The Project Gutenberg EBook of Der rote Stern, by Alexander Bogdanow

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license


Title: Der rote Stern
       Ein utopischer Roman

Author: Alexander Bogdanow

Translator: Hermynia Zur Mhlen

Release Date: August 20, 2020 [EBook #62985]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE STERN ***




Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was
produced from scanned images of public domain material,
provided by the German National Library.






             Erstes Buch der Internationalen Jugendbcherei


                              A. Bogdanoff




                             Der rote Stern


                          Ein utopischer Roman


                     Aus dem Russischen bertragen
                        von Hermynia Zur Mhlen


                                  1923
                    Verlag der Jugendinternationale
                           Berlin-Schneberg


        Die mit diesem Eindruck versehenen Exemplare drfen nur
        an Mitglieder der der 3. Internationale angeschlossenen
         Organisationen zu ermigten Preisen abgegeben werden.

       Alle Rechte insbesondere das der Uebersetzung vorbehalten
    Copyright by Verlag der Jugendinternationale, Berlin-Schneberg,
                                   1923
            Druck der Vereinsdruckerei G. m. b. H., Potsdam




                Dr. Werner an den Schriftsteller Mirski


Lieber Genosse, ich sende Ihnen Leonids Schriften. Er wollte sie
verffentlichen, -- Sie verstehen sich auf diese Dinge besser als ich.
Leonid hat sich verborgen. Ich verlasse das Krankenhaus, um ihn zu
suchen. Meiner Ansicht nach wird er in den Bergwerksgebieten zu finden
sein, wo sich eben gewaltige Ereignisse vorbereiten. Anscheinend ist das
Ziel seiner Flucht -- ein verborgener Selbstmordversuch, die Folge
seiner Geisteskrankheit. Und er war doch der vlligen Heilung schon so
nahe.

Sobald ich etwas erfahre, werde ich Sie verstndigen.

                                                 Mit herzlichen Gren
                                                                   Ihr
                                                            N. Werner.

24. Juli 19..




                           Leonids Manuskript


                              Erster Teil


                               Der Bruch

Es war zu jener Zeit, da in unserem Lande der gewaltige Zusammenbruch
seinen Anfang nahm, jener Zusammenbruch, der noch heute weiter geht und
der sich, meiner Ansicht nach, dem unvermeidlichen, drohenden Ende
nhert.

Die ersten blutigen Tage erschtterten dermaen das gesellschaftliche
Bewutsein, da alle den raschen und leuchtenden Ausgang des Kampfes
erwarteten; es schien, als wre das Aergste bereits geschehen, als knne
es gar nichts Aergeres mehr geben. Niemand vermochte sich vorzustellen,
wie unerbittlich starr die knochige Gespensterhand sei, die alles
Lebendige erdrosselt hat und auch noch heute in ihrer verkrampften
Umarmung festhlt.

Die Erregung des Kampfes durchstrmte die Massen. Die Seelen der
Menschen eilten unbndig der Zukunft entgegen, die Gegenwart verschwamm
in einem rosigen Nebel, die Vergangenheit entschwand irgendwo, in weiten
Fernen, wurde aus den Augen verloren. Alle menschlichen Verhltnisse
waren unsicher und verschwommen, wie noch nie zuvor.

In jenen Tagen ereignete sich all das, was mein Leben verwandelte und
mich aus der Sturzflut des proletarischen Kampfes fortri.

Trotz meiner siebenundzwanzig Jahre war ich in der Arbeiterpartei einer
der Alten. Es wurden mir sechs Jahre der Arbeit angerechnet,
unterbrochen durch ein Jahr Gefngnis. Frher als manch anderer fhlte
ich das Nahen des Sturmes, und ging ihm auch gelassener entgegen. Es war
ntig, weit mehr als bisher zu arbeiten, dennoch gab ich meine Studien
nicht auf; besonders interessierten mich die Fragen der Struktur der
Materie. Doch war dies nicht nur platonisch, sondern ich schrieb auch
fr wissenschaftliche Zeitschriften, verdiente auf diese Art mein Brot.
Zu jener Zeit liebte ich, oder glaubte zumindest zu lieben.

In der Partei war ihr Name Anna Nikolajewna.

Sie gehrte der anderen, der gemigteren Richtung unserer Partei an.
Ich erklrte mir dies aus der Weichheit ihres Charakters, sowie aus der
allgemeinen Verworrenheit der politischen Verhltnisse unseres Landes.
Obgleich sie lter war als ich, hielt ich sie dennoch nicht fr einen
vllig geklrten Charakter. Doch irrte ich.

Bald nachdem wir einander nher gekommen waren, zeigte sich die
Verschiedenheit unserer Charaktere auf schmerzlichste Art. Allmhlich
bildeten sich die tiefsten gedanklichen Widersprche aus, die sich
sowohl auf unsere Stellung zur revolutionren Arbeit, als auch auf unser
persnliches Verhltnis bezogen.

Sie war unter der Fahne der Pflicht und des Opfers zur Revolution
gekommen -- ich unter der Fahne des eigenen freien Verlangens. Sie hatte
sich der groen proletarischen Bewegung als Moralistin angeschlossen,
suchte darin die Befriedigung hherer Sittlichkeit -- ich hingegen
gehrte der Bewegung als Amoralist an, als Mensch, der das Leben liebt,
dessen hchste Blte ersehnt und sich jener Bewegung zuwendet, die den
zur Entwicklung und Blte fhrenden Weg der Geschichte verkrpert. Fr
Anna Nikolajewna war die proletarische Ethik heilig in sich selbst, ich
jedoch betrachtete diese als ntzliche Anpassung, die im Klassenkampf
wohl unerllich sei, aber vergnglich wie der Kampf selbst, und blo
aus der Lebensordnung geboren. Anna Nikolajewna erwartete von der
sozialistischen Gesellschaft ausschlielich eine Umwandlung und
Erneuerung der proletarischen Klassenmoral, whrend ich behauptete, da
das Proletariat schon heute die Vernichtung jeglicher Moral anstrebe und
da das sozialistische Gefhl, indem es die Menschen zu Kameraden der
Arbeit, der Freude und des Leids mache, nur dann vllig ungehemmt
herrschen knne, wenn es den Fetisch-Mantel der Sittlichkeit von sich
werfe. Aus dieser Meinungsverschiedenheit entstanden gar hufig
Widersprche ber die Wertung politischer und sozialistischer Faktoren,
Widersprche, die zu schlichten unmglich war.

Noch weit schrfer zeigte sich unsere Meinungsverschiedenheit, wenn es
sich um unser persnliches Verhltnis handelte. Sie fand, da die Liebe
zur Nachgiebigkeit, zum Opfer, vor allem aber zur Treue verpflichte,
solange der Bund bestehe. Ich dachte gar nicht daran, eine neue
Verbindung einzugehen, doch vermochte ich die Treue als Pflicht nicht
anzuerkennen. Ja, ich behauptete sogar, da die Polygamie hher stehe
als die Monogamie, weil sie dem Menschen ein reicheres persnliches
Leben und den Nachkommen mehr Vielartigkeit zu geben vermag. Meiner
Ansicht nach ist die sogenannte Unmglichkeit der Polygamie nur von den
Widersprchen der brgerlichen Ordnung geschaffen, gehrt zu den
Privilegien der Ausbeuter und Parasiten, zu deren schmutzigen, sich
zersetzenden Psychologie. Auch hierin mu die Zukunft eine gewaltige
Wandlung bringen. Diese Auffassung erschtterte Anna Nikolajewna aufs
tiefste: sie sah darin einen Versuch, in der Form der Idee die groben
sinnlichen Beziehungen zum Leben zu rechtfertigen.

Trotz allem sah ich, ahnte ich nicht die Unvermeidlichkeit eines
Bruches. Da drang in unser Leben ein von auen kommender Einflu, der
die Entscheidung beschleunigte.

Um diese Zeit kam in die Hauptstadt ein junger Mann, der den in unseren
Kreisen ungewhnlichen Decknamen Menni trug. Er brachte aus dem Sden
Berichte und Auftrge mit, die klar erkennen lieen, da er das vllige
Vertrauen der Genossen besitze. Nachdem er seine Aufgabe erfllt hatte,
beschlo er, noch einige Zeit in der Hauptstadt zu verweilen, und suchte
uns hufig auf; es schien ihm viel daran gelegen, meine Freundschaft zu
erwerben.

Er war in vielem ein origineller Mensch. Schon sein Aeueres war
ungewhnlich. Seine Augen wurden derart von dunklen Brillen verdeckt,
da ich nicht einmal ihre Farbe kannte, sein Kopf war unproportioniert
gro, seine Gesichtszge waren schn, doch seltsam unbeweglich und
leblos, sie harmonisierten nicht im geringsten mit der weichen
ausdrucksvollen Stimme und der schlanken, jnglinghaft-biegsamen
Gestalt. Er sprach frei und flieend, und was er sagte, war stets
gehaltvoll. Seine Bildung war uerst einseitig; dem Beruf nach schien
er Ingenieur zu sein.

Im Gesprch hatte Menni die Gepflogenheit, einzelne praktische Fragen
auf allgemeine Grundideen zurckzufhren. Befand er sich bei uns, so
geschah es stets, da die zwischen meiner Frau und mir bestehenden
Charakter- und Meinungsverschiedenheiten irgendwie in den Vordergrund
gelangten, und zwar derart deutlich und scharf, da wir voller Qual die
Aussichtslosigkeit des Ganzen erkannten. Mennis Weltanschauung glich der
meinen; er verlieh ihr der Form nach voller Vorsicht und Zartheit, dem
Inhalt nach jedoch voller Schrfe und Tiefgrndigkeit Ausdruck. Er
verstand es, unsere verschiedenartigen politischen Ansichten derart
geschickt mit der Verschiedenartigkeit unserer Weltanschauung zu
verknpfen, da dieser Unterschied als psychologische Notwendigkeit
erschien, ja schier als logische Schlufolgerung; jegliche Hoffnung der
gegenseitigen Annherung entschwand, der Mglichkeit, ber die
Meinungsverschiedenheiten hinweg, zu irgendetwas Gemeinsamem zu
gelangen. Anna Nikolajewna empfand fr Menni eine Art mit lebhaftem
Interesse gemischten Ha. In mir erweckte er groe Achtung und ein
unklares Mitrauen; ich fhlte, da er ein Ziel verfolgte, wute jedoch
nicht, welches.

An einem Januartag -- es war bereits gegen Ende Januar -- wurde den
Parteifhrern beider Richtungen der Plan einer Massendemonstration
unterbreitet, einer Demonstration, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu
einem bewaffneten Zusammensto fhren wrde. Am Vorabend der
Demonstration erschien Menni bei uns und warf die Frage auf, ob Anna
Nikolajewna entschlossen wre, falls die Demonstration stattfnde,
selbst die Parteiangehrigen anzufhren. Es entstand ein Streit, der
bald einen erbitterten Charakter annahm.

Anna Nikolajewna vertrat die Ansicht, da ein jeder, der fr die
Demonstration gestimmt habe, moralisch verpflichtet sei, in den ersten
Reihen mitzugehen. Ich hingegen behauptete, dies wre keineswegs
verpflichtend, es mten nur jene mitgehen, die unentbehrlich oder von
wirklichem Nutzen seien; ich dachte dabei an mich selbst, als an einen
in derartigen Dingen erfahrenen Menschen. Menni ging noch weiter und
erklrte, angesichts des unvermeidlichen Zusammenstoes mit der
bewaffneten Macht drften nur redegewandte Agitatoren und
Kampforganisatoren mitgehen; die politischen Fhrer hingegen htten bei
der Demonstration nichts zu suchen, Schwchlinge und nervse Leute
knnten sogar gefhrlich werden. Anna Nikolajewna war ber dieses Urteil
gekrnkt; es schien ihr, als sei es gegen sie gerichtet. Sie brach das
Gesprch ab und zog sich in ihr Zimmer zurck. Auch Menni entfernte sich
bald darauf.

Am folgenden Tage stand ich frhmorgens auf und verlie das Haus, ohne
Anna Nikolajewna gesehen zu haben. Es wurde Abend, ehe ich heimkehrte.
Die Demonstration war von unserem Komitee abgelehnt worden, und soweit
mir bekannt war, hatten auch die Fhrer der anderen Richtung den
gleichen Beschlu gefat. Ich war mit dieser Lsung uerst zufrieden,
denn ich wute genau, wie wenig wir auf einen Konflikt mit Waffen
vorbereitet waren, und hielt ein derartiges Vorgehen fr eine nutzlose
Kraftvergeudung. Auch glaubte ich, der Entschlu werde Anna Nikolajewnas
Erregung ber das gestrige Gesprch ein wenig beschwichtigen ... Daheim
fand ich auf Anna Nikolajewnas Tisch folgenden Brief:

Ich gehe fort. Je mehr ich mich selbst und Sie begreife, desto klarer
wird mir, da wir verschiedene Wege gehen und da wir uns beide geirrt
haben. Es ist besser, wenn wir einander nicht mehr begegnen. Verzeihen
Sie mir.

Lange durchwanderte ich die Straen, erschpft, mit dem Gefhl der Leere
im Kopf und der Klte im Herzen. Als ich heimkehrte, fand ich einen
unerwarteten Gast vor; am Tisch sa Menni und schrieb einen Brief.


                            Die Aufforderung

Ich mu mit Ihnen ber eine uerst wichtige und einigermaen seltsame
Angelegenheit sprechen, sagte Menni.

Mir war alles einerlei; ich setzte mich nieder, bereit, ihn anzuhren.

Ich las Ihre Abhandlung ber die Elektrone und die Materie, begann er.
Ich studierte selbst einige Jahre diese Frage und finde in Ihrer
Abhandlung viele wertvolle, richtige Ideen.

Ich verbeugte mich schweigend, und er fuhr fort:

Ihre Arbeit enthlt eine fr mich besonders interessante Bemerkung. Sie
gelangen dort zu der Annahme, da die elektrische Theorie der Materie
zur unvermeidlichen Voraussetzung eine Schwerkraft hat, die sich aus der
elektrischen Kraft, sowohl als Anziehungskraft wie auch als
Abstoungskraft ergibt, was zu einer neuen Auffassung der elektrischen
Schwerkraft unter einer andern Formel fhren mu. Das heit: wir
erhalten dadurch eine Art der Materie, welche die Erde abstt anstatt
sie anzuziehen, und das gleiche gilt auch fr die Sonne und die anderen
uns bekannten Krper. Sie bringen als Vergleich die diamagnetische
Abstoungskraft der Krper und die Abstoung der Parallelstrme. All
dies ist bei Ihnen nur angedeutet, doch glaube ich trotzdem, da Sie
diesen Voraussetzungen grere Bedeutung beimessen, als Sie in Ihrer
Arbeit zugeben wollten.

Sie haben recht, erwiderte ich. Ich glaube, dies ist der einzige Weg,
auf dem die Menschheit das Problem der freien Bewegung in der Luft,
sowie jenes der Verbindung zwischen den Planeten zu lsen vermag. Aber
mag nun diese Idee in sich richtig sein oder nicht, jedenfalls ist sie
bis zum heutigen Tage fruchtlos geblieben, weil uns die richtige Theorie
der Materie und der Schwerkraft fehlt. Gibt es noch eine andere Art der
Materie, so ist es scheinbar unmglich, diese zu entdecken: die
Anziehungskraft besteht fr das ganze Sonnensystem, aber ebenso wahr
ist, da sie bei dessen Entstehung, als sich dieses aus der Nebulositt
herausbildete, noch nicht bestand. Dies bedeutet, da wir diese Art der
Materie noch theoretisch bilden und erst dann praktisch schaffen mssen.
Heute fehlen uns hierzu noch Mittel und Wege, wir ahnen blo die
Aufgabe, die wir zu lsen haben.

Trotzdem ist das Problem bereits gelst, erklrte Menni.

Ich blickte ihn verblfft an. Sein Gesicht war, wie immer, vllig
unbewegt, aber im Ton seiner Stimme lag etwas, das mich hinderte, ihn
fr einen Charlatan zu halten.

Vielleicht ist er geisteskrank, fuhr es mir durch den Kopf.

Ich habe keineswegs den Wunsch, Sie zu tuschen, wei genau, was ich
sage, mit diesen Worten antwortete er auf meine Gedanken. Hren Sie
mich geduldig an, spter, wenn es ntig ist, werde ich Ihnen die Beweise
erbringen. Und nun berichtete er folgendes:

Die gewaltige Entdeckung, von der hier die Rede ist, war nicht die
Leistung einzelner Personen. Sie gehrt einer ganzen wissenschaftlichen
Gesellschaft an, die seit recht geraumer Zeit besteht und schon lange an
diesem Problem arbeitete. Diese war bis heute eine Geheimgesellschaft,
und ich bin nicht bevollmchtigt, Ihnen Nheres ber deren Ursprung und
Geschichte mitzuteilen, solange ich nicht mit dem Oberhaupt
zusammengekommen bin.

Unsere Gesellschaft hat in vielen wichtigen Dingen die akademische Welt
weit berholt. Die Radium-Elemente und deren Zersetzung waren uns lange
vor Curie und Ramsey bekannt, und unseren Genossen gelang eine weit
tiefgehendere Analyse der Materie. Auf diesem Weg ahnten wir die
Mglichkeit des Bestehens von Elementen, die die Erdkrper abstoen und
vervollkommneten die Synthese dieser Minus-Materie, wie wir sie
abgekrzt nennen.

Nun fiel uns die technische Ausarbeitung und Anwendung dieser Entdeckung
nicht mehr schwer, -- vor allem, einen Flugapparat zu bauen, der sich in
der Atmosphre unserer Erde zu bewegen vermag, dann einen Apparat, der
imstande ist, die Verbindung mit den brigen Planeten herzustellen.

Mennis gelassener, berzeugter Ton vermochte nicht zu verhindern, da
mir seine Erzhlung uerst seltsam und unwahrscheinlich erschien.

Und es gelang Ihnen tatschlich, all dies zu leisten und dabei das
Geheimnis zu wahren, unterbrach ich seine Rede.

Ja, denn dies erschien uns von ungeheuerer Wichtigkeit. Wir fanden, da
es uerst gefhrlich wre, unsere wissenschaftliche Entdeckung bekannt
zu geben, solange der grte Teil der Lnder eine reaktionre Regierung
besitzt. Und Ihr russischen Revolutionre mt, mehr als alle anderen,
mit dieser unserer Ansicht bereinstimmen. Betrachtet doch, wozu
Eure asiatische Regierung die europischen Verbindungs- und
Vernichtungsmittel bentzt: sie wendet sie an, um hier alles Lebendige,
Fortschrittliche zu erdrosseln und samt der Wurzel auszureien. Was ist
an diesem halb feudalen, halb konstitutionellen Reich Gutes, auf dessen
Thron ein kriegslustiger, schwatzhafter Dummkopf sitzt, der sich von
allbekannten Gaunern lenken lt? Wozu bestehen in Europa bereits zwei
kleinbrgerliche Republiken? Es ist klar, da, wenn unsere Flugmaschinen
bekannt wrden, die Regierung sich ihrer bemchtigen, sie zu einem
Monopol umwandeln wrde, um sie zur Machtstrkung der herrschenden
Klassen auszubeuten und anzuwenden. Dies wollen wir auf keinen Fall
gestatten, deshalb soll auch in der Erwartung gnstigerer Bedingungen
das Monopol in unseren Hnden bleiben.

Ist es Ihnen tatschlich gelungen, einen anderen Planeten zu
erreichen? erkundigte ich mich.

Ja, wir erreichten die zwei nchsten tellurischen Planeten, Venus und
Mars; den toten Mond rechne ich selbstverstndlich nicht mit. Wir sind
nun damit beschftigt, die Einzelheiten genauer kennen zu lernen. Wir
besitzen alle ntigen Mittel; was uns fehlt, sind starke, hoffnungsvolle
Menschen. Bevollmchtigt von meinen Genossen, fordere ich Sie auf, sich
uns anzuschlieen. Selbstverstndlich wrden Sie dadurch alle unsere
Pflichten auf sich nehmen und alle unsere Rechte genieen.

Er verstummte, wartete auf eine Antwort.

Die Beweise, sagte ich. Sie versprachen mir Beweise zu geben.

Menni zog aus der Tasche eine Glasflasche, gefllt mit einer
metallischen Flssigkeit, die ich fr Quecksilber hielt. Seltsamerweise
jedoch fllte diese Flssigkeit blo den dritten Teil der Flasche, und
zwar befand sie sich nicht auf dem Grund, sondern im oberen Teil, in der
Nhe des Flaschenhalses, ja sie reichte sogar bis an den Pfropfen. Menni
drehte die Flasche um, und nun sank die Flssigkeit auf den Grund, das
heit, sie strebte abermals in die Hhe. Menni lie das Flschchen los,
und es schwebte in der Luft. Dies war unglaublich, aber dennoch sah ich
es genau, konnte nicht daran zweifeln.

Die Flasche besteht aus gewhnlichem Glas, erklrte Menni. Sie ist
mit einer Flssigkeit angefllt, die die Krper des Sonnensystems
abstt. Die Flssigkeit verfolgt nur den Zweck, der Flasche
Gleichgewicht zu verleihen; hat sonst keinerlei Bedeutung. Nach dieser
Methode verfertigten wir die Flugapparate. Sie bestehen aus gewhnlichem
Material, enthalten aber ein Reservoir, das mit der ntigen Menge der
Materie der negativen Art gefllt ist. Dann galt es noch, diesem Apparat
die gebhrende Bewegungsschnelligkeit zu verleihen. Fr die irdischen
Flugmaschinen gengt ein elektrischer Motor mit Luftschrauben, fr die
interplanetare Bewegung freilich gengen diese Mittel nicht. Dort
verwenden wir eine vllig andere Methode, mit der ich Sie spter bekannt
machen werde.

Es war unmglich, noch weitere Zweifel zu hegen.

Was fordert Ihre Gesellschaft auer der Pflicht, das Geheimnis zu
wahren, von jenen, die sich ihr anschlieen?

Sie stellt fast keine anderen Forderungen. Kmmert sich weder um das
Privatleben, noch um die gesellschaftliche Ttigkeit der Genossen, falls
letztere nicht fr die Ziele unserer Gesellschaft schdlich ist. Doch
mu ein jeder, der sich der Gesellschaft anschliet, irgendeine wichtige
verantwortungsvolle, von der Gesellschaft gestellte Aufgabe erfllen.
Dies dient einerseits dazu, die Verbindung zwischen ihm und der
Gesellschaft zu verstrken, andrerseits aber dazu, seine Fhigkeiten und
seine Energie zu beweisen.

Es wrde also auch mir ein derartiger Auftrag, eine derartige Aufgabe
auferlegt werden?

Ja.

Was?

Sie mten sich der Expedition anschlieen, die sich morgen im groen
Aetheroneff nach dem Planeten Mars begibt.

Wie lange wird diese Expedition whren?

Das ist noch unbekannt. Der Flug hin und zurck nimmt wenigstens fnf
Monate in Anspruch. Es ist auch mglich, da die Expedition berhaupt
nicht zurckkehrt.

Das begreife ich, und daran liegt mir auch nichts. Aber meine
revolutionre Arbeit? Sie sind, wenn ich nicht irre, selbst
Sozialdemokrat und werden diese Schwierigkeit begreifen.

Whlen Sie! Wir halten die Unterbrechung Ihrer Arbeit unumgnglich
notwendig fr Ihr Werk. Fr die einmal Aufgenommenen gibt es kein
Zurck. Eine einzige Weigerung ist eine Weigerung auf ewig.

Ich berlegte. Ob sich der eine oder andere Arbeiter aus der breiten
Masse ausschaltete, hatte fr die Sache und das Ziel nicht die geringste
Bedeutung. Auch vermchte ich, nach dieser vorbergehenden Unterbrechung
der Arbeit, unserer revolutionren Bewegung vermittels der neuen
Verbindungen, Kenntnisse und Mittel weit ntzlicher zu sein. Ich
entschlo mich.

Wann mu ich zur Stelle sein?

Sofort, Sie kommen gleich mit mir.

Knnen Sie mir noch zwei Stunden geben, damit ich die Genossen
verstndige? Sie mssen mich morgen im Bezirk vertreten.

Dies ist schon fast getan. Heute kam Andrej, der aus dem Sden geflohen
ist. Ich teilte ihm mit, Sie wrden vielleicht verreisen, und er ist
bereit, Ihre Stelle einzunehmen. Whrend ich Sie hier erwartete, schrieb
ich auf gut Glck an ihn und erteilte ihm die ntigen Anweisungen. Wir
knnen unterwegs den Brief fr ihn abgeben.

Ich vermochte nicht lnger zu schwanken. Rasch vernichtete ich einige
persnliche Schriften, schrieb an meine Wirtin und kleidete mich an.
Menni war schon bereit.

So, gehen wir. Von diesem Augenblick an bin ich Ihr Gefangener.

Sie sind mein -- Genosse, entgegnete Menni.


                               Die Nacht

Mennis Wohnung nahm das ganze fnfte Stockwerk eines groen Gebudes
ein, das an dem einen Ende der Stadt vereinsamt zwischen niederen
Huschen aufragte. Wir begegneten niemandem. Die Zimmer, die ich mit
Menni durchschritt, waren leer; im grellen Licht der elektrischen Lampen
mutete diese Leere besonders trbselig und unnatrlich an. Im dritten
Zimmer blieb Menni stehen.

Hier, und er wies auf die Tr des vierten Zimmers, befindet sich das
kleine Luftschiff, in dem wir uns nach dem Aetheroneff begeben werden.
Vorher aber mu ich noch eine kleine Verwandlung bewerkstelligen. In
dieser Maske fiele es mir schwer, das Schiff zu lenken. Er knpfte den
Kragen auf, nahm zugleich mit den Brillen die erstaunliche Maske ab, die
wir, sowohl ich wie alle anderen, bis dahin fr sein wahres Gesicht
gehalten hatten. Ich war von dem sich mir bietenden Anblick uerst
verblfft. Mennis Augen waren ungeheuer gro, waren grer, als dies
Menschenaugen je zu sein pflegen. Die Pupillen waren sogar fr diese
unnatrlich groen Augen auerordentlich geweitet, was einen schier
erschreckenden Eindruck hervorrief. Der obere Teil des Gesichtes und der
Schdel waren so breit, wie dies bei den groen Augen notwendig schien,
hingegen war der untere, vllig bartlose Teil des Gesichtes ungewhnlich
klein. All das machte einen sehr originellen Eindruck, gemahnte an eine
Migeburt, doch keineswegs an eine Karikatur.

Sie sehen, was fr ein Aeueres mir die Natur gab, sprach Menni.
Werden begreifen, da ich es verbergen mu, schon um die Menschen nicht
zu erschrecken, mehr noch aber aus konspirativen Grnden. Sie jedoch
mssen sich an meine Hlichkeit gewhnen, denn Sie werden gezwungen
sein, lange Zeit mit mir zu verbringen.

Er ffnete die Tr des anstoenden Zimmers und entzndete das Licht. Ich
erblickte einen groen Saal. In der Mitte lag ein kleiner, ziemlich
breiter Kahn aus Metall und Glas. Vorderteil, Bord und Boden bestanden
aus Glas und Stahlgeflecht; die durchsichtigen Wnde von etwa zwei
Zentimeter Dicke waren augenscheinlich sehr fest. Am Vorderteil des
Schiffes befanden sich, in einem spitzen Winkel vereinigt, zwei starke
Kristallplatten; diese mochten die Luft zerschneiden und gleichzeitig
die Passagiere gegen den durch die rasche Bewegung erzeugten Wind
schtzen. Die Maschine fllte den Mittelteil des Schiffes aus, die
Schrauben und die etwa einen halben Meter breiten Schaufeln nahmen den
Hinterteil des Schiffes ein. Der halbe Vorderteil des Schiffes, sowie
die Maschinen waren von einem feinen, dnnplattigen Schutzdach bedeckt;
den Glasbord verstrkten Metallbnder und leichte Stahlsulen. Das Ganze
war fein und zierlich wie ein Spielzeug.

Menni gebot mir, auf der Seitenbank der Gondel Platz zu nehmen, dann
verlschte er das elektrische Licht und ffnete das riesige Saalfenster.
Er selbst setzte sich vorne an die Maschine und warf aus der Gondel
einige Scke Ballast. Das Schiff zitterte, setzte sich langsam in
Bewegung und schwebte lautlos zum offenen Fenster hinaus.

Dank der Minus-Materie, sagte Menni, brauchen unsere Aeroplane nicht
die wichtigtuerischen und ungelenken Flgel.

Ich sa wie angeschmiedet, wagte nicht, mich zu rhren. Der Lrm der
Schrauben wurde immer strker, die kalte Winterluft berstrmte uns,
khlte mir das glhende Gesicht, doch vermochte sie nicht durch meine
warmen Kleider zu dringen. Ringsum funkelten, schwebten tausend Sterne,
und unter uns ... Durch den durchsichtigen Boden der Gondel sah ich, wie
die dunklen Flecken der Huser immer kleiner wurden und die hellen
Pnktchen der elektrischen Lampen immer mehr in der Ferne verschwammen;
in der Tiefe leuchteten die schneeigen Ebenen unter dem dsteren,
blablauen Himmel. Das Gefhl des Schwindels, das mich zuerst leicht und
fast angenehm gedeucht hatte, nahm heftig zu, und ich schlo die Augen,
um ihm zu entkommen.

Schrfer wurde die Luft, mchtiger der Lrm der Schrauben und das
Pfeifen des Windes -- augenscheinlich steigerte sich unsere
Geschwindigkeit. Mein Ohr unterschied durch alle Gerusche einen feinen
ununterbrochenen, gleichmigen, silbrigen Ton -- die Luft peitschend,
erschtterte dieser die Glaswnde der Gondel. Eine seltsame Musik
erfllte das Bewutsein, die Gedanken verwirrten sich, verschwanden,
zurck blieb einzig und allein das Gefhl einer elementar-leichten und
ungehemmten Bewegung, die uns weitertrug, vorwrts, vorwrts in den
unendlichen Raum.

Vier Kilometer in der Minute, sprach Menni, und ich ffnete die Augen.

Ist es noch weit? fragte ich.

Noch etwa eine Wegstunde auf eisgebundenem See.

Wir hatten eine Hhe von etlichen hundert Metern erreicht; das
Flugschiff bewegte sich horizontal, ohne sich zu senken und ohne hher
zu steigen. Nun hatten sich meine Augen bereits an das Dunkel gewhnt
und ich vermochte alles ringsum klar zu erkennen. Wir waren in der
Gegend der Seen und Granitfelsen. Ueber den Schnee aufragend, dunkelten
die Felsen. Zwischen ihnen klebten Drfchen.

Zu unserer Linken blieben in der Ferne zurck die Flchen der von
gefrorenem Schnee bedeckten Felder, zu unserer Rechten die weie Ebene
eines ungeheueren Sees. In dieser leblosen Winterlandschaft schickten
wir uns an, das Band zwischen uns und der alten Erde zu zerreien. Und
jhlings fhlte ich nicht nur die Ahnung, nein, die Gewiheit, da
dieses Band nun auf ewig zerrissen werde ...

Die Gondel senkte sich langsam zwischen die Felsen nieder, hielt an in
der kleinen Bucht des Bergsees, vor einem dunklen, aus dem Schnee
aufragenden Bau. Weder Fenster noch Tren waren zu sehen. Die
Metallhlle schob sich langsam zur Seite, eine schwarze Oeffnung kam zum
Vorschein, in die unsere Gondel hineinflog. Dann schlo sich die
Oeffnung von neuem, der Raum, in den wir gelangt waren, erhellte sich im
Licht elektrischer Lampen. Es war dies ein groes, langgestrecktes
Zimmer ohne Mbel; auf dem Fuboden lagen viele Scke mit Ballast.

Menni befestigte die Gondel an einem eigens dazu bestimmten Pfosten und
schob eine der Seitentren auf. Sie fhrte auf einen langen, hell
erleuchteten Korridor. An den Seiten des Korridors befanden sich
Kajten. Menni geleitete mich in eine derselben und sprach:

Hier ist Ihre Kajte. Richten Sie sich hier ein; ich mu mich ins
Maschinenabteil begeben. Wir sehen uns morgen frh wieder.

Ich war froh, allein zu sein. Nach der durch die seltsamen Ereignisse
des Abends hervorgerufenen Aufregung machte sich bei mir groe
Erschpfung bemerkbar. Ohne das auf dem Tisch vorbereitete Abendessen
anzurhren, verlschte ich die Lampe und warf mich aufs Bett. In meinem
Kopf vermischten sich auf unsinnigste Art die Gedanken, jagten von Thema
zu Thema, nahmen die unerwartetsten Formen an. Ich bemhte mich
hartnckig, einzuschlafen, doch wollte mir dies lange Zeit nicht
gelingen. Endlich jedoch verdunkelte sich das Bewutsein, unklare,
schwankende Gestalten begannen vor meinen Augen zu reigen, meine
Umgebung zerflo ins Weite, und schwere Trume suchten mein Gehirn heim.

Das Ganze endete mit einem furchtbaren Alpdruck. Ich stand am Rande
eines ungeheueren schwarzen Abgrunds, in dessen Untiefe Sterne
funkelten. Menni ri mich mit unbesiegbarer Kraft hinab, sagend, ich
drfe nicht die Schwerkraft frchten, wir wrden nach einigen
hunderttausend Jahren des Sturzes die nchsten Sterne erreichen. Ich
sthnte auf in der Qual des letzten Kampfes und erwachte.

Weiches blaues Licht erfllte meine Stube. Niedergebeugt zu mir, sa auf
meinem Lager -- Menni? Ja, er war es, aber phantastisch verndert: mir
schien, als sei er um vieles kleiner und seine Augen blickten nicht mehr
so scharf aus dem Antlitz; seine Zge waren weich und gtig, nicht kalt
und abstoend, wie sie am Rande des Abgrunds gewesen ...

Wie gut Sie sind ..., murmelte ich, unklar diese Vernderung
erfassend.

Er lchelte und legte mir die Hand auf die Stirne. Eine kleine weiche
Hand. Ich schlo die Augen, mir kam der sinnlose Gedanke, da ich diese
Hand kssen mte, dann verga ich alles und versank in einen ruhigen,
wohltuenden Schlaf.


                             Die Erklrung

Als ich erwachte und meine Stube erhellte, war es zehn Uhr. Nachdem ich
mich angekleidet hatte, drckte ich auf die Schelle, und gleich darauf
betrat Menni das Zimmer.

Werden wir bald abfahren? fragte ich.

In einer Stunde, erwiderte Menni.

Kamen Sie heute Nacht zu mir, oder trumte ich dies nur?

Es war kein Traum, doch kam nicht ich zu Ihnen, sondern unser junger
Arzt Netti. Sie schliefen unruhig und geqult, er mute Sie mit Hilfe
des blauen Lichtes und der Hypnose einschlfern.

Ist er Ihr Bruder?

Nein, entgegnete Menni lchelnd.

Sie sagten mir noch nie, welcher Nation Sie angehren. Sind auch Ihre
brigen Genossen vom gleichen Typus, wie Sie?

Ja, antwortete Menni.

Dies bedeutet, da Sie mich betrogen haben, sprach ich scharf. Hier
handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Gesellschaft, sondern um
etwas ganz anderes?

Ja, erwiderte Menni gelassen. Wir alle sind Bewohner eines anderen
Planeten, gehren einer andersgearteten Menschheit an. Wir sind --
Marsbewohner.

Weshalb betrogen Sie mich?

Htten Sie mich angehrt, wenn ich Ihnen mit einem Male die ganze
Wahrheit gesagt haben wrde? Ich hatte uerst wenig Zeit, um Sie zu
berzeugen. Deshalb mute ich um der Wahrscheinlichkeit willen die
Wahrheit flschen. Ohne diesen Uebergang wre Ihr Bewutsein allzusehr
erschttert worden. In der Hauptsache aber -- was diese unsere Reise
anbelangt -- sprach ich die Wahrheit.

Ich bin also dennoch Ihr Gefangener?

Nein, noch sind Sie frei. Es bleibt Ihnen eine Stunde Zeit, Ihren
Entschlu zu fassen. Wollen Sie die Fahrt aufgeben, so werden wir Sie
zurckbringen und unsere Reise aufgeben, denn es htte fr uns keinen
Sinn, allein heimzukehren.

Wozu brauchen Sie mich?

Um ein lebendiges Band zwischen uns und der irdischen Menschheit
herzustellen. Damit Sie unsere Lebensordnung kennen lernen und den
Marsbewohnern die nhere Bekanntschaft mit der irdischen Ordnung
vermitteln, damit Sie, falls Ihnen dies erwnscht ist, in unserer Welt
Vertreter Ihres Planeten seien.

Ist dies nun bereits die volle Wahrheit?

Ja, die volle Wahrheit. Falls Sie die Kraft fhlen, diese Rolle
durchzufhren.

In einem solchen Fall mu ich es eben versuchen. Ich bleibe bei Ihnen.

Ist dies Ihr endgltiger Entschlu? fragte Menni.

Ja, wenn nicht auch diese letzte Erklrung irgend eine Art Uebergang
bedeutet.

Also wir reisen, sprach Menni, ohne meine Stichelei zu beachten. Ich
gehe noch, um dem Maschinisten einige Weisungen zu erteilen, dann komme
ich wieder und wir wollen zusammen die Abfahrt des Aetheroneff
beobachten.

Er verlie das Zimmer, und ich blieb von den verschiedensten Gedanken
bewegt zurck. Noch war die Erklrung nicht vollstndig. Es blieb eine
recht bedeutsame Frage brig. Doch konnte ich mich nicht entschlieen,
sie an Menni zu stellen. Hatte er bewut, wissentlich meinen Bruch mit
Anna Nikolajewna herbeigefhrt? Mir erschien dies so. Wahrscheinlich sah
er in ihr ein Hindernis fr seine Ziele. Vielleicht mit Recht. Doch
hatte er den Bruch hchstens beschleunigen, nicht aber schaffen knnen.
Freilich war dies eine dreiste Einmischung in meine persnlichen
Angelegenheiten gewesen. Da ich aber nun bereits mit Menni verbunden
war, mute ich meine Feindseligkeit gegen ihn unterdrcken. Es galt, das
Vergangene nicht mehr zu berhren; am besten wrde es sein, nicht mehr
an diese Frage zu denken.

Im allgemeinen bedeutete diese neue Wendung fr mich keinerlei besondere
Erschtterung. Der Schlaf hatte mich gekrftigt, und es war schwer, nach
dem am gestrigen Abend Verlebten noch ber irgend etwas in Verblffung
zu geraten. Nun galt es blo, den Plan knftiger Ttigkeit
auszuarbeiten.

Offensichtlich bestand meine Aufgabe darin, mich so schnell und so
vollkommen wie mglich mit meiner neuen Umgebung vertraut zu machen. Am
besten wird es wohl sein, ich befasse mich zuerst mit dem
Zunchstliegenden, strebe dann Schritt fr Schritt dem Fernerliegenden
zu. Als Zunchstliegendes erschienen mir der Aetheroneff, seine Bewohner
und unsere beginnende Fahrt. Der Mars war noch fern, im besten Fall
wrden wir ihn, Mennis Worten zufolge, in zwei Monaten erreichen.

Die uere Form des Aetheroneff hatte ich bereits am vorhergehenden
Abend erblickt: sie war fast kugelfrmig, mit abpolierten Enden,
gemahnte an das aufgestellte Ei des Kolumbus. Selbstverstndlich war
diese Form gewhlt worden, um bei mglichst kleiner Oberflche die
grtmgliche Ausdehnung zu erhalten, das heit, bei dem geringsten
Aufwand von Material die der Abkhlung ausgesetzte mglichst geringe
Flche. Was das Material anbelangte, so schien dieses aus Aluminium und
Glas zu bestehen. Die innere Einrichtung sollte mir von Menni gezeigt
und erklrt werden, auch wollte er mich mit den brigen Ungeheuern
bekannt machen, wie ich bei mir meine neuen Genossen nannte.

Menni kehrte zurck und fhrte mich zu den brigen Marsbewohnern. Sie
waren alle in dem Seitensaal versammelt, dessen ungeheueres
Kristallfenster die eine Hlfte der Wand einnahm. Das echte Sonnenlicht
wirkte nach der phantastischen Helle der elektrischen Lampen angenehm.
Es waren etwa zwanzig Marsbewohner zugegen; mich deuchte, sie htten
alle die gleichen Gesichter. Der Mangel eines Bartes oder Schnurrbartes,
ja sogar das vllige Fehlen von Runzeln und Falten schien die
Verschiedenheit ihres Wuchses gleichsam zu verwischen. Unwillkrlich
heftete ich die Augen auf Menni, um ihn unter diesen mir fremden
Kameraden nicht zu verlieren. Uebrigens gelang es mir bald, zwischen
ihnen meinen nchtlichen Gast Netti zu erkennen, der sich durch seine
Jugendlichkeit und Lebhaftigkeit auszeichnete, sowie den
breitschultrigen Riesen Sterni zu unterscheiden, der mich mit kaltem,
fast unheildrohendem Gesichtsausdruck betrachtete. Auer Menni sprach
nur Netti Russisch. Sterni und drei oder vier andere redeten
Franzsisch, noch andere Englisch oder Deutsch; untereinander
unterhielten sie sich in einer mir vllig neuen Sprache, anscheinend
ihrer Muttersprache. Diese war wohlklingend und schn, und ich bemerkte
mit Vergngen, da die Aussprache offensichtlich keine groen
Schwierigkeiten bot.


                              Die Abfahrt

Wie interessant auch immer die Ungeheuer sein mochten, so wurde meine
Aufmerksamkeit dennoch unwillkrlich von ihnen abgelenkt und richtete
sich auf den feierlichen, immer nher kommenden Augenblick der
Abfahrt. Ich starrte beharrlich auf die sich vor uns dehnende
schneeige Flche und nach der steil aufragenden Granitwand. Jeden
Augenblick erwartete ich, einen starken Sto zu verspren, glaubte,
alles werde rasch zurckbleiben, in weiter Ferne verschwimmen. Doch
wurde ich in meiner Erwartung enttuscht.

Eine geruschlose, langsame, kaum wahrnehmbare Bewegung entfernte uns
ein wenig von der Schneeplatte. Nach etlichen Sekunden erst wurde der
Aufstieg bemerkbar.

Eine Beschleunigung von zwei Zentimeter, erklrte Menni.

Ich verstand, was dies bedeute. In der ersten Sekunde legten wir einen
Zentimeter zurck, in der zweiten drei, in der dritten fnf, in der
vierten sieben usw. Die Geschwindigkeit vernderte sich unablssig,
entwickelte sich nach dem Gesetz der arithmetischen Progression. In vier
Minuten hatten wir die Schnelligkeit eines gehenden Menschen, in
fnfzehn die eines Personenzuges erreicht usw.

Wir bewegten uns dem Gesetze der Schwerkraft zufolge, doch fielen wir
hinauf, und zwar um fnfhundertmal langsamer, als auf der Erde ein
Krper von gewhnlicher Schwere fllt.

Die Glasplatte des Fensters begann sich vom Feld zu erheben, bildete mit
diesem einen stumpfen Winkel, analog der Kugelform des Aetheroneff,
dessen einer Teil nun sichtbar wurde. Wir vermochten, uns vorneigend,
all das zu sehen, was sich gerade unter uns befand.

Immer rascher sank die Erde unter uns nieder, immer weiter ward der
Horizont. Die dunklen Flecken der Felsen und Drfchen wurden kleiner,
die Umrisse des Sees zeichneten sich ab wie auf einem Plan. Der Himmel
aber ward immer dunkler; whrend ein blauer dem Meer gleichender
Streifen den westlichen Horizont berzog, vermochten meine Augen trotz
dem Tageslicht die heller leuchtenden groen Sterne zu unterscheiden.

Die uerst langsame, kreisende Bewegung des Aetheroneff um die eigene
vertikale Achse gestattete uns, den ganzen Raum ringsum zu berblicken.

Es deuchte, als erhebe sich der Horizont zusammen mit uns, die
Erdoberflche erschien als ungeheuere, ausgehhlte, mit Reliefs
geschmckte Schssel. Die Konturen wurden verschwommener, die Reliefs
flacher, immer mehr nahm die Landschaft den Charakter einer Landkarte
an, scharf gezeichnet in der Mitte, verschwommen und unklar an den
Rndern, die von halbdurchsichtigem, blulichem Nebel bedeckt waren. Der
Himmel wurde immer schwrzer, und zahllose Sterne, dicht gest,
funkelten ungetrbt in ihrem stillen Licht, nicht frchtend die
strahlende Sonne, deren Helle schier schmerzhaft brannte.

Sagen Sie mir, Menni, wird sich diese Beschleunigung von zwei
Zentimetern, mit der wir uns jetzt bewegen, bis ans Ende der Reise
erhalten?

Ja, entgegnete er. Nur da die Richtung etwa auf halbem Weg ins
Gegenteil umschlgt, wir mit jeder Sekunde die Geschwindigkeit nicht
beschleunigen, sondern verzgern. So da diese, wenn die hchste
Geschwindigkeit des Aetheroneff ungefhr fnfzig Kilometer in der
Sekunde betrgt, die mittlere aber fnfundzwanzig Kilometer, im
Augenblick der Ankunft abermals ebenso gering ist, wie sie im Augenblick
der Abfahrt war. Dies ermglicht uns, ohne Sto und Erschtterungen an
der Oberflche des Mars zu landen. Ohne diese ungeheuerliche wechselnde
Geschwindigkeit vermchten wir niemals weder die Erde, noch die Venus zu
erreichen, denn sogar die krzeste Strecke betrgt sechzig bis hundert
Millionen Kilometer, -- bei der Geschwindigkeit, sagen wir, Ihrer
Erdeneisenbahnen wrde eine derartige Reise ein Jahrhundert, aber nicht,
wie in unserem Fall, Monate whren. Was den Schu mit der Kanonenkugel
anbelangt, ber den ich in Eueren phantastischen Romanen las, so ist
dies selbstverstndlich ein bloer Scherz, denn den Gesetzen der
Mechanik zufolge gbe es dabei nur eine praktische Mglichkeit --
entweder sich im Augenblick des Schusses im Inneren der Kanonenkugel zu
befinden, oder sie im eigenen Inneren zu haben.

Auf welche Art erhalten Sie diese gleichmige Beschleunigung und
Verlangsamung?

Die bewegende Kraft des Aetheroneff ist einer jener
radiumausstrahlenden Stoffe, die uns in groen Mengen hervorzubringen
gelang. Wir fanden ein Mittel, um die Zerlegung der Elemente ums
Hunderttausendfache zu beschleunigen; dies geschieht in unseren Motoren
durch ein uerst einfaches elektrisches Verfahren. Durch unsere Methode
wird eine ungeheure Menge Energie entbunden. Die Teilchen der
zerfallenden Atome besitzen im Flug, wie Ihnen bekannt ist, eine
zehntausendmal grere Geschwindigkeit, als das Artilleriegescho. Wenn
diese Teile nun aus dem Aetheroneff blo nach einer einzigen bestimmten
Richtung fliegen knnen, -- das heit, durch einen einzigen Kanal
zwischen den sonst undurchdringlichen Wnden, -- dann bewegt sich der
Aetheroneff in der entgegengesetzten Richtung, wie der Rckschlag beim
Gewehr. Da Ihnen das Gesetz der lebendigen Kraft bekannt ist, werden Sie
ja auch wissen, da ein unbedeutender, milligrammgroer Teil pro Sekunde
vllig gengt, um unserem Aetheroneff die regelmige Beschleunigung zu
verleihen.

Whrend wir also redeten, hatten sich die brigen Marsbewohner entfernt.
Menni forderte mich auf, mit ihm in seiner Kajte zu frhstcken. Wir
gingen zusammen hin. Die Kajte glich den Wnden des Aetheroneff, auch
sie hatte das gleiche groe Kristallfenster. Wir frhstckten. Ich
wute, da mir neue, noch nie empfundene Gefhle bevorstanden, da ich ja
die Schwere meines Krpers verlieren wrde. Ich befragte Menni darber.

