The Project Gutenberg EBook of Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare
Abenteuer und Erlebnisse, by Daniel Defoe

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Title: Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse

Author: Daniel Defoe

Illustrator: F. H. Nicholson

Release Date: November 1, 2019 [EBook #60344]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBINSON CRUSOE'S REISEN ***




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Im Original endet jedes Kapitel mit einer ornamentalen Illustration.
Verweise auf diese sind fr die reine Textfassung entfernt worden.




[Illustration: Robinson und seine Familie.]




                           Robinson Crusoe's
              Reisen, wunderbare Abenteuer und Erlebnisse

              Frs Deutsche bearbeitet nach dem Original

                                  des

                             Daniel de Foe

                          Zwanzigste Auflage

                        Mit 41 Text-Abbildungen

  nebst *vier* Farbendruckbildern nach Zeichnungen von *F. H. Nicholson*

                            [Illustration]

                                Leipzig

                       *Verlag von Otto Spamer*

                                 1904




*Inhalt*


                                                                   Seite

Erstes Kapitel.

  =Robinsons Jugend und erste Fahrten, von ihm selbst erzhlt=         1

Robinsons Herkunft. -- Hang zum Seeleben. -- Unterredung mit seinem
Vater. -- Besuch in Hull. -- Er geht zur See. -- Sturm. -- Des Schiffes
Untergang auf der Reede zu Yarmouth. -- Robinsons Unschlssigkeit. --
Reise nach London.


Zweites Kapitel.

  =Robinsons Gefangenschaft und Flucht=                               16

Robinsons Gefangenschaft in Saleh. -- Flucht mit Xury. -- Ankunft in
Brasilien.


Drittes Kapitel.

  =Robinson als brasilischer Pflanzer=                                24

Robinsons Aufenthalt in Brasilien als Pflanzer. -- Eine neue Reise. --
Schiffbruch.


Viertes Kapitel.

  =Rettung nach dem Schiffbruch=                                      31

Robinson schwimmt an das Wrack. -- Erbauung eines Flosses. --
Glckliche Landung mit der Fracht. -- Tgliche Fahrten nach dem Wrack.
-- Errichtung seiner Wohnung. -- Erbeutung von Ziegen. -- Robinsons
Kalender. -- Tagebuch.


Fnftes Kapitel.

  =Robinsons Tagebuch=                                                45

Neujahr. -- Sicherung der Htte. -- Wilde Tauben. -- Beleuchtung.
-- Getreidehren. -- Erdbeben. -- Ein Schleifstein. -- Ein Fchen
Pulver. -- Zertrmmerung des Wracks. -- Fischjagd. -- Schildkrten. --
Krankheit. -- Nchtlicher Traum. -- Fieber. -- Reuige Betrachtungen. --
Wiederherstellung durch Tabak. -- Bibelfund. -- Pflanzen und Frchte
im Innern der Insel. -- Bau eines Landhauses. -- Die Katze und ihre
Jungen. -- Jahrestag der Landung. -- Ernteerfolge.


Sechstes Kapitel.

  =Robinson als Handwerker und Ackersmann=                            57

Robinson set Getreide. -- Korbflechterei. -- Tpferarbeiten. --
Weitere Entdeckungsreisen auf der Insel. -- Tierreicher Kstenstrich.
-- Robinson bringt einen Papagei sowie eine Ziege nach Hause. --
Trstliche Gedanken ber Sonst und Jetzt. -- Tageseinteilung. --
Verheerung des Getreidefeldes. -- Exekution an den Kornplnderern. --
Kleine Ernte.


Siebentes Kapitel.

  =Robinson als Bcker und Schiffbauer=                               67

Robinson macht sich einen Mrser und ein Sieb. -- Ernte. -- Brotbacken.
-- Vergebliche Anstrengungen wegen der Schaluppe. -- Robinson baut
ein Boot: vereitelte Hoffnungen. -- Rckblicke auf das dreijhrige
Inselleben. -- Trauriger Zustand der Kleidung. -- Robinson wird
Schneider.


Achtes Kapitel.

  =Robinsons unglckliche Bootfahrt=                                  77

Gefhrliche Seereise. -- In die See hinausgetrieben. -- Sehnsuchtsvolle
Betrachtungen. -- Die beiden Strmungen und glckliche Landung. -- Des
Papageis Ruf. -- Robinsons Familie. -- Ziegenfang und Ziegenpark. --
Schneiderknste. -- Neue Beobachtungen. -- Rckblicke.


Neuntes Kapitel.

  =Robinson entdeckt Spuren von Menschen=                             84

Neuer Ausflug auf Entdeckungen. -- Menschliche Spuren. -- Robinsons
Bangen. -- Untersuchung der Fuspuren. -- Allerlei seltsame Gedanken.


Zehntes Kapitel.

  =Stillleben mit Unterbrechungen=                                    99

Robinsons Menagerie. -- Viehzucht und Bierbrauerei. -- Neuer Besuch von
Wilden. -- Das Wrack. -- Ein neuer Freund. -- Reisetrume.


Elftes Kapitel.

  =Zusammensto mit den Kannibalen=                                  112

Landung der Wilden. -- Die beiden Schlachtopfer. -- Der Flchtling
und sein Beschtzer. -- Reste des Kannibalenschmauses. -- Freitags
Dankbarkeit. -- Seine Ausstattung. -- Erste Sprechstudien. -- Freitag
als Koch und Bckerlehrling. -- Nachrichten ber die Nachbarlnder. --
Die Kariben und ihre religisen Anschauungen.


Zwlftes Kapitel.

  =Eine Zeit groer Ereignisse=                                      131

Bau eines neuen greren Bootes. -- Probefahrten. -- Neuer
Kannibalenbesuch. -- Der Kampf mit den Wilden. -- Der Spanier und
Freitags Vater. -- Verpflegung der Befreiten. -- Bestattung der
Gefallenen. -- Geschichte des Spaniers. -- Zukunftsplne.


Dreizehntes Kapitel.

  =Durch Kampf zum Sieg=                                             151

Abreise von Caballos und Freitags Vater. -- Ankunft weier Mnner. --
Ein englisches Schiff. -- Vergebliche Furcht vor Seerubern. -- Die
Gefangenen. -- Befreiung derselben. -- Bestrafung der Meuterer. --
Die Meuterer werden in die Irre gefhrt, berfallen und gefangen. --
Wiedergewinnung des Schiffes. -- Der englische Gouverneur.


Vierzehntes Kapitel.

  =Robinsons Abreise von seiner Insel=                               169

Robinson als Gouverneur und Richter. -- Abschied von der Insel und
deren Bevlkerung. -- Ankunft in England. -- Alles fremd in der Heimat.
-- Reise nach Lissabon. -- Stand der brasilischen Besitzungen. -- Der
brave Portugiese. -- Gnstige Vermgenslage. -- Landreise durch Spanien
und Frankreich. -- Wlfe in den Pyrenen. -- Freitag und der Br. --
Stillleben in London.


Fnfzehntes Kapitel.

  =Aufenthalt in England und neue Reise=                             185

Neue Reiselust. -- Abfahrt. -- Das Totenschiff. -- Im Antillenmeer. --
Der Bffeljger. -- Ankunft in der Kolonie.


Sechzehntes Kapitel.

  =Die Schicksale der Kolonie=                                       195

Ankunft auf der Insel. -- Freitag und sein Vater. -- Bericht ber
die Wirren whrend der Anwesenheit des Grnders. -- Neue Ordnung. --
Weitere Reiseplne.


Siebzehntes Kapitel.

  =Fortgang und Schlu von Robinsons Weltfahrt=                      207

Abschied von der Kolonie. -- Kmpfe zur See. -- Freitags Tod. --
Brasilien. -- Sturm am Kaplande. -- Verschlagen ins Eismeer. -- Das
Venedig des Eismeeres. -- Gefangen im Eise. -- Durchbruch. --
Der verlassene Matrose. -- Ein Robinson auf einer schwimmenden
Eisscholle. -- Irrfahrten. -- Das Gespensterschiff. -- Zusammensto mit
den Kochinchinesen. -- In China und Sibirien. -- Rckkehr nach England.
-- Endliche Ruhe.


Buntbilder:

  Robinson  und  seine  Familie                                Titelbild

  Robinson  und  seine  Ziege         Seite                           46

  Robinson  und  Freitag               "                             114

  Unter den  Wlfen                    "                             180




                            Daniel de Foe.

                          =Robinson Crusoe.=




[Illustration]

Erstes Kapitel.

Robinsons Jugend und erste Fahrten, von ihm selbst erzhlt.


  Robinsons Herkunft. -- Hang zum Seeleben. -- Unterredung mit
  seinem Vater. -- Besuch in Hull. -- Er geht zur See. -- Sturm. --
  Des Schiffes Untergang auf der Reede zu Yarmouth. -- Robinsons
  Unschlssigkeit. -- Reise nach London.

Im Jahre 1632 erblickte ich in der Stadt York das Licht der Welt. Mein
Vater, aus der Familie Creutznaer in Bremen stammend, hatte sich als
Kaufmann in Hull, in England, niedergelassen. Hier war ihm das Glck
hold, so da es ihm gelang, sich ein ansehnliches Vermgen zu erwerben.
Darauf zog er sich von den Geschften zurck und siedelte nach York
ber, um seine ferneren Lebensjahre in Ruhe zu verbringen. Dort fhrte
er meine Mutter heim; sie zhlte zu einer alten und angesehenen
Familie, Namens Robinson. So kam es, da ich den Doppelnamen *Robinson
Creutznaer* empfing; letzterer Name wurde indes durch die Leute
gewhnlich in *Crusoe* umgewandelt, wie man es in England oft findet.
Wir behielten auch in der Folge diesen Namen bei.

Ich hatte zwei ltere Brder; der eine diente als Oberstleutnant in
einem englischen Infanterieregiment in Flandern und fand seinen Tod,
als die Englnder unter Cromwell Dnkirchen den Spaniern abgewannen.
Was aus meinem zweiten Bruder geworden ist, habe ich niemals erfahren,
ebensowenig als meine Eltern je darber Aufschlu erhielten, wie es mir
selbst spter ergangen ist.

Ich war also der dritte Sohn meiner Eltern und htte eigentlich daran
denken sollen, ihnen einmal eine Sttze zu werden. Ohne ernstlich die
Wahl eines Lebensberufs zu erwgen, hing ich indessen abenteuerlichen
Gedanken und Plnen nach; ich dachte nur an die Herrlichkeiten fremder
Lnder und trumte Tag und Nacht von Palmenwldern, Goldbergen und den
fabelhaften Schnheiten fremder Zonen. Nichts ging mir ber das Leben
eines Schiffers, der in seinem leichten Fahrzeuge sich auf dem blauen
Meere wiegen und alle jene von mir ertrumten Wunder mit Augen schauen
kann.

Zwar lie es mein Vater an guten Lehren und an Schulunterricht nicht
fehlen, zumal er wnschte, da ich spterhin ein Rechtsgelehrter werden
sollte. Allein der Hang zum Seeleben, den weder seine ernstlichen
Warnungen noch die schmeichelnden Bitten der Mutter verdrngen konnten,
nahm meine Gedanken unwiderstehlich gefangen und lie mir alles, was
die Heimat bot, gleichgltig erscheinen.

Eines Morgens rief mich mein Vater in sein Zimmer, das er infolge der
Gicht hten mute, und sprach zu mir in warmen und eindringlichen
Worten.

Mein Sohn, begann er ernst und nachdrucksvoll, du bist auf dem Wege,
mir und deiner Mutter groen Kummer zu bereiten. Mein Sohn, ich meine
es gut mit dir; la ab von deinen abenteuerlichen Plnen! Du willst
den heimischen Herd, das Vaterland verlassen; glaubst du, da du es
anderwrts besser findest als hier, wo dir bei Flei und Kenntnissen
eine sorgenfreie Zukunft erblhen wird? Tusche dich nicht! Nur solche,
die arm und hoffnungslos sind, oder die ein ungebndigter Ehrgeiz
treibt, mgen durch auergewhnliche und khne Unternehmungen Glck
und Ruhm erjagen. Fr dich sind alle diese Dinge entweder zu hoch
oder zu niedrig. Gewhne dich, den Mittelstand, dem wir angehren,
als den glcklichsten Stand anzusehen. Ist er nicht der Wunsch aller?
Gar manche Knige, in Glanz und Prunk aufgewachsen, htten gern den
goldenen Thron mit dem bescheidenen Handwerk vertauscht. Selbst der
weiseste Herrscher hat einst den Mittelstand als den glcklichsten
gepriesen, indem er Gott bat, ihm weder Reichtum noch Armut zu geben!
Wer hier die Mittelstrae geht, den stacheln weder Neid noch glhende
Wnsche des Ehrgeizes, noch wohnen in ihm Stolz und Migunst.

[Illustration: Robinson Crusoe wird von seinem Vater ermahnt.]

So ermahnte mich mein Vater eindringlich, nicht mich selbst ins
Elend zu strzen. Er gab mir seine vterliche Absicht kund, da er
alles aufbieten wrde, um mich auf der Laufbahn, die er fr mich
bestimmt habe, so freigebig zu untersttzen, als es mir in jeder Weise
frderlich sein wrde.

Beherzige meine Worte! fuhr er fort. Dasselbe sagte ich auch deinen
Brdern, aber sie gingen ihren eignen Weg. Was war ihr Los? Fern vom
Heimatshaus fiel dein ltester Bruder auf flandrischer Erde, und wo
das Gebein deines zweiten Bruders modert, das wei Gott allein. Glaube
mir, deinem Vater, der nur auf das Glck deiner Zukunft bedacht ist;
folgst du meinen Ermahnungen nicht, unternimmst du den unberlegten
Schritt, aufs Geratewohl in die weite Welt hinauszustrmen, so wirst du
sicherlich eines Tages, wenn das Unglck bei dir einkehrt und niemand
der Deinen um dich ist, bitter bereuen, da du meine Mahnungen nicht
beachtet hast.

Tief ergriffen hielt er nach diesen Worten inne, whrend Thrnen der
Wehmut und Rhrung seine Wangen netzten.

In jener Stunde nahm ich mir vor, gehorsam dem Willen meines Vaters
mich zu beugen. Doch schon nach wenigen Tagen erwachte die alte
Sehnsucht aufs neue, und alle guten Vorstze waren vergessen. Bei
meinem Vater durfte ich nicht hoffen, mit meinen Bitten durchzudringen;
deshalb versuchte ich meine Mutter gnstig zu stimmen. Ihr stellte
ich vor, da mein Trieb, die Welt zu sehen, unberwindlich sei, da
ich bereits im achtzehnten Jahre stehe und nun zu alt sei, um die
juristische oder die kaufmnnische Laufbahn zu betreten. Sie mge den
Vater zu der Erlaubnis bewegen, mich wenigstens eine Reise unternehmen
zu lassen; gefiele mir das Seemannsleben nicht, so wolle ich dann mit
doppeltem Eifer das Versumte nachholen.

Von diesen wiederholten Herzensoffenbarungen war meine besorgte Mutter
durchaus nicht erbaut; sie sagte mir rundweg, da es ganz zwecklos sei,
mit dem Vater noch einmal ber diesen leidigen Gegenstand zu sprechen.
Trotzdem teilte sie gelegentlich die Unterredung dem Vater mit, und
dieser gab ihr seufzend zur Antwort: Der Junge knnte zu Hause ein
ganz gutes Leben haben; geht er aber davon, so wird er der elendeste
Mensch auf Erden. Ich gebe meine Einwilligung nicht!

So verging abermals ein Jahr, whrenddessen die wiederholten
Ermahnungen meiner Eltern nur tauben Ohren gepredigt wurden. Eines
Tages war ich nach Hull gegangen und traf dort zufllig mit einem alten
Schulkameraden zusammen, der im Begriff stand, auf einem Schiffe seines
Vaters nach London abzufahren. Er berredete mich, ihn zu begleiten,
indem er mich nach Seemannsart mit den Worten lockte: Die Fahrt soll
dich nichts kosten, mein Junge.

Mein Entschlu war gefat. Unbekmmert um die Sorgen der Eltern,
bestieg ich das Schiff; es war am 1. September 1651.

Selten hat die Strafe fr den Leichtsinn so schnell begonnen und so
lange gedauert wie bei mir. Kaum waren wir aus dem Hafen ausgelaufen,
als es zu strmen begann und die See hohl ging. Ich hatte noch nie
eine Seereise mitgemacht, und so ergriff mich denn die unerbittliche
Seekrankheit. Jetzt berfiel mich auch schon die Reue ber meine
unbesonnene Handlungsweise; meine Gedanken kehrten ins Elternhaus
zurck, wo gewi Vater und Mutter unter Thrnen vergeblich meiner
Wiederkehr harrten.

Der Sturm brauste immer heftiger, das Schiff sank bald in den Abgrund,
bald wurde es hoch emporgeschleudert -- mich berkam namenlose Angst.
In diesen qualenvollen Augenblicken gelobte ich, sofort wieder in
das elterliche Haus zurckzukehren, wenn es nur Gott gefallen wrde,
mich aus der Gefahr zu erlsen. Als sich aber am nchsten Tage Sturm
und Wellen gelegt hatten, waren auch alle meine guten Vorstze
dahin. Gegen Abend klrte sich das Wetter auf; die Sonne ging rein
und glnzend unter, um am nchsten Morgen in gleicher Herrlichkeit
wieder aufzugehen. Ihr heller Schein spiegelte sich auf der weiten
Meeresflche wider; ich konnte mich an diesem ungewohnten, prachtvollen
Schauspiel nicht satt sehen.

Whrend der Nacht hatte ich gut geschlafen und mich auch von meiner
Seekrankheit wieder erholt. Mein Blick schweifte ber den glatten
Spiegel des Meeres, dessen Wellen gestern noch so unheilvolles
Verderben drohten. Eben stand ich in tiefes Sinnen versunken, da trat
mein Freund, der mich zu dieser Seereise beredet hatte, an mich heran
und sagte lachend:

Nun, Robin, wie ist dir die Bewegung von gestern bekommen? Du hast
dich doch wegen des kleinen Windstoes nicht gengstiget?

Was? Windsto? Ich habe in meinem Leben noch keinen solchen Sturm
ausgestanden.

Das nennst du einen Sturm? Nichts war es. Hat man nur ein gutes Schiff
und ist auf offener See, dann macht uns eine Mtze voll Wind mehr oder
weniger nicht bange. Aber davon verstehst du noch nichts; du bist nur
ein Swassermensch, mein Junge. Komm, wir wollen eine Bowle Punsch
machen und alles vergessen. Sieh, was fr prchtiges Wetter wir haben!

Der Punsch wurde gebraut und ich mute tchtig trinken, als sei ich
schon seit Jahren Matrose. Da ging im Rausche alle Reue ber meinen
Ungehorsam unter; ich verga alle guten Vorstze. Zwar kamen noch
Augenblicke, in denen meine Vernunft widersprach, doch sah ich bald
in solcher Regung nur eine Schwche und bemhte mich, meine Grillen,
wie ich es nannte, dadurch zu vertreiben, da ich lustige Gesellschaft
aufsuchte und fleiig den Kameraden zutrank. Nach wenigen Tagen hatte
ich mein Gewissen beschwichtigt und die Erinnerung an alle vterlichen
Lehren bertubt.

Am sechsten Tage unsrer Fahrt gelangte unser Schiff auf die Reede von
Yarmouth; widrige Winde und Windstille hatten uns seit jenem Sturme
nicht erlaubt, eine grere Strecke zurckzulegen, und wir sahen uns
gentigt, vor Anker zu gehen. Der Wind, anfangs minder stark, wuchs
aber bald bis zum Orkan; alle Hnde muten zugreifen, um die Stengen
und Raaen zu streichen. Die Wellen schlugen ber unser Schiff, und ein
paarmal glaubten wir, unser Ankertau sei zerrissen. Auf Anordnung des
Oberbootsmannes wurde nun der Taganker ausgeworfen, so da wir sicherer
vor zwei Ankern liegen konnten.

Der Sturm raste fort; Angst und Entsetzen lagerten sich auf den
Gesichtern der Matrosen. Der Kapitn lie alle Vorsichtsmaregeln
anwenden, sein Schiff zu erhalten; doch schien er schon selbst die
Hoffnung aufzugeben, denn als er an meiner Schlafstelle vorberkam,
hrte ich ihn in die Worte ausbrechen: Der Herr sei uns gndig!
Wir sind alle verloren! -- Da bemchtigte sich meiner eine solche
Todesangst, da ich fr den ersten Augenblick wie gelhmt in der
Kajtte liegen blieb. Ich vermag es nicht zu schildern, was ich
fhlte! Dann aber sprang ich aus der Kajtte auf das Verdeck und
schaute umher. Welch entsetzliches Schauspiel bot sich meinen Blicken!
Die Wellen gingen bergehoch und brachen sich an unsern Schiffswnden
nach je drei oder vier Minuten; wohin ich auch sehen mochte, erblickte
ich nichts als Angst und Not. Zwei schwerbeladene Fahrzeuge, die sich
in unsrer Nhe befanden, hatten ihre Masten am Fue gekappt -- -- eine
halbe Stunde von uns entfernt sahen wir ein Schiff untergehen. Zwei
andre, von ihren Ankern losgerissen, wurden in die See hinausgeworfen.
Die leichteren Fahrzeuge hatten weniger zu leiden; dennoch trieben zwei
oder drei, nur mit dem groen Blindsegel versehen, bei uns vor dem
Winde vorbei.

Gegen Abend baten der Hochbootsmann und der Steuermann den Kapitn
um seine Einwilligung, den Vordermast zu kappen. Er mute es schon
zugeben, da der Hochbootsmann versicherte, das Schiff sei sonst
unrettbar verloren. Als nun der Vordermast gefallen war, stand der
groe Mast ohne Sttze und erschtterte das Schiff so sehr, da man
sich gentigt sah, auch diesen umzuhauen.

Der Zustand, in welchem ich mich damals bei meiner Unerfahrenheit
mit den Gefahren des Seelebens befand, ist unbeschreiblich. Deutlich
erinnere ich mich, da mich whrend dieser qualvollen Stunden mehr die
Reue marterte, von meinen guten Vorstzen abgegangen zu sein, als mich
die Furcht vor dem Tode schreckte. Der Gedanke, da dieses Unglck
eine Strafe Gottes fr meinen Ungehorsam sei, strzte mich in tiefe
Betrbnis. Aber das Ma unsrer Leiden war noch nicht voll.

Der Sturm tobte mit solcher Wut, da selbst die Matrosen gestanden,
nie einen hnlichen erlebt zu haben. Obschon unser Fahrzeug tchtig
war, schwankte es doch heftig hin und her, so da die Matrosen jeden
Augenblick ausriefen: Wir kentern! d. h. wir schlagen um. Ja, was
bei Seeleuten nur selten vorkommt, der Kapitn, der Hochbootsmann und
mehrere andre sanken betend auf die Kniee und starrten hoffnungslos dem
Untergange entgegen.

Um Mitternacht rief pltzlich einer der Matrosen: Ein Leck im Schiff!
Ein andrer schrie: Das Wasser steht schon vier Fu hoch im Raum!
Alles mute jetzt an die Pumpen. Ich war wie gelhmt und sank auf mein
Lager zurck. Die Matrosen weckten mich unsanft aus meiner Erstarrung
auf und meinten, wenn ich auch vorher zu nichts genutzt htte, so
knnte ich doch jetzt an den Pumpen mit helfen gleich den andern.

Mechanisch folgte ich dieser Aufforderung; ich erhob mich und arbeitete
tchtig. Whrend dieser Zeit erblickte der Kapitn einige leichte
Fahrzeuge, die, weil sie wegen des Sturmes vor Anker nicht aushalten
konnten, das Tau hatten schlpfen lassen; sie sahen sich gezwungen,
das offene Meer zu gewinnen, und wendeten alle Mittel an, um einen
Zusammensto mit uns zu vermeiden. Der Kapitn lie durch einen
Kanonenschu ein Notsignal geben. Da ich nicht wute, was das zu
bedeuten habe, und glaubte, das Schiff ginge krachend in Trmmer, fiel
ich vor Schrecken besinnungslos nieder. Niemand achtete jetzt meines
Zustandes.

Jeder war nur fr sein eignes Leben besorgt; ja ein Matrose, der mich
fr tot hielt, schob mich mit dem Fue seitwrts und trat an meine
Stelle. Es dauerte geraume Zeit, ehe ich wieder zu mir selbst kam.

Trotz der angestrengtesten Arbeit stieg das Wasser im Schiffe immer
hher. Es war gewi, da wir sanken. Obgleich der Sturm ein wenig
nachgelassen hatte, konnten wir doch kaum hoffen, einen rettenden Hafen
zu erreichen. Fort und fort erdrhnten die Notschsse; ein leichtes
Fahrzeug in einiger Entfernung wagte es, uns ein Boot zu Hilfe zu
senden. Nur durch einen glcklichen Zufall kam das Boot in unsre Nhe;
aber es war uns lange nicht mglich, an Bord zu kommen, da es nicht
anlegen konnte. Die Leute im Boote ruderten unter Lebensgefahr mit
allen Krften. Als sie endlich nahe genug gekommen waren, konnten wir
ihnen ein Tau zuwerfen.

Sie fingen es auf und legten an Bord. Im Nu waren wir alle im Boote;
doch muten wir es aufgeben, jenes Schiff zu erreichen, das uns so
menschenfreundliche Hilfe gesendet hatte. Daher beschlo man, das Boot
treiben zu lassen, indem man vorsichtig nach der Kste zu steuerte. Der
Kapitn versprach, es zu ersetzen, wenn es durch Stranden zertrmmert
werden sollte. So, teils rudernd, teils mit dem Winde treibend,
steuerten wir dem Lande zu, gegen das Vorgebirge von Winterton-Ne.

Wir hatten das Schiff kaum eine Viertelstunde verlassen, als wir es
*sinken* sahen. Meine Augen umflorten sich, als die Matrosen auf das
untergehende Schiff hinzeigten. Schon von dem Augenblicke an, wo ich in
das Rettungsboot mehr geworfen worden als gestiegen war, legten sich
auch Furcht und Gewissensangst wie Blei auf mein Herz.

[Illustration: Des Schiffes Untergang.]

Die Schiffsleute ruderten rastlos, um das Land zu erreichen. Sobald
unser Boot sich hoch aus den Wellen emporhob, bemerkten wir eine
Menge Menschen lngs der Kste, die alle bereit waren, uns Hilfe zu
leisten, wenn wir nahe genug gekommen sein wrden. Allein unsre Fahrt
ging nur sehr langsam von statten. Erst nachdem wir den Leuchtturm von
Winterton umschifft hatten, wo das Ufer sich westwrts gegen Cromer
umbiegt und die Wogen deshalb nicht mehr so heftig sind, gelangten
wir mit unsglicher Anstrengung glcklich ans Land. Wir gingen dann
nach Yarmouth, wo wir Schiffbrchigen mit aller Menschenfreundlichkeit
behandelt wurden. Die Obrigkeit wies uns gute Quartiere an, und die
Kaufleute und Reeder der Stadt steuerten eine Summe Geldes zusammen,
die jeden von uns in den Stand setzte, entweder nach London zu gehen
oder sich nach Hull zurckzubegeben.

Htte ich meinen Menschenverstand zusammengenommen und wre nach Hull
zurckgekehrt -- alle Not wrde zu Ende gewesen sein. Mein Vater htte,
um mich der Worte der Heiligen Schrift zu bedienen, in der Freude
seines Herzens ein gemstetes Kalb geschlachtet.

Wie mir spter mitgeteilt ward, hatte er erfahren, da das Schiff, auf
welchem ich mich befand, auf der Reede von Yarmouth untergegangen sei,
und erst lange danach wurde ihm Gewiheit darber, da ich aus dem
Schiffbruch gerettet worden. Aber es schien, als htte ein schlimmer
Geist meinen Sinn verblendet. Zwar regte sich manchmal die Vernunft
in mir und mahnte mich, die Schritte wieder zum vterlichen Hause zu
lenken; dennoch hielt mich ein Etwas ab, dieser inneren Stimme zu
gehorchen. Zu der Lust an Abenteuern und am Wandern, die mich zu dem
ersten Schritte des Ungehorsams gegen meine Eltern verleitet hatte,
gesellte sich jetzt die Scham; umkehren wollte ich nicht mehr, und so
trieb mich das Schicksal weiterem Unglck entgegen.

Mein Kamerad, des Schiffsherrn Sohn, der mir vorher Anleitung gegeben,
mein Gewissen zu beruhigen, war jetzt mutloser als ich. Erst einige
Tage nach unsrer Ankunft in Yarmouth kam ich wieder mit ihm zusammen,
da unsre Quartiere weit auseinander lagen. Jetzt schlug er einen andern
Ton an als vorher; mit trber Miene fragte er mich, wie es mir gehe.
Als sein Vater dazu kam, teilte er diesem mit, wer ich sei, da diese
Reise nur ein Versuch fr mich gewesen sei, und da ich weiterreisen
wolle. In dem Kapitn mochten die Erinnerungen an durchlebte
gefahrvolle Tage des Seelebens emporsteigen, er wurde ernst, fast
streng und sagte zu mir: Junger Mann, Ihr drft nicht wieder aufs Meer
gehen; die kaum berstandenen Ereignisse mssen Euch die berzeugung
aufdringen, da Ihr nicht zum Seemann geboren seid.

Wie, mein Herr, erwiderte ich verwundert, wollen Sie denn auch nicht
mehr zur See gehen?

Bei mir ist das etwas andres; das ist mein Beruf, meine Pflicht, Ihr
aber habt mit dieser Reise nur einen Versuch machen wollen, und ich
dchte, Ihr httet einen hinlnglichen Vorgeschmack dessen bekommen,
was Euch bevorsteht. Doch sagt mir, wie kommt es eigentlich, da Ihr
zur See gehen wollt?

[Illustration: Die Schiffbrchigen auf dem Boote.]

Ich erzhlte dem Kapitn den Verlauf meines bisherigen Lebens. Als ich
geendigt hatte, fuhr er in unmutigem Tone und tief erregt auf: Womit
habe ich verdient, da solch ein Unbesonnener zu mir an Bord kommen
mute? Um keinen Preis mchte ich je wieder mit Euch meinen Fu auf
dasselbe Schiff setzen!

Das Unglck, welches ihn betroffen, hatte den Kapitn ganz
auerordentlich heftig gestimmt. Indessen sprach er spter liebevoller
mit mir und stellte ganz eindringlich mir vor, wie thricht das
Beginnen sei, die Vorsehung tollkhn versuchen zu wollen; ich thte
sicher besser, zu meinem Vater zurckzukehren.

Seid berzeugt, junger Mann, schlo er seine wohlgemeinten
Ermahnungen, da, wenn Ihr nicht zurckkehrt, Eurer berall nichts als
Tuschungen und Elend harren, und da die ernsten Worte Eures Vaters in
Erfllung gehen werden.

Ich erwiderte nichts, sondern verabschiedete mich von dem wohlmeinenden
Manne. -- Ich habe ihn leider nicht wiedergesehen.

Da ich etwas Geld besa, begab ich mich zu Lande nach London,
unentschlossen, was ich eigentlich thun sollte. Nach Hause zu gehen
verbot mir, wie gesagt, die Scham; auch frchtete ich das hhnische
Gerede der Nachbarn. Wie thricht ist doch die Jugend! Sie schmt sich
oft mehr der Reue als der Snde und stemmt sich mit Gewalt gegen die
Weisungen des Verstandes. Sowie die Erinnerung an die ausgestandenen
Gefahren schwand, trat auch der Gedanke an die Heimkehr in den
Hintergrund; zuletzt gab ich ihn ganz auf und entschlo mich kurz, an
Bord eines berseeischen Schiffes zu gehen.

Mein grtes Unglck auf allen meinen Reisen war die Hartnckigkeit,
mit der ich mich weigerte, als Matrose zu dienen. Zwar htte ich dann
gleich den andern tchtig die Hnde rhren mssen, aber ich htte auch
Aussicht gehabt, im Laufe der Zeit zum Steuermann, Hochbootsmann,
Leutnant, ja vielleicht gar zum Kapitn emporzusteigen. Allein ich
hatte ein besonderes Geschick, berall das Ungnstige zu whlen, und
da mein Geld noch ausreichte und meine Kleider sich in leidlich guter
Beschaffenheit befanden, so begab ich mich als Passagier an Bord, wobei
ich freilich nichts zu thun hatte, aber auch nichts lernen konnte.

Ich kam also nach London. Dort hatte ich das Glck, in gute
Gesellschaft zu geraten, was bei einem lockeren, leichtsinnigen
Burschen, wie ich war, sicherlich selten genug ist. Meine erste
Bekanntschaft war der Kapitn eines Schiffes, welches von der Kste von
Guinea zurckgekehrt und im Begriff stand, wieder dorthin abzusegeln.
Dieser treffliche Mann fand Wohlgefallen an mir und schlug mir vor,
auf seinem Schiffe die Reise nach Guinea zu unternehmen. Er meinte, es
solle mich nichts kosten, und wenn ich einige Waren einkaufen wollte,
um sie in Afrika mit Vorteil loszuschlagen, so wrde ich dadurch
vielleicht einen erklecklichen Gewinn machen.

Wer war froher als ich? Ich nahm des Kapitns Anerbieten ohne Bedenken
an. Auf seinen Rat hatte ich fr etwa 40 Pfund Sterling (800 Mark)
Glaswaren und andre kleine Gegenstnde eingekauft. Diese Geldmittel
hatte ich durch Hilfe einiger Verwandten aufgebracht, mit denen ich
in Briefwechsel geblieben, und letztere hatten auch meinen Eltern mein
Schicksal und mein Vorhaben mitgeteilt, ja dieselben wohl vermocht,
etwas zu meinem ersten Unternehmen beizusteuern.

Dies war die einzige Reise, von der ich sagen kann, da sie glcklich
ablief. Allerdings hatte mich das Migeschick nicht gnzlich unberhrt
gelassen; infolge der allzugroen Hitze in den Tropen verfiel ich
in ein heftiges Fieber, so da ich lngere Zeit in Afrika krank
daniederlag; aber die Reise war doch nicht erfolglos fr mich gewesen.
Dies hatte ich lediglich der Rechtschaffenheit meines Freundes, des
Kapitns, zu danken, unter dessen Anleitung ich nicht unbedeutende
Kenntnisse in der Mathematik und der Seemannskunde erlangte. Ich lernte
ein Schiffstagebuch fhren, nautische Beobachtungen anstellen, kurz
Dinge, die ein Seemann wissen mu. Er fand ein gleiches Vergngen
daran, mich zu unterrichten, wie ich, von ihm zu lernen, und so
bildete mich die Reise zum Kaufmann und Seemann. Mein Tauschhandel
ging gut; ich brachte ber fnf Pfund Goldstaub zurck, gegen die ich
in London 300 Guineen (6000 Mark) erhielt. Dieser Erfolg erfllte mich
mit hochfliegenden Gedanken; aber Hochmut kommt stets vor dem Falle,
und dieser Hochmut war die Ursache, da ich eine dornenvolle Bahn
durchwandern mute!




[Illustration: Da ergriff ich die zweite Flinte und traf den Lwen so
sicher durch den Kopf ... (Zu S. 19.)]

Zweites Kapitel.

Robinsons Gefangenschaft und Flucht.


  Gefangenschaft in Saleh. -- Flucht mit Xury.

So war ich also ein Guineakaufmann geworden. Zu meinem grten
Leidwesen starb mein Freund bald nach unsrer Rckkehr, und ich
entschlo mich, auf eigne Faust dieselbe Reise noch einmal zu
unternehmen, und zwar auf demselben Fahrzeuge, welches jetzt der
frhere Oberbootsmann fhrte. Es ward eine der unglcklichsten Fahrten.

Ich nahm fr 100 Pfund Sterling (ber 2000 Mark) Waren auf die Reise
mit und lie 200 Pfund in den Hnden der Witwe meines Freundes zurck,
die denn auch das bergebene treulich bewahrte und mein Vertrauen in
ihre Redlichkeit nicht getuscht hat.

Reich an Hoffnungen steuerten wir zwischen den Kanarischen Inseln und
der afrikanischen Kste hin. Da wurden wir pltzlich eines Morgens,
noch in der Dmmerung, von einem maurischen Seeruber berrascht, der
bald, alle Segel aufhissend, auf uns Jagd machte.

Gegen 3 Uhr nachmittags kam er uns nahe und warf auf unser Deck 60
Mann, die sofort unser Tau- und Takelwerk zusammenhieben. Es kam zum
Kampfe. Nachdem aber von unsern Leuten drei gettet und acht verwundet
waren, muten wir andern uns der feindlichen bermacht ergeben. Wir
wurden nach Saleh gebracht, einem unbedeutenden Hafen an der Kste der
Barbareskenstaaten. Man fhrte mich jedoch nicht, wie meine brigen
Schicksalsgenossen, in das Innere des Landes, nach der Residenz des
Kaisers, sondern der Kapitn behielt mich bei sich selbst zurck, weil
ich ihm dienstbar sein sollte. So waren denn alle hochfliegenden Plne
des jungen Guineakaufmanns mit einem Schlage vernichtet. Ich war
jetzt nichts als ein unglcklicher Sklave, und meines Vaters mahnende
Stimme trat oft vor meine Seele; niemand war da, der mir rettenden
Beistand geleistet htte.

Indessen stieg die Hoffnung in mir auf, da mich mein neuer Herr an
seinen Seeunternehmungen werde teilnehmen lassen. Ich malte mir schon
im Geiste meine Errettung durch ein spanisches oder portugiesisches
Kriegsschiff aus. Eine derartige Gelegenheit sollte indes noch lange
auf sich warten lassen. Inzwischen mute ich meinen Herrn hufig auf
seinen Spazierfahrten begleiten, die er in einem kleinen Fahrzeuge auf
dem Meere unternahm, um nahe der Kste zu fischen. Einst hatte er zu
einer gleichen Fahrt als Gste mehrere vornehme Mauren eingeladen und
traf hierzu auerordentliche Vorbereitungen.

Schon am Tage vorher mute ich in die Schaluppe mehr Lebensmittel
als gewhnlich bringen, ebenso drei Flinten mit Pulver, Kugeln und
Schrot fr die Jagd auf Seevgel. Als ich am nchsten Morgen mit dem
blankgeputzten Boote auf das Erscheinen meines Herrn wartete, kam
letzterer allein und erklrte, da seine Gste wegen unerwarteter
Geschfte behindert seien; ich mchte nur mit dem Maurenknaben auf den
Fischfang fahren, da seine Gste des Abends bei ihm speisen wrden.
Dann ging mein Herr und lie mich mit dem Boote und dem Knaben allein.

Welche gnstige Gelegenheit zur endlichen Ausfhrung meiner
Fluchtplne! Wir fuhren hinaus, und ich fischte anscheinend eine
Zeitlang, sprach dann aber zum Knaben: Wir fangen heute nichts, wir
mssen weiter hinausfahren. Als wir fern genug von der Kste uns
befanden, sagte ich pltzlich zu dem Knaben: Xury, wenn du mir treu
sein willst, so werde ich dich zu einem groen Manne machen; schlage
dich ins Gesicht und schwre mir bei Mohammed und dem Barte deines
Vaters Treue, sonst werfe ich dich in die See. Der Knabe lchelte mich
in voller Unschuld an und versprach, mit mir zu gehen bis an das Ende
der Welt.

Bei dem frischen Winde ging unsre stille Wasserfahrt so schnell vor
sich, da wir am nchsten Tage, nachmittags 3 Uhr, als wir uns dem
Lande nherten, lngst ber das Gebiet des Kaisers von Marokko hinaus
sein muten, denn wir sahen keine Spur von Menschen an der Kste.

Die Furcht, wieder in die Hnde der Mauren zu fallen, hielt mich indes
ab, an das Land zu steigen oder die Anker auszuwerfen. Vielmehr segelte
ich fnf Tage lang ununterbrochen fort und warf erst dann, als ich mich
auer aller Verfolgung glauben durfte, den Anker nicht weit von der
Mndung eines kleinen Flusses, ohne zu wissen, wo ich mich eigentlich
befand. Es kam mir niemand zu Gesicht, und ich wollte auch niemand
sehen; alles, was ich bedurfte, war frisches Wasser. Wir liefen am
Abend in die Bucht ein und beschlossen, mit einbrechender Nacht zu
landen, um die Kstengegend zu untersuchen.

Von meiner ersten Reise her wute ich, da die Kanarischen Inseln und
die Inseln des Grnen Vorgebirges nicht weit entfernt sein konnten. Da
ich aber die Lage nicht genau kannte, so hatte ich nur die Hoffnung,
vielleicht einem englischen Schiffe zu begegnen, das uns aufnehmen
knnte. Nach meinem Vermuten lag das Land, welches ich gesehen hatte,
zwischen dem Kaisertum Marokko und Nigritien, dessen weite Einden nur
von wilden Tieren bewohnt sein sollten. Die Neger hatten sich von hier
aus sdwrts gezogen, aus Furcht vor den Mauren; letztere aber betraten
diese unfruchtbaren Landstriche nur, um in Haufen von Tausenden groe
Jagden abzuhalten. Lwen und Leoparden, Schakale und Hynen fanden
wir auf der ganzen Strecke, die wir an der Kste hinfuhren, uerst
zahlreich, und whrend der Nacht musizierten diese wilden Bestien in
allen Tonarten.

Eines Morgens legten wir, um frisches Wasser einzunehmen, an einer
kleinen, ziemlich hohen Landzunge an; die Flut stieg hher und hher,
und wir wollten sie eben benutzen, um weiter vorwrts zu treiben, als
Xury, der ein schrferes Auge hatte als ich, mir zuflsterte: Herr,
wir mssen fort, dort an dem Felsen ist ein frchterliches Tier.

Ich blickte hin und erkannte in der That einen groen Lwen, welcher
sorglos schlief.

Nachdem ich meinem Knaben bedeutet hatte, still zu sein, lud ich unser
grtes Gewehr mit zwei Kugeln und legte es neben mich, hierauf machte
ich auch meine zweite Flinte schufertig und lud die dritte mit fnf
Posten. Wohl zielte ich beim ersten Schu genau nach dem Kopfe des
Lwen; aber da er die Tatzen ber die Schnauze hielt, so traf der Schu
eine derselben ber dem Gelenke und zerschmetterte sie. Er fuhr auf,
sank aber wieder nieder und erhob sich von neuem auf drei Pfoten, indem
er ein entsetzliches Gebrll ausstie. Da ergriff ich die zweite Flinte
und traf ihn so sicher durch den Kopf, da er sich in Todeszuckungen
wlzte. Jetzt fate Xury sich ein Herz und wollte ans Ufer gehen; er
sprang ins Wasser und schwamm, whrend er mit der einen Hand die Flinte
ber seinem Kopfe hielt, mittels der andern an das Ufer. Als er in der
nchsten Nhe des Tieres war, setzte er ihm das Gewehr an das Ohr und
ttete es vollends.

Da fiel mir ein, da uns vielleicht das Fell des Lwen von Nutzen
sein knnte. Wir machten uns sofort an die Arbeit. Obwohl Xury recht
geschickt damit umzugehen wute, plagten wir uns dennoch einen ganzen
Tag lang, ehe wir die Haut vollstndig abgestreift hatten; darauf
lieen wir sie zwei Tage auf dem Dache der Kajtte ausgebreitet
trocknen, und ich bediente mich dann ihrer zum Lager.

Nach diesem Aufenthalte steuerten wir wieder mehrere Tage sdwrts.
Sorgsam schonten wir unsern Mundvorrat, der bald zu Ende gehen mute,
und landeten nur, um frisches Wasser einzunehmen. Meine Absicht ging
dahin, den Flu Senegal oder den Gambia zu erreichen, d. h. die Hhe
des Grnen Vorgebirges, um vielleicht ein europisches Fahrzeug zu
treffen; denn ich wute, da alle nach der Kste von Guinea, nach
Brasilien oder Ostindien bestimmten Schiffe das Grne Vorgebirge
umsegeln muten.

An einigen Orten kamen nackte schwarze Menschen an den Strand, um
uns anzustaunen. Einmal wollte ich zu ihnen ans Land gehen, aber der
kluge Xury riet mir davon ab. Die Wilden waren ohne Waffen, nur ein
einziger trug einen langen Stab; Xury belehrte mich, es sei eine Lanze,
welche diese Neger auf weite Entfernungen mit wunderbarer Sicherheit
schleudern knnen. Ich hielt mich daher in angemessener Entfernung
und suchte nur durch Zeichen ihnen zu verstehen zu geben, da wir
Lebensmittel wnschten. Sie winkten mir darauf, mit dem Boote still
zu halten, ich legte bei und nherte mich dem Ufer, whrend zwei der
Mnner landeinwrts liefen und nach einer halben Stunde zwei Stcke
getrocknetes Fleisch nebst etwas Korn zurckbrachten. Gern htten
wir zugegriffen, wir wagten uns jedoch nicht unter die Neger. Allein
diese hegten ebenso groe Furcht vor uns; sie legten die Lebensmittel
am Strande nieder, zogen sich dann zurck und warteten, bis wir das
Niedergelegte geholt hatten, worauf sie sich wieder dem Ufer nherten.

Wir dankten ihnen durch Zeichen, da wir ihnen etwas andres nicht zu
bieten hatten; doch sollte sich bald eine Gelegenheit finden, durch
die wir ihnen einen groen Dienst erweisen konnten. Zwei furchtbare
Tiere, von denen das eine das andre verfolgte, rannten von den Bergen
gegen die See herab. Die Neger liefen in hastigem Laufe davon, nur der
Mann mit der Lanze blieb stehen. Die beiden Bestien dachten indes nicht
daran, die Schwarzen anzufallen, sondern strzten in das Wasser, als
seien sie nur gekommen, um sich an einem frischen Bade zu erquicken.
Ich lud unsre drei Gewehre, und da eines der Tiere nahe genug gekommen
war, scho ich dasselbe gerade durch den Kopf, so da es untersank.
Bald aber kam es wieder in die Hhe, tauchte bald auf, bald unter
und schien mit dem Tode zu ringen. Das andre Tier, von dem Blitz und
Knall des Gewehres abgeschreckt, schwamm an das Ufer und lief nach der
Wildnis zurck.

Unmglich lt sich das Staunen der Neger beschreiben, das sie bei
dem Knalle und dem Feuer meiner Flinte befiel. Als sie aber das Tier
tot auf dem Wasser schwimmen sahen und ich ihnen winkte, ans Ufer zu
kommen, faten sie wieder Mut. Ich schlang dem Tier einen Strick um
eine Pfote und warf dessen Ende den Negern zu, welche dann den Leichnam
ans Land zogen. Jetzt erst bemerkte ich, da es ein krftiger, schn
gefleckter *Leopard* war. Die Neger gaben mir zu verstehen, da sie
nicht bel Lust htten, das Fleisch des Leoparden zu essen; und da ich
ihnen durch Zeichen ausdrckte, da ich ihnen diese Beute zum Geschenk
machen wolle, schienen sie auerordentlich dankbar zu sein und gingen
sogleich daran, dem Tiere die Haut abzuziehen.

Von dem Fleische, das sie mir anboten, nahm ich nichts an, sondern
verlangte nur das Fell, das sie mir gern berlieen. Noch begehrte
ich von ihnen Wasser, indem ich einen Krug mit der Hand umkehrte, um
anzudeuten, da er leer sei. Sofort riefen sie einige Weiber herzu, die
dann ein groes irdenes Gef herbeibrachten. Sie stellten es an das
Ufer, wie frher die Lebensmittel, und ich schickte Xury ab, um unsre
drei Krge aus diesem Gefe mit Wasser zu fllen.

So war ich denn mit Fleisch, Korn und Trinkwasser versehen, nahm daher
von den freundlichen Negern Abschied und segelte wiederum in der
bisherigen Richtung zehn Tage lang, ohne zu landen, bis ich endlich
vier oder fnf Stunden entfernt das Land weit in das Meer vorspringen
sah. Die See war still; ich umsegelte diese Landspitze in einer
Entfernung von ungefhr zwei Stunden. Bei dieser Fahrt sah ich ganz
deutlich das andere Ufer des Kaps und vermutete -- wie ich erfuhr, mit
Recht -- da es das Grne Vorgebirge sei und die Kapverdischen Inseln.
Ich machte keinen Versuch, nach den letzteren zu steuern, da ich
frchtete, ein widriger Wind knnte mich in den offenen Ozean treiben.

In dieser Lage ging ich in die Kajtte und hing meinen Gedanken nach.
Pltzlich rief Xury, der am Steuer sa: Herr, ein Schiff mit Segeln!
Er war ganz auer sich vor Schrecken, weil er glaubte, unser maurischer
Herr setzte uns mit einem Fahrzeug nach. Ich sprang aus der Kajtte und
sah sofort, da das Schiff ein portugiesisches war. Ich segelte und
ruderte, so sehr ich konnte, um es einzuholen; endlich bemerkte man uns
und zog die Segel ein, um uns herankommen zu lassen.

Man fragte mich auf portugiesisch, auf spanisch und auf franzsisch,
wer ich sei, allein ich verstand keine dieser Fragen. Zuletzt
erkundigte sich ein schottischer Matrose, der sich an Bord befand, auf
englisch nach meinen Verhltnissen, und diesem sagte ich, da ich ein
Englnder und aus der Sklaverei der Mauren in Saleh entflohen sei.
Man lie mich nun an Bord kommen und nahm uns beide samt meiner Habe
freundlich auf.

Ich empfand ber meine Rettung unaussprechliche Freude und bot dem
Kapitn als Beweis meiner Dankbarkeit mein ganzes Besitztum an. Allein
er erwiderte mir gromtig, da er nichts annehmen wolle: Nein, Senhor
Inglese (Herr Englnder), ich bringe Euch aus reiner Christenliebe nach
Brasilien, und die Gegenstnde, die Ihr mir anbietet, werden Euch dort
zum Lebensunterhalt und zur Rckreise dienen.

So edelmtig sein Vorschlag war, so pnktlich erfllte er ihn auch.
Keiner seiner Matrosen durfte etwas von meiner Habe anrhren. Als er
mein Boot in gutem Zustande sah, machte er mir den Vorschlag, es ihm
zu verkaufen. Ich antwortete ihm, er habe sich so edelmtig gegen mich
gezeigt, da ich es mir zur Ehre schtze, ihm mein Boot umsonst zu
berlassen. Der Kapitn nahm jedoch das Anerbieten nicht an, sondern
bezahlte das Boot und gab mir 80 Stck Dublonen; ebenso bot er 60
Stck fr meinen Jungen Xury. Er wollte sich verpflichten, Xury nach
zehn Jahren freizugeben, wenn er zum Christentum berginge; der Maure
willigte freudig ein, und ich berlie ihn dem Kapitn.

Nach einer glcklichen Fahrt, die ohne Unflle von statten ging, liefen
wir in die Allerheiligenbai ein. Der edelmtige Kapitn lie mich
nichts fr die berfahrt bezahlen; er gab mir 20 Dukaten fr das Fell
des Leoparden und 40 fr das des Lwen; er lieferte mir alle meine
Sachen aus und kaufte mir alles ab, was ich ihm ablassen wollte, so z.
B. den Flaschenbehlter, zwei meiner Flinten. Dies brachte mir gegen
220 Stck Dublonen ein; mit diesem Kapital ging ich in Brasilien ans
Land.

Kurze Zeit darauf empfahl mich der Kapitn dem Hause eines Mannes,
der ebenso rechtschaffen war, wie er selbst, und eine Zuckerpflanzung
mit Siedewerk betrieb. Ich blieb einige Zeit bei ihm und machte mich
bald mit dem Verfahren der Zuckerpflanzung vertraut. Dabei hatte
ich Gelegenheit, das bequeme Leben der Pflanzer sowie ihren schnell
emporblhenden Reichtum zu beobachten, so da in mir der Wunsch
aufstieg, mich ebenfalls als Pflanzer niederzulassen. Ich dachte nun an
Mittel, mein in London gelassenes Geld hierher kommen zu lassen, kaufte
so viel Land, als meine Mittel erlaubten, und entwarf einen Plan zur
Errichtung meiner Pflanzung.




[Illustration: Robinson als Pflanzer.]

Drittes Kapitel.

Robinson als brasilischer Pflanzer.


  Robinsons Aufenthalt in Brasilien als Pflanzer. -- Eine neue Reise.
  -- Schiffbruch.

Mein edelgesinnter Kapitn hatte drei Monate auf Ladung gewartet und
stand eben im Begriff, die Rckreise anzutreten, als ich das Gesprch
auf das Kapital brachte, welches ich noch in London stehen hatte. Er
erteilte mir den wohlmeinenden Rat: Senhor Inglese, gebt mir Vollmacht
und legt mir einen Brief bei an diejenige Person in London, bei welcher
Euer Geld steht. Lat Eure Effekten nach Lissabon gehen, die ich als
Euer Bevollmchtigter Euch auf meiner nchsten Reise mitbringen werde.
Da aber die menschlichen Dinge tausend Zuflligkeiten ausgesetzt
sind, so mchte ich Euch raten, mir nur eine Anweisung auf 100 Pfund
Sterling, als die Hlfte Eures Vermgens, auszustellen; denn geht diese
verloren, so bleibt Euch doch noch die andre Hlfte.

Ich nahm diesen Rat an und lie die Vollmacht fr den Portugiesen
ausfertigen. Der Witwe des englischen Kapitns schilderte ich meine
Abenteuer, meine Sklaverei, mein Entrinnen sowie das Zusammentreffen
mit dem portugiesischen Kapitn und dessen menschenfreundlichen
Beistand. Als der Mann nach Lissabon kam, fand er Mittel, der Frau
meines verstorbenen Freundes meinen Brief zu bersenden, worauf sie ihm
nicht nur das bare Geld, sondern auch ein Geschenk fr seine liebevolle
Teilnahme einschickte. Der Kaufmann in London legte diese 100 Pfund
in englischen Waren an, wie ihm der Kapitn aufgetragen hatte, und
sandte sie nach Lissabon ein. Diese Waren nebst allerhand ntzlichen
Werkzeugen berschickte mir der Kapitn; ja sogar einen Diener hatte
er fr die fnf Pfund Sterling, die er von der Witwe zum Geschenk
erhalten, fr mich angeworben mit der Verpflichtung, mir sechs Jahre
zu dienen. Auch der Erls aus den englischen Manufakturwaren bertraf
meine Erwartungen, so da ich mit meinen Vermgensverhltnissen
vollkommen zufrieden sein konnte. Nun dachte ich daran, noch einen
europischen Diener zu mieten und einen Neger zu kaufen. Die Ernte im
nchsten Jahre fiel glnzend aus.

Wre ich in den Verhltnissen geblieben, in welchen ich mich
jetzt befand, so htte ich bis an mein Lebensende ein ruhiges und
beschauliches Glck genieen knnen. Allein in meinem Kopfe tummelten
sich tausend hochfahrende Unternehmungen. Dergleichen Plne sind ja
oft das Verderben selbst erfahrener Mnner, und ich sollte das auch
empfinden.

Als Pflanzer in Brasilien hatte ich zum Nachbar einen Portugiesen aus
Lissabon von englischer Herkunft, Namens Wells, dessen Umstnde den
meinigen hnlich waren. Zwei Jahre lang hatten wir alle Hnde voll zu
thun, um nur unsern Lebensunterhalt zu verdienen, aber schon im dritten
Jahre ernteten wir Tabak, und im vierten Jahre gedachten wir Zuckerrohr
zu bauen. Ich hatte 50 groe Rollen Tabak, von denen jede 100 Pfund
wog, auf meinem eignen Grund und Boden erbaut und sie fr die Rckkehr
der Flotte von Lissabon wohl aufbewahrt. Indes fhlten wir recht
drckend den Mangel an mithelfenden Armen, und ich wnschte mehr als
je meinen flinken Xury zurck, der mir recht gute Dienste htte leisten
knnen.

Da wir die smtlichen Arbeiten nicht selbst ausfhren konnten, blieben
wir mit vielem im Rckstande. Es whrte nicht lange, da fhlte ich mich
in meiner Lebensweise unbehaglich. Natrlich! Ich hatte mich einer
Beschftigung hingegeben, die meiner Wanderlust gerade entgegenlief.
Jetzt sah ich ein, da mein Vater recht hatte, als er mir den
Mittelstand als den glcklichsten angepriesen. Und dies alles, sagte
ich hufig zu mir selbst, httest du leichter in deinem Vaterlande
haben knnen; manche Leiden httest du dir erspart, wenn du daheim
geblieben wrst! Jetzt mut du nun hier leben, wo kein Freund an deinem
Schicksal teilnimmt.

Whrend der vier Jahre meines Aufenthalts in Brasilien hatte ich die
Landessprache erlernt und ebenso die Bekanntschaft mehrerer Kaufleute
in San Salvador gemacht, mit denen ich mich manchmal ber meine
Jugendschicksale und besonders ber die Reisen an der Guineakste
unterhielt. Dabei lie ich nicht unerwhnt, mit welcher Leichtigkeit
man dort durch Austausch von Kleinigkeiten, wie Glasperlen, Spiegeln,
Messern, Spielzeug und dergleichen, gegen Goldstaub ein gutes Geschft
machen knne. Besonders aufmerksame Zuhrer hatte ich an jenen
Kaufleuten, wenn ich von dem Negerhandel sprach, der damals noch
ausschlielich von Spanien und Portugal aus getrieben wurde.

Eines Tages kamen drei jener Kaufleute zu mir, um mir einen Vorschlag
zu machen; sie teilten mir mit, sie htten alle drei gleich mir
Pflanzungen, denen es zum besseren Betriebe nur an geeigneten
Arbeitskrften fehle. Deshalb wollten sie ein Schiff nach Guinea
ausrsten, nicht etwa um Sklavenhandel zu treiben, sondern um Schwarze
aus Afrika zu holen und sie gleichmig unter sich zu verteilen. Es sei
nur noch die Frage, ob ich als Aufseher des Schiffes mitgehen und den
Handel an der Guineakste leiten wolle. Fr die Einwilligung wrden sie
mich durch einen gleichen Anteil an den Negern entschdigen sowie durch
den Vorteil, keine Kosten zu dem Unternehmen beisteuern zu mssen.

Obgleich dieser Vorschlag unrecht war, wie aller Negerhandel, war ich
doch so thricht, darauf einzugehen. Ich stellte nur die Bedingung, da
meine Pflanzung bis zu meiner Rckkehr gut berwacht wrde und, falls
mir ein Unglck widerfhre, demjenigen bergeben werden sollte, den ich
als Nachfolger bezeichnete. Zu meinem Universalerben setzte ich den
portugiesischen Kapitn ein, unter der Bedingung, da er die Hlfte
meines Vermgens nach England gelangen lassen solle.

Die Ausrstung des Schiffes ging rasch vor sich; am 1. September 1659,
demselben Tage, an welchem ich vor acht Jahren das elterliche Haus
verlassen hatte, um mich in Hull einzuschiffen, stachen wir in See.
Unser Schiff hatte gegen 120 Tonnen, fhrte sechs Kanonen und 14 Mann,
den Kapitn samt seinem Schiffsjungen und mich eingerechnet. Die Ladung
des Schiffes bestand nur aus solchem Tand, der sich am besten zum
Handel mit Negern eignet.

