fat einen Sessel.)
     ihn machte
     Der Helmbusch kenntlich und das lange Haar,
     Vom raschen Ritte war's ihm losgegangen--
     Zum Graben winkt er, sprengt, der erste, selbst
     Sein edles Ro darber weg, ihm strzt
     Das Regiment nach--doch--schon war's geschehen!
     Sein Pferd, von einer Partisan durchstoen, bumt
     Sich wtend, schleudert weit den Reiter ab,
     Und hoch weg ber ihn geht die Gewalt
     Der Rosse, keinem Zgel mehr gehorchend.
(Thekla, welche die letzten Reden mit allen Zeichen wachsender Angst
begleitet, verfllt in ein heftiges Zittern, sie will sinken, Frulein
Neubrunn eilt hinzu und empfngt sie in ihren Armen.)

Neubrunn.
     Mein teures Frulein--

Hauptmann.  (gerhrt)
     Ich entferne mich.

Thekla.
     Es ist vorber--Bringen Sie's zu Ende.

Hauptmann.
     Da ergriff, als sie den Fhrer fallen sahn,
     Die Truppen grimmig wtende Verzweiflung.
     Der eignen Rettung denkt jetzt keiner mehr,
     Gleich wilden Tigern fechten sie, er reizt
     Ihr starrer Widerstand die Unsrigen,
     Und eher nicht erfolgt des Kampfes Ende,
     Als bis der letzte Mann gefallen ist.

Thekla.  (mit zitternder Stimme)
     Und wo--wo ist--Sie sagten mir nicht alles.

Hauptmann.  (nach einer Pause)
     Heut frh bestatteten wir ihn.  Ihn trugen
     Zwlf Jnglinge der edelsten Geschlechter,
     Das ganze Heer begleitete die Bahre.
     Ein Lorbeer schmckte seinen Sarg, drauf legte
     Der Rheingraf selbst den eignen Siegerdegen.
     Auch Trnen fehlten seinem Schicksal nicht,
     Denn viele sind bei uns, die seine Gromut
     Und seiner Sitten Freundlichkeit erfahren,
     Und alle rhrte sein Geschick.  Gern htte
     Der Rheingraf ihn gerettet, doch er selbst
     Vereitelt' es; man sagt, er wollte sterben.

Neubrunn.  (gerhrt zu Thekla, welche ihr Angesicht verhllt hat).
     Mein teures Frulein--Frulein, sehn Sie auf!
     O warum muten Sie darauf bestehn!

Thekla.
     --Wo ist sein Grab?

Hauptmann.
     In einer Klosterkirche
     Bei Neustadt ist er beigesetzt, bis man
     Von seinem Vater Nachricht eingezogen.

Thekla.
     Wie heit das Kloster?

Hauptmann.
     Sankt Kathrinenstift.

Thekla.
     Ist's weit bis dahin?

Hauptmann.
     Sieben Meilen zhlt man.

Thekla.
     Wie geht der Weg?

Hauptmann.
     Man kommt bei Tirschenreit
     Und Falkenberg durch unsre ersten Posten.

Thekla.
     Wer kommandiert sie?

Hauptmann.
     Oberst Seckendorf.

Thekla.  (tritt an den Tisch und nimmt aus dem Schmuckkstchen einen Ring).
     Sie haben mich in meinem Schmerz gesehn
     Und mir ein menschlich Herz gezeigt--Empfangen Sie
(indem sie ihm den Ring gibt)
     Ein Angedenken dieser Stunde--Gehn Sie.

Hauptmann.  (bestrzt).
     Prinzessin--
(Thekla winkt ihm schweigend, zu gehen, und verlt ihn.
Hauptmann zaudert und will reden.  Frulein Neubrunn wiederholt
den Wink.  Er geht ab.)



Elfter Auftritt

Thekla.  Neubrunn.


Thekla.  (fllt der Neubrunn um den Hals)
     Jetzt, gute Neubrunn, zeige mir die Liebe,
     Die du mir stets gelobt, beweise dich
     Als meine treue Freundin und Gefhrtin!
     --Wir mssen fort, noch diese Nacht.

Neubrunn.
     Fort, und wohin?

Thekla.
     Wohin?  Es ist nur ein Ort in der Welt!
     Wo er bestattet liegt, zu seinem Sarge!

Neubrunn.
     Was knnen Sie dort wollen, teures Frulein?

Thekla.
     Was dort, Unglckliche!  So wrdest du
     Nicht fragen, wenn du je geliebt.  Dort, dort
     Ist alles, was noch brig ist von ihm,
     Der einz'ge Fleck ist mir die ganze Erde.
     --O halte mich nicht auf!  Komm und mach Anstalt.
     La uns auf Mittel denken, zu entfliehen.

Neubrunn.
     Bedachten Sie auch Ihres Vaters Zorn?

Thekla.
     Ich frchte keines Menschen Zrnen mehr.

Neubrunn.
     Den Hohn der Welt!  des Tadels arge Zunge!

Thekla.
     Ich suche einen auf, der nicht mehr ist.
     Will ich denn in die Arme--o mein Gott!
     Ich will ja in die Gruft nur des Geliebten.

Neubrunn.
     Und wir allein, zwei hilflos schwache Weiber?

Thekla.
     Wir waffnen uns, mein Arm soll dich beschtzen.

Neubrunn.
     Bei dunkler Nachtzeit?

Thekla.
     Nacht wird uns verbergen.

Neubrunn.
     In dieser rauhen Sturmnacht?

Thekla.
     Ward ihm sanft
     Gebettet, unter den Hufen seiner Rosse?

Neubrunn.
     O Gott!--und dann die vielen Feindesposten!
     Man wird uns nicht durchlassen.

Thekla.
     Es sind Menschen,
     Frei geht das Unglck durch die ganze Erde!

Neubrunn.
     Die weite Reise--

Thekla.
     Zhlt der Pilger Meilen,
     Wenn er zum fernen Gnadenbilde wallt?

Neubrunn.
     Die Mglichkeit, aus dieser Stadt zu kommen?

Thekla.
     Gold ffnet uns die Tore.  Geh nur, geh!

Neubrunn.
     Wenn man uns kennt?

Thekla.
     In einer Flchtigen,
     Verzweifelnden sucht niemand Friedlands Tochter.

Neubrunn.
     Wo finden wir die Pferde zu der Flucht?

Thekla.
     Mein Kavalier verschafft sie.  Geh und ruf ihn.

Neubrunn.
     Wagt er das ohne Wissen seines Herrn?

Thekla.
     Er wird es tun.  O geh nur!  Zaudre nicht.

Neubrunn.
     Ach!  und was wird aus Ihrer Mutter werden,
     Wenn Sie verschwunden sind?

Thekla.  (sich besinnend und schmerzvoll vor sich hinschauend)
     O meine Mutter!

Neubrunn.
     So viel schon leidet sie, die gute Mutter,
     Soll sie auch dieser letzte Schlag noch treffen?

Thekla.
     Ich kann's Ihr nicht ersparen!--Geh nur, geh.

Neubrunn.
     Bedenken Sie doch ja wohl, was Sie tun.

Thekla.
     Bedacht ist schon, was zu bedenken ist.

Neubrunn.
     Und sind wir dort, was soll mit Ihnen werden?

Thekla.
     Dort wird's ein Gott mir in die Seele geben.

Neubrunn.
     Ihr Herz ist jetzt voll Unruh, teures Frulein,
     Das ist der Weg nicht, der zur Ruhe fhrt.

Thekla.
     Zur tiefen Ruh, wie er sie auch gefunden.
     --O eile!  geh!  Mach keine Worte mehr!
     Es zeht mich fort, ich wei nicht, wie ich's nenne,
     Unwiderstehlich fort zu seinem Grabe!
     Dort wird mir leichter werden, augenblicklich!
     Das herzerstickende Band des Schmerzens wird
     Sich lsen--Meine Trnen werden flieen.
     O geh, wir knnten lngst schon auf dem Weg sein.
     Nicht Ruhe find ich, bis ich diesen Mauern
     Entrunnen bin--sie strzen auf mich ein--
     Fortstoend treibt mich eine dunkle Macht
     Von dannen--Was ist das fr ein Gefhl!
     Es fllen sich mir alle Rume dieses Hauses
     Mit bleichen, hohlen Geisterbildern an--
     Ich habe keinen Platz mehr--Immer neue!
     Es drngt mich das entsetzliche Gewimmel
     Aus diesen Wnden fort, die Lebende!

