The Project Gutenberg EBook of Kabale und Liebe
by Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller

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Title: Kabale und Liebe

Author: Friedrich (Johann Christoph Friedrich von ) Schiller

Release Date: September, 2004  [EBook #6498]
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[This file was first posted on December 22, 2002]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KABALE UND LIEBE ***





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Friedrich Schiller


Kabale und Liebe

Ein brgerliches Trauerspiel.



---------------------------------------------

Personen:

Prsident von Walter,  am Hof eines deutschen Frsten.
Ferdinand,  sein Sohn, Major.
Hofmarschall von Kalb.
Lady Milford,  Favoritin des Frsten.
Wurm,  Haussecretr des Prsidenten.
Miller,  Stadtmusikant oder, wie man sie an einigen Orten
  nennt, Kunstpfeifer.
Dessen Frau.
Luise,  dessen Tochter.
Sophie,  Kammerjungfer der Lady.
Ein Kammerdiener des Frsten.
Verschiedene Nebenpersonen.




Erster Akt.



Erste Scene.

Zimmer beim Musikus.


Miller steht eben vom Sessel auf und stellt sein Violoncell auf die
Seite.  An einem Tisch sitzt Frau Millerin noch im Nachtgewand und
trinkt ihren Kaffee.


Miller (schnell auf- und abgehend).  Einmal fr allemal!  Der Handel
wird ernsthaft.  Meine Tochter kommt mit dem Baron ins Geschrei.
Mein Haus wird verrufen.  Der Prsident bekommt Wind, und kurz und
gut, ich biete dem Junker aus.

Frau.  Du hast ihn nicht in dein Haus geschwatzt--hast ihm deine
Tochter nicht nachgeworfen.

Miller.  Hab' ihn nicht in mein Haus geschwatzt--hab' ihm 's Mdel
nicht nachgeworfen; wer nimmt Notiz davon?--Ich war Herr im Haus.
Ich htt' meine Tochter mehr coram nehmen sollen.  Ich htt' dem
Major besser auftrumpfen sollen--oder htt' gleich Alles Seiner
Excellenz, dem Herrn Papa, stecken sollen.  Der junge Baron bringt's
mit einem Wischer hinaus, das mu ich wissen, und alles Wetter kommt
ber den Geiger.

Frau (schlrft eine Tasse aus).  Possen!  Geschwtz!  Was kann ber
dich kommen?  Wer kann dir was anhaben?  Du gehst deiner Profession
nach und raffst Scholaren zusammen, wo sie zu kriegen sind.

Miller.  Aber, sag mir doch, was wird bei dem ganzen Commerz auch
herauskommen?--Nehmen kann er das Mdel nicht--Vom Nehmen ist gar die
Rede nicht, und zu einer--da Gott erbarm?--Guten Morgen!--Gott, wenn
so ein Musje von sich da und dort, und dort und hier schon
herumbeholfen hat, wenn er, der Henker wei! was als? gelst hat,
schmeckt's meinem guten Schlucker freilich, einmal auf s Wasser zu
graben.  Gib du Acht! gib du Acht! und wenn du aus jedem Astloch ein
Auge strecktest und vor jedem Blutstropfen Schildwache stndest, er
wird sie, dir auf der Nase, beschwatzen, dem Mdel Eins hinsetzen und
fhrt sich ab, und das Mdel ist verschimpfiert auf ihr Lebenlang,
bleibt sitzen, oder hat's Handwerk verschmeckt, treibt's fort.  (Die
Hand vor der Stirn) Jesus Christus!

Frau.  Gott beht' uns in Gnaden!

Miller.  Es hat sich zu behten.  Worauf kann so ein Windfu wohl
sonst sein Absehen richten?--Das Mdel ist schn--schlank--fhrt
seinen netten Fu.  Unterm Dach mag's aussehen, wie's will.  Darber
guckt man bei euch Weibsleuten weg, wenn's nur der liebe Gott
parterre nicht hat fehlen lassen--Stbert mein Springinsfeld erst
noch dieses Kapital aus--he da! geht ihm ein Licht auf, wie meinem
Rodney, wenn er die Witterung eines Franzosen kriegt, und nun mssen
alle Segel dran, und drauf los, und--ich verdenk's ihm gar nicht.
Mensch ist Mensch.  Das mu ich wissen.

Frau.  Solltest nur die wunderhbsche Billeter auch lesen, die der
gndige Herr an deine Tochter als schreiben thut.  Guter Gott! da
sieht man's ja sonnenklar, wie es ihm pur um ihre schne Seele zu
thun ist.

Miller.  Das ist die rechte Hhe.  Auf den Sack schlgt man, den Esel
meint man.  Wer einen Gru an das liebe Fleisch zu bestellen hat,
darf nur das gute Herz Boten gehen lassen.  Wie hab' ich's gemacht?
Hat man's nur erst so weit im Reinen, da die Gemther topp machen,
wutsch! nehmen die Krper ein Exempel; das Gesind macht's der
Herrschaft nach, und der silberne Mond ist am End nur der Kuppler
gewesen.

Frau.  Sieh doch nur erst die prchtigen Bcher an, die der Herr
Major ins Haus geschafft haben.  Deine Tochter betet auch immer draus.

Miller (pfeift).  Hui da!  Betet!  Du hast den Witz davon.  Die rohen
Kraftbrhen der Natur sind Ihro Gnaden zartem Makronenmagen noch zu
hart.--Er mu sie erst in der hllischen Pestilenzkche der
Belletristen knstlich aufkochen lassen.  Ins Feuer mit dem Quark.
Da saugt mir das Mdel--wei Gott, was als fr?--berhimmlische
Alfanzereien ein, das luft dann wie spanische Mucken ins Blut und
wirft mir die Handvoll Christenthum noch gar auseinander, die der
Vater mit knapper Noth soso noch zusammenhielt.  Ins Feuer, sag' ich.
Das Mdel setzt sich alles Teufelsgezeug in den Kopf; ber all dem
Herumschwnzen in der Schlaraffenwelt findet's zuletzt seine Heimath
nicht mehr, vergit, schmt sich, da sein Vater Miller der Geiger
ist, und verschlgt mir am End einen wackern ehrbaren Schwiegersohn,
der sich so warm in meine Kundschaft hineingesetzt htte--Nein!  Gott
verdamm mich!  (Er springt auf, hitzig.) Gleich mu die Pastete auf
den Herd, und dem Major--ja ja, dem Major will ich weisen, wo Meister
Zimmermann das Loch gemacht hat.  (Er will fort.)

Frau.  Sei artig, Miller.  Wie manchen schnen Groschen haben uns nur
die Prsenter-Miller (kommt zurck und bleibt vor ihr stehen).  Das
Blutgeld meiner Tochter?--Schier dich zum Satan, infame Kupplerin!
--Eh will ich mit meiner Geig' auf den Bettel herumziehen und das
Concert um was Warmes geben--eh will ich mein Violoncello zerschlagen
und Mist im Sonanzboden fhren, eh ich mir's schmecken lass' von dem
Geld, das mein einziges Kind mit Seel' und Seligkeit abverdient.
--Stell den vermaledeiten Kaffee ein und das Tobackschnupfen, so
brauchst du deiner Tochter Gesicht nicht zu Markt zu treiben.  Ich
hab mich satt gefressen und immer ein gutes Hemd auf dem Leib gehabt,
eh so ein vertrackter Tausendsasa in meine Stube geschmeckt hat.

Frau.  Nur nicht gleich mit der Thr ins Haus!  Wie du doch den
Augenblick in Feuer und Flammen stehst!  Ich sprech ja nur, man mss'
den Herrn Major nicht disguschthren, weil Sie des Prsidenten Sohn
sind.

Miller.  Da liegt der Haas im Pfeffer.  Darum, just eben darum mu
die Sach noch heut auseinander.  Der Prsident mu es mir Dank wissen,
wenn er ein rechtschaffener Vater ist.  Du wirst mir meinen rothen
plschenen Rock ausbrsten, und ich werde mich bei Seiner Excellenz
anmelden lassen.  Ich werde sprechen zu seiner Excellenz: Dero Herr
Sohn haben ein Aug auf meine Tochter; meine Tochter ist zu schlecht
zu Dero Herrn Sohnes Frau, aber zu Dero Herrn Sohnes Hure ist meine
Tochter zu kostbar, und damit basta!--Ich heie Miller.



Zweite Scene.

Secretr Wurm.  Die Vorigen.


Frau.  Ah guten Morgen, Herr Sekertare!  Hat man auch einmal wieder
das Vergngen von Ihnen?

Wurm.  Meinerseits, meinerseits, Frau Base!  Wo eine Cavaliersgnade
einspricht, kommt mein brgerliches Vergngen in gar keine Rechnung.

Frau.  Was Sie nicht sagen, Herr Sekertare!  Des Herrn Majors von
Walter hohe Gnaden machen uns wohl je und je das Blsier; doch
verachten wir darum Niemand.

Miller (verdrielich).  Dem Herrn einen Sessel, Frau.  Wollen's
ablegen, Herr Landsmann?

Wurm (legt Hut und Stock weg, setzt sich).  Nun! nun! und wie
befindet sich denn meine Zuknftige--oder Gewesene?--Ich will doch
nicht hoffen--kriegt man sie nicht zu sehen--Mamsell Luisen?

Frau.  Danken der Nachfrage, Herr Sekertare.  Aber meine Tochter ist
doch gar nicht hochmthig.

Miller (rgerlich, stt sie mit dem Ellenbogen).  Weib!

Frau.  Bedauern's nur, da sie die Ehre nicht haben kann vom Herrn
Sekertare.  Sie ist eben in der Me, meine Tochter.

Wurm.  Das freut mich, freut mich.  Ich werd' mal eine fromme,
christliche Frau an ihr haben.

Frau (lchelt dumm-vornehm).  Ja--aber, Herr Sekertare-Miller (in
sichtbarer Verlegenheit, kneipt sie in die Ohren).  Weib!

Frau.  Wenn Ihnen unser Haus sonst irgend wo dienen kann--mit allem
Vergngen, Herr Sekertare-Wurm (macht falsche Augen).  Sonst irgendwo!
Schnen Dank!  Schnen Dank!--Hem! hem! hem!

Frau.  Aber--wie der Herr Sekertare selber die Einsicht werden
haben-Miller (voll Zorn seine Frau vor den Hintern stoend).  Weib!

Frau.  Gut ist gut, und besser ist besser, und einem einzigen Kind
mag man doch auch nicht vor seinem Glck sein.  (Burisch-stolz.) Sie
werden mich ja doch wohl merken, Herr Sekertare?

Wurm (rckt unruhig im Sessel, kratzt hinter den Ohren und zupft an
Manschetten und Jabot).  Merken?  Nicht doch--O ja--Wie meinen Sie
denn?

Frau.  Nu--nu--ich dchte nur--ich meine, (hustet) weil eben halt der
liebe Gott meine Tochter barrdu zur gndigen Madam will haben-Wurm
(fhrt vom Stuhl).  Was sagen Sie da?  Was?

Miller.  Bleiben sitzen!  Bleiben sitzen, Herr Secretarius!  Das Weib
ist eine alberne Gans.  Wo soll eine gndige Madam herkommen?  Was
fr ein Esel streckt sein Langohr aus diesem Geschwtze?

Frau.  Schmhl du, so lang du willst.  Was ich wei, wei ich--und
was der Herr Major gesagt hat, das hat er gesagt.

Miller (aufgebracht, springt nach der Geige).  Willst du dein Maul
halten?  Willst du das Violoncell am Hirnkasten wissen?--Was kannst
du wissen?  Was kann er gesagt haben?--Kehren sich an das Geklatsch
nicht, Herr Vetter--Marsch du, in deine Kche!--Werden mich doch
nicht fr des Dummkopfs leiblichen Schwager halten, da ich oben aus
woll' mit dem Mdel?  Werden doch das nicht von mir denken, Herr
Secretarius?

Wurm.  Auch hab' ich es nicht um Sie verdient, Herr Musikmeister.
Sie haben mich jederzeit den Mann von Wort sehen lassen und meine
Ansprche auf Ihre Tochter waren so gut als unterschrieben.  Ich habe
ein Amt, das seinen guten Haushlter nhren kann; der Prsident ist
mir gewogen; an Empfehlungen kann's nicht fehlen, wenn ich mich hher
poussieren will.  Sie sehen, da meine Absichten auf Mamsell Luisen
ernsthaft sind, wenn Sie vielleicht von einem adeligen Windbeutel
herumgeholt-Frau.  Herr Sekertare Wurm!  Mehr Respect, wenn man
bitten darf-Miller.  Halt du dein Maul, sag' ich--Lassen Sie es gut
sein, Herr Vetter!  Es bleibt beim Alten.  Was ich Ihnen verwichenen
Herbst zum Bescheid gab, bring' ich heut wieder.  Ich zwinge meine
Tochter nicht.  Stehen Sie ihr an--wohl und gut, so mag sie zusehen,
wie sie glcklich mit Ihnen wird.  Schttelt sie den Kopf--noch
besser--in Gottes Namen wollt' ich sagen--so stecken Sie den Korb ein
und trinken eine Bouteille mit dem Vater--Das Mdel mu mit Ihnen
leben--ich nicht.--Warum soll ich ihr einen Mann, den sie nicht
schmecken kann, aus purem klarem Eigensinn an den Hals werfen?--Da
mich der bse Feind in meinen eisgrauen Tagen noch wie sein Wildpret
herumhetzt--da ich's in jedem Glas Wein zu saufen--in jeder Suppe zu
fressen kriege: Du bist der Spitzbube, der sein Kind ruiniert hat.

Frau.  Und kurz und gut--ich geb meinen Consenz absolut nicht; meine
Tochter ist zu was Hohem gemnzt, und ich lauf' in die Gerichte, wenn
mein Mann sich beschwatzen lt.

Miller.  Willst du Arm und Bein entzwei haben, Wettermaul?

Wurm (zu Millern).  Ein vterlicher Rath vermag bei der Tochter viel,
und hoffentlich werden Sie mich kennen, Herr Miller?

Miller.  Da dich alle Hagel! 's Mdel mu Sie kennen.  Was ich alter
Knasterbart an Ihnen abgucke, ist just kein Fressen frs junge
naschhafte Mdel.  Ich will Ihnen aufs Haar hin sagen, ob Sie ein
Mann frs Orchester sind--aber eine Weiberseel' ist auch fr einen
Kapellmeister zu spitzig.--Und dann von der Brust weg, Herr
Vetter--ich bin halt ein plumper gerader deutscher Kerl--fr meinen
Rath wrden Sie sich zuletzt wenig bedanken.  Ich rathe meiner
Tochter zu Keinem--aber Sie mirath ich meiner Tochter, Herr
Secretarius!  Lassen mich ausreden.  Einem Liebhaber, der den Vater
zu Hilfe ruft, trau' ich--erlauben Sie--keine hohle Haselnu zu.  Ist
er was, so wird er sich schmen, seine Talente durch diesen
altmodischen Kanal vor seine Liebste zu bringen--Hat er's Courage
nicht, so ist er ein Hasenfu, und fr den sind keine Luisen
gewachsen--Da! hinter dem Rcken des Vaters mu er sein Gewerb an die
Tochter bestellen.  Machen mu er, da das Mdel lieber Vater und
Mutter zum Teufel wnscht, als ihn fahren lt,--oder selber kommt,
dem Vater zu Fen sich wirft und sich um Gotteswillen den schwarzen
gelben Tod oder den Herzeinigen ausbittet--Das nenn' ich einen Kerl!
das heit lieben!--und wer's bei dem Weibsvolk nicht so weit bringt,
der soll--auf seinem Gnsekiel reiten.

Wurm (greift nach Hut und Stock und zum Zimmer hinaus).  Obligation,
Herr Miller!

Miller (geht ihm langsam nach).  Fr was? fr was?  Haben Sie ja doch
nichts genossen, Herr Secretarius!  (Zurckkommend.)  Nichts hrt er,
und hin zieht er--Ist mir's doch wie Gift und Operment, wenn ich den
Federfuchser zu Gesichte krieg'.  Ein confiscierter widriger Kerl,
als htt' ihn irgend ein Schleichhndler in die Welt meines Herrgotts
hineingeschachert--Die kleinen tckischen Mausaugen--die Haare
brandroth--das Kinn herausgequollen, gerade als wenn die Natur fr
purem Gift ber das verhunzte Stck Arbeit meinen Schlingel da
angefat und in irgend eine Ecke geworfen htte--Nein! eh ich meine
Tochter an so einen Schuft wegwerfe, lieber soll sie mir--Gott
verzeih mir's-Frau (spuckt aus, giftig).  Der Hund!--aber man wird
dir's Maul sauber halten!

Miller.  Du aber auch mit deinem pestilenzialischen Junker--Hast mich
vorhin auch so in Harnisch gebracht--Bist doch nie dummer, als wenn
du um Gotteswillen gescheidt sein solltest.  Was hat das Getrtsch
von einer gndigen Madam und deiner Tochter da vorstellen sollen?
Das ist mir der Alte!  Dem mu man so was an die Nase heften, wenn's
morgen am Marktbrunnen ausgeschellt sein soll.  Das ist just so ein
Musje, wie sie in der Leute Husern herumriechen, ber Keller und
Koch rsonnieren, und springt einem ein nasenweises Wort bers
Maul--Bumbs! haben's Frst und Mtre und Prsident, und du hast das
siedende Donnerwetter am Halse.



Dritte Scene.

Luise Millerin kommt, ein Buch in der Hand.  Vorige.


Luise (legt das Buch nieder, geht zu Millern und drckt ihm die Hand).
Guten Morgen, lieber Vater.

Miller (warm).  Brav, meine Luise--Freut mich, da du so fleiig an
deinen Schpfer denkst.  Bleib immer so, und sein Arm wird dich
halten.

Luise.  O! ich bin eine schwere Snderin, Vater--War er da, Mutter?

Frau.  Wer, mein Kind?

Luise.  Ah! ich verga, da es noch auer ihm Menschen gibt--Mein
Kopf ist so wste--Er war nicht da?  Walter?

Miller (traurig und ernsthaft).  Ich dachte, meine Luise htte den
Namen in der Kirche gelassen?

Luise (nachdem sie ihn eine Zeitlang starr angesehen).  Ich versteh'
ihn, Vater--fhle das Messer, das Er in mein Gewissen stt; aber es
kommt zu spt.--Ich hab' keine Andacht mehr, Vater--der Himmel und
Ferdinand reien an meiner blutenden Seele, und ich frchte--ich
frchte--(Nach einer Pause.)  Doch nein, guter Vater.  Wenn wir ihn
ber dem Gemlde vernachlssigen, findet sich ja der Knstler am
feinsten gelobt.--Wenn meine Freude ber sein Meisterstck mich ihn
selbst bersehen macht, Vater, mu das Gott nicht ergtzen?

Miller (wirft sich unmuthig in den Stuhl).  Da haben wir's!  Das ist
die Frucht von dem gottlosen Lesen.

Luise (tritt unruhig an ein Fenster).  Wo er wohl jetzt ist?--Die
vornehmen Frulein, die ihn sehen--ihn hren--ich bin ein schlechtes,
vergessenes Mdchen.  (Erschrickt an dem Wort und strzt ihrem Vater
zu.)  Doch nein, nein! verzeih' Er mir.  Ich beweine mein Schicksal
nicht.  Ich will ja nur wenig--an ihn denken--das kostet ja nichts.
Dies Bischen Leben--drft' ich es hinhauchen in ein leises,
schmeichelndes Lftchen, sein Gesicht abzukhlen;--dies Blmchen
Jugend--wr' es ein Veilchen, und er trte drauf, und es drfte
bescheiden unter ihm sterben!--Damit gengte mir, Vater!  Wenn die
Mcke in ihren Strahlen sich sonnt--kann sie das strafen, die stolze
majesttische Sonne?

Miller (beugt sich gerhrt an die Lehne des Stuhls und bedeckt das
Gesicht).  Hre, Luise--das Bissel Bodensatz meiner Jahre, ich gb'
es hin, httest du den Major nie gesehen.

Luise (erschrocken).  Was sagt Er da? was?--Nein, er meint es anders,
der gute Vater.  Er wird nicht wissen, da Ferdinand mein ist, mir
geschaffen, mir zur Freude vom Vater der Liebenden.  (Sie steht
nachdenkend.)  Als ich ihn das Erstemal sah--(rascher) und mir das
Blut in die Wangen stieg, froher jagten alle Pulse, jede Wallung
sprach, jeder Athem lispelte: er ist's!--und mein Herz den
Immermangelnden erkannte, bekrftigte: er ist's! und wie das
wiederklang durch die ganze mitfreuende Welt!  Damals--o damals ging
in meiner Seele der erste Morgen auf.  Tausend junge Gefhle schossen
aus meinem Herzen, wie die Blumen aus dem Erdreich, wenn's Frhling
wird.  Ich sah keine Welt mehr, und doch besinn' ich mich, da sie
niemals so schn war.  Ich wute von keinem Gott mehr, und doch hatt'
ich ihn nie so geliebt.

Miller (tritt auf sie zu, drckt sie wider seine Brust).
Luise--theures--herrliches Kind--nimm meinen alten mrben Kopf--nimm
Alles--Alles!--den Major--Gott ist mein Zeuge--ich kann dir ihn
nimmer geben.  (Er geht ab.)

Luise.  Auch will ich ihn ja jetzt nicht, mein Vater!  Dieser karge
Thautropfen Zeit--schon ein Traum von Ferdinand trinkt ihn wollstig
auf.  Ich entsag' ihm fr dieses Leben.  Dann, Mutter--dann wenn die
Schranken des Unterschieds einstrzen--wenn von uns abspringen all
die verhaten Hlsen des Standes--Menschen nur Menschen sind--Ich
bringe nichts mit mir, als meine Unschuld; aber der Vater hat ja so
oft gesagt, da der Schmuck und die prchtigen Titel wohlfeil werden,
wenn Gott kommt, und die Herzen im Preise steigen.  Ich werde dann
reich sein.  Dort rechnet man Thrnen fr Triumphe und schne
Gedanken fr Ahnen an.  Ich werde dann vornehm sein, Mutter--Was
htte er dann noch vor seinem Mdchen voraus?

Frau (fhrt in die Hhe).  Luise! der Major!  Er springt ber die
Planke.  Wo verberg' ich mich doch?

Luise (fngt an zu zittern).  Bleib Sie doch, Mutter!

Frau.  Mein Gott!  Wie seh' ich aus; ich mu mich ja schmen.  Ich
darf mich nicht vor seiner Gnaden so sehen lassen.  (Ab.)



Vierte Scene.

Ferdinand von Walter.  Luise.


(Er fliegt auf sie zu--sie sinkt entfrbt und matt auf einen
Sessel--er bleibt vor ihr stehn--sie sehen sich eine Zeitlang
stillschweigend an.  Pause.)

Ferdinand.  Du bist bla, Luise?

Luise (steht auf und fllt ihm um den Hals).  Es ist nichts! nichts!
Du bist ja da.  Es ist vorber.

Ferdinand (ihr Hand nehmend und zum Munde fhrend).  Und liebt mich
meine Luise noch?  Mein Herz ist das gestrige, ist's auch das deine
noch?  Ich fliege nur her, will sehen, ob du heiter bist, und gehn
und es auch sein--Du bist's nicht.

Luise.  Doch, doch, mein Geliebter.

Ferdinand.  Rede mir Wahrheit.  Du bist's nicht.  Ich schau durch
deine Seele, wie durch das klare Wasser dieses Brillanten.  (Zeigt
auf seinen Ring.)  Hier wirft sich kein Blschen auf, das ich nicht
merkte--kein Gedanke tritt in dies Angesicht, der mir entwischte.
Was hast du?  Geschwind!  Wei ich nur diesen Spiegel helle, so luft
keine Wolke ber die Welt.  Was bekmmert dich?

Luise (sieht ihn eine Weile stumm und bedeutend an, dann mit Wehmuth).
Ferdinand!  Ferdinand!  Da du doch wtest, wie schn in dieser
Sprache das brgerliche Mdchen sich ausnimmt-Ferdinand.  Was ist
das?  (Befremdet.)  Mdchen!  Hre! wie kommst du auf das?--Du bist
meine Luise.  Wer sagt dir, da du noch etwas sein solltest?  Siehst
du, Falsche, auf welchem Kaltsinn ich dir begegnen mu.  Wrest du
ganz nur Liebe fr mich, wann httest du Zeit gehabt, eine
Vergleichung zu machen?  Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine
Vernunft in einen Blick--in einen Traum von dir, wenn ich weg bin,
und du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe?--Schme dich!
Jeder Augenblick, den du an diesen Kummer verlorst, war deinem
Jngling gestohlen.

Luise (fat seine Hand, indem sie den Kopf schttelt).  Du willst
mich einschlfern, Ferdinand--willst meine Augen von diesem Abgrund
hinweglocken, in den ich ganz gewi strzen mu.  Ich seh' in die
Zukunft--die Stimme des Ruhms--deine Entwrfe--dein Vater--mein
Nichts.  (Erschrickt und lt pltzlich seine Hand fahren.)  Ferdinand!
Ein Dolch ber dir und mir!--Man trennt uns!

Ferdinand.  Trennt uns!  (Er springt auf.)  Woher bringst du diese
Ahnung, Luise?  Trennt uns?--Wer kann den Bund zweier Herzen lsen,
oder die Tne eines Accords auseinander reien?--Ich bin ein
Edelmann--La doch sehen, ob mein Adelbrief lter ist, als der Ri
zum unendlichen Weltall? oder mein Wappen gltiger, als die
Handschrift des Himmels in Luisens Augen: dieses Weib ist fr diesen
Mann?--Ich bin des Prsidenten Sohn.  Eben darum.  Wer, als die Liebe,
kann mir die Flche versen, die mir der Landeswucher meines Vaters
vermachen wird?

Luise.  O wie sehr frcht' ich ihn--diesen Vater!

Ferdinand.  Ich frchte nichts--nichts--als die Grenzen deiner Liebe.
La auch Hindernisse wie Gebirge zwischen uns treten, ich will sie
fr Treppen nehmen und drber hin in Luisens Arme fliegen.  Die
Strme des widrigen Schicksals sollen meine Empfindung emporblasen,
Gefahren werden meine Luise nur reizender machen.--Also nichts mehr
von Furcht, meine Liebe.  Ich selbst--ich will ber dir wachen, wie
der Zauberdrach ber unterirdischem Golde--Mir vertraue dich!  Du
brauchst keinen Engel mehr--Ich will mich zwischen dich und das
Schicksal werfen--empfangen fr dich jede Wunde--auffassen fr dich
jeden Tropfen aus dem Becher der Freude--dir ihn bringen in die
Schale der Liebe.  (Sie zrtlich umfassend.)  An diesem Arm soll meine
Luise durchs Leben hpfen; schner, als er dich von sich lie, soll
der Himmel dich wieder haben und mit Verwunderung eingestehn, da nur
die Liebe die letzte Hand an die Seelen legte-Luise (drckt ihn von
sich, in groer Bewegung).  Nichts mehr!  Ich bitte dich, schweig!
--Wtest du--La mich--du weit nicht, da deine Hoffnungen mein
Herz wie Furien anfallen.  (Will fort.)

Ferdinand (hlt sie auf).  Luise?  Wie!  Was!  Welche Anwandlung?

Luise.  Ich hatte diese Trume vergessen und war glcklich--Jetzt!
jetzt! von heut an--der Friede meines Lebens ist aus--Wilde
Wnsche--ich wei es--werden in meinem Busen rasen.--Geh--Gott
vergebe dir's--Du hast den Feuerbrand in mein junges, friedsames Herz
geworfen, und er wird nimmer, nimmer gelscht werden.  (Sie strzt
hinaus.  Er folgt ihr sprachlos nach.)



Fnfte Scene.

Saal beim Prsidenten.


Der Prsident, ein Ordenskreuz um den Hals, einen Stern an der Seite,
und Secretr Wurm treten auf.

Prsident.  Ein ernsthaftes Attachement!  Mein Sohn?--Nein, Wurm, das
macht Er mich nimmermehr glauben.

Wurm.  Ihro Excellenz haben die Gnade, mir den Beweis zu befehlen.

Prsident.  Da er der Brgercanaille den Hof macht--Flatterieen
sagt--auch meinetwegen Empfindungen vorplaudert--das sind lauter
Sachen, die ich mglich finde--verzeihlich finde--aber--und noch gar
die Tochter eines Musikus, sagt Er?

Wurm.  Musikmeister Millers Tochter.

Prsident.  Hbsch--Zwar das versteht sich.

Wurm (lebhaft).  Das schnste Exemplar einer Blondine, die, nicht zu
viel gesagt, neben den ersten Schnheiten des Hofes noch Figur machen
wrde.

Prsident (lacht).  Er sagt mir, Wurm--Er habe ein Aug auf das
Ding--das find' ich.  Aber sieht Er, mein lieber Wurm--da mein Sohn
Gefhl fr das Frauenzimmer hat, macht mir Hoffnung, da ihn die
Damen nicht hassen werden.  Er kann bei Hof etwas durchsetzen.  Das
Mdchen ist schn, sagt Er; das gefllt mir an meinem Sohn, da er
Geschmack hat.  Spiegelt er der Nrrin solide Absichten vor?  Noch
besser--so seh' ich, da er Witz genug hat, in seinen Beutel zu lgen.
Er kann Prsident werden.  Setzt er es noch dazu durch?  Herrlich!
das zeigt mir an, da er Glck hat.--Schliet sich die Farce mit
einem gesunden Enkel--unvergleichlich! so trink' ich auf die guten
Aspecten meines Stammbaums eine Bouteille Malaga mehr und bezahle die
Scortationsstrafe fr seine Dirne.

Wurm.  Alles, was ich wnsche, Ihr' Excellenz, ist, da Sie nicht
nthig haben mchten, diese Bouteille zu Ihrer Zerstreuung zu trinken.

Prsident (ernsthaft).  Wurm, besinn' Er sich, da ich, wenn ich
einmal glaube, hartnckig glaube; rase, wenn ich zrne--Ich will
einen Spa daraus machen, da Er mich aufhetzen wollte.  Da Er sich
seinen Nebenbuhler gern vom Hals geschafft htte, glaub' ich Ihm
herzlich gern.  Da Er meinen Sohn bei dem Mdchen auszustechen Mhe
haben mchte, soll Ihm der Vater zur Fliegenklatsche dienen, das
find' ich wieder begreiflich--und da er einen so herrlichen Ansatz
zum Schelmen hat, entzckt mich sogar--Nur, mein lieber Wurm, mu Er
mich nicht mit prellen wollen.--Nur, versteht Er mich, mu Er den
Pfiff nicht bis zum Einbruch in meine Grundstze treiben.

Wurm.  Ihro Excellenz verzeihen.  Wenn auch wirklich--wie Sie
argwohnen--die Eifersucht hier im Spiel sein sollte, so wre sie es
wenigstens nur mit den Augen und nicht mit der Zunge.

Prsident.  Und ich dchte, sie bliebe ganz weg. Dummer Teufel, was
verschlgt es denn Ihm, ob Er die Karolin frisch aus der Mnze oder vom
Bankier bekommt.  Trst' Er sich mit dem hiesigen Adel--wissentlich
oder nicht--bei uns wird selten eine Mariage geschlossen, wo nicht
wenigstens ein halb Dutzend der Gste--oder der Aufwrter--das Paradies
des Brutigams geometrisch ermessen kann.