Wir steuerten anfangs lngs der Kste von Brasilien nordwrts, weil
wir beabsichtigten, den 12. Grad nrdlicher Breite zu erreichen und
dann, wie damals blich, nach Afrika hinberzusegeln. Solange wir an
der Kste hinfuhren, wurden wir von dem prchtigsten Wetter begnstigt;
bei dem Kap St. Augustin verloren wir das Land aus dem Gesicht und
steuerten, als wollten wir die Insel Fernando de Naronha erreichen,
Nordost bei Nord. Die eben genannte Insel lieen wir aber stlich
liegen und passierten nach einer Fahrt von zwlf Tagen die Linie.
Bisher hatten wir uns des schnsten Wetters zu erfreuen gehabt, jetzt
aber brach ein heftiger Wirbelwind los.

Zwlf Tage hindurch blieben wir ein Spiel der Winde. Dann lie der
Sturm endlich etwas nach; der Steuermann fand, da wir uns in der
Richtung nach der Kste von Guinea oberhalb des Amazonenstromes und
nicht weit vom Orinoko befanden. Wir berlegten, was unter diesen
Umstnden zu thun sei, zumal das Schiff ein Leck bekommen hatte;
endlich entschlossen wir uns, nach Barbados zu segeln, indem wir
uns weit genug auf offener See hielten, um die Einfahrt in den
Mexikanischen Meerbusen zu vermeiden. In vierzehn Tagen konnten wir bei
den Karibischen Inseln sein und steuerten deshalb nordwestlich.

Es sollte jedoch anders kommen, als wir dachten. Unter dem 14.
Breitengrade erhob sich von neuem ein gewaltiger Sturm und trieb uns
weit fort, als pltzlich inmitten aller Schrecknisse der Ruf: Land!
Land! ertnte. Schon wollten wir sehen, welchem Teile der Welt wir
entgegengingen, als ein erneuter heftiger Windsto unser Fahrzeug auf
eine Sandbank trieb.

Die Wogen strzten schumend ber das Deck, und jeder flchtete in
sein Quartier, um sich vor der Wut des Elementes zu schtzen. Der Wind
tobte fortwhrend heftig, und das Fahrzeug konnte in wenigen Minuten
zertrmmert sein, wenn es nicht pltzlich umschlug. Am Hinterteil
des Schiffes hing unser Boot, sein Steuerruder war zertrmmert und
die zerschmetterten Teile tanzten auf den emprten Wellen. Zwar lag
noch die Schaluppe an Bord, doch schien es uns unmglich, dieselbe
ins Wasser zu setzen. Die Todesangst zwang uns endlich doch, einen
verzweifelten Versuch zu machen, und den vereinten Anstrengungen gelang
es, die Schaluppe ber Bord zu bringen. Wir sprangen alle hinein und
lieen uns -- im ganzen elf Personen -- von Wind und Wogen treiben,
wohin es Gott gefiel.

Wir sahen wohl ein, da unser Boot bei der hochgehenden See nicht lange
aushalten wrde. Mit allen Krften ruderten wir dem Lande zu, aber
so schweren Herzens, als ginge es zum Hochgericht; denn wir konnten
voraussetzen, da das Boot, wenn es sich der Kste nherte, von der
Macht der Wogen zertrmmert werden wrde. So schien es, als ob wir
selbst unsern Untergang beschleunigten.

Von welcher Beschaffenheit die Kste vor uns war, ob felsig oder
sandig, hoch oder flach -- wir wuten es nicht. Der einzige
Hoffnungsschimmer, der uns noch winkte, blieb die Mglichkeit, in die
Mndung eines Flusses oder eines Meerbusens einzulaufen, wo wir das
Wasser ruhiger finden konnten. Allein nichts von alledem, ja, das
Land erschien uns, je nher wir kamen, grauenhafter als die See, denn
es starrten uns frchterliche Felsenriffe entgegen. So mochten wir
etwa anderthalb Meilen fortgetrieben sein, als eine berghohe Welle
hinter unsrer Schaluppe einherrollte, uns mit sicherem Untergang
bedrohend; sie strzte mit solcher Heftigkeit auf unser Boot, da es
augenblicklich umschlug. Wir wurden getrennt und versanken in den
Abgrund, Gott um Beistand anflehend.

Obgleich ich gut schwimmen konnte, so vermochte ich mich doch nicht
zur Oberflche emporzuarbeiten, um Atem zu holen, bis endlich die
Woge, die mich gegen das Ufer hingerissen hatte, sich zurckzog und
mich auf dem Trockenen zurcklie, freilich zum Tode ermattet und
auer Atem durch das Wasser, welches ich verschluckt hatte. Ich
fhlte noch so viel Geistesgegenwart und Kraft des Krpers, da ich
mich aufraffte und, da ich die Kste nahe vor mir sah, einen Versuch
machte, sie zu erreichen, ehe eine andre Welle mich wieder zurckri.
Meine Widerstandskraft erwies sich jedoch dem Elemente gegenber als
zu schwach. Ich sah die See riesengro, wie einen erbitterten Feind,
von neuem gegen mich heranrauschen und ich hatte keine Kraft mehr, ihr
zu widerstehen. Das Wasser drang an, ich suchte den Kopf oberhalb zu
behalten und schwimmend landeinwrts zu kommen. Doch die Wassermenge
begrub mich viele Meter tief, und ich fhlte, wie ich von ihr nach dem
Ufer gerissen wurde.

Schon war ich dem Ersticken nahe, als ich mit Kopf und Hnden aus
dem Wasser emporscho. Ich fate neuen Mut, obgleich ich mich nur
zwei Sekunden ber Wasser hielt, um Atem zu schpfen. Darauf strzten
wieder die Wellen ber mich weg, und dann bemerkte ich, wie sie wieder
zurckgingen.

Die letzte Welle htte mir gefhrlich werden knnen, denn ich wurde
mit solcher Gewalt gegen ein Felsenriff geschleudert, da ich fast das
Bewutsein verlor. Jetzt klammerte ich mich fest an das Felsenstck (S.
31) und hielt den Atem so lange an, bis das Wasser zurckgegangen war.
Nun kletterte ich die Klippen empor und warf mich auf das Gras, sicher
vor dem Anfluten des Wassers und seinen Gefahren. Ich blickte zum
Himmel und dankte inbrnstig dem Herrn, der mich so wunderbar vom Tode
errettet hatte.

Das gescheiterte Schiff lag, von berghohen Wogen umbraust, in weiter
Ferne, und meine Lage kam mir trostlos vor. Ich war ganz durchnt,
und doch konnte ich die Kleider nicht wechseln, Hunger und Durst
qulten mich, und es fehlten mir Waffen, um durch Erlegung eines Tieres
mein Leben zu fristen. So bot sich mir nur die Aussicht, entweder
Hungers zu sterben oder von wilden Tieren zerrissen zu werden. Ich
hatte nichts weiter bei mir als ein Messer, eine Tabakspfeife und etwas
Tabak in einem Beutel; das war mein ganzer Vorrat und -- der war na.

Verzweifelt ging ich einige hundert Schritte vorwrts und fand frisches
Wasser, das mich wunderbar erquickte; Nahrungsmittel sah ich indes
nirgends und begngte mich daher, nach Seemannsbrauch, Tabak zu kauen.
Die Nacht brach allmhlich herein. Schwere, finstere Wolken jagten am
Himmel dahin und lieen die Nacht nur um so unheimlicher erscheinen.
Der Wind schttelte die ste der Bume, und die Wellen brachen sich
tosend an den Klippen. Mich berkam die Furcht vor reienden Tieren,
denen ich waffenlos preisgegeben war.

Da kam mir der Gedanke, mir einen handfesten Stock zur Waffe
abzuschneiden und mit diesem mich auf einen Baum emporzuschwingen und
darauf die Nacht zuzubringen. Bald versank ich in einen tiefen Schlaf,
aus welchem ich erst nach vielen Stunden wiedererwachte.




[Illustration: Gerettet!]

Viertes Kapitel.

Rettung nach dem Schiffbruch.


  Robinson schwimmt an das Wrack. -- Erbauung eines Floes. -- Er
  landet glcklich mit seiner Fracht. -- Tgliche Fahrten nach dem
  Wrack. -- Errichtung seiner Wohnung. -- Erbeutung von Ziegen. --
  Robinsons Kalender. -- Tagebuch.

Als ich erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Das Wetter war
heiter, der Sturm hatte sich gelegt; das Meer war ruhig. Am meisten
berraschte mich der Umstand, da das Schiff durch die Flut gehoben und
fast bis zu dem Punkte getrieben wurde, an welchem mich tags vorher
die Wogen gegen die Felsen warfen. Das Schiff war jetzt nur eine
halbe Stunde vom Strande entfernt und schien sich noch aufrecht zu
halten. Ich nahm mir deshalb vor, an Bord zu gehen, um mich mit noch zu
beschaffenden Bedrfnissen zu versehen.

Nachdem ich aus meinem Schlafquartier in der luftigen Hhe
herabgestiegen, bemerkte ich zuerst das Boot, welches etwa eine Stunde
entfernt rechter Hand auf dem Strande lag. Ich suchte dasselbe zu
erreichen, doch hinderte mich daran ein kleiner Meeresarm; ebensowenig
vermochte ich zu dem Schiffe zu gelangen.

Am Nachmittag war die Flut bereits so weit zurckgewichen, da ich
mich bis auf wenige hundert Schritte dem Wrack nhern konnte. Ich
legte meine Oberkleider ab und schwamm dem Schiffe zu. Als ich indes
nahe kam, fand ich eine neue Schwierigkeit; das Schiff hatte sich auf
die Seite gelegt und ragte hoch ber das Wasser empor; daher konnte
ich nicht an Bord kommen. Zweimal schwamm ich um das Fahrzeug herum,
ohne etwas zu finden, woran ich mich htte in die Hhe arbeiten
knnen. Endlich gewahrte ich ein Tauende, welches am Vorderteil so
weit herabhing, da ich daran emporklettern konnte. Oben angekommen,
sah ich, da das leck gewordene Schiff viel Wasser eingelassen hatte.
Es lag auf einer Schlammbank; das Hinterteil ragte empor, whrend das
Vorderteil fast ganz vom Wasser bedeckt war. Mein erster Gang galt
der Brotkammer, wo ich zu meiner Freude Mundvorrte in unverdorbenem
Zustande fand. Ich fllte meine Taschen mit Schiffszwieback und
entdeckte dann in der Kajtte Rum, von dem ich einen tchtigen Schluck
zu mir nahm. Es fehlte mir jetzt nur an einem Boote, um die mir ntigen
Sachen ans Land zu schaffen. Da beschlo ich, mir selbst ein Flo zu
bauen. An Bord fand ich einige Raaen, zwei oder drei hlzerne Balken
und ein paar Bramstengen. Aus der Zimmermannskiste entnahm ich Sgen,
Beile, Hammer und Ngel. Ich warf nun die Holzbalken in das Meer,
nachdem ich sie vorher mit Tauen untereinander verbunden hatte, damit
sie nicht fortgerissen werden konnten. Dann stieg ich an der Seite des
Schiffes hinab und verband die Holzstcke zu einer Art Flo; hierauf
nagelte ich einige Bretter darber und konnte mich nun schon
darauf wagen. Allein fr eine grere Ladung wre es immerhin noch zu
leicht gewesen; ich schnitt deshalb mit der Zimmermannssge eine der
Bramstengen in drei Stcke und verstrkte mit diesen mein Flo. Dann
dachte ich daran, wie ich es am vorteilhaftesten befrachten und die
Ladung gegen das Wasser sichern knnte. -- Zuvrderst brachte ich auf
das Flo alle Bretter, deren ich habhaft werden konnte; hierauf fllte
ich zwei Matrosenkisten mit Brot, Reis, hollndischen Ksen, fnf Stck
gerucherten Ziegenfleisches und einem kleinen Rest Roggen und Gerste.

[Illustration: Robinsons Rckkehr vom Wrack.]

Whrend ich alle Gegenstnde zusammenpackte, begann die Flut zu
steigen; ich bemerkte, da meine Weste und mein Hemd, die ich am Ufer
zurckgelassen hatte, davonschwammen. Ich nahm deshalb Bedacht, nach
Kleidungsstcken zu suchen, deren ich genug fand; auch dachte ich an
Munition und Waffen. In der groen Kajtte waren zwei gute Jagdflinten
sowie zwei Pistolen; daneben entdeckte ich einen kleinen Beutel mit
Schrot, zwei alte verrostete Degen und etliche Pulverhrner. Ich
erinnerte mich, da drei Pulverfsser auf dem Schiffe waren, aber ich
wute nicht, wo unser Geschtzmeister sie hingestellt hatte. Nach
vielem Suchen fand ich sie; zwei zeigten sich trocken und gut erhalten,
whrend das dritte durch das Wasser verdorben war; die beiden ersteren
samt den Waffen trug ich auf mein Flo. Dann fielen mir noch etliche
Ruder in die Hnde, die zur Schaluppe gehrt hatten, sowie zwei Sgen,
eine Axt, ein Hammer und andre brauchbare Werkzeuge. Nunmehr setzte
ich mein Flo in Bewegung; etwa eine halbe Stunde weit strich es
glatt dahin, nur trieb es ein wenig seitwrts, woraus ich schlieen
mute, da eine Bucht oder die Mndung eines Flusses diese Strmung
herbeifhrte. In der That zeigte sich bald vor mir eine kleine ffnung,
in welche die Flut mchtig eindrang.

So gut ich konnte, lenkte ich nun mein Flo, um es in die Mitte des
Fahrwassers zu bringen. Ich bot alles mgliche auf, indem ich meinen
Rcken gegen die Kisten stemmte und zu gleicher Zeit mich bemhte, das
Flo richtig zu leiten. Fast eine halbe Stunde mute ich in dieser
anstrengenden Stellung aushalten, bis endlich die steigende Flut mein
Flo hob, worauf ich glcklich in die Bucht einlief. Da aber die Ufer
steil emporstiegen, so bemhte ich mich, mein Flo durch das Ruder wie
durch einen Anker festzuhalten, bis die Flut ihre grte Hhe erreicht
haben wrde. Spter trieb ich auf eine flache Uferstelle und heftete
zwei meiner zerbrochenen Ruder an zwei Enden in den Grund. Auf diese
Art lag ich so lange still, bis die Ebbe wiedereintrat, worauf mein
Flo samt seiner Ladung auf dem Trockenen sitzen blieb.

Ich darf hier nicht vergessen, da wir an Bord einen Hund und zwei
Katzen hatten. Letztere hatte ich auf das Flo mitgenommen, der Hund
aber war selbst ins Meer gesprungen und folgte mir schwimmend bis ans
Ufer. Dieses anhngliche Tier blieb jahrelang mein treuer Gefhrte und
leistete mir wesentliche Dienste. Es fehlte ihm nur die Sprache, um mir
die Gesellschaft eines Menschen zu ersetzen.

Kaum eine halbe Stunde fern dem Punkte, wo ich mit meinem Flo gelandet
war, erhob sich ein steiler Berg, welcher aus einer Kette andrer Berge,
die sich nach Norden hinzog, am hchsten emporragte. Ich nahm eine
Jagdflinte, eine Pistole und ein geflltes Pulverhorn, und so bewaffnet
erklomm ich die Spitze des Berges. Von hier aus sah ich erst, da ich
mich auf einer Insel befand. Nirgends war greres Land zu sehen, nur
in der Ferne hohe, kaum erkennbare Felsenriffe, und nach Westen zu,
etwa zwei Stunden weit, zwei kleinere Inseln. Allem Anscheine nach war
die Insel, auf der ich mich befand, unbewohnt; auch von wilden Tieren
konnte ich nichts wahrnehmen. Dagegen sah ich eine groe Menge Vgel,
deren Gattung ich nicht kannte und die sich vielleicht zur Speise nicht
einmal eigneten. Bei meiner Rckkehr scho ich einen groen Vogel, der
auf einem Baume sa. Es war wohl der erste Schu, welcher hier seit
Erschaffung der Welt gefallen. Denn kaum ertnte der Knall, als sich
aus allen Teilen des Gehlzes unzhlige Vgel aller Art erhoben und mit
wirrem Geschrei durcheinander emporschwirrten. Der erlegte Vogel glich
an Farbe und Gestalt einem Habicht, nur die Form seiner Klauen war
etwas abweichend. Leider erwies sich sein Fleisch als ungeniebar.

[Illustration: Robinson auf der Vogeljagd.]

Ich mute schon mit den Ergebnissen dieser ersten Entdeckungsreise
zufrieden sein und kehrte deshalb nach meinem Flo zurck. Jetzt
schiffte ich meine Ladung aus, womit ich den Rest des Tages verbrachte.
Was in der Nacht aus mir werden sollte, wute ich noch nicht,
denn auf bloer Erde zu schlafen schien mir bedenklich. Deshalb
verbarrikadierte ich mich mit Kisten und Brettern, die ich ans Land
gebracht hatte, und baute mir fr die Nacht eine Art Htte.

Am nchsten Morgen berlegte ich, da ich aus dem gestrandeten Schiffe
wohl noch eine Menge brauchbarer Dinge mir beschaffen knnte, und
ich beschlo, wenn mglich, eine zweite Reise nach dem Fahrzeuge
zu unternehmen, ehe ein nchster Seesturm das Wrack vollstndig
zertrmmern wrde.

Zu solchem Zwecke beschlo ich, in gleicher Weise wie das erste Mal zu
verfahren. Ich lie meine Kleider in der Htte zurck und behielt auer
dem Hemd nur leinene Beinkleider sowie die Schuhe an. In diesem Anzuge
schwamm ich an das Wrack und baute dort schneller als das erste Mal ein
geeigneteres Flo zur Aufnahme einer neuen Ladung. Unter den Vorrten
des Zimmermanns fand ich ein paar Beutel mit Ngeln und Schrauben,
einen groen Bohrer, eine Anzahl Beile und xte und einen Schleifstein.
Von den Gertschaften des Kanoniers nahm ich zwei oder drei Hebeeisen,
zwei Fchen mit Musketenkugeln, sieben Musketen und eine Bergflinte,
einen kleinen Vorrat Pulver, einen tchtigen Beutel mit Schrot und eine
groe Rolle dnngeschlagenes Blei.

Auerdem eignete ich mir alle Kleidungsstcke an, die ich nur finden
konnte, ferner ein Vormarssegel sowie eine Hngematte mit Bettzeug.
Reich beladen brachte ich dann das Flo zu meiner Freude glcklich ans
Land.

Nun gab es alle Hnde voll zu thun, um mittels der Segel und etlicher
Pfhle ein Zelt zu errichten, und alles, was etwa durch die Witterung
Schaden leiden knnte, unter Dach und Fach zu bringen. Ich stellte
leere Fsser, Kisten und Tonnen um das Zelt und umgab mich mit einem
Wall, so da ich mich vor einem ersten Angriff oder berfall von
Menschen oder Tieren gesichert glauben durfte. Auch verschlo ich den
Eingang mit Brettern, breitete eine der Matratzen auf den Boden, legte
zwei Pistolen an das Kopfende, eine geladene Flinte lngs der Seite des
Lagers und schlief zum erstenmal wieder in behaglicher Weise ungestrt
bis zum Morgen.

Am dritten Tage begab ich mich wiederum an Bord des Wracks. Diesmal
nahm ich alle Taue, Stricke und Schnre mit, die noch aufzufinden
waren, ebenso ein groes Stck Zeug zum Ausbessern der beschdigten
Segel sowie das Fa mit dem na gewordenen Pulver. Natrlich lie ich
auch die Segel nicht zurck, die mir spter trefflich zu statten kamen.
Die grte Freude verursachte es mir jedoch, als ich eine groe Tonne
mit Brot, drei Fsser voll Rum, eine Kiste Zucker und eine Tonne mit
feinem Mehl entdeckte. Auch diesmal brachte ich meine Ladung unversehrt
ans Land.

So unternahm ich regelmig meine tglichen Ausfahrten und hatte in
zwlf Fahrten alles von dem gestrandeten Schiffe geborgen, was ich auf
meinem kleinen Flo fortbringen konnte. Als ich mich zum letztenmal auf
dem Schiffe befand, entdeckte ich noch in der Schublade eines kleinen
Tisches einige Rasiermesser, ber ein Dutzend Tischmesser, Gabeln und
Lffel, sowie europische und brasilische Gold- und Silbermnzen im
Werte von 40 Pfund Sterling (800 Mark). Ich konnte mich bei dem Funde
eines spttischen Lchelns nicht erwehren. Was soll mir doch, dachte
ich zunchst, dieses glnzende Metall ntzen? Ein einziges Messer
ist mir ntzlicher als all das Gold und Silber! Lohnt es sich wohl
der Mhe, es nur vom Boden aufzuheben? Ich brauche es nicht; mag es
bleiben! Aber schon nach wenigen Augenblicken besann ich mich eines
andern, wickelte das Geld in ein Stck Leinwand und machte mich dann an
die Errichtung des Floes.

Whrend ich mit dieser Arbeit beschftigt war, erhob sich ein starker
Wind vom Lande her, und den Himmel berzogen schwere, dunkle Wolken.
Ich sah wohl ein, da keine Zeit zu verlieren war, daher sprang ich
ins Wasser und erreichte schwimmend glcklich das Ufer. Immer heftiger
blies der Wind und immer hohler gingen die Wogen der See; ich aber
sa wohlgeborgen in meinem kleinen Zelte -- jetzt noch ein Krsus
unter meinen Reichtmern. Die ganze Nacht hindurch hatte der Sturm mit
solcher Heftigkeit getobt, da am Morgen von dem gestrandeten Schiffe
nichts mehr zu erblicken war. Nur bei tiefstem Wasserstande konnte man
drftige Trmmer des Wracks aus den Fluten emporragen sehen. Zunchst
war ich nicht wenig bestrzt; dann aber schlug ich mir das ganze
Schiff aus dem Sinne, indem ich mich damit trstete, die wertvollste
Habe, selbst die Tiere, die ich noch lebend gefunden, in mein neues
Standquartier gerettet zu haben.

Darber konnte ich freilich nicht im Zweifel sein, da meine Wohnung
nur den ersten Anforderungen genge, denn sie befand sich in der Nhe
der Kste auf feuchtem Boden. Aber was sollte ich nun zum Aufenthalt
whlen? Ein Zelt oder eine Hhle? -- Vielleicht beides! Ich begab mich
wiederum auf Entdeckungsreisen und gelangte an einen Hgel, dessen
eine Seite eine hohe senkrechte Felsenwand bildete. Diese erschien
mir geeignet, Schutz vor feindlichen Menschen und Tieren sowie vor
glhenden Sonnenstrahlen zu gewhren. Auerdem bot sich mir von
dieser Stelle auch die Aussicht auf das weite Meer, so da ich jedes
vorbeisegelnde Schiff erblicken konnte. Am Fue der Felswand bemerkte
ich eine Vertiefung, die jedoch keine eigentliche Hhle genannt werden
konnte. Ihr unmittelbar gegenber whlte ich meine Wohnsttte auf dem
oberen Teile der Flche. Diese Ebene war ansehnlich breit und dehnte
sich noch einmal so lang wie ein grner Rasenteppich vor meinem Zelte
aus. Da sie auf der Nordwestseite des Hgels lag und den khlenden
Winden freien Zutritt gestattete, so sah ich mich auch vor der
glhenden Hitze des tropischen Himmels geschtzt.

Ehe ich mein Zelt aufschlug, beschrieb ich vor der Hhlung einen
Halbkreis, der etwa 9 Meter vom Felsen aus enthielt. In diesen
Halbkreis rammte ich, je 16 Zentimeter voneinander, zwei Reihen Pfhle
so fest in die Erde ein, da sie wie Sulen standen; sie ragten
anderthalb Meter ber den Boden empor und waren oben zugespitzt.
Hierauf legte ich die Tauenden, die ich auf dem Schiffe abgeschnitten
hatte, zwischen diese beiden Palissadenreihen auf der Spitze
bereinander und stemmte von der Seite andre Pfhle dagegen, so da
weder Menschen noch Tiere diesen Zaun zu durchbrechen vermochten.

Der Eingang bestand nicht in einer Thr, sondern ich mute mit Hilfe
einer Leiter darber klettern. In diese Zaunfestung nun brachte ich
mit unendlicher Anstrengung alle meine Reichtmer und errichtete dann
ein gerumiges Zelt, das ich doppelt fertigte, indem ich ber die
untere Zeltdecke noch eine obere spannte. Diese letztere bedeckte ich
wiederum mit beteerter Leinwand, welche ich unter dem Segelwerk des
Wracks gefunden hatte. Statt auf niederer Erde zu schlafen, wie in
meinem ersten Quartier, streckte ich mich jetzt behaglich in derselben
Hngematte, in welcher sich frher der Kapitn gewiegt hatte.

Meine nchste Arbeit galt nun der Aufgabe, den Felsen weiter
auszuhhlen, um dort alle jene Lebensmittel und sonstigen Gegenstnde
unterzubringen, die ich gegen Nsse schtzen mute. Diese
Beschftigung nahm mich mehrere Tage in Anspruch; doch ehe noch alles
zustande gekommen war, trat ein Ereignis ein, das mich zu groer
Vorsicht mahnte.

Eines Tages stand ein schreckliches Gewitter am Himmel, und der
Regen ergo sich in Strmen auf den Erdboden. Da fuhr pltzlich ein
blendender Blitz hernieder und erhellte die Landschaft auf einige
Sekunden mit blaurotem Licht. Mein Pulver, mein Pulver! dachte ich.
Mein Herz pochte mit gewaltigen Schlgen; dann lie ich alle andern
Arbeiten im Stich und beschftigte mich damit, meinen Pulvervorrat in
kleine Pakete zu teilen und in Kistchen und Beuteln wohl zu verwahren.
So hatte ich 240 Pfund in etwa hundert verschiedene Pckchen gesondert
und jedes derselben vorsichtig so weit von dem andern entfernt
gestellt, da, wenn sich auch unglcklicherweise eines derselben
entzndete, doch die brigen nicht zugleich in die Luft fliegen konnten.

Bei meinem ersten Morgenspaziergange, welchen ich, mit einer Flinte
bewaffnet, unternahm, um irgend etwas Ebares zu schieen, machte
ich die erfreuliche Entdeckung, da die Insel mit zahlreichen Ziegen
bevlkert war; doch zeigten sie sich so scheu und schnellfig, da ich
mich ihnen nicht auf Schuweite nhern konnte. Ich hatte beobachtet,
da sie stets erschreckt davonliefen, wenn sie vom Berge herab mich im
Thale bemerkten; weideten sie jedoch im Thale und ich selbst stand auf
dem Felsen, so nahmen sie keine Notiz von mir. Dies brachte mich auf
die Vermutung, da jene Tiere wohl leicht von oben herab, aber schwer
von unten nach oben sehen knnten. Um zu erfahren, ob meine Vermutung
richtig sei, stieg ich auf einen Berg, whrend unten die Herde graste.
Mit dem ersten Schu, den ich abfeuerte, erlegte ich eine Ziege, die
ein Junges bei sich hatte. Als ich mich dem getteten Tiere nherte,
um es aufzuheben, blieb jenes ganz harmlos stehen, ja es folgte mir
freiwillig in mein Zelt. Ich hoffte, das Junge aufziehen zu knnen;
doch da es keinerlei Futter annehmen wollte, so sah ich mich gentigt,
es zu schlachten und zu verzehren. Durch diese beiden Tiere war ich auf
etliche Tage hinlnglich mit gutem Fleisch versehen und sparte dadurch
an meinem Vorrat, welchen ich vom Schiffe gerettet hatte.

[Illustration: Robinson erlegt die erste Ziege.]

Einige Zeit nach meiner Landung dachte ich daran, eine *Zeitrechnung*
aufzustellen, um in der Tag- und Monatsfolge nicht ganz irre zu werden
und ebenso den Sonntag nicht mit den Werktagen zu verwechseln. Da
ich weder Papier, noch Tinte, noch Federn besa, verfiel ich auf die
Abfassung einer Art Kalender.

Ich rammte einen viereckigen Pfahl in die Erde und befestigte an dessen
oberen Teil in Gestalt eines Kreuzes eine lnglich viereckige Tafel;
nach den Berechnungen, die ich anstellte, war ich am 30. *September*
1659 an dieser Insel angelangt, die etwa 9 22' nrdlich vom quator
gelegen sein mute: deshalb schnitt ich auf die Tafel mit groen
Buchstaben ein:

     _Hier landete Robinson Crusoe am 30. September 1659._

An jedem neuen Tage machte ich an der Kante des Pfahles einen
Messereinschnitt, deren siebenter, lnger als die brigen, den Sonntag
bezeichnete. Der erste Tag eines Monats wurde durch einen strkeren
greren Schnitt angemerkt. So ging es eine lngere Zeit fort, whrend
welcher ich emsig an der Vergrerung meiner Hhle arbeitete, auch
einen Tisch und einen Stuhl fertigte. Dabei kamen mir noch allerhand
Dinge zu statten, die ich nicht einzeln, sondern in Ksten und Scken
verpackt vom Wrack abgeholt hatte. So fand ich mehrere Kompasse,
mathematische Instrumente, Fernglser, Seekarten, deren Ntzlichkeit
mir in meiner damaligen Lage nur wenig einleuchtete. Was mich aber in
eine freudige Aufregung versetzte, war der Fund eines vollstndigen
Schreibzeuges. Nun fhlte ich mich in meiner Einde nicht mehr so
verlassen wie vorher, konnte ich doch dem Papiere alle meine Gedanken
und Eindrcke anvertrauen. Also begann ich ein *Tagebuch* anzulegen und
schrieb meine Lebensgeschichte seit dem 30. September nieder. Leider
hatte ich in meinem Tagebuche gar bald ein Ereignis zu verzeichnen, das
leicht unglcklich fr mich htte ablaufen knnen. Ich schrieb darber
die nachstehenden Zeilen nieder:

  Am 10. *Dezember*. -- Ich hatte an der Vergrerung meiner Hhle
  gearbeitet, die Erdarbeiten waren glcklich von statten gegangen,
  meine Arbeit schien beinahe vollendet; da strzte pltzlich unter
  furchtbarem Gekrach eine gewaltige Erdmasse von der Decke und von
  einer Seite nieder. Jedenfalls hatte ich meine Minierarbeit zu weit
  ausgedehnt und dadurch den Einsturz selbst veranlat. Ein Glck
  war's, da ich mich in demselben Augenblicke nicht in der Hhle
  befand, sonst wre ich unzweifelhaft mein eigner Totengrber geworden.

Die Wiederherstellungsarbeiten -- die Reinigung des Ganges, die
Untersttzung der Decke -- nahmen eine geraume Zeit in Anspruch.

  Am 27. *Dezember*. -- Die Tage des Weihnachtsfestes verliefen sehr
  traurig; es regnete unaufhrlich, und so blieb ich in das Innere
  meiner Htte gebannt. Da tauchten die trauten Bilder der Heimat
  und der frhlichen Jugendzeit mit schmerzlicher Sehnsucht in mir
  auf, und ich berlie mich willenlos gaukelnden Trumen, die mich
  hinbertrugen weit bers Meer an Englands Kste und in das Vaterhaus,
  in welchem die Eltern gewi weinend des verschollenen Sohnes
  gedachten. Meine Wehmut lste sich in ein inbrnstiges Gebet auf zu
  dem, der alles herrlich hinausfhrt; allmhlich zog Trost ein in mein
  banges Herz.

Am zweiten Tage nach Weihnachten klrte sich das Wetter, und eine
erfrischende Brise kruselte die Wogen des Meeres. Ich streifte in mein
Revier hinaus und scho eine junge Ziege; eine andre verwundete ich
nur, fing sie deshalb und fhrte sie in meine Htte. Dort verband ich
ihr den verwundeten Fu, legte ihr Schienen an und pflegte sie auf das
sorgsamste. Unter meiner rztlichen Behandlung gedieh das Tier ganz
vortrefflich und wurde mit der Zeit so zahm, da es bei meiner Wohnung
behaglich graste, ohne davonzulaufen.




[Illustration: Robinson im Gebet.]

Fnftes Kapitel.

Robinsons Tagebuch.


  Neujahr. -- Sicherung der Htte. -- Wilde Tauben. -- Beleuchtung. --
  Getreidehren. -- Erdbeben. -- Schleifstein. -- Ein Fchen Pulver.
  -- Zertrmmerung des Wracks. -- Fischjagd. -- Schildkrten. --
  Krankheit. -- Nchtlicher Traum. -- Fieber. -- Reuige Betrachtungen.
  -- Wiederherstellung durch Tabak. -- Bibelfund. -- Pflanzen und
  Frchte im Innern der Insel. -- Bau eines Landhauses. -- Die Katze
  und ihre Jungen. -- Jahrestag der Landung. -- Ernteerfolge.

Zum neuen Jahre, am 1. Januar 1660, beglckwnschte ich mich selbst. Es
ist freilich ein Neujahr auf einer den Insel, und ich verlassen von
allen menschlichen Wesen! Doch nicht verzagt, Robinson! Mutig in die
Zukunft geblickt!

Ich hing meine Flinte ber die Schulter und wanderte nach dem Innern
der Insel. Die Hitze war gewaltig, denn bekanntlich ist im Januar
unter den Tropen ebenfalls heie Jahreszeit; so sah ich mich gentigt,
wiederholt unter dem Schattendache belaubter Bume auszuruhen. Den
ganzen Tag wanderte ich umher. Allmhlich nahte der Abend heran,
nachdem ich mehrere liebliche Thler durchschritten hatte, die sich
nach dem Herzen des Eilandes verliefen. Hier sah ich an verschiedenen
Pltzen zahlreiche Herden von Ziegen weiden; aber so oft ich auch
versuchte, mich diesen Tieren zu nhern, immer wuten sie mit schlauer
List zu entrinnen. Deshalb beschlo ich am andern Tage, meinen Hund
mitzunehmen und ihn auf die Ziegen zu hetzen, um womglich mehrere
lebendig in meine Gewalt zu bekommen und sie wie Hausvieh an mich zu
gewhnen. Ich hatte indes die Rechnung ohne den Wirt gemacht; denn als
ich am nchsten Tage meinen Phylax auf eine Herde loslie, kehrten
sich die Tiere pltzlich gegen den Hund um, dieser aber versprte
keine absonderliche Lust, mit den hrnernen Waffen der Langbrte
Bekanntschaft zu machen. Er schmiegte sich furchtsam an mich, und so
lie ich die Sache einstweilen ruhen.

Bis gegen die Mitte des Monats April beschftigten mich die Arbeiten
fr eine bessere Umzunung meiner Burg; whrend dieser Zeit hatte
mich der Regen oftmals gezwungen, mehrere Tage hintereinander mit
meinen Befestigungsknsten einzuhalten. Da mir die Herrichtung jedes
einzelnen Pfostens groe Schwierigkeiten verursachte, kann man sich
wohl denken, zumal die Pfhle weit aus dem Innern der Insel zu holen
waren und die Einrammung meine Krfte stark in Anspruch nahm.

Einst traf ich eine Art *wilder Tauben*, welche nicht wie die andern
Holztauben ihre Nester auf Bumen bauen, sondern nach Art der
Erdschwalben in den Ritzen des Gesteins nisten. Ich nahm einige der
Jungen aus und ftterte sie gro; als ihnen jedoch spter mit den
wachsenden Flgeln der Mut gewachsen war, flogen sie davon, ihren alten
Heimatssitzen zu.

Obwohl ich viele Dinge besa, die mir in meiner Einsamkeit trefflich zu
statten kamen, so empfand ich doch nicht selten aufs schmerzlichste den
Mangel an *Beleuchtung*. Ein guter Gedanke leitete mich auf das Fett
der Ziegen, welches ich bisher nur verspeiste. Ich sammelte das Fett
in ein irdenes, an der Sonne getrocknetes Gef und verfertigte mittels
eines von Kabelgarn bereiteten Dochtes mir eine Art Kerzen.

[Illustration: Robinson und seine Ziege.]

Whrend dieser Zeit hatte ich eine freudige berraschung eigentmlicher
Art. Wenige Schritte von meiner Festung bemerkte ich zehn oder zwlf
hren Gerste und auer diesen etliche Weizen- und Reishalme. Wie
mochten jene Getreidearten nach diesem Eiland und in dieses Klima
gekommen sein? Unwillkrlich kam ich auf den Gedanken, da die
Vorsehung Gottes hier ein Wunder zugelassen habe. Endlich erinnerte ich
mich, da ich whrend der Regenzeit an dieser Stelle jenes Sckchen
ausgeschttet hatte, in welchem sich noch einige kmmerliche Reste der
durch die Ratten benagten Gersten-, Weizen- und Reiskrner befanden.
Jenes Sckchen hatte ich mittlerweile zum Pulverbeutel benutzt.

Mit dieser natrlichen Erklrung des Wunders regte sich bei mir erst
recht das Gefhl der Dankbarkeit gegen Gott. Hatte ich doch alle
Ursache, die Erhaltung dieser wenigen Krner als ein besonderes Zeichen
seiner Gte anzusehen.

Die Umhegung meiner Htte war um Mitte April nun vollendet, und ich
glaubte mich jetzt fr hinreichend geschtzt halten zu knnen. Aber
schon am nchsten Tage htte nicht viel gefehlt, und es wren fast alle
meine Arbeiten, die Frucht so langer Zeit und so vieler Mhen, zerstrt
worden.

Ich war gerade hinter meinem Zelte mit einer Arbeit beschftigt, als
pltzlich der Boden anfing zu erzittern. Von der Decke der Hhle
fiel Schutt nieder, die Sttzen der Mauern wankten und strzten mit
frchterlichem Gekrach zusammen. Aus Furcht, unter den Trmmern
begraben zu werden, legte ich eiligst die Leiter an und sprang ber die
Palissaden hinber. Kaum hatte ich den Erdboden erreicht, so sah ich,
wie eine ziemliche Strecke von mir entfernt ein mchtiger Felsblock
sich von einem der Berge ablste und mit donnerhnlichem Getse in die
wildbrandenden Wogen hinabrollte. Noch nie hatte ich ein so heftiges
Erdbeben erlebt; meiner Sinne nicht mchtig, war ich unter einem Baume
niedergesunken und unwillkrlich rief ich: Herr Gott, erbarme dich
meiner!

Zwar fate ich wieder etwas Mut, aber die Luft wurde immer schwerer,
der Himmel umzog sich mit dichten Regenwolken, und es erhob sich ein
Wind, der bald zum schrecklichen Orkan anwuchs. Die See kochte, der
Schaum kruselte sich in wildem Tanze auf ihrer Oberflche, und die
Fluten strzten brausend an die Ufer. Nach drei Stunden lie das Toben
nach, und ein heftiger Regen strmte hernieder. Jetzt erst fiel mir
ein, da Wind und Regen die Folgen des Erdbebens seien und da sie
das Ende desselben anzeigen knnten. Durch diesen Gedanken ermutigt,
kehrte ich nach meinem Zelte zurck und flchtete ganz durchnt in die
Hhle, obwohl ich noch immer befrchtete, es mchte die Decke ber mir
zusammenbrechen.

Der Regen whrte die ganze Nacht und den grten Teil des folgenden
Tages, was mich am Ausgehen verhinderte. Es drngte sich mir der
Gedanke auf, da ich mich durchaus nach einer andern Wohnung umsehen
mte; denn wie leicht konnte mich die Wiederholung eines Erdbebens
lebendig unter den Trmmern meiner Hhle begraben! Da ich aber sah,
wie alles um mich her sich in schnster Ordnung befand, wie ich
eigentlich sicher und bequem wohnte, und als ich an die unsgliche
Mhe dachte, welche mir die Einrichtung meines kleinen Festungswerkes
verursacht hatte, so konnte ich mich nur schwer dazu entschlieen,
meinen jetzigen Aufenthalt zu ndern. Ich zog es daher vor, einstweilen
noch in meiner alten Wohnung zu bleiben, bis ich eine neue errichtet
htte, und begngte mich damit, vor der Hand den herabgefallenen Schutt
herauszuschaffen.

Vor der Ausfhrung meiner Plne prfte ich meine drei starken xte
sowie mehrere kleine Beile. Diese waren durch das Fllen und Behauen
des harten Palissadenholzes so schartig und unbrauchbar geworden, da
ich sie in solchem Zustande nicht mehr benutzen konnte. Da blitzte
ein Gedanke in mir auf: ich besa ja einen Schleifsein. Aber wie ihn
drehen? Nach langem Sinnen glckte es mir, eine Trittvorrichtung
zu vollenden, welche ich mit dem Fue in Bewegung setzen konnte,
whrend mir beide Hnde frei blieben. Und nun wurde ich der eifrigste
Schleifer, der nur jemals gefunden werden kann.

Als ich einige Tage darauf, am Morgen des ersten Maitages, bei
niederem Wasserstande nach dem Meere hinausschaute, gewahrte ich
einen Gegenstand, der wie ein Fchen aussah und sich als eine kleine
Tonne nebst einigen Trmmern unsres Schiffes erwies, dessen Lage sich
durch den letzten Sturm verndert hatte, denn sein Rumpf ragte hher
aus dem Wasser hervor. Das Vorderteil steckte nicht mehr im Sande,
sondern stand zwei Meter ber der Wasserflche empor. Das Kastell, von
dem brigen Teile losgerissen, lag auf der Seite, und Berge von Sand
hatten sich um das Schiff herum aufgehuft, so da ich jetzt zur Zeit
der Ebbe trockenen Fues zu dem Wrack gelangen konnte. Ich begriff
sehr bald, da diese Vernderung durch das Erdbeben veranlat war. Die
Gewalt desselben hatte ohne Zweifel das Schiff noch mehr zertrmmert,
denn tglich splte die Flut abgelste Stcke ans Land. Ich wlzte die
gefundene Tonne weiter an das Ufer und fand nach Erffnung derselben,
da sie Pulver enthielt.

Am 3. Mai ging ich mit einer Sge an das Wrack und durchschnitt einen
Balken, der augenscheinlich einen Teil des Oberdecks trug. Hierauf
rumte ich, so gut es ging, den Sand fort, sah mich aber gentigt,
die Arbeit einzustellen, da die Flut zu steigen begann. Den nchsten
Tag versuchte ich zu angeln. Zwar hatte ich keinen Angelhaken, nahm
aber ein Stck gekrmmten Eisendraht an einer langen, aus aufgedrehten
Tauen gemachten Schnur; ich fing auch eine Menge Fische, unter andern
einen jungen Delphin. Spter wiederholte ich diese Fischjagden fters,
trocknete meistens die gefangene Beute und a sie gedrrt.

Fast tglich arbeitete ich nun auf dem Wrack, brach Bretter los, schlug
eiserne Bolzen und andre Stcke von demselben Metall heraus und fand
auch neben mancherlei andern verwendbaren Dingen eine Rolle Blei,
von welcher ich kleine Stcke abschlug, um diese einzeln in meinen
Gewahrsam zu schaffen.

Whrend der ganzen Nacht des 16. Mai blies der Wind so heftig, da
die Reste des gestrandeten Schiffes fast ganz zertrmmert wurden. Die
Flut trieb Kisten, Zimmermannsholz und Deckplanken an das Ufer, und
der Holzvorrat, welchen ich am Lande aufgestapelt hatte, war zu einem
solch ansehnlichen Haufen angewachsen, da ich davon eine Barke htte
erbauen knnen, wenn ich nur einen Begriff von Schiffbaukunst gehabt
htte. Auch ein Fa mit Schweinefleisch kam ans Land geschwommen; ich
htte dasselbe gern gegessen, mute jedoch auf den Genu verzichten,
weil es durch das eingedrungene Seewasser gnzlich ungeniebar geworden
war.

Als ich eines Morgens im Monat Juni frh am Ufer des Meeres entlang
ging, sah ich eine groe *Schildkrte*, die erste, welche ich fand.
Ich ttete und zerlegte sie, und ihr Fleisch, das ich kochte, schien
mir das angenehmste und saftigste zu sein, das ich je gegessen. Hatte
ich mich doch seit meiner Ankunft auf der Insel auf das Fleisch wilder
Ziegen und Vgel beschrnken mssen!

Bald darauf, in den letzten Tagen des Juni, kam eine schwere Prfung
ber mich. Ich fhlte starkes Frsteln und brachte die Nchte zum Teil
schlaflos zu. Hierzu gesellten sich heftige Kopfschmerzen. Das *Fieber*
mit abwechselndem Frost und Schwei hatte mich gepackt, so da ich
leider den ganzen Tag ber, ohne Speise und Trank zu genieen, an mein
Lager gefesselt war. Mich qulte unsglicher Durst, doch hatte ich
nicht Kraft genug, um mir Wasser zu holen. Nach langer Zeit richtete
ich wieder einmal meine Gedanken auf Gott, alle meine Sinne waren so
eingenommen, da ich nichts weiter ausrief als: O Gott, sieh gndig
auf meine Not, erbarme dich meiner! Endlich schlief ich vor Ermattung
ein. Erst spt in der Nacht erwachte ich und fhlte mich um vieles
besser, nur wurde ich durch heftigen Durst geqult. Da ich indes keinen
Tropfen Wasser in meiner Wohnung hatte, so mute ich auf dieses Labsal
verzichten und schlief endlich wieder ein.

Whrend dieses zweiten Schlafes hatte ich einen frchterlichen Traum.
Mir war es, als se ich auerhalb der Umzunung auf dem Boden an der
Stelle, wo ich dem Ausgange des Erdbebens entgegensah. Da stieg aus
einer groen grauschwarzen Wolke ein Riese herunter, den leuchtende,
mich brennende Flammen umgaben. Lange schlngelnde Blitze durchzuckten
die Luft, und als seine Fe den Erdboden berhrten, erbebte die Erde
in ihren innersten Grundfesten. Er schwang einen langen Speer, den er
in der Hand trug, gegen mich und sprach mit drohender Donnerstimme:
Da so viele Warnungen dich nicht zur Reue erweckt haben, so stirb
jetzt, Elender, von meiner Lanze durchbohrt!

[Illustration: Robinson, von Reue erfllt.]

Bei diesen Worten schreckte ich aus meinem Traume auf, und noch lange
Zeit nach meinem Erwachen konnte ich mich kaum berzeugen, da alles
nur ein Traum gewesen sei.

Leider hatten die Worte dieser nchtlichen Erscheinung nur Wahrheit
ausgesprochen, denn ich war ein gefhlloser Mensch, der eigentlich
gar keine Gottesfurcht empfand. Die guten Lehren meines Vaters waren
lngst whrend der acht Jahre vergessen, in denen ich fast nur mit
gottlosen Leuten verkehrt hatte. Niemals hatte ich daran gedacht,
das Migeschick, das mich in so vielfachen Gestalten traf, als eine
gerechte Strafe des Himmels anzusehen. Solange ich in Afrika als
Gefangener lebte, hatte ich mich kaum ein einziges Mal an Gott um
Beistand gewendet, auch dann nicht, als ich mit Xury den gefahrvollen
Fluchtversuch ausfhrte. Als ich hierauf von dem portugiesischen
Kapitn aufgenommen ward, regte sich kein Gefhl der Dankbarkeit fr
eine so wunderbare Rettung. Ja, als ich spter nackt und hilflos auf
dieses Eiland geworfen wurde, fhlte ich nicht einmal Reue ber die
Verhrtung meines Gewissens, sondern hatte nur Klagen darber, da ich
zu nichts als zum Unglck auf der Erde bestimmt sei.

Zwar regten sich damals, als ich mich gerettet aus Sturmesfluten und
wohlbehalten auf der Insel wiederfand, Gefhle in mir, die einem Danke
fr Gottes Gte gleichen mochten; allein sie endeten nur als uerungen
der Freude, Gefhle des wechselnden Augenblicks. Ich dachte nur daran,
mich gegen den Hunger zu schtzen, und trug lediglich Sorge fr meinen
Unterhalt und um meine Verteidigung.

Nur vorbergehend hatte die Entdeckung des aufsprossenden Getreides
mein Gemt dankbar gestimmt; ebenso vorbergehend nur war ich durch die
Furchtbarkeit des Erdbebens an Gottes Allmacht gemahnt worden. Erst die
Heftigkeit des Fiebers, die ganze Hilflosigkeit meiner Lage preten
mir Thrnen aus und riefen die Stimme meines Gewissens wach. Jetzt,
sagte ich mir, jetzt ist die Prophezeiung deines Vaters in Erfllung
gegangen; niemand ist um mich, der mir Trost und Beistand gewhren
knnte. O meine guten Eltern, htte ich doch eure Ermahnungen beachtet
und der Heimat nicht lebewohl gesagt. O Gott, bei dem da ist alle Kraft
und alle Barmherzigkeit, verla mich nicht, denn mein Elend ist gro!

So betete ich nach langer Zeit inbrnstig zum erstenmal. Nachher lie
der Fieberanfall nach, obgleich der Traum der vergangenen Nacht noch
lange einen groen Schreck in mir zurcklie.

Ein Viertelstndchen der Erholung benutzte ich dazu, um eine Flasche
mit Wasser sowie etwas Rum vor mein Lager zu stellen; auch rstete ich
auf Kohlen ein Stck Ziegenfleisch, doch wollte es mir noch nicht recht
munden.

Hierauf unternahm ich einen Spaziergang ins Freie, konnte aber wegen
Ermattung nur eine kleine Strecke zurcklegen. Auf einem Felsenstck
lie ich mich nieder, von welchem das Auge weit ber den jetzt ruhigen
Spiegel des Meeres schweifen konnte. Da tauchten Gedanken in mir auf:
Wer ist es, der alle diese Dinge, Meer, Himmel und Erde, geschaffen
hat? Und wer erhlt und lenkt sie unwandelbar? Ist es nicht Gott, der
alles wei und sieht? Ja, er sieht auch mich. Durch seinen Willen, ohne
den nichts geschieht, lebe ich auf diesem Eiland; ich ergebe mich in
seine Fgung, der Herr wird es wohl machen!

Diese Betrachtungen flten mir Trost ein, und ich kehrte nachdenkend
in meine Wohnsttte zurck. Noch vor derselben fiel mein Blick auf
die von der Sonne goldig gebrunten hren, welche jetzt harte Krner
trugen. Ich pflckte die Stengel, nahm sorgfltig die Frucht aus den
Rispen und bewahrte sie fr die kommende Sezeit auf.

Dieser Ausgang hatte mich mehr angegriffen als ich gedacht, und es
berkam mich die Furcht, aufs neue vom Fieber geschttelt zu werden.
Da fiel mir ein, da die Brasilianer fast alle ihre Krankheiten mit
*Tabak* kurieren. Sofort ging ich nach dem Keller, wo ich einen
ziemlichen Vorrat in einer Kiste aufbewahrte. Gott selbst mute mir
diesen Gedanken eingegeben haben; denn neben dem Tabak fand ich auch
jene drei Bibeln, die mir von England nach Brasilien geschickt waren.
Welch ein kostbarer Fund!

Wie aber sollte ich den Tabak gebrauchen? Ich wute es nicht und
versuchte es daher auf verschiedene Weise. Zuerst kaute ich ein
Stckchen von dem Blatte; dann lie ich ein andres zwei Stunden
lang in Rum liegen, um davon zu trinken, und als dritte Heilmethode
verbrannte ich ein Blatt auf Kohlen und hielt die Nase darber, um
den beienden Dampf in vollen Zgen einzuatmen. Die Pausen, welche
zwischen diesen drei Bereitungen lagen, suchte ich durch Lesen in der
Bibel auszufllen; allein die Betubung durch meine etwas sonderbare
Medizin lie mich nur eine Stelle erkennen, auf welche meine Augen
zuerst gefallen waren: Rufe mich an in der Not, so will ich dich
erretten, und du sollst mich preisen! Diese Worte, so ganz auf meine
gegenwrtige Lage passend, machten einen berwltigenden Eindruck auf
mich. O wie sehnte ich mich jetzt nach der Heimat zurck, aber lange,
lange Jahre sollten noch vergehen, ehe sich dieser Wunsch verwirklichte.

Der Genu des durch Tabak gebeizten Rums versetzte mich in einen
Zustand ungewhnlicher Betubung; ich verfiel bald in einen so tiefen
Schlaf, da ich erst am andern Tage nachmittags erwachte. Ja, ich mute
sogar glauben, da ich noch einen ganzen Tag verschlafen habe, denn es
fehlte mir in der Folge ein voller Tag in meiner Zeitrechnung. Indessen
fhlte ich mich merklich wohler, und es stellte sich auch wieder ein
tchtiger Hunger ein. Ich bereitete mir daher eine krftige Suppe von
saftreichem Schildkrtenfleisch und genas von dieser Zeit an tglich
mehr, obgleich ich am 2. Juli noch einmal zu meiner Arznei, einer Dosis
Tabak, greifen mute.

So fand ich denn auf seltsame Weise die erwnschte Besserung -- durch
ein Mittel, fr dessen ganz unfehlbare Heilkraft ich nicht immer
einstehen mchte. Obwohl ich noch schwach und abgemagert war, so
versumte ich doch nicht, mit meinem stets geladenen Gewehr kleine
Ausflge in mein Knigreich zu unternehmen. Einmal stie ich hierbei
auf herrlich grne Wiesengrnde, die ich vorher noch nicht bemerkt
hatte. Ich fand daselbst Tabakspflanzen mit langen, starken Stengeln,
eine Gattung Aloe und Zuckerrohr. Hernach kam ich in einen waldigen
Grund, wo ich mancherlei ebare Frchte traf, namentlich saftige
Melonen am Boden liegend, und eine Art wildwachsender Weintrauben,
welche in vollster Reife aus Rebenlaub hervorschauten, das sich von
Baum zu Baum ppig weiterrankte. Diese Trauben sammelte ich, um sie an
der Sonne zu trocknen; denn ich mochte die Frucht nicht in frischem
Zustande genieen, da ich mich erinnerte, da mehrere englische
Sklaven, die zu viel davon genossen hatten, whrend meines Aufenthalts
in der Berberei an der Brechruhr gestorben waren.

Meine Entdeckungsreise hatte mich so sehr in Anspruch genommen, da
mich der Abend berraschte, ehe ich es gemerkt hatte. Auch fhlte ich
mich zu abgespannt, um wieder nach meiner Burg zurckkehren zu knnen.
So schlief ich zum erstenmal auerhalb meiner Wohnung. Wie am Tage
meiner Landung auf der Insel, kletterte ich auch heute auf einen Baum
und brachte hier die Nacht unversehrt zu. Am andern Morgen setzte ich
meinen Weg weiter fort und behielt immer die Richtung nach Norden im
Auge, da meine Aussicht zu beiden Seiten durch einige Hgelreihen
begrenzt war.

Am Ende meines Marsches breitete sich ein offenes Gefilde aus, das
von einem nach Osten verlaufenden Bache durchschlngelt wurde. Eine
reizende Gegend in grnem Wiesenschmuck, gleich einem Teppich von
tausend und abertausend bunten Blumensternen durchwirkt. Palmen
streckten ihre Kronen empor; Orangen-, Zitronen- und Limonenbume luden
mich ein, ihre Frchte zu pflcken. Schwer beladen mit kstlichen
Frchten schied ich von dem paradiesischen Garten, um meiner lnger als
sonst verlassenen Htte zuzueilen.

Als ich in meinem Hause ankam, fand ich die Trauben verdorben und
die Beeren zerquetscht, whrend die Zitronen, deren ich berhaupt nur
wenige gefunden hatte, vortrefflich erhalten waren.

Jenes Thal mit seinem reichen Pflanzenwuchs zog mich so sehr an, da
in mir der Gedanke aufstieg, meine Wohnung dorthin zu verlegen; allein
die Erwgung, da ich von meinem Hause am Strande die offene Aussicht
ber das Meer hatte und so ein vielleicht hier vorbeisegelndes Fahrzeug
ersphen knnte, brachte mich von dem schnell gefaten Plane ab, und
ich beschrnkte mich darauf, eine Art Lusthaus in jenem gesegneten und
reizvollen Thale zu errichten. Ohne Zeit zu verlieren, ging ich ans
Werk und umgab meine zweite Wohnsttte mit einer doppelten Pfahlreihe,
die ich noch durch ein Flechtwerk von Schlingpflanzen und Baumstmmen
verstrkte. Diese Arbeiten beschftigten mich bis Anfang August.

Unterdessen fand ich meine aufgehngten Weintrauben nun genug
getrocknet, und ich beeilte mich, sie einzusammeln, denn schon kndigte
sich die in der heien Zone bliche Regenzeit auf fhlbare Weise an.
Zweihundert Pckchen von Rosinen schaffte ich in meine Vorratskammer,
und so konnte ich mir nun die folgenden Monate hinreichend versen.

Am 14. *August* erlebte ich die Freude einer Vermehrung meiner
Familie. Meine Katze nmlich, die ich vom Wrack mitgenommen hatte, war
eine Zeitlang verschwunden, ohne da ich mir erklren konnte, wohin
sie geraten sei. Whrend ich nun an jenem Tage ber die Landschaft
schaute, sah ich meine alte Freundin samt drei jungen Sprlingen
wohlgemut auf meine Htte zukommen und zgerte nicht, die neuen Gste
freundlichst aufzunehmen. Sie hatte die Jungen in einem Versteck so
weit gro gezogen, da sie vor den Angriffen des Katers sicher waren,
und fhrte sie mir jetzt zu. Mit diesem Tage begann auch die Regenzeit,
und ich machte mich wieder darauf gefat, wochenlang in meinem
wohlgeschtzten Strandhause zubringen zu mssen. Vom 14. bis 29. August
whrte ununterbrochen der Regen; meine Nahrung bestand aus Rosinen,
Ziegenfleisch und gersteter Schildkrte. Dabei war ich tglich
beschftigt mit der Erweiterung meines Kellers.

Gegen Ende September erinnerten mich die Einschnitte, die ich in meinen
hlzernen Kalender gemacht hatte, da seit meiner Landung auf der Insel
ein Jahr verflossen war. Ich feierte diesen Tag mit dankerflltem
Herzen gegen Gott, dessen Gte mich so wunderbar beschirmt hatte.




[Illustration: Robinson vor seinem Kalender.]

Sechstes Kapitel.

Robinson als Handwerker und Ackersmann.


  Robinson set Getreide. -- Korbflechterei. -- Tpferarbeiten. --
  Weitere Entdeckungsreisen auf der Insel. -- Tierreicher Kstenstrich.
  -- Robinson bringt einen Papagei sowie eine Ziege nach Hause. --
  Trstliche Gedanken ber Sonst und Jetzt. -- Tageseinteilung. --
  Verheerung des Getreidefeldes. -- Exekution an den Kornplnderern. --
  Kleine Ernte.

Mit Anfang November lie der Regen nach, und es lockte mich an dem
ersten schnen Tage nach dem Innern der Insel zu meinem Lusthause. Hier
fand ich noch alles so unversehrt, wie ich es wenige Monate vorher
verlassen hatte. Die Hecke, welche ich um meine Villa gezogen, war
wohl erhalten, nur der lebendige Zaun war mit einem Wldchen grner
frischer Reiser geschmckt, die in wilder Unordnung sich ineinander
schlangen. Diese verschnitt ich und suchte in das ganze Gewirr einige
Ordnung zu bringen. In der That versprach die Fenz schon nach wenigen
Jahren ein dichtes und schattiges Laubdach zu bilden. Eine gleiche
grne Mauer zog ich auch um mein festeres Haus am Strande, und die
Folgezeit lehrte, welchen Vorteil mir diese Pflanzung bei Verteidigung
meiner Stammburg brachte.