Neubrunn.
     Sie setzen mich in Angst und Schrecken, Frulein,
     Da ich nun selber nicht zu bleiben wage.
     Ich geh und rufe gleich den Rosenberg.
(Geht ab.)



Zwlfter Auftritt


Thekla.
     Sein Geist ist's, der micht ruft.  Es ist die Schar
     Der Treuen, die sich rchend ihm geopfert.
     Unedler Sumnis klagen sie mich an.
     Sie wollten auch im Tod nicht von ihm lassen,
     Der ihres Lebens Fhrer war--Das taten
     Die rohen Herzen, und ich sollte leben!
     --Nein!  Auch fr mich ward jener Lorbeerkranz,
     Der deine Totenbahre schmckt, gewunden.
     Was ist das Leben ohne Liebesglanz?
     Ich werf es hin, da sein Gehalt verschwunden.
     Ja, da ich dich, den Liebenden gefunden,
     Da war das Leben etwas.  Glnzend lag
     Vor mir der neue goldne Tag!
     Mir trumte von zwei himmelschnen Stunden.
     Du standest an dem Eingang in der Welt,
     Die ich betrat mit klsterlichem Zagen,
     Sie war von tausend Sonnen aufgehellt;
     Ein guter Engel schienst du hingestellt,
     Mich aus der Kindheit fabelhaften Tagen
     Schnell auf des Lebens Gipfel hinzutragen.
     Mein erst Empfinden war des Himmels Glck,
     In dein Herz fiel mein erster Blick!
(Sie sinkt hier in Nachdenken und fhrt dann mit Zeichen des
Grauens auf.)
     --Da kommt das Schicksal--Roh und kalt
     Fat es des Freundes zrtliche Gestalt
     Und wirft ihn unter den Hufschlag seiner Pferde--
     --Das ist das Los des Schnen auf der Erde!



Dreizehnter Auftritt

Thekla.  Frulein Neubrunn mit dem Stallmeister.


Neubrunn.
     Hier ist er, Frulein, und er will es tun.

Thekla.
     Willst du uns Pferde schaffen, Rosenberg?
     Stallmeister.
     Ich will sie schaffen.

Thekla.
     Willst du uns begleiten?

Stallmeister.
     Mein Frulein, bis ans End' der Welt.

Thekla.
     Du kannst
     Zum Herzog aber nicht zurck mehr kehren.

Stallmeister.
     Ich bleib bei Ihnen.

Thekla.
     Ich will dich belohnen
     Und einem andern Herrn empfehlen.  Kannst du
     Uns aus der Festung bringen unentdeckt?

Stallmeister.
     Ich kann's.

Thekla.
     Wann kann ich gehn?

Stallmeister.
     In dieser Stunde.
     --Wo geht die Reise hin?

Thekla.
     Nach--sag's ihm, Neubrunn!

Neubrunn.
     Nach Neustadt.

Stallmeister.
     Wohl, ich geh, es zu besorgen.
(Ab.)

Neubrunn.
     Ach, da kommt Ihre Mutter, Frulein.

Thekla.
     Gott!



Vierzehnter Auftritt

Thekla.  Neubrunn.  Die Herzogin.


Herzogin.
     Er ist hinweg, ich finde dich gefater.

Thekla.
     Ich bin es, Mutter--Lassen Sie mich jetzt
     Bald schlafen gehen und die Neubrunn um mich sein.
     Ich brauche Ruh.

Herzogin.
     Du sollst sie haben, Thekla.
     Ich geh getrstet weg, da ich den Vater
     Beruhigen kann.

Thekla.
     Gut Nacht denn, liebe Mutter.
(Sie fllt ihr um den Hals und umarmt sie in groer Bewegung.)

Herzogin.
     Du bist noch nicht ganz ruhig, meine Tochter.
     Du zitterst ja so heftig, und dein Herz
     Klopft hrbar an dem meinen.

Thekla.
     Schlaf wird es besnftigen
     --Gut Nacht, geliebte Mutter!
(Indem sie aus den Armen der Mutter sich losmacht, fllt der Vorhang.)




Fnfter Aufzug

Buttlers Zimmer.



Erster Auftritt

Buttler.  Major Geraldin.


Buttler.
     Zwlf rstige Dragoner sucht Ihr aus,
     Bewaffnet sie mit Piken, denn kein Schu
     Darf fallen--An dem Esaal nebenbei
     Versteckt Ihr sie, und wenn der Nachtisch
     Aufgesetzt, dringt ihr herein und ruft: Wer ist
     Gut kaiserlich?--Ich will den Tisch umstrzen--
     Dann werft ihr euch auf beide, stot sie nieder.
     Das Schlo wird wohl verriegelt und bewacht,
     Da kein Gercht davon zum Frsten dringe.
     Geh jetzt--Habt Ihr nach Hauptmann Deveroux
     Und Macdonald geschickt?

Geraldin.
     Gleich sind sie hier.
(Geht ab.)

Buttler.
     Kein Aufschub ist zu wagen.  Auch die Brger
     Erklren sich fr ihn, ich wei nicht, welch
     Ein Schwindelgeist die ganze Stadt ergriffen hat.
     Sie sehn im Herzog einen Friedensfrsten
     Und einen Stifter neuer goldner Zeit.
     Der Rat hat Waffen ausgeteilt; schon haben
     Sich ihrer hundert angeboten, Wache
     Bei ihm zu tun.  Drum gilt es, schnell zu sein,
     Denn Feinde drohn von auen und von innen.



Zweiter Auftritt

Buttler.  Hauptmann Deveroux und Macdonald.


Macdonald.
     Da sind wir, General.

Deveroux.
     Was ist die Losung?

Buttler.
     Es lebe der Kaiser!

Beide.  (treten zurck)
     Wie?

Buttler.
     Haus streich lebe!

Deveroux.
     Ist's nicht der Friedland, dem wir Treu geschworen?

Macdonald.
     Sind wir nicht hergefhrt, ihn zu beschtzen?

Buttler.
     Wir einen Reichsfeind und Verrter schtzen?

Deveroux.
     Nun ja, du nahmst uns ja fr ihn in Pflicht.

Macdonald.
     Und bist ihm ja hieher gefolgt nach Eger.

Buttler.
     Ich tat's, ihn desto sichrer zu verderben.

Deveroux.
     Ja so!

Macdonald.
     Das ist was anders.

Buttler.  (zu Deveroux)
     Elender!
     So leicht entweichst du von der Pflicht und Fahne?

Deveroux.
     Zum Teufel, Herr!  Ich folgte deinem Beispiel:
     Kann der ein Schelm sein, dacht' ich, kannst du's auch.

Macdonald.
     Wir denken nicht nach.  Das ist deine Sache!
     Du bist der General und kommandierst,
     Wir folgen dir, und wenn's zur Hlle ginge.

Buttler.  (besnftigt)
     Nun gut!  Wie kennen einander.

Macdonald.
     Ja, das denk ich.

Deveroux.
     Wir sind Soldaten der Fortuna, wer
     Das meiste bietet, hat uns.

Macdonald.
     Ja, so ist's.

Buttler.
     Jetzt sollt ihr ehrliche Soldaten bleiben.

Deveroux.
     Das sind wir gerne.

Buttler.
     Und Fortne machen.

Macdonald.
     Das ist noch besser.

Buttler.
     Hret an.

Beide.
     Wir hren.

Buttler.
     Es ist des Kaisers Will' und Ordonnanz,
     Den Friedland, lebend oder tot, zu fahen.

Deveroux.
     So steht's im Brief.

Macdonald.
     Ja, lebend oder tot!

Buttler.
     Und stattliche Belohnung wartet dessen
     An Geld und Gtern, der die Tat vollfhrt.