Wurm (verbeugt sich).  Ich mache hier gern den Brgersmann, gndiger
Herr.

Prsident.  berdies kann Er mit Nchstem die Freude haben, seinem
Nebenbuhler den Spott auf die schnste Art heimzugeben.  Eben jetzt
liegt der Anschlag im Kabinet, da, auf die Ankunft der neuen
Herzogin, Lady Milford zum Schein den Abschied erhalten und, den
Betrug vollkommen zu machen, eine Verbindung eingehen soll.  Er wei,
Wurm, wie sehr sich mein Ansehen auf den Einflu der Lady sttzt--wie
berhaupt meine mchtigsten Springfedern in die Wallungen des Frsten
hineinspielen.  Der Herzog sucht eine Partie fr die Milford.  Ein
Anderer kann sich melden--den Kauf schlieen, mit der Dame das
Vertrauen des Frsten anreien, sich ihm unentbehrlich machen--Damit
nun der Frst im Netz meiner Familie bleibe, soll mein Ferdinand die
Milford heirathen--Ist Ihm das helle?

Wurm.  Da mich die Augen beien--Wenigstens bewies der Prsident
hier, da der Vater nur ein Anfnger gegen ihn ist.  Wenn der Major
Ihnen eben so den gehorsamen Sohn zeigt, als Sie ihm den zrtlichen
Vater, so drfte Ihre Anforderung mit Protest zurckkommen.

Prsident.  Zum Glck war mir noch nie fr die Ausfhrung eines
Entwurfes bang, wo ich mich mit einem: es soll so sein! einstellen
konnte.--Aber seh' Er nun, Wurm, das hat uns wieder auf den vorigen
Punkt geleitet.  Ich kndige meinem Sohn noch diesen Vormittag seine
Vermhlung an.  Das Gesicht, das er mir zeigen wird, soll Seinen
Argwohn entweder rechtfertigen oder ganz widerlegen.

Wurm.  Gndiger Herr, ich bitte sehr um Vergebung.  Das finstre
Gesicht, das er Ihnen ganz zuverlssig zeigt, lt sich eben so gut
auf die Rechnung der Braut schreiben, die Sie ihm zufhren, als
derjenigen, die Sie ihm nehmen.  Ich ersuche Sie um eine schrfere
Probe.  Whlen Sie ihm die untadelichste Partie im Lande, und sagt er
Ja, so lassen Sie den Secretr Wurm drei Jahre Kugeln schleifen.

Prsident (heit die Lippen).  Teufel!

Wurm.  Es ist nicht anders!  Die Mutter--die Dummheit selbst--hat mir
in der Einfalt zu viel geplaudert.

Prsident (geht auf und nieder, pret seinen Zorn zurck).  Gut!
Diesen Morgen noch.

Wurm.  Nur vergessen Ew.  Excellenz nicht, da der Major--der Sohn
meines Herrn ist!

Prsident.  Er soll geschont werden, Wurm.

Wurm.  Und da der Dienst, Ihnen von einer unwillkommenen
Schwiegertochter zu helfen-Prsident.  Den Gegendienst werth ist, Ihm
zu einer Frau zu helfen?--Auch das, Wurm!

Wurm (bckt sich vergngt).  Ewig der Ihrige, gndiger Herr!  (Er
will gehen.)

Prsident.  Was ich Ihm vorhin vertraut habe, Wurm!  (Drohend.)  Wenn
Er plaudert-Wurm (lacht).  So zeigen Ihr' Excellenz meine falschen
Handschriften auf. (er geht ab.)

Prsident.  Zwar bist du mir gewi!  Ich halte dich an deiner eigenen
Schurkerei, wie den Schrter am Faden.

Ein Kammerdiener (tritt herein).  Hofmarschall von Kalb-Prsident.
Kommt wie gerufen.--Er soll mir angenehm sein.  (Kammerdiener geht.)



Sechste Scene.

Hofmarschall von Kalb in einem reichen, aber geschmacklosen Hofkleid,
mit Kammerherrnschlsseln, zwei Uhren und einem Degen, Chapeaubas und
frisiert  la Hrisson.  Er fliegt mit groem Gekreisch auf den
Prsidenten zu und breitet einen Bisamgeruch ber das ganze Parterre.
Prsident.


Hofmarschall (ihn umarmend).  Ah guten Morgen, mein Bester!  Wie geruht?
wie geschlafen?--Sie verzeihen doch, da ich so spt das Vergngen
habe--dringende Geschfte--der Kchenzettel--Visitenbillets--das
Arrangement der Partieen auf die heutige Schlittenfahrt--Ah--und dann
mut' ich ja auch bei dem Lever zugegen sein und Seiner Durchleucht das
Wetter verkndigen.

Prsident.  Ja, Marschall, da haben Sie freilich nicht abkommen
knnen.

Hofmarschall.  Oben drein hat mich ein Schelm von Schneider noch
sitzen lassen.

Prsident.  Und doch fix und fertig?

Hofmarschall.  Das ist noch nicht Alles.--Ein Malheur jagt heut das
andere.  Hren Sie nur!

Prsident (zerstreut).  Ist das mglich?

Hofmarschall.  Hren Sie nur!  Ich steige kaum aus dem Wagen, so
werden die Hengste scheu, stampfen und schlagen aus, da mir--ich
bitte Sie!--der Gassenkoth ber und ber an die Beinkleider spritzt.
Was anzufangen?  Setzen Sie sich um Gotteswillen in meine Lage, Baron!
Da stand ich.  Spt war es.  Eine Tagreise ist es--und in dem
Aufzug vor Seine Durchleucht!  Gott der Gerechte!--Was fllt mir bei?
Ich fingiere eine Ohnmacht.  Man bringt mich ber Hals und Kopf in
die Kutsche.  Ich in voller Carrire nach Haus--wechsle die
Kleider--fahre zurck--Was sagen Sie?--und bin noch der erste in der
Antichambre--Was denken Sie?-Prsident.  Ein herrliches Impromptu des
menschlichen Witzes--Doch das beiseite, Kalb--Sie sprachen also schon
mit dem Herzog?

Hofmarschall (wichtig).  Zwanzig Minuten und eine halbe.

Prsident.  Das gesteh' ich!--und wissen wir also ohne Zweifel eine
wichtige Neuigkeit?

Hofmarschall (ernsthaft, nach einigem Stillschweigen).  Seine
Durchleucht haben heute einen Merde d'Oye Biber an.

Prsident.  Man denke!--Nein, Marschall, so hab' ich doch eine
bessere Zeitung fr Sie--Da Lady Milford Majorin von Walter wird,
ist Ihnen gewi etwas Neues?

Hofmarschall.  Denken Sie!--Und das ist schon richtig gemacht?

Prsident.  Unterschrieben, Marschall--und Sie verbinden mich, wenn
Sie ohne Aufschub dahin gehen, die Lady auf seinen Besuch prparieren
und den Entschlu meiner Ferdinands in der ganzen Residenz bekannt
machen.

Hofmarschall (entzckt).  O mit tausend Freuden, mein Bester!--Was
kann mir erwnschter kommen?--Ich fliege sogleich--(Umarmt ihn.)
Leben Sie wohl--in drei Viertelstunden wei es die ganze Stadt.
(Hpft hinaus.)

Prsident (lacht dem Marschall nach).  Man sage noch, da diese
Geschpfe in der Welt zu nichts taugen--Nun mu ja mein Ferdinand
wollen, oder die ganze Stadt hat gelogen.  (Klingelt--Wurm kommt.)
Mein Sohn soll hereinkommen.  (Wurm geht ab, der Prsident auf und
nieder, gedankenvoll.)



Siebente Scene.

Ferdinand.  Prsident.  Wurm, welcher gleich abgeht.


Ferdinand.  Sie haben befohlen, gndiger Herr Vater-Prsident.
Leider mu ich das, wenn ich meines Sohns einmal froh werden
will--La Er uns allein, Wurm!--Ferdinand, ich beobachte dich schon
eine Zeitlang und finde die offene rasche Jugend nicht mehr, die mich
sonst so entzckt hat.  Ein seltsamer Gram brtet auf deinem Gesicht.
Du fliehst mich--du fliehst deine Zirkel--Pfui!--Deinen Jahren
verzeiht man zehn Ausschweifungen vor einer einzigen Grille.
berla diese mir, lieber Sohn!  Mich la an deinem Glck arbeiten
und denke auf nichts, als in meine Entwrfe zu spielen.--Komm! umarme
mich, Ferdinand!

Ferdinand.  Sie sind heute sehr gndig, mein Vater.

Prsident.  Heute, du Schalk--und dieses Heute noch mit der herben
Grimasse?  (Ernsthaft.)  Ferdinand!--Wem zu lieb hab' ich die
gefhrliche Bahn zum Herzen des Frsten betreten?  Wem zu lieb bin
ich auf ewig mit meinem Gewissen und dem Himmel zerfallen?--Hre,
Ferdinand!--Ich spreche mit meinem Sohn--Wem hab' ich durch die
Hinwegrumung meines Vorgngers Platz gemacht--eine Geschichte, die
desto blutiger in mein Inwendiges schneidet, je sorgfltiger ich das
Messer der Welt verberge!  Hre! sage mir, Ferdinand!  Wem that ich
Dies alles?

Ferdinand (tritt mit Schrecken zurck).  Doch mir nicht, mein Vater?
Doch auf mich soll der blutige Widerschein dieses Frevels nicht
fallen?  Beim allmchtigen Gott! es ist besser, gar nicht geboren zu
sein, als dieser Missethat zur Ausrede dienen!

Prsident.  Was war das?  Was?  Doch ich will es dem Romanenkopfe zu
gut halten!--Ferdinand!--ich will mich nicht erhitzen, vorlauter
Knabe--Lohnst du mir also fr meine schlaflosen Nchte?  Also fr
meine rastlose Sorge?  Also fr den ewigen Scorpion meines
Gewissens?--Auf mich fllt die Last der Verantwortung--auf mich der
Fluch, der Donner des Richters--Du empfngst dein Glck von der
zweiten Hand--das Verbrechen klebt nicht am Erbe.

Ferdinand (streckt die rechte Hand gen Himmel).  Feierlich entsag'
ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abscheulichen Vater
erinnert.

Prsident.  Hre, junger Mensch, bringe mich nicht auf!--Wenn es nach
deinem Kopf ginge, du krchest dein Lebenlang im Staube.

Ferdinand.  O, immer noch besser, Vater, als ich krch' um den Thron
herum.

Prsident (verbeit seinen Zorn).  Hum!--Zwingen mu man dich,
dein Glck zu erkennen.  Wo zehn Andre mit aller Anstrengung
nicht hinaufklimmen, wirst du spielend, im Schlafe gehoben.  Du
bist im zwlften Jahre Fhndrich.  Im zwanzigsten Major.  Ich
hab' es durchgesetzt beim Frsten.  Du wirst die Uniform
ausziehen und in das Ministerium eintreten.  Der Frst sprach
vom Geheimenrath--Gesandtschaften--auerordentlichen Gnaden.
Eine herrliche Aussicht dehnt sich vor dir!--Die ebene Strae
zunchst nach dem Throne--zum Throne selbst, wenn anders die
Gewalt so viel werth ist, als ihr Zeichen--das begeistert dich
nicht?

Ferdinand.  Weil meine Begriffe von Gre und Glck nicht ganz die
Ihrigen sind--Ihre Glckseligkeit macht sich nur selten anders, als
durch Verderben bekannt.  Neid, Furcht, Verwnschung sind die
traurigen Spiegel, worin sich die Hoheit eines Herrschers belchelt.
--Thrnen, Flche, Verzweiflung die entsetzliche Mahlzeit, woran
diese gepriesenen Glcklichen schwelgen, von der sie betrunken
aufstehen und so in die Ewigkeit vor den Thron Gottes taumeln--Mein
Ideal von Glck zieht sich gengsamer in mich selbst zurck.  In
meinem Herzen liegen alle meine Wnsche begraben.-Prsident.
Meisterhaft!  Unverbesserlich!  Herrlich!  Nach dreiig Jahren die
erste Vorlesung wieder!--Schade nur, da mein fnfzigjhriger Kopf zu
zh fr das Lernen ist!--Doch--dies seltne Talent nicht einrosten zu
lassen, will ich dir Jemand an die Seite geben, bei dem du dich in
dieser buntscheckigen Tollheit nach Wunsch exercieren kannst.--Du
wirst dich entschlieen--noch heute entschlieen--eine Frau zu nehmen.

Ferdinand (tritt bestrzt zurck).  Mein Vater?

Prsident.  Ohne Complimente.--Ich habe der Lady Milford in deinem
Namen eine Karte geschickt.  Du wirst dich ohne Aufschub bequemen,
dahin zu gehen und ihr zu sagen, da du ihr Brutigam bist!

Ferdinand.  Der Milford, mein Vater?

Prsident.  Wenn sie dir bekannt ist-Ferdinand (auer Fassung).
Welcher Schandsule im Herzogthum ist sie das nicht!--Aber ich bin
wohl lcherlich, lieber Vater, da ich Ihre Laune fr Ernst aufnehme?
Wrden Sie Vater zu dem Schurken Sohn sein wollen, der eine
privilegierte Buhlerin heirathete?

Prsident.  Noch mehr!  Ich wrde selbst um sie werben, wenn sie
einen Fnfziger mchte--Wrdest du zu dem Schurken Vater nicht Sohn
sein wollen?

Ferdinand.  Nein!  So wahr Gott lebt!

Prsident.  Eine Frechheit, bei meiner Ehre! die ich ihrer Seltenheit
wegen vergebe-Ferdinand.  Ich bitte Sie, Vater!  Lassen Sie mich
nicht lnger in einer Vermuthung, wo es mir unertrglich wird, mich
Ihren Sohn zu nennen.

Prsident.  Junge, bist du toll?  Welcher Mensch von Vernunft wrde
nicht nach der Distinction geizen, mit seinem Landesherrn an einem
dritten Orte zu wechseln?

Ferdinand.  Sie werden mir zum Rthsel, mein Vater.  Distinction
nennen Sie es--Distinction, da mit dem Frsten zu theilen, wo er auch
unter den Menschen hinunterkriecht?

Prsident (schlgt ein Gelchter auf).

Ferdinand.  Sie knnen lachen--und ich will ber das hinweggehen,
Vater.  Mit welchem Gesicht soll ich unter den schlechtesten
Handwerker treten, der mit seiner Frau wenigstens doch einen ganzen
Krper zum Mitgift bekommt?  Mit welchem Gesicht vor die Welt?  Vor
den Frsten?  Mit welchem vor die Buhlerin selbst, die den
Brandflecken ihrer Ehre in meiner Schande auswaschen wrde?

Prsident.  Wo in aller Welt bringst du das Maul her, Junge?

Ferdinand.  Ich beschwre Sie bei Himmel und Erde!  Vater, Sie knnen
durch diese Hinwerfung Ihres einzigen Sohnes so glcklich nicht
werden, als Sie ihn unglcklich machen.  Ich gebe Ihnen mein Leben,
wenn das Sie steigen machen kann.  Mein Leben hab' ich von Ihnen, ich
werde keinen Augenblick anstehen, es ganz Ihrer Gre zu opfern.
--Meine Ehre, Vater--wenn Sie mir diese nehmen, so war es ein
leichtfertiges Schelmenstck, mir das Leben zu geben, und ich mu den
Vater wie den Kuppler verfluchen.

Prsident (freundlich, indem er ihn auf die Achsel klopft).  Brav,
lieber Sohn.  Jetzt seh' ich, da du ein ganzer Kerl bist und der
besten Frau im Herzogthum wrdig.  Sie soll dir werden--noch diesen
Mittag wirst du dich mit der Grfin von Ostheim verloben.

Ferdinand (aufs Neue betreten).  Ist diese Stunde bestimmt, mich ganz
zu zerschmettern?

Prsident (einen lauernden Blick auf ihn werfend).  Wo doch
hoffentlich deine Ehre nichts einwenden wird?

Ferdinand.  Nein, mein Vater!  Friederike von Ostheim knnte jeden
Andern zum Glcklichsten machen.  (Vor sich in hchster Verwirrung.)
Was seine Bosheit an seinem Herzen noch ganz lie, zerreit seine
Gte.

Prsident (noch immer kein Auge von ihm wendend).  Ich warte auf
deine Dankbarkeit, Ferdinand-Ferdinand (strzt auf ihn zu und kt
ihm feurig die Hand).  Ihre Gnade entflammt meine ganze
Empfindung--Vater! meinen heiesten Dank fr Ihre herzliche
Meinung--Ihre Wahl ist untadelhaft--aber--ich kann--ich
darf--bedauern Sie mich--ich kann die Grfin nicht lieben!

Prsident (tritt einen Schritt zurck).  Holla!  Jetzt hab'
ich den jungen Herrn!  Also in diese Falle ging er, der
listige Heuchler--Also es war nicht die Ehre, die dir die Lady
verbot?--Es war nicht die Person, sondern die Heirath, die du
verabscheutest?-Ferdinand (steht zuerst wie versteinert, dann
fhrt er auf und will fortrennen).

Prsident.  Wohin?  Halt!  Ist das der Respect, den du mir schuldig
bist?  (Der Major kehrt zurck.)  Du bist bei der Lady gemeldet.  Der
Frst hat mein Wort.  Stadt und Hof wissen es richtig.--Wenn du mich
zum Lgner machst, Junge--vor dem Frsten--der Lady--der Stadt--dem
Hof mich zum Lgner machst--Hre, Junge--oder wenn ich hinter gewisse
Historien komme?--Halt!  Holla!  Was blst so auf einmal das Feuer in
deinen Wangen aus?

Ferdinand (schneebla und zitternd).  Wie?  Was?  Es ist gewi nichts,
mein Vater!

Prsident (einen frchterlichen Blick auf ihn heftend).  Und wenn es
was ist--und wenn ich die Spur finden sollte, woher diese
Widersetzlichkeit stammt--Ha, Junge! der bloe Verdacht schon bringt
mich zum Rasen!  Geh den Augenblick!  Die Wachtparade fngt an!  Du
wirst bei der Lady sein, sobald die Parole gegeben ist--Wenn ich
auftrete, zittert ein Herzogthum.  La doch sehen, ob mich ein
Starrkopf von Sohn meistert.  (Er geht und kommt noch einmal wieder.)
Junge, ich sage dir, du wirst dort sein, oder fliehe meinen Zorn!
(Er geht ab.)

Ferdinand (erwacht aus einer dumpfen Betubung).  Ist er weg?  War
das eines Vaters Stimme?--Ja! ich will zu ihr--will hin--will ihr
Dinge sagen, will ihr einen Spiegel vorhalten--Nichtswrdige! und
wenn du auch noch dann meine Hand verlangst--Im Angesicht des
versammelten Adels, des Militrs und des Volks--Umgrte dich mit dem
ganzen Stolz deines Englands--Ich verwerfe dich--ein deutscher
Jngling!  (Er eilt hinaus.)




Zweiter Akt.

Ein Saal im Palais der Lady Milford; zur rechten Hand steht ein Sopha,
zur linken ein Flgel.



Erste Scene.

Lady in einem freien, aber reizenden Neglig, die Haare noch
unfrisiert, sitzt vor dem Flgel und phantasiert; Sophie, die
Kammerjungfer, kommt von dem Fenster.


Sophie.  Die Officiers gehen auseinander.  Die Wachtparade ist
aus--aber ich sehe noch keinen Walter.

Lady (sehr unruhig, indem sie aufsteht und einen Gang durch den Saal
macht).  Ich wei nicht, wie ich mich heute finde, Sophie--Ich bin
noch nie so gewesen--Also du sahst ihn gar nicht?--Freilich wohl--Es
wird ihm nicht eilen--Wie ein Verbrechen liegt es auf meiner
Brust--Geh, Sophie--Man soll mir den wildesten Renner herausfhren,
der im Marstall ist.  Ich mu ins Freie--Menschen sehen und blauen
Himmel, und mich leichter reiten ums Herz herum.

Sophie.  Wenn Sie sich unplich fhlen, Milady--berufen Sie
Assemblee hier zusammen.  Lassen Sie den Herzog hier Tafel halten,
oder die l'Hombretische vor Ihren Sopha setzen.  Mir sollte der Frst
und sein ganzer Hof zu Gebote stehen und eine Grille im Kopfe surren?

Lady (wirft sich in den Sopha).  Ich bitte, verschone mich!  Ich gebe
dir einen Demant fr jede Stunde, wo ich sie mir vom Hals schaffen
kann!  Soll ich meine Zimmer mit diesem Volk tapezieren?--Das sind
schlechte, erbrmliche Menschen, die sich entsetzen, wenn mir ein
warmes herzliches Wort entwischt, Mund und Nasen aufreien, als shen
sie eine Geist--Sklaven eines einzigen Marionettendrahts, den ich
leichter als mein Filet regiere!--Was fang' ich mit Leuten an, deren
Seelen so gleich als ihre Sackuhren gehen?  Kann ich eine Freude dran
finden, sie was zu fragen, wenn ich voraus wei, was sie mir
antworten werden?  Oder Worte mit ihnen zu wechseln, wenn sie das
Herz nicht haben, andrer Meinung als ich zu sein?--Weg mit ihnen!  Es
ist verdrielich, ein Ro zu reiten, das nicht auch in den Zgel
beit.  (Sie tritt zum Fenster.)

Sophie.  Aber den Frsten werden Sie doch ausnehmen, Lady?  Den
schnsten Mann--den feurigsten Liebhaber--den witzigsten Kopf in
seinem ganzen Lande!

Lady (kommt zurck).  Denn es ist sein Land--und nur ein Frstenthum,
Sophie, kann meinem Geschmack zur ertrglichen Ausrede dienen--Du
sagst, man beneide mich.  Armes Ding!  Beklagen soll man mich
vielmehr!  Unter Allen, die an den Brsten der Majestt trinken,
kommt die Favoritin am schlechtesten weg, weil sie allein dem groen
und reichen Mann auf dem Bettelstabe begegnet--Wahr ist's, er kann
mit dem Talisman seiner Gre jeden Gelust meines Herzens, wie ein
Feenschlo, aus der Erde rufen.--Er setzt den Saft von zwei Indien
auf die Tafel--ruft Paradiese aus Wildnissen--lt die Quellen seines
Landes in stolzen Bgen gen Himmel springen, oder das Mark seiner
Unterthanen in einem Feuerwerk hinpuffen--Aber kann er auch seinem
Herzen befehlen, gegen ein groes, feuriges Herz gro und feurig zu
schlagen?  Kann er sein darbendes Gehirn auf ein einziges schnes
Gefhl exequieren?--Mein Herz hungert bei all dem Vollauf der Sinne;
und was helfen mich tausend bere Empfindungen, wo ich nur Wallungen
lschen darf?

Sophie (blickt sie verwundernd an).  Wie lang ist es denn aber, da
ich Ihnen diene, Milady?

Lady.  Weil du erst heute mit mir bekannt wirst?--Es ist wahr, liebe
Sophie--ich habe dem Frsten meine Ehre verkauft; aber mein Herz habe
ich frei behalten--ein Herz, meine Gute, das vielleicht eines Mannes
noch werth ist--ber welches der giftige Wind des Hofes nur wie der
Hauch ber den Spiegel ging--Trau' es mir zu, meine Liebe, da ich es
lngst gegen diesen armseligen Frsten behauptet htte, wenn ich es
nur von meinem Ehrgeiz erhalten knnte, einer Dame am Hof den Rang
vor mir einzurumen.

Sophie.  Und dieses Herz unterwarf sich dem Ehrgeiz so gern?

Lady (lebhaft).  Als wenn es sich nicht schon gercht htte?--Nicht
jetzt noch rchte?--Sophie!  (Bedeutend, indem sie die Hand auf
Sophiens Achsel fallen lt.)  Wir Frauenzimmer knnen nur zwischen
Herrschen und Dienen whlen, aber die hchste Wonne der Gewalt ist
doch nur ein elender Behelf, wenn uns die grere Wonne versagt wird,
Sklavinnen eines Mannes zu sein, den wir lieben.

Sophie.  Eine Wahrheit, Milady, die ich von Ihnen zuletzt hren
wollte!

Lady.  Und warum, meine Sophie?  Sieht man es denn dieser kindischen
Fhrung des Scepters nicht an, da wir nur fr das Gngelband taugen?
Sahst du es denn diesem launischen Flattersinn nicht an--diesen
wilden Ergtzungen nicht an, da sie nur wildere Wnsche in meiner
Brust berlrmen sollten?

Sophie (tritt erstaunt zurck).  Lady!

Lady (lebhafter).  Befriedige diese!  Gib mir den Mann, den ich jetzt
denke--den ich anbete--sterben, Sophie, oder besitzen mu.
(Schmelzend.)  La mich aus seinem Mund es vernehmen, da Thrnen der
Liebe schner glnzen in unsern Augen, als die Brillanten in unserm
Haar, (feurig)  und ich werfe dem Frsten sein Herz und sein
Frstenthum vor die Fe, fliehe mit diesem Mann, fliehe in die
entlegenste Wste der Welt-Sophie (blickt sie erschrocken an).
Himmel!  Was machen Sie?  Wie wird Ihnen, Lady?

Lady (bestrzt).  Du entfrbst dich?--Hab' ich vielleicht etwas zu
viel gesagt?  O so la mich deine Zunge mit meinem Zutrauen
binden--hre noch mehr--hre Alles-Sophie (schaut sich ngstlich um).
Ich frchte, Milady--ich frchte--ich brauch' es nicht mehr zu hren.

Lady.  Die Verbindung mit dem Major--Du und die Welt stehen im Wahn,
sie sei eine Hof-Kabale--Sophie--errthe nicht--schme dich meiner
nicht--sie ist das Werk--meiner Liebe!

Sophie.  Bei Gott!  Was mir ahnete!

Lady.  Sie lieen sich beschwatzen, Sophie--der schwache Frst--der
hofschlaue Walter--der alberne Marschall--Jeder von ihnen wird darauf
schwren, da diese Heirath das unfehlbarste Mittel sei, mich dem
Herzog zu retten, unser Band um so fester zu knpfen!--Ja! es auf
ewig zu trennen! auf ewig diese schndlichen Ketten zu brechen!
--Belogene Lgner!  Von einem schwachen Weib berlistet!  Ihr selbst
fhrt mir jetzt meinen Geliebten zu!  Das war es ja nur, was ich
wollte--Hab' ich ihn einmal--hab' ich ihn--o dann auf immer gute
Nacht, abscheuliche Herrlichkeit-



Zweite Scene.

Ein alter Kammerdiener des Frsten, der ein Schmuckkstchen trgt.
Die Vorigen.


Kammerdiener.  Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Milady zu
Gnaden und schicken Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit.  Sie kommen
so eben erst aus Venedig.

Lady (hat das Kstchen geffnet und fhrt erschrocken zurck).
Mensch! was bezahlt dein Herzog fr diese Steine?

Kammerdiener (mit finsterm Gesicht).  Sie kosten ihn keinen Heller!

Lady.  Was?  Bist du rasend?  Nichts?--und (indem sie einen Schritt
von ihm wegtritt)  du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich
durchbohren wolltest--Nichts kosten ihn diese unermelich kostbaren
Steine?

Kammerdiener.  Gestern sind siebentausend Landskinder nach Amerika
fort--die bezahlen Alles.

Lady (setzt den Schmuck pltzlich nieder und geht rasch durch den
Saal, nach einer Pause zum Kammerdiener).  Mann!  Was ist dir?  Ich
glaube, du weinst?

Kammerdiener (wischt sich die Augen, mit schrecklicher Stimme, alle
Glieder zitternd).  Edelsteine, wie diese da--ich hab' auch ein paar
Shne drunter.

Lady (wendet sich bebend weg, seine Hand fassend).  Doch keinen
gezwungenen?

Kammerdiener (lacht frchterlich).  O Gott!--Nein--lauter Freiwillige!
Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch' vor die Front heraus und
fragten den Obersten, wie theuer der Frst das Joch Menschen verkaufe.
--Aber unser gndigster Landesherr lie alle Regimenter auf dem
Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschieen.  Wir
hrten die Bchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster
spritzen, und die ganze Armee schrie: Juchhe! nach Amerika!-Lady
(fllt mit Entsetzen in den Sopha).  Gott!  Gott!--Und ich hrte
nichts?  Und ich merkte nichts?

Kammerdiener.  Ja, gndige Frau--Warum mutet ihr denn mit unserm
Herrn gerad' auf die Brenhatz reiten, als man den Lrmen zum
Aufbruch schlug?--Die Herrlichkeit httet ihr doch nicht versumen
sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkndigten, es ist Zeit, und
heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine
wthende Mutter lief, ihr saugendes Kind an Bajonetten zu spieen,
und wie man Brutigam und Braut mit Sbelhieben auseinander ri, und
wir Graubrte verzweiflungsvoll da standen und den Burschen auch
zuletzt die Krcken noch nachwarfen in die neue Welt--Oh, und
mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns
nicht sollte beten hren-Lady (steht auf, heftig bewegt).  Weg mit
diesen Steinen--sie blitzen Hllenflammen in mein Herz.  (Sanfter zum
Kammerdiener.)  Mige dich, armer alter Mann.  Sie werden wieder
kommen.  Sie werden ihr Vaterland wieder sehen.

Kammerdiener (warm und voll).  Das wei der Himmel!  Das werden sie!
--Noch am Stadtthor drehten sie sich um und schrieen: "Gott mit euch,
Weib und Kinder!--Es leb' unser Landesvater--Am jngsten Gericht sind
wir wieder da!"-Lady (mit starkem Schritt auf und nieder gehend).
Abscheulich!  Frchterlich!--Mich beredet man, ich habe sie alle
getrocknet, die Thrnen des Landes--Schrecklich, schrecklich gehen
mir die Augen auf--Geb du--Sag deinem Herrn--Ich werd' ihm persnlich
danken!  (Kammerdiener will gehen, sie wirft ihm ihre Geldbrse in
den Hut.)  Und das nimm, weil du mir Wahrheit sagtest-Kammerdiener
(wirft sie verchtlich auf den Tisch zurck).  Legt's zu dem brigen.
(Er geht ab.)

Lady (sieht ihm erstaunt nach).  Sophie, spring ihm nach, frag' ihn
um seinen Namen!  Er soll seine Shne wieder haben.  (Sophie ab.
Lady nachdenkend auf und nieder.  Pause.  Zu Sophien, die wieder
kommt.)  Ging nicht jngst ein Gercht, da das Feuer eine Stadt an
der Grenze verwstet und bei vierhundert Familien an den Bettelstab
gebracht habe?  (Sie klingelt.)

Sophie.  Wie kommen Sie auf das?  Allerdings ist es so, und die
mehresten dieser Unglcklichen dienen jetzt ihren Glubigern als
Sklaven, oder verderben in den Schachten der frstlichen
Silberbergwerke.

Bedienter (kommt).  Was befehlen Milady?

Lady (gibt ihm den Schmuck).  Da das ohne Verzug in die Landschaft
gebracht werde!--Man soll es sogleich zu Geld machen, befehl' ich,
und den Gewinst davon unter die Vierhundert verteilen, die der Brand
ruiniert hat.

Sophie.  Milady, bedenken Sie, da Sie die hchste Ungnade wagen!