Da mein ohnehin kleiner Vorrat von Tinte durch die tgliche und
umstndliche Aufzeichnung der gewhnlichen Begebenheiten und
Beschftigungen sehr auf die Neige ging, so mute ich ernstlich auf
mglichste Beschrnkung meiner Schreibseligkeit Bedacht nehmen, und nur
die merkwrdigsten Ereignisse wurden fortan noch aufgezeichnet.

Schon frher erwhnte ich der mir unerwartet zugekommenen
Getreidehalme. Ich glaubte nun gut zu thun, wenn ich die gewonnenen
Krner nach der Regenzeit sete. Deshalb grub ich ein Stck Land, so
schwer es mir auch wurde, mit einem hlzernen Spaten um, teilte es in
zwei Hlften und bergab die Krner der ernhrenden Mutter Erde; den
dritten Teil derselben behielt ich indes aus Vorsorge zurck, falls
ich die Jahreszeit nicht richtig gewhlt haben sollte. Der folgende
Monat war ein auerordentlich trockener und lie meine Saat kaum zum
Aufkeimen kommen; ja, ich mute ganz auf eine Ernte verzichten, da
sich die Keime vor der wiederkehrenden Regenzeit nicht bis zur Reife
entwickeln konnten. Ich suchte nun einen feuchteren Boden auf, grub
ihn um und sete den zurckbehaltenen Rest der Krner im Februar, kurz
vor dem Eintritt der nassen Jahreszeit. Die regnerischen Monate Mrz
und April waren meiner Pflanzung, auf die ich meine letzten Hoffnungen
gegrndet hatte, so gnstig, da ich etwa ein Liter von jeder Gattung
erntete.

Die Jahreszeiten wechselten unter dem Himmel meiner Insel nicht mit so
angenehmen bergngen wie in der Heimat, sondern sie schieden sich nur
in zwei Perioden, in eine trockene und eine nasse: von Mitte Februar
bis Mitte April Regen, von Mitte April bis Mitte August trockene Zeit;
von Mitte August bis Mitte Oktober Regen, von Mitte Oktober bis Mitte
Februar Trockenheit.

Die gezwungene Zurckgezogenheit in den Regenmonaten benutzte ich
zu allerhand ntzlichen Beschftigungen. So versuchte ich unter
anderm auch, einen Korb zu flechten, und wurde in dieser Arbeit durch
Erinnerungen aus frhester Kindheit untersttzt. Wie htte ich vorher
ahnen knnen, da die Besuche bei unserm Nachbar Korbflechter, in
dessen Werkstatt ich ein tglicher Gast gewesen, mir spter ntzlich
sein wrden? Die ersten Zweige, mit denen ich meine Arbeit beginnen
wollte, zeigten sich freilich recht sprde. Meine Blicke lenkten sich
unwillkrlich auf die jungen Stecklinge um die Htte; diese versprachen
besseres Flechtmaterial. Ich fand sie wirklich so geschmeidig wie
Weidenruten, und es ward meinen Knstlerhnden nicht schwer, die
verschiedensten Krbe zu mannigfachen Zwecken herzustellen.

Meine huslichen Verhltnisse hatten sich immer behaglicher
gestaltet, nur noch ein einziges Gert vermite ich schmerzlich: ein
Kochgeschirr. Zwar besa ich einen Kessel; allein dieser war von so
bedeutender Gre, da ich darin weder ein kleines Stck Fleisch
kochen, noch weniger mir Fleischbrhe bereiten konnte. Wie lie
sich diesem belstand abhelfen? Ich dachte so: wenn es mir gelnge,
Thonerde zu finden, so knnte wohl die Glut der tropischen Sonne
meine Tpferarbeiten trocknen. Ach! -- meine Tpferarbeiten! Ich
will hier nicht erzhlen, wie viel ungeschickte Versuche ich machte,
welche ungeheuerlichen Formen sich die Mutter Erde unter meinen Hnden
gefallen lassen mute, wie oft meine Gefe in der groen Sonnenhitze
zerbrckelten oder beim Fortschaffen zerbrachen. Erst nach zwei Monaten
hatte ich endlich zwei Erzeugnisse zusammengebracht, die nicht einmal
mit den schlechtesten Schiffskrgen nur annhernd verglichen werden
konnten. Weniger milangen meine Versuche im Anfertigen kleinerer
Gefe, z. B. der Teller, Tpfe, Krge, kurz aller Gertschaften,
die sich mit der Hand formen lieen. Dabei kam mir auch die gnstige
Witterung zu statten; die Sonne meinte es in diesen Tagen beraus gut,
so da mein Tpfergeschirr in erwnschter Weise Hrte gewann.

Mittels meiner fortschreitenden Tpferknste hatte ich mir Gefe zum
Aufbewahren von allerlei Lebensmitteln beschafft, aber noch immer
fehlten mir solche, welche auch das Feuer auszuhalten vermochten. Da
ich weder einen Begriff von der Einrichtung eines Ofens, noch von der
Glasur hatte, mit der die Tpfer ihre Waren berziehen, so beschrnkte
ich mich darauf, drei Krge dicht nebeneinander zu stellen; auf diese
setzte ich kleinere Geschirre, und um die so aufgetrmte Pyramide
zndete ich dann ein tchtiges Feuer an, welches die Sandbestandteile
der Thonerde schmelzen sollte. Die Tpfe nahmen nach Verlauf von fnf
bis sechs Stunden eine hochrote Farbe an. So wurde ich schlielich
der glckliche Besitzer von drei leidlichen Krgen nebst zwei irdenen
Tpfen, die sich auch als feuerfest erwiesen.

Von meiner Insel blieb noch mancher Teil zu durchstreifen brig.
Deshalb nahm ich eines Tages meine Flinte samt der ntigen Munition,
ein Beil, zwei Zwiebcke sowie ein Pckchen Rosinen mit und machte
mich in Begleitung meines Hundes auf den Weg. Am Ende des Thales
angelangt, in welchem meine Villa lag, sah ich westwrts auf das Meer
und, da die Luft uerst rein und durchsichtig war, fern am Horizont
einen nebligen Streifen, der von West nach West-Sd-West verlief und
eine Ausdehnung von fnf bis sechs Stunden haben mochte. Zwar wute
ich nicht, ob ich die Kste einer Insel oder die des amerikanischen
Festlandes erblickte; vielleicht war ich auf dem rechten Wege, als
ich vermutete, da die spanischen Kolonien nicht allzu entfernt von
jenem Kstenstriche lgen, und da sich doch wohl ein Schiff in diesen
Gewssern sehen lassen msse. Mglicherweise konnten aber auch dort
jene wilden, menschenfressenden Vlkerschaften hausen, die unter dem
Namen Kannibalen weithin gefrchtet sind.

Unter solcherlei Gedanken schritt ich ber Ebenen und Wiesen, die mit
Pflanzen und Blumen prchtig geschmckt und auch mit Struchern besetzt
waren. Auf den Bumen hatten sich Scharen von Tauben niedergelassen,
deren Gegirr von dem schrillen Geschrei buntgefiederter Papageien
bertnt ward. Solch einen schmucken Papagei mute ich haben, und in
der That gelang es mir, einen jungen Vogel dieser Art zu fangen, indem
ich ihn durch einen Wurf mit meinem Wanderstab so gut traf, da er
betubt vom Aste herabfiel. Ich hob ihn auf, er kam allmhlich wieder
zu sich, und ich nahm ihn mit mir.

In den Niederungen sah ich auerdem Tiere, welche ich fr Hasen hielt;
wieder andere mochten Fchse sein; aber ich lie meine Flinte in Ruhe,
denn Ziegen, Tauben und Schildkrten lieferten so leckeres Fleisch, und
ich besa an Rosinen eine so schmackhafte Zukost, da selbst der beste
Markt von London nichts Besseres geliefert haben wrde.

Auf meiner Entdeckungsreise durch die Insel rckte ich tglich nur
zwei bis drei Meilen vor, doch machte ich nach links und rechts manche
Abstecher, bis ich ermdet an einem solchen Platze anlangte, welcher
mir zum Nachtlager geeignet schien. Zum Bett muten entweder die
breiten ste eines Baumes oder der harte Boden der Erde dienen. Als ich
an das Ufer des Meeres kam, sah ich zu meiner berraschung, da die
Kste meines Knigreichs viel angenehmer und von Tieren mehr bevlkert
war als der entgegengesetzte Strand. Zahlreiche Schildkrten sonnten
sich hier im Sande, und Seevgel marschierten mit stolzer Wrde umher.

[Illustration: Schildkrten und Fetttaucher auf der Insel.]

Trotz alledem versprte ich keine Lust, meine Wohnung in diese Gegend
zu verlegen. Indessen setzte ich meine Reise noch etwa zwlf Stunden
gegen Osten weiter fort. Den uersten Grenzpunkt meiner Wanderungen
bezeichnete ein eingerammter Pfahl, der mir spter einmal als
Erkennungszeichen dienen sollte. Dann wandte ich mich gegen Westen, um
auf einem andern Wege nach Hause zurckzukehren. Nachdem ich etwa drei
Meilen zurckgelegt hatte, befand ich mich in einem Thalkessel, der
rings von hohen, dicht mit Waldung gekrnten Bergen umsumt war, so da
ich mich beim weiteren Fortschreiten, um mich zurecht zu finden, nach
dem Stande der Sonne richten mute.

Whrend der drei Tage, die ich in diesem Thale verweilte, hing aber
der Himmel voll trber Wolken, und ich wute oft nicht, wohin ich mich
wenden sollte, ob nach Ost, West, Sd oder Nord. So sah ich mich denn
gentigt, nach meinem Pfahl zurckzukehren und von da aus den Heimweg
anzutreten.

Unterwegs fing mein Hund eine junge Ziege ein. Eiligst sprang ich
hinzu, um sie seinem scharfen Gebi zu entreien, was mir auch glckte.
Bald war dem Tiere ein Halsband bergeworfen, ein Strick durchgezogen,
und weiter ging nun die Wanderung, bis wir endlich, jedoch erst nach
mehreren Tagemrschen, durch die sengende Sonnenglut aufs uerste
ermattet, in meinem Wohnsitze ankamen. Ich empfand wirklich eine groe
Freude, wieder daheim zu sein! Wie sanft schlief ich nach einer
Abwesenheit von mehr als einem Monate zum erstenmal wieder in meiner
Hngematte.

Das nchste, wofr ich Sorge zu tragen hatte, war, meinem Papagei,
welcher sich an mich bereits etwas gewhnt hatte, einen Kfig zu bauen,
sowie die Ziege, welcher ich einstweilen in meinem Lusthause ihren
Aufenthalt angewiesen, nach Hause zu schaffen, um das ausgehungerte
Tierchen mit frischem Futter zu versorgen.

Ich fand es angebunden an derselben Stelle, wo ich es verlassen hatte,
und es folgte mir wie ein zahmes Haustier Schritt fr Schritt, indem es
fortwhrend aus meiner Hand das Futter fra, mit dem ich es lockte.

       *       *       *       *       *

Wieder war der 30. September gekommen, und wieder hatte ich unter
inbrnstigem Gebet den Jahrestag meiner Strandung begangen. Zwei Jahre
lebte ich nun schon auf dem Eilande als dessen alleiniger Bewohner,
mein eigner Knig und mein einziger Unterthan; -- zwei Jahre reich an
Prfungen und Erfahrungen! Und doch hatte sich mir nicht einmal ein
Strahl von Hoffnung gezeigt, diese einsame Insel verlassen zu knnen.
Indessen dankte ich Gott fr die unendliche Gte, mit welcher er
mein armseliges Dasein fristete und meine Einsamkeit mir ertrglich
erscheinen lie.

Wenn ich in der ersten Zeit meines Verlassenseins hinausstreifte auf
die Ebenen und Berge, sei es, um ein Tier auf der Jagd zu erlegen, oder
sei es, um auf Entdeckungen auszugehen, da begleitete mich der stete
Gedanke an mein Unglck und meine oft trostarme Lage. Ich kam mir vor
wie ein Gefangener, der, eingeschlossen durch die endlosen Riegel und
riesigen Schlsser des Ozeans, in einer Wstenei, ohne Hoffnung auf
Befreiung, ein erbrmliches Dasein fristet, und aufgelst in Schmerz
und Betrbnis rang ich die Hnde und weinte bitterlich.

Jetzt war es anders! Neue Gedanken, geschpft aus der Heiligen Schrift,
dem Buche der Bcher, gaben meinem Geiste eine heilsame Richtung, und
ich gewann meine ganze Seelenstrke wieder, wenn meine Augen auf die
Worte des Trostes fielen. Ich fand Beruhigung in dem Gedanken, da
ich in meinem gegenwrtigen Zustande der Vereinsamung glcklicher sein
knnte, als ich es vielleicht in irgend einer andern Lebensstellung
geworden wre. Ich dankte dann Gott dafr, da er mich auf dieses
Eiland gefhrt hatte. Dann wieder schien mir jener Gedanke zu
weitgehend. Solltest du wirklich so zwiespltig im Gemte sein, sagte
ich zu mir selbst, Gott fr die Versetzung in eine Lage zu danken, aus
welcher erlst zu werden ein verzeihlicher und natrlicher Wunsch ist?
Jedenfalls dankte ich Gott doch innig dafr, da ich jetzt endlich zur
Selbsterkenntnis hinsichtlich der begangenen Fehler gelangt war.

Nun trat ich in das dritte Jahr meines Insellebens. In meine tglichen
Beschftigungen hatte ich eine gewisse Regelmigkeit gebracht.
Zunchst verwandte ich auf die Erfllung meiner religisen Pflichten,
insbesondere auf das Lesen in der Bibel tglich eine bestimmte Zeit;
dann jagte ich, wenn das Wetter schn war, ungefhr drei Stunden des
Morgens. Kam ich nach Hause zurck, so hatte ich die mitgebrachten
Lebensmittel wohl aufzubewahren oder zuzubereiten. Die Hitze whrend
der mittleren Tageszeit gestattete keinen Ausflug, und ich berlie
mich dann gewhnlich der Ruhe. Manchmal arbeitete ich auch des Morgens
und ging des Abends auf die Jagd.

Ende November war herangekommen, und ich konnte bereits meiner Gersten-
und Reisernte entgegensehen. Aber wie gro war mein Schrecken, als ich
bei einer Besichtigung meines kleinen Ackerfeldes gewahr wurde, da
die Ziegen alle jungen saftigen Halme abgefressen hatten. Es galt nun,
schleunigst weiteren Verwstungen vorzubeugen. Ich umgab mein Zelt mit
einer dichten Umzunung, worber ich nahe an drei Wochen zubrachte.
Ferner scho ich auf die Tiere, welche sich am Tage heranwagten, und
lie whrend der Nacht meinen Hund Wache halten, so da sich endlich
die abgeschreckten Eindringlinge fern hielten.

Gleichwie die behaarten Vierfler sich zu den krftig emporsprossenden
Halmen hingezogen fhlten, hatten es die gefiederten Zweifler auf
die Krner abgesehen. Als ich eines Tages nach dem Stande meiner
Feldfrchte sah, wimmelte die ganze Umgebung von zahlreichen
verschiedenartigen Vgeln. Ich scho unter den dicksten Haufen, und
sofort erhob sich mit wirrem Schreien mitten aus dem Kornfeld eine
wahre Wolke von Vgeln, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte.

Meine Ernteaussichten schienen nach solchen Betrachtungen trostloser
Natur zu sein; doch durfte ich um keinen Preis den Rest meines
Getreides der Vernichtung berlassen.

Whrend ich nun neben meinem Felde stand und die Flinte von neuem lud,
saen die durch meinen ersten Schu aufgescheuchten Vgel auf den
nchsten Bumen und schienen nur auf meine Entfernung zu harren. Als
ich mich etwas entfernte, fielen die gefrigen Tiere von neuem ber
die Krner her. Ihre fr mich so verderbliche Eilfertigkeit versetzte
mich derart in einen unverstndigen Zorn, da ich nicht einmal wartete,
bis alle herangekommen sein wrden, sondern sogleich unter die ersten
scho, wodurch drei der kleinen Ruber gettet wurden. Dann vollfhrte
ich an ihnen eine Art Strafgericht; gleichwie man anderwrts die Diebe
aufhngt, so hing ich auch die Vgel auf, damit sie ihren lsternen
Genossen als warnendes Beispiel dienten.

Die Wirkung war auffallend: keines der Tiere wagte sich mehr auf mein
Feld, ja sie verlieen sogar allesamt jenen Teil der Insel, auf dem
es ihnen nicht mehr geheuer zu sein schien. Nach diesem Suberungszug
hatte ich die Freude, gegen das Ende des Dezember, zur Zeit der zweiten
Reife, mein Korn einernten zu knnen. Ich sammelte die abgemhten hren
in einen groen Korb und krnte sie einzeln mit den Hnden aus. Das
Liter Samen hatte mir nach oberflchlicher Schtzung zwei Scheffel
Reis sowie einen halben Scheffel Gerste eingetragen, und ich beschlo,
den ganzen Ertrag an Krnern fr die nchste Aussaat aufzubewahren.
Inzwischen versuchte ich, zur passenden Umgrabung des Ackerbodens mir
einen Spaten zu fertigen, was mich eine ganze Woche Zeit kostete. Ein
besonderes Meisterwerk war mir mit diesem Spaten allerdings nicht
gelungen, denn er wurde mir vermge seiner Schwerflligkeit oft recht
unbequem; indes empfand ich doch ein Gefhl der Befriedigung darber,
da sich meine Einrichtungen abermals um einen Schritt weiter
vervollkommnet hatten. Die Getreidekrner wurden auf den gerumigen
Feldern ganz nahe an meiner Wohnung in die Erde gebracht, wobei ich fr
den Reis die feuchteste Stelle aussuchte, da, wie ich bemerkt hatte,
derselbe nur auf nassem Boden eine eintrgliche Ernte versprach.

Ich umzunte die Felder mit einem starken Gehege und durfte nun hoffen,
am Ende des Jahres eine grne und schattige Hecke zu haben, welche nur
hier und da einmal ausgeputzt zu werden brauchte.

Whrend der inzwischen eingetretenen Regenzeit hielt ich mich meist
im Innern meiner Htte auf und beschftigte mich mit mancherlei
huslichen Verrichtungen. Empfand ich hin und wieder das Bedrfnis,
mich von meinen anstrengenden Arbeiten zu erholen, dann unterhielt ich
mich mit meinem munteren Hausgenossen, dem Papagei, und lehrte diesen
sprechen; bald konnte das gelehrige Tier seinen Namen nachplappern und
wiederholte mit deutlicher Stimme: Poll! Poll! Das war der erste
artikulierte, wie von einer Menschenstimme kommende Laut, den ich auf
dem Eilande in meiner Einsamkeit, fern von allen menschlichen Wesen,
vernahm.




[Illustration: Wie Robinson die Halme niedermht.]

Siebentes Kapitel.

Robinson als Bcker und Schiffbauer.


  Robinson macht sich einen Mrser und ein Sieb. -- Ernte. --
  Brotbacken. -- Vergebliche Anstrengungen wegen der Schaluppe. --
  Robinson baut ein Boot; vereitelte Hoffnungen. -- Rckblicke auf das
  dreijhrige Inselleben. -- Trauriger Zustand der Kleider. -- Robinson
  wird Schneider.

Von allen bekannten Handwerken war mir bis zu dieser Zeit meines Lebens
keines so wildfremd geblieben, wie das eines Steinmetzen, und doch
mute ich darauf sinnen, mir einen Mrser oder ein andres geeignetes
Werkzeug zu schaffen, um das Getreide in Mehl zu verwandeln. Lange
Zeit suchte ich vergebens nach einem Steinblock, der sich mrserartig
aushhlen liee; dann entschlo ich mich endlich, einen harten
Holzblock aus meinem Forst zu holen.

Mit unsglicher Anstrengung fllte ich einen dicken Baumstamm, hieb
am unteren Ende ein ambohnliches Stck ab, rundete es ringsum mit
meiner Axt und hhlte es durch Feuer aus, wie es die wilden Eingebornen
Brasiliens mit ihren kleinen Seefahrzeugen (Kanoes) thun. Als Stampfe
diente mir eine wuchtige Keule aus demselben harten Holze.

Aber auch fr ein Sieb mute gesorgt werden, um das durch Stampfen
gewonnene Mehl durchzuschtten und es von der Kleie zu sichten. Hier
war guter Rat teuer, denn ich hatte weder Kanevas noch Bastgeflechte.
Aber unter den Matrosensachen, die ich vom Wrack gerettet hatte,
befanden sich etliche Halstcher von Kattun und Musselin; aus diesen
verfertigte ich drei kleine Siebe, die ich auch ziemlich brauchbar fand.

Die Zeit der Ernte nahte heran. Mit meinen Krben schritt ich hinaus
aufs Feld und berschaute den Frchtereichtum des Bodens. Dann schnitt
ich die hren, sammelte sie in Garbenbscheln in die Krbe und trug die
segenschwere Last nach Hause. Hier lie ich alles so stehen, wie ich es
eingeheimst hatte, bis ich Zeit und Mittel finden konnte, das Getreide
auszukrnen; denn ich hatte weder eine Tenne noch einen Dreschflegel.

Im ganzen brachte ich 20 Scheffel Gerste und ebensoviel Reis in mein
Kornmagazin, weshalb es sich als notwendig herausstellte, das letztere
besser einzurichten. Aus Erfahrung wute ich jetzt, da ich jhrlich
zweimal sen und ernten knne; die Entscheidung darber, was in Zukunft
fr mich und meinen Hausstand am zweckmigsten sein wrde, wollte ich
von der Gre meines diesmaligen Verbrauchs abhngig sein lassen.

Zunchst nahm ich meine hren, rieb sie aus, stampfte die Krner
in meinem Mrser und siebte sie durch die Matrosenhalstcher. Zum
Brotbacken braucht man aber bekanntlich einen Ofen, und die Not
macht erfinderisch. Ich baute mir groe irdene Gefe zusammen, die
wohl breit, aber nicht zu tief waren; dann hrtete ich diese mehr
pfannenartigen Gefe im Feuer. Wollte ich nun Brot backen, so zndete
ich ein tchtiges Feuer auf meinem Herde an, den ich mit rotgebrannten
Steinen eigner Fabrik gepflastert hatte. Sobald das Holz hierauf zu
glhender Kohle ausgebrannt war, breitete ich dieselbe derart auf dem
Boden aus, da die Steine gehrig durchhitzt wurden. Dann zog ich die
Kohlen zurck, fegte die Asche weg, legte meine Brote oder vielmehr
flachen Kuchen an deren Stelle, bedeckte dieselben mit den beiden
irdenen Gefen und hufte ringsumher glhende Kohlen und Asche, um die
Hitze noch zu verstrken. So bereitete ich meine Brote ebenso gut, als
wren sie im besten Ofen der Welt gebacken worden; ja, ich versuchte
mich sogar im Backen verschiedener Arten von Kuchen und Reispuddings,
die in meinen einfrmigen Speisezettel eine angenehme Abwechselung
brachten.

Bei all dieser mich sehr in Anspruch nehmenden Arbeit beschftigten
sich doch meine Gedanken wiederholt mit jenem Kstenlande, welches
ich auf meiner letzten Entdeckungsreise deutlich als dunklen Streifen
am Horizont wahrgenommen hatte. Im Glauben, da jenes Land zum
amerikanischen Festlande gehre, flogen meine Wnsche ber die weite
Meeresflche und regten mit aller Gewalt in mir die Sehnsucht an,
dorthin zu gelangen.

Indes empfand ich die Wahrheit des alten Spruches: Das Wasser hat
keine Balken. Ich wnschte mir lebhaft meinen treuen Xury und das
Boot mit den lateinischen Segeln zurck, mit dem ich eine so weite und
gefahrvolle Reise lngs der afrikanischen Kste zurckgelegt hatte;
ohne Bedenken htte ich mich dann von neuem dem unsicheren Elemente
anvertraut.

Da fiel mir eines Tages die Schaluppe unsres Schiffes ein, welche
weit auf die Kste geworfen worden war. Flugs machte ich mich auf, um
zu untersuchen, in welcher Verfassung sie sich befnde. Ich traf sie
auch noch an der nmlichen Stelle, wo sie zuerst gelegen hatte, aber
in umgekehrter Lage, denn die Gewalt der Fluten und der Strme hatte
sie auf eine sehr hohe Sandbank geworfen und aufs Trockene gesetzt. Es
kam zunchst darauf an, die Schaluppe wieder umzukehren und flott zu
machen. Nach vielen vergeblichen Mhen und Anstrengungen kam ich auf
den Einfall, den Sand unter dem Boote wegzugraben, um es von selbst
herabgleiten zu lassen und den Abrutsch durch untergeschobene Walzen
und Sttzen zu lenken. Aber auch hierdurch gelang es mir nicht, die
Schaluppe vorwrts zu schieben und ins Wasser gelangen zu lassen,
deshalb gab ich nach einer fruchtlosen Arbeit whrend drei bis vier
Wochen die ganze Sache auf.

So sehr auch meine Hoffnungen vereitelt waren, so wurden doch meine
Begierde und mein Mut nur verstrkt, und ich fate den Entschlu,
selbst ein Kanoe aus einem Baumstamm zu bauen. Ich hielt dies nicht
nur fr mglich, sondern sogar fr leicht, zumal ich ber viel mehr
Hilfsmittel verfgte als die Neger oder Indianer. Freilich htte
ich auch berlegen sollen, da ich Vereinsamter mit ganz andern
Schwierigkeiten zu kmpfen haben wrde als die Indianer, die einander
beistehen. Was half es mir am Ende, falls ich auch das schnste Kanoe
von ganz Amerika zustande brchte, wenn ich es nicht ins Meer zu
schaffen vermchte?

Man sollte denken, da die Erfahrungen, die ich vordem mit der aufs
Trockene gelegten Schaluppe gemacht hatte, mir hinsichtlich der
Mglichkeit, das Boot in das Wasser zu bringen, einen handgreiflichen
Wink gegeben htten: nichts von alledem! Meine unstten Gedanken
verschmolzen sich schon so sehr mit der Meerfahrt, da ich die Sache
mglichst ungeschickt anfing. Aber stets beschwichtigte ich alle
Befrchtungen mit der thrichten Trstung: La nur gut sein, Robinson!
Erst das Boot fertig, das brige wird sich finden!

Kurz, mein Eigensinn siegte ber den Verstand. Ich fand auch einen
prchtigen Baum, der mir fr meinen Zweck ganz wie geschaffen schien.
Zwanzig Tage brachte ich dazu, den Riesen zu fllen, und vierzehn Tage
mute ich darauf verwenden, ste und Krone abzuhauen. Dann kostete
es fast einen ganzen Monat Zeit, dem Stamme jene bauchfrmige uere
Gestalt des Bootes zu geben, damit er auf dem Wasser schwimmen knne,
ohne sich zur Seite zu neigen. Weiterhin brauchte ich noch drei Monate,
um das Innere auszuhhlen, und zwar bediente ich mich dazu nicht des
Feuers nach Art der Indianer, sondern nur des Beiles und des Meiels.

Als ich mit meiner Arbeit zu Ende war, empfand ich eine wahrhafte
Freude an meiner Schpfung, denn ich hatte in der That noch nie einen
so groen, aus einem einzigen Baumstamm gehauenen Ruderkahn gesehen,
gro genug, um mehr als zwanzig Mann zu fassen, und demzufolge auch
mich samt meinen Habseligkeiten zu tragen. Das Boot hatte unzhlige
Axt- und Hammerschlge, manchen Schweitropfen gekostet, und wre es
mir gelungen, dasselbe flott zu machen, wer wei, ob ich nicht die
unberlegteste Reise gewagt htte, wie sie nur je ein wagehalsiger
Abenteurer unternehmen konnte.

Mein neues Fahrzeug lag zwar nicht weit vom Meere entfernt; aber das
groe Hindernis bestand darin, da das Ufer zum Meere bergan lief.
Ich lie indes den Mut nicht sinken, sondern versuchte, die Anhhe
wegzurumen und das Land nach der Kste zu abfllig zu machen. Als der
Weg so ziemlich geebnet war, befand ich mich um nichts gefrdert, denn
das Kanoe rckte uerst wenig von der Stelle, so wenig wie vordem
die Schaluppe. Hierauf ma ich die Entfernung ab, welche zwischen
meinem Boote und dem Meere lag, sowie die Tiefe des Bodens und die
erforderliche Breite, um einen gengend breiten und tiefen Kanal bis
zum Meere zu bauen und in diesem Bassin mein Boot hinabzufhren. Indem
ich den Kraftaufwand hinsichtlich solch kolossaler Bauten veranschlagte
-- denn der Kanal htte sehr viel Tiefe haben mssen -- und damit die
mir zu Gebote stehenden Arbeitsmittel, d. h. meine zwei rstigen Arme,
in Vergleich brachte, erlangte ich als Ergebnis meines Voranschlags die
berzeugung, da recht gut zehn bis zwlf Jahre vergehen knnten, ehe
ich ans Ziel meiner Wnsche kommen konnte.

Dieses erfllte mich mit groer Betrbnis; ich sah jetzt, leider zu
spt, ein, wie thricht es ist, ein Werk zu beginnen, wenn man sich
vorher nicht Klarheit darber verschafft, ob der Gre des Unternehmens
gem auch die zur Verfgung stehenden Mittel zur Ausfhrung
hinreichen.

Mitten unter dieser Arbeit hatte ich mein *viertes* Jahr auf dem Eiland
zurckgelegt. Ich feierte den Jahrestag meiner Ankunft, wie in frheren
Jahren, durch ernste und gottergebene Betrachtungen, die mir reichen
Trost einflten.

An eben demselben Jahrestage, an welchem ich meinen Eltern entlief,
um mich in Hull einzuschiffen, ward ich durch den Seeruber von Saleh
gefangen genommen und zu Sklavendiensten gezwungen. An dem nmlichen
Tage, als ich aus dem Schiffbruch auf der Reede von Yarmouth gerettet
ward, entfloh ich glcklich aus Saleh. Am 30. September 1659 endlich,
an meinem 26. Geburtstage, wurde ich wunderbar gerettet und auf diese
Insel verschlagen.

Der erste meiner Vorrte, welcher mir nach der Tinte ausging, war der
Schiffszwieback, und obgleich ich mit demselben hchst haushlterisch
umgegangen war, so hatte ich ihn dennoch schon ein Jahr vor meiner
Kornernte gnzlich aufgezehrt, was mich allerdings etwas in
Verlegenheit versetzte.

Mit meiner Kleidung sah es gleichfalls recht windig aus, denn seit
lngerer Zeit besa ich nichts weiter als wenige Matrosenhemden,
die meine Haut vor den stechenden Sonnenstrahlen schtzten. Bei
einer Durchsuchung meiner Kisten fand ich jedoch etliche taugliche
Kleidungsstcke sowie ein paar groe berrcke. Fast mute ich ber
den Fund dieser letzteren lcheln, denn ich htte es in denselben vor
Hitze nicht aushalten knnen, und doch wute ich auch hieraus etwas
Brauchbares zu schaffen. Da sich nmlich alle meine Jacken in einem
Zustande bedenkenerregender Zerfahrenheit befanden, so lag es sehr
nahe, mich auch einmal als ehrsamen Kleiderknstler zu versuchen, und
ich fertigte nun drei Jacken, die ich ziemlich lange tragen zu knnen
hoffte. War aber schon das Fabrikat derjenigen Kleidungsstcke, die
meinen Oberkrper bedecken sollten, in einer Weise ausgefallen, die
selbst das Mitleid nachsichtiger Leute herausforderte, so legten meine
Versuche hinsichtlich der Beinkleider ein noch glnzenderes Zeugnis
bejammernswrdiger Unbeholfenheit ab.

Ich mu hier nachtrglich erwhnen, da ich die Hute aller getteten
vierfigen Tiere aufbewahrte und auf Stben an der Sonne trocknen
lie. Einige derselben waren so hart geworden, da sie zu nichts mehr
taugten; andre aber, die nicht bis zu jener Steife zusammengedrrt
waren, leisteten mir leidlich gute Dienste.

Das erste, was ich mir nun verfertigte, war eine neue groe
Kopfbedeckung aus Ziegenfell, an welchem ich die Haar auerhalb lie,
um mich so besser gegen den Regen zu schtzen.

Noch etwas andres stellte sich mir als unentbehrlich heraus,
nmlich ein *Regen-* oder *Sonnenschirm*. Denn da ich meist im
Freien weilen mute, so qulte mich die Hitze der tropischen Sonne
uerst empfindlich. Lange Zeit whrte es, bis ich etwas Taugliches
zustande brachte. Die Hauptschwierigkeit bestand darin, den Schirm
so zu verfertigen, da ich ihn zusammenlegen konnte; im andern Falle
htte ich ihn stets aufgespannt tragen mssen, was sicherlich die
Bequemlichkeit nicht sehr vermehrt haben wrde. Ich bedeckte dieses
tragbare Wetterdach mit Ziegenfellen, deren Haare ich nach auswrts
kehrte; so schtzte ich mich, so gut es gehen wollte, gegen den Regen
wie gegen die Sonnenstrahlen. Bedurfte ich seiner nicht mehr, so
klappte ich den Schirm zusammen.

Vor der Hand hatte ich nun so ziemlich alle Bedrfnisse befriedigt,
die sich in meiner Einsamkeit berhaupt einstellen konnten; aber nie
schweigen die Wnsche des Menschen still. Ich wollte mit dem gewonnenen
Ntzlichen auch das Angenehme verbinden, und was konnte mir da wohl
nher liegen als der Besitz -- einer *Tabakspfeife*? Hatte ich mich
doch in der Tpferei hinlnglich erprobt, da mir die Fabrikation eines
Pfeifenkopfes nur leichtes Spiel schien; auf knstlerische Verzierung
dieses Thonstckes mute ich freilich immer noch Verzicht leisten. Ein
ausgehhltes Rohr herzurichten, machte wenig Kopfzerbrechen, und so
konnte ich nun mit meinem edlen Kraute das Inselreich durchdampfen.

Ich kann nicht sagen, da mir in fnf Jahren etwas Ungewhnliches
begegnet sei, denn ich lebte in derselben Lage, an dem nmlichen Orte,
auf die gleiche Weise wie frher. Ich baute mein Korn, buk Brot,
erntete Trauben ein und sorgte immer fr einen ausreichenden Vorrat
hinsichtlich aller ntigen Nahrungsmittel; oft ging ich auf die Jagd,
scho Vgel und Ziegen, fing auch, um eine sehr schmackhafte Suppe zu
haben, dann und wann eine Schildkrte und angelte Fische. Da ich auch
die ehrsamen Gewerke eines Zimmermanns, Tpfers, Korbflechters, selbst
des Schneiders in Ehren hielt, habe ich bereits erwhnt.

Whrend dieser fnf Jahre richtete ich mein Hauptaugenmerk darauf, mir
eine andre Barke zu bauen, diesmal aber die Sache klger anzufangen
als vorher. Zwar fand ich auch jetzt nicht nher am Strande einen fr
mein Vorhaben tauglichen Baum; denn die Baumregion begann erst eine
ziemliche Strecke vom Ufer. Da schlenderte ich eines Tages ungefhr
eine halbe Stunde landeinwrts, lngs dem Ufer jenes Baches hin, wo
ich mit den Flen gelandet war. Dort fand ich endlich, etwa zehn
Schritt vom Wasser, was ich suchte. Ich fllte den Baum, handhabte
dann unablssig Beil und Meiel und hatte schlielich die Freude,
meine Piroge fertig zu sehen. Nun grub ich einen Kanal, schaffte unter
manchem Schweitropfen mein Kanoe von der Werft auf das Wasser und
flte es nach dem Meere hinab in die Bucht.

[Illustration: Robinsons Tabakspfeife.]

Obgleich ich nicht weniger als zwei Jahre mit meinen
Schiffszimmerarbeiten zugebracht hatte, so entsprach doch die Gre
der Barke nicht dem Zwecke, welchen ich bei Erbauung der ersteren
verfolgte, nmlich dem, mit derselben das gegenberliegende Festland
zu erreichen, welches nach meiner Schtzung wohl vierzig englische
Meilen entfernt lag. Dennoch empfand ich eine nicht zu beschreibende
Freude, als ich mein selbsterbautes Fahrzeug so sicher und leicht
auf den Wellen dahingleiten sah, und wenn ich auch auf den Wunsch
verzichten mute, jenes ferne Kstenland zu erreichen, so schien mir
mein Boot doch hinlnglich fest, um in demselben eine Rundreise um
mein Eiland unternehmen zu knnen. Zu diesem Zwecke pflanzte ich einen
kleinen Mast auf meinen Ruderkahn und brachte ein Segel zustande, das
ich aus mehreren Stck Leinwand zusammenschneiderte. Ebenso sorgte
ich an beiden Seiten fr Kstchen und sonstige Behltnisse, um darin
Lebensmittel, Pulver und Blei aufzubewahren und so gegen den Regen und
den Gischt des Meeres gesichert zu sein. Im Innern des Bootes machte
ich der ganzen Lnge nach eine Hhlung, legte meine Flinte hinein
und nagelte zum Schutze gegen die Nsse Leinwand darber. Auerdem
befestigte ich noch meinen Schirm am Hinterteile der Barke, zum Schutze
gegen die brennenden Sonnenstrahlen, setzte ein Steuerruder sowie
einen Anker in Bereitschaft und versuchte mich zunchst in kleinen
Lustfahrten in der Nhe meiner Besitzung.

Nachdem ich die Tauglichkeit meines Bootes durch solche Ausflge auf
dem Wasser erprobt hatte, konnte ich doch der Begierde, den ganzen
Umfang meines kleinen Knigreichs kennen zu lernen, nicht lnger
widerstehen. Ich brachte in mein Kanoe eine hinlngliche Menge
Proviant, nmlich zwei Dutzend Brote oder vielmehr Gerstenkuchen, einen
Topf mit Reis, eine Ziegenhlfte und ein Flschchen Rum; auch nahm ich
Pulver und Blei mit, sowie zwei berrcke, die mir in khlen Nchten
teils als Matratzen, teils als Decke dienen sollten.

So ausgerstet begab ich mich am 6. November des sechsten Jahres meines
Insellebens an Bord und stach in See. Indessen sollte diese Seefahrt
eine andre Wendung nehmen, als ich gedacht hatte. Nachdem ich eine
Strecke hinausgefahren und an die stliche Kste gelangt war, bemerkte
ich eine Kette von Felsen, die meilenweit ins Meer hinausragten und von
denen einige Klippen ber, andre unter der Wasserflche vorschoben. Am
Ende des Riffs breitete sich noch eine Sandbank von einer halben Stunde
in derselben Richtung aus, so da ich einen groen Umweg zu machen
hatte, wenn ich die Spitze umsegeln wollte.

Diese Entdeckung kam mir sehr ungelegen, und da mir die Fahrt denn doch
etwas gefhrlich schien, steuerte ich in meine Bucht zurck und legte
meine Barke vor Anker. Hierauf griff ich zur Flinte, stieg ans Land
und erklomm einen Hgel, von wo ich das ganze Felsenriff berschauen
konnte.

Ich bemerkte eine heftige Strmung, die in der Richtung nach Osten
ganz nahe an der uersten Spitze der Sandbank hinlief. Dieser Umstand
konnte fr mich sehr gefhrlich werden; denn wenn mich der Strom
packte und mit sich fortri, so mute ich der Insel vielleicht auf
immer lebewohl sagen. Von der Sdseite lie sich ein hnlicher Strom
in der Richtung nach Ost-Nordost wahrnehmen, jedoch in einer greren
Entfernung vom Ufer. Dann sah ich eine ziemlich genau angedeutete
Sandbank, die gegen die Kste verlief. Diesen Beobachtungen zufolge
mute ich meinen Kurs so nahe an der ersten Sandbank halten, als es
ohne Gefahr, zu stranden, irgend anging.

Ein steifer Wind aus Ost-Sdost sauste gerade dem nordstlichsten Strom
entgegen und drngte das Wasser in heftiger Brandung an das Riff und
die Spitze der Landzunge. Deshalb konnte ich mich nicht auf das Meer
wagen. Wegen der Brandung war es doch zu gefhrlich, mich nahe am Lande
zu halten, und die Strmung legte mir anderseits die Notwendigkeit auf,
mich nicht weit vom Lande zu entfernen. Aus diesem Grunde blieb ich
ruhig in meiner Bucht zwei Tage vor Anker liegen.




[Illustration: Robinsons Nachtruhe.]

Achtes Kapitel.

Robinsons unglckliche Bootfahrt.


  Gefhrliche Seereise. -- In die See hinausgetrieben. --
  Sehnsuchtsvolle Betrachtungen. -- Die beiden Strmungen und
  glckliche Landung. -- Des Papageis Ruf. -- Robinsons Familie. --
  Ziegenfang und Ziegenpark. -- Schneiderknste. -- Neue Beobachtungen.
  -- Rckblicke.

Am Morgen des dritten Tages legte sich der Wind, das Meer wurde
ruhig, und nun erst begann ich meine Seefahrt. Mein Schicksal mge
unerfahrenen und wagehalsigen Schiffern zur Warnung dienen! Kaum hatte
ich die Spitze der Sandbank erreicht, von dem Ufer nur um die Lnge
meiner Barke entfernt, als ein Strom gleich einer Mhlschleuse mich
mit berwltigender Heftigkeit packte. Alle Mhe, dagegen anzukmpfen,
erwies sich als umsonst; immer weiter trieb mich die Strmung von der
Sandbank, die mir zur Linken lag. Weder Segel noch Ruder konnte ich
mit Erfolg gebrauchen. Wurde ich von der Strmung etwa in die See
hinausgeworfen, so schien mein Untergang unvermeidlich, insbesondere
wegen des Mangels an Lebensmitteln. Denn die am ersten Tage in die
Barke geschafften Vorrte nebst einer noch am Meeresufer von mir
gefangenen Schildkrte konnten nicht ausreichen, wenn ich weit hinaus
auf den unermelichen Ozean getrieben wurde, vielleicht viele Meilen
von der Kste entfernt.

Jetzt gedachte ich meiner einsamen und verlassenen Insel, die mir
nun wie ein behaglicher und reizender Ort erschien. Glckliche
Einde! klagte ich, werde ich dich jemals wiedersehen? Nie wollte
ich dich wieder verlassen! So erkannte ich, als mir meine Besitzung
schon verloren schien, erst ihren vollen Wert. Ich ruderte aus allen
Krften und blieb mglichst in derselben Richtung, in welcher die
Strmung die Sandbank treffen konnte. Pltzlich erhob sich ein leichter
Sd-Sd-Ostwind, der sich nach einer halben Stunde zu einer frischen
Brise verwandelte. Das Wetter zeigte sich gnstig; ich sah nach meinem
Mast, ob er auch noch feststehe, breitete meine Segel aus und suchte
mich aus der Strmung zu bugsieren. Bald bemerkte ich, da der Strom
nicht mehr so trbe und heftig war und sich an Felsenklippen brach, so
da der Hauptstrich dieselben nordstlich liegen lie und selbst nach
Sden lief. Der andre Arm hingegen, von der Klippe abprallend, strmte
nach Nordost. Mit Hilfe dieser Brechung und vom Winde untersttzt,
segelte ich eine Zeitlang fort, bis ich bemerkte, da mich die Strmung
zu weit nach Norden und von der Insel ablenken wrde. Nun befand ich
mich zwischen zwei groen Flutarmen: dem des Sdens, der mich zuerst
mit fortgerissen hatte, und dem des Nordens, welcher auf der andern
Seite der Insel die Strecke von etwa einer Meile beherrschte. Ich bot
daher meine ganze Kraft auf, um mich etwas westlich zu halten und mein
Fahrzeug in stilleres Wasser zu bringen. Es gelang mir, und etwa gegen
5 Uhr nachmittags kam ich, durch den Wind begnstigt, auf meiner Insel
wieder an.

Sobald ich unter meinen Fen wieder Land fhlte, lieh ich den Gefhlen
meines dankbaren Herzens in einem Gebet zu Gott Worte und gelobte mir
feierlich, auf jeden weiteren Versuch einer Meerfahrt zu verzichten
und mich nicht mehr auf die offene See zu wagen. Nachdem ich mich
erholt und durch eine kleine Mahlzeit gestrkt hatte, legte ich mich
im Schatten der Bume nieder und schlief bald ein. Am andern Tage
berlegte ich, wie ich die Rckreise zu meiner Behausung antreten
sollte. Ich entschlo mich, an der Kste hin gegen Westen zu steuern,
um ein sicheres Asyl fr mein Boot zu finden. Bald entdeckte ich einige
Meilen weiter einen Kanal, der weit in das Land einmndete, immer
schmler wurde und in einen kleinen Flu auslief.

Hier lie ich mein Fahrzeug zurck und beschlo, den Rckweg zu Fu
zurckzulegen, nahm auch von dem ganzen Gepck nur mein Gewehr und
meinen Sonnenschirm mit. Wohlbehalten kam ich gegen Abend auf meinem
Landsitze wieder an und fand daselbst alles noch, wie ich es verlassen
hatte. Flugs berstieg ich den Zaun, legte mich im Schatten nieder und
schlief, von der Hitze und dem weiten Wege ermdet, auch bald ein. Ich
mochte etwa eine Stunde geschlafen haben, als ich durch eine Stimme
erweckt wurde, die mehrmals rief: Robin, Robin, Robin Crusoe! Wo bist
du? Robin Crusoe, wo bist du? Wo bist du?

[Illustration: Glckliche Rckkehr nach verunglckter Seefahrt.]

Es war mein lieber Poll, der, auf einem Zaune sitzend, die Worte
sprach, die ich ihn mit vieler Mhe gelehrt hatte, wenn der Kummer ber
meine Verlassenheit mich anwandelte. Ich wute mir nicht zu erklren,
wie das Tier hierher gekommen war; dasselbe setzte sein Geschwtz und
seine Schmeicheleien fort, als wre es glcklich, mich wieder zu haben.
Natrlich nahm ich den Schwtzer ohne Verzug mit mir. -- Gern htte ich
mir den Besitz des Fahrzeuges gesichert, aber ich fand kein Mittel,
diesen Wunsch zu verwirklichen; auch fhlte ich geringe Neigung, mich
noch einmal den berstandenen Gefahren auszusetzen.

In ruhiger Stimmung des Gemtes und ohne besondere Wandlungen in
meinen Verhltnissen verbrachte ich fortan einige weitere Jahre. Ich
hatte mich mit meiner Lage ausgeshnt, so da ich mich auch ohne
menschliche Gesellschaft leidlich glcklich fhlte. Whrend dieser Zeit
vervollkommnete ich mich in vielen Handfertigkeiten, die ich in meiner
Lage glaubte besitzen zu mssen. Es gelangen meine Zimmermannsarbeiten,
trotz der mangelhaften Werkzeuge, immer mehr nach Wunsch; auch die
Gertschaften, die aus meiner Tpferwerkstatt hervorgingen, zeigten
nicht mehr die frhere Unfrmigkeit, selbst die Korbflechterei nahm
unter meinen fleiigen Hnden einen immer hheren Aufschwung.

Der ernsthafteste Mensch htte sich eines Lchelns nicht enthalten
knnen, htte er mich im Kreise meiner *Familie* gesehen. Vor allem
wrde er meine eigne, absonderlich aufgeputzte Person bewundert haben,
mich, den Knig der Insel, den unumschrnkten Herrn ber Leben und Tod
aller ihrer Bewohner. Mit kniglicher Wrde hielt ich Tafel und speiste
in Gegenwart meines gesamten Hofstaates. Poll, mein Gnstling, geno
allein das Vorrecht, mit mir zu sprechen, und machte davon hufigen
Gebrauch, wobei er sich nicht selten auf meine Schulter stellte. Mein
Hund, der alt und gebrechlich geworden war, behauptete stets, wie
ein alter erprobter Diener, den Platz zu meiner Rechten. Zwei Katzen
warteten zu beiden Seiten des Tisches wie ein paar Hofschranzen auf
ein Zeichen meiner Huld und schnappten begierig die Brocken auf, die
ich ihnen zuwarf. Diese zwei Tierchen mit den Samtpftchen waren aber
nicht diejenigen, welche ich vom Schiffe mitgebracht hatte, denn diese
hatte ich lngst mit eigner Hand in der Nhe meiner Wohnung zur Erde
bestattet. Die jngeren Katzen, die mich jetzt umgaben, waren die
Nachkommen der ersteren. Dieses Geschlecht hatte sich in solchem Grade
vermehrt, da es endlich eine wahre Geiel fr mich wurde; die Tiere
plnderten und hausten in meiner Wohnung schonungslos. So sah ich mich
endlich gentigt, gegen sie energisch einzuschreiten und die Mehrzahl
von ihnen aus der Welt zu schaffen.

Whrend der langen Zeit meines Aufenthalts war mein Pulver so sehr
auf die Neige gegangen, da ich ernstlich daran denken mute, das fr
mich so wertvolle Gut zu ersetzen. Wie sollte ich Ziegen und Vgel
schieen? Wie konnte ich mich im Falle eines Angriffs verteidigen? Bis
auf die uerste Not durfte ich es nicht ankommen lassen, deshalb ging
ich darauf aus, Ziegen zu *fangen*, um meinen letzten Vorrat an Pulver
zu schonen. Besonders gern htte ich eine Mutter mit ihren Jungen
gehascht, und es mochten sich vielleicht auch schon einige gefangen
haben, aber die Netzstricke waren nicht stark genug, und wenn ich eine
Beute zu haben glaubte, fand ich die Schlingen zerrissen. Endlich
versuchte ich es mit *Fallgruben* und machte an jenen Pltzen, wo die
Ziegen zu weiden pflegten, tiefe Lcher, legte ber diese Gruben ein
Flechtwerk von dnnen Ruten, streute Erde darauf und auf diese wiederum
Reis und Gerste. An der Spur der Ziegen bemerkte ich, da diese die
Krner gefressen hatten, und als ich am andern Morgen erwartungsvoll
meine Fangmaschinen besichtigte, sah ich in der That smtliches
Getreide abgefressen -- aber keine Ziege gefangen. Nach einigen
weiteren milungenen Versuchen hatte ich endlich doch eines Morgens die
Freude, in einer der Gruben einen groen, feisten Bock, sowie in einer
andern drei junge und zwei ltere Ziegen und einen Bock gefangen zu
erblicken. Der letztere, ein alter Bursche, war so wild, da ich mich
nicht an ihn herangetraute, und ihn zu tten konnte nicht in meiner
Absicht liegen, da sein zhes Fleisch fr meinen Gaumen durchaus nicht
verlockend schien. Ich gab ihm daher ohne langes Besinnen die Freiheit,
und er floh in weiten Stzen davon.

Damals dachte ich freilich noch nicht daran, da der Hunger selbst
einen Lwen zhmen kann; htte ich den Bock nur drei bis vier Tage
hungern lassen, ihm dann Wasser und grnes Futter gegeben, so wrde
er gewi zahm geworden sein wie ein Lamm. Meine Zicklein nahm ich
eines nach dem andern aus der Grube, band sie mit Stricken aneinander
und trieb sie nach Hause. Anfangs wollten sie durchaus nicht fressen;
als ich sie jedoch ein paar Tage hatte hungern lassen und ihnen dann
saftige Kruter vorhielt, lieen sie sich zum Fressen verlocken und
wurden in kurzer Zeit zahm.

Das war der erste Anfang zu meiner Ziegenherde, und ich sah schon im
Geiste der Zeit entgegen, wo ich, ohne Pulver und Blei ntig zu haben,
fortwhrend mit Ziegenfleisch versorgt sein wrde. Freilich drngte
sich mir bei dieser frohen Aussicht der Gedanke an einen leidigen
belstand auf. Da ich nmlich um jeden Preis zu verhten hatte, da die
Tiere mit ihren Brdern im Thale und in den Wldern zusammentrfen, so
mute ich einen Park von Hecken oder Palissaden errichten, damit weder
meine zahmen Ziegen entfliehen, noch die wilden von auen hereinbrechen
konnten.

Wer in der Errichtung solcher Gehege einige bung besitzt, wrde sich
kaum eines Lchelns haben enthalten knnen, htte er gesehen, wie ich
zu meiner ersten Hrdenanlage eine jener groen Wiesen aussuchte, die
man in den Lndern des Westens Savannen nennt.

Einige klare Bche schlngelten sich durch den Wiesengrund, an dessen
einem Ende schattige Bume standen; um aber diese Wiese mit einem Zaune
zu umgeben, bedurfte es einer Reihe Palissaden von beinahe einer halben
Meile Ausdehnung. Hierbei bedachte ich allerdings nicht, da in einem
so groen Umkreis die Ziegen ebenso schwer zu fangen sein muten, als
wenn sie frei auf der ganzen Insel htten umherlaufen drfen.

Schon hatte ich etwa 150 Schritte fertig, als mir dieser Gedanke
nachtrglich beikam. Ich beschlo deshalb, nur ungefhr 200 Schritt
einzufriedigen, was fr eine Herde, wie ich sie in einiger Zeit haben
konnte, wohl gengen mochte. Nach Vollendung jener Arbeit, welche drei
Monate in Anspruch nahm, waren meine Ziegen schon so zahm geworden,
da sie mir berallhin folgten und mir aus der Hand fraen. Binnen
zehn Monaten hatte sich meine Herde bis auf zwlf Stck junge und alte
vergrert, in zwei Jahren war sie auf 43 gestiegen, obgleich ich
mehrere davon zu meinem Lebensunterhalt geschlachtet hatte.

Nicht allein Fleisch hatte ich nun im berflu, auch Milch hatte
meine Speisekammer mehr wie ausreichend aufzuweisen. Nach einigen
vergeblichen Versuchen lernte ich sogar Butter und Kse machen, da
ich auch Salz gefunden hatte, was durch Verdunstung von Seewasser in
Vertiefungen am Meeresufer sich in Krusten gebildet hatte.

Die grte Beeintrchtigung erfuhr meine Wrde als Herr des Insellandes
durch die Beschaffenheit meiner Kleidung. Mein Anzug wrde in jedem
von Menschen bewohnten Lande die grte Heiterkeit oder vielleicht
auch Furcht erregt haben. Als Kopfbedeckung trug ich eine hohe
aus Ziegenfell gefertigte Mtze mit einem Zipfel, der bis auf die
Schultern fiel, um mich vor der Sonne und vor Regen zu schtzen. Rock
und Beinkleider stammten gleichfalls von Ziegen her, und meine Fe
schtzte ich durch eine Art Sandalen, die an der Seite festgehalten
wurden. Den Rock hielt ein Gurt von Leder zusammen, in welchem statt
des Degens eine Axt und eine Sge hingen. Ein andres umgehngtes
Band diente dazu, um meine mit Pulver und Schrot gefllten Taschen
festzuhalten. In einem Tragkorbe befanden sich meine Lebensmittel,
meine Flinte hing ber der Schulter, und auerdem hatte ich noch meinen
Sonnenschirm zu halten, der sich mir als ganz unentbehrlich zeigte.
Was meine Gesichtsfarbe betrifft, so war sie nicht so braun, als man
bei dem heien Klima vermuten mchte. Das kam natrlich daher, da ich
meinen Regen- und Sonnenschirm immer bei mir fhrte, auch wenn ich mich
nur eine kleine Strecke von meiner Wohnung entfernte.

Jedenfalls war ich in jeder Beziehung ein Landesherr, der
seinesgleichen suchen konnte.




[Illustration: Robinsons Ziegenherde.]

Neuntes Kapitel.

Robinson entdeckt Spuren von Menschen.


  Neuer Ausflug auf Entdeckungen. -- Menschliche Spuren. -- Robinsons
  Bangen. -- Untersuchung der Fuspuren. -- Allerlei seltsame Gedanken.

Mit allem Notwendigen ausgerstet, begann ich einen neuen Ausflug, auf
den ich fnf bis sechs Tage zu verwenden gedachte. Mein erster Weg
fhrte mich an jenen Ort, wo ich meinen Anker ausgeworfen hatte, um
die Felsen zu ersteigen und die Gegend zu berblicken. Auch diesmal
erstieg ich die Hhe und gewahrte zu meinem Erstaunen, da die See
glatt war wie ein Spiegel, nirgends vermochte ich eine Brandung zu
entdecken. Diese befremdliche Erscheinung hatte jedenfalls ihren
natrlichen Grund in der abwechselnden Bewegung der Ebbe und Flut. Da
ich mir jedoch darber noch nicht ganz klar war, so wollte ich wie
ein Naturforscher der Sache auf den Grund gehen. Ich stieg deshalb
gegen Abend, als es bereits dmmerte und die Ebbe eintrat, hinauf
auf den Hgel und sah auch jetzt wieder ganz deutlich die ungestme
Strmung. Zugleich bemerkte ich aber, da dieselbe eine halbe Stunde
von der Kste entfernt schien, whrend sie frher dicht an der Sandbank
hinlief. Auf diese Beobachtungen gesttzt, sagte ich mir, da ich die
Insel ohne Schwierigkeit mit meinem kleinen Fahrzeug umschiffen knnte,
wenn ich nur genau auf die Wiederkehr der Flut und Ebbe achtete. Indes
hatten die berstandenen Gefahren einen so nachhaltigen Eindruck in mir
zurckgelassen, da ich fr jetzt auf das Wagnis einer neuen Seefahrt
verzichtete. Es kam mir nun ein ganz entgegengesetzter, wenn auch
hchst mhselig auszufhrender Plan in den Sinn.

Sollte es nicht mglich sein, mir eine neue Piroge zu bauen, um auf
jeder Kste meiner Insel ein Fahrzeug zu besitzen?

Ich hatte damals sozusagen zwei Pflanzungen. Zunchst war es am
Fue des Felsens und in der Nhe des Ufers mein Zelt oder meine
Burg samt Einzunung und Hhle hinter dem Zelte. Letztere hatte ich
allmhlich vergrert und neue Gemcher geschaffen, worin ich meine
Vorrte, namentlich das Erzeugnis meiner Ernten, in zahlreichen
groen Krben aufbewahrte. Im Verlauf der Jahre waren die Pfhle der
zweiten Umhegung, die, wie ich erwhnte, Zweige getrieben hatten,
bereits zu stattlichen Bumen angewachsen und ihre ste so ineinander
verschlungen, da man selbst in ziemlicher Nhe hinter diesem grnen
Flechtwerk keine menschliche Wohnung bemerkt htte. Etwas weiter in
das Land hinein lagen meine beiden Kornfelder, auf deren Bebauung ich
stets den grten Flei verwandte, so da ich jhrlich durch reichliche
Ernten belohnt wurde.

Eine weitere Pflanzung hatte ich mir noch in der Nhe meines Landhauses
angelegt. Auch dort, in jenem reizenden Thale, wuchs die grne Hecke
stattlich empor und gewhrte erquickenden Schatten. In der Mitte
spannte sich das Zelt von Segeltuch aus, und die Ziegenfelle, welche
ich dorthin gebracht hatte, boten ein weiches Lager, whrend eine
wollene Decke und ein groer Mantel mir whrend der khlen Nchte
zum Zudecken dienten. So konnte ich hier, wenn ich mein Schlo߫ auf
einige Zeit mit dem Lusthaus vertauschen wollte, mehrere Tage in aller
Bequemlichkeit zubringen.