Ja, erwiderte er. Obgleich uns die Sonne noch immer anzieht, so ist
doch hier ihre Anziehungskraft eine sehr geringe. Und auch jene der Erde
wird morgen oder bermorgen unmerklich werden. Nur dank der stets
zunehmenden Geschwindigkeit des Aetheroneff bleibt uns ein
Vierhundertstel, mindestens ein Fnfhundertstel unseres Gewichtes
bewahrt. Es fllt ein wenig schwer, sich zum ersten Mal daran zu
gewhnen, obwohl die Vernderung ganz allmhlich vor sich geht. Mit
zunehmender Leichtigkeit werden Sie Ihre Geschicklichkeit verlieren,
eine Menge falscher, nicht berechneter Bewegungen machen, ber das Ziel
hinausschieen. Was das unvermeidliche Herzklopfen, das Schwindelgefhl
und die Uebelkeit anbelangt, so wird Ihnen Netti darber hinweghelfen.
Es wird Ihnen auch schwer fallen, Wasser und andere Flssigkeiten zu
handhaben, die beim leichtesten Ansto aus dem Gef flieen und sich
berallhin verbreiten. Doch waren wir nach Krften bemht, derartige
Unbequemlichkeiten zu vermeiden und abzuschwchen. Mbel und Gefe sind
an Ort und Stelle befestigt, die Flssigkeiten verkorkt, berall
befinden sich Griffe und Riemen, um den unfreiwilligen Sturz zu
verhindern, der bei rascherer Bewegung leicht vorkommt. Sie werden sich
schon daran gewhnen, haben hierzu gengend Zeit.

Seit der Abfahrt waren etwa zwei Stunden verflossen. Schon war die
verminderte Schwere fhlbar, doch war diese Empfindung bis jetzt noch
angenehm: der Krper fhlte Leichtigkeit, die Bewegungen waren frei und
ungehemmt, dies war alles. Dem atmosphrischen Druck wichen wir vllig
aus; er kmmerte uns nicht, besaen wir doch in unserem hermetisch
verschlossenen Schiff einen gengenden Vorrat an Sauerstoff. Das uns
sichtbare Erdgebiet glich immer mehr einer Landkarte im verkleinerten
Mastab. Im Sden, am Mittellndischen Meer, waren zwischen dem blauen
Dunst Nordafrika und Arabien klar ersichtlich, im Norden, ber
Skandinavien, verlor sich der Blick in schneeigen vereisten Leeren, nur
die Felsen Spitzbergens dunkelten als schwarze Flecke empor. Im Osten,
im grngestreiften Ural, wurde das Grn von weien Schneeflecken
durchbrochen, hier herrschte wieder vllig das weie Licht, vermischt
mit leichtem, grnlichem Schimmer, eine zrtliche Erinnerung an die
ungeheueren Nadelwlder Sibiriens. Im Westen verloren sich in den hellen
Konturen Mitteleuropas die Kste von England und Nordfrankreich. Ich
vermochte nicht lange auf dieses gigantische Bild zu blicken; der
Gedanke an die schauerliche Untiefe, ber der wir schwebten, erweckte in
mir ein ohnmachtsnahes Gefhl. Ich wandte mich abermals an Menni.

Sind Sie der Kapitn dieses Schiffes?

Menni nickte bejahend und erwiderte:

Doch bedeutet dies keineswegs, da ich ber die Macht eines
Kommandanten verfge, wie dies Ihrer irdischen Auffassung entsprche.
Ich habe blo in der Fhrung des Aetheroneff mehr Erfahrung als die
anderen; meine Verfgungen in dieser Hinsicht werden bercksichtigt, wie
ich Sternis astronomische Berechnungen annehme, oder wie wir Nettis
medizinische Ratschlge zur Erhaltung unserer Gesundheit und
Arbeitskraft befolgen.

Wie alt ist Doktor Netti? Er dnkte mich uerst jung.

Ich erinnere mich nicht genau, sechzehn oder siebzehn, entgegnete
Menni lchelnd.

Das hatte auch ich gedacht. Staunte aber ber eine derart junge
Gelehrsamkeit.

In diesem Alter bereits Arzt sein!, entfuhr es mir unwillkrlich.

Und fgen Sie hinzu: ein uerst geschickter und erfahrener Arzt,
ergnzte Menni.

Damals berlegte ich nicht, -- und Menni erinnerte mich absichtlich
nicht daran, -- da die Marsjahre fast doppelt so lang sind, wie die
unseren: der Mars umkreist die Sonne in 686 Erdentagen und Nettis
sechzehn Jahre kamen etwa dreiig Erdenjahren gleich.


                            Der Aetheroneff

Nach dem Frhstck forderte mich Menni auf, unser Schiff zu
besichtigen. Vor allem begaben wir uns in den Maschinenraum. Dieser nahm
das unterste Stockwerk des Aetheroneff ein -- stie direkt an dessen
verdichteten Boden und bildete die Scheidewand zwischen fnf Zimmern --
das eine in der Mitte, die anderen an den Seiten gelegen. Inmitten des
zentralen Raumes erhob sich der Treibmotor, an seinen vier Seiten von in
den Boden eingelassenen runden Glasfenstern umgeben; das eine Fenster
bestand aus reinem Kristall, die anderen waren bunt gefrbt; das Glas
hatte eine Dicke von etwa drei Zentimetern und war auerordentlich
durchsichtig. Im gegebenen Augenblick vermochten wir durch diese Fenster
blo einen Teil der Erdoberflche zu sehen.

Die Basis der Maschine bildete ein vertikaler Metallzylinder, drei Meter
hoch und einen halben Meter im Durchmesser. Menni erklrte mir, dieser
Zylinder bestehe aus Osmium, einem schwer schmelzenden Edelmetall, aus
der Gruppe des Platins. In diesem Zylinder ging die Zerlegung der
radiumausstrahlenden Stoffe vor sich; die zwanzig Zentimeter dicken
Wnde bewiesen zur Genge die bei diesem Proze entwickelten Energien.
Im Raum herrschte keine besondere Hitze; der ganze Zylinder war von zwei
groen, breiten, aus irgendeinem durchsichtigen Material bestehenden
Futteralen umgeben. Diese Futterale schtzten vor der Hitze; beide
vereinigten sich unter der Decke zu einem Rohr, aus dem die erhitzte
Luft nach allen Seiten ausstrmte und den Aetheroneff gleichmig
heizte.

Die brigen Teile der Maschine waren durch verschiedene Zylinder
miteinander verbunden, bestanden aus elektrischen Spulen, Akkumulatoren,
einem Meapparat mit Zifferblatt usw. Alles befand sich in tadelloser
Ordnung, und verschiedene Spiegel gestatteten dem diensthabenden
Maschinisten, den ganzen Umkreis zu berblicken, ohne sich von seinem
Lehnstuhl zu erheben.

Von den Seitenstuben war die eine das astronomische Zimmer, rechts und
links von diesem befanden sich der Wasserraum und der Sauerstoffraum
und auf der entgegengesetzten Seite der Rechenraum. Im astronomischen
Zimmer waren der Fuboden und die Wnde aus dickem Kristall; das in
geometrischen Formen geschliffene Glas zeigte ideale Reinheit. Die
Durchsichtigkeit dieses Glases war so gro, da ich, whrend ich Menni
ber die Schwebebrcke folgte und hinabblickte, zwischen mir und dem
Abgrund unter uns nichts sah; ich mute die Augen schlieen, um nicht
von qualvollem Schwindel berwltigt zu werden. Ich bemhte mich,
seitwrts, nach den Instrumenten zu schauen, die sich zwischen der
Brcke auf Stativen befanden, oder sich von der Decke und der Auenwand
herabsenkten. Das Hauptteleskop war etwa zwei Meter lang, die Linse von
unproportionierter Gre und augenscheinlich von einer entsprechenden
optischen Strke.

Als Fernglser verwenden wir nur Diamanten, sagte Menni. Sie geben
ein bedeutend greres Gesichtsfeld.

Wie stark ist die gewhnliche Vergrerung dieses Teleskops? fragte
ich.

Die klare Vergrerung betrgt etwa das Sechshundertfache, entgegnete
Menni. Gengt uns dies nicht, so photographieren wir das Gesichtsfeld
und betrachten die Photographie unter dem Mikroskop. Derart vermgen wir
eine sechzigtausendfache und noch bedeutendere Vergrerungen zu
erzielen, und das Photographieren nimmt kaum eine Minute Zeit in
Anspruch.

Menni forderte mich auf, durch das Teleskop die entschwindende Erde zu
betrachten und stellte es ein.

Die Entfernung betrgt nun ungefhr zweitausend Kilometer, erklrte
er. Wissen Sie, was vor Ihnen liegt?

Mit einem Mal erkannte ich den Hafen der skandinavischen Hauptstadt, die
ich hufig in Parteiangelegenheiten besucht hatte ... Es interessierte
mich, die Dampfer in der Reede zu betrachten. Menni drehte einen an der
Seite befestigten Griff, setzte anstelle des Fernrohrs den
photographischen Apparat, nahm dann nach wenigen Sekunden Teleskop und
Apparat und schob beide in eine riesenhafte, in der Ecke stehende
Vorrichtung, die sich als Mikroskop erwies.

Wir entwickeln und fixieren das Bild dort, sprach er, ohne die Platte
mit den Hnden zu berhren. Nach wenigen belanglosen Griffen, die
hchstens eine halbe Minute whrten, schob er das Mikroskop vor mich
hin. Mit verblffender Klarheit sah ich einen mir bekannten, einer
nordischen Gesellschaft gehrenden Dampfer; er schien sich etliche zehn
Schritte von mir entfernt langsam zu bewegen; im kreisenden Licht war
das Bild reliefartig und hatte eine vllig natrliche Frbung. Auf der
Brcke stand der grauhaarige Kapitn, mit dem ich auf meinen Fahrten
hufig geplaudert hatte. Ein Matrose, der eine Kiste an Deck schleppte,
blieb pltzlich stehen, neben ihm ein Passagier, der mit der Hand auf
etwas wies. Und all dies war zweitausend Kilometer entfernt ...

Ein junger Marsbewohner, Sternis Gehilfe, betrat den Raum. Er mute ber
die vom Aetheroneff zurckgelegte Strecke eine genaue Messung anstellen.
Wir wollten ihn in seiner Arbeit nicht stren und begaben uns weiter, in
den Wasserraum. Dort befanden sich ein ungeheures mit Wasser geflltes
Reservoir und groe Filtrierapparate. Eine Anzahl Rhren leitete das
Wasser durch den ganzen Aetheroneff.

Nun betraten wir den Rechenraum. Hier standen fr mich unverstndliche
Maschinen mit unzhligen Zifferblttern und Zeigern. Sterni arbeitete an
der grten Maschine. Von dieser hing ein langes Band nieder,
augenscheinlich das Resultat der Berechnungen. Die auf dem Band
stehenden, sowie die auf den Zifferblttern sich befindenden Zeichen
waren mir vllig unbekannt. Ich wollte Sterni nicht stren, empfand
berhaupt keine Lust, mit ihm zu sprechen. Rasch verlieen wir diesen
Raum und betraten die letzte Seitenstube.

Diese war der Sauerstoffraum. Hier wurden die Sauerstoffvorrte
aufbewahrt, in der Gestalt von fnfundzwanzig Tonnen Bertholetschen
Salzen, aus denen, durch eine entsprechende Methode, bis zu zehntausend
Kubikmetern Sauerstoff hergestellt werden konnten, eine gengende Menge
fr einige Fahrten gleich der unseren. Hier befanden sich auch die
Apparate zur Spaltung der Salze, sowie Vorrte von Bariumoxyd und
Aetzkali, die die Bestimmung hatten, der Luft die Kohlensure zu
entziehen, Vorrte von Schwefel-Anhydrid zur Absorbierung der
berschssigen Feuchtigkeit und des Leuhomain, -- jenes durch das Atmen
erzeugten physiologischen Giftes, das unvergleichlich gefhrlicher ist,
als die Kohlensure. Dieser Raum unterstand Dr. Netti.

Dann kehrten wir in den mittleren Maschinenraum zurck, fuhren mit einem
kleinen Aufzug ins hchste Stockwerk des Aetheroneff. Hier war der
Mittelraum als zweites Observatorium eingerichtet; es glich in allem dem
unteren Raum, nur da hier die Kristallhlle sich oben und nicht unten
befand, und da die Instrumente grere Dimensionen hatten. Aus diesem
Observatorium vermochte man die andere Hlfte der Himmelssphre zu
sehen, und die Planeten zu bestimmen. Der Mars leuchtete mit seinem
roten Licht etwas abseits vom Zenith. Menni richtete auf ihn das
Teleskop, und ich erblickte die mir durch Schiaparellis Landkarten
bekannten Konturen, die Meere und Kanle. Menni photographierte den
Planeten und legte unter das Mikroskop eine detaillierte Karte. Doch
vermochte ich von dieser ohne Mennis Erklrungen nichts zu verstehen:
die Flecken der Stdte, Wlder und Seen unterschieden sich voneinander
durch fr mich unmerkliche und unverstndliche Einzelheiten.

Wie gro ist die Entfernung? fragte ich.

Verhltnismig gering; sie betrgt ungefhr hundert Millionen
Kilometer.

Weshalb befindet sich der Mars nicht im Zenith der Kuppel? Fliegen wir
denn nicht geradewegs, sondern seitlich auf ihn zu?

Ja, anders geht es nicht. Indem wir uns von der Erde fortbewegen,
bewahren wir unter anderem durch die Kraft der Trgheit auch die
Geschwindigkeit, mit der die Erde um die Sonne kreist, das heit,
dreiig Kilometer in der Sekunde. Die Geschwindigkeit des Mars jedoch
betrgt vierundzwanzig Kilometer, und flgen wir perpendikular in der
Bahn zwischen Mars und Erde, so wrden wir mit der restlichen
Geschwindigkeit von sechs Kilometern in der Sekunde gegen die Oberflche
des Mars stoen. Dies darf nicht geschehen, wir mssen deshalb den
krummlinigen Pfad whlen, damit die berflssige Geschwindigkeit ins
Gleichgewicht kommt.

Wie lange ist in diesem Fall unser Weg?

Etwa hundertsechzig Millionen Kilometer. Die zur Zurcklegung dieser
Strecke ntige Zeit betrgt im Mindestfall zweieinhalb Monate.

Wre ich nicht Mathematiker gewesen, so htten diese Zahlen meinem
Herzen nichts gesagt. So jedoch erweckten sie in mir ein dem Alpdruck
hnliches Gefhl, und ich beeilte mich, den astronomischen Raum zu
verlassen. Die sechs Seitenabteilungen des obersten Abschnitts umgaben
ringfrmig das Observatorium; sie hatten keine Fenster, und ihre Decke,
die ein Teil der Oberflche der Kugel war, neigte sich fast zum Fuboden
hinab. An der Decke waren groe Reservoire fr die Minus-Materie
angebracht, deren Repulsion alles auf dem Aetheroneff zu paralysieren
vermochte.

Die mittleren Stockwerke, das dritte und vierte, umfaten Sle,
Laboratorien fr die einzelnen Mitglieder der Expedition, Kajten,
Baderume, die Bibliothek, den Turnsaal usw.

Nettis Kajte befand sich neben der meinen.


                              Die Menschen

Immer merklicher empfand ich den Verlust der Schwere. Das sich
steigernde Gefhl der Leichtigkeit hrte auf, angenehm zu sein. Es
vermischte sich mit einem Element des Mitrauens, irgendeiner unklaren
Unruhe. Ich begab mich in meine Kammer und legte mich auf die Pritsche.

Zwei Stunden des ruhigen Liegens und angestrengten Nachdenkens lieen
mich unmerklich in Schlaf versinken. Als ich erwachte, sa Netti vor dem
Tisch. Mit einer unwillkrlichen heftigen Bewegung erhob ich mich vom
Lager, wurde gleichsam hochgeschleudert und prallte mit dem Kopf gegen
die Decke.

Wenn man weniger als zwanzig Pfund wiegt, mu man vorsichtiger sein,
bemerkte Netti in gutmtig philosophischem Ton.

Er hatte mich aufgesucht, um mir die ntigen Anweisungen zu geben, fr
den Fall, da ich seekrank wrde. Tatschlich fhlte ich bereits die
durch den Verlust der Schwere erzeugten ersten Symptome. Von meiner
Kajte ging eine elektrische Schelle in die seine, so da ich ihn immer
zu rufen vermochte, falls ich seines Beistandes bedurfte.

Ich bentzte die Gelegenheit, um mit dem jungen Arzt zu plaudern; dieser
sympathische, gelehrte und dennoch so frhliche junge Bursche zog mich
an. Ich fragte ihn, wie es komme, da auer Menni von allen sich auf dem
Schiff befindlichen Marsbewohnern nur noch er meine Muttersprache knne.

Dies ist ganz einfach, erklrte er. Als wir _Menschen suchten_,
whlte Menni fr sich und mich Ihr Vaterland, und wir verbrachten
daselbst mehr als ein Jahr, bis es uns endlich gelang, mit Ihnen die
Angelegenheit zu erledigen.

Die andern suchten Menschen in anderen Lndern?

Selbstverstndlich; bei allen greren Vlkern der Erde. Aber, es fiel,
wie Menni vorausgesehen hatte, in Ihrem Lande am leichtesten, jemanden
zu finden, denn bei Ihnen ist das Leben entschlossener und glhender,
die Menschen sind mehr als in anderen Lndern gezwungen, vorwrts zu
blicken. Nachdem wir einen Menschen gefunden hatten, benachrichtigten
wir die brigen; sie kamen aus allen Lndern herbei, und wir traten die
Fahrt an.

Was verstehen Sie, persnlich, unter den Ausdrcken >einen Menschen
suchen< und >einen Menschen finden<? Ich begreife, da es sich hier
darum handelte, ein Subjekt zu finden, das der vorgeschriebenen Rolle
entsprach, -- darber hat mich Menni aufgeklrt. Es schmeichelt mir, da
gerade ich gewhlt wurde, doch mchte ich wissen, welchen Ursachen ich
dies verdanke.

In groen Umrissen vermag ich es Ihnen mitzuteilen. Wir brauchten einen
Menschen, dessen Natur uerst gesund, aber auch schmiegsam und
anpassungsfhig ist, der fr die verschiedenartigsten Arbeiten
Fhigkeiten besitzt, durch mglichst wenig persnliche Bande an die Erde
geknpft und so wenig wie mglich individualistisch veranlagt ist.
Unsere Physiologen und Psychologen legten dar, da der Uebergang aus den
Lebensbedingungen Ihrer Gesellschaft zu den Lebensbedingungen der
unseren, die sozialistisch organisiert ist, fr den einzelnen Menschen
uerst schwer sei und eine besonders gnstige Anpassungsfhigkeit
erfordere. Menni entdeckte, da Sie diese Ansprche besser erfllten,
als andere.

Und Mennis Ansicht war fr Sie alle magebend?

Ja, wir haben vlliges Vertrauen in sein Urteil. Er ist ein Mensch von
hervorragenden Krften und klarem Verstand, der sich uerst selten
irrt. Auch besitzt er mehr Erfahrungen und eine engere Verbindung mit
den Erdenmenschen, als irgendeiner von uns; er hat als erster diese
Verbindungen angeknpft.

Wer erffnete die Verbindung zwischen den Planeten?

Dies war nicht das Werk eines Einzelnen, sondern vieler. Die
Minus-Materie wurde schon vor etlichen zehn Jahren entdeckt. Doch
vermochten wir sie anfangs blo in geringer Menge herzustellen,
bedurften hierzu der Kraft uerst vieler Fabrikskollegen, um die Mittel
zu finden, durch die sie in greren Mengen gewonnen werden konnte.
Dann galt es, die Technik der Gewinnung und Entwicklung der
radiumausstrahlenden Stoffe zu vervollkommnen, um den Motor des
Aetheroneff herstellen zu knnen. Dies nahm ebenfalls viele Krfte in
Anspruch. Auch die klimatischen Verhltnisse zwischen den Planeten
verursachten groe Schwierigkeiten: die furchtbare Klte, sowie die
brennende Sonnenhitze, die Unmglichkeit, die umhllende Luft zu
temperieren. Desgleichen war die Berechnung des Weges sehr schwer; es
unterliefen dabei Fehler, die man nicht hatte voraussehen knnen. Mit
einem Wort: die frheren Expeditionen nach der Erde endeten mit dem Tod
aller Teilnehmer, bis es endlich Menni gelang, die erste erfolgreiche
Expedition zu organisieren. Jetzt jedoch gelang es uns unlngst, dank
seiner Methode, auch die Venus zu erreichen.

Wenn dem so ist, dann ist Menni wahrlich ein groer Mensch, sprach
ich.

Wenn es Ihnen beliebt, einen Menschen, der tatschlich viele und gute
Arbeit geleistet hat, so zu nennen.

Nicht dies wollte ich sagen: viele und gute Arbeit vermgen auch
vollkommen gewhnliche Leute zu leisten, genaue, pflichttreue Menschen.
Menni jedoch ist offensichtlich etwas ganz anderes: er ist ein Genie,
ein schpferischer Mensch, der Neues gibt und die Menschheit vorwrts
bringt.

Was Sie da sagen, ist unklar und unrichtig. Jeder Arbeiter ist ein
schpferischer Mensch, aber in jedem Arbeiter schaffen die ganze
Menschheit und die Natur. Besa denn Menni nicht alle Versuche
vorhergegangener Geschlechter, und auch die seiner Zeitgenossen,
bentzte er nicht bei jedem Schritt seiner Arbeit diese Versuche? Gab
ihm die Natur nicht alle Elemente, alle von ihr hervorgebrachten
Kombinationen? Hat nicht gerade der Kampf des Menschen gegen die Natur
den lebendigen Ansto zu neuen Kombinationen gegeben? Der Mensch ist
persnlich, -- aber sein Werk ist unpersnlich. Der Mensch stirbt frher
oder spter, -- das Werk jedoch bleibt im unermelich sich entwickelnden
Leben bestehen. Hierin gleichen sich alle Arbeiter, der Unterschied
besteht nur darin, was von ihrem Schaffen sie berlebt, was im Leben
weiterbesteht.

Ja, aber zum Beispiel: der Name eines Menschen wie Menni stirbt nicht
zusammen mit ihm, sondern lebt weiter in der Erinnerung der Menschheit,
whrend unzhlige andere Namen vllig verschwinden.

Der Name eines jeden wird so lange vor dem Vergessen bewahrt, wie jene
leben, die zusammen mit ihm lebten und ihn kannten. Die Menschheit
bedarf keineswegs der toten Symbole der Persnlichkeit, wenn diese nicht
mehr ist. Unsere Wissenschaft und unsere Kunst bewahrt auf unpersnliche
Art das, was von der allgemeinen Arbeit geschaffen wurde. Der Ballast
vergangener Namen ist nutzlos fr das Gedchtnis der Menschheit.

Sie haben recht, aber das Gefhl unserer Welt lehnt sich gegen diese
Logik auf. Fr uns sind die Namen der Meister des Gedankens und der
Werke lebendige Symbole, ohne die weder unsere Wissenschaft, noch unsere
Kunst, noch unser ganzes gesellschaftliches Leben zu bestehen
vermchten. Im Kampf der Gewalt gegen die Ideen bedeutet der auf den
Fahnen stehende Name hufig mehr, als die gegebene Losung. Und der Name
des Genies ist wahrlich kein Ballast fr unser Gedchtnis.

Dies kommt daher, weil fr Euch das einzige Werk der Menschheit noch
nicht das einzige Werk ist; in den durch den Kampf der Menschen
hervorgebrachten Illusionen wird das Werk scheinbar zerstckelt,
erscheint Euch als Werk einzelner Menschen und nicht der Menschheit.
Auch mir fiel es schwer, mich an Euere Auffassung zu gewhnen, als ich
nach Ihnen suchte.

Nun, mge dies gut oder schlecht sein, bei Ihnen gibt es also keine
Unsterblichen. Aber die Sterblichen hier sind wohl alle auserlesen von
jenen, die >viele und gute Arbeit leisten<, nicht wahr?

Im allgemeinen: ja. Menni whlte die Genossen aus vielen Tausenden
heraus, die den Wunsch hegten, mit ihm zu gehen.

Der grbste und krftigste von allen drfte wohl Sterni sein?

Ja, wenn Sie hartnckig darauf bestehen wollen, die Leute zu messen und
zu vergleichen. Sterni ist ein hervorragender Gelehrter, wenngleich von
ganz anderer Art, als Menni. Er ist Mathematiker. Er war es auch, der
eine ganze Anzahl jener Berechnungsfehler entdeckte, denen zufolge alle
vorherigen Expeditionen nach der Erde miglckten, er bewies, da selbst
wenige dieser Fehler gengten, um den Untergang der Menschen und des
Werkes herbeizufhren. Er fand neue Berechnungsmethoden, und von dieser
Zeit an sind die Berechnungen fehlerlos.

So stellte ich ihn mir nach Mennis Worten und meinem ersten Eindruck
vor. Trotzdem, es ist mir selbst unbegreiflich, erweckt sein Anblick in
mir ein unbehagliches Gefhl, eine unbegrndete Unruhe, eine Art
sinnlose Antipathie. Knnen Sie mir, Doktor, dafr eine Erklrung
geben?

Sehen Sie, Sterni hat einen starken, aber kalten, vor allem:
analysierenden Verstand. Er zergliedert alles auf unerbittliche,
folgerichtige Art, seine Schlsse jedoch sind oft einseitig, bisweilen
auerordentlich streng, denn die Analyse der einzelnen Teile ergibt
nicht das Ganze, sondern weniger als das Ganze. Sie wissen, da berall,
wo Leben besteht, das Ganze grer ist, als seine einzelnen Teile, und
so ist denn auch der lebendige menschliche Krper grer, als dessen
einzelne Glieder. Die Folge dieser Charaktereigenschaften ist, da
Sterni sich weit weniger als andere in die Stimmung und die Gedanken
anderer Leute zu versetzen vermag. Er wird Ihnen stets gerne bei jenen
Dingen behilflich sein, die Sie ihm selbst klar machen, niemals aber
wird er erraten, was Sie brauchen. Dies hngt natrlich auch damit
zusammen, da seine Aufmerksamkeit fast immer vllig von der Arbeit in
Anspruch genommen wird, sein Kopf stets von irgend einer schweren
Aufgabe erfllt ist. Darin unterscheidet er sich von Menni in hohem
Mae: dieser sieht immer alles ringsum, und mehr als einmal erklrte er
mir, wonach ich selbst verlangte, was mich beunruhigte, was mein
Verstand oder mein Gefhl suchte.

Wenn die Dinge so stehen, so mu Sterni uns widerspruchsvollen,
fehlerhaften Erdenmenschen gegenber doch Feindseligkeit empfinden?

Feindseligkeit! Nein, dieses Gefhl ist ihm fremd. Aber ich glaube:
starken Skeptizismus. Er verbrachte ein halbes Jahr in Frankreich und
telegraphierte an Menni: >Hier hat es keinen Sinn, zu suchen.<
Vielleicht hatte er zum Teil recht, denn auch Letta, der mit ihm war,
fand keinen entsprechenden Menschen. Aber seine Charakteristik der Leute
jenes Landes war bei weitem strenger, als jene Lettas, und
selbstverstndlich auch viel einseitiger, wenngleich sie nichts
tatschlich Unwahres enthielt.

Wer ist dieser Letta, von dem Sie sprechen? Ich entsinne mich seiner
nicht.

Ein Chemiker, Mennis Gehilfe; er gehrt nicht zu den Jngsten, ist auf
unserem Aetheroneff der lteste. Mit ihm werden Sie sich leicht
verstndigen knnen, und dies wird fr Sie sehr ntzlich sein. Er
besitzt einen weichen Charakter und viel Verstndnis fr eine fremde
Seele, obgleich er nicht, wie Menni, Psychologe ist. Suchen Sie ihn im
Laboratorium auf; er wird sich darber freuen und Ihnen allerlei
Interessantes zeigen.

In diesem Augenblick fiel mir ein, da wir uns von der Erde schon weit
entfernt hatten, und es verlangte mich, sie zu betrachten. Wir begaben
uns zusammen in einen der mit groen Fenstern versehenen Seitensle.

Werden wir uns nicht dem Mond nhern?, erkundigte ich mich im Gehen.

Nein, der Mond bleibt weit abseits liegen, und dies ist recht schade.
Auch ich she den Mond gerne aus der Nhe. Von der Erde aus erschien er
mir so seltsam. Gro, kalt, langsam, rtselhaft ruhig, gleicht er nicht
im geringsten unseren zwei kleinen Monden, die so eilig am Himmel
dahinrennen, und ihre Gesichtchen so rasch verndern wie lebhafte
launische Kinder. Auch Euere Sonne ist bei weitem leuchtender, darin
seid Ihr glcklicher als wir. Euere Welt ist doppelt so hell als unsere,
deshalb bedrft Ihr auch nicht derartiger Augen, wie wir, braucht nicht
die groen Pupillen, um das schwache Licht unserer Tage und unserer
Nchte aufzufangen.

Wir setzten uns ans Fenster. In der Ferne glnzte die Erde wie eine
ungeheuere Sichel, auf der blo die Umrisse Westamerikas und des
nordstlichen Asiens als dunkle Flecke erkennbar waren; auch ein Teil
des Stillen Ozeans war sichtbar, und ein heller Fleck: das Nrdliche
Eismeer. Der Atlantische Ozean und die alte Welt versanken in Nacht,
konnten am verschwommenen Rand der Sichel blo erraten werden, denn der
unsichtbare Teil der Erde verbarg die Sterne im ungeheuren Raum. Unsere
schiefe Bahn, sowie die Drehung der Erde um ihre Achse, verursachten
dieses vernderte Bild.

Ich blickte hinab, und mir wurde schwer ums Herz, weil ich nicht mehr
meine Heimat sah, wo so viel Leben, Kampf und Leiden herrschen, wo ich
noch gestern in den Reihen der Genossen stand, und wo heute ein anderer
meine Stelle einnimmt. Zweifel schlichen sich in meine Seele.

Dort unten fliet Blut, sprach ich. Hier jedoch ist aus dem gestrigen
Arbeiter ein beschaulicher Betrachter geworden.

Das Blut fliet um einer besseren Zukunft willen, entgegnete Netti.
Und dieser Kampf fordert das _Kennen_ einer besseren Zukunft. Um diese
Kenntnisse zu erwerben, sind Sie hier.

Von unwillkrlicher Bewegung erfat, griff ich nach seiner kleinen, fast
kindlichen Hand.


                             Die Annherung

Die Erde entfernte sich immer mehr und verwandelte sich, gleichsam als
zrnte sie ob dieser Trennung, in eine Mondsichel, die die winzige
Sichel des wirklichen Mondes begleitete. Parallel damit waren wir, die
Bewohner des Aetheroneff, gleich phantastischen Akrobaten, die ohne
Flgel zu fliegen und nach Belieben im Raum jede Stellung einzunehmen
vermgen, mit dem Kopf bald auf dem Fuboden, bald auf der Decke, bald
auf den Wnden stehen ... darin fast keinen Unterschied sehen ...
Allmhlich nherte ich mich meinen neuen Gefhrten und begann mich unter
ihnen heimisch zu fhlen.

Schon am Tag nach unserer Abfahrt (wir hielten an dieser Zeitberechnung
fest, obgleich es fr uns natrlich weder wirkliche Tage, noch Nchte
gab) legte ich, dem eigenen Wunsch zufolge, die Kleidung der
Marsbewohner an, um weniger von den brigen abzustechen. Freilich gefiel
mir diese Kleidung auch an und fr sich: sie war einfach, bequem, ohne
nutzlose Einzelheiten wie Kragen und Manschetten, gestattete die
grtmglichste Freiheit der Bewegung. Die einzelnen Teile des Gewandes
wurden durch Klammern verbunden, so da das ganze Gewand zwar
einheitlich, aber dennoch leicht an- und auszuziehen war; so vermochte
man zum Beispiel den einen, oder beide Aermel, oder aber die ganze Bluse
abzulegen. Und die Manieren meiner Mitreisenden glichen ihrem Gewand:
sie waren einfach, ermangelten alles Ueberflssigen, jeder
Konventionalitt. Sie begrten einander nicht, verabschiedeten sich
nicht, dankten nicht, verlngerten nicht aus Hflichkeit ein Gesprch,
wenn der Zweck desselben erreicht war. Zur gleichen Zeit jedoch gaben
sie voller Geduld jedem die erwnschten Erklrungen, paten sich genau
der geistigen Einstellung des Fragenden an, nahmen Rcksicht auf dessen
Psychologie, wenngleich diese auch nicht im geringsten der ihren glich.

Selbstverstndlich ging ich gleich am ersten Tag an das Erlernen ihrer
Sprache, und sie waren alle gerne bereit, mir als Lehrer zu dienen, vor
allem aber Netti. Die Sprache war uerst originell, und trotz der
einfachen Grammatik und Regeln eigneten ihr Einzelheiten, an die ich
mich schwer anzupassen vermochte. Die Regeln hatten keine Ausnahmen, es
gab auch keine Unterschiede, kein mnnliches, weibliches oder schliches
Geschlecht. Hingegen besaen die Namen der Gegenstnde und die
Eigennamen eine Biegung, die sich auf das Zeitliche bezog. Dies wollte
mir nicht recht in den Kopf.

Was fr einen Sinn haben diese Formen? fragte ich Netti.

Begreifen Sie es denn nicht? Wenn Sie in Ihrer Sprache einen Gegenstand
benennen, so achten sie sorgsam darauf, ob er mnnlich oder weiblich
ist, was bei leblosen Gegenstnden uerst unwichtig, bei lebendigen
aber sehr merkwrdig erscheint. Es ist bei weitem wichtiger, zwischen
jenen Gegenstnden zu unterscheiden, die jetzt bestehen, und jenen, die
waren oder erst sein werden. Bei Euch ist das Haus schlich, der Kahn
mnnlich, bei den Franzosen ist das Haus weiblichen Geschlechtes, das
Ding an sich aber bleibt dasselbe. Wenn Ihr aber von einem Haus redet,
das bereits abgebrannt oder das noch nicht erbaut ist, so verwendet Ihr
das gleiche Wort und die gleiche Form, wie wenn Ihr von dem Hause
sprecht, in dem Ihr lebt. Gibt es denn in der Natur einen greren
Unterschied als den zwischen einem lebenden und einem toten Menschen,
zwischen dem, was ist, und dem, was nicht ist? Ihr braucht ganze Worte
und Stze, um diesen Unterschied auszudrcken -- ist es nicht weit
besser, dies durch das Hinzufgen eines Buchstabens zu tun?

Netti war mit meinem Gedchtnis zufrieden; seine Lehrmethode schien
uerst gut, und ich kam rasch vorwrts. Dies half mir bei der
Annherung an meine Reisegefhrten, ich begann der Reise auf dem
Aetheroneff mit groem Vertrauen entgegenzusehen, begab mich in Kajten
und Laboratorien, befragte die Marsbewohner ber alles, was mich
beschftigte.

Der junge Astronom Enno, Sternis Gehilfe, ein lebhafter, heiterer
Mensch, dem Wuchs nach fast noch ein Knabe, zeigte mir eine Menge
interessanter Dinge, nicht blo Berechnungen und Formeln -- auf diesem
Gebiet war er Meister -- sondern auch die Schnheit dieser
Beobachtungen. Mir war in der Gesellschaft des jungen Astronom-Dichters
wohl zumute; der Trieb, mich ber unsere Lage in der Natur genau zu
orientieren, lenkte meine Schritte immer von neuem zu Enno und seinem
Teleskop.

Einmal zeigte mir Enno durch das strkste Vergrerungsglas den winzigen
Planeten Eros; ein Teil seiner Bahn lag zwischen Erde und Mars, der
andere befand sich weiter als der Mars, im Gebiet der Asteroiden. Damals
befand sich der Eros auf hundertfnfzig Millionen Kilometer von uns
entfernt, aber die Photographie seiner kleinen Scheibe zeigte im
mikroskopischen Mastab die ganze Landkarte, die der des Mondes glich.
Selbstverstndlich war auch der Eros ein toter Stern, gleich dem Monde.

Ein anderes Mal photographierte Enno einen Schwarm Meteore, die etliche
hundert Millionen Kilometer von uns entfernt waren. Auf diesem Bild
waren natrlich nur verschwommene Nebel zu sehen. Bei dieser Gelegenheit
erzhlte mir Enno, da eine der frheren Expeditionen zur gleichen Zeit
zugrunde ging, als ein derartiger Schwarm Meteore niederscho. Die
Astronomen, die mit groen Teleskopen die Fahrt des Aetheroneff
beobachteten, sahen, wie pltzlich das elektrische Licht erlosch -- der
Aetheroneff verschwand auf ewig im Raum.

Wahrscheinlich war der Aetheroneff mit einigen dieser winzigen Krper
zusammengestoen; bei der ungeheuerlichen Geschwindigkeit mochten diese
die Wnde durchbohrt haben. Die Luft drang in den Raum und die Klte der
zwischen den Planeten befindlichen Sphre lie die bereits toten Krper
der Reisenden gefrieren. Nun fliegt der Aetheroneff dahin, folgt der
Bahn der Kometen, entfernt sich auf immer von der Sonne. Niemand wei,
wo der Weg dieses schauerlichen, von Leichen bemannten Schiffes enden
wird.

Bei diesen Worten schien eine eisige Leere in mein Herz zu dringen. Ich
stellte mir lebhaft vor, wie unser winziges leuchtendes Schifflein im
unendlichen toten Ozean des Raumes schwebt. Ohne Sttzpunkt in der
schwindelerregend schnellen Bewegung, und ringsum die schwarze Leere ...
Enno erriet meine Stimmung.

Menni ist ein vortrefflicher Steuermann ..., sagte er. Und Sterni
irrt sich nicht ... Und der Tod ... Sie haben ihm sicherlich schon oft
im Leben ins Auge geblickt ... Was uns droht ... ist der Tod, weiter
nichts.

Gar bald kam die Stunde, da wir im Kampf mit einem schweren Kummer
gezwungen wurden, an diese Worte zu denken.

Der Chemiker Letta zog mich nicht nur durch seine sanfte Natur an, von
der mir Netti bereits gesprochen hatte, sondern auch durch sein groes
Wissen und sein Interesse fr eine von mir viel studierte Frage: die
Struktur der Materie. Auer ihm war in dieser Frage nur noch Menni
kompetent, doch wandte ich mich so wenig wie mglich an Menni,
verstehend, da dessen Zeit uerst wertvoll sei, sowohl im Interesse
der Wissenschaft, als auch in dem der Expedition, und da ich nicht das
Recht habe, sie fr mich in Anspruch zu nehmen. Der gutmtige alte Letta
hingegen lie sich mit derart unerschpflicher Geduld zu meiner
Unwissenheit herab, erklrte mir mit solcher Bereitwilligkeit, ja sogar
mit offensichtlicher Freude das Alphabet dieser Wissenschaft, da ich
niemals das Gefhl hatte, ihn zu belstigen.

Letta hielt mir einen ganzen Kurs ber die Struktur der Materie,
illustrierte diesen durch verschiedene Experimente der Zerlegung der
Elemente und durch deren Synthese. Viele dieser Experimente hatte er
anscheinend allein ausfhren und sich darauf beschrnken mssen, blo
Schlagworte niederzuschreiben, insbesondere bei jenen, die einen
strmischen Verlauf nehmen; diese Elemente zersetzten sich in der Form
einer Explosion, oder die Zersetzung konnte zumindest unter gegebenen
Bedingungen diese Form annehmen.

Einmal betrat whrend einer mir erteilten Lektion Menni das
Laboratorium. Letta beendete eben die Niederschrift eines uerst
interessanten Experimentes und schickte sich an, dasselbe anzustellen.

Seien Sie vorsichtig, sprach Menni. Ich entsinne mich, da dieses
Experiment eines Tages fr mich schlecht ausfiel; es gengt die kleinste
Menge nebenschlicher Ingredienzien in der von Ihnen zu zerlegenden
Materie, um bei der Erhitzung selbst durch den schwchsten elektrischen
Strom eine Explosion herbeizufhren.

Schon wollte Letta das geplante Experiment aufgeben, aber Menni, der mir
gegenber unvernderlich aufmerksam und liebenswrdig war, schlug vor,
bei der genauen Vorbereitung fr das Experiment zu helfen; das
Experiment wurde ohne Unfall beendet.

Am folgenden Tag stellten wir mit dem gleichen Stoff neue Experimente
an. Mir schien es, als entnhme Letta die Materie nicht demselben Glas
wie am vorhergehenden Tag. Als er bereits die Retorte in das elektrische
Bad stellte, dachte ich daran, ihn darber zu befragen. Gelassen schritt
er an den die Reagenten enthaltenden Schrank, stellte das Bad mit der
Retorte auf das an der Wand stehende Tischchen; an die glserne
Auenwand des Aetheroneff. Ich folgte ihm.

Jhlings erfolgte ein ohrenbetubender Knall, und wir wurden beide mit
ungeheurer Kraft gegen die Schranktr geschleudert. Ein furchtbar lauter
Pfiff, entsetzlicher Lrm und metallisches Klirren. Ich fhlte, da eine
orkanartige, unbezwingliche Kraft mich nach rckwrts, an die Auenwand
ri. Schier mechanisch gelang es mir, nach dem starken Riemen zu
greifen, der horizontal befestigt am Schrank hing. In dieser Lage
vermochte ich dem gewaltigen Luftstrom standzuhalten. Letta war meinem
Beispiel gefolgt.

Halten Sie sich fest, schrie er mir zu; ich vermochte im Drhnen des
Orkans kaum seine Stimme zu vernehmen. Eine scharfe Klte durchdrang
meinen Krper.

Letta blickte sich rasch um. Seine Zge waren erschreckend in ihrer
Blsse, doch verwandelte sich pltzlich der Ausdruck des Entsetzens in
den klarer Vernunft und festen Entschlusses. Er sprach blo zwei Worte,
-- ich vermochte sie nicht zu hren, erriet aber, da sie ein Abschied
auf ewig waren. Dann lie er den Riemen los.

Ein dumpfer Schlag, und das Drhnen des Orkans verebbte. Ich fhlte, da
ich nun den Riemen loslassen und um mich blicken knne. Vom Tischchen
war nichts mehr zu sehen, an der Wand jedoch, dicht mit dem Rcken an
sie gepret, stand unbeweglich Letta. Seine Augen waren geweitet, das
ganze Gesicht schien gleichsam erstarrt. Ich vernahm an der Tr ein
Gerusch und ffnete sie. Ein starker warmer Wind stie mich zurck.
Eine Sekunde nachher betrat Menni das Zimmer. Er eilte zu Letta hin.

Wenige Augenblicke spter war der Raum voller Menschen. Netti stie alle
zur Seite, strzte zu Letta. Die brigen umringten uns in bewegtem
Schweigen.

Letta ist tot, klang Mennis Stimme auf. Die bei dem chemischen
Experiment erfolgte Explosion zerschmetterte die Wand des Aetheroneff,
und Letta verstopfte mit seinem Leib die Bresche. Der Luftdruck zerri
seine Lungen und lhmte sein Herz. Der Tod war ein augenblicklicher.
Letta rettete unseren Gast, htte er anders gehandelt, sie htten beide
unweigerlich den Tod gefunden.

Netti brach in heftiges Schluchzen aus.


                              Vergangenes

Die ersten Tage nach der Katastrophe blieb Netti in seinem Zimmer, und
ich las in Sternis Augen einen fast mignstigen Ausdruck. Zweifellos
ergab sich aus Lettas Tod eine Lehre, und Sternis mathematisch
eingestelltes Gehirn konnte nicht umhin, einen Vergleich zwischen dem
hohen Wert jenes Lebens zu ziehen, das geopfert, und jenes das bewahrt
worden war. Menni blieb, wie immer, unverndert freundlich und gelassen,
brachte mir sogar noch mehr Aufmerksamkeit und Frsorge entgegen; seinem
Beispiel folgten auch Enno und die brigen.

Ich lernte eifrig die Sprache der Marsbewohner; bei der ersten gnstigen
Gelegenheit wandte ich mich an Menni und bat ihn, mir irgendein Buch zu
geben, das die Geschichte ihrer Menschheit behandle. Menni fand diesen
Gedanken vortrefflich und brachte mir ein Werk, das die Marskinder in
die allgemeine Weltgeschichte einfhrte.

Ich begann mit Nettis Hilfe dieses Buch zu lesen und zu bersetzen. Der
Geschmack, mit dem der unbekannte Verfasser die auf den ersten Blick
abstrakt, allgemein und schematisch wirkenden Dinge zu beleben, zu
konkretisieren und zu illustrieren verstanden hatte, versetzte mich in
Erstaunen. Dieser Geschmack gestattete ihm, ein geometrisch aufgebautes
System mit derart folgerichtigen Schlssen fr Kinder zu errtern, wie
dies bei keinem unserer populr schreibenden irdischen Verfasser
gelungen wre.

Der erste Teil des Werkes hatte geradezu einen philosophischen Charakter
und war der Idee des Weltalls als einheitliches Ganzes geweiht, das in
sich alles einschliet und sich alles dienstbar macht. Dieser Teil
erinnerte lebhaft an die Ausfhrungen jener Arbeiter-Denker, die auf
naive und schlichte Art die erste proletarische Naturphilosophie
schufen.

Im folgenden Teil wandte sich die Ausfhrung jener unermelich fernen
Zeit zu, da im Weltall noch keine uns bekannten Formen bestanden hatten,
im gewaltigen Raum das Chaos und die Unbestimmtheit die Herrschaft
gefhrt. Der Verfasser berichtete ber die Abtrennung der ersten
formlosen, unmerklich feinen Materie, die chemisch nicht festzustellen
ist. Diese Abtrennung bewirkte die Entstehung der gigantischen
Sternenwelt, die als Sternnebel erscheint und zu der auch die
Milchstrae mit zwanzig Millionen Sonnen gehrt, unter denen unsere
Sonne eine der kleinsten ist.

Weiterhin war die Rede von der Konzentrierung der Materie und dem
Uebergang zu einer festeren Verbindung, die die Form chemischer Elemente
annahm; zu diesen ersten formlosen Materien gehren auch die gasfrmigen
Sonnennebel, von denen wir mit Hilfe des Teleskops viele Tausend zu
unterscheiden vermgen. Die Geschichte der Entwicklung dieser Nebel, die
Herauskristallisierung der Sonnen und Planeten, ist bei uns nur in der
Kant-Laplaceschen Entstehungstheorie zu finden, aber mit grerer
Bestimmtheit und mehr Einzelheiten.

Sagen Sie mir, Menni, fragte ich, halten Sie es wirklich fr richtig,
den Kindern gleich zu Anfang diese allgemeinen, fast abstrakten Ideen zu
vermitteln, diese farblosen Weltbilder zu zeigen, die der ihnen
naheliegenden konkreten Umgebung so fern sind? Bedeutet dies nicht, das
kindliche Gehirn mit leeren, fast nur wrtlichen Bildern fllen?

Die Sache ist die, erwiderte Menni, da bei uns der Unterricht
niemals mit dem Buch beginnt. Das Kind schpft seine Kenntnisse aus der
lebendigen, von ihm beobachteten Natur, aus der lebendigen Verbindung
mit anderen Menschen. Ehe es nach einem derartigen Buch greift, hat es
bereits allerlei Reisen unternommen, verschiedene Bilder der Natur
betrachtet, es kennt viele Pflanzen- und Tierarten, kennt das Teleskop,
das Mikroskop, die Photographie, den Phonograph, hat von lteren Kindern
und erwachsenen Freunden allerlei Erzhlungen ber Vergangenes und
Fernes gehrt. Das Buch erfllt blo die Aufgabe, all diese Kenntnisse
zu verknpfen und zu strken, zuflliges Wissen zu vervollkommnen und
den knftigen Bildungsweg zu weisen. Vor allem gilt es natrlich, ein
genaues Wissen zu erzielen, das Kind vom Anfang bis zum Ende zu fhren,
auf da es sich nicht in Einzelheiten verliere. Der vollkommene Mensch
mu bereits im Kind geschaffen werden.