Lady (mit Gre).  Soll ich den Fluch seines Landes in meinen Haaren
tragen?  (Sie winkt dem Bedienten; dieser geht.)  Oder willst du, da
ich unter dem schrecklichen Geschirr solcher Thrnen zu Boden
sinke?--Geh, Sophie--Es ist besser, falsche Juwelen im Haar und das
Bewutsein dieser That im Herzen zu haben!

Sophie.  Aber Juwelen wie diese!  Htten Sie nicht Ihre schlechtern
nehmen knnen?  Nein, wahrlich, Milady! es ist Ihnen nicht zu
vergeben.

Lady.  Nrrisches Mdchen!  Dafr werden in einem Augenblick mehr
Brillanten und Perlen fr mich fallen, als zehn Knige in ihren
Diademen getragen, und schnere-Bedienter (kommt zurck).  Major von
Walter-Sophie (springt auf die Lady zu).  Gott!  Sie verblassen-Lady.
Der erste Mann, der mir Schrecken macht--Sophie--Jetzt sei unplich,
Eduard--Halt--Ist er aufgerumt?  Lacht er?  Was spricht er?  O,
Sophie!  Nicht wahr, ich sehe hlich aus?

Sophie.  Ich bitte Sie, Lady-Bedienter.  Befehlen Sie, da ich ihn
abweise?

Lady (stotternd).  Er soll mir willkommen sein.  (Bedienter hinaus.)
Sprich, Sophie--Was sag' ich ihm?  Wie empfang' ich ihn?--Ich werde
stumm sein.--Er wird meiner Schwche spotten--Er wird--o was ahnet
mir--Du verlssest mich, Sophie?--Bleib!--Doch nein!  Gehe!--So bleib
doch!  (Der Major kommt durch das Vorzimmer.)

Sophie.  Sammeln Sie sich!  Er ist schon da!



Dritte Scene.

Ferdinand von Walter.  Die Vorigen.


Ferdinand (mit einer kurzen Verbeugung).  Wenn ich Sie worin
unterbreche, gndige Frau-Lady (unter merkbarem Herzklopfen).  In
nichts, Herr Major, das mir wichtiger wre.

Ferdinand.  Ich komme auf Befehl meines Vaters-Lady.  Ich bin seine
Schuldnerin.

Ferdinand.  Und soll Ihnen melden, da wir uns heirathen--So weit der
Auftrag meines Vaters.

Lady (entfrbt sich und zittert).  Nicht Ihres eigenen Herzens?

Ferdinand.  Minister und Kuppler pflegen das niemals zu fragen.

Lady (mit einer Bengstigung, da ihr die Worte versagen).  Und Sie
selbst htten sonst nichts beizusetzen?

Ferdinand (mit einem Blick auf die Mamsell).  Noch sehr viel, Milady!

Lady (gibt Sophien einen Wink, diese entfernt sich).  Darf ich Ihnen
diesen Sopha anbieten?

Ferdinand.  Ich werde kurz sein, Milady!

Lady.  Nun?

Ferdinand.  Ich bin ein Mann von Ehre.

Lady.  Den ich zu schtzen wei.

Ferdinand.  Cavalier.

Lady.  Kein berer im Herzogthum.

Ferdinand.  Und Officier.

Lady (schmeichelhaft).  Sie berhren hier Vorzge, die auch Andere
mit Ihnen gemein haben.  Warum verschweigen Sie grere, worin Sie
einzig sind?

Ferdinand (frostig).  Hier brauch' ich sie nicht.

Lady (mit immer steigender Angst).  Aber fr was mu ich diesen
Vorbericht nehmen?

Ferdinand (langsam und mit Nachdruck).  Fr den Einwurf der Ehre,
wenn Sie Lust haben sollten, meine Hand zu erzwingen.

Lady (auffahrend).  Was ist das, Herr Major?

Ferdinand (gelassen).  Die Sprache meines Herzens--meines
Wappens--und dieses Degens.

Lady.  Diesen Degen gab Ihnen der Frst.

Ferdinand.  Der Staat gab mir ihn durch die Hand des Frsten--mein
Herz Gott--mein Wappen ein halbes Jahrtausend.

Lady.  Der Name des Herzogs-Ferdinand (hitzig).  Kann der Herzog
Gesetze der Menschheit verdrehen, oder Handlungen mnzen wie seine
Dreier?--Er selbst ist nicht ber die Ehre erhaben, aber er kann
ihren Mund mit seinem Golde verstopfen.  Er kann den Hermelin ber
seine Schande herwerfen.  Ich bitte mir aus, davon nichts mehr,
Milady.--Es ist nicht mehr die Rede von weggeworfenen Aussichten und
Ahnen--oder von dieser Degenquaste--oder von der Meinung der Welt.
Ich bin bereit, Dies alles mit Fen zu treten, sobald Sie mich nur
berzeugt haben werden, da der Preis nicht schlimmer noch als das
Opfer ist.

Lady (schmerzhaft von ihm weggehend).  Herr Major! das hab' ich nicht
verdient.

Ferdinand (ergreift ihre Hand).  Vergeben Sie.  Wir reden hier
ohne Zeugen.  Der Umstand, der Sie und mich--heute und nie
mehr--zusammenfhrt, berechtigt mich, zwingt mich, Ihnen mein
geheimstes Gefhl nicht zurck zu halten.--Es will mir nicht
zu Kopfe, Milady, da eine Dame von so viel Schnheit und
Geist--Eigenschaften, die ein Mann schtzen wrde--sich an einen
Frsten sollte wegwerfen knnen, der nur das Geschlecht an ihr
zu bewundern gelernt hat, wenn sich diese Dame nicht schmte,
vor einen Mann mit ihrem Herzen zu treten.

Lady (schaut ihm gro ins Gesicht).  Reden Sie ganz aus!

Ferdinand.  Sie nennen sich eine Brittin.  Erlauben Sie mir--ich kann
es nicht glauben, da Sie eine Brittin sind.  Die freigeborne Tochter
des freiesten Volks unter dem Himmel--das auch zu stolz ist, fremder
Tugend zu ruchern--kann sich nimmermehr an fremdes Laster verdingen.
Es ist nicht mglich, da Sie eine Brittin sind,--oder das Herz
dieser Brittin mu um so viel kleiner sein, als grer und khner
Britanniens Adern schlagen.

Lady.  Sind Sie zu Ende?

Ferdinand.  Man knnte antworten, es ist weibliche
Eitelkeit--Leidenschaft--Temperament--Hang zum Vergngen.  Schon
fters berlebte Tugend die Ehre.  Schon Manche, die mit Schande in
diese Schranke trat, hat nachher die Welt durch edle Handlungen mit
sich ausgeshnt und das hliche Handwerk durch einen schnen
Gebrauch geadelt--Aber woher denn jetzt diese ungeheure Pressung des
Landes, die vorher nie so gewesen?--Das war im Namen des Herzogthums.
--Ich bin zu Ende.

Lady (mit Sanftmuth und Hoheit).  Es ist das Erstemal, Walter, da
solche Reden an mich gewagt werden, und Sie sind der einzige Mensch,
dem ich darauf antworte--Da Sie meine Hand verwerfen, darum schtz'
ich Sie.  Da Sie meine Hand lstern, vergebe ich Ihnen.  Da es Ihr
Ernst ist, glaube ich Ihnen nicht.  Wer sich herausnimmt,
Beleidigungen dieser Art einer Dame zu sagen, die nicht mehr als eine
Nacht braucht, ihn ganz zu verderben, mu dieser Dame eine groe
Seele zutrauen, oder--von Sinnen sein--Da Sie den Ruin des Landes
auf meine Brust wlzen, vergebe Ihnen Gott der Allmchtige, der Sie
und mich und den Frsten einst gegen einander stellt.--Aber Sie haben
die Englnderin in mir aufgefordert, und auf Vorwrfe dieser Art mu
mein Vaterland Antwort haben.

Ferdinand (auf seinen Degen gesttzt).  Ich bin begierig.

Lady.  Hren Sie also, was ich, auer Ihnen, noch Niemand vertraute,
noch jemals einem Menschen vertrauen will.--Ich bin nicht die
Abenteurerin, Walter, fr die Sie mich halten.  Ich knnte gro thun
und sagen: ich bin frstlichen Geblths--aus des unglcklichen Thomas
Norfolks Geschlechte, der fr die schottische Maria ein Opfer ward.
--Mein Vater, des Knigs oberster Kmmerer, wurde bezichtigt, in
verrtherischem Vernehmen mit Frankreich zu stehen, durch einen
Spruch der Parlamente verdammt und enthauptet.--Alle unsre Gter
fielen der Krone zu.  Wir selbst wurden des Landes verwiesen.  Meine
Mutter starb am Tage der Hinrichtung.  Ich--ein vierzehnjhriges
Mdchen--flohe nach Deutschland mit meiner Wrterin--einem Kstchen
Juwelen--und diesem Familienkreuz, das meine sterbende Mutter mit
ihrem letzten Segen mir an den Busen steckte.

Ferdinand (wird nachdenkend und heftet wrmere Blicke auf die Lady).

Lady (fhrt fort mit immer zunehmender Rhrung).  Krank--ohne
Namen--ohne Schutz und Vermgen--eine auslndische Waise, kam ich
nach Hamburg.  Ich hatte nichts gelernt, als das Bischen
Franzsisch--ein wenig Filet und den Flgel--desto besser verstund
ich, auf Gold und Silber zu speisen, unter damastenen Decken zu
schlafen, mit einem Wink zehn Bediente fliegen zu machen und die
Schmeicheleien der Groen Ihres Geschlechts aufzunehmen.--Sechs Jahre
waren schon hingeweint.--Und die letzte Schmucknadel flog
dahin--Meine Wrterin starb--und jetzt fhrte mein Schicksal Ihren
Herzog nach Hamburg.  Ich spazierte damals an den Ufern der Elbe, sah
in den Strom und fing eben an zu phantasieren, ob dieses Wasser oder
mein Leiden das Tiefste wre?--Der Herzog sah mich, verfolgte mich,
fand meinen Aufenthalt,--lag zu meinen Fen und schwur, da er mich
liebe.  (Sie hlt in groen Bewegungen inne, dann fhrt sie fort mit
weinender Stimme.)  Alle Bilder meiner glcklichen Kindheit wachten
jetzt wieder mit verfhrendem Schimmer auf--Schwarz wie das Grab
graute mich eine trostlose Zukunft an--Mein Herz brannte nach einem
Herzen--Ich sank an das seinige.  (Von ihm wegstrzend.).  Jetzt
verdammen Sie mich!

Ferdinand (sehr bewegt, eilt ihr nach und hlt sie zurck).  Lady! o
Himmel!  Was hr' ich?  Was that ich?--Schrecklich enthllt sich mein
Frevel mir.  Sie knnen mir nicht mehr vergeben.

Lady (kommt zurck und hat sich zu sammeln gesucht).  Hren Sie
weiter.  Der Frst berraschte zwar meine wehrlose Jugend--aber das
Blut der Norfolk emprte sich in mir: Du, eine geborene Frstin,
Emilie, rief es, und jetzt eines Frsten Concubine?--Stolz und
Schicksal kmpften in meiner Brust, als der Frst mich hieher brachte
und auf einmal die schauderndste Scene vor meinen Augen stand!--Die
Wollust der Groen dieser Welt ist die nimmersatte Hyne, die sich
mit Heihunger Opfer sucht.--Frchterlich hatte sie schon in diesem
Lande gewthet--hatte Braut und Brutigam zertrennt--hatte selbst der
Ehen gttliches Band zerrissen--hier das stille Glck einer Familie
geschleift--dort ein junges unerfahrenes Herz der verheerenden Pest
aufgeschlossen, und sterbende Schlerinnen schumten den Namen ihres
Lehrers unter Flchen und Zuckungen aus--Ich stellte mich zwischen
das Lamm und den Tiger, nahm einen frstlichen Eid von ihm in einer
Stunde der Leidenschaft, und diese abscheuliche Opferung mute
aufhren.

Ferdinand (rennt in der heftigsten Unruhe durch den Saal).  Nichts
mehr, Milady!  Nicht weiter!

Lady.  Diese traurige Periode hatte einer noch traurigern Platz
gemacht.  Hof und Serail wimmelten jetzt von Italiens Auswurf.
Flatterhafte Pariserinnen tndelten mit dem furchtbaren Scepter, und
das Volk blutete unter ihren Launen--Sie alle erlebten ihren Tag.
Ich sah sie neben mir in den Staub sinken, denn ich war mehr Kokette,
als sie alle.  Ich nahm dem Tyrannen den Zgel ab, der wollstig in
meiner Umarmung erschlappte--dein Vaterland, Walter, fhlte zum
erstenmal eine Menschenhand und sank vertrauend an meinen Busen.
(Pause, worin sie ihn schmelzend ansieht.)  O da der Mann, von dem
ich allein nicht verkannt sein mchte, mich jetzt zwingen mu, gro
zu prahlen und meine stille Tugend am Licht der Bewunderung zu
versengen!--Walter, ich habe Kerker gesprengt--habe Todesurtheile
zerrissen und manche entsetzliche Ewigkeit auf Galeeren verkrzt.  In
unheilbare Wunden hab' ich doch wenigstens stillenden Balsam
gegossen--mchtige Frevler in Staub gelegt und die verlorene Sache
der Unschuld oft noch mit einer buhlerischen Thrne gerettet--Ha,
Jngling, wie s war mir das!  Wie stolz konnte mein Herz jede
Anklage meiner frstlichen Geburt widerlegen!--Und jetzt kommt der
Mann, der allein mir Das alles belohnen sollte--der Mann, den mein
erschpftes Schicksal vielleicht zum Ersatz meiner vorigen Leiden
schuf--der Mann, den ich mit brennender Sehnsucht im Traum schon
umfasse-Ferdinand (fllt ihr ins Wort, durch und durch erschttert).
Zu viel! zu viel!  Das ist wieder die Abrede, Lady.  Sie sollten sich
von Anklagen reinigen und machen mich zu einem Verbrecher.  Schonen
Sie--ich beschwre Sie--schonen Sie meines Herzens, das Beschmung
und wthende Reue zerreien-Lady (hlt seine Hand fest).  Jetzt oder
nimmermehr!  Lange genug hielt die Heldin Stand--das Gewicht dieser
Thrnen mut du noch fhlen.  (Im zrtlichsten Ton.)  Hre,
Walter--wenn eine Unglckliche--unwiderstehlich, allmchtig an dich
gezogen--sich an dich pret mit einem Busen voll glhender,
unerschpflicher Liebe--Walter!--und du jetzt noch das kalte Wort
Ehre sprichst--wenn diese Unglckliche--niedergedrckt vom Gefhl
ihrer Schande--des Lasters berdrssig--heldenmig emporgehoben vom
Rufe der Tugend--sich so--in deine Arme wirft (sie umfat ihn,
beschwrend und feierlich)--durch dich gerettet--durch dich dem
Himmel wieder geschenkt sein will, oder (das Gesicht von ihm
abgewandt, mit hohler bebender Stimme)  deinem Bild zu entfliehen, dem
frchterlichen Ruf der Verzweiflung gehorsam, in noch abscheulichere
Tiefen des Lasters wieder hinuntertaumelt-Ferdinand (von ihr
losreiend, in der schrecklichsten Bedrngni).  Nein, beim groen
Gott! ich kann das nicht aushalten--Lady, ich mu--Himmel und Erde
liegen auf mir--ich mu Ihnen ein Gestndni thun, Lady!

Lady (von ihm wegfliehend).  Jetzt nicht!  Jetzt nicht, bei Allem,
was heilig ist--in diesem entsetzlichen Augenblick nicht, wo mein
zerrissenes Herz an tausend Dolchstichen blutet--Sei's Tod oder
Leben--ich darf es nicht--ich will es nicht hren!

Ferdinand.  Doch, doch, beste Lady!  Sie mssen es.  Was ich Ihnen
jetzt sagen werde, wird meine Strafbarkeit mindern und eine warme
Abbitte des Vergangenen sein--Ich habe mich in Ihnen betrogen, Milady.
Ich erwartete--ich wnschte, Sie meiner Verachtung wrdig zu finden.
Fest entschlossen, Sie zu beleidigen und Ihren Ha zu verdienen,
kam ich her--Glcklich wir Beide, wenn mein Vorsatz gelungen wre!
(Er schweigt eine Weile, darauf leise und schchterner.)  Ich liebe,
Milady--liebe ein brgerliches Mdchen--Luise Millerin, eines Musikus
Tochter.  (Lady wendet sich bleich von ihm weg, er fhrt lebhafter
fort.)  Ich wei, worein ich mich strze; aber wenn auch Klugheit die
Leidenschaft schweigen heit, so redet die Pflicht desto lauter--Ich
bin der Schuldige.  Ich zuerst zerri ihrer Unschuld goldenen
Frieden--wiegte ihr Herz mit vermessenen Hoffnungen und gab es
verrtherisch der wilden Leidenschaft Preis--Sie werden mich an
Stand--an Geburt--an die Grundstze meines Vaters erinnern--aber ich
liebe.--Meine Hoffnung steigt um so hher, je tiefer die Natur mit
Convenienzen zerfallen ist.--Mein Entschlu und das Vorurtheil!--Wir
wollen sehen, ob die Mode oder die Menschheit auf dem Platz bleiben
wird.  (Lady hat sich unterde bis an das uerste Ende des Zimmers
zurckgezogen und hlt das Gesicht mit beiden Hnden bedeckt.  Er
folgt ihr dahin.)  Sie wollten mir etwas sagen, Milady?

Lady (im Ausdruck des heftigsten Leidens).  Nichts, Herr von Walter!
Nichts, als da Sie sich und mich und noch eine Dritte zu Grund
richten.

Ferdinand.  Noch eine Dritte?

Lady.  Wir knnen mit einander nicht glcklich w.  Wir mssen doch
der Voreiligkeit Ihres Vaters zum Opfer werden.  Nimmermehr werd' ich
das Herz eines Mannes haben, der mir seine Hand nur gezwungen gab.

Ferdinand.  Gezwungen?  Lady? gezwungen gab? und also doch gab?
Knnen Sie eine Hand ohne Herz erzwingen?  Sie einem Mdchen den Mann
entwenden, der die ganze Welt dieses Mdchens ist?  Sie einen Mann
von dem Mdchen reien, das die ganze Welt dieses Mannes ist?  Sie,
Milady--vor einem Augenblick die bewundernswrdige Britten?--Sie
knnen das?

Lady.  Weil ich es mu.  (Mit Ernst und Strke.)  Meine Leidenschaft,
Walter, weicht meiner Zrtlichkeit fr Sie.  Meine Ehre kann's nicht
mehr--Unsre Verbindung ist das Gesprch des ganzen Landes.  Alle
Augen, alle Pfeile des Spotts sind auf mich gespannt.  Die
Beschimpfung ist unauslschlich, wenn ein Unterthan des Frsten mich
ausschlgt.  Rechten Sie mit Ihrem Vater.  Wehren Sie sich, so gut
Sie knnen.--Ich lass' alle Minen springen.  (Sie geht schnell ab.
Der Major bleibt in sprachloser Erstarrung stehen.  Pause.  Dann
strzt er fort durch die Flgelthre.)



Vierte Scene.

Zimmer beim Musikanten.


Miller.  Frau Millerin.  Luise treten auf.

Miller (hastig ins Zimmer).  Ich hab's ja zuvor gesagt!

Luise (sprengt ihn ngstlich an).  Was, Vater? was?

Miller (rennt wie toll auf und nieder).  Meinen Staatsrock
her--hurtig--ich mu ihm zuvorkommen--und ein weies Manschettenhemd!
--Das hab' ich mir gleich eingebildet!

Luise.  Um Gotteswillen!  Was?

Millerin.  Was gibt's denn? was ist's denn?

Miller (wirft seine Perrcke ins Zimmer).  Nur gleich zum Friseur das!
--Was es gibt?  (Vor den Spiegel gesprungen.)  Und mein Bart ist auch
wieder fingerslang--Was es gibt?--Was wird's geben, du Rabenaas?--Der
Teufel ist los, und dich soll das Wetter schlagen!

Frau.  Da sehe man!  ber mich mu gleich alles kommen.

Miller.  ber dich?  Ja, blaues Donnermaul! und ber wen anders?
Heute frh mit deinem diabolischen Junker--Hab ich's nicht im Moment
gesagt?--Der Wurm hat geplaudert.

Frau.  Ah was!  Wie kannst du das wissen?

Miller.  Wie kann ich das wissen?--Da!--unter der Hausthre spukt ein
Kerl des Ministers und fragt nach dem Geiger.

Luise.  Ich bin des Todes!

Miller.  Du aber auch mit deinen Vergimeinnicht-Augen!  (Lacht
voller Bosheit.)  Das hat seine Richtigkeit, wem der Teufel ein Ei in
die Wirthschaft gelegt hat, dem wird eine hbsche Tochter
geboren--Jetzt hab' ich's blank.

Frau.  Woher weit du denn, da es der Luise gilt?--Du kannst dem
Herzog recommendiert worden sein.  Er kann dich ins Orchester
verlangen.

Miller (springt nach seinem Rohr).  Da dich der Schwefelregen von
Sodom!--Orchester!--Ja, wo du Kupplerin den Discant wirst heulen und
mein blauer Hinterer den Conterba vorstellen!  (Wirft sich in seinen
Stuhl.)  Gott im Himmel!

Luise (setzt sich todtenbleich nieder).  Mutter!  Vater!  Warum wird
mir auf einmal so bange?

Miller (springt wieder vom Stuhl auf).  Aber soll mir der
Dintenkleckser einmal in den Schu laufen?--Soll er mir laufen?  Es
sei in dieser oder in jener Welt--Wenn ich ihm nicht Leib und Seele
breiweich zusammendresche, alle zehen Gebote und alle sieben Bitten
im Vaterunser, und alle Bcher Mosis und der Propheten aufs Leder
schreibe, da man die blauen Flecken bei der Auferstehung der Todten
noch sehen soll-Frau.  Ja! fluch du und poltre du!  Das wird jetzt
den Teufel bannen!  Hilf, heiliger Herregott!  Wo hinaus nun?  Wie
werden wir Rath schaffen?  Was nun anfangen?  Vater Miller, so rede
doch!  (Sie luft heulend durchs Zimmer.)

Miller.  Auf der Stell zum Minister will ich.  Ich zuerst will mein
Maul aufthun--ich selbst will es angeben.  Du hast es vor mir gewut.
Du httest mir einen Wink geben knnen.  Das Mdel htt' sich noch
weisen lassen.  Es wre noch Zeit gewesen--aber nein!--Da hat sich
was makeln lassen; da hat sich was fischen lassen!  Da hast du noch
Holz obendrein zugetragen!--Jetzt sorg' auch fr deinen Kuppelpelz.
Fri aus, was du einbrocktest!  Ich nehme meine Tochter in Arm, und
marsch mit ihr ber die Grenze!



Fnfte Scene.

Ferdinand von Walter strzt erschrocken und auer Athem ins Zimmer.
Die Vorigen.


Ferdinand.  War mein Vater da?

Luise (fhrt mit Schrecken auf).  Sein Vater!  Allmchtiger Gott!

Frau (zugleich; schlgt die Hnde zusammen).  Der Prsident!  Es ist
aus mit uns!

Miller (zugleich; lacht voller Bosheit).  Gottlob!  Gottlob! da haben
wir ja die Bescherung!

Ferdinand (eilt auf Luisen zu und drckt sie stark in die Arme).
Mein bist du, und wrfen Hll' und Himmel sich zwischen uns!

Luise.  Mein Tod ist gewi--Rede weiter--Du sprachst einen
schrecklichen Namen aus--Dein Vater?

Ferdinand.  Nichts.  Nichts.  Es ist berstanden.  Ich hab' dich ja
wieder.  Du hast mich ja wieder.  O, la mich Athem schpfen an
dieser Brust!  Es war eine schreckliche Stunde.

Luise.  Welche?  Du tdtest mich?

Ferdinand (tritt zurck und schaut sie bedeutend an).  Eine Stunde,
Luise, wo zwischen mein Herz und dich eine fremde Gewalt sich
warf--wo meine Liebe vor meinem Gewissen erblate--wo meine Luise
aufhrte, ihrem Ferdinand Alles zu sein-Luise (sinkt mit verhlltem
Gesicht auf den Sessel nieder).

Ferdinand (geht schnell auf sie zu, bleibt sprachlos mit starrem
Blick vor ihr stehen, dann verlt er sie pltzlich, in groer
Bewegung).  Nein!  Nimmermehr!  Unmglich, Lady!  Zu viel verlangt!
Ich kann dir diese Unschuld nicht opfern--Nein, beim unendlichen Gott!
ich kann meinen Eid nicht verletzen, der mich laut wie des Himmels
Donner aus diesem brechenden Auge mahnt--Lady, blick hieher--hieher,
du Rabenvater--Ich soll diesen Engel wrgen!  Die Hlle soll ich in
diesen himmlischen Busen schtten?  (Mit Entschlu auf sie zueilend.)
Ich will sie fhren vor des Weltrichters Thron, und ob meine Liebe
Verbrechen ist, soll der Ewige sagen.  (Er fat sie bei der Hand und
hebt sie vom Sessel.)  Fasse Muth, meine Theuerste!--Du hast gewonnen!
Als Sieger komm' ich aus dem gefhrlichsten Kampf zurck.

Luise.  Nein!  Nein!  Verhehle mir nichts.  Sprich es aus, das
entsetzliche Urtheil.  Deinen Vater nanntest du?  Du nanntest die
Lady?--Schauer des Todes ergreifen mich--Man sagt, sie wird heirathen.

Ferdinand (strzt betubt zu Luisens Fen nieder).  Mich,
Unglckselige!

Luise (nach einer Pause, mit stillem bebenden Ton und schrecklicher
Ruhe).  Nun--was erschreck' ich denn?  Der alte Mann dort hat mir's
ja oft gesagt--ich hab' es ihm nie glauben wollen.  (Pause, dann
wirft sie sich Millern laut weinend in die Arme.).  Vater, hier ist
deine Tochter wieder--Verzeihung, Vater!--Dein Kind kann ja nicht
dafr, da dieser Traum so schn war, und--so frchterlich jetzt das
Erwachen-Miller.  Luise!  Luise!--O Gott, sie ist von sich--Meine
Tochter, mein armes Kind--Fluch ber den Verfhrer!--Fluch ber das
Weib, das ihm kuppelte!

Frau (wirft sich jammernd auf Luisen).  Verdien' ich diesen Fluch,
meine Tochter?  Vergeb's Ihnen Gott, Baron!--Was hat dieses Lamm
gethan, da Sie es wrgen?

Ferdinand (springt an ihr auf, voll Entschlossenheit).  Aber ich will
seine Kabalen durchbohren--durchreien will ich alle diese eisernen
Ketten des Vorurtheils--Frei wie ein Mann will ich whlen, da diese
Insektenseelen am Riesenwerk meiner Liebe hinaufschwindeln!  (Er will
fort.)

Frau (eilt ihm nach, hngt sich an ihn).  Der Prsident wird hieher
kommen--Er wird unser Kind mihandeln--Er wird uns mihandeln--Herr
von Walter, und Sie verlassen uns?

Miller (lacht wthend).  Verlt uns!  Freilich!  Warum nicht?--Sie
gab ihm ja Alles hin!  (Mit der einen Hand den Major, mit der andern
Luisen fassend.)  Geduld, Herr! der Weg aus meinem Hause geht nur ber
diese da--Erwarte erst deinen Vater! wenn du kein Bube bist--Erzhl'
es ihm, wie du dich in ihr Herz stahlst, Betrger, oder, bei Gott!
(Ihm seine Tochter zuschleudernd, wild und heftig.)  Du sollst mir
zuvor diesen wimmernden Wurm zertreten, den Liebe zu dir so zu
Schanden richtete!

Ferdinand (kommt zurck und geht auf und ab in tiefen Gedanken).
Zwar die Gewalt des Prsident ist gro--Vaterrecht ist ein weites
Wort--der Frevel selbst kann sich in seinen Falten verstecken, er
kann es weit damit treiben--weit!--Doch aufs uerste treibt's nur
die Liebe--Hier, Luise!  Deine Hand ist die meinige!  (Er fat diese
heftig.)  So wahr mich Gott im letzten Hauch nicht verlassen soll!
--der Augenblick, der diese zwei Hnde trennt, zerreit auch den
Faden zwischen mir und der Schpfung!

Luise.  Mir wird bange!  Blick' weg!  Deine Lippen beben!  Dein Auge
rollt frchterlich-Ferdinand.  Nein, Luise!  Zittre nicht!  Es ist
nicht Wahnsinn, was aus mir redet.  Es ist das kstliche Geschenk des
Himmels, Entschlu in dem geltenden Augenblick, wo die geprete Brust
nur durch etwas Unerhrtes sich Luft macht--Ich liebe dich, Luise--Du
sollst mir bleiben, Luise--Jetzt zu meinem Vater!  (Er eilt schnell
fort und rennt--gegen den Prsident.)



Sechste Scene.

Der Prsident mit einem Gefolge von Bedienten.  Vorige.


Prsident (im Hereintreten).  Da ist er schon.

Alle (erschrocken).

Ferdinand (weicht einige Schritte zurck).  Im Hause der Unschuld.

Prsident.  Wo der Sohn Gehorsam gegen den Vater lernt?

Ferdinand.  Lassen Sie und das-Prsident (unterbricht ihn, zu
Millern).  Er ist der Vater?

Miller.  Stadtmusikant Miller.

Prsident (zur Frau).  Sie die Mutter?

Frau.  Ach ja, die Mutter!

Ferdinand (zu Millern).  Vater, bring Er die Tochter weg--sie droht
eine Ohnmacht.

Prsident.  berflssige Sorgfalt!  Ich will sie anstreichen.  (Zu
Luisen.)  Wie lang kennt Sie den Sohn des Prsidenten?

Luise.  Diesem habe ich nie nachgefragt.  Ferdinand von Walter
besucht mich seit dem November.

Ferdinand.  Betet sie an.

Prsident.  Erhielt sie Versicherungen?

Ferdinand.  Vor wenig Augenblicken die feierlichste im Angesicht
Gottes.

Prsident (zornig zu seinem Sohn).  Zur Beichte deiner Thorheit wird
man dir schon das Zeichen geben.  (Zu Luisen.)  Ich warte auf Antwort.

Luise.  Er schwur mir Liebe.

Ferdinand.  Und wird sie halten.

Prsident.  Mu ich befehlen, da du schweigst?--Nahm Sie den Schwur
an?

Luise (zrtlich).  Ich erwiederte ihn.

Ferdinand (mit fester Stimme).  Der Bund ist geschlossen.

Prsident.  Ich werde das Echo hinaus werfen lassen.  (Boshaft zu
Luisen.)  Aber er bezahlte Sie doch jederzeit baar?

Luise (aufmerksam).  Diese Frage verstehe ich nicht ganz.

Prsident (mit beiendem Lachen).  Nicht?  Nun! ich meine nur--Jedes
Handwerk hat, wie man sagt, einen goldenen Boden--auch Sie, hoff' ich,
wird Ihre Gunst nicht verschenkt haben--oder war's Ihr vielleicht
mit dem bloen Verschlu gedient?  Wie?

Ferdinand (fhrt wie rasend auf).  Hlle! was war das?