Deveroux.
     Es klingt ganz gut.  Das Wort klingt immer gut
     Vor dorten her.  Ja, ja!  Wir wissen schon!
     So eine guldne Gnadenkett' etwa,
     Ein krummes Ro, ein Pergament und so was.
     --Der Frst zahlt besser.

Macdonald.
     Ja, der ist splendid.

Buttler.
     Mit dem ist's aus.  Sein Glcksstern ist gefallen.

Macdonald.
     Ist das gewi?

Buttler.
     Ich sag's euch.

Deveroux.
     Ist's vorbei
     Mit seinem Glck?

Buttler.
     Vorbei auf immerdar.
     Er ist so arm wie wir.

Macdonald.
     So arm wie wir?

Deveroux.
     Ja, Macdonald, da mu man ihn verlassen!

Buttler.
     Verlassen ist er schon von zwanzigtausend.
     Wir mssen mehr tun, Landsmann.  Kurz und gut!
     --Wir mssen ihn tten.
(Beide fahren zurck.)

Beide.
     Tten!

Buttler.
     Tten, sag ich.
     --Und dazu hab ich euch erlesen.

Beide.
     Uns?

Buttler.
     Euch, Hauptmann Deveroux und Macdonald.

Deveroux.  (nach einer Pause)
     Whlt einen andern.

Macdonald.
     Ja, whlt einen andern.

Buttler.  (zu Deveroux)
     Erschreckt's dich, feige Memme?  Wie?  Du hast
     Schon deine dreiig Seelen auf dir liegen--

Deveroux.
     Hand an den Feldherrn legen--das bedenkt!

Macdonald.
     Dem wir das Jurament geleistet haben!

Buttler.
     Das Jurament ist null mit seiner Treu.

Deveroux.
     Hr, General!  Das dnkt mir doch zu grlich.

Macdonald.
     Ja, das ist wahr!  Man hat auch ein Gewissen.

Deveroux.
     Wenn's nur der Chef nicht wr', der uns so lang
     Gekommandiert hat und Respekt gefordert.

Buttler.
     Ist das der Ansto?

Deveroux.
     Ja!  Hr!  Wen du sonst willst!
     Dem eignen Sohn, wenn's Kaisers Dienst verlangt,
     Will ich das Schwert ins Eingeweide bohren--
     Doch sieh, wir sind Soldaten, und den Feldherrn
     Ermorden, das ist eine Snd' und Frevel,
     Davon kein Beichtmnch absolvieren kann.

Buttler.
     Ich bin dein Papst und absolviere dich.
     Entschliet euch schnell.

Deveroux.  (steht bedenklich)
     Es geht nicht.

Macdonald.
     Nein, es geht nicht.

Buttler.
     Nun denn, so geht--und--schickt mir Pestalutzen.

Deveroux.  (stutzt)
     Der Pestalutz--Hum!

Macdonald.
     Was willst du mit diesem?

Buttler.
     Wenn ihr's verschmht, es finden sich genug--

Deveroux.
     Nein, wenn er fallen mu, so knnen wir
     Den Preis so gut verdienen als ein andrer.
     --Was denkst du, Bruder Macdonald?

Macdonald.
     Ja wenn
     Er fallen mu und soll, und 's ist nicht anders,
     So mag ich's diesem Pastalutz nicht gnnen.

Deveroux.  (nach einigem Besinnen)
     Wann soll er fallen?

Buttler.
     Heut, in dieser Nacht,
     Denn morgen stehn die Schweden vor den Toren.

Deveroux.
     Stehst du mir fr die Folgen, General?

Buttler.
     Ich steh fr alles.

Deveroux.
     Ist's des Kaisers Will'?
     Sein netter, runder Will'?  Man hat Exempel,
     Da man den Mord liebt und den Mrder straft.

Buttler.
     Das Manifest sagt: lebend oder tot.
     Und lebend ist's nicht mglich, seht ihr selbst--

Deveroux.
     Tot also!  Tot!--Wie aber kommt man an ihn?
     Die Stadt ist angefllt mit Terzkyschen.

Macdonald.
     Und dann ist noch der Terzky und der Illo--

Buttler.
     Mit diesen beiden fngt man an, versteht sich.

Deveroux.
     Was?  Sollen die auch fallen?

Buttler.
     Die zuerst.

Macdonald.
     Hr, Deveroux--das wird ein blut'ger Abend.

Deveroux.
     Hast du schon deinen Mann dazu?  Trag's mir auf.

Buttler.
     Dem Major Geraldin ist's bergeben.
     Es ist heut Fanacht, und ein Essen wird
     Gegeben auf dem Schlo, dort wird man sie
     Bei Tafel berfallen, niederstoen--
     Der Pestalutz, der Leley sind dabei--

Deveroux.
     Hr, General!  Dir kann es nichts verschlagen.
     Hr--la mich tauschen mit dem Geraldin.

Buttler.
     Die kleinere Gefahr ist bei dem Herzog.

Deveroux.
     Gefahr!  Was, Teufel!  denkst du von mir, Herr?
     Des Herzogs Aug', nicht seinen Degen frcht ich.

Buttler.
     Was kann sein Aug' dir schaden?

Deveroux.
     Alle Teufel!
     Du kennst mich, da ich keine Memme bin.
     Doch sieh, es sind noch nicht acht Tag', da mir
     Der Herzog zwanzig Goldstck reichen lassen
     Zu diesem warmen Rock, den ich hier anhab--
     Und wenn er mich nun mit der Pike sieht
     Dastehn, mir auf den Rock sieht--sieh--so--so--
     Der Teufel hol mich!  ich bin keine Memme.

Buttler.
     Der Herzog gab dir diesen warmen Rock,
     Und du, ein armer Wicht, bedenkst dich, ihm
     Dafr den Degen durch den Leib zu rennen.
     Und einen Rock, der noch viel wrmer hlt,
     Hing ihm der Kaiser um, den Frstenmantel.
     Wie dankt er's ihm?  Mit Aufruhr und Verrat.

Deveroux.
     Das ist auch wahr.  Den Danker hol der Teufel!
     Ich--bring ihn um.

Buttler.
     Und willst du dein Gewissen
     Beruhigen, darfst du den Rock nur ausziehn,
     So kannst du's frisch und wohlgemut vollbringen.

Macdonald.
     Ja!  da ist aber noch was zu bedenken--

Buttler.
     Was gibt's noch zu bedenken, Macdonald?

Macdonald.
     Was hilft uns Wehr und Waffe wider den?
     Er ist nicht zu verwunden, er ist fest.

Buttler.  (fhrt auf)
     Was wird er--

Macdonald.
     Gegen Schu und Hieb!  Er ist
     Gefroren, mit der Teufelskunst behaftet,
     Sein Leib ist undurchdringlich, sag ich dir.

Deveroux.
     Ja, ja!  In Ingolstadt war auch so einer,
     Dem war die Haut so fest wie Stahl, man mut' ihn
     Zuletzt mit Flintenkolben niederschlagen.

Macdonald.
     Hrt, was ich tun will!

Deveroux.
     Sprich!

Macdonald.
     Ich kenne hier
     Im Kloster einen Bruder Dominikaner
     Aus unsrer Landsmannschaft, der soll mir Schwert
     Und Pike tauchen in geweihtes Wasser
     Und einen krft'gen Segen drber sprechen,
     Das ist bewhrt, hilft gegen jeden Bann.

Buttler.
     Das tue, Macdonald.  Jetzt geht aber.
     Whlt aus dem Regimente zwanzig, dreiig
     Handfeste Kerls, lat sie dem Kaiser schwren--
     Wenn's eilf geschlagen--wenn die ersten Runden
     Passiert sind, fhrt ihr sie in aller Stille
     Dem Hause zu--Ich werde selbst nicht weit sein.

Deveroux.
     Wie kommen wir durch die Hartschiers und Garden,
     Die in dem innern Hofraum Wache stehn?