Ganz in der Nhe des Landhauses hatte ich, wie bereits erwhnt, die
Einzunungen fr meinen Viehstand angebracht. Die bestndige Sorge,
da mir die Ziegen einmal ausbrechen mchten, lie mir keine Ruhe,
bis ich das Palissadenwerk so dicht gemacht hatte, da man kaum
eine Hand hindurchstecken konnte. Als gar whrend der Regenzeit die
Ruten und Stbe ausschlugen, bot dieses Gehege den Vorteil einer
undurchdringlichen Mauer.

In demselben Thale befanden sich auch die Weinstcke, welche mir
betrchtliche Vorrte fr den Winter lieferten, und da die wertvollen
Reben meine Tafel mit den saftigsten Beeren versahen, so versumte ich
nie, zur gehrigen Zeit die Trauben zu trocknen.

Eines Tages berkam mich wieder die Lust zu einem Ausflug nach der Ost-
und Nordseite meiner Insel, und ich wollte im Vorbeigehen auch nach
meiner Barke sehen.

Zunchst begab ich mich an jenen Hgel, von welchem aus ich meine
Beobachtungen angestellt hatte; dann wartete ich die Ebbe ab, um bei
niedrigem Wasserstande ber die Mndung des Baches zu gelangen, der
am Fue des Hgels hinflo. Anfangs hielt ich mich lngs des Ufers
desselben, dann aber bog ich nordwrts ab und kam so gegen Abend an
einen Flu, der bei weitem bedeutender war als alle brigen, welche ich
bisher aufgefunden hatte. Diesen passierte ich schwimmend und befand
mich bald an der Kste, die sich hier sehr wild und de, teils hgelig,
teils felsig und nur mit Gestrpp bewachsen zeigte.

Schon brach die Nacht herein, als ich endlich mein Fahrzeug auffand;
ich machte es mir darin so bequem als mglich und war, von dem Ereignis
des heutigen Tages befriedigt, bald in tiefen Schlaf versunken.

Kaum hatte mich die Morgensonne aus meinem Schlummer erweckt, als ich
wohlgemut meine Reise weiter fortsetzte. Nachdem ich einige Meilen
zurckgelegt hatte, wurde mir eine berraschung zu teil, die mich
in die peinlichste und fr die Folge auch schdlichste Aufregung
versetzte: ich sah im Sande die deutliche Spur eines -- *Menschenfues*.

[Illustration: Ein Menschenfu!]

Eigentlich htte ich mich freuen sollen, nach so langer Einsamkeit
einmal die Spur eines menschlichen Wesens zu treffen; mein erster
Gedanke galt jedoch den Wilden, den Menschenfressern, die, wie frher
erwhnt, die benachbarten Gebiete oder Inseln bewohnen sollten. Wie vom
Blitz getroffen, blieb ich beim Anblick des Fuabdrucks stehen; ich
lauschte, ich blickte umher, sah und hrte aber nicht das Geringste.
Ich bestieg in der Nhe einen kleinen Hgel, von welchem aus ich einen
greren Raum berblicken konnte; dann ging ich wieder an das Ufer des
Meeres hinab und durchlief die Kste von einer Seite zur andern, um
zu sehen, ob noch andre Futritte im Sande abgedrckt wren, aber ich
konnte nichts entdecken. Hierauf untersuchte ich die zuerst erblickte
Spur noch einmal, um mich zu vergewissern, ob mich vielleicht meine
Sinne getuscht htten. Allein Zehen, Ferse, Ballen, kurz alle Teile
eines Menschenfues waren nur zu deutlich abgedrckt. Woher mochte
diese Spur kommen?

Es schien fast unmglich, dieses Geheimnis zu entrtseln. Entsetzen
durchfuhr meine Glieder, wenn ich an die kaum mehr zu bezweifelnde Nhe
von Kannibalenhorden dachte, und in uerster Verwirrung schlug ich den
Heimweg ein. Jetzt erschrak ich vor jedem Strauche, vor jedem Baume
und frchtete bei dem Rascheln eines Blattes einen Wilden auf mich
losstrzen zu sehen. In halber Besinnungslosigkeit traf ich endlich
wieder in meiner Burg ein, ohne da ich mich nachtrglich besinnen
konnte, ob ich auf der Leiter oder durch die Felsenthr hereingekommen
war. Kein Fuchs sucht hastiger seinen Bau auf, als ich nach meinem
Zufluchtsorte eilte.

Vor Sorgen vermochte ich die ganze Nacht kein Auge zuzudrcken. Meine
erregte Einbildungskraft erschreckte mich durch die furchtbarsten
Trugbilder, und ich glaubte sogar einen Augenblick, da jene Spur
von dem leibhaftigen Gottseibeiuns herrhre. Konnte denn irgend ein
menschliches Geschpf ohne Fahrzeug meine Insel erreichen? Wo aber war
irgend ein Schiff zu sehen, und wie kam es, da ich nur eine einzige
Fuspur entdeckte, da doch der Boden ringsum ganz dieselbe sandige und
lockere Flche zeigte?

Die Fuspur im Sande kam mir nicht aus dem Sinn. Konnten aber nicht
die Kannibalen von jenem Festlande, welches ich gesehen hatte, durch
irgend welchen Zufall auf meine Insel verschlagen worden sein?
Vielleicht fhlten sie, da sie gerade an dem desten Teile der Insel
landeten, kein sonderliches Behagen, hier Htten zu bauen; sie konnten
dann sehr wahrscheinlich meine Piroge gesehen und hieraus geschlossen
haben, da die Insel von Menschen bewohnt sei. Wie, wenn sie nun in
grerer Anzahl von neuem erschienen, mich gefangen nahmen und nach
ihrer barbarischen Weise schlachteten und verzehrten? Oder, wenn auch
das nicht, so konnten sie doch meine Ziegen wegfhren, meine Felder
zerstren und mich meiner Vorrte berauben.

Solche und hnliche Gedanken marterten meinen Geist drei Tage und drei
Nchte lang, und ich wagte nicht, nur einen Schritt weit von meiner
Felsenburg mich zu entfernen. Indessen gingen meine Vorrte an Wasser,
Milch und Gerstenkuchen vllig zu Ende, und ebenso notwendig, als
diese zu ersetzen waren, mute ich meine Ziegen melken, weil sonst zu
befrchten stand, da ihnen die Milch vergehen mchte. Da half kein
Zaudern mehr, und so schwer es mir auch ankam, wieder landeinwrts zu
gehen, so mute ich mich doch der Notwendigkeit fgen. Nachdem ich
einige Schritte gegangen war, wurde ich etwas beherzter, ja ich fing
an, mich ber meine Zaghaftigkeit selbst auszuschelten. Dann endlich an
Ort und Stelle angekommen, melkte ich meine Ziegen, welche mich schon
lngst erwartet zu haben schienen.

Einige Tage verlebte ich hier, ohne da ich etwas Besonderes bemerkt
htte. Ich streifte wieder mit meiner Flinte umher, besichtigte meine
Pflanzungen und melkte meine Ziegen wie zuvor; aber meine frhere
Ruhe und Unbefangenheit waren dahin. Die Fuspur! die Fuspur! Ich
mute Gewiheit darber haben, ob ich den Abdruck meines eignen oder
eines fremden Fues gesehen habe. Zu meiner Beruhigung entschlo ich
mich endlich, noch einmal an Ort und Stelle eine genaue Besichtigung
vorzunehmen. Als ich aber den Ort des Schreckens erreichte, berzeugte
ich mich zunchst, da ich bei meiner Landung mit dem Boote unmglich
diese Gegend berhrt haben konnte, denn sie lag jedenfalls weit davon
entfernt. Nachdem ich vollends die rtselhafte Spur mit meinem Fue
gemessen hatte, ergab sich's deutlich, da sie viel lnger und breiter
war. Nun stellte es sich fr mich als klar und unumstlich heraus: das
Merkmal rhrte von einem fremden und sicherlich wilden Menschen her.

Bei dieser Entdeckung bemchtigte sich meiner von neuem Angst und
Bangen, eisiger Frost schttelte mich wie einen Fieberkranken;
ich wute nicht, was ich beginnen sollte. Die Furcht gab mir die
unsinnigsten Gedanken ein.

Im ersten Augenblick wollte ich meine Umzunungen niederreien und
all mein Vieh in den Wald hinauslassen, aus Furcht, da es der
unbekannte Feind finden und verlockt werden mchte, fter hierher
zurckzukehren. Dann wollte ich meine Pflanzungen, mein Zelt und
das schtzende Wldchen vernichten, um jede Spur einer menschlichen
Wohnung zu tilgen. Die Verwirrung meiner Gedanken hielt mich die ganze
Nacht munter, und erst gegen Morgen schlief ich bis zum Tode ermattet
ein. Als ich erwachte, dachte ich weniger befangen ber meine Lage
nach. Endlich kam ich zu dem Schlu, da die anmutige und fruchtbare,
nur in miger Entfernung vom Festland gelegene Insel nicht so ganz
verlassen sein knne, als es mir bis jetzt vorgekommen, und da sie
wenigstens mitunter von Wilden, die entweder freiwillig oder gezwungen
mit ihren Kanoes hier landeten, besucht wrde. Zwar hatte ich seit
den *fnfzehn Jahren* meines Aufenthalts auf dieser Insel noch keinen
einzigen Menschen gesehen; doch mochte dies ohne Zweifel daher rhren,
da diejenigen, welche aus irgend einem Grunde hierher kamen, keine
Veranlassung fanden, lnger zu verweilen. Die einzige Gefahr fr mich
war eine zufllige Landung herumstreifender Menschen vom Festlande. Da
es aber wahrscheinlich war, da diese nicht leicht aus eignem Antriebe
die Insel besuchen wrden, so beeilten sie sich auch wohl, dieselbe
schnell zu verlassen, und mochten sich nicht einmal eine Nacht an der
Kste aufhalten, aus Furcht, die gnstige Strmung und die Tageshelle
zur Rckfahrt entbehren zu mssen. Sonach hatte ich also fr den Fall,
da die Anwesenheit von Wilden auer allem Zweifel stand, nichts weiter
zu thun, als mich in meine Festung zurckzuziehen und mich hinter den
Wllen still zu verhalten.

Trotz solcher beruhigenden Erwgungen steigerten Zweifel meine Unruhe
und Angst. Mein Vertrauen auf die allwaltende Gte Gottes war dahin;
Trbsal und Verwirrung umschatteten meinen Geist so sehr, da er sich
nicht aufzurichten vermochte in einem Gebet zu dem, der da spricht:
Rufe mich an in der Not, und ich will dich erretten. Htte ich nur
auf diese Stimme gehrt und den Herrn in meiner Not angerufen, so
wren sicherlich fester Mut und grere Beharrlichkeit in meine Seele
eingezogen; Zaghaftigkeit und Furcht, die alle meine Sinne gefangen
hielten, wrden dann niedergekmpft worden sein.

Jetzt bereute ich es, da ich mir einen Ausgang aus meiner Hhle
gegraben hatte, der nicht durch Verschanzungen gesichert war. Ich
nahm mir daher sogleich vor, in einiger Entfernung von der Mauer eine
zweite Palissadierung im Halbkreise aufzufhren, gerade da, wo ich vor
zwlf Jahren eine doppelte Reihe von Bumen angepflanzt hatte. Diese
standen ohnehin schon dicht genug, da es nicht mehr viel bedurfte,
um die Zwischenrume zwischen ihnen auszufllen, so da nach wenigen
Jahren ein undurchdringliches Gehege emporwuchs. So schtzte mich eine
doppelte Mauer, und die uere lie sich noch durch Bohlen, alte Taue,
Schutt und Erdreich verstrken. Diesen Wall fhrte ich nicht nur ber
den Ausgang, sondern auch ber die Quelle hinaus, um nie Gefahr zu
laufen, da es mir an Wasser mangle.

Nachdem dies alles geschehen war, besteckte ich den ganzen Abhang der
kleinen Wiese vor meinem zweiten Befestigungswerke mit mehr als 2000
Schlingen von jenem weidenhnlichen Holze, lie aber berall zwischen
denselben und meinem Baumwall einen betrchtlichen freien Raum, damit
ich den Feind herankommen sehen, er aber hinter den jungen Bumen kein
Versteck finden konnte. Schon nach drei bis vier Jahren war das Gehlz
um meine Festung so dicht, da es in der That undurchdringlich schien
und kein Mensch hinter diesem Gebsch eine menschliche Wohnung vermuten
konnte. Da ich keinen Weg nach meinem Schlosse offen gelassen hatte, so
gelangte ich ber den ueren Wall nicht anders als mit Hilfe zweier
Leitern.

Die eine lehnte ich gegen einen sehr hohen Teil des Felsens, auf dem
ich die zweite unterbringen konnte. Waren beide Leitern weggenommen,
so konnte kein Mensch zu mir gelangen, ohne sich der grten
Gefahr auszusetzen. In der inneren Verschanzung brachte ich sieben
Schielcher an, nicht grer als ntig, um den Arm durchzustecken;
auerdem verstrkte ich diesen Wall bis auf drei Meter, indem ich
dagegen Erde aufschttete, die ich aus der Hhle schaffte und mit den
Fen feststampfte. In jene sieben ffnungen brachte ich sieben mir
noch brig gebliebene Musketen, richtete Gestelle fr sie auf, auf
denen sie so ruhten, wie Kanonen auf ihren Lafetten, und ich war somit
im stande, alle meine Gewehre binnen einer Minute abzuschieen.

Auf diese Weise hatte ich alle Maregeln ergriffen, welche die
Klugheit eingeben konnte, und ich fand spter, da sie mir von Nutzen
waren. Whrend dieser Arbeit versumte ich jedoch meine brigen
Angelegenheiten nicht; besonders war ich um meine Ziegenherde besorgt.

Verschiedene kleine Rasenpltze, mit hohen, dichten Wldern umzunt,
boten einen geeigneten Park fr meine Herden, und dies erschien mir um
so ratsamer, als ich dann nur wenig mittels Einzunung nachzuhelfen
brauchte. Nach einem Monat hatte ich diese Hecken vollendet und trieb
nun zehn junge Ziegen und zwei Bcke dorthin.

Fr die Sicherheit eines Teiles meiner lebendigen Vorrte war jetzt
gesorgt. Nun durchstreifte ich die Insel, um einen Platz ausfindig zu
machen, der sich zu einem Reservepark umschaffen liee. Bei diesen
Wanderungen drang ich weiter, als dies bisher geschehen war, gegen die
westliche Spitze der Insel vor, und als ich meine Augen auf die See
hinausrichtete, kam es mir vor, als schaukle ein Boot auf den Wellen.

Ich war jetzt an einer Stelle der Insel, die ich bis dahin noch nicht
betreten hatte. Wer aber malt mein Entsetzen, als ich mich hier
umschaute! Jetzt fand ich mit einem Mal Aufklrung ber jene Fuspur,
und zwar in einer Art, die meine vormalige Furcht vllig rechtfertigte.
Ringsum sah ich das Ufer mit Hirnschdeln, Arm- und Fuknochen und
andern menschlichen Krperteilen bedeckt. Besonders fiel mir ein
Kreis in die Augen, den die Kannibalen in die Erde gegraben hatten,
um wahrscheinlich innerhalb desselben bei einem groen Feuer ihre
abscheulichen Festmahlzeiten abzuhalten.

[Illustration: Die Reste der Kannibalenmahlzeit.]

Dieser Anblick erschtterte mich so, da ich im Augenblick an die eigne
Gefahr gar nicht dachte. Mein ganzes Gefhl emprte sich gegen eine
solche Entartung der menschlichen Natur. Dieser Platz war mir fortan
ein Ort des Grauens, und ich eilte, so schnell mich meine Beine trugen,
nach meiner Wohnung zurck. Als ich eine halbe Meile gelaufen, blieb
ich pltzlich stillstehen, um meine Gedanken zu sammeln. Mit thrnenden
Augen blickte ich zum Himmel empor und dankte Gott aus der innersten
Tiefe meines Herzens, da er mich unter Menschen geboren werden lie,
wo solche Abscheulichkeiten nicht vorkommen. Ebenso dankte ich auch der
Vorsehung, da sie mich an derjenigen Seite der Insel stranden lie,
wo jene Kannibalen nur hchst selten, ja vielleicht niemals landeten,
und da trotz meiner fteren Hin- und Herzge in und um das Land
meine Anwesenheit von ihnen noch nicht bemerkt worden war. Beherrscht
von dieser trostreichen Stimmung, setzte ich meinen Gang fort und
kam endlich in meiner Burg wieder an, weit mehr beruhigt ber meine
Sicherheit als zuvor.

Dieses Gefhl der Sicherheit dauerte indes nicht lange; die Unruhe nahm
wieder berhand, und ich verhielt mich fast zwei Jahre lang in meinen
Wohnungen gleichsam wie ein Gefangener, kaum da ich mich zu meinen
drei Pflanzungen, meinem Lusthause und meiner Weide im Walde hinwagte,
welche letztere ich nur besuchte, um Ziegen zu fangen. In bestndiger
Besorgnis, da die Wilden meinen Aufenthalt auswittern mchten, suchte
ich alles zu vermeiden, was ihnen die Spur meines Verweilens verraten
konnte.

Vor allen Dingen unterlie ich es jetzt, ein Feuergewehr abzuschieen,
weil ich befrchtete, von den Wilden gehrt zu werden. Aber ein ander
Ding war es mit dem Rauch, der aus meinem Versteck aufstieg! Wie leicht
konnte er mich den Falkenaugen der Kannibalen verraten! Wenn ich daher
Brot zu backen oder irdene Geschirre zu brennen hatte, so wendete ich
Holzkohlen an. Ich hatte nmlich als Knabe in der Heimat gesehen,
wie man Holz unter Torferde anzndete und durch Glhen in Kohlen
verwandelte. Dieses Verfahren wandte ich jetzt an und vermied dadurch
das Aufsteigen des Rauches.

Auch ging ich whrend dieser Zeit nicht mehr aus, um nach meinem
Kanoe zu sehen; denn unter den jetzigen Umstnden durfte ich nicht
daran denken, das andre Fahrzeug zurckzuholen. Stets unternahm ich
meine Ausflge nur unter dem Schutze von zwei oder drei Pistolen
sowie eines Degens, zu welchem ich mir ein eignes Bandelier gemacht
hatte. Man wird mir wohl glauben, da ich in diesem Aufzuge im stande
war, einigermaen Furcht einzuflen. Auf der Rckseite des bekannten
Hgels fand ich einen Ort, wo ich die Wilden, falls sie landen sollten,
von ihnen unbemerkt beobachten, mich auch durch das dichte Gebsch
heranschleichen, in einem hohlen Baume verbergen und ihrem barbarischen
Treiben zuschauen konnte. Da stellte ich mir denn einige zwanzig
Menschen vor, die unter meinen Kugeln oder Hieben zu Boden strzten;
die umherliegenden Schdel und Gebeine steigerten nur noch meinen
Rachedurst.

Jede meiner Musketen lud ich mit vier bis fnf greren Kugeln, die
Jagdflinte mit grobem Schrot und die Pistolen mit drei bis vier
kleineren Kugeln. Nachdem ich alles zu einem Kriegszuge ausgerstet
hatte, wanderte ich jeden Morgen auf einen Hgel, der ungefhr eine
Meile von meiner Burg entfernt war, um zu beobachten, ob sich nicht ein
Boot auf der See zeige, das nach meiner Insel zusteuere. Drei bis vier
Monate lang hielt ich hier Tag fr Tag Wache und sphte auf das Meer
hinaus, ohne auch nur die geringste Spur eines Fahrzeugs zu entdecken.
-- Nach so vielen fruchtlosen Bemhungen war es natrlich, da sich
mein Eifer abkhlte; eine andre Anschauung der Verhltnisse gewann in
mir die Oberhand.

Wer, so fragte ich mich selbst, hatte mich denn zum Richter ber diese
Menschen gesetzt, die noch gnzlich ihren grausamen Gewohnheiten
ergeben vielleicht der Meinung leben, sie verrichten eine ihrer
Gottheit gefllige Handlung? Ist es doch bei diesen Vlkern
Kriegsbrauch, welchen sie seit alten Zeiten von ihren Vtern ererbt
haben, Gefangene mit sich zu fhren und sie zu tten, und scheint es
ihnen doch ebensowenig strafwrdig, als wenn wir ein unschuldiges Tier
schlachten.

Allerdings geben sich die Wilden einem blutdrstigen Gtzendienste hin,
welcher Menschenopfer fordert; aber ist diese Barbarei zu vergleichen
mit den Greueln, welche die Spanier in Mexiko und in Peru verbt
hatten, wo sie ganze Vlkerschaften vertilgten? Als ich daran dachte,
was mir mein Vater aus jenen grausamen Zeiten erzhlt hatte, wurde
ich milder gegen die unglcklichen Kannibalen gestimmt, und ich fand
es selbst von meiner Seite unmenschlich, sie in feindseliger Absicht
anzugreifen, solange sie mich nur selbst in Ruhe lieen.

Auerdem htte ich wahrscheinlich durch ein allzu rasches Handeln
meinen eignen Untergang herbeigefhrt. Denn gesetzt, es wre eine
Anzahl von 30 Wilden auf mich eingestrmt, war ich denn wirklich so
sicher, sie alle zu tten? Ja, wenn nur ein einziger mir entkam, um
seinen Kriegsgefhrten in der Heimat Kunde zu bringen, so landeten
bald Hunderte, vielleicht Tausende, um den Tod ihrer gefallenen
Freunde zu rchen. Aus alledem zog ich den Schlu, da die Klugheit
und die Menschlichkeit mir in gleicher Weise verbten, mich in die
Angelegenheiten jener halbtierischen Menschen berhaupt zu mischen.

Die Religion vereinigte sich mit der Besonnenheit, um mich zu
berzeugen, da meine grausamen Entwrfe gegen die Wilden, die mir
noch nie etwas zuleide gethan hatten, meinen Pflichten durchaus
zuwiderliefen. Ich hatte jetzt alle Ursache, Gott auf den Knieen dafr
zu danken, da er mich nicht eine That begehen lie, die ich nunmehr
fr einen Menschenmord ansah. Ich flehte zu Gott, mich vor diesen
Barbaren zu bewahren, und gelobte mir, nur dann Hand an sie zu legen,
wenn meine Selbstverteidigung dies erforderte. Bei solchen Gesinnungen
beharrte ich fast ein ganzes Jahr und war so wenig gegen die schlimmen
Nachbarn ungehalten, da ich whrend dieser Zeit nicht einmal den Hgel
bestieg, um zu sehen, ob sich ihre Fahrzeuge in der Ferne zeigten oder
ob sie krzlich auf der Insel gewesen wren.

*Achtzehn* Jahre lebte ich nun schon auf meiner Insel, und noch hatte
ich nicht mehr als einen einzigen Fuabdruck im Sande und die Reste
einer Blutmahlzeit angetroffen. Ich durfte daher wohl annehmen, da
die Besuche der Wilden auf dem Eilande sehr selten stattfanden und
da ich auch in der Folgezeit unentdeckt bleiben wrde. Mein kleines
Boot schaffte ich auf die stliche Spitze der Insel in eine durch
Felsen geschtzte Bucht, wohin die Fremden wegen der widrigen Strmung
nicht gelangen konnten. Inzwischen war mein Vorrat an Kohlen zu
Ende gegangen, und ich mute darauf bedacht sein, denselben wieder
zu erneuern. Deshalb wanderte ich in jenes Felsenthal, wo meine
Ziegenherden untergebracht waren und wo ich in einer Hhle am Fue
eines Berges einen passenden Platz fr meine Kohlenbrennerei gewhlt
hatte. Whrend ich in der Nhe eines Felsens ste abhieb, gewahrte ich
hinter einem dichten Gebsch eine dunkle Hhlung in der Bergwand,
die sich ziemlich tief in den Berg verlief. Schon hatte ich mir durch
das Gestrpp einen Weg gebahnt, um meine Neugierde zu befriedigen, da
funkelten mich gleich flammenden Sternen zwei groe mchtige Augen an.
Hierdurch vollstndig in Verwirrung gesetzt, rang ich lngere Zeit
nach Fassung; endlich fing ich an, mich ber meine Furcht zu schmen.
Als ich wieder vor der Felswand stand, nannte ich mich einen Feigling,
indem ich mir sagte, da ein Mensch, der seit fast 20 Jahren allein
auf einem den Eiland gelebt, doch mehr Besonnenheit haben sollte, um
nicht vor jedem auergewhnlichen Anblick wie ein furchtsames Kind zu
erzittern. Ich fate also frischen Mut, nahm einen Feuerbrand und trat
in die Grotte ein. Kaum hatte ich jedoch drei bis vier Schritte gethan,
als ich erschrocken zurckfuhr, so da auf meiner Stirn Schwei stand.
-- Meine Haare strubten sich empor, denn aus dem Innern der Hhle
klang es wie das Seufzen eines leidenden Menschen, dann folgten ein
Sthnen und tiefes Seufzen.

Ich sammelte alle meine Krfte und ermutigte mich durch den Gedanken,
da Gott allgegenwrtig sei und mich berall beschtzen knne. Noch
einmal trat ich mit dem Feuerbrand in die Hhle zurck, und nun
erst gewahrte ich, da es nichts weiter war, als ein groer, alter
*Ziegenbock*, der hier im Sterben lag. Vergebens bemhte ich mich, ihn
aufzurtteln, er sank immer wieder in seine vorige Lage zurck. Ich
lie ihn also liegen und sah mir die Hhle etwas genauer an. Sie war
ziemlich gro und hoch und offenbar nicht durch Menschenhand, sondern
von der Natur selbst gebildet. Im Hintergrunde entdeckte ich eine
ffnung, die noch tiefer in die Erde ging, indes so niedrig war, da
man nur auf Hnden und Fen hineinkriechen konnte. Fr heute begngte
ich mich aber mit den gemachten Beobachtungen, brannte meine Kohlen,
melkte die Ziegen und kehrte nach meiner Wohnung zurck.

Am andern Tage kam ich mit sechs groen Lichtern an demselben Orte
an. Ich mu hier erwhnen, da ich schon seit mehreren Jahren ganz
leidlich Lichter aus Bocksfett herstellte, zu deren Dochten ich teils
alte Lumpen oder Tauenden, teils die getrockneten Stengel einer
Nesselpflanze verwandte. Der alte Bock hatte sich whrend meiner
Abwesenheit bis an die ffnung der Hhle geschleppt, wo er auch
liegen blieb. Ich schaffte das schwere Tier beiseite und begrub es
sogleich. Dann zndete ich zwei Lichter an und trat in die Hhle. Als
ich an die enge ffnung im Hintergrunde kam, duckte ich mich nieder
und kroch ungefhr drei Meter weit auf den Hnden fort; da erweiterte
sich die ffnung, und meine Augen wurden durch ein prachtvolles
Schauspiel gefesselt. Ich befand mich nmlich in einer herrlichen
Wlbung, an deren Wnden sich der Strahl der Lichter in tausendfachem
Schimmer brach. Waren es Diamanten oder vielleicht Goldkrner, die
sich an die Felsenwnde kristallisiert hatten? Ich konnte es nicht
entscheiden. Der Boden war trocken und eben, mit uerst feinem
Kies bedeckt, und nirgends eine Spur von Feuchtigkeit, schdlichen
Ausdnstungen oder widerwrtigen Tieren. Als einzigen belstand fand
ich die Beschwerlichkeit des Eingangs und die dichte Finsternis.
Dennoch freute ich mich ber meine Entdeckung, da die Grotte eine
sichere Zufluchtssttte zu bieten versprach; ich beschlo also gleich,
diejenigen Gegenstnde, die mir am wertvollsten schienen, ohne Zgern
hierher zu schaffen.

Vor allem brachte ich meinen Vorrat an Pulver samt meinen beiden
Jagdflinten und drei Musketen nach der Grotte. Bei dieser Gelegenheit
ffnete ich auch mein letztes Pulverfchen, das ich aus der See
aufs Trockene gerettet hatte, und bemerkte, da das Meerwasser
ein Stck eingedrungen, das Pulver soweit zu einer harten Schale
zusammengebacken, der Rest aber vollstndig gut erhalten war. Alles das
schaffte ich in die Grotte und behielt fr meinen gewhnlichen Bedarf
nur wenig zurck. Auch das Blei, welches ich noch besa, um daraus
Kugeln zu gieen, barg ich nebst andern wertvollen Dingen an diesem von
der Natur so geschtzten Orte. Ich gewann nun die berzeugung, da,
wenn mich die Kannibalen auf der Insel auszusphen versuchten, sie
mich hier kaum finden wrden; jedenfalls glaubte ich nun vor Angriffen
sicher zu sein. Ich kam mir jetzt vor wie einer der Riesen aus der
Vorzeit, welche in Hhlen und Felsenklften lebten, in denen sie
unnahbare Zufluchtssttten fanden.




[Illustration: Robinson bringt seinen neuen Freund ins Trockene.]

Zehntes Kapitel.

Stillleben mit Unterbrechungen.


  Robinsons Menagerie. -- Viehzucht und Bierbrauerei. -- Neuer Besuch
  von Wilden. -- Das Wrack. -- Ein neuer Freund. -- Reisetrume.

Dreiundzwanzig Jahre lebte ich nun auf meinem Eilande, und ich hatte
mich whrend dieser Zeit mit meinem Schicksal ausgeshnt. Nur selten
berkam mich ab und zu die Furcht, durch die berflle der Wilden
beunruhigt zu werden. In meinem Hauswesen hatte ich mir alle mglichen
Bequemlichkeiten verschafft, ja selbst an Vergngungen fehlte es nicht.
Zwar war mir schon nach dem 16. Jahre meiner Einsiedelei in meinem
Phylax ein treuer Gefhrte gestorben, doch ersetzten zwei oder drei
Lieblingskatzen diesen Verlust. Auerdem sprangen noch einige zahme
Ziegen und ein Bckchen um mich her, die mir berall folgten und ihr
Futter aus meiner Hand nahmen. Den grten Zeitvertreib gewhrte
mir mein alter Freund *Poll*, der im Laufe der Zeit so vielerlei und
deutlich sprechen lernte, da er mich fast die Sehnsucht nach dem
Umgang mit Menschen vergessen lie; ich besa nebenbei aber auch noch
zwei andre Papageien, aus deren Schnabel ebenfalls lustig ein lautes
Robin, Robin! Crusoe, Crusoe! ertnte. berdies hatte ich sogar
mehrere Land- und Seevgel zahm gemacht, ihnen die Flgel gestutzt und
in dem Zaungehege meines Schlosses ihren Nisteplatz angewiesen, wo sie
sich bald vermehrten und durch ihr reges Treiben Leben um meine Burg
verbreiteten.

Neue Plne beschftigten fortan meinen Geist, um die selbstgeschaffene
Behaglichkeit zu vermehren. So geriet ich unter anderm auf den Einfall,
mir den Lebensgenu durch die Beschaffung des edlen Gerstensaftes zu
erhhen. Wochen und Monate brachte ich mit zahllosen Versuchen zu, ohne
ein Ergebnis zu erzielen. Indessen glaubte ich doch, da ich bei meiner
Beharrlichkeit noch einen trinkbaren Gerstensaft zusammengebraut haben
wrde, wenn nicht die bestndige Sorge vor den Wilden mich zu andern
Beschftigungen angetrieben htte.

So nahte der Dezember des 23. Jahres heran, und die Aussicht auf eine
gedeihliche Ernte hatte mich hufiger als je auf meine Felder und
Pflanzungen gelockt; da wurde ich von neuem in eine nicht geringe
Aufregung versetzt. Als ich nmlich, noch in der Morgendmmerung,
ausrckte, sah ich zu meinem groen Erstaunen den Widerschein eines
Feuers am Ufer, aber nicht etwa in der meiner Wohnung entgegengesetzten
Seite, sondern gerade vor meinem Bezirk, und zwar hchstens eine halbe
Stunde entfernt. In groer Bestrzung zog ich zuerst mich in ein
Wldchen zurck, das ich nicht zu verlassen wagte. Dann aber lief ich
geradeswegs nach meiner Burg zurck, zog die Leiter an mich heran und
traf Anstalten zu meiner Verteidigung.

Fest entschlossen, mich bis auf den letzten Blutstropfen zu
verteidigen, lud ich alle meine Kanonen, wie ich die auf den Lafetten
liegenden Musketen nannte, sodann auch meine Pistolen mit Kugeln und
Eisenstcken. Darber verga ich aber nicht, mich dem Schutze Gottes
zu empfehlen und ihn zu bitten, er mge mich vor den gefhrlichen
Unholden bewahren.

In dieser Lage verharrte ich fast zwei Stunden; endlich konnte ich die
peinliche Ungewiheit nicht lnger ertragen. So lehnte ich wieder meine
Leiter an, stieg auf den neben meinem Schlo befindlichen Felsen und
sphte nun mit dem Fernglase nach der Richtung hin, wo ich das Feuer
bemerkt hatte. Hier sah ich gegen zehn ganz unbekleidete Wilde um
einen Herd herum kauern, auf dem sie ein loderndes Feuer unterhielten,
um eine ihrer entsetzlichen Menschenmahlzeiten abzuhalten. Pltzlich
erhoben sie sich und fhrten unter allerlei Gebrden einen Tanz auf.
Die Kannibalen hatten zwei Kanoes am Ufer befestigt, und da gerade die
Zeit der Ebbe war, so schien es, als ob sie die Zeit der Flut abwarten
wollten, um wieder von der Insel abzufahren. Es ist schwer, sich einen
Begriff von der Verwirrung zu machen, welche dieser Anblick in mir
hervorrief; aber ich hatte richtig geurteilt, denn als die Flut zu
steigen begann und nach Westen strmte, sah ich, wie sich die Wilden
smtlich wiedereinschifften und fortruderten. Die Beobachtung, da die
Fremden nicht anders als mit der Ebbe ankommen knnten, gab mir eine
groe Beruhigung. Solange die Flutzeit dauerte, konnte ich also mit
aller Sicherheit umherstreifen.

Nunmehr nahm ich meine beiden Gewehre auf die Schultern, steckte ein
paar Pistolen zu mir, hngte ein groes Jagdmesser um und begab mich
eilends nach der Stelle, wo die Fremden ihr blutiges Fest gehalten
hatten. Da sah ich denn grliche Spuren ihrer Grausamkeit: Blut,
Knochen und einige Stcke Fleisch von den menschlichen Opfern. Dann
begab ich mich auf jenen Hgel, wo ich das erste Mal hnliche berreste
gefunden hatte, und bemerkte von hier aus, da noch drei andre Kanoes
mit Wilden dagewesen waren, welche sich gleichfalls an Menschenfleisch
gesttigt hatten. Ein Blick auf das Meer zeigte mir, wie sie ihrer
Heimat zufuhren. Von neuem flammte mein Zorn auf, und ich beschlo.
den ersten, der sich mir auf Schuweite nahen wrde, durch eine Kugel
niederzustrecken. Wieder gab ich mich zornigen Gefhlen gegen die
Barbaren hin und sann auf Mittel, wie ich sie am vorteilhaftesten
berraschen knnte, wenn sie sich, wie bei dem vorhergegangenen
Besuche, in zwei Haufen trennten.

Inzwischen vergingen Jahr und Tag, ohne da sich der Besuch der Wilden
wiederholt htte; wenigstens konnte ich keine Spur davon entdecken.
Zudem durfte ich auch sicher sein, da sie in der Regenzeit sich
nicht auf die hohe See hinauswagten. Dennoch befand ich mich whrend
dieser ganzen Zeit in groer Unruhe. Bange Trume von Verfolgung und
Blutvergieen marterten mein Hirn, so da ich selbst im Wachen zwischen
Bengstigung und Rachedurst schwebte.

Es war am 16. Mai des 24. Jahres meiner Herrschaft als Inselknig,
als ein heftiger Sturm, begleitet von fast ununterbrochenen Blitzen
und Donnerschlgen, einen ganzen Tag sowie den grten Teil der
Nacht hindurch tobte. Ernste Gedanken ber meine gegenwrtige Lage
beschftigten mich. Eben hatte ich gegen Abend meine Trsterin, die
Bibel, zur Hand genommen, um aus diesem ewig quellenden Born neue
Zuversicht zu schpfen, da schreckte mich pltzlich ein *dumpfer
Knall*, wie von einer Kanone, aus meiner Andacht auf.

Eine Bestrzung ganz eigner Art rief die verschiedensten Gefhle in
meiner Seele wach. Eiligst kletterte ich ber die Fenz und stieg auf
meine Warte hinauf. Gerade in dem Augenblicke, als ich den Gipfel
erreichte und nach der tobenden See schaute, verkndigte von dort her
ein Blitz einen zweiten Schu, dessen Knall auch nach mehreren Sekunden
mein Ohr erreichte. Er kam von jener stlichen Strmung her, in die
ich frher selbst einmal mit meinem Kanoe geraten war. Ich vermutete
sofort, da der dumpfe Knall von einem in Not geratenen Schiffe
herrhre, welches einem andern in seiner Nhe dahinsegelnden durch
Signale von seiner gefhrlichen Lage Kenntnis geben wollte. Wiewohl
ich den in Not Geratenen doch keine Hilfe zu bringen vermochte, so
konnten sie vielleicht mir helfen. Ich trug daher so viel trockenes
Holz, als sich in der Eile zusammenraffen lie, auf der Warte zusammen,
schichtete es in einen hohen Haufen und zndete es an, obgleich der
Wind heftig wehte. Bald schlug die Lohe hoch empor, und sicherlich
wurde sie von den auf dem brandenden Meere Befindlichen gesehen, denn
das Fahrzeug feuerte kurz hintereinander mehrere Kanonenschsse ab.
Whrend der ganzen Nacht blieb ich auf meinem Posten und unterhielt den
Brand durch immer neu hinzugetragenen Zndstoff; von Zeit zu Zeit drang
der dumpfe, unheimliche Knall der Notsignale durch Sturm und Nacht an
mein Ohr, bis endlich alles verstummte.

Der Morgen brach hell und freundlich an; der Sturm hatte ausgerast.
Ich lugte mit meinem Fernrohr gegen Ost und gewahrte in ziemlicher
Entfernung von der Insel einen nur undeutlich erkennbaren Gegenstand;
aber nach meiner berzeugung mute es ein Schiff oder Wrack sein.
Da ich nun auch den Tag ber, wie man sich leicht denken kann, mit
gespanntester Aufmerksamkeit nach diesem Punkt hinsah, derselbe aber
sich nicht von der Stelle rhrte, so schlo ich daraus, da ich wohl
ein gestrandetes Schiff vor mir habe. Um hierber klar zu werden, nahm
ich mein Gewehr samt Pistolen und eilte nach dem sdlichen Teile der
Kste und der Felsen, gegen welche mich einst die Strmung getragen
hatte. Dort angekommen, sah ich deutlich bei vollkommen klarem Himmel
Bug und Masten eines dem Untergang verfallenen Schiffes, genau an
derselben Stelle, an welcher einst auch unser Fahrzeug ein gleiches
Schicksal ereilte. Dieselben Riffe waren es, welche durch die bewirkte
Gegenstrmung meine Rettung aus der verzweifeltsten Lage bei Umsegelung
der Insel herbeifhrten.

So wird das, was dem einen Rettung bringen kann, oft Ursache zum
Verderben des andern.

Das gestrandete Schiff brachte mich auf allerhand Betrachtungen.
Besonders fiel mir auf, da von der ganzen Mannschaft auch nicht ein
einziger zu sehen war. Ich dachte, da die Leute bei nchtlicher
Dunkelheit die Kste der Insel nicht bemerkt hatten, sonst mchten
sie sich gewi beeilt haben, mit ihrem Ruderboote anzulegen. Dem
widersprach jedoch das Signalisieren mit den Kanonen, denn ohne Zweifel
hatten sie mein Feuer auf der Bergesspitze wahrgenommen und muten
demnach Land in der Nhe vermuten. Mglich war es auch, da sie in ihre
Schaluppe gestiegen, aber von dem Strome, der mich vormals in Gefahr
gebracht hatte, gepackt und weit hinaus in die hohe See geworfen worden
waren, wo sie sicherlich dem Verderben verfielen. Kaum vermag ich die
Worte zu finden, um das Gefhl auszudrcken, welches sich meiner beim
Anblick der Schiffstrmmer bemchtigte. Ach! rief ich aus, wenn
sich doch nur einer oder zwei von den Verunglckten gerettet htten,
Gefhrten, mit denen ich umgehen, Wesen meiner Art, an die ich ein Wort
richten knnte! Whrend meines langen Aufenthaltes auf der Insel trat
meine Sehnsucht nach Umgang mit den Menschen nie so heftig zu Tage,
berwltigte mich der Schmerz ber meine Vereinsamung nie so bitterlich.

Pltzlich stieg in mir der Gedanke auf: Wie? wenn ich eine Bootfahrt
nach dem Wrack wagte? Vielleicht konnte ja noch ein Menschenleben zu
retten sein, und selbst im Falle, da ich mit meiner Hilfe zu spt
kme, konnte ich doch sicherlich hunderterlei ntzliche Dinge auf dem
Schiffe erlangen. Die Begierde, nach dem Wrack zu segeln, ward so
heftig, da ich es fr eine Eingebung, einen Befehl des Himmels hielt
und nicht lnger anstand, an die Ausfhrung des Unternehmens zu gehen.

Ich eilte nach meiner Burg, nahm einen tchtigen Vorrat Brot, einen
Topf mit Trinkwasser, eine Flasche Rum, einen Korb Rosinen sowie
einen Kompa mit. So beladen schritt ich zu meinem Kahne, schpfte
das Wasser, welches sich darin angesammelt hatte, aus und machte ihn
flott. Hierauf legte ich alles ordnungsmig hinein und kehrte nach
Hause zurck, um eine zweite Ladung herbeizuschaffen. Diesmal nahm ich
einen groen Sack voll Reis mit, einen zweiten Topf frischen Wassers,
etwa zwei Dutzend Brote und Kuchen, eine Flasche Ziegenmilch und einen
Kse samt meinem unentbehrlichen Sonnenschirm. Im Schweie meines
Angesichts brachte ich dieses Rstzeug ins Boot und, indem ich Gott
um Schutz anflehte, stie ich vom Strande ab. Ich steuerte lngs der
Kste hin, bis ich die Spitze der Sandbank am nordstlichen Ende der
Insel vor mir sah. Nun galt es, von hier aus mich auf die offene See zu
wagen. Ein Blick auf die reiende Strmung, die auf beiden Ksten der
Insel sich in gewisser Entfernung bemerkbar machte, erinnerte mich an
die Gefahren, die ich vor Jahren hier bestanden hatte. Der Gedanke,
ich knne durch eine dieser Strmungen auch heute mit fortgerissen
werden und die Kste gnzlich aus dem Gesicht verlieren, entmutigte
mich dermaen, da ich, unschlssig geworden, an das Land sprang und
mein Boot in einer kleinen Bucht befestigte. Ich setzte mich auf einen
kleinen Hgel nieder, und zwischen Furcht und Verlangen ging ich mit
mir zu Rate, was das Zweckmigste sei.

Whrend dieser Betrachtungen bemerkte ich das Eintreten der Flut, ein
Umstand, der meine Reise um einige Stunden verzgern mute. Hierauf
dachte ich, ob es nicht mglich sei, da eine der Strmungen mich mit
derselben Schnelligkeit dem Ufer zufhre, mit welcher mich die andre
von demselben entfernt hatte. Ich stieg auf einen Hgel, von wo aus
ich das Meer nach beiden Seiten genau beobachten konnte. Hier fand ich
denn, da die Strmung der Flut in der Nhe des Landes nach Norden
ging, und da ich, um meiner Rckkehr sicher zu sein, nichts weiter zu
thun hatte, als mich einfach nach dieser Seite zu halten. Nun gewann
ich meinen frheren Mut wieder, ging den Berg hinunter, bestieg von
neuem mein Boot und lavierte anfnglich zwischen dem nrdlichen Strome
und der Sandbank hin und her. Dann steuerte ich nach Nordnordwest, um
die Strmung zu erreichen, lie mich von dieser nach Nordost treiben
und kam nach etwa zwei Stunden glcklich bei dem Wrack an.

Das Schiff, seiner Bauart nach ein *spanisches*, bot einen
bejammernswerten Anblick dar: ich fand es am Felsen eingeklemmt. Das
Vorderteil und ein Teil des Decks waren durch die Wucht der Wogen
zertrmmert, der Haupt- und der Fockmast an ihrem Fue abgebrochen; der
Bugspriet dagegen schien wohlerhalten geblieben zu sein.

Als ich an das Schiff herankam, zeigte sich auf dem Deck ein *Hund*,
der bei meinem Anblick laut zu bellen und zu heulen anfing. Ich rief
ihn; sogleich sprang er ins Wasser und schwamm meiner Barke zu, in
welche ich ihm hineinhalf; das arme Tier war halb verschmachtet vor
Hunger und Durst! Ich gab dem Tiere zu saufen und ftterte es mit Brot,
welches der Hund mit der Gier eines Wolfes verschlang, der 14 Tage lang
im Schnee gehungert hat.

Hierauf stieg ich an Bord. Das erste, worauf meine Blicke fielen,
waren zwei in der Vorderkajtte ertrunkene Menschen, die einander im
Tode noch fest umschlungen hielten. Sonst lie sich nichts von Tier
oder Mensch mehr auf dem Schiffe bemerken. Der grte Teil der Fracht
schien durch das Seewasser stark gelitten zu haben. Im Mittelraume sah
ich, als die Ebbe eintrat, einige Tonnen mit Wein oder Branntwein;
allein sie waren zu gro, als da ich sie htte von den Stelle bewegen
knnen; ebenso fand ich einige Koffer, die wahrscheinlich den Matrosen
gehrten. Daher brachte ich sie in mein Boot, ohne ihren Inhalt erst zu
durchsuchen.

Wre das Vorderteil des Fahrzeugs nicht zertrmmert gewesen, so htte
sich gewi reiche Beute machen lassen; aller Wahrscheinlichkeit nach
kam das Schiff von Buenos Ayres oder vom Rio de la Plata, sdlich von
Brasilien, und befand sich auf dem Wege nach Havana.

In der Nhe der Koffer fand ich auch ein kleines Fchen mit Likr,
ungefhr 20 Liter enthaltend; in der Kajtte lagen mehrere Gewehre und
ein groes Pulverhorn. Da ich jedoch hinreichend Schiewaffen besa, so
lie ich jene liegen und nahm nur das Horn mit, in welchem sich etwa
vier Pfund Pulver befanden. Was mir aber am ntzlichsten werden konnte,
das waren eine Feuerschaufel, eine Zange, zwei kleine kupferne Kessel,
eine kupferne Schokoladenkanne und ein Rost. Mit dieser Ladung und von
dem Hunde begleitet, trat ich die Heimkehr an, und von der wachsenden
Flut begnstigt, erreichte ich eine Stunde nach Sonnenuntergang das
Ufer meiner Insel.

Ich fhlte mich von den Anstrengungen des Tages so ermattet, da ich
nicht mehr nach meiner Burg zurckkehren mochte, vielmehr legte ich
mich, nachdem ich Speise und Trank zu mir genommen, in meiner Barke
schlafen, vor einem pltzlichen berfall sicher, da ich ja einen
Wchter in dem Hunde zur Seite hatte.

Neu gestrkt erwachte ich am folgenden Morgen. Nach eingenommenem
Imbi, den ich mit meinem neuen Freunde gewissenhaft teilte, schaffte
ich meine Fracht ans Ufer und durchsuchte jedes Stck. Der Branntwein
in dem Fchen erwies sich als eine Art Rum, und in den Koffern
entdeckte ich mancherlei, was mir sehr willkommen war, z. B. ein
Flaschenfutter von sehr schner Arbeit, in welchem sich mehrere,
drei Liter haltige, mit silbernen Stpseln versehene Flaschen feiner
Branntweine befanden; sodann zwei Tpfe mit eingemachten Frchten,
die so fest verschlossen waren, da das Seewasser nicht einzudringen
vermocht hatte; ferner etliche gute Hemden, anderthalb Dutzend
weileinene Taschentcher und mehrere farbige Halstcher. Auf dem
Boden des Koffers fand ich zuguterletzt noch drei groe Beutel mit
Silbermnzen, im ganzen 1100 Stck; in dem einen waren 6 Dublonen in
Gold und etliche kleine Goldbarren. Gern htte ich das ganze Gold, das
ich nicht viel hher als Kieselsteine schtzte, fr drei oder vier Paar
englische Schuhe und Strmpfe dahingegeben, die ich seit so vielen
Jahren schmerzlich entbehren mute. In dem andern Koffer befanden sich
Kleidungsstcke sowie ein kleiner Pulvervorrat, dessen auerordentliche
Feinheit darauf hinwies, da er nur zur Vogeljagd bestimmt sein
konnte. Der Koffer, welchen ich zuletzt ffnete, enthielt noch eine
Geldsumme in Realen, aber was mir am meisten Freude bereitet, war der
Fund von Papier, Federn, Schreibzeug, Federmessern und einer groen
Flasche voll Tinte.

Alsbald brachte ich den ganzen Fund unter Dach und Fach nach meiner
Grotte, das Boot aber wieder an seinen alten Ort; ich selbst kehrte
darin nach der Burg zurck, wo ich alles in derselben Ordnung vorfand,
wie ich es krzlich verlassen.

Zwar entstand ein nicht geringer Aufruhr unter den Ziegen und Katzen,
als sie meinen vierbeinigen Gefhrten erblickten, der sie laut bellend
anfuhr; doch ich schlichtete bald den Streit der Parteien, und
smtliche tierische Genossen lebten dann in ungestrtem Burgfrieden
eintrchtig bei einander.

[Illustration: Traurige berraschung]

Als ich nach ein paar Tagen wiederum an das Ufer in die Nhe des
Schiffbruchs kam, bemerkte ich zu meinem groen Schmerze den Leichnam
eines Schiffsjungen, den die Wogen ans Land gesplt hatten. Er trug
nur eine Matrosenjacke, an den Knieen zerrissene Beinkleider, sowie
ein Hemd von dunkelblauer Leinwand. Nichts verriet, welcher Nation
er angehrte. In seinen Taschen fand ich zwei kleine Mnzen und eine
Pfeife, ber welche letztere ich hoch erfreut war, und die in meinen
Augen hundertmal mehr Wert hatte als Gold und Silber! Von der ganzen
verunglckten Schiffsmannschaft, soviel ich auch umhersphte, entdeckte
ich nicht das Geringste.

Nach den eben beschriebenen Ereignissen trat in meinem Leben wieder die
frhere Eintnigkeit ein, nur da ich bei allen Verrichtungen, die ich
vornahm, behutsamer zu Werke ging und wachsamer auf alles acht gab,
was sich auerhalb meiner Burg etwa ereignete. Wenn ich mein Landhaus
besuchte, so wagte ich nicht, mich dahin zu begeben, ohne mich bis an
die Zhne zu bewaffnen. Traf es sich aber, da mich der Weg nach dem
stlichen Teile der Insel fhrte, so konnte ich schon mit grerer
Sicherheit, wenn auch immer nicht unbewaffnet, meine Reserveparks
besichtigen. Manchmal wandelte mich in dieser Zeit die Lust an,
eine zweite Reise nach dem gestrandeten Fahrzeuge zu unternehmen;
allein mein Verstand sagte mir, da es nichts enthielte, was die
Beschwerlichkeiten und Gefahren vergten knnte.

Die fehlgeschlagene Hoffnung, bei meinem Besuche auf dem Wrack
Menschen, Gefhrten in meiner Einde zu finden, lie noch ganz andre
Plne in mir emportauchen, die fast ans Ungeheuerliche grenzten. Mich
packte wieder die alte Wanderlust, meine Ursnde, wie ich sie nannte,
und ich wollte wenigstens einmal den beiden meiner Insel zunchst
gelegenen Eilanden mit meinem Boote einen Besuch abstatten. Von da aus
konnte ich dann auch einen Abstecher nach dem Festlande von Amerika
unternehmen. Auch jetzt fiel mir wieder die Barke ein, auf der ich
einst mit dem Maurenknaben Xury aus Saleh entflohen war; htte ich sie
in den Augenblicken meiner Reiseleidenschaft zur Verfgung gehabt, ich
wrde mich wahrscheinlich wieder auf gut Glck dem trgerischen Element
anvertraut haben, um zu irgend einer Ansiedelung von Menschen zu
gelangen. Gern htte ich auch wissen mgen, welchen Teil des Erdballs
jene Fremdlinge bewohnten, die mich fr immer aus meiner sorglosen Ruhe
aufgeschreckt hatten, wie weit ihr Land von meiner Insel entfernt sei,
und ich fragte mich selbst, warum ich nicht ebenso gut an *ihrer* Kste
landen knnte, als sie an der meinigen.

Es war in der Regenzeit, im Mrz des 24. Jahres meiner Anwesenheit auf
der Insel, als ich eine ganze Nacht schlaflos in meiner Hngematte
zubrachte, obgleich ich mich krperlich gerade nicht unwohl fhlte.
Es ging nochmals die ganze Geschichte meines vergangenen Lebens wie
in einem Zauberbilde an meinem geistigen Auge vorber. Freudige
Betrachtungen wechselten mit traurigen in rascher Folge. Ich rief
mir die verschiedenen Zeitabschnitte meines einsamen Aufenthalts
zurck und verglich die frhere ruhige Lage mit der bengstigenden
Existenz, die ich seit dem Augenblicke fhrte, als ich in dem Sande
die verhngnisvolle Spur eines Fues fand. Ich zweifelte durchaus
nicht, da die Wilden schon vorher meiner Insel wiederholte Besuche
abgestattet hatten; aber da mir dieselben unbekannt blieben, so hatte
ich sorglos dahingelebt. Wie gtig nimmt sich doch immer unser
Herrgott unser an, indem er unser Urteil und unsre Voraussicht in so
enge Grenzen schliet. Ruhig und unbeirrt wandeln wir zwischen Gefahren
hindurch, deren Anblick uns allen Genu an der Gegenwart rauben wrde.
Wie oft wanderte ich vormals im Gefhle der grten Sicherheit in
meinem Knigreich einher! Vielleicht hatte ich es nur einem Baum, einem
Hgel, dem Einbruch der Nacht zu verdanken, wenn ich nicht in die Hnde
der Kannibalen gefallen war.

Tief gerhrt dankte ich dem Allmchtigen fr die Bewahrung vor so
vielen augenflligen und unbekannten Gefahren.

Alle diese Gedanken setzten mein Blut stark in Wallung, und mein Puls
hmmerte heftig wie im Fieber. Erst gegen Morgen sank ich vor Ermattung
in einen tiefen Schlaf. Da unternahm ich im Traume meinen gewhnlichen
Morgenspaziergang an die Kste auf der Ostseite der Insel und sah zwei
Kanoes, aus denen elf Wilde stiegen samt etlichen Gefangenen, die sie
verzehren wollten. Pltzlich sprang eines der Schlachtopfer davon und
suchte eine Zufluchtssttte in dem Buschwerk, das meine Burg umgab. Ich
ging ihm entgegen und forderte ihn auf, nher zu mir zu kommen. Der
arme Gefangene strzte vor mir auf die Kniee nieder, um meinen Beistand
gegen seine Peiniger anzuflehen. Darauf kam es mir vor, als zeigte ich
ihm meine Leiter, hlfe ihm ber die Mauer und fhrte ihn in meine
Wohnung, wo er mein Diener wurde. Mit diesem neuen Gefhrten, sagte
ich mir selbst, werde ich endlich meinen sehnlichsten Wunsch erfllen
knnen. Nichts hindert mich jetzt, auf den Ozean hinauszusteuern; denn
er wird mir als Pilot oder Lotse dienen und mir sagen, was ich thun
oder unterlassen soll.

Ich hatte so lebendig getrumt, und alle Einzelheiten des im Schlafe
Geschauten waren so eindrucksvoll an mir vorbergeschwebt, da ich mich
nach dem Erwachen noch lngere Zeit der Tuschung berlie, ich knnte
das in Wirklichkeit erlebt haben, was mich so auerordentlich ergriff
-- und ich jauchzte vor Freuden laut auf.

Indes Trume -- sind Schume, sagte das Sprichwort, ich rieb mir die
Schlaftrunkenheit aus den Augen, und als ich aus meiner Umgebung die
Gewiheit gewann, da meine Rettungsplne nichts als Hirngespinste
waren, bemchtigte sich meiner eine groe Niedergeschlagenheit.

Dieser Vorfall brachte mich auf den Gedanken, womglich einen Wilden,
den die Kannibalen nach meiner Insel fhrten, um ihn abzuschlachten,
aus ihren mrderischen Hnden zu befreien; auf keine andre Art schien
mir eine Rettung fr meine eigne Person denkbar zu sein. Aber ein
solches mit den grten Schwierigkeiten und Gefahren verknpftes
Unternehmen -- wie leicht konnte es fehlschlagen! Auf der andern Seite
kamen mir wieder Zweifel gegen die Angemessenheit meiner Plne bei,
ich scheute vor dem Gedanken an Blutvergieen zurck. Kurz, Grnde und
Gegengrnde stritten lebhaft in mir; endlich siegte der Drang nach
Befreiung, und ich beschlo, auf eine Gelegenheit zu achten, um einen
Wilden in meine Hnde zu bekommen. Nun kam es darauf an, wie zu meinem
Ziele zu gelangen sei?

Das nchste Thunliche bestand darin, auf die Kannibalen zu lauern,
wenn sie an dieser Kste landeten, und das brige meinem Glcke
anheimzustellen. Ich ging von nun an tglich auf Kundschaft aus,
besonders nach dem westlichen und sdwestlichen Teile meines Eilandes;
aber wie sehr ich auch ringsumher sphte, nirgends wollte sich ein mit
wilden Eingeborenen besetztes Boot zeigen. So verlief eine geraume
Zeit. Indessen weit davon entfernt, mich unmnnlicher Entmutigung
hinzugeben, fachte ich meinen Zorn gegen die Kannibalen zur hellen
Flamme an, so da sich tglich in mir immer mehr die Begierde regte,
im Kampfe mit meinen Feinden mich zu messen, und es verging kaum eine
Nacht, in welcher ich mich im Traume nicht im Streite mit meinen
grimmen Feinden befunden htte.




[Illustration: Robinson auf seiner Warte.]

Elftes Kapitel.

Zusammensto mit den Kannibalen.


  Landung der Wilden. -- Die beiden Schlachtopfer. -- Der Flchtling
  und sein Beschtzer. -- Reste des Kannibalenschmauses. -- Freitags
  Dankbarkeit. -- Seine Ausstattung. -- Erste Sprechstudien. -- Freitag
  als Koch und Bckerlehrling. -- Nachrichten ber die Nachbarlnder.
  -- Die Kariben und ihre religisen Anschauungen.