All dies erschien mir uerst ungewohnt, doch wollte ich Menni nicht
weiter befragen; ich werde ja unmittelbar die Bekanntschaft der
Marskinder machen, sowie des dort herrschenden Erziehungssystems. Ich
kehrte zu meinem Buch zurck.

Der Gegenstand des folgenden Teils war die geologische Geschichte des
Mars. Diese Ausfhrungen brachten trotz ihrer Krze zahllose Vergleiche
mit der Geschichte der Erde und der Venus. Bei einem bedeutenden
Parallelismus aller drei ergab sich als wichtigster Unterschied, da der
Mars doppelt so alt wie die Erde und viermal so alt wie die Venus war.
Es wurde in Zahlen die Entwicklung der Planeten angegeben, ich entsinne
mich ihrer noch genau, doch will ich sie hier nicht anfhren, um den
irdischen Gelehrten eine Erschtterung zu ersparen, denn diese Zahlen
wren fr sie etwas uerst Unerwartetes.

Dieser Abhandlung folgte die Geschichte des Lebens von seinem Anbeginn.
Es wurden hier geschildert jene ersten Verbindungen, die das Cyanradical
enthielten und die noch keine lebendige Materie waren, obzwar sie viele
ihrer Eigenheiten besaen. Desgleichen wurden hier jene geologischen
Bedingungen geschildert, unter denen sich die chemischen Verbindungen
vollzogen. Die Ursachen wurden erklrt, vermittels derer sich die eine
Materie im Gegensatz zu anderen, die zwar eine strkere aber weniger
schmiegsame Verbindung besaen, bewahrte und anhufte. Schritt fr
Schritt wurde hier die Entwicklung und Differenzierung dieser chemischen
Ahnen jeglichen Lebens verfolgt, bis zur Bildung der ersten wahrhaft
lebendigen Zelle, mit der die Herrschaft der Einzeller anhebt.

Nun folgte das Bild der stufenweisen Entwicklung der lebendigen Wesen,
ihrer allgemeinen Genealogie, vom Einzeller bis zu ihrer hchsten
Entwicklung -- dem Menschen einerseits, sowie andrerseits zu seinen
verschiedenen Abarten. Im Vergleich mit der irdischen
Entwicklungslinie zeigte sich, da auf dem Weg von der ersten Zelle bis
zum Menschen die ersten Glieder der Kette fast gleich waren und auch bei
den folgenden nur ein geringer Unterschied bemerkbar wurde; bei den
mittleren Gliedern jedoch begann der Unterschied bedeutsam zu werden.
Das erschien mir uerst seltsam.

Diese Frage, sagte Netti, ist, so viel ich wei, noch nicht zum
Spezialstudium geworden. Wuten wir doch vor zwanzig Jahren noch nicht,
wie die hchst entwickelten Erdentiere beschaffen seien. Wir waren
uerst erstaunt, als wir sahen, wie sehr sie unserem Typus gleichen.
Anscheinend ist die mgliche Zahl der hchsten, das vollkommenste Leben
ausdrckenden Typen eine geringe, und auf den dem unseren gleichenden
Planeten vermag bei den gleichartigen Bedingungen der Natur dieses
Maximum des Lebens blo eine Form hervorzubringen.

Auerdem, bemerkte Menni, ist der hchste Typus, der sich der
Planeten bemchtigt hat, jener, der am strksten der ganzen Summe der
Lebensbedingungen Ausdruck verleiht, bei den Zwischenstufen hingegen,
die sich nur einem Teil der Bedingungen anzupassen vermgen, bleibt mehr
Raum fr Verschiedenheit.

Ich entsann mich, da mir bereits in meinen Studentenjahren der Gedanke
an die mgliche Zahl der hchsten Typen durch den Kopf gegangen war,
aber freilich aus einer ganz anderen Ursache: bei den Achtflern, den
Kopfflern des Meeres, besitzt die hchstentwickelte Art Augen, die
denen unserer Wirbeltiere seltsam hnlich sind. Und doch ist die
Entwicklung des Auges bei den Kopfflern eine ganz andere, insofern,
als die entsprechenden Gewebe des Sehapparates bei ihnen in
entgegengesetzter Ordnung angebracht sind.

Wie dem auch immer sei, eines stand fest: auf dem anderen Planeten
lebten Menschen, die uns gleichen und es verlangte mich, mit ihrem Leben
und ihrer Geschichte bekannt zu werden.

Was die prhistorische Zeit und die ersten Phasen des menschlichen
Lebens auf dem Mars anbelangte, so bestand zwischen diesen und denen der
Erde eine ungeheure Aehnlichkeit. Die gleichen Stammesverhltnisse
hatten geherrscht, einzelne Stmme hatten bestanden, die untereinander
durch Tauschhandel verbunden gewesen waren. Nachher jedoch zeigte sich
ein Auseinandergehen, nicht in der Richtung der Entwicklung, sondern in
der Schnelligkeit und der Art ihres Charakters.

Der Gang der Geschichte auf dem Mars war irgendwie glatter und
einfacher, als der auf der Erde. Freilich gab es Kriege zwischen den
Stmmen und Vlkern, und es gab auch den Klassenkampf; doch spielten im
historischen Leben die Kriege eine uerst kleine Rolle und wurden
verhltnismig frh aus der Welt geschafft; auch der Klassenkampf war
geringer und weniger scharf, was die rohe Gewalt anbelangte. Dies ging
selbstverstndlich nicht alles aus dem Buch hervor, aber ich vermochte
es dennoch zu erkennen.

Die Sklaverei hatten die Marsbewohner berhaupt nie gekannt; ihre
Feudalzeit war im geringen Mastab militaristisch gewesen,
ihr Kapitalismus befreite sich frhzeitig vom
nationalistisch-imperialistischen Charakter, und es gab nichts, was
unserer zeitgenssischen Armee entsprach.

Die Erklrung fr alle diese Tatsachen mute ich selbst finden. Die
Marsbewohner und selbst Menni begannen erst jetzt die Geschichte der
Erdenmenschheit zu studieren, und es war ihnen noch nicht gelungen, aus
unserer und ihrer Vergangenheit vergleichende Folgerungen zu ziehen.

Ich entsann mich eines frheren Gesprches mit Menni. Als ich mich
anschickte, die von meinen Reisegefhrten bentzte Sprache zu lernen,
interessierte es mich zu erfahren, ob diese von allen Marssprachen die
verbreitetste sei. Menni erklrte mir, sie sei die einzige auf dem Mars
geredete Sprache.

Auch bei uns, fgte Menni hinzu, verstanden die Bewohner der
verschiedenen Lnder einander nicht, aber schon vor langer Zeit, etliche
hundert Jahre vor dem sozialistischen Umsturz, wurden alle Dialekte zu
einer einzigen Sprache verschmolzen. Dies vollzog sich auf freie,
elementare Art -- niemand bemhte sich darum oder schenkte der
Angelegenheit besondere Aufmerksamkeit. Etliche rtliche Sprachgebruche
erhielten sich noch lngere Zeit, doch waren diese allen verstndlich.
Und die Entwicklung der Literatur fegte auch diese hinweg.

Diese Tatsache vermag blo auf eine Art erklrt zu werden, meinte ich.
Offensichtlich ist auf Ihrem Planeten die Verbindung zwischen den
Menschen weit besser, leichter und enger, als bei uns.

Dies stimmt, erwiderte Menni. Auf dem Mars gibt es weder Euere
ungeheuren Ozeane, noch Euere unbersteigbaren Berggipfel. Unsere Meere
sind klein, trennen nirgends die einzelnen Landteile in selbstndige
Kontinente, unsere Berge sind nicht hoch, abgesehen von einigen Gipfeln.
Die ganze Oberflche unseres Planeten ist viermal kleiner, als die der
Erde. Auerdem ist bei uns die Schwerkraft zweieinhalbmal geringer, als
bei Euch; dank der Leichtigkeit unseres Krpers vermgen wir uns auch
ohne besondere Mittel rasch und leicht zu bewegen, wir laufen ohne zu
ermden ebenso schnell wie Ihr zu Pferde weiterkommt. Die Natur hat
zwischen unseren Vlkern weit weniger Mauern und Scheidewnde
aufgerichtet, als bei Euch.

Dies war offensichtlich eine der Hauptursachen, die bei der
Marsmenschheit die scharfe Trennung der Rassen und Nationen verhindert
hatte, sowie das Emporkommen der Kriegerkaste, des Militarismus und des
ganzen Systems des Massenmordens. Wahrscheinlich hatte auch hier der
Kapitalismus mit seinen Widersprchen zur Erschaffung all dieser, der
hheren Kultur angehrenden Eigenheiten gefhrt, doch wurde die
Entwicklung des Kapitalismus von der Nebenerscheinung begleitet, fr die
politische Vereinigung aller Vlker und Nationen neue Bedingungen zu
schaffen. Grund und Boden der Kleinbauern wurden frhzeitig vom
Grogrundbesitz verschlungen, und bald darauf wurde der ganze Grund und
Boden nationalisiert.

Die Ursache hierfr lag in der stetig strker werdenden Trockenheit des
Bodens, gegen welche die Kleinbauern nicht erfolgreich zu kmpfen
vermochten. Die Erde des Planeten verschlang das Wasser und gab es nicht
wieder zurck. Dies war die Fortsetzung jenes elementaren Prozesses,
vermittels dessen die einst auf dem Mars bestehenden Ozeane seichter
geworden und sich in kleine Binnenmeere verwandelt hatten. Ein
derartiger Proze geht auch auf unserer Erde vor sich, doch ist er noch
nicht so weit gediehen; auf dem Mars hingegen, der doppelt so alt ist
wie die Erde, wurde die Lage bereits vor tausend Jahren uerst ernst.
Die Verminderung der Meere fhrte zu einer Verminderung der Wolken und
des Regens, zum Seichterwerden der Flsse und zum Austrocknen der
Quellen. An den meisten Orten mute die knstliche Bewsserung
eingefhrt werden. Wie htten sich unter diesen Bedingungen die
unabhngigen Kleinbauern halten knnen?

In dem einen Fall gingen sie einfach zugrunde und ihr Boden fiel in die
Hnde der benachbarten Grogrundbesitzer, die ber gengend Kapital
verfgten, um die knstliche Bewsserung durchfhren zu knnen. Im
anderen Fall schlossen sich die Bauern zusammen, vereinigten ihre Krfte
fr das gemeinsame Werk. Doch gingen diesen Genossenschaften frher oder
spter die Mittel aus; anfangs dnkte sie dies ein vorbergehendes
Uebel, sie machten bei den groen Kapitalisten die ersten Anleihen.
Trotzdem ging es mit ihnen immer rascher bergab, die Prozente der
Anleihe vergrerten ihre Ausgaben, fhrten unweigerlich zu neuen
Anleihen usw. Die buerlichen Genossenschaften unterlagen der
wirtschaftlichen Macht ihrer Glubiger und gingen zugrunde, rissen ihre
Mitglieder, bisweilen hundert oder tausend Bauern, auf einmal mit sich.

Derart gelangte die urbar gemachte Erde in den Besitz etlicher tausend
groer Bodenkapitalisten; aber der innere Teil des Landes blieb eine
Wste; hierher gelangte kein Wasser, und die einzelnen Kapitalisten
besaen nicht gengend Mittel, um diese Landstriche zu bewssern. Als
die Staatsgewalt, die damals schon vllig demokratisch war, sich
gezwungen sah, diese Sache in die Hand zu nehmen, um das allzu zahlreich
werdende Proletariat zu beschftigen und der sterbenden Bauernschaft zu
Hilfe zu kommen, verfgte selbst sie nicht ber die zum Bau der
gigantischen Kanle ntigen Mittel. Kapitalistische Syndikate wollten
die Sache bernehmen, -- doch war das ganze Volk dagegen, wohl wissend,
das dies eine Strkung der Syndikate und deren Herrschaft bedeuten
wrde. Nach langem Kampf und verzweifeltem Widerstand von seiten der
Bodenkapitalisten wurde eine groe progressive Einkommensteuer auf
landwirtschaftliche Erzeugnisse eingefhrt. Die durch diese Steuer
erzielten Summen wurden zum Fonds der ungeheuren Arbeit: des Baues der
Kanle. Die Macht der Gutsbesitzer war gebrochen, und der Uebergang zur
Nationalisierung von Grund und Boden vollzog sich rasch. Damit
verschwanden auch die letzten Reste der Kleinbauern, da die Regierung im
eigenen Interesse ausschlielich den Grokapitalisten Land berlassen
hatte, so da die landwirtschaftlichen Unternehmungen noch grer
geworden waren als zuvor. Nun wurden die hauptschlichsten Kanle
geschaffen, was zu einer mchtigen wirtschaftlichen Entwicklung fhrte
und die politische Vereinigung der Menschheit nher brachte. Dies
lesend, konnte ich nicht umhin, Menni meine Verwunderung darber
auszudrcken, da Menschenhnde vermocht hatten, solche riesenhaften
Wasserwege zu erbauen, die selbst mit unseren mangelhaften Teleskopen
von der Erde aus gesehen werden konnten.

Sie befinden sich in einem kleinen Irrtum, erwiderte Menni. Zwar sind
diese Kanle tatschlich ungeheuer gro, aber sie mten noch um etliche
zehn Kilometer breiter sein, um von Eueren Astronomen unterschieden
werden zu knnen. Was diese sehen, sind die gewaltigen Waldstreifen, die
wir lngs der Kanle pflanzten, damit eine gleichmige Verdunstung der
Feuchtigkeit erzielt und das allzurasche Austrocknen des Wassers
verhindert werde.

Die Zeit der Kanalbauten brachte einen ungeheueren wirtschaftlichen
Aufschwung; die Industrie blhte und der Klassenkampf ebbte ab. Es gab
eine groe Nachfrage nach Arbeitskrften, die Arbeitslosigkeit
verschwand vllig. Als jedoch das groe Werk beendet war, und zusammen
mit ihm auch die kapitalistische Kolonisierung der wsten Gegenden, kam
es bald zu einer wirtschaftlichen Krise, und die soziale Welt wurde
durchschaut. Die soziale Revolution brach aus. Und abermals spielte sich
alles verhltnismig friedlich ab; die Hauptwaffe der Arbeiter war der
Streik, und nur in seltenen Fllen und an einigen Orten, fast
ausschlielich in lndlichen Bezirken, kam es zu Aufstnden. Schritt fr
Schritt unterlagen die Grundbesitzer dem Unvermeidlichen; selbst als die
Regierungsgewalt schon in den Hnden der Arbeiterpartei lag, versuchten
die Sieger nicht, ihre Sache mit Gewalt zu frdern.

Es gab, nachdem die Produktionsmittel sozialisiert worden waren, keine
Entschdigung im wahren Sinne des Wortes, doch wurden die Kapitalisten
pensioniert. Spter spielten viele von ihnen bei der Organisation
kooperativer Unternehmungen eine groe Rolle. Zuerst fiel es schwer, der
Schwierigkeit bei der Verteilung der Arbeit im Sinne der Arbeiter zu
begegnen. Ungefhr hundert Jahre bestand fr alle, ausgenommen die
pensionierten Kapitalisten, die allgemeine Arbeitspflicht; zuerst der
Sechsstundentag; spter wurde die Arbeitszeit verkrzt. Der Fortschritt
der Technik sowie die genaue Berechnung der freien Arbeit gestatteten,
bei dieser die letzten Ueberreste des alten Systems auszumerzen.

Das ganze Bild war schn und harmonisch, nicht wie bei uns von Blut und
Pulverrauch befleckt; ich empfand unwillkrlich ein Gefhl des Neides
und sprach darber mit Netti, da wir zusammen das Buch lasen.

Ich wei nicht, meinte der Jngling, mir scheint, da Sie unrecht
haben. Es ist wahr, da auf der Erde die Gegenstze weit strker sind,
und da die Natur der Erde weit freigebiger Schlge und Tod verteilt,
als unser Mars. Doch ist dies vielleicht darauf zurckzufhren, da der
Reichtum der Erde von allem Anfang an unvergleichlich grer war, als
der unsere; die bedeutend grere Sonne gibt ihr die lebendige Kraft.
Bedenken Sie, um wie viele Millionen Jahre unser Planet lter ist, als
der Euere; unsere Menschheit jedoch entstand blo einige zehntausend
Jahre vor der Eueren, und ist letzterer heute vielleicht nur um zwei,
hchstens drei Jahrhunderte voraus. Ich stelle mir diese beiden
Menschheiten als zwei Brder vor. Der ltere besitzt einen ruhigen,
gleichmigen Charakter, der Jngere ist strmisch und explosiv. Der
jngere Bruder versteht es schlechter, seine Krfte zu verwerten,
vergeudet sie, begeht mancherlei Fehler; seine Kindheit war voller
Krankheiten und unruhig. Jetzt, da er ins Jnglingsalter kommt, leidet
er unter qualvollen krampfartigen Anfllen. Wird er aber nicht zu einem
schaffenden Knstler werden, der weit grer und strker ist, als der
ltere Bruder, wird er nicht dann unsere alte Natur weit schner und
reicher gestalten? Ich wei es nicht, doch scheint mir, da dem so sein
wird.


                              Die Ankunft

Gefhrt von Mennis klarem Kopf, setzte der Aetheroneff ohne weitere
Unflle den Weg nach dem fernen Ziel fort. Schon war es mir gelungen,
mich den ungewohnten Lebensbedingungen anzupassen und auch mit den
grten Schwierigkeiten der Marssprache fertig zu werden, als Menni uns
eines Tages mitteilte, die Hlfte des Weges sei zurckgelegt, die
hchste Geschwindigkeit erreicht worden, von nun an werde sich diese
vermindern.

Im gleichen Augenblick, da Menni diese Worte sprach, drehte sich rasch
und gleitend der Aetheroneff. Die Erde, die sich schon seit langer Zeit
aus einer groen, leuchtenden Sichel in eine kleine, und aus der kleinen
Sichel in einen grnschimmernden, nahe der Sonnenscheibe schwebenden
Stern verwandelt hatte, glitt nun aus dem unteren Teil des schwarzen
Himmelsgewlbes in die obere Halbkugel, und der rote Stern, der Mars,
der hell ber uns gefunkelt hatte, sank zu unseren Fen nieder.

Noch einige hundert Stunden, und der Mars verwandelte sich in eine
kleine helle Scheibe, und gar bald unterschieden wir auch zwei kleine
Sternchen, seine Weggenossen, -- Deimos und Phobos, unschuldige, winzige
Planeten, die ihre furchtbaren Namen wirklich nicht verdienten. Diese
Namen bedeuten auf griechisch Schrecken und Grauen. Die ernsten
Marsbewohner wurden lebhafter, begaben sich immer hufiger in Ennos
Observatorium, um ihre Heimat zu betrachten. Auch ich tat dies, doch
verstand ich, trotz Ennos geduldigen Erklrungen, gar schlecht, was ich
vor mir sah; freilich gab es da viel, was mir vllig fremd war.

Die roten Flecken erwiesen sich als Wlder und Wiesen, und die dunkleren
als erntebereite Felder. Die Stdte erschienen als bluliche Flecken, --
und einzig und allein Wasser und Schnee hatten eine mir verstndliche
Farbe. Der muntere Enno lie mich bisweilen erraten, was es sei, das ich
auf der Linse des Apparates erblickte, und meine naiven Irrtmer reizten
ihn und Netti zum Lachen; ich rchte mich, indem ich ber ihre Ordnung
scherzte, ihren Planeten das Knigreich der gelehrten Eulen und der
verwirrten Farben nannte.

Der Umfang der roten Scheibe wuchs immer mehr an. Schon bertraf sie an
Gre die merklich kleiner werdende Sonnenscheibe und glich einer
astronomischen Karte ohne Aufschriften. Auch die Schwerkraft begann sich
zu steigern, was mich sehr angenehm berhrte. Deimos und Phobos
verwandelten sich aus leuchtenden Pnktchen in winzige, aber klar
umrissene Scheiben.

Noch fnfzehn bis zwanzig Stunden -- und schon umkreiste uns der Mars
als Planiglob und ich vermochte mit freiem Auge mehr zu sehen, als auf
allen astronomischen Karten unserer Gelehrten vermerkt ist. Die Scheibe
des Deimos glitt ber diese runde Landkarte dahin, Phobos jedoch war
nicht zu sehen, -- befand sich nun auf der anderen Seite des Planeten.

Freude herrschte ringsum, nur ich allein vermochte nicht eine zitternde,
qulende Erwartung zu berwinden.

Nher und nher ... Keiner von uns brachte es ber sich, etwas zu tun,
-- alle blickten unentwegt abwrts, dorthin, wo eine andere Welt
kreiste, -- eine Welt, die fr sie die Heimat, fr mich aber ein Ort des
Geheimnisses und der Rtsel war. Nur Menni befand sich nicht unter uns,
er stand im Maschinenraum: die letzten Wegstunden waren die
allergefhrlichsten, es galt, die Entfernung festzustellen und die
Schnelligkeit zu regulieren.

Wie kam es eigentlich, da ich, ein unfreiwilliger Kolumbus dieser Welt,
weder Freude, noch Stolz, ja nicht einmal Beruhigung fhlte, jetzt, da
wir ans feste Land gelangen sollten?

Knftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus ...

Noch etwa zwei Stunden! Rasch berschritten wir die atmosphrische
Grenze. Mein Herz begann schmerzhaft zu pochen, ich vermochte nichts
mehr zu sehen, eilte in meine Stube. Netti folgte mir.

Er begann mit mir zu plaudern, -- nicht ber die Gegenwart, sondern ber
die Vergangenheit, die ferne Erde, die dort oben lag.

Sie werden noch dorthin zurckkehren, wenn Sie Ihre Aufgabe erfllt
haben, sprach er, und seine Worte klangen mir wie eine zarte
Aufforderung, mich mannhaft zu halten.

Wir redeten ber diese Aufgabe, ber ihre unbedingte Notwendigkeit und
Schwere. Unmerklich verging die Zeit.

Netti blickte auf den Chronometer. Wir sind angekommen, sagte er.
Gehen wir zu ihnen!

Der Aetheroneff stand still, schaukelte die breiten ungeheueren
Metallplatten; von auen drang frische Luft herein. Ueber unseren
Huptern leuchtete klar der grnlich blaue Himmel, -- eine Menschenschar
umdrngte uns.

Menni und Sterni gingen als erste an Land; sie trugen den durchsichtigen
Sarg, in dem der tote Kamerad Letta lag.

Ihnen folgten die anderen. Ich und Netti kamen als letzte; Hand in Hand
verlieen wir den Aetheroneff, schritten hinein in die Menschenmenge,
die vllig Netti glich ...


                              Zweiter Teil


                               Bei Menni

Die erste Zeit lebte ich bei Menni in der Fabrikstadt, deren Mittelpunkt
und Basis das groe chemische, sich tief unter der Erde erstreckende
Laboratorium bildete. Der sich ber der Erde befindende Teil der Stadt,
der, zwischen Parken und Anlagen erbaut, etwa zehn Quadratkilometer
einnahm, beherbergte etwa hundert Arbeiterhuser, die von den
Laboratoriumsarbeitern bewohnt wurden, sowie das groe Versammlungshaus,
das Konsumwarenhaus und die Verbindungsstation, die diese Stadt mit der
ganzen umgrenzenden Welt verband. Hier war Menni der Leiter der Arbeit;
er lebte in einem der Gemeinschaftsgebude, nahe dem Abstieg zum
Laboratorium.

Das erste, was mich bei der Natur des Mars verblffte und woran ich mich
nicht recht gewhnen konnte, war die rote Farbe der Pflanzen. Dieser
Farbstoff, seiner Substanz nach dem Chlorophyll der irdischen Pflanzen
uerst hnlich, spielte auch hier in der Natur eine vllig analoge
Rolle: er schuf das Gewebe der Pflanzen aus dem Sauerstoff der Luft und
der Kraft des Sonnenlichtes.

Der vorsorgliche Netti schlug mir vor, Schutzbrillen zu tragen, um das
Auge vor der ungewohnten Reizung zu bewahren. Ich weigerte mich, dies zu
tun.

Diese Farbe trgt auch unsere sozialistische Fahne, sagte ich. Ich
mu daher mit Ihrer sozialistischen Natur vertraut werden.

Wenn dem so ist, so mssen Sie wissen, warf Menni ein, da auch bei
der Erdflora der Sozialismus besteht, freilich auf eine verborgene Art.
Die Bltter der Erdpflanzen besitzen eine rote Frbung, maskieren diese
blo durch eine starke grne Farbe. Es gengt, Brillen anzulegen, die
das grne Licht verschlingen und das rote Licht abstoen, damit auch
Ihre Wlder und Felder, gleich den unseren, rot erscheinen.

Ich darf nicht Zeit und Platz vergeuden, indem ich die eigenartigen
Formen der Pflanzen und Tiere auf dem Mars beschreibe, noch die reine
und durchsichtige Atmosphre, die zwar uerst dnn, aber dennoch voller
Sauerstoff ist, noch den tiefen, dunklen, grnlichen Himmel, mit der
mageren Sonne und den winzigen Monden, mit dem doppelt so hellen Abend-
und Morgenstern -- der Venus und der Erde. Alldies, damals seltsam und
fremdartig, deucht mich heute, durch die Erinnerung verklrt, schn und
teuer. Aber es stand mit der Aufgabe meiner Sendung nur in losem
Zusammenhang. Die Menschen, die Verhltnisse, in denen sie lebten, dies
war fr mich wichtig, und sie waren selbst in dieser mrchenhaften
Umgebung das Allerphantastischste, das Allerrtselhafteste.

Menni wohnte in einem nicht sonderlich groen zweistckigen Haus, das
sich der Architektur nach nicht von den brigen Gebuden unterschied.
Der originellste Zug dieser Architektur bestand in dem durchsichtigen,
aus riesenhaften himmelblauen Platten gebildeten Dach. Unter diesem Dach
befanden sich die Schlaf- und Wohnzimmer. Die Marsbewohner verbrachten
ihre Muestunden in dieser blauen Beleuchtung, schtzten deren
beruhigenden Einflu, und fanden die Farbe, die jenes Licht auf den
Gesichtern hervorruft, keineswegs unangenehm, wie es bei uns der Fall
gewesen wre.

Die Arbeitszimmer, das Hauslaboratorium, sowie der Verbindungsraum lagen
im unteren Stockwerk; groe Fenster lieen gewaltige Wogen des
beunruhigenden roten Lichtes, das von den Blttern der Parkbume
ausging, in die Rume fluten. Dieses Licht, das in der ersten Zeit bei
mir eine unruhige und verwirrte Stimmung hervorrief, erregte bei den
Marsbewohnern eine gewohnte, der Arbeit gnstige Erregung.

In Mennis Arbeitszimmer befanden sich viele Bcher und die
verschiedensten Schreibgerte, angefangen vom einfachen Bleistift bis
zum Druckphonographen. Dieser Apparat besa einen uerst komplizierten
Mechanismus: jedes deutlich ausgesprochene Wort wurde sofort vermittels
eines Hebels auf der Schreibmaschine wiedergegeben und von dieser, je
nach Bedarf, auf die Setzmaschine gebracht.

Auf Mennis Schreibtisch stand das Portrt eines mittelgroen
Marsbewohners. Die Gesichtszge erinnerten lebhaft an Menni, doch
eignete ihnen ein Ausdruck strenger Energie und kalter Entschlossenheit,
ja fast der Grausamkeit, die Menni fehlte, dessen Gesicht nur einen
ruhigen, festen Willen ausdrckte. Menni erzhlte mir die Geschichte
dieses Mannes.

Er war ein Ahne Mennis, ein groer Ingenieur. Er lebte vor der sozialen
Revolution, zur Zeit der groen Kanalbauten. Dieses grandiose Werk wurde
nach seinen Plnen und unter seiner Leitung ausgefhrt. Sein erster
Gehilfe, der ihm den Ruhm und die Macht neidete, zettelte gegen ihn
Intrigen an. Einer der Hauptkanle, an dem einige hunderttausend
Menschen arbeiteten, mute in einer sumpfigen, ungesunden Gegend
begonnen werden. Viele tausend Arbeiter starben und erkrankten,
allgemeine Unzufriedenheit grte. Zur gleichen Zeit, als der
Oberingenieur mit der Zentralregierung des Mars Besprechungen pflog, um
fr die Familien der bei dem Bau verstorbenen Arbeiter und fr jene, die
durch Krankheit an weiterer Arbeit gehindert wurden, Pensionen
durchzusetzen, agitierte der erste Gehilfe im Geheimen wider ihn, hetzte
zum Streik fr die Forderung, die Arbeit an einen anderen Ort zu
verlegen, was bei dem jetzigen Stand der Arbeit unmglich war, weil
dadurch der ganze Plan des groen Werkes und des Ingenieurs zerstrt
worden wre. Als der Ingenieur dies erfuhr, berief er den ersten
Gehilfen zu sich, verlangte von ihm eine Aufklrung und ttete ihn auf
der Stelle. Vor Gericht verschmhte der Ingenieur jegliche Verteidigung,
beschrnkte sich auf die Erklrung, da er seine Handlung fr vllig
gerecht und notwendig halte. Er wurde zu vielen Jahren Gefngnis
verurteilt.

Doch stellte sich gar bald heraus, da keiner seiner Nachfolger die
Kraft besa, die gigantische Organisation der Arbeit durchzufhren.
Miverstndnisse entstanden, Raub und Betrug, gewaltige Verwirrung; der
ganze Apparat des Werkes war nahe daran zugrunde zu gehen, die Ausgaben
wuchsen in die Hunderte von Millionen, unter den Arbeitern grte heftige
Unzufriedenheit, die bereits fast zu Aufstnden fhrte. Die
Zentralregierung wandte sich in aller Eile an den frheren Ingenieur,
bot ihm Begnadigung und Wiedereinsetzung ins Amt an. Er wies die
Begnadigung zurck, willigte jedoch ein, vom Gefngnis aus die Arbeit zu
leiten.

Durch die Berichte seiner Revisoren wurden die Vorgnge an der
Arbeitsstelle rasch aufgeklrt. Hundert Ingenieure und Unternehmer
wurden fortgejagt und vor Gericht gestellt. Der Arbeitslohn wurde
erhht, ein neues System fr die Lieferung der Nahrung, Kleidung und
Werkzeuge eingefhrt, der Arbeitsplan revidiert und verbessert. Bald war
die Ordnung wieder vllig hergestellt, der gewaltige Apparat arbeitete
rasch und genau, wie ein gehorsames Werkzeug in der Hand des Meisters.

Aber dieser Meister leitete nicht blo das ganze Werk, sondern arbeitete
auch die Plne fr dessen Fortsetzung in den folgenden Jahren aus,
bereitete gleichzeitig auch noch einen Stellvertreter vor, einen jungen,
energischen, begabten, dem Arbeiterstand entstammenden Ingenieur. Da der
Tag nahte, an dem er aus dem Gefngnis entlassen werden sollte, war
alles so gut vorbereitet, da der groe Meister die Mglichkeit hatte,
das Werk, ohne es zu gefhrden, einer anderen Hand zu bergeben. Im
Augenblick, als sich der erste Minister der Zentralregierung dem
Gefngnis nherte, um den Gefangenen freizulassen, ttete dieser sich
selbst.

Whrend Menni mir dies erzhlte, vernderte sich sein Gesicht auf
seltsame Art; es erschien darauf der gleiche unbeugsam strenge Ausdruck,
der seinem Ahnen eignete, und in diesem Augenblick glich er ihm. Ich
fhlte, wie sehr er diesem Ahnen, der hundert Jahre vor seiner, Mennis,
Geburt gestorben war, nahestand und wie gut er ihn begriff.

Das Verbindungsbureau nahm den mittleren Raum des unteren Stockwerkes
ein. Hier befanden sich die Telephone und die optischen Apparate, die
auf jede beliebige Entfernung hin das Bild all dessen wiedergaben, was
sich vor ihrer Linse befand. Einer dieser optischen Apparate verband
Mennis Wohnung mit der Verbindungsstation, und ber diese mit allen
Stdten des Planeten. Ein anderer stellte die Verbindung mit dem
unterirdischen Laboratorium her, das von Menni geleitet wurde. Dieser
letztere arbeitete unaufhrlich: etliche dnne, gitterartige Platten
zeigten verkleinert das Bild eines hellerleuchteten Saals, wo sich
mchtige Metallmaschinen und glserne Apparate befanden, an denen
Tausende von Leuten arbeiteten. Ich wandte mich an Menni mit der Bitte,
mich in das Laboratorium zu fhren.

Dies geht nicht, erwiderte er. Dort wird mit der noch nicht stabilen
Materie gearbeitet, und wie gering auch immer, dank unserer
Vorsichtsmaregeln, die Gefahr einer Explosion oder einer Vergiftung
durch unsichtbare Strahlen ist, so besteht trotzdem noch eine gewisse
Gefahr. Sie drfen sich dieser nicht aussetzen, denn Sie sind hier
einzigartig, und Sie zu ersetzen wre unmglich.

In seinem Privatlaboratorium verwahrte Menni blo jene Apparate und
Materialien, die zu seinen frheren Experimenten und Untersuchungen in
Beziehung standen.

Im Korridor des untersten Stockwerkes war an der Decke ein Luftschiff
befestigt, mit dem man in jedem Augenblick dorthin fliegen konnte, wohin
es einem beliebte.

Wo lebt Netti? fragte ich Menni.

In einer groen Stadt, auf zwei Luftschiffstunden entfernt. Dort
befindet sich eine groe Maschinenfabrik mit etlichen zehntausend
Arbeitern, so da Netti fr seine Untersuchungen weit mehr Material
besitzt, als hier. Wir haben einen anderen Arzt.

Ist mir auch nicht gestattet, die Maschinenfabrik zu besuchen?
erkundigte ich mich.

Nein; dort droht ja keine besondere Gefahr. Wenn es Ihnen recht ist,
werden wir uns morgen zusammen hinbegeben.

Wir beschlossen, dies zu tun.


                             In der Fabrik

Ungefhr fnfhundert Kilometer in zwei Stunden, -- die Schnelligkeit
eines Falkenflugs, die bisher nicht einmal von unseren elektrischen
Eisenbahnen erreicht worden ist ... Unter uns kreiste in raschem Wechsel
die unbekannte, fremdartige Landschaft, und noch rascher flogen
seltsame, mir fremde Vgel an uns vorbei. Das Sonnenlicht warf blaue
Farben auf die Dcher der Huser und frbte mit dem mir gewohnten gelben
Licht die ungeheuere Kuppel eines unbekannten groen Gebudes. Flsse
und Kanle schimmerten als Stahlbnder, mein Auge ruhte auf ihnen, weil
sie denen der Erde glichen. In der Ferne ward eine gewaltige Stadt
sichtbar, umsumt von kleinen Seen und durchschnitten von Kanlen. Das
Luftschiff verlangsamte seine Fahrt und senkte sich gleitend zu einem
kleinen schnen Haus nieder, Nettis Wohnung.

Netti war daheim und begrte uns freudig. Er stieg in unser Luftschiff,
und wir flogen weiter; die Fabrik befand sich noch etliche Kilometer
entfernt, an dieser Seite des Sees.

Fnf riesenhafte Gebude, kreuzfrmig gelegen, vereinigten sich zu einem
einzigen Bau; Kuppeln aus reinem Glas wurden von etlichen zehn dunklen
Sulen getragen, bildeten einen Kreis oder eine verlngerte Ellipse. Die
Glasplatten waren abwechselnd durchsichtig oder matt, bildeten zwischen
den Sulen die Wnde. Wir machten am Mittelbau Halt, vor dem Tor, das
den ganzen Raum zwischen zwei Sulen, zehn Meter breit und zwlf Meter
hoch, einnahm. Die Decke des ersten Stockwerks durchschnitt horizontal
den Mittelraum des Tores; etliche Schienenpaare mndeten beim Tor, zogen
sich durch den ueren Korridor.

Wir glitten zur halben Hhe des Tores, und jhlings strzte sich das
alles verschlingende Gerusch der Maschinen aus dem zweiten Stockwerk
auf uns nieder. Uebrigens war dieses Stockwerk nicht im eigentlichen
Sinne des Wortes ein eigenes, abgetrenntes Stockwerk; es war vielmehr
ein Netz aus Luftbrcken, das ber den gewaltigen, mir unbekannten
Maschinen schwebte. Wenige Meter ber den Maschinen befand sich ein
hnliches Netz, noch hher ein drittes, viertes, fnftes; diese Netze
bestanden aus einem Glasparkett, das von vierkantigen Eisengittern
eingefat war; alle waren durch Fallgatter und Stufen miteinander
verbunden, und jedes Netz war kleiner, als das vorhergehende.

Weder Dunst, noch Ru, noch Gestank, noch Staub. In der reinen, frischen
Luft arbeiteten die Maschinen kraftvoll und gleichmig, das Licht war
nicht schmerzlich grell, doch drang es berall hin. Die Maschinen
schnitten, sgten, hobelten ungeheuere Eisenstcke, Aluminium, Nickel,
Kupfer. Hebel, sthlernen Riesenhnden hnlich, bewegten sich
gleichmig und glatt, groe Plattformen glitten mit sorgfltig
berechneter Genauigkeit hin und her; die Rder und Transmissionsriemen
schienen hingegen unbeweglich. Hier herrschte nicht die rohe Gewalt des
Feuers und Dampfes; die feine und dabei weit mchtigere Kraft der
Elektrizitt war die Seele dieses unheimlichen Mechanismus.

Sogar der Lrm der Maschinen schien, sobald man sich ein wenig daran
gewhnt hatte, schier melodisch, ausgenommen in jenen Augenblicken, da
der gewaltige Hammer niederschlug, und von dem mchtigen Schlag alles
ringsum erbebte.

Hunderte von Arbeitern gingen gelassen durch den Raum; in dem
Meeresrauschen der Maschinen waren ihre Schritte und Stimmen nicht
vernehmbar. Auf ihren Zgen lag keine angespannte Sorge, sondern blo
ruhige Aufmerksamkeit; sie glichen wibegierigen, gelehrsamen
Betrachtern; es interessierte sie nur, zu sehen, wie die ungeheueren
Metallstcke auf den unter der durchsichtigen Kuppel gelegenen
Schienenplattformen in die eiserne Umarmung der dunklen Ungeheuer
strzten, wie die Ungeheuer diese mit ihren starken Kinnbacken
zermalmten, mit den schweren, harten Tatzen festhielten, mit den
scharfen, glnzenden Krallen durchbohrten und schlielich, im grausamen
Spiel innehaltend, sie auf die andere Seite zu den dort befindlichen
elektrischen Eisenbahnwaggons befrderten, als prchtige Maschinenteile,
deren Bestimmung rtselhaft war. Es erschien vllig natrlich, da die
sthlernen Ungeheuer die kleinen grougigen Betrachter nicht anrhrten,
die so vertrauensvoll zwischen ihnen dahinschritten. Diese Tatsache
entsprang der Geringschtzung ihrer Schwche, der Erkenntnis, da diese
kleinen Geschpfe eine allzu unbedeutende Beute seien, unwrdig der
ungeheueren Kraft der Giganten. Unmerkbar und unsichtbar waren jene
Fden, die das zarte Menschenhirn mit dem unzerstrbaren Organ des
Mechanismus verbanden.

Als wir endlich den Bau verlieen, fragte der uns fhrende Techniker, ob
wir sofort die anderen Gebude besichtigen, oder ob wir uns zur Erholung
eine kleine Unterbrechung gnnen wollten? Ich war fr eine
Unterbrechung.

Ich sah nun die Maschinen und die Arbeiter, sprach ich. Die
Organisation der Arbeit jedoch vermag ich mir nicht vorzustellen. Und
gerade darber mchte ich Sie befragen.

Statt einer Antwort fhrte uns der Techniker in einen kubisch gebauten,
zwischen dem Mittel- und einem Eckgebude gelegenen Bau. Aehnlicher
Bauten gab es noch drei, die alle die analoge Lage hatten. Die schwarzen
Mauern waren mit Reihen von glnzend weien Zeichen bedeckt; dies waren
die statistischen Arbeitstabellen. Auf der einen, mit Nummer eins
bezeichneten, stand:

Der Maschinen-Betrieb verfgt ber einen Ueberschu von 968757
tglichen Arbeitsstunden, davon 11325 Arbeitsstunden erfahrener
Spezialisten.

Die Fabrik weist einen Ueberschu von 753 Stunden auf, davon 29 Stunden
erfahrener Spezialisten.

In den folgenden Zweigen herrscht kein Mangel an Arbeitskraft: in der
Landwirtschaft, in den Bergwerken, bei den Erdarbeiten, in den
chemischen Betrieben usw. (Die verschiedenen Arbeitszweige wurden in
alphabetischer Reihenfolge aufgezhlt.)

Auf der Tabelle, die die Nummer zwei trug, war zu lesen:

In den Konfektionsbetrieben ist ein Mangel von 392685 tglichen
Arbeitsstunden, davon 21380 Arbeitsstunden erfahrener Mechaniker fr
Spezialmaschinen und 7852 Arbeitsstunden der Spezialisten fr
Organisation.

Die Schuhfabriken bentigen 79360 Arbeitsstunden, davon ... usw.

Das Institut fr Rechnungswesen bentigt 3078 Arbeitsstunden ...

Der Inhalt der Tabellen Nummer drei und vier war ein hnlicher. Auf den
Listen der Arbeitszweige stand auch die Erziehung von kleinen, sowie von
mittelgroen Kindern, medizinische Hilfe fr die Stadt, oder fr
Landbezirke usw.

Weshalb ist der Ueberschu an Arbeitskraft nur in der Maschinenfabrik
so genau angegeben, der Mangel an Arbeitskrften jedoch berall so
ausfhrlich vermerkt? fragte ich.

Das ist leicht zu erklren, entgegnete Menni. Vermittels dieser
Tabellen wird die Verteilung der Arbeit vorgenommen. Dazu ist ntig, da
ein jeder zu sehen vermge, wo die Arbeitskrfte nicht ausreichen, in
welchem Mae sie fehlen. Dann vermag der Mensch, der fr zwei
Beschftigungen die gleiche oder verhltnismig gleiche Neigung
besitzt, jene der beiden Beschftigungen zu whlen, bei der es an
Arbeitskraft gebricht. Den genauen Ueberschu an Arbeitskraft zu kennen,
ist jedoch nur dort vonnten, wo dieser Ueberschu besteht. Auf diese
Art kann jeder Arbeiter selbst die Berechnung und das Ma des
Ueberschusses feststellen, sowie seine Neigung, die Beschftigung zu
wechseln.

Whrend wir so sprachen, bemerkte ich pltzlich, da auf den Tabellen
einige Zahlen verschwanden und durch andere, neue, ersetzt wurden. Ich
fragte, was dies bedeute.

Die Zahlen ndern sich stndlich, erklrte Menni. Im Verlauf einer
Stunde melden einige tausend Arbeiter ihren Wunsch, zu einer anderen
Arbeit berzugehen. Dies wird vom zentralen statistischen Apparat
vermerkt, und die Mitteilung wird auf elektrischem Wege stndlich
weitergeleitet.

Auf welche Art vermag der zentrale statistische Apparat die Zahlen des
Ueberschusses und des Mangels festzustellen?

Unser Institut fr Rechnungswesen besitzt berall seine Agenturen;
diese verfolgen genau die Bewegung in der Produktion, die Warenmengen
der einzelnen Betriebe, die Zahl der dort schaffenden Arbeiter. Auf
diesem Weg wird genau ersichtlich, wieviel Arbeitsstunden erforderlich
sind. Das Institut berechnet, welcher Unterschied zwischen den
tatschlichen und den erforderlichen Arbeitsstunden in den einzelnen
Betrieben besteht, und gibt dies berall bekannt. Die Flut der
Freiwilligen verteilt sich auf gleichmige Art.

Ist das Anrecht auf Produkte in keiner Weise eingeschrnkt?

Nein; jeder nimmt das, was er braucht, nimmt soviel, wie er will.

Und wird niemals etwas unserem Gelde entsprechendes verlangt? Ein
Beweis fr die Menge der geleisteten Arbeit, oder der Verpflichtung,
diese zu leisten?

Keineswegs. Bei uns ist die Arbeit frei, es herrscht an nichts Mangel.
Der erwachsene soziale Mensch fordert nur eines: Arbeit. Wir brauchen
ihn weder auf verhllte noch auf offene Art zur Arbeit zu zwingen.

Wenn aber die Forderungen durch nichts begrenzt werden, ergibt sich
daraus nicht die Mglichkeit scharfer Schwankungen, die alle
Berechnungen des Instituts ber den Haufen werfen?

Selbstverstndlich nicht. Der einzelne Mensch kann fr einen oder zwei
Menschen essen, ja auch die fr drei Leute bestimmte Menge von
Nahrungsmitteln verzehren, oder aber er kann in zehn Tagen zehn Anzge
tragen; bei einer Gesellschaft von dreitausend Millionen Menschen
hingegen gibt es keine derartigen Schwankungen. Bei so groen Zahlen
bedeuten die Schwankungen nach der einen oder anderen Seite hin nichts,
verteilen sich gleichmig; der Durchschnitt verndert sich uerst
langsam, in strenger, gesetzmiger Kontinuitt.

Dann arbeitet also Ihre Statistik vllig automatisch, ist weiter
nichts, als eine Berechnung?

Das will ich nicht sagen. Es gibt dabei auch groe Schwierigkeiten. Das
Institut fr Rechnungswesen mu scharfsichtig alle neuen Erfindungen
verfolgen, sowie die durch diese im Betrieb hervorgerufenen
Vernderungen, damit es diese richtig einzuschtzen vermag. Erscheint
eine neue Maschine, so fordert dies nicht nur eine Vernderung der
Arbeit in jenen Betrieben, wo sie bentzt wird, sondern auch in den
Maschinenfabriken, und bisweilen in den Betrieben fr Rohmaterial bei
ganz anderen Zweigen. Wird eine Erzgrube erschpft, oder werden neue
mineralische Reichtmer entdeckt, so bedeutet das abermals eine vllige
Vernderung der Arbeit in einer ganzen Reihe von Betrieben, -- in den
Bergwerken, dem Bau der Eisenbahnstrecken usw. All dies mu von allem
Anfang an berechnet werden, wenn auch nicht ganz genau, so doch
annhernd, und das ist keineswegs leicht, solange nicht die Daten von
Augenzeugen erbracht werden knnen.

Bei derartigen Schwierigkeiten, bemerkte ich, ist es offensichtlich
ntig, stets ber einen Vorrat an berschssigen Arbeitskrften zu
verfgen?

Ja, gerade dies ist der Sttzpunkt unseres Systems. Vor zweihundert
Jahren, als die kollektive Arbeit nur gerade gengte, um die Forderungen
der Gesellschaft zu befriedigen, war eine vllige Genauigkeit der
Berechnung unentbehrlich, und die Verteilung der Arbeit konnte nicht
ganz frei sein. Es gab Pflicht-Arbeitstage, und die Verteilung derselben
fand nicht immer die Zustimmung unserer Genossen. Doch brachte jede
Erfindung, wenngleich sie zuerst vorbergehende statistische
Schwierigkeiten bedeutete, eine gewaltige Erleichterung der Aufgabe.
Zuerst wurden die Arbeitstage gekrzt, dann, als sich allerorts ein
Ueberschu an Arbeitskraft zeigte, wurde die Verpflichtung zur Arbeit
endgltig aufgehoben. Beobachten Sie, wie unbedeutend die Zahlen sind,
die sich auf den Mangel an Arbeitsstunden beziehen: tausend, zehn-,
hunderttausend Arbeitsstunden, nicht mehr, -- und dies bei Millionen und
zehn Millionen von Arbeitsstunden, die in den Betrieben unntig
verbracht werden.

Dennoch besteht ein Mangel an Arbeitsstunden, warf ich ein. Freilich
drfte er durch den darauffolgenden Ueberschu gedeckt werden.