Buttler.
     Ich hab des Orts Gelegenheit erkundigt.
     Durch eine hintre Pforte fhr ich euch,
     Die nur durch einen Mann verteidigt wird.
     Mir gibt mein Rang und Amt zu jeder Stunde
     Einla beim Herzog.  Ich will euch vorangehn,
     Und schnell mit einem Dolchsto in die Kehle
     Durchbohr ich den Hartschier und mach euch Bahn.

Deveroux.
     Und sind wir oben, wie erreichen wir
     Das Schlafgemach des Frsten, ohne da
     Das Hofgesind' erwacht und Lrmen ruft?
     Denn er ist hier mit groem Komitat.

Buttler.
     Die Dienerschaft ist auf dem rechten Flgel,
     Er hat Gerusch, wohnt auf dem linken ganz allein.

Deveroux.
     Wr's nur vorber, Macdonald--Mir ist
     Seltsam dabei zumute, wei der Teufel.

Macdonald.
     Mir auch.  Es ist ein gar zu groes Haupt.
     Man wird uns fr zwei Bsewichter halten.

Buttler.
     In Glanz und Ehr' und berflu knnt ihr
     Der Menschen Urteil und Gered' verlachen.

Deveroux.
     Wenn's mit der Ehr' nur auch so recht gewi ist.

Buttler.
     Seid unbesorgt.  Ihr rettet Kron' und Reich
     Dem Ferdinand.  Der Lohn kann nicht gering sein.

Deveroux.
     So ist's sein Zweck, den Kaiser zu entthronen?

Buttler.
     Das ist er!  Kron' und Leben ihm zu rauben!

Deveroux.
     So mt' er fallen durch des Henkers Hand,
     Wenn wir nach Wien lebendig ihn geliefert?

Buttler.
     Dies Schicksal knnt' er nimmermehr vermeiden.

Deveroux.
     Komm, Macdonald!  Er soll als Feldherr enden
     Und ehrlich fallen von Soldatenhnden.
(Sie gehen ab.)



Dritter Auftritt

Ein Saal, aus dem man in eine Galerie gelangt, die sich weit
nach hinten verliert.  Wallenstein sitzt an einem Tisch.  Der
schwedische Hauptmann steht vor ihm.  Bald darauf Grfin Terzky.


Wallenstein.
     Empfehlt mich Eurem Herrn.  Ich nehme teil
     An seinem guten Glck, und wenn Ihr mich
     So viele Freude nicht bezeigen seht,
     Als diese Siegespost verdienen mag,
     So glaubt, es ist nicht Mangel guten Willens,
     Denn unser Glck ist nunmehr eins.  Lebt wohl!
     Nehmt meinen Dank fr Eure Mh.  Die Festung
     Soll sich euch auftun morgen, wenn ihr kommt.
(Schwedischer Hauptmann geht ab.  Wallenstein sitzt in tiefen
Gedanken, starr vor sich hinsehend, den Kopf in die Hand gesenkt.
Grfin Terzky tritt herein und steht eine Zeitlang vor ihm
unbemerkt, endlich macht er eine rasche Bewegung, erblickt sie
und fat sich schnell.)
     Kommst du von ihr?  Erholt sie sich?  Was macht sie?

Grfin.
     Sie soll gefater sein nach dem Gesprch,
     Sagt mir die Schwester--Jetzt ist sie zu Bette.

Wallenstein.
     Ihr Schmerz wird sanfter werden.  Sie wird weinen.

Grfin.
     Auch dich, mein Bruder, find ich nicht wie sonst.
     Nach einem Sieg erwartet' ich dich heitrer.
     O bleibe stark!  Erhalte du uns aufrecht,
     Denn du bist unser Licht und unsre Sonne.

Wallenstein.
     Sei ruhig.  Mir ist nichts--Wo ist dein Mann?

Grfin.
     Zu einem Gastmahl sind sie, er und Illo.

Wallenstein.  (steht auf und macht einige Schritte durch den Saal)
     Es ist schon finstre Nacht--Geh auf dein Zimmer.

Grfin.
     Hei mich nicht gehn, o la mich um dich bleiben.

Wallenstein.  (ist ans Fenster getreten)
     Am Himmel ist geschftige Bewegung,
     Des Turmes Fahne jagt der Wind, schnell geht
     Der Wolken Zug, die Mondessichel wankt,
     Und durch die Nacht zuckt ungewisse Helle.
     --Kein Sternbild ist zu sehn!  Der matte Schein dort,
     Der einzelne, ist aus der Kassiopeia,
     Und dahin steht der Jupiter--Doch jetzt
     Deckt ihn die Schwrze des Gewitterhimmels!
(Er versinkt in Tiefsinn und sieht starr hinaus).

Grfin.  (die ihm traurig zusieht, fat ihn bei der Hand).
     Was sinnst du?

Wallenstein.
     Mir deucht, wenn ich ihn she, wr' mir wohl.
     Es ist der Stern, der meinem Leben strahlt,
     Und wunderbar oft strkte mich sein Anblick.
(Pause.)

Grfin.
     Du wirst ihn wiedersehn.

Wallenstein.  (ist wieder in eine tiefe Zerstreuung gefallen,
     er ermuntert sich und wendet sich schnell zur Grfin)
     Ihn wiedersehn?--O niemals wieder!

Grfin.
     Wie?

Wallenstein.
     Er ist dahin--ist Staub!

Grfin.
     Wen meinst du denn?

Wallenstein.
     Er ist der Glckliche.  Er hat vollendet.
     Fr ihn ist keine Zukunft mehr, ihm spinnt
     Das Schicksal keine Tcke mehr--sein Leben
     Liegt faltenlos und leuchtend ausgebreitet,
     Kein dunkler Flecken blieb darin zurck,
     Und unglckbringend pocht ihm keine Stunde.
     Weg ist er ber Wunsch und Furcht, gehrt
     Nicht mehr den trglich wankenden Planeten--
     O ihm ist wohl!  Wer aber wei, was uns
     Die nchste Stunde schwarz verschleiert bringt!

Grfin.
     Du sprichst von Piccolomini.  Wie starb er?
     Der Bote ging just von dir, als ich kam.
(Wallenstein bedeutet sie mit der Hand, zu schweigen.)
     O wende deine Blicke nicht zurck!
     Vorwrts in hellre Tage la uns schauen.
     Freu dich des Siegs, vergi, was er dir kostet.
     Nicht heute erst ward dir der Freund geraubt;
     Als er sich von dir schied, da starb er dir.

Wallenstein.
     Verschmerzen werd ich diesen Schlag, das wei ich,
     Denn was verschmerzte nicht der Mensch!  Vom Hchsten
     Wie vom Gemeinsten lernt er sich entwhnen,
     Denn ihn besiegen die gewalt'gen Stunden.
     Doch fhl ich's wohl, was ich in ihm verlor.
     Die Blume ist hinweg aus meinem Leben,
     Und kalt und farblos seh ich's vor mir liegen.
     Denn er stand neben mir wie meine Jugend,
     Er machte mir das Wirkliche zum Traum,
     Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge
     Den goldnen Duft der Morgenrte webend--
     Im Feuer seines liebenden Gefhls
     Erhoben sich, mir selber zum Erstaunen,
     Des Lebens flach alltgliche Gestalten.
     --Was ich mir ferner auch erstreben mag,
     Das Schne ist doch weg, das kommt nicht wieder,
     Denn ber alles Glck geht doch der Freund,
     Der's fhlend erst erschafft, der's teilend mehrt.

Grfin.
     Verzag nicht an der eignen Kraft.  Dein Herz
     Ist reich genug, sich selber zu beleben.
     Du liebst und preisest Tugenden an ihm,
     Die du in ihm gepflanzt, in ihm entfaltet.

Wallenstein.  (an die Tre gehend)
     Wer strt uns noch in spter Nacht?--Es ist
     Der Kommendant.  Er bringt die Festungsschlssel.
     Verla uns, Schwester, Mitternacht ist da.

Grfin.
     O mir wird heut so schwer, von dir zu gehn,
     Und bange Furcht bewegt mich.

Wallenstein.
     Furcht!  Wovor?