Auf die beschriebene Weise mochten weitere anderthalb Jahre
verstrichen sein, als ich eines Morgens noch in der Dmmerzeit fnf
Kanoes bemerkte, welche dicht nebeneinander und in der Richtung nach
meiner Wohnung an der Kste gelandet waren. Eine solche Zahl machte
mich stutzig, ich wute, da sich gewhnlich fnf bis sechs Mann in
einem Boote befanden, und es erschien mir deshalb ein verzweifeltes
Wagestck, allein vielleicht ihrer dreiig angreifen zu sollen. Mit
Besorgnissen erfllt, zog ich mich daher hinter meine Festungswlle
zurck. Hier traf ich die ntigen Anstalten, jedem feindlichen Besuch
gebhrend zu begegnen.

Nachdem ich geraume Zeit vergeblich auf die Ankunft der Gste gewartet,
wollte ich um jeden Preis wissen, was in meinem Inselknigreich
vorgehe. Mein Gewehr legte ich am Fue der Leiter nieder; gleich
nachher war ich selbst mit zwei Stzen auf dem Gipfel des Hgels.
Hier gewahrte ich durch mein Fernglas gegen 30 Wilde, die unter den
seltsamsten Gebrden um ein Feuer tanzten. Darauf sah ich, wie man zwei
Unglckliche aus den Kanoes herbeischleppte, um sie zu schlachten. Der
eine von ihnen strzte sogleich zu Boden, wahrscheinlich durch eine
Keule gettet; in wilder Hast fielen zwei oder drei von den Kannibalen
ber ihn her und schnitten ihn in Stcke, whrend das andre Opfer ein
gleiches Schicksal erwartete. Pltzlich erwachte in dem Unglcklichen
die Lust zum Leben; er ergriff die Flucht und rannte mit unglaublicher
Schnelligkeit am Ufer hin, gerade auf meine Burg zu. Ich war auf den
Tod erschrocken, als ich ihn diese Richtung einschlagen sah, zumal
ein Trupp ihm alsbald nachsetzte. Ich rhrte mich nicht und schpfte
erst dann frischen Mut, als ich bemerkte, da nur noch drei Mnner dem
Flchtling folgten, der unterdessen einen betrchtlichen Vorsprung
gewonnen hatte.

Zwischen ihnen und meiner Festung lag die Bai, deren ich fter schon
erwhnt habe. Wollte der Flchtling seinen Verfolgern entrinnen, so
mute er diesen Meeresarm durchschwimmen. In der That warf er sich ohne
Zaudern in die Flut und gewann das andre Ufer. Er erkletterte behende
das Gestade und setzte seine Flucht mit gutem Erfolge fort. Als die
drei Verfolger an das Wasser kamen, kehrte einer bedchtlich um und
begab sich zu seinen schmausenden Gefhrten zurck; die beiden andern
dagegen schwammen dem Flchtling nach, brauchten aber noch einmal so
viel Zeit dazu.

Jetzt schien der Augenblick gekommen, wo mein Traum sich erfllen
konnte. Ich hielt mich von der Vorsehung geradezu fr berufen, dem
Verfolgten zu Hilfe zu kommen. Rasch stieg ich von meiner Warte herab,
nahm die beiden Gewehre, die ich am Fue der Leiter gelassen, und eilte
dem Meere zu, indem ich einen krzeren Weg einschlug. Bald befand ich
mich denn auch zwischen dem Entflohenen und den Verfolgern. Jenen
rief ich laut an, allein der Arme erschrak fast noch mehr ber mich,
als er sich vor seinen Feinden frchtete. Ich machte ihm deshalb mit
der Hand ein Zeichen, zu mir zu kommen, und wandte mich sodann gegen
die Verfolger, strzte mich auf den Vordersten und schmetterte ihn
mit einem Kolbenschlage zu Boden. Der Gefhrte des Erschlagenen blieb
entsetzt stehen; als ich mich aber ihm nahte, griff er nach Bogen und
Pfeil, um auf mich zu schieen. Ich kam ihm indes flugs zuvor und
streckte ihn durch einen Flintenschu nieder.

Knall, Feuer und Rauch machten den armen geretteten Schwarzen so
bestrzt, da er wie angewurzelt stehen blieb. Unschlssig, was zu
thun sei, schien er mehr geneigt, weiter zu fliehen, als sich mir zu
nhern. Wiederholt winkte ich ihm mit der Hand, zu mir heranzukommen.
Er mochte meine Zeichensprache verstehen, that auch einige Schritte
vorwrts, hierauf stand er wieder etwas still, kam dann etwas nher,
hielt hernach aber von neuem inne. Ich fuhr jedoch fort, ihm zuzuwinken
und ihm durch freundliche Gebrden seine Todesangst zu benehmen.
Dies bewog ihn, sich allmhlich zu nhern, aber wiederholt kniete er
nieder, um mir seine Unterwrfigkeit auszudrcken. Endlich kam er zu
mir heran, legte sich nieder, kte die Erde, ergriff meinen rechten
Fu und setzte ihn auf seinen Kopf. Vermutlich wollte er mir dadurch zu
verstehen geben, da er von diesem Augenblicke an mein Sklave sei. Ich
richtete ihn auf, sah ihn freundlich an und that alles mgliche, um ihm
Mut einzuflen.

[Illustration: Robinson findet Freitag.]

Whrenddessen war der Wilde, den ich erschlagen zu haben glaubte,
wieder zu sich gekommen und fing an, sich zu regen. Ich machte meinen
Schtzling darauf aufmerksam. Derselbe richtete hierauf an seinen
Verfolger einige Worte, die mir aber seit 25 Jahren nicht mehr gehrte
liebliche Laute waren, kamen sie doch aus dem Munde eines Menschen.
Jetzt war jedoch keine Zeit, sich Betrachtungen zu berlassen, der
Verwundete stand bereits im Begriff, sich wiederzuerheben. Deshalb
legte ich auf ihn an, um ihn niederzuschieen, allein mein Schtzling
gab mir durch Zeichen zu verstehen, da ich ihm den Sbel, der an
meiner Seite hing, berlassen mge. Ich reichte ihm die Waffe, und mit
Blitzesschnelle strzte er mit derselben auf seinen Feind los und
hieb ihm mit einem einzigen Streiche den Kopf vom Rumpfe ab. Mittels
dieses Meisterstcks schien er sich bei mir in Achtung setzen zu
wollen, denn er wandte sich triumphierend mir zu, lachend und allerhand
mir unverstndliche Bewegungen ausfhrend, und legte Kopf und Degen mir
zu Fen.

Was ihn aber am meisten in Erstaunen und in schreckhafte Bewegungen
versetzte, war der Umstand, da ich den einen seiner Verfolger
aus weiter Entfernung niedergestreckt hatte. Er lie mich seine
Empfindungen durch Zeichen erraten und schien um die Erlaubnis bitten
zu wollen, sich berzeugen zu drfen, ob sein Feind wirklich tot sei,
was ich ihm nicht verwehrte. Als er vor dem Leichnam stand, betrachtete
er ihn mit groer Verwunderung, wendete ihn dann bald auf die eine,
bald auf die andre Seite und untersuchte die Wunde, aus der nur wenig
Blut flo, denn die Kugel war tief in die Brust eingedrungen und das
Blut hatte sich nach innen ergossen. Nach dieser Leichenschau kam mein
Wilder mit Bogen und Pfeilen des Getteten wieder zurck, und da ich
jetzt heimgehen wollte, gab ich ihm zu verstehen, mir zu folgen. Er
aber, als echter Sohn der Wildnis, war vorsichtiger als ich und deutete
mir durch Zeichen an, wir mchten die Toten in den Sand eingraben,
damit deren Genossen sie nicht so leicht finden konnten. Damit stimmte
ich vollstndig berein, und nach Verlauf einer Viertelstunde waren die
beiden Kannibalen in die Erde eingescharrt.

Noch wute ich nicht, wohin ich den Wilden bringen sollte. Meinem
Traume gem htte ich ihn nach meiner Burg fhren mssen, doch besser
schien es, mit ihm nach der Grotte, zu dem von meiner Hauptwohnung
entferntesten Teile der Insel, zu gehen. Dort gab ich ihm Brot, Rosinen
und frisches Wasser, was ihm trefflich mundete. Alsdann wies ich ihm
eine Schtte Reisstroh zum Lager an und gab ihm dazu noch eine Decke.
Bald war er ruhig eingeschlafen.

Es war ein schngebauter, krftiger, schlanker Bursche von etwa 25
Jahren. Seine regelmigen Zge waren einnehmend, sie hatten im Grunde
wenig Wildes und trugen den Ausdruck mnnlichen Stolzes. Wenn er
lchelte, sprach sogar eine gewisse Sanftmut aus denselben, wie sie
meist den Wilden nicht eigen ist; seine langen Haare waren nicht wollig
oder kraus, sondern hingen schlicht auf den Nacken nieder; seine Haut
war dunkelbraun, von einer olivenfarbigen Schattierung. Sein Gesicht
war rund und voll, die Stirn frei, der Mund nicht bel geformt, seine
Zhne wei wie Elfenbein.

Whrend der Wilde schlummerte, begab ich mich nach dem nahen Gehege,
um meine Ziegen zu melken. Noch war ich damit beschftigt, als mein
Indianer, der hchstens eine halbe Stunde geruht hatte, eilends auf
mich zukam, sich wiederum demtig vor mich hinlegte, meinen Fu
auf seinen Kopf setzte und mir durch alle mglichen Zeichen seine
Dankbarkeit ausdrckte.

Ich verstand seine Zeichen und gab ihm meinerseits zu erkennen, da
ich mit ihm zufrieden sei; -- nachher machte ich ihm verstndlich,
da er den Namen Freitag fhren solle, weil ich nach meinem Kalender
glaubte, da ich ihm an einem *Freitag* das Leben gerettet htte. Dann
bedeutete ich ihn, mich *Herr* zu nennen, da er meinen Weisungen Folge
zu leisten htte; in gleicher Weise lehrte ich ihn den Unterschied
zwischen *Ja* und *Nein* sowie die Aussprache dieser Worte. Hiermit
endigte die erste Lektion im sprachlichen Unterricht. Dann gab ich ihm
Brot und Milch in einem irdenen Gefe, ich selbst aber brockte mir ein
Stck Gerstenkuchen in die Milch und winkte ihm zu, meinem Beispiele zu
folgen.

Ich blieb mit ihm den brigen Teil des Tages und die folgende Nacht in
der Grotte. Sobald es aber Morgen geworden war, nahm ich ihn mit in
meine Burg, um ihn mit Kleidung zu versehen, denn er lief herum, wie
ihn Gott erschaffen hatte. Als wir an der Sttte vorbeikamen, wo die
getteten Wilden eingescharrt waren, zeigte er mir genau die Stelle
und machte ein Zeichen, als denke er daran, die Toten auszugraben, um
sie zu verzehren. Er erschrak nicht wenig, als ich ihm deutlich meinen
Abscheu ausdrckte.

Nach einer kleinen Weile winkte ich meinen Gefhrten zu mir heran,
um mit ihm meine Warte zu ersteigen. Vor allem wollte ich mich
vergewissern, ob die Wilden fort wren; deutlich lie sich durch
das Fernrohr die Stelle erkennen, wo sie geweilt hatten. Von ihnen
selbst aber und ihren Khnen war nicht die geringste Spur mehr zu
entdecken; sie hatten sich also offenbar entfernt, ohne sich um die
zurckgebliebenen Gefhrten zu bekmmern. Ich mute mir Gewiheit
verschaffen, gab meinem Freitag einen Sbel in die Hand, hing ihm Bogen
und Pfeile um und gab ihm berdies eine Flinte fr mich zu tragen. Ich
selbst ergriff zwei Gewehre, und so bewaffnet marschierten wir nach dem
Lagerplatz der Wilden.

Als wir den Ort der Blutmahlzeit erreichten, erstarrte bei dem
grauenvollen Anblick, der sich mir darbot, mein Blut in den Adern.
Der Boden war ringsum mit Blut gefrbt, Menschenknochen lagen
zerstreut umher. Drei Schdel, fnf Hnde, die Knochen von drei
oder vier Beinen und mehrere halbverzehrte Stcke Fleisch waren
die berbleibsel des Siegesfestes. Freitag gab mir durch Gesten zu
verstehen, da die Kannibalen vier Gefangene hierher geschleppt hatten;
eine groe Schlacht zwischen seinem und dem benachbarten Stamme
habe stattgefunden. Ich lie Freitag die Schdel, die Knochen, die
Fleischstcke auf einen Haufen tragen und zndete ein groes Feuer an,
um alles zu Asche zu verbrennen. Hierbei regte sich in Freitag die
alte Kannibalennatur; er trug nicht bel Lust, seinem Appetite nach
Menschenfleisch Rechnung zu tragen. Aber ich verbot ihm dergleichen
Gelste auf das entschiedenste, so da er nicht wagte, sein Verlangen
zu befriedigen.

Nachdem wir dem Schauplatze menschlicher Grausamkeit den Rcken
gewendet, schlugen wir den geraden Weg zur Burg ein; hier wollte ich
vor allem meinen Diener mit Kleidern versehen. Zuerst gab ich ihm ein
paar Leinwandhosen, dann fabrizierte ich eine Weste von Ziegenfell nach
dem bequemsten Schnitt, denn ich war ein leidlich gewandter Schneider
geworden. Auch fr eine Jacke oder ein Wams wurde nun gesorgt, und
eine bequeme, gar nicht bel aussehende Mtze von Hasenfell vollendete
die Ausrstung Freitags. Fr den ersten Augenblick schien er entzckt
darber zu sein, fast ebenso auszusehen wie sein Herr; doch fhlte er
sich gar bald in seinem Kostm unbehaglich. Die Beinkleider schienen
ihm zur Last zu sein, und die Wamsrmel drckten ihm Schultern und Arm.
Nachdem ich aber an den Stellen, die ihm Zwang verursachten, etwas
nachgeholfen, gewhnte er sich bald an seine Tracht und legte sie
zuletzt sogar mit einem gewissen Wohlgefallen an.

Ich sann nun darber nach, wo ich meinen guten Freitag unterbringen
knnte, ohne da ich von ihm etwas zu frchten htte; es schien mir
das geeignetste, zwischen meinen beiden Festungswerken ein Zelt
aufzuschlagen. Da man von hier aus einen Eingang zur Hhle hatte, so
brachte ich daselbst eine hlzerne Thr an und setzte diese in die
ffnung, sodann verriegelte ich die Pforte und zog auch meine Leiter
mit herein. Meine innere Mauer trug eine Bedachung von langen Stangen,
welche mein Zelt bedeckte und sich an die Felsenwand anlehnte. ber
jene Stangen waren als Latten kleine Stbe gelegt und auf letztere
eine Schicht Reisstroh gebreitet, so da es einem Rohrdach glich. Die
ffnung, durch welche man aus und ein gelangen konnte, hatte ich mit
einer Art von Fallthr geschlossen und dadurch mich gegen Freitag
vollkommen gesichert. Htte *er* ja in feindlicher Absicht durchbrechen
wollen, so wre ich durch das Zuwerfen der Thr aufmerksam gemacht
worden; aber ich behielt auch stets Gewehr, Pfeil und Bogen in meiner
Nhe.

Doch alle diese Vorsichtsmaregeln waren, wie ich mich immer mehr
berzeugte, durchaus nicht notwendig; denn es konnte kaum eine treuere
und diensteifrigere Seele gefunden werden, als dieser Freitag war. Nie
legte er Eigensinn, nie Mutwillen an den Tag; stets fand ich in ihm
nur die aufrichtigste Ergebung in meinen Willen. Er war mir herzlich
zugethan und liebte mich wie einen Vater, so da ich wohl sagen
kann, er htte gern und freudig sein Leben fr mich hingegeben. Bald
konnte ich von seiner Anhnglichkeit so berzeugt sein, da ich alle
getroffenen Maregeln wieder einstellte. Seine Heiterkeit und seine
Unverdrossenheit bei jedweder Arbeit, die ich ihm auftrug, nahm mich in
so hohem Grade fr ihn ein, da ich keinen sehnlicheren Wunsch hatte,
als mich mit ihm ber allerlei Dinge unterhalten zu knnen. Mit Eifer
setzte ich daher den begonnenen Sprachunterricht fort und hatte meine
Freude an seiner Lernbegierde. Hauptschlich suchte ich bei ihm dahin
zu wirken, da er die unnatrliche Begierde, Menschenfleisch zu essen,
unterdrcke. Um dieses zu erreichen, bot ich ihm ein andres Fleisch an.
Ich nahm ihn mit zu meinen Ziegen, und als ich eine Ziege mit ihren
beiden Jungen in geringer Entfernung von mir liegen sah, fate ich ihn
beim Arme und sprach zu ihm: Halte dich still und rege dich nicht! In
demselben Augenblick scho ich eines der Zicklein nieder.

Der arme Bursche war so erschrocken, da er vor Furcht selber
zusammenstrzte; ja, er glaubte sogar, ich habe ihn erschieen wollen,
denn er ri sein Wams auf, um zu fhlen, ob er verwundet sei. Dann fiel
er vor mir auf seine Kniee nieder, stammelte unverstndliche Worte und
schien mich um Schonung seines Lebens zu bitten. Ich aber nahm ihn
bei der Hand, redete ihm freundlich zu, deutete auf das Zicklein, das
ich erlegt hatte, und gebot ihm, dasselbe zu holen. Whrend er meinem
Befehle nachkam und das tote Tier mit Staunen betrachtete, lud ich von
neuem mein Gewehr. Er war noch nicht klar darber, wie das Tier gettet
sein konnte.

Um ihm diesen Vorgang erklrlich zu machen, zeigte ich mit dem Finger
auf die Flinte und dann auf einen Papagei, den ich in schugerechter
Entfernung auf einem Baume sitzen sah. Hierauf gab ich ihm zu
verstehen, da ich auch diesen Vogel durch mein Gewehr tten knne,
hie ihn seine Augen scharf nach dem Tiere richten, drckte los und
scho den Papagei vom Baume herunter.

Aber auch diesmal erschrak der arme Freitag auf das heftigste und
zeigte eine wahre abgttische Scheu vor meinem Jagdgewehr. Da er
nmlich nicht gesehen, wie ich es geladen hatte, so glaubte er, die
Waffe enthielte eine unerschpfliche Zauberkraft des Schreckens,
des Todes und der Vernichtung, fhig, Menschen und Tiere aus jeder
beliebigen Entfernung zu tten. Er sprach mit dem Gewehr, als ob er
verstanden werden knne, bat dasselbe, da es ihn doch ja nicht tten
mge, und schien hierauf eine Antwort zu erwarten, whrend er wie
Espenlaub zitterte. Es dauerte noch etliche Tage, bevor er es wagte,
die Flinte anzurhren.

Nachdem sich Freitag von seinem Staunen erholt hatte, gebot ich
ihm, den geschossenen Vogel herbeizuholen. Nach lngerem Ausbleiben
-- denn der Papagei war noch nicht ganz tot und eine Strecke weit
fortgeflattert -- brachte er ihn endlich. Hierauf ergriffen wir auch
das Zicklein und kehrten nach Hause zurck; dort zerlegte ich das Tier
und kochte einen Teil noch denselben Abend.

Freitag verzehrte mit dem trefflichsten Appetit das saftige Fleisch.
Auffallend erschien es ihm hierbei, da ich meine Speisen mit Salz
wrzte, und er gab mir zu verstehen, da dies seinem Geschmack ganz
zuwider sei. Um mir seine Abneigung zu verdeutlichen, legte er ein
Stck Salz auf seine Zunge, verzog das Gesicht mit unnachahmlicher
Grimasse, spuckte den salzigen Schleim wieder aus und splte darauf den
Mund mit frischem Wasser aus. Ich meinerseits suchte ihn mit seinen
eignen Grnden zu schlagen, indem ich ein Stck Fleisch ohne Salz zu
mir nahm und mich in hnlichen Gesichtsverrenkungen gefiel, eine Art
von Beweisfhrung, die ihm jedoch nicht stichhaltig schien.

Am andern Tage setzte ich meinem Hausgenossen einen vortrefflichen
Ziegenbraten vor; zur Bereitung desselben wendete ich ein Mittel
an, wie ich es einst in England gesehen hatte. Ich steckte nmlich
zwei Stbe in gewisser Entfernung voneinander neben einem tchtigen
Feuer in die Erde, einen dritten Stab legte ich quer ber die beiden
ersten, hing an denselben mein Fleisch am Ende einer Schnur und lie
es drehen. Freitag drckte ber dieses sinnreiche Verfahren seine
Verwunderung aus. Als er aber erst den Braten gekostet hatte, gab er
durch wohlgeflliges Schnalzen und Zhnefletschen kund, welch ein
Leckerbissen das Genossene fr ihn gewesen sei; ja er war davon so
entzckt, da er mir hoch und teuer versicherte, nie mehr in seinem
Leben Menschenfleisch essen zu wollen.

Tags darauf wies ich Freitag an, Gerste auszukrnen und sie auf die
schon beschriebene Art zu reinigen, wozu er sich ganz geschickt
anstellte.

Ferner unterrichtete ich ihn, wie ich es mit dem Backen hielt und
wie ich meine Kuchen zurichtete. Auch das begriff er so rasch, da
ich schon nach kurzer Zeit ihm dergleichen Arbeiten getrost allein
berlassen konnte.

Da ich jetzt auer mir noch einen Menschen mit krftiger Elust zu
versorgen hatte, mute ich eine grere Menge Korn sen, um reicheren
Vorrat zu gewinnen. Zu diesem Zwecke suchte ich ein umfangreicheres
Stck Ackerland aus und zunte es auf hnliche Weise ein wie die
frheren. Bei der Arbeit untersttzte mich Freitag aufs eifrigste,
zumal er schon wute, dies alles geschhe, um fr mich und ihn das
ntige Brot backen zu knnen.

Dieses Jahr war von allen, welche ich auf meinem Eilande bisher
zugebracht hatte, das angenehmste. Freitag konnte binnen wenigen
Monaten sich recht gelufig englisch ausdrcken und wute die Namen
fast aller Dinge, die ich von ihm fordern, und aller Orte, wo ich ihn
hinschicken konnte.

So geno ich, nach einer langen Reihe von Jahren, endlich wieder das
Vergngen menschlicher Unterhaltung in meiner Muttersprache; aber auer
diesem langentbehrten Genusse fand ich auch tglich mehr Freude an
meinem Genossen. Seine Herzenseinfalt und seine Anhnglichkeit machten
ihn mir immer teurer, und er wiederum liebte mich, wie er vielleicht
niemand zuvor geliebt haben mochte. Einstmals versuchte ich zu
ergrnden, wie gro sein Verlangen sei, sein Heimatland wiederzusehen,
und da er so viel Englisch verstand, um auf meine Fragen Auskunft geben
zu knnen, so sagte ich zu ihm:

Hat der Stamm, dem du angehrst, bei seinen Kriegszgen fters den
Sieg davon getragen?

O ja! sprach Freitag lchelnd, wir kmpften immer als beste.

Ihr kmpftet am besten, waret den andern also berlegen! Wie kommt es
aber dann, da sie dich zum Gefangenen gemacht haben?

Mein Stamm hat deshalb doch den Sieg behalten!

Den Sieg? Ich glaub' es nicht; sonst wrest du jetzt kein Gefangener.

An jenem Tage, o Herr, waren die Feinde gerade zahlreicher als die
Brder meines Stammes; sie nahmen eins, zwei, drei Brder und mich
gefangen; mein Stamm hat sie aber an einem andern Platze, wo ich nicht
war, besiegt; mein Stamm hat ihnen dafr eins, zwei, ein zehnmal zehn
und noch einmal zehnmal zehn genommen.

Aber warum haben deine Gefhrten nichts fr deine Befreiung gethan?

Sie nahmen rasch eins, zwei, drei und mich und schafften uns in ihre
Kanoes; mein Stamm hatte damals keine Kanoes.

Und was macht dein Stamm mit den Gefangenen? Schleppt er sie auch fort
und verzehrt sie, wie die Menschen, die hier auf der Insel waren?

Ja, Herr, mein Stamm it auch Menschen, it alle Gefangenen auf.

Wohin aber bringt ihr sie?

An einen andern Platz, als sie denken.

Bringt ihr sie auch manchmal hierher, Freitag?

Ja, ja, hierher und an noch andre Orte.

Bist du auch schon mit ihnen hierher gekommen?

Ja, Herr, von dort! Hierbei zeigte Freitag nach der nordwestlichen
Seite der Insel, wo der Landungspunkt lag.

Aber, verirren sich nicht zuweilen die Kanoes auf der berfahrt?

O, das hat keine Gefahr, Herr! Nur darf man nicht in den Strom fallen,
der weit ins Meer hinausluft; auch weht ein guter Wind des Morgens und
wieder ein andrer des Abends.

Anfangs glaubte ich, Freitag wolle von Ebbe und Flut reden; spter
indes berzeugte ich mich selbst, da in der That zwei verschiedene
Windstrmungen in diesen Gewssern herrschten, die wahrscheinlich
von der heftigen Flut und Rckflut des gewaltigen *Orinoko*stromes
herrhrten, an dessen Mndung meine Insel lag. Das Land, das ich im
Westen und Nordwesten erblickte, war die groe Insel *Trinidad*.

Ich richtete an Freitag nun noch vielerlei Fragen, die sich auf
sein Land und dessen Einwohner, das Meer, die Kstenstriche und
die benachbarten Vlkerschaften bezogen. Er beantwortete alles mit
bereitwilliger Offenheit, so gut es eben ging, aber ich konnte aus ihm
betreffs der Menschen keinen andern Namen bringen als die Bezeichnung
*Karibs*, woraus ich schlo, da es die *Kariben* seien, die den
Landstrich von der Mndung des Orinoko bis nach *Guayana* und *St.
Martha* bewohnen.

Er erzhlte mir ferner: weit jenseit des Mondes -- d. h. westwrts, wo
der Mond unterging -- gbe es auch so weie und brtige Mnner, wie
ich sei (dabei deutete er auf meinen langen Bart), und diese Mnner
htten viele Leute gettet. Es war daraus leicht zu erraten, da er
die *Spanier* meinte. Die Grausamkeit derselben war ja in ganz Amerika
bekannt und hatte sich durch Erzhlung von Geschlecht zu Geschlecht
fortgepflanzt.

Als ich ihn fragte, wie ich es anzufangen habe, um jene Insel zu
erreichen und zu den weien Mnnern zu gelangen, antwortete er mir:
Ja, ja, du kannst hingehen in zwei ma Kanoes.

Ich verstand nicht, was er mit zwei ma Kanoes sagen wollte, bis
sich herausstellte, da er einen Kahn meinte, zweimal so gro wie der
meinige.

Da Freitag immer grere Fortschritte im Erlernen der englischen
Sprache machte, so versumte ich nicht, ihn in die Hauptlehren der
christlichen Religion einzufhren. Es entwickelte sich dabei folgendes
Gesprch:

Sage mir doch, Freitag, wer hat das Land, das Meer, die Berge und die
Wlder gemacht?

Ein erhabener Greis, Namens *Benamucki*. Er wohnt auf dem hchsten
Berge und ist viel lter als das Meer und das Land, als Mond und
Sterne.

Wenn also, fragte ich weiter, Benamucki alle Dinge erschaffen hat,
beten ihn dann nicht alle lebendigen Wesen der Welt an?

Freitag nahm hierbei eine ernste Miene an und sagte mit der grten
Herzenseinfalt: Alle Wesen sagen zu ihm: O!

Gehen die Menschen, die in deinem Vaterlande sterben, nach ihrem Tode
in eine andre Welt ber?

Ja, sie gehen alle zu Benamucki.

Und kommen die Menschen, die ihr gefressen habt, auch dahin?

Gewi, o Herr!

Hast du auch schon einmal mit Benamucki gesprochen?

Nein, junge Leute drfen nicht zu ihm gehen, sondern nur alte Mnner,
die *Uwukaki*, welche >O!< sagen. Wenn sie vom Berge herabsteigen, so
verknden sie, was Benamucki ihnen mitgeteilt hat.

Die Uwukaki waren also die Priester der benachbarten Eingeborenen, die
sich und ihr Treiben in den Schleier des Geheimnisses hllten und die
unwissende Menge in Aberglauben erhielten. Ich suchte meinem Schler
einen Begriff von dem wahren Gott, dem Allvater, dem Schpfer des
Himmels und der Erde, beizubringen; ich sprach von seiner Allmacht:
alles liege in seiner Hand, er knne geben und nehmen nach seinem
weisen Willen.

Freitag hrte mir mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Mit besonderer
Freude vernahm er die Lehre von der Erlsung durch unsern Heiland Jesus
Christus sowie von der Wirkung unsrer Gebete, die wir an Gott im Himmel
richten.

Darauf bemerkte Freitag in seiner unbefangenen Weise: Gut! Wenn Gott
ber der Sonne und den Sternen thront und dort Gebete hrt, so mu er
ja wohl viel grer sein als Benamucki, der nur dann die Gebete der
Uwukaki hrt, wenn sie selbst zu ihm hinaufsteigen!

Du hast recht, Freitag! Gott ist gro und mchtig wie kein andres
Wesen.

[Illustration: Robinson als Lehrer.]

Tglich unterrichtete ich nun Freitag in den Lehren unsrer Religion
und weihte ihn besonders ein in das Geheimnis der Erlsung durch
unsern Heiland, der sich auf Golgatha zur Beseligung der sndigen
Menschheit geopfert hat. All mein Kummer kam mir jetzt leichter
vor, seitdem ich einen so aufmerksamen Gesellschafter hatte. Meine
Wohnung war mir teurer und angenehmer geworden; ich hielt es nicht
mehr fr ein Unglck, an die Kste dieser Insel verschlagen worden
zu sein. Im Gegenteil, ich empfand unaussprechliche Freude, wenn ich
daran dachte, ein armes Wesen, wie Freitag, zur Glckseligkeit wahrer
Gotteserkenntnis geleitet zu haben.

Whrend des Zeitraums von drei Jahren, die wir so miteinander
verlebten, fhlten wir uns vollkommen glcklich und gehoben durch
den ernsten Vorsatz, fest auszuharren in dem unwandelbaren Vertrauen
auf die Barmherzigkeit unsres himmlischen Vaters. Whrend ich meinem
Gefhrten die Bibel auslegte, wie mein Verstand es mich lehrte, mute
ich selbst notwendigerweise tiefer eindringen in das Studium der
Heiligen Schrift, und die hunderterlei Fragen Freitags gaben mir hufig
Veranlassung zum fruchtbringenden Nachdenken ber unsre verschiedenen
Heilslehren.

Neben den religisen Gesprchen machte ich meinen Freund auch
mit meinen frheren Lebensschicksalen bekannt, was mir oft genug
Gelegenheit bot, sittliche Lehren in das empfngliche Herz des Wilden
einzupflanzen. Dann erzhlte ich ihm auch wohl von den Lndern Europas
und dessen Vlkern, schilderte ihm mein Vaterland mit seinen gewaltigen
Stdten, in denen eine betriebsame Bevlkerung sich geschftig regt.
Ebenso fhrte ich ihn in die geheimnisvollen Wirkungen von Pulver und
Blei ein und brachte ihm die Elemente der edlen Weidmannskunst bei.
Zuletzt berlie ich ihm ein groes Messer zum Gebrauche, worber
er eine ungemeine Freude empfand; ich versah ihn mit einem Grtel,
an welchem eine Scheide hing, hnlich der, wie man sie in meinem
Vaterlande fr die Jagdmesser gebraucht, und endlich bewaffnete ich ihn
mit einem kleinen Beile.

Auf einem unsrer gemeinschaftlichen Ausflge zeigte ich ihm auch die
berreste meiner Schaluppe, die jetzt ganz und gar zerfallen war. Bei
ihrem Anblick stand Freitag eine Weile nachdenklich still. Ich fragte
ihn, woran er dchte, und er gab mir endlich zur Antwort:

Ich sah ein Schiff kommen, ganz wie dieses da, zu meinem Volke.

Ich verstand den Sinn dieser Worte nicht und forschte danach, was er
meine. Da erklrte er mir denn, da ein Boot wie das meinige in seiner
Heimat durch widrige Winde an die Kste getrieben worden sei.

Ich dachte zuerst, da in jenen Gewssern ein europisches Schiff
gestrandet und da eine von demselben losgelste leere Schaluppe an das
Land der Kariben geraten wre. Als aber Freitag weiter hinzusetzte:
Wir haben die weien brtigen Mnner vom Ertrinken gerettet -- da
ward meine Aufmerksamkeit aufs hchste gespannt, und ich fragte ihn:
Wieviel weie Mnner haben sich in jenem Boote befunden?

Siebzehn Mnner, Herr, berichtete Freitag, an den Fingern zhlend.

Und was ist aus ihnen geworden?

Sie leben wohl alle noch, sie wohnen bei meinen Brdern.

Weit du auch, wie lange dies her ist?

Ich entsinne mich genau, Robin, es sind seitdem vier Jahre
verstrichen.

Jetzt erinnerte ich mich auch, da diese Zeitangabe genau mit der
Strandung jenes Fahrzeugs bereinstimmte, dessen Trmmer an meiner
Insel festsaen. Vielleicht hatte sich die Mannschaft des Schiffes
in eine Schaluppe geflchtet und war, dem Sturme und den Wellen
preisgegeben, an die Kste der Wilden getrieben worden.

Du sagtest mir vorhin, Freitag, da die weien Menschen bei deinem
Volke lebten. Wie kommt es denn, da deine Landsleute sie nicht
aufgefressen haben?

Sie haben Brderschaft mit uns gemacht, erwiderte Freitag; und wir
essen nicht Menschen, wenn sie nicht im Kriege gefangen sind. Sie
befinden sich dort ganz wohl, und unsre Brder liefern ihnen, was sie
zum Unterhalt gebrauchen.

Es war eine geraume Zeit nach dieser letzten Unterredung vergangen,
als ich einstmals mit meinem Gefhrten auf einen Berg der sdstlichen
Hgelreihe stieg. Der Himmel war heiter, und kein Wlkchen zeigte sich
an dem tiefblauen Firmament; die Luft war durchsichtig, und von der See
her wehte uns eine frische Brise entgegen. Freitag sah auf das weite
Meer hinaus und blickte nach einer Weile unverwandt auf einen Punkt
hin.

Pltzlich ward er unruhig, fing an zu tanzen, zu springen und zu jubeln
und rief mich zu sich heran:

Robin, Robin, komm schnell hierher!

Was gibt's, Freitag?

O meine Freude! Ich bin glcklich, selig! Ich sehe mein Heimatvolk!
Dort kommt mein Volk.

Das, was meinen guten Freitag in so berschwengliche Aufregung
versetzte, rief in mir die entgegengesetzten Gefhle hervor. Was
lag nher als die Vermutung, da in den unverhohlenen Ausbrchen
der Freude sich die Sehnsucht Freitags nach den Seinen aussprach?
Von dem Augenblick an erwachte in mir Argwohn gegen meinen Freund
und beunruhigte mich wochenlang. Ich zeigte mich unfreundlich, ja
verschlossen; aber hierdurch that ich dem armen Burschen das grte
Unrecht, denn er kam mir stets mit einem Vertrauen, mit einer Hingebung
entgegen, da ich endlich alle meine Zweifel an seine Aufrichtigkeit
fallen lie.

Eines Tages, als wir auf demselben Bergesgipfel, aber bei nebeligem
Wetter, zusammen waren, begann ich Freitag auszuforschen.

Du wrdest dich wohl sehr glcklich preisen, Freitag, wenn du wieder
in deine Heimat kommen und deine Brder sehen knntest?

O ja, Robin, ich wrde sein viel froh, zu sehen mein Volk.

Und mchtest wohl gern wieder, wie deine wilden Brder,
Menschenfleisch beim Siegesschmaus essen?

O nein, nein! Niemals wird Freitag wieder Menschenfleisch essen; er
wird sagen seinen Brdern, sich untereinander zu lieben, nicht mehr zu
Benamucki zu beten, Fleisch von Ziegen und andern Tieren zu essen und
Brot von Korn und Gerste zu backen.

Aber frchtest du nicht, Freitag, da sie dich umbringen wrden, wenn
du so zu ihnen sprchest?

O nein, nein, Robin, sie werden mich nicht tten; sie wollen gern
lernen.

So mchtest du also wieder zu den Deinen zurckkehren?

Ja, das schon! Aber wie knnte ich so weit bis dort zu jenem Lande
schwimmen?

Ich will dir ein Kanoe bauen, Freitag.

Aber dann gehst du mit? Denn ohne dich wrde ich die Insel nie
verlassen.

Ich, Freitag? Nur zu bald wrden deine Brder ber mich herfallen,
mich tten, in Stcke zerlegen und ber dem Feuer schmoren lassen.

Nein, nein, Robin, das wird nimmermehr geschehen; ich werde ihnen
sagen, da du mir das Leben gerettet hast, da du mich liebst wie einen
Bruder, und dann werden sie dich auch lieben und dir Gutes thun.

Aber nochmals, warum willst du nicht allein zu den Deinen
zurckkehren?

O Herr, du bist gewi recht bse auf mich, da du mich fortschicken
willst!

Nicht im geringsten, mein guter Freitag! Vielmehr gedachte ich dir
eine Freude zu bereiten, wenn ich dich freiwillig in deine Heimat
entliee.

Und Freitag bleibt dabei: nichts ohne seinen Herrn.

Was sollte ich aber bei deinem Volke anfangen?

O, dort gibt's genug fr dich zu thun; wie du mich unterrichtet und
gebessert hast, so wirst du auch meine Brder sanft erziehen.

Mein guter Freitag! Du weit selbst nicht, was du sprichst. Zu einem
solchen Werke fehlt es mir an Kraft und Ausdauer.

O, du kommst doch mit, Robin?

Nein, nein, Freitag! Geh du ohne mich; ich werde hier bleiben und
wiederum so leben wie vor deiner Ankunft.

Die treue Seele war tief gerhrt, Thrnen standen ihm in den Augen.
Dann griff er an seinen Grtel, holte das Beil hervor und berreichte
es mir.

Was soll ich damit, Freitag?

Mich totmachen, Herr!

Aber was fllt dir ein?

Ja, schlage lieber Freitag damit tot, als da du ihn fortjagst; er
kann nicht ohne dich leben.

Diese Wendung der Unterhaltung nahm den letzten Zweifel ber Freitags
Anhnglichkeit aus meinem Herzen, und in mir selbst regte sich von
neuem die alte Begierde, eine weitere Seereise zu unternehmen und nach
dem groen Festlande zu steuern, auf welchem nach Freitags Bericht die
weien brtigen Gesichter -- Portugiesen oder Spanier -- zu treffen
sein muten. Eines Tages fhrte ich Freitag zu jenem Boote an der
Bai, das ich seit mehreren Jahren nicht in Gebrauch genommen, sondern
im Wasser versenkt hatte, damit es mich den Wilden nicht verraten
sollte. Wir schpften das Wasser aus dem Kanoe und setzten uns dann
selbst hinein. Dabei zeigte Freitag in der Lenkung des Bootes eine
Geschicklichkeit und Sicherheit, die mich in Erstaunen setzte. Nach
einer Weile sagte ich zu ihm: Nun, Freitag, wie wre es, wenn wir
jetzt in diesem Boote nach deinem Vaterlande segelten? Er schien ber
meine Frage verwundert, denn er fand das Boot viel zu klein, um darin
eine so weite Reise zurckzulegen. Hierauf sagte ich ihm, da ich wohl
noch ein greres Fahrzeug htte, und da wir es am nchsten Tage
aufsuchen wollten. Ich fhrte ihn denn auch, wie versprochen, zu dem
Orte, wo die Barke lag, die ich nicht hatte ins Wasser bringen knnen;
da ich mich indes lnger als 20 Jahre nicht weiter um sie gekmmert
hatte, seit ich sie gebaut, so war sie von der Sonne ausgetrocknet und
gesprungen, da sie sich in einer ganz klglichen Verfassung befand.
Freitag aber sagte, da ein Fahrzeug von dieser Gre, da man genug
E- und Trinkvorrte darin unterbringen knne, ganz tauglich zu einer
Seereise sei, und diese Versicherung kam meinen Plnen entgegen.




[Illustration: Zusammensto mit den Kannibalen.]

Zwlftes Kapitel.

Eine Zeit groer Ereignisse.


  Bau eines neuen greren Bootes. -- Probefahrten. -- Neuer
  Kannibalenbesuch. -- Der Kampf mit den Wilden. -- Der Spanier und
  Freitags Vater. -- Verpflegung der Befreiten. -- Bestattung der
  Gefallenen. -- Geschichte des Spaniers. -- Zukunftsplne.

Da ich unaufhrlich an die siebzehn weien Mnner dachte, welche nach
Freitags Behauptung bei seinen Landsleuten wohnen sollten, so wuchs
in mir das Verlangen, dieselben aufzusuchen. Ich machte mich daher
unverzglich ans Werk, um mit Freitags Hilfe ein neues Boot zu bauen.
Alsbald hatte Freitag, der in der Wahl des Holzes besser Bescheid wute
als ich, einen Baum gefunden, wie wir ihn bedurften. Er wollte sich
nun anschicken, das Innere des Stammes, nach Art seiner Landsleute,
mittels Feuers auszuhhlen. Aber ich lehrte ihn, wie man denselben
Zweck durch Handwerkszeug erreichen knne, und er zeigte sich auch bald
als ein brauchbarer Schiffszimmermann. Nach Verlauf eines Monats war
endlich ein Fahrzeug von geflliger Form zustande gebracht; denn wir
hatten auch die Auenseiten sorgfltig mit den xten bearbeitet. Noch
lag ein schweres Stck Arbeit vor uns; denn um die Barke mit Walzen und
Hebebumen bis an das Meer zu schaffen, gebrauchten wir zwei Wochen.
Als sie dann endlich flott geworden, betrachtete ich sie mit einem
Gefhle von Genugthuung, denn ihre Gre htte hingereicht, 20 Mann an
Bord aufzunehmen. Auch Freitag empfand lebhafte Freude, und er lenkte
das Fahrzeug trotz dessen Gre mit ungemeiner Geschicklichkeit.

Nun, Freitag, was meinst du wohl, knnen wir uns mit dieser Barke bis
an die Kste deiner Heimat wagen?

O gewi! entgegnete Freitag; wir werden darin sehr gut fahren,
selbst wenn groer Wind weht.

Aber ich hatte noch einen andern Plan gefat. So wie es war, gengte
mir unser Boot noch nicht; ich wollte es auch noch mit einem Mast,
einem Segel und einem Steuer versehen. Ein Mast war nicht schwer zu
erlangen; ich fand einen jungen, schlanken Baum ganz in der Nhe, wie
zu meinem Vorhaben geschaffen. Whrend Freitag denselben fllte und den
Stamm nach meiner Anleitung behieb, bernahm ich selbst die Herstellung
der Segel. Unter meinem Vorrat alter Segelstcke fanden sich noch
einige ziemlich gut erhaltene Stcke, und ich nhte ein dreieckiges
oder lateinisches Segel daraus zusammen. Auch brachte ich fr den Fall,
da der Wind umsetzte, ein kleines Focksegel und ein Besansegel an;
besonders aber lie ich es mir angelegen sein, ein Steuerruder an dem
hinteren Teile der Barke herzurichten.

Als unsre Takelage beendigt war, bestiegen wir das Boot und segelten in
der Bai umher. Freitag war zwar ein guter Ruderer, aber er hatte noch
keinen Begriff von der Handhabung eines Steuers und dem Gebrauche eines
Segels. Er schaute mir daher voll Bewunderung zu, wie ich das Fahrzeug
nach meinem Willen vor- und rckwrts lenkte.

[Illustration: Freitag erhlt Unterricht im Schiffbau.]

Ich hatte jetzt das 27. Jahr meiner Verbannung auf meiner Insel
angetreten. Nie unterlie ich es, den Jahrestag meines Schiffbruchs
und meiner Ankunft auf der Insel in inbrnstigen Gebeten zu Gott zu
begehen. Seine Gte hatte mich bisher so wunderbar behtet, und nun
erfllte mich die beglckende Hoffnung, wieder in die Gesellschaft der
Menschen zurckzukehren. Auch whrend der letzten Zeit setzte ich meine
Tagesarbeiten fort. Ich grub, pflanzte, ergnzte meine Einzunungen,
sammelte Korn, Reis, Baumfrchte und Trauben ein; ich besorgte meine
Ziegenherden, buk Brot und Kuchen, verfertigte Kleider, Krbe und
Tpfe. -- Unterdessen war die Regenzeit herangenaht, und ich mute
Bedacht darauf nehmen, unser Boot sicher unterzubringen. Ich schaffte
es daher so weit auf den Strand, als die steigende Flut es erlaubte,
und gebot Freitag, daneben ein Becken zu graben, tief genug, um das
Boot bestndig flott zu erhalten. Als die Flut dann zurckwich, fhrten
wir einen starken Damm auf, der das Becken verschlo und dem Eindringen
des Meeres vorbeugte. Um aber unser Fahrzeug gegen den Regen zu
schtzen, bedeckten wir es mit einem Dach und erwarteten so den Monat
November oder Dezember, um die ersehnte Fahrt anzutreten.

Mit Beginn der schnen Jahreszeit beeilten wir uns, die ntigen
Zurstungen zur Reise zu treffen. Denn ich gedachte, vielleicht schon
in acht bis zwlf Tagen das Wasserbecken zu ffnen und das Boot
auslaufen zu lassen. Eines Morgens hatte ich Freitag nach dem Meere
hinabgeschickt, um eine Schildkrte zu fangen, weil wir sowohl das
Fleisch als auch die Eier dieses Tieres sehr wohl zu schtzen wuten.
Aber schon nach wenigen Minuten kam er eiligst wieder zurck und
bersprang den ersten Festungszaun.

O Herr, Herr, o Jammer!

Was gibt's denn, was hast du?

Dort unten, dort unten! Eins, zwei, drei Khne! Freitag war
so erschrocken, da er am ganzen Krper zitterte; er hatte sich
eingebildet, da die Wilden nichts Geringeres beabsichtigten, als ihn
einzufangen, in Stcke zu zerhauen und aufzuessen. Ich suchte ihn zu
beruhigen, so gut ich konnte, und ihm begreiflich zu machen, da ich ja
ganz in der nmlichen Gefahr schwebe wie er.

Freitag, sagte ich, wir mssen mit ihnen um unser Leben kmpfen;
bist du bereit dazu?

-- Jawohl, ich schiee auf sie; aber ihre Zahl ist gro.

Was thut das, Freitag? Unsre Gewehre werden einen Teil von ihnen
niederstrecken, und das Feuer und der Knall wird die andern in die
Flucht schlagen. Wenn ich dich aber mit meinem Leben verteidige, willst
du mir auch treulich zur Seite stehen und alles thun, was ich dir sage?

Ja, Herr, ich will sterben, wenn du mir zu sterben befiehlst.

Hierauf holte ich eine Flasche Rum, um Freitag in seiner mutigen
Stimmung zu erhalten; dann gebot ich ihm, die beiden gewhnlichen
Jagdgewehre herbeizubringen, und ich selbst lud sie mit tchtigen
Posten.

Hiernach stieg ich mit meinem Fernrohr auf die Warte, um zu sehen, was
an der Kste vorging. Da entdeckte ich nun, da 21 Wilde in drei Kanoes
gelandet waren, und zwar an der Sdostkste, was mich um so mehr wunder
nahm, als ich noch nie an dieser Stelle das geringste Anzeichen einer
Landung der Kannibalen bemerkt hatte. Der Ort, wo sie ausgestiegen
waren, schien sehr flach, der Strand niedrig; etwa 100 Schritte davon
begann der Saum eines dichten Gebsches, welches sich ziemlich weit
bis in die Felsengruppen der inneren Insel hineinzog. Es deuchte mich,
als ob sie drei Gefangene bei sich htten und auch diesmal aus keinem
andern Grunde an meine Insel gekommen wren, als wieder eines ihrer
Siegesfestmahle abzuhalten.

Zunchst lud ich nun vier Musketen mit sieben Kugeln, sowie meine
beiden Pistolen mit zwei Kugeln. Den Degen steckte ich in den Grtel
und befahl Freitag, sein Beil, ein Pistol, zwei Musketen und eine
Flinte nebst Vorrat von Pulver und Blei zu ergreifen; ich selbst aber
nahm das andre Pistol und die brigen Schiegewehre. Auerdem steckten
wir einige Brotkuchen und getrocknete Rosinen zu uns, sowie ein
Flschchen Rum zur Strkung unsrer Lebensgeister. So gerstet rckten
wir aus. Auf einem Umweg von ungefhr einer Viertelmeile bogen wir nach
dem Rande des Gehlzes ein, um hier, ungesehen von den Wilden, bis an
die Bucht zu gelangen und sie in Schulinie vor uns zu haben.

Unter Beobachtung grter Vorsicht gelangten wir an das Ende des
Gehlzes und somit in die Nhe der Feinde, von denen mich nur noch
eine einzige Baumgruppe trennte. Ich befahl Freitag, auf einen Baum zu
steigen, um zu sehen, was die Wilden vornhmen. Er kletterte sehr bald
wieder herab und berichtete, er habe die Feinde ganz deutlich gesehen;
sie sen rings um ein Feuer und verzehrten das Fleisch eines ihrer
Gefangenen; ein andrer liege dicht daneben an Hnden und Fen gebunden
und werde wahrscheinlich demnchst an die Reihe des Verspeisens kommen.
Aber, fgte Freitag bedeutungsvoll hinzu, es ist keiner von unserm
Stamme, sondern einer von den weien brtigen Mnnern, die sich in
unserm Vaterlande angesiedelt haben. Dieser Bericht versetzte mich in
Zorn und Wut. Ich stieg nun mit meinem Fernglas ebenfalls auf einen
Baum und erkannte deutlich an Gesicht und Bekleidung in dem gebundenen
Manne einen Europer.

Ein kleines Gebsch zog sich von der Waldspitze noch ungefhr 100
Schritte nach links gegen den Strand hin, und ich konnte, durch
dasselbe gedeckt, den Wilden mich noch mehr nhern. Am Ende des
Buschwerks gelangte ich auf einen kleinen Sandhgel oder eine Dne,
von wo aus ich die jetzt nur noch in einer Entfernung von 80 Schritt
lagernden Wilden aufs genaueste beobachten konnte. Es war kein
Augenblick mehr zu verlieren, denn eben bemerkte ich, wie sich zwei der
Kannibalen anschickten, des Europers Hnde und Fe von den Fesseln zu
befreien, um ihn dann am Feuer zu schlachten. Ich sah mich nach Freitag
um.

Jetzt, sagte ich zu ihm, thue, wie ich dir sagen werde.

Ja, Herr! Befiehl!

So ahme genau das nach, was du *mich* thun siehst, und fehle nicht!

Mit diesen Worten legte ich eines der Jagdgewehre und eine der Musketen
auf den Boden. Freitag that dasselbe. Dann zielte ich auf die beiden
mit ihrem Schlachtopfer beschftigten Wilden und gebot Freitag, unter
den brigen Haufen zu feuern.

Bist du fertig, Freitag? -- Freitag nickte zustimmend.

Nun -- dann Feuer!

Zwei donnerhnliche Schsse hallten hinaus auf Land und Meer. --

[Illustration: Befreiung eines Gefangenen.]

Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, sah ich, was wir ausgerichtet
hatten. Durch meinen Schu war der eine gettet, der andre verwundet
worden; Freitag dagegen hatte sogar zwei erlegt und drei verwundet.
Der Schrecken aber, der durch den Knall unsrer Gewehre unter die
Wilden fuhr, ist nicht zu beschreiben. Die Verwundeten jammerten und
wlzten sich am Boden, die andern sprangen entsetzt auf und suchten
zu entfliehen. In der grlichen Verwirrung liefen sie jedoch nur hin
und her; denn sie wuten nicht, von welcher Seite ihnen das Verderben
drohte. Freitag verwendete kein Auge von mir, um zu sehen, was ich
weiter thun wrde. Nach der ersten Salve legte ich mein Gewehr auf den
Boden und ergriff die Flinte; Freitag that dasselbe. Hahn gespannt.
Angelegt. Feuer! Wiederum rollte der Donner unsrer Gewehre ber die
Hupter der Wilden hinweg. Diesmal strzten, da unsre Flinten nur mit
grobem Schrot geladen waren, blo zwei Mnner zu Boden, aber es waren
ihrer so viele verwundet, da die meisten, mit Blut bedeckt und vor
Schmerz heulend, wie im Wahnsinn durcheinander liefen. Bald strzten
noch drei von ihnen zu Boden, obgleich sie nicht tot waren.

Jetzt, Freitag, mir nach! sagte ich, nachdem ich die letzte, Freitag
aber die dritte Muskete aufgenommen hatte. Mit lautem Geschrei strzten
wir aus dem Gebsche, gerade auf die Wilden los. Der eine von den
beiden, welche den Gefangenen losbinden wollten, lag tot, whrend der
andre, verwundet, in einen Kahn gesprungen war, wohin ihm noch vier
seiner Gefhrten folgten.

Sogleich gebot ich Freitag, auf die Flchtlinge zu feuern; er verstand
mich sehr gut, lief ungefhr 40 Schritte weit, um die Flchtigen aufs
Korn zu nehmen, und scho los. Er hatte seine Sache gut gemacht; denn
sofort strzten alle fnf nieder, so da ich schon glaubte, er htte
sie smtlich gettet; indessen sprangen zwei von ihnen wieder auf,
die andern blieben regungslos liegen, entweder schwer verwundet oder
gettet.

Whrend dies geschah, war ich zu dem Gefangenen geeilt und schnitt
mit einem Messer die Bande entzwei, welche ihn an Hnden und Fen
gefesselt hielten; dann half ich ihm aufstehen und fragte auf
portugiesisch, wer er sei. Er antwortete mir in lateinischer Sprache:
_Christianus_, war aber so entkrftet, da er weder stehen, noch ein
weiteres Wort sprechen konnte. Ich reichte ihm mein Rumflschchen, aus
dem er einen krftigen Schluck nahm, der ihn sichtbar strkte. Auerdem
gab ich ihm auch ein Stck Brot, und er a es mit der grten Hast.
Whrenddem fragte ich noch, aus welchem Lande er stamme, und erhielt
zur Antwort: *Spanien*. Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, gab
er mir durch allerlei Zeichen zu verstehen, wie dankbar er mir sei
fr die Rettung aus der Hand der Kannibalen. Ich aber sprach zu ihm
auf Spanisch, so gut es eben gehen wollte: Sennor, spter wollen
wir uns weiter aussprechen, jetzt mssen wir kmpfen. Wenn Ihr noch
irgend Kraft habt, so nehmt diese Pistole und diesen Degen und nun Gott
befohlen!

Kaum fhlte der Spanier die Waffen in seiner Hand, als er neu beseelt
von Mut und Kraft erschien. Wie ein Wahnsinniger hieb er auf seine
Peiniger ein und streckte im Nu zwei oder drei derselben zu Boden. Die
Wilden waren durch die Wirkung unsrer Feuerwaffen und den ungestmen
berfall so berrascht, da die meisten von ihnen wie gelhmt
niederstrzten und ebensowenig zu fliehen als unserm Angriffe zu
widerstehen vermochten.

Ich hielt mein Gewehr schufertig, ohne jedoch abzuschieen, um nicht
ganz verteidigungslos zu sein, da ich dem Spanier Degen und Pistole
gegeben hatte. Dann rief ich Freitag herbei und gebot ihm, die
abgeschossenen Gewehre, die wir zurckgelassen hatten, herbeizuholen,
was mit unglaublicher Schnelligkeit geschah. Wir luden sogleich unsre
Gewehre; ich bergab Freitag eine Muskete und sagte ihm, er solle
weitere Waffen herbeischaffen, wenn man deren bedrfe. Unterdessen fand
ein frchterlicher Kampf zwischen dem Spanier und einem Wilden statt,
der mit einem eisenharten hlzernen Schwerte auf ihn einhieb. Allein
jener, ebenso khn und tapfer, widerstand trotz seiner Schwche lange
Zeit den Angriffen des Indianers, ja er hatte ihm sogar zwei Wunden am
Kopfe beigebracht. Der Wilde jedoch, ein Mensch von hohem Wuchse, hatte
jetzt seinen Gegner gepackt, zu Boden geworfen und suchte ihm nun den
Degen zu entwinden. Der Spanier lie die Waffe fahren, ri die Pistole
aus dem Grtel und jagte seinem Feinde eine Kugel durch die Brust, die
ihn sofort ttete.

Freitag blieb seinerseits auch nicht unthtig: er verfolgte die
Flchtlinge, ohne eine andre Waffe als sein Beil, und machte denen,
die er im Laufe einholte oder die verwundet auf der Erde umherlagen,
den Garaus. Der Spanier bat mich jetzt um ein Gewehr, und ich berlie
ihm gern eine meiner beiden Jagdflinten. Er verfolgte damit zwei Wilde
und verwundete sie beide; da er sie aber nicht einzuholen vermochte,
so entkamen sie nach dem Walde. Hier aber trafen sie auf Freitag,
der sogleich den einen von ihnen niederstreckte; der andre, wiewohl
verwundet, lief nach dem Strande, warf sich ins Meer und schwamm dem
Kanoe nach, in welchem sich ein Toter und ein Verwundeter befanden,
whrend drei noch Lebende das Weite zu gewinnen suchten. Es waren 17
Wilde teils gettet, teils so schwer verwundet worden, da sie an ihren
Wunden sterben muten; nur vier waren in ihrem Kahne entkommen, einer
derselben aber dem Anscheine nach auch schwer blessiert.

Die in dem Kanoe Flchtenden ruderten mit aller Anstrengung, um aus dem
Bereiche unsrer Kugeln zu kommen, und obgleich Freitag noch zwei- oder
dreimal nach ihnen feuerte, so schien doch keiner getroffen zu sein.
Freitag zeigte sich so kampfbegierig, da er eins ihrer Boote nehmen
wollte, um die Wilden zu verfolgen, und in der That schien mir dieser
Gedanke beachtenswert. Denn gelang es auch nur einem zu entrinnen, der
die Nachricht von der Niederlage zu seinem Stamm brachte, so konnte ich
mich sicherlich auf einen baldigen Besuch von Hunderten gefat machen,
die uns durch ihre berzahl erdrckt htten. Ich eilte also mit Freitag
nach dem Strande hinab und sprang in eine Barke. Aber wie erstaunte
ich, als ich hier noch einen an Hnden und Fen gefesselten Wilden
erblickte, der vor Angst halb tot war!

Sogleich zerschnitt ich seine Fesseln und suchte den armen Menschen
emporzurichten; allein er konnte weder stehen noch sprechen, sondern
sthnte nur auf eine ganz erbrmliche Weise, weil er wahrscheinlich
glaubte, er solle nun gettet werden. Ich gab Freitag mein
Rumflschchen, um den Armen durch einen Schluck zu strken, und trug
ihm zugleich auf, dem Wilden seine Befreiung zu verkndigen. Der
Trunk und noch mehr die frohe Botschaft belebten den Armen so, da er
sich in der Barke aufrecht zu setzen vermochte. Als ihm aber Freitag
aufmerksamer ins Gesicht sah, wurde dieser wie umgewandelt. Er umarmte
den Geretteten, kte ihn und drckte ihn strmisch an die Brust; dann
lachte er, jauchzte vor Freuden, sprang, tanzte, sang, gebrdete sich
wie ein Unsinniger, weinte und rang die Hnde. Lange whrte es, ehe
auch nur ein einziges vernnftiges Wort aus ihm herauszubringen war:
endlich, als er wieder ein wenig zu sich selbst kam, sagte er zu mir,
der Gerettete sei sein *Vater*.