Nicht blo durch diesen Ueberschu. Bei den lebenswichtigen Betrieben
wird derart gearbeitet, da die Grundziffern noch berboten werden. In
den fr die Gesellschaft wichtigsten Industriezweigen -- den Betrieben
fr Lebensmittel, Kleidung, Maschinen, Bauten -- erreicht dieses
Ueberangebot die Hhe von 6 Prozent, bei den weniger wichtigen 1 bis 2
Prozent. Auf diese Art drcken die den Mangel bezeichnenden Zahlen,
allgemein gesprochen, nur den relativen, aber nicht den absoluten Mangel
aus. Selbst wenn auf den Tabellen ein Mangel von zehn- und
hunderttausend Arbeitsstunden vermerkt ist, so bedeutet dies noch nicht,
da die Gesellschaft unter einem wirklichen Mangel leidet.

Wieviel Stunden werden tglich vom Einzelnen, zum Beispiel in dieser
Fabrik, gearbeitet?

Die meisten arbeiten zwei, anderthalb und zweieinhalb Stunden,
erwiderte der Techniker. Doch gibt es auch welche, die lnger oder
krzer arbeiten. Jener Genosse dort, der den groen Hammer handhabt,
lt sich derart von seiner Arbeit fortreien, da er niemandem
gestattet, ihn abzulsen, ehe nicht die volle Arbeitszeit, sechs
Stunden, vorber ist.

Ich bertrug im Gedanken die Marszahlen auf irdische Zahlen: ihr Tag
bestand, da ihre Stunden etwas lnger waren aus zehn Stunden. Demzufolge
war ein Arbeitstag von vier, fnf, sechs Stunden ungefhr unserem
Arbeitstag von fnfzehn Stunden gleich, -- einer Arbeitszeit, die nur
bei den ausbeuterischsten Unternehmen vorkam.

Ist es denn fr den Genossen am groen Hammer nicht schdlich, so lange
zu arbeiten? fragte ich.

Bisher noch nicht, entgegnete Netti. Er wird sich diesen Luxus noch
ein halbes Jahr lang gestatten knnen. Ich habe ihn selbstverstndlich
auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die ihm von seiner Leidenschaft
drohen. Eine derselben ist die Mglichkeit eines krampfartigen
psychischen Anfalls, der ihn mit unwiderstehlicher Kraft unter den
Hammer reien wrde. Im Vorfahr ereignete sich in dieser Fabrik ein
derartiger Fall mit einem jungen Mechaniker, der ebenfalls die starken
Empfindungen liebte. Dank eines glcklichen Zufalls gelang es, den
Hammer aufzuhalten, und der unfreiwillige Selbstmord milang. Die Gier
nach starken Empfindungen ist an und fr sich noch keine Krankheit, doch
kann sie sich leicht in eine verwandeln, falls das Nervensystem durch
Erschpfung, seelische Kmpfe oder eine zufllige Krankheit erschttert
ist. Selbstverstndlich verliere ich niemals jene Genossen aus dem Auge,
die sich hemmungslos der gleichen Arbeit hingeben.

Sollte aber nicht jener Genosse, von dem die Rede ist, seine
Arbeitszeit auch schon deshalb abkrzen, weil in der Maschinenfabrik ein
Ueberschu an Arbeitsstunden besteht?

Selbstverstndlich nicht, lachte Menni. Weshalb sollte gerade er das
Gleichgewicht herstellen? Die Statistik verpflichtet keinen. Jeder nimmt
sie zur Kenntnis, doch kann er sich nicht einzig und allein von ihr
leiten lassen. Wenn es Sie danach verlangte, baldigst in dieser Fabrik
zu arbeiten, so wrden Sie hchstwahrscheinlich eine Anstellung finden,
und die statistische Zahl des Ueberschusses wrde sich auf ein bis zwei
Stunden vergrern. Der Einflu der Statistik macht sich bei der
_Massen_-Umstellung der Arbeit ununterbrochen bemerkbar, doch ist jeder
Einzelne frei.

Wir hatten uns nun zur Genge ausgeruht und gingen daran, die
Besichtigung der Fabrik fortzusetzen. Nur Menni begab sich heim, denn er
war ins Laboratorium gerufen worden.

Am Abend beschlo ich, bei Netti zu bleiben; er versprach, mir am
folgenden Tag das Haus der Kinder zu zeigen, wo seine Mutter eine der
Erzieherinnen war.


                          Das Haus der Kinder

Das Haus der Kinder nahm den wichtigsten und schnsten Teil einer
Stadt von fnfzehn- bis zwanzigtausend Einwohnern ein. Diese Einwohner
bestanden freilich hauptschlich aus Kindern und deren Erziehern. Es gab
in allen greren Stdten auf dem Planeten derartige Anstalten, in
vielen Fllen bildeten sie sogar selbstndige Stdte; blo an kleineren
Orten, wie etwa in Mennis Chemischer Stadt, fehlten sie bisweilen.

Das groe zweistckige Haus mit dem blichen blauen Dach lag in von
Bchen durchzogenen Grten; hier gab es auch Teiche, Spiel- und
Turnpltze, Gemsegrten, Blumen und ntzliche Grser, Huschen fr
zahme Tiere und Vgel ... Eine Menge kleiner Ungeheuer spielten dort,
man vermochte, dank der fr Mdchen und Knaben gleichen Bekleidung,
nicht zu unterscheiden, welchem Geschlecht sie angehrten ... Es war ja
auch bei den erwachsenen Marsbewohnern schwierig, der Kleidung nach die
Mnner von den Frauen zu unterscheiden, -- die Grundzge der Gewnder
waren die gleichen, nur bei kleinen Einzelheiten bestand ein
Unterschied: die engeren Gewnder der Mnner paten sich genauer an den
Krper an, whrend bei den Frauen dieser mehr verhllt wurde. Jedenfalls
aber war die ltliche Person, die uns beim Verlassen der Gondel an der
Tr eines der groen Huser begrte, eine Frau, denn Netti umarmte sie
und nannte sie Mama. Im weiteren Gesprch jedoch redete er sie, gleich
den anderen Genossen, nur mit dem Namen: Nella an.

Nella hatte bereits gewut, da wir kommen wrden und fhrte uns sofort
in das Haus der Kinder, zeigte uns alle Abteilungen, bei der von ihr
geleiteten fr die Allerkleinsten beginnend, bis zu jener, die fr die
ans Knaben- und Mdchenalter grenzenden Kinder bestimmt war. Unterwegs
schlossen sich uns die kleinen Ungeheuer an, betrachteten mit ihren
riesigen Augen den Menschen, der von einem anderen Planeten stammte; sie
wuten genau, wer ich sei, und als wir die letzte Abteilung erreichten,
begleitete uns bereits eine ganze Schar, wenngleich die meisten Kinder
seit dem Morgen im Garten spielten.

Im Haus der Kinder lebten etwa dreihundert Kinder verschiedenen Alters.
Ich fragte Nella, weshalb die verschiedenaltrigen Kinder zusammen, und
nicht in einzelnen Husern untergebracht waren, was doch sicherlich die
Arbeit der Erzieher erleichtern und vereinfachen wrde.

Weil es auf diese Art keine wirkliche Erziehung geben knnte,
erwiderte Nella. Um fr die Gesellschaft erzogen zu werden, mu das
Kind ein gesellschaftliches Leben fhren. Jede lebendige Erfahrung,
jedes lebendige Wissen verbindet die Kinder miteinander. Wollten wir das
eine Alter vom anderen isolieren, so gben wir den Kindern dadurch ein
einseitiges und enges Milieu, in dem die Entwicklung der zuknftigen
Menschen nur langsam, trge und einseitig vor sich ginge. Die
verschiedenen Alter hingegen lassen der Aktivitt weit mehr Spielraum.
Die lteren Kinder sind unsere besten Gehilfen beim Erziehen der
Kleinen. Doch bringen wir nicht nur deshalb absichtlich die Kinder der
verschiedenen Altersstufen zusammen, sondern die Erzieher in jedem
Kinderhaus bemhen sich auch, die verschiedenen Alter und verschiedenen
praktischen Eigenheiten gleichsam zu sammeln.

Dennoch sind in diesem Haus der Kinder die Kleinen dem Alter nach in
den verschiedenen Abteilungen untergebracht, warf ich ein. Dies
widerspricht Ihren Worten.

Die Kinder begeben sich nur in die verschiedenen Abteilungen, um dort
zu schlafen und zu speisen; hierbei mu man selbstverstndlich die
einzelnen Altersstufen trennen. Beim Spiel und der Beschftigung jedoch
gruppieren sich die Kinder, wie es ihnen beliebt. Auch wenn irgend
welche belletristischen oder wissenschaftlichen Vortrge gehalten
werden, finden sich unter den Zuhrern stets auch Kinder aus anderen
Abteilungen ein. Die Kinder whlen sich selbst ihren Umgang, und lieben
es, mit den andersaltrigen Kameraden, vor allem aber mit den Erwachsenen
zu verkehren.

Nella, rief aus der Menge hervorspringend ein kleiner Junge. Esta hat
das Schiff, das ich selbst verfertigt, fortgenommen. Nimm es ihr wieder
und gib es mir.

Wo ist sie? fragte Nella.

Sie lief zum Teich, um das Schiff auf dem Wasser schwimmen zu lassen,
erklrte das Kind.

Ich habe jetzt keine Zeit, um dorthin zu gehen; eines von den lteren
Kindern soll mit dir gehen und Esta sagen, sie mge dich nicht krnken.
Am besten aber wre es, du gingest allein hin und hlfest ihr, das
Schiff schwimmen zu lassen. Es ist gar nicht erstaunlich, da ihr das
Schiff gefllt, wenn du es schn gemacht hast.

Das Kind lief fort und Nella wandte sich an die Uebrigen.

Hrt Kinder, es wre gut, wenn Ihr uns allein lieet. Dem Fremden kann
es nicht angenehm sein, von hundert Kinderaugen angestarrt zu werden.
Stelle dir einmal vor, Elwi, da dich eine ganze Schar Fremder
anstarrte. Was ttest du?

Ich liefe fort, entgegnete tapfer das uns zunchst stehende Kind, an
das sich Nella gewandt hatte. Und schon im gleichen Augenblick rannten
alle Kinder lachend von dannen.

Da sehen Sie selbst, wie mchtig die Vergangenheit ist, meinte
lchelnd die Erzieherin. Man knnte glauben, bei uns herrsche
vollkommener Kommunismus, von dem die Kinder fast nie abweichen, --
woher stammt das Gefhl des Privateigentums? Da kommt nun ein Kind und
sagt mein Schiff, das ich selbst verfertigt habe. Und derartiges
ereignet sich hufig, fhrt manchmal bis zu Prgeleien. Dagegen lt
sich nichts tun -- ein allgemeines Lebensgesetz lautet: die Entwicklung
des Organismus gibt im verkleinerten Mastab die Entwicklung des
Aeueren wieder, und die Entwicklung des Einzelnen wiederholt auf
gleiche Art die Entwicklung der Gesellschaft. Der Selbstbestimmung der
Kinder mittleren und reiferen Alters eignet in vielen Fllen dieser
unklar individualistische Charakter. Und diese Frbung wird mit der
Reife strker. Nur bei der jngsten Generation besiegt das
sozialistische Milieu endgltig die Reste der Vergangenheit.

Machen Sie die Kinder mit dieser Vergangenheit bekannt? fragte ich.

Selbstverstndlich. Sie lieben sehr die Gesprche und Erzhlungen ber
vergangene Zeiten. Zuerst erscheinen diese ihnen als Mrchen, als
schne, ein wenig seltsame Mrchen von einer anderen Welt, die mit ihren
aufregenden Bildern des Krieges und der Gewalt in den atavistischen
Tiefen des Kinderinstinktes einen Widerhall finden. Die unbesieglichen
lebendigen Ueberreste der Vergangenheit, die es in der eigenen Seele
findet, ermglichen dem Kinde genau den Zusammenhang der Zeiten zu
erkennen, die Mrchen und Bilder verwandeln sich in wahrhafte
Weltgeschichte, -- in die lebendigen Glieder einer unzerreibaren
Kette.

Wir durchwanderten die Alleen eines weiten Gartens, begegneten von Zeit
zu Zeit Kindergruppen, mit Spielen beschftigt, Graben auswerfend, mit
Werkzeugen arbeitend, in ernste Gesprche vertieft, oder lebhaft
plaudernd. Alle wandten sich mir mit Aufmerksamkeit zu, doch folgte uns
niemand; anscheinend waren sie bereits von den andern benachrichtigt
worden. Die meisten Gruppen bestanden aus Kindern verschiedenen Alters;
in vielen gab es auch ein bis zwei Erwachsene.

In diesem Hause sind viele Erzieher, bemerkte ich.

Ja, besonders wenn wir, was nur gerecht ist, die greren Kinder dazu
rechnen. Wirkliche Erziehungsspezialisten gibt es hier nur drei; die
brigen Erwachsenen, die Sie sehen, sind zum groen Teil Vter und
Mtter, die auf kurze Zeit bei ihren Kindern leben, oder junge Leute,
die sich fr den Erzieherberuf vorbereiten wollen.

Wie, es ist den Eltern gestattet, hier mit ihren Kindern zu leben?
Natrlich. Einige der Mtter leben etliche Jahre hier. Die meisten
jedoch kommen von Zeit zu Zeit her, verbringen hier eine Woche, zwei
Wochen, einen Monat. Die Vter leben selten hier. In unserem Haus gibt
es sechzig Einzelzimmer fr die Eltern, oder fr jene Kinder, die den
Wunsch nach Einsamkeit verspren. Ich entsinne mich nicht, da diese
Zimmer je unbentzt blieben.

Es kommt demnach auch vor, da Kinder nicht in den allgemeinen Rumen
leben?

Ja; die lteren Kinder verlangt es hufig danach, abgesondert zu leben.
Dies ist zum Teil ein Ueberrest jenes unbesieglichen Individualismus,
von dem ich bereits sprach, zum Teil das bei Kindern hufige Verlangen,
sich in die Studien zu vertiefen, der Wunsch, all das zu verbannen, was
die Aufmerksamkeit ablenkt und zerstreut. Gibt es doch bei uns auch
Erwachsene, die einsam zu leben wnschen, insbesondere jene, die sich
mit wissenschaftlichen Forschungen, oder aber mit Kunst beschftigen.

In diesem Augenblick sahen wir vor uns auf einer kleinen Wiese ein Kind,
-- es mochte sechs oder sieben Jahre zhlen -- das, mit einem Stock in
der Hand, ein Tier verfolgte. Wir beschleunigten unsere Schritte; das
Kind beachtete uns nicht. Als wir an es herantraten, hatte es eben seine
Beute erreicht -- diese schien eine Art groer Frosch zu sein. Das Kind
schlug heftig auf die Pfote des Tieres los. Dann schleppte sich das Tier
mit gebrochener Pfote langsam ber den Rasen.

Weshalb tatest du dies, Aldo? fragte Nella in aller Ruhe.

Ich konnte es nicht fangen, es lief immer fort, erklrte der Knabe.

Weit du auch, was du tatest? Du hast dem Frosch weh getan und ihm die
Pfote gebrochen. Gib den Stock her, ich werde es dir erklren.

Das Kind gab Nella den Stock, und diese schlug ihm mit rascher Bewegung
krftig auf die Hand. Der Knabe schrie auf.

Tut es weh, Aldo?, fragte die Erzieherin gelassen.

Sehr weh; bse Nella!, entgegnete das Kind.

Ich verletzte dir nur leicht die Hand, du aber hast den Frosch noch
viel strker geschlagen. Hast ihm die Pfote gebrochen. Er hat nicht nur
viel grere Schmerzen, als du, sondern kann auch nicht mehr laufen und
springen, kann sich nicht mehr seine Nahrung suchen, wird vor Hunger
sterben, oder von einem bsen Tier, dem er jetzt nicht entfliehen kann,
verschlungen werden. Was denkst du darber, Aldo?

Das Kind schwieg; in seinen Augen standen Trnen des Schmerzes, es hielt
die verletzte Hand mit der anderen fest. Dann sagte es: Man mu ihm die
Pfote flicken.

Das ist richtig, erwiderte Netti. Komm, ich werde dir zeigen, wie man
es macht.

Sie begaben sich zu dem verwundeten Tier, das sich nur auf wenige
Schritte hatte entfernen knnen. Netti nahm sein Taschentuch hervor,
zerri es in Streifen, gebot Aldo, einige dnne Zweiglein zu bringen.
Mit dem tiefen Ernst echter Kinder, die einer uerst wichtigen
Beschftigung obliegen, legten sie beide dem Frosch einen festen Verband
an.

Bald darauf schickten Netti und ich uns an, heimzukehren.

Ach ja, erinnerte sich Nella. Heute Abend knnen Sie bei uns Ihren
alten Freund Enno antreffen. Er wird den lteren Kindern eine Vorlesung
ber den Planeten Venus halten.

Wohnt er denn in dieser Stadt? erkundigte ich mich.

Nein, das Observatorium, in dem er arbeitet, liegt auf drei Stunden von
hier. Aber er liebt die Kinder sehr und vergit auch mich, seine alte
Erzieherin, nicht. Deshalb kommt er hufig her und erzhlt den Kindern
jedesmal etwas interessantes.

Am Abend fanden wir uns selbstverstndlich zur festgesetzten Stunde
abermals im Hause der Kinder ein. Alle Kinder, mit Ausnahme der
allerkleinsten, hatten sich bereits versammelt; unter ihnen befanden
sich auch einige Erwachsene. Enno begrte mich freudig.

Ich whlte Ihnen zuliebe dieses Thema, meinte er scherzend. Sie sind
betrbt ber die Rckstndigkeit Ihres Planeten und die schlechten
Sitten der dort lebenden Menschheit. Ich werde von einem Planeten
erzhlen, wo die hchsten Vertreter des Lebens -- Dinosaurier und
fliegende Eidechsen sind, bei denen rgere Sitten und Gebruche
herrschen, als bei Ihrer Bourgeoisie. Dort brennen Euere Steinkohlen
nicht im Herde des Kapitalismus, sondern befinden sich noch im
Pflanzenzustand, als gewaltige Wlder. Wollen wir uns dorthin begeben
und zusammen auf die Ichthyosaurusjagd gehen? Diese Tiere stellen die
dortigen Rothschilds und Rockefellers vor; freilich sind sie gemigter
und gelinder als die Ihren, dafr aber besitzen sie weniger Kultur. Dort
finden wir das Reich der ersten Kapitalsanhufung in ihren Uranfngen,
die im Kapitalismus Ihres Marx vergessen wurde ... Aber Nella runzelt
schon die Stirne ber mein leichtfertiges Geschwtz. Ich beginne
sofort.

Mit hinreiender Beredsamkeit schilderte er den fernen Planeten mit den
tiefen, sturmgepeitschten Ozeanen, den furchtbar hohen Bergen, der
brennenden Sonne, den dichten, weien Wolken, den schauerlichen Orkanen
und Gewittern, den unfrmigen Ungeheuern und der ppigen, riesenhaften
Vegetation. Seine Erzhlung illustrierte er durch die Vorfhrung
lebendig wirkender Photographien, die auf der ber die eine Wand des
Saales gespannten Leinwand dahinzogen. Einzig und allein Ennos Stimme
durchtnte die Dunkelheit; tiefes, aufmerksames Schweigen herrschte im
ganzen Raum. Als er das Schicksal der ersten Reisenden in jener Welt
schilderte und berichtete, wie einer derselben mit einer Handgranate
eine Rieseneidechse ttete, spielte sich eine seltsame, von den meisten
Zuhrern nicht bemerkte, kleine Szene ab. Aldo, der sich in Nellas Nhe
hielt, brach pltzlich in leises Weinen aus.

Was fehlt dir? fragte Nella, sich zu ihm niederbeugend.

Das Ungeheuer tut mir leid. Man hat ihm weh getan und dann mute es
sterben, flsterte der Knabe.

Nella schlang den Arm um den Kleinen und versuchte ihn zu
beschwichtigen, doch dauerte es lange Zeit, bis er sich beruhigte.

Enno berichtete von den zahllosen einzigartigen Reichtmern dieses
herrlichen Planeten, von den gewaltigen, viele Millionen Pferdekrfte
besitzenden Wasserfllen, von den Edelmetallen, die sich auf den Gipfeln
der Berge befinden, von den reichen Radiumlagern, die schon bei einer
Tiefe von etlichen hundert Metern zutage gefrdert werden knnten, von
dem Vorrat an Energie fr hunderttausend Jahre. Ich beherrschte die
Sprache noch nicht gengend, um die ganze Schnheit des Vortrags zu
empfinden, die Bilder aber fesselten meine Aufmerksamkeit im gleichen
Mae, wie die der Kinder. Als Enno endete und der Saal erhellt ward,
wurde mir schier ein wenig traurig zumute, wie mochten da wohl erst die
Kinder das Ende des schnen Mrchens bedauern.

Als der Vortrag zu Ende war, begannen die Zuhrer Fragen zu stellen,
ihre Bemerkungen zu machen. Die Fragen waren verschiedenartig, wie es ja
auch die Zuhrer waren; sie betrafen die Genauigkeit der Photographien,
die Mittel, die im Kampf gegen die Natur angewendet wurden. Es wurde
auch die Frage aufgeworfen, wann sich auf der Venus von selbst Menschen
entwickeln wrden und wie deren Krper beschaffen sein werde?

Die Bemerkungen waren meist naiv, hufig jedoch scharfsinnig; sie
wandten sich vor allem gegen Ennos Behauptung, da zu unserer Zeit die
Venus fr die Menschen ein uerst nutzloser Planet sei und da es kaum
mglich sein wrde, ihre gewaltigen Reichtmer bald auszubeuten. Gegen
diese Ansichten lieferten die jungen Optimisten einen erbitterten Kampf,
dem sich die meisten anschlossen. Enno bewies ihnen, da die Sonnenglut
und die feuchte Luft eine Unmenge Bazillen hervorbringe, die fr die
Menschen uerst gefhrlich seien, sie mit vielen Krankheiten bedrohten;
dies erfuhren alle Reisenden auf der Venus am eigenen Leibe, sowie auch,
da die Orkane und gewaltigen Gewitter jegliche Arbeit erschwerten, das
Leben der Menschen gefhrdeten, und dergleichen mehr. Die Kinder jedoch
fanden, es sei merkwrdig, sich von derartigen Hindernissen abschrecken
zu lassen, wenn es um die Eroberung eines so herrlichen Planeten gehe.
Zur Bekmpfung der Bakterien und Krankheiten mte man so rasch wie
mglich Tausende von Aerzten auf die Venus senden, und auch den Orkanen
und Gewittern knnte Trotz geboten werden, indem man hunderttausend
Bauarbeiter hinschickt, die berall dort, wo es ntig ist, hohe Mauern
errichten und Blitzableiter anbringen. Mgen neun, zehn und mehr
Menschen umkommen! rief ein entflammter zwlfjhriger Knabe. Dort gibt
es Dinge, um derentwillen es sich zu sterben lohnt, es kommt ja nur
darauf an, den Sieg zu erringen. Und seine glhenden Augen verrieten,
da er sich nicht weigern wrde, zu jenen zehn Menschen zu gehren.

Sanft und gelassen warf Enno diese Kartenhuser ber den Haufen; doch
war ihm anzumerken, da er in der Tiefe seiner Seele das gleiche
empfinde wie die Kinder, und da seine junge lodernde Phantasie
entschlossene Plne verberge, die zwar bedachter und ausgeklgelter
waren, aber ebenso hartnckig. Er selbst war noch nicht auf der Venus
gewesen, und seine Begeisterung bewies klar, wie sehr ihn deren
Schnheit und Gefahren anzogen.

Als der Gedankenaustausch beendet war, verlie Enno mit mir und Netti
den Saal. Er beschlo, noch einige Tage in dieser Stadt zu verweilen und
schlug mir vor, am folgenden Tag das Kunstmuseum zu besichtigen. Netti
wrde beschftigt sein; er war in eine andere Stadt zu einem groen
Aerztekonsilium gerufen worden.


                            Das Kunstmuseum

Ich htte nie gedacht, da auch bei Euch ein eigenes Museum fr
Kunstgegenstnde existiere, meinte ich, mit Enno dem Museum zustrebend.
Glaubte, da Bildergalerien und Skulpturausstellungen eine Eigenheit
des Kapitalismus mit seinem prunkhaften Luxus und grob zur Schau
getragenen Reichtum seien. In der sozialistischen Gesellschaft erwartete
ich die Kunst berall im Leben zu finden, als Schmuck dieses Lebens.

Darin irren Sie auch nicht, antwortete Enno. Der grte Teil der
Kunstgegenstnde ist bei uns fr die Gemeinschaftsgebude bestimmt, fr
jene, wo wir unsere allgemeinen Angelegenheiten regeln, wo wir studieren
und Forschungen anstellen oder der Ruhe pflegen. Fabriken und Betriebe
werden weit weniger geschmckt, die Aesthetik der gewaltigen Maschinen
und deren Bewegung ist an und fr sich ein schner Anblick, und es gibt
nur wenig Kunstgegenstnde, die vllig mit den Maschinen harmonieren, in
deren Gegenwart nicht einen abgeschwchten, verminderten Eindruck
machten. Am wenigsten aber schmcken wir unsere Huser, wo wir uns ja
auch uerst selten aufhalten. Unser Kunstmuseum jedoch ist eine
sthetisch-wissenschaftliche Anstalt, eine Schule, in der man die
Entwicklung der Kunst zu verfolgen vermag, oder, richtiger gesagt, die
Entwicklung der Menschheit in ihrer knstlerischen Ttigkeit.

Das Museum befand sich auf einer kleinen Insel inmitten eines Sees,
durch eine schmale Brcke mit dem Ufer verbunden. Das viereckige Gebude
war von einem Garten umgeben, in dem hohe Springbrunnen pltscherten und
unzhlige blaue, weie, schwarze und gelbe Blumen prunkten; auen war es
herrlich geschmckt, innen hell von Licht berflutet.

Hier gab es wahrlich nicht jene unsinnige Anhufung von Gemlden und
Statuen wie in den groen Museen der Erde. Vor mir erluterten einige
hundert Abbildungen die Entwicklung der plastischen Kunst, angefangen
von den groben, ersten Gegenstnden der prhistorischen Zeit bis zu den
technisch-idealen Erzeugnissen des letzten Jahrhunderts. Und vom Anfang
bis zum Ende war berall der Stempel jener innerlichen Vollkommenheit
fhlbar, die wir Genie nennen. Offensichtlich gehrte alles hier
ausgestellte zu den besten Erzeugnissen jeder Epoche.

Um die Schnheit einer anderen Welt klar zu erfassen, gilt es, deren
Leben genau zu kennen, aber um anderen das Verstndnis fr diese
Schnheit zu bermitteln, dazu mu man selbst deren teilhaftig sein.
Deshalb vermag ich auch nicht zu _schildern_, was ich dort sah; ich
vermag nur Andeutungen zu geben, kann blo ausdrcken, was mich am
meisten in Staunen versetzte.

Das Hauptmotiv der Skulptur war bei den Marsbewohnern ebenso wie bei uns
der schne menschliche Krper. Die krperliche Beschaffenheit der
Marsbewohner unterscheidet sich nur wenig von jener der Erdenmenschen,
abgesehen von der Verschiedenheit der Augen, die zum Teil durch die
Schdelformation bedingt ist, doch bersteigt auch diese Verschiedenheit
nicht jene, die bei den einzelnen irdischen Rassen vorkommt. Ich kann
diesen Unterschied nicht genau erklren, verstehe mich schlecht auf
Anatomie; jedenfalls aber gewhnte sich mein Auge bald an die
Marsbewohner, sah in ihnen keineswegs Migeburten, sondern vielmehr
etwas Originelles.

Ich bemerkte, da der mnnliche und weibliche Krperbau weit hnlicher
war, als bei den Erdenrassen; die Breite der Frauenschultern entsprach
hufig der der Mnner, und das gleiche galt von der Muskulatur. Dies
zeigte sich besonders in den Abbildungen aus der letzten Zeit, der Zeit
der freien menschlichen Entwicklung; bei den Werken aus der
kapitalistischen Periode trat der Unterschied zwischen dem mnnlichen
und weiblichen Krper weit strker zutage. Anscheinend hatte die
husliche Sklaverei der Frau und das Schuften des Mannes die Krper nach
verschiedenen Richtungen hin beeinflut.

Ich verlor auf keinen Augenblick die bald klare, bald verschwommene
Erkenntnis, da ich vor mir die Bilder einer fremden Welt sehe; sie
trugen fr mich den Stempel des Seltsamen, Gespenstischen. Sogar die
herrlichen Frauenkrper dieser Statuen und Bilder erweckten in mir ein
unverstndliches Gefhl, das mit dem mir bekannten aesthetisch
verliebten Entzcken nichts gemein hatte, sondern vielmehr den unklaren
Ahnungen und Empfindungen glich, die mich vor langer Zeit, an der Grenze
zwischen Kindheit und Jnglingsalter, heimgesucht hatten.

Die Statuen der frhesten Epochen waren, wie dies auch bei uns der Fall
ist, einfarbig. Die spteren jedoch besaen die Farben der Natur. Dies
wunderte mich keineswegs; ich fand stets, da das Verwerfen der
Wirklichkeit nicht ein unentbehrliches Element der Kunst sein knne, ja,
da es sogar unknstlerisch wirke, insbesondere, wenn es die
Mannigfaltigkeit der Wahrnehmung vermindert, wie dies bei einfarbigen
Skulpturen der Fall zu sein pflegt. In solchen Fllen wird die
knstlerische Idealisierung des konzentrierten Lebens gestrt.

Bei den Statuen und Bildern der alten Zeiten herrschte ebenso wie bei
unseren antiken Kunstgegenstnden groe Ruhe und Gelassenheit vor; diese
waren voller Harmonie, frei von jeglicher Anspannung. In den folgenden
Uebergangsepochen zeigte sich ein anderer Charakter: Leidenschaft,
Aufregung, bisweilen gemildert zu irren Trumen, Trumen erotischer oder
religiser Natur, mitunter den schmerzhaften Widerspruch zwischen
seelischer und krperlicher Kraft scharf betonend. In der
sozialistischen Epoche vernderte sich abermals der Grundcharakter: hier
berwogen harmonische Bewegung, gelassen vertrauensvolle Entfaltung der
Krfte, fremd jeder schmerzlichen Vergewaltigung, ein freies Streben,
eine lebendige Ttigkeit, das konzentrierte Bewutsein der
Einheitlichkeit des Krpers und der unbesieglichen Vernunft.

Wenn die ideale Frauenschnheit der antiken Zeiten die Mglichkeit
grenzenloser Liebe, die der Renaissance den Durst nach mystischer und
gefhlicher Liebe ausdrckte, so verkrperte jene, die sich nun meinen
Augen zeigte, die Liebe selbst in ihrem ganzen ruhigen und stolzen
Selbstbewutsein -- klar, leuchtend, alles besiegend ...

Den spteren sowie den frhesten knstlerischen Schpfungen eignete ein
uerst einfacher Charakter; sie behandelten ein einziges Motiv. Ihre
Aufgabe bestand darin, ein kompliziertes menschliches Wesen
wiederzugeben, dessen Leben reich und ausgefllt war; deshalb whlten
sie jenen Augenblick des Lebens, in dem sich irgend ein Gefhl oder ein
Streben konzentriert hatte ... Bei den neuesten Knstlern schienen
beliebte Themen: die Extase des schpferischen Gedankens, die Extase der
Liebe, die Extase des Naturgenusses, der ruhige freiwillige Tod --
lauter Themen, die charakteristisch waren fr eine groe Rasse, eine
Rasse, die intensiv und vollkommen zu leben und bewut und wrdig zu
sterben verstand.

Die Abteilung fr Gemlde und Skulptur nahm die eine Hlfte des Museums
ein; die andere war der Architektur gewidmet. Unter Architektur
verstanden die Marsbewohner nicht nur die Aesthetik der Bauten und der
groen technischen Konstruktionen, sondern auch die der Mbel, der
Werkzeuge, der Maschinen, berhaupt die Aesthetik alles materiell
Ntzlichen. Welche gewaltige Rolle in ihrem Leben gerade diese Kunst
spielte, lie sich aus dem Reichtum und der Vollstndigkeit dieser
Sammlung ersehen. Von den ersten Hhlenwohnungen mit den primitiven
Gerten bis zu den luxurisen Gemeinschaftshusern aus Glas und
Aluminium, bis zu den gigantischen Fabriken mit den schauerlich schnen
Maschinen, bis zu den gewaltigen Kanlen mit den mchtigen Ufern und
Schwebebrcken -- war hier alles in der typischen Form dargestellt, in
Bildern, Plnen, Modellen, besonders aber in groen Stereoskopen, die
eine Illusion der Wirklichkeit gaben. Eine besondere Stelle nahm die
Aesthetik der Grten, der Felder und Parke ein; und wie ungewohnt auch
immer mir die Natur dieses Planeten war, so vermochte ich dennoch die
Schnheit der Blumen- und Formenkombinationen zu erkennen, die das
Kollektivgenie dieses grougigen Volkes der Natur verliehen hatte.

In den Uebergangsepochen kam es, wie auch bei uns, hufig vor, da die
Pracht die Ntzlichkeit beeintrchtigte, der uere Schmuck hinderlich
fr die Dauerhaftigkeit wurde; die Kunst vergewaltigte die Gegenstnde.
Hier jedoch, in den Erzeugnissen der neuen Epoche, schauten meine Augen
nichts derartiges, weder bei den Mbeln, noch bei den Gerten oder
Konstruktionen. Ich fragte Enno, ob die zeitgenssische Architektur
jemals die Neigung zeige, um der Schnheit willen die praktische
Vollkommenheit zu vernachlssigen.

Niemals, entgegnete er. Diese wre eine falsche Schnheit, wre etwas
Geknsteltes, aber keine Kunst.

Bis zur sozialistischen Zeit ward das Andenken der groen Mnner durch
Denkmler geehrt; jetzt jedoch wurden Denkmler nur mehr zur Erinnerung
an groe Ereignisse errichtet: wie etwa der erste Versuch, die Erde zu
erreichen, der mit dem Tode aller Mitglieder der Expedition endete, oder
aber die vllige Ausrottung einer tdlichen Infektionskrankheit, oder
die Entdeckung und Synthese der Spaltung aller chemischen Elemente. Im
Stereogramm sah man zusammen mit den Denkmlern Grabmler und Kirchen.
(Frher hatte es bei den Marsbewohnern auch eine Religion gegeben.)
Eines der letzten Denkmler groer Mnner war das jenes Ingenieurs, von
dem mir Menni erzhlt hatte. Es war dem Knstler trefflich gelungen, die
ganze Seelenstrke dieses Mannes wiederzugeben, der die Armee der Arbeit
siegreich in den Kampf wider die Natur gefhrt und stolz das feige
Urteil der Sitten ber seine Tat zurckgewiesen hatte. Als ich in
unwillkrlicher Versonnenheit vor dem Panorama dieses Denkmals
verweilte, sprach Enno leise einige Verse, in denen der seelischen
Verfassung des Helden Ausdruck verliehen wurde.

Von wem sind diese Verse? fragte ich.

Von mir, erwiderte Enno. Ich schrieb sie fr Menni.

Ich vermochte nicht vllig die innere Schnheit dieser mir noch immer
fremden Sprache zu beurteilen, aber die Gedanken waren zweifellos klar,
der Reim war stark, der Rhythmus klingend und mchtig. Dies lenkte meine
Gedanken in eine neue Richtung.

Euere Dichtung hat also noch strenge Reime und Rhythmus?

Selbstverstndlich, entgegnete Enno erstaunt. Finden Sie das etwa
nicht schn?

Doch, erklrte ich, bei uns hingegen war die Ansicht verbreitet, da
diese Form dem Geschmack der herrschenden Klassen unserer Gesellschaft
entspringe, der Ausdruck ihrer Laune und ihrer Leidenschaft fr
Begrenztes sei, eine Fessel fr die freie knstlerische Rede bedeute.
Wir glaubten, die Poesie der Zukunft, die Dichtung der sozialistischen
Epoche werde diese engen Gesetze abschtteln und vergessen.

Das ist vllig falsch, meinte Enno. Die reinen Reime erscheinen uns
schn, aber keineswegs aus Leidenschaft fr das Begrenzte, sondern weil
sie zutiefst mit dem rhythmischen Proze unseres Lebens und unseres
Bewutseins harmonieren. Und der Rhythmus, der das Vielfrmige zu einem
einzigen Schluakkord vereint, hat nicht auch er seinen tiefgrndigen
Ursprung in der lebendigen Verbindung der Menschen, die das Mannigfache
des Aeuern mit der Lust der einheitlichen Liebe krnt? Der Arbeit mit
dem einheitlichen Ziel, der Einheitlichkeit der Stimmung in der Kunst?
Ohne Reim und Rhythmus gibt es berhaupt keine knstlerische Form. Wo
der Rhythmus der Tne fehlt, mu er durch den umso strengeren Rhythmus
der Bilder oder Ideen ersetzt werden ... Und wenn Reim und Rhythmus
tatschlich feudalen Ursprungs sind, so lt sich dies ja auch von
vielen anderen guten und schnen Dingen sagen.

Aber der Reim an und fr sich beschrnkt und erschwert den poetischen
Ausdruck der Idee.

Was hat das zu bedeuten? Diese Begrenzung entspringt dem vom Knstler
frei gewhlten Ziel. Sie erschwert nicht nur, sondern vervollkommnet
auch den Ausdruck der dichterischen Idee, verfolgt ausschlielich diesen
Zweck. Je komplizierter das Ziel, desto schwerer der dazu fhrende Weg
und desto grer der Zwang, den sich der Knstler auferlegen mu. Wenn
Sie einen schnen Bau errichten wollen, wie viel richtiger Technik und
Harmonie bedrfen Sie dabei, das heit: wie viel Zwang mssen Sie sich
auferlegen! Bei der Wahl des Zieles sind Sie frei. Dies ist die einzige
menschliche Freiheit. Wenn Sie aber nach dem Ziel verlangen, so
verlangen Sie gleichzeitig auch nach den Mitteln, durch die es zu
erreichen ist.

Wir schlenderten in den Garten hinaus, um uns von den zahlreichen
Eindrcken zu erholen. Der Abend war bereits niedergesunken, ein klarer
milder Frhlingsabend. Die Blumen zogen Kelche und Bltter ein, um sie
fr die Nacht zu schlieen; dies war eine Eigenheit der Marspflanzen,
verursacht von den kalten Nchten. Ich wandte mich abermals an meinen
Gefhrten:

Sagen Sie mir, welche Art der Belletristik ist heutzutage bei Ihnen die
vorherrschende?

Im Drama die Tragdie, in der Dichtung die Naturschilderung,
antwortete Enno.

Was ist der Inhalt der Tragdien? Wo finden Sie bei Ihrem glcklichen
friedlichen Dasein den Stoff fr Tragdien?

Glcklich? Friedlich? Woher nehmen Sie das? Es ist ja wahr, da bei uns
zwischen den Menschen Frieden herrscht, aber keineswegs herrscht Frieden
zwischen uns und den Krften der Natur, das wre ja auch unmglich.
Diese ist ein Feind, bei dem selbst jeder Sieg eine neue drohende Gefahr
bedeutet. In der letzten Epoche der Geschichte haben wir die Ausbeutung
unseres Planeten um das zehnfache erhht, unsere Bevlkerung wchst an
und noch weit mehr steigern sich unsere Bedrfnisse. Schon mehr als
einmal bedrohte uns auf dem einen oder anderen Arbeitsfeld die
Erschpfung der Naturkrfte und Mittel. Bis heute gelang es uns noch
immer, diese Gefahr zu besiegen, ohne zu der hassenswerten Verkrzung
des Lebens greifen zu mssen, der Verkrzung des Lebens bei uns selbst
und unseren Nachkommen. Aber gerade jetzt nimmt der Kampf abermals einen
besonders ernsthaften Charakter an.

Ich htte niemals gedacht, da bei Ihrer technischen und
wissenschaftlichen Vollkommenheit eine derartige Gefahr bestehen knnte.
Sie sagten, dies habe sich auf dem Mars bereits ereignet?

Ja, vor siebzig Jahren; als unsere Steinkohlenvorrte versiegten und
der Uebergang zur Wasser- und Elektrizittskraft noch lange nicht
bewerkstelligt war; damals muten wir, um die gewaltigen Maschinen
herstellen zu knnen, einen bedeutenden Teil unserer Wlder abholzen,
was auf Jahre hinaus unseren Planeten verunstaltete und das Klima
verschlechtert hat. Als dann diese Krise berwunden war, zeigte es sich,
vor etwa zwanzig Jahren, da die Eisenerzlager erschpft waren. Nun galt
es, in aller Eile die richtige dauerhafte Legierung des Aluminiums
herzustellen, und ein groer Teil unserer technischen Kraft wurde auf
die elektrische Gewinnung des Aluminiums aus der Erde verwandt. Heute,
da sich, wie auch aus der Statistik ersichtlich ist, die Bevlkerung
uerst rasch vermehrt, wissen wir bereits, da uns in dreiig Jahren
ein furchtbarer Mangel an Lebensmitteln bedrohen wird, falls es uns bis
dorthin nicht gelingen sollte, die Synthese des Eiwei aus den Elementen
zu entdecken.

Aber die anderen Planeten, warf ich ein, knnten Sie nicht auf denen
das Fehlende finden?

Wo? Die Venus ist anscheinend noch unzugnglich. Und die Erde? Die
besitzt ihre eigene Menschheit, und es ist bis heute noch nicht klar
ersichtlich, inwieweit wir deren Krfte ausntzen knnen. Jede Fahrt
nach der Erde verschlingt groe Vorrte an radiumausstrahlenden Stoffen;
dies wei ich von Menni, der mir unlngst ber seine letzte Expedition
berichtete, und unser Vorrat an diesen Stoffen ist ziemlich gering.
Nein, die sich uns berall entgegenstellenden Schwierigkeiten sind
keineswegs zu unterschtzen, und je enger sich unsere Menschheit im
Kampfe gegen die Natur zusammenschliet, desto enger schlieen sich auch
die Elemente zusammen.

Aber es wrde doch gengen, die Vermehrung zu beschrnken?

Die Vermehrung beschrnken! Das bedeutete den Sieg der Natur. Bedeutete
den Verzicht auf das unbegrenzte Anwachsen des Lebens, bedeutete das
Stehenbleiben auf der gleichen Stufe. Wir siegen, weil wir in gewaltigen
Massen gegen die Natur vorgehen. Wenn wir aber auf das Anwachsen unseres
Heeres verzichten, dann sind wir von allen Seiten durch die
Elementargewalten belagert. Dann wrde auch der Glaube an unsere
Kollektivkraft geschwcht werden, an unser groes Gemeinschaftsleben.
Und zusammen mit diesem Glauben ginge auch fr jeden Einzelnen der Sinn
des Lebens verloren, weil ja doch in jedem von uns die kleine Zelle des
groen Organismus lebt, vollstndig lebt, und jeder wieder in dieser
Zelle sein Dasein hat. Nein, eine Beschrnkung der Vermehrung, -- das
wre das allerletzte, wozu wir uns entschlieen knnten, und wenn dies
gegen unseren Willen geschhe, so wrde es den Anfang vom Ende
bedeuten.

Nun begreife ich, da auch bei Ihnen stets Tragdienstoffe vorhanden
sind, zumindest als drohende Mglichkeit. Solange jedoch der Sieg noch
auf Seiten der Menschheit ist, sieht sich der Einzelne zur Genge vor
dieser Tragdie der Gemeinschaft bewahrt; ja selbst wenn die Gefahr in
unmittelbare Nhe rckt, so verteilen sich die gigantische Anstrengung
und die Leiden des Kampfes so gleichmig unter den zahllosen
Einzelwesen, da deren ruhiges Glck kaum gestrt werden kann. Und zu
diesem Glck fehlt anscheinend bei Ihnen nichts.

Ruhiges Glck! Ist es denn mglich, da der Einzelne nicht zutiefst die
Erschtterung eines ganzen Lebens, in dem sein Anfang und sein Ende
liegt, empfinde? Und zeigen sich nicht auch die tiefen Widersprche des
Lebens in der Begrenztheit des Einzelwesens verglichen mit dessen Ziel,
in seiner Ohnmacht, mit diesem Ziel zu verschmelzen, es vllig mit
seinem Bewutsein zu umfassen und sein Bewutsein selbst aus dem Ziel zu
schpfen? Begreifen Sie diese Widersprche nicht? Das kommt daher, weil
sie in Euerer Welt von anderen, nherliegenden und grberen Dingen
verdunkelt werden. Der Kampf der Klassen, der Gruppen, der Einzelwesen
raubt Euch die Idee des Zieles, und zugleich damit das Glck sowie das
Leid, die darin enthalten sind. Ich sah Ihre Welt; und ich vermag auch
nicht den zehnten Teil des Wahnsinns zu erfassen, in dem Ihre Brder
leben. Eben deshalb vermag ich nicht zu beurteilen, wer von uns dem
ruhigen Glck nher ist: je strker und harmonischer das Leben, desto
qulender und unvermeidlicher wirken die Dissonanzen.

Sagen Sie, Enno, sind Sie zum Beispiel nicht glcklich? Sie besitzen
Jugend, Wissen, Poesie und sicher auch Liebe ... Was knnen Sie Schweres
erfahren haben, da Sie so glhend von der Tragdie des Lebens
sprechen?

Das ist prchtig, lachte Enno, und sein Lachen klang seltsam. Sie
wissen nicht, da der heitere Enno bereits einmal zu sterben beschlossen
hatte. Und wenn Menni nur einen einzigen Tag spter sechs Worte
geschrieben htte, in denen unsglich viel lag: Wollen Sie auf die Erde
mitkommen? so wrde Ihnen Ihr heiterer Reisegefhrte gefehlt haben.
Doch kann ich Ihnen augenblicklich nichts Nheres verraten. Sie werden
ja selbst sehen, da, wenn es bei uns ein Glck gibt, dieses keineswegs
das friedliche und ruhige Glck ist, von dem Sie sprechen.

Ich konnte mich nicht entschlieen, weitere Fragen zu stellen. Aber ich
konnte auch nicht lnger systematisch die Kunstsammlung besichtigen.
Meine Aufmerksamkeit war abgelenkt, meine Gedanken schweiften umher. In
der Abteilung fr Skulptur verharrte ich vor einer der neuesten Statuen,
die einen schnen Jngling darstellte. Seine Gesichtszge erinnerten an
Netti; mich erschtterte das Talent, mit dem der Knstler in dem
leblosen Stoff, in unvollendeten Zgen, in den glhenden Augen des
Knaben die Geburt des Genies wiedergegeben hatte. Lange verweilte ich
reglos vor dieser Statue, und die ganze Umgebung entschwand meinem
Bewutsein; Ennos Stimme durchbrach meine Gedanken:

Das seid Ihr, sprach er, auf den Jngling weisend. Dies ist Ihre
Welt. Sie wird eine wundervolle Welt sein; heute befindet sie sich noch
in ihrer Kindheit, beachten Sie, was fr dunkle Trume, was fr bebende
Bilder noch ihr Bewutsein erregen ... Noch liegt sie im Halbschlaf,
doch wird sie erwachen; ich fhle es, glaube zutiefst daran!

In das freudige Gefhl, das diese Worte in mir erweckten, mischte sich
ein seltsames Bedauern:

Weshalb war es nicht Netti, der diese Worte sprach?


                             Im Krankenhaus

Ich kehrte uerst ermdet heim; nach zwei schlaflosen Nchten und einem
qualvollen Tag, da ich zu keiner Arbeit fhig war, beschlo ich, mich an
Netti zu wenden. Ich wollte den mir unbekannten Arzt der chemischen
Stadt nicht zu Rate ziehen. Netti arbeitete seit dem Morgen im
Krankenhaus, dort fand ich ihn in der Vorhalle, mit der Aufnahme der
eben eingetroffenen Kranken beschftigt.

Als Netti mich im Vorraum erblickte, eilte er sofort auf mich zu,
betrachtete aufmerksam mein Gesicht, nahm mich bei der Hand und fhrte
mich in ein kleines Zimmer. Hier herrschte weiches blaues Licht, ein
leichter angenehmer, mir unbekannter Duft erfllte den Raum, dessen
Stille durch nichts gestrt wurde. Netti drckte mich in einen bequemen
Lehnstuhl und sprach:

Denken Sie an nichts, machen Sie sich ber nichts Sorgen. Fr heute
nehme ich alles auf mich. Rasten Sie; spter komme ich wieder.