Luise (zum Major mit Wrde und Unwillen).  Herr von Walter, jetzt
sind Sie frei.

Ferdinand.  Vater!  Ehrfurcht befiehlt die Tugend auch im
Bettlerkleid.

Prsident (lacht lauter).  Eine lustige Zumuthung!  Der Vater soll
die Hure des Sohns respectieren.

Luise (strzt nieder).  O Himmel und Erde!

Ferdinand (mit Luisen zu gleicher Zeit, indem er den Degen nach dem
Prsidenten zckt, den er aber schnell wieder sinken lt).  Vater!
Sie hatten einmal ein Leben an mich zu fordern--Es ist bezahlt.  (Den
Degen einsteckend.)  Der Schuldbrief der kindlichen Pflicht liegt
zerrissen da-Miller (der bis jetzt furchtsam auf der Seite gestanden,
tritt hervor in Bewegung, wechselweis vor Wuth mit den Zhnen
knirschend und vor Angst damit klappernd): Euer Excellenz--Das Kind
ist des Vaters Arbeit--Halten zu Gnaden--Wer das Kind eine Mhre
schilt, schlgt den Vater ans Ohr, und Ohrfeig um Ohrfeig--Das ist so
Tax bei uns--Halten zu Gnaden.

Frau.  Hilf, Herr und Heiland!--Jetzt bricht auch der Alte los--ber
unserm Kopf wird das Wetter zusammenschlagen.

Prsident (der es nur halb gehrt hat).  Regt sich der Kuppler
auch?--Wir sprechen uns gleich, Kuppler.

Miller.  Halten zu Gnaden.  Ich heie Miller, wenn Sie ein Adagio
hren wollen--mit Buhlschaften dien' ich nicht.  So lang der Hof da
noch Vorrath hat, kommt die Lieferung nicht an uns Brgersleut'.
Halten zu Gnaden.

Frau.  Um des Himmels willen, Mann!  Du bringst Weib und Kind um.

Ferdinand.  Sie spielen hier eine Rolle, mein Vater, wobei Sie sich
wenigstens die Zeugen htten ersparen knnen.

Miller (kommt ihm nher, herzhafter).  Deutsch und verstndlich.
Halten zu Gnaden.  Euer Excellenz schalten und walten im Land.  Das
ist meine Stube.  Mein devotestes Compliment, wenn ich dermaleins ein
pro memoria bringe, aber den ungehobelten Gast werf' ich zur Thr
hinaus--Halten zu Gnaden.

Prsident (vor Wuth bla).  Was?--Was ist das?  (Tritt nher.)

Miller (zieht sich sachte zurck).  Das war nur so meine Meinung,
Herr--Halten zu Gnaden.

Prsident (in Flammen).  Ha, Spitzbube!  Ins Zuchthaus spricht dich
deine vermessene Meinung--Fort!  Man soll Gerichtsdiener holen.
(Einige vom Gefolge gehen ab; der Prsident rennt voll Wuth durch das
Zimmer.)  Vater ins Zuchthaus--an den Pranger Mutter und Metze von
Tochter!--Die Gerechtigkeit soll meiner Wuth ihre Arme borgen.  Fr
diesen Schimpf mu ich schreckliche Genugthuung haben--Ein solches
Gesindel sollte meine Plane zerschlagen und ungestraft Vater und Sohn
aneinander hetzen?--Ha, Verflucht!  Ich will meinen Ha an eurem
Untergang sttigen, die ganze Brut, Vater, Mutter und Tochter, will
ich meiner brennenden Rache opfern.

Ferdinand (tritt gelassen und standhaft unter sie hin).  O nicht doch!
Seit auer Furcht!  Ich bin zugegen.  (Zum Prsidenten mit
Unterwrfigkeit.)  Keine bereilung, mein Vater!  Wenn Sie sich selbst
lieben, keine Gewaltthtigkeit!--Es gibt eine Gegend in meinem Herzen,
worin das Wort Vater noch nie gehrt worden ist--Dringen Sie nicht
bis in diese.

Prsident.  Nichtswrdiger!  Schweig!  Reize meinen Grimm nicht noch
mehr!

Miller (kommt aus einer dumpfen Betubung zu sich selbst).
Schau du nach deinem Kinde, Frau.  Ich laufe zum Herzog--Der
Leibschneider--das hat mir Gott eingeblasen!--der Leibschneider
lernt die Flte bei mir.  Es kann mir nicht fehlen beim Herzog.
(Er will gehen.)

Prsident.  Beim Herzog, sagst du?--Hast du vergessen, da ich die
Schwelle bin, worber du springen oder den Hals brechen mut?--Beim
Herzog, du Dummkopf?--Versuch' es, wenn du, lebendig todt, eine
Thurmhhe tief, unter dem Boden im Kerker liegst, wo die Nacht mit
der Hlle liebugelt und Schall und Licht wieder umkehren.  Rale
dann mit deinen Ketten und wimmre: Mir ist zu viel geschehen.



Siebente Scene.

Gerichtsdiener.  Die Vorigen.


Ferdinand (eilt auf Luisen zu, die ihm halb todt in die Arme fllt).
Luise!  Hilfe!  Rettung!  Der Schrecken berwltigt sie!

Miller (ergreift sein spanisches Rohr, setzt den Hut auf und macht
sich zum Angriff gefat).

Frau (wirft sich auf die Kniee vor dem Prsident).

Prsident (zu den Gerichtsdienern, seinen Orden entblend).  Legt
Hand an, im Namen des Herzogs--Weg von der Metze, Junge--Ohnmchtig
oder nicht--wenn sie nur erst das eiserne Halsband um hat, wird man
sie schon mit Steinwrfen aufwecken.

Frau.  Erbarmung, Ihro Excellenz!  Erbarmung!  Erbarmung!

Miller (reit seine Frau in die Hhe).  Knie vor Gott! alte Heulhure,
und nicht vor--Schelmen, weil ich ja doch schon ins Zuchthaus mu.

Prsident (beit die Lippen).  Du kannst dich verrechnen, Bube.  Es
stehen noch Galgen leer!  (Zu den Gerichtsdienern.)  Mu ich es noch
einmal sagen?

Gerichtsdiener (dringen auf Luisen ein).

Ferdinand (springt an ihr auf und stellt sich vor sie, grimmig).  Wer
will was?  (Er zieht den Degen sammt der Scheide und wehrt sich mit
dem Gef.)  Wag' es, sie anzurhren, wer nicht auch die Hirnschale an
die Gerichte vermiethet hat.  (Zum Prsident.)  Schonen Sie Ihrer
selbst!  Treiben Sie mich nicht weiter, mein Vater.

Prsident (drohend zu den Gerichtsdienern).  Wenn euch euer Brod lieb
ist, Memmen-Gerichtsdiener (greifen Luisen wieder an).

Ferdinand.  Tod und alle Teufel!  Ich sage: Zurck!--Noch einmal!
Haben Sie Erbarmen mit sich selbst.  Treiben Sie mich nicht aufs
uerste, Vater.

Prsident (aufgebracht zu den Gerichtsdienern).  Ist das euer
Diensteifer, Schurken?

Gerichtsdiener (greifen hitziger an).

Ferdinand.  Wenn es denn sein mu (indem er den Degen zieht und
einige von denselben verwundet), so verzeih mir, Gerechtigkeit!

Prsident (voll Zorn).  Ich will doch sehen, ob auch ich diesen Degen
fhle.  (Er fat Luisen selbst, zerrt sie in die Hhe und bergibt
sie einem Gerichtsknecht.)

Ferdinand (lacht erbittert).  Vater, Vater!  Sie machen hier ein
beiendes Pasquill auf die Gottheit, die sich so bel auf ihre Leute
verstund und aus vollkommenen Henkersknechten schlechte Minister
machte.

Prsident (zu den brigen).  Fort mit ihr!

Ferdinand.  Vater, sie soll an den Pranger stehen, aber mit dem Major,
des Prsidenten Sohn--Bestehen Sie noch darauf?

Prsident.  Desto possierlicher wird das Spektakel--Fort!

Ferdinand.  Vater, ich werfe meinen Officiersdegen auf das Mdchen.
--Bestehen Sie noch darauf?

Prsident.  Das Porte-Epe ist an deiner Seite des Prangerstehens
gewohnt worden--Fort!  Fort!  Ihr wit meinen Willen.

Ferdinand (drckt einen Gerichtsdiener weg, fat Luisen an einem Arm,
mit dem andern zckt er den Degen auf sie).  Vater!  Eh Sie meine
Gemahlin beschimpfen, durchsto' ich sie--Bestehen Sie noch darauf?

Prsident.  Thu' es, wenn deine Klinge noch spitzig ist.

Ferdinand (lt Luisen fahren und blickt frchterlich zum Himmel).
Du, Allmchtiger, bist Zeuge!  Kein menschliches Mittel lie ich
unversucht--ich mu zu einem teuflischen schreiten--Ihr fhrt sie zum
Pranger fort, unterdessen (dem Prsidenten ins Ohr rufend) erzhl'
ich der Residenz eine Geschichte, wie man Prsident wird.  (Ab.)

Prsident (wie vom Blitz gerhrt).  Was ist das?--Ferdinand--Lat sie
ledig!  (Er eilt dem Major nach.)




Dritter Akt.

Saal beim Prsidenten.



Erste Scene.

Der Prsident und Sekretr Wurm kommen.


Prsident.  Der Streich war verwnscht.

Wurm.  Wie ich befrchtete, gndiger Herr.  Zwang erbittert die
Schwrmer immer, aber bekehrt sie nie.

Prsident.  Ich hatte mein bestes Vertrauen in diesen Anschlag
gesetzt.  Ich urtheilte so: Wenn das Mdchen beschimpft wird, mu er,
als Officier, zurcktreten.

Wurm.  Ganz vortrefflich.  Aber zum Beschimpfen htt' es auch kommen
sollen.

Prsident.  Und doch--wenn ich es jetzt mit kaltem Blut
berdenke--Ich htte mich nicht sollen eintreiben lassen--Es war eine
Drohung, woraus er wohl nimmermehr Ernst gemacht htte.

Wurm.  Das denken Sie ja nicht.  Der gereizten Leidenschaft ist keine
Thorheit zu bunt.  Sie sagen mir, der Herr Major habe immer den Kopf
zu Ihrer Regierung geschttelt.  Ich glaub's.  Die Grundstze, die er
aus Akademien hieher brachte, wollten mir gleich nicht recht
einleuchten.  Was sollten auch die phantastischen Trumereien von
Seelengre und persnlichem Adel an einem Hof, wo die grte
Weisheit diejenige ist, im rechten Tempo, auf eine geschickte Art,
gro und klein zu sein!  Er ist zu jung und zu feurig, um Geschmack
am langsamen, krummen Gang der Kabale zu finden, und nichts wird
seine Ambition in Bewegung setzen, als was gro ist und abenteuerlich.

Prsident (verdrielich).  Aber was wird diese wohlweise Anmerkung an
unserm Handel verbessern?

Wurm.  Wie wird Ew.  Excellenz auf die Wunde hinweisen, und auch
vielleicht auf den Verband.  Einen solchen Charakter--erlauben
Sie--htte man entweder nie zum Vertrauten, oder niemals zum Feind
machen sollen.  Er verabscheut das Mittel, wodurch Sie gestiegen sind.
Vielleicht war es bis jetzt nur der Sohn, der die Zunge des
Verrthers band.  Geben Sie ihm Gelegenheit, jenen rechtmig
abzuschtteln; machen Sie ihn durch wiederholte Strme auf seine
Leidenschaft glauben, da Sie der zrtliche Vater nicht sind, so
dringen die Pflichten des Patrioten bei ihm vor.  Ja, schon allein
die seltsame Phantasie, der Gerechtigkeit ein so merkwrdiges Opfer
zu bringen, knnte Reiz genug fr ihn haben, selbst seinen Vater zu
strzen.

Prsident.  Wurm--Wurm--Er fhrt mich da vor einen entsetzlichen
Abgrund.

Wurm.  Ich will Sie zurckfhren, gndiger Herr.  Darf ich freimthig
reden?

Prsident (indem er sich niedersetzt).  Wie ein Verdammter zum
Mitverdammten.

Wurm.  Also verzeihen Sie--Sie haben, dnkt mich, der biegsamen
Hofkunst den ganzen Prsidenten zu danken, warum vertrauen Sie ihr
nicht auch den Vater an?  Ich besinne mich, mit welcher Offenheit Sie
Ihren Vorgnger damals zu einer Partie Piquet beredeten und bei ihm
die halbe Nacht mit freundschaftlichem Burgunder hinwegschwemmten,
und das war doch die nmliche Nacht, wo die groe Mine losgehen und
den guten Mann in die Luft blasen sollte--Warum zeigten Sie Ihrem
Sohne den Feind?  Nimmermehr htte dieser erfahren sollen, da ich um
seine Liebesangelegenheit wisse.  Sie htten den Roman von Seiten des
Mdchens unterhhlt und das Herz Ihres Sohnes behalten.  Sie htten
den klugen General gespielt, der den Feind nicht am Kern seiner
Truppen fat, sondern Spaltungen unter den Gliedern stiftet.

Prsident.  Wie war das zu machen?

Wurm.  Auf die einfachste Art--und die Karten sind noch nicht ganz
vergeben.  Unterdrcken Sie eine Zeit lang, da Sie Vater sind.
Messen Sie sich mit einer Leidenschaft nicht, die jeder Widerstand
nur mchtiger machte--berlassen Sie es mir, an ihrem eigenen Feuer
den Wurm auszubrten, der sie zerfrit.

Prsident.  Ich bin begierig.

Wurm.  Ich mte mich schlecht auf den Barometer der Seele verstehen,
oder der Herr Major ist in der Eifersucht schrecklich, wie in der
Liebe.  Machen Sie ihm das Mdchen verdchtig--Wahrscheinlich oder
nicht.  Ein Gran Hefe reicht hin, die ganze Masse in eine zerstrende
Ghrung zu jagen.

Prsident.  Aber woher diesen Gran nehmen?

Wurm.  Da sind wir auf dem Punkt--vor allen Dingen, gndiger Herr,
erklren Sie sich mir, wie viel Sie bei der ferneren Weigerung des
Majors auf dem Spiel haben--in welchem Grade es Ihnen wichtig ist,
den Roman mit dem Brgermdchen zu endigen und die Verbindung mit
Lady Milford zu Stand zu bringen?

Prsident.  Kann Er noch fragen, Wurm?--Mein ganzer Einflu ist in
Gefahr, wenn die Partie mit der Lady zurckgeht, und wenn ich den
Major zwinge, mein Hals.

Wurm (munter).  Jetzt haben Sie die Gnade und hren--Den Herrn Major
umspinnen wir mit List.  Gegen das Mdchen nehmen wir Ihre ganze
Gewalt zu Hilfe.  Wir dictieren ihr ein Billetdoux an eine dritte
Person in die Feder und spielen das mit guter Art dem Major in die
Hnde.

Prsident.  Toller Einfall!  Als ob sie sich so geschwind hin
bequemen wrde, ihr eigenes Todesurtheil zu schreiben?

Wurm.  Sie mu, wenn Sie mir freie Hand lassen wollen.  Ich kenne das
gute Herz auf und nieder.  Sie hat nicht mehr als zwo tdtliche
Seiten, durch welche wir ihre Gewissen bestrmen knnen--ihren Vater
und den Major.  Der letztere bleibt ganz und gar aus dem Spiel; desto
freier knnen wir mit dem Musikanten umspringen.

Prsident.  Als zum Exempel?

Wurm.  Nach Dem, was Ew.  Excellenz mir von dem Auftritt in
seinem Hause gesagt haben, wird nichts leichter sein, als den
Vater mit einem Halsproce zu bedrohen.  Die Person des
Gnstlings und Siegelbewahrers ist gewissermaen der Schatten
der Majestt--Beleidigungen gegen jenen sind Verletzungen
dieser--Wenigstens will ich den armen Schcher mit diesem
zusammengeflickten Kobold durch ein Nadelhr jagen.

Prsident.  Doch--ernsthaft drfte der Handel nicht werden.

Wurm.  Ganz und gar nicht--Nur in so weit, als es nthig ist, die
Familie in die Klemme zu treiben--Wir setzen also in aller Stille den
Musikus fest--Die Noth um so dringender zu machen, knnte man auch
die Mutter mitnehmen,--sprechen von peinlicher Anklage, von Schaffot,
von ewiger Festung, und machen den Brief der Tochter zur einzigen
Bedingung seiner Befreiung.

Prsident.  Gut!  Gut!  Ich verstehe.

Wurm.  Sie liebt ihren Vater--bis zur Leidenschaft, mcht' ich sagen.
Die Gefahr seines Lebens--seiner Freiheit zum Mindesten--die
Vorwrfe ihres Gewissens, den Anla dazu gegeben zu haben--die
Unmglichkeit, den Major zu besitzen--endlich die Betubung ihres
Kopfs, die ich auf mich nehme--es kann nicht fehlen--sie mu in die
Falle gehn.

Prsident.  Aber mein Sohn?  Wird er nicht auf der Stelle Wind davon
haben?

Wurm.  Das lassen Sie meine Sorge sein, gndiger Herr--Vater und
Mutter werden nicht eher freigelassen, bis die ganze Familie einen
krperlichen Eid darauf abgelegt, den ganzen Vorgang geheim zu halten
und den Betrug zu besttigen.

Prsident.  Einen Eid?  Was wird ein Eid fruchten, Dummkopf?

Wurm.  Nichts bei uns, gndiger Herr!  Bei dieser Menschenart
Alles--Und sehen Sie nun, wie schn wir Beide auf diese Manier zum
Ziele kommen werden--Das Mdchen verliert die Liebe des Majors und
den Ruf ihrer Tugend.  Vater und Mutter ziehen gelindere Saiten auf,
und durch und durch weich gemacht von Schicksalen dieser Art,
erkennen sie's noch zuletzt fr Erbarmung, wenn ich der Tochter durch
meine Hand ihre Reputation wieder gebe.

Prsident (lacht unter Kopfschtteln).  Ja, ich gebe mich dir
berwunden, Schurke!  Das Geweb' ist satanisch fein.  Der Schler
bertrifft seinen Meister--Nun ist die Frage, an wen das Billet mu
gerichtet werden?  Mit wem wir sie in Verdacht bringen mssen?

Wurm.  Nothwendig mit Jemand, der durch den Entschlu Ihres Sohnes
Alles gewinnen oder Alles verlieren mu.

Wurm (nach einigem Nachdenken).  Ich wei nur den Hofmarschall.

Wurm (zuckt die Achseln).  Mein Geschmack wr' es nun freilich nicht,
wenn ich Luise Millerin hiee.

Prsident.  Und warum nicht?  Wunderlich!  Eine blendende
Garderobe--Eine Atmosphre von Eau de mille fleurs und Bisam--und
jedes alberne Wort eine Handvoll Ducaten--und alles Das sollte die
Delicatesse einer brgerlichen Dirne nicht endlich bestechen knnen?
O, guter Freund! so scrupuls ist die Eifersucht nicht!  Ich schicke
zum Marschall.  (Klingelt.)

Wurm.  Unterdessen, da Ew.  Excellenz dieses und die Gefangennehmung
des Geigers besorgen, werd' ich hingehen und den bewuten Liebesbrief
aufsetzen.

Prsident (zum Schreibpult gehend).  Den Er mir zum Durchlesen
heraufbringt, sobald er zu Stand sein wird.  (Wurm geht ab.  Der
Prsident setzt sich zu schreiben; ein Kammerdiener kommt; er steht
auf und gibt ihm ein Papier.)  Dieser Verhaftsbefehl mu ohne Aufschub
in die Gerichte--ein Andrer von euch wird den Hofmarschall zu mir
bitten.

Kammerdiener.  Der gndige Herr sind so eben hier angefahren.

Prsident.  Noch besser--aber die Anstalten sollen mit Vorsicht
getroffen werden, sagt ihr, da kein Aufstand erfolgt.

Kammerdiener.  Sehr wohl, Ihr' Excellenz!

Prsident.  Versteht ihr?  Ganz in der Stille!

Kammerdiener.  Ganz gut, Ihr' Excellenz!  (Ab.)



Zweite Scene.

Der Prsident und der Hofmarschall.


Hofmarschall (eilfertig).  Nur en passant, mein Bester!--Wie leben
Sie?  Wie befinden Sie sich?--Heute Abend ist groe Opra Dido--das
sperbeste Feuerwerk--eine ganze Stadt brennt zusammen--Sie sehen sie
doch auch brennen?  Was?

Prsident.  Ich habe Feuerwerk genug in meinem eigenen Hause, das
meine ganze Herrlichkeit in die Luft nimmt--Sie kommen erwnscht,
lieber Marschall, mir in einer Sache zu rathen, thtig zu helfen, die
uns Beide poussiert, oder vllig zu Grund richtet.  Setzen Sie sich.

Hofmarschall.  Machen Sie mir nicht Angst, mein Ser.

Prsident.  Wie gesagt--poussiert, oder ganz zu Grund richtet.  Sie
wissen mein Project mit dem Major und der Lady.  Sie begreifen auch,
wie unentbehrlich es war, unser Beider Glck zu fixieren.  Es kann
Alles zusammenfallen, Kalb.  Mein Ferdinand will nicht.

Hofmarschall.  Will nicht--will nicht--ich hab's ja in der ganzen
Stadt schon herumgesagt.  Die Mariage ist in Jedermanns Munde.

Prsident.  Sie knnen vor der ganzen Stadt als Windmacher dastehen.
Er liebt eine Andere.

Hofmarschall.  Sie scherzen.  Ist das auch wohl ein Hindernis?

Prsident.  Bei dem Trotzkopf das unberwindlichste.

Hofmarschall.  Er soll so wahnsinnig sein und sein Fortune von sich
stoen?  Was?

Prsident.  Fragen Sie ihn das und hren Sie, was er antwortet.

Hofmarschall.  Aber, mon Dieu! was kann er denn antworten?

Prsident.  Da er der ganzen Welt das Verbrechen entdecken wolle,
wodurch wir gestiegen sind--da er unsere falschen Briefe und
Quittungen angeben--da er uns Beide ans Messer liefern wolle--das
kann er antworten.

Hofmarschall.  Sind Sie von Sinnen?

Prsident.  Das hat er geantwortet.  Das war er schon Willens, ins
Werk zu richten--Davon hab' ich ihn kaum noch durch meine hchste
Erniedrigung abgebracht.  Was wissen Sie hierauf zu sagen?

Hofmarschall (mit einem Schafsgesicht).  Mein Verstand steht still.

Prsident.  Das knnte noch hingehen.  Aber zugleich hinterbringen
mir meine Spionen, da der Oberschenk von Bock auf dem Sprunge sei,
um die Lady zu werben.

Hofmarschall.  Sie machen mich rasend.  Wer sagen Sie? von Bock sagen
Sie?--Wissen Sie denn auch, da wir Todfeinde zusammen sind?  Wissen
Sie auch, warum wir es sind?

Prsident.  Das erste Wort, das ich hre.

Hofmarschall.  Bester!  Sie werden hren, und aus der Haut werden Sie
fahren--Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen--es geht jetzt ins
einundzwanzigste Jahr--wissen Sie, worauf man den ersten Englischen
tanzte, und dem Grafen von Meerschaum das heie Wachs von einem
Kronleuchter auf den Domino trpfelte--Ach Gott, das mssen Sie
freilich noch wissen!

Prsident.  Wer knnte so was vergessen?

Hofmarschall.  Sehen Sie! da hatte Prinzessin Amalie in der Hitze des
Tanzes ein Strumpfband verloren--Alles kommt, wie befreiflich ist, in
Allarm--von Bock und ich--wir waren noch Kammerjunker--wir kriechen
durch den ganzen Redoutensaal, das Strumpfband zu suchen--endlich
erblick ich's--von Bock merkt's--von Bock darauf zu, reit es mir aus
den Hnden--ich bitte Sie!--bringt's der Prinzessin und schnappt mir
glcklich das Compliment weg--Was denken Sie?

Prsident.  Impertinent!

Hofmarschall.  Schnappt mir das Compliment weg--Ich meine in Ohnmacht
zu sinken.  Eine solche Malice ist gar nicht erlebt worden.--Endlich
ermann' ich mich, nhere mich Ihrer Durchlaucht und spreche:
Gndigste Frau! von Bock war so glcklich, Hchstdenenselben das
Strumpfband zu berreichen, aber wer das Strumpfband zuerst erblickte,
belohnt sich in der Stille und schweigt.

Prsident.  Bravo, Marschall!  Bravissimo!

Hofmarschall.  Und schweigt--Aber ich werd's dem von Bock bis zum
jngsten Gerichte noch nachtragen--der niedertrchtige, kriechende
Schmeichler!--Und das war noch nicht genug--wie wir beide zugleich
auf das Strumpfband zu Boden fallen, wischt mir von Bock an der
rechten Frisur allen Puder weg, und ich bin ruiniert auf den ganzen
Ball.

Prsident.  Das ist der Mann, der die Milford heirathen und die erste
Person am Hof werden wird.

Hofmarschall.  Sie stoen mir ein Messer ins Herz.  Wird? wird?
Warum wird er?  Wo ist die Nothwendigkeit?

Prsident.  Weil mein Ferdinand nicht will und sonst Keiner sich
meldet.

Hofmarschall.  Aber wissen Sie denn gar kein einziges Mittel, den
Major zum Entschlu zu bringen?--Sei's auch noch so bizarr, so
verzweifelt!--Was in der Welt kann so widrig sein, das uns jetzt
nicht willkommen wre, den verhaten von Bock auszustechen?

Prsident.  Ich wei nur eines, und das bei Ihnen steht.

Hofmarschall.  Bei mir steht?  Und das ist?

Prsident.  Den Major mit seiner Geliebten zu entzweien.

Hofmarschall.  Zu entzweien?  Wie meinen Sie das?--Und wie mach' ich
das?

Prsident.  Alles ist gewonnen, sobald wir ihm das Mdchen verdchtig
machen.

Hofmarschall.  Da sie stehle, meinen Sie?

Prsident.  Ach nein doch!  Wie glaubte er das?--da sie es noch mit
einem Andern habe.

Hofmarschall.  Dieser Andre?

Prsident.  Mten Sie sein, Baron.

Hofmarschall.  Ich sein?  Ich?--Ist sie von Adel?

Prsident.  Wozu das?  Welcher Einfall!--Eines Musikanten Tochter.

Hofmarschall.  Brgerlich also?  Das wird nicht angehen.  Was?

Prsident.  Was wird nicht angehen?  Narrenspossen!  Wem unter der
Sonne wird es einfallen, ein paar runde Wangen nach dem Stammbaum zu
fragen?

Hofmarschall.  Aber bedenken Sie doch, ein Ehmann!  Und meine
Reputation bei Hofe.

Prsident.  Das ist was anders.  Verzeihen Sie.  Ich habe das noch
nicht gewut, da Ihnen der Mann von unbescholtenen Sitten mehr ist,
als der von Einflu.  Wollen wir abbrechen?

Hofmarschall.  Seien Sie klug, Baron.  Es war ja nicht so verstanden.

Prsident (frostig).  Nein--nein!  Sie haben vollkommen Recht.  Ich
bin es auch mde.  Ich lasse den Karren stehen.  Dem von Bock wnsch'
ich Glck zum Premierminister.  Die Welt ist noch anderswo.  Ich
fordre meine Entlassung vom Herzog.

Hofmarschall.  Und ich?--Sie haben gut schwatzen, Sie!  Sie sind ein
Studierter!  Aber ich,--mon Dieu!--was bin dann ich, wenn mich Seine
Durchleucht entlassen?

Prsident.  Ein Bonmot von vorgestern.  Die Mode vom vorigen Jahr.

Hofmarschall.  Ich beschwre Sie, Theurer, Goldner!--Ersticken Sie
diesen Gedanken!  Ich will mir ja Alles gefallen lassen.

Prsident.  Wollen Sie Ihren Namen zu einem Rendez-vous hergeben, den
Ihnen diese Millerin schriftlich vorschlagen soll?

Hofmarschall.  Im Namen Gottes!  Ich will ihn hergeben.

Prsident.  Und den Brief irgendwo herausfallen lassen, wo er dem
Major zu Gesicht kommen mu?

Hofmarschall.  Zum Exempel auf der Parade will ich ihn, als von
ungefhr, mit dem Schnupftuch heraus schleudern.

Prsident.  Und die Rolle ihres Liebhabers gegen den Major behaupten?

Hofmarschall.  Mort de ma vie!  Ich will ihn schon waschen!  Ich will
dem Naseweis den Appetit nach meinen Amouren verleiden.

Prsident.  Nun geht's nach Wunsch.  Der Brief mu noch heute
geschrieben sein.  Sie mssen vor Abend noch herkommen, ihn abzuholen
und Ihre Rolle mit mir zu berichtigen.

Hofmarschall.  Sobald ich sechzehn Visiten werde gegeben haben, die
von allerhchster Importance sind.  Verzeihen Sie also, wenn ich mich
ohne Aufschub beurlaube.  (Geht.)

Prsident (klingelt).  Ich zhle auf Ihre Verschlagenheit, Marschall.

Hofmarschall (ruft zurck).  Ah, mon Dieu!--Sie kennen mich ja.



Dritte Scene.

Der Prsident und Wurm.


Wurm.  Der Geiger und seine Frau sind glcklich und ohne alles
Gerusch in Verhaft gebracht.  Wollen Ew.  Excellenz jetzt den Brief
berlesen?

Prsident (nachdem er gelesen).  Herrlich! herrlich, Secretr!  Auch
der Marschall hat angebissen!--Ein Gift wie das mte die Gesundheit
selbst in eiternden Aussatz verwandeln--Nun gleich mit den
Vorschlgen zum Vater, und dann warm zu der Tochter.  (Gehen ab zu
verschiedenen Seiten.)



Vierte Scene.

Zimmer in Millers Wohnung.

Luise und Ferdinand.


Luise.  Ich bitte dich, hre auf.  Ich glaube an keine glcklichen
Tage mehr.  Alle meine Hoffnungen sind gesunken.

Ferdinand.  So sind die meinigen gestiegen.  Mein Vater ist
aufgereizt; mein Vater wird alle Geschtze gegen uns richten.  Er
wird mich zwingen, den unmenschlichen Sohn zu machen.  Ich stehe
nicht mehr fr meine kindliche Pflicht.  Wuth und Verzweiflung werden
mir das schwarze Geheimni seiner Mordthat erpressen.  Der Sohn wird
den Vater in die Hnde des Henkers liefern--Es ist die hchste
Gefahr--und die hchste Gefahr mute da sein, wenn meine Liebe den
Riesensprung wagen sollte--Hre, Luise--Ein Gedanke, gro und
vermessen wie meine Leidenschaft, drngt sich vor meine Seele--Du,
Luise, und ich und die Liebe!--liegt nicht in diesem Zirkel der ganze
Himmel? oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?

Luise.  Brich ab.  Nichts mehr.  Ich erblasse ber Das, was du sagen
willst.