Es lt sich nicht mit Worten das Entzcken des guten Freitag beim
Anblick seines Vaters und dessen unerwarteter Errettung schildern;
zwanzigmal sprang er aus dem Kahne und wieder hinein; dann setzte er
sich an die Seite seines Vaters und ffnete sein Kleid, um den Kopf
desselben an seine Brust zu drcken und ihn zu erwrmen; dann nahm er
wieder seine Arme, seine Beine, welche durch das harte Zuschnren der
Bande steif und geschwollen waren, und rieb sie mit seinen Hnden. Ich
gab ihm nun etwas Rum, um die abgestorbenen Glieder des alten Mannes zu
waschen, was demselben augenscheinlich sehr wohl that.

Freitag war so sehr mit seinem Vater beschftigt, da ich es nicht
ber mich gewinnen konnte, ihn von demselben abzurufen. Erst als ich
glaubte, er habe seiner kindlichen Freude vollkommen Genge gethan,
rief ich ihn, und er sprang mit freudestrahlendem Gesicht auf mich los.

Hast du deinem Vater schon Brot zu essen gegeben, Freitag? Er wird
wohl tchtigen Hunger haben.

Nein, ach nein, Herr! erwiderte fast weinend der arme Bursche; o,
ich schlechter Hund habe selbst alles gegessen, alles!

Nun, Freitag, beruhige dich! Da ist ein Stck Kuchen, das ich gerade
noch in meiner Tasche finde; hier hast du auch noch Rosinen und einen
Schluck Rum, damit strke deinen Vater!

Freitag gehorchte mit einem Blicke des Dankes und reichte das
Dargebotene dem Alten. Dann sprang er mit einem Satze aus dem Kahne
und lief wie ein gehetztes Wild davon, so da er im Nu aus unsern
Augen verschwunden war. Ich schrie, ich lief ihm nach -- er hrte
nicht; nachdem etwa eine Viertelstunde verflossen war, sah ich ihn
wiederkommen, aber nicht so eilig, als er davongelaufen war, weil
er etwas in den Hnden trug. Er hatte nmlich in dieser kurzen Zeit
den Weg nach der Burg zurckgelegt, um noch mehr Brot und einen Krug
frischen Wassers hierher zu bringen. Sein Vater, der bald vor Durst
verschmachtete, wurde durch den khlen Trunk mehr erquickt, als all
mein Rum vermocht htte.

Nachdem der Alte getrunken hatte, fragte ich Freitag, ob noch etwas
Wasser brig sei, und auf seine Bejahung trug ich ihm auf, dieses
sowie ein Brot dem Spanier zu bringen, der dessen ebensosehr bedurfte
und auf einem Rasenhgel im Schatten eines Baumes ausruhte.

Als Freitag zurckgekommen, schlug er die Augen zu mir empor und
blickte mich mit dem Ausdrucke grter Dankbarkeit an. Gern htte
sich der Spanier erhoben und wre zu uns gekommen, allein er war so
erschpft und seine Glieder durch die harten Bande so angeschwollen,
da er sich nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Ich befahl daher
Freitag, ihm Hnde und Fe mit Rum einzureiben. Dabei drehte letzterer
alle Augenblicke den Kopf herum, um nach seinem Vater zu sehen. Als er
ihn einmal nicht in seiner vorigen Stellung sah, lie er ohne weiteres
vom Einreiben ab, sprang auf und scho wie ein Pfeil nach dem Boote, in
welchem sich sein Vater niedergelegt hatte, um seinen mden Gliedern
Ruhe zu gnnen. Erst als er vllig zufrieden gestellt sein durfte,
kehrte Freitag eiligst zurck und vollendete die ihm aufgetragene
Hilfeleistung.

Alles dies hatte uns von der Verfolgung der Wilden abgezogen, und ihre
Barke selbst war uns bereits aus dem Gesicht, als wir wieder an sie
dachten. Die Verhinderung unsrer anfnglichen Absicht war jedoch ein
groes Glck fr uns. Denn zwei Stunden spter erhob sich ein heftiger
Wind, der den brigen Teil des Tages und die ganze Nacht hindurch
anhielt. Wie bel htte es uns in unsrer leichten Barke ergehen knnen!

Dem Spanier machte ich den Vorschlag, sich auf Freitag zu sttzen und
bis zu einem der Khne sich weiter zu helfen, um ihn dann nach unsrer
Wohnung zu schaffen, wo ich besser fr seine Pflege und Bequemlichkeit
sorgen knnte. Allein er fhlte sich so schwach, da er nicht mehr
stehen konnte. Ohne weitere Umstnde nahm daher Freitag mit krftiger
Hand den Fremden auf seinen Rcken, trug ihn nach dem Kahne, setzte ihn
an der Seite seines Vaters nieder, stie das Boot vom Ufer und ruderte
dasselbe, ungeachtet des sich erhebenden Windes, die Kste entlang,
schneller als ich gehen konnte. Darauf eilte er zurck. Als er an mir
vorbei lief, fragte ich ihn: Wo rennst du so hurtig hin? -- Andern
Kahn holen! lautete lakonisch seine Antwort, und schnell wie der Wind
war er davon. Als ich bei der Bucht anlangte, war auch Freitag fast
gleichzeitig mit dem nachgeholten Boote daselbst eingetroffen.

Soweit war alles gut gegangen. Da aber weder Freitags Vater noch der
Spanier zu gehen im stande war, so befanden wir uns in nicht geringer
Verlegenheit, wie wir dieselben bis zur Burg und besonders ber die
Wallmauer bringen sollten. Wir hatten indes keine Zeit, noch lange
zu berlegen. Das geeignetste Transportmittel schien mir unter den
vorliegenden Umstnden eine Tragbahre zu sein. Sofort machte ich mich
denn auch, indem ich die beiden unsrer Obhut anvertrauten Mnner am
Ufer ruhig niedersitzen lie, mit Freitag ans Werk, und nach einem
Stndchen hatten wir mit zwei Stangen und Flechtwerk eine Tragbahre
hergerichtet, wie sie unsern Zwecken notdrftig entsprechen konnte.

So trugen wir denn den Spanier und Freitags Vater und gelangten
bis an die uere Umfassungsmauer unsrer Burg. Hier aber entstand
wiederum die Frage: Wie werden wir die beiden Entkrfteten ber den
Wall hinwegbringen? Es blieb denn nichts andres brig, als zwischen
der ersten Umhegung und dem von mir angepflanzten Gebsch ein Zelt zu
errichten. Freitag ging mit seiner gewohnten Geschicklichkeit ans Werk,
und nach zwei Stunden hatten wir eine leidlich hbsche Htte zustande
gebracht, bedeckt mit alten Segeln und Baumzweigen. Im inneren Raume
derselben stellten wir einen Tisch hin nebst einer Bank und ein paar
roh gezimmerten Sthlen, sodann zwei Lagersttten von gutem Reisstroh
nebst je zwei wollenen Decken: eine, um darauf zu liegen, die andre, um
sich damit zuzudecken.

Sobald alles unter Dach und Fach gebracht war, erschien es wohl
natrlich, da ich nun auch an mich und Freitag dachte. Ich befahl
letzterem, eine junge Ziege zu schlachten und sie in Stcke zu
zerschneiden. Mit einigen derselben, die ich Freitag kochen
lie, bereitete ich eine krftige Suppe und ein vortreffliches
Fleischgericht. Dann wartete ich in dem neu aufgeschlagenen Zelte auf
und hie meine Gste guten Mutes sein und tapfer zulangen.

Nach aufgehobener Mahlzeit trug ich Freitag auf, eine Barke
herbeizuschaffen und unsre Waffen zu holen, die wir im Drange der
verwichenen Stunden auf dem Schlachtfelde gelassen hatten. Nchstdem
gab ich ihm den Auftrag, seinen Vater ber die Wilden auszufragen, und
ob er glaube, da sie einen Rachezug gegen uns unternehmen wrden.
Freitags Vater meinte, die Flchtlinge htten in ihrem leichten
Fahrzeuge dem Sturme, der sich bald nach ihrer Abfahrt erhob, um so
weniger widerstehen knnen, als er sie bereits auf dem ersten Viertel
ihres Seewegs berrascht htte. Wenn aber das Fahrzeug auch nicht
umgeschlagen wre und seine Insassen in den Wellen begraben htte, so
wrden diese doch nach Sden zu unvermeidlich an Ksten geschleudert
worden sein, wo sie als Kriegsgefangene dem Tode preisgegeben wren.
Sollten sie dennoch in ihre Heimat kommen, so wrden sie ihren
Landsleuten eher ab- als zureden, diese Insel jemals wieder zu
betreten. Er habe nmlich vernommen, wie sie sich gleich nach unsern
ersten Gewehrsalven ngstlich und zitternd einander zuriefen: die
beiden Wesen (nmlich *ich* und *Freitag*) seien keine Menschen,
sondern bse Geister, die vom Himmel auf die Erde herabgestiegen wren,
um sie zu vernichten; denn Menschen, wie sie immer auch seien, knnten
nicht Blitze und Donner machen, auch nicht Feuer und Tod in die Ferne
schicken. Gewi kme ihnen dieses Eiland wie ein verzaubertes Land vor,
dessen geisterhafte Bewohner alles vernichteten, was sich in ihre Nhe
wagte.

Der alte Mann mochte wohl nicht unrecht haben. Dennoch blieb ich auf
der Hut; da wir aber jetzt unser vier waren, so konnten wir es getrost
mit einer Rotte von 50, ja 100 Mann aufnehmen.

Nachdem wir uns noch ber mancherlei unterhalten hatten, berlie ich
Freitags Vater und den Spanier der bentigten Ruhe, denn sie waren
immer noch matt und schwach. Auch wir beiden andern zogen uns nach
dem Wohnhause zurck und suchten gleichfalls unser Lager auf. Trotz
meiner Mdigkeit wollte mich der Schlaf nicht berkommen; die jngsten
Ereignisse tauchten wieder so lebhaft in meiner Seele auf, da ich den
ganzen Kampf gleichsam von neuem durchlebte.

Die Einwohnerzahl meiner Insel war nun um das Vierfache gestiegen, und
ich war naturgem der unumschrnkte Monarch ber diese Insulaner.
So klein aber die Zahl auch war, eine groe Verschiedenheit zeigte
die Bevlkerung hinsichtlich der Abstammung und der Religion.
Freitags Vater war Karibe, Heide und Menschenfresser, der Sohn
Spaniens war Katholik, und ich nebst Freitag huldigten der Lehre des
Protestantismus. Aber diese Verschiedenheit sollte kein Stein des
Anstoes werden, kein Gewissenszwang beirrte in meinem Staate die
Gemter.

Als wir uns am andern Morgen erhoben hatten, gebot ich Freitag, die
getteten Wilden, deren verwesende Leichname die Luft zu verpesten
drohten, in die Erde zu verscharren. Zugleich sollte Freitag auch die
eklen berreste der Kannibalenmahlzeit entfernen, damit sie nicht
unser Auge ferner beleidigten. Er entledigte sich meines Befehls mit
gewohnter Bereitwilligkeit.

Dann machten wir gemeinsam die Runde um die Burg und ihre Umgebungen
und gingen nach der Hhle und den Ziegenparks. Ich wollte nmlich
sowohl mich selbst von dem Stande der Dinge unterrichten, als auch
meine neuen Gefhrten mit meinen wirtschaftlichen Erfolgen bekannt
machen. Freitag hatte als Dolmetsch hierbei vollauf zu thun; denn
sein Vater war ber die vielen neuen Dinge, die er bei uns sah, ganz
erstaunt, und ich lie ihm ihren Zweck und Gebrauch so deutlich wie
mglich auseinandersetzen. Aber auch der Spanier war nicht wenig
berrascht von den zweckmigen Einrichtungen, die ich im Laufe so
vieler Jahre getroffen und allmhlich mehr und mehr verbessert hatte.

Nachdem meine neuen Hausgenossen sich endlich von ihren Schmerzen an
Hnden und Fen befreit fhlten, boten sie mir bereitwillig ihre
Krfte zur Verrichtung der lndlichen und vielen andern Arbeiten
an. Freitag lie ich meist in Gesellschaft seines Vaters arbeiten,
whrend sich der Spanier in meiner nchsten Nhe zu halten pflegte.
Da fehlte es denn nicht an hunderterlei Fragen und Mitteilungen, an
Plnen und Aussichten fr die Zukunft, an Errterungen hinsichtlich der
Mittel, nach dem Festland hinberzukommen, wo ich, wie Freitags Vater
versichert hatte, um seinetwillen gastfreundliche Aufnahme finden wrde.

Der Spanier unterrichtete mich zuvrderst von seinem und seiner
Genossen Schicksal. Ich heie, erzhlte er, *Don Juan Caballos*
und stamme aus Valladolid in Spanien. Wir waren auf einem Fahrzeuge
abgesegelt, das vom Rio de la Plata nach der Havanna gehen und dort
Pelzwaren und Silber gegen europische Waren umtauschen sollte. Es
erhob sich ein heftiger Sturm, und in der Nacht darauf wurden wir
so heftig gegen ein Felsenriff geschmettert, da wir, im ganzen elf
Spanier und fnf Portugiesen, uns beeilen muten, in die Schaluppe zu
kommen. Sturm und Wellen preisgegeben, halbtot vor Hunger und Durst,
Angst und Gefahr, wurden wir nach der karibischen Kste verschlagen und
schwebten in der peinlichsten Furcht, von den Wilden geschlachtet zu
werden. Allein die Kannibalen waren menschlicher, als wir glaubten: sie
nahmen uns ohne Feindseligkeit auf und lieen uns in Frieden unter sich
leben. Da wir uns indes an ihre schlechten Lebensmittel und namentlich
an ihr Nationalfestessen, aus Menschenfleisch bestehend, nicht gewhnen
konnten, so nagten wir fast bestndig am Hungertuche. Zwar besaen wir
einige Feuergewehre und Sbel; aber wir hatten bereits in den ersten
Tagen nach unsrer Landung den Vorrat an Pulver und Blei verbraucht
und waren deshalb fast lediglich auf den Unterhalt durch die Wilden
angewiesen. Was Wunder, wenn der Gedanke einer Flucht aus diesem Lande
sich in uns allen bis zum glhendsten Wunsche steigerte? Dies, Freund
Robinson, ist die Lage meiner Genossen unter den Kannibalen.

Das ist in der That traurig, Don Juan, erwiderte ich dem Spanier.
Aber mir geht ein Gedanke durch den Kopf: wrden wohl Eure Gefhrten
einen Vorschlag zu ihrer Rettung von mir annehmen?

O sicherlich mit dem innigsten Dankgefhl, Sennor; denn in ihrer
jetzigen verzweifelten Lage haben sie keine Hoffnung, sich selbst
jemals befreien zu knnen!

Mein Vorschlag wre demnach folgender: sie smtlich nach unsrer
Insel herberzuholen und durch gemeinschaftliche Arbeit ein Fahrzeug
zu bauen, das gro genug sein wrde, um uns alle samt den ntigen
Lebensmitteln aufzunehmen und nach Brasilien oder nach einer spanischen
Kolonie zu bringen. Freilich wrde ich es aber bitter zu bereuen haben,
das Werkzeug ihrer Rettung geworden zu sein, wenn sie gegen mich, als
einen *Englnder*, die obschwebenden Feindseligkeiten der spanischen
und britischen Nation geltend machen wrden.

O Sennor, entgegnete der Spanier, meine Genossen haben den Kelch der
bittersten Leiden zu lange gekostet, als da sie nicht schon den bloen
Gedanken verabscheuen sollten, demjenigen ein Unrecht zuzufgen, dem
sie fr die Rettung aus Not und Verbannung verpflichtet wren.

Und doch, Don Caballos, ist gerade die Dankbarkeit keine gewhnliche
Tugend unter den Menschen. Denn nur zu oft richten dieselben ihre
Handlungen nicht nach den Pflichten ein, welche ihnen durch empfangene
Wohlthaten auferlegt werden, sondern nach ihrem eignen persnlichen
Vorteil, dem sie alle brigen Rcksichten nachsetzen.

Wohl, Sennor, *aufzwingen* lt sich Vertrauen nicht. Aber wenn Ihr
gestattet, so lat mich mit Freitags Vater wieder zurckfahren, meine
Landsleute von Eurem Plane in Kenntnis setzen, mit ihnen einen Vertrag
abschlieen, den sie mit einem heiligen Eide beschwren sollen. Diesen
Vertrag werde ich unterzeichnet hierher zurckbringen. Ich selbst aber
will mich, ehe ich abreise, durch einen Eid verbindlich machen, Euch
treu und gehorsam zu bleiben, solange ich lebe, und meine Genossen
eben dazu anzuhalten; Euch selbst will ich fr den Fall, da letztere
sich widerspenstig oder untreu bezeigen sollten, auf das krftigste
beistehen und Eure Person bis auf den letzten Blutstropfen verteidigen.

Auf solche Versicherungen hin glaubte ich die Rettung der Spanier und
Portugiesen wagen zu drfen und ordnete an, da Caballos mit dem alten
Wilden abgesandt werden solle. Als aber bereits alles zur Abreise
vorbereitet war, erhob der Spanier selbst eine Schwierigkeit, in
welcher sich seine Klugheit und Aufrichtigkeit bekundeten, so da ich
gern seinen Rat annahm und die Befreiung seiner Gefhrten noch um sechs
Monate hinaus verschob.

[Illustration: Zurstung des Bootes zur Abfahrt.]

Er musterte nmlich meine Vorrte an Reis und Gerste und begriff
sofort, da dieselben allerdings fr mich und Freitag mehr als
hinreichend waren, da jedoch jetzt, wo wir unser vier von diesem
Haushalt zehren muten, die weiseste Sparsamkeit von nten sein wrde.
Wie aber sollte es vollends dann werden, wenn auch noch die 16 Europer
auf unser Kornmagazin angewiesen waren? Dabei riet mir der Spanier, ich
mchte ihn sowie die beiden Indianer so viel Land beackern und besen
lassen, als dies ohne zu erhebliche Verringerung der Vorrte geschehen
knne, und dann die nchste Ernte abwarten. Wrde diese ungnstig
ausfallen, so knnte leicht die Hungersnot Unzufriedenheit und
Zwistigkeiten herbeifhren; seine Gefhrten knnten dann wohl meinen,
nur aus einem Unglck in das andre gefallen zu sein.

Wit Ihr doch selbst, Sennor, fgte er hinzu, wie auch die Kinder
Israel anfnglich ber ihre Errettung aus gyptenland frohlockten,
dann aber, als es ihnen in der Wste an Brot gebrach, sich gegen ihren
Fhrer auflehnten.

Der Rat des Spaniers schien mir so wohl berdacht und beachtenswert,
da ich ihm ohne Zgern folgte. Wir machten uns daher alle vier, so
gut es mit unsern hlzernen Werkzeugen gehen wollte, an die Arbeit,
gruben ein ziemlich groes Stck Land um, und bereits nach Verlauf
eines Monats, wo die Saatzeit eintrat, hatten wir so viel Ackerland
zubereitet, da wir 22 Scheffel Gerste und 16 Krge Reis sen konnten;
es blieb aber fr uns bis zur nchsten Erntezeit noch genug Gerste
zu unsrer tglichen Nahrung brig. Da wir jetzt zahlreich genug
waren, um die Wilden nicht mehr frchten zu mssen, so gingen wir
frei und unbesorgt auf der ganzen Insel umher, um alles Notwendige
zu unsrer Befreiung, die unsre Gemter ausschlielich beschftigte,
instandzusetzen. Als die Jahreszeit gekommen war, Trauben zu pflcken
und zu trocknen, lie ich eine solche Menge derselben aufhngen, da
wir 60 bis 80 Fsser htten fllen knnen, wenn wir in Alicante gewesen
wren, wo die besten Rosinen gemacht werden. Diese Frchte und das Brot
bildeten den Kern unsrer Mahlzeiten. Auerdem aber flochten wir fleiig
Krbe, die uns zur Aufbewahrung unsrer Vorrte unentbehrlich waren.

Zugleich nahm ich auch darauf Bedacht, unsre Herde zahmer Ziegen zu
vermehren. Zu diesem Zwecke ging ich abwechselnd mit dem Spanier auf
die Jagd, wohin uns Freitag begleitete. Indem wir die alten Ziegen
schossen, die Jungen aber einfingen, brachten wir an 20 junge Ziegen
zusammen, die ich dann mit den brigen aufzog.

Auch bezeichnete ich mehrere Bume, die ich zur Erbauung eines greren
Fahrzeuges geeignet hielt, und lie sie durch Freitag und seinen Vater
fllen, whrend ich dem Spanier die berwachung und Leitung dieser
Arbeiten anvertraute. Ich zeigte ihnen, mit welcher Geduld und Ausdauer
ich groe Bume zu Booten verarbeitet hatte, und wies sie gleichfalls
dazu an. Sie schnitten ein Dutzend guter Bretter von 60 _cm_ Breite,
5-11 _m_ Lnge und 5-10 _cm_ Dicke -- eine Arbeit, die manchen schweren
Schweitropfen kostete.

Inzwischen war die Zeit der Ernte gekommen, und wir arbeiteten mit
Lust am Einsammeln. War sie auch nicht allzu ergiebig, denn ich hatte
frher schon reichere Ernten gehabt, so entsprach sie doch unsern
Erwartungen. Wir erhielten ber 220 Scheffel Gerste und in demselben
Verhltnisse Reis. Das bildete einen Vorrat, der uns alle, mit
Einschlu der Gefhrten des Spaniers, bis zur nchsten Ernte nicht nur
hinlnglich ernhrt, sondern auch noch bequem zur Verproviantierung
eines Fahrzeuges gereicht htte, um zu dem von Europern bewohnten
Festlande von Amerika zu gelangen. Nachdem wir unsre Vorrte
untergebracht hatten, fand ich es fr angemessen, das Feld noch einmal
zu bearbeiten und zu besen, weil wir wegen des Schiffbaues, aus Mangel
an Werkzeugen, uns noch eine geraume Zeit hier aufhalten muten.

Nachdem alles bestens geordnet war, setzten wir unser Boot in
Bereitschaft, in welchem Caballos mit dem alten Indianer absegeln
sollte, um mit den Spaniern und Portugiesen zu unterhandeln. Um mich
aber fr jeden Fall sicher zu stellen, setzte ich dem Spanier am
Tage vor ihrer Abfahrt einen in portugiesischer Sprache abgefaten
schriftlichen Befehl auf, der folgendermaen lautete:

Es wird keiner mitgebracht, der nicht in Gegenwart von Freitags
Vater und des Don Juan Caballos auf das Evangelium schwrt, mich,
*Robinson Crusoe*, als seinen obersten Befehlshaber anzuerkennen, mir
treu und gehorsam zur Seite zu stehen, mir wissentlich nie Schaden
oder Bses zuzufgen, mich gegen jeden Angriff, woher er auch komme,
zu verteidigen und sich meinen Befehlen und meiner Leitung, wohin
ich ihn auch fhren wrde, niemals zu widersetzen. Jeder hat heilig
zu versprechen, mein Wohl nach seinen Krften zu frdern. -- Alles
dies soll von smtlichen Leuten beschworen und durch eigenhndige
Unterschrift anerkannt werden.




[Illustration: Sehnsuchtsvolle Umschau.]

Dreizehntes Kapitel.

Durch Kampf zum Sieg.


  Abreise von Caballos und Freitags Vater. -- Ankunft weier Mnner. --
  Ein englisches Schiff. -- Vergebliche Furcht vor Seerubern. -- Die
  Gefangenen. -- Die Befreiung derselben. -- Bestrafung der Meuterer.
  -- Die Meuterer werden in die Irre gefhrt, berfallen und gefangen.
  -- Wiedergewinnung des Schiffes. -- Der englische Gouverneur.

Es mochte wohl nach meiner ungefhren Schtzung, denn ich hatte die
genaue Fortfhrung meines Pfahlkalenders vernachlssigt, im Monat
Oktober des Jahres 1686 sein, als Don Caballos mit Freitags Vater nach
dem Festlande von Amerika absegelte. Freitag war bei dem Abschiede
von seinem Vater so betrbt, da er Thrnen vergo. Auch ich selbst
sah mit Rhrung der kleinen Barke nach; und doch empfand ich eine
innerliche hohe Freude, wenn ich bedachte, da dies nach 27 *Jahren*
die erste Veranstaltung war, die ich zu meiner Errettung aus meinem
einsamen Insellande ins Werk gesetzt hatte und welche vielleicht einen
gnstigen Erfolg haben konnte. Alle meine Gedanken beschftigten sich
jetzt mit der nahen Abreise in die Heimat, tausend frohe Hoffnungen,
aber auch manche Zweifel stiegen in mir auf. Welch ein Zeitraum,
berreich an Erfahrungen, lag zwischen meinen Jnglingsjahren und der
Gegenwart! Welche Vernderungen mochten unterdes in England vor sich
gegangen sein! Wie mochten sich vor allem meine guten Eltern befinden,
die mich gewi lngst als einen Toten beweinten?

Ich hatte jedem der beiden Reisenden eine Muskete nebst sieben oder
acht Ladungen Pulver und Blei mitgegeben und ihnen zugleich geraten,
recht sparsam und haushlterisch damit umzugehen. Auerdem waren sie
mit so viel Brot und Rosinen ausgerstet worden, da sie nicht nur
fr sich, sondern auch fr die zu Befreienden wohl auf acht Tage
ausreichten. Um den Vertrag, dessen ich Erwhnung gethan, unterzeichnen
zu lassen, gab ich dem Spanier ein Flschchen mit Tinte und einigen
Federn mit und verabredete das Signal, durch welches sie ihre Rckkehr
schon von fern kundgeben sollten.

Acht Tage waren seit der Abreise des Spaniers und des alten Wilden
verflossen, aber vergeblich harrten wir von Tag zu Tag der Rckkehr
meiner Gesandten entgegen. Da weckte mich eines Morgens Freitag mit dem
lauten, freudenvollen Rufe: *Herr, sie sind wiedergekommen*, sie sind
da!

Sogleich sprang ich auf, warf meine Kleider ber, und ohne ein Gewehr
mitzunehmen, eilte ich dem Strande zu. Aber wie gro war meine
Bestrzung, als ich aus dem Buschwldchen trat, das meine Burg umgab,
und, nach der See hinauslugend, eine Schaluppe erblickte, welche mit
einem lateinischen Segel versehen war und mit frischem Winde gegen die
Kste zusteuerte! Das war nicht unser Boot, kam auch nicht von Norden
her, sondern von Sdost; ich rief Freitag, der mir schon vorausgeeilt
war, schnell zurck und befahl ihm, sich dicht neben mir im Wldchen im
Versteck zu halten, denn ich wute nicht, ob die Leute, die da kamen,
Freunde oder Feinde seien. Dann zogen wir uns vorsichtig in unsre Burg
zurck, und ich bestieg dort sogleich mit einem Fernrohr meine Warte,
um die Ankmmlinge zu beobachten.

Kaum hatte ich den Hgel erklommen, als ich in einer Entfernung von
dritthalb Stunden gegen Sdsdost ein Schiff vor Anker liegen sah und
ganz deutlich erkannte, da Schiff und Schaluppe *englische* waren.

Unmglich kann ich die Gefhle schildern, die sich meiner bemchtigten.
Einmal war es unaussprechliche Freude, in den Fremden Landsleute,
Englnder, Freunde zu begren, dann aber verdrngten Zweifel und
Besorgnisse den Jubel in meiner Brust. Was konnte wohl ein *englisches*
Fahrzeug in diesem Winkel der Erde, in diesen Gewssern suchen, in
denen nie ein englischer Kauffahrer seine Wimpel blhte? Was fhrte
die zweifelhaften Gste hierher, da doch die Witterung anhaltend schn
war und sie keine Mtze voll Wind, wie einst mich, an dieses Eiland
getrieben haben konnte? Hier war hchste Vorsicht geboten, um nicht in
die Gewalt von Rubern oder *Freibeutern* zu fallen. Nicht lange stand
ich auf meinem Warteposten, als die Schaluppe sich dem Ufer nherte und
dann auf den flachen Strand trieb. Die Mannschaft stieg aus, und ich
erkannte in den Personen Englnder, acht mit Sbeln bewaffnet, drei
aber ohne Waffen und gebunden. Letztere schienen in verzweifelter Lage
zu sein, denn sie streckten die Hnde flehend empor. Dieses Schauspiel
setzte mich in groe Verwirrung, und Freitag, der mir nachkam, raunte
mir zu: Sieh, Herr, diese englischen Mnner essen Gefangene, ebenso
wie meine Landsleute.

Wie, Freitag, entgegnete ich, glaubst du wirklich, da sie so
unmenschlich wren, ihre Gefangenen zu essen?

Ja, ja, Herr; o ich wei, auch die Englnder essen ihre weien Brder.

Nicht doch, Freitag, suchte ich ihn zu belehren; wohl mglich, da
sie ihre Feinde dort tten werden, aber essen! -- niemals! niemals!

Ist aber doch kein groer Unterschied, Herr!

Ich berlegte, wie ich wohl am besten die Gefangenen zu befreien
vermchte, zumal ich in den Hnden ihrer Peiniger Feuerwaffen nicht
bemerkte. Die Englnder selbst gingen am Ufer auf und ab, ohne sich
weiter um ihre Gefangenen zu kmmern. Obgleich nun diese htten frei
umherlaufen knnen, so waren sie doch zu sehr eingeschchtert und
setzten sich auf den Boden nieder. Ihre Lage erinnerte mich lebhaft
an jenen Augenblick, wo ich selbst durch die Gewalt des Sturmes an
diesen Strand geschleudert wurde, unter Aufbietung der letzten Krfte
die Felsen erkletterte und jeden Augenblick den Tod erwartete. Wie ich
damals auf die Stunde der Befreiung kaum hoffen konnte, so saen auch
jetzt diese drei armen Unglcklichen an dem Strande und ahnten nicht,
wie nahe ihnen die Errettung bevorstnde.

Als die fremden Gste an der Insel angelangt waren, hatte die Flut
gerade ihre uerste Hhe erreicht. Whrend sich nun die Seeleute
auf der Insel sahen, war die Ebbe bereits eingetreten, und die
Schaluppe lag gnzlich auf dem Trockenen. Ich gelangte alsbald zu der
berzeugung, da wenigstens zehn Stunden vergehen mten, ehe die
Schaluppe wieder flott werden knne. Deshalb stieg ich von meinem
Beobachtungsposten herunter und ging in meine trefflich verschanzte
Burg. Da ich jedoch wute, da ich es jetzt mit einem viel gewandteren
Feinde zu thun haben wrde, als die Wilden waren, so lud ich mit
Freitag sowohl die Kanonen als auch unsre brigen Feuerwaffen.

Es mochte gegen 2 Uhr nachmittags geworden sein, die Hitze hatte
eine erdrckende Hhe erreicht. Ich sah jetzt keinen der Seeleute
mehr; sie hatten sich wahrscheinlich in den Wald zurckgezogen, um
sich im Schatten der Bume dem Schlafe zu berlassen. Nur die drei
Gefangenen saen noch in dem Schatten eines Baumes, ohne jedoch der
Ruhe zu pflegen. Nur eine kleine Strecke von meinem Schlchen lagernd,
befanden sie sich gewissermaen unter meinen Augen, dagegen gnzlich
aus dem Gesichtskreise ihrer sorglosen Verfolger.

Dieser Augenblick schien mir geeignet, die Rettung der Gefangenen zu
wagen und sie in Sicherheit zu bringen. Ich nahm zwei Flinten, ein
Pistol und ein Seitengewehr und bewaffnete Freitag mit drei Musketen,
einem Seitengewehr und einem Pistol.

Mein Aussehen flte Furcht ein; man denke nur an meinen Anzug aus
Ziegenfellen, die hohe Mtze und den langen Bart! Auch Freitag sah
phantastisch und frchterlich genug aus. In solchem Aufzuge nun und
wohl bewehrt gingen wir ganz nahe bis zu den Fremden heran. Ohne von
denselben bemerkt zu werden, rief ich ihnen auf spanisch zu: Wer sind
Sie, meine Herren?

Sie fuhren erschrocken auf, schienen jedoch bei dem Anblick unsrer
abenteuerlichen Erscheinung noch mehr berrascht zu sein; ja sie
zeigten Lust, sich davonzumachen, bis ich ihnen zurief: Frchten Sie
nichts von mir, Ihr Retter ist nher, als Sie glauben.

Da zog einer von den Gefangenen den Hut ab und erwiderte sehr ernst:
So mu er uns geradeswegs vom Himmel gesandt sein, denn von Menschen
erwarten wir keine Hilfe mehr.

Ich sah Ihre Not, sagte ich. Sie schienen Ihre rohen Begleiter
anzuflehen, und ich bemerkte, wie einer derselben drohend seinen Sbel
schwang. Sagen Sie mir, wie ich Sie erlsen kann!

Der unglckliche Mann war auer sich vor berraschung. Sind Sie ein
Mensch oder ein Bote des Himmels? rief er.

Ich bin ein Englnder, der bereit ist, Ihnen beizustehen. Wir sind
zwar, wie Sie sehen, nur unser zwei, aber wir haben Waffen und
Munition. Sagen Sie mir daher ohne Rckhalt, was fr ein Ungemach Sie
betroffen und was wir fr Sie thun knnen.

Ich war Kapitn von jenem Schiffe, dessen Besatzung sich gegen
mich emprte und meinen Tod beschlo. Man kam berein, mich nebst
zwei Mnnern, meinem Leutnant und einem Passagier an dieses Land
auszusetzen, um uns einem ungewissen Schicksale preiszugeben.

Wo sind Ihre Feinde? Wissen Sie, wohin sie gegangen sind?

Dort in jenen Wald, antwortete der Kapitn.

Sind Ihre Feinde mit Schiegewehren versehen?

Sie haben zwei Flinten, eine dritte liegt noch in der Schaluppe.

Gut, Kapitn, so folgen Sie mir vorsichtig nach dem Wldchen.

Sogleich setzten wir uns in Bewegung und sahen bald die Mnner, die
sich smtlich dem Schlafe berlassen hatten.

Jetzt wre es leicht, sie zu tten, begann ich wieder, ohne da ein
einziger entkommt; oder wollen Sie die Meuterer lieber zu Gefangenen
machen?

Zwei von ihnen sind ausgemachte Schurken, welche auf keinen Fall Gnade
verdienen. Knnte man sich dieser beiden Menschen bemchtigen, so
wrden hoffentlich die andern zu ihrer Pflicht zurckkehren.

Hren Sie mich jetzt an, Sir! Wenn ich alles wage, um Sie zu retten,
wrden Sie dann wohl in einige Bedingungen willigen?

Ich und mein Schiff, wenn wir desselben wieder habhaft werden knnen,
sollen ganz zu Ihrer Verfgung stehen.

Nun gut! fuhr ich fort, ich stelle Ihnen nur zwei Bedingungen.
*Erstens*: Solange Sie auf dieser Insel bleiben, verpflichten Sie sich
zum Gehorsam gegen mich. Die Waffen, welche ich Ihnen anvertraue, haben
Sie mir stets auf mein Verlangen zurckzugeben und zu geloben, weder
mir noch den Meinigen zu schaden, vielmehr nur mein Bestes zu frdern.
*Zweitens*: Kommen Sie wieder in Besitz ihres Schiffes, so bringen
Sie mich und meinen Diener samt den Habseligkeiten, die ich besitze,
unentgeltlich nach England.

Sir, erwiderte darauf sofort der Kapitn, diese Bedingungen sind so
natrlich, da ich freudig auf dieselben eingehe.

Und wir, fielen des Kapitns beide Gefhrten ein, wir geloben, Ihnen
zu folgen, wohin es auch sein mag!

Brav gesprochen, ihr Mnner! erwiderte ich und drckte ihnen die
Hnde. Wohlan, ans Werk! Hier sind drei Musketen nebst Pulver und
Blei. Das beste wre, auf die Meuterer zu feuern, whrend sie noch
schlafen. Bleiben einige von der Weckungssalve verschont und bitten um
Pardon, so knnen wir sie begnadigen.

Whrenddessen sahen wir zwei der Mnner aus dem nahen Gebsch treten.

Sind das die Rdelsfhrer? fragte ich den Kapitn.

Nein, Sir!

Gut, so lassen wir sie laufen, da sie die Vorsehung rettet. Nun aber
vorwrts!

Angefeuert durch meine Worte, nahm der Kapitn sein Gewehr auf, seine
Gefhrten thaten desgleichen, und vorwrts ging der Marsch. Durch
das entstandene Gerusch wachte ein dritter von den Seeleuten auf. Er
stie, als er die Anrckenden sah, ein Geschrei aus, um die Schlfer
zu wecken. Letztere sprangen erschrocken auf, aber in demselben
Augenblicke feuerten der Leutnant und der Passagier so glcklich, da
einer der Rdelsfhrer auf der Stelle tot blieb, der andre verwundet
wurde. Der Kapitn, der sich des Schieens weislich enthalten hatte,
strzte auf ihn los und streckte ihn durch einen krftigen Kolbenschlag
vollends zu Boden. Ein andrer war leicht verwundet, die brigen drei
baten, als sie mich und Freitag heranrcken sahen, flehentlich um
Gnade. Whrend sie noch auf ihren Knieen lagen, kamen auch jene beiden,
die zuerst erwacht waren, angelockt durch die gefallenen Schsse,
herbeigeeilt. Als sie jedoch merkten, wie sehr sich die Verhltnisse
verwandelt hatten und wie ihre bisherigen Gefangenen, mit Flinten
bewaffnet, Herren des Feldes waren, so versuchten sie keinen unntzen
Widerstand, sondern unterwarfen sich gleich ihren Gefhrten. Somit
hatten wir einen vollstndigen Sieg errungen.

Der Kapitn wandte sich nun mit folgenden ernsten Worten an die
Besiegten: Ihr wit, da ihr als Emprer und Meuterer den Tod verdient
habt. Ich will jedoch Gnade fr Recht ergehen lassen und euch das Leben
schenken, aber nur unter der Bedingung, da ihr euern Verrat bereut und
schwrt, mir beizustehen, um mein Schiff zurckzuerobern!

Hiergegen hatte ich zwar nichts einzuwenden, verpflichtete ihn aber
dazu, die Gefangenen, solange sie auf der Insel sein wrden, an Hnden
und Fen gebunden in Sicherheit zu halten. Ich lie ihnen daher
sogleich an den Hnden Fesseln anlegen und gab dem Leutnant und Freitag
den Auftrag, die Gefangenen nach der Grotte zu bringen und ihnen die
Fe zu binden.

Es befanden sich noch 26 Seeleute an Bord des Schiffes. Alle hatten
wegen ihrer Auflehnung gegen ihr Oberhaupt das Leben verwirkt. Der
Kapitn sprach sich dahin aus, da es sehr schwierig sein wrde, ihnen
wirksam beizukommen, denn sie wrden sich wohl aufs uerste zur Wehre
setzen. Wir muten daher auf eine List sinnen, um sie an einer Landung
zu verhindern. Zu rechter Zeit fiel mir noch ein, da die auf dem
Schiffe zurckgebliebenen Leute, wenn ihre Kameraden mit der Schaluppe
nicht zurckkmen, diese unfehlbar mit dem zweiten Boote suchen wrden
und uns dann viel zu schaffen machen knnten.

Zuerst mute die eine Schaluppe, die sich bereits in unsern Hnden
befand, unbrauchbar gemacht werden, damit sie nicht fortgefhrt werden
knne. Unverweilt begaben wir uns an diese Arbeit, nahmen Ruder, Mast,
Segel, Steuerruder, ferner die Flinte, ein Pulverhorn, eine Flasche
Branntwein, eine zweite mit Rum, Zwieback und ein groes Stck Zucker
heraus. Nachdem wir alles an den Strand gebracht, bohrten wir ein
groes Loch in den Boden der Barke, um ihre Wegfhrung unmglich zu
machen. Nun kamen auch der Leutnant und Freitag zurck, und unsern
vereinten Anstrengungen gelang es bald, die Schaluppe so hoch auf den
Strand zu ziehen, da selbst die hchste Flut sie nicht erreichen oder
wegsplen konnte.

Fr jetzt lie sich nichts weiter thun. Wir brachen deshalb nach
meiner Burg auf. Nur wenige Schritte waren wir fortgegangen, als ein
Kanonenschu vom Schiffe her ber die Wellenflche erscholl, jedenfalls
in der Absicht, die Schaluppe zurckzurufen. Aber diese lag in guter
Ruhe und rhrte sich nicht. Da der erste Signalschu wirkungslos blieb,
so feuerte die Mannschaft des Schiffes von Zeit zu Zeit mehrere Schsse
hintereinander ab, natrlich ohne jeden Erfolg.

Wir beschleunigten unsre Schritte, um mglichst rasch die Burg zu
erreichen. Der Kapitn sowie seine beiden Gefhrten bewunderten meine
Befestigungswerke und die Kunst, wie ich sie so geschickt vor jedem
Spherauge verborgen hatte. Freilich war aber auch das Wldchen
vor mehr als 20 Jahren gepflanzt und schnell zu solchem Dickicht
verwachsen, da man schlechterdings nicht durchkommen konnte, auer auf
dem engen, sich durchschlngelnden Pfade, der nur von mir und Freitag
begangen wurde.

Nun, Kapitn, fragte ich, wie gefllt Ihnen mein Schlo? Gewhrt
diese Mauer nicht ein ganz prchtiges Versteck?

Vortrefflich, Sir! Hinter dieser lebendigen Mauer sind wir besser
geschtzt, als wenn wir unser zwanzig wren.

Das ist aber noch nicht alles, Kapitn, fuhr ich rasch fort; ich
besitze auch noch eine Sommerresidenz, in welcher ich einen Teil der
schnen Jahreszeit zubringe. Die sollten Sie sehen, Herr; dort liegt
das Paradies der Insel! Auch diese werde ich Ihnen ehestens zeigen
knnen. Jetzt aber ist es notwendig, da Sie mir samt Ihren Genossen
auf meine Warte folgen, um von dort aus das Schiff zu beobachten. Du,
Freitag, bringe die Fernglser und einige Erquickungen hinauf!

Oben angelangt, bemerkten wir, wie die Schiffsmannschaft des heftig
vom Winde geschttelten Fahrzeugs, nachdem alle ihre Schsse ohne
die erwartete Wirkung geblieben waren, eine bunte Flagge aufgehit
und, weil auch dieses Mittel nicht verfing, das andre Boot ausgesetzt
hatte, welches sofort der Kste zusteuerte. Das Meer befand sich in
starkem Wogengang, und die Leute in der Schaluppe hatten krftig
zuzugreifen, um vorwrts zu kommen. Das Boot mochte etwa mit zehn
Mnnern, einschlielich des Schiffsjungen, bemannt und diese smtlich
mit Schiegewehren versehen sein.

Leider, sagte der Kapitn, befinden sich unter diesen Leuten nur
drei ehrliche Burschen, welche durch Furcht zur Emprung gezwungen
worden sind. Die andern aber, hauptschlich der Hochbootsmann, welcher
die Schaluppe kommandiert, sind so abgefeimte Schurken, da wir uns des
rgsten von ihnen versehen drfen.

Oho, Leute wie wir, Kapitn, entgegnete ich, brauchen sich nicht
zu frchten. Ich habe auf dieser Insel schon schlimmere Zeiten
berstanden; darum fassen Sie Mut und Vertrauen, mein Herr!

Ich will es!

Nun gut! Zunchst scheint es doch zweckmig gewesen zu sein, die
brigen in der Hhle fern zu halten. Nur eins beunruhigt mich etwas,
da nmlich drei brave Burschen unter den Ankommenden sind, die wir
schonen und uns zu eigen machen mchten.

Jetzt nherte sich die Schaluppe dem Ufer und steuerte demselben
entlang bis zu jener Stelle, wo das zuerst angekommene Boot angelegt
hatte. Hier stieg die Rotte ans Land und zog ihre Schaluppe hoch auf
den Strand hinauf. Zuerst sahen sie nach ihrem Boote. Wer aber malt
ihre Bestrzung, als sie dasselbe fest, wie die Arche Noahs, auf dem
Trockenen sitzen, stark durchbohrt und von der ganzen Ausrstung
entblt sahen! Dann erhoben sie einen dreimaligen lauten Ruf; aber
keine Antwort tnte ihnen zurck. Da dieses Signal, wie die frheren,
vergeblich blieb, stellten sie sich in einen Kreis und schossen ihre
Gewehre auf einmal los, so da es durch die Felsenthler wie drhnender
Donner rollte. Atemlos lauschten sie auf eine Antwort. Doch kein
menschliches Wesen lie seinen Ruf ertnen; nur das Echo der Berge gab
den Klang der Feuerwaffen wieder.

Da schien es den Fremden nicht mehr geheuer zu sein: schnell setzten
sie ihr Boot ins Wasser und stieen vom Strande ab. Bald aber wendeten
sie sich wieder rechtsum und steuerten geraden Laufes von neuem auf die
Insel los, um ihre vermiten Kameraden aufzusuchen. Wirklich stiegen
sieben aus, und es blieben drei Mann zur Bewachung des Bootes zurck.
Das lag freilich nicht in unsrer Berechnung; denn was half es uns, jene
sieben Mnner zu berwltigen, wenn unterdes die Zurckgebliebenen dem
Schiffe wieder zusteuern und mit demselben sich auf und davon machen
konnten?

Die sieben Gelandeten schritten, sich dicht beisammen haltend, am Saume
des dichten Buschwldchens vor meiner Festung hin und stiegen auf
einen jener westlichen Hgel, von denen sich eine weite Fernsicht ber
die Ebenen nach Nordost darbot. Oben auf dem Gipfel begannen sie laut
zu rufen. Augenscheinlich mochten sie sich nicht weiter landeinwrts
wagen, denn sie setzten sich im Schatten eines Baumes nieder, um Rat zu
halten. Pltzlich brachen sie wieder auf und schlugen den Rckweg nach
der Schaluppe ein. Dieser Augenblick forderte zu schneller Entscheidung
auf; hier konnte nur eine List helfen.

Ich trug dem Leutnant und Freitag auf, linker Hand nach derselben
Hgelreihe, von welcher die Mannschaft hergekommen, vorsichtig
vorzugehen, dann auf einen Hgel zu steigen und aus allen Leibeskrften
so lange zu schreien, bis die Matrosen ihnen antworten wrden. Wenn
dies geschehe, so sollten sie dieselben unter wiederholtem Rufen
langsam von Hgel zu Hgel in das Gehlz des Innern locken, ohne sich
jedoch von ihnen einholen zu lassen.

Die Meuterer wollten eben wieder in See stechen, als der Leutnant den
ersten Ruf erschallen lie. Sofort machten jene Halt und schritten der
Richtung zu, aus welcher der Ton erscholl. Unsre Leute wiederholten
ihr Geschrei, und unter fortgesetzten Lockrufen ging es immer tiefer
landeinwrts.

Jetzt schien der gnstige Augenblick gekommen zu sein, um die Schaluppe
zu berfallen. Nur ein Mann befand sich in derselben; von den beiden
andern Wchtern war der eine ausgestiegen und dem Haufen nachgerannt,
whrend der andre ein nahegelegenes Gebsch aufsuchen wollte, um
sich daselbst niederzulegen. Der Kapitn schmetterte ihn durch einen
Kolbenschlag tot zu Boden; dann rief er den in der Schaluppe an, sich
zu ergeben. Dieser, einer von den verfhrten Meuterern, bat seinen
Vorgesetzten flehentlich um Gnade, indem er schwur, knftig Gut und
Leben fr den Kapitn einsetzen zu wollen.

In der Hhle waren sechs Gefangene, von denen einer verwundet war.
Zwei andern konnte man zur Not trauen; die letzten drei aber hielt der
Kapitn so weit fr zuverlssig, um sie unserm Trupp als Verstrkung
einverleiben zu knnen. Auch aus der zweiten Schaluppe der Meuterer
entfernten wir Mast, Segel, Ruder und legten sie ebenfalls am hohen
Strand ins Trockene. Diese Arbeit verursachte natrlich viel Mhe, da
wir nur unser vier waren. Dann zogen wir uns in die Burg zurck.

Als wir daselbst anlangten, brach bereits die Nacht an. Wir erquickten
uns nach berstandener Mhe und Gefahr durch Reis, Rosinen,
Ziegenfleisch und Rum. Noch saen wir um die Flamme des Talglichtes
versammelt, als auch Freitag und der Leutnant zurckkamen. Beide hatten
sich ihres Auftrags zu unsrer vlligen Zufriedenheit entledigt, hatten
durch Rufen und Schreien die Bootsleute von Hgel zu Hgel gelockt und
endlich dieselben pltzlich sich selbst berlassen. Dann waren sie
nach der Festung geeilt, so da schwerlich vor zwei oder drei Stunden
ein Zusammentreffen bevorstand.

Nach dem Mahle schickte ich den Kapitn, den Passagier, Freitag und
jenen begnadigten Meuterer von der Schaluppe, Namens *Robertson*, nach
der Grotte ab, um jene drei Gefangenen, auf deren Treue zu zhlen war,
hierher zu bringen, so da wir dann zusammen die Zahl von neun Mann
ausmachten. In kurzer Zeit kamen sie smtlich zurck, und nachdem ich
eine Musterung gehalten, besonders aber die Meuterer in strengste
Pflicht genommen hatte, verteilte ich Waffen und Munition, im ganzen
zwlf Feuergewehre, ferner fnf Degen, wovon natrlich zwei auf meine
Person kamen.

So vorbereitet, warteten wir auf unserm Posten. Es mochte ungefhr eine
Stunde vergangen sein, als wir bemerkten, wie unsre Feinde herannahten.
Nach groer Anstrengung gelangten sie endlich an ihren Landungsplatz.
Doch wie versteinert blieben sie stehen, als sie ihr Boot nicht im
Wasser, sondern auf dem Trockenen und noch dazu der ganzen Ausrstung
beraubt sahen! Ihr Aberglaube schien ihnen Gespenster und Hllenspuk
vorzumalen, die dieses Werk vollbracht htten. Kaum konnte ich jetzt
meine Leute in Schranken halten, die vor Begier brannten, auf sie
loszustrzen. Indes bedachte ich, da in dieser Dunkelheit gar leicht
auch einer der Unsrigen verwundet werden knnte, und so wartete ich auf
einen gnstigen Augenblick zum Angriff.

Der Hochbootsmann, der Verwegenste der rebellischen Schar, bot ein
verchtliches Bild, jammerte wie ein Kind, rang verzweiflungsvoll
die Hnde und rannte hin und her. Er rief die verlorenen Kameraden
wiederholt laut beim Namen, aber keine Stimme der Genossen antwortete
ihm durch die finstere Nacht.

Um sicher zu gehen, rckte ich meinen Hinterhalt nher und gebot
Freitag und dem Kapitn, mglichst geruschlos an den Feind
heranzukriechen. Es whrte auch nicht lange, so kam der Hochbootsmann
mit zwei seiner Spiegesellen in die Nhe der verborgen Lauernden.
Jetzt stand der Kapitn mit Freitag auf; beide drckten zu gleicher
Zeit ab, und der Schndliche lag tot in seinem Blute. Der eine seiner
Genossen ward so getroffen, da er nach einer Stunde seinen Geist
aufgab; der dritte aber, nur leicht verwundet, entfloh.

Der Knall der Flinten und das Geschrei der Verwundeten galten
fr uns als Zeichen des gemeinschaftlichen Vorrckens. Wie schon
bemerkt, bestand unsre ganze Armee aus neun Mann. Der Wald war so
dicht und die Nacht so dunkel, da es den Gegnern nicht mglich war,
unsre Streitkrfte abzuschtzen. Um ihre sofortige Unterwerfung
herbeizufhren, forderte ich Robertson auf, jeden der Feinde mit seinem
Namen anzurufen.

Er rief also zuerst: Tom Smith!

Sogleich antwortete dieser zurck: Bist du es, Robertson?

Ja, ja, ich bin's. Streckt die Waffen, oder ihr seid alle des Todes!

Wem sollen wir uns ergeben? fragte Smith.

Unser Kapitn ist hier mit 50 Mann, antwortete Robertson. Der
Hochbootsmann ist tot, Will Fry ist verwundet, ich selbst bin gefangen;
wenn ihr euch nicht unterwerft, so seid ihr alle verloren.

Wird man uns aber auch Gnade bezeigen? fragte Tom Smith weiter. Wenn
man uns das Leben lt, so wollen wir uns ergeben.

Ich werde sogleich den Kapitn fragen, gab Robertson zur Antwort.

Der Kapitn ergriff aber selbst das Wort und rief: Smith! Was ich
versprochen, halte ich. Streckt ihr sofort die Waffen, so ist euch das
Leben geschenkt, auer Will Atkins!

Um Gotteswillen! rief dieser flehend, gebt auch mir Pardon, Kapitn.
Habe ich etwa Schlimmeres verbt als die brigen?

Du lgst, Atkins, fuhr ihn der Kapitn an; bist du es nicht gewesen,
der zuerst Hand an mich legte, der mir die Hnde gebunden und mich
wehrlos gemacht hat?

Gnade, Gnade, Kapitn! wimmerte Atkins.

Das wird sich finden. Jetzt noch einmal, ihr alle streckt entweder
sofort das Gewehr, oder -- --!

Ohne Widerstand ergaben sich die Meuterer, die nun als Gefangene durch
das Wldchen auf den freien Platz neben dem ueren Walle gefhrt
wurden. Hier redete der Kapitn ihnen ins Gewissen und stellte ihnen
die traurigen Folgen, die sie sich selbst zuzuschreiben htten, vor.

Ihr habt geglaubt, schlo er seine Ansprache, mich auf eine de
Insel auszusetzen, aber es hat Gott gefallen, mich zu retten; denn
hier herrscht ein englischer *Gouverneur*, der mich menschenfreundlich
aufnahm. Ihr habt mich vorhin um Gnade angefleht; meine Gewalt ber
euch ist hier zu Ende. Ihr gehrt von nun an vor den Richterstuhl des
Gouverneurs.

Diese Worte wirkten erschtternd auf die Gefangenen; sie baten ihren
Kapitn, sich fr sie bei dem Gouverneur der Insel zu verwenden.

Der inhaltschwere Titel Gouverneur galt meiner eignen Person. Aber
ich hielt mich nebst Freitag zurck und lie mich nicht sehen, denn
mein Anzug war jener Wrde nichts weniger wie angemessen. Doch die
Kriegslist gefiel mir, und ich erklrte mich einverstanden, die Rolle
fortzuspielen. Ich beorderte also den Leutnant an den Kapitn.

Herr, berichtete jener, Seine Exzellenz der Gouverneur wnscht Sie
zu sprechen.

Melden Sie Seiner Exzellenz, erwiderte der Kapitn, da ich
unverweilt zu seinen Befehlen sein werde.

Die Gefangenen muten diesen Worten nach glauben, da wirklich ein
Gouverneur mit Truppen in der Nhe stehe. Als der Kapitn aber zu
mir kam, schlug ich ihm vor, der Vorsicht halber unsre Gefangenen zu
teilen; ich forderte ihn auf, Atkins und die beiden widerspenstigen
Gesellen an Hnden und Fen gebunden nach der Hhle zu schicken, die
brigen lie ich in dem Raume zwischen den beiden Wllen unterbringen
und glaubte somit, die Mannschaft unschdlich gemacht zu haben. Nunmehr
hielt ich mit dem Kapitn, dem Leutnant und dem Passagier Rat, wie wir
uns des Schiffes bemchtigen knnten; ich sprach die Zuversicht aus,
da uns die Seeleute bei der Wiedereroberung untersttzen wrden. Es
kam darauf an, die Stimmung derselben genau zu erforschen, weshalb ich
den Kapitn und Leutnant nach der Grotte schickte, wohin ihnen Freitag
mit einer brennenden Kerze den Weg zeigte. -- Der Kapitn sprach in
mildem Tone zu seinen Matrosen: Ich werde versuchen, euch bei dem
Gouverneur der Insel Verzeihung zu erwirken; aber ich rechne bei euch
noch auf etwas andres: Ihr sollt mir das Schiff wiedererobern helfen,
denn davon hngt alles ab. Seid ihr dazu bereit?

Einmtig versicherten die Seeleute, ihm in allen Stcken bis zum
letzten Blutstropfen beizustehen. Er solle sie fhren, wohin er wolle,
und wenn es gegen die Hlle und den Teufel wre.

Ich rechne auf euch, beendete der Kapitn das Gesprch.

Er kam zu mir zurck und teilte mir die Gesinnungen der Seeleute mit.
Da ich aber glaubte, da unsre eigne Sicherheit keine allzugroe
Nachgiebigkeit gestattete, so sandte ich den Kapitn mit der Antwort
zurck: Die sechs gesunden Gefangenen sollten zur Expedition nach
dem Schiffe zugelassen werden; hingegen sollte Atkins mit den beiden
Verwundeten als Geiseln zurckbleiben und ohne weiteres aufgeknpft
werden, wenn die andern der Untreue sich schuldig machen wrden. Die
Begnstigten muten feierlich geloben, dem Gouverneur unverbrchlichen
Gehorsam zu leisten.

Die Streitkrfte, welche uns fr die Eroberung des Schiffes zur
Verfgung standen, waren nun folgende. Erstens: der *Kapitn*, der
*Leutnant* und der *Passagier*. Zweitens: *fnf Freigelassene* von
der ersten Schaluppe. Drittens: *Robertson*, *Tom Smith* und *drei
Freigelassene* von der zweiten Schaluppe. Im ganzen also *dreizehn*
Mann. Ich und Freitag durften der Expedition nicht beiwohnen, da wir
unsre Burg und unser sonstiges Eigentum sowie die Gefangenen im Auge
behalten muten.

Jetzt galt es, schnell das Loch, welches wir in eine der Schaluppen
gebohrt hatten, zu verstopfen und sie zur Kriegsfahrt auszursten.
Als alles instand gesetzt war, bestiegen der Kapitn, der Passagier
und fnf Mann das eine Boot, whrend der Leutnant mit ebenfalls
fnf Mann sich in dem andern einschiffte. Gegen Mitternacht segelte
die Mannschaft ab; ich aber harrte am Strande und lauschte ber das
weite Meer, um zu vernehmen, welche Entscheidung der nchtliche Kampf
herbeifhren wrde.

Es mochte gegen 2 Uhr sein, als ich vom Schiffe aus sieben
Kanonenschsse vernahm, das verabredete Zeichen der gelungenen
Ausfhrung. Man kann sich keine Vorstellung von meiner Freude machen,
da ich den nahenden Augenblick meiner Rettung im Geiste vor mir sah;
ich sank auf die Kniee nieder und dankte Gott inbrnstig fr seine
Barmherzigkeit. Dann begab ich mich mit Freitag nach Hause, und bald
senkte sich ein tiefer Schlaf auf unsre mden Augen. Gegen Morgen
wurden wir durch einen Kanonenschu geweckt, und wenige Augenblicke
darauf hrte ich mich laut rufen: Gouverneur, Gouverneur! Rasch
bestieg ich, ein Fernglas in der Hand, meine Warte, wo ich den Kapitn
bereits anwesend fand. Er schlo mich strmisch in die Arme und sprach:
Mein Freund, mein Erretter! Dort liegt Ihr, unser stattliches Schiff;
es gehrt Ihnen, nebst allem, was wir besitzen!