Er verlie das Zimmer, und ich dachte an nichts, machte mir ber nichts
Sorgen, als habe er tatschlich alle meine Gedanken und Sorgen auf sich
genommen. Dies war uerst angenehm, und nach wenigen Minuten schlief
ich ein. Als ich erwachte, stand Netti vor mir, blickte mich lchelnd
an.

Fhlen Sie sich besser? fragte er.

Ich bin vollkommen gesund, Sie aber sind ein genialer Arzt, erwiderte
ich. Gehen Sie zu Ihren Kranken und beunruhigen Sie sich meinetwegen
nicht.

Meine Arbeit ist schon beendet. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen unser
Krankenhaus zeigen, schlug Netti vor.

Ich empfand dafr lebhaftes Interesse, und wir schickten uns an, das
ganze schne Gebude zu besichtigen.

Chirurgische Flle und Nervenkrankheiten schienen hier vorzuherrschen.
Die meisten chirurgischen Flle waren durch Maschinen verursachte
Verletzungen.

Es ist doch nicht mglich, da es in Eueren Betrieben an
Schutzvorrichtungen fehlt? fragte ich Netti.

Vollkommene Schutzvorrichtungen, die jeden Unglcksfall ausschlieen,
gibt es berhaupt nicht. Aber Sie sehen hier die Verletzten aus einem
Gebiet mit zwei Millionen Einwohnern -- bei einem derartigen Gebiet sind
etliche zehn Verwundete gar nicht so viel. Meist handelt es sich hier um
Neulinge, die sich noch nicht recht auf die Maschinen verstehen, an
denen sie arbeiten. Bei uns behagt es den Leuten, von dem einen
Arbeitszweig zum anderen berzugehen. Die Erziehungs- und
Kunstspezialisten sind am hufigsten die Opfer ihrer Zerstreutheit; ihre
Aufmerksamkeit schweift oft ab, sie versinken in Gedanken und
Betrachtungen.

Die Nervenkrankheiten werden wohl meistens durch Erschpfung
verursacht?

Ja, dieser Flle gibt es viele. Doch werden derartige Krankheiten auch
ebenso oft durch eine Krise im Geschlechtsleben oder aber eine andere
seelische Erschtterung hervorgerufen, wie etwa der Tod geliebter
Menschen.

Werden hier auch Geisteskranke mit verdunkeltem oder verwirrtem
Bewutsein aufgenommen?

Nein. Fr diese gibt es ein eigenes Krankenhaus. Bei ihnen bedarf es
besonderer Vorrichtungen, damit sie in gewissen Fllen weder sich, noch
anderen Schaden zufgen knnen.

Und wird bei Euch in solchen Fllen gegen die Kranken Gewalt
angewandt?

Bisweilen; selbstverstndlich aber nur dann, wenn es sich als
unumgnglich ntig erweist.

Nun begegne ich in Ihrer Welt bereits zum zweiten Mal der Gewalt! Das
erste Mal geschah dies im Haus der Kinder. Sagen Sie mir, es gelingt
also auch auf dem Mars nicht, dieses Element vllig aus dem Leben zu
verbannen? Sie sind gezwungen, es mit Bewutsein anzunehmen.

Ja; ebenso wie wir gezwungen sind, Krankheit und Tod hinzunehmen, oder
etwa eine bittere Medizin zu schlucken. Welches vernnftige Wesen wrde
zum Beispiel im Fall der Selbstverteidigung auf die Gewalt verzichten?

Wissen Sie, da diese Tatsache mir die Kluft zwischen Ihrer und unserer
Welt weit weniger gro erscheinen lt?

Der Unterschied besteht nicht darin, da bei Ihnen notgedrungenerweise
viel, bei uns aber wenig Gewalt angewandt wird, sondern vielmehr darin,
da sich bei Ihnen die Gewalt als Gesetz verkleidet, sei es nun als
ueres oder inneres, da sie als sittliche und rechtliche Norm
auftritt, die die Menschen beherrscht und belastet. Bei uns hingegen
tritt die Gewalt entweder als Krankheitserscheinung auf, oder aber als
vernnftige Handlung eines vernunftbegabten Wesens. In keinem dieser
Flle bedeutet sie irgendein gesellschaftliches Gesetz, oder eine
gesellschaftliche Norm, ist weder persnliches noch unpersnliches
Gebot.

Gibt es denn keine Regel, nach der Sie die Freiheit der Geisteskranken
oder der Kinder einschrnken?

Ja, eine Art wissenschaftliche, der Medizin oder Pdagogik entstammende
Regel. Freilich sind in dieser technischen Regel nicht alle jene Flle
vorausgesehen, in denen die Gewalt angewandt werden mu, noch aber die
Mittel bei ihrer Anwendung, die Stufen -- alldies hngt
selbstverstndlich von der Gesamtheit der Vorbedingungen ab.

Wird dadurch der Willkr der Erzieher oder Krankenpfleger nicht vllig
freier Lauf gelassen?

Was bedeutet das Wort Willkr? Wenn es unntige, berflssige
Anwendung der Gewalt bedeutet, so kann es nur in bezug auf einen Kranken
angewandt werden, der sich im Krankenhaus befindet. Ein vernnftiger,
bewut handelnder Mensch ist der Willkr nicht fhig.

Wir durchschritten die Krankensle, die Operationsrume, die Zimmer, in
denen die Medizinen aufbewahrt wurden, die Stuben der Pfleger. Im
obersten Stockwerk betraten wir einen gerumigen, schnen Saal, dessen
durchsichtige Wnde den Ausblick auf den See, den Wald und die fernen
Berge gestatteten. Der Raum war mit Statuen und Gemlden von hohem
knstlerischem Wert geschmckt, die Mbel waren prchtig und luxuris.

Dies ist das Zimmer der Sterbenden, sprach Netti.

Bringen Sie alle Sterbenden hierher? fragte ich.

Ja, oder sie begeben sich selbst in diesen Saal, lautete die Antwort.

Knnen denn bei Ihnen die Sterbenden noch selbst gehen? staunte ich.

Jene, die krperlich gesund sind, vermgen es selbstverstndlich.

Ich begriff, da es sich hier um Selbstmrder handle.

Sie berlassen diesen Saal den Selbstmrdern zur Ausfhrung ihres
Vorhabens?

Ja, sowie alle Mittel, die einen ruhigen schmerzlosen Tod bringen.

Und Sie legen ihnen kein einziges Hindernis in den Weg?

Wenn der Patient bei klarem Verstand ist und sein Entschlu feststeht,
kann es doch gar kein Hindernis geben. Natrlich wird dem Kranken
Gelegenheit gewhrt, sich vorher mit dem Arzt zu beraten. Einige tun
dies, -- andere nicht.

Kommen bei Ihnen viele Selbstmorde vor?

Ja, besonders unter den alten Leuten. Wenn sich das Gefhl des Lebens
abstumpft und schwcher wird, ziehen es viele vor, nicht das natrliche
Ende abzuwarten.

Begehen auch junge, vllig gesunde und starke Menschen Selbstmord?

Auch dies kommt vor, aber uerst selten. Seitdem ich im Krankenhaus
arbeite, kann ich mich blo an zwei Flle erinnern, der dritte lie von
seinem Vorhaben ab.

Wer waren die beiden Unglcklichen und was trieb sie in den Tod?

Der erste war mein Lehrer, ein hervorragender Arzt, der der
Wissenschaft viel Neues gegeben hat. Bei ihm war die Fhigkeit, die
Leiden anderer mitzufhlen, in einem unglaublich hohen Mae entwickelt.
Dies fhrte seinen Verstand und seine Energie zum Studium der Medizin,
war aber auch sein Verderben. Er ertrug es nicht. Verbarg aber seine
geistige Einstellung so gut vor allen Menschen, da seine Tat vllig
berraschend wirkte. Er beging diese nach einer schweren Epidemie, die
als Folge der Trockenlegung einer Meeresbucht auftrat, als die toten
Fische tonnenweise verwesend am Strand lagen. Die Krankheit war ebenso
schmerzhaft wie bei Ihnen die Cholera, aber noch weit gefhrlicher. Von
zehn Erkrankungen nahmen neun einen tdlichen Verlauf. Da aber dennoch
eine geringe Mglichkeit der Genesung bestand, konnten die Aerzte den
Bitten der Kranken um einen raschen und schmerzlosen Tod nicht
nachkommen; es war ja auch nicht mglich, von einem Menschen, den
starkes Fieber und groe Schmerzen peinigten, anzunehmen, da er sich
bei vllig klarem Bewutsein befinde. Mein Lehrer arbeitete wie ein
Wahnsinniger, und seine Forschungen trugen viel dazu bei, die Epidemie
abzukrzen. Als diese vllig verschwunden war, beging er Selbstmord.

Wie alt war er damals?

Ihrer Berechnung nach ungefhr Fnfzig. Bei uns ist dies noch ein
jugendliches Alter.

Und der zweite Fall?

Eine Frau, der am gleichen Tag Mann und Kind gestorben waren.

Und der dritte Fall?

Den kann Ihnen nur jener Genosse erzhlen, der ihn selbst erlebte.

Das ist wahr, meinte ich. Erklren Sie mir aber nun etwas anderes:
wie kommt es, da sich die Marsbewohner so lange jung erhalten? Ist dies
eine Eigenheit Ihrer Rasse oder hngt es von den gnstigen
Lebensbedingungen, oder aber noch von etwas anderem ab?

Mit der Rasse hat es nichts zu tun; noch vor zweihundert Jahren waren
wir weit weniger langlebig. Die gnstigeren Lebensbedingungen? Ja,
selbstverstndlich spielen auch diese eine bedeutsame Rolle, die
Hauptursache jedoch ist eine ganz andere: nmlich die _Erneuerung_ des
Lebens.

Was ist das?

Eine dem Wesen nach uerst einfache Sache, Ihnen jedoch wird sie
wahrscheinlich seltsam erscheinen, obgleich Ihre Wissenschaft bereits
alle Daten fr diese Methode kennt. Sie wissen, da die Natur, um die
Lebensfhigkeit der Zelle oder des Organismus zu steigern, das
Einzelwesen durch ein anderes ergnzt. Um dieses Ziel zu erreichen,
verschmilzt sich das Einzelwesen aus zweien zu einem, und auf diese Art
erhlt es die Lebens- und Vermehrungsfhigkeit, die Unsterblichkeit
des Protoplasma. Derselbe Gedanke beherrscht die Kreuzungen der hheren
Pflanzen- und Tierarten; hier vereinigen sich lebendige Elemente zweier
verschiedener Wesen, auf da ein drittes geboren werde. Schlielich
wissen Sie wohl auch um die Einimpfung des Blutes, von dem einen zum
anderen Geschpf, um diesem anderen eine strkere Lebensfhigkeit zu
verleihen, wie dies beim Serum gegen verschiedene Krankheiten der Fall
ist. Wir gehen hierin noch weiter: verwenden die _Transfusion des
Blutes_ zwischen zwei menschlichen Wesen, von denen jedes dem anderen
eine gesteigerte Lebensfhigkeit zu geben vermag. Diese einmalige
Transfusion des Blutes zwischen zwei Menschen wird durch einen die
Blutgefe der beiden verbindenden Apparat bewerkstelligt. Bei
Beobachtung der ntigen Vorsichtsmaregeln ist der Proze vllig
ungefhrlich. Das Blut des einen Menschen lebt weiter im Organismus des
anderen, vermischt sich mit dem eigenen Blut und erneuert die Gewebe.

Auf diese Art vermgen Sie durch die Transfusion jungen Blutes den
Alten die Jugend wiederzugeben?

Zum Teil; freilich nicht ganz. Denn das Blut ist im Organismus nicht
alles, der Organismus verarbeitet es. Deshalb altert auch der junge
Mensch nach der Transfusion alten Blutes nicht; alles, was in ihm
Schwche, Alter ist, verteilt sich rasch im jungen Organismus, und zur
gleichen Zeit scheidet er aus dem Organismus all das aus, dessen er
nicht bedarf; dadurch werden die Energie und Anpassungsfhigkeit seines
ganzen Wesens gesteigert.

Wenn dies so einfach ist, weshalb hat bis heute unsere irdische Medizin
das Mittel noch nicht angewandt? Die Transfusion des Blutes ist, wenn
ich nicht irre, bereits seit etlichen hundert Jahren bekannt.

Ich wei es nicht; vielleicht besteht irgendeine organische Eigenheit,
die bei den Erdenmenschen diesem Mittel seine Wirksamkeit raubt.
Vielleicht aber kommt dies auch von dem bei Ihnen herrschenden
Individualismus, der so sehr den einen Menschen vom anderen trennt, da
der Gedanke an eine lebendige Verschmelzung Ihren Gelehrten schier als
ein Ding der Unmglichkeit erscheint. Auerdem gibt es bei Ihnen eine
Unzahl das Blut vergiftender Krankheiten, Krankheiten, von denen die
Befallenen oft gar nicht wissen, oder die sie verheimlichen. Die bei
Ihnen uerst selten vollzogene Transfusion des Blutes trgt irgendwie
einen philanthropischen Charakter: jener, der viel Blut besitzt, gibt
davon jenem, der dessen uerst ntig bedarf, zum Beispiel in Fllen, wo
durch Wunden ein groer Blutverlust entstanden ist. Freilich kommt dies
auch bei uns vor; meist aber verhlt es sich anders, entspricht unserer
ganzen Ordnung: unser Leben ist nicht nur dem Geist nach ein
kameradschaftliches, sondern sogar dem Krper nach.


                         Arbeit und Gespenster

Die Eindrcke der ersten Tage, die wie ein strmischer Wasserfall mein
Bewutsein berfluteten, lieen mich erkennen, was fr eine ungeheuere
Arbeit mir bevorstand. Vor allem galt es, diese Welt zu _begreifen_,
diese unermelich reiche und in ihrer Ordnung so eigenartige Welt. Dann
aber mute ich mich ihr _nhern_, jedoch nicht wie einem interessanten
Museumsgegenstand, sondern wie ein Mensch den Menschen, ein Arbeiter den
Arbeitern. Nur so vermochte ich meine Mission zu erfllen, als
wahrhaftes Band zwischen zwei Welten zu dienen, zwischen denen ich, der
an der Grenze stehende Sozialist, einen unendlich winzigen Augenblick
der Gegenwart bedeutete, der Vergangenheit und Zukunft verband.

Als ich das Krankenhaus verlie, sprach Netti zu mir: Beeilen Sie sich
nicht allzu sehr. Mir schien es, als habe er unrecht. Im Gegenteil: ich
mute mich beeilen, mute alle Krfte, alle Energie anspannen -- denn
meine Verantwortung war eine ungeheuer groe. Welcher gewaltige Nutzen
konnte unserer alten zerqulten Menschheit erwachsen, welche gigantische
Beschleunigung ihrer Entwicklung durch den Einflu dieser lebendigen,
energischen, hohen Kultur, die so mchtig und harmonisch war! Und jeder
Augenblick der Verzgerung in meiner Arbeit konnte ein Hinausschieben
dieses Einflusses bedeuten ... Nein, ich durfte nicht erwarten, durfte
nicht rasten. Und ich arbeitete viel. Lernte die Wissenschaft und die
Technik der neuen Welt kennen, beobachtete genau ihr gesellschaftliches
Leben, studierte ihre Literatur. Und dabei boten sich mir viele
Schwierigkeiten.

Die wissenschaftlichen Methoden verblfften mich vllig: ich prgte sie
mir mechanisch ein, vermeinte anfangs, sie seien leicht, einfach, ohne
Fehler; bald aber bemerkte ich, da ich sie nicht verstand, da ich
nicht begriff, wieso sie zum Ziele fhrten, ihre Verbindung nicht fand
und ihr Wesen nicht erfate. Ich glich einem alten Mathematiker des 17.
Jahrhunderts, dessen begrenzter unbeweglicher Geist die lebendige
Dynamik der unendlich kleinen Gren nicht zu erfassen vermag.

Die allgemein zugnglichen Versammlungen der Marsbewohner versetzten
mich durch ihren rein sachlichen Charakter in groes Erstaunen. Ob sie
nun wissenschaftlichen Fragen, oder aber der Organisation der Arbeit
oder Kunstfragen galten, -- stets waren die Ausfhrungen und Reden
seltsam nchtern und kurz, die Argumente genau, sachlich, niemand
wiederholte sich und keiner wiederholte, was ein anderer gesagt hatte.
Der Beschlu der Versammlung, der hufig ein einstimmiger war, wurde mit
mrchenhafter Geschwindigkeit durchgefhrt. Beschlo die Versammlung der
Lehrer, da eine neue Lehranstalt gegrndet werden msse, oder die
Versammlung der Arbeitsstatistiker, da ein neues Unternehmen gegrndet
werden solle, oder die Versammlung der Stadtbewohner, da irgendein
Gebude zu schmcken sei, -- sofort erschienen auch schon die neuen
Zahlen der erforderlichen Arbeitskraft, das Zentralbureau schaffte auf
dem Luftweg Hunderte und Tausende von neuen Arbeitern herbei; nach
einigen Tagen oder einer Woche war bereits alles beendet, und die neuen
Arbeiter verschwanden; niemand wute, wohin. All dies erweckte in mir
schier den Eindruck der Magie, einer seltsamen, gelassenen, kalten,
Beschwrungen und Mystik verachtenden Magie, die vielleicht eben deshalb
durch ihre bermenschliche Macht besonders rtselhaft wirkte.

Auch die Literatur der neuen Welt, sogar die rein knstlerische,
bedeutete fr mich weder Erholung noch Beruhigung. Ihre Form erschien
zwar klar und unkompliziert, aber der Inhalt mutete mich fremd an. Es
verlangte mich, tiefer in sie einzudringen, sie zu begreifen, ihr nher
zu kommen, doch fhrten meine Bemhungen zu einem vllig unerwarteten
Ergebnis: die Formen wurden gespenstisch, von Nebel umhllt.

Besuchte ich das Theater, so berkam mich ebenfalls das Gefhl der
Verstndnislosigkeit. Die Reden der Helden waren so zurckhaltend und
gedmpft, ihre Gefhle so schwach betont, da es fast schien, als
wollten sie bei dem Zuschauer keinerlei Stimmung erregen, als wren sie
nur abgeklrte Philosophen, freilich uerst idealisierte. Nur die
historischen, in der fernen Vergangenheit spielenden Dramen weckten in
mir einen vertrauten Eindruck; hier war auch das Spiel der Darsteller
bedeutend lebhafter, der Ausdruck persnlicher Gefhle um vieles
unverhllter, glich weit mehr dem, woran ich in unseren Theatern gewhnt
war.

Ein Umstand zog mich trotz allem immer wieder ins Theater unserer
kleinen Stadt: nmlich der, da es hier keine Schauspieler gab. Die hier
aufgefhrten Stcke wurden uns durch optische und akustische Apparate
vermittelt, die sich in anderen groen Stdten befanden, oder aber, und
dies kam noch hufiger vor, es wurden Stcke aufgefhrt, die so alt
waren, da die meisten der darin auftretenden Schauspieler nicht mehr
unter den Lebenden weilten. Die Marsbewohner kannten die Momentaufnahmen
in natrlichen Farben, bentzten sie, um Leben und Bewegung
wiederzugeben, wie dies in unseren Kinos geschieht. Aber sie vereinigten
nicht nur den Kinematograph mit dem Phonograph, wie das bereits, wenn
auch ohne rechten Erfolg, auf der Erde getan wurde, sondern sie wandten
auch das Stereogramm an und verliehen dadurch den Kinobildern Relief.
Auf der Leinwand erschienen gleichzeitig zwei Abbildungen, -- zwei halbe
Stereogramme; vor jedem Sitz war ein entsprechendes stereoskopisches
Glas befestigt, das die beiden flachen Abbildungen zu einer vereinigte.
Es schien seltsam, klar und genau lebendige Menschen zu sehen, die sich
bewegten, handelten, ihren Gefhlen in Worten Ausdruck verliehen, und
gleichzeitig zu wissen, da von all dem nichts existierte, als die
Mattscheibe, der Phonograph und das elektrische Licht mit dem Uhrwerk.
Ja, dies war fast mystisch seltsam, und erweckte unklare Zweifel an
aller Wirklichkeit.

Selbstverstndlich wurde durch all diese Tatsachen meine Aufgabe, das
Verstehen der fremden Welt, in hohem Mae erschwert. Ich htte
entschieden fremder Hilfe bedurft. Doch wandte ich mich nur sehr selten
an Menni mit der Bitte um Erklrungen. Ich wollte ihn nicht in Anspruch
nehmen, denn er war eben mit seinen Forschungen ber die Gewinnung der
Minus-Materie beschftigt. Er arbeitete unermdlich, schlief oft
nchtelang nicht, und ich wollte ihn nicht stren und ablenken. Seine
Arbeitsfreudigkeit war fr mich ein lebendiges Beispiel, das mich
unwillkrlich dazu verleitete, meine Anstrengungen fortzusetzen.

Die brigen Freunde waren von meinem Horizont verschwunden. Netti
verreiste auf etliche hundert Kilometer, um den Bau und die Organisation
eines riesenhaften neuen Krankenhauses auf der anderen Halbkugel des
Planeten zu leiten. Enno, Sternis Gehilfe, war ebenfalls viel
beschftigt; in seinem Observatorium wurden Messungen und Berechnungen
fr neue Expeditionen nach der Venus und der Erde angestellt, sowie fr
Expeditionen nach dem Mond und dem Merkur; letztere sollten
photographiert und von den Mineralien sollten Proben zurckgebracht
werden. Mit den anderen Marsbewohnern war ich nicht nher bekannt,
beschrnkte meine Gesprche mit ihnen auf praktische Fragen; es fiel mir
schwer, mich diesen so fremden und hoch ber mir stehenden Wesen zu
nhern.

Allmhlich begann ich zu finden, da, allgemein gesprochen, meine Arbeit
gute Fortschritte machte. Ich bedurfte immer weniger der Rast, ja sogar
des Schlafes. Alles, was ich fast mechanisch leicht und frei erlernte,
brachte ich bequem in meinem Kopf unter, und dies rief irgendwie das
Gefhl hervor, als sei mein Kopf vllig leer und knne noch viel, sehr
viel beherbergen. Freilich, wenn ich nach alter Gewohnheit versuchte,
fr mich selbst genau zu formulieren, was ich wute, so milang das fast
immer; doch deuchte mich, es sei nicht wichtig, Einzelheiten und Teile
klar definieren zu knnen. Vor allem gelte es einen Allgemeinbegriff zu
haben, und den besa ich.

Eine besonders lebhafte Befriedigung fand ich in meiner Arbeit nicht; es
gab nichts, das in mir das frhere Gefhl unmittelbaren Interesses
wachgerufen htte, doch erschien mir dies selbstverstndlich: nach all
dem, was ich gesehen und erfahren hatte, fiel es mir schwer, noch ber
irgendetwas zu staunen. Es kam ja auch gar nicht darauf an, ob mir etwas
angenehm sei, sondern vielmehr darauf, da ich alles begreife und mir zu
eigen mache.

Eines nur war peinlich: es wurde mir tglich schwerer, meine
Aufmerksamkeit vllig auf einen Gegenstand zu konzentrieren. Die
Gedanken schweiften von einer Sache, von einer Seite zur anderen; klare,
gnzlich unerwartete Erinnerungen fluteten bisweilen ber mein
Bewutsein hinweg, lieen mich meine Umgebung vergessen, raubten mir die
kostbaren Minuten. Ich bemerkte dies, zwang mich mit neuer Energie zur
Arbeit, aber nach kurzer Zeit suchten abermals flchtige Bilder und
Phantasien der Vergangenheit mein Gehirn heim, und es galt von neuem,
ihrer Gewalt zu widerstehen.

Immer hufiger berkam mich ein bebendes, seltsam beunruhigendes Gefhl;
bekannte Gesichter tauchten vor mir auf, alte Geschehnisse. Eine
bermchtige Flut ri mich zurck, in ferne Zeiten, in die Jugend und
frheste Kindheit, dort verlor sich mein Bewutsein in Unklarheit und
Wirrnis. Nach solchen Stunden vermochte ich die andauernde Zerstreutheit
nicht zu bewltigen.

In meinem Inneren entstand ein heftiger Widerstand, der mich hinderte,
einer Sache lange Zeit zu widmen; ich hastete von Gegenstand zu
Gegenstand, schleppte in meine Stube einen Haufen Bcher, die frher am
rechten Ort aufbewahrt waren, Tabellen, Karten, Stereogramme,
Phonographen usw. Auf diese Art hoffte ich, den Zeitverlust wieder
einzubringen, aber die furchtbare Zerstreutheit bermannte mich stets
von neuem, und hufig ertappte ich mich dabei, da ich lange reglos auf
einen Punkt starrte, nichts begriff, nichts tat.

Lag ich auf meinem Bett und blickte durch das Glasdach zum dsteren
Nachthimmel empor, so begannen meine Gedanken eigenwillig mit
erstaunlicher Lebhaftigkeit und Energie zu arbeiten. Vor meinem Geiste
erschienen ganze Zahlenreihen und Formeln, sie waren von einer
derartigen Klarheit, da ich sie, Zeile um Zeile, abzulesen vermochte.
Doch verblaten diese Erscheinungen gar bald, machten anderen Platz,
mein Bewutsein kehrte zum Panorama eines unglaublich lebendigen und
klar umrissenen Bildes zurck, das nichts mit meiner Beschftigung und
meinen Sorgen zu tun hatte. Ich schaute irdische Landschaften,
theatralische Szenen, Bilder aus Kindermrchen, sah sie wie in einem
Spiegel. Sie durchdrangen meine Seele, verschwammen, vermischten sich,
erweckten keinerlei Aufregung, sondern blo ein leichtes Interesse, eine
gewisse Neugierde, der eine schwache Befriedigung eignete. Dieser
Vorgang vollzog sich in meinem Bewutsein, vermengte sich nicht mit der
ueren Umgebung; spter jedoch griff er auch auf sie ber. Ich versank
in Schlummer, in Trume, die voll lebendiger und komplizierter
Erscheinungen waren; der Schlummer war ein leichter und gab mir nicht,
wonach mich so sehr verlangte -- das Gefhl der Rast und Erholung.

Schon lngere Zeit strte mich Ohrensausen, jetzt wurde dieses immer
unaufhrlicher und strker, hinderte mich bisweilen sogar daran, die
Tne des Phonographen zu vernehmen. Des Nachts raubte es mir den Schlaf.
Immer wieder vermeinte ich dazwischen Menschenstimmen zu hren, bekannte
und unbekannte, bisweilen glaubte ich, mein Name wrde gerufen, oder
aber ich vernhme Gesprche, deren Worte ich wegen des Sausens nicht zu
verstehen vermochte. Ich sah ein, da ich nicht vllig gesund sei, da
mich Verwirrung und Zerstreutheit berwltigten, vermochte ich doch
nicht einmal einige Zeilen im Zusammenhang zu lesen.

Das ist selbstverstndlich nur Uebermdung, sprach ich zu mir. Ich
mu mehr rasten, habe tatschlich zu viel gearbeitet. Doch brauche ich
Menni davon nichts zu sagen, denn was jetzt mit mir vorgeht, erweckt gar
sehr den Eindruck, als machte ich bereits zu Anfang meiner Arbeit
Bankrott.

Wenn mich Menni in meiner Stube aufsuchte, dies kam freilich zu jener
Zeit selten vor, gab ich mir den Anschein, uerst beschftigt zu sein.
Er warnte mich: ich arbeite zu viel, setze mich der Gefahr der
Erschpfung aus.

Heute sehen Sie besonders schlecht aus, sagte er. Schauen Sie in den
Spiegel, wie Ihre Augen glnzen, wie bla Sie sind. Sie mssen sich
ausruhen, das wird spter Frchte tragen.

Mich verlangte ja selbst nach Ruhe, doch vermochte ich keine zu finden.
Zwar tat ich fast nichts, aber alles ermdete mich, sogar die geringste
Anstrengung. Die strmische Flut lebendiger Bilder, Erinnerungen und
Phantasien ebbte weder bei Tag noch bei Nacht ab. In ihr verblate meine
Umgebung, verlor sich, nahm etwas Gespenstisches an.

Schlielich mute ich mich ergeben; ich sah, da Schlaffheit und Apathie
immer strker meinen Willen schwchten, da ich immer weniger gegen sie
anzukmpfen vermochte. Eines Abends, als ich zu Bette lag, wurde es mir
pltzlich schwarz vor den Augen. Doch verging dies rasch, und ich trat
ans Fenster, um auf die Bume des Parkes zu blicken. Jhlings fhlte
ich, da mich jemand anstarre. Ich wandte mich um -- vor mir stand Anna
Nikolajewna Ihr Antlitz war bla und traurig, aus ihren Blicken sprach
Vorwurf. Ich wurde erregt, dachte gar nicht an das Seltsame ihrer
Erscheinung, tat einen Schritt vor, um ihr entgegenzugehen und etwas zu
sagen. Sie aber verschwand, als habe sie sich in Luft aufgelst.

Und in diesem Augenblick begann der Gespensterreigen. An vieles erinnere
ich mich nicht; mein Bewutsein war verdunkelt, ich befand mich in einer
Art Traum. Es kamen und gingen, erschienen vor mir allerlei Menschen,
denen ich in meinem frheren Leben begegnet war, aber auch Unbekannte.
Merkwrdigerweise befanden sich unter ihnen keine Marsbewohner, es waren
lauter Erdenmenschen. Die Bekannten gehrten meist zu jenen, die ich
seit langem nicht gesehen hatte, alte Schulkameraden, mein junger
Bruder, der noch als Kind gestorben war. Durchs Fenster erblickte ich
einen berchtigten Spion, der mich mit bsem Lachen aus seinen listigen,
unsteten Augen anblickte. Die Gespenster redeten nicht mit mir; in der
Nacht jedoch, da alles still war, vernahm ich halluzinierende Tne,
hrte unzusammenhngende, sinnlose Gesprche, gefhrt von den
Unbekannten: ein Fahrgast, der mit einem Droschkenkutscher stritt, ein
Kommis berredete einen Kunden, die Ware zu kaufen, der Lrm eines
Universittsauditoriums tobte, der Pedell versuchte Ruhe zu schaffen,
verkndete, da der Herr Professor gleich kommen wrde. Die
Gesichtshalluzinationen waren weit interessanter und strten mich viel
weniger und seltener.

Nach der Erscheinung Anna Nikolajewnas sprach ich selbstverstndlich mit
Menni ber meinen Zustand. Er schickte mich sofort ins Bett, berief den
Arzt und telephonierte den sechstausend Kilometer entfernten Netti an.
Der Arzt erklrte, er knne sich nicht entschlieen, etwas zu tun, da er
den Organismus der Erdenmenschen zu wenig kenne; jedenfalls bedrfe ich
vor allem der Ruhe und Erholung. Befolgte ich diesen Rat, so sei es
nicht gefhrlich, einige Tage zu warten, bis Netti zurckkme.

Netti stellte sich am dritten Tag ein. Als er sah, in was fr einem
Zustand ich mich befand, blickte er Menni mit traurigem Vorwurf an.


                                 Netti

Trotz der Behandlung durch einen so ausgezeichneten Arzt wie Netti
whrte meine Krankheit einige Wochen. Ich lag zu Bett, ruhig und
apathisch, betrachtete mit der gleichen Seelenruhe die Wirklichkeit und
die Gespenster. Nettis stete Gegenwart erweckte in mir ein kaum
merkliches, leichtes Gefhl der Zufriedenheit.

Heute erscheint mir in der Erinnerung mein damaliges Verhltnis zu den
Halluzinationen sehr merkwrdig; obgleich ich mich an die hundert Mal
von ihrer Unwirklichkeit berzeugte, so verga ich dies, sobald sie
erschienen; selbst wenn sich mein Bewutsein nicht verdunkelte und
verwirrte, hielt ich die Erscheinungen fr wirkliche Gesichter und
Dinge. Blo wenn sie bereits verschwunden waren, oder im Augenblick vor
ihrem Verschwinden, erkannte ich ihre Gespensterhaftigkeit.

Nettis Hauptbestreben ging dahin, mir Schlaf und Ruhe zu verschaffen. Er
konnte sich nicht dazu entschlieen, mir irgendeine Medizin zu
verabreichen, frchtete, diese knnte auf den irdischen Organismus als
Gift wirken. Etliche Tage vermochte er mich mit den gewhnlichen Mitteln
nicht zum Schlafen zu bringen; die Halluzinationen verhinderten dies.
Endlich aber gelang es ihm dennoch, und als ich nach zwei- bis
dreistndigem Schlaf erwachte, sprach er:

Nun zweifle ich nicht mehr an Ihrer Genesung, wenngleich die Krankheit
noch lange whren drfte.

Und die Krankheit nahm ihren Verlauf. Die Halluzinationen wurden
seltener, doch waren sie um nichts weniger lebhaft und klar, wurden
sogar etwas komplizierter; bisweilen lieen sich die gespenstischen
Gste mit mir in ein Gesprch ein.

Von diesen Gesprchen hatte nur ein einziges fr mich Sinn und
Bedeutung; es war schon gegen Ende meiner Krankheit, als es gefhrt
wurde.

Eines Morgens erwachend, sah ich Netti wie gewhnlich in meiner Nhe;
vor seinem Lehnstuhl aber stand mein alter Revolutionskamerad, der
lebhafte, boshaft spttische Agitator Ibrahim. Er schien etwas zu
erwarten. Als sich Netti ins anstoende Zimmer begab, um das Bad
vorzubereiten, sprach Ibrahim grob und entschlossen zu mir:

Du Dummkopf! Was hltst du Maulaffen feil? Siehst du denn etwa nicht,
wer dein Arzt ist?

Ich wunderte mich weder ber die in seinen Worten enthaltene Andeutung,
noch ber den zynischen Ton, ich kannte ja seine Art. Doch entsann ich
mich des eisernen Griffs, mit dem Nettis kleine Hnde zupackten und
glaubte Ibrahim nicht.

Umso rger fr dich! meinte er mit verchtlichem Lachen und
verschwand.

Netti betrat das Zimmer. Bei seinem Anblick empfand ich ein seltsames
Unbehagen. Er schaute mich scharf an.

Nun, sprach er, Ihre Genesung macht rasche Fortschritte.

Den ganzen Tag ber war Netti schweigsam und versonnen. Am folgenden
Tag, berzeugt davon, da ich mich wohl fhle und die Halluzinationen
sich nicht wiederholen wrden, ging er seiner Arbeit nach und kehrte
erst gegen Abend heim, lie sich durch einen anderen Arzt vertreten.
Etliche Tage kam er nur des Abends zu mir, um mich einzuschlfern. Erst
nun wurde es mir klar, wie wichtig und angenehm mir seine Anwesenheit
sei. Zusammen mit der Erregung der Genesung, die irgendwie aus der
ganzen Natur in meinen Organismus einzudringen schien, verfolgte mich
immer hufiger Ibrahims Andeutung. Ich schwankte, versicherte mir
selbst, das ganze sei Unsinn, der Gedanke entspringe meiner Krankheit;
weshalb htten Netti und die brigen Freunde mich in dieser Beziehung
irrefhren sollen? Nichtsdestoweniger blieb ein unklarer Zweifel zurck,
der etwas Angenehmes besa.

Einmal fragte ich Netti, mit was fr einer Arbeit er eben beschftigt
sei. Er erwiderte, es gebe jetzt viele Beratungen, auf denen ber eine
neue Expedition nach den anderen Planeten verhandelt werde, er sei als
Experte zugezogen. Menni leite die Beratungen, doch dchte weder er noch
Netti daran, die Expedition in nchster Zeit zu unternehmen, was mich
mit groer Freude erfllte.

Aber Sie selbst, beabsichtigten Sie nicht heimzukehren? fragte Netti,
und aus seinem Ton klang leise Unruhe.

Es gelang mir doch noch nicht, irgendetwas zu tun, entgegnete ich.
Nettis Gesicht strahlte.

Sie irren, Sie haben bereits viel getan, ... schon diese Antwort allein
..., erwiderte er.

Ich ahnte in dieser Andeutung etwas, das ich nicht wute, das mich aber
betraf.

Kann ich Sie nicht zu einer dieser Beratungen begleiten? erkundigte
ich mich.

Auf keinen Fall. Abgesehen davon, da Sie noch der Erholung bedrfen,
mssen Sie noch einige Monate alles vermeiden, was mit dem Beginn Ihrer
Krankheit im Zusammenhang steht.

Ich wollte nicht streiten. Es war so angenehm, sich zu erholen; die
Pflicht der Menschheit gegenber schien in weite Ferne gerckt. Jetzt
beunruhigten mich nur mehr, und zwar in immer strkerem Mae, die
Gedanken ber Netti.

Eines Abends stand ich am Fenster und blickte durch die Dmmerung in die
geheimnisvolle Schnheit des Parkes; dieser dnkte mich herrlich, und
nichts an ihm war meinem Herzen fremd. Ein leises Klopfen an der Tr
wurde vernehmbar, und ich fhlte mit einem Mal -- dies sei Netti. Er
nherte sich mit seinen leichten raschen Schritten, streckte mir
lchelnd die Hand hin: der alte Erdengru, der ihm gefiel. Freudig griff
ich nach seiner Hand, drckte sie so heftig, da es sogar seine festen
Finger schmerzte.

Ich sehe, da meine Rolle als Arzt zu Ende ist, lchelte er. Doch mu
ich noch einige Fragen an Sie richten, um meiner Sache ganz gewi zu
sein.

Er richtete Fragen an mich, ich gab Antwort, erfat von unverstndlicher
Verwirrung, und las in der Tiefe seiner groen, groen Augen heimliches
Lachen. Schlielich vermochte ich mich nicht lnger zu beherrschen.

Erklren Sie mir, weshalb ich mich so stark zu Ihnen hingezogen fhle?
Weshalb freut es mich so ungemein, Sie zu sehen?

Hauptschlich wohl aus dem Grunde, weil ich Sie behandelt habe und Sie
unbewut die Freude der Genesung auf mich bertragen. Vielleicht aber
auch ... deshalb, weil ich ... eine Frau bin ...

Dunkle Punkte kreisten vor meinen Augen, alles ringsum versank in Nacht,
das Herz hrte schier zu schlagen auf ... Einen Augenblick lang hielt
ich wie ein Wahnsinniger Netti in meiner Umarmung fest, kte ihre
Hnde, ihr Gesicht, ihre groen tiefen Augen, die grnlich blau
leuchteten, wie der Himmel ihres Planeten ...

Schlicht und groherzig berlie sich Netti meiner Umarmung ... Als ich
meine sinnlose Freude beherrschte und von neuem ihre Hnde und ihr
Gesicht kte, die Augen voller Freudentrnen, die selbstverstndlich
von der durch die Krankheit verursachten Schwche herrhrten, sprach
Netti mit ihrem lieben Lcheln:

Es schien mir, als fhlte ich in Ihrer Umarmung Ihre ganze junge Welt,
deren Despotismus, deren verzweifeltes Glcksverlangen -- all dies lag
in Ihrer Liebkosung. Ihre Liebe gleicht dem Mord ... Aber ... ich liebe
Sie, Lenni ...

Dies war Glck.


                              Dritter Teil


                                 Glck!

Diese Monate! ... Gedenke ich ihrer, so erfat gewaltiges Zittern meinen
Leib, Nebel verdunkeln mein Auge, alles ringsum erscheint mir nichtig.
Und es gibt keine Worte, um das vergangene Glck zu schildern.

Die neue Welt kam mir nahe, schien mir mit einem Mal vllig
verstndlich. Die erlittene Niederlage bekmmerte mich nicht. Jugend und
Glaube kehrten zu mir zurck, um, wie ich glaubte, mich nie mehr zu
verlassen. Ich besa Hoffnung und einen starken Verbndeten; fr die
Schwche war kein Raum. Die ganze Zukunft gehrte mir.

In die Vergangenheit schweiften meine Gedanken nur selten zurck, sie
beschftigten sich mit dem, was Netti und unsere Liebe anbelangte.

Weshalb verbargen Sie mir Ihr Geschlecht? fragte ich bald nach jenem
Abend.

Anfangs ergab sich dies von selbst, zufllig. Dann aber untersttzte
ich absichtlich Ihre Tuschung, entfernte sogar von meiner Kleidung
alles, was Ihnen die Wahrheit htte verraten knnen. Mich erschreckte
die Schwere und Kompliziertheit Ihrer Aufgabe, ich frchtete, diese noch
verwickelter zu gestalten, besonders als ich spter Ihre unbewute
Zuneigung zu mir wahrnahm. Auch verstand ich mich selbst nicht recht ...
bis zu Ihrer Krankheit.

Diese also hat die Lsung herbeigefhrt ... Wie segne ich meine lieben
Halluzinationen!

Ja, als ich von Ihrer Erkrankung erfuhr, traf es mich wie ein
Hammerschlag. Htte ich nicht vermocht, Sie vollstndig zu heilen, ich
wre vielleicht gestorben.

Nach einigen Augenblicken des Schweigens fgte sie hinzu:

Wissen Sie auch, da sich unter Ihren Freunden noch eine Frau befindet,
von der Sie dies gleichfalls nicht ahnten? Sie ist Ihnen sehr zugetan,
freilich nicht so wie ich ...

Enno! erriet ich sofort.

Selbstverstndlich. Und auch Enno fhrte Sie absichtlich irre, befolgte
dabei meinen Rat.

Ach, wie viel Trug und Feigheit gibt es doch in Eurer Welt! rief ich
mit scherzhaftem Pathos. Lat nur, bitte, Menni einen Mann bleiben,
denn verliebte ich mich in ihn, so wre dies furchtbar.

Ja, dies ist furchtbar, entgegnete Netti gedankenvoll, und ich
verstand ihren seltsamen Ernst nicht.

Tage reihten sich an Tage, und beglckt nahm ich von der schnen neuen
Welt Besitz.


                                Trennung

Und dennoch kam ein Tag, kam der Tag, an den ich nicht ohne
Verwnschungen zu denken vermag -- der Tag, da sich zwischen Netti und
mir der schwarze Schatten einer verhaten und unvermeidlichen Trennung
erhob.

Mit dem gleichen gelassenen, abgeklrten Gesichtsausdruck, der ihr eigen
war, erklrte mir Netti unvermittelt, sie msse sich im Verlauf eines
Tages der Riesenexpedition nach der Venus anschlieen, die von Menni
geleitet wurde. Als sie sah, wie sehr mich diese Nachricht verstrte,
sprach sie:

Es ist ja nicht auf lange Zeit. Hat die Expedition Erfolg, und ich
zweifle nicht daran, so wird ein Teil der Mitglieder baldigst
zurckkehren, und auch ich werde diesem Teil angehren.

Dann berichtete sie mir, worum es sich handle. Auf dem Mars waren die
Vorrte der radiumausstrahlenden Materie, die fr die Motoren der
interplanetarischen Luftschiffe und fr die Zerlegung und Synthese aller
Elemente unentbehrlich waren, erschpft und konnten nicht erneuert
werden. Auf der Venus hingegen, einem jungen Planeten, der fast viermal
krzere Zeit bestand als der Mars, gab es auf Grund untrglicher
Anzeichen ungeheure Lager dieser Materie, die sich fast an der
Erdoberflche befand und sich nicht selbstndig zerlegen konnte. Auf
einer Insel, die in dem gigantischen Ozean der Venus lag und von den
Marsbewohnern die Insel des glhenden Sturms genannt ward, gab es ein
reiches Lager der radiumausstrahlenden Materie, und es war beschlossen
worden, dieses Lager so rasch wie mglich auszubeuten. Doch war vorher
ntig, uerst hohe und dicke Mauern zu errichten, die die Arbeiter
gegen den verderblichen glhenden Wind schtzen sollten, der in seiner
Wildheit und Grausamkeit die Sandstrme unserer Wsten bei weitem
bertraf. Diese Arbeit erforderte eine Expedition von zehn Aetheroneffs
und von zweitausend Menschen, unter denen sich zwanzig Chemiker
befanden; die brigen sollten den Bau der Mauer bernehmen. Die besten
wissenschaftlichen Krfte sowie die erfahrensten Aerzte wrden sich
anschlieen; die Gesundheit aller Expeditionsmitglieder war vom Klima
gefhrdet und auch von der mrderischen Glut, sowie von den Emanationen
der radiumausstrahlenden Stoffe. Netti vermochte sich, den eigenen
Worten zufolge, nicht von der Expedition zu drcken, doch hatte sie sich
ausbedungen, da, wenn die Arbeit gut von statten gehe, bereits nach
drei Monaten ein Aetheroneff zurckkehre, um Nachrichten und die zutage
gefrderte Materie mitzubringen. Mit diesem Aetheroneff wollte dann auch
Netti heimkommen, also etwa zehn bis elf Monate nach Ausfahrt der
Expedition.

Ich vermochte nicht zu begreifen, weshalb Netti unbedingt an der
Expedition teilnehmen msse. Sie meinte, das Unternehmen sei ein derart
ernstes, da sie sich ihm nicht entziehen knne, auerdem sei es auch
fr meine Aufgabe von groer Bedeutung, denn der Erfolg wrde die
Mglichkeit einer engeren Verbindung mit der Erde schaffen. Uebrigens
wrde ein jeder Irrtum auf dem Gebiet der medizinischen Hilfe das
Unternehmen von allem Anfang an zum Mierfolg verurteilen. All dies
klang berzeugend, ich wute ja auch, da Netti als der beste Arzt galt,
besonders in Fllen, die nicht in den Rahmen der alten erfahrungsgemen
Medizin paten; dennoch schien mir irgendwie, da dies nicht alles sei,
als gbe es noch etwas Unausgesprochenes.

An einem zweifelte ich nicht; an Netti selbst und ihrer Liebe. Wenn sie
sagte, es sei unbedingt ntig, die Expedition mitzumachen, so war dies
wirklich unvermeidlich, erklrte sie mir aber nicht, weshalb dies so
sein mute, so bedeutete es, da ich sie nicht weiter befragen drfe.
Wenn sie sich von mir unbeobachtet glaubte, sah ich in ihren schnen
Augen Angst und Schmerz.

Enno wird dir ein guter und liebevoller Freund sein, sprach sie mit
wehmtigem Lcheln. Und auch Nella wird dich nicht vergessen, sie liebt
dich um meinetwillen, besitzt viel Verstand und Erfahrung; in den
schweren Augenblicken des Lebens ist ihre Hilfe von hohem Wert. Wenn du
an mich denkst, so denke immer nur das eine: da ich zurckkehre, sobald
dies irgendwie mglich ist.

Ich vertraue dir, Netti, sprach ich, und deshalb glaube ich auch an
mich, an den Menschen, den du liebst.

Du hast recht, Lenni, und ich bin berzeugt, da dich keinerlei
Schicksalsschlge, keinerlei Prfungen von deiner Aufgabe ablenken
werden, da du dir selbst ebenso treu und da du ebenso stark und rein
bleiben wirst wie bisher.

Die Zukunft warf ihre Schatten auf unsere Abschiedsliebkosungen und
erschtterte Netti bis zu Trnen.


                           Die Kleiderfabrik

In diesen kurzen Monaten war es mir dank Nettis Hilfe in hohem Mae
gelungen, mich auf die Verwirklichung meines Hauptplanes vorzubereiten:
ein ntzlicher Arbeiter der Marsgesellschaft zu werden. Ich schlug
wohlberlegt alle Aufforderungen ab, ber die Erde und deren Menschen
Vortrge zu halten; es wre sinnlos gewesen, dies zu meiner Spezialitt
zu machen, da es ja auf knstliche Art mein Bewutsein an die Dinge der
Vergangenheit gefesselt htte und mir dadurch die Zukunft, fr die es zu
kmpfen galt, verloren gegangen wre. Ich beschlo ganz einfach, in
einen Betrieb zu gehen und whlte, nach verschiedenen Vergleichen und
reiflicher Ueberlegung, als erste Arbeitsstelle die Kleiderfabrik.