Grfin.
     Du mchtest schnell wegreisen diese Nacht,
     Und beim Erwachen fnden wir dich nimmer.

Wallenstein.
     Einbildungen.

Grfin.
     O meine Seele wird
     Schon lang von trben Ahnungen gengstigt,
     Und wenn ich wachend sie bekmpft, sie fallen
     Mein banges Herz in dstern Trumen an.
     --Ich sah dich gestern nacht mit deiner ersten
     Gemahlin, reich geputzt, zu Tische sitzen--

Wallenstein.
     Das ist ein Traum erwnschter Vorbedeutung,
     Denn jene Heirat stiftete mein Glck.

Grfin.
     Und heute trumte mir, ich suchte dich
     In deinem Zimmer auf--Wie ich hineintrat,
     So war's dein Zimmer nicht mehr, die Kartause
     Zu Gitschin war's, die du gestiftet hast
     Und wo du willst, da man dich hin begrabe.

Wallenstein.
     Dein Geist ist nun einmal damit beschftigt.

Grfin.
     Wie?  Glaubst du nicht, da eine Warnungsstimme
     In Trumen vorbedeutend zu uns spricht?

Wallenstein.
     Dergleichen Stimmen gibt's--Es ist kein Zweifel!
     Doch Warnungsstimmen mcht' ich sie nicht nennen,
     Die nur das Unvermeidliche verknden.
     Wie sich der Sonne Scheinbild in dem Dunstkreis
     Malt, eh' sie kommt, so schreiten auch den groen
     Geschicken ihre Geister schon voran,
     Und in dem Heute wandelt schon das Morgen.
     Es machte mir stets eigene Gedanken,
     Was man vom Tod des vierten Heinrichs liest.
     Der Knig fhlte das Gespenst des Messers
     Lang vorher in der Brust, eh' sich der Mrder
     Ravaillac damit waffnete.  Ihn floh
     Die Ruh', es jagt' ihn auf in seinem Louvre,
     Ins Freie trieb es ihn; wie Leichenfeier
     Klang ihm der Gattin Krnungsfest, er hrte
     Im ahnungsvollen Ohr der Fe Tritt,
     Die durch die Gassen von Paris ihn suchten--

Grfin.
     Sagt dir die innre Ahnungsstimme nichts?

Wallenstein.
     Nichts.  Sei ganz ruhig!

Grfin.  (in dstres Nachsinnen verloren):
     Und ein andermal,
     Als ich dir eilend nachging, liefst du vor mir
     Durch einen langen Gang, durch weite Sle,
     Es wollte gar nicht enden--Tren schlugen
     Zusammen, krachend--keuchend folgt' ich, konnte
     Dich nicht erreichen--pltzlich fhlt' ich mich
     Von hinten angefat mit kalter Hand,
     Du warst's und ktest mich, und ber uns
     Schien eine rote Decke sich zu legen--

Wallenstein.
     Das ist der rote Teppich meines Zimmers.

Grfin.  (ihn betrachtend)
     Wenn's dahin sollte kommen--Wenn ich dich,
     Der jetzt in Lebensflle vor mir steht--
(Sie sinkt ihm weinend an die Brust.)

Wallenstein.
     Des Kaisers Achtsbrief ngstigt dich.  Buchstaben
     Verwunden nicht, er findet keine Hnde.

Grfin.
     Fnd' er sie aber, dann ist mein Entschlu
     Gefat--ich fhre bei mir, was mich trstet.
(Geht ab.)



Vierter Auftritt

Wallenstein.  Gordon.  Dann der Kammerdiener.


Wallenstein.
     Ist's ruhig in der Stadt?

Gordon.
     Die Stadt ist ruhig.

Wallenstein.
     Ich hre rauschende Musik, das Schlo ist
     Von Lichtern hell.  Wer sind die Frhlichen?

Gordon.
     Dem Grafen Terzky und dem Feldmarschall
     Wird ein Bankett gegeben auf dem Schlo.

Wallenstein.  (vor sich)
     Es ist des Sieges wegen--Dies Geschlecht
     Kann sich nicht anders freuen als bei Tisch.
(Klingelt.  Kammerdiener tritt ein.)
     Entkleide mich, ich will mich schlafen legen.
(Er nimmt die Schlssel zu sich.)
     So sind wir denn vor jedem Feind bewahrt
     Und mit den sichern Freunden eingeschlossen;
     Denn alles mt' mich trgen, oder ein
     Gesicht wie dies
(auf Gordon schauend)
     ist keines Heuchlers Larve.
(Kammerdiener hat ihm den Mantel, Ringkragen und die Feldbinde abgenommen.)
     Gib acht!  Was fllt da?

Kammerdiener.
     Die goldne Kette ist entzweigesprungen.

Wallenstein.
     Nun, sie hat lang genug gehalten.  Gib.
(Indem er die Kette betrachtet.)
     Das war des Kaisers erste Gunst.  Er hing sie
     Als Erzherzog mir um, im Krieg von Friaul,
     Und aus Gewohnheit trug ich sie bis heut.
     --Aus Aberglauben, wenn Ihr wollt.  Sie sollte
     Ein Talisman mir sein, so lang ich sie
     An meinem Halse glaubig wrde tragen,
     Das flcht'ge Glck, des erste Gunst sie war,
     Mir auf zeitlebens binden--Nun es sei!
     Mir mu fortan ein neues Glck beginnen,
     Denn dieses Bannes Kraft ist aus.
(Kammerdiener entfernt sich mit den Kleidern.  Wallenstein steht
auf, macht einen Gang durch den Saal und bleibt zuletzt nachdenkend
vor Gordon stehen.)
     Wie doch die alte Zeit mir nher kommt.
     Ich seh mich wieder an dem Hof zu Burgau,
     Wo wir zusammen Edelknaben waren.
     Wir hatten fters Streit, du meintest's gut
     Und pflegtest gern den Sittenprediger
     Zu machen, schaltest mich, da ich nach hohen Dingen
     Unmig strebte, khnen Trumen glaubend,
     Und priesest mir den goldnen Mittelweg.
     --Ei, deine Weisheit hat sich schlecht bewhrt,
     Sie hat dich frh zum abgelebten Manne
     Gemacht und wrde dich, wenn ich mit meinen
     Gromt'gern Sternen nicht dazwischentrte,
     Im schlechten Winkel still verlschen lassen.

Gordon.
     Mein Frst!  Mit leichtem Mute knpft der arme Fischer
     Den kleinen Nachen an im sichern Port,
     Sieht er im Sturm das groe Meerschiff stranden.

Wallenstein.
     So bist du schon im Hafen, alter Mann?
     Ich nicht.  Es treibt der ungeschwchte Mut
     Noch frisch und herrlich auf der Lebenswoge,
     Die Hoffnung nenn ich meine Gttin noch,
     Ein Jngling ist der Geist, und seh ich mich
     Dir gegenber, ja, so mcht' ich rhmend sagen,
     Da ber meinem braunen Scheitelhaar
     Die schnellen Jahre machtlos hingegangen.
(Er geht mit groen Schritten durchs Zimmer und bleibt auf der
entgegengesetzten Seite, Gordon gegenber, stehen.)
     Wer nennt das Glck noch falsch?  Mir war es treu,
     Hob aus der Menschen Reihen mich heraus
     Mit Liebe, durch des Lebens Stufen mich
     Mit kraftvoll leichten Gtterarmen tragend.
     Nichts ist gemein in meines Schicksals Wegen
     Noch in den Furchen meiner Hand.  Wer mchte
     Mein Leben mir nach Menschenweise deuten?
     Zwar jetzo schein ich tief herabgestrzt,
     Doch werd ich wieder steigen, hohe Flut
     Wird bald auf diese Ebbe schwellend folgen--

Gordon.
     Und doch erinnr' ich an den alten Spruch:
     Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
     Nicht Hoffnung mcht' ich schpfen aus dem langen Glck,
     Dem Unglck ist die Hoffnung zugesendet.
     Furcht soll das Haupt des Glcklichen umschweben,
     Denn ewig wanket des Geschickes Waage.