Ich wandte jetzt meine Blicke auf die See und sah das Schiff, kaum eine
halbe Stunde vom Ufer entfernt, in der Bai vor Anker liegen.

Jetzt stand meiner Befreiung nichts mehr im Wege. Ein tchtiges Schiff
war zu meiner Bereitschaft, um mich zu bringen, wohin mein Herz
begehrte. Ich umarmte den braven Kapitn und begrte ihn als meinen
vom Himmel gesandten Befreier, der mich aus jahrelanger Verbannung
erlsen sollte.

Als ich mich wieder erholt hatte, stiegen wir hinab. Im Innern der Burg
erzhlte mir der Kapitn den Hergang.

Sobald sich unsre Schaluppe dem Schiffe nherte, begann derselbe
seinen Bericht, befahl ich Robertson, die wachende Schiffsmannschaft
anzurufen und zu sagen, er brchte ihre Kameraden zurck, die sie erst
nach langem Suchen aufgefunden htten.

Mit solchen Reden wute er sie so lange zu beschftigen, bis die
Schaluppe unter dem Schiffe beilegen konnte. Ich und unser tapferer
Mitreisender gerieten zuerst mit den Meuterern ins Handgemenge.
Sobald aber der noch schlaftrunkene stellvertretende Hochbootsmann
niedergestreckt und auch der Zimmermann unschdlich gemacht worden,
gelang es uns sehr bald, mit den brigen drei uns zu Meistern des
Halbdecks des Schiffes zu machen. Nachdem die gesamte Mannschaft des
zweiten Bootes nachgeklettert war, suberten wir das Vorderdeck,
drangen von da in die Springluke, die nach der Kche fhrte, und nahmen
hier den Koch und noch zwei andre Meuterer gefangen.

[Illustration: Kampf mit den Meuterern.]

Hierauf lie ich die Luken schlieen, damit die Mannschaft zwischen
den Decken den brigen nicht zu Hilfe kommen knnte. Alsdann befahl
ich dem Leutnant, mit drei Mann die Kajtte zu sprengen, in welcher
sich der von den Emprern zum Kapitn Gewhlte befand. Durch den Lrm
aufgeschreckt, war dieser aus dem Bette gesprungen und hatte sich nebst
zwei Matrosen bewaffnet. Sobald die Thr geffnet wurde, schossen
die Mnner von drinnen heraus, so da einer von uns gettet, zwei
verwundet, dem Leutnant aber der linke Arm verletzt wurde, was ihn
jedoch nicht abhielt, auf den Rebellenkapitn loszustrzen und ihm eine
Kugel durch den Kopf zu jagen. Als diesen die beiden Matrosen fallen
sahen, schwand ihnen der Mut und sie ergaben sich. Noch waren acht
Mann brig, deren wir Herr werden muten. Wir riefen ihnen zu, sich zu
ergeben, sonst wren sie alle des Todes. Sie sahen auch das Vergebliche
eines Widerstandes ein; wir ffneten nun eine Luke und lieen sie aufs
Deck heraufsteigen. So war ich wieder rechtmiger Kommandeur des
Schiffes geworden.

Nach beendeter Erzhlung befahl der Kapitn, die fr den Gouverneur
bestimmten Gegenstnde herbeizuschaffen. Zuerst war da ein
Flaschenfutter mit mehreren Flaschen feiner Weine und Likre, sodann
vortrefflicher Tabak nebst etlichen Pfeifen, zwei groe Stcke
Rindfleisch sowie sechs Stcke Schweinefleisch, ein Sack voll Erbsen
und etwa 50 _kg_ Zwieback; ferner eine Kiste Zucker sowie eine
mit Mehl, ein Sack voll Zitronen und eine Menge andrer ntzlicher
Verbrauchsgegenstnde; weiterhin sechs Hemden, sechs Halsbinden, zwei
Paar Handschuhe, ein Paar Schuhe, sechs Paar Strmpfe, ein Hut und ein
vollstndiger Anzug, der erst einen Tag getragen sein konnte. Mit allen
diesen Gegenstnden beschenkte mich der Kapitn und setzte den Wunsch
hinzu, ich mchte mich sofort umkleiden, damit ich vor die Leute als
Gouverneur treten und die ntigen Befehle selbst erteilen knnte, was
sicherlich eine nachhaltige Wirkung nicht verfehlen wrde. Gewi wird
man mir aber glauben, wenn ich bemerke, da ich mich in meinem neuen,
ungewohnten Staatskleide anfnglich nicht zurecht finden konnte und
mich auch recht unbehaglich fhlte.




[Illustration]

Vierzehntes Kapitel.

Robinsons Abreise von seiner Insel.


  Robinson als Gouverneur und Richter. -- Abschied von der Insel
  und deren Bevlkerung. -- Ankunft in England. -- Alles fremd in
  der Heimat. -- Reise nach Lissabon. -- Stand der brasilischen
  Besitzungen. -- Der brave Portugiese. -- Gnstige Vermgenslage. --
  Landreise durch Spanien und Frankreich. -- Wlfe in den Pyrenen. --
  Freitag und der Br. -- Stillleben in London.

Whrend des Frhstcks beratschlagten wir darber, was mit den
Gefangenen vorzunehmen wre. Atkins und seine zwei Spiegesellen waren
unverbesserliche Bsewichte, vor denen man auf der Hut sein mute.
Htte man sie mitnehmen wollen, so durfte es nur in Fesseln geschehen,
um sie auf der ersten englischen Kolonie dem Arme der strafenden
Gerechtigkeit zu berliefern. Der menschenfreundliche Kapitn wollte
indes Milde ben, womit auch ich mich einverstanden erklrte; wir kamen
deshalb berein, die drei Personen auf der Insel zurckzulassen. Aber
sie sollten selbst diese Maregel als eine Gnade ansehen und darum
bitten.

Nachdem ich mich angekleidet hatte, erteilte ich Freitag den Befehl,
die Gefangenen von der Grotte nach dem Burgwldchen zu bringen; ich
selbst begab mich nach einiger Zeit dahin, lie die Kerle, gefesselt
wie sie waren, mir vorfhren und hielt nun folgende kurze Ansprache:

Die ganze Nichtswrdigkeit eures Gebarens ist mir durchaus bekannt.
Ihr habt euch gegen euren braven Kapitn emprt, um euren schndlichen
Lsten nach Seeruberei zu frnen. Aber es ist gekommen, wie es kommen
mute; wer andern eine Grube grbt, fllt selbst hinein. Das Schiff
ist nach meinen Anordnungen seinem rechtmigen Befehlshaber wieder
bergeben worden, und ich habe Befehl erteilt, da euer Rebellenkapitn
an die groe Raa aufgeknpft wird. Knnt ihr brigen etwas zu eurer
Entschuldigung oder Rechtfertigung vorbringen, so thut es beizeiten,
sonst lasse ich euch samt und sonders neben Atkins aufhngen!

Einer von ihnen antwortete im Namen der brigen, sie htten nichts
weiter zu sagen, als da der Kapitn ihnen, als sie gefangen genommen
worden wren, versprochen htte, sie beim Leben zu lassen, und sie
bten daher Se. Exzellenz den Gouverneur demtig um Gnade.

Da ich, entgegnete ich hierauf, die Erlaubnis habe, mit dem ersten
Schiffe nach England zurckzufahren und meine Abreise eben bevorsteht,
so wte ich keine andre Gnade walten zu lassen als die, euch hier auf
dieser Insel zurckzulassen; denn fhret ihr mit uns nach England, so
erwartete euch dort von Rechts wegen der Strang.

Die Leute willigten dankbar ein, und um sie bis zu meiner Abreise
immer in Furcht zu erhalten, lie ich den erschossenen Meutererkapitn
an der groen Raa aufknpfen. Der eigentliche Kapitn jedoch, der
inzwischen zu uns getreten war und die Verkndigung meines gndigen
Entscheids vernommen hatte, that, als ob er in diese milden Maregeln
durchaus nicht einwilligen knne, worauf ich, mich scheinbar in meiner
Gouverneurswrde gekrnkt fhlend, ihn mit den Worten zurckwies: Herr
Kapitn, Sie wissen recht wohl, da die Gefangenen nicht die *Ihrigen*,
sondern die *meinigen* sind.

Nachdem alle noch einmal mich ihrer Dankbarkeit versichert hatten,
unterrichtete ich sie von allen Dingen, deren Kenntnis ihnen jetzt
von Nutzen sein konnte: von Sen, Pflanzen und Ernten, von der
Beschaffenheit des Bodens, von der Tpfer- und Korbflechterarbeit,
vom Brotbacken, von meinem Lusthause, von der Grotte, von meinen
Ziegenparks und von meiner Milch- und Ksewirtschaft. Auch durfte ich
nicht unerwhnt lassen, da 17 Spanier und Portugiesen in den nchsten
Tagen landen wrden, fr welche ich einen Brief in Bereitschaft halten
wolle, der dem Don Caballos zu bergeben sei. Endlich berlie ich
ihnen noch Gewehre, Pulver und Schrot sowie die meisten Vorrte, so da
sie gegen jeden Mangel hinreichend geschtzt waren. Nachdem ich sie
in solcher Weise gengend ausgerstet hatte, lie ich die Gefangenen
wieder abtreten.

Nun hielt ich mit dem Kapitn ber die nahe *Abreise* Rat, obschon es
mir in den letzten Stunden doch recht schwer aufs Herz fiel, meine
Insel zu verlassen, an die sich so manche Erinnerungen des Schmerzes
und der Freude knpften. Noch einmal gedachte ich lebhaft der
vergangenen Zeiten und derjenigen Ereignisse, die meinen Sinn gelutert
und mich zu einem gottesfrchtigen, tchtigen Menschen umgewandelt
hatten!

Es war nach dem Schiffskalender am 19. *Dezember* 1686, als ich des
Abends gegen 8 Uhr an Bord stieg, nachdem ich 27 Jahre, 2 Monate und 19
Tage auf der Insel verlebt hatte; an demselben Jahrestage war ich mit
Xury aus Saleh der Gefangenschaft der Mauren entflohen.

Gegen Morgen, etwa um 5 Uhr, ereignete sich noch ein eigentmlicher
Vorfall. Zwei der Verbannten kamen an das Schiff geschwommen und baten,
sie an Bord aufzunehmen, selbst auf die Gefahr hin, da sie in England
auf der Stelle gehangen werden sollten. Als man sie fragte, was sie
bewogen habe, die Insel zu verlassen, gaben sie zur Antwort: sie
knnten nicht mit jenen Bsewichten zusammenleben, ohne in bestndiger
Furcht zu sein, von ihnen aufs grausamste mihandelt oder gar gettet
zu werden. Der Kapitn bedeutete sie, da er ohne meine Einwilligung
nichts versprechen knne; aber auf ihre wiederholte Beteuerung,
redliche und brave Menschen werden zu wollen, nahm ich sie wieder auf,
konnte ihnen indes eine tchtige Tracht Prgel nicht ersparen, weil sie
in eigenmchtiger Weise gehandelt hatten.

Diese Vorflle sowie die Absendung einer Schaluppe, welche allerhand
Kisten und Koffer fr die Gefangenen enthielt, hatten unsre Abfahrt so
weit verzgert, da die Sonne bereits hoch ber dem Horizont stand, als
wir die Anker lichteten. Beim Scheiden von meiner Insel hatte ich zum
Andenken meine groe Mtze von Ziegenfell, meinen Sonnenschirm, meinen
Lieblingspapagei sowie meinen Hund mit mir genommen; aber auch das
Geld, welches ich auf unserm und dem spanischen Schiffe gefunden, nicht
vergessen. Es war, da es lange Jahre unberhrt in einem Winkel des
Kellers gelegen hatte, so schwarz und unkenntlich geworden, da es erst
wieder blank gerieben werden mute, um als gangbare Mnze in Umlauf
gesetzt zu werden. Freitag, der seinen Vater nicht wiedergesehen hatte,
schaute unverwandt vom Verdeck aus nach der Insel zurck, und Thrnen
standen in seinen Augen. Auch ich wurde von tiefer Wehmut ergriffen,
als die letzten Bergesgipfel in die blauen Wogen der See hinabtauchten.

Unsre Reise ging so schnell und glcklich von statten, da wir am
11. Juni 1687 an Englands Kste landeten. Nicht durch Worte lassen
sich die Gefhle schildern, mit denen ich nach 35jhriger Abwesenheit
zum erstenmal wieder die heimatlichen Fluren begrte. Wie fremd kam
ich mir in dieser Welt, unter diesen Menschen vor; war es mir doch,
als htte ich niemals dieses Inselland gekannt! Noch seltsamer und
staunenswerter aber fand Freitag die Wunder meiner Heimat: in den
Hfen den mastenreichen Wald der Schiffe, die langen Straen mit den
hohen steinernen Husern, das unbersehbare Gewhl und das geschftige
Treiben der Bewohner.

Ohne Verzug eilten wir der Weltstadt London zu. Dort erkundigte ich
mich zuerst nach der Witwe, der ich mein kleines Vermgen anvertraut
hatte. Sie war noch am Leben, aber zum zweitenmal Witwe geworden,
hatte manches Ungemach erlebt und befand sich in den drckendsten
Vermgensumstnden. Das Gestndnis, die anvertraute Summe mir nicht
zurckerstatten zu knnen, war fr sie so niederschlagend, da mich die
arme brave Frau in tiefster Seele dauerte. Ich suchte sie ber diesen
Punkt zu beruhigen und sagte ihr, da wir quitt seien, da ich ihr die
einst bewiesene Gte bis jetzt nicht habe vergelten knnen.

Ein paar Tage darauf begab ich mich nach York. Mein Vater und meine
Mutter waren lngst gestorben, und von meiner ganzen Familie fand ich
niemand mehr am Leben, als zwei Schwestern und zwei erwachsene Shne
meines zweiten Bruders, der erst vor wenig Jahren heimgegangen war und
einiges Vermgen hinterlassen hatte. Da man natrlich annahm, ich sei
lngst gestorben, so war ich von dem Erbteil ausgeschlossen worden,
und meine Geschwister befanden sich nicht in der Lage, den auf mich
entfallenden Anteil mir auszuzahlen. So mute ich mich denn lediglich
auf das beschrnken, was ich von meiner Insel mitgebracht hatte. In
York war nun nichts weiter fr mich zu finden: ich kehrte deshalb nach
London zurck, wo ich mit dem Kapitn zusammentraf. Der brave Mann
hatte seinen Reedern einen so vorteilhaften Bericht ber mich und meine
Mitwirkung fr die Wiedereroberung seines Schiffes erstattet, da sie
nicht nur ihren lebhaftesten Dank gegen mich aussprachen, sondern
mich auch baten, ein Geschenk von 200 Pfd. Sterling anzunehmen. Diese
Summe setzte mich in den Stand, selbst nach *Lissabon* abzureisen, um
dort Erkundigungen ber meine Pflanzung und meinen Geschftsgenossen
in Brasilien einzuziehen, der mich ohne Zweifel schon seit drei
Jahrzehnten fr tot halten mute.

In dieser Absicht schiffte ich mich nach Lissabon ein, woselbst ich in
Begleitung meines unzertrennlichen Gefhrten Freitag gegen Ende des
September ankam. Zuerst fragte ich nach dem portugiesischen Kapitn,
der mich so liebevoll aufgenommen und mir mit seinem wohlmeinenden
Rate so treu zur Seite gestanden hatte. Er war jetzt hochbetagt und
ging nicht mehr zur See; er hatte an seinen Sohn die Fhrung des
Schiffes sowie seiner Handelsgeschfte nach Brasilien abgetreten.
Wir erkannten einander kaum wieder, aber schon nach einer kurzen
Auseinandersetzung begrten wir uns herzlich als alte Freunde. Ich
mute ihm meine wunderbaren Schicksale erzhlen, und als ich damit
zu Ende war, erkundigte ich mich nach dem Stande meiner brasilischen
Pflanzung und nach meinem Mitpflanzer. Der Greis berichtete mir,
er habe seit neun Jahren Brasilien nicht besucht; damals sei mein
Handelsgesellschafter noch am Leben gewesen, die beiden von mir
ernannten Faktoren wren aber gestorben. Indessen glaubte er, da man
ber das Gedeihen meiner Pflanzung gnstige Berichte erhalten werde,
denn nach der allgemeinen Annahme, da ich in einem Schiffbruche
untergegangen sei, htten meine beiden Faktoren meine Rechte auf die
Pflanzung dem Staatsprokurator bergeben; es sei bestimmt worden, da,
im Fall ich nicht wiederkehre, um mein Eigentum in Anspruch zu nehmen,
ein Drittel dem kniglichen Schatze und zwei Drittel dem Kloster des
heiligen Augustin zufallen sollten, um zur Untersttzung der Armen
und zur Bekehrung der Indianer zur katholischen Religion verwendet
zu werden. Kme ich aber selbst oder ein von mir Bevollmchtigter,
um die Rckgabe meines Vermgens zu verlangen, so wrde es mir nicht
vorenthalten werden, mit Ausnahme dessen, was zu mildthtigen Zwecken
verwendet worden wre.

Weiterhin wurde mir versichert, da der Intendant der kniglichen
Einknfte und der Schatzmeister des Klosters jhrlich eine Rechnung von
dem Ertrage empfangen und davon die mir rechtlich zukommende Hlfte
regelmig bezogen htten.

Als ich den Greis fragte, ob mir die Geltendmachung meiner Ansprche
auf die Pflanzung etwas ntzen wrde, erwiderte er:

Ja, sicherlich wird es sich der Mhe lohnen. Ihr Gesellschafter ist
ein reicher Mann geworden, und wenn mich mein Gedchtnis nicht tuscht,
so beluft sich das auf den Knig gefallene Drittel jhrlich ber 200
Moedore (= 4800 Mark). Auch wird es keine Schwierigkeiten verursachen,
den Besitz Ihrer Pflanzung wieder anzutreten, da Ihr Gesellschafter
noch am Leben, also Zeuge Ihres Eigentumsrechtes ist, und Ihr Name
berdies noch immer in den Verzeichnissen der Pflanzer eingetragen
steht. Auch die Erben Ihrer Faktoren sind brave und redliche Leute,
und ich zweifle nicht, da sie Ihnen bei Ihrem Vorhaben frderlich zur
Seite stehen werden. Auerdem aber mssen sie, wenn ich nicht ganz
irre, auch eine bedeutende Geldsumme fr Sie in Hnden haben, die aus
den Einknften der Pflanzung herrhrt, welche ihre Eltern zu jener Zeit
bezogen, ehe sie vor ungefhr zwlf Jahren dem Knig und dem Kloster
dieselben berlassen muten.

Ich vermochte nicht, meinen Unwillen darber zu unterdrcken, da
meine Faktoren so eigenmchtig ber mein Vermgen verfgt hatten,
da ihnen doch wohl bewut war, da ich *ihn* -- den Kapitn -- zum
Universalerben in meinem Testament eingesetzt hatte.

Der alte Mann erwiderte, da er meinen letzten Willen nicht habe
vollziehen knnen, weil er keine Beweise fr meinen Tod oder eine ewige
Verschollenheit gehabt htte. Aber, fgte er hinzu, ich habe Ihnen
noch etwas zu sagen, was Ihnen vielleicht minder unangenehm sein wird.
Auf die allgemein geglaubte Nachricht von Ihrem Tode erboten sich Ihr
Gesellschafter und Ihre Faktoren, mich durch die Einknfte der ersten
sechs Jahre abzufinden, worauf ich auch eingegangen bin. Dieselben
waren aber nicht bedeutend, weil damals auf die Pflanzung selbst noch
groe Summen verwendet wurden. Indessen werde ich Ihnen hierber noch
genaue Rechnung vorlegen.

Nach einigen Tagen empfing ich von dem alten Kapitn wirklich die
Rechnung, und es stellte sich heraus, da er mir 470 Moedore schuldete,
die er in Tabak, Zucker, Rum und andern Produkten empfangen hatte,
auer 15 Doppelrollen Tabak und 60 Kisten Zucker, die in einem
Schiffbruch verloren gegangen waren. Hierauf holte er eine lederne
Brse, nahm daraus 160 Moedore und hndigte mir dieselben mit der
Bemerkung ein, da ihn viele Unglcksflle betroffen htten, wodurch
er sich jetzt auer stande she, mir die ganze Rechnung auszuzahlen.
Fr den Rest bot er mir einen Vertrag an wegen der Hlfte des Anteils,
den er und sein Sohn an der Fracht eines Schiffes htten, welches von
diesem gefhrt und in kurzem ankommen wrde.

Die Rechtschaffenheit des braven Greises rhrte mich bis zu Thrnen,
besonders als ich an die vielen Wohlthaten dachte, die er mir einst
erwiesen hatte. Jetzt aber, teurer Kapitn, drang ich in ihn, sagen
Sie mir unumwunden, ob Sie die Entbehrung dieser Summe irgendwie in
Verlegenheit setzt?

Ich leugne nicht, mein lieber Freund, entgegnete der Greis, da
es mir einigermaen unbequem fllt, aber es ist *Ihr* Geld, und Sie
bedrfen desselben vielleicht noch ntiger als ich.

Der Mann flte mir immer mehr Achtung und Teilnahme ein. Ich nahm 100
Moedore und stellte ihm darber eine Quittung aus, dann gab ich ihm
60 Moedore und seine Papiere mit der Bemerkung zurck, da ich von
einem solchen Ehrenmanne, wie er sei, keine weitere Sicherheit ntig
htte. Der alte Kapitn freute sich ber meine Erkenntlichkeit und gab
mir dann in betreff meiner brasilischen Reise manche beherzigenswerte
Winke, die meiner allezeit raschen Wanderlust Zgel und Zaum anlegten.

In nchster Zeit gingen zwei Schiffe nach Brasilien ab, und mit diesen
wurden meine beglaubigten Papiere und Dokumente an den Ort ihrer
Bestimmung befrdert. Noch waren nicht sieben ganze Monate verflossen,
als von den Erben meiner Faktoren ein Pckchen einlief mit den
folgenden Papieren:

  1. Eine Rechnung vom Ertrage meiner Pflanzung whrend der ersten
     sechs Jahre, nach abgeschlossener Rechnung mit dem Kapitn, laut
     welcher mir zu gute kamen,
                                                            Moedore 1174

  2. Eine Rechnung vom Ertrage derjenigen Jahre, welche der
     obrigkeitlichen Verwaltung meiner Einknfte vorhergingen
                                                            Moedore 3241

  3. Eine Rechnung vom Prior des Klosters, welches ber vierzehn Jahre
     zwei Drittel meiner Einknfte bezogen hatte, noch vorhanden
                                                            Moedore  872
                                                            ------------
                                                            Moedore 5287

Was der Prior fr mildthtige Zwecke verausgabt hatte, konnte ich nicht
zurckverlangen, und ber das Drittel, welches der Prokurator fr des
Knigs Sckel bezogen hatte, erhielt ich weder Rechnung noch Geld.

In jenem Pckchen lagen auerdem noch Briefe von meinem ehemaligen
Gesellschafter und seiner Familie, welche smtlich die aufrichtigsten
Glckwnsche enthielten, ferner ein umstndlicher Bericht ber den
gegenwrtigen blhenden Zustand der Plantage und eine Einladung, selbst
den Besitz meiner Lndereien anzutreten. Auerdem war dem Briefe noch
beigefgt ein Geschenk von sechs Kistchen eingemachter Frchte, von
100 Stckchen ungemnzten Goldes, etwas kleiner als die Moedore, und
sechs prchtigen Leopardenfellen, die mich auf den Schlu brachten, da
meine Nachfolger Schiffe nach Afrika ausgerstet hatten und mehr vom
Schicksale begnstigt waren als ich bei meiner Fahrt nach Guinea.

Aber das war noch nicht alles, denn fast gleichzeitig erhielt ich von
den Erben meiner Faktoren eine zweite Sendung, die mir als Zahlung der
schuldigen 4415 Moedore, 1200 Zuckerkisten, 800 Tabaksrollen und den
Rest in Gold zufhrte.

Das war zu viel auf einmal! Fast erlag ich dem Drucke, welchen das
berma der Freude auf mich kurz vorher noch so armseligen Sterblichen
ausbte. Jetzt war ich mit einem Schlage ein reicher Mann, der ber
Besitzungen in zwei Weltteilen zu verfgen hatte. Da durfte ich denn
meinen alten wackeren Kapitn nicht vergessen. Sofort zahlte ich
ihm seine 100 Moedore zurck, quittierte ber den Empfang der noch
rckstndigen 370 und setzte ihm eine jhrliche Rente von 100 und nach
seinem Ableben seinem Sohne eine solche von 50 Moedoren aus. Auerdem
betraute ich ihn mit der Vollmacht, meine Einknfte in Brasilien zu
beziehen und mir zu bermitteln.

Mit dem nchsten nach Brasilien gehenden Schiffe sandte ich ein
Antwortschreiben zurck, in welchem ich meinen Dank aussprach fr die
wohlgemeinten Glckwnsche und zugleich die Absicht mitteilte, bald
nach Brasilien berzusiedeln und dort vielleicht meine Tage in Ruhe
zu beschlieen. Als Gegengeschenk fgte ich feine englische Tcher,
seidene Stoffe aus Italien, Spitzen aus Brabant und andres dergleichen
bei. Dem Prior aber gab ich meine Entschlieung kund, 500 Moedore
seinem Kloster und die brigen 372 den Armen zu vermachen.

So waren meine sdamerikanischen Angelegenheiten in Ordnung gebracht.
Wenn ich dasselbe nur auch schon von den europischen htte sagen
knnen; denn hier stie ich auf gar mannigfache Verlegenheiten.
Zuvrderst mute ich darauf bedacht sein, meine Kapitalien sicheren
Hnden zu bergeben, und es blieb mir nichts andres brig, als selbst
nach England zurckzukehren.

Mein alter Freund, der Seemann, riet mir, ber Madrid und Paris nach
Calais zu reisen und von da nach Dover berzusetzen. Damit ich aber
auch Reisegesellschaft htte, so machte er mich mit dem Sohne eines
englischen, in Lissabon ansssigen Kaufmanns bekannt, der mich zu
begleiten wnschte. Auerdem schlossen sich noch zwei andre Kaufleute
aus England sowie zwei Portugiesen an, so da wir im ganzen sechs
Herren nebst fnf Dienern waren, aber wohlberitten und bewaffnet. Meine
Reisegefhrten beliebten, mir den Titel Kapitn zu geben, einmal,
weil ich der lteste von ihnen war, dann auch, weil ich *zwei* Diener
hatte.

Wir verweilten einige Zeit in *Madrid*, um den Hof und die brigen
Merkwrdigkeiten der spanischen Residenz zu besehen, und gegen
Mitte Oktober rckten wir weiter, um bei der schon vorgeschrittenen
Jahreszeit die Pyrenen mglichst bald im Rcken zu haben. In Pamplona
berichteten uns die Leute, da auf dem Nordabhange des Gebirges bereits
Massen von Schnee lgen, die ein Durchkommen schlechterdings unmglich
machten. Die Klte war in der That empfindlich, zumal wenn man, wie
ich, viele Jahre lang unter der tropischen Sonne gelebt und erst seit
zehn Tagen den blauen Himmel des heien Kastilien verlassen hatte. Dem
armen Freitag spielte die Klte noch weit mehr mit -- der Sohn Amerikas
sah hier zum erstenmal die Natur in ihrem rauhen Winterkleide!

Ich machte meinen Reisegefhrten den Vorschlag, nach Fuentarabia
aufzubrechen, uns daselbst einzuschiffen und nach Bordeaux zu fahren.
Whrend wir uns noch darber berieten, trafen vier Franzosen in unserm
Gasthof ein, deren Reise sowohl auf franzsischer wie auf spanischer
Seite Aufschub erfahren und welche die Reise ber das Gebirge unter
Leitung eines kundigen Fhrers gemacht hatten. Wir lieen den Mann auf
der Stelle holen, und er versprach, uns auf den nmlichen Wegen nach
Frankreich hinber zu geleiten. Vom Schnee sei nichts zu befrchten,
sagte er, aber vor den Wlfen, die wegen der groen Klte zu ganzen
Trupps ausgehungert umherschwrmten, knne man nicht genug auf der Hut
sein. Wir entgegneten ihm, da wir hinlnglich mit Waffen versehen
seien, um solch einen Trupp nach Gebhr zu empfangen. Wegen des
Fhrergeldes wurden wir mit dem Manne schnell handelseinig, und so
brachen wir, nachdem sich uns noch zwlf Reisende mit ihrer Bedienung
angeschlossen, am 15. November 1687 von Pamplona auf.

Wir waren nicht wenig verwundert, als uns der Fhrer wohl an zehn
Stunden weit auf der Strae nach Madrid rckwrts fhrte, wo wir uns
in einem angenehm warmen Klima und in schner, schneeloser Landschaft
befanden. Dann aber wandte er sich links gegen den Gebirgszug und
fhrte uns, an tausend schauerlich ghnenden Abgrnden vorbei, bis auf
die Hhe des Gebirges, von wo uns die grnen, lachenden Gefilde von
Languedoc und der Gascogne entgegenblinkten. Bis dorthin war freilich
noch mehr als *ein* mhevoller Schritt zu machen, wenngleich man das
Schlimmste berstanden zu haben glaubte.

Eines Nachmittags wurde aber der Fhrer, als er uns vorausritt, von
zwei Wlfen und einem Bren angegriffen. Der bestrzte Mann verlor so
sehr alle Besinnung, da er, statt sein Pistol abzufeuern, nur aus
Leibeskrften schrie. Schnell gebot ich Freitag, hinzureiten, und er
zerschmetterte durch einen sicheren Pistolenschu den Kopf des einen
Wolfes. Der andre, welcher sich heihungrig auf das Pferd gestrzt
hatte, entfloh, von dem Knalle erschreckt, ins Gehlz; Freund Petz aber
lie sich dadurch nicht irre machen, sondern blieb ruhig stehen. Der
arme Fhrer hatte zwei empfindliche Wunden, eine in den rechten Arm,
die andre in den Schenkel erhalten; aber das Pferd war unverletzt
geblieben, da die Zhne des Wolfes nur die Riemen des Zaums gepackt
hatten.

Man kann sich wohl denken, da wir auf den Knall der Pistole, der wie
dumpf grollender Donner sich durch die Gebirgsthler fortpflanzte,
unsern Pferden die Sporen in die Weichen drckten, um mit mglichster
Schnelligkeit auf den Platz des Abenteuers zu gelangen. Whrend wir den
Fhrer durch einen Schluck Branntwein zu strken suchten und an seine
Wunden Verbnde anlegten, gewahrten einige zu ihrem nicht geringen
Entsetzen, wie der Br, ein Bursche von respektabler Gre, Miene
machte, sich zu nhern, statt sich zu entfernen.

Schon wollten etliche Herren auf ihn anlegen, da bat mich Freitag:

O Herr, erlaube mir, da ich dem Tiere die Hand reiche, es wird euch
allen viel zu lachen geben!

Sei kein Thor, Freitag, sagte ich zu ihm; der Bursche dort lt
nicht mit sich spaen. Er wird dich mit Haut und Haar verschlingen.

Was? Er mich essen? triumphierte Freitag. Dafr werde ich mich
sehr bedanken -- ich werde *ihn* essen; gebt acht, es wird viel Spa
absetzen.

Die Reisegesellschaft gab seiner Laune nach und wartete der Dinge, die
da kommen sollten. Freitag zog im Nu seine Stiefel und Strmpfe aus,
zog statt deren ein Paar Schuhe an, bergab sein Pferd einem Bedienten,
nahm ein Gewehr und eilte gerade auf den Bren los.

Hre, hre, guter Freund, wandte sich Freitag an Meister Petz,
ich mchte mit dir ein bichen plaudern. Aber der Br schien keine
besondere Neigung zu haben, sich in ein Gesprch einzulassen. Da die
freundliche Ansprache unerwidert blieb, versuchte Freitag auf andre
Art, dem Vierbeinigen Aufmerksamkeit einzuflen. Er hob einen groen
Stein auf und warf ihn dem Tiere an den Kopf. Doch ob er den Bren
oder eine alte Mauer getroffen htte, war ganz gleich: sein Gegenber
verharrte in bewundernswrdigem Gleichmut. Dieser kecke bermut
Freitags machte einige der Reisenden besorgt, und schon schickten sie
sich an, auf das Fell des Bren eine nachdrckliche Ladung zu geben.
Aber Freitag, der die Eigenart des Tieres studiert zu haben schien,
winkte abwehrend gegen die Schufertigen. Dann wandte er sich seitwrts
und schwang sich auf den Stamm einer Eiche, an deren Fue er sein
Gewehr anlehnte. Der Br, immer wtender geworden, folgte knurrend
hinterdrein.

Ich konnte bis jetzt in der ganzen Posse noch nichts zum Lachen
finden, im Gegenteil, mir war ganz unheimlich zu Mute, als ich meinen
Getreuen sich bis an das uerste Ende des Astes zurckziehen und den
Bren ihm auf dem Fue folgen sah.

Jetzt, meine Herren, rief Freitag in heiterer Stimmung, jetzt werden
Sie sehen: der Tanz beginnt!

Bei diesen Worten sprang er und schttelte den Ast so krftig, da
diese schaukelnde Bewegung dem Bren unbehaglich wurde und er sich
bedachtsam zurckzog. Freitag aber lie ihn nicht so leichten Kaufes
frei, sondern rief ihm zu: Was kommst du nicht nher, Freund? Immer
komm her! Und wirklich that das Tier einige Schritte vorwrts. Jetzt
neues krftiges Schtteln und Schaukeln -- neuer Rckzug; kurz, das
Spiel dauerte eine Zeitlang in dieser Weise fort, und wir muten ber
die drolligen Gebrden des Bren herzlich lachen.

Doch Abend und Dunkelheit brachen herein, und ich rief Freitag zu, dem
Possenspiel ein Ende zu machen; denn wir alle wuten nicht, wie der
Scherz ausgehen wrde.

Freitag zog sich sogleich an das uerste Ende des Astes zurck, hielt
sich mit grter Geschicklichkeit mit beiden Hnden daran fest und
sprang dann leichten Fues auf den Boden.

Hierauf ergriff er sein Gewehr und blieb bewegungslos stehen. Als der
Br seinen Feind unten sah, ward es ihm auf dem Baume zu einsam, und er
wollte gleichfalls herabsteigen. Doch that er es mit einer merkwrdigen
Vorsicht, sah sich bei jedem Schritte um und kletterte endlich langsam
und bedchtig am Stamme herunter. Kaum aber berhrte er mit seinen
Tatzen den Boden, so legte ihm Freitag seine Flinte ans Ohr und
streckte ihn tot nieder. Dann drehte sich der Schelm lachend uns zu, um
in unsern Mienen den wohlverdienten Beifall zu lesen, und sagte nicht
ohne einen Zug selbstgeflligen Stolzes:

So tten wir daheim, in Amerika, die Bren!

Aber wie ist denn das mglich, Freitag, warf ich ihm ein, ihr habt
ja keine Flinten?

Nein, meine Brder haben keine Flinten, aber ihre langen Pfeile
treffen ebenso sicher.

Gern htte Freitag dem erlegten Gegner das Fell abgezogen, aber
wir durften uns bei der zunehmenden Dunkelheit nicht unntzerweise
lnger verweilen, zumal in unsre Ohren ein entsetzliches Geheul der
herumlungernden Wlfe drang. Schon im ersten Gehlze lief etwa ein
halbes Dutzend dieser Tiere ber den Weg, welche aber gar keine Notiz
von uns zu nehmen schienen. Als wir gegen die Ebene zuschritten,
erblickten wir ein ganzes Rudel, welche an den Knochen eines Pferdes
nagten; bald schon vernahmen wir aus dem nahen Gehlze frchterliches
Geheul und sahen gleich darauf eine groe Schar einem seines Reiters
ledig gewordenen Pferde nachrennen.

Dies erforderte rasches Handeln. Wir trennten uns in zwei geschlossene
Trupps und feuerten abwechselnd; gleich bei den ersten Schssen
strzten vier der Bestien, mehrere andre wurden verwundet und
rteten den Boden mit ihrem Blute. Wir selbst stimmten nun ein
ohrenzerreiendes Geheul an, und zwar so wirkungsvoll, da es sogar den
Wlfen zu arg wurde und diese sich zurckzogen. Mittlerweile luden wir
rasch unsre Gewehre und setzten unsern Weg weiter fort.

[Illustration: Robinson von Wlfen berfallen.]

Unser Fhrer befand sich am folgenden Morgen so schwach, da er uns
nicht weiter begleiten konnte; wir bezahlten ihn anstndig, mieteten
einen Ersatzmann und zogen nach *Toulouse*, wo wir weder Schnee noch
Wlfe, sondern eine liebliche warme Sonne und fruchtbare blhende
Gefilde trafen. Als die Leute dort unser bestandenes Reiseabenteuer
vernahmen, fanden sie es unbegreiflich, wie unser Fhrer so khn sein
konnte, uns in dieser Jahreszeit ber das Gebirge zu fhren, noch
dazu mit so vielen Pferden, welche die Gier der Wlfe aufs hchste
stacheln. Alle stimmten darin berein, da wir nur wie durch ein Wunder
dem Tode entgangen seien. Denn bereits sei ein Reisender vor uns den
Heihungrigen zum Opfer gefallen -- wohl der Besitzer jenes leeren, von
den Wlfen verfolgten Pferdes.

Von Toulouse ging die Reise ohne Aufschub weiter nach *Paris*, von
da nach *Calais*, wo wir nach *Dover* bersetzten. Nach kurzer Rast
lie ich mich noch an demselben Tage mit Freitag fr den Postwagen
einschreiben und langte den Tag darauf in London an.

Mein erster Besuch galt der guten alten Witwe, welche die Erzhlung von
dem glcklichen Wechsel meines Schicksals unter Freudenthrnen anhrte.
Ich setzte ihr eine lebenslngliche Rente von jhrlich 100 Pfund
Sterling aus und quittierte ber die Summe, die sie mir noch schuldete.
Dann bat ich sie, meinem Hauswesen vorzustehen, worein sie gern
willigte, und nach wenigen Tagen bezogen wir eine gerumige, behagliche
Wohnung. Mein Vermgen war bar in meinen Hnden, denn die Wechsel,
die ich mitbrachte, wurden ohne Schwierigkeit eingelst. Auch meine
Schwestern verga ich nicht: ich sandte einer jeden 100 Pfund Sterling
und fgte das Versprechen hinzu, ihnen diese Summe lebenslnglich als
eine jhrliche Pension zu sichern. Meine beiden Neffen nahm ich zu mir,
und da der lteste etwas eignes Vermgen besa, so erzog ich ihn wie
einen Mann von Stande und sorgte, da er diesen Rang behaupten konnte.
Der zweite hatte Neigung zur Seefahrt; ich billigte natrlich diese
Neigung und bergab ihn deshalb der Obhut eines angesehenen, tchtigen
Schiffskapitns, der ihn auf weiten Reisen, besonders nach Westindien,
zu einem wohlunterrichteten, taktfesten Seemann ausbildete.

Whrend der ersten Zeit meines Aufenthalts in London dachte ich oft
an meine brasilische Pflanzung und an das Versprechen, dieselbe zu
besuchen. Allein die Gesellschaft, die ich dort vorgefunden haben
wrde, und die ganze Lebensart berhaupt behagten mir so wenig mehr,
da ich mich lieber entschlo, die Pflanzung zu verkaufen. Ich schrieb
deshalb an meinen alten Freund in Lissabon und bat ihn um seinen
Beistand in dieser Angelegenheit. Seine Antwort lautete dahin, er
halte es fr das vorteilhafteste, den Erben meiner ehemaligen Faktoren
den Kaufantrag zu machen. Die Unterhandlungen folgten rasch, und
nach dreiviertel Jahren gingen in Lissabon die Anweisungen auf 33000
Moedore (825000 Mark) ein. Dem Kapitn gab ich den Auftrag, das Kapital
der ihm zugesicherten Rente fr sich selber zu behalten und mir den
Rest des Geldes zu bersenden, was auch in sehr kurzer Zeit in guten
Wechseln geschah. Nachdem ich auch diese betrchtliche Summe sicher
angelegt hatte, konnte ich sorgenfrei in London leben. Um nicht allein
in der Welt dazustehen, verheiratete ich mich mit einer Dame, deren
Liebenswrdigkeit und wirtschaftlicher Sinn mir das husliche Leben so
angenehm machten, da ich mich in meinen vier Pfhlen recht behaglich
fhlte.

Im Hafen einer sicheren und Ruhe verheienden Existenz war ich nun
nach mancherlei Strmen mit dem 56. Jahre meines Lebens eingelaufen.
Es schliet hiermit der erste Hauptabschnitt einer abenteuerlichen
Laufbahn, welche die gtige Vorsehung mit einer seltenen
Mannigfaltigkeit menschlicher Schicksale ausgestattet hatte, eine
Laufbahn, die zwar thricht begonnen, doch bei weitem befriedigender
verlaufen sollte, als ich irgend hoffen durfte. Da ich nach einigen
Jahren nochmals aus der gewonnenen Ruhe und aus dem friedlichen Behagen
heraustreten und einen weiteren Teil der Welt durchwandern sollte,
htte ich damals selbst nicht geglaubt.




[Illustration: Mitten im Eise.]

Fnfzehntes Kapitel.

Aufenthalt in England und neue Reise.


  Neue Reiselust. -- Abfahrt. -- Das Totenschiff. -- Im Antillenmeer.
  -- Der Bffeljger. -- Ankunft in der Kolonie.

Mein Glck schien nach einem 35jhrigen Kampfe gegen die Wechselflle
des Lebens fest begrndet, und ich wrde sorglos in beschaulicher
Zurckgezogenheit haben leben knnen, wenn ich nicht immer und immer
wieder an meine Insel und die zurckgelassene Kolonie htte denken
mssen. Verglich ich mein frheres rastloses Wirken mit meiner jetzigen
Unthtigkeit, dann ergriff mich Unmut, und die Welt, in der ich thatlos
dahinlebte, wurde mir zu enge. Mich zog wieder eine heftige Sehnsucht
hinaus ber den weiten Ozean, nach fernen Lndern.

Um diesen Anwandlungen neuer Reiselust zu widerstehen, kaufte ich
mir in Bedfordshire ein Landgut, dessen schner Meierhof so weit von
der See ablag, da mich der Blick auf dieselbe oder der Umgang mit
Seeleuten nicht aufregen konnte. Ich richtete mich behaglich ein,
kaufte Gerte und Vieh zur Ackerwirtschaft, pflanzte, jtete, ri ein
und baute wieder auf, um meinen Gedanken eine andre Richtung zu geben.
Aber wie mein eigner Schatten verfolgte mich die Sehnsucht nach der
Ferne. Einige Jahre hielt ich es aus, als mir aber meine Frau durch den
Tod entrissen wurde, fand ich keinen Gefallen mehr an dem bisherigen
Stillleben. Zwei Kinder, die mir geschenkt waren, hatte ich guten
Hnden anvertraut. Die landwirtschaftlichen Beschftigungen langweilten
mich mehr und mehr, und ich beschlo, mein Gut zu verkaufen und nach
London zu ziehen. Anfangs behagte mir die Vernderung, die Zerstreuung
in der Hauptstadt, aber bald fand ich den Lrm derselben und noch mehr
das Nichtsthun unertrglich und ich sann auf Vernderung.

Als ich einstmals in tiefes Nachsinnen ber Zukunftsplne versunken auf
dem Lehnstuhle sa, besuchte mich mein Neffe, der als Schiffskapitn
Sdamerika kennen gelernt hatte und nun dorthin ber Neufundland
zurckkehren wollte. Er lud mich ein, ihn zu begleiten, ich sagte zu
und -- machte mich dann reisefertig.

Nachdem ich zuvor mein Vermgen sicher angelegt, die Wahrnehmung
meiner Angelegenheiten und die Aufsicht ber die Erziehung meiner
Kinder meiner Haushlterin, der treu bewhrten alten Witwe, anvertraut
hatte, begab ich mich am 8. Januar des Jahres 1694 mit meinem Freitag
an Bord der kleinen Fregatte, die in den Dnen vor Anker lag. Noch an
demselben Abend gingen wir unter Segel. Die Ladung, die ich mit mir
fhrte, war wertvoller und mannigfacher als je eine der frheren. Sie
enthielt ein zerlegtes Fahrzeug, allerlei Tuchsorten, leinene und andre
Stoffe; ferner Hte, Schuhe, Strmpfe, Bettzeug, Tpfe, Kessel, Ngel,
Werkzeuge; endlich zahlreiche Flinten, Pistolen und zwei metallene
Kanonen; hierzu Pulver, Kugeln und Schrot in allen Sorten, weiterhin
andre Waffen, wie Sbel, Degen und Lanzen. Hierdurch glaubte ich fr
den Verteidigungszustand der Inselfestung hinreichend gesorgt zu haben.

Ein frischer Wind fhrte uns aus dem Hafen, und bald befanden wir
uns auf offener See; ringsum nur Himmel und Wasser. Nach etwa acht
Tagen erhob sich ein mchtiger Sdsturm und trieb uns tief in das
nebelbedeckte Meer von Neufundland. Anfangs gefiel mir dieser Wechsel,
aber bald wurde die Sache doch unangenehm. Ein eisiger Wind blies ber
das Schiff und drang tief in die Glieder. Die Wellen, welche Schaum
spritzend an die Schiffswnde schlugen und uns durchnten, gefroren,
und so wurden unsre Kleider mit einer Eisrinde bedeckt, die Segel steif
und unlenksam, das Takelwerk starr wie Stangen. Dabei herrschte wegen
des dicken Nebels stete Dmmerung um uns, so da der Steuermann den
Schiffsschnabel kaum noch sehen konnte und wir in Gefahr gerieten, an
einen schwimmenden Eisberg oder eine Eisscholle anzurennen. In der
That huschten von Zeit zu Zeit graue Schatten wie Gespenster an uns
vorbei, auf welche die Matrosen mit sorglichen Blicken schauten, da
sie in ihnen Eisberge erkannten. Endlich verwandelte sich die feuchte
Luft in Eiskristalle, es begann ein Schneewehen, welches bald zu wildem
Schneegestber wurde. Doch dauerte es nicht an, der Horizont hellte
sich etwas auf, so da wir etwa einen halben Kanonenschu weit sehen
konnten.

Da rief der wachthabende Matrose: Schiff in Sicht! Wir eilten aufs
Verdeck und sahen wirklich ein Schiff gerade auf uns zukommen, denn
es war windstiller geworden und das kalte Polarwasser strmte uns
entgegen. Wir riefen dem Fahrzeuge zu, rechts auszuweichen. Aber
niemand lie sich auf dem fremden Schiffe sehen und hren, dessen
ganzes Aussehen einer Ruine glich. Der Hauptmast war in der Mitte
abgebrochen, an den Raaen hingen hier und da Segelfetzen, wie etwa an
der Stange einer alten Regimentsfahne, die oft ins Karttschenfeuer
gekommen ist. Die andern Masten fehlten, die Schiffsplanken schienen
gewaltsam in die Hhe gedrckt, am Steuer hing ein groer Eisklumpen,
auf dem Verdeck lag tiefer Schnee, und doch glaubten wir am Mast
eine menschliche Gestalt zu entdecken, die nach uns herber sah. Wir
riefen, schossen eine Kanone ab; alles umsonst. Nichts regte sich auf
dem Geisterschiffe, das auf uns zukam, als wollte es uns in den Grund
bohren. Den Matrosen ward unheimlich zu Mute; aber meinen Neffen und
mich reizte die Neugier, zu erfahren, was es mit diesem Selbstsegler
fr eine Bewandtnis habe. Das Boot wurde langsam niedergelassen und
dann nach dem rtselhaften Schiffe gerudert.

Wir langten bald an, stiegen die Treppe hinauf und betraten das Deck
nicht ohne einiges Herzklopfen. Dichter Schnee starrte auf dem Deck,
doch nirgends stie man auf menschliche Spuren. Unordentlich lagen
Taue, Ketten und andre Gertschaften durcheinander, aber allesamt mit
Schnee und Eiskrusten berzogen. Zgernd schritten wir nach der Treppe,
um in die Kajtte hinabzusteigen. Als wir am Mast vorbergingen,
prallte mein Neffe entsetzt zurck. Wir fanden angelehnt an den Mast
einen Matrosen, mit abgezehrtem Gesicht und verzerrten Zgen zur Hlfte
aus der Schneedecke hervorragend. Beim Hinabsteigen ins Zwischendeck
wurde uns in dem lautlosen Schiffe noch unheimlicher, denn es trug die
Spuren wilder Zerstrung; es fehlten Balken, Planken, Thren und was
sonst zu einem gut ausgersteten Schiffe gehrt. Dagegen entdeckten wir
Leichen in verschiedenen Stellungen, alle gehllt in zerfetzte Kleider,
abgemagert und mumienartig eingetrocknet.

Wir wagten kein Wort zu sprechen in diesem schwimmenden Leichenhause.
Jetzt befanden wir uns vor der Kajtte. Mein Neffe ffnete die Thr,
blieb jedoch wie festgebannt stehen. Ich sah ihm ber die Schulter
und entsetzte mich auch. Denn am Tische sa ein Mensch in Kleidern
aus Renntierhaut und ein Brenfell unter den Fen. Eine Pelzmtze
bedeckte seinen Kopf, in der Hand hielt er eine Feder und hatte eine
Stellung, als wenn er im Schreiben begriffen sei und darber nachdenke,
wie er fortfahren solle. Schchtern traten wir nher und stellten uns
dem Schreiber gegenber. So etwas Grauenerregendes wie dieses Antlitz
hatte ich noch nie gesehen. Das Gesicht war abgezehrt, gelb und die
Haut straff ber die Knochen gespannt. Graue Augen starrten in mattem
Glanze nach einem Bilde an der Wand, welches eine Frauensperson mit
einem Kinde auf dem Arme darstellte. Vor dem Toten lag das Schiffsbuch.
Wir warfen einen Blick hinein und lasen die Worte: Seit gestern ganz
allein; aber es geht auch mit mir zu Ende. Wre es doch berstanden!
Ich fhle, da die letzte Stunde -- -- o Karoline, o lieber Eduard, leb
-- --.

[Illustration: Das brennende Totenschiff.]

Wir durchsuchten das Schiff, fanden es aber ausgestorben und wie
ausgeplndert, daher nahmen wir nur das Schiffsbuch mit, um uns ber
das Schicksal des Schiffes und seiner Bemannung zu unterrichten. Weit
du was, sagte ich zu meinem Neffen, die Toten wollen begraben sein!
Aber nicht im Meere, sondern auf einem Scheiterhaufen, wozu wir ihr
Schiff benutzen. Mein Neffe dachte nach, nickte beistimmend, und
in wenig Minuten knisterte die helle Flamme im Schiffe. Rasch und
innerlich froh, das unheimliche Fahrzeug wieder verlassen zu knnen,
eilten wir zu unsrer Brigg zurck und sahen von dort aus das brennende
Totenschiff, wie es die Matrosen nannten, davonsegeln, sich weiter und
weiter entfernen, bis es am Horizonte endlich wie ein Punkt verschwand.
Das Ganze wrde uns wie ein Traum vorgekommen sein, htte uns nicht
das Schiffsbuch davon berzeugt, da wir den Abschlu einer wahren
Begebenheit erlebt htten. Neugierig bltterten wir das Schiffsbuch
durch und erfuhren, da das Totenschiff eigentlich ein Walfischfahrer
war, mit Namen Hemskerk, welchen Delfter Reeder in das Grnlndische
Meer auf die Jagd ausgesandt hatten. Die Unternehmung hatte, den
Aufzeichnungen zufolge, anfnglich den gewnschten Erfolg gehabt, dann
aber zeigten sich die Wale nur noch selten, und man beschlo daher,
weiter nach Norden vorzudringen, um neue Jagdgrnde zu entdecken.
Man kreuzte hin und her; darber verstrichen zehn bis zwlf Tage, es
trat ein zeitiger Winter ein; die Walfischfahrer muten umkehren und
befanden sich bald mitten zwischen Eisschollen und Eisbergen. Tag und
Nacht drhnte, krachte und knallte es von zusammenstoenden, berstenden
Schollen, und schwankend taumelte das Schiff. Endlich tauchte eine
groe, mchtige Scholle unter, verschwand unter dem Schiffe, hob sich
aber mitsamt demselben, welches nun auf die Seite sank und in dieser
Stellung verblieb.

Die Seefahrer waren zwischen Eis- und Gletschermassen eingesperrt und
muten sich zu einer berwinterung einrichten. Bald trat Mangel ein;
es ging bereits mit dem l und Brennmaterial sehr knapp her. Da es an
frischem Fleische fehlte, brachen Krankheiten aus, die Leute wurden
zaghaft, lungerten traurig und verdrossen umher und erfroren lieber,
als da sie sich dem langsameren Hungertode aussetzten.

Mit jeder Woche wurde die Zahl der Gestorbenen grer, und die
berlebenden waren so matt, da sie sich kaum von der Stelle bewegen
konnten. Was nur geniebar erschien, wurde zu essen versucht: die
Haut der Pelze, das Leder der Stiefelschfte, sogar Sgespne. Nur
drei Mann berlebten den Winter und das Frhjahr. Der Sommer schien
endlich Erlsung zu bringen, denn das Eis teilte sich und das Schiff
gewann wieder das freie Meer; aber in welchem Zustande! Die Masten
waren vom Sturm und beim halben Umstrzen zerbrochen, das Steuerruder
unbrauchbar, die berlebenden ohne alle Krfte. Was half da die
erlangte Freiheit! Jeder trug den Tod bereits in sich und sah ihn
voraus.

So sitze ich denn, schlo der Bericht, ganz allein in dem
ausgestorbenen und ausgeleerten Schiffe, nehme meine letzte Kraft
zusammen, um der Welt und den Meinigen in Gedanken fr immer lebewohl
zu sagen und dann zu sterben. Mir flirrt es schon vor den Augen, der
Kopf ist mir wie ausgeblasen und leer; so lebt denn wohl, lebt wohl,
herzinnig geliebtes Weib und Kind! -- --

Lange saen wir schweigend uns gegenber, nachdem wir den Bericht
gelesen; es berlief uns eiskalt, wenn wir uns in die Lage des
Schreibers versetzt dachten. Lebhaft malte sich unsre Einbildung die
Szenen aus, welche der Kapitn und seine Untergebenen durchlebt haben
muten, als sie in dem Totenschiff einsam dahinzogen durch das dunkle
Meer und die schneeerfllte Luft!

So etwas kann nur ein Seemann erleben! sagte mein Neffe, warf einen
sinnenden Blick durch das Kajttenfenster aufs rauschende Meer, wandte
sich dann schnell, um die Schiffsmannschaft bei ihrer Arbeit zu
beaufsichtigen und sich durch diese Thtigkeit von trben Gedanken zu
befreien. Mich selbst beunruhigte das Totenschiff noch einige Tage,
endlich aber brachten die Pflichten des Tages wieder ruhige Stimmung.
Wir landeten glcklich in Neufundland, brachten schnell unsre
Geschfte zum Abschlu und lieen uns dann von der Strmung an der
Kste Amerikas entlang treiben bis in die Gegend des Antillenmeeres.

Als wir eines Tages langsam in geringer Entfernung von der flachen
Kste dahinstrichen, bemerkten wir in der Ferne eine Art Indianerboot
und darin aufrecht stehend einen Mann, der uns zuwinkte. Wir migten
den Lauf unsres Schiffes und setzten ein Fahrzeug aus, welches bald
mit einem seltsam aussehenden Manne zurckkehrte. Derselbe zeigte
europische Gesichtsbildung, trug am Leibe auch Reste europischer
Kleidung, dagegen ein indianisches Lederwams; seine Fe waren voll
Wunden, zerfetzt und entstellt, und an den Fu- und Handgelenken
hatte er Lederringe, die zum Teil tief in das Fleisch schnitten. Der
Fremdling sah elend und herabgekommen aus und behauptete, er sei den
Rothuten entflohen, die ihn als Sklaven benutzt htten und schon am
nchsten Festtage ihrem Kriegsgotte opfern wollten. In der letzten
Stunde bot sich ihm Gelegenheit zur Flucht; von seinen Peinigern
verfolgt, gelangte er an einen breiten Flu, welcher sein Fortkommen
hemmte. Hinter sich Indianer, vor sich den Strom mit steilem Ufer --
da galt kein Besinnen, so oder so finde ich den Tod! dachte Wilm, der
Fremdling, und sprang ins Wasser. Zwar sank er unter, tauchte jedoch
wieder auf und hielt sich schwimmend auf der Oberflche; wiewohl
fortwhrend von Pfeilen und Lanzen bedroht, blieb er unversehrt, gewann
das jenseitige Ufer, fand dort eine Kanoe, schwang sich hinein und
ruderte aus Leibeskrften, um seinen Verfolgern zu entgehen, die am
Ufer dahinrannten, schreiend und lrmend, und ihm Steine und Geschosse
nachsandten.

Er ruderte so lange, bis ihm die Krfte ausgingen, dann legte er sich
platt in das Kanoe nieder, lie sich von den Wellen forttreiben und
schlief vor Mdigkeit ein. Wie lange dieser totenhnliche Schlummer
gewhrt, wute er nicht. Beim Erwachen bemerkte er, da er auf einem
groen, breiten Strome dahintreibe; er wollte sich nun dem Ufer
nhern, um sich nach Nahrung umzusehen, aber kaum war er eine kurze
Strecke weit gerudert, so entglitt pltzlich das Ruder seiner Hand,
und er befand sich jetzt hilflos auf einem Fahrzeuge, welches er
nicht mehr zu lenken vermochte. Was thun? Nach dem Ufer schwimmen?
Das lag weit entfernt. Also mute sich Wilm dem Schicksale und
den Wellen berlassen, die ihn ziemlich schnell davontrugen. Zwar
peinigten ihn Hunger und Durst immer heftiger, aber nirgends zeigte
sich ein Rettungsweg. Endlich sah der zum Tode Erschpfte das offene
Meer vor sich, in welches ihn der Strom fhrte. Unser Abenteurer gab
sich bereits verloren, denn nun fehlte ihm zum Durstlschen auch
das Swasser, welches ihn erhalten hatte, so matt und fad es auch
schmeckte. Noch am zweiten Tage trieb er an der Meereskste dahin, bis
ihn die Strmung unserm Schiffe nahe brachte.