Selbstverstndlich whlte ich eine leichtere Arbeit. Dennoch forderte
diese von mir eine nicht geringe und ernsthafte Vorbereitung. Vor allem
galt es, mich mit der Ausarbeitung des wissenschaftlichen Prinzips der
Fabrikorganisationen im allgemeinen bekannt zu machen, dann aber mit
jener besonderen Organisation der von mir gewhlten Fabrik, mit deren
Architektur, deren Arbeitseinteilung, mit den Maschinen, an denen ich
arbeiten wrde, kurzum mit allen Einzelheiten. Zu diesem
Vorbereitungsstudium mute ich gewisse Gebiete der Mechanik, der
Technik, ja sogar der mathematischen Analyse studieren. Die
Hauptschwierigkeit bestand fr mich nicht in den Gegenstnden selbst,
sondern in den Formeln. Die Lehrbcher und Anleitungen rechneten nicht
mit der weit niedrigeren Erdenkultur. Ich erinnerte mich daran, wie ich
als Kind geqult wurde, indem man mir ein franzsisches Lehrbuch der
Mathematik gab. Ich empfand fr diesen Gegenstand eine ernsthafte
Vorliebe, und anscheinend auch eine ungewhnliche Begabung. Die
Schwierigkeiten, die dem Anfnger meist so viel Kopfzerbrechen bereiten,
die Idee des Grenzwertes und der Ableitung machten mir so wenig
Mhe, als wren sie mir immer bekannt gewesen. Doch fehlten mir jene
logische Disziplin und das praktische Wissen, die von dem franzsischen
Professor vorausgesetzt wurden; das ganze Lehrbuch war dem Ausdruck nach
uerst klar und genau, doch geizte es mit Erklrungen. Es gab hier
keine jener logischen Brcken, die sich ein Mensch von hherer
wissenschaftlicher Kultur selbst hinzudenken kann, die aber fr den
jungen Asiaten vonnten sind. Bisweilen dachte ich ganze Stunden lang
ber irgendeine magische Reduktion nach, die auf die Worte folgte: Wenn
wir unsere Aufmerksamkeit auf den vorangegangenen Vergleich richten, so
kommen wir zu dem Ergebnis ... -- Derart war es mir damals ergangen,
und das gleiche empfand ich in noch verstrktem Mae beim Studium der
wissenschaftlichen Bcher des Mars. Die Illusion, die mich zu Beginn
meiner Krankheit irregefhrt hatte, da alles leicht und verstndlich
sei, verschwand spurlos. Aber Netti hatte mir mit ihrer geduldigen Hilfe
stets zur Seite gestanden und mir den schweren Weg geebnet.

Bald nach Nettis Abfahrt fate ich meinen Entschlu und trat in den
Betrieb ein. Die Fabrik war ein riesenhaftes und uerst kompliziertes
Unternehmen; sie glich nicht im geringsten unserer blichen Vorstellung
von einer Kleiderfabrik. Hier waren Spinnerei, Weberei, das Zuschneiden,
Nhen und Frben der Kleider vereinigt, das Material jedoch, das zur
Verarbeitung gelangte, war weder Flachs, noch Baumwolle, noch
Pflanzenfasern berhaupt, noch Wolle, noch Seide, sondern etwas ganz
anderes.

In der ersten Zeit verfertigten die Marsbewohner ihre Gewnder aus den
gleichen Stoffen wie wir; sie bauten jene Pflanzen an, deren Gewebe
diesem Zweck diente, schoren die wolletragenden Tiere, zogen ihnen die
Haut ab, zchteten eine besondere Art Spinnen, deren Gewebe die
Eigenschaften der Seide besa usw. Die wirtschaftlichen Vernderungen
und die Vervollkommnung der Technik erforderten jedoch eine immer
grere Getreideproduktion. Die Pflanzenfasern wurden durch mineralische
Fasern ersetzt. Spter wandten die Gelehrten alle Aufmerksamkeit der
Erforschung der Spinnengewebe zu, suchten nach einer Synthese neuer
Stoffe mit analogen Eigenschaften. Als ihnen dies gelungen war, erfolgte
auf diesem ganzen Gebiet eine gewaltige Umwlzung, und heute konnte man
die Gewebe des alten Typus nur noch in historischen Museen sehen.

Unsere Fabrik war die wahrhafte Verkrperung dieser Umwlzung. Etliche
Mal im Monat wurde aus der zunchstgelegenen chemischen Fabrik auf dem
Schienenweg fr die Spinnerei Material geliefert, das heit: eine
durchsichtige Flssigkeit in gewaltigen Zisternen. Aus diesen Zisternen
wurde vermittels besonderer luftdichter Apparate das Material in
ungeheure, hohe Metallreservoire geleitet, deren dichter Boden
hunderttausend mikroskopisch kleine Oeffnungen besa. Durch diese
Oeffnungen gelangte die klebrige Flssigkeit unter einen starken
Luftdruck und verhrtete sich zu zhen Fasern. Zehntausend mechanische
Spindeln erfaten diese Fasern, spannen sie zu Fden verschiedener
Dicke, schafften das Gespinst in die Webeabteilung. Hier wurden die
verschiedenen Stoffe gewebt, von den allerfeinsten, wie Musselin und
Batist, bis zu den dicksten, wie Tuch und Filz. Die endlosen breiten
Streifen gelangten nun weiter in die Zuschneidewerksttte. Hier wurden
sie von neuen Maschinen gepackt, sorgfltig gefaltet, geschichtet, zu
genau ausgemessenen Stcken zerschnitten, zu Stcken, die die einzelnen
Teile des Gewandes bildeten.

In der Schneiderwerkstatt wurden aus den zugeschnittenen Stcken fertige
Kleider hergestellt, jedoch ohne da dabei Nadel, Faden oder Nhmaschine
angewandt worden wren. Durch einen chemischen Proze wurden die Rnder
der Kleidungsstcke erweicht und abermals in ihren ersten flssigen
Zustand versetzt. Sobald die chemische Substanz verdunstete, waren die
Kleider gleichsam zusammengeltet, fester, als es bei der besten
Schneiderarbeit der Fall gewesen wre. Diese Ltung wurde gleichzeitig
berall vollzogen, wo es nottat, so da auf diese Art fertige Kleider
hergestellt wurden, und zwar in einigen tausend Mustern, der Form und
dem Ma nach verschieden.

Es gab fr jede Gre einige hundert Muster, aus denen ein jeder fast
immer das geeignete zu whlen vermochte, und dies umso mehr, als sich
die Marsbewohner uerst ungezwungen kleideten. War dennoch das
Geeignete nicht vorhanden, wie etwa im Fall einer krperlichen
Unnormalitt, so kam das Stck abermals unter die Zuschneidemaschine; es
wurde ein besonderer Anzug genht, was etwa eine Stunde in Anspruch
nahm.

Was die Farbe der Gewnder anbelangte, so trugen die Marsbewohner meist
dunkle weiche Farben, die dem Material entsprachen. Wurde jedoch eine
andere Farbe verlangt, so kam der Anzug in die Frbeabteilung und
erhielt vermittels eines chemisch-elektrischen Prozesses die gewnschte
Farbe, die ideal gleichmig und ideal dauerhaft war.

Aus den gleichen, nur viel dickeren Geweben wurden das Schuhwerk und die
warmen Winterkleider hergestellt. Unsere Fabrik verfertigte diese nicht,
doch gab es andere, noch grere Betriebe, in denen alles verfertigt
wurde, was ein Mensch vom Kopf bis zu den Fen an Bekleidung braucht.

Ich arbeitete der Reihe nach in allen Abteilungen des Betriebes, lie
mich anfangs vllig von meiner Arbeit hinreien. Besonders interessant
erschien mir die Zuschneidewerkstatt; hier mute ich bei meiner Arbeit
mir bisher unbekannte Hilfsmittel in Anspruch nehmen: die mathematische
Analyse. Die Aufgabe bestand darin, aus einem gegebenen Stck bei dem
geringstmglichen Materialverlust alle Teile eines Anzugs zu gewinnen.
Dies war natrlich eine uerst prosaische, aber auch ernste Sache, denn
selbst der geringste Irrtum, der sich im Verlauf der Arbeit viele
Millionen Mal wiederholte, bedeutete einen ungeheuren Verlust. Einen
erfolgreichen Entschlu zu fassen, gelang mir meist nicht schlechter
als andern.

Nicht schlechter zu arbeiten als die anderen, das strebte ich aus
allen Krften an, und fast immer mit einem gewissen Erfolg. Doch mute
ich bemerken, da dies fr mich eine weit grere Anstrengung bedeutete
als fr meine Kameraden. Nach den gewhnlichen vier bis sechs
Arbeitsstunden -- die Erdenberechnung als Grundlage genommen -- fhlte
ich heftige Erschpfung und mute sofort rasten, whrend die andern noch
in Museen, Bibliotheken, Laboratorien gingen oder aber in andere
Fabriken, um dort die Arbeit zu beobachten, bisweilen auch noch selbst
mitzuarbeiten ...

Ich hoffte, mich allmhlich an die neue Arbeit zu gewhnen und meinen
Genossen gleich zu werden. Doch geschah dies nicht. Ich berzeugte mich
immer mehr davon, da mir die _Kultur der Aufmerksamkeit_ fehle.
Krperliche Bewegungen wurden uerst wenig erfordert, und was deren
Schnelligkeit und Gewandtheit anbelangte, so stand ich nicht hinter den
anderen zurck, ja, ich bertraf sie sogar. Aber die ununterbrochene
aufmerksame Beobachtung der Maschine und des Materials fiel meinem
Gehirn ungeheuer schwer: diese Fhigkeit vermag sich offensichtlich erst
im Verlauf einiger Generationen zu jener Stufe zu entwickeln, die hier
als Durchschnitt und vllig alltglich erscheint.

Wenn mich, und dies war meist am Ende des Arbeitstages der Fall,
Erschpfung ankam und meine Aufmerksamkeit nachlie, ich Fehler beging
oder auf eine Sekunde die Ausfhrung einer Arbeit unterlie, brachte die
unermdliche, unbeirrte Hand meines Nachbarn die Sache immer in Ordnung.

Die merkwrdige Fhigkeit dieser Menschen, alles ringsum zu beobachten,
ohne dabei auch nur im geringsten die eigene Arbeit zu vernachlssigen,
versetzte mich in Erstaunen und reizte mich sogar. Ihre Frsorge strte
mich nicht nur, nein, sie rief in mir auch Aerger und Ungeduld wach;
erregte in mir das Gefhl, als ob alle ununterbrochen meine Ttigkeit
verfolgten ... Diese Unruhe verstrkte noch meine Zerstreutheit und lie
mich schlechter arbeiten.

Heute, nach langer Zeit, da ich genau und leidenschaftslos an all dies
zurckdenke, sehe ich ein, da ich es damals falsch aufgefat habe. Mit
der gleichen Frsorge und auf dieselbe Art halfen meine Genossen in der
Fabrik einander. Ich war keineswegs der Gegenstand irgendeiner
ausschlielichen Aufsicht oder Kontrolle, wie es mich damals dnkte. Ich
selbst, der Mensch aus einer individualistischen Welt, sonderte mich von
den brigen ab und verkannte auf krankhafte Art ihre Gte und ihre
kameradschaftlichen Dienste, fr die sie, die Menschen einer
kameradschaftlichen Welt, von mir nicht gewrdigt werden konnten.


                                  Enno

Der lange Herbst war vorber, nun beherrschte bereits der schneearme,
aber kalte Winter unsere Gegend, die nrdliche Mitte der Halbkugel. Die
kleine Sonne wrmte gar nicht mehr und leuchtete noch weniger als zuvor.
Die Natur warf die hellen Farben ab, erschien fahl und streng. Die Klte
schlich sich ins Herz, der Zweifel in die Seele ein, und die Einsamkeit
des Sprlings aus einer anderen Welt wurde immer qualvoller.

Ich suchte Enno auf, die ich seit langer Zeit nicht gesehen hatte. Sie
empfing mich wie einen ihr nahestehenden lieben Menschen; mir war, als
durchbreche das strahlende Licht der nahegelegenen Vergangenheit die
Winterklte und die Nacht der Sorgen. Dann aber bemerkte ich, da auch
sie bla und von Kummer erschpft zu sein schien. In ihrem Verhalten und
ihren Worten lag verborgener Gram. Wir hatten einander viel zu sagen,
und einige Stunden vergingen fr mich angenehm und gut, wie dies seit
Nettis Abfahrt nicht mehr gewesen war.

Als ich mich erhob, um heimzukehren, wurde uns beiden schwer ums Herz.

Wenn Ihre Arbeit Sie nicht hier festhlt, so kommen Sie mit mir, sagte
ich.

Enno ging sofort auf meinen Vorschlag ein. Sie nahm ihre Arbeit mit. Zu
jener Zeit hatte sie nichts im Observatorium zu tun, trug einen
ungeheuren Vorrat von Berechnungen zusammen, und wir begaben uns in die
chemische Stadt, wo ich Mennis Wohnung allein bewohnte. Allmorgendlich
fuhr ich in meine Fabrik, die sich hundert Kilometer, also eine halbe
Wegstunde, entfernt befand. Die langen Winterabende verbrachte ich von
nun an mit Enno; wir beschftigten uns mit wissenschaftlichen Arbeiten,
plauderten oder unternahmen Spaziergnge in die Umgebung.

Enno erzhlte mir ihre Geschichte. Sie liebte Menni und war dessen Frau
gewesen. Es verlangte sie sehnlichst danach, von ihm ein Kind zu haben,
aber Jahr um Jahr verstrich, ohne da ihr Wunsch in Erfllung ging. Sie
wandte sich an Netti um Rat. Diese erforschte alle Umstnde und gelangte
zu dem kategorischen Ausspruch, da Enno von Menni niemals ein Kind
haben werde. Menni hatte sich allzu spt vom Knaben zum Mann entwickelt
und allzu frh das anstrengende Leben eines Gelehrten und Denkers zu
fhren begonnen. Die bertriebene Ttigkeit seines Gehirnes und dessen
auerordentliche Entwicklung hatten von allem Anfang an die lebendigen
Elemente der Vermehrung zerstrt und erdrckt; dies war nicht mehr gut
zu machen.

Nettis Urteil bedeutete einen furchtbaren Schlag fr Enno, bei der die
Liebe zu dem genialen Menschen und der starke Mutterinstinkt zu einem
Streben verschmolzen waren, das sich nun als hoffnungslos erwies.

Doch war dies noch nicht alles: Nettis Untersuchungen fhrten auch zu
einem zweiten Ergebnis. Es zeigte sich, da fr Mennis gigantische
geistige Arbeit, fr die Entwicklung seiner genialen Fhigkeiten die
grte Enthaltsamkeit vonnten sei, da er sich so wenig wie mglich den
Liebkosungen der Liebe hingeben drfe. Enno fhlte sich verpflichtet,
Nettis Rat zu befolgen und konnte sich bald von dessen Richtigkeit
berzeugen. Menni war wie neubelebt, er arbeitete mit grerer Energie
als je zuvor, neue Plne entstanden mit auergewhnlicher Schnelligkeit
in seinem Kopfe, er fhrte sie mit Erfolg durch und schien
offensichtlich nichts zu entbehren. Enno, der ihre Liebe teuerer war als
das Leben, die aber das Genie des geliebten Menschen noch hher wertete
als ihre Liebe, zog die Folgen dieser Erkenntnis.

Sie trennte sich von Menni. Dieser war im Anfang uerst erzrnt, fand
sich jedoch bald mit der Tatsache ab. Der wahre Grund des Bruches war
ihm vielleicht unbekannt. Enno und Netti hielten ihn geheim, doch konnte
man freilich nicht sicher wissen, ob nicht Mennis durchdringender
Verstand die Ursache erraten habe. Fr Enno aber war nun das Leben so
unsglich leer, das Unterdrcken ihrer Gefhle qulte sie derart, da
die junge Frau schon nach kurzer Zeit beschlo, Selbstmord zu begehen.

Netti, an die sich Enno gewandt hatte, schob die Tat, die sie verhindern
wollte, unter verschiedenen Vorwnden immer wieder hinaus und
benachrichtigte schlielich Menni. Dieser organisierte damals gerade die
Expedition nach der Erde und sandte sofort eine Aufforderung an Enno,
sie mge sich diesem bedeutsamen und gefhrlichen Unternehmen
anschlieen. Es war schwer, dieser Aufforderung nicht Folge zu leisten;
Enno nahm sie an. Eine Unmenge neuer Eindrcke halfen ihr, den
Seelenschmerz zu berwinden, und zur Zeit der Rckkehr auf den Mars
vermochte sie sich bereits so weit zu beherrschen, um als der heitere,
junge Dichter zu erscheinen, den ich auf dem Aetheroneff kennen gelernt
hatte.

An der neuen Expedition hatte Enno nicht teilgenommen, weil sie
frchtete, sich allzu sehr an Mennis Gegenwart zu gewhnen. Aber die
Angst um dessen Schicksal folterte sie in ihrer Einsamkeit, denn sie
kannte genau die groe Gefahr des Unternehmens. An den langen
Winterabenden kreisten unsere Gedanken und Worte bestndig um den einen
Punkt des Weltalls: um jenen, wo unter der Glut der gigantischen Sonne,
unter dem sengenden Hauch des Windes, die beiden uns liebsten Wesen mit
fieberhafter Energie ihre titanisch khne Arbeit verrichteten. Dieser
gemeinsame Gedanke und die gleichartige Stimmung brachte uns einander
sehr nahe. Enno war mir mehr als eine Schwester.

Schier selbstverstndlich, ohne Kampf und ohne Erschtterungen fhrte
unsere Freundschaft zu einem Liebesverhltnis. Die unbeirrbar ehrliche
und gtige Enno wich dieser Entwicklung nicht aus, wenngleich sie sie
nicht angestrebt hatte. Sie beschlo nur, von mir kein Kind zu haben ...
Der Schatten einer leisen Trauer verdunkelte ihre Liebkosungen, -- die
Liebkosungen einer zrtlichen Freundschaft, die alles gestattet ...

Der Winter breitete seine kalten weien Flgel ber uns, -- der lange
Marswinter, ohne Tau, ohne Winde und Schneestrme, ruhig, starr wie der
Tod. Wir beide fhlten kein Verlangen, nach dem Sden zu fliegen, wo um
diese Zeit die Sonne glhte und die Natur ihr leuchtendes Gewand
angelegt hatte. Enno sehnte sich nicht nach einer derartigen Natur, die
so schlecht mit ihrer Stimmung harmoniert htte, und ich floh fast vor
neuen Menschen und neuen Umgebungen, denn die Gewhnung an diese wrde
neue nutzlose Arbeit gefordert, neue Erschpfung verursacht haben; ich
nherte mich ohnehin nur gar langsam meinem Ziel. Unserer Freundschaft
eignete etwas seltsam Gespenstisches -- Liebe, die Herrschaft des
Winters, Sorgen und angstvolle Erwartung ...


                               Bei Nella

Enno war seit ihrer frhesten Jugend mit Netti befreundet gewesen und
wute mir ber sie viel zu erzhlen. Whrend eines unserer Gesprche
wurden Nettis und Sternis Namen in einer gewissen Verbindung genannt,
die mir merkwrdig erschien. Als ich darauf eine direkte Frage stellte,
berlegte Enno eine Weile, wurde schier verwirrt und erwiderte
schlielich:

Netti war frher Sternis Frau. Wenn sie Ihnen dies nicht gesagt hat, so
steht mir kein Recht zu, darber zu reden. Ich beging offensichtlich
einen Irrtum und Sie drfen mich nicht weiter befragen.

Das Vernommene erschtterte mich seltsam ... Eigentlich war es ja nichts
Neues, Unerwartetes ... Ich hatte niemals angenommen, da ich Nettis
erster Mann sei. Es wre Torheit gewesen, zu glauben, da eine
lebensvolle, gesunde Frau mit schnem Leib und schner Seele, das Kind
einer freien, hochkultivierten Rasse, bis zu unserer Begegnung ohne
Liebe gelebt habe. Weshalb also meine unbegreifliche Verblffung? Ich
vermochte keine Erklrung dafr zu finden, kannte blo ein Gefhl: ich
msse alles erfahren, alles genau und klar wissen. Enno zu befragen,
ging offensichtlich nicht an. Ich erinnerte mich an Nella.

Netti hatte vor ihrer Abfahrt zu mir gesprochen: Vergi Nella nicht;
suche sie auf in deinen schweren Augenblicken. Ich hatte schon mehr als
einmal daran gedacht, zu Nella zu gehen, war aber zum Teil durch meine
Arbeit, zum Teil durch die unklare Angst vor den Hunderten von
neugierigen Kinderaugen zurckgehalten worden. Jetzt jedoch schwand
jegliche Unentschlossenheit; noch am gleichen Tag begab ich mich nach
dem Haus der Kinder, in die groe Maschinenstadt.

Nella lie sogleich ihre Arbeit liegen, bat eine der Erzieherinnen, sie
zu vertreten und fhrte mich in ihre Stube, wo uns die Kinder nicht
stren wrden.

Ich beschlo, ihr nicht sofort den Zweck meines Besuches zu bekennen,
umsomehr, als mir dieser Zweck auch selbst nicht recht vernnftig und
ganz richtig erschien. Es war ja vollkommen natrlich, da ich das
Gesprch auf jenes Wesen lenkte, das uns beiden das teuerste war, und
dann den gnstigsten Augenblick fr meine Frage abwartete. Nella
erzhlte voller Eifer von Netti, deren Kindheit und Jugend.

Ihre ersten Lebensjahre hatte Netti bei der Mutter verbracht, wie dies
auf dem Mars allgemein blich war. Als dann die Zeit kam, da Netti ins
Haus der Kinder gebracht werden mute, damit sie nicht den
erzieherischen Einflu des Umgangs mit anderen Kindern entbehre, brachte
es Nella nicht bers Herz, sich schon von ihr zu trennen und lebte mit
ihr zusammen in dieser Anstalt, wo sie dann schlielich als Erzieherin
blieb. Das ergab sich zum Teil aus ihrem Spezialstudium: sie hatte sich
vornehmlich mit Psychologie befat.

Netti war ein lebhaftes, energisches, wildes Kind mit groem Wissens-
und Tatendurst. Am meisten interessierte und zog sie die geheimnisvolle
astronomische Welt jenseits des Planeten an. Die Erde, die zu erreichen
damals noch nicht gelungen war, und deren unbekannte Menschheit waren
Nettis Lieblingstraum, das Hauptthema ihrer Gesprche mit den anderen
Kindern und den Erwachsenen.

Als der Bericht ber Mennis erste erfolgreiche Expedition nach der Erde
verffentlicht wurde, verlor das kleine Mdchen vor Freude und Entzcken
fast den Verstand. Die kleine Netti kannte Mennis Bericht Wort fr Wort
auswendig und qulte die Mutter sowie die Erzieherinnen ewig mit Fragen
ber die ihr unverstndlichen technischen Ausdrcke, die in dem Bericht
vorkamen. Netti verliebte sich in Menni, ohne ihn zu kennen, schrieb ihm
einen begeisterten Brief, flehte ihn unter anderem an, er mge sie zu
den Erdenkindern bringen, denen keine Erziehung zu Teil werde, sie
bernehme es, diese auf vortreffliche Art zu erziehen. Sie schmckte ihr
Zimmer mit Erdenbildern und den Portrts der Erdenmenschen und strzte
sich auf das Studium der Erdensprachen, sobald die dazu ntigen Bcher
erschienen waren. Sie entrstete sich ber die Gewalt, mit der Menni und
dessen Gefhrten dem ersten Erdenmenschen begegnet waren: sie hatten ihn
gefangen genommen, damit er ihnen beim Erlernen der Erdensprachen
behilflich sei; zur gleichen Zeit jedoch bedauerte sie heftig, da Menni
und die seinen bei der Rckkehr in die Heimat den Erdenmenschen
freigelassen und nicht nach dem Mars mitgenommen hatten. Sie fate den
festen Entschlu, eines Tages nach der Erde zu fliegen, und auf die
Scherze der Mutter, sie wrde sich dort sicher mit einem Erdenmenschen
verheiraten, entgegnete sie sinnend: Das ist sehr mglich.

All diese Dinge hatte mir Netti niemals erzhlt; in ihren Gesprchen
schien sie vielmehr der Vergangenheit auszuweichen. Selbstverstndlich
konnte niemand, nicht einmal sie selbst, jene Dinge besser berichten,
als Nella. Bisweilen verga ich vllig meine Person, sah vor mir das
reizende kleine Mdchen mit den groen funkelnden Augen und der
rtselhaften Sehnsucht nach der fernen, fernen Welt ... Doch verging
diese Stimmung rasch, das Bewutsein meiner Umgebung kehrte zurck und
damit auch die Erinnerung an den Zweck unseres Gesprchs; von neuem
drang eisige Klte in meine Seele.

Als sich das Gesprch den letzten Jahren aus Nettis Leben zuwandte,
beschlo ich, meine Frage zu stellen, mich so ruhig und ungezwungen wie
nur mglich nach Nettis und Sternis Verhltnis zu erkundigen. Nella
dachte einen Augenblick lang nach.

Also deshalb suchten Sie mich auf! ... Weshalb sagten Sie es nicht
gerade heraus?

Unerbittliche Strenge klang aus ihrer Stimme. Ich schwieg.

Selbstverstndlich kann ich es Ihnen erzhlen, fuhr sie fort. Es ist
eine ganz einfache Geschichte. Sterni war einer von Nettis Lehrern. Er
hielt den Jngeren Vortrge ber Mathematik und Astronomie. Als er von
seiner ersten Expedition nach der Erde zurckkehrte, -- ich glaube, dies
war Mennis zweite Expedition, -- hielt er eine Reihe Vortrge ber
diesen Planeten und dessen Bewohner. Netti zhlte zu seinen stndigen
Hrern. Die Geduld und Aufmerksamkeit, mit der er ihren ewigen Fragen
begegnete, brachte die beiden einander nher. Schlielich fhrte all
dies zu ihrer Verbindung. Beide waren grundverschiedene Charaktere. Das
Ergebnis der Verschiedenheit zeigte sich bald auch in ihrem Privatleben,
fhrte zur Entfremdung und schlielich zum Bruch. Das ist alles.

Sagen Sie mir, wann kam es zum Bruch?

Zum endgltigen Bruch kam es nach Lettas Tode. Die innige Freundschaft
zwischen Netti und Letta gab dazu den ersten Ansto. Netti litt unter
Sternis analytisch kaltem Verstand; er zerstrte allzu systematisch und
hartnckig alle Luftschlsser, alle Phantasien des Geistes und des
Gefhls, die fr sie einen Teil des Lebens bedeuten. Unwillkrlich
suchte sie nach einem Menschen, der sich diesen Dingen gegenber anders
verhielt. Und dem alten Letta eigneten ein selten teilnahmsvolles Herz
sowie ein schier kindlicher Enthusiasmus. Netti suchte in ihm jenen
Gefhrten, dessen sie bedurfte: Letta hatte mit ihren Phantasien nicht
nur Geduld, sondern lie sich auch hufig selbst von ihnen fortreien.
Bei ihm konnte sie von der strengen selbstzerfleischenden Kritik Sternis
Erholung finden. Letta liebte gleich ihr die Erdentrume und Phantasien,
glaubte an die knftige Verbindung der beiden Welten, die eine herrliche
Blte und eine gewaltige Lebenspoesie zur Folge haben wrde. Als dann
Netti erfuhr, da ein Mensch, in dessen Seele derartige Gefhle
verborgen lagen, niemals Frauenliebe und Zrtlichkeit kennen gelernt
habe, konnte sie sich damit nicht abfinden. Auf diese Art kam Nettis
zweiter Bund zustande.

Einen Augenblick, unterbrach ich sie. Verstehe ich Sie recht, Sie
sagten, Netti sei Lettas Frau gewesen?

Ja, erwiderte Nella.

Sie sagten aber doch, da der endgltige Bruch mit Sterni erst nach
Lettas Tode erfolgte.

Ja; erscheint Ihnen dies unbegreiflich?

Nein, ich verstehe Sie, wute blo nicht darum.

In diesem Augenblick wurde unser Gesprch unterbrochen. Eines der Kinder
hatte einen nervsen Anfall erlitten und einer der Schler rief Nella.
Ich blieb eine Zeitlang allein. Die Gedanken wirbelten durch meinen
Kopf; mir war so seltsam zumute, da ich dies in Worten nicht
auszudrcken vermag. Weshalb eigentlich? Es war doch nichts Besonderes
vorgefallen. Netti war ein freier Mensch, hatte als freier Mensch
gehandelt. Letta ist ihr Mann gewesen? Ich hatte ihn stets verehrt, fr
ihn warme Zuneigung empfunden, htte ihn selbst dann geliebt, wenn er
sich nicht fr mich geopfert haben wrde. Netti war also gleichzeitig
mit zwei Genossen verheiratet gewesen? Ich hatte immer gefunden, da die
Monogamie in unserer Welt ausschlielich den wirtschaftlichen
Bedingungen entspringe, die den Menschen bei jedem Schritt begrenzen und
hemmen. Hier existierten diese Bedingungen nicht, auf dem Mars
herrschten andere Verhltnisse, die dem persnlichen Gefhl und den
persnlichen Verbindungen keine Fesseln anlegten. Woher kam aber meine
Erregung und der unbegreifliche Schmerz, ber den ich aufschreien, dann
aber wieder lachen htte mgen? Konnte ich das, was ich _dachte_, nicht
auch _fhlen_? Anscheinend nicht. Und mein eigenes Verhltnis zu Enno?
Wo blieb da meine Logik? Und was bin ich eigentlich? Welch trichte
Stimmung!

Ach ja, und auch dies berhrte mich peinlich: weshalb hatte Netti nicht
mit mir darber gesprochen? Wie viele Geheimnisse, wie viel Betrug
umgeben mich noch? Wie viele harren meiner in der Zukunft? Aber nein,
auch dies stimmt nicht! Geheimnisse, ja, aber kein Betrug. Ist aber
nicht auch schon das Geheimnis ein Betrug?

Derartige Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, als sich die Tr ffnete
und Nella zurckkam. Sie las augenscheinlich von meinen Zgen ab, wie
schwer mir ums Herz war, denn der Ton, mit dem sie sich an mich wandte,
war frei von Strenge und Klte.

Es ist natrlich schwer, meinte sie, sich an die vllig fremden
Lebensbedingungen und an die Sitten einer anderen Welt zu gewhnen, mit
der Sie keine Blutsverwandtschaft verbindet. Sie haben bereits in dieser
Beziehung manchen Sieg errungen, finden Sie sich nun auch in diese
Dinge. Netti glaubt an Sie, und mir scheint, da sie recht hat. Ist etwa
Ihr Vertrauen zu Netti, Ihr Glaube an sie schwankend geworden?

Weshalb verbarg sie diese Tatsache vor mir? Wo blieb da ihr Glaube? Ich
begreife sie nicht.

Ich wei nicht, weshalb sie so handelte. Doch bin ich davon berzeugt,
da sie hierfr gewichtige und edle Grnde hatte, es keineswegs aus
kleinlichen Motiven tat. Vielleicht vermag Sie dieser Brief aufzuklren.
Sie lie ihn mir fr den Fall zurck, da wir ein derartiges Gesprch
fhren sollten, wie wir es heute taten.

Der Brief war in meiner Muttersprache geschrieben, die Netti so gut
beherrschte. Ich las folgendes:

Mein Lenni! Ich sprach niemals mit Dir ber meine frheren persnlichen
Verhltnisse, doch geschah es keineswegs deshalb, weil ich Dir
irgendetwas aus meinem Leben verheimlichen wollte. Ich vertraue fest auf
Deinen klaren Kopf und Dein edles Herz; zweifle gar nicht daran, da Du,
wie auch immer fremd und ungewohnt unsere Sitten fr Dich sein mgen,
sie zu verstehen und richtig zu werten vermagst.

Eines jedoch frchtete ich ... Nach der Krankheit kehrte Deine
Arbeitskraft rasch zurck, jenes seelische Gleichgewicht hingegen, von
dem in jeder Minute die Selbstbeherrschung in Wort und Tat abhngt, hast
Du noch nicht vllig wiedererlangt. Wrdest Du Dich, beeinflut vom
Augenblick und von der elementaren Gewalt, die in der Tiefe jeder
Menschenseele verborgen liegt, mir gegenber wie gegen eine schlechte
Frau verhalten, die sich aus der Vergewaltigung und Sklaverei der alten
Welt befreit hat -- Du wrdest es Dir selbst niemals verzeihen. Ja,
Teuerster, ich wei es, Du bist gegen Dich selbst streng, bisweilen
sogar grausam -- diesen Zug brachtest Du aus Eurer harten Schule mit,
aus den jahrhundertealten Kmpfen der Erdenwelt -- eine einzige Sekunde
bser, schmerzlicher Entzweiung wrde gengen, um in Deinem Herzen auf
unsere Liebe fr immer einen dunklen Schatten zu werfen.

Mein Lenni, ich will und kann Dich beruhigen. Mge in Deiner Seele ewig
schlummern und niemals erwachen jenes bse Gefhl, das in die Liebe zu
einem Menschen die Unruhe und Sorge um ein lebendiges Eigentum mischt.
Ich werde _keine persnlichen_ Verhltnisse mehr haben. Das vermag ich
Dir leicht und mit Bestimmtheit zu versprechen, weil im Vergleich zu
meiner Liebe fr Dich, zu dem leidenschaftlichen Wunsch, Dir bei Deiner
groen lebendigen Aufgabe zu helfen, alles andere gering und nichtig
erscheint. Ich liebe Dich nicht nur wie eine Gattin, sondern auch wie
eine Mutter, die ihr Kind in ein neues und ihm fremdes Leben einfhrt,
das voller Gefahren und Mhen ist. Diese Liebe aber ist strker und
tiefer, als irgendeine andere Liebe zwischen Mensch und Mensch. Deshalb
bedeutet auch mein Versprechen kein Opfer.

                        Auf Wiedersehen, mein teueres, geliebtes Kind,
                                                         Deine Netti.

Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, blickte mich Nella fragend an.

Sie hatten Recht, sprach ich und kte ihr die Hand.


                             Auf der Suche

Der oben geschilderte Vorfall lie in meiner Seele das Gefhl tiefster
Demtigung zurck. Noch weit schmerzlicher als frher empfand ich die
Ueberlegenheit meiner Umgebung, in der Fabrik und berall. Zweifellos
bertrieb ich diese Ueberlegenheit sowie das Gefhl der eigenen
Schwche. Ich begann in der mich umgebenden Dienstbereitschaft und
Frsorge eine leichte Frbung halb verchtlicher Herablassung zu sehen,
in der vorsichtigen Zurckhaltung meiner Arbeitsgefhrten eine heimliche
Abneigung gegen das niedrigere Wesen. In einer derartigen Stimmung
verlor ich die Fhigkeit genauer Beobachtung und richtiger Wertung.

In allen anderen Beziehungen blieben meine Gedanken klar, arbeiteten nun
vor allem an dem Problem, das sich auf Nettis Abreise bezog. Ich fhlte
immer strker die Ueberzeugung, da es fr Nettis Teilnahme an der
Expedition ein mir noch unbekanntes Motiv gab, eines, das strker und
gewichtiger war, als jene, die sie mir gegenber vorgebracht hatte. Der
neue Beweis von Nettis Liebe und von der ungeheueren Bedeutung, die sie
meiner Mission, die zwei Welten einander nahe zu bringen, beilegte,
bestrkte mich in der Annahme, da sie sich ohne zwingende Grnde nicht
entschlossen haben wrde, mich fr lange Zeit auf dem tiefen, durch
Sandbnke und Klippen gefahrvollen Meer des fremden Lebens allein zu
lassen, mute doch ihr heller und scharfer Verstand besser als jeder
andere begreifen, welche Gefahren mich hier bedrohten. Es gab _etwas_,
um das ich nicht wute, doch war ich fest berzeugt, dieses Etwas stehe
in enger Verbindung mit mir, und es sei ntig, um jeden Preis zu
erfahren, worum es sich handle.

Ich beschlo, systematisch Nachforschungen anzustellen. Es fielen mir
Beobachtungen ein, zu denen mich einige zufllige und unwillkrliche
Andeutungen Nettis veranlat hatten: der beunruhigte Ausdruck, der auf
ihrem Gesicht lag und mich in Erstaunen versetzte, sobald die Rede auf
die Kolonialexpeditionen kam; ich begann zu ahnen, da Netti sich zu
unserer Trennung nicht erst damals entschlossen hatte, als sie mir davon
sprach, sondern bereits weit frher, schon in den ersten Tagen unserer
Vereinigung. Demnach mute der Grund aus jener Zeit stammen. Wo aber war
er zu suchen?

Er konnte eine rein persnliche Angelegenheit Nettis sein, konnte aber
auch mit der besonderen Bedeutung der Expedition zusammenhngen. Die
erste Annahme erschien mir, nachdem ich Nettis Brief gelesen hatte,
unwahrscheinlich. Vor allem galt es also, die Einzelheiten zu
erforschen, mit jenen zu beginnen, die die Geschichte dieser
Expeditionen zu erklren vermochten.

Es verstand sich von selbst, da die Expedition auf den Beschlu der
Kolonialgruppe zurckzufhren war. -- Diesen Namen trug
die Vereinigung jener Arbeiter, die aktive Teilnehmer der
interplanetarischen Reisen waren, zusammen mit dem Vorsitzenden des
Zentralen statistischen Bureaus und jener Fabriken, die die Aetheroneffs
herstellten, sowie alle fr die Expedition unentbehrlichen Mittel. Ich
wute, da die letzte Sitzung der Kolonialgruppe whrend meiner
Krankheit stattgefunden hatte. Menni und Netti hatten an ihr
teilgenommen. Damals befand ich mich bereits auf dem Wege der Genesung,
langweilte mich ohne Netti und verlangte, ebenfalls der Sitzung
beizuwohnen. Netti jedoch erwiderte, dies wre gefhrlich fr meine
Gesundheit. Hing diese Gefahr vielleicht von etwas ab, das ich nicht
wissen durfte? Ich mute demnach das Protokoll der Sitzung lesen, dort
alles suchen, was mit dieser Frage in Zusammenhang stehen konnte.

Doch stie ich bereits hier auf Schwierigkeiten. In der
Kolonialbibliothek wurde mir nur die auf der Sitzung gefate Resolution
vorgelegt. In dieser Resolution wurde bis in alle Einzelheiten die ganze
Organisation des grandiosen Unternehmens geschildert, doch fand ich
nirgends das, was mich im Augenblick interessierte. Ich erhielt auf
meine Fragen keine Antwort. Die Resolution wurde ohne jedes Motiv
wiedergegeben, ohne irgendeinen Hinweis auf die Ausfhrungen, die ihr
vorangegangen waren. Als ich dem Bibliothekar erklrte, ich wolle das
Protokoll, erwiderte er, das Protokoll werde nicht verffentlicht,
auerdem wrden detaillierte Protokolle berhaupt nicht gefhrt, wie
dies auch bei den technischen Sitzungen der Fall sei.

Auf den ersten Blick erschien mir dies richtig. Die Marsbewohner
verffentlichten meist nur die _Beschlsse_ dieser Sitzungen, sie
nahmen an, da jede dort geuerte verstndige und ntzliche Ansicht,
sowie gegenteilige Meinungen und Auffassungen besser in Artikeln,
Broschren, Bchern usw. verfochten werden konnten, als in einer kurzen
Rede. Ueberhaupt behagte es den Marsbewohnern nicht, die Literatur
bermig zu vermehren und man suchte bei ihnen vergeblich etwas, das
unserer Arbeitskommission gleichkam; sie bemhten sich, alles so wenig
umfangreich wie mglich zu gestalten. Im gegebenen Fall jedoch schenkte
ich den Worten des Bibliothekars keinen Glauben. Auf dieser Sitzung
hatte es sich um groe und gewichtige Dinge gehandelt, als da man sie
der ffentlichen Beurteilung htte entziehen knnen, wie das bei den
gewhnlichen technischen Fragen der Fall war.

Ich versuchte selbstverstndlich mein Mitrauen zu verbergen, um
keinerlei Verdacht zu erregen, vertiefte mich ergeben in das mir
gewhrte Material und entwickelte unterdessen den Plan meines weiteren
Vorgehens.

Es war offensichtlich, da ich von den Bchern der Bibliothek nicht jene
erhalten wrde, deren ich bedurfte; entweder gab es ber diese
Angelegenheit gar kein Protokoll, oder aber der Bibliothekar war auf
meine Fragen vorbereitet gewesen und versteckte es vor mir. Doch blieb
noch die Phonographen-Abteilung der Bibliothek brig.

Dort konnten auch jene Protokolle, die nicht zur Verffentlichung
freigegeben wurden, gefunden werden. Der Phonograph ersetzte bei den
Marsbewohnern hufig die Stenographie, und in den Archiven wurden viele
phonographische Platten der verschiedenen wichtigen Versammlungen
aufbewahrt.

Ich bentzte den Augenblick, da der Bibliothekar in seine Arbeit
vertieft war und verfgte mich unbemerkt in die Phonographen-Abteilung.
Dort erbat ich von dem diensthabenden Genossen den Katalog der Platten.
Er gab ihn mir.

Aus dem Katalog ersah ich gar bald die Nummer der Platte der mich
interessierenden Sitzung und ich begab mich unter dem Vorwand, da ich
den Genossen nicht belstigen wolle, selbst auf die Suche. Auch hier
errang ich einen Erfolg.

Es gab von dieser Sitzung fnfzehn Phonogramme. An jeder der Platten war
entsprechend dem hier blichen Brauch ein Inhaltsverzeichnis befestigt.
Ich studierte rasch diese Verzeichnisse.

Die fnf ersten waren den Berichten ber die Expedition gewidmet,
stammten noch aus einer frheren Sitzung und beschftigten sich mit
technischen, den Aetheroneff betreffenden Fragen.

Die Ueberschrift der vierten Platte lautete:

Vorschlag des Zentralen statistischen Bureaus fr den Uebergang zur
Massenkolonisation. Wahl der Planeten -- Erde oder Venus. Reden und
Vorschlge Sternis, Nettis, Mennis und anderer. Beschlu zu Gunsten der
Venus.

Ich fhlte, dies sei, was ich suche und steckte die Platte in den
Apparat. Was ich nun vernahm, schnitt mir fr ewige Zeiten in die Seele.
Es war Folgendes.

Menni erffnete die Sitzung als Vorsitzender des Kongresses. Als erster
ergriff der Vorsitzende des Zentralen statistischen Bureaus das Wort.

Er bewies auf Grund genauer Zahlen, da bei der gegebenen Vermehrung der
Bevlkerung und der Steigerung ihrer Bedrfnisse selbst fr den Fall,
da die Marsbewohner die Ausbeutung ihres Planeten einschrnkten, in
etwa dreiig Jahren ein Mangel an Lebensmitteln eintreten msse. Dieser
Gefahr vermchte freilich die Entdeckung der Synthese des Eiwei aus
unorganischen Stoffen zu begegnen, doch knne niemand dafr brgen, da
diese Entdeckung in den nchsten dreiig Jahren gemacht wrde. Deshalb
sei es unbedingt ntig, da die Kolonialgruppe von den rein
wissenschaftlichen Expeditionen nach anderen Planeten zur Organisation
einer Massenauswanderung der Marsbewohner bergehe. In Frage kmen zwei
vom Mars aus erreichbare Planeten, beide reich an Naturschtzen. Es
msse schleunigst beschlossen werden, welcher der beiden als Zentrum der
Kolonisation zu whlen sei, damit dann sofort an die Ausarbeitung des
Planes gegangen werden knne.

Menni stellte die Frage, ob jemand gegen den Antrag des Redners oder
gegen dessen Motivierung etwas einzuwenden habe. Doch verlangte niemand
das Wort.

Dann warf Menni die Frage auf, welcher Planet als erster fr die
Massenkolonisation gewhlt werden solle.

Sterni ergriff das Wort.


                                 Sterni

Die erste, von dem Vorsitzenden des Zentralen statistischen Bureaus
gestellte Frage, hub Sterni in seinem blichen, mathematisch nchternen
Ton an, bezieht sich auf die Wahl des zu kolonisierenden Planeten.
Meiner Ansicht nach bedarf es hier gar keiner Entscheidung, denn die
Wahl wurde schon lngst von der Wirklichkeit getroffen. Es hat gar
keinen Sinn, zwischen den zwei Planeten whlen zu wollen, denn von den
beiden uns erreichbaren ist fr die Massenkolonisation blo der eine
geeignet: und zwar die Erde. Wir besitzen ber die Venus eine
ausfhrliche Literatur, mit der Sie alle selbstverstndlich gut bekannt
sind. Das Ergebnis aller unserer Versammlungen und Beratungen war stets
das gleiche: es ist uns unmglich, in diesem Augenblick von der Venus
Besitz zu ergreifen. Ihre versengende Sonne erschpft und schwcht
unsere Kolonisten, ihre furchtbaren Strme und Gewitter zerstren unsere
Bauten, schleudern unsere Aeroplane in den Raum, zerschmettern sie an
den riesenhaften Bergen. Mit ihren Ungeheuern vermchten wir, freilich
um den Preis nicht geringer Opfer, fertig zu werden; aber ihre
unglaublich reiche Bakterienwelt, mit der wir noch ungengend bekannt
sind -- wie viele neue Krankheiten vermag diese in sich zu bergen? Ihre
Vulkane befinden sich noch in Ttigkeit; wie viele unerwartete Erdbeben,
Lavastrme, Sturzfluten wrden uns dort bedrohen? Der Versuch, die Venus
zu kolonisieren, wrde unzhlige und vllig nutzlose Opfer fordern,
Opfer, nicht der Wissenschaft und dem Glck der Allgemeinheit gebracht,
sondern der Unvernunft und Phantasterei. Diese Frage erscheint mir
vllig klar, und der Bericht ber die letzte Expedition nach der Venus
zerstrt endgltig alle Zweifel.

Wenn es sich also um eine Massenauswanderung handelt, so kommt dafr nur
die Erde in Betracht. Dort sind die durch die Natur bedingten
Hindernisse gering, der Reichtum der Natur ist grenzenlos, bertrifft
den unseres Planeten um das achtfache. Die Kolonisation selbst ist
bereits durch die auf der Erde lebenden Wesen gut vorbereitet,
wenngleich diesen Erdengeschpfen eine hhere Kultur mangelt. All dies
ist dem Zentralen statistischen Bureau wohlbekannt. Wenn es uns daher
vorschlgt, die Wahl des Planeten zu treffen und wir es auch selbst fr
ntig halten, so besteht dafr ein einziger Grund, nmlich, da sich uns
auf der Erde ein uerst ernstes Hindernis entgegenstellt: ihre
Menschheit.

Die Erdenmenschen bewohnen die ganze Erde, werden auf keinen Fall bereit
sein, sie gutwillig, und sei es auch nur einen Teil, an uns abzutreten.
Das hngt mit dem ganzen Charakter ihrer Kultur zusammen, deren Basis
der Besitz und die organisierte Gewalt sind. Wenngleich selbst die
zivilisiertesten Vlker der Erde blo einen geringen Teil der ihnen
erreichbaren Schtze der Natur ausbeuten, so verlangt es sie dennoch
immer nach der Eroberung weiterer Territorien, und diese Gier schwcht
sich niemals ab. Der systematisch betriebene Raub der Lnder und des
Besitzes der weniger zivilisierten Vlker trgt bei ihnen die
Bezeichnung Kolonialpolitik und wird als eine der Hauptaufgaben des
staatlichen Lebens betrachtet. Man kann sich demnach vorstellen, wie
sich die Erdenmenschen unserem ganz natrlichen und vernnftigen
Vorschlag gegenber verhalten wrden: uns einen Teil ihres Gebietes
abzutreten, wofr wir sie lehren und ihnen behilflich sein wrden, den
ihnen gebliebenen Teil in unvergleichlich hherem Mae auszuntzen ...
Fr sie ist die Kolonisation eine Frage der rohen Kraft und der
Vergewaltigung und wir wren, ob wir nun wollen oder nicht, gezwungen,
ihnen gegenber ebenfalls diesen Standpunkt einzunehmen.