Wallenstein.  (lchelnd)
     Den alten Gordon hr ich wieder sprechen.
     --Wohl wei ich, da die ird'schen Dinge wechseln,
     Die bsen Gtter fordern ihren Zoll:
     Das wuten schon die alte Heidenvlker,
     Drum whlten sie sich selbst freiwill'ges Unheil,
     Die eiferscht'ge Gottheit zu vershnen,
     Und Menschenopfer bluteten dem Typhon.
(Nach einer Pause, ernst und stiller.)
     Auch ich hab ihm geopfert--Denn mir fiel
     Der liebst Freund, und fiel durch meine Schuld.
     So kann mich keines Glckes Gunst mehr freuen,
     Als dieser Schlag mich hat geschmerzt--Der Neid
     Des Schicksals ist gesttigt, es nimmt Leben
     Fr Leben an, und abgeleitet ist
     Auf das geliebte reine Haupt der Blitz,
     Der mich zerschmetternd sollte niederschlagen.



Fnfter Auftritt

Vorige.  Seni.


Wallenstein.
     Kommt da nicht Seni?  Und wie auer sich!
     Was fhrt dich noch so spt hieher, Baptist?

Seni.
     Furcht deinetwegen, Hoheit.

Wallenstein.
     Sag, was gibt's?

Seni.
     Flieh, Hoheit, eh' der Tag anbricht.  Vertraue dich
     Den Schwedischen nicht an.

Wallenstein.
     Was fllt dir ein?

Seni.  (mit steigendem Ton)
     Vertrau dich diesen Schweden nicht!

Wallenstein.
     Was ist's denn?

Seni.
     Erwarte nicht die Ankunft dieser Schweden!
     Von falschen Freunden droht dir nahes Unheil,
     Die Zeichen stehen grausenhaft, nah, nahe
     Umgeben dich die Netze des Verderbens.

Wallenstein.
     Du trumst, Baptist, die Furcht betret dich.

Seni.
     O glaube nicht, da leere Furcht mich tusche.
     Komm, lies es selbst in dem Planetenstand,
     Da Unglck dir von falschen Freunden droht.

Wallenstein.
     Von falschen Freunden stammt mein ganzes Unglck.
     Die Weisung htte frher kommen sollen,
     Jetzt brauch ich keine Sterne mehr dazu.

Seni.
     O komm und sieh!  Glaub deinen eignen Augen.
     Ein greulich Zeichen steht im Haus des Lebens,
     Ein naher Feind, ein Unhold lauert hinter
     Den Strahlen deines Sterns--O la dich warnen!
     Nicht diesen Heiden berliefre dich,
     Die Krieg mit unsrer heil'gen Kirche fhren.

Wallenstein.  (lchelnd)
     Schallt das Orakel daher?--Ja!  Ja!  Nun
     Besinn' ich mich--Dies schwed'sche Bndnis hat
     Dir nie gefallen wollen--Leg dich schlafen,
     Baptista!  Solche Zeichen frcht ich nicht.

Gordon.  (der durch diese Reden heftig erschttert worden,
     wendet sich zu Wallenstein).
     Mein frstlicher Gebieter!  Darf ich reden?
     Oft kommt ein ntzlich Wort aus schlechtem Munde.

Wallenstein.
     Sprich frei!

Gordon.
     Mein Frst!  Wenn's doch kein leeres Furchtbild wre,
     Wenn Gottes Vorsehung sich dieses Mundes
     Zu Ihrer Rettung wunderbar bediente!

Wallenstein.
     Ihr sprecht im Fieber, einer wie der andre.
     Wie kann mir Unglck kommen von den Schweden?
     Sie suchten meinen Bund, er ist ihr Vorteil.

Gordon.
     Wenn dennoch eben dieser Schweden Ankunft--
     Gerade die es wr', die das Verderben
     Beflgelte auf Ihr so sichres Haupt--
(vor ihm niederstrzend)
     O noch ist's Zeit, mein Frst--

Seni.  (kniet nieder)
     O hr ihn!  hr ihn!

Wallenstein.
     Zeit, und wozu?  Steht auf--Ich will's, steht auf.

Gordon.  (steht auf)
     Der Rheingraf ist noch fern.  Gebieten Sie,
     Und diese Festung soll sich ihm verschlieen.
     Will er uns dann belagern, er versuch's.
     Doch sag ich dies: Verderben wird er eher
     Mit seinem ganzen Volk vor diesen Wllen,
     Als unsres Mutes Tapferkeit ermden.
     Erfahren soll er, was ein Heldenhaufe
     Vermag, beseelt von einem Heldenfhrer,
     Dem's Ernst ist, seinen Fehler gutzumachen.
     Das wird den Kaiser rhren und vershnen,
     Denn gern zur Milde wendet sich sein Herz,
     Und Friedland, der bereuend wiederkehrt,
     Wird hher stehn in seines Kaisers Gnade,
     Als je der Niegefallne hat gestanden.

Wallenstein.  (betrachtet ihn mit Befremdung und Erstaunen und
schweigt eine Zeitlang, eine starke innre Bewegung zeigend)
     Gordon--des Eifers Wrme fhrt Euch weit,
     Es darf der Jugendfreund sich was erlauben.
     --Blut ist geflossen, Gordon.  Nimmer kann
     Der Kaiser mir vergeben.  Knnt' er's, ich,
     Ich knnte nimmer mir vergeben lassen.
     Htt' ich vorher gewut, was nun geschehn,
     Da es den liebsten Freund mir wrde kosten,
     Und htte mir das Herz wie jetzt gesprochen--
     Kann sein, ich htte mich bedacht--kann sein
     Auch nicht--Doch was nun schonen noch?  Zu ernsthaft
     Hat's angefangen, um in nichts zu enden.
     Hab' es denn seinen Lauf!
(Indem er ans Fenster tritt.)
     Sieh, es ist Nacht geworden, auf dem Schlo
     Ist's auch schon stille--Leuchte, Kmmerling.
(Kammerdiener, der unterdessen still eingetreten und mit
     sichtbarem Anteil in der Ferne gestanden, tritt hervor, heftig
     bewegt, und strzt sich zu des Herzogs Fen.)
     Du auch noch?  Doch ich wei es ja, warum
     Du meinen Frieden wnschest mit dem Kaiser.
     Der arme Mensch!  Er hat im Krntnerland
     Ein kleines Gut und sorgt, sie nehmen's ihm,
     Weil er bei mir ist.  Bin ich denn so arm,
     Da ich den Dienern nicht ersetzen kann?
     Nun!  Ich will niemand zwingen.  Wenn du meinst,
     Da mich das Glck geflohen, so verla mich.
     Heut magst du mich zum letztenmal entkleiden
     Und dann zu deinem Kaiser bergehn--
     Gut Nacht, Gordon!
     Ich denke einen langen Schlaf zu tun,
     Denn dieser letzten Tage Qual war gro.
     Sorgt, da sie nicht zu zeitig mich erwecken.
(Er geht ab.  Kammerdiener leuchtet.  Seni folgt.  Gordon bleibt in
der Dunkelheit stehen, dem Herzog mit den Augen folgend, bis er
in dem uersten Gang verschwunden ist; dann drckt er durch
Gebrden seinen Schmerz aus und lehnt sich gramvoll an eine
Sule.)



Sechster Auftritt

Gordon.  Buttler, anfangs hinter der Szene.


Buttler.
     Hier stehet still, bis ich das Zeichen gebe.

Gordon.  (fhrt auf)
     Er ist's, er bringt die Mrder schon.

Buttler.
     Die Lichter
     Sind aus.  In tiefem Schlafe liegt schon alles.

Gordon.
     Was soll ich tun?  Versuch ich's, ihn zu retten?
     Bring ich das Haus, die Wachen in Bewegung?

Buttler.  (erscheint hinten)
     Vom Korridor her schimmert Licht.  Das fhrt
     Zum Schlafgemach des Frsten.

Gordon.
     Aber brech ich
     Nicht meinen Eid dem Kaiser?  Und entkommt er,
     Des Feindes Macht verstrkend, lad ich nicht
     Auf mein Haupt alle frchterlichen Folgen?