Ferdinand.  Haben wir an die Welt keine Forderung mehr, warum denn
ihren Beifall erbetteln?  Warum wagen, wo nichts gewonnen wird und
Alles verloren werden kann?--Wird dieses Aug nicht eben so schmelzend
funkeln, ob es im Rhein oder in der Elbe sich spiegelt, oder im
baltischen Meer?  Mein Vaterland ist, wo mich Luise liebt.  Deine
Futapfe in wilden, sandigten Wsten mir interessanter, als das
Mnster in meiner Heimath--Werden wir die Pracht der Stdte
vermissen?  Wo wir sein mgen, Luise, geht eine Sonne auf, eine
unter--Schauspiele, neben welchen der ppigste Schwung der Knste
verblat.  Werden wir Gott in keinem Tempel mehr dienen, so ziehet
die Nacht mit begeisterndem Schauern auf, der wechselnde Mond predigt
uns Bue, und eine andchtige Kirche von Sternen betet mit uns.
Werden wir uns in Gesprchen der Liebe erschpfen?--Ein Lcheln
meiner Luise ist Stoff fr Jahrhunderte, und der Traum des Lebens ist
aus, bis ich diese Thrne ergrnde.

Luise.  Und httest du sonst keine Pflicht mehr als deine Liebe?

Ferdinand (sie umarmend).  Deine Ruhe ist meine heiligste.

Luise (sehr ernsthaft).  So schweig und verla mich--Ich habe einen
Vater, der kein Vermgen hat, als diese einzige Tochter--der morgen
sechzig wird--der der Rache des Prsidenten gewi ist.-Ferdinand
(fllt rasch ein).  Der uns begleiten wird.  Darum keinen Einwurf
mehr, Liebe.  Ich gehe, mache meine Kostbarkeiten zu Geld, erhebe
Summen auf meinen Vater.  Es ist erlaubt, einen Ruber zu plndern,
und sind seine Schtze nicht Blutgeld des Vaterlands?--Schlag ein Uhr
um Mitternacht wird ein Wagen hier anfahren.  Ihr werft euch hinein.
Wir fliehen.

Luise.  Und der Fluch deines Vaters uns nach?--ein Fluch,
Unbesonnener, den auch Mrder nie ohne Erhrung aussprechen, den die
Rache des Himmels auch dem Dieb auf dem Rade hlt, der uns
Flchtlinge unbarmherzig wie ein Gespenst von Meer zu Meer jagen
wrde?--Nein, mein Geliebter!  Wenn nur ein Frevel dich mir erhalten
kann, so hab' ich noch Strke, dich zu verlieren.

Ferdinand (steht still und murmelt dster).  Wirklich?

Luise.  Verlieren!--O, ohne Grenzen entsetzlich ist der
Gedanke--grlich genug, den unsterblichen Geist zu durchbohren und
die glhende Wange der Freude zu bleichen--Ferdinand! dich zu
verlieren!  Doch, man verliert ja nur, was man besessen hat, und dein
Herz gehrt deinem Stande--Mein Anspruch war Kirchenraub, und
schaudernd geb' ich ihn auf.

Ferdinand (das Gesicht verzerrt und an der Unterlippe nagend).  Gibst
du ihn auf.

Luise.  Nein!  Sieh mich an, lieber Walter.  Nicht so bitter die
Zhne geknirscht.  Komm!  La mich jetzt deinen sterbenden Muth durch
mein Beispiel beleben.  La mich die Heldin dieses Augenblicks
sein--einem Vater den entflohenen Sohn wieder schenken--einem Bndni
entsagen, das die Fugen der Brgerwelt auseinander treiben und die
allgemeine ewige Ordnung zu Grund strzen wrde--Ich bin die
Verbrecherin--mit frechen, thrigten Wnschen hat sich mein Busen
getragen--mein Unglck ist meine Strafe, so la mir doch jetzt die
se, schmeichelnde Tuschung, da es mein Opfer war--Wirst du mir
diese Wollust mignnen?

Ferdinand (hat in der Zerstreuung und Wuth eine Violine ergriffen und
auf derselben zu spielen versucht--Jetzt zerreit er die Saiten,
zerschmettert das Instrument auf dem Boden und bricht in ein lautes
Gelchter aus).

Luise.  Walter!  Gott im Himmel!  Was soll das?--Ermanne dich!
--Fassung verlangt diese Stunde--es ist eine trennende.  Du hast ein
Herz, lieber Walter.  Ich kenne es.--Warm wie das Leben ist deine
Liebe, und ohne Schranken wie das Unermeliche--Schenke sie einer
Edeln und Wrdigern--sie wird die Glcklichste ihres Geschlechts
nicht beneiden--(Thrnen unterdrckend.)  Mich sollst du nicht mehr
sehn--Das eitle betrogene Mdchen verweine seinen Gram in einsamen
Mauern, um seine Thrnen wird sich Niemand bekmmern--Leer und
erstorben ist meine Zukunft--Doch werd' ich noch je und je am
verwelkten Strau der Vergangenheit riechen.  (Indem sie ihm mit
abgewandtem Gesicht ihre zitternde Hand gibt.)  Leben Sie wohl, Herr
von Walter.

Ferdinand (springt aus seiner Betubung auf).  Ich entfliehe, Luise.
Willst du mir wirklich nicht folgen?

Luise (hat sich im Hintergrund des Zimmers niedergesetzt und hlt das
Gesicht mit beiden Hnden bedeckt).  Meine Pflicht heit mich bleiben
und dulden.

Ferdinand.  Schlange, du lgst.  Dich fesselt was anders hier.

Luise (im Ton des tiefsten inwendigen Leidens).  Bleiben Sie bei
dieser Vermuthung--sie macht vielleicht weniger elend.

Ferdinand.  Kalte Pflicht gegen feurige Liebe!--Und mich soll das
Mrchen blenden?  Ein Liebhaber fesselt dich, und Weh ber dich und
ihn, wenn mein Verdacht sich besttigt.  (Geht schnell ab.)



Fnfte Scene.

Luise allein.--(Sie bleibt noch eine Zeit lang ohne Bewegung und
stumm in dem Sessel liegen, endlich steht sie auf, kommt vorwrts und
sieht furchtsam herum.)


Wo meine Eltern bleiben?--Mein Vater versprach, in wenigen Minuten
zurck zu sein, und schon sind fnf volle frchterliche Stunden
vorber--Wenn ihm ein Unfall--wie wird mir?--Warum geht mein Odem so
ngstlich?

(Jetzt tritt Wurm in das Zimmer und bleibt im Hintergrund stehen,
ohne von ihr bemerkt zu werden.)

Es ist nichts Wirkliches--Es ist nichts als das schaudernde
Gaukelspiel des erhitzten Geblths--Hat unsre Seele nur einmal
Entsetzen genug in sich getrunken, so wird das Aug in jedem Winkel
Gespenster sehn.



Sechste Scene.

Luise und Secretr Wurm.


Wurm (kommt nher).  Guten Abend, Jungfer.

Luise.  Gott!  Wer spricht da?  (Sie dreht sich um, wird den Secretr
gewahr und tritt erschrocken zurck.)  Schrecklich!  Schrecklich!
Meiner ngstlichen Ahnung eilt schon die unglckseligste Erfllung
nach.  (Zum Secretr mit einem Blick voll Verachtung.)  Suchen Sie
etwa den Prsidenten?  Er ist nicht mehr da.

Wurm.  Jungfer, ich suche Sie.

Luise.  So mu ich mich wundern, da Sie nicht nach dem Marktplatz
gingen.

Wurm.  Warum eben dahin?

Luise.  Ihre Braut von der Schaubhne abzuholen.

Wurm.  Mamsell Millerin, Sie haben einen falschen Verdacht-Luise
(unterdrckt eine Antwort).  Was steht Ihnen zu Diensten?

Wurm.  Ich komme, geschickt von Ihrem Vater.

Luise (bestrzt).  Von meinem Vater?--Wieder ist mein Vater?

Wurm.  Wo er nicht gern ist.

Luise.  Um Gotteswillen!  Geschwind!  Mich befllt eine ble
Ahnung--Wo ist mein Vater?

Wurm.  Im Thurm, wenn Sie es ja wissen wollen.

Luise (mit einem Blick zum Himmel).  Das noch!  Das auch noch!--Im
Thurm?  Und warum im Thurm?

Wurm.  Auf Befehl des Herzogs.

Luise.  Des Herzogs?

Wurm.  Der die Verletzung der Majestt in der Person seines
Stellvertreters-Luise.  Was? was?  O ewige Allmacht!

Wurm.  Auffallend zu ahnden beschlossen hat.

Luise.  Das war noch brig!  Das!--Freilich, freilich, mein Herz
hatte noch auer dem Major etwas Theures--das durfte nicht bergangen
werden--Verletzung der Majestt--Himmlische Vorsicht!  Rette! o rette
meinen sinkenden Glauben!--Und Ferdinand?

Wurm.  Whlt Lady Milford, oder Fluch und Enterbung.

Luise.  Entsetzliche Freiheit!--Und doch--doch ist er glcklicher.
Er hat keinen Vater zu verlieren.  Zwar keinen haben, ist Verdammni
genug!--Mein Vater auf Verletzung der Majestt--mein Geliebter die
Lady oder Fluch und Enterbung--Wahrlich bewundernswerth!  Eine
vollkommene Bberei ist auch eine Vollkommenheit--Vollkommenheit?
Nein! dazu fehlt noch etwas--Wo ist meine Mutter?

Wurm.  Im Spinnhaus.

Luise (mit schmerzvollem Lcheln).  Jetzt ist es vllig!--Vllig, und
jetzt wr' ich ja frei--Abgeschlt von allen Pflichten--und
Thrnen--und Freuden.  Abgeschlt von der Vorsicht.  Ich brauch' sie
ja nicht mehr--(Schreckliches Stillschweigen.)  Haben Sie vielleicht
noch eine Zeitung?  Reden Sie immerhin.  Jetzt kann ich Alles hren.

Wurm.  Was geschehen ist, wissen Sie.

Luise.  Also nicht, was noch kommen wird?  (Wiederum Pause, worin sie
den Secretr von oben bis unten ansieht.)  Armer Mensch! du treibst
ein trauriges Handwerk, wobei du unmglich selig werden kannst.
Unglckliche machen, ist schon schrecklich genug, aber grlich ist's,
es ihnen verkndigen--ihn vorzusingen, den Eulengesang, dabei stehn,
wenn das blutende Herz am eisernen Schaft der Nothwendigkeit zittert
und Christen an Gott zweifeln--Der Himmel bewahre mich!  Und wrde
dir jeder Angsttropfe, den du fallen siehst, mit einer Tonne Golds
aufgewogen--ich mchte nicht du sein--Was kann noch geschehen?

Wurm.  Ich wei nicht.

Luise.  Sie wollen nicht wissen?--Diese lichtscheue Bothschaft
frchtet das Gerusch der Worte, aber in der Grabesstille Ihres
Gesichts zeigt sich mir das Gespenst--Was ist noch brig?--Sie sagten
vorhin, der Herzog wollte es auffallend ahnden?  Was nennen Sie
auffallend?

Wurm.  Fragen Sie nichts mehr.

Luise.  Hre, Mensch!  Du gingst beim Henker zur Schule.  Wie
verstndest du sonst, das Eisen erst langsam bedchtlich an den
knirschenden Gelenken hinaufzufhren und das zuckende Herz mit dem
Streich der Erbarmung zu necken?--Welches Schicksal wartet auf meinen
Vater?  Es ist Tod in Dem, was du lachend sagst; wie mag Das aussehen,
was du an dich hltst?  Sprich es aus.  La mich sie auf einmal
haben, die ganze zermalmende Ladung.  Was wartet auf meinen Vater?

Wurm.  Ein Criminal-Proce.

Luise.  Was ist aber das?--Ich bin ein unwissendes, unschuldiges Ding,
verstehe mich wenig auf eure frchterlichen lateinischen Wrter.
Was heit Criminal-Proce?

Wurm.  Gericht um Leben und Tod.

Luise (standhaft).  So dank' ich Ihnen!  (Sie eilt schnell in ein
Seitenzimmer.)

Wurm (steht betroffen da).  Wo will das hinaus!  Sollte die Nrrin
etwa?--Teufel!  Sie wird doch nicht--Ich eile nach--ich mu fr ihr
Leben brgen.  (Im Begriff, ihr zu folgen.)

Luise (kommt zurck, einen Mantel umgeworfen).  Verzeihen Sie,
Secretr.  Ich schliee das Zimmer.

Wurm.  Und wohin denn so eilig?

Luise.  Zum Herzog.  (Will fort.)

Wurm.  Was?  Wo hin?  (Er hlt sie erschrocken zurck.)

Luise.  Zum Herzog.  Hren Sie nicht?  Zu eben dem Herzog, der meinen
Vater auf Tod und Leben will richten lassen--Nein! nicht will--mu
richten lassen, weil einige Bswichter wollen; der zu dem ganzen
Proce der beleidigten Majestt nichts hergibt, als eine Majestt und
seine frstliche Handschrift.

Wurm (lacht berlaut).  Zum Herzog!

Luise.  Ich wei, worber Sie lachen--aber ich will ja auch kein
Erbarmen dort finden--Gott bewahre mich! nur Ekel--Ekel nur an meinem
Geschrei.  Man hat mir gesagt, da die Groen der Welt noch nicht
belehrt sind, was Elend ist--nicht wollen belehrt sein.  Ich will ihm
sagen, was Elend ist--will es ihm vormalen in allen Verzerrungen des
Todes, was Elend ist--will es ihm vorheulen in Mark und Bein
zermalmenden Tnen, was Elend ist--und wenn ihm jetzt ber der
Beschreibung die Haare zu Berge fliegen, will ich ihm noch zum Schlu
in die Ohren schrei'n, da in der Sterbestunde auch die Lungen der
Erdengtter zu rcheln anfangen und das jngste Gericht Majestten
und Bettler in dem nmlichen Siebe rttelt.  (Sie will gehen.)

Wurm (boshaft freundlich).  Gehen Sie, o gehen Sie ja.  Sie knnen
wahrlich nichts Klgeres thun.  Ich rathe es Ihnen, gehen Sie, und
ich gebe Ihnen mein Wort, da der Herzog willfahren wird.

Luise (steht pltzlich still).  Wie sagen Sie?--Sie rathen mir selbst
dazu?  (Kommt schnell zurck.)  Hm!  Was will ich denn?  Etwas
Abscheuliches mu es sein, weil dieser Mensch dazu rathet--Woher
wissen Sie, da der Frst mir willfahren wird?

Wurm.  Weil er es nicht wird umsonst thun drfen.

Luise.  Nicht umsonst?  Welchen Preis kann er auf eine Menschlichkeit
setzen?

Wurm.  Die schne Supplicantin ist Preises genug.

Luise (bleibt erstarrt stehen, dann mit brechendem Laut).
Allgerechter!

Wurm.  Und einen Vater werden Sie doch, will ich hoffen, um diese
gndige Taxe nicht berfordert finden?

Luise (auf und ab, auer Fassung).  Ja! ja!  Es ist wahr!  Sie sind
verschanzt, eure Groen--verschanzt vor der Wahrheit hinter ihre
eigenen Laster, wie hinter Schwerter der Cherubim--Helfe dir der
Allmchtige, Vater!  Deine Tochter kann fr dich sterben, aber nicht
sndigen.

Wurm.  Das mag ihm wohl eine Neuigkeit sein, dem armen verlassenen
Mann--"Meine Luise," sagte er mir, "hat mich zu Boden geworfen.
Meine Luise wird mich auch aufrichten."--Ich eile, Mamsell, ihm die
Antwort zu bringen.  (Stellt sich, als ob er ginge.)

Luise (eilt ihm nach, hlt ihn zurck).  Bleiben Sie! bleiben Sie!
Geduld!  Wie flink dieser Satan ist, wenn es gilt, Menschen rasend zu
machen!--Ich hab' ihn niedergeworfen.  Ich mu ihn aufrichten.  Reden
Sie!  Rathen Sie!  Was kann ich? was mu ich thun?

Wurm.  Es ist nur ein Mittel.

Luise.  Dieses einzige Mittel?

Wurm.  Auch Ihr Vater wnscht-Luise.  Auch mein Vater?--Was ist das
fr ein Mittel?

Wurm.  Es ist Ihnen leicht.

Luise.  Ich kenne nichts Schwereres, als die Schande.

Wurm.  Wenn Sie den Major wieder frei machen wollen.

Luise.  Von seiner Liebe?  Spotten Sie meiner?--Das meiner Willkr zu
berlassen, wozu ich gezwungen ward?

Wurm.  So ist es nicht gemeint, liebe Jungfer.  Der Major mu zuerst
und freiwillig zurcktreten.

Luise.  Er wird nicht.

Wurm.  So scheint es.  Wrde man denn wohl seine Zuflucht zu Ihnen
nehmen, wenn nicht Sie allein dazu helfen knnten?

Luise.  Kann ich ihn zwingen, da er mich hassen mu?

Wurm.  Wir wollen versuchen.  Setzen Sie sich.

Luise (betreten).  Mensch!  Was brtest du?

Wurm.  Setzen Sie sich.  Schreiben Sie!  Hier ist Feder, Papier und
Dinte.

Luise (setzt sich in hchster Beunruhigung).  Was soll ich schreiben?
An wen soll ich schreiben?

Wurm.  An den Henker Ihres Vaters.

Luise.  Ha! du verstehst dich darauf, Seelen auf die Folter zu
schrauben.  (Ergreift die Feder.)

Wurm (dictiert). "Gndiger Herr"-Luise (schreibt mit zitternder Hand).

Wurm. "Schon drei unertrgliche Tage sind vorber--sind vorber--und
wir sahen uns nicht"

Luise (stutzt, legt die Feder weg).  An wen ist der Brief?

Wurm.  An den Henker Ihres Vaters.

Luise.  O mein Gott!

Wurm. "Halten Sie sich dewegen an den Major--an den Major--der mich
den ganzen Tag wie ein Argus htet"

Luise (springt auf).  Bberei, wie noch keine erhrt worden!  An wen
ist der Brief?

Wurm.  An den Henker Ihres Vaters.

Luise (die Hnde ringend, auf und nieder).  Nein! nein! nein! das ist
tyrannisch, o Himmel!  Strafe Menschen menschlich, wenn sie dich
reizen, aber warum mich zwischen zwei Schrecknisse pressen?  Warum
zwischen Tod und Schande mich hin und her wiegen?  Warum diesen
blutsaugenden Teufel mir auf den Nacken setzen?--Macht, was ihr wollt.
Ich schreibe das nimmermehr.

Wurm (greift nach dem Hut).  Wie Sie wollen, Mademoiselle!  Das steht
ganz in Ihrem Belieben.

Luise.  Belieben, sagen Sie?  In meinem Belieben?--Geh, Barbar!
Hnge einen Unglcklichen ber dem Abgrund der Hlle aus, bitt' ihn
um etwas, und lstre Gott, und frag' ihn, ob es ihm beliebe?--O du
weit allzu gut, da unser Herz an natrlichen Trieben so fest als an
Ketten liegt--Nunmehr ist Alles gleich.  Dictieren Sie weiter!  Ich
denke nichts mehr.  Ich weiche der berlistenden Hlle.  (Sie setzt
sich zum zweitenmal.)

Wurm. "Den ganzen Tag wie ein Argus htet"--Haben Sie das?

Luise.  Weiter! weiter!

Wurm. "Wir haben gestern den Prsidenten im Haus gehabt.  Es war
possierlich zu sehen, wie der gute Major um meine Ehre sich
wehrte"-Luise.  O schn, schn! o herrlich!--Nur immer fort.

Wurm. "Ich nahm meine Zuflucht zu einer Ohnmacht--zu einer
Ohnmacht--da ich nicht laut lachte"

Luise.  O Himmel!

Wurm. "Aber bald wird mir meine Maske
unertrglich--unertrglich--Wenn ich nur loskommen knnte"-Luise
(hlt inne, steht auf, geht auf und nieder, den Kopf gesenkt, als
suchte sie was auf dem Boden; dann setzt sie sich wiederum, schreibt
weiter). "Loskommen knnte"

Wurm. "Morgen hat er den Dienst--Passen Sie ab, wenn er von mir geht,
und kommen an den bewuten Ort"--Haben Sie "bewuten?"

Luise.  Ich habe Alles!

Wurm. "An den bewuten Ort zu Ihrer zrtlichen....  Luise"

Luise.  Nun fehlt die Adresse noch.

Wurm. "An Herrn Hofmarschall von Kalb."

Luise.  Ewige Vorsicht!  Ein Name, so fremd meinen Ohren, als meinem
Herzen diese schndlichen Zeilen.  (Sie steht auf und betrachtet eine
groe Pause lang mit starrem Blick das Geschriebene, endlich reicht
sie es dem Secretr mit erschpfter, hinsterbender Stimme.)  Nehmen
Sie, mein Herr.  Es ist mein ehrlicher Name--es ist Ferdinand--es ist
die ganze Wonne meines Lebens, was ich jetzt in Ihre Hnde gebe--Ich
bin eine Bettlerin.

Wurm.  O nein doch!  Verzagen Sie nicht, liebe Mademoiselle.  Ich
habe herzliches Mitleid mit Ihnen.  Vielleicht--wer wei?--Ich knnte
mich noch wohl ber gewisse Dinge hinwegsetzen--Wahrlich!  Bei Gott!
Ich habe Mitleid mit Ihnen.

Luise (blickt ihn starr und durchdringend an).  Reden Sie nicht aus,
mein Herr.  Sie sind auf dem Wege, sich etwas Entsetzliches zu
wnschen.

Wurm (im Begriff, ihre Hand zu kssen).  Gesetzt, es wre diese
niedliche Hand--Wie so, liebe Jungfer?

Luise (gro und schrecklich).  Weil ich dich in der Brautnacht
erdrosselte und mich dann mit Wollust aufs Rad flechten liee.  (Sie
will gehen, kommt aber schnell zurck.)  Sind wir jetzt fertig, mein
Herr?  Darf die Taube nun fliegen?

Wurm.  Nur noch die Kleinigkeit, Jungfer.  Die mssen mit mir und das
Sacrament darauf nehmen, diesen Brief fr einen freiwilligen zu
erkennen.

Luise.  Gott!  Gott! und du selbst mut das Siegel geben, die Werke
der Hlle zu verwahren?  (Wurm zieht sie fort.)




Vierter Akt.



Erste Scene.

Saal beim Prsidenten.


Ferdinand von Walter, einen offenen Brief in der Hand, kommt
strmisch durch eine Thre, durch eine andere ein Kammerdiener.

Ferdinand.  War kein Marschall da?

Kammerdiener.  Herr Major, der Herr Prsident fragt nach Ihnen.

Ferdinand.  Alle Donner!  Ich frag', war kein Marschall da?

Kammerdiener.  Der gndige Herr sitzt oben am Pharotisch.

Ferdinand.  Der gndige Herr soll im Namen der ganzen Hlle daher
kommen.  (Kammerdiener geht.)



Zweite Scene.

Ferdinand allein, den Brief durchfliegend, bald erstarrend, bald
wthend herumstrzend.


Es ist nicht mglich! nicht mglich!  Diese himmlische Hlle
versteckt kein so teuflisches Herz--Und doch! doch!  Wenn alle Engel
herunter stiegen, fr ihre Unschuld brgten--wenn Himmel und Erde,
wenn Schpfung und Schpfer zusammentrten, fr ihre Unschuld
brgten--es ist ihre Hand--Ein unerhrter, ungeheurer Betrug, wie die
Menschheit noch keinen erlebte!--Das also war's, warum man sich so
beharrlich der Flucht widersetzt!--Darum--o Gott! jetzt erwach' ich,
jetzt enthllt sich mir Alles!--Darum gab man seinen Anspruch auf
meine Liebe mit so viel Heldenmuth auf, und bald, bald htte selbst
mich die himmlische Schminke betrogen!

(Er strzt rascher durchs Zimmer, dann steht er wieder nachdenkend
still.)

Mich so ganz zu ergrnden!--Jedes khne Gefhl, jede leise
schchterne Bebung zu erwiedern, jede feurige Wallung--An der
feinsten Unbeschreiblichkeit eines schwebenden Lauts meine Seele zu
fassen--Mich zu berechnen in einer Thrne--Auf jeden ghen Gipfel der
Leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem
schwindelnden Absturz--Gott!  Gott! und alles Das nichts als
Grimasse?--Grimasse?  O, wenn die Lge eine so haltbare Farbe hat,
wie ging es zu, da sich kein Teufel noch in das Himmelreich
hineinlog?

Da ich ihr die Gefahr unsrer Liebe entdeckte, mit welch berzeugender
Tuschung erblate die Falsche da!  Mit welch siegender Wrde schlug
sie den frechen Hohn meines Vaters zu Boden, und in eben dem
Augenblick fhlte das Weib sich doch schuldig!--Was? hielt sie nicht
selbst die Feuerprobe der Wahrheit aus--die Heuchlerin sinkt in
Ohnmacht.  Welche Sprache wirst du jetzt fhren, Empfindung?  Auch
Koketten sinken in Ohnmacht.  Womit wirst du dich rechtfertigen,
Unschuld?--Auch Metzen sinken in Ohnmacht.

Sie wei, was sie aus mir gemacht hat.  Sie hat meine ganze Seele
gesehen.  Mein Herz trat beim Errthen des ersten Kusses sichtbar in
meine Augen--und sie empfand nichts? empfand vielleicht nur den
Triumph ihrer Kunst?--Da mein glcklicher Wahnsinn den ganzen Himmel
in ihr zu umspannen whnte, meine wildesten Wnsche schwiegen--vor
meinem Gemth stand kein Gedanke, als die Ewigkeit und das
Mdchen--Gott! da empfand sie nichts? fhlte nichts, als ihren
Anschlag gelungen? nichts, als ihre Reize geschmeichelt?  Tod und
Rache!  Nichts! als da ich betrogen sei?



Dritte Scene.

Der Hofmarschall und Ferdinand.


Hofmarschall (ins Zimmer trippelnd).  Sie haben den Wunsch blicken
lassen, mein Bester-Ferdinand (vor sich hinmurmelnd).  Einem Schurken
den Hals zu brechen.  (Laut.)  Marschall, dieser Brief mu Ihnen bei
der Parade aus der Tasche gefallen sein--und ich (mit boshaftem
Lachen) war zum Glck noch der Finder.

Hofmarschall.  Sie?

Ferdinand.  Durch den lustigsten Zufall.  Machen Sie's mit der
Allmacht aus.

Hofmarschall.  Sie sehen, wie ich erschrecke, Baron.

Ferdinand.  Lesen Sie!  Lesen Sie!  (Von ihm weggehend.)  Bin ich auch
schon zum Liebhaber zu schlecht, vielleicht lass' ich mich desto
besser als Kuppler an.

(Whrend Jener liest, tritt er zur Wand und nimmt zwei Pistolen
herunter.)

Hofmarschall (wirft den Brief auf den Tisch und will sich davon
machen).  Verflucht!

Ferdinand (fhrt ihn am Arm zurck).  Geduld, lieber Marschall.  Die
Zeitungen dnken mich angenehm.  Ich will meinen Finderlohn haben.
(Hier zeigt er ihm die Pistolen.)

Hofmarschall (tritt bestrzt zurck).  Sie werden vernnftig sein,
Bester.

Ferdinand (mit starker, schrecklicher Stimme).  Mehr als zu viel, um
einen Schelmen, wie du bist, in jene Welt zu schicken!  (Er dringt
ihm die eine Pistole auf, zugleich zieht er sein Schnupftuch.)  Nehmen
Sie!  Dieses Schnupftuch da fassen Sie!--Ich hab's von der Buhlerin.

Hofmarschall.  ber dem Schnupftuch?  Rasen Sie?  Wohin denken Sie?

Ferdinand.  Fa dieses End' an, sag' ich! sonst wirst du ja fehl
schieen, Memme!--Wie sie zittert, die Memme!  Du solltest Gott
danken, Memme, da du zum ersten Mal etwas in deinen Hirnkasten
kriegst.  (Hofmarschall macht sich auf die Beine.)  Sachte! dafr wird
gebeten sein.  (Er berholt ihn und riegelt die Thr.)

Hofmarschall.  Auf dem Zimmer, Baron?

Ferdinand.  Als ob sich mit dir ein Gang vor den Wall
verlohnte?--Schatz, so knallt's desto lauter, und das ist ja doch
wohl das erste Gerusch, das du in der Welt machst--Schlag an!

Hofmarschall (wischt sich die Stirn).  Und Sie wollen Ihr kostbares
Leben so aussetzen, junger, hoffnungsvoller Mann?

Ferdinand.  Schlag an, sag' ich.  Ich habe nichts mehr in dieser Welt
zu thun.

Hofmarschall.  Aber ich desto mehr, mein Allervortrefflichster.

Ferdinand.  Du, Bursche?  Was, du?--Der Nothnagel zu sein, wo die
Menschen sich rar machen?  In einem Augenblick siebenmal kurz und
siebenmal lang zu werden, wie der Schmetterling an der Nadel?  Ein
Register zu fhren ber die Stuhlgnge deines Herrn und der Miethgaul
seines Witzes zu sein?  Eben so gut, ich fhre dich, wie irgend ein
seltenes Murmelthier mit mir.  Wie ein zahmer Affe sollst du zum
Geheul der Verdammten tanzen, apportieren und aufwarten und mit
deinen hfischen Knsten die ewige Verzweiflung belustigen.

Hofmarschall.  Was Sie befehlen, Herr! wie Sie belieben--Nur die
Pistolen weg!

Ferdinand.  Wie er dasteht, der Schmerzenssohn!--Dasteht dem sechsten
Schpfungstag zum Schimpfe!  Als wenn ihn ein Tbinger Buchhndler
dem Allmchtigen nachgedruckt htte!--Schade nur, ewig Schade fr die
Unze Gehirn, die so schlecht in diesem undankbaren Schdel wuchert.
Diese einzige Unze htte dem Pavian noch vollends zum Menschen
geholfen, da sie jetzt nur einen Bruch von Vernunft macht--Und mit
Diesem ihr Herz zu theilen?--Ungeheuer!  Unverantwortlich!--Einem
Kerl, mehr gemacht, von Snden zu entwhnen, als dazu anzureizen.

Hofmarschall.  O!  Gott sei ewig Dank!  Er wird witzig.

Ferdinand.  Ich will ihn gelten lassen.  Die Toleranz, die der
Raupe schont, soll auch Diesem zu gute kommen.  Man begegnet
ihm, zuckt etwa die Achsel, bewundert vielleicht noch die kluge
Wirthschaft des Himmels, der auch mit Trbern und Bodensatz noch
Creaturen speist; der dem Raben am Hochgericht und einem Hfling
im Schlamme der Majestten den Tisch deckt--Zuletzt erstaunt man
noch ber die groe Polizei der Vorsicht, die auch in der
Geisterwelt ihre Blindschleichen und Taranteln zur Ausfuhr des
Gifts besoldet--Aber (indem seine Wuth sich erneuert) an meine
Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es
(den Marschall fassend und unsanft herumschttelnd) so, und so,
und wieder so durcheinander quetschen.

Hofmarschall (fr sich hinseufzend).  O mein Gott!  Wer hier weg wre!
Hundert Meilen von hier, im Bictre zu Paris, nur bei Diesem nicht!

Ferdinand.  Bube!  Wenn sie nicht rein mehr ist?  Bube! wenn du
genossest, wo ich anbetete? (wthender) Schwelgtest, wo ich einen
Gott mich fhlte.  (Pltzlich schweigt er, darauf frchterlich.)  Dir
wre besser, Bube, du flhest der Hlle zu, als da dir mein Zorn im
Himmel begegnete!--Wie weit kamst du mit dem Mdchen?  Bekenne!