Der Erzhler sah erbarmenswert genug aus, sehr abgemagert, Wunden
an Hnden, Fen und Schultern. Man reichte ihm zunchst die ntige
Nahrung, damit er sich wieder erhole; spter, am Abend, forderte
man den Fremdling auf, die Gesellschaft mit seiner Herkunft bekannt
zu machen. Aus seiner Erzhlung erfuhren wir, da er von Geburt
ein Schotte und schon in frher Jugend dem Triebe nach Reisen und
Abenteuern folgte. Er kam als Matrose auf einem Schiffe nach Amerika,
wo er als Jger nach den indianischen Waldgrnden zog und mancherlei
Gefahren, die er uns sehr spannend erzhlte, zu bestehen hatte.
Zuletzt geriet er in die Gefangenschaft der Indianer und merkte an
den uerungen der Wilden, da sie ihn am nchsten Frhlingsfeste dem
groen Geiste opfern wollten. Da galt es denn ernstlich, an baldiges
Entrinnen zu denken. Not macht erfinderisch, und so fand sich auch
ein Mittel zur Flucht. Wilm scheuerte an scharfer Baumrinde die ihn
fesselnden Riemen dnn, blies sich auf, wenn er angebunden wurde,
so da er sich, wenn er Leib und Brust einzog, etwas drehen und
wenden konnte. Jede Nacht fanden bungen in solchen Bewegungen statt,
und als die Riemen sich dnn genug erwiesen, entwand er sich der
Schlinge, die ihn an den Baum fesselte, und zerbi die Riemen mit den
Zhnen. Indianer aber haben ein leises Gehr, man hatte seine Tritte
vernommen, im Nu war das Lager hinter ihm her. Zwar hatte er einen
Vorsprung, aber die wunden Fe hinderten ihn am Laufen. Sicher wre
er in die Hnde seiner Feinde gefallen, wenn er nicht das Ufer eines
Flusses erreicht und sich durch einen Sprung in denselben gerettet
htte.

Die Zuhrer Wilms waren seiner Erzhlung aufmerksam gefolgt, und alle
betrachteten ihn als einen achtungswerten Schicksalsgenossen, ja es
deuchte allen am besten, wenn der Schotte sie nach der Kolonie begleite.

Seit der Auffindung Freitags war mir ein gleich leidsamer Geselle nicht
in den Weg gekommen. Ich machte daher Wilm den Antrag, sich mir auf
meinen weiteren Fahrten beizugesellen. Er besann sich auch nicht lange
und sagte zu.

So verging in verschiedenartigem Wechsel ein Tag nach dem andern. Kein
widriger Wind hinderte uns, und wir erreichten deshalb eher noch, als
wir es gedacht, die Insel Trinidad, in deren Nhe meine Kolonie lag.
Doch konnte ich meine Insel anfangs nicht wiedererkennen, weil sich
unser Schiff an der Nordseite befand und ich sie von dieser Seite aus
noch nie gesehen hatte.




[Illustration: Kampf und Streit zwischen den Kolonisten.]

Sechzehntes Kapitel.

Die Schicksale der Kolonie.


  Ankunft auf der Insel. -- Freitag und sein Vater. -- Bericht ber
  die Wirren whrend der Abwesenheit des Grnders. -- Neue Ordnung. --
  Weitere Reiseplne.

Endlich erkannte ich die Insel, und wir steuerten flott auf sie zu.
Die Bewohner hatten uns gleichfalls bemerkt und eilten voll Erwartung
ans Ufer. Kaum waren wir unter starkem Zulaufe gelandet, so erkannte
Freitag auch schon auf den ersten Blick unter den Versammelten seinen
Vater und scho wie ein Pfeil durch die verdutzten Inselbewohner auf
ihn zu. Er fiel dem alten Manne mit ausgebreiteten Armen um den Hals,
streichelte ihm die Wangen, setzte ihn auf einen Baumstamm, kniete
vor ihm nieder und blickte ihm fest ins Gesicht, whrend die hellen
Freudenthrnen ber seine Wangen flossen. Dann ergriff er die Hnde
des Greises und kte sie; wieder erhob er sich, setzte sich von
neuem nieder und schaute in das Antlitz seines Vaters mit der ganzen
Zrtlichkeit eines kindlich liebenden Sohnes. Aber auch ich wurde
mit lauter Freude begrt und von meinem Stellvertreter Caballos in
meine ehemalige Behausung gefhrt, welche man mittlerweile mit einer
wohlangelegten Befestigung versehen hatte.

Don Caballos erzhlte mir, als wir behaglich bei einer Flasche Wein
saen, die vielfachen Strungen und Streitigkeiten, welche whrend
meiner Abwesenheit vorgekommen waren.

[Illustration: Die Kolonisten bei der Bodenbestellung.]

Anfnglich herrschte zwischen uns und den Englndern, so berichtete
er, das beste Einvernehmen, und es hatte den Anschein, als ob die
Niederlassung in erfreulicher Weise gedeihen solle. Die Englnder
aber mochten sich zu keiner Arbeit bequemen; lieber streiften sie
auf der Insel umher, schossen zu ihrem Vergngen Papageien, wendeten
Schildkrten um, und wenn sie des Abends nach Hause zurckkamen, lieen
sie sich das von uns bereitete Nachtessen vortrefflich munden. Nur
um des lieben Friedens willen hatten wir sie gewhren lassen. Aber
nicht damit zufrieden, keine Arbeit zu thun, hielten uns die Englnder
von unsern eignen Geschften ab. Die ersten Zwistigkeiten waren
geringfgiger Art, bald jedoch fhrten sie einen offenen Krieg herbei.
Die zwei Englnder, welche kurz vor Ihrer Abreise in das Innere der
Insel entwichen waren, kamen spter in die Burg, um die Vorrte mit
verzehren zu helfen. Allein sehr bald wurden sie von den drei rohen
Insassen vertrieben. Nach unsrer Ankunft beklagten sie sich beide ber
die erlittene Behandlung, worauf wir versuchten, sie zu vershnen,
was aber nicht gelang, da jene rohen Burschen ihnen den Aufenthalt in
der Burg beharrlich verweigerten. Den armen Zurckgestoenen blieb
nichts brig, als sich von uns zu trennen und die nrdliche Gegend der
Insel zu ihrem Wohnplatze zu whlen. Hier erbauten sie zwei Htten,
die eine zur Wohnung, die andre zum Vorratshause. Wir gaben ihnen
Getreide und Reis zum Sen, Gefe, Werkzeuge und etliche Ziegen. Zwar
konnten sie nur ein kleines Stck Land bebauen, doch fiel die Ernte
gnstig fr sie aus, und bald befanden sie sich auf dem besten Wege
bescheidenen Fortschritts. Jene drei bswilligen Burschen indessen
lieen ihre Landsleute nicht in Ruhe, sondern suchten sie in ihrem
neuen Besitztum auf und forderten unter dem Vorgeben, da ihnen der
Besitz der Insel von dem Gouverneur bertragen sei und niemand sich
ohne ihre Einwilligung niederlassen drfe, Pacht fr ihr Land. Da sie
sich nun dieser Aufforderung nicht fgten und darber spotteten,
verga sich der eine ihrer Gegner so sehr, da er die Htte in Brand
steckte. Zwar gelang es, das Feuer alsbald zu lschen, doch kam es zu
einem heftigen Streit, wobei der Brandstifter schwer verwundet wurde.
Da diese Burschen sahen, da sie es mit entschlossenen Leuten zu thun
hatten, so begannen sie Unterhandlungen und baten, ihren verwundeten
Kameraden mitnehmen zu drfen. Am Abend trafen zwei unsrer Landsleute
jene rhrigen Englnder im Walde, welche sich bitter ber die ihnen
zugefgten Unbilden beklagten. Als meine Spanier darauf heimkehrten,
thaten sie den Englndern Vorhalt ob ihres Benehmens, worauf der eine,
Atkins, barsch antwortete: Jawohl, wir wollen euch beweisen, da ihr
Spanier auch unsre Sklaven werden mt!

Die Feindseligkeiten zwischen den Englndern unter sich dauerten noch
fort, und so kam es, da eines Morgens die beiden Kolonisten im Norden
aufgebrochen waren und vor unsrer Burg erschienen. Die drei Strolche
hatten unterdessen auf Rache gesonnen, waren auch aufgebrochen, jedoch
in der Absicht, die zwei Kolonisten im Schlafe zu berraschen, ihre
Htten einzuschern und dieselben zu ermorden. Zum Glck erreichten
jene ihren Zweck nicht ganz und begngten sich damit, die Htten
niederzureien und den gesamten Viehstand zu tten. Frohlockend ber
den gelungenen Streich kehrten sie dann nach der Burg zurck.

Die beiden Kolonisten eilten mit trben Ahnungen ihren Htten zu und
sahen das Werk ihrer fleiigen Hnde als einen wsten Trmmerhaufen vor
sich. Sie werden begreifen, welch wehmtiges Gefhl sie da beschlich
und wie die Thrnen des Unwillens in ihre Augen traten. Hierauf
schritten sie der Festung zu, um uns zu erzhlen, was vorgefallen.

Unterdessen waren aber die drei Frevler in der Burg eingetroffen und
prahlten gegen die Spanier mit dem verbten Bubenstck. Ja ihr bermut
ging so weit, da einer der schlimmen Gesellen einem Spanier den Hut
vom Kopfe warf und ihm sagte: Und Ihr, Herr Hans von Spanien, seid
knftig hflicher, und wenn ihr Herrchen nicht Respekt vor uns habt,
so wird es euch gerade so ergehen wie den beiden Kolonisten! Emprt
schlug der Spanier den Frechen mit einem Faustschlag nieder. Der andre
Englnder wollte seinen Freund rchen und feuerte sein Pistol auf den
Spanier, wobei er ihn leicht am Ohr verwundete. Letzterer ergriff
sein Gewehr und wrde unfehlbar den Englnder niedergestreckt haben,
wren die brigen Spanier nicht dazwischengetreten und htten die drei
entwaffnet.

Da diese sahen, da sie nichts ausrichten konnten, baten sie, man
mchte ihnen doch ihre Waffen wiedergeben. Selbstverstndlich konnten
die Spanier hierauf nicht eingehen, sondern sicherten ihnen ihren
Beistand zu, wenn sie in Nten wren, was aber jene nicht annehmen
wollten. Als aber die beiden Englnder hinzugekommen waren und
strenge Bestrafung forderten, gaben sie nach und baten um Milde.
Infolgedessen wurden die Ruhestrer aufgefordert, das Zertrmmerte
wiederherzustellen, worein sie willigten. Dies fhrten sie auch aus,
gingen aber alsdann wieder ihrem Nichtsthun nach. So verstrichen drei
Monate ohne Unterbrechung, und da wir glaubten, die drei seien endlich
zur Einsicht gekommen, so gaben wir ihnen die Waffen zurck, damit
sie durch Erlegung von Wild uns ntzlich sein knnten. War nun dieser
Streit endlich beigelegt, so hatte uns eine andre Gefahr gedroht, und
zwar von den Kariben --

Von den Kariben? unterbrach ich den Bericht meines Stellvertreters.
O, so erzhlen Sie doch, welche Bewandtnis es mit diesen gehabt.

Eines Abends, so fuhr Caballos fort, war eine ganze Flottille, 28
Barken stark, an der Nordkste, zwei Stunden von unsern uersten
Pflanzungen entfernt, in die stliche Bucht eingelaufen. Die Bemannung
der fremden Pirogen mochte sich wohl auf 250 Kpfe belaufen und war
mit Bogen, Pfeilen, groen Wurfspieen und hlzernen Schwertern
ausgerstet. Solch eine feindliche Macht versetzte natrlich die
Kolonisten in Furcht und Schrecken. In aller Eile wurden die
neuerbauten Htten abgebrochen und alles Vieh wie die Werkzeuge
und Gertschaften nach der Hhle geschafft. Die Streitmacht der
Kolonisten war gegenber der groen Zahl der Wilden nur sehr gering;
denn sie bestand im ganzen aus nur dreiig Mann. Die Europer
behielten die Feuergewehre fr sich, und jeder nahm auch noch eine
Axt an sich. Ich kommandierte die kleine Armee und ernannte Atkins
zu meinem Unterbefehlshaber. Dieser befand sich hier vollkommen an
seinem Platze, denn an Tapferkeit, Mut und Entschlossenheit that es
ihm niemand zuvor. Er hatte sich mit sechs Mann vorwrts in einem
Gebsch aufgestellt, auch den brigen ihren Stand am Saume des Waldes
unter dem Schutze des Gestruches angewiesen. Die Wilden rckten in
einem bel geordneten, etwa 50 Mann starken Haufen gegen die kleine
Streitmacht heran, whrend grere Scharen in dichten Massen folgten.
Atkins lie den Trupp vorberziehen, dann befahl er dreien seiner
Leute, die jedes ihrer Gewehre mit mehreren Kugeln geladen hatten, auf
den zusammengedrngten Haufen zu feuern. Die Zahl der Getteten und
Verwundeten mute erheblich gewesen sein, denn Schreck und Verwirrung
berkamen die Indianer. Diesen Umstand benutzte Atkins und lie eine
zweite Salve folgen, die eine hnliche Wirkung hervorrief. Nachdem sich
indes der berrest der Kannibalen etwas erholt, strmten sie ihrerseits
auf die Spanier los. Letztere zogen sich unter fortwhrenden Salven
vorsichtig zurck, aber die Pfeile der Indianer schwirrten oft genug
unheildrohend durch das Laubwerk des Gebsches, und wie Lwen strzten
bald nachher die Wilden auf ihre Feinde ein. Drei Mnner des Trupps:
ein Spanier, ein Brite und ein Sklave, wurden gettet, Atkins selbst
leicht verwundet. Zum Glcke rckte das Hauptkorps der Europer in drei
Zgen zu je sechs und acht Mann nher, zunchst ein mrderisches Feuer
erffnend, so da viele der Wilden verwundet niederstrzten, die Masse
derselben aber ratlos durcheinander wogte.

Nachdem die Feuerwaffen hinreichend vorgearbeitet hatten, drang auch
der Rest unsrer Streitmacht aus dem Waldesdunkel hervor, und die
smtlichen Europer fielen nun ber die Feinde mit den Handwaffen
her. Im ersten Augenblicke wie gelhmt, lieen sie sich leicht
niederwerfen. Dann aber rafften sie sich wieder auf und setzten sich
mannhaft von neuem zur Wehr. Wtend schlugen sie mit ihren Keulen und
Schwertern drein, schossen einen Hagel von Pfeilen auf uns ab und
verwundeten mehrere unsrer Mannschaft, darunter Freitags Vater. Doch
die Kolonisten hieben erbarmungslos mit ihren xten, Piken, Schwertern
und Gewehrkolben auf die Feinde los, so da binnen kurzer Zeit 180
Indianer, teils gettet, teils schwer oder leichter verwundet, die
Walstatt bedeckten. Die Feinde sahen nach solchem Verluste, da hier
jeder weitere Widerstand vergeblich sei, und suchten in wilder Flucht
das Ufer zu gewinnen, um sich in ihre Barken zu retten. Die Europer
waren zu sehr ermdet, als da sie die Flchtigen htten verfolgen
knnen. Doch das Ma des Unglcks war fr die Besiegten noch nicht
voll; ein frchterlicher Sturm, der vor Anbruch der Nacht zu toben
begonnen, hatte ihre Kanoes hoch auf den Strand geschleudert, so
da sie trotz aller Anstrengungen nicht wieder flott gemacht werden
konnten. Den grten Teil fanden sie bereits an den Felsen zerschellt
vor. In dumpfem Hinbrten lagerten sich die Wilden, die sich noch
etwa auf 70 Mann belaufen mochten, in einem Kreise, das Kinn auf die
Kniee gesttzt, starr aufs Meer hinausschauend -- ein Bild unsglichen
Jammers!

Nach der Flucht der Feinde konnte man sich von den Strapazen etwas
ausruhen und sich durch Speise und Trank strken. Doch nur kurze
Zeit gestattete man sich diese Erholungspause. Alle waren ohnehin
begierig, zu erfahren, was aus den Feinden geworden. Daher brachen
alle noch Streitbaren gegen die Kste auf, wobei der Weg ber den
Kampfplatz fhrte. Dort lagen in grauenvollem Gemisch Verwundete
und Tote durcheinander, und auf allen Seiten chzte und sthnte es
in schauerlichen Tnen. In betreff der am Leben gebliebenen Feinde,
welche sich in die Wlder geflchtet hatten, war guter Rat teuer.
Nach mannigfachem Hin- und Herreden einigte man sich zuletzt in der
Maregel, womglich die feindlichen Kanoes zu verbrennen, um den
Indianern die Rckfahrt und die Anstiftung eines neuen Rachezuges gegen
die Kolonie abzuschneiden. Es gelang, die Wilden wurden dann unter
tglichen Kmpfen in die Felsengebirge der sdwestlichen Gegenden
unsres Eilandes gedrngt. Hierauf zogen die Krieger es vor, Frieden
mit den abgeschnittenen Feinden zu schlieen, und schickten deshalb
Freitags Vater als Abgesandten an dieselben ab. Dieser brachte wirklich
eine Verstndigung zustande, zumal die armen Leute, von Hunger und
Elend gebeugt, bereits auf 30 Kpfe zusammengeschmolzen waren. Sie
erhielten Nahrungsmittel (Brot, Reiskuchen und Ziegenfleisch) und
wurden dann unter der Bedingung unverbrchlichen Gehorsams als Freunde
aufgenommen. Auf dem sdstlichen Teile der Insel, in einem von hohen
Felsen umgrteten Thale, wies man ihnen Wohnsitze an und half ihnen
Htten erbauen. Dann unterrichtete man sie auch in der Kunst, allerlei
Werkzeuge zu verfertigen, das Feld zu bearbeiten, Brot zu bereiten,
Krbe zu flechten, Tpfe zu formen, Ziegen zu melken, und beschenkte
sie mit xten, Beilen, Messern und sonstigen Gertschaften sowie mit
einigen Ziegen und Bcken.

Nach und nach wute das Vlkchen sich immer bequemer einzurichten und
lebte ruhig und harmlos in seinem Winkel, glcklicher vielleicht als in
der alten Heimat!

Seit der Errichtung dieser neuen Ansiedelung erfreut sich die Kolonie
-- mit diesen Worten schlo Don Caballos seinen Bericht -- nun schon
zwei Jahre hindurch eines ungestrten Friedens bis zu Ihrer Ankunft,
Herr Gouverneur. Zwar landeten noch von Zeit zu Zeit Indianertrupps an
unserm Eilande, um ihre entsetzlichen Triumphmahlzeiten zu halten, aber
sie schienen kein Verlangen weiter zu verspren, das Innere der Insel
kennen zu lernen und uns mit ihrem schlimmen Besuche zu beehren.

Aus der Erzhlung von Don Caballos ersieht man, welch schwere Zeiten
und bedrohliche Wirren whrend meiner Abwesenheit ber mein liebes
Eiland hingegangen waren. Die Kolonie befand sich jedoch gegenwrtig in
erwnschtem Gedeihen und Fortschreiten, und der Einflu europischer
Gesittung hatte sich bei den Indianern in wohlthtiger Weise geltend
gemacht.

Sie hatten bereits geflochtene Tische, Sthle, Ruhebetten und noch
manches andre Hausgert sauber herzustellen gelernt. Auch die Weiber
des wilden Volksstammes wuten sich zu fgen und zeigten sich
arbeitsam. Sie zeigten sich auch gutmtig gegen die Kinder und nahmen
willig die Unterweisungen in den Lehren des Christentums auf, wobei die
Frauen der Kolonisten einen besonderen Eifer kundgaben.

[Illustration: Unterweisung der Indianerinnen durch die Frauen der
Kolonisten.]

Nicht selten hatte ich whrend meines kurzen Besuches Gelegenheit,
zu bemerken, wie von Zeit zu Zeit eine Kolonistin recht erbauliche
Mitteilungen an die eine oder andre der Indianerfrauen richtete und in
den letzteren ganz andchtige Zuhrerinnen fand.

Nachdem ich jetzt einen berblick ber den Stand der Kolonie gegeben
habe, wie ich sie bei meiner Ankunft vorfand, will ich nun auch
berichten, was ich fr die Ansiedler that und in welchen Verhltnissen
ich sie verlie. Es lag nicht in meiner Absicht, da jemand der Insel
den Rcken zuwende, vielmehr wnschte ich die Bevlkerung anwachsen
zu sehen, und aus diesem Grunde hatte ich ja eine Menge brauchbarer
Werkzeuge und Gerte mitgebracht, an denen es bisher gemangelt
hatte. Der jetzige friedliche Verkehr der Kolonisten untereinander
befriedigte mich in hohem Mae, und ich ermahnte sie, auch fr die
Folgezeit in Eintracht nebeneinander zu leben. Zur Bestrkung in
diesen guten Vorstzen veranstaltete ich ein glnzendes Friedens- und
Freundschaftsfest, bei welchem unser Schiffskoch viel Ehre einlegte.

Dann schritt ich zur Verteilung der mitgebrachten Geschenke; jeder der
Kolonisten erhielt einen Spaten, eine Hacke, eine Harke, eine Schaufel,
eine groe Axt und eine Sge. Ngel, Klammern, Hmmer, Bolzen, Messer
und hnliche Dinge wurden in Menge verteilt. Meine Vorrte an Waffen
und Munition waren so reichlich, da jeder doppelt und dreifach
bewaffnet werden konnte und da man jetzt selbst einen Angriff von 1000
Wilden nicht mehr zu frchten brauchte. In den folgenden Tagen stattete
ich verschiedene Besuche den einzelnen Niederlassungen der Insel ab und
machte mich dann noch an die schwierige Aufgabe einer gleichmigen
Verteilung des Grundbesitzes. Ich teilte zu diesem Endzweck das Land in
verschiedene Bezirke ein und wies jedem ein gleichgroes Stck an. Mir
selbst behielt ich die Oberherrschaft ber die Insel vor und besttigte
Don Caballos als meinen Stellvertreter; zu den Wilden im Sdosten wurde
Freitags Vater entsendet. Er sollte ihnen erffnen, da von nun an auch
fr sie eine neue Ordnung der Dinge eintreten wrde, und da sie sich
entscheiden sollten, ob sie ihr eignes Land bauen oder den Kolonisten
um einen bestimmten Lohn dienen wollten. Nur sehr wenige whlten die
Unabhngigkeit; die Mehrzahl zog es wohlweislich vor, Dienste zu nehmen.

So glaubte ich alles aufs beste geordnet zu haben und schickte mich
wieder zur Abreise nach dem Osten an; ich wollte Afrika umsegeln
und Madagaskar und die Lnder des Indischen Meeres besuchen, sodann
womglich durch China und Sibirien den Heimweg nehmen. Auch Wilm
stimmte ohne weitere Bedenken bei, die Weltreise nach diesem Plane
auszufhren -- ihn trieb es gleichfalls hinaus ins Weite. Also hie es:
die Segel gesetzt -- auf! hinaus wieder ins weite Meer!




[Illustration: Freitags Tod.]

Siebzehntes Kapitel.

Fortgang und Schlu von Robinsons Weltfahrt.


  Abschied von der Kolonie. -- Kmpfe zur See. -- Freitags Tod. --
  Brasilien. -- Sturm am Kaplande. -- Verschlagen ins Eismeer. -- Das
  Venedig des Eismeeres. -- Gefangen im Eise. -- Durchbruch. --
  Der verlassene Matrose. -- Ein Robinson auf einer schwimmenden
  Eisscholle. -- Irrfahrten. -- Das Gespensterschiff. -- Zusammensto
  mit den Kochinchinesen. -- In China und Sibirien. -- Rckkehr nach
  England. -- Endliche Ruhe.

Die letzten Verhaltungsmaregeln waren angeordnet, und als ich Abschied
nahm, begleiteten mich die Kolonisten, die mich wie ihren Vater und
Wohlthter verehrten, bis hin zur Bucht. Sobald das Schiff das offene
Meer gewonnen hatte, sagten wir der Insel mit fnf Kanonenschssen
lebewohl und richteten unsern Lauf nach der Allerheiligenbai, die
wir nach drei Wochen erreichten. Unterwegs hatten wir aber noch
ein verhngnisvolles Abenteuer zu bestehen, das mir einen groen,
unersetzlichen Verlust brachte. Am dritten Abend nach unsrer Abfahrt
bemerkten wir bei voller Windstille, wie sich an einer fernen Kste
dunkle Punkte lebhaft hin und her bewegten. Der Hochbootsmann stieg
mit dem Fernrohr auf den Fockmast und berichtete, es sei eine ganze
Flotte Wilder, und er schtzte die Zahl ihrer Kanoes auf mehr als
hundert. Wir muten uns also jedenfalls auf einen blutigen Kampf gefat
machen, zu welchem ich die Schiffsmannschaft nach Krften ermutigte.
Ich lie die beiden Schaluppen flott machen und mit hinreichender
Mannschaft besetzen. Die inzwischen nher kommende Flottille der Wilden
bestand aus etwa 130 Khnen, jeder durchschnittlich mit einem Dutzend
Bewaffneter bemannt. Fnf oder sechs dieser Kanoes kamen uns fast bis
auf Wurfweite nahe, und unsre Leute, die eine Umzingelung besorgten,
gaben deshalb mit der Hand ein Zeichen, da sich die Wilden entfernen
mchten. Diese verstanden es recht wohl, schossen aber zahlreiche
Pfeile auf uns ab und verwundeten einen unsrer Matrosen. Trotzdem hielt
ich immer noch meine Leute vom Feuern zurck und lie einige Planken
in die Schaluppe hinabgleiten; aus diesen bildete der Zimmermann eine
Art Wall, hinter welchem unsre Mannschaft vor den Pfeilen der Wilden
geschtzt war. Jetzt ruderte aber der ganze Schwarm heran und fiel
uns in den Rcken. Da erkannte ich in den Angreifern alte Bekannte,
mit denen ich schon auf der Insel zu thun gehabt hatte. Ich befahl,
die Kanonen bereit zu halten, und schickte Freitag aufs Deck, um die
Fremdlinge zu fragen, was sie begehrten. Sie antworteten mit einem
Hagel von Pfeilen und ach! -- Freitag, vllig ungeschtzt dastehend --
-- strzte von zwei Pfeilen durchbohrt nieder. -- -- Noch ein Blick aus
seinen liebevoll ergebenen Augen, als ich vor ihn trat, und -- -- *er
verschied*.

Der herbe Schmerz ber den Verlust meines alten, treuen Gefhrten
verdrngte jedes Erbarmen aus meiner Brust. In heftigem Zorn lie ich
fnf Kanonen mit Karttschen und vier mit Kugeln laden und in den
dichten Schwarm der Boote hineinfeuern. Das war eine Salve, wie die
Wilden in ihrem Leben keine hnliche empfangen hatten: eine Menge
Barken wurden teils zertrmmert, teils in den Grund gebohrt; alles, was
noch ein Ruder in den Hnden fhlte, arbeitete aus Leibeskrften, um
diesem mrderischen Empfang zu entrinnen. Bald war die wilde Sippschaft
unsern Blicken entflohen, aber auf dem Wasser schwammen in groer Zahl
unter Trmmern und Balken tote, verwundete und verletzte Indianer
umher. Der Sieg indessen war allzu teuer erkauft. Der Verlust meines
treuen Freitag lie sich nicht berwinden; tiefe Schwermut bemchtigte
sich seitdem meines Gemts; kaum da Wilm mich etwas aufzuheitern
vermochte.

Am Abend jenes verhngnisvollen Trauertages setzte der Wind um, eine
frische Brise kruselte den Spiegel des Meeres, ber welchem vorher die
Windstille mit ihren bleiernen Flgeln gehangen hatte -- und weiter
ging die Fahrt nach Brasilien ohne Hindernisse und Gefahren.

Am 18. Tage nach dem geschilderten Gefechte mit den Wilden ankerten
wir, nachdem wir drei Tage vorher das Kap St. Augustin umschifft
hatten, in der Allerheiligenbucht. Es gelang mir, meinen ehemaligen
Gesellschafter aufzufinden, mit welchem ich verschiedene Geschenke
austauschte. Derselbe gewhrte mir auch seine Hilfe bei Ausrstung
einer Schaluppe, durch welche ich meiner Kolonie eine Zufuhr an Leuten
und Gebrauchsgegenstnden zukommen lassen wollte. Den ntzlichen
Dingen, welche ich meinen Kolonisten zuwandte, lie ich drei
Milchkhe und fnf Klber hinzufgen sowie einige zwanzig Schweine
und drei Pferde. Auch bewog ich, gem eines den Spaniern gegebenen
Versprechens, noch drei Portugiesinnen, sich nach der Insel zu begeben.
Das Boot, hinlnglich bemannt, ging nun unter Segel und kam auch
glcklich auf meinem Eilande an, von der Einwohnerschaft mit Jubel
begrt. Durch die neuen Ankmmlinge wuchs die Kolonie bis auf die
stattliche Anzahl von ziemlich 70 Kpfen an, die Kinder nicht mit
eingerechnet.

Erst nach Jahren empfing ich durch meinen Geschftsgenossen, der
den Verkehr mit meiner Kolonie unterhielt, ausfhrlichere Berichte
ber den Zustand derselben. Solange Don Caballos noch lebte und die
Regentschaft ber die Insel fhrte, befand sich die Verwaltung in
guten Hnden. Nachdem dieser aber in einem Gefechte gegen die Wilden
geblieben und auch Will Atkins, der sich in den letzten Jahren der
Leitung der Kolonie mit allen Krften unterzogen hatte, gestorben war,
brachen unter der Bevlkerung heftige, ja sogar blutige Zwistigkeiten
aus, und die Herrschaft ging von einer Hand in die andre ber. Mde
der unaufhrlichen Streitigkeiten, zog es eine Anzahl der Kolonisten
vor, nach Brasilien auszuwandern, und dieses Beispiel verlockte
bald auch andre, die Insel zu verlassen. Nun brach eine traurige
Zeit fr die Zurckgebliebenen an; denn, wieder zu einem kleinen
Huflein zusammengeschmolzen und den bestndigen Angriffen der Wilden
ausgesetzt, welche genaue Kenntnis von der Abnahme der Bevlkerung der
Insel erlangt hatten, setzten sie ihre einzige Hoffnung nur noch auf
meinen Beistand. Sie hatten in der That mir nach London geschrieben und
mich um Hilfe in ihrer traurigen Lage gebeten. Allein es sollten Jahre
vergehen, ehe ich diese Briefe erhielt; auch mochte ich nicht dahin
zurckkehren, weil es doch zu spt gewesen wre, ihnen erfolgreich
beizustehen. Die fortgesetzte Feindschaft der Wilden und ein
entsetzliches Erdbeben, durch welches die Insel und die Niederlassungen
schwer heimgesucht wurden, hatten schlielich die vllige Verdung
der Insel zur Folge. Nur wenige Bewohner entrannen dem frchterlichen
Verhngnisse. --

Nachdem ich in Brasilien meine Geschfte beendet hatte, nahmen wir
durch das Atlantische Meer unsre Richtung gegen das Vorgebirge der
guten Hoffnung, wo wir frisches Wasser und Proviant einzunehmen
gedachten, um dann unsre Fahrt nach Osten weiter fortzusetzen. Schon
sahen wir in der Ferne den dunkelblauen Streifen des Lwenberges aus
dem Meere aufragen und hofften nun in der Tafelbai zu ankern. Da
stiegen pltzlich schwarze Wolken auf, verhllten die hohen Gebirge und
berdeckten schnell den ganzen Himmel. Bald hrten wir das schrille
Toben und Sausen des Sturmes, in welches das dumpfe Brausen der
hochgehenden Wogen einstimmte.

Der Sturm war mit ganzer Macht ausgebrochen. Dichte Finsternis lagerte
ber dem Meere, der Orkan heulte und tobte in allen Tonarten, die
Wellen trmten sich empor, die Masten krachten, schnarrend zerrissen
einige Segel, da wir nicht im stande waren, sie zu reffen, und unser
Schiff scho wie ein Pfeil durch das tobende Meer in der Richtung
nach Sdosten. Wir vermochten nichts gegen die bermacht des Sturmes
auszurichten, muten uns derselben vielmehr willenlos berlassen. Nach
einigen Tagen fanden wir uns, als der Sturm nachgelassen hatte, in eine
neue Welt versetzt. Rechts und links zogen Eisschollen an uns vorber,
die oft Kisten von viereckiger Gestalt glichen; dazwischen taumelten
phantastisch gestaltete Eisberge wie Betrunkene, die den Heimweg nicht
finden knnen. Immer zahlreicher drngten die Schollen, immer dichter
zogen die Eisberge gruppenweise vorber, weshalb die Matrosen sie
Eiskarawanen nannten. Die Eisblcke oben auf den Eisbergen glichen oft
Husern, Drfern, verfallenen Kirchen oder Schloruinen, und einmal
glaubten wir gar in eine Feenwelt versetzt zu sein. Eine Menge von
Eiskolossen hatte sich so geordnet, da sie wie Huser nebeneinander
standen und frmliche Straen bildeten. Wir nannten diese Stelle
das Venedig des Eismeeres. Man sah breite Wasserstraen mit engen
Nebengassen; Seehunde, Pinguine und andre Seevgel schwammen lustig
an diesen Eispalsten entlang, aus deren zerbrckelten Wnden man
sich mit Hilfe der Phantasie Erker, Schwibbogen, Hallen und Nischen
zusammenstellen konnte. Dabei flimmerte und blitzte es hier und da
silbergleich, wo Sonnenstrahlen auffielen; dann wiederum stand das
Wasser der Straenkanle still, als ob es schliefe, und es war dabei so
schauerlich de in der Eisstadt, da es uns unheimlich wurde, wie unter
Ruinen.

Die Schiffsmannschaft drngte zur Umkehr, obschon der Wind wieder
heftig vom Kap herwehte. Ich lie also wenden. Aber wer beschreibt
unsern Schrecken, als wir uns von einem breiten Eisgrtel
eingeschlossen fanden! Der Wind hatte Schollen und Eisberge
zusammengetrieben, diese waren aneinander gefroren und bildeten nun ein
Eisband von etwa einer Viertelstunde Breite, denn jenseits sahen wir
offenes Meer, hinter uns aber in der Ferne eine unabsehbare Eiswand.
Was war zu thun? Wir saen in einem kleinen Wasserbecken gefangen,
rings umschlossen von Eis -- und wie lange wird unser Becken eisfrei
bleiben?

Ich beratschlagte mit Wilm, was zu thun sei. Da erinnerte ich mich,
in einem alten Schiffsbuche gelesen zu haben, wie man sich in
solchen Fllen zu helfen pflege. Weil das alte Eis mrbe, das junge
zusammengekittete aber noch schwach ist, so kann man sich einen
Durchgang brechen, indem man mit dem Vorderbug des Schiffes gegen das
Eis anluft, oder indem man mit Sge und Beil einen Kanal durch das Eis
schlgt.

Wir beschlossen letzteres Mittel anzuwenden und sandten daher einen
Teil der Leute aufs Eis, um das junge Eis zu zertrmmern und die
Eisschollen verschiebbar zu machen. Die andern muten das Schiff etwas
zurckleiten, dann es gegen das Eis anrennen lassen, um den Verband des
Eises zu lockern und die entstandenen Sprnge zu erweitern. Die Arbeit
war sehr mhselig, aber erfolgreich; gegen Mittag hatten wir unser
Fahrzeug fast um eine ganze Schiffslnge in den Eisgrtel eingezwngt,
der nach allen Seiten hin Risse und Sprnge zeigte, wodurch die Arbeit
immer leichter vor sich ging. Wir bekamen allesamt frischen Mut und
arbeiteten um so eifriger. Da sprang der Wind pltzlich um und wehte
sehr heftig von Sden her, da die Wellen an den Eisgrtel brandend
anschlugen, dieser zugleich zu krachen und zu bersten anfing, Spalten
hin und her aufklafften und Eisinseln entstanden. Daher wurden die
Arbeiter noch rechtzeitig aufs Schiff zurckgerufen, welches gerade
eine Rckwrtsbewegung machte, um zu einem neuen Anlauf auszuholen.
Mit Mhe gelang es, die Matrosen mittels zugeworfener Taue aufs Schiff
zurckzuschaffen; denn bereits erweiterten sich die Spalten und es
rannten die Eisschollen so heftig aneinander, da sich das Boot mit den
Leuten nicht dazwischen wagen durfte.

Wir zhlten unsre Leute, und siehe, es fehlte Andreas noch. Wir riefen
nach ihm und feuerten eine Kanone ab, endlich kam auch er hinter einer
Scholle hervor, wo er gearbeitet hatte. Mittlerweile aber war zu unserm
Schrecken unser Schiff immer weiter ins offene Becken zurckgewichen,
und so hatte es sich mehr und mehr von unserm armen Gefhrten entfernt.
Da stand denn dieser hnderingend auf schwankender Eisscholle, mir
noch nahe genug, um sein Wehgeschrei zu hren! Doch war ich nicht im
stande, ihn zu retten! Jammernd reckte er die Arme empor, rannte vor-
und rckwrts, strzte nieder und sprang wieder auf, aber immer weiter
trieben uns die Wasserkanle auseinander -- ach, wir konnten ihm nicht
helfen, denn lngst schon konnte ihn das geworfene Tau nicht mehr
erreichen. Das Herz wollte mir zerspringen, als ich den Untergang eines
braven Kameraden vor mir sah, ohne zu seiner Rettung etwas Weiteres
unternehmen zu knnen; aber mir stand die Gefhrdung des Lebens *aller*
vor Augen -- dies entschied. Wir segelten in die breiten Kanle des
zerborstenen Eisgrtels hinein, winkten dem Unglcklichen lebewohl
und lieen ihn auf einer treibenden Scholle im Sturm und bei hohem
Wellengange zurck.

Diese aufregende Szene gehrt mit zu dem Entsetzlichsten, was ich
jemals erlebt habe. Indes darf sich der Leser mit mir darber freuen,
da der brave Andreas doch noch auf wunderbare Weise gerettet
wurde. Ich fand ihn wohlbehalten in Kanton wieder, wo er mit einem
hollndischen Schiffe angekommen war; hier erzhlte er mir alsdann
seine unerwartete Rettung.

Als er uns davonfahren sah, ergriff ihn Verzweiflung. Er warf sich
nieder auf das Eis und schrie aus tiefstem Herzensgrunde. Endlich
raffte er sich auf, um sich ins Meer zu strzen, da er der Meinung war,
ein schneller Tod sei dem langsameren Untergange vorzuziehen. Sowie er
aber an den Eisrand trat, erwachte die Hoffnung von neuem. Zum Sterben
ist noch immer Zeit, sagte er sich und sann auf Mittel zur Rettung.

Da Wind und Strmung die Eismassen nach Norden trieben, so suchte
er auf diese Seite zu gelangen und whlte sich eine groe Scholle
dauerhaften Eises zum Fahrzeuge. In der Mitte und hinter Eishgeln grub
er sich eine Vertiefung, die sein Lager bilden sollte. Alles Weitere
berlie er dem Schicksale. Er trieb ein, zwei, drei Tage, ohne etwas
andres als Schollen zu sehen. Hunger und Durst peinigten ihn, und er
suchte Eis zu verschlucken, um den Durst zu lschen; schlielich
aber kam er auf den praktischen Gedanken, geschmolzenes Schnee- und
Eiswasser in kleinen Gruben zu sammeln und diese als Zisternen zu
benutzen. Die Nachtklte fiel ihm zwar sehr lstig, aber er suchte sie
durch Auf- und Abgehen zu berwinden. Da erhielt er auch Gesellschaft.
Eine Robbenfamilie, bestehend aus drei Mitgliedern, legte sich zum
Schlaf nieder und blieb, da sie wohl noch nie einen Menschen gesehen
hatte, arglos in seiner Nhe. Er konnte sie mit dem Beile erschlagen.
Die Hute kamen ihm sehr zu statten. Das Fleisch mute er freilich roh
essen, doch klopfte er es zuvor mit dem Beilstiele mrbe und war am
Ende froh, berhaupt Nahrung zu erhalten. Sogar der Thran mundete ihm.
Die Scholle wurde inzwischen bedenklich kleiner, je weiter sie nach
Norden vorrckte, blieb aber doch noch gro genug, ihn zu tragen. Nach
mehreren Tagen nherte sie sich einer Inselklippe, wo sie strandete
und ihren Bewohner ans Land warf, den etliche Tage darauf ein Schoner
gewahrte und mit nach Kanton nahm.

Nun komme ich wieder auf meine eigene Fahrt zurck. Wir arbeiteten uns
im Zickzack glcklich durch die Kanle des Eisgrtels hindurch und
erreichten das offene Meer. Der starke Wind trieb uns nach Norden bis
an die Kste von Madagaskar.

Obschon wir zuerst uns ganz freundlich von den Madegassen begrt
sahen, so gerieten doch unsre Leute beim Austausch von Messern und
andern Kleinigkeiten gegen frisches Fleisch bald in Hndel mit ihnen,
wobei einer der Matrosen das Leben einbte. Um diesen zu rchen,
drangen unsre Leute in einige umliegende Drfer, verbrannten sie und
erschlugen mehrere Eingeborene. -- Da eilte ich den Unbesonnenen nach,
um zu retten, was noch gerettet werden konnte; ich beschtzte Mnner
und Frauen, welchen fortan niemand mehr ein Leid anthun durfte.

Aus jenen Tagen blieb mir namentlich eine Szene unvergelich. Die
Matrosen hatten in der Morgenfrhe ein Dorf angezndet, ber dessen
Rohrdcher das Feuer prasselnd dahinzngelte, so da die Einwohner
gezwungen waren, ihre Verstecke zu verlassen. Hierbei liefen viele
den Angreifern geradezu in die Hnde, und es begann ein entsetzliches
Niedermetzeln.

Als ich in der Dmmerung die roten Feuersulen am tiefdunklen Himmel
aufsteigen sah, ergriff mich eine bengstigende Vorahnung dessen, was
vorgefallen sein mchte. Von einigen bewaffneten Matrosen begleitet,
eilte ich in einem Boote ans Ufer und dem Dorfe zu, woher der Lrm
erscholl. Je nher wir kamen, um so deutlicher hrten wir das
Jammern und Heulen der Unglcklichen. Kaum hat jemals ein Gefecht so
erschtternden Eindruck auf mich gemacht als diese Blutthat. Gierig
wteten die Flammen, aber noch grimmiger hausten, wie Wrgengel, die
mrderischen Matrosen. Dieser Anblick verwirrte meine Sinne: ich
stand da, regungslos, starr vor Entsetzen. Da flohen drei Weiber
unter lautem Wehgeschrei eilends an uns vorber, hinterdrein 12 bis
15 Madegassen, verfolgt von unsern Leuten, die dareinfeuerten, so
da einer der Flchtlinge tot niederstrzte und mehrere verwundet
hinsanken. Die Fliehenden glaubten in uns neue Verfolger zu finden und
stieen ein herzzerreiendes Geschrei der Verzweiflung aus. Es kostete
mir viel Mhe, ihnen durch Zeichen anzudeuten, da wir ihnen kein Leid
zufgen, sondern sie schtzen wollten. Zgernd nherten sie sich uns,
warfen sich vor mir nieder, hingen sich an meine Arme und baten mit
Blicken um Rettung. Ich nahm mich ihrer an, wies mit ernsten Worten
ihre Verfolger zurck, welche nicht begreifen konnten, wie ich dazu
kme, sie an dem Rachewerke zu hindern, zumal sie meinten, Heiden zu
tten sei kein Verbrechen. Murrend umstanden mich die Matrosen, aber
zuletzt gehorchten sie doch. Die Flchtlinge waren gerettet; die Blicke
des Dankes, mit denen sie mich ansahen, werden mir ewig unvergelich
bleiben.

[Illustration: Robinson beschtzt die verfolgten Frauen der Madegassen.]

Ich befahl meinen Leuten, auf das Schiff zurckzukehren, und segelte
dann eilends davon; aber kaum besser als in Madagaskar erging es uns
an der Kste im Persischen Meerbusen, wohin wir uns wandten. Arabische
Seeruber griffen uns an, und nur mit Mhe gelang es uns zu entrinnen.
Ich konnte mich nicht enthalten, *diesen* berfall als eine Strafe
zu bezeichnen, welche Gott fr das grausame Blutbad von Madagaskar
ber uns verhngt habe; allein ich fand nur geringes Gehr bei der
Schiffsmannschaft, und die schon gereizte Stimmung wurde nicht besser.
Da nahm ich mir vor, sobald sich zu einer passenden Landung Mglichkeit
bte, die Mannschaft zu entlassen und neue Leute anzuwerben, vielleicht
auch ein neues Schiff fr mein altes einzutauschen. In diesem
Entschlusse wurde ich noch mehr bestrkt, als mir der Superkargo im
Vertrauen mitteilte, da der Ausbruch einer Meuterei zu befrchten sei,
wenn ich es nicht vorzge, bis zur Landung lieber gute Miene zum bsen
Spiel zu machen. Dies geschah denn auch, und wir kamen ohne weiteren
Zwischenfall nach Surate. Hier glckte es mir, Korallen gegen Perlen
und Edelsteine einzutauschen. Dann segelten wir nach Borneo, muten
uns aber unterwegs wiederholt mit Seerubern herumschlagen, denen
wir weitere nicht unansehnliche Vorrte an Perlen und Gold abnahmen.
Etliche Zeit darauf landeten wir in einer kleinen Bucht Siams.

Das Schiff zeigte sich in der That stark mitgenommen. Da ich nun in
China und vielleicht selbst in Japan Waren einzuhandeln gedachte, so
suchte ich das Fahrzeug zu verkaufen und ein andres dafr zu erwerben.
Doch ging dies nicht so rasch. Endlich meldete sich ein Portugiese,
erzhlte mir ein langes und breites von seinem Schnellsegler und bot
mir einen Austausch unsrer Schiffe an. Ich besah das seinige, fand
es gerumig und die Summe gering, die ich noch herauszahlen sollte;
ich schlo daher den Handel ab. Zwar fielen mir der billige Preis und
die Eile, welche der Portugiese zeigte, etwas auf. Da jedoch seine
Papiere in Ordnung waren, so brachte ich den Handel zum Abschlu. Bald
waren die Schiffe umgeladen, und noch an demselben Abend segelte der
Portugiese ab, der auch einen Teil meiner Mannschaft erworben hatte,
weil er direkt nach Portugal und England zu reisen versprach. Ich
mute also Matrosen werben, doch konnte das in einem belebten Hafen
leicht ausgefhrt werden. Hierbei sollte ich nun erfahren, warum der
schlaue Portugiese beim Tauschen der Schiffe so groe Eile hatte. Sein
Schiff hie nmlich das Gespensterschiff und war in ganz Sdasien in
Verruf, weil Geister in demselben umgehen sollten, weshalb kein Matrose
so leicht auf demselben Dienste nahm. Infolge der unzureichenden
Bemannung hatten auch schon Seeruber, welche das Fahrzeug berfielen,
leichtes Spiel gehabt. Sie plnderten es aus, nachdem sie die Matrosen
niedergemetzelt hatten, und berlieen dann das Schiff den Wellen.
de und verlassen fand es ein englisches Kriegsschiff, welches sich
seiner bemchtigte, es in einen Hafen brachte und dort verkaufte.
Indessen wurde bald ruchbar, da die Geister der Ermordeten in der
Mitternachtsstunde chzend auf dem Schiffe umgehen sollten, was die
Matrosen mit Grauen erfllte, weshalb jeder das Schiff mied. So
erzhlten sich die Matrosen.

Zwar glaubte ich nicht an diesen Gespensterspuk, aber die Sache deuchte
mich doch recht widrig, denn es schien ganz so, als sollte mein Schiff
unbemannt bleiben. Endlich meldete sich ein groer, krftiger Mann als
Steuermann und versicherte, da er den unheimlichen Ruf des Schiffes
kenne, sich aber vor Gespenstern nicht frchte, und da es ihm auch
gelingen wrde, noch mehrere unverzagte Kameraden anzuwerben. Mir fiel
ein Stein vom Herzen, und ich gab ihm Vollmacht und Geld, damit er
sein Versprechen schnell ausfhren knnte. Nach etwa acht Tagen war
alles in Ordnung gebracht, und wir stachen in See, um nach Nanking zu
segeln. Alle waren neugierig, wie es mit dem Gespensterbesuche kommen
werde. Nicht ohne Bangen erwarteten die Matrosen die erste Mitternacht,
denn bei den meisten war der Mund tapferer als das Herz, und so recht
geheuer kam ihnen die Sache doch nicht vor, je mehr Spukgeschichten
sie sich erzhlten. Die erste Nacht verging ruhig, auch die zweite und
dritte. Kein Gespenst lie sich sehen, und man fing bereits an, sich
ber die Sache lustig zu machen. Anders erging es am vierten Tage; denn
am Morgen erzhlte die Deckwache, sie habe das Gespenst gesehen, wie es
die Falltreppe heraufgestiegen, unhrbar ber das Deck geschwebt und an
der andern Treppe wieder lautlos verschwunden sei.

Dieser Vorfall beunruhigte alle, denn der Erzhler galt fr einen
beherzten Matrosen. Nun erschien das Gespenst bald diesem, bald jenem;
heute sthnte es, morgen klirrte es mit scharfen Messern, bald erschien
es in weier, bald in schwarzer Tracht. Keiner wagte es anzureden oder
gar anzuhalten, denn an einem Geiste wollte sich niemand vergreifen,
da man von dem Wahn befangen war, da schon der Blick eines Gespenstes
tdlich wirkte. Zuletzt gestand auch der Steuermann, da ihm das
Gespenst erschienen sei, so da an dessen Dasein nicht zu zweifeln
war. Die Sache wurde mit jedem Tage bedenklicher; denn wo die Matrosen
standen und saen, erzhlten sie sich Geistergeschichten, von denen
eine phantastischer war als die andre.

Vergeblich suchte ich die Matrosen zu berzeugen, da es keine
Gespenster gbe; man entgegnete mir stets, da sich niemand das
abstreiten lasse, was er mit eignen Augen gesehen habe. Schlielich
erschien auch mir selbst das Gespenst.

Eines Nachts ffnete sich leise die Thr, ein grauer Schatten schwebte
herein und durch das Zimmer, um auf der andern Seite schnell wieder
zu verschwinden. Nun hatte ich also das Gespenst selbst gesehen und
konnte dessen Dasein nicht mehr bestreiten. Ich wollte und mute
der Sache auf die Spur kommen, versah mich also fr den nchsten
Abend mit einer Pistole und einem Dolchmesser, um zu versuchen, ob
das Gespenst auch unverwundbar sei. Mit Unruhe erwartete ich die
Mitternacht; das aufgehende Mondviertel warf einen blassen Schein
durch das Kajttenfenster auf einige Stellen der Kajtte, deren Thr
ich geffnet hatte. Siehe, da hob sich drauen die Falltreppe, ein
grauer Schatten stieg empor, trat in die Kajtte und schritt gerade
auf mein Bett zu. Da wurde mir doch etwas bange zu Mute, es flimmerte
mir vor den Augen, ich verga Pistole und Dolch, fhlte den Hauch des
Gespenstes, welches sich ber mich beugte, und die Sinne begannen mir
zu schwinden. In diesem Augenblicke ergriff mich ein verzweifelter
Mut: ich fate nach der Kehle des Gespenstes, und siehe da, ich hatte
etwas Festes in der Hand, und zwar einen Geist, der Fleisch und Knochen
hatte. Das Gespenst wollte sich losreien. Ich aber sprang aus dem
Bett, ergriff die Pistole und befahl dem erschreckten Gespenst, sich
nicht von der Stelle zu rhren. Dann rief ich die Wache herbei, welche
nicht wenig erstaunt war, als sie den Geist vor mir knieen sah und um
sein Leben bitten hrte. Sogleich wurde ein Verhr angestellt, und es
ergab sich, da das Gespenst ein verurteilter Verbrecher war, welcher
sich bei Nacht in das Schiff geflchtet hatte, um der Verfolgung und
Strafe zu entgehen. Am Tage hielt er sich zwischen Kisten und Balken
des untersten Schiffsraumes verborgen, des Nachts aber suchte er die
notwendigen Nahrungsmittel zusammenzubringen. Um auf seinen Rundgngen
nicht angehalten zu werden, spielte er die Rolle des Gespenstes.
Solchergestalt hoffte er den nchsten Hafen zu erreichen und dann
zu entschlpfen. Wir muten allesamt herzlich lachen, als sich die
furchtbaren Gespenstergeschichten in Diebsthle von Brotrinden und
Fleischresten verwandelten. Obschon der Kerl den Tod verdient hatte, so
versprach ich doch, seiner zu schonen, schon weil das Gespenst aus Not
nun selbst die Matrosen von dem Wahne des Gespensterglaubens geheilt
hatte.

Mittlerweile hatten wir uns der Kste von Kochinchina genhert und
warfen dort gegenber der Mndung des Flusses die Anker aus, zumal
unser Schiff, das etwas leck geworden war, einer Ausbesserung bedurfte.
Wir fanden das Land von rohen Menschen bewohnt, die Raub und Diebstahl
ganz handwerksmig betrieben und es ganz ungescheut versuchten, unser
Schiff zu bestehlen. Doch wir hielten stand, und nach einem sehr
heftigen Handgemenge zogen die Kochinchinesen ab, wonach wir durch
weitere Besuche von ihnen nicht mehr belstigt wurden.

Nachdem das Schiff wieder segelfertig gemacht war, nahmen wir unsern
Kurs gegen Nordost, dann direkt nach Nord, vorber an einer schnen
Insel (Formosa?), in der Absicht, ber Kanton nach Nanking zu segeln.
Hier kamen wir nach zwei Wochen glcklich an und besahen uns diesen
wichtigen Hafenplatz nach allen Richtungen. Dann unternahmen wir,
allerdings mehr aus Neugierde, als um Geschfte zu machen, kleinere wie
grere Reisen ins Innere des Landes.

Von Nanking aus, wo wir uns mit den ntigen Reisebedrfnissen
versahen, schlugen wir die Richtung nach der nrdlichen Hauptstadt
des himmlischen Reiches ein. Diese Reise, welche wir teils zu Lande,
teils zu Wasser zurcklegten, dauerte 25 Tage. Wir fanden berall
das Land stark bevlkert und wohl angebaut, die Straen und Wege in
gutem Zustande. Endlich kamen wir in Peking an, ohne da uns etwas
Absonderliches widerfahren wre. Leider konnten wir uns in der Stadt
nicht lange umsehen, denn wir erfuhren, da die russische Karawane, an
welche ich mich mit dem Prriejger anschlieen wollte, schon binnen
zwei Tagen aufbrechen werde. Bald hatten wir die fast endlose Stadt mit
ihrer dreifachen turmreichen Umfassungsmauer und ihren unabsehbaren
Straen im Rcken.

Nachdem wir China durchwandert, dann auch in Sibirien einen
Winteraufenthalt genommen hatten, regte sich in mir das Verlangen,
England baldigst wiederzusehen; ich benutzte also die erste
Gelegenheit, mich nach London einzuschiffen, wo ich am 10. Januar 1705
nach mehrjhriger Abwesenheit wohlbehalten eintraf.

Doch sollte es vorher nicht ohne ein kleines Abenteuer abgehen. Es
war in Hamburg. Damals befand sich ganz Europa in Krieg wegen der
spanischen Thronfolge. Die Russen, Dnen und Sachsen kmpften mit den
Schweden, und England, Holland, sterreich und Italien mit Frankreich.
Man brauchte viel Soldaten, warb daher junge Mannschaft oder raubte
sie, wenn sie nicht freiwillig kommen wollten, mit Gewalt. Wir waren
bereits auf dem Schiffe, konnten aber widriger Winde halber den Hafen
nicht verlassen. Da sahen wir einen jungen Mann in ein Boot steigen,
nach unserm Schiff rudern und auf dasselbe steigen. Vor dem Kapitn
angekommen, bat er dringend um dessen Schutz. Er sagte, er sei ein
Student aus Sachsen, habe eine Ferienreise machen wollen, sei aber von
Werbern berfallen und fortgeschleppt worden, um in ein schwedisches
Regiment gesteckt zu werden. Er habe durchaus keine Lust zum
Kriegsdienste, sei entflohen und werde von der hamburgischen Polizei
verfolgt. Nur in England glaube er auf Schutz rechnen zu drfen und
bitte daher, ihn mitzunehmen. Einige Fragen berzeugten den Kapitn
von der Wahrheit der Aussage. Es schmeichelte unserm Stolze, da ein
englisches Schiff Zufluchtssttte fr unschuldig Verfolgte werden
knne. Wir wehrten seinen Verfolgern daher den Zutritt zum Schiffe,
und whrend des langen Unterhandelns drehte sich der Wind; alsbald
fuhren wir ab und nahmen unsern Schtzling mit nach England, von wo er
spter wohlbehalten ber Holland heimgekehrt sein soll.

Meine Geschftsfreunde, welche ich aufsuchte, gaben mir befriedigende
Auskunft ber mein zurckgelassenes Vermgen. Whrend mein letzter
Geschftsgenosse, Herr Wilson, noch in rstigem Mannesalter nach
Bengalen zurckkehrte, um dort durch Handelsgeschfte sein Vermgen
zu mehren, legte ich endlich, jetzt ein 72jhriger Greis, meinen
Wanderstab nieder, um bei meinen beiden Kindern, die mir Gott gesund
erhalten hatte, den Rest meiner Tage in Ruhe und Frieden zu beschlieen
und mich auf jene letzte Reise vorzubereiten, deren Ziel der Himmel ist.


Ende.




                  Der junge Handwerker und Knstler.


                            [Illustration]

                               Anleitung

                                  zur

                  Herstellung ntzlicher Gegenstnde

            aus Papier, Pappe, Holz, Gips, Metall u. s. w.

                      sowie zum Photographieren.

                                  Von

                             Carl Freyer.

                Mit 580 Text-Abbildungen und 5 Tafeln.

                            *Geheftet* 4 M.
                            *Gebunden* 5 M.

Der junge Handwerker und Knstler ist bestimmt, in umfassendster
Weise das heutzutage allerorten zu Tage tretende Bestreben zu
untersttzen, die in der Jugend schlummernde Neigung zur *Ausbung
von Handfertigkeiten* zu heben und die Bethtigung solcher
Geschicklichkeiten auf die Herstellung ntzlicher Dinge berzuleiten.
Der Inhalt ist ein auerordentlich reichhaltiger, insbesondere ist auch
der heute in weitesten Kreisen verbreiteten und beliebten Kunst des
*Photographierens* ein besonderer Abschnitt gewidmet.


              Beschftigungsbuch fr die reifere Jugend.

                    Anleitung zum Experimentieren,

    Anlegen von Sammlungen, sowie zur Pflege der Haustiere und des
                             Hausgartens.

        Zugleich 5. Auflage von *Der gelehrte Spielkamerad*.

                                  Von

         Gebunden 5 M.      Wagner-Freyer.      Gebunden 5 M.

              Mit 300 in den Text gedruckten Abbildungen.

Das Beschftigungsbuch ist der *geistigen Thtigkeit* der Jugend
gewidmet und soll unter Anwendung ungefhrlicher Hilfsmittel zum
*Experimentieren*, zur Anlage von Sammlungen u. dergl. anregen. -- Die
spielende Beschftigung ist die praktische Verwertung des Unterrichts,
sie verhilft demselben, indem sie die erforderliche Abwechselung
bietet, zu dem erstrebten dauernden Nutzen.

Die zahlreich beigegebenen Abbildungen sind so gewhlt, da sie das
Verstndnis des Textes trefflich frdern.

[Illustration: Der Blitzschlag ins Schiff.]


                 Verlag von *Otto Spamer* in Leipzig.





End of the Project Gutenberg EBook of Robinson Crusoe's Reisen, wunderbare
Abenteuer und Erlebnisse, by Daniel Defoe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROBINSON CRUSOE'S REISEN ***

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from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