Buttler.  (etwas nher kommend)
     Still!  Horch!  Wer spricht da?

Gordon.
     Ach, es ist doch besser,
     Ich stell's dem Himmel heim.  Denn was bin ich,
     Da ich so groer Tat mich unterfinge?
     Ich hab ihn nicht ermordet, wenn er umkommt,
     Doch seine Rettung wre meine Tat,
     Und jede schwere Folge mt' ich tragen.

Buttler.  (herzutretend)
     Die Stimme kenn ich.

Gordon.
     Buttler!

Buttler.
     Es ist Gordon.
     Was sucht Ihr hier?  Entlie der Herzog Euch
     So spt?

Gordon.
     Ihr tragt die Hand in einer Binde?

Buttler.
     Sie ist verwundet.  Dieser Illo focht
     Wie ein Verzweifelter, bis wir ihn endlich
     Zu Boden streckten--

Gordon.  (schauert zusammen)
     Sie sind tot!

Buttler.
     Es ist geschehn.
     --Ist er zu Bett?

Gordon.
     Ach Buttler!

Buttler.  (dringend)
     Ist er?  Sprecht!
     Nicht lange kann die Tat verborgen bleiben.

Gordon.
     Er soll nicht sterben.  Nicht durch Euch!  Der Himmel
     Will Euren Arm nicht.  Seht, er ist verwundet.

Buttler.
     Nicht meines Armes braucht's.

Gordon.
     Die Schuldigen
     Sind tot; genug ist der Gerechtigkeit
     Geschehn!  Lat dieses Opfer sie vershnen!
(Kammerdiener kommt den Gang her, mit dem Finger auf dem Mund
Stillschweigen gebietend.)
     Er schlft!  O mordet nicht den heil'gen Schlaf!

Buttler.
     Nein, er soll wachend sterben.
(Will gehen.)

Gordon.
     Ach, sein Herz ist noch
     Den ird'schen Dingen zugewendet, nicht
     Gefat ist er, vor seinen Gott zu treten.

Buttler.
     Gott ist barmherzig!
(Will gehen.)

Gordon.  (hlt ihn)
     Nur die Nacht noch gnnt ihm.

Buttler.
     Der nchste Augenblick kann uns verraten.
(Will fort.)

Gordon.  (hlt ihn).
     Nur eine Stunde!

Buttler.
     Lat mich los!  Was kann
     Die kurze Frist ihm helfen?

Gordon.
     O die Zeit ist
     Ein wundertt'ger Gott.  In einer Stunde rinnen
     Viel tausend Krner Sandes, schnell wie sie
     Bewegen sich im Menschen die Gedanken.
     Nur eine Stunde!  Euer Herz kann sich,
     Das seinige sich wenden--Eine Nachricht
     Kann kommen--ein beglckendes Ereignis
     Entscheidend, rettend, schnell vom Himmel fallen--
     O was vermag nicht eine Stunde!

Buttler.
     Ihr erinnert mich,
     Wie kostbar die Minuten sind.
(Er stampft auf den Boden.)



Siebenter Auftritt

Macdonald, Deveroux mit Hellebardierern treten hervor.
Dann Kammerdiener.  Vorige.


Gordon.  (sich zwischen ihn und jene werfend).
     Nein, Unmensch!
     Erst ber meinen Leichnam sollst du hingehn,
     Denn nicht will ich das Grliche erleben.

Buttler.  (ihn wegdrngend).
     Schwachsinn'ger Alter!
(Man hrt Trompeten in der Ferne.)

Macdonald
     und Deveroux.
     Schwedische Trompeten!
     Die Schweden stehn vor Eger!  Lat uns eilen!

Gordon.
     Gott!  Gott!

Buttler.
     An Euren Posten, Kommendant!
(Gordon strzt hinaus.)

Kammerdiener.  (eilt herein.)
     Wer darf hier lrmen?  Still, der Herzog schlft!

Deveroux.  (mit lauter, frchterlicher Stimme.)
     Freund!  Jetzt ist's Zeit, zu lrmen!

Kammerdiener.  (Geschrei erhebend)
     Hilfe!  Mrder!

Buttler.
     Nieder mit ihm!

Kammerdiener.  (von Deveroux durchbohrt, strzt am Eingang der Galerie)
     Jesus Maria!

Buttler.
     Sprengt die Tren!
(Sie schreiten ber den Leichnam weg den Gang hin.  Man hrt in
     der Ferne zwei Tren nach einander strzen--Dumpfe Stimmen--
     Waffengetse--dann pltzlich tiefe Stille.)



Achter Auftritt


Grfin Terzky.  (mit einem Lichte)
     Ihr Schlafgemach ist leer, und sie ist nirgends
     Zu finden, auch die Neubrunn wird vermit,
     Die bei ihr wachte--Wre sie entflohn?
     Wo kann sie hingeflohen sein!  Man mu
     Nacheilen, alles in Bewegung setzen!
     Wie wird der Herzog diese Schreckenspost
     Aufnehmen!--Wre nur mein Mann zurck
     Vom Gastmahl!  Ob der Herzog wohl noch wach ist?
     Mir war's, als hrt' ich Stimmen hier und Tritte.
     Ich will doch hingehn, an der Tre lauschen.
     Horch!  wer ist das?  Es eilt die Trepp' herauf.



Neunter Auftritt

Grfin.  Gordon.  Dann Buttler.


Gordon.  (eilfertig, atemlos hereinstrzend):
     Es ist ein Irrtum--es sind nicht die Schweden.
     Ihr sollt nicht weitergehen--Buttler--Gott!
     Wo ist er?
(Indem er die Grfin bemerkt.)

Grfin, sagen Sie--

Grfin.
     Sie kommen von der Burg?  Wo ist mein Mann?

Gordon.  (entsetzt)
     Ihr Mann!--O fragen Sie nicht!  Gehen Sie
     Hinein--
(Will fort)

Grfin.  (hlt ihn)
     Nicht eher, bis Sie mir entdecken--

Gordon.  (heftig dringend)
     An diesem Augenblicke hngt die Welt!
     Um Gotteswillen, gehen Sie--Indem
     Wir sprechen--Gott im Himmel!
(Laut schreiend.)

Buttler!  Buttler!

Grfin.
     Der ist ja auf dem Schlo mit meinem Mann.
(Buttler kommt aus der Galerie.)

Gordon.  (der ihn erblickt).
     Es war ein Irrtum--Es sind nicht die Schweden--
     Die Kaiserlichen sind's, die eingedrungen--
     Der Generalleutnant schickt mich her, er wird
     Gleich selbst hier sein--Ihr sollt nicht weiter gehn--

Buttler.
     Er kommt zu spt.

Gordon.  (strzt an die Mauer)
     Gott der Barmherzigkeit!

Grfin.  (ahnungsvoll)
     Was ist zu spt?  Wer wird gleich selbst hier sein?
     Octavio in Eger eingedrungen?
     Verrterei!  Verrterei!
     Wo ist Der Herzog?
(Eilt dem Gange zu.)



Zehnter Auftritt

Vorige.  Seni.  Dann Brgermeister.  Page.  Kammerfrau.  Bediente rennen
schreckensvoll ber die Szene.


Seni.  (der mit allen Zeichen des Schreckens aus der Galerie kommt)
     O blutige, entsetzensvolle Tat!

Grfin.
     Was ist
     Geschehen, Seni?

Page.  (herauskommend)
     O erbarmungswrd'ger Anblick!
(Bediente mit Fackeln.)

Grfin.
     Was ist's?  Um Gotteswillen!

Seni.
     Fragt Ihr noch?
     Drinn' liegt der Frst ermordet, Euer Mann ist
     Erstochen auf der Burg.
(Grfin bleibt erstarrt stehen.)

Kammerfrau.  (eilt herein).
     Hilf'!  Hilf' der Herzogin!

Brgermeister.  (kommt schreckenvoll)
     Was fr ein Ruf
     Des Jammers weckt die Schlfer dieses Hauses?