Hofmarschall.  Lassen Sie mich los.  Ich will Alles verrathen.

Ferdinand.  O! es mu reizender sein, mit diesem Mdchen zu buhlen,
als mit andern noch so himmlisch zu schwrmen--Wollte sie
ausschweifen, wollte sie, sie knnte den Werth der Seele
herunterbringen und die Tugend mit der Wollust verflschen.  (Dem
Marschall die Pistole aufs Herz drckend.)  Wie weit kamst du mit ihr?
Ich drcke ab, oder bekenne!

Hofmarschall.  Es ist nichts--ist ja Alles nichts.  Haben Sie nur
eine Minute Geduld.  Sie sind ja betrogen.

Ferdinand.  Und daran mahnst du mich, Bsewicht?--Wie weit kamst du
mit ihr?  Du bist des Todes, oder bekenne!

Hofmarschall.  Mon Dieu!  Mein Gott!  Ich spreche ja--so hren Sie
doch nur--Ihr Vater--Ihr eigener, leiblicher Vater-Ferdinand
(grimmiger).  Hat seine Tochter an dich verkuppelt?  Und wie weit
kamst du mit ihr?  Ich ermorde dich, oder bekenne!

Hofmarschall.  Sie rasen.  Sie hren nicht.  Ich sah sie nie.  Ich
kenne sie nicht.  Ich wei gar nichts von ihr.

Ferdinand (zurcktretend).  Du sahst sie nie?  Kennst sie nicht?
Weit gar nichts von ihr?--Die Miller ist ist verloren um
deinetwillen; die leugnest sie dreimal in einem Athem hinweg?--Fort,
schlechter Kerl!  (Er gibt ihm mit der Pistole einen Streich und
stt ihn aus dem Zimmer.)  Fr deines Gleichen ist kein Pulver
erfunden!



Vierte Scene.

Ferdinand nach einem langen Stillschweigen, worin seine Zge einen
schrecklichen Gedanken entwickeln.


Verloren! ja, Unglckselige!--Ich bin es.  Du bist es auch.  Ja, bei
dem groen Gott! wenn ich verloren bin, bist du es auch!  Richter der
Welt!  Fordre sie mir nicht ab!  Das Mdchen ist mein.  Ich trat dir
deine ganze Welt fr das Mdchen ab, habe Verzicht gethan auf deine
ganze herrliche Schpfung.  La mir das Mdchen.--Richter der Welt!
dort winseln Millionen Seelen nach dir--dorthin kehre das Auge deines
Erbarmens--mich la allein machen, Richter der Welt!  (Indem er
schrecklich die Hnde faltet.)  Sollte der reiche, vermgende Schpfer
mit einer Seele geizen, die noch dazu die schlechteste seiner
Schpfung ist?--Das Mdchen ist mein!  Ich einst ihr Gott, jetzt ihr
Teufel!

(Die Augen gra in einen Winkel geworfen.)

Eine Ewigkeit mit ihr auf ein Rad der Verdammni geflochten--Augen in
Augen wurzelnd--Haare zu Berge stehend gegen Haare--auch unser hohles
Wimmern in eins geschmolzen--und jetzt zu wiederholen meine
Zrtlichkeiten und jetzt ihr vorzusingen ihre Schwre--Gott!  Gott!
die Vermhlung ist frchterlich--aber ewig!  (Er will schnell hinaus.
Der Prsident tritt herein.)



Fnfte Scene.

Der Prsident und Ferdinand.


Ferdinand (zurcktretend).  O!--mein Vater!

Prsident.  Sehr gut, da wir uns finden, mein Sohn.  Ich komme, dir
etwas Angenehmes zu verkndigen, und etwas, lieber Sohn, das dich
ganz gewi berraschen wird.  Wollen wir uns setzen?

Ferdinand (sieht ihn lange Zeit starr an).  Mein Vater!  (Mit
strkerer Bewegung zu ihm gehend und seine Hand fassend.)  Mein Vater!
(Seine Hand kssend, vor ihm niederfallend.)  O mein Vater!

Prsident.  Was ist dir, mein Sohn?  Steh auf.  Deine Hand brennt und
zittert.

Ferdinand (mit wilder, feuriger Empfindung).  Verzeihung fr meinen
Undank, mein Vater!  Ich bin ein verworfener Mensch.  Ich habe Ihre
Gte mikannt!  Sie meinten es mit mir so vterlich!--O!  Sie hatten
eine weissagende Seele--jetzt ist's zu spt--Verzeihung!  Verzeihung!
Ihren Segen, mein Vater!

Prsident (heuchelt eine schuldlose Miene).  Steh auf, mein Sohn!
Besinne dich, da du mir Rthsel sprichst.

Ferdinand.  Diese Millerin, mein Vater--O, Sie kennen den
Menschen--Ihre Wuth war damals so gerecht, so edel, so vterlich
warm--nur verfehlte der warme Vatereifer des Weges--diese Millerin!

Prsident.  Martre mich nicht, mein Sohn.  Ich verfluche meine Hrte!
Ich bin gekommen, dir abzubitten.

Ferdinand.  Abbitten an mir!  Verfluchen an mir!--Ihre Mibilligung
war Weisheit.  Ihre Hrte war himmlisches Mitleid--Diese Millerin,
Vater-Prsident.  Ist ein edles, ein liebes Mdchen.--Ich widerrufe
meinen bereilten Verdacht.  Sie hat meine Achtung erworben.

Ferdinand (springt erschttert auf).  Was? auch Sie?--Vater! auch
Sie?--und nicht wahr, mein Vater, ein Geschpf wie die Unschuld?--Und
es ist so menschlich, dieses Mdchen zu lieben?

Prsident.  Sage so: es ist Verbrechen, sie nicht zu lieben.

Ferdinand.  Unerhrt!  Ungeheuer!--Und Sie schauen ja doch sonst die
Herzen so durch!  Sahen sie noch dazu mit Augen des Hasses!
--Heuchelei ohne Beispiel--Diese Millerin, Vater-Prsident.  Ist es
werth, meine Tochter zu sein.  Ich rechne ihre Tugend fr Ahnen und
ihre Schnheit fr Gold.  Meine Grundstze weichen deiner Liebe--Sie
sei dein!

Ferdinand (strzt frchterlich aus dem Zimmer).  Das fehlte noch!
--Leben Sie wohl, mein Vater.  (Ab.)

Prsident (ihm nachgehend).  Bleib!  Bleib!  Wohin strmst du?  (Ab.)



Sechste Scene.

Ein prchtiger Saal bei der Lady.

Lady und Sophie treten herein.


Lady.  Also sahst du sie?  Wird sie kommen?

Sophie.  Diesen Augenblick.  Sie war noch im Hausgewand und wollte
sich nur in der Geschwindigkeit umkleiden.

Lady.  Sage mir nichts von ihr--Stille--wie eine Verbrecherin zittre
ich, die Glckliche zu sehen, die mit meinem Herzen so schrecklich
harmonisch fhlt--Und wie nahm sie sich bei der Einladung?

Sophie.  Sie schien bestrzt, wurde nachdenkend, sah mich mit groen
Augen an und schwieg. Ich hatt mich schon auf ihre Ausflchte
vorbereitet, als sie mit einem Blick, der mich ganz berraschte, zur
Antwort gab: Ihre Dame befiehlt mir, was ich mir morgen erbitten
wollte.

Lady (sehr unruhig).  La mich, Sophie.  Beklage mich.  Ich mu
errthen, wenn sie nur das gewhnliche Weib ist, und wenn sie mehr
ist, verzagen.

Sophie.  Aber, Milady--das ist die Laune nicht, eine Nebenbuhlerin zu
empfangen.  Erinnern Sie sich, wer Sie sind.  Rufen Sie Ihre Geburt,
Ihren Rang, Ihre Macht zu Hilfe.  Ein stolzeres Herz mu die stolze
Pracht Ihres Anblicks erheben.

Lady (zerstreut).  Was schwatzt die Nrrin da?

Sophie (boshaft).  Oder ist es vielleicht Zufall, da eben heute die
kostbarsten Brillanten an Ihnen blitzen?  Zufall, da eben heute der
reichste Stoff Sie bekleiden mu--da Ihre Antichambre von Heiducken
und Pagen wimmelt und das Brgermdchen im frstlichen Saal Ihres
Palastes erwartet wird?

Lady (auf und ab voll Erbitterung).  Verwnscht!  Unertrglich!  Da
Weiber fr Weiberschwchen solche Luchsaugen haben!--Aber wie tief,
wie tief mu ich schon gesunken sein, da eine solche Creatur mich
ergrndet!

Ein Kammerdiener (tritt auf).  Mamsell Millerin-Lady (zu Sophien).
Hinweg, du!  Entferne dich!  (Drohend, da diese noch zaudert.)  Hinweg!
Ich befehl' es!  (Sophie geht ab, Lady macht einen Gang durch den
Saal.)  Gut!  Recht gut, da ich in Wallung kam!  Ich bin, wie ich
wnschte!  (Zum Kammerdiener.)  Die Mamsell mag hereintreten.
(Kammerdiener geht.  Sie wirft sich in den Sopha und nimmt eine
vornehm-nachlssige Lage an.)



Siebente Scene.

Luise Millerin tritt schchtern herein und bleibt in einer groen
Entfernung von der Lady stehen; Lady hat ihr den Rcken zugewandt und
betracht sie eine Zeit lang aufmerksam in dem gegenber stehenden
Spiegel.  (Nach einer Pause.)


Luise.  Gndige Frau, ich erwarte Ihre Befehle.

Lady (dreht sich nach Luisen um und nickt nur eben mit dem Kopfe,
fremd und zurckgezogen).  Aha!  Ist Sie hier?--Ohne Zweifel die
Mamsell--eine gewisse--wie nennt man Sie doch?

Luise (etwas empfindlich).  Miller nennt sich mein Vater, und Ihro
Gnaden schickten nach seiner Tochter.

Lady.  Recht!  Recht! ich entsinne mich--die arme Geigerstochter,
wovon neulich die Rede war.  (Nach einer Pause vor sich.)  Seht
interessant, und doch keine Schnheit--(Laut zu Luisen.)  Treten Sie
nher, mein Kind.  (Wieder vor sich.)  Augen, die sich im Weinen
bten--Wie lieb' ich sie, diese Augen!  (Wiederum laut.)  Nur
nher--Nur ganz nah--Gutes Kind, ich glaube, du frchtest mich?

Luise (gro, mit entschiedenem Ton).  Nein, Milady.  Ich verachte das
Urtheil der Menge.

Lady (vor sich).  Sieh doch! und diesen Trotzkopf hat sie von ihm.
(Laut.)  Man hat Sie mir empfohlen, Mamsell.  Sie soll was gelernt
haben und sonst auch zu leben wissen--Nun ja.  Ich will's
glauben--auch nhm' ich die ganze Welt nicht, einen so warmen
Frsprecher Lgen zu strafen.

Luise.  Doch kenn' ich Niemand, Milady, der sich Mhe gbe, mir eine
Patronin zu suchen.

Lady (geschraubt).  Mhe um die Clientin oder Patronin?

Luise.  Das ist mir zu hoch, gndige Frau.

Lady.  Mehr Schelmerei, als diese offene Bildung vermuthen lt!
Luise nennt sie sich?  Und wie jung, wenn man fragen darf?

Luise.  Sechzehn gewesen.

Lady (steht rasch auf).  Nun ist's heraus!  Sechzehn Jahre!  Der
erste Puls dieser Leidenschaft!--Auf dem unberhrten Clavier der
erste einweihende Silberton--Nichts ist verfhrender--Setz dich, ich
bin dir gut, liebes Mdchen--Und auch er liebt zum ersten Mal--Was
Wunder, wenn sich die Strahlen eines Morgenroths finden?  (Sehr
freundlich und ihre Hand ergreifend.)  Es bleibt dabei, ich will dein
Glck machen, Liebe--Nichts, nichts als die se, frhe verfliegende
Trumerei.  (Luisen auf die Wange klopfend.)  Meine Sophie heirathet.
Du sollst ihre Stelle haben--Sechzehn Jahr!  Es kann nicht von Dauer
sein.

Luise (kt ihr ehrerbietig die Hand).  Ich danke fr diese Gnade,
Milady, als wenn ich sie annehmen drfte.

Lady (in Entrstung zurckfallend).  Man sehe die groe Dame!--Sonst
wissen sich Jungfern Ihrer Herkunft noch glcklich, wenn sie
Herrschaften finden--Wo will denn Sie hinaus, meine Kostbare?  Sind
diese Finger zur Arbeit zu niedlich?  Ist es Ihr Bischen Gesicht,
worauf Sie so trotzig thut?

Luise.  Mein Gesicht, gndige Frau, gehrt mir so wenig, als meine
Herkunft.

Lady.  Oder glaubt Sie vielleicht, das werde nimmer ein Ende
nehmen?--Armes Geschpf, wer dir das in den Kopf setzte--mag er sein,
wer er will--er hat euch Beide zum Besten gehabt.  Diese Wangen sind
nicht im Feuer vergoldet.  Was dir dein Spiegel fr massiv und ewig
verkauft, ist nur ein dnner, angeflogener Goldschaum, der deinem
Anbeter ber kurz oder lang in der Hand bleiben mu--Was werden wir
dann machen?

Luise.  Den Anbeter bedauern, Milady, der einen Demant kaufte, weil
er in Gold schien gefat zu sein.

Lady (ohne darauf achten zu wollen).  Ein Mdchen von Ihren
Jahren hat immer zween Spiegel zugleich, den wahren und ihren
Bewunderer--die gefllige Geschmeidigkeit des letztern macht die
rauhe Offenherzigkeit des erstern wieder gut.  Der eine rgt eine
hliche Blatternarbe.  Weit gefehlt, sagt der andere, es ist ein
Grbchen der Grazien.  Ihr guten Kinder glaubt jenem nur, was euch
dieser gesagt hat, hpft von einem zum andern, bis ihr zuletzt die
Aussagen beider verwechselt--Warum begaffen Sie mich so?

Luise.  Verzeihen Sie, gndige Frau--Ich war so eben im Begriff,
diesen prchtig blitzenden Rubin zu beweinen, der es nicht wissen mu,
da seine Besitzerin so scharf wider Eitelkeit eifert.

Lady (errthend).  Keinen Seitensprung, Lose!--Wenn es nicht die
Promessen Ihrer Gestalt sind, was in der Welt knnte Sie abhalten,
einen Stand zu erwhlen, der der einzige ist, wo Sie Manieren und
Welt lernen kann, der einzige ist, wo Sie sich Ihrer brgerlichen
Vorurtheile entledigen kann?

Luise.  Auch meiner brgerlichen Unschuld, Milady?

Lady.  Lppischer Einwurf!  Der ausgelassenste Bube ist zu verzagt,
uns etwas Beschimpfendes zuzumuthen, wenn wir ihm nicht selbst
ermunternd entgegen gehn.  Zeige Sie, wer Sie ist.  Gebe Sie sich
Ehre und Wrde, und ich sage Ihrer Jugend fr alle Versuchung gut.

Luise.  Erlauben Sie, gndige Frau, da ich mich unterstehe, daran zu
zweifeln.  Die Palste gewisser Damen sind oft die Freisttten der
frechsten Ergtzlichkeit.  Wer sollte der Tochter des armen Geigers
den Heldenmuth zutrauen, den Heldenmuth, mitten in die Pest sich zu
werfen und doch dabei vor der Vergiftung zu schaudern?  Wer sollte
sich trumen lassen, da Lady Milford ihrem Gewissen einen ewigen
Skorpion halte, da sie Geldsummen aufwende, um den Vortheil zu haben,
jeden Augenblick schamroth zu werden?--Ich bin offenherzig, gndige
Frau--Wrde Sie mein Anblick ergtzen, wenn Sie einem Vergngen
entgegen gingen?  Wrden Sie ihn ertragen, wenn Sie zurckkmen?--O
besser, besser, Sie lassen Himmelsstriche uns trennen--Sie lassen
Meere zwischen uns flieen!--Sehen Sie sich wohl fr, Milady--Stunden
der Nchternheit, Augenblicke der Erschpfung knnten sich
melden--Schlangen der Reue knnten Ihren Busen anfallen, und
nun--welche Folter fr Sie, im Gesicht Ihres Dienstmdchens die
heitre Ruhe zu lesen, womit die Unschuld ein reines Herz zu belohnen
pflegt.  (Sie tritt einen Schritt zurck.)  Noch einmal, gndige Frau.
Ich bitte sehr um Vergebung.

Lady (in groer innrer Bewegung herumgehend).  Unertrglich, da sie
mir das sagt!  Unertrglicher, da sie Recht hat!  (Zu Luisen tretend
und ihr starr in die Augen sehend.)  Mdchen, du wirst mich nicht
berlisten.  So warm sprechen Meinungen nicht.  Hinter diesen Maximen
lauert ein feurigeres Interessen, das dir meine Dienste besonders
abscheulich malt--das dein Gesprch so erhitzte--das ich (drohend)
entdecken mu.

Luise (gelassen und edel).  Und wenn Sie es nun entdeckten?  Und
wenn Ihr verchtlicher Fersensto den beleidigten Wurm aufweckte,
dem sein Schpfer gegen Mihandlung noch einen Stachel gab?--Ich
frchte Ihre Rache nicht, Lady--Die arme Snderin auf dem
berchtigten Henkerstuhl lacht zum Weltuntergang.  Mein Elend ist
so hoch gestiegen, da selbst Aufrichtigkeit es nicht mehr
vergrern kann.  (Nach einer Pause sehr ernsthaft.)  Sie wollen
mich aus dem Staub meiner Herkunft reien.  Ich will sie nicht
zergliedern, diese verdchtige Gnade.  Ich will nur fragen, was
Milady bewegen konnte, mich fr die Thrin zu halten, die ber
ihre Herkunft errthet?  Was sie berechtigen konnte, sich zur
Schpferin meines Glcks aufzuwerfen, ehe sie noch wute, ob ich
mein Glck auch von ihren Hnden empfangen wollte?--Ich hatte
meinen ewigen Anspruch auf die Freuden der Welt zerrissen.  Ich
hatte dem Glck seine bereilung vergeben--Warum mahnen Sie mich
aufs Neu an dieselbe?--Wenn selbst die Gottheit dem Blick der
Erschaffenen ihre Strahlen verbirgt, da nicht ihr oberster Seraph
vor seiner Verfinsterung zurckschaure--warum wollen Menschen so
grausam-barmherzig sein?--Wie kommt es, Milady, da Ihr
gepriesenes Glck das Elend so gern um Neid und Bewunderung
anbettelt?--Hat Ihre Wonne die Verzweiflung so nthig zur
Folie?--O lieber! so gnnen Sie mir doch eine Blindheit, die mich
allein noch mit meinem barbarischen Loos vershnt--Fhlt sich doch
das Insekt in einem Tropfen Wassers so selig, als wr' es ein
Himmelreich, so froh und so selig, bis man ihm von einem Weltmeer
erzhlt, worin Flotten und Wallfische spielen!--Aber glcklich
wollen Sie mich ja wissen?  (Nach einer Pause pltzlich zur Lady
hintretend und mit berraschung fragend:) Sind Sie glcklich,
Milady?  (Diese verlt sie schnell und betroffen, Luise folgt ihr
und hlt ihr die Hand vor den Busen.)  Hat dieses Herz auch die
lachende Gestalt Ihres Standes?  Und wenn wir jetzt Brust gegen
Brust und Schicksal gegen Schicksal auswechseln sollten--und wenn
ich in kindlicher Unschuld--und wenn ich auf Ihr Gewissen--und
wenn ich als meine Mutter Sie fragte--wrden Sie mir wohl zu dem
Tausche rathen?

Lady (heftig bewegt in den Sopha sich werfend).  Unerhrt!
Unbegreiflich!  Nein, Mdchen!  Nein!  Diese Gre hast du nicht auf
die Welt gebracht, und fr einen Vater ist sie zu jugendlich.  Lge
mir nicht.  Ich hre einen andern Lehrer-Luise (fein und scharf ihr
in die Augen sehend).  Es sollte mich doch wundern, Milady, wenn Sie
jetzt erst auf diesen Lehrer fielen, und doch vorhin schon eine
Condition fr mich wuten.

Lady (springt auf).  Es ist nicht auszuhalten!--Ja denn! weil ich
dir doch nicht entwischen kann.  Ich kenn' ihn--wei Alles--wei
mehr, als ich wissen mag.  (Pltzlich hlt sie inne, darauf mit
einer Heftigkeit, die nach und nach bis beinahe zum Toben steigt.)
Aber wag' es, Unglckliche--wag' es, ihn jetzt noch zu lieben oder
von ihm geliebt zu werden--Was sage ich?--Wag' es, an ihn zu
denken oder einer von seinen Gedanken zu sein--Ich bin mchtig,
Unglckliche--frchterlich--so wahr Gott lebt!  Du bist verloren!

Luise (standhaft).  Ohne Rettung, Milady, sobald Sie ihn zwingen, da
er Sie lieben mu.

Lady.  Ich verstehe dich--aber er soll mich nicht lieben.  Ich will
ber diese schimpfliche Leidenschaft siegen, mein Herz unterdrcken
und das deinige zermalmen--Felsen und Abgrnde will ich zwischen euch
werfen; eine Furie will ich mitten durch euren Himmel gehen; mein
Name soll eure Ksse, wie ein Gespenst Verbrecher, auseinander
scheuchen; deine junge blhende Gestalt unter seiner Umarmung welk,
wie eine Mumie, zusammenfallen--Ich kann nicht mit ihm glcklich
werden--aber du sollst es auch nicht werden--Wisse das, Elende!
Seligkeit zerstren ist auch Seligkeit.

Luise.  Eine Seligkeit, um die man Sie schon gebracht hat, Milady.
Lstern Sie Ihr eigenes Herz nicht.  Sie sind nicht fhig, Das
auszuben, was Sie so drohend auf mich herabschwren.  Sie sind nicht
fhig, ein Geschpf zu qulen, das Ihnen nichts zu Leide gethan, als
da es empfunden hat wie Sie--Aber ich liebe Sie um dieser Wallung
willen, Milady.

Luise (die sich jetzt gefat hat).  Wo bin ich?  Wo war ich?  Was
hab' ich merken lassen?  Wen hab' ich's merken lassen?--O Luise, edle,
groe, gttliche Seele!  Vergib's einer Rasenden--Ich will dir kein
Haar krnken, mein Kind.  Wnsche!  Fordre!  Ich will dich auf den
Hnden tragen, deine Freundin, deine Schwester will ich sein--Du bist
arm--Sieh!  (Einige Brillanten herunternehmend.)  Ich will diesen
Schmuck verkaufen--meine Garderobe, Pferd und Wagen verkaufen--Dein
sei Alles, aber entsag' ihm!

Luise (tritt zurck voll Befremdung).  Spottet sie einer
Verzweifelnden, oder sollte sie an der barbarischen That im Ernst
keinen Antheil gehabt haben?--Ha!  So knnt' ich mir ja noch den
Schein einer Heldin geben und meine Ohnmacht zu einem Verdienst
aufputzen.  (Sie steht eine Weile gedankenvoll, dann tritt sie nher
zur Lady, fat ihre Hand und sieht sie starr und bedeutend an.)
Nehmen Sie ihn denn hin, Milady!--Freiwillig tret' ich Ihnen ab den
Mann, den man mit Haken der Hlle von meinem blutenden Herzen ri.
--Vielleicht wissen Sie es selbst nicht, Milady, aber Sie haben den
Himmel zweier Liebenden geschleift, von einander gezerrt zwei Herzen,
die Gott aneinander band; zerschmettert ein Geschpf, das ihm nahe
ging wie Sie, das er zur Freude schuf wie Sie, das ihn gepriesen hat
wie Sie, und ihn nun nimmermehr preisen wird--Lady! ins Ohr des
Allwissenden schreit auch der letzte Krampf des zertretenen Wurms--Es
wird ihm nicht gleichgltig sein, wenn man Seelen in seinen Hnden
mordet!  Jetzt ist er Ihnen!  Jetzt, Milady, nehmen Sie ihn hin!
Rennen Sie in seine Arme!  Reien Sie ihn zum Altar--Nur vergessen
Sie nicht, da zwischen Ihren Brautku das Gespenst einer
Selbstmrderin strzen wird--Gott wird barmherzig sein--Ich kann mir
nicht anders helfen!  (Sie strzt hinaus.)



Achte Scene.

Lady allein, steht erschttert und auer sich, den starren Blick nach
der Thre gerichtet, durch welche die Millerin weggeeilt; endlich
erwacht sie aus ihrer Betubung.


Wie war das?  Wie geschah mir?  Was sprach die Unglckliche?--Noch, o
Himmel! noch zerreien sie meine Ohren, die frchterlichen, mich
verdammenden Worte: nehmen Sie ihn hin!--Wen, Unglckselige? das
Geschenk deines Sterberchelns--das schauervolle Vermchtni deiner
Verzweiflung?  Gott!  Gott!  Bin ich so tief gesunken--so pltzlich
von allen Thronen meines Stolzes herabgestrzt, da ich heihungrig
erwarte, was einer Bettlerin Gromuth aus ihrem letzten Todeskampfe
mir zuwerfen wird?--Nehmen Sie ihn hin! und das spricht sie mit einem
Tone, begleitet sie mit einem Blick--Ha!  Emilie! bist du darum ber
die Grenzen deines Geschlechts weggeschritten?  Mutest du darum um
den prchtigen Namen des groen brittischen Weibes buhlen, da das
prahlende Gebude deiner Ehre neben der hheren Tugend einer
verwahrlosten Brgerdirne versinken soll?--Nein, stolze Unglckliche!
nein!--Beschmen lt sich Emilie Milford--doch beschimpfen nie!
Auch ich habe Kraft, zu entsagen.

(Mit majesttischen Schritten auf und nieder.)

Verkrieche dich jetzt, weiches, leidendes Weib!--Fahret hin, se,
goldene Bilder der Liebe--Gromuth allein sei jetzt meine
Fhrerin!--Dieses liebende Paar ist verloren, oder Milford mu
ihren Anspruch vertilgen und im Herzen des Frsten erlschen!
(Nach einer Pause, lebhaft.)  Es ist geschehen!--Gehoben das
furchtbare Hinderni--zerbrochen alle Bande zwischen mir und dem
Herzog, gerissen aus meinem Busen diese wthende Liebe!--In deine
Arme werf' ich mich, Tugend!--Nimm sie auf, deine reuige Tochter
Emilie!--Ha!  wie mir so wohl ist!  Wie ich auf einmal so leicht,
so gehoben mich fhle!--Gro, wie eine fallende Sonne, will ich
heut vom Gipfel meiner Hoheit heruntersinken, meine Herrlichkeit
sterbe mit meiner Liebe, und nichts als mein Herz begleite mich in
diese stolze Verweisung.  (Entschlossen zum Schreibpult gehend.)
Jetzt gleich mu es geschehen--jetzt auf der Stelle, ehe die Reize
des lieben Jnglings den blutigen Kampf meines Herzens erneuern.
(Sie setzt sich nieder und fngt an zu schreiben.)



Neunte Scene.

Lady.  Ein Kammerdiener.  Sophie, hernach der Hofmarschall, zuletzt
Bedienter.


Kammerdiener.  Hofmarschall von Kalb stehen im Vorzimmer mit einem
Auftrag vom Herzog.

Lady (in der Hitze des Schreibens.)  Auftaumeln wird sie, die
frstliche Drahtpuppe!  Freilich!  Der Einfall ist auch drollig genug,
so eine durchlauchtigte Hirnschale auseinander zu treiben!--Seine
Hofschranzen werden wirbeln--Das ganze Land wird in Ghrung kommen.

Kammerdiener und Sophie.  Der Hofmarschall, Milady-Lady (dreht sich
um).  Wer?  Was?--Desto besser!  Diese Sorte von Geschpfen ist zum
Sacktragen auf der Welt.  Er soll mir willkommen sein.

Kammerdiener (geht ab).

Sophie (ngstlich nher kommend).  Wenn ich nicht frchten mte,
Milady, es wre Vermessenheit (Lady schreibt hitzig fort.)  Die
Millerin strzte auer sich durch den Vorsaal--Sie glhen--Sie
sprechen mit sich selbst.  (Lady schreibt immer fort.)  Ich
erschrecke--Was mu geschehen sein?

Hofmarschall (tritt herein, macht dem Rcken der Lady tausend
Verbeugungen; da sie ihn nicht bemerkt, kommt er nher, stellt sich
hinter ihren Sessel, sucht den Zipfel ihres Kleides wegzukriegen und
drckt einen Ku darauf, mit furchtsamem Lispeln).  Serenissimus-Lady
(indem sie Sand streut und das Geschriebene durchfliegt).  Er wird
mir schwarzen Undank zur Last legen--Ich war eine verlassene.  Er hat
mich aus dem Elend gezogen--Aus dem Elend?--Abscheulicher Tausch!
--Zerreie deine Rechnung, Verfhrer!  Meine ewige Schamrthe bezahlt
sie mit Wucher.

Hofmarschall (nachdem er die Lady vergeblich von allen Seiten
umgangen hat).  Milady scheinen etwas distrait zu sein--Ich werde mir
wohl selbst die Khnheit erlauben mssen.  (Sehr laut.)  Serenissimus
schicken mich, Milady zu fragen, ob diesen Abend Vauxhall sein werde
oder deutsche Komdie?

Lady (lachend aufstehend).  Eines von beiden, mein Engel--Unterdessen
bringen Sie Ihrem Herzog diese Karte zum Dessert!  (Gegen Sophie.).
Du, Sophie, befiehlst, da man anspannen soll, und rufst meine ganze
Garderobe in diesem Saal zusammen-Sophie (geht ab voll Bestrzung).
O Himmel!  Was ahnet mir?  Was wird das noch werden?

Hofmarschall.  Sie sind echauffiert, meine Gndige?

Lady.  Um so weniger wird hier gelogen sein--Hurrah, Herr
Hofmarschall!  Es wird eine Stelle vacant.  Gut Wetter fr Kuppler!
(Das der Marschall einen zweifelhaften Blick auf den Zettel wirft.)
Lesen Sie, lesen Sie!--Es ist mein Wille, da der Inhalt nicht unter
vier Augen bleibe.

Hofmarschall (liest, unterdessen sammeln sich die Bedienten der Lady
im Hintergrund):


"Gndigster Herr!

Ein Vertrag, den Sie so leichtsinnig brachen, kann mich nicht mehr
binden.  Die Glckseligkeit Ihres Landes war die Bedingung meiner
Liebe.  Drei Jahre whrte der Betrug.  Die Binde fllt mir von den
Augen.  Ich verabscheue Gunstbezeugungen, die von den Thrnen der
Unterthanen triefen.--Schenken Sie die Liebe, die ich Ihnen nicht
mehr erwiedern kann, Ihrem weinenden Lande und lernen von einer
brittischen Frstin Erbarmen gegen Ihr deutsches Volk.  In einer
Stunde bin ich ber der Grenze.

Johanna Norfolk."

Alle Bedienten (murmeln bestrzt durcheinander).  ber der Grenze?

Hofmarschall (legt die Karte erschrocken auf den Tisch).  Behte der
Himmel, meine Beste und Gndige!  Den berbringer mte der Hals eben
so jcken, als der Schreiberin.