Handelte es sich hier ausschlielich darum, ihnen ein einziges Mal
unsere grere Kraft zu beweisen, so wre dies sehr einfach und wrde
nicht mehr Opfer kosten, als die bei ihnen so beliebten unsinnigen,
nutzlosen Kriege. Es existiert bei ihnen eine gewaltige Herde fr den
Mord dressierter Leute, die mit dem Wort Armee bezeichnet wird. Freilich
vermchten wir vom Aetheroneff aus vermittels der verderblichen, durch
die beschleunigte Spaltung des Radiums erzeugten Lichtfluten in wenigen
Augenblicken ein oder zwei dieser Herden zu vernichten, und dies wre
fr die Zivilisation der Erde weit mehr ntzlich als schdlich. Leider
jedoch ist das, was nachher kme, lange nicht so einfach, die wahren
Schwierigkeiten wrden erst mit diesem Augenblick beginnen.

In dem jahrhundertealten Kampf der Erdenvlker gegen einander
entwickelte sich bei ihnen eine psychologische Eigenheit, die
Patriotismus heit. Dieses unbestimmbare, aber starke und tiefe Gefhl
enthlt ebensowohl boshaftes Mitrauen gegen alle Vlker und Rassen, als
auch eine schier elementare Anhnglichkeit fr die Sitten und Gebruche
der eigenen Umgebung. Besonders ist dies in jenen Lndern der Fall, wo
die Erdenvlker gleich Schildkrten mit ihrer Umgebung verwachsen sind;
oft aber ist dieser Patriotismus nichts anderes, als die Gier nach
Zerstrung, Vergewaltigung und Raub. Die patriotische Einstellung wird
besonders stark nach kriegerischen Niederlagen; nehmen die Sieger den
Besiegten einen Teil ihres Landes fort, dann nimmt der Patriotismus
dieser Besiegten den Charakter eines hartnckigen und grausamen Hasses
gegen die Sieger an, und die Rache wird zum Lebensideal des ganzen
Volkes, nicht nur der schlechteren Elemente, der oberen, der
reaktionren Klassen, sondern auch der besten, der Arbeitermassen.

Wenn wir uns nun eines Teiles der Erdoberflche durch Gewalt
bemchtigten, so wrde dies zweifellos zu einer Vereinigung aller
Erdenmenschen in einem einzigen Gefhl des Erdenpatriotismus fhren, zu
einem unbarmherzigen Rassenha, zu wilder Wut gegen unsere Kolonisten;
die Ausrottung der Eindringlinge, gleichviel mit welchen Mitteln, bis
zum gemeinsten Verrat, wrde als heilige und edle Sache gelten, die
unsterblichen Ruhm verleiht. Unseren Kolonisten wrde das Leben
unertrglich gemacht werden. Sie wissen, da die Vernichtung des Lebens
selbst bei einer niederen Kulturstufe etwas uerst einfaches ist. Im
offenen Kampf sind wir unvergleichlich strker als die Erdenmenschen,
dennoch vermchten sie durch unerwartete Ueberflle uns ebenso zu tten,
wie sie dies untereinander zu tun pflegen. Auerdem darf nicht auer
acht gelassen werden, da bei ihnen die Kunst der Zerstrung weit
strker entwickelt ist, als irgendetwas anderes in ihrer Kultur.

Unter diesen Umstnden wre das Leben auf der Erde geradezu unmglich;
es wrde auf ihrer Seite Verschwrungen und Terror, auf der unserer
Genossen bestndige Gefahr und unzhlige Opfer bedeuten. Diese mten
sich zu zehn oder vielleicht sogar hundert Millionen ansiedeln. Bei dem
auf der Erde herrschenden gesellschaftlichen System, das keine
gegenseitige Hilfe kennt, bei den dort herrschenden sozialen
Verhltnissen, Dienste und Hilfe mit Geld zu entlohnen, bei der
unzulnglichen und verschwenderischen Art der Produktion, die sich nicht
rasch genug auf die gewaltige Vermehrung der Bewohner einzustellen
vermchte, wrden Millionen der von uns Vertriebenen grtenteils zu
einem schmerzlichen Hungertod verdammt sein. Die Minderheit des
kolonisierten Teiles wrde gegen uns bei der brigen Erdenmenschheit
eine grausam fanatische Agitation betreiben.

Wir mten also den Kampf fortsetzen. Unser ganzer Erdenteil mte sich
in ein uneinnehmbares, festes Kriegslager verwandeln. Die Angst vor
knftigen Eroberungen unsererseits, sowie der starke Rassenha wrden
alle Erdenvlker dazu vereinigen, sich auf einen Krieg gegen uns
vorzubereiten. Sind schon heute ihre Waffen weit vollkommener als ihre
Arbeitswerkzeuge, so wrde in diesem Fall die technische Vervollkommnung
der Mordinstrumente mit rasender Schnelligkeit vor sich gehen. Zu
gleicher Zeit wrden sie absichtlich eine Ursache fr den Beginn des
gewaltigen Krieges herbeifhren und erzwingen, eines Krieges, der fr
uns, selbst im Falle eines Sieges, ungeheure Verluste bedeutete. Es ist
nicht ausgeschlossen, da ihnen auch die Aneignung und Verwertung
unserer besten Mittel gelingen knnte. Sie kennen bereits die
radiumausstrahlenden Stoffe; die Methode der beschleunigten Spaltung
vermchten sie vielleicht irgendwie durch uns erfahren, oder aber ihre
Gelehrten knnten diese selbst entdecken. Es ist Ihnen allen bekannt,
da bei Anwendung dieser Waffen jener, der auch nur um wenige Minuten
frher angreift als der Feind, diesen unweigerlich vernichtet; in diesem
Fall erfolgt das Zerstren des hchsten Lebens ebenso leicht, wie durch
ein Elementarereignis.

Welch ein Leben mten unsere Genossen fhren, umgeben von diesen
Gefahren, gefoltert von der ewigen Erwartung hnlicher Ueberflle? Nicht
nur alle Lebensfreude wrde ihnen vergllt, nein, sogar ihr Typus wrde
sich verndern, verschlechtern. Allmhlich schlichen sich in sie
Argwohn, Mitrauen ein, der egoistische Trieb der Selbsterhaltung und
die von ihm unzertrennliche Grausamkeit. Die Kolonie wrde aufhren,
_unsere_ Kolonie zu sein, wrde sich in eine kriegerische Republik
inmitten der geschlagenen, von Feindseligkeit erfllten Vlker
verwandeln. Die sich wiederholenden blutige Opfer fordernden Ueberflle
wrden immer mehr das Gefhl der Rache und der Feindschaft vergrern,
das uns teure Bild des Menschen entstellen und unsere Leute wren,
objektiv gesprochen, aus Notwehr gezwungen, die grausamsten Mittel
anzuwenden. Schlielich, nach langem Schwanken und einer qualvollen
Krftevergeudung, mten wir unvermeidlich zu jener Lsung der Frage
gelangen, die wir bereits von allem Anfang an htten anerkennen mssen:
_die Kolonisierung der Erde fordert die vllige Ausrottung der
Erdenmenschen_.

(Unter den hundert Zuhrern entstand ein Gemurmel des Entsetzens, aus
dem sich Nettis mibilligender Protest laut abhob. Als die Ruhe wieder
hergestellt war, fuhr Sterni gelassen fort:)

Das Unvermeidliche mu _begriffen_, und, wie hart auch immer es
erscheint, es mu ihm ins Auge gesehen werden. Es gibt fr uns zwei
Mglichkeiten: entweder eine Stagnation in der Entwicklung unseres
Lebens oder die Vernichtung des uns fremden Lebens auf der Erde. Ein
drittes gibt es nicht. (Nettis Stimme durchklang den Raum: Das ist
nicht wahr!) Ich wei, woran Netti denkt, wenn sie gegen meine Worte
protestiert und gehe auch schon zu der dritten Mglichkeit ber, die sie
im Auge hat.

Diese aber ist -- der sofortige Versuch einer sozialistischen Erziehung
der Erdenmenschheit, ein Plan, den wir alle noch unlngst befrwortet
haben, der aber, meiner Ansicht nach, unbedingt aufgegeben werden mu.
Wir kennen die Erdenmenschheit nun schon zur Genge, um einzusehen, da
diese Idee vllig sinnlos sei.

Die Kulturstufe der fhrenden Erdenvlker ist etwa die gleiche, wie die
unserer Vorfahren zur Zeit der groen Kanalbauten gewesen ist. Auf der
Erde herrscht das Kapital, und es gibt ein Proletariat, das fr den
Sozialismus kmpft. Deshalb knnte man glauben, da der Augenblick jener
Umwlzung nicht mehr ferne sei, die die organisierte Gewalt vernichtet
und die Mglichkeit einer freien und raschen Entwicklung des Lebens
gibt. Doch besitzt der Erdenkapitalismus eine wichtige Eigenheit, die
die Sache vllig verndert.

Einerseits ist die ganze Erdenwelt in politische und nationale Teile
gespalten, so da der Kampf um den Sozialismus nicht als einheitlicher
vollkommener Proze einer Riesengesellschaft vor sich geht, sondern eine
ganze Reihe selbstndiger, eigenartiger Prozesse darstellt, gefhrt in
den verschiedenen Staaten der Gesellschaft, die durch ihre staatliche
Organisation, durch die Sprache und die Rasse getrennt sind. Andrerseits
ist auf der Erde die Form des Klassenkampfes weit grber und
mechanischer, als dies bei uns der Fall gewesen ist, und die gleichsam
materielle Kraft, verkrpert durch das stehende Heer und die bewaffneten
Aufstnde, spielt dabei eine groe Rolle.

Aus allen diesen Umstnden ergibt sich, da die Frage der sozialen
Revolution eine unbestimmbare ist: voraussichtlich wird es nicht eine,
sondern verschiedene soziale Revolutionen geben, in den verschiedenen
Lndern und zu verschiedenen Zeiten. Ja, diese Revolutionen werden sogar
einen verschiedenen Charakter haben, sowie einen unsicheren, nicht
festzustellenden Ausgang. Die herrschenden Klassen verfgen ber die
Armee und eine hochentwickelte Kriegstechnik und vermgen daher in
gewissen Fllen dem aufstndischen Proletariat eine vernichtende
Niederlage beizubringen, die in den groen Reichen den Kampf fr den
Sozialismus auf zehn Jahre zurckwirft. Derartige Flle finden wir
bereits in den Schriften der Erde erwhnt. Auerdem wird die Lage jener
Lnder, in denen der Sozialismus triumphiert hat, die einer Insel sein,
umgeben von ihr feindlichen kapitalistischen Staaten, zum Teil sogar von
Staaten, die noch nicht die Phase des Kapitalismus erreicht haben. Um
ihre Herrschaft bangend, werden die besitzenden Klassen der nicht
sozialistischen Lnder alle Anstrengungen machen, um diese Insel zu
zerstren, sie werden unaufhrlich kriegerische Ueberflle gegen sie
organisieren und sogar bei den sozialistischen Nationen gengend
Verbndete finden, die, den frheren besitzenden Klassen angehrend, zu
jedem Verrat bereit sind. Das Ergebnis dieser Kmpfe ist schwer
vorauszusagen. Aber selbst dort, wo sich der Sozialismus krftigt und wo
er siegreich vordringt, wird sein Charakter auf viele Jahre hinaus
getrbt werden, durch Terror, Kampf, sowie durch einen unvermeidlichen
barbarischen Patriotismus. Dieser Sozialismus steht dem unseren uerst
fern.

Unsere Pflicht wre demnach, falls wir an dem ersten Plan festhalten,
ausschlielich fr den beschleunigten Sieg des Sozialismus zu wirken.
Welche Mittel stehen uns hierfr zur Verfgung? Wir vermgen den
Erdenmenschen unsere Technik zu geben, unsere Wissenschaft, unser Wissen
um die Beherrschung der Natur, sowie unsere Kultur, die mit den
wirtschaftlichen und politischen Formen der Erde im schroffsten
Widerspruch steht. Wir knnen auch das sozialistische Proletariat bei
seinem revolutionren Umsturz untersttzen und ihm helfen, den
Widerstand der brigen Klassen zu brechen. Ueber andere Mittel verfgen
wir nicht. Werden aber diese beiden zum Ziel fhren? Wir wissen heute
bereits genug von der Erde, um diese Frage mit einem endgltigen Nein
beantworten zu knnen.

Was wrden die Erdenmenschen mit unserem technischen Wissen und unseren
Methoden anfangen?

Vor allem wrden sich deren die _besitzenden_ Klassen aller Lnder
bemchtigen. Dies wre unvermeidlich, weil sich ja in ihren Hnden alle
Produktionsmittel befinden und weil ihnen neunzig- bis hunderttausend
Gelehrte und Ingenieure zu Diensten stehen; das aber bedeutete, da
ihnen alle _Mglichkeiten_ der neuen Industrie gehrten. Sie jedoch
wrden diese nur insofern ausntzen, als es fr sie vorteilhaft wre und
ihre Macht ber die Massen strkt. Noch eines: jene gewaltigen neuen
Zerstrungsmittel, die ihnen auf diese Art in die Hnde fielen, wrden
sie zur Erdrosselung des sozialistischen Proletariats verwenden. Sie
wrden es verfolgen, wrden eine Provokation in grandiosem Mastab
organisieren, um das Proletariat so rasch wie mglich zum offenen Kampf
zu zwingen und in diesem Ringen dessen beste und klgste Krfte zu
morden, falls es diesem nicht gelnge, seinerseits bessere Kampfmethoden
zu finden. Derart wrde unsere Einmischung in die Angelegenheiten der
Erde blo der Reaktion von oben einen Antrieb geben und ihr zu gleicher
Zeit Waffen von ungeheurer Gewalt in die Hnde spielen. Das aber wrde
zumindest auf zehn Jahre den Fortschritt des Sozialismus hemmen.

Und was wrden wir erreichen, wenn wir das sozialistische Proletariat
gegen seine Feinde untersttzten?

Angenommen, und dies ist keineswegs gewi, da es sich mit uns
verbndet. Die ersten Siege wrden leicht errungen werden. Aber dann?
Die unvermeidliche Entwicklung des Patriotismus bei den anderen Klassen
wrde sich gegen uns und gegen die Sozialisten der Erde wenden ... Das
Proletariat aber stellt noch in den meisten Lndern der Erde die
Minderheit dar, die Mehrheit hingegen besteht aus den in ihrer
Entwicklung zurckgebliebenen Kleinbrgern, aus dunklen, unwissenden
Menschen. Diese gegen das Proletariat zu verhetzen, wird den
Grokapitalisten und deren Sldlingen, den Beamten und Lehrern, nur
allzu leicht fallen. Umsomehr, als diese Massen, die dem Wesen nach
konservativ, hufig sogar reaktionr sind, eine krankhafte Angst vor dem
raschen Fortschritt empfinden. Das Proletariat sieht sich also auf allen
Seiten von erbosten, erbarmungslosen Feinden umgeben, die grere
Entwicklung des Proletariats verstrkt nur noch diese Feindseligkeit, es
befindet sich in der gleichen furchtbaren Lage, in der sich unsere
Kolonisten zwischen den Vlkern der Erde befinden wrden. Es wird zu
zahllosen verrterischen Ueberfllen kommen, die Stellung des
Proletariats in der Gesellschaft wird um so schwieriger sein, als es die
Erneuerung der Gesellschaft durchfhren mu. Und auch in diesem Falle
wird unsere Einmischung die soziale Umwlzung verzgern, statt sie zu
beschleunigen.

Die Zeit der Umwlzung ist demnach nicht zu bestimmen, und es hngt
nicht von uns ab, sie frher herbeizufhren. Jedenfalls knnen wir nicht
so lange warten. Im Verlauf von dreiig Jahren zeigt sich bei uns eine
Vermehrung der Einwohner um fnfzehn bis zwanzig Millionen, die sich in
jedem folgenden Jahr auf zwanzig bis fnfundzwanzig Millionen steigern
wird. Es gilt daher, _schon frher_ die Kolonisation zu organisieren,
denn sonst werden uns die Krfte und Mittel hierzu mangeln und wir
werden unser Unternehmen nicht im richtigen Mastab durchfhren knnen.

Uebrigens ist es auch uerst ungewi, ob wir uns mit den
sozialistischen Staaten der Erde, falls sich solche unerwartet bilden
sollten, zu verstndigen vermgen. Wie bereits gesagt: ihr Sozialismus
ist noch lange nicht _unser Sozialismus_.

Die Jahrhunderte nationaler Unterdrckung, verstrkt durch die fr uns
unbegreiflich rohen und blutigen Kriege, knnen nicht spurlos
vorbergehen, -- sie werden ihre psychologischen Spuren bei den
Erdbewohnern auf lange Zeit hinterlassen. Und wir wissen gar nicht, wie
viel Barbarei und Wildheit die Erdensozialisten mit sich in die neue
Gesellschaft hinbernehmen werden.

Wir haben vor Augen ein Beispiel, das uns klar ersichtlich beweist, wie
fern selbst die Psychologie des besten Vertreters der Erdenmenschheit
der unseren steht. Von unserer letzten Expedition brachten wir einen
Erdensozialisten mit, einen Mann, der sich in seiner Umgebung durch
Geisteskraft und krperliche Gesundheit auszeichnete. Und was ereignete
sich? Unser ganzes Leben erschien ihm dermaen fremd, stand so sehr im
Widerspruch zu seinem Organismus, da er in krzester Zeit von einer
schweren psychischen Krankheit befallen wurde.

Dies ereignete sich bei einem der Besten, den Menni selbst ausgewhlt
hatte; was knnen wir da von den brigen erwarten?

Derart geraten wir in ein Dilemma: entweder wir mssen auf unserem
Planeten die Vermehrung beschrnken, was mit einer Schwchung unserer
ganzen Lebensentwicklung gleichbedeutend wre, oder aber wir mssen die
Erde kolonisieren, was die Ausrottung der ganzen Erdenmenschheit
bedingt.

Ich rede von der Ausrottung der ganzen Erdenmenschheit, weil wir auch
bei deren sozialistischen Avantgarde keine Ausnahmen gelten lassen
drfen. Wir verfgen ja auch nicht ber die technische Mglichkeit,
diese Avantgarde aus der brigen Masse auszuscheiden, deren
unbedeutenden Teil sie darstellt. Aber selbst wenn es uns gelnge, die
Sozialisten zu schonen, so wrden diese gegen uns einen unerbittlich
grausamen Krieg beginnen, sich selbst zur vlligen Vernichtung
aufopfern, weil sie sich niemals mit dem Tten von hundert Millionen
Menschen abfinden knnten, die ihnen gleichen, und die mit ihnen durch
viele, hufig uerst enge lebendige Bande verknpft waren. Beim
Zusammenprall der beiden Welten gibt es kein Kompromi.

Wir mssen die Wahl treffen. Und ich sage: wir haben blo eine Wahl.

Das hhere Leben darf nicht dem niedern geopfert werden. Unter den
Erdenmenschen gibt es kaum etliche Millionen, die bewute Stufen zu dem
wahrhaft menschlichen Leben sind. Um dieser Zellenwesen willen drfen
wir nicht auf die Geburt von zehn, ja vielleicht von hundert Millionen
Wesen unserer Welt verzichten, Wesen, die in unvergleichlich hherem
Sinn des Wortes Menschen sind. Unser Vorgehen wird keineswegs grausam
sein, denn wir vermgen die Ausrottung der Erdenmenschen auf eine weit
weniger schmerzliche Art zu bewerkstelligen, als sie dies untereinander
zu tun gewohnt sind.

Das Weltenleben ist einheitlich. Es bedeutet daher keinen Verlust, wenn
sich auf der Erde anstelle des noch fernen, halb barbarischen
Sozialismus schon heute _unser_ Sozialismus verwirklicht, das
unvergleichlich harmonischere Leben mit seiner ununterbrochenen,
unbesieglichen Entwicklung.

(Sternis Rede folgte tiefe Stille. Schlielich wurde sie von Menni
durchbrochen, der Anhnger einer anderen Ansicht aufforderte, sich zu
uern. Netti ergriff das Wort.)


                                 Netti

Das Weltenleben ist einheitlich, sprach Sterni. Und was schlug er uns
vor?

Einen einzigartigen Typus dieses Lebens auf ewig zu vernichten,
auszurotten, einen Typus, den wir niemals wiederbeleben, noch ersetzen
knnen.

Hundert Millionen Jahre lebte der schne Planet, lebte sein besonderes
eigenes Leben, war anders als die brigen ... Aus den mchtigen
Elementen ging das Bewutsein hervor, erhob sich im grausamen und harten
Kampf von den niedersten Stufen zu den hchsten, bis zu der uns nahen,
verwandten _menschlichen Form_. Diese Form ist nicht _die gleiche_ wie
die unsere, wurde beeinflut von der Geschichte einer anderen Natur,
eines anderen Kampfes; sie birgt in sich andere Gewalten, andere
Widersprche, andere Entwicklungsmglichkeiten. Nun brach die Epoche an,
da sich die Mglichkeit einer Vereinigung der beiden groen Lebenslinien
ergibt. Welche Mannigfaltigkeit, welche erhabene Harmonie knnte sich
aus dieser Vereinigung entfalten! Und nun wird uns gesagt: das
Weltenleben ist einheitlich, deshalb sollen wir es nicht vereinigen --
sondern zerstren.

Als Sterni bewies, wie sehr sich die Erdenmenschen, deren Geschichte und
Sitten, sowie deren Psychologie von der unseren unterscheiden,
widerlegte er selbst seine Ideen weit mehr, als ich dies zu tun vermag.
Glichen die Erdenmenschen uns in allem, ausgenommen in ihrer
Entwicklungsstufe, wren sie das, was unsere Vorfahren zur Zeit unseres
Kapitalismus gewesen sind, dann knnte ich Sterni zustimmen: die
niederen Stufen mssen den hheren, die Schwachen den Starken geopfert
werden. Aber die Erdenmenschen sind etwas anderes; sie sind nicht nur
von niedrigerer Kultur und schwcher als wir, sie sind auch anders als
wir. Wollten wir sie beseitigen, so wrden wir sie nicht in der
Entwicklung der Welt ersetzen, sondern blo auf mechanische Art jene
Leere ausfllen, die wir in der herrschenden Form des Lebens verursacht
htten.

Der grundlegende Unterschied zwischen den Erdenmenschen und uns liegt
nicht in der grausamen und barbarischen Kultur der Erde. Barbarei und
Grausamkeit sind nur vorbergehende Erscheinungen jener allgemeinen
_Verschwendung_ im Entwicklungsproze, durch die sich das ganze
Erdenleben kennzeichnet. Dort erscheint der Kampf ums Dasein energischer
und mhevoller, das Ringen mit der Natur nimmt vielartigere Formen an
und die Entwicklung fordert weit mehr Opfer. Und dies kann auch gar
nicht anders sein; denn die Erde erhlt vom Quell alles Lebens, der
Sonne, achtmal mehr Lichtenergien als unser Planet. Deshalb entwickeln
und verbreiten sich dort so viele Leben, eine so groe Verschiedenheit
der Formen, aus denen sich gewaltige Widersprche ergeben, so viele
schmerzliche Hemmungen, deren Schlichtung gar oft scheitert. Im
Pflanzen- und Tierreich herrschte erbitterter Kampf, das Leben und der
Tod dieser Arten aber ergaben neue, vollendetere und harmonischere,
synthetischere Typen. Dies ist auch im Reich der Menschen der Fall.

Wenn wir unsere Geschichte mit jener der Erdenmenschen vergleichen, so
erscheint erstere erstaunlich einfach, frei von Irrtmern, und fast
schematisch richtig. Der ruhige, friedliche Uebergang vom Kapitalismus
zum Sozialismus, das Verschwinden der Kleinbrger, das stufenweise sich
entwickelnde Proletariat, all dies geschah ohne Schwanken und
Zusammenste auf dem ganzen Planeten, der zu einer politischen Einheit
verbunden war. Freilich wurde gekmpft, doch verstand ein Mensch den
anderen, das Proletariat blickte nicht allzuweit voraus, die Bourgeoisie
war in ihrer Reaktion nicht utopisch, die verschiedenen Epochen und
gesellschaftlichen Formen vermischten sich nicht derart stark wie auf
der Erde, wo in einem hoch kapitalistischen Land bisweilen das Einsetzen
einer feudalen Reaktion mglich ist, und wo eine zahlreiche
Bauernschaft, die sich kulturell in einer ganz anderen historischen
Periode befindet, hufig den oberen Klassen als Werkzeug zur Abwrgung
des Proletariats dient. Wir gingen einen ebenen, glatten Weg, erreichten
vor einigen Generationen jenen Aufbau, der alle Krfte der
sozialistischen Entwicklung entbindet und vereinigt.

Unsere Erdenbrder hingegen muten einen anderen Weg gehen, einen
dornenvollen Weg voller Krmmungen und Klfte. Wenigen von uns ist
bekannt, und keiner von uns vermag sich klar vorzustellen, bis zu
welcher Stufe die Kunst des Menschenschindens selbst bei den
kultiviertesten Vlkern der Erde gediehen war, keiner von uns kennt
genau die politisch organisierte Herrschaft der oberen Klassen,
ausgedrckt in Kirche und Staat. Und was ist das Ergebnis? Eine
Verlangsamung der Entwicklung? Nein, wir haben keinen Grund, dies zu
behaupten, denn von den ersten Stadien des Kapitalismus entwickelte sich
im Wirrsal und in den grausamen Kmpfen der verschiedensten Arten das
proletarische Bewutsein nicht langsamer, sondern schneller als bei uns,
-- wo die Wandlung stufenweise und ruhiger vor sich ging. Die Hrte und
Erbarmungslosigkeit des Kampfes aber erzeugte in den Kmpfern eine
derartige Flle an Energie und Leidenschaft, einen solchen Heldenmut und
eine so gewaltige Leidenskraft, wie sie der aussichtsreichere und weit
weniger tragische Kampf unserer Vorfahren gar nicht kennt. Bei diesem
Typus des Erdenlebens sind die Menschen nicht niedriger, sondern hher
als wir, wenngleich wir, deren Kultur lter ist, auf einer viel hheren
Stufe stehen.

Die Erdenmenschen sind gespalten, die verschiedenen Rassen und Nationen
eng verwachsen mit ihren Lndern und historischen Traditionen, sie reden
verschiedene Sprachen, und ein gegenseitiges tiefgreifendes
Nichtverstehen kennzeichnet alle ihre Verhltnisse ... All das trifft zu
und es ist auch wahr, da die allgemeinmenschliche Vereinigung, die sich
mit groer Anstrengung einen Weg ber alle Grenzen bahnt, bei unseren
Erdenbrdern weit spter verwirklicht werden wird, als dies bei uns der
Fall war. Betrachten Sie aber die Ursache und werten Sie deren Folgen.
Die Spaltung wurde verursacht durch die Gre der Erdenwelt, den
Reichtum und die Mannigfaltigkeit ihrer Natur. Das fhrte zu den
verschiedensten Auffassungen ber das Weltall. Ist aber all dies etwa
der Beweis, da die Erdenmenschheit niederer und nicht hher steht als
unsere Welt in den analogen Epochen der Geschichte?

Schon die rein mechanische Verschiedenheit der Sprachen, in denen die
Menschen reden, untersttzte die Entwicklung des Denkens, befreite den
Begriff von der plumpen Herrschaft des Wortes. Vergleichen Sie die
Philosophie der Erdenmenschen mit jener unserer kapitalistischen Ahnen.
Die Philosophie der Erde ist nicht nur weit vielseitiger, sondern auch
weit feiner, sie geht nicht nur von einem bei weitem komplizierteren
Material aus, sondern ihre Analyse ist, in den besten Schulen, eine viel
tiefgrndigere, die weit richtiger die Verbindung der Tatsachen und
Begriffe darstellt. Selbstverstndlich ist jede Philosophie der Ausdruck
der Schwche und der fehlerhaften Erkenntnis, hervorgerufen durch
mangelhafte wissenschaftliche Entwicklung; der Versuch, ein
einheitliches Bild des Seins zu geben, ist ein unbeschriebenes Blatt der
wissenschaftlichen Erfahrung, deshalb wird auch von der Erde die
Philosophie verschwinden, wie dies bei uns mit dem wissenschaftlichen
Monismus geschah. Betrachten Sie aber, wie viele philosophische
Voraussetzungen, gegeben von den ersten Denkern und Kmpfern bereits in
groben Umrissen die Entdeckungen unserer Wissenschaft voraussehen -- so
zum Beispiel fast alle sozialwissenschaftlichen Philosophien. Es ist
klar, da eine Rasse, die unsere Ahnen in der Schaffung einer
Philosophie bertraf, auch imstande sein wird, diese in der Schaffung
einer Wissenschaft zu bertreffen.

Und Sterni will diese Menschen aus der Liste der Gerechten streichen
mitsamt den bewuten Sozialisten, die sich unter ihnen befinden; er will
sie nach ihren niedersten Widersprchen beurteilen, nicht aber nach
jenen Krften, die zur gegebenen Zeit diese Widersprche ausgleichen
werden. Er will auf ewig diesen strmischen, aber schnen Ozean des
Lebens austrocknen.

Fest und entschlossen mssen wir ihm die Antwort geben: _niemals_!

Wir mssen unseren knftigen Bund mit der Erdenmenschheit vorbereiten.
Freilich knnen wir den Uebergang zu einer freien Welt nur wenig
beschleunigen, aber auch das Wenige, was wir zu leisten vermgen, sind
wir zu tun verpflichtet. Und wenn es uns nicht gelang, den ersten
Abgesandten der Erde vor unntigen Leiden und Krankheiten zu bewahren,
-- so gereicht dies keineswegs zu unserer Ehre. Zum Glck wird er bald
hergestellt sein, und selbst wenn ihn der allzu rasche Uebergang in ein
ihm fremdes Leben ttete, so hat er immerhin viel fr den knftigen Bund
der beiden Welten geleistet.

Unsere eigenen Schwierigkeiten und Gefahren mssen wir auf eine andere
Art besiegen. Neue wissenschaftliche Krfte mssen sich mit der
chemischen Herstellung der Eiweistoffe befassen und wir mssen, soweit
dies mglich ist, die Kolonisation der Venus vorbereiten. Gelingt es uns
nicht, diese Aufgabe in krzester Zeit zu erfllen, so mssen wir
vorbergehend die Vermehrung einschrnken. Welcher vernnftige
Geburtshelfer opferte nicht das Leben des ungeborenen Kindes, um die
Frau zu retten? Auch wir mssen, wenn dies unvermeidlich wird, einen
Teil jenes Lebens opfern, das noch nicht ist, um das, wenn auch fremde
Leben zu retten, das schon besteht und sich entwickelt. Die Verbindung
der Welten wird dieses Opfer reichlich lohnen.

Die Einheitlichkeit des Lebens ist das hchste Ziel, und Liebe ist die
hchste Weisheit!

(Tiefes Schweigen. Dann ergriff Menni das Wort.)


                                 Menni

Ich beobachtete aufmerksam die Stimmung der Genossen und sehe nun, da
die Mehrheit auf seiten Nettis ist. Das freut mich sehr, denn auch meine
Ansicht deckt sich ungefhr mit der ihren. Ich mchte nur noch eine
praktische Erluterung hinzufgen, die mir uerst wichtig erscheint. Es
besteht fr den Fall, da wir uns zu einer Massenkolonisation auf einem
anderen Planeten entschlieen, die ernste Gefahr, da unsere technischen
Mittel in krzester Zeit nicht mehr ausreichen werden.

Wir vermgen zehntausend groe Aetheroneffs herzustellen, und es kann
geschehen, da es uns an den zur Fortbewegung ntigen Stoffen mangelt.
Jene radiumausstrahlende Materie, vermittels derer sich die Aetheroneffs
fr gewhnlich bewegen, mte um das Hundertfache vermehrt werden.
Inzwischen aber versiegen die alten Lager, und neue werden immer
seltener entdeckt.

Sie mssen auch wissen, da wir der radiumausstrahlenden Materie nicht
nur dazu bedrfen, um dem Aetheroneff seine ungeheure Geschwindigkeit zu
verleihen. Sie wissen ja, da unsere ganze technische Chemie auf diesen
Stoffen beruht. Wir bedrfen ihrer auch zur Erzeugung der Minus-Materie,
ohne die sich unsere Aetheroneffs und unsere zahllosen Luftschiffe in
nutzlose schwerfllige Kisten verwandeln wrden. Diesem unentbehrlichen
Gebrauch drfen wir die Materie nicht entziehen.

Noch rger ist, da die einzige Mglichkeit, die Kolonisation zu
ersetzen, die Synthese des Eiwei, aus dem gleichen Mangel an
radiumausstrahlenden Stoffen zur Unmglichkeit wird. Eine technisch
leichte und entsprechende fabrikmige Herstellung der ungeheuer
komplizierten Synthese des Eiwei ist undenkbar bei der alten Methode
der Synthese, einer uerst komplizierten Methode. Sie wissen, da es
uns bereits vor etlichen Jahren gelang, auf diesem Wege ein vorzgliches
Eiwei herzustellen, aber nur in geringer Quantitt und bei einem groen
Verlust an Energie und Zeit, so da die ganze Arbeit ausschlielich eine
theoretische Bedeutung besa. Die Massenproduktion des Eiwei aus
unorganischen Stoffen ist nur mglich vermittels der raschen und
scharfen Umwandlung des chemischen Bestandes, der bei uns von einem
nicht stabilen Element zu einer stabilen Materie wird. Die erfolgreiche
Durchfhrung dieses Prozesses erfordert von zehntausend Arbeitern eine
Spezialforschung ber die Gewinnung des Eiwei, sowie Millionen von
neuen Experimenten. Demnach wrde selbst im Fall eines Erfolges eine
ungeheure Vergeudung der Kollektivaktivitt unvermeidlich sein, eine
Vergeudung, der wir nicht gewachsen sind.

Von diesem Gesichtspunkt aus gilt es, schleunigst die einzige fr uns
wichtige Frage zu beantworten: vermgen wir neue Quellen der
radiumausstrahlenden Stoffe zu entdecken? Und wo sollen wir diese
suchen? Offensichtlich auf einem anderen Planeten, das heit: entweder
auf der Erde oder auf der Venus. Meiner Ansicht nach mu der erste
Versuch unbedingt auf der Venus gemacht werden.

Was die Erde anbelangt, so knnen wir annehmen, da sich auf ihr
reichliche Vorrte an radioaktiven Elementen befinden. Bei der Venus
hingegen ist diese _Tatsache bereits festgestellt_. Wo sich auf der Erde
diese Quellen befinden, ist uns unbekannt, denn jene, die von den
Erdengelehrten gefunden wurden, taugen nichts. Auf der Venus aber
entdeckte unsere Expedition sofort die bewuten Quellen. Auerdem
befinden sich diese ganz nahe der Erdoberflche, sind leicht erreichbar,
so da wir ihr Bestehen vermittels der Photographie feststellen konnten,
whrend sich jene der Erde, gleich den unseren, tief unter dem Erdboden
befinden. Wollten wir auf der Erde das Radium suchen, so mten wir bis
in die Tiefen dringen, wie das auch auf unserem Planeten der Fall ist.
Dies aber bedeutete einen Verlust von vielleicht zehn Jahren, und es
bestnde auch noch die Gefahr, da wir uns in der Wahl des Ortes geirrt
haben. Auf der Venus hingegen gilt es blo, die bereits gefundenen Lager
auszubeuten, und dies kann ohne jegliche Verzgerung geschehen.

Deshalb halte ich es fr unbedingt notwendig, unabhngig davon, wie wir
die Frage der Massenkolonisation lsen, sofort an eine teilweise,
vielleicht auch nur vorbergehende Kolonisation der Venus zu schreiten,
zu dem ausschlielichen Zweck, die dort befindliche radioaktive Materie
zu gewinnen.

Die uns von der Natur entgegengestellten Hindernisse sind freilich
ungeheuer gro, doch brauchen wir sie ja augenblicklich nicht vllig zu
berwinden. Es gilt nur, von einem kleinen Teil des Planeten Besitz zu
ergreifen. Wir mssen demnach eine groe Expedition ausrsten, die
nicht, wie die erste, Monate auf der Venus verbringt, sondern Jahre, und
deren Zweck es ist, das Radium zu gewinnen. Selbstverstndlich mu zur
gleichen Zeit ein energischer Kampf wider die Natur gefhrt werden, das
Klima, wider die uns noch unbekannten Krankheiten, sowie gegen andere
Gefahren. Es wird viele Opfer geben, vielleicht wird auch nur ein
geringer Teil der Expedition heimkehren. Der Versuch jedoch mu gemacht
werden.

Als erstes Feld unserer Ttigkeit kommt die Insel des glhenden
Sturmes in Betracht. Ich habe deren Natur genau studiert und einen
detaillierten Plan unserer Ttigkeit ausgearbeitet. Wenn Sie, Genossen,
jetzt bereit sind, diesen zu beurteilen, so werde ich ihn sofort
vorlegen.

(Niemand erhob Einwnde, und Menni ging an die Erluterung seines
Planes, der sich mit allen technischen Einzelheiten befate. Nach
Beendigung seiner Rede traten noch andere Redner auf, doch nahmen sie
alle Mennis Vorschlag an, besprachen nur die Details. Etliche zweifelten
an dem Erfolg der Expedition, alle aber waren damit einverstanden, da
sie unternommen werde. Schlielich wurde die von Menni vorgeschlagene
Resolution angenommen.)


                                Der Mord

Die gewaltige Bestrzung, die mich bermannt hatte, verhinderte selbst
den Versuch, meine Gedanken zu sammeln. Ich fhlte blo, da ein kalter
Schmerz wie mit eisernen Fingern mein Herz zusammenpresse. Vor meinem
Bewutsein erhoben sich mit halluzinierender Lebendigkeit Sternis
riesenhafte Gestalt, sein unerbittlich gelassenes Gesicht. Alles brige
versank in schwerem, nchtlichem Chaos.

Wie ein Automat verlie ich die Bibliothek und bestieg mein Luftschiff.
Der durch den raschen Flug erzeugte kalte Wind hllte mich wie ein
Mantel ein und erweckte in mir auf irgendeine Art einen neuen Gedanken,
einen Gedanken, der gleichsam in meinem Bewutsein erstarrte und in mir
die Gewiheit hervorrief: eines msse geschehen. Heimgekehrt, ging ich
daran, den Gedanken zu verwirklichen; all dies geschah schier
mechanisch, als handelte nicht ich, sondern ein anderer.

Ich schrieb dem Leiter des Fabrikrates, da ich auf einige Zeit meine
Arbeit aufgebe. Enno sagte ich, wir mten uns vorlufig trennen. Sie
blickte mich beunruhigt, forschend an, erblate, sprach jedoch kein
Wort. Blo im Augenblick des Abschieds fragte sie, ob ich nicht Nella
sehen mchte. Ich verneinte und kte Enno zum letzten Mal.

Dann versank ich in ein dumpfes, tdliches Grbeln. Kalter Gram lie
mich erschaudern, zerri meine Gedanken. Von Nettis und Mennis Reden war
mir blo eine blasse, gleichgltige Erinnerung geblieben, als wren sie
etwas Unwichtiges, Uninteressantes. Nur ein einziges Mal durchzuckte
mein Gehirn die Erkenntnis: also deshalb verlie mich Netti, von dieser
Expedition hngt _alles_ ab. Hingegen hatte ich Sternis Worte und sogar
ganze Stze seiner Rede getreu im Gedchtnis behalten: Das
Unvermeidliche mu _begriffen_ werden ... einige Millionen Zellenwesen
... die vllige Ausrottung der Erdenmenschheit ... er wurde von einer
schweren psychischen Krankheit befallen ... Doch vermochte ich weder
Zusammenhnge, noch einen Ausweg zu finden. Bisweilen erschien mir die
Ausrottung der Erdenmenschheit als eine bereits vollzogene Tatsache,
aber auf unklare, abstrakte Art. Mein Schmerz wurde grer, und in mir
erwachte der Gedanke, da an dieser Ausrottung ich die Schuld trage.
Dann wieder sah ich ein, da ja noch nichts geschehen war, vielleicht
niemals etwas derartiges geschehen wrde. Aber selbst das vermochte
nicht meinen Kummer zu lindern. Ich konstatierte bei mir: Alle werden
sterben ... auch Anna Nikolajewna ... und der Arbeiter Vania ... und
Netti, nein, Netti bleibt am Leben, sie ist ein Marsmensch ... sonst
aber werden alle sterben ... doch ist dies nicht grausam, denn sie
werden nicht leiden ... so sagte Sterni ... alle werden sterben, weil
ich erkrankte ... das bedeutet, da ich daran die Schuld trage ...
Zerrissene schwere Gedanken erstarrten in meinem Bewutsein, kalt,
reglos. Und zugleich mit ihnen schien die Zeit stehen zu bleiben.

Auf mir wuchtete eine schwere, qualvolle, nicht abzuschttelnde Last.
Die Gespenster befanden sich nicht auerhalb meiner selbst; in meiner
Seele hockte ein einziges, schwarzes Gespenst, und dieses Gespenst
bedeutete fr mich _alles_. Ich sah kein Ende der Qual, war doch die
Zeit stehen geblieben.

Der Gedanke an Selbstmord suchte mich heim, drang aber nicht vllig in
mein Bewutsein. Der Selbstmord erschien mir nutzlos und de, -- konnte
er denn meinen schwarzen Gram heilen? Ich vermochte nicht an den
Selbstmord zu glauben, weil ich den Glauben an mein Sein verloren hatte.
Qual, Klte und Ha existierten, aber mein Ich verlor sich in ihnen,
wie etwas Richtiges, unsglich Kleines. Es gab kein Ich.

Es kamen Augenblicke, da meine Stimmung so unertrglich war, da in mir
der wilde Wunsch erwachte, mich auf meine ganze Umgebung zu strzen, auf
Lebendiges und Totes, alles zu zerschlagen, zu zerreien, zu vernichten,
damit davon auch nicht die geringste Spur zurckbleibe. Doch besa ich
noch gengend Verstand, um zu wissen, da dies sinnlos und kindisch
wre; ich bi die Zhne zusammen und beherrschte mich.

Ohne Unterla umkreisten meine Gedanken Sterni; sein Bild haftete starr
in meinem Bewutsein, war der Mittelpunkt aller Qualen und Leiden.
Allmhlich, uerst langsam, kristallisierte sich um diesen Mittelpunkt
ein Entschlu heraus, der immer klarer und fester ward: Ich mu Sterni
sehen. Weshalb, aus welchem Grund ich ihn sehen wollte, vermochte ich
nicht zu sagen. Ich wute blo, da ich es tun msse. Zugleich aber fiel
es mir qualvoll schwer, die auf mir lastende Starre und Unbeweglichkeit
zu durchbrechen, um meinen Entschlu auszufhren.

Ich begab mich in den groen Observatoriumssaal und sprach dort zu einem
der Arbeiter: Ich mu Sterni sehen. Der Genosse ging, um Sterni zu
rufen, kehrte nach wenigen Augenblicken zurck und erklrte, Sterni sei
eben mit der Prfung eines Instrumentes beschftigt, er werde in einer
Viertelstunde frei sein, und ich mge so lange in seinem Arbeitszimmer
warten.

Der Genosse fhrte mich ins Arbeitszimmer. Ich setzte mich in einen
Lehnstuhl vor den Schreibtisch und wartete. Der Raum war voll der
verschiedensten Apparate und Maschinen, von denen ich einige kannte,
whrend mir die anderen fremd waren. Meinem Lehnstuhl gegenber ragte
ein Instrument mit einem schweren Metallstativ auf, an dessen Ende sich
drei Messer befanden. Auf dem Tisch lag ein offenes Buch ber die Erde
und deren Bewohner. Ich begann mechanisch darin zu lesen, hielt aber
schon nach den ersten Zeilen inne und versank in ein dem frheren
hnliches Grbeln. In meinem Inneren fhlte ich, zusammen mit der alten
Qual, eine unbezwingliche, fast krampfartige Erregung. So verging die
Zeit.

Auf dem Korridor wurden schwere Schritte vernehmbar, die Tr ffnete
sich, und Sterni betrat das Zimmer; auf seinen Zgen lag der
gewhnliche, gelassen beschftigte Ausdruck. Er setzte sich in den
Lehnstuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches und blickte mich
fragend an. Ich schwieg. Er wartete noch einen Augenblick, wandte sich
dann an mich mit der Frage: Womit kann ich Ihnen dienen?

Ich verharrte noch immer stumm, starrte ihn an, als wre er ein lebloser
Gegenstand. Er zuckte kaum merklich die Achseln und lehnte sich
abwartend im Lehnstuhl zurck.

Nettis Mann ... sprach ich schlielich halbbewut, mit Anstrengung,
mehr zu mir selbst, als zu ihm.

Ich war Nettis Mann, verbesserte er mich gelassen. Wir haben uns
bereits vor langer Zeit getrennt.

Die Ausrottung ... wird nicht ... grausam ... stammelte ich, langsam
fast unbewut jenen Gedanken Ausdruck verleihend, die mein Gehirn
durchwirbelten.

Also darum handelt es sich, meinte er ruhig. Jetzt ist doch davon
nicht mehr die Rede. Es wurde, wie Sie ja wissen, ein vllig anderer
Beschlu gefat.

Ein anderer Beschlu ..., wiederholte ich mechanisch.

Was meinen damaligen Plan anbelangt, fuhr Sterni fort, so mu ich
zugeben, da ich ihn noch nicht gnzlich aufgegeben habe. Doch bin ich
von seiner Richtigkeit nicht mehr so fest berzeugt.

Nicht mehr so fest ... wiederholte ich abermals.

Ihre Genesung und Ihre Teilnahme an unserer Gemeinschaftsarbeit haben
zum Teil meine Argumente widerlegt ...

Ausrottung ... zum Teil ... murmelte ich, und das ganze von mir
empfundene Leid und Weh mochten wohl aus meiner unbewuten Ironie
klingen. Sterni erblate, schaute mich bekmmert an. Dann trat Schweigen
ein.

Jhlings prete die kalte Hand des Schmerzes mit bermchtiger,
ungeahnter Kraft mein Herz zusammen. Ich warf mich in den Lehnstuhl
zurck, um den in mir aufsteigenden wahnsinnigen Schrei zu unterdrcken.
Meine Finger umklammerten krampfhaft etwas Hartes, Kaltes. Ich fhlte in
der Hand eine schwere Waffe. Mein Kummer verwandelte sich in sinnlose
Verzweiflung. Ich schnellte vom Lehnstuhl empor und fhrte gegen Sterni
einen gewaltigen Schlag.

Eines der drei Messer fiel auf ihn nieder; ohne einen Laut strzte er
zur Seite wie ein lebloser Krper.

Ich rannte auf den Korridor hinaus und sprach zum ersten mir begegnenden
Genossen: Ich habe Sterni gettet. Der Genosse erbleichte und eilte
ins Arbeitszimmer, doch mute er sich wohl auf den ersten Blick
berzeugt haben, da es hier keine Rettung mehr gebe, denn er kehrte
sofort zu mir zurck. Er fhrte mich in seine Stube, beauftragte einen
anderen Genossen, telephonisch einen Arzt zu berufen und sich dann zu
Sterni zu begeben. Wir blieben allein zurck. Anscheinend konnte er sich
nicht entschlieen, mit mir zu sprechen. Ich selbst brach das Schweigen,
indem ich ihn fragte:

Ist Enno hier?

Nein, entgegnete er, sie fuhr fr einige Tage zu Nella.

Wir schwiegen abermals, bis sich der Arzt einfand. Er versuchte mich
ber das Vorgefallene zu befragen, doch erwiderte ich, ich wolle nichts
sagen. Dann brachte er mich in die nahegelegene Heilanstalt fr
Geisteskranke.

Hier stellte man mir ein groes behagliches Zimmer zur Verfgung, und
ich wurde lange Zeit nicht belstigt. Etwas Besseres konnte ich mir gar
nicht wnschen.

Fr mich erschien jetzt die Lage vllig geklrt. Ich hatte Sterni
gettet und dadurch alles vereitelt. Die Marsbewohner sahen nun an einem
lebendigen Beispiel, was sie von einer Annherung an die Erdenmenschen
erwarten durften. Sie sahen, da sogar jener, den sie fr befhigt
gehalten hatten, ihr Leben zu teilen, ihnen nichts anderes zu bringen
vermocht hatte, als Gewalt und Tod. Sterni war tot, aber seine Idee
feierte ihre Auferstehung. Die letzte Hoffnung entschwand, die Erdenwelt
war verdammt. Und an all dem trug ich die Schuld.