Gordon.
     Verflucht ist Euer Haus auf ew'ge Tage!
     In Eurem Hause liegt der Frst ermordet.

Brgermeister.
     Das wolle Gott nicht!
(Strzt hinaus.)

Erster Bedienter.
     Flieht!  Flieht!  Sie ermorden
     Uns alle!
     Zweiter Bedienter
(Silbergerte tragend)
     Da hinaus.  Die untern Gnge sind besetzt.
(Hinter der Szene wird gerufen:)
     Platz!  Platz dem Generalleutnant!
(Bei diesen Worten richtet sich die Grfin aus ihrer Erstarrung auf,
fat sich und geht schnell ab.)
(Hinter der Szene:)
     Besetzt das Tor!  Das Volk zurckgehalten!



Elfter Auftritt

Vorige ohne die Grfin.  Octavio Piccolomini tritt herein mit Gefolge.
Deveroux und Macdonald kommen zugleich aus dem Hintergrunde mit
Hellebardierern.  Wallensteins Leichnam wird in einem roten Teppich
hinten ber die Szene getragen.


Octavio.  (rasch eintretend)
     Es darf nicht sein!  Es ist nicht mglich!  Buttler!
     Gordon!  Ich will's nicht glauben.  Saget nein.

Gordon.  (ohne zu antworten, weist mit der Hand nach hinten.
Octavio sieht hin und steht von Entsetzen ergriffen).

Deveroux.  (zu Buttler).
     Hier ist das goldne Vlies, des Frsten Degen!

Macdonald.
     Befehlt Ihr, da man die Kanzlei--

Buttler.  (auf Octavio zeigend)
     Hier steht er,
     Der jetzt allein Befehle hat zu geben.
(Deveroux und Macdonald treten ehrerbietig zurck; alles verliert
sich still, da nur allein Buttler, Octavio und Gordon auf der
Szene bleiben.)

Octavio.  (zu Buttlern gewendet).
     War das die Meinung, Buttler, als wir schieden?
     Gott der Gerechtigkeit!  Ich hebe meine Hand auf.
     Ich bin an dieser ungeheuren Tat
     Nicht schuldig.

Buttler.
     Eure Hand ist rein.  Ihr habt
     Die meinige dazu gebraucht.

Octavio.
     Ruchloser!
     So mutest du des Herrn Befehl mibrauchen
     Und blutig grauenvollen Meuchelmord
     Auf deines Kaisers heil'gen Namen wlzen?

Buttler.  (gelassen)
     Ich hab des Kaisers Urtel nur vollstreckt.

Octavio.
     O Fluch der Knige, der ihren Worten
     Das frchterliche Leben gibt, dem schnell
     Vergnglichen Gedanken gleich die Tat,
     Die fest unwiderrufliche, ankettet!
     Mut' es so rasch gehorcht sein?  Konntest du
     Dem Gndigen nicht Zeit zur Gnade gnnen?
     Des Menschen Engel ist die Zeit--die rasche
     Vollstreckung an das Urteil anzuheften,
     Ziemt nur dem unvernderlichen Gott!

Buttler.
     Was scheltet Ihr mich?  Was ist mein Verbrechen?
     Ich habe eine gute Tat getan,
     Ich hab das Reich von einem furchtbarn Feinde
     Befreit und mache Anspruch auf Belohnung.
     Der einz'ge Unterschied ist zwischen Eurem
     Und meinem Tun: Ihr habt den Pfeil geschrft,
     Ich hab ihn abgedrckt.  Ihr stet Blut
     Und steht bestrzt, da Blut ist aufgegangen.
     Ich wut immer, was ich tat, und so
     Erschreckt und berrascht mich kein Erfolg.
     Habt Ihr sonst einen Auftrag mir zu geben?
     Denn stehnden Fues reis ich ab nach Wien,
     Mein blutend Schwert vor meines Kaisers Thron
     Zu legen und den Beifall mir zu holen,
     Den der geschwinde, pnktliche Gehorsam
     Von dem gerechten Richter fordern darf.
(Geht ab.)



Zwlfter Auftritt

Vorige ohne Buttler.  Grfin Terzky tritt auf, bleich und entstellt.
     Ihre Sprache ist schwach und langsam, ohne Leidenschaft.


Octavio.  (ihr entgegen)
     O Grfin Terzky, mut' es dahin kommen?
     Das sind die Folgen unglcksel'ger Taten.

Grfin.
     Es sind die Frchte Ihres Tuns--Der Herzog
     Ist tot, mein Mann ist tot, die Herzogin
     Ringt mit dem Tode, meine Nichte ist verschwunden.
     Dies Haus des Glanzes und der Herrlichkeit
     Steht nun verdet, und durch alle Pforten
     Strzt das erschreckte Hofgesinde fort.
     Ich bin die Letzte drin, ich schlo es ab
     Und liefre hier die Schlssel aus.

Octavio.  (mit tiefem Schmerz)
     O Grfin,
     Auch mein Haus ist verdet!

Grfin.
     Wer soll noch
     Umkommen?  Wer soll noch mihandelt werden?
     Der Frst ist tot, des Kaisers Rache kann
     Befriedigt sein.  Verschonen Sie die alten Diener!
     Da den Getreuen ihre Lieb und Treu
     Nicht auch zum Frevel angerechnet werde!
     Das Schicksal berraschte meinen Bruder
     Zu schnell, er konnte nicht mehr an sie denken.

Octavio
     Nichts von Mihandlung!  Nichts von Rache, Grfin!
     Die schwere Schuld ist schwer gebt, der Kaiser
     Vershnt, nichts geht vom Vater auf die Tochter
     Hinber als sein Ruhm und sein Verdienst.
     Die Kaiserin ehrt Ihr Unglck, ffnet Ihnen
     Teilnehmend ihre mtterlichen Arme.
     Drum keine Furcht mehr!  Fassen Sie Vertrauen
     Und bergeben Sie sich hoffnungsvoll
     Der kaiserlichen Gnade.

Grfin.  (mit einem Blick zum Himmel)
     Ich vertraue mich
     Der Gnade eines grern Herrn--Wo soll
     Der frstliche Leichnam seine Ruhstatt finden?
     In der Kartause, die er selbst gestiftet,
     Zu Gitschin ruht die Grfin Wallenstein;
     An ihrer Seite, die sein erstes Glck
     Gegrndet, wnscht' er, dankbar, einst zu schlummern.
     O lassen Sie ihn dort begraben sein!
     Auch fr die Reste meines Mannes bitt ich
     Um gleiche Gunst.  Der Kaiser ist Besitzer
     Von unsern Schlssern, gnne man uns nur
     Ein Grab noch bei den Grbern unsrer Ahnen.

Octavio.
     Sie zittern, Grfin--Sie verbleichen--Gott!
     Und welche Deutung geb ich Ihren Reden?

Grfin.  (sammelt ihre letzte Kraft und spricht mit
     Lebhaftigkeit und Adel)
     Sie denken wrdiger von mir, als da Sie glaubten,
     Ich berlebte meines Hauses Fall.
     Wir fhlten uns nicht zu gering, die Hand
     Nach einer Knigskrone zu erheben--
     Es sollte nicht sein--Doch wir denken kniglich
     Und achten einen freien, mut'gen Tod
     Anstndiger als ein entehrtes Leben.
     --Ich habe Gift--

Octavio.
     O rettet!  helft!

Grfin.
     Es ist zu spt.
     In wenig Augenblicken ist mein Schicksal
     Erfllt.
(Sie geht ab.)

Gordon.
     O Haus des Mordes und Entsetzens!
(Ein Kurier kommt und bringt einen Brief.  Gordon tritt ihm entgegen.)
     Was gibt's?  Das ist das kaiserliche Siegel.
(Er hat die Aufschrift gelesen und bergibt den Brief dem Octavio
     mit einem Blick des Vorwurfs.)
     Dem Frsten Piccolomini.
(Octavio erschrickt und blickt schmerzvoll zu Himmel.)

(Der Vorhang fllt.)










End of the Project Gutenberg EBook of Wallensteins Tod, by Friedrich Schiller

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALLENSTEINS TOD ***

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