Lady.  Das ist deine Sorge, du Goldmann--Leider wei ich es, da du
und deines Gleichen am Nachbeten Dessen, was Andre gethan haben,
erwrgen!--Mein Rath wre, man backt den Zettel in eine
Wildpretpastete, so fnden ihn Serenissimus auf dem
Teller-Hofmarschall.  Ciel!  Diese Vermessenheit!--So erwgen Sie
doch, so bedenken Sie doch, wie sehr Sie sich in Disgrace setzen,
Lady!

Lady (wendet sich zu der versammelten Dienerschaft und spricht das
Folgende mit der innigsten Rhrung).  Ihr steht bestrzt, guten Leute,
erwartet angstvoll, wie sich das Rthsel entwickeln wird?--Kommt
nher, meine Lieben!--Ihr dientet mir redlich und warm, sahet mir
fter in die Augen, als ich die Brse; euer Gehorsam war eure
Leidenschaft, euer Stolz--meine Gnade!--Da das Andenken eurer Treue
zugleich das Gedchtni meiner Erniedrigung sein mu!  Trauriges
Schicksal, da meine schwrzesten Tage eure glcklichen waren!  (Mit
Thrnen in den Augen.)  Ich entlasse euch, meine Kinder--Lady Milford
ist nicht mehr, und Johanna von Norfolk zu arm, ihre Schuld
abzutragen--Mein Schatzmeister strze meine Schatulle unter
euch--Dieser Palast bleibt dem Herzog--Der rmste von euch wird
reicher von hinnen gehen, als seine Gebieterin.  (Sie reicht ihre
Hnde hin, die alle nach einander mit Leidenschaft kssen.)  Ich
verstehe euch, meine Guten--Lebt wohl!  Lebt ewig wohl!  (Fat sich
aus ihrer Beklemmung.)  Ich hre den Wagen vorfahren.  (Sie reit sich
los, will hinaus, der Hofmarschall verrennt ihr den Weg.)  Mann des
Erbarmens, stehst du noch immer da?

Hofmarschall (der diese ganze Zeit ber mit einem Geistesbankerott
auf den Zettel sah).  Und dieses Billet soll ich Seiner
Hochfrstlichen Durchlaucht zu Hchsteigenen Hnden geben?

Lady.  Mann des Erbarmens! zu Hchsteigenen Hnden, und sollst melden
zu Hchsteigenen Ohren, weil ich nicht barfu nach Loretto knne, so
werde ich um den Taglohn arbeiten, mich zu reinigen von dem Schimpf,
ihn beherrscht zu haben.

(Sie eilt ab.  Alle brigen gehen sehr bewegt auseinander.)




Fnfter Akt.

Abend zwischen Licht im Zimmer beim Musikanten.



Erste Scene.

Luise sitzt stumm und ohne sich zu rhren in dem finstersten Winkel
des Zimmers, den Kopf auf den Arm gesunken.  Nach einer groen und
tiefen Pause kommt Miller mit einer Handlaterne, leuchtet ngstlich
im Zimmer herum, ohne Luisen zu bemerken, dann legt er den Hut auf
den Tisch und setzt die Laterne nieder.


Miller.  Hier ist sie auch nicht.  Hier wieder nicht--Durch alle
Gassen bin ich gezogen, bei allen Bekannten bin ich gewesen, auf
allen Thoren hab' ich gefragt--mein Kind hat man nirgends gesehen.
(Nach einigem Stillschweigen.)  Geduld, armer, unglcklicher Vater!
Warte ab, bis es Morgen wird.  Vielleicht kommt deine Einzige dann
ans Ufer geschwommen--Gott!  Gott!  Wenn ich mein Herz zu abgttisch
an diese Tochter hing?--Die Strafe ist hart.  Himmlischer Vater, hart!
Ich will nicht murren, himmlischer Vater, aber die Strafe ist hart!
(Er wirft sich gramvoll in einen Stuhl.)

Luise (spricht aus dem Winkel).  Du thust recht, armer alter Mann!
Lerne bei Zeit noch verlieren.

Miller (springt auf).  Bist du da, mein Kind?  Bist du?--Aber warum
denn so einsam und ohne Licht?

Luise.  Ich bin darum doch nicht einsam.  Wenn's so recht schwarz
wird um mich herum, hab' ich meine besten Besuche.

Miller.  Gott bewahre dich!  Nur der Gewissenswurm schwrmt mit der
Eule.  Snden und bse Geister scheuen das Licht.

Luise.  Auch die Ewigkeit, Vater, die mit der Seele ohne Gehilfen
redet.

Miller.  Kind!  Kind!  Was fr Reden sind das?

Luise (steht auf und kommt vorwrts).  Ich hab' einen harten Kampf
gekmpft.  Er wei es, Vater.  Gott gab mir Kraft.  Der Kampf ist
entschieden.  Vater, man pflegt unser Geschlecht zart und
zerbrechlich zu nennen.  Glaub' Er das nicht mehr.  Vor einer Spinne
schtteln wir uns, aber das schwarze Ungeheuer Verwesung drcken wir
im Spa in die Arme.  Dieses zur Nachricht, Vater.  Seine Luise ist
lustig.

Miller.  Hre, Tochter! ich wollte du heultest.  Du gefielst mir so
besser.

Luise.  Wie ich ihn berlisten will, Vater!  Wie ich den Tyrannen
betrgen will!--Die Liebe ist schlauer als die Bosheit und
khner--das hat er nicht gewut, der Mann mit dem traurigen Stern--O,
sie sind pfiffig, so lang sie es nur mit dem Kopf zu thun haben; aber
sobald sie mit dem Herzen anbinden, werden die Bswichter dumm--Mit
einem Eid gedachte er seinen Betrug zu versiegeln?  Eide, Vater,
binden wohl die Lebendigen, im Tode schmilzt auch der Sacramente
eisernes Band.  Ferdinand wird seine Luise kennen--Will Er mir dies
Billet besorgen, Vater?  Will Er so gut sein?

Miller.  An wen, meine Tochter?

Luise.  Seltsame Frage!  Die Unendlichkeit und mein Herz haben mit
einander nicht Raum genug fr einen einzigen Gedanken an ihn--Wenn
htt' ich denn wohl an sonst Jemand schreiben sollen?

Miller (unruhig).  Hre, Luise!  Ich erbrechen den Brief.

Luise.  Wie Er will, Vater--aber Er wird nicht klug daraus werden.
Die Buchstaben liegen wie kalte Leichname da und leben nur dem Auge
der Liebe.

Miller (liest). "Du bist verrathen, Ferdinand!--Ein Bubenstck ohne
Beispiel zerri den Bund unsrer Herzen, aber ein schrecklicher Schwur
hat meine Zunge gebunden, und dein Vater hat berall seine Horcher
gestellt.  Doch, wenn du Muth hast, Geliebter,--ich wei einen
dritten Ort, wo kein Eidschwur mehr bindet und wohin ihm kein Horcher
geht." (Miller hlt inne und sieht ihr ernsthaft ins Gesicht.)

Luise.  Warum sieht Er mich so an?  Les' Er doch ganz aus, Vater.

Miller. "Aber Muth genug mut du haben, eine finstre Strae zu
wandeln, wo dir nichts leuchtet, als deine Luise und Gott--Ganz zur
Liebe mut du kommen, daheim lassen all deine Hoffnungen und all deine
brausenden Wnsche; nichts kannst du brauchen, als dein Herz.  Willst
du--so brich auf, wenn die Glocke den zwlften Streich thut auf dem
Carmeliterthurm.  Bangt dir--so durchstreiche das Wort stark vor
deinem Geschlechte, denn ein Mdchen hat dich zu Schanden gemacht."
(Miller legt das Billet nieder, schaut lange mit einem schmerzlichen,
starren Blick vor sich hinaus, endlich kehrt er sich gegen sie und
sagt mit leiser, gebrochener Stimme.)  Und dieser dritte Ort, meine
Tochter?

Luise.  Er kennt ihn nicht?  Er kennt ihn wirklich nicht,
Vater?--Sonderbar!  Der Ort ist zum Finden gemalt.  Ferdinand wird
ihn finden.

Miller.  Hum! rede deutlicher.

Luise.  Ich wei so eben kein liebliches Wort dafr--Er mu nicht
erschrecken, Vater, wenn ich Ihm ein hliches nenne.  Dieser Ort--O
warum hat die Liebe nicht Namen erfunden! den schnsten htte sie
diesem gegeben.  Der dritte Ort, guter Vater--aber Er mu mich
ausreden lassen--der dritte Ort ist das Grab.

Miller (zu seinem Sessel hinwankend).  O mein Gott!

Luise (geht auf ihn zu und hlt ihn).  Nicht doch, mein Vater!  Das
sind nur Schauer, die sich um das Wort herum lagern--Weg mit diesem,
und es liegt ein Brautbette da, worber der Morgen seinen goldenen
Teppich breitet und die Frhlinge ihre bunten Guirlanden streun.  Nur
ein heulender Snder konnte den Tod ein Gerippe schelten; es ist ein
holder, niedlicher Knabe, blhend, wie sie den Liebesgott malen, aber
so tckisch nicht--ein stiller, dienstbarer Genius, der der
erschpften Pilgerin Seele den Arm bietet ber den Graben der Zeit,
das Feenschlo der ewigen Herrlichkeit aufschliet, freundlich nickt
und verschwindet.

Miller.  Was hast du vor, meine Tochter?--Du willst eigenmchtig Hand
an dich legen.

Luise.  Nenn' Er es nicht so, mein Vater.  Eine Gesellschaft rumen,
wo ich nicht wohl gelitten bin--an einen Ort vorausspringen, den ich
nicht lnger missen kann--ist denn das Snde?

Miller.  Selbstmord ist die abscheulichste, mein Kind--die einzige,
die man nicht mehr bereuen kann, weil Tod und Missethat
zusammenfallen.

Luise (bleibt erstarrt stehn).  Entsetzlich!--Aber so rasch wird es
doch nicht gehn.  Ich will in den Flu springen, Vater, und im
Hinuntersinken Gott den Allmchtigen um Erbarmen bitten.

Miller.  Das heit, du willst den Diebstahl bereuen, sobald du das
Gestohlene in Sicherheit weit--Tochter!  Tochter!  Gib Acht, da du
Gottes nicht spottest, wenn du seiner am meisten vonnthen hast.  O!
es ist weit, weit mit dir gekommen!--Du hast dein Gebet aufgegeben,
und der Barmherzige zog seine Hand von dir.

Luise.  Ist lieben denn Frevel, mein Vater!

Miller.  Wenn du Gott liebst, wirst du nie bis zum Frevel lieben--Du
hast mich tief gebeugt, meine Einzige! tief, tief, vielleicht zur
Grube gebeugt.--Doch, ich will dir dein Herz nicht noch schwerer
machen--Tochter, ich sprach vorhin etwas.  Ich glaubte allein zu sein.
Du hast mich behorcht; und warum sollt' ich's noch lnger geheim
halten?  Du warst mein Abgott.  Hre, Luise, wenn du noch Platz fr
das Gefhl eines Vaters hast--Du warst mein Alles.  Jetzt verthust du
nichts mehr von deinem Eigenthum.  Auch ich hab' Alles zu verlieren.
Du siehst, mein Haar fngt an grau zu werden.  Die Zeit meldet sich
allgemach bei mir, wo uns Vtern die Kapitale zu statten kommen, die
wir im Herzen unsrer Kinder anlegten--Wirst du mich darum betrgen,
Luise?  Wirst du dich mit dem Hab' und Gut deines Vaters auf und
davon machen?

Luise (kt seine Hand mit der heftigsten Rhrung).  Nein, mein Vater.
Ich gehe als Seine groe Schuldnerin aus der Welt und werde in der
Ewigkeit mit Wucher bezahlen.

Miller.  Gib Acht, ob du dich da nicht verrechnest, mein Kind?  (Sehr
ernst und feierlich.)  Werden wir uns dort wohl noch finden?--Sieh!
wie du bla wirst!--Meine Luise begreift es von selbst, da ich sie
in jener Welt nicht mehr wohl einholen kann, weil ich nicht so frh
dahin eile, wie sie.  (Luise strzt ihm in den Arm, von Schauern
ergriffen--Er drckt sie mit Feuer an seine Brust und fhrt fort mit
beschwrender Stimme.)  O Tochter!  Tochter! gefallene, vielleicht
schon verlorene Tochter!  Beherzige das ernsthafte Vaterwort!  Ich
kann nicht ber dich wachen.  Ich kann dir die Messer nehmen, du
kannst dich mit einer Stricknadel tdten.  Vor Gift kann ich dich
bewahren, du kannst dich mit einer Schnur Perlen erwrgen.
--Luise--Luise--nur warnen kann ich dich noch--Willst du es darauf
ankommen lassen, da dein treuloses Gaukelbild auf der schrecklichen
Brcke zwischen Zeit und Ewigkeit von dir weiche?  Willst du dich vor
des Allwissenden Thron mit der Lge wagen: Deinetwegen, Schpfer, bin
ich da--wenn deine strafbaren Augen ihre sterbliche Puppe
suchen?--Und wenn dieser zerbrechliche Gott deines Gehirns, jetzt
Wurm wie du, zu den Fen deines Richters sich windet, deine gottlose
Zuversicht in diesem schwankenden Augenblick Lgen straft und deine
betrogenen Hoffnungen an die ewige Erbarmung verweist, die der Elende
fr sich selbst kaum erflehen kann--wie dann?  (Nachdrcklicher,
lauter.)  Wie dann, Unglckselige?  (Er hlt sie fester, blickt sie
eine Weile starr und durchdringend an, dann verlt er sie schnell.)
Jetzt wei ich nichts mehr--(mit aufgehobener Rechte) stehe dir, Gott
Richter! fr diese Seele nicht mehr.  Thu, was du willst.  Bring
deinem schlanken Jngling ein Opfer, da deine Teufel jauchzen und
deine guten Engel zurcktreten--Zieh hin!  Lade alle deine Snden auf,
lade auch diese, die letzte, die entsetzlichste auf, und wenn die
Last noch zu leicht ist, so mache mein Fluch das Gewicht
vollkommen--Hier ist ein Messer--durchstich dein Herz und (indem er
lautweinend fortstrzen will) das Vaterherz!

Luise (springt auf und eilt ihm nach).  Halt! halt!  O mein Vater!
--da die Zrtlichkeit noch barbarischer zwingt, als Tyrannenwuth!
--Was soll ich?  Ich kann nicht!  Was mu ich thun?

Miller.  Wenn die Ksse deines Majors heier brennen als die Thrnen
deines Vaters--stirb!

Luise (nach einem qualvollen Kampf mit einiger Festigkeit).  Vater!
Hier ist meine Hand!  Ich will--Gott!  Gott!  Was thu' ich? was will
ich?--Vater, ich schwre--wehe mir, wehe!  Verbrecherin, wohin ich
mich neige!--Vater, es sei!--Ferdinand--Gott sieht herab!--So
zernicht' ich sein letztes Gedchtni.  (Sie zerreit ihren Brief.)

Miller (strzt ihr freudetrunken an den Hals).  Das ist meine Tochter!
--Blick' auf! um einen Liebhaber bist du leichter, dafr hast du
einen glcklichen Vater gemacht.  (Unter Lachen und Weinen sie
umarmend.)  Kind!  Kind! das ich den Tag meines Lebens nicht werth war!
Gott wei, wie ich schlechter Mann zu diesem Engel gekommen bin!
--Mein Luise, mein Himmelreich!--O Gott! ich verstehe ja wenig vom
Lieben, aber da es eine Qual sein mu, aufzuhren--so was begreif'
ich noch.

Luise.  Doch hinweg aus dieser Gegend, mein Vater--Weg von der Stadt,
wo meine Gespielinnen meiner spotten und mein guter Name dahin ist
auf immerdar--Weg, weg, weit weg von dem Ort, wo mich so viele Spuren
der verlorenen Seligkeit anreden.  Weg, wenn es mglich ist-Miller.
Wohin du nur willst, meine Tochter.  Das Brod unsers Herrgotts wchst
berall, und Ohren wird er auch meiner Geige bescheren.  Ja! la auch
Alles dahingehn--Ich setze die Geschichte deines Grams auf die Laute,
singe dann ein Lied von der Tochter, die, ihren Vater zu ehren, ihr
Herz zerri--wir betteln mit der Ballade von Thre zu Thre, und das
Almosen wird kstlich schmecken von den Hnden der Weinenden-



Zweite Scene.

Ferdinand zu den Vorigen.


Luise (wird ihn zuerst gewahr und wirft sich Millern laut schreiend
um den Hals).  Gott!  Da ist er!  Ich bin verloren.

Miller.  Wo?  Wer?

Luise (zeigt mit abgewandtem Gesicht auf den Major und drckt sich
fester an ihren Vater).  Er! er selbst--Seh' Er nur um sich,
Vater--Mich zu ermorden, ist er da.

Miller (erblickt ihn, fhrt zurck.)  Was?  Sie hier, Baron?

Ferdinand (kommt langsam nher, bleibt Luisen gegenber stehen und
lt den starren forschenden Blick auf ihr ruhen, nach einer Pause).
berraschtes Gewissen, habe Dank!  Dein Bekenntni ist schrecklich,
aber schnell und gewi, und erspart mir die Folterung.--Guten Abend,
Miller.

Miller.  Aber um Gottes willen!  Was wollen Sie, Baron?  Was fhrt
Sie her?  Was soll dieser berfall?

Ferdinand.  Ich wei eine Zeit, wo man den Tag in seine Secunden
zerstckte, wo Sehnsucht nach mir sich an die Gewichte der zgernden
Wanduhr hing und auf den Aderschlag lauerte, unter dem ich erscheinen
sollte--Wie kommt's, da ich jetzt berrasche?

Miller.  Gehen Sie, gehen Sie, Baron--Wenn noch ein Funke von
Menschlichkeit in Ihrem Herzen zurckblieb--wenn Sie Die nicht
erwrgen wollen, die Sie zu lieben vorgeben, fliehen Sie, bleiben Sie
keinen Augenblick lnger.  Der Segen war fort aus meiner Htte,
sobald Sie einen Fu darein setzten.  Sie haben das Elend unter mein
Dach gerufen, wo sonst nur die Freude zu Hause war.  Sind Sie noch
nicht zufrieden?  Wollen Sie auch in der Wunde noch whlen, die Ihre
unglckliche Bekanntschaft mit meinem einzigen Kinde schlug?

Ferdinand.  Wunderlicher Vater, jetzt komm' ich ja, deiner Tochter
etwas Erfreuliches zu sagen.

Miller.  Neue Hoffnungen etwa zu einer neuen Verzweiflung?--Geh,
Unglcksbote!  Dein Gesicht schimpft deine Waare.

Ferdinand.  Endlich ist es erschienen, das Ziel meiner Hoffnungen!
Lady Milford, das furchtbarste Hindernis unsrer Liebe, floh diesen
Augenblick aus dem Lande.  Mein Vater billigt meine Wahl.  Das
Schicksal lt nach, uns zu verfolgen.  Unsere glcklichen Sterne
gehen auf--Ich bin jetzt da, mein gegebenes Wort einzulsen und meine
Braut zum Altar abzuholen.

Miller.  Hrst du ihn, meine Tochter?  Hrst du ihn sein Gesptte mit
deinen getuschten Hoffnungen treiben?  O wahrlich, Baron! es steht
dem Verfhrer so schn, an seinem Verbrechen seinen Witz noch zu
kitzeln.

Ferdinand.  Du glaubst, ich scherze.  Bei meiner Ehre nicht!  Meine
Aussage ist wahr, wie die Liebe meiner Luise, und heilig will ich sie
halten, wie sie ihre Eide--Ich kenne nichts Heiligeres--Noch
zweifelst du? noch kein freudiges Errthen auf den Wangen meiner
schnen Gemahlin?  Sonderbar! die Lge mu hier gangbare Mnze sein,
wenn die Wahrheit so wenig Glauben findet.  Ihr mitraut meinen
Worten?  So glaubt diesem schriftlichen Zeugni.  (Er wirft Luisen
den Brief an den Marschall zu.)

Luise (schlgt ihn auseinander und sinkt leichenbla nieder).

Miller (ohne das zu bemerken, zum Major).  Was soll das bedeuten,
Baron?  Ich verstehe Sie nicht.

Ferdinand (fhrt ihn zu Luisen hin).  Desto besser hat mich Diese
verstanden.

Miller (fllt an ihr nieder).  O Gott! meine Tochter!

Ferdinand.  Bleich wie der Tod!--Jetzt erst gefllt sie mir, deine
Tochter!  So schn war sie nie, die fromme, rechtschaffene
Tochter--Mit diesem Leichengesicht--Der Odem des Weltgerichts, der
den Firni von jeder Lge streift, hat jetzt die Schminke verblasen,
womit die Tausendknstlerin auch die Engel des Lichts hintergangen
hat--Es ist ihr schnstes Gesicht!  Es ist ihr erstes wahres Gesicht!
La mich es kssen.  (Er will auf sie zugehen.)

Miller.  Zurck!  Weg!  Greife nicht an das Vaterherz, Knabe!  Vor
deinen Liebkosungen konnt' ich sie nicht bewahren, aber ich kann es
vor deinen Mihandlungen.

Ferdinand.  Was willst du, Graukopf?  Mit dir hab' ich nichts zu
schaffen.  Menge dich ja nicht in ein Spiel, das so offenbar verloren
ist--oder bist du auch vielleicht klger, als ich dir zugetraut habe?
Hast du die Weisheit deiner sechzig Jahre zu den Buhlschaften deiner
Tochter geborgt und dies ehrwrdige Haar mit dem Gewerb eines
Kupplers geschndet?--O! wenn das nicht ist, unglcklicher alter Mann,
lege dich nieder und stirb--Noch ist es Zeit.  Noch kannst du in dem
sen Taumel entschlafen: ich war ein glcklicher Vater!--Einen
Augenblick spter, und du schleuderst die giftige Natter ihrer
hllischen Heimath zu, verfluchst das Geschenk und den Geber und
fhrst mit der Gotteslsterung in die Grube.  (Zu Luisen.)  Sprich,
Unglckselige!  Schriebst du diesen Brief?

Miller (warnend zu Luisen).  Um Gottes Willen, Tochter!  Vergi nicht!
Vergi nicht!

Luise.  O dieser Brief, mein Vater-Ferdinand.  Da er in die
unrechten Hnde fiel?--Gepriesen sei mir der Zufall, er hat grere
Thaten gethan, als die klgelnde Vernunft, und wird besser bestehn an
jenem Tag, als der Witz aller Weisen--Zufall, sage ich?--O die
Vorsehung ist dabei, wenn Sperlinge fallen, warum nicht, wo ein
Teufel entlarvt werden soll?--Antwort will ich!--Schriebst du diesen
Brief?

Miller (seitwrts zu ihr mit Beschwrung).  Standhaft!  Standhaft,
meine Tochter!  Nur noch das einzige Ja, und Alles ist berwunden.

Ferdinand.  Lustig! lustig!  Auch der Vater betrogen!  Alles betrogen.
Nun sieh, wie sie dasteht, die Schndliche, und selbst ihre Zunge
nun ihrer letzten Lge den Gehorsam aufkndigt!  Schwre bei Gott,
bei dem frchterlich wahren!  Schriebst du diesen Brief?

Luise (nach einem qualvollen Kampf, worin sie durch Blicke mit ihrem
Vater gesprochen hat, fest und entscheidend).  Ich schrieb ihn.

Ferdinand (bleibe erschrocken stehen).  Luise!--Nein!  So wahr meine
Seele lebt! du lgst--Auch die Unschuld bekennt sich auf der
Folterbank zu Freveln, die sie nie beging--Ich fragte zu
heftig--Nicht wahr, Luise--Du bekanntest nur, weil ich zu heftig
fragte?

Luise.  Ich bekannte, was wahr ist.

Ferdinand.  Nein, sag' ich! nein! nein!  Du schriebst nicht.  Es ist
deine Hand gar nicht--Und wre sie's, warum sollten Handschriften
schwerer nachzumachen sein, als Herzen zu verderben?  Rede mir wahr,
Luise--Oder nein, nein, thu' es nicht, du knntest Ja sagen, und ich
wr' verloren--Eine Lge, Luise--ein Lge!--O wenn du jetzt eine
wtest, mir hinwrfest mit der offenen Engelmiene, nur mein Ohr, nur
mein Aug berredetest, dieses Herz auch noch so abscheulich
tuschtest--O Luise!  Alle Wahrheit mchte dann mit diesem Hauch aus
der Schpfung wandern und die gute Sache ihren starren Hals von nun
an zu einem hfischen Bckling beugen!  (Mit scheuem bebendem Ton.)
Schriebst du diesen Brief?

Luise.  Bei Gott! bei dem frchterlich wahren!  Ja!

Ferdinand (nach einer Pause, im Ausdruck des tiefsten Schmerzes).
Weib!  Weib!--Das Gesicht, mit dem du jetzt vor mir stehst!--Theile
mit diesem Gesicht Paradiese aus, du wirst selbst im Reich der
Verdammni keinen Kufer finden--Wutest du, was du mir warst, Luise?
Unmglich!  Nein!  Du wutest nicht, da du mir Alles warst!  Alles!
--Es ist ein armes verchtliches Wort, aber die Ewigkeit hat Mhe, es
zu umwandern; Weltsysteme vollenden ihre Bahnen darin--Alles! und so
frevelhaft damit zu spielen--O, es ist schrecklich!-Luise.  Sie haben
mein Gestndni, Herr von Walter.  Ich habe mich selbst verdammt.
Gehen Sie nun!  Verlassen Sie ein Haus, wo Sie so unglcklich waren.

Ferdinand.  Gut! gut!  Ich bin ja ruhig--ruhig, sagt man ja, ist auch
der schaudernde Strich Landes, worber die Pest ging--ich bin's.
(Nach einigem Nachdenken.)  Noch eine Bitte, Luise--die letzte!  Mein
Kopf brennt so fieberisch.  Ich brauch Khlung--Willst du mir ein
Glas Limonade zurecht machen?  (Luise geht ab.)



Dritte Scene.

Ferdinand und Miller.

(Beide gehen, ohne ein Wort zu reden, einige Pausen lang auf den
entgegengesetzten Seiten des Zimmers auf und ab).


Miller (bleibt endlich stehen und betrachtet den Major mit trauriger
Miene).  Lieber Baron, kann es Ihren Gram vielleicht mindern, wenn
ich Ihnen gestehe, da ich Sie herzlich bedaure!

Ferdinand.  La Er es gut sein, Miller.  (Wieder einige Schritte.)
Miller, ich wei nur kaum noch, wie ich in Sein Haus kam--Was war die
Veranlassung?

Miller.  Wie, Herr Major?  Sie wollten ja Lection auf der Flte bei
mir nehmen?  Das wissen Sie nicht mehr?

Ferdinand (rasch).  Ich sah Seine Tochter!  (Wiederum einige Pausen.)
Er hat nicht Wort gehalten, Freund.  Wir accordierten Ruhe fr meine
einsamen Stunden.  Er betrog mich und verkaufte mir Skorpionen.  (Da
er Millers Bewegung sieht.)  Nein, erschrick nur nicht, alter Mann.
(Gerhrt an seinem Hals.)  Du bist nicht schuldig.

Miller (die Augen wischend).  Das wei der allwissende Gott!

Ferdinand (aufs neue hin und her, in dstres Grbeln versunken).
Seltsam, o unbegreiflich seltsam spielt Gott mit uns.  An dnnen
unmerkbaren Seilen hngen oft frchterliche Gewichte--Wte der
Mensch, da er an diesem Apfel den Tod essen sollte--Hum!--Wte er
das?  (Heftiger auf und nieder, dann Millers Hand mit starker
Bewegung fassend.)  Mann!  Ich bezahle dir dein Bischen Flte zu
theuer--und du gewinnst nicht einmal--auch du verlierst--verlierst
vielleicht Alles.  (Gepret von ihm weggehend.)  Unglckseliges
Fltenspiel, das mir nie htte einfallen sollen!

Miller (sucht seine Rhrung zu verbergen).  Die Limonade bleibt auch
gar zu lang auen.  Ich denke, ich sehe nach, wenn Sie mir's nicht
fr bel nehmen-Ferdinand.  Es eilt nicht, lieber Miller.  (Vor sich
hinmurmelnd.)  Zumal fr den Vater nicht--Bleib' Er nur--Was hatt' ich
doch fragen wollen?--Ja!--Ist Luise Seine einzige Tochter?  Sonst hat
Er keine Kinder mehr?

Miller (warm).  Habe sonst keins mehr, Baron--wnsch' mir auch keins
mehr.  Das Mdel ist just so recht, mein ganzes Vaterherz
einzustecken--hab' meine ganze Baarschaft von Liebe an der Tochter
schon zugesetzt.

Ferdinand (heftig erschttert).  Ha!--Seh' Er doch lieber nach dem
Trank, guter Miller.  (Miller ab.)



Vierte Scene.

Ferdinand allein.


Das einzige Kind!--Fhlst du das, Mrder?  Das einzige!  Mrder!
hrst du, das einzige?--Und der Mann hat auf der groen Welt Gottes
nichts, als sein Instrument und das einzige--Du willst's ihm rauben?

Rauben?--rauben den letzten Nothpfenning einem Bettler?  Die Krcke
zerbrochen vor die Fe werfen dem Lahmen?  Wie?  Hab' ich auch Brust
fr das?--Und wenn er nun heimeilt und nicht erwarten kann, die ganze
Summe seiner Freuden vom Gesicht dieser Tochter herunter zu zhlen,
und hereintritt und sie da liegt, die Blume--welk--todt--zertreten,
muthwillig, die letzte, einzige, unberschwngliche Hoffnung--Ha, und
er dasteht vor ihr, und dasteht und ihm die ganze Natur den
lebendigen Odem anhlt, und sein erstarrter Blick die entvlkerte
Unendlichkeit fruchtlos durchwandert, Gott sucht, und Gott nicht mehr
finden kann und leerer zurckkommt--Gott!  Gott!  Aber auch mein
Vater hat diesen einzigen Sohn--den einzigen Sohn, doch nicht den
einzigen Reichthum--(Nach einer Pause.)  Doch wie?  Was verliert er
denn?  Das Mdchen, dem die heiligsten Gefhle der Liebe nur Puppen
waren, wird es den Vater glcklich machen knnen?--Es wird nicht, es
wird nicht!  Und ich verdiene noch Dank, da ich die Natter zertrete,
ehe sie auch noch den Vater verwundet.



Fnfte Scene.

Miller, der zurckkommt, und Ferdinand.


Miller.  Gleich sollen Sie bedient sein, Baron!  Drauen sitzt das
arme Ding und will sich zu Tod weinen.  Sie wird Ihnen mit der
Limonade auch Thrnen zu trinken geben.

Ferdinand.  Und wohl, wenn's nur Thrnen wren!--Weil wir vorhin von
der Musik sprachen, Miller--(Eine Brse ziehend.)  Ich bin noch Sein
Schuldner.

Miller.  Wie?  Was?  Gehen Sie mir, Baron!  Wofr halten Sie mich?
Das steht ja in guter Hand, thun Sie mir doch den Schimpf nicht an,
und sind wir ja, will's Gott, nicht das letzte Mal bei einander.