Nach dem Mord kreisten diese Gedanken in meinem Gehirn, beherrschten es
zusammen mit der Erinnerung an meine Tat. Anfangs eignete der kalten
Gewiheit eine Art Beruhigung. Dann aber steigerten sich Qual und
Schmerz ins Grenzenlose.

Ich empfand gegen mich selbst die heftigste Abneigung. Fhlte mich als
Verrter an der ganzen Menschheit. Einen Augenblick lang empfand ich die
unklare leise Hoffnung, die Marsbewohner wrden mich tten, doch
erkannte ich dann, ich msse sie allzu sehr ekeln, und da ihre
Verachtung fr mich sie daran hindern wrde. Freilich verbargen sie ihre
Abneigung gegen mich, dennoch bemerkte ich sie trotz all ihrer
Bemhungen genau.

Ich wei nicht, wie viel Zeit auf diese Art verstrich. Endlich betrat
der Arzt das Zimmer und teilte mir mit, ich solle mich auf die Rckkehr
nach der Erde vorbereiten. Ich glaubte, dies bedeute ein verschleiertes
Todesurteil, doch empfand ich keinen Wunsch, mich dagegen zu wehren. Bat
nur, mein Leichnam mge von allen Planeten so weit wie mglich geworfen
werden, damit ich diese nicht verunreinige.

Die Eindrcke der Rckreise sind uerst unklar und verschwommen. In
meiner Umgebung sah ich keine bekannten Gesichter, sprach auch mit
niemandem. Mein Bewutsein war zwar nicht getrbt, doch bemerkte ich
nichts von meiner Umgebung. Mir war alles einerlei.


                              Vierter Teil


                               Bei Werner

Ich wei nicht, wie es kam, da ich mich pltzlich im Krankenhaus des
Doktor Werner, meines alten Genossen, befand. Es war das
Kreiskrankenhaus eines der nrdlichen Gouvernements, das mir schon lange
aus Werners Briefen bekannt war. Das Gebude befand sich einige Werst
von der Gouvernementsstadt entfernt, war uerst schlecht geleitet,
stets berfllt, hatte zum wirtschaftlichen Verwalter einen groen
Betrger und verfgte ber ein zahlenmig geringes, stark
berarbeitetes Personal. Doktor Werner sah sich gezwungen, zusammen mit
der uerst liberalen Kreisverwaltung einen erbitterten Kampf gegen den
wirtschaftlichen Verwalter zu fhren, gegen die von diesem uerst
schlecht geleiteten Baracken, gegen den Bau der Kirche, den der
Verwalter um jeden Preis beendigen wollte, sowie um die angemessene
Entlohnung der Angestellten usw. Die Kranken starben aus Schwche statt
zu gesunden, wurden infolge der schlechten Luft und ungengenden Nahrung
von der Tuberkulose befallen. Werner selbst htte natrlich schon lngst
das Krankenhaus verlassen, wrden ihn nicht ganz besondere, mit seiner
revolutionren Vergangenheit zusammenhngende Umstnde dort festgehalten
haben.

Mich lieen alle diese Reize des Krankenhauses kalt. Werner war ein
ausgezeichneter Genosse und zgerte nicht, mir seine Bequemlichkeit zu
opfern. Er berlie mir in der groen Wohnung, auf die er als erster
Arzt ein Anrecht besa, zwei Stuben; in der anstoenden dritten wohnte
ein junger Feldscher, in der vierten, die dem Schein nach der
Krankenpflege diente, verbarg sich ein verfolgter Genosse. Freilich
umgab mich keine besondere Behaglichkeit, und die Aufsicht, der ich
unterworfen war, dnkte mich trotz dem groen Taktgefhl des jungen
Genossen weit strker ausgeprgt und fhlbarer, als auf dem Mars. Doch
war mir all dies vllig gleichgltig. Doktor Werner verabreichte mir
ebenso wie die Aerzte auf dem Mars fast keine Medizin, gab mir nur
bisweilen ein Schlafmittel ein und sorgte vor allem dafr, da ich Ruhe
habe und mich wohl fhle. Allmorgendlich und allabendlich suchte er mich
nach dem Bad auf, das mir der frsorgliche Genosse zu bereiten pflegte.
Doch dauerte sein Besuch stets nur wenige Minuten, und er beschrnkte
sich auf die Frage, ob ich nichts brauche. In den langen Monaten meiner
Krankheit hatte ich mir das Sprechen fast abgewhnt und begngte mich
damit, nein zu sagen, oder aber berhaupt keine Antwort zu geben. Seine
Frsorge jedoch strte mich, denn ich fhlte, da ich eine derartige
Behandlung gar nicht verdiene und da ich ihm dies eigentlich mitteilen
mte. Schlielich gelang es mir auch mit Anstrengung aller Krfte, ihm
zu bekennen, da ich ein Mrder und Verrter sei und da durch meine
Schuld die ganze Menschheit zugrunde gehen msse. Er widersprach nicht,
lchelte blo und kam von da an hufiger.

Allmhlich bte die Umgebung auf mich eine heilsame Wirkung aus. Der
Schmerz krampfte mir weit weniger stark das Herz zusammen, die Qual
verblate, die Gedanken wurden beweglicher, ihre Frbung wurde heller.
Ich _begann das Zimmer zu verlassen_, im Garten und im Hain zu
spazieren. Irgendeiner der Genossen hielt sich immer in meiner Nhe auf;
das war peinlich, doch begriff ich sehr wohl, da man einen Mrder nicht
frei umhergehen lassen knne. Bisweilen sprach ich auch mit den
Genossen, freilich nur ber gleichgltige Dinge.

Es war zu Beginn des Frhlings, und die Wiedergeburt des Lebens ringsum
schwchte ein wenig das Qualvolle meiner Erinnerungen ab; das Zwitschern
der Vgel rief in mir eine gewisse traurige Beruhigung wach, erweckte
den Gedanken, da wenigstens sie nicht vergehen wrden, sondern weiter
leben, und da nur die Menschen verloren seien. Einmal begegnete mir im
Hain ein Schwachsinniger, der sich unter Aufsicht aufs Feld zur Arbeit
begab. Er empfahl sich von mir mit auerordentlich stolzer Gebrde -- er
litt an Grenwahn, erklrte, er sei ein Gendarm, anscheinend die
hchste Macht, die er whrend seines Lebens in der Freiheit gekannt
hatte. Zum ersten Mal in meiner ganzen Krankheit mute ich unwillkrlich
lachen. Ich fhlte, da mich das Vaterland umgebe, und gleich dem Riesen
Antheus schpfte ich, wenngleich uerst langsam, neue Kraft aus der
Heimaterde.


                        War es -- war es nicht?

Als sich die Gedanken mehr meiner Umgebung zuwandten, verlangte es mich
zu wissen, ob Werner und den beiden anderen Genossen bekannt sei, was
sich mit mir ereignet und was ich getan hatte. Ich fragte Werner, wer
mich ins Krankenhaus gebracht habe? Er erwiderte, ich sei mit zwei ihm
unbekannten jungen Leuten gekommen, die nichts Genaues ber meine
Krankheit zu berichten wuten. Sie erklrten, mir in der Hauptstadt
begegnet zu sein. Sie bemerkten, da ich krank sei, hatten mich bereits
vor der Revolution gekannt und damals durch mich von Doktor Werner
gehrt. Deshalb wandten sie sich nun an ihn. Sie reisten noch am
gleichen Tag ab. Bei Werner hatten sie den Eindruck anstndiger junger
Menschen erweckt, an deren Worten nicht zu zweifeln war. Er selbst hatte
mich bereits seit etlichen Jahren aus dem Auge verloren und es war ihm
nicht gelungen, ber mich Nachricht zu erhalten.

Ich wollte Werner ber den von mir begangenen Mord berichten, doch fiel
mir dies furchtbar schwer. War doch die ganze Geschichte unsglich
kompliziert, mit unzhligen Umstnden verknpft, die sie einem
leidenschaftslos beurteilenden Menschen uerst seltsam erscheinen
lassen mute. Ich erklrte Werner die Schwierigkeit und erhielt von ihm
die unerwartete Antwort:

Das beste wre es, Sie wrden mir jetzt berhaupt nichts erzhlen.
Derartiges ist Ihrer Genesung nicht frderlich. Ich will natrlich nicht
mit Ihnen streiten, doch vermag ich an Ihre ganze Geschichte nicht zu
glauben. Sie sind an Melancholie erkrankt, und diese Krankheit veranlat
die ehrbarsten anstndigsten Menschen, sich allerlei nie begangener
Verbrechen zu zeihen. Das Gedchtnis untersttzt die Phantasie und
erzeugt trgerische, unwahre Erinnerungen. Sie werden mir dies erst dann
glauben, wenn Sie wieder hergestellt sind, deshalb ist es auch besser,
die Erzhlung bis zu jenem Zeitpunkt hinauszuschieben.

Htte dieses Gesprch einige Monate frher stattgefunden, so htte ich
zweifellos aus Werners Worten ein groes Mitrauen und die Verachtung
meiner Person herausgelesen. Jetzt jedoch, da meine Seele bereits nach
Rast und Erholung suchte, fate ich die ganze Sache anders auf. Es war
mir angenehm, da mein Verbrechen den Genossen nicht bekannt sei und da
die Tatsache angezweifelt werden knne. Ich begann von nun an immer
seltener an meine Tat zu denken.

Meine Genesung machte rasche Fortschritte, nur bisweilen bermannte mich
wieder die frhere Qual, doch dauerten diese Anflle niemals lange.
Werner war offensichtlich mit mir zufrieden, ich wurde auch nicht mehr
so scharf beobachtet. Seiner Ansicht ber meine Phantasien gedenkend,
bat ich ihn, mir einen typischen Fall meiner Krankheit zum Lesen zu
geben, den er im Krankenhaus beobachtet und niedergeschrieben hatte.
Zgernd und ungern erfllte er meine Bitte. Er whlte aus den
verschiedensten Krankheitsgeschichten eine und gab sie mir.

In dieser Krankheitsgeschichte wurde der Fall eines Bauern erzhlt, den
die Not aus einem entlegenen Drfchen in eine der grten Fabriken der
Hauptstadt trieb. Das Leben der groen Stadt erschtterte offensichtlich
sein seelisches Gleichgewicht; den Worten seiner Frau zufolge war er
lange Zeit vllig auer sich. Dann verging dies, er lebte und
arbeitete wie alle brigen. Als in der Fabrik ein Streik ausbrach, stand
er auf Seiten der Genossen. Der Streik war lange und hartnckig, der
Bauer mute mit Frau und Kindern Hunger leiden. Pltzlich begann er sich
zu grmen, machte sich Vorwrfe, weil er geheiratet und ein Kind gezeugt
habe und berhaupt gottlos lebe.

Dann begann er irre zu reden, wurde zuerst ins stdtische Spital und von
dort in das Krankenhaus seines Heimatkreises gebracht. Er behauptete
steif und fest, da er den Streik gebrochen und die Genossen verkauft
habe, sowie jenen guten Ingenieur, der im Geheimen den Streik
untersttzte, und der von der Regierung aufgehngt wurde. Zufllig
kannte ich genau die ganze Geschichte des Streiks -- ich arbeitete
damals in der Hauptstadt -- wute genau, da bei diesem Streik kein
Verrat vorgekommen, der gute Ingenieur nicht blo nicht gehngt,
sondern nicht einmal verhaftet worden war. Die Krankheit des Arbeiters
endete mit seiner Genesung.

Diese Geschichte verlieh meinen Gedanken eine neue Frbung. In mir wurde
der Zweifel wach, ob ich tatschlich den Mord begangen, oder aber ob,
wie Werner sagte, die Phantasie der Melancholie mein Gedchtnis
beeinflut habe. Zu jener Zeit waren meine Erinnerungen an das Leben auf
dem Mars seltsam verworren und verblat, zusammenhanglos und
unvollstndig, und wenngleich das Bild des Verbrechens klar in meinem
Gedchtnis haftete, so verlor es sich doch in den einfachen und scharfen
Eindrcken der Gegenwart. Bisweilen schttelte ich den kleinlichen,
beruhigenden Zweifel ab, erkannte klar, da alles _tatschlich_ so
gewesen und da es unmglich sei, dies abzuleugnen. Dann aber kehrten
Zweifel und Sophismen zurck, halfen mir, meine Gedanken von der
Vergangenheit abzuwenden. Die Menschen glauben so gerne das, was ihnen
angenehm ist ... Und wenngleich in der Tiefe meiner Seele die Erkenntnis
lebte, da diese Auffassung eine Lge sei, so berlie ich mich ihr
dennoch freudig, wie man sich einem Glckstraum berlt.

Heute glaube ich, da meine Genesung ohne diese betrgerische
Autosuggestion nicht so rasch und so vllig erfolgt wre.


                          Das Leben der Heimat

Werner hielt von mir sorgsam jeden Eindruck fern, der fr meine
Gesundheit irgendwie schdlich htte sein knnen. Er gestattete mir
nicht, mit ihm ins Krankenhaus zu gehen, und von den dort beherbergten
Geisteskranken durfte ich nur die unheilbar Schwachsinnigen und
Degenerierten beobachten, die frei umhergingen und sich mit
verschiedenen Arbeiten auf dem Feld, in Hain und Garten beschftigten.
Ich mu gestehen, da mich diese Flle nicht sonderlich interessierten,
habe ich doch mein Lebtag alles Hoffnungslose, Nutzlose, fr
Immer-Verurteilte gehat. Es verlangte mich weit mehr danach, akute
Flle zu studieren, vor allem jene, bei denen die Hoffnung auf Genesung
bestand, die Melancholiker und die heiteren Maniaken. Werner versprach
mir, mich mit ihnen bekannt zu machen, sobald meine eigene Genesung
gengend Fortschritte gemacht habe; doch schob er es immer wieder von
neuem hinaus.

Noch mehr aber bemhte sich Werner, mich von dem politischen Leben der
Heimat zu isolieren. Anscheinend nahm er an, meine ganze Erkrankung
rhre von den furchtbaren Eindrcken der Revolution her. Er wollte nicht
glauben, da ich mich die ganze Zeit ber fern der Heimat befunden habe
und nicht einmal wute, was sich hier ereignet hat. Er hielt meine
Unkenntnis der Lage fr bloe Vergelichkeit und fand diese Tatsache sei
fr mich und meine Gesundheit uerst gnstig. Er weigerte sich nicht
nur, mir etwas ber die Vorflle zu berichten, sondern verbot dies auch
meinen Wrtern; in der ganzen Wohnung war keine einzige Zeitung, keine
einzige Zeitschrift aus den letzten Jahren zu finden, er verbarg alle
derartigen Dinge in seinem Arbeitszimmer oder im Krankenhaus. Ich war
gezwungen, auf einer unbewohnten politischen Insel zu leben.

Anfangs, da es mich einzig und allein nach Ruhe und Stille verlangte,
erschien mir diese Lage sehr angenehm. Spter jedoch, als meine Krfte
zunahmen, wurde es mir in der Austernschale zu eng; ich stellte an meine
Gefhrten allerlei Fragen, die sie, dem Gebot des Arztes gehorchend,
nicht beantworteten. Ich rgerte und langweilte mich. Versuchte, meine
politische Quarantne zu durchbrechen, Werner davon zu berzeugen, da
ich gesund genug sei, um Zeitungen lesen zu drfen. Vergeblich; Werner
erklrte, es wre verfrht, und er selbst werde beurteilen, wann es an
der Zeit sei, meine geistige Dit abzundern.

Nun nahm ich zur List meine Zuflucht. Es galt, in meiner Umgebung einen
Spiegesellen zu finden, der seiner Freiheit nicht beraubt war. Den
Feldscher fr mich zu gewinnen, wre uerst schwierig gewesen: er hatte
eine bertrieben hohe Auffassung von seiner Berufspflicht. Deshalb
wandte ich mich an den anderen Krankenpfleger, den Genossen Wladimir.
Bei ihm stie ich auf keinen groen Widerstand.

Wladimir war frher Arbeiter gewesen. Fast noch ein unwissender Knabe,
hatte er sich den Revolutionren angeschlossen, war aber jetzt bereits
ein erfahrener Soldat. Zur Zeit eines gewaltigen Pogroms, als eine
Unzahl Genossen unter den Kugeln gefallen und in den Flammen der
Feuersbrunst zugrundegegangen waren, hatte er sich einen Weg durch die
Menge der Pogromisten gebahnt, etliche derselben erschossen und war
durch einen glcklichen Zufall mit heiler Haut davongekommen. Dann lebte
er lange Zeit illegal in verschiedenen Stdten und Drfern, widmete sich
der bescheidenen aber gefhrlichen Aufgabe, Literatur und Waffen zu
transportieren. Schlielich, als ihm schon der Boden unter den Fen
brannte, sah er sich gezwungen, bei Werner ein Versteck zu suchen. Diese
Einzelheiten erfuhr ich selbstverstndlich erst spter. Doch bemerkte
ich gleich zu Anfang, da der junge Mann unter seiner geringen Bildung
litt und da es ihn, dem die frhere wissenschaftliche Disziplin fehlte,
viel Mhe kostete, sich selbst weiterzubilden. Ich begann mich mit ihm
zu beschftigen, wir kamen gut vorwrts, und ich gewann auf ewig sein
Herz. Spter fiel es mir leichter, mich meinem Ziel zu nhern: Wladimir
hielt nur wenig von medizinischen Anordnungen und wir zettelten eine
kleine Verschwrung an, um Doktor Werners Strenge zu paralysieren.
Wladimirs Erzhlungen, die Zeitungen, Zeitschriften und politischen
Broschren, die er mir zusteckte, gaben mir gar bald ein Bild vom Leben
der Heimat whrend meiner Abwesenheit.

Die Revolution war nicht glatt vor sich gegangen, hatte sich qualvoll
lange hingezogen. Das aus seiner Stumpfheit erwachende Proletariat hatte
anfangs, dank unerwarteter Angriffe, groe Siege errungen, doch wurde es
im entscheidenden Augenblick von den Bauernmassen im Stich gelassen, und
die vereinigten Krfte der Reaktion brachten ihm furchtbare Niederlagen
bei. Whrend es fr einen neuen Kampf Krfte sammelte und die Nachhut
der buerlichen Revolutionre erwartete, wurden zwischen den
Grogrundbesitzern und der Bourgeoisie Verhandlungen angebahnt, die ein
gemeinsames Vorgehen und die Erdrosselung der Revolution bezweckten.
Diese Absichten nahmen die Form einer parlamentarischen Komdie an; sie
endeten infolge der unvershnlichen Haltung der Agrarier-Reaktionre mit
einem Mierfolg. Das Spielzeug-Parlament berief seine Mitglieder ein,
jagte sie dann, eines nach dem anderen, auf die grbste Weise wieder
fort. Die Bourgeoisie, erschpft von den Strmen der Revolution,
erschreckt durch die ersten selbstbewuten energischen Angriffe des
Proletariats, ging immer weiter nach rechts. Die Bauernschaft, in ihren
Massen revolutionr gesinnt, machte sich rasch die politische Erfahrung
zu eigen; die Flammen zahlloser Feuersbrnste erhellten den von ihr
eingeschlagenen Weg des Kampfes. Die alte Macht versuchte auf blutigste
Art die buerliche Erhebung abzuwrgen, wollte zu gleicher Zeit die
Bauernschaft durch Verteilung von Grund und Boden vershnen, doch
geschah letzteres auf eine so geizige, schmutzige Art, das es vllig
ergebnislos blieb. Tagtglich ereigneten sich auf allen Seiten, von
allen Parteien und Gruppen unternommene Ueberflle. Im Lande wtete ein
noch nie dagewesener, in keinem Reiche der Erde je geahnter Terror, oben
und unten.

Das Land ging einem neuen entscheidenden Kampf entgegen. Doch war dieser
Weg so lang und so voller Schwanken und Zweifeln, da viele von
Erschpfung und sogar von Verzweiflung bermannt wurden. Die radikale
Intelligenz, die am Kampf teilnahm, vor allem die Sympathisierenden,
gingen fast vollstndig ins Lager der Feinde ber. Freilich bedauerte
das niemand. Aber sogar unter meinen einstigen Genossen entstanden
Verzagtheit und Hoffnungslosigkeit. Diese Tatsache bewies mir klar, wie
schwer und kraftraubend das revolutionre Leben dieser Zeit gewesen war.
Ich selbst, ein ausgeruhter Mensch, der sich der Vorrevolutionszeit und
des Anfangs des Kampfes erinnerte, ohne jedoch die Hrte der spteren
Niederlagen erlitten zu haben, sah klar das sinnlose Untergraben der
Revolution, sah, wie sehr sich alles in diesen Jahren verndert habe,
wie viele neue Elemente des Kampfes hinzugekommen waren, wie unmglich
es war, das Gleichgewicht herzustellen. Die neue Woge der Revolution
mute kommen und war schon nahe.

Es gab blo eine Mglichkeit: warten. Ich ahnte, wie qualvoll schwer
unter diesen Umstnden die Arbeit der Genossen sein mute. Mich selbst
verlangte es nicht, allzu rasch wieder an die Arbeit zu gehen. Und dies
unabhngig von Werners Ansichten; ich fand, es sei klger, Krfte zu
sammeln, um sie erst dann anzuwenden, wenn sie wieder ihre ganze Strke
erreicht hatten.

Auf unseren langen Spaziergngen im Hain erwogen wir, Wladimir und ich,
die Aussichten und Bedingungen des bevorstehenden Kampfes. Die heroisch
naiven Trume und Plne meines Gefhrten erschtterten mich zutiefst, er
schien mir ein edles, liebes Kind, dem ein schlichter, anspruchslos
schner Kmpfertod bevorstand, erhaben und einfach, wie sein ganzes
junges Leben gewesen. Der Weg der Revolution wird mit edlen Opfern
bezeichnet, und schnes Blut frbt die proletarische Fahne.

Aber nicht nur Wladimir kam mir wie ein Kind vor. Selbst Werner, dieser
alte Revolutionr, erschien mir weit naiver und kindlicher, als ich
frher geglaubt hatte -- und das gleiche Gefhl empfand ich auch anderen
Genossen, ja sogar etlichen unserer Fhrer gegenber ... Alle jene
Menschen, die ich auf der Erde gekannt hatte, machten auf mich den
Eindruck halbkindlicher, noch nicht vllig erwachsener Wesen, die das
Leben in sich und ringsum nur unklar zu erfassen vermgen, die ueren
und inneren Gewalten gehorchen. In dieser Empfindung war kein Tropfen
von Selbstberhebung, oder Verachtung, sondern tiefe Zuneigung und
brderliches Interesse fr diese embryonalen Geschpfe, die Kinder einer
jungen Menschheit.


                           Der Briefumschlag

Die glhende Sommersonne schien das Eis, in dem das Leben des Landes
erstarrt war, zu schmelzen. Es erwachte, und die Morgenrte neuer Strme
zeigte sich am Horizont. Aus der Tiefe drang von neuem dumpfes Murren.
Diese Sonne, dieses Erwachen erwrmten meine Seele, steigerten meine
Krfte; ich fhlte, bald wrde ich gesnder sein, als ich es je zuvor
gewesen.

In dieser Stimmung unklarer Lebensfreude wollte ich nicht mehr an die
Vergangenheit denken. Das Bewutsein, ich sei von der ganzen Welt, von
allen vergessen, tat mir wohl ... Fr die Genossen wollte ich erst zu
einer Zeit auferstehen, da es keinem mehr einfallen wrde, mich ber die
Jahre meiner Abwesenheit zu befragen, es fr derartiges kein Interesse
geben und meine Vergangenheit in den strmischen Wogen einer neuen Flut
versunken sein werde. Bemerkte ich jedoch Tatsachen, die diese meine
Hoffnung als zweifelhaft erscheinen lieen, so erfaten mich Erregung
und Unruhe, sowie eine sinnlose Feindseligkeit gegen jene, die sich noch
an mich erinnern konnten.

An einem Sommerabend fand sich Werner bei der Rckkehr aus dem
Krankenhaus nicht, wie gewhnlich, im Garten ein, um sich zu erholen --
er bedurfte dieser Erholung, denn der Rundgang durchs Krankenhaus
ermdete ihn sehr, -- sondern suchte mich auf und begann mich
ausfhrlich ber mein Befinden zu befragen. Mir schien, als strenge er
sich an, meine Antworten im Gedchtnis zu behalten. Das war etwas
ungewhnliches, und ich glaubte, er habe vielleicht durch einen Zufall
meine kleine Verschwrung entdeckt. Doch merkte ich bald, da er
keinerlei Verdacht hege. Dann verlie er die Stube und begab sich in
sein Arbeitszimmer. Erst eine halbe Stunde spter sah ich durchs
Fenster, da er in seiner dunklen Lieblingsallee spazieren ging. Ich
konnte nicht umhin, diese Kleinigkeiten zu beobachten, gab es ja in
meiner Umgebung keinerlei groe Vorflle und Ereignisse. Nachdem ich
verschiedene Vermutungen verworfen hatte, kam ich zu der
allerwahrscheinlichsten Lsung, Werner wolle vielleicht auf eine
besondere Aufforderung hin jemandem ber meine Gesundheit einen Bericht
schreiben. Die Post wurde ihm allmorgendlich in sein Arbeitszimmer
gebracht, -- vielleicht hatte er heute einen Brief erhalten, der sich
nach mir erkundigte.

Von wem war dieser Brief, was bezweckte er? Ich mute dies unbedingt
erfahren, um meine Seelenruhe wiederzufinden. Werner selbst zu befragen,
wre vergeblich gewesen -- er schien einen besonderen Grund zu haben,
mir den Brief zu verheimlichen, htte sonst von selbst darber
gesprochen. Ob vielleicht Wladimir etwas wute? Aber es erwies sich, da
auch ihm nichts bekannt war. Ich berlegte, auf welche Art und Weise ich
die Wahrheit erfahren knnte.

Wladimir war zu jedem Dienst bereit. Meine Neugierde erschien ihm vllig
berechtigt, Werners geheimnisvolles Wesen hingegen fand er unbegrndet.
Er scheute sich nicht, Werners Zimmer einer wahren Durchsuchung zu
unterziehen, desgleichen das medizinische Kabinett, doch fand er nichts
Interessantes.

Entweder hat er den Brief eingesteckt, meinte Wladimir, oder aber
zerrissen und fortgeworfen.

Wohin wirft er gewhnlich die zerrissenen Briefe und Papiere? fragte
ich.

In den Korb, der unter dem Tisch seines Arbeitszimmers steht.

Gut, bringen Sie mir alle Papiere, die Sie im Korb finden. Wladimir
ging und kehrte eiligst zurck.

Es sind gar keine Papiere im Korb, erklrte er. Doch fand ich diesen
Briefumschlag, den er, dem Stempel nach, heute erhalten haben mu.

Ich griff nach dem Umschlag und betrachtete die Aufschrift. Pltzlich
schien unter meinen Fen die Erde zu versinken, und die Wnde drohten
ber mir einzustrzen ...

Es war Nettis Schrift!


                              Der Abschlu

Aus dem Chaos der Erinnerungen und Gedanken, in dem meine Seele versank,
als ich sah, da sich Netti auf der Erde befinde und nicht mit mir
zusammentreffen wolle, erhob sich nur das Endergebnis klar und deutlich.
Dies kristallisierte sich gleichsam von selbst heraus, ohne irgendeinen
logischen Proze, und stand ber jedem Zweifel. Doch vermochte ich mich
damit nicht abzufinden. Ich wollte meine Tat mir und anderen gegenber
begrnden. Vor allem aber konnte ich mich nicht in den Gedanken finden,
da Netti meine Tat nicht begreifen, sie fr einen bloen Ausbruch des
Gefhls halten knnte, obschon sie doch eine logische Notwendigkeit
gewesen war, die sich unvermeidlich aus meiner ganzen Geschichte
entwickelt hatte.

Es galt also, vor allen folgerichtig meine Geschichte zu erzhlen, um
der Genossen, um meiner, um Nettis willen ... Deshalb wurde dieses
Manuskript geschrieben. Werner, der es als erster lesen wird -- am Tage
nach Wladimirs und meiner Flucht -- mge fr dessen Verffentlichung
sorgen, -- selbstverstndlich mu er die ntigen, durch unsere
konspirative Ttigkeit bedingten Abnderungen vornehmen. Das ist meine
einzige Bitte. Ich bedaure sehr, da ich ihm nicht zum Abschied die Hand
drcken kann ...

Whrend ich an diesen Erinnerungen schrieb, erhob sich die Vergangenheit
immer heller und klarer vor mir, das Chaos verwandelte sich in
Gewiheit, die von mir gespielte Rolle, sowie meine Lage zeichneten sich
scharf in meinem Bewutsein ab. Mit gesundem Verstand und klarer
Erinnerung vermag ich alles zum Abschlu zu fhren ...

Zweifellos berstieg die mir gestellte Aufgabe meine Krfte. Worin aber
ist die Ursache meines Mierfolges zu suchen? Und wie ist der Irrtum zu
erklren, den sich Mennis durchdringender, hoher Verstand bei meiner
Wahl zu schulden kommen lie?

Ich entsann mich eines Gesprches, das ich mit Menni ber meine Wahl
gefhrt hatte. Es war zu jener glcklichen Zeit gewesen, als Nettis
Liebe in mir den unbegrenzten Glauben an meine Kraft erweckt hatte.

Wie kam es, Menni, fragte ich, da Sie aus der groen Menge
verschiedenartigster Menschen unseres Landes, deren Bekanntschaft Sie
whrend Ihres Aufenthaltes auf der Erde gemacht hatten, gerade mich fr
den geeignetsten Vertreter der Erde gehalten haben?

Die Auswahl war nicht besonders gro߫, entgegnete er. Sie mute im
Rahmen der Vertreter des wissenschaftlich-revolutionren Sozialismus
getroffen werden, denn alle anderen Weltanschauungen standen der unseren
noch weit ferner.

Mag sein. Wre es aber nicht viel leichter gewesen, unter den
Proletariern, die die Basis und die Kraft unserer Bewegung bedeuten, das
richtige zu finden?

Ja, es wre richtiger gewesen, dort zu suchen. Aber ... ich htte bei
ihnen nicht das gefunden, was mir unentbehrlich schien: die umfassende,
vielseitige Bildung, die hchste Stufe Ihrer Kultur. Diese Tatsache
lenkte mein Suchen nach der anderen Seite.

So sprach Menni. Seine Annahme bewahrheitete sich nicht. Bedeutet dies,
da er berhaupt keinen Erdenmenschen htte mitnehmen drfen, da der
Unterschied zwischen den beiden Kulturen ein unberbrckbarer Abgrund
ist, ber den der _Einzelne_ nicht hinberzugelangen, und den blo die
Gesellschaft zu besiegen vermag? Das zu glauben, wre fr mich
persnlich ein groer Trost, doch zweifle ich ernstlich daran. Ich
glaube vielmehr, da sich Menni in jener Ansicht, die unsere
Arbeitergenossen betrifft, geirrt habe.

Wodurch erlitt ich Schiffbruch?

Die erste Ursache war vielleicht der Umstand, da sich eine Unmenge
Eindrcke des fremden Lebens auf meinen Geist strzte, da deren
Reichhaltigkeit mein Bewutsein berflutete und die Ufer verwischte. Mit
Nettis Hilfe berlebte ich die Krise und fand mich wieder zurecht. Aber
war nicht diese Krise selbst die Folge jener erhhten Empfindsamkeit,
jener verfeinerten Wahrnehmung, die rein geistig arbeitenden Menschen
eigen ist? Wrde vielleicht einer primitiveren, etwas weniger
komplizierten, widerstandsfhigeren und einfacheren Natur alles leichter
gefallen, und fr sie der rasche Uebergang weniger schmerzlich gewesen
sein? Vielleicht wre es fr den mindergebildeten Proletarier weniger
schwer gewesen, sich in ein neues, hheres Dasein zu finden, freilich
htte er weit mehr Neues lernen mssen, doch wre in seinem Fall nicht
ntig gewesen, so viel Altes zu verlernen, und gerade dies ist das
schwerste ... Mir scheint, da ich in dieser Hinsicht recht habe und da
sich in Mennis Berechnung ein Fehler eingeschlichen hatte, indem er dem
Kulturniveau mehr Bedeutung beima, als der kulturellen
Entwicklungskraft.

Ferner wurden meine Seelenkrfte von dem _Charakter_ jener Kultur
zermalmt, an die ich mich mit meinem ganzen Wesen anzupassen versuchte.
Ihre Erhabenheit erdrckte mich, die Tiefgrndigkeit ihrer sozialen
Bande, die Reinheit und Durchsichtigkeit der Verhltnisse zwischen
Mensch und Mensch. Sternis Rede, die auf etwas plumpe Art die
Unermelichkeit der zwei Lebenstypen beleuchtete, war blo die
Veranlassung, der letzte Ansto, der mich in die Untiefe strzte, an
deren Rand mich mit elementarer, unbezwinglicher Kraft der Widerspruch
zwischen meinem Innenleben und dem ganzen sozialen Milieu, in der
Fabrik, der Familie, der Gesellschaft, unter Freunden getrieben hatte.
Und abermals mu ich fragen, ob diese Widersprche nicht gerade bei mir
doppelt so stark und scharf fhlbar wurden, bei mir, dem revolutionren
Intellektuellen, der neun Zehntel seiner Arbeit entweder in der
Einsamkeit verrichtet hatte, oder zumindest unter Bedingungen, die ihn
von seinen auf einer anderen Bildungsstufe stehenden Mitarbeitern
absonderten? Bei mir, dessen Persnlichkeit sich von den anderen
_abgesondert_ hatte? Wrden sich diese Widersprche nicht weit schwcher
bei einem Menschen ausgewirkt haben, der neun Zehntel seines
Arbeitslebens auf primitive, undifferenzierte Art verbracht, sich aber
stets in einem Kameradenkreis aufgehalten hatte, mit diesem durch eine
grobe, aber tatschliche Gleichheit verbunden? Mir schien, da dem so
sei, und da Menni seinen Versuch in anderer Richtung wiederholen mte
...

Zwischen den beiden von mir erlittenen Schiffbrchen hatte es eine Zeit
der Entschlossenheit und der mnnlichen Tatkraft im Kampfe gegeben. Das,
was damals meine Kraft aufrecht erhielt, half mir auch heute ohne ein
Gefhl allzu groer Demtigung den Abschlu zu machen: Nettis Liebe.

Freilich war Nettis Liebe ein edler und liebevoller Irrtum gewesen,
dennoch war eine solche Liebe _mglich_; diese Tatsache konnte durch
nichts und niemanden weggeleugnet und verndert werden. Fr uns
bedeutete sie eine Brgschaft fr die tatschliche Annherung der beiden
Welten, und fr ihre knftige Verschmelzung zu einer einzigen, ungeahnt
schnen und starken Welt.

Und ich selbst ... Fr mich gibt es keinen Abschlu. Fr das neue Leben
war ich nicht geeignet, nach dem alten verlangt es mich nicht mehr. Ich
gehre ihm nicht mehr an, weder den Gedanken, noch den Gefhlen nach. Es
gibt nur einen Ausweg.

Die Zeit ist vorber. Mein Spiegeselle erwartet mich im Garten; eben
hrte ich sein Signal. Morgen werden wir bereits fern von hier sein, auf
dem Wege dorthin, wo das Leben brodelt und die Ufer berflutet, wo es
leicht sein wird, die mir so verhate Grenze zwischen Vergangenheit und
Zukunft zu verwischen. Leb wohl, Werner, guter, alter Genosse.

Gegrt seiest du, neues strahlendes Leben, und auch du, dessen
leuchtende Erscheinung: meine Netti!




     Aus einem Brief des Doktor Werner an den Schriftsteller Mirski


                   (Der Brief trgt kein Datum; diese Unterlassung ist
                    offenbar durch Werners Zerstreutheit verschuldet.)

                   *       *       *       *       *

Die Kanonade war bereits seit langem verstummt, und noch immer wurden
neue und neue Verwundete gebracht. Die meisten davon waren Milizleute
und nicht Soldaten, oder friedliche Einwohner, darunter auch viele
Frauen und sogar Kinder: vor den Schrapnellen sind alle gleich. In mein
nahe dem Schlachtfeld gelegenes Krankenhaus wurden vor allem Milizleute
und Soldaten eingebracht. Die von den Granaten und Schrapnellen
verursachten furchtbaren Verwundungen machten sogar auf mich, den alten
Arzt, der seit Jahren nicht mehr chirurgisch gearbeitet hat, einen
tiefen Eindruck. Doch erhob sich aus dem Grauen triumphierend der
leuchtende Gedanke: Sieg!

Es war unser erster groer Sieg im gegenwrtigen Ringen, war ein
entscheidender Sieg. Die Wagschale senkte sich nach der anderen Seite.
Ein furchtbares Gericht hub an. Hier wird es keine Gnade, sondern
Gerechtigkeit geben. Schon lngst war die Zeit reif ...

Auf den Straen Blut und Trmmer. Feuersbrnste und der Rauch der
Kanonade hatten die Sonne blutrot gefrbt. Doch erschien sie unserem
Auge nicht bse und zornig, sondern freudenvoll. In der Seele klang ein
Kampflied, eine Siegeshymne.

                   *       *       *       *       *

Leonid wurde gegen Mittag ins Krankenhaus gebracht. Er hatte eine
gefhrliche Wunde in der Brust und einige leichte Verletzungen, fast nur
Schrammen. Er hatte sich zur Nachtzeit mit dem fnften Grenadierregiment
in jenen Teil der Stadt begeben, der sich in den Hnden der Regierung
befand. Der Kampf endete damit, da einige verzweifelte Ueberflle
Schrecken und Demoralisation hervorriefen. Leonid selbst hatte diesen
Plan entworfen und dessen Ausfhrung geleitet. Er hatte in frheren
Jahren viel in dieser Stadt gearbeitet und kannte alle Winkel und
Verstecke, konnte deshalb dieses tollkhne Unternehmen besser
durchfhren als jeder andere. Der Fhrer der Miliz, der zuerst gegen den
Plan gewesen war, stimmte schlielich zu. Es gelang Leonid, mit seinen
Granaten bis zu einer der feindlichen Batterien vorzudringen und etliche
Kisten mit Munition zu zerschmettern. Whrend der durch die Explosion
entstandenen Panik gelang es den Unseren, die feindlichen Waffen zu
zerstren, sowie die Batterien. Dabei erhielt Leonid einige leichte
Verwundungen. Beim Rckzug gelangten die Unseren in die Reihen der
feindlichen Dragoner. Leonid bergab das Kommando Wladimir, der sein
Adjutant war, schlich sich selbst mit den beiden letzten Granaten zum
nchsten Tor, hielt sich im Hinterhalt, bis es den anderen gelungen war,
sich zurckzuziehen. Er lie die feindlichen Reihen zum Teil an sich
vorberschreiten, warf dann die erste Granate gegen einen Offizier, die
zweite in die nchste Gruppe der Dragoner. Die ganzen Reihen flchteten
eiligst; die Unseren kehrten zurck und fanden Leonid schwer verletzt
neben seinen Granaten. Sie brachten ihn noch vor dem Morgengrauen in
unsere Linien und bergaben ihn mir.

Es gelang mir, den Granatsplitter zu entfernen, doch waren die Lungen
verletzt und Leonid befand sich in einem kritischen Zustand. Ich brachte
den Kranken so gut wie mglich unter, freilich konnte ich ihm nicht das
geben, dessen er am meisten bedurfte: die vllige Ruhe, die ihm so sehr
not tat. Am Morgen begann die Schlacht von neuem, ihr Drhnen drang bis
zu uns. Die unruhige Erwartung des Ausgangs der Schlacht verstrkte
Leonids Fieber. Als noch weitere Verwundete eingebracht wurden,
steigerte sich seine Erregung, und ich war gezwungen, vor sein Bett
einen Wandschirm zu stellen, damit er die fremden Wunden nicht sehe.

                   *       *       *       *       *

Nach etwa vier Stunden ging der Kampf bereits seinem Ende zu, und der
Ausgang war klar ersichtlich. Ich war mit der Unterbringung der
Verwundeten beschftigt. Da wurde mir die Karte jener Frau gebracht, die
sich vor einigen Wochen schriftlich nach Leonids Befinden erkundigt und
mich nach Leonids Flucht aufgesucht hatte. Ich sandte sie damals mit
einem Empfehlungsschreiben zu Ihnen, damit sie in Leonids Manuskript
Einsicht nehme. Sie war zweifellos eine Genossin und anscheinend
Aerztin. Deshalb fhrte ich sie in mein Zimmer. Sie trug auch heute wie
damals einen dichten schwarzen Schleier, der ihre Zge vllig verdeckte.

Ist Leonid bei Ihnen? fragte sie, ohne mich zu begren.

Ja, erwiderte ich, doch darf er sich keiner Aufregung aussetzen;
wenngleich seine Verwundung eine ernste ist, so hoffe ich dennoch, ihn
heilen zu knnen.

Sie stellte hastig eine Reihe von Fragen an mich, die den Zustand des
Verwundeten betrafen. Dann erklrte sie, ihn sehen zu wollen.

Wird das Wiedersehen ihn nicht aufregen? fragte ich.

Zweifellos, lautete die Antwort. Doch wird ihm diese Aufregung weit
mehr ntzlich als schdlich sein. Dafr kann ich Ihnen brgen.

Ihre Stimme klang entschlossen und sicher. Ich fhlte, da sie genau
wisse, was sie sage und konnte ihre Bitte nicht abschlagen. Wir begaben
uns in jenen Raum, wo Leonid lag und ich zeigte mit einer Gebrde, sie
mge sich hinter den Wandschirm begeben. Ich selbst verharrte in der
Nhe, am Bett eines anderen Schwerverwundeten, um den ich mich bemhte.
Es verlangte mich danach, das Gesprch der Frau mit Leonid zu
erlauschen, um eingreifen zu knnen, sobald dies notwendig wurde.

Whrend sie sich hinter den Schirm begab, hob sie ein wenig den
Schleier. Ich erblickte ihre Silhouette durch das undichte Gewebe des
Schirms und sah, wie sie sich zu dem Verwundeten niederbeugte.

Die Maske ... ertnte Leonids schwache Stimme.

Deine Netti, entgegnete sie. Und in diesen leise, melodisch
gesprochenen Worten lag so viel Liebe und Zrtlichkeit, da mein altes
Herz erbebte, erfat von schmerzlich freudigen Gefhlen.

Die Frau machte eine scharfe hastige Gebrde, fast, als wollte sie ihren
Kragen lsen, nahm dann Hut und Schleier ab und beugte sich noch nher
zu Leonid nieder. Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen.

Das bedeutet wohl, da ich sterbe? fragte Leonid leise.

Nein, Lenni, das ganze Leben liegt vor uns. Deine Wunde ist nicht
tdlich, ist nicht einmal gefhrlich.

Und der Mord? rief er schmerzlich erregt.

Das war eine Krankheit, mein Lenni. Sei ruhig, diese tdliche Wunde
wird niemals zwischen uns stehen, auch nicht auf dem Wege zu unserem
erhabenen gemeinsamen Ziel. Wir werden das Ziel erreichen, mein Lenni
...

Ein leises Sthnen lste sich aus seiner Brust, doch war es kein
Schmerzenston. Ich verlie das Zimmer; mein Patient hatte mir bereits
alles verraten, was ich zu wissen verlangte. Es htte keinen Sinn
gehabt, weiter zu lauschen. Einige Minuten spter erschien die
Unbekannte abermals in Hut und Schleier bei mir.

Ich nehme Leonid mit, sprach sie. Er wnscht dies selbst, und die
Bedingungen fr seine Genesung sind bei mir gnstiger als hier; Sie
knnen ganz unbesorgt sein. Zwei Genossen warten unten, werden Leonid zu
mir schaffen. Lassen Sie uns, bitte, eine Tragbahre zur Verfgung
stellen.

Ich hatte keine Ursache, mich zu weigern: in unserem Spital waren die
Bedingungen tatschlich keineswegs glnzend. Ich fragte die Unbekannte
nach ihrer Adresse, -- sie wohnte ganz nahe von hier. Ich beschlo, am
folgenden Tag hinzugehen und Leonid zu besuchen. Zwei Arbeiter
erschienen und trugen Leonid vorsichtig auf einer Bahre fort.

                   *       *       *       *       *

PS. geschrieben am folgenden Tag.

Leonid und Netti sind spurlos verschwunden. Ich war eben in ihrer
Wohnung: die Tren waren geffnet, die Zimmer leer. Im groen Saal stand
ein ungeheures Fenster sperrangelweit offen, auf dem Tisch lag ein an
mich gerichteter Brief. Mit zitternder Hand waren blo einige wenige
Worte geschrieben:

                              Gre an die Genossen. Auf Wiedersehen.
                                                          Ihr Leonid.

Seltsam, ich fhle keinerlei Unruhe und Sorge. Diese Tage haben mich zu
Tode erschpft; ich sah viel Blut, sah viele Leiden, die ich nicht zu
lindern vermochte, erblickte Bilder der Zerstrung und des Untergangs;
dennoch herrschen in meiner Seele Freude und Licht.

Das Aergste liegt hinter uns. Noch harrt unser ein langer und schwerer
Kampf, aber vor uns leuchtet der Sieg ... Und der neue Kampf wird
leichter sein.


                                 Ende.




                           Inhaltsverzeichnis


                                                                   Seite

   Dr. Werner an den Schriftsteller Mirski                             5

   Leonids Manuskript

   Erster Teil
   Der Bruch                                                           9
   Die Aufforderung                                                   14
   Die Nacht                                                          20
   Die Erklrung                                                      24
   Die Abfahrt                                                        28
   Der Aetheroneff                                                    33
   Die Menschen                                                       38
   Die Annherung                                                     45
   Vergangenes                                                        51
   Die Ankunft                                                        61

   Zweiter Teil
   Bei Menni                                                          64
   In der Fabrik                                                      69
   Das Haus der Kinder                                                77
   Das Kunstmuseum                                                    86
   Im Krankenhaus                                                     97
   Arbeit und Gespenster                                             103
   Netti                                                             111

   Dritter Teil
   Glck                                                             116
   Trennung                                                          117
   Die Kleiderfabrik                                                 120
   Enno                                                              125
   Bei Nella                                                         129
   Auf der Suche                                                     136
   Sterni                                                            140
   Netti                                                             151
   Menni                                                             156
   Der Mord                                                          159

   Vierter Teil
   Bei Werner                                                        165
   War es -- war es nicht                                            167
   Das Leben der Heimat                                              170
   Der Briefumschlag                                                 174
   Der Abschlu                                                      176

   Aus einem Brief des Doktor Werner an den Schriftsteller Mirski    181


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 15]:
   ... da sie diesen Voraussetzungen grere Bedeutung beimessen, ...
   ... da Sie diesen Voraussetzungen grere Bedeutung beimessen, ...

   [S. 18]:
   ... ich sie spter bekannt machen werde. ...
   ... ich Sie spter bekannt machen werde. ...

   [S. 23]:
   ... Menni befestigte die Gondel an einen eigens dazu bestimmten ...
   ... Menni befestigte die Gondel an einem eigens dazu bestimmten ...

   [S. 104]:
   ... war eine ungeheuer groe. Welchen gewaltigen Nutzen konnte ...
   ... war eine ungeheuer groe. Welcher gewaltige Nutzen konnte ...

   [S. 130]:
   ... ber die ihm unverstndlichen technischen Ausdrcke, die ...
   ... ber die ihr unverstndlichen technischen Ausdrcke, die ...

   [S. 136]:
   ... haben wrde, mich fr lange Zeit auf dem tiefen, durch
       Sandbnken ...
   ... haben wrde, mich fr lange Zeit auf dem tiefen, durch
       Sandbnke ...






End of the Project Gutenberg EBook of Der rote Stern, by Alexander Bogdanow

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE STERN ***

***** This file should be named 62985-8.txt or 62985-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/6/2/9/8/62985/

Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was
produced from scanned images of public domain material,
provided by the German National Library.


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