Ferdinand.  Wer kann das wissen?  Nehm' Er nur.  Es ist fr Leben und
Sterben.

Miller (lachend).  O dewegen, Baron!  Auf den Fall, denk' ich, kann
man's wagen bei Ihnen.

Ferdinand.  Man wagte wirklich--Hat Er nie gehrt, da Jnglinge
gefallen sind--Mdchen und Jnglinge, die Kinder der Hoffnung, die
Luftschlsser betrogener Vter--Was Wurm und Alter nicht thun, kann
oft ein Donnerschlag ausrichten--Auch Seine Luise ist nicht
unsterblich.

Miller.  Ich hab' sie von Gott.

Ferdinand.  Hr' Er--Ich sag' Ihm, sie ist nicht unsterblich.  Diese
Tochter ist Sein Augapfel.  Er hat sich mit Herz und Seel' an diese
Tochter gehngt.  Sei Er vorsichtig, Miller.  Nur ein verzweifelter
Spieler setzt Alles auf einen einzigen Wurf.  Einen Waghals nennt man
den Kaufmann, der auf ein Schiff sein ganzes Vermgen ladet--Hr' Er,
denk' Er der Warnung nach--Aber warum nimmt Er Sein Geld nicht?

Miller.  Was, Herr? die ganze allmchtige Brse?  Wohin denken Eure
Gnaden?

Ferdinand.  Auf meine Schuldigkeit--Da!  (Er wirft den Beutel auf den
Tisch, da Goldstcke herausfallen.)  Ich kann den Quark nicht eine
Ewigkeit so halten.

Miller (bestrzt).  Was beim groen Gott?  Der klang nicht wie
Silbergeld!  (Er tritt zum Tisch und ruft mit Entsetzen.)  Wie, um
aller Himmel willen, Baron?  Baron?  Wie sind Sie?  Was treiben Sie,
Baron?  Das nenn' ich mir Zerstreuung!  (Mit zusammengeschlagenen
Hnden.)  Hier liegt ja--oder bin ich verhext,--oder--Gott
verdamm mich!  Da greif' ich ja das baare, gelbe, leibhaftige
Gottesgold--Nein, Satanas!  Du sollst mich nicht daran kriegen!

Ferdinand.  Hat Er Alten oder Neuen getrunken, Miller?

Miller (grob).  Donner und Wetter!  Da schauen Sie nur hin!--Gold!

Ferdinand.  Und was weiter?

Miller.  Ins Henkers Namen--ich sage--ich bitte Sie um Gottes Christi
willen--Gold!

Ferdinand.  Das ist nun freilich etwas Merkwrdiges.

Miller (nach einigem Stillschweigen zu ihm gehend, mit Empfindung).
Gndiger Herr, ich bin ein schlichter, gerader Mann, wenn Sie mich
etwa zu einem Bubenstck anspannen wollen--denn so viel Geld lt
sich, weit Gott, nicht mit etwas Gutem verdienen.

Ferdinand (bewegt).  Sei Er ganz getrost, lieber Miller.  Das Geld
hat Er lngst verdient, und Gott bewahre mich, da ich mich mit
Seinem guten Gewissen dafr bezahlt machen sollte.

Miller (wie ein Halbnarr in die Hhe springend).  Mein also! mein!
Mit des guten Gottes Wissen und Willen, mein!  (Nach der Thr laufend,
schreiend.)  Weib!  Tochter!  Victoria!  Herbei!  (Zurckkommend.)
Aber du lieber Himmel!  Wie komm' ich denn so auf einmal zu dem
ganzen grausamen Reichthum?  Wie verdien' ich ihn? lohn' ich ihn?
Heh?

Ferdinand.  Nicht mit Seinen Musikstunden, Miller.--Mit dem Geld hier
bezahl' ich Ihm, (von Schauern ergriffen hlt er inn) bezahl' ich Ihm
(nach einer Pause mit Wehmuth) den drei Monat langen glcklichen
Traum von Seiner Tochter.

Miller (fat seine Hand, die er stark drckt).  Gndiger Herr!  Wren
Sie ein schlechter, geringer Brgersmann--(rasch) und mein Mdel
liebte Sie nicht--erstechen wollt' ich's, das Mdel!  (Wieder beim
Geld, darauf niedergeschlagen.)  Aber da hab' ich ja nun Alles und Sie
nichts, und da werd' ich nun das ganze Gaudium wieder herausblechen
mssen?  Heh?

Ferdinand.  La Er sich das nicht anfechten, Freund--Ich reise ab,
und in dem Land, wo ich mich zu setzen gedenke, gelten die Stempel
nicht.

Miller (unterdessen mit unverwandten Augen auf das Gold hingeheftet,
voll Entzckung).  Bleibt's also mein?  Bleibt's?--Aber das thut mir
nur leid, da Sie verreisen--Und wart, was ich jetzt auftreten will!
Wie ich die Backen jetzt vollnehmen will!  (Er setzt den Hut auf und
schiet durch das Zimmer.)  Und auf den Markt will ich und meine
Musikstunden geben und Numero fnfe Dreiknig rauchen, und wenn ich
wieder auf dem Dreibatzenplatz sitze, soll mich der Teufel holen.
(Will fort.)

Ferdinand.  Bleib' Er!  Schweig' Er! und streich' Er sein Geld ein!
(Nachdrcklich.)  Nur diesen Abend noch schweig' Er und geb' Er, mir
zu Gefallen, von nun an keine Musikstunden mehr.

Miller (noch hitziger und ihn hart an der Weste fassend, voll inniger
Freude).  Und, Herr! meine Tochter!  (Ihn werden loslassend.)  Geld
macht den Mann nicht--Geld nicht--Ich habe Kartoffeln gegessen oder
ein wildes Huhn; satt ist satt, und dieser Rock da ist ewig gut, wenn
Gottes liebe Sonne nicht durch den rmel scheint--Fr mich ist das
Plunder--Aber dem Mdel soll der Segen bekommen; was ich ihr nur an
den Augen absehen kann, soll sie haben-Ferdinand (fllt rasch ein).
Stille, o stille-Miller (immer feuriger).  Und soll mir Franzsisch
lernen aus dem Fundament und Menuet-Tanzen und Singen, da man's in
den Zeitungen lesen soll; und eine Haube soll sie tragen, wie die
Hofrathstchter, und einen Kidebarri, wie sie's heien, und von der
Geigerstochter soll man reden auf vier Meilen weit-Ferdinand
(ergreift seine Hand mit der schrecklichsten Bewegung).  Nichts mehr!
Nichts mehr!  Um Gotteswillen, schweig' Er still!  Nur noch heute
schweig' Er still!  Das sei der einzige Dank, den ich von Ihm fordre.



Sechste Scene.

Luise mit der Limonade, und die Vorigen.


Luise (mit rotgeweinten Augen und zitternder Stimme, indem sie dem
Major das Glas auf einem Teller bringt).  Sie befehlen, wenn sie
nicht stark genug ist.

Ferdinand (nimmt das Glas, setzt es nieder und dreht sich rasch gegen
Millern).  O beinahe htt' ich das vergessen!--Darf ich Ihn um etwas
bitten, lieber Miller?  Will Er mir einen kleinen Gefallen thun?

Miller.  Tausend fr einen!  Was befehlen-Ferdinand.  Man wird mich
bei der Tafel erwarten.  Zum Unglck hab' ich eine sehr bse Laune.
Es ist mir ganz unmglich, unter Menschen zu gehn--Will Er einen Gang
thun zu meinem Vater und mich entschuldigen?

Luise (erschrickt und fllt schnell ein).  Den Gang kann ja ich thun.

Miller.  Zum Prsidenten?

Ferdinand.  Nicht zu ihm selbst.  Er bergibt Seinen Auftrag in der
Garderobe einem Kammerdiener--Zu Seiner Legitimation ist hier meine
Uhr--Ich bin noch da, wenn Er wieder kommt.--Er wartet auf Antwort.

Luise (sehr ngstlich).  Kann denn ich das nicht auch besorgen?

Ferdinand (zu Millern, der eben fort will).  Halt, und noch etwas!
Hier ist ein Brief an meinen Vater, der diesen Abend an mich
eingeschlossen kam--Vielleicht dringende Geschfte--Es geht in einer
Bestellung hin-Miller.  Schon gut, Baron!

Luise (hngt sich an ihn, in der entsetzlichsten Bangigkeit).  Aber,
mein Vater, Dies alles knnt' ich ja recht gut besorgen.

Miller.  Du bist allein, und es ist finstre Nacht, meine Tochter.
(Ab.)

Ferdinand.  Leuchte deinem Vater, Luise!  (Whrend dem, da sie
Millern mit dem Licht begleitet, tritt er zum Tisch und wirft Gift in
ein Glas Limonade.)  Ja, sie soll dran!  Sie soll!  Die obern Mchte
nicken mir ihr schreckliches Ja herunter, die Rache des Himmels
unterschreibt, ihr guter Engel lt sie fahren-



Siebente Scene.

Ferdinand und Luise.

Sie kommt langsam mit dem Lichte zurck, setzt es nieder und stellt
sich auf die entgegengesetzte Seite vom Major, das Gesicht auf den
Boden geschlagen und nur zuweilen furchtsam und verstohlen nach ihm
hinberschielend.  Er steht auf der andern Seite und sieht starr vor
sich hinaus.  (Groes Stillschweigen, das diesen Auftritt ankndigen
mu.)


Luise.  Wollen Sie mich accompagnieren, Herr von Walter, so mach' ich
einen Gang auf dem Fortepiano.  (Sie ffnet den Pantalon.)

(Ferdinand gibt keine Antwort.  Pause.)

Luise.  Sie sind mir auch noch Revanche auf dem Schachbrett schuldig.
Wollen wir eine Partie, Herr von Walter?  (Eine neue Pause.)

Luise.  Herr von Walter, die Brieftasche, die ich Ihnen einmal zu
sticken versprochen--ich habe sie angefangen--Wollen Sie das Dessin
nicht besehen?  (Wieder eine Pause.)

Luise.  Ich bin sehr elend!

Ferdinand (in der bisherigen Stellung).  Das knnte wahr sein.

Luise.  Meine Schuld ist es nicht, Herr von Walter, da Sie so
schlecht unterhalten werden.

Ferdinand (lacht beleidigend vor sich hin).  Denn was kannst du fr
meine blde Bescheidenheit?

Luise.  Ich hab' es ja wohl gewut, da wir jetzt nicht zusammen
taugen.  Ich erschrak auch gleich, ich bekenne es, als Sie meinen
Vater verschickten--Herr von Walter, ich vermuthe, dieser Augenblick
wird uns Beiden gleich unertrglich sein--Wenn Sie mir's erlauben
wollen, so geh' ich und bitte einige von meinen Bekannten her.

Ferdinand.  O ja doch, das thu'.  Ich will auch gleich gehn und von
den meinigen bitten.

Luise (sieht ihn stutzend an).  Herr von Walter?

Ferdinand (sehr hmisch).  Bei meiner Ehre! der gescheidteste Einfall,
den ein Mensch in dieser Lage nur haben kann.  Wir machen aus diesem
verdrielichen Duett eine Lustbarkeit und rchen uns mit Hilfe
gewisser Galanterieen an den Grillen der Liebe.

Luise.  Sie sind aufgerumt, Herr von Walter.

Ferdinand.  Ganz auerordentlich, um die Knaben auf dem Markt hinter
mir her zu jagen!  Nein!  In Wahrheit, Luise! dein Beispiel bekehrt
mich--du sollst meine Lehrerin sein.  Thoren sind's, die von ewiger
Liebe schwatzen.  Ewiges Einerlei widersteht, Vernderung nur ist das
Salz des Vergngens--Topp, Luise!  Ich bin dabei--Wir hpfen von
Roman zu Roman, wlzen uns von Schlamme zu Schlamm--Du dahin--ich
dorthin--vielleicht, da meine verlorene Ruhe sich in einem Bordell
wieder finden lt--Vielleicht, da wir dann nach dem lustigen
Wettlauf, zwei modernde Gerippe, mit der angenehmsten berraschung
von der Welt zum zweiten Mal aufeinander stoen, da wir uns da an
dem gemeinschaftlichen Familienzug, den kein Kind dieser Mutter
verleugnet, wie in Komdien wieder erkennen, da Ekel und Scham noch
eine Harmonie veranstalten, die der zrtlichsten Liebe unmglich
gewesen ist.

Luise.  O Jngling!  Jngling!  Unglcklich bist du schon; willst du
es auch noch verdienen?

Ferdinand (ergrimmt durch die Zhne murmelnd).  Unglcklich bin
ich?  Wer hat dir das gesagt?  Weib, du bist zu schlecht, und
selbst zu empfinden--womit kannst du eines Andern Empfindungen
wgen?--Unglcklich, sagte sie?--Ha! dieses Wort knnte meine
Wuth aus dem Grabe rufen!  Unglcklich mut' ich werden, das
wute sie.  Tod und Verdammni! das wute sie und hat mich
dennoch verrathen--Siehe, Schlange! das war der einzige Fleck der
Vergebung--Deine Aussage bricht dir den Hals--Bis jetzt konnt'
ich deinen Frevel mit deiner Einfalt beschnigen, in meiner
Verachtung wrst du beinahe meiner Rache entsprungen.  (Indem
er hastig das Glas ergreift.)  Also leichtsinnig warst du
nicht--dumm warst du nicht--du warst nur ein Teufel.  (Er
trinkt.)  Die Limonade ist matt wie deine Seele--Versuche!

Luise.  O Himmel!  Nicht umsonst hab' ich diesen Auftritt gefrchtet.

Ferdinand (gebieterisch).  Versuche!

Luise (nimmt das Glas etwas unwillig und trinkt).

Ferdinand (wendet sich, sobald sie das Glas an den Mund setzt, mit
einer pltzlichen Erblassung weg und eilt nach dem hintersten Winkel
des Zimmers).

Luise.  Die Limonade ist gut.

Ferdinand (ohne sich umzukehren, von Schauer geschttelt).  Wohl
bekomm's!

Luise (nachdem sie es niedergesetzt).  O wenn Sie wten, Walter, wie
ungeheuer Sie meine Seele beleidigen.

Ferdinand.  Hum!

Luise.  Es wird eine Zeit kommen, Walter-Ferdinand (wieder vorwrts
kommend).  O! mit der Zeit wren wir fertig.

Luise.  Wo der heutige Abend schwer auf Ihr Herz fallen
drfte-Ferdinand (fngt an strker zu gehen und beunruhigter zu
werden, indem er Schrpe und Degen von sich wirft).  Gute Nacht,
Herrendienst!

Luise.  Mein Gott!  Wie wird Ihnen?

Ferdinand.  Hei und enge--Will mir's bequemer machen.

Luise Trinken Sie!  Trinken Sie!  Der Trank wird Sie khlen.

Ferdinand.  Das wird er auch ganz gewi--Die Metze ist gutherzig;
doch, das sind alle!

Luise (mit dem vollen Ausdruck der Liebe ihm in die Arme eilend).
Das deiner Luise, Ferdinand?

Ferdinand (drckt sie von sich).  Fort!  Fort!  Diese sanften
schmelzenden Augen weg!  Ich erliege.  Komm in deiner ungeheuern
Furchtbarkeit, Schlange! spring an mir auf, Wurm!--Krame vor mir
deine grlichen Knoten aus, bume deine Wirbel zum Himmel!--so
abscheulich, als dich jemals der Abgrund sah--nur keinen Engel
mehr--nur jetzt keinen Engel mehr--Es ist zu spt--Ich mu dich
zertreten, wie eine Natter, oder verzweifeln--Erbarme dich!

Luise.  O! da es so weit kommen mute!

Ferdinand (sie von der Seite betrachtend).  Dieses schne Werk des
himmlischen Bildners--Wer kann das glauben?--Wer sollte das glauben?
(Ihre Hand fassend und emporhaltend.)  Ich will dich nicht zur Rede
stellen, Gott Schpfer--Aber warum denn dein Gift in so schnen
Gefen?--Kann das Laster in diesem milden Himmelstrich
fortkommen?--O, es ist seltsam.

Luise.  Das anzuhren und schweigen zu mssen!

Ferdinand.  Und die se melodische Stimme--Wie kann so viel
Wohlklang kommen aus zerrissenen Saiten?  (Mit trunkenem Aug auf
ihrem Anblick verweilend.)  Alles so schn--so voll Ebenma--so
gttlich vollkommen!--berall das Werk seiner himmlischen
Schferstunde!  Bei Gott! als wre die groe Welt nur entstanden, den
Schpfer fr dieses Meisterstck in Laune zu setzen!--Und nur in der
Seele sollte Gott sich vergriffen haben? ist es mglich, da diese
emprende Migeburt in die Natur ohne Tadel kam?  (Indem er sie
schnell verlt.)  Oder sah er einen Engel unter dem Meiel
hervorgehen und half diesem Irrthum in der Eile mit einem desto
schlechteren Herzen ab?

Luise.  O des frevelhaften Eigensinns!  Ehe er sich eine bereilung
gestnde, greift er lieber den Himmel an.

Ferdinand (strzt ihr heftig weinend an den Hals).  Noch einmal,
Luise!--Noch einmal wie am Tag unsers ersten Kusses, da du Ferdinand
stammeltest und das erste Du auf deine brennenden Lippen trat--O eine
Saat unendlicher, unaussprechlicher Freuden schien in dem Augenblick
wie in der Knospe zu liegen--Da lag die Ewigkeit wie ein schner
Maitag vor unsern Augen; goldne Jahrtausende hpften, wie Brute, vor
unsrer Seele vorbei--Da war ich der Glckliche!--O Luise!  Luise!
Luise!  Warum hat du mir das gethan?

Luise.  Weinen Sie, weinen Sie, Walter.  Ihre Wehmuth wird gerechter
gegen mich sein, als Ihre Entrstung.

Ferdinand.  Du betrgst dich.  Das sind ihre Thrnen nicht--Nicht
jener warme, wollstige Thau, der in die Wunde der Seele balsamisch
fliet und das starre Rad der Empfindung wieder in Gang bringt.  Es
sind einzelne--kalte Tropfen--das schauerliche ewige Lebewohl meiner
Liebe.  (Furchtbar feierlich, indem er die Hand auf ihren Kopf sinken
lt.)  Thrnen um deine Seele, Luise--Thrnen um die Gottheit, die
ihres unendlichen Wohlwollens hier verfehlte, die so muthwillig um
das herrlichste ihrer Werke kommt--O mich ducht, die ganze Schpfung
sollte den Flor anlegen und ber das Beispiel betreten sein, das in
ihrer Mitte geschieht--Es ist was Gemeines, da Menschen fallen und
Paradiese verloren werden; aber wenn die Pest unter Engel wthet, so
rufe man Trauer aus durch die ganze Natur.

Luise.  Treiben Sie mich nicht aufs uerste, Walter.  Ich habe
Seelenstrke, so gut wie Eine--aber sie mu auf eine menschliche
Probe kommen.  Walter, das Wort noch und dann geschieden--Ein
entsetzliches Schicksal hat die Sprache unsrer Herzen verwirrt.
Drft' ich den Mund aufthun, Walter, ich knnte dir Dinge sagen--ich
knnte--aber das harte Verhngni band meine Zunge wie meine Liebe,
und dulden mu ich's, wenn du mich wie eine gemeine Metze mihandelst.

Ferdinand.  Fhlst du dich wohl, Luise?

Luise.  Wozu diese Frage?

Ferdinand.  Sonst sollte mir's leid um dich thun, wenn du mit einer
Lge von hinnen mtest.

Luise.  Ich beschwre Sie, Walter-Ferdinand (unter heftigen
Bewegungen).  Nein! nein!  Zu satanisch wre diese Rache!  Nein!
Gott bewahre mich!  In jene Welt hinaus will ich's nicht
treiben--Luise!  Hast du den Marschall geliebt?  Du wirst nicht mehr
aus diesem Zimmer gehen.

Luise.  Fragen Sie, was Sie wollen.  Ich antworte nichts mehr.  (Sie
setzt sich nieder.)

Ferdinand (ernster).  Sorge fr deine unsterbliche Seele, Luise!
--Hast du den Marschall geliebt?  Du wirst nicht mehr aus diesem
Zimmer gehen.

Luise.  Ich antworte nichts mehr.

Ferdinand (fllt in frchterlicher Bewegung vor ihr nieder).
Luise!  Hast du den Marschall geliebt?  Ehe dieses Licht noch
ausbrennt--stehst du--vor Gott!

Luise (fhrt erschrocken in die Hhe).  Jesus!  Was ist das?--und
mir wird sehr bel.  (Sie sinkt auf den Sessel zurck.)

Ferdinand.  Schon?--ber euch Weiber und das ewige Rthsel!  Die
zrtliche Nerve hlt Freveln fest, die die Menschheit an ihren
Wurzeln zernagen; ein elender Gran Arsenik wirft sie um-Luise.  Gift!
Gift!  O mein Herrgott!

Ferdinand.  So frchte ich.  Deine Limonade war in der Hlle gewrzt.
Du hast sie dem Tod zugetrunken.

Luise.  Sterben!  Sterben!  Gott Allbarmherziger!  Gift in der
Limonade und sterben!--O meiner Seele erbarme dich, Gott der Erbarmer!

Ferdinand.  Das ist die Hauptsache.  Ich bitt' ihn auch darum.

Luise.  Und meine Mutter--mein Vater--Heiland der Welt!  Mein armer,
verlorener Vater!  Ist keine Rettung mehr?  Mein junges Leben, und
keine Rettung!  Und mu ich jetzt schon dahin?

Ferdinand.  Keine Rettung, mut jetzt schon dahin--aber sei ruhig.
Wir machen die Reise zusammen.

Luise.  Ferdinand, auch du!  Gift, Ferdinand!  Von dir!  O Gott,
vergi es ihm--Gott der Gnade, nimm die Snde von ihm-Ferdinand.
Sieh du nach deinen Rechnungen--Ich frchte, sie stehen bel.

Luise.  Ferdinand!  Ferdinand!--O--Nun kann ich nicht mehr
schweigen--Der Tod--der Tod hebt alle Eide auf--Ferdinand!--Himmel
und Erde hat nichts Unglckseligeres als dich!--Ich sterbe unschuldig,
Ferdinand.

Ferdinand (erschrocken).  Was sagt sie da?--Eine Lge pflegt man doch
sonst nicht auf diese Reise zu nehmen?

Luise.  Ich lge nicht--lge nicht--hab' nur einmal gelogen mein
Lebenlang--Huh! wie das eiskalt durch meine Adern schauert--als ich
den Brief schrieb an den Hofmarschall-Ferdinand.  Ha!  Dieser Brief!
--Gottlob!  Jetzt hab' ich all meine Mannheit wieder.

Luise (ihre Zunge wird schwerer, ihre Finger fangen an gichterisch zu
zucken).  Dieser Brief--Fasse dich, ein entsetzliches Wort zu
hren--Meine Hand schrieb, was mein Herz verdammte--dein Vater hat
ihn dictiert.

Ferdinand (starr und einer Bildsule gleich, in langer todter Pause
hingewurzelt, fllt endlich wie von einem Donnerschlag nieder).

Luise.  O des klglichen Miverstands--Ferdinand--man zwang
mich--vergib--deine Luise htte den Tod vorgezogen--aber mein
Vater--die Gefahr--sie machten es listig.

Ferdinand (schrecklich emporgeworfen).  Gelobet sei Gott! noch spr'
und das Gift nicht.  (Er reit den Degen heraus.)

Luise (von Schwche zu Schwche sinkend).  Weh!  Was beginnst du?  Es
ist dein Vater-Ferdinand (im Ausdruck der unbndigsten Wuth).  Mrder
und Mrdervater!--Mit mu er, da der Richter der Welt nur gegen den
Schuldigen rase.  (Will hinaus.)

Luise.  Sterbend vergab mein Erlser--Heil ber dich und ihn (Sie
stirbt.)

Ferdinand (kehrt schnell um, wird ihre letzte sterbende Bewegung
gewahr und fllt in Schmerz aufgelst vor der Todten nieder).  Halt!
Halt!  Entspringe mir nicht, Engel des Himmels!  (Er fat ihre Hand
an und lt sie schnell wie fallen.)  Kalt, kalt und feucht!  Ihre
Seele ist dahin.  (Er springt wieder auf.)  Gott meiner Luise!  Gnade!
Gnade dem verruchtesten der Mrder!  Es war ihr letztes Gebet!--Wie
reizend und schn auch ihr Leichnam!  Der gerhrte Wrger ging
schonend ber diese freundlichen Wangen hin--Diese Sanftmuth war
keine Larve, sie hat auch dem Tod Stand gehalten.  (Nach einer Pause.)
Aber wie?  Warum fhl' ich nichts?  Will die Kraft meiner Jugend
mich retten?  Undankbare Mhe!  Das ist meine Meinung nicht.  (Er
greift nach dem Glase.)



Letzte Scene.

Ferdinand.  Der Prsident.  Wurm und Bediente, welche alle voll
Schrecken ins Zimmer strzen, darauf Miller mit Volk und
Gerichtsdienern, welche sich im Hintergrund sammeln.


Prsident (den Brief in der Hand).  Sohn, was ist das?--Ich will doch
nimmermehr glauben-Ferdinand (wirft ihm das Glas vor die Fe).  So
sieh, Mrder!

Prsident (taumelt hinter sich.  Alle erstarren.  Eine schreckhafte
Pause.)  Mein Sohn, warum hast du mir das gethan?

Ferdinand (ohne ihn anzusehen).  O ja freilich!  Ich htte den
Staatsmann erst hren sollen, ob der Streich auch zu seinen Karten
passe?--Fein und bewundernswerth, ich gesteh's, war die Finte, den
Bund unsrer Herzen zu zerreien durch Eifersucht--Die Rechnung hatte
ein Meister gemacht, aber Schade nur, da die zrnende Liebe dem
Draht nicht so gehorsam blieb wie deine hlzerne Puppe.

Prsident (sucht mit verdrehten Augen im ganzen Kreise herum).  Ist
hier Niemand, der um einen trostlosen Vater weint?

Miller (hinter der Scene rufend).  Lat mich hinein!  Um Gottes
willen!  Lat mich!

Ferdinand.  Das Mdchen ist eine Heilige--fr sie mu ein Anderer
rechten.  (Er ffnet Millern die Thre, der mit Volk und
Gerichtsdienern hineinstrzt.)

Miller (in der frchterlichsten Angst).  Mein Kind!  Mein Kind!
--Gift--Gift, schreit man, sei hier genommen worden--Meine Tochter!
Wo bist du?

Ferdinand (fhrt ihn zwischen den Prsident und Luisens Leiche).  Ich
bin unschuldig--Danke Diesem hier.

Miller (fllt an ihr zu Boden).  O Jesus!

Ferdinand.  In wenig Worten, Vater--Sie fangen an mir kostbar zu
werden--Ich bin bbisch um mein Leben bestohlen, bestohlen durch Sie.
Wie ich mit Gott stehe, zittre ich--doch ein Bsewicht bin ich
niemals gewesen.  Mein ewiges Loos falle, wie es will--auf Sie fall'
es nicht--Aber ich hab' einen Mord begangen, (mit furchtbar erhobener
Stimme) einen Mord, den du mir nicht zumuthen wirst, allein vor den
Richter der Welt hinzuschleppen.  Feierlich wlz' ich dir hier die
grte, grlichste Hlfte zu; wie du damit zurecht kommen magst,
siehe du selber.  (Ihn zu Luisen hinfhrend.)  Hier, Barbar!  Weide
dich an der entsetzlichen Frucht deines Witzes, auf dieses Gesicht
ist mit Verzerrungen dein Name geschrieben, und die Wrgengel werden
ihn lesen--Eine Gestalt wie diese ziehe den Vorhang von deinem Bette,
wenn du schlfst, und gebe dir ihre eiskalte Hand--Eine Gestalt wie
diese stehe vor deiner Seele, wenn du stirbst, und drnge dein
letztes Gebet weg--Eine Gestalt wie diese stehe auf deinem Grabe,
wenn du auferstehst--und neben Gott, wenn er dich richtet.  (Er wird
ohnmchtig.  Bediente halten ihn.)

Prsident (eine schreckliche Bewegung des Arms gegen den Himmel).
Von mir nicht, von mir nicht, Richter der Welt, fordre diese Seelen,
von Diesem!  (Er geht auf Wurm zu.)

Wurm (auffahrend).  Von mir?

Prsident.  Verfluchter, von dir!  Von dir, Satan!--Du, du gabst den
Schlangenrath--ber dich die Verantwortung--ich wasche die Hnde.

Wurm.  ber mich?  (Er fngt grlich an zu lachen.)  Lustig!
Lustig!  So wei ich doch nun auch, auf was Art sich die Teufel
danken.--ber mich, dummer Bsewicht?  War es mein Sohn?  War ich
dein Gebieter?--ber mich die Verantwortung?  Ha! bei diesem Anblick,
der alles Mark in meinen Gebeinen erkltet!  ber mich soll sie
kommen!--Jetzt will ich verloren sein, aber du sollst es mit mir
sein--Auf!  Auf!  Ruft Mord durch die Gassen!  Weckt die Justiz auf!
Gerichtsdiener, bindet mich!  Fhrt mich von hinnen!  Ich will
Geheimnisse aufdecken, da Denen, die sie hren, die Haut schauern
soll.  (Will gehen.)

Prsident (hlt ihn).  Du wirst doch nicht, Rasender?

Wurm (klopft ihn auf die Schulter).  Ich werde, Kamerad!  Ich werde!
--Rasend bin ich, das ist wahr--das ist dein Werk--so will ich auch
jetzt handeln wie ein Rasender--Arm in Arm mit dir zum Blutgerst!
Arm in Arm mit dir zur Hlle!  Es soll mich kitzeln, Bube, mit dir
verdammt zu sein!  (Er wird abgefhrt.)

Miller (der die ganze Zeit ber, den Kopf in Luisens Schoo gesunken,
in stummem Schmerz gelegen hat, steht schnell auf und wirft dem Major
die Brse vor die Fe).  Giftmischer!  Behalt dein verfluchtes Gold!
--wolltest du mir mein Kind damit abkaufen?  (Er strzt aus dem
Zimmer.)

Ferdinand (mit brechender Stimme).  Geht ihm nach!  Er
verzweifelt--Das Geld hier soll man ihm retten--Es ist meine
frchterliche Erkenntlichkeit.  Luise!--Luise!--Ich komme--Lebt
wohl--Lat mich an diesem Altar verscheiden-Prsident (aus einer
dumpfen Betubung zu seinem Sohn).  Sohn Ferdinand!  Soll kein Blick
mehr auf einen zerschmetterten Vater fallen?  (Der Major wird neben
Luisen niedergelassen.)

Ferdinand.  Gott dem Erbarmenden gehrt dieser letzte.

Prsident (in der schrecklichsten Qual vor ihm niederfallend).
Geschpf und Schpfer verlassen mich--Soll kein Blick mehr zu meiner
letzten Erquickung fallen?

Ferdinand (reicht ihm seine sterbende Hand).

Prsident (steht schnell auf).  Er vergab mir!  (Zu den Andern.)
Jetzt euer Gefangener!  (Er geht ab, Gerichtsdiener folgen ihm, der
Vorhang fllt.)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Kabale und Liebe, von Friedrich
Schiller.





*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KABALE UND LIEBE ***

